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19. A p r i l 1972

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Inhalt

Martin J.. H i l l e n b r a n d zum neuen US- Bo t s c h a f t e r i n Bonn n o m i n i e r t
Hanoi b e a n t w o r t e t e a m e r i k a n i s c h e s Verhandlungsangebot mit I n v a s i o n
in Südvietnam
- W o r t l a u t der E r k l ä r u n g von B o t s c h a f t e r

Porter-

USA v e r s t ä r k e n Anstrengungen zur Sicherung der E n e r g i e v e r s o r g u n g
••Von unserem S o n d e r k o r r e s p o n d e n t e n F a c h a u s s t e l l u n g und Tagung " K u n s t s t o f f e und i h r e V e r a r b e i t u n g "
%
DOKUMENTATION:
Die Europäische Einigung und der Atlantische Partner USA
-Ansprache des Stellvertretenden Staatssekretärs für wirtschaftliche
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Nathaniel SamuelsWlRTSCHAFT:
Connally: Volles Vertrauen in den Dollar gerechtfertigt
-Auszüge aus einem Interview des US-Finanzministers mit der VQAUS-Wirtschaftswissenschaftler nimmt zur internationalen Währungslage
Stellung
-Interview mit Lawrence B.Krause in Washington«
WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
"Woche der Erde" - Nationale Aktion für Umweltschutz

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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16/1972

MARTIN J. HILLENBRAND ZUM NEUEN US-BOTSCHAFTER IN BONN NOMINIERT

WASHINGTON --(AD)— Präsident Nixon hat den Unterstaatssekretär für Europäische
Angelegenheiten im State Department, Martin J. Hillenbrand, zum neuen Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika

in der Bundesrepublik Deutsch-

land nominiert. Er tritt an die Stelle von Kenneth Rush, der das Amt des
Stellvertretenden Verteidigungsministers der USA uebernommen hat. Die Ernennung Hillenbrands muß noch vom amerikanischen Senat bestätigt werden.
Wie der stellvertretende Pressesekretär des Weißen Hauses, Gerald Warren,
am 17. April zu verstehen gab, wird Hillenbrand, der seit Februar 1969 die
Europa-Abteilung im amerikanischen Außenministerium leitet, zunächst weiter
als Koordinator der Pläne für die Reise Präsident Nixons nach der Sowjetunion
fungieren. Warren konnte nicht sagen, wann ein neuer Unterstaatssekretär
für Europäische Angelegenheiten ernannt wird.
Martin Joseph Hillenbrand wurde am 1. August 1915 in Youngstown im Staate
Ohio geboren. Er erwarb 1937 an der Universität Dayton den Grad eines Bachelor
of Arts und setzte dann seine Studien an der Columbia-Universität in New York
fort, an der er 1938 zum Master of Arts promovierte und 1948 die Doktorwürde
erlangte. 1963 wurde ihm von der juristischen Fakultät der Universität Dayton
die Ehrendoktorwürde verliehen.
Hillenbrand
-1-

�Hillenbrand ist Berufsdiplomat. Er trat 1939 in den Auswärtigen Dienst
der Vereinigten Staaten und war dann als Vizekonsul in Zürich (1939-1940),
Rangun (1940-1942), Kalkutta (1942-1944) und Lourenco Marques (1944-1945) tätig. Im Oktober 1945 wurde Hillenbrand nach Bremen versetzt, wo er im März
1946 zum Konsul ernannt wurde.
Im akademischen Jahr 1949/50 absolvierte er an der Harvard-Universität
zwei Studiensemester in Wirtschaftswissenschaften. Von 1950 bis 1952 leitete
Hillenbrand die Unterabteilung Deutsche Regierung und Verwaltung im amerikanischen Außenministerium, Nach vierjähriger Tätigkeit als Erster Sekretär und
Leiter der Wirtschaftsabteilung bei der Vertretung der USA bei der NATO wurde
er 1956 in Berlin Leiter der Politischen Abteilung bei der dortigen US-Mission.
Nach Erhebung in den Rang eines Generalkonsuls im Februar 1958 wurde er im
September in die Washingtoner Zentrale zurückgerufen, wo er zunächst als
Direktor des Deutschland-Büros und dann als Sonderberater des Unterstaatssekretärs für Europäische Angelegenheiten und Direktor der Arbeitsgruppe Berlin tätig
war. Als einer der jüngsten Diplomaten 1962 zum Gesandten ernannt, wurde Hillenbrand 1963 als stellvertretender Missionschef nach Bonn berufen, wo er bis 1967
wirkte.
Im September 1967 wurde Hillenbrand zum ersten amerikanischen Botschafter
in Ungarn ernannt, nachdem die Vereinigten Staaten und Ungarn 1966 übereingekommen waren, ihre diplomatischen Vertretungen von Gesandtschaften zu Botschaften
zu erheben.
Am 20, Februar 1969 wurde Martin J. Hillenbrand auf sein Amt als Unterstaatssekretär für Europäische Angelegenheiten im State Department vereidigt,
nachdem ihn Präsident Nixon Anfang Februar für diesen Posten benannt hatte.
Hillenbrand ist mit Faith Stewart verheiratet. Sie haben eine Tochter,Ruth,
und zwei Söhne, David und John.
Martin J.

�I

Martin J. Hillenbrand ist Verfasser eines 1949 erschienenen Buches, das
den Titel "Power und Morals" trägt und sich mit der Frage der Ethik in der
Weltpolitik befaßt. Im Jahre 1960 wurde ihm die Superior Service Award, eine
der höchsten Auszeichnungen des State Department, verliehen.

II i H

!•[•!

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HANOI BEANTWORTETE AMERIKANISCHES VERHANDLUNGSANGEBOT
MIT INVASION IN SÜDVIETNAM
-Wortlaut der Erklärung von Botschafter Porter-

PARIS -_(AD)-- Präsident Nixon hat am 1. April auf geheimem Wege Hanoi wissen lassen, daß die USA zur Wiederaufnahme der Vietnamgespräche bereit seien.
Die Antwort der Kommunisten sei jedoch die breit angelegte Invasion Südvietnams gewesen.
Dies erklärte der amerikanische Chefdelegierte bei den Pariser Vietnamgesprächen, Botschafter William J. Porter, am 13- April bei seiner Rückkehr
nach Paris. Porter

hatte sich zu Konsultationen in Washington aufgehalten.

Die Erklärung, die der amerikanischer Botschafter bei seiner Ankunft abgab, hat folgenden Wortlaut:
"Ich werde hier heute vormittag vom Manuskript sprechen. Wir halten es
für nützlich, eine kurze Erklärung abzugeben, um all den Unsinn aus der Welt
zu schaffen, der sich im Zusammenhang mit den Pariser Friedensgesprächen
angesammelt hat.
Sie

-1-

�Sie werden sich daran erinnern, daß Präsident Nixon am 25, Januar in
Übereinstimmung mit Präsident Thieu einen Acht-Punkte-Vorschlag unterbreitet
hat, der ohne Frage eine vernünftige Basis für Gespräche und Verhandlungen
darstellt. Sie werden sich ebenfalls erinnern, daß die andere Seite sich hartnäckig weigerte, gemeinsam mit uns unsere Vorschläge zu prüfen - oder auch die
ihrigen, die sie zuvor in ultimativer Form auf der Basis unterbreitet hatte,
daß sie ohne Widerrede zu akzeptieren seien. Die einzige Antwort, die wir auf
den Acht-Punkte-Vorschlag des Präsidenten erhielten, war ein massiver militärischer Aufmarsch.,
Am 23. März erklärten die südvietnamesische Delegation und die amerikanische Delegation, daß wir zukünftigen Zusammenkünften zustimmen würden, falls
die andere Seite vorschlüge, spezifische Themen im Zusammenhang mit einer friedlichen Regelung zu erörtern. Wir stellten ferner klar, daß wir selbst Zusammenkünfte vorschlagen würden, falls die Ereignisse dies wünschenswert erscheinen
ließen. Dies war das aufrechte Bemühen, die Gespräche auf eine sachliche Basis
zu stellen. Die Nordvietnamesen und der Vietcong verkündeten daraufhin lauthals,
daß wir die Verhandlungen sabotierten. Man muß sich hier fragen, wie man etwas
sabotieren kann, dessen Existenz sie nie zuließen.
Wie Sie wissen, kehrte ich zu Konsultationen nach den Vereinigten Staaten
zurück.
Ich kann hier zum ersten Mal mitteilen, daß Präsident Nixon nach einer
gründlichen Überprüfung der Situation persönlich anordnete, daß auf geheimem Wege
eine Botschaft an die andere Seite übermittelt wurde, in der unsere Bereitschaft
zur Wiederaufnahme der Pariser Gespräche am 13. April erklärt wurde.
Die einzige Antwort auf dieses Angebot erfolgte in Form einer sich ausweitenden Invasion der Republik Südvietnam durch nordvietnamesische Truppen, was
ein klassisches Beispiel für die Unwahrheit der Vietcong-Erklärung ist, daß

-2-

�daß keine nordvietnamesischen Truppen an dieser militärischen Invasion beteiligt seien.
Wir haben seither Erklärungen gehört, daß die andere Seite Zusammenkünfte
wünsche. Wir bezweifeln das nicht; aber niemand, der mit der Geschichte der Pariser Gespräche vertraut ist, kann behaupten, daß die Tatsache, Zusammenkünfte
zu haben, gleichbedeutend mit der Tatsache sei, daß auch verhandelt werde.
Wenn wirklich der Wunsch zu verhandeln vorhanden ist, dann kann die andere Seite - wie wir ihr erklärt haben - uns das auf jedem Wege, den sie wünscht,
wissen lassen. Und man wird uns bereit und willens finden, auf dieser Basis zu
beginnen. Es ist hier schon zu viel Zeit vergeudet worden, was schlimm genug ist,
aber der Gedanke, sich nur mit vorgehaltener Pistole zu treffen, was ebenfalls
eine Zeitvergeudung wäre, ist sogar noch weniger akzeptabel.
Was nun die Zukunft angeht, so werde ich hier für einige Zeit bleiben,um
damit die Möglichkeit zu einer Wiederaufnahme (der Gespräche) zu bieten, vorausgesetzt, daß die andere Seite zur Zusammenarbeit bereit ist."
Auf die Frage, wann Präsident Nixon seine Botschaft übermittelt habe, erklärte Botschaft Porter:
"Die Botschaft wurde am 1. April abgesandt und von der anderen Seite am
2. April empfangen."

I-IH-1-H t H-l-

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16/1972

USA VERSTÄRKEN ANSTRENGUNGEN ZUR SICHERUNG DER ENERGIEVERSORGUNG
-Von unserem SonderkorrespondentenWASHINGTON —(AD)-« Die Vereinigten Staaten verbrauchen wesentlich mehr Energie, als sie selbst produzieren, und sind auf diesem Gebiet - vor allem was
Ol anbetrifft - von Einfuhren abhängig. Der Innenausschuß des amerikanischen
Repräsentantenhauses hat sich vom 10. bis 18. April mit dem Problem der Energieversorgung befaßt, und die zuständigen Vertreter der Nixon-Administration
haben versichert, daß alle Anstrengungen unternommen werden, um die USA in
dieser Hinsicht unabhängiger zu machen.
Wenn sich der Energieverbrauch weiterhin in dem bisherigen Tempo steigert,
dann müssen die Vereinigten Staaten mit einer Verknappung von Öl, Gas und
Strom rechnen. Trotz aller Anstrengungen wird es nach Auffassung von Regierungsvertretern zunächst zu gewissen Unbequemlichkeiten und Preissteigerungen
kommen. Innenminister Rogers Morton versicherte jedoch vor dem Ausschuß: "Wir
sind überzeugt, daß wir auf lange Sicht in der Lage sein werden, mit der Energiekrise fertig zu werden."
Der Staatssekretär im amerikanischen Außenministerium, John Irwin, der
anstelle von Außenminister Rogers vor dem Ausschuß erschien, hob hervor, daß es
im Interesse Amerikas liege, die Abhängigkeit von importierter Energie auf ein
-l-

�ein Minimum zu reduzieren. Die entsprechenden Maßnahmen müssten jedoch mit
anderen Wirtschafts-und Sicherheitszielen vereinbar sein. "Gleichzeitig", so
fügte der Staatssekretär hinzu, "sollten wir versuchen, unsere Politik enger
mit der anderer Verbrauchernationen zu koordinieren" • vor allem mit Japan
und westeuropäischen Nationen.
Der Ausschußvorsitzende Wayne Aspinall stellte fest, daß die Amerikaner
mehr Energie verbrauchen, als sie produzieren, und ein Kollege von ihm verwies
in diesem Zusammenhang auf die interessante Tatsache, daß die Vereinigten Staaten mit 209 Millionen Menschen nur sechs Prozent der Weltbevölkerung stellen,
jedoch rund ein Drittel der Gesamtenergiemenge verbrauchen. Dabei wird mit einer
jährlichen Zunahme von 3,5 Prozent gerechnet.
Der wissenschaftliche Berater Präsident Nixons, Dr. Edward David, und andere Regierungsvertreter nannten folgende Schritte auf diesem Gebiet:
- Industrie und Öffentlichkeit sollen zu rationellerer Nutzung der Energiequellen aufgerufen werden. So kann beispielsweise der Nutzeffekt von Kraftwerken von 35 auf 60 Prozent erhöht werden.
- Ölbohrungen sollen bis in größere Tiefe vorangetrieben und die Bohrungen
vor der Küste intensiviert werden. Die Nutzung von verflüssigtem Erdgas und Kohle
soll verstärkt werden. Ferner soll mehr Öl aus Kanada, Venezuela und anderen
Ländern der westlichen Hemisphäre importiert werden.
- In diesem Jahrzehnt wird in verstärktem Maße Öl aus Alaska zur Verfügung stehen, und die Produktion von Öl aus Ölschiefer soll intensiviert werden.
Ferner soll mehr Gas aus Kohle gewonnen werden, und auch Atomkraftwerke werden
immer mehr Energie liefern. Die Versuche, mit Hilfe von Brutreaktoren auf dem
Kernspaltungs-und Verschmelzungswege "saubere Energie" zu gewinnen, werden mit
Hochdruck fortgesetzt.
- Im übrigen werden die Wissenschaftler in den nächsten Jahrzehnten mit
Brennstoffzellen, Kombinationen von Gas-und Dampfturbinen und magnetohydro-2-

�magnetohydrodynamischen Experimenten arbeiten, um weitere Energiequellen zu
erschließen. Schließlich wird man versuchen, durch Umwandlung von Sonnenenergie
und Erdwärme, Nutzung der Gezeitenströme, des Windes und der Wärmeunterschiede
von Ozeanen dem Menschen diese gewaltigen Energiereservoire nutzbar zu machen.
Von Regierungsseite wurde in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß
die USA in ihrer Energieversorgung zwar zu rund 5o Prozent vom Öl abhängen, daß
die Lösung des Energieproblems jedoch alle möglichen Brennstoffe und Energiequellen einschließt.
Der Direktor des US-Amtes für Notstandsplanung, General George Lincoln,
hob vor dem Ausschuß hervor, daß die Energiepolitik heute die gleiche Bedeutung
und den gleichen Rang habe wie die Sicherheits-und Außenpolitik. "Die Sicherstellung der Energieversorgung wird rasch zu einer entscheidenden Komponente
der nationalen Sicherheit", so erklärte er.
Die Vereinigten Staaten verbrauchen, wie vor dem Ausschuß dargelegt wurde,
täglich 16 Millionen Barrels Öl - verglichen mit 12 Millionen Barrels in Westeuropa und annähernd 4 Millionen in Japan. Bis 1980 wird in den USA mit einem
Anstieg des Verbrauchs auf 24 bis 30 Millionen Barrels pro Tag gerechnet und
auf 24 Millionen Barrels in Westeuropa und 10 Millionen Barrels in Japan. Bis
zum Jahre 2000 erwartet man eine Verdreifachung des Energiebedarfs.
Nach Schätzungen von Staatssekretär Irwin wird der amerikanische Ölbedarf
im Jahre 1980 zu 35 bis 5o Prozent aus Importen gedeckt werden müssen. Gegenwärtig, so führte der Staatssekretär aus, werde "in allen Ecken der Erde1», in
der Arktis, im Gelben Meer, in Afrika und in Südamerika nach Öl gebohrt, und
es sei durchaus möglich, daß sich die Vereinigten Staaten den Europäern und
den Japanern in der Suche nach Öl in der östlichen Hemisphäre anschließen müssten. Nach Auffassung Irwins liegen fast drei Viertel der Weltreserven an Erdöl
-rund 400 Milliarden Barrels- im Nahen Osten.
In

-3-

�In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, daß die öl fördernden und
exportierenden Staaten (OPEC) ihre Preise erhöht haben und jetzt den Mitbesitz
an den Ölquellen und Raffinerien fordern. Man könne mit einem Anstieg der 0 1 preise rechnen, so sagte Irwin, der die Gewinnung von Öl aus Ölschiefer wirtschaftlich lohnend m a c h e . Damit sei aber auch praktisch eine Höchstgrenze für
den Ölpreis gesetzt.
Übereinstimmend wurde im Ausschuß festgestellt, daß die amerikanische Energie die billigste in der Welt sei, daß die Amerikaner jedoch in Zukunft mit höheren Preisen rechnen und wohl in den nächsten Jahren auch noch einige Luftverschmutzung in den Städten hinnehmen müssten.

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FACHAUSSTELLUNG UND TAGUNG "KUNSTSTOFFE UND IHRE VERARBEITUNG"

—(AD)»* Vom 15. bis 19. Mai 1972 veranstaltet das US-Handelszentrum in
Frankfurt am Main eine Fachausstellung zum Thema "Kunststoffe und ihre
Verarbeitung". Bisher haben sich rund 20 amerikanische Hersteller angemeldet, die ihre neuesten Geräte und Verfahren auf diesem Sektor vorstellen
werden. Parallel zur Ausstellung findet eine Vortragsreihe statt, die sich
mit verarbeitungstechnischen Fragen befaßt.
Ausstellungs-und Tagungsunterlagen können beim US-Handelszentrum
(600 Frankfurt am Mains Bockenheimer Landstraße 2-4) kostenlos angefordert
werden.

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16/1972

DIE EUROPÄISCHE EINIGUNG UND DER ATLANTISCHE PARTNER USA

Wortlaut der Ansprache, die der Stellvertretende Staatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium, Nathaniel Samuels, am 14. April 1972
auf einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in
Leverkusen gehalten hat.

�Die freundliche Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung zur Teilnahme
an dieser Veranstaltung ehrt mich sehr, und ich danke für die Gelegenheit,
meine Gedanken über die Beziehungen eines sich zusammenschließenden Eurooas
zu seinem atlantischen Partner - die Vereinigten Staaten - vor einem so außerordentlichen Kreis von Sprechern und Zuhörern, darlegen zu dürfen.

Die strukturen der Zusammenarbeit und der Konflikte zwischen diesen
beiden großen Partnern sind ebenso zahlreich wie vielfältig. Die grundlegende
Harmonie, die unsere Beziehung charakterisiert, ist manchmal tief und sinnvoll, gelegentlich auch voller Dissonanzen und verwirrend. Kurz gesagt,
unsere Gesellschaften sind von pulsierendem Leben erfüllt, und unser gegenseitiges Verhältnis läßt sich nicht immer mit dem wiederkehrenden Refrain
einer abgedroschenen Melodie vergleichen.

Die Musik des Augenblicks ist nicht ohne Dissonanzen, hat aber dennoch
ihre wesentliche und unlösliche Harmonie nicht verloren. Da keiner von uns,
wie ich meine, den Wunsch hegt, daß unsere Beziehung von den Dissonanzen
beherrscht wird,

dürfte es uns wohl anstehen, einige Noten zu ändern,

einige Akkorde neu zu fassen und einige Themen zu überarbeiten um den
Völkern auf beiden Seiten das Atlantiks die Gewißheit zu geben, daß der
angeschlagene Rhythmus ihren innersten Aspirationen gemäß ist.

Wenn

- 1 -

�Wenn ich mehr Nachdruck auf die Harmonie als auf Dissonanzen lege, so
tue ich dies, weil ich es im gegenwärtigen Zeitounkt für notwendig halte,
die fortbestehende Einigkeit in unseren Zielsetzungen zu bekräftigen und
nicht etwa die Divergenzen hinsichtlich kurzfristiger Ziele zu betonen und
auszuweiten.

Während der letzten Jahre haben sich - um ganz offen zu sein - die
Vorstellungen der Vereinigten Staaten von Europa und die Vorstellungen
Europas von den Vereinigten Staaten allmählich gewandelt. Vor 20 Jahren,
als die europäische Gemeinschaft Gestalt anzunehmen begann, fragten sich
viele Amerikaner, ob die umfassende Unterstützung, die wir diesem großen
Vorhaben gewährten, einen mächtigen Mitarbeiter in der Weltpolitik oder
eine mächtige dritte Kraft mit unsicherer Orientierung würde schaffen helfen.
Manche nahmen an, daß ersteres der Fall sein werde und traten deshalb rückhaltlos für die Konzeption und den Inhalt eines integrierten und schließlich
vereinigten Europas ein. Jenen hingegen, die das Entstehen einer mächtigen
und unabhängigen dritten Kraft in der Weltpolitik voraussahen, wurde oft
entgegengehalten, daß die Vereinigten Staaten eine derartige Entwicklung
nicht zu fürchten brauchten - daß die moralische Gesundheit einer Nation
wie des Individuums nicht durch Dominanz, sondern durch die Notwendigkeit
gefordert und bereichert werde, Meinungsverschiedenheiten auszuräumen und
eine gemeinsame Politik auf der Grundlage der Partnerschaft zu erstreben.

Heute, nach zwei Jahrzehnten der Erfahrung mit dem Prozeß der europäischen
Einigung, ist die Realität einer mächtigen europäischen Körperschaft in der
Weltpolitik gegeben, die aus einem zersplitterten Geflecht nationaler

- 2 -

�nationaler Souveränität erwächst - einem Gebilde, das den grundlegenden
Charakter seiner Bindungen zu den Vereinigten Staaten anerkennt, gleichzeitig aber auch seine eigene spezifische Identität zu finden sucht und
entschlossen eine Position einnimmt, die es ihm gestattet, den Verlauf der
Dinge im Sinne seiner eigenen Auffassungen und Interessen zu beeinflussen.

Die Verwirklichung unserer Vision und der Erfolg unserer Bemühungen
steilen "jedoch die Amerikaner ebenso wie die Eurooäer zwangsläufig vor
die Notwendigkeit, ihre wechselseitigen Beziehungen der Welt der siebziger
Jahre anzupassen, die sich bereits heute weitgehend von der der fünfziger
Jahre unterscheidet, während die bipolare Welt der fünfziger Jahre im
letzten Viertel dieses Jahrhunderts dem Entstehen multipler Machtzentren
Platz macht.

Für die Amerikaner ist das sich entfaltende historische Schauspiel
soweit es unsere Beziehungen zu Europa angeht, nicht ohne Probleme. Wir
sind uns dessen bewußt, daß wir gewaltige moralische Anstrengungen und
materielle Hilfsquellen auf den Wiederaufbau Europas verwendet haben, daß
wir auf diese Weise mithalfen, uns Konkurrenten wie auch Mitarbeiter zu
schaffen, daß wir Kapital in großem Umfang und technisches Wissen im Überfluß exportiert haben, um wirtschaftlichen Wohlstand zu schaffen und die
politische Stabilität um anderer und unserer selbst willen zu gewährleisten.
Wenn wir einerseits die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser beispiellosen
Anstrengungen für die Vereinigten Staaten näher betrachten, stellen wir
fest, daß unsere Exporte an Industrieprodukten in die europäische Gemeinschaft kräftiq und unsere Ausfuhren an landwirtschaftlichen Produkten trotz
der Behinderung durch Handelsschranken alles in allem - wenn auch vornehm-

- 3 -

�vornehmlich bei ungeschützten Erzeugnissen - zugenommen haben, während
unsere Auslandsinvestitionen geradezu beträchtlich gestiegen sind. Die
europäische Gemeinschaft, Europa als Ganzes und die Vereinigten Staaten
waren sichtlich sämtliche Nutznießer dieser Entwicklung - und mit ihnen
im allgemeinen auch die Entwicklungsländer.

Andererseits erleiden die USA seit rund 20 Jahren laufend Zahlungsbilanzdefizite, weil staatliches und privates Kapital nach Europa und in
andere Teile der Welt strömt, weil die weltweiten Strukturen in Handel
und Produktion durch diesen Prozeß verändert wurden und weil die Verteidigungslasten fortbestehen. Hochtechnisierte Industrien haben ihrer eigenen
Auslandskonkurrenz auf die Beine geholfen, weniger technisierten Industrien
fällt es immer schwerer, sich angesichts der niedrigen Löhne in anderen
Ländern zu behaupten, die Landwirtschaft wird daran gehindert, protektionistische Handelsschranken für verschiedene ihrer wichtigsten Exportprodukte
zu überwinden, und der Geltungsbereich der unseren Interessen zuwiderlaufenden
Handelspräferenzen dehnt sich vom Mittelmeer auf Afrika und nunmehr auch
auf die nicht der Gemeinschaft angehörenden Länder Europas aus.

Auf dem Währungssektor sind wir, wie sich in der Rückschau auf unsere
Erfahrungen während der letzten Jahre vor der jüngsten Neufestsetzung der
Wechselkurse sagen läßt, oftmals nur einer widerstrebenden Bereitschaft
seitens mancher Überschußländer begegnet, ihre Wechselkurse, ihre Steuerund Geldpolitik sowie ihre Handelspraxis und Handelspolitik auf die Notwendigkeit eines besseren internationalen Gleichgewichts auszurichten.

Nach

- 4 -

�Nach Ansicht von Beobachtern von außerhalb hat sich während der letzten
Jahre ein deutlicher wenn auch subtiler Wandel vollzogen, in dessen Verlauf
Europa, schwach und zaudernd im Aufschwung begriffen aber dennoch furchtsam,
prosperierend aber ohne Glauben an sein Glück, entschlossen aber nicht
selbstbewußt, fast unmerklich begann, seine eigene Stärke zu fühlen und
seine eigenen Ziele mit nur begrenzter Rücksicht auf die Konsequenzen für
andere zu verfolgen.

Ich weiß, daß viele unter Ihnen dies als eine unzutreffende und ungerechte Beurteilung mancher Züge der europäischen Politik und Einstellung
ansehen werden. Wenn man jedoch die atlantische Partnerschaft mit europäischen *ugen betrachtet, wird die Zurückweisung dieser Beurteilung verständlich. Nach europäischer Auffassung kam die Politik des generell offenen
Handels mit Industrieprodukten und der ungehinderten Investitionen den
amerikanischen Ausfuhren und Investitionen sehr zugute. Wenn die Agrarpolitik der europäischen Gemeinschaft gegenüber gewissen Agrarexporten der
Vereinigten Staaten voreingenommen war, so war dies

nach europäischer Auf-

fassung mit Rücksicht auf die Anstrengungen zur Erreichung gewisser innerer
sozialer und wirtschaftlicher Ziele Europas notwendig, die nur in mehreren
Jahren erreicht werden können. Wenn Handelspräferenzen eingeräumt und erweitert wurden, die gewisse europäische und afrikanische Länder beqünstigen,
dann nur, weil die europäische Gemeinschaft glaubt, sie habe eine Verantwortung für die wi rtschaftliche Entwicklung und politische Stabilität im
Mittelmeerraum und in Afrika übernommen, wo beide atlantischen Partner gemeinsame Interessen verfolgen. In europäischen Augen ist eine ähnliche Po-

- 5-

�Politik auch gegenüber jenem Teil Europas notwendig, der sich nicht der
Gemeinschaft anschließen wird - nicht nur zum Besten Europas, sondern auch
um der grundlegenden und langfristigen Interessen der Vereinigten Staaten
willen. Im monetären Bereich erblickt Europa in der im Laufe der Jahre erfolgten Ansammlung gewaltiger Dollarbestände einen greifbaren Beweis dafür, daß es sich wie ein stiller Teilhaber verhielt und gewisse Schritte
der amerikanischen

Außenpolitik/die es nicht selten mißbilligte, untätig

hinnahm.

+ ++

Wenn ich heute so viel Zeit auf die Darlegung einiger der veränderten
Betrachtungsweisen innerhalb der atlantischen Partnerschaft verwendet habe,
dann geschah dies, weil ich auf einige wenige intellektuelle und haltungsmMßige Veränderungen hinweisen möchte, die meines Erachtens geeignet sind,
unsere grundlegende Einigkeit in den Zielsetzungen und im Handeln endlich
wieder mehr in den Vordergrund zu rücken und gleichzeitig störende Tendenzen
auszufiltern, die auf eine Soaltung und eine Vertiefung der 'teinungsverschiedenheiten hindeuten.

Erstens müssen wir auf dem Gebiet der Handelsbeziehungen das Prinzip
der Universalität und der Nichtdiskriminierung mit der Praxis des zunehmenden
Regionalismus in Einklang bringen.
Zweitens

�Zweitens dürfen wir, auch wenn wir an den politischen Geboten einer
in allen unseren Ländern vereinbarten Agrarpolitik festhalten wollen, die
Vernunft nicht daran hindern, die diesbezügliche Politik auf beiden Seiten
des Atlantiks zu durchdringen.

Drittens besteht eine weite geistige Kluft zwischen unseren Vorstellungen bezüglich der Verpflichtungen von Überschuß- ebenso wie von
Defizitländem bezüglich der Zahlungsbilanzorobleme, die es zu überbrücken
gilt.

Viertens müssen wir, was die Entwicklungsländer angeht, aus dem
geistigen Wirrwarr herauskommen, in dem wir alle ratlos herumirren,
und Klarheit bezüglich der Prinzipien schaffen, die auf Länder sehr unterschiedlicher wirtschaftlicher und oolitischer Entwicklungsstufen anzuwenden
sind.

Fünftens müssen wir unsere bilateralen Beziehungen vertiefen und sie
gleichzeitig in den wesentlichen und in der Welt von heute unentbehrlichen
multilateralen Rahmen integrieren.

Im Hinblick auf den Handel, einschließlich des Agrarhandels, können wir
nicht davon ausgehen, daß die Ausweitung eines einzelnen Marktes innerhalb
eines begrenzten Raumes, und die Ausdehnung eines Netzes von Handelsorivileqien auf einige ausgewählte Länder außerhalb seiner geongraohischen Grenzen,
.lutomatisch im allgemeinen internationalen Interesse liegt. Vom Gemeinsamen Markt wurde erwartet, daß die Aufhebung der Handelsschranken innerhalb der Sechsergemeinschaft nicht nur deren eigenen Handel und deren

- 7 -

�deren Wirtschaftswachstum stimulieren und fördern würde, sondern auch, daß
die Dynamik dieses Prozesses auch Länder außerhalb dieser Zollunion zugute
konmen werde. Wie wir alle wissen, haben sich diese Erwartunqen fast in jeder
Hinsicht erfüllt, und es herrscht deshalb die Überzeugung vor, d.iß die Erweiterung der Sechsergemeinschaft zur Zehnergemeinschaft zu einem noch
größeren einheitlichen Markt sich wiederum stimulierend auf die Volkswirtschaften der Mitglieder wie der Nichtmitglieder auswirken wird.
Keiner von uns kann natürlich mit Sicherheit sagen, in welchem Maße der
einheitlich

europäische Markt im letzten Jahrzehnt zum allgemeinen Wachstum

von Handel und Wirtschaft beigetragen hat und eine wie gLoße Rull« .uidore
Faktoren dabei gespielt haben. Wir sind überzeugt, daß die Elrwai l.eriuig der
europäischen Gemeinschaft durch die Aufnahme von Großbritannien, Dänemark,
Norwegen und Irland zum wirtschaftlichen Wohl Europas und der übrigen Welt
beitragen wird; es würde Europa aber gut anstehen, wenn es im Zuge dieser
Entwicklung die Vision eines universalen Handels und einet von Diskriminierung
freien Welt im Auge behielte, anstatt zu versuchen, seinen ».kjwrnn hinter
den Mauern des agrarwirtschaffliehen Protektionisinus und eines Systems von
Präferenzabkommen mit Nichtmitgliedstaaten in Europa und (Jbersee zu konsolidieren. Bis jetzt gibt es wenige, wenn überhaupt irgendwelche Anzeichen, die
auf. Schritte in Richtung auf eine Modifizierung bestimmtei, den Interessen
der Nichtmitgliedstaaten zuwiderlaufender Maßnahmen hinweisen; das ist ein
störendes Element in unseren Beziehungen. Wir sind uns der Tatsache bewußt,
daß die europäische (Gemeinschaft die Augen nicht vor den Problemen schließen
kann, die sich durch die Erweiterung der Gemeinschaft für das übrige Europa
ergeben; wir erwarten aber auch, daß eine echte atlantische PattnetSchaft die

- 8-

�die Gemeinschaft und die übrigen europäischen Staaten dazu bestürmt, ihre
Verhältnisse in einer Weise zu regeln, die den Vereinigten Staaten nicht
unannehmbare finanzielle Belastungen auferlegt. Wir verstehen die Sorge der
europäischen Gemeinschaft um ihre Nachbarn im Mittelmeerraum und um die
früheren afrikanischen Kolonien, entdecken aber in dem System der sogenannten
umgekehrten Präferenzen Reste kolonialen Denkens und hoffen darauf, daß
dieser Typ von Handelsbeziehungen allmählich aufgegeben wird.

Das Festhalten am System solcher Präferenzen wird unausweichlich Gegenreaktionen auslösen. Es könnte - wie dies bereits geschehen ist - einige
Leute in anderen Ländern zu der Überlegung veranlassen, ob die Bildung von
Handelsblöcken nicht in ihrem Interesse liege - sei es um ein Gegengewicht
zum europäischen Handelsblock zu schaffen oder, um sich nicht vom europäischen
Präferenzsystem erfaßte Märkte in anderen Teilen der Welt zu sichern. Jone
Entwicklungsländer, die sich durch das europäische Präferenzsystem benachteiligt fühlen, stehen ihrerseits vor demselben Problem und werden sich
fragen, ob sie sich nicht auch bestimmten Industriemärkten anschließen
sollen.

Man kann jedoch die einzigartigen Bedingungen Europas nicht auf die
übrige Welt anwenden. Die geographische Nähe, die historischen und kulturelle
Bindungen, die politische Entwicklung und die wirtschaftlichen Verflechtungen,
die eine europäische Gemeinschaft möglich gemacht haben, sind andernorts
nicht gegeben. Der regionalen Zusammenarbeit ist eine gewisse Logik und
Zweckdienlichkeit eigen und sie hat ihren eigenen Wert, aber wir können dies^
ihre Vorteile sicherlich mit einer weltweiten Ordnung vereinbaren und die

- 9 -

�die Zersplitterung einer Weltgemeinschaft vermeiden, die der Zusammenarbeit
und nicht der Spaltung bedarf.

Auf monetärem Gebiet habe ich van der Verpflichtung der Defizitwie auch der überschußländer gesprochen, Anpassungsprozesse als einen
normalen Bestandteil des internationalen Lebens zu akzeptieren. Wir
operieren innerhalb eines Währungssystems, in dem im allgemeinen noch immer
die überlebte Auffassung vorherrscht, die Defizitländer seien verpflichtet,
ihre Politik zu ändern, um ein besseres Ergebnis zu erzielen, während den
überschußländem keine solche moralische Pflicht obliegt, ihre Überschüsse
auszugleichen. Beide stehen vor dem Problem, ihre äußeren gegen ihre inneren
Zielsetzungen aufzuwiegen, beide haben aber auch - Defizit- wie Überschußländer - die Verpflichtung, das internationale System arbeitsfähig zu machen.

Auf beiden Seiten des Atlantik besteht ein großes Bedürfnis, die
praktische Einsicht und die moralische

Verr&gt;flichtung sowohl der überschuß-

als auch der Defizitländer zur Überzeugung zu erheben, daß es notwendig ist,
eine Innen- und Außenpolitik zu betreiben, die auf ein Gleichgewicht in
unseren Angelegenheiten hinzielt. In dieser Hinsicht ist in den letzten
Jahren viel erreicht worden, und unsere europäischen Partner haben ein Verständnis, eine Einsicht und eine Geduld an den Tag gelegt, die in den USA
gut aufgenommen wurden.

Was die Entwicklungsgebiete der Welt angeht, kommen wir zu der Einsicht, daß sich gewisse Entwicklungsländer bezüglich des Standes und der
Art ihrer wirtschaftlichen Entwicklung stark voneinander unterscheiden. Wir
leben hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung nicht alle in der gleichen

- 10 -

�gleichen Zeit. Wenn ich zuvor von Universalität und Nichtdiskriminierung
sprach, bezog ich mich hauptsächlich auf die im weitesten Sinne stärker
entwickelten Gebiete der Welt, zu denen die Industrienationen und eine
Reihe von Ländern gehören, die in ihrer Entwicklung auf einer Stufe zwischen
einer industrialisierten und einer nichtindustrialisierten Gesellschaft
stehen. Wir sind jedoch inzwischen vom Prinzip der Meistbegünstigung im
Handel abgewichen, als wir der Konzeption allgemeiner Handelspräferenzen
für weniger entwiekelte

Länder nähertraten, und es mag durchaus sein,

daß die Welt es künftig für zweckmäßig hält, bei den einzelnen Gruppen von
Entwicklungsländern stärker zu differenzieren, um unterschiedlichen Graden
der wirtschaftlichen Entwicklung entSDrechend Rechnung tragen zu können.
Die beiden großen atlantischen Partner haben die gemeinsame Aufgabe und auch
ein gemeinsames Interesse daran, ihre respektive Einstellung bezüglich der
Hilfe für die weniger entwickelten Gebiete der Erde neu zu durchdenken.

Lassen Sie mich abschließend noch ein Wort sagen über einen denkbaren
Apparat zur Vertiefung der bilateralen atlantischen Beziehungen, das heißt
die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der europäischen Gemeinschaft.

Die Notwendigkeit,uns Gedanken um einen solchen Mechanismus zu machen,
erwächst aus dem Reichtum, der Breite und Mannigfaltigkeit unserer Partnerschaft. Die Halt long Amerikas und Europas zu Dutzenden von Problemen und
Fragen stellt

ein nächtiges und oft beherrschendes Element im interna-

tionalen Leben dar.
Es

- 11 -

�Es wird natürlich zwischen uns ein Meinungsaustausch über zahllose
Fragen jeder Art geführt, und wir haben in den 1/ifsten beiden Jahren eine
sehr informelle KbnsultativgruDoe aus Vertretern der Vereinigten Staaten
und der Euronäischen Kommission gebildet, die sich mit bestimmten Problemen
von gemeinsamer Interesse befaßt. Darüber hinaus kam es auch außerhalb
der KonsultativgruDDe zu einem rein informellen, ja fast Dersönlichen Gedankenaustausch mit den ständigen Vertretern der EWS-Mitgliedstaaten in
Br'issel. Sollte die Gemeinschaft in Zukunft einen breiter ausgelegten und
systematischer arbeitenden Mechanismus oder andere Mittel zur Abwicklung
unserer Angelegenheiten von gemeinsamen Interesse vorschlagen wollen, werden
wir gerne bereit sein, ihre Vorschläge zu erörtern.

Wir sol'ten jedoch die Tatsache nicht aus den Augen «wrltemn, 'la*
unsere Benr'ihungen um die Stärkung unserer bilateralen Beziehungen auf der
Erkenntnis beruhen, daß ein solches Vorgehen die multilateralen Prozesse
des internationalen Lebens bereichern kann. Wenn ein angemessener bilateraler
Mechanismus mithilft, die Gewähr zu schaffen, daß die Politik des einen
Partners den Interessen des anderen Rechnung trägt, wird dies auch sicherstellen helfen, daß wir beide den Interessen anderer Länder und anderer
Kontinente Rechnung tragen.

Wenn ich heute nicht über unsere jeweiligen Beziehungen zu Jaoan,
Kanada, Lateinamerika, Australien und Neuseeland, zum Subkontinent Indien
und Pakistan, zu den kcmnunistischen Staaten in Eurooa und Asien sowie
über unser Verhältnis zu eino^lnen Ländern in allen Teilen der Welt spreche,
dann deshalb, weil ich meine Ausführungen auf lie atlantischen Beziehungen
beschränken möchte. Es steht jedoch fest, daß die bilateralen Beziehungen

- 12 -

�Beziehungen zwischen den europäischen und den aorerikanischen Partnern
keinesfalls die wünschenswerten und notwendigenbilateralen Beziehungen zu
anderen Ländern oder die multilateralen Beziehungen und Institutionen beeinträchtigen dürfen, an den wir beide starken Anteil nehmen.

Die Vereinigten Staaten und Europa, das sowohl die der Gemeinschaft
angehörenden als auch die ihr nichtangehörigen europäischen Länder einschließt, sind von einer Größenordnung und Bedeutung, die beiden eine gewaltige Rolie in dex. Weltpolitik und einen tief reichenden Einfluß auf
sie zuweisen. Die wahren Ursprünge meines Landes, unsere gemeinsame
atlantische Geschichte, unser gemeinsames kulturelles Erbe, die gemeinsamen
Qualen und Triumphe, die wir in allen Bereichen menschlicher Bemühungen
erlebt haben, und das Gebäude unserer wirtschaftlichen Interdependenz sie alle gehen ein in unsere heutigen Beziehungen auf den Gebieten der
Politik, der Wirtschaft und der Sicherheit, die ebenso natürlich wie notwendig sind. Zusammenarbeit und nicht Konfrontation, Wettbewerb und nicht
Konflikt sind unsere Bestimmung.

- 13 -

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16/1972

CONNALLY: VOLLES VERTRAUEN IN DEN DOLLAR GERECHTFERTIGT

-Auszüge aus einem Interview des US-Finanzministers mit der VOA-

WASHINGTON -• (AD) -- Der amerikanische Finanzminister John B. Connally hat
in einem Interview mit der Stimme Amerikas am 16. April versichert, die Finanzund Währungspolitik der USA rechtfertige ein volles Vertrauen in den Dollar.
Die wesentlichen Auszüge aus diesem Interview haben folgenden Wortlaut:
"Frage: Herr Minister, im vorigen Monat (März) gab es in Europa erneut
recht hektische Spekulationen gegen den Dollar, und dem begegnete man hier in
Washington mit außerordentlicher Ruhe. Ist diese Ruhe nun echt oder nur gespielt?
Antwort: Nein, ich meine sie ist echt... Wir glauben, daß wir auf dem
Wege zu einer sehr starken wirtschaftlichen Expansion sind. Wir glauben, daß
wir bei der Bekämpfung der Inflation mehr fertig bringen als irgend ein anderes
großes Industrieland, ich weiß das. Wir glauben, daß unsere Preise und unsere
Löhne mit einer geringeren Rate steigen als bei den anderen Industrienationen
der Welt. Wir glauben daher, daß wir bis Ende dieses Jahres unsere Situation
besser im Griff haben werden als die meisten anderen Länder, und es wird - und
zwar zu Recht - in der ganzen Welt ein erneutes Vertrauen herrschen, daß wir
unsere fiskalischen und monetären Angelegenheiten wirklich so behandeln, daß
die Menschen volles Vertrauen in den Dollar haben dürfen.
Ich
-1-

�Ich kann hier nicht umhin einzuwerfen..., was von manchen Leuten vielleicht
als Hohn und Spott aufgefaßt wird..., daß ich immer darauf hinweisen möchte,
daß der Dollar konvertierbar ist... hier und heute... und zwar voll konvertierbar in jede Ware oder Dienstleistung, die irgend jemand in der Welt von den Vereinigten Staaten kaufen will ....
Frage: Herr Minister, Sie haben xu erkennen gegeben, daß sie nicht glauben,
die Verhandlungen über ein neues Währungsabkommen sollten in dem Forum der
Zehnergruppe - jenem Forum, das das Smithsonian-Abkommen aushandelte - geführt
werden. Was für ein Forum möchten Sie?
Antwort: .... Darf ich hier einen kleinen Einwand machen und vielleicht
noch ein Wort dazu sagen. Ich habe versucht, klar zum Ausdruck zu bringen, daß
die Verhandlungen meiner Meinung nach nicht ausschließlich in der Zehnergruppe
geführt werden sollten.
Ich glaube, die Zehnergruppe hat bei den Beratungen über ein neues internationales Währungssystem eine Rolle zu spielen, aber ich bekenne offen, daß
es meiner Meinung nach zusätzliche Foren geben sollte, in denen diese Angelegenheit ebenfalls in allen Einzelheiten erwogen und erörtert wird; und ohne daß
ich irgendwelche fixen oder starren Ansichten hätte, daß irgendeine Idee ausgeschlossen sein sollte, möchte ich doch sagen, daß die Erörterungen natürlich
von den Nationen gepflogen werden sollten, die formell oder informell zur Zehnergruppe gehören.
Nach meiner Meinung sollten die Gespräche darüber hinaus unter den Nationen
geführt werden, die dem Vorstand des Internationalen Währungsfonds angehören.
Und ich bin nicht sicher, ob nicht sogar noch eine dritte - mehr oder weniger
ad hoc zusammengekommene - Gruppe zumindest konsultiert werden sollte, und ich
möchte meinen, daß die Vereinigten Staaten wahrscheinlich alles nur Menschenmögliche tun würden, um mit in keiner dieser Gruppen vertretenen Nationen
einige der Probleme zu erörtern, vor denen wir in dem neuen Währungssystem
stehen werden.
Frage:
-2-

�Frage: Es ist angeregt worden, daß andere Länder mehr tun sollten, um den
Vereinigten Staaten und dem Dollar zu helfen, um größere Verantwortung zu übernehmen. Was können sie tun - was sollten sie tun - , um unserem Lande zu helfen?
Antwort: Da komme ich natürlich immer wieder auf etwas zurück, was ich für
die eigentlich fundamentale Frage halte, daß wir nämlich unsere Währungsprobleme
niemals wirklich lösen können, wenn wir nicht über ein System sprechen, das sehr
häufige Aufwertungen und Abwertungen der verschiedenen Währungen in der Welt erlaubt, und wenn kein besseres Gleichgewicht in Handelsfragen geschaffen wird,
denn das sind schließlich die Dinge, die die Diskrepanz in Zahlungsbilanzen hervorrufen.
In einigen Fällen können andere Nationen ohne Frage ihre Märkte öffnen. Ich
glaube, da? gilt sicherlich für Japan. Ich mache kein Hehl daraus. Ich habe meinen Freunden in Japan gesagt, daß sie bestimmte Praktiken üben, daß sie Dinge
tun,die zu unserem Nachteil sind..,., und daß es eine Grenze gibt, bis zu welchem
Maße wir ihnen zugestehen können, den amerikanischen Markt zu sättigen, ohne daß
auch wir für einige Produkte Zugang zu ihrem Markt hätten.
Das gleiche gilt auch für die Länder in aller Welt, Wir müssen mit allen
von ihnen bezüglich von Änderungen unserer Handelspraktiken ins reine kommen.
Und schließlich möchte ich sagen, daß der größte Teil der übrigen Welt eine
fundamentale Entscheidung zu treffen haben wird, bevor wir ein neues Währungssystem errichten können, und diese Länder müssen selbst - einzeln oder kollektiv die Frage beantworten, ob sie jemals bereit sein werden, den Vereinigten Staaten
einen Überschuß zuzugestehen.
Frage: Bedeutet das, daß sie Defizite in Kauf nehmen müssen?
Antwort: Das bedeutet, daß sie Defizite in Kauf nehmen müssen. Schließlich
haben wir 22 Jahre lang ein Defizit in Kauf genommen. Unsere Defizite sind der
Überschuß eines anderen. Wenn wir also irgendeine Art von Konvertierbarkeit aufrechterhalten sollen, dann liegt es auf der Hand, daß wir ein System haben müssen,

-3

�müssen, das uns ebenso erlaubt, zu gewinnen wie zu verlieren - oder wir können
niemals eine realistische Konvertierbarkeit haben,
Wenn wir also wirklich eine Konvertierbarkeit im streng monetären Sinne
haben sollen - eine Konvertierbarkeit in Reserveguthaben

- dann werden wir ein

System haben müssen, das den Vereinigten Staaten erlaubt, gelegentlich einen Überschuß zu haben.
Frage:.., In Amerika herrscht seit vielen Jahren eine gewaltige Begeisterung
für den Eintritt Großbritanniens in den Gemeinsamen Markt, und jetzt scheint diese Begeisterung durch eine gewisse Vorsicht gedämpft zu werden. Könnten Sie uns
gewisse Hinweise darauf geben, auf die Überlegungen, die diesen Mangel an Begeisterung in Washington verursacht haben?
Antwort: Darf ich Ihnen darauf eine persönliche Antwort geben.,..
Ich glaube nicht, daß es ein Nachlassen der Begeisterung über den Beitritt
Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt gibt- Wenn es heute eine gewisse Vorsicht
im Denken der Leute in Washington gibt, dann deshalb, weil wir den Gemeinsamen
Markt heute nach dem Gesichtspunkt, betrachten, wie er in den siebziger Jahren
verfahren wird.
Meine persönliche Auffassung ist die, daß trotz der besten Absichten Einzelner und von Regierungen in einer Zeit, da der Gemeinsame Markt versucht, sich als
wirtschaftliche Einheit, als politische Einheit und als finanzielle Einheit zu
vervollkommnen, es unausweichlich ist, daß er nach innen blicken wird. Das muß
so sein.,.., und ich meine das nicht kritisch.... Man wird einfach nach innen
blicken, weil dort die Probleme liegen werden.,..
Was meiner Meinung nach uns angeht, ist, wie wir - wenn das der Fall ist reagieren, wie wir uns in internationalen Währungsangelegenheiten und in Welthandel sfragen verhalten werden. Das ist der einzige Anlaß zur Vorsicht...."

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16/1972
US-WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTLER NIMMT ZUR INTERNATIONALEN
WÄHRUNGSLAGE STELLUNG
-Interview mit Lawrence B.Krause in Washington-

Lawrence B. Krause, der in internationalen
Wirtschafts-und Finanzkreisen als anerkannte
Autorität für währungs-und wirtschaftspolitische Fragen gilt, hat nach seinem Studium an
der Universität von Michigan und der HarvardUniversität neben seiner Lehrtätigkeit an namhaften amerikanischen Hochschulen wichtige
Stellungen im öffentlichen Dienst bekleidet.
Unter anderem war er als Berater des State Department und des US-Sonderbeauftragten für Zollund Handelsfragen sowie in besonderen Missionen
für den Wirtschaftsbeirat des Präsidenten tätig.
Zahlreiche seiner Veröffentlichungen wurden in
bekannten amerikanischen und internationalen
Zeitschriften abgedruckt. In den letzten Jahren
hat die Brookings Institution unter anderem seine Bücher "European Economic Integration and
the United States", Britain*s Economic Prospects"
sowie "Sequel to Bretton Woods: A Proposal to
Reform the World Monetary System" herausgebracht.
Krause, der im Dezember 1929 in Detroit geboren
wurde und 1958 an der Harvard-Universität zum
Dr. phil. promovierte, hat zahlreiche akademische Auszeichnungen und Ehrungen erhalten. Er
wird Anfang Mai Vorträge in Frankfurt und Berlin halten sowie zu Gesprächen mit führenden
Bankleuten zusammentreffen.

-1-

�Frage: Glauben Sie, daß es für ausländische Zentralbanken notwendig sein
wird, mehr Dollar aufzunehmen, damit die Neufestsetzung der Wechselkurse in
den nächsten zwei oder drei Jahren richtig zur Wirkung kommen kann?
Antwort: Es mag durchaus notwendig werden, daß sie etwas mehr hereinnehmen. Ohne Frage werden bestimmte Zentralbanken mehr hereinnehmen müssen, da
jedes Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Ländern stets in Dollar ausgeglichen wird. Wenn Frankreich oder Großbritannien ein Defizit haben und
Deutschland weist einen Überschuß aus, dann erhält Deutschland Dollar, auch
wenn Frankreich Dollar verliert. Ich rechne aber auch mit einem Rückfluß von
Dollar, die früher aus spekulativen Gründen abgewandert sind. Sie werden ganz
allmählich in den nächsten zwei Jahren zurückfließen,und dies wird zu einem
Ausgleich beitragen. Aber Ihre Frage zielt in die richtige Richtung, nämlich
daß es zwei Jahre dauern wird, bis die Verbesserung der Zahlungsbilanz aufgrund der Abwertung zum Tragen kommt. Es wird noch einer gewissen weiteren
Finanzierung bedürfen.
Frage: Wird dies soweit ins Gewicht fallen, daß es für einige dieser Länder zu gewissen Problemen führt, wenn sie diese Dollar aufnehmen müssen?
Antwort: Die Aufnahme von Dollar führt zu zwei Arten von Problemen. Da
ist einmal die Angst, man erhalte Geld, das dann an Wert verliert. Diese Befürchtung hat jeder Bankier, nicht nur ein Zentralbankier. Ich möchte meinen,
daß sie diese Angst ertragen könnten. Es handelt sich hier nicht um Institutionen,die auf Gewinn aus sind. Sie erhalten einen guten Zinssatz.

Und wenn

die Alternative für sie Gold ist, dann ist es wohl klar, daß sie mit Dollar
besser dran sind, denn der Zinssatz ist höher als jede vorstellbare Entwertung pro Jahr. Aber das ist nur das eine ihrer Probleme. Das zweite Problem
ist die Inflation im Inland. Wenn Zentralbanken ausländische Währungen aufnehmen müssen, dann wirkt sich dies stimulierend auf die Geldausweitung im
Inland aus. Darüber haben sie keine Kontrolle. Sie können dies auszugleichen
versuchen, doch ist dies eine automatische monetäre Expansion innerhalb der
-2-

�der Volkswirtschaft. Deutschland hat sich von Zeit zu Zeit diesem Problem gegenübergesehen. Es kann so schwerwiegend sein, daß es innerhalb ihrer Volkswirtschaften eine Inflation auslöst. Und das ist ihre Hauptsorge.
Das wird für sie auch weiterhin Anlaß zur Besorgnis sein. Zahlreiche Länder werden sich überlegen müssen, "wie können wir eine antiinflationäre Politik
entwickeln, die nicht so stark von dem Währungssystem abhängig ist, wie dies in
der Vergangenheit der Fall war".
Frage: In letzter Zeit ist davon gesprochen worden, daß einige Länder möglicherweise zu Währungskontrollen verschiedenster Art greifen werden, wenn sie
vor die Notwendigkeit gestellt werden, Dollar aufnehmen zu müssen, und sie
könnten Kontrollen einführen, statt Dollar aufzunehmen. Halten Sie das für
möglich?
Antwort: Das ist eine reale Möglichkeit. Wenn Länder bei irgendeiner Sache
ein Problem sehen, dann werden sie oft den direkten Weg einschlagen wollen. So
hat sich Frankreich bei dem Kapitalzufluß in der Vergangenheit verhalten, und
Italien hat eine solche Tradition aufzuweisen. Bei Deutschland ist das überhaupt nicht der Fall, und Großbritannien hat einen gemischten Kurs eingeschlagen. Das Problem bei solchen Kontrollen ist, daß sie nicht funktionieren, oder
jedenfalls nicht sehr gut. Soweit sie den Zufluß abstoppen, wird etwas Natürliches und nicht etwas Unnatürliches verhindert. Es trifft den kleinen Mann,
nicht die Großen. Und vor allem sind solche Kontrollen nicht sehr wirkungsvoll.
Ich wäre überrascht, wenn Kontrollen eine Lösung des Problems wären.
Frage: Die Vereinigten Staaten sind von manchen Leuten kritisiert worden,
weil sie nicht genug tun, um den Kapitalabfluß aus den Vereinigten Staaten zu
kontrollieren. Können oder sollten die Vereinigten Staaten noch mehr tun?
Antwort: Ich möchte sagen, sie sollten etwas weniger tun. Kapitalkontrollen wurden eingeführt, um eine Abwertung zu verhindern. Man versuchte, unsere
Zahlungsbilanz ohne Änderung des Wertes des Dollar zu korrigieren. Aber das

-3

�das ging nicht. Daher haben wir den Dollar abgewertet, und jetzt gibt es keinen
Grund mehr für die Kapitalkontrollen, die wir haben. Natürlich würden Probleme
aufgeworfen werden, wenn man sie plötzlich, über Nacht einstellen würde. Aber
es ist ganz klar, daß wir in Richtung auf ihre Liberalisierung voranschreiten
sollten, denn Kontrollen jeder Art sind in sich selbst nicht wünschenswert.
Frage: Wie steht es mit den Bewegungen kurzfristigen Kapitals? Muß etwas
unternommen werden, um sie mehr unter Kontrolle zu bringen?
Antwort: Kurzfristiges Kapital reagiert sehr feinfühlig auf die jeweiligen Zinssätze in den verschiedenen Ländern; und die natürlichen Marktkräfte
werden solche Geldabflüsse aus den Vereinigten Staaten sehr schnell weniger
werden lassen,und sehr bald werden sie in der umgekehrten Richtung fließen.
Wenn die amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr und im kommenden Jahr - 1973 weiter expandiert, dann werden wir wahrscheinlich kurzfristiges Kapital anziehen. Das dürfte kein Problem werden, da andere Länder über eine Menge Reserven
verfügen, die sie abbauen können. Ich halte dies in diesem Jahr und im kommenden
daher für ein weitaus geringeres Problem - von den natürlichen Wirtschaftskräften her gesehen -, als es im Augenblick aussieht.
Frage: Glauben Sie, daß irgendwelche Kontrollen oder irgendwelche neuen
Methoden in Bezug auf die Bewegungen kurzfristigen Kapitals einen Platz in der
langfristigen Reform des internationalen Währungssystems einnehmen werden?
Antwort: Absolut. Wenn wir ein festes System von Wechselkursen, ohne irgendwelche Kontrollen des Handels und der Kapitalbewegungen haben wollen, dann werden
wir einen Mechanismus zur Finanzierung solcher Bewegungen, falls sie auftreten,
brauchen. Meines Erachtens werden schon allein die größeren Bandbreiten bei
den Wechselkursen solche Bewegungen verlangsamen, und auch häufigere Veränderungen der Wechselkurse werden die Bewegungen verlangsamen. Aber ich glaube, die
Regierungen wollen eine gewisse Sicherheit, mehr Sicherheit gegen die Möglichkeit plötzlicher Abflüsse, die ihre Reservebasis verschwinden lassen. Daher wird

-4-

�wird dies Teil einer grundlegenden Gesamtreform sein. Es ist unvorstellbar, daß
wir genügend Weltreserven schaffen könnten, so daß jedes Land über genügend
Mittel verfügte, um damit gegen eine Verknappung im Falle kurzfristiger Kapitalbewegungen gesichert zu sein. Daher brauchen wir einen Mechanismus, eine Art
Lagerhaus oder einen Bestand an Liquidität, der zur Finanzierung solcher Abflüsse benutzt werden kann. Mein eigener Vorschlag ist, daß dies der Internationale Währungsfonds (IWF) sein sollte. Aber es ist auch möglich, dies auf andere
Weise zu arrangieren.
Frage: Sie sprechen von der Finanzierung solcher Kapitalbewegungen und
nicht von ihrer Kontrolle?
Antwort: Absolut. Meines Erachtens kann man sie nicht kontrollieren. Ich
glaube, wenn ein Mechanismus entwickelt würde, um sie zu kontrollieren, dann
würde man damit das Kind mit dem Bade ausschütten. Man müßte jede einzelne internationale Transaktion kontrollieren. Sie werden feststellen, daß dann nicht nur
Kapital, sondern auch Handel, langfristige Investitionen, Touristenverkehr,
alle diese Dinge schließlich in Kontrollen enden würden. Und das wäre nicht wünschenswert.
Frage: Was halten Sie von einigen Hilfsmitteln, die in letzter Zeit benutzt
wurden, wie verschiedene Depoterfordernisse bei Ausländereinlagen?
Antwort: Ich möchte das nicht als "Kontrolle" bezeichnen. Hier wird ein
Preismechanismus angewandt, um sie weniger attraktiv zu machen. Natürlich müssen
die einzelnen Länder sich darüber im klaren sein, daß man, wenn man bestimmte
Arten von Kapital verteuert, andere Arten von Kapital, die eng hiermit zusammenhängen, nunmehr attraktiver macht. Anders gesagt, Geld kann durch beide Kanäle
fließen. Sie können bestimmte Formen von Abflüssen verlangsamen. Einige von
ihnen werden in unterschiedlicher Form abgelenkt. Das ist bekannt. Wenn man Kapitalkontrollen einführt oder in diesem Falle den Preis bestimmter Formen von Kapitalbewegungen verteuert, dann können Sie damit rechnen, daß die Geldabflüsse
andere Kanäle finden. Aber man hofft, daß der Gesamtfluß dadurch verlangsamt
wird.
++II 1 &gt; Hl I
-5-

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16/1972

"WOCHE DER ERDE" - NATIONALE AKTION FÜR UMWELTSCHUTZ
Amerikanische Bürgerkomitees und Behörden appellieren an das
Verantwortungsbewußtsein jedes einzelnen

--(AD)— Vor zwei Jahren begingen viele Tausende von Amerikanern, meist
Studenten und Oberschüler, den "Tag der Erde", um ihrer Besorgnis über die
bedrohte Umwelt nicht nur in Amerika, sondern in praktisch allen Ländern
Ausdruck zu geben. Jetzt sind solche Aktionen auf eine ganze Woche ausgedehnt. Präsident Nixon ersuchte die Gouverneure der Bundesstaaten, in der
"Woche der Erde" vom 17. - 23. April 1972 allen Bürgern Gelegenheit zu geben,
sich an Programmen und praktischen Schritten zu beteiligen, mit denen die
Umwelt restauriert werden soll.
Neben Bürgergruppen für Umweltschutz, die sich im ganzen Land gebildet
haben, sind in diesem Jahr auch wichtige Regierungsbehörden an der Programmplanung für die "Woche der Erde" beteiligt. Sie bildet bereits einen Auftakt
für die Umweltschutzkonferenz im Juni 1972, die unter der Schirmherrschaft de
Vereinten Nationen in Stockholm abgehalten wird.
Die bisherigen Erfahrungen mit der Aktion "Woche der Erde" zeigten, wie
Senator Gaylord Nelson erklärte, daß es Jahrzehnte nationaler Anstrengungen
bedürfe, um die Umwelt zu restaurieren. Gleichzeitig führten die inzwischen
gewonnenen Erfahrungen zu wichtigen Revisionen der ursprünglichen Pläne und

�und Programme. Sie sind heute realistischer und stellen die Zeit besser in
Rechnung, die für eine Beseitigung und künftige Verhinderung von Schäden tatsächlich gebraucht werden wird.
Umfragen lassen erkennen, wie groß die Unterstützung für Umwelt Schutzmaßnahmen in der Bevölkerung ist. 75 Prozent der Befragten erklärten dabei u.a.,
für eine ausreichende Finanzierung entsprechender Maßnahmen auch willens zu
sein, mehr Steuern zu bezahlen.
Denis Hayes, der 1970 als Student die ersten Aktionen organisierte und heute
im Auftrag der Smithsonian Institution Fragen des wirtschaftlichen Energiebedarfs untersucht, betont: "Heute versuchen wir, eine Bewegung auf sehr viel
breiterer Basis zu bilden, die sich, um grundlegende Reformen zu erreichen, auch
auf das Verkehrswesen und auf die Energieproduktion konzentriert."
Auf Grund einiger von Bürgervereinigungen für den Umweltschutz angestreng ten Prozesse wurde beispielsweise der Bau einer Ölpipeline in Alaska zurückgestellt und die Vergabe weiterer Lizenzen für Ölbohrungen im Golf von Mexiko
sowie der Bau neuer Kraftwerke vorläufig gestoppt. Mit solchen Prozessen sollen
zwar solche Projekte nicht mit allen Mitteln unterbunden werden, aber man will
sicherstellen, daß sie wirklich im Einklang mit den Umweltschutzgesetzen
stehen.
Obgleich die Politiker von derartigen Bürgeraktionen nicht gerade entzückt
sind, erklärte z.B. Innenminister Rogers C.B. Morton kürzlich vor einem Ausschuß des US-Senats: "Die Erwägung von Fragen der Umweltsituation bei bestimmten politischen Entscheidungen

führte alles in allem dazu, daß jetzt mehr

Informationen eingeholt werden und die Behörden Auswirkungen auf die Umwelt
von vorneherein berücksichtigen. Auch die Öffentlichkeit wird mehr als bisher
informiert, wie sich Maßnahmen der Regierung auf die Umweltsituation auswirken."

Ein
-2-

�Ein Musterbeispiel dafür sind die zweieinhalbjährigen Untersuchungen im
Auftrag des US-Innenministeriums zum Bau einer 1200 km langen Erdölleitung in
Alaska, die von den Ölfeldern der Prudhoe-Bucht im Norden zum eisfreien Hafen
Valdez im Süden führen soll, von wo aus Tanker das Öl zum Puget«Sund im Staate
Washington und zu den kalifornischen Häfen bringen würden. In einem vielbändigen Bericht wurde Ende März 1972 das Ergebnis*dieser Studie über das 3,5 Milliarden-Dollar-Projekt von sieben großen Ölfirmen veröffentlicht. Die Quintessenz:
Es ist nicht möglich,ohne tatsächliche oder mögliche Schädigungen des Landes
sowie der Tier-und Pflanzenwelt die Leitung zu bauen. Am meisten Kopfzerbrechen bereitet die Frage, wie ein Auftauen des unter Dauerfrost stehenden Bodens,
über den 85 Prozent der Pipeline führen würde, zu verhindern sei. Das zweite
große Problem ist die Forderung der Umweltschützer, das letzte große Naturparadies, das Alaska darstellt, unter allen Umständen zu erhalten. Um dem gerecht zu
werden, schlug die Industrie vor, etwa die Hälfte der Strecke in einem Felsoder Kiesbett, die andere Hälfte aufgeständert zu montieren, damit der Kontakt
mit dem Permafrostboden verhindert und die Tierwanderungen nicht gestört werden.
Die Entscheidung der Bundesregierung wird zurückgestellt, bis Präsident Nixons
Beirat für Umwelthygiene, die US-Bundesbehörde für Umweltschutz und andere zuständigenOrgane den Bericht des Innenministeriums studiert und entsprechende
Empfehlungen unterbreitet haben.
Die Meinungen über mancherorts geäußerte Befürchtungen gehen auseinander,
daß verstärktes Umweltbewußtsein zu übertriebenen Reaktionen führe, neue Projekte verzögere und in Zeiten erhöhter Arbeitslosigkeit sogar die Schließung
bereits in Betrieb befindlicher Anlagen erzwinge. Allerdings warnen Sprecher
der Industrie vor einem "Overkill", vor einem zu heftigen Vorpreschen in Umweltfragen. William D. Ruckeishaus, der Leiter des Bundesamtes für Umweltschutz, räumt ein, daß manche Umweltschützer tatsächlich "unmögliche" Gütegrade für Luft und Wasser forderten. Gleichzeitig weist er aber die Behauptung
zurück, die Industrie werde mit Vorschriften zu stark gegängelt. Seine Behörde

-3

�</text>
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                <text>Amerikadienst 19.04.1972</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Martin J. Hillenbrand zum neuen US-Botschafter in Bonn nominiert&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hanoi beantwortete amerikanisches Verhandlungsangebot mit Invasion in Südvietnam&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Erklärung von Botschafter Porter -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;USA verstärken Anstrengungen zur Sicherung der Energieversorgung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserem Sonderkorrespondenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fachausstellung und Tagung "Kunststoffe und ihre Verarbeitung"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Europäische Einigung und der Atlantische Partner USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ansprache des Stellvertretenden Staatssekretärs für wirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium Nathaniel Samuels -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Connally: Volles Vertrauen in den Dollar gerechtfertigt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus einem Interview des US-Finanzministers mit der VOA -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Wirtschaftswissenschaftler nimmt zur internationalen Währungslage Stellung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview mit Lawrence B. Krause in Washington -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Woche der Erde" - Nationale Aktion für Umweltschutz</text>
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                    <text>amerika dienst
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Dokumentation

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12. April 1972

15

INFORMATION:

Inhalt

Vertrag über das Verbot der Anwendung bakteriologischer Kampfmittel
unterzeichnet
-Präsident Nixon würdigt Bedeutung des AbkommensDOKUMENTATION:
Die Einstellung der Bombardierung Nordvietnams 1968 und die Warnungen
der USA
-Zusammenstellung von Erklärungen maßgebender US-PolitikerWIRTSCHAFT:
Der amerikanische Dollar 1972
Von Dorothy Crook
Erweiterung des Gemeinsamen Marktes erschwert US-Getreideexporte
Von Sam W. Morris
WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
APOLLO-Nachrichten

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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15/1972

VERTRAG ÜBER DAS VERBOT DER ANWENDUNG BAKTERIOLOGISCHER KAMPFMITTEL UNTERZEICHNET

-Präsident Nixon würdigt Bedeutung des Abkommens-

WASHINGTON --(AD)-» Im Beisein von Präsident Nixon sowie von mehr als 70 diplomatischen Missionschefs ist am 10. April in Washington der Vertrag über ein
Verbot der Anwendung bakteriologischer Kampfmittel unterzeichnet worden.
Gleichzeitig lag diese Konvention in London und Moskau zur Unterschrift aus.
Der 15 Artikel umfassende Vertrag tritt in Kraft, wenn er von 22 Nationen, darunter die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Sowjetunion, ratifiziert worden ist. In Washington unterzeichneten Vertreter von über 70 Ländern das Abkommen, das den offiziellen Titel trägt: "Der Vertrag über das Verbot der Entwicklung, der Herstellung und der Lagerung bakteriologischer (biologischer) und toxischer Waffen und über deren Vernichtung". Die Konvention
war 1971 auf der Genfer Abrüstungskonferenz ausgehandelt und mit überwältigender Mehrheit von der Vollversammlung der Vereinten Nationen zur Unterschrift
empfohlen worden..
In einer kurzen Ansprache würdigte Präsident Nixon die Bedeutung dieses
Abkommens, wobei er erklärte, daß jede Großmacht den Grundsatz verfolgen müsse,
weder direkt noch indirekt irgendeine andere Nation zur Anwendung von Gewalt zu
ermutigen.
In
-1-

�In New York forderte der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kurt
Waldheim, alle Länder auf, diesen neuen Vertrag zu unterzeichnen und zu ratifizieren. Er bezeichnete das Abkommen als eine bedeutende Leistung auf dem Gebiet der Abrüstung.
Präsident Nixon führte in seiner Ansprache unter anderem aus:
".... Der sowjetische Botschafter hat (in seiner Ansprache) auf die Verhandlungen über die Begrenzung strategischer Rüstungen hingewiesen. Wir arbeiten
auf dieses Ziel hin - auf ein Ziel, das, wie der Botschafter gesagt hat, nicht
nur den Interessen des Friedens zwischen unseren beiden Ländern, sondern auch
den Interessen des Friedens der gesamten Welt dienen wird.
Wenn wir jedoch auf diese verschiedenen Abkommen blicken, dann müssen wir
uns darüber klar sein, wieviel sie bedeuten, und was immer noch getan werden
muß, damit wir unser Endziel erreichen. Was diese Abkommen anbetrifft, so sind
sie grundsätzlich kein Selbstzweck. Sie begrenzen die Rüstungen, aber sie bedeuten noch nicht das Ende des Krieges. Sie sind Mittel zur Erreichung eines
Zieles, und dieses Ziel ist der Friede«
Das Abkommen, das hier heute unterzeichnet wird, hat eine sehr große Bedeutung. Es bedeutet, daß alle Wissenschaftler der Welt - eine wahrhaft weltweite
Gemeinschaft - ungeachtet ihrer Sprache, ihrer Rasse und ihrer Herkunft nunmehr
ihre ganze Energie auf den Kampf gegen den Feind der gesamten Menschheit, nämlich die Krankheit, richten können, statt an der Entwicklung biologischer Waffen zu arbeiten, die die eine Nation gegen die andere einsetzen könnte.
Aus diesem Grunde ist dieses Abkommen von so enormer Bedeutung für alle
diejenigen, die seine Entstehung mitverfolgt haben. Aber wir müssen uns darüber
im klaren sein, daß diese Abkommen nur ein Mittel zur Erreichung eines Zieles
sind; wir müssen uns ebenfalls darüber im klaren sein, daß mehr getan werden
muß, um unser Ziel zu verwirklichen: nicht nur die Begrenzung der Rüstungen,sondern die Beendigung der Kriegsdrohung, die über der Welt schwebt.
Was

-2-

i

�Was dieses Ziel anbetrifft, so sehen wir es als Aufgabe an, daß jedes Land
der Welt auf die Anwendung von Gewalt, auf die Anwendung der Aggression gegen
andere Nationen verzichten muß. Wir müssen uns ferner über eine weitere Aufgabe
im klaren sein, nämlich, daß eine große Verantwortung insbesondere auf den Großmächten ruht, daß jede Großmacht den Grundsatz verfolgen muß, weder direkt noch
indirekt irgendeine andere Nation zu ermutigen, Gewalt oder bewaffnete Aggression
gegen einen ihrer Nachbarn anzuwenden.
Dies sind die großen Prinzipien, die wir letztlich verwirklichen müssen, wenn
wir wirklich eine Welt des Friedens haben wollen, und ich bin überzeugt, daß jeder von uns auf diese großen Prinzipien hinarbeiten wird, wo wir heute diesen
Schritt ergreifen."
In Washington wurde der Vertrag von den Vertretern folgender Länder unterzeichnet :
Afghanistan, Äthiopien,Australien, Belgien, Bolivien, Botswana, Brasilien,
Bulgarien, Bundesrepublik Deutschland, Burma, Burundi, Ceylon, Chile, Costa Rica,
Dahome, Dominikanische Republik, El Salvador, Finnland, Ghana, Großbritannien,
Haiti, Honduras, Iran, Irland, Island, Italien, Japan, Jordanien, Jugoslawien,
Kambodscha, Kanada, Kolumbien, Laos, Lesotho, Libanon, Liberia, Malawi, Mali,
Malaysia, Mauritius, Mexiko, Mongolische Volksrepublik, Nepal, Neuseeland,
Nicaragua, Niederlande, Norwegen, Österreich, Pakistan, Peru, Philippinen, Polen,
Republik China, Republik Korea, Republik Vietnam, Rumänien, Rwanda, Schweiz,
Senegal, Sowjetunion, Spanien, Südafrika, Togo, Tschechoslowakei, Türkei, Tunesien, Ungarn, Venezuela, Vereinigte Staaten, Yemen, Zaire, Zentralafrikanische
Republik, Zypern.
I I II IIII

-3-

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Dokumentation

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08-85432

15/1972

DIE EINSTELLUNG DER BOMBARDIERUNG NORDVIETNAMS 1968 UND
DIE WARNUNGEN DER USA
-Zusammenstellung von Erklärungen maßgebender US-Politiker-

WASHINGTON --(AD)-- Angesichts der Tatsache, daß die gegenwärtige nordvietnamesische Invasion Südvietnams über die entmilitarisierte Zone zwischen den
beiden Ländern eine eindeutige Verletzung der grundlegenden Verständigung
ist, die am 31. Oktober 1968 zu der Einstellung der amerikanischen Bombenangriffe auf den Norden führte, dürften die nachfolgenden Auszüge aus Erklärungen maßgebender amerikanischer Politiker ein klares Bild über die seitherigen Entwicklungen und die ständigen Bemühungen der USA um den Frieden geben.

Rede Präsident Johnsons an das amerikanische Volk vom 31. Oktober 1968
"Am letzten Sonntagabend und während des Montag erhielten wir dann die
Bestätigung der grundlegenden Verständigung, um die wir uns bei den Nordvietnamesen seit einiger Zeit hinsichtlich der entscheidenden Fragen bemüht hatten.
Ich verbrachte den größten Teil des Dienstag damit, jede Einzelheit dieser
Angelegenheit mit dem Kommandeur unserer Truppen in Vietnam zu erörtern, mit
General Abrams

Als Ergebnis all dieser Entwicklungen habe ich nunmehr

angeordnet, daß alle Bombardierungen Nordvietnams aus der Luft, von See her
und durch Artillerie ab Freitagmorgen 0800 Uhr Washingtoner Zeit (1400 Uhr
deutscher Zeit) eingestellt werden.... Was wir nunmehr erwarten - und was wir

�wir mit Recht erwarten können - sind sofortige, produktive, ernsthafte und
intensive Verhandlungen in einer Atmosphäre, die zum Fortschritt beiträgt. Wir
haben das Stadium erreicht, wo produktive Gespräche beginnen können. Wir haben
der anderen Seite klargemacht, daß solche Gespräche nicht andauern können, wenn
sie daraus militärischen Vorteil zieht. Es kann keine produktiven Gespräche in
einer Atmosphäre geben, wo die Städte beschossen und die entmilitarisierte Zone
mißbraucht wird.
Ich glaube, ich sollte Sie, meine amerikanischen Mitbürger, warnen, daß
Arrangements dieser Art niemals hundertprozentig sicher sind. Auch formelle
Verträge sind niemals hundertprozentig sicher, wie die Erfahrung uns gelehrt
hat... Wir könnten irregeführt worden sein - und wir sind auch auf einen solchen
Fall vorbereitet. Wir beten zu Gott, daß dieser Fall nicht eintritt."

Pressekonferenz des amerikanischen Außenministers Dean Rusk vom 1. November 1968
"Frage: Herr Außenminister, welche direkten Zusicherungen, wenn überhaupt,
haben die Vereinigten Staaten, daß Nordvietnam keine Eskalation des Krieges betreiben oder die entmilitarisierte Zone verletzen und unsere Truppen in Gefahr
bringen wird?
Antwort: Nordvietnam weiß genau, was von ihm in dieser Situation verlangt
wird. Sie wissen, was wir in Bezug auf die Gespräche erwarten, und sie wissen,
was wir in Bezug auf die Gegebenheiten erwarten, unter denen ernsthafte Gespräche vorankommen können. Sie wissen, daß wir für die Sicherheit unserer eigenen
und die unserer verbündeten Kampfgruppen sorgen werden. Es gibt kein Mißverständnis in dieser Beziehung. Die Situation ist für sie ganz klar, und auch nach
unserer Ansicht. Ich kann die genauen Einzelheiten nicht darlegen, aber die
kommenden Tage und Wochen, so glaube ich, werden zeigen, worum es geht.
Frage: Herr Außenminister, dies ist möglicherweise die gleiche Frage,
aber Sie sagten in Ihrer Erklärung, daß wir - abgesehen davon, was dritte uns
gesagt haben - unsere eigenen Gründe für die Annahme haben, daß unsere Maßnahme
-2-

�Maßnahme einen konstruktiven Schritt darstellt. Können Sie uns irgendwelche Hinweise dafür geben, warum wir dies für einen konstruktiven Schritt halten?
Antwort: Ich glaube, wir haben Ihnen gegenüber angedeutet, daß sich die
Dinge über das Wochenende in einer solchen Weise zu entwickeln begannen, daß wir
guten Grund für die Annahme hatten, daß es im Falle der Einstellung der Bombardierung ernsthafte Gespräche geben würde, an denen die Regierung Südvietnams
teilnehmen würde,und daß diese Gespräche unter förderlichen Bedingungen voranschreiten könnten - das heißt, unter Bedingungen an der Front, was die tatsächliche Situation im Kampfgebiet anbetrifft.
Jetzt hat der Präsident gestern abend gesagt, daß die Dinge auch verkehrt
verlaufen können. Er hat erklärt, selbst formelle Verträge sind niemals hundertprozentig. Wir könnten also enttäuscht werden, aber es gibt keinen Zweifel nicht
nur über unsere Erwartungen, sondern auch darüber, daß die andere Seite unsere
Erwartungen kennt.
Frage: Wir gehen also von mehr als nur einer Annahme aus?
Antwort: Wir gehen von mehr als einer reinen Annahme aus."

Interview des Staatssekretärs für die US-Luftstreitkräfte, Dr. Harold Brown,
mit der National Broadcasting Company (NBC) vom 4. November 1968
"Die Stabschefs der US-Streitkräfte haben dem Präsidenten ihre Empfehlungen
vorgelegt und ihm gegenüber erklärt, daß dies ein durchaus akzeptables militärisches Risiko ist und daß dieser Schritt ihres Erachtens zum gegenwärtigen Zeitpunkt im Hinblick auf die militärische Lage, die Verbesserung der militärischen
Lage und die Tatsache unternommen werden sollte, daß wir weiterhin Aufklärungsflüge durchführen werden und daß General Abrams ermächtigt ist, bei jeder Gefährdung seiner Truppen Gegenmaßnahmen zu ergreifen."
Pressekonferenz
-3-

�Pressekonferenz von Verteidigungsminister Clark Clifford vom 12. November 1968

"Frage: Würden Sie zu den von mehreren Journalisten erhobenen Vorwürfen
Stellung nehmen, daß die Regierung schon vor dem Bombardierungsstopp und der Bekanntgabe der grundlegenden Verständigung am 31. Oktober wußte, daß die südvietnamesische Regierung sich nicht an den Gesprächen in Paris beteiligen würde, und
würden Sie uns sagen, ob die südvietnamesische Regierung sich unseren Diplomaten
gegenüber unhöflich verhalten hat?
Antwort: .... Saigon war über die anderen Vereinbarungen, auf die wir hinarbeiteten, voll unterrichtet - also über die grundlegende Verständigung bezüglich der entmilitarisierten Zone und die Verständigung in Bezug auf die Städte.
Wir führten lange Gespräche bezüglich der Aufklärung. Sie wurden voll auf dem
laufenden gehalten."

Interview des amerikanischen Verteidigungsministers Clark CLifford mit der
Amerikanischen Broadcasting Company (ABC) vom 24. November 1968
"Frage: Herr Minister, die Nordvietnamesen behaupten, wir verletzten die
grundlegende Verständigung, weil wir unsere Aufklärungsflüge fortsetzten. Haben
wir die Absicht, diese Flüge einzustellen?
Antwort: Nein. Es ist für den Präsidenten äußerst wichtig zu wissen, was
in Nordvietnam vorgeht. Wenn es dort irgendeine ungewöhnliche Massierung gibt,
sei es an Truppen oder an Kriegsmaterial, so muß er sofort davon unterrichtet
sein. In den Pariser Verhandlungen ist in all diesen Monaten den Vertretern
Nordvietnams klar gemacht worden, daß wir die Aufklärungsflüge fortsetzen werden.
Wir tun dies Tag für Tag, die ganze Zeit schon. Wir verfolgen sehr genau, was vor
sich geht, da wir, falls es zu irgendwelchen Entwicklungen kommt, die die Gefahr
für unsere Truppen erhöhen, möglicherweise Maßnahmen ergreifen müssen.
Wenn

-4-

�Wenn Hanoi seinen guten Willen beweisen will, indem es die Voraussetzungen
für diese Gespräche erfüllt, und sich an die grundlegende Verständigung hält,
dann ist er (der Präsident) bereit, voranzugehen. Wenn sie uns irgendwann zeigen, daß es ihnen nicht ernst ist und daß sie nicht guten Willens vorangehen,
so zweifle ich nicht im geringsten daran, daß der Präsident zu unserer früheren
Konzeption zurückkehren muß, und das bedeutet, den Gegner unter Druck zu halten,
und das würde notfalls auch Bombardierungen einschließen."

Presseunterrichtung durch den amerikanischen Chefdelegierten bei den Pariser
Vietnam-Gesprächen, W. Averall Harriman, vom 4. Dezember 1968 im Weißen Haus
"Die grundlegende Verständigung war insofern ganz eindeutig, daß wir klargestellt hatten, daß ernsthafte Gespräche und genausowenig auch der Bombardierungsstopp nicht fortdauern können, wenn sie nicht die entmilitarisierte Zone
respektierten und die wahllose Bombardierung der großen Städte unterließen."

-Präsident Nixons Warnungen an Hanoi bezüglich des Einsatzes amerikanischer
LuftstreitkräftePressekonferenz vom h. März 1969
Frage: Herr Präsident, die kommunistische Offensive in Vietnam hat Spekulationen ausgelöst, die besagen, daß Ihre Regierung getestet werden soll, besonders in Bezug auf die grundlegende Verständigung vom 1. November vergangenen
Jahres, die zur Einstellung der Bombardierungen führte. Würden Sie uns dazu Ihre
Meinung sagen?
Antwort: Wenn wir von der kommunistischen Offensive reden, so ist es
meiner Ansicht nach wichtig, zunächst zu analysieren, was diese Offensive
bedeutet und welches ihre Ziele sind im Vergleich zu der Offensive vom vergangenen

-5-

�vergangenen Jahr. Dann müssen wir überlegen, was diese Offensive in Bezug auf
eine Verletzung der grundlegenden Verständigung zur Zeit des Bombenstopps bedeutet... Diese Absprache lief darauf hinaus, daß ein weiterer Beschuß oder weitere Angriffe auf die Städte, die großen Städte in Südvietnam, nicht mit produktiven Friedensgesprächen in Paris zu vereinbaren sein würden. Wir prüfen diese
spezielle Offensive - und wir prüfen sie sehr sorgfältig - daraufhin, ob ihr
Ausmaß eine Verletzung dieser grundlegenden Verständigung darstellt. In technischer Hinsicht könnte man sie als eine Verletzung bezeichnen.. Ob wir jedoch
zu dem Schluß kommen, daß diese Verletzung so erheblich ist, daß sie Maßnahmen
unsererseits erfordert, das ist eine Entscheidung, die wir sehr bald treffen
werden, wenn diese Angriffe in ihrem gegenwärtigen Ifafang andauern
Ein anderer Aspekt sollte noch erwähnt werden: Ich möchte mit dieser Analyse nicht den Ernst dieser Angriffe herabsetzen, denn die amerikanischen Verluste haben sich, wie ich festgestellt habe, während dieser Angriffe verdoppelt.
Daher ist es notwendig, daß der amerikanische Präsident bei der Bewertung dieser
Angriffe diese grundlegende Verständigung nicht nur im Zusammenhang mit den Angriffen auf die Städte, sondern auch im Zusammenhang mit seiner Pflicht sieht,
die in Vietnam kämpfenden amerikanischen Soldaten zu schützen.
Wir haben nicht überstürzt gehandelt, aber die Tatsache, daß wir Geduld
und Nachsicht üben, sollte auch nicht als ein Zeichen der Schwäche ausgelegt
werden. Wir werden die fortgesetzte Verletzung einer Absprache nicht dulden. Darüber hinaus werden wir aber auch keine Angriffe hinnehmen, die zu höheren Verlusten unter unseren Soldaten zu einer Zeit führen, da wir uns aufrichtig darum
bemühen, am Konferenztisch in Paris Frieden zu schaffen. Falls diese Angriffe
fortdauern, wird eine entsprechende Erwiderung erfolgen
Frage: Herr Präsident, würde von Ihnen eine angemessene Reaktion in Betracht gezogen, falls die Angriffe in Südvietnam anhalten? Würde eine solche
angemessene Reaktion die Wiederaufnahme der Bombardierungen des Nordens einschließen?
Antwort:

�Antwort: .... Um die Frage zu beantworten, möchte ich nur sagen, die Vereinigten Staaten besitzen eine Reihe von Möglichkeiten, um zu reagieren. Es
existieren verschiedene EventualpLäne, die in die Tat umgesetzt werden können.
Alle diese Pläne werden von mir geprüft. Wir werden uns des Planes bedienen, der
unserer Meinung nach den Aktionen der anderen Seite angemessen ist. Ich werde
nicht vorzeitig andeuten, ich werde nicht öffentlich bekanntgeben und ich werde
nicht drohen - das würde uns meiner Ansicht nach nicht helfen - daß wir den
Norden bombardieren oder etwas anderes unternehmen werden."

Pressekonferenz vom 14. März 1969
"Der Präsident: Es wird meine Politik als Präsident sein, nur einmal
eine Warnung auszusprechen, und ich will sie jetzt nicht wiederholen. Alles, was
in der Zukunft getan werden muß, wird getan werden. Es wird keine weitere Warnung mehr geben... Wir haben eine Warnung erteilt. Wir werden nicht noch einmal
eine Warnung aussprechen. Wenn wir zu dem Schluß kommen, daß die Verlustziffer
höher ist, als wir sie hinnehmen können, dann werden Maßnahmen folgen."

Fernsehansprache zur Vietnam-Politik vom 3. November 1969
"Sollten das Ausmaß der Infiltration oder unsere Verluste zunehmen, während
wir uns um eine Reduzierung der Kampfhandlungen bemühen, so wird dies die Folge
einer bewußt getroffenen Entscheidung des Gegners sein.
Hanoi könnte keinen größeren Fehler begehen, als anzunehmen, daß eine Zunahme der Gewalttätigkeit zu seinem eigenen Vorteil gereichen würde. Wenn ich
zu dem Schluß kommen sollte, daß verstärkte gegnerische Aktionen unsere in
Vietnam verbleibenden Truppen gefährden, dann werde ich nicht zögern, nachdrückliche und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um dieser Situation zu begegnen.
Dies ist keine Drohung. Dies ist eine politische Erklärung, die ich als
Oberbefehlshaber unserer Streitkräfte abgebe, um meiner Pflicht nachzukommen,
die amerikanischen Soldaten, wo immer sie stehen, zu schützen."
Fernsehansprache
-7-

�Fernsehansprache vom 15. Dezember 1969
"Ich habe jedoch immer gesagt, daß wir Risiken für den Frieden auf uns
nehmen müssen. In diesem Zusammenhang möchte ich die Führer in Hanoi daran erinnern, daß sie ebenfalls ein Risiko eingehen, wenn die Infiltration und das
Ausmaß der Feindtätigkeit anwachsen, während wir unsere Streitkräfte reduzieren.
Ich wiederhole die Erklärung, die ich in meiner Rede vom 3. November gemacht
habe:
Hanoi könnte keinen größeren Fehler begehen, als anzunehmen, daß eine Zunahme der Gewalttätigkeit zu seinem eigenen Vorteil gereichen würde. Wenn ich
zu dem Schluß kommen sollte, daß verstärkte gegnerische Aktionen unsere in
Vietnam verbleibenden Truppen gefährden, dann werde ich nicht zögern, nachdrückliche und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um dieser Situation zu begegnen '

Pressekonferenz vom 30. Januar 1970
"Wir beobachten weiterhin die Situation und wir werden darauf vorbereitet
sein, entsprechend zu handeln. Ich möchte jedoch alle, und besonders den Gegner,
an das erinnern, was ich am 3. November gesagt und am 15. November wiederholt
habe. Wenn wir in einer Zeit, in der wir versuchen, die Kämpfe in Vietnam zu
deeskalieren, feststellen, daß der Gegner aus unserem Truppenabzug Vorteil
zieht, um durch eine Eskalation der Kämpfe unsere verbleibenden Truppen zu gefährden, dann verfügen wir über die Mittel - und ich werde bereit sein, von
diesen Mitteln Gebrauch zu machen -, um entsprechend dieser Situation nachdrücklich zu handeln - nachdrücklicher, als wir dies in der Vergangenheit getan haben."

Fernsehansprache vom 20. April 1970
"Ich möchte jedoch die Führer Nordvietnams erneut daran erinnern, daß sie
ein ernstes Risiko eingehen, falls sie versuchen sollten, die Gelegenheit zu
benutzen, um die Sicherheit unserer verbleibenden Streitkräfte in Vietnam durch

�durch verstärkte militärische Tätigkeit in Vietnam, in Kambodscha oder in Laos
zu gefährden, während wir diese Risiken für den Frieden auf uns nehmen.
Ich wiederhole, was ich am 3. November und am 15. Dezember erklärt habe.
Wenn ich zu dem Schluß komme, daß eine verstärkte Feindtätigkeit unsere verbleibenden Streitkräfte in Vietnam gefährdet, dann werde ich nicht zögern, harte und
wirksame Maßnahmen zu ergreifen,um mit dieser Situation fertig zu werden.11

Fernsehansprache vom 30. April 1970

"In meinem Vietnam-Bericht an die Nation vor zehn Tagen gab ich die Entscheidung bekannt, im Laufe der nächsten 12 Monate weitere 150 000 amerikanische
Soldaten abzuziehen. Ich sagte damals, daß ich diese Entscheidung trotz unserer
Sorge über die zunehmende Feindtätigkeit in Laos, Kambodscha und Südvietnam
träfe.
Ich warnte damals, daß ich nicht zögern würde, feste und wirksame Maßnahmen
zu treffen, wenn ich zu dem Schluß käme, daß die erhöhte Feindtätigkeit in
einem dieser Gebiete das Leben der in Vietnam verbleibenden Amerikaner gefährden
würde.
Trotz dieser Warnung hat Nordvietnam seine militärische Aggression in allen
drei Gebieten - vor allem in Kambodscha - verstärkt."

Pressekonferenz vom 8. Mai 1970
"Ich will keine Spekulationen darüber anstellen, was die Nordvietnamesen
möglicherweise tun. Ich will lediglich sagen, daß ich es, wenn die Nordvietnamesen das tun, was sie nach Meinung einiger Leute tun könnten, nämlich mit
massierten Kräften von 250 000 oder 300 000 Mann über die entmilitarisierte
Zone hinweg gegen unsere dort stehenden Marinekorpseinheiten anzutreten,
-9-

�anzutreten, sicherlich nicht zulassen würde, daß unsere Männer dort niedergemetzelt werden, ohne stärkere und wirksamere Kräfte gegen Nordvietnam einzusetzen.
Ich glaube, daß wir die Führer Nordvietnams in dieser Hinsicht mehrfach gewarnt haben. Und weil wir sie gewarnt haben, glaube ich nicht, daß sie über die
entmilitarisierte Zone vorrücken werden."

Fernsehinterview vom 1. Juli 1970
"Um nun auf Ihre Frage zurückzukommen - wenn Sie zunächst einmal von ReEskalation sprechen, so planen wir nicht, erneut nach Kambodscha vorzustoßen.
Wir planen jedoch - und ich werde diese Macht einsetzen, ich werde sie soweit
notwendig einsetzen - , durch die Luftstreitkräfte der Vereinigten Staaten den
Nachschub von Menschen und Material, den ich als gegen Südvietnam gerichtet erachte, zu unterbinden. Das ist Teil meiner Aufgabe des Schutzes amerikanischer
Soldaten.
Nun wollen wir einmal die anderen Möglichkeiten einer Eskalation betrachten.
Zum Beispiel haben wir, wie Sie wissen, die Bombardierung im Norden eingestellt.
Und wie Sie auch wissen, war einer der Punkte der sogenannten Absprachen zu dem
Zeitpunkt, als wir die Bombardierung einstellten, der, daß amerikanische Aufklärungsflüge über Nordvietnam stattfinden könnten, um festzustellen,ob der Gegner
einen

neuen Angriff plane. Und diese Aufklärungsflüge sollten keinen Angriffen

ausgesetzt sein.
Jetzt wird von den Nordvietnamesen ständig auf diese Flugzeuge geschossen.
Ich habe darum, als wir am 30. April mit unserer Operation begannen, einige Angriffe auf Stellungen in Nordvietnam angeordnet, von denen aus unsere Flugzeuge
beschossen wurden.
Sollten diese Angriffe sich wiederholen, werde ich natürlich unsere Luftmacht auf die nordvietnamesischen Stellungen ansetzen, von denen aus unsere Flugzeuge angegriffen werden. Dies ist meine Pflicht, um die amerikanischen Soldaten,
unsere jungen Männer, zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden."
Pressekonferenz
-10-

�Pressekonferenz vom 10. Dezember 1970
"Wenn unsere Flugzeuge beschossen werden, dann werde ich nicht nur anordnen, daß sie das Feuer erwidern, sondern ich werde auch anordnen, daß die Raketenstellung zerstört wird und daß der militärische Komplex um diese Stellung
herum ebenfalls durch Bomben zerstört wird.
Darüber hinaus gibt es eine weitere grundlegende Verständigung hinsichtlich
der Bombenangriffe auf Nordvietnam. Auf einer Reihe von Pressekonferenzen sowie
in meiner Rede vom 3- November und in vier Fernsehansprachen an das amerikanische
Volk habe ich dies erklärt, und ich erkläre es heute abend erneut: zu einer Zeit,
da wir uns aus Südvietnam zurückziehen, ist es von lebenswichtiger Bedeutung,
daß der Präsident der Vereinigten Staaten als Oberbefehlshaber die Maßnahmen ergreift, die zum Schutze unserer verbleibenden Truppen notwendig sind, weil die
Zahl unserer Erdkampftruppen beständig zurückgeht.
Sollte ich zu dem Schluß kommen, daß die Nordvietnamesen durch ihre Infiltration unsere verbleibenden Truppen gefährden, sollten sie dadurch eine bestimmte Kapazität gewinnen und darangehen, diese Kapazität möglicherweise einzusetzen, um die Kampfhandlungen in Südvietnam zu verstärken, dann werde ich die
Bombardierung militärischer Anlagen in Nordvietnam, der Pässe, die von Nordvietnam nach Südvietnam führen, der militärischen Komplexe und der militärischen
Nachschublinien anordnen. Das wird die Reaktion sein, die dann von mir erfolgt."

Fernsehinterview vom 4. Januar 1971
"Ich hege nicht den Wunsch, die Bombardierung von Nordvietnam wieder aufzunehmen. Wir wollen nicht zu der Bombardierung der strategischen Ziele in Nordvietnam zurückkehren, ja wir wollen nicht einmal militärische Ziele bombardieren, wenn es nicht notwendig wird - und das ist der entscheidende Faktor -, um
amerikanische Truppen zu schützen.
Was

.11-

�Was nun die grundlegende Verständigung anbetrifft, so wollen wir diese einmal näher untersuchen.
Erstens, es gab eine grundlegende Verständigung,. Präsident Johnson hat dies
gesagtj Dean Rusk hat dies gesagt, Clark Clifford hat dies gesagt und Harriman
hat dies gesagt. Es bestand eine grundlegende Verständigung, daß nach Einstellung
der Bombardierung unbewaffnete Aufklärungsflugzeuge über Nordvietnam fliegen könnten, ohne angegriffen zu werden. Wir mußten darauf bestehen, denn sonst hätten wir
keinerlei Aufklärung darüber gehabt, ob sie etwa einen Angriff gegen uns planten.
Wenn sie also jene Kampfflugzeuge beschießen, dann, so habe ich Anweisung
erteilt, werden wir die Sam-Raketenstellungen - oder was immer es war, das auf
unsere Flugzeuge geschossen hat - herausgreifen. Wir werden das auch weiterhin
tun, und wenn sie (die Kommunisten) behaupten, es gäbe keine grundlegende Verständigung in dieser Richtung, dann gibt es auch für uns keinerlei Einschränkungen; das dürfen wir nicht vergessen. Nun, die andere grundlegende Verständigung
ist eine, die von mir ausging. Es ist eine neue Verständigung, die parallel zu
unserem Vietnamisierungsprogramm und zu unserem Abzugsprogramm läuft.... Der
Präsident der Vereinigten Staaten trägt als Oberbefehlshaber die Verantwortung
dafür, daß sich diese (in Vietnam verbleibenden amerikanischen) Soldaten nicht
einem überwältigenden Angriff aus dem Norden ausgesetzt sehen. Darum müssen wir
die Aufklärung fortsetzen und darum werde ich auch als Oberbefehlshaber Bombenangriffe gegen Schlüsselgebiete befehlen müssen, wenn der Gegner in einer Zeit,
da wir deeskalieren, in einer Zeit, da wir uns zurückziehen, seine Infiltration
zu verstärken beginnt - Truppen und Nachschub über den Mu-Gia-Pass und über andere
Pässe zu bewegen beginnt.
Das war einer der Gründe für diesen Schlag, und wir werden

es erneut tun,

wenn unsere in Vietnam verbleibenden Truppen weiterhin bedroht werden - aber
nur gegen militärische Ziele, und nur, wenn es notwendig ist.
Ich habe das nicht erst vor einem Monat, sondern schon im November klargemacht. Sie werden sich an den 3.

November erinnern, ich meine meine Rede vom

3. November, als ich die Nordvietnamesen warnte, daß ich zurückschlagen würde.

�würde, wenn sie in einer Zeit, da wir unsere Truppen abziehen, ihre Infiltration
verstärkten und unsere verbleibenden Truppen bedrohten.
Ich habe das bei acht verschiedenen Gelegenheiten im Fernsehen und im Rundfunk erklärt. Ich habe das auch in anderen Botschaften an sie (die Nordvietnamesen) gesagt, die bei ihnen sehr laut und sehr deutlich angekommen sind. Es kann
also keine Frage bezüglich der grundlegenden Verständigung geben - und darum
haben wir dies getan.

Pressekonferenz vom 4. März 1971
"Ich habe bei zehn verschiedenen Anlässen erklärt...... daß wir in zweifacher Hinsicht unsere Luftmacht gegen den Norden einsetzen würden. Erstens,
daß wir jene Raketenstellungen angreifen würden, von denen her unsere Flugzeuge
beschossen werden; das ist gesehen, und wir werden dies fortsetzen. Zweitens,
daß ich Angriffe auf die Nachschubwege, die Infiltrationswege und die militärischen Komplexe anordnen würde - wie das bereits in der Vergangenheit der Fall
war - wenn nach meiner Feststellung eine verstärkte Infiltration aus Nordvietnam unsere in Südvietnam verbleibenden Truppen zu einer Zeit, da wir abziehen,
gefährdet. Ich werde das auch in Zukunft tun, wenn ich feststelle, daß eine
derartige Aktivität seitens Nordvietnams unsere verbleibenden Truppen in Südvietnam, insbesondere im Verlaufe unseres Abzuges, gefährden könnte. Die dritte
Frage ist nun, ob die Vereinigten Staaten durch den Einsatz ihrer Luftmacht
eine südvietnamesische Operation gegen Nordvietnam unterstützen könnten oder
nicht. Und die Frage darauf ist, daß ein solcher Plan in dieser Regierung nicht
erwogen wird."

Fernsehinterview

�Fernsehinterview mit dem Columbia Broadcasting System (CBS) vom 2. Januar 1972

"Frage: ... Jeder denkt an die Wiederaufnahme der ausgebreiteten Bombardierung von Nordvietnam. Können Sie uns über das, was wir bereits von den Behörden in Saigon und aus den Erklärungen von Verteidigungsminister Laird wissen, hinaus etwas über den militärischen Nutzen dieser Aktion sagen?
Antwort: Was den militärischen Nutzen anbetrifft, so lassen Sie mich zunächst erklären, warum wir es getan haben. Sie waren im Pressesaal des Weißen
Hauses wie immer anwesend, als ich die letzte Bekanntgabe über einen Truppenabzug machte, der die Zahl unserer Soldaten bis zum 1. Februar auf 139 000 Mann
senken wird. Und ich habe damals erklärt, daß ich für den Fall, daß der Gegner
seine Infiltration -verstärken oder andere Tätigkeiten beginnen würde, die nach
meiner Auffassung unsere verbleibenden und geringer werdenden Streitkräfte gefährden würden, Maßnahmen treffen würde , um mit dieser Situation fertig zu werden.
Die meisten von Ihnen haben darüber berichtet, und die meisten Korrespondenten haben darüber geschrieben. Ich habe genau das gemeint, was ich gesagt
habe. Der Gegner hat seine Infiltration verstärkt. Er hat die Absprache von
1968 verletzt, als man sich über die Einstellung der Bombardierung einigte,
und auf unsere unbewaffneten Aufklärungsflugzeuge geschossen. Der Gegner hat am
19. Dezember Saigon beschossen.
Unter diesen Umständen hatte ich keine andere Wahl, als in diesem Falle
ausgewählte militärische Ziele und Nachschubbasen zu bombardieren. Dies waren
die einzigen Gebiete, die getroffen wurden."
•Miinm

-14-

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15/1972
DER AMERIKANISCHE DOLLAR 1972
Von Dorothy Grook
WASHINGTON --(AD)— Die Unterzeichnung des Dollargesetzes durch Präsident
Nixon, durch das der Goldpreis von 35 auf 38 Dollar pro Unze Feingold heraufgesetzt wird, hat in der amerikanischen Öffentlichkeit wie auch in der Presse
kaum Beachtung gefunden.
Eine Änderung der offiziellen Dollarparität wirkt sich auf die Binnenwirtschaft praktisch nur wenig, wenn überhaupt, aus, denn Außenhandel und
sonstige Auslands-Transaktionen machen nur einen verhältnismäßig kleinen Teil
des Bruttosozialproduktes aus. Auch ist es den Amerikanern seit 1934 durch
Gesetz verboten, Goldmünzen oder Goldbarren zu besitzen. Der Wert des USDollar - wie auch jeder anderen Währung - liegt in seiner Kaufkraft. So interessiert sich denn der Amerikaner mehr für das Auf und Ab der Preise auf
dem Binnenmarkt und weit weniger für Änderungen der Devisenkurse.
Da jedoch der Dollar seit vielen Jahren die Basis für die Bewertung der
meisten ausländischen Währungen bildet, ist das Interesse an dem neuen offiziellen Goldpreis im Ausland weit größer. Der Außenhandel, der USA macht
zwar nur einen kleinen Teil des US-Bruttosozialproduktes aus, doch ist sein
Anteil am Welthandel - etwa ein Sechstel - weitaus größer.

Charakteristisch

-1-

�Charakteristisch für den US-Dollar heute ist, daß sein Goldwert zwar offiziell festgelegt, daß er jedoch nicht frei in Gold konvertierbar ist. Damit ist
der US-Dollar in dieser Hinsicht praktisch den meisten anderen Währungen gleichgestellt. Von maßgebender amerikanischer Seite ist darauf hingewiesen worden,
daß eine Konvertierbarkeit des US-Dollar in Gold von dem

Ergebnis der Verhand-

lungen über ein neues internationales WährungsSystem abhängig sei, das für alle
beteiligten Länder zufriedenstellend sein müsse.
Bei der Unterzeichnung des neuen Dollargesetzes hat Präsident Nixon betont,
er rechne mit dem Beginn solcher umfassenden Verhandlungen noch in diesem Jahr,
bei denen nicht nur Handelsfragen, sondern auch die Konvertierbarkeit der Währungen erörtert werden sollten. "Die Dollaranpassung", so erklärte der Präsident,
"bildet einen grundlegenden Ausgangspunkt bei den Bemühungen um eine neue Stabilität der Weltwirtschaft."
Auf der jüngsten Tagung der Finanzminister der Zehnergruppe bestand allgemeine Übereinstimmung, daß der amerikanische Dollar - wie. auch die Volkswirtschaften der westlichen Länder ganz allgemein - seit der Neufestsetzung der Wechselkurse am 18. Dezember "echte Fortschritte" zu verzeichnen hatten. Dabei wurde
auch hervorgehoben, daß die Spekulation gegen den Dollar auf den internationalen
Devisenmärkten so gut wie aufgehört habe. Als weiteres positives Zeichen wurde
die Zinsentwicklung in Europa und in den Vereinigten Staaten, die zu einer Annäherung der Zinssätze geführt habe, sowie die Entschlossenheit der Notenbanken aller
Länder gewertet, die im Dezember getroffene Übereinkunft zu unterstützen. Und es
herrschte Übereinstimmung darüber, daß die amerikanische Wirtschaft 1972 mit einem
Wachstum von fünf bis sechs Prozent, bei einer wesentlich größeren Stabilität von
Kosten und Preisen, rechnen könne.
Der Dollar und die weitere Entwicklung des Dollarkurses dürften auch ein Gesprächsthema auf der jetzt in Santiago beginnenden Welthandelskonferenz der Vereinten Nationen sein, wobei den Interessen der einzelnen Entwicklungsländer im
besonderen Rechnung getragen werden dürfte. Wie bei allen Währungs- und Handelsproblemen geht es hier um wirtschaftliche Fragen, die für diese Länder von grundlegender Bedeutung sind.

„ ., .,
Zweifellos
-2-

�Zweifellos wird es eine gewisse Zeit - vielleicht bis 197A - dauern, um
die voneinander abweichenden nationalen Interessen anzugleichen, so daß alle
zufriedengestellt sind. Die gegenwärtigen Vereinbarungen sind jedoch lebensfähig und führen zu wirtschaftlichen Verbesserungen. Auch die Aussichten sind
günstig, daß die jetzt entwickelte Form der internationalen Gespräche, Verhandlungen und Zusammenarbeit zu weiteren positiven Vereinbarungen führen wird
Das Ziel ist, wie Präsident Nixon es bezeichnet hat, nicht Flickwerk, sondern
ein neues Währungssystem, das sich auf lange Zeit hinaus bewähren wird.

&lt;-!•! I I t•• I I !•!•••

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15/1972

ERWEITERUNG DES GEMEINSAMEN MARKTES ERSCHWERT US-GETREIDEEXPORTE
Von Sam W.Morris

WASHINGTON —(AD)--. Die Erweiterung des Gemeinsamen Marktes im Jahre 1973,
der dann mit zehn Mitgliedsstaaten der größte regionale Handelsblock der
Welt ist, dürfte erhebliche nachteilige Auswirkungen für die amerikanischen
Agrarexporte, vor allem bei Weizen und Futtergetreide, nach Europa haben.
Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) betreibt eine gemeinsame
Agrarpolitik, die erstmals 1962 Anwendung fand und die auf einem protektionistischen System variabler Abschöpfungen sowie einer Stützung hoher Binnenpreise basiert. Die Abschöpfungen schwanken von Tag zu Tag und sollen verhindern, daß billigere Getreideimporte das Niveau der Binnenpreise stören. Die
Preisstützung der EWG beträgt zum Beispiel bei Weizen etwa drei Dollar pro
Bushel.
Da die Europäische Gemeinschaft keine offizielle Anbaukontrollen hat und
den Bauern hohe Preise garantiert, suchen diese natürlich durch Anbauerweiterung ihr Einkommen zu steigern. Diese Anbauausweitung und das Bestehen der

-1-

�der Gemeinschaft auf einem Abschöpfungsbetrag von 60 Dollar pro Tonne amerikanischen Weizens trifft den amerikanischen Export hart.
Seit 1957 unterlagen die amerikanischen Weizenverkäufe an

die Europäische

Gemeinschaft starken Schwankungen. 1957 waren es noch 188 Millionen Dollar,
1965 nur 35 Millionen Dollar. Im darauffolgenden Jahr war ein Anstieg auf 102
Millionen Dollar zu verzeichnen, doch dieser Betrag ging dann ständig wieder
zurück, bis er 1970 bei 47 Millionen Dollar lag. 1971 konnten die USA aufgrund
der schlechten siebziger Weizenernte in den EWG-Ländern wieder für 82 Millionen
Dollar Weizen dorthin ausführen.
Der Anbau von Weizen und Futtergetreide hat in der EWG so stark zugenommen,
daß die Exportabhängigkeit dieser Länder immer mehr zurückgegangen ist. Im Gegenteil hat der durch hohe Preise stimulierte Anbau bei Weizen zum Beispiel zu
beträchtlichen Überschüssen geführt, die nunmehr exportiert werden müssen.
Damit die Getreideexporte der EWG auf den Weltmärkten wettbewerbsfähig sind,
wurde der Export dieser Überschüsse stark subventioniert. Ohne solche Subventionen würden sich die Getreideüberschüsse der EWG auf den Auslandsmärkten nicht absetzen lassen, da der Binnenpreis der EWG bei Weizen weit über dem Weltmarktpreis
liegt. Die Mittel für die Exportsubventionierung werden weitgehend durch die variablen Abschöpfungen aufgebracht. Einer direkten Exportsubventionierung der EWG
bei Weizen von 1,65 Dollar pro Bushel steht eine solche der USA von lediglich
13 cent pro Bushel gegenüber. Und bei Futtergetreide gibt es überhaupt keine amerikanischen Exportsubventionierungen.
Die Vereinigten Staaten sind natürlich über die Ausweitung des Getreideanbaus in der EWG beunruhigt. Und wenn die EWG auf zehn Länder erweitert ist, die
Handelspräferenzen auf sieben weitere europäische Länder ausgedehnt werden und
die gemeinsame EWG-Agrarpolitik trotz aller Einwände unverändert bleibt, dann
befürchtet man in Washington, daß der Gemeinsame Markt bis 1980 bei allen Getreidearten nahezu autark sein wird. Dies würde für die Vereinigten Staaten den
Verlust eines ihrer wichtigsten Exportmärkte bedeuten.
Vor
-2-

�Vor einigen Wochen hat die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft den Importzoll für amerikanischen Mais um 11 Prozent erhöht, was von dem amerikanischen
Landwirtschaftsminister Earl L. Butz scharf kritisiert worden ist. Rund 40 Prozent der amerikanischen Maisexporte gehen in die EWG-Länder. Butz hatte diesen
Schritt der EWG als eine schwere Enttäuschung und einen Rückschlag für den Welthandel bezeichnet und betont, daß diese 11 prozentige Zollerhöhung noch zu der
Mehrbelastung für amerikanischen Mais von 20 bis 30 Prozent aufgrund der Neufestsetzung der Wechselkurse hinzukomme.
Eine kürzliche amerikanische Studie deutete an, daß der Bedarf der EWG an
Importgetreide bis zum Jahre 1980 - gegenüber 1970/71 - um fast 20 Millionen
Tonnen zurückgehen wird. Die zu erwartenden großen Überschüsse der EWG bei einzelnen Getreidearten, so heißt es in der Studie, seien eine ernste Herausforderung für die traditionellen Exportländer wie die USA, Kanada, Argentinien und
Australien und würden zu einem zusätzlichen Druck auf die Weltmärkte und einem
hieraus resultierenden Preisverfall führen.
Die Rekordweizenernte des Jahres 1971 hatte die EWG bereits gezwungen, die
Überschüsse durch zusätzliche Exporte abzubauen. Die Vereinigten Staaten, aber
auch Kanada, Argentinien und Australien, hatten sich nachdrücklich gegen dieses
ungewöhnlich starke "Dumping" verwahrt. In den jüngsten Handelsgesprächen konnten dann die amerikanischen Vertreter die EWG dazu bewegen, freiwillig einen
größeren Teil ihrer Überschüsse einzulagern, statt sie zu Dumpingpreisen auf
die Weltmärkte zu werfen.
Aber nicht nur die Nachfrage nach amerikanischem Weizen hat in Europa nachgelassen, sondern auch

bei Futtergetreide hat die EWG ihre Selbstversorgung

von rund 80 Prozent im Jahre 1956 auf 85 Prozent im Jahre 1970 steigern können,
obwohl der Futtergetreidebedarf der EWG-Länder in dieser Zeit um rund 58 Prozent zugenommen hat. Ja, seit 1966, dem letzten Jahr vor Inkrafttreten der
genieinsamen EWG-Agrarpolitik konnten die Vereinigten Staaten aus dem ständig
steigenden Futtergetreidebedarf der EWG-Länder aufgrund des Protektionismus

�Protektionismus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft keinen Nutzen mehr
ziehen.
Während infolge der ständig steigenden Einkommen auf der Welt und der
hieraus resultierenden qualitativen Verbesserung der Ernährung der weltweite Bedarf an Futtergetreide laufend zunimmt, dürften die hohen Binnenpreise der erweiterten EWG und die ausbleibende Umstrukturierung der Landwirtschaft dieser
Länder das künftige Wachstum ihrer Futtermittelimporte einschränken. Allerdings
könnte der wachsende Futtermittelbedarf in Japan und in Asien diesen Ausfall
für den amerikanischen Export zum Teil wieder wettmachen. Auch rechnen die Vereinigten Staaten damit, künftig mehr Futtergetreide nach der Sowjetunion, nach
Osteuropa und vielleicht auch nach der Volksrepublik China exportieren zu kennen.
Da die Bauern in den EWG-Ländern für ihr Getreide infolge der Subventionen
einen höheren Preis als auf dem Weltmarkt erzielen und aufgrund der variablen
Abschöpfungen gegen den Importwettbewerb abgeschirmt sind, ist es für die USA
schwer, in Europa ins Geschäft zu kommen. Der Sonderbeauftragte Präsident Nixons
für Zoll-und Handelsfragen, Botschafter William D. Eberle, hat erst kürzlich
wieder darauf hingewiesen, daß die Vereinigten Staaten von der EWG eine Reorganisation ihrer Agrarpolitik wünschten, damit die vollen Kosten von den Bauern
dieser Länder selbst getragen werden und nicht noch die Bauern anderer Länder
die Kosten und Schwierigkeiten der Anpassungen mit übernehmen müssen. Wörtlich
sagte Eberle: "Wenn Länder unrationell erzeugte Überschüsse aufweisen, dann
sollte es eine multilaterale Zusammenarbeit hinsichtlich der Einlagerung und
der Verwendung geben. Ist jedoch die EWG der Ansicht, sie müsse aus politischen
Gründen bestimmte Methoden zur Stützung des Agrareinkommens verfolgen, dann sollte sie auch Schritte unternehmen, um sicherzustellen, daß die Auswirkungen auf
andere Länder neutralisiert werden."
In der letzten Verhandlungsrunde mit der EWG haben die Vereinigten Staaten
versucht, diese zu einer Senkung ihrer grundlegenden Preisstützung und zu einer
stärkeren Zurückhaltung bei der Preissubventionierung zu bewegen. Die Vereinigten

-4-

�Vereinigten Staaten würden anstelle der Preisstützung direkte Zuwendungen an
die Bauern lieber sehen. In diesem Zusammenhang wird amerikanischerseits darauf
verwiesen, daß die Vereinigten Staaten in den sechziger Jahren eine ähnliche
Preisstützung für die Landwirtschaft hatten, wie es sie jetzt in der EWG gibt,
daß die USA diese jedoch dann zugunsten direkter Zuwendungen an ihre Farmer aufgegeben haben. Auf diese Weise würden die amerikanischen Farmer heute veranlaßt,
ihren Anbau besser der tatsächlichen Nachfrage anzupassen.
Während die von der EWG angewandte Preisstützung zu einer Stimulierung des
Anbaus führe, benutzten die Vereinigten Staaten diese direkten Zuwendungen dazu,
die Farmer zu einer Einschränkung des Anbaus zu bewegen; hier liege, so wird
betont, der entscheidende Unterschied.
Die Handhabung der Zoll-und der nicht zollursächlichen Handelsschranken
durch die EWG behindere, so wird von amerikanischen Experten betont, den US-Handel und verhindere den Zugang amerikanischer Agrarexporte zum Europäischen Markt
zu solchen Bedingungen, wie sie den europäischen Exporten nach den USA eingeräumt werden. Die USA gestatteten fast allen ausländischen Agrarimporten einen
völlig unbehinderten Zugang zum amerikanischen Markt. Allerdings sei die EWG
nicht die einzige regionale Handelsorganisation, die protektionistische Maßnahmen aufweise und eine Handelsliberalisierung behindere, so wird weiter erklärt. Der Welthandel werde vielmehr heute in einer Atmosphäre abgewickelt, in
der durch Subventionen die Binnenpreise hoch und die Verbraucherpreise niedrig
gehalten, während die Importe durch Restriktionen eingeschränkt und Anreize
für die Ausweitung des Exports gewährt würden. Das Ergebnis seien im Gegensatz
zueinander stehende nationale Preis-und Handelsstrukturen, von denen viele im
Hinblick auf die Weltmarktpreise für Getreide völlig unrealistisch seien.

-5-

�t

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15/1972
APOLLO-NACHRICHTEN
—(AD)-- Kurz vor Antritt des Rückflugs zur Erde am 25. April wird die
Besatzung von APOLLO 16 einen kleinen Forschungssatelliten freisetzen. Er
ist genau so gebaut und ausgerüstet wie der Kunsttrabant des Mondes, den
die APOLLO 15-Besatzung am 4. August 1971 im Mondorbit zurückließ. Etwa
sechs Monate lang übermittelte er Meßdaten über Magnetfeld, Schwerefeld
sowie die Dichte von Elektronen und Protonen.
Der 36 kg schwere neue "Subsatellit", wie ihn die Weltraumbehörde
NASA bezeichnet, soll den Mond in Höhen zwischen 102 und 139 km umkreisen.
Der größte Teil der Instrumente befindet sich in einem sechseckigen Behälter
von 79 cm Länge und 36 cm Durchmesser, dessen Außenflächen mit Sonnenzellen
besetzt sind. Sie liefern den Betriebsstrom und laden die Batterien immer
wieder auf, so daß nicht nur im Sonnenlicht, sondern auch auf der Nachtseite des Mondes fortlaufend beobachtet werden kann.
Der Subsatellit rotiert in seiner Umlaufbahn mit 12 Umdrehungen pro
Minute. Da das Magnetometer an einem eineinhalb Meter langen Ausleger angebracht ist, wurden zum Ausgleich dafür zwei weitere Ausleger von gleicher
Länge eingebaut, um die Flugstabilität zu sichern. Die bei einem Umlauf gesammelten Meßdaten werden in regelmäßigen Abständen zur Erde gefunkt und
im Jet Propulsion Laboratory von Pasadena (Kalifornien) ausgewertet.

+
Expeditionen

�Expeditionen zum Mond in Zahlen
APOLLO-Flug
Jahr
Datum
Flugdauer
(Stund.:Min )

11

12

14

15

16

1969

1969

1971

1971

1972
(geplant)

16.-24.7.

14.-24.11.

31.1.-9.2.

26.7.-7.8.

16.4.-28.4.

195:18

244:36

216:02

295:12

290:36

43 900

43 945

44 550

46 818

46 786

550

558

-1
Gewicht des Raumschiffs mit Mondfähre (in kg)
auf dem Mond abgesetzte Nutzlast
(in kg)

104

166

209

21:36

31:31

33:31

66:54

72:58

Aufenthalt außerhalb der Mondfähre
(Stund.:Min.)

2:24

7:29

9:23

18:33

21:00

im Gelände zurückgelegte Strecken
(in km)

0,25

2,0

3,3

27,9

25,7

20,7

34,1

42,8

76,6

88,6

30

45

34

74

75

Aufenthaltsdauer
auf dem Mond
(Stund.:Min.)

zurückgebrachte Boden-und Gesteinsproben (in kg) »
Mondumkre i sungen
insgesamt

�Das Magnetfeld des Mondes ist für die Forschung noch immer ein Rätsel.
Vor der ersten Landung von Menschen auf dem Mond war angenommen worden, daß die
in Mondnähe (vor allem durch EXPLORER 35) ermittelten Meßwerte in erster Linie
auf interplanetare Magnetfelder zurückzuführen seien und der Mond - wenn überhaupt - nur ein äußerst schwaches Magnetfeld haben könne. Aber die ersten Messungen an Ort und Stelle, die Untersuchung der Bodenproben und die Signale von den
Magnetometern, die am Landeplatz von APOLLO 12 und 15 von den Astronauten zurückgelassen wurden, zeigen deutlich, daß auch an der Oberfläche des Mondes zwar
schwache, aber doch eindeutig feststellbare magnetische Feldstärken vorhanden
sind.
Die Reaktionen des Mondmagnetfeldes mit dem Sonnenwind sind jedoch völlig
andere als die Wechselwirkungen zwischen diesem Wind, d.h. dem

von der Sonne

ständig abströmendem Plasma, und dem Tausendmal stärkeren irdischen Magnetfeld.
Dieses wird unter dem "Druck" des Sonnenwindes auf der Tagseite gestaucht (auf
ca. 60 000 km zusammengepresst), auf der Nachtseite dagegen mehr als 700 000 km
weit in den Raum hinaus verlängert. In der Randzone der "magnetischen Schale"
der Erde kommt es zu Turbulenzen, dann folgt im Übergangsbereich zum Eigenmagnetfeld der Erde, zur sogenannten Magnetosphäre, eine magnetisch neutrale Zone.
Auf dem Mond dagegen dringt der Sonnenwind auf der Tagseite bis zur Oberfläche
vor - sofern sich der Mond auf seiner 28-Tage-Wanderung nicht gerade auf der
Nachtseite der Erde innerhalb von deren Magnetosphäre befindet - und verstärkt
vermutlich das Eigenmagnetfeld, so daß im "Windschatten" auf der Nachtseite niedrigere Werte gemessen werden. Diese entsprechen jedenfalls dem Eigenmagnetfeld
des Mondes, das Rückschlüsse auf physikalische Eigenschaften des Mondinnern zuläßt.
Die magnetische Feldstärke ist jedoch örtlich verschieden. Am Landeplatz
von APOLLO 12 beträgt sie 38 Gamma, während die APOLLO 14-Mannschaft mit einem
tragbaren Magnetometer z.B. an einem Punkt 103 Gamma, 1 200 m entfernt davon
jedoch nur 43 Gamma ermittelte (Erdmagnetfeld zum Vergleich: ca. 60 000 Gamma

-3-

�Gamma an den Polen, 30 000 Gamma am Aequator). Die APOLLO 16-Astronauten
Young und Duke werden wiederum ein stationäres Magnetometer installieren und bei
Exkursionen ein ortsbewegliches Instrument mitführen, um örtliche Veränderungen
der Feldstärke an der Oberfläche zu registrieren. Darüberhinaus nehmen sie eine
Gesteinsprobe vom APOLLO 12-Landeort für die Dauer ihres Aufenthaltes mit auf
den Mond und bringen sie wieder zur Erde zurück. Die vier Gramm

schwere Probe,

die in den letzten zwei Jahren gründlich untersucht wurde, besaß anfangs eine
"weiche" und eine "harte" Magnetisierungskomponente. Die weiche Komponente
wurde durch Behandlung im elektrischen Wechselfeld entfernt, die harte Komponente dagegen blieb erhalten. Ist die Probe nach der Rückkehr vom Mond wieder
mit einer "weichen" Magnetisierungskomponente aufgeladen, so wird das als Anzeichen dafür gewertet, daß diese ursprünglich gar nicht vom Mond, sondern aus
interplanetaren Magnetfeldern oder von der Erde stammte. Fehlt die weiche Komponente jedoch, so dürfte sie, als sie zum ersten Mal ermittelt wurde, tatsächlich
lunaren Ursprungs gewesen sein.

I I I I M I I I I l-l 1 4 1

-4-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vertrag über das Verbot der Anwendung bakteriologischer Kampfmittel unterzeichnet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Präsident Nixon würdigt Bedeutung des Abkommens -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Einstellung der Bombardierung Nordvietnams 1968 und die Warnungen der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Zusammenstellung von Erklärungen maßgebender US-Politiker -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der amerikanische Dollar 1972&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Dorothy Crook&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erweiterungen des Gemeinsamen Marktes erschwert US-Getreideexporte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Sam W. Morris&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;APOLLO-Nachrichten</text>
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                    <text>W.ERIKA DIENST

-

SONDERBEILAGE 1966

XIX - 3

PRESIDENT JOHNSON UNTERBEITET BOTSCHAFT UEBER DIE
LAGE DER NATION (Wortlaut)

XIX - 3

WISSENSCHAFT, STAAT UND WELTRAUMFORSCHUNG
Ansprache Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten
Staaten in der Bundesrepublik Deutschland,
GEORGE C. MCGHEE, gehalten am 14. Januar 1966 vor der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universitaet zu Bonn

XIX - 4

DER AMERIKANISCHE STAATSHAUSHALT 1966/67
Zusammenfassung und Auszuege der Haushaltshotschaft, die
Praesident Johnson dem amerikanischen Kongress am 24. Jan.
1966 vorgelegt hat.

XIX - 4

DIE AMERIKANISCHEN FRIEDENSBEMUSHUNGEN IN VIETNAM
Eine Chronologie.

XIX - 5

DIE AMERIKANISCHEN FRIEDENSBEMÜHUNGEN IN VIETNAM
Eine Chronologie.
Berichtigung und Ergaenzung zur Sonderbeilage XIX-4.

XIX - 5

DER WIRTSCHAFT3''ERICHT PRAESIDENT JOHNSONS
Auszuege aus dem Wirtschaftsbericht, den Praesident Johnson
dem amerikanischen Kongress am 27. Januar 1966 unterbreitete.

XIX - 8

DER VIETNAM-KONFLIKT
NICHT INNERER AUFRUHR SONDERN BEWAFFNETER ANGRIFF VON AUSSEN
Erklaerung die der amerikanische Aussenminister, Dean Rusk,
am 18. Februar 1966 vor dem Aussenpolitischen Ausschuss des
Senats abgegeben hat.

XIX -11

WELTHANDELSPOLITIK UND DEUTSCH-AMERIKANISCHE BEZIEHUNGEN
Ansprache Sr. Exzellenz, des Stellv. Sonderbeauftragten
des US-Praesidenten fuer Handelsverhandlungen,
Botschafer W. Michael Blumenthal

XIX -13

EIN LAISTUNGSFAEHIGE3 VERKEHRS- UND TRANSPORTSYSTEM ALS
VORAUSSETZUNG FUER PROSPERITÄT UND WC
TEN
Eine Botschaft Praesident Johnsons an den US-Kongress
2. Maerz 1966.

XIX -21

SICHERHEIT BERUHT NICHT AUF WAFFEN ALLEIN
von Robert S. McNamara
US-Verteidigungsminister
(Wortlaut)

XIX *26

ERKLAERUNG MCNAMARAS ZUR ATLANTISCHEN ALLIANZ
21. Juni 1966 "Hearings" ueber die amerikanische NATOPolitik und die damit im Zusammenhang stehenden Themenkreise.

�XIX - 27

DIE DINGE BEIM NAMEN NENNEN
Wortlaut einer Erklaerung, die Staatssekretaer
Georg W. Ball, am 30. Juni 1966 im Rahmen der "Hearings"
ueber die NATO-Politik abgegeben hat.

XIX * 31

VERHANDLUNGEN SIND KEIN EINGESTÄNDNIS DES VERS AGENS
Wortlaut einer Ansprache Praesident Johnsons am 26. Aug.66,
vor der Universitaet Denver anlaesslich der üeberreichung
der Ehrendoktorwuerde und der Grundsteinlegung zum Bau
eines neuen Raumfahrtinstituts.

XIX - 32

USA WAEREN JEDERZEIT ZUM ABZUG AUS VIETNAM BEREIT
Lyndon B. Johnson
(Wortlaut)

XIX - 33

SUEDVIETNAM PROTESTIERTE BEI DER INTERNATIONALEN KONTROLLKOMMISSION GEGEN DIE INFILTRVTION DER ENTMILITARISIERTEN
ZONE DURCH BEWAFFNETE ELEMENTS DER REGULAEREN N0RDVIETNAMESISCHEN ARMEE
(Wortlaut)

XIX - 35

ABBAU DER HANDESSCHRANKEN WEITERHIN US-ZIEL IN DER
KENNEDY-RUNDE
Zehnter Jahresbericht des US-Praesidenten ueber das
Programm fuer den Abschluss von Handelvereinbarungen
(Mehrere Auszuege im vollen Wortlaut und das Begleitschreiben des Praesidenten)

XIX - 37

DIE EUROPA-POLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN
Wortlaut einer Rede des amerikanischen Praesidenten,
vor dem Verband der amerikanischen Leitartikler und
Kommentatoren, f. Oktober 1966.

XIX - 39

I. GIPFELKONFERENZ IN MANILA
II. DIE DEKLARATIONEN VON MANILA
Wortlaut des gemeinsamen Schlusskommuniques,
und gleichzeitig unterzeichneten Deklarationen.

XIX - 42

NICHT-KOMMUNISTISCHER KONSENSUS IM PAZIFIK
Aus "The Economist", London, 29. Oktober 1966.

XIX - 43

DIE NATO, DIE VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
Ansprache des Generalsekretaers der NATO, Manlio Brosio,
18.November 1966.
VERTRAG UEBER DIE FRIEDLICHE NUTZUNG DES WELTRAUMS
Wortlaut des Vertragsentwurfs, 8. Dezember 1966.

XIX - 46

�AMERIKA DIENST
U n i t e d
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Tel:

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Beilage

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XIX - 3

PRÄSIDENT JOHNSON UNTERBREITET BOTSCHAFT ÜBER
DIE LAGE DER NATION
(Wortlaut)

�PRÄSIDENT JOHNSON UNTERBREITET BOTSCHAFT ÜBER
DIE LAGE DER NATION

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Botschaft über
die Lage der Nation (State of the Union
Message), die Präsident Lyndon B. Johnson
am 12. Januar 1966 auf einer gemeinsamen
Sitzung des amerikanischen Kongresses verlesen hat.

"Ich trete heute vor Sie, um zum drittenmal über die Lage der
Nation zu berichten.
Ich komme, um Ihnen zu danken und um Ihnen erneut über den Dank
der Nation hinaus meinen eigenen Tribut zu zollen. Denn dieser Kongreß
hat sich bereits ein ehrenvolles Kapitel in der Geschichte Amerikas
gesichert.
Unser Land steht gegenwärtig in einem brutalen und bitteren Konflikt in Vietnam. Ich möchte diese Auseinandersetzung etwas später
heute abend mit Ihnen erörtern. Sie muß im Mittelpunkt unseres Sorgens
und Trachtens stehen.
Aber wir werden es nicht zulassen, daß jene, die in Vietnam auf
uns schießen, einen Sieg über Wunsch und Wollen des amerikanischen
Volkes erringen. Unsere Nation ist mächtig genug - unsere Gesellschaft
ist gesund genug - unser Volk ist stark genug -, um unsere Ziele in
der übrigen Welt zu verfolgen, während wir hier im eigenen Lande eine
Große Gesellschaft aufbauen.
Und dies sind die Dinge, um die ich Sie heute abend ersuchen
möchte:
1. Die Mittel bereitzustellen, um die im vergangenen Jahr verabschiedeten großen Gesundheits- und Erziehungsprogramme mit voller Kraft

�Kraft fortzuführen.
2. Die Mittel bereitzustellen, um unseren Krieg gegen die Armut
mit Kraft und Entschlossenheit fortzusetzen.
3. Unserem Auslandshilfeprogramm, das Hunger, Seuchen und den
Mangel an Wissen in den Ländern, die zur Selbsthilfe entschlossen
sind, auf wirksamste Weise bekämpfen soll, eine neue und kühne Richtung zu weisen - und solchen Ländern zu helfen, die ihr Bevölkerungswachstum kontrollieren wollen.
4. Eine Ausweitung des Handels zwischen den Vereinigten Staaten
und Osteuropa sowie der Sowjetunion zu ermöglichen.
5. Gesamte Stadtkerne und Slums in verschiedenen unserer Städte
völlig und in nie zuvor versuchtem Umfang neu aufzubauen.
6. Die kostspielige und nicht mehr zumutbare Verschmutzung unserer Flüsse zu bekämpfen und als Krönung grose Ströme mit ihren gesamten
Einzugsgebieten völlig zu säubern.
7. Der wachsenden Gefahr der Kriminalität in den Städten zu begegnen - durch Ausbau der örtlichen Rechtsvollzugsorgane - und durch Stärkung des gesamten Bundessystems von der Vorbeugung bis zur Bewährung.
8. Weitere Maßnahmen zu treffen, um unserem ganzen Volk Gleichheit
vor dem Gesetz zu gewährleisten - und zwar durch wirksame Ausschaltung
jeder Diskriminierung bei der Auswahl der Geschworenen in einzelstaatlichen und Bundesgerichtshöfen - durch Erklärung jeder Obstruktion
öffentlicher und privater Bemühungen zur Sicherung der Bürgerrechte zu
einem schweren, auf Bundesebene zu ahndenden Verbrechen und durch Ächtung jeder Diskriminierung bei Verkauf und Vermietung von Wohnraum.
9. Mir bei der Modernisierung und Straffung der Bundesregierung
durch Schaffung eines neuen Verkehrsministeriums und durch Reorganisation verschiedener bereits bestehender Dienststellen zu helfen. Ich
meinerseits werde unser Bundesbedienstetensystem in den Spitzengruppen
umstrukturieren, damit Männer und Frauen ohne Schwierigkeit auf jene
Plätze gestellt werden können, wo sie am dringendsten benötigt werden
und wo Fähigkeit sowohl verlangt wie auch belohnt wird.

�10. Es den Mitgliedern des Repräsentantenhauses zu ermöglichen,
wirksamer im Dienste der Nation zu arbeiten, indem durch einen Verfassungszusatz die Amtszeit eines Abgeordneten auf vier Jahre verlängert wird, und zwar gleichlaufend mit der des Präsidenten.
Wegen Vietnam können wir nicht alles tun, was wir tun sollten oder
gern tun würden.
Wir werden Verschwendung und Unfähigkeit erbarmungslos verfolgen.
Wir werden sicherstellen, daß bei der Verausgabung jedes einzelnen
Dollar so sparsam und so vernünftig verfahren wird, daß daraus zu erkennen ist, daß wir wissen, wie schwer der Steuerzahler dafür arbeiten
mußte.
Und wir werden weiterhin die Bedürfnisse unseres Volkes erfüllen.
Allein im letzten Jahr erhöhte sich der von uns erzeugte Wohlstand um
47 Milliarden Dollar; und er wird sich in diesem Jahr wiederum auf
insgesamt 720 Milliarden Dollar steigern.
Weil unsere Wirtschaftspolitik höhere Steuereinkünfte erbrachte,
wird - wenn Sie alle Programme billigen, die ich vorschlage - unser
gesamtes Defizit eines der niedrigsten seit vielen Jahren sein - nur
1,8 Milliarden Dollar. Die Gesamtausgaben im Regierungsbudget werden
112,8 Milliarden Dollar betragen. Die Einkünfte werden 111 Milliarden
Dollar betragen.
Auf Bargrundlage - also so, wie Sie und ich unser Familienbudget
führen - wird der Bundeshaushalt in diesem Jahr einen Überschuß ergeben.
Das heißt, wenn wir sämtliches Geld, das unsere Regierung einnimmt und
ausgibt, rechnen, so wird unsere Regierung im Finanzjahr 1967 eine halbe
Milliarde Dollar mehr einnehmen als ausgeben.
Ich bin heute abend nicht hierhergekommen, um für angenehmes Wohlleben und müßiges Vergnügen zu plädieren. Ich bin hierhergekommen, um
zu empfehlen, daß Sie - die Vertreter der reichsten Nation der Erde,
die gewählten Diener eines Volkes, das in einem auf dieser Welt unübertroffenen Überfluß lebt - allen Amerikanern die Grundvoraussetzungen anständiger Lebenshaltung verschaffen.
Es

- 3 -

�Es gibt Menschen, die ausrufen: Wir müssen Opfer bringen. Fragen
wir sie lieber: Wen wollen sie opfern? Wollen sie die Kinder opfern,
die lernen wollen - die Kranken, die Betreuung verlangen - die Familien,
die noch im Elend leben, aber auf eine Heimstatt hoffen? Wollen sie die
Chance der Notleidenden opfern - die Schönheit unseres Landes - die Hoffnung unserer Armen?
Die Zukunft mag weitere Opfer fordern. Wenn, dann werden wir sie
bringen.
Aber wir werden nicht auf jene hören, die diese Opfer auf Kosten
der Hoffnungen der Unglücklichen in einem Lande der Fülle bringen wollen.
Ich bin überzeugt, wir können die Große Gesellschaft weiter aufbauen
und in Vietnam kämpfen. Wenn jedoch einige dies nicht glauben, dann, im
Namen der Gerechtigkeit, sollen sie den Beitrag jener verlangen, die unserer Segnungen voll teilhaftig sind, nicht aber es den Händen jener entreißen, die in Not sind.
Und niemand soll glauben, daß die Unglücklichen und Bedrängten in
diesem Lande in ihrer Hoffnung verlassen und allein sind. Hunderte ihrer
Diener und Beschützer sitzen jetzt vor mir hier in diesem großen Raum.
Drei Wege führen zur Großen Gesellschaft:
- Ausweitung der gesunden Wirtschaft und Vermehrung des Überflusses
unseres Landes.
- Gerechtigkeit, die es unserem gesamten Volk gestattet, an der Freiheit und den unbegrenzten Möglichkeiten Amerikas teilzuhaben.
- Ausschöpfen unserer geistigen Kräfte und unseres Überflusses, um
unser Leben zu bereichern.
An erster Stelle steht das Wachstum der Wirtschaft - der Wohlstand
des Landes, der das Wohlergehen unserer Menschen begründet und die Voraussetzungen für den Fortschritt schafft.
Ich kann Ihnen berichten, was Sie selbst in fast jeder Stadt und auf
dem Lande gesehen haben werden. Dieses Land steht mitten in der Prosperität. Die Arbeiter verdienen mehr Geld denn je zuvor. Das Einkommen nach

�nach Abzug der Steuern ist in den letzten fünf Jahren um 33 Prozent und
im vergangenen Jahr allein um 5 Prozent gestiegen.
Heute stehen mehr Menschen in Arbeit als je zuvor - die Zahl der
Arbeitsplätze hat sich im vergangenen Jahr um 2,5 Millionen erhöht.
Die Unternehmergewinne nach Abzug der Steuern sind größer denn je
zuvor - sie sind in den letzten fünf Jahren um 65 Prozent und mehr gestiegen und haben allein im vergangenen Jahr eine Zunahme um 20 Prozent
zu verzeichnen gehabt.
Und das durchschnittliche Einkommen in der Landwirtschaft ist höher
als je zuvor - in den letzten fünf Jahren betrug der Anstieg 40 Prozent
und im vergangenen Jahr allein 22 Prozent.
Ich bin heute nachmittag vom Finanzminister unterrichtet worden,
daß unser Zahlungsbilanzdefizit nach seinen vorläufigen Schätzungen von
2,8 Milliarden Dollar im Jahre 1964 auf 1,3 Milliarden Dollar oder noch
weniger im Jahre 1965 abgebaut worden ist. Dieser Erfolg wurde durch die
patriotische und freiwillige Zusammenarbeit von Wirtschaft und Banken mit
unserer Regierung erzielt.
Wir müssen jetzt noch stärker zusammenarbeiten, um das Zahlungsbilanzdefizit völlig zu beseitigen.
Während unsere Wirtschaft immer neuen Höchstständen entgegengeht,
müssen wir unsere Wachsamkeit gegenüber der Geldentwertung verstärken,
die die Lebenshaltungskosten anschwellen läßt und am Wert der Ersparnisse
jeder einzelnen Familie zehrt. Um eine Geldentwertung zu verhindern, ist
es unerläßlich, daß Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf dem Preis- und Lohnsektor Zurückhaltung üben.
Ich erachte es angesichts der erhöhten Militärausgaben für wünschenswert, daß Sie die erst vor zwölf Tagen in Kraft getretene Senkung der Verbrauchssteuern bei Kraftfahrzeugen sowie bestimmter Telefonsteuern vorübergehend wieder rückgängig machen.
Wir sollten ohne Erhöhung der Steuersätze oder auch nur eine Erhöhung
der insgesamt zu entrichtenden Steuersumme
- unser

- 5 -

�- unser System des Steuerabzuges so verbessern, daß die Amerikaner
ihre Steuern mehr den laufenden Einnahmen entsprechend entrichten können;
- die Einziehung der Körperschaftssteuern beschleunigen;
- wir sollten ferner weitere Vereinfachungen des Steuersystems vornehmen.
Ich hoffe, daß diese Maßnahmen ausreichen werden. Falls jedoch die
Erfordernisse des Vietnam-Krieges dies notwendig machen sollten, werde
ich nicht zögern, mich mit dem Ersuchen um zusätzliche Bewilligungen und
zusätzliche Einnahmen erneut an den Kongreß zu wenden.

Der zweite Weg ist die Gerechtigkeit.
Auf einen einfachen Nenner gebracht, bedeutet Gerechtigkeit, daß die
Hoffnungen des Menschen nicht durch seine Hautfarbe begrenzt werden dürfen.
Ich schlage daher vor:
- Gesetze, die unumgehbare Bestimmungen schaffen, welche jegliche
Diskriminierung bei der Auswahl von Geschworenen bei bundes- und einzelstaatlichen Gerichten ausschließen und den Justizminister ermächtigen,
für die Beachtung dieser Bestimmungen zu sorgen.
- Gesetze, die die Befugnisse der Bundesgerichte auf die Strafverfolgung jener ausweiten, die Bürgerrechtshelfer oder andere, die ihre
verfassungsmäßigen Rechte ausüben, entweder ermorden, tätlich angreifen
oder einschüchtern, und die die Strafen dafür auf ein Maß festsetzen,
das der Schwere des Verbrechens entspricht.
- Sich auf die vollste verfassungsmäßige Autorität der Bundesregierung stützende Gesetze, die beim Verkauf oder der Vermietung von Wohnraum jede rassische Diskriminierung verbieten.
Um jener anderen Nation innerhalb der Nation - nämlich den Armen zu helfen, deren Nöte das Gewissen Amerikas jetzt aufgerüttelt haben,
werde ich den Kongreß ersuchen, den Kampf gegen die Armut nicht nur fortzusetzen, sondern ihn noch zu intensivieren.
Für

- 6 -

�Für jene, die auf den Farmen und in den ländlichen Gebieten Amerikas leben, müssen wir für die Zukunft planen, indem wir verschiedene
neue Raumordnungsbezirke schaffen, das Erziehungswesen durch den Einsatz
eines Lehrerkorps verbessern, bessere Gesundheitsprogramme aufstellen,
körperliche Untersuchungen durchführen und angemessene und verfügbare
medizinische Hilfsquellen erschließen.
Für unsere Arbeitnehmer schlage ich vor, die Arbeitslosenversicherung zu verbessern, die Bestimmungen über die Mindestlöhne auszudehnen,
und - durch Aufhebung von Absatz 14 (B) des Taft-Hartley-Gesetzes - die
Arbeitsgesetze in allen unseren Einzelstaaten den Gesetzen jener 31 Bundesstaaten anzugleichen, die keine Bestimmungen über das 'Recht auf den
Arbeitsplatz* haben.
Und ich beabsichtige ferner, den Kongreß zu ersuchen, Maßnahmen in
Betracht zu ziehen, die uns - ohne daß wir uns unstatthaft in die einzelstaatlichen und örtlichen Belange einmischen - in die Lage versetzen,
Streiks zu begegnen, die den nationalen Interessen nicht wiedergutzumachenden Schaden zuzufügen drohen.
Der dritte Weg ist der Weg der Freisetzung vorhandener Kräfte. Es
gilt unseren Erfolg für die Erfüllung unseres Daseins zu nutzen. Eine
Nation ist nur groß, wenn aus ihr ein großes Volk erwächst. Ein großes
Volk aber erwächst nicht aus Reichtum und Macht, sondern aus einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder zur vollen Entfaltung ihrer schöpferischen Kräfte anspornt. Nur das ist eine Große Gesellschaft.
Poch langsam und mühselig - an der Schwelle des Durchbruchs - ist
I

die Erkenntnis gekommen, daß Wohlstand für alle an sich noch nicht genug
ist. Inmitten aller Fülle lebt der moderne Mensch bedrückt von Kräften,
die den Inhalt seines Lebens bedrohen und einengen und die durch materiellen Überfluß des einzelnen allein nicht zu bewältigen sind.
Wir können diese Kräfte bändigen und meistern - unserem Leben größeren Inhalt geben -, wenn wir alle - Regierung und Bürger - kühn genug
sind, alte Wege zu verlassen, und wagemutig genug, neue Gefahren auf
uns zu nehmen, und wenn unser Traum- und Zukunftsbild uns wert genug erscheint, die unbegrenzten Fähigkeiten unseres großen Volkes auf den Plan
zu rufen.
Wir
- 7 -

�Wir müssen in diesem Jahr weiter daran arbeiten, den Inhalt des
Lebens eines jeden Amerikaners zu bereichern.
Lassen Sie uns die großangelegten Gesundheits- und Erziehungsprogramme des vergangenen Jahres verwirklichen und verbessern, wobei wir
allen denen, die ihr Leben in unseren Streitkräften einsetzen, besondere
Chancen einräumen wollen.
Ich fordere das Repräsentantenhaus auf, die bereits vom Senat gebilligten drei Programme - für das Lehrerkorps, die Mietbeihilfen und
die Selbstverwaltung des Distrikts Columbia - zu verabschieden.
Wir müssen in einigen unserer Großstadtgebiete am Neuaufbau ganzer
Stadtteile und Viertel, in denen in einigen Fällen bis zu 100 000 Menschen
leben, mithelfen. Privatwirtschaft und Staat müssen gemeinsam an die Aufgabe herangehen, Wohnhäuser und Fabriken, Parks und Krankenhäuser und all
die anderen notwendigen Elemente eines blühenden Gemeinwesens zu schaffen,
in dem unsere Menschen ein erfülltes Leben führen können.
Ich werde weiter Vorschläge unterbreiten, durch die die Planung des
Wachstums ganzer Großstadtgebiete Anreiz und Belohnung erfahren soll.
Von all den achtlosen Verwüstungen unseres natürlichen Erbes ist
keine schändlicher als die fortgesetzte Verseuchung und Vergiftung unserer
Flüsse und der Luft.
Wir müssen gemeinschaftliche Anstrengungen unternehmen, um die Verseuchung mehrerer großer Flüsse und ihrer Einzugsgebiete zu unterbinden indem wir zusätzliche Bundesmittel für die Planung und den Bau jener Einrichtungen bereitstellen, die erforderlich sind, um die Gewässer ganzer
Einzugsgebiete sauber zu halten und sie zu einer Quelle der Freude und
Schönheit für unser Volk zu machen.
Um die zunehmende Kriminalität und Gesetzlosigkeit anzupacken und zu
überwinden, müssen wir ein umfassenderes Programm zur Modernisierung und
Stärkung der örtlichen Polizeiorgane schaffen.
Unser Volk hat ein Recht darauf, sich zu Hause und auf der Straße
sicher zu fühlen. Dieses Recht muß gesichert werden.
Ebenso

- 8 -

�Ebenso wenig dürfen wir versäumen, der Vernichtung von Leben und
Eigentum auf unseren Autostraßen Einhalt zu gebieten.
Ich werde ein Straßensicherheitsgesetz (Highway Safety Act of 1966)
vorschlagen, um den Zuständen auf unseren Autostraßen ein Ende zu bereiten,
durch die bereits heute täglich 135 Amerikaner getötet und jährlich drei
Millionen verkrüppelt oder verletzt werden und durch die die Vernichtung
von Eigentum im Wert von 80 bis 90 Milliarden Dollar in den nächsten zehn
Jahren droht.
Wir müssen auch der Irreführung des amerikanischen Verbrauchers vorbeugen - indem wir verlangen, daß auf sämtlichen Verpackungen klar und
wahrheitsgemäß ihr Inhalt angegeben ist, daß sämtliche Zinsen und Kreditgebühren unmißverständlich dargelegt werden und daß schädliche Drogen
und Kosmetika aus unseren Geschäften ferngehalten werden.
Es ist der Geist unserer Verfassung, daß unter ihrem Schutz fortdauernder Institutionen und verwurzelter Prinzipien weiter Raum für die
reiche Fruchtbarkeit amerikanischer politischer Schöpfergabe vorhanden
ist.
Wir müssen uns wandeln, um dem Wandel gerecht zu werden.
Ich schlage Schritte zur Modernisierung und Straffung der Exekutive
sowie zur Modernisierung des Verhältnisses zwischen Stadt, Einzelstaat
und Nation vor.
Ein neues Verkehrsministerium ist zur Zusammenfassung unserer Zuständigkeiten im Verkehrswesen erforderlich. Der gegenwärtige Aufbau 35 Regierungsbehörden mit jährlichen Ausgaben von 5 Milliarden Dollar verhindert, den wachsenden Anforderungen der Nation, den Bedürfhissen
der Wirtschaft, dem Anspruch des Steuerzahlers auf höchste Leistungsfähigkeit und Sparsamkeit gerecht zu werden.
Ich werde ein Programm zum Bau und zur Erprobung eines neuen Überschal ltransportflugzeuges vorschlagen, das mit dreifacher Schallgeschwindigkeit - mehr als 3200 Kilometer in der Stunde - fliegen kann.
Zu einer Überprüfung unseres bundesstaatlichen Systems - des Verhältnisses zwischen Stadt, Einzelstaat, Nation und ihren Bürgern- bedürfen

- 9-

�bedürfen wir einer aus den hervorragendsten Gelehrten und Vertretern der
Öffentlichkeit bestehenden Konmission. Ich werde sie bitten, damit zu
beginnen, einen schöpferischen Föderalismus zu entwickeln, der die großartige Mannigfaltigkeit unserer Einrichtungen und unserer Menschen am
besten zum Tragen bringt, um die Probleme zu lösen, die Träume des amerikanischen Volkes in Erfüllung gehen zu lassen.
In dem Maße, wie der Wahlvorgang komplizierter und kostspieliger wird,
müssen wir es jenen, die nicht über persönlichen Reichtum verfügen, ermöglichen, sich um öffentliche Ämter zu bewerben, ohne in Abhängigkeit von
wenigen großen Geldgebern zu geraten. Ich werde Vorlagen unterbreiten, um
die gegenwärtig bestehenden unrealistischen Einschränkungen der Spenden
zu revidieren - um das endlose Überhandnehmen von Ausschüssen durch Erweiterung des Gesetzes auch auf lokale und einzelstaatliche Komitees zu unterbinden - um die Bestimmung, daß Spenden in vollem Umfang öffenzulegen
seien, mit scharfer

Strafandrohung zu verbinden - und um die Beteiligung

der Bevölkerung dadurch anzuregen, daß auch kleinere Spenden an die Partei
oder den Kandidaten steuerlich begünstigt werden.
Um den Kongreß in seiner Arbeit zu stärken, ersuche ich mit Nachdruck
um eine Verfassungsänderung in dem Sinne, daß die Amtszeit der Mitglieder
des Repräsentantenhauses auf vier Jahre verlängert wird. Diese Änderung
sollte frühestens 1972 in Kraft treten.
Die gegenwärtig geltende zweijährige Amtszeit zwingt die meisten Abgeordneten dazu, enorme Energie auf den nahezu ununterbrochenen Wahlkampf
zu verwenden, und beraubt so das Land des vollen Maßes ihrer Fähigkeiten
und Kenntnisse. Darüber hinaus ist heute die Regierungsarbeit weitaus
komplizierter als in unseren Anfängen und erfordert mehr Zeit zur Erlernung
und Beherrschung der technischen Aspekte der Gesetzgebungsarbeit. Und eine
längere Amtszeit wird mehr hochqualifizierte Männer für das politische
Leben gewinnen. Der Nation, dem Prinzip der Demokratie und jedem einzelnen
Wahlbezirk ist mit Wahlen nur alle vier Jahre besser gedient. Und ich
ersuche Sie um schnelles Handeln.

Das

- 10 -

�Das Maß der Gefahr
Heute ist das Haß der Gefahr in Vietnam voll.
Dieser Konflikt ist keine Episode für sich, sondern ein weiteres
großes Ereignis im Rahmen der Politik, die wir mit aller Konsequenz seit
dem zweiten Weltkrieg verfolgen.
Prüfstein dieser Politik sind die Interessen der Vereinigten Staaten das Wohlergehen und die Freiheit unseres Volkes. Aber eine Nation geht
unter, wenn sie diese Interessen aus enger Sicht betrachtet.
In einer klein und gefährlich gewordenen Welt könnte das Streben
nach engherzigen Zielen Zerfall oder sogar Verderben bringen.
Ein Amerika von unbeschreiblicher Macht - jedoch von einer feindseligen oder verzweifelten Welt umgeben - wäre weder sicher, noch könnte
es eine Zivilisation schaffen, die den Menschengeist befreit.
Um dieses Zieles willen halfen wir beim Wiederaufbau Europas, gewährten wir Griechenland und der Türkei Hilfe und verteidigten wir die Freiheit Berlins.
Um dieses Zieles willen haben wir den jungen, neuentstandenen Staaten
zur Erlangung der Unabhängigkeit verholfen, haben wir ihnen durch das
Friedenskorps eine helfende Hand geboten und haben wir das gewaltigste
Wirtschaftshilfeprogramm der Welt vorangetrieben.
Um dieses Zieles willen arbeiten wir am Aufbau einer Hemisphäre, in
der Demokratie und soziale Gerechtigkeit herrschen.
Um dieses Zieles willen haben wir die Verteidigung gegen die kommunistische Aggression übernommen - in Korea unter Präsident Truman - in der
Straße von Formosa unter Präsident Eisenhower - in Kuba unter Präsident
Kennedy - und wiederum in Vietnam.
Heute muß Vietnam im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen, aber
aus der gesamten Welt dringen Probleme und Möglichkeiten auf die amerikanische Nation ein. Ich werde sie in den kommenden Monaten in umfassender
Welse erörtern und werde den fünf kontinuierlichen Linien der Politik
folgen, die Amerika unter vier Präsidenten verfolgt hat.
Richtlinien
- 11 -

�Richtlinien der Politik
Der erste Grundsatz ist Stärke.
Wir sind heute stark genug, alle unsere Verpflichtungen zu erfüllen.
Wir werden für das nächste Finanzjahr Ausgaben in Höhe von 58,3 Milliarden Dollar benötigen, um diese notwendige Macht aufrechtzuerhalten.
Während die besonderen Ausgaben für Vietnam im nächsten Finanzjahr
um schätzungsweise 5,8 Milliarden Dollar ansteigen dürften, werden alle
anderen Ausgaben im gesamten Bundeshaushalt nur um 0,6 Milliarden Dollar
anwachsen. Dies ist aufgrund der strengen, kostenbewußten Sparmaßnahmen
möglich, die vom Verteidigungsministerium und der Regierung schlechthin
eingeleitet worden sind.
Ein zweiter Grundsatz der Politik ist das Bemühen, die modernen
Massenvernichtungsmittel zu kontrollieren, abzubauen und schließlich
völlig zu beseitigen.
Wir werden mit allem Nachdruck die vorliegenden Vorschläge weiterverfolgen und nach neuen suchen, um die Rüstungen zu kontrollieren und
der weiteren Verbreitung von Kernwaffen Einhalt zu gebieten.
Ein dritter Hauptgrundsatz unserer Außenpolitik ist es, am Aufbau
jener Zusammenschlüsse mitzuarbeiten, die die großen Möglichkeiten und
die Erfordernisse der Welt von heute reflektieren.
Durch Stärkung der gemeinsamen Verteidigung, durch Anregung des Welthandels, durch Erfüllung neuer Hoffnungen dienen diese Staatenverbände
der Sache einer prosperierenden Welt.
Wir werden in diesem Jahre neue Maßnahmen treffen, um die Allianz
für den Fortschritt, die Einheit Europas, die atlantische Gemeinschaft,
die regionalen Organisationen der Entwicklungskontinente und jenen überragenden Verband - die Vereinten Nationen - stärken zu helfen.
Wir werden uns bemühen, die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu
stärken, Zollschranken abzubauen, und das internationale Finanzwesen
zu verbessern.
Ein

- 12 -

�Ein vierter Grundzug der Politik ist das Bemühen, das menschliche
Dasein verbessern zu helfen.
Vom Marshallplan an bis jetzt hat diese Politik ihre Grundlagen in
den Forderungen des Mitgefühls und in dem sicheren Wissen gehabt, daß
nur ein Volk, dessen Zukunft Ansporn und Hoffnung bietet, einen sicheren
und friedlichen Staat aufbauen wird.
Ich schlage in diesem Jahr bedeutsame neue Richtlinien für unser
Programm der Auslandshilfe vor, um jenen Ländern zu helfen, die sich
selbst helfen.
Wir werden:
- einen weltumfassenden Angriff gegen die aus Hunger, Krankheit und
Unwissenheit entstehenden Probleme führen;
- das einzigartige Können und Geschick sowie die Hilfsquellen Amerikas - auf dem Gebiet der Landwirtschaft und der Düngung - jenen Ländern
zugänglich machen, die sich um die Entwicklung einer modernen Landwirtschaft bemühen;
- all jenen helfen, die die jungen Menschen in anderen Ländern erziehen, und den Kindern auf anderen Kontinenten die gleichen Erziehungsund Ausbildungsmöglichkeiten bieten, die wir unseren eigenen Kindern zu
geben versuchen. Zur Förderung dieser Ziele werde ich ein Internationales
Erziehungsgesetz (International Education Act of 1966) vorschlagen.
Ich werde weiterhin ein Internationales Gesundheitsgesetz (Internalional Health Act of 1966) vorschlagen,
- um Krankheiten durch ein erneutes Bemühen entgegenzutreten, den
von niemand betreuten Leidenden in der Welt die modernen Methoden und
Erkenntnisse der Heilkunde zukommen zu lassen - und Pocken und das Gelbe
Fieber auszurotten sowie noch in diesem Jahrzehnt die Malaria in den
meisten Gebieten unserer Erde unter Kontrolle zu bringen;
- um Ländern, die sich um eine Kontrolle ihres Bevölkerungswachstums
bemühen, durch Intensivierung unserer eigenen Forschungen und Bereitstellung von Mitteln für ihre Bemühungen zu helfen.
Für

- 13 -

�Für das nächste Jahr schlagen wir die Aufwendung von einer Milliarde
Dollar für alle diese Aufgaben Vor - und wir fordern alle, die die Mittel
dazu besitzen, auf, sich uns bei diesen Bemühungen anzuschließen.

Das unaufhaltsame Streben
Das fünfte und wohl wichtigste Prinzip unserer Außenpolitik ist die
Unterstützung der nationalen Unabhängigkeit - des Rechtes eines jeden
Volkes, sich selbst zu regieren und seine eigenen Institutionen zu gestalten.
Denn eine friedliche Weltordnung wird nur dann möglich sein, wenn
jedes Land den Weg geht, den es selbst gewählt hat.
Wir entsprechen diesem Prinzip, indem wir die Beendigung der Kolonialherrschaft unterstützen.
Wir entsprechen diesem Prinzip,im Ausland wie auch im eigenen Lande,
indem wir weiterhin die Beherrschung der Mehrheit durch eine Minderheit
oder die Unterdrückung einer Rasse durch eine andere ablehnen.
Wir entsprechen diesem Prinzip, indem wir Brücken nach Osteuropa
schlagen. Ich werde den Kongreß um Ermächtigung zur Aufhebung der besonderen Zollrestriktionen ersuchen, die eine Ausweitung des Handels zwischen
Ost und West behindern.
Das unaufhaltsame Streben nach nationaler Unabhängigkeit ist die
stärkste Kraft auf der heutigen Welt.
In Afrika, in Asien und in Lateinamerika macht sie die Absichten
derer zunichte, die andere ihren Ideen oder ihrem Willen Untertan machen
wollen.
Sie höhlt die Einigkeit des einstigen stalinistischen Imperiums aus.
In den letzten Monaten haben eine Reihe von Staaten diejenigen ausgestoßen, die diese Länder den ehrgeizigen Zielen des kommunistischen
China dienstbar machen wollten.
Die Gesichchte ist auf der Seite der Freiheit. Sie ist auf der Seite
der Staatswesen, die durch die schöpferische Kraft jedes einzelnen Volkes

- 14 -

�Volkes geschaffen wurden. Die Geschichte begünstigt kein bestimmtes
System und keinen bestimmten Glauben - es sei denn, daß Gewalt angewendet wird.
Das ist der Grund, warum wir dieses grundlegende Prinzip unserer
Politik verteidigen müssen - in Berlin, in Korea, in Kuba und jetzt
in Vietnam.

Ein fernes Land
Denn heute - wie schon an vielen anderen Tagen - kämpfen und sterben junge Amerikaner in einem fernen Land.
Heute - wie schon an vielen anderen Tagen - ist die amerikanische
Nation aufgerufen, das Blut ihrer Söhne und die Früchte ihrer Arbeit
für die Freiheitsliebe zu opfern.
Wie viele Male - zu meinen und zu Ihren Lebzeiten - hat sich das
amerikanische Volk zusammengefunden, um wie jetzt seinen Präsidenten
von Konflikten und Gefahren sprechen zu hören.
Und jedes Mal hat es mit all den Anstrengungen geantwortet, die
für die Sicherheit und die Freiheit der Nation erforderlich waren.
Dies ist auch heute in Vietnam wieder der Fall.
Vor noch nicht allzu vielen Jahren war Vietnam ein friedliches,
wenn auch mit Schwierigkeiten kämpfendes Land. Im Norden gab es eine
unabhängige kommunistische Regierung. Im Süden bemühte sich ein Volk um
den Aufbau einer Nation, wobei es die freundschaftliche Unterstützung
der USA fand.
Es gab Kreise in Südvietnam, die dem eigenen Volk die kommunistische Herrschaft aufzwingen wollten. Aber sie erzielten nur geringe Fortschritte. Ihre Hoffnung auf Erfolg war schwach. Dann - vor wenig mehr
als sechs Jahren - entschloß sich Nordvietnam zur Eroberung. Von da bis
auf den heutigen Tag schwoll der Strom von Soldaten und Nachschub aus
dem Norden nach dem Süden immer mehr an, wobei die Überbleibsel der Revolution in der Aggression untergingen.
Mit

- 15 -

�Mit dem wachsenden Ansturm

kristallisierte sich unsere Entschei-

dung heraus. Wir konnten gehen, Südvietnam seinen Angreifern und sicherer Eroberung überlassen. Oder wir konnten bleiben und an der Seite des
südvietnamesischen Volkes kämpfen.
Wir blieben.
Und wir werden bleiben, bis die Aggression aufgehört hat.
Wir bleiben, weil eine redliche Nation ein Volk, das sein Leben und
seine Unabhängigkeit auf unser feierliches Versprechen gesetzt hat, nicht
der Grausamkeit seiner Feinde überlassen kann. Und das ist ein Versprechen, das von drei amerikanischen Präsidenten erhärtet wurde.
Wir bleiben, weil es in Asien - und auf der ganzen Welt - Länder
gibt, deren Unabhängigkeit zum großen Teil auf ihrem Vertrauen auf amerikanischen Schutz beruht. Der Gewalt in Vietnam zu weichen, würde dieses
Vertrauen schwächen, die Unabhängigkeit vieler Länder untergraben und
den Appetit der Aggressoren anregen. Wir müßten in einem Land nach dem
anderen kämpfen oder einen großen Teil Asiens der kommunistischen Herrschaft überlassen.
Und wir haben nicht die Absicht, Asien der Unterwerfung preiszugeben.

Die Wandlung des Krieges
Im vergangenen Jahr wandelte sich die Natur des Krieges in Vietnam
erneut. In schnell anwachsender Zahl überschritten Bewaffnete aus dem
Norden die Grenze, um sich mit bereits im Süden befindlichen Kräften zu
vereinigen. Angriffe und Terror nahmen zu, angespornt und ermutigt durch
den Glauben, den Vereinigten Staaten ermangele es des Willens zum Weiterkämpfen und der Sieg sei in greifbarer Nähe.
Trotz unseres Wunsches, den Konflikt zu begrenzen, war es nötig,
zu handeln: um die wachsende Aggression abzuwehren - um den Menschen im
Süden Mut einzuflößen - und um dem Norden unsere Entschlossenheit klarzumachen. Deshalb begannen wir mit begrenzten Luftangriffen gegen militärische Ziele in Nordvietnam und brachten unsere Kampftruppen auf ihre
gegenwärtige Stärke von 190 000 Mann.
Diese
- 16 -

�Diese Schritte haben nicht das Ende der Aggression gezeitigt, aber
sie haben deren Erfolg vereitelt. Der Einsatz und die Tapferkeit der
Amerikaner und ihrer Verbündeten - und der ausdauernde Mut der Südvietnamesen, deren Ausfälle im vergangenen Jahr das Achtfache der unseren
betrugen - machten es dem Feind unmöglich, seine Ziele zu erreichen.
Der Feind steht nicht mehr dicht vor dem Sieg. Die Zeit steht nicht
mehr auf seiner Seite. Es gibt keinen Grund, die amerikanische Verpflichtung in Zweifel zu ziehen.
Unser Entschluß, standzuhalten, ist ebenso stark wie unser Wunsch
nach Frieden.
Die Suche nach Frieden
i

Im Jahre 1965 führten wir mit unseren Freunden und Gegnern in aller
Welt 300 private Gespräche über den Frieden in Vietnam.
Seit Weihnachten ist die amerikanische Regierung mit Einfallsreichtum und Ausdauer erneut darum bemüht, alle Hindernisse einer friedlichen
Lösung zu beseitigen. Seit nunmehr zwanzig Tagen haben wir und unsere
vietnamesischen Verbündeten keine Bomben mehr auf Nordvietnam abgeworfen.
Fähige und erfahrene Vertreter unserer Sache haben im Namen Amerikas
über vierzig Länder besucht. Wir haben mit mehr als hundert Regierungen mit allen 113 Regierungen, zu denen wir Beziehungen unterhalten, und mit
einigen, zu denen wir keine Beziehungen unterhalten - Gespräche geführt.
Wir haben die Vereinten Nationen informiert und an alle UN-Mitgliedstaaten
appelliert, auf jede nur mögliche Weise zur Erreichung des Friedens beizutragen.
In öffentlichen Erklärungen und in privaten Mitteilungen - gegenüber
Gegnern und Freunden, in Rom und Warschau, in Paris und Tokio, in Afrika
und in der ganzen westlichen Hemisphäre - haben wir unseren Standpunkt
klargestellt.
Wir wollen weder Gebiet noch Stützpunkte, weder wirtschaftliche
Herrschaft noch ein militärisches Bündnis in Vietnam. Wir kämpfen für den
Grundsatz der Selbstbestimmung - daß das südvietnamesische Volk durch

- 17 _

�durch freie Wahlen, ohne Gewaltanwendung, Terror und Furcht, selbst über
seinen eigenen Kurs entscheiden kann. Wir sind der Meinung, daß das ganze
vietnamesische Volk eine freie Entscheidung über die große Frage der Wiedervereinigung treffen sollte.
Das ist alles, was wir für Südvietnam wollen. Und wenn es auf dieser
Erde eine einzige Nation gibt, die weniger als dies für ihr Volk verlangt,
dann möge sie sich zu Wort melden.
Wir haben ebenfalls klar zu verstehen gegeben - von Hanoi bis New
York -, daß unsere Suche nach Frieden keiner willkürlichen Beschränkung
unterliegt. Wir stehen zu den Genfer Abkommen von 1954 und 1962. Wir werden uns an jedem Konferenztisch einfinden, über jeden Vorschlag sprechen
- seien es vier Punkte oder vierzehn Punkte oder vierzig Punkte - und die
Ansichten jeder Gruppe in Erwägung ziehen. Wir werden auf eine Feuereinstellung hinarbeiten - sofort oder wenn es zu Gesprächen gekommen ist.
Wir werden entsprechend handeln, wenn andere ihre Gewaltanwendung verringern; und wir werden unsere Soldaten zurückholen, sobald sichere Garantien
vorhanden sind, daß Südvietnam seine Zukunft selber gestalten kann.
Wir haben das alles gesagt, und wir haben zur Antwort aufgefordert auf sie gehofft und auf sie gewartet.
Bis jetzt haben wir keine Antwort erhalten, aus der sich Erfolg oder
Fehlschlag herauslesen ließe.
Wir haben unseren Wunsch nach Frieden vielen Nationen und Völkern
vorgetragen, weil wir diesen Planeten zusammen mit anderen bewohnen, deren
Zukunft weitgehend von unserem Handeln abhängt und deren Rat wir für unsere
eigenen Hoffnungen brauchen.
Wir fanden Verständnis und Unterstützung. Und wir wissen, daß sie
heute abend mit uns auf eine Antwort warten, die zum Frieden führen kann.

Die nächste Zukunft
Ich wünschte, ich könnte Ihnen heute abend genau sagen, wie der Konflikt in den kommenden Monaten verlaufen wird. Aber wir können nicht wissen,
was die Zukunft erfordern mag. Vielleicht werden wir uns einem langen und

, 18 -

�und harten Kampf oder einer langen und harten Konferenz oder sogar
beidem gleichzeitig gegenübersehen.
Bis der Friede kommt - aber auch wenn er nicht kommt -, ist unser
Kurs klar. Wir werden handeln, wie wir es müssen, um die Unabhängigkeit
des tapferen südvietnamesischen Volkes zu schützen. Wir werden uns bemühen, den Konflikt zu begrenzen, denn wir wollen weder mehr Zerstörung
noch mehr Gefahren.
Aber wir werden unseren Soldaten geben, was sie brauchen: jedes
Geschütz, jeden Dollar und jede Entscheidung - was immer dies kostet
und wie groß auch immer die Aufgabe sein mag.
Und wir werden dem südvietnamesischen Volk weiterhin dabei helfen,
für die vom Krieg Heimgesuchten zu sorgen, den Fortschritt auf dem Lande
zu fördern und inmitten der Unsicherheit und der Schrecken des Krieges
die heilende Hoffnung auf den Frieden nach besten Kräften zu wecken.
Lassen Sie mich absolute Klarheit schaffen: Aus den Tagen können
Monate und aus den Monaten können Jahre werden, aber wir werden bleiben,
solange uns die Aggression zum Kämpfen zwingt.
Es mag Leute geben, die keinen Frieden wollen, deren Ambitionen so
weit reichen, daß der Krieg in Vietnam für sie nur ein willkommenes und
geeignetes Zwischenspiel in einem gewaltigen Plan bedeutet, sich die
Gesahichte gefügig zu machen. Aber anderen muß es jetzt klar sein, daß
die Wahl nicht zwischen Frieden und Sieg liegt. Sie liegt zwischen Frieden und den Verheerungen eines Konflikts, bei dem sie nur verlieren können.
Die Menschen in Vietnam, im Norden und im Süden, suchen das gleiche:
die Erfüllung der Bedürfnisse aller Menschen, Nahrung, Obdach und Erziehung - die Möglichkeit, zu bauen und zu arbeiten und den Boden zu bestellen ohne den willkürlichen Schrecken des Krieges. Sie haben den Wunsch,
mit der Würde eines Menschen zu leben, der sein eigenes Geschick bestimmt.
Lange schmerzvolle Jahre hindurch, in Krieg, Revolution und selten in Frieden, haben sie sich um die Erfüllung dieser Bedürfnisse bemüht.
Verbrechen

- 19 -

�Verbrechen an der Menschheit
Es ist ein Verbrechen an der Menschheit, daß so viel Mut und so
viel Willenskraft und so viele Träume in den Flammen von Krieg und Tod
untergehen müssen.
Wir rufen daher all denen, die in den Konflikt verwickelt sind,
erneut zu: Laßt uns den Frieden wählen und mit ihm die wunderbaren
Werke des Friedens und darüber hinaus die Zeit, zu der die Hoffnung,
der Ketten ledig, nach Vollendung strebt und das Leben dem Leben dient.

Die Lage der Nation
Dies ist die Lage der Nation.
Aber über all dem - Reichtum, Verheißung und Erwartung - sind wir
uns voller Bedrückung der amerikanischen Männer im Krieg bewußt.
Wie viele Männer, die mich heute abend hören, haben ihrer Nation in
anderen Kriegen gedient, und wie viele - wie gar so viele - können mich
nicht mehr hören.
Der Krieg in Vietnam ist nicht wie diese anderen Kriege. Und doch:
Krieg bleibt immer Krieg. Krieg bedeutet, daß junge Menschen in der
Blüte ihres Lebens sterben. Krieg bedeutet, daß man einen Menschen zu
töten trachtet, den man nicht einmal so weit kennt, daß man ihn hassen
könnte.
Wer also den Krieg kennt, der weiß, daß der Wahnsinn in der Welt
noch nicht ausgestorben ist.
Viele Von Ihnen tragen mit mir an der Last, die dieses Wissen bedeutet. Und doch besteht ein Unterschied, denn letztlich muß ich den
Befehl geben, zu schießen, obwohl sich alles in mir dagegen sträubt.
Denn wir haben Kinder, die eine Ausbildung erhalten sollen, und Kranke,
die geheilt werden sollen, und Menschen, die befreit werden sollen. Wir
haben Arme, deren Lebensstandard gehoben werden soll, und Städte, die
gebaut werden sollen, und eine Welt, der geholfen werden soll.
Doch

- 20 -

�Doch wir tun, was wir tun müssen.
Ich bin hoffnungsvoll, und ich werde mich dafür einsetzen, daß
dieser Krieg ein Ende findet und daß unsere Söhne wieder ein Leben
führen können, wie sie es sich wünschen.
Wenn aber andere unsere Sicherheit in Frage und die Ernsthaftigkeit unserer Überzeugung mit Feuer und Schwert auf die Probe stellen,
dann dürfen wir nicht zurückweichen - oder wir werden die Verheißung
zweier Jahrhunderte erschüttert sehen. Ich glaube, Sie wollen nicht,
daß ich ein solches Risiko eingehe. Und aus diesem Glauben schöpfe
ich als Ihr Präsident Kraft für die bevorstehenden Prüfungen.
Das Werk muß nun unser Werk sein. Mit den Narben der Schwäche
des Menschen, so wie Gott uns lenken und leiten mag, müssen wir trotz
allem - und allein im Gedanken an unsere Sterblichkeit - strebend uns
bemühen um das Edle im irdischen Leben.

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- 21 -

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XIX - 3

WISSENSCHAFT, STAAT UND WELTRAUMFORSCHUNG

Ansprache
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten
in der Bundesrepublik Deutschland,

GEORGE C. MCGHEE

gehalten am 14. Januar 1966
vor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn

�WISSENSCHAFT, STAAT UND WELTRAUMFORSCHUNG

Am 20. Dezember 1965 erhob Präsident Johnson während des Staatsdiners im Weißen Haus für Bundeskanzler Erhard, der zu Besuch in Washington weilte, sein Glas zu einem Toast auf den Ehrengast. Der Präsident zitierte die Mahnung Goethes, daß jeder Mensch sich jeden Tag
darum bemühen sollte, etwas Vernünftiges zu sagen. Er kam dann auf einige wichtige aktuelle Themen zu sprechen; von größtem Interesse für
uns heute abend ist jedoch sein Vorschlag über ein neues gemeinsames
Programm der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Weltraumforschung.
"Wir haben", erklärte der Präsident, "bereits ein gemeinsames
Weltraum-Unternehmen in Angriff genommen. Im Sommer vereinbarten unsere
beiden Regierungen, daß die Vereinigten Staaten einen in Deutschland
gebauten Satelliten starten, der Meßdaten aus den unteren Zonen des
Strahlungsgürtels der Erde liefert. Nunmehr wollen wir mit Ihnen - und
mit anderen - einen noch viel kühneren Plan erörtern, um etwas gemeinsam zu unternehmen, was jeder für sich allein nicht so leicht bewältigen könnte. Modellfälle wären zwei Projekte, die im Programm der Weltraumforschung einen hervorragenden Platz einnehmen. Beide stellen hohe
Anforderungen und beide sind sehr kompliziert. Im einen Fall geht es
um die Entsendung einer Sonde zur Sonne, im anderen zum Planeten Jupiter. Die Zusammenarbeit bei der Vorbereitung und Durchführung so großartiger Projekte würde unser Wissen und technisches Können beträchtlich mehren."
Auch Bundeskanzler Erhard war - und dies keineswegs aus reinem
Zufall - mit einem Vorschlag zu engerer Zusammenarbeit in der Weltraum-

�Weltraumforschung nach Washington gekommen. In seiner Erwiderung begrüßte der Kanzler die Anregung des Präsidenten und sagte u.a.: "Ich
habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, daß große Pläne von jener
Faszination erfüllt sind, die auch die Menschen anrührt und die schon
ein Teil des Gelingens ausmacht."
Ich kann Ihnen darüber hinaus versichern, daß diese Worte mehr
als Höflichkeitsfloskeln waren. Die Ansprachen kennzeichneten zum
einen das Ausmaß, in dem die Erforschung des Weltraums - ursprünglich
eine vornehmlich nationale Angelegenheit - Teil der internationalen
Beziehungen geworden ist. Zum anderen erhielt mit diesem Austausch von
Plänen auch die wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland wie auch zwischen den
Vereinigten Staaten und Europa eine neue Dimension. Ich möchte die
Gelegenheit, hier in der großen, berühmten Bonner Universität sprechen
zu können, dazu benutzen, einige Aspekte der weitreichenden Möglichkeiten für die Menschheit und die Völker zu behandeln, die sich heute
aus der Weltraumforschung ergeben.
Historiker haben viele Seiten gefüllt, um den Einfluß des Unbekannten, Neuen auf die Entwicklung des menschlichen Charakters zu
schildern. Früher einmal, als nur ein Bruchteil der Erdoberfläche erforscht und in die Zivilisation einbezogen war, lockten Länder und
Meere den Menschen. Die "Front" bei uns in Amerika war bis gegen Ende des
19. Jahrhunderts der "Wilde Westen". Wenn man den Westen in Liedern
und Filmen auch oftmals übertrieben dargestellt hat, so war er doch
in jedem Fall ein Ventil für den Tatendrang wissensdurstiger, rastloser und ehrgeiziger Mitbürger.
Während die Weltbevölkerung immer stärker zunahm, moderne Transport- und Nachrichtenmittel den Globus zu nachgerade Nadelkissengröße
zusammenschrumpfen ließen, verschwand auch weitgehend das "Neuland"
oder die "Front" im geographischen Sinn. Manche behaupten, in Wirklichkeit gäbe es gar nichts mehr zu entdecken. Meines Erachtens liegen aber die Dinge anders. Es gibt sehr wohl noch Neues zu finden und dieses Neue stellt an uns mitunter weit größere Anforderungen als

- 2-

�als das von einst. Lediglich die Natur des Unerforschten hat sich
gewandelt.
In den letzten 75 Jahren wurde die Welt Zeuge einer nach Art
und Umfang bisher einmaligen wissenschaftlichen und technischen
Revolution. In den zahlreichen Phasen dieser Revolution vollzogen
sich in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zwei besonders bedeutsame Entwicklungen: einmal die Nutzbarmachung der Kernenergie, die
sich nunmehr - rund 27 Jahre nach der grundlegenden Entdeckung Professor Otto Hahns hier in Deutschland im Jahre 1938 - zu einer der
wichtigsten Quellen für die Erzeugung elektrischer Energie entwickelt, zum andern die Erforschung des Weltraums.
Wir haben die stürmische erste Entwicklungsperiode des Zeitalters der Raumfahrt seit 1960 miterlebt. Vielleicht in noch größerem Maße als der Kernreaktorbau oder die Isotopentrennung mit ihren
diffizilen

Problemkomplexen stellt heute der Weltraum faszinieren-

des Neuland für das Denken und, in gewissem Sinne, auch für die geistige Haltung dar - das gilt mehr oder weniger für die ganze Menschheit. Seit der Mensch zum Bewußtsein erwacht ist, weiß er um die beherrschende Rolle der Sonne in seinem Leben. Die Sonne war die Quelle
von Licht und Wärme. Nach der Sonne benannte er seine Götter - sie
war das Ordnungsprinzip im täglichen Leben. Auch unser nächster Nachbar im Raum, der Mond, übt seit eh und je einen besonderen Zauber auf
den Menschen aus. Und kaum weniger stark ist der Reiz der übrigen
Planeten unseres Sonnensystems und der anderer Gestirne. Der unendliche Weltraum ist noch immer Neuland, das der Erforschung harrt. Der
Mensch hat jetzt jedoch erstmals das notwendigste Instrumentarium entwickelt, um diese Erforschung voranzutreiben - in einem Ausmaß, das er
nie für möglich gehalten hätte.
Viele Nationen haben Anteil an diesem Fortschritt. Zwei jedoch
überragen alle übrigen schon auf Grund ihrer reichen Hilfsquellen und wegen der Tatsache, daß sie entschlossen waren, diese Hilfsquellen
für die Weltraumforschung einzusetzen: die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion. Der wichtigste Faktor für den inzwischen erreichten Leistungsstand Amerikas in der Raumfahrt war eine von unserer Regierung

- 3 -

�Regierung organisierte und finanzierte große gemeinsame Anstrengung an ihr waren unsere Universitäten, unsere Wissenschaft und unsere Industrie gleichermaßen beteiligt. Auf die komplexe Struktur unserer
wissenschaftlichen Forschung und technologischen Entwicklung kann ich
hier nicht im einzelnen eingehen. Einige der Grundfakten möchte ich
aber doch ausführlicher behandeln.
Im vergangenen Jahr betrugen in den USA die laufenden Ausgaben
für Forschung und Entwicklung ungefähr 20 Milliarden Dollar; das entspricht etwa drei Prozent des amerikanischen Bruttosozialprodukts.
Davon trug die Bundesregierung 14,8 Milliarden, während der Rest in
der Hauptsache von der Privatwirtschaft aufgebracht wurde. Fast sieben Milliarden Dollar, oder knapp die Hälfte der Gesamtaufwendungen
der Bundesregierung, flössen der Weltraumforschung zu. 70 Prozent
dieser Summe entfielen auf zivile Weltraumprojekte. Wiederum ein Zehntel davon war für Grundlagenforschung bestimmt, während technologische
Aufgaben neun Zehntel verschlangen - die Entwicklung der kostspieligen
und komplizierten Geräte, die für die praktische Weltraumforschung benötigt werden. Die Maschinen und Apparaturen für die Raumfahrt kosten
viel Geld.
Die Bereitstellung dieser Mittel bedeutet ein erhebliches und auch
in Zukunft weiterbestehendes Engagement der Regierung der Vereinigten
Staaten auf dem Gebiet der Weltraumforschung. Diese Verpflichtung einzugehen war übrigens keine leichte Sache. Sie aufrechtzuerhalten erfordert in jedem Jahr Rechenschaftsberichte vor dem amerikanischen Kongreß mit nicht weniger als 4000 Druckseiten im Protokoll. Rundfunk und
Fernsehen berichten umfassend über amerikanische Weltraumunternehmen.
Die gesamte amerikanische Öffentlichkeit beteiligt sich lebhaft an der
fortgesetzten Debatte über unser Raumfahrtprogramm. Der Kongreß wie
auch der amerikanische Steuerzahler sind jedoch nach wie vor davon überzeugt, daß unser wagemutiger Vorstoß in den Weltraum den täglichen Aufwand von 10 Cent pro Kopf der Bevölkerung lohnt, der zu seiner Finanzierung erforderlich ist. Es geht, wie Präsident Johnson sagte, '•nicht
um die Frage, ob wir es uns leisten können, auf dem Mond zu landen. Die

- 4 -

�Die Frage ist, ob wir es uns leisten können, nicht zum Mond zu fliegen. Denn ein derartiges Versäumnis wäre ebenso katastrophal, als
hätten wir die Erforschung des Atoms versäumt".
Schenken Sie mir nun für einige Minuten Ihre Aufmerksamkeit
bei einer Betrachtung der Geschichte des amerikanischen Weltraumprogramms und des bisher Erreichten. Das amerikanische Weltraumprogramm
begann mit den Vorbereitungen zum Internationalen Geophysikalischen
Jahr, einem breit angelegten Programm informeller Zusammenarbeit von
Wissenschaftlern vieler Länder mit dem Ziel, Untersuchungen auf
allen nur erdenklichen Gebieten der Erdforschung auszuweiten und zu
koordinieren. Das IGJ, wie es meist nur genannt wird, war für die
Jahre 1957 und 1958 angesetzt. Während der ersten vorbereitenden internationalen Wissenschaftlerkonferenz in Rom im Jahr 1954 wurden jedoch
auch die ersten konkreten Vorschläge für den Start künstlicher Satelliten gemacht. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion
akzeptierten die Empfehlungen. Im Juli 1955 gab das Weiße Haus bekannt,
Präsident Eisenhower habe Pläne für den Abschuß eines kleinen Satelliten als Teil des amerikanischen Beitrags zum IGJ genehmigt. Das Weltraumzeitalter wurde somit aus internationaler Zusammenarbeit heraus
geboren. Als Wissenschaft gewann es jedoch erst Bedeutung, nachdem es
der Sowjetunion im Oktober 1957 gelungen war, SPUTNIK I in eine Erdumlaufbahn zu bringen. Die Herausforderung, die der SPUTNIK für Amerika
darstellte, war eindeutig. Ein neues Zeitalter war angebrochen, und
Amerika durfte nicht abseits stehen.
Die Reaktion der Vereinigten Staaten bestand in der Gründung der
US-Behörde für Luft- und Raumfahrt - der berühmten NASA - und in einer
zunehmenden Aktivität auf allen Gebieten der Raumfahrt. Seitdem sind
acht Jahre vergangen. Die Zahl der bei der NASA Beschäftigten beläuft
sich jetzt auf 34 000. Das Budget der NASA für das Haushaltsjahr 1966
beträgt 5,2 Milliarden Dollar. Allerdings werden 90 Prozent der NASAAufgaben außerhalb regierungseigener Institutionen ausgeführt.
Fast 10 000 Wissenschaftler, Forscher, Studenten und Techniker an
rund 150 Universitäten befassen sich zur Zeit mit Raumfahrtprojekten und

- 5 -

�und damit verwandten Aufgaben. Ihre Arbeit fördert Forschung und Lehre
in nahezu allen Wissensbereichen, insbesondere auf Gebieten, die jeweils mehrere wissenschaftliche Disziplinen vereinigen - WerkstoffForschung, Biotechnik, Energiequellen, Nachrichtenwesen und Datenverarbeitung, Gebiete also, auf denen jetzt viele der erregendsten grundlegenden Erfindungen gemacht werden.
Etwa 400 000 Männer und Frauen sind in den Laboratorien und Betrieben von fast 20 000 amerikanischen Firmen beschäftigt, die mit
Raumfahrt- und verwandten Projekten befaßt sind. Die neuen Techniken,
die sie begründen, finden in zahllosen Anwendungsmöglichkeiten außerhalb der Raumfahrt ihren Niederschlag - durch neue Materialien, neue
Konstruktionen und die Fähigkeit, ungewöhnliche, neuartige Ifaweltbedingungen herzustellen. Sie erarbeiten neue Möglichkeiten für mathematische Berechnungen und neue Erkenntnisse über die Funktionen des
menschlichen Organismus. Darüber hinaus werden neue Vorrichtungen zum Orten,
Messen, Senden, Empfangen, Fotografieren und Aufzeichnen entwickelt.
Die vielseitige technische Entwicklung, die sich aus allen Einzelschritten auf den Gebieten Luftfahrt, Atomenergie und Raumfahrt ergibt,
ist der Gegenwert für unsere Investition in Höhe von rund 100 Milliarden Dollar seit dem zweiten Weltkrieg. Eine detaillierte Analyse des
unmittelbaren Nutzens von Luftfahrt- und Weltraumforschung für andere
Gebiete, auch "spin-off* genannt, ist schwierig. Gemessen an einzelnen
Erfindungen ist er nicht groß. Gemessen an dem allgemeinen, die Gesellschaft als Ganzes erfassenden technologischen und wissenschaftlichen
Stimulus jedoch ist der Impuls enorm. Er schließt viele sensationelle
Entwicklungen ein, die schon im Grenzbereich des allgemeinen technischen Fortschritts liegen. Die Leistungsfähigkeit der Industrie eines
Landes stellt eine ungeheuer wichtige nationale Kraftreserve für die
Zukunft dar. Ohne das Stimulans des Raumfahrtprogramms hätte sich diese
Leistungsfähigkeit nicht in einem solchen Maße entfaltet.
Von Anfang an hat sich die NASA bewußt auf ein umfassendes, "totales" Weltraumprogramm konzentriert. Jede nur denkbare Anwendungsmöglichkeit für Erdsatelliten und Raumflugkörper wurde in Erwägung gezogen.
Viele

- 6 -

�Viele der NASA-Programme sind bereits mit Erfolg durchgeführt und bringen jetzt unmittelbar Dividende. Auf der Basis der von der NASA geleisteten Pionierarbeit hat die amerikanische Gesellschaft für Fernmeldesatelliten (COMSAT) eine sehr zweckmäßige Nachrichtenverbindung zwischen
Europa und Amerika über den Satelliten EARLY BIRD hergestellt. COMSAT
ist jetzt dabei, mit Hilfe wesentlich verbesserter künstlicher Satelliten ein weltweites Fernsprech- und Fernsehnetz aufzubauen.
Erst vor vier Jahren unterbreitete Präsident Kennedy den Vereinten
Nationen den Vorschlag, ein globales Netz zur Wetterbeobachtung und
Wettervorhersage zu schaffen. Die jüngsten Serien von Wetterbeobachtungssatelliten der NASA, T1R0S und NIMBUS, bildeten einen wichtigen
Schritt zur Verwirklichung dieses Planes. Dreizehn Länder verfügen bereits über Einrichtungen, mit denen sie Wolkenfeldbilder empfangen können - und zwar direkt von NASA-Satelliten, die die Erde umkreisen. Die
geringen Kosten der dafür benötigten Ausrüstung machen die Benutzung
von Wettersatelliten auch für ein Land mit einem sehr bescheidenen Budget erschwinglich. Das ist für Entwicklungsländer mit einer vielfach
landwirtschaftlich orientierten Wirtschaftsstruktur von besonderer Bedeutung.
Zur Zeit wird auch eine Reihe von geodätischen Satelliten gestartet, die eine äußerst präzise geopraphische Kartographie ermöglichen.
Wir werden in der Lage sein, geographische Örter auf der Erdoberfläche
sowohl in horizontaler als in vertikaler Ebene bis auf wenige Meter
genau zu bestimmen. Eine Anzahl von Satelliten mit speziellen Meßgeräten sind bereits in Umlauf, um Kernexplosionen im Weltraum zu orten
und die Erdoberfläche zu beobachten. Immer mehr Satelliten und Raumflugkörper verschiedenster Typen erforschen die Hochatmosphäre und die
Ionosphäre, die Strahlengürtel und Magnetfelder der Erde und den mysteriösen Sonnenwind.
Die Mondsonden vom Typ RANGER brachten insgesamt 17 000 brauchbare
Bilder von der Mondoberfläche, aus Höhen von ca. 1600 km bis unmittelbar vor dem Aufschlag auf dem Mond aufgenommen. Die interplanetaren
MARINER-Sonden ermöglichten neuartige Beobachtungen an Venus und Mars

- 7-

�Mars aus großer Nähe - sie gaben Meßdaten über Magnetfelder der Planeten,
die dort herrschenden Temperaturen und die Dichte und Zusammensetzung
ihrer Atmosphäre.
MARINER IV brachte den größten wissenschaftlichen Fortschritt für
die Weltraumforschung seit der Entdeckung der die Erde umgebenden Van
Allenschen Strahlenzonen im Jahr 1958. Sie werden sich sicherlich erinnern, im Fernsehen und in der Zeitung im Juli vergangenen Jahres einige
der 22 Aufnahmen von der Marsoberfläche gesehen zu haben, die über eine
Entfernung von 216 Millionen km zur Erde übertragen wurden. MARINER IV
war eine großartige technische Leistung. Die erfolgreiche Durchführung
des Experiments setzte voraus, daß 138 000 Baukomponenten der Sonde
funktionierten. Die Aufnahmen machte MARINER IV nach einem siebeneinhalb Monate langen, gefahrenvollen Anflug durch den Weltraum. Die Bilder, die er aufnahm, zeigten uns den Nachbarplaneten Mars aus bisher
größter Nähe.
Die umfangreichsten finanziellen Verpflichtungen in bezug auf die
Raumfahrt erwuchsen aus dem Entschluß der amerikanischen Regierung, die
Erforschung des Weltraums mit bemannten Flugkörpern zu fördern. Mit der
für seine Amtsführung so charakteristischen Weitsicht und Begeisterungsfähigkeit unterbreitete Präsident Kennedy im Mai 1961 dem Kongreß einen
Vorschlag zur Intensivierung des amerikanischen Weltraumprögramms. Projekt APOLLO - das amerikanische Vorhaben, bis zum Jahr 1970 zwei Astronauten auf dem Mond zu landen - war geboren. Gegenwärtig verschlingt das
Programm für die bemannte Raumfahrt mehr als die Hälfte ades amerikanischen Raumfahrt-Etats. Dann und wann wird auch die Frage gestellt, ob
dies die Sache überhaupt wert sei.
Dr. Hugh Dryden, der berühmte Wissenschaftler und stellvertretende
Direktor der NASA, hielt wenige Wochen vor seinem Tod im Dezember 1965
in Hawaii eine Rede über bemannte Rammfahrt. Er sagte damals u.a.:
"Hauptziel des APOLLO-Programms ist die Schaffung einer nationalen Kompetenz für den bemannten Raumflug bis hin zum Mond, die das industrielle
Potential, das Potential an Fachkräften, Bodenanlagen, Flugkörpern
und betriebstechnischen Erfahrungen gleichermaßen umfaßt. Der Einsatz

- 8 -

�Einsatz dieses gesamten

Potentials für den bemannten Flug zum Mond

und zurück zur Erde sowie für künftige Projekte der Weltraumforschung
ist darauf abgestellt, den Vereinigten Staaten die führende Stellung
im Weltraum zu bringen. Dann werden wir auch in der Lage sein, entsprechend unseren nationalen Interessen alles Erforderliche in bezug
auf künftige Untersuchungen und die künftige Nutzbarmachung dieser
neuen Umwelt zu tun."

,

Der Direktor der NASA, James Webb, hat unser Ziel eindeutig umrissen, als er erklärte: "Es ist unser nationales Ziel, die Ausrüstungen zu schaffen und sie so zu gebrauchen, daß jedes wichtige Weltraumunternehmen neue Erkenntnisse einbringt, und dann Systeme zu bauen, die
unter Anwendung dieser Erkenntnisse nützliche Arbeit leisten - in Satelliten, Observatorien auf Umlaufbahnen, im Nachrichtenwesen und auf
anderen Gebieten. Mit dem APOLLO-Programm, auf das sich gegenwärtig
unser nationales Raumfahrtprogramm konzentriert, führen wir der ganzen
Welt diese unsere Fähigkeit vor Augen." Ich freue mich, Ihnen hier berichten zu können, daß der amerikanische Zeitplan für das APOLLO-Programm eingehalten wird. Die so erfolgreichen jüngsten GEMINI-Flüge
haben uns in unserem Vertrauen noch mehr bestärkt, unser Ziel, die
Landung auf dem Mond, termingerecht zu verwirklichen.
Mitunter wurde behauptet, mit dem APOLLO-Programm sollten die
Sowjets im Wettlauf zum Mond um jeden Preis geschlagen werden. Meines
Erachtens kann man das von uns verfolgte Ziel besser darstellen.
Amerika ist entschlossen, sein Weltraumprogramm unbeirrt weiterzuverfolgen. Der Raumflug mit bemannten Geräten ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Programms. Für die erste bemannte Weltraumexpedition
kommt nur ein Ziel in Frage - der Mond, mit einer mittleren Entfernung
von 384 000 km. Er ist das "Sprungbrett" zu den Planeten. Auf dem Mond
finden wir alle die Probleme, an denen wir im Hinblick auf die Raumfahrt
besonders interessiert sind - die nahezu unbekannte Beschaffenheit der
Oberfläche, das Fehlen der Atmosphäre, die extremen Temperaturschwankungen, die intensive Strahlung und eine nach unseren Begriffen lebensfeindliche Umwelt. Die ganze bemannte Raumfahrt der Zukunft wird auf den
Ergebnissen basieren, die die Expedition zum Mond einbringt.

�Bitte verstehen Sie mich richtig. Jeder Amerikaner hofft, daß
amerikanische Astronauten als erste den Mond betreten. Die Sowjetunion macht geltend, ihr Ziel sei, die Vereinigten Staaten auf allen
Gebieten menschlichen Strebens zu überflügeln. Wir sind jedoch fest
davon überzeugt, daß eine freie Gesellschaftsordnung nicht nur die
besten Möglichkeiten für die Entfaltung des einzelnen bietet, sondern
auch in Wissenschaft und Technik erfolgreich konkurrieren kann. Wir
begrüßen diese Gelegenheit zu einem friedlichen Wettbewerb mit der
UdSSR.
Da sie jedoch nie sicher sein können, ob die Sowjets diesen Wettbewerb immer auf einer rein friedlichen Basis führen werden, haben die
Vereinigten Staaten auch ein militärisches Weltraumprogramm aufgebaut.
NASA befaßt sich ausschließlich mit der Erforschung des Weltraums zu
friedlichen Zwecken. Die Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht,
daß der Weltraum der gemeinsamen, friedlichen Nutzung durch alle Nationen offenstehen sollte. Dies ist auch in der von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gemeinsam befürworteten Resolution ausdrücklich
hervorgehoben, die 1961 in der Vollversammlung der Vereinten Nationen
eingebracht wurde. Und doch darf ein Punkt nicht übersehen werden. Die
Fähigkeit, den Weltraum zu beherrschen, könnte mit der Fähigkeit gleichbedeutend sein, auch die Erde zu beherrschen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten hofft, daß die Atmosphäre des
Kalten Krieges, durch Verdächtigungen und Mißtrauen gekennzeichnet, eines
Tages verschwindet. Aber bis dies erreicht werden kann, müssen die Länder
der freien Welt, wie die Bundesrepublik klar erkannt hat, stark und einig
bleiben. Wir müssen über die Kenntnisse und die Fähigkeiten verfügen, die
es uns ermöglichen, mit jeder Art von Aggression fertig zu werden, auch
der aus dem Weltraum. Und dies ist der Grund, weshalb das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten ein eigenes und unabhängiges Weltraumprogramm durchführt.
Ich komme jetzt auf das derzeitige NASA-Programm der internationalen
Zusammenarbeit im Weltraum zu sprechen. Die NASA wurde bei ihrer Gründung
vom amerikanischen Kongreß ausdrücklich angewiesen, ihre Aufgaben in

- 10 -

�in Zusammenarbeit mit anderen Staaten durchzuführen. Daraufhin entwickelte die NASA ein wichtiges Programm zur internationalen Zusammenarbeit, in das gegenwärtig 69 Staaten auf allen Kontinenten einbezogen
sind. Diese Zusammenarbeit ist außerordentlich vielfältig.
Die NASA hat Satelliten gestartet, die von Großbritannien, Kanada,
Italien und Frankreich entwickelt, finanziert und gebaut wurden. Im
Rahmen eines ähnlichen Vorhabens bereitet die Bundesrepublik den Start
eines Satelliten vor. Darüber hinaus wird ausländischen Wissenschaftlern
Gelegenheit gegeben, eigene Experimente in das Aufgabenprogramm einzelner NASA-Satelliten aufnehmen zu lassen. Bei fast allen NASA-Raumflugkörpern, einschließlich der bemannten Raumschiffe, besteht auf dieser
Basis die Möglichkeit einer Beteiligung des Auslands.
Ein umfassendes internationales Forschungsprogramm mit Raketensonden ist bereits angelaufen. Eine Raketensonde transportiert wissenschaftliche Instrumente beispielsweise bis in 160 km Höhe und fällt
dann wieder zur Erde zurück, ohne in eine Umlaufbahn einzutreten. Solche
Sonden sind wesentlich billiger als Satelliten und geben vielen Ländern
Gelegenheit, selbst mit sehr begrenzten Mitteln sinnvolle Raumforschungsvorhaben auszuführen. Bis heute sind über 150 Raketensonden, bei angemessener Kostenteilung, in Zusammenarbeit mit 17 Staaten abgeschossen
worden. Vielfach entwickelten sich aus den Raketensonden-Projekten umfassende regionale Forschungsprogramme. Allen interessierten Wissenschaftlern sind die Ergebnisse der dabei vorgenommenen Untersuchungen
uneingeschränkt zugänglich.
Weitere gemeinsame Projekte sehen die Beobachtung von NASA-Satelliten durch ausländische Wissenschaftler vor. Im Rahmen des transozeanischen Fernmeldeverkehrs über Satelliten der Typen TELSTAR, RELAY und
SYNCOM wurden auf Grund vertraglicher Vereinbarungen mit der NASA von
anderen Staaten besondere Bodenstationen errichtet. Die NASA hat ein
umfassendes Austauschprogramm für Wissenschaftler ins Leben gerufen,
unter dem bisher 151 Wissenschaftlern aus 30 Ländern ein Studienaufenthalt in den USA ermöglicht wurde; außerdem wurden an 113 junge Wissenschaftler mit abgeschlossenem Hochschulstudium aus 17 Staaten Stipendien

- 11 -

�Stipendien vergeben und 234 Techniker aus 19 Ländern in den Vereinigten
Staaten ausgebildet. Die verschiedenen Institute und Einrichtungen der
NASA zählten bisher rund 15 000 Wissenschaftler aus 121 Ländern und
Territorien zu ihren Besuchern.
Ungeachtet des Wettbewerbs zwischen uns und der UdSSR im Weltraum
haben wir mit der Sowjetunion eine begrenzte Zusammenarbeit auf diesem
Gebiet vereinbart. Zugegeben, es ist in dieser Hinsicht bisher wenig
geschehen; das Programm geht jedoch weiter. Trotz der vielen Spannungen
zwischen den USA und der UdSSR sind wir fortgesetzt - soweit dies mit
unserer Sicherheit und der unserer Verbündeten vereinbar ist - um Mittel
und Wege bemüht, die Verbindung zwischen unseren beiden Ländern nicht
abreißen zu lassen. Die Weltraumforschung könnte eine Brücke zwischen
unseren Völkern schlagen. Wir glauben, allen Nationen die Hand zur friedlichen Zusammenarbeit in der Weltraumforschung reichen zu können, ohne
dadurch die Interessen unserer freien Welt zu gefährden.
Was aber können wir künftig von der Weltraumforschung erwarten? Ein
Raumfahrtprojekt erfordert Spezialisten, bestimmte Techniken und Zeit.
Ein wesentlicher Teil des NASA-Programms besteht in der Planung. Die unmittelbare Zukunft des bemannten Raumfahrtprogramms der USA ist durch
den Zeitplan für das Projekt APOLLO klar vorgezeichnet. Es sind fünf weitere GEMINI-Flüge vorgesehen, bei denen die Technik des Rendezvous und
des Ankoppeins an einen anderen Flugkörper in der Satellitenbahn verbessert und verfeinert wird. Das Manöver des sogenannten Andockens ist in
jedem Fall bei einer Expedition zum Mond unerläßlich. Während eines der
nächsten GEMINI-Flüge wird sich ein Astronaut längere Zeit außerhalb des
Raumschiffs aufhalten - ein weiterer Test der Fähigkeit des Menschen,
bestimmte Aufgaben im Weltraum durchzuführen.
Das Projekt APOLLO bedeutet Weltraumforschung in einem Umfang, der
alles bisher Dagewesene weit übertrifft. Es verlangt die Entwicklung der
gigantischen Trägerrakete SATURN V, die etwa das 15fache der Schubkraft
der modifizierten TITAN II erreicht, mit der die GEMINI-Raumschiffe gestartet werden. Darüber hinaus muß das aus drei Hauptsegmenten bestehende
APOLLO-Raumschiff durchkonstruiert und seine Erprobung in Erdumlaufbahnen

- 12 -

�Erdumlaufbahnen abgeschlossen sein.
Ebenfalls als Vorbereitung der APOLLO-Expedition zum Mond sind
zwei weitere Mondforschungsprogramme mit unbemannten Sonden geplant,
die zusätzliche Informationen über die Mondoberfläche liefern sollen.
Das eine ist das Projekt SURVEYOR, das die weiche Landung eines unbemannten Geräts auf dem Mond vorsieht. SURVEYOR führt automatisch
Bodenuntersuchungen durch und übermittelt Fernsehaufnahmen von seiner
unmittelbaren Umgebung auf der Mondoberfläche. Das zweite ist das
Projekt LUNAR ORBITER, die Entsendung einer Photosonde, die in nur
35 km Abstand den Mond umkreist, um fortlaufend Fernsehaufnahmen von
einem breiten Streifen seiner Oberfläche zu machen.
Nach dem Abschluß der ersten APOLLO-Expedition werden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, pro Jahr acht APOLLO-Raumschiffe
zu starten. Die Grundtypen der APOLLO-Raumschiffe sind später so zu
modifizieren, daß sie für bemannte Raumflüge mit einer Dauer bis zu
45 Tagen eingesetzt werden können.
Ein Spezialgebiet für die bemannte Raumfahrt wäre die Montage und
regelmäßige Wartung großer und komplizierter Geräte in Erdsatellitenbahnen. So könnten beispielsweise große optische und Radioteleskope in
Positionen jenseits der Erdatmosphäre eine Fülle neuer wissenschaftlicher Daten bringen. Um solche kostspieligen Systeme über große Zeiträume hinweg funktionsfähig zu erhalten, dürften wir in bezug auf ihre
Bedienung und Wartung auf Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler
angewiesen sein, die gleichzeitig als Astronauten ausgebildet sind und
sich mit Hilfe des Rendezvous-Manövers von einem Raumschiff aus zu
ihnen begeben. Die im Rahmen der Projekte GEMINI und APOLLO erarbeitete
Technik des Andockens wäre eine Voraussetzung für solche Unternehmen.
Voraussagen darüber, was in zehn Jahren sein wird, sind auf einem
Gebiet schwierig, das es vor zehn Jahren noch gar nicht gab. Aber es
ist anzunehmen, daß Änderungen und Verbesserungen der grundlegenden
Technik für die Expedition zum Mond das bemannte Raumfahrtprogramm bis
weit in die siebziger Jahre hinein beherrschen werden. Die Planung für
den Aufbau von bemannten Mondbasen scheint heute noch verfrüht.
Auf

- 13 -

�Auf dem Gebiet der Erforschung des Weltraums mit unbemannten
Geräten wird man sich in den nächsten Jahren auf den Komplex ErdeSonne konzentrieren. Hier sind vor allem interplanetare Sonden von
großem Nutzen. In seinen Gesprächen mit Bundeskanzler Erhard in Washington hob Präsident Johnson als ein mögliches Projekt der Zusammenarbeit die Entsendung von Sonden zur Sonne und zum Planeten Jupiter
besonders hervor. Sie sind erstrangige wissenschaftliche Projekte
für die nächste Zukunft.
In der Anwendung der Kernenergie als Antriebskraft für ein Raumfluggerät wurden Fortschritte erzielt. Auch an der Entwicklung von
Plasma-Antriebssystemen wird intensiv gearbeitet, besonders hier in
Deutschland. Auf den Gebieten Nachrichtentechnik, Wettervorhersage
und Kartographie sind, unter weitgehender Anwendung bereits vorhandener Systeme, vielversprechende Entwicklungen - zum Nutzen aller im Gang.
Deshalb dürften in der Erforschung des Weltraums sowohl mit unbemannten als auch mit bemannten Geräten in den nächsten zehn Jahren
nur wenige Projekte notwendig werden, die nicht unter Verwendung der
bereits verfügbaren oder noch in der Entwicklung stehenden Systeme
durchgeführt werden könnten. Wahrscheinlich werden die Fortschritte in
diesem Zeitraum in erster Linie in der Verbesserung der Bodenanlagen,
der wichtigsten Gerätekomponenten oder der Flugerprobung der heute bzw.
in Kürze verfügbaren neuen Grundausrüstungen bestehen.
Das bedeutet alles in allem, daß für die nahe Zukunft der Weltraumforschung eine entsprechende Raumflugtechnik bereits existiert
oder in Kürze vorhanden sein wird. Präsident Johnson erklärte, Amerika
sei bereit, diese fortgeschrittene technische Kapazität mit anderen zu
teilen. Amerika ist sich darüber klar, daß mancherorts behauptet wird,
die USA und die Sowjetunion wollten die Weltraumforschung allein beherrschen - daß für Länder mit weniger reichen Hilfsquellen wenig Aussicht bestehe, sich wirksam zu beteiligen. Aber die Vereinigten Staaten
sind weit davon entfernt, den Weltraum zu ihrer Domäne zu machen - dies
beweist schon allein ihre beispiellose Bereitwilligkeit, ihre Programme

- 14 -

�Programme offenzulegen und mit anderen zusammenzuarbeiten. Wir glauben
sogar, daß viele Länder eine bedeutsame Rolle übernehmen können.
Die Möglichkeiten für wissenschaftliche Forschung im Weltraum sind
unbegrenzt. Die Untersuchung der höheren Schichten der Atmosphäre mit
ihren rätselhaften elektromagnetischen Phänomenen, des ganzen Komplexes
der solaren Strahlung und der magnetischen Eigenschaften der Erde selbst
bilden nur die ersten Phasen einer umfassenden Erforschung des Weltraums. Spezielle Techniken von praktisch unbegrenzter Vielfalt werden
erforderlich sein. Die Wissenschaftler und Ingenieure jeder Nation werden in der Lage sein, mitzuarbeiten. Jedes Land wird fachliche Kompetenzen auf diesem oder jenem Gebiet entwickeln, so daß jedes auf seine
Weise führend in der Weltraumforschung sein kann - und zwar mit allen
Konsequenzen, insbesondere dem Auftrieb für Wissenschaft, Technik und
Industrie.
Ich möchte an dieser Stelle zwei internationale Weltraumprogramme
hervorheben, die für Deutschland und ein technisch hochstehendes und
vereintes Europa von großer Bedeutung sind. Ich meine die europäische
Organisation für die Entwicklung von Satellitenträgern (ELDO) und die
europäische Organisation für Weltraumforschung (ESRO). Diese Körperschaften wurden in der Überzeugung geschaffen, daß sie den europäischen
Ländern die Möglichkeit geben würden, ihre Raumfahrtprojekte in Programmen von gemeinsamem Interesse zusammenzufassen und somit ihre nationalen Hilfsquellen optimal zu nutzen.
Ziel von ELDO ist die Entwicklung europäischer Trägerraketen; die
Pläne für den Start einer dreistufigen ELDO-Rakete im Jahr 1968 sind
fertiggestellt. ESRO, deren Aufgabe die Förderung der europäischen Zusammenarbeit in der friedlichen Erforschung des Weltraums ist, wurde
nach dem Muster des so erfolgreichen europäischen Kernforschungszentrums
(CERN) aufgebaut. Im Mittelpunkt des Arbeitsprogramms dieser Institution
stehen Entwurf und Bau von Nutzlasten für Raketensonden und Erdsatelliten und der Abschuß von interplanetaren Sonden. Die enge Zusammenarbeit
zwischen ESRO und den nationalen Institutionen der europäischen Länder
wie auch der Vereinigten Staaten bedeutet einen wichtigen gemeinschaftlichen Beitrag zu echter und schöpferischer Forschung. Ich stelle mit

- 15 -

�mit Freude fest, daß ESRO I (ein Ionosphärenforschungssatellit auf polarer Umlaufbahn) und ESRO II (ein Meßsatellit für sonnenphysikalische
Forschungen und zur Untersuchung der kosmischen Strahlung) auf Grund einer Vereinbarung mit ESRO durch die NASA gestartet werden.
Wir in den Vereinigten Staaten unterstützen diese wissenschaftliche
Integration Europas im Streben nach der Eroberung des Weltraums. Es ist
dies eine bedeutsame Entwicklung - nicht nur im Hinblick auf die Zukunft
Europas, sondern auch die der gesamten freien Welt. Wir werden diese
Entwicklungen weiterhin fördern und unseren vollen Beitrag dazu leisten.
Auf diesen Punkt möchte ich gleich etwas näher eingehen.
Es wurde damit argumentiert, daß der Aufbau von Organisationen wie
ESRO Anstrengungen der einzelnen Länder überflüssig mache. Das trifft
unseres Erachtens nicht zu. Wie der im Mai 1965 von der deutschen Weltraumkommission veröffentlichte Bericht betont, können die Vorteile internationaler Zusammenarbeit im Weltraum nur von einer Nation voll genutzt werden, deren Investitionen für eigene Projekte in Weltraumforschung und Raumfahrttechnik eine entsprechende Größenordnung aufweisen.
So können sich deutsche Firmen nur dann erfolgreich um ESRO-Aufträge
bemühen, wenn in Deutschland eine entsprechend große Kapazität in bezug
auf den Entwurf und den Bau von Raumflugkörpern vorhanden ist. Diese
Kapazität kann nur entwickelt werden, wenn ein eindeutiges Engagement
mit dem Ziel der Schaffung eines eigenen Weltraumprogramms besteht.
Wenden wir uns nun dem deutschen Weltraumprogramm zu, und betrachten wir kurz seine Beziehungen zu dem der Vereinigten Staaten. Im August 1965 wurden die Verhandlungen zwischen der NASA und dem Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung über das erste gemeinsame Satellitenprojekt abgeschlossen. Demnach baut die deutsche Industrie auf
Grund vertraglicher Vereinbarungen mit dem Ministerium einen von deutschen Wissenschaftlern entworfenen Satelliten (den Satelliten 625-A),
mit dem die Spektren und Ströme energiereicher Teilchen im inneren
Strahlengürtel der Erde erforscht werden sollen. Die NASA wird den für
1968 vorgesehenen Start des Satelliten durchführen und Einrichtungen
für seine Beobachtung und den Empfang der Meßdaten zur Verfügung stellen.
Dem
- 16 -

�Dem zwischen uns geschlossenen Vertrag liegt der Gedanke zugrunde,
daß jedes Land in eigener Verantwortung seinen Anteil - auf finanziellem
und wissenschaftlichem Gebiet - übernimmt. Jedoch bestehen schon seit
längerer Zeit verschiedene gemeinsame Forschungsprojekte unter Verwendung von Raketensonden. Die Station Raisting der Deutschen Bundespost
ist bereits Teil des Bodenstellennetzes für die Nachrichtenverbindung
mit Amerika über EARLY BIRD. An vier Orten in Deutschland sind bereits
bzw. werden Stationen zum Empfang der von den NASA-Satelliten TIROS und
NIMBUS übermittelten Wolkenbilder eingerichtet. Deutschland arbeitet
außerdem in der Ionosphärenforschung mit der NASA in der Weise zusammen,
daß die Ergebnisse der Beobachtungen vom Boden aus mit Satellitenmessungen koordiniert werden.
Die vielleicht umfassendste Zusammenarbeit zwischen uns auf dem
Gebiet der Weltraumforschung liegt jedoch in den vielen persönlichen
Kontakten zwischen deutschen und amerikanischen Luft- und Raumfahrtforschern. Der größte Teil der deutschen Spezialisten auf diesen Gebieten hat bereits mehr oder weniger lange in den Vereinigten Staaten gearbeitet. Ein besonderes Beispiel hierfür ist Professor Priester von
der Universität Bonn, der abwechselnd für das Bonner Institut für Astrophysik und Extraterrestrische Forschung und das "Goddard Institute for
Space Studies" in den Vereinigten Staaten tätig ist. Eines der bisherigen Ergebnisse dieser Zusammenarbeit ist eine Reihe wertvoller, gemeinsam erarbeiteter wissenschaftlicher Berichte. Der Rektor Ihrer Universität, Professor Groth, hielt anläßlich seiner Amtsübernahme im November vergangenen Jahres eine äußerst bemerkenswerte Vorlesung über photochemische Reaktionen in der Hochatmosphäre. Untersuchungen dieser Art
wären für gemeinsame Experimente mit Raketensonden und Satelliten besonders geeignet.
Ich habe im Vorangegangenen die Geschichte, die laufenden Vorhaben
und die künftigen Ziele unseres Weltraumprogramms ausführlich behandelt.
Nun möchte ich auf Präsident Johnsons Trinkspruch für Bundeskanzler
Erhard zurückkommen. Als Möglichkeiten für eine erweiterte Zusammenarbeit
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Weltraum-

- 17 -

�Weltraumforschung hat der Präsident, wie bereits erwähnt, die Entsendung von Sonden zum Jupiter und zur Sonne vorgeschlagen. Diese Projekte
sind nicht als ausschließliche Objekte einer möglichen Zusammenarbeit
zwischen unseren Ländern zu betrachten. Sie umfassen jedoch zwei wichtige Gebiete, auf denen Europa und Amerika gemeinsame Anstrengungen
machen können, um Antworten auf Fragen von grundlegender wissenschaftlicher Bedeutung zu finden.
Ein deutsch-amerikanisches und europäisch-amerikanisches Übereinkommen, diese Projekte gemeinsam in Angriff zu nehmen, würde unserer
gegenwärtigen Zusammenarbeit einen wesentlich größeren umfang geben. Es
würde eine erhebliche Ausweitung der Weltraumprogramme in Deutschland
und in anderen daran beteiligten europäischen Staaten erforderlich machen. Um Verhandlungen mit Deutschland und Vertretern anderer interessierter Regierungen in Europa über eine verstärkte Zusammenarbeit in
die Wege zu leiten, werde, wie der Präsident bekanntgab, in Kürze eine
Delegation unter der Leitung des Direktors der NASA, James Webb, nach
Europa entsandt.
Über die organisatorische Grundlage einer internationalen Zusammenarbeit im Weltraum haben wir noch keine festen Vorstellungen.
Das einzigartige Ziel, die riesigen damit verbundenen Kosten und
die Notwendigkeit enger Zusammenarbeit vieler wissenschaftlicher Disziplinen verlangen von uns jedoch, lebensfähige und angemessene Mechanismen für die praktische internationale Zusammenarbeit zu schaffen. Die
Größenordnung der Aufgabe fordert eher eine umfassende Organisation denn
kleine, unabhängige Programme.
Auf Grund der bisherigen Erfahrungen bei der Durchführung von Raumfahrtprogrammen sind an die Organisationsnormen höchste Ansprüche zu
stellen, damit Verluste, Verzögerungen und unzureichende Koordinierung
vermieden werden. Mit dem Begriff "Systems Management1* wurde ein neuer
Terminus eingeführt, der die wichtigsten Aufgabenkomplexe umreißt, die
für eine optimale Kontrolle unserer umfangreichen Raumfahrtprogramme erforderlich sind. Das Hauptproblem, das mit den bestehenden Organisationen
schwer zu lösen ist, liegt darin, die Qualitätskontrolle bei großen Systemen auf der Basis extrem kleiner Toleranzen durchzuführen.

- 18 -

In

�In unseren Bemühungen, die internationale Zusammenarbeit in der
Raumfahrt zu fördern, kommt den westeuropäischen Ländern, und der
Bundesrepublik im besonderen, größte Bedeutung zu. Diese Länder mit
einer überaus hochentwickelten Technik und Industrie vermögen, wie
sie bereits überzeugend demonstriert haben, die Verantwortung für die
Durchführung wichtiger Raumfahrtprojekte zu übernehmen. Umgekehrt profitiert ihre Industrie in hohem Maße von den engen politischen Bindungen, die zwischen Amerika und Europa bestehen. Eine erweiterte Zusammenarbeit im Weltraum würde die Idee der atlantischen Partnerschaft
stärken - im Rahmen der atlantischen Gemeinschaft.
Nach dem erfolgreichen Abschluß des Testflugs GEMINI 5 im August
vergangenen Jahres forderte Präsident Johnson die Welt zur Mitarbeit
auf. Dies gilt heute, nach den Flügen von GEMINI 6 und 7, in noch stärkerem Maße. Er sagte damals: "Die Fähigkeit unseres Landes, in der Raumfahrt zu führen, wird heute nirgends mehr in Frage gestellt. Freimütig
und stolz verfolgen wir unseren Weg, stets bereit, unser Wissen und
unsere Errungenschaften mit der ganzen Menschheit zu teilen. Und somit
möchte ich die an alle Staaten gerichtete Einladung Amerikas erneuern,
um diese Pioniertat eine Pioniertat aller werden zu lassen." In seinem
Trinkspruch auf Bundeskanzler Erhard richtete er diese Einladung noch
einmal unmittelbar an Deutschland und Europa.
Amerika hofft, daß sich die Bundesrepublik nun, da sie Präsident
Johnsons Einladung angenommen hat, mit Energie einem neuen Programm der
Zusammenarbeit im Weltraum mit uns und anderen Staaten widmen wird. In
welchem Ausmaß sich Deutschland und Europa auf den neuen Gebieten von
Wissenschaft und Technik, die

dlt*We ltraumforschung

heute verkörpert,

engagieren wollen, müssen sie selbst entscheiden. Aber es ist eine Entscheidung von eminenter Bedeutung - nicht nur für sie, sondern für die
technische Zukunft und die Stärke der freien Welt.

+ ++++

- 19 -

�AMERIKA DIENST
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5 3 2 0
Tal:

S t a t e s
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Beilage

3 0 0

0 8 - 8 5 4 3 2

XIX - 4

DER AMERIKANISCHE STAATSHAUSHALT 1966/67

Zusammenfassung und Auszüge
der Haushaltsbotschaft, die Präsident Johnson
dem amerikanischen Kongreß am 24. Januar 1966 vorgelegt hat

�PRÄSIDENT JOHNSON LEGT NEUEN US-HAUSHALT VOR
Zusammenfassung der wesentlichen Punkte der
Haushaltsbotschaft mit Auszügen

WASHINGTON - Präsident Lyndon B. Johnson hat am 24. Januar 1966
dem amerikanischen Kongreß seinen Haushaltsvoranschlag für das am 1.
Juli beginnende Finanzjahr 1966/67 vorgelegt, der mit Einnahmen von
111 Milliarden Dollar und Ausgaben von 112,8 Milliarden Dollar ein
Defizit im ordentlichen Regierungshaushalt von 1,8 Milliarden Dollar
ausweist. Der Gesamtzahlungsplan der Regierung, der die treuhänderisch
verwalteten Fonds einschließt, weist dagegen Einnahmen von 145,5 Milliarden Dollar und Ausgaben von 145 Milliarden Dollar aus, so daß sich
ein Überschuß von 500 Millionen Dollar ergibt.
Das neue Budget 1967 steht im Zeichen der anhaltenden wirtschaftlichen Expansion der Vereinigten Staaten und spiegelt einmal die steigenden Verteidigungsanforderungen der USA sowie die Entschlossenheit
des Präsidenten wider, seine Konzeption der "Großen Gesellschaft" weiter voranzutreiben. Während die Anforderungen auf militärischem Gebiet,
vor allem für den Kampf gegen die kommunistische Aggression in Südvietnam, als dringend notwendige Vorsorge angesehen werden, sind die erhöhten Voranschläge auf sozialpolitischem Gebiet der Ausdruck der Entschlossenheit des Präsidenten, diese Aufgaben auf keinen Fall hintanzustellen.
Der Präsident stellt in seiner Haushaltsbotschaft an den Kongreß
der Vereinigten Staaten zu Beginn fest:
'•Mit

�"Mit dieser Botschaft übermittle ich Ihnen heute das Budget der
Vereinigten Staaten von Amerika für das Haushaltsjahr 1967.
Ein Budget ist nicht einfach eine Kontenaufstellung. Es ist vielmehr ein Aktionsprogramm.
Das Programm der Bundesregierung, das dieses Budget empfiehlt,
gründet sich auf folgenden fundamentalen Prämissen:
- In internationalen Angelegenheiten sind wir entschlossen, mit
allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln Frieden zu suchen;
- aber wir sind voll und ganz bereit, die Kosten für die Zurückweisung der Aggression zu tragen.
- Auf innenpolitischem Gebiet sind wir entschlossen, voll Vertrauen
den Aufbau der Großen Gesellschaft voranzutreiben;
- aber wir werden dies methodisch und verantwortungsbewußt und in
einem Tempo tun, das den Anforderungen aufgrund unserer Verpflichtungen
in Südostasien an die Hilfsquellen der Nation entspricht.
Das Budget 1967 trägt den Stempel der unruhigen Welt, in der wir
leben.
Es erstellt die Mittel, die wir nach unserer jetzigen Voraussicht
zur Erfüllung unserer Verpflichtungen in Südostasien benötigen. Wenn
unsere Bemühungen um die Sicherstellung eines ehrenhaften Friedens
Früchte tragen, brauchen wir diese Mittel nicht auszugeben. Es wäre
jedoch eine Torheit, ein Budget vorzulegen, das hinsichtlich der Dekkung der militärischen und wirtschaftlichen Kosten für die Aufrechterhaltung unserer Streitkräfte in Vietnam unzureichend wäre. Und diese
Kosten sind beträchtlich.
In diesem Rahmen habe ich versucht, ein ausgeglichenes Programm
auszuarbeiten.
- Wir sind eine reiche Nation und können es uns leisten, im eigenen Lande Fortschritte zu machen und gleichzeitig unsere Verpflichtungen draußen zu erfüllen - ja wir können uns gar keinen anderen Kurs
erlauben, wenn wir stark bleiben wollen. Aus diesem Grunde brauche ich
den Fortschritt in den Programmen der neuen und lebenswichtigen Großen

- 2-

�Großen Gesellschaft nicht zu bremsen, um so die Kosten unserer Anstrengungen in Südostasien zu decken.
- Aber selbst eine wohlhabende Nation kann nicht all ihre
Wünsche auf einmal erfüllen. Aus diesem Grunde ist die Rate des
Fortschritts in den neuen Programmen etwas kleiner gehalten worden,
als dies vielleicht in weniger unruhigen Zeiten vorgeschlagen worden wäre; viele ältere und weniger dringliche Aufgaben sind reduziert
oder zurückgestellt und bei allen Aspekten der Regierungsarbeit ist
auf Sparsamkeit geachtet worden.
- Gleichzeitig möchte ich sicherstellen, daß die notwendige Erhöhung der Regierungsausgaben so finanziert wird, daß die wirtschaftliche Stabilität erhalten bleibt.
Aus diesem Grunde schlage ich verschiedene steuerliche Maßnahmen
vor, um die Regierungseinnahmen zu erhöhen. Mit diesem ausgeglichenen
Programm können wir:
- unseren internationalen Verpflichtungen mit Festigkeit nachkommen;
- die weitere Prosperität und wirtschaftliche Stabilität im eigenen Lande aufrechterhalten;
- die Produktivität, das Einkommen und den Lebensstandard unserer
ärmeren Mitbürger steigern;
- all unseren Bürgern ein erfüllteres Leben sichern;
- unsere nationalen Hilfsquellen für die kommenden Generationen
schützen und erhalten.
Und wir können diese Ziele erreichen, ohne unsere wirtschaftlichen Hilfsquellen in ungerechtfertigter Weise zu überfordern oder
unsere stetige wirtschaftliche Expansion in Frage zu stellen.'•
Eine Gegenüberstellung des Gesamtzahlungsplanes mit dem der beiden letzten Jahre ergibt folgendes Bild:

Finanzjahr

- 3

�Finanzjahr
1966
1967
(Voranschlag)
in Milliarden Dollar
1965

Haushaltseinnahmen

93,1

100,0

111,0

Einnahmen aus Treuhandfonds

31,0

33,5

41,6

Abzüglich interne Transaktionen

-4,4

-5,3

-7,1

119,7

128,2

145,5

96.5

106,4

112,8

Gesamteinnahmen
Haushaltsausgaben
(ohne zusätzliche Aufwendungen für
Vietnam)
Ausgaben aus Treuhandfonds
Abzüglich interne Transaktionen
Gesamtausgaben
(ohne zusätzliche Aufwendungen für
Vietnam)
Defizit/Überschuß im Gesamtzahlungsplan

(96,4) (101,7) (102,3)
29.6
33,8
37,9
-3,7
-5,2
-5,7
122,4

135,0

145,0

(122,3) (130,3) (134,5)
-2,7

-6,8

40,5

Der Präsident unterstreicht in seiner Botschaft nachdrücklich die
von den Vereinigten Staaten feierlich eingegangene Verpflichtung, bei
der Verteidigung Süd-Vietnams gegen die Aggression zu helfen. "Und wir
sind entschlossen", so erklärt er wörtlich, "diese Verpflichtung einzuhalten." In gleicher Weise, so betont der Präsident, bestehe aber auch
die Verpflichtung, allen Amerikanern bessere wirtschaftliche, soziale
und kulturelle Möglichkeiten zu geben, "und wir sind genauso entschlossen,
auch diese Verpflichtung einzuhalten". Diese beiden Verpflichtungen, so
hebt der Präsident hervor, erforderten große Kosten, "aber diese Kosten
können und werden wir auf uns nehmen".
Wörtlich fährt der Präsident fort: "Die von uns angestrebten Ziele
können nicht eines ohne das andere verwirklicht werden. Wir können nicht
für Frieden und Freiheit in Vietnam kämpfen, während wir im eigenen Lande
die Menschenwürde und die Chancen für den einzelnen opfern. Denn es würde
ein Scheinsieg sein, wenn unsere Bemühungen um den Weltfrieden auf Kosten

�Kosten des Fortschritts im eigenen Lande erfolgten. Wir müssen uns
ferner darüber im klaren sein, daß eine echte Große Gesellschaft auch
über ihre eigenen Grenzen hinausblickt. Freiheit, Gesundheit und Wohlergehen der gesamten Menschheit sind ihr ein echtes Anliegen. Der Kampf
in Vietnam muß unterstützt werden. Der Fortschritt in Richtung auf eine
Große Gesellschaft im eigenen Lande muß unverändert bestehenbleiben.
Dieser Haushalt weist die Mittel zur Erreichung beider Ziele aus. Ich
ersuche den Kongreß und alle Amerikaner, die in ihm aufgestellten Prinzipien und Programme zu unterstützen.H

Wirtschaftliches Wachstum
Die beispiellose ununterbrochene Wirtschaftsexpansion der vergangenen fünf Jahre, so betont Johnson, habe eindeutig gezeigt, wie sehr
ausgewogene fiskalische Maßnahmen zur Prosperität des Landes beitragen
können. Durch eine kluge Steuer- und Ausgabenpolitik sei es gelungen,
für den bisher längsten Zeitraum seit Ende des letzten Krieges ein stetiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten. Bei Fortsetzung dieser Politik werde die Wirtschaftsexpansion auch im laufenden Kalenderjahr und
darüber hinaus fortdauern. Das Bruttosozialprodukt werde bei einem voraussichtlichen Zuwachs von 46 Milliarden Dollar bis Ende 1966 auf 722
Milliarden Dollar - plus/minus 5 Milliarden Dollar - ansteigen.
Der Präsident weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß das
Bruttosozialprodukt der USA im vergangenen Kalenderjahr um 5,5 Prozent
zugenommen hat, daß 1965 fast 2,5 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze
geschaffen wurden, daß das Verbrauchereinkommen und die Gewinne der
Wirtschaft neue Höchststände erreichten und daß die Arbeitslosenquote
Ende 1965 mit 4,1 Prozent ihren niedrigsten Stand seit über acht Jahren
aufwies.
Eine expandierende Wirtschaft, so führt Johnson aus, bedeute aberauch höhere Einnahmen für den Staat sowie größere wirtschaftliche Hilfsquellen zur Erfüllung der militärischen und der internationalen Verpflichtungen der USA sowie für den Fortschritt in Richtung auf die Große Gesellschaft. Trotzdem müsse die Regierung die einzelnen Programme sorgfältig

- 5-

�sorgfältig gegeneinander abwägen und ihre wirksame Durchführung sicherstellen. Der Preis für den sozialen Fortschritt oder für die Verteidigung der Freiheit dürfe nicht eine Geldentwertung sein. Die Steuer- und
Währungspolitik der Regierung müsse darüber hinaus darauf abgestellt
sein, das Zahlungsbilanzdefizit weiter einzuengen, das im vergangenen
Jahr auf über die Hälfte des Standes von 1964 reduziert werden konnte.
Dies sei durch das freiwillige Programm der Wirtschaft wie auch durch
Maßnahmen der Regierung zur Einschränkung der Auslandsausgaben, wo
immer möglich, erreicht worden. Doch müßten alle diese Anstrengungen
weiter fortgesetzt werden.
Fiskalische Maßnahmen
Johnson unterstreicht in seiner Botschaft, daß sich die Ausgabenerhöhungen im neuen Haushalt - abgesehen von den zusätzlichen Aufwendungen für Vietnam - lediglich auf 0,6 Milliarden Dollar stellen. So
seien die erhöhten Aufwendungen für die Programme der Großen Gesellschaft durch Kürzungen bei anderen, weniger dringlichen Programmen sowie anderweitige Einsparungen nahezu aufgefangen worden. Die aufgrund
der Wirtschaftsexpansion zu erwartenden höheren Steuereinnahmen reichten
jedoch angesichts der Entwicklungen in Vietnam nicht zur Deckung aller
Ausgaben aus. Er habe daher vorgeschlagen, die Einbehaltungsrate bei der
Einkommensteuer der voraussichtlichen Steuerschuld anzupassen, die Abführung der Körperschaftssteuer zu beschleunigen sowie die mit dem 1.
Januar in Kraft getretenen Verbrauchssteuersenkungen bei Kraftfahrzeugen
und im Telefonverkehr vorübergehend rückgängig zu machen. Auf diese Weise
könne mit Gesamteinnahmen von 111 Milliarden Dollar gerechnet werden, so
daß das Defizit im ordentlichen Regierungshaushalt lediglich 1,8 Milliarden Dollar betragen werde. Dies sei - trotz der erhöhten Kosten in Südostasien - ein wesentlich niedrigeres Defizit, als für das laufende Haushaltsjahr zu erwarten stehe, und das niedrigste seit sieben Jahren überhaupt. Unter Zugrundelegung des Gesamtzahlungsplans ergebe sich sogar
ein Überschuß von 500 Millionen Dollar. Allerdings, so fügt der Präsident einschränkend hinzu, könne niemand den Lauf der Entwicklungen in
Südostasien genau voraussagen, und dies bedeute, daß die tatsächlichen

- 6-

�tatsächlichen Ausgaben sowohl über wie auch unter den derzeitigen Anforderungen liegen könnten. Doch trage der neue Haushalt den Unsicherheitsfaktoren durch entsprechende Flexibilität, die eine Anpassung an
die sich ändernden Bedingungen ermöglichen solle, weitgehend Rechnung.
Sollten die Bemühungen um einen Frieden in Vietnam Erfolg haben, so
könnten die freiwerdenden Mittel zur Lösung inneramerikanischer Aufgaben verwandt werden. Auf der anderen Seite werde er jedoch nicht
zögern,falls die Entwicklungen in Südostasien dies erforderten, zusätzliche Mittel anzufordern.

Ausgabeermächtigungen
An Ausgabeermäciitigungen für den Ordentlichen Regierungshaushalt
- um die einzelnen Programme durchführen zu können - fordert der Präsident insgesamt 121,9 Milliarden Dollar. Hierbei handelt es sich um
106,3 Milliarden Dollar an neuen Ausgabeermächtigungen und 15,6 Milliarden Dollar an ständigen Ausgabeermächtigungen, die vom Kongreß nicht
erneut bewilligt werden müssen. Der größte dieser Posten ist der Zinsendienst für die Staatsschuld.
Die Ausgabeermächtigungen für den Ordentlichen Regierungshaushalt bleiben um 4,1 Milliarden Dollar hinter den Voranschlägen für das
laufende Haushaltsjahr zurück. Ein großer Teil dieses Rückgangs entfällt auf das Verteidigungsministerium und die von diesem verwaltete
Militärhilfe. Diese Entwicklung ist auf die dem Kongreß im Finanzjahr
1966 vorgelegten zusätzlichen Bewilligungsanträge zur Finanzierung
der besonderen Aufwendungen in Südostasien zurückzuführen.
Die Ausgabeermächtigungen im Rahmen der Treuhandfonds werden mit
42,6 Milliarden Dollar - plus 7,5 Milliarden Dollar - ausgewiesen.

Die

- 7-

�Die Gesamtausgaben der Regierung schlüsseln sich wie folgt auf:
Finanzjahr
1966
1967
(Voranschlag)
in Milliarden Dollar

1965

Haushaltsausgaben:
Nationale Verteidigung
(ohne zusätzliche Aufwendungen für
Vietnam)
Internationale Angelegenheiten
(ohne zusätzliche Aufwendungen für
Vietnam)
Weltraumforschung und Technik

50,2
(50,1)
4.3

( 4,3)

56,6

60,5

(51,9) (50,2)
3,9

4,2

( 3,9) ( 4,0)

5,1

5,6

5,3

Landwirtschaft

4,9

4,3

3,4

Nationale Hilfsquellen

2,8

2,9

Handel und Transportwesen

3,5

3,2

3,1
2,7

Wohnungsbau und Städteentwicklung

-0,1

-0,1

Gesundheits- und Sozialprogramme

5,9

8,4

-0,1
10,0

Erziehungswesen

1,5

2,3

2,8

Kriegsteilnehmerversorgung

5,5

5,1

5,7

11,4

12,1

12,9

2,4

2,5
0,1

2,6
0,4

-0,9

-0,5

-0,7

96,5

106,4

112,8

Zinsendienst
Allgemeine Regierungsausgaben
Sonstiges
Abzüglich Posten der Rechnungsangleichung
Gesamtsumme Haushaltsausgaben
(ohne zusätzliche Aufwendungen für
Vietnam)

- «•

(96,4) (101,7)(102,3)

Treuhandfonds:

23,2

26,6

31,1

Handel und Transportwesen

3,9

3,8

3,9

Wohnungsbau und Städteentwicklung

2,0

1,2

Nationale Verteidigung

1,1
0,8

0,9

0,9

Kriegsteilnehmerversorgung

0,6

0,6

0,7

Sonstiges

0,6

0,7

0,9

Gesamtsumme Treuhandfonds

-0,6
29,6

-0.8
33,8

-0.8
37,9

Abzüglich interne Transaktionen

-3,7

-5.2

-5,7

122,4

135,0

145,0

Gesundheits- und Sozialprogramme

Abzüglich Posten der Rechnungsangleichung

Gesamtsumme der Ausgaben
(ohne zusätzliche Aufwendungen für
Vietnam)
- 8 -

(122,3) (130,3)(134,5)

�Regierungsprograrame und Ausgaben
"Die in diesem Haushalt vorgeschlagenen Programme", so heißt es
in der Botschaft, "sind darauf abgestellt, den nationalen Interessen,
soweit dies im derzeitigen Augenblick im Rahmen der Gesamtausgaben
möglich ist, weitestgehend gerecht zu werden.
Die an uns gestellten militärischen Anforderungen sind groß. Aber
sie haben uns nicht zu einer kurzsichtigen Politik bewegen können, den
Krieg gegen Armut, Unwissenheit und Krankheit aufzugeben. Wir werden
in Richtung auf unser Ziel - eine Große Gesellschaft - weiter voranschreiten. Der gegenwärtige Haushalt sieht eine beträchtliche Auswei'ng der Programme zur Lösung unserer inneramerikanischen Probleme vor.
Um das Geld des Steuerzahlers besser anzulegen, sind der gesamten
Regierungsarbeit, was Notwendigkeit und Dringlichkeit anbetrifft, bestimmte Normen zugrunde gelegt worden. Einige Programme sind überarbeitet worden, um ihre Wirksamkeit zu erhöhen, einige sind eingeschränkt
und andere sind gestrichen worden. Die Einsparungen aufgrund dieser
Maßnahmen ermöglichen uns erhöhte Ausgaben bei Programmen von größerer
Dringlichkeit.
In den drei Jahren - vom Finanzjahr 1964 bis zum Finanzjahr 1967 wird sich die Struktur unseres Bundeshaushaltes wesentlich wandeln.
Ohne die zusätzlichen Aufwendungen in Vietnam werden die Haushaltsausgaben für die normalen Regierungsprogramme um 4,6 Milliarden Dollar das ist ein Zuwachs von nur 1,5 Prozent pro Jahr - ansteigen. Innerhalb des Gesamtrahmens verläuft die Tendenz bei den verschiedenen Programmen sehr unterschiedlich. Von 1964 bis 1967 werden sich die Gesamtausgaben bei den wichtigen Programmen zur Verwirklichung des Zieles
einer Großen Gesellschaft
- auf dem Gebiet des Gesundheitswesens,
- auf dem Gebiet des Erziehungswesens,
- für den Krieg gegen die Armut,
- für die Ausbildung von Fachkräften,
- für den Wohnungsbau und die Städteplanung
um 6,2 Milliarden Dollar erhöhen. Die nicht vermeidbaren Kosten für den

�den Zinsendienst werden um 2,1 Milliarden Dollar ansteigen. Aber die
Ausgaben bei allen übrigen Programmen werden um 3,7 Milliarden Dollar
zurückgehen."
Nationale Verteidigung
Für die Ausgaben des Verteidigungsministeriums werden im neuen
Haushalt 57,2 Milliarden Dollar eingesetzt. Das sind 4,2 Milliarden
Dollar mehr, als gegenwärtig für das laufende Haushaltsjahr veranschlagt werden. Hierin sind nicht enthalten die Ausgaben anderer Regierungsstellen auf diesem Gebiet. An neuen Ausgabeermächtigungen zur Durchführung der erforderlichen Programme - fordert der Präsident
insgesamt 58,9 Milliarden Dollar an,gegenüber 48,6 Milliarden Dollar
im Finanzjahr 1966. Allerdings hatte die US-Regierung während des
laufenden Haushaltsjahres um mehr als 5 Milliarden Dollar an zusätzlichen Mitteln nachgesucht, um den verstärkten Einsatz amerikanischer
Streitkräfte zur Abwehr der Aggression in Vietnam finanzieren zu können. Im neuen Haushaltsjahr sollen die US-Streitkräfte um über 105 700
Mann verstärkt werden, wodurch sich die Gesamtstärke auf 3 093 109
Mann erhöhen wird.
"Aggressive Kräfte stellen gegenwärtig unseren Willen und unsere
feierliche Zusage, einem tapferen, angegriffenen Verbündeten zu helfen,
auf die Probe", so heißt es in der Botschaft Johnsons wörtlich. "Die
USA werden sich weiterhin um eine gerechte Lösung in Vietnam bemühen.
Gleichzeitig müssen wir die für unser Fortbestehen erforderlichen Mittel
und Kräfte bereitstellen, bis dieses Ziel erreicht ist. Der Haushalt für
1967 entspricht diesen Erfordernissen, so wie wir sie jetzt sehen.
Die Kosten werden groß sein. Die Verteidigungsausgaben, die notwendig sind, damit wir den besonderen Anforderungen in Südostasien gerecht
werden können, werden sich auf 4,6 Milliarden Dollar für 1966 und auf
10,3 Milliarden Dollar für 1967 bei aufen. Sollte es früher zu einer
Lösung kommen, dann werden viele dieser Ausgaben nicht nötig sein. Die
Vorsicht erfordert jedoch, daß wir sie bereits jetzt in unseren Haushalt einplanen.
Wir

- 10 -

�Wir müssen ferner Verteidigungsstreitkräfte aufrechterhalten, die
eventuellen Aufgaben in anderen Teilen der Welt gerecht werden. Die in
diesem Haushalt empfohlenen Mittel gewährleisten die Aufrechterhaltung
und Verbesserung des breiten Rahmens der Streitkräfte, die wir für die
Erfüllung all unserer Verteidigungserfordernisse benötigen...'•
Im einzelnen teilen sich die neuen Ausgabeerraächtigungen, um die
Präsident Johnson nachsucht, wie folgt auf:
18,7 Milliarden Dollar für Personalkosten;
15,7 Milliarden Dollar für Betriebskosten;
16,4 Milliarden Dollar für Beschaffungsprogramme;
6,9 Milliarden Dollar für Forschung, Entwicklung und Erprobung;
0,6 Milliarden Dollar für den Bau militärischer Anlagen;
0,5 Milliarden Dollar für Wohnbauprogramme für Soldatenfamilien;
0,1 Milliarden Dollar für Aufgaben der Zivilverteidigung.
Aus der Haushaltsbotschaft geht weiter hervor, daß die US-Armee,
die US-Marine und die US-Luftstreitkräfte im neuen Finanzjahr Aufträge
für den Bau von 1673 Hubschraubern und 1078 Flugzeugen vergeben werden.
Zu diesen Flugzeugen gehören besonders konstruierte Maschinen für die
Partisanenbekämpfung, Riesendüsentransporter vom Typ G-141, Düsenjagdbomber des Typs FB-111, der neue gigantische Düsentransporter C-5A sowie Schlachtflugzeuge. Die FB-111 soll an die Stelle der B-52-Düsenbomber sowie anderer veralteter Flugzeugtypen treten.
Ferner sollen im neuen Haushaltsjahr insgesamt 51 Kriegsschiffe
neu gebaut oder umgebaut werden. Hierunter befinden sich ein neuer mit
Atomkraft angetriebener Flugzeugträger, zwei Lenkwaffenzerstörer, fünf
Atom-Jagdunterseeboote und zehn Begleitzerstörer.
Das neue Budget sieht ferner den Bau weiterer Minuteman-II-Interkontinentalraketen vor, bis der Bestand von insgeamt

1000 dieser Ge-

schosse erreicht ist, wobei an 20 Einheiten zu je 50 Raketen gedacht
ist. Dieser Typ soll schließlich durch die neue Minuteman-III-Interkontinentalrakete mit verbesserter Armierung ersetzt werden. Der Bau
von Polaris-U-Booten soll ebenfalls fortgesetzt werden, bis die USA

- 11 -

�USA über insgesamt 41 dieser Boote verfügen, die mit jeweils 16 PolarisRaketen ausgerüstet sind. Gleichzeitig werden die Forschungsarbeiten für
die Poseidon-Interkontinentalrakete fortgesetzt, die einmal die PolarisA-3 ersetzen soll. Ferner wollen die USA eine neue Boden-Luft-Rakete zur
Flugzeug- und Raketenabwehr entwickeln sowie die Forschung zur Entwicklung der Nike-X-Raketenabwehrrakete und einer Luft-Boden-Rakete fortsetzen, mit der die neue FB-111 ausgerüstet werden soll. Für die USArmee soll die Lance-Rakete mit einer Reichweite von 70 Kilometern entwickelt werden, die als Ersatz für die Typen Honest John und Little John
gedacht ist.
Präsident Johnson verweist in dem Abschnitt über die nationale Verteidigung wiederholt auf die Hilfe der USA für Süd-Vietnam. "Unsere
nationalen Verteidigungsbemühungen", so heißt es in der Botschaft wörtlich, "werden in diesem und im kommenden Jahr schwerwiegend von zwei
wesentlichen Zielen beeinflußt. Das erste Ziel ist die Bereitstellung
der Streitkräfte und Ausrüstungen, die benötigt werden, um Süd-Vietnam
bei der Wahrung seiner Unabhängigkeit zu unterstützen. Das zweite Ziel
ist die Aufrechterhaltung und Verbesserung unserer ausgewogenen strategischen und konventionellen Streitkräfte. Diese Streitkräfte, die jeder
Form einer Bedrohung unserer lebenswichtigen Interessen begegnen sollen,
sind mit einem großen Kostenaufwand aufgebaut worden. Solange die Spannungen des Kalten Krieges andauern, werden weiterhin große Summen nötig
sein, um die Überlegenheit unserer Streitkräfte gegenüber den Streitkräften eines jeden potentiellen Aggressors zu wahren. Keines dieser
beiden Ziele darf außer acht gelassen werden. Der Haushalt 1967 sowie
die für das gegenwärtige Finanzjahr angeforderten zusätzlichen Mittel
werden beiden Zielen gerecht...
Die erhöhten Ausgaben für 1966 und 1967 spiegeln in erster Linie
den verstärkten Konflikt in Vietnam wider, der zu der Entsendung weiterer US-Streitkräfte sowie zu einem verstärkten Einsatz und Verbrauch
von Kampfausrüstungen, Nachschubgütern und Munition geführt hat. Gewisse andere Faktoren, wie die wesentliche Erhöhung der Bezüge unserer
Soldaten, ...tragen ebenfalls zu einem Teil dieser Auigabenerhöhungen
bei.
Das

- 12 -

�Das Budget für das Finanzjahr 1967 setzt uns ferner in den Stand,
jenen finanziellen Erfordernissen in Vietnam zu entsprechen, die wir
zum gegenwärtigen Zeitpunkt voraussehen können, und zwar, ohne daß dadurch unsere für andere Aufgaben eingesetzten Streitkräfte geschwächt
werden...
1967 werden wir erstens die Wirksamkeit und die Überlebensfähigkeit unserer strategischen Streitkräfte verbessern, zweitens unsere
konventionellen Streitkräfte durch die Verbesserung ihrer Feuerkraft,
ihrer Beweglichkeit und ihres Durchhaltevermögens stärken und drittens
mit allem Nachdruck die Forschungs- und Entwicklungsprogramme vorantreiben, die zur Bereitstellung der Waffen und zur Gewährleistung der
Verteidigung in der Zukunft erforderlich sind..."
Johnson weist in seiner Botschaft weiter darauf hin, daß die
Militärhilfe der USA in erster Linie jenen Ländern zugute kommen soll,
die in der Nachbarschaft des kommunistischen China und der Sowjetunion
liegen. Von Süd-Vietnam abgesehen, sollen im Haushaltsjahr 1967 rund
drei Viertel der gesamten Militärhilfe der USA solchen Ländern zufließen.
In dem Abschnitt über die Militärhilfe heißt es wörtlich: "Die
Sicherheit der freien Welt kann nicht von einer Nation allein gehütet
werden. Der Verlust der Freiheit irgendwo auf der Welt ist eine Angelegenheit von lebenswichtiger Bedeutung für alle freien Völker. Die
Vereinigten Staaten gewähren deshalb jenen freien Nationen Unterstützung, die nicht selbst in der

Lage sind, angemessene militärische

Streitkräfte zu unterhalten. Diese Hilfe zeitigt gegenseitige Vorteile:
sie verbessert die Fähigkeit der Empfängerländer, mit einer Subversion
und Aggression fertig zu werden, und reduziert die Anforderungen an
unsere Streitkräfte.
Unsere Hilfe ist in erster Linie für jene verwundbaren Länder gedacht, die nahe dem kommunistischen China und der Sowjetunion liegen.
Süd-Vietnam ausgenommen, werden 1967 etwa drei Viertel des gesamten
militärischen Hilfeprogramms jenen Ländern zugute kommen. Mit unserer
Unterstützung werden sie in der Lage sein, etwa drei Millionen Mann
unter Waffen zu halten..."

Inter-

- 13 -

�Internationale Aufgaben
In seiner Botschaft fordert der Präsident 3,386 Milliarden Dollar
für die wirtschaftliche und militärische Auslandshilfe, wobei zum erstenmal in diesem Budget die Militärhilfe für Süd-Vietnam nicht unter
den Tätigkeiten des amerikanischen Amtes für Internationale Entwicklung (AID) aufgeführt wird. Die Vietnam-Militärhilfe ist dem amerikanischen Verteidigungsministerium übertragen worden.
Ferner sind in der Auslandshilfe verschiedene Aufgaben anderer
amerikanischer Regierungsstellen im Ausland nicht eingeschlossen.
Die AID soll für das kommende Haushaltsjahr 2,469 Milliarden Dollar
für die Wirtschaftshilfe und 917 Millionen Dollar für die Militärhilfe
erhalten.
'•So wie wir der direkten militärischen Bedrohung der Freiheit und
Sicherheit begegnen", so schreibt der Präsident in seiner Haushaltsbotschaft, "so müssen wir auch weiterhin an eine friedliche Welt denken,
in der:
- die Freiheit gedeihen kannj
- Hunger und Krankheit nicht mehr länger zu den Gegebenheiten des
Lebens gehören;
- jedem Ausbildungsmöglichkeiten offenstehen; und
- alle Völker und Nationen blühen und gedeihen können.
Die Sicherheit auf lange Sicht und das dem amerikanischen Volke
angeborene Mitgefühl für andere fordern eine Politik, die uns der Verwirklichung einer solchen Welt näher bringt.
Der Kongreß und die Öffentlichkeit fordern zu Recht, daß unsere
Hilfeprogramme so wirksam gestaltet sind, daß sie ihren Zweck erfüllen.
Während der letzten Monate habe ich diese Programme sorgfältig überprüft, und ich schlage aufgrund meiner Feststellungen folgende Schritte
vor:
Erstens werde ich dem Kongreß eine Sonderbotschaft übermitteln,
in der große Initiativen auf dem Gebiet des internationalen Gesundheitsund Erziehungswesens vorgeschlagen werden...
Zweitens

- 14 -

�Zweitens schlage ich vor, unsere Lebensmittel- und Landwirtschaftshilfe für die hungernden Völker in den Entwicklungsländern auszuweiten
und neu zu orientieren. Wir werden unsere Hilfe darauf abstellen, daß
die Empfängerländer ihre eigene landwirtschaftliche Erzeugung steigern
und so mit der Zeit immer unabhängiger von der amerikanischen Lebensmittel-Hilfe werden. Dabei wird die zunehmende Wirtschaftshilfe für die
landwirtschaftliche Entwicklung eng auf ein neues Lebensmittel-für-denFrieden-Programm abgestimmt werden...
Drittens werden wir unsere Anstrengungen, Empfängerländer zu nachhaltigen Maßnahmen der Selbsthilfe zu ermutigen, verstärken. Unsere
Wirtschaftshilfe wird den Ländern zukommen, die entschlossene Schritte
tun, um sich selbst zu helfen.
Viertens werden wir unsere wirtschaftliche Unterstützung noch mehr
auf Schwerpunkte konzentrieren. Im Haushaltsjahr 1967 werden sich die
Ausgaben des US-Amtes für Internationale Entwicklung (AID) außerhalb
Süd-Vietnams zu fast zwei Dritteln auf neun Entwicklungsländer erstrekken (Indien, Pakistan, die Türkei, die Republik Korea, Brasilien, Chile,
Kolumbien, Nigerien und Tunesien).
Fünftens schlage ich vor - um unsere Programme noch wirksamer zu
gestalten -, die Mittel für einen Zeitraum von fünf Jahren zu bewilligen.
Meine Empfehlungen werden in näheren Einzelheiten in weiteren Botschaften dargelegt werden..."
Im Rahmen der Wirtschaftshilfe sind 665 Millionen Dollar für Entwicklungskredite, 231 Millionen Dollar für das Programm der technischen
Zusammenarbeit, 543 Millionen Dollar für die Allianz für den Fortschritt,
747 Millionen Dol lar für Wirtschaftshilfe zur Stärkung der Verteidigungsbereitschaft und 282 Millionen Dollar für Not- und Sonderfälle vorgesehen.

Weltraumprogramm
Der von Präsident Johnson in seiner Haushaltsbotschaft für die
amerikanische Weltraumbehörde (NASA) angeforderte Betrag beläuft sich

- 15 -

�sich für das am 1. Juli beginnende neue Haushaltsjahr auf 5,012 Milliarden Dollar und liegt damit geringfügig

unter den 5,183 Milliarden

Dollar des auslaufenden Jahres.
Wie der Präsident betont, wird diese reduzierte Summe ausreichen,
um die im Rahmen des Apollo-Raumflugprogramms für Ende 1969 vorgesehene
Landung einer bemannten Raumflugkapsel auf dem Mond durchführen zu können.
Über zwei Drittel der vom Präsidenten angeforderten Summe werden
für bemannte Raumflüge aufgewandt werden. Drei Testflüge einer ApolloRaumflugkapsel, in der später drei amerikanische Astronauten zum Mond
fliegen werden, sollen im Verlauf des Jahres 1966 stattfinden.
Außerdem sind fünf weitere Flüge einer Zwei-Mann-Raumflugkapsel
vorgesehen, mit denen das Gemini-Projekt seinen Abschluß finden wird.
Nach Schätzung des amerikanischen Präsidenten werden die tatsächlichen Ausgaben der NASA im neuen Finanzjahr bei 5,3 Milliarden Dollar
und damit um 300 Millionen Dollar unter denen des vorausgegangenen
Jahres liegen.
Dieser Ausgabenrückgang - der erste seit Gründung der NASA im
Jahre 1958 - wird möglich, weil die im Rahmen des Saturn-Apollo-Programms notwendigen wichtigsten Bauten und Testeinrichtungen bereits
erstellt worden sind.
Der neue riesige Mond-Flughafen in Kap Kennedy,.von dem die amerikanischen Astronauten zu ihrem Mondflug starten werden, ist zu 90
Prozent fertiggestellt. Die gewaltige Fabrikationsstätte für die
Saturn-Rakete in Michoud bei New Orleans und die Raketentestanlagen
im Staate Mississippi sind betriebsfertig. Die Arbeiten an der Saturn1-B-Rakete und der Saturn-5 schreiten zügig voran.
Der Präsident weist in seiner Botschaft darauf hin, daß die Saturn-5 im Jahre 1967 zum ersten Mal starten und eine unbemannte ApollbFlugkapsel hochtragen wird. Die Saturn-5 ist 16mal so stark wie die
beim Gemini-Programm verwendete Titan-Rakete.

Atom-

- 16 -

�Atomprogramm
Der Präsident ersucht den US-Kongreß um die Bereitstellung von
insgesamt 2,263 Milliarden Dollar für die amerikanische Atomenergiekommission (AEC). Der Betrag liegt um 103 Millionen Dollar unter dem
Voranschlag für das am 30. Juni zu Ende gehende laufende Haushaltsjahr.
Nach den Voranschlägen des Präsidenten werden die tatsächlichen
Ausgaben der AEG im Jahre 1967 bei 2,3 Milliarden Dollar und damit um
rund 90 Millionen Dollar unter denen des alten Haushaltsjahres liegen.
Die Ausgabensummen liegen etwas höher als die angeforderten Beträge, weil gewisse Überhanggelder, für deren Ausgabe vom Kongreß
bereits in früheren Jahren die Ermächtigung erteilt worden ist, im
Haushaltsjahr 1967 herangezogen werden sollen.
Für die Programme zur Nutzbarmachung der Atomenergie für friedliche Zwecke hat Präsident Johnson in seiner Haushaltsbotschaft einen
Betrag eingesetzt, der um 40 Millionen Dollar über der Summe des vergangenen Haushaltsjahres liegt.
Von diesen 40 Millionen Dollar ist der größte Teil für folgende
Projekte vorgesehen:
Arbeiten an "BrutM-Leistungsreaktoren, die zugleich für die Stromerzeugung und die Produktion von Kernbrennstoff verwendet werden können;
Studien im Zusammenhang mit der geplanten Atom-Wasserentsalzungsanlage, die bei einer Kapazität von rund 600 Millionen Liter Frischwasser
pro Tag auch eine beträchtliche Elektrizitätsmenge liefern wird;
Arbeiten zur Weiterentwicklung kleiner Generatoren, die, mit Radioisotopen als Energiequelle, als Stromerzeuger für Raumflugkörper dienen
sollen;
Verbesserungen an der riesigen Teilchenbeschleunigeranlage bei
Brookhaven (New York)
sowie Grundlagenforschung in der Medizin und Radiologie.
Für die Forschungs- und Entwicklungsprogramme bei Leistungsreakto
ren für den zivilen Sektor ist im Budget der AEC die Erhöhung der im

- 17 -

�im vorausgegangenen Haushaltsjahr mit 81,8 Millionen Dollar eingesetzten Summe auf 94,48 Millionen Dollar vorgesehen.
Für die Tätigkeit der AEC im militärischen Bereich fordert
Präsident Johnson unter anderem:
813,528 Millionen Dollar für Waffenprogramme;
3 54,228 Millionen Dollar für die Produktion von Kernsprengstoff
und
163,015 Millionen Dollar für die Beschaffung von Uranerzen in
den Vereinigten Staaten und im Ausland.
Ferner fordert der Präsident 639 Millionen Dollar für die Durchführung der unterirdischen Kernwaffenversuche und weitere Arbeiten zur
Entwicklung eines Feststellungs- und Ortungssystems seismischer Vorkommnisse.

Sonstige Programme und Aufgaben
Auf die inneramerikanischen Programme eingehend, unterstreicht
der Präsident die große Bedeutung der amerikanischen Landwirtschaft,
die nicht nur den Inlandsmarkt mit qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln versorge, sondern auch große Mengen Agrarerzeugnisse für den
Export bereitstelle. Darüber hinaus versetze sie die USA in die Lage,
die wirtschaftliche Entwicklung anderer Länder zu fördern. Der Präsident kündigt neben der Fortführung bestehender Programme zur Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft auch eine Reihe neuer Maßnahmen an.
Im Rahmen des Lebensmittel- und Landwirtschaftsgesetzes von 1965
soll in Zukunft verstärkter Nachdruck auf Direktzahlungen an die Farmer gelegt wenden. Ferner soll das Landwirtschaftsministerium größere
Vollmachten erhalten, um die Agrarprogramme neuen Gegebenheiten anzupassen. Das Landwirtschaftsministerium soll in Zukunft verstärkt beratend auf die Landwirtschaft einwirken. Darüber hinaus, so betont
der Präsident, sollen neue Wege zur Steigerung der Rentabilität beschritten und die bestehenden Programme für die Landbevölkerung weiter
verbessert werden.

ner

- 18 -

�Der Präsident weist weiter auf die Notwendigkeit der Erhaltung
der natürlichen Hilfsquellen hin und betont im besonderen, wie dringlich es sei, der Verschmutzung der Gewässer und der Luft Einhalt zu
gebieten. Auf dem Gebiet des Verkehrswesens schlägt der Präsident ein
gemeinsames Programm von Regierung und Industrie zur Entwicklung eines
sicheren Überschall-Passagierflugzeuges vor.
Weiter fordert Johnson den Ausbau des Verkehrsnetzes und kündigt
an, daß die Regierung im Hinblick auf die ständig wachsende Bevölkerungszahl den Verkehrsproblemen besondere Aufmerksamkeit schenken wird.
Weitere Abschnitte der Botschaft befassen sich mit Sozialmaßnahmen,
dem Gesundheitswesen, dem Erziehungswesen, dem Wohnungsbau und der
Städteplanung. Der Präsident hebt ferner die Notwendigkeit ständiger
Bemühungen um eine Straffung des Regierungsapparates hervor und kündigt
an, daß er dem Kongreß bereits in Kürze eine Reihe von Vorschlägen hierzu unterbreiten wird.
Johnson weist ferner darauf hin, daß sich das Ausmaß der öffentlichen Verschuldung angesichts der Haushaltsdefizite der letzten Jahre
ständig erhöht habe. Nach den derzeitigen Schätzungen werde die Staatsschuld mit dem 30. Juni dieses Jahres 320 Milliarden Dollar betragen und
bis zum 30. Juni 1967 auf 321,7 Milliarden Dollar ansteigen.
Das derzeitige Limit, das bis zum 30. Juni dieses Jahres gelte,
gebe der Regierung mit einem Kreditplafond von 328 Milliarden Dollar
ausreichenden Spielraum. Da nach diesem Zeitpunkt der alte Kreditplafond
von 285 Milliarden Dollar wieder gelte, sei es jedoch notwendig, daß der
Kongreß rechtzeitig entsprechende Maßnahmen beschließe.

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- 19 -

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0 8 - 8 5 4 3 2

XIX - 4

DIE AMERIKANISCHEN FRIEDENSBEMÜHUNGEN IN VIETNAM

Eine Chronologie

�DIE AMERIKANISCHEN FRIEDENSBEMÜHUNGEN IN VIETNAM

Eine Chronologie

22. Dezember 1965

Die alliierten Befehlshaber in Südvietnam weisen ihre Truppen an,
anläßlich des Weihnachtsfestes eine 30stündige Waffenruhe beginnend am
24. Dezember um 181 Uhr und endend am 25. Dezember 24 Uhr (Saigoner
Ortszeit) zu wahren. Die Vietcong hatten zuvor einen 12stündigen Waffenstillstand zu Weihnachten angeboten.

23. Dezember 1965

Ein Sprecher des US-Außenministeriums erklärt, das Interesse der
Vereinigten Staaten an einer friedlichen Regelung in Südostasien bestehe uneingeschränkt fort. Er stellt fest, daß der 30stündige Waffenstillstand zum Weihnachtsfest "für sich selbst spricht".
Ein Sprecher der Vereinten Nationen erklärt: "Generalsekretär U
Thant begrüßt die Ankündigung eines Waffenstillstands in Vietnam von
ganzem Herzen und hofft, daß auf ihn eine Zeit des Überlegens, des
Verhandeins und schließlich des Friedens folgen werde."

26. Dezember 1965

Papst Faul VI. läßt in einem Brief eines Apostolischen Delegaten
an einen Mitarbeiter des Weißen Hauses seine "große Freude über den
Waffenstillstand anläßlich des Weihnachtsfestes" zum Ausdruck bringen.
In dem Brief heißt es, der Papst habe eine Sonderbotschaft an führende
Regierungsmitglieder in Süd- und Nordvietnam gerichtet, in der er diese
ersucht, alles zu tun, was in ihren Kräften steht, um eine gerechte und
friedliche Lösung herbeizuführen.
Die
- 1 -

�Die alliierten Befehlshaber in Saigon ordnen die Wiederaufnahme
der Operationen in der Luft und zu Lande in Südvietnam an und beschuldigen die Vietcong, den 30stündigen Waffenstillstand zu Weihnachten
über 60mal verletzt zu haben, der von den alliierten Truppen strikt
eingehalten worden »ei. Die Luftangriffe auf Nordvietnam werden nicht
wiederaufgenommen.

27. Dezember 1965

Vizepräsident Humphrey verläßt Washington, um nach Tokio, Manila,
Taipeh und Seoul zu reisen.

28. Dezember 1965

Ein Sprecher des US-Außenministeriums berichtet, es liegen keinerlei Anzeichen für eine Verhandlungsbereitschaft Hanois vor.
Ho Chi Minh behauptet gegenüber Papst Paul VI., "die führenden
amerikanischen Politiker wollen den Krieg, nicht den Frieden", und
fordert die Annahme der vier Punkte Hanois durch die Vereinigten Staaten.
Von amerikanischer Seite wird der dritte dieser Punkte - dem zufolge die inneren Angelegenheiten Vietnams im Einklang mit dem Programm
der kommunistischen Nationalen Befreiungsfront geregelt werden müssen als unannehmbar bezeichnet, da er Hanoi am Konferenztisch das einbringen würde, was es durch militärische Maßnahmen nicht zu erreichen vermochte. Dennoch wird von amerikanischer Seite die Bereitschaft bekundet,
in Gespräche über die vier Punkte Hanois einzutreten.

29. Dezember 1965

Botschafter Arthur J. Goldberg, der US-Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, sucht Papst Paul VI. im Vatikan auf, um ihm im Namen
Präsident Johnsons für seine Bemühungen um Waffenruhe in Vietnam anläß-

- 2 -

�anläßlich des Weihnachtsfestes und um den Weltfrieden zu danken. Goldberg trifft mit dem italienischen Staatspräsidenten Guiseppe Saragat
und Ministerpräsident

Aldo Moro zusammen.

In Warschau konferiert der amerikanische Sonderbotschafter W.
Averell Harriman mit führenden polnischen Staatsmännern. In einer Verlautbarung der amerikanischen Botschaft heißt es, Polen in seiner Eigenschaft als Mitglied der Internationalen Kontrollkommission in Vietnam sei durch Harriman über die Ansichten der US-Regierung bezüglich
Vietnams unterrichtet worden.
In Tokio führt Vizepräsident Humphrey Gespräche mit dem japanischen Ministerpräsidenten Eisaku Sato und übergibt ihm ein Memorandum,
das die amerikanischen Schritte zur Herbeiführung des Friedens in Vietnam zusammenfassend darstellt. Er fliegt anschließend nach Manila weiter, um dort als Leiter der amerikanischen Delegation bei der Amtseinführung des philippinischen Staatspräsidenten Ferdinand E. Marcos zu
fungieren.
McGeorge Bundy, der Referent Präsident Johnsons für Fragen der
nationalen Sicherheit, erörtert die Lage in Vietnam in Ottawa mit dem
kanadischen Ministerpräsidenten Lester Pearson.(Kanada ist ebenso wie
Polen und Indien Mitglied der Internationalen Kontrollkommission in
Vietnam).
Am Sitz der Vereinten Nationen verlautet, die Vereinigten Staaten
halten Generalsekretär U Thant über ihre fortgesetzten Friedensbemühungen in Vietnam ständig auf dem laufenden und der Generalsekretär sei im
voraus von der Mission Harrimans und Goldbergs unterrichtet worden.

30. Dezember 1965

Der Pressereferent des Weißen Hauses, Bill Moyers, erklärt, Präsident Johnson tue alles, was in seinen Kräften steht, um die Welt einschließlich der kommunistischen Staaten davon zu überzeugen, daß ••wir
aufrichtig bereit sind, mit allen zusammenzuarbeiten, die unsere Friedenssehnsucht teilen". Der Präsident halte es für wünschenswert, eine
'••

- 3 -

�eine möglichst große Zahl von führenden Staatsmännern in aller Welt
noch einmal über die amerikanischen Ansichten bezüglich Südostasiens
zu unterrichten. Diese Ansichten seien nach wie vor die gleichen, die
der Präsident in seiner Rede vor der Johns-Hopkins-Universität im
April vergangenen Jahres dargelegt habe.
(In jener Rede erklärte der Präsident, der Friede setze ein Südvietnam voraus, das "über sichere Garantien verfügt und in der Lage
ist, seine eigenen Beziehungen zu allen anderen selbst zu gestalten,
ohne jede Einmischung von außen, ohne Bindungen an eine Allianz, ohne
Stützpunkt

für ein anderes Land zu sein". Um einen solchen Frieden

zu erreichen, führte der Präsident damals aus, halten sich die Vereinigten Staaten zu "Gesprächen ohne Vorbedingungen" bereit).
Außenminister Rusk betont in einem in Kanada ausgestrahlten Fernsehinterview, die Vereinigten Staaten würden es den Südvietnamesen
überlassen, darüber zu entscheiden, ob sie Dinge wie die Wiedervereinigung mit dem Norden oder eine bündnisfreie Außenpolitik wünschen oder
nicht.

31. Dezember 1965

Präsident Johnson entsendet den Unterstaatssekretär und Leiter der
Afrika-Abteilung im US-Außenministerium, G. Mennen Williams, zu Besprechungen mit führenden Staatsmännern afrikanischer Länder nach Afrika.
Williams reist aus Washington nach Marokko ab.
In Paris erörtert Botschafter Goldberg die Vietnam-Frage mit dem
französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle und Außenminister Maurice Couve de Murville.

1. Januar 1966
Der Staatssekretär im US-Außenministerium, Thomas Mann, trifft auf
der Ranch Präsident Johnsons in Texas ein und erstattet dem Präsidenten
Bericht über seine Reise nach Mexiko. Dort war er auf Wunsch Johnsons mit

�mit Staatspräsident Gustavo Diaz Ordaz zusammengetroffen, um ihn über
die amerikanischen Friedensbemühungen zu unterrichten.
Vizepräsident Humphrey sucht nach Beendigung seines 58stündigen
Besuchs der Philippinen in Taipeh den Präsidenten der Republik China,
Chiang Kai-shek, auf.
Der Pressesekretär des Weißen Hauses, Moyers, teilt mit, Präsident Johnson habe noch einmal alle amerikanischen Botschafter aufgefordert, die Regierungen, bei denen sie akkreditiert sind, über die
amerikanische Haltung in der Vietnam-Frage zu informieren.
In London trifft Botschafter Goldberg mit dem britischen Premierminister Harold Wilson und Außenminister Michael Stewart zusammen.
In Jugoslawien führt Sonderbotschafter Harriman Gespräche mit
Staatspräsident Josip Tito und überbringt ihm eine persönliche Botschaft Präsident Johnsons zur Vietnam-Frage.

2. Januar 1966
Vizepräsident Humphrey kehrt von Seoul aus nach Beendigung
seines Besuchs in vier asiatischen Ländern nach Washington zurück.
Während seines 24stündigen Aufenthalts in der Republik Korea hatte
er Besprechungen mit Staatspräsident Park Chung Hee und Ministerpräsident Chung II Kwon.
Unterstaatsekretär Williams trifft in Algier ein. Er erläutert
dem algerischen Ministerpräsidenten Houari Boumedienne die amerikanische Vietnampolitik und reist nach Tunis weiter.

3. Januar 1966
Die Abgesandten Präsident Johnsons fahren anläßlich ihrer Besuche
in weiteren Hauptstädten Asiens und Afrikas in ihren Bemühungen fort,
Amerikas Wunsch zu erläutern, daß der Friede in Vietnam wiederhergestellt werde.
Botschafter

�Botschafter Harriman trifft in Peschawar mit dem pakistanischen
Staatspräsidenten Ajub Khan zusammen, nachdem er in New Delhi Besprechungen mit dem indischen Ministerpräsidenten Shastri geführt hatte.
Er reist anschließend nach Teheran weiter, um mit dem Schah von Persien zusammenzutreffen.
In Afrika sucht Unterstaatssekretär Williams den äthiopischen
Kaiser, Halle Selassie, in Addis Abeba auf und reist anschließend
nach Nairobi, der Hauptstadt Kenias, weiter.
Vizepräsident Humphrey berichtet Präsident Johnson über seine
Asienreise und teilt anschließend mit, er habe den asiatischen Staatsmännern Kopien des amerikanischen Memorandums über Vietnam-Initiativen
der USA übergeben. In dem Memorandum, das unmittelbar danach vom Weißen Haus veröffentlicht wird, sind 14 Punkte bezüglich der Möglichkeiten
zur Wiederherstellung des Friedens in Vietnam aufgeführt. Das Memorandum
schließt mit den Worten: '"Wir haben alles für den Frieden angeboten
außer der Preisgabe von Vietnam."

4. Januar 1966

Das Weiße Haus veröffentlicht den Wortlaut einer Botschaft Papst
Pauls an Präsident Johnson, in der der Papst die Hoffnung zum Ausdruck
bringt, die amerikanische Vietnam-Initiative werde den Frieden in Südostasien herbeiführen.
Unterstaatssekretär Williams erörtert die Vietnam-Frage mit führenden Staatsmännern Tansanias und Ugandas.

5. Januar 1966

Botschafter Goldberg erneuert in einem Schreiben an UN-Generalsekretär U Thant den amerikanischen Appell an die Vereinten Nationen
und ihre Mitgliedstaaten, an der Wiederherstellung des Friedens in
Südostasien mitzuarbeiten. Das Schreiben, das als Dokument des Sicherheitsrates allen UN-Mitgliedstaaten zugeleitet wurde, faßt sämtliche

�sämtliche Punkte zusammen, die die Abgesandten Präsident Johnsons
führenden Politikern in aller Welt in Diskussionen über die Vietnam-Frage vorgetragen haben.
Unterstaatssekretär Williams trifft in der ghanaischen Hauptstadt Accra ein, nachdem er in Lagos, der Hauptstadt Nigeriens, die
Vietnam-Frage mit Premierminister Abubakar Tafawa Balewa

erörtert

hatte.
Nach Besprechungen mit dem Staatspräsidenten der Vereinigten
Arabischen Republik, Abdel Gamal Nasser, in Kairo reist Botschafter
Harriman nach Bangkok zu Vietnam-Gesprächen mit Regierungsvertretern
Thailands weiter.
Außenminister Rusk unterrichtet die Botschafter der lateinamerikanischen Staaten in Washington von den Friedensbemühungen der USA
in Vietnam.

6. Januar 1966

Sonderbotschafter Harriman trifft in Tokio zu diplomatischen
Besprechungen über die Vietnam-Frage ein.
In Afrika konferiert Unterstaatssekretär Williams mit Regierungsvertretern der Republik Elfenbeinküste und dem liberianischen Staatspräsidenten William Tubman in Monrovia über die Vietnam-Frage. Williams reist zu weiteren Vietnam-Gesprächen nach Guinea weiter.
In Washington veröffentlicht das Außenministerium abermals die
Liste der 14 Punkte, die die offizielle Haltung der Vereinigten Staaten bezüglich Vietnams zusammenfassen.

7. Januar 1966

In Tokio versichert Ministerpräsident Eisaku Sato Botschafter
Harriman, Japan werde die Vereinigten Staaten bei ihren Bestrebungen
unterstützen, eine Konferenz über den Vietnamkonflikt zustande zu bringen.
Balewa wurde am 15. Januar im Verlauf eines Militärputsches seines
Amtes enthoben.

�Unterstaatssekretär Williams beendet seine Mission in Afrika mit
•inen Besuch bei dem Staatspräsidenten von Mali, Modibo Keita, in
Bamako. Davor hatte Williams noch in Dakar eine Aussprache mit dem
senegalesischen Präsidenten Leopold Senghor.
Der demokratische Fraktionsvorsitzende im US-Senat, Michael Mansfleld, erklärt nach einer Zusammenkunft mit Präsident Johnson, die
Aussetzung der Bombenangriffe auf Nordvietnam sei zeitlich nicht begrenzt und er rechne nicht mit ihrer baldigen Wiederaufnahme.
Das US-Verteidigungsministerium gibt bekannt, es seien seit dem
24. Dezember 1965 keine Bombenangriffe auf Nordvietnam mehr durchgeführt worden. Das Ministerium trat mit dieser Erklärung einer Meldung
des rotchinesischen Rundfunks entgegen, amerikanische Flugzeuge hätten
am 5. Januar einen Angriff auf nordvietnamesisches Gebiet unternommen.

9. Januar 1966

Papst Paul VI. schaltet sich erneut in die Kampagne zur Wiederherstellung des Friedens in Vietnam ein. Er bittet die beim Vatikan
akkreditierten Botschafter von 55 Ländern, ihre Regierungen dringlich
aufzufordern, auf eine Beendigung des Konflikts in Vietnam hinzuwirken.
In Washington berichtet Unterstaatssekretär Williams Präsident
Johnson über seine Besuche in 14 afrikanischen Staaten. Im Anschluß
an die Zusammenkunft mit dem Präsidenten erklärte er vor Journalisten,
fast die Hälfte aller besuchten afrikanischen Staaten hätten ihm zugesichert, daß sie die Kommunisten zur Einwilligung in Verhandlungen
auffordern werden.
Sonderbotschafter Harriman trifft in der australischen Hauptstadt Canberra zu dreitägigen Besprechungen mit Premierminister Sir
Robert Menzies und anderen hohen Regierungsvertretern ein.

10. Januar 1966

�10. Januar 1966

Der Pressesekretär des Weißen Hauses, Moyers, teilt mit, Sonderbotschafter Harriman werde sich am 12. Januar von Canberra aus nach
Saigon begeben, um mit Vertretern der südvietnamesischen Regierung
und dem amerikanischen Botschafter Henry Cabot Lodge zu konferieren.
Moyers erklärt vor Journalisten, es bestehe "berechtigter Anlaß
zu dem Schluß", daß die Vereinigten Staaten im Zusammenhang mit den
Bemühungen um die Beendigung des Kriegs in Vietnam direkten Kontakt
mit Hanoi aufgenommen haben.
Aus informierten Kreisen in Washington verlautet, das Regime in
Hanoi habe anläßlich einer Zusammenkunft zwischen einem seiner Vertreter und einem amerikanischen höheren Beamten eine Mitteilung der
amerikanischen Regierung entgegengenommen. Nach Mitteilung dieser
Kreise stehe ein Antwort Hanois noch aus.
Amerikanische Regierungssprecher wiederholen die Versicherung,
die sogenannte Nationale Befreiungsfront werde keine Schwierigkeiten
haben, ihre Ansichten auf einer Friedenskonferenz über Vietnam zu
Gehör zu bringen. Berichte aus Hanoi, denen zufolge Alexander N.
Schelepin, Mitglied des Präsidiums des Zentralkomitees der KPdSU,
dort erklärt habe, die Vereinigten Staaten müßten sich wegen einer
Beilegung des Vietnamkonflikts direkt an die Nationale Befreiungsfront wenden, werden amerikanischerseits mit einer erneuten Darlegung
der Haltung der USA, wie sie Präsident Johnson, Außenminister Rusk
und andere wiederholt aufgezeigt hatten, beantwortet.
Am Sitz der Vereinten Nationen gibt Botschafter Goldberg Generalsekretär U Thant einen detaillierten Überblick über die amerikanischen
Bemühungen zur Beendigung des Vietnamkonflikts auf friedlichem Wege
und durch Verhandlungen.

11. Januar 1966

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11. Januar 1966

Ein Sprecher das amerikanischen Außemninisteriums teilt vor
Pressevertretern mit, er könne keine "weiteren Einzelheiten" bezüglich der amerikanischen Mitteilung an Nordvietnam bekanntgeben.
Der Pressesekretär des Weißen Hauses, Moyers, erklärt, die amerikanische Friedensinitiative hinsichtlich Vietnams sei "eine Angelegenheit der Auswertung, des Hörens, des Wartens, des fortgesetzten
Tuns all dessen, was getan werden kann, und des Hoffens".
Die Aussetzung der amerikanischen Luftangriffe gegen militärische
Ziele in Nordvietnam dauert an.

12. Januar 1966

Präsident Johnson erklärt in seiner Botschaft über die Lage der
Nation, Amerikas Friedenssuche seien keine willkürlichen Grenzen gesetzt. Er führte wörtlich aus: "Wir stehen zu den Genfer Abkommen von
1954 und 1962. Wir werden uns ah jedem Konferenztisch einfinden, über
jeden Vorschlag sprechen - seien es vier Punkte oder 14 Punkte oder
40 Punkte - und die Ansichten jeder Gruppe in Erwägung ziehen. Wir werden auf eine Feuereinstellung hinarbeiten - sofort oder wenn es zu Gesprächen gekommen ist. Wir werden entsprechend handeln, wenn andere
ihre Gewaltanwendung verringern; und wir werden unsere Soldaten zurückholen, sobald sichere Garantien vorhanden sind, daß Vietnam seine Zukunft selber gestalten kann. Wir haben das alles gesagt und wir haben
zur Antwort aufgefordert - auf sie gehofft und auf sie gewartet.*
Der Präsident erklärt, er habe bei seiner Friedenskampagne bisher
"keine Antwort erhal.ten, aus der sich Erfolg oder Fehlschlag herauslesen ließe".
Botschafter Harriman trifft auf dem Weg nach der laotischen Hauptstadt Vientiane zu einem kurzen Besuch in Bangkok ein. In Saigon erklären Vertreter der US-Botschaft, Harriman werde nicht wie beabsichtigt

- 10 -

�beabsichtigt am 12. Januar in Vietnam eintreffen, sondern erst zu einem
späteren Zeitpunkt.

13. Januar 1966
Vizepräsident Humphrey und Außenminister Rusk sprechen in New Delhi
mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Alexej Kossygin. Die Gesprächspartner waren zur Teilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten für den
verstorbenen indischen Ministerpräsidenten Lal Bahadur Shastri am 12.
Januar nach der indischen Hauptstadt gekommen.
Vizepräsident Humphrey und Außenminister Rusk konferieren ferner
mit dem amtierenden indischen Ministerpräsidenten Gulzarilal Nanda und
anderen indischen Regierungsbeamten. Humphrey sucht den Vizepräsidenten
der Vereinigten Arabischen Republik, Husayn Mahmud Al-Shafei, auf, und
Rusk hat Besprechungen mit dem iranischen Außenminister Abbas Aram und
dem japanischen Vertreter bei den Beisetzungsfeierlichkeiten, Naka
Funada.
Nach diesen Besprechungen begibt sich Vizepräsident Humphrey nach
Washington, um Präsident Johnson Bericht zu erstatten.
In Vientiane führt Harriman Gespräche mit dem laotischen Ministerpräsidenten Souvanna Phouma. Er verweist erneut auf Präsident Johnsons
Entschlossenheit, "Südvietnam Gelegenheit zu geben, über seine eigene Zukunft selbst zu bestimmen". Der Sonderbotschafter reist anschließend
nach Bangkok weiter.
In Saigon erklärt die US-Botschaft, die amerikanischen Truppen
werden gemeinsam mit ihren südvietnamesischen Verbündeten den informellen
Waffenstillstand anläßlich des vietnamesischen Neujahrsfestes einhalten.
Der dreitägige Waffenstillstand soll am 21. Januar beginnen.
Die Aussetzung der US-Luftangriffe gegen Nordvietnam dauert an.

14. Januar 1966

- 11 -

�14. Januar 1966

Außenminister Rusk reist von New Delhi nach Bangkok weiter, wo er
mit Sonderbotschafter Harriman zusammentrifft.

15. Januar 1966

Außenminister Rusk und Sonderbotschafter Harriman treffen in Saigon au Besprechungen mit der südvietnamesischen Regierung und US-Botschafter Lodge ein.

16. Januar 1966
Im Abschlußkommunique über ihre Besprechungen in Saigon weisen
Außenminister Rusk und der südvietnamesische Premierminister Ky darauf
hin, daß "gegenwärtig keine Anzeichen für die Bereitschaft Nordvietnams
vorliegen, positive Schritte in Richtung auf den Frieden zu unternehmen".
Vietnam und seine Verbündeten müssen jedoch, so heißt es in dem Kommunique weiter, alle Vorschläge und Initiativen, die zum Frieden führen könnten, weiterhin aufmerksam verfolgen.
Außenminister Rusk und Sonderbotschafter Harriman treffen aus Saigon kommend in Manila ein und erörtern die Vietnam-Frage mit dem philippinischen Staatspräsidenten Ferdinand E. Marcos und Außenminister Narciso
Ramos.

17. Januar 1966

Außenminister Rusk und Sonderbotschafter Harriman fliegen über Guam
nach Washington zurück, um Präsident Johnson Bericht zu erstatten.
Der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, Botschafter Goldberg, erklärt in einer Rede in New York, daß nunmehr jedes
denkbare Mißverständnis hinsichtlich des Wunsches der Vereinigten Staaten,
den Vietnamkonflikt zum Verhandlungsgegenstand einer Konferenz zu machen,

- 12 -

�machen, ausgeräumt sei.

18. Januar 1966

Botschafter Goldberg weist in einem Fernsehinterview darauf hin,
daß die Aussetzung der Bombenangriffe auf Nordvietnam nicht befristet
sei und daß sich die Vereinigten Staaten "mitten in einer Friedensoffensive" befinden.

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Beilage

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XIX - 5

DIE AMERIKANISCHEN FRIEDENSBEMÜHUNGEN IN VIETNAM

Eine Chronologie

(Berichtigung und Ergänzung zu unserer
Sonderbeilage XIX - 4 vom 28.1.1966)

�14. Januar 1966
Außenminister Rusk und Sonderbotschafter Harriman erörtern in
Bangkok die Vietnam-Frage mit dem thailändischen Ministerpräsidenten
Thanom Kittikachorn und Außenminister Thanat Khoman.
In Washington erklärt ein Sprecher des US-Außenministeriums, es
bestehen keinerlei grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Vereinigten Staaten und der Republik Vietnam in bezug auf Friedensverhandlungen.

15. Januar 1966
Außenminister Rusk und Sonderbotschafter Harriman treffen in
Saigon mit dem südvietnamesischen Ministerpräsidenten Nguyen Cao Ky
zusammen.

16. Januar 1966
Im Abschlußkommunique über die Besprechungen zwischen Außenminister
Rusk und Ministerpräsident Ky heißt es, Südvietnam und seine Verbündeten
"müssen weiterhin alle notwendigen militärischen Maßnahmen ergreifen und
alle Vorschläge und Initiativen, die zum Frieden führen könnten, aufmerksam verfolgen". In dem Kommunique wird ferner darauf hingewiesen,
daß die Auffassungen der Regierungen Südvietnams und der Vereinigten
Staaten "in allen wesentlichen Punkten"übereinstimmen.
Außenminister Rusk und Sonderbotschafter Harriman treffen aus Saigon
kommend in Manila ein und erörtern die Vietnam-Frage mit dem philippinischen Staatspräsidenten Ferdinand £. Marcos und Außenminister Narciso
Ramos.
In Washington berichten Vizepräsident Humphrey und der Sicherheitsreferent des Präsidenten, Bundy, in getrennten Fernsehsendungen, die
Vereinigten Staaten warten noch immer auf ein positives Echo Hanois auf
ihre Bemühungen, den Vietnamkonflikt zum Gegenstand von Verhandlungen zu
machen.
17. Januar 1966

- 12 -

�17. Januar 1966
Dar Pressereferent des Weißen Hauses, Moyers, erklärt, die Vereinigten Staaten haben, was die Wiederaufnahme der Bombardierung militärischer Ziele in Nordvietnam

angeht, weder einen Termin gesetzt noch

eine diesbezügliche Entscheidung getroffen. Er fügt hinzu: "Dies ist
eine Angelegenheit, die tagein, tagaus eine äußerst sorgfältige Analyse
erfordert."
In New York erklärt der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, Botschafter Goldberg, daß nunmehr jedes denkbare Mißverständnis hinsichtlich des Wunsches der Vereinigten Staaten ausgeräumt
sei, den Vietnamkonflikt durch Verhandlungen zu bereinigen.

18. Januar 1966
Botschafter Goldberg weist in einem Fernsehinterview darauf hin,
daß die Aussetzung der Bombenangriffe auf Nordvietnam nicht befristet
sei, und daß sich die Vereinigten Staaten "mitten in einer Friedensoffensive" befinden.

19. Januar 1966
Der Pressereferent des Weißen Hauses, Moyers, bezeichnet die Aussetzung der Bombenangriffe auf Nordvietnam als "Gegenstand fortgesetzter
Überprüfungen und Analysen" und betont, daß bisher diesbezüglich keine
Frist gesetzt worden sei.

20. Januar 1966
Präsident Johnson empfängt Außenminister Rusk und Botschafter
Harriman zur Berichterstattung über ihre Gespräche mit den ausländischen
Staatsmännern, die sie im Zusammenhang mit der amerikanischen Friedensinitiative besucht hatten.
Der Präsident begibt sich anschließend nach Independence, Missouri,
und erklärt dort, der Weg zum Frieden könne beschritten werden, sobald
sich "andere entscheiden, die Vernunft an die Stelle des Terrors zu setzen".
21. Januar 1966
- 13 -

�t

21. Januar 1966
Außenminister Rusk unterstreicht auf einer Pressekonferenz in
Washington die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, weiterhin
"mit Geduld und Ausdauer" nach Wiederherstellung des Friedens in Vietnam
zu streben, gleichzeitig'aber auch "zu tun, was nötig ist, um die kommunistische Aggression gegen dieses Land abzuwehren". Er erklärt ferner,
die einzige Antwort der Kommunisten auf die amerikanische Friedensiniati ve bestehe bisher in Schmähungen, Bomben und Granatwerferfeuer.
In einer Rede in Boston, Massachusetts, versichert der Stellvertretende Staatssekretär für politische Angelegenheiten im USrAußenministerium, U. Alexis Johnson, die Wahl zwischen einem baldigen Frieden
und einem härteren Krieg in Vietnam liege bei dem nordvietnamesischen
kommunistischen Regime. Er weist Hanoi darauf hin, daß die überwältigende Mehrheit des amerikanischen Volkes die von Präsident Johnson bekundete Entschlossenheit der USA teile, solange in Südvietnam zu verbleiben,
wie die kommunistische Aggression dies erforderlich mache.
In Saigon teilt ein amerikanischer Sprecher mit, die kommunistischen
Vietcong hätten die von ihnen angekündigte Waffenruhe vom 19. Januar
Mitternacht bis zum 23. Januar Mitternacht anläßlich des vietnamesischen
Neujahrsfestes in der Anfangsphase durch 15 Angriffe oder Störaktionen
gegen südvietnamesische Truppen mehrfach verletzt. Der Sprecher beschuldigt die Vietcong ferner, sie hätten im gleichen Zeitraum 34 Angriffe
gegen die alliierten Streitkräfte unternommen, weist aber gleichzeitig
darauf hin, daß diese Aktionen die Einhaltung der für die Zeit vom
20. Januar mittags bis 23. Januar 6 Uhr morgens angekündigten Waffenruhe
durch die südvietnamesischen und alliierten Truppen nicht beeinflussen
werden.

22. Januar 1966
Präsident Johnson stellt erneut fest, "die Friedensbemühungen werden
nicht eingestellt", obwohl die Aggression in Vietnam andauert. Diese
Erklärung des Präsidenten ist in einem Brief enthalten, den er an eine

- 14 -

�eine Gruppe amerikanischer Kongreßmitglieder richtete, die ihn zuvor in
einem Schreiben ihrer Unterstützung in der Frage der Friedensinitiative
versichert hatten.
Vizepräsident Humphrey erklärt in einem über die "Stimme Amerikas"
verbreiteten Fernsehinterview, die Vereinigten Staaten hätten sowohl den
Willen als auch die Macht, der Aggression in Vietnam zu begegnen und dort
einen "gerechten und dauerhaften Frieden" herbeizuführen.

23. Januar 1966
In einem transatlantischen Fernsehinterview führt Außenminister Rusk
aus, die Vereinigten Staaten vermißten bisher jedes direkte oder indirekte
Echo auf die Aussetzung der Bombenangriffe und ihr Angebot von Friedensgesprächen. Barsche Erklärungen, die fortgesetzte Einschleusung weiterer
nordvietnamesischer Soldaten nach Südvietnam und die mehrfache Verletzung
der Waffenruhe anläßlich des vietnamesischen Neujahrsfestes durch die
Vietcong seien die bisher einzige Reaktion. Der Außenminister versichert
aber dennoch, die "Vereinigten Staaten werden weiterhin alle nur denkbaren
Möglichkeiten für eine friedliche Regelung in Südostasien prüfen".
Sonderbotschafter Harriman erklärt in einem über ein anderes Fernsehnetz ausgestrahlten Interview, Hanoi und Peking stünden mit ihrem
Desinteresse an einem Frieden in Südostasien "isoliert von der Weltmeinung"
da. Er führt aus, es lägen keine Beweise vor,'daß die Nordvietnamesen den
Krieg beenden wollen. Unter Hinweis auf die Tatsache, daß Bombenangriffe
seit dem 24. Dezember ruhen, erklärt der Sonderbotschafter: "Sie haben seit
nunmehr 31 Tagen eine Chance, und sie haben das Tempo des Krieges nicht
verlangsamt."
Die alliierten Streitkräfte nehmen nach Ablauf der Waffenruhe anläßlich des vietnamesischen Neujahrsfestes die Operationen wieder auf.

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DER WIRTSCHAFTSBERICHT PRÄSIDENT JOHNSONS

Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht, den
Präsident Johnson

Beilage

dem amerikanischen Kongreß

am 27. Januar 1966

unterbreitete

XIX - 5

�PRÄSIDENT JOHNSON LEGT WIRTSGHAFTSBERICHT VOR
(Auszüge)

WASHINGTON - (AD) - Präsident Johnson hat dem amerikanischen Kongreß am 27. Januar 1966 seinen Wirtschaftsbericht unterbreitet, der
einen Überblick über die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten
gibt und die wirtschaftspolitischen Empfehlungen des Präsidenten darlegt.
In dem mit zahlreichen Tabellen und Statistiken angereicherten,
306 Seiten umfassenden Bericht, den der Präsident aufgrund des Beschäftigungsgesetzes (Employment Act) von 1946 dem Kongreß im Januar eines
jeden Jahres vorzulegen hat, unterstreicht Johnson, daß sich die amerikanische Wirtschaft gegenwärtig inmitten des größten Wirtschaftsaufschwunges in der Geschichte der USA befindet. Dieser Aufschwung, so betont der Präsident, trete nunmehr in sein sechstes Jahr ein, ohne daß
Zeichen eines Nachlassens festzustellen seien.
Der Wirtschaftsbericht umfaßt den eigentlichen Bericht des Präsidenten sowie den von seinem Wirtschaftsbeirat zusammengestellten Jahresbericht, der aus einem Begleitschreiben und den nachstehend aufgeführten sieben Abschnitten besteht:
1. Auf dem Wege zur Vollbeschäftigung,
2.

Aussicht auf Stabilität von Kosten und Preisen,

3.

Stärkung des Arbeitskräftepotentials,

4.

Gebiete, auf denen 1966 auf gesetzgeberischem Wege weiterer

Fortschritt erzielt werden kann,
5.

Fortschritt und Probleme der Landwirtschaft,
6.

- 1-

�6.

Die Weltwirtschaft,

7.

Das Beschäftigungsgesetz: 20 Jahre politischer Erfahrungen.

Die wesentlichen Auszüge des Wirtschaftsberichtes des Präsidenten
haben folgenden Wortlaut:
"An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Vor einem Jahr

habe ich berichtet, daß wir 'inmitten des größten

Wirtschaftsaufschwunges in der Geschichte irgendeines Landes* stehen.
Dieser Aufschwung, der nunmehr in sein sechstes Jahr eintritt, dauert
unvermindert an.
- Der Wert der in unserem Land jährlich produzierten Güter und
Dienstleistungen erhöhte sich von 1960 bis 1965 um über ein Drittel.
Allein im vergangenen Jahr verzeichnete unser Bruttosozialprodukt einen
Rekordzuwachs von 47 Milliarden Dollar.
- Die ständig steigende Produktion führte zu einer noch nie dagewesenen Zunahme der Einkommen der amerikanischen Bevölkerung. Das Persona leinkommen erreichte im Dezember eine Jahresrate von insgesamt 550
Milliarden Dollar und ist damit in den letzten fünf Jahren um 37 Prozent
und in den vergangenen zwölf Monaten um 7,5 Prozent gestiegen.
- In den vergangenen fünf Jahren nahm die Zahl der Beschäftigten
in Amerika um fast 7 Millionen zuj 1965 allein um etwa 2,5 Millionen.
Die Arbeitslosenrate ging von 6,6 Prozent im Dezember 1960 - und einem
Höchststand von 7,1 Prozent im Mai 1961 - auf 4,1 Prozent im Dezember
1965 zurück.
- Die Bezahlung der Arbeitskräfte ist besser denn je zuvor. Der
durchschnittliche Nettowochenlohn eines Industriearbeiters mit drei
Familienangehörigen erhöhte sich in den vergangenen fünf Jahren um 26
Prozent und in den vergangenen zwölf Monaten allein um vier Prozent.
- Die Gesellschaftsgewinne lagen im vergangenen Jahr nach Abzug
der Steuern um 67 Prozent höher als vor fünf Jahren und um 20 Prozent
höher als 1964.
- Und das Durchschnittseinkommen in der Landwirtschaft stieg im
vergangenen Jahr um 23 Prozent und hat damit alle Rekorde übertroffen.
Industrie
- 2 -

�Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft - unsere Arbeiter, Gewerbetreibenden und freiberuflich tätigen Männer und Frauen - kommen heute
in den Genuß einer Prosperität, die weit über das hinausgeht, was sich
je ein Volk zu irgendeiner Zeit irgendwo auf der Welt erträumt hat.
Ein neues Wirtschaftsklima
Angesichts dieses noch nie dagewesenen und anhaltenden Wachstums
tauchen Fragen auf, wie sie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr zu
hören waren:
- Wird die Produktionskapazität ausreichen, um den Bedarf an Gütern
und Dienstleistungen voll decken zu können?
- Werden unsere Unternehmer genügend Arbeitskräfte zur Aufrechterhaltung ihrer Produktion finden?
- Können wir in wichtigen Industrien oder bei wichtigen Fachkräften
Engpässe vermeiden, die unsere Expansion beeinträchtigen würden?
- Können wir einer destruktiven Lohn-Preis-Spirale entgehen?
- Können wir die Programme der Großen Gesellschaft fortsetzen und
gleichzeitig unseren Verteidigungserfordernissen nachkommen?
Ich kann Jede dieser Fragen zuversichtlich mit Ja beantworten.
Aber die Tatsache, daß diese Fragen ernsthaft gestellt werden und
ernsthaft beantwortet werden müssen, zeigt bereits zur Genüge, daß wir
uns in einem neuen Wirtschaftsklima befinden. Wir nähern uns der vollen
Ausnutzung unserer Hilfsquellen, und dies wirft neue Probleme auf.
Denen, die diese neuen Probleme fürchten, möchte ich folgendes entgegenhalten:
- Dies sind genau die Probleme, auf die wir fast zehn Jahre lang
gewartet haben.
- Diese Probleme sind der Preis unseres Erfolges.
- Dies sind begrüßenswerte Probleme der Prosperität.
Während der vergangenen fünf Jahre haben wir sehr unterschiedlichen
wirtschaftlichen Problemen gegenübergestanden. Bei der Bewältigung dieser

- 3 -

�dieser Probleme haben wir gelernt, daß
- Rezessionen nicht unvermeidbar sind;
- eine hohe Produktion nicht zwangsläufig Überproduktion bedeutet;
- eine Expansion nicht zwangsläufig zu Geldentwertung oder Störungen des Gleichgewichts der Wirtschaft führen muß, die eine weitere Expansion unterbinden;
- der Wohlstand die der amerikanischen Wirtschaft innewohnende
Stärke und Dynamik nicht beeinträchtigt;
- die Automation nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen muß;
- die Millionen Arbeitslosen nicht arbeitslos bleiben müssen;
- durch klug angewandte und die Expansion begünstigende fiskalische
Maßnahmen ein hoher Beschäftigungsstand wiederhergestellt werden kann;
und
- die Expansion in den Vereinigten Staaten Hand in Hand mit einer
Stärkung der Zahlungsbilanz und einer gesunden Währung gehen kann.
Wir haben gelernt, wie wir die Prosperität erreichen können. Nun
müssen wir sie erhalten, uns mit ihren Problemen befassen und das Beste
aus den Möglichkeiten machen, die sie bietet.

Vietnam und unsere Wirtschaft
Wir sehen uns den großen Aufgaben gegenüber, die der Wohlstand mit
sich bringt, während wir gleichzeitig rund 200 000 unserer Mitbürger
und unsere Hilfsquellen und Milliarden Dollar für die schwere Aufgabe
der Verteidigung der Freiheit in Vietnam aufbieten müssen. Die wahren
Kosten dieses Konflikts sind Tod, Schmerzen und Kummer, Unterbrechung
des beruflichen Werdeganges und Trennung von der Familie. Diese Kosten
sind nicht meßbar. Aber die wirtschaftlichen Kosten des Vietnamkonfliktes
bürden uns keine untragbaren Lasten auf.
Allerdings vergrößert der Vietnamkonflikt die normalen Probleme der
Aufrechterhaltung einer ausgewogenen Prosperität. Er erlegt bestimmten
Industrien besondere Laßten auf und erhöht in gleicher Weise die Unsicherheit, sowohl was die fiskalische Planung der Regierung als auch was
die private Planung der Wirtschaft angeht. Diese Unsicherheit unterstreicht

- 4 -

�unterstreicht die Notwendigkeit einer flexiblen Regierungspolitik und
verantwortungsbewußter privatwirtschaftlicher Entscheidungen.
Auf die für Vietnam eingesetzte Produktion entfallen weniger als
eineinhalb Prozent unseres Bruttosozialproduktes. Die hierfür erforderlichen Aufwendungen sind Teil der Gesamtnachfrage nach Arbeitskräften
und Gütern. Die private Nachfrage der Verbraucher und der Wirtschaft
sowie die zivilen Vorrangprogramme der Regierung könnten und würden jedoch diese Produktion auch ohne Krieg in Vietnam aufnehmen - und das
wäre uns wesentlich lieber. Unsere Prosperität ist nicht von unseren
militärischen Anstrengungen abhängig.

Prinzipien der Wirtschaftspolitik
In einer Zeit hoher Prosperität sieht sich die Wirtschaftspolitik
neuen Problemen gegenüber. Sie wird jedoch auch weiterhin von den
grundlegenden Prinzipien bestimmt, die uns in der Vergangenheit so gute
Dienste geleistet haben.
Im kommenden Monat werden es zwanzig Jahre her sein, daß das Beschäftigungsgesetz (Employment Act) von 1946 - das diesen Bericht vorschreibt - Gesetzeskraft erlangte. Die Prinzipien unserer Wirtschaftspolitik gehen auf dieses Gesetz sowie auf die Erfahrungen zurück, die
wir in zwei Jahrzehnten mit diesem Gesetz gewonnen haben.
Das Grundlegende und Revolutionierende an diesem Beschäftigungsgesetz ist, daß es der Bundesregierung eine Mitverantwortung für die
Tätigkeit der amerikanischen Wirtschaft auferlegt. Die Form dieser
Mitverantwortung wurde im Laufe der Jahre durch die Empfehlungen von
vier Präsidenten und die Gesetze von zehn Kongressen immer deutlicher
umrissen.
Als Hauptaufgaben der von der Bundesregierung verfolgten Wirtschaftspolitik erachte ich heute:
1. Die Vollbeschäftigung ohne Geldentwertung zu erreichen; die
Steuer- und Währungspolitik so zu gestalten, daß die Gesamtnachfrage
mit unserem wachsenden Produktionspotential Schritt hält, während

- 5-

�während gleichzeitig die Ausweitung dieses Potentials durch Maßnahmen
auf dem Gebiet der Ausbildung, der Forschung und Entwicklung sowie der
Arbeitsmarktpolitik und durch verstärkte private und öffentliche Investitionen gefördert wird;
2. dazu beizutragen, durch Stärkung des Arbeitspotentials und Beseitigung von Diskriminierung, Unwissenheit und Krankheit allen neue
Möglichkeiten zu eröffnen;
3. bei der Lösung sozialer und wirtschaftlicher Probleme mitzuhelfen, die weder von privater Seite noch von einzelstaatlichen und
kommunalen Behörden allein bewältigt werden können - wie der Ausbau
des Transportwesens, die Erhaltung gesunder Umweltbedingungen, die
Sanierung der Landwirtschaft oder die Neugestaltung unserer Städte;
4. einen Ausgleich der Zahlungsbilanz unseres Landes zu erreichen
und zu erhalten sowie auf Verbesserungen in der internationalen Wirtschaftsordnung hinzuarbeiten;
5. einen gesunden Wettbewerb zu erhalten und zu fördern;
6. nationale Ziele so weit wie möglich durch freiwillige Mitarbeit
von Wirtschaft, Gewerkschaften und anderen Gruppen zu verwirklichen.
Die Anerkennung dieser Verantwortung der Bundesregierung verringert weder die Verantwortung des einzelnen oder privater Wirtschaftsgruppen, noch schränkt sie ihre Freiheit ein; ebensowenig wird die
Autorität der einzelstaatlichen und kommunalen Behörden in Frage gestellt.
Es geht hier um neue und immer schwierigere Probleme einer immer
komplizierteren und in gegenseitiger Abhängigkeit stehenden Wirtschaft
und Gesellschaft. Nur die Bundesregierung kann die hieraus erwachsenden
Aufgaben auf sich nehmen. Die Bundesregierung kann jedoch nicht von
sich aus Wohlstand schaffen, die Arbeitslosigkeit verringern, eine Geldentwertung vermeiden, die Zahlungsbilanz ausgleichen, unsere Städte neu
aufbauen, die Landwirtschaft stärken, die Armut beseitigen oder die
Volksgesundheit heben.
Nur

- 6-

�Nur durch eine schöpferische und kooperative Partnerschaft aller
privaten Interessen und aller Regierungsstellen - einen schöpferischen
Föderalismus - können unsere wirtschaftlichen und sozialen Ziele verwirklicht werden. Die Erfolgsgeschichte Amerikas wurde von einer solchen Partnerschaft geschrieben. Und die außergewöhnlichen wirtschaftlichen und sozialen Erfolge in den letzten Jahren wurden dadurch erzielt, daß diese Partnerschaft noch dynamischer gestaltet und das Vertrauen in ihre Wirksamkeit neu begründet wurde.

Unsere wirtschaftlichen Erfolge
Unsere Wirtschaft ist so gewaltig und unsere Fortschritte waren
so schnell, daß es schwerfällt, unsere Erfolge in der richtigen Perspektive zu sehen. Hier einige Beispiele:
- In nur sieben anderen Ländern der Welt ist die Gesamtproduktion
eines Jahres so groß wie unser Produktionszuwachs im vergangenen Jahr.
- Der Wert des Anlagevermögens unserer Privatunternehmen - gemessen
in konstanten Preisen - hat sich allein 1965 in dem gleichen Maße erhöht wie in den vier Jahren von 1957 bis 1960 zusammen.
- Allein die Zunahme der Bareinnahmen des Bundes in den Finanzjahren von 1961 bis 1967 wird - trotz Steuersenkungen um 20 Milliarden
Dollar - die gesamten Bareinnahmen des Bundes in jedem einzelnen Finanzjahr in Friedenszeiten vor 1951 übersteigen.

Arbeitsplätze, Einkommen und Produktion
Die Liste unserer wirtschaftlichen Erfolge im Jahre 1965 beginnt
bei der Ausweitung der Beschäftigungsmöglichkeiten durch Schaffung von:
- 2,4 Millionen mehr Arbeitsplätzen insgesamt;
- 1 Million mehr Arbeitsplätzen für Jugendliche;
- 350 000 mehr Arbeitsplätzen für Farbige;
- 900 000 mehr Arbeitsplätzen für Frauen;
- 1,2 Millionen

- 7-

�- 1,2 Millionen mehr Arbeitsplätzen für Fabrikarbeiter;
- 900 000 mehr Arbeitsplätzen in der Fertigung;
- 450 000 mehr Arbeitsplätzen bei einzelstaatlichen und Kommunalbehörden;
- 1 Million mehr Arbeitsplätzen im Handel und im Dienstleistungsgewerbe.
Sie setzt sich bei den Löhnen fort:
- Die Durchschnittsstundenlöhne nahmen in der Industrie um 3 Prozent, im Einzelhandel um 4,5 Prozent zu.
- Die Durchschnittswochenlöhne nahmen in der Industrie um 3,5 Prozent, im Handel um 3,3 Prozent zu.
Die übrigen Einkommen stiegen wie folgt:
- das landwirtschaftliche Einkommen um 22 Prozent;
- das Durchschnittseinkommen der selbständigen Gewerbetreibenden
und der freiberuflich Tätigen um 7,5 Prozent;
- die Dividenden um insgesamt 12 Prozent.
Die Kapitalgesellschaften hatten einen ebensolchen Aufschwung zu
verzeichnen, stiegen doch
- die Gewinne vor Abzug der Steuern um 15 Prozent;
- die Gewinne nach Abzug der Steuern um 20 Prozent;
- die nicht ausgeschütteten Gewinne um 29 Prozent.
Nachdem mehr Menschen in Arbeit standen und mehr verdienten,
- stieg das Personaleinkommen um insgesamt 39 Milliarden Dollar
oder 7,5 Prozent;
- erhöhte sich das Verbrauchereinkommen nach Abzug der Steuern um
34 Milliarden Dollar oder ebenfalls 7,5 Prozent.
Regierung und Verwaltungen profitierten von dieser Einkommensausweitung in folgender Weise:
- Die

- 8 -

�- Die Bareinnahmen der Regierung erhöhten sich um 8,5 Milliarden
Dollar;
- die Einzelstaaten und Gemeinden nahmen 4,3 Milliarden mehr ein,
wodurch sich die Notwendigkeit von Steuererhöhungen zur Bestreitung
ihrer Ausgaben verringerte.
- die höheren Einkünfte von Einzelpersonen, Gesellschaften und Regierung resultierten aus der Ausweitung der Produktion:
(Veränderung 1965 gegenüber 1964 in Milliarden Dollar)
Produktion von Gütern und Dienstleistungen für den Verbraucher

+29,5

Produktion neuer Anlagen und Ausrüstungen

+

Produktion für den Bedarf der Bundesregierung

+ . 1,5

Produktion für den Bedarf der einzelstaatlichen und Kommunalbehörden
Produktion zur Erhöhung der Lagerbestände

+
+

9,5

5,0
2,5

unverändert

Wohnungsbau
Produktion für den Export
(abzüglich Import)

M

Bruttosozialprodukt (Gesamtproduktion)

+ 47

1,5

Wir konnten unsere Gesamtproduktion im vergangenen Jahr um weitere
47 Milliarden Dollar steigern, weil:
- unser Arbeitskräftepotential einen Nettozugang von 1,4 Millionen
Menschen zu verzeichnen hatte;
- für diese zusätzlichen Arbeitskräfte und 400 000 Arbeitslose
Arbeitsplätze geschaffen wurden;
- jeder Beschäftigte während des Jahres im Durchschnitt einige
Stunden länger arbeitete; und
- jede in der Privatwirtschaft geleistete Arbeitsstunde im Durchschnitt einen Produktivitätszuwachs von 2,8 Prozent gegenüber 1964 erbrachte.
Der erhöhte Beschäftigtenstand und die höhere Produktivität wurden
ermöglicht, weil durch die Investitionen der Wirtschaft eine wesentliche

- 9-

�wesentliche Ausweitung der Produktionskapazität erreicht wurde; weil
die neuen und die vorhandenen Kapazitäten besser genutzt wurden als
in den vorangegangenen Jahren; und weil unsere Arbeitskräfte eine
bessere Ausbildung und Schulung hatten als früher. Unsere Bemühungen,
die ungelernten Arbeitskräfte an den sich schnell verbessernden Aufstiegschancen teilhaben zu lassen, waren eine Investition in unsere
Produktionskapazität und sie werden es auch künftig sein.
Die verstärkte Marktnachfrage, die diese höhere Erzeugung auslöste, kam von allen Sektoren. Die beiden dominierenden Kräfte waren
jedoch die starke Zunahme der Aufwendungen der Wirtschaft für neue
Anlagen und Ausrüstungen sowie der weitere Verlaß auf die Verbraucherausgaben, die mit den Verbrauchereinkommen Schritt hielten. Verbrauchssteuersenkungen und erhöhte Zuwendungen der Sozialversicherung trugen
1965 ebenfalls dazu bei, die Einkünfte und Ausgaben der Haushaltungen
ansteigen zu lassen. Die im Steuergesetz von 1964 vorgesehenen Steuersenkungen bildeten das ganze Jahr hindurch eine Stütze für die private
Nachfrage. Bis Ende des Jahres hatten sie auf diese Weise mit 30 Milliarden Dollar zur Erhöhung des Bruttosozialproduktes beigetragen.

Fortschritte für die Benachteiligten
Die benachteiligten und weniger begüterten Mitglieder unserer
Gesellschaft hatten ebenfalls an den wirtschaftlichen Gewinnen des Jahres 1965 teil:
- Für die Armen, die arbeiten konnten, machte sich der Rückgang
der Arbeitslosigkeit, die Zunahme der Arbeitszeit und die Erhöhung der
Löhne bemerkbar.
- Für die Armen, die mehr leisten konnten, wurden bessere Ausbildungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz geschaffen; sie erhielten Unterstützung bei der Arbeltssuche und bessere Bildungsmöglichkeiten; diskriminierende Schranken wurden abgebaut.
- Für die Armen, die nicht verdienen konnten, gab es höhere Unterstützungen, neue Programme der ärztlichen Betreuung und bessere Sozialleistungen.
- Für
- 10 -

�- Für die Armen, die noch zu jung zum Verdienen waren, gab es
bessere Erziehungs- und Bildungsmöglichkeiten, Beihilfen, durch die
ein längerer Schulbesuch ermöglicht wurde, sowie eine bessere gesundheitliche Betreuung...
Der Kampf gegen Armut, Unwissenheit, Krankheit, Diskriminierung
und unzulängliche Aufstiegsmöglichkeiten muß fortgesetzt werden.

Verbesserung der Zahlungsbilanz
Im Jahre 1965 konnten wir unser Zahlungsbilanzdefizit auf weniger
als die Hälfte des Betrages von 1964 und 1963 reduzieren. Wir haben
einer skeptischen Welt bewiesen, daß ein freiwilliges Programm, das
sich auf die patriotische Mitarbeit der Wirtschaft und der Banken
stützt, Erfolge zeitigen kann.
Wir erzielten 1965 beträchtliche Fortschritte
- trotz der Tatsache, daß unser neues Programm erst zu Ende des
ersten Quartals anlief;
- trotz größerer Verantwortungen und Pflichten in Vietnam;
- trotz eines zeitweiligen Rückgangs unseres Außenhandelsüberschusses;
- trotz der Tatsache, daß die britische Regierung amerikanische
Wertpapiere und andere Guthaben im Werte von mehr als einer halben
Milliarde Dollar flüssig machte.
Die Entwicklung von Kosten und Preisen
Bis vor einem Jahr waren die Kosten und Preise in den USA gegenüber 1958 im wesentlichen unverändert geblieben. Im vergangenen Jahr
wurde diese Entwicklung, vor allem durch ein Ansteigen der Preise für
landwirtschaftliche Erzeugnisse und Lebensmittel, gestört. Aber trotzdem haben wir gegenüber unseren Hauptkonkurrenten in Übersee nicht an
Boden verloren, deren Preise und Kosten im allgemeinen noch stärker
gestiegen sind als unsere.
Einige
- 11 -

�I

Einige international gehandelte Rohstoffe - insbesondere Metalle
und Häute - kosten uns heute mehr. Und höhere Preise für Erdölerzeugnisse und bestimmte Maschinen haben unsere Preis-Indizes ebenfalls
etwas nach oben getrieben.
Aber die Arbeitskosten - das wesentlichste Element in der Kostenstruktur - sind kaum gestiegen, da der Produktivitätszuwachs größtenteils die mäßigen Steigerungen der Arbeitskosten pro Stunde wettmachte.
Auf zahlreichen Sektoren unserer Wirtschaft ist Preisstabilität
immer noch die Regel, und einige wichtige Preise bewegen sich den sinkenden Kosten folgend immer noch nach unten...
Wirtschaftliche Aussichten für 1966
Die Nachfrage wird 1966 weiterhin rasch ansteigen, und die Produktion wird dieser Entwicklung Rechnung tragen. Die Höhe der Investitionsaufwendungen zeigt das starke Vertrauen der Wirtschaft in steigende
Umsätze, zunehmende Gewinne und einen hohen Betriebsstand, die zur weiteren Expansion und Modernisierung anspornen. Die wachsenden Verteidigungsausgaben der Bundesregierung bilden einen gewichtigen neuen Faktor
im Wirtschaftsbild. Aufgrund wachsender Bundesbeihilfen werden die Ausgaben der einzelstaatlichen und Kommunalbehörden weiter zunehmen. Das
steigende Verbrauchereinkommen aus Löhnen, Dividenden, Zinsen, freiberuflicher Arbeit sowie aus der Landwirtschaft wird erneut weitgehend
für Ausgaben zur Verbesserung des Lebensstandards aufgewandt werden.
Diese Faktoren werden 1966 unser Bruttosozialprodukt fast ebenso
stark anwachsen lassen wie im vergangenen Jahr, das einen Rekordzuwachs
von 47 Milliarden Dollar brachte. Für 1966 wird das Bruttosozialprodukt
- mit einem Spielraum von 5 Milliarden Dollar nach oben und nach unten auf 722 Milliarden Dollar veranschlagt. Unter Zugrundelegung dieses Betrages rechnen wir:
- mit zusätzlichen 40 Milliarden Dollar an Ausgaben und Produktion
für den privaten und öffentlichen zivilen Bedarf;
- mit

- 12 -

�- mit einem Absinken der Arbeitslosigkeit unter 4 Prozent und damit unter die Jahresdurchschnitte seit 1953;
- mit einer wesentlichen Ausweitung der Produktionskapazität unserer Industrie;
- mit einer weiteren guten Zunahme der Produktivität; und
- mit einer vollen Ausnutzung unserer Produktionskapazität ohne
irgendwelche Überbeanspruchung oder Anspannung.

Steuer- und Finanzpolitik
Das von mir für 1966 empfohlene Programm des Fiskus zielt auf eine
Vollbeschäftigung ohne Geldentwertung ab. Es ist ein verantwortungsbewußtes Programm. Es trägt der Tatsache Rechnung, daß eine dynamische
private Nachfrage und die erforderlich werdenden Verteidigungsausgaben
das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage aus den Angeln heben
könnten, das unsere Steuer- und Finanzpolitik in den vergangenen Jahren
beharrlich angestrebt und jetzt so wirksam erreicht hat.
Bis zu diesem Jahr verlangte die Wahrung dieses Gleichgewichtes
fiskalische Maßnahmen zur Steigerung der Nachfrage. Jetzt ist ein solcher Anreiz nicht mehr länger angebracht.
Ich habe jedes einzelne Regierungsprogramm überprüft, um Raum für
die Verteidigungserfordernisse zu schaffen. Ich habe weniger dringliche
zivile Programme stark reduziert oder völlig eingestellt. Aber ich bin
nicht gewillt, wie ich dies in meiner Botschaft über die Lage der
Nation angedeutet habe, für unseren Fortschritt in Richtung auf die
Große Gesellschaft ein Moratorium zu erklären. In meinem Haushalt werden 3,2 Milliarden Dollar zusätzlich für unseren Krieg gegen Armut, Unwissenheit und Krankheit bereitgestellt. Einsparungen in anderen Bereichen werden die Ausweitung des Regierungshaushaltes - abgesehen von den
zusätzlichen Aufwendungen für Vietnam - auf lediglich 600 Millionen
Dollar begrenzen...

Unsicherheitsfaktoren

- 13 -

�Unsicherheitsfaktoren
Wir haben die Wirtschaftslage nach bestem Wissen zu ergründen versucht. Dieses Jahr war die Beurteilung ungewöhnlich schwierig. Wenn die
jetzt von mir vorgeschlagenen steuerlichen Maßnahmen im Zusammenwirken
mit dem mäßigenden Einfluß der Währungspolitik die Gesamtnachfrage
nicht in den Grenzen der Produktionskapazität des Landes halten sollten, werde ich nicht zögern, weitere fiskalische Maßnahmen zu beantragen, um die privaten Ausgaben zu bremsen. Genauso wenig werde ich zögern,
um weitere derartige fiskalische Maßnahmen nachzusuchen, wenn zusätzliche Verteidigungserfordernisse dies im Laufe des Jahres notwendig machen sollten. Und ich werde die Gelegenheit zu einer Änderung meines
Budgets begrüßen, falls ein Nachlassen der internationalen Spannungen
geringere Verteidigungsausgaben ermöglichen sollten, als jetzt vorgesehen sind.
Unsere Verteidigungserfordernisse sind groß; aber unser Wirtschaftswachstum ist noch weit stärker. Die an unsere Wirtschaft gestellten Anforderungen sind hoch, aber ihre Produktionskapazität ist enorm. Sicherlich stehen uns Überraschungen bevor, aber unsere Fähigkeit, mit veränderten Umständen fertig zu werden, ist groß und wird immer größer.

Wahrung der Kosten- und Preisstabilität im Jahre 1966
Eines der Probleme der Prosperität, denen wir uns 1966 gegenübersehen, ist die Wahrung der Stabilität von Kosten und Preisen bei Vollbeschäftigung. Die Grundvoraussetzung für eine Stabilität der Preise
ist eine Finanzpolitik der öffentlichen Hand, die verhindert, daß die
Gesamtnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen das mögliche Angebot
übersteigt. Aber die Geschichte lehrt, daß noch mehr notwendig ist:
Verantwortungsbewußtsein seitens der Sozialpartner gegenüber den Interessen der Öffentlichkeit bei der Festsetzung von Löhnen und Preisen.
Die kräftige Wirtschaftsentwicklung, die wir für 1966 voraussehen,
wird die Gewerkschaften dazu verlocken, kostensteigende Lohnerhöhungen

- 14 -

�Lohnerhöhungen zu fordern, und die Wirtschaft anreizen, die Preise zu
erhöhen, selbst wenn die Gewinnspannen völlig ausreichend sind. Die
Gewerkschaften müssen sich vor Augen halten, daß zunehmende Beschäftigung und Produktivität die Grundlage für höhere Löhne sind, und die
Unternehmer müssen sich darüber im klaren sein, daß eine expandierende
Wirtschaft die Hauptquelle für einen Gewinnzuwachs bildet. Diese Grundlagen dürfen nicht gefährdet werden.
Die Bundesregierung hat nicht die Vollmacht, Höchstgrenzen für
Löhne und Preise festzusetzen. Aber wenn 200 000 unserer Mitbürger
ihr Leben bei der Verteidigung der Freiheit in Übersee einsetzen, dann
ist es die Pflicht der Regierung, diejenigen, die sich hier in den USA
in Sicherheit der Prosperität erfreuen, dazu aufzufordern, daß sie von
ihrer Freiheit in der Preis- und Lohngestaltung in verantwortungsbewußter Weise Gebrauch machen...

Internationale Wirtschaftspolitik für 1966
Die Zielsetzungen unserer internationalen Wirtschaftspolitik für
1966 sind:
- Unser noch verbliebenes Zahlungsbilanzdefizit zu korrigieren,
damit der Dollar weiterhin stark bleibt;
- auf einen Abbau der Handelsschranken hinzuarbeiten, damit alle
Nationen in den Genuß eines freieren Handels kommen;
- das internationale WährungsSystem zu verbessern, damit dieses
weiterhin eine gesunde und stetige Expansion der Weltwirtschaft zu
fördern vermag;
- gemeinsam mit den übrigen vom Glück begünstigten Nationen an
der Lösung der großen internationalen Aufgabe unseres Zeitalters zu
arbeiten: den Entwicklungsländern, die zur Selbsthilfe bereit sind,
dabei zu helfen, schnellere Fortschritte in Richtung auf ein besseres
Leben in Freiheit zu erzielen.

Zahlungsbilanz

- 15 -

�Zahlungsbilanz
Im Jahre 1965 wurden entscheidende Fortschritte in Richtung auf
einen Abbau unseres Zahlungsbilanzdefizits erzielt. Wenn auch die
1965 erreichten Ergebnisse befriedigend sind, so können wir es uns
nicht leisten, in unseren Anstrengungen nachzulassen. Wir haben noch
keinen Ausgleich unserer Zahlungsbilanz erreicht.
Das Ziel für 1966 ist ein Ausgleich der Zahlungsbilanz. Das setzt
voraus, daß
- die Wirtschaft weiterhin voll und ganz im Rahmen der verbesserten Richtlinien über den Kapitalfluß mitarbeitet, die im Dezember bekanntgegeben wurden;
- die Banken und Finanzinstitute weiterhin so ausgezeichnet mitarbeiten wie im vergangenen Jahr;
- die Wirtschaft in diesem Jahr trotz der hohen Inlandsaufträge
noch mehr Erzeugnisse im Ausland absetzt;
- Wirtschaft und Gewerkschaften Kosten und Preise stabil halten,
damit die Wettbewerbsfähigkeit unserer Güter und Dienstleistungen auf
dem Weltmarkt erhalten bleibt;
- die Regierung mit Nachdruck darauf hinarbeitet, den DollarAbfluß nach dem Ausland im Rahmen ihrer Hilfs- und Verteidigungsprogramme sowie all ihrer sonstigen Tätigkeiten auf ein Minimum einzuschränken;
- der Kongreß das von mir im vergangenen Jahr empfohlene Steuergesetz verabschiedet, um die Investitionsmöglichkeiten für Ausländer
in den Vereinigten Staaten zu verbessern;
- wir unsere Anstrengungen verstärken, unseren eigenen Staatsbürgern wie auch den Ausländern einen Anreiz zu Reisen in den Vereinigten Staaten zu geben.
Ich erteile hiermit Weisung, daß diese Anstrengungen Vorrang erhalten sollen.
Welthandel

- 16 -

�Welthandel

Das Jahr 1966 ist das Jahr, in dem die Welt bei der Liberalisierung
des internationalen Handels einen gewaltigen Schritt vorankommen kann,
wenn

die Kennedy-Runde der Verhandlungen über den Abbau der Handels-

schranken für alle Warenkategorien erfolgreich abgeschlossen wird. Das
daraus resultierende Wachstum des Welthandels und des Welteinkommens
würde allen Ländern, den Entwicklungsländern wie den Industriestaaten,
zugute kommen. Die Vereinigten Staaten werden alles tun, was in ihren
Kräften steht, um wieder sinnvolle Verhandlungen in Gang zu bringen.
Dieses große Projekt der internationalen Zusammenarbeit darf nicht fehlschlagen.
Wir werden unsere Bemühungen zur Verbesserung der Handelschancen
der Entwicklungsländer fortsetzen, indem wir zur Stabilisierung des Rohstoff handeis beitragen, die regionale Integration, wo immer möglich,
fördern, ihnen Zugang zu Märkten bieten und die Exportförderung aktiv
unterstützen.

Reform des internationalen Währungssystems
In dem Maße, in dem wir einen Ausgleich unserer Zahlungsbilanz
erreichen und aufrechterhalten, wird der Dollar nicht mehr länger die
internationalen Währungsreserven erhöhen, wie dies in der Vergangenheit
der Fall war. Wir haben bereits vor langer Zelt gelernt, daß wir uns
nicht allein auf Gold stützen können. Die freie Welt muß nach neuen Liquiditätsquellen zur Unterstützung des ständig zunehmenden internationalen
Handels- und Zahlungsverkehrs suchen, statt immer nur auf Defizite in der
amerikanischen Zahlungsbilanz zu rechnen.
Wir drängen daher gemeinsam mit anderen Nationen darauf, daß
- ein ausreichendes und ordnungsgemäßes Wachstum der internationalen
Währungsreserven sichergestellt,
- der Ausgleich von Überhängen bzw. Fehlbeträgen in Zusammenarbeit
von Überschuß- und Defizitländern verbessert und
- das
- 17 -

�- das Währungssystem, das der Welt in der Vergangenheit so gute
Dienste geleistet hat, gestärkt wird.
Ich hoffe, daß die großen Industriestaaten - und danach die gesamte
Gemeinschaft der freien Nationen - eine Übereinkunft erreichen werden,
die durch einen wohl erwogenen Beschluß der Völkergemeinschaft neue
Reserven schafft, die dem wirtschaftlichen Wohl aller dienen...

Wirtschaftshilfe
Wir haben unsere Auslandshilfepolitik zu einem wirksameren Instrument gemacht, mit dem wir einer der größten Aufgaben in der Geschichte
gegenübertreten können: der Entwicklung der Verarmten, aber erwachenden
und unruhigen zwei Drittel der Welt.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, weiterhin jene Länder zu unterstützen, die bewiesen haben, daß sie sich für die Aufgabe einsetzen, ihre
Volkswirtschaften unter freiheitlichen Bedingungen auszuweiten und zu
stärken.
In den vergangenen Jahren habe ich bewußt jede weitere Erhöhung
unserer Auslandshilfe-Anforderung vermieden, während wir gleichzeitig
ein sparsames, aber wirkungsvolles Programm ausarbeiteten, um jedem ausgegebenen Dollar die maximale Wirkung zu verleihen.
Heute sind wir bereit, mit besonderem Nachdruck auf drei Gebieten
vorzugehen, auf denen zu helfen die USA besonders qualifiziert sind:
- auf dem Gebiet der Landwirtschaft, um die Nahrungsmittelproduktion
dort zu fördern, wo sie mit der stark ansteigenden Bevölkerungszahl nicht
Schritt hält;
- auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, um Millionen von Menschen
zu helfen, die umfassender zum eigenen wirtschaftlichen Fortschritt beitragen könnten;
- auf dem Gebiet der Erziehung und Ausbildung, um did modernen Erfahrungen zur Verfügung zu stellen, die für die Entwicklung notwendig

- 18 -

�Nach einem kurzen Überblick über die Bemühungen auf dem Gebiet der
städtischen Neuordnung mit ihren sozialpolitischen Auswirkungen und den
Anstrengungen zur Bekämpfung der Verschmutzung von Luft und Gewässern
kommt der Präsident zum Verkehrswesen.

Verkehrswesen
"Den revolutionierenden technischen Neuerungen auf dem Gebiet des
Verkehrswesens während des vergangenen halben Jahrhunderts standen keinerlei entsprechende Fortschritte in unserer einschlägigen Politik oder
im Aufbau unserer Bundesdienststellen gegenüber.
Ich empfehle daher die Schaffung eines Verkehrsministeriums, das
- die umfassenden Bundesförderungsprogramme für Fernverkehrsstraßen, Wasserwege, Flugverkehr und Schiffahrt verwaltet und
- künftig federführend ist für die Ausarbeitung einer neuen, den
heutigen Gegebenheiten entsprechenden Verkehrspolitik...

Sozialpartner - Sicherung der Stellung der Gewerkschaften
Ein starkes und von Verantwortungsbewußtsein getragenes Kollektivverhandlungswesen bildet ein wichtiges Werkzeug einer freien und gesunden Wirtschaft. Um seine Wirksamkeit zu erhöhen und die Politik in Arbeitsfragen gegenüber den Gewerkschaften innerhalb des gesamten Landes
einheitlich zu gestalten, ersuche ich den Kongreß erneut, den Abschnitt
14 (B) des Taft-Hartley-Gesetzes aufzuheben.

Notstände durch Streik
Der jüngste Verkehrsstreik in New York demonstrierte eindeutig unseren Mangel an Handhaben, extreme Störungen des Lebens in einer Stadt
von acht Millionen Menschen auszuschließen.
Ich beabsichtige, den Kongreß darum zu ersuchen, Maßnahmen zu erwägen, die es uns gestatten, ohne die Zuständigkeit der einzelnen Bundesstaaten und der Kommunalbehörden zu sehr zu beeinträchtigen, Streiks

- 19 -

�Streiks wirksam entgegenzutreten, die dem nationalen Interesse nicht
wiedergutzumachenden Schaden zufügen könnten.

Arbeitslosenversicherung
Unser Arbeitslosenversicherungssystem hat mit den Fortschritten
der Wirtschaft nicht Schritt gehalten. Es ist jetzt an der Zeit, es zu
modernisieren, solange die Arbeitslosigkeit niedrig ist und die Kosten
eines verbesserten Versicherungsschutzes leicht aufgefangen werden können. Wir brauchen ein Programm, das für einen größeren Kreis von Arbeitnehmern sowie bei längerer Arbeitslosigkeit realistischere Zuwendungen
vorsieht, das Mißbräuche beseitigt und eine wirksame und verantwortungsbewußte Verwaltung gewährleistet, und das die steuerliche Grundlage
dieses Systems erweitert und seine Finanzierung verbessert. Ich ersuche
den Kongreß um die Verabschiedung eines solchen Programmes.

Faire Arbeitsnormen
Millionen von Arbeitnehmern auf der untersten Stufe unserer Lohnskala genießen noch immer nicht den Schutz der Bundesmindestlohnbestimmungen. Zudem sollten wir diesen Schutz selbst durch Erhöhung der
Mindestlöhne verbessern.
Ich empfehle die Ausdehnung des Gesetzes über faire Arbeitsnormen
auf eine große Zahl weiterer Arbeitnehmer. Bei der Verabschiedung eines
Gesetzes über höhere Mindestlöhne sollte der Kongreß sorgfältig dessen
Auswirkungen auf die unter der Norm liegenden Einkommen, auf die Stabilität von Kosten und Preisen und auf die Verfügbarkeit von Arbeitsmöglichkeiten für solche Arbeitskräfte prüfen.

Reform und Vereinfachung des Steuersystems
Im Hinblick darauf, daß auf fiskalischem Gebiet Zurückhaltung geboten erscheint, kann ich dieses Jahr keine spezifischen - wenn auch
noch so wünschenswerten - gesetzlichen Maßnahmen, wie etwa eine

wesent-

liche Senkung der Nettosteuersätze, empfehlen. Die Gefahr einer Geld-

- 20 -

�Geldentwertung aufgrund der gesteigerten Nachfrage wäre zu groß, und
jede spezifische Steuersenkung zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde den
Zeitpunkt hinausschieben, da wir eine wirkliche, allgemeine Senkung
der Steuern vornehmen können.
Obwohl eine Steuersenkung in diesem Jahr nicht möglich ist, besteht doch die Notwendigkeit für die Verbesserung unseres Steuersystems,
der die Aufmerksamkeit der Regierung gilt und die von allen Amerikanern
unterstützt werden sollte.
Unser Hauptziel sollte die Vereinfachung der Steuergesetze sein.
Ein weiteres Ziel wäre eine gerechtere Verteilung der Steuerlast. Die
großen Unterschiede in der Besteuerung von Personen mit etwa gleichen
Einkommen müssen verringert werden. Ferner sollte, sobald eine Steuersenkung erneut möglich wird, der Entlastung jener besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, die mit ihrem Einkommen nahezu am Rande der Armut leben. Und schließlich müssen wir die besonderen Steuervergünstigungen überprüfen..."
Nach Empfehlungen zum Schutz der Spareinlagen kommt der Präsident
zu Maßnahmen zum Schutz des Verbrauchers.

Verbraucherschütz
"Ich habe bereits Wirtschaft und Gewerkschaften aufgerufen, bei
der Erhaltung der Stabilität von Kosten und Preisen zusammenzuarbeiten.
Aber auch der Verbraucher hat die Pflicht, sich preisbewußt zu verhalten.
Um dieser Pflicht nachkommen zu können, muß der Verbraucher Zugang
zu eindeutigen, unverfälschten Informationen über die zum Verkauf angebotenen Erzeugnisse und Dienstleistungen haben. Dadurch wird er in die
Lage versetzt, die am rationellsten arbeitenden Erzeuger und Händler zu
bevorzugen, die ihm den höchsten Gegenwert oder den niedrigsten Preis
bieten.
Wir sollten nicht länger mit der Beseitigung irreführender und
täuschender Verpackungs- und Etikettierungspraktiken warten, die unter

- 21 -

�unter den Verbrauchern nur Verwirrung schaffen. So sollte ein Gesetz
über faire Verpackung und Etikettierung verabschiedet werden...
Schlußfolgerungen
Vor einigen Jahren war viel von dem 'europäischen Wirtschaftswunder' die Rede. Heute spricht man jenseits des Ozeans und überall
in der Welt wieder vom 'amerikanischen Wirtschaftswunder'.
Denn die amerikanische Wirtschaft hat in den vergangenen fünf
Jahren erneut die zuversichtliche Lebenskraft, die innere Dynamik
und die gewaltige Produktivität unter Beweis gestellt, die sie lange
Jahre gekennzeichnet hatten. Wir hatten uns eine Zeitlang auf einem,
wie es uns schien, Plateau des Wohlstandes ausgeruht. Heute können
wir erneut den starken Schwung des Fortschritts verzeichnen - aber
eines neuen, stetigen und ausgewogenen Fortschritts.
Wir haben der Welt erneut bewiesen, was freie Menschen und eine
freie Wirtschaft erreichen können. Die Völker, die um wirtschaftliche
Entwicklung bemüht sind, sehen mit erneutem Interesse, daß freie
Märkte und wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit ein gewaltiger Motor
des Fortschritts sein können.
Darüber hinaus erwirbt sich in der Welt ein Amerika neuen Respekt,
das damit befaßt ist, seinen Überfluß zur Verbesserung menschlicher
Lebensumstände einzusetzen - Respekt für ein Volk,
- das gleichzeitig mit der Verteidigung der Freiheit einen Feldzug gegen die Axnut unternimmt;
- das sich darum bemüht, seine Städte großartiger zu gestalten
und die Schönheiten seiner Landschaft zu erhalten;
- das entschlossen ist, jahrhundertealte Schranken des Vorurteils
und der Ungerechtigkeit niederzureißen;
- das entschlossen ist, das Erziehungs- und Bildungsniveau auf
allen Ebenen zu verbessern;
- das

- 22 -

�- das entschlossen ist, bei jedem Vorhaben hervorragende Leistungen zu fördern und zu belohnen;
- das seinen älteren Mitbürgern neue gesundheitliche Betreuungsprogramme und größere soziale Sicherheit bietet;
- das sich erbietet, seinen Überfluß und seine technischen Erfahrungen mit einer bedürftigen Welt zu teilen.
Der neue Elan und Fortschritt Amerikas kann eine Quelle der Befriedigung sein. Und dennoch können wir uns nicht auf den Leistnngen
der Vergangenheit ausruhen. Anhaltende Probleme fordern unsere Entschlossenheit und unseren Einfallsreichtum heraus.
Wahrscheinlich wird unsere ernsthafteste wirtschaftliche Aufgabe
im Jahre 1966 darin bestehen, im wesentlichen die Stabilität der Kosten
und Preise zu wahren, die so entscheidend zu unserem ausgewogenen Fortschritt beigetragen hat.
Ich weiß nicht, welche zusätzlichen Verteidigungslasten die amerikanische

Wirtschaft im Jahre 1966 zu tragen haben wird. Was für Bürden

es auch immer sein mögen, sie werden getragen werden und sie werden
gering sein im Verhältnis zum Wachstum unseres Wohlstandes. Aber in
einer Wirtschaft, die sich der vollen Ausnutzung ihrer Hilfsquellen
nähert, erschweren die neuen Erfordernisse in Vietnam unsere Aufgabe,
die Preisstabilität zu wahren.
Um Sicherungsmaßnahmen gegen die Gefahr eines inflationistischen
Drucks zu treffen, habe ich die amerikanische Bevölkerung aufgefordert, ihre Steuern schneller zu entrichten, und darum ersucht, eine geplante Steuersenkung zu verschieben. Stellt sich heraus, daß weitere
Sicherungen nötig sind, dann sollten wir meiner Überzeugung nach höhere
Steuern erheben, statt eine Geldentwertung zu akzeptieren, die die ungerechteste und unberechenbarste Form der Besteuerung ist.
Wir wissen, daß wir unsere wachsende Wirtschaft weder in eine
Zwangsjacke zu stecken noch auf Gegentouren laufen zu lassen brauchen.
Aber das Ausmaß der fiskalischen oder monetären Zurückhaltung, das zur

- 23 -

�zur Vermeidung inflationistischen Druckes nötig sein wird, wird direkt
von der Zurückhaltung und Mäßigung abhängen, die jene üben, die über
Löhne und Preise bestimmen können.
Ich ersuche erneut jeden Gewerkschaftsführer und jeden Unternehmer,
der im Jahre 1966 Preis- oder Lohnentscheidungen zu treffen hat, sich
immer vor Augen zu halten, daß seine Entscheidungen nicht nur die Löhne
seiner Mitglieder oder die Erträge für seine Aktionäre berühren. Eine
kurzsichtige Verfolgung kurzfristiger Interessen wird, auf längere
Sicht gesehen, weder die Interessen der Gewerkschaften noch die der
Unternehmer fördern, und ganz gewiß nicht die Interessen der Nation.
Ich bin davon überzeugt, daß die überwältigende Mehrheit der privaten Entscheidungen im Jahre 1966 vernünftig und verantwortungsbewußt
sein wird - genauso, wie ich entschlossen bin, dafür zu sorgen, daß die
öffentlichen Entscheidungen in jeder Weise verantwortungsbewußt sein
werden.
Ist dies der Fall, dann wird das amerikanische Wirtschaftswunder
im Jahre 1966 die wichtigste Einzelkraft im wirtschaftlichen Fortschritt
der Menschheit bleiben."

+++++

- 24 -

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S e r v i c e

P o s t f a c h

T• I • x i

Beilage

3 0 0

0 8 - 8 5 4 3 2

XIX - 8

DER VIETNAM-KONFLIKT
NICHT INNERER AUFRUHR SONDERN BEWAFFNETER ANGRIFF VON AUSSEN

Erklärung

die der amerikanische Außenminister, Dean Rusk, am 18. Februar 1966
vor dem Außenpolitischen Ausschuß des Senats abgegeben hat

WASHINGTON - (AD) - Die Erklärung Außenminister Rusks vor dem Außenpolitischen
Senatsausschuß gibt einen zusammenfassenden Überblick über die Hintergründe des
Vietnam-Konflikts und die amerikanischen
Bemühungen um eine politische Lösung.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen
den vollen Text der Erklärung des Außenministers zur Kenntnisnahme und eventuellen
Veröffentlichung im Wortlaut oder in Auszügen.

�DER VIETNAM-KONFLIKT
NICHT INNERER AUFRUHR SONDERN BEWAFFNETER ANGRIFF VON AUSSEN

Der unmittelbare Anlaß zu dieser Informationssitzung ist der Antrag des Präsidenten, für das Amt für Internationale Entwicklung (AID)
einen zusätzlichen Betrag von 415 Millionen Dollar zu bewilligen, von
denen 275 Millionen Dollar für Südvietnam bestimmt sein sollen. Der
Leiter dieses Amtes, David Bell, und ich haben beide bereits zu dem genannten Zusatzantrag ausgesagt. Der Themenkreis dieser Informationssitzung wurde, wie der Vorsitzende dieses Ausschusses betont hat, auf
die sehr umfassenden und weitreichenden Aspekte unserer Interessen und
unseres Engagements in Südostasien ausgedehnt. Ich für meinen

Teil be-

grüße die Gelegenheit, diese wichtigen Fragen hier vor diesem Ausschuß
erörtern zu können.
Nach dem zweiten Weltkrieg, der die Vereinigten Staaten in die
Rolle einer Weltgroßmacht drängte, sahen wir Amerikaner uns vor eine
Reihe von schwierigen Aufgaben und Proben gestellt. Alles in allem haben
wir sie recht gut bestanden. Heute sehen wir uns in Südostasien einer
weiteren Bewährungsprobe gegenüber, die uns erneut Blut und Gut kostet.
Südvietnam liegt weit von den Vereinigten Staaten entfernt, und die
Fragen, die es aufwirft, scheinen weitab von unserem Alltag und unseren
unmittelbaren Interessen zu liegen. Es ist deshalb wichtig, daß wir unsere Mission und unsere Zielsetzungen in jenem weit entfernten Land voll
verstehen - und uns über sie, soweit möglich, einig sind.
Warum sind wir in Vietnam? Sicherlich nicht, nur weil wir über Macht
verfügen und es uns Spaß macht, sie zu gebrauchen. Wir betrachten uns
nicht als Weltpolizisten. Wir streifen nicht in aller Welt umher auf der
Suche nach einem Streit, in den wir eingreifen könnten. Ganz im Gegenteil. Ebensowenig, wie wir der Weltgendarm sind, sind wir der Weltrichter;
das wissen wir selbst. Sollten andere Staaten, Institutionen oder regional«

- 1-

�regionale Organisationen Lösungen für die Streitigkeiten finden können,
die gegenwärtig die Lage beeinträchtigen, so kann uns das nur recht sein.
Wir sind jedoch in Vietnam, weil die dort aufgeworfenen Probleme eng mit
unserer eigenen Sicherheit verflochten sind und weil der Ausgang dieser
Auseinandersetzung den Charakter der Welt, in der wir und unsere Kinder
leben werden, weitgehend beeinflussen kann. Die Lage, der wir uns in Südostasien gegenübersehen, ist offensichtlich vielschichtig; die ihr zugrunde liegenden strittigen Fragen aber sind relativ einfach und tatsächlich grundlegend. Ich bin sicher, daß die Amerikaner, die ein tiefes und
reifes Verständnis für ihre Verantwortung in der Welt besitzen, durchaus
in der Lage sind, das Unterholz dieser Vielschichtigkeit zu durchdringen
und zu den einfachen Grundfragen vorzustoßen, die unsere Interessen im
weitesten Sinne und unsere grundlegenden Zielsetzungen berühren. Ich betrachte es daher als einen Vorzug, diese Probleme heute morgen hier mit
diesem Ausschuß diskutieren, Ihren Rat einholen und gleichzeitig die
Streitfragen, mit denen wir konfrontiert sind, dem Verständnis des amerikanischen Volkes nahebringen zu können.
Ich gehe an diese Aufgabe nicht in der Annahme heran, daß irgend
jemand, wo auch immer, alle Antworten parat habe oder daß alle Weisheit
der Regierung oder dem Staat zuzusprechen sei. Die hier in Rede stehenden
Fragen berühren das Wohl aller Amerikaner, und ich bin überzeugt, daß
sich alle Amerikaner gemäß der Tradition eines freien und unabhängigen
Volkes selbst ihre Meinung bilden werden. Alle diejenigen unter uns, die
im Zusammenhang mit der Führung unserer Außenpolitik besondere Verantwortung tragen, mußten sich schon seit langem ernste und tiefe Gedanken über
diese Probleme machen. Der Präsident, seine Kollegen im Kabinett und der
Kongreß, die unter unserem Verfassungssystem die größte Verantwortung zu
tragen haben, sind zu gewissen Schlußfolgerungen gelangt, die die Grundlage unserer gegenwärtigen Politik abgeben. Hier scheint mir der Hinweis
angebracht, daß diejenigen, die offiziell für die Führung unserer Staatsgeschäfte verantwortlich sind, Entscheidungen zu treffen haben, und daß
sie die Entscheidungen anhand gewisser Alternativen fällen müssen. Niemand
unter uns, die wir der Exekutive und Legislative angehören, wird seiner
Verantwortung nur dadurch genügen, daß er einer Meinung Ausdruck gibt - es

- 2 -

�es wird von uns vielmehr verlangt, darüber zu befinden, was diese Nation
tun und lassen muß, und es wird ferner von uns verlangt, die Konsequenzen
aus diesen unseren Entscheidungen auf uns zu nehmen.
Was sind unsere Weltsicherheitsinteressen, die von dem Kampf in Vietnam berührt werden?
Sie können nicht einfach nur im Zusammenhang mit Südostasien oder
nur im Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Monate gesehen werden.
Wir müssen das Problem in der richtigen Perspektive betrachten. Wir müssen
erkennen, daß das, was wir in Südvietnam zu erreichen trachten, Teil eines
Prozesses ist,der seit langem andauert - eines Prozesses der Verhinderung
der Expansion und Ausweitung der kommunistischen Herrschaft durch die Anwendung von Gewalt gegen die schwächeren Nationen am Rande des kommunistischen Machtbereichs.
So sieht das Problem für uns aus. Auch die Kommunisten selbst sehen
nicht das Problem für sich allein. Sie betrachten den Kampf in Südvietnam
als Teil eines größeren Plans zur ständigen Ausweitung der kommunistischen
Macht durch Gewalt und Bedrohung.
Ich habe im Verlaufe der Befragungen bemerkt, daß Einwände gegen die
Benutzung des Begriffs "kommunistische Aggression" erhoben werden. Es
scheint mir, daß wir uns selbst oder unsere Bevölkerung nicht verwirren
sollten, indem wir unsere Augen vor dem verschließen, was dieser Begriff
wirklich bedeutet. Die Krise, die den Hintergrund der Nachkriegszeit abgibt, hat ihren Angelpunkt in einer großen Auseinandersetzung gerade über
die politische Gestalt der Welt. Noch bevor die Kanonen im zweiten Weltkrieg schwiegen, fanden sich viele Staaten zusammen und berieten lange
und eingehend, wie die Struktur des internationalen Lebens aussehen,
welcher Art die Welt sein sollte, die aufzubauen wir versuchen wollten;
und sie arbeiteten diese Ideen in die Charta der Vereinten Nationen ein.
Diese Charta schafft eine internationale Gesellschaft unabhängiger Staaten,
kleiner und großer, die das Recht auf eine eigene nationale Existenz haben,
die das Recht haben, frei zu sein von Aggression,die frei über ihre Landesgrenzen hinweg im gemeinsamen Interesse zusammenarbeiten und ihre Streitfragen durch friedliche Mittel lösen. Aber die kommunistische Welt ist zu

3 -

�zu ihrer Forderung nach dem zurückgekehrt, was sie als '•Weltrevolution'*
bezeichnet, - einer Welt des Zwanges in direktem Widerspruch zur Charta
der Vereinten Nationen. Es mag innerhalb der kommunistischen Welt Meinungsverschiedenheiten über Methoden und Praktiken und über die Führung
innerhalb der kommunistischen Welt selbst geben, aber allen gemeinsam ist
das Festhalten an der "Weltrevolution" und deren Förderung durch das, was
jene als "Befreiungskriege1* bezeichnen.
Wir stehen also in Vietnam vor etwas, vor dem wir schon bei vielen
Gelegenheiten standen - vor der Notwendigkeit, der Ausweitung der kommunistischen Macht Einhalt zu gebieten, um in einer gefährdeten Welt ein
vernünftiges Maß an Stabilität aufrechtzuerhalten. Diese Stabilität wurde
in den Nachkriegsjahren durch den Mut und die Tapferkeit freier Nationen
bei der Verteidigung der Unantastbarkeit der nach dem Kriege geschlossenen
territorialen Abkommen geschaffen. Und wir haben während der letzten 15
Jahre eine gewisse Stabilität erreicht. Sie darf jetzt nicht aus den
Angeln gehoben werden.
Wie so viele unserer heutigen Probleme, rührt der Kampf in Südvietnam
von den Zusammenbrüchen zweier Weltkriege her. Der zweite Weltkrieg vollendete einen im ersten begonnenen Prozeß. Er zerstörte ein Machtgefüge,
das seit 100 Jahren bestanden hatte. Er setzte neue Kräfte und Energien
frei, die die Landkarten der Welt neu gestaltet haben. Er schwächte nicht
nur die aktiv im Kampf stehenden Nationen, sondern hatte auch weitreichende
Nebenwirkungen. Er unterminierte die Grundlagen der Kolonialsysteme, durch
die eine Handvoll Mächte ein Drittel der Weltbevölkerung kontrollierte.
Und die Stürme des Wandels und des Fortschritts, die während der letzten
20 Jahre so heftig wehten, haben diese Gebilde fast gänzlich beseite gefegt.
In der Zwischenzeit nutzten die kommunistischen Staaten das Durcheinander einer Übergangszeit in dem Bemühen aus, die kommunistische Kontrolle
auf andere Gebiete der Welt auszudehnen.
Die Vereinigten Staaten sahen sich erstmalig den Drohungen und dem
Ehrgeiz der Kommunisten in Europa gegenüber, als eine Nation an den Grenzen
der Sowjetunion nach der anderen aufgrund der Anwesenheit der Roten Armee
unter die Herrschaft Moskaus fiel.
Um

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�Um dieser Woge Einhalt zu gebieten, schufen die Vereinigten Staaten
den Marshall-Plan mit dem Ziel, die Nationen Westeuropas zu stärken, und
gingen dann daran, mit diesen Nationen über die NATO ein kollektives
Sicherheitssystem aufzubauen. Dank diesem System wurde dem Vordringen der
sowjetischen kommunistischen Macht Einhalt geboten, und die Sowjetunion
paßte ihre Politik dieser Situation immer mehr an.
Aber innerhalb eines Jahres nach der Gründung der NATO übernahmen
die Kommunisten in China die Macht. Dies brachte eine neue und schwere
Bedrohung, insbesondere jener schwachen und jungen Staaten des Fernen
Ostens, die aus Kolonialreichen hervorgegangen waren. Die Probleme in
Asien lagen natürlich anders als Jene in Europa. Aber das Ergebnis war
mehr oder weniger das gleiche: Instabilität, Unsicherheit, und Verwundbarkeit gegenüber dem Stärkeren und dem Aggressor. Westeuropa mit seinen
fest begründeten Staatsformen und traditionellen sozialen Institutionen
erholte sich rasch. Aber einige der jungen Nationen Asiens - insbesondere
jene, die seit einem Jahrhundert oder länger keine Selbstregierung gekannt hatten - standen und stehen noch heute vor einem viel gewaltigeren
Problem.
Die erste Bewährungsprobe in Asien kam in Korea, als die Streitkräfte
der Vereinten Nationen - vor allem Amerikaner - den Vorstoß des kommunistischen Nordkorea zum Stillstand brachten, der durch materielle Hilfe seitens
der Sowjetunion unterstützt wurde. Sie hielten auch die nachfolgende chinesische Armee auf. Sie geboten den kommunistischen Anstrengungen Einhalt,
die gezogene Linie zu verschieben und die kommunistische Kontrolle schließlich auf die gesamte koreanische Halbinsel auszudehnen.
Wir führten den Koreakrieg - der, wie der Kampf in Vietnam, in einem
Tausende von Meilen entfernten Gebiet ausgetragen wurde -, um einen Grundsatz aufrechtzuerhalten, der von entscheidender Bedeutung für die Freiheit und Sicherheit Amerikas ist - den Grundsatz nämlich, daß es der kommunistischen Welt nicht erlaubt werden darf, sich auszudehnen, indem sie die
in und nach dem Kriege getroffenen Arrangements eines nach dem anderen
überrennt - Vorkehrungen, die getroffen worden sind, um die äußersten Grenzen der gewaltsamen kommunistischen Expansion zu markieren.
Noch

5 -

�Noch vor Beendigung des Koreakrieges machten sich die Vereinigten
Staaten unter Präsident Truman daran, die Lage im Pazifik durch einen
Friedensvertrag mit Japan und durch bilaterale Sicherheitsverträge mit
Japan und den Philippinen sowie durch den ANZUS-Pakt mit Australien und
Neuseeland zu festigen und zu konsolidieren. Kaum war der Koreakrieg zu
Ende, da entschloß sich Frankreich, das einen langwierigen Kampf in
Indochina geführt hatte, seine politische Präsenz in Südostasien aufzugeben. Nach kurzen Verhandlungen kam eine Einigung mit den kommunistischen Streitkräften zustande, die die nationalistische Bewegung in ihre
Gewalt bekommen hatten. Das Ergebnis war die Teilung Indochinas in vier
Teile: ein Königreich Kambodscha, ein Königreich Laos und Vietnam, das am
17. Breitengrad zwischen den kommunistischen Kräften im Norden und einer
nichtkommunistischen vietnamesischen Regierung im Süden aufgeteilt wurde.
In der Erkenntnis, daß die Kommunisten ihre Ambitionen nicht aufgegeben hatten, unternahm die amerikanische Regierung unter Präsident Eisenhower Schritte, um die Lage durch weitere Bündnisse zu sichern. Es wurden
zweiseitige Verträge mit der Republik Korea und der Republik China auf
Formosa abgeschlossen. Im Mittleren Osten schloß sich die sogenannte
"nördliche Kette" von Ländern südlich der Sowjetunion im Bagdad-Pakt zusammen, der die heute als CENTO - Zentralpakt-Organisation - bekannte
Einrichtung begründete. Die Vereinigten Staaten traten diesem Bündnis, dem
Großbritannien, die Türkei, Persien und Pakistan angehören, nicht formell
bei. Aber wir sind mit der CENTO eng assoziiert und haben zweiseitige
Militärhilfeabkommen mit ihren regionalen Mitgliedern, die von der Regierung Eisenhower geschlossen wurden.
Um die Nationen Südostasiens zu unterstützen, übernahmen die Vereinigten Staaten die Führung bei der Schaffung einer Allianz, die in einem
Vertrag niedergelegt und durch ein kollektives Sicherheitssystem verstärkt
ist, das als SEATO - Südostasienpakt-Organisation - bekannt ist. In diesem
Bündnis schlössen sich die Vereinigten Staaten mit Großbritannien, Frankreich, Australien, Neuseeland, Thailand, Pakistan und den Philippinen

zu-

sammen, um nicht nur die Sicherheit der Mitgliedstaaten zu garantieren,
sondern auch bestimmten Protokollstaaten und -territorien zu Hilfe zu kommen, wenn diese es wünschten.
Südvietnam
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�Südvietnam wurde in das Protokoll aufgenommen. Die Vereinigten
Staaten gehören nicht zu den Signataren der Genfer Vereinbarungen von
1954, die Frankreich mit den kommunistischen vietnamesischen Streitkräften, als Vietminh bekannt, getroffen hat. Aber Staatssekretär Walter Bedell Smith erklärte auf Anweisung, daß die Vereinigten Staaten
die Abmachungen nicht antasten und "Jede Erneuerung der Aggression
unter Verletzung der ... Abmachungen mit ernster Besorgnis und als
ernsthafte Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit betrachten würden".
Die Erklärung von Staatssekretär Smith war nur eine einseitige
Erklärung; die Vereinigten Staaten gingen jedoch durch ihren Beitritt
zur SEATO eine feierliche vertragliche Verpflichtung von weitreichender
Wirkung ein. Artikel IV Absatz 1 besagt: "Jeder Vertragschließende anerkennt, daß eine Aggression in Form eines bewaffneten Angriffs ... seinen
eigenen Frieden und seine eigene Sicherheit gefährden würde, und verpflichtet sich in diesem Fall zu handeln, um in Übereinstimmung mit seinen verfassungsmäßig vorgeschriebenen Verfahren der gemeinsamen Gefahr
zu begegnen."
Diese fundamentale Verpflichtung im Rahmen der SEATO hat von Anfang
an unsere Handlungen in Südvietnam bestimmt.
Die Sprache dieses Vertrags verdient sorgfältige Beachtung. Er erlegt den Signataren nicht nur für alle gleichermaßen bindende, sondern
auch getrennte Verpflichtungen auf. Die Feststellung, daß ein bewaffneter
Angriff vorliegt, bedarf keiner Kollektiventscheidung, damit die Verpflichtung jedes einzelnen Mitglieds wirksam wird. Der Vertrag verlangt ferner
keine kollektive Entscheidung über die Maßnahmen, die zu ergreifen sind,
um einer gemeinsamen Gefahr zu begegnen. Wenn die Vereinigten Staaten zu
dem Schluß gelangen, es sei ein bewaffneter Angriff gegen irgendeinen
Staat erfolgt, auf den sich der Schutz gemäß diesem Vertrag erstreckt,
dann sind sie verpflichtet "zu handeln, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen", ohne Rücksicht darauf, welcher Ansicht die übrigen Vertragspartner sind oder welche Maßnahmen sie ergreifen.
Die weitreichenden Implikationen dieser Verpflichtung waren auch
diesem Ausschuß klar, als er bei lediglich einer Gegenstimme, der des

- 7-

�des inzwischen verstorbenen Senators Langer, empfahl, der Senat möge der
Ratifizierung dieses Vertrags zustimmen. In dem betreffenden Ausschußbericht heißt es:
"Der Ausschuß verschließt sich nicht den Risiken, die dieser Vertrag
birgt. Er ist sich völlig darüber im klaren, daß die Übernahme dieser zusätzlichen Verpflichtungen die Vereinigten Staaten in weiten Teilen des
Pazifischen Ozeans auf einen Kurs des Handelns festlegt. Diese Risiken
stehen jedoch im Einklang mit unseren Hauptinteressen. Weit größere Gefahren liegen darin, einen möglichen Gegner nicht von vornherein auf das
hinzuweisen, was er von uns zu erwarten hat, und ihn nicht vor irrigen
Auffassungen zu bewahren, die ihn zu einer Fehleinschätzung unserer Absichten verleiten könnten.1*
Aufgrund der Empfehlung des Ausschusses billigte der Senat den Vertrag mit 82:1 Stimmen, wobei die Gegenstimme wiederum von dem verstorbenen Senator Langer abgegeben wurde. Alle Mitglieder dieses hohen Ausschusses, die damals dem Senat angehörten, haben für diesen Vertrag gestimmt.
Unser multilaterales Engagement unter dem SEATO-Pakt wurde durch
eine Reihe bilateraler Verpflichtungen und unmittelbarer Zusicherungen
gegenüber der Regierung Südvietnams erhärtet und erweitert. Am 1. Oktober
1954 richtete Präsident Eisenhower ein Schreiben an Präsident Diem, in
dem er ihm anbot, "die Regierung von Vietnam beim Aufbau und bei der Erhaltung eines starken, lebensfähigen Staatswesens zu unterstützen, das
Versuchen der Subversion oder Aggression mit militärischen Mitteln entgegenzutreten vermag". Im Jahre 1957 gaben Präsident Eisenhower und Präsident Diem eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie auf "den umfassenden
Aufbau vietnamesischer kommunistischer Streitkräfte in Nordvietnam*» hinwiesen und in der es hieß:
"Nach Feststellung der Tatsache, daß die Republik Vietnam den Schutz
des Artikels IV des kollektiven Südostasien-Verteidigungsvertrags genießt,
kamen Präsident Eisenhower und Präsident Ngo Dinh Diem überein, daß eine
Aggression oder Subversion, die die politische Unabhängigkeit der Republik Vietnam bedroht, als eine Gefahr für Frieden und Stabilität anzusehen
wäre.**
Am
- 8 -

�Am 2. August 1961 erklärte Präsident Kennedy: "Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, dafür Sorge zu tragen, daß die Republik Vietnam
nicht wegen des Fehlens von Unterstützung, die die Vereinigten Staaten zu
leisten vermögen, an die Kommunisten verlorengeht.**
Am 14. Dezember 1961 verwies Präsident Kennedy in einem Schreiben an
Staatspräsident Diem auf die Erklärung, die die Vereinigten Staaten zum
Abschluß der Genfer Konferenz von 1954 abgegeben hatten. Der Präsident
brachte noch einmal zum Ausdruck, daß die Vereinigten Staaten "bereit
sind, der Republik Vietnam zu helfen, ihr Volk zu schützen und ihre Unabhängigkeit zu wahren". Diese Verpflichtung wurde seit jener Zeit mehrfach bekräftigt.
Das also sind die Verpflichtungen, die wir bezüglich des Schutzes
von Südvietnam als Teil des Schutzes unseres "eigenen Friedens und unserer eigenen Sicherheit" übernommen haben. Wir haben amerikanische Streitkräfte zum Kampf in die Dschungel jenes mit Krieg überzogenen Landes gesandt, weil Südvietnam nach dem Wortlaut des SEATO-Paktes Opfer einer
"Aggression in Form eines bewaffneten Angriffs" geworden ist.
Was das Vorliegen und den Charakter dieser Aggression angeht, können
wohl kaum ernsthafte Zweifel bestehen. Dieser Krieg ist ganz eindeutig
ein "bewaffneter Angriff", der von dem Regime in Hanoi zynisch und systematisch gegen das Volk Südvietnams geführt wird.
Das nordvietnamesische Regime ist bewußt darauf aus, die tatsächliche
Problemstellung zu verwirren, indem es seine Aggression als einen inneren
Aufruhr darzustellen sucht. Wir dürfen uns durch dieses Ablenkungsmanöver
nicht täuschen lassen. Wir haben es mit einer vertrauten kommunistischen
Praxis zu tun. Da den Bemühungen der Kommunisten, ihre Macht durch klassische Formen der Gewalt auszudehnen, wie im Fall der Invasion in Korea,
Einhalt geboten wurde, haben sie im Laufe der Jahre die komplizierte
Theorie der sogenannten "nationalen Befreiungskriege" entwickelt, um ihre
Aggressionen zu tarnen.
Ein "nationaler Befreiungskrieg" beruht nach dem kommunistischen
Glossarium auf der Taktik des Terrors und der Sabotage, der Tarnung und
der Subversion. Er erweist sich für sie insofern als nützlich, als er

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�er einer organisierten und skrupellosen Minderheit vor allem in jenen
Ländern einen Vorteil verschafft, in denen geographische Gegebenheiten
eine

Infiltration im verborgenen begünstigen.
Gleichzeitig haben die Kommunisten noch einen subtileren Grund,

dieser Art der Aggression den Vorzug zu geben. Sie schafft in praktisch
jeder Situation Verwirrung, die sie zu ihrem eigenen Vorteil ausnützen
können.
Dennoch ist das Wesen des Konflikts in Vietnam trotz aller Versuche
der Kommunisten, den Sachverhalt zu verwirren, sehr klar.
Lassen Sie mich kurz die Sachlage darstellen.
Rückblickend kann wohl niemand bezweifeln, daß das Regime in Hanoi
bei der Zustimmung zu den Vereinbarungen von 1954 eindeutig von der Annahme ausging, die Südvietnamesen würden innerhalb relativ kurzer Zeit
unter seine Herrschaft geraten. Der Süden schien mit Schwierigkeiten
überlastet. Seine schier unüberwindlichen Probleme wurden durch die Notwendigkeit erschwert, fast eine Million Nordvietnamesen aufzunehmen, die
nach Abschluß der Vereinbarungen von 1954 das wahre Gesicht des Kommunismus kennengelernt hatten und nach dem Süden geflohen waren. Hinzu kam,
daß der Norden im Süden noch über verborgene Hilfsquellen verfügte. Zur
Zeit des Abschlusses der Vereinbarungen von 1954 erhielten zahlreiche
Kommunisten, die in den Reihen der Vietminh gekämpft hatten, von der LaoDong-Partei in Hanoi die Anweisung, im Süden zu bleiben, ihre Waffen zu
verbergen und sich zu bemühen, den südvietnamesischen Staat auszuhöhlen.
Die diesbezüglichen Anstrengungen waren in den ersten Jahren ziemlich erfolglos. Zum Kummer des Regimes in Hanoi machte Südvietnam trotz der
außerordentlichen Probleme, denen es sich gegenüber sah, erhebliche Fortschritte, während Nordvietnam immer mehr ins Hintertreffen geriet. Infolgedessen mußten die kommunistischen Machthaber in Nordvietnam zu dem Schluß
kommen, es seien noch größere Anstrengungen nötig, sollte die Subversion
in Südvietnam erfolgreich sein.
Während der ersten fünf Jahre nach der Genfer Konferenz schuf Hanoi
eine geheime, politisch-militärische Organisation in Südvietnam, die sich
auf die Kader stützte, die zum Verbleib in Südvietnam aufgefordert worden

- 10 -

�worden waren. Ein Großteil der Tätigkeit dieser Organisation bestand in
der Durchführung von Anschlägen auf ausgewählte führende Zivilpersönlichkeiten in Südvietnam. Von 1957 bis 1959 wurden mehr als tausend Zivilisten
ermordet oder entführt. Allein im Jahre 1960 ermordeten Terroristen.1400
Angehörige örtlicher Behörden und entführten weitere 700, während bewaffnete Guerillakämpfer 2200 Angehörige der Streitkräfte und der Polizei
töteten.
Im September 1960 hielt die Lao-Dong-Partei - die kommunistische
Partei in Nordvietnam - in Hanoi ihren 3. Parteitag ab. Auf diesem Kongreß wurde die Schaffung einer besonderen Gliederung zur Durchführung
subversiver Aktionen in Südvietnam gefordert. Drei Monate später wurde
die Nationale Befreiungsfront als eine politische Fassade für die aktive
Guerillakriegführung geschaffen. Im Jahr 1960 begann das Regime in Hanoi
vollausgebildete Parteiangehörige nach Südvietnam einzuschleusen, die die
Partei zur Zeit der Regelung von 1954 nach Nordvietnam beordert hatte. In
der Zeit nach 1954 hatte man diese Männer in der Kunst der Sabotage und
Subversion unterwiesen. Nunmehr erhielten sie Order, in den Dörfern junge
Menschen mit Gewalt oder durch Überredung zu rekrutieren und Kader zu
bilden, die den Kern für den Aufbau von Guerillaeinheiten abgeben konnten.
Dies alles wurde durch den Rechtsausschuß der Internationalen Überwachungs- und Kontrollkommission dokumentarisch belegt. Jene Körperschaft,
die zur Überwachung der Einhaltung des Waffenstillstands in Vietnam geschaffen worden ist, besteht aus Vertretern Indiens, Polens und Kanadas.
Der Rechtsausschuß berichtete 1962 mit der Gegenstimme der polnischen
Vertretung:
"Es ist erwiesen, daß Munition und andere Nachschubgüter aus der Nordzone in die Südzone in der Absicht verbracht worden sind, feindselige
Aktionen einschließlich bewaffneter Angriffe gegen die Streitkräfte und
die Behörden der Südzone zu unterstützen, zu organisieren und durchzuführen.
Es ist erwiesen, daß die PAVN (d.h. die nordvietnamesische Armee)
gestattet, daß die Nordzone dazu benutzt wird, zu feindseligen Aktionen
in der Südzone, die auf einen Sturz der Behörden im Süden gerichtet sind,
aufzustacheln, diese zu begünstigen und zu unterstützen."

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�In dem Dreijahreszeitraum von 1959 bis 1961 hat das nordvietnamesische Regime 10 000 Mann in den Süden eingeschleust. Im Jahre 1962 wurden
weitere 13 000 Personen eingeschleust, und bis Ende 1964 dürften von den
Nordvietnamesen insgesamt über 40 000 bewaffnete und unbewaffnete
Querillakämpfer nach Südvietnam entsandt worden sein.
Vor über einem Jahr begann das Reservoir der Kommunisten an Südvietnamesen, die nach dem Norden gegangen waren, zu versiegen. Seitdem
stellen geborene Nordvietnamesen die Mehrheit der in den Süden eingeschleusten Personen. In jüngerer Zeit begann Hanoi damit, Elemente der
nordvietnamesischen Armee in ständig wachsender Stärke und Zahl einzuschleusen. Heute liegen Beweise dafür vor, daß neun Regimenter der regulären nordvietnamesischen Armee in geschlossenen Verbänden im Süden
kämpfen.
Ich habe diese Fakten - mit denen die meisten von ihnen hinreichend
vertraut sind - noch einmal dargelegt, weil sie mir über jeden Zweifel
hinaus zu beweisen scheinen, daß der Krieg in Vietnam ein Akt äußerer
Aggression ist, genau als hätte das Regime in Hanoi eine Armee über den
17. Breitengrad entsandt, statt bewaffnete Kräfte im verborgenen einzuschleusen. Dieser Punkt ist wichtig, denn er berührt den Kern unseres
eigenen Engagements. Ein erheblicher Teil der bezüglich des Ringens in
Südvietnam herrschenden Verwirrung resultiert aus dem Unvermögen, die
Natur des Konflikts zu begreifen.
Denn wäre der Krieg in Südvietnam - wie es die Kommunisten hinzustellen versuchen - lediglich ein innerer Aufruhr, dann hätten die Vereinigten Staaten keine eigenen Kampftruppen in Südvietnam stehen. Das
vorliegende Beweismaterial führt jedoch eindeutig zu dem Schluß, daß es
sich tatsächlich um etwas gänzlich anderes handelt: um eine systematische Aggression Hanois gegen das Volk von Südvietnam. Es handelt sich
wiederum um das Bestreben eines in der einen Hälfte eines geteilten
Landes bestehenden kommunistischen Regimes, die Bevölkerung der anderen
Hälfte des Landes gegen ihren Willen mit Waffengewalt unter seine Botmäßigkeit zu bringen.
Bis-

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�Bisher habe ich das Wesen unserer Verpflichtungen in Südvietnam
und die Gründe, warum wir sie eingegangen sind, darzustellen versucht.
Ich war bemüht, diese Verpflichtungen in den Rahmen unserer umfassenderen Anstrengungen zu stellen, welche darauf gerichtet sind, die Kommunisten an der Zerstörung jener Arrangements zu hindern, die die Grundlage
unserer Sicherheit bilden. Diese Politik wurde gelegentlich als statisch
und steril angegriffen. Man hat behauptet, sie trage den ungeheuren Wandlungsvorgängen in der Welt nicht genügend Rechnung.
Behauptungen dieser Art scheinen mir an dem entscheidenden Punkt
vorbeizugehen. Die von uns verfolgte Politik erstreckt sich auf weit
mehr als nur die Verteidigung des Status quo. Sie zielt darauf ab,
jenen Grad von Sicherheit zu gewährleisten, der notwendig ist, damit sich
Wandel und Fortschritt bei gegenseitigem Einvernehmen und nicht unter
Zwang vollziehen können. Gewiß - und das wird häufig hervorgehoben -,
die Welt steht in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht still. Auf
beiden Seiten des Eisernen Vorhanges sind die Dinge im Fluß. Der Kommunismus ist heute nicht mehr monolithisch; er hat nicht mehr nur ein Gesicht, sondern viele, und das tiefe Schisma zwischen den beiden großen
Machtzentren der kommunistischen Welt - Moskau und Peking - gehört eindeutig zu den bedeutendsten politischen Tatsachen unserer Zeit.
Auch in der Sowjetunion sind bedeutende Wandlungen und Veränderungen
im Gange - und für die Staaten Osteuropas trifft das in vielleicht noch
höherem Maße zu. Diese Wandlungsvorgänge wurden durch unsere Bemühungen
um die Aufrechterhaltung unserer in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg
in Gestalt der Gründung der westlichen Allianz getroffenen Vorkehrungen
nicht beeinträchtigt. Sie wurden durch Entwicklungen im Inneren ausgelöst,
sie finden statt, weil das kommunistische Regime in Moskau erkannt hat,
daß die westliche Allianz die Ausdehnung seines Herrschaftsbereichs durch
Anwendung von Gewalt nicht zulassen kann.
Im Laufe der Zeit wird es vielleicht auch im Fernen Osten zu solchen
Entwicklungen kommen. Peking - und die kommunistischen Länder, die in
seinem Schatten leben - werden einsehen müssen, daß sie die in der Welt
bestehenden Grenzen nicht gewaltsam neu ziehen können.
Es

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�Es ist mithin kein statisches Konzept, das wir verfolgen.
Denn im Gegensata zu den Kommunisten glauben wir wirklich an die
soziale Revolution und nicht wie sie an die als Revolution getarnte
Gewalt. Wir glauben an den konstruktiven Wandel und wir ermutigen ihn.
Dies war der Sinn der von Präsident Johnson anläßlich der Honolulu-Konferenz eingeleiteten Initiativen: die südvietnamesische Regierung in
ihren Reformbestrebungen zu unterstützen, damit alte Ungerechtigkeiten
beseitigt werden und alle Menschen ein besseres Leben führen können.
Bei der Erfüllung unserer Verpflichtungen in Südvietnam setzen wir
in erheblichem Umfang militärische Macht ein. Zugleich machen wir Nordvietnam und der Welt klar, daß unsere Streitkräfte für einen begrenzten
und klar definierten Zweck eingesetzt werden.
Was wir in Südvietnam zu erreichen suchen, ist die Schaffung von
Verhältnissen, wie sie die Genfer Vereinbarungen des Jahres 1954 herbeiführen sollten. Mit anderen Worten, wir erstreben die Wiederherstellung
der Integrität des zwischen der französischen Regierung und den unter der
Führung Ho Chi Minh stehenden kommunistischen Kräften getroffenen Übereinkommens - eines Übereinkommens, dem sich außerdem Großbritannien, das
kommunistische China, die Sowjetunion, Laos und Kambodscha angeschlossen
haben. Diese Regelung ist Teil jenes Gefüges von Vereinbarungen, das den
Schlü ssel für die Stabilität in der Welt von heute darstellt.
Unglücklicherweise sind Begrenzung und Charakter unserer Zielsetzungen dem Denken der kommunistischen Welt fremd.
Die Kommunisten können daher vielleicht nur schwer einsehen, daß die
Vereinigten Staaten keinen Gebietszuwachs erstreben; weder in Südvietnam,
noch irgendwo anders in Südostasien. Wir wollen unsere Truppen nicht länger in diesem Gebiet belassen, als dies für die Sicherung der Freiheit des
südvietnamesischen Volkes notwendig ist. Wir wollen keine ständigen Militärstützpunkte und keine Handelsvorteile. Wir verlangen nicht, daß sich
die Regierung von Südvietnam mit uns verbündet oder sich in irgendeiner
Weise an uns gebunden fühlt. Wir wollen nur, daß das südvietnamesische
Volk das Recht und die Möglichkeit hat, seine Zukunft in Freiheit und ohne
Zwang oder Bedrohung selbst zu bestimmen.
Seit

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�Seit Monaten tun wir alles, was nur möglich ist, um dem Regime in
Hanoi klarzumachen, daß eine politische Lösung der beste Weg ist. Wäre
dieses Regime bereit, die Aggression gegen den Süden einzustellen, könnte
ein Friedensschluß fast eine Sache von Stunden sein. Käme es dazu, könnten sich die Menschen in Nordvietnam unbehelligt um ihre eigenen Probleme
kümmern. Denn wir wollen nicht das Regime in Hanoi zerschlagen oder das
nordvietnamesische Volk zwingen, eine andere Regierungsform anzunehmen.
Und wir wären - unter friedlichen Verhältnissen - durchaus bereit, das
nordvietnamesische Volk wie andere Völker Südostasiens an der technischen
und wirtschaftlichen Hilfe teilhaben zu lassen, die wir und andere Staaten
diesem Gebiet gewähren.
Das ist die einfache Botschaft, die wir Hanoi durch viele Kanäle zu
übermitteln suchten. Wir haben auf jede mögliche Art versucht, der kommunistischen Welt klarzumachen,wie leicht der Frieden herbeigeführt werden
könnte, wenn Hanoi nur wollte.
Wir haben alle Mittel der Diplomatie ausgeschöpft. Noch niemals*in
der Geschichte

hat man, so viel ich weiß, soviel Mühe - nicht nur seitens

der Vereinigten Staaten, sondern auch auf Seiten vieler anderer Staaten aufgewendet, um einen kostspieligen und gefährlichen Krieg einer politischen Lösung näher zu bringen. Ich weiß, Sie sind generell mit den einschlägigen Tatsachen vertraut.
Aber bisher waren die Stimmen der anderen Seite scharf und negativ.
Das Regime in Hanoi ist nicht willens, auch nur irgendeine der gebotenen
Möglichkeiten zu Verhandlungen wahrzunehmen. Alles, was wir zu hören bekamen, erschöpfte sich in dem andauernden Beharren darauf, nicht zu verhandeln, es sei denn, wir akzeptieren ihre vier Punkte im voraus. Die
vier Punkte in der von Hanoi vorgeschlagenen Form laufen jedoch darauf
hinaus, eben jene Grundsätze preiszugeben, für die wir kämpfen, und die
Bevölkerung Südvietnams gegen ihren Willen der Herrschaft eines kommunistischen Regimes zu überantworten.
Wollen wir die Situation realistisch beurteilen, dürfen wir weder
die Härte der kommunistischen Seite unterschätzen noch die Aussicht auf
eine leichte politische Lösung überschätzen.
Von

- 15 -

�Von Zeit zu Zeit wurde uns vorgeschlagen, eine Konferenz in Genf
anzuregen, die Vermittlerdienste der gemeinsamen Vorsitzenden der damaligen Konferenz in Anspruch zu nehmen, das Problem vor die Vereinten
Nationen zu bringen oder eine Schlichtung durch neutrale Staaten anzustreben.
Wir haben all diese Schritte, in den meisten Fällen wiederholt,
unternommen - ohne Ergebnis.
Es wurde ferner von Regierungen und Einzelpersonen auf beiden
Seiten des Eisernen Vorhangs angedeutet, ein Frieden sei unmöglich, solange amerikanische Flugzeuge Bombenflüge über Nordvietnam ausführen,
Verhandlungen aber wären möglich, wenn die Bombardierung eingestellt
würde.
Auch letzteres taten wir - sogar zweimal. Die jüngste Pause dauerte
- wie man sich in diesem Ausschuß erinnern wird - länger als 37 Tage.
Eine Reaktion blieb auch in diesem Falle aus.
Wir werden natürlich alles tun, was mit unseren nationalen Zielen
vereinbar ist, um eine Lösung auf diplomatischem Wege zu finden. Hinsichtlich der Bedingungen eines ehrenhaften Friedens, wie wir ihn sehen,
gibt es keine Zweifel. Wir haben sie wiederholt erläutert. Erst vor kurzem haben wir sie in Form von 14 Punkten zusammengefaßt:
1. Die Genfer Verträge von 1954 und 1962 sind eine ausreichende Grundlage für den Frieden in Südostasien.
2. Wir würden eine Konferenz über Südostasien oder über einen Teil
davon begrüßen.
3. Wir würden "Verhandlungen ohne Vorbedingungen", wie die 17 Staaten
es definierten, begrüßen.
4. Wir würden bedingungslose Verhandlungen, wie Präsident Johnson es
formulierte, begrüßen.
5. Ein Waffenstillstand könnte der erste Punkt der Tagungsordnung
einer Konferenz oder Gegenstand von Vorverhandlungen sein.
6. Hanois vier Punkte könnten zusammen mit anderen Punkten, die andere Staaten vorzuschlagen wünschen, diskutiert werden.

- 16 -

�7. Wir wollen keine US-Stützpunkte in Südostasien.
8. Wir haben nicht die Absicht, US-Truppen in Südvietnam zu belassen, wenn der Friede gesichert ist.
9. Wir unterstützen freie Wahlen in Südvietnam, die den Südvietnamesen eine Regierung nach eigener Wahl geben können.
10. Die Frage der Wiedervereinigung Vietnams soll Gegenstand der
eigenen freien Entscheidung der Vietnamesen sein.
11. Die Länder Südostasiens können bündnisfrei oder neutral bleiben, wenn sie dies wünschen.
12. Wir würden unsere Hilfsquellen viel lieber für den wirtschaftlichen Aufbau in Südostasien als für den Krieg verwenden. Wenn der Friede
erreicht ist, könnte sich Nordvietnam an einem regionalen Aufbauprogramm
beteiligen, zu dem wir mindestens eine Milliarde Dollar beisteuern wollen.
13. Der Präsident hat erklärt: "Die Vietcong werden keine Schwierigkeiten bezüglich ihrer Vertretung und der Darlegung ihrer Ansichten haben,
sobald und sofern sich Hanoi nur entschließt, die Aggression einzustellen.
Ich halte dies für kein unüberwindliches Problem."
14. Wir haben in aller Öffentlichkeit und in geheimen Gesprächen erklärt, wir könnten als eine Friedensgeste die Bombardierung Nordvietnams
einstellen, obgleich von der Gegenseite keinerlei Hinweis oder Andeutung
vorlag, wie sie darauf reagieren würde.
Diese 14 Punkte wurden öffentlich bekannt gemacht. Unsere Regierung
hat unmißverständlich klargestellt, welche Art Frieden wir zu akzeptieren
bereit sind - einen Frieden, der die Sicherheit Südvietnams garantiert,
einen Frieden, der der bewaffneten Aggression ein Ende setzt, die eine
Verletzung internationaler Abkommen und des Völkerrechts darstellt.
Wir haben diesen unseren Standpunkt der anderen Seite direkt und
durch Vermittler unterbreitet. Welche Haltung nimmt demgegenüber das
Hanoi-Regime ein?
Sowohl Hanoi als auch Peking haben die von uns vorgeschlagenen bedingungslosen Verhandlungen wiederholt abgelehnt. Statt dessen bestehen

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�bestehen sie darauf, wir sollten uns noch vor dem Eintritt in irgendwelche Diskussionen mit dem Vier-Punkte-Programm einverstanden erklären.
Die Formulierungen, die sie dabei benutzen, variieren von Mal zu Mal.
Einmal bezeichnen sie die vier Punkte als die "einzige Grundlage", ein
andermal als "die korrekteste Grundlage" für Verhandlungen. Im Endeffekt
läuft es jedoch auf das gleiche hinaus. Sie bestehen darauf, wir sollten
ihre Generallinie akzeptieren und dann mit ihnen lediglich darüber verhandeln, wie diese zu verwirklichen sei. Die Forderung nach einer vorherigen
grundsätzlichen Übereinstimmung ist eine bekannte kommunistische Verhandlungstaktik. Das bedeutet nicht, daß man über die grundlegenden Punkte
frei diskutieren oder sie großzügig interpretieren könnte. Es bedeutet
genau das, was es besagt.
Wir haben diese vier Punkte einer gründlichen Prüfung unterzogen.
Was zeigte sich hierbei?
Der erste Punkt fordert "Anerkennung der fundamentalen nationalen
Rechte des vietnamesischen Volkes: Souveränität, Unabhängigkeit, Einheit
und territoriale Unantastbarkeit". Dieser Punkt fordert ferner den Abzug
der US-Streitkräfte, die Schleifung unserer Militärstützpunkte und die
Lösung unseres Militärbündnisses mit der Regierung von Südvietnam "in
voller Übereinstimmung mit den Genfer Vereinbarungen".
Die Vereinigten Staaten erklären sich bereit, eine Rückkehr zu den
Bestimmungen der Genfer Vereinbarungen zu unterstützen und ihre Truppen
abzuziehen und ihre Militärstützpunkte aufzulösen, sobald die Vereinbarungen von allen Beteiligten eingehalten werden. Wir haben außerdem
erklärt, daß wir ein Militärbündnis mit einem freien Südvietnam weder
erwarten noch fordern werden.
Der zweite Punkt bezieht sich auf die Militärklauseln der Genfer
Vereinbarungen; auch damit könnten wir uns unter den vorgenannten Bedingungen einverstanden erklären.
Der vierte Punkt besagt, die Frage der friedlichen Wiedervereinigung
solle vom vietnamesischen Volk selbst und ohne fremde Einmischung geregelt werden. Auch damit wären wir einverstanden, wenn Einigkeit darüber
bestünde, daß im Norden und im Süden zuerst Bedingungen geschaffen werden
müssen, die die Durchführung wirklich freier Wahlen ermöglichen.

- 18 -

�Es ist Punkt drei, der die kommunistische Haltung in ihrem Kern enthüllt. Dieser Punkt fordert, daß "die inneren Angelegenheiten Südvietnams
durch das südvietnamesische Volk selbst in Übereinstimmung mit dem Programm
der Nationalen Befreiungsfront geregelt werden müssen".
Um die Bedeutung dieses Punktes zu verstehen, muß man nicht nur prüfen,
was mit dem "Programm der Nationalen Befreiungsfront" gemeint ist, sondern
sich etwas mehr mit dem Charakter der Befreiungsfront selbst sowie mit dem
Zweck befassen, dem sie innerhalb der taktischen Konzeption des nordvietnamesischen Regimes dient.
Wenden wir uns zunächst der Befreiungsfront zu. Sowohl Hanoi als auch
Peking haben immer wieder klargemacht - und andere kommunistische Mächte
haben sich ihnen dabei angeschlossen -, daß Verhandlungen nur möglich sind,
wenn die Vereinigten Staaten die Nationale Befreiungsfront als den "einzigen echten Vertreter des gesamten südvietnamesischen Volkes" anerkennen.
Welche Auswirkungen würde ein Eingehen auf diesen Vorschlag haben,
und warum bestehen die Kommunisten so hartnäckig auf ihn?
Es liegt ganz klar auf der Hand, daß die Nationale Befreiungsfront
genau das ist, was ihr Name impliziert: eine kommunistische Frontorganisation, eine Gliederung, die bewußt die Fiktion stützen soll, daß der
Krieg in Vietnam ein innerer Aufruhr sei. Die Befreiungsfront ist, wie
die Fakten deutlich zeigen, eine Erfindung der kommunistischen Partei
Nordvietnams, die der politischen Verschleierung ihrer Aktivität im Süden
des Landes dient.
Wie ich bereits vorher festgestellt habe, wurde die Befreiungsfront
im Jahre 1960 von der kommunistischen Partei Nordvietnams - der Lao-DongPartei - ins Leben gerufen, und zwar bald nachdem der führende Militär
Nordvietnams, General Giap, verkündet hatte: "Der Norden ist die revolutionäre Basis für das gesamte Land." Die Personen, die zu Führern der
Befreiungsfront ernannt wurden, sind dem vietnamesischen Volk im Norden
wie im Süden weitgehend unbekannt. Zu behaupten, daß sie die Hoffnungen
und Bestrebungen des vietnamesischen Volkes repräsentieren, ist einfach
absurd. Das wesentliche Faktum ist, daß zu keiner Zeit irgendeine Einzelperson von politischer Bedeutung in Südvietnam der Befreiungsfront ange-

- 19 -

�angehört oder sich mit ihren politischen Zielen identifiziert hat. Wenn
es auch unter einigen führenden vietnamesischen Politikern oder Gruppen
verschiedene Ansichten bezüglich der Frage geben mag, wie das Land geführt werden soll, so herrscht unter ihnen doch Einmütigkeit hinsichtlich
der Tatsache, daß die Befreiungsfront nicht für sie spricht.
Im Jahre 1961 suchte Hanoi die Fiktion des lokalen Ursprungs der Befreiungsfront durch Gründung einer scheinbar unabhängigen kommunistischen
Partei als Hauptelement der Befreiungsfront zu stützen. Hanoi schuf aus
dieser Erwägung die Revolutionäre Volkspartei. In einem in Umlauf gebrachten geheimen Schriftstück, das vom 7. Dezember 1961 datiert, wurde
den Parteimitgliedern mitgeteilt: "Die Revolutionäre Volkspartei besitzt
nur den Anschein einer unabhängigen Existenz. Praktisch ist unsere Partei
nichts anderes als die Lao-Dong-Partei Vietnams, geeint vom Norden bis
zum Süden unter dem zentralen Exekutivkomitee der Partei, dessen Chef Präsident Ho ist ... In allen diesbezüglichen Erläuterungen muß dies - vor
allem in Südvietnam - streng geheimgehalten werden,damit der Feind nicht
Kenntnis von unseren Zielen erlangt."
Die Revolutionäre Volkspartei hat die Rolle, die sie innerhalb der
Befreiungsfront spielt, nicht verschleiert. Sie hat sich offen als das
dominierende Element bezeichnet. Am 15. Februar 1961 ging

der Vietcong-

Ausschuß für den Süden sogar noch weiter, als er erklärte, die kommunistische Partei werde zu gegebener Zeit "in aller Öffentlichkeit Schritte
unternehmen, um die Revolution in Südvietnam anzuführen". Mit anderen
Worten, die Kommunisten erklärten ihren Anhängern, daß sie im richtigen
Augenblick die Maske fallenlassen und aus der Tarnung der Nationalen Befreiungsfront heraustreten werden.
Somit verfolgen die Kommunisten ein klares Ziel,wenn sie darauf bestehen, wir sollen die Nationale Befreiungsfront als den einzigen Repräsentanten des südvietnamesischen Volkes anerkennen. Für sie ist das keine
Verfahrensfrage, sondern eine Frage von lebenswichtiger Bedeutung. Sie
beharren auf der Anerkennung der Befreiungsfront als alleinigen Sprecher
für die Bevölkerung Südvietnams durch uns, da die Anerkennung der Befreiungsfront in dieser Eigenschaft praktisch bedeuten würde, daß wir den

- 20 -

�den kommunistischen Standpunkt, der Konflikt sei eine innere Angelegenheit, und damit eine Lösung zu den Bedingungen Hanois akzeptieren - was
wiederum bedeuten würde, daß wir Südvietnam der Kontrolle des kommunistischen Nordens ausliefern.
Trotz dieser klaren Realitäten haben wir hinsichtlich der Befreiungsfront in der Vergangenheit keinen Vernunftsgründen unzugänglichen Standpunkt
eingenommen, und wir tun dies auch heute nicht. Der Präsident hat in seiner Botschaft über die Lage der Nation erklärt, daß 'Vir uns an jedem Konferenztisch einfinden, über jeden Vorschlag sprechen - seien- es vier
Punkte oder vierzehn Punkte oder vierzig Punkte - und die Ansichten jeder
Gruppe in Erwägung ziehen" werden, und das schließt natürlich neben anderen Gruppen auch die Befreiungsfront ein.
Insoweit also, wie die Befreiungsfront als Vertreter einer Gruppe
gelten kann, können die Ansichten dieser Gruppe gehört werden. Die Frage
der Befreiungsfront sollte sich daher, wie Präsident Johnson gesagt hat,
nicht als ein "unüberwindliches Problem" erweisen.
Sie bleibt nur ein Problem, weil Hanoi die Befreiungsfront weiterhin
hartnäckig dazu benutzt, seine eigene Grundkonzeption zu untermauern, daß
die Befreiungsfront die Hoffnungen und Bestrebungen des südvietnamesischen
Volkes repräsentiere - und es daher kontrollieren sollte.
Die Bedeutung dieses Problems tritt klar zutage, wenn man das sogenannte "Programm der Nationalen Befreiungsfront" näher betrachtet, wie es
am 29. Januar 1961 verkündet und mit einer zweiten Veröffentlichung vom
11. Februar des gleichen Jahres revidiert und erweitert wurde. Der erste
Punkt dieses Programms enthüllt die ganze Absicht der Kommunisten. Er
fordert den Sturz der südvietnamesischen Regierung in Saigon und die Errichtung einer Koalitionsregierung, aus der die (jetzige) Regierung in
Saigon gänzlich ausgeschlossen wäre.
Mit anderen Worten, das Regime in Hanoi stellt die folgenden Vorbedingungen auf, denen die Vereinigten Staaten zustimmen müßten, bevor die
Kommunisten an Verhandlungen auch nur dächten:
Erstens, daß die südvietnamesische Regierung gestürzt wird.
Zweitens

- 21 -

�Zweitens, daß die Befreiungsfront, die Kreatur und der Handlanger
Hanois, bei Verhandlungen als einziger Vertreter des südvietnamesischen
Volkes akzeptiert wird.
Drittens, daß Südvietnam der Gewalt einer von den Kommunisten gebildeten Koalitionsregierung unterstellt wird, aus der die südvietnamesische
Regierung ausgeschlossen wäre.
Ich möchte daher mit der Aufzählung bestimmter einfacher Feststellungen schließen, die den Kern des Problems und der amerikanischen Politik in
Südvietnam bilden:
1. Grundtatsache ist, daß eine Aggression in Form eines bewaffneten
Angriffs Nordvietnams auf Südvietnam stattfindet.
2. Die Vereinigten Staaten sind verpflichtet, Südvietnam bei der Abwehr dieser Aggression zu helfen.
3. Unsere Verpflichtungen in Südvietnam wurden nicht isoliert von anderen übernommen, sondern sind Teil unserer systematischen Bestrebungen
der Nachkriegszeit, einen stabilen Frieden zu gewährleisten.
4. Die Südostf»sierürihra^t hat weltweite Auswirkungen, müssen wir doch
klarstellen, daß die Vereinigten Staaten ihr Wort halten, wo immer sie es
gegeben haben.
5. Kein Land ist am Frieden in Südostasien oder sonstwo mehr interessiert als die Vereinigten Staaten. Wenn der bewaffnete Angriff gegen
Südvietnam eingestellt wird, kann es rasch Frieden geben. Jede Verbindung
und jede Möglichkeit zu Kontakten, Gesprächen oder Verhandlungen wird
offengehalten werden, damit wir keine Friedenschance übersehen.

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- 22 -

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WELTHANDELSPOLITIK UND DEUTSCH-AMERIKANISCHE BEZIEHUNGEN

Ansprache
Sr. Exzellenz, des Stellv. Sonderbeauftragten des
US-Präsidenten für Handelsverhandlungen,

BOTSCHAFTER

Beilage

W. MICHAEL BLUMENTHAL

gehalten am 16. März 1966 zu Bonn
vor der Carl Schurz Gesellschaft in Deutschland e.V.

A

�WELTHANDELSPOLITIK UND DEUTSCH-AMERIKANISCHE BEZIEHUNGEN
Von Botschafter W. Michael Blumenthal
Der Welthandel hringt nicht nur wirtschaftliche Vorteile mit sich,
er trägt auch zu besserem gegenseitigen Verstehen und besserer Zusammenarbeit bei. Diese Feststellung gilt ebenso für den Austausch von
Menschen wie von Gütern. Die Carl Schurz Gesellschaft ist Ausdruck dieses gegenseitigen Verständnisses und der gegenseitigen Annäherung, die
ein Mann zwischen zwei großen Nationen zu schaffen in der Lage war. Carl
Schurz hat dazu beigetragen, ein andauerndes Interesse an deutscher
Sprache und Literatur im Mittelwesten der Vereinigten Staaten zu entfachen; seine liberalen Grundsätze haben auch unseren öffentlichen Dienst
mitgeprägt; sein Mut und seine Tapferkeit kamen der amerikanischen Demokratie genauso zugute, wie sie der Sache der Demokratie in Deutschland
zum Vorteil gereicht hatten.
Sowohl als Führer von Menschen als auch als Vorkämpfer eines freien
Gedankenaustausches hat Carl Schurz das geistige Klima seiner Zeit beeinflußt. Deutsche und Amerikaner haben gleichermaßen von seiner Arbeit
profitiert. Heute nun sind wir gemeinsam um die Vollendung eines anderen
großen Werkes bemüht, das nicht nur unseren beiden Ländern zum Vorteil
gereichen kann, sondern allen Völkern. Es geht hierbei mehr um den Austausch von Gütern als Ideen. Aber aus diesem Güteraustausch resultiert
letztlich auch ein besseres gegenseitiges Verständnis für die Interessen
und Bedürfnisse des anderen. Ich meine damit natürlich unsere gemeinsamen Bemühungen, die laufenden Handelsverhandlungen in Genf erfolgreich
zu Ende zu führen.
Für die Vorteile, die sich aus einem lebhaften und wachsenden Güteraustausch ergeben, liefert der deutsch-amerikanische Handel ein gutes
Beispiel. Seit 1950 hat sich der bilaterale Güteraustausch verfünffacht,
und der jährliche Handel in beiden Richtungen beläuft sich gegenwärtig,

- 1 -

�gegenwärtig, bei einem fast ausgeglichenen Verhältnis, auf 1,3 Milliarden Dollar. Im Jahre 1965 erhöhten sich allein die deutschen Einfuhren
aus den Vereinigten Staaten um vierzehn Prozent, während die Ausfuhren
nach den USA im gleichen Zeitraum um zwanzig Prozent anstiegen. Unser
Handel umfaßt praktisch das gesamte Warenspektrum: Fleisch, Getreide,
Chemikalien, Automobile, Eisen und Stahl, Maschinen, Textilien, Papier.
Die Bundesrepublik Deutschland profitiert von den niedrigen Produktionskosten im amerikanischen Maisgürtel, und etwa 350 000 Amerikaner erwerben jährlich jenes Symbol deutscher Wertarbeit und Zuverlässigkeit: den
Volkswagen.
Man kann den Handel jedoch nicht allein unter bilateralen Gesichtspunkten betrachten. Ein Dichter sagte einmal: "Wie das Blut, so muß auch
der Handel den ganzen Kreislauf durchfließen." Weniger poetisch, dafür
aber praxisnah ausgedrückt, heißt das, daß nur der multilaterale, alle
Länder und alle Produkte umschließende Güteraustausch optimal die Vorteile ausschöpfen kann, die der Welthandel bietet. Die Bundesrepublik
Deutschland zum Beispiel importiert aus den Partnerländern des Gemeinsamen Marktes für rund eine halbe Milliarde Dollar Waren mehr, als sie
dorthin exportiert. Das hier entstehende Außenhandelsdefizit wird durch
den Handel mit anderen Ländern ausgeglichen - so durch den Güteraustausch
mit den EFTA-Ländern, der der Bundesrepublik Deutschland einen Überschuß
von 1,5 Milliarden Dollar erbringt. Die Vereinigten Staaten weisen im
Handel mit der EWG bei den Fertigwaren einen geringen Passivsaldo auf,
erzielen aber im Agrarexport einen gesunden Überschuß. Die beiden größten
Exportmärkte der USA sind Kanada und Japan. Für die Bundesrepublik
Deutschland sind es die EFTA-Länder, in die 43 Prozent der deutschen Exporte in Drittländer gehen, was wertmäßig etwa dem Vierfachen der deutschen USA-Exporte entspricht.
Handelsstruktur und Absatzmöglichkeiten sind in allen Ländern verschieden. Alte Handelsbeziehungen sind nicht nur einer steten Wandlung
unterworfen, aus ihnen entwickeln sich auch ständig neue. Es ist diese
wechselseitige Abhängigkeit im Handel der Länder untereinander, die
Nutzen und Möglichkeiten des freien Welthandelssystems begründen.
Zur

- 2 -

�Zur Zeit unternehmen wir die bedeutendste Anstrengung, die je zum
Abbau von Handelsschranken gemacht wurde: die Kennedy-Runde, die im
Rahmen des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens - GATT - durchgeführt
wird. In ihrem Umfang weltweit, umschließt sie eine breite Skala von
Handelsinteressen - einige davon zueinander in Widerspruch stehend, die
meisten jedoch einander ergänzend. Die einzige praktikable Basis für
den Abschluß eines Abkommens ist in Anbetracht solch verschiedenartiger
Verhältnisse ein genereller, sich auf alle Erzeugnisse erstreckender
Abbau von Handelsschranken durch alle bedeutenden handeltreibenden Länder. Es geht uns in der Kennedy-Runde in der Tat darum, alle bestehenden Zollschranken um die Hälfte zu reduzieren und eine ganze Anzahl anderer Hindernisse für Welthandelsgüter teilweise oder ganz aus dem Wege
zu räumen. Dies ist ein ehrgeiziges Ziel, aber die sich für den Welthandel daraus ergebenden Vorteile allein schon rechtfertigen diese Anstrengung.
Es steht in der Kennedy-Runde jedoch mehr auf dem Spiel als vermehrte Exportmöglichkeiten. Der Erfolg oder Mißerfolg dieser Verhandlungen wird ohne Zweifel den künftigen Verlauf der Handelsbeziehungen bestimmen. Der Ausgang wird mit Sicherheit auch die Einstellung der USA
zur Frage der multilateralen Liberalisierung des Handels beeinflussen.
Ebenso wird der Ausgang allen Ländern die Bedeutung des Artikels 110 der
Römischen Verträge vor Augen führen, in dem die Absicht der Gemeinschaft
bekundet wurde, auf eine harmonische Entwicklung des Welthandels und auf
einen Abbau der Zollschranken hinzuarbeiten. Desgleichen wird der Ausgang
entweder zu einer Harmonisierung der Handelspolitik hinsichtlich landwirtschaftlicher Rohprodukte führen oder aber auf dem Weltmarkt eine
neue Welle engstirniger und auf Kosten anderer verfochtener Selbstinteressen hervorbringen. Und schließlich wird der Ausgang entweder die Entwicklungsländer von unseren Absichten, ihre Exporte zu fördern, wirklich
überzeugen oder aber große Enttäuschungen und Verzweiflung hervorrufen.
Die Kennedy-Runde tritt jetzt aus einer Phase der Ungewißheit und
der Skepsis heraus. Die Verhandlungsflaute, die zu einem guten Teil aus
den inneren Problemen des Gemeinsamen Marktes resultierte, läßt sich mit
den Worten eines frühen amerikanischen Patrioten umschreiben, der von

- 3-

�von den Zeiten sprach, "in denen die menschliche Seele auf eine Probe
gestellt wird".
Diese Zeiten sind vorüber. Das entscheidungsbefugte Gremium der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ist wieder arbeitsfähig. Für die
Kennedy-Runde bedeutet das erneute Aktivität mit dem Ziel einer baldigen und für alle Beteiligten erfolgreichen Beendigung der Verhandlungen. Und daher erscheint eine Bestandsaufnahme in der derzeitigen
Situation angebracht. Wir sitzen bereits drei Jahre am Verhandlungstisch. Was haben wir bisher erreicht? Welche Problemkomplexe liegen
noch vor uns?
Was wir vor allem erreicht haben, ist eine klare Kenntnis der
diesbezüglichen Tatsachen - das Wissen um die Handelsinteressen und
Schutzsysteme in allen an den Verhandlungen teilnehmenden Ländern.
Wir haben alle Aspekte der tarifären und nichttarifären Handelsschranken sorgfältig überprüft. Keiner kann behaupten, wir würden überhastet
und schlecht vorbereitet in die entscheidende Phase der Kennedy-Runde
gehen. Die technische Arbeit ist abgeschlossen, und wir sind jetzt
darauf vorbereitet, die notwendigen Entscheidungen, die zum Abschluß
der Verhandlungen erforderlich sind, zu treffen.
Ganz konkret gesprochen: Wir haben weitreichende Angebote für
Industriegüter gemacht, und zwar auf der Basis einer generellen 50prozentigen Senkung der Zölle. Die Ausnahmen von dieser Regelung wurden
auf ein absolutes Minimum beschränkt. Wir hoffen, diese Ausnahmen im
Laufe der restlichen Verhandlungen zahlenmäßig noch weiter zu reduzieren.
Auf der anderen Seite haben wir auf dem Agrarsektor bislang nur
wenig erreicht. Die Arbeit ist hier weit hinter den allgemeinen Fortschritten der Verhandlungen zurückgeblieben. Vieles bleibt noch zu tun.
Konzentrierte Anstrengungen in der Absicht, rechtzeitige Entscheidungen
auf dem Agrarsektor zu erreichen, sind von großer Bedeutung, wenn ein
einigermaßen ausgewogenes Rahmenabkommen erzielt werden soll.
Schließlich waren die Verhandlungen mit den Entwicklungsländern
besonders lohnend. Diesen Ländern geht es in der Kennedy-Runde um lebens-

- 4 -

�lebenswichtige Einsätze. Die Ausweitung der Exporte ist für jene
freien, aber unterentwickelten Länder von entscheidender Bedeutung,
die nach den Worten des verstorbenen Präsidenten Kennedy ständig
"zwischen anhaltendem wirtschaftlichem Wachstum und wirtschaftlichem
Chaos schweben".
Die Vereinigten Staaten haben mit mehr als zwanzig teilnehmenden
Entwicklungsländern ausgiebige Verhandlungen geführt. Unsere Importe
aus diesen Ländern belaufen sich auf 2,1 Milliarden Dollar. Hiervon
werden bereits Waren im Wert von 1,3 Milliarden Dollar zollfrei in
die Vereinigten Staaten eingeführt. Bei den zollpflichtigen Einfuhren
in Höhe von 800 Millionen Dollar haben wir bisher eine generelle 50prozentige Senkung der Zölle auf rund 600 Millionen Dollar oder 75 Prozent
der Gesamtstimme angeboten. Dazu gehört auch das Angebot, die Zölle für
bestimmte, hauptsächlich aus tropischen Ländern importierte Produkte
ganz zu beseitigen. Wir hoffen, unser Angebot in den nächsten Monaten
noch verbessern zu können. Dies ist ein wesentlicher Erfolg, der große
handelspolitische Bedeutung für den Export dieser Länder besitzt. Er
kann als konkreter Beweis dafür angesehen werden, daß die Kennedy-Runde
diesen um ihre Existenz kämpfenden Nationen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas etwas zu bieten hat.
Aber unsere Erfolge hängen weiter von der Lösung der noch vor uns
liegenden Probleme ab. Es gibt sicherlich noch viele Probleme, die gelöst werden müssen, wenn auch einige Grundfragen weiterhin den Kern
unserer Gespräche bilden. Ein klares Verständnis dieser Probleme und
der Wille, sich objektiv mit ihnen auseinanderzusetzen, können den Ausschlag über Erfolg oder Mißerfolg dieser Verhandlungen geben. Daher
möchte ich heute abend einigen dieser Kernfragen besondere Aufmerksamkeit schenken.

II

- 5 -

�II
Auf dem industriellen Sektor sieht die Kennedy-Runde eine 50prozentige Senkung der Zölle für alle Produkte vor. Dieses lineare Zollsenkungsverfahren ist logisch und in sich ausgewogen. Es wird innerhalb des Gemeinsamen Marktes angewendet und wurde früher von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft als Verfahren für multilaterale Zollsenkungen vorgeschlagen. Wie hoch der gegenwärtige Schutz auch sein mag, durch die
Kennedy-Runde wird er halbiert. Gleichgültig, wie hoch das Durchschnittsniveau in einem einzelnen Land ist. Je höher der Durchschnittszoll, desto
größer die voraussichtliche Senkung des Importpreises.
Es ist daher störend, daß die Durchschnittszollsätze gelegentlich
in die Diskussion über die Erreichung eines Ausgleichs der Handelsvorteile gebracht wurden. Dies ist deshalb besonders störend, weil - von den
ungewöhnlich niedrigen Zollsätzen in einigen kleineren EFTA-Ländern abgesehen - kein bedeutender Unterschied im durchschnittlichen Schutzzollniveau zwischen den wichtigsten westlichen Handelsnationen besteht.
Eine prominente deutsche Autorität in Handelsfragen wies mich kürzlich auf eine statistische Untersuchung über Durchschnittszölle hin, aus
der hervorging, daß die amerikanischen Zölle etwas höher sind als die
Gemeinsamen Außenzölle der EWG. Er fragte sich, ob sich auf Grund des
Verfahrens einer generellen 50prozentigen Senkung hieraus nicht ungleiche
Konzessionen ergäben. Als wir dieser Frage nachgingen, stellten wir, je
nach der Berechnungsmethode, zumindest fünf verschiedene durchschnittliche Zollsätze fest. Ich möchte Ihnen dafür einige Beispiele geben: Der
einfache Durchschnitt aller Zolltarife stellt sich sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für die EWG auf rund vierzehn Prozent. Bei
Industrieprodukten liegen die Vereinigten Staaten um zwei Punkte höher,
bei den landwirtschaftlichen Produkten die EWG um rund neun Punkte.
Gemessen an den Gesamtimporten belaufen sich die durchschnittlichen EWGTarife auf 8,3 Prozent, die der USA auf 7,6 Prozent; klammert man aber
die landwirtschaftlichen Importe aus, so liegt der amerikanische Zollsatz wieder um zwei Punkte höher. Das Mittel der Zollsätze liegt noch

- 6 -

�noch näher beieinander, nämlich bei etwa dreizehn Prozent, wobei der
mittlere Satz der Vereinigten Staaten in allen Fällen geringfügig
unter dem der EWG liegt.
Welches ist nun die beste oder gerechteste Bemessungsgrundlage?
Es gibt weder eine "beste11 Methode, noch gibt es eine schlüssige Antwort auf die Frage der relativen Zollsätze. Der vielleicht umfassendste
Versuch, die relativen Zollsätze der EWG und der USA zu ermitteln, ist
von dem unabhängigen "Ausschuß für Wirtschaftliche Entwicklung" in einer
Studie unternommen worden, die den Titel trägt "HandelsvertragsVerhandlungen für eine bessere freie Weltwirtschaft". Die wichtigste Feststellung
dieser Untersuchung, der ich gern zustimme, ist, daß eine weitgehende
Übereinstimmung der beiden Zollsysteme besteht und daß'Wen Differenzen in
den errechneten durchschnittlichen Zollsätzen der USA und der EWG relativ
geringe Bedeutung beigemessen werden sollte".
Ich glaube, daß mein deutscher Freund und ich letztlich zu der gleichen Ansicht kamen. Die Diskussion über die durchschnittlichen Zollsätze
kann zwangsläufig keine allgemeingültigen Schlußfolgerungen erbringen.
Sie kann nur dazu beitragen, das eigentliche Ziel der Kennedy-Runde zu
verschleiern: den umfassenden und gleichmäßigen Abbau aller dem Handel
im Wege stehenden Hindernisse.
Obwohl im Grunde ganz anders geartet, steht auch die Frage der Zolldisparitäten für einzelne Waren in Beziehung zu den durchschnittlichen
Zollsätzen. In dem einstimmig gefaßten Ministeratsbeschluß vom Mai 1963
ist anerkannt worden, daß in solchen Fällen, wo große Diskrepanzen in
den Zollsätzen für eine spezielle Ware den Handel erheblich beeinflussen,
Sonderbestimmungen generell und automatisch für Zollsenkungen in Anwendung gebracht werden sollen.
Leider ist bisher noch keine Übereinstimmung über das Verfahren zur
Feststellung von Disparitäten erreicht worden. Die Schwierigkeit besteht
häufig darin, daß die Handelsauswirkungen einer Disparitätsklausel in
erster Linie von Drittländern verspürt werden. Zwischen den Zollsätzen
der Vereinigten Staaten und der EWG mag eine größere Spanne bestehen,
aber wenn es um den Handel hauptsächlich zwischen der EWG und der EFTA

�EFTA geht, so wirkt sich eine Disparitätsregel eher hemmend auf den
intereuropäischen als auf den amerikanischen Handel aus.
Zur Begründung einer nach der Disparitätenregelung wird die

An-

nahme angeführt, daß in hohen Zollsätzen ein übermäßiger Schutz enthalten ist, und daß die 50prozentige Senkung eines hohen Zollsatzes
weniger bedeutungsvoll sein würde als die 50prozentige Senkung eines
niedrigen. Aber dies ist nicht unbedingt der Fall. Für Erzeugnisse wie
Automobile, landwirtschaftliche Maschinen und für einige Spezial-Papiererzeugnisse sind die Zölle des Gemeinsamen Marktes wesentlich höher
als die der USA; aber dies bedeutet nicht, daß eine 50prozentige Senkung
der EWG-Zölle nicht von handelspolitischer Bedeutung wäre. In ähnlicher
Weise lassen viele der hohen amerikanischen Zölle bereits jetzt wesentliche Importe zu, und eine 50prozentige Senkung könnte von gleichem,
wenn nicht noch größerem Handelswert sein, als entsprechende Senkungen
bei niedrigen Zöllen im Ausland.
Bisher ist die EWG der einzige Teilnehmer, der seine Absicht bekanntgegeben hat, sich der Disparitäten zu bedienen, obwohl alle Länder
begreiflicherweise das gleiche tun könnten. Einige EFTA-Länder, deren
Zölle allgemein recht niedrig sind, könnten tatsächlich den überwiegenden Teil ihrer Importe, deren größter Teil aus den EWG-Ländern stammt,
der Disparitätenregelung unterwerfen.
Die Vereinigten Staaten haben die Gefahr einer Ausweitung der Disparitätenregelung erkannt und sich erneut zu ihrer Einstellung bekannt,
sie auf solche Fälle zu begrenzen, die eindeutig einen bedeutenden
Handelseffekt haben. Wir haben ebenso immer wieder auf die Grundtatsache verwiesen, daß eine generelle 50prozentige Zollsenkung alle Disparitäten automatisch um die Hälfte vermindert.
Die Disparitätenfrage bleibt ein Problemkreis der Verhandlungen.
Sie kann zu einer gefährlichen Aufweichung der grundlegenden Reziprozitätsbasis führen, die in der 50-Prozent Linearregel enthalten ist. Wenn
diese Frage doch in einer vernünftigen Art angegangen wird und man sich
auf solche Fälle beschränkt, die einen bedeutenden Handelseffekt haben,
kann und wird sie hoffentlich erfolgreich gelöst werden.
Aus

- 8 -

�Aus all den eben angeführten Gründen bietet sich die lineare Zollsenkung als die beste Grundregel für ein umfassendes und bedeutendes
Abkommen im Rahmen der Kennedy-Runde an. Wegen der weitgehenden Übereinstimmungen im Gesamtzollniveau können wir die Durchschnittstarife als
zusätzliche Komplikation ignorieren. Zolldisparitäten müssen andererseits
auf Fälle mit konkreter handelspolitischer Bedeutung beschränkt werden.
Innerhalb dieses Rahmenwerkes wird eine allgemeine 50prozentige Senkung
aller Zölle wesentliche und ausgewogene Exportmöglichkeiten für jeden
Verhandlungsteilnehmer schaffen.
Ein anderes kritisches Problem der Kennedy-Runde bildet der ChemieSektor. Einige unserer Verhandlungspartner - insbesondere die wichtigen
europäischen Exportländer von Chemikalien - bestehen darauf, daß die
Vereinigten Staaten etwas bezüglich des sogenannten American Selling
Price System - der Zollfestsetzung - kurz ASP genannt - unternehmen. Die
Frage des amerikanischen Verkaufspreises steht insbesondere in Beziehung
zum Umfang des Einfuhrschutzes, den es gewissen Sektoren der amerikanischen chemischen Industrie gewährt. Ich möchte zwei allgemeine Feststellungen zu dieser Frage treffen, die, wie wir wissen, für eine Anzahl
Länder von erheblichem Interesse ist.
Erstens: Handelsvertragsverhandlungen sind Prozesse des Aushandelns,
in denen die Teilnehmer vergleichbare Konzessionen machen müssen; das heißt,
sie haben gleiche Anstrengungen zu unternehmen und gleichwertige Konzessionen zu bieten, die in ihrer Gesamtheit letztlich das Abkommen ausmachen. Das ist das, was wir im weitesten Sinne des Wortes unter Reziprozität verstehen. Damit die Vereinigten Staaten in der Lage sind, Konzessionen beim American Selling Price zu machen, müßten wir Konzessionen
vergleichbaren Wertes von den anderen interessierten Ländern erhalten.
Weder von den Vereinigten Staaten noch von der EWG, noch von irgendeinem
anderen Teilnehmer werden oder können einseitige Konzessionen verlangt
werden.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, im Rahmen der Kennedy-Runde über
den ASP zu verhandeln. Aber Konzessionen in dieser Hinsicht können nur in
die Schlußvereinbarungen eingearbeitet werden, wenn die Vereinigten Staaten

- 9-

�Staaten dafür den vollen Gegenwert erhalten. Zum Teil muß diese Gegenleistung auf dem Chemie-Sektor liegen. Die amerikanische chemische
Industrie kann mit unbestreitbarem Recht verlangen, daß sie, wenn sie
um Konzessionen auf dem Gebiet des ASP ersucht wird, im Austausch dafür
verbesserte Exportmöglichkeiten erhält. Zum Teil könnten die Gegenleistungen auf dem Gebiet des American Selling Price Systems auch durch
Konzessionen auf dem Sektor der nichttarifären Handelsschranken kompensiert werden. In der Kennedy-Runde führen wir tatsächlich Besprechungen
über eine Anzahl sogenannter nichttarifärer Handelsschranken, deren
Abbau oder Aufhebung auf der Basis der Gegenseitigkeit - ich betone
Gegenseitigkeit - wir in diesen Verhandlungen zu bewerkstelligen hoffen.
Wir diskutieren auch über eine einheitliche Kodifizierung des Begriffs
internationales Dumping. Die Vereinigten Staaten haben speziell Forderungen nach größeren Exportmöglichkeiten für amerikanische Kohle angemeldet sowie die Beseitigung der diskriminierenden Auswirkungen der
europäischen Automobilsteuer auf in Amerika hergestellte Kraftwagen verlangt. In diesem Verhandlungsrahmen könnten und sollten die Schwierigkeiten des ASP-Systems - auch soweit sie über den direkten Zollschutz
hinausgehen, den es bietet - besprochen werden.
Meine zweite Feststellung zum ASP ist, daß die Bedeutung des amerikanischen Verkaufspreissystems nur an Hand von Tatsachen voll ermessen
werden kann. Was sind nun aber diese Tatsachen? Ein sehr wesentliches
Faktum besteht darin, daß nur ein Teil der amerikanischen chemischen
Industrie - kein großer Teil - durch das ASP-System geschützt wird. Betroffen sind im wesentlichen die Importe von Benzolverbindungen und gewissen daraus hergestellten Produkten. Ich sehe ein, daß das ASP-System
für die Hersteller dieser speziellen Erzeugnisse von Bedeutung sein kann.
Aber wir wissen auch, daß der größte Teil der chemischen Produktion und
auch des Handels mit chemischen Stoffen in den USA und in anderen Ländern
Erzeugnisse umfaßt, die nicht vom ASP-System berührt werden. Hinzu kommt
noch, daß der durch das ASP-System gewährte Schutz in seinem Umfang sorgfältig und objektiv ermittelt werden muß. Die amerikanische Zcllkommissiou
hat eine solche Erhebung durchgeführt, und wir hoffen, noch im Laufe J ä r
Genfer Verhandlungen unseren Verhandlungspartnern ein viel klareres Bild

- 10 -

�Bild über die tatsächlichen Auswirkungen des ASP-Systems geben zu
können.
Wenn ich mich jetzt dem landwirtschaftlichen Sektor der Verhandlungen
zuwende, möchte ich noch einmal meine besondere Besorgnis über die bisherigen Versäumnisse zum Ausdruck bringen und auf den großen Berg von
Arbeit hinweisen, der noch vor uns liegt. Die bisherigen geringen Fortschritte auf diesem Gebiet sind besonders enttäuschend, vor allem deshalb, weil die Handelsmöglichkeiten für Agrarprodukte ganz erheblich sind.
Billige importierte Nahrungsmittel sind eine wichtige Hilfe zur Stabilisierung der Lebenshaltungskosten und zur Erreichung einer maximalen wirtschaftlichen Wachstumsrate auf anderen Sektoren der Wirtschaft. Die hohen
finanziellen Belastungen, die durch die Förderung der Produktion von teuren
einheimischen Nahrungsmitteln entstehen, können andererseits sowohl die
Preisstabilität als auch das Wirtschaftswachstum beeinträchtigen.
Wir haben nicht die Absicht, in der Kennedy-Runde die Struktur der
Landwirtschaft anderer Staaten zu zerstören. Unter gar keinen Umständen
ist eine Regierung bereit, ihre Landwirtschaft zu opfern. Wir sind vielmehr
bemüht, in zwei Richtungen vorzustoßen. Erstens wollen wir die bestehenden
Handelsströme auf dem Agrarsektor erhalten und die gefährlichen Tendenzen
in Richtung auf eine unwirtschaftliche Ausdehnung neuer Produktion verhindern, insbesondere in den Industrieländern, denen sich viel vorteilhaftere
Alternativlösungen für den Einsatz ihrer Mittel bieten. Und zweitens möchten wir die eine stete Verbrauchssteigerung bei Agrarerzeugnissen behindernden Handelsschranken abbauen, um dadurch zu einer leistungsfähigeren Weltproduktion und zu einem leistungsfähigeren Welthandel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu kommen.
Eine bedeutende Gruppe von Agrarerzeugnissen stellt in den Verhandlungen das Getreide dar. Wir haben bereits vorbereitende Gespräche für ein Internationales Getreideabkommen geführt. Ein derartiges Abkommen hätte sich
im wesentlichen mit den oberen und unteren Grenzen der Weltmarktpreise zu
befassen, mit der Versorgungslage sowie mit der Verfügbarkeit von Überschußprodukten für die bedürftigen und unter Nahrungsmittelmangel leidenden Gebiete in der Welt. Es ist im Interesse aller Teilnehmer an der Kennedy-Runde, ein
solches Abkommen auszuhandeln, aber die Hauptentscheidungen müssen noch getroffen
werden, wenn ein annehmbares Abkommen erzielt werden soll.

- 11 -

_ .

�Bei einer großen Anzahl anderer landwirtschaftlicher Erzeugnisse sind
die Verhältnisse recht unterschiedlich. Für einige erscheint eine Zoll•enkung der einzig vernünftige und gangbare Weg zu sein, um eine geordnete
Handelsausweitung sicherzustellen. Bei anderen dagegen - wie etwa bei
Fleisch und Milchprodukten - wird nach umfassenderen Lösungen geforscht
werden müssen.
Als bedeutender Exporteur von preisgünstigen landwirtschaftlichen
Produkten haben die Vereinigten Staaten von Anfang an Fortschritte auf
dem Agrar-Sektor als ein notwendiges Ausgleichselement in den Gesamtverhandlungen im Rahmen der Kennedy-Runde betrachtet. Sie tun es auch heute
noch. Nach einstimmigem Beschluß der Minister aller Teilnehmerstaaten
sollte es ein Ziel der Kennedy-Runde sein, "annehmbare Voraussetzungen
für den Zugang landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu den Weltmärkten zu
schaffen, um dadurch eine bedeutende Entwicklung und Ausweitung des Welthandels mit solchen Erzeugnissen zu erreichen". Besondere Anstrengungen
müssen in der kurzen noch verbleibenden Zeit unternommen werden, um die
notwendigen Entscheidungen zu treffen, damit das angestrebte Ziel erreicht
wird.

III

Ich habe einige der speziellen Fragen umrissen, die in der KennedyRunde noch vor uns liegen. Die Zeit ist jetzt gekommen, sich ernsthaft
und endgültig mit ihnen zu befassen. Die Zeit selbst ist zu einem entscheidenden Faktor beim Abschluß der Verhandlungen geworden. Das Jahr 1966
ist das entscheidende Jahr für die Kennedy-Runde.
Es gibt eine Reihe von Gründen, die die Festlegung des zeitlichen Ablaufs der Beratungen von zunehmender Bedeutung erscheinen lassen. Seit
die Minister aller Teilnehmerstaaten sich zu einer Liberalisierung des
Handels bekannten, sind drei Jahre vergangen. Wir haben jetzt den Punkt
erreicht, wo wir uns entscheiden müssen, ob wir diese ehrgeizige Aufgabe
vollenden wollen oder nicht. Sicherlich umschließen HandelsvertragsVerhandlungen eine Unzahl technischer Einzelheiten; aber gerade das macht
stete Fortschritte um so notwendiger und erhöht die Gefahr, daß zu Ver-

- 12 -

�Verzögerungstaktiken Zuflucht genommen wird.
Für Europa ist es von besonderer Dringlichkeit, daß die KennedyRunde bald zum Abschluß gebracht wird. Mit jedem Jahr vergrößert sich
die Kluft zwischen den beiden Hälften Europas - dem Gemeinsamen Harkt
und der Kleinen Freihandelszone. Ende dieses Jahres werden die Binnenzölle der EFTA auf Null herabgesetzt, und alles spricht dafür, daß die
der EWG Mitte 1967 ebenfalls auf Null herabgesetzt werden. Je größer
die Zolldiskriminierung ist und je länger sie wirksam bleibt, um so
größer wird die wirtschaftliche Kluft und das zwangsläufig damit verbundene Interesse an einem permanent gespaltenen Europa. Vor einem
Monat hat sich die Internationale Handelskammer für eine schnelle Beendigung der Kennedy-Runde mit allem Nachdruck eingesetzt und erklärt,
daß "diese Verhandlungen das geeignetste Mittel seien... ein Wiederaufleben des Protektionismus zu verhindern und die Schwierigkeiten zu umgehen, die - wie einige Länder fürchten - aus der Existenz regionaler
Wirtschaftsblöcke in Europa erwachsen könnten".
Ein anderes brennendes Welthandelsproblem resultiert aus der Notwendigkeit, die Exporterträge der Entwicklungsländer zu vermehren. Diese
Länder haben ihre Ungeduld über das langsame Verhandlungstempo bereits
lautstark geäußert. Und wenn im Laufe eines Jahres keine konkreten und
wesentlichen Ergebnisse erzielt werden, wird sich der Druck, Alternativlösungen zu finden, in fragwürdige Richtungen verstärken. Die KennedyRunde ist in den Augen vieler dieser Länder der Säuretest für unsere Absichten, und in diesem Stadium wird selbst eine Verzögerung um drei oder
fünf Jahre herbe Enttäuschungen in ihren schwer ringenden und exporthungrigen Volkswirtschaften hervorrufen.
Das Auslaufen der amerikanischen Verhandlungsvollmacht ist ein anderer Faktor, der den Zeitdruck in der Kennedy-Runde mit verstärkt. Der
Kongreß hat dem Präsidenten eine FünfJahresfrist für den Abschluß der
Verhandlungen eingeräumt, und man kann nur zu gut verstehen, daß jene,
die sich für die Gewährung dieser Vollmacht eingesetzt haben, auch Ergebnisse sehen wollen. Sind für Länder, die sich so einstimmig für dieses
Ziel ausgesprochen haben, fünf Jahre wirklich kein ausreichender Zeitraum,

- 13 -

�Zeitraum, um ein Abkommen zu erzielen? Es wäre geradezu peinlich und
nicht überzeugend, das bejahen zu wollen.
Wir haben in der Kennedy-Runde in der Tat den Scheideweg der Entscheidung erreicht. Unsere Fähigkeit, schwierige Entscheidungen noch in
diesem Jahr zu treffen, wird den Ausschlag geben über Erfolg oder Mißerfolg. Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung - eine Entscheidung für das Scheitern.
Ein fester Zeitplan für 1966 ist dann nicht unvernünftig, wenn
alle Teilnehmerstaaten sich verpflichten, ihn einzuhalten. Auf jeden
Fall werden sich die Auswirkungen von Zollsenkungen über einen Zeitraum
von mindestens fünf Jahren erstrecken, das heißt bis 1971, und es gibt
Sicherheitsklauseln, um in besonders dringlichen Fällen Produkte von den
vollen Zollsenkungen oder von der Mindestlaufzeit auszunehmen. Die einzige wirkliche Voraussetzung ist der Wille, sich aktiv für ein faires und
ausgewogenes Abkommen zwischen allen Teilnehmern einzusetzen.
Wir haben gerade ein beängstigendes Zwischenspiel hinter uns. Das
lange Warten hat einige der ersten Förderer der Kennedy-Runde entmutigt
und verhärtet. Lange und schwierige Verhandlungen neigen dazu, die Ideale
zu trüben und die schwachen Seiten eines jeden Zieles sichtbarer werden
zu lassen. Aber wir sollten nicht das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren, zu dem uns die Tagesentscheidungen hinführen. Die Kennedy-Runde
kann ein neues Zeitalter der Prosperität und der Zusammenarbeit im Welthandel einleiten; sie kann aber auch zu einem Wendepunkt werden, der zu
einer nach innen gerichteten Wirtschaftspolitik der Verdächtigungen und
des Mißtrauens zurückführt.

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�AMERIKA DIENST
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Beilage

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xix - 13

EIN LEISTUNGSFÄHIGES VERKEHRS- UND TRANSPORTSYSTEM ALS
VORAUSSETZUNG FÜR PROSPERITÄT UND WOHLERGEHEN

Eine Botschaft Präsident Johnsons an den US-Kongreß

Einen Überblick über die bisherige Entwicklung des amerikanischen Verkehrsund Transportwesens und die Aufgaben,
die der öffentlichen Hand und der privaten Wirtschaft auf diesem Gebiet für die
Zukunft erwachsen, gab Präsident Johnson
in einer Botschaft an den US-Kongreß vom
2. März 1966.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen den Text dieser wichtigen Verkehrsanalyse zur Kenntnisnahme und eventuellen
Veröffentlichung im Wortlaut oder in Auszügen.

�INHALTSÜBERSICHT

Straßen- und Schienenverkehr
Aufsicht (S. 2, 12), Beschäftigte (S. 2), Straßendichte (S. 3), Tote (S. 3, 13), Landschaftsschutz
(S. 3), Sicherheit (S. 8-9, 11-17), Massenverkehr
(S. 11), Unfallziffem (S. 13), künftige Planung
(S. 23)
Luftfahrt
Aufsicht (S. 2, 12), Beschäftigte (S. 2), FlugplatzZubringerdienst (S. 3, 24), Sicherheit (S. 8-9, 20),
Tote (S. 13), Schadensregelung (S. 19), ÜberschallLuftverkehr (S. 20-21), Flugzeuglärm (S. 21-22)
Schiffahrt
Aufsicht (S. 2, 12), Beschäftigte (S. 2), Schnellfrachter (S. 3, 22), Tote (S. 13), Sicherheit
(S. 18-19), Schiffbau (S. 22-23)
Verkehrssicherheit
Straßen- und Schienenverkehr (S. 8-9, 11-17), Luftverkehr (S. 8-9, 20), Schiffsverkehr (S. 18-19)
Verkehrsministerium
Schaffung (S. 6-7), Zuständigkeit und Aufgaben
(S. 7-12), Zusammenarbeit mit anderen Behörden
(S. 9-11)

�An den Kongreß der Vereinigten Staaten:

Die amerikanische Nation wurde vor zwei Jahrhunderten geschaffen.
Dreizehn spärlich besiedelte Kolonien, die sich über rund 2000 km entlang der Atlantikküste erstreckten, vereinigten ihr getrenntes Streben
in einem gemeinsamen Staatswesen.
Drei Bande einten sie: das kulturelle Band einer gemeinsamen
Sprache; das moralische Band der Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie;
und das physische Band einiger weniger Straßen und Gewässer, die dem
friedlichen Handel unter den Bürgern der Kolonien dienten.
Zwei Jahrhunderte später ist die Sprache noch die gleiche, und auch
das Verlangen nach Freiheit und Demokratie besteht fort. Das physische
Band aber - jenes dünne Geflecht beschwerlicher Pfade und primitiver
Straßen - entwickelte sich zu einem leistungsfähigen Verkehrsnetz, von
dem Prosperität und Wohlergehen unserer gesamten Gesellschaft abhängen.
In einem Land, das einen ganzen Kontinent überspannt, bildet das
Verkehrssystem das einende Band.

Die Entwicklung unseres Verkehrssystems
Um das erstaunliche Wachstum des amerikanischen Verkehrswesens aufzuzeigen, braucht man den Blick nicht zurück auf die sechziger Jahre des
18. Jahrhunderts zu wenden.
Vor zwanzig Jahren gab es in den Vereinigren Staaten 31 Millionen
Kraftfahrzeuge; heute sind es 90 Millionen und bis 1975 werden es knapp
120 Millionen sein.
Vor zwanzig Jahren gab es rund 2,4 Millionen km befestigter Landund Stadtstraßen in den Vereinigten Staaten; bis heute hat sich diese
Zahl fast verdoppelt.
Vor zwanzig Jahren gab es 38 000 Privat- und Verkehrsflugzeuge;
heute sind es über 97 000.
Vor

- 1 -

�Vor zwanzig Jahren legten die Maschinen der kommerziellen Fluggesellschaften rund 335 Millionen Flugkilometer zurück, im vergangenen
Jahr 1,6 Milliarden.
Vor fünfundzwanzig Jahren wurden im amerikanischen Güterverkehr
rund 900 Milliarden Tonnenkilometer geleistet, im Jahr 1964 2,2 Billionen.
Die Produktion von Transportmitteln hielt mit dieser Entwicklung
Schritt: sie hat sich seit 1947 verdreifacht. Im vergangenen Jahr wurden auf dem Transport- und Verkehrssektor 4,5 Milliarden Dollar für
neue Anlagen und Betriebsmittel aufgewandt.
Transport und Verkehr gehören in den Vereinigten Staaten zu den
wichtigsten Beschäftigungszweigen. Es gibt
737 000 Eisenbahnbedienstete,
270 000 Beschäftigte im Städte- und Nahverkehr,
230 000 Beschäftigte im Flugverkehr, und fast
1 Million beschäftigte Männer und Frauen im Bereich
des Kraftverkehrs und Güterumschlagwesens.
Zusammen mit den Beschäftigten der Binnen- und Seeschiffahrt sowie der Pipeline-Betriebsgesellschaften beträgt die Gesamtzahl der
Männer und Frauen, die ihren Lebensunterhalt durch eine Tätigkeit im
Zusammenhang mit der Beförderung von Menschen und Gütern verdienen,
weit über 2,5 Millionen.
Die Bundesregierung unterstützt oder beaufsichtigt so gut wie alle
Verkehrsträger. Im vergangenen Jahr allein wurden über 5 Milliarden
Dollar aus Bundesmitteln in das Transport- und Verkehrswesen investiert:
in den Bau von Fernstraßen, in den Ausbau von Binnenwasserstraßen und
Hafenanlagen und -einrichtungen, in den Betrieb von Fluglinien und in
den Bau von Flugplätzen sowie durch Gewährung von Subsidien für die
Schiffahrt. Die Bundesregierung ist Eigner von 1500 der insgesamt 2500
seegängigen Frachtschiffe der amerikanischen Handelsflotte.
Auf das Transport- und Verkehrswesen - Nachfolger der Pferdebahnen
und Segelschiffe aus der Kolonialzeit - entfällt Jeder sechste Dollar,
den

- 2-

�den die amerikanische Wirtschaft ausgibt. Im Jahr 1965 bezifferte sich
dieser Betrag auf 120 Milliarden Dollar - eine Summe, die das Bruttosozialprodukt unseres Landes von 1940 übersteigt.

Mängel unseres Transportsystems
So sehr das amerikanische Transportsystem von pulsierendem Leben
erfüllt ist und so mannigfaltig es sich darbietet - es ist dennoch nicht
gut genug.
Es ist nicht gut genug - auch wenn auf 1 km

2

Land ungefähr 0,6 km

Straße entfallen -, solange es nicht zeitraubende, entnervende und
kostspielige

Verkehrsstauungen zu verhindern vermag.

Es ist nicht gut genug - auch wenn es uns elegante und leistungsfähige Düsenflugzeuge zur Verfügung stellt -, solange die Fluggäste von
und zu den Flughäfen ebenso lange Zeit unterwegs sind wie in eben diesen
Flugzeugen auf Strecken von Hunderten von Kilometern.
Es ist nicht gut genug - auch wenn es Autobahnen für schnelle Kraftfahrzeuge bereitstellt -, solange es den Tod von 50 000 Menschen auf
unseren Straßen allein in diesem Jahr nicht zu verhindern vermag.
Es ist nicht gut genug, wenn die öffentliche Hand oder Privatunternehmer 15 Millionen Dollar in ein riesiges Schneilfrachtschiff investieren und wir dann erleben, daß es tagelang im Hafen liegen muß, ehe es
beladen werden kann.
Es ist nicht gut genug, wenn es neue kreuzungsfreie Straßen zur Verbindung der Stadtzentren mit den Vororten schafft, dabei aber die Landschaft rücksichtslos

und irreparabel verschandelt.

Es ist nicht gut genug, wenn es am Althergebrachten um seiner selbst
willen festhält und darüber die Chance vertut, dem ganzen Volk auf wirtschaftlichere und wirksamere Weise zu dienen.
Und es ist nicht gut genug, wenn es den Erfordernissen des Amerikas
von gestern zu entsprechen sucht, statt mitzuhelfen, unseren Handel auszuweiten und die Produkte unseres Landes in aller Welt abzusetzen.
Woher

- 3-

�Woher diese Mängel rühren
Unser Transport- und Verkehrswesen entstand nicht auf einem Reißbrett und unter Berücksichtigung aller Erfordernisse und Möglichkeiten
unserer Wirtschaft. Das war auch gar nicht möglich, denn es wuchs mit
dem Land selbst - bald kräftig expandierend, bald sich konsolidierend,
ganz wie sich die Aussichten besserten oder verschlechterten.
Die Investitionen und die Verbesserungen der gebotenen Dienstleistungen entsprachen somit jeweils den besonderen Erfordernissen
ihrer Zeit. Forschung und Entwicklung, die gewissermaßen sporadisch
und mitunter auch planlos betrieben wurden, waren zumeist auf ein ganz
bestimmtes Transportmittel zugeschnitten.
Infolgedessen fehlt heute in Amerika ein koordiniertes Transportund Verkehrssystem, das Passagieren und Gütern den mühelosen und raschen
Übergang von einem Transportmittel auf das andere und damit die Wahl des
für den jeweiligen Zweck bestgeeigneten gestattet.
Menschen und Güter haben sich somit dem Verkehrs- und Transportsystem in seiner jeweiligen Gestalt anzupassen trotz der Unannehmlichkeiten und Kosten, die verursacht werden durch
alternde und oftmals überalterte Transporteinrichtungen und -mittel;
Verkehrswege, die in erster Linie auf die Bedürfnisse einer landwirtschaftlich orientierten Gesellschaft ausgerichtet sind;
einen Service, der angesichts der Wirtschaftsexpansion, der Bevölkerungszunahme, der Veränderungen in der Bodennutzung und der neuen Vorstellungen hinsichtlich der Standortwahl für Industriebetriebe, der Lagerhaltung und des Absatzes längst überholt ist;
die ungenügende Nutzung neuer technischer Methoden, die in anderen
Sektoren der Wirtschaft entwickelt worden sind; und
Programme und Richtlinien, die die private Initiative behindern und
den Anreiz für Neuerungen dämpfen.
Die Folge hiervon ist die Vergeudung von menschlicher Energie,
Material und Steuergeldern der Bürger. Wir haben uns zu lange mit dieser

�dieser Verschwendung abgefunden. Wir dürfen es nicht dulden, daß sie
weiter getrieben wird.
Zu viel hängt von der Güte und Wirtschaftlichkeit unseres Transport- und VerkehrsSystems ab. Selbst wenn das Wachstum der Verkehrswirtschaft lediglich mit dem derzeitigen Wachstum der Gesamtwirtschaft
Schritt hält, wird sich die Beförderungsleistung in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln. Aber das dürfte eine allzu vorsichtige Einschätzung der Entwicklung sein. Der Personenverkehr wächst weit schneller
als unser Bruttosozialprodukt - eine Folge der zunehmenden Mobilität
eines Volkes, das in materiellem Wohlstand lebt und sich steigender
Einkommen erfreut.

Die Verantwortung von Wirtschaft und Staat
Die Vereinigten Staaten sind das einzige große Land der Erde, das
sich vornehmlich auf ein im Privatbesitz befindliches und von der Privatwirtschaft betriebenes Verkehrs- und Transportwesen stützt. Dieses
Verfahren hat sich bewährt und muß deshalb beibehalten werden.
Aber der Privatbesitz wurde nur ermöglicht durch
die Erteilung staatlicher Konzessionen und die Investierung öffentlicher Mittel;
den Bau von Schleusen, Dämmen und Kanälen entlang unserer Ströme
und Binnenwasserstraßen;
die Schaffung eines riesigen Straßennetzes;
den Bau und den Betrieb von Flugplätzen und Fluglinien;
I

den Ausbau von natürlichen und den Bau von künstlichen Häfen;
direkte Zuschüsse für die Handelsschiffahrt;
die Ausübung des Enteignungsrechtes;
Zuschüsse für die Beschaffung von Transporteinrichtungen und -mittein
und für Modell projekte im Bereich des Massentransports; und
die Landschenkungen zur Förderung des Eisenbahnbaus, in der Vergangenheit.
Ein
- 5 -

�Ein weitblickender Staat hat sich als ein gleichwertiger Partner
des privaten Unternehmertums erwiesen, als es darum ging, das Bedürfnis der Amerikaner nach größerer Mobilität zu befriedigen.
Diese Partnerschaft gilt es nunmehr mit allen Mitteln eines
schöpferischen Föderalismus weiter auszubauen. Der Preis einer Paralysierung des Transportwesens in der Zukunft wäre untragbar hoch. Die
Segnungen eines leistungsfähigen VerkehrsSystems aber sind nicht minder
groß. Wir können uns weder den Luxus der Untätigkeit leisten noch einfach in dem alten Trott fortfahren.
Wir müssen allen Reisenden und Absendern die Gewähr bieten, daß
sie voll in den Genuß der Ergebnisse der modernen Wissenschaft und Technik gelangen.
Wir müssen verläßliche Unterlagen erarbeiten, wie wir sie für vernünftige Entscheidungen benötigen.
Wir müssen die institutionellen und politischen Schranken beseitigen, die die Anpassung an die jeweiligen Verhältnisse und den Wandel
behindern.
Wir müssen die Bemühungen der privaten Wirtschaft unterstützen, dem
amerikanischen Verbraucher einen umfassenderen und besseren Service für
jeden Dollar zu bieten, den er für Transportzwecke ausgibt.
Wir müssen die verwaltungsmäßigen Befugnisse unserer Transportbehörden in einem einzigen, einheitlichen Regierungsorgan zusammenfassen.
Auf diese Weise werden sich die verkehrspolitischen Richtlinien und die
Unterstützung für die einzelnen Transportmittel günstig auf die gesamte
Volkswirtschaft auswirken.
Schaffung eines Verkehrsministeriums
Ich ersuche den Kongreß dringend, ein Verkehrsministerium mit Kabinettsrang für den Minister zu schaffen.
Ich empfehle, diesem Ministerium rund 100 000 Arbeiter und Angestellte zu unterstellen und ihm die Verwaltung von fast 6 Milliarden
Dollar an Bundesmitteln zu übertragen, die wir gegenwärtig für Verkehr

- 6-

�Verkehr und Transport ausgeben.
Ich ersuche dringend um die Schaffung eines solchen Ministeriums,
um auf diese Weise den wachsenden Bedürfnissen dieses großen Volkes zu
dienen, die Erfordernisse unserer expandierenden Industrie zu befriedigen und dem Anspruch des Steuerzahlers auf größtmögliche Leistung bei
größter Sparsamkeit seitens des Staates gerecht zu werden.
Wenn ich dies tue, so komme ich damit den Empfehlungen zahlreicher
prominenter Amerikaner nach:
Im Jahr 1936 empfahl ein Sonderausschuß des US-Senats die Schaffung
eines Verkehrsministeriums oder, als Alternativlösung, die Zusammenfassung
aller Befugnisse im Bereich des Verkehrs- und Transportwesens im Handelsministerium.
Im Jahr 1949 empfahl der Transportausschuß der Hoover-Kommission die
Schaffung eines Verkehrsministeriums.
Im Jahr 1961 empfahl Präsident Eisenhower in seiner Haushaltsbotschaft ein solches Ministerium.
Im Jahr 1961 empfahl eine Studiengruppe des Binnen- und Außenhandelsausschusses des Senats, alle Förderungs- und Sicherheitsprogramme der Bundesregierung auf dem Transportsektor einem Verkehrsministerium zu übertragen.
Zahlreiche Kongreßmitglieder haben Gesetzesvorlagen zur Schaffung
eines solchen Ministeriums eingebracht. Private Bürger, die führenden
Fachleute unseres Landes auf diesem Gebiet, haben mir das gleiche empfohlen. Es ist an der Zeit, diesen Empfehlungen nachzukommen.

Der Zuständigkeitsbereich des Verkehrsministeriums
Ich schlage vor, die folgenden Behörden und Funktionen im Verkehrsministerium zusammenzufassen:
1. Das derzeitige Amt des Staatssekretärs für Verkehr im Handelsministerium mit seinem gesamten technischen und wissenschaftlichen Stab
sowie die ihm obliegende Transportplanung im Falle eines Notstands.

- 7-

�2. Die Hauptabteilung Straßenbau im Handelsministerium (Bureau of
Public Roads) und das von ihr verwaltete Programm zum Bau von Bundesfernstraßen.
3. Das Bundesaufsichtsamt für die Luftfahrt (Federal Aviation Agency
- FAA). Dieser Schlüsselbehörde, die mit Fragen der Flugsicherheit und der
Förderung und der Finanzierung des Flugverkehrs befaßt ist, soll in ihrer
Gesamtheit in das neue Ministerium eingegliedert werden und ihre bisherigen Aufgaben dort fortführen.
•

•'

4. Die Küstenwache (Coast Guard), deren Aufgaben in Friedenszeiten
in erster Linie im Bereich des Verkehrs und der Sicherheit der Schiffahrt
liegen. Die Küstenwache ist als Ganzes aus dem Finanzministerium in das
neue Ministerium überzuführen. Wie in der Vergangenheit wird sie in Kriegszeiten als Teil der US-Marine fungieren.
5. Das Bundesamt für die Seeschiffahrt (Maritime Administration) samt
seinen Befugnissen zur Gewährung von Bau- und Betriebszuschüssen.
6. Die Sicherheitsfunktionen des Bundesamtes für die Zivilluftfahrt
(Civil Aeronautics Board - GAB),seine Aufgabe, Flugzeugunfälle zu untersuchen und die wahrscheinlichen Ursachen festzustellen, und seine Befugnisse als Rechtsmittelinstanz in allen einschlägigen Sicherheitsfragen.
7. Die Sicherheitsfunktionen und die Aufgaben der Abteilung Wagenparkaufsicht des Bundesamtes für den Binnenverkehr (Interstate Commerce
Commission - ICC), insbesondere die Überwachung und Durchsetzung der
Sicherheitsbestimmungen bei den Eisenbahnen, im Güterkraftverkehr, im
Betrieb von Pipelines, sowie die Zuteilung von rollendem Material in Zeiten der Verknappung.
8. Der Lotsendienst für die Schiffahrt auf den Großen Seen, die Entwicklungsgesellschaft für den St. Lorenz-Seeweg, die Alaskische Eisenbahn,
und bestimmte weniger bedeutsame Funktionen anderer Behörden im Bereich
von Transport und Verkehr.
Wie sich aus dieser Liste ersehen läßt, empfehle ich die Zusammenfassung all jener Funktionen und Bundesbehörden im Verkehrsministerium,
die vornehmlich der Förderung und Sicherheit des Verkehrs dienen.
Eine

- 8-

�Eine Verkehrssicherheitskommission
Keine Funktion des neuen Ministeriums und keine Verantwortung des
Ministers wird schwerer wiegen als die für die Sicherheit. Wir müssen
die Sicherheit unserer Bürger auf Reisen zu Lande, zu Wasser und in der
Luft gewährleisten. Ich schlage deshalb vor, im Rahmen des Verkehrsministeriuras eine Nationale Verkehrssicherheitskommission zu schaffen,
die unabhängig von den übrigen Organen des Ministeriums arbeiten soll.
Einzige Aufgabe dieser Kommission wird die Gewährleistung der
Sicherheit der Benutzer aller Verkehrsmittel sein. Es wird die Berichte
von Verkehrsunfällen auswerten und die Ursachen erforschen, die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften überwachen, darüber befinden, ob
diese Sicherheitsvorschriften selbst ausreichend sind, und die Sicherheitsaufgaben erfüllen, die ihm vom Bundesamt für den Binnenverkehr
und vom Bundesamt für die Zivilluftfahrt übertragen werden.
Ich erachte die Funktionen di eser Kommiss ion für so wichtig, daß
ich den Kongreß ersuche, dem Präsidenten die Vollmacht zur Benennung
ihrer fünf Mitglieder zu erteilen.

Die Relationen des neuen Ministeriums zu anderen Bundesbehörden
Fragen der Verkehrsentwicklung und -Sicherheit fallen in den Zuständigkeitsbereich verschiedener Ministerien und Bundesämter. Eine vernünftige Verwaltung setzt voraus, daß zwischen dem neuen Verkehrsministerium
und den betreffenden Stellen und Kompetenzen eine zweckmäßige und enge
Beziehung hergestellt wird.
1. Die Bezuschussung durch das Bundesamt für die Zivilluftfahrt
Zuschüsse für die Luftfahrt, die gegenwärtig nur für Flugdienste im
Nahbereich gewährt werden, fördern die Entwicklung unseres heimischen
Transportsystems ganz eindeutig. Die Vergabe von Zuschüssen - die entsprechende

Weisungsbefugnisse voraussetzt - ist unabdingbarer Bestand-

teil des Lizenzierungsverfahrens für die Flugverkehrsträger.
Aus diesem Grund wird die Bezuschussung von Fluglinien auch weiterhin im Zuständigkeitsbereich des Bundesamtes für die Zivilluftfahrt

- 9-

�Zivilluftfahrt belassen werden. Der Verkehrsminister wird jedoch Richtlinien und Kriterien ausarbeiten, die das Bundesamt in seiner Tätigkeit
berücksichtigt. Auf diese Weise wird das Zuschußprogramm auf die gesamte
nationale Verkehrspolitik abgestellt.
2. Das Wasserstraßenbauprogramm des Fionierkorps
Das Pionierkorps der US-Armee (Corps of Engineers) leistet mit dem
Bau von Schleusen und Hafenanlagen, der Vertiefung von Schiffahrtswegen
und der Befestigung der Ufer von Binnenwasserstraßen einen erheblichen
Beitrag zur Förderung des Schiffsverkehrs. Das Verkehrsministerium wird
die Verantwortung für solche Bauvorhaben nichtübernehmen, der Minister
jedoch bei der Planung von Wasserbauvorhaben mitwirken.
Mit Billigung des Präsidenten wird der Verkehrsminister auch Normen
und Kriterien für die wirtschaftliche Bewertung von Investitionen des
Bundes im Bereich des Verkehrs und Transports herausgeben. Im Falle von
Mehrzweckeprojekten im Bereich des Wasserbaus ist er dabei gehalten, die
Empfehlungen des Wasserwirtschaftsrates (Water Resource Council) zu berücksichtigen.
3. Internationaler Flugverkehr
Der Verkehrsminister wird innerhalb der Exekutive maßgebend für die
Formulierung der langfristigen Politik in Fragen der internationalen Luftfahrt sein. Während die außenpolitischen Aspekte des internationalen Flugverkehrs in den Zuständigkeitsbereich des Außenministers fallen, wird der
Verkehrsminister sicherstellen, daß unsere diesbezügliche Politik im Einklang mit der allgemeinen Verkehrspolitik des Landes steht.
Das Bundesamt für die Zivilluftfahrt, das der politischen Weisungsbefugnis des Präsidenten unterliegt, beaufsichtigt die internationalen
Fluglinien und -tarife, soweit die Vereinigten Staaten hiervon berührt
werden. Seine Befugnisse haben weitreichende Auswirkungen auf unsere
Außenpolitik, unsere Zahlungsbilanz und die Entwicklung der amerikanischen
Luftfahrt. Der Verkehrsminister wirkt an den Maßnahmen des Bundesamtes
für die Zivilluftfahrt mit, die die internationale Luftfahrtpolitik betreffen.
4.

- 10 -

�4. Massenverkehrsmittel in den Großstädten
Das Verkehrsministerium und das Ministerium für Wohnungsbau und
Städteplanung müssen bei allen Entscheidungen zusammenwirken, die den
innerstädtischen Verkehr betreffen.
Die Zukunft der Massenverkehrsmittel in den Städten, Sicherheit,
Bequemlichkeit, ja sogar die Existenz ihrer Benutzer, hängen von einer
großzügigen und rationellen Planung ab. Soll die Bundesregierung zu
dieser Planung beitragen, dann muß sie mit einer Stimme sprechen.
Das Ministerium für Wohnungsbau und Städteplanung trägt die Hauptverantwortung für ein koordiniertes Vorgehen der Bundesbehörden in allen
Fragen der städtischen Entwicklung. Es kann seine Aufgabe jedoch nicht
ohne den Rat, die Unterstützung und die Mitarbeit des Verkehrsministeriums
erfüllen.
Ich werde die beiden Minister auffordern, mir innerhalb eines Jahres
nach Errichtung des neuen Ministeriums Mittel und Wege zu empfehlen,
durch die sich diese Zusammenarbeit am ehesten verwirklichen läßt - nicht
nur im Grundsätzlichen, sondern in der Praxis.
Aufgaben des Verkehrsministeriurus
Das Verkehrsministerium wird
die wichtigsten bereits bestehenden Programme zur Förderung von Verkehr und Transport in Amerika koordinieren;
dafür Sorge tragen, daß im gesamten Verkehrswesen die neuesten technischen Erkenntnisse Eingang finden, indem es Forschungs- und Entwicklungsvorhaben in Zusammenarbeit mit der privaten Wirtschaft fördert;
die Sicherheit sämtlicher Transportmittel erhöhen;
die private Wirtschaft ermutigen, sich der neuen technischen Möglichkeiten uneingeschränkt und rasch zu bedienen;
dafür Sorge tragen, daß der breiten Öffentlichkeit der bestmögliche
Service zum niedrigstmöglichen Preis geboten wird;
den jeweiligen Stand und die Planung der einzelnen Verkehrsträger
analysieren, um rMe schwächsten Elemente des heutigen Verkehrssystems zu

- 11 -

�zu stärken;
Normen und Kriterien für Investitionen erarbeiten wie auch
Bemessungsverfahren, die Behörden und Industrie bei Investitionen im
Bereich von Verkehr und Transport als Richtschnur dienen können.
Das Bundesamt für den Binnenverkehr
Das neue Ministerium, das ich empfehle, wird die wirtschaftlichen
Weisungsbefugnisse des Bundesamtes für den Binnenverkehr, des Bundesamtes für die Zivilluftfahrt und des Bundesamtes für die Seeschiffahrt
nicht ändern.
Ich empfehle jedoch eine Änderung des Modus zur Benennung des
Leiters des Bundesamtes für den Binnenverkehr (ICC). Heute wird der
Leiter dieser wichtigen Behörde - als einziger unter allen Chefs weisungsbefugter Bundesämter - nicht vom Präsidenten ernannt, sondern im
jährlichen Turnus unter den elf Mitgliedern des Aufsichtsgremiums bestimmt. Das ist kein vernünftiges Verfahren für eine Behörde, deren Einfluß im Bereich des Schienen-, Straßen-, Wasserstraßen- und PipelineTransports so weit reicht.
Das Bundesamt für den Binnenverkehr trägt die schwere und mit hohen
Anforderungen verbundene Verantwortung, die einschlägigen Bestimmungen
des Bundes den jeweiligen Erfordernissen und Möglichkeiten einer dynamischen Wirtschaft anzupassen. Es baufsichtigt etwa 18 000 Verkehrsbetriebe und hat im Jahrrund 7000 Fälle zu bearbeiten. Es ist undenkbar,
daß ein Privatbetrieb vergleichbarer Größe und Bedeutung alle Jahre den
Direktor wechselt.
Ich werde dem Kongreß in Kürze einen Reorganisierungsplan für die
ICC zuleiten, dem zufolge der Präsident die Vollmacht erhalten soll,
aus den elf Mitgliedern des Aufsichtsgremiums den Leiter der ICC auszuwählen und dessen Entscheidungsbefugnisse zu erweitern.
Verkehrssicherheit
Im vergangenen Jahr starben 105 000 Amerikaner den Unfalltod. Über
die Hälfte von ihnen wurden bei Verkehrsunfällen oder bei Freizeit und
Erholung getötet, die in engem Zusammenhang mit dem Verkehr stehen. Es

- 12 -

�Es forderte
der Kraftverkehr

49 000,

der Flugverkehr

1300,

die Schiff- und Bootsfahrt 1500, und
der Schienenverkehr 2300 Opfer.
Millionen Amerikaner wurden bei Verkehrs- und Transportunfällen
verletzt - die überwiegende*Mehrheit im Straßenverkehr.
Die Verkehrsträger haben jeweils eigene Verkehrssicherheitsprogramme unterschiedlicher Wirksamkeit entwickelt. Was fehlt, ist ein
umfassendes, auf das gesamte Verkehrs- und Transportwesen zugeschnittenes Programm. Bewährte Sicherheitsmaßnahmen für ein Verkehrsmittel werden vielfach nicht von anderen übernommen.
Im vergangenen Jahr erreichte die Ziffer der Straßenverkehrstoten
einen neuen Höchststand. Nach den Voraussagen werden dieses Jahr auf
unseren Stadt- und Landstraßen über 50 000 Menschen sterben, d.h., wir
werden über 50 000 nützliche und vielversprechende Menschenleben einbüßen, und ebenso viele Familien werden von schwerem Kummer heimgesucht
werden.
Der Blutzoll, den wir Amerikaner seit der Erfindung des Automobils
dem Straßenverkehr entrichtet haben, ist wahrlich unglaublich hoch. Es
starben 1,5 Millionen Menschen - eine Ziffer, die höher ist als die Gesamtzahl der Gefallenen sämtlicher unserer Kriege. Kein anderes Attribut des modernen Lebens hat dem amerikanischen Volk mehr Bequemlichkeit
und mehr Unheil gebracht

als das Automobil.

Die Gründe des Versagens
Das Gemetzel auf unseren Straßen muß aufhören. Wie ich schon vor
einigen Wochen erklärte, müssen Vernunft an die Stelle selbstmörderischen Wahns und Sicherheit an die Stelle von Anarchie treten. Wie müssen
die Schwächen unseres Verkehrssicherheitsprogramms ausmerzen:
Unser Wissen über die Unfallursachen ist denkbar unzureichend.
Die Ansichten der Fachleute widersprechen sich häufig und verwirren
deshalb.
Die

- 13 -

�Die laufenden Sicherheitsprogramme sind zu uneinheitlich. Behörden
und private Einrichtungen gehen getrennt und ohne wirksame Koordinierung
vor.
Es fehlt eine klar definierte Verantwortlichkeit des Bundes.
Die Mittel zur Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr sind unzulänglich.
Weder die private Wirtschaft noch die mit dem Kraftverkehr befaßten
Regierungsstellen behandeln die Probleme der Verkehrssicherheit gemäß
ihrer Dringlichkeit. Dabei wissen wir, daß aufwendige Autobahnen, leistungsfähige Motoren und hübsche Karosserien das Massaker nicht beenden
können.
Was geschehen kann
Die Mittel der Einzelstaaten und Gemeinden reichen nicht aus, um
die Voraussetzungen für eine rasche Senkung der Ziffer der Verkehrstoten
zu schaffen. Die Bundesregierung muß deshalb zusätzliche Mittel für diesen Zweck zur Verfügung stellen. Es gilt, laufende Programme zu erweitern und auf bisher vernachlässigten Gebieten Pionierarbeit zu leisten.
Die Verantwortung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Verkehrssicherheit muß in einem umfassenden Verkehrssicherheitsprogramm zusammengefaßt und dem Verkehrsministerium übertragen werden.
Ich habe bereits unter der derzeitig bestehenden Gesetzgebung eine
Reihe von Maßnahmen eingeleitet:
1. Um die Verantwortlichkeit des Bundes auszuweiten, wird dem Handelsminister die Verantwortung für die Koordinierung der Maßnahmen des
Bundes zur Erhöheng der Sicherheit auf den bundeseigenen Fernstraßen
übertragen. Der Minister ist angewiesen, innerhalb seines Ministeriums
eine eigene Hauptabteilung Verkehrssicherheit einzurichten, die später
in das Verkehrsministerium übergeführt werden soll. Der Präsidialausschuß für Fragen der Verkehrssicherheit wird reorganisiert, gestärkt
und ausschließlich aus Bundesmitteln finanziert werden. Der interministerielle Straßenverkehrssicherheitsausschuß wird rekonstituiert und
die ihm angehörenden Minister werden weiter gehende Befugnisse erhalten.
2.
- 14 -

�2. Um unsere Sicherheitsprogramme mit größerem Nachdruck abwickeln
zu können, ersuche ich um Erhöhung der Mittel für die Forschung, die Auswertung von Unfallunterlagen, die Verbesserung der ärztlichen Unfallhilfe, die Aufklärung und Prüfung von Kraftfahrern und die Verbesserung
der technischen Einrichtungen zur Verkehrsüberwachung.
Ich habe den Handelsminister auch aufgefordert, sich eine genaue
Übersicht über sämtliche Mittel zu verschaffen, die für die Förderung
der Verkehrssicherheit zur Verfügung stehen, um sicherzustellen, daß
sie so wirkungsvoll wie möglich eingesetzt werden.
3. Um die Fahrbedingungen im Kraftverkehr zu verbessern, habe ich
angeordnet, die Sicherheitseinrichtungen entlang den Bundesfernstraßen
mit größtem Nachdruck auszubauen.
4. Um Verletzte vor dem Tod zu bewahren, habe ich den Minister für
das Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesen angewiesen, in Zusammenarbeit mit dem Handelsminister unverzüglich Aufklärungsaktionen einzuleiten mit dem Ziel, Möglichkeiten für eine wirksame Unfallhilfe an Ort
und Stelle und den raschen Transport in ein Krankenhaus aufzuzeigen. Er
wird dabei mit einzelstaatlichen und örtlichen Behörden sowie mit einschlägigen privaten Organisationen zusammenarbeiten.
5. Um zu einem besseren Verständnis der Ursachen von Straßenverkehrsunfällen zu gelangen, habe ich den Handelsminister gebeten, zur Untersuchung von Unfällen Teams aufzustellen, die uns neue Erkenntnisse über
Straßenverkehrsunfälle und ihre Ursachen vermitteln sollen.
6. Um die Regierungsfahrzeuge sicherer zu machen, habe ich den
Leiter des Bundesamtes für Allgemeine Verwaltungsdienste und den Handelsminister gebeten, gemeinsam eine detaillierte Studie über zusätzliche
Sicherheitsvorrichtungen, die an Regierungsfahrzeugen angebracht werden
sollen, zu erstellen.

Das Verkehrssicherheitsgesetz von 1966
Mehr - viel mehr - bleibt noch zu tun. Das amerikanische Volk verdient ein wirkungsvolles Straßenverkehrssicherheitsprogramm.
Ich

- 15 -

�Ich bin

überzeugt, daß sich der Kongreß - derselbe Kongreß, der

im vorigen Jahr dem Handelsminister weitreichende Vollmachten für die
Vereinheitlichung der Sicherheitsmaßnahmen auf den einzelstaatlichen
Fernstraßen gab - unseren Bemühungen um die Schaffung eines solchen
Programms anschließen wird.
Ich ersuche den Kongreß dringend, das Verkehrssicherheitsgesetz
von 1966 zu verabschieden.
Ich ersuche darum, die Straßenverkehrssicherheitsprogramme der
Einzelstaaten mehr als bisher zu unterstützen.
Ich ersuche darum, eine Bundesstraßenforschungs- und Testanstalt
zu errichten.
Als ersten Schritt empfehle ich ein SechsJahresprogramm mit einem
Aufwand von 700 Millionen Dollar. Die drei Bestandteile dieses Programms sind nicht weniger wichtig als die Probleme, die es einer Lösung
zuführen soll.
Erstens werden die Bundesbeihilfen an die Einzelstaaten für Maßnahmen zur Erhöhung der Straßenverkehrssicherheit erhöht. Mit diesen
mittein kann jeder Staat unter den vom Handelsminister gebilligten
Normen ein umfassendes Sicherheitsprogramm für seine Fernstraßen entwickeln, das sich auf die Fahrerausbildung, die Führerscheinprüfung,
fortschrittliche Verkehrsregelungsmethoden, regelmäßige technische Fahrzeugüberprüfungen und den Polizei- und Rettungsdienst erstrecken soll.
Zweitens muß die Verkehrssicherheit der Fahrzeuge verbessert werden.
Bei Entwicklung und Bau neuer Automobile ist größerer Nachdruck auf
Sicherheit zu legen. Fahrzeuge, die auf dem (vom Bund regulierten) Binnenmarkt angeboten werden, müssen so konstruiert und ausgestattet sein, daß
sie maximalen Sicherheitsanforderungen genügen. Die Autos von morgen
müssen hinsichtlich ihrer Betriebssicherheit den zu setzenden Normen
genügen.
Ich empfehle, den Handelsminister zu ermächtigen, die erforderlichen
Sicherheitskriterien für Fahrzeuge und Fahrzeugteile festzusetzen. Gelangt
der Handelsminister nach Ablauf von zwei Jahren zu dem Schluß, daß die

- 16 -

�die freiwillig akzeptierten Sicherheitsnormen unzulänglich sind, kann er
für das gesamte Gebiet den Vereinigten Staaten verbindliche Sicherheitsvorschriften erlassen. Er wäre d.-s weiteren berechtigt, den Verkauf von
Fahrzeugen und Fahrzeugteilen, die diesen Normen nicht genügen, im gesamten Binnenhandel zu untersagen.
Drittens werden die Forschungsanstrengungen der Bundesregierung zur
Erhöhung der Sicherheit auf den Fernstraßen verstärkt.
Ich empfehle die Errichtung eines Bundesforschungs- und Testinstituts
für Fragen der Straßenverkehrssicherheit. Es werden Mittel für Forschungsarbeiten und Tests auf vielen Teilgebieten benötigt. Ein besseres Verständnis der menschlichen und - was Straße und Fahrzeug angeht - technischen
Faktoren, die die Ursachen für Tod und Verletzung bilden, liegt im öffentlichen Interesse. Wir müssen wirksamere Gegenmaßnahmen und objektive Normen als Richtschnur für unsere Programme entwickeln. Wir benötigen besondere Sachverständigenteams zur Untersuchung von Verkehrsunfällen; die
Auswertung exakter Unfalldaten muß auf das ganze Land ausgedehnt werden.
Wir müssen Stipendien und Forschungsmittel bereitstellen, um die besten
Köpfe und Talente unseres Landes für diese dringende Aufgabe zu gewinnen.
Dieses neue Straßenverkehrssicherheitsprogramm soll nach Schaffung
des Verkehrsministeriums in die Regie des Verkehrsministers übergehen.
Der Kongreß zögerte nicht, wenn die Umstände es verlangten, rigorose
Sicherheitsnormen für andere Transportmittel festzusetzen. Die gegenwärtig
hohe yuote tödlicher Verkehrsunfälle auf unseren Straßen zwingt zu ähnlichen
energischen und wirkungsvollen Maßnahmen zum Schutz von Millionen Familien,
die Autos besitzen. Wenn wir diesem Gemetzel nicht Einhalt gebieten, wird
eines Tages jeder zweite Amerikaner auf unseren Straßen getötet oder schwer
verletzt werden.

Sicherheitsnormen für Kraftfahrzeugreifen
Ich ersuche den Kongreß dringend, die Senatsdrucksache 2669 mit Vorrang zu verabschieden, die Sicherheitsnormen für im Binnenhandel beförderte
oder gehandelte Kraftfahrzeugreifen vorsieht.
Die

- 17 -

�Die meisten der den amerikanischen Fahrzeughaltern angebotenen
Autoreifen stammen aus der Fertigung angesehener Firmen und sind gründlich geprüft. Manches deutet jedoch darauf hin, daß überall im Lande in
steigendem Maße Reifen minderer Qualität an ahnungslose Kunden verkauft
werden. Die für die Insassen schneller Automobile mit der Benutzung
solcher Reifen verbundenen Gefahren sind evident.
Senatsdrucksache 2669 würde den Handelsminister ermächtigen, vorläufige Sicherheitsnormen festzusetzen und im Bundesanzeiger zu veröffentlichen. Der Minister wäre gehalten, diese Normen zwei Jahre nach
Verabschiedung des Gesetzes zu überprüfen und nötigenfalls zu modifizieren. Im Rahmen eines seiner Weisungsbefugnis unterliegenden Forschungs- und Entwicklungsprogramms wären die Mindestnormen für neue
Reifen zu verbessern und entsprechende Normen für runderneuerte Reifen
aufzustellen.
Im Interesse unserer Fahrzeughalter sollte die Senatsvorlage unverzüglich verabschiedet werden, damit die Gefahr von Unfällen, die durch
Reifendefekte verursacht werden, gebannt wird.

Sicherheit auf See
Im vergangenen Jahr kamen 90 Männer und Frauen ums Leben, als der
Erholungsdampfer "Yarmouth Castle" in Brand geriet und in den ruhigen
Gewässern des Karibischen Meer

unterging. Die "Yarmouth Castle" unter-

lag nicht den Sicherheitsnormen - zum Teil aufgrund des Prinzips der
"wohlerworbenen Rechte", da sie 1937 gebaut worden war, noch ehe diese
Bestimmungen erlassen wurden

Wir dürfen aber nicht zulassen, daß das

Leben unserer Mitbürger von dem Baujahr eines Schiffes abhängt.
Die Küstenwache ist gegenwärtig dabei, die Untersuchung des Untergangs der "Yarmouth Castle" abzuschließen. Die Abteilung Seeschiffahrt
im US-Handelsministerium hat ihre Untersuchungen über die finanzielle
Haftung bereits beendet.
Im weiteren Verlauf dieser Sitzungsperiode - sobald unsere Untersuchungen abgeschlossen und ihre Ergebnisse ausgewertet sind - werden
wir dem Kongreß Gesetzentwürfe zur Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen

- 18 -

�Sicherheitsmaßnahmen und der Haftungsbestimmungen bezüglich der Eigner und
Führer der Fahrgastschiffe unterbreiten, die aus unseren Häfen auslaufen.

Schadensregelung bei Flugzeugunfällen
Die Vereinigten Staaten haben ihre Absicht bekundet, die Warschauer
Konvention aufzukündigen. Unter den Bestimmungen dieser Vereinbarung ist
die Haftung der Luftverkehrsgesellschaften der Mitgliedstaaten je Fluggast im Todesfall auf 8300 Dollar beschränkt. Gegenwärtig werden im Rahmen der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation Gespräche über die
Erhöhung der Haftung je Fluggast auf allen Flugrouten der Welt geführt.
Wir vertreten den Standpunkt, daß die obere Grenze der Haftung auf 100 000
Dollar festgesetzt werden solle.

Forschung und Entwicklung
Auf technischem Gebiet nehmen die Vereinigten Staaten heute die
führende Stellung in der Welt ein. Trotz dieser Tatsache - und trotz der
Bedeutung, die dem Transport und Verkehr für den Wettbewerb auf den internationalen Märkten zukommt - gibt die Bundesregierung, wenn man von
den Ausgaben für die nationale Sicherheit und die Raumfahrt absieht, weniger als ein Prozent ihres gesamten Forschungs- und Entwicklungsetats für
Zwecke der Verkehrs- und Transportforschung aus.
Nach unserer Auffassung vom Staat fällt dem privaten Unternehmertum
die Hauptlast und -Verantwortung für Forschung und Entwicklung auf dem
Transport- und Verkehrssektor zu. Der Staat kann jedoch helfen. Er kann
die Forschung und Entwicklung auf ein umfassendes Transportsystem ausrichten und entsprechende Planungen .durchführen - bei Aufgaben, die außerhalb des Verantwortungsbereichs der Privatwirtschaft liegen und deren
Kräfte übersteigen.
Durch staatlich geförderte Forschungs- und Entwicklungsvorhaben
können wir:
einen Beitrag zur Erhellung der vielschichtigen Beziehungen unter den
Komponenten eines umfassenden Transportsystems leisten;
umfassendes

- 19 -

�umfassendes und zuverlässiges Datenmaterial für Entscheidungen
sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Bereich erarbeiten;
Bereiche des Transport- und Verkehrswesens ermitteln, in denen
die Privatwirtschaft mit Erfolg sicherere und leistungsfähigere Dienste
für die Öffentlichkeit bereitzustellen vermag;
Vorkehrungen für eine intensivere Nutzung aller verfügbaren öffentlichen Mittel treffen;
die technischen Voraussetzungen schaffen, die zur Gewährleistung
angemessener inneramerikanischer und internationaler Transport- und
Verkehrsdienste in Zeiten des Notstandes unerläßlich sind; und
zum rascheren Fortschritt in allen Bereichen des Transports und
Verkehrs - Luftfahrt, Seetransport, Schienenschnellverkehr und Fahrzeugsicherheit - beitragen.
Das Verkehrsministerium wird - in Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft sowie verschiedenen Bundesbehörden und im Einklang mit der
nationalen Verkehrspolitik - ein koordiniertes Forschungs- und Entwicklungsprogramm durchführen. Das Ministerium kann Hilfestellung bei der
Übertragung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung in die
Wirtschaftspraxis leisten.

Überschall-Luftverkehr
Die Vere inigten Staaten nehmen auf dem Gebiet des Flugzeugbaus die
führende Stellung ein. Wir beabsichtigen, diese Stellung zu behaupten.
Wie ich schon in meiner Botschaft über die Lage der Nation angekündigt habe, schlage ich den Bau und die Flugerprobung eines auf eine
Geschwindigkeit von 3200 km/st ausgelegten Überschallflugzeuges vor.
Unser Überschallflugzeug muß dem Fluggast ein Höchstmaß an Zuverlässigkeit und Sicherheit bieten.
Es muß den Fluggesellschaften wie auch dem Hersteller einen angemessenen Gewinn garantieren.
Seine

- 20 -

�Seine Betriebseigenschaften müssen denen jedes anderen vergleichbaren Fluggeräts überlegen sein.
Es muß zum günstigst möglichen Zeitpunkt auf den Markt gebracht
werden.
Ein intensives Forschungs- und Entwicklungsprogramm, das den Bau eines
Überschallflugzeuges zum Ziel hat, ist bereits angelaufen. Bisher wurden hierfür 231 Millionen Dollar bewilligt.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung dieses Fluggeräts und seiner
Triebwerke ist ein scharfer Konstruktionswettbewerb im Gange, der eine
Fülle von Ergebnissen zeitigen wird.
Für das HaushaltJahr 1967 ersuche ich um die Bewilligung von 200
Millionen Dollar für die Einleitung der Prototyp-Phase des Überschallflugzeuges. Mein Antrag schließt Mittel für den Abschluß des Konstruktionswettbewerbs, für die Erweiterung der wirtschaftlichen Kostenanalysen,
die Untersuchung des sogenannten Lärmteppichs sowie für das Anlaufen der
Prototyp-Fertigung ein.
Wir hoffen, 1970 mit der Flugerprobung des Überschallflugzeuges beginnen und die ersten Maschinen bis 1974 in Dienst stellen zu können.

Flugzeuglärm
Das Zeitalter des Düsenverkehrs hat unserem Luftverkehrswesen Fortschritt und Prosperität beschert. Moderne Düsenflugzeuge sind in der
Lage, Passagiere und Frachten über einen Kontinent hinweg mit Geschwindigkeiten zu befördern, die nahe an der Schallgrenze liegen.
Der Fortschritt brachte jedoch auch ganz neue Probleme eigener Art
mit sich. Der von den Flugzeugen erzeugte Lärm wird nach und nach zu
einer Quelle des Ärgernisses und der Sorge für Tausende von Mitbürgern,
die in der Nähe unserer großen Flughäfen wohnen. Dieses Problem verschärft
sich zunehmend, je mehr Flughäfen von Düsenflugzeugen angeflogen werden
und je mehr das Luftverkehrsaufkommen wächst. Seine Lösung ist weder einfach noch ist sie kurzfristig möglich. Dennoch müssen wir nunmehr unverzüglich gemeinsame Anstrengungen zur Minderung der Lärmbelästigung durch

- 21 -

�durch Flugzeuge unternehmen« Ich weise daher heute den Sonderberater
des Präsidenten für Wissenschaftsfragen an, in Zusammenarbeit mit den
Leitern des Bundesaufsichtsamtes für die Luftfahrt und des Bundesamtes
für Luft- und Raumfahrt sowie den Ministern für Handel und für Wohnungsbau und Städteplanung ein Aktionsprogramm zur Bewältigung dieses Problems zu erarbeiten. Ich fordere diese Gruppe auf,
die Entwicklung des Lärmpegels zu untersuchen und mögliche
Nutzungsformen für Land in Flugplatznähe zu ermitteln;
Fühlung mit den betroffenen Gemeinden und der örtlichen Wirtschaft aufzunehmen; und
Empfehlungen für Initiativen auf Regierungsebene auszuarbeiten,
die die Voraussetzung für weitere Fortschritte auf diesem Gebiet sind.

Neue Konzeptionen im Schiffbau
Nachdem die führende Stellung der Vereinigten Staaten auf marinetechnischem Gebiet lange Zeit unangefochten war, haben andere Länder
nunmehr stark aufgeholt und die Vereinigten Staaten in einigen Fällen
sogar überflügelt.
Die amerikanische Handelsschiffahrt hat wegen ihrer im Vergleich
zu den übrigen Wettbewerbspartnern erheblich höheren Kostenbelastung
im Welt-Frachtgeschäft Einbußen erlitten, die nur bis zu einem gewissen
Grade durch technische Verbesserungen ausgeglichen werden können.
Das Verteidigungsministerium hat jüngst ein Programm für die Entwicklung von Schnelltransportschiffen für die Beförderung von militärischem Nachschub eingeleitet. Diese Konzeption sieht die Übertragung
der in anderen Verteidigungs- und Raumfahrtprogrammen bereits erprobten
Konstruktionsprinzipien auf die Schiffahrt vor.
Zur Erzielung ähnlicher Ergebnisse im kommerziellen Schiffbau
weise ich die Minister für Handel und für Verteidigung, den Sonderberater
des Präsidenten für Wissenschaftsfragen sowie die Atomenergiekommission
an, eine Studie über die neue fortschrittliche Konzeption im Schiffbau
zu erstellen.
Zum
- 22 -

�Zu den Aufgaben dieser Gruppe gehören:
Intensivierung der Forschung, Entwicklung und Planung auf dem Gebiet schneller Großraumschiffe, die speziell für den Behälter- und
Falettenverkehr zwischen den wichtigsten Häfen der Welt bestimmt sind;
Forschung auf dem Gebiet seetüchtiger Tragflügelschiffe mit einer
Geschwindigkeit von mehr als 100 Knoten; und
weitere Untersuchungen der Anwendungsmöglichkeiten der Atomkraft
für den Antrieb von Handelsschiffen.
Unsere privaten Werften müssen auch künftig den Erfordernissen
unseres Landes genügen. Durch Forschung und Entwicklung sowie durch
Standardisierung im Schiffbau können sie produktiver und wettbewerbsfähiger werden. Wir beabsichtigen, unsere Anstrengungen auf dem Gebiet
der Handelsschiffahrt über das geplante Verkehrsministerium wesentlich
zu intensivieren.

Modernisierung des Schienen- und Straßenverkehrs
Im vergangenen Jahr ergriff der Kongreß wirksame Maßnahmen zur Verbesserung des Schienen- und Straßenverkehrs, als er ein Gesetz über das
Forschungs- und Entwicklungsprogramm für schnelle Landtransportmittel
verabschiedete. Dieses Programm wird in kürzester Zeit im Rahmen der
bestehenden Forschungsmöglichkeiten verwirklicht werden.
Die Verbesserung des Fernstraßenwesens sollten wir mit ähnlichem
Weitblick und Einfallsreichtum in Angriff nehmen. Bestimmte Abschnitte
des Bundesfernstraßensystems stellen heute schon die besten und leistungsfähigsten Straßen der Welt dar. Auf ihnen können die Kraftfahrzeuge
schneller, sicherer und in größerer Dichte fahren als auf den herkömmlichen Straßen. Die Transportkosten sind geringer und für die Abwicklung des Verkehrs geht in Relation zu seiner Dichte weniger Land verloren.
Da das Schnellstraßennetz nach rund zehn Jahren Bauzeit nunmehr etwa
zur Hälfte fertiggestellt ist, können jetzt auch die einzelstaatlichen
Fernstraßen sowie die Straßen geringerer Ordnung noch verbessert und dem

- 23 -

�dem verstärkten Verkehr angepaßt werden.
Ich habe demgemäß den Handelsminister angewiesen,
Mittel und Wege zur Schaffung von Mechanismen zur Lenkung und Überwachung des Verkehrs zu prüfen, um die Kapazität und Sicherheit unseres
Fernstraßennetzes zu erhöhen;
Möglichkeiten zur Verbesserung des Verkehrsflusses - insbesondere
in unseren Städten - erforschen zu lassen, um die bestehenden Straßenverbindungen besser auszunützen;
Möglichkeiten zum Bau eigener Verkehrswege für bestimmte Beförderungsmittel ins Auge zu fassen, wobei das Schwergewicht auf der Verbesserung der Massenverkehrsmittel liegen soll.

Systemforschung
Einige unserer aussichtsreichsten Chancen im Bereich von Forschung
und Entwicklung ergeben sich auf den weniger ins Auge fallenden und
vielfach vernachlässigten Sektoren unseres Transportwesens.
Wir geben Milliarden Dollar für den Bau neuer Straßen, aber vergleichsweise geringe Summen für Einrichtungen der Verkehrsüberwachung
aus.
Die Entwicklung schneller Strahlflugzeuge lassen wir uns Millionen
Dollar kosten - die Lösung des Problems eines schnelleren Zubringerdienstes für Fluggäste, aber nur wenige.
Wir haben ein beachtliches Gemeinschaftsprogramm von Staat und
Wirtschaft zur Ausweitung der Exporte aufgebaut, dulden es aber gleichzeitig, daß eine gewaltige Maschinerie der Bürokratie unsere Anstrengungen teilweise wieder zunichte macht. Für die Abwicklung unseres Außenhandels in aller Welt sind nicht weniger als 810 verschiedene Formulare
für Einfuhren und Ausfuhren erforderlich. Allein in den Vereinigten
Staaten werden bis zu 43 verschiedene Formulare für ein einziges Exportgeschäft benötigt. 80 Formulare können für die Einfuhr bestimmter Waren
erforderlich sein. Das ist einfach zuviel der Bürokratie.
Ich

- 24 -

�Ich weise die Minister für Finanzen, Handel und Justiz an, diese
Probleme unter Anwendung der Methoden der Systemforschung anzugehen.
Ich habe sie auch bereits angewiesen, ab sofort alle unnötigen bürokratischen Maßnahmen zu unterlassen, die unsere Import- und Exportprogramme behindern.

Transportwege und -mittel für Amerika
Die Gründerväter kamen per Kutsche nach Philadelphia, um an der
Verfassunggebenden Versammlung teilzunehmen. Von der schier unvorstellbaren Vielschichtigkeit des Verkehrs- und Transportwesens in unserer
Zeit und seinen Problemen konnten sie nichts ahnen. Dennoch erkannten
auch sie bereits, wie sehr der Handel zwischen den Staaten im nationalen Interesse liegt. In früherer Zeit brachte der amerikanische Kongreß
dieses Interesse sogar unmittelbar zum Ausdruck, indem er Gelder für
den Ausbau von Straßen und Wasserwegen bewilligte.
Noch wichtiger ist jedoch in diesem Zusammenhang, daß uns die
Gründerväter ein elastisches Regierungs- und Verwaltungssystem hinterließen. Die Gemeinden, die Einzelstaaten und die Bundesregierung können
sich zusammenschließen - und in vielen Fällen mit Privatunternehmen
zusammengehen -, um gemeinsam in echtem föderalistischem Geist die bestmögliche Lösung für schwierige Probleme zu finden.
Und gerade die Erfordernisse unseres Verkehrs- und Transportwesens,
die mit dem Anwachsen unserer Bevölkerungszahl und der industriellen
Expansion ständig zunehmen, verlangen, daß wir mit neuen Institutionen,
neuen Forschungsprogrammen und neuen Anstrengungen reagieren, um sichere
und gleichzeitig schnelle Verkehrsmittel bereitstellen zu können.
Das Verkehrs- und Transportwesen unserer Zeit kann das wirtschaftliche Wachstum fördern - oder blockieren.
Es kann den Weg zur Arbeitsstelle, zu den Angehörigen und zu den
Erholungszentren für jeden verkürzen - es kann aber statt dessen auch
plötzlichen und sinnlosen Tod bringen.
Es

- 25 -

�Es kann für jeden einzelnen die Erhöhung seines Lebensstandards
bedeuten - oder aber seine Lebenshaltungskosten um ein Vielfaches erhöhen.
Es kann Bequemlichkeit, Freude und ein Tor zu neuen Horizonten bedeuten - es kann aber auch Bemühungen sinnlos machen, sie beeinträchtigen und hemmen.
Die Entscheidung liegt bei uns.
Wir bauen die Kraftfahrzeuge, die Eisenbahnen, die Flugzeuge, die
Schiffe, die Straßen und die Flughäfen. Wir können, so wir dies wollen,
ihre sichere und wirksame Benutzung auf Jahrzehnte im voraus planen,
um so das Leben für alle Amerikaner angenehmer zu machen.
Das von mir in dieser Botschaft umrissene Programm ist der erste
Schritt in Richtung auf dieses Ziel. Ich ersuche den Kongreß dringend,
es rasch zu verabschieden.

(gez.) Lyndon B. Johnson

- 26 -

�AMERIKA DIENST
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XIX - 21

SICHERHEIT BERUHT NICHT AUF WAFFEN ALLEIN

von Robert S. McNamara
US-Verteidigungsminister

MONTREAL (Kanada) - (AD) - In einer Ansprache vor
dem Amerikanischen Zeitungsverlegerverband (American Society of Newspaper Editors) am 18. Mai 1966
in Montreal verwies der amerikanische Verteidigungsminister auf die Tatsache, daß Ordnung und Sicherheit auf der Welt mehr auf Entwicklung und Wohlstand
als auf Waffen beruhen. Die Beziehungen zu den Ländern des Sowjetblocks einschließlich Rotchinas, so
führte der Minister aus, erforderten heute einen
neuen Realismus.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen den
vollen Text der Rede des Verteidigungsministers zur
Kenntnisnahme und eventuellen Veröffentlichung im
Wortlaut oder in Auszügen.

�SICHERHEIT BERUHT NICHT AUF WAFFEN ALLEIN

Jeder Amerikaner darf sich glücklich schätzen, der Gelegenheit erhält, diese wunderschöne Inselstadt }.n diesem so gastfreundlichen Land
zu besuchen. Mir als Verteidigungsminister aber bereitet es besondere
Genugtuung, diese längste Grenze der Welt zu überschreiten, kommt einem
hier doch erst so recht zu Bewußtsein, daß es gleichzeitig die am wenigsten geschützte Grenze der Welt ist. Man beginnt hier zu begreifen, eine
wie negative und enge Konzeption von der Verteidigung doch unser Jahrhundert überschattet.
Es besteht bei uns noch immer eine fast unausrottbare Tendenz,
unsere Sicherheit als ein ausschließlich militärisches Problem und das
militärische Problem wiederum ausschließlich als ein Problem der Waffensysteme und militärischen Ausrüstungen zu betrachten.
Die einfache, nackte Wahrheit ist, daß der Mensch von heute noch
immer in den gleichen stereotypen Vorstellungen von Krieg und Frieden
denkt, denen seine Vorväter verhaftet waren. Die Tatsache, daß diese
Vorväter sowohl in jüngerer wie in älterer Zeit in ihren Bemühungen um
die Vermeidung von Kriegen und die Verbreitung des Friedens so wenig
erfolgreich waren, scheint unsere Tendenz zu klischeehaftem Denken nicht
zu

dämpfen.
Wir neigen noch immer dazu, die nationale Sicherheit fast gänzlich

einem Status bewaffneter Bereitschaft gleichzusetzen, dem Besitz auch
eines unerschöpflichen und furchterregenden Arsenals von Waffen. Wir
neigen noch immer zu der Annahme, daß es in erster Linie diese rein
militärischen Dinge sind, die die Sicherheit zu gewährleisten vermögen.
Wir werden noch immer von der Vorstellung verfolgt, daß allein Waffen
den Ausschlag geben.
Wie beschränkt diese Vorstellung ist, wird klar, wenn man sich einmal überlegt, welche Art von Frieden zwischen den Vereinigten Staaten
und Kanada herrscht.
Er

- 1 -

�Er bietet ein sehr überzeugendes Beispiel. Dies ist doch die Lage:
Zwei moderne Staaten - beide technisch hoch entwickelt, jeder im Besitz
eines ungeheuer weiten Territoriums, beide ausgestattet mit großem
natürlichen Reichtum und beide auf militärischem Gebiet sehr tüchtig stehen sich gegenüber, lediglich durch eine unbewachte Grenze von
Tausenden Kilometern Länge voneinander getrennt. Und dennoch sind überhaupt keine Umstände in irgendeiner vorstellbaren Zukunft denkbar,
deretwegen unsere beiden Völker Krieg miteinander führen könnten.
Diese unvorstellbare Idee kann man als absurd abtun.
Warum ist das so? Ist es deshalb, weil wir beide bereit sind,
unsere Militärmaschinerien augenblicklich gegeneinander in Gang zu setzen?
Ist es deshalb so, weil der eine seine Waffen auf die lebenswichtigsten
Ziele des anderen gerichtet hat? Ist es deshalb so, weil wir beide nach
dem modernsten Stand der Technik bis an die Zähne bewaffnet sind und nur
dies uns hindert, Krieg

gegeneinander zu führen?

Solche Vorstellungen sind, auf unsere beiden Länder angewandt,
geradezu lächerlich.
Kanada und die Vereinigten Staaten leben miteinander in Frieden
aus Gründen, die mit unserer jeweiligen militärischen Bereitschaft nicht
das geringste zu tun haben. Wir leben in Frieden - in einem echten Frieden - dank einer unendlichen Fülle ähnlicher Ansichten, gleicher Grundsätze und gemeinsamer Ideale.
Auch zwischen uns bestehen Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede. Und wir wollen um unserer für beide Seiten so fruchtbringenden
Beziehungen willen hoffen, daß keines unserer beiden Länder je zu einer
sterilen Kopie des anderen werden wird.
Das Entscheidende ist, daß alles andere als militärische Waffen die
Basis unseres gemeinsamen Friedens bilden. Das soll nun keineswegs besagen, daß die Konzeption der militärischen Abschreckung in der Welt von
heute nicht mehr gültig ist. Unglücklicherweise ist sie so gültig wie je
in bezug auf unsere möglichen Gegner. Aber im Verhältnis zwischen den
Vereinigten Staaten und Kanada ist sie gegenstandslos.
Wir

- 2-

�Wir sind keine Gegner, und wir werden auch nie Gegner sein. Es ist
aber nicht die gegenseitige militärische Abschreckung, die uns hindert,
zu Feinden zu werden, sondern die gemeinsame Achtung vor gemeinsamen
Grundsätzen. Ich erwähne dies, so offenkundig es auch ist, einfach als
eine Art reductio ad absurdum der Konzeption, derzufolge in der Mitte
des 20. Jahrhunderts Waffen das ausschließliche oder auch nur primäre
Element eines dauerhaften Friedens darstellen.
Es ist uns in den Vereinigten Staaten in den letzten fünf Jahren
gelungen, ein viel besseres Gleichgewicht auf dem militärischen Sektor
zu erreichen. Das war der Auftrag, den ich von Präsident Kennedy und
Präsident Johnson erhalten hatte. Und mit ihrer Unterstützung und der
des Kongresses waren wir in der Lage, einen noch stärkeren Militärapparat aus Land-, See- und Luftstreitkräften bei gleichzeitiger Erhöhung der Mobilität und Verbesserung der materiellen Ausrüstung aufzubauen - und dabei noch eine eindeutige Überlegenheit hinsichtlich der
nuklearen Abschreckungsmacht über jede mögliche Kombination von Gegnern
zu gewinnen.
Unsere Fähigkeit, sowohl einen Atomkrieg als auch einen Krieg mit
konventionellen Waffen zu führen und Versuchen der Subversion entgegenzutreten, konnte erheblich gesteigert und verbessert werden, und wir
haben dies mit einem Militärhaushalt erreicht, der, am Bruttosozialprodukt gemessen, niedriger war als in der Vergangenheit.
Was die Kampfbereitschaft angeht, waren die Vereinigten Staaten
militärisch nie zuvor stärker als heute. Wir sind entschlossen, diese
Kampfbereitschaft aufrechtzuerhalten.
Denkt man aber tiefer über diese Dinge nach, dann wird einem klar,
daß die militärische Macht für sich allein nicht das wesentlichste
Element unserer Sicherheit ist. Ein Staat kann durchaus den Punkt erreichen, an dem er sich durch den Kauf zusätzlicher Waffen keine zusätzliche militärische Sicherheit mehr erkaufen kann. Wir haben diesen
Punkt erreicht.
Für eine mächtige Nation - eine bereits hinreichend bewaffnete
Nation - wird das Wesen ihrer Beziehungen zur übrigen Welt zum entscheidenden Faktor. So betrachtet gibt es drei große Gruppen von Staaten:

�1. Die Länder, die um ihre wirtschaftliche Entwicklung ringen;
2. diejenigen freien Staaten, die ein Maß an Stärke

und Prosperität

erreicht haben, das es ihnen gestattet, einen Beitrag zur Erhaltung
des Friedens in der Welt zu leisten; und 3. und letztens jene Nationen, die sich versucht fühlen könnten, sich selbst zu unseren Gegnern
zu machen.
Zu jeder dieser Gruppen müssen die Vereinigten Staaten, wollen
sie ihre eigene Sicherheit wahren, eine spezifische Art von Beziehungen unterhalten.
Erstens müssen wir jene Entwicklungsländer schützen helfen, die
unsere Hilfe wirklich benötigen und erbitten

und die - als entschei-

dende Vorbedingung - willens und fähig sind, sich selbst zu helfen.
Zweitens müssen wir eine wirksamere Partnerschaft mit jenen Völkern anregen und verwirklichen, die sich mit uns in die Verantwortung
für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens teilen können und sollten.
Drittens müssen wir alles tun, was wir unter realistischen Gesichtspunkten zu tun vermögen, um das Risiko eines Konflikts mit jenen zu verringern, die sich versucht fühlen könnten, die Waffen gegen uns zu erheben.
Lassen Sie mich diese drei besonderen Formen der Beziehungen zu
anderen hier etwas eingehender darstellen.
Erstens: unsere Beziehungen zu den Entwicklungsländern.
Gegenwärtig befinden sich rund hundert Länder im schwierigen Stadium des Übergangs von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft. Es gibt in diesen Ländern keine einheitliche Rate des Fortschritts, und sie reichen von primitiven, heterogenen Staaten, die durch
Stammesrivalitäten gespalten sind und nur durch äußerst schwache politische Kräfte lose zusammengehalten werden, bis zu

relativ hoch entwickel-

ten Gesellschaften, die sich auf dem besten Wege zum Aufbau einer ertragreichen Landwirtschaft und leistungsfähigen Industrie befinden.
Dieser allgemeine Drang, eine höhere Entwicklungsstufe zu erreichen,
der sich insbesondere auf der ganzen südlichen Erdhälfte Bahn bricht, ist

- 4 -

�ist in der Geschichte ohne Parallele. Er hat von alters her in Teilnahmslosigkeit versunkene Gebiete der Erde zu bewegten Schauplätzen des Wandels
werden lassen.
Dies ist natürlich alles in allem kein sehr friedlicher Prozeß. In den
letzten acht Jahren allein kam es zu nicht weniger als 164 größeren Gewaltausbrüchen von internationaler Bedeutung, von denen sich jeder einzelne als
eine ernste Herausforderung der Autorität und eine Bedrohung selbst des Bestandes des fraglichen Staates erwies.
Insgesamt waren 82 Staaten hiervon betroffen. Es fällt auf, daß nur 15
von diesen 164 Gewaltausbrüchen militärische Konflikte zwischen zwei Staaten
waren, und nicht einer ein offen erklärter Krieg. Ja, es hat seit Ende des
zweiten Weltkriegs überhaupt nirgendwo auf der Welt eine offizielle Kriegserklärung gegeben.
Auf unserer Erde zu leben, wird immer gefährlicher, nicht nur wegen
einer möglichen nuklearen Katastrophe, sondern auch aufgrund der großen Anzahl der de facto-Konflikte und weil die Tendenz zu solchen Konflikten eher
stärker

als

schwächer wird. Zu Beginn des Jahres 1958 waren in der Welt

insgesamt 23 seit längerem andauernde Rebellionen im Gang. Bis zum 1. Februar 1966 war diese Zahl auf insgesamt 40 gestiegen. Des weiteren hat sich die
Gesamtzahl der Gewaltausbrüche Jahr für Jahr erhöht: im Jahre 1958 waren es
34, 1965 schon 58.
Wichtiger als alles andere ist jedoch die Tatsache, daß eine direkte
und permanente Beziehung zwischen dem Auftreten von Gewalt und dem wirtschaftlichen Status des betroffenen Landes besteht. Die Weltbank teilt die
Nationen auf der Basis des Pro-Kopf-Einkommens in vier Kategorien ein: reiche,
wohlsituierte, arme und sehr arme Nationen. Zu den reichen Nationen zählen
Länder mit einem Pro-Kopf-Einkommen von jährlich 750 Dollar und darüber. In
den USA beziffert sich dieser Meßwert gegenwärtig auf mehr als 2700 Dollar.
Es gibt insgesamt 27 dieser reichen Nationen. Sie verfügen über 75 Prozent
der materiellen Güter der Erde; dabei entfallen auf sie nur 25 Prozent der
Weltbevölkerung. Seit 1958 hat nur einer dieser 27 Staaten einen größeren
inneren Aufruhr auf seinem eigenen Territorium erleben müssen.
Wie aber sieht es am anderen Ende der wirtschaftlichen Bewertungsskala aus! Von den 38 sehr armen Nationen - Ländern mit einem Pro-Kopf-

- 5-

�Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 100 Dollar im Jahr - hatten nicht
weniger als 32 unter größeren Konflikten zu leiden, Praktisch entfielen
während dieses Zeitraums von acht Jahren durchschnittlich zwei größere
Gewaltausbrüche auf jedes dieser Länder. Dies ist beträchtlich, und was
noch schlimmer ist, es handelte sich vorwiegend um Konflikte von längerer
Dauer.
Diese Tendenz herrscht, wie nicht anders zu erwarten, auch in den
beiden anderen Kategorien - den armen Staaten und den Ländern mit mittlerem Einkommen - in etwa vor. Seit 1958 kam es in 87 Prozent der sehr
armen, in 69 Prozent der armen und in 48 Prozent der wohlsituierten
Länder zu ernsten Gewaltaktionen.
Es kann also keine Frage sein, daß eine unabdingbare Beziehung zwisehen Gewalt und wirtschaftlicher Rückständigkeit besteht und daß der Trend
zur Gewaltanwendung zu- und nicht abnimmt.
Es wäre mithin doch sehr beruhigend, wenn sich die Kluft zwischen
den reichen und den armen Nationen schlösse und der wirtschaftliche Rückstand aufgeholt würde. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die wirtschaftliche
Kluft wird vielmehr immer breiter.
Schon 1970 wird über die Hälfte der Gesamtbevölkerung der Erde in
den unabhängigen Ländern der südlichen Halbkugel leben. Aber auf diese
hungernde Hälfte der Menschheit wird dann nur ein Sechstel des Bruttosozialproduktes der Welt entfallen. Im Jahre 1975 etwa wird in diesen
Staaten die Zahl der Kinder unter fünfzehn Jahren so groß sein wie die
Gesamtbevölkerungsziffer der Industrieländer des Nordens.
Selbst in unseren eigenen Wohlstandsgesellschaften haben wir Grund
genug, uns wegen der Spannungen Sorgen zu machen, die sich unter den
minderbemittelten Jugendlichen entwickeln, verstärken und schließlich zu
Jugendkriminalität und Verbrechen ausarten. Was kann man von der Jugend
einer ganzen Hemisphäre erwarten, in der sich wachsende Verzweiflung nur
zu leicht in Ausbrüchen von Gewalt und Extremismus Luft macht?
Das jährliche Einkommen pro Kopf der Bevölkerung steigt in rund der
Hälfte der achtzig Entwicklungsländer, die Mitglieder der Weltbank sind,

- 6-

�sind, um sage und schreibe ein Prozent oder weniger im Jahr. Bis Ende
dieses Jahrhunderts werden diese Länder - bei gleichbleibenden wirtschaftlichen Wachstumsraten - ein Pro-Kopf-Einkommen von knapp 170 Dollar im
Jahr, die USA aber ein solches von 4500 Dollar erreichen.
Die Folgerung, die wir alle daraus ziehen müssen, lautet einfach
und zwangsläufig: Aufgrund des sicheren Zusammenhangs zwischen wirtschaftlicher Stagnation und dem Auftreten von Gewalt werden die künftigen Jahre
für die Nationen der südlichen Halbkugel erfüllt sein von Gewalt. Dies
wäre selbst dann der Fall, wenn die doch so offensichtliche Gefahr einer
kommunistischen Subversion nicht existierte.
Sowohl Moskau als auch Peking betrachten trotz erbitterter interner
Auseinandersetzungen den gesamten Modernisierungsprozeß als einen idealen
Nährboden für den Kommunismus. Sie verfügen auf dem Gebiet der subversiven
Kriegführung im Inneren über reiche Erfahrungen,und sie haben es in der
Kunst der politischen Gewaltanwendung sowohl in der Lehre als auch in der
Praxis sehr weit gebracht. Die Tatsache wird vielfach verkannt, daß die
Kommunisten es verstehen, die völlig berechtigten Beschwerden und Anliegen
einer aufstrebenden Gesellschaft zu usurpieren, zu manipulieren und
schließlich für ihre eigenen Zwecke auszubeuten.
Es wäre jedoch eine grobe Vereinfachung, den Kommunismus bei allen
Konflikten in der Welt der Entwicklungsländer als den zentralen Faktor zu
betrachten. Kommunisten waren nur in 58 von den 149 wichtigsten Fällen des
inneren Aufruhrs während der letzten acht Jahre verwickelt - das sind
38 Prozent unter Einschluß der sieben Fälle, in denen sich der Aufruhr
gegen ein kommunistisches Regime selbst richtete.
Wenn es in einer in Spannung lebenden Welt irgendwo zu Gewalttätigkeit kommt, dann löst dies in dem verzweigten Adernetz der internationalen Beziehungen Schockwellen aus, gleichgültig, ob Kommunisten beteiligt
sind oder nicht; die Sicherheit der Vereinigten Staaten aber hängt auch
von der Sicherheit und Stabilität von Nationen auf der anderen Seite des
Erdballs ab.
Doch weder unser Gewissen noch der gesunde Menschenverstand sagen uns,
daß die Vereinigten Staaten der Weltpolizist sind, sein sollten oder sein

- 7-

�sein könnten. Ganz im Gegenteil, die Erfahrung bestätigt, was die menschliche Natur vermuten läßt: daß nämlich in den meisten Fällen innerer
Gewaltausbrüche die Landesbewohner, gestützt auf ihre Traditionen, am
ehesten die Lage zu meistern vermögen.
Die Vereinigten Staaten haben kein Mandat von oben, auf die Welt
aufzupassen, und sie haben auch keine Neigung, dies zu tun. Es hat
klassische Fälle gegeben, in denen unser bewußter Verzicht auf Handeln
die klügste Art des ^

&lt;* as überhaupt war. Wird unsere Hilfe nicht ge-

wünscht, wäre es in den meisten Fällen unklug, sie von uns aus anzubieten.
Kein Gebot zwingt uns, wankenden Regierungen beizustehen, die die
Gewalttätigkeit selbst heraufbeschworen, indem sie den berechtigten Wünschen der Bürger des Landes vorsätzlich nicht nachkamen.
Darüber hinaus wird die fortschreitende Technik im kommenden Jahrzehnt die Notwendigkeit verringern, Stützpunkte im Ausland zu unterhalten
und Stationierungsrechte in bestimmten Gebieten zu besitzen. Die ganze
Konzeption der Vorwärtsbereitstellung wird sich mit der Zeit ändern.
Aber so einleuchtend solche Vorhaltungen auch klingen mögen - die
eine unabänderliche Tatsache bleibt bestehen, daß unsere Sicherheit
direkt von der Sicherheit der Entwicklungsländer abhängt.
Unsere Aufgabe muß es sein, die Entwicklungsländer, die unsere Hilfe
wirklich brauchen und suchen und sichtlich bereit und fähig sind, sich
selbst zu helfen, bei der Erlangung und Wahrung ihrer Sicherheit zu unterstützen. Die Schwierigkeit liegt darin, daß wir die Bedeutung des Wortes
Sicherheit in diesem Zusammenhang nicht immer ganz begreifen. In einer in
der Phase der Modernisierung stehenden Gesellschaft bedeutet Sicherheit
Entwicklung.
Sicherheit ist nicht mit Waffen gleichzusetzen - wenngleich sie dieser oft nicht entbehren kann. Sicherheit heißt nicht militärische Stärke
- wenngleich auch diese eine Rolle spielen mag. Sicherheit ist nicht militärisches Handeln im traditionellen Sinne - wenngleich sie auch solches
einschließen kann.
Sicherheit

- 8 -

�Sicherheit ist Entwicklung, und ohne Entwicklung kann es keine
Sicherheit geben. Ein Entwicklungsland, das sich nicht tatsächlich entwickelt, wird seine Sicherheit nicht zu wahren vermögen. Es kann aus
dem ganz einfachen Grund seine Sicherheit nicht wahren, weil seine Bürger ihre menschliche Natur nicht abstreifen können. Wenn Sicherheit etwas
voraussetzt, dann ist es ein Minimum an Ordnung und Stabilität.
Ohne innere Entwicklung, möge sie noch so langsam voranschreiten,
sind Ordnung und Stabilität einfach unmöglich. Sie sind deshalb nicht
möglich, weil sich die menschliche Natur nicht über ein bestimmtes Maß
hinaus unterdrücken läßt. Sie bäumt sich auf - aus innerem Antrieb.
Das sehen wir nicht immer ein, und das sehen auch die Regierungen der im
Aufbau begriffenen Länder nicht immer ein.
Wenn ich aber betone, daß die Sicherheit aus der Entwicklung erwächst,
dann will ich damit nicht sagen, daß ein Entwicklungsland nicht von innen
her unterwandert werden kann; daß es nicht einer Aggression von außen zum
Opfer fallen kann; oder nicht zum Opfer einer Kombination beider Umstände
werden kann.
Das kann es durchaus, und um das Auftreten eines der beiden Umstände
oder beider zu verhindern, bedarf eine Nation einer angemessenen militärischen Stärke, weil sie nur dann mit diesem spezifischen Problem fertig zu
werden vermag. Aber das spezifische militärische Problem ist nur ein Teil
des umfassenderen Problems der Sicherheit.
Militärische Macht kann dazu beitragen, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten - aber nur insoweit, als in'einer sich entwickelnden Gesellschaft bereits eine Grundlage für Recht und Ordnung existiert: die grundlegende Bereitschaft der Bevölkerung zur Mitarbeit. Recht und Ordnung sind
der Schild, unter dessen Schutz das zentrale Element der Sicherheit nämlich die Entwicklung - erreicht werden kann.
Wir veranstalten mit diesen Worten kein semantisches Spiel. Es ist
ein Unglück, daß wir allzu lange in einem semantischen Dschungel umhergeirrt sind. Wir sind so weit gekommen, daß wir "Sicherheit'» ausschließlich
mit militärischen Begriffen und ganz besonders mit Waffen assoziieren. In
Wirklichkeit liegen die Dinge ganz anders. Wir müssen uns den tatsächlichen

- 9-

�tatsächlichen Gegebenheiten anpassen, wenn wir dafür sorgen wollen, daß
die Sicherheit auf der südlichen Halbkugel fortbesteht und wächst.
Entwicklung bedeutet wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Fortschritt. Sie bedeutet einen befriedigenden Lebensstandard - und das,
was in einem frühen Stadium der Entwicklung als "befriedigend1* gelten
mag, wird man in einem späteren Stadium als "nicht mehr befriedigend"
ansehen.
Die Sicherheit wächst in dem Maße, in dem die Entwicklung voranschreitet. Und hat die Bevölkerung eines Landes erst einmal ihre eigenen menschlichen und natürlichen Hilfsquellen organisiert, um das selbst
hervorbringen zu können, was sie zum Leben braucht und erwartet, und hat
sie gelernt, im höheren nationalen Interesse einen friedlichen Ausgleich
unter konkurrierenden Forderungen zu schaffen - dann wird ihr Widerstand
gegen Aufruhr und Gewalttätigkeit erheblich zunehmen. Umgekehrt wird die
tragische Notwendigkeit entfallen, daß verzweifelte Menschen ihre Zuflucht zu

Gewalt nehmen, um nach den Geboten der Menschenwürde leben zu

können.
Ich habe schon erklärt, daß die Rolle der Vereinigten Staaten darin
besteht, diesen im Aufbau einer modernen Gesellschaft begriffenen Nationen bei der Erreichung und Wahrung der Sicherheit zu helfen - vorausgesetzt, daß sie unsere Hilfe brauchen und suchen und eindeutig willens
und fähig sind, sich selbst zu helfen.
Doch welcher Art soll

unsere Hilfe sein?

Sie sollte auf jeden Fall zur Entwicklung beitragen. Auf militärischem Gebiet umfaßt Hilfe heute zwei große Kategorien. Wir sollten den
Entwicklungsländern in dem Maße Ausbildungs- und Waffenhilfe leisten,
wie dies zur Erhaltung des Schutzschildes notwendig ist, hinter dem die
Entwicklung voranschreiten kann. Die Größe dieses Schildes v. riiert Von
Land zu Land. Von entscheidender Bedeutung ist dabei jedoch, daß dieser
Schild ein Schild bleibt und nicht zum Ausgangspunkt für eine Aggression
gegen andere wird.
Die zweite - und oft nicht richtig eingeschätzte - Kategorie der
militärischen Unterstuetzung für eine aufstrebende Nation ist die Aus-

- 10 -

�Ausbildung der Angehörigen der Streitkräfte für den zivilen Einsatz.
Der Begriff Zivileinsatz ist wieder eines dieser semantischen Puzzlespiele. Viel zu wenig Amerikaner und Regierungsbeamte in den Entwicklungsländern verstehen voll und ganz, was Zivileinsatz der Streitkräfte eigentlich bedeutet.
Im wesentlichen bedeutet er die Heranzieheng der Soldaten eines
Landes zu traditionsgemäß an sich nichtmilitärischen Aufgaben, d.h.
zu Projekten auf Gebieten wie Erziehung, öffentliche Arbeiten, Volksgesundheit und Hygiene, Landwirtschaft etc., die dem Wohl der Bevölkerungdienen - kurzum zu allem, was mit dem wirtschaftlichen und
sozialen Fortschritt zusammenhängt.
Hier wurden bereits eindrucksvolle Ergebnisse erzielt. Während
der letzten vier Jahre wurden in allen Teilen der Welt in von Amerika
unterstützten Zivileinsätzen über 15 000 Kilometer Straßen angelegt
oder instand gesetzt, über 1000 Schulen errichtet, Hunderte von Krankenhäusern und Kliniken gebaut, und schätzungsweise vier Millionen
Menschen ärztlich und zahnärztlich betreut.
Das Bemerkenswerte daran ist, daß all dies von Einheimischen in
Uniform getan wurde. Ganz abgesehen von den eigentlichen Entwicklungsprojekten, wandelt das Programm das negative Bild vom Soldaten als dem
gewaltsamen Wahrer des Status quo von Grund auf.
Aber Hilfe nur auf dem militärischen Sektor reicht nicht aus. Die
Wirtschaftshilfe ist von ebenso entscheidender Bedeutung. Der Präsident
besteht darauf, daß unsere Hilfe gezielt und aufgrund absolut realistischer Überlegungen gewährt wird: daß die Unterentwicklung direkt an den
Wurzeln angegangen und nicht lediglich versucht werden soll, die Symptome abzuschwächen. Seiner grundlegenden Überzeugung nach ist jede amerikanische Wirtschaftshilfe - wie umfangreich sie auch immer sein mag nutzlos, wenn das Empfängerland nicht selbst entschlossen die Hauptlast
auf sich nimmt. Das wird Kriterium und entscheidende Vorbedingung für
unsere gesamte künftige Hilfe sein.
Nur die Entwicklungsländer selbst können die fundamentalen Maßnahmen ergreifen, die erst die Hilfe von außen sinn- und bedeutungsvoll

-.11 -

�bedeutungsvoll werden lassen. Solche Maßnahmen sind oft unangenehm und
erfordern häufig politischen Mut und Entschlossenheit. Versäumt man jedoch, schmerzhafte, aber unbedingt notwendige Reformen durchzuführen,
dann muß das unausweichlich zu noch viel schmerzhafterer revolutionärer
Gewalttätigkeit führen. Unsere Wirtschaftshilfe soll eine vernünftige
Alternative zu solcher Gewalttätigkeit bieten. Sie soll helfen, an die
Stelle des tragischen inneren Konflikts den friedlichen Fortschritt zu
setzen.
Bei ihren Bemühungen wollen die Vereinigten Staaten verständnisvoll und großzügig vorgehen. Dennoch ist dies ein Unterfangen, das sie
nicht allein durchführen können. Und so erwarten sie von jenen Staaten,
die es zu wirtschaftlicher Eigenständigkeit und Prosperität gebracht
haben, daß sie mehr zur Entwicklung - und damit zur Sicherheit - der
sich erneuernden Welt beitragen.
Damit bin ich bei dem zweiten Komplex der Beziehungen angelangt,
den ich eingangs erwähnt habe: die Politik der Vereinigten Staaten, die
eine wirksamere Partnerschaft mit jenen Staaten anregt und anstrebt, die
ihren Teil der Verantwortung im Ringen um die Sicherung des Weltfriedens
übernehmen können und sollten.
Amerika wendet für sein Militär einen höheren Prozentsatz seines
Bruttosozialprodukts auf als jede andere größere Nation der freien Welt.
Dies war schon so, bevor wir mehr Mittel für Südostasien bereitstellen
mußten. Wir hatten in den vergangenen Jahren genau so viele Männer unter
den Waffen wie alle Staaten Westeuropas zusammen - obwohl ihre Bevölkerung eineinhalb mal größer ist als unsere.
Das amerikanische Volk hat nicht die Absicht, sich seinen Verpflichtungen in irgendeinem Teil der Welt zu entziehen. Es kann aber einfach
niemand von ihm erwarten, daß es auf unbestimmte Zeit einen unverhältnismäßig großen Anteil der gemeinsamen Lasten trägt. Wenn zum Beispiel
andere Staaten wirklich glauben - wie sie behaupten -, daß es in unser
aller Interesse liegt, eine Ausdehnung des wirtschaftlichen und politischen Einflusses Rotchinas über seine Grenzen hinaus zu verhindern, dann
müssen sie auch aktiver am Schutz unseres gesamten Verteidigungsbereichs
teilnehmen.

„,

- 12 -

�Ich möchte eines hier ganz klar herausstellen: Es geht nicht
darum, die Neutralität oder die Bündnisfreiheit irgendeines Staates
in Frage zu stellen. Es geht vielmehr ganz entschieden darum, daß
die Unabhängigkeit solcher Staaten letzten Endes nur durch Kollektivabkommen untereinander und mit ihren Nachbarstaaten

voll gewährlei-

stet werden kann.
Die simple Wahrheit ist, daß der Tag kommen wird, an dem kein
noch so mächtiges Land allein auf sich gestellt mehr etwas für die
Erhaltung des Friedens außerhalb seiner Grenzen zu tun vermag. Regionale und internationale Friedensorganisationen sind noch sehr neu. Um
sich entwickeln zu können, müssen sie erst Erfahrungen sammeln und
durch sinnvolle und praktikable gemeinsame Aktionen gestärkt werden.
Kanada könnte in dieser Hinsicht ein Vorbild für alle Staaten
abgeben. Wie Premierminister Pearson vergangene Woche in New York so
beredt dargelegt hat, "ist Kanada nicht minder tief in die Weltpolitik
verstrickt als jedes andere Land gleicher Größe. Wir schicken uns darein, weil wir in 50 Jahren gelernt haben, daß uns ein Fernbleiben von
der Politik, die über Krieg und Frieden entscheidet, im Falle ihres
Scheiterns nicht blutige Oper und andere Folgen erspart. Wir haben es
1914 erfahren und 1939 noch einmal... Darum sind wir stolz darauf, daß
unsere Soldaten bei jeder Friedensmission der Vereinten Nationen dabei
waren - in Korea, in Kaschmir, am Suezkanal, im Kongo und auf Zypern".
Die Organisation der Amerikanischen Staaten und ihr Eingreifen in
der Dominikanischen Republik, die Unterstützung der südvietnamesischen
Regierung mit Truppen und Hilfsmaterial durch mehr als dreißig Nationen,
und selbst die parallellaufenden Vermittlungsbemühungen der Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion im pakistanisch-indischen Konflikt - dies
alles, im Verein mit den Bemühungen der Vereinten Nationen, sind erste
Schritte, um einseitige Versuche, der Gewalt entgegenzutreten, durch
ein multinationales Vorgehen zu ersetzen. Sie sind richtungweisend für
künftige Schritte zur Erhaltung des Friedens.
Es genügt nicht, dieser Idee lediglich zuzustimmen; wir müssen
vielmehr all unsere Fähigkeiten, unsere materiellen Hilfsquellen und

- 13 -

�und unser ganzes Sinnen und Trachten auf die Verwirklichung dieses
Gedankens verwenden.
In Westeuropa - einem Gebiet, dessen überschäumende wirtschaftliche Vitalität der Weisheit des Marshallplangedankens ein Denkmal gesetzt hat - sind die Probleme der Sicherheit weder statisch noch völlig
neu. Fundamentale Wandlungen bahnen sich an, dennoch werden gewisse
unumgängliche Realitäten bestehenbleiben.
Die konventionellen Streitkräfte der NATO zum Beispiel bedürfen
nach wie vor eines nuklearen Rückhaltes, den zu bieten weit über die
Möglichkeiten eines jeden westeuropäischen Landes hinausgeht. Die Vereinigten Staaten haben sich verpflichtet, den Hauptanteil der nuklearen
Abschreckung zu bestreiten.
Die europäischen Mitglieder des Bündnisses hegen den ganz natürlichen Wunsch, aktiver an der nuklearen Planung mitzuwirken. Eine der
Hauptaufgaben der Allianz ist es deshalb heute, Partnerschaften und
Institutionen zu schaffen, durch die eine wirksame gemeinsame atomare
Planung möglich wird. Wir haben mit der Errichtung des Sonderausschusses
der NATO-Verteidigungsminister einen praktischen und vielversprechenden
Anfang gemacht. Gemeinsame Planung und Konsultation sind wesentliche
Bestandteile eines jeden vernünftigen Ersatzes für die nicht tragbare
und gefährliche Alternative unabhängiger nationaler Nuklearstreitkräfte
innerhalb der Allianz.
Auch über unsere Allianz hinaus müssen wir Mittel und Wege finden,
die Weitergabe von Kernwaffen zu verhindern. Das ist eine zwingende Notwendigkeit.
Natürlich sind Verträge zur Verhinderung der Weiterverbreitung von
Kernwaffen mit gewissen Risiken verbunden. Sie sind jedoch nicht vergleichbar mit den Gefahren, die eine Vergrößerung der Zahl der Atommächte heraufbeschwören würde. Im Risikokalkül bedeutet eine Vermehrung
der unabhängigen Atommächte nicht lediglich eine Addition der Gefahren.
Wir würden die Risiken nicht einfach summieren, wir würden sie mit wahnsinniger Schnelligkeit vervielfachen.
Wenn

- 14 -

�Wenn wir ernsthaft bemüht sein wollen, unseren Kindern eine Welt
zu hinterlassen, die nicht von der Vernichtung durch Kernwaffen bedroht ist, müssen wir das Problem der Weiterverbreitung lösen. Vernünftige Abmachungen über ein Verbot der Weitergabe sind durchführbar,
denn wir teilen mit allen unseren Gegenspielern das Interesse, eine
gegenseitige Vernichtung, wie sie von einer verantwortungslosen x-ten
Macht ausgelöst werden könnte, zu verhindern.
Das bringt mich

zur dritten und letzten Art von Beziehungen, die

die Vereinigten Staaten pflegen müssen: die Beziehungen zu Ländern, die
versucht sein könnten, die Waffen gegen uns zu erheben.
Diese Beziehungen erfordern Realismus. Aber Realismus drückt sich
nicht in einer verhärteten, unelastischen, einfallslosen Haltung aus.
Realistisches Denken ist rastloses, schöpferisches Denken - frei von
naiven Illusionen und voller praktischer Alternativen.
Es gibt durchführbare Alternativen in unseren gegenwärtigen Beziehungen sowohl zur Sowjetunion als auch zu Rotchina. Ein tiefer ideologischer Abgrund trennt uns von ihnen - und trennt sie bis zu einem
gewissen Grad auch voneinander.
Bemühungen unsererseits um eine ideologische Annäherung sind
zwecklos. Aber eine Bresche in die - wenn auch selbstverschuldete Isolierung eines mächtigen Staates wie Rotchina zu schlagen, verringert
die Gefahr möglicher katastrophaler Mißverständnisse und bietet beiden
Seiten einen größeren Anreiz, Streitigkeiten durch Verhandlungen anstatt
durch Gewaltanwendung beizulegen.
Wir haben manche Möglichkeiten, Brücken zu Staaten zu schlagen, die
bisher vernünftige Beziehungen zu uns ausgeschlagen haben. Wir können
das über wohlausgewogene Handelsbeziehungen, diplomatische Kontakte und
in manchen Fällen sogar durch den Austausch militärischer Beobachter
erreichen. Wir müssen uns darüber klarwerden, wo wir diese Brücken
schlagen wollen, welche Verkehrsströme sie aufnehmen sollen, und auf
welchen gemeinsamen Fundamenten sie errichtet werden können. Keine Brükke ist nur an einem Ufer verankert. Will man einen Abgrund überbrücken,
muß die Brücke auf beiden Ufern ruhen.
Abgründe

- 15 -

�Abgründe sind im allgemeinen gefährlich. Mancher wagt es nicht
einmal, über ihren Rand zu schauen. Aber in einer von thermonuklearen
Waffen überschatteten Welt können wir uns ein politisches Schwindelgefühl nicht leisten.
Präsident Johnson hat diese Dinge klar beim Namen genannt. Indem
wir Brücken zu denen schlagen, die sich zu unseren Widersachern gemacht haben, "können wir dazu beitragen, eine Gemeinschaft der Interessen, eine Gemeinschaft des Vertrauens und eine Gemeinschaft des Strebens zu schaffen".
Lassen Sie mich im Hinblick auf das gemeinsame Streben einen konkreten Vorschlag an die Adresse der heutigen jungen Generation in den
Vereinigten Staaten richten. Es ist dies eine gewissen Idealen verbundene, aktive und hingabefähige Generation. Das hat sie sehr eindrucksvoll bewiesen: durch ihre Arbeit innerhalb des Friedenskorps im Ausland

und durch ihre Bereitwilligkeit, freiwillig an dem Entscheidungs-

kampf gegen Armut und fehlende AufStiegschancen in unserem eigenen Land
teilzunehmen.
Wie die Dinge liegen, wird gegenwärtig nur ein Bruchteil der wehrpflichtigen jungen Männer eingezogen. Das ist eine Ungerechtigkeit.
Es scheint mir, als könnten wir dieser Ungerechtigkeit entgegenwirken, indem wir von jedem jungen Menschen in den Vereinigten Staaten
verlangen, zwei Jahre lang seinem Land zu dienen - sei es bei einer der
Waffengattungen, im Friedenskorps oder durch freiwillige Mitarbeit an
einem anderen Entwicklungsprojekt in Amerika oder im Ausland.
Wir könnten andere Länder ermutigen, das gleiche zu tun, und wir
könnten Austauschprogramme ausarbeiten - ähnlich denen, die das Friedenskorps bereits plant.
Dies ist kein völlig neuer Vorschlag, und er wurde als unpassend
zu einem Zeitpunkt kritisiert, da wir in einen Krieg verwickelt sind.
Aber ich glaube, daß genau das Gegenteil zutrifft. Heute ist dies
mehr angebracht denn je zuvor, würde ein solcher Schritt doch unterstreichen, welchen eigentlichen Zweck wir in Vietnam und darüber hinaus

- 16 -

�hinaus überall in der Welt verfolgen, wo Zwang, Ungerechtigkeit oder
ein Mangel an Aufstiegschancen herrschen.
Er würde der zentralen Konzeption der Sicherheit sinnfälligen Ausdruck geben - der Konzeption, eine Welt der Menschenwürde und Entwicklung zu schaffen, in der jedermann sich ein besseres Dasein erhoffen
kann.
Gemeinsame Interessen - gegenseitiges Vertrauen - gemeinsame Anstrengungen: das sind die Ziele. Können wir diese Ziele in unserem Verhältnis zur Sowjetunion und zum kommunistischen China erreichen? Sind
sie in der Lage, diese Ziele in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu erreichen?
Die Antwort auf diese Fragen findet sich in der Antwort auf eine
Frage von noch tieferer Bedeutung: Was ist der Mensch? Ist er ein vernunftbegabtes Wesen? Wenn er es ist, dann können diese Ziele am Ende
doch verwirklicht werden. Ist er es nicht, dann ist alle Mühe vergebens.
Der bisherige Verlauf der Geschichte läßt den Schluß zu, daß der
Mensch tatsächlich ein mit Vernunft begabtes Wesen ist - begabt aber auch
mit einer nahezu unerschöpflichen Fähigkeit, töricht zu handeln. Seine
Entwicklungsgeschichte scheint mir den zwar schleppenden, aber beharrlichen Versuch des Menschen zu dokumentieren, seine Vernunft über seine
Tierhaftigkeit zu stellen.
Er macht Pläne für Utopia, ohne sie je völlig verwirklicht zu sehen.
Und im Endeffekt rackert er sich verbissen mit dem einzigen Stoff ab, der
ihm wirklich jederzeit zu Gebote steht: seine teils komische, teils tragische, teils boshafte und teils bewunderungswürdige Natur.
Ich für meinen Teil möchte jedenfalls die Hoffnung auf eine freie
Weltgemeinschaft der Völker nicht aufgeben. Denn Zwang kann den Menschen
nur in Fesseln schlagen; ihn aber über sich selbst hinaus zu heben, vermag nur das freiheitliche Denken.

- 17 -

�U n i t e d
5 3 2 0
T e l :

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I n f o r m a t i o n

G o d e s b e r g

6 0 1 - 3 2 4 0

I,

S e r v i c e

P o s t f a c h

T e l e x

3 0 0

0 8 - 8 5 4 3 2

xix: - 26

ERKLÄRUNG MCNAMA.RAS ZUR ATLANTISCHEN ALLIANZ

WASHINGTON - (AD) - Wortlaut einer Erklärung,
die der Verteidigungsminister der Vereinigten
Staaten, Robert S. McNamara, am 21. Juni 1966
im Rahmen der vom 20.-30. Juni 1966 stattfindenden "Hearings" über die amerikanische NAT0Politik und die damit im Zusammenhang stehenden Themenkreise vor dem Senatsunterausschuß
für nationale Sicherheit und internationale
Tätigkeiten abgegeben hat.

�ERKLÄRUNG MCNAMARAS ZUR ATLANTISCHEN ALLIANZ

"Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder; ich freue mich,
an dieser Stelle Gelegenheit zu haben, zum Thema 'Atlantisches Bündnis'
auszusagen. Ehe wir über unsere Hoffnungen hinsichtlich der Zukunft
der Allianz und über einige unserer aktuellen Probleme sprechen, halte
ich es für angemessen, eine Bestandsaufnahme zur gegenwärtigen Situation
des Bündnisses zu machen.
Einer Ihrer Zeugen hob hervor, daß das atlantische Bündnis Ausdruck,
nicht Ursache der wechselseitigen Abhängigkeit Europas und Nordamerikas
sei. Dem stimme ich durchaus zu. Die grundlegende Erwägung für uns ergibt sich aus dem lebenswichtigen Sicherheitsinteresse der Vereinigten
Staaten, daß keine möglicherweise feindselige Macht Westeuropa

mit sei-

nen riesigen menschlichen und materiellen Reserven beherrschen dürfe. Es
ist ein elementares, jegliche formellen Vertragsvereinbarungen weit überragendes Interesse der Vereinigten Staaten, daß Europa frei bleibt und
seine Sicherheit bewahrt. Unter allen Umständen werden die Vereinigten
Staaten helfen, diese Sicherheit und Freiheit zu schützen.
Das ist jedoch keine einseitige Sache. Für die freien Nationen
Europas ist es gleichermaßen wichtig, daß die Vereinigten Staaten frei und
stark bleiben und in der Lage sind, zur europäischen Sicherheit beizutragen. Die Freiheit und Sicherheit Amerikas und Europas sind voneinander
abhängige Größen. Diese feste Basis unserer gemeinsamen nationalen Interessen veranlaßte die Vereinigten Staaten, in die beiden großen europäischen Kriege dieses Jahrhunderts einzugreifen.

Ohne Frage würden

sie das in Zukunft wieder tun.
In Anbetracht dieser Umstände entspricht es jedoch nicht der Wahrheit, daß der Form und dem Aufbau des atlantischen Bündnisses keine Bedeutung zukämen. Form und Aufbau sind sowohl vom militärischen als auch
vom politischen Standpunkt

aus wichtig. Der militärische Aspekt des

Bündnisses, ein geschichtliches

Novum, ist seine Organisation in Frie-

denszeiten, die ein integriertes Oberkommando für den Krieg vorsieht,
und seine detaillierte militärische und logistische Friedensplanung für

- 1 -

�für gemeinsame Anstrengungen im Kriegsfall. Angesichts der schnellen
Operationen und der Art der modernen Waffen ist überhaupt keine Zeit,
sich mit solchen Dingen noch zu befassen, wenn die Feindseligkeiten
erst einmal begonnen haben. Aus diesem Grunde ist es für verbündete
Nationen eine Angelegenheit von allergrößter Bedeutung, im Frieden
detailliert zu erörtern und sich darüber zu einigen, wie sie ihre
gemeinsamen Streitkräfte koordinieren, einsetzen und befehligen würden, falls sie gezwungen sind, der Aggression einer feindlichen Macht
zu begegnen.
Erscheinungsbild, Form und Aufbau sind wichtig. Ein Bündnis mag
nur Ausdruck einer ihm zugrundeliegenden politischen Übereinstimmung
und Solidarttät sein, aber es ist eine wichtige Manifestation. In den
Augen eines potentiellen Gegners könnte die Manifestation der Institutionen eines Bündnisses als der einzige deutliche Ausdruck der
ihm zugrundeliegenden gemeinsamen Interessen erscheinen. Hierin liegt
die Gefahr einer Fehleinschätzung durch einen potentiellen Gegner.
Hierin liegt auch die Gefahr zu Hader und Zwist unter den Partnern der
atlantischen Allianz und zur Übertreibung unserer Differenzen. Wir sind
eine Allianz freier Nationen. Die Allianz hat niemals völlig gleiche
Ansichten in allen wichtigen Fragen gehabt und wird sie auch niemals
haben. Genau so soll es sein. Wichtig ist, daß wir offen miteinander
reden, daß wir die Ansichten des anderen beachten und respektieren und
daß wir Meinungsverschiedenheiten nicht als ein Zeichen für Böswilligkeit interpretieren.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen möchte ich jetzt einige detailliertere Erklärungen zu der Handlungsweise Frankreichs, die uns zwingt,
unsere Truppen und Einrichtungen aus Frankreich zurückzuziehen, und über
ihre Auswirkungen auf die militärische Stärke der Allianz abgeben. Ferner
möchte ich den allgemeinen Stand des Bündnisses und die wohl wichtigste
Frage von allen behandeln: die Zukunft der NATO und unsere gemeinsamen
Sicherheitsinteressen im europäischen Rahmen.
Notwendige Reaktionen auf die Haltung Frankreichs
Ich halte es für angebracht, auf eine Erörterung der militärischen
Auswirkungen des französischen Vorgehens auf die Allianz zunächst zu

2

�zu

verzichten. Kurz zusammengefaßt wäre zu sagen, daß es die mili-

tärische Stärke des Bündnisses in keiner Weise beeinträchtigen wird.
Eine der Folgen, die allgemein mit der Möglichkeit in Verbindung
gebracht werden, daß sich die Franzosen im Fall eines wirklichen Konflikts an der Verteidigung Europas nicht beteiligen, wäre der Verlust
französischen Bodens als Operationsfeld und als eines sicheren Ports,
von dem aus unser Nachschub die Truppen an der Front erreichen könnte.
Verhandlungen im Anschluß an die Beschlüsse, die kürzlich auf der Tagung in Brüssel gefaßt wurden, werden mehr Licht in die französischen
Absichten bringen. In bezug auf die Rolle, die das französische Territorium spielt, sollte ich jedoch sagen, daß weder die Vereinigten Staaten noch ihre Verbündeten je einen Krieg ins Auge gefaßt haben, in dem
der Rückzug auf französischen Boden durch ein Schlachtfeld Deutschland
als eine für das Bündnis akzeptable Strategie erachtet wird.

m

Unsere militärische Strategie ist und bleibt die Vorwärtsverteidigung Westeuropas, was in Mitteleuropa eine Verteidigung an der Grenze
Westdeutschlands bedeutet. Unsere Verpflichtungen, unsere militärischen
Maßnahmen, unsere Strategie und unsere Truppen sind soweit wie nur irgend möglich an dieser Vorwärtsstrategie orientiert und darauf eingerichtet, jedwede Kräfte und Waffen einzusetzen, die zur Durchführung dieser
Vorwärtsverteidigung notwendig werden könnten.
Somit wird unseres Erachtens die Möglichkeit, daß französisches Gebiet selbst Operationsfeld wird, derart unwahrscheinlich, daß sie heute
außer

acht gelassen werden kann. Das bedeutet nicht, daß wir einer vol-

len französischen Mitarbeit nicht sehr viel mehr den Vorzug gegen würden.
Erwägungen in bezug auf den Nachschub und den garantierten freien Zutritt
7u französischem Territorium und Luftraum sowie zu französischen Gewässern
lassen, zusätzlich zu den bemerkenswerten militärischen Möglichkeiten der
Streitkräfte Frankreichs, klar erkennen, daß es sich hier um wertvolle
Dinge handelt. Im Hinblick auf alle diese Angelegenheiten wie auch auf
andere notwendige gemeinsame Vereinbarungen über eine mögliche Zusammenarbeit im Kriegsfall werden wir und unsere Verbündeten mit den französischen Behörden verhandeln. Zur Zeit sind Gespräche zwischen den Deutschen, den Franzosen und den anderen Mitgliedern der NATO im Gang, um

3

�um

geeignete Bedingungen für Maßnahmen im Frieden zu finden, die

die Zusammenarbeit im Krieg regeln.
Was ist nun, von den allgemeinen strategischen oder militärischen
Auswirkungen auf die Allianz einmal abgesehen, angesichts der französischen Haltung unmittelbar erforderlich? Zunächst müssen wir unsere
Bodentruppen (in erster Linie aktives und Reservepersonal für den
Nachschub und für Depots) sowie unsere Luftwaffenstaffeln und unsere
Kommandostellen aus Frankreich abziehen. Wir werden diese Aufgabe im
Verlauf des nächsten Jahres durchgeführt haben.
Im besonderen treffen wir jetzt folgende Maßnahmen:
A. Zwei Staffeln von Flugzeugen des Typs C-130 werden zur Zeit von
Frankreich nach Mildenhall in Großbritannien verlegt. Sie sind gegenwärtig auf dem Luftstützpunkt Evreux in Frankreich stationiert. Die
Konmandostellen der 322. Luftwaffendivision, die für unsere Luftbrükkenoperationen im gesamten europäischen Befehlsbereich zuständig ist,
wird vom Luftstützpunkt Chateauroux in Frankreich nach High Wycombe in
Großbritannien verlegt, wo früher Einheiten der 7. Luftwaffendivision
des Strategischen Luftkommandos (SAC) stationiert waren. Diese Verlegungen dürften bis zum 1. September beendet sein.
B. Alle amerikanischen Depots in der Bundesrepublik Deutschland
und Italien werden daraufhin überprüft, inwieweit Vorräte entfernt werden können, die den Bedarf des Kommandobereichs überschreiten, wodurch
für die Aufnahme von Depotgütern Platz geschaffen werden soll, die
gegenwärtig in Frankreich lagern. Alle im Zuge dieser Aktion als Überschuß identifizierten

Güter werden nach den Vereinigten Staaten zu-

rückgebracht oder auf andere Gebiete verteilt, wo sie benötigt werden.
C. Bestimmte kriegswichtige Vorräte, die jetzt in Depots in Frankreich lagern, werden in unsere Depots in Deutschland und Italien überführt.
D. Es werden eine Reihe von Pachtvereinbarungen sowie Abkommen
über den Bau neuer Depots in der Bundesrepublik und anderen europäischen
Ländern getroffen, um eine ausreichende Lagerkapazität für die Aufnahme
bestimmter zusätzlicher Vorräte zu gewährleisten, die unseren Kampftruppen

4 -

�Kampftruppen in Deutschland als Reserve zur Verfügung stehen.
E. Daneben befassen wir uns zur Zeit mit folgenden Fragen:
1) Verlegung

der noch verbliebenen Vorräte und der Nachrichten-

einheiten, die zur Zeit in,Frankreich stationiert sind. Das schließt
die Möglichkeit späterer Vereinbarungen mit den Franzosen über die
Lagerung und die Zugangsrechte zu Anlagen in Frankreich im Kriegsfall
nicht aus.
2) Straffung und Zusammenlegung unserer Befehlsstellen für den
europäischen Bereich der US-Armee in Deutschland.
3) Alternativmöglichkeiten für die Verlegung der amerikanischen
Kommandostellen in Europa, die zur Zeit in der Nähe von Paris etabliert
sind. Wir prüfen u.a. die Möglichkeit einer Verlegung dieser Stellen
in bereits vorhandene Komplexe, damit auf Neubauten weitgehend verzichtet werden kann.
4) Die Verlegung der sechs amerikanischen Aufklärungsflugstaffeln,
die jetzt in Frankreich stationiert sind, möglicherweise auf andere europäische Stützpunkte außerhalb Frankreichs und zum Teil auch nach den Vereinigten Staaten im Rahmen einer Doppelstationierung.
In bezug auf Organisation, Nachschubwesen und Beweglichkeit wurden
große Fortschritte erzielt, seitdem sich die ersten amerikanischen militärischen Einheiten in Frankreich etablierten. Wir beabsichtigen, bei der
vorzunehmenden Verlegung diese Vorteile voll und ganz wahrzunehmen. Wir
beabsichtigen ferner, von den in Europa bereits vorhandenen Einrichtungen
voll Gebrauch zu machen, um Neubauten und Kosten auf ein Minimum zu beschränken. Ich halte es nur für fair, wenn ich sage, daß wir mit diesen
Verlegungen und Umorganisationen im Laufe der Jahre eine Situation zu
erreichen hoffen, die im Hinblick auf die amerikanischen Ausgaben und
auf die Zahlungsbilanz wesentlich besser ist als der Status quo.
Alles in allem werden sich diese Umgruppierungen, wenn sie auch
kurzfristig Mißhelligkeiten, Unbequemlichkeiten und Kosten mit sich bringen, nicht wesentlich auf das generelle Kampfpotential der amerikanischen
Streitkräfte in Europa, auf unsere Strategie oder auf die Sicherheit des
Bündnisses als Ganzes auswirken.

Wie

5

-

�Wie Sie wissen, müssen auch die militärischen Hauptquartiere
der NATO Frankreich verlassen. Es gibt deren zwei - SHAPE, dem,
wie wir erwarten, die Benelux-Staaten, vermutlich Belgien, einen
neuen Standort anbieten werden, und AFCENT (Alliierte Streitkräfte
Europa Mitte) mit seinen dazugehörigen Land- und Luftkommandos, die
in einem der Benelux-Staaten oder in Deutschland untergebracht werden sollen. Wir hoffen, daß beide Hauptquartiere im Verlauf der Umsiedlung modernisiert weeden. Wir erwägen auch die Möglichkeit, den
Nordatlantikpakt zu verlegen. Die Kosten dieser Umsiedlungen - sowohl die Ausgaben der NATO, an denen die USA mit etwa 25 Prozent
beteiligt sind, als auch die Ausgaben der USA, soweit sie nicht
aufteilbar sind - sind noch nicht bekannt. Wir werden alles unternehmen, um diese Kosten auf ein Mindestmaß zu beschränken.
Ich möchte ein Wort über unsere Haltung gegenüber der französischen Regierung auf Grund ihrer jüngsten Entscheidungen hinzufügen.
Wir würden natürlich eine andere Haltung von ihrer Seite vorziehen.
Aber wir sehen keinen Nutzen für uns oder unsere Verbündeten darin,
über die Haltung der französischen Regierung zu streiten und die Ausübung ihrer souveränen Vorrechte zu kritisieren oder in Frage zu
stellen. Es gibt innerhalb des Bündnisses viel Konstruktives zu
leisten, und diesen positiven Dingen möchte ich mich vor allem zuwenden .

Die positiven Aufgaben des Bündnisses
Es gibt zwei Kategorien positiver Aufgaben: die eine ist in erster
Linie militärischer und die andere in erster Linie politischer Natur,
jedoch mit weitreichenden Auswirkungen auf die Sicherheit verknüpft.
In der ersten Zeit des Bündnisses begannen viele unserer europäischen Partner gerade damit, sich von den

Verheerungen des zweiten

Weltkrieges zu erholen, und unsere Gedanken wurden beherrscht von der
Notwendigkeit einer Abschreckung und Verteidigung gegen etwas, das uns
als unmittelbare Bedrohung erschien. Heute befinden wir uns in einer
wesentlich anderen Situation. Unsere europäischen Bündnispartner sind
wohlhabend und selbstbewußt geworden. Die Streitkräfte der NATO sind
sehr stark, wenn man die von unseren Verbündeten und uns selbst für

6

�für die Verteidigung Europas aufgewandten Gesamtausgaben oder die
Gesamttruppenstärke unserer Verbündeten und unserer eigenen Streitkräfte mit den Streitkräften und den Ausgaben eines beliebigen potentiellen Gegners oder einer Gruppe von Gegnern vergleicht.
Daher besteht das Hauptproblem nicht in der Gesamttruppenstärke
oder dem Gesamtaufwand an Mitteln für die Verteidigung. Obwohl
ich der Meinung bin, daß einige unserer europäischen Bündnispartner einen größeren Prozentsatz ihres Bruttosozialprodukts für die
Verteidigung aufwenden könnten und sollten, ist meiner Ansicht
nach das, was man das Managementproblem der gemeinsamen Verteidigung
nennen könnte, das Hauptproblem. Es bestehen wesentliche Unterschiede
in unseren jeweiligen Verteidigungsbeiträgen, in der Stärke unserer
Streitkräfte im Verhältnis zu den Bedrohungen und Planungen und in der
Aufteilung der Verteidigungslasten. In allzu vielen Fällen stehen
die Streitkräfte der verschiedenen Länder des Bündnisses, hinsichtlich Truppenstärke, Ausrüstung, Versorgung und räumlicher Gliederung
in einem unzulänglichen logischen Verhältnis zueinander. In allzu
vielen Fällen stehen die Planungen der Militärbehörden in einem
unrealistischen Verhältnis zu Schätzungen der ihnen tatsächlich zur
Verfügung stehenden Mittel und dem stark anzunehmenden Ausmaß der
Ernstfälle, vor die sie gestellt werden könnten.
Allzu oft spielten in der Vergangenheit die Regierungen der
einzelnen Staaten keine ausreichende direkte Rolle in der militärischen Planung des Bündnisses; und sie überließen die Hauptverantwortung bei der Schaffung einer starken und leistungsfähigen Streitmacht Militärstellen, die nicht die politische oder finanzielle Verantwortung trugen. Meiner Ansicht nach besteht bei den Regierungen
vor allem die Tendenz, manche planende und 'denkende' Funktion den
internationalen Befehlshabern der NATO zu überlassen und sich dann
nicht mehr darum zu kümmern. 'Integrierte' Befehlshaber und Stäbe,
die die Dinge von einem Gesamt-NATO-Gesichtspunkt betrachten und nicht
einem Einzelstaat, sondern der NATO als Ganzem verpflichtet sind,
sind natürlich wünschenswert und notwendig. Sie haben sicher ihre
Vorzüge. Aber als unentbehrliches Pendant dazu ist eine dauernde,
intensive Beteiligung ziviler und militärischer führender Vertreter

7

�Vertreter der Nationalregierungen an diesen entscheidend wichtigen
Planungen notwendig. Nur so können wir einen Realismus in unserer
Auffassung und eine energische Unterstützung bei der Durchführung
von NATO-Plänen und -Tätigkeiten durch die Regierungen der Mitgliedstaaten sicherstellen.
Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß im letzten
Jahr, oder in den letzten beiden Jahren, ein wesentlicher Wandel
im Geist und in der Substanz des alliierten Managements der Verteidigungsstreitkräfte eingetreten ist. Die Allianz hat damit
begonnen, eine wirkungsvolle Kräfteplanung aufzustellen, bei der
die Länder ihre Verteidigungsausgaben Jahre im voraus festsetzen
und diese Pläne im Rahmen einer gemeinsamen Konzeption der Allianz
auf die zu erwartenden Eventualfälle und auf die wirksamste Streitmacht abstimmen, die mit den vorhandenen Mitteln erworben und unterhalten werden kann. Viele der Unausgeglichenheiten von Land zu Land,
von Streitmacht zu Streitmacht und von Planung zu vorhandenen Mitteln
bleiben bestehen, aber wir haben ernsthaft damit begonnen, uns zusammenzusetzen und eine gemeinsame Konzeption für die Kräfteplanung
zu entwickeln.
Mir scheint, ein wesentlicher Faktor in diesen Bemühungen ist
die zunehmende Bereitschaft der Verteidigungsbehörden der verschiedenen Regierungen, in den militärischen Angelegenheiten des Bündnisses eine aktive Rolle zu übernehmen. Ohne diese Bereitwilligkeit
wäre kaum ein Fortschritt möglich, welche formellen Maßnahmen auch
immer getroffen würden. Die aktive Beteiligung meiner Kollegen an
den Verteidigungsangelegenheiten des Bündnisses haben mich sehr
ermutigt, und ich hoffe, daß diese Beteiligung in naher Zukunft stark
zunehmen wird. Vielleicht

trägt die gegenwärtige Diskussion über die

NATO als willkommener Nebeneffekt zu einem besseren Verständnis
dieser Notwendigkeit zwischen unseren Freunden innerhalb des Bündnisses bei.
Der zweite wesentliche Gesichtspunkt im Management der Verteidigung des Bündnisses ist das vieldiskutierte Problem der Kernwaffen
und der nuklearen Strategie. Auch hier haben mich die jüngsten

-

8

-

�jüngsten Ereignisse ermutigt. Jahrelang führten wir eine mehr oder
weniger abstrakte Debatte, wobei sich unsere Gespräche um generelle
dogmatische Begriffe drehten. Unsere Gespräche schienen weitgehend
auf der Annahme zu beruhen, daß es eine einzige doktrinäre Antwort
oder Lösung für bestimmte Probleme gebe, für die es in Wirklichkeit
vielleicht keine generelle Lösung gibt.
Wir nahmen 1962 die sogenannten 'Athener Richtlinien' an, die
einige generelle Richtlinien für Fälle aufstellten, in denen Kernwaffen angewandt werden könnten, sowie einige generelle Grundsätze
für die Konsultation über die Anwendung von Kernwaffen, aber diese
Grundsätze schienen sich ebenfalls nicht wesentlich auf die Diskussion auszuwirken.
Wir sind jetzt in eine Ära eingetreten, die ich für eine Periode
der größeren Reife in unserer Erörterung der strategischen und verteidigungspolitischen Angelegenheiten halte. Im November 1965 gründete
der Nordatlantikpakt einen besonderen, aus den Verteidigungsministern
von zehn NATO-Staaten bestehenden Ausschuß für die Prüfung der Möglichkeiten einer stärkeren Beteiligung und Konsultation. Seitdem hielten meine Kollegen und ich und unsere Vertreter in den verschiedenen
Arbeitsausschüssen eine Anzahl von Sitzungen ab, in deren Verlauf es
zu einer freimütigen, informellen Erörterung unserer jeweiligen Ansichten zu diesen Fragen kam.
Eine Arbeitsgruppe für Nachrichten- und Datenaustausch befaßte
sich eingehend mit Art und Umfang der Aufklärüngs- und Nachrichtendiensttätigkeit - dem Informationsminimum, wie wir es nennen - das
für eine Mitgliedsregierung für die Konsultation über den möglichen
Einsatz von Kernwaffen notwendig oder nützlich ist. Eine Arbeitsgruppe
für das Fernmeldewesen hat eine Reihe von alternativen Fernmeldesystemen erörtert, die es den Bündnispartnern in wesentlich größerem
Umfang ermöglichen würden, sich im Notfall gegenseitig zu informieren
und zu konsultieren. In der Arbeitsgruppe für nukleare Planung schließlich haben wir die strategische nukleare Kapazität der Allianz, ihre
taktischen Atomwaffen, die möglichen Umstände und Folgen ihres Einsatzes
sowie die organisatorischen Mittel und Wege

-

9

geprüft und erörtert, wie

�wie die Allianz ihre künftigen Erörterungen dieser Themen weiterführen sollte. Wir haben, und das ist das wichtigste, angefangen,
uns mit diesen Dingen pragmatisch, realistisch und detailliert zu
befassen. Ich bin überrascht gewesen, wie fruchtbar diese Erörterungen gewesen sind - und wieviel leichter die Verständigung in einer
kleinen Gruppe ausreichend bis ins einzelne vorbereiteter verantwortlicher nationaler Vertreter ist. Ich glaube, wir sollten diese
Arbeit fortsetzen, und wir sollten eine permanente Form finden, um
das Problem der nuklearen Planung und Konsultation in dieser pragmatischen, realistischen und detaillierten Form anzupacken.
Um nicht mißverstanden zu werden, möchte ich an dieser Stelle
betonen, daß meine Auffassungen über eine richtige Konsultation
über Kernwaffen in keiner Weise etwas mit der Diskussion über mögliche gemeinsame oder kollektive Nuklearstreitkräfte der Allianz
zu tun haben - also etwa mit der Debatte über 'Waffen' oder 'keine
Waffen'. Wenn sich unsere europäischen Verbündeten für irgend eine
kollektive Streitmacht entscheiden sollten, dann wären die Vereinigten Staaten bereit, sich daran zu beteiligen. Eine solche Streitmacht
müßte jedoch für die Europäer akzeptabel sein, die es am direktesten
angeht. Was ich hier hervorheben möchte ist, daß die nukleare Planung
und Konsultation, mit der wir uns gegenwärtig im Sonderausschuß und
in den Arbeitsgruppen befassen, eine Notwendigkeit ist und bleiben
wird - gleichgültig was aus irgendwelchen Vorschlägen für eine
kollektive Streitmacht werden wird.
Soviel zum Management der Verteidigungsprobleme der Allianz.
Ich möchte mich jetzt einer Frage zuwenden, die in meinen Augen die
wichtigste ist, die wir heute erörtern - nämlich der Zukunft des
atlantischen Bündnisses. Das führt uns direkt zu dem zentralen Merkmal der europäischen Sicherheitssituation - dem Deutschlandproblem.
Das Deutschlandproblem
Die Gründe für die Anwesenheit amerikanischer Streitkräfte in
Deutschland sind klar. Sie stehen dort auf Grund fundamentaler Erwägungen der amerikanischen Sicherheit, die ich bereits früher dargelegt
habe. Sie stehen dort, um zu der Abschreckungskraft und der militärischen

10

-

�militärischen Macht der Allianz beizutragen. Sie stehen dort auf
Grund der amerikanischen Verantwortlichkeit für eine endgültige
Beilegung der Folgen des zweiten Weltkrieges und auf Grund der
amerikanischen und alliierten Verantwortlichkeit für die Freiheit
Berlins. Sie stehen dort, weil unsere deutschen Freunde, unsere
anderen Verbündeten und wir selbst das amerikanische Interesse an
und die Verpflichtung gegenüber der europäischen Sicherheit und
Stabilität ganz klar herausstellen wollen. Sie stehen dort, weil
sie dort gewünscht werden.
Es ist sehr viel über die zahlenmäßige Stärke der amerikanischen Streitkräfte in Europa und die Auswirkungen unserer Verpflichtungen in Südostasien auf die amerikanischen Streitkräfte in Europa
geredet und spekuliert worden. Lassen Sie mich einfach und kategorisch
erklären, daß die Vereinigten Staaten in der Lage sind, ihre Kampfkraft in Europa aufrechtzuerhalten und daneben weiterhin wie geplant •
Truppen nach Südostasien zu entsenden.
Die amerikanische Armee in Europa hatte Ende des vergangenen
Jahres eine zahlenmäßige Stärke von etwa 225 000 Mann. Es ist bei einer
Streitmacht dieses Umfangs nicht ungewöhnlich, daß im Zuge routinemäßiger Ablösungen und Versetzungen zeitweise Schwankungen in der festgelegten Stärke bis zu 5000 Mann auftreten. In diesem Frühjahr tritt ein
zeitweiliger, etwas höherer Abzug ein, wobei im zweiten Halbjahr 1966
die Wiederherstellung der ursprünglichen Stärke geplant ist. Ich kann
nach bestem Wissen sagen, daß die zeitweilige Reduzierung der Mannschaftsstärke alles in allem etwa 15 000 betragen wird. Die Wiederauffüllung
mit neu ausgebildetem und qualifiziertem Ersatz beginnt jetzt in einem
Tempo, daß bis Dezember wieder der ursprüngliche Stand von 225 000 Mann
erreicht sein wird. Die Kampfkraft der amerikanischen Streitkräfte in
Europa wird durch diese geringen Schwankungen in den normalen Ersatzund Ablösungsquoten nicht wesentlich beeinträchtigt werden.
Es drängt in der Tat vieles auf eine Verringerung der Zahl dieser
Streitkräfte, - einer Zahl, die vor mehreren Jahren und unter anderen
Voraussetzungen festgesetzt wurde. Inzwischen sind unsere westeuropäischen Freunde wieder zu Wohlstand und Stärke gelangt und können
folglich auch wieder größere Streitkräfte ins Feld schicken als in der

11

�der Vergangenheit. Auch kann die fortgesetzte negative Auswirkung
auf unsere Zahlungsbilanz nicht übersehen werden, wenn wir mehr als
200 000 Mann in Deutschland unterhalten. Ein weiterer Gesichtspunkt
ist die sehne11wachsende Kapazität unserer Luftbrücken- und SeeTransporteinrichtungen innerhalb unseres Verteidigungssystems, die
eine Revision unserer traditionellen Auffassung über Zeit und Anstrengung, die notwendig sind, um größere Kampfeinheiten an verschiedenen Schauplätzen, die über den ganzen Erdball verstreut liegen, zum
Einsatz zu bringen, erforderlich: macht. Unsere potentiellen Gegner
sind sich heute der soliden Stärke des Bündnisses bewußt. All das
Drängen auf Reduzierung der gegenwärtigen Mannschaftsstärke der USStreitkräfte in Europa hat berechtigte Gründe. Sie müssen als eine
Angelegenheit, die sowohl die gemeinsame Verantwortung innerhalb
der Allianz als auch die Politik der Vereinigten Staaten betrifft,
ernsthaft erwogen werden. .Allerdings muß jede solche Forderung auch
auf die damit verbundenen Konsequenzen für die politische und militärische Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten
sorgfältig geprüft werden, und es sollte eindeutig klargestellt werden, daß die Vereinigten Staaten unter den gegenwärtigen Umständen nicht
die Absicht haben, ihre Kampfkraft in Europa zu verringern oder größere
Einheiten der siebten Armee abzuziehen.
Welches sind nun die gegenwärtigen Umstände, welches die Möglichkeiten, und welcher Art sind die Probleme, die wir darin sehen? Welche
Zukunft gibt es für die Allianz und wie könnte diese gestaltet sein?
Wie es seit etwa zwanzig Jahren der Fall war, so steht Deutschland
auch heute im Mittelpunkt der Überlegungen der Allianz und der Sicherheitserwägungen Europas im allgemeinen. Die Existenz der Allianz hat es
möglich gemacht, daß die Bundesrepublik Deutschland frei ist und weitgehend ist es auch das Verdienst der Allianz, daß die Bundesrepublik
heute wieder ein friedliches und harmonisches Verhältnis zu ihren
europäischen Nachbarn hat. Durch die Allianz konnte Deutschland einen
seinen Hilfsmitteln entsprechenden Beitrag zur Verteidigung des Westens
leisten. Es ist die Allianz, die - durch die Stationierung alliierter
Streitkräfte in Deutschland - die Kollektiwerteidigung Westeuropas
und die Manifestation der andauernden Verpflichtung der Alliierten, zu

12

-

�zu einer endgültigen Friedensregelung in Mitteleuropa und zur Wiedervereinigung Deutschlands selbst gleichzeitig möglich macht.
Die Allianz hat die Wunden, die zwei große Kriege dieses Jahrhunderts geschlagen haben, heilen helfen. Die enge Bindung deutscher
und französischer Offiziere wie auch deutscher Offiziere mit Offizieren anderer Länder in den Institutionen der Allianz, hat wesentlich
zur Wiederaussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland beigetragen.
Wir hoffen, daß diese Beziehungen bestehen bleiben, so weit dies unter
den veränderten Umständen nur irgend möglich ist.
Wir glauben, daß die Anwesenheit britischer Truppen in Deutschland
nicht nur eine militärische, sondern auch eine sehr wichtige politische
Funktion erfüllt. Unsere europäischen Partner, die Deutschen eingeschlossen, sehen in der weiteren britischen Beteiligung ah den kollektiven
Verteidigungseinrichtungen in Deutschland einen Eckpfeiler im Gesamtgefüge der Allianz.
Es ist jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, daß wir nicht einfach
auf dem Status quo verharren. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, daß
Europa in Bewegung geraten ist. Unsere europäischen Verbündeten sind dabei, eine Bestandsaufnahme der Situation in Europa vorzunehmen, um
herauszufinden, wie groß die Gefahr ist, die eine potentielle sowjetische
Aggression für sie bedeutet, in welchem Maße die NATO in ihrer gegenwärtigen Form der neuen Situation gerecht oder nicht gerecht wird, die durch
die überall in Europa In Fluß geratene Politik geschaffen wurde, und
welche Möglichkeiten für eine

Friedensregelung in Europa bestehen. Ich

meine, daß ihre Schlußfolgerungen sich von den unseren nicht sehr unterscheiden. Sie glauben wie wir, daß die Allianz notwendig ist, daß sie
aber weder ein Bremsklotz für den politischen Fortschritt auf dem Wege
zur Wiederaussöhnung ganz Kontinentaleuropas, noch ein Hindernis bei
der Überwindung der durch Europa verlaufenden Trennungslinie sein sollte.
Sie sind wie wir der Überzeugung, daß die integrierten Einrichtungen der
Allianz zur Stärkung des Bündnisses beitragen, daß sie aber nicht starr
sind, und auf keinen Fall der vollen Ausschöpfung nützlicher Kontakte
durch einzelne Länder oder Ländergruppen mit ihren östlichen Nachbarn
oder mit der Sowjetunion im Wege stehen sollten.

13

�Sie gehen davon aus, daß,auch wenn das Gleichgewicht der Kräfte
in der Welt wiederhergestellt ist, jede dauerhafte Regelung in Europa,
die allen europäischen Völkern Sicherheit und Freiheit bietet, unausweichlich eine direkte Beteiligung der Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion erfordert. Sie wissen wie wir, daß die deutsche Wiedervereinigung nicht durch Gewalt herbeigeführt werden kann und wohl
kaum über Nacht kommen wird. Wir sind aber alle überzeugt, daß sie
eines Tages kommen muß und wir die Pflicht haben, sie so rasch herbeizuführen, wie dies mit friedlichen Verfahren und mit der Selbstbestimmung des deutschen Volkes in beiden Teilen des geteilten Landes vereinbar ist. Wir glauben, wir sollten heute alle nur möglichen Schritte
tun, die uns heute diesem Ziele näherbringen, und morgen alle jene,
die sich dann anbieten werden.
Meiner Meinung nach herrscht unter den meisten Europäern Übereinstimmung darüber, daß diese wesentlichen Erwägungen der Maßstab
sein sollten, nach dem wir einzelne, kleinere Vorschläge beurteilen.
Die NATO kann eine wesentliche Rolle bei der sich anbahnenden politischen Entwicklung in Europa spielen. Sie kann den Rückhalt geben, durch
den ein politisches Sondieren möglich wird. Sie kann den Verbündeten
als Konsultationsform dienen, wenn es um die Kontaktaufnähme einzelner
Mitglieder mit osteuropäischen Ländern geht. Sie kann Forum für Abrüstungskonsultationen der NATO-Mitglieder sein; für Mitgliederkonsultationen, wenn es um Form und Inhalt von Vorschlägen für eine europäische
Friedensregelung geht, die gemeinsam von einer Reihe der meistbetroffenen Staaten ausgearbeitet und den übrigen europäischen Ländern und der
Sowjetunion unterbreitet werden; wenn es um Fortschritte in den großen
Zeitfragen und um die ernste Gefahr geht, die sich aus einer Weitergabe
der Atomwaffen ergibt. Sie entwickelt sich in der Tat rasch zu einem
Forum, in dessen Rahmen einige dieser großen Fragen mit uns und unseren
Verbündeten erörtert werden.
Die NATO ist also keineswegs nur ein militärisches Überbleibsel
aus einer anderen Zeit, ohne eine Chance für weiteres Wachstum und weitere Entwicklung, die den Wandlungen Europas und der Welt Rechnung tragen. Sie ist durchaus in der Lage, auf dem Gebiet der Sicherheit und im
Bereich der politischen Konsultation zu der Festigung der Bindungen,
die unsere Beziehungen in der atlantischen Gemeinschaft zusammenhalten,
ihren Teil beizutragen.

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XIX - 27

DIE DINGE BEIM NAMEN NENNEN

WASHINGTON - (AD) - Wortlaut einer Erklärung,
die der Stellvertretende Außenminister der
Vereinigten Staaten, Staatssekretär Georg W.
Ball, am 30. Juni 1966 im Rahmen der Hearings
über die amerikanische NATO-Politik vor dem
Außenpolitischen Ausschuß des Senats abgegeben
hat.

�DIE DINGE BEIM NAMEN NENNEN

Dieser Ausschuß erweist der Nation mit dieser sehr tiefgehenden
Untersuchung einen ausgezeichneten Dienst, ist doch keine Frage für
den Frieden der Welt wichtiger als die der Beziehungen der europäischen
Staaten untereinander und die der Beziehungen Europas zu Amerika.
Die Geschichte bezeugt: Sämtliche weltweiten Kriege der letzten
drei Jahrhunderte hatten ihren Ursprung in den handelspolitischen
Rivalitäten und im Machtehrgeiz europäischer Staaten. Die Gefahr ist
heute eher größer als geringer, da jede ernsthafte Störung in Westeuropa einen frontalen Zusammenstoß zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion auszulösen droht. Und dabei leben wir in einem
Kernzeitalter.
Doch ebenso groß wie die Gefahr, sind in Europa auch die Chancen
zu konstruktivem Handeln. Westeuropa und Nordamerika zusammen sind die
Werkstatt der Welt. Auf sie entfallen 90 Prozent der Industriekapazität
der freien Welt, und sie verfügen über ein unermeßliches Reservoir an
Kapital, technischem Wissen und geschulten Arbeitskräften.
Das sind Aktiva von unschätzbarem Wert. Sie bilden die Basis für
Fortschritt und Sicherheit, nicht nur für die atlantischen Staaten,
sondern auch für Männer und Frauen, die in den weiten Entwicklungsgebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas leben.
Es liegt deshalb entschieden auch in unserem Interesse, wenn sich
Westeuropa so organisiert, daß es diese Aktiva darauf verwendet, den
i Frieden zu gewährleisten und den Zielsetzungen unserer gemeinsamen
Kultur zu dienen.
Wir sollten nicht zögern, die Dinge beim Namen zu nennen. Wir
haben sowohl das Recht als auch die Pflicht, eine klare Haltung zur
Frage des inneren Aufbaus Europas einzunehmen und diese klar auszusprechen. Wir haben uns dieses Recht verdient. Denn zweimal innerhalb
der Lebensspanne vieler unter uns wurden die Vereinigten Staaten

1

�Vereinigten Staaten aufgerufen, Europa vor der Aggression zu retten,
und auch heute schützt unsere militärische Macht Europa vor neuen
Gefahren.
Sicherlich haben sich die Verhältnisse seit der ersten Nachkriegszeit geändert. Die Völker Europas konnten den Wiederaufbau
vollenden und erfreuen sich einer Prosperität, wie sie sie nie zuvor
gekannt haben. Die Europäer leben nicht mehr länger in der beständigen
Furcht vor einem sowjetischen Angriff. Und auch die kommunistische
Welt hat sich verändert: sie hat ihren monolithischen Charakter eingebüßt, sie ist gespalten und gebunden durch den Streit zwischen Moskau
und Peking und das Schwinden der sowjetischen Autorität in Osteuropa.
All dies scheint geeignet, die Konturen der Konfrontation zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu verwischen und die
bipolare Gesamtstruktur der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzulösen.
Diese Entwicklungen üben als Ganzes einen starken Einfluß auf das
Denken der Menschen aus. Mit zunehmendem Wohlstand fühlen sich die
westeuropäischen Völker nicht mehr so stark von den Vereinigten Staaten
abhängig, und sie streben deshalb ganz natürlich danach, in dieser im
Wandel befindlichen Welt eine aktivere und auf das neue Selbstvertrauen
gestützte Rolle zu spielen.
Das ist alles gut und richtig. Diese Dinge sind sämtliche auf der
Habenseite der Freiheit und - wenn wir und unsere europäischen Freunde
uns klug verhalten - auch des Friedens zu verbuchen. Sie sind zum
großen Teil Ergebnis der erfolgreichen Politik, die wir während der
letzten beiden Jahrzehnte gemeinsam verfolgten; sie sind den gemeinsamen von uns errichteten Institutionen zu verdanken. Doch weder Politik
noch Institutionen sind unveränderlich, und es ist durchaus an der
Ordnung, daß wir uns - wie unsere Alliierten - ernsthafte Gedanken
über die sich wandelnden Realitäten und darüber machen, welchen Weg
wir gehen wollen und wie wir unser Ziel am besten erreichen.
Zwei Fragen vor allem erfordern unsere Aufmerksamkeit:
Laufen die Interessen der Vereinigten Staaten und Westeuropas nach
wie vor von Grund auf parallel?
Und

-

2

-

�Und wenn ja, wie können wir diese Interessen verfolgen?
Die Antwort auf die erste Frage scheint mir ganz klar. Wir und
unsere europäischen Verbündeten sitzen in dem selben Boot und werden
miteinander darin fahren oder untergehen.
Die Sicherheit der Vereinigten Staaten hängt von der Sicherheit
Westeuropas ab, und die westeuropäischen Länder zählen, was ihre
Sicherheit angeht, nach wie vor auf,uns. Die Worte des Nordatlantikpaktes haben heute wie einst Gültigkeit: "Ein Angriff auf einen ist
ein Angriff auf alle11.
Auch der wirtschaftliche Wohlstand ist unteilbar. Die Prosperität
hängt auf beiden Seiten des Atlantiks davon ab, was im atlantischen
Raum als Ganzem vorgeht.
Wir haben große Aufgaben, die wir gemeinsam erfüllen müssen.
Die schwierigste davon ist, die aus dem zweiten Weltkrieg herrührenden hartnäckigen Probleme zu lösen - die Streitfrage zwischen Ost
und West. Ohne eine gemeinsame Zielstrebigkeit und ohne gemeinsames
Handeln werden wir kaum Fortschritte auf dem Wege zu ihrer Lösung
erzielen.
Unsere gemeinsame Verantwortung geht weit über unsere Landesgrenzen hinaus, haben die atlantischen Staaten doch auch die gemeinsame
Pflicht, den Völkern in den Entwicklungsgebieten zu Frieden und Fortschritt zu verhelfen.
Auf Grund dieser Überlegungen ist die erste Frage mit einem Ja
zu beantworten. Die Veränderungen der jüngsten Zeit haben unsere gemeinsamen Interessen nicht verringert, sondern vermehrt. Wie können wir
im Lichte dieser Veränderungen diesen Interessen nicht nur heute,
sondern auch in Zukunft am besten dienen?
Die Antwort scheint mir zu lauten, daß wir uns zunächst einmal
eine klare Vorstellung von den Beziehungen der atlantischen Staaten untereinander bilden und dann an ihr festhalten müssen. Nur auf diese Art
und Weise können wir ein Gebäude errichten, das Bestand hat. Und was die
groben Umrisse dieses Gebäudes angeht, sollten wir uns von den geschichtlichen Erfahrungen und dem gesunden Menschenverstand leiten lassen.
Die

3

-

�Die erste Lektion der Geschichte ist klar: Die Welt sollte niemals
wieder unter der Gefahr leben müssen, die ein Europa darstellt, in dem
jeder einzelne Nationalstaat seine eigenen Interessen auf Kosten seiner
Nachbarn durchzusetzen oder mit Hilfe einer Politik der Koalitionsbildung oder des Gleichgewichts der Kxtflt:e ein Obergewicht über sie zu erreichen
sucht. Drei Jahrhunderte hindurch gebar dieses System einen blutigen
und sinnlosen Krieg nach dem anderen. Zu einem Europa von 1914 oder 1939
zurückzukehren, wäre eine geradezu unglaubliche Torheit.
Unsere europäischen Freunde haben dies klar erkannt. Eine der hoffnungsvollsten Entwicklungen der Nachkriegszeit war ihr Entschluß, die
Einigkeit an die Stelle nationaler Rivalität zu setzen und diesbezüglich
ein für allemal »it der Vergangenheit zu brechen.
Sie haben diesen Entschluß durch Handlungen bekräftigt. Durch den
Vertrag von Rom schufen sechs europäische Staaten gemeinsame Institutionen,
die sich gemeinsamer Grundsätze und Praktiken zur Erreichung gemeinsamer
wirtschaftlicher Ziele bedienen. In wenigen Jahren konnte die europäische
Wirtschaftsgemeinschaft bemerkenswerte Fortschritte in Richtung auf die
Integration der Volkswirtschaften der Mitgliedstaaten machen. Die EWG hat
dazu beigetragen, ein prosperierendes Europa zu schaffen und den Lebensstandard der europäischen Völker auf einen nie zuvor gekannten hohen Stand
zu bringen, und die so erreichte Prosperität trug ihrerseits wieder zur
Wohlfahrt der gesamten atlantischen Welt bei.
Der Aufbau eines stabilen Europas aber erfordert mehr als die wirtschaftliche Integration. Er kann nur durch Fortschritte auf dem Weg zur
politischen Einheit verwirklicht werden. Solange sich die westeuropäischen
Völker nicht auf der Basis der Gleichheit unter gemeinsamen Gesetzen und
Institutionen zusammenfinden, besteht keine Gewähr, daß die nationalistischen Auseinandersetzungen der Vergangenheit für alle Zeit aufgehört
haben.
Heute blockieren natürlich ernste Hindernisse den Weg zur politischen
Einigung in Europa. Bei einem so schwierigen Unterfangen aber wie diesem
wäre es ein ernster Fehler, die Zukunft an Hand des Tagesgeschehens beurteilen zu wollen, gehorcht die politische Einigung doch einer Logik, die

- 4-

�die auf die Dauer zwingend ist. In Westeuropa leben über eine Viertelmilliarde Menschen, die zu den höchstgebildeten, bestgeschulten und
tüchtigsten Bewohnern dieser Erde zählen. Europäer spielten seit altersher In der Weltpolitik eine wichtige Rolle. Heute aber sehen sie sich
vor die harte Tatsache gestellt, daß sie eine solche Rolle trotz ihrer
geistigen Fähigkeiten und materiellen Hilfsquellen nicht spielen können,
es sei denn, sie richten ihr gesamtes Sein auf die Notwendigkeiten des
modernen Zeitalters aus.
Die Welt der Nachkriegszeit wurde schließlich von einer neuen und
entscheidenden Realität bestimmt: dem Übergewicht zweier Nationen, der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Beide Länder umfassen einen
ganzen Kontinent, und jedes von ihnen verfügt über mindestens ebenso
große wenn nicht größere Menschen- und Materialreserven als alle westeuropäischen Länder zusammen. Das Aufkommen zweier solcher Mächte spiegelt die Erfordernisse und Auswirkungen eines technisierten Zeitalters
wider, und veränderte das gesamte Gefüge der Weltpolitik. Europäische
Nationen, die noch vor einem Viertel Jahrhundert im Mittelpunkt der weltpolitischen Bühne standen, finden sich nun plötzlich in die Nebenrolle
von Staaten mit nur noch begrenzten Möglichkeiten zur Beeinflussung des
Laufs der Dinge in der Welt gedrängt.
Ich bezweifle, daß sich die Völker Europas lange damit zufrieden
geben werden, bei den wichtigen politischen Vorgängen mehr oder weniger
beiseite zu stehen. Solange aber Europa seine heutige, innere Form beibehält, wird seine Beteiligung nur begrenzt sein können. Wenn die Europäer
jedoch die ihnen aufgrund ihres Wirtschaftspotentials und ihrer Fähigkeiten zustehende Rolle spielen wollen, ist ihnen der Weg klar vorgezeichnet:
sie müssen sich eine politische Basis schaffen, die den Erfordernissen der
modernen Welt angemessen ist.
Die Frage der Größenordnung ist für unsere transatlantische Partnerschaft von großer Bedeutung. In den letzten Jahren wurde verschiedentlich
der Gedanke geäußert, ob es nicht besser wäre, das Ziel der Einheit Europas
gänzlich aufzugeben und stattdessen zu versuchen, auf direktem Wege die

- 5 -

�die Schaffung eines atlantischen politischen Gebildes anzustreben. Dieser
Vorschlag scheint mir auf eine falsche Alternative hinauszulaufen, dif&gt;
Wahl zwischen Schritten zur Einigung Europas und der Schaffung einer
engeren Partnerschaft zwischen den Ländern diesseits und jenseits des
Atlantik.. Zwischen diesen beiden Ideen besteht kein Widerspruch, sie
gehen vielmehr Hand in Hand. Ein gesundes Verhältnis zwischen Europa und
Amerika kann nur dann entstehen, wenn das Gleichheitsprinzip auf der
soliden Grundlage des effektiven Kräfteverhältnisses beruht.
Denn solange die Diskrepanz hinsichtlich der Größe und des Umfangs
der Hilfsquellen zwischen Amerika und den getrennt handelnden Ländern
Europas fortbesteht, muß jedes atlantische Bündnis unbefriedigend bleiben.
Manche Europäer sind wegen des, wie sie es nennen, ungebührlichen Übergewichts Amerikas in den gemeinsamen Beratungsgremien besorgt; und manche
europäische Industrielle fürchten sich vor der erdrückenden Macht amerikanischer Unternehmungen.
Aber selbst unter den gegenwärtigen Verhältnissen läßt sich etwas tun,
um diese Befürchtungen zu zerstreuen. So könnte unsere Regierung größere
Anstrengungen unternehmen, die Konsultation zu intensivieren - auch wenn
unsere diesbezüglichen Versuche bisher kein großes Echo gefunden haben.
Auf die Dauer können die Vereinigten Staaten die Gleichheit zwischen Westeuropa und Amerika weder als ein Geschenk vergeben noch dadurch schaffen,
daß sie einseitige Handlungen vermeiden. Die Ungleichheit resultiert aus
der Tatsache, daß wir Amerikaner uns eines einheitlichen Komplexes von
Institutionen bedienen und somit alle Hilfsquellen unseres Kontinents auf
ein einziges Ziel ausrichten können, während die Europäer nicht dazu in
der Lage sind. Denn noch ist Europa nicht so organisiert, daß es, wie
Präsident Kennedy es ausdrückte, "eine gemeinsame Sprache spricht und mit
einem gemeinsamen Willen handelt"".
Die Bemühungen um die Schaffung der Grundlagen für eine atlantische
Partnerschaft können - und brauchen - natürlich nicht bis zum Zeitpunkt
des Entstehens eines vereinten Europa hinausgeschoben werden. Es gibt
schon jetzt vieles, was wir tun können und tun sollten. Seit einigen Jahren
sind die atlantischen Staaten innerhalb der OECD und der NATO darum bemüht,

- 6 -

�bemüht, ihre Einrichtungen für ein gemeinsames Handeln auf dem Verteidigungssektor sowie in der Wirtschafts- und Außenpolitik zu verbessern,
und wir sollten mit dieser Arbeit fortfahren.
Aber wir sollten uns hinsichtlich der Grenzen eines möglichen Fortschritts keinen Illusionen hingeben. Solange Europa nicht vereinigt ist,
bleibt das wesentliche Ziel der Gleichheit mehr Formalität als Realität.
Die Einheit Europas und die atlantische Partnerschaft bedeuten mehr
als nur Stabilität des Westens. Sie sind unentbehrlich für eine endgültige Regelung der großen, offenen Fragen, der Hinterlassenschaft des
Krieges. Dieser Punkt kann nicht stark genug hervorgehoben werden. Eine
dauerhafte Ost-West-Regelung läßt sich weder durch eine fortgesetzte
Zersplitterung Europas noch durch die Auflösung der institutionellen
Bindungen erreichen, die den Westen einen, sondern nur dadurch, daß die
Westmächte ausgehend von ihrer Einigkeit eine Situation herbeiführen,
die eine Lösung ermöglicht.
Vorbedingung für eine solche Regelung ist ganz offenkundig eine
Änderung der Haltung der sowjetischen Regierung. Soweit Veränderungen
dieser Art bereits eingetreten sind, waren sie nie die Folge unabhängiger
Handlungen einzelner westlicher Staaten. Sie resultierten teilweise aus
Verlagerungen und Bewegungen innerhalb des Sowjetsystems. Sie resultierten,
und das ist mindestens ebenso wichtig, aber auch aus der Tatsache, daß die
Westmächte gemeinsam Situationen schufen, denen sich die Sowjetunion anpassen mußte. Gemeinsame Aktionen des Westens haben die Expansionsbestrebungen der Sowjets gedämpft.
Stabilität und Wohlstand, die der wirtschaftlichen Integration Westeuropas folgten, weckten in Osteuropa neue Aspirationen Und regten zu neuen
Gedanken an. Durch Sublimieren nationalistischer Ambitionen hat die Einigkeit des Westens traditionelle Befürchtungen der osteuropäischen Völker
vermindert. Kurz, die Einheit des Westens steht ernsthaften Bemühungen um
eine Ost-West^Regelung nicht entgegen, sondern eröffnet vielmehr den einzig möglichen Weg zu diesem Ziel.
Wir sollten natürlich eine Lösung nicht um ihrer selbst willen anstreben. Wir müssen vielmehr eine Regelung erreichen, die die Voraus-

- 7 -

�Voraussetzung für die Gewährleistung der Stabilität und eines dauerhaften Friedens in ganz Europa schafft - eine Regelung, die Bestand hat.
Das bedeutet, daß sie frei von inhärenten Belastungen und Spannungen sein
muß. Die Hauptbedingung für eine solche Regelung ist, daß sie allen gegenüber fair sein muß. Sie muß auf demselben grundlegenden Prinzip beruhen, das auch für gute dauerhafte Beziehungen innerhalb des Westens
unabdingbar ist: dem Prinzip der Gleichheit.
Das ist die Kernfrage. Keine sichere europäische Regelung kann das
deutsche Volk geteilt lassen. Ebensowenig darf eine endgültige Regelung
das deutsche Volk andauernder Diskriminierung aussetzen. Das hat man
schon einmal versucht und zwar, wie wir wissen, vergeblich. Wir müssen
eine bessere Lösung anstreben und keine Improvisationen, die zwangsläufig einen labilen Zustand schaffen.
Der Westen muß sich bei seinen Bemühungen um eine dauerhafte Regelung von dem Gefühl der Sicherheit und Einigkeit leiten lassen, um den
Prozeß in Gang zu bringen, der die Beendigung der Teilung Europas zu
bewerkstelligen vermag.
Wir spielen bei diesen Bemühungen eine konstruktive Rolle. Wir
wollen Bedingungen schaffen, die eine Wiedervereinigung Europas ermöglichen, ohne daß die Vereinigten Staaten oder die Sowjetunion in diesem
Glücksfall eine Bedrohung für sich selbst sehen.
Darum verfolgen die Vereinigten Staaten gegenüber den Staaten Osteuropas und der Sowjetunion eine Politik friedlicher und enger Beziehungen. Wir versuchen weder die Regierungen dieser Länder zu stürzen
noch sie in Gegensatz zur Sowjetunion zu bringen oder sie gegeneinander
auszuspielen. Niemand würde davon profitieren, wollte man Osteuropa wieder balkanisieren. Wir wollen Brücken nach dem Osten schlagen, damit
die Sowjetunion und die osteuropäischen Staaten zu erkennen beginnen,
daß die Bemühungen zur Beendigung der Teilung Europas und Deutschlands
auch in ihrem eigenen Interesse liegen.
Wir alle - Amerikaner, Russen, Europäer - können aus einem Näherrücken Nutzen ziehen. Auf diese Weise können wir das Risiko eines
Krieges reduzieren, das bittere Vermächtnis nationaler Konflikte auf

- 8-

�auf ein Mindestmaß beschränken und die greifbaren Erfolge wirtschaftlicher Zusammenarbeit vermehren, damit die materiellen Güter und die
Fähigkeiten, die Europa, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
in so reicher Fülle besitzen, fortan der Sache der Menschheit dienen.
Was wir also für Europa anstreben,ist nach unserer festen Überzeugung
das, was auch die meisten Europäer wünschen. Deshalb bleibt Amerika
so wichtig für die Zukunft Europas.
Ein solcher Friede und eine solche Stabilität lassen sich in Europa
nicht durch irgendwelche plötzlichen oder dramatischen Gesten erreichen.
Die Schwierigkeiten sind vielfältig und die Hindernisse groß. Der Weg
zur schließlichen Beendigung der Teilung Europas und Deutschlands Ist
noch lang. Aber ein erster Schritt ist getan.
Es bestehen bereits zahlreiche Kontakte zwischen Ost und West.
Diese Kontakte müssen erweitert werden. Deshalb hat der Präsident den
Kongreß um die Vollmacht ersucht, die Meistbegünstigungsklausel auch auf
die osteuropäischen Staaten auszudehnen. Es müssen ferner die kulturellen
Kontakte verstärkt werden, und es scheint mir hier die Feststellung angebracht, daß es amerikanische Stiftungen waren, die die erste größere
Initiative zur Entwicklung eines solchen Kulturaustausches zwischen Ost
und West ergriffen haben.
Wichtig ist auch, die multilateralen Bindungen zu erweitern. Die
bestehenden multilateralen Institutionen wie die OECD, können auf die
sich hier abzeichnenden Möglichkeiten eingehen - und sie werden dies
zweifellos auch tun.
Wenn wir auf diese Weise dazu beitragen können, die vorhandenen
Unterschiede im Lebensstandard der europäischen Länder zu verringern, die
Ost-West-Verbindungen zu entwickeln und den Handel zu erleichtern, dann
können wir einige der Voraussetzungen für die Lösung grundlegender politischer und Sicherheitsfragen schaffen. Die Vereinigten Staaten sind
bereit, sich an diesem Bemühen zu beteiligen, denn nach unserer Ansicht
stellt es ein ernsthaftes und konstruktives Mittel dar, um auf die Beendigung der Teilung Europas hinzuarbeiten.
Genau

- 9-

�Genau wie der Friede und die Stabilität in Westeuropa durch die
Aussöhnung zwischen den Deutschen und ihren westlichen Nachbarn gefördert wurden, so liegt unserer Überzeugung nach auch im Osten eine Aussöhnung zwischen dem deutschen

Volk und insbesondere den Polen, den

Tschechen und den Russen im Interesse aller. Die Bundesrepublik
Deutschland bekräftigte vor kurzem ihren Wunsch nach Herstellung
freundschaftlicher Beziehungen zum Osten, und die Vereinigten Staaten
werden tun, was in Ihrer Macht steht, diese wünschenswerten Bestrebungen zu unterstützen. Das Beharren in altem Haß - so wahr und bitter
seine Ursachen auch sein mögen - liegt nicht im Interesse Europas und
bedeutet in unserem Atomzeitalter für uns alle eine Gefahr;
Dies also sind die Grundprinzipien, die unsere Politik bestimmen.
Die veränderten Bedingungen beeinträchtigen ihre grundsätzliche Gültigkeit nicht. Dies besagt jedoch nicht, daß es sich erübrigt, ihre Anwendung im Lichte der veränderten Umstände neu zu überprüfen oder daß
alle seit dem Kriege geschaffenen institutionellen Arrangements vollkommen sind und keiner Korrektur bedürfen.
Gewiß werden aufgrund der jüngsten Schritte der französischen Regierung einige Korrekturen im Aufbau der Nordatlantikpaktorganisation notwendig werden. Die Allianz konnte diesen Schritten jedoch begegnen und
ihren Kurs mit bemerkenswerter Festigkeit halten.
Unsere erste gemeinsame Aufgabe war es, für eine massive Verteidigung und wirkungsvolle Abschreckung zu sorgen. Wir haben kürzlich auf
der Tagung in Brüssel gute Fortschritte in dieser Richtung erzielen können. Die vierzehn NATO-Partner Frankreichs einigten sich darauf, das
militärische Hauptquartier der NATO zu verlegen und werden voraussichtlich in einigen Monaten auch über die Verlegung des Nordatlantikrates
entscheiden. Sie schufen ferner die Grundlagen für Verhandlungen mit
Frankreich bezüglich der französischen Streitkräfte in Deutschland.
Verteidigung und Abschreckung sind indessen nicht die einzigen
Zielsetzungen der NATO. Sie muß auch jene Einigkeit in den Zielsetzungen
schaffen, die eine dauerhafte Ost-West-Regelung zu erleichtern vermag.

Damit

- 10 -

�Damit will ich natürlich nicht sagen, wir sollten in der NATO
ein Instrument für Verhandlungen sehen. Sie kann aber dazu dienen,
daß Verhandlungen einzelner westlicher Staaten mit dem Osten einem
gemeinsamen Ziele dienen und nicht Gegenstand eines Wettstreits um
nationale Vorteile werden. Nur auf dieser Basis haben wir Aussicht
auf Erfolgs
Ich habe versucht, Ihnen in dieser kurzen Erklärung die wesentlichen Elemente der Europapolitik der Vereinigten Staaten darzulegen.
Es handelt sich vornehmlich um die folgenden:
Erstens, die Staaten Westeuropas zu ermutigen, ihre alten nationalen Rivalitäten bei der Schaffung einer neuen, auf dem Prinzip der
Gleichberechtigung beruhenden politischen Einheit hintanzusetzen;
zweitens, gleichzeitig am Aufbau der institutionellen Arrangements weiter zu arbeiten, die zu einer wirksameren Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und einem nach Einheit strebenden Europa
führen können; und
drittens, weiterhin alles zu tun, was in ihren Kräften steht, um
die Voraussetzungen zu schaffen, die eine sichere und dauerhafte Regelung der Frage der Teilung Europas möglich machen.
Diese Prinzipien bilden den weitgespannten Rahmen der amerikanischen Politik. Offensichtlich kann keine dieser Aufgaben von den Vereinigten Staaten allein bewältigt werden. Amerikanische Bemühungen
allein können die Einigung Europas nicht herbeiführen - dies ist in
erster Linie Sache der Europäer. Wir können für uns allein kein wirksames Verhältnis zu den westeuropäischen Völkern herstellen, gehört
doch mehr als einer dazu, eine Partnerschaft zu bilden.
Schließlich können wir allein für. uns auch die grundsätzliche
Frage der Teilung Europas nicht lösen. Dies wird nur möglich sein,
sobald Bedingungen geschaffen sind, die die Sowjetunion zu den hierzu
notwendigen Entscheidungen veranlassen können.
Aber eines können wir: durch treues Festhalten an diesen Prinzipien
ihre Preisgabe verhindern und ihre Verwirklichung fördern. Wir stehen
nicht allein. Der gesunde Menschenverstand, die Logik, die Lehren der
Geschichte und der Wunsch der Völker, ihr Teil zur Befriedung der Welt
beizutragen, stehen uns bei.
Dies, Herr Vorsitzender, sind starke Bataillone an unserer S&amp;ita.

+ ++++
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11 -

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XIX - 31

VERHANDLUNGEN SIND KEIN EINGESTÄNDNIS DES VERSAGENS

WASHINGTON - (AD) - Wortlaut einer Ansprache,
die der amerikanische Präsident Lyndon B.
Johnson am 26. August 1966 vor der Universität
Denver anläßlich der Überreichung der Ehrendoktorwürde und der Grundsteinlegung zum Bau
eines neuen Raumfahrtinstituts gehalten hat.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen
den vollen Text dieser Ansprache zur Kenntnisnahme und eventuellen Veröffentlichung im
Wortlaut oder in Auszügen.

�VERHANDLUNGEN SIND KEIN EINGESTÄNDNIS DES VERSAGENS

In den nahezu drei Jahren, die ich nunmehr Präsident bin, habe ich
bei zahlreichen Anlässen über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten
gesprochen. Ich hoffe natürlich, daß meine Mitbürger diese Reden gelesen
haben und ihrer eingedenk sind. Als ehemaliger Schullehrer aber weiß ich,
daß selbst große Literatur nicht immer weltweiten Beifall findet. Mein
Optimismus ist demnach nicht allzu groß.
Die Vereinigten Staaten sind, wie wir uns selbst oft gerne ins Gedächtnis zurückrufen, eine starke und wichtige Kraft in der Welt. Unser
Umgang mit anderen Staaten ist für uns von großer Bedeutung, er hat tiefgreifende und wichtige Rückwirkungen auf das Leben von Menschen in anderen Ländern, und er drückt der größten aller Aufgaben des Menschen in
unserer Zeit - dem Streben nach Frieden - seinen Stempel auf.
Der Begriff Demokratie bleibt bedeutungslos, wenn die führenden
Staatsmänner das Verständnis für die ihnen gestellten Aufgaben nicht
auch in dem Volk zu wecken vermögen, dem sie dienen. Nur dann kann ein
Volk richtig reagieren - sei es in Form einer wohlinformierten Unterstützung oder Opposition.
Ich möchte heute nicht auf einzelne Länder, einzelne Bereiche unserer Politik oder besondere Probleme von Konflikten oder Verhandlungen eingehen, die gegenwärtig unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Ich werde
statt dessen einige der Regeln und Grundsätze herausstellen, die nach meinem Dafürhalten als Präsident für die Führung unserer Außenpolitik maßgebend sein sollen. Das wird uns, wie ich hoffe, besser verstehen lehren,
wie wir auf die endlöse Folge von Problemen reagieren und reagieren sollten, die aus allen sechs Kontinenten und über sämtliche Meere hinweg auf
Washington zukommen.
Die

- 1 -

�Die dominierende Regel, die ich hier erneut bekräftigen möchte,
besagt, daß unsere Außenpolitik die Fortführung unserer Innenpolitik
sein muß. Die sicherste Richtlinie für unser Handeln gegenüber dem Ausland ist immer das, was wir im eigenen Lande tun.
Die großen schöpferischen Perioden der amerikanischen Außenpolitik
waren die Zeiten großer Leistungen im eigenen Lande. Lincoln, Wilson und
Franklin Roosevelt, um nur drei zu nennen, projizierten ihre Vorstellungen von dem, was Anlaß zur Besorgnis gab wie auch von dem, was zu leisten
sei, auf die gesamte Welt. Ich mißtraue jedem außenpolitischen Experten,
wie wohlinformiert er auch sein mag, wenn er über die Politik der Vereinigten Staaten nicht Bescheid weiß.
Der Grund hierfür ist ganz einfach. Die Politik ist das Mittel, mit
dem Menschen ihren Hoffnungen und Aspirationen kollektiven Ausdruck verleihen. Können wir annehmen, daß sich die der Amerikaner grundlegend von
denen der Angehörigen der Länder unterscheiden, aus denen unsere Vorväter
kamen? Doch sicher nicht. Und wir würden das Vertrauen und die Achtung
anderer Nationen verlieren, wollten wir von der Annahme ausgehen, was für
Amerikaner notwendig sei, wäre zu gut für andere Völker.
Die Regel besagt, um es noch einmal zu wiederholen: eine gesunde
Außenpolitik ist im wesentlichen der verlängerte Arm dessen, was wir zu
Hause tun und erstreben. Lassen Sie mich hierzu einige konkrete Beispiele
anführen.
Ich denke zunächst an die Probleme, die wir in den letzten Jahren in
unseren Städten hatten. Wir können uns nicht mit Gewalt abfinden, und wir
halten diejenigen, die zur Gewalt aufstacheln, nicht für harmlos. Wir
wissen um Menschen, die aus der Not anderer Kapital schlagen wollen und
bestrebt sind, Aufruhr und Protest in eigenen Gewinn umzumünzen. Ih.ien
liegen weder die Interessen unserer Armen noch die Interessen unseres Staates am Herzen, denn sie wollen zerstören und nicht aufbauen.
Wenn es aber zu Gewaltakten kommt, dann ist unsere erste, instinktive
Reaktion zu fragen: "Warum? Was ist die Ursache? Und was können wir tun?"
Wir suchen nach den tieferen Ursachen, die Unmut und Spannung nähren. Wir

- 2 -

�Wir suchen nach den Ursachen der Not und unwürdiger Zustände, wir suchen
nach den Spuren der Unterdrückung und Vernachlässigung vergangener Zeiten.
Das gleiche gilt für alle anderen Länder. Wenn wir klug sind, so
sehen wir nicht in jedem Aufstand gegen die herrschende Autorität die Hand
eines Schurken. Dort, wie auch zu Hause, ist es der gesunde amerikanische
Instinkt, der uns fragen heißt, ob nicht Unterdrückung, Not und Vernachlässigung die tieferen Ursachen sind.
Es kam mir schon manchmal der Gedanke, ob ein Marsmensch, den man
etwa im Zuge eines der größeren Raumforschungsprojekte der Johnson Ära
hierher brächte, nicht zutiefst beeindruckt sein müßte von der Tatsache,
daß die Völker auf diesem Planeten verschiedene Sprachen sprechen, verschiedener Hautfarbe sind und sogar dem ersten Anschein nach unter verschiedenen politischen Systemen leben.
Er würde feststellen, daß es hier ein Gebiet vergleichsweisen wirtschaftlichen Wohlstandes gibt, das sich über den nördlichen Teil dieser
Hemisphäre, ganz Europa und tief hinein in die Sowjetunion erstreckt. Dort
haben die meisten Menschen zumindest genug zu essen, genug anzuziehen,
Schulen, die sie unterrichten, Ärzte, die sie betreuen und warme Wohnungen,
die sie schützen.
Und unser Besucher vom Mars würde ferner feststellen, daß dieses Gebiet im allgemeinen, und von Wahljahren in den Vereinigten Staaten abgesehen, eine Zone politischer Ruhe ist. Die Regierungen sind fest etabliert,
es gibt kaum Revolutionen. Und selbst die Kriege zwischen den Staaten - es
herrscht ja kein völliger Friede - wurden in den letzten zwanzig Jahren
größtenteils in Worten geführt, wie ihm nicht entgehen würde. Worte können
verwunden, aber als ein Veteran im Senat der Vereinigten Staaten mit zwölfjähriger Erfahrung.könnte ich ihm ohne weiteres bestätigen, daß sie nicht
töten.
Unserem Touristen würde aber auch bald auffallen, daß es noch einen
anderen Teil der Welt gibt, wo die Regierungen von Unsicherheit bedroht
sind, wo Menschen auf der Straße demonstrieren, wo Guerillas in den
Dschungeln lauern, wo Armeen einander über unsichere Grenzen hinweg arg-

- 3-

�argwöhnisch beobachten und verschiedentlich sogar das Feuer aufeinander
eröffnen, und wo Bauern ohne Land oder Menschen ohne Arbeit sich häufig
in Protest erheben.
Und dieser Teil der Welt, das würde unserm Marsreisenden klar werden,
ist sehr arm. Er würde seine eigenen Schlußfolgerungen ziehen, was die Ursachen der Ruhe innerhalb eines Landes oder zwischen mehreren Ländern sind.
Und er würde dabei sicher nicht fehlgehen. Ich aber würde diesen Herrn
dann vielleicht bitten, ein hohes Amt in meiner Regierung zu übernehmen.
Lassen Sie mich Ihnen noch eine zweite Nutzanwendung dieser Regel vor
Augen führen. Wir hier in den Vereinigten Staaten halten nicht viel von
Gewalt. Wir wissen jedoch, daß andernfalls friedliebende Menschen zur Anwendung von Gewalt getrieben werden können. Wir sehen in der Gewalt die
Manifestation eines Versagens. Wenn es zur Gewaltanwendung kommt, sei es
in einem städtischen Slumgebiet anläßlich einer Oemonatration oder bei
der Aufstellung von Streikposten, sehen wir in ihr eine Manifestation des
Versagens. Wir bemühen uns dann, die Herrschaft von Recht und Gesetz wieder herzustellen und Verhandlungen in Gang zu bringen. Denn zu verhandeln
ist kein Eingeständnis des Versagens, es beweist vielmehr gesunden Menschenverstand. Wir halten gemeinsame Verhandlungen über politische Fragen für
erfolgversprechend, solange verhandelt wird. Erst wenn solche Verhandlungen
abgebrochen werden, sprechen wir von Versagen.
Das gilt besonders für die Außenpolitik. Auch hier ist Gewalt ein
Aspekt des Versagens. Auch hier sind die Herrschaft des Rechts und die Aufnahme von Verhandlungen Kennzeichen des Erfolgs.
Wer nach Prinzipien verfährt, wird manchmal beschuldigt, zu verallgemeinern. Ich möchte daher einmal mehr sagen, daß diese Regel auch ohne Einschränkung für Vietnam gilt. Wir werden es als ein Zeichen des Erfolges
werten, wenn sich alle an diesem Konflikt beteiligten Parteien am Konferenztisch einfinden. Wir Amerikaner sind in Verhandlungen erfahren. Und wir
haben von Verhandlungen nichts zu fürchten. Wir Amerikaner kennen das Wesen
fairer Verhandlungen, und niemand braucht Verhandlungen mit uns zu fürchten.
Ich

- 4-

�Ich möchte Ihnen noch eine dritte Anwendung dieser Regel vor Augen
führen. Wir hier in den Vereinigten Staaten mögen es nicht, wenn man uns
sagen will, was wir zu tun haben. Und wir können es noch weniger leiden,
wenn man uns sagen will, was wir zu denken hätten. Nicht jeder Schritt,
den die amerikanische Regierung unternommen hat, seit ich Präsident wurde,
fand überall auf der Welt Beifall. Ich zweifle auch daran, daß alle unsere
künftigen Schritte Beifall finden werden.
Aber wir verteidigen - und zwar ganz bewußt - das Recht eines jeden,
gegen das, was wir fordern und tun, zu opponieren. Wir verlangen nur, daß
man in unserer Opposition zur Opposition die Ausübung eben jenes Rechts
erblickt, für das wir eintreten: des Rechts der freien Rede.
Auch wollen wir weder die Freiheit schmälern noch wünschen wir eine
Gleichschaltung des Denkens oder Verhaltens zu erzwingen. Ich stehe nicht
nur in meiner Eigenschaft als Präsident für die Verfassung und den ersten
Verfassungszusatz ein, sondern auch weil ich Amerikaner bin und weiß, was
Freiheit bedeutet.
Wir finden wiederum bestätigt, daß die amerikanische Innenpolitik als
Richtlinie für unsere Außenpolitik dient. Alle Menschen verlangen nach
Jener Würde, die uns die verfassungsmäßigen Bürgerrechte garantieren. Alle
verlangen nach dem Recht, ihre Meinung frei äußern zu können, und alle
Menschen werden durch Diktatur und Meinungskontrolle an ihrer vollen Entfaltung gehindert.
Hier möchte ich mich wiederum nicht damit begnügen, eine Regel aufzustellen, sondern auch ihre Anwendung erläutern. Die Vereinigten Staaten
haben kein Mandat, sich einzuschalten, wo immer eine Regierung unseren
Vorstellungen nicht voll entspricht. Wir werden aber die Achtung anderer
Völker nur dann erringen - und verdienen - wenn sie wissen, auf we1oher
Seite wir stehen.
In den kommunistischen Ländern stehen wir auf selten derjenigen, die
Jahr für Jahr den Kreis der Gespräche zu erweitern suchen. Solange diese
Männer und Frauen nicht aufgeben, wird sich der Kommunismus in einem Zu«
stand des Wändeis befinden, und zwar einer Wandlung zum Guten.
In

- 5 -

�In den lateinamerikanischen Ländern stehen wir auf Seiten derjenigen,
die für verfassungsmäßige Regierungen eintreten, und nicht auf Seiten
derer, die behaupten, Diktaturen seien für eine wirkungsvolle wirtschaftliche Entwicklung oder als Bollwerk gegen den Kommunismus notwendig. Wir
haben bereits unmißverständlich klargemacht, daß wir dort, wo die persönliche Freiheit gefährdet ist, nicht auf seiten der ungezügelten Macht
stehen.
In Afrika stehen wir auf Seiten derjenigen, die auf die volle Gleichberechtigung aller Rassen hinarbeiten, und auf seiten auch derer, die sich
für stabile und ordnungsgemäße Regierungen einsetzen - denn nur solche gewähren dem einzelnen Bürger Schutz.
In Vietnam treten wir für gerechte und ordnungsgemäße Wahlen ein, die
dem Willen des Volkes dieses schwer heimgesuchten Landes größtmöglichen
Ausdruck geben. Wir haben bereits hinreichend klargestellt, daß die Vereinigten Staaten das, was durch diesen Willen frei und gerecht zum Ausdruck gebracht wird, anerkennen werden.
Sie werden feststellen, daß diese Regeln - und das ist so gut wie
sdlbstverständlich - keine Anwendung finden, die wir nicht auch billigten,
wenn es um die Vereinigten Staaten ginge. Sie werden sehen, warum ich
unsere Innenpolitik für eine gute Richtschnur für unser Verhalten gegenüber dem Ausland halte.
Lassen Sie mich ein viertes und letztes Beispiel der Regel anführen,
daß unsere Außenpolitik daheim in Amerika beginnt.
Die Vereinigten Staaten sind - nach den Maßstäben, die die Welt
gemeinhin anwendet - ein erfolgreiches Gemeinwesen. Vieles ist noch zu
tun. Aber in der kurzen Zeitspanne von zweihundert Jahren - einem kürzeren Zeitraum, als ihn die in der Geschichte als Kreuzzüge bekannten kriegerischen Unternehmen in Anspruch nahmen - haben wir eine ganze Menge
erreicht. Auch zögerten wir nicht, über die Ursachen nachzudenken.
Wir wissen, wir sind ein tatkräftiges Volk. Und wir sind intelligent.
Und wir erkannten schon frühzeitig die Bedeutung des öffentlichen Schulwesens. Und wir besaßen einen an Hilfsquellen reichen Kontinent. Und wir

- 6-

�wir hatten einen gesunden Plan für den Aufbau unseres Wirtschaftssystems.
Und unser Schöpfer war uns zweifellos wohlgesinnt.
Aber ich bezweifle, daß dies unsere verhältnismäßig glücklichen
Lebensumstände erklären kann. Auch andere Völker sind tatkräftig. Auch
andere sind intelligent. Es gibt andere Teile der Welt, die von der Natur
nicht weniger begünstigt sind. Andere Völker sind ebenso gebildet. Unser
Wirtschaftssystem ist kein großes Geheimnis und es genießt keinen Patentschutz. Es hieße heute und in dieser Zeit zu weit gehen, annehmen zu
wollen, Gott sei uns allein wohlgesinnt.
Unser Vorteil war, glaube ich, daß wir schon frühzeitig erkannten,
wie außerordentlich wirksam soziale Gerechtigkeit ist. Wir fanden heraus,
daß der Mensch, wenn man ihm die Früchte seiner Arbeit garantiert - und
das eben bedeutet soziale Gerechtigkeit -, zu einer schöpferischen Kraft
von ungeheurer Leistungsfähigkeit wird. Er wurde dem anspruchsvollsten
aller Arbeitgeber unterstellt, nämlich sich selbst. Beraubt man einen
Menschen dieses Gefühls der angemessenen Entlohnung, so reduzieren sich
seine Anstrengungen und Leistungen auf einen Bruchteil.
Es kann keinen Zweifel über die Gründe geben, warum der Süden im
vergangenen Jahrhundert hinter dem Norden zurückblieb. Es war nicht der
Bürgerkrieg; wären Kriegsauswirkungen so nachhaltig, müßten Deutschland
und Rußland noch auf rund achtzig Jahre hinaus darniederliegen. Innerhalb zwanzig Jahren nach dem Bürgerkrieg erreichte der Baumwollanbau, der
durch den Krieg und die Sklavenbefreiung am stärksten in Mitleidenschaft
gezogen worden war, wieder das Vorkriegsvolumen. Auch mangelte es dem
Süden nicht an menschlichen oder natürlichen Hilfsquellen.
Der Süden blieb zurück, weil er im Verband der amerikanischen
Republik nicht allen seinen Bürgern die volle Gleichberechtigung

.nd das

uneingeschränkte Empfinden gab, Teil einer gerechten Gesellschaft zu sein.
Dies ist der Fehler, den wir in den vergangenen paar Jahren entschlossen
wiedergutzumachen suchten. Und hier haben wir es wiederum mit einer Regel
zu tun, deren Anwendbarkeit über unsere Küsten hinausreicht. Sie umreißt
die Theorie, die unseren Anstrengungen in Lateinamerika, in Südasien und
gegebenenfalls auch in anderen Teilen der Welt zugrunde liegt.

- 7-

T

,

�Ich bin in einer Farmgegend aufgewachsen. Ich weiß, wie sich Farmer
verhalten. Ich habe nie einen Farmpächter erlebt, von dem man einen rückhaltlosen Einsatz erwarten konnte, solange er damit rechnen mußte, daß
alles was er tat, nur dem Besitzer zugute kam.
Ich habe in meinem Leben einige ziemlich redegewandte landwirtschaftliche Berater getroffen. Ich bin aber noch nie einem begegnet, der einen
Mann dazu zu überreden vermochte, dort zwei Ballen Baumwolle anzubauen,
wo vorher nur einer geerntet worden war, wenn er nicht sicher sein konnte,
daß zumindest der eine der beiden Ballen ihm gehören werde.
Und soziale Gerechtigkeit ist auch nicht lediglich eine Angelegenheit einer vernünftigen Aufteilung des Bodenbesitzes. Sie bedeutet Arbeit
für einen angemessenen Lohn unter dem Schutz freier Tarifverhandlungen und
eine Regierung, die ehrlich arbeitet, sich um Leistung bemüht und das Geld
der Steuerzahler in angemessener Weise nutzt. Soziale Gerechtigkeit bedeutet auch Bildung, ausreichende Ernährung und Fürsorge für Jene, die wie Kinder - nicht in der Lage sind, ihre Rechte in der Gesellschaft wahrzunehmen. Sie besteht, und das ist vielleicht das allerwichtigste, in dem
einfachen Bewußtsein, daß die Leiter nach oben nicht so überfüllt ist, um
nicht noch Raum für Sie zu bieten.
Unsere Außenpolitik umfaßt wie unsere Innenpolitik alle die wichtigen
Dinge - von Bildung über Arbeit, Gesundheit und Ordnung bis zu Gerechtigkeit für alle.
Von hier, von Denver aus, schien es einst ein weiter Weg bis zu unseren Küsten zu sein, und ein noch weiterer bis zu anderen Ländern. In jener
Zeit schienen zweifellos die Probleme der Außenpolitik weit abgelegen. Und
es heißt ja auch, Mangel an Stolz und Selbstvertrauen sei niemals eine
Schwäche der Männer und Frauen dieser Berglandschaft gewesen. Es gab mithin genug, was ihre Aufmerksamkeit hier in der Heimat beanspruchte.
Aber jetzt sind die Küsten sehr nahe gerückt, und London, Paris,
Moskau und Tokio nur ein paar Flugstunden entfernt. Denver ist zu einem
Zentrum lebhafter Erörterungen außenpolitischer Fragen geworden, zu einem
Ort, wo man ein sehr feines Gespür für ihre Problemstellungen und auch für
die politischen Maßnahmen hat,

die von Ihrer und meiner Generation

- 8 -

�Generation verlangt werden.
Aber Sie werden meinen Ausführungen heute nachmittag auch entnehmen,
daß Sie einen weiteren Vorteil für sich verbuchen können. Sie befinden
sich

innerhalb der Vereinigten Staaten

in einer strategisch sehr wich-

tigen Position. Das ist ein sehr bedeutsamer Grund zur klugen Beurteilung
der Außenpolitik. Unser Land ist eine große, freiheitsliebende und fortschrittliche Demokratie - bis zu seinen äußersten Grenzen und auch über
sie hinaus. Es ist einfach unvorstellbar, daß Amerikaner in Denver und
Des Moines ein anderes Gesicht zur Schau tragen als Amerikaner in Paris,
Mexiko City, Karatschi oder Saigon. Und ich darf wohl sagen, daß wir uns
auch gegenüber Moskau, Peking oder Hanoi nicht anders verhalten.
Ich freue mich sehr, unter Ihnen weilen und die Stätte sehen zu
können, an der Ihr neues Institut für Weltraumforschung entsteht. Ich
hatte zunächst vor, mehr zum Thema Weltraumforschung zu sagen. Aber als
ich erfuhr, daß so viele Studenten an dieser Veranstaltung teilnehmen
würden, entschied ich mich für ein Thema, das je zu einem Drittel Wissenschaft, Kunst und Hoffnung ist - für das Thema Außenpolitik. Auf diesem
Gebiet sind wir alle Studenten, sind wir alle Lernende.

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LYNDON B. JOHNSON:
USA WÄREN JEDERZEIT ZUM ABZUG AUS VIETNAM BEREIT

Wortlaut der Rede des US-Präsidenten Lyndon B.Johnson,
die er anläßlich des amerikanischen "Tag der Arbeit1*
(Labor Day) am 5. September 1966 in Lancaster (Ohio)
gehalten hat.

XIX

-

32

�USA WÄREN JEDERZEIT ZUM ABZUG AUS VIETNAM BEREIT

Während des ganzen Labor-Day-Wochenendes bin ich durch Amerika gereist und habe über Amerika gesprochen. Überall habe ich das eine durchgängig gültige Thema wiederholt:
- daß die Stärke unseres Landes in der Verantwortung seiner Bürger
liegt;
- und daß unser wahrer Reichtum sich aus unserem Sinn für das Allgemeinwohl herleitet.
Hier in Lancaster - als Abschluß eines langen Tages für mich, ist
es an der Zeit, daß ich mich unseren Aufgaben und Verantwortlichkeiten
im Ausland zuwende.
Unsere Zeitungen sind voll von Berichten über Vietnam. Meldungen vom
Schlachtfeld jagen durch den Äther. Und das Fernsehen bringt in nie zuvor
gekannter Weise Bilder sowohl von der Tapferkeit wie der Brutalität der
Kämpfe direkt in unser Heim.
Wir alle verfolgen mit schwerer Sorge und tiefer Anteilnahme die
Geschehnisse dieses Kampfes auf einem eine halbe Welt von uns entfernten
Schauplatz. Denn in diesem Ringen kämpfen und sterben unsere Männer. Und
es ist richtig, daß wir uns grundlegende Fragen über die Aussichten für
den Frieden und über die Welt, in die unsere Kinder hineinwachsen werden,
stellen.
Ich möchte daher mit Ihnen kurz über vier fundamentale

Tatsachen

sprechen, die die Außenpolitik unseres Landes formen.
Warum sind wir in Vietnam?
Keine Eltern und keine Frau möchten ihren Sohn oder ihren Mann hinausziehen und sein Leben einsetzen sehen. Kein amerikanischer Soldat hat
den Wunsch zu töten oder getötet zu werden. Kein Präsident wünscht, unsere

- 1-

�unsere jungen Männer in die Schlacht zu schicken. Tief in unserer Seele
- tief in unserer Geschichte - liegt das leidenschaftliche Verlange",
nach Frieden.
Wir müssen aber mit der Welt - so wie sie ist - fertig werden, und
wir können nicht der simplen Tatsache aus dem Wege gehen, daß Frieden
und Sicherheit vieler Nationen in Gefahr sind, wenn es Aggressoren gestattet wird, in einem strategischen Gebiet der Welt Erfolg zu haben;
wenn Verträge von entscheidender Wichtigkeit gebrochen werden, und wenn
Menschen und Waffen illegal über international anerkannte Grenzen gebracht werden, um kleine Nationen zu erobern.
Die Geschichte bietet uns Beispiele aus jüngster Zeit, um diese
Überzeugung zu untermauern. Wenn Europa sich heute des Friedens erfreut,
so deshalb, weil freie Männer fest und entschlossen in Griechenland und
Berlin standen. Vielleicht wirft es ein schlechtes Licht auf unsere Welt,
daß die Menschen begrenzte Kriege führen müssen, um größere Kriege zu
verhindern, aber dies ist nun einmal der Zustand unserer Welt und wir
können ihn durch bloßes Wünschen nicht ändern.
Wir haben heute in Lateinamerika den Frieden, weil die Völker der
Hemisphäre in einer gemeinsamen schwierigen Lage während der Kuba-Raketenkrise und dann erneut in der Dominikanischen Republik zusammenarbeiteten.
Auch in Asien waren tapfere Männer bereit, der Gefahr ins Auge zu
sehen und die Aggression zurückzuweisen - einst in Korea, jetzt in Vietnam.
Freie Nationen mögen nicht immer die gleichen Bindungen und Verpflichtungen haben. Unsere Standpunkte mögen sich unterscheiden und unsere Interessen voneinander abweichen. Aber wir stehen nicht allein in der Überzeugung, daß Wachsamkeit und Mut und Zusammenarbeit der Preis für die Freiheit und die Säulen einer sicheren Weltordnung sind, in der Menschen die
Gestaltung ihres Lebens ohne Furcht vor Gewaltsamkeiten verbessern können.
Das ist der Grund, warum vierzehn Mitglieder der NATO zusammenwirken,
um das, was von uns in so langer und geduldiger Arbeit aufgebaut wurde, zu
erhalten. Zu gegebener Zeit mag es möglich sein, daß reduzierte sowjetische

- 2 -

�sowjetische Truppen in Ostdeutschland oder eine neue militärische Technologie eine Verlegung einiger unserer für die europäische Verteidigung
zugesicherten Truppen gestattet werden. Aber das ist eine Entscheidung,
zu der wir alle in der NATO zusammen gelangen müssen. Wir werden nicht
unbedacht das bewährte Instrument der Sicherheit für die 500 Millionen
Menschen in der atlantischen Welt schwächen.
Alle unsere Anstrengungen,so weit sie in geographischer Hinsicht
auch auseinander liegen und so unterschiedlich im Ausmaß sie auch sein
mögen - von der NATO über die Organisation der amerikanischen Staaten
(GAS) bis zu Vietnam - erwachsen aus der Verpflichtung, an der Erhaltung des Friedens und der Bewahrung der Ordnung in der Welt mitzuhelfen.
Das ist der Grund, warum unsere Männer heute mit den Soldaten aus
vier anderen Nationen zur Unterstützung Vietnams kämpfen. Sie sind dort,
weil dort die Aggression ist.
Diese Truppen aber werden heimkehren - ihre Stützpunkte werden für
konstruktive Friedensaufgaben zur Verfügung gestellt werden -, sobald
die Aggression aufhört. Wenn irgend jemand mir den Zeitplan zeigt, nach
dem die Aggression zum Stillstand gebracht wird, und die sich illegal in
Südvietnam befindenden Truppen aus dem Norden abgezogen werden - dann
werde auch ich den genauen Plan für einen Rückzug unserer Truppen aus
Vietnam auf den Tisch legen.
Der Aggression Einhalt zu gebieten aber ist der Anfang, jedoch
nicht das Ende unserer Politik.
Wir sehen uns einem zweiten fundamentalen Faktum gegenüber: daß nämlich die Menschen noch andere Feinde haben - Hunger, Krankheit, Unwissenheit und Armut -, denen mit dem gleichen Mut und der gleichen Ausdauer
entgegengetreten werden muß.
Hier auf der westlichen Hemisphäre arbeiten wir nach wohldurchdachten Plänen an der Schaffung eines besseren Lebens für alle. In diesem Jahr - dem dritten aufeinanderfolgenden Jahr - gelingt es unseren
lateinamerikanischen Nachbarn, die großen Allgemeinziele der Allianz für
den Fortschritt zu erreichen.
Vor

- 3 -

�Vor einiger Zeit traf

ich mit Vertretern der neuen Organisation

für afrikanische Einheit zusammen. Wir versprachen, mit ihnen in dem
Bemühen zusammenzuarbeiten, die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen ihres Landes zu beschleunigen. In Kürze werden wir mit den Afrikanern und anderen, die bereit sind, Afrika zu helfen, spezifische Mittel
und Wege erörtern, um dieses Versprechen in die Tat umzusetzen.
In Asien haben die freien Nationen beachtliche Fortschritte erzielt.
Korea konnte bisher in jedem Jahr eine achtprozentige Steigerung seines
Bruttosozialprodukts verzeichnen. Auch Formosa , Thailand, die Philippinen,
Malaysia und Singapur machen Fortschritte in der Auseinandersetzung mit den
schwierigen Problemen der Entwicklung. Und das Gleiche gilt - trotz des
Krieges - für Vietnam. Selten at ein Volk inmitten eines Konfliktes versucht, seine Gestalt als Nation zu gewinnen und zu festigen, wie es die
Vietnamesen jetzt tun. Ich erhalte fast täglich Kampfberichte von dieser
Front, und ich freue mich, berichten zu können, daß Fortschritte gemacht
werden.
In diesem Sommer trafen wir uns in Washington mit Freunden aus Japan
und Europa zur Erörterung eines universalen Problems: dem Wettlauf zwischen
Bevölkerungszunahme und Nahrungsmittelerzeugung. Westeuropa und die Japaner
haben bereits gezeigt, daß die rapide Bevölkerungszunahme unter Kontrolle
gebracht werden kann. Andere Nationen müssen hiervon lernen, wenn unsere
Investirrungsbemühungen Erfolg haben sollen.
Die Völker unserer Erde aber wollen mehr als nur Sicherheit. Sie
wollen sogar mehr als bloßen wirtschaftlichen Fortschritt. Und dies führt
uns zu dem dritten fundamentalen Faktum unserer Außenpolitik. Die Völker
anderer Staaten wollen in stärkerem Maße an der Gestaltung ihres eigenen
Geschicks teilhaben.
Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg gab es nur zwei wirkliche Weltmächte. Heute gewinnt eine Welt von Staaten aus vielen Nationen - großen
und kleinen - Gestalt. Sie wollen nicht irgendeines anderen Satelliten
sein.
In der modernen Welt müssen sich die Nationen zusammengruppieren, um
eine wirksame Kraft darzustellen. Das ist der Grund, warum wir unsere aktive

- 4-

�aktive Unterstützung Jenen in Europa zuteilwerden lassen, die weiterhin
am Aufbau der Einheit arbeiten, sowie jenen in Lateinamerika, die auf eine
wirtschaftliche Integration hinarbeiten, und jenen in Afrika, die eine neue
umfassende Struktur regionaler Organisation aufbauen, und schließlich jenen
in Asien, die sich bemühen, einen neuen Geist regionaler Verständigung und
Zielsetzung zu schaffen.
Unser Ziel bei der Förderung dieser Welt regionaler Partnerschaft ist
nicht ohne Eigeninteresse. Denn in dem Maße, wie sie innerhalb eines starken Gebildes vereinter Nationen an Kraft gewinnt, können wir mit einer allmählichen Verringerung der Lasten rechnen, die wir in der letzten Generation
zu tragen hatten. Und wir können mit einem verstärkten Wachstum und einer
verstärkten Stabilität in allen Teilen der Welt rechnen.
Aber selbst das ist noch nicht genug. Denn es gibt ein viertes fundamentales Faktum, sofern wir einer größeren Vision von der Welt, in der wir
leben, treu bleiben wollen. Über den derzeitigen Konflikt hinaus müssen
wir uns für die Aufgabe der Versöhnung vorbereiten, die zu einem Frieden
von Dauer führt.
In Europa hat unsere Partnerschaft das Fundament für den Brückenschlag
nach dem Osten gelegt. Wir und unsere Freunde in Westeuropa sind bereit, so
weit und so schnell an den Bau dieser Brücken zu gehen, wie der Osten seinerseits dazu bereit ist.
In Asien hegen wir eine ähnliche Hoffnung, obwohl heute noch Wolken über
ihm lagern, die von Krieg und Bitterkeit herrühren. Dennoch aber sehen wir
dem Tag entgegen, an dem jene Kräfte auf dem chinesischen Festland bereit
sein werden, uns auf halbem Wege entgegenzukommen - bereit, ihre immense
Begabung und Energie für die Verbesserung des Lebens ihrer Bevölkerung einzu setzen - bereit, friedlich ihren Platz als eine der Großmächte Asiens
und der Welt einzunehmen.
Wir träumen von einer Welt des Friedens, aber wir wissen auch, daß
die Kräfte, die Feindschaft hervorrufen, tiefverwurzelt sind und nicht
leicht nachgeben werden.
Doch

- 5 -

�\

Doch werden auf allen Kontinenten Tag für Tag stille Siege erfochten. Aus der Tiefe wirken Kräfte für einen wahren Frieden; sie
schaffen langsam - fast unmerklich die Bedingungen und Institutionen
für eine unerschütterliche Hoffnung.
Wenn wir ermüden, wenn wir verzweifeln, dann würde viel verloren
sein. Aber wenn wir die Lehren der Vergangenheit beachten, wenn wir
die Rolle des Mitgefühls und der Zusammenarbeit, der besonnenen Voraussicht und des Verstandes, der Selbstdisziplin und des gesunden
Menschenverstandes im internationalen Zusammenleben stärken - dann
kann unsere Hoffnung Wirklichkeit werden und können unsere Triumphe
von Dauer sein.
Das ist meine tiefe Überzeugung: daß wir, das amerikanische Volk,
den Mut und die Geduld und die Ausdauer haben, um in Vietnam zu bestehen; und daß wir auf diese Periode der Bewährung als auf einen der
großen Wendepunkte in der Geschichte zurückblicken werden.
Und ich glaube, daß die Geschichte von uns sagen wird: durch unseren
Mut und unseren Glauben haben wir die Freiheit erhalten und das Tor zum
Frieden geöffnet.

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XIX - 33

SÜDVIETNAM PROTESTIERTE BEI DER INTERNATIONALEN
KONTROLLKOMMISSION GEGEN DIE INFILTRATION DER
ENTMILITARISIERTEN ZONE DURCH BEWAFFNETE ELEMENTE
DER REGULÄREN NORDVIETNAMESISCHEN ARMEE

Die Protestnote wurde von der Verbindungsstelle der Regierung der Republik Vietnam der Internationalen Kontrollkommission zugeleitet und am 6. September 1966 im. Rahmen einer
Pressekonferenz durch den Leiter der Verbindungsstelle, Ton
That Aji, und den südvietnamesischen Außenminister, Tran Van
Do, zur Veröffentlichung freigegeben. Das Dokument hat folgenden Wortlaut:

�REPUBLIK VIETNAM
Außenministerium
Verbindungsstelle zur Internationalen Kontrollkommission
Saigon, den 5.September 1966

Die Verbindungsstelle zur Internationalen Kontrollkommission entbietet dem Generalsekretariat der Internationalen Kontrollkommission
ihre Grüße und gibt sich die Ehre, angesichts der gegenwärtigen Spannung
in der entmilitarisierten Zone auf das Schreiben der Kommission Nr.
0PS/V/(86)/1849 vom 19. August 1966 über die Einhaltung der für die besagte Zone geltenden Bestimmungen zu verweisen.
Die Verbindungsstelle teilt die durchaus berechtigte Sorge der
Kommission in dieser Sache, hält es jedoch für notwendig, darauf aufmerksam zu machen, daß sich seit der Unterzeichnung des Genfer Abkommens über die Einstellung der Feindseligkeiten in Vietnam vom Jahre 1954
die Regierung der Republik Vietnam - obgleich sie nicht zu den Unterzeichnern des Abkommens gehört - der Kommission gegenüber stets einer
ehrlichen und fruchtbaren Zusammenarbeit befleißigte,um ihr bei ihrer
Friedensmission in Vietnam behilflich zu sein.
Bedauerlicherweise hat der in Vietnam heute bestehende Kriegszustand, der ein Ergehnis der von der nordvietnamesischen Regierung gelenkten Aggressionstätigkeit ist, eine Situation geschaffen, die jegliche Kontrollmaßnahmen unmöglich macht und den Frieden in Südviet iam
in hohem Maße gefährdet.
Diese Situation ist dadurch besonders bedrohlich geworden, daß bewaffnete nordvietnamesische Elemente Anfang des Jahres damit begannen,
nicht nur kleine selbständige oder einzelne Gruppen, sondern ganze
Einheiten durch die entmilitarisierte Zone in den Süden einzuschleusen.
Den eklatantesten Fall lieferte die Division 324 B der regulären nord-

- 1-

�nordvietnamesischen Armee, die kürzlich, im April, Mai und Juni 1966,
über Furten des Ben-Hai-Flusses in Südvietnam eingedrungen ist.
Diese Division hat seit dem 15. Juli massierte Angriffe gegen
nationale und alliierte Streitkräfte im Raum von Cam-Lo in der Provinz Quang Tri mehrere Kilometer südlich der entmilitarisierten Zone
geführt. Bei den schweren Kämpfen wurden zahlreiche Gefangene gemacht,
die als Angehörige verschiedener Regimenter der Division 324 B der
nordvietnamesischen Armee (PAVN) identifiziert wurden. Wichtige Dokumente konnten im Kampfgebiet sichergestellt werden.
Um die Glaubwürdigkeit der oben aufgeführten Fakten zu untermauern,
konnte die Verbindungsstelle nach Rücksprache mit den zuständigen Dienststellen der vietnamesischen und alliierten Streitkräfte, die an den
Kämpfen gegen Einheiten der Division 324 B beteiligt waren, nachstehend
verzeichnete Informationen und Dokumente zusammentragen, die sie laut
ihrem Schreiben 0. 2984-PDVN/CT/2 vom 11. August 1966 der Internationalen Kontrollkommission nunmehr zuleitet.

A. Vernehmungsprotokolle:
Die Verbindungsstelle übermittelt der Kommission anbei die Photokopien der Vernehmungsprotokolle von zwölf (12) Angehörigen verschiedener Regimenter der Division 324 B der regulären nordvietnamesischen
Armee, die im Zuge der Operationen "Hastings" und "Lam Son 289" im
Gebiet der Quang-Tri-Provinz in Gefangenschaft gerieten. Sie heißen:
1. Nguyen Thanh Binh, Soldat; 2.Aufklärungskompanie, 90. Regiment,
Division 324 B.
2. Nguyen Van Ha, Unteroffizier; 1.Kompanie, T. 1

803. Regiment.

3. Le Van Hong, Soldat; Kompanie K.l, Bataillon T.l, 883. Regiment.
4. Tran Si Ly, Soldat; 1.Kompanie, 5.Bataillon, 812.Regiment.
5. Hoang Van Que, Soldat; 1.Kompanie, 107.Bataillon, 90.Regiment.
6. Nguyen Ngoc Thanh, Soldat; 1.Kompanie, 6.Bataillon, 812.Regiment.
7.

�7. Dinh Van Tu, Soldat; 3.Kompanie, 7.Bataillon, 90.Regiment.
8. Vo Hong Van, Soldat; Aufklärungskompanie C.18, 803.Regiment.
9. Pham Van Viet, Soldat; 3.Kompanie, 9.Bataillon, 90.Regiment.
10. Nguyen Si Vlnh, Soldat; 4.Kompanie (schwere Artillerie),
6.Bataillon, 812.Regiment.
11. Mai Hong Nhi, Leutnant; 3.Kompanie, 5.Bataillon, 812.Regiment.
12. Bui Thanh Quang, Soldat; 3. topographische Abteilung,
Division 324 B.
Von diesen zwölf (12) Gefangenen wurden vier von einem Untersuchungsausschuß der Kömmission in Saigon vernommen. Außer Leutnant
Mai Hong Nhi, der der Kommission am 4. und 6. August 1966 zur Vernehmung vorgeführt wurde, sind auch die drei Gefangenen Pham Van Viet,
Nguyen Thanh Binh und Tran Si Ly am 17., 18. und 19. August 1966 vor
den Kommissionsausschuß gebracht worden. Die Verbindungsstelle ist
bereit, der Kommission auch die übrigen acht Gefangenen vorzuführen,
falls diese sie zu vernehmen wünscht.
Alle namentlich aufgeführten Gefangenen haben die nachstehenden
formellen Aussagen gemacht:
- daß sie Angehörige verschiedener Regimenter der Division 324 B
der regulären nordvietnamesischen Armee sind;
-• daß sie nach einer vorbereitenden Ausbildung in Nordvietnam
von den kommunistischen Dienststellen im Norden den Befehl erhielten,
in Südvietnam einzudringen;
- daß sie mit modernen Waffen ausgerüstet wurden, die von der
Regierung in Peking und anderen Staaten des kommunistischen Blocks
geliefert worden waren;
- daß sie die entmilitarisierte Zone durchquerten, um in verschiedenen Gebieten der Provinz Quang Tri zu operieren; anderen Angehörigen
der Division 324 B zufolge, die kürzlich gefangengenommen wurden, waren

- 3 -

�waren bestimmte Divisionseinheiten, die bei Luftangriffen schwere
Verluste erlitten hatten, wieder nach Nordvietnam zurückgekehrt, wo
sie neu formiert und nach einer Atempause erneut zur Infiltration
des Südens über die entmilitarisierte Zone eingesetzt werden. Die
Verbindungastelle ist in der Lage, diese Gefangenen der Kommission
vorführen zu lassen, falls die Kommission dies wünscht.
B. Weitere Dokumente
Berichte vom Ort des Geschehens, Gefangenenaussagen und im
Kampfgebiet erbeutete Notizbücher von Angehörigen der eingedrungenen
Division 324 B beweisen, daß bewaffnete nordvietnamesische Elemente
die beiden nachstehend erläuterten Infiltrationsrouten durch die entmilitarisierte Zone benutzen:
Die erste, am westlichsten gelegene Route verläuft zunächst südlich der Landstraße 102 (XD 9875) und dann in westlicher Richtung und
tritt bei Punkt XD B 572 in die entmilitarisierte Zone ein, überquert
den Ben-Hai-Fluß bei Funkt XD 9468 und verläßt die entmilitarisierte
Zone wieder im Bereich von XD 9365.
Die zweite Route tritt bei Punkt YD 1280 in die entmilitarisierte
Zone ein und überquert den Ben-Hai-Fluß bei YD 1076. Dann gabelt sich
die Route: die westliche Teilstrecke verläuft auf etwa 10 Kilometer
Länge parallel zum Ben-Hai-Fluß, dreht dann nach Süden ab und tritt
bei Punkt YD 0066 aus der entmilitarisierten Zone aus. Die östliche
Teilstrecke verläuft nach Überquerung des Flusses in südlicher Richtung und verläßt die entmilitarisierte Zone bei YD 0972.
Als zusätzliches Beweismaterial werden der Kommission 16 Luftaufnahmen

£r.B*eriert von 1 - 16) zugeleitet, auf denen die Orte der

Überquerung der entmilitarisierten Zone, Lastwagenparks, Biwakplätze,
Versorgungsdepots, Geschützstellungen für Schneilfeuerwaffen und
Grabensysteme zu erkennen sind:
Photo Nr. 1 zeigt Furten am Ben-Hai-Fluß sowie Zu- und Abfahrtswege an diesen Stellen, im gleichen Gebiet, in dem nach Aussage von
Hai Hong Nhi dessen Einheit die entmilitarisierte Zone durchquerte.
Photo

�Photo Nr. 2 zeigt eine andere Stelle, an der nach Aussage von
Tran Si Ly dessen Einheit den E*A"Hai~Fluß überschritt.
Photo Nr. 3 läßt einen weiteren Flußüberquerungspunkt und etwas
erkennen, das möglicherweise ein Lastwagenpark und Versorgungsdepots
sind.
Photo Nr. 4 wurde am 15. Juli 1966 aufgenommen und zeigt den
südlichen Teil der Route 102, die von Bui Thanh Quangs Gruppe am 16.
Mai befahren wurde. Eine zweite Aufnahme, die zu einem späteren Zeitpunkt nach Luftangriffen gemacht wurde, läßt eine verstärkte Frequentierung dieses Gebiets durch die nordvietnamesische Armee erkennen.
Photo Nr. 5 zeigt offenbar ein feindliches Biwakgebiet;
Photo Nr. 6 Stellungen für Schnellfeuergeschütze;
Photo Nr. 7 einen Flußübergang;
Photo Nr. 8 einen weiteren Flußübergang;
Photo Nr. 9 drei andere Flußübergangsstellen;
Photo Nr. 10 Grabenbefestigungen und offenbar Mannschaftsunterkünfte;
Photo Nr. 11 zeigt drei Grabensysteme und wahrscheinlich 48
Stellungen für Schnellfeuer- und Luftabwehrgeschütze. Dieses Bild
ist eine Vergrößerung des bezeichneten Gebiets;
Photo Nr. 12 zeigt offenbar einen Lastwagenpark;
Photo Nr. 13 Befestigungen und vermutlich auch Geschützstellungen;
Photo Nr. 14 eine befestigte Ortschaft sowie möglicherweise
Granatwerferstellungen und Grabensysteme;
Photo Nr. 15 weitere Grabensysteme und wahrscheinlich auch Geschützstellungen;
Photo Nr. 16 eine befestigte Ortschaft.
Diese

�Diese Aufnahmen sind nur einige von vielen anderen, die deutlich
zeigen, daß die nordvietnamesische Armee (PAVN) dabei ist, in der entmilitarisierten Zone Bauten und Einrichtungen militärischen Charakters
zu erstellen, die in flagranter Verletzung des 1954 abgeschlossenen
Genfer Abkommens über die Einstellung der Feindseligkeiten in Vietnam
bewaffneten Elementen als Sammelpunkte und Leitstellen und als Stützpunkte und Ausgangsbasen für Angriffe dienen, die auf eine Direktinvasion in Südvietnam tAf*4*A~*.\.
Im Rahmen der durch diese Situation notwendig gewordenen Verteidigungsmaßnahmen haben Streitkräfte der mit der Republik Vietnam verbündeten Länder Luftangriffe auf nordvietnamesische Ziele in der entmilitarisierten Zone durchgeführt.
Seit dem 25. Juli 1966 wurden über 400 sekundäre Explosionen, die
von Munitions- und Waffendepots herrührten, registriert. Darüber hinaus sind Reisvorratslager, Lastwagenparks, Biwakzonen und nicht näher
identifizierte Versorgungseinrichtungen in der entmilitarisierten Zone
ausgemacht worden. Eine große Anzahl dieser militärischen Einrichtungen
wird gegenwärtig durch nordvietnamesische Flakbatterien gesichert.
Angesichts der augenblicklichen ernsten Situation in der entmilitarisierten Zone richtet die Verbindungsstelle an die Kommission den
dringenden Appell und bittet sie, zur Unterstützung ihrer Friedensmission in Vietnam eine Inspektion an Ort und Stelle anzuordnen und
sich selbst von der flagranten Verletzung des Status besagter Zone
durch die kommunistische Führung Nordvietnams zu überzeugen.
Um die Kommission bei dieser wichtigen Aufgabe zu unterstützen
und zum Beweis ihres unablässigen und aufrichtigen Bemühens, mit der
Kommission zusammenzuarbeiten, erklärt sich die Regierung der Repv.olik
Vietnam (Südvietnam) bereit, der Kommission die Lufttransportmittel
und alle Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, die erforderlich sind,
um eine Feldinspektion in der südlichen Hälfte der entmilitarisierten
Zone unverzüglich durchzuführen.
Die

- 6 -

�Die Verbindungsstelle weist darauf hin, daß sie die volle Sicherheit der Mitglieder des Inspektionsteams wegen der Präsenz bewaffneter
Elemente der Division 324 B der nordvietnamesischen Armee (PAVN) und
der Existenz von Luftabwehrstellungen innerhalb der entmilitarisierten
Zone nicht garantieren kann.
Die Verbindungsstelle nimmt die Gelegenheit zum Anlaß, das Generalsekretariat der Internationalen Kontrollkommission ihrer Hochachtung zu
versichern.

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ABBAU DER HANDELSSCHRANKEN WEITERHIN US-ZIEL IN DER KENNEDY-RUNDE
Zehnter Jahresbericht des US-Präsidenten über das Programm
für den Abschluß von Handelsvereinbarungen

WASHINGTON - (AD) - Präsident Lyndon B. Johnson leitete
dem US-Kongreß am 20. September 1966 den "Zehnten Jahresbericht über das Programm für den Abschluß von Handelsvereinbarungen" zu, in dem er u.a. einen Überblick über
Verlauf und Zielsetzungen der Kennedy-Runde und die Vorschläge der Vereinigten Staaten zu einer möglichst weitgehenden Liberalisierung des Welthandels nicht nur mit
Industrieerzeugnissen, sondern auch Agrarprodukten gab.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen das Begleitschreiben des Präsidenten zu diesem Bericht und mehrere
Auszüge aus ihm im vollen Wortlaut zur Kenntnisnahme und
eventuellen Veröffentlichung.

�ABBAU DER HANDELSSCHRANKEN WEITERHIN US-ZIEL IN DER KENNEDY-RUNDE
Zehnter Jahresbericht des US-Präsidenten über das Programm
für den Abschluß von Handelsvereinbarungen

Begleitschreiben:

An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Beiliegend der Zehnte Jahresbericht über das Programm für den Abschluß von Handelsvereinbarungen gemäß Absatz 402 (A) des Gesetzes über
die Ausweitung des Handels von 1962. Der Bericht erstreckt sich auf das
Kalenderjahr 1965.
Der Welthandel hat im Jahre 1965 über den bisherigen Umfang hinaus
zugenommen und das Leben der Menschen in allen Teilen der Erde bereichert.
Der amerikanische Außenhandel, der sich auf Rekordhöhe bewegte, trug wesentlich zu dieser Aufwärtsentwicklung bei, und das amerikanische Volk kam
voll in ihren Genuß.
Die Erfolge des Jahres 1965 machten jedoch auch in eindrucksvoller
Weise das gewaltige ungenutzte Potential des Weltmarktes sowie die Wichtigkeit eines Fortschrittes in der Kennedy-Runde der ZollVerhandlungen
deutlich - jener großen multilateralen Anstrengung, ein rascheres Wachstum des Welthandels herbeizuführen. In jüngster Zeit sind diese Verhandlungen wieder intensiviert worden. Die Hauptbeteiligten erneuerten ihre
Entschlossenheit, zu einem Abkommen zu gelangen. Die Vereinigten Staaten
werden in diesen Verhandlungen auch weiterhin nach Kräften bemüht bleiben,
einen weitgehenden Abbau der Handelsschranken für alle Produkte, einschließlich der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, sicherzustellen.
Das ständige Wachstum und der unbehinderte Fluß des Welthandels sind
von entscheidender Bedeutung für die uneingeschränkte Prosperität im eigenen Lande, das wirtschaftliche Wachstum und die Stabilität in den Industrieländern und den Fortschritt in den Entwicklungsländern. Wir werden
alles tun, was in unserer Macht steht, um in den vor uns liegenden Jahren
den 1965 erreichten wesentlichen Fortschritt weiterauszubauen.
(gez.) Lyndon B. Johnson
- 1-

�Auszüge:
Die sechste Runde der Handelsverhandlungen unter dem allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommen (GATT), die Kennedy-Runde, begann im Mai 1964
in Genf. Die Ziele dieser Verhandlungen wurden damals in einer einstimmig
angenommenen Erklärung des GATT-AusSchusses für Handelsverhandlungen auf
Ministerebene abgesteckt.
Nach der Übereinkunft der Minister sollten die Verhandlungen alle
Warenkategorien umfassen, annehmbare Bedingungen für den Zugang zu den
Weltmärkten auch für Agrarprodukte schaffen und sich sowohl auf Zollwie auch auf andere Handelsschranken erstrecken; ferner sollte man alle
erdenklichen Anstrengungen unternehmen, die Hindernisse für die Ausfuhren
der weniger entwickelten Länder abzubauen, von diesen nicht die volle
Reziprozität ««»arten und eine umfassende, lineare Zollsenkung bei einem
absoluten Mindestmaß an Ausnahmen als Verhandlungsziel ansehen. Als
"Arbeitshypothese" wurde eine 50prozentige lineare Senkung der Zölle
akzeptiert

. Man kam ferner überein, daß Ausnahmen - Positionen, auf

die die Zollsenkung nicht in vollem Umfang anzuwenden sei - auf jenes
Maß beschränkt werden sollten, das mit Rücksicht auf vorrangige nationale Interessen unerläßlich ist.
Die Ausnahmelisten für nicht-landwirtschaftliche Produkte wurden
am 16. November 1964 ausgetauscht. Die Vereinigten Staaten, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Großbritannien, Japan und Finnland
unterbreiteten ihre Listen; Dänemark, Norwegen, Österreich, Schweden
und die Schweiz erklärten, daß sie bei voller Reziprozität auf jede
Ausnahmeregelung verzichten wollten. Kanada legte eine positiv zu
bewertende Liste von Zollkonzessionen vor, obgleich es zu den Ländern
gehörte, die Verhandlungen auf der Basis linearer Zollsenkungen nicht

Damals erklärten sich 15 Staaten bereit, die Verhandlungen auf der
Grundlage dieser Hypothese zu führen.

- 2 -

�nicht zugestimmt hatten. Andere Länder versicherten, sie werden ihre
2)
Angebote im Jahre 1965 unterbreiten
Da einer der Teilnehmer, die EWG, nicht zu Verhandlungen über
landwirtschaftliche Produkte bereit war, wurde der Austausch der
Agrarangebote zurückgestellt. Diese Aussetzung war auch deshalb erforderlich, weil keine Übereinstimmung unter den wichtigsten Teilnehmerstaaten bezüglich der Richtlinien und Verfahrensweisen für die
Verhandlungen auf dem Agrarsektor bestand. Wie die Vereinigten Staaten
jedoch klar zu verstehen gaben, bedeutete die Entscheidung, die Verhandlungen auf dem industriellen Sektor ohne eine solche Übereinstimmung
auf dem Agrarsektor voranzutreiben, keinen Wandel in ihrer grundlegenden
Auffassung, daß die Liberalisierung des Handels mit Agrarprodukten Teil
des Schlußabkommens über die Kennedy-Runde bilden müsse.
Mit den Ausnahmewünschen für Industrieprodukte auf dem Verhandlungstisch begann im Januar die Anfangsphase der tatsächlichen Verhandlungen unter jenen Ländern, die Ausnahmelisten vorgelegt hatten. In
gemeinschaftlichen Gruppensitzungen wurden von allen Seiten detaillierte
Begründungen für jede einzelne Position auf den Ausnahmelisten gegeben,
und es fehlte auch nicht an Gelegenheit, Detailfragen zu jedem einzelnen
Punkt vorzubringen.
Als diese Phase abgeschlossen war, wurden die Verhandlungen das
ganze übrige Jahr hindurch auf bilateraler Basis weitergeführt, wobei
jedes Land Gelegenheit zu einer eingehenden technischen Analyse und zur
Darlegung seiner Interessen und seiner Besorgnisse hinsichtlich der
Ausnahmen hatte, die von anderen Teilnehmerstaaten vorgeschlagen worden
waren.
Vor
Nach dem Wortlaut einer Resolution des Ausschusses für Handelsverhandlungen vom 16.Mai 1964 sind Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika
der besonderen Kategorie von Ländern zuzurechnen, deren Außenhandel bzw.
Wirtschaftsstruktur so geartet ist, daß eine gleichmäßige lineare Senkung ihrer Zölle nach dem Prinzip wertmäßig gleicher Konzessionen keine
hinreichende Kompensation für die eingehandelten Vorteile darstelle.
Diese Länder sollten deshalb positive Angebote bezüglich spezifischer
Produkte an Stelle linearer Zollsenkungen mit entsprechenden Ausnahmen
vorlegen. Australien, Neuseeland und Südafrika unterbreiteten ihre dement sprechenden Angebote im Jahre 1965.
- 3 -

�Vor Januar 1965 stand dem Chefdelegierten der Vereinigten Staaten
zu den Verhandlungen in Genf lediglich ein kleiner Stab zur Seite. Bei
Eintritt in die Erörterungen der Ausnahmelisten wurde eine stark vergrößerte amerikanische Delegation von Washington nach Genf entsandt.
Bis Mitte Frühjahr 1965 hatte sich ein Stab von rund 30 US-Vertretern
in Genf in die Arbeit eingeschaltet, darunter höhere Beamte und technische Spezialisten, die vom Außen-, Handels-, Landwirtschafts-, Arbeitsund Innenministerium sowie von der Zollkommission und von der Dienststelle
des Sonderbevollmächtigten des Präsidenten für Handelsverhandlungen abgestellt worden waren.
Die Delegation gliederte sich vor allem in Länderteams, die sich
auf die Verhandlungsprobleme eines Landes bzw. einer Gruppe von Ländern
konzentrierten. Die Teams waren bereits in Washington auf dieser Basis
zusammengestellt worden und hatten dort schon an den Vorbereitungen für
die Verhandlungen teilgenommen. Sie brachten somit nach Genf profunde
Kenntnisse der amerikanischen Handelsinteressen und der Probleme der
Staaten mit, auf die sie sich spezialisiert hatten.
Die Verhandlungsteilnehmer kamen überein, die multilateralen und
bilateralen Erörterungen, die der Klarstellung technischer Aspekte der
Ausnahmelisten der Linear-Staaten und der Angebotslisten der NichtLinear-Staaten dienten, durch Zusammenkünfte begrenzter Teilnehmergruppen
zu ergänzen, uro die Probleme bestimmter Industriezweige zu erörtern. Dies
lief jedoch nicht auf eine Übereinkunft hinaus, sektorweise zu verhandeln.
Die Länder, die besondere Ein- und Ausfuhrinteressen in den Bereichen
Chemie, Holzschliff und Papier, Aluminium, Stahl und Baumwolltextilien
hatten, traten in Beratungen ein, um besondere Probleme des Welthandels
mit diesen Produkten in der Absicht zu diskutieren, eine maximale Einbeziehung dieser Warenkategorien in die Gesamtverhandlungen sicherzustellen.
Die Disparitätenfrage, die man in der Anfangsphase der Kennedy-Runde
eingehend erörterte, ohne eine Einigung zu erzielen, wurde 1965 nicht
wieder aufgegriffen. Die EWG hatte darauf bestanden, daß in Fällen, in
denen die Zölle auf ein und dasselbe Produkt zwischen verschiedenen Ländern stark differierten, das Land mit dem Hochzoll im Zuge der Verhandlungen

- 4 -

�Verhandlungen über Lineare Zollsenkungen größere Nachlässe gewähren
sollte als das Land mit dem Niedrigzoll. Hauptziel dieses Vorschlags
waren bestimmte US-Zollsätze. Man war sich schon bei Verhandlungsbeginn darüber einig, daß eine besondere Disparitätenregelung in den
Fällen getroffen werden müsse, in denen Disparitäten hinsichtlich
ihrer Auswirkungen auf den Außenhandel eines Landes von erheblicher
Bedeutung sein konnten; es gelang jedoch nicht, eine Formel zu entwickeln, die einfach anzuwenden wäre und keinerlei negative Auswirkungen auf Drittländer haben würde.

+ ++
In Vorbereitung der Genfer Erörterungen über die außertariflichen
Handelshindernisse wurden in Washington Untersuchungen angestrengt, um
die Auswirkungen der in anderen Ländern bestehenden Einfuhrhindernisse
auf den US-Außenhandel zu sondieren und Vorschläge bezüglich des amerikanischen Vorgehens in dieser Frage zu entwickeln.
Nach der Schaffung der entsprechenden Arbeitskreise in Genf, wurden die Gespräche über die einer allgemeinen Erörterung zugänglichen
außertariflichen Handelsschranken - beispielsweise die Einkaufspolitik
der Regierungen und die Antidumping-Maßnahmen - aufgenommen. Es begannen auch bilaterale Erörterungen über Maßnahmen, die einer Diskriminierung gegen Waren eines bestimmten Landes gleichkommen - z.B. die
Kraftfahrzeug- und Mineralölsteuern, die sich als gegen amerikanische
Automobile gerichtet erwiesen haben. Es begannen des weiteren im Rahmen der Bereichsstudien Teilerörterungen über die außertariflichen
Handelsschranken in bezug auf bestimmte Warengattungen - darunter Verhandlungen auf dem Chemiesektor, wo das amerikanische System der Verzollung nach dem Verkaufspreis (American Selling Frice System - ASP)
zur Diskussion stand, das auf Chemikalien Anwendung findet.

+ ++

- 5 -

�Die Notwendigkeit, die Hindernisse im Handel mit den Entwicklungsländern abzubauen, wurde auch in der Ministererklärung zu Beginn der
sechsten Verhandlungsrunde im Mai 1964 unterstrichen. Das Prinzip, In
den Handelsverhandlungen mit den Entwicklungsländern auf volle Reziprozität zu verzichten, wurde in den mit Zustimmung der Minister der verhandelnden Länder gefaßten Entschließungen gebilligt und im neuen Teil IV
des GATT-Vertrags im Februar 1965 durch die vertragsschließenden Parteien
als verbindlich auch für künftige Verhandlungen erklärt.
Ein Unterausschuß des Ausschusses für Handelsverhandlungen wurde
errichtet und beauftragt, sich mit der Frage der Einbeziehung der Entwicklungsländer zu befassen. Er einigte sich auf Verfahrensweisen, die
jenen Ländern Gelegenheit geben, ihre besonderen Interessen anzumelden,
jene Produkte zu benennen, deren Ausschluß von den Verhandlungen durch
die industrialisierten Staaten sie empfindlich treffen würde und jene
Produkte namhaft zu machen, bei denen sie eine über 50 Prozent hinausgehende Senkung der Zölle als besonders wünschenswert erachten. Gleichzeitig sollten auch die besonderen Bedürfnisse, die sich für die Katwicklung und den Handel dieser Länder ergeben, unter dem Gesichtspunkt
ihres Beitrags zur Gesamtzielsetzung der Liberalisierung des Handels
überprüft werden.
Der Ausschuß für HandelsVerhandlungen regte an, allen Entwicklungsländern, die ihre Absicht zur Teilnahme an den Verhandlungen offiziell
kundgetan hatten, Einzelheiten über die von den Industriestaaten gewünschten Ausnahmen bei jenen Erzeugnissen mitzuteilen, die von besonderem Interesse für sie sind - und zwar noch ehe jene ihrerseits Mitteilung über den Beitrag machen, den sie anzubieten bereit sind. Zahlreiche Entwicklungsländer haben sich auf dieser Basis in die sechste
Verhandlungsrunde eingeschaltet und im Herbst 1965 Erklärungen betreffend ihrer Angebote abgegeben bzw. angekündigt.
Mit Rücksicht auf die entscheidende Bedeutung bestimmter Erzeugnisse
für die Volkswirtschaften vieler Entwicklungsländer«wurde ein besonderer
Arbeltskreis für tropische Erzeugnisse wie Kakao, Kaffee, Ölsaaten und
pflanzliche Öle und tropische Hölzer geschaffen.

+ ++
- 6 -

�In der Anfangsphase der sechsten Runde der Handelsverhandlungen
bemühten sich die Vereinigten Staaten um eine Übereinkunft unter den
Teilnehmerstaaten bezüglich der Richtlinien für die Führung der Agrarverhandlungen. Während dieser gesamten Gespräche beharrten die Vereinigten Staaten auf dem Standpunkt, Ziel der Agrarverhandlungen müsse eine
ebenso weitgehende Liberalisierung des Handels mit landwirtschaftlichen
Produkten wie mit Industrieprodukten sein. Insbesondere dort, wo feste
Zollsitze das einzige oder hauptsächliche Handelshindernis darstellen,
müsse die generelle lineare Zollsenkung um 50 Prozent bei einem absoluten Minimum an Ausnahmen erreicht werden. Wo andere Formen der Abschirmung verwendet werden, z.B. variable Abgaben, gelte es, eine Liberalisierung des Handels zu erzielen, die einer 50prozentigen Senkung der festen
Zollsätze gleichkommt. Die EWG setzte sich jedoch weiterhin mit Nachdruck
für ein System ein, das die Verhandlungen auf ein Einfrieren des derzeitigen Agrarprotektionismus verschiedener Länder beschränken würde, und
zwar Warengruppe für Warengruppe.
Nachdem die Industrieangebote im November 1964 unterbreitet worden
waren, wurden Anfang 1965 die Bemühungen um eine Übereinkunft bezüglich
der Richtlinien für die Agrarverhandlungen eingestellt; statt dessen
wurde der 16. September als Termin für den Austausch der Agrarangebote
festgesetzt. Man kam überein, daß jedes Teilnehmerland seine Agrarangebote nach den eigenen Möglichkeiten und in Übereinstimmung mit den Anweisungen der Minister unterbreiten werde, die einen verbesserten Zugang zu den Weltmärkten für landwirtschaftliche Erzeugnisse als das
geeignete Mittel zur Entwicklung und Ausweitung des Handels mit solchen
Produkten bezeichnet hatten. Die Verlängerung der Frist für die Abgabe
der Agrarangebote bis September erfolgte auf Antrag der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft, die mehr Zeit für die Fertigstellung ihrer
internen Marktordnungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse benötigte.
Die Gemeinschaft vertrat den Standpunkt, sie könne ihre Agrarangebote
in der Kennedy-Runde erst dann formulieren, wenn die wichtigsten internen Entscheidungen bezüglich des Ausmaßes der Preisstützung und der
gemeinsamen Agrarpolitik bezüglich der wichtigsten Erzeugnisse ergangen
sind. Was die Verhandlungen über Getreide anging, gab die Gemeinschaft

- 7 -

�Gemeinschaft im Frühjahr 1965 jedoch zu verstehen, daß sie zur Aufnahme
von Gesprächen bereit sei, da über die Höhe der Getreidepreise innerhalb
der Gemeinschaft bereits im Dezember 1964 entschieden worden war.
Am 17. Mai wurden die Agrarverhandlungen der Kennedy-Runde mit dem
Austausch beschränkter Getreideangebote seitens der wichtigsten Einund Ausfuhrländer eröffnet. Einen Monat später kamen die Teilnehmerstaaten zu zweiwöchentlichen Gesprächen zusammen, um sich um eine Klärung
der Angebote zu bemühen. Die Vereinigten Staaten verfolgten bezüglich
eines Weltgetreideabkommens drei Zielsetzungen: ihren Getreideexporteuren
einen besseren Zugang zu den Weltmärkten zu verschaffen; ein System einer
gerechten Beteiligung der Getreideexport- und Importländer an der Anpassung der Getreideerzeugung an den Bedarf zu entwickeln; und gewisse
Zusagen bezüglich einer multilateralen Beteiligung an der Nahrungsmittelhilfe zu erhalten. Obwohl der Fortschritt auf den ersten Sitzungen gering
war, zeichnete sich doch die Möglichkeit künftiger Erfolge ab.
Wegen innerer Schwierigkeiten waren die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Euratom und die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl
vom 30. Juni 1965 an das gesamte restliche Jahr hindurch nicht in der
Lage, größere Entscheidungen zu treffen3)
Da die Vertreter der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in vielen
Bereichen nur ein begrenztes und in anderen überhaupt kein Verhandlungsmandat hatten, konnte in der zweiten Hälfte 1965 von einer wirksamen Teilnahme der EWG an den Verhandlungen immer weniger die Rede sein, so daß
sich das Verhandlungstempo verringerte.
Die Gemeinschaft vermochte deshalb ihre Agrarangebote zu dem vereinbarten Termin, dem 16. September, nicht fertigzustellen. Die Vereinigten
Staaten kamen dennoch zu dem Schluß, daß die Vorlage der übrigen Agrarangebote zu dem genannten Termin insofern nützlich sein könne, als sich
auf diese Weise die allgemeinen Verhandlungen trotz des Fehlens der EWG-

Frankreich begann am 13. Juni mit einem Boykott der entscheidungsbefugten Gremien, den es sieben Monate aufrecht erhielt. In den ersten Monaten
des Jahres 1966 bahnte sich jedoch eine Lösung der Probleme an, die die
Krise ausgelöst hatten, und die Gemeinschaft war Mitte 1966 in der Lage,
wieder an den Verhandlungen der Kennedy-Runde teilzunehmen.

- 8 -

�EWG-Angebote vielleicht ein Stück vorantreiben ließen. Sie stießen
hierbei auch auf Verständnis bei anderen wichtigen Agrarhandelsländern, die mit den Vereinigten Staaten die Überzeugung teilten,daß
die Agrarverhandlungen

ein entscheidender Teil der Kennedy-Runde

seien.
Demgemäß unterbreiteten alle wichtigen Agrarstaaten ihre Angebote,
hielten allerdings jene, die für die EWG von primären Interesse waren,
bis zu dem Zeitpunkt zurück, an dem die EWG ihrerseits in der Lage
sein würde, eigene Vorschläge zu machen. Dieser Schritt brachte uns
in dem Bemühen, die Verhandlungen voll in Gang zu halten, nur geringe
Erfolge, da der Bereich der Agrarangebote der Teilnehmerstaaten angesichts des Fernbleibens der EWG von den Verhandlungen sehr eng begrenzt
war.
Während der letzten Monate des Jahres 1965 beschränkte sich die
Tätigkeit wegen der Krise innerhalb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft hauptsächlich auf den bilateralen Gedankenaustausch unter den
aktiven Teilnehmern, der einer Abklärung der unterbreiteten Agrarangebote und der Beurteilung der Frage diente, inwieweit diese ausreichend
seien.
Nach weiteren Zusammenkünften auf technischer Ebene wurden auch die
Getreideverhandlungen bis zur Beendigung der inneren Krise der EWG ausgesetzt.

+ ++
Auf die Beschlußfassung über die Angebote, die die Vereinigten
Staaten in der Kennedy-Runde zu machen gedachten, folgte eine ausgedehnte Periode öffentlicher Informationssitzungen und eingehender interministerieller Beratungen. Die Unterbreitung der Ausnahmelisten für Industrieprodukte und der Agrarangebotslisten bedeutete nicht das Ende
dieser Tätigkeit. Der Ausschuß für Außenhandelsinformationen, der sich
aus Vertretern des Landwirtschafts-, Handels-, Verteidigungs-, Innen-,

- 9 -

�Innen-, Arbeits-, Außen- und Finanzministeriums zusammensetzt und von
einem Mitglied des Amtes des Sonderbevollmächtigten des Präsidenten
für HandelsVerhandlungen geleitet wird, nahm auch weiterhin von allen
interessierten Seiten Informationen bezüglich aller für die Verhandlungen relevanten Angelegenheiten entgegen. Hierzu gehörten auch Ergänzungen und Berichtigungen früherer Stellungnahmen zur wirtschaftlichen Situation einzelner Industrien, Darlegungen von Vertretern
verschiedener Industriezweige, die vorher nicht gehört worden waren,
und Erklärungen betreffend die Importrestriktionen anderer Länder.
Der Ausschuß machte diese Informationen den mit der Formulierung der
politischen Richtlinien beauftragten Gremien zugängig, die den Sonderbevollmächtigten bei der Abfassung seiner Instruktionen für die Delegation in Genf beraten.
Darüber hinaus fanden regelmäßige Tagungen des Öffentlichen
Beratungsausschusses für HandelsVerhandlungen statt, einem Gremium
aus 45 vom Präsidenten ernannten Vertretern der Industrie, der Landwirtschaft, der Gewerkschaften, des Erziehungswesens und der Verbrauchergruppen. Dieser Ausschuß aus prominenten Bürgern, dessen Vorsitz
der Sonderbevollmächtigte des Präsidenten führt, berät diesen an Hand
der Ergebnisse der erarbeiteten Informationen bei der Führung der Verhandlungen und steht durch häufige Besuche auch in engem Kontakt mit
der Delegation in Genf.
Eine Gruppe von rund 290 technischen Spezialisten aus den Bereichen
der Industrie, Landwirtschaft und Gewerkschaften erwies sich als eine
Quelle wichtiger fachlicher Informationen, derer sich das Amt des Sonderbevollmächtigten in seinen fortgesetzten Bemühungen bedient, stets
über sämtliche einschlägigen Entwicklungen in der amerikanischen
Gesamtwirtschaft auf dem laufenden zu bleiben.

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XIX - 37

DIE EUROPA-POLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN

Wortlaut einer Rede, die der amerikanische Präsident,
Lyndon B. Johnson, am 7. Oktober 1966 in New York anläßlich einer Tagung des Verbandes amerikanischer Leitartikler und Kommentatoren (National Conference of
Editorial Writers) gehalten hat.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen die Rede zur
Kenntnisnahme und eventuellen Veröffentlichung.

�DIE EUROPA-POLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN

Ich erinnere mich, wie vor Jahren Franklin Roosevelt zu den 'Töchtern
der amerikanischen Revolution* sprach. Er begann seine Rede nicht mit den
Worten 'Meine Freunde' sondern 'Meine Miteinwanderer'. Und er tat recht
daran. Die meisten unserer Vorväter kamen

aus Europa - aus dem Osten oder

dem Westen, dem Norden oder dem Süden. Sie siedelten sich in London im
Staat Kentucky, in Paris in Idaho und in Rome im Staat New York an. Chicago
ist neben Warschau eine der großen polnischen Städte der Welt. Und New York
ist für die Hälfte der europäischen Nationen eine zweite Hauptstadt. Das
ist die Geschichte unseres Landes.
Die Amerikaner und alle Europäer haben Gemeinsamkeiten, die gewichtiger sind als die politischen Unterschiede. Wir haben eine einheitliche Kultur, wir teilen ein gemeinsames Schicksal, unsere Zukunft ist eine gemeinsame Aufgabe.
Heute erinnern uns vor allem zwei Jahrestage an die Interdependenz
zwischen Europa und Amerika:
- der 30. September, an dem vor siebzehn Jahren die Berliner Luftbrücke eingestellt wurde;
- und der 7. Oktober, an dem vor vier Jahren der Atomteststoppvertrag ratifiziert wurde.
Das zeugt von einem gesunden Gleichgewicht, das kein Zufall ist. Es
spiegelt den Ausgleich wider, den die atlantischen Verbündeten zwischen Bestimmtheit und Konzilianz, zwischen Festigkeit und Flexibilität, zwischen
Entschlossenheit und Hoffnung aufrecht zu erhalten versucht haben. Die
Berliner Luftbrücke war ein Akt wohlabgewogener Festigkeit. Ohne diese
Festigkeit wären der Marshallplan und der Wiederaufbau Westeuropas unmöglich gewesen. Jenes hoffnungsvolle, fortschrittliche Werk, die Europäische

- 1 -

�Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, hätte niemals entstehen können. Der
frische Wind des Wandels, der durch Osteuropa weht, wäre heute nicht spürbar.
Das alles sind Früchte unserer Entschlossenheit. Der Atomteststoppvertrag ist das Ergebnis unserer Hoffnung. Zusammen mit über einhundert
anderen Unterzeichnerstaaten haben wir uns verpflichtet,

von einer Ab-

schreckung durch Terror zu einer mehr kooperativen internationalen Ordnung überzugehen. Wir müssen weiter voranschreiten, um alle Kernwaffen und den Krieg selbst - zu ächten.
Ein gerechter Friede ist auch weiterhin unser Ziel. Aber wir wissen,
daß sich die Welt wandelt. Unsere Politik muß den Realitäten von heute nicht von gestern - entsprechen. In allen Teilen der Welt sind neue Kräfte
im Kommen, neue Staaten, neue Hoffnungen, neue Männer. In diesem Geiste
wollen wir den Aufgaben entgegensehen, vor denen die atlantischen Nationen
stehen.
Europa lebt seit 1945 in Frieden. Aber es ist ein unsteter Friede überschattet von der Drohung der Gewalt. Europa ist geteilt. Mitten durch
das Herz einer großen und stolzen Nation verläuft eine unnatürliche Linie.
Die Geschichte lehrt uns, daß der Friede in Europa nicht gesichert sein
wird, solange diese grausame Teilung nicht beseitigt ist.
Wir müssen uns einer der großen, unerledigten Aufgaben unserer Generation zuwenden: Europa zu einen.
Unser Ziel ist es nicht, andere Regierungen zu stürzen, sondern den
Völkern Europas zu helfen:
- einen Kontinent aufzubauen, in dem die Völker Ost- und Westeuropas
zum gemeinsamen Wohl zusammenarbeiten;
- einen Kontinent aufzubauen, in dem die Bündnisse einander nicht in
bitterer Feindseligkeit gegenüberstehen, sondern in dem sie einen Rahmen
bilden, in dem Ost und West zur Gewährleistung der Sicherheit aller zusammenarbeiten können.
In einem wiederhergestellten Europa kann und wird Deutschland vereinigt
sein. Das bleibt weiterhin ein lebenswichtiges Ziel der amerikanischen

- 2 -

�amerikanischen Politik. Es kann nur durch eine zunehmende Aussöhnung erreicht werden. Einen kürzeren Weg gibt es nicht.
Wir müssen auf drei Gebieten vorangehen. Wir müssen:
- erstens die Nato modernisieren und die übrigen atlantischen Institutionen stärken;
- zweitens die Integration der westeuropäischen Gemeinschaft fördern;
und
- drittens den Fortschritt in den Ost-West-Beziehungen beschleunigen.
Lassen sie mich nun der Reihe nach zu jedem dieser Punkte etwas sagen.
1. Unsere erste Sorge ist es, daß die Nato stark bleibt und mit der
Zeit Schritt hält. Die atlantische Allianz hat ihre Lebenskraft unter Beweis gestellt. Gemeinsam haben wir den Bedrohungen des Friedens widerstanden, denen wir uns gegenübersahen, und wir werden auch Bedrohungen zu begegnen wissen, die in der Zukunft auf uns zukommen mögen.
Zweifle niemand an der Verbindlichkeit amerikanischer Zusagen! Wir
werden die Lehren der dreißiger Jahre nicht vergessen, als Isolierung und
Abkehr unser Beitrag zur gemeinsamen Katastrophe waren.
Wir haben uns verpflichtet und wir~werden fest bleiben.
Aber die atlantische Allianz ist ein lebendiger Organismus. Sie muß
sich den sich ändernden Bedingungen anpassen. Es wird bereits vieles getan,
um sie in ihrem Aufbau zu modernisieren:
- Wir straffen die Nato-Befehlseinrichtungen;
- wir unternehmen Schritte, einen ständigen nuklearen Planungsausschuß zu bilden;
- wir erhöhen die Schnelligkeit und die Sicherheit des Nachschubs
über den Atlantik.
Wir müssen jedoch noch mehr tun. Die Allianz muß zu einem Forum für
immer engere Konsultationen werden. Diese sollten den ganzen Bereich der
gemeinsamen Anliegen - von den Ost-West-Beziehungen bis zur Behandlung von
Krisenfällen - umfassen.
Die
- 3 -

�Die atlantische Allianz ist das zentrale Instrument der atlantischen Gemeinschaft, aber nicht das einzige. Die atlantischen Nationen
beteiligen sich auch über andere Institutionen tatkräftig an konstruktiven Projekten.
Im Rahmen der Kennedy-Runde verhandeln wir mit den übrigen Nationen
der Freien Welt über einen allseitigen Abbau der Zölle. Unser Ziel ist
es, den Welthandel von willkürlichen und künstlichen Beschränkungen zu
befreien.
Wir befassen uns ferner mit dem Problem einer internationalen Währungsreform.
Wir prüfen, wie Wissenschaft und Technik am besten als gemeinsame
Hilfsquelle entwickelt werden können. Kürzlich hat die italienische Regierung einen Vorschlag zur Verringerung des technologischen Rückstands
Westeuropas gegenüber den Vereinigten Staaten gemacht. Dieser Vorschlag
verdient es, sorgfältig geprüft zu werden. Die Vereinigten Staaten sind
bereit, mit den europäischen Nationen bezüglich aller Aspekte dieses Problems zusammenzuarbeiten.
Schließlich, und das ist vielleicht am wichtigsten, arbeiten wir
gemeinsam daran, das Wachstum der Entwicklungsländer zu beschleunigen.
Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, den Millionen von Menschen in diesen
Ländern bei der Hebung ihres Lebensstandards zu helfen. Die reichen Nationen können nicht als eine Insel des Überflusses in einem Meer der Armut
leben.
So wie die Institutionen der atlantischen Gemeinschaft wachsen, wachsen
auch die Aufgaben, vor denen wir stehen.
2. Unsere zweite Aufgabe ist es, die weitere Einigung des Westens
nachdrücklich voranzutreiben. Das Streben nach dieser Einheit bedeutet
weder ein Hinauszögern noch ein Vernachlässigen der Suche nach Frieden.
Dafür gibt es gut Gründe:
- Ein geeintes Westeuropa kann als unser gleichberechtigter Partner
am Aufbau einer friedlichen und gerechten Weltordnung mithelfen;
- Ein

- 4 -

�- ein geeintes Westeuropa kann friedliche Initiativen gegenüber dem
Osten mit größerer Zuversicht ergreifen;
- die Einheit kann einen Rahmen abgeben, in dem ein vereinigtes
Deutschland ein voller Partner sein könnte, ohne alte Befürchtungen heraufzubeschwören.
Wir sehen der Ausweitung und weiteren Stärkung der europäischen
Gemeinschaft entgegen. Die Hindernisse sind groß. Aber Beharrlichkeit
hat bereits mehr Früchte gezeitigt als irgendeiner von uns vor zwanzig
Jahren zu hoffen wagte.
Die Umrisse des neuen Europa sind klar zu erkennen. Es ist ein stärkeres, geeinteres, aber offenes Europa - dem auch Großbritannien angehört
- mit engen Bindungen zu Amerika.
3. Ein großes Ziel eines geeinten Westens ist es, den Schnitt durch
Europa zu heilen, der heute den Osten vom Westen und Bruder vom Bruder
trennt. Diese Spaltung muß auf friedlichem Wege geheilt werden. Sie muß
mit der Zustimmung der osteuropäischen Länder und der Sowjetunion geheilt
werden. Das kann nur geschehen, wenn es Ost und West gelingt, eine sichere
Basis für ein gegenseitiges Vertrauen zu schaffen.
Nichts ist wichtiger für den Frieden. Wir müssen das Ost-West-Klima
verbessern, um die Vereinigung Deutschlands im Rahmen eines größeren,
friedlichen und blühenden Europa zu erreichen. Unsere Aufgabe ist es,
eine Aussöhnung mit dem Osten zu erreichen - einen Übergang von der engen
Konzeption der Koexistenz zu der größeren Vision des friedlichen Engagements.
Die Amerikaner sind bereit, ihren Beitrag zu leisten. Unter den
letzten vier Präsidenten war unsere Politik gegenüber der Sowjetunion die
gleiche. Wo erforderlich, werden wir die Freiheit verteidigen; wo möglich,
werden wir mit dem Osten beim Aufbau eines dauerhaften Friedens zusammenarbeiten.
Wir lassen uns durch unsere Meinungsverschiedenheiten über Vietnam
oder sonstwo nicht daran hindern, alle Möglichkeiten zu sondieren. Die
Sowjetunion und die Nationen Osteuropas sollen wissen, daß wir und unsere

- 5 -

�unsere Verbündeten mit ihnen Schritt für Schritt so weit gehen werden,
wie sie zu gehen bereit sind.
Wir - Amerikaner wie Europäer - wollen unsere Anstrengungen verstärken. Wir streben gesunde wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen
zu den kommunistischen Staaten an.
- Ich werde den Kongreß um seine baldige Zustimmung zum amerikanischsowjetischen Konsularabkommen ersuchen.
- Wir werden auf gesetzliche Vollmachten zum Abschluß von Zollabkommen dringen, die es erlauben, die Meistbegünstigungsklausel bei der
Zollbehandlung auf die kommunistischen Länder Europas auszudehnen.
Und ich gebe heute folgende neuen Schritte bekannt:
- Wir werden die Exportkontrollen im Ost-Westhandel für Hunderte von
nicht-strategischen Gütern verringern.
- Ich habe heute eine Direktion unterzeichnet, die es der ExportImportbank gestatten wird, die Garantie für Handelskredite an vier weitere osteuropäische Länder - Polen, Ungarn, Bulgarien und die Tschechoslowakei - zu übernehmen. Das entspricht guten Handelspraktiken, und wird
dazu beitragen, Brücken nach Osteuropa zu schlagen.
- Der Außenminister überprüft die Möglichkeit, die Last der polnischen Verschuldung gegenüber den USA durch Verwendung unserer Guthaben in
polnischer Währung für Zwecke zu verringern, die dem Wohle beider Staaten
dienlich wären.
- Die Export-Importbank ist bereit, amerikanische Exporte für das
sowjetisch-italienische Fiat-Autowerk zu finanzieren.
- Wir verhandeln über ein Zivilluftabkommen mit der Sowjetunion, das
den Reiseverkehr in beiden Richtungen erleichtern wird.
- Die amerikanische Regierung hat in diesem Sommer weitere Maßnahmen
getroffen, um Reisen nach kommunistischen Ländern in Europa und Asien zu
erleichtern. Wir beabsichtigen, die diesbezüglichen Bestimmungen noch
weiter zu lockern.
- In

- 6-

�- In den letzten Wochen haben die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten begonnen, Wolkenaufnahmen von Wettersatelliten auszutauschen.
Auf diesen und vielen anderen Wegen werden die Verbindungen mit
dem Osten durch die Vereinigten Staaten und andere atlantische Nationen
gestärkt. In den bestehenden atlantischen Organisationen sollte man sich
um eine Einigung auf eine generelle diesbezügliche Politik bemühen. Die
Grundsätze, die dLe Ost-West-Beziehungen leiten sollen, werden zur Zeit
im Nordatlantikrat erörtert.
Auch die OECD kann eine wichtige Rolle im Handel und bei der Herstellung von Kontakten mit dem Osten spielen. Die westlichen Nationen
können hier Mittel und Wege erkunden, wie man die Sowjetunion und die
osteuropäischen Staaten zur Mitarbeit an Aufgaben von gemeinsamem Interesse und gemeinsamem Nutzen bewegen kann.
Hand in Hand mit diesem Maßnahmen zur Stärkung der Ost-West-Beziehungen müssen Maßnahmen zur Beseitigung der territorialen und Grenzstreitigkeiten gehen, die eine Quelle von Spannungen und Reibungen in
Europa bilden. Die atlantischen Nationen sind gegen jede Anwendung von
Gewalt zur Änderung der bestehenden Grenzen. Dies ist auch ein fundamentaler Grundsatz unserer amerikanischen Außenpolitik. Wir respektieren
die Integrität der Grenzen einer Nation.

Die Aufrechterhaltung alter

Feindschaften liegt in niemandes Interesse. Unser Ziel besteht in einer
wahren europäischen Versöhnung. Das müssen wir dem Osten klarmachen.
Ferner ist es unsere Politik, die Ausbreitung nationaler Kernwaffenprogramme - in Europa und sonstwo - zu verhindern. Aus diesem Grunde werden wir in unseren Anstrengungen nicht nachlassen, zu einem Abkommen zu
gelangen, das eine Proliferation von Atomwaffen verhindert.
Wir erstreben eine stabile militärische Lage in Europa - eine L g e ,
in der Spannungen verringert werden können. Zu diesem Zweck werden die
Vereinigten Staaten auch weiterhin ihren Beitrag zu einer wirksamen westlichen Abschreckung leisten. Eine Schwächung dieser Abschreckung könnte
andere in Versuchung führen und den Frieden in Gefahr bringen.
Die atlantischen Verbündeten werden weiterhin gemeinsam prüfen, welche
Stärke die NATO angesichts technischer Veränderungen und der jeweiligen

- 7 -

�jeweiligen Bedrohung braucht. Eine Reduzierung der sowjetischen Streitkräfte in Mitteleuropa würde sich natürlich auf das Ausmaß dieser Bedrohung auswirken.
Sollten sich ändernde Umstände zu einer schrittweisen und ausgewogenen Revision der Truppenstärken auf beiden Seiten führen, dann könnte
eine solche Revision - zusammen mit den anderen von mir erwähnten Maßnahmen - dazu beitragen, allmählich ein neues politisches Klima zu
schaffen.
Es wird ein langer Prozeß sein, in Europa zu einem wahren Frieden
und zur Versöhnung zu gelangen.
Die Bindungen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren atlantischen Partnern gewähren die Stärke, von der die Sicherheit der Welt abhängt. Unsere Interdependenz ist absolut.
Unser Ziel - in Europa und überall - ist ein gerechter und sicherer
Friede. Er kann am besten durch gemeinsames Handeln erreicht werden. Deshalb gelobe ich, daß Amerika sein Bestes tun wird, um
- der Allianz neuen Schwung zu verleihen;
- die Bewegung in Richtung auf eine westeuropäische Einheit zu
unterstützen; und
- in den Beziehungen zwischen Ost und West zu einer weitreichenden
Verbesserung zu gelangen.
Unser Ziel ist es, mit dem bitteren Erbe des zweiten Weltkrieges
fertig zu werden. Der Erfolg in diesem Bemühen wird uns dem Tag näher
bringen, an dem wir Europa und der Welt den Frieden endgültig gesichert
haben werden.

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I. GIPFELKONFERENZ IN MANILA

Wortlaut des gemeinsamen Schlußkommuniques, das von den
sieben an der Gipfelkonferenz in Manila beteiligten
asiatischen und pazifischen Staaten am 25. Oktober 1966
herausgegeben wurde.
Seite

1-9

II. DIE DEKLARATIONEN VON MANILA

Wortlaut der von der asiatischen Gipfelkonferenz gleichzeitig mit dem Schlußkommunique unterzeichneten beiden
Deklarationen über die "Ziele der Freiheit" und "Frieden
und Fortschritt im asiatischen und pazifischen Raum".
Seite 10 - 12

�GIPFELKONFERENZ IN MANILA

Gemeinsames

Kommunique

Einleitung
1. Auf Einladung des Präsidenten der Philippinischen Republik trafen
nach Konsultationen mit dem Präsidenten der Republik Korea und den Ministerpräsidenten von Thailand und der Republik Vietnam die führenden Männer
von sieben Nationen des asiatischen und pazifischen Raumes am 24. und 25.
Oktober 1966 in Manila zu einer Gipfelkonferenz zusammen, um den Konflikt
in Südvietnam zu erörtern und über ihre größeren Zielsetzungen in Asien
und im Pazifik zu sprechen. Die Teilnehmer waren: Ministerpräsident Harold
Holt von Australien, Präsident Park Chung Hee von der Republik Korea,
Ministerpräsident Keith Holyoake von Neuseeland, Präsident Ferdinand E.
Marcos von den Philippinen, Ministerpräsident Thanom Kittikachorn von
Thailand, Präsident Lyndon B. Johnson von den Vereinigten Staaten von
Amerika und Präsident Nguyen Van Thieu und Ministerpräsident Nguyen Cao Ky
von der Republik Vietnam.
Grundsätzliche Politik
2. Die auf dieser Konferenz vertretenen Nationen sind vereint in
ihrer Entschlossenheit, daß die Freiheit Südvietnams gesichert werden muß,
in ihrem Friedenswillen und in ihrer tiefen Sorge um die Zukunft Asiens
und des Pazifik. Einige von uns sind jetzt in unmittelbarer Nähe der tatsächlichen Gefahr, während andere deren Bedeutung durch bittere Erfahrungen in der Vergangenheit kennengelernt haben. Diese Konferenz symbolisiert
unsere geroeinsamen Zielsetzungen und großen Hoffnungen.
3. Wir sind vereint in unserer Entschlossenheit, daß das südvietnamesische Volk nicht durch aggressive Gewalt erobert werden darf und
sich des angeborenen Rechtes erfreuen soll, seine eigene Lebensform und

- 1 -

�und seine eigene Regierungsform zu wählen. Wir werden in enger Konsultation miteinander unsere militärischen und alle sonstigen Anstrengungen
so nachdrücklich und so lange wie notwendig fortsetzen, bis die Aggression beendet ist.
4. Gleichzeitig ist unsere gemeinsame Zielsetzung der Frieden der Frieden in Südvietnam und im übrigen Asien und Pazifik. Unsere gemeinsame Verpflichtung besteht in der Verteidigung des südvietnamesischen
Volkes. Unsere einzige Forderung an die Führer Nordvietnams ist die Aufgabe ihrer Aggression. Wir sind bereit, jeden Weg zu gehen, der zu einem
gerechten und sicheren Frieden führen könnte, ob über Erörterungen und
Verhandlungen oder über gegenseitige Maßnahmen beider Seiten zur Verringerung der Gewaltanwendung.
5. Wir sind vereint in unserem Ausblick auf eine friedliche und
blühende Zukunft ganz Asiens und des Pazifik. Wir haben daher in einer
besonderen Deklaration eine Grundsatzerklärung abgegeben, die als Richtschnur unserer gemeinsamen Maßnahmen auf diesem weitergesteckten Gebiet
dienen soll.
6. Die in Verfolg der darin niedergelegten politischen Grundsätze
ergriffenen Maßnahmen müssen im Einklang mit unseren jeweiligen verfassungsmäßigen Verfahren stehen.
Die militärische Anstrengung
7. Die vietnamesische Regierung berichtete von dem bedeutenden militärischen Fortschritt im Kampf gegen die Aggression. Sie erwähnte mit besonderer Dankbarkeit den wesentlichen Beitrag der Streitkräfte der freien
Welt.
8. Die vietnamesischen Führer wiesen jedoch darauf hin, daß die
Truppenbewegung aus Nordvietnam weiterhin in großem Umfang anhält, und
daß entschlossenes militärisches Handeln sowie die Unterstützung durch
die freie Welt weiterhin notwendig sind, um der Gefahr zu begegnen. Die
Notwendigkeit zu einem solchen militärischen Handeln und der Unterstützung
muß, was Umfang und Dauer anbetrifft, von der Intensität und Dauer der
kommunistischen Aggression abhängen.

- 2 -

�9. Im Verlauf ihrer Erörterungen besprachen die Staatsmänner auch
das Problem der Kriegsgefangenen. Die Konferenzteilnehmer bemerkten, daß
Hanoi sich stets geweigert habe, mit dem Internationalen Komitee des
Roten Kreuzes hinsichtlich der Anwendung der Genfer Konventionen zusammenzuarbeiten, und forderten Hanoi hierzu auf. Sie bekräftigten erneut
ihre Entschlossenheit, sich voll und ganz an die Genfer Konventionen von
1949 für den Schutz der Kriegsopfer zu halten, und begrüßten die von dem
Exekutivausschuß der Liga der Rotkreuzgesellschaften am 8. Oktober 1966
angenommene Resolution, in der die Beachtung der Genfer Konventionen im
Vietnamkonflikt, die volle Unterstützung des Internationalen Komitees
des Roten Kreuzes und unverzügliche Maßnahmen zur Repatriierung schwerkranker und verwundeter Kriegsgefangener gefordert werden.
Sie kamen überein, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Komitee
des Roten Kreuzes auf die Erfüllung dieser Resolution hinzuwirken, und
gaben ihre Bereitschaft kund, unter der Schirmherrschaft des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes oder im Rahmen eines anderen geeigneten
Forums zusammenzukommen, um über den sofortigen Kriegsgefangenenaustausch
zu sprechen.
Befriedung und revolutionierende Entwicklung
10. Die vertretenen Regierungen richteten ihre besondere Aufmerksamkeit auf die beschleunigten Bemühungen der vietnamesischen Regierung, eine
soziale Revolution der Hoffnung und des Fortschritts zu gestalten. Noch
während der Konflikt anhält,schreiten die Bemühungen voran, die Zwangsherrschaft der Armut, Krankheit, Unwissenheit und die soziale Ungerechtigkeit
zu überwinden.
11. Die vietnamesischen Führer bekundeten ihre Absicht, einen beträchtlichen Teil der bewaffneten Streitkräfte für Säuberungs- und Sicherungsaufgaben auszubilden und bereitzustellen, um damit einen Schild zu schaffen,
hinter dem eine neue Gesellschaftsform aufgebaut werden kann.
12. Auf dem Gebiet der revolutionierenden Entwicklungen sollen die
Maßnahmen entsprechend den in den vergangenen eineinhalb Jahren konzipierten Richtlinien erweitert und intensiviert werden. Die Ausbildung der diese

- 3

�diese revolutionierende Entwicklung tragenden Kader wird verbessert
werden. Die Elektrizitäts- und Wasserversorgung wird verbessert werden.
Neue und bessere Schulen werden gebaut und mit Lehrkräften besetzt werden. Die Flüchtlinge werden auf neue Berufe umgeschult werden. Das Gesundheitswesen und die medizinische Betreuung werden ausgebaut werden.
13. Die vietnamesische Regierung erklärte, daß sie an einer Reihe
von Maßnahmen arbeitet, die dazu bestimmt sind, die Landwirtschaft zu
modernisieren und dem Bauern die Früchte seiner Arbeit zu sichern. Bestimmungen zur Landreform und Regelung der Pachtverhältnisse werden mit
Vorrang behandelt werden. Kredite für die Landwirtschaft werden erweitert
werden. Der Fruchtanbau wird verbessert und vielfältiger gestaltet werden.
14. Die vietnamesischen Führer betonten, daß zum Aufbau von Vertrauen
und Zusammenarbeit unter der Bevölkerung diese Maßnahmen von der allgemeinen Überzeugung getragen werden müßten, daß Ehrlichkeit, Tüchtigkeit und
soziale Gerechtigkeit die festen Pfeiler sind, auf denen die Programme der
vietnamesischen Regierung ruhen.
15. Dieses Programm kann mit Recht den Beifall aller an der Konferenz
teilnehmenden Regierungen finden, da es der Bevölkerung von Vietnam die
Aussicht auf eine lichtere Zukunft eröffnet. Jede Regierung sicherte die
Fortsetzung ihrer Unterstützung entsprechend ihren Mitteln zu - sei es
in Form von finanziellen Mitteln, qualifizierten Technikern oder Ausrüstungen. Sie verwiesen in diesem Zusammenhang ferner auch auf die Hilfe
auf nichtmilitärischem Gebiet, die von anderen Ländern gewährt wird, und
gaben der Hoffnung Ausdruck, daß diese Hilfe wesentlich verstärkt werden
wird.
Wirtschaftliche Stabilität und Fortschritt
16. Der Konferenz wurde von dem Erfolg der vietnamesischen Regierung
bei der Eindämmung der Inflation berichtet, die - wenn ihr nicht begegnet
würde - alle Anstrengungen zunichtemachen könnte, dem vietnamesischen Volk
ein erfüllteres Leben zu bieten. Die vietnamesischen Führer versicherten
jedoch erneut, daß die Inflation nur durch ständige Anstrengung unter Kontrolle gehalten werden könne. Sie sprachen von ihrer Absicht, nachdrückliche

- 4 -

�nachdrückliche Stabilisierungsprograirane durchzuführen, die Ausgaben in
Grenzen zu halten, die Staatseinkünfte zu erhöhen und die Spartätigkeit
zu fördern, um die inflatorische Lücke im Jahre 1967 auf dem niedrigst
möglichen Stand zu halten. Sie planen ferner, weitere Maßnahmen zu ergreifen, um die maximale Nutzung des Hafens von Saigon sicherzustellen, damit dringend benötigte Einfuhren zur Aufrechterhaltung der militärischen
Anstrengung und zur Stärkung der zivilen Wirtschaft rascher nach Vietnam
fließen können.
17. In einem Ausblick auf die fernere Zukunft ihres reichgesegneten
Landes legten die vietnamesischen Vertreter ihre Auffassungen und Pläne
für den Aufbau einer expandierenden Nachkriegswirtschaft dar.
18. Wo dies möglich ist, werden militärische Anlagen zu diesem
Zweck umgewandelt und entsprechende Planungen einbezogen werden.
19. Die konferierenden Nationen bekräftigten ihre anhaltende Unterstützung der vietnamesischen Anstrengungen, wirtschaftliche Stabilität
und Fortschritt zu erreichen. Thailand gab im besonderen seine Bereitschaft kund, umfangreiche neue Kredithilfe für den Kauf von Reis zu gewähren, und die anderen vertretenen Nationen berichteten über eine Reihe
von Plänen für die Lieferung von Nahrungsmitteln oder anderen mit der
wirtschaftlichen Situation zusammenhängende Maßnahmen. Gleichzeitig kamen
die Teilnehmer überein, an andere Nationen sowie an internationale Organisationen, die sich der vollen und freien Entwicklung einer jeden Nation
verschrieben haben, um weitere Unterstützung für die Republik Vietnam zu
appellieren.
Politische Evolution
20. Die Vertreter Vietnams wiesen darauf hin, daß selbst währ nd der
Tagung der Konferenz Maßnahmen getroffen wurden, um ein neues verfassungsmäßiges System für die Republik Vietnam durch die Tätigkeit der verfassungsgebenden Versammlung zu schaffen, die im vergangenen Monat von einem so
großen Teil der Wählerschaft gewählt worden war.
21. Die Vertreter Vietnams gaben der Erwartung Ausdruck, daß die
Arbeit an der Verfassung rasch voranschreiten werde und noch vor dem für

- 5 -

�für März 1967 festgesetzten Termin abgeschlossen werden könne. Die Verfassung wird sodann verkündet werden, und innerhalb von sechs Monaten
werden Wahlen abgehalten werden, um eine repräsentative Regierung zu
bilden.
22. Die vietnamesische Regierung ist der Ansicht, daß der demokratische Prozeß auf lokaler wie nationaler Ebene gestärkt werden muß. Die
vietnamesische Regierung gab bekannt, daß sie zu diesem Zweck mit der
Durchführung von Dorf- und Gemeindewahlen Anfang 1967 beginnen wird.
23. Die Regierung von Vietnam gab ferner bekannt, daß sie ein Programm für die nationale Aussöhnung vorbereitet. Sie erklärte ihre Entschlossenheit, jenen Vietnamesen, die irregeführt oder auf die Seite des
Vietcong gezwungen worden sind, alle Türen öffnen zu wollen. Die Regierung versucht, sie zurückzuführen, damit sie unter einer Amnestie oder
durch andere Maßnahmen als freie Menschen an dem nationalen Leben teilhaben können. Ehemalige Feinde werden lediglich ersucht, ihre Waffen
niederzulegen und ihre Fähigkeiten in den Dienst des südvietnamesischen
Volkes zu stellen.
24. Die anderen an der Konferenz teilnehmenden Staaten begrüßten
die von den vietnamesischen Vertretern zum Ausdruck gebrachte Erwartung,
daß die Arbeit an der Verfassung planmäßig voranschreiten werde, und
pflichteten der Überzeugung der Regierung der Republik

von Vietnam bei,

daß der Aufbau einer repräsentativen und verfassungsmäßigen Regierung
sowie die Eröffnung eines Weges zur nationalen Versöhnung unerläßlich
für die Zukunft eines freien Vietnam sind.
Die Suche nach Frieden
25. Die Konferenzteilnehmer widmeten einen großen Teil ihrer Beratungen den Friedenszielen und der Suche nach einer friedlichen Regelung in
Südvietnam. Sie erörterten im einzelnen die zahlreichen Bemühungen um den
Frieden, die von ihnen selbst und von anderen unternommen worden sind, sowie die Schritte der Vereinten Nationen und seiner Heiligkeit, des Papstes,
Es herrschte die klare Einsicht, daß die Beilegung des Krieges in Vietnam
von der Bereitschaft und dem Willen der Beteiligten abhängt, zusammen eine

- 6 -

�eine gerechte und vernünftige Lösung zu suchen und zu finden. Sie stellten fest, daß Hanoi noch immer kein Anzeichen erkennen ließ, durch sein
Handeln oder durch seinen Eintritt in Gespräche oder Verhandlungen irgendeinen Schritt in Richtung auf den Frieden zu tun. Die Suche nach Frieden
muß fortgesetzt werden.
26. Die Regierung der Republik Vietnam erklärte, daß sich das vietnamesische Volk nach all den Leiden des Krieges in über zwei Jahrzehnten
mehr als jedes andere Volk nach Frieden sehnt. Es begrüßt jede Initiative,
die zu einer Beendigung der Feindseligkeiten führen, die Unabhängigkeit
Südvietnams bewahren und sein Recht schützen wird, seine eigene Lebensform zu wählen.
27. Damit ihr Standpunkt und ihre Hoffnungen ihren Verbündeten in
Manila und ihren Freunden überall in der Welt klar vor Augen treten, hat
die Regierung der Republik Vietnam ihre Ansichten über- die entscheidend
wichtigen Elemente des Friedens in Vietnam feierlich verkündet:
1) Einstellung der Aggression: In Vietnam geht es um einen Kampf, der
der Erhaltung der Werte dient, die den Völkern überall auf der Welt seit
Anbeginn der Geschichte am Herzen lagen - die Unabhängigkeit der Völker
und die Freiheit des einzelnen. Das südvietnamesische Volk fordert lediglich, daß die Aggression, die seine Unabhängigkeit bedroht, und der von
außen unterstützte Terror, der seine Freiheit bedroht, eingestellt werden.
Kein Volk, das vor sich selbst Achtung hat, kann weniger fordern; kein
friedliebendes Land darf mehr fordern.
2) Erhaltung der territorialen Integrität Südvietnams: Das südvietnamesische Volk verteidigt sein eigenes Territorium gegen diejenigen, die
durch. Gewalt und Terror das zu erreichen suchen, was sie mit friedlichen
Mitteln nicht erreichen können. Wenn das südvietnamesische Volk such
volles Mitgefühl für das Los seiner Brüder im Norden hat und das Regime
im Norden verabscheut, hat es doch nicht den Wunsch, die Bevölkerung des
Nordens zu bedrohen, ihr Schaden zuzufügen oder in ihr Land einzudringen.
3) Wiedervereinigung Vietnams: Die südvietnamesische Regierung und
das südvietnamesische Volk bedauern die Teilung Vietnams in einen nördlichen und in einen südlichen Teil. Diese durch die Genfer Abkommen von

- 7-

�von 1954 herbeigeführte Teilung, so unglücklich und bedauerlich sie ist,
wird jedoch respektiert werden, bis eine Wiedervereinigung aufgrund der
freien Entscheidung aller Vietnamesen erreicht ist.
4) Lösung der internen Probleme: Das südvietnamesische Volk will
•eine eigenen, internen Meinungsverschiedenheiten beilegen und ist bereit,
hierzu ein Programm der nationalen Aussöhnung in Angriff zu nehmen. Sobald die Aggression beendet ist, wird das südvietnamesische Volk schneller
in Richtung auf eine Aussöhnung aller Teile der Gemeinschaft voranschreiten und auf demokratischem Wege Fortschritte in Richtung auf Menschenwürde,
Wohlstand und einen dauerhaften Frieden erzielen.
5) Abzug der verbündeten Truppen: Das südvietnamesische Volk wird
seine Verbündeten ersuchen, ihre Truppen abzuziehen und ihre Stützpunkte
und Anlagen zu räumen, sobald die militärischen und subversiven nordvietnamesischen Verbände zurückgezogen sind, die Infiltration aufhört und das
Ausmaß der Gewalttätigkeit damit zurückgeht.
6) Wirksame Garantien: Das südvietnamesische Volk besteht angesichts
seiner seit 1954 gemachten Erfahrungen darauf, daß alle Verhandlungen,
die zu einer Einstellung der Feindseligkeiten führen, wirksame internationale Garantien einschließen. Es ist hinsichtlich der Anwendung und
wirksamen Gestaltung derartiger Garantien aufgeschlossen.
28. Die übrigen teilnehmenden Regierungen überprüften und bekräftigten diese Punkte als unerläßliche Bestandteile des Friedens und vereinbarten, daß sie auf dieser Grundlage in engen gegenseitigen Konsultationen
handeln würden, um den Konflikt beizulegen.
29. Im besonderen erklärten sie, daß die alliierten Truppen in der
Republik Vietnam stehen, weil dieses Land das Opfer einer Aggression ist
und seine Regierung um Unterstützung der Bevölkerung bei der Abwehr der
Aggression nachgesucht hat. Sie werden nach eingehenden Konsultationen
abgezogen werden, sobald die andere Seite ihre Streitkräfte nach dem
Norden zurückzieht, die Infiltration einstellt, und das Ausmaß der Gewalttätigkeit damit zurückgeht. Diese Truppen werden so bald wie möglich und
nicht später als sechs Monate, nachdem die obigen Voraussetzungen erfüllt
sind, zurückgezogen werden.
Weitere
- 8 -

�Weitere Konsultationen zwischen den Teilnehmerstaaten
30. Alle Konferenzteilnehmer stimmten darin überein, daß der Wert
einer Konferenz der sieben Länder durch die offenen und eingehenden
Diskussionen zur Genüge erwiesen worden ist. Man stimmte ferner darin
überein, daß zusätzlich zu den bereits auf diplomatischem Wege geführten eingehenden Konsultationen regelmäßige Zusammenkünfte der Botschafter dieser Länder mit der Regierung der Republik Vietnam in Saigon stattfinden sollten. Konferenzen ihrer Außenminister und ihrer Regierungschefs werden ebenfalls stattfinden, soweit dies notwendig ist.
31. Am Schluß dieser Konferenz brachten alle Teilnehmer Präsident
Marcos und der Regierung der Philippinischen Republik ihren tiefempfundenen Dank dafür, daß sie Manila als Konferenzort vorgeschlagen hat,
sowie ihre Anerkennung für die ausgezeichneten Vorbereitungen zum Ausdruck.

- 9-

�DIE DEKLARATIONEN VON MANILA

ZleLe der Freiheit

Wir, die sieben in Manila versammelten Nationen, bekunden unsere
Einmütigkeit, unsere Entschlossenheit und unsere Absicht, gemeinsam die
Ziele der Freiheit in Vietnam sowie im asiatischen und pazifischen Raum
anzustreben. Diese Ziele sind:
1) Freiheit von Aggression
2) Überwindung von Hunger, Unwissenheit und Krankheiten
3) Aufbau einer Region der Sicherheit, der Ordnung und des
Fortschritts
4) Aussöhnung und Friede in ganz Asien und im gesamten pazifischen
Raum.

Frieden und Fortschritt im asiatischen und pazifischen Raum
Wir, die Führer der sieben in Manila versammelten Nationen, wünschen
Frieden und Fortschritt für den asiatisch-pazifischen Raum;
bauen auf die Zielsetzungen und Prinzipien der Vereinten Nationen,
die die Unterdrückung von Aggressionshandlungen und die Achtung vor dem
Prinzip der gleichen Rechte und der Selbstbestimmung der Völker fordern;
sind entschlossen, daß die Aggression nicht belohnt werden darf;
respektieren das Recht aller Völker, über ihre eigene Regierungsform
zu bestimmen und sich diese zu erhalten;
streben eine Beilegung des Krieges in Vietnam mit friedlichen Mitteln
an;
t sind durch die wachsende regionale Verständigung und die regionale
Zusammenarbeit der freien Nationen in Asien und im Pazifik wesentlich
ermutigt;
und verkünden hiermit diese Grundsatzerklärung, auf der sich unsere
Hoffnungen auf künftigen Frieden und Fortschritt im asiatischen und pazifischen Raum begründen:
1.

- 10 -

�1. Die Aggression darf keinen Erfolg haben:
Der Friede und die Sicherheit Asiens und des Pazifik, ja der ganzen
Welt, sind unteilbar. Die Länder des asiatischen und pazifischen Raumes
sollen sich ihrer Unabhängigkeit und Souveränität frei von jeder Aggression, von ausländischer Einmischung oder der Herrschaft irgendeines
Landes erfreuen. Wir machen uns die hart erkämpften Lehren der Geschichte
zu eigen, daß eine erfolgreiche Aggression in irgendeinem Teil der Welt
den Frieden gefährdet, und sind entschlossen, unseren verschiedenen Verpflichtungen im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen sowie der einzelnen gemeinsamen Sicherheitspakte nachzukommen, so daß die Aggression
im asiatischen und pazifischen Raum keinen Erfolg haben wird.
2. Wir müssen die Fesseln der Armut, der Unwissenheit und der Krankheit zerbrechen.
Wir sind uns darüber im klaren, daß es im asiatischen und pazifischen
Raum, der ein reiches Erbe an inneren Werten und Menschenwürde aufweist,
die Pflicht eines jeden Landes ist, sich an einer wachsenden Offensive
gegen Armut, Unwissenheit und Krankheit zu beteiligen. Denn sie fesseln
die Menschen an ein Leben der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung,
die die Wurzeln für Gewalttaten und Kriege bilden. Wenn die Menschen wissen,
daß ein Fortschritt möglich ist und auch erreicht wird, wenn sie überzeugt
sind, daß ihre Kinder ein besseres, erfüllteres und reicheres Leben führen
werden, dann erheben sie ihre Häupter voll Hoffnung und Stolz. Nur dann
kann es eine dauerhafte nationale Stabilität und eine dauerhafte internationale Ordnung geben.
3. Wir müssen die Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem, sozialem und
kulturellem Gebiet innerhalb des asiatischen und pazifischen Raumes stärken.
Gemeinsam mit unseren übrigen Partnern in Asien und im pazifischen
Raum werden wir die Institutionen und die Praxis für eine regionale Zusammenarbeit entwickeln. Durch ständige Anstrengungen wollen wir in diesem
riesigen Raum, in dem fast zwei Drittel der Menschheit leben, eine Zone
der Sicherheit, der Ordnung und des Fortschritts schaffen, wobei wir uns
des gemeinsamen Schicksals dieses Gebietes angesichts seiner eigenen

- 11 -

�eigenen Traditionen und Bestrebungen gewärtig sind. Die Völker dieses
Gebietes haben ein Recht darauf und tragen auch die Hauptverantwortung
dafür, sich mit ihren eigenen Problemen zu befassen und ihre eigene
Zukunft gemäß ihrem eigenen Wissen und ihren eigenen Erfahrungen zu gestalten. Die Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet
für eine regionale Entwicklung sollte allen Ländern dieses Gebietes,
unabhängig von Glauben oder Ideologie offen stehen, die wirklich eine
Politik des Friedens und der Eintracht unter allen Völkern verfolgen.
Länder außerhalb dieses Gebietes werden als Partner begrüßt werden, die
für das gemeinsame Wohl arbeiten, und ihre Mitarbeit wird in Formen angestrebt werden, die mit der Unabhängigkeit und der Würde der asiatischen und pazifischen Nationen in Einklang stehen.
Ein friedliches und fortschrittliches Asien, in dem die Nationen
für das gemeinsame Wohl zusammenarbeiten können, wird ein wichtiger
Faktor bei der Schaffung von Frieden und Wohlstand auf der ganzen Welt
sowie bei der Verbesserung der Aussichten auf eine internationale Zusammenarbeit und ein besseres Leben für die gesamte Menschheit sein.
4. Wir müssen überall in Asien Aussöhnung und Frieden anstreben.
Wir bedrohen nicht die Souveränität oder die territoriale Integrität
unserer Nachbarn - gleichgültig, welche ideologischen Bindungen sie
haben. Wir verlangen lediglich, daß dies erwidert wird. Die ideologischen Streitigkeiten und Ambitionen und die schmerzlichen Gegensätze,
die die Folge nationaler Befürchtungen und Mißstände sind, sollten der
Vergangenheit angehören. Hieraus resultierende Aggressionen dürfen keinen
Erfolg haben. Wir werden unseren vollen Beitrag zur Schaffung einer Umwelt leisten, in der eine Aussöhnung möglich ist. Denn in der Welt von
heute bleibt dem Menschen und den Völkern keine andere Wahl, als zu
lernen, miteinander als Brüder zusammenzuleben.

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NICHT-KOMMUNISTISCHER KONSENSUS IM PAZIFIK

Aus "The Economist", London, 29.Oktober 1966.
Nachdruck nur mit Quellenangabe und dem Vermerk
Copyright, The Economlst Newspaper Ltd., 1966
gestattet.

�NICHT-KOMMUNISTISCHER KONSENSUS IM PAZIFIK

Die Johnson-Doktrin für Asien beginnt sich bezahlt zu machen. Den
entscheidenden Test, die Bewährungsprobe auf dem Schlachtfeld, hat sie
allerdings noch vor sich: Nordvietnamesen und Vietcong werden voraussichtlich in diesem Winter erneut zu demonstrieren suchen, daß sie in
Südvietnam nicht vor den Amerikanern und ihren Verbündeten kampfesmüde
werden. Es wäre in höchstem Maße überraschend, würden die Kommunisten
auf die ihnen in Manila am 25. Oktober angebotenen Bedingungen eingehen,
ohne noch einmal versucht zu haben, den amerikanischen Kampfeswillen zu
brechen. Die Politik Präsident Johnsons aber zahlt sich in einer anderen
Weise aus und wird letzten Endes auch über den Ausgang des Ringens auf
dem Schlachtfeld entscheiden. Das hat man bisher noch nicht klar genug
erkannt, beginnt es jedoch nunmehr zu begreifen.
Was im Jahr 1966 in und um Südostasien geschieht, ist genau das
gleiche, was sich 1947 in und um Südosteuropa ereignete. Als Präsident
Truman damals die Zusicherung gab, die Vereinigten Staaten werden Griechenland und die Türkei verteidigen, erreichte er damit zwei Dinge. Er
schuf einen Kristallisationskern, um den sich die nicht-kommunistischen
Kräfte jenes Gebietes sammeln konnten; und er löste innerhalb des kommunistischen Lagers einen heftigen Meinungsstreit zwischen denen aus, die
sich angesichts der amerikanischen Zusicherung zurückziehen wollten, und
jenen, die den Bürgerkrieg in Griechenland bis zum Ende durchzukämpfen
wünschten. Es dauerte, von der Verkündung der Truman-Doktrin im Jahre
1947 an gerechnet, zweieinhalb Jahre, bis die griechischen Kommunisten
einsahen, daß sie die Macht in Athen nicht mit Waffengewalt' erringen
konnten; aber einsehen mußten sie es doch.
Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich in der gegenwärtigen Krise
in Asien ab. Auf der nicht-kommunistischen Seite ist Präsident Johnson
dabei, einen Konsensus im pazifischen Raum zustande zu bringen; auf der
kommunistischen Seite weitet sich die Kluft zwischen China und Rußland

- 1 -

�Rußland von Stunde zu Stunde, und Kossygin fällt es auffällig schwer,
selbst seine kleineren kommunistischen Verbündeten zum Festhalten an
einer gemeinsamen Linie zu bewegen.
Die Neun-Mächte-Konferenz in Moskau, die am 21. Oktober zu Ende
ging, sollte - diese Absicht bestand sicherlich - mit der Verurteilung
Chinas in irgendeiner Form ausklingen. Hierin allein ist der Grund für
das Fernbleiben Nordvietnams und Nordkoreas zu sehen. Einer gegen China
gerichteten Erklärung zuzustimmen, hätte ihnen Schwierigkeiten gebracht.
Aber selbst jene neun Länder, die schließlich an der Moskauer Konferenz
teilnahmen, gelangten dann zu dem Schluß, daß sie einer solchen Erklärung
nicht beipflichten konnten; die Rumänen, und vielleicht auch die Kubaner,
beschlossen, Kossygin auf seinem Wege nicht länger zu folgen. So fuhren
denn die Mitglieder dieser Versammlung hoher Würdenträger - Parteivorsitzende, Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister von neun der
vierzehn kommunistischen Staaten dieser Erde - unter dem gedämpften
Trommelwirbel eines Kommuniques nach Hause, das lediglich von einem
"Meinungsaustausch" sprach. Kossygin hat demzufolge noch nicht jene Basis
der Einigkeit, die er für beide ihm offenstehende Marschrichtungen in der
Vietnampolitik braucht. Es gelang ihm nicht, die äußerst mißtrauischen
Chinesen zur Annahme eines gemeinsamen umfassenden Militärhilfeprogramms
für Vietnam zu überreden - doch diesen Weg wünscht er wohl ohnehin nicht
zu gehen. Es ist ihm aber - zumindest bisher - auch nicht gelungen, die
anderen großen kommunistischen Parteien zum offenen und endgültigen Bruch
mit China zu bewegen, der unabwendbar ist, sollte er sich für ein Arrangement mit den Amerikanern entscheiden.
Man vergleiche diese Situation mit den Ergebnissen der Pazifikreise
Präsident Johnsons. Das Wichtigste des am 25. Oktober veröffentlichten
Abschlußkommuniques von Manila

sind nicht die Bedingungen für einen

schrittweisen Abzug der alliierten Truppen aus Südvietnam, die darin angeboten werden. Sie werden erst später Gewicht bekommen, falls und wenn
die Nordvietnamesen die Beurteilung ihrer Siegeschancen revidieren. Das
ist noch nicht der Fall. Was heute zählt, sind die Früchte der Bemühungen Johnsons um das Zustandekommen eines nicht-kommunistischen Konsensus

- 2-

�Konsensus im Pazifik. Die sechs asiatischen und südpazifischen Länder,
die in Manila vertreten waren, tragen sämtlich in der einen oder anderen
Form zu den Kriegsanstrengungen in Vietnam bei. Sie sind sämtlich Mitglieder des im Juni dieses Jahres gegründeten Asiatisch-pazifischen Rates
(ASPA), dem auch Japan, Formosa und Malaysia angehören. In den Diskussionen von Manila begann sich eine gemeinsame Politik bezüglich Südostasiens
abzuzeichnen, der sich im Laufe der Zeit voraussichtlich auch die nicht
in Manila vertretenen ASPA-Mitglieder anschließen werden. Präsident Johnson hat etwas fertiggebracht, das weder Acheson mit dem ANZUS-Pakt noch
Dulles mit der SEATO ganz gelang. Begünstigt durch die Angst der meisten
Asiaten vor China, beginnt Johnson ein Sicherheitssystem für den Westpazifik aufzubauen. Die Tagung in Manila deutet auf einen möglichen Zusammenschluß der ANZUS-Pakt- mit den SEATO-Pakt-Staaten und die Schaffung
eines aktionsfähigen politischen Apparates für beide hin.
Beim Aufbau dieser neuen Allianz erhält die amerikanische Diplomatie
kräftige Schützenhilfe durch den Parteivorsitzenden Mao und die Rote Garde.
Es mehren sich die Anzeichen dafür, daß viele der Anliegerstaaten des
Pazifischen und des Indischen Ozeans den amerikanischen Schutzschirm ganz
gern sehen, unter dem sie Zuflucht vor einem - wie sich inzwischen erwiesen hat - gefährlichen und außer Rand und Band geratenen China suchen
können. Die Menschen, die in Australien und Neuseeland zusammenströmten
und Johnson ihre Ovationen darbrachten, wissen, von welcher Seite ihnen
in Zeiten der Bedrängnis Hilfe werden kann. Und selbst Indien, wo Frau
Gandhi öffentlich für die Einstellung der Bombardierung Nordvietnams plädiert, bringt die Furcht vor dem großen Nachbarn jenseits des Himalaja
in geheimen Gesprächen sehr viel anders lautende Kommentare hervor.
Immer mehr Asiaten erhoffen sich von den Amerikanern Schutz vor einer
Gefahr, der sie - weil es sich um eine nukleare Bedrohung handelt - aus
eigener Kraft nicht Herr werden können. Sie fühlen sich andererseits aber
auch durch die Überreste der Ideologie von einem dritten Weltkrieg gehemmt,
das bestehende Schutzbedürfnis offen einzugestehen. Hauptthema der Tagung
von Manila war die Wiederherstellung von Frieden und Sicherheit in Südvietnam und die wirtschaftliche Entwicklung des ganzen südostf. tiatischert

- 3 -

�südostasiatischen Raums. Die Idee eines künftigen asiatischen Sicherheitssystems blieb unausgesprochen, war aber dennoch latent vorhanden. Die Vereinigten Staaten haben aus ihrer Erfahrung mit der SEATO gelernt, die
Dinge nicht zu übereilen und mehr Nachdruck auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit als auf die militärischen Belange zu legen. Für den Erfolg
der amerikanischen Politik ist es wichtig, daß die größeren unter den
asiatischen Mächten - Japan, Indien und später einmal auch Indonesien eines Tages die ihnen zukommende Rolle spielen werden. Sie werden sich
dazu nur bereit finden, wenn ihre öffentliche Meinung auch nicht durch
den leisesten Hinweis auf die Möglichkeit schockiert wird, die Vereinigten
Staaten könnten eine Politik verfolgen, die auf eine permanente amerikanische Präsenz in Asien abzielt. Viele Asiaten sind heute der Auffassung,
eine amerikanische militärische Präsenz sei angesichts der derzeitigen
Politik Chinas und der chinesischen Bombe eine - unangenehme - Notwendigkeit. Die meisten sprechen dies ungern laut aus und wünschen in jedem
Fall, daß diese Präsenz nicht von Dauer sei.
Das ist der Hintergrund, vor dem die Zusicherung von Manila gesehen
werden muß, alle ausländischen Truppen innerhalb sechs Monaten nach dem
Abzug der Nordvietnamesen aus dem Süden aus Südvietnam abzutransportieren.
Es ist dies ein Angebot, das die amerikanischen Friedensbemühungen glaubwürdig macht. Es ist aber auch ein Versprechen, welches bezeugt, daß die
Vereinigten Staaten auf lange Sicht keine Ambitionen in Südostasien haben.
Es gibt den alliierten Staaten einschließlich Japans mit seinem bilateralen Verteidigungspakt mit den USA zu verstehen, daß sie letztlich einmal
auf eigenen Füßen stehen müssen. Auf diese Weise hofft Johnson, die Asiaten
allmählich dahin bringen zu können, die Verantwortung für ihre Sicherheit
schrittweise selbst zu übernehmen. Die Vereinigten Staaten dürften ihre
Stützpunkte in Thailand noch einige Zeit behalten; deren Funktion aber
wäre, sobald Frieden in Vietnam herrscht, in erster Linie als vorgeschobene nukleare Basen für den Ernstfall zu dienen. Nur wenn Japan und Indien
einen wirksamen nuklearen Schutz in irgendeiner Form erhalten - sei es
durch eine gemeinsame Garantie, den Erwerb von Raketen unter einem ZweiSchlüssel-System oder den Aufbau eigener nuklearer Kapazitäten -, werden
die Vereinigten Staaten nicht länger allein für den Atomschutzschirm
sorgen müssen.
Die
- 4 -

�Die amerikanischen Bedingungen für den Abzug aus Vietnam beinhalten
aber auch eine Botschaft, die an Ho Chi Minh gerichtet ist. Sie zeigt
Form und Gestalt eines möglichen Kompromisses auf. Diese Botschaft fordert
ihn auf, die Hoffnung fahren zu lassen, die Kommunisten in Südvietnam an
die Macht zu bringen

(wiewohl diese im politischen Leben des Landes nach

dem Krieg die Rolle einer Minderheitengruppe spielen könnten, wobei allerdings über die Frage, wie sie sich eingliedern lassen,erst noch zu sprechen wäre), und bieten ihm als Gegenleistung die Aussicht an, daß das
nicht-kommunistische Südvietnam zumindest

nicht Stützpunkt amerikani-

scher Truppen sein werde. Vielleicht kann sich Ho Chi Minh nie mit dem
Scheitern seiner ein ganzes Leben lang gehegten ehrgeizigen Pläne abfinden, Vietnam unter kommunistischer Herrschaft wiederzuvereinigen,und entschließt sich zum Weiterkämpfen. Tut er dies aber, läuft er Gefahr, das
Schlimmste heraufzubeschwören. Wenn das Schlachtenglück weiterhin gegen
ihn ist, wird er es schließlich dahin bringen, daß die kommunistischen
Kräfte im Süden auf einige wenige Banden gejagter Guerilla-Kämpfer zusammenschrumpfen, während eine gewaltige amerikanische Armee :vör seinem Tor
zum Süden steht. Ho Chi Minh hat die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten:
Südvietnam zu einem zweiten Griechenland oder zu einem zweiten Südkorea
werden zu lassen. Das ist eine Wahl, die nicht zuletzt die Russen interessiert, denn auch sie sehen eine ständige amerikanische Garnison in
Asien ungern. Hier ist der Punkt, an dem sich der Entschluß Johnsons vom
vergangenen Jahr, eine Expeditionsstreitmacht zu entsenden, bezahlt zu
machen beginnt. Die amerikanische Armee in Vietnam ist, auch für sich
allein genommen, heute bereits ein wichtiges Faustpfand für Verhandlungen
zur Beendigung des Krieges.
Vor fünf Jahren noch schien die Vorstellung von stabilen Verhältnissen
in Südostasien Ausgeburt eines Opiumrausches zu sein. Heute besteht eine
echte Aussicht, jenes schwer heimgesuchte Gebiet zu befrieden. Die Veränderungen in der Regierung Indonesiens haben zum Entstehen neuer Machtverhältnisse im Pazifik beigetragen. Den größten Beitrag aber stellt das
amerikanische Aufgebot in Vietnam dar. Um an der Peripherie Chinas ein
stabiles System aufbauen zu können, mußten die Vereinigten Staaten erst
den Beweis erbringen, daß sie es ernst meinen. Die von ihnen in Vietnam

- 5 -

�Vietnam eingesetzten Machtmittel zeigen, was ein amerikanischer Präsident zu tun vermag, um die Expansion eines so anmaßenden Systems einzudämmen. Er vollbrachte es Ende der vierziger Jahre in Europa, und er
versucht es jetzt in Asien. Wenn sich das Bündnis, in das Johnson gegenwärtig die amerikanische Politik zu kleiden trachtet, in Vietnam zu behaupten vermag, werden sich alle jene, die die Guerilla-Kriegführung
auch in anderen Gebieten Asiens zu erproben wünschen, einen solchen
Versuch zweimal überlegen. Welches Urteil die Geschichte auch immer
über Präsident Johnsons Vietnam-Politik fällen wird, er hat klargestellt,
daß die Vereinigten Staaten willens sind, ihren Einfluß in Asien wie in
Europa geltend zu machen. Eine Verlagerung des Gewichts Amerikas nach
seiner pazifischen Flanke hin macht sich bemerkbar.

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DIE NATO, DIE VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA

WASHINGTON - (AD) - Ansprache des Generalsekretärs der NATO, Manlio Brosio, gehalten
am Freitag, dem 18. November 1966 vor dem
Nationalen Presseklub in Washington.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen
den vollen Text der Rede zur Kenntnisnahme
und Veröffentlichung im Wortlaut oder in
Auszügen.

�DIE NATO, DIE VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA

Ich freue mich, hier bei Ihnen sein zu dürfen. Ich war bereits mehrmals als Botschafter in Begleitung führender italienischer Politiker wie
z.B. Scelba und Fanfani Ihr Gast. Nunmehr stehe ich für mich allein hier
vor Ihnen, nicht mehr als Repräsentant eines Landes sondern eines Bündnisses, das Organisation und Hoffnung zugleich einer Gemeinschaft von
Staaten ist. Als Vertreter einer rein internationalen Organisation bin
ich in einem engeren Sinne nicht für die Handlungen irgend eines Landes
verantwortlich. Angesichts so vieler Auftraggeber sind mir zwar keine
strikten Grenzen gesetzt, es steht mir aber auch nicht an, die spezifische Haltung eines unter den verbündeten Ländern zu vertreten; andererseits ist aber auch der Versuch manchmal sehr mühsam, ihre Politik auf
eine gemeinsame Formel zu bringen. Wie der Papst, habe auch ich keine
eigenen Divisionen hinter mir. Er gebietet immerhin über eine gewaltige
geistige Macht, mir dagegen .stehen lediglich mein persönliches Urteil,
das noch dazu oft wenig bedeuten dürfte,zu Gebote und mein tiefer Glaube
an die Zielsetzung und Notwendigkeit unseres Bündnisses, der vielleicht
etwas mehr bedeuten mag. Sie geben mir den Mut, in ernsten Situationen
meine geringe persönliche Kraft in die Waagschale zu werfen.
Lassen Sie mich nun einige wesentliche Punkte herausstellen. Ich
will es dann Ihnen überlassen, sie mit subtiler und erfahrener, dabei
aber gesitteter und wohlmeinender Könnerschaft noch klarer herauszuarbeiten oder auch zu verwerfen.
Da mein Thema "Die NATO, die Vereinigten Staaten und Europa" heißt,
betrifft der erste Punkt, den ich hier mit vollem Recht herausgreifen
möchte und der Sie meines Erachtens sehr interessieren dürfte, den derzeitigen Zustand unseres Bündnisses. Wie Sie alle wissen, setzte die
französische Regierung ihre Verbündeten im März davon in Kenntnis, daß
sich Frankreich aus der integrierten Verteidigungsstruktur herauslösen
werde. Es wäre müßig und unaufrichtig, den Ernst dieser französischen
Entschlüsse bagatellisieren zu wollen, haben sie doch zweifellos eine

- 1 -

�eine der ernstesten Krisen in der siebzehnjährigen Geschichte der NATO
ausgelöst. Sie alle sind sich dieser Tatsache bewußt, und sämtliche
Zeitungen waren in den letzten acht Monaten voll von Berichten über
Schwierigkeiten innerhalb der NATO. Im Laufe der Zeit, so scheint mir
jedenfalls, konnten jedoch die meisten dieser Schwierigkeiten überwunden
werden. Beherrschende Tatsache ist nicht die Handlungsweise Frankreichs,
sondern die feste Entschlossenheit der 14 Verbündeten Frankreichs, das
NATO-Bündnis in ihrem eigenen nationalen Interesse aufrechtzuerhalten.
Der Rat wird nach Brüssel verlegt, und die militärischen Kommandostellen
werden aus Frankreich abgezogen - das Oberkommando der alliierten Streitkräfte in Europa (SHÄPE) wird nach Belgien, das Hauptquartier des Abschnitts Mitte (AFCENT) nach den Niederlanden und der Militärausschuß von
Washington nach Europa umziehen. Kanada und - in noch größerem Ausmaß die Vereinigten Staaten gruppieren ihre bisher auf französischem Boden
stationierten Truppen um und ziehen sowohl Streitkräfte als auch Vorräte
aus Frankreich ab. Alles in allem sind die 14 Staaten dabei, die NATO
rasch und mit Erfolg umzuorganisieren.
Während sich die NATO so selbst reorganisiert, haben sich in der
Welt eine Reihe von Entwicklungen vollzogen, die noch größere Fragen aufwerfen. Manche Europäer sind angesichts der Möglichkeit besorgt, daß das
Engagement der Vereinigten Staaten in Asien zu einer Schwächung der für
Europa zur Verfügung stehenden amerikanischen Truppenstärken und Hilfsquellen und zu einem Nachlassen Ihres Interesses an den europäischen
Fragen führen könnte. Ich aber stehe auf folgendem Standpunkt:
Obgleich das nordatlantische Bündnis nicht direkt in den VietnamKonflikt verwickelt ist, nimmt es doch starken Anteil an ihm und sein Ausgang kann ihm nicht gleichgültig sein.
Einige meiner hervorragenden amerikanischen Freunde, die mit der derzeitigen Politik der Vereinigten Staaten nicht gerade sympathisieren,
haben mir gegenüber nachdrücklich betont, die europäischen NATO-Verbündeten hätten die Pflicht, der amerikanischen Regierung klarzumachen, daß
der ganze Feldzug dort ein Fehler sei, und daß sie diesen Fehler korrigieren müsse - je eher, umso besser für Europa, das Bündnis und den Frieden

- 2-

�Frieden der Welt. Ich verwahre mich energisch gegen eine solche Auffassung. Meiner Überzeugung nach würde ein militärischer Rückschlag oder
ein schlechter und auf Verzicht und Preisgabe basierender Friede in Vietnam das unbedingt notwendige Vertrauen der Verbündeten der USA in amerikanische Zusicherungen untergraben. Das derzeitige amerikanische Engagement in Vietnam entspringt nicht dem Zufall - es steht vielmehr völlig
im Einklang mit der Haltung, die die Vereinigten Staaten gegenüber dem
Genfer Frieden im Jahr 1954 eingenommen haben. Die USA, die jene Regelungen nicht unterzeichnet haben, erklärten damals, sie würden diese Abmachungen respektieren und "jede Erneuerung der Aggression in Verletzung
(dieser) Vereinbarungen mit schwerer Sorge und als eine ernste Bedrohung
des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit ansehen11.
Wie ich die Dinge beurteile, geht es nicht so sehr darum, ob die eine
oder andere Regierung in Südvietnam nach Auffassung dieser oder jener
unter uns gut oder schlecht ist?, sondern darum, ob dort überhaupt irgendwelche Aussichten auf den Aufbau eines Rechtsstaates bestehen - eines
Staates, der nicht auf totalitärer Gewalt, Unterdrückung und Terror, sondern auf dem echten Ausdruck des freien Willens des Volkes von Südvietnam
beruht. Noch immer glauben einige Leute, die einzig leistungsfähige Regierung wäre dort eine kommunistische Regierung. Sicherlich sind die Kommunisten, was dit Erringung der Macht, die Vernichtung ihrer Feinde und die
Terrorisierung von Menschen bis zu ihrer völligen Unterwerfung angeht, sehr
tüchtig. Ob das Volk aber glücklich lebte, das wäre sehr die Frage. Ich als
Europäer und Angehöriger der atlantischen Gemeinschaft kann in dem Bewußtsein, wie schwierig die ersehnte Friedensregelung tatsächlich zu treffen
ist, der US-Regierung nur vollen Erfolg wünschen und dem amerikanischen
Volk und seinen Soldaten für den Mut und die Entschlossenheit danken, die
sie in diesem schwierigen Ringen um

Freiheit und Frieden beweisen.

Mein zweiter Punkt betrifft die Politik der Sowjetunion. Wie sieht
die weltweite Politik Moskaus aus? Inwieweit haben neuere Entwicklungen
die russische Strategie und Taktik beeinflußt? Bei der Beurteilung ihrer
Politik müssen wir es sorgfältig vermeiden, den Anfang eines langwierigen,
historischen Prozesses mit einem erzielten Endresultat oder eine mögliche
und wünschenswerte Entwicklung mit der Realität zu verwechseln. Es besteht

3

�besteht kein Zweifel darüber, daß sich die Russen - nach Kuba, dem
Schwinden ihrer Hoffnungen in bezug auf Berlin, Chruschtschows Abdankung
und dem Bruch mit China - vorsichtig und relativ gemäßigt geben - jedenfalls in ihren Taten, wenn auch nicht immer in ihren Worten. Doch müssen
wir sie deshalb sogleich als gute, vernünftige und friedliche Neo-Konservative ansehen, die den Versuch unternehmen, die sich so skandalös betragenden "bösen Buben", die Chinesen, zu zügeln? Meine Antwort lautet:
Lassen Sie uns sehr vorsichtig sein! Die Sowjetunion möchte nicht in
einen Krieg verwickelt werden - besonders nicht in einen größeren Krieg.
Das ist keine Frage. Ob sie ihren Einfluß für den Frieden überall geltend
machen wird wie in Taschkent, wo sie einwandfrei ein Interesse daran hatte,
als Friedensstifter aufzutreten und zu gelten - das ist sehr wohl eine Frage.
Was Vietnam betrifft, so nimmt man in gut informierten Kreisen heute
allgemein an, daß die Sowjetunion den Frieden gerne herbeiführen möchte,
aber nicht kann. Ich wage die Richtigkeit dieser Auffassung nicht anzuzweifeln, aber Vorsicht und Vernunft sagen einem, daß die Sowjetunion
einen Frieden vorzieht, der ihre Position im Lager der Kommunisten und der
Neutralen stärkt. Man muß deshalb vernünftigerweise davon ausgehen, daß
die Sowjets in dem - für sie - geeignetsten Augenblick versuchen werden,
die Vereinigten Staaten dazu zu überreden, einen "schlechten" Frieden anzunehmen - d.h. das südvietnamesische Volk zuerst dem Vietkong und später
Hanoi zu überantworten. Vielleicht irre ich mich; aber meiner Meinung nach
haben die Sowjets in Vietnam die Wahl zwischen zwei Alternativen, die
beide ihren Interessen bestens dienen: die unbegrenzte Fortdauer eines
Krieges, der allmählich China und die USA in einen langwierigen, wenngleich
nicht unmittelbaren Konflikt hineinziehen würde, oder ein Friede kommunistischer Prägung.
Das führt mich zu meinem dritten Punkt und damit mehr zu Europa. In
Europa konnten wir - vornehmlich dank den Vereinigten Staaten sowie ihrem
allgemeinen und nuklearen Potential - als erstes wichtiges Ergebnis der
Existenz und Einheit der NATO das Risiko einer tatsächlichen Aggression
auf ein Mindestmaß reduzieren. Jetzt aber hat die Sowjetunion den Schwerpunkt ihrer Politik von der unmittelbaren militärischen Bedrohung auf das
Gebiet diplomatischer und politischer Aktivität verlagert, und dort geht

- 4 -

�geht der Kampf weiter. Da die Russen niemals von ihrem Ziel ablassen
werden, sowohl eine dominierende europäische als auch eine asiatische
Großmacht zu sein, können sie das Bestehen einer natürlichen Bindung
zwischen den Vereinigten Staaten und Europa nicht hinnehmen und werden
aus diesem Grunde versuchen, die atlantische Allianz auszuhöhlen und zu
vernichten. Sie werden keine andere Großmacht in Europa tolerieren, die
ebenso stark oder stärker ist als sie, und sie werden deshalb versuchen,
ein geeintes freies Europa jedweder Gestalt zu zersplittern, zu unterwandern und zu verwässern. Sie kennen die entscheidende Rolle Deutschlands sowohl im atlantischen Bündnis als auch in einem geeinten Europa
und versuchen aus diesem Grunde, die Teilung Deutschlands aufrechtzuerhalten, es zu demoralisieren und zu einem Unsicherheitsfaktor für die
freie Welt zu machen. Noch für keine dieser grundlegenden europäischen
Probleme konnte bisher eine endgültige Lösung gefunden werden. Ein politisch geeintes Europa liegt noch in weiter Ferne, das atlantische Bündnis mußte einen starken Schlag hinnehmen und Deutschland befindet sich
in einem Stadium der Unruhe.
Wir haben wohl die erste Halbzeit der Fußballschlacht mit einem Vorsprung von einem Tor gewonnen, die schwierige zweite Spielhälfte, in der
wir gewissermaßen gegen den Wind spielen müssen, ist noch nicht zu Ende
und der Ausgang noch ungewiß. Der Sieg fällt nicht immer dem zu, der das
erste Tor schießt, sondern eher dem Standhaften, der den richtigen Augenblick erfaßt, um aus der Tiefe des Feldes heraus mit übermächtiger Gewalt
anzugreifen. Wir müssen auf der Hut sein, damit wir auf diplomatischer
Ebene nicht etwa die Chance eines Sieges, oder wenigstens die eines fairen
und ehrenvollen Unentschieden verspielen.
Mein vierter Punkt gilt der Weiterentwicklung und näheren Definition
des dritten Punktes. Heute stellt Deutschland das Hauptproblem dar, und
die Aussicht auf eine Lösung dieses Problems schien zu keinem Zeitpunkt
weniger gewiß. Die Wiedervereinigung Deutschlands läßt sich natürlich
nicht in naher Zukunft verwirklichen. Die Integrierung Deutschlands in
ein politisch geeintes freies Europa scheint unter den gegenwärtigen Umständen ebenfalls recht zweifelhaft. Zweck und Ziel der atlantischen
Allianz laufen im Augenblick Gefahr,durch unkontrollierte Tendenzen in

- 5 -

�in Richtung auf eine einseitige Detente und ein Nachlassen der militärischen Anstrengungen verschleiert zu werden. Niemand wird natürlich etwas
gegen eine Intensivierung der Bemühungen haben, die Beziehungen zwischen
Ost und West auf dem Gebiet des Handels, der Kultur, der Touristik oder
der Wissenschaft zu verbessern. Dies alles mag bis zu einem gewissen
Grad zur Schaffung einer besseren Atmosphäre beitragen, die einem politischen Übereinkommen mit der Sowjetunion in der Berlin- und Deutschlandfrage förderlich ist. Es gibt jedoch Grenzen für die Bemühungen um eine
Wiederaussöhnung jenseits derer sie in die Sanktionierung des Status quo
umschlagen. In diesem Augenblick könnte Deutschland der Versuchung erliegen, direkte Verhandlungen mit den Sowjets zu wagen. Wir dürfen nicht den
Fehler machen und glauben, die Sowjets würden in Europa eine nicht-expansionistische Politik im wahren Sinne des Wortes betreiben. Der Status quo,
den sie befürworten, ist ein mächtiges Instrument in ihrer Hand, um Westdeutschland unter Druck zu setzen, von dem das Kräftegleichgewicht in
Europa weitgehend abhängt.
In dem Bericht eines wichtigen, wenn auch inoffiziellen Treffens, an
dem unlängst Experten aus Ost und West teilnahmen, hieß es abschließend:
"Aus den Ausführungen unserer osteuropäischen Teilnehmer war ihre Auffassung herauszuhören, die USA werden aufgrund ihrer wirtschaftlichen Verpflichtungen oder ihres Engagements in Asien dazu gezwungen sein, hinsichtlich ihrer Interessen und ihres Einflusses in Europa zurückzustecken, die
NATO werde auseinanderbrechen und der Osten könne, wenn er lang genug warte,
bilateral mit einer Anzahl zersplitterter, kleiner und mittlerer westeuropäischer Staaten verhandeln."
Die gegenwärtige Situation ist so unklar, daß für die nächste Zukunft
weder die Möglichkeit einer "schmerzlichen Überprüfung" seitens Deutschlands noch eine Kehrtwendung der Sowjets gegenüber diesem Land - Aufgabe
der unversöhnlichen Feindschaft und Angebot einer Regelung auf Kosten des
Westens - ausgeschlossen werden kann. Um diesen sehr realen Gefahren zu
entgehen, sollten die Westmächte nie das von allen westdeutschen Politikern
dauernd wiederholte wichtige Prinzip vergessen, daß jeder Schritt auf dem
Weg zu einer Detente von einem Fortschritt in der Lösung des Deutschland-

- 6-

�Deutschlandproblems begleitet sein müsse. Wenn wir diese entscheidend
wichtige Forderung nicht vergessen, kann eine aktive Entspannungspolitik positive Ergebnisse zeitigen; lassen wir sie jedoch außer acht,
können wir ungewollt und unerwartet an den gefährlichen Punkt gelangen,
an dem es kein Zurück mehr gibt.
Lassen Sie mich fünftens diese Fragen aus einem engeren europäischen
Blickwinkel betrachten. Es gehört heute schon beinahe zum guten Ton, von
unseren lobenswerten Bemühungen um eine Detente, als Bemühungen um die
Beendigung der Teilung Europas zu sprechen. Das ist nicht nur die französische Formel eines Europas,das vom Atlantik bis zum Ural reicht, es ist
auch die manchmal in den USA und Europa gebrauchte Formel für den Zusammenschluß des geographischen Gebietes Europa vermittels neuer freundschaftlicher Beziehungen zwischen Ost und West. Einige deutsche Parlamentarier
sprachen sogar von einer "Europäischen Gemeinschaft", die auch die osteuropäischen Länder - mit Ausnahme der Sowjetunion, die nur zur Hälfte
europäisch und eigentlich eurasisch ist - umfaßt, als einer Möglichkeit
zur Wiedervereinigung Deutschlands. Diese Dinge könnten sich in der Zukunft als vielversprechende Perspektiven erweisen, vermögen jedoch in der
Gegenwart auch gefährliche Verwirrung stiften. Das freie Westeuropa strebt
seit Kriegsende den trotz einiger Fortschritte weit von seiner Verwirklichung entfernten wirtschaftlichen Zusammenschluß und die politische Einheit an - Bestrebungen, denen bisher sehr wenig Erfolg beschieden war.
Zweifellos sollte jegliches Einheitsstreben auf ein möglichst großes Europa
hinzielen, das auf der Basis politischer und menschlicher Freiheit beruht.
Man kann aber den zweiten Schritt vor dem ersten tun. Heutzutage von einem
vereinten Europa oder einer europäischen Gemeinschaft zu sprechen, der sowohl freie als auch totalitäre Staaten mit unterschiedlichen Regierungsformen unterschiedslos angehören, kann nur Verwirrung hervorrufen und die
unerläßlichen Bemühungen um die politische Vereinigung eines wahrhaft
freien Europas schwächen. Die Prawda begrüßte in ihrer Ausgabe vom 29.
Oktober natürlich die Tendenz zu einer "paneuropäischen" Politik, die nur
zur Beherrschung Europas durch die Sowjetunion führen kann. Eine derartig
eilige Zustimmung seitens der Kommunisten sollte uns die Augen öffnen und
allen freien Staaten des Westens Grenzen und Gefahren eines ungehemmten

- 7-

�ungehemmten Wettlaufs in Richtung auf eine bedingungslose Entspannung
und das verschwommene Ziel einer Wiedervereinigung Europas zeigen. Die
gesunde politische Logik läßt gebieterisch den Zusammenschluß des freien
Westeuropa als die einzige Grundlage für die stufenweise Lösung der
Deutschlandfrage und als den ersten Schritt zu einer echten Aussöhnung
mit Osteuropa und der Sowjetunion erscheinen. Allein dieser Kurs ist
mit der atlantischen Allianz und mit engen Bindungen zwischen den USA
und Europa vereinbar, weil die paneuropäische Idee im Sinne der Russen
unweigerlich zu einem Europa aus schwachen Einzelstaaten führen müßte,
von denen jeder eine andere Politik verfolgen und nach und nach zu neutralistischen und semi-neutralistischen Tendenzen neigen würde.
Um einen letzten Funkt anzuführen: Ich kann die mitunter in den
Vereinigten Staaten geäußerte Ansicht nicht ignorieren, daß der militärische Beitrag der europäischen Mitglieder der NATO nicht den Hilfsquellen angemessen ist, die ihnen ihre neue wirtschaftliche Stärke an
die Hand gab. Als Europäer muß ich zugeben, daß Tatsachen diese Ansicht
einigermaßen berechtigt erscheinen lassen, und es ist nur natürlich,
wenn die Amerikaner meinen, sie hätten die Last und Mühsal lange genug
getragen. Wir müssen - unddas ist für uns alle in der NATO wichtig sicherstellen, daß die militärische Position der Allianz nicht durch unkluge Maßnahmen irgendeines Mitgliedstaats, sei es eines europäischen
oder amerikanischen, gefährdet wird.
Zu modernisieren und zu rationalisieren ist eine Sache; aus finanziellen oder noch dubioseren politischen Gründen Einschränkungen vorzunehmen, ist eine andere Sache. Bestünde die Bedrohung nicht mehr, gäbees
überhaupt keinen Grund für den Unterhalt irgendwelcher Streitkräfte über
Polizei- und Sicherungskräfte hinaus. Schwäche aber wird die Bedrohung
wieder aufleben lassen. Die einzige wirkliche Basis zur Bemessung unserer
Streitkräfte ist nach wie vor die Stärke des Gegners. Angesichts des Ausbleibens einer kontrollierten Abrüstung gibt es keine brauchbarere Alternative zur Sicherung des Friedens, als ein vernünftiges und angemessenes
Gleichgewicht der faktischen militärischen Stärke zu wahren. Läßt die
Bedrohung nach, d.h., verringert sich die Wahrscheinlichkeit einer Aggression, so verringert sich deshalb keineswegs auch die Stärke, die nötig ist

- 8-

�ist, um den gegnerischen Streitkräften gewachsen zu sein, sollte es
dennoch zu einer Aggression kommen.
Strategisch gesehen können uns technische Verbesserungen und eine
größere Mobilität eine längere Vorwarnzeit verschaffen, wie auch mehr
Zeit, zusätzliche Kräfte einsatzbereit zu machen. Sie gestatten vielleicht auch eine andere Verteilung der Streitkräfte. Der verstärkte
Einsatz von Luftstreitkräften kann die konventionelle Stärke insgesamt
vermehren, und den Bedarf an Landstreitkräften vermindern. Aber eine
Verringerung der konventionellen Streitkräfte liefe fast mit Sicherheit
auf einen frühzeitigeren Einsatz nuklearer Waffen und eine entsprechende
Anpassung ihrer strategischen und taktischen Anwendung hinaus. Die umfassendere Frage, die ich damit angeschnitten habe, fordert Zeit und
sorgfältige Prüfung. Ein von vorschnellen finanziellen und politischen
Erwägungen diktiertes Verhalten könnte unsere Feinde nicht täuschen,
wohl aber - das wäre das Risiko - die Moral unserer Freunde untergraben.
Ich bin überzeugt, daß eine gründliche Überprüfung der vorhandenen Verteidigungsmittel der Allianz ein wirksameres, anpassungsfähigeres und
moderneres Abschreckungs- und Verteidigungssystem einbringen kann.
Auf einem speziellen Gebiet hat der Sonderausschuß, das sog.
McNamara-Komitee für nukleare Angelegenheiten, bereits einen vielversprechenden Anfang gemacht. Dieser Ausschuß wird sich, wie ich hoffe,
als ein äußerst nützliches Instrument zur Steigerung der Schlagkraft
und der politischen Solidarität unseres Bündnisses erweisen.
Lassen Sie mich dem hinzufügen, daß der Zeitpunkt noch nicht da ist,
an dem das Bündnis in seiner Wachsamkeit nachlassen kann. Glaubten wir
etwas anderes, befänden wir uns in einem gefährlichen Irrtum. Und noch
einen weiteren Punkt sollte man stets beachten - die überaus wichtige
Rolle der militärischen Stärke in Politik und Diplomatie. Waffen sind
nicht nur für den Kampf und zur Abschreckung einer Aggression da, sie
haben auch Gewicht im Bereich der Diplomatie. Zusammen mit allen übrigen
Faktoren wirtschaftlicher, materieller und politischer Stärke sind sie
die stummen und unsichtbaren, aber oft entscheidenden Partner am Verhandlungstisch.
Abschließend

- 9-

�Abschließend möchte ich bemerken, daß sich die atlantische Allianz
jetzt Problemen anderer Art gegenübersieht. Eines davon ist den Initiativen Frankreichs zuzuschreiben; es darf aber inzwischen als geregelt
gelten. Die NATO hat durch diese Initiativen nicht gerade eine Stärkung
erfahren, liefert jedoch in dieser schwierigen Zeit einen bemerkenswerten
Beweis ihrer Einigkeit, Spannkraft und Entschlossenheit. Das zweite Problem ergibt sich aus finanziellen, politischen und militärischen Erwägungen, die eine Überprüfung der Stärke und Stellung unserer Streitkräfte
angeraten erscheinen lassen. Es muß mit größter Sorgfalt angegangen werden. Es sollte nicht nur in uneingeschränkter und vertrauensvoller Zusammenarbeit aller NATO-Verbündeten geprüft und gelöst werden - dies ist nur
die verfahrensmäßige Seite der Angelegenheit. Es sollte vielmehr vor allem
in der Absicht angepackt werden, Qualität und Schlagkraft der NATO-Streitkräfte zu verbessern und zu stärken, selbst wenn gewisse zahlenmäßige Veränderungen und Umgruppierungen beschlossen werden - und dies ist der
eigentliche Kern der Sache.
Und ein letztes: Der Wind der Entspannung weht auch um unsere Allianz.
Er kann gesund und belebend sein, sofern wir dreier Dinge eingedenk bleiben: daß die Einheit des freien Europa eines der Hauptziele der westlichen
Welt, daß ein freies Deutschland die Grundvoraussetzung für ein freies und
geeintes Europa und daß eine starke NATO mehr denn je der unerläßliche
Schutzschild ist, unter dem allein wir nicht nur diese beiden Ziele zu erreichen, sondern auch die Sicherheit Deutschlands und Europas weit in die
Zukunft hinein zu gewährleisten vermögen. Nur auf dieser Grundlage können
wir gemeinsam die Aussöhnung auf breiterer Basis und die Errichtung noch
größerer Gemeinschaften anstreben, soll unser Werk auf Fels und nicht auf
Sand gegründet sein.

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XIX - 46

VERTRAG ÜBER DIE FRIEDLICHE NUTZUNG DES WELTRAUMS

WASHINGTON - (AD) - Der Ausschuß für Weltraumfragen der
Vereinten Nationen hat den Entwurf zu einem Vertrag
über die friedliche Nutzung des Weltraums fertiggestellt,
der der UN-Vollversammlung zur Beschlußfassung durch
ihre Mitglieder unterbreitet und noch vor Ende der diesjährigen Sitzungsperiode verabschiedet werden soll.
Die Initiative zu einem solchen Vertrag ging von Präsident Johnson aus, der am 7. Mai 1966 den amerikanischen
Chefdelegierten bei den Vereinten Nationen, Arthur J.
Goldberg, beauftragt hatte, eine Erörterung dieses
Fragenkomplexes in den zuständigen UN-Körperschaften in
die Wege zu leiten. Der jetzt vorliegende Entwurf gibt
u.a. der UN-Entschließung vom 17. Oktober 1963 juristisch bindende Form, in der die an Raumfahrt und Weltraumforschung beteiligten Staaten aufgefordert werden,
keine Massenvernichtungswaffen im Weltraum zu stationieren. Das Abkommen soll ferner allen Nationen gleichberechtigten Zugang zu allen Himmelskörpern und den dort
eventuell zu errichtenden Anlagen gewährleisten.
AMERIKA DIENST übermittelt den Redaktionen den Wortlaut
des Vertragsentwurfs, der vom US-Außenministerium am
8. Dezember 1966 veröffentlicht wurde.

�VERTRAG ÜBER DIE FRIEDLICHE NUTZUNG DES WELTRAUMS
Entwurf

Die Signatarstaaten dieses Vertrages,
inspiriert von den großartigen Möglichkeiten, die sich der Menschheit als Folge des Vorstoßes in den Weltraum bieten,
in Anerkennung des gemeinsamen Interesses aller Menschen am Fortschritt in der Erforschung und Nutzung des Weltraums für friedliche Zwecke,
im Vertrauen darauf, daß die Erforschung und Nutzung des Weltraums
zum Wohle aller Völker ohne Ansehen ihres wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungsstandes fortgeführt wird,
in dem Wunsch, zu einer umfassenden internationalen Zusammenarbeit
sowohl hinsichtlich der wissenschaftlichen als auch der juristischen
Aspekte der Erforschung und Nutzung des Weltraums für friedliche Zwecke
beizutragen,
im Vertrauen darauf, daß eine solche Zusammenarbeit dem gegenseitigen
Verständnis förderlich ist und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen
den Staaten und Völkern stärkt,
unter Hinweis auf die von der Vollversammlung der Vereinten Nationen
am 13. Dezember 1963 einstimmig angenommene Entschließung Nr. 1962 (XVIII),
die die Bezeichnung "Erklärung über die juristischen Prinzipien zur Regelung der Tätigkeit der Staaten auf dem Gebiet der Erforschung und Nutzung
des Weltraums** trägt,
unter Hinweis auf die von der Vollversammlung der Vereinten Nationen
am 17. Oktober 1963 einstimmig angenommene Entschließung Nr. 1884 (XVIII),
in der die Staaten aufgefordert werden, sich der Verbringung von Objekten
mit Kernwaffen oder anderer Massenvernichtungswaffen in Erdumlaufbahnen
oder der Installierung derartiger Waffen auf Himmelskörpern zu enthalten,
unter
- 1-

�unter Berücksichtigung der Entschließung Nr. 110 (II) der Vollversammlung der Vereinten Nationen vom 3. November 1947, mit der jede Propaganda verurteilt wird, die dem Zwecke dient oder geeignet wäre, den
Frieden auf irgendeine Weise zu bedrohen, zu brechen oder einer Aggressionshandlung Vorschub zu leisten, und von der Auffassung ausgehend, daß
die vorgenannte Entschließung auf den Weltraum anzuwenden sei,
in der Überzeugung, daß ein Vertrag über die Prinzipien zur Regelung
der Tätigkeit der Staaten auf dem Gebiet der Erforschung und Nutzung des
Weltraums, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, die Zielsetzungen und Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen fördern wird,
kommen wie folgt überein:

ARTIKEL I
Die Erforschung und Nutzung des Weltraums, einschließlich des Mondes
und anderer Himmelskörper, wird zum Vorteil und im Interesse aller Länder
ohne Ansehen ihres wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungsstandes durchgeführt und ist eine Domäne der gesamten Menschheit.
Der Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper,
steht bei freiem Zugang zu allen Gebieten von Himmelskörpern allen Staaten
ohne jedwede Diskriminierung auf der Basis der Gleichberechtigung und in
Übereinstimmung mit dem internationalen Recht für Zwecke der Erforschung
und Nutzung offen.
Es besteht Freiheit der wissenschaftlichen Forschung im Weltraum,
einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper; bei dieser Forschung
sollen die Staaten die internationale Zusammenarbeit erleichtern und fördern.

ARTIKEL II
Der Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper,
unterliegt nicht einer nationalen Besitznahme durch Beanspruchung von
Hoheitsrechten, durch Benutzung oder Besetzung oder durch irgendwelche
anderen Mittel.
ARTIKEL

- 2-

�ARTIKEL III
Die Signatarstaaten des Vertrags führen Unternehmungen zur Erforschung und Benutzung des Weltraums, einschließlich des Mondes und anderer
Himmelskörper, in Übereinstimmung mit dem internationalen Recht samt der
Charta der Vereinten Nationen im Interesse der Erhaltung des Weltfriedens
und der internationalen Sicherheit sowie einer Förderung der internationalen Zusammenarbeit und Verständigung durch.

ARTIKEL

IV

Die Signatarstaaten des Vertrags verpflichten sich, keine Objekte
auf eine Umlaufbahn um die Erde zu bringen, die Kernwaffen oder irgendwelche anderen Massenvernichtungswaffen tragen, und keine derartigen
Waffen auf Himmelskörpern oder anderweitig im Weltraum zu stationieren.
Der Mond und andere Himmelskörper werden von allen Signatarstaaten
des Vertrages ausschließlich zu friedlichen Zwecken benutzt. Die Errichtung militärischer Stützpunkte, Anlagen und Befestigungen, das Erproben
von Waffen - gleich welcher Art - und die Durchführung militärischer
Manöver auf Himmelskörpern sind verboten. Die Verwendung von Militärpersonal für die wissenschaftliche Forschung oder andere friedliche
Zwecke wird nicht untersagt. Ebensowenig wird die Benutzung jedweder für
die friedliche Erforschung des Mondes und anderer Himmelskörper notwendigen Ausrüstungen oder Anlagen untersagt.

ARTIKEL

V

Die Signatarstaaten des Vertrages betrachten Astronauten als Repräsentanten der Menschheit im Weltraum und gewähren ihnen bei Unfall, Not
oder einer Notlandung auf dem Territorium eines anderen vertragschließenden Staates oder auf hoher See jede mögliche Hilfe. Wenn Raumschiffbesatzungen eine Notlandung vornehmen, müssen sie sicher und unverzüglich in das Land zurückgeführt werden, in dem ihr Raumfahrzeug registriert
ist.
Bei

- 3 -

�Bei der Durchführung von Unternehmen im Weltraum und auf Himmelskörpern unterstützen die Astronauten eines Partnerstaates die Astronauten
anderer Fartnerstaaten auf jede erdenkliche Weise.
Die Signatarstaaten des Vertrages informieren sofort die anderen
Partnermächte oder

den Generalsekretär der Vereinten Nationen über von

ihnen im Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper,
entdeckte Phänomene jedweder Art, die eine Gefahr für Leben oder Gesundheit von Astronauten darstellen können.

ARTIKEL

VI

Die Signatarstaaten des Vertrages tragen internationale Verantwortung
für nationale Unternehmen im Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper - unabhängig davon, ob solche Unternehmen Sache von
Regierungsbehörden oder nicht-staatlichen Stellen sind - und tragen Sorge
dafür, daß nationale Unternehmen in Übereinstimmung mit den in diesem
Vertrag festgelegten Bestimmungen durchgeführt werden. Die Unternehmungen
nicht-staatlicher Organisationen im Weltraum, einschließlich des Mondes
und anderer Himmelskörper, erfordern die Zustimmung und fortgesetzte
Überwachung durch den zuständigen Staat. Wenn Unternehmungen im Weltraum,
einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, von einer internationalen Organisation durchgeführt werden, sind sowohl die internationale
Organisation als auch die in einer solchen Organisation vertretenen Partnerländer dafür verantwortlich, daß dies in Übereinstimmung mit dem vorliegenden Vertrag geschieht.

ARTIKEL VII
Jeder Signatarstaat des Vertrages, der den Start eines Objekts in
den Weltraum, zum Mond und auf andere Himmelskörper vornimmt oder organisiert, und jeder Partnerstaat, von dessen Territorium oder Anlagen aus
das Objekt gestartet wird, trägt internationale Verantwortung für den
Schaden, der durch ein solches Objekt oder dessen Bestandteile einem anderen Partnerstaat oder seinen natürlichen oder juristischen Personen

- 4 -

�Personen auf der Erde, im Luftraum oder im Weltraum samt Mond oder
anderen Himmelskörpern zugefügt wird.

ARTIKEL VIII
Ein Signatarstaat des Vertrages, bei dem ein in den Weltraum gestartetes Objekt registriert ist, behält die Jurisdiktion und Kontrolle über
dieses Objekt und über jegliches dazugehörende Personal, während der Zeit,
in der es sich im Weltraum oder auf einem Himmelskörper befindet. Die
Eigentumsrechte an Objekten, die in den Weltraum aufgelassen wurden, einschließlich der auf einem Himmelskörper gelandeten oder zusammengebauten
Objekte, sowie an ihren Bestandteilen werden von der Tatsache ihres
Aufenthalts im Weltraum oder auf einem Himmelskörper oder von ihrer Rückkehr zur Erde nicht berührt. Solche Objekte oder deren Bestandteile, die
außerhalb der Grenzen des Partnerstaats, bei dem sie registriert sind,
aufgefunden werden, müssen dem betreffenden Partnerstaat zurückgegeben
werden, wobei dieser auf Verlangen vor der Rückgabe Erkennungsdaten beizubringen hat.

ARTIKEL IX
Bei der Erforschung und Benutzung des Weltraums, einschließlich des
Mondes und anderer Himmelskörper, sollen sich die Vertragspartner von dem
Prinzip der Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterstützung leiten lassen
und ihre gesamte Tätigkeit im Weltraum, einschließlich des Mondes und
anderer Himmelskörper, mit gebührender Rücksichtnahme auf die entsprechenden Interessen aller anderen Partnerstaaten ausüben. Die Partnerländer
führen Untersuchungen im Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer
Himmelskörper, sowie Forschungsprojekte in der Weise durch, daß dort
jede schädliche Kontamination vermieden wird. Umgekehrt treffen sie, wo
immer nötig, geeignete Maßnahmen, um schädliche Veränderungen in der
irdischen Umwelt als Folge des Einschleppens extraterrestrischer Materie
zu verhindern.
Wenn ein Partnerland des Vertrages Grund zu der Annahme hat, daß ein
von ihm oder seinen Staatsbürgern geplantes Unternehmen oder Experiment im

- 5-

�im Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, Tätigkeiten anderer Vertragspartner bei der friedlichen Erforschung und
Nutzung des Weltraums, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, ernstlich stören könnte, so muß es entsprechende internationale
Konsultationen abhalten, bevor es ein solches Unternehmen oder Experiment
fortführt. Ein Vertragspartner, der Grund zur Annahme hat, daß ein von
einem anderen Vertragspartner geplantes Unternehmen oder Experiment im
Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, sich
unter Umständen auf Projekte der friedlichen Erforschung und Nutzung des
Weltraums samt Mond und anderen Himmelskörpern schädlich auswirkt, kann
Konsultationen über das Unternehmen oder Experiment verlangen.

ARTIKEL

X

Um die internationale Zusammenarbeit bei der Erforschung und Benutzung des Weltraums, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, in Übereinstimmung mit den Zielsetzungen dieses Vertrages zu fördern,
berücksichtigen die Partnerstaaten des Vertrages auf der Basi: der Gleichberechtigung jegliches Ersuchen anderer Signatarstaaten, Gelegenheit zu
erhalten, den Flug von Objekten im Weltraum zu beobachten, die durch die
betreffenden Staaten gestartet worden sind.
Welcher Art eine solche Gelegenheit zur Beobachtung sein soll und
unter welchen Bedingungen sie gewährt werden könnte, wird durch Übereinkommen zwischen den betreffenden Staaten festgelegt.

ARTIKEL XI
Um die internationale Zusammenarbeit bei der friedlichen Erforschung
und Benutzung des Weltraums zu fördern, erklären sich die Signatarstaaten,
die Unternehmungen im Weltraum, einschließlich des Mondes und anderer
Himmelskörper, durchführen, damit einverstanden, sowohl den Generalsekretär der Vereinten Nationen als auch die Öffentlichkeit und die Wissenschaftler in aller Welt in größtmöglichem und zweckdienlichem Umfang von
der Natur, der Durchführung, den Orten und den Ergebnissen solcher Unternehmungen zu unterrichten. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen ist

- 6 -

�ist gehalten, die betreffenden Informationen unmittelbar nach ihrem Eingang wirksam weiterzuverbreiten.

ARTIKEL XII
Alle Stationen, Einrichtungen, Geräte und Raumfahrzeuge auf dem
Mond und anderen Himmelskörpern sind Vertretern anderer Partnerstaaten
des Vertrages auf der Basis der Gegenseitigkeit zugänglich. Die Beauftragten melden einen geplanten Besuch so rechtzeitig an, daß entsprechende Konsultationen stattfinden und maximale Vorsichtsmaßnahmen getroffen
werden können, um die Sicherheit zu gewährleisten und eine Störung des
normalen Betriebs der zu visitierenden Einrichtung zu vermeiden.

ARTIKEL XIII
Die Bestimmungen dieses Vertrages gelten für die Unternehmungen der
Signatarstaaten des Vertrages bei der Erforschung und Benutzung des Weltraums, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, gleichgültig,
ob solche Unternehmungen von einem einzelnen Partnerstaat oder gemeinsam
mit anderen Staaten, beziehungsweise im Rahmen der Programme internationaler zwischenstaatlicher Organisationen, durchgeführt werden.
Treten in Verbindung mit Unternehmungen, die internationale zwischenstaatliche Organisationen bei der Erforschung und Benutzung des Weltraums,
einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper, durchführen, in der
Praxis irgendwelche Fragen auf, so sind diese von den Signatarstaaten des
Vertrages entweder mit der zuständigen internationalen Organisation oder
mit einem oder mehreren Mitgliedstaaten der betreffenden internationalen
Organisation zu klären, die dem Vertrag beigetreten sind.

ARTIKEL XIV
1. Dieser Vertrag steht allen Staaten zur Unterzeichnung offen.
Jeder Staat, der diesen Vertrag vor seinem Inkrafttreten gemäß Paragraph 3
dieses Artikels nicht unterzeichnet, kann ihm zu jedem anderen Zeitpunkt
beitreten.

- 7-

�2. Dieser Vertrag bedarf der Ratifizierung durch die Signatarstaaten. Die Hinterlegung der Ratifikationsurkunden und Beitrittsurkunden erfolgt bei den Regierungen der Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken, des Vereinigten Königreiches von Großbritannien
und Nordirland und der Vereinigten Staaten von Amerika, die hiermit
zu Depositarmächten bestimmt werden.
3. Dieser Vertrag tritt in Kraft, sobald fünf Regierungen, einschließlich der Regierungen der zu Depositarmächten im Rahmen dieses
Vertrags bestimmten Staaten, die Ratifikationsurkunden hinterlegt
haben.
4. Für Staaten, deren Ratifikations- oder Beitrittsurkunden nach
Inkrafttreten des Vertrags hinterlegt werden, tritt der Vertrag mit
dem Tag der Hinterlegung ihrer Ratifikations- oder Beitrittsurkunden
in Kraft.
5. Die Depositarmächte sind angewiesen, alle Signatarstaaten und
die dem Vertrag später beitretenden Staaten über den Zeitpunkt der
Hinterlegung jeder einzelnen Ratifikations- und Beitrittsurkunde, den
Zeitpunkt ihres Inkrafttretens und über andere Bekanntmachungen unverzüglich zu unterrichten.
6. Dieser Vertrag wird von den Depositarmächten gemäß Artikel 102
der Charta der Vereinten Nationen registriert.

ARTIKEL XV
i

Jeder Signatarstaat kann Zusätze zu diesem Vertrag vorschlagen.
Diese Zusätze werden für alle Vertragspartner, die sie akzeptieren,
rechtsverbindlich sobald die Mehrheit der Vertragspartner sie gebilligt
hat; für jeden anderen Vertragspartner treten sie mit dem Zeitpunkt in
Kraft, an dem er ihnen zustimmt.

ARTIKEL

- 8-

�ARTIKEL XVI
Jeder Partnerstaat kann ein Jahr nach Inkrafttreten des Vertrags
durch schriftliche Mitteilung an die Depositarmächte seine Mitgliedschaft kündigen. Der Austritt wird ein Jahr nach Eingang der schriftlichen Kündigung rechtswirksam.

ARTIKEL XVII
Die Hinterlegung dieses Vertrags, dessen in chinesischer, englischer, französischer, russischer und spanischer Sprache ausgefertigten
Texte in gleicher Weise authentisch sind, erfolgt in den Archiven der
Depositarmächte. Ordnungsgemäß beglaubigte Kopien dieses Vertrags werden
den Regierungen der SignatarStaaten und später beitretenden Staaten von
den Depositarmächten zugeleitet.
Zum Zeugnis dessen haben die Unterzeichneten, ordnungsgemäß bevollmächtigt, diesen Vertrag signiert.

(Gegeben am

zu London, Moskau und Washington am

Tage des

Eintausendneunhundert

+++++

- 9-

)

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;XIX - 3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsidnt Johnson unterbreitet Botschaft über die Lage der Nation&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Wortlaut)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wissenschaft, Staat und Weltraumforschung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland,&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;George C. McGhee, gehalten am 14. Januar 1966 vor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der amerikanische Staatshaushalt 1966/67&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zusammenfassung und Auszüge der Haushaltsbotschaft, die Präsident Johnson dem amerikanischen Kongress am 24. Jan. 1966 vorgelegt hat.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanischen Friedensbemühungen in Vietnam&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Chronologie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 5&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanischen Friedensbemühungen in Vietnam&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Chronologie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Berichtigung und Ergänzung zur Sonderbeilage XIX - 4&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 5&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Wirtschaftsbericht Präsident Johnsons&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht, den Präsident Johnson dem amerikanischen Kongress am 27. Januar 1966 unterbreitete&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 8&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Vietnam-Konflikt&lt;br /&gt;Nicht innerer Aufruhr sondern bewaffneter Angriff von Außen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung die der amerikanische Außenminister, Dean Rusk, am 18. Februar 1966 vor dem Außenpolitischen Ausschuss des Senats abgegeben hat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 11&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Welthandelspolitik und deutsch-amerikanische Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache Sr. Exzellenz, des Stellv. Sonderbeauftragten des US-Präsidenten für Handelsverhandlungen, Botschafter W. Michael Blumenthal&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 13&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein leistungsfähiges Verkehrs- und Transportsystem als Voraussetzung für Prosperität und Wohlergehen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Botschaft Präsident Johnsons an den US-Kongress 2. März 1966&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 21&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sicherheit beruht nicht auf Waffen allein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert S. McNamara&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Verteidigungsminister&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Wortlaut)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 26&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erklärung McNamaras zur atlantischen Allianz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;21. Juni 1966 "Hearings" über die amerikanische NATO-Politik und die damit im Zusammenhang stehenden Themenkreise&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 27&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Dinge beim Namen nennen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Erklärung, die Staatssekretär Georg W. Ball, am 30. Juni 1966 im Rahmen der "Hearings" über die NATO-Politik abgegeben hat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 31&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verhandlungen sind kein Eingeständnis des Versagens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Ansprache Präsident Johnson am 26. Aug. 66, vor der Universität Denver anläßlich der Überreichung der Ehrendoktorwürde und der Grundsteinlegung zum Bau eines neuen Raumfahrtinstituts&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 32&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA wären jederzeit zum Abzug aus Vietnam bereit&lt;br /&gt;Lyndon B. Johnson&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Wortlaut)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 33&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Südvietnam protestierte bei der internationalen Kontrollkommission gegen die Infiltration der entmilitarisierten Zone durch bewaffnete Elemente der regulären nord-vietnamesischen Armee&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Wortlaut)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 35&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Abbau der Handesschranken weiterhin US-Ziel in der Kennedy-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zehnter Jahresbericht der US-Präsidenten über das Programm für den Abschluss von Handelvereinbarungen (Mehrere Auszüge im vollen Wortlaut und das Begleitschreiben des Präsidenten)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 37&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Europa-Politik der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Rede des amerikanischen Präsidenten, vor dem Verband der amerikanischen Leitartikler und Kommentatoren 7. Oktober 1966&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 39&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;I. Gipfelkonferenz in Manila&lt;br /&gt;II. Die Deklarationen von Manila&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut des gemeinsamen Schlusskommuniques, und gleichzeitig unterzeichneten Deklarationen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 42&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nicht-kommunistischer Konsensus im Pazifik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aus "The Economist", London, 29. Oktober 1966&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 43&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die NATO, Die Vereinigten Staaten und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Generalsekretärs der NATO, Manlio Brosio, 18. November 1966&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;XIX - 46&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vertrag über die friedliche Nutzung des Weltraums&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut des Vertragsentwurfs, 8. Dezember 1966&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>INTERNATIONALE ARBEITSMITTEILUNGEN
Inhaltsverzeichnis

19 6 6

Nr. 1

Privatinitiative verhindert Massenarbeitslosigkeit bei Betriebsstillegung
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Nr. 2/3

Der amerikanische Arbeitsmarkt heute
+

Nr. 4/5

Die Erschließung brachliegender Arbeitsreserven
+

Nr. 6/7

Die Großtarifverträge des Jahres 1965
Die Verantwortung der Gesellschaft für die Opfer der Automation
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Nr.8/9/10
Beiträge zur Diskussion um die Lohn- und Preisstabilität
Der Wirtschaftsbeirat des US-Präsidenten - ein Organ zur
informellen Lenkung der Konjunktur
Grundlagen und Probleme der Richtwertpolitik
Arbeitskurznachrichten

+
- 1-

�Nr. 11/12

Lohnrichtwerte, Löhne und TarifVerhandlungen
Die US-Gewerkschaften im Jahr 1966
Stahlarbeitergewerkschaft setzt neue Verhandlungsziele
Arbeitskurznachrichten

+++++

- 2 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme Irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIX - 1

Januar 1966
INHALTSVERZEICHNIS

Privatinitiative verhindert Massenarbeitslosigkeit bei Betriebsstillegung

Seite

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 11

1

Eaton H. Conant, a.o. Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen
Fakultät der Universität Chicago:
Privatinitiative verhindert Massenarbeitslosigkeit bei
Betriebsstillegung
Bericht über das Sioux-City-Projekt
Im Zuge der Automatisierung der Fleischverarbeitung sah sich die Arraour &amp; Co.,
einer der großen Fleischkonservenkonzerne
der USA, gezwungen, Zweigbetriebe in Oklahoma City, Fort Worth, Texas, und zuletzt
in Sioux City zu schließen. Der ArmourAutomations-Fonds, eine private Institution aus Vertretern der Firma, der Gewerkschaften und der Öffentlichkeit, startete,
gestützt auf die Erfahrungen bei früheren
Betriebsstillegungen, in Sioux City ein
Programm zur Vermittlung der entlassenen
Arbeitnehmer in neue Stellungen. Der nachstehende Bericht zeigt Erfolg und Grenzen
solcher privater Bemühungen auf.
Als die Firma Armour &amp; Co. im Juni 1963 ihre Fleischkonservenfabrik
in Sioux City in Iowa stillegte, wurden mit einem Schlag 1150 Arbeitskräfte im Bereich von Produktion und Wartung entlassen. Kurz vor dem

- 1 -

�dem Entlassungsterrain leitete der Armour-Automations-Fonds über einen
besonderen, aus Vertretern der Gewerkschaften, der Firma und der
Öffentlichkeit gebildeten Ausschuß, ein Programm ein, das die Unterbringung der von der Entlassung betroffenen gewerkschaftlich organisierten Arbeitskräfte in anderen Betrieben und Berufen zum Ziel hatte.
Der Ausschuß handelte aufgrund umfassender Vollmachten, die ihm nach
einer Vereinbarung zwischen Armour &amp; Co. und den AFL-CIO-Gewerkschaften der Fleischwarenindustriearbeiter und der Packer und Lagerarbeiter
in der Nahrungsmittelindustrie ausdrücklich übertragen worden waren.
Vor und während der Durchführung des Projektes in Sioux City
stand der Ausschuß in ständiger enger Verbindung mit dem Arbeitsvermittlungsdienst des Staates Iowa und arbeitete mit dessen örtlicher
Außenstelle zusammen. Er vermochte auf diese Weise sicherzustellen,
daß die hinsichtlich der Umschulung und Neuvermittlung gesteckten
Ziele in einem Umfang erreicht wurden, der die aufgrund früherer Erfolge bei ähnlichen Projekten berechtigten Erwartungen weit übertraf.
Das Projekt von Sioux City hat den Beweis geliefert, daß private Einrichtungen und Behörden in dem Bemühen, verdrängte Arbeitskräfte wieder in den Arbeitsprozeß einzugliedern, erfolgreich zusammenarbeiten,
sich gegenseitig ergänzen und einen Ersatz für nicht vorhandene einschlägige Institutionen und Geldmittel bieten können.
Das erklärte Ziel des Projektes von Sioux City war es, den gewerkschaftlich organisierten Arbeitskräften, die durch die automationsbedingte Schließung des dortigen Armour-Zweigbetriebs ihren
Arbeitsplatz verloren hatten, durch Umschulungsmaßnahmen oder Stellennachweis wieder zu einem einträglichen Arbeitsplatz zu verhelfen. Im
wesentlichen erstreckte sich die Tätigkeit des Ausschusses zunächst
auf zwei Bereiche: die Einrichtung von Umschulungskursen und die Beratung ehemaliger Arbeitnehmer des Betriebs über die Möglichkeiten auf
dem Arbeitsmarkt und die Tätigkeit des staatlichen Arbeitsvermittlungsdienstes, der ein besonderes Programm für die Arbeitsplatzverdrängten in Sioux City geschaffen hatte. Der Ausschuß kam schon frühzeitig zu der Überzeugung, daß die Umschulungsbestimmungen des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes (Manpower Training and
Development Act) wie auch die Einrichtungen des örtlichen Arbeitsvermittlungsdienstes eine ausgezeichnete Handhabe zur Entfaltung seiner
Tätigkeit boten.
Die Wirtschaft von Sioux City
Sioux City ist vornehmlich Handels- und Umschlagplatz für Waren
und Dienstleistungen von und nach den umliegenden Landwirtschaftsgebieten. Die Gesamtzähl der Berufstätigen (einschließlich der Arbeitslosen) hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten mit 40 000 etwa
konstant gehalten. Die Zahl der Beschäftigten in Fertigungsbetrieben
betrug bisher rund 7000 u_nd_ginst ui früherer ZeLr durch die Betriebsstillegung bei Armour und Entlassungen in anderen örtlichen Fleischkonservenfabriken sogar noch zurück. Im Umkreis von rund 150 km um die

- 2 -

�die Stadt existieren so gut wie keine Beschäftigungsmöglichkeiten in
der Fertigungsindsutrie.
Während der ganzen Dauer der Abwicklung des Projektes stieg der
Anteil der Arbeitslosen an der örtlichen Gesamtbeschäftigung selten
über fünf Prozent, andererseits waren die Aussichten auf eine baldige
wesentliche Zunahme der Nachfrage nach Arbeitskräften alles andere
als gut. Obwohl der Arbeitslosenanteil relativ niedrig blieb, wurde
er doch so gut wie ausschließlich von ehemaligen Mitarbeitern der
Armour &amp; Co. gestellt. Diese beiden Faktoren - die mangelnde Nachfrage
nach Arbeitskräften und der ohnehin geringe Anteil der Beschäftigung
in den Fertigungsindustrien an der Gesamtbeschäftigung in diesem Raum
- bestimmten Anlage und Durchführung des Projektes. Aus diesem Grund
mußte auch die ins Auge gefaßte Umschulung auf andere Berufe, wie sie
innerhalb der Fertigungsindustrien gefragt sind, mit Skepsis beurteilt
werden. Besondere Bedeutung gewannen angesichts eines so engen Arbeitsmarktes die Versuche, die Mobilität der Arbeitskräfte mit Hilfe der
im gültigen Tarifvertrag enthaltenen Versetzungsbestimmungen und mit
anderen Mitteln zu erhöhen.
Die verdrängten Arbeitskräfte
Die beruflichen Qualifikationen der in Sioux City von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeitskräfte unterschieden sich im wesentlichen
nicht von denen anderer Mitarbeiter der Armour, die von früheren Entlassungsaktionen betroffen worden waren. Das Durchschnittsalter der Entlassenen war 49 Jahre, und sie hatten einen durchschnittlichen Schulbesuch von 8,7 Jahren aufzuweisen. Über 75 Prozent von ihnen übten bei
Armour eine Tätigkeit aus, die entsprechend der Klassifizierung des
Arbeitsvermittlungsdienstes ihre Einstufung als ungelernte Arbeitskräfte
bedingte. Das Projekt betraf mithin vorwiegend Personen mit relativ geringer Bildung, die in einem Alter standen, in dem die Aussichten auf
Unterbringung in einer neuen Stellung ebenso wie auf eine erfolgreiche
Umschulung nicht sehr günstig sind. Ihre beruflichen Fertigkeiten waren
im allgemeinen gering und, was die Überstellung an einen anderen Arbeitsplatz anging, kaum von Nutzen.
Von den rund 1150 im Zuge der Betriebsstillegung entlassenen Arbeitskräften traten aufgrund einer im Tarifvertrag getroffenen Pensionsregelung 110 in den Ruhestand, während 212 dank seiner Versetzungsbestimmungen in anderen Betrieben der Gesellschaft unmittelbar untergebracht oder dort neu eingestellt wurden. Die Arbeit des Ausschusses
konzentrierte sich mithin auf die verbleibenden 850 Entlassenen. Während der zweijährigen Laufzeit des Projektes suchten über 600 der Entlassenen beim Ausschuß und beim Arbeitsvermittlungsdienst um Rat und
Hilfe nach. 157 Arbeitskräfte beteiligten sich an den eingerichteten
Umschulungskursen, und 450 Personen konnten über den Arbeitsvermittlungsdienst in eine neue Stellung vermittelt werden. Über 900 der insgesamt 1150 entlassenen Arbeitskräfte erhielten vor der Pensionierung,
Versetzung und Neueinstellung oder vor und während der Umschulung

- 3 -

�Umschulung finanzielle Unterstützung in Gestalt von Unterhaltsbeihilfen
bzw. anderweitige Hilfe.
Als das Projekt zwei Jahre nach der Schließung des Armour-Betriebs
eingestellt wurde, waren 750 aus der Gesamtzahl von 1150 Entlassenen
wieder in den Arbeitsprozeß eingegliedert; 100 Arbeitskräfte waren nach
wie vor arbeitslos und auf der Suche nach einem Arbeitsplatz; und die
restlichen 300 waren entweder in den Ruhestand getreten, aus dem Raum
Sioux Gity verzogen oder ganz aus dem Erwerbsleben ausgeschieden.
Die Richtlinien und Maßnahmen zur Durchführung des Sioux-CityFrojekts mußten den Beschränkungen des örtlichen Arbeitsmarktes und
dem Mangel an geeigneten Räumlichkeiten für die Umschulung Rechnung
tragen. Eine wichtige Rolle spielten in der Gesamtplanung die Erfahrungen mit früheren, ähnlichen Programmen.
Richtlinien und Verfahrensweisen
Anläßlich früherer Betriebsstillegungen in Oklahoma City und in \
Fort Worth hatte sich gezeigt, daß eine private Aktion zur Beschaffung
von Arbeitsplätzen auf sehr viele Schwierigkeiten stößt, besitzen Einrichtungen wie der Ausschuß doch zunächst einmal keinerlei Renommee,
keine ausreichenden einschlägigen Informationen über den Arbeitsmarkt
und nicht die erforderlichen Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern;
alles das muß erst erarbeitet werden. Was die Umschulung angeht, ist
der Mangel an finanziellen Hilfsquellen ein hemmender Faktor, wenn es
darum geht, gegebenenfalls einigen hundert Arbeitsplatzverdrängten zu
helfen. Die Entscheidung, dennoch einen solchen Ausschuß zu gründen,
um die Arbeitsplatzbeschaffung durch den Arbeitsvermittlungsdienst und
die Maßnahmen aufgrund des Gesetzes über die Arbeitsmarktentwicklung
zu ergänzen, wurde durch die Tatsache erleichtert, daß Aussicht auf
eine Bereitstellung öffentlicher Mittel für Zwecke der Arbeitsvermittlung und Umschulung bestand.
Die Bestimmung des Tarifvertrags, die eine 90-Tage-Frist für die
Kündigung im Falle der Betriebsstillegung vorsieht, verschaffte dem
Ausschuß einen gewissen zeitlichen Vorsprung, den er im Verein mit dem
Arbeitsvermittlungsdienst zur Planung entsprechender Maßnahmen nutzen
konnte. So liefen bereits verschiedene Programme, noch ehe der Betrieb
die Tore schloß. Der Ausschuß richtete in Sioux City eine eigene Dienststelle mit einem Stab ganztägig beschäftigter Mitarbeiter ein. Es war
auch genügend Zeit, eine vernünftige Zusammenarbeit zwischen diesem
Büro und der örtlichen Dienststelle des Arbeitsvermittlungsdienstes in
die Wege zu leiten. Der Ausschuß setzte sich das Ziel, die auf der Entlassungsliste stehenden Arbeitskräfte in seinem Büro bezüglich aller
Beschäftigungsmöglichkeiten und anderer Alternativen zu beraten und sie
zur Inanspruchnahme des Arbeitsvermittlungsdienstes zu veranlassen, der
zu Auskünften über die Umschulungsgelegenheiten und die Aussichten auf
Vermittlung eines Arbeitsplatzes im Rahmen des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes bereit war.
Noch

- 4-

�Noch vor der Schließung des Armour-Betriebs gelang es Vertretern
des Ausschusses und des Vermittlungsdienstes, auch andere örtliche
Organisationen, Presse und Öffentlichkeit für die Schwierigkeiten der
zur Entlassung vorgesehenen Arbeitskräfte zu interessieren: Es fanden
u.a. Besprechungen mit dem Stadtdirektor und anderen Kommunalbeamten
statt. Ein Bürgerausschuß zur Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten
aus Vertretern der örtlichen Geschäftswelt und der Gewerkschaften wurde
gebildet. Vertreter des Arbeitsvermittlungsdienstes und des Ausschusses
arbeiteten eng zusammen, um die Öffentlichkeit über die bevorstehende
Stillegung zu informieren, auf die besondere Lage der betroffenen Arbeitnehmer hinzuweisen und Einzelheiten über das geplante Programm zur
Umschulung und Beschaffung von Arbeitsplätzen publik zu machen.
Des weiteren wurden noch vor Schließung des Betriebs Belegschaftsversammlungen abgehalten, um alle Interessenten über die Umschulungsund Arbeitsplatzbeschaffungsprogramme zu unterrichten. Die befristete
Kündigung gestattete es dem Arbeitsvermittlungsdienst, innerhalb des
Betriebs Interviews und Tests mit den Betroffenen durchzuführen.* Der
Arbeitsvermittlungsdienst setzte einen Sonderstab ein, der beratend und
helfend eingriff.
Der Ausschuß und der Arbeitsvermittlungsdienst kamen schließlich
noch über den Austausch von Personalunterlagen und Arbeitsplatzinformationen überein, und Vertreter beider Stellen waren gemeinsam bemüht,
Einrichtungen für die Umschulung zu organisieren und die für die Einleitung von Maßnahmen gemäß dem Gesetz über die Entwicklung des Arbeitsmarktes erforderlichen Unterlagen zusammenzustellen.
Mehrere Alternativen
Den entlassenen Arbeitskräften standen verschiedene Programme zur
Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß und zur Einkommensstützung zur
Verfügung. Über die Umschulung und den Nachweis eines Arbeitsplatzes
durch den Arbeitsvermittlungsdienst hinaus,hatte eine große Zahl der
Entlassenen ein Anrecht auf die Versetzung in einen anderen Betrieb der
Armour &amp; Co., da 1961 im Tarifvertrag Bestimmungen über den sogenannten
zwischenbetrieblichen Arbeitskräfteausgleich verankert worden waren.
Diese Bestimmungen sehen vor, daß arbeitsplatzverdrängte Arbeitnehmer
mit genau definierten Anciennitätsrechten und Altersvoraussetzungen in
andere Zweigbetriebe der Firma versetzt werden müssen, sofern dort unbesetzte Stellen vorhanden sind. Der Tarifvertrag sichert ihnen für diesen
einen festen Anspruch auf eine "technische Anpassungshilfe": Zahlungen
der Gesellschaft für die Dauer von 26 bis zu 39 Wochen, die sich als der
Differenzbetrag zwischen den Leistungen der Arbeitslosenversicherung und
einem angenommenen Wochenlohn von 65 Dollar errechnen. Lehnt ein Arbeitnehmer die Versetzung ab, hat die Gesellschaft das Recht, die gewährte
"technische Anpassungshilfe" von dem tariflich fixierten Entlassungsgeld
abzuziehen. Den Versetzten bleiben sämtliche Ansprüche aus ihrem früheren Arbeitsverhältnis erhalten, mit der Einschränkung, daß Anciennitätsrechte im neuen Betrieb lediglich rückwirkend bis August 1961 geltend

5-

�geltend gemacht werden können. Der Ausschuß betrachtete seine Tätigkeit
in bezug auf die Umschulung und Arbeitsplatzbeschaffung als eine Ergänzung des zwischenbetrieblichen Arbeitskräfteausgleichs und stimmte seine
Projekte auf die besondere Lage jener Entlassenen ab, die nicht am zwischenbetrieblichen Arbeitskräfteausgleich teilnehmen mochten oder konnten.
Der zwischenbetriebliche Arbeitskräfteausgleich erwies sich im
Falle Sioux City als eine segensreiche Einrichtung, weil einmal der örtliche Arbeitskräftebedarf sehr gering war und weil zum anderen Beschäftigungsaussichten für die Anspruchsberechtigten größtenteils in Betrieben der Armour &amp; Co. in einem Umkreis von rund 400 km geboten werden
konnten. Dar Ausschuß beschritt in Sioux City verschiedentlich neue Wege
in der Absicht, das Maß der Unsicherheit und Ungewißheit auf seiten der
Arbeiter im Falle einer Versetzung auf ein Mindestmaß zu verringern.
So wurde auf Anregung des Ausschusses ein sogenanntes Rücktrittsrecht in das Programm eingebaut, das versetzten Arbeitnehmern die Möglichkeit offen hielt, innerhalb einer bestimmten Frist nach Versetzung
in einen anderen Betrieb in ihre Heimatstadt zurückzukehren, ohne den
Anspruch auf Entlassungsgeld zu verlieren. Das Risiko des Arbeitnehmers
beschränkte sich demgemäß auf den Abzug der gewährten technischen Anpassungshilfe und evtl. gewährter Umzugsbeihilfen vom Entlassungsgeld.
Über 200 Personen fanden über den tarifvertraglichen zwischenbetrieblichen Arbeitskräfteausgleich einen Arbeitsplatz in einem anderen
Betrieb der Armour &amp; Co. Im Juni 1965 waren 183 noch an dem zugewiesenen neuen Arbeitsplatz tätig. Weitere 29 Personen aus Sioux City, die
keinen Anspruch auf Einbeziehung in den zwischenbetrieblichen Arbeitskräfteausgleich hatten, bewarben sich um Stellungen in anderen Betrieben
der Armour &amp; Co. und wurden dort neu angestellt.
Da die Arbeitsplatzverdrängten unter verschiedenen Alternativen zu
wählen hatten, war es unerläßlich, sie eingehend über die gebotenen
Möglichkeiten zu informieren. Anläßlich der Betriebsschließung wurden
deshalb erneut Belegschaftsversammlungen abgehalten; in der Zeit danach
war das Büro des Ausschusses für die Arbeitnehmer die wichtigste Informationsquelle. Den Betroffenen wurde somit der gesamte Bereich der sich
bietenden Möglichkeiten mehrmals klar vor Augen geführt.
Eine vom Ausschuß angeregte Untersuchung der Faktoren, die von Einfluß auf die endgültige Entscheidung der Arbeitnehmer und die Arbeitsmobilität insgesamt waren, erbrachte interessante Aufschlüsse. Einige
Ergebnisse dieser Untersuchung seien im folgenden wiedergegeben:
"Zur Zeit der Betriebsstillegung waren 80 Prozent der Arbeitnehmer
bereit, unter gewissen Voraussetzungen einer Versetzung zuzustimmen,
20 Prozent waren unter keinen Umständen willens. 40 Prozent ließen sich
für eine Versetzung vormerken, 25 Prozent akzeptierten später das Versetzungsangebot der Firma auf der Basis der getroffenen Vereinbarung.
21 Prozent

- 6 -

�21 Prozent der Versetzten hatten den zugewiesenen Arbeitsplatz ein halbes
Jahr nach der Versetzung noch inne.
Der wichtigste Grund, der Arbeitnehmer zur Einwilligung in die Kündigung als Alternative zur Versetzung bestimmte, waren Befürchtungen hinsichtlich der Unsicherheit des neuen Arbeitsplatzes und insbesondere die
angesichts der Anciennitätsregelung verständliche Angst vor einer möglichen Entlassung im Falle neuer Kündigungen.
Die bestimmenden Faktoren für die Zustimmung der Arbeitnehmer zu
ihrer Versetzung waren die generell schlechten Aussichten auf einen neuen
Arbeitsplatz in Sioux City und das ihnen zugestandene Recht, innerhalb
sechs Monaten nach Sioux City zurückzukehren, ohne den Anspruch auf Entlassungsgeld zu verlieren.
Das System des zwischenbetrieblichen Arbeitskräfteausgleichs hat
sich im wesentlichen bewährt. Es fanden sich weit mehr Arbeitskräfte zur
weiteren Mitarbeit bei Armour &amp; Co. bereit, als dies bei früheren Betriebsstillegungen der Fall war.11
Die wichtigste Folgerung aus der Untersuchung besagt, daß die Sicherheit des Arbeitsplatzes der wichtigste Faktor überhaupt ist, der über Erfolg oder Mißerfolg eines Versetzungsplanes entscheidet. Im Fall Fort
Worth (wo ein "Rückkehr"-Recht nicht gegeben war) ließen sich nur 20 von
800 anspruchsberechtigten Mitarbeitern für eine Versetzung vormerken, und
nur 3 machten von dem Versetzungsangebot tatsächlich Gebrauch und arbeiteten weiterhin für Armour &amp; Co.
Die Vermittlung eines neuen Arbeitsplatzes
Trotz der beschränkten Möglichkeiten auf dem örtlichen Arbeitsmarkt
erwies sich das Arbeitsvermittlungsprogramm doch als recht erfolgreich.
Von Mai 1963 bis Mai 1965 konnte die Außenstelle des Arbeitsvermittlungsdienstes 450 Arbeitsplatzverdrängten einen neuen Arbeitsplatz vermitteln.
In einigen Fällen handelte es sich lediglich um vorübergehende Einstellungen, in Ausnahmefällen auch um Zweitvermittlungen von Personen, die einen
Arbeitsplatz gefunden hatten und dann wieder entlassen worden waren. Läßt
man die Arbeitnehmer außer Betracht, die in den Ruhestand traten oder.über
den zwischenbetrieblichen Arbeitskräfteausgleich innerhalb der Firma weiterbeschäftigt wurden, so konnte fast die Hälfte der von der Betriebsschließung betroffenen Arbeitnehmer in neue Stellen vermittelt werden.
Bei der Durchführung dieses Programmes bestätigte sich der Wert einer
engen Zusammenarbeit zwischen Behörden und privaten Institutionen. Das
Büro ermutigte die Entlassenen ausdrücklich, sich an den einzelstaatlichen
Arbeitsvermittlungsdienst zu wenden. Zwischen beiden Stellen fand ein fortgesetzter Austausch von Informationen statt, der insbesondere den "schwierigen Fällen" zugute kam. Behörden haben gewisse Schwierigkeiten, wenn es
darum geht, einem Arbeitsuchenden beispielsweise klarzumachen, daß vieles
von seinem äußeren Erscheinungsbild abhängt, daß er sich zur Teilnahme an

- 7 -

�an Rehabilitationsmaßnahmen melden sollte, oder daß eine Änderung seiner ganzen Verhaltensweise seine Aussichten auf einen neuen Arbeitsplatz wesentlich erhöhen würde. Den Mitarbeitern des Ausschusses sind
in dieser Hinsicht angesichts ihrer Mittlerrolle weniger enge Grenzen
gesetzt.
Aus einer ganzen Reihe von Gründen fällt es schwer, Wert und Erfolg dieser Art der Arbeitsvermittlung genau festzustellen. Iti jedem
Falle ist die Unterbringung von 450 Arbeitsuchenden eine Leistung.
Noch schwieriger ist es, günstige Nebenwirkungen zu beurteilen.
Viele der Entlassenen, die mit Informationen über den Arbeitsmarkt
versorgt wurden, fanden in der Folge dank eigener Bemühungen einen neuen Arbeitsplatz. Manche von ihnen meldeten sich jedoch nicht mehr im
Büro des Ausschusses oder beim Arbeitsvermittlungsdienst. Von besonderem Wert dürften die Informationen über offene Stellen gewesen sein,
wie sich an zahlreichen generellen Beobachtungen ablesen läßt.
Die Wirksamkeit eines Programmes zur Unterbringung von Arbeitskräften wird gewöhnlich nach den statistischen Angaben über die Löhne
beurteilt, zu denen die vermittelten Arbeitskräfte eingestellt wurden.
Die Antworten auf die diesbezüglichen Fragen einer Erhebung des Büros
lassen erkennen, daß 54 Prozent der Entlassenen, die innerhalb eines
Jahres nach Betriebsschließung wieder Arbeit fanden, nur die Hälfte oder
weniger als die Hälfte von dem verdienten, was sie zuvor bei Armour &amp;
Co. verdient hatten. Diese Beobachtung zeigt, daß die Unterbringung an
einem neuen Arbeitsplatz die Stabilität des Einkommens der betreffenden
Arbeitskräfte nicht zu gewährleisten vermochte.
Angesichts der relativ schlechten Unterbringungsmöglichkeiten auf
dem örtlichen Arbeitsmarkt war diese Entwicklung leider vorauszusehen.
Andererseits war eine neue Beschäftigung bei geringerem Lohn einer fortgesetzten Arbeitslosigkeit vorzuziehen.
Die Umschulung
In der zweijährigen Laufzeit des Projektes beteiligten sich insgesamt 156 Personen an Umschulungsmaßnahmen. 124 Personen schlössen die
Kurse mit Erfolg ab und 32 schieden vorzeitig aus. Zur Zeit der Fertigstellung dieses Berichts standen 80 Prozent der erfolgreichen Absolventen der Umschulungslehrgänge in Arbeit. Von diesen hatten 94 an Kursen
im Rahmen von Maßnahmen des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes und 30 an Kursen des Ausschusses teilgenommen.
Die Kurse aufgrund des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes erstreckten sich auf 17 verschiedene Berufssparten, angefangen
von technischem Zeichnen über Elektroreparatur bis zur Ausbildung in
der Landwirtschaft. Die Kurse des Ausschusses dienten vor allem der Ausbildung von kleinen Gruppen und auch Einzelpersonen und sollten die
Lücken im erstgenannten Programm füllen.
Die

- 8 -

�Die Organisierung der Umschulungsprogramme im Rahmen des Gesetzes
über die Entwicklung des Arbeitsmarktes kostete die Vertreter des Ausschusses wie auch der örtlichen Dienststelle des Arbeitsvermittlungsdienstes sehr viel Zeit. Örtliche Schulungseinrichtungen außer den normalen öffentlichen Schulen bestanden nicht; diese wiederum bedurften der
Erweiterung und Modernisierung, um den Anforderungen des Gesetzes über
die Entwicklung des Arbeitsmarktes zu entsprechen. Sowohl der Arbeitsvermittlungsdienst als auch der Ausschuß schlugen deshalb den örtlichen
Schulbehörden schon zeitig vor, die unter dem Gesetz erhältlichen Mittel
dazu zu benutzen, die Schuleinrichtungen zu verbessern und dann die erforderlichen Umschulungskurse einzurichten und durchzuführen.
Die Schulbehörden weigerten sich jedoch im ersten Vierteljahr nach
der Betriebsstillegung, Bundesmittel anzunehmen und an dem Gesamtprojekt
mitzuarbeiten. Nach mehreren abschlägigen Bescheiden erklärte sich die
Schulbehörde schließlich nach einer erneuten Abstimmung unter ihren Mitgliedern bereit, die Schuleinrichtungen, so wie sie waren, den Organen
des Staates Iowa für das Umschulungsprogramm zur Verfügung zu stellen.
Die bestehenden Einrichtungen konnten somit nicht erweitert und modernisiert werden, und die Durchführung der Kurse wurde dem Staat Iowa übertragen. Diese Entscheidung hatte eine starke Verzögerung der Vorbereitung des Programms zur Folge, die durch die räumliche Entfernung zwischen
einzelstaatlichen und kommunalen Dienststellen bedingt war. Trotz fortgesetzten Drängens seitens der Vertreter des Arbeitsvermittlungsdienstes
und des Ausschusses vollzog sich der Aufbau des Umschulungsprogramms nur
sehr langsam. Drei Monate nach der Betriebsstillegung waren 200 Anträge
auf Zulassung zu Umschulungskursen genehmigt. Ein Jahr nach der Betriebsstillegung hatte erst für rund 90 Antragsteller die Umschulung gemäß
Arbeitsmarktgesetz begonnen.
Diese Tatsachen beeinflußten die späteren Bemühungen im Bereich der
Umschulung ganz entscheidend. Die Vertreter des Ausschusses und der örtlichen Dienststelle des Arbeitsvermittlungsdienstes sahen sich vor die
Notwendigkeit gestellt, die für die Umschulung aufgrund des Gesetzes vorgesehenen Maßnahmen von Fall zu Fall zu entwickeln. So wurde schließlich
der größte Teil der Umschüler in Einrichtungen unterrichtet, die ihnen
vom Ausschuß oder vom Arbeitsvermittlungsdienst nachgewiesen worden waren.
Das Umschulungsprogramm des Ausschusses wurde unter folgenden Richtlinien abgewickelt: 1. Es sollte keinem Antragsteller von vornherein die
Beteiligung verweigert werden; deshalb wurden lediglich einige wenige Personen mit außerordentlich geringen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich
noch dazu überhaupt keine Vorstellung von einer neuen Tätigkeit machen
konnten, von der Teilnahme ausgeschlossen. 2. Alle Teilnehmer wurden angeregt, früher erworbene Fertigkeiten zu pflegen und womöglich weiterzuentwickeln. 3. Hinsichtlich der Zulassung zu den einzelnen Fachkursen
wurde jede Diskriminierung aufgrund der Rassenzugehörigkeit oder des
Alters, wie sie eventuell örtlich verschiedentlich noch geübt wird, von
vornherein ausgeschlossen; die Bewerber wurden auf die sich hieraus ergebenden Probleme hingewiesen. Die Wahl der Fachrichtung wurde ihnen freigestellt. Und schließlich wurden bezüglich der von Fall zu Fall zu gewährenden finanziellen Unterstützung keinerlei Höchstgrenzen festgesetzt.
Der
- 9-

�Der Ausschuß gewährte bei diesem Projekt erstmals Unterhaltsbeihilfen in Höhe der einzelstaatlichen Zuschüsse nach dem Gesetz über die
Entwicklung des Arbeitsmarktes sowie Fahrgeldzuschüsse an Personen, die
an Umschulungsmaßnahmen außerhalb Sioux Gity teilnehmen mußten. Der Ausschuß richtete ferner über eine örtliche Bank ein Kreditprogramm ein, um
den in der Umschulung befindlichen Arbeitnehmern zusätzliche Finanzhilfe
gewähren zu können.
Die Kredite waren bis drei Monate nach Abschluß der Umschulungsmaßnahmen tilgungsfrei, und der Zinssatz lag wesentlich unter der marktüblichen Höhe. Kredite wurden von 14 Personen in Anspruch genommen. Die
Schuldner sind den ihnen hieraus erwachsenen Verpflichtungen voll und
ganz nachgekommen. Dieses Programm versetzte die betreffenden Teilnehmer
an Umschulungslehrgängen in die Lage, die Ausbildung normal abzuschließen
und nicht wegen finanzieller Schwierigkeiten abzubrechen. Die Bereitstellung von Kreditmitteln dürfte sich auch bei künftigen Umschulungsprogrammen empfehlen.
Bei der Beurteilung der Erfolgsaussichten eines Umschulungsprogrammes
muß man sich der Schwierigkeiten bewußt sein, die die Beschaffung der
erforderlichen schulischen Einrichtungen, die starke Differenzierung des
Kreises der zu schulenden Personen und die Lage auf dem Arbeitsmarkt,
soweit sie von Einfluß auf die Wiederbeschäftigungsmöglichkeiten der
Auszubildenden ist, bereiten. Was den Anteil derjenigen angeht, die die
Umschulung zwar begonnen aber nicht abgeschlossen haben, wie auch den Anteil derer, die schließlich an einen Arbeitsplatz vermittelt werden
konnten, braucht das Programm von Sioux Gity den Vergleich mit Maßnahmen
aufgrund des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes in anderen
Teilen der Vereinigten Staaten nicht zu scheuen, insbesondere wenn man
bedenkt, daß die in Sioux Gity vermittelten Arbeitskräfte nicht gerade
die günstigsten Aussichten auf Wiederbeschäftigung hatten. Von allen
denen, die wieder einen Arbeitsplatz fanden, übten allerdings nur 55 Prozent einen Beruf aus, der in unmittelbarem Zusammenhang mit der Umschulung stand. Die eingehende Beobachtung des Programmes rechtfertigt das
Urteil, daß verdrängte Arbeitskräfte auch der älteren Jahrgänge bereit
sind, während der Zeit der Umschulung zahlreiche Härten auf sich zu
nehmen, um so gewissermaßen den Nachweis ihrer Befähigung zur Übernahme
eines neuen Arbeitsplatzes zu erbringen.

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 88, Nr. 11, November 1965)

+ +++ +

- 10 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Amerikanische Gewerkschaft hilft Automobilarbeitern im Ausland
Um die Automobilarbeiter in vielen Ländern der Erde bei ihren Lohnverhandlungen (speziell auch mit US-Unternehmen) zu unterstützen, hat
die Gewerkschaft der United Automobile Workers of America (UAW) ein
Expertenteam gebildet, das die ausländischen Gewerkschaften nicht nur
berät, sondern sich auf Wunsch auch in die Verhandlungen einschaltet.
So ist kürzlich ein UAW-Vertreter vor der Australian Arbitration
Commission für eine Erhöhung der Arbeitslöhne eingetreten. Es war das
erste Mal, daß ein Ausländer an einem australischen Lohnstreit aktiv
beteiligt war.
Bereits seit einem Jahr bestehen vier Ausschüsse bei der UAW, die
in Lohnverhandlungen mit internationalen Unternehmen der AutomobilIndustrie eine beratende Funktion ausüben.

+
Bildungsprogramm Regen Automationsfolgen
Das wirksamste Mittel gegen die negativen Auswirkungen der Automation ist nach Auffassung des Dachverbandes der amerikanischen Gewerkschaften, der AFL-CIO, ein möglichst breit angelegtes und kostenloses
Bildungsprogramm, das alle Bildungsstufen vom Kindergarten bis zur
Hochschule umfaßt. Die Gewerkschaften, so wurde erklärt, seien nicht
grundsätzlich gegen die Automation; man müsse jedoch nach Mitteln suchen, um alle an ihren Vorteilen zu beteiligen. Befürwortet wurde weiterhin die Bildung eines Wirtschaftsplanungsinstituts aus führenden
Vertretern der Industrie, der Gewerkschaften, der freien Berufe und
der Universitäten, das durch seine Arbeit die wirtschaftlichen Zusammenhänge klären helfen und somit einen günstigen Einfluß auf die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft ausüben könne.

+
Umschulung für Körperbehinderte
Von den insgesamt 206 000 Arbeitslosen, die in den letzten drei
Jahren im Rahmen des Gesetzes zur Entwicklung des Arbeitsmarktes
(Manpower Development and Training Act) ausgebildet oder umgeschult
wurden, sind 14 350 - rund sieben Prozent - Körperbehinderte. Mehr als
ein Drittel von ihnen, nämlich 37 Prozent, wurden auf Fachberufe, wie
Kraftfahrzeugmechaniker, Schweißer oder Karosserieschlosser, vorbereitet.
Annähernd

- 11 -

�Annähernd 20 Prozent wurden zum Fabrikarbeiter oder Tankwart ausgebildet, während über 14 Prozent eine kaufmännische Schulung, insbesondere als Stenograph oder Büroangestellter, erhielten. Ahnliche
Trainingsprogramme wurden auch für geistig Zurückgebliebene durchgeführt, die als Hilfskräfte in der Textil-, in der Schuhindustrie
oder im Haushalt eingesetzt werden können.

+
Arbeitslose werden zu Tankwarten ausgebildet
Um der langfristigen Arbeitslosigkeit ungelernter Arbeiter abzuhelfen und gleichzeitig den Tankstellenservice in den Vereinigten
Staaten zu verbessern, befürwortete das US-Arbeitsministerium ein Programm zur Ausbildung von Arbeitslosen und Hilfsarbeitern zu Tankwarten.
Zunächst ist die Unterrichtung von 4160 Personen vorgesehen: 3000 werden durch einzelstaatliche Arbeitsämter ausgewählt, während der Rest
aus Hilfskräften besteht, die bereits bei einer Tankstelle beschäftigt
sind. Das Arbeitsministerium hat insgesamt 1,7 Millionen Dollar für
das Trainingsprogramm bereitgestellt. Die Ausbildungskurse sollen zehn
Wochen dauern.

4
Arbeitskräftemangel in der US-Luftfahrtindustrie
Hochspezialisierte Fachkräfte der Luftfahrtindustrie in New York
anzuwerben und sie samt ihren Familien nach Long Beach (Kalifornien)
umzusiedeln, versucht die Douglas Aircraft Company, eine der führenden
Flugzeug-Herstellerfirmen Amerikas. Die Gesellschaft sieht sich zu
diesem ungewöhnlichen Schritt gezwungen, da die Reserven an Luftfahrtingenieuren und Facharbeitern im Westen der Vereinigten Staaten erschöpft sind. In Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt des Staates New York
und dem US-Arbeitsministerium plant die Douglas Aircraft Company, in
den nächsten Monaten insgesamt 1500 Arbeitskräfte an der Ostküste anzuwerben.

(Quelle: Eigenberichte)

+ ++++

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enth&amp;lt Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIX - 2/3

Februar/März 1966

INHALT
Der amerikanische Arbeitsmarkt heute

Seite 1

Der amerikanische Arbeitsmarkt heute
Aus "Manpower Report of the President and A Report on Manpower
Requirements, Resources, Utilization, and Training by the
United States Department of
Labor", März 1966
Tendenzen der Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
Das Jahr 1965 war für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten eine
Periode hervorragender Leistungen. Die Gesamterzeugung an Waren und
Dienstleistungen, wie sie ihren Niederschlag im Bruttosozialprodukt
findet, erhöhte sich um 5,5 Prozent - eine Rate, die den Durchschnitt
der letzten beiden Jahrzehnte erneut um knapp die Hälfte überstieg.
Die Gesamtbeschäftigung erhöhte sich im abgelaufenen Jahr um die fast
einen Rekord darstellende Zahl von 1,8 Millionen und übertraf damit
den Zuwachs der Zahl der Erwerbspersonen um 1,4 Millionen ganz beträchtlich (siehe Tafel 1). Die Ausweitung der Wirtschaft, die größtenteils der zeitgerechten Anwendung der Handhaben der allgemeinen Wirtschaftspolitik zuzuschreiben ist, trug im Verein mit den besonderen
Regierungsprogrammen im Bereich der Arbeitsmarktpolitik und dem Krieg
ge^en die Armut wesentlich zur Verringerung der Arbeitslosigkeit im
Jahre 1965 auf durchschnittlich 4,5 Prozent - den geringsten Jahressatz seit 1957 - bei.
Bezeichnenderweise hielt der rasche Anstieg der Beschäftigung und
Produktion sowie die Abnahme der Arbeitslosigkeit das ganze Jahr 1965
über unvermindert an und setzte sich auch in den ersten Monaten des

- 1-

�Tafel 1
Arbeitsbevölkerung, Beschäftigung; und Arbeitslosigke:Lt
1964-65
(Personen 14 Jahre und darüber; in 1000)
1964

Erwerbspersonen
Erwerbspersonen
außer Streitkräfte
Gesamtbeschäftigung
Landwirtschaft
Industrie und Gewerbe
Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeitsrate
(in Prozent)

1965

Veränderung
1964-65
Zahl

Prozent

76 971

78 357

1386

1,8

74 233

75 635

1402

1,9

70 357

72 179

1822

2,6

4 761

4 585

-176

-3,7

65 596

67 594

1998

3,0

3 876

3 456

-420

-10,8

5,2

4,6

Anm.: Die Einzelangaben addieren sich wegen Ab- und Aufrundung nicht
notwendig zu den Gesamtziffern.
des Jahres 1966 fort. Damit steht Amerika am Anfang des sechsten Jahres
eines ununterbrochenen wirtschaftlichen Wachstums seit der letzten Rezession von 1961. Im Januar 1966 sank die Arbeitslosenrate auf 4 Prozent
ab - abgesehen von der Zeit des Koreakrieges in etwa der niedrigste Satz
seit Ende des zweiten Weltkriegs - und die Wirtschaft befand sich, was
noch wichtiger ist, nach wie vor in rascher Expansion.
Ebenso wichtig wie der Umfang der Zunahme der Gesamtbeschäftigung
im Jahre 1965 waren auch die Trends, die sich in der Verteilung des Beschäftigtenzuwachses auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche und Beschäftigungssparten offenbarten. Auf dem privaten Sektor der Wirtschaft im
allgemeinen und in der Fertigungsindustrie und den mit ihr verbundenen
Wirtschaftszweigen im besonderen war der Beschäftigungszuwachs außerordentlich stark. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Fertigungsindustrie
übertraf erstmals den Stand in den Jahren des zweiten Weltkriegs; sämtliche Sparten der Dauergüterindustrie und fast alle Zweige der Herstellung von kurzlebigen Gütern meldeten eine Zunahme der Beschäftigtenziffern. Die Erhöhung der Zahl der Arbeitsplätze brachte eine beträchtliche Verbesserung der Beschäftigungsaussichten einer Anzahl von bisher

�bisher benachteiligten Bevölkerungsgruppen, einschließlich der Neger
und der ungelernten Arbeitskräfte, mit sich. Der Beschäftigungszuwachs
erstreckte sich auf weite Teile der Vereinigten Staaten.
Die rascheste Verbesserung der Arbeitsmöglichkeiten war 1965 in
den Arbeiterberufen - besonders im Bereich der ungelernten Arbeitskräfte - sowie unter den Jugendlichen und Farbigen zu beobachten, d.h.
bei den Gruppen, die zumindest während des letzten Jahrzehnts ernste
Beschäftigungsschwierigkeiten hatten. Besonders eindrucksvoll war die
Eingliederung einer Rekordzahl von 850 000 jugendlichen Arbeitern im
Alter von 18 bis 24 Jahren in den Arbeitsprozeß; diese Zahl entspricht
mehr als dem Doppelten der jährlichen Neuzugänge dieser Altersgruppe
auf dem Arbeitsmarkt während der vorausgegangenen vier Jahre.
Die gesamte Zunahme des Beschäftigtenstandes im Jahre 1965 entfällt wie schon im Jahre 1964 auf Ganztagsbeschäftigte. Die Zahl der
Teilzeitbeschäftigten (außer Landwirtschaft), die meist aufgrund wirtschaftlicher Gesichtspunkte dieser Form der Arbeit den Vorzug gaben,
nahm weiterhin ab und erreichte den niedrigsten Stand, der seit der
Einführung diesbezüglicher Statistiken im Jahr 1956 zu verzeichnen war.
Die starke Nachfrage nach Arbeitskräften spiegelt sich auch in der
wesentlichen Verlängerung der Wochenarbeitszeit in den Fertigungsbetrieben wider, die 1965 um 24 Minuten oder fast ein Prozent auf den
Nachkriegsrekord von 41 Stunden 6 Minuten zunahm. Die Zahl der geleisteten Überstunden der Produktionsarbeiter erreichte den höchsten Stand
in den 10 Jahren der Führung diesbezüglicher Statistiken und betrug im
Durchschnitt im Bereich der Fertigung langlebiger Güter 3,9 Stunden
und im Bereich der Fertigung kurzlebiger Güter 3,1 Stunden.
Auch die langfristige Arbeitslosigkeit, die sich in den vorausgegangenen kürzeren Perioden des Konjunkturaufschwungs als sehr hartnäckig erwiesen hatte, nahm beträchtlich ab. Die Zahl der Arbeiter, die
15 Wochen und länger arbeitslos waren, verringerte sich 1965 um 200 000,
d.h. um etwa das Doppelte der Abnahme im vorausgegangenen Jahr. Die
größte Abnahme der langfristigen Arbeitslosigkeit betraf Arbeitskräfte,
die sechs Monate oder länger arbeitslos waren; ihre Zahl ging um 130 000
zurück. Diese günstige Entwicklung war unter zwei Gruppen besonders
ausgeprägt, die bisher am stärksten unter langfristiger Arbeitslosigkeit
zu leiden hatten: ungelernte und ältere Arbeiter.
Trotz dieser bedeutsamen Fortschritte blieben manche ernste Arbeitsmarktprobleme bisher ungelöst. Die durchschnittliche Arbeitslosenrate
von 4 Prozent im Dezember spiegelt unter anderem weit höhere Arbeitslosenraten unter den Jugendlichen im Alter bis zu 20 Jahren (13 Prozent)
und unter den Farbigen (7,5 Prozent insgesamt und über 25 Prozent bei
Jugendlichen unter 20 Jahren) wider. Jedes achte der größeren Industriegebiete in den Vereinigten Staaten registrierte eine Arbeitslosenrate
von über 6 Prozent, da man dort die Probleme der Arbeitslosigkeit,
die Strukturveränderungen in der Industrie heraufbeschworen haben, bisher nicht zu lösen vermochte. Von den Arbeitslosen im ganzen Land war

- 3 -

�war jeder fünfte über 15 Wochen oder länger arbeitslos, und von denen,
die in einem Beschäftigungsverhältnis standen, übten viele ihre Tätigkeit zu einem Lohn aus, der ihnen nur das Existenzminimum sicherte.
Auf der anderen Seite war die Arbeitslosenrate zum Jahresende für
die meisten der gelernten und erfahrenen Arbeitskräfte sehr niedrig 2,3 Prozent für Männer im Alter von 25 Jahren und darüber. Gewisse Anzeichen deuten darauf hin, daß in manchen Regionen und Beschäftigungszweigen eine ernsthafte Verknappung von Arbeitskräften droht. Die
Nachfrage nach Material und Arbeitskräften, die der Vietnamkonflikt
bedingt, beginnt das Problem der Aufrechterhaltung der Preis- und
Kostenstabilität zu erschweren, wenngleich es den Fortschritt in Richtung auf die Vollbeschäftigung beschleunigt.
Von grundlegender Bedeutung ist jedoch die Tatsache, daß die Wirtschaft nach einer bisher einmalig langen Periode der beschleunigten
Expansion mit bemerkenswert wenigen Strukturverzerrungen, und sogar
um viele ältere Verzerrungen erleichtert, in das Jahr 1966 eintreten
konnte. Eine von Einfallsreichtum und sozialer Verantwortung getragene
Handhabung der Steuer- und Arbeitsmarktpolitik seitens des Staates ermöglichte es der freien Wirtschaft, die Arbeitslosenrate auf 4 Prozent
herabzudrücken, ohne daß es zu Gleichgewichtsstörungen gekommen ist,
die den Bestand der Wirtschaft gefährden könnten.
Die Wirtschaft betritt nunmehr auf ihrem Wege zur Vollbeschäftigung
unbekanntes Neuland. Die staatliche Politik wie auch die Planung und
Initiative der privaten Wirtschaft stehen vor einer ernsten Bewährungsprobe, versuchen wir doch, inflatorische Tendenzen und Gleichgewichtsstörungen jener Art zu vermeiden, die später zu einer Rezession führen
könnten, und gleichzeitig die Arbeiter soweit zu fördern, daß sie sich
die für die verfügbaren Arbeitsplätze erforderlichen Qualifikationen
aneignen. Die Leistungen des Jahres 1965 zeigten, daß sich die Expansion
der Wirtschaft ohne di* Auswüchse vorantreiben läßt, die eine Rezession
begünstigen. Nunmehr gilt es zu beweisen, daß es möglich ist, jedem
Mitglied unserer Gesellschaft einen gerechten Anteil an der fortgesetzten Expansion zu verschaffen und genügend Arbeitskräfte mit ausreichenden Fachkenntnissen bereitzustellen, um die vorhandenen Arbeitsplätze
zu füllen. Nur so kann unsere Nation ihre Aufgaben im eigenen Land und
in der Welt erfüllen und weiterhin Arbeitsplätze für alle schaffen, die
arbeitswillig sind.
Das Wirtschaftswachstum der jüngsten Zeit in Perspektive
Der Beschäftigungszuwachs in der derzeitigen Periode der Prosperität ist größtenteils der Länge und dem Ausmaß der wirtschaftlichen
Expansion zu verdanken.
Der wirtschaftliche Aufschwung ist hinsichtlich seiner Stärke, d.h.
der durchschnittlichen Wachstumsrate, im Vergleich zu anderen Perioden
zunehmender Wirtschaftstätigkeit in der Nachkriegszeit nicht außerordentlich. Was die derzeitige Expansion jedoch von anderen unterscheidet, ist

- 4 -

�ist nicht ihre Wachstumsrate, sondern ihre Dauer. Die derzeitige Konjunktur hält bereits länger an, als die Expansion von 1958-60 und 1954-57.
Sie währt nunmehr, im ersten Quartal 1966, bereits ein ganzes Jahr länger
als die Hochkonjunktur während des Koreakriegs, die sich über 16 Quartale
erstreckte. Hinsichtlich Dauer und Gesamtwachstum übertrifft sie alles,
was die US-Wirtschaft in Friedenszeiten innerhalb des halben Jahrhunderts
der Führung diesbezüglicher Statistiken geleistet hat.
Das amerikanische Bruttosozialprodukt erreichte Ende 1965 eine Jahresrate von 697 Milliarden Dollar, das entspricht einer Zunahme um beinahe
195 Milliarden Dollar oder um etwa zwei Fünftel seit dem Tiefpunkt der
•»letzten Rezession Anfang 1961. Unter Berücksichtigung der relativ bescheidenen Preissteigerungen bedeutet dies einen tatsächlichen Zuwachs
des Produktionsvolumens um 30 Prozent. Er übertrifft die Ergebnisse in
den beiden gemäßigten Hochkonjunkturperioden Mitte und Ende der fünfziger Jahre bereits um über das Doppelte.
Diese fünf Jahre anhaltender und durchgehender Beschleunigung der
Wirtschaftstätigkeit wirkten sich einschneidend auf die Beschäftigungslage aus und zeitigten einen kumulativen Effekt. Die Gesamtbeschäftigtenzahl stieg von 66,75 Millionen Anfang 1961 auf den neuen Höchststand
von fast 73 Millionen zu Ende 1965. Obwohl die Zahl der Erwerbspersonen
im gleichen Zeitraum um 4,5 Millionen zunahm, das sind im Durchschnitt
über 1 Million
je Jahr, bewirkte die rasche Ausweitung der Beschäftigungsmöglichkeiten eine Senkung der Arbeitslosenziffer um ein Drittel
(siehe Tafel 2).
Die derzeitige Expansion ist des weiteren charakterisiert durch die
fortgesetzte Beschleunigung der Zuwachsrate der Beschäftigung und Produktion in ihrem gesamten Verlauf. Der Beschäftigungszuwachs war 1964
wesentlich höher als 1963 und 1965 wiederum höher als 1964. Mit über
2,5 Prozent war die Zuwachsrate von 1965 die höchste seit 1956.
Die Vereinigten Staaten entgingen somit dem Trend, der in den fünfziger Jahren vorherrschte, als die Expansion jeweils kurz vor einer
echten Erholung bei steigenden Arbeitslosenziffern stagnierte.
Die entscheidende Rolle des Staates
Die fortgesetzte Expansion der Wirtschaft und der damit verbundene
rasche Produktions- und Beschäftigungszuwachs sind kein Zufall. Sie sind
vielmehr das Ergebnis der entschlossenen Handhabung des politischen
Instrumentariums, das der Bundesregierung, zur Verfügung steht, um das
Wachstum aufrecht zu erhalten und eine volle Ausschöpfung sowohl des
Arbeitskräftepotentials als auch der Produktionskapazität zu erreichen.
Zahlreiche der langfristigen Maßnahmen im Bereich der Steuer-, Geld- und
Arbeitsmarktpolitik der Regierung stellten insofern etwas völlig neues
dar, als sie auf den erarbeiteten Prognosen bezüglich künftiger Probleme
und auf gezielten und integrierten Programmen 8 U ihrer Vermeidung beö
ruhten.
Tafel 2

�Tafel 2
Konlunktururaschwung und nachfolgende Expansion
1. Quartal 1961 bis 4. Quartal 1965
(Quartaisdurchschnitte)
T

Prozentuale
Veränderung

1961

1965
1)

Absolute
Veränderung

503,6
402,7

697,2
o24,4

1^3,6
141,7

38,4
29,4

6,9
5,4

71 653

76 175

4 522

6,3

1,3

66
23
29
8

72
26
32
9

6
3
2
1

189
441
950
128

9,3
14,7
10,0
13,2

1,9
2,9
2,0
2,6

Insge- Jahresdurchsamt
2)
schnitt

Bruttosozialprodukt
(Mrd. Dollar)
Zu Tagespreisen
In Preisen 1958
Erwerbspersonen insg.
(in 1000)
Beschäftigte insg.(in 1000)
Arbeiter
Angestellte
Dienstleistungsbeschäftigte
Nichtlandwirtschaftliche
Beschäftigte (in 1000)
Fertigungsindustrien (einschl.
Transport-u.Versorgungsbetriebe)
Dienstleistungsgewerbe
Arbeitslosigkeit insg.
(in 1000)
Arbeitslosenrate insg. (in %)
Männer (25 Jahre und älter)
Frauen (25 Jahre und älter)
Jugendliche (bis 20 Jahre)
Farbige
Arbeiter
Angestellte
Durchschnittswochenlohn in
Fertigungsbetrieben (Dollar)
1)

783
394
428
514

972
835
378
642

53 465

61 409

7 944

14,9

2,9

23 505
29 960

26 294
35 116

2 789
5 156

11,9
17,2

2,4
3,4

4 870
6,8
5,3
5,8
15,6
12,4
9,7
3,2

3 203
4,2
2,5
3,7
12,8
7,8
4,6
2,2

-1 667
-2,6
-2,8
-2,1
-2,8
-4,6
-5,1
-1,0

-34,2
-38,2
-52,8
-36,2
-17,9
-37,1
-52,6
-31,2

-8,9

109,75

20,57

23,1

4,4

89,18

Vorläufige Angaben

2)
Vierteljährlich ermittelt und zu Jahresdurchschnitten vereint
Anm.: Die Einzelangaben addieren sich wegen Ab- und Aufrundung nicht
notwendig zu den Gesaratziffern.

- 6 -

-_
__
—

„

mm

__
--

�Die Bundesregierung leitete Anfang 1961 eine Reihe eng koordinierter Maßnahmen ein, die dazu beitrugen, den Anfang 1960 eingetretenen
Konjunkturrückgang in das Gegenteil zu verkehren. Eine neue Phase der
Expansion der Wirtschaft begann. Es wurden die Leistungsgrenzen der Arbeitslosenversicherung vorübergehend über die normale Anspruchsdauer
hinaus verlängert; die Leistungen der Sozialversicherung erweitert;
andere Überbrückungsleistungen erhöht; und die Regierungskäufe und die
staatlichen Beschaffungsprogramme ebenso wie die Aufwendungen für den
Straßenbau verstärkt. Diese Maßnahmen trugen entscheidend zu der späteren raschen Belebung der Wirtschaftstätigkeit wie auch zur Ausweitung
der Beschäftigungsmöglichkeiten bei, wenngleich sich das Tempo des Aufschwungs im Verlauf des Jahres 1962 zunächst ganz beträchtlich verlangsamte. Im zweiten Halbjahr 1962 war nur eine bescheidene Zunahme der
Zahl der Arbeitsplätze zu verzeichnen, und die Arbeitslosenrate hielt
sich unverändert auf dem Stand von 5,5 Prozent, auf den sie im ersten
Quartal abgesunken war. Es wurde offenbar, daß die Wirtschaft nicht
rasch genug expandierte, um genügend Arbeitsplätze für die große Zahl der
Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen, geschweige denn, den Prozentsatz der Arbeitslosigkeit zu verringern.
Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde eine Reihe von Steuer- und
kreditpolitischen Maßnahmen eingeleitet, deren wichtigste eine durchgreifende Senkung der Einkommens- und Körperschaftssteuer Anfang 1964
war. Diese Steuersenkung gab der Produktion und Beschäftigung ganz erheblich Auftrieb und hat sich in der Zwischenzeit als einer der wichtigsten Faktoren der anhaltenden beträchtlichen Beschleunigung der Wirtschaftstätigkeit während der letzten beiden Jahre erwiesen (siehe
Tafel 3 ) .
Die Arbeitsmarktpolitik
Die Bemühungen, die Nachfrage durch Steuersenkungen, Investitionsanreize und ähnliche Maßnahmen zu beleben, wurden durch eine neue aktivere Arbeitsmarktpolitik gefördert. Sie fand ihren Niederschlag in den
Programmen zur Schulung und Höherqualifizierung von Arbeitskräften, die
den Arbeitsuchenden die Anpassung an die gegebenen Arbeitsmöglichkeiten
erleichtern sollen. Diese bahnbrechenden Programme wurden als notwendige
Ergänzung der Steuer-: und Geldpolitik angesehen, sollte eine Ausweitung
der Beschäftigung und eine Verringerung der Arbeitslosigkeit bei dem
optimalen Wirtschaftswachstum erreicht werden, das mit der gebotenen Aufrechterhaltung der Preisstabilität vereinbar ist.
Das Gesetz zur Entwicklung des Arbeitsmarktes von 1962 (Manpower
Development and Training Act - MDTA), das Gesetz zur Sicherung des wirtschaftlichen Fortkommens von 1964 (Economic Opportunity Act) und andere
gesetzgeberischen Maßnahmen, die auf den gleichen Grundsätzen beruhen,
haben sich sehr günstig auf die Beschäftigungsmöglichkeiten ausgewirkt
und mitgeholfen, die für ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum erforderlichen und hinreichend qualifizierten Arbeitskräfte heranzubilden.
Tafel 3

�Tafel 3
Das Wirtschaftswachstum vor und nach der Steuersenkung von 1964
(Jahreszeitlich angeglichen)

IV. Quartal

1961

Erwerbspersonen (in Mio.)
Beschäftigte
Arbeitslose
Arbeitslosenrate (in %)

1963

1965

73,4

76,2

67,1 69,3
. 4,4 4,1

73,0

71,6

Absolute
Veränderg.

Durchschn.
jährliche .»
Veränderg.

IV

IV

IV

IV

1961

1963

1961

1963

-63

-65

-63

-65

1,8

2,8

2,1

3,7

1,3
1.6

1,9
2,6
-13,1

3,2
4,2

-0,3 -0,9
-0,6 -1,4

-3,5
—

—

Bruttosozialprodukt
(Mrd. Dollar zu Tagespreisen)
Verbraucherausgaben
Kapitalgüterinvestitionen
Übrige Posten

537,7 603,6 697,2
343,1 379,5 441,0
48,6 56,5 73,0
146,0 167,6 183,2

65,9 93,6
36,4 61,5
7,9 16,5
21,6 15,6

5,8
5,1
7,6
7,0

7,3
7,6

Bruttosozialprodukt
(Mrd. Dollar in
Preisen von 1958)

511,9 560,0 624,4

48,1

64,4

4,5

6,2

5,6

13,0

4,5

5,5

1) Vierteljährlich ermittelt und auf Jahresdurchschnitt umgelegt
Anm.: Die Einzelangaben addieren sich wegen Ab- und Aufrundung nicht notwendig zu den Gesamtziffern.

Der Erfolg dieser Maßnahmen wurde 1965 auf eindrucksvolle Weise deutlich.
Wenn auch die wichtigsten Impulse zur Schaffung einer so großen Zahl neuer
Arbeitsplätze von der durch die Steuer- und Geldpolitik der Bundesregierung
geförderten Expansion ausgingen, so ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit doch
auch zu einem guten Teil den staatlichen Schulungs- und Ausbildungsprogrammen
zu verdanken. Insgesamt beteiligten sich Ende 1965 rund 300 000 Personen an den
Ausbildungsprogrammen aufgrund des Gesetzes zur Sicherung des wirtschaftlichen
Fortkommens. Darüber hinaus nahmen im Dezember 1965 über 60 000 Arbeitslose
an Schulungskursen teil, die der Vorbereitung auf einen künftigen Arbeitsplatz
gemäß dem Gesetz zur Entwicklung des Arbeitsmarktes dienten.
Die Programme zur Verwirklichung der Großen Gesellschaft sind in erster
Linie auf die Jugend zugeschnitten. Ende 1965 beteiligten sich über 150 000
Jungen und Mädchen im Alter von 16 bis 21 Jahren am Nachbarschafts-Jugendkorps (Neighborhood Youth Corps), das Schülern eine lohnende Teilzeitbeschäftigung.und schulentlassenen und. beschäftigungslosen Jugendlichen auch Ganz-

- 8 -

�Ganztagsbeschäftigung verschafft. Weitere 17 000 Jungen und Mädchen, die
fast alle arbeitslos waren, erhielten im Nationalen Aufbaukorps (Job
Corps) eine Ausbildung. Rund 100 000 Collegestudenten bedienten sich der
Einrichtungen des Werkstudiumprogramms (Work Study Program), um ihr Studium, das sie andernfalls aus wirtschaftlichen Gründen nicht hätten beginnen oder fortführen können, durch eine Teilzeitbeschäftigung zu finanzieren.
Die Programme aufgrund des Gesetzes zur Entwicklung des Arbeitsmarktes
und im Zuge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut trugen merklich zur Verringerung der Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen bei. Die Zahl der
Arbeitslosen im Alter von 16 bis 21 Jahren (die Jahrgänge, die für eine
Beteiligung an den Jugendhilfsprogrammen in,Frage kommen) war im Dezember
1965 trotz 650 000 Neuzugängen «uf dem Arbeitsmarkt um 175 000 niedriger
als im Dezember 1964. Man schätzt, daß mindestens 90 000 der jugendlichen
Teilnehmer an den Programmen im Rahmen des Gesetzes zur Sicherung des
wirtschaftlichen Fortkommens und an den Arbeitsplatzschulungsprogrammen
aufgrund des Gesetzes zur Entwicklung des Arbeitsmarktes ohne diese Förderung arbeitslos geblieben wären.
Die Auswirkungen dieser Programme aber lediglich an den Erfolgen eines
einzelnen Jahres messen zu wollen, hieße ihren Einfluß auf die Arbeitslosigkeit unterschätzen. Indem diese Programme jungen Menschen den regulären
Schulabschluß ermöglichen und Arbeitslosen - Jugendlichen ebenso wie Erwachsenen - eine berufliche Ausbildung bieten, die sie für einen Arbeitsplatz qualifiziert, versetzen sie ihre Teilnehmer in die Lage, sich langfristig ins Erwerbsleben einzugliedern.
Der Beschäftigungszuwachs in den einzelnen Wirtschaftszweigen
Industrie und Gewerbe
Die starke Zunahme der Beschäftigung in fast allen Sparten der Industrie, in den verwandten Wirtschaftszweigen und im Dienstleistungsgewerbe
war eines der wichtigsten Charakteristiken der Wirtschaftsexpansion des
Jahres 1965. Die erhöhte Geschäftstätigkeit in den FertigungsIndustrien
stand in scharfem Gegensatz zu der Stagnation gegen Ende der fünfziger
Jahre und dem geringen Wachstum zu Beginn des Wirtschaftsaufschwungs in
den sechziger Jahren.
Die furtgesetzte Expansion im Verlauf des Jahres 1965 brachte die
Beschäftigung im Baugewerbe, in den FertigungsIndustrien, im Handel, im
Finanzwesen, im Dienstleistungsgewerbe und im Dienst der Einzelstaaten
und Gemeinden auf einen Rekordstand, wobei also lediglich der Bergbau,
das Transportgewerbe und der Bundesdienst Ausnahmen bildeten. Doch selbst
im Bergbau verlangsamte sich der seit langem zu beobachtende Beschäftigungsschwund, und im Transportgewerbe setzte sich nach langen Jahren
eines geringen Wachstums oder gänzlicher Stagnation erstmals wieder eine
Aufwärtstendenz durch.
Fünf

- 9-

�Fünf Jahre einer kontinuierlichen Erholung und Expansion waren
notwendig, um im industriellen und gewerblichen Bereich der Beschäftigung die Verluste der Jahre von 1957 bis 1961 wettzumachen und ein
Wachstum über den früheren Beschäftigungshöchststand hinaus zu erzielen. Trotz eines Zuwachses von 6 Prozent gegenüber 1960 lag die Zahl
der Beschäftigten in diesem Wirtschaftssektor 1965 nur um eine halbe
Million oder 2 Prozent über dem vor rund einem Dutzend Jahre, 1953,
erreichten bisherigen Höchststand.
Industrie und Gewerbe - Bergbau, Baugewerbe, Fertigungsindustrien,
und die eng damit verknüpften Transport- und Versorgungsbetriebe - verzeichneten 1965 eine Zunahme von fast einer Million Beschäftigten; es
entfielen auf sie zwei Fünftel des gesamten Beschäftigungszuwachses
außerhalb der Landwirtschaft (siehe Tafel 4). Damit setzte sich die
steigende Tendenz, die sich in diesen Wirtschaftszweigen Anfang 1964
herausgebildet hatte, konsequent fort.
Tafel 4
Beschäftigungsentwicklung in den Wirtschaftszweigen
(außer Landwirtschaft)

(in 1000 bzw. Prozent)
1964
Insgesamt
Industrie und Gewerbe

2)

Bergbau
Baugewerbe
FertigungsIndustrien
Dauergüter
Kurzlebige Güter
Transport- und Versorgungsbetriebe
Dienstleistungsgewerbe
Groß- und Einzelhandel
Geld- und Versicherungswesen
nebst Immobilienhandel
Allg. Dienstleistungen
Öffentlicher Dienst
Bund
Einzelstaaten und Gemeinden

IT Angaben
2)

58 156
24 895
3
17
9
7
3

633
056
259
813
446
947
947

,\ Veränderung
1965i;
1964-65D
Zahl
Prozent
60 432 2276
25 854 959
628 - 5
3 211 155
17 984 725
10 379
566
7 604 158
4 031
84

3,9
3,9
-0,8
5,1
4,2
5,8
2,1
2,1

33 260

34 577

1317

4,0

12 132

12 585

453

3,7

3 043
8 903
10 046
2 379
7 667

79
334
451
31
419

2,7
3,9
4,7
1,3
5,8

2
8
9
2
7

964
569
595
348
248

für 1965 vorläufig

Transport- und Versorgungswirtschaft sind zum Zweck der Analysierung
hier unter Industrie und Gewerbe erfaßt, da die Beschäftigung in diesen
Wirtschaftszweigen im allgemeinen sich als weitgehend von der Entwicklung in Industrie und Gewerbe abhängig erwiesen hat.
Anm.: Die Einzelangaben addieren sich wegen Ab- und Aufrundung nicht notwendig zu den Gesamtziffern.
- 10 -

�Besonders ausgeprägt war der Beschäftigungszuwachs im Bereich der
Fertigungsindustrien. 1965 belief sich dieser Zuwachs auf 725 000 oder
etwa das Dreifache der Ziffer von 1964; das entspricht etwa einem Drittel
des gesamten nicht-landwirtschaftlichen Beschäftigungszuwachses von 1965.
Dank dieser Entwicklung erreichte der Beschäftigtenstand in den Fertigungsindustrien im Jahr 1965 mit 18 Millionen seinen absoluten Höchststand und
übertraf erstmals die Rekordbeschäftigung im Jahr 1943, mitten im zweiten
Weltkrieg.
Rund 600 000 der Neuzugänge entfallen auf Produktionsarbeiter eine Ziffer, die fast dem Gesamtzuwachs der vorausgegangenen vier Jahre
gleichkommt. In den DauergüterIndustrien allerdings blieb die Zahl der
Produktionsarbeiter hinter der Rekordziffer in der Zeit des zweiten Weltkriegs zurück, so daß der dennoch erreichte neue Höchststand der Beschäftigung in der Fertigungsindustrie auf die starke Zunahme bei den Angestelltenberufen zurückzuführen ist.
Beschäftigung in der Fertigung von Dauergütern
Wie in den vergangenen fünf Jahren lag der Schwerpunkt des Beschäftigungszuwachses in den Fertigungsindustrien auch 1965 im Bereich der
Fabrikation langlebiger Güter. Er steigerte sich in den drei Jahren fortgesetzt, betrug die Zunahme doch 1963 noch 1,4 Prozent, 1964 schon 2 Prozent und im vergangenen Jahr sogar 5,8 Prozent. Der Beschäftigungszuwachs
des Jahres 1965 in den FeitigungsIndustrien war nicht nur wegen der außergewöhnlichen Zunahme gegenüber 1964 bemerkenswert, sondern auch hinsichtlich
seiner weiten Streuung. Im Jahr 1964 entfielen 90 Prozent des Zuwachses
dieser Industrien auf drei ihrer Zweige: Rohmetalle, MetallVeredlung und
Maschinenbau. Diese Entwicklung setzte sich 1965 in den genannten Industrien
fort und erfaßte auch die Fertigung von Elektrogeräten und Transportmitteln,
wo eine verstärkte Verbrauchernachfrage, insbesondere nach Automobilen,
zahlreiche Neueinstellungen erforderlich machte. Diese fünf Industriezweige
zusammen errichteten 1965 500 000 neue Arbeitsplätze, das entspricht dem
Dreifachen der Jahre 1963 und 1964.
Die Produktions- und Absatzrekorde der Automobil- und Transportmittelindustrie wirkten sich nachhaltig auf die gesamte Beschäftigungslage aus.
Die Kraftfahrzeugindustrie und ihre Zulieferer beschäftigten 1965 rund
850 000 Menschen, das sind fast 100 000 oder 13 Prozent mehr als im vorausgegangenen Jahr.
Verteidigungswirtschaft
Wenngleich die steigende zivile Nachfrage der ausschlaggebende Faktor
für die Ausweitung der Beschäftigung im Jahr 1965 war, so trug gegen Ende
des Jahres doch auch das verstärkte Engagement der USA in Vietnam zu dieser
Entwicklung bei. In fünf der wichtigsten Zweige der Verteidigungswirtschaft
- Flugzeugindustrie und Zulieferer, Schiffsbau und -reparatur, Nachrichteu-

- 11 -

�Nachrichtenmittel, Elektronik und Waffen und Zubehör
- erhöhte sich
der Personalstand in der zweiten Hälfte 1965 ganz beträchtlich. Im
Dezember 1965 betrug die Zahl der Beschäftigten in diesen Industriezweigen 1,86 Millionen und erreichte bei einer gleichzeitigen Zunahme
von 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr ihren bisherigen absoluten Höchststand. Hier war der Zuwachs etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt
aller Fertigungsindustrien.
Beschäftigung in der Fertigung kurzlebiger Güter
Die Zahl der Beschäftigten in den Industrien, die sich mit der Herstellung kurzlebiger Güter befassen, erhöhte sich 1965 um 150 000. Die
Zunahme wie auch die Streuung war geringer als im Bereich der Dauergüter.
Die Hälfte des Zuwachses entfiel auf nur zwei Industriezweige, die Bekleidungsindustrie und ihre Zulieferer und die Kautschuk- und Kunststoffindustrie.
Das Baugewerbe, wo die Investitionen in Anlagen und Maschinen einen
neuen Höchststand erreichten, beschäftigte im Berichtsjahr 150 000 Arbeitskräfte mehr als im Jahr davor und registrierte eine Beschleunigung
der Zuwachsrate. Damit übertraf der Zuwachs in drei aufeinander folgenden
Jahren den Zuwachs des jeweiligen Vorjahres. Dies ist insofern ein besonderer Glücksfall, als der Zuwachs im Baugewerbe ebenso wie in den Fertigungsindustrien nach mehreren Jahren einer relativen Stagnierung auf ein
weiteres stetiges Wachstum hinzuweisen scheint.
Die Ausweitung der Beschäftigungsmöglichkeiten in der Industrie löste
im Transportgewerbe und in der Versorgungswirtschaft eine ähnliche Entwicklung aus. Wenngleich die Beschäftigungszunahme in diesen Wirtschaftszweigen 1965 nur zwei Prozent betrug, setzte sich doch der bereits 1964
beobachtete Aufwärtstrend fort und bewirkte einen Tendenzumschwung gegenüber der Zeit Mitte der fünfziger Jahre, als nur ein geringes Wachstum
bzw. eine gänzliche Stagnation zu verzeichnen war.
Gewerbliche Dienstleistungen
Obwohl der Beschäftigungszuwachs 1964 und 1965 auch in den güterproduzierenden Industrien besonders ausgeprägt war, hatten das Dienstleistungsgewerbe und die damit verbünd enen Wirtschaftssparten wie schon die ganze
Nachkriegszeit hindurch den größten Anteil an der Ausweitung der Gesamtbeschäftigung. Insgesamt entfielen auf diese Wirtschaftszweige - das Dienst1)

In diesen fünf Industriezweigen, auf die etwa 10 Prozent der Gesamtbeschäftigung in den Fertigungsindustrien entfallen, sind schätzungsweise
etwa 50 Prozent aller Mitarbeiter für die Verteidigungsproduktion tätig.
In zwei dieser Industrien, im Flugzeugbau und in der Waffenfertigung,
stehen etwa 90 Prozent der Belegschaften in der verteidigungswichtigen
Fertigung, wenngleich exakte Statistiken über die Aufteilung der Produktion auf den Verteidigungs- und Zivilbedarf nicht vorliegen.

- 12 -

�Dienstleistungsgewerbe im engeren Sinn, den Handel, das Geld- und Versicherungswesen und den Immobilienhandel - 60 Prozent des nicht-landwirtschaftlichen Beschäftigungszuwachses der Jahre 1964 und 1965.
Die Beschäftigung im Dienstleistungsgewerbe stieg 1965 um 1,3 Millionen und erreichte damit ihren bisher absoluten Höchststand. Hinzu
kommt, daß dieser Zuwachs eine Tendenz fortsetzt, die schon seit Jahren
anhält. Zwischen 1960 und 1965 nahm die Beschäftigung im Dienstleistungsgewerbe im Durchschnitt um jährlich 950 000 zu, 1947 bis 1960 dagegen
nur um jährlich 650 000. Auf die gesamte Nachkriegszeit umgelegt, beläuft sich der Anteil dieses Wirtschaftszweiges an der Gesamtzahl der
neugeschaffenen Arbeitsplätze auf 80 Prozent.
Die Entwicklung in den einzelnen Zweigen des Dienstleistungsgewerbes verlief 1965 unterschiedlich. Auf dem privaten Sektor war ein im
Verhältnis zu 1964 größerer Zuwachs lediglich im Groß- und Einzelhandel
eingetreten. Ein langsameres Wachstum als 1964 war im Bereich der persönlichen Dienstleistungen und der Dienstleistungen für die Wirtschaft,
für Zwecke der Erholung und Freizeitgestaltung wie auch im Geld- und
Versicherungswesen und im Immobilienhandel zu beobachten.
Öffentlicher Dienst
Eine wesentliche Zunahme dagegen trat im öffentlichen Dienst ein.
Wie in den meisten vorausgegangenen Jahren entfiel der weitaus größte
Teil der zusätzlich geschaffenen Arbeitsplätze, über 90 Prozent, auf
die Einzelstaaten und Gemeinden. Der Bundesdienst hat dagegen in den
vergangenen fünf Jahren mit weniger als 1 Prozent im Jahr ein nur geringes Wachstum erfahren.
Die öffentliche Hand, von den Gemeinden bis hinauf zu dem riesigen
Verteidigungsapparat der Bundesregierung, gab 1965 insgesamt schätzungsweise etwa 19,7 Millionen Menschen Arbeit und Brot (siehe Tafel 5).
Diese Arbeitskräfte, insgesamt über ein Viertel aller Berufstätigen,
standen zum Teil unmittelbar im Behördendienst (so die Angehörigen der
Streitkräfte), zum Teil auch im Dienst der privaten Wirtschaft, die
öffentliche Aufträge ausführt.
Wenngleich der Großteil der Beschäftigungsmöglichkeiten, die aus
den Aufwendungen der öffentlichen Hand resultieren, auf den öffentlichen
Dienst selbst entfällt, so hat doch auch die private Wirtschaft mit
einem Drittel - 6,5 Millionen Beschäftigte alles in allem - einen beträchtlichen Anteil. Diese Arbeitskräfte produzieren auf Rechnung öffentlicher Auftraggeber eine Vielzahl von Waren und Dienstleistungen - von
den kompliziertesten technischen Apparaten für die Raumfahrt- und Verteidigungsprogramme bis zu so simplen Dingen wie Bleistifte und Papier.
Wie in den meisten Nachkriegsjähren lag der Schwerpunkt der Personalausweitung im öffentlichen Dienst bei den Einzelstaaten und Gemeinden.
Sie schufen im vergangenen Jahr fast 550 000 neue Stellen und gaben

- 13 -

�Tafel 5
Die öffentliche Hand
als mittelbarer und unmittelbarer Arbeitgeber
(in Millionen)

1)

mittelbar und unmittelbar
(ohne Wirtschaftsunternehmen
der öffentlichen Hand)

Unternehmen
d.öff..v
Hand

ings
insg.

»

uiimitl

mittelbjir

insg.

Zivil

Militär

Öffentliche Hand
insgesamt

3)

18,6
19,0
19,3
19,7

17,5
17,9
18,1
18,5

6,5
6,6
6,5
6,5

11,1
11,3
11,6
12,0

8,3
8,6
8,9
9,3

2,8
2,7
2,7
2,7

1,1
1,1
1,2
1,2

3)

9,2
9,2
9,0
8,9

8,5
8,4
8,3
8,1

3,9
3,9
3,7
3,6

4,6
4,5
4,5
4,6

1,8
1,8
1,8
1,8

2,8
2,7
2,7
2,7

0,7
0,7
0,7
0,8

7,0
6,8
6,6
—

6,9
6,7
6,4
—

3,1
2,9
2,7
—

3,8
3,8
3,8
—

1,0
1,0
1,0
—

2,8
2,7
2,7
2,7

0,1
0,1
0,1

Andere als Vertei
digungsprogramme
einschl.Raumfahrt
1962
2,1
1963
2,3
1964
2,4
1965 4)
—

1,6
1,7
1,8
—

0,8
0,9
1,1
—

0,8
0,8
0,8
—

0,8
0,8
0,8
—

9,1
9,4
9,8

2,6
2,7
2,8
2,9

6,5
6,7
7,0

6,5
6,7
7,0
7.4

1962
1963
1964
1965
Bund
1962
1963
1964
1965

Verteidigung u.
Atomenergie
1962
1963
1964
1965

4)

-

-

•

—
-

'

-

•

—

•«

0,6
0,6
0,6
•»••

Einzelstaaten
und Gemeinden
1962
1963
1964
1965

9,4
9,8
3)

10,3
10,8

10,4

M

__
--—

0,4
0,4
0,4
0,4

1) Aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung abgeleitet
2) Einschließlich aller Güter- und Dienstleistungsverkaufsunternehmen wie
Post, gemeindeeigene Versorgungsbetriebe und dergleichen,
3) vorläufig
4) nicht verfügbar
Ann».: Die Einzelangaben addieren sich wegen Auf- und Abrundung nicht
notwendig zu den Gesamtziffern.
- 14 -

�gaben insgesamt 68,4 Milliarden Dollar
aus, das sind 3,5 Milliarden
Dollar mehr als 1964 (ausschließlich der Personalaufwendungen in Wirtschaftsunternehmen der öffentlichen Hand).
Von der Gesamtzahl der im vergangenen Jahr dank der Aufwendungen
der Einzelstaaten und Gemeinden neugeschaffenen Arbeitsplätze entfielen
400 000 auf Neuzugänge im Dienste dieser Behörden. Die Ausweitung und
Verbesserung des Erziehungswesens und des. Gesundheitsdienstes sowie die
Verstärkung der Polizei und Feuerwehr, die Errichtung neuer Straßenmeistereien, die Erschließung von Bodenschätzen sowie die Pflege und
der Unterhalt von Park- und Erholungsgebieten machten diese Neueinstellungen erforderlich.
Im Gegensatz hierzu nahm die Gesamtzahl der Beschäftigten, die
mittelbar oder unmittelbar für den Bund tätig waren, trotz einer Zunahme
der Regierungskäufe um 1,4 Milliarden Dollar (ausschließlich der Persona lauf Wendungen regierungseigener Wirtschaftsbetriebe) um 120 000 ab.
Diese Abnahme spiegelt zwei gegensätzliche Trends wider: eine leichte
Zunahme der Gesamtzahl der Bundesbediensteten, die durch eine Verringerung der Zahl der Arbeitnehmer überkompensiert wurde, die in der privaten Wirtschaft für die Abwicklung direkter Käufe der Bundesregierung
eingesetzt waren.
Beschäftigungsentwicklung und Arbeitslosigkeit in den
Arbeiter- und Angestelltenberufen
Die Beschäftigungstendenzen im Jahr 1965 in den einzelnen Industriezweigen waren insofern besonders wichtig, als Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur eine Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten
in zahlreichen Berufssparten bewirkten, deren Angehörige früher von der
allgemeinen Prosperität des Landes nicht profitieren konnten.
Im ersten Jahr des derzeitigen Konjunkturaufschwungs nahmen die
Beschäftigungsaussichten für ungelernte Arbeiter nur sehr geringfügig
zu. Im weiteren Verlauf der Konjunktur aber verstärkte sich die Nachfrage nach höher qualifizierten Facharbeitern und erfaßte schließlich
mit der Beschleunigung der Beschäftigungszunahme auch die Sparten der
weniger qualifizierten Angestellten- und Arbeiterberufe. Erst 1965, im
fünften Jahre der fortgesetzten Wirtschaftsexpansion, konnten auch die
Angehörigen der Hilfsarbeiterberufe, die Kräfte mit den geringsten Qualifikationen, an der Beschäftigungsausweitung im beträchtlichen Umfang
partizipieren (siehe Tafel 6).
Tafel 6
In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden die Bundesbeihilfen,
wie beispielsweise die Zuschüsse für das zwischenstaatliche Fernstraßennetz, als Aufwendung der Einzelstaaten und Gemeinden ausgewiesen,
sie bezifferten sich 1965 auf 11,4 Milliarden.

- 15 -

�Tafel 6
Angestellten- und Arbeiterbeschäftigung 1964-65
(in 1000)

1964

1965

Veränderung
1964-65
Zahl

Insgesamt
Angestellte
Akademische, technische u.verw. Berufe
Leitende Angestellte und Selbständige 1)
Büroangestellte und ähnliche
Verkaufsangestellte
Arbeiter
Facharbeiter, Vorarbeiter u. ähnliche
angelernte Arbeiter
Hilfsarbeiter 2)

70 357

72 179

1 822

2,6

31 125
8 550
7 452
10 667
4 456
25 534
8 986
12 924
3 624

32
88
7
11
4
26
9
13
3

104
883
340
166
715
466
221
391
855

979
333
-112
499
259
932
235
466
231

3,1
3,9
-1,5
4,7
5,8
3,7
2,6
3,6
6,4

9 342
2 251
7 091
4 265
2 244
2 021

86
-71
157
-179
-76
-103

0,9
-3,1
2,3
-4,0
-3,3
-4,8

9
2
6
4
2
2

Dienstleistungsbeschäftigte
Private Haushaltungen
gewerbliche Dienstleistungen
Landarbeiter
Farmer und Farmverwalter
Landarbeiter

Prozent

256
322
934
444
320
124

1) außer Landwirtschaft
2) außer Landwirtschaft und Bergbau
Anm.: Die Einzelangaben addieren sich wegen Auf- und Abrundung nicht
notwendig zu den Gesamtziffern

Die Zahl der beschäftigten Arbeiter erhöhte sich 1965 um 930 000, das
entspricht der stärksten Zunahme seit der Hochkonjunktur von 1950-51 während
des Koreakonflikts. Die Zahl der beschäftigten Angestellten stieg 1965 sogar
noch, mehr, um 980 00Q, so daß sich der in der gesamten Nachkriegszeit beobachtete Trend weiter verstärkte. Die größte Zunahme war hier bei den Büro- und
Verkaufsangestellten, die relativ geringste in den Dienstleistungsberufen zu
verzeichnen, da eine kleine Erhöhung der Zahl der Dienstleistungsbeschäftigten außer Haushaltangestellten zum Teil durch das Absinken der Zahl der
Haushaltangestellten wettgemacht wurde.
Arbeiterberufe

- 16

�Arbelterberufe
Während die Beschäftigtenzahl in den Arbeiterberufen seit 1960 um
2,3 Millionen stieg und damit zum Gesamtwachstum der nicht-landwirtschaftlichen Beschäftigung zu etwa einem Drittel beitrug, entfiel 1965
auf diese Berufe sogar etwa die Hälfte der gesamten Beschäftigungszunahme ohne Landwirtschaft. Im Gegensatz hierzu nahm die Beschäftigung
in den Arbeiterberufen zwischen 1957 und 1960 insgesamt um über 600 000
ab. Die derzeitige jährliche Wachstumsrate, 1,8 Prozent im Durchschnitt
der Jahre seit 1960, sticht sehr günstig von der Wachstumsrate von knapp
1 Prozent (bei durchschnittlich jährlich 130 000 Neuzugängen) im Durchschnitt der ersten zehn Jahre des Konjunkturaufschwungs nach, dem zweiten
Weltkrieg ab.
Das eindrucksvollste Merkmal der Beschäftigungszunahme von 1965 war
der mit 6,4 Prozent unerwartet starke Zuwachs bei den ungelernten nichtlandwirtschaftlichen Arbeitern, der die ohnehin hohe Wachstumsrate der
gesamten nicht-landwirtschaftlichen Beschäftigung noch erheblich übertraf. Nach der über ein Jahrzehnt anhaltenden Stagnation der Beschäftigung ungelernter Arbeitskräfte nahm diese 1964 um 75 000 und 1965 um
230 000 auf insgesamt 3,9 Millionen zu und erreichte damit fast den
bisherigen höchsten Stand von 1951.
Diese Zunahme ist auch insofern besonders bedeutungsvoll, als es
sich hier vor allem um Anfängerberufe für junge ungelernte Arbeitskräfte
handelt. Sie kommt besonders gelegen, da auf dem Arbeitsmarkt in jüngster
Zeit verstärkte Neuzugänge gerade in den Altersklassen unter 20 Jahren
zu verzeichnen waren. Die Bedeutung dieser Beschäftigungssparte für
jugendliche Arbeitskräfte läßt sich auch an. der Tatsache ablesen, daß
fast ein Viertel aller männlichen Jugendlichen unter 20 Jahren solche
Berufe ausüben.
Dank der starken Ausweitung der Produktion im Bereich der Fertigungsindustrien haben sich auch die Beschäftigungsmöglichkeiten in den
anderen Arbeiterberufen 1965 wesentlich verbessert, wurden doch über
460 000 angelernte Arbeiter und 235 000 gelernte und Facharbeiter neu
eingestellt.
Die Arbeitslosigkeit unter den Angehörigen der Arbeiterberufe ging
1965 gegenüber 1964 stark zurück. Die Gesamtzahl der arbeitslosen ungelernten Arbeiter verringerte sich um 250 000 auf 1,5 Millionen und die
durchschnittliche Arbeitslosenrate fiel in dieser Sparte von 6,3 auf
5,3 Prozent. Die schärfste Abnahme war bei den Kräften zu beobachten,
die die geringste Qualifikation besitzen: die ungelernten und angelernten Arbeiter.
Angestellte
Die Angestelltenbeschäftigung nahm von 1964 auf 1965 um fast eine
Million zu, was einer Zuwachsrate von 3,1 Prozent gegenüber einem Jahresdurchschnitt von 2 Prozent für die Zeit von 1960 bis 1965 gleichkommt.
Die

- 17 -

�Die Zahl der Angestellten ist fast in der gesamten Nachkriegszeit
sowohl in Zeiten der raschen als auch der langsameren Wirtschaftsexpansion gestiegen. In dem konjunkturbegünstigten Zeitraum von 1947 bis
1957 betrug die jährliche Zuwachsrate 2,7 Prozent. Dieser Satz konnte
selbst in den Jahren von 1957 bis 1960, einer Zeit relativer Stagnation,
aufrecht erhalten werden, während die Beschäftigtenzahl in den Arbeiterberufen damals rückläufig war. Seit 1960 hat sich der Aufwärtstrend bei
den Angestelltenberufen weiter gefestigt, so daß eine zahlenmäßige Zunahme um 3,4 Millionen erreicht wurde, das ist eine Million mehr als
der Beschäftigungszuwachs in den Arbeiterberufen.
Wie bei den Arbeitern war im vergangenen Jahr auch bei den Angestellten der stärkste Zuwachs in den Sparten mit den geringsten Qualifikationen zu verzeichnen, bei den Büro- und Verkaufsangestellten. Mit
der zunehmenden Dauer und Beschleunigung der wirtschaftlichen Expansion
und der damit verbundenen zunehmenden Arbeitsmarktenge erhöhte sich die
Nachfrage nach ungelernten Kräften. Der Beschäftigungszuwachs in den
Angestelltenberufen war von. einem Absinken der Arbeitslosenrate von
2,6 Prozent in 1964 auf 2,3 Prozent in 1965 begleitet.
(Quelle: "Manpower Report of the President
and A Report on Manpower Requirements,
Resources, Utilization, and Training by the
United States Department of Labor", März 1966)
+ + + + +

- 18 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIX - 4/5

April/Mai 1966

INHALT

Die Erschließung brachliegender Arbeitsreserven

Seite 1

Die Erschließung brachliegender Arbeitsreserven

Aus "Manpower Report of the President and A Report on Manpower
Requirements, Resources, Utilization, and Training by the
United States Department of
Labor», März 1966 (gekürzt)

Im gegenwärtigen Zeitabschnitt einer sehr hohen und ständig expandierenden Beschäftigung weisen noch immer zahlreiche Arbeitsfähige und
Arbeitswillige die Qualifikationen nicht auf, die für den Fall einer Einstellung gefordert werden - infolge mangelnder Schulbildung oder beruflicher Schulung, kultureller und sozialer Benachteiligung, persönlicher
Unzulänglichkeiten oder sonstigen Unvermögens. Ein solches Brachliegen
von Arbeitskraft ist für die Gesellschaft untragbar und schädigt die Betroffenen selbst auf das schwerste. Was immer es kosten mag, diese Menschen auf eine künftige Tätigkeit vorzubereiten - die Kosten werden mit
Sicherheit weit geringer sein als die im Falle der Unterlassung einer
entsprechenden Schulung aufzubringenden Mittel für die Sozialhilfe, den
Strafvollzug, die notwendige Wiedereingliederung Straffälliger in die
Gesellschaft und andere Maßnahmen der Sozialpflege. Außerdem trägt jeder
einzelne, der einer produktiven Tätigkeit zugeführt werden kann, dazu
bei, den steigenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken...
Brachliegende

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�\

Brachliegende Arbeitsreserven
Die bemerkenswerten Fortschritte, die im Jahr 1965 in bezug auf
die Verringerung der Gesamtrate der Arbeitslosigkeit gemacht wurden,
sind aus dem zweiten Kapitel des vorliegenden Berichts 1) zu ersehen.
Trotz dieser Fortschritte waren Ende 1965 noch, immer fast drei Millionen
Männer und Frauen als Arbeitsuchende gemeldet, 600 000 davon seit 15
oder mehr Wochen. Die Zahl der Arbeitskräfte, die im Verlauf des Jahres
1965 einmal oder öfter vorübergehend arbeitslos waren^ bezifferte .sich
schätzungsweise auf über 12 Millionen.
Abgesehen von der volkswirtschaftlichen Verschwendung, die sich
hinter diesen Ziffern verbirgt, sind es die sozialen Folgen der langfristigen Arbeitslosigkeit in bestimmten Personengruppen, die besondere
Aufmerksamkeit verdienen: für Jugendliche, ältere Arbeitskräfte, solche
ohne entsprechende Schulbildung und fachliche Schulung, Farbige und
Behinderte.
Jugendliche: Die Arbeitslosenrate unter den Jugendlichen im
Alter von 16 bis 21 Jahren betrug 1965 beinahe das Dreifache der
Durchschnittsrate.
Farbige: Die Arbeitslosenrate bei den Farbigen war mit 8,3 Prozent mehr als doppelt so hoch wie die bei weißen Arbeitskräften.
Arbeitskräfte mit ungenügender Bildung und Ausbildung: Die
Arbeitslosenrate in dieser Kategorie war ungewöhnlich hoch. Im
März 1965 zum Beispiel lag die Arbeitslosenrate für Arbeitskräfte,
die weniger als 12 Schuljahre (ohne High School-Abschluß) absolviert haben, bei 6,6 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie
in der Gruppe derer, die einen 12jährigen (High School-Abschluß)
oder längeren Schulbesuch aufzuweisen haben. Bei den ungelernten
landwirtschaftlichen Hilfskräften betrug die Arbeitslosenrate
10,9 Prozent.
Geistig und körperlich Behinderte: Die Arbeitslosenrate der
Behinderten übersteigt den Durchschnitt. Hinzu kommt, daß die Rate
der Erwerbstätigkeit bei den Behinderten ohnehin niedriger ist als
bei den übrigen Erwerbspersonen.
Entlassene Straffällige: Unter allen Gruppen, die mit gewissen
Erschwernissen bei der Arbeitsuche rechnen müssen, hat es diese
Gruppe vielleicht am schwersten. Eine Untersuchung ergab kürzlich,
daß jeder fünfte Haftentlassene drei Monate nach der Entlassung aus
der Strafanstalt noch keinen Arbeitsplatz gefunden hatte, und daß
zwei von fünf während dieser Zeit nur zu 80 Prozent in Arbeit standen,
Indianer:
Siehe Internationale Arbeitsmitteilungen Nr. XIX-2/3, Februar/März 1966
"Der amerikanische Arbeitsmarkt heute", S. 1 ff

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�Indianer; Die Arbeitslosenrate unter den Indianern war im
Jahr 1960 fast dreimal so hoch wie die Gesamtrate der Arbeitslosigkeit und lag auch beträchtlich höher als die Arbeitslosenrate der Neger.
Im übrigen wird aus den Arbeitslosenstatistiken das Brachliegen von
Arbeitskräften bzw. die ungenügende Nutzung des Gesamtarbeitspotentials
keineswegs voll ersichtlich. Neben den nahezu drei Millionen Arbeitslosen
gab es Ende 1965 weitere 2,2 Millionen Arbeitskräfte, die aus wirtschaftlichen Gründen unfreiwillig eine Teilzeitbeschäftigung hatten annehmen
müssen. Und es gibt eine beträchtliche Anzahl von potentiellen Arbeitskräften - insbesondere Farbige, schulentlassene Jugendliche und ältere
Menschen -, die weder arbeiten noch als Arbeitsuchende gemeldet sind
und demnach nicht in den Arbeitslosenstatistiken geführt werden.
Wie viele aus diesen Gruppen sich entmutigt durch irgendwelche Diskriminierung, eine geistige oder körperliche Behinderung, kulturelle
oder soziale Benachteiligung oder aus anderen. Gründen davon abhalten
lassen, eine Arbeit zu suchen, ist schwer feststellbar. Soweit diesbezügliches Zahlenmaterial verfügbar ist, läßt es erkennen, daß sich die
Zahl der erwachsenen männlichen Arbeitskräfte beträchtlich erhöhen ließe,
wenn man diesen Menschen Arbeitsmöglichkeiten böte, die sie zu nutzen
vermögen. Die Zahl der Frauen, die arbeiten könnten und möchten, läßt
sich noch weit schwerer .abschätzen. Es gibt aber sicherlich eine große
Zahl von Frauen, die Arbeit brauchen und sich dennoch nicht um eine Arbeit
bemühen, weil sie glauben, es gäbe für sie keine Möglichkeiten, d.h.{ nur
schlecht bezahlte Stellen oder Arbeit unter ungünstigen Einstellungsbedingungen.
Die Liste brachliegender Arbeitskräfte ist durch die unbekannte, aber
höchstwahrscheinlich sehr große Zahl der Behinderten zu ergänzen, die von
den Rehabilitationsmaßnahmen der hierfür zuständigen Stellen noch nicht
erfaßt werden, die sich bei ausreichender Hilfestellung aber durchaus in
den Produktionsprozeß eingliedern ließen. Hier sei auch auf die sicher
noch weit größere Zahl der Arbeitskräfte verwiesen, die nicht ihren
potentiellen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt sind - berufstätige
Männer und Frauen, die wegen einer ungenügenden Vorbildung oder beruflichen Schulung oder aus anderen Gründen nicht das leisten, was sie an
sich leisten könnten.
Eines der Ziele der Arbeitsmarktforschung muß es deshalb sein, Ausmaß und Zusammensetzung dieser Gruppen sowie die Faktoren zu untersuchen,
die ihre Unterbringung an einem Arbeitsplatz verhindern oder erschweren.
Selbst das wenige, das wir heute über diese Dinge wissen, läßt die Größe
der Einbuße, die eine ungenügende Nutzung von Arbeitskraftreserven für
die Volkswirtschaft wie auch für den einzelnen mit sich bringt, erkennen
und unterstreicht nur, wie wichtig koordinierte Programme zur Erschließung
dieser Reserven und Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten heute sind.
Arbeitsplatzbeschaffung

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�Arbeitsplatzbeschaffung für Benachteiligte
Die Bundesregierung führt bereits seit längerem Programme zur Unterbringung der Angehörigen bestimmter Gruppen durch, die wegen mangelnder
Bildung, Körperschäden oder anderer Behinderungen nur schwer an einen
Arbeitsplatz zu vermitteln sind. Eines der ersten diesbezüglichen Programme erstreckte sich auf die Schwerkriegsbeschädigten des zweiten Weltkrieges und wurde zum Schulbeispiel für Rehabilitationsmaßnahmen auch für
Zivilgeschädigte.
Im Zuge des "Krieg» gegen die Armut" wurde die Hilfe für all diejenigen, deren Unterhalt nicht gesichert.ist, zur Sache des Bundes erklärt. Die großen Unterschiede von Gruppe zu Gruppe zwingen indes zu
differenzierten Maßnahmen. Aus diesem Grunde bestehen heute im Rahmen
dieser Kampagne u.a. mehrere besondere Programme für Jugendliche und für
Landarbeiter,
Das Programm zur Schulung am Arbeitsplatz, ebenfalls Teil des Krieges
gegen die Armut, konzentriert sich vornehmlich auf die berufliche Schulung
Erwachsener aus ärmeren Schichten und die Schaffung von Arbeitsplätzen für
diese.
Unterstützungsempfänger
Im Laufe des Jahres 1966 sollen im Rahmen des Programms zur Schulung
am Arbeitsplatz über 100 000 arbeitslose Familienvorstände und andere
Unterstützungsempfänger an einem Arbeitsplatz ausgebildet werden. Dieses
Programm, das auf dem Gesetz zur Sicherung des wirtschaftlichen Fortkommens (Economic Opportunity Act) beruht und vom Ministerium für Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen durchgeführt wird, ist als Ergänzung
zu den Arbeits- und Schulungsprogrammen der Gemeinden gedacht, die auf
Grund einer 1962 angenommenen Novelle zum Sozialversicherungsgesetz eingerichtet wurden.
Wesen des Programms! Die Projekte des Programms zur Schulung am
Arbeitsplatz werden von einzelstaatlichen und kommunalen Behörden in Zusammenarbeit mit Schulen, Bibliotheken, Straßenbauämtern und anderen
Stellen durchgeführt und vpm Bund finanziert. Die meisten Teilnehmer gehören zur Gruppe der langfristig Arbeitslosen;.manche sind.seit Jahren
Unterstützungsempfänger. Die Erziehung zu einer vernünftigen Einstellung
zur Arbeit und die Entwicklung der Bereitschaft, einen Arbeitsplatz anzunehmen oder sich für einen solchen schulen zu lassen, stehen im Mittelpunkt
dieser Projekte, die vielfach mit Gesundheits- und Rehabilitationsmaßnahmen verbunden sind. Analphabeten erhalten Gelegenheit, sich die fehlenden Grundschulkenntnisse anzueignen, ehe die eigentliche Schulung für
einen bestimmten Beruf beginnt. Hilfsbibliothekarin, Arzthelferin, Kosmetikerin, Schwesternhelferin*- Serviererin, Wäscherin und Hilfsköchin, waren
bisher bei Frauen und Taxifahrer, Tankwart, Zimmermann, Maler, Zementmixer, Landschaftsgärtner und Hausgärtner bei den Männern die bevorzugten
Berufe.
Die

�Die Teilnehmer an diesem Ausbildungsprogramm erhalten einen der
Familiengröße angepaßten angemessenen Unterhaltszuschuß. Die Kosten
für Arbeitskleidung, die Fahrt zur Arbeitsstätte und andere Aufwendungen, die im Zusammenhang mit der Teilnahme entstehen, können erstattet werden.
Die Dauer der Ausbildung schwankt zwischen zwei Monaten und einem
Jahr und beträgt im Durchschnitt neun Monate. Nach Abschluß der Schulung werden die Kursteilnehmer entweder direkt an Arbeitsplätze vermittelt, die auf Grund des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes (Manpower Development and Training Act - MDTA) geschaffen werden, oder notfalls an die öffentliche Wohlfahrt zurückverwiesen. Die
Mitarbeiter und Schulungskräfte geben sich alle Mühe, Arbeitsgelegenheiten aufzuspüren und interessierte Unternehmer zur Einstellung der
Absolventen der Schulungslehrgänge zu bewegen.
Ausmaß und Erfolg des Programms: Ende 1965 waren insgesamt 160
derartige Projekte in 43 Staaten grundsätzlich gebilligt, in 35 Staaten
Projekte bereits angelaufen. Die Mittel, die für das am 30. Juni 1965
zu Ende gegangene Haushaltsjahr 1965 bewilligt worden waren, gestatteten die Schulung von insgesamt 89 000 Arbeitskräften. Die Zahl der Personen, die im Zuge dieses Programms indirekt unterstützt werden, liegt
naturgemäß wesentlich höher, da auf jeden Teilnehmer im Durchschnitt
drei unterhaltsberechtigte Angehörige entfallen (1964/65: 275 000).
Dank der inzwischen bereitgestellten Mittel kann die Zahl der Teilnehmer im laufenden Haushaltjahr 1966 auf 109 000 erhöht werden; die
Zahl der Familienangehörigen dürfte wiederum das Dreifache der Zahl der
Kursteilnehmer betragen. Dennoch erfaßt das Programm nach wie vor lediglich einen Bruchteil aller Erwachsenen, die an sich teilnahmeberechtigt
sind und für die die Teilnahme eine große Hilfe darstellen würde.
Ein Ergänzungsgesetz von 1965 zum Gesetz über die Sicherung des
wirtschaftlichen Fortkommens, die Nelson-Novelle, dient dem Zweck, die
Ausbildungsprogramme für Erwachsene auf einen ähnlichen Umfang zu erweitern wie die Schulung von Jugendlichen. Es ist vorgesehen, langfristig Arbeitslosen aus ärmeren Schichten mit geringen Beschäftigungschancen Ausbildungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz zu sichern und ihnen
auf diese Weise Gelegenheit zu bieten, sich für einen Beruf zu qualifizieren und ihre schulische Bildung wiederaufzunehmen oder fortzusetzen.
Für dieses neue Programm sind 10 Millionen Dollar für das Haushaltjahr
1967 eingeplant.
Die Aufwendungen für die Eingliederung von Unterstützungsempfängern
in den Arbeitsprozeß sind auch rein kommerziell betrachtet eine gute Investition, von den psychologischen Auswirkungen auf den einzelnen und
seine Familie einmal ganz abgesehen. Fast 12 000 Teilnehmer an den Programm zur Schulung am Arbeitsplatz, die vor Kursbeginn Wohlfahrtsunterstützung oder Familienbeihilfe erhalten hatten, konnten zwischen Oktober
1963 und Dezember 1964 entweder unmittelbar nach Kursusende oder nach Beendigung einer daran anschließenden Schulung auf Grund des Gesetzes über
die Entwicklung des Arbeitsmarktes oder des Strukturverbesserungsgesetzes
(Area

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�(Area Redevelopment Act - ÄRA) an einen Arbeitsplatz vermittelt werden
und fortan ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten. Die öffentlichen
Mittel, die andernfalls für die Unterstützung dieser .Arbeitnehmer und
ihrer etwa 60 000 Angehörigen hätten aufgebracht werden müssen, beziffern sich auf monatlich nahezu 1,8 Millionen Dollar.
Ältere Arbeitskräfte
Wenngleich die Suche nach Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere
Arbeitskräfte Teil des größeren Problems der Verwirklichung der Vollbeschäftigung ist, hat sie doch, wie aus einem Bericht des Arbeitsministers an den Kongreß aus dem Jahr 1965 hervorgeht, einige besondere
Aspekte.
Diskriminierende Einstellungspraktiken gehören mit zu den bestimmenden Faktoren der relativ hohen Arbeitslosigkeitsrate unter Arbeitskräften
im Alter von 45 Jahren und darüber. Sie sind insbesondere auch für die
Häufigkeit der langfristigen Arbeitslosigkeit in dieser Altersgruppe verantwortlich. Ältere Menschen zeigen - auf Grund langjähriger Erfahrungen
und erworbener Anciennitätsrechte - einerseits eine geringere Tendenz zum
Wechseln des Arbeitsplatzes, haben jedoch andererseits im Falle ihrer
Entlassung größere Schwierigkeiten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.
Darüber hinaus nimmt die Zahl der älteren Menschen und damit auch die Zahl
der älteren Arbeitskräfte ständig zu. Während es im Jahr 1965 insgesamt
29 Millionen Arbeiter und Angestellte im Alter von 45 Jahren und darüber
gab, unter ihnen 900 000 Arbeitslose, dürfte die Zahl der Arbeitskräfte
in dieser Altersgruppe im Jahre 1975 über 34 Millionen betragen. Der
Arbeitsminister empfahl daher in dem genannten Bericht: 1. die willkürliche Diskriminierung von Arbeitskräften auf Grund ihres Alters zu unterbinden; 2. institutionelle Praktiken, die sich zum Nachteil älterer Arbeitskräfte auswirken, zu beseitigen; 3. mehr Arbeitsmöglichkeiten für
ältere Arbeitskräfte zu schaffen; 4. neue Vorstellungen bezüglich der
Weiterbildung älterer Arbeitskräfte zu entwickeln und Bildungseinrichtungen zu schaffen, die ihren besonderen Bedürfnissen und Möglichkeiten
angepaßt sind.
Unter den vielen diesbezüglichen Detailvorschlägen betrifft einer die
Ausweitung der Ausbildungsmöglichkeiten für ältere Arbeitskräfte unter dem
Gesetz zur Entwicklung des Arbeitsmarktes. Vorgesehen sind insbesondere
eine entsprechende Erweiterung des Programms zur Ausbildung am Arbeitsplatz, die Entwicklung neuer Methoden der Ausbildung Erwachsener und die
Schaffung von Möglichkeiten zum Nachholen versäumter Grundschulausbildung
einschließlich der Gewährung von Unterhaltsbeihilfen.
Der Arbeitsvermittlungsdienst des Bundes und der Einzelstaaten soll
die Beratung älterer Arbeitskräfte intensivieren und Unternehmer und
Bürgervereinigungen dazu anhalten, sich stärker um die Ermittlung freier
Stellen zu bemühen, wie dies im Bericht des Arbeitsministers empfohlen
wird. Der Arbeitsvermittlungsdienst berät bereits heute im Rahmen seines
laufenden Programms ältere Arbeitskräfte und beteiligt sich aktiv an' der
Schaffung von Arbeitsplätzen. Angehörige des Arbeitsvermittlungsdienstes
wenden sich direkt an Arbeitgeber, um sie für die Einstellung älterer

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�älterer Arbeitskräfte und anderer, schwer zu vermittelnder Personen zu
gewinnen und das Gespräch zwischen Arbeitsuchenden und Unternehmern in
Gang zu bringen. Allerdings macht sich die Knappheit an Personal und
Geldmitteln stark bemerkbar, die es nicht gestattet, in allen Fällen,
in denen es angebracht wäre, tätig zu werden.
Das Gesetz für die Betreuung älterer Amerikaner (Older American Act)
von 1965 brachte auf diesem Gebiet einen entscheidenden Fortschritt. Es
ermöglicht eine erstmalige genaue Feststellung der besonderen Bedürfnisse
älterer Menschen und bietet die Handhabe, ihnen gerecht zu werden. Wenngleich das Gesetz auf die Lösung, der Gesamtprobleme der älteren Bevölkerungsgruppen zugeschnitten.ist, postuliert es doch ausdrücklich als eines
seiner Ziele das Recht dieses Personenkreises auf "Beschäftigungsmöglichkeiten ohne diskriminierende Einstellungspraktiken.auf Grund des Lebensalters". Geeignete Wege zur Verwirklichung dieses Zieles zu finden, ist
eine der Aufgaben der Gemeinschaftsplanung und der diesbezüglichen Forschungs- und Modellprogramme, für die das Gesetz die Mittel verfügbar
macht.
Das Arbeitsministerium bemüht sich, soweit seine Haushaltmittel
dies erlauben, die Entwicklung in dieser Richtung voranzutreiben. Im
Jahre 1965 erhielten über 10 000 Personen im Alter von 45 Jahren und
darüber auf Grund des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes
eine Schulung in besonders hierfür eingerichteten Heimen; weitere tausend
Personen beteiligten sich am Programm zur Schulung, am Arbeitsplatz. Bei
Männern waren Kraftfahrzeugmechaniker, Schweißer, Koch, Zimmermann und
Elektromonteur, und bei Frauen Krankenschwester, Stenotypistin, Schwesternhelferin, Köchin und Verkäuferin die bevorzugten Schulungsberufe.
Der enge Zusammenhang zwischen den Maßnahmen zum Nachweis bzw. zur
Schaffung von Arbeitsplätzen und diesen Programmen wird aus der Tatsache
ersichtlich, daß über zwei Drittel der 17 000 älteren Arbeitskräfte, die
solche Heim-Schulungskurse seit Anlaufen der Programme im Rahmen des
Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes absolviert haben, eine
Arbeit finden konnten, für die sie sich in den Kursen qualifiziert
hatten. Das gleiche gilt für die große Mehrheit, der Teilnehmer am Programm zur Schulung am Arbeitsplatz. Im übrigen waren 90 Prozent aller
Schulungsteilnehmer dieser Altersgruppe zur Zeit des Kursusbeginns
arbeitslos.
Der eigentliche Schlüssel zur Lösung der Beschäftigungsprobleme
älterer Menschen liegt jedoch in den Händen der Unternehmer. Von ihrem
Verständnis der dringenden Bedürfnisse der Arbeitsuchenden dieser Altersgruppe und von ihrem Vertrauen in deren Leistungskraft und -willen hängt
so gut wie alles ab. Daß die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer auch für
den Arbeitgeber zweckmäßig sein kann, geht aus einer kürzlich vom
Arbeitsministerium veröffentlichten Studie hervor. So wird beispielsweise, rein statistisch gesehen, ein neu eingestellter 55jähriger Arbeiter seine Stelle im Durchschnitt erst nach sieben Jahren aufgeben, d.h.
in der Regel mit Erreichung des Pensionsalters. Ein junger Mensch, der
im Alter von 25 Jahren einen neuen Arbeitsplatz übernimmt, bleibt dagegen
statistisch gesehen nur 6 1/2 Jahre in seiner Stelle. Somit kann ein

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�ein Arbeitgeber bei Ausbildung eines 55jährigen Arbeitnehmers für einen
bestimmten Arbeitsplatz mit einer längeren Beschäftigungsdauer rechnen
als bei Einstellung eines jungen Mannes.
Behinderte
In den Vereinigten Staaten gibt es über 8,5 Millionen geistig und
körperlich Behinderte im Arbeitsalter, wie aus einer Anfang der sechziger
Jahre durchgeführten Erhebung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes hervorgeht. 2) Von diesen werden viele gegenwärtig in der Arbeitsstatistik
nicht als Erwerbspersonen geführt, wären aber dennoch nach Durchführung
entsprechender Rehabilitationsmaßnahmen arbeitsfähig. Sofern Behinderte
berufstätig sind, wird ihre Arbeitskraft vielfach nicht ihrem Können
gemäß eingesetzt, und so beziehen viele unter ihnen ein Arbeitseinkommen,
das gerade noch als Existenzminimum bezeichnet werden kann. Diese Tatsache unterstreicht die Notwendigkeit einer entsprechenden medizinischen
Behandlung, der Schulung und der Beschaffung geeigneter Arbeitsplätze.
Die Anstrengungen seitens des Staates, den Beschädigten bei der Erlangung eines geeigneten Arbeitsplatzes behilflich zu sein, erstrecken
sich auf drei Teilbereiche: 1. Das Programm für Kriegsversehrte, das zum
Vorbild der Hilfe für Zivilgeschädigte wurde. 2.. Die mit den zuständigen
einzelstaatlichen Stellen koordinierte Tätigkeit der Abteilung Soziale
Rehabilitation (Vocational Rehabilitation Administration), im Ministerium
für Gesundheitsr, Erziehungs- und Sozialfragen, die sowohl geistig wie
körperlich Behinderten zugute kommt. 3. Die Programme zur Beschaffung von
Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst und in der privaten Wirtschaft.
Programme für Kriegsversehrte; In Ausübung der besonderen Fürsorgepflicht des Staates gegenüber Menschen, die im Dienst der Streitkräfte
zu Schaden gekommen sind, gewährt das Bundesamt für Kriegsteilnehmerversorgung (Veterans Administration) ehemaligen Kriegsteilnehmern und Angehörigen der Streitkräfte im Bedarfsfall Rehabilitationshilfe mit dem Ziel
einer Wiedereingliederung in das Berufsleben. Der erste Schritt hierzu
ist eine Berufsberatung, die vielfach schon im Lazarett oder im Krankenhaus einsetzt und während der gesamten .Ausbildungszeit wie auch später
am Arbeitsplatz fortgesetzt wird. Das Bundesamt arbeitet eng mit dem
Arbeitsministerium zusammen, um sicherzustellen, daß Kriegsversehrte und
ihnen gleichgestellte Personen bei der Vermittlung durch die örtlichen
Organe des Arbeitsvermittlungsdienstes oder bei Umschulungsprogrammen
vor anderen berücksichtigt werden.
Bis Ende des HaushaltJahres 1965 wurden 619 000 Versehrte des zweiten Weltkrieges, 73 000 Versehrte des Koreakrieges und 11 000 andere
Versehrte ehemalige Soldaten im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen betreut, mit dem Erfolg, daß drei von fünf wiedereingegliedert werden konnten. Im Haushaltjahr 1965 allein meldeten sich 11 000 Kriegsversehrte oder

Als Behinderte werden Personen mit chronischen Leiden oder Gesundheitsschäden geführt, die eine Erschwernis bei der Ausübung eines Berufs bedeuten. Die hier angeführte Zahl schließt lediglich Behinderte im Alter
von 17 bis 64 Jahren ein, die nicht in Anstalten untergebracht sind.

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�oder Gleichgestellte für Schulungskurse im Rahmen der Rehabilitationsprogramme, und 2300 Versehrte konnten als wiederhergestellt entlassen
werden.
Ein besonderes Programm des Bundesamtes für Kriegsteilnehmerversorgung, das sich ausschließlich an pflegebedürftige Kriegsversehrte
wendet, beweist, was intensives Training selbst bei stärksten Schädigungen vermag, und daß eine Rehabilitation auch in solchen Fällen möglich ist. Dieses Programm ist besonders auf Versehrte zugeschnitten,
bei denen eine Ausbildung nur innerhalb der Familie möglich ist (mit
Tetraplegie, Hirnverletzungen und anderen schweren Schädigungen). Um
diese besonders schwer betroffenen Menschen zur Teilnahme an Rehabilitationsmaßnahmen zu bewegen, bemüht sich das Bundesamt ständig, Kontrakt mit ihnen zu halten und ihnen Auftrieb zu geben. Es mobilisiert
gegebenenfalls ein Fachleuteteam aus verschiedenen einschlägigen Gebieten, die sich gemeinsam um eine Lösung der Probleme des Betroffenen
bemühen.
Rehabilitationsmaßnahmen des Bundes und der Einzelstaaten: Die Rehabilitationsmaßnahmen des Bundes und der Einzelstaaten erstrecken sich
sowohl auf geistig wie auf körperlich Behinderte und zielen darauf ab,
diese auf die Übernahme eines vollwertigen Arbeitsplatzes vorzubereiten.
Das Programm selbst wird von den Einzelstaaten durchgeführt und vom Bund
mitfinanziert (in Einzelfällen bis zu 75 Prozent der Gesamtaufwendungen).
Über die Beratung hinaus werden den Versehrten die erforderlichen
medizinischen, psychologischen und anderweitigen Hilfen gewährt. Ein
geschulter Berufsberater unterstützt den Versehrten bei der Auswahl
möglicher Berufsziele. Steht das Berufsziel fest, wird ein genauer Rehabilitationsplan aufgestellt und Vorsorge für die Bereitstellung der
erforderlichen Fachkräfte zur Durchführung der Rehabilitationsmaßnahmen
getroffen. Die Betreuung endet nicht mit der Vermittlung an einen geeigneten Arbeitsplatz, die - wie alle anderen Rehabilitationsmaßnahmen
- völlig individuell erfolgt.
Etwa 135 000 Personen wurden im Rahmen dieses Programms im Haushalt Jahr 1965 vollständig rehabilitiert (d.h. so weit wiederhergestellt,
daß sie am Arbeitsplatz oder zu Hause zurechtkommen. Weitere drei- bis
viertausend Versehrte wurden im Rahmen besonderer Forschungs- und
Musterungsprogramme rehabilitiert. Diese Ziffern entsprechen einer
13prozentigen Steigerung gegenüber 1964 und einer 46prozentigen gegenüber 1961. Die Mehrzahl der Teilnehmer an Rehabilitationsmaßnahmen
hatten orthopädische Schäden aufzuweisen oder waren amputiert; die
nächstgrößere Gruppe war die der geistig Geschädigten. Etwa 10 Prozent
litten an einer Beeinträchtigung der Sehfähigkeit.
Dieses Programm zur Vorbereitung von Versehrten auf die Übernahme
eines regulären Arbeitsplatzes hat sich als ein durchschlagender Erfolg
erwiesen. Etwa 75 Prozent der Teilnehmer an Rehabilitationsmaßnahmen im
Jahr 1965 standen bei Schließung ihrer Akten in Arbeit; vor der Rehabilitation hatten dagegen nur 15 Prozent einen festen Arbeitsplatz. Weitere

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�Weitere 6 Prozent machten sich selbständig oder traten eine Stellung in
Wirtschaftsbetrieben an, die von zuständigen Stellen der Einzelstaaten
für Versehrte organisiert wurden, und 3 Prozent arbeiteten in Betrieben,
die von dritter Seite bezuschußt werden. Die restlichen 16 Prozent, zum
größten Teil Hausfrauen, leisteten unbezahlte Arbeit im Haushalt.
Die durchschnittlichen Wochenlöhne der Teilnehmer an Rehabilitationsmaßnahmen erhöhten sich von 7 Dollar vor auf 44 Dollar nach der Rehabilitation. Im Gegensatz zu anderen Behinderten, die größtenteils Arbeitsplätze ausfüllen, die nur ein relativ geringes fachliches Können voraussetzen, kommen die Kriegsversehrten häufig in Dienstleistungs- und Angestelltenberufen (freie Berufe, Büro- und Verkaufstätigkeit) unter, wo
die Beschäftigungsaussichten und die Aufstiegsmöglichkeiten günstiger
sind.
Wenn auch die Zahl der Jahr für Jahr Rehabilitierten sehr eindrucksvoll ist, so bleibt doch immer noch sehr viel zu tun übrig. Die Abteilung
Soziale Rehabilitation schätzt die Zahl der Versehrten in den Vereinigten
Staaten auf 3,5 Millionen, die Anspruch auf Wiedereingliederung haben und
für die eine Teilnahme an Rehabilitationsprogrammen sicher sehr nützlich
wäre. Jahr für Jahr erleiden weitere 450 000 Menschen so große Körperschäden, daß sie anspruchsberechtigt werden.
Während private Stellen auch weiterhin bemüht bleiben dürften, bestehende Lücken zu schließen, werden doch auch in Zukunft der Bund und
die Einzelstaaten die Hauptverantwortung tragen müssen. Unter dem gegenwärtigen System, das zum Teil die Bundeszuschüsse in ihrer Höhe auf die
diesbezüglichen Aufwendungen des betreffenden Staates beschränkt, weisen
die Maßnahmen in den einzelnen Staaten hinsichtlich Umfang und Wirksamkeit große Unterschiede auf. Die Rehabilitationsrate, auf je 100 000 Einwohner bezogen, bezifferte sich im Haushaltjahr 1965 für die gesamten
Vereinigten Staaten auf 70, schwankte aber unter den einzelnen Staaten
sehr stark; in Kalifornien betrug sie 19 und in West-Virginia 218.
Die Änderungsnovelle zum Rehabilitationsgesetz, die im vergangenen
Jahr Gesetzeskraft erlangte, gestattet im Laufe der nächsten drei Jahre
eine erhebliche Erhöhung der Bundeszuschüsse an die Einzelstaaten. Sie
sieht ferner den Bau von Rehabilitationszentren und Werkstätten sowie
die Verbesserung vorhandener Schulungseinrichtungen vor...
Arbeitsplatzbeschaffung; Über die Rehabilitation hinaus ist die Bundesregierung auch um die Beschaffung von Arbeitsplätzen für Versehrte und
Behinderte bemüht. So wurden verschiedene Hindernisse für die Beschäftigung Behinderter im Bundesdienst beseitigt, um ihre Anstellung zu erleichtern. Allein im Jahr 1964 stellte der Bund 9000 Körperbehinderte
ein; das entspricht etwa 2 Prozent der Neueinstellungen dieses Jahres.
Seit Anfang 1964 läuft ein besonderes Programm, das die Beschäftigung von geistig Zurückgebliebenen mit Routinearbeiten im Büro, Lager und
an Arbeitsplätzen ermöglicht, für die sie trotz gegebener fachlicher
Eignung normalerweise nicht in Frage kämen, da nach den Bestimmungen über

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�über die Beschäftigung im Bundesdienst jeweils der bestqualifizierte
Bewerber eingestellt werden muß. Die Zahl der neu eingestellten geistig
Behinderten stieg von durchschnittlich 30 pro Monat im Jahr 1964 auf
66 Mitte 1965.
Die große Mehrheit der 839 geistig Behinderten, die im Zuge dieses
besonderen Bundesprogramms eingestellt wurden, war das ganze Jahr 1965
über tätig. Die Fluktuation ist bei ihnen nicht höher als im Regierungsdienst insgesamt und vielleicht sogar etwas geringer als in den Sparten
rein manueller Tätigkeit, denen sie angehören. Der Erfolg dieses Programms ist größtenteils den vermittelnden Organen zu danken, die sich
jedes Falles gesondert annehmen. Die Erfahrungen mit diesem Programm
zeigen, wieviel von der Auswahl eines wirklich geeigneten Arbeitsplatzes
abhängt. Selbstverständlich ist eine solche individuelle Betreuung
schwieriger und zeitraubender als das normale Einstellungsverfahren.
Der Arbeitsvermittlungsdienst des Bundes und der Einzelstaaten ist
aktiv um die Beschaffung von Arbeitsplätzen für Kriegsversehrte und
andere schwer zu vermittelnde Arbeitskräfte bemüht: durch die Vornahme
von Eignungsprüfungen, eine eingehende Beratung und den eigentlichen
Stellennachweis. Im Verlauf des Jahres 1965 konnten insgesamt 288 000
Behinderte, darunter 100 000 Kriegsversehrte, an einen Arbeitsplatz vermittelt werden. Die örtlichen Dienststellen des Arbeitsvermittlungsdienstes sind gesetzlich verpflichtet, einen Mitarbeiter speziell für
die Betreuung Versehrter zu benennen. Leider wird der betreffende Mitarbeiter häufig auch noch mit anderen Aufgaben betraut und kann somit
seine Kraft nicht ausschließlich in den Dienst der Versehrten stellen.
Eine örtliche Außenstelle berichtete beispielsweise, daß die Zahl der
vermittelten Körperbehinderten in einem Jahr um 70 Prozent anstieg, nachdem ein spezieller Mitarbeiter ganztätig für die Betreuung dieses Personenkreises eingesetzt worden war.
Durch Versuchsprojekte, die von der Abteilung Soziale Rehabilitation
im Ministerium für Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen und anderen
Stellen durchgeführt werden, soll der Bereich der Berufe, die für Behinderte als geeignet gelten, erweitert werden. Andere Programme haben eine
Reorganisation verschiedener Tätigkeiten oder die Umstellung gewisser
Arbeitsprozesse zum Ziel, um auf diese Weise Körperbeschädigten neue
Arbeitsbereiche zu erschließen. Besonderes Augenmerk richtet man auch
auf die Einstellung der Gemeinschaft und der Unternehmer zu den Versehrten
und dem Umgang mit ihnen. Weitere Versuchsprojekte erstrecken sich auf
organisatorische Verbesserungen mit dem Ziel, eine möglichst weitgehende
Adoption dieser Arbeitskräfte an die Arbeitsplätze sicherzustellen. Ein
Beispiel hierfür bieten Übergangsheime, die den Betroffenen - vor allem
geistig Behinderten und Wiedergenesenen - den Übergang von der Anstalt
in die Arbeitswelt erleichtern helfen, und die Entwicklung detaillierter
Spezifikationen für Arbeitsplätze, die für solche Personen vorgesehen
sind. Das Bundesamt für Kriegsteilnehmerversorgung hat darüber hinaus
eine umfassende Untersuchung durchführen lassen, um Klarheit über Grenzen
und Möglichkeiten der Anpassung von Kriegsversehrten mit psychischen
Schäden an die Arbeitsumwelt zu gewinnen. Das Ergebnis zeigte, daß die

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�die überwiegende Mehrheit der wiederhergestellten Versehrten dieser
Kategorie heute Stellungen einnimmt, die alle Berufsbereiche umfassen
und Positionen mit hoher Verantwortung nicht ausschließen. Diese Untersuchung hat den intensiven Anstrengungen zur Rehabilitation geistig
Behinderter neuen Auftrieb gegeben.
Das Arbeitsministerium hat gleichzeitig mehrere Forschungs- und
Musterprojekte auf diesem Gebiet auf Grund des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes gefördert. Eines dieser Projekte, an denen mehrere
Bundesbehörden und mehrere Großwäschereien im ganzen Land mitwirken, ermöglicht die Schulung von 1000 geistig Behinderten direkt an einem
Arbeitsplatz.
Darueber hinaus arbeitet der Präsidialausschuß für die Beschäftigung
körperlich Behinderter, der sich aus Vertretern der Wirtschaft, der
Gewerkschaften und anderer interessierter Institutionen zusammensetzt,
auf die freiwillige Beseitigung der Schranken und Vorurteile hin, die der
Beschäftigung solcher Personen im Wege stehen, und bemüht sich, die Unternehmer über die Leistungsfähigkeit körperlich behinderter Arbeitskräfte
aufzuklären. Durch Veröffentlichungen, Vorträge, Konferenzen und die
Durchführung einer Wochenkampagne unter dem Motto "Beschäftigt Behinderte"
sucht der Ausschuß ein Klima zu schaffen, das Behinderten gleiche Beschäftigungsmöglichkeiten garantiert...
Entlassene Strafgefangene
Besondere Anstrengungen sind auch erforderlich, um entlassene Strafgefangene an einen festen Arbeitsplatz zu vermitteln, zumal ihnen Vertrauensstellungen meist verschlossen bleiben und sie sich auf der Arbeitsuche
zahlreichen Beschränkungen und Vorurteilen gegenüber sehen. Bislang erhielten sie sehr wenig gezielte Hilfe. Sie werden meist an den Arbeitsmarkt verwiesen, ohne daß man ihnen vorher Gelegenheit bot, ihre Qualifikationen für eine entsprechende Tätigkeit zu verbessern. Bei manchen von
ihnen tritt während der Haft ein Rückgang der beruflichen Fähigkeiten
und Fachkenntnisse ein, denn allzu häufig sind Arbeit und Schulung in den
Gefängnissen mehr auf die wirtschaftlichen Erfordernisse der Anstalt und
des Staates als auf eine Unterweisung in den Fertigkeiten ausgerichtet,
die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind.
Um hier Abhilfe zu schaffen, wurden mehrere Bundesgesetze und
Erlasse der Bundesregierung 1965 in verschiedenen Punkten geändert.
Strafgefangenen kann nunmehr für die Suche nach einem Arbeitsplatz, die
Vorstellung bei Arbeitgebern und kurze Schulungskurse bis zu 30 Tage
Urlaub gewährt werden. Entsprechend qualifizierte Häftlinge in Strafanstalten des Bundes können auch tagsüber stundenweise beurlaubt werden,
um in Betrieben gegen regulären Lohn zu arbeiten oder sich an Schulungsmaßnahmen aufgrund des Gesetzes über die Entwicklung des Arbeitsmarktes
oder an den Programmen zur Schulung am Arbeitsplatz zu beteiligen.
In 26 Justizbezirken in 19 Staaten wurden ebenfalls gesetzliche Möglichkeiten zur Freistellung bestimmter Häftlinge für einen Arbeitsurlaub
geschaffen. Die meisten dieser Gesetze, 7 von 10, wurden nach 1959

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�1959 erlassen. Die Möglichkeit der Freistellung von Strafgefangenen erlaubt es den Anstalten, ihre Insassen durch Weiterentwicklung ihrer
beruflichen Fertigkeiten, die Gewöhnung an eine reguläre Arbeit und die
Erhöhung der Anpassungsfähigkeit an ihre soziale Umwelt besser auf die
spätere Entlassung vorzubereiten. Die Arbeitgeber ihrerseits haben den
Vorteil, daß sie Arbeitskräfte mit den jeweils gefragten Fachkenntnissen
erhalten können. Diese Programme ermöglichen es den Häftlingen, sich die
jüngsten Praktiken und Methoden anzueignen und sich in dem betreffenden
Betrieb einen guten Namen zu machen, was ihnen die spätere Suche nach
einem festen Arbeitsplatz wesentlich erleichtert. Die Arbeitserfahrung,
die sie auf diese Weise erwerben, sichert ihnen oft genug eine feste
Anstellung unmittelbar nach der Entlassung.
Die Einstellungschancen entlassener Strafgefangener werden auch
durch die Einrichtung von Übergangsheimen verbessert. Es handelt sich
hierbei um halboffene Anstalten, die außerhalb der Gefängnisse im Zentrum großer Städte gelegen sind. Sie sollen den Haftentlassenen den
Übergang ins normale Leben erleichtern. Zu ihrem festen Mitarbeiterstab
gehören Sozialhelfer und Arbeitsvermittlungsspezialisten, die den Haftentlassenen mit Rat und Hilfe, beispielsweise bei der Arbeitsuche, zur
Seite stehen. Die Gefangenen leben in den letzten Monaten vor ihrer Entlassung in diesen Heimen und arbeiten während des Tages bereits an
Arbeitsstätten außerhalb des Heimes. In den Jahren nach 1961 wurden fünf
bundeseigene Vorentlassungsheime für Jugendliche eröffnet, zwei weitere
stehen vor ihrer Fertigstellung. Inzwischen wurde die Errichtung solcher
Institute für erwachsene Straffällige grundsätzlich gebilligt.
Um die Gefahr der Rückfälligkeit zu verringern und um sicherzustellen, daß die Arbeitskraft dieser Menschen zum Nutzen der Gesellschaft
eingesetzt wird, sind noch weitere Schritte erforderlich. Unnötige willkürliche Beschränkungen, beispielsweise hinsichtlich der Art von Arbeitsplätzen, an denen man entlassene Häftlinge einsetzen kann, sollten beseitigt werden. Auch hinsichtlich der Auswahl der Strafgefangenen, die
für eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung in Frage kommen, wäre eine
größere Flexibilität angebracht. Nach der Entlassung müssen die Strafgefangenen größere Hilfe bei der Arbeitsuche erhalten und zur sozialen
Eingliederung tatkräftig unterstützt werden; heute gibt es im gesamten
Strafvollzugssystem des Bundes lediglich 12 Arbeitsverraittlungsspezialisten, von denen fünf in den Vorentlassungsheimen tätig sind.
Freiwillige Bürgerausschüsse können den Strafgefangenen durch Mitarbeit im Rahmen der Ausbildungsprogramme während der Zeit im Vorentlassungsheim nützliche Hilfestellung geben. Ihre Mitglieder können
darüberhinaus die Haftentlassenen bei der Stellensuche unterstützen und
für die auf Bewährung entlassenen Häftlinge als Bewährungshelfer fungieren. Abgesehen von der direkten Hilfe sollten sich solche Gruppen
darum bemühen, sowohl die betroffenen Häftlinge als auch die Gemeinschaft, in die diese zurückkehren, zu einer vernünftigen Einstellung
zur Problematik der sozialen Eingliederung zu erziehen.
Ein

- 13 -

�Ein neues Programm, das das Justizministerium in Zusammenarbeit
mit dem Ministerium für Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen
durchführt, scheint ebenfalls sehr vielversprechend: die Anwendung der
Methoden der sozialen Rehabilitation Behinderter auf die soziale Eingliederung der Strafgefangenen. In seiner Anfangsphase sollen Zuschüsse
für Forschungs- und Musterprojekte in ausgewählten Städten bereitgestellt werden. Des weiteren soll den Strafgefangenen auf individueller
Basis die Möglichkeit gegeben werden, sich Rat zu holen, Schulungslehrgänge mitzumachen und sich ärztlich behandeln zu lassen. Darüber hinaus
sollen sie eine ähnliche Betreuung erfahren, wie sie die Abteilung
Soziale Rehabilitation den Behinderten angedeihen läßt, einschließlich
der Hilfe bei der Suche nach einem Arbeitsplatz.

(Quelle: "Manpower Report of the President
and A Report on Manpower Requirements,
Resources, Utilization, and Training by
the United States Department of Labor",
März 1966)

+ ++++

14

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeltsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIX - 6/7

Juni/Juli 1966

INHALTSVERZEICHNIS
Die Großtarifverträge des Jahres 1965

Seite 1

Die Verantwortung der Gesellschaft für die
Opfer der Automation

Seite 11

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 14

Lily Mary David, US-Bundesamt für
Arbeitsstatistik
Die Großtarifverträge des Jahres 1965
WASHINGTON - Von den rund acht Millionen Arbeitskräften, die von
Großtarifverträgenl) erfaßt werden, kamen 1965 rund 3,6 Millionen in
den Genuß neuausgehandelter tariflicher Vereinbarungen. Diese Anzahl
ist wesentlich geringer als im Jahr 1964, entspricht aber etwa der des

1) Die vorstehende Untersuchung bezieht sich auf Großtarifverträge im
Bereich der Fertigungsindustrie und anderer Wirtschaftszweige, von
denen mehr als tausend Arbeitskräfte erfaßt werden. Ausgenommen sind
das Dienstleistungsgewerbe, das Geldwesen, der öffentliche Dienst
und teilweise auch (vergl. Fußnote 7) das Baugewerbe. Die Untersuchung betrifft nicht nur Betriebe mit einer Belegschaft von 1000
Mann und darüber, sondern auch solche Tarifverträge, die für ganze
Wirtschaftszweige verbindlich sind, sofern sie auf mehr als tausend
Arbeitskräfte Anwendung finden.

�des Jahres 1963 . Weitere 3,6 Millionen Arbeitnehmer erhielten 1965
Lohnerhöhungen aufgrund früher ausgehandelter stufenweiser Lohnerhöhungen oder in Anpassung der Löhne an die gestiegenen Lebenshaltungskosten.
Die restlichen 800 000 Arbeitnehmer unterlagen Tarifverträgen, die keine
Lohnerhöhungen für 1965 vorsahen oder deren Laufzeit über 1965 hinausgingen; eine geringere Anzahl von Arbeitskräften fiel unter Tarifverträge,
die gegen Jahresende Gegenstand von Verhandlungen bildeten.
Die ausgehandelten Lohnerhöhungen
Im Mittelwert 3) betrugen die ausgehandelten Lohnanpassungen während
des ersten Jahres der Laufzeit der 1965 geschlossenen Tarifverträge 3,8
Prozent (sieiu Tafel 1). Die Vergleichswerte für 1963 und 1964 sind 3,0
bzw. 3,2 Prozent. Die 1965 ausgehandelten Lohnerhöhungen waren die höchsten seit 1957, dem letzten Jahr, in dem die Arbeitslosigkeit sich auf
vergleichbarer niedriger Höhe gehalten hatte. Sie waren allerdings noch
immer erheblich geringer als die in jenem Jahr ausgehandelten durchschnittlichen Lohnsteigerungen.
Zieht man nur die Arbeitskräfte in Betracht, deren Löhne tatsächlich gestiegen sind, ergibt sich eine Erhöhung um 3,9 Prozent im Mittelwert, die mithin praktisch dem Wert für sämtliche •rfaBttl Arbeitskräfte
gleichkommt, da so gut wie sämtliche neugeschlossenen Tarifverträge
effektiv Lohnerhöhungen brachten. Sowohl 1964 als auch 1965 waren 19 von
20 Arbeitnehmern, die unter solche Großtarifverträge fallen, in Betrieben
beschäftigt, die eine Lohnerhöhung zugestanden hatten; in den Jahren 1962
und 1963 war das Verhältnis 15 zu 20. Lediglich 1956 und 1959 war der Anteil der Arbeitnehmer, die Lohnerhöhungen erhielten, höher als 1965.
Die Lohnsteigerungen waren im allgemeinen im Bereich der Fertigungsindustrie geringfügig höher als in den anderen Wirtschaftszweigen. In der
Fertigungsindustrie betrugen die für das erste Jahr der Geltungsdauer aller
neuen Tarifverträge ausgehandelten Lohnerhöhungen 4 Prozent und im Falle
der Verträge, die eine Lohnerhöhung einschlössen 4,1 Prozent. In den übrigen Wirtschaftszweigen beziffern sich die Lohnerhöhungen im Mittelwert
generell wie auch für die Verträge, die ausdrücklich Lohnerhöhungen vorsahen, auf 3,7 Prozent. Sowohl in der Fertigungsindustrie wie in den übrigen Wirtschaftszweigen erhielten 7 von 10 Arbeitnehmern im ersten Jahr
Tafel 1
Die großen Unterschiede von Jahr zu Jahr erklären sich aus den unterschiedlichen Auslaufterminen langfristiger Großtarifverträge. So standen beispielsweise im Jahr 1964 die Tarifverträge in der Stahlindustrie
nicht zur Verhandlung, wurden aber 1965 erneuert. Umgekehr wurden die
Tarifverträge mit der Automobilindustrie und mit den Eisenbahnen zuletzt 1964 erneuert, so daß 1965 keine Lohnverhandlungen stattfanden.
3) Mit Ausnahme der im folgenden noch zu besprechenden Tarifverträge im
Baugewerbe stellen die hier angegebenen Mittelwerte den Satz dar, um
den die ausgehandelten Lohnerhöhungen je zur Hälfte nach oben bzw.
unten schwanken.

- 2 -

�Tafel 1
Lohnänderungen im ersten Jahr der Wirksamkeit ausgewählter
Großtarifverträge, die 1965 zustande kamen

A H ,.„i mtl.. i..
Art und llone üei
, , „ ,
Lohnanderungen
•
Total
Unverändert
Kürzungen
Erhöhungen

Prozent der Produktions-- und
verwandten Arbeiter
FertigungsAusgewählte
B__. , .—r
Samtliehe
industrie
andere
,
D
Branchen
Branchen
100

100

100

6

4

--•

1
H

M

96

94

1
4
19
26
27
10
6
3
2

1
4
24
15
2
11
6
1
1

1
3
6
22
21
17
17
4
2
4

1
4
7
21
21
14
21
4
1
2

5
23
20
24
8
4
3
10

Zahl der erfaßten Arbeitnehmer (in 1000) 3590
Mittelwert der Veränderung
in Prozent^)
3,8
in Cent4^
10,0

248 1

1109

4,0
10,0

3,7
11,0

4,1
10,0

3.7
11,0

99

Prozent des Stundenlohns
Weniger als 1 Prozent
Zwischen 1 und 2 Prozent
Zwischen 2 und 3 Prozent
Zwischen 3 und 4 Prozent
Zwischen 4 und 5 Prozent
Zwischen 5 und 6 Prozent
Zwischen 6 und 7 Prozent
Zwischen 7 und 8 Prozent
Über 8 Prozent

• •

2
8
50
16

2

Cent pro Stunde
Weniger als 3 Cent
Zwischen 3 und 5 Cent
Zwischen 5 und 7 Cent
Zwischen 7 und 9 Cent
Zwischen 9 und 11 Cent
Zwischen 11 und 13 Cent
Zwischen 13 und 15 Cent
Zwischen 15 und 17 Cent
Zwischen 17 und 19 Cent
Über 19 Cent

in Prozent
in Cent5^

3,9
10,0

1) Lohnänderungen aufgrund von Tarifverträgen, die im Laufe des Jahres 1965
ausgehandelt wurden und spätestens innerhalb von 12 Monaten nach Abschluß
in Kraft treten. Ausgeklammert wurden Lohnänderungen, die aus vor 1965

�1965 abgeschlossenen Tarifverträgen herrühren, Lohnerhöhungen aufgrund einer Anpassung an den Lebenshaltungskostenindex und Erhöhungen, die erst in späteren Jahren rechtskräftig werden; ausgenommen
wurden ferner die in Textfußnote 1) genannten Beschäftigungszweige,
Tarifverträge, bei denen von der Kündigungsklausel kein Gebrauch
gemacht wurde, und der Geldwert der ausgehandelten Lohnnebenleistungen.
2) Einschließlich der Hafenarbeiter an der Ost- und Golfküste, die im
ersten Jahr der Laufzeit neuer Tarifverträge zwei Lohnerhöhungen erhielten.
3) Einschließlich einer beschränkten Anzahl von Eisenbahnarbeitern und
Verkaufsangestellten in Chicago, die im ersten Jahr der Laufzeit
neuer Tarifverträge zwei Lohnerhöhungen erhielten.
4) Einschließlich der Arbeitskräfte, die neuausgehandelten Tarifverträgen
ohne Lohnerhöhungsklauseln unterliegen.
5) Beschränkt auf Arbeitskräfte, die neuausgehandelten Tarifverträgen mit
Lohnerhöhungeklauseln unterliegen.
Arm.: Aufgrund von Auf- und Abrundungen addieren sich die Teilangaben
nicht notwendigerweise zu den Gesamtziffern.

Jahr Lohnerhöhungen zwischen 2 und 5 Prozent; die Hälfte der Arbeitnehmer
in der Nichtfertigungsindustrie erhielten Lohnerhöhungen zwischen 3 und 4
Prozent.
Eine Analyse sämtlicher Lohnerhöhungen, die während der Gesamtgeltungsdauer der neuausgehandelten Tarifverträge wirksam werden, zeigt - im Unterschied zu den Lohnerhöhungen im ersten Jahr ihrer Geltungsdauer -, daß die
1965 ausgehandelten Tarifverträge generelle Lohnveränderungen in Höhe von
3,3 Prozent pro Jahr bewirken werden. Demgegenüber lag der Vergleichswert
1963 bei 2,3 und. 1964 bei 3 Prozent4) (siehe Tafel 2).
Die 1965 gegenüber 1964 geringere Differenz zwischen den Lohnänderungen während der Gesamtgeltungsdauer der Kontrakte und denen des ersten
Jahres ihrer Laufzeit, spiegelt zwei Faktoren wider: 1. Die ungewöhnlich
große Zahl von Tarifregelungen, die an sich bereits 1964 anstanden aber
Tafel 2
4)
Die Analyse der Lohnerhöhungen über die Gesamtgeltungsdauer der ausgehandelten Tarifverträge beschränkt sich auf solche Abmachungen, die
10 000 oder mehr Arbeitnehmer betreffen. Von ihnen wird etwa die Hälfte
aller Großtarifverträgen unterliegenden Arbeitnehmer erfaßt.

�Tafel 2
Übersicht über die Lohnveränderungen aufgrund der 1963-65
ausgehandelten Großtarifverträge

Mittelwert
(in Prozent)
1965

1964

1963

Ausgehandelte Lohnerhöhungen
Im ersten Jahr der Laufzeit
In der gesamten Laufzeit
(Jahresdurchschnitt)1)

3,8

3,2

3,0

3,3

3,0

2,3

In Kraft getretene Lohnerhöhungen,
unabhängig vom Zeitpunkt, zu dem
sie ausgehandelt wurden

3,5

3,2

3,4

Beschränkt auf Tarifverträge, die auf 10 000 und mehr Arbeitnehmer Anwendung finden.

aber erst 1965 zum Abschluß kamen und deshalb zwei Lohnerhöhungen innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten vorsahen, von denen die eine rückwirkend zum Auslaufdatum des vorausgegangenen Tarifvertrags in Kraft
trat; und 2. Unterschiede im Fälligkeitsdatum der Lohnerhöhungen während
der Geltungsdauer einiger wichtiger Schlüsselverträge. Die aus dem Vorjahr überfälligen und deshalb doppelten Lohnerhöhungen im Verlauf von
12 Monaten schlössen unter anderem einen Tarifvertrag für 60 000 nichtbdhnbetriebstechnische Eisenbahnangestellte ein, der eine Lohnerhöhung
rückwirkend per 1. Januar 1964 verfügte.(dem Tag des Inkrafttretens der
von anderen Eisenbahngewerkschaften für solches Personal 1964 ausgehandelten neuen Tarife) und eine weitere Lohnerhöhung per 1. Januar 1965 (um
zuSft&amp;ii&amp;«u 7 Prozent) vorsah. Sie schlössen ferner doppelte Gehaltserhöhungen von zusammen 6 Prozent für rund 30 000 Hafenarbeiter in Häfen
der Golf- und Ostküste (mit Ausnahme New Yorks) und von zusammen 7 Prozent für 18 000 Verkäufer im Einzelhandel ein..
Die im Jahr 1964 im Bereich der Automobil-, Landmaschinen- und Zubehörindustrie beschlossenen Tarifverträge sahen zum Teil für das erste
Jahr der Laufzeit keine oder nur geringfügige Lohnerhöhungen vor. Im
Gegensatz hierzu brachten die 1965 mit der stahlverarbeitenden und der
Aluminiumindustrie geschlossenen Tarifverträge sehr umfangreiche Lohnerhöhungen im ersten Jahr, dagegen keine generellen Lohnerhöhungen für
das zweite Jahr.
In

- 5 -

�In den Abweichungen hinsichtlich der zeitlichen Verteilung der
Lohnerhöhungen aus den Tarifverträgen für die Stahl- und die Automobilindustrie kommt der Unterschied zum Ausdruck, den man bisher in
beiden Industrien zwischen Lohnverbesserungen und Maßnahmen zur Erhöhung der sozialen Sicherheit der Arbeitnehmer gemacht hat. Auch
dürfte die hohe Zahl der geleisteten Überstunden vor Abschluß der
Lohnvereinbarungen eine gewisse Rolle gespielt haben. Die Lohnerhöhung
aufgrund des 1965 ausgehandelten Tarifvertrags i der Stahlindustrie
war die erste nach Abschluß des letzten Tarifvertrags von Anfang 1960,
der eine Anhebung der Lohnsätze für Oktober 1961 vorgesehen hatte. In
den Jahren 1962 und 1963 verzichtete die Stahlarbeitergewerkschaft dann
auf Lohnerhöhungen zugunsten anderer Maßnahmen, die darauf abzielten,
den Arbeitnehmern ein höheres Einkommen und größere soziale Sicherheit zu gewährleisten. Das gleiche gilt für die Aluminium- und Blechverpackungsmittelindustrie, wo die 1965 ausgehandelten Lohnerhöhungen
die ersten nach dem 1961 in Kraft gesetzten stufenweisen Aufbesserungen
waren. Im Gegensatz hierzu handelte die Automobilarbeitergewerkschaft
1964 statt größerer Lohnerhöhungen im ersten Jahr
eine erhebliche
Verbesserung der Rentenleistungen und umfangreichere Lohnerhöhungen im
dritten Jahr der Laufzeit des Vertrags ein. Ihre Bereitschaft zum Verzicht auf Lohnerhöhungen im ersten Jahr zugunsten der genannten Leistungen wurde wahrscheinlich durch die Tatsache bestimmt, daß in.den
vorausgegangenen Jahren Lohnerhöhungen, aber kaum nennenswerte Verbesserungen der Lohnnebenleistungen zu verzeichnen waren. Zudem war der
Wunsch, direkte Lofinerhöhungen zu erhalte; angesichts der hohen Überstundenbezüge der Jahre 1964 und 1963 bei den Automobilarbeitern relativ schwach.
Als Folge des generellen Optimismus der Wirtschaft und der verbesserten Zukunftsaussichten in einer Reihe von Industriesparten, die
mehrere Jahre hindurch mit einer relativ ungünstigen Geschäftsentwicklung hatten rechnen müssen, wurden 1965 vielfach Lohnerhöhungen
gewährt, die nach der generellen Praxis der letzten Jahre noch mindestens ein Jahr hinausgezögert worden wären. In den meisten Industrien
sind Lohnerhöhungen bestenfalls alle zwei oder drei Jahre fällig. In
der Herrenbekleidungsindustrie beispielsweise wurden.die Löhne 1965
nach einer zweijährigen Pause erhöht im Gegensatz zu den bisher üblichen
Dreijahresintervallen. Die Baumwollindustrie im Norden des Landes fand
sich zu einer zweiten Lohnerhöhung innerhalb zwei Jahren bereit, statt
wie früher ehestens nach drei Jahren-*/.
Die Lohnerhöhungen des Jahres 1965
Über die Arbeitnehmer hinaus, die in den Genuß der 1965 getroffenen
Lohnregelungen gelangten, erhielten weitere 3,6 Millionen Arbeitskräfte
Lohnerhöhungen, die auf ältere Tarifverträge zurückgehen - sei es in
Die BaumwolltextilIndustrie im Süden, deren Arbeitnehmer im großen
und ganzen nicht organisiert sind und deshalb vor dieser Untersuchung
nicht berücksichtigt wurden, gewährte 1965 ihre dritte Lohnerhöhung
innerhalb von 18 Monaten, obwohl Lohnerhöhungen früher im allgemeinen
nur alle 2 oder 3 Jahre zugestanden worden waren.

- 6 -

�in Form stufenweiser Lohnerhöhungen oder dank einer Bindung der Lohnsätze an den Lebenshaltungskostenindex oder auch aufgrund einer Kombination beider Möglichkeiten. Diese Lohnerhöhungen bezifferten sich im
Durchschnitt auf 2,9 Prozent.
Unter den betroffenen Arbeitnehmern waren schätzungsweise 600 000
in der Kraftfahrzeug- und Kraftfahrzeugzubehörindustrie beschäftigt;
sie erhielten stufenweise Lohnerhöhung in Höhe von 2,5 Prozent (bei
einer Mindesterhöhung von 6 Cent) zuzüglich einer 4prozentigen Anpassung aufgrund der Bindung an den Lebenshaltungskostenindex. Weitere
Nutznießer solcher Lohnerhöhungen sind zahlreiche Eisenbahnbedienstete,
die nicht im Fahrdienst beschäftigt sind und größtenteils eine 9prozentige stufenweise Lohnerhöhung verzeichnen konnten. Ähnliches gilt
für die Beschäftigren in den Fleischkonservenfabriken, die eine öprozentige Lohnerhöhung und eine 4prozentige Anpassung an den Lebenshaltungskostenindex realisieren konnten. Etwa 350 000 Beschäftige im Kraftfahrzeugnah- und Fernverkehr erzielten eine stufenweise Erhöhung der Stundenlöhne um generell 8 oder 9 Prozent bzw. eine Erhöhung der Kilometergelder.
Die den Großtarifverträgen unterliegenden 7 Millionen Arbeitnehmern
1965 gewährten Lohnsteigerungen aus neuausgehandelten und alten Verträgen bezifferten sich im Durchschnitt auf 3,5 Prozent gegenüber 3,4 Prozent in 1963 und 3,2 Prozent in 1964.
Rechnen wir zu diesen 7 Millionen Arbeitnehmern noch jene Million^)
hinzu, die 1965 keine Lohnerhöhungen erhielten, weil die entsprechenden
Tarifverträge entweder keine Lohnerhöhungen vorsahen oder Lohnverhandlungen 1965 nicht anstanden oder nicht zum Abschluß kamen, so beziffert
sich die durchschnittliche Lohnangleichung für 1965 auf 3,4 Prozent.
Die Vergleichsziffern für 1963 und 1964 waren 2,9 bzw. 2,7 Prozent.
Baugewerbe

Von dieser Million Arbeitskräfte wurden etwa 600 000 von Tarifverträgen erfaßt, die entweder Lohnverhandlungen ausschlössen oder ausdrücklich keine Lohnerhöhungen für 1965 vorsahen. Zu diesem Personenkreis zählte der größte Teil der Mitglieder der Gewerkschaften des
Eisenbahnbetriebspersonals sowie des Damenoberbekleidungsgewerbes in
New York. Weitere 125 000 Arbeitnehmer waren in Betrieben beschäftigt,
in denen die Lohnverhandlungen bis Ende 1965 nicht zum Abschluß kamen.
TarifVerhandlungen schwebten u.a. zwischen der Eisenbahnstückgutzentrale und der Transportarbeitergewerkschaft sowie zwei Gewerkschaften
der Seeleute an der Westküste. Für 100 000 Beschäftigte waren bei Abschluß dieser Untersuchung entsprechende Informationen noch nicht verfügbar. Weitere 100 000 Arbeitnehmer unterlagen Tarifverträgen, die
für 1965 - dem ersten Jahr iher Laufzeit - keine Lohnerhöhungen vorsahen.

- 7-

�Baugewerbe
Soweit Informationen aus dem Baugewerbe vorliegen, geht daraus hervor, daß die Tariflöhne in 7 der wichtigsten Zweige des Bauhaupt- und
Nebengewerbes in 100 Stidten um durchschnittlich 3,9 Prozent stiegen.
Hierin sind alle Lohnerhöhungen enthalten, die 1965 in Kraft traten,
unabhängig davon, wann die entsprechenden Verträge abgeschlossen worden waren; diese Lohnerhöhungen sind deshalb der vorstehend angeführten Lohnerhöhung von durchschnittlich 3,4 Prozent vergleichbar.
Lohnnebenleistungen
Über die aufgeführten Lohnerhöhungen hinaus brachten die Tarifverträge für 80 Prozent aller Arbeitnehmer, die von den 1965 ausgehandelten
Großtarifverträgen erfaßt werden, eine oder mehrere Verbesserungen der
Lohnnebenleistungen. Eine Verringerung oder Streichung irgendwelcher
Lohnnebenleistungen war 1965 nicht zu verzeichnen.
Die verbesserten oder neueingeführten Lohnnebenleistungen betrafen
vor allem die betrieblichen Kranken- und Sozialkassen, die RentenleistunRen die Urlaubs- und Feiertagsregelung und Maßnahmen zur Sicherung des
Arbeitsplatzes (siehe Tafel 3). Die Regelung im Bereich der Stahlindustrie
brachte verbesserte Leistungen in allen genannten Sparten mit Ausnahme
der bezahlten Feiertage.
Was die 2,25 Millionen Arbeitnehmer angeht, für die eine Anhebung
der Leistungen der Kranken- und Sozialkassen erzielt wurde - übrigens
die häufigste Form der Verbesserung - fiel vor allem die Verbesserung
der Krankenhaus- und der Arzt- und Operationskostenversicherung oder
beider für 1,89 Millionen Arbeitskräfte; der Krankengeld- und Unfallversicherung für 1,04 Millionen Arbeitnehmer und der Lebensversicherung für
850-0n.~&gt; Arbeitnehmer ins Gewicht.
Die Pensionskassenregelung wurde für 2 Millionen Arbeitnehmer verbessert oder neu eingeführt. Die Verbesserungen betrafen vor allem die
Rentenleistungen bei Erreichung der normalen Pensionsgrenze (davon betroffen 1,825 Millionen Arbeitnehmer) und höhere oder neu eingeführte
Rentenleistungen im Invaliditätsfalle oder beide (davon betroffen 1,3
Millionen Arbeitskräfte).
Die Urlaubsregelung wurde in Betrieben mit insgesamt 2 Millionen
Beschäftigten verbessert. Die häufigste Veränderung betraf die Gewährung
einer vierten Woche bezahlten Urlaubs für 390 000 Arbeitnehmer. Weitere
275 000 Arbeitnehmer kommen neu in den Genuß einer noch großzügigeren
Urlaubsregelung (mindestens fünf Wochen Jahresurlaub); etwa 90 000 der
Betroffenen sind.in der Gummi-Industrie beschäftigt,.wo gleichzeitig
die Betriebszugehörigkeitsdauer als Voraussetzung zur Gewährung eines
vierwöchigen Urlaubs herabgesetzt wurde. Eine solche Herabsetzung der
Betriebszugehörigkeitsdauer als Voraussetzung für die. Gewährung von 4
Wochen Urlaub wurde in Tarifverträgen vereinbart, die mindestens 175 000
Arbeitnehmer erfassen.
LohnTafel 3
- 8 -

�Tafel 3
Prozentsatz der von ausgewählten Großtarifverträgen erfaßten
Arbeitnehmer, für die in den Jahren 1963-65 Verbesserungen
der Lohnnebenleistungen ausgehandelt wurden

Art der Lohnnebenleistung

Prozent der Arbeitnehmer
1965

Verträge, die eine oder mehrere
Formen verbesserter Lohnnebenleistungen brachten .

1964

1963

80,1

85,

87,4

5,8
56,8
35,1
6,5
57,0
62,7

9,
67,
44,9
16,2
67,8
62,1

5,9
43,4
14,7
2,9
37,2
72,8

13,1
27,3
12,2
8,0
24,2

18,
28,8
20,7
3,6
21,3

3,5
10,9
8,7
3,4
27,8

Verträge, die keine Verbesserung der
Lohnnebenleistungen brachten

19,9

14,3

12,4

Verträge, die eine Verschlechterung
der Lohnnebenleistungen brachten

-_—

Zahl der Arbeitnehmer, in deren
Namen Lohnverhandlungen geführt
wurden (in tausend)

3590

Schichtarbeiterzuschläge
Bezahlter Urlaub
Bezahlte Feiertage
Leistungsprämien
Pensionsleistungen
Krankenhaus- und. SgzJLalkftasap.
Lohnfortzahlung bei Inanspruchnahme als Geschworener
Sicherung des Arbeitsplatzes
Bezahlter Begräbnisurlaub
Bezahlter Krankenurlaub
Andere

0,2

4305

3370

Anm.: Aufgrund von Auf- und Abrundungen addieren sich die Teilangaben
nicht notwendigerweise zu den Gesamtziffern.
Lohnkbstenanteil der Lohnnebenleistungen
Die in den Tafeln 1 und 2 aufgeführten Ziffern schließen den Gegenwert der verbesserten Lohnnebenleistungen nicht ein. Bei Einschluß dieser
Zusatzleistungen sind Lohnerhöhungen in Cent pro Stunde höher, während
sich die Prozentziffern im Falle einiger Tarifverträge erhöhen und in
anderen verringern, da die Prozentziffern die eingetretenen Veränderungen
in Beziehung zu den gezahlten Gesamtstundenlöhnen, nicht aber zu den
Tarifsätzen für die reguläre Arbeitszeit setzen.
Exakte

�Exakte Angaben über Mehraufwand für die verbesserten Lohnnebenleistungen sind für den größten Teil der Großtarifverträge nicht verfügbar. Es wurden aber überschlägige Schätzungen der diesbezüglichen
Lohnkostensteigerungen aus etwa einem Dutzend Tarifverträge in Schlüsselindustrien erstellt, von denen 1,5 Millionen Arbeitskräfte erfaßt
werden?). Von den hiervon betroffenen Arbeitskräften war die Mehrzahl
(fast drei Fünftel) in Betrieben beschäftigt, die eine Erhöhung der
Lohn- und Lohnnebenkosten um drei bis maximal 3,5 Prozent im Jahr zu
verzeichnen hatten. Etwa 15 Prozent gehören Betrieben an, wo die entsprechenden Tarifverträge den Aufwand für Lohn- und Lohnnebenleistungen
um 3,5 bis maximal 4 Prozent steigen ließen. Etwas über 15 Prozent
arbeiteten in Betrieben, die eine entsprechende Kostensteigerung um 4
bis 4,5 Prozent im Jahr einkalkulierten; und 10 Prozent in Betrieben,
wo dieser Satz überstiegen wurde. Wertet man diese Gruppe von Tarifverträgen als Ganzes, so beläuft sich die durchschnittliche Erhöhung
des Lohn- und Lohnnebenkostenaufwands auf 3,3 Prozent im Jahr8). Hierbei ist zu beachten, daß die Lohnerhöhungen in jenen Tarifverträgen,
aus denen die vorstehenden Schätzungen abgeleitet wurden, über den
Durchschnitt aller Großtarifverträge hinausgehen. Die Lohnerhöhungen
im ersten Jahr beziffern sich in dieser Gruppe der Tarifverträge auf
durchschnittlich 4,4 Prozent, und die Lohnerhöhungen auf die gesamte
Geltungsdauer des Vertrages berechnet, auf 3,5 Prozent.

Die Kostensteigerungen zu Ende des Vertragszeitraums wurden geschätzt
und die so erhaltenen Werte auf Jahresbasis umgerechnet. Eventuelle
Lohnerhöhungen, die aus der Anpassung an den Lebenshaltungskostenindex resultieren, blieben außer Ansatz. Die Schätzwerte geben natürlich keinen Aufschluß darüber, inwieweit sie die Stückkosten in der
Fertigung erhöhen, die ihrerseits wiederum von der Arbeitsproduktivität, der Leistung pro Arbeitskraft und Arbeitsstunde, beeinflußt wer-den. In diese Schätzwerte wurden keine Tarifverträge des Baugewerbes
einbezogen. Bei 16 Verträgen aus dem Bereich dieses Wirtschaftszweiges,
die 1965 abgeschlossen wurden und rund 340 000 Arbeitnehmer erfassen,
bezifferte sich die Steigerung der Lohn- und Lohnnebenkosten auf 4,3
bis 8,3 Prozent.
Ebenso wie andere hier angeführte Mittelwerte, wurde dieser Satz durch
Aufrechnung der betroffenen Arbeitnehmer gemäß den ausgehandelten
durchschnittlichen Erhöhungen ermittelt und nicht einfach durch Zusammenrechnen der Tarifverträge nach der Höhe der erzielten Steigerungen.

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 89, Nr. 4, April 1966)

+ ++++

- 10 -

�Die Verantwortung der Gesellschaft für die Opfer der Automation
Zum Bericht des Ausschusses für Fragen der Technik, der Automation
und des wirtschaftlichen Fortschritts
Die Gesellschaft als Ganzes ist Nutznießer des technischen Fortschritts und hat deshalb auch die Verpflichtung, für neue Beschäftigungsmöglichkeiten der Opfer von arbeitsparenden Maschinen und Verfahren zu sorgen. Das ist eine der wesentlichsten Folgerungen des
Berichts "Die Technik und die amerikanische Wirtschaft", den der Ausschuß für.Fragen der Technik, der Automation und des wirtschaftlichen
Fortschritts im Januar 1966 dem Präsidenten und dem Kongreß der Vereinigten Staaten zugeleitet hat.
Der Ausschuß aus Professoren, Wirtschaftlern und Gewerkschaftlern
wurde im Dezember 1964 von Präsident Johnson gebildet und beauftragt,
die Zusammenhänge zwischen dem technischen Fortschritt und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung zu untersuchen. Vorsitzender des
aus 14 Mitgliedern bestehenden Gremiums war Prof. Dr. Howard R. Bowen,
der. Präsident der Universität von Iowa. Zu den prominentesten Mitgliedern gehörten Walter P. Reuther, der Präsident der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft der USA, und Thomas J. Watson, Aufsichtsratsvorsitzer der International Business Machines Corporation. Der Ausschuß
tagte das ganze Jahr 1965 über jeweils zweimal im Monat.
Ein Aktionsprogramm
Die drei Gewerkschaftler und zwei weitere Mitglieder des Ausschusses
stimmten den Folgerungen aus der Untersuchung zwar grundsätzlich zu, bedauerten aber, daß "der Bericht der Dringlichkeit ermangelt, die bei diesem Themenkreis geboten scheint". Sie sprachen die Hoffnung aus, man
werde den Bericht "als ein Aktionsprogramm lesen und auffassen - einen
Appell zur restlosen Mobilisierung der Hilfsquellen Amerikas für den Aufbau einer wahrhaft Großen Gesellschaft".
Soweit einzelne Mitglieder hinsichtlich der Feststellungen des Berichtes in irgendeinem Punkt anderer Meinung waren, kam dies in den beigefügten Fußnoten zum Ausdruck.
Der Bericht ist an sich nicht als Vorentwurf für einschlägige gesetzgeberische Maßnahmen gedacht, legt aber dennoch in seinen Schlußbetrachtungen den Gedanken nahe, die Sozial- und Arbeitsgesetzgebung sowie
die Beschäftigungsbedingungen im öffentlichen Dienst im Sinne der unterbreiteten Empfehlungen zu revidieren.
Erziehung und Arbeit
Die Anpassung an die sich wandelnden Verhältnisse macht nach Auffassung des Ausschusses auf vielen Gebieten neue Maßnahmen erforderlich.
Der Ausschuß erörterte beispielsweise die Zusammenhänge zwischen Erziehung und Arbeit. Unter Hinweis auf die Notwendigkeit, die Erziehung mit

- 11 -

�mit den im Berufsleben geforderten Qualifikationen in Einklang zu
bringen, verwies der Kommission auf die Tatsache, daß sich der Anteil
der Angehörigen der technischen und akademischen Berufe an der Gesamtbeschäftigtenzahl zwischen 1947 und 1964 von 6,6 auf 12,2 Prozent erhöht hat. Die Beschäftigungsstruktur ist mithin einem Wandel unterworfen, der auch in Zukunft andauern wird. Als Grund hierfür nennt der
Bericht "das rasche Wachstum von Industrie und Beschäftigungszweigen
wie dem Erziehungswesen, dem Geld- und Versicherungsgewerbe, dem Gesundheitsdienst und dem Dienstleistungsgewerbe, die in erster Linie
Angehörige der freien Berufe und Angestellte beschäftigen. Ein weiterer
Grund ist der rasche Anstieg des Bildungsniveaus selbst'*.
Die Ausdehnung der allgemeinen Schulpflicht auf 14 Klassen, bis
zum zweiten College-Jahr einschließlich - ein Vorschlag, den die Gewerkschaften schon vor Jahren gemacht haben - wird im Hinblick auf die steigenden Ansprüche an die Qualifikationen der Berufstätigen vom Ausschuß
befürwortet. Die Kommission zeigte sich "von der umfassenden und sich
verstärkenden Erziehungs- und Schulungsarbeit innerhalb der private
Wirtschaft beeindruckt". Sie schlägt vor, weitere Anreize für Arbeitnehmer zu schaffen, sich in ihrer Freizeit an Schulungsprogrammen zu
beteiligen.
Gegen einheitliche Pensionsaltersgrenze
Was die Aufstellung fester Arbeitszeitnormen angeht, waren die Mitglieder des Ausschusses außerstande, sich auf "sinnvolle Empfehlungen"
zu einigen. Sie verwiesen lediglich auf die Zunahme der Freizeit der
Arbeitnehmer gewisser Industriezweige in Gestalt längeren Urlaubs, zusätzlicher Feiertage, der Vorverlegung des Pensionsalters (einschließlich der "gestaffelten Pensionierung", der. allmählichen Verringerung
der Arbeitszeit schon einige Jahre vor Erreichung der eigentlichen
Altersgrenze), der Gewährung eines langfristigen Gesundheits- fcder
Bildungsurlaubs nach mehrjähriger Beschäftigung und der Verringerung
der wöchentlichen Arbeitszeit. Die Festsetzung einer einheitlichen
Pensionsgrenze wird von dem Ausschuß als wenig sinnvoll angesehen. " I n
bestimmten Beschäftigungszweigen", so heißt es in dem Bericht, "insbesondere in den geistigen Berufen, sind Alter und Erfahrung ein Plus,
auf das man nicht verzichten sollte; in manchen Beschäftigungssparten,
vor allem dort, wo schwere körperliche Arbeit gefordert wird, kann sich
dagegen eine Überalterung der Belegschaft produktionshemmend auswirken.
Es bedarf deshalb in der Frage der Pensionierung größerer Flexibilität."
Monatsgehalt für Arbeiter
Der Ausschuß empfiehlt den Übergang von den Stück- oder Stundenlöhnen der Arbeiter zu Monatslöhnen. Eine solche Regelung würde die
Arbeitsfluktuation verringern, die Angleichung der Lohnnebenleistungen
von Arbeitern und Angestellten begünstigen und Klassenunterschiede innerhalb der Betriebe abbauen helfen.

Für

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�Für Menschen, die aus dem einen oder anderen Grund nicht am
Erwerbsleben teilhaben können, sollte "ausreichende Vorsorge" getroffen werden, um ihnen ein angemessenes Mindesteinkommen zu sichern.
Alle Personen, die ein bestimmtes Mindesteinkommen nicht erreichen,
sollen Steuerfreiheit genießen und notfalls selbst Barzuwendungen erhalten.
Die Unterbringung von Opfern der Automation
Bezüglich der Beschäftigung der aufgrund technischer Neuerungen
von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeitskräfte schlägt der Bericht
vor, die Arbeitgeber sollten gefährdeten Arbeitnehmern rechtzeitig
Gelegenheit bieten, sich ohne Preisgabe ihres Anrechts auf den bisherigen Arbeitsplatz an einem anderen Arbeitsplatz zu versuchen. "Wenn
man den Arbeitnehmern die Wahl unter mehreren Alternativen läßt, würde
damit eines der wesentlichsten Hindernisse fallen, die eine Anpassung
an die sich verändernde Arbeitswelt erschweren".
In dem Bericht heißt es hier zu weiten "Da entlassene Arbeitnehmer
eine gewisse Zeit brauchen, um sich über gegebene Beschäftigungsmöglichkeiten zu informieren und sie zu erproben, unterstreichen staatliche
Stellen, die Gewerkschaften und andere Kreise in zunehmendem Maße die
Notwendigkeit einer rechtzeitigen 'Vorwarnung1, um die Beschäftigten auf
mögliche oder unvermeidbare berufliche Veränderungen aufmerksam zu machen."
Wahrung von Pensionsansprüchen
Für Arbeitskräfte, die den Arbeitsplatz wechseln, fordert der
Bericht dag Recht, erworbene Ansprüche an die betriebliche Pensionskasse auf die neue Stelle zu transferieren. Nach amtlichen Statistiken
enthalten bereits heute zwei Drittel der Vereinbarungen über eine Zusatz-Altersversicherung bei Betriebskassen Bestimmungen über einen solchen
Transfer. Die Kommission gab der Hoffnung Ausdruck, daß weitere Pensionskassen diesem Beispiel folgen werden.
Um zu gewährleisten, daß möglichst alle Arbeitnehmer den ihren Fähigkeiten entsprechenden Arbeitsplatz finden, wird in dem Bericht die Schaffung einer Zentralkartei der Arbeitsuchenden und offenen Stellen vorgeschlagen, die mit Hilfe elektronischer Datenverarbeitungsanlagen Stellenbewerbern geeignete Positionen nachweisen soll.
Jahrhundertealtes Unrecht gutmachen
Zur Frage der Beschäftigungsmöglichkeiten für Neger heißt es in dem
Bericht: "Um das Arbeitspotential voll auszunutzen, bedarf es besonderer
Programme für Neger - Programme, die einen systematischen Versuch darstellen müssen, das ihnen in dreihundert Jahren zugefügte Unrecht so
rasch wie möglich wieder gutzumachen."
Was

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�Was die Einstellung der Mitglieder des Ausschusses zu dem gesamten
Fragenkomplex angeht, heißt es in dem Bericht: "Keiner unter uns ist,
wie wir feststellen konnten, für doktrinäre Lösungen. Ausgangspunkt ist
für uns das Eintreten für eine freie Wirtschaft und Gesellschaft. Wir
sehen aber auch, daß überall dort, wo die Marktwirtschaft bestimmte
Dienste nicht zu leisten vermag, öffentliche Stellen und Behörden die
diesbezüglichen Funktionen übernehmen müssen... Es gilt neue Mittel und
Wege zu finden, um unsere demokratischen Institutionen flexibler und
anpassungsfähiger zu machen, und dabei gleichzeitig den Mechanismus der
freien Entscheidung und demokratischen Mitwirkung beizubehalten.••

(Quelle: Eigenbericht)

+ +-•-+ +
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Amerikanische Streikbilanz 1965
Die Streiks, von denen die amerikanische Industrie im Jahre 1965 betroffen wurde, waren im Durchschnitt von kürzerer Dauer als die des Vorjahres, wie aus einer Mitteilung des US-Arbeitsministeriums hervorgeht.
Während die Zahl der Streiks gegenüber 1964 um 205 auf insgesamt 3680 anstieg und damit die höchste der letzten zehn Jahre war, ging die Zahl der
Streikenden von 1 640 000 auf 1 480 000 zurück. Dank der kürzeren Streikdauer erhöhte sich der Arbeitsausfall durch Ausstände gegenüber 1964 nur
geringfügig von rund 22,9 Mio. Arbeitstagen auf 23,1 Mio. Arbeitstage.

+
US-Sozialversicherung zahlt ins Ausland
Rund 165 000 außerhalb der USA lebende Rentner sind gegenwärtig
Empfänger von Bezügen aus der amerikanischen Sozialversicherung in Höhe
von insgesamt 11 Mio. Dollar monatlich. Nur etwas mehr als die Hälfte
dieser Personen sind amerikanische Staatsbürger.
Mit 35 000 Empfängern steht Italien an der Spitze der Liste. Es folgen Kanada mit 23 000, Griechenland mit 15 OOü, die Philippinen mit 13 000
und Mexiko mit 10 000 Empfängern vor der Bundesrepublik Deutschland, Großbritannien, Spanien, Jugoslawien, Japan, Portugal, Schweden, Norwegen,
Irland und Frankreich.
(Quelle: Eigenberichte)

+ ++++
- 14 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIX - 6/9/10

August/September/Oktober 1966

INHALTSVERZEICHNIS
Beiträge zur Diskussion um die Lohn- und Preisstabilität:
Der Wirtschaftsbeirat des US-Präsidenten - ein Organ
zur informellen Lenkung der Konjunktur

Seite

2

Grundlagen und Probleme der Richtwertpolitik

Seite

4

Arbeitskurznachrichten

Seite 13

Beiträge zur Diskussion um die Lohn- und Preisstabilität
In allen Industriestaaten befaßt man sich gegenwärtig mit der
Frage nach den Auswirkungen des Lohn- und Preisauftriebs auf die wirtschaftliche Entwicklung.
Die Amerikaner lehnen aus ihrer freiheitlichen Tradition heraus
staatliche Eingriffe in die Wirtschaft ab. Die US-Regierung appeliert
statt dessen an Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sich bei Entscheidungen,
die Löhne und Preise berühren, von ihrer Verantwortung gegenüber der
Gesamtheit leiten zu lassen. Zur Orientierung der Sozialpartner setzt
der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten sog. Richtwerte für Lohn- und
Preiserhöhungen fest, die jedoch lediglich als Empfehlungen, nicht aber
als Anordnungen gedacht sind.
Ob die Politik der Richtwerte das geeignete Mittel zur Sicherung
der Wirtschaftsstabilität ist, darüber wird in den Vereinigten Staaten
heute heftig diskutiert. Die "Internationalen Arbeitsmitteilungen" bringen in der vorliegenden Ausgabe eine kurze Darstellung der Tätigkeit des
Wirtschaftsbeirats und einen Grundsatzartikel zur Theorie der Richtwertpolitik und in der nächsten eine Untersuchung der Zusammenhänge zwischen
Richtwerten, Löhnen und Kollektiwerhandlungen.
Die beiden letztgenannten Beiträge standen als Hauptreferate im
Mittelpunkt einer Diskussion der Richtwertpolitik, die am 27. und 28.
April 1966 in Chicago unter den Auspizien der dortigen Universität veranstaltet wurde.
- 1-

�Henry W. Martin:
Der Wirtschaftsbeirat des US-Präsidenten - ein Organ zur informellen
Lenkung der Konjunktur
Die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft kontinuierlich zu
beobachten und durch geeignete Maßnahmen ein ständiges Wirtschaftswachstum frei von inflatorischem oder deflatorischem Druck sicherzustellen, lautet der Auftrag des aufgrund des Beschäftigungsgesetzes
von 1946 (Employment Act) gegründeten und dem. Präsidialamt angegliederten Wirtschaftsbeirats des amerikanischen Präsidenten. Er besteht
aus drei vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannten Wirtschaftssachverständigen und einer beschränkten Zahl von Wirtschaftswissenschaftlern, die jeweils auf kürzere Z«it für ganz bestimmte Aufgaben
nach Washington geholt werden und datm wieder an ihre Universitäten
zurückkehren.
Die Tätigkeit des Wirtschaftsbeirats unterscheidet sich grundsätzlich von der der Wirtschaftsplanungsgremien anderer Staaten. Er
stellt weder einen detaillierten Plan für die Gesamtwirtschaft im Stile
der Ostblockstaaten auf, noch legt er einen Rahmenplan vor, d«*r die Verwirklichung gewisser Produktions- und Investitionaziele durch die Privatwirtschaft vorsieht, wie dies in Frankreich der Fall ist. Dennoch
spielt er eine entscheidende R/»lle in d*»r Vorausplanung ds-r Wirtschaftstätigkeit in den USA. Das mag wie ein Paradoxon erscheinet., aber Amerika
ist ein Land, in dem die Wirtschaftsplanung Sache der privaten Wirtschaft ist.
Der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten schlägt der Regierung eine
Wirtschafts-, Steuer- und Ausgabenpolitik vor, die gMigaat scheint,
das Wachstum der Gesamtwirtschaft bei gleichzeitiger Rücksichtnahme
auf die jeweiligen sozialen Erfordernisse zu gewährleisten, und erstellt laufend möglichst genaue Analysen der derzeitigen und künftigen
Wirtschaftsentwicklung, die der Regierung und der privaten Wirtschaft
alS Planungsgrundlage für die Zukunft dienen können.
Der Wandel der amerikanischen Wirtschaftspolitik zu Beginn der sechziger Jahre, den man vielfach als echte Revolution des wirtschaftlichen
Denkens bezeichnet hat, ist nicht zuletzt ein Verdienst des Wirtschaftsbeirats. Die "neue WlrtschaftslehreM befürwortet vor allem eine flexiblere Steuer-.und Haushaltspolitik der Regierung als Mittel zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums. Eine solche Wirtschaftspolitik erstrebt
nicht lediglich ein stetiges Wirtschaftswachstum, sondern eine Wachstumsrate, die dem vollen Potential des Landes entspricht.
Der Wirtschaftsbeirat stand schon häufig im Mittelpunkt tiefschürfender Debatten über die amerikanische Wirtschaftspolitik. Die von ihm
aufgestellten "Richtwerte" für Lohn- und Preiserhöhungen wurden vielfach sowohl von den Gewerkschaften als auch von den Unternehmern heftig
angegriffen, obgleich ihre Befolgung ohnehin in das Ermessen der Wirtschaftspartner gestellt ist. Daß die Richtwerte wesentlich zur Aufrecht-

�Aufrechterhaltung der Freisstabilität in einer Zeit zügiger Wirtschaftsexpansion beigetragen haben, wird aber kaum je bestritten.
Bei der Analysierung des Wirtschaftsablaufs stützt sich der Beirat
vor allem auf das statistische Material, das ihm das Statistische Bundesamt (Bureau of the Census) und das US-Amt für Arbeitsstatistik (Bureau of
Labor Statistics) im US-Arbeitsministerium zur Verfügung stellen.
Im Januar jeden Jahres veröffentlicht der Wirtschaftsbeirat im Rahmen des Wirtschaftsberichts des Präsidenten an den US-Kongreß einen
Rückblick auf die Entwicklung det US-Wirtschaft im vorausgegangenen Jahr
und Empfehlungen für den wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung während der folgenden zwölf Monate. Dieser umfassende Bericht über die Wirtschaftslage der Vereinigten Staaten wird nicht nur von Regierungsstellen,
sondern darüber hinaus auch von der Wirtschaft und den Gewerkschaften
stärkstens beachtet. In Kreisen der Wirtschaftswissenschaft des In- und
Auslands weiß man den.Bericht gleichfalls als eine wohlfundierte und dokumentarisch belegte Analyse des Wirtschaftsgeschehens in den USA sehr zu
schätzen.
Der Einfluß des Beirats auf das Wirtschaftsgeschehen und die gesellschaftliche Entwicklung hängt weitgehend vom Können und Ansehen seiner
Mitglieder ab, da er kein Wirtschaftsprogramm im eigentlichen Sinne aufstellt und auch keinerlei Weisungsbefugnisse hat. Es steht dem Präsidenten, dem Kongreß, und der amerikanischen Wirtschaft vollkommen frei, wie
weit sie den Empfehlungen des Wirtschaftsbeirats folgen wollen. Daß sie
seinen Empfehlungen häufig folgen, ist der Tatsache zu danken, daß sich
der Rat in den 20 Jahren seines Bestehens ein sehr hohes Maß an Achtung
und Ansehen erringen konnte.

(Quelle: Eigenbericht)

+++++

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�Arthur M. Ross, Leiter des US-Bundesamtes für
Arbeitsstatistik:
Grundlagen und Probleme der Richtwertpolitik
Die restriktive Lohn- und Preispolitik in Westeuropa und in den Vereinigten Staaten wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten häufig scharf
kritisiert. Sie wurde als eine Weigerung interpretiert, notwendige Entscheidungen zu treffen, als Ausdruck des Wunsches auch, sich das Beste
aus zwei verschiedenen Welten zu eigen zu machen. Eine solche rein moralische Betrachtungsweise 'ist jedoch sicher nicht in jedem Falle die geeignete Richtschnur für die Wirtschaftspolitik. Die beharrliche Fortsetzung restriktiver Bestrebungen angesichts ihrer allgemeinen Ablehnung
durch Gewerkschaften und Unternehmer und der negativen Beurteilung solcher
Eingriffe durch die Wirtschaftsexperten stützt sich auf. die These, daß es
gar nicht notwendig sei, eine Wahl zwischen übermäßiger Arbeitslosigkeit,
einer untragbaren Inflation und einer lästigen Reglementierung privater
Entscheidungen zu treffen. Es sei hier auch auf die wiederholten Versuche
seit Erscheinen des Buches "Vollbeschäftigung in einer freien Gesellschaft"
(Füll Employment in a Free Society) von Sir William Henry Beveridge vor 25.
Jahren verwiesen, die Quadratur des Kreises zu verwirklichen, d.h. die
anscheinend unvereinbaren Zielsetzungen der Vollbeschäftigung, Preisstabilität und wirtschaftlichen Freiheit miteinander in Einklang zu bringen.
Kritische Variable
Das Fehlen klarer Begriffsbestimmungen im theoretischen Bereich und
die Ungewißheit des Ausgangs jedes unternehmerischen Wagnisses in der
Praxis, sind bekannt, aber man sollte sie nicht ausschließlich den Unternehmern zur Last legen. Bei der Untersuchung der Frage der Zweckmäßigkeit
staatlicher Eingriffe in die Lohn- und Preisentwicklung darf man diese
Tatsachen nicht unberücksichtigt lassen.
Das Beschäftigungsziel. Was ist Vollbeschäftigung und was Preisstabilität, die man miteinander in Einklang bringen möchte?
Die klassische Definition von Sir William Beveridge besagt, Vollbeschäftigung sei in einem Land dann gegeben, wenn die Zahl der offenen
Stellen der Zahl der Arbeitslosen gleichkommt oder sie übertrifft. Das ist
eine allzu große Vereinfachung, da Art und Charakter der offenen Stellen
und Arbeitslosen ausgeklammert werden. Zehn offene Stellen für Bauarbeiter
lassen sich nicht mit zehn arbeitslosen Frauen mittleren Alters gleichsetzen. Allerdings haben Untersuchungen der Relation zwischen Stellenangebot und Stellennachfrage in den Vereinigten Staaten gezeigt, daß sich
offene Stellen und Arbeitslosigkeit in Teilbereichen des Arbeitsmarkts
auf 2 bis 2,5 Prozent des Arbeitspotentials in diesen Teilbereichen nahekommen.
Eine andere, amerikanischen Wirtschaftlern vertrautere Definition besagt, Vollbeschäftigung sei gegeben, wenn auf dem Arbeitsmarkt eine effektive Nachfrage besteht. In diesem Falle spiegelt die verbleibende Rest-

�Restarbeitslosigkeit nur die Arbeitsmobilität wider, d.h. das übliche
Maß an Stellenwechseln, jahreszeitlich bedingten Schwankungen und langfristiger Arbeitslosigkeit, die Arbeitskräfte betrifft, die wegen persönlicher Handikaps selbst bei einer Verknappung der Arbeitskräfte von
Arbeitgebern als ungeeignet zurückgewiesen werden. Fundierte Berechnungen anhand amerikanischer Statistiken zeigen, daß bei Vorliegen einer
effektiven Nachfrage eine Arbeitslosenrate von 2,5 bis 2,8 Prozent als
untere Schwelle der Vollbeschäftigung anzusehen ist.
In Wirklichkeit ist diese Definition nicht s&gt;, «ar,.g begrenzt, wie es
zunächst scheinen mag. Saisonal bedingte Schwankungen der Produktion
wirken sich zweifellos auf die effektive Nachfrage aus. Das gleiche
gilt für die Arbeitsfluktuation sowie auch die Zeit, die.notwendig ist,
um nach Aufgabe eines Arbeitsplatzes einen anderen zu finden. Es gibt
keine exakte Trennungslinie zwischen anstellungsfähig und nicht anstellungsfähig; Anstellungsfähigkeit und schließliche Einstellung eines Bewerbers werden vielmehr weitgehend von den Alternativen bestimmt, die
ein potentieller Arbeitgeber im fraglichen Augenblick zu haben glaubt.
Darüber hinaus hängt die "nicht zu beseitigende Restarbeitslosigkeit1*
auch von dem Ausmaß der staatlichen Hilfe und der Eingriffe in den
Arbeitsmarkt ab. Während des zweiten. Weltkrieges fiel beispielsweise die
Arbeitslosenrate auf 1 Prozent, eine Folge der Zwangskontrolle bei Neueinstellungen und Entlassungen. Deutschland und Schweden, die außerordentlich hochentwickelte Institutionen zur Arbeitsmarktlenkung besitzen, wiesen lange Jahre hindurch eine Arbeitslosenrate von weniger als 2 Prozent
auf, und dennoch trat keine übermäßige Erhöhung der Lohnkosten ein.
Eine dritte Definition des Begriffs Vollbeschäftigung ist vom Praktischen her für die Vereinigten Staaten wohl die wichtigste: nach ihr
ist die Vollbeschäftigung dann erreicht, wenn zunehmende inflationistische Tendenzen fiskalische und monetäre Eingriffe erforderlich machen,
um die Konjunktur zu dämpfen. Die Regierung Eisenhower sah 1957, als die
Arbeitslosenrate auf etwa 4 Prozent zurückging,eine Überhitzung der Konjunktur als gegeben an. Dies betrachtet man heute ganz allgemein als. eine
Fehleinschätzung; dennoch erklärten konservative Wirtschaftsexperten im
Februar 1966, die Gefahr einer Inflation wäre zu groß, wenn die Arbeitslosigkeit längere Zeit unter dem Stand von 4 Prozent bleibe, den sie gerade
mit 3,7 Prozent unterschritten hatte. Die "praktische Grenze" spielt in
den Vorstellungen des Wirtschaftsbeirats des Präsidenten von.einem "Interimsziel" eine gewisse Rolle, das im Wirtschaftsbericht 1966 des Präsidenten
mit etwa 3,5 Prozent aufgenommen wurde.
Das Preisniveau. Es fehlt ferner eine objektive Definition des Begriffs Preisstabilität; statt ihrer begegnet man einer ganzen Reihe politisch bestimmter Vorstellungen von dem,was als Preisstabilität zu gelten
habe. Natürlich gibt es konservative Kreise, die die Preisstabilität wörtlich ausgelegt wissen wollen, und vielleicht sogar einige Romantiker, die
da glauben, die Früchte des wirtschaftlichen Fortschritts sollten in Gestalt niedrigerer Preise bei stabilen Einkommen weitergegeben werden. Doch
erst dann, wenn man offen oder stillschweigend Modifikationen vornimmt,
wird eine vernünftige, wesentliche oder völlige Preisstabilität zum

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�zum erklärten Ziel. Im Verlauf der Debatte über die "schleichende Inflation" der fünfziger Jahre sahen Sumner Slichter und ihm gleichgesinnte
Wirtschaftsexperten einen Freisanstieg von 2 oder 3 Prozent im Jahr als
vertretbar an. Nach einer allgemeinen Daumenregel gelten heute 2 Prozent
als annehmbar, 3 Prozent jedoch als nicht akzeptabel.In Wirklichkeit aber
läßt sich ein prozentualer Preisanstieg nur dann wirklich beurteilen,
wenn man zwei weitere Faktoren berücksichtigt: Ob die Preise schneller
oder langsamer als in anderen Ländern steigen,und ob Verbraucher und Wirtschaft mit einer Beschleunigung oder Verlangsamung der Preisbewegung rechnen. Ersteres ist wichtig unter dem Aspekt der internationalen Zahlungsbilanz, letzteres im Hinblick auf das künftige spekulative Marktverhalten.
Hieraus folgt, daß eine gültige Entscheidung darüber, ob eine Preisanstiegsrate annehmbar ist oder nicht, von der Lage des jeweiligen Landes zu einem
gegebenen Zeitpunkt abhängt.
Relation zwischen Beschäftigung und Preisniveau. Daß eine zunehmende
Wirtschaftstätigkeit preissteigernd wirkt, auch wenn Arbeitspotential und
Produktionskapazität nicht voll ausgeschöpft sind, wird allgemein als
sicher angenommen. Es ist aber schwierig, sich ein klares Bild von der
Relation zwischen beiden zu machen. A.W. Phillips*' kam einmal in einem
Artikel zu dem Schluß: "Ließe sich die gesamte Nachfrage auf genau der Höhe
halten, die ein stabiles.Preisniveau zu gewährleisten vermag, dann würde
die Arbeitslosenrate knapp unter 2,5 Prozent liegen ... und ließe sich die
Nachfrage auf einer Höhe halten, die stabile Löhne gewährleistet, dann
würde die Arbeitslosenrate etwa 5,5 Prozent betragen." Obwohl Phillips
einen Produktivitätszuwachs von lediglich 2 Prozent pro Jahr zugrunde
legte, liegen seine Schätzwerte erheblich unter dem, was für heutige Verhältnisse gilt. In der berühmt gewordenen Schrift "Studie Nr. 1" (Study
Paper No. 1) gelangte Charles L. Schultze \ zu dem Ergebnis: "Eine 4prozentige Arbeitslosenrate ... hatte während der Nachkriegszeit.jährliche
Lohnsteigerungen von rund 5 Prozent zur Folge ... Diese enge Beziehung
zwischen Löhnen und Arbeitslosigkeit hört jedoch auf, sobald die Arbeitslosigkeit, unter einen Satz von 5 Prozent fällt." Samuelson und Solow^'
ordneten einer Arbeitslosigkeit von 3 Prozent Preiserhöhungen von 4 bis 5
Prozent zu. Fast die Hälfte aller Kandidaten der Volkswirtschaftslehre .
in jüngerer Zeit hat sich mit dem Problem der sog. Phillipsschen Kurven
auseinandergesetzt, es selbst aber ist nach wie vor ungelöst.
KostenA.W. Phillips: "The Relation Between Unemployment and the Rate of Change
of Money Wage Rates in the United Kingdom, 1861-1957" (Die Relation zwischen der Arbeitslosigkeit und den Veränderungen der.Geldlöhne in Großbritannien von 1861-1957), Economica, November 1958, S. 299
Charles L. Schultze (seit 1965 Leiter des Amtes für Haushaltplanung im
US-Präsidialamt): "Recent Inflation in the United States" (Die jüngste
Inflation in den Vereinigten Staaten), Joint Economic Committee (Gemeinsamer Wirtschaftsausschuß des Kongresses), 1959, S. 61-62
Paul A. Samuelson und Robert M. Solow: "Analytical Aspects of Anti-Inflation Policy" (Analytische Aspekte der Maßnahmen zur Bekämpfung der Inflation), Jahrestagung 1959 der American Economic Association

�Kostenauftrieb und inflatorische Tendenzen. Nach der traditionellen
Mengentheorie wird das Freisniveau vom Geldumlauf bestimmt. Keynes' Lehre
postuliert einen Nachfragedruck, wenngleich mehr von den Gesamtausgaben
als vom Geldumlauf her. Bedingt durch die inflationistischen Tendenzen in
den Vereinigten Staaten während der Jahre von 1955 bis 1957, als die Preise
ohne erkennbare Anzeichen eines Nachfrageüberhangs beträchtlich anzogen,
wurde die Theorie vom Kostendruck etwa um 1960 salonfähig und gewann immer
größeren Einfluß. A.P.. Lerner*' stellte die These von der "Verkäuferinflation" auf, die sich aus.einem breiteren Spektrum mangelnder Marktflexibilität ergibt: "Wir haben es mit einer Situation zu tun, in der die Preise
trotz mangelnder Nachfrage nicht nur nicht fallen, sondern steigen, solange die Nachfrage groß genug ist, um eine befriedigende Gesamtbeschäftigung zu gewährleisten. Die Preise sind somit nur dann stabil, wenn
eine größere Arbeitslosigkeit gegeben ist. Wird ein gewisser Grad der Depression nicht erreicht, steigen die Löhne und Preise während einer Verkäuferinflation, wobei Arbeiter und Gewerkschaften die Schuld an den Lohnerhöhungen auf den Preisanstieg, und die Unternehmer die Schuld an Preiserhöhungen auf die Lohnsteigerungen schieben." Die vielleicht plausibelste
Erklärung findet sich in einer Studie unter dem Titel "Das Problem steigender Preise" (The Problem of Rising Prices), die William Fellner und
Mitarbeiter5'.für die OEEC erstellten. Darin heißt es: "Wo Kollektiwerhandlungen zu größeren Lohnerhöhungen führen, als die Kräfte von Angebot
und Nachfrage allein sie ausgelöst hätten, und die Lohnerhöhungen den
Zuwachs der Arbeitsproduktivität der Gesamtwirtschaft übersteigen, sind
sie als ein selbständiger Faktor anzusehen, der preiserhöhend wirkt."
Die Verfasser kommen zu folgenden Schlüssen: die Nachkriegsinflation.in
Frankreich sei vornehmlich durch den Nachfrageüberhang bewirkt worden;
die Lohnerhöhungen in Belgien, Deutschland, Italien, Österreich und der
Schweiz hielten sich in den Grenzen des Produktivitätszuwachses; und die
"übermäßigen Lohnerhöhungen seien eine selbständige treibende inflatorische Kraft" in Norwegen, Schweden, Dänemark, Großbritannien und in den
Vereinigten Staaten, vor allem aber.in den drei letztgenannten Ländern^).
Es liegen eindrucksvolle Beweise vor, die die Konzeption von einer
kostengetriebenen Inflation zu bestätigen scheinen, wenngleich manche
Wirtschaftswissenschaftler, wie beispielsweise Prof. Milton Friedman,
ihre Gültigkeit nach wie vor bestreiten. Demnach besteht noch immer große
Ungewißheit in diesem Punkt.
Es gibt keine empirische Testmethode, um festzustellen, inwieweit der
Kostenauftrieb bei Auftreten inflatorischer Tendenzen der dominierende Faktor ist.Wie Samuelson und Solow unterstreichen, beweist die Tatsache, daß
die Geldlöhne rascher als die Produktivität steigen, so gut wie nichts,
steigen sie doch auch bei einer ausschließlich nachfragebedingten Inflation.
Daß
A.P. Lerner: "On Generalizing the General Theory" (Über die Verallgemeinerung der allgemeinen Wirtschaftstheorie), American Economic Review,
März 1960, S. 135
Fellner et al.: "The Problem of Rising Prices" (Das Problem steigender
Preise), Paris, OEEC, 1961, S. 45
Ebenda, S. 46
- 7-

�Daß die Ausgaben rascher steigen als die Produktion, liegt im Wesen jeder
Inflation. Die zeitliche Folge von Lohn- und Preisänderungen ist kein
Kriterium, da es keine Null-Zeit gibt, von der an man rechnen kann7'.
Es ist daher schwer, die näheren Umstände zu definieren, unter denen
Lohn- und Preisbeschränkungen als Gegenstück zur Regulierung der effektiven Nachfrage zur entscheidenden Variablen der Wirtschaftspolitik werden.
Ein Kostendruck entsteht erst dann, wenn ein sehr hoher Grad der Ausschöpfung des Arbeitspotentials und der industriellen Kapazitäten erreicht
wird. Schrumpfen die Reserven noch weiter, dann wird der nac.hfragebedingte
Druck verzerrend wirken, und der Kostenauftrieb mündet in einen kumulativen Prozeß ein, der zum circulus vitiosus wird. Ein« Wirtschaftspolitik,
die auf der Festsetzung von Richtwerten beruht, ist bis zu einem gewissen
Punkt fehl am Platze und wird wirkungslos» wenn die Entwicklung noch einen
Schritt weiter geht. Das Spektrum der Anwendbarkeit von Richtwerten variiert von Land zu Land und in jedem Land wiederum von Zeit zu Zeit. Es ist
daher kein Wunder, daß solche Richtwerte heftig umstritten sind, und es
ist genauso wenig verwunderlich, daß die Meinungen über die Wirksamkeit
einer Politik der Lohn- und Preisbeschränkungen weit auseinander gehen.
Was die Geschichte lehrt
Hauptzweck von Lohn- und Preisrestriktionen ist es, der Erhöhung des
Lohnanteils an den Stückkosten und den Preisen Grenzen zu setzen. Es ist
jedoch sehr schwierig, eine klare Beziehung zwischen der Lohn- und Preispolitik einerseits und dem Grad der Kosten- und Preisstabilität andererseits festzustellen. Auch scheint die Existenz besonderer Gremien aus
Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite - eventuell auch des
Staates - das Ergebnis in keiner bestimmten Richtung zu beeinflussen. Notstandsmaßnahmen mit ZwangsCharakter, wie beispielsweise der Preisstopp der
letzten Jahre in Frankreich, schlagen sich wohl in der Statistik nieder;
die Auswirkungen nichtmandatorischer Maßnahmen im Stile der Richtwertpolitik lassen sich aber nicht isolieren. Unter den europäischen Ländern
haben zum Beispiel Großbritannien und die Niederlande ein sehr gründlich
ausgebildetes System zur Einkommenslenkung. Sie haben aber auch, sieht
man von Frankreich ab, den höchsten Arbeitskostenindex (auf der Basis von
1953) und gehören zu den Ländern mit den höchsten Verbraucherpreisindizes.
Italien, Deutschland und Japan waren in der Zeit vor 1960 die Länder
mit den konstantesten Arbeitskosten und Großhandelspreisen. In keinem dieser Länder gab es damals eine echte Einkommenspolitik, auch wenn beispielsweise die deutsche Regierung in jüngerer Zeit mehrere wirkungslos gebliebene diesbezügliche Verlautbarungen herausgegeben hat.
Die Schwierigkeit der Interpretation entsprechender Statistiken beweißt jedoch nicht die Wirkungslosigkeit der Einkommenspolitik. Als eine
Erklärung bietet sich an, daß deren Auswirkungen von anderen Einflüssen
auf Kosten und Preise überschattet oder aufgehoben werden. Zu diesen Einflüssen zählen:
Arbeitslosigkeit.
Samuelson and Solow, op. cit., S. 177-194

- 8 -

�Arbeitslosigkeit. Seit 1958 erfreuen sich die Vereinigten Staaten
einer Stabilität der Arbeitskosten, wie kein anderes Land. Vergleiche
sind natürlich wegen der in den USA bis in das Jahr 1965 hinein bestehenden relativ hohen Arbeitslosigkeit sehr schwierig. Hinzu kommt, daß
die Relation zwischen Einkommenspolitik und Kosten- und Preisstabilität
auch in Ländern mit vergleichbarer Arbeitslosigkeitsrate unklar ist.
Schweden und Japan haben (bei Angleichung an amerikanische Definitionen
und Verhältnisse) eine Arbeitslosenrate von 1 bis 2 Prozent. In Schweden
ist viel von Einkommenspolitik die Rede, dennoch sind die Kosten und
Preise in Japan niedriger.
Produktivitätszuwachs. Vergleichende internationale Produktivitätsstatistiken gibt es nicht. Bekannt ist aber, daß der prozentuale Anstieg
der Arbeitsproduktivität in Italien, Deutschland und Japan in der Nachkriegszeit besonders hoch war, nicht zuletzt deshalb, weil diese Länder
nach ihrer militärischen Niederlage im zweiten Weltkrieg von einem ganz
niedrigen Stand aus neu beginnen mußten. Die Indexziffern der Stundenlöhne und des Realeinkommens gehören - aus dem gleichen Grund - gleichfalls zu den höchsten. Es ist daher kein Zufall, daß sich in diesen Ländern während der ersten 15 Nachkriegsjähre eine niedrige Arbeitslosenrate
mit verhältnismäßig hoher Lohn- und Preisstabilität verbinden ließ.
Wachsendes Arbeitspotential. Die Zunahme des Arbeitspotentials ist
ein weiterer Faktor, der die Kosten» und Preisstabilität in einem Zeitalter der raschen wirtschaftlichen Expansion beeinflußt. In dieser Hinsicht kam Deutschland die große Geburtenhäufigkeit während der dreißiger
Jahre und die Umsiedlung der Sudetendeutschen, die Eingliederung der Ostflüchtlinge und der Zustrom von Aroeitskräften aus Griechenland, Italien,
Spanien und anderen Ländern zustatter. Frankreich hatte im Gegensatz hierzu als Folge der niedrigen Geburtenziffern der Vy&amp;ki. i^szeit, Schwierigkeiten mit der Ausweitung des Arbeitspotentials.
Unterschiedliche Zielsetzungen. Die Kosten- und Preisstabilität ist
nicht das alleinige Ziel der mit der Lohngestaltung befaßten Institutionen
noch die einzige Basis, von der aus letztere zu beurteilen sind. Die vielfach erörterten Kollektiwerhandlungssysteme in Dänemark, Norwegen und
Schweden werden meist in Relation zur Einkommenspolitik betrachtet. Tatsache ist jedoch, daß im Anschluß an den Wiederaufbau in der ersten Nachkriegszeit (als man sich z.B. in England mit beträchtlichem Ertalg der
Politik der Austerity bediente) die skandinavischen Systeme auf der Erhaltung des Arbeitsfriedens durch zentral gelenkte Verhandlungen zwischen
autorisierten Gewerkschaften und Unternehmen beruhten. Natürlich sind auch
gewisse Elemente einer Einkommenspolitik festzustellen. So wird beispielsweise behauptet, Dänemark nehme bewußt eine Inflation hin, soweit sie sich
in den Grenzen der Geldentwertung bei seinen Handelspartnern hält, und in
Schweden beginnen die Voraussagen bezüglich der Lohnentwicklung bei Arbeitgeber-Arbeitnehmerverhandlungen eine Rolle zu spielen. Dennoch sind die
skandinavischen Systeme vornehmlich auf die Erhaltung des Arbeitsfriedens
ausgerichtet.
Loh'n-

- 9 -

�Lohn- und Preisrestriktionen sind nur im Rahmen einer übergeordneten
Wirtschaftspolitik sinnvoll. Sie sind lediglich e i n
Aspekt verstärkter
staatlicher Eingriffe in allen hochentwickelten Industriestaaten mit dem
Ziel, die Vollbeschäftigung und das Wirtschaftswachstum zu sichern. Wenn
auch die Besorgnis bezüglich inflatorischer Entwicklungen von Land zu Land
schwankt, steht außer Zweifel, daß kein Land auf die Dauer eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik betreiben kann, ohne sich fortgesetzt um
Kosten und Preise zu kümmern. Obwohl es bisher nicht gelang, Vollbeschäftigung, Preisstabilität und wirtschaftliche Freiheit voll miteinander in
Einklang zu bringen, bedeutet dies nicht, daß man die diesbezüglichen
Bestrebungen aufgeben kann oder wird.
Daß man sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten beunruhigt und
die Lohn- und Preisrichtwerte meistenteils umstritten sind, sagt nichts
gegen die Männer, die sie aufstellen und auf ihre Einhaltung dringen.
Diese Tatsache bezeugt nur, daß sie in einem Grenzbereich der Wirtschaftspolitik tätig sind. Die Lage ist in fast allen Ländern ähnlich unbefriedigend, in manchen sogar noch unbefriedigender - was im Grunde genommen
beruhigend ist.
Kardinalfragen
Trotz mehrjähriger Erfahrungen sind wir in der Frage der Lohn- und
Preisrichtwerte nicht über das Versuchsstadium hinaus gelangt. Jedes Land
sieht sich vor die Aufgabe gestellt, eine Lösung für seine spezifischen
Probleme zu finden, ausgehend von seinen Institutionen seiner eigenen
Geschichte und seinen Vorstellungen. Ich möchte am Schluß dieser Abhandlung einige der Kardinalfragen aufführen, die es in den Vereinigten Staaten zu lösen gilt.
Was ist eine Lohn- und Preispolitik, eine Politik der Richtwerte oder
Richtsätze oder eine Einkommenspolitik überhaupt? Wir befinden uns noch in
der Phase, in der es zunächst einmal notwendig ist, klare Konzeptionen und
Definitionen zu entwickeln. Soweit vergleichende Übersichten über die Einkommenspolitik in den einzelnen Ländern bestehen, sind der Kreis der einbezogenen Staaten und die von ihnen getroffenen Maßnahmen zur Einkommenssicherung jeweils verschieden. Hier ist, wie ich vorausschicken darf, nicht
die Rede von der Zwangsregulierung von Löhnen, Preisen etc. mit Hilfe eines
gewaltigen Verwaltungs- und Vollzugsapparats, wie wir sie beispielsweise
während des zweiten Weltkriegs in den Vereinigten Staaten kannten; und es
ist ferner nicht die Rede von einem befristeten absoluten Einfrieren von
Preisen und Löhnen in Zeiten eines militärischen oder wirtschaftli-.nen
Notstandes, wie er bei uns 1951 oder in Frankreich 1963 vorlag. Hier geht
es lediglich um informelle und nicht um formelle regulierende Maßnahmen,
um langfristige und nicht um kurzfristige Bemühungen. Andererseits muß
sich die Richtwertpolitik nicht notwendigerweise auf die Löhne und Stückkosten beschränken, und der Trend der Arbeitsproduktivität braucht nicht
zwangsläufig das einzige oder auch nur hauptsächliche Kriterium einer
solchen Politik zu sein.
Läßt

- 10

�Läßt sich - von Kriegszeiten abgesehen - bei Vorliegen eines nationalen Notstands ein größeres Verständnis seitens der Öffentlichkeit für
erforderlich werdende Einschränkungen der Handlungsfreiheit des einzelnen
erreichen? Das Verständnis für wirtschaftliche Notwendigkeiten war in den
Vereinigten Staaten generell nie sehr groß, wenngleich sich hier in den
letzten zehn Jahren ein Wandel vollzog. Ich glaube, daß die Diskussion um
die Richtwerte das Verständnis für wirtschaftliche Relationen verbreiten
half und einen gewissen Einfluß auf Lohn- und Freisentscheidungen selbst
in jenen Fällen hatte, in denen kein besonderer Druck seitens des Staates
ausgeübt wurde. Einsichtsvolle Unternehmer und Gewerkschaftsführer sind
sich darüber im klaren, daß selbst bei einer plötzlichen Beendigung des
Krieges in Vietnam das letzte Wort in der Frage der Lohn- und Freisrestriktionen noch nicht gesprochen ist. Von einem Konsensus aber über das, was
die bestgeeignete Politik wäre, sind wir noch weit entfernt.
Wie kann man die führenden Männer der Industrie, der Gewerkschaften
und anderer Interessengruppen an der Formulierung der Wirtschaftspolitik
beteiligen, ohne entscheidende Zielsetzungen dieser Politik preiszugeben?
Es ist gewiß unwahrscheinlich, daß sich Unternehmer und Gewerkschaften
wirksame Lohn- und Freisrestriktionen von dritter Seite auferlegen lassen,
solange kein echter nationaler Notstand vorliegt. Soll die Politik unter
Konsultation der hauptsächlichen Interessengruppen festgelegt werden, bedarf es eines leistungsfähigen Beratungsmechanismus, der einen Konsensus
zustande zu bringen vermag; es besteht jedoch stets die Gefahr, daß ein
solcher Konsensus auf Kosten der eigentlichen Zielsetzungen erreicht wird.
Wie können die Richtwerte im größeren Bereich der Gesamtwirtschaft
ohne formelle und Zwangskontrollen wirksamer durchgesetzt werden? Druck
wurde bisher vor allem auf gewerkschaftliche Dachverbände und Großunternehmen der metallschaffenden Industrie und im Zusammenhang mit der Neuregelung der Löhne und Gehälter staatlicher Bediensteter ausgeübt. Es
bleibt ferner zu fragen, ob sich eine wirksame Befolgung der Richtwerte
in anderen Bereichen vielleicht durch Industriebeiräte oder zentrale Institutionen für Kollektiv-Verhandlungen, durch besondere Schlichtungsstellen oder durch die Hinzuziehung von Berufs- und Fachverbänden oder
auch auf irgendeine andere Axt und Weise erzielen läßt.
Lohnhöhe und Lohnstruktur
Ist ein streng reguliertes Lohnniveau mit einer flexiblen Lohnstruktur vereinbar, die auf die spezifischen Erfordernisse und Verhältnisse der
einzelnen Industriezweige, Betriebe, Berufe und Beschäftigungszweige zugeschnitten sein sollte?
Ist es möglich, den Zwiespalt zwischen langfristigen wirtschaftlichen
Relationen einerseits und kurzfristigen Lohn- und Preisentscheidungen andererseits besser zu überbrücken? Läßt sich eine Lohnpolitik formulieren,
die auch andere Elemente als lediglich die Entwicklungstendenz der Arbeitsproduktivität berücksichtigt und dennoch weder zu starr ist, um sich praktisch verwirklichen zu lassen, noch zu vage, um wirksam zu werden? Ebenso

- 11 -

�Ebenso erhebt sich die Frage: Kann man Normen für Preisentscheidungen
aufstellen, die enger an der Preistheorie und -politik orientiert sind
als die derzeitigen Richtwerte, ohne dabei nach dem Grundsatz zu verfahren, Recht ist, was nützt?
Wenn die durchschnittlichen Lohnerhöhungen auf den Produktivitätszuwachs beschränkt werden und die Verbraucherpreise dennoch weiter steigen, wie will man dann dem Arbeiter höhere Reallöhne verschaffen, auf
die er nach der Theorie der Richtwerte einen festen Anspruch hat? Selbst
wenn man einen Anstieg der Durchschnittslöhne verhindert, ist noch keine
Garantie gegeben, daß die Verbraucherpreise stabil bleiben. Der Realstundenlohn hat seit 1959 nur in einem einzigen Jahr um 3,2 Prozent oder
mehr zugenommen. Das war im Haushaltjahr 1963/64, und es besteht Grund
zur Annahme, daß die Statistiken für jenen Zeitraum zutreffen. Im HaushalLJahr 1964/65 stiegen die RealStundenlöhne nur um 2,1 Prozent, und im
Jahr 1965/66 dürfte die Zunahme unter 2 Prozent liegen.
Erfahrungsgemäß nehmen die Reallöhne in Perioden der Wirtschaftsblüte
weniger stark zu als die Produktivität, in Perioden rückläufiger Wirtschaftstätigkeit jedoch mehr. In Zeiten der Blüte verstärken sich die Gewinntendenzen, in Zeiten der Rezession dagegen begnügt sich die Wirtschaft mit geringeren Spannen. Gelingt es uns, Rezessionen zu vermeiden - und das ist das
Hauptziel der "neuen Wirtschaftslehre" (New Economics) -, wann sollen dann
die Reallöhne aufholen? Würde man aber die Richtwerte unter den gegenwärtigen Verhältnissen mit einer am Lebenshaltungskostenindex orientierten
Gleitklausel verknüpfen, so erhielte nicht nur die Lohn-Preisspirale neuen
Auftrieb, man erhielte damit auch Sätze, wie sie bestenfalls die mächtigsten unter den Gewerkschaften gegenüber den Unternehmern durchsetzen könnten. Richtwerte in der Größenordnung von 6 Prozent und darüber wären aber
kaum ein geeignetes Instrument zur Stabilisierung einer modernen Wirtschaft.
Gewerkschaften und Arbeitnehmer sind verstand 1icherweise nicht begeistert
von der Tatsache, daß die Löhne fortgesetzt hinterherhinken, während sich
der Gewinndruck verstärkt. Bedeutet dies, daß man eine vollständige und
absolute Stabilität der Verbraucherpreise erzwingen sollte? Gibt es überhaupt einen richtigen Ort und Zeitpunkt, wo die Reallöhne den Anschluß an
die Produktivität unter Vermeidung einer Rezession schaffen können?
Vielleicht ist dieses ganze Problem unlösbar, solange die Lohn- und die
Preispolitik so eng an ein einziges Kriterium geknüpft sind: den Produktivitätszuwachs. Es kann sein, daß die Begriffe Lohn- und Preisbeschränkungen
von Zeit zu Zeit auf der Basis eingehender Studien der Gesamtwirtschaftslage neu definiert werden müssen. Solche Untersuchungen könnten dar'.ber
hinaus zum Anlaß für eingehende Konsultationen zwischen führenden Vertretern des Staates, der Wirtschaft, und der Arbeitnehmer werden.

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 89, Nr. 6, Juni 1966)

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�Arbeltskurznachrichten
Gesetzlicher Mindestlohn in den USA auf 1,60 Dollar erhöht
Die amerikanischen Mindeststundenlöhne wurden kürzlich durch das
neue Mindestlohngesetz um 35 Cent auf 1,60 Dollar angehoben, und der
Anwendungsbereich der Mindestlohngesetzgebung wurde auf weitere acht
Millionen Arbeitskräfte ausgedehnt. Neu in den begünstigten Personenkreis einbezogen wurden verschiedene Gruppen von Farmarbeitern, Mitarbeitern des Einzelhandels, des Hotel- und Gaststättengewerbes und
der Wäschereien sowie Bauarbeiter, und Schul- und Krankenhausbedienstete.
Die Gesamtzahl der von dem neuen Gesetz erfaßten Arbeitnehmer
beträgt nunmehr rund 38 Millionen, von denen natürlich die allermeisten
schon seit langem mehr verdienen als den gesetzlichen Mindestlohn, lag
doch der durchschnittliche Fabrikarbeiter-Wochenlohn im August 1966 bei
98 Dollar, was bei 40 Wochenstunden einem Schnitt von 2,65 Dollar gleichkommt .
Im einzelnen bestimmt das Gesetz, daß der Mindestlohn für die bisher erfaßten 29,6 Millionen Arbeitnehmer am 1. Februar 1967 von 1,25
Dollar auf 1,40 und am 1. Februar 1968 auf 1,60 Dollar erhöht wird. Für
die neu einbezogenen nicht-landwirtschaftlichen Arbeitskräfte beträgt
der Mindestlohn ab Februar nächsten Jahres zunächst 1 Dollar; er wird
dann stufenweise bis 1. Februar 1971 jährlich jeweils um 15 Cent auf
ebenfalls 1,60 Dollar angehoben werden. Hinsichtlich der neu hinzugekommenen Farmarbeiter bestimmt das Gesetz, daß ihnen ab 1. Februar
nächsten Jahres ein Mindestlohn von 1 Dollar zu zahlen ist, der sich
am 1. Februar 1968 und 1969 um je 15 Cent auf 1,30 Dollar erhöht.
Präsident Johnson erinnerte anläßlich der feierlichen Unterzeichnung des Gesetzes am 23. September 1966 im Kabinettssaal des Weißen
Hauses, bei der u.a. Arbeitsminister W. Willard Wirtz und der Vorsitzende des Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO, George Meany, zugegen waren, an
das erste amerikanische Mindestlohngesetz von 1938, zu dessen Befürwortern auch er, der damals neu gewählte Abgeordnete aus Texas, gehörte.
Dieses Gesetz verfügte für 14 Millionen Arbeitnehmer eine untere Lohngrenze von 25 Cent pro Stunde. Das neue Mindestlohngesetz, so sagte
der Präsident, '"wird Millionen Arbeitern nebst Frauen und Kindern ...
einen größeren Anteil an der Prosperität des Landes ... und ein größeres Maß an persönlicher Würde verschaffen".

+

- 13 -

�US-Industriearbeitereinkommen In 56 Jahren verzehnfacht
Die Industriearbeiterlöhne haben sich in 56 Jahren mehr als verzehnfacht, während die Länge der durchschnittlichen Arbeitswoche um
20 Prozent zurückging. Das geht aus dem 768 Seiten langen Bericht
"Beschäftigungs- und Einkommensstatistik der Vereinigten Staaten von
1909 bis 1965" (Employment and Earnings Statistics for the United
States, 1909-65) hervor,den das Amt für Arbeitsstatistik im US-Arbeitsmlnisterium kürzlich veröffentlichte.
Im August 1965, dem letzten erfaßten Monat, betrug der durchschnittliche Wochenlohn eines Industriearbeiters 106,45 Dollar bei einer
Arbeltszeit von 41,1 Stunden, verglichen mit 9,74 Dollar und 51 Stunden
im Jahr 1909. Im Handel beschäftigte Angestellte bezogen dagegen im
August 1965 bei 38,3 Wochenstunden nur 77,75 Dollar, während die Bauarbeiter durchschnittlich 143,15 Dollar bei 28,9 Stunden verdienten.
Nach dem Bericht gingen 1965 mehr als 60 Millionen Personen einer
nicht-landwirtschaftlichen Beschäftigung nach, mehr als doppelt so viele
wie vor einem halben Jahrhundert. Die Beschäftigung in den gütererzeugenden Zweigen der US-Wirtschaft erreichte 1965 einen neuen Rekordstand;
und die Zahl der Arbeitsplätze im Handel, im Geldwesen, im Dienstleistungsgewerbe und im öffentlichen Dienst hat sich in weniger als fünf
Jahrzehnten verdreifacht.

(Quelle: Eigenberichte)

+++++

- 14 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIX - 11/12

November/Dezember 1966
INHALTSVERZEICHNIS

Beiträge zur Diskussion um die Lohn- und Preisstabilität (Schluß)
Lohnrichtwerte, Löhne und Tarifverhandlungen

Seite

1

Die US-Gewerkschaften im Jahre 1966

Seite 9

Stahlarbeitergewerkschaft setzt Verhandlungsziele

Seite 11

Arbeitskurznachrichten

Seite 13

Beiträge zur Diskussion um die Lohn- und Preisstabilität (Schluß)

Prof. John T. Dunlop, Harvard
Lohnrichtwerte, Löhne und TarifVerhandlungen
Die "Internationalen Arbeitsmitteilungen"
schließen mit der nachstehenden Abhandlung
die im vorausgegangenen Heft begonnene Beitragsserie zum Thema der Lohn- und Preispolitik in den Vereinigten Staaten ab.
Die Zeit für eine Kursänderung in der nationalen Lohn- und Preispolitik - so wie sie von staatlichen Stellen formuliert und durchgeführt
und in der Öffentlichkeit und Publizistik verstanden wird - ist gekommen,
gibt es doch zumindest drei Gruppen von Richtwerten, die sämtliche in eine
andere Richtung weisen.
Die Lohn- und Preisrichtwerte sind nicht mehr wirksam, weder wirtschaftlich noch verwaltungsmäßig. Dieser Sachverhalt überrascht nicht,
da sich gewisse Formen der Einkommenspolitik in hochindustrialisierten
Staaten wiederholt als kurzlebig erwiesen haben. Eine Lohn-, Preis- und
Einkommenspolitik und der zu ihrer Durchführung entwickelte Verwaltungsapparat, die beide von einer von Überkapazitäten und Arbeitslosigkeit gekennzeichneten Wirtschaft ausgehen, scheinen in Zeiten der Hochkonjunktur

- 1-

�Hochkonjunktur nicht geeignet, einen hohen Beschäftigungsstand zu gewährleisten. Von der Steuer- wie auch der Außenhandelspolitik erwartet jedermann Flexibilität; warum sollte dann die Lohn- und Freispolitik und ihre
Durchführung unbeweglich sein?
Ich hoffe sehr, daß es zu einer Neuformulierung der Lohn- und Freispolitik kommt, damit sie den Erfordernissen einer Zeit der Vollbeschäftigung angepaßt wird. Das ist für die Vereinigten Staaten ein relativ
neues Problem - ein Problem, das zum Zeitpunkt der Entwicklung der Richtwertpolitik noch nicht bestand. Nach meiner Auffassung sind in einer Zeit
der Vollbeschäftigung strukturelle Veränderungen in der Regierungspolitik,
im Tarifverhandlungswesen und bezüglich der Entscheidungen der privaten
Wirtschaft die unerläßliche Voraussetzung für ein hohes Maß an Stabilität.
Die öffentliche Diskussion und der Staat sollten sich der Aufgabe zuwenden,
die erforderlichen Veränderungen zu bewirken, statt sich in endlose Debatten
über die Richtwerte als solche einzulassen.
Hauptprobleme
Nach meiner Auffassung besteht eine Lohn-, Freis- und Einkommenspolitik
nicht vornehmlich darin, jedes Jahr das Ideal oder die Utopie einer Welt
aufzuzeiger.,, in der sich Löhne und Preise so bewegen, daß das durchschnittliche Freisniveau stabil bleibt, die Löhne proportional zum Produktivitätszuwachs steigen und sich die Lohn- und Freisstruktur selbsttätig einregulieren. Dieses Ideal wird seit Jahren gepriesen und gepredigt, und es war
auch schon in der Zeit vor der Schaffung des Wirtschaftsbeirats des Präsidenten (1946) im Schwange. Jede Politik aber wird an ihrem Erfolg gemessen
und auch danach beurteilt, inwieweit sie die nötigen verwaltungsmäßigen
Voraussetzungen für die Verwirklichung ihrer Zielsetzungen in der Praxis
zu schaffen vermag.
Eine staatliche Lohn- und Preispolitik und der dazugehörige Verwaltungsapparat, die beide in einer Periode der beginnenden Wirtschaftsexpansion als
richtig und kompetent galten, brauchen nicht notwendigerweise auch in Zeiten
der Vollbeschäftigung angemessen zu sein, müssen sie doch stets auch auf
andere Zielsetzungen!) "gebührende Rücksicht" nehmen. Es sei deshalb an
diesem Punkt auf einige der Hauptprobleme verwiesen, die sich bei der Formulierung und Verwirklichung, einer auf die Erhaltung der Vollbeschäftigung
gerichteten Lohn- und Preispolitik ergeben.
1. Jede derartige Politik erfordert in einer Gesellschaft wie der unseren die Achtung und Hitwirkung der maßgeblichen Männer der Gewerkschaftsbewegung, der Wirtschaft, des Staates und der Publizistik. Um weitgehende
Zustimmung zu finden, kann eine solche Politik nur sehr allgemein gefaßt
sein. Man sollte den Wert genereller Formulierungen und Ideenabrisse nicht

Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, Arbeitsfriede, freie Lohn- und
Preisgestaltung, gleichmäßiger Zugang aller zu den Wirtschaftsgütern,
Preisstabilität, Zahlungsbilanzausgleich usw.
,

- 2 -

�nicht unterschätzen, was die Beeinflussung - die graduelle Beeinflussung der Verhaltensweisen angeht. Die Grundsatzerklärung zu einer "gesunden
Lohn- und Preispolitik", die in der ersten Jahreshälfte 1963 vom Präsidialausschuß zu Fragen der Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Politik ausgearbeitet,
aber nie in die Praxis umgesetzt wurde, ist eine Illustration dessen, was
ich meine.
Weder die führenden Männer der Wirtschaft noch die der Gewerkschaften
haben sehr viel Achtung vor der derzeitigen Richtwertpolitik, zum Teil
schon deshalb, weil sie an ihrer Formulierung nicht teilhaben. Das ist
eines der größten Handikaps dieser Politik überhaupt. In unserer Gesellschaft kommt den Interessengruppen eine wesentliche - wenngleich nicht
beherrschende - Rolle bei der Formulierung der Lohn- und Preispolitik zu,
erwartet man ihre spätere gebührende Beachtung durch sie. Jede neue oder
revidierte Lohn- und Preispolitik muß unter aktiver Mitwirkung maßgeblicher
Wirtschafts- und Gewerkschaftsführer zustande kommen.
2. Eine Illustration der Bedeutung, die deren Mitwirkung bei der Formulierung politischer Richtlinien zukommt, bietet der Einsatz wirtschaftlicher Druckmittel wie des Streiks und der Aussperrung. Eine Lohnpolitik
hat kaum Aussicht auf Erfolg, wenn die Wirtschaftspartner keine Hemmungen
haben, sich ihr gewaltsam zu widersetzen - und das gleiche gilt auch für
die eng damit zusammenhängende Preispolitik. Die Stärke oder Schwäche
jeder Lohnpolitik zeigt sich am Verhalten der .Wirtschaftspartner im Falle
eines Streiks, der in Widerspruch zu dieser Politik durchgeführt wird.
Unter dem amerikanischen System der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen,
das durch dezentralisierte Lohnverhandlungen und ein geringes Maß an Überwachung der Mitgliederganisationen durch die Dachverbände der Sozialpartner gekennzeichnet ist, wird die Formulierung einer wirksamen Lohn- und
Preispolitik nur um so schwieriger. Andererseits scheint die Wertschätzung,
die eine solche Kontrolle der Mitgliedschaft in der Gemeinschaft (und Gesetzgebung) genießt, Lohnverhandlungen einen stärkeren Auftrieb zu geben.
Die Mitwirkung an der Formulierung der Lohn- und Preispolitik spielt bei
der Zustimmung oder Ablehnung der gegen sie gerichteten wirtschaftlichen
Kampfmaßnahmen eine entscheidende Rolle, zumindest solange einschränkende
Gesetzesvorschriften fehlen. Jede revidierte Lohn- und Preispolitik muß
daher geeignete Handhaben für den Fall von Streiks oder Aussperrungen vorsehen, die gegen diese Politik verstoßen.
3. Die Bundesregierung hat im Augenblick nicht das geeignete Instrumentarium, und die Tätigkeit der einzelnen Behörden ist nicht hinreichend
k^,oi.viiiritrt, um eine wirksame Lohn- und Preispolitik im Zeichen der Vollbeschäftigung durchführen zu können. Es fehlt an detaillierten statistischen und anderen Unterlagen zur Beurteilung der Preise, der Warenqualität,
der Gewinnmargen, der Produktivität, der Löhne, der Arbeitslosenunterstützung, der Arbeitskosten usw., um eine solche Politik mit Erfolg betreiben zu können. Die Regierung verfügt auch im allgemeinen nicht über
die notwendigen Fachkräfte mit Detailkenntnissen der Marktstruktur, der
Preise und der Lohnentwicklung in spezifischen Wirtschaftszweigen, die
für die Beurteilung von Teilfragen der Lohn-' und Preispolitik notwendig
sind. Hinzu kommt, daß die Relation zwischen Preisen und Löhnen keineswegs

- 3 -

�keineswegs immer eindeutig ist. Die Unterlagen und das Fachwissen, die
für politische Entscheidungen in diesem Bereich benötigt werden, unterscheiden sich sehr von denen, die zur Führung einer allgemeinen Wirtschaftsstatistik und zur Ermittlung der als Indikatoren der Wirtschaftsentwicklung angesehenen Werte erforderlich sind.Jede neue oder revidierte
Lohn- und Freispolitik setzt mithin entsprechende administrative Vorkehrungen voraus.
4. Die eindeutige Klärung der Stellung der mit der Schlichtung von
Arbeitsstreitigkeiten befaßten staatlichen Organe in Relation zu jenen
Behörden, deren Aufgaben im Bereich der Stabilisierung der Wirtschaft
liegen, ist unerläßlich. Die diesbezügliche Erörterung, die der Wirtschaftsbeirat im Jahr 1962 vorgeschlagen hat, könnte durchaus in seinen
eigenen Reihen beginnen. Noch wurden die grundlegenden Fragen nicht klar
ausgesprochen: Ist ein Schlichter in Arbeitsstreitigkeiten an die Richtwerte gebunden? Wer entscheidet darüber, was die Richtwerte auf den einzelnen Fall angewandt zu bedeuten haben? Kann man eine solche Entscheidung
im voraus treffen oder erst im Verlauf von Lohnverhandlungen? Läßt sich
eine komplizierte Tarifvereinbarung, die u.a. Fensionsfragen und Arbeitszeitfestsetzung einschließt, in einer einfachen Frozentzahl ausdrücken?
Führen berechtigte Interessen die Verhandlungspartner nicht zu unterschiedlichen Vorausschätzungen? Sollte man dem Wirtschaftsbeirat nicht die Möglichkeit bieten, sich selbst um die Schlichtung von Lohnstreitigkeiten zu
bemühen? Kommt es dem Wirtschaftsbeirat zu, die Tarifpartner nach Abschluß
einer von ihm als abträglich angesehenen Vereinbarung zu kritisieren?
Steht ihm ein solches Recht auf Kritik auch an der Schlichtungsstelle zu?
Ist diese gehalten, sich gutachtlich zur fraglichen Regelung in Relation
zu den Richtwerten zu äußern? Müssen die Mitglieder eines von der Regierung eingesetzten Ermittlungsausschusses in ihren Empfehlungen Rücksicht
auf die Richtwerte nehmen? Werden die Streitparteien und die Ausschußmitglieder noch vor ihrer Ernennung auf diese Verantwortung hingewiesen? Kommt
es, wie im Fall der Arbeitsstreitigkeiten im Bereich des Schienen- und
Luftverkehrs, aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen zur Einsetzung solcher
Ausschüsse, welche Bedeutung kommt dann den Richtwerten zu, und wessen
Interpretation soll bejahendenfalls maßgebend sein? Ist ein solcher Ermittlungsausschuß gegebenenfalls zur Abgabe einer Erklärung verpflichtet, daß
er sich nicht an die Richtwerte gebunden fühlt, falls eine der Streitparteien eine solche Stellungnahme des Ausschusses wünscht, auf ihr besteht oder darauf hinweist, daß die allgemeine Wirtschaftslage von derartigen Ausschüssen traditionsgemäß berücksichtigt wird?
Die andere Methode
Die folgenden Ausführungen betreffen vornehmlich die Lohn- und Freispolitik in dem Bereich zwischen staatlichen Maßhalteappellen einerseits
und der Einführung regelrechter Lohn- und Freiskontrollen andererseits. Sie
betreffen eine Wirtschaft, die am Rande der Vollbeschäftigung operiert, wie
immer man diesen Begriff auch definieren mag. Sie erstrecken sich auf die
Erfahrungen des ersten Halbjahres 1966 und damit - den meisten Vorausschätzungen bezüglich der künftigen wirtschaftlichen und militärischen

- 4 -

�militärischen Entwicklungen nach zu urteilen - auch auf das, was sich in
den unmittelbar vor uns liegenden Jahren abspielen dürfte. Sie sind dem
Problem der Lohn- und Preispolitik bei Fortdauer der Vollbeschäftigung
gewidmet. Der Bereich der Lohn- und Preispolitik zwischen amtlichen Kontrollen und dem reinen Appell an die freiwillige Mitarbeit ist sehr groß,
und man weiß im Grunde genommen nicht sehr viel über ihn. Er bedarf einer
eingehenden Erforschung, wollen wir die Preisinflation in Zeiten der Hochkonjunktur so niedrig wie möglich halten. Es ist dies auch die Zone innerhalb derer es Alternativmöglichkeiten einer mehr oder weniger zwingenden
Lohn- und Preispolitik zu erarbeiten gilt, damit sie sich im Verein mit
der Steuer- und Währungspolitik dem veränderlichen inflatorischen Druck
jeweils rasch anpassen läßt.
Nach meiner Auffassung sollte man im Bereich der Lohn- und Preispolitik fünf Dinge beachten: 1. Keinerlei außergewöhnliche Maßnahmen treffen, die auf ein Eingreifen in das freie Spiel auf dem Arbeits- und dem
Warenmarkt hinauslaufen. Ein solches Vorgehen würde Verbesserungen im
Bereich der staatlichen und privaten Arbeitsvermittlung, die Durchführung
entsprechender Schulungsmaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt und eine Fortführung
der Anti-Trust-Politik auf dem Warenmarkt nicht ausschließen. Vorschnelle
Schritte zur Behandlung der Frage der Vollbeschäftigung sind nicht ratsam.
2. Einflußnahme des Staates auf die maßgeblichen Männer und Stellen, die
bestimmte Preis- und Lohnentscheidungen zu treffen haben, um sie dazu zu
bewegen, Lohn- oder Preiserhöhungen zu unterlassen bzw. ganz oder teilweise wieder rückgängig zu machen. Dies ist mehr oder weniger die Methode,
die man in den letzten Jahren angewandt hat. 3. Einflußnahme des Staates
mit Hilfe bestehender Gesetze mit dem Ziel, den inflatorischen Druck zu
mildern. Dies wird möglich durch die Erweiterung oder Verringerung der Vorratshaltung strategisch wichtiger Materialien, die Einschränkung der staatlichen Ausgaben und Beschaffungsaufträge auf bestimmten, anfälligen Wirtschaftssektoren, Änderungen in den Zollsätzen und dergleichen. Diese Methoden wurden in jüngster Zeit verschiedentlich in Einzelfällen angewandt.
4. Die Aufstellung umfassender Programme unter Mitwirkung von Wirtschaft
und Gewerkschaften mit dem Ziel, den Lohn- und Preisdruck in bestimmten
Wirtschaftszweigen z u verringern, in denen Engpässe aufgetreten sind.
5. Die Schaffung gesetzlicher Handhaben, die die Vorankündigung bestimmter
beabsichtigter Lohn- und Preisänderungen bindend vorschreiben sowie die
Schaffung eines geeigneten Apparats zur vorherigen oder nachträglichen
Untersuchung von Preis- und Lohnsituationen. Diese Methode wird vielfach
im Ausland angewandt und auch in den Vereinigten Staaten verschiedentlich
empfohlen.
Es gibt zweifellos noch andere Alternativen und Varianten auf diesem
Gebiet und man sollte einen Anreiz bieten, weitere Lösungen zu entwickeln.
Man darf mit Fug und Recht erwarten, daß man die derzeitigen Methoden anhand neuer Alternativvorschläge überprüfen wird. Demnach lautet die Wahl
nicht Lohn- und Preiskontrollen einerseits oder Fortführung der derzeitigen
einschlägigen Politik und Praxis andererseits. Es stehen uns noch weitere
Optionen offen und wir sollten uns anstrengen, immer neue ausfindig zu
machen.
Mein

�Mein grundlegender Vorschlag betrifft eine Revision der derzeitigen
Lohn- und Preispolitik mit dem Ziel, in gewissen Wirtschaftssektoren, von
denen aller Wahrscheinlichkeit nach der stärkste Lohn- und Freisauftrieb
ausgehen wird, eine Steigerung des Angebots (bei gleichzeitiger Drosselung der Nachfrage) zu bewirken. Die Regierung sollte - von fortgesetzten
allgemeinen Vorhaltungen abgesehen - nicht durch administrative Schritte
private Lohn- und Freisentscheidungen zu revidieren oder zu erzwingen
suchen und auch keine diesbezüglichen Werturteile abgeben. Sie sollte
ihre Energien vielmehr auf einige wenige kritische Sektoren konzentrieren, auf denen Engpässe bestehen.
Der Vorschlag, in Zukunft auf administrativen Druck zu verzichten,
entspringt nicht einem Mangel an Rücksicht auf die möglichen Auswirkungen
eines inflatorischen Drucks in Zeiten der Hochkonjunktur und auch nicht
auf der Vorstellung, die Vollbeschäftigung, sei wichtiger als die Stabilität- der Wirtschaft. Meine Beurteilung der Lage stützt sich vielmehr auf
die Überzeugung, daß das derzeitige Gebaren der Regierung nicht mehr
administrativ und auch nicht mehr wirtschaftlich wirksam ist und daß
deshalb eine Neuorientierung der Lohn- und Freispolitik erfolgen muß.
Darüber hinaus glaube ich, daß die Konzentration auf kritische Bereiche,
wie ich sie vorstehend empfohlen habe, eine stark dämpfende Wirkung auf
die Lohn- und Freisentwicklung haben wird. Die Aufgabe der Neugestaltung
der Lohn- und Freispolitik könnte dem neu zu konstituierenden Präsidialausschuß für Fragen der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Politik übertragen werden, um auf diese Weise den erforderlichen Konsensus zusammenzubringen.
Die Tätigkeit des Staates im Rahmen einer auf solche kritischen Wirtschaftszweige ausgerichteten Lohn- und Preispolitik würde folgende Teilfunktionen einschließen:
1. Die Feststellung kurz- und langfristiger Engpaßbereiche in der
Wirtschaft.
Ein solches Verfahren setzt sowohl Einfallsreichtum in der Beurteilung der künftigen Nachfrage- und Angebotsentwicklung, der verfügbaren
Kapazitäten, der Ausweichmöglichkeiten und ähnlicher Dinge voraus, als
auch ein kompetentes Urteil bei der Auswahl der Wirtschaftssektoren,
denen eine Vorzugsbehandlung einzuräumen wäre. Es müßte eine Zentralstelle mit entsprechenden Vollmachten geschaffen werden, um einen Ausgleich widersprüchlicher staatlicher Zielsetzungen sicherzustellen, beispielsweise in Gestalt eines Amtes für Wirtschaftsstabilisierung.
2. Die Entwicklung einer in Einzelheiten gehenden staatlichen und
privaten Lohn- und Preispolitik für diese Engpaßbereiche, um auf diese
Weise den inflatorischen Druck über die Erhöhung des Angebots und die
Beschränkung der Nachfrage zu verringern.
Hierfür wäre eine enge Zusammenarbeit zwischen den Gewerkschaften,
der Wirtschaft und den zuständigen Stellen des Bundes und der Einzelstaaten erforderlich. Der Staat müßte für diesen Zweck interbehördliche
Arbeitsstäbe oder Ausschüsse einrichten, denen die Aufgabe zukäme, lohn-

- 6 -

�lohn- und preispolitische Richtlinien für die fraglichen Wirtschaftssektoren zu entwickeln und sie laufend den jeweiligen Erfordernissen anzupassen.
3. Die fortgesetzte Konsultation unter allen Beteiligten, die Beschaffung entsprechender Statistiken und die laufende Beurteilung der
künftigen Entwicklung durch Vertreter der Sozialpartner und des Staates.
Die Vielfalt der für die einzelnen Engpaßsektoren zu entwickelnden
lohn- und preispolitischen Richtlinien läßt solche Maßnahmen als gebieterische Notwendigkeit erscheinen. Nur auf diese Weise könnte man die
Übersicht über die Maßnahmen behalten, die dem inflatorischen Druck entgegenzuwirken vermögen. Die Befolgung gewisser Auflagen für die Tätigkeit sowohl der Privatwirtschaft als auch der staatlichen Stellen wäre
bindend vorzuschreiben. Es ist klar, daß man ohne eine flexible und den
jeweiligen Erfordernissen jedes spezifischen Sektors angepaßte Politik
nicht auskommen könnte.
Ein solches Vorgehen ist durchaus mit dem Jahresbericht des Wirtschaftsbeirats des Präsidenten vom Januar 1966 vereinbar, wurden doch dort bereits
einige "ausgewählte kritische Bereiche" angeführt: Nahrungsmittel, Nichteisenmetalle, Maschinenbau, Baugewerbe und medizinische Versorgung. Nach
meiner Auffassung müssen Staat, Wirtschaft und Gewerkschaften bei der Festsetzung eindeutiger Dringlichkeitsstufen, der Formulierung der einschlägigen Politik und der Entwicklung besonderer Programme für jeden Wirtschaftssektor eng zusammenarbeiten. Ein solches Vorgehen macht allem voran die
Schaffung eines Apparats notwendig, der Gewähr für die Verwirklichung der
diesbezüglichen staatlichen Politik und für die Zusammenarbeit mit der
privaten Wirtschaft auf jeden einzelnen dieser Sektoren leistet.
Die Regierung ist heute rein organisatorisch nicht in der Lage, ein
solches Verfahren anzuwenden. Einige wenige Absätze mit entsprechenden
Ratschlägen im Jahresbericht des Wirtschaftsbeirats, die an die Adresse
des einen oder anderen Industriezweigs gerichtet sind, werden kaum ein
positives Ergebnis zeitigen. Eingehende Untersuchungen der Engpaßbereiche,
der ständige Kontakt mit der jeweiligen Entwicklung, die Koordinierung
divergierender und vielfach antagonistischer Teilaspekte der Wirtschaftspolitik, gezielte adminstrative oder legislative Maßnahmen, echte Führung,
Beharrlichkeit und das Gefühl für die Dringlichkeit der gestellten Aufgabe
scheinen die geeignetene Methode zu sein. Veränderungen im Aufbau von Organisationen, im Verfahren, nach dem Entscheidungen zustande kommen und
in den Kriterien für die Beurteilung von Erfolg und Mißerfolg einer Politik,
sind normalerweise nur langsam zu bewirken. Dennoch kommt solchen institutionellen Veränderungen voraussichtlich eine entscheidende Rolle zu, wollen
wir zu einer größeren Lohn- und Preisstabilität in Zeiten der Hochkonjunktur gelangen.
Die Liste der Wirtschaftssektoren, die während der nächsten fünf
Jahre hinsichtlich der Lohn- und Preisentwicklung zu den anfälligsten gehören dürften, müßte meines Erachtens auch gewisse Zweige des Transport-

- 7-

�Transportwesens, die ärztliche und Krankenhausversorgung, das Bauwesen,
den kommunalen Verwaltungsdienst, bestimmte freie Berufe und vielleicht
auch die Kraftfahrzeugindustrie einschließen. Diese kritischen Wirtschaftszweige sind nicht mit jenen identisch, auf die die Richtwerte vornehmlich zugeschnitten sind. Auf allen genannten Sektoren halte ich laufende eingehende Untersuchungen über alle dort auftretenden inflatorischen
Tendenzen und Engpässe für dringend notwendig. Die Diskussionen neuer Vorschläge zur Gestaltung der Lohn- und Freispolitik sollte unter den maßgeblichen Regierungsbeamten, Wirtschaftlern und Gewerkschaftsführern nie
abreißen.
Eine Lohn- und Preispolitik, die sich zwischen den Extremen der bloßen Überredung und der strengen Reglementierung bewegt, muß sich in einer
Zeit der Hochkonjunktur auf Detailfragen erstrecken. Mit generellen Formulierungen wird man nicht auskommen. Der Staat kann seine Führungsrolle,
die ihren Niederschlag in Konferenzbeschlüssen, in der erfolgreichen Ausübung der Kunst der Überredung, in Untersuchungen, in seiner katalytischen
Funktion und in seinen Anordnungen findet, nur dann spielen, wenn sämtliche
Beteiligten als Gruppe im gleichen Sinne agieren. Im Augenblick existiert
kein Mechanismus, der geeignet wäre, eine koordinierte Lohn-, Preis- und
Einkommenspolitik zu formulieren und in den wichtigsten Engpaßsektoren zu
verwirklichen. Eine solche Politik erfordert in Zeiten der Vollbeschäftigung die Aufstellung von Programmen, die die Lösung der Probleme in kritischen Teilbereichen gestatten, das Angebot erhöhen und die Nachfrage einengen. Sie darf nicht lediglich darauf aus sein, wirksam gewordene Lohnund Preiserhöhungen rückgängig zu machen oder neue aufzuhalten, die.gemessen an generellen Maßstäben als übertrieben angesehen werden.

(Quelle: "Monthly Labor Review1*,
Vol. 89, Nr. 6, Juni 1966)

+ ++++

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�Die US-Gewerkschaften im Jahr 1966
Für die Arbeiterbewegung der Vereinigten Staaten war das Jahr 1966
durch einen wesentlichen Anstieg der Mitgliederzahlen, die enge Zusammenarbeit bisher miteinander rivalisierender Gewerkschaften, eine Reihe
erfolgreicher Tarifverhandlungen und bemerkenswerte Fortschritte im Bereich der Arbeits- und Sozialgesetzgebung gekennzeichnet.
TarifVerhandlungen sind heute wie einst der wichtigste Teilbereich
gewerkschaftlicher Tätigkeit, wie George Meany, der Vorsitzende de» Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO in seiner Botschaft anläßlich des amerikanischen Tags der Arbeit im September ausführte. "Das Streikrecht erst
gibt dem Kollektiwerhandlungswesen echten Sinn1*, fügte er hinzu. "In
den letzten zwanzig Jahren kam es in den USA bei einem Bestand von.insgesamt 150 000 Tarifverträgen im Jahresdurchschnitt zu 3500 Streiks, von
durchschnittlich 12 Tagen Dauer, an denen rund 1,5 Millionen Arbeiter
bei einer Gesamtzahl von 63 Millionen Lohn» und Gehaltsempfängern teilnahmen."
Die amerikanischen Gewerkschaften fühlen sich in Gesetzgebungsfragen
als "Interessenvertretung des Volkes" in Washington. Das Bemerkenswerte
an ihrem Kampf um eine Erhöhung der gesetzlichen Mindestlöhne ist daher
die Tatsache, daß sie ihn nicht um ihrer Mitglieder willen führen - liegt
doch der Tariflohn gewerkschaftlich organisierter Arbeiter erheblich über
den gesetzlichen Mindestlöhnen -, sondern für die außerhalb der Gewerkschaften stehenden Angehörigen der schlechtestbezahlten Berufe.
Der 89. Kongreß, der vom Januar 1965 bis Oktober 1966 tagte, hat
eine größere Zahl an Gesetzen erlassen, die die Gewerkschaften erstrebten bzw. unterstützten, als je ein Kongreß zuvor. Das Bürgerrechtsgesetz
von 1965, das seit 1. Juli dieses Jahres in Kraft befindliche MedicareProgramm zur gesundheitlichen Betreuung alter Menschen und das Gesetz
über die Gewährung von Bundeszuschüssen an Schulen und Krankenhäuser
brachten entscheidend wichtige soziale Verbesserungen. Der erstrebte
Widerruf des Abschnitts 14 (b) des Taft-Hattley -Gesetzes, der den Einzelstaaten das Recht zubilligt, den Union Shop - Betriebe, denen nur
Gewerkschaftsmitglieder angehören können - zu verbieten, scheiterte
jedoch am Widerstand gegen die entsprechende Gesetzesvorlage im Senat.
Den Gewerkschaften bleibt jedoch die Hoffnung, daß der nächste Kongreß
diese Änderung verfügt.
Gewerkschaften und Regierung erstrebten des weiteren eine umfassende Neuregelung der gesamten Arbeitslosenversicherung, konnten mit ihren
Vorschlägen aber im Kongreß kaum einen Schritt vorankommen. Einen Teilerfolg hatten die Gewerkschaften jedoch mit der stufenweisen Anhebung
des gesetzlichen Mindestlohnes bis 1. Februar 1968 auf 1,60 Dollar bei
gleichzeitiger Ausdehnung der Mindestlohnbestimmungen auf 38 Millionen
Arbeitnehmer gegenüber bisher 29 Millionen, darunter auch Landarbeiter.
Auf dem Gebiet des Tarifverhandlungswesens begann das Jahr mit
einer Enttäuschung, als der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten den Richtwert für Lohnerhöhungen im Jahr 1966 auf 3,2 Prozent festsetzte, während

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�während die Gewerkschaften 3,6 Prozent befürwortet hatten. Nach Auffassung letzterer trägt der Richtwert weder den steigenden Lebenshaltungskosten noch dem Produktivitätszuwachs oder den wachsenden Unternehmergewinnen Rechnung. Bei den im Laufe des Jahres ausgehandelten Tarifverträgen wurden die Richtwerte, die ohnehin nicht bindenden Charakter
haben, vielfach überschritten.
Gleich zu Anfang 1966 kam es in New York zu dem 12 Tage dauernden
Streik der der Transportarbeitergewerkschaft angehörenden U-Bahnbediensteten. Er endete mit einer sofortigen Lohnzulage von 4 Prozent und
weiteren Erhöhungen um 4 bzw. 7 Prozent.per 1. Januar und 1. Juli 1967.
Nach Darlegungen von Vertretern der Stadtverwaltung und der von der Regierung eingeschalteten Schlichter liegt diese Regelung durchaus innerhalb der Richtwerte, handelte es sich hier doch um eine Angleichung an
das Lohnniveau in vergleichbaren Beschäftigungszweigen.
Eine der größten Gewerkschaften, die Mechaniker-Gewerkschaft demonstrierte die Kraft der Gewerkschaftsbewegung am Verhandlungstisch selbst
angesichts eines vom Kongreß drohenden Verbots ihres Streiks. Am 19.
August beendeten 35 400 Mechaniker im Dienst von fünf großen Fluggesellschaften einen 43 Tage dauernden Streik, nachdem ihnen für die nächsten
drei Jahre Lohnerhöhungen um jeweils 5 Prozent, die automatische Anpassung der Tarife an den Lebenshaltungskostenindex, ein zusätzlicher Feiertag und andere Verbesserungen zugestanden worden waren. Im Oktober erfolgte dann die friedliche Einigung im Lohnstreit zwischen General
Electric, der größten amerikanischen Apparatebaufirma, und der amerikanisch-kanadischen Elektrikergewerkschaft (IUE). Die Gesellschaft hatte
vergeblich versucht, einen Gerichtsbeschluß zu erwirken, der die Teilnahme von Vertretern zehn anderer Gewerkschaften mit Mitgliedern in
Betrieben der General Electric an den Verhandlungen mit der IUE verhindern sollte. Die Firma einigte sich schließlich mit IUE auf eine Lohnerhöhung von 4 Prozent im ersten Jahr der Laufzeit des.neuen Tarifvertrags
und von jeweils 3 Prozent in den beiden darauffolgenden Jahren. General
Electric stimmte ferner einer Klausel über die Anpassung.an den Lebenshaltungskostenindex, einer Erhöhung der Rentenleistungen und der Unkündbarkeit der Rentenansprüche nach 10jähriger Dienstzeit zu.
Ein wichtiges Ereignis im gewerkschaftlichen Leben war die internationale Tagung der Beschäftigten der Automobilindustrie in Detroit vom
Juni, an der 35 Gewerkschaftler aus 15 europäischen und nord- und südamerikanischen Ländern sowie aus Australien teilnahmen, die 1,4 Millionen Gewerkschaftler in Betrieben der Firmen Ford, General Motors, Chrysler,
Fiat, Simca, und Rootes. vertraten.
Die Mitgliederzahl der AFL-CIO und der ihr angeschlossenen 130 Gewerkschaften erhöhte sich 1966 um rund 350 000 auf über 13,5 Millionen,
zu denen noch eine Million Gewerkschafter in den kanadischen Zweigen der
Mitgliedgewerkschaften hinzuzurechnen sind. Die unabhängigen Gewerkschaften haben schätzungsweise 2,7 Millionen Mitglieder. Die Zunahme bei
den AFL-CIO-Gewerkschaften ist vor allem dem Aufbau der Arbeitnehmerorganisation der Landarbeiter in Kalifornien und der Aufwärtsentwicklung
der drei Gewerkschaften der Angehörigen der öffentlichen Dienste zuzuschreiben.
- 10 -

�Die Beschäftigung entwickelte sich 1966 wiederum sehr günstig und
nahm um 2 Millionen auf 80,1 Millionen (einschließlich Selbständige und
Landwirtschaft) zu. Die Zahl der Lohn- und Gehaltsempfänger im nichtlandwirtschaftlichen Bereich stieg bis September 1966 auf 64,9 Millionen,
das sind 3 Millionen mehr als im Vergleichsmonat des Vorjahrs.
Die Arbeitslosenrate betrug, jahreszeitlich angepaßt, 3,8 Prozent.
Die Arbeitslosenziffer ging in den ersten neun Monaten um 300 000 auf
2.6 Millionen zurück. Angesichts der erwähnten Zunahme der Zahl der gegen
Lohn und Gehalt beschäftigten Arbeitnehmer bedeutet dies, daß 1966 über
1.7 Millionen Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt untergebracht wurden. Andererseits war im September auf dem Bausektor als Folge des Anstiegs der
Hypothekenzinsen ein merklicher Rückgang der Beschäftigung zu verzeichnen.
Der Wochenverdienst der Fabrikarbeiter stieg auf über 113 Dollar bei
einer Arbeitswoche von durchschnittlich 41,4 Stunden und einem Stundenlohn
von 2,74 Dollar.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
Stahlarbeitergewerkschaft setzt neue Verhandlungsziele
Eine neue Tarifverhandlungspolitik und die vertragliche Festlegung
größerer Mitspracherechte der örtlichen Gewerkschaftsgruppen und ihrer
Mitglieder bei Streik-Entscheidungen in künftigen Lohnauseinandersetzungen
mit Arbeitgebern beschlossen unter anderem die 3600 Delegierten der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft von Amerika (United Steelworkers of
America) auf ihrem 13. Zweijahreskonvent 1966 in Atlantic City, New Jersey.
Die dem Gewerkschaftsverband AFL-CI0 angegliederte Stahlarbeitergewerkschaft ist mit 1,1 Millionen Mitgliedern in den Vereinigten Staaten
und Kanada die drittgrößte amerikanische Gewerkschaft - nach der unabhängigen Transportarbeiter- und der Automobilarbeitergewerkschaft.
Um die Kontinuität einer industrieweiten Tarifverhandlungspolitik zu
gewährleisten, setzte der Konvent Industrieausschüsse auf vier Hauptgebieten ein: Stahl, NE-Metalle, Aluminium und Feinblech-.. Die Ausschüsse aus
Vertretern örtlicher Gewerkschaftsgruppen, den Bezirksleitern und den vom
Vorsitzenden der Stahlarbeitergewerkschaft zu benennenden Funktionären
sind bevollmächtigt, Verträge abzulehnen oder zu ratifizieren, Streiks nach vorausgegangener Urabstimmung - zu empfehlen und im Streikfalle alle
erforderlichen Schritte in die Wege zu leiten.
Weitere

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�Weitere Kollektivverhandlungsziele, die von den Delegierten einstimmig
gutgeheißen wurden, sind: garantierter Jahreslohn auf der Basis von Monatsgehältern anstelle des Stundenlohns (ein Ziel, das auch die Automobilarbeitergewerkschaft anstrebt), Arbeitsplatzgarantie auf Lebenszeit für qualifizierte Arbeiter, kürzere. Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich sowie eine
"wesentliche" Anhebung der Löhne und Lohnnebenleistungen.
Zur Diskussion standen ferner die Erweiterung von Aktien-Sparprogrammen
für Betriebsangehörige und eine Ausgleichszahlung für die Zeit, die Arbeitnehmer vom Tor zum Werksgelände bis zu ihrer Arbeitsstelle brauchen.
In einer Resolution zu den möglichen Auswirkungen der Automation und
anderer technischer Veränderungen auf die Beschäftigung in der Stahlindustrie und anderen Industriezweigen forderte der Konvent umfassende Anstrengungen zur Existenzsicherung arbeitsplatzverdrängter Arbeitnehmer. Darin
heißt es: "Wir brauchen klar umrissene öffentliche und private Aktionsprogramme, um.menschliche Not abzuwenden... Der rasche Fortschritt der Automation und der Technik hat keine so großen Strukturveränderungen hervorgerufen,
wie befürchtet; aber die Auswirkungen der Automation werden sich erst in Zukunft ganz offenbaren. Das Tempo des Wandels wird sich in den kommenden Jahren höchstwahrscheinlich noch steigern."
Die Delegierten zum Stahlarbeitergewerkschafts-Konvent stimmten der
Fortsetzung von Gesprächen über eine mögliche Fusion der Stahlarbeitergewerkschaft und der Zechen-, Walzwerk- und Hochofenarbeiter-Gewerkschaft
(International Union of Mine, Mill and Smelter Workers) - einer unabhängigen
Gewerkschaft mit über 40 000 Mitgliedern - zu. Pläne für eine Kampagne zur
Erweiterung des Mitgliederbestands wurden erörtert, die sich vor allem auf
die rund 100 000 noch unorganisierten Büro- und technischen Angestellten in
der Stahlindustrie erstrecken.
In diesem Zusammenhang sei auch auf die neue Fensionsregelung verwiesen,
die Teil des im vergangenen Jahr zwischen der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft und der Stahlindustrie ausgehandelten Tarifvertrags ist und am 1. August
dieses Jahres in Kraft trat. Sie brachte den Stahlarbeitern einschneidende Verbesserungen.
Die vorläufig bis 31. Dezember 1968 befristete Regelung der betrieblichen
Altersversicherung sieht bei einem Höchstsatz von 175 Dollar (nach 35 Dienstjahren) eine Anhebung der Mindestrente auf 150 Dollar monatlich vor. Die bestehenden Altrenten wurden sämtlich um 15 Dollar pro Monat erhöht. Gleichzeitig wurde der Einbehaltungssatz von der Pension für die staatliche Sozialversicherung von 80 Dollar auf 60 Dollar ermäßigt, was bei den vorgezogenen Renten einer Erhöhung um den Differenzbetrag gleichkommt.
Im Falle der Invalidität, der Pensionierung wegen Werksstillegung oder
nach zweijähriger Arbeitslosigkeit wird eine Zusatzrente in Höhe von 75 DaUar
zu der Rente gezahlt, auf die der Betroffene aufgrund seiner. Dienstjahre Anspruch hat. Die Zusatzrente erlischt bei Einsetzen der vollen.Leistungspflicht
der staatlichen Sozialversicherung.
Außerdem fiel am 1. August die Altersgrenze für eine Pensionierung bei
voller Rentenleistung,die bisher bei 65 Jahren lag,für Arbeitnehmer mit 30 und
mehr DienstJahren fort.Wie aus der US-Stahlindustrie berichtet wird,haben bisher nur ganz wenige Arbeitnehmer mit mindestens 30 Dienstjähren von der Möglichkeit der vorzeitigen Pensionierung Gebrauch gemacht.
(Quelle: Eigenbericht)
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�Arbeitskurznachrichten
Elektronischer Stellennachweis
Einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Schaffung einer zentralen Arbeitsvermittlungskartei hat die Western Union, eine private amerikanische Telegraphengesellschaft, getant Vor einiger Zeit richtete sie
ein Archiv von Stellengesuchen und -angeboten aus allen Sparten der freien Berufe ein, aus dessen elektronischem Speicherwerk eine Datenverarbeitungsanlage in kürzester Zeit den geeigneten Bewerber für jede nachgewiesene offene Stelle aussucht. Das neue System, das die Bezeichnung
Personnel Information Communication System (telephonischer Stellennachweis) führt, wurde von der Information Science, Inc. entwickelt und der
Western Union zum Teil käuflich überlassen.
Das Verfahren des elektronischen Stellennachweises ist einfach und
bequem. Der Stellungsuchende teilt der Western Union lediglich telephonisch mit, daß er eine Position in diesem oder jenem Beruf wünscht, und
erhält darauf einen detaillierten Fragebogen zugesandt, in dem er um Auskünfte über seine Qualifikationen,.Art der bisherigen und angestrebten
neuen Tätigkeit, Gehaltsforderungen und dergleichen gebeten wird. Diese
Daten werden dann in einen elektronischen Speicher eingegeben und in der
Datenverarbeitungsanlage mit den von Arbeitgebern auf einem ähnlichen
Formblatt gelieferten Charakteristika der ausgeschriebenen Stellen verglichen. Besteht eine weitgehende Übereinstimmung zwischen den Fähigkeiten und Wünschen des Bewerbers einerseits und den Anforderungen der
Stelle und den angebotenen Leistungen der Firma andererseits, so werden
dem Stellungsuchenden die Hauptmerkmale der für ihn in Aussicht genommenen Stelle und dem prospektiven Arbeitgeber die Qualifikationen des
Bewerbers bekanntgegeben. Die entsprechenden Mitteilungen enthalten keine
Namen sondern Codenummern. Der Name des Bewerbers wird der betreffenden
Firma erst mitgeteilt, wenn sie diesen zu einer Vorstellung bitten will.
Die Kosten für diese Form der Arbeitsvermittlung trägt der Aufgeber
einer Stellenausschreibung. Sie sind sehr niedrig gehalten und richten
sich nach der Zahl der nachgewiesenen Bewerber*

+
Umschulung Arbeitsloser macht Fortschritte
Die seit dem Jahre 1962 unter dem Gesetz zur Entwicklung des Arbeitsmarktes (Manpower Development und Training Act - MDTA) eingerichteten Schulungs- und Umschulungsprogramme für Arbeitslose und Unterbeschäftigte haben bisher fast 88 Prozent aller Teilnehmer zu neuen Arbeitsplätzen verholfen.
Allein im Haushaltjahr 1965/66 wurden 2832 neue Projekte genehmigt,
so daß sich die Gesamtzahl der Schulungs- und Umschulungskurse, an denen
490 177 Arbeitsuchende teilnahmen oder z.Z. teilnehmen, auf 8584 erhöhte.
Das

13 -

�Das vom US-Arbeitsministerium und dem Ministerium für Gesundheits-,
Erziehungs- und Sozialfragen durchgeführte Vorhaben schließt auch die
Vermittlungsdienste der Arbeitsämter des Bundes und der Einzelstaaten
ein, die Trainingsanwärter beraten und erfolgreichen Kursusabsolventen
Stellen nachweisen. Zu den am meisten gefragten Lehrgängen zählen Kurse
zur Ausbildung als Stenograph, Sekretär, Büroangestellter, Krankenpfleger,
Maschinenwart, Schweißer, Automechaniker oder Karosserieschlosser.

+
Zusatz-Altersversicherung in Klein- und Mittelbetrieben
Eine zusätzlich zur Sozialversicherungsrente zu zahlende betriebliche Altersrente, bisher so gut wie ausschließlich ein Privileg der Mitarbeiter von Großunternehmen, werden in Zukunft in den Vereinigten Staaten
auch die Arbeiter und Angestellten von Klein- und Mittelbetrieben erhalten
können.
Die Voraussetzungen hierzu schuf die Abteilung Industriegewerkschaften des Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO in Zusammenarbeit mit 60 Mitgliedorganisationen und elf Versicherungsgesellschaften. Sie haben gemeinsam
einen Gruppenplan aufgestellt, unter dem sich selbst die kleinste Firma
in Zukunft die Einrichtung einer Pensionskasse leisten kann. Die vorgesehene Zusammenfassung dieser Kassen in einem zentralen Verband ermöglicht nicht nur eine Verringerung der Verwaltungskosten, sondern auch
eine Verteilung der Risiken.
Der auf Bundesebene durchzuführende Gruppenplan sieht u.a. auch die
Übertragbarkelt erworbener Pensionsansprüche bei Arbeitsplatzwechsel nach
zehnjähriger Betriebszugehörigkeit vor. Im Falle der Betriebsstillegung
werden länger als drei Jahre bestehende Versicherungen von einem Rückversicherer weitergeführt.
Den 60 Gewerkschaften, die mehrere Millionen Mitglieder zählen,
bietet der Gruppenplan die Möglichkeit, bei künftigen TarifVerhandlungen
auch mit Klein- und Mittelbetrieben auf die Zahlung von Unternehmerbeiträgen zu. einer Zusatz-Altersversicherung zu dringen.

+
Jugendarbeit in Kalifornien
Ein Erholungs- und Ausbildungsprogramm für Jugendliche im Alter von
sieben bis 21 Jahren wird das US-Arbeitsministerium in Zusammenarbeit mit
einem örtlichen Aktionsausschuß und den Behörden und der Geschäftswelt
in Watts durchführen, dem im vergangenen Jahr von Unruhen heimgesuchten
Vorort der kalifornischen Metropole Los Angeles.
Für

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�Für das Programm sollen Insgesamt 320 500 Dollar aus den Mitteln
abgezweigt werden, die aufgrund der Gesetze über die Errichtung des
Nachbarschaftsjugendkorps und der Entwicklung des Arbeitsmarktes für
Haßnahmen der Jugendpflege zur Verfügung stehen. Weitere 55 000 Dollar
werden der Aktionsausschuß und die Gewerkschaften bereitstellen. .
Geplant sind die Abhaltung von Auffrischungskursen in Rechnen,
Lesen und Schreiben und ein vielgestaltiges Sport- und Erholungsprogramm, das auf zehn Spiel- und Sportplätzen in Watts und seiner näheren
Umgebung abgewickelt werden soll. Hunderte von Jugendlichen werden außerdem Gelegenheit erhalten, sich - bei einer Entlohnung von 1,27 Dollar
pro Stunde - auf einen Beruf vorzubereiten.

(Quelle: Eigenberichte)

+ ++++

- 15 -

�</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST - SONDERBEILAGE 1965&#13;
&#13;
XVIII - 1&#13;
&#13;
AMERIKA AUF DEM WEGE ZUR GROSSEN GESELLSCHAFT&#13;
Praesident L.B.Johnson&#13;
Botschaft ueher die Lage der Nation vom 4. Januar 1965&#13;
&#13;
XVIII - 4&#13;
&#13;
DIE ANTRITTSBOTSCHAFT DES PRESIDENTEN&#13;
Y/ortlaut der Ansprache, die L.B.Johnson am 20. Jan. 1965&#13;
anlaesslich der Uebernaheme des Amtes des Praesidenten&#13;
der Vereinigten Staaten von Amerika gehalten hat.&#13;
&#13;
XVIII - 4&#13;
&#13;
MILITÄRISCHE STARKE DER USA DIENT DEM FRIEDEN&#13;
Wortlaut der Sonderbotschaft, in der Praesident&#13;
L.B.Johnson dem amerikanischen Kongress am 18. Jan.1965&#13;
seine Empfehlungen zur Verteidigung der Vereinigten&#13;
Staaten unterbreitet hat.&#13;
&#13;
XVIII - 4&#13;
&#13;
GEDANKEN EINES AMERIKANERS ZUR GREAT SOCIETY&#13;
Ansprache des Botschafters George C. T.IcGhee,&#13;
27. Jan.1965, Deutsch Atlantische Gesellschaft, Stuttgart.&#13;
&#13;
XVIII - 5&#13;
&#13;
DET&#13;
ilKANISCHE STAATSHAUSHALT 1965/66&#13;
Zusammenfassung und Auszuege der Haushaltsbotschaft, die&#13;
Praesident Johnson dem amerikanischen Kongress am 25. Jan.&#13;
1965 vorgelegt hat.&#13;
&#13;
XVIII - 5&#13;
&#13;
DER WIRTSCHAFTSBERICHT PRESIDENT JOHNSONS&#13;
Auszuege des Wirtschaftsberichtes, den Praesident Johnson&#13;
dem amerikanischen Kongress am 28. Januar 19^5 unterbreitete,&#13;
&#13;
XVIII - 5&#13;
&#13;
ZUSAMMENFASSENDES KAPITEL DES DEM US-K0NGRES3 AM 2?. 1. 65.&#13;
UEBERMITTELTEN BERICHTES DES PRAESIDENTEN UEBER DIE TAETIGKEIT DER VEREINIGTEN STAATEN IM BERIECH DER LUFT- und&#13;
RAUMFAHRT IM JAHRE 1964.&#13;
&#13;
XVIII - 7&#13;
&#13;
JOHNSON UMREISST MASSNAMEN ZUM AUSGLEICH DER ZAHLUNGSBILANZ (Wortlaut)&#13;
&#13;
XVIII - 8&#13;
&#13;
WILLIAM P. BUNDY&#13;
zur amerikanischen Politik in Sued-Vietnam und Ostasien.&#13;
&#13;
XVIII - 12 DIE AMERIKANISCHE ATLANTIKPOLITIK&#13;
V/ortlaut einer Ansprache, die der amerikanische Aussenminister, Dean Rusk, am 6. I.'aerz 1965 vor dem Weltpolitischen Rat in Cleveland (Ohio) gehalten hat.&#13;
&#13;
�XVIII - 12&#13;
&#13;
"DIE STUNDE DER GERECHTIGKEIT IST GEKOMMEN"&#13;
Wortlaut der Ansprache, die der Praesident am&#13;
15« Maerz 19^5 vor beiden Haeusern des US-Kongresses&#13;
zur Frage des Wahlrechts der Neger gehalten hat.&#13;
&#13;
XVIII - 14&#13;
&#13;
PROJEKT GEMINI&#13;
Vorstufe fuer den Flug des Menschen zum Mond&#13;
Ein Schritt naeher zur Landung auf dem Mond Keine "Funksperre mehr - Das Programm Probleme der Raumfahrtmedezin.&#13;
&#13;
XVIII - 28&#13;
&#13;
AUFGABEN DER FREIEN WELT&#13;
Ansprache Sr. Exzellenz, des Botschafters der&#13;
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland,&#13;
George C. McGhee, gehalten am 14. Juli 1965» i n&#13;
der Aula der Georg-.lugust-Universitaet zu Goettingen.&#13;
&#13;
XVIII - 39&#13;
&#13;
EIN OFFENES WORT ZU AKTUELLEN PROBLEMEN DER&#13;
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN&#13;
Ansprache des Botschafters George C. McGhee,&#13;
gehalten am 22. Oktober 19^5 in Frankfurt auf einer&#13;
Veranstaltung der Steuben-Schurz-Gesellschaft.&#13;
&#13;
�PRÄSIDENT LYNDON B. JOHNSON&#13;
&#13;
AMERIKA AUF DEM WEGE ZUR GROSSEN GESELLSCHAFT&#13;
&#13;
Wortlaut&#13;
der Botschaft über die Lage der Nation&#13;
vom 4. Januar 1965&#13;
&#13;
�Mr. Speaker, Herr Präsident, Mitglieder des Kongresses, meine amerikanischen Mitbürger,&#13;
&#13;
wir treten nunmehr in das dritte Jahrhundert amerikanischer Unionsbestrebungen ein. Vor zweihundert Jahren, im Jahre 1765, kamen Vertreter&#13;
von neun Kolonien zum erstenmal zusammen, um gemeinsam Freiheit von willkürlicher Macht zu fordern.&#13;
Während des ersten Jahrhunderts kämpften wir darum, die erste kontinentale demokratische Union in der Geschichte der Menschheit zusammenzuhalten. Vor einhundert Jahren, im Jahre 1865, wurde nach einer furchtbaren Blut- und Feuerprobe der Unionsakt endgültig besiegelt.&#13;
Während des zweiten Jahrhunderts arbeiteten wir darauf hin, eine&#13;
Einheit der Zielsetzungen und Interessen unter den zahlreichen Gruppen&#13;
zu entwickeln, die die amerikanische Gemeinschaft ausmachen. Dieser&#13;
Kampf brachte oft genug Leid und Gewalt. Er ist immer noch nicht überstanden. Aber wir haben eine Einheit der Interessen in unserem Volke&#13;
erreicht, wie sie in der Geschichte der Freiheit noch niemals dagewesen&#13;
ist.&#13;
Und jetzt, im Jahre 1965, beginnen wir eine neue Suche nach Einheit.&#13;
Wir suchen die Einheit zwischen dem Menschen und der Welt, die er geschaffen hat - zwischen dem Menschen und dem Wissen, das ihn retten oder&#13;
vernichten kann - zwischen dem Menschen und den Städten, die ihm Auftrieb&#13;
geben oder ihn erdrücken können - zwischen dem Menschen und dem Wohlstand&#13;
und der. Maschinen, die sein Denken beflügeln oder gefährden können. Wir&#13;
bemühen uns um die Schaffung einer Harmonie zwischen dem Menschen und der&#13;
&#13;
- 1 -&#13;
&#13;
�der Gesellschaft, die jedem einzelnen von uns gestattet, sein Leben sinnvoller zu gestalten und die uns allen die Möglichkeit bietet, unsere Zivilisation qualitativ zu verbessern.&#13;
Das ist die Suche, die wir heute abend beginnen.&#13;
&#13;
Die Weltlage&#13;
&#13;
Die von uns erstrebte Einheit kann ihrer Verheißung jedoch in der&#13;
Isolierung nicht voll gerecht werden. Denn die Lage der Nation hängt heute&#13;
in hohem Maße von der Lage der Welt ab. Unsere Sorgen und Interessen,&#13;
unsere Anteilnahme und Wachsamkeit erstrecken sich auf jeden Teil unserer&#13;
immer kleiner werdenden Erde. Es handelt sich hier nicht lediglich um unser&#13;
Anliegen, sondern um ein Anliegen aller freien Menschen. Wir wollen und&#13;
dürfen nicht von der Annahme ausgehen, daß es allein Aufgabe der Amerikaner&#13;
ist, alle Konflikte einer zerrissenen und geplagten Welt zu lösen.&#13;
Doch sollten die Feinde der Freiheit darüber nicht frohlocken, denn&#13;
im Zusammenwirken mit anderen Staaten werden wir den Menschen helfen, ihre&#13;
Freiheit zu verteidigen.&#13;
Unser erstes Ziel bleibt die Sicherheit und das Wohl unseres eigenen&#13;
Landes. Wir sind bereit, mit allen als gute Nachbarn zu leben, wir können&#13;
jedoch nicht gleichgültig gegenüber Handlungen bleiben, die darauf abzielen, unsere Interessen, unsere Bürger oder unsere Einrichtungen im Ausland&#13;
zu schädigen. Die Völkergemeinschaft setzt die gegenseitige Achtung voraus.&#13;
Wir werden diese Achtung jedem zuteil werden lassen - und wir werden sie&#13;
für uns erwarten. In unseren Beziehungen zur Welt werden wir dem Beispiel&#13;
Andrew Jacksons folgen, der sagte: "Ich werde nichts fordern, was nicht&#13;
eindeutig recht ist, und mich vor nichts beugen, was unrecht ist." Und er&#13;
gelobte: "Die Ehre meines Landes soll nie dadurch befleckt werden, daß ich&#13;
mich für die Bekundung der Wahrheit oder die Erfüllung der Pflicht entschuldige." Das war unsere Politik in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts und ist auch unsere heutige Politik.&#13;
Unsere eigene Freiheit und unser eigenes Wachstum waren niemals Endziel des amerikanischen Traumes. Wir waren niemals darauf aus, eine Oase&#13;
&#13;
-2-&#13;
&#13;
�Oase der Freiheit und des Überflusses in einer weltweiten Einöde enttäuschter Träume zu sein. Unsere Nation wurde vielmehr gegründet, um mitzuhelfen, die Ketten der Unwissenheit, des Elends und der Tyrannei abzuschütteln, wo immer diese den Menschen nicht das erreichen lassen, wozu&#13;
Gott ihn bestimmt hat. Wir bewegen uns auf dieses Ziel zu, und niemals&#13;
geschah dies schneller&#13;
&#13;
als in den letzten vier Jahren.&#13;
&#13;
In diesem Zeitraum haben vir eine militärische Macht geschaffen, die&#13;
stark genug ist, um jeder Gefahr entgegenzutreten und jeden Gegner zu vernichten. Und diese Überlegenheit wird weiter wachsen, solange ich dieses&#13;
Amt ausübe und Sie im Kongreß sitzen.&#13;
In diesem Zeitraum ist keine weitere Nation kommunistisch geworden,&#13;
während die Einheit des kommunistischen Imperiums zu bröckeln begann. In&#13;
diesem Zeitraum haben wir unsere Streitigkeiten mit unseren Nachbarn in&#13;
der westlichen Hemisphäre in Freundschaft geregelt und uns in einer&#13;
Allianz für den Fortschritt in Richtung auf wirtschaftliches Wachstum und&#13;
politische Demokratie zusammengefunden. In diesem Zeitraum haben wir mehr&#13;
Schritte zum Frieden getan - einschließlich des Atomstoppabkommens - als&#13;
zu jeder anderen Zeit seit Beginn des Kalten Krieges. In diesem Zeitraum&#13;
waren wir unermüdlich um weitere Fortschritte bei der Eroberung des Weltraums bemüht.&#13;
Und was am wichtigsten ist, in diesem Zeitraum haben die Vereinigten&#13;
Staaten ihr Selbstvertrauen und ihre Zielstrebigkeit restlos zurückgewonnen.&#13;
Nicht länger mehr werden wir aufgerufen, Amerika in Bewegung zu bringen.&#13;
Wir sind in Bewegung. Nicht länger mehr zweifeln wir an unserer Stärke oder&#13;
Entschlossenheit. Wir sind stark und vir haben unsere Entschlossenheit bewiesen. Nicht länger mehr kann jemand glauben, wir seien einem historischen&#13;
Verfallsprozeß ausgeliefert. Wir wissen, daß wir die Geschichte gestalten.&#13;
Und wenn uns große Gefahren bevorstehen, wir haben dafür heute auch das erregende Gefühl großer Erwartungen.&#13;
&#13;
Amerika&#13;
&#13;
�Amerika und die kommunistischen Nationen&#13;
&#13;
Wir leben nach wie vor in einer unruhigen und gefährlichen Welt. Es&#13;
gibt nicht mehr länger nur eine einzige Bedrohung. Es gibt deren viele.&#13;
Sie unterscheiden sich durch ihre Intensität und Gefährlichkeit. Sie erforden unterschiedliches Verhalten und unterschiedliche Antworten.&#13;
Mit der Sowjetunion suchen wir friedliche Vereinbarungen zu erreichen,&#13;
die die Gefahr für die Freiheit verringern können. Im vergangenen Herbst&#13;
habe ich das amerikanische Volk aufgefordert, diesen Weg zu wählen. Ich&#13;
werde seinen Auftrag ausführen.&#13;
Wenn wir miteinander in Frieden leben wollen, müssen wir einander&#13;
besser kennenlernen. Ich bin sicher, daß das amerikanische Volk die Gelegenheit begrüßen würde, die sowjetischen Führer über das Fernsehen zu&#13;
hören - ebenso wie ich es begrüßen würde, -wenn das sowjetische Volk unsere&#13;
Führer hören könnte. Ich hoffe, daß die neuen sowjetischen Führer Amerika&#13;
besuchen können, damit sie dieses Land persönlich kennenlernen.&#13;
In Osteuropa beginnen sich unruhig werdende Nationen langsam auf sich&#13;
selbst zu besinnen. Unsere Regierung prüft gegenwärtig, unterstützt von&#13;
maßgebenden Männern der Gewerkschaften und der Wirtschaft, Möglichkeiten&#13;
zur Ausweitung des friedlichen Handels mit diesen Ländern und mit der&#13;
Sowjetunion. Ich werde dem Kongreß über das Ergebnis dieser Prüfung berichten.&#13;
In Asien trägt der Kommunismus ein weitaus aggressiveres Gesicht.&#13;
Wir sehen dies in Vietnam. Warum sind wir dort? Wir sird - erstens dort, weil eine befreundete Nation uns um Hilfe gegen die kommunistische&#13;
Aggression gebeten hat. Vor zehn Jahren versprachen wir diese Hilfe.&#13;
Drei Präsidenten haben zu diesem Versprechen gestanden; wir werden es&#13;
nicht brechen. Und zweitens, weil unsere eigene Sicherheit mit dem Frieden&#13;
Asiens verknüpft ist. Zweimal haben wir im Zeitraum einer Generation im&#13;
Fernen Osten gegen die Aggression kämpfen müssen. Die Aggression zu ignorieren würde lediglich die Gefahr eines größeren Krieges erhöhen.&#13;
Unser&#13;
&#13;
- 4 -&#13;
&#13;
�Unser Ziel ist der Friede in Südostasien. Dieser Friede aber wird&#13;
«mr zustande kommen, wenn die Aggressoren ihre Nachbarn in Frieden lassen.&#13;
Was hier auf dem Spiel steht, ist die Sache der Freiheit. Und wo es um&#13;
diese Sache geht, werden wir nie beiseite stehen.&#13;
&#13;
Die nichtkommunistische Welt&#13;
&#13;
Aber der Kommunismus ist nicht die einzige Quelle der Schwierigkeiten&#13;
und Unruhe. Es gibt ältere und tiefere Ursachen, die in der Armut der Völker und dem unwiderstehlichen Drang der Menschen nach Freiheit und einem&#13;
besseren Leben zu suchen sind.&#13;
Mit den freien Republiken in Lateinamerika haben mich - und mein&#13;
Land - stets besonders herzliche Bande des Interesses und der Zuneigung&#13;
verbunden. Es wird Ziel dieser Regierung sein, diese Bindungen zu festigen.&#13;
Gemeinsam teilen und formen wir das Schicksal der Neuen Welt. Ich hoffe,&#13;
im kommenden Jahr Lateinamerika besuchen zu können. Und ich werde laufend&#13;
unsere Zusagen an die Allianz für den Fortschritt als dem Werkzeug unseres&#13;
Kampfes gegen Armut und Ungerechtigkeit in der westlichen Hemisphäre erhöhen.&#13;
In der atlantischen Gemeinschaft werden wir weiter das seit zwanzig&#13;
Jahren gesteckte Ziel verfolgen - ein Europa, dessen Stärke und Einigkeit&#13;
in Zusammenarbeit mit Amerika ständig wächst. Eine große, unbewältigte&#13;
Aufgabe ist die Wiedervereinigung Deutschlands durch Selbstbestimmung.&#13;
Diese Politik gegenüber Europa basiert nicht auf irgendwelchen abstrakten&#13;
Vorstellungen. Sie beruht auf den Realitäten gemeinsamer Interessen und&#13;
gemeinsamer Werte, gemeinsamer Gefabren und gemeinsamer Erwartungen. Diese&#13;
Realitäten werden auch weiterhin bestimmend sein - vor allem für unseren&#13;
expandierenden Handel und unsere gemeinsame Verteidigung.&#13;
Freie Amerikaner haben die Politik der Vereinigten Staaten gestaltet.&#13;
Und weil wir um diese Realitäten wissen, liegt diese Politik jetzt und in&#13;
der Zukunft im Interesse Europas.&#13;
&#13;
Freie&#13;
&#13;
�Freie Europäer müssen den Kurs Europas bestimmen. Und aus den gleichen&#13;
Gründen liegt dieser Kurs jetzt und in der Zukunft in unserem Interesse und&#13;
im Interesse der Freiheit. In meinen Gesprächen mit europäischen Staatsmännern während des vergangenen Jahres fand ich diese Wahrheit bestätigt.&#13;
Ich hoffe, diese Besuche bei einigen unserer Freunde in Europa in diesem&#13;
Jahr erwidern zu können.&#13;
In Afrika und in Asien sind wir gegenwärtig Zeuge der turbulenten&#13;
Entstehung neuer Nationen und der Entfaltung zweier Kontinente. Wir begrüßen sie in der Gemeinschaft der Völker.&#13;
Wir haben uns verpflichtet, jenen zu helfen, die sich um die Stärkung ihrer eigenen Unabhängigkeit bemühen, und auf das engste mit jenen&#13;
Regierungen zusammenzuarbeiten, die sich dem Wohlergehen ihres Volkes&#13;
verschrieben haben. Wir wollen kein Treuebekenntnis zu eisernen Glaubenssätzen, sondern eine Vielfalt der Anschauungen, so verschiedenartig, wie&#13;
der Mensch selbst es ist. Wir wollen keine Ausdehnung der Macht Amerikas,&#13;
sondern den Fortschritt der Menschheit. Wir wollen nicht andere beherrschen, sondern die Freiheit aller stärken.&#13;
Ich werde nach neuen Wegen suchen, um unser Wissen bei der Bewältigung der Aufgabe einzusetzen, mit dem explosiven Bevölkerungszuwachs und&#13;
der immer stärkeren Verknappung der natürlichen Hilfsquellen der Welt&#13;
fertig zu werden.&#13;
Und schließlich erneuern wir unsere Verpflichtung, zur weiteren&#13;
Stärkung und Wirksamkeit der Vereinten Nationen beizutragen. Das Unvermögen der UNO ist ein Produkt der Welt, in der wir leben, nicht der&#13;
Institution, in der es zum Ausdruck kommt. Es ist weitaus besser, diese&#13;
Meinungsverschiedenheiten vor der Völkerversammlung offen darzulegen, als&#13;
sie im Verborgenen als ständige Gefahr schwelen zu lassen.&#13;
Dies sind einige der Ziele des amerikanischen Volkes in der Welt.&#13;
Uns geht es nicht um Lob oder Tadel,-noch um Dankbarkeit oder Gehorsam. Wir wollen Frieden. Wir vollen Freiheit. Wir wollen das Leben des&#13;
Menschen bereichern. Denn das ist die Welt, in der wir ein gedeihliches&#13;
Auskommen finden können; das ist die Welt, wie wir sie für alle Menschen&#13;
wünschen.&#13;
&#13;
Auf&#13;
&#13;
6-&#13;
&#13;
�Auf dem Weg zur großen Gesellschaft&#13;
&#13;
Die Fragen der Weltpolitik werden auch weiterhin unsere Energie und&#13;
unseren Mut beanspruchen. Heute aber können wir der Form der amerikanischen Lebensweise verstärkte Aufmerksamkeit zuwenden. Wir befinden uns&#13;
mitten in der machtvollsten Prosperitätswelle, die jemals eine Nation erlebt hat.&#13;
Unser glänzender Fortschritt ist durch eine Preisstabilität gekennzeichnet gewesen, wie sie in der Welt bisher einzig dasteht. Das Defizit&#13;
unserer Zahlungsbilanz hat sich verringert, und die Stärke des Dollars&#13;
steht außer Frage. Ich verspreche, daß dies so bleiben wird. Ich appelliere an Wirtschaft und Gewerkschaften, mit mir auf dieses Ziel hin zusammenzuarbeiten.&#13;
Wir haben zwei Jahrhunderte lang gearbeitet, um diesen Gipfel der&#13;
Prosperität zu erklimmen. Wir stehen jedoch erst am Anfang des Weges zur&#13;
großen Gesellschaft. Jetzt liegt vor uns der Gipfel, auf dem das Freisein&#13;
von physischer Not der Befriedigung geistiger Bedürfnisse dienlich sein&#13;
kann.&#13;
Wir schufen diesen Staat, damit er seinem Volke diene. Wir wollen uns&#13;
entfalten und aufbauen und schaffen - aber wir wollen, daß der Fortschritt&#13;
der Diener und nicht der Herr des Menschen ist. Wir wollen nicht umgeben&#13;
von Überfluß isoliert von Nachbarn und Natur leben, eingeschlossen in bedrückende Städte und freudlose Vororte und verkrüppelt durch Bildungsmangel und inhaltslose Mußestunden. Die große Gesellschaft fragt nicht nur&#13;
nach der Quantität, sondern auch nach der Qualität; nicht nur danach, wie&#13;
man Wohlstand schafft, sondern auch, wie man ihn nutzt; nicht nur, wie&#13;
rasch wir voranschreiten, sondern auch wohin der Weg führt.&#13;
Als erstes Kriterium für die Beurteilung eines Staates postuliert sie&#13;
die Frage nach der Qualität seines Volkes. Eine Gesellschaft dieser Art&#13;
wird nicht spontan aus wachsendem Überfluß und zunehmender Macht erblühen.&#13;
Sie wird nicht als Geschenk der Regierung oder Werk von Präsidenten erstehen.&#13;
&#13;
Sie&#13;
&#13;
�Sie wird vpn jedem Amerikaner viele Generationen hindurch Vertrauen&#13;
in die Bestimmung und die Kraft fordern, diesen Weg zu gehen. Wie die Freiheit selbst wird sie stets Aufgabe und Anspruch, nicht aber Erfüllung&#13;
sein.&#13;
Wir nehmen heute abend diese Aufgabe auf uns.&#13;
&#13;
Das nationale Programm&#13;
&#13;
Ich schlage vor, daß wir mit einem Erziehungsprogramm beginnen, das&#13;
jedem amerikanischen Kind die Gewähr für die vollste Entfaltung seiner geistigen Anlagen und Talente bietet;&#13;
ich schlage vor, daß wir einen massiven Angriff gegen alle Siechtum&#13;
und Tod verbreitenden Krankheiten führen;&#13;
ich schlage vor, daß wir auf nationaler Ebene Anstrengungen unternehmen, um die Städte in Amerika zu besseren und angenehmeren Wohnplätzen zu&#13;
machen;&#13;
ich schlage vor, daß wir Amerika landschaftlich schöner gestalten und&#13;
der Verschmutzung unserer Flüsse und der Luft, die wir atmen, ein Ende machen;&#13;
ich schlage vor, daß wir ein neues Programm durchführen, um die Regionen unseres Landes zu entwickeln, die zur Zeit unter Depression und Not&#13;
leiden;&#13;
ich schlage vor, daß wir weitere Anstrengungen unternehmen, um der&#13;
Kriminalität und Straffälligkeit zu steuern und sie zu verhindern;&#13;
ich schlage vor, daß wir alle noch verbliebenen Hindernisse für die&#13;
Ausübung des Wahlrechts beseitigen;&#13;
ich schlage vor, daß wir die geistigen und künstlerischen Leistungen&#13;
würdigen und unterstützen;&#13;
ich schlage vor, daß wir im ganzen Lande eine Kampagne gegen Verschwendung und Untüchtigkeit führen.&#13;
Die&#13;
&#13;
- 8-&#13;
&#13;
�Die Aufgabe&#13;
&#13;
Unsere grundlegende Aufgabe ist dreifach:&#13;
das wirtschaftliche Wachstum zu erhalten; allen Amerikanern die Möglichkeiten und Chancen zu eröffnen, deren sich die meisten Amerikaner bereits erfreuen; das Leben aller qualitativ zu verbessern.&#13;
In den nächsten sechs Wochen werde ich Sonderbotschaften mit detaillierten Vorschlägen für nationale Maßnahmen auf jedem dieser Gebiete unterbreiten. Heute abend möchte ich kurz einige meiner wesentlichen Empfehlungen für diese drei wichtigsten nationalen Aufgabenbereiche erläutern.&#13;
&#13;
I. Eine expandierende Wirtschaft&#13;
Grundlegende Zielsetzungen&#13;
&#13;
Wir müssen erstens unserem Land den Wohlstand erhalten. Wir streben&#13;
nach der Vollbeschäftigung mit Entfaltungsmöglichkeiten für jeden Amerikaner. Ich werde ein Budget vorlegen, das der Wirtschaft weiteren Auftrieb&#13;
geben soll. Der Verbraucher wird aufgrund einer beträchtlichen Senkung der&#13;
Verbrauchssteuern mehr Geld in den Händen haben. Wir werden auf dem Weg&#13;
zu einem ausgeglichenen Haushalt in einer ausgewogenen Wirtschaft weiter&#13;
voranschreiten.&#13;
Ich sage voll Zuversicht voraus - was alle Wirtschaftsindikatoren&#13;
uns jetzt schon anzeigen -, daß der Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft fortdauern wird. Wir müssen jedoch bedenken, daß die Furcht vor einer Rezession zur Entstehung einer wirklichen Rezession beitragen kann.&#13;
Das Wissen, daß unsere Regierung schnell handeln wird und kann, wird das&#13;
Vertrauen von Investoren und Wirtschaft stärken.&#13;
Der Kongreß kann dieses Vertrauen noch untermauern, indem er sicherstellt, daß seine Verfahrensweisen eine schnelle Behandlung temporärer&#13;
Einkommensteuersenkungen gewährleisten. Ferner sollten Sondermittel für&#13;
öffentliche Arbeitsbeschaffungsprogramme bereitgestellt werden, die sofort&#13;
&#13;
- 9-&#13;
&#13;
�sofort eingesetzt werden können, wenn eine Rezession droht.&#13;
Unser aller Wohlstand setzt voraus, daß die Preise weiterhin stabil&#13;
bleiben. Industrie, Arbeitnehmer und Verbraucher, sie alle haben ein großes Interesse daran, daß Löhne und Preise sich weiterhin in dem durch die&#13;
sog. Richtpunkte abgesteckten Rahmen halten, die unserem Land in der Vergangenheit bereits so gute Dienste geleistet haben.&#13;
Die Erschließung neuer Auslandsmärkte für unsere Erzeugnisse hängt&#13;
von der Initiative der amerikanischen Wirtschaft ab. Wir halten Kredite&#13;
und sonstige Hilfen bereit, um den Fluß des Handels zu fördern, der dem&#13;
gesamten Land nützt.&#13;
&#13;
Die Landwirtschaft&#13;
&#13;
Unsere Wirtschaft verdankt der Produktivität unserer Landwirtschaft&#13;
viel. Wir müssen sicherstellen, daß die Farmer auch weiterhin die Möglichkeit haben, einen angemessenen Gewinn zu erzielen. Ich habe den Landwirtschaftsminister angewiesen, sich intensiv um neue Wege zu bemühen, die&#13;
hohen Kosten unserer landwirtschaftlichen Programme zu verringern und einen größeren Teil unserer Anstrengungen auf den kleinen Farmer zu verwenden, der die Hilfe am meisten benötigt.&#13;
&#13;
Steigende Prosperität&#13;
&#13;
Wir können mithelfen, eine anhaltende Prosperität zu sichern, indem&#13;
wir ein regionales Aufbauprogramm ins Leben rufen, um zur Entwicklung von&#13;
Notstandsgebieten, die gegenüber dem allgemeinen Fortschritt zurückgeblieben sind, beizutragen;&#13;
indem wir uns weiter bemühen, unseren Arbeitern die fachlichen Qualifikationen zu vermitteln, die die moderne Technik erfordert, denn unsere&#13;
Arbeiter sind eine unerläßliche Kraft in unserem amerikanischen System;&#13;
indem wir die Mindestlohngesetzgebung auf mehr als zwei Millionen&#13;
bisher nicht erfaßte Arbeiter ausdehnen; und&#13;
&#13;
- 10&#13;
&#13;
. ,&#13;
&#13;
�indem wir das System der Arbeitslosenversicherung verbessern und modernisieren.&#13;
Wie in unseren demokratischen Parteiprogrammen von 1960 und 1964&#13;
feierlich versprochen, werde ich dem Kongreß Änderungen des Taft-HartleyGesetzes, einschließlich des Abschnittes 14-B, vorschlagen. Ich tue dies&#13;
in der Hoffnung, dadurch die Konflikte zu entschärfen, die seit mehreren&#13;
Jahren in verschiedenen Staaten der Union zu Uneinigkeit unter Amerikanern&#13;
geführt haben.&#13;
&#13;
Transport und Wirtschaftsexpansion&#13;
&#13;
In einem Land, das sich über einen ganzen Kontinent erstreckt, ist&#13;
ein modernes Transportwesen von entscheidender Bedeutung für ein anhaltendes Wachstum.&#13;
Ich werde vorschlagen, das Transportwesen in stärkerem Maße als bisher auf eine Wettbewerbsbasis zu stellen, und ich werde eine neue Politik&#13;
für unsere Handelsmarine empfehlen. Ich werde um Mittel ersuchen, um die&#13;
Möglichkeiten des Eisenbahnschnellverkehrs zwischen Großstädten zu prüfen.&#13;
Wir werden mit Versuchsprojekten zwischen Boston und Washington beginnen.&#13;
Mit besonderen Expreßzügen könnten Reisende diese Strecke in weniger als&#13;
vier Stunden zurücklegen.&#13;
&#13;
II. Chancen für alle&#13;
Wir müssen zweitens allen Amerikanern echte Chancen geben. Die meisten Amerikaner erfreuen sich heute eines guten Lebens. Aber immer noch&#13;
sind zu viele durch Armut, Untätigkeit und Furcht in ihrer Entwicklung&#13;
gehemmt. Eine gerechte Nation muß auch ihnen den Zugang zur Gemeinschaft&#13;
der Verheißung eröffnen:&#13;
den Alten durch Gewährleistung der Krankenhauspflege im Rahmen der&#13;
Sozialversicherung und durch Erhöhung der Zuwendungen an jene, die sich&#13;
um eine würdige Altersversorgung bemühen;&#13;
&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
,&#13;
&#13;
�den Armen durch eine Verdoppelung der Anstrengungen im Kampf gegen&#13;
die Armut in diesem Jahr;&#13;
den farbigen Amerikanern durch die Durchführung des Bürgerrechtsgesetzes und die Beseitigung aller Hindernisse für die Ausübung des Stimmrechts;&#13;
Menschen in anderen Ländern, die nach den Verheißungen Amerikas streben, durch ein Einwanderungsgesetz, das darauf basiert, was einer leisten&#13;
kann, und nicht darauf, wo er geboren wurde oder wie er seinen Namen&#13;
schreibt.&#13;
&#13;
III. Bereicherung des Lebens aller Amerikaner&#13;
&#13;
Unser drittes Ziel ist die qualitative Verbesserung des amerikanischen Lebens.&#13;
&#13;
Durch Erziehung&#13;
&#13;
Beginnen wir mit der Schule.&#13;
Jedes Kind muß die beste Erziehung erhalten, die unsere Nation ihm&#13;
bieten kann. Thomas Jefferson sagte, keine Nation kann zugleich unwissend&#13;
und frei sein. Heute kann keine Nation zugleich unwissend und groß sein.&#13;
Zusätzlich zu den laufenden Programmen werde ich ein neues Programm&#13;
für Schulen sowie Schüler und Studenten empfehlen, für das im ersten Jahr&#13;
1,5 Milliarden Dollar bereitgestellt werden sollen. Es wird in jedem einzelnen Abschnitt des Wegs zur Bildung Hilfe bringen.&#13;
Während der Vorschuljahre werden wir helfen, bei bedürftigen Kindern&#13;
die Freude und Lust am Lernen zu wecken. Im Bereich der Grund- und Oberschule werden wir den öffentlichen Schulen, die Kinder aus Familien mit&#13;
kleinen Einkommen aufnehmen, helfen und die Schüler sowohl der öffentlichen als auch der privaten Schulen unterstützen. Während der CollegeJahre werden wir besonders begabten und bedürftigen Studenten Stipendien&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�Stipendien geben und jenen Studenten verbürgte Darlehen zu niedrigem Zinssatz zukommen lassen, die ihre College-Studien fortsetzen wollen.&#13;
Neue Laboratorien und Ausbildungszentren werden dazu beitragen, das&#13;
Leistungsniveau unserer Schulen zu heben und neue Lehrmethoden zu erproben. Diese Zentren werden all denen eine besondere Ausbildung zuteil werden lassen, die einer besonderen Behandlung bedürfen und diese verdienen.&#13;
&#13;
Durch bessere Gesundheit&#13;
4&#13;
&#13;
Größe setzt nicht nur ein gebildetes Volk, sondern auch ein gesundes&#13;
Volk voraus. Unser Ziel ist es, den Leistungsstand unserer Medizin den gesundheitlichen Bedrohungen unseres Volkes anzupassen.&#13;
Wir führen bereits ein umfassendes Forschungs- und Gesundheitsprogramm durch. Darüber hinaus gewährleisten regionale medizinische Zentren&#13;
bei Herzkrankheiten, Krebs, Schlaganfällen und anderen ernsten Krankheiten beste Diagnosen und Behandlung. Durch zusätzliche Förderung der medizinischen und zahnmedizinischen Ausbildung werden wir die Fachkräfte für&#13;
die Anwendung unseres Wissens erhalten.&#13;
Kommunale Einrichtungen können den Geisteskranken helfen, die gesundheitliche Betreuung der Schulkinder armer Familien übernehmen und geistig&#13;
zurückgebliebene Kinder fördern.&#13;
&#13;
Durch Verbesserung der städtischen Umwelt&#13;
Ein gebildetes und gesundes Volk setzt eine Umwelt voraus, die im&#13;
Einklang mit seinen Hoffnungen steht.&#13;
In unseren Städten besteht das zentrale Problem heute darin, den Menschen das Gefühl der Befriedigung zu erhalten oder neu zu geben, daß sie&#13;
einer Gemeinschaft angehören, in der sie Sicherheit und Erfüllung finden&#13;
können. Dazu ist es zunächst notwendig, mit alten Vorstellungen zu brechen&#13;
- sich Gedanken um die Entwicklung ganzer Großstadtbezirke zu machen und&#13;
&#13;
13 -&#13;
&#13;
�und darauf hinzuarbeiten und zu planen. Wir werden diesen Schritt mit&#13;
neuen Hilfsprogrammen für wichtige kommunale und nachbarschaftliche Gesundheits- und Erholungszentren tun.&#13;
Neue und bereits bestehende Programme werden Jenen Städten offenste*&#13;
hen, die bei der Entwicklung einer einheitlichen langfristigen Planung&#13;
für Großstadtgebiete zusammenarbeiten. Wir müssen ferner wichtige Änderungen in unseren Wohnbauprogrammen vornehmen, wenn wir eben diese Hauptsie*&#13;
le verfolgen wollen. Ein Ministerium für Wohnungsbau und Städteplanung&#13;
wird notwendig sein, um diese Bemühungen in unseren Städten voranzutreiben.&#13;
Jeder Bürger hat das Recht, sich in seiner Wohnung und auf den Straßen seiner Wohngemeinde sicher zu fühlen. Um dem Verbrechen Einhalt su&#13;
gebieten, werden wir Programme empfehlen mit dem Ziel, die örtlichen Polizeiorgane auszubilden; ihnen die besten Methoden der modernen Wissenschaft zugänglich zu machen; die Ursachen der Verbrechen cu erforschen&#13;
und bessere Wege zu ihrer Verhinderung zu entdecken.&#13;
Ich werde in Kürze ein Gremium hervorragender Experten einberufen,&#13;
das sich um Lösungen für das nationale Problem der Krininalität und&#13;
Straffälligkeit bemühen soll.&#13;
&#13;
Die Schönheit Amerikas&#13;
&#13;
Über drei Jahrhunderte lang hat die Schönheit Amerikas unseren&#13;
Geist beflügelt und unsere Vorstellungskraft erweitert. Wir müssen nun&#13;
Maßnahmen ergreifen, um dieses Erbe zu schützen. In einer fruchtbaren&#13;
neuen Partnerschaft mit Einzelstaaten und Städten sollte die nächste Dekade zu einem Meilenstein auf dem Gebiet der Landschaftspflege werden.&#13;
Wir müssen gewaltige Anstrengungen unternehmen, um das Landschaftsbild&#13;
zu bewahren und um - sozusagen als landschaftliches Vermächtnis für kommende Generationen - mehr große und kleine Parks, mehr Badestrände und&#13;
Freigelände zu schaffen als in irgendeiner Zeit unserer Geschichte*&#13;
Es müssen neue und nachdrückliche Anstrengungen unternommen werden.&#13;
&#13;
-14-&#13;
&#13;
�werden, um unsere Autostraßen in das Landschaftsbild einzufügen und Stätten der Erholung und Entspannung überall dort einzurichten, wo sie hinführen.&#13;
Innerhalb unserer Städte sind phantasievolle Programme erforderlich,&#13;
um die Straßen zu verschönern und offene Flächen in Plätze der Schönheit&#13;
und der Erholung zu verwandeln.&#13;
Vir werden uns um Gesetze bemühen, die eine Verschmutzung von Luft&#13;
und Wasser verhindern sollen, ehe es zu spät ist. Wir werden unsere gegenwärtigen Anstrengungen zur Kontrolle der Beseitigung schädlicher Abfälle&#13;
intensivieren, wobei der Reinigung unserer am meisten verschmutzten Flüsse&#13;
Vorrang eingeräumt werden soll. Wir werden unsere Forschungen intensivieren, um mehr darüber zu erfahren, wie der Verschmutzung Einhalt geboten&#13;
werden kann.&#13;
Wir hoffen, den Potomac zu einer vorbildlichen Stätte der Schönheit&#13;
und der Erbauung für das gesamte Land zu gestalten - und noch unberührte&#13;
Teile einiger unserer Wasserstraßen durch ein Gesetz über Wildwasser in&#13;
ihrem derzeitigen Zustand zu erhalten. Weitere Anregungen für die Schaffung eines schönen Amerikas wird eine vom Weißen Haus auszurichtende&#13;
Konferenz geben, zu der ich in Kürze einladen werde.&#13;
&#13;
Kunst und Wissenschaft&#13;
&#13;
Wir müssen auch jene herausfinden und fördern, die richtungweisend&#13;
werden können für die Imagination und den Intellekt unseres Volkes. Zur&#13;
Förderung und Auszeichnung schöpferischer Leistungen werde ich die Schaffung einer nationalen Stiftung für die Künste und Geisteswissenschaften&#13;
vorschlagen.&#13;
Um zu jenem Wissen zu gelangen, das unser Leben bereichern und unseren Fortschritt sicherstellen wird, werde ich Programme für die Förderung&#13;
der reinen Forschung, vor allem an den Universitäten, vorschlagen - um&#13;
auch den Tag näher zu bringen, da die Ozeane unseren wachsenden Bedarf an&#13;
Frischwasser decken werden.&#13;
Der&#13;
- 15 -&#13;
&#13;
�Der Staat&#13;
&#13;
Ein Staat, der diesen Zielen dienen soll, muß modern in seiner Struktur, leistungsfähig und für jeden Notfall gerüstet sein.&#13;
Ich überprüfe zur Zeit den Aufbau der Exekutive. Ich hoffe, sie umformen und reorganisieren zu können, damit sie den Aufgaben von heute&#13;
wirksamer gerecht werden kann. Überall, wo ich auf Vergeudung und Leerlauf&#13;
stoße, werde ich für Abhilfe sorgen. Durch das Ausmerzen von Verschwendung&#13;
und Leerlauf haben wir im vergangenen Jahr fast 3,5 Milliarden Dollar eingespart. In diesem Jahr will ich noch mehr erreichen. Und ich werde Ihnen&#13;
bald über unsere Fortschritte und über neue Sparmaßnahmen berichten, die&#13;
wir einzuführen gedenken.&#13;
Selbst der beste Staat ist den übelsten Wechselfällen ausgesetzt.&#13;
Ich werde Gesetzesmaßnahmen vorschlagen, die die notwendige Kontinuität in&#13;
der Führung gewährleisten sollen, falls ein Präsident amtsunfähig wird oder&#13;
stirbt.&#13;
Außerdem werde ich Reformen für das Wahlmännerkollegium vorschlagen die die Abstimmung nach Staaten unberührt lassen, dabei aber sicherstellen&#13;
sollen, daß kein Wahlmann seinen Willen an die Stelle des Volkswillens&#13;
setzen kann.&#13;
&#13;
Im letzten Jahr sprach ich zu Ihnen nach 33 Jahren des Dienstes für&#13;
die Öffentlichkeit - von denen ich die meisten im Kapitol zugebracht habe.&#13;
Heute spreche ich zu Ihnen, nachdem ich ein Jahr lang Präsident der Vereinigten Staaten gewesen bin. Viele von Ihnen in diesem Hause gehören zu meinen&#13;
ältesten Freunden. Wir haben viele glückliche Augenblicke und viele Stunden&#13;
harter Arbeit zusammen verbracht und manchen Präsidenten erlebt. Doch erst im&#13;
'Jeißen Haus lernt man die ganze Bürde dieses Amtes ermessen. Die größte Last&#13;
ist nicht, den gewaltigen Regierungsapparat zu leiten, oder sich mit den&#13;
- 16 -&#13;
&#13;
�den täglichen Schwierigkeiten - den großen und kleinen - auseinanderzusetzen, oder etwa mit dem Kongreß zusammenzuarbeiten. Die schwerste Aufgabe&#13;
eines Präsidenten ist nicht, zu tun, was richtig ist, sondern zu wissen,&#13;
was richtig ist.&#13;
Und doch erlangt man mit der Präsidentschaft nicht die besondere Gabe der Prophezeiung oder der Vorausschau. Man leistet einen Eid, man übernimmt ein Amt und muß dann mithelfen, eine große Demokratie zu leiten.&#13;
Ich fand den Schlüssel dazu in dem Land, in dem ich geboren wurde.&#13;
Es war einst unfruchtbares Land. Auf den schroffen Hügeln standen verkümmerte Zedern und einige Eichen. Auf dem harten kalkigen Boden wuchs nur&#13;
wenig, und in jedem Frühjahr überflutete der Pedernales-Fluß das Tal. Und&#13;
doch kamen Menschen dorthin, arbeiteten, hielten aus und bauten. Heute ist&#13;
dieses Land reich an Obst, Rindern, Ziegen und Schafen. Es gibt schöne Häuser und Seen, und man kennt keine Überschwemmungen mehr.&#13;
Warum sind Menschen in dieses einst unwirtliche Land gekommen? Natürlich, sie waren rastlos und wollten vorankommen. Aber da war noch mehr. Da&#13;
war ein Traum - der Traum von einem Stück Erde, auf dem ein freier Mensch&#13;
ein besseres Leben für sich und für seine Kinder aufbauen konnte - der&#13;
Traum von einem Kontinent, den es zu erobern, einer Welt,die es zu gewinnen und einer Nation, die es zu schaffen galt. Dies bedenkend fand ich den&#13;
Schlüssel.&#13;
Ein Präsident gestaltet keine neue und persönliche Vision Amerikas. Er&#13;
setzt sie zusammen aus den zerstreuten Hoffnungen der amerikanischen Vergangenheit.&#13;
Diese Vision bestand bereits, als die ersten Siedler die Küste einer&#13;
neuen Welt erblickten und als die ersten Pioniere nach Westen zogen. Sie&#13;
hat uns bei jedem Schritt auf unserem Wege geleitet. Sie gibt jedem Präsidenten Kraft. Aber sie ist genauso Ihr Erbe und sie gehört genauso dem&#13;
Volk, dem wir dienen. Sie muß von jeder Generation für ihre eigenen Erfordernisse neu interpretiert werden, so wie ich dies zu einem Teil heute versucht habe. Sie soll uns leiten, wenn wir in dieses dritte Jahrhundert der&#13;
&#13;
- 17 -&#13;
&#13;
�der Suche nach "einer vollkommeneren Union" eintreten.&#13;
Das ist also die Lage der Nation: frei, rastlos, wachsend und voller&#13;
Hoffnung. So war es im Anfang. So soll es immer sein, so Gott will und wir&#13;
stark genug sind, den Glauben zu bewahren.&#13;
&#13;
+ + + + +&#13;
&#13;
-18-&#13;
&#13;
�A M E R I K A&#13;
&#13;
D I E N S T&#13;
&#13;
LYNDON B. JOHNSON&#13;
&#13;
DIE ANTRITTSBOTSCHAFT DES PRÄSIDENTEN&#13;
&#13;
Wortlaut&#13;
der Ansprache, die Lyndon B. Johnson&#13;
am 20. Januar 1965 anläßlich der Übernahme des&#13;
Amtes des Präsidenten der Vereinigten Staaten&#13;
von Amerika gehalten hat&#13;
&#13;
�»&#13;
&#13;
Meine amerikanischen Mitbürger!&#13;
&#13;
Der Eid, den ich bei diesem Anlaß vor Ihnen und vor Gott abgelegt&#13;
habe, ist nicht mein Eid allein, sondern unser aller Eid. Wir sind eine&#13;
Nation und ein Volk. Unser Schicksal als Nation und unsere Zukunft als&#13;
Volk ruhen nicht auf einem Bürger, sondern auf allen Bürgern.&#13;
Das ist die Größe und die Bedeutung dieses Augenblicks. Jede Generation hat ihr Schicksal. Für einige entscheidet die Geschichte. Für&#13;
unsere Generation muß die Entscheidung bei uns liegen.&#13;
Jetzt, wo ich zu Ihnen spreche, fliegt eine Rakete zum Mars. Sie&#13;
erinnert uns daran, daß die Welt für unsere Kinder oder selbst für uns&#13;
in wenigen Jahren schon nicht mehr die gleiche sein wird. Der nächste&#13;
Mann, der hier steht, wird eine Situation vorfinden, die sich von der&#13;
heutigen unterscheidet.&#13;
Denn wir leben in einer Zeit des Wandels - eines raschen und erstaunlichen Wandels, der die Geheimnisse der Natur enthüllt - immer&#13;
neue Nationen hervorbringt, der neue Waffen für die Beherrschung und&#13;
die Vernichtung in unsichere Hände legt, der überkommene Werte erschüttert und überkommene Formen zerschlägt.&#13;
Unser Schicksal inmitten dieses Wandels wird dadurch bestimmt werden, daß sich am Charakter unseres Volkes - und an seinem Glauben nichts ändert.&#13;
Sie kamen hierher - der Ausgestoßene und der Fremdling, tapfer,&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
�tapfer, wenn auch verstört -, um einen Ort zu finden, wo der Mensch er&#13;
selbst sein darf. Sie schlössen einen feierlichen Bund mit diesem Land.&#13;
Aus Gerechtigkeit geboren, in Freiheit geschrieben, in Verbundenheit gefaßt, sollte er eines Tages die Hoffnungen der gesamten Menschheit beflügeln. Er bindet uns auch weiterhin. Wenn wir uns an seine Worte halten, dann werden wir gedeihen.&#13;
Erstens: Gerechtigkeit bedeutete die Verheißung, daß alle, die die&#13;
Reise unternahmen, an den Früchten des Landes teilhaben würden.&#13;
In einem Lande von großem Wohlstand dürfen Familien nicht in hoffnungsloser Armut leben.&#13;
In einem Lande, reich an Ernten, dürfen Kinder einfach nicht hungern.&#13;
In einem Lande, in dem die Heilkunst Wunder vollbringt, dürfen Nachbarn nicht leiden und unbetreut sterben.&#13;
In einem so bedeutenden Land der Bildung und der Wissenschaft muß&#13;
junge Menschen lesen und schreiben gelehrt werden.&#13;
Seit über dreißig Jahren, die ich diesem Land gedient habe, bin ich&#13;
der Überzeugung, daß dieses Unrecht an unserem Volke - diese Verschwendung&#13;
unserer Hilfsquellen - der wahre Feind ist. Seit über dreißig Jahren habe&#13;
ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln gegen ihn gekämpft, und&#13;
ich weiß, daß er nicht leicht kapitulieren wird.&#13;
Aber der Wandel hat uns neue Waffen gegeben. Noch ehe diese Generation&#13;
von Amerikanern das Zeitliche segnet, wird dieser Feind nicht nur zurückweichen, sondern er wird besiegt sein.&#13;
Um der Gerechtigkeit willen müssen wir daran denken, wenn ein Bürger&#13;
seinen Mitbürger zurückweist und sagt: Seine Hautfarbe ist nicht die meine&#13;
und sein Glaube ist anders als der meine und mir fremd - in diesem Augenblick verrät er Amerika, obschon seine Vorfahren diese Nation geschaffen&#13;
haben.&#13;
Freiheit war der zweite Artikel unseres feierlichen Bundes. Er&#13;
war Selbstregierung, und unsere "Bill of Rights11. Aber er bedeutete noch&#13;
mehr. Amerika sollte ein Ort sein, wo ein jeder stolz sein durfte, er&#13;
selbst zu sein: wo er seine Talente entfalten, sich seiner Arbeit erfreuen&#13;
&#13;
- 2-&#13;
&#13;
�erfreuen und im Leben seiner Nachbarn und seiner Nation seine Bedeutung&#13;
haben konnte.&#13;
Um wieviel schwieriger ist dies in einer Welt geworden, in der Wandel&#13;
und Wachstum weit über jede Kontrolle, ja selbst über die Urteilskraft des&#13;
Menschen hinauszuwachsen scheinen. Wir müssen nunmehr daran arbeiten, das&#13;
Wissen und die Verhältnisse zu schaffen, durch die die Entfaltungsmöglichkeiten jedes einzelnen Bürgers vergrößert werden können.&#13;
Unser feierlicher amerikanischer Bund verlangte von uns, daß wir den&#13;
Weg zur Befreiung des Menschen zeigen helfen. Das ist immer noch unser Ziel.&#13;
Daher: Wenn als Nation auch vieles nicht in unserer Macht steht, so steht&#13;
doch bei uns als Volk kein Fremder jenseits unserer Hoffnung.&#13;
Der Wandel hat diesem alten Auftrag einen neuen Sinn gegeben. Wir&#13;
können niemals wieder in hochmütiger Isolation abseits stehen. Furchtbare&#13;
Gefahren und Sorgen, die wir einst "fremd" nannten, sind heute Bestandteil unseres Lebens. Wenn heute in Ländern, die wir kaum kennen, Amerikaner sterben müssen und amerikanisches Gut vergeudet wird, dann ist das&#13;
der Preis, den der Wandel unserer Überzeugung und unserem altbewährten&#13;
Bund abverlangt.&#13;
Stellen Sie sich unsere Welt vor, wie sie sich aus der Sicht der zum&#13;
Mars fliegenden Rakete darbietet. Sie sieht wie der Globus eines Kindes&#13;
aus, der im Räume hängt, die Kontinente wie bunte Landkarten an seine&#13;
Rundung geheftet. Wir alle sind Mitreisende auf einem Stückchen Erde, und&#13;
jeder von uns verweilt im Ablauf der Zeiten nur einen Augenblick unter&#13;
seinen Gefährten.&#13;
Wie unglaublich ist es doch, daß wir uns in diesem hinfälligen Dasein hassen und gegenseitig vernichten sollten. Es gibt Möglichkeiten&#13;
genug für alle, die die Herrschaft über andere aufgeben, um die Beherrschung der Natur anzustreben. Es ist Platz genug auf der Welt für alle,&#13;
die nach eigener Facon glücklich werden wollen.&#13;
Der Kurs unseres Landes ist völlig klar. Wir trachten nach nichts,&#13;
was anderen gehört. Wir streben nicht nach Herrschaft über unsere Mitmenschen, sondern nach der Herrschaft des Menschen über Tyrannei und&#13;
&#13;
�Aber es geht um mehr. Die Menschen wollen einer gemeinsamen Aufgabe&#13;
dienen - einer Aufgabe, die größer ist als sie. Jeder von uns muß einen&#13;
Weg finden, die Ziele der Nation zu fördern, um so neue Ziele für uns&#13;
selbst zu finden. Anderenfalls werden wir eine Nation von Fremden werden.&#13;
Zusammenschluß ist der dritte Artikel. Für jene, die klein und in&#13;
geringer Zahl gegen die Wildnis ankämpften, hing der Erfolg der Freiheit&#13;
von der Stärke des Zusammenschlusses ab. Zwei Jahrhunderte des Wandels&#13;
haben dies erneut bestätigt.&#13;
Nicht länger brauchen Unternehmer und Arbeiter, Farmer und Angestellter, Stadt und Land sich um die Verteilung unseres Reichtums zu&#13;
streiten. Wenn wir Schulter an Schulter zusammenarbeiten, können wir den&#13;
Wohlstand aller vermehren.&#13;
Wir haben festgestellt, daß jedes Kind, das lernt, jeder Mann, der&#13;
Arbeit findet, jeder Kranke, der geheilt wird - gleich einer neuen Kerze,&#13;
die auf den Altar gestellt wird - die Hoffnung aller Gläubigen belebt.&#13;
Weisen wir daher jeden in die Schranken, der alte Wunden aufzureißen und alten Haß neu zu schüren sucht. Solche Menschen stehen einer&#13;
vorwärtsstrebenden Nation im Wege.&#13;
Laßt uns jetzt Vernunft mit Glauben und Taten mit Erfahrung paaren,&#13;
um unsere Gemeinsamkeit der Interessen in eine Gemeinsamkeit der Zielsetzungen umzuwandeln. Denn Stunde, Tag und Zeit sind jetzt gekommen, um&#13;
Fortschritt ohne Krieg und Wandel ohne Haß zu erreichen - nicht ohne Meinungsverschiedenheiten, aber ohne jene tiefen und fortdauernden Spaltungen,&#13;
die der Union auf Generationen hinaus ihre Narben hinterlassen.&#13;
Unter diesem feierlichen Bund - der Gerechtigkeit, der Freiheit und&#13;
des Zusammenschlusses - sind wir eine Nation geworden: blühend, groß und&#13;
mächtig. Und wir haben unsere Freiheit erhalten.&#13;
Aber Gott hat uns nicht versprochen, daß unsere Größe andauern wird.&#13;
Er hat uns erlaubt, mit dem Schweiß unserer Hände und der Stärke unseres&#13;
Geistes nach Größe zu streben.&#13;
Ich glaube nicht, daß die "Great Society11 ein regulierter, unveränderlicher und steriler Ameisenstaat ist.&#13;
&#13;
-4-&#13;
&#13;
_.&#13;
&#13;
�Sie ist die aufregende Erfahrung des Werdens - des immer neuen Werdens,&#13;
des Versuchens, des Prüfens, des Stürzens, des Verharrens und des erneuten&#13;
Versuchens - aber des ständigen Versuchens und Gewinnens.&#13;
In jeder Generation mußten wir unter Mühsal und Tränen unser Erbe von&#13;
neuem erwerben.&#13;
Wenn wir jetzt versagen, dann werden wir in unserem Überfluß vergessen&#13;
haben, was wir in der Not lernten: daß Demokratie auf Glauben gegründet ist,&#13;
daß Freiheit mehr fordert, als sie gibt, und daß Gott die am strengsten&#13;
richtet, denen es am besten geht.&#13;
Wenn wir Erfolg haben, so nicht auf Grund dessen, was wir haben, sondern was wir sind; nicht auf Grund dessen, was wir besitzen, sondern was&#13;
wir glauben.&#13;
Denn wir sind eine Nation von Gläubigen. Bei all dem Getöse des Aufbaus und der Hast der täglichen Geschäfte sind wir Gläubige - Menschen, die&#13;
an Gerechtigkeit, Freiheit und Zusammenschluß glauben. Wir in unserem Land&#13;
glauben, daß jeder Mensch eines Tages frei sein muß. Und wir glauben an&#13;
uns selbst.&#13;
Das ist der Fehler, den unsere Feinde immer gemacht haben. Solange&#13;
ich lebe, haben sie - in Zeiten der Depression und des Krieges - unseren&#13;
Fall erwartet. Aber jedesmal brach aus den verborgensten Winkeln des amerikanischen Herzens der Glaube hervor, den sie weder sehen noch sich überhaupt vorstellen konnten. Er brachte uns den Sieg und er wird es wieder&#13;
tun.&#13;
Denn dies alles ist Amerika: es ist die undurchquerte Wüste und der&#13;
unbezwungene Gipfel. Es ist der unerreichte Stern und die in dem ungepflügten Boden schlummernde Ernte.&#13;
Ist unsere Welt dahin? Nun, so sagen wir Lebewohl. Ist eine neue&#13;
Welt im Kommen? So begrüßen wir sie - und werden sie den Hoffnungen der&#13;
Menschheit dienstbar machen.&#13;
Jenen treuen Dienern des Volkes, meiner Familie, jenen Freunden, die&#13;
mir auf langem, wechselvollem Wege gefolgt sind, und allen Menschen dieser Nation und der Welt will ich heute wiederholen, was ich an jenem&#13;
&#13;
- 5 -&#13;
&#13;
�jenem Tage der Trauer im November letzten Jahres sagte: - "Ich werde auf&#13;
dem Weg vorangehen und mein Bestes tun. Aber ihr müßt in eure eigenen Herzen schauen - auf die alten Verheißungen und den alten Traum. Sie werden&#13;
euch am besten den Weg weisen".&#13;
Ich selbst bitte nur mit den Worten jenes biblischen Königs: "So gib&#13;
mir nun Weisheit und Erkenntnis, daß ich vor diesem Volk aus- und eingehe;&#13;
denn wer kann dies, dein großes Volk richten?"&#13;
(Anmerkung der Redaktion: 2. Buch Chronik 1. Kapitel 10. Vers)&#13;
22. November 1963 in Dallas (Texas)&#13;
&#13;
+ + +&#13;
&#13;
-6&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
&#13;
Sonderbeilage&#13;
&#13;
XVIII - 4&#13;
&#13;
LYNDON B. JOHNSON:&#13;
MILITÄRISCHE STARKE DER USA DIENT DEM FRIEDEN&#13;
&#13;
Wortlaut&#13;
der Sonderbotschaft, in der Präsident&#13;
Lyndon B. Johnson dem amerikanischen Kongreß&#13;
am 18. Januar 19&amp;5 seine Empfehlungen zur&#13;
Verteidigung der Vereinigten Staaten&#13;
unterbreitet hat&#13;
&#13;
�Vor 175 Jahren erklärte Präsident Washington in seiner ersten Jahresbotschaft an den Kongreß:&#13;
"Unter den vielen interessanten Dingen, die Ihre Aufmerksamkeit in&#13;
Anspruch nehmen werden, verdienen die Maßnahmen zum Aufbau der gemeinsamen Verteidigung besondere Beachtung. Für den Krieg vorbereitet zu sein,&#13;
ist eines der wirksamsten Mittel, um den Frieden zu bewahren."&#13;
Für den 89. Kongreß sind diese Worte des ersten Präsidenten eine genauso zeitgemäße Forderung wie für den 1. Kongreß.&#13;
Im 20. Jahr seit Beendigung des tragischsten Krieges der Menschheit&#13;
beginnen für Sie und für mich neue Amtszeiten. Die Gefahr eines Krieges&#13;
ist weiterhin vorhanden. Wenn jedoch die Hoffnung auf Frieden heute stärker ist als zu irgendeiner anderen Zeit während dieser zwanzig Jahre,&#13;
dann nur, weil wir - und die freien Menschen überall auf der Welt - bewiesen haben, daß Bereitschaft das wirksamste Mittel ist, um den Frieden&#13;
zu bewahren.&#13;
Waffen allein können die Sicherheit einer Gesellschaft oder die Wahrung des Friedens nicht garantieren. Die Gesundheit und die Erziehung unseres Volkes, die Lebenskraft unserer Wirtschaft, die Gleichberechtigung&#13;
für alle, die Vision und Erfüllung unserer Wünsche und Hoffnungen - dies&#13;
alles sind Faktoren der Stärke und des Wohlergehens Amerikas.&#13;
Heute können wir den Weg des Friedens einschlagen, weil wir über die&#13;
Stärke verfügen, die wir benötigen. Wir haben diese Stärke mit Mut geschaffen. Wir haben sie mit Sorgfalt eingesetzt. Wir haben sie mit der&#13;
Überzeugung bewahrt, daß der Lohn unserer Entschlossenheit Frieden und&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
�und Freiheit sein werden.&#13;
Wir haben keine territorialen Ansprüche, wir streben nicht nach Herrschaft über andere, wir fürchten kein Land, wir verachten kein Volk. Wir&#13;
wollen mit unseren Waffen den Frieden der Menschheit schützen.&#13;
In diesem Geiste also möchte ich mit Ihnen die Lage unserer Verteidigung und die von uns verfolgte Politik erörtern und Ihnen - als Oberbefehlshaber - meine Empfehlungen für unseren zukünftigen Kurs unterbreiten.&#13;
&#13;
Die Lage unserer Verteidigung&#13;
&#13;
Ich kann Ihnen berichten, daß die Vereinigten Staaten heute militärisch stärker sind als jemals zuvor in Friedenszeiten.&#13;
Im Rahmen unserer freien und offenen Gesellschaft ist es dem amerikanischen Volk gelungen, eine Rüstung aufzubauen, die größer ist,als sie jemals von einer anderen Nation geschaffen wurde, und auch größer als die&#13;
jeder Kombination von Gegnern.&#13;
Diese Stärke ist nicht das Werk einer einzigen Regierung. Die uns&#13;
zur Verfügung stehende Streitmacht ist Ausdruck der Kontinuität und der&#13;
Beständigkeit der Zielsetzungen Amerikas unter vier Regierungen und acht&#13;
Kongressen - und diese verantwortungsbewußte Führung unseres Landes ist&#13;
an sich schon eine Quelle bedeutender Stärke.&#13;
Während der vergangenen vier Jahre lag das Schwergewicht unserer&#13;
nationalen Anstrengungen darauf, ein unbestreitbares Maß an Überlegenheit&#13;
für unsere Verteidigung sicherzustellen. Ich kann Ihnen heute berichten,&#13;
daß diese Anstrengungen erfolgreich waren.&#13;
- Unsere ständig einsatzbereite strategische nukleare Macht hat sich&#13;
innerhalb vier Jahren verdreifacht.&#13;
- Unsere taktische nukleare Macht ist stark vergrößert worden.&#13;
- Unsere Streitkräfte sind so vielseitig und beweglich gemacht worden, wie die gegen den Frieden gerichteten Bedrohungen vielfältig sind.&#13;
- Unsere SpezialStreitkräfte, die für die nicht erklärten, sich _im&#13;
&#13;
- 2-&#13;
&#13;
�im Zwielicht abspielenden Kriege unserer Zeit ausgebildet sind, wurden auf&#13;
das Achtfache erweitert.&#13;
- Unsere einsatzbereiten Armeedivisionen wurden um 45 Prozent verstärkt.&#13;
- Unser Marinekorps wurde um 15 000 Mann verstärkt.&#13;
- Unsere Luftbrückenkapazität zur raschen Verlegung dieser Truppen an&#13;
jeden Ort der Erde ist verdoppelt worden.&#13;
- Die Feuerkraft unserer taktischen Luftverbände zur Unterstützung&#13;
dieser Divisionen im Einsatz ist um 100 Prozent verstärkt worden.&#13;
Diese Stärke wurde entwickelt, um unsere grundlegende militärische&#13;
Strategie zu unterstützen - eine Strategie der Stärke und der Bereitschaft, die in der Lage ist, jeder Aggression mit der angemessenen Kraft&#13;
- von ballistischen Raketen bis zu Guerilla-Verbänden - zu begegnen.&#13;
Unsere Streitkräfte sind ausgewogen und einsatzbereit, beweglich und&#13;
vielfältig. Unsere Verbündeten vertrauen auf unsere Stärke, und unsere&#13;
Gegner respektieren sie. Aber die uns gestellte Aufgabe dauert an. Die&#13;
Konfliktsformen werden täglich subtiler und komplizierter. Wir müssen und wir werden - unsere Streitkräfte und unsere Taktik so anpassen, daß&#13;
sie unsere gestellten Aufgaben zu erfüllen vermögen.&#13;
Wenn unsere militärische Stärke in Zeiten, die Anpassung und Reaktion&#13;
gegenüber wechselnden Aufgaben erfordern, voll nutzbar sein soll, dann muß&#13;
sie so organisiert und gehandhabt werden, daß sie mit der vorgesehenen&#13;
Präzision und Promptheit zum Einsatz gelangen kann.&#13;
Die Lage unserer Verteidigung ist heute vorteilhafter, weil wir ein&#13;
klares System geschaffen haben, das Entscheidungen und Planungen auf wohlinformierter Grundlage ermöglicht.&#13;
- Unsere Planungs- und Etatprogramme laufen jetzt auf einer kontinuierlichen Fünfjahresbasls und umfassen unsere gesamten militärischen Erfordernisse.&#13;
- Unsere nationale Strategie, die Struktur der Streitkräfte, unsere&#13;
Pläne für den Notfall und unser Verteidigungsbudget sind jetzt in einem&#13;
integrierten Plan zueinander in Beziehung gebracht.&#13;
&#13;
3 -&#13;
&#13;
- Unsere&#13;
&#13;
�- Unsere klaren Entscheidungen sind das Ergebnis des Urteils unserer&#13;
besten militärischen Köpfe und der modernsten wissenschaftlichen und analytischen Verfahren.&#13;
- Unsere Militärpolitik unter dem Verteidigungsminister ist heute&#13;
enger denn je auf die Führung der Außenpolitik unter dem Außenminister&#13;
abgestimmt.&#13;
Somit sind wir heute in der Lage, eine ausgewogene und flexible militärische Streitmacht zu stellen und aufrechtzuerhalten, die den wechselnden Erfordernissen einer sich ständig ändernden Aufgabe gerecht werden&#13;
kann.&#13;
&#13;
Grundlegende Verteidigungspolitik&#13;
&#13;
1. Vor vier Jahren erklärte Präsident John F. Kennedy vor dem Kongreß und der Welt, daß "der eigentliche Zweck unserer Waffen der Friede&#13;
und nicht der Krieg ist". Das ist auch heute noch ihr Zweck. Wenn wir gerüstet sind, so nicht für Eroberungen, sondern um unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten und die Beilegung internationaler Streitigkeiten&#13;
durch friedliche Verfahren zu unterstützen.&#13;
Wir sind nicht militaristisch und wir haben die Gewaltanwendung im&#13;
Verfolg nationaler Bestrebungen seit langem verworfen. Wir bemühen uns,&#13;
ein nukleares Massenmorden zu verhindern, bei dem es weder Sieger noch&#13;
Besiegte geben kann. Aber wir werden niemals wieder eine Situation eintreten lassen, in der friedliebende Menschen hilflos vor anderen stehen&#13;
müssen, die ohne Rücksicht auf Zerstörung und menschliches Leid den Krieg&#13;
und die Unterdrückung zur Erreichung ihrer eigenen ehrgeizigen Ziele benutzen.&#13;
2. Die Stärke unserer strategischen Vergeltungsstreitkräfte muß vor&#13;
einem nuklearen Angriff auf die Vereinigten Staaten oder unsere Verbündeten abschrecken.&#13;
Die Kräfte, über die wir zur Zeit verfügen, geben uns diese Möglichkeit.&#13;
Die Vereinigten Staaten haben über 850 ballistische Interkontinental-&#13;
&#13;
- 4 -&#13;
&#13;
�Interkontinentalraketen auf Landabschußbasen, über 300 Fernlenkgeschosse&#13;
mit Atomsprengköpfen auf Polaris-Unterseebooten sowie über 900 strategische&#13;
Bomber, von denen die Hälfte bereit ist, jederzeit innerhalb 15 Minuten in&#13;
der Luft zu sein.&#13;
Diese ständig zum Einsatz bereiten strategischen Streitkräfte sind&#13;
denen jeder anderen Nation hinsichtlich Zahl und Qualität überlegen.&#13;
Um diese Überlegenheit beizubehalten, wird in unmittelbarer Zukunft&#13;
unsere Raketenstärke weiter ausgebaut werden, und unsere Bemühungen werden&#13;
sich auf weitere technische Verbesserungen und kontinuierliche, energische&#13;
Forschungs- und Entwicklungsarbeit konzentrieren.&#13;
- Wir fordern über 300 Millionen Dollar an, um unser Programm für&#13;
eine Verlängerung der Lebensdauer und eine Verbesserung der Leistung unserer strategischen Bomber vom Typ B-52 fortzusetzen, während gleichzeitig&#13;
zwei Staffeln B-52 B - und zwar die ältesten und am wenigsten brauchbaren&#13;
Modelle dieses Typs - ausrangiert werden.&#13;
- Wir setzen die Entwicklung von Motoren und anderen Antriebssystemen&#13;
für moderne Flugzeuge fort, um einen neuen bemannten Bomber zur Hand zu&#13;
haben, sollten wir ihn brauchen.&#13;
- Wir arbeiten weiterhin an der Ausrüstung der Truppe mit der SR-71,&#13;
dem schnellsten Flugzeug der Welt, das in diesem Jahr in die aktiven Streitkräfte eingegliedert wird.&#13;
- Wir setzen die Installation des neuen, über den Horizont hinaus reichenden Radarsystems fort, das uns fast unverzüglich zu einem Angriff gestartete ballistische Raketen erkennen läßt.&#13;
- Wir fahren mit der Beschaffung und Aufstellung unserer jüngsten&#13;
strategischen Raketen, der Minuteman 2 und der Polaris A-3, fort, wodurch&#13;
die Reichweite, die Treffsicherheit und die Schlagkraft unserer strategischen Streitkräfte erhöht wird.&#13;
- Wir ersetzen ältere, kostspieligere und verwundbare Teile unserer&#13;
strategischen Streitkräfte. Die veralteten Atlas- und Titan-1-Raketen&#13;
werden in diesem Jahr außer Dienst gestellt, und die restlichen Flugzeuge&#13;
vom Typ B-47 werden im Laufe des Finanzjahres 1966 ausrangiert.&#13;
All&#13;
&#13;
-5-&#13;
&#13;
�All dies ist Teil eines anhaltenden Prozesses. Es wird immer Änderungen geben, wobei Altes durch Neues ersetzt wird.&#13;
Zu den bedeutsamen neuen Entwicklungen in den strategischen Waffensystemen, die wir in diesem Jahr zu beginnen vorschlagen, gehören:&#13;
- ein neues nPoseidon"-Raketensystem, das die Schlagkraft unserer Raketen-Atomunterseeboote vergrößern soll. Die Poseidon-Rakete wird eine&#13;
doppelt so große Nutzlast wie die äußerst erfolgreiche Polaris-A-3-Rakete&#13;
haben. Die erhöhte Genauigkeit und Vielseitigkeit der Poseidon-Waffe wird&#13;
es ermöglichen, sie wirksam gegen ein breiteres Spektrum möglicher Ziele&#13;
einzusetzen, und eine bessere Gewähr für die Durchdringung der feindlichen&#13;
Abwehr geben;&#13;
- eine Reihe bemerkenswerter neuer Sprengköpfe für strategische Raketen. Dazu gehören: Abwehr-Durchdringungsvorrichtungen, die sicherstellen,&#13;
daß die Rakete jedes Abwehrsystem überwindet und ihr Ziel erreicht; Leitund Zielansteuerungssysteme, um die Wirksamkeit unserer Raketen gegen die&#13;
verschiedensten Arten von Zielen um ein Vielfaches zu vermehren, und&#13;
Methoden, um über das Eintreffen unserer Raketen am Ziel, die Zeit kurz&#13;
vor, ja während der Explosion eingeschlossen, Bericht zu erhalten;&#13;
- eine neue Angriffsrakete für Nahziele (SRAM), die, falls erforderlich, auch von B-52 und anderen Bombern aus zum Einsatz gelangen kann.&#13;
Diese aerodynamische Rakete, die eine gewaltige&#13;
&#13;
Verbesserung gegenüber&#13;
&#13;
den bestehenden Systemen darstellt, würde einen Bomber in die Lage versetzen, eine weitaus größere Zahl von Zielen anzugreifen, und zwar außerhalb des Bereiches der lokalen gegnerischen Abwehr.&#13;
3. Die Stärke, Aufteilung und Beweglichkeit unserer Streitkräfte muß&#13;
dergestalt sein, daß sie - kombiniert mit der unserer Verbündeten - die&#13;
Erosion der freien Welt durch begrenzte nicht-nukleare Aggression verhindern kann.&#13;
Unsere nicht-atomaren Streitkräfte müssen stark genug sein, um sicherzustellen, daß wir angesichts einer Aggression niemals auf Kernwaffen allein&#13;
als einzige Wahl beschränkt sind. Diese Streitkräfte müssen zu unserer Strategie beitragen, auf die verschiedenen Bedrohungen des Friedens flexibel&#13;
und angemessen zu reagieren.&#13;
&#13;
Ich&#13;
&#13;
�Ich habe bereits auf die während der vergangenen Jahre erzielte Erhöhung der Stärke und Beweglichkeit unserer Armee, der Marine, des Marinekorps und unserer Transportverbände, die sie an den Einsatzort bringen,&#13;
sowie der taktischen Luftstreitkräfte verwiesen, die sie dort unterstützen.&#13;
Diese Streitkräfte sind darüber hinaus jetzt besser ausgewogen, besser&#13;
integriert und stehen unter wirksamerem Kommando und wirksamerer Kontrolle&#13;
als jemals zuvor. Wir werden den gegenwärtigen hohen Stand unserer Einsatzbereitschaft beibehalten.&#13;
Wir müssen ferner unsere Fähigkeit verbessern, unsere Kräfte in einem&#13;
bedrohten Gebiet schnell zu konzentrieren, um einer Aggression frühzeitig&#13;
und unverzüglich Einhalt zu gebieten. Wir planen eine Erweiterung unserer&#13;
Luftbrücken- und eine Verbesserung unserer Seetransportkapazität sowie die&#13;
Anlage weiterer Einsatzarsenale, was uns in die Lage versetzen soll, unsere&#13;
Truppen in wenigen Tagen statt in Wochen nach Übersee zu verlegen.&#13;
Um dies zu erreichen, werden wir&#13;
- mit der Entwicklung eines C-5A-Transportflugzeuges beginnen. Dieses&#13;
ungewöhnliche Flugzeug, das 750 Fassagiere befördern kann, wird eine neue&#13;
Ära des Lufttransports einleiten. Es wird uns der angestrebten weltweiten&#13;
Mobilität unserer Streitkräfte einen bedeutenden Schritt näher bringen und&#13;
unsere Führungsposition auf dem Gebiet des Flugwesens stärken.&#13;
- schnelle Einsatz-Transportschiffe bauen, mit denen militärische&#13;
Ausrüstung und Gerät rasch an jeden KampfSchauplatz gebracht werden können.&#13;
Diese Schiffe werden mit Gasturbinen-Maschinen angetrieben werden - was&#13;
einen bedeutenden Fortschritt im Schiffsbau für Schiffe dieser Größe darstellt. Schiffe dieser Art werden an über die ganze Welt verteilten Punkten&#13;
stationiert werden und in der Lage sein, schweres einsatzbereites Gerät&#13;
innerhalb Tagen oder sogar Stunden in die Kampfgebiete zu bringen;&#13;
- die Zahl der vorgeschobenen, in der Nähe der möglichen Krisengebieten&#13;
stationierten Depotschiffe vermehren;&#13;
- ein großangelegtes Beschaffungsprogramm für die revolutionierenden&#13;
F-111-Flugzeuge mit verstellbaren Tragflächen und für das neue Angriffsflugzeug der US-Marine vom Typ A-7 beginnen.&#13;
Wir werden ferner mit dem Bau von vier neuen atomkraftgetriebenen&#13;
- 7 -&#13;
&#13;
�atomkraftgetriebenen Jagd-Unterseebooten und zehn neuen Begleitzerstörern&#13;
beginnen und wir werden die Entwicklung einer viel kleineren und wirksameren Atomkraftanlage für den möglichen Gebrauch in unseren künftigen Flugzeugträgern fortsetzen.&#13;
4. Wenn wir auch davon überzeugt sind, daß unsere gegenwärtige Stärke&#13;
weiterhin vor einem thermonuklearen Krieg abschreckt, so müssen wir doch&#13;
immer wachsam im Hinblick auf die mögliche Begrenzung der unserer Bevölkerung, unseren Städten und unserer Industrie drohenden Zerstörungen sein,&#13;
sollte ein solcher Krieg uns aufgezwungen werden.&#13;
Es sind zahlreiche Vorschläge für Mittel und Wege unterbreitet worden,&#13;
um im Fall eines thermonuklearen Krieges Schäden und Zerstörungen für die&#13;
USA zu begrenzen. Eine wechselnde Strategie und die moderne Technik machen&#13;
das Programm zum Aufbau einer ausreichenden Verteidigung gegen Kernangriffe&#13;
außerordentlich schwierig.&#13;
Alle Entscheidungen hinsichtlich einer weiteren Schadensbegrenzung&#13;
erfordern schwierige Berechnungen bezüglich der Wirksamkeit zahlreicher&#13;
miteinander verbundener Faktoren. Jedes umfassende Programm würde die&#13;
Ausgabe von -zig Milliarden Dollar bedeuten. Wir dürfen nicht vor einer&#13;
Ausgabe zurückschrecken, die durch ihren Nutzen gerechtfertigt istj aber&#13;
wir dürfen nicht überhastet große Summen für gewaltige Programme ausgeben,&#13;
die dieser Bedingung nicht entsprechen.&#13;
Es ist klar, daß unsere Verteidigungswaffen viel an Wirksamkeit,&#13;
Leben zu retten, einbüßen, solange für unsere Bürger kein Schutz gegen&#13;
radioaktive Ausfällungen durch Schutzräume besteht. Das scheint auch der&#13;
am wenigsten kostspielige Weg zur Erhaltung von Millionen von Menschenleben und eine Möglichkeit zu sein, die auch ohne andere Systeme wirklichen&#13;
Wert hat. Wir werden unsere bestehenden Programme fortsetzen sowie ein&#13;
Programm in Angriff nehmen, um den Gesamtbestand an Schutzräumen durch&#13;
eine Erhebung über die Privathäuser sowie andere kleinere Gebäude zu erhöhen.&#13;
Wir werden die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten fortsetzen, die&#13;
uns den Weg zeigen, ein Antiraketen-Raketensystem, bemannte Abfangjäger&#13;
und Boden-Luft-Raketen gegen Bomber zum Einsatz zu bringen.&#13;
&#13;
ix&#13;
- 8-&#13;
&#13;
�5. Unsere Streitkräfte müssen so gegliedert und geführt sein, daß sie&#13;
in angemessener, kontrollierter und wohlüberlegter Form als ein vielseitiges Instrument zur Unterstützung unserer Außenpolitik eingesetzt werden&#13;
können.&#13;
Unsere militärischen und zivilen Führer sind sich einig in der Überzeugung, daß die Schlagkraft unserer Streitkräfte Gegenstand einer ständigen&#13;
Kontrolle sein muß, um in jeder sich möglicherweise ergebenden Krisensituation die angemessene Antwort bereit zu haben.&#13;
Wir haben unsere Möglichkeiten der Fernmeldeverbindung mit unseren&#13;
Streitkräften und der Befehlsübermittlung an sie im ganzen Lande und auf&#13;
der Ebene der Kommandobereiche auf dramatische Weise verbessert. Wir haben&#13;
ein mit dem fortschrittlichsten elektronischen und Nachrichtenübermittlungseinrichtungen ausgestattetes nationales militärisches Kommandosystem aufgebaut, das im Krisenfall die notwendigen Informationen zusammenträgt und der&#13;
obersten Befehlsführung zuleitet und auf sämtlichen Befehlsebenen eine ständige Kontrolle gewährleistet. Seine Unverletzbarkeit bei Angriffen wird&#13;
durch ein System von Kommandostellen in der Luft, auf See und anderswo sowie durch eine Vielzahl von Ausweichmöglichkeiten der Nachrichtenübermittlung verbürgt.&#13;
Im Rahmen des Strategischen Luftkommandos (SAC) haben wir ein Kommandokontrollsystem entwickelt und erstellt, das die Kontinuität der Überwachung&#13;
unserer strategischen Streitkräfte nach einem Atomwaffenangriff sicherstellt.&#13;
Wir haben neue Sicherheitsvorkehrungen und Systeme entwickelt, die gewährleisten, daß unsere Atomwaffen nicht angewendet werden, ausgenommen auf&#13;
Anweisung der höchsten staatlichen Instanz.&#13;
In diesem Jahre fordern wir Mittel an, die es uns ermöglichen, ähnliche&#13;
Verbesserungen hinsichtlich der Unverletzbarkeit und Wirksamkeit unseres Befehls- und Kontrollsystems auch auf den Bereich unserer überseeischen Kommandostellen auszudehnen.&#13;
6. Amerika wird weiterhin seine Führung behaupten, wenn es darum geht,&#13;
die Ergebnisse von Wissenschaft und Technik in den Dienst der Sicherheit&#13;
seiner Bürger zu stellen.&#13;
Gegenwärtig&#13;
&#13;
- 9 -&#13;
&#13;
�Gegenwärtig investieren wir jährlich mehr als sechs Milliarden Dollar&#13;
in militärische Forschungs- und Entwicklungsobjekte. Neben anderen wichtigen Ergebnissen der Entwicklung haben diese Investitionen in jüngster Zeit&#13;
gezeitigt: Antisatelliten-Systeme, die in der Lage sind, etwa gestartete&#13;
bewaffnete Satelliten abzufangen und zu zerstören; ferner solche revolutionäre neue Fluggeräte wie den F-111-Jagdbomber und den SR-71-Überschallaufklärer. Unsere Investitionen haben enorme Verbesserungen in der Konzeption&#13;
von Antiraketen-Raketensystemen bewirkt. Wir werden weiterhin unser Programm zur Entwicklung der Nike-X-Antiraketenwaffe verfolgen, so daß wir in&#13;
der Lage sind, dieses Geschoß einzusetzen, wenn es die nationale Sicherheit&#13;
erforderlich machen sollte. Zugleich wird die Forschung sich ständig mit&#13;
der Entwicklung noch fortschrittlicherer Komponenten und Konzeptionen der&#13;
Raketenabwehr befassen.&#13;
Rund zwei Milliarden Dollar werden im Rahmen dieses Programms jährlich&#13;
für technische Neuerungen sowie für Versuchsprogramme ausgegeben. Auf diese&#13;
Weise geben wir dem Einfallsreichtum und der Erfindungsgabe der besten wissenschaftlichen und technischen Begabungen unseres Landes und der freien&#13;
Welt unbeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten.&#13;
Die Leistungen der Wissenschaft, der Industrie und Technik Amerikas&#13;
sind in der Welt unübertroffen. Ihre Hilfsquellen stellen einen der bedeutendsten Aktivposten im Dienste unserer nationalen Sicherheit dar.&#13;
7. Unsere Soldaten, Seeleute, Flieger und Marineinfantristen, an deren&#13;
Leistungsfähigkeit wir so hohe Ansprüche stellen, sind der Eckstein unserer&#13;
militärischen Macht.&#13;
Der Erfolg unserer gesamten Politik hängt davon ab, ob wir in der&#13;
Lage sind, uns die Begabungen und Fähigkeiten hervorragender Männer und&#13;
Frauen in den militärischen Dienstzweigen dienstbar zu machen, sie in vollem&#13;
Umfange zu entwickeln, sie in geeigneter Weise einzusetzen und zu erhalten.&#13;
Wir waren bestrebt, die Unterkunftsmöglichkeiten für die Familien der Angehörigen der Streitkräfte zu verbessern und die Bildungschancen für unser&#13;
Militärpersonal reicher zu gestalten.&#13;
Seit 1961 haben wir die größten Solderhöhungen in unserer Geschichte&#13;
vorgeschlagen, nämlich um insgesamt mehr als zwei Milliarden Dollar, und&#13;
&#13;
- 10 -&#13;
&#13;
�und der Kongreß hat sie genehmigt.&#13;
Um sicherzustellen, daß die Löhnung des Militärpersonals und darüber&#13;
hinaus die Entlohnung aller Regierungsangestellten in angemessener Relation&#13;
zu der Entlohnung anderer Gruppen unserer Gesellschaft erfolgt, werden wir&#13;
die Frage der Bezahlung einer jährlichen Überprüfung unterziehen. Das Verfahren, das bei dieser Überprüfung angewandt werden soll, werde ich in&#13;
meiner Haushaltsbotschaft näher erläutern.&#13;
Es ist unbedingt erforderlich, daß unsere Männer in Uniform über die&#13;
Kenntnisse und die Ausbildung verfügen, die sie brauchen, um den komplizierten, fortwährend wechselnden militärischen, politischen und technischen&#13;
Problemen gewachsen zu sein, denen sie sich täglich gegenüber sehen. Damit&#13;
dies erreicht wird, führt der Verteidigungsminister gegenwärtig eine Erhebung über die militärische Ausbildung mit dem Ziel durch, sicherzustellen,&#13;
daß die unseren in den Streitkräften Dienst tuenden Männern und Frauen an&#13;
den Ausbildungsstätten, Kriegsschulen und Kommandeurs- und Stabsakademien&#13;
gebotene Ausbildung erstklassig ist.&#13;
In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Freiwillige von den Truppenteilen deshalb zurückgewiesen worden, weil sie bestimmten geistigen und&#13;
körperlichen Voraussetzungen nicht genügten, und das, obwohl viele ihrer&#13;
Mängel hätten korrigiert werden können. Um die Möglichkeiten für den Militärdienst zu erweitern und um das Angebot an im Grunde geeigneten Freiwilligen zu vergrößern, beabsichtigt die Armee, ein Versuchsprogramm durchzuführen, das die militärische Ausbildung, die Weiterbildung und die Beseitigung physischer Mängel für jene Männer umfaßt, die zunächst die Mindestvoraussetzungen für den Militärdienst nicht erfüllen. Das Modellprogramm, das sich im Jahre 1965 auf etwa 10 000 Männer erstrecken wird, wird&#13;
darüber Aufschluß geben, wie viele dieser jungen Freiwilligen höher eingestuft werden können, so daß sie den Anforderungen für den Militärdienst&#13;
entsprechen.&#13;
8. Unsere Bürger-Soldaten müssen die bestorganisierten und bestausgerüsteten Reservestreitkräfte der Welt sein. Wir müssen sicherstellen, daß&#13;
diese Streitkräfte, die unserem Land von der Zeit der Revolution bis zu&#13;
der Berlin- und der Kuba-Krise der jüngsten Vergangenheit so hervorragend&#13;
gedient haben, mit den sich ändernden Erfordernissen unserer nationalen&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�nationalen Sicherheit Schritt halten.&#13;
Zu diesem Zweck unternehmen wir Schritte zur Neugliederung unserer&#13;
Armee-Reserve und unserer Nationalgarde, um ihre Einsatzbereitschaft und&#13;
Leistungsfähigkeit in Zelten des Notstandes erheblich zu erhöhen. Diese&#13;
Neugliederung wird die Struktur unserer Armee-Reserve besser auf unsere&#13;
Planungen für den Kriegsnotfall abstimmen und alle verbleibenden Einheiten&#13;
der Armee-Reserve in die Nationalgarde überführen. Gleichzeitig werden wir&#13;
durch die Auflösung all jener Truppenteile, für die keine militärische&#13;
Notwendigkeit besteht, Einsparungen von jährlich rund 150 Millionen Dollar&#13;
erzielen. Nach unseren Plänen werden alle Einheiten mit einsatzbereitem&#13;
Gerät ausgestattet werden und einmal im Monat eine Ausbildung in Form von&#13;
Wochenendübungen erhalten, womit ihre Einsatzbereitschaft wesentlich erhöht&#13;
wird. Durch die Neugliederung werden sowohl die alten als auch die neuen&#13;
Einheiten der Nationalgarde und auch die in der Ausbildung in der Reserve&#13;
verbleibenden Einzelpersonen einen wesentlich größeren und ständigen Beitrag zu unserer nationalen Sicherheit leisten.&#13;
Wir werden auch weiterhin unseren Reservestreitkräften große Aufmerksamkeit widmen und alle Maßnahmen ergreifen, die zur Erhöhung ihrer Kampfkraft erforderlich sind.&#13;
9. Der oberste Befehlshaber und der Verteidigungsminister müssen auch&#13;
in Zukunft militärisch-fachlich so gut beraten werden, wie nur irgendein&#13;
führender Staatsmann eines anderen Landes der Welt.&#13;
Die Bedeutung einer straffen Befehlsgewalt, die vom obersten Befehlshaber ausgehend über den Verteidigungsminister und den Gemeinsamen Stab&#13;
der Streitkräfte bis hinunter zu den im Verband oder einzeln operierenden&#13;
Truppenkommandos* reicht, hat sich in den letzten Jahren wiederholt gezeigt.&#13;
Der Verteidigungsminister wird Ihnen gewisse Empfehlungen für die&#13;
Stärkung des Gemeinsamen Stabes unterbreiten.&#13;
10. Wir werden unsere Militärbündnisse stärken, die freiheitsliebenden&#13;
Völker unterstützen und unser Militärhilfe-Programm fortführen.&#13;
Es ist dringend erforderlich, unsere Bündnisse mit anderen freien und&#13;
unabhängigen Ländern zu festigen. Wir bekräftigen unsere unerschütterliche&#13;
Entschlossenheit, dafür zu sorgen, daß die Versuche, freie Menschen uneinig&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�uneinig zu machen und zu überwältigen, in unserer Zeit erfolglos sein werden. Wir werden auch weiterhin allen helfen, die um die Erhaltung ihrer&#13;
eigenen Unabhängigkeit ringen.&#13;
Die Nordatlantikpakt-Organisation ist ein starker Schild gegen die&#13;
Aggression. Wir geben erneut unserem Glauben an die Notwendigkeit einer&#13;
einheitlichen Planung und Durchführung der Gesamtstrategie Ausdruck. Wir&#13;
fordern unsere NATO-Verbündeten auf, mit uns in dem Bemühen zusammenzuarbeiten, bessere Methoden für die gegenseitige Konsultation und die gemeinsame strategische Analyse zu entwickeln. Wir werden auch künftig nach&#13;
Wegen suchen, das Bündnis durch gemeinsame Bewältigung der Verteidigungsaufgaben mittels kollektiver Aktionen zu festigen.&#13;
Wir werden unsere Militär- und Wirtschaftshilfe an unsere Verbündeten&#13;
in anderen Teilen der Welt und an jene Völker fortsetzen, die sich gegen&#13;
die im Verborgenen und in Gestalt eines von außen gelenkten und nie erklärten Guerillakrieges betriebene Aggression zur Wehr setzen. In Südostasien bleibt unser Programm unverändert. Seit 1950 haben sich die Vereinigten Staaten für Freiheit, Unabhängigkeit und Neutralität von Laos&#13;
mitverantwortlich gefühlt und haben es durch ihren Beitrag zur Stärkung&#13;
der wirtschaftlichen und militärischen Sicherheit jenes Landes bekundet.&#13;
Das Laos-Problem besteht in der Weigerung der kommunistischen Streitkräfte,&#13;
sich an die Genfer Vereinbarungen zu halten, die sie 1962 eingegangen&#13;
sind. Wir werden auch weiterhin die legitime Regierung jenes Landes unterstützen. Die Genfer Vereinbarungen haben Laos den Anspruch verbrieft, in&#13;
Frieden gelassen zu werden.&#13;
In ähnlicher Weise besteht das Problem Vietnams in der Weigerung der&#13;
kommunistischen Streitkräfte, ihr Abkommen aus dem Jahre 1954 einzuhalten.&#13;
Das nordvietnamesische Regime hat mit Unterstützung der chinesischen&#13;
Kommunisten wiederholt und offen seine Absicht bekundet, die Unabhängigkeit der Republik Vietnam durch massive, rücksichtslose und unablässige&#13;
Guerillakriegführung und Terrorakte, die sich gegen Regierung und Volk&#13;
gleichermaßen richten, zunichte zu machen.&#13;
Unser Ziel war es unter drei amerikanischen Präsidenten, den Vietnamesen die Möglichkeit zu verschaffen, in Frieden zu leben und ihre Lebensform und ihre eigene Außenpolitik frei zu bestimmen. Wir werden auch in&#13;
&#13;
- 13 -&#13;
&#13;
�in Zukunft zu unseren Verpflichtungen gegenüber Vietnam stehen.&#13;
&#13;
Grundsätze der Verteidigungsplanung&#13;
&#13;
1. Zur Durchführung unserer Strategie und zum Vollzug unserer Politik&#13;
ist ein umfangreicher Verteidigungshaushalt erforderlich.&#13;
Als die wohlhabendste Gesellschaft der Welt können wir uns zweifellos&#13;
jede Ausgabe leisten, die wir für unsere Freiheit und Sicherheit aufbringen&#13;
müssen. Wir werden auch weiterhin, ohne Rücksicht auf geschätzte oder bereits feststehende Haushaltsplafonds, die für unsere Sicherheit notwendigen&#13;
Streitkräfte unterhalten. Zugleich werden wir aber auch in Zukunft darauf&#13;
bestehen, daß diese Streitkräfte mit möglichst niedrigen Kosten aufgestellt&#13;
werden und ihre Aufrechterhaltung bei möglichst hoher Wirtschaftlichkeit&#13;
und Leistungsfähigkeit erfolgt.&#13;
Um unsere beispiellose Streitmacht aufzubauen und zu unterhalten,&#13;
waren wir zur Investition von mehr als 50 Prozent der dem Bund zufließenden Steuereinnahmen genötigt. Der Verteidigungshaushalt ist von 43 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 1960 auf über 51 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 1964 angestiegen. Ich veranschlage die für das Haushaltsjahr&#13;
1965 erforderlichen Verteidigungsausgaben auf schätzungsweise 49,3 Milliarden Dollar, d.h. ungefähr zwei Milliarden Dollar weniger als im Haushaltsjahr 1964. Ferner werden sich die Verteidigungsausgaben für das Haushaltsjahr 1966 meinen Schätzungen nach um weitere 300 Millionen Dollar&#13;
verringern.&#13;
Für diese Senkung der Verteidigungsausgaben gibt es zwei Hauptgründe:&#13;
Erstens haben wir einen großen Teil der im Aufbau unserer Streitkräfte&#13;
erforderlichen Änderungen und Verstärkungen bereits vollzogen;&#13;
zweitens kommt jetzt das im Hinblick auf unsere Verteidigungseinrichtungen im Laufe der letzten vier Jahre rigoros durchgeführte Kostensenkungsprogramm zum Tragen.&#13;
Wie ich bereits festgestellt habe - und auch unsere Feinde wissen&#13;
das sehr wohl -.verfügen die Vereinigten Staaten gegenwärtig über ein Maß&#13;
an glaubwürdiger, einsatzfähiger Militärmacht, das uns in die Lage versetzt,&#13;
&#13;
- 14 -&#13;
&#13;
�versetzt, jeder Form militärischer Herausforderung zu begegnen, seien es&#13;
Terroraktionen von Partisanenverbänden, sei es ein thermonuklearer Krieg.&#13;
Vorausgesetzt, daß sich die Weltlage nicht wesentlich ändert, werden wir&#13;
in den kommenden Jahren wohl kaum weitere Erhöhungen solch großen Ausmaßes&#13;
brauchen. Die Verteidigungsausgaben werden somit einen sich verringernden&#13;
Anteil unseres wachsenden Bruttosozialprodukts darstellen, das zur Zeit&#13;
um jährlich fünf Prozent zunimmt. Selbst wenn wir auch in den kommenden&#13;
Jahren für unsere nationale Verteidigung jährlich ungefähr denselben Betrag aufwenden wie heute, wird ein immer größerer Teil unseres wachsenden&#13;
nationalen Reichtums für andere lebenswichtige Aufgaben, auf öffentlichem&#13;
wie auf privatem Gebiet, frei werden.&#13;
Lassen Sie mich aber eins - für Freund und Feind gleichermaßen - eindeutig feststellen: Solange ich Präsident bin, werden wir jed*n zur Sicherheit unseres Volkes notwendigen Betrag aufwenden.&#13;
2. Ein unablässiges Streben nach Leistungsfähigkeit und kluges Wirtschaften müssen auch in den kommenden Jahren die Richtschnur für unsere&#13;
Verteidigungsausgaben sein.&#13;
Zwischen einer starken Verteidigung und den Grundsätzen der Wirtschaftlichkeit und gesunden Planung besteht nicht unbedingt ein Widerspruch.&#13;
Wollen wir stark bleiben, dann müssen wir&#13;
- überholte Waffen durch neue ersetzen,&#13;
- veraltetes Gerät und veraltete Anlagen aufgeben,&#13;
- kostspielige Überschneidungen vermeiden.&#13;
Wir verfolgen diese Politik heute, und solange ich Präsident bin,&#13;
beabsichtige ich diese Politik fortzusetzen.&#13;
Wir haben kürzlich bekanntgegeben, daß unsere Verteidigungsmaßnahmen&#13;
in bezug auf 95 Stützpunkte konsolidiert, reduziert oder beendet werden.&#13;
Zusammen mit den bereits abgeschlossenen Aktionen ergeben sich daraus für&#13;
den Aufgabenbereich des Verteidigungsministeriums in jedem Jahr Einsparungen von mehr als einer Milliarde Dollar und überdies die Freigabe von&#13;
565 000 Hektar Land für die zivile Nutzung. Diese Einsparungen, die einen&#13;
klügeren und wirksameren Einsatz unserer Hilfsquellen bedeuten, haben die&#13;
&#13;
- 15 -&#13;
&#13;
�die Stärke und Schlagkraft unserer Verteidigungskräfte nicht verringert,&#13;
sondern eher noch erhöht.&#13;
Wir sind die reichste Nation der Welt und der Eckstein der größten&#13;
Allianz freier Nationen in der Geschichte. Wir können und wollen alles&#13;
für die Wahrung unserer Freiheit Notwendige aufwenden. Aber wir können&#13;
es uns nicht leisten, auch nur einen Cent mehr als notwendig auszugeben,&#13;
denn zu vieles noch Unerledigte muß getan werden, zu viele andere vordringliche Aufgaben harren der Lösung. Ich ersuche den Kongreß dringend,&#13;
unsere Anstrengungen zu unterstützen, um dem amerikanischen Volk die&#13;
Gewähr zu geben, daß es für jeden für Verteidigungszwecke ausgegebenen&#13;
Dollar auch den entsprechenden Gegenwert erhält.&#13;
3. Während unser Hauptziel darin besteht, die stärkste Militärstrei&#13;
macht der Welt zu den geringstmöglichen Kosten zu unterhalten, sind wir&#13;
uns auch stets der Auswirkungen bewußt, die Änderungen im Verteidigungsetat vorübergehend für Gemeinwesen und Einzelpersonen mit sich bringen&#13;
können.&#13;
Männer und Frauen, die ihr Leben und ihre Kraft den Erfordernissen&#13;
ihres Landes widmeten, haben ein Recht darauf, daß ihnen geholfen wird&#13;
und man sich Gedanken darüber macht, wie sie einer anderen Beschäftigung&#13;
zugeführt werden können.&#13;
Wir werden betroffenen Gemeinden weiterhin helfen, indem wir alle&#13;
Hilfsmittel der Bundesregierung mobilisieren und zusammenfassen, um vorübergehende, durch die Einschränkung von Verteidigungsmaßnahmen entstandene Schwierigkeiten zu überwinden. Wir werden überflüssig gewordene&#13;
Verteidigungsoperationen in einer für die einzelnen Gemeinden möglichst&#13;
schonenden Weise auslaufen lassen, und wir werden in der Aufstellung&#13;
energischer Selbsthilfeprogramme, zu denen einzelstaatliche und kommunale Verwaltungen - einschließlich der Privatwirtschaft - sowie die&#13;
Bundesregierung nach Kräften beisteuern, mit den Gemeinden zusammenarbeiten.&#13;
Es gibt viele Beweise dafür, daß solche Maßnahmen Erfolg haben&#13;
können. Ehemalige Militärstützpunkte im ganzen Land werden jetzt anderweitig von Gemeinden genutzt, die sich nicht nur den notwendigen Ver-&#13;
&#13;
- 16 -&#13;
&#13;
�Veränderungen angepaßt haben, sondern als Folge der Umstellung auch größeren Wohlstand für sich selbst schaffen konnten. Ihre Leistungen zollen der&#13;
Erfindungsgabe Tausender unserer Bürger Tribut und geben Zeugnis von der&#13;
Stärke und Schwungkraft unserer Wirtschaft und unseres Regierungssystems.&#13;
4. Wir müssen weiterhin alle etwa erforderlich werdenden Veränderungen&#13;
unserer Verteidigungseinrichtungen durchführen, um deren Schlagkraft zu erhöhen und um sicherzustellen, daß sie auch künftig stets den Erfordernissen&#13;
der sich in einem ständigen Wandel befindlichen Welt entsprechen. Wir müssen das Verfahren in bezug auf das Zustandekommen der Entscheidungen in den&#13;
Kommandostellen weiter verbessern.&#13;
Die jahrelange Erfahrung hat gezeigt, daß bestimmte Aufgaben der Verteidigungseinrichtungen nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch weit wirksamer durchgeführt werden können, wenn dies auf ministerieller Ebene entweder durch eine militärische Abteilung als ausführende Stelle oder durch&#13;
eine Verteidigungsbehörde geschieht. Das 1959 geschaffene Fernmeldeamt des&#13;
Verteidigungsministeriums, das Nachschubamt des Verteidigungsministeriums&#13;
und das 1961 geschaffene Nachrichtenamt des Verteidigungsministeriums haben&#13;
jede Überschneidung unterbunden, die Verwaltung gestrafft und eine bessere&#13;
Durchführung der ihnen übertragenen Aufgaben erreicht. Darüber hinaus haben&#13;
wir vor kurzem angekündigt:&#13;
- eine Konsolidierung der von der militärischen Abteilung unterhaltenen&#13;
Außenstellen für die Auftragsvergebung unter dem Nachschubamt des Verteidigungtministeriums;&#13;
- die Bildung einer Rechnungsprüfungsabteilung des Verteidigungsministeriums, um die Genauigkeit der Überprüfung von Verteidigungskontrakten zu&#13;
verbessern und die Kosten solcher Überprüfungen zu senken;&#13;
- die Bildung eines Transportkommandos, das ausschließlich dem Staatssekretariat für die Armee untersteht und den Transport militärischer Güter&#13;
sowie sonstige Militärtransporte und Dienstreisen von Soldaten auf dem Landwege innerhalb des kontinentalen Gebiets der USA abwickelt.&#13;
Jede dieser Maßnahmen wird zu einer rationelleren Arbeit, einer festeren Kontrolle sowie einer Senkung der Ausgaben beitragen. Äußerst wichtig&#13;
ist jedoch, daß diese Maßnahmen sich auch mit auf das Zustandekommen der&#13;
&#13;
- 17 -&#13;
&#13;
�der Entscheidungen auswirken und diesen Vorgang beschleunigen werden.&#13;
Wir werden weiter nach Möglichkeiten suchen, um die Wirksamkeit und Schlagkraft unserer Verteidigungseinrichtungen zu steigern.&#13;
&#13;
+&#13;
&#13;
Der Verteidigungsminister wird in Kürze mit unseren detaillierten&#13;
Vorschlägen für das kommende Jahr vor Sie treten. Er wird Empfehlungen für&#13;
eine weitere Stärkung unserer strategischen und unserer konventionellen&#13;
Streitkräfte vorlegen. Er wird zusätzliche Vorschläge zur Erzielung einer&#13;
größeren Wirksamkeit - und damit einer größeren Wirtschaftlichkeit - machen.&#13;
Wenn Sie den Stand unserer Verteidigung erörtern und sich Ihr Urteil&#13;
über unseren künftigen Kurs bilden, so weiß ich, daß Sie dies in dem vollen&#13;
Bewußtsein tun werden, daß wir Amerikaner heute nicht nur für unsere eigene&#13;
Sicherheit, sondern auch - gemeinsam mit unseren Verbündeten - für die&#13;
Sicherheit der ganzen freien Welt verantwortlich sind. Von unserer Stärke&#13;
und unserer Klugheit hängt die Zukunft nicht nur für unsere amerikanische&#13;
Lebensform, sondern auch für die gesamte Gemeinschaft freier Menschen ab.&#13;
Dies ist eine sehr, sehr große Verantwortung. Bisher sind wir dieser&#13;
Verantwortung gut nachgekommen.&#13;
In dem Maße, wie unsere Stärke zugenommen hat - und weitgehend als&#13;
eine Folge dieser Stärke -, waren wir auch in der Lage, ermutigende&#13;
Schritte in Richtung auf den Frieden zu tun. Wir haben eine Abrüstungsbehörde geschaffen. Wir haben einen begrenzten Atomteststoppvertrag mit der&#13;
Sowjetunion unterzeichnet. Wir sind gleichzeitig der Herausforderung&#13;
durch Gewalt - von Berlin bis Kuba - unnachgiebig entgegengetreten. In jedem einzelnen Fall hat die Bedrohung nachgelassen und haben sich die&#13;
Spannungen vermindert.&#13;
In einer Welt von 120 Nationen gibt es stets große Gefahren, denen&#13;
entgegengetreten werden muß. Wenn alte Gefahren gemeistert worden sind,&#13;
werden Veränderungen und Unruhen neue auslösen. Wir müssen die Wachsamkeit und den Mut, den wir in den vergangenen zwanzig Jahren gezeigt haben,&#13;
&#13;
- 18 -&#13;
&#13;
�haben, auch in Zukunft, so weit wir sehen können, aufbringen. Die Verteidigung der Freiheit ist weiterhin unsere Pflicht - 24 Stunden am Tage und&#13;
jeden Tag im Jahr.&#13;
Wir kennen die Zukunft nicht und wissen nicht, was sie uns bringt.&#13;
Aber alle unsere Erfahrungen aus zwei Jahrhunderten sagen uns, daß&#13;
"das Vorbereitetsein für einen Krieg eines der wirksamsten Mittel zur&#13;
Erhaltung des Frieden ist".&#13;
Lyndon B. Johnson, Weißes Haus, 18. Januar 1965&#13;
&#13;
- 19 -&#13;
&#13;
�A M E R I K A&#13;
&#13;
D I E N S T&#13;
&#13;
GEDANKEN EINES AMERIKANERS ZUR GREAT SOCIETY&#13;
&#13;
Ansprache&#13;
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten&#13;
in der Bundesrepublik Deutschland,&#13;
GEORGE C. MCGHEE&#13;
&#13;
gehalten am 27» Januar 19&amp;5 v o r der&#13;
Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Stuttgart&#13;
&#13;
�GEDANKEN EINES AMERIKANERS ZUR GREAT SOCIETY&#13;
&#13;
Heute vor einer Woche trat Präsident Johnson das Amt an, in&#13;
das ihn das amerikanische Volk mit überwältigender Mehrheit gewählt hat. Es ist richtig, er hat als Regierungschef schon manche&#13;
Bewährungsprobe bestanden. Wir hatten über ein Jahr lang Gelegenheit, die Qualifikationen und die Zielstrebigkeit kennenzulernen,&#13;
die er für das Präsidentenamt mitbringt. Die Deutschen haben wegen der engen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern seine&#13;
Amtsführung sehr aufmerksam beobachtet, die inzwischen in die Geschichte der Vereinigten Staaten - und der freien Welt - eingegangen ist.&#13;
Die in der vergangenen Woche in Washington erfolgte Inauguration Präsident Johnsons samt Zeremoniell, Umzügen und feierlicher Eidesleistung war weit mehr als lediglich der Vollzug eines&#13;
alle vier Jahre im Kalender der amerikanischen Politik vorgeschriebenen Ritus. Selbstverständlich war sie auch das. Vorausgegangen waren ihr die Wahlen vom vergangenen November, das Zusammentreten des neuen Kongresses zu Jahresbeginn, die Botschaft&#13;
über die Lage der Nation und die dem Kongreß inzwischen zugestellten Gesetzesvorschläge.&#13;
Das Denken des Menschen ist so geartet, daß schon die formale&#13;
Beachtung eines auf einen festen Zeitpunkt anberaumten Ereignisses&#13;
sinnvoll ist. Die Jahre im Leben einer Nation bilden eine sich unmerklich verlängernde Kette. In ihr bilden Ereignisse wie die&#13;
Amtseinführung besondere Glieder. Sie lassen sich daher auch als&#13;
&#13;
-1&#13;
&#13;
�als eine Art Maßstab benutzen. Ihre regelmäßige Wiederkehr gemahnt ein Volk an seine Tradition. Indem sie einen Zeitabschnitt&#13;
gegen den anderen abgrenzen, bieten sie dem Volk Anlaß, das Getane im Lichte dessen zu überprüfen, was noch zu tun bleibt.&#13;
Indem sie die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden, rufen sie&#13;
ein Volk auf, sich den alten unvollendeten Aufgaben wie auch allen neuen Anforderungen mit größerer Entschlossenheit zuzuwenden.&#13;
Manchmal, wenn auch nicht immer, deutet eine solche Abgrenzung eines Zeitabschnittes gegen einen anderen auch auf eine tiefere Form der Erneuerung hin - einen neuen Anfang. Das aber erfordert eine sehr subtile Unterscheidung. Man kann ja selten&#13;
sagen: hier, in diesem Staat und in diesem spezifischen Augenblick tauchte eine Vielzahl neuer Probleme auf; oder hier taten&#13;
sich plötzlich neue Chancen auf; oder hier begannen die Menschen&#13;
ihre Aufgabe in kühneren Perspektiven zu sehen. Soll ein neuer&#13;
Geist sich regen und ein neues Gefühl der Übereinstimmung wachsen, so reicht ein Tag nicht aus. Sie sind das Ergebnis sich langsam vollziehender Prozesse und können lange Zeit im Verborgenen&#13;
innerhalb einer Gesellschaft am Werke sein, die sich ihrer im&#13;
großen und ganzen gar nicht bewußt wird. Bann geschieht es plötzlich, daß die Worte eines weisen Staatsmannes sie an einem bestimmten Tag ans Licht treten lassen und damit einem Volk den&#13;
Blick öffnen für neue Visionen, um deren Verwirklichung willen es&#13;
zu neuen Anstrengungen bereit ist.&#13;
Ich möchte Ihnen einige der Gründe aufzählen, die mir diesen&#13;
ersten Monat des Jahres 1965 a l s Schwelle zu einem neuen Zeitabschnitt erscheinen lassen.&#13;
Wir begannen das Jahr 1964 schwer getroffen durch den Tod&#13;
Präsident Kennedys, doch ungebrochen. Kraft gaben uns die Standhaftigkeit des neuen Präsidenten und das Wissen, unsere Freunde&#13;
stellen an unserer Seite und teilen unseren Kummer wie auch unseren&#13;
festen Willen, dafür zu sorgen, daß Präsident Kennedy nicht umsonst gelebt und gewirkt hat. Wir werden nie vergessen, daß Deutschland in jenen dunklen Stunden zu uns stand.&#13;
Das&#13;
&#13;
�Das Jahr 1964 "ar für mein Land eine Zeit der Vollendung&#13;
bereits früher begonnener Aufgaben, aber auch der Vorbereitung&#13;
auf neue, künftige Leistungen. Die Annahme der Bürgerrechtsgesetzesvorlage beispielsweise erfüllte ein Vermächtnis Präsident&#13;
Kennedys. Sie war aber auch in gleichem Maße eine Leistung Präsident Johnsons, der seinerseits die Unterstützung führender&#13;
Männer des Kongresses genoß, von denen einer, Senator Humphrey,&#13;
der nächsten amerikanischen Regierung als Vizepräsident angehören sollte. In diese Kategorie fällt auch das Steuersenkungsgesetz, das durch eine kluge staatliche Wirtschaftspolitik dringend benötigte Mittel für die soziale Aufgabe freisetzte, einen&#13;
hohen Stand der Prosperität und der Beschäftigung sicherzustellen.&#13;
Präsident Johnson hat sich jedoch mit diesen Leistungen&#13;
nicht zufriedengegeben. Er hat dem amerikanischen Volk einen&#13;
neuen Weg zur Erfüllung seiner Bestimmung aufgezeigt. Wir begannen auf dringenden Wunsch Präsident Johnsons unseren Blick über&#13;
die nächsten Jahre hinaus auf das anbrechende dritte Jahrhundert&#13;
der Geschichte unserer Nation zu richten. Er hat uns aufgerufen,&#13;
den Blick auf die Tatsache zu richten, daß Probleme, die seit&#13;
langer Zeit halb im"Verborgenen an den Wurzeln unserer Gesellschaft nagen, ans Tageslicht gebracht werden müssen; daß die&#13;
scheinbar ziellos dahinfließenden Ströme des Wandels samt und&#13;
sonders Teil eines mächtigen neuen Stromes sind; daß Möglichkeiten, die man unerreichbar wähnte, tatsächlich zum Greifen nahe&#13;
liegen. Die Treuhandaufgäbe unserer Generation gegenüber der Zukunft unseres Landes wurde uns wieder stärker ins Bewußtsein&#13;
gerückt. Unser Präsident hat uns aufgefordert, die gegenwärtige&#13;
Struktur unserer Gesellschaft am Idealbild einer großen Gesellschaft, unserer Great Society, zu messen, um Fehlendes zu ergänzen und Brüchiges zu erneuern.&#13;
Dies ist im Grund der Aufruf eines amerikanischen Staatsmannes an Amerikaner, womit ich jedoch nicht sagen will, er gehe&#13;
nicht auch Sie an. Das Verhältnis zwischen Ihrem Land und dem&#13;
&#13;
- 3 -&#13;
&#13;
�dem meinen läßt es nur zu natürlich erscheinen, daß Sie sich eingehend mit den innersten Triebkräften Amerikas befassen, so wie&#13;
auch wir die Vorgänge in Deutschland eingehend beobachten müssen.&#13;
Die Partnerschaft, zwischen unseren beiden Nationen beruht auf&#13;
der gemeinsamen Überzeugung, daß unsere beiden Völker ähnliche&#13;
Ziele verfolgen. Daß wir uns den Aufbau der Great Society zum&#13;
Ziel gesetzt haben, ist für Sie von ebenso großer Bedeutung wie&#13;
für uns. Wir haben stets voll und ganz Ihr Recht respektiert,&#13;
eine eigene Vorstellung von der Gesellschaft zu entwickeln, und&#13;
wir nehmen an, Sie werden unser Recht hierzu gleichermaßen achten.&#13;
Man kann die Auffassung eines Staates von seinen Pflichten&#13;
gegenüber anderen nicht von der Einstellung zu seinen Pflichten&#13;
gegenüber dem eigenen Volk trennen. Ein Land ist kein durch seine&#13;
Außenpolitik abgeschirmtes Vakuum. Es umschließt Menschen mit&#13;
Bedürfnissen, Problemen und Hoffnungen. Von einem Staat, der&#13;
diese nicht achtet, kann man kaum erwarten, daß er sich um die&#13;
Wünsche anderer besorgt zeigt. Unser Streben nach der Great Society wird uns stärker und einiger machen, es wird uns auch helfen,&#13;
nicht nur unsere inneren Verhältnisse vollkommener zu gestalten,&#13;
sondern auch unsere Verantwortung gegenüber der übrigen Welt zu&#13;
erfüllen.&#13;
Aus diesen Gründen werden Sie wünschen, unsere Vorstellung&#13;
von der Great Society genauer zu betrachten. Ich kann Sie nur dazu ermuntern« Schauen Sie genau genug hin, damit Sie ihr wahres&#13;
Ausmaß entdecken - und tief genug, um ihre Wurzeln zu erkennen.&#13;
Sie ist mehr als nur die Summe der gesetzgeberischen Vorschläge,&#13;
die Präsident Johnson dem Kongreß unterbreitet hat. Diese Vorschläge berechtigen in der Tat zu Hoffnungen und sind wahrlich&#13;
weitreichend, und ich werde auf sie noch näher eingehen müssen.&#13;
Sie sind der Konzeption der Great Society würdig, für sich allein&#13;
genommen aber kein Maßstab für sie.&#13;
Y/as ist nun ihr wirklicher Maßstab? Welches ist dann die&#13;
große Entscheidung, zu der Präsident Johnson unser Volk aufgerufen&#13;
und bereit gefunden hat? Die Entscheidung, um das Wesentliche in&#13;
&#13;
-4 -&#13;
&#13;
�in drei Worten zu sagen, unzufrieden zu sein. Niemals mit uns&#13;
selber zufrieden zu sein, solange einigen unter uns das volle&#13;
Maß an Chancen und Erfüllung versagt bleibt, dessen sich die&#13;
meisten von uns erfreuen - niemals mit dem zufrieden zu sein,&#13;
was wir erreicht haben, denn es gibt immer noch Größeres zu&#13;
vollbringen.&#13;
Präsident Johnson hat uns in seiner Antrittsrede gesagt,&#13;
was unter der Great Society zu verstehen ist*&#13;
&#13;
•&#13;
&#13;
"Sie ist die aufregende Erfahrung des Werdens - des immer&#13;
neuen Werdens, des Versuchens, des Prüfens, des Stürzens, des&#13;
Verharrens und des erneuten Versuchens - aber des ständigen Versuchens und Gewinnens.1'&#13;
Welches sind die Wurzeln dieser Konzeption, und wie wird&#13;
sie den Kurs meines Landes beeinflussen?&#13;
Ich möchte hier Präsident Johnsons eigene Worte zitieren,&#13;
mit denen er in der Botschaft zur Lage der Nation darlegte, wie&#13;
er selbst die Antwort auf die schwierige Frage fand, wie ein&#13;
Präsident den rechten Weg zu erkennen vermag:&#13;
•'Ich fand den Schlüssel dazu in dem Land, in dem ich geboren wurde. Es war einst unfruchtbares Land. Auf den schroffen&#13;
Hügeln standen verkümmerte Zedern und einige Eichen. Auf dem harten kalkigen Boden wuchs nur wenig, und in jedem Frühjahr überflutete der Pedernales-Fluß das Tal. Und doch kamen Menschen&#13;
dorthin, arbeiteten, hielten aus und bauten. Heute ist dieses&#13;
Land reich an Obst, Rindern, Ziegen und Schafen. Es gibt schöne&#13;
Häuser und Seen, und man kennt keine Überschwemmungen mehr.&#13;
Warum sind Menschen in dieses einst unwirtliche Land gekommen? Natürlich, sie waren rastlos und wollten vorankommen. Aber&#13;
da war noch mehr. Da war ein Traum - der Traum von einem Stück&#13;
Erde, auf dem ein freier Mensch ein besseres Leben für sich und&#13;
für seine Kinder aufbauen konnte - der Traum von einem Kontinent,&#13;
den es zu erobern, einer Welt, die es zu gewinnen und einer Nation,&#13;
die es zu schaffen galt. Dies bedenkend fand ich den Schlüssel.&#13;
Ein&#13;
&#13;
- 5-&#13;
&#13;
�Ein Präsident gestaltet keine neue und persönliche Vision&#13;
Amerikas. Er setzt sie zusammen aus den zerstreuten Hoffnungen&#13;
der amerikanischen Vergangenheit.&#13;
Diese Vision... hat uns bei jedem Schritt auf unserem Wege&#13;
geleitet... Sie soll uns leiten, wenn wir in dieses dritte Jahrhundert der Suche nach 'einer vollkommeneren Union' eintreten."&#13;
Diese Vision, die Präsident Johnson mit so beredten Worten&#13;
umriß, öffnet den Blick auf "eine Welt, die es zu gewinnen gilt",&#13;
leitet sich aus der gesamten Geschichte Amerikas her. Der Weg,&#13;
den sie uns vorzeichnet, geht genau von dem Punkte aus, an dem&#13;
wir heute stehen - wir, die wir keine Bürde von uns weisen, keine&#13;
Verantwortung scheuen und uns keiner Verpflichtung entziehen.&#13;
Sie ist eine Aufforderung, den Glauben an uns selbst zu bewahren.&#13;
Wir sind eine in vieler Hinsicht reiche und gesegnete Nation.&#13;
Unsere Gesellschaft hat sich weitgehend, wenn auch noch nicht&#13;
gänzlich von der überlebten Vorstellung freigemacht, daß eine Gruppe oder Klasse Reichtum und Ehre nur auf Kosten einer anderen erringen könne. Die meisten Besitzer und Manager großer Kapitalien&#13;
haben gelernt, daß allgemeine Armut ein Feind, allgemeine Prosperität aber ein Freund des Profits ist. Die meisten Arbeitnehmer&#13;
haben begriffen, daß die Arbeitsmöglichkeiten sich vervielfältigen und die Löhne steigen, wenn Unternehmen rentabel arbeiten und&#13;
Investoren zuversichtlich sind. Die meisten Farmer haben heute&#13;
schon ein gutes Einkommen. Die meisten Kinder erhalten bereits&#13;
eine gute Schulbildung. Die meisten Amerikaner zollen ihren Mitbürgern anderen Glaubens und anderer Hautfarbe ohnehin schon den&#13;
gleichen Respekt wie jedem anderen.&#13;
Noch aber sind wir keine Great Society. Präsident Johnson hat&#13;
uns ermahnt, von der stolzen Bewunderung unserer Leistungen abzulassen und unseren Blick auf Gipfel zu richten, die wir noch nicht&#13;
bezwungen haben. In einer denkwürdigen Rede, die er in den Tagen vor&#13;
Beginn seines Wahlfeldzugs in Ann Arbor gehalten hat, sprach er&#13;
nichtTron der Vollkommenheit Amerikas, sondern von dessen Fehlern.&#13;
Er sprach von der Notwendigkeit, der Armut und der Ungerechtigkeit&#13;
&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�Ungerechtigkeit gegenüber anderen Rassen ein Ende zu setzen. Er&#13;
sprach vom Verfall in den Zentren und der Häßlichkeit in den Randzonen wild wuchernder Städte, ausgepowerten Landstrichen, unzulänglichen Wohn- und Verkehrsverhältnissen, vom Schwinden des Gemeinschaftsgeistes&#13;
&#13;
und von der Einsamkeit, Langeweile und Gleich-&#13;
&#13;
gültigkeit, die an seine Stelle treten.&#13;
Und er sprach insbesondere von den mehr als 100 000 begabten&#13;
jungen Amerikanern, denen Jahr für Jahr der Zugang zur Hochschule&#13;
versagt bleibt, weil sie sich kein Studium leisten können, von&#13;
mehr als einem Viertel der Bürger unseres Landes mit weniger als&#13;
zwölf Jahren Schulbildung und von 20 Millionen Erwachsenen, die&#13;
nicht einmal acht Jahre und von acht Millionen, die noch nicht einmal fünf Jahre die Schule besucht haben.&#13;
Sollte ein gewisses Maß an Armut, Unwissenheit und Vorurteil&#13;
in einer Gesellschaft selbst bei größtem Reichtum als unvermeidliches Schicksal verhängt sein, so müßte dies eben hingenommen&#13;
werden. Ist aber einmal in der Menschheitsentwicklung ein Stadium&#13;
erreicht, in dem sich diese Übel innerhalb der Gesellschaft ausmerzen lassen, dann darf eine ihrem Gewissen verpflichtete Nation sie&#13;
nicht mehr länger dulden. Nach einem Jahrhundert des mühevollen&#13;
Aufbaus unserer Nation und einem weiteren halben Jahrhundert, das&#13;
uns materiellen Überfluß brachte, sind wir nunmehr, wie Präsident&#13;
Johnson es ausdrückte, in ein neues Jahrhundert eingetreten, in&#13;
welchem "wir die Chance haben, nicht nur einer reichen und machtvollen Gesellschaft zuzustreben, sondern zugleich zur großen Gesellschaft aufzusteigen".&#13;
Die Frage ist einfach diese: Wenn Fortschritte auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Technik und des Verständnisses für wirtschaftliche Entwicklungsprozesse uns hinreichende Kenntnisse an die&#13;
Hand gegeben haben, um eine qualitative Verbesserung unserer Gesellschaft in Angriff nehmen zu können, dürfen wir es dann bei einem&#13;
Brachliegen dieser Kenntnisse bewenden lassen? Die Antwort muß Nein&#13;
heißen. Unser Ziel muß der Aufbau einer Gesellschaft sein, die wir&#13;
mit Fug und Recht als groß bezeichnen können.&#13;
Bei&#13;
&#13;
- 7-&#13;
&#13;
�Bei seinem Amtsantritt bekundete Präsident Johnson sowohl&#13;
seine Zuversicht als auch sein Bewußtsein der Dringlichkeit dieser Aufgabe, als er erklärte«&#13;
"In einem Lande von großem Wohlstand dürfen Familien nicht&#13;
in hoffnungsloser Armut leben;&#13;
in einem Lande, reich an Ernten, dürfen Kinder nicht hungern;&#13;
in einem Lande, in dem die Heilkunst wahre Wunder vollbringt,&#13;
darf der Nächste nicht leiden und ohne Hilfe sterben;&#13;
in einem Lande so hohen Bildungsstandes muß jedem jungen Menschen Lesen und Schreiben beigebracht werden.&#13;
In den mehr als 30 Jahren, die ich diesem Lande schon diene,&#13;
war ich stets der Überzeugung, daß dieses Unrecht an unserem&#13;
Volke, diese Verschwendung unserer Hilfsquellen, der wahre Feind&#13;
ist. Seit 30 Jahren oder mehr habe ich mit allen mir zur Verfügung&#13;
stehenden Mitteln gegen ihn angekämpft. Ich weiß, daß er nicht&#13;
leicht kapitulieren wird.&#13;
Der Wandel hat uns neue Waffen an die Hand gegeben. Noch ehe&#13;
diese Generation von Amerikanern vergehen wird, wird dieser Feind&#13;
nicht nur zurückweichen - er wird besiegt werden."&#13;
Und in einem weiteren Abschnitt seiner Rede, in dem Präsident&#13;
Johnson zum Kern der großen Frage vorstößt, wie der Alltag des&#13;
einzelnen Bürgers in Beziehung zu den Zielsetzungen der gesamten&#13;
Nation - ja dem Los der Menschheit - gebracht werden kann, heißt es?&#13;
"Der Kurs unseres Landes ist völlig klar. Wir trachten nach&#13;
nichts, das anderen gehört. Wir streben nicht nach der Herrschaft&#13;
über unsere Mitmenschen, sondern nach der Herrschaft des Menschen&#13;
über Tyrannei und Elend.&#13;
Aber es ist noch mehr zu tun. Die Menschen wollen einer gemeinsamen Aufgabe dienen - einer Sache, die größer ist als sie.&#13;
Jeder von uns muß einen Weg finden, die Ziele der Nation zu fördern, um so neue Ziele für uns selbst zu finden. Ist dies nicht&#13;
der Fall, dann werden wir eine Nation von Fremden werden."&#13;
Gerade&#13;
- 8&#13;
&#13;
�Gerade in diesem Zusammenhang möchte ich Sie bitten, die&#13;
Vorschläge zu prüfen, die Präsident Johnson als diesjähriges Aktionsprogramm bezüglich der inneren Probleme der Vereinigten&#13;
Staaten herausgestellt hat. Einige von ihnen hat er in Kongreßbotschaften umrissen. Andere stehen noch aus oder erfordern ein&#13;
anderes Vorgehen. In seiner Botschaft über die Lage der Nation&#13;
führte der Präsident acht Punkte eines, wie er es bezeichnete,&#13;
"nationalen Programms" a m&#13;
1• Ein Erziehungsprogramm, das "jedem amerikanischen Kind&#13;
die Gewähr für die vollste Entfaltung seiner geistigen Anlagen&#13;
und Talente bietet". Für diese Zwecke forderte er vom Kongreß für&#13;
dieses Jahr eine Summe von 4»103 Milliarden Dollar an, von denen&#13;
1,5 Milliarden Dollar für neue Programme vorgesehen sind. Den&#13;
Schwerpunkt der von ihm geforderten neuen Gesetze bildet die&#13;
Hilfe für Kinder einkommensschwacher Familien, um ihnen alle Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen.&#13;
2. "Ein massiver Angriff gegen alle Siechtum und Tod&#13;
breitenden Krankheiten."&#13;
&#13;
ver-&#13;
&#13;
Die Vorschläge des Präsidenten auf dem Gebiet des Gesundheitswesens schließen die Finanzierung der Krankenhausversorgung älterer Menschen aus Mitteln der Sozialversicherung ein sowie die Errichtung regionaler Gesundheitszentren, die die Anwendung der&#13;
fortschrittlichsten Methoden der Diagnose und Behandlung bei der&#13;
Bekämpfung wichtiger Krankheiten gewährleisten, die Bereitstellung&#13;
neuer Mittel für die medizinische und zahnmedizinische Ausbildung&#13;
und eine Förderung kommunaler Zentren, um Geisteskranken, wirtschaftlich Benachteiligten und den geistig Zurückgebliebenen besser&#13;
helfen zu können.&#13;
3« "Anstrengungen auf nationaler Ebene, um die amerikanischen&#13;
Städte zu besseren und angenehmeren Wohnplätzen zu machen.** Ins&#13;
Auge gefaßt sind eine Hilfe für die grundlegenden Gemeindeeinrichtungen, Nachbarschaftszentren als Stätten der Gesundheitspflege und&#13;
Erholung, eine Neuorientierung der Yfohnungsbauprogramme, Förderung von langfristigen Entwicklungsprogrammen für Großstadtgebiete und eine&#13;
&#13;
- 9-&#13;
&#13;
�eine Versuchsstrecke einer Eisenbahn-Schnellverbindung zwischen&#13;
Ballungszentren. Ebenso hat der Präsident darauf hingewiesen, daß&#13;
"ein Ministerium für Wohnungsbau und Städteplanung notwendig sein&#13;
wird, um diese Bemühungen in unseren Städten voranzutreiben".&#13;
4« Maßnahmen zur Erhaltung der Naturschönheit Amerikas und&#13;
Beendigung ihrer Zerstörung. Dies erfordert, "mehr große und kleine&#13;
Parks sowie mehr Badestrände und Erholungsplätze zu schaffen als&#13;
in irgendeiner Zeit unserer Geschichte". Dies erfordert ferner die&#13;
landschaftsgärtnerische Gestaltung der Fernstraßen, größeres Augenmerk für die gärtnerische Gestaltung der Straßen und Plätze in den&#13;
Städten und die Befugnis zum Verbot der Verschmutzung von Luft und&#13;
Wasser und zur Regulierung der Beseitigung schädlicher Abfallstoffe.&#13;
Weitere diesbezügliche Anregungen dürfte eine Konferenz bringen,&#13;
die im Weißen Haus stattfinden soll.&#13;
5» "Ein neues Programm, um die Regionen unseres Landes zu entwickeln, die zur Zeit unter Depression und Not leiden." Der Präsident hat bereits einen Feldzug gegen die Armut gestartet, und eine&#13;
Anzahl neuer Projekte, die in diese Richtung zielen, wurden erst&#13;
kürzlich bekanntgegeben. Der Präsident wünscht, daß diese Anstrengungen in diesem Jahr verdoppelt werden.&#13;
6. "Weitere Anstrengungen, um der Kriminalität und Straffälligkeit zu steuern und sie zu verhindern." Auf diesem Gebiet schlägt&#13;
der Präsident Programme für die Ausbildung von Polizisten vor sowie Maßnahmen, die der Polizei die besten Methoden der modernen&#13;
Wissenschaft zugänglich machen, die Erforschung der Ursachen von&#13;
Verbrechen und besserer Wege zu ihrer Verhinderung.&#13;
7» Die Beseitigung "aller noch verbliebenen Hindernisse für die&#13;
Ausübung des Wahlrechts"; und&#13;
8. Würdigung und Unterstützung "von geistigen und künstlerischen Leistungen". Der Präsident trat für Programme zur Förderung&#13;
der Grundlagenforschung, insbesondere an den Universitäten, und die&#13;
Schaffung einer nationalen Kunststiftung ein.&#13;
Ein&#13;
&#13;
- 10 -&#13;
&#13;
�)&#13;
&#13;
4&#13;
I&#13;
(&#13;
I&#13;
&#13;
1&#13;
Ein neunter Punkt wäre die Beseitigung von Verschwendung&#13;
auf allen Gebieten.&#13;
|&#13;
&#13;
Diese Punkte geben die Richtung für das Programm meines&#13;
Landes im Jahre 1965» umreißen aber längst nicht seine Grenzen.&#13;
Nicht darin erwähnt ist zum Beispiel die Botschaft des Präsidenten über die Einwanderung, die uns auffordert, Einwanderungswillige&#13;
nicht nach ihrem Herkunftsland, sondern danach zu beurteilen, welchen Beitrag sie zu unserer Gesellschaft leisten können. Sie gehen auch nicht weiter auf das Versprechen ein, das Präsident Johnson den farbigen Amerikanern gab, "ihnen den Zugang zur Gemeinschaft der Verheißung" durch&#13;
&#13;
"die Durchführung des Bürgerrechts-&#13;
&#13;
gesetzes und die Beseitigung aller Hindernisse für die Ausübung&#13;
des Stimmrechts zu öffnen".&#13;
Wenn auch die Great Society durch Maßnahmen angestrebt werden&#13;
muß, die auf Ziele von der Größe eines Wohnblocks gerichtet sind,&#13;
so ist sie doch als Begriff weit genug gesteckt, um vielen Menschen Lebensaufgabe zu werden, und als Vision tiefgründig genug,&#13;
um die schöpferischen Energien zusammenzufassen, die künftige Generationen von Amerikanern auf die Vervollkommnung ihrer Gesellschaft einmal zu verwenden gedenken. Las Wesen der Great Society&#13;
besteht darin, jedem, der ihr angehört, die gleiche Möglichkeit&#13;
zu sichern, all das zu lernen, wozu er fähig ist, all das zu tun,&#13;
was er zu tun in der Lage ist, all das zu sein, was er zu sein&#13;
vermag.&#13;
Mit gewisser Besorgnis habe ich vernommen, daß hier in&#13;
Deutschland gelegentlich die Befürchtung geäußert wird, die neue&#13;
Aufgeschlossenheit meines Landes für seine dringenden inneren Probleme könne eine Abkehr von unseren Verpflichtungen gegenüber anderen Ländern zur Folge haben.&#13;
Ich versichere Ihnen, das ist nicht der Fall. Unser Verteidigungshaushalt bleibt im wesentlichen konstant, wobei sein prozentualer Anteil am Gesamthaushalt höher ist als in jedem anderen Land der&#13;
freien Welt. Wir unterhalten genügend Streitkräfte in Übersee, um&#13;
unsere Verpflichtungen zu erfüllen, darunter eine Streitmacht _in&#13;
&#13;
- 11&#13;
&#13;
�I&#13;
&#13;
in Stärke von sechs Divisionen hier in Deutschland, und wir&#13;
haben die feste Absicht, dies weiterhin zu tun, solange sie notwendig sind. Die Höhe der von uns vorgeschlagenen Ausgaben für&#13;
die Auslandshilfe übersteigt die Summe, die der Kongreß für das&#13;
laufende Haushaltsjahr bewilligt hat. Unser Interesse, eine Ausweitung des Welthandels durch einen Erfolg der Zollverhandlungen&#13;
im Rahmen der Kennedy-Runde herbeizuführen, besteht unvermindert&#13;
fort.&#13;
Daß das Interesse einer Nation an der Weltpolitik; und ihr&#13;
Einfluß auf diese in dem Maße nachlassen, wie sie sich ihren&#13;
inneren Angelegenheiten zuwendet, ist, wie ich behaupten möchte,&#13;
nicht nur unwahr, sondern geradezu eine Umkehrung der Wahrheit.&#13;
Dieser Irrtum hat seinen Ursprung in der irrigen - auf einer&#13;
trügerischen Analogie zur Physik basierenden - Vorstellung, ein&#13;
Land verfüge nur über ein festes Maß an Energie, so daß für ei-&#13;
&#13;
i&#13;
&#13;
nen Zweck verlorengeht, was für einen anderen aufgewendet wird.&#13;
Es wird aber die Tatsache übersehen, daß Menschen, die sich vom&#13;
Staat und ihren Mitbürgern gerecht behandelt fühlen, ihre Regierung in nationalen und internationalen Vorhaben mit größerer&#13;
Bereitschaft unterstützen werden.&#13;
Kein Land hat je in dramatischerer Weise als Ihres bewiesen,&#13;
welche großen nationalen Leistungen die Freisetzung der Energien&#13;
eines Volkes zu bewirken vermag. Daß sich das deutsche Volk zur&#13;
Unterstützung der nationalen und internationalen Ziele der Bundesrepublik zusammenfand, ist das Ergebnis des in wenigen Jahren&#13;
vollzogenen Aufbaus einer stabilen Demokratie und der steigenden&#13;
Prosperität in einer gesunden Gesellschaft.&#13;
Und in der Tat: Besäße die Bundesrepublik heute stärkemäßig&#13;
die Voraussetzungen zur Übernahme einer bedeutenderen Rolle im&#13;
Weltgeschehen, wenn sie nicht zunächst die schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Nachkriegszeit gelöst hätte?&#13;
Die Wiedergeburt der Städte, der Wiederaufbau der Industrie, die&#13;
Errichtung besserer Wohnstätten, der Bau neuer Krankenhäuser und&#13;
akademischer Lehranstalten und die Beteiligung aller Bürger an&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�an den sozialen Errungenschaften - die Gesamtheit dieser im Inneren&#13;
erzielten Erfolge hat nicht nur zur Schaffung gesunder Verhältnisse in der Bundesrepublik beigetragen, sondern auch&#13;
&#13;
ihr Gewicht&#13;
&#13;
und Ansehen in den Ratsversammlungen der Welt gemehrt.&#13;
Das Volk der Vereinigten Staaten ist nunmehr aufgerufen, sich&#13;
von der Vorstellung zu lösen, den nationalen Zielsetzungen und&#13;
Energien seien starre Grenzen gesetzt. Höher gesteckte Ziele durch&#13;
die Freisetzung neuer Energien anzustreben - so lautet das Gebot.&#13;
Wären die Amerikaner nicht bereit, diesem Ruf zu folgen, sie wären&#13;
kaum bereit, dem Ruf anderer Länder Beachtung zu schenken.&#13;
Zur Zeit, da unsere Nation begründet wurde, forderten wir&#13;
"Leben, Freiheit und das Streben nach Glück" nicht allein als Geburtsrecht der Amerikaner. Und wir haben unsere Auffassung nicht&#13;
geändert. Unser Wissen um das, was diese Zielsetzung uns abverlangt,&#13;
und unsere Macht, sie zu verwirklichen, sind im Laufe der Zeit nur&#13;
gewachsen. Damit ist aber auch unsere Verantwortung gegenüber dem&#13;
eigenen Lande wie gegenüber dem Ausland gewachsen. Wir sind entschlossen, sie zu tragen, und zwar nicht bis zu einem gewissen Grade,&#13;
sondern in vollem Umfang. Wir werden und wir können uns niemals damit zufriedengeben, weniger zu tun.&#13;
&#13;
# # # # *&#13;
&#13;
- 13 -&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
5 3 2 0&#13;
T a i :&#13;
&#13;
S t a t e s&#13;
Bad&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
G o d e s b e r g&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
I,&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
P o s t f a c h&#13;
&#13;
Telex&#13;
&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
DER AMERIKANISCHE STAATSHAUSHALT 1965/66&#13;
&#13;
Zusammenfassung und Auszüge&#13;
der Haushaltsbotschaft, die Präsident Johnson&#13;
dem amerikanischen Kongreß am 25. Januar 1965 vorgelegt hat&#13;
&#13;
Beilage&#13;
&#13;
�PRÄSIDENT JOHNSON LEGT NEUEN US-HAUSHALT VOR&#13;
Zusammenfassung der Haushaltsbotschaft mit Auszügen&#13;
&#13;
WASHINGTON - Präsident Johnson hat am 25. Januar 1965 dem amerikanischen Kongreß den Haushalt für das am 1. Juli beginnende Finanzjahr 1966&#13;
(1965/66) vorgelegt, der mit Einnahmen von 94,4 Milliarden Dollar und&#13;
Ausgaben von 99,7 Milliarden Dollar ein Defizit von 5,3 Milliarden Dollar&#13;
aufweist.&#13;
In seiner Botschaft unterstreicht Johnson, daß die in seinem Haushalt unterbreiteten Empfehlungen die Aufrechterhaltung der Verteidigungsstärke der USA sowie die Fortführung der Weltraumprojekte und der internationalen Programme in ihrem bisherigen Umfang gewährleisten sollen.&#13;
Darüber hinaus sollen erhöhte Mittel für solche Prioritätsprogramme bereitgestellt werden, die im nationalen Interesse liegen. Zur Belebung&#13;
der Wirtschaftstätigkeit sollen die Verbrauchssteuern gesenkt sowie die&#13;
Leistungen aus der Sozialversicherung verbessert werden. Außerdem soll&#13;
die Kaufkraft der Bevölkerung gestärkt werden. Diese Maßnahmen sollen zusammen mit der Erhöhung anderer Ausgabenposten im Budget eine Finanzpolitik sicherstellen, deren Ziel die Aufrechterhaltung einer stetigen Wirtschaftsexpansion ist.&#13;
Der mit dem neuen Haushalt vorgelegte Gesamtzahlungsplan (Zahlungshaushalt) der Regierung weist neben den ordentlichen Haushaltseinnahmen&#13;
von 94,4 Milliarden Dollar Einnahmen aus den von der Regierung ver-&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
�verwalteten Treuhandfonds in Höhe von 33,6 Milliarden Dollar aus, so daß&#13;
sich - nach Abzug interner Transaktionen (Posten in Höhe von 4,5 Milliarden Dollar, die sowohl im eigentlichen Regierungshaushalt wie auch unter&#13;
den Treuhandfonds erscheinen und somit doppelt verbucht sind) - Gesamteinnahmen von 123,5 Milliarden Dollar ergeben. Diesen Gesamteinnahmen stehen&#13;
Ausgaben im ordentlichen Regierungshaushalt in Höhe von 99,7 Milliarden&#13;
Dollar gegenüber, die durch ordentliche Haushaltseinnahmen wie Steuern&#13;
abgedeckt werden müssen, sowie Ausgaben aus den Treuhandfonds in Höhe von&#13;
32,9 Milliarden Dollar, so daß sich die Gesamtausgaben - nach Abzug interner Transaktionen (5,2 Milliarden Dollar) - auf 127,4 Milliarden Dollar stellen. Der Gesamtzahlungsplan der Regierung weist somit einen Ausgabenüberhang von insgesamt 3,9 Milliarden Dollar aus, verglichen mit&#13;
einem Defizit im ordentlichen Regierungshaushalt von 5,3 Milliarden&#13;
Dollar.&#13;
Eine Gegenüberstellung des Gesamtzahlungsplans und der Pläne der&#13;
beiden letzten Jahre ergibt folgendes Bild:&#13;
•&#13;
&#13;
Gesamtzahlungsplan&#13;
Finanzjahr&#13;
1964&#13;
&#13;
1965&#13;
&#13;
1966&#13;
(Voranschlag)&#13;
&#13;
in Milliarden Dollar&#13;
&#13;
Haushaltseinnahmen&#13;
&#13;
89,5&#13;
&#13;
91,2&#13;
&#13;
94,4&#13;
&#13;
Einnahmen aus Treuhandfonds&#13;
&#13;
30,3&#13;
&#13;
30,5&#13;
&#13;
33,6&#13;
&#13;
abzüglich interne&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
Transaktionen&#13;
&#13;
4,3&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
4,3&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
4,5&#13;
&#13;
115,5&#13;
&#13;
117,4&#13;
&#13;
123,5&#13;
&#13;
Haushaltsausgaben&#13;
&#13;
97,7&#13;
&#13;
97,5&#13;
&#13;
99,7&#13;
&#13;
Ausgaben aus Treuhandfonds&#13;
&#13;
28,9&#13;
&#13;
29,0&#13;
&#13;
32,9&#13;
&#13;
G e samte innahmen&#13;
&#13;
abzüglich interne&#13;
&#13;
Transaktionen&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
6,3&#13;
120,3&#13;
&#13;
- 2-&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
5,1&#13;
121,4&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
5,2&#13;
127,4&#13;
&#13;
�Defizit im ordentlichen Haushalt&#13;
&#13;
- 8,2&#13;
&#13;
- 6,3&#13;
&#13;
- 5,3&#13;
&#13;
Defizit im Zahlungshaushalt&#13;
&#13;
- 4,8&#13;
&#13;
- 4,0&#13;
&#13;
- 3,9&#13;
&#13;
Haushalt der Prioritäten&#13;
&#13;
In seiner Botschaft an den Kongreß bezeichnet Präsident Johnson den&#13;
Etat für das Finanzjahr 1966 als einen Haushalt der Prioritäten. Er führt&#13;
fünf Grundprinzipien an, auf denen das Budget basiert, und erklärt, der&#13;
neue Haushalt sei weder extravagant noch kleinlich. Er trage vielmehr in&#13;
vernünftiger Weise den Erfordernissen der USA Rechnung.&#13;
Wörtlich heißt es in der Haushaltsbotschaft:&#13;
"Ein Budget ist ein Aktionsprogramm. Es zeigt unsere Ziele auf,&#13;
steckt unseren Kurs ab und gibt einen Überblick über unsere Erwartungen.&#13;
Es spiegelt harte Entscheidungen und schwierige Alternativen wider. Darin&#13;
ist das diesjährige Budget keine Ausnahme.&#13;
Es ist ein Budget der Prioritäten. Es trägt dem Rechnung, was wir&#13;
tun müssen, aber nicht all dem, was wir gerne tun möchten.&#13;
Es ist ein Budget sowohl der Möglichkeiten als auch des Verzichts.&#13;
Es schafft die Voraussetzungen für die Möglichkeiten der 'Great Society'.&#13;
Es wird beschränkt durch die Opfer, die wir bringen müssen, um unsere&#13;
Verteidigung weiterhin stark und flexibel zu gestalten.&#13;
Dieses Budget trägt in vernünftiger Weise unseren Erfordernissen Rechnung. Es basiert auf fünf Grundprinzipien:&#13;
Die Finanzpolitik der Regierung muß die nationale Stärke, den wirtschaftlichen Fortschritt und die Chancen des Einzelnen fördern.&#13;
Unser Steuersystem muß weiterhin weniger kompliziert, gerechter und&#13;
in einer anhaltenden Wirtschaftsexpansion dienlicheren Weise gestaltet&#13;
werden.&#13;
Die 'Great Society' muß eine kühne Gesellschaft sein. Sie darf sich&#13;
nicht davor fürchten, neue große Aufgaben anzupacken. Sie darf es nicht&#13;
daran fehlen lassen, von neuen Möglichkeiten Gebrauch zu machen.&#13;
&#13;
Die&#13;
&#13;
�Defizit im ordentlichen Haushalt&#13;
&#13;
- 8,2&#13;
&#13;
- 6,3&#13;
&#13;
- 5,3&#13;
&#13;
Defizit im Zahlungshaushalt&#13;
&#13;
- 4,8&#13;
&#13;
- 4,0&#13;
&#13;
- 3,9&#13;
&#13;
Haushalt der Prioritäten&#13;
&#13;
In seiner Botschaft an den Kongreß bezeichnet Präsident Johnson den&#13;
Etat für das Finanzjahr 1966 als einen Haushalt der Prioritäten. Er führt&#13;
fünf Grundprinzipien an, auf denen das Budget basiert, und erklärt, der&#13;
neue Haushalt sei weder extravagant noch kleinlich. Er trage vielmehr in&#13;
vernünftiger Weise den Erfordernissen der USA Rechnung.&#13;
Wörtlich heißt es in der Haushaltsbotschaft:&#13;
"Ein Budget ist ein Aktionsprogramm. Es zeigt unsere Ziele auf,&#13;
steckt unseren Kurs ab und gibt einen Überblick über unsere Erwartungen.&#13;
Es spiegelt harte Entscheidungen und schwierige Alternativen wider. Darin&#13;
ist das diesjährige Budget keine Ausnahme.&#13;
Es ist ein Budget der Prioritäten. Es trägt dem Rechnung, was wir&#13;
tun müssen, aber nicht all dem, was wir gerne tun möchten.&#13;
Es ist ein Budget sowohl der Möglichkeiten als auch des Verzichts.&#13;
Es schafft die Voraussetzungen für die Möglichkeiten der 'Great Society1.&#13;
Es wird beschränkt durch die Opfer, die wir bringen müssen, um unsere&#13;
Verteidigung weiterhin stark und flexibel zu gestalten.&#13;
Dieses Budget trägt in vernünftiger Weise unseren Erfordernissen Rechnung. Es basiert auf fünf Grundprinzipien:&#13;
Die Finanzpolitik der Regierung muß die nationale Stärke, den wirtschaftlichen Fortschritt und die Chancen des Einzelnen fördern.&#13;
Unser Steuersystem muß weiterhin weniger kompliziert, gerechter und&#13;
in einer anhaltenden Wirtschaftsexpansion dienlicheren Weise gestaltet&#13;
werden.&#13;
Die 'Great Society' muß eine kühne Gesellschaft sein. Sie darf sich&#13;
nicht davor fürchten, neue große Aufgaben anzupacken. Sie darf es nicht&#13;
daran fehlen lassen, von neuen Möglichkeiten Gebrauch zu machen.&#13;
&#13;
- 3-&#13;
&#13;
Die&#13;
&#13;
�Die 'Great Society* muß eine mitfühlende Gesellschaft sein. Sie muß&#13;
den menschlichen Erfordernissen jederzeit aufgeschlossen gegenübertreten.&#13;
Die 'Great Society* muß eine leistungsfähige Gesellschaft sein. An&#13;
die Stelle weniger wichtiger Projekte müssen die Programme mit größerem&#13;
Vorrang treten. Und jedes Programm - alt oder neu - muß mit der größten&#13;
Wirksamkeit, Wirtschaftlichkeit und Produktivität durchgeführt werden.&#13;
Die Hauptpunkte des Haushalts 1966 sollen diese Prinzipien verwirklichen.&#13;
1. Die Verbrauchssteuern werden wesentlich gesenkt. Die Leistungen&#13;
aus der Sozialversicherung, einschließlich der Krankenhausversicherung,&#13;
werden erhöht. Verbunden mit anderen Ausgabenerhöhungen, soll damit eine&#13;
Finanzpolitik sichergestellt werden, deren Ziel die Aufrechterhaltung unserer stetigen Wirtschaftsexpansion ist.&#13;
2. Das Budget ermöglicht umfassende Verteidigungsanstrengungen,&#13;
durch die bei geringeren Ausgaben unsere Verteidigungsbereitschaft ständig erhöht wird.&#13;
3. Unsere internationalen Programme und unsere Weltraumprojekte werden in befriedigendem Ausmaß gefördert, wobei die Erhöhungen geringer als&#13;
in früheren Jahren sind.&#13;
4. Erweiterte Programme und höhere Aufwendungen sind vorgesehen, um&#13;
unseren Kindern eine bessere und gründlichere Erziehung zu geben;&#13;
den Krieg gegen die Armut zu intensivieren;&#13;
die Fortschritte auf dem Gebiete des Gesundheitswesens zu beschleunigen;&#13;
die Verhältnisse in den Stadtgemeinden, in denen die meisten von&#13;
uns leben, zu verbessern;&#13;
dem Appalachen-Gebiet bei der Überwindung der gegenwärtigen Depression zu helfen;&#13;
den Sozialversicherungsschutz zu erhöhen;&#13;
&#13;
die&#13;
&#13;
�die wirtschaftlichen Möglichkeiten in ländlichen Gebieten zu erwei-_&#13;
tern;&#13;
eine vernünftige Verwendung unserer natürlichen Hilfsquellen zu fördern;&#13;
die Naturschönheiten unseres Landes zu erhalten.&#13;
5. Ein großer Teil der für die erweiterten Programme benötigten Mittel resultiert aus Einsparungen und Kürzungen bei anderen Etatposten.&#13;
&#13;
Finanzpolitik&#13;
&#13;
"Der neue Haushalt trägt der Tatsache Rechnung, daß eine expandierende Wirtschaft Voraussetzung für die Förderung der nationalen Stärke und&#13;
des Fortschritts ist. In gleicher Weise ist sie auch für weitere Fortschritte in Richtung auf einen ausgeglichenen Haushalt unerläßlich. Wenn&#13;
sich die Wirtschaftstätigkeit verlangsamt, gehen die Regierungseinnahmen&#13;
zurück, während die Ausgaben eher noch ansteigen. Das Ergebnis ist ein&#13;
größeres - und nicht ein geringeres - Haushaltsdefizit.&#13;
Vor fast vier Jahren erlebten die USA den Beginn ihrer vierten Wirtschaftskonjunktur nach dem Kriege. Auf Grund der Einkommensteuersenkung&#13;
des vergangenen Jahres - der größten und umfassendsten, die bisher verabschiedet worden ist - hat diese Expansion bereits die vorangegangenen&#13;
drei Konjunkturperioden nach dem Kriege an Dauer übertroffen. In den vergangenen vier Jahren ist das Bruttosozialprodukt der USA um durchschnittlich fünf Prozent pro Jahr angestiegen. Beschäftigtenstand, Einkommen und&#13;
Unternehmergewinne haben einen neuen Höchststand erreicht. Die Arbeitslosigkeit ist zurückgegangen. Die Preise blieben stabil.&#13;
Dies alles sind beachtliche Erfolge. Wir rechnen für das vor uns liegende Jahr mit einem weiterhin anhaltenden Wirtschaftswachstum. Das Bruttosozialprodukt dürfte im Kalenderjahr 1965 auf 660 Milliarden Dollar ansteigen, wobei Abweichungen von fünf Milliarden Dollar nach oben oder&#13;
unten möglich sind.&#13;
Trotz&#13;
&#13;
- 5-&#13;
&#13;
�Trotz alledem müssen wir uns ständig vor Augen halten, daß die potentielle Kapazität unserer Wirtschaft bei weitem noch nicht ausgelastet ist.&#13;
Fast vier Millionen Menschen sind ohne Arbeit. Die Arbeitslosenquote liegt&#13;
immer noch bei fast fünf Prozent. Fabriken und Maschinen stehen still, während menschliche Bedürfnisse und Wünsche unberücksichtigt bleiben. Schätzungsweise 35 Millionen Menschen leben weiterhin in Armut. Wir können&#13;
nicht als Ziele des neuen Jahres die Erfolge des letzten Jahres einsetzen,&#13;
noch können wir die Aufgaben des neuen Jahres mit dem Budget des letzten&#13;
Jahres meistern.&#13;
Die von mir in dem Budget für 1966 vorgelegten Einnahmen- und Ausgabenansätze sind sorgfältig abgewogen, um die weitere Expansion der Wirtschaft&#13;
zu fördern und bessere wirtschaftliche Möglichkeiten zu schaffen. Dieser&#13;
Haushalt trägt der Notwendigkeit Rechnung, daß das Zahlungsbilanzdefizit&#13;
der USA abgebaut werden muß. Im letzten Kalenderjahr hatte das Defizit&#13;
einen beträchtlichen Rückgang aufzuweisen. Um eine weitere Besserung zu&#13;
gewährleisten, werde ich die Bemühungen verstärken, die Regierungsprogramme so durchzuführen, daß sich daraus eine geringstmögliche Belastung für&#13;
unsere Zahlungsbilanz ergibt."&#13;
In seiner Botschaft erklärt der Präsident weiterhin, daß die Regierungsausgaben zwar um einen relativ geringen Betrag ansteigen, aber dennoch&#13;
im neuen Finanzjahr nicht einmal 15 Prozent des Bruttosozialprodukts ausmachen würden. Damit wiesen sie den niedrigsten Prozentsatz seit 15 Jahren auf. Auch das ausgewiesene Haushaltsdefizit sei gegenüber dem laufenden Haushaltsjahr um rund eine Milliarde Dollar niedriger. Die Fortschritte der letzten Jahre in Richtung auf einen ausgeglichenen Haushalt hielten&#13;
damit an. Angeischts des stetigen Bevölkerungszuwachses nehme auf der anderen Seite der Bedarf an öffentlichen und privaten Dienstleistungen ständig zu. Es sei ganz klar, daß die Regierungsausgaben auf lange Sicht weiter&#13;
steigen würden, sofern nicht die Aufwendungen für die Verteidigung beträchtlich gesenkt werden können.&#13;
Auf die Entwicklung der Haushaltseinnahmen eingehend, betont Johnson,&#13;
daß das Steueränderungsgesetz von 1964 wesentlich zur Steigerung des Wohlstandes in den USA beigetragen habe. Da jetzt die zweite Phase dieses Gesetzes in Kraft trete, erscheine eS angebracht, auch die Verbrauchssteuern&#13;
&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�Verbrauchssteuern einer Revision und Anpassung zu unterziehen. Diese von&#13;
ihm vorgeschlagenen Verbesserungen des Steuersystems würden zusätzliche&#13;
Kaufkraft schaffen und das wirtschaftliche Wachstum fördern. Die neuen&#13;
Steueränderungen, die eine Steuersenkung um rund 1,75 Milliarden Dollar im&#13;
Jahr bewirken würden, sollten mit dem 1. Juli dieses Jahres in Kraft treten. Sie würden im neuen Haushaltsjahr zu einer Minderung der Haushaltseinnahmen um 1,5 Milliarden Dollar führen.&#13;
Die Gesamtausgaben der Regierung schlüsseln sich wie folgt auf:&#13;
Finanzjahr&#13;
1964&#13;
&#13;
1965&#13;
&#13;
1966&#13;
(Voranschlag)&#13;
&#13;
in Milliarden Dollar&#13;
&#13;
Haushaltsausgaben;&#13;
Nationale Verteidigung&#13;
Internationale Angelegenheiten&#13;
(davon Lebensmittel-für-den-FriedenProgramm)&#13;
&#13;
(&#13;
&#13;
54,2&#13;
&#13;
52,2&#13;
&#13;
51,6&#13;
&#13;
3,7&#13;
&#13;
4,0&#13;
&#13;
4,0&#13;
&#13;
1,7)&#13;
&#13;
(&#13;
&#13;
1,7)&#13;
&#13;
(&#13;
&#13;
1,7)&#13;
&#13;
Weltraumforschung und Technik&#13;
&#13;
4,2&#13;
&#13;
4,9-&#13;
&#13;
5,1&#13;
&#13;
Landwirtschaft&#13;
&#13;
5,6&#13;
&#13;
4,5&#13;
&#13;
3,9&#13;
&#13;
Nationale Hilfsquellen&#13;
&#13;
2,5&#13;
&#13;
2,7&#13;
&#13;
2,7&#13;
&#13;
Handel und Transportwesen&#13;
&#13;
3,0&#13;
&#13;
3,4&#13;
&#13;
2,8&#13;
&#13;
- 0,1&#13;
&#13;
- 0,3&#13;
&#13;
Gesundheits- und Sozialprogramme&#13;
&#13;
5,5&#13;
&#13;
6,2&#13;
&#13;
8,3&#13;
&#13;
Erz iehungswesen&#13;
&#13;
1,3&#13;
&#13;
1,5&#13;
&#13;
2,7&#13;
&#13;
KriegsVeteranen&#13;
&#13;
5,5&#13;
&#13;
5,4&#13;
&#13;
4,6&#13;
&#13;
10,8&#13;
&#13;
11,3&#13;
&#13;
11,6&#13;
&#13;
Allgemeine Regierungsausgaben&#13;
&#13;
2,3&#13;
&#13;
2,5&#13;
&#13;
Zuwendungen für die Appalachen&#13;
&#13;
—&#13;
&#13;
2,4&#13;
•—&#13;
&#13;
0,1&#13;
&#13;
Sonstiges&#13;
&#13;
--&#13;
&#13;
0,2&#13;
&#13;
0,4&#13;
&#13;
- 0,5&#13;
&#13;
- 0,6&#13;
&#13;
- 0,6&#13;
&#13;
97.7&#13;
&#13;
97,5&#13;
&#13;
99.7&#13;
&#13;
(ohne Lebensmittel-für-den-Frieden-Programm)&#13;
&#13;
Wohnungsbau und Städteentwicklung&#13;
&#13;
Zinsendienst&#13;
&#13;
Abzüglich Posten der Rechnungsangleichung&#13;
Gesamtsumme Haushaltsausgaben:&#13;
&#13;
- 7-&#13;
&#13;
--&#13;
&#13;
�97,7&#13;
&#13;
97,5&#13;
&#13;
99,7&#13;
&#13;
Treuhandfondst&#13;
22,7&#13;
&#13;
23,4&#13;
&#13;
26,5&#13;
&#13;
Handel und Transportwesen&#13;
&#13;
3,5&#13;
&#13;
3,9&#13;
&#13;
3,7&#13;
&#13;
Nationale Verteidigung&#13;
&#13;
0,5&#13;
&#13;
0,8&#13;
&#13;
1,0&#13;
&#13;
Wohnungsbau&#13;
&#13;
1,9&#13;
&#13;
0,2&#13;
&#13;
0,8&#13;
&#13;
Kriegsveteranen&#13;
&#13;
0,7&#13;
&#13;
0,6&#13;
&#13;
0,5&#13;
&#13;
Sonstiges&#13;
&#13;
0,1&#13;
&#13;
0,6&#13;
&#13;
1,0&#13;
&#13;
Gesundheits- und Sozialprogramme&#13;
&#13;
und Städteentwicklung&#13;
&#13;
Abzüglich Posten der Rechnungsangleichung&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
28,9&#13;
&#13;
Gesamtsumme Treuhandfonds:&#13;
&#13;
bzüglich interne Transaktionen&#13;
Gesamtsumme der Ausgaben:&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
0,5&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
0,5&#13;
&#13;
29,0&#13;
&#13;
32,9&#13;
&#13;
28,9&#13;
&#13;
29,,0&#13;
&#13;
32,,9&#13;
&#13;
6,3&#13;
&#13;
5 ;,1&#13;
&#13;
&gt; 5,,2&#13;
&#13;
120,3&#13;
&#13;
121,4&#13;
&#13;
127,4&#13;
&#13;
-&#13;
&#13;
0,6&#13;
&#13;
Straffung des Regierungsapparates&#13;
Der Präsident betont in seiner Botschaft, daß im Laufe des Haushaltsjahres durchaus Entwicklungen eintreten könnten, die Sofortmaßnahmen seitens&#13;
der Regierung erfordern würden. Dies treffe im besonderen für das Gebiet&#13;
der Außenpolitik zu. Aber auch die verschiedenen von ihm in Auftrag gegebenen Analysen und Studien könnten neue Maßnahmen notwendig machen. In allen diesen Fällen werde er dem Kongreß umgehend entsprechende Empfehlungen&#13;
und Gesetzesentwürfe vorlegen.&#13;
Gleichzeitig unterstreicht der Präsident in seiner Botschaft, daß die&#13;
Bemühungen um eine Senkung der Regierungsausgaben, wo immer dies möglich&#13;
sei, fortgesetzt würden. Der Regierungsapparat müsse weiter gestrafft und&#13;
modernisiert werden, damit die Regierung ihren Aufgaben bei gleichzeitiger&#13;
Rationalisierung noch besser nachkommen könne. Er werde bereits in Kürze&#13;
Empfehlungen für ganz bestimmte Reorganisationen vorlegen, die einen ersten,&#13;
dringend notwendigen Schritt in Richtung auf eine Konsolidierung der Funktionen und eine bessere Zusammenarbeit darstellten. In diesem Zusammenhang&#13;
&#13;
- 8-&#13;
&#13;
�Zusammenhang betont Johnson, daß die Regierung stets über genügend befähigte Mitarbeiter verfügen müsse, um ihren Aufgaben in wirksamer Weise nachkommen zu können. Auf der anderen Seite müsse jedoch vermieden werden, daß&#13;
die Zahl der Angestellten den tatsächlichen Bedarf übersteige.&#13;
Eine stetig expandierende Wirtschaft, so hebt der Präsident hervor,&#13;
bedeute auch stetig steigende Haushaltseinnahmen. Damit ergäben sich neue&#13;
Möglichkeiten für eine Steigerung der Bundesausgaben, für eine Senkung der&#13;
Steuern und für einen Abbau der Staatsschuld. Keiner dieser Punkte sei von&#13;
überragender Wichtigkeit. Sie müßten allerdings reiflich gegeneinander abgewogen werden, um "unseren weiteren Fortschritt in Richtung auf eine&#13;
•Great Society' zu gewährleisten". Ein solcher Fortschritt beruhe nicht&#13;
allein auf einem Wirtschaftswachstum, vielmehr müsse auch das Niveau der&#13;
amerikanischen Lebensform weiter gehoben und es müsse sichergestellt werden, daß alle Amerikaner hieran Anteil haben. Dazu müsse auch die Bundesregierung ihr Teil beitragen. Das bedeute nicht einfach eine Erhöhung der&#13;
Regierungsausgaben, sondern es bedeute vielmehr höhere Aufwendungen für&#13;
neue und entscheidend wichtige Programme und eine Senkung der Ausgaben bei&#13;
anderen Projekten oder sogar eine Einstellung von Programmen, die nicht&#13;
mehr so dringlich oder nicht mehr notwendig sind. Wörtlich heißt es in der&#13;
Botschaft: "Wo Verschwendung herrscht, muß dieser Einhalt geboten werden;&#13;
wo Not herrscht, muß diese beseitigt werden; wo berechtigte Hoffnungen bestehen, müssen diese erfüllt werden - das ist die Aufgabe des Haushaltes,&#13;
den ich Ihnen hier zur Überprüfung unterbreite."&#13;
&#13;
Nationale Verteidigung&#13;
Die Aufwendungen für die nationale Verteidigung, einschließlich der&#13;
militärischen Auslandshilfe und anderer für die Verteidigung wichtiger&#13;
Programme, werden von Präsident Johnson im neuen Haushaltsjahr mit 51,6&#13;
Milliarden Dollar veranschlagt gegenüber 52,2 Milliarden Dollar im laufenden Finanzjahr. Hiervon entfallen allein auf den Haushalt des Verteidigungsministeriums - einschließlich der militärischen Auslandshilfe - 49&#13;
Milliarden Doli ar. Wörtlich heißt es zu diesem Thema in der Haushaltsbotschaft:&#13;
"Wir&#13;
-9-&#13;
&#13;
�"Wir können uns keine zweitbesten Verteidigungsstreitkräfte leisten.&#13;
Genausowenig aber können wir uns Verschwendung leisten.&#13;
Unsere Verteidigungsstreitkräfte haben einen neuen Grad an Stärke erreicht. Aufgrund der in den letzten vier Jahren erzielten schnellen Fortschritte und der für die Zukunft bereits abzusehenden Erfolge werden unsere&#13;
mächtigen, modernen Streitkräfte ihren Aufgaben auf Jahre hinaus gewachsen&#13;
sein. Gemeinsam mit unseren Verbündeten verfügen wir heute über Streitkräfte, die vor jedem nuklearen Angriff abschrecken können, Streitkräfte,&#13;
die in der Lage sind, einer konventionellen Aggression entgegenzutreten und&#13;
die allmähliche Aushöhlung der freien Welt zu verhindern - über Streitkräfte&#13;
also, die den Frieden erhalten können.&#13;
Es sind weiterhin Verbesserungen nötig. Wir müssen ein intensives Forschungs- und Entwicklungsprogramm weiterführen, um sicherzustellen, daß unsere Streitkräfte immer die modernsten der Welt sind. Das Budget für 1966&#13;
trägt diesen Erfordernissen im vollen Umfang Rechnung. Wenn wir dennoch in&#13;
der Lage sind, unsere Verteidigungsausgaben für 1966 herabzusetzen, so deshalb, weil der Aufbau unserer Streitkräfte, der im Jahre 1961 begann, nahezu abgeschlossen ist, das mit Nachdruck durchgeführte Kostensenkungsprogramm des Verteidigungsministeriums große Einsparungen brachte und die weniger wirksamen und ökonomischen Elemente unserer Streitkräfte so schnell wie&#13;
möglich außer Dienst gestellt oder reduziert werden."&#13;
Der neue Verteidigungshaushalt enthält unter anderem beträchtliche&#13;
Mittel für die Entwicklung der neuen Poseidon-Rakete, die an Stelle der Polaris-Raketen auf den amerikanischen Atom-Unterseebooten installiert werden&#13;
soll und deren Schlagkraft wesentlich erhöhen wird. Die amerikanischen Luftstreitkräfte sollen die benötigten Gelder für die Entwicklung eines SuperTransportflugzeuges erhalten, das über 700 Soldaten aufnehmen kann. Die&#13;
Gesamtstärke der US-Streitkräfte, gegenwärtig rund 2,67 Millionen Mann,&#13;
wird nach den neuen Haushaltsansätzen geringfügig zurückgehen. Als Grund&#13;
hierfür wird die Außerdienststellung einiger veralteter Bomber-Typen und Raketen sowie die kürzlich von Verteidigungsminister McNamara verfügte Schließung einiger Verteidigungseinrichtungen angegeben.&#13;
&#13;
Internationale&#13;
&#13;
- 10 -&#13;
&#13;
�Internationale Angelegenheiten&#13;
i&#13;
&#13;
Für internationale Programme und Vorhaben hat Präsident Johnson in&#13;
dem neuen Etat die Summe von vier Milliarden Dollar, einschließlich des&#13;
Lebensmittel-für-den-Frieden-Programms, eingesetzt. Dieser Betrag entspricht dem Posten, der im laufenden Haushaltsjahr für diesen Zweck vorgesehen ist.&#13;
Hierzu erklärt Johnson wörtlich:&#13;
"Mit Rüstungen allein können wir keinen dauerhaften Weltfrieden erreichen. Genauso wenig kann eine größere Prosperität auf der Welt allein&#13;
durch Geld zustande kommen. Diese Ziele können nur durch harte Arbeit,&#13;
Geduld, Verständnis und die Stärke von Menschen guten Willens überall auf&#13;
der Welt erreicht werden.&#13;
Und doch ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir weiterhin unsere besten Energien und einen Teil unserer großen wirtschaftlichen Hilfsquellen darauf verwenden, die Probleme zu lösen, denen sich die Welt heute&#13;
gegenübersieht. Klug geplante und wohlbedachte Ausgaben für unsere internationalen Programme können mithelfen, die Freiheit zu wahren, die Verständigung zu fördern und in den internationalen Angelegenheiten Zusammenarbeit und Verhandlung an die Stelle der Gewalt zu setzen.&#13;
Das Budget für 1966 sieht nur eine sehr bescheidene Erhöhung der Ausgaben für die wirtschaftliche Auslandshilfe vor. Mit diesen Geldmitteln&#13;
werden wir weiterhin unsere Hilfe in jenen Entwicklungsländern konzentrieren, die den zur Erreichung der politischen Stabilität und des wirtschaftlichen Wachstums erforderlichen Willen und die Entschlossenheit hierzu&#13;
zeigen.&#13;
Wir werden zu unserer festen Verpflichtung gegenüber der Allianz für&#13;
den Fortschritt stehen - dem Schwerpunkt unserer Bemühungen, Einheit und&#13;
Verständigung in der westlichen Hemisphäre zu erzielen. Als wichtigen Bestandteil dieser Verpflichtung empfehle ich sofortige Maßnahmen, die uns&#13;
eine Beteiligung an der Erweiterung der Interamerikanischen Entwicklungsbank gestatten.&#13;
&#13;
Dieser&#13;
&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�Dieser Haushalt setzt uns ferner in die Lage:&#13;
uns weiterhin an der Arbeit der Vereinten Nationen zu beteiligen und&#13;
die Weltorganisation zu unterstützen;&#13;
ein&#13;
&#13;
angemessenes und schnell reagierendes Netz diplomatischer Missi-&#13;
&#13;
onen auf der Welt zu unterhalten;&#13;
unsere Informationstätigkeiten im Ausland zu verbessern, damit andere&#13;
uns nicht nur als reiches, sondern auch als freies und verantwortungsbewußtes Land kennenlernen;&#13;
das Friedenkorps zu erweitern, das inzwischen zu einem erprobten Experiment in der internationalen Zusammenarbeit geworden ist.&#13;
Als wichtigen Schritt zur Stärkung des Finanzsystems der freien Welt&#13;
erwägen die Mitglieder des Internationalen Währungsfonds gegenwärtig eine&#13;
Erhöhung der Quoten. Nach dem in Kürze erwarteten Abschluß dieser Erörterungen werde ich empfehlen, daß der Kongreß unverzüglich die Mittel genehmigt, die für die Entrichtung des amerikanischen Beitrages zu dieser Erhöhung nötig sind."&#13;
&#13;
Mehr Mittel für friedliche Verwendung der Atomenergie&#13;
&#13;
Johnson ersucht den US-Kongreß in seiner Haushaltsbotschaft, für die&#13;
Tätigkeit der amerikanischen Atomenergiebehörde (AEC) im neuen Finanzjahr&#13;
insgesamt 2,48 Milliarden Dollar kassenmäßig bereitzustellen. Dieser Betrag liegt um 144 Millionen Dollar unter dem des entsprechenden Postens&#13;
im gegenwärtigen Haushaltsjahr. Die tatsächlichen Ausgaben der AEC im&#13;
Finanzjahr 1966 veranschlagt der amerikanische Präsident aufgrund der&#13;
Überhangbeträge aus dem vorangegangenen Jahr auf insgesamt 2,53 Milliarden Dollar.&#13;
Gegenüber dem letzten Finanzjahr sieht der neue Haushalt eine Erhöhung der Mittel für die friedliche Verwendung der Atomenergie und eine&#13;
Verminderung der Beträge für die nukleare Waffenentwicklung vor. Die erhöhten Mittel sollen in erster Linie für die Entwicklung besserer Reaktoren zur wirtschaftlichen Kraftstromgewinnung, für die Entsalzung von&#13;
Meerwasser mit Hilfe der Kernenergie, für die Grundlagenforschung sowie&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�sowie für die Entwicklung nuklearer Sprengladungen, die für große Erdbewegungen eingesetzt werden sollen (Pflugschar-Programm), Verwendung finden.&#13;
Allein für das Pflugschar-Programm fordert Johnson im Haushaltsjahr&#13;
1966 die Summe von 30,6 Millionen Dollar an. Im Rahmen dieses Programms ist&#13;
im kommenden Winter in Idaho eine unterirdische Explosion in der Größenordnung von 100 Kilotonnen vorgesehen, ein Vorhaben, das die Bezeichnung&#13;
"Schooner11 tragen wird. Mit Hilfe von zwei weiteren unterirdischen Versuchen sollen Sprengsätze entwickelt werden, die weniger radioaktive Rückstände hinterlassen als die derzeitigen Sprengladungen. In einem vierten&#13;
unterirdischen Test sollen große Mengen wertvoller Transurane und möglicherweise völlig neue Elemente erzeugt werden.&#13;
Für das Projekt "Rover" zur Entwicklung eines Atomantriebs für Weltraumraketen fordert Johnson 84 Millionen Dollar an. Ein Betrag von 70,5&#13;
Millionen Dollar ist für das sogenannte SNAP-Programm zur Entwicklung von&#13;
Isotopen und Atomkraftgeneratoren für Weltraumflugkörper vorgesehen, während insgesamt 239 Millionen Dollar für Studien auf dem Gebiete der Strahlenmedizin und -forschung bereitgestellt werden sollen.&#13;
Auf der militärischen Seite fordert Johnson 705 Millionen Dollar für&#13;
das Waffenprogramm und 101 Millionen Dollar für das Reaktoren-Programm der&#13;
US-Marine an.&#13;
&#13;
Weltraumforschung&#13;
&#13;
Für Programme der Weltraumforschung empfiehlt Johnson in seiner Botschaft die Summe von 5,1 Milliarden Dollar. Dieser Betrag liegt um 200&#13;
Millionen Dollar über der im laufenden Haushaltsjahr für diesen Zweck vorgesehenen Summe und schließt die bisher geringste Erhöhung seit 1959 ein.&#13;
Unter Hinweis auf das Mond-Projekt der USA unterstreicht der amerikanische Präsident, daß die Vereinigten Staaten ein kühnes und kostspieliges&#13;
Weltraumprogramm durchführen. Die Kosten würden weiterhin ansteigen, doch&#13;
sei die Forschung inzwischen so weit gediehen und die Konzentration auf&#13;
die vorrangigen Ziele gerichtet, daß es nicht mehr notwendig sei, die Ausgaben für die Weltraumforschung in jedem Jahr durch gewaltige Summen zu&#13;
&#13;
13 -&#13;
&#13;
�zu erhöhen, um den gegenwärtigen Zielen der USA gerecht zu werden. In dem&#13;
neuen Haushalt werden unter anderem 242,1 Millionen Dollar für das Geminisowie 2 997 385 000 Dollar für das Apollo-Programm ausgewiesen.&#13;
Wie erwartet sind die meisten der neuen Ausgabenprogramme, die Präsident Johnson in seiner Haushaltsbotschaft erläutert, darauf abgestellt, die&#13;
Ziele der von ihm angestrebten "Great Society" zu fördern. Seine für 1965&#13;
und 1966 unterbreiteten Haushalte, so betont er, sähen Ausgabenerhöhungen&#13;
auf Gebieten nationalen Vorranges vor - wie dem Erziehungs- und Gesundheitswesen, dem Wohnungsbau, der Hilfe für die Bedürftigen und der Bekämpfung&#13;
der Armut. Diese erhöhten Ausgaben würden jedoch zum Teil durch sorgfältige&#13;
Kürzung weniger wichtiger Programme und durch einschneidende Kostenreduzierungen wieder ausgeglichen.&#13;
&#13;
+ ++++&#13;
&#13;
- 14&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
5 3 2 0&#13;
T a l :&#13;
&#13;
States&#13;
&#13;
Bad&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
G o d n b i r g&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
I,&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
P o s t f a c h&#13;
&#13;
T e l a x :&#13;
&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
DER WIRTSCHAFTSBERICHT PRÄSIDENT JOHNSONS&#13;
&#13;
Auszüge&#13;
des Wirtschaftsberichtes, den Präsident Johnson&#13;
dem amerikanischen Kongreß am 28. Januar 1965 unterbreitete&#13;
&#13;
Beilage&#13;
&#13;
�PRÄSIDENT JOHNSON LEGT WIRTSCHAFTSBERICHT VOR&#13;
(Auszüge)&#13;
&#13;
WASHINGTON - Präsident Johnson hat dem amerikanischen Kongreß am&#13;
28. Januar 1965 seinen Wirtschaftsbericht unterbreitet, in dem er einen&#13;
Überblick über die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten gibt und&#13;
seine Empfehlungen auf wirtschaftspolitischem Gebiet darlegt.&#13;
In dem mit zahlreichen Statistiken und Tabellen angereicherten Bericht, der der Präsident auf Grund des Beschäftigungsgesetzes (Eraployment&#13;
Act) von 1946 dem Kongreß zu Beginn eines jeden Jahres vorzulegen hat,&#13;
unterstreicht Johnson, daß die derzeitige wirtschaftliche Lage in den USA&#13;
"ausgezeichnet" ist, daß der Wohlstand ständig weiter zunimmt und der seit&#13;
dem Frühjahr 1961 ununterbrochen andauernde Wirtschaftsaufschwung nunmehr&#13;
in sein fünftes Jahr eintritt. Sofern die Regierung weiterhin eine vernünftige Wirtschaftspolitik verfolge, so betont der Präsident, "können wir&#13;
auch in dem vor uns liegenden Jahr mit einer ununterbrochenen und dynamischen Wirtschaftsexpansion rechnen".&#13;
Die wesentlichen Auszüge des von dem Präsidenten vorgelegten Wirtschaftsberichtes an den US-Kongreß haben folgenden Wortlaut:&#13;
"An den Kongreß der Vereinigten Staaten:&#13;
Ich freue mich, heute berichten zu können, daß&#13;
- die Lage unserer Wirtschaft ausgezeichnet ist;&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
- die&#13;
&#13;
�- die wachsende Prosperitätswelle, die durch die Steuersenkung des&#13;
Jahres 1964 neuen Auftrieb erhalten hat, nunmehr in das fünfte aufeinanderfolgende Jahr eintritt;&#13;
- wir unter der Voraussetzung vernünftiger wirtschaftspolitischer Maßnahmen auch in dem vor uns liegenden Jahr mit einer ununterbrochenen und&#13;
dynamischen Wirtschaftsexpansion rechnen können.&#13;
&#13;
Fortschritte bei der Verwirklichung unserer&#13;
wirtschaftspolitischen Zielsetzungen&#13;
1. Vollbeschäftigung&#13;
A. Arbeitsmarktlage: Im vergangenen Jahr sind zusätzliche Arbeitsplätze für 1,5 Millionen Arbeitskräfte geschaffen worden. Damit hat sich&#13;
die Zahl der seit Januar 1961 neu eingerichteten Arbeitsplätze auf 4,5&#13;
Millionen erhöht. Die Arbeitslosenquote ist von 5,7 Prozent im Jahre&#13;
1963 auf 5,2 Prozent im Jahre 1964 zurückgegangen und lag am Ende des&#13;
letzten Jahres bei 5,0 Prozent.&#13;
E. Gütererzeugung: Das Bruttosozialprodukt ist wesentlich, von 584&#13;
Milliarden Dollar im Jahre 1963 auf 622 Milliarden Dollar im Jahre 1964,&#13;
angestiegen.&#13;
Die industrielle Produktion hat in den vergangenen zwölf Monaten&#13;
um acht Prozent zugenommen.&#13;
C. Kaufkraft: Der durchschnittliche Wochenlohn in der Industrie hat&#13;
mit 106,55 Dollar einen neuen Höchststand erreicht. Gegenüber dem Januar&#13;
des vergangenen Jahres hat er um 3,89 Dollar und gegenüber Anfang 1961&#13;
um 17,50 Dollar zugenommen.&#13;
Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen nach Abzug der Steuern ist&#13;
auf 2288 Dollar im Jahr angestiegen; es hat damit innerhalb vier Jahren&#13;
um 17,5 Prozent zugenommen.&#13;
Die Gesellschaftsgewinne (nach Abzug der Steuern) sind in vier aufeinanderfolgenden Jahren ständig angestiegen. Anfang 1961 wiesen sie eine&#13;
&#13;
- 2-&#13;
&#13;
�eine Jahresrate von 19,5 Milliarden Dollar und Ende 1964 von fast 32&#13;
Milliarden Dollar auf.&#13;
D. Schnelles Wirtschaftswachstum: Die Zunahme unseres Bruttosozialprodukts seit dem 1. Quartal 1961 um 132 Milliarden Dollar bedeutet eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (in konstanten&#13;
Preisen) von fünf Prozent.&#13;
Im Gegensatz hierzu betrug die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts in den Jahren 1953-1960 nur 2,5 Prozent.&#13;
E. Preisstabilität: Die Großhandelspreise sind gegenüber dem&#13;
Stand von vor vier Jahren wie auch gegenüber dem Stand von vor einem&#13;
Jahr praktisch unverändert geblieben.&#13;
Die Verbraucherpreise sind seit Anfang 1961 um durchschnittlich&#13;
1,2 Prozent pro Jahr und in den vergangenen zwölf Monaten ebenfalls um&#13;
1,2 Prozent gestiegen. Ein großer Teil dieses Anstieges spiegelt wahrscheinlich unser Unvermögen wider, in vollem Umfang qualitative Verbesserungen unserer Verbrauchsgüter und Dienstleistungen statistisch&#13;
zu erfassen.&#13;
2. Ausgleich der Zahlungsbilanz&#13;
Das Beschäftigungsgesetz (Employment Act) fordert, daß die auf&#13;
dem Beschäftigungssektor verfolgte Politik 'im Einklang mit den übrigen wichtigsten Richtlinien unserer Innenpolitik stehen1 soll. Das ständige Zahlungsbilanzdefizit in den fünfziger Jahren erreichte schließlich in den Jahren 1958-1960 einen Jahresdurchschnitt von fast 4 Milliarden Dollar. Defizite in dieser Größenordnung drohten das Vertrauen&#13;
des Auslandes in den US-Dollar zu untergraben und setzten gleichzeitig&#13;
unseren Möglichkeiten Grenzen, unsere innen- und außenpolitischen Ziele&#13;
zu verfolgen. Die Wiederherstellung und Aufrechterhaltung einer ausgeglichenen amerikanischen Zahlungsbilanz wird daher seit Jahren als ein&#13;
entscheidend wichtiges Ziel unserer Wirtschaftspolitik betrachtet.&#13;
In den vergangenen vier Jahren&#13;
- hat sich unsere Zahlungsbilanz insgesamt gesehen verbessert,&#13;
&#13;
3 -&#13;
&#13;
�verbessert, während der Goldabfluß erheblich eingedämmt wurde;&#13;
- haben unsere kommerziellen Exporte - gegenüber 1960 - um über&#13;
25 Prozent zugenommen, so daß unser Handelsüberschuß einen neuen Nachkriegshöchststand erreicht hat;&#13;
- konnte der jährliche durch unsere Auslandshilfe und Verteidigungsverpflichtungen ausgelöste Dollarabfluß um eine Milliarde Dollar verringert werden, ohne daß die einzelnen Programme hierdurch beeinträchtigt&#13;
wurden;&#13;
sind unsere Möglichkeiten für eine Finanzierung des Defizits verbessert worden, wodurch der Goldabfluß verringert und das Vertrauen in&#13;
den US-Dollar gestärkt werden konnte.&#13;
3. Übereinstimmung unserer Ziele&#13;
Die vergangenen vier Jahre haben somit gleichzeitige Fortschritte&#13;
in Richtung auf Vollbeschäftigung, schnelles Wirtschaftswachstum, Preisstabilität und Zahlungsbilanzausgleich gebracht.&#13;
Wir haben bewiesen, daß diese Zielsetzungen bei Anwendung entsprechender wirtschaftspolitischer Maßnahmen durchaus miteinander zu vereinbaren sind. Sie können sich sogar gegenseitig günstig beeinflussen.&#13;
i&#13;
&#13;
Die Aufgabe unserer Wirtschaftspolitik&#13;
Die in einem solchen Ausmaß noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Erfolge der letzten vier Jahre sind Ausdruck der schöpferischen Ideen, des&#13;
klugen Verhaltens sowie des Könnens unserer Wirtschaftler, Arbeiter, Investoren, Farmer und Verbraucher. In unserer im Grunde privaten Wirtschaft&#13;
lassen sich Fortschritte auf andere Weise nicht erreichen.&#13;
Seit 1960 ist jedoch ein neuer Faktor in Erscheinung getreten, durch&#13;
den die privaten Anstrengungen noch verstärkt werden. Die Regierung hat&#13;
durch ihre Politik zur Förderung einer stetigen, aber nicht-inflationistischen Markterweiterung den entscheidenden Rahmen gegeben.&#13;
&#13;
Ich&#13;
&#13;
�Ich glaube, daß das Jahr 1964, wirtschaftlich und politisch gesehen,&#13;
in unsere Geschichte als das »Jahr der Steuersenkung1 eingehen wird.&#13;
Selbstverständlich war es nicht das erstemal, daß die Steuern gesenkt wurden. Und es wird auch nicht das letztemal gewesen sein. Aber es&#13;
war das erstemal, daß in unserem Land die Steuern in der erklärten Absichtgesenkt wurden, die Fortschritte der Privatwirtschaft in Richtung&#13;
auf 'eine optimale Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft' zu beschleunigen.&#13;
Die fiskalischen Maßnahmen wurden durch die Währungspolitik unterstützt. Die Kreditversorgung wurde geschickt auf die berechtigten Krediterfordernisse einer nicht-inflationären' Expansion abgestellt, wobei besondere Vorsorge getroffen wurde, ein Abfließen kurzfristiger Gelder aufgrund&#13;
der höheren Zinssätze in anderen Ländern zu vermeiden.&#13;
Die Politik der Regierung zur Schaffung einer gesunden Prosperität&#13;
wurde durch gleichermaßen konstruktive private Anstrengungen ergänzt. Aufgrund dieser von öffentlicher und privater Seite verfolgten Politik haben&#13;
wir unseren gegenwärtigen Wohlstand erreicht, ohne daß irgendein Druck&#13;
oder irgendwelche Unausgewogenheiten zu erkennen sind, die auf ein baldiges Ende unserer Wirtschaftsexpansion hindeuten würden. Statt dessen&#13;
sehen wir einem weiteren Jahr eines stetigen und gesunden Wirtschaftsaufschwungs entgegen.&#13;
&#13;
Die ungelösten Aufgaben&#13;
&#13;
Unser Wohlstand erfaßt weite Kreise der Bevölkerung, aber noch nicht&#13;
alle. Unsere wirtschaftliche Expansion war stetig, aber ihre Fortdauer ist&#13;
keinesfalls gewährleistet. Unsere Erfolge sind groß, aber unsere Aufgaben&#13;
sind noch nicht alle gelöst.&#13;
1. Vier Jahre stetiger Bemühungen um eine Ausweitung der Zahl der Arbeitsplätze haben uns noch keine Vollbeschäftigung gebracht.&#13;
Das Versprechen in dem Beschäftigungsgesetz, allen, die arbeiten können und wollen, Arbeitsmöglichkeiten zu geben, ist noch nicht eingelöst&#13;
&#13;
- 5 -&#13;
&#13;
�eingelöst worden. Wir können so lange nicht ruhen, bis dies geschehen&#13;
ist.&#13;
2. Vier Jahre intensiver Anstrengungen haben noch nicht zu einem Ausgleich unserer Zahlungsbilanz geführt. Wir müssen - und werden auch - diese Aufgabe zu Ende führen.&#13;
Die Stabilität des US-Dollars ist nicht nur für den Fortschritt im&#13;
Inland, sondern auch für alle unsere Zielsetzungen im Ausland von entscheidender Bedeutung. Es darf keinen Zweifel daran geben, daß wir in der&#13;
Lage und entschlossen sind, den Goldwert des Dollars bei 35 Dollar pro&#13;
Unze Gold zu halten. Die gesamten Hilfsquellen unseres Landes werden für&#13;
dieses Ziel eingesetzt.&#13;
Die Fortschritte bei den Hauptpositionen unserer Zahlungsbilanz waren&#13;
gut, aber sie reichen noch nicht aus. Die Erfolge unseres Außenhandels&#13;
und die Einsparungen bei den Regierungsausgaben im Ausland wurden zu einem großen Teil durch einen verstärkten Kapitalabfluß aufgehoben.&#13;
&#13;
Infol-&#13;
&#13;
gedessen ist unser Zahlungsbilanzdefizit immer noch viel zu groß. Wir&#13;
müssen und werden es abbauen und völlig beseitigen.&#13;
Abgesehen von unseren Bemühungen um einen Ausgleich unserer Zahlungsbilanz, müssen wir - gemeinsam mit den übrigen Nationen der freien Welt weiter an einer internationalen Wirtschaftsordnung bauen,&#13;
- die auf einem Höchstmaß an Freiheit des Handels und des Zahlungsverkehrs basiert;&#13;
- in der Unausgewogenheiten im Zahlungsverkehr - gleichgültig, ob&#13;
es sich um Überschüsse oder Defizite handelt - bis zu ihrem endgültigen&#13;
Abbau solide finanziert werden;&#13;
- in der keine der großen Währungen durch Spekulationen erschüttert&#13;
werden kann;&#13;
in der den ärmeren Nationen - durch Investitionen, Handel und Hilfe&#13;
- dabei geholfen wird, ihren Lebensstandard dem der Industriestaaten&#13;
nach und nach anzugleichen;&#13;
3. Ständiger Wandel ist das Kennzeichen einer progressiven und dynamischen Wirtschaft. Keine Planwirtschaft kann die Flexibilität und&#13;
&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�und Anpassungsfähigkeit aufweisen, die daraus resultiert, daß Arbeiter,&#13;
Verbraucher und Management von den sich ihnen auf freien Märkten bietenden, sich stets ändernden finanziellen Anreizen in freier Entscheidung&#13;
Gebrauch machen.&#13;
Bei diesen der Regierung übertragenen Aufgaben - wie auch dort, wo&#13;
privater Gewinn die Triebkraft ist - darf das Streben nach größerer Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit niemals aufhören.&#13;
Die amerikanische Wirtschaft ist die leistungsfähigste und flexibelste der Welt. Ihre Leistungsfähigkeit und Flexibilität weiterhin zu verbessern, ist jedoch eine nie endende Aufgabe.&#13;
P&#13;
&#13;
4. An der Prosperität in den USA haben weite Bevölkerungskreise Anteil. Aber zu viele werden immer noch von ihren Segnungen durch Diskriminierung, durch Behinderungen wie Krankheit, Arbeitsunfähigkeit oder Alter,&#13;
durch familiäre Umstände, Arbeitslosigkeit oder zu geringe Produktivität,&#13;
durch mangelnde Beweglichkeit oder Kaufkraft oder auch dadurch ausgeschlossen, daß sie keine Erziehung und Ausbildung erhalten haben, von der sie&#13;
später profitieren konnten.&#13;
Der Kampf gegen die Armut hat begonnen. Seine Fortführung ist eine&#13;
der vordringlichsten Aufgaben der kommenden Jahre.&#13;
5. Unsere Ziele - und zwar in bezug auf den einzelnen wie auch auf&#13;
das ganze Land - sind auf&#13;
&#13;
weit mehr als lediglich Reichtum gerichtet. Dem&#13;
&#13;
Lebensstandard in den USA gilt auch weiterhin unsere ständige Sorge.&#13;
Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es, ein blühendes Amerika zu&#13;
schaffen. Die noch nicht gelöste Aufgabe eines blühenden Amerika ist der&#13;
Aufbau einer 'Great Society1.&#13;
&#13;
Wirtschaftliche Aussichten für 1965&#13;
&#13;
Die Verabschiedung des von mir empfohlenen Steuerprogramms bedeutet,&#13;
daß das Bruttosozialprodukt 1965 den im Jahre 1964 erreichten Rekordstand&#13;
übersteigen und dieses Jahr - bei einem Spielraum von fünf Milliarden&#13;
&#13;
- 7 -&#13;
&#13;
�Milliarden Dollnr auf beiden Seiten - 660 Milliarden Dollar erreichen&#13;
wird.&#13;
Aufgrund der Erfolge des vergangenen Jahres und der durch die Steuersenkung weiter verbesserten Gewinnaussichten dürften die Kapitalinvestitionen der Privatwirtschaft 1965 fast genauso stark zunehmen wie 1964.&#13;
Die derzeitige schnelle Ausweitung der Umsätze und die niedrigen&#13;
Lagerbestände im Jahre 1964 dürften 1965 zu einer verstärkten Produktion&#13;
auf Lager führen.&#13;
Die Leistungen im Wohnungsbau werden auch künftig hoch sein.&#13;
Die Regierungen der einzelnen Bundesstaaten und die Kommunalverwaltungen werden weiterhin ihre Aufträge erhöhen.&#13;
Die Zuversicht der Verbraucher ist groß. Sie werden auf steigende&#13;
Einkommen, höhere Leistungen aus der Sozialversicherung und eine Senkung&#13;
der Verbrauchssteuern mit erhöhten Käufen reagieren und damit für gut&#13;
zwei Drittel des erwarteten Produktionszuwachses einen Absatzmarkt&#13;
sichern.&#13;
&#13;
Maßnahmen gegen etwaige Rezessionen&#13;
&#13;
Ich glaube nicht, daß Rezessionen unvermeidbar sind. Wir können&#13;
ihnen jedoch die Kraft nehmen oder ihre Dauer und ihr Ausmaß wesentlich&#13;
vermindern, wenn wir in der Lage sind, schnell zu handeln.&#13;
Die positiven Auswirkungen von Steuersenkungen sind heute allgemein&#13;
unbestritten. Der Kongreß könnte die allgemeine Zuversicht, daß Arbeitsplätze und Absatzmärkte auch künftig erhalten bleiben, dadurch stärken,&#13;
daß er durch geeignete Verfahren eine schnelle Behandlung temporärer&#13;
Einkommensteuersenkungen für den Fall einer drohenden Rezession sicherstellt.&#13;
Rezessionen werden gewöhnlich durch einen Rückgang der privaten&#13;
Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen ausgelöst. Zu einem solchen&#13;
Zeitpunkt könnte es angebracht erscheinen, brachliegende oder potentielle&#13;
&#13;
- 8-&#13;
&#13;
�potentielle brachliegende Hilfsquellen für vernünftige, von der öffentlichen Hand finanzierte Programme einzusetzen.&#13;
&#13;
Währungspolitik im Jahre 1965&#13;
&#13;
Eine expansive Währungspolitik wird genauso wie 1964 durch die Dringlichkeit unserer Zahlungsbilanzprobleme beeinträchtigt werden. Sofern jedoch keine innen- oder außenpolitischen Notstände eintreten, kann unsere&#13;
Währungs- und Schuldtilgungspolitik - wie dies seit 1960 bereits der Fall&#13;
war - dazu beitragen, den Kreditbedarf einer nicht-inflationistisch wirkenden Wirtschaftsexpansion zu decken.&#13;
Insbesondere die Zinssätze für langfristiges Geld werden aufgrund&#13;
der starken Zunahme der Spareinlagen bei den privaten Finanzinstituten&#13;
auch weiterhin niedrig bleiben. Diejenigen, die langfristige Kredite in&#13;
Anspruch nehmen, rechnen jetzt damit, daß die Zinssätze für langfristiges&#13;
Geld im Jahre 1965 stabil bleiben werden.&#13;
Selbstverständlich sollten wir über jeden Zweifel hinaus klarstellen,&#13;
daß wir jederzeit in der Lage sind, unsere Goldbestände für die Einlösung&#13;
unseres Versprechens einzusetzen, den Goldwert des Dollars mit allen uns&#13;
zur Verfügung stehenden Mitteln auf 35 Dollar pro Unze zu halten.&#13;
Ich ersuche daher den Kongreß, die Bestimmung aufzuheben, wonach&#13;
die Federal-Reserve-Banken für ihre Verbindlichkeiten aus Bankeinlagen&#13;
eine Reserve an Goldzertifikaten halten.&#13;
Wir dürfen es nicht zulassen, daß eine Gesetzesbestimmung, die für&#13;
die völlig anders gelagerten Umstände früherer Tage geschaffen wurde,&#13;
heute irgendwelche Zweifel daran aufkommen läßt, daß wir zur Führung&#13;
einer wirksamen und verantwortungsbewußten Währungs- und Kreditpolitik&#13;
in der Lage sind, deren Ziel Wohlstand und stabile Preise im Inland&#13;
und Verteidigung des Dollars im Ausland ist.&#13;
&#13;
Au f re c h t e rha1tung&#13;
&#13;
- 9 -&#13;
&#13;
�Aufrechterhaltung der Stabilität von Preisen und Löhnen&#13;
&#13;
Die bemerkenswerte Preisstabilität in den Jahren 1959-1963 setzte&#13;
sich auch 1964 fort. Es besteht aller Grund zu der Annahme, daß sie auch&#13;
1965 andauern wird.&#13;
Ich verlasse mich auf das Verantwortungsbewußtsein der führenden Männer unserer Gewerkschaften und Wirtschaft gegenüber der Öffentlichkeit&#13;
und hoffe, daß sie das ihre voll und ganz dazu beitragen werden, die&#13;
Preisstabilität nicht nur zu wahren, sondern auch zu festigen.&#13;
Unter Einschaltung des Wirtschaftsbeirates und anderer Reglerungsdienststellen beabsichtige ich:&#13;
- die Entwicklungen auf dem Lohn- und Preissektor weiterhin genauestens zu beobachten;&#13;
- die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf solche Maßnahmen der&#13;
Privatwirtschaft zu lenken, die den öffentlichen Interessen zuwiderlaufen;&#13;
- jeweils eine besondere und detaillierte Analyse etwaiger Preisund Lohnerhöhungen in wichtigen Wirtschaftszweigen anzufordern, so wie&#13;
ich dies kürzlich im Fall der Stahlpreise getan habe;&#13;
- Maßnahmen der Legislative abzulehnen, die zu einer Erhöhung von&#13;
Kosten und Preisen führen könnten, und solche Maßnahmen zu unterstützen,&#13;
die die Kosten und Preise stabilisieren oder senken.&#13;
&#13;
Internationale Wirtschaftspolitik&#13;
&#13;
1. Wiederherstellung einer ausgeglichenen Zahlungsbilanz&#13;
Eine fortgesetzte Kosten- und Preisstabilität ist für die Beseitigung&#13;
unseres Zahlungsbilanzdefizits von entscheidender Bedeutung. Sie bildet&#13;
die Grundlage, auf der wir unsere gesamten Anstrengungen gründen müssen,&#13;
um einen Ausgleich der Zahlungsbilanz zu erreichen. Darüber hinaus müssen&#13;
&#13;
10 -&#13;
&#13;
�müssen wir die mehr spezifischen Maßnahmen zur Lösung dieses Problems fortführen und intensivieren.&#13;
A. Wir werden unsere Auslandshilfe und Verteidigungsprogramme laufend&#13;
überprüfen, um bei unseren Dollarausgaben im Ausland ein Höchstmaß an Einsparungen zu erzielen. An unsere Auslandshilfeprogramme muß so lange die&#13;
Verpflichtung geknüpft sein, amerikanische Güter und Dienstleistungen zu&#13;
erwerben, bis das Zahlungsbilanzproblem gelöst ist.&#13;
B. Wir müssen die Maßnahmen zur Förderung der amerikanischen Exporte&#13;
fortsetzen und weiter verstärken.&#13;
C. Wir werden darauf achten, daß jeder nachhaltige Abfluß kurzfristiger privater Gelder auf Grund relativ hoher Zinssätze anderer Länder für&#13;
kurzfristige Einlagen eingeschränkt wird.&#13;
D. Um einen vermehrten Anreiz für ausländische Investitionen in amerikanischen Wertpapieren&#13;
&#13;
zu schaffen, wird ein Gesetz zur Verbesserung&#13;
&#13;
der steuerlichen Behandlung derartiger Investitionen vorgeschlagen werden.&#13;
Ganz allgemein müssen wir erneut prüfen, ob die bestehenden Programme&#13;
zur Lösung des Zahlungsbilanzproblems ausreichen. Die Ergebnisse dieser&#13;
Überprüfung werden in einer gesonderten Botschaft an den Kongreß dargelegt&#13;
werden.&#13;
2. Aufbau einer besseren Weltordnung&#13;
durch Ausweitung des Handels: In den gegenwärtig in Genf im Rahmen&#13;
der Kennedy-Runde stattfindenden Zollverhandlungen arbeiten wir intensiv&#13;
auf eine umfassende Liberalisierung des Welthandels sowohl bei industriellen wie auch bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen hin.&#13;
Ein erfolgreicher Ausgang kann entscheidende Vorteile nicht nur für&#13;
die Industriestaaten, sondern auch für die Entwicklungsländer der Welt&#13;
bringen;&#13;
durch Verbesserung der internationalen Währungsvereinbarungen: Wir&#13;
sind stolz darauf, daß wir beim Aufbau eines Systems für eine internationale monetäre Zusammenarbeit nach dem Kriege die Führung übernahmen.&#13;
Die&#13;
&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�Die feste Entschlossenheit der Industriestaaten der freien Welt,&#13;
jede Wiederholung der kostspieligen Fehler der zwanziger und dreißiger&#13;
Jahre zu vermeiden, hat uns ermutigt. Die Stärke der internationalen monetären Zusammenarbeit wurde 1964 in augenfälliger Weise demonstriert, als&#13;
spekulative Angriffe auf die italienische Lira und das britische Pfund&#13;
Sterling abgeschlagen wurden.&#13;
Wir werden die Maßnahmen für ein stetiges Wirtschaftswachstum im&#13;
In- und Ausland fortsetzen:&#13;
- auf der Grundlage stabiler, konvertierbarer Währungen und einer&#13;
festen Parität zwischen dem US-Dollar und Gold auf der 35-Dollar-Basis;&#13;
- durch ein umfassendes Netz bilateraler und multilateraler Kreditabkommen;&#13;
- durch häufige Konsultationen zwischen den einzelnen Ländern;&#13;
wir müssen jedoch weitere Erfahrungen darüber sammeln:&#13;
- wie wir am besten die Lasten gleichmäßig verteilen, die sich aus&#13;
notwendig werdenden gegenseitigen Anpassungsmaßnahmen ergeben, wenn Länder ständig Zahlungsbilanzdefizite oder Überschüsse aufweisen;&#13;
- wie wir am besten dem Erfordernis Rechnung tragen können, die internationale Liquidität zwecks Finanzierung eines ständig expandierenden&#13;
Welthandels in geordneten Bahnen zu erhöhen.&#13;
Wir werden auch weiterhin Vereinbarungen bezüglich dieser Probleme&#13;
mit anderen Ländern anstreben, und wir sind zuversichtlich, daß wirksame&#13;
Lösungen gefunden werden. Wir hoffen auf eine baldige Übereinkunft über&#13;
eine Erhöhung der Quoten des Internationalen Währungsfonds, durch die das&#13;
internationale WährungsSystem weiter gestärkt wird;&#13;
durch Hilfsmaßnahmen zur Verbesserung der Einkünfte der Entwicklungsländer: Die USA verfolgen mit ihrem Auslandshilfeprogramm drei Grundziele.&#13;
Durch Förderung des wirtschaftlichen Wachstums der Entwicklungsländer&#13;
wollen sie&#13;
- eine Welt schaffen, in der Frieden und Freiheit am besten fortbestehen können;&#13;
eine&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�- eine internationale Wirtschaftsordnung ihrer Verwirklichung näher&#13;
bringen, in der alle Nationen stärkere Partner sein werden;&#13;
- gleichzeitig den amerikanischen Exporten einen wesentlichen Auftrieb geben - sowohl für den Augenblick durch direkte Finanzierung amerikanischer Güter und Dienstleistungen wie auch für die Zukunft, indem&#13;
Empfängerländer zunehmend in die Lage versetzt werden, amerikanische Erzeugnisse zu kaufen, so daß sie auch später amerikanischen Erzeugnissen&#13;
den Vorzug geben werden."&#13;
+ + + + +&#13;
&#13;
- 13 -&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
5 3 2 0&#13;
T a l :&#13;
&#13;
S t a t e s&#13;
Bad&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
G o d e s b e r g&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
I,&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
P o s t f a c h&#13;
&#13;
T• I a x i&#13;
&#13;
Beilage&#13;
&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
ZUSAMMENFASSENDES KAPITEL&#13;
DES&#13;
DEM US-KONGRESS AM 2 7 .&#13;
&#13;
JANUAR 1 9 6 5 ÜBERMITTELTEN BERICHTES&#13;
&#13;
DES PRÄSIDENTEN ÜBER DIE TÄTIGKEIT DER&#13;
VEREINIGTEN STAATEN IM BEREICH DER LUFTIM JAHRE 1 9 6 4&#13;
&#13;
UND RAUMFAHRT&#13;
&#13;
�ZUSAMMENFASSENDES KAPITEL&#13;
DES&#13;
BERICHTES DES PRÄSIDENTEN AN DEN KONGRESS ÜBER DIE&#13;
TÄTIGKEIT DER VEREINIGTEN STAATEN IM BEREICH&#13;
DER LUFT- UND RAUMFAHRT&#13;
&#13;
WASHINGTON - Präsident Johnson hat in einem&#13;
besonderen Bericht, der sich aus den Teilberichten der zwölf mit Fragen der Luft- und Raumfahrt&#13;
befaßten Ministerien und Bundesämter zusammensetzt, den US-Kongreß über die wichtigsten diesbezüglichen Ereignisse und Ergebnisse des Jahres&#13;
1964 informiert. Das nachstehende "Zusammenfassende Kapitel" gibt eine Übersicht über die in&#13;
den Teilberichten dargestellten Leistungen und&#13;
Errungenschaften.&#13;
&#13;
Im Jahre 1964 begannen die Vereinigten Staaten erstmals in nennenswertem Maße Dividende aus den siebenjährigen Bemühungen um die Eroberung&#13;
des Raums zu ziehen. Von Satelliten ausgehende Sturmvorwarnungen, die&#13;
Übertragung von Fernsehsendungen und Nachrichten über Ozeane und Kontinente hinweg, stationäre Allwetter-Navigationssatelliten für Schiffe auf&#13;
hoher See, exakteste topographische Vermessung mit Hilfe der SatellitenTriangulation und die im Abstand von durchschnittlich fünf Tagen erfolgte&#13;
Auflassung von Raumsonden, die für Wissenschaft und Menschheit wertvolle&#13;
Informationen sammelten - all dies ist schon fast zu einer Selbstverständlichkeit geworden.&#13;
Außer diesem Lohn für aufgewandte Mühe konnten wir noch die Entwicklung von Instrumenten verzeichnen, die geeignet erscheinen, allen die Freiheit des Weltraums zu gewährleisten, die sich an seiner Erforschung betei- 1 -&#13;
&#13;
�beteiligen wollen. Die Bereitstellung zweier einsatzbereiter SatellitenAbwehrsysteme sowie nicht-horizontbegrenzter Radaranlagen trug zur Erhöhung&#13;
der Sicherheit auf dem Gebiet der friedlichen Erforschung des Weltraums bei.&#13;
Durch Ergänzung unseres Systems zur Entdeckung von Kernexplosionen um zwei&#13;
weitere Satelliten haben wir nunmehr auch eine größere Gewähr für die Einhaltung des Atomteststoppabkommens als bisher.&#13;
Die Vereinigten Staaten hüten ihre Erfahrungen im Bereich der Weltraumforschung nicht als strenges Geheimnis und behandeln die Ergebnisse&#13;
der Raumforschung nicht als nationales Monopol. Über 60 Stationen in allen&#13;
Teilen der Welt nehmen von amerikanischen Wetterbeobachtungssatelliten gesendete Bilder auf und helfen damit den jeweiligen örtlichen Wettervorhersagestellen. Es wurden ferner auf Rechnung anderer Länder zwölf Empfangsstationen errichtet bzw. in Angriff genommen, die über amerikanische Nachrichtensatelliten ausgestrahlte Fernseh- und Nachrichtensendungen aufnehmen sollen.&#13;
Im Rahmen des amerikanischen Programms, anderen Staaten bei der Auflassung von Satelliten zu helfen, wurde der britische Satellit ARIEL II&#13;
gestartet; die USA unterstützten ferner Italien in seinen erfolgreichen&#13;
Bemühungen, als drittes Land der Erde einen Satelliten zu bauen und in&#13;
eine Kreisbahn einzuschießen: SAN MARCO.&#13;
Zu den Großtaten des Jahres 1964 zählen: das Photographieren des Mon" e s von einer Raumsonde aus, die Aufnahmen mit einer zum Teil tausendmal&#13;
besseren Bildauflösung zur Erde funkte, als sie die von Observatorien&#13;
auf der Erde gefertigten Aufnahmen aufweisen; die Entsendung einer Kamerasonde in Richtung Mars; und der Start eines großen Satelliten für geophysikalische Beobachtungen.&#13;
Die Vereinigten Staaten haben auf dem Weg zu ihrem Ziel, die Führung in der Raumfahrt zu übernehmen, im Jahre 1964 Erhebliches geleistet,&#13;
doch war auch ihr wichtigster Gegenspieler in diesem Wettstreit nicht&#13;
untätig.&#13;
Die Sowjetunion brachte eine Drei-Mann-Raumflugkapsel erfolgreich&#13;
auf eine Umlaufbahn, setzte gleichfalls eine Raumsonde in Richtung Mars&#13;
in Bewegung und erhöhte die Zahl der Satelliten-Starts gegenüber dem Vor-&#13;
&#13;
- 2 -&#13;
&#13;
�Vorjahr um 112 Prozent. Ihre Anstrengungen bezeugen erneut den Willen der&#13;
Sowjetunion, die führende Macht in der Weltraumforschung zu sein, und unterstreichen die Feststellung, daß sich die Vereinigten Staaten den Luxus&#13;
der Selbstzufriedenheit nicht leisten können.&#13;
Das Bemühen, erfolgreich mit der Sowjetunion zu konkurrieren und das&#13;
Ziel zu erreichen, noch in diesem Jahrzehnt Menschen auf dem Mond zu landen, brachte uns bedeutsame Fortschritte in der Entwicklung und Erprobung&#13;
großer Raketentriebwerke.&#13;
Dreimal&#13;
&#13;
hat eine große SATURN I rund 17 t Nutzlast in eine Kreisbahn&#13;
&#13;
gebracht - ein Rekordgewicht. Wichtige Erfolge wurden ferner in der Entwicklung leistungsstarker Feststoff-, Wasserstoff-, Atom- und Ionen-Raketen&#13;
erzielt.&#13;
Fast ebenso außergewöhnlich wie die jüngsten Leistungen in der Raketen&#13;
entwicklung war in mancher Hinsicht der Zuverlässigkeitsgrad, der bei bereits bewährten Trägerraketen erreicht v/erden konnte. So wurden z.B. mit&#13;
ATLAS-Trägerraketen in einem Zeitraum von acht Monaten 26 aufeinanderfolgende Starts mit Erfolg und mit einem Zuverlässigkeitsgrad von 100 Prozent&#13;
durchgeführt.&#13;
Auch andere Startstufen erwiesen sich als sehr zuverlässig. Sie übertrafen die hinsichtlich des Zuverlässigkeitsgrades in sie gesetzten Erwartungen und ermöglichten durch eine unvorhergesehene Verkürzung der Erprobungszeit erhebliche Einsparungen an Steuergeldern.&#13;
Die Pläne zur Fortführung des Raumforschungsprogramms in der Zeit&#13;
nach der Landung eines bemannten Raumschiffes auf dem Mond wurden ebenso&#13;
wie die Empfehlungen, den Mars mit Hilfe unbemannter sowie bemannter Raumsonden näher zu erforschen, eingehend geprüft.&#13;
Die amerikanische Konzeption von der Raumforschung als einem kooperativen Unternehmen vieler Länder um friedlicher Zielsetzungen willen wurde&#13;
durch ein internationales Abkommen mit 19 Staaten bezüglich der Schaffung&#13;
eines weltweiten Netzes von Fernmeldesatelliten der Verwirklichung näher&#13;
gebracht. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion beteiligten sich&#13;
an einer Reihe von Experimenten mit Fernmeldesatelliten&#13;
&#13;
und erzielten&#13;
&#13;
eine Vereinbarung über den Austausch der Daten von Wetterbeobachtungs-&#13;
&#13;
-3 -&#13;
&#13;
�Wetterbeobachtungssatelliten und die Schaffung einer direkten Verbindung&#13;
zwischen Washington und Moskau zur Übermittlung solcher Daten.&#13;
Die Flugerprobung dreier Militärflugzeuge mit Überschallgeschwindigkeit unterstrich den hohen Leistungsstand der USA auf dem Gebiet der Luftfahrt. Es wurden Entwurfsarbeiten und Materialtests für die Entwicklung&#13;
eines zivilen Überschall-Transportflugzeuges ausgeführt.&#13;
Besonders bemerkenswert waren im Laufe des Jahres 1964 folgende Ereignisse und Leistungen:&#13;
RANGER VII machte 4316 Fernsehaufnahmen von der Mondoberfläche, die&#13;
Einzelheiten mit einer tausendmal besseren Bildauflösung erkennen ließen,&#13;
als sie mit Teleskopen auf der Erde erreichbar ist...&#13;
MARINER IV wurde in Richtung Mars abgeschossen, um photographische&#13;
Aufnahmen zu machen...&#13;
Ein geophysikalisches Gerät (0G0) wurde als bisher größter amerikanischer wissenschaftlicher Satellit in eine Kreisbahn eingeschossen. Bei&#13;
einem Gewicht von über 450 kg führte 0G0 I zwanzig verschiedene Experimente aus - eine Rekordzahl...&#13;
SYNCOM III wurde "stationär verankert", d.h. in eine synchrone&#13;
Kreisbahn eingeschossen; er ermöglichte die Live-Fernsehübertragungen von&#13;
den Olympischen Spielen in Tokio...&#13;
Das Verteidigungsministerium begann die Entscheidung über den Aufbau&#13;
eines militärischen Nachrichtensatellitensystems zu verwirklichen. Es beabsichtigt in der Anlaufzeit auch bereits vorhandene SYNCOM- und RELAYSatelliten zu benutzen...&#13;
Der Wetterbeobachtungssatellit NIMBUS photographierte die Wolkenverhältnisse bei Tag und Nacht, registrierte gleichzeitig die Temperaturen&#13;
an der Erdoberfläche mit größter Genauigkeit und funkte die angefertigten "Wärmebilder" zu den Erdstationen...&#13;
TIROS VII erprobte mit Erfolg das automatische Bildübertragungssystem APT, das sämtliche Beobachtungen laufend an 60 staatliche und&#13;
private Wetterstationen in allen Teilen der Welt meldete...&#13;
Drei&#13;
&#13;
-U&#13;
&#13;
�Drei Trägerraketen des Typs SATURN I wurden im Rahmen des APOLLOTestprogramms gestartet. Dabei wurden Rekordgewichte von rund 17 t in Kreisbahnen eingeschossen...&#13;
Die Raumschiff-Trägerrakete TITAN III A wurde erstmals mit Erfolg gestartet. ..&#13;
Zwei Satelliten-Abwehrsysteme wurden einsatzbereit...&#13;
Im Zuge des VELA-Programms, das die Entdeckung von Kernexplosionen&#13;
durch Raumsonden bezweckt, wurden zwei weitere Satelliten erfolgreich gestartet. ..&#13;
In der Raum- und Luftfahrtforschung wurde eine bessere Koordinierung&#13;
aller Programme erreicht. Zu den wichtigsten Bereichen einer solchen Zusammenarbeit zählten: Der Einsatz des Versuchsflugzeugs XB-70 zur Nachprüfung der im Zuge der Entwicklungsarbeiten an dem geplanten ÜberschallTransportflugzeug errechneten und in Laboratorien ermittelten Daten;&#13;
die Schaffung einer Flotte von Meß- und Beobachtungsschiffen für Aufgaben&#13;
des Amtes für Luft- und Raumfahrt (NASA) und des Verteidigungsministeriums;&#13;
und die gemeinsame Verwendung der Flugleitstellen, Datensammelanlagen,&#13;
Nachrichtenmittel und Kontrolleinrichtungen, die das Verteidigungsministerium im Zuge der projektierten Entwicklung bemannter Beobachtungssatelliten auf der Basis des GEMINI-Projektes einrichtet...&#13;
Eine internationale Abmachung mit 19 Ländern wurde getroffen, um die&#13;
Voraussetzungen für den Aufbau eines weltumspannenden FernmeldesatellitenSystems zu schaffen...&#13;
Das militärische Navigationssatelliten-System wurde als einsatzbereit&#13;
erklärt und wird nunmehr von Unterseebooten und Schiffen auf weltweiter&#13;
Basis und bei jedem Wetter zur genauesten Ortsbestimmung benutzt...&#13;
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion erreichten ein gewisses&#13;
Maß an Übereinstimmung hinsichtlich einer Zusammenarbeit in der Bioastronautik sowie in der erdmagnetischen und meteorologischen Forschung...&#13;
Die Triebwerke des Typs F-l und J-2, die dazu ausersehen sind, ein&#13;
APOLLO-Raumschiff zum Mond zu befördern, wurden als flugtauglich erklärt...&#13;
Flüssigwasserstoff&#13;
&#13;
5-&#13;
&#13;
�Flüssigwasserstoff wurde zu einem mächtigen Treibstoff entwickelt,&#13;
der nach erfolgreichen CENTAUR-Tests und der Erprobung der oberen Stufe&#13;
der SATURN I für den Einsatz zur Verfügung steht...&#13;
Ein elektrostatisches oder Ionen-Triebwerk wurde erstmals im Raum&#13;
in Betrieb genommen...&#13;
Fortschritte auf dem Gebiet der Raketenantriebstechnik waren die&#13;
erfolgreiche Erprobung zweier Reaktoren des Typs KIWI und die Tests&#13;
eines Raketen-Kernantriebsaggregats vom Typ NERVA (Nuclear Engine for&#13;
Rocket Vehicle Application).&#13;
Zwei Modelle des APOLLO-Raumschiffs wurden zu Testzwecken in eine&#13;
Kreisbahn geschossen.&#13;
Ein Raketen-Segment-Motor für feste Brennstoffe mit einem Durchmesser von 396 cm wurde erfolgreich statisch erprobt und so der Beweis&#13;
erbracht, daß die Konstruktion solcher Antriebsaggregate dieser Größenordnung und dieses Gewichts durchführbar ist...&#13;
Die XB-70 und die F-lll A absolvierten erste Flugtests...&#13;
Die Entwicklung eines zukunftsweisenden Abfangjägers, der YF-12 A,&#13;
wurde bekanntgegeben...&#13;
Im zweiten Jahr ihres Bestehens hat die Gesellschaft für Fernmeldesatelliten COMSAT technische Studien durchgeführt, den Start ihres ersten Satelliten, EARLY BIRD, vorbereitet, Aktien an die Öffentlichkeit&#13;
und die Trägerorganisationen ausgegeben, einen Aufsichtsrat gewählt&#13;
und eine internationale Vereinbarung unterzeichnet, in der sie mit der&#13;
Errichtung eines ersten globalen Netzes von Fernmeldesatelliten beauftragt wird...&#13;
Ein LASER-Strahl wurde erfolgreich dazu verwendet, einen Satelliten&#13;
auf einer Kreisbahn zu orten...&#13;
Bei der Gruppe der kleinen EXPLORER-Forschungssatelliten mit verschiedener Zweckbestimmung war 1964 ein&#13;
&#13;
zahlenmäßiger Zuwachs von über&#13;
&#13;
25 Prozent zu verzeichnen...&#13;
Mit Hilfe von interplanetarischen Meßstationen der NASA gesammelte&#13;
&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�gesammelte Daten gestatteten die Entwicklung neuer Vorstellungen von der&#13;
Magnetosphäre der Erde, in der mit Überschallgeschwindigkeit wehende Sonnenwinde aus positiv geladenen Teilchen auf ihrer Bahn auf der Tagseite der&#13;
Erde in den Randbereichen des Erdmagnetfelds eine Art Stoßwelle aufbauen&#13;
und auf der Nachtseite eine lange Schweifspur hervorrufen...&#13;
Mehrere Flüge der mit Flügeln ausgerüsteten Landekapsel vom Typ ASSET,&#13;
die zur Erprobung hitzebeständiger Werkstoffe und anderer Konstruktionsdetails knapp unterhalb der Kreisbahngeschwindigkeit unternommen wurden,&#13;
verliefen erfolgreich...&#13;
Für das Überschall-Raketenversuchsflugzeug X-15, ein Gemeinschaftsprojekt der NASA und des Verteidigungsministeriums, begann das fünfte&#13;
Jahr der Erprobung mit Motorkraft; es absolvierte seinen 121. erfolgreichen Flug bis in die Randzone der Erdatmosphäre...&#13;
Es wurden ferner die Satelliten RELAY II und ECHO II als Fernmeldesatelliten gestartet sowie das Projekt FIRE zur Untersuchung der Erwärnung eines aus dem Raum wieder in die Erdatmosphäre eintretenden Raumflugkörpers durchgeführt...&#13;
Die Vereinigten Staaten verbrachten rund 73 Flugkörper mit Nutzlasten&#13;
auf Kreisbahnen um die Erde oder um die Sonne.&#13;
&#13;
+++++&#13;
&#13;
•&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
5 3 2 0&#13;
Teil&#13;
&#13;
S t a t e s&#13;
Bad&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
G o d u b i r g&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
I.&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
Postfach&#13;
&#13;
T . l . x :&#13;
&#13;
300&#13;
&#13;
XVIII&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
JOHNSON UMREISST MASSNAHMEN ZUM AUSGLEICH DER ZAHLUNGSBILANZ&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir&#13;
Ihnen den Wortlaut der Sonderbotschaft, die Präsident Johnson dem amerikanischen Kongreß am 10.&#13;
Februar 1965 unterbreitet hat und in'der er sein&#13;
Programm zur Beseitigung des Zahlungsbilanzdefizits der USA umreißt.&#13;
&#13;
An den Kongreß der Vereinigten Staaten:&#13;
Nach einer umfassenden Überprüfung unserer Zahlungsbilanz- und unserer Goldposition kann ich dem Kongreß berichten, daß&#13;
die heutige Position des Dollars in der Welt stark ist - weitaus&#13;
stärker als vor drei oder vier Jahren,&#13;
zur Sicherung seiner künftigen Stärke jedoch eine Reihe neuer Maßnahmen erforderlich sind, um die Fortschritte in Richtung auf einen Ausgleich unserer Zahlungsbilanz zu beschleunigen.&#13;
Hinter der Stärke des US-Dollars stehen&#13;
- die produktivste und rationellste Volkswirtschaft der Welt, in der&#13;
Produktion, Beschäftigtenzahl und Einkommen jedes Jahr ohne irgendwelche&#13;
inflationistische Auswirkungen neue Höchststände erreichen;&#13;
- die größten Goldreserven der Welt, die voll für die Einlösung der&#13;
Dollar-Verpflichtungen unseres Landes eingesetzt werden können;&#13;
- die&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
�- die stärkste Gläubigerposition der Welt mit öffentlichen und&#13;
privaten Forderungen gegenüber Ausländern in Höhe von 88 Milliarden&#13;
Dollar, die deren Forderungen an uns noch um 37 Milliarden Dollar&#13;
übersteigen - und nehmen wir lediglich unsere privaten Forderungen,&#13;
so beträgt diese stetig weiter wachsende Spanne rund 15 Milliarden&#13;
Dollar -;&#13;
- die günstigste Handelsbilanz der Welt, die durch einen Exportanstieg um mehr als 25 Prozent in vier Jahren gekennzeichnet ist einen Anstieg, der unsere kommerziellen Exporte (die von der Regierung&#13;
finanzierten Exporte ausgenommen) auf 22,2 Milliarden Dollar und unseren Handelsüberschuß auf 3,6 Milliarden Dollar hochschncllen ließ.&#13;
Es liegt ganz eindeutig auf der Hand, daß diejenigen, die um den&#13;
Dollar fürchten, sich ohne Grund ängstigen, und daß diejenigen, die&#13;
auf seine Schwächung warten, vergeblich hoffen:&#13;
Ein Land, das weit mehr ausführt, als es einführt und das über&#13;
hohe Auslandsguthaben verfügt, die noch ständig weiter zunehmen,&#13;
"lebt nicht über seine Verhältnisse".&#13;
Der Dollar ist gut wie Gold und zu einem Kurs von 35 Dollar pro&#13;
Unze frei konvertierbar und wird es weiterhin bleiben.&#13;
Hinter diesem Versprechen steht unsere feste Entschlossenheit,&#13;
unser Zahlungsbilanzdefizit zu beseitigen.&#13;
Im vergangenen Jahr war der Dollarabfluß ins Ausland - um unsere&#13;
Importe und unsere Auslandsreisen zu bezahlen, um unsere Anleihen an&#13;
das Ausland und unsere Investitionen dort zu finanzieren und um unseren Verteidigungs- und Auslandshilfeverpflichtungen nachzukommen immer noch um drei Milliarden Dollar größer als die uns von Ausländern&#13;
eingeräumten Dollarkredite. Dies bedeutet eine stetige Verbesserung&#13;
gegenüber dem Dollardefizit des Jahres 1962 von 3,6 Milliarden und dem&#13;
des Jahres 1963 von 3,3 Milliarden Dollar. Aber die Fortschritte vollziehen sich zu langsam.&#13;
Die Welt bedient sich gern unseres Dollars als einer sicheren und&#13;
guten Währung im internationalen Zahlungsverkehr. Die wachsenden Dollarbestände der Welt waren für die Ausweitung des Handels und des Finanzwesens der freien Welt in der Nachkriegszeit von entscheidender Bedeutung&#13;
&#13;
- 2 -&#13;
&#13;
�Bedeutung. Wir können jedoch nicht damit rechnen - und wir tun dies&#13;
auch nicht -, daß die Bereitschaft der Welt, Dollar zu halten, unbegrenzt ist.&#13;
Auf Grund eingehender Untersuchungen über die Hauptursachen unseres ständigen Zahlungsbilanzdefizits schlage ich hiermit folgendes Programm vor:&#13;
Erstens ersuche ich den Kongreß zwecks Aufrechterhaltung und Verstärkung der Kontrolle über die Inanspruchnahme der amerikanischen Kapitalmärkte durch Ausländer,&#13;
- die Zinsausgleichssteuer über den 31. Dezember 1965 hinaus um&#13;
zwei weitere Jahre zu verlängern;&#13;
- ihren Geltungsbereich auch auf Kredite, die nicht von Banken gewährt werden, mit einer Laufzeit von ein bis drei Jahren auszudehnen.&#13;
Zweitens habe ich, um der ständigen Zunahme amerikanischer Bankkredite an das Ausland Einhalt zu gebieten und diese Entwicklung in ihr&#13;
Gegenteil zu verkehren, von der mir unter dem Gore-Gesetzeszusatz gegebenen Vollmacht Gebrauch gemacht, die Zinsausgleichssteuer auch auf Bankkredite von einem oder mehreren Jahren anzuwenden.&#13;
Drittens habe ich, um jeden übergroßen Kapitalabfluß nach Kanada auf&#13;
Grund der ihm gewährten Befreiung von der Zinsausgleichssteuer einzudämmen, mich um die feste Zusicherung der kanadischen Regierung bemüht - und&#13;
sie auch erhalten -, daß sie eine Politik verfolgen wird, die auf eine Begrenzung eines solchen Kapitalabflusses auf ein Volumen abzielt, daß für&#13;
die Aufrechterhaltung gesunder kanadischer Devisenreserven notwendig ist.&#13;
Viertens ersuche ich - zwecks weiterer Eindämmung des Abflusses von&#13;
Bankkrediten - den Vorsitzenden des Gouverneursrates des Federal Reserve&#13;
System, in Zusammenarbeit mit dem Finanzminister umfassende Bemühungen zu&#13;
unternehmen, um bei den Geschäftsbanken eine Begrenzung der Auslandskredite&#13;
zu erwirken.&#13;
Fünftens fordere ich zur Gewährleistung einer wirksamen Zusammenarbeit&#13;
der Banken untereinander die Verabschiedung eines Gesetzes, durch das die&#13;
freiwillige Zusammenarbeit der amerikanischen Banken zur Unterstützung&#13;
&#13;
- 3 -&#13;
&#13;
�Unterstützung unserer Bemühungen um einen Ausgleich der Zahlungsbilanz unter Leitung der Regierung - von den Anti-Trust-Bestimmungen ausgenommen&#13;
wird, wo immer eine solche Zusammenarbeit im nationalen Interesse notwendig ist.&#13;
Sechstens beauftrage ich - zwecks Eindämmung des Abflusses von Geschäftskapital - den Handelsminister und den Finanzminister, die führenden Persönlichkeiten der amerikanischen Wirtschaft in einer nationalen&#13;
Kampagne aufzurufen, ihre direkten Auslandsinvestitionen, ihre Rücklagen&#13;
bei ausländischen Banken sowie ihre Bestände an ausländischen Finanztiteln&#13;
so lange zu begrenzen, bis ihre Anstrengungen - und die aller Amerikaner zu einem Ausgleich der amerikanischen Zahlungsbilanz geführt haben.&#13;
Siebtens weise ich - zwecks Reduzierung der in Devisen anfallenden&#13;
Kosten unserer Verteidigungs- und Auslandshilfeprogramme auf ein Minimum&#13;
- den Verteidigungsminister, den Leiter des Amtes für Internationale Entwicklung (AID) sowie die anderen Regierungsstellen an, ihre Anstrengungen&#13;
sofort zu verstärken, die Dpllarkosten im Ausland auf das absolute Minimum&#13;
herabzudrücken.&#13;
Achtens appelliere ich - zwecks Verringerung des Defizits in unserer&#13;
Fremdenverkehrsbilanz - an unsere Freunde im Ausland wie auch an unsere&#13;
eigenen Bürger, "lernt die USA kennen". Ferner ersuche ich um die Verabschiedung eines Gesetzes zur weiteren Einengung der Zollfreigrenzen für&#13;
nach den Vereinigten Staaten zurückkehrende Touristen.&#13;
Neuntens fordere ich - zwecks Erhöhung unseres Handelsüberschusses eine Verdoppelung unserer Anstrengungen zur Förderung des Exports.&#13;
Und schließlich ersuche ich - zwecks Steigerung der ausländischen&#13;
Investitionen in den USA - um die Verabschiedung eines neuen Steuergesetzes, das den Ausländern einen Anreiz zu Geldanlagen in Wertpapieren&#13;
amerikanischer Kapitalgesellschaften geben soll.&#13;
Alle diese Maßnahmen befassen sich mit unserem Zahlungsbilanzdefizit&#13;
und dem Schutz des Dollars in einer Form, die voll und ganz in Einklang&#13;
mit unseren Verpflichtungen steht:&#13;
- den Wohlstand im eigenen Land zu erhalten;&#13;
- unsere Verteidigung im Ausland aufrechtzuerhalten;&#13;
- den&#13;
&#13;
- 4-&#13;
&#13;
;&#13;
&#13;
�- den Entwicklungsländern private und öffentliche Mittel zur Entwicklung ihrer Stärke und zur Erhaltung ihrer Freiheit zur Verfügung zu&#13;
stellen;&#13;
- nur auf den eigenen Vorteil abzielende, engstirnige Restriktionen&#13;
unseres Handels zu vermeiden und auf einen erfolgreichen Abschluß der&#13;
Kennedy-Runde von Zollverhandlungen hinzuarbeiten;&#13;
- zusammen mit unseren Handelspartnern auf ein flexibleres internationales Währungssystem hinzuwirken.&#13;
Diese Maßnahmen sollten zu einer wesentlichen Reduzierung unseres&#13;
internationalen Defizits im Jahre 1965 führen und eine weitere Verbesserung im Jahre 1966 sicherstellen.&#13;
&#13;
Wo wir heute stehen&#13;
&#13;
Unser Defizit im Jahre 1964 war zu groß. Und über die Hälfte dieses&#13;
Defizits fiel auf das letzte Quartal des Jahres - zum Teil aufgrund besonderer und temporärer Faktoren.&#13;
Doch dieser betrübliche Rückschlag sollte uns nicht blind für die&#13;
soliden und bedeutenden Fortschritte machen, die wir in den vergangenen&#13;
vier Jahren erzielt haben.&#13;
Die von uns vor vier Jahren begonnene und auf breiter Basis geführte&#13;
Offensive - die vor 18 Monaten nochmals intensiviert wurde - hat zu einem&#13;
großen Teil ihr Ziel erreicht:&#13;
Steuersenkungen und andere Maßnahmen zur Steigerung der Produktion,&#13;
zur Förderung kostensenkender Investitionen und zur Stabilerhaltung der&#13;
Preise haben die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Erzeugnisse auf&#13;
den Weltmärkten wesentlich verbessert. Zusammen mit besonderen Exportförderungsbemühungen hat diese Politik&#13;
- zu einer Steigerung unserer kommerziellen Exporte um 4,7 Milliarden&#13;
Dollar oder 27 Prozent,&#13;
- zu einer Ausweitung unseres Handelsüberschusses auf einen neuen&#13;
Höchststand von 3,6 Milliarden Dollar geführt - 800 Millionen Dollar mehr&#13;
als 1960 und ein Plus von 1,3 Milliarden Dollar gegenüber 1963.&#13;
&#13;
- 5 -&#13;
&#13;
,&#13;
&#13;
�Ständige Bemühungen zur Reduzierung der Dollarkosten unserer Verteidigungs- und Auslandshilfeausgaben haben seit 1960&#13;
- zu einer Verringerung der Dollarausgaben für Hilfsprogramme im&#13;
Ausland um über 400 Millionen Dollar geführt sowie&#13;
- zur Senkung der militärischen Ausgaben im Ausland um über 200&#13;
Millionen Dollar (trotz des Preisanstiegs in den Ländern, in denen&#13;
unsere Truppen stationiert sind),&#13;
- zu einer Steigerung der militärischen Ausgleichskäufe anderer&#13;
Länder über das amerikanische Verteidigungsministerium um 450 Millionen&#13;
Dollar&#13;
- und zu einer Ausweitung der Lieferung militärischer Ausrüstungen&#13;
an andere Regierungen über Privatfirmen.&#13;
Die erfolgreiche Expansionspolitik hier und im Ausland hat Gewinne&#13;
und Zinsen aus unseren früheren Auslandsinvestitionen um fast 2 Milliarden Dollar ansteigen lassen.&#13;
Aber diese eindrucksvollen Zunahmen von insgesamt über 3,5 Milliarden Dollar haben nicht zu einer entsprechenden Einengung unseres Zahlungsbilanzdefizits geführt. Sie wurden zu einem großen Teil durch einen Anstieg des privaten Kapitalabflusses seit 1960 um 2,5 Milliarden Dollar hiervon entfielen allein 2 Milliarden Dollar auf die Jahre 1963 Und 1964&#13;
- weitgehend absorbiert.&#13;
Die Zinsausgleichssteuer hat mit Erfolg eine Verringerung des Ankaufs&#13;
ausländischer Wertpapiere durch Amerikaner gegenüber dem Höchststand des&#13;
Jahres 1963 bewirkt. Auf Grund neuer, von dieser Steuer befreiter Emissionen - vor allem durch Kanada - lagen diese Wertpapierkäufe jedoch immer&#13;
noch um fast 500 Millionen Dollar über dem Stande des Jahres 1960.&#13;
In der Zwischenzeit entsprachen unsere Banken dem ausländischen Kapitalbedarf durch eine Erhöhung ihrer langfristigen Auslandsanleihen im Jahre&#13;
1964 um fast eine Milliarde Dollar - 800 Millionen Dollar mehr als 1960 und&#13;
400 Millionen Dollar mehr als 1963.&#13;
Der kurzfristige Kapitalabfluß in Form von Bankkrediten und Gesellschaftsanteilen stieg auf schätzungsweise 2 Milliarden Dollar und lag damit erheblich über dem Abfluß der Jahre 1960 und 1963, obwohl unsere Geldmarktsätze&#13;
&#13;
im allgemeinen denen in anderen Ländern entsprachen.&#13;
&#13;
- 6 -&#13;
&#13;
•&#13;
&#13;
�Die direkten Auslandsinvestitionen amerikanischer Kapitalgesellschaften - zu einem großen Teil in Kanada und Europa - erhöhten sich&#13;
gegenüber 1960 um mehr als 400 Millionen Dollar und gegenüber 1963 um&#13;
mehr als 200 Millionen Dollar.&#13;
Ferner stiegen die Ausgaben für Auslandsreisen von 1960 bis 1964&#13;
um 600 Millionen Dollar, während die Ausgaben ausländischer Reisender&#13;
in den USA lediglich um 200 Millionen Dollar zunahmen.&#13;
Der Nettoeffekt all dieser Veränderungen war eine Reduzierung unseres Gesamtdefizits um lediglich 900 Millionen Dollar - von 3,9 Milliarden Dollar im Jahre 1960 auf 3,0 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr.&#13;
Seien Sie versichert, wir haben weit größere Fortschritte erzielt,&#13;
als diese nackten Zahlen vermuten lassen. Mehr als die Hälfte unseres&#13;
Defizits im Jahre 1964 wurde über erhöhte Dollar-Guthaben von Ausländern&#13;
und ausländischen Privatbanken und Gesellschaften finanziert. Nicht ganz&#13;
die Hälfte mußte durch Gold- oder Dollarabgaben an ausländische Regierungen und Zentralbanken finanziert werden. Und nur dieser "offizielle"&#13;
Teil wird von den anderen Ländern bei der Berechnung ihrer Defizite gewertet.&#13;
Wenn wir unser Defizit nach ihren Maßstäben messen würden, dann&#13;
würden sich ergeben:&#13;
- für 1962 ein Defizit von 3,3 Milliarden Dollar,&#13;
- für 1963 ein Defizit von 2,3 Milliarden Dollar und&#13;
- für 1964 ein Defizit von nur 1,3 Milliarden Dollar.&#13;
Diese Art, unser Defizit zu messen, verringert indes&#13;
&#13;
keineswegs die&#13;
&#13;
Notwendigkeit weiterer Maßnahmen. Sie gibt jedoch einen anderen und in vieler Hinsicht besseren Maßstab für den von uns erzielten Fortschritt. Sie&#13;
zeigt uns auf eine andere und vielleicht realistischere Weise, wie weit&#13;
wir noch von einem Ausgleich der Zahlungsbilanz entfernt sind. Und sie&#13;
spiegelt das feste Vertrauen der privaten Bürger in aller Welt in den USDollar wider.&#13;
Dieses Vertrauen beruht auf der vollen Konvertierbarkeit unseres&#13;
Dollars in Gold - zu einem Festpreis von 35 Dollar pro Unze. Unsere Goldreserven von 15 Milliarden Dollar bilden 35 Prozent der offiziellen Goldreserven der freien Welt. Um jeden etwaigen Zweifel daran zu beseitigen,&#13;
daß sie voll eingesetzt werden können, habe ich den Kongreß ersucht, die&#13;
&#13;
- 7 -&#13;
&#13;
�die überholten Golddeckungsbestimmungen für Bankeinlagen bei den&#13;
Federal-Reserve-Banken aufzuheben. Ich freue mich, daß der Kongreß&#13;
so prompt auf diese Empfehlung eingeht.&#13;
Wenn wir jetzt weitere Maßnahmen zur Lösung unseres Zahlungsbilanzproblems in Angriff nehmen, so ist es klar, daß wir dies von&#13;
einer Position der Stärke aus tun. Um jedoch diese Stärke zu wahren,&#13;
müssen wir unsere Programme intensivieren, die einen Ausgleich der&#13;
Zahlungsbilanz erreichen und das volle Vertrauen in den Dollar aufrechterhalten sollen.&#13;
&#13;
Maßnahmen zur Durchführung unserer Programme&#13;
I. Kapital&#13;
Ich schlage weitere Schritte zur Eindämmung unseres Kapitalabflusses nach anderen Industriestaaten der Welt vor. Ich tue dies nur&#13;
zögernd. Das amerikanische Kapital hat einen sehr, sehr großen Beitrag zur Wirtschaftsexpansion und Prosperität in der Welt geleistet.&#13;
Aber unser Zahlungsbilanzdefizit läßt mir keine andere Wahl.&#13;
Die Zinsausgleichssteuer hat die Käufe ausländischer Wertpapiere&#13;
durch Amerikaner seit der Vorlage des Gesetzes im Kongreß im Juli 1963&#13;
wirksam eingeengt. Gleichzeitig hat sie die Vergrößerung und Ausweitung der europäischen Kapitalmärkte gefördert - Kapitalmärkte, die&#13;
einen dauerhaften Beitrag zum Wirtschaftsaufschwung der freien Welt&#13;
leisten können.&#13;
Die Steuer soll jetzt am Ende dieses Jahres auslaufen. Die Umstände bedingen jedoch, daß sie in Kraft bleibt.&#13;
Daher ersuche ich den Kongreß, die Zinsausgleichssteuer für&#13;
Käufe ausländischer Wertpapiere durch Amerikaner um zwei Jahre zu verlängern.&#13;
Die Bankkredite an das Ausland mit Laufzeiten&#13;
&#13;
von mehr als ei-&#13;
&#13;
nem Jahr - die gegenwärtig nicht von der Steuer erfaßt werden - haben&#13;
sich 1964 um mehr als ein Drittel oder fast eine Milliarde Dollar erhöht. Der Großteil dieses Geldes floß in andere Industriestaaten.&#13;
Hiervon wurden lediglich 15 Prozent für die Finanzierung amerikanischer&#13;
&#13;
- 8 -&#13;
&#13;
�amerikanischer Exporte benutzt.&#13;
Meines Erachtens stellt dieser Abfluß einen Ersatz für Anlagen in&#13;
neuen Wertpapieren dar, und zwar in einem Umfang, der praktisch die Wirksamkeit unserer Zinsausgleichssteuer wesentlich gefährdet.&#13;
Ich habe daher auf Grund der mir durch das Gesetz über die Zinsausgleichssteuer übertragenen Vollmacht verfügt, daß die Steuer auch auf&#13;
Bankkredite an das Ausland mit einer Laufzeit von einem oder mehr als&#13;
einem Jahr ausgedehnt wird, wobei jedoch entsprechende Ausnahmen für Kreditnehmer in den Entwicklungsländern gemacht werden können.&#13;
Wenn die Steuer nicht auf Auslandskredite angewandt werden würde,&#13;
die nicht von Banken gewährt werden, so würde dies eine Diskriminierung&#13;
der Banken bedeuten und einen Abfluß steuerlich nicht erfaßter Gelder&#13;
auf anderen Wegen als dem über die Banken begünstigen.&#13;
Ich ersuche daher den Kongreß um die Verabschiedung eines Zusatzes&#13;
zur Zinsausgleichssteuer, damit diese mit Wirkung vom heutigen Tage auch&#13;
auf die nicht von Banken gewährten Kredite mit einer Laufzeit von einem&#13;
oder mehr als einem Jahr angewandt werden kann.&#13;
Schließlich beabsichtige ich, sobald entsprechende Ermächtigungen&#13;
ausgearbeitet sind, den Kauf neuer, von der japanischen Regierung ausgegebener oder garantierter Wertpapiere durch amerikanische Bürger bis&#13;
zu einem Betrag von 100 Millionen Dollar pro Jahr von&#13;
&#13;
der Zinsaus-&#13;
&#13;
gleichssteuer auszunehmen. Bisher hat sich eine Befreiung von der Zinsausgleichssteuer für Japan als nicht notwendig erwiesen. Die Anwendung&#13;
der Steuer auf Bankkredite mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr&#13;
wird jedoch meines Erachtens einen solchen Druck auf das internationale&#13;
Währungssystem auslösen, daß eine&#13;
&#13;
begrenzte Ausnahme gerechtfertigt ist.&#13;
&#13;
Diese Maßnahmen sind darauf abgestellt, unsere angestrebten Zahlungsbilanzziele zu erreichen, ohne dabei die amerikanischen Unternehmen im&#13;
Ausland direkten Kontrollen zu unterwerfen. Wir wollen die Freiheit der&#13;
Märkte erhalten. Wir können jedoch ohne die volle Mitarbeit der Wirtschaft&#13;
und der Banken keinen Erfolg haben.&#13;
Ich fordere hiermit alle amerikanischen Geschäftsleute und Bankiers&#13;
auf, mit ihrer Regierung eine konstruktive Partnerschaft zum Schutz und&#13;
&#13;
- 9-&#13;
&#13;
�und zur Stärkung der Position des US-Dollars in der heutigen Welt einzugehen. Damit werden sie ihrem Lande einen wichtigen Dienst erweisen.&#13;
Und sie werden mit zur Sicherung wirtschaftlicher Prosperität im eigenen Lande und wirtschaftlicher Stabilität im Auslande beitragen, in&#13;
deren Rahmen sie ihren eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Geschäften nachgehen können.&#13;
Lassen Sie mich klarstellen, daß die Regierung die Exportfinanzierung oder die tagtäglichen Geschäftsentscheidungen der amerikanischen&#13;
Wirtschaft im Ausland nicht behindern will. Aber solche Anleihen und&#13;
Investitionen, die nicht unbedingt notwendig sind, müssen scharf eingeschränkt werden.&#13;
Im besonderen fordere ich die amerikanischen Bankiers und Geschäftsleute auf, sich beim Ausleihen von Geld oder bei der Durchführung von&#13;
Auslandsinvestitionen in den Industriestaaten eine freiwillige Beschränkung aufzuerlegen. Diese Forderung gilt insbesondere für kurzfristige&#13;
Kredite und Direktinvestitionen, d.h. für den Kapitalabfluß, der noch&#13;
nicht durch die Zinsausgleichssteuer erfaßt ist.&#13;
Bezüglich der Bankkredite ersuche ich den Vorsitzenden des Gouverneursrates des Federal Reserve System, mit dem Finanzminister und den&#13;
Geschäftsbanken des Landes bei der Ausarbeitung eines Programms eng zusammenzuarbeiten, das den Abfluß von Bankkrediten nach dem Ausland stark&#13;
begrenzen wird. Ich habe den Leiter der Bankenaufsichtsbehörde und den&#13;
Vorsitzenden der Federal Deposit Insurance Corporation angewiesen, mit&#13;
den Federal-Reserve-Banken und dem Finanzministerium hierbei zusammenzuarbeiten.&#13;
Als ersten Schritt zu diesem Programm werde ich eine Gruppe unserer&#13;
führenden Bankiers einladen, in naher Zukunft mit mir, dem Finanzminister&#13;
und dem Vorsitzenden des Federal Reserve Board zusammenzutreffen.&#13;
Eine Zusammenarbeit von miteinander im Wettbewerb stehenden Banken&#13;
könnte hinsichtlich der Anti-Trust-Gesetze Probleme aufwerfen und würde,&#13;
wenn sie über das zur Verwirklichung unserer Zahlungsbilanzziele erforderliche Maß hinausginge, unser auf Wettbewerb beruhendes Wirtschaftssystem gefährden.&#13;
Daher ersuche ich den Kongreß, eine gesetzliche Ausnahmebestimmung zu&#13;
den Anti-Trust-Gesetzen zu erlassen, durch die eine Zusammenarbeit der&#13;
&#13;
- 10 I&#13;
&#13;
�der amerikanischen Geschäftsbanken zwecks Förderung unserer Zahlungsbilanzziele ermöglicht würde. Ich fordere außerdem, daß dieses Gesetz&#13;
die Auflage enthält, diese Ausnahmebestimmung in einer Weise zu handhaben, die die Prinzipien des freien Wettbewerbs nicht verletzt.&#13;
Bis zur Verabschiedung eines solchen Gesetzes werden der Finanzminister und die Federal-Reserve-Banken dieses Programm der freiwilligen&#13;
Beschränkung nach Richtlinien durchführen, die keine Probleme hinsichtlich der Anti-Trust-Gesetze aufwerfen.&#13;
Was die kurzfristigen Kredite und Direktinvestitionen von Kapitalgesellschaften in anderen Industriestaaten angeht, so werde ich eine&#13;
Gruppe unserer führenden Geschäftsleute einladen, mit mir und dem Handelsminister zu einer umfassenden Aussprache zusammenzukommen, um über&#13;
freiwillige Verfahren zu diskutieren, durch die wir die notwendigen&#13;
Resultate erreichen können. Der Handelsminister wird weiterhin in engem&#13;
Kontakt mit den leitenden Männern der Kapitalgesellschaften bleiben.&#13;
Als Bewertungsgrundlage ihrer Beiträge zur Erreichung unserer Zahlungsbilanzziele wird er von Zeit zu Zeit Berichte anfordern.&#13;
Ich zweifle nicht daran, daß die amerikanischen Bankiers und Geschäftsleute den nationalen Erfordernissen genügen werden. Mit ihrer&#13;
Hilfe können wir das Abfließen von Mitteln nach dem Ausland verhindern,&#13;
ohne daß der entscheidend wichtige Kreditfluß für die amerikanische&#13;
Wirtschaft blockiert wird.&#13;
Ich bin davon überzeugt, daß die Federal-Reserve-Banken in Ausübung ihrer währungspolitischen Verantwortung ihre Bemühungen fortsetzen,&#13;
die Zinssätze für kurzfristige Gelder auf dem amerikanischen Geldmarkt&#13;
aufrechtzuerhalten. Das Finanzministerium wird seine volle Mitarbeit&#13;
gewähren. Gleichzeitig - und im Hinblick auf den starken Zufluß privater&#13;
Spargelder in unsere Kapitalmärkte - erwarte ich auch weiterhin eine&#13;
wesentliche Stabilität der Zinssätze.&#13;
&#13;
II. Regierungsausgaben im Ausland&#13;
Seit 1960 haben wir den sich durch unser Auslandshilfeprogramm ergebenden Dollarabfluß ständig eingedämmt. Wir haben den Prozentsatz der&#13;
Auslandshilfe-Dollar ständig erhöht, die für amerikanische Güter und&#13;
&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�und Dienstleistungen ausgegeben werden - 85 Prozent der Gelder aus neuen&#13;
Hilfszusagen werden jetzt innerhalb unserer Landesgrenzen ausgegeben.&#13;
Solange wir unser Zahlungsbilanzproblem nicht gemeistert haben, werden&#13;
die für die Auslandshilfe Verantwortlichen keinen Dollar herausgeben, an&#13;
dessen Stelle amerikanische Güter und Dienstleistungen treten können.&#13;
Das gleiche gilt auch für unsere Verteidigungs-Dollar. Wir haben bereits wesentliche Fortschritte hinsichtlich der Reduzierung des Dollarabflusses bei unseren Verteidigungseinrichtungen im Ausland erzielt ohne daß hierdurch unsere Stärke oder unsere Verteidigungsverpflichtungen&#13;
gegenüber der freien Welt beeinträchtigt wurden. Ich habe den Verteidigungsminister angewiesen, sein Programm zu intensivieren,&#13;
- um die Verteidigungskäufe von ausländischen Bezugsquellen auf&#13;
solche in den USA zu verlagern;&#13;
- um die Stäbe unserer ausländischen Hauptquartiere zahlenmäßig zu&#13;
verringern;&#13;
- um die Versorgungseinrichtungen im Ausland zu straffen;&#13;
- um unsere Verbündeten zu veranlassen, ihre Ausgleichskäufe an&#13;
militärischen Ausrüstungen in den Vereinigten Staaten zu verstärken.&#13;
Das Verteidigungsministerium hat bereits ausländische Devisen im&#13;
Werte von Hunderten von Millionen Dollar durch solche Maßnahmen eingespart. Der Verteidigungsminister hat mir jedoch versichert, daß er - bei&#13;
gleichzeitiger Wahrung unserer Sicherheitsinteressen und Wahrnehmung unserer Verpflichtungen - noch mehr tun kann.&#13;
III. Auslandsreisen&#13;
Das wachsende Interesse unserer Bürger an anderen Ländern und der&#13;
stetige Anstieg ihrer Einkommen haben wesentlich zu einer Ausweitung des&#13;
amerikanischen Touristen-Reiseverkehrs nach dem Auslande beigetragen.&#13;
Auslandsreisen sollten gefördert werden, wenn wir uns das leisten können,&#13;
aber nicht, während unsere Zahlungsbilanzlage derartig angespannt ist.&#13;
Heute gilt es, den Touristenverkehr in den Vereinigten Staaten zu fördern&#13;
- und zwar sowohl im Hinblick auf unsere eigenen Bürger als auch auf unsere Freunde im Ausland.&#13;
Ich&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
\&#13;
&#13;
�Ich fordere das Fremdenverkehrsgewerbe auf, den-ausländischen und&#13;
einheimischen Reisenden in verstärktem Maße die Vorteile eines Urlaubsaufenthaltes in den Vereinigten Staaten vor Augen zu führen. Und ich&#13;
werde diese Bemühungen durch das Programm "Lernt die USA kennen" unterstützen. Um den Dollarabfluß im Zusammenhang mit Auslandsreisen einzudämmen, empfehle ich dem Kongreß:&#13;
- ein Gesetz zur Herabsetzung der Zollfreigrenze für die von amerikanischen Staatsbürgern Bei ihrer Rückkehr mitgeführten, im Ausland gekauften Güter auf 50 Dollar - unter Zugrundelegung des tatsächlichen&#13;
Kaufpreisesj&#13;
- die Ausnahmen bei Gütern, die der Reisende bei seiner Rückkehr&#13;
mit sich führt, zu begrenzen.&#13;
&#13;
IV. Ausländische Investitionen in amerikanischen Wertpapieren&#13;
Ein wirklich weltweiter Kapitalmarkt der Industriestaaten bedingt&#13;
einen Investitionsfluß in beiden Richtungen. Zur Förderung eines größeren&#13;
Kapitalzuflusses aus anderen Industriestaaten wird der Finanzminister in&#13;
Kürze ein Gesetz beantragen, durch das - gemäß den allgemeinen&#13;
&#13;
von einer&#13;
&#13;
Arbeitsgruppe des Präsidenten empfohlenen Richtlinien - die Steuerbestimmungen beseitigt werden, die auf ausländische Investoren in Papieren amerikanischer Kapitalgesellschaften abschreckend wirken. Diese Maßnahme&#13;
wird sich auf die Bemühungen der amerikanischen Wirtschaft und Finanz positiv auswirken, den Absatz amerikanischer Papiere und Bonds an ausländische Investoren zu erhöhen, und dadurch an Kraft gewinnen.&#13;
&#13;
V. Export und Wettbewerb&#13;
Schließlich - und das ist auf lange Sicht am wichtigsten - müssen&#13;
die amerikanischen Unternehmer, die Arbeitnehmer, die Landwirtschaft und&#13;
die Regierung bei der Aufrechterhaltung stabiler Kosten und Preise und&#13;
der Stärkung unserer Handelsposition in der Welt zusammenarbeiten.&#13;
Voraussetzung für eine starke Wettbewerbsposition ist eine expandierende Wirtschaft, die mit voller oder nahezu voller Kapazität arbeitet&#13;
und doch Kosten und Preise unter Kontrolle hält. Die wesentliche Senkung&#13;
der Einkommensteuer - mit liberalen Abschreibungsbestimmungen und beson-&#13;
&#13;
- 13 -&#13;
&#13;
1&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
�besonderen Anreizen für kostensenkende Investitionen - hat eine entscheidende Rolle beim Aufbau einer solchen starken Position gespielt.&#13;
Steigende Stückzahlen, wachsende Produktivität und rückläufige&#13;
Steuersätze haben es der Industrie ermöglicht, Kosten und Preise konstant zu halten, während gleichzeitig Rekordgewinne erzielt und Rekordlöhne bezahlt werden konnten.&#13;
Als Folge hiervon sind die Preise und Löhne in den Vereinigten&#13;
Staaten während der letzten Jahre stabiler geblieben als in den Ländern unserer wichtigsten Konkurrenten. Der Anstieg der kommerziellen&#13;
Exporte seit 1960 um 27 Prozent - und vor allem der Anstieg im vergangenen Jahr um 15 Prozent - geben Zeugnis von unserer wachsenden&#13;
Wettbewerbsfähigkeit auf den ausländischen Märkten. Der geringe Anstieg unserer Importe beweist, daß wir immer besser in der Lage sind,&#13;
der ausländischen Konkurrenz auf unseren Binnenmärkten zu begegnen&#13;
und sie zu schlagen.&#13;
Wir dürfen dies jedoch nicht als selbstverständlich hinnehmen.&#13;
Ungerechtfertigte Preis- und Lohnerhöhungen könnten dies alles nur&#13;
allzu schnell zunichte machen. Wenn sich die amerikanische Wirtschaft&#13;
und die Gewerkschaften nicht an die von der Regierung für Preise und&#13;
Löhne aufgestellten Richtlinien halten, gehen wir das ernste Risiko&#13;
ein, unsere Wettbewerbsvorteile wieder zu verlieren. .&#13;
Lohnerhöhungen, die über den Produktivitätszuwachs in der Gesamtwirtschaft hinausgehen, und Preisentscheidungen, bei denen die sinkenden Stückkosten ignoriert werden - und es hat in jüngster Zeit für&#13;
beides Beispiele gegeben -, erweisen uns allen einen schlechten Dienst.&#13;
Ich appelliere an alle Amerikaner, das Ihre dazu beizutragen, daß&#13;
die bisherige im allgemeinen vorbildliche Mäßigung bei Löhnen und Preisen weiter anhält. Sie werden damit zur inneren und äußeren Stärkung&#13;
ihres Landes beitragen.&#13;
Auf der Grundlage stabiler Kosten und Preise werden wir ein immer&#13;
dynamischeres Exportförderungsprogramm aufbauen:&#13;
- Ich ersuche den Kongreß um die Bewilligung der im Haushalt für&#13;
unser Exportförderungsprogramm im kommenden Finanzjahr angeforderten 13&#13;
Millionen Dollar.&#13;
&#13;
- Wir&#13;
&#13;
- 14 -&#13;
&#13;
�- Wir werden unsere Bemühungen verstärken, der amerikanischen&#13;
Industrie eine gesunde und voll wettbewerbsfähige Exportfinanzierung&#13;
zu garantieren.&#13;
- Wir werden uns um die Beseitigung künstlicher Schranken für&#13;
unseren Export, zum Beispiel diskriminierender Frachtraten in der&#13;
Hochseeschiffahrt, bemühen.&#13;
Eine Politik, die auf eine expandierende Wirtschaft abzielt, zusammen mit verantwortungsbewußten Preis- und Lohnentscheidungen und&#13;
speziellen Maßnahmen zur Ausnutzung unserer Wettbewerbsvorteile zwecks&#13;
Ausweitung der Exporte - das ist die richtige Kombination und der&#13;
Schlüssel zu einer dauerhaften Lösung unseres Zahlungsbilanzproblems.&#13;
&#13;
VI. Entwicklung des internationalen Währungssystems&#13;
Die von mir in dieser Botschaft vorgeschlagenen Maßnahmen werden&#13;
unsere Fortschritte in Richtung auf einen Ausgleich der Zahlungsbilanz&#13;
ohne Beeinträchtigung unserer Sicherheit im Ausland und unserer Prosperität&#13;
&#13;
im Inland beschleunigen. Aber unsere internationale monetäre&#13;
&#13;
Verantwortlichkeit endet nicht mit unserem Defizit. Ein vernünftiges&#13;
Wirtschaftswachstum der freien Welt setzt eine geregelte, aber stetige&#13;
Ausweitung der&#13;
&#13;
Weltwährungsreserven voraus.&#13;
&#13;
Während des vergangenen Jahrzehnts haben unsere Defizite geholfen,&#13;
dieses Ziel zu erreichen. Etwa die Hälfte des Zuwachses der Währungsreserven der freien Welt ist auf den Abfluß von Defizit-Dollar an ausländische Zentralbanken zurückzuführen. Wenn wir jetzt diesen Abfluß&#13;
eindämmen, könnte dies zu einer Verknappung der Reserven führen. Wir&#13;
müssen daher auf die Mobilisierung zusätzlicher Reservenquellen hinarbeiten, um diese Drohung unwirksam zu machen. Wir müssen unseren&#13;
Mechanismus zur Bereitstellung internationaler Kredite für Länder mit&#13;
Zahlungsbilanzschwierigkeiten verbessern - Kredite zu Bedingungen, die&#13;
eine ordnungsgemäße Korrektur der Unausgeglichenheiten gewährleisten,&#13;
ohne den Defizitländern eine Deflation oder den Überschußländern eine&#13;
Inflation aufzuzwingen.&#13;
Die Rückkehr zu einem System, das ausschließlich auf Gold basiert zu einem System, das uns alle Anfang der dreißiger Jahre in eine Katastrophe gestürzt hat -, ist keine Lösung, die die Welt akzeptieren wird oder&#13;
&#13;
- 15 -&#13;
&#13;
�oder sollte. Vielmehr müssen wir auf dem jetzt bestehenden System aufbauen - einem System, das der Welt während der vergangenen zwanzig Jahre&#13;
gute Dienste geleistet hat.&#13;
Wir haben bereits einen sehr guten Anfang gemacht. Unser kurzfristig&#13;
wirksamer Schutz gegen spekulative Krisen hat seine Stärke und Flexibilität unter Beweis gestellt. Die vorgeschlagene Erhöhung der Einlagequoten beim Internationalen Währungsfonds (IWF) stellt einen konstruktiven&#13;
Schritt dar. Ferner haben wir seit geraumer Zeit gemeinsam mit unseren&#13;
wichtigsten Handelspartnern Untersuchungen darüber angestellt, wie am&#13;
besten neue Reserven geschaffen werden können, die erforderlichenfalls&#13;
zur Ergänzung der Gold- und Dollarbestände verfügbar sein würden.&#13;
Wir müssen unsere Studien vorantreiben und darüber hinaus zu Maßnahmen schreiten, um zu Vereinbarungen zu gelangen, die auch künftig den&#13;
Erfordernissen einer schnell expandierenden Weltwirtschaft entsprechen&#13;
werden. Sofern wir nicht rechtzeitig Fortschritte erzielen, werden die&#13;
internationalen Währungsschwierigkeiten unsere auf Prosperität und Fortschritt im Inland und überall auf der Welt abzielende Politik ständig&#13;
und in immer stärkerem Maße negativ beeinflussen.&#13;
Niemand soll daran zweifeln:&#13;
- Wir werden unser Zahlungsbilanzdefizit beseitigen.&#13;
- Wir werden den vollen Wert des Dollars aufrechterhalten.&#13;
Unsere Mittel und unsere Maßnahmen müssen so stark wie unsere Entschlossenheit sein. Aus diesem Grunde habe ich diese zusätzlichen Maßnahmen ergriffen&#13;
&#13;
und ersuche ich den Kongreß, die entsprechenden neuen&#13;
&#13;
Gesetze zu verabschieden. Durch diese Maßnahmen wird unsere große wirtschaftliche Stärke noch mehr auf die Lösung unseres Zahlungsbilanzproblems angesetzt werden.&#13;
Dies ist ein Problem, das uns alle angeht - als Arbeitnehmer, als&#13;
Unternehmer, als Bankiers und als Beamte der Regierung.&#13;
Ich weiß, daß der Kongreß und das amerikanische Volk dieser Aufgabe&#13;
voll entsprechen werden.&#13;
Lyndon B. Johnson&#13;
Das Weiße Haus,&#13;
10. Februar 1965&#13;
&#13;
- 16 -&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
&#13;
States&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
Beilage&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
XVIII&#13;
5 3 2 0&#13;
Tel:&#13;
&#13;
Bad&#13;
&#13;
G o d e s b e r g&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
I,&#13;
&#13;
P o s t f a c h&#13;
&#13;
T e l e x :&#13;
&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
0 6 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
Auszüge aus einer Stellungnahme des&#13;
Unterstaatssekretärs und Leiters der Fernost-Abteilung&#13;
im US-Außenministerium,&#13;
William P. Bundy,&#13;
zur amerikanischen Politik in Süd-Vietnam und Südostasien&#13;
&#13;
8&#13;
&#13;
�Die auf der Genfer Konferenz von 1954 getroffenen Vereinbarungen&#13;
erfüllten Südostasien mit neuen Friedenshoffnungen. Nach Jahren der&#13;
Kämpfe in jenem Gebiet war für freie und unabhängige Nationalstaaten&#13;
ein Weg gebahnt, auf dem sie nach eigenen Lösungen für die uralten&#13;
Probleme des Aufbaus von politischen und wirtschaftlichen Institutionen suchen konnten, die den Erwartungen ihrer Völker genügen würden.&#13;
Die Vereinigten Staaten waren und sind an Südostasien interessiert,&#13;
weil sie wissen, daß das Geschehen in jenem Gebiet einen bestimmenden&#13;
Einfluß darauf hat, ob uns die Schaffung einer Welt gelingt, in der&#13;
die gemeinsamen Ideale der Freiheit sich weiter ausbreiten und die&#13;
Völker ohne Hader zusammen leben und arbeiten können. Unser grundlegendes Interesse an Südostasien ist somit identisch mit unserem Interesse an einer Welt des Friedens und der Sicherheit statt einer Welt&#13;
der Gewalt und des Chaos.&#13;
Die Vereinbarungen von Genf schufen jedoch eine Situation, die&#13;
den Keim künftiger Schwierigkeiten in sich barg.&#13;
Nord-Vietnam war von militanten Kommunisten beherrscht. Süd-Vietnam aber besaß keine geschulte und im Volk beliebte Führungsschicht,&#13;
die den Aufbau in Angriff zu nehmen vermochte; es war demoralisiert,&#13;
auf die Selbstregierung unvorbereitet und besaß nur Reste jener&#13;
vietnamesischen Streitkräfte, die gegen die Kommunisten gekämpft&#13;
hatten.&#13;
Süd-Vietnam war zwar von der Nahrungsmittelzufuhr von außen her&#13;
gänzlich unabhängig, hatte aber darüber hinaus nur wenig aufzuweisen,&#13;
was den Vorteilen gleichkam, die der Norden in der mit Sicherheit zu erwartenden Auseinandersetzung besitzen würde.&#13;
Das war also die Lage im Jahre 1954. Zwei Dinge lagen auf der Hand:&#13;
daß ohne Hilfe von außen der Kommunismus die Nachfolgestaaten Indochinas&#13;
so gut wie sicher überrennen und bis an die Grenzen Thailands und vielleicht darüber hinaus vorstoßen konnte und daß, abgesehen von den Vereinigten Staaten, keine Macht einzuspringen und das entstandene Vakuum&#13;
&#13;
- 1 -&#13;
&#13;
�Vakuum auszufüllen vermochte.&#13;
Die Amerikaner entschieden sich, einzuspringen und diesen Ländern&#13;
zu helfen. Neben Süd-Vietnam und - in bescheidenerem Ausmaß - Laos und&#13;
Kambodscha erhielt auch Thailand wesentliche Hilfe. Damit war eine Entscheidung gefallen, die unsere Politik in Südostasien nunmehr schon ein&#13;
Jahrzehnt lang bestimmt, eine Entscheidung aber, die nicht den Aufbau&#13;
einer amerikanischen Position der Stärke oder amerikanischer militärischer Stützpunkte in Südostasien zum Ziele hatte.&#13;
Es war vielmehr eine Zusicherung, alles zu tun, was in unseren&#13;
Kräften steht, um jenen Völkern bei der Erlangung der Unabhängigkeit&#13;
und Sicherheit zu helfen, auf die sie ein Recht&#13;
&#13;
haben - sowohl um&#13;
&#13;
ihrer selbst willen als auch weil wir erkannt hatten, daß Südostasien&#13;
genau wie Südkorea ein Schlüsselgebiet auf dem asiatischen Kontinent&#13;
ist. Geriete dieses Gebiet unter kommunistische Kontrolle, würde dies&#13;
Gewicht und Macht des expansionistischen kommunistischen Regimes sowohl in China als auch in Nord-Vietnam gewaltig vergrößern und damit&#13;
die Bedrohung der Position der freien Welt im Pazifik verschärfen.&#13;
Asien sieht sich zwei zentralen Problemkreisen gegenüber: der Bedrohung durch kommunistische Staaten, deren Ziel Herrschaft und Sklaverei heißt, und ungeheuren wirtschaftlichen und politischen Aufgaben.&#13;
Um mit diesen Zentralproblemen fertig zu werden, bedürfen die&#13;
freien Völker dieses Gebiets der Hilfe der Vereinigten Staaten und&#13;
ihrer wichtigsten Verbündeten. Die freien Nationen Asiens vermögen&#13;
diese Aufgabe nicht allein zu bewältigen. Wir können sie zwar nicht&#13;
für sie lösen, haben aber die materiellen Hilfsquellen und die militärische Macht, um entscheidend zu ihrer Lösung beizutragen.&#13;
Ein Sieg der Kommunisten in Süd-Vietnam würde die Nachbarstaaten&#13;
zwangsläufig anfälliger gegen kommunistischen Druck und verwundbarer&#13;
gegenüber der verstärkten und durch militärischen Druck unterstützten&#13;
Subversion machen.&#13;
Doch zurück zu Vietnam im Jahre 1954, um den Gang der Ereignisse&#13;
bis in die Gegenwart darzustellen.&#13;
In den Jahren von 1954 bis 1959 waren große Fortschritte zu verzeichnen. Das Nationalbewußtsein des neugebildeten Landes begann sich&#13;
&#13;
- 2 -&#13;
&#13;
�sich zu regen. Es zeigte sich sehr rasch, und daran hat sich bis heute&#13;
nichts geändert, daß die große Masse der Bevölkerung Süd-Vietnams nicht&#13;
von den Kommunisten oder von Hanoi aus beherrscht werden möchte.&#13;
Im sozialen und wirtschaftlichen Bereich wurden die Erziehungseinrichtungen wesentlich ausgebaut und größere Bodenreformen durchgeführt.&#13;
Die Wirtschaft wuchs in raschem Tempo und übertraf das, was der Norden&#13;
unter dem kommunistischen Joch zustande gebracht hatte, bei weitem.&#13;
Dann - man kann in etwa 1959 als Ausgangspunkt setzen - machte&#13;
sich Hanoi auf den Marsch. Da die Rechnung weder in Süd-Vietnam noch&#13;
in Laos aufgegangen war, begann Hanoi gut ausgebildete Guerilla-Kämpfer&#13;
nach dem Süden zu entsenden und die Kader zu verstärken, die den kommunistischen Pathet-Lao-Truppen in Laos helfen sollten.&#13;
Die aus dem Norden zu Tausenden eingeschleusten voll ausgebildeten&#13;
Soldaten nebst Ausrüstung und Munition bildeten von Anfang an das Rückgrat der aufrührerischen Vietcong. Die ganze Zeit über war dies seitens&#13;
der Kommunisten eine subversive Aggression in eindeutiger Verletzung&#13;
sowohl der Genfer Übereinkünfte als auch der allgemeinen internationalen&#13;
Grundsätze und Gepflogenheiten.&#13;
Das wahre Wesen dieser Auseinandersetzung wurde von Hanoi sogar&#13;
selbst zu wiederholten Malen öffentlich dargelegt, angefangen mit einer&#13;
kommunistischen Parteitagung in Nord-Vietnam im Jahre 1960, auf der die&#13;
Politik der "Befreiung" des Südens - wie man sich ausdrückte - verkündet&#13;
wurde.&#13;
Bis Anfang 1961 war Süd-Vietnam sichtlich in eine schwierige Lage&#13;
geraten. Präsident Johnson, damals Vizepräsident, besuchte das Land im&#13;
Frühjahr. Wir verstärkten unsere Materiallieferungen und versuchten,&#13;
das Schwergewicht unserer Ausbildungsarbeit mehr und mehr auf die GuerillaFront zu verlagern. Dann, im Herbst 1961, erschütterte eine Serie von Anschlägen auf Männer in Schlüsselstellungen und Überfällen auf staatliche&#13;
Einrichtungen die Moral der Südvietnamesen.&#13;
Präsident Kennedy entsprach dem Ersuchen der südvietnamesischen&#13;
Regierung, den vietnamesischen Einheiten amerikanische Militärberater&#13;
zuzuteilen, Hubschrauber und Transportflugzeuge zu stellen, die Kampfausbildung der Flieger zu organisieren, Nachrichtenmittel zu liefern und&#13;
&#13;
- 3 -&#13;
&#13;
�und - von der Entsendung von Kampftruppen abgesehen - jede mögliche&#13;
Hilfe zu leisten.&#13;
Die wirtschaftliche Front war von gleicher Wichtigkeit. Eine&#13;
größere Gruppe äußerst hingabebereiter amerikanischer Zivilisten kam&#13;
nach Süd-Vietnam. Sie verteilten sich auf die gefährdeten Landgebiete,&#13;
unbewaffnet und oftmals auch ohne schützende Eskorte, um bei der Schaffung befestigter Dorfsiedlungen zu helfen, die bald zu einem Hauptelement der dort angewandten Strategie wurden und es noch heute sind. Sie&#13;
bauten Schulen, gruben Quellen und brachten Düngemittel, Schweine und&#13;
andere nützliche Dinge in die Dörfer, die für die Menschen dort viel&#13;
bedeuteten und die Sorge der Regierung für das Volk demonstrierten.&#13;
Die derzeitigen Führer ringen mit einer anhaltenden Sicherheitskrise im Inneren; sie wurde durch die Aggression der Vietcong ausgelöst, die die kommunistische Kontrolle allmählich auf weitere Landgebiete&#13;
ausdehnten und die Guerilla- und Terroristentätigkeit immer mehr verschärften.&#13;
Eine Bereinigung der politischen Lage ist Grundvoraussetzung für&#13;
eine Wende in diesem Krieg und die Wiederherstellung eines unabhängigen&#13;
und sicheren Süd-Vietnam. Diese Aufgabe ist im wesentlichen vom vietnamesischen Volk unter einer Regierung zu bewältigen, die die divergierenden politischen Interessengruppen zusammenfaßt und sich entschlossen an die Spitze des Kampfes gegen die Vietcong stellt.&#13;
Die Vereinigten Staaten müssen ihre Anstrengungen in jenem Gebiet&#13;
beharrlich fortsetzen, mit Geduld und nicht mit Gereiztheit, mit kühlem&#13;
Verstand und nicht mit Unbesonnenheit. Wir müssen an dieser Aufgabe&#13;
weiterarbeiten und alles tun, was wir können und so gut wir es können.&#13;
Präsident Johnson hat erklärt:&#13;
"Unser Ziel ist der Friede in Südostasien. Dieser Friede wird aber&#13;
nur zustande kommen, wenn die Aggressoren ihre Nachbarn in Frieden lassen. Was hier auf dem Spiele steht, ist die Sache der Freiheit. Und wo&#13;
es um diese Sache geht, werden wir nie beiseite stehen."&#13;
&#13;
+++++&#13;
&#13;
- 4-&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
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&#13;
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&#13;
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&#13;
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&#13;
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&#13;
Telex:&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
SIE AMERIKANISCHE ATLANTIKPOLITIK&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer&#13;
Ansprache, die der amerikanische Außenminister, Dean Rusk, am 6. März 19&amp;5&#13;
vor dem Weltpolitischen Rat in Cleveland (Ohio) gehalten hat.&#13;
&#13;
I. Einführung&#13;
&#13;
Winston Churchill hat den zweiten Weltkrieg einmal den "unnötigen Krieg" genannt.&#13;
Zu Recht. Er hätte sich vermeiden lassen, wenn man ernsthaft&#13;
nach Lösungen für die großen Probleme der Abrüstung, der Reparationen und der Handels- und Währungspolitik gesucht hätte, vor die&#13;
sich der Westen in den zwanziger Jahren und zu Anfang der dreißiger&#13;
Jahre dieses Jahrhunderts gestellt sah. Das Versäumnis, diese Probleme zu lösen, führte zu dem Zusammenbruch der Ordnung im Nachkriegseuropa. Angesichts dieses Zusammenbruchs konnte Hitler die&#13;
Macht an sich reißen und sie rücksichtslos für seine aggressiven&#13;
Ziele einsetzen. Die übrigen Nationen Europas und des atlantischen&#13;
Raumes hingegen erkannten die Bedrohung nur langsam und begegneten&#13;
ihr zu spät.&#13;
Die im Gefolge des ersten Weltkrieges aufgetretenen großen&#13;
Probleme blieben ungelöst, weil der Westen sie auf der Basis des&#13;
- 1 -&#13;
&#13;
I&#13;
&#13;
�des überkommenen Nationalismus anging. Dieser Nationalismus nahm&#13;
in den Vereinigten Staaten die Form einer Rückkehr zum Isolationismus an; in Europa spiegelte er sich im Wiederaufleben der traditionellen Rivalitäten der Nationalstaaten untereinander wider.&#13;
Angesichts dieser Verknüpfung von amerikanischem Isolationismus&#13;
und europäischer Rivalität erwies sich keines der großen Nachkriegsprobleme als lösbar.&#13;
Nach dem zweiten Weltkrieg entschlossen sich die atlantischen&#13;
Staaten, eine Wiederholung dieses Irrtums zu vermeiden. Sie erklärten, gemeinsame Probleme sollten künftig in gemeinschaftlichem&#13;
Handeln in Angriff genommen werden. Zu diesem Zweck strebten sie&#13;
die wachsende Integration der europäischen Staaten und eine enge&#13;
Verbindung dieser Staaten mit Kanada und den Vereinigten Staaten&#13;
an. Diese Politik hat sich bewährt.&#13;
Zwischen Europa und den Vereinigten Staaten wurden enge Bande&#13;
im Nordatlantikpakt (NATO) und in der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hergestellt. Der äußeren Bedrohung der freien Nationen des nordatlantischen Raumes&#13;
wurde Einhalt geboten, der Frieden blieb gewahrt, und das wirtschaftliche Wachstum wurde mit ungeahntem Erfolg gefördert.&#13;
Es wurden energische Schritte zur wirtschaftlichen Integration&#13;
Europas unternommen. Die Lebenskraft der verschiedenen europäischen&#13;
Gemeinschaften gehört heute zu den hoffnungsvollsten Aspekten der&#13;
Lage in Europa und trug entscheidend zur gegenwärtigen Blüte Westeuropas bei.&#13;
Gerade diese Erfolge ließen zu beiden Seiten des Atlantik&#13;
die Frage aufkommen, ob die Fortführung dieser Politik, die sie&#13;
herbeigeführt hat, weiterhin erforderlich sei. Da die Probleme der&#13;
unmittelbaren Nachkriegszeit gelöst sind, könnten die Vereinigten&#13;
Staaten nun nicht, so lautet die Frage, ihr Engagement in Europa&#13;
verringern, während die europäischen Staaten in aller Ruhe zu dem&#13;
Vorkriegsmodell des nationalstaatlichen Handelns zurückkehren?&#13;
Die&#13;
&#13;
- 2 -&#13;
&#13;
�Die Antwort wird von den neuen und dringenden Problemen&#13;
erteilt, denen wir uns infolge des Wandels zweier Jahrzehnte gegenübersehen, im Bereich der Handels- und Währungspolitik, der Hilfe&#13;
an die jungen Nationen, der Mitbeteiligung an der Verantwortung&#13;
für Nuklearwaffen innerhalb des Bündnisses, der Aufrechterhaltung&#13;
einer wirksamen und flexiblen atlantischen Verteidigung, der Ermutigung einer konstruktiven Evolution in der kommunistischen Welt&#13;
und des Strebens nach einer Lösung der wichtigsten Ost-West-Pragen.&#13;
Keines dieser Probleme wird sich mit nationalstaatlichen&#13;
Methoden lösen lassen, und kein Land hat für sich allein die Fähigkeit, sie zu lösen. Auch das freie Europa vermag sie allein nicht&#13;
zu lösen, bedarf es hierzu doch der Hilfsquellen und Energien der&#13;
gesamten atlantischen Welt.&#13;
Sollten diese Fragen ungelöst bleiben - sollten die Entwicklungsländer nicht die erforderlichen Fortschritte erzielen, sollte&#13;
es zu einer Ausweitung des Kernwaffenbesitzes kommen, sollte sich&#13;
das militärische Gleichgewicht in Europa nicht aufrechterhalten&#13;
lassen, sollten keine Fortschritte in der Frage der deutschen Einheit und in anderen Ost-West-Fragen möglich sein - dann mag es&#13;
sehr wohl geschehen, daß künftige Generationen abermals vom Zusammenbruch einer Nachkriegsordnung und einem anschließenden weiteren&#13;
"unnötigen Krieg" sprechen werden.&#13;
Aus diesem Grunde bleibt die Politik, der sich die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Freunde vor zwanzig Jahren verschrieben haben, als zentrale gebieterische Forderung weiterhin bestehen.&#13;
II. Neue Erfordernisse&#13;
Nach der Anspannung unserer Kräfte im Kriege und während der&#13;
unmittelbaren Nachkriegsperiode scheint es nur natürlich, daß wir&#13;
versucht sind, die Notwendigkeit dieser Anstrengung in Frage zu&#13;
stellen, unsere Ruder einzuziehen und zur "Normalität" zurückzukehren. Das ist ein verständliches menschliches Bestreben. Aber die&#13;
&#13;
- 3 -&#13;
&#13;
�die Strafe, die wir alle dafür zahlen mußten, daß wir diesem&#13;
Drang in den zwanziger und dreißiger Jahren nachgaben, ist uns&#13;
eine schreckliche Mahnung, dieses Mal den Kurs zu halten.&#13;
Den Kurs halten, das bedeutet aber nicht einfach, daß wir&#13;
das Programm der beiden vergangenen Jahrzehnte lediglich fortsetzen. Neue Fragen erfordern neue Maßnahmen - neue und auf langfristige Zielsetzungen abgestimmte Maßnahmen.&#13;
Präsident Johnson hat diese Ziele in einer Rede im vergangenen Dezember vor der Georgetown University genannt: Die europäische&#13;
Einheit, enge atlantische Bande und in den Angelegenheiten des&#13;
Westens die gleichberechtigte Partnerschaft für Deutschland. Zu&#13;
diesem Zweck rief er die beteiligten Nationen zu vereintem Handeln im "ganzen Bereich der gemeinsamen und das Grundgefüge unserer Allianz umfassenden Interessen" auf.&#13;
Heute möchte ich Ihnen von unseren bisherigen Fortschritten&#13;
berichten, also Ihnen aufzeigen, wie weit einige dieser gemeinsamen&#13;
Unternehmen gediehen sind und was wir fernerhin zu verwirklichen&#13;
hoffen.&#13;
&#13;
III. Handels- und Währungspolitik&#13;
Im Rahmen der Kennedy-Runde verhandeln wir mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und anderen Nationen über umfangreiche&#13;
generelle Zollsenkungen. Diese Zollverhandlungen bilden einen wichtigen Teil des Prozesses, die Handel treibende Welt, besonders aber&#13;
die Nationen des atlantischen Raumes auf der Grundlage ihrer respektiven wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit noch enger zusammenzuschließen» Es handelt sich dabei um einen unerläßlichen Schritt&#13;
in Richtung auf den Aufbau einer reicheren Welt.&#13;
Zusammen mit anderen interessierten Nationen beraten wir gegenwärtig darüber, wie sich das internationale Währungssystem zum&#13;
Instrument einer nachhaltigen Expansion des Welthandels machen&#13;
&#13;
- 4-&#13;
&#13;
�machen läßt - eine Aufgabe, die unter dem Blickwinkel unserer&#13;
Bemühungen um die Beseitigung unseres eigenen Zahlungsbilanzdefizits besondere Dringlichkeit gewinnt. Dieses Defizit wiederum&#13;
war der Preis für die Finanzierung des Wachstums des Handels&#13;
und die gesteigerte Investitionstätigkeit während der gesamten&#13;
Nachkriegsperiode.&#13;
Wir begrüßen den jüngsten von den Direktoren des Internationalen Währungsfonds unterbreiteten Beschluß, der eine Erhöhung&#13;
der Einlagequoten um rund 5 Milliarden Dollar möglich machen&#13;
soll. Darüber hinaus sind aber noch weitere Maßnahmen zur Sicherung einer angemessenen internationalen Liquidität erforderlich.&#13;
Wir müssen zu einem System kommen, das hinsichtlich seiner Konzeption und auch seiner Punktionsweise expansiv ist. Wir können&#13;
uns eine Rückkehr&#13;
&#13;
zu der vor dem Kriege bestehenden Regelung&#13;
&#13;
nicht erlauben, die zur periodischen Wiederkehr von Depression&#13;
und Bankrott führte. Es ist dies nicht lediglich ein wirtschaftliches Problem, sondern eine Frage von großer politischer und&#13;
sozialer Bedeutung. Wir müssen sicherstellen, daß das Problem&#13;
unter diesem erweiterten Aspekt behandelt wird.&#13;
&#13;
IV. Entwicklungshilfe&#13;
&#13;
Die atlantische Partnerschaft ist jedoch nicht ein Klub der&#13;
Reichen, nur darum bemüht, seine Mitglieder noch reicher zu&#13;
machen.&#13;
Eines ihrer Hauptziele sollte es sein, den Entwicklungsländern zu jenem Fortschritt zu verhelfen, den sie erreichen müssen,&#13;
wenn sie sich in unserer Welt der Wirren und des Wandels behaupten&#13;
wollen. Der Entwicklungshilfe-Ausschuß der OECD bietet sich als&#13;
geeignetes Forum für eine Koordinierung der Hilfsprogramme der atlantischen Nationen und anderer wichtiger Geberländer. Im Anschluß&#13;
an die vorjährige Welthandelskonferenz der Vereinten Nationen&#13;
haben die Entwicklungsländer ihrerseits die Notwendigkeit unterstrichen, daß sich die Industrieländer zur Steigerung der Export-&#13;
&#13;
- 5-&#13;
&#13;
�Exporteinnahmen der Entwicklungsgebiete auf ein gemeinsames&#13;
Vorgehen einigen. Die Mitglieder der OECD überlegen zur Zeit,&#13;
wie sie diese Forderung am besten erfüllen können.&#13;
Solche gemeinsamen Bemühungen zustande zu bringen - diese&#13;
Partnerschaft für den Portschritt zwischen den Industrie- und&#13;
Entwicklungsländern zu schmieden - ist eine der größten Aufgaben&#13;
unseres Jahrzehnts.&#13;
Die Allianz für den Port schritt ist das Instrument solcher&#13;
gemeinsamen Bemühungen Nord- und Südamerikas. Wir hoffen, daß&#13;
auch andere atlantische Länder in der Allianz für den Portschritt&#13;
eine immer größere Rolle spielen werden. Sollten sich die Länder&#13;
Europas an ihr beteiligen wollen, möglicherweise in kollektiver&#13;
Form, könnten sie hier gewiß&#13;
&#13;
einen großen und konstruktiven&#13;
&#13;
Beitrag leisten.&#13;
Je mehr sich die afrikanischen Länder zu leistungsfähigen&#13;
Regionalverbänden zusammenschließen, um so mehr Möglichkeiten&#13;
einer fruchtbaren Zusammenarbeit werden sich dort, wie wir hoffen,&#13;
für die atlantischen Nationen ergeben.&#13;
Ebenso sind wir in Asien zu einer Beteiligung an strenger&#13;
koordinierten gemeinsamen Unternehmungen auf regionaler Basis bereit. Regionale. Unternehmungen dieser Art könnten in Südostasien&#13;
besondere Bedeutung gewinnen, sobald der Friede dort unter Bedingungen wiederhergestellt ist, die die Unabhängigkeit der Länder&#13;
dieses Bereiches gewährleisten.&#13;
Die Beiträge der anderen atlantischen Nationen zur wirtschaftlichen Entwicklung werden sich, so hoffen wir, in all diesen Gebieten weiter erhöhen und sich in zunehmendem Maße mit den unseren in gemeinsamen Vorhaben verknüpfen lassen. Deshalb ist es für&#13;
die Geberländer, die hier die HauptVerantwortung tragen, vielleicht&#13;
an der Zeit, sich erneut mit der Frage auseinanderzusetzen, auf&#13;
welche Weise sie ihrendiesbezüglichen gemeinsamen Pflichten am&#13;
besten nachkommen können.&#13;
V.&#13;
&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�V. Nukleare Partnerschaft&#13;
&#13;
Allein das Vorhandensein von Kernwaffen widerlegt schon&#13;
die Vorstellung, nationale Selbstgenügsamkeit sei möglich. Jede&#13;
Erhöhung der Zahl der Länder, die Atomwaffen besitzen und sie&#13;
zum Einsatz bringen können, ist geeignet, sowohl den Frieden als&#13;
auch die westliche Einheit zu bedrohen.&#13;
Diese Gefahr läßt sich nicht einfach durch den Vorschlag&#13;
bannen, alle diese Waffen sollten den Vereinigten Staaten und der&#13;
Sowjetunion vorbehalten bleiben. Andere Länder - stolz und fähig wollen die Verantwortung für ihre nukleare Verteidigung mit tragen.&#13;
Uns kommt die Aufgabe zu, Vereinbarungen zu treffen, die&#13;
ihnen die Ausübung dieser Verantwortung im Rahmen gemeinsamer statt&#13;
nationaler Programme eimöglichen.&#13;
Zur Bewältigung dieser Aufgabe reichen die bisher üblichen&#13;
Verfahrensweisen nicht aus. Wir müssen Strukturen schaffen, die&#13;
ebenso neuartig sind wie die Forderungen, denen sie gerecht werden&#13;
sollen.&#13;
Deshalb hat die Regierung der USA in der Nachkriegszeit unter&#13;
drei Präsidenten das Angebot aufrechterhalten, gemeinsam mit anderen interessierten NATO-Staaten eine Raketenflotte zu schaffen,&#13;
die dazu beitragen würde, den Bedarf der NATO an Mittelstreckenraketen als Gegengewicht gegen Hunderte auf Europa gerichtete&#13;
Sowjetraketen zu decken.&#13;
Die britische Regierung hat eine Erweiterung dieses Konzepts&#13;
im Sinne einer atlantischen Atomstreitmacht (ANF) vorgeschlagen,&#13;
die Polaris-Unterseeboote und V-Bomber mit einschließen würde.&#13;
Präsident Johnson und Premierminister Wilson erörterten im Dezember vergangenen Jahres während des Besuches des Premiers in Washington die Schaffung einer gemeinsamen Atomstreitmacht.&#13;
Seither&#13;
&#13;
�Seither haben sich mehrere Regierungen gründlich mit den&#13;
Einzelheiten dieser Vorschläge auseinandergesetzt, und die Erörterungen werden auch im Rahmen des unmittelbar bevorstehenden&#13;
Besuches Premierminister Wilsons in Bonn fortgesetzt werden.&#13;
Wir stehen in engem Kontakt mit den Partnern dieser Gespräche.&#13;
Unsere eigene Position wurde von Präsident Johnson klar umrissen, als er vor kurzem erklärte: "Wir halten es für äußerst&#13;
wichtig, im Rahmen des Bündnisses&#13;
&#13;
Vereinbarungen zu treffen, die&#13;
&#13;
den nichtnuklearen Mitgliedern Gelegenheit bieten, sich an ihrer&#13;
eigenen Verteidigung zu beteiligen, und zugleich die Ausbreitung&#13;
nationaler Kernwaffensysteme vermeiden. Wir haben die feste Hoffnung, in diesen Gesprächen Fortschritte zu erzielen, die uns&#13;
fruchtbare mehrseitige Erörterungen ermöglichen werden."&#13;
&#13;
VI. NATO-Verteidigung&#13;
&#13;
Den Hintergrund des Problems der nuklearen Beteiligung bildet&#13;
der umfassendere Problemkreis NATO-Verteidigung.&#13;
Mit unseren NATO-Verbündeten erörtern wir die Frage, wie diese&#13;
Verteidigung auf die wechselnden Formen der Bedrohung abgestimmt&#13;
werden kann. Die NATO muß nicht nur einem vorsätzlichen Großangriff&#13;
gewachsen sein, sondern auch mit kleineren, unbeabsichtigten Zusammenstößen fertig werden können. Dies erfordert eine flexible&#13;
Haltung, die zu Gegenschlägen in jeder angemessenen Form und in&#13;
jedem notwendigen Maße befähigt. Der Aufbau einer mobilen Streitmacht alliierter Boden- und Lufteinheiten aus mehreren NATO-Nationen ist ein Anfang und könnte den Weg zu weiteren Fortschritten&#13;
ebnen.&#13;
Wir sind auch zur Erörterung der Frage bereit, wie sich die&#13;
Nordatlantikpakt-Organisation den wechselnden Verhältnissen im&#13;
Westen, vor allem der wachsenden Stärke unserer europäischen Verbündeten anpassen läßt. Sollten die Länder Europas, möglicherweise als&#13;
kollektive Einheit, einen größeren Anteil an den NATO-Verteidigungslasten und -pflichten übernehmen wollen, werden wir uns aufgeschlossen zeigen.&#13;
&#13;
Bei&#13;
- 8 -&#13;
&#13;
I&#13;
&#13;
�Bei einer Anpassung der NATO an die gewandelten Verhältnisse&#13;
sollten wir aber die Grundprinzipien im Auge behalten, die ihr&#13;
zugrunde liegen: daß nämlich ein gemeinsames Vorgehen den Schlüssel zum Erfolg bei jeder Lösung gemeinsamer Probleme darstellt.&#13;
Dieses Prinzip wird von der großen Mehrheit der Bündnispartner gebilligt. Wollten wir angesichts der neuen Erfordernisse&#13;
von ihm abgehen, dann würde dies nicht nur unsere Verteidigung beeinträchtigen, sondern auch jenen spalterischen nationalistischen&#13;
Kräften Vorschub leisten, die die atlantische Welt vor dem zweiten&#13;
Weltkrieg entzweit haben.&#13;
&#13;
VII. Ost-West-Beziehungen&#13;
&#13;
Wir sind im Verein mit unseren Verbündeten dabei, eine gemeinsame Linie für das Vorgehen gegenüber der Sowjetunion und den Völkern Osteuropas zu erarbeiten. Unser Ziel ist es, das Gebäude des&#13;
Friedens zu festigen.&#13;
Die erzwungene Teilung Deutschlands steht einem dauerhaften&#13;
Frieden im Wege. Vir erstreben eine gemeinsame atlantische Politik&#13;
zur Unterstützung des Rechts des deutschen Volkes auf Selbstbestimmung in Frieden.&#13;
Wir und unsere europäischen Verbündeten suchen engere Kontakte&#13;
zu den Völkern Osteuropas und zur Sowjetunion, nicht mit dem Ziel&#13;
der Festigung des Status quo, sondern um eine dauerhafte Regelung&#13;
in Mitteleuropa zu erreichen. Die Vereinigten Staaten erörtern&#13;
laufend mit Großbritannien, Frankreich und Deutschland alle Mittel&#13;
und Wege, die zur Erreichung dieses Ziels geeignet erscheinen, sowohl im Interesse der europäischen Sicherheit als auch um der Erfüllung legitimer Hoffnungen des deutschen Volkes auf die Gestaltung&#13;
seines eigenen Schicksals willen.&#13;
&#13;
VIII.&#13;
&#13;
- 9-&#13;
&#13;
�VIII. Politische Konsultation&#13;
&#13;
In all diesen Fragen ist die politische Konsultation das&#13;
Mittel, um unter den atlantischen Nationen zu gemeinsamen Aktionen zu kommen.&#13;
Im Januar befaßte sich der NATO-Rat mit Afrika im Rahmen&#13;
einer Tagung, an der hohe Beamte aus mehreren NATO-Ländern teilnahmen; in dieser Woche war Südostasien Gegenstand einer ähnlichen&#13;
Tagung. Derartige Konsultationen tragen zu einer Klärung der Meinungen über wichtige Probleme bei, die sowohl innerhalb als auch&#13;
außerhalb des Vertragsbereichs liegen.&#13;
Auch die Jahrestagungen der NATO-Parlamentarier haben zu einem besseren Verständnis der Probleme und Möglichkeiten der nordatlantischen Allianz beigetragen. Wir unterstützen die Vorschläge&#13;
für eine Atlantische Versammlung, die von den NATO-Parlamentariern&#13;
auf ihrer letzten Tagung gebilligt worden sind.&#13;
&#13;
IX. Schlußfolgerungen&#13;
&#13;
Keine der von mir beschriebenen Unternehmungen wird sich&#13;
über Nacht verwirklichen lassen.&#13;
Ausdauer wird die Losung des Tages sein müssen, und zwar auf&#13;
beiden Seiten des Atlantik. Die Vereinigten Staaten haben seit&#13;
zwanzig Jahren bei der Verfolgung jener drei Ziele, von denen Präsident Johnson sprach, Ausdauer bewiesen.&#13;
Seit 1950 unterstützen wir bereits die Bemühungen um die europäische Einigung. Wir fördern sie auch jetzt, und wir sind zuversichtlich, daß die kommenden Jahrzehnte noch größere Fortschritte&#13;
bringen werden. Die kollektive Beteiligung Europas an gemeinsamen&#13;
atlantischen Unternehmungen -&#13;
&#13;
auf wirtschaftlichem, politischem&#13;
&#13;
und nuklearem Gebiet - kann den Verlauf dieser Entwicklung noch beschleunigen. Die erst diese Vif0che von den sechs Mitgliedstaaten in&#13;
&#13;
- 10 -&#13;
&#13;
�in Brüssel getroffene Entscheidung, die Exekutivfunktionen der&#13;
drei europäischen Gemeinschaften auf eine einzige Europäische&#13;
Kommission zu übertragen, stellt einen weiteren wichtigen Meilenstein auf dem Wege zur europäischen Integration dar. Wir hoffen&#13;
auf eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten&#13;
Staaten und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, wenn die&#13;
Kommission die auf dem Wege zur europäischen Einheit auf sie zukommende vermehrte Verantwortung übernimmt.&#13;
Die Streitkräfte, die wir in Europa unterhalten, sind der&#13;
beste Beweis für die Bedeutung, die wir den engen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und einem geeinten Europa auf dem&#13;
Gebiet der Verteidigung beimessen und auch in Zukunft beimessen&#13;
werden. Sie zeugen ferner von unserer unumstößlichen Überzeugung,&#13;
daß die Verteidigung der nordatlantischen Gemeinschaft unteilbar&#13;
ist. Jene Truppen werden so lange in Europa bleiben, wie sie dort&#13;
benötigt und gewünscht werden.&#13;
Aber Anstrengungen allein seitens der Vereinigten Staaten&#13;
reichen nicht aus. Die Verantwortung und die Lasten müssen von allen&#13;
Partnern entsprechend ihren Fähigkeiten gemeinsam getragen werden.&#13;
Die Kriegsgefahr hat sich noch nicht verflüchtigt. Unsere Welt&#13;
wird so lange eine gefährdete Welt bleiben, bis jeder Aggressor erfahren hat, daß sich Aggression oder Gewaltandrohung nicht auszahlt&#13;
- und bis die Waffen, insbesondere die Superwaffen, einer zuverlässigen Kontrolle unterworfen sind. Für die Hitglieder der NATO würden ein Nachlassen in ihren Anstrengungen, eine einseitige Verminderung ihrer Verteidigungsbereitschaft und ein Sichtreibenlassen&#13;
nur neue Bedrohungen ihrer gemeinsamen Sicherheit heraufbeschwören.&#13;
-Außerdem können Europa und die atlantische Gemeinschaft ihre&#13;
Sicherheit nicht wahren, wenn sie lediglich in Europa eine feste&#13;
Verteidigungslinie halten. Ihre gemeinsame Sicherheit wird nämlich&#13;
auch davon berührt, was in Afrika, im Mittleren Osten, in Lateinamerika, Südostasien und im westlichen Pazifik passiert. Sie haben&#13;
ein lebenswichtiges gemeinsames Interesse an der Niederschlagung&#13;
&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�Niederschlagung der Aggression in Südostasien. Sie haben ferner&#13;
mit den freien Menschen in den Entwicklungsländern ein gemeinsames&#13;
Interesse an der Beendigung der Aggression in Gestalt der Einschleusung von Waffen und ausgebildeten Soldaten über Landesgrenzen hinweg.&#13;
Die nordatlantischen Länder sollten diese lebenswichtigen&#13;
gemeinsamen Interessen erkennen und zu ihnen stehen. Vor allem&#13;
aber sollten sie nichts tun, um die Aggressoren in ihrer Ansicht&#13;
zu bestärken, wir würden es dulden, daß ihre Aggression zu Lande&#13;
Erfolg hat oder am Konferenztisch in einen Erfolg umgemünzt wird.&#13;
Durch ein Verharren wird das nordatlantische Bündnis in einer&#13;
sich ändernden Welt keine&#13;
&#13;
Fortschritte erzielen können. Es muß&#13;
&#13;
sich den Erfordernissen anpassen. Die gemeinsamen Bemühungen, die&#13;
ich bereits vorher erläuterte, gehören zu den Mitteln zum Zweck.&#13;
Die Vereinigten Staaten müssen einem in Stärke und Vertrauen&#13;
reaktivierten Europa eine größere Rolle bei den gemeinsamen Entscheidungen über diese Bemühungen zubilligen. Die europäischen&#13;
Länder haben hoffentlich selbst den Wunsch, vermehrte und ihrer&#13;
wachsenden Macht angemessene Anstrengungen zu unternehmen. Die&#13;
schwerwiegenden Hindernisse, die dem entgegenstehen, verkennen&#13;
wir durchaus nicht. Aber die atlantische Gemeinschaft kann ihren&#13;
Zusammenhalt nicht wahren und ihren Verteidigungserfordernissen&#13;
nicht voll entsprechen, solange sie nicht erhöhte Anstrengungen&#13;
unternimmt, die sich ändernden Probleme auf einer sich verändernden V/eltbühne zu meistern.&#13;
Wenn wir nun unser Denken und unsere Einstellung auf die&#13;
neuen Gegebenheiten ausrichten, werden sich unweigerlich Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Ländern ergeben. Das war&#13;
in der Vergangenheit der Fall, als die Gefahren noch unmittelbarer&#13;
waren, und trifft auch für die Gegenwart zu. Fortschritte werden&#13;
nicht durch Kapitulation vor den Schwierigkeiten erzielt, sondern&#13;
dadurch, daß man sie meistert.&#13;
In&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
\&#13;
&#13;
�In diesem Geiste packen die atlantischen Nationen die praktischen Fragen an, die jetzt zur Entscheidung drängen. Die Vereinigten Staaten wollen und können den anderen Ländern keine Lösungen&#13;
für diese Probleme vorschreiben. Wir sind aber bereit, unser Teil&#13;
zur gemeinsamen Lösung dieser Fragen uneingeschränkt beizutragen.&#13;
Schritte könnten mithin von allen Ländern unternommen werden,&#13;
die hierzu bereit sind. Wir sollten die weitestgehende Übereinstimmung anstreben. Unsere Beziehungen zu jenen Staaten, die sich nicht&#13;
hierzu entschließen können, bleiben dennoch eng und herzlich. Fortschritte in atlantischen Fragen wurden bisher im allgemeinen in der&#13;
V/eise erreicht, daß man die Dinge gemeinsam mit jenen anpackte, die&#13;
bereit waren, zu handeln und dabei die Rechte und Interessen der&#13;
anderen voll und ganz zu achten.&#13;
Wenn wir also die 'erforderlichen Schritte tun, werden wir auf&#13;
die Schaffung von Verhältnissen bedacht sein, in denen freie Gesellschaften fortbestehen und gedeihen können. Die Partnerschaft&#13;
zwischen den Völkern und Staaten Westeuropas und Nordamerikas ist&#13;
unerläßliche Voraussetzung zur Erreichung dieses Ziels. Wir streben&#13;
die Partnerschaft an, nicht um Krieg zu führen, sondern um eine&#13;
dauerhafte Weltordnung zu schaffen, in der wir alle in Frieden leben können. Nur im Eahmen einer solchen Ordnung kann die Große Gesellschaft, die wir in unserem eigenen Lande aufbauen wollen, gedeihen und Bestand haben.&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
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5 3 2 0&#13;
T e l :&#13;
&#13;
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Telex&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
PRÄSIDENT JOHNSON:&#13;
&#13;
»DIE STUNDE DER GERECHTIGKEIT IST GEKOMMEN"&#13;
&#13;
Wortlaut der Ansprache, die der Präsident&#13;
am 15. März 1965 vor beiden Häusern des&#13;
US-Kongresses zur Frage des Wahlrechts&#13;
der Neger gehalten hat&#13;
&#13;
�Herr Senatspräsident, Herr Sprecher des Repräsentantenhauses,&#13;
Mitglieder des Kongresses:&#13;
Ich erhebe heute meine Stimme um der Würde des Menschen und des&#13;
Schicksals der Demokratie willen.&#13;
Ich fordere die Mitglieder beider Parteien, Amerikaner aller&#13;
Glaubensbekenntnisse und jeder Hautfarbe - und aus allen Bereichen&#13;
des Landes - auf, sich um dieser Sache willen um mich zu scharen.&#13;
Es geschieht mitunter, daß Geschichte und Schicksal an einem&#13;
einzigen Zeitpunkt und Ort konvergieren, um eine Wende in der nimmer&#13;
endenden Suche des Menschen nach Freiheit herbeizuführen. So war es&#13;
einst bei Lexington und bei Concord. So war es vor einem Jahrhundert&#13;
in Appomattox, und so war es vergangene Woche in Selma, Alabama.&#13;
Dort protestierten leidgeprüfte Männer und Frauen auf friedliche&#13;
Weise dagegen, daß ihnen ihre Rechte als Amerikaner vorenthalten werden. Viele unter ihnen wurden brutal angegriffen, ein guter Mensch,&#13;
ein Mann Gottes, wurde getötet.&#13;
&#13;
,&#13;
&#13;
Wir haben keinen Grund, auf das stolz zu sein, was in Selma geschah. Die fortgesetzte Verweigerung gleicher Bürgerrechte für Millionen Amerikaner ist alles andere als ein Grund zur Selbstzufriedenheit.&#13;
Wir haben aber Grund zur Hoffnung und zum Glauben an unsere Demokratie, schon dessentwegen, was heute abend hier geschieht: Denn die&#13;
Schmerzensschreie, die Hymnen und die Proteste unterdrückter Menschen&#13;
haben die ganze Majestät der Regierung der größten Nation der Erde&#13;
auf den Plan gerufen. Unsere Mission ist die älteste und grundlegendste&#13;
dieses Landes überhaupt: Unrecht gutzumachen, Gerechtigkeit zu üben und&#13;
den Menschen zu dienen.&#13;
Wir&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
�Wir haben uns daran gewöhnt, in Krisenzeiten zu leben. Unser&#13;
gesamtes Leben ist gekennzeichnet durch die Erörterung wichtigster&#13;
Lebensfragen: Fragen des Krieges oder Friedens, des Wohlstandes&#13;
oder der Depression. Aber selten noch rührte je eine Frage das&#13;
innerste Herz Amerikas so an wie diese. Und selten noch standen&#13;
wir vor einer Herausforderung, bei der es nicht um Wachstum oder&#13;
Überfluß, Wohlstand oder Sicherheit ging, sondern um die Wertbegriffe,&#13;
die Zielsetzungen und den tiefsten Sinn unseres geliebten Landes&#13;
schlechthin. Die Frage gleicher Bürgerrechte für die amerikanischen&#13;
Neger ist eine solche Herausforderung. Sollten wir auch jeden Feind&#13;
schlagen, unseren Reichtum verdoppeln und die Sterne erobern, dabei&#13;
aber diese Frage nicht bewältigen, dann hätten wir doch als Volk und&#13;
Staat versagt.&#13;
Denn es gilt für Länder wie für Menschen: "Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner&#13;
Seele."&#13;
Es gibt kein Negerproblem, und es gibt kein Problem des Südens&#13;
oder des Nordens. Es gibt nur ein amerikanisches Problem. Und wir&#13;
sind hier versammelt als Amerikaner, nicht als Demokraten oder Republikaner, um es zu lösen.&#13;
Unser Staat war der erste Staat in der Geschichte der Erde, der&#13;
mit einem bestimmten Ziel vor Augen geschaffen wurde. Die großartigen&#13;
Formulierungen jener Zielsetzungen finden noch heute im Herzen jedes&#13;
Amerikaners im Norden wie im Süden ihren Widerhall: "Alle Menschen sind&#13;
gleich geschaffen" - "Regierung mit Zustimmung der Regierten" "Freiheit oder Tod". Das sind nicht bloß kluge Worte oder gar leere&#13;
Theorien. In ihrem Namen sind Amerikaner zwei Jahrhunderte lang in den&#13;
Kampf gezogen und gestorben, und in ihrem Namen stehen sie heute in aller Welt als Hüter unserer Freiheit und wagen sie auch heute ihr Leben.&#13;
Jene Worte sind für jeden Bürger* die Verheißung, daß er der Menschenwürde teilhaftig werde. Diese Würde aber ist nicht im Besitz, in&#13;
der Macht oder in der Stellung eines Menschen begründet. Sie beruht in&#13;
Wirklichkeit auf seinem Recht, als Mensch behandelt zu werden, der&#13;
&#13;
�der hinsichtlich seiner Chancen allen anderen gleichgestellt ist.&#13;
Sie besagt, daß auch er die Freiheit genießt, daß er seine Führer&#13;
selbst wählen, seine Kinder erziehen und für seine Familie nach&#13;
seinen Fähigkeiten und Verdiensten als Mensch sorgen kann.&#13;
Ein anderes Kriterium anzuwenden, einem Menschen nur wegen&#13;
seiner Hautfarbe oder seiner Rassenzugehörigkeit, wegen seiner Religion oder seiner Herkunft die Hoffnung zu rauben, hieße nicht nur Unrecht begehen, es hieße auch Amerika verleugnen und die Toten entehren, die ihr Leben für die Freiheit Amerikas gegeben haben.&#13;
Unsere Väter glaubten, daß sich diese erhabene Einstellung zu&#13;
den Menschenrechten nur dann verbreiten werde, wenn sie in einer demokratischen Ordnung verwurzelt sei. Das grundlegendste aller Rechte war&#13;
das Recht, die eigenen Führer selbst zu wählen. Die Geschichte dieses&#13;
Landes ist weitgehend die Geschichte der Ausdehnung jenes Rechts auf&#13;
alle Angehörigen unseres Volkes.&#13;
Viele der Streitfragen im Bereich der Bürgerrechte sind vielschichtig und äußerst schwierig, doch&#13;
&#13;
darüber kann und sollte es kei-&#13;
&#13;
nen Meinungsstreit geben: Jeder amerikanische Bürger muß das gleiche&#13;
Wahlrecht haben. Es gibt nichts, was eine Verweigerung dieses Rechts&#13;
rechtfertigte, und es gibt keine Pflicht, die schwerer auf uns lastet&#13;
als die auf uns gekommene Pflicht, jenes Recht zu gewährleisten.&#13;
Es ist aber eine harte Tatsache, daß Männer und Frauen an vielen&#13;
Orten dieses Landes an der Ausübung ihres Wahlrechts gehindert werden,&#13;
nur weil sie Neger sind. Jedes Mittel, das menschliche Erfindungsgabe&#13;
ersinnen konnte, wurde schon dazu benutzt, dieses Recht einzuschränken.&#13;
Schwarze Bürger finden sich zur Eintragung in die Wählerlisten ein, nur&#13;
um gesagt zu bekommen, es sei nicht der richtige Tag, es sei zu spät&#13;
für heute oder der zuständige Beamte sei gerade abwesend. Wer sich&#13;
nicht abspeisen läßt und dennoch bis zum Registrierungsbeamten vordringt, dem kann es passieren, daß man seinen Antrag ablehnt, nur weil&#13;
er seinen zweiten Vornamen nicht ausgeschrieben hat oder irgendeine&#13;
andere Abkürzung auf dem Antragsformular benutzt hat. Und hat er sein&#13;
Antragsformular richtig ausgefüllt, so muß er sich einem Test unter&#13;
&#13;
- 3-&#13;
&#13;
�unterziehen, und einzig der Registrierungsbeamte entscheidet darüber, ob er diesen Test bestanden hat oder nicht. Man kann von ihm&#13;
verlangen, die Verfassung aufzusagen oder die kniffligsten Bestimmungen der einzelstaatlichen Gesetzgebung zu interpretieren. Selbst das&#13;
Abgangszeugnis eines College reicht nicht als Beweis, daß er lesen&#13;
und schreiben kann, gibt es doch in Wirklichkeit in solchen Fällen&#13;
nur eines, um diese Barriere zu überwinden: ein Weißer zu sein.&#13;
Die Erfahrung hat eindeutig gelehrt, daß die derzeitigen gesetzlichen Möglichkeiten nicht ausreichen, die systematisch und mit größtem Geschick betriebene Diskriminierung zu unterbinden. Kein Gesetz,&#13;
das sich in unseren heutigen Gesetzbüchern findet - und ich habe mitgeholfen, ihnen drei hinzuzufügen - vermag einem Bürger das Wahlrecht&#13;
zu gewährleisten, wenn Kommunalbeamte gesonnen sind, es ihm zu verweigern.&#13;
Angesichts dieser Sachlage müssen wir alle uns über unsere Pflicht&#13;
im klaren sein. Die Verfassung bestimmt, daß keinem Menschen aufgrund&#13;
seiner Rassenzugehörigkeit oder Hautfarbe das Wahlrecht verweigert werden darf. Wir alle haben vor Gott den Eid geschworen, jene Verfassung&#13;
zu schützen und zu verteidigen. Wir müssen nunmehr getreu diesem Eid&#13;
handeln.&#13;
Am Mittwoch werde ich dem Kongreß eine Gesetzesvorlage zuleiten,&#13;
die die ungesetzlichen Hindernisse für die Ausübung des Wahlrechts ausräumen helfen soll. Der Entwurf zu dieser Vorlage wird noch morgen&#13;
in die Hände der führenden Demokraten und Republikaner im Kongreß gelangen. Nachdem sie ihn durchgesehen haben, wird er formell als Vorlage&#13;
hier eingebracht werden. Ich danke Ihnen für die mir mit der Einladung&#13;
durch die führenden Kongreßmitglieder gebotene Gelegenheit, mit meinen&#13;
Freunden zu diskutieren, ihnen meine Ansichten zu unterbreiten und ehemalige Kollegen wiederzusehen. Ich hatte an sich eine noch umfassendere&#13;
Analyse des genannten Gesetzesvorschlags vorbereitet, die ich ursprünglich den Sekretären der beiden Häuser morgen übermitteln wollte, aber&#13;
ihnen nun doch schon heute abend zuleiten werde. Doch lassen Sie mich&#13;
die Hauptvorschläge dieses&#13;
hier kurz darlegen.&#13;
&#13;
Gesetzentwurfs tatsächlich schon heute&#13;
_.&#13;
&#13;
�Das Gesetz wird alle jene einengenden Bestimmungen des Wahlrechts&#13;
in Wahlen des Bundes, der Einzelstaaten und der Gemeinden beseitigen,&#13;
die bisher dazu benutzt worden sind, Negern das Wahlrecht abzusprechen.&#13;
Es wird eine einfache, einheitliche Norm aufstellen, die sich bei noch&#13;
so geschicktem Bemühen nicht dazu verwenden läßt, die Verfassung zynisch&#13;
zu umgehen. Es wird den Bürgern die Möglichkeit geben, sich von Beamten&#13;
der Regierung der Vereinigten Staaten registrieren zu lassen, falls sich&#13;
Beamte der Einzelstaaten weigern sollten, die Einschreibung vorzunehmen.&#13;
Es wird die langwierigen und unnötigen Gerichtsverfahren überflüssig&#13;
machen, die gegenwärtig die Ausübung des Wahlrechts verzögern, und wird&#13;
schließlich sicherstellen, daß ordnungsgemäß in die Wählerlisten eingetragene Bürger nicht mehr länger von der Wahl selbst ausgeschlossen werden.&#13;
Ich begrüße jeden diesbezüglichen Vorschlag seitens der Mitglieder&#13;
des Kongresses und ich bin sicher, daß man mir einige machen wird, um&#13;
dieses Gesetz noch besser und wirksamer zu gestalten. Die Erfahrung hat&#13;
unmißverständlich gezeigt, daß dies der einzige Weg ist, das Gebot der&#13;
Verfassung durchzusetzen.&#13;
Die Antwort aber an jene, die in den Gemeinden versuchen, ein Eingreifen der Bundesregierung zu verhindern und die rein lokale Kontrolle&#13;
über die Wahlen aufrechterhalten wissen wollen, lautet kurz und bündig:&#13;
Öffnet die Wahllokale allen euren Mitbürgern; gestattet Männern und&#13;
Frauen - gleich welcher Hautfarbe -, sich in die Wahllisten einzutragen&#13;
und zu wählen; gewährt allen Bürgern dieses Landes die uneingeschränkten Bürgerrechte.&#13;
Hier geht es nicht um eine Verfassungsfrage, ist das Geheiß der Verfassung doch eindeutig. Hier geht es auch nicht um eine moralische Frage,&#13;
denn es ist unrecht, irgendeinem amerikanischen Mitbürger das Wahlrecht&#13;
in unserem Land zu verweigern. Und es geht erst recht nicht um die Frage&#13;
der Rechte der Einzelstaaten oder des Bundes. Es geht einzig und allein&#13;
um die Frage der Menschenrechte. Ich habe nicht den geringsten Zweifel,&#13;
wie Ihre Antwort lauten wird.&#13;
Die&#13;
&#13;
�Die letzte Bürgerrechtsvorlage, die ein Präsident an den Kongreß&#13;
sandte, enthielt auch eine Bestimmung bezüglich des Wahlrechts in&#13;
Bundeswahlen. Diese Bürgerrechtsvorlage wurde nach langwieriger achtmonatiger Debatte verabschiedet, und bis sie schließlich vom Kongreß&#13;
auf meinen Schreibtisch zur Unterschrift gelangte, hatte man gerade&#13;
jene Bestimmung über das Wahlrecht in ihrem Kern verstümmelt.&#13;
Dieses Mal und in dieser Frage darf es keinen Aufschub, kein Zögern&#13;
und keinen Kompromiß hinsichtlich unserer Zielstrebigkeit geben. Wir&#13;
können und dürfen uns einfach nicht weigern, das Recht aller Amerikaner&#13;
zu schützen, sich an jeder öffentlichen Wahl zu beteiligen, an der sie&#13;
teilzunehmen wünschen. Wir können und sollten nicht noch einmal acht&#13;
Monate auf ein Gesetz warten, haben wir doch bereits hundert Jahre und&#13;
langer gewartet. Die Zeit des Abwartens ist vorbei.&#13;
Ich fordere Sie auf, gemeinsam mit mir Überstunden zu leisten und&#13;
die Nächte und notfalls auch die Wochenenden über zu arbeiten, um dieses Gesetz fertigzustellen. Ich fordere Sie hierzu nicht leichten Herzens auf. Von jenem Fenster aus, an dem ich oft mit den Problemen unseres&#13;
Landes beschäftigt sitze, spüre ich das empörte Gewissen eines Volkes,&#13;
die ernste Sorge vieler Nationen und das harte Urteil der Geschichte über&#13;
unsere Taten, die jenseits der Mauern dieses Raumes stehen. Und selbst&#13;
wenn wir dieses Gesetz verabschiedet haben, wird die Schlacht noch nicht&#13;
vorüber sein, denn was in Selma geschah, ist Teil einer weit umfassenderen Bewegung, die sich auf jedes Gebiet und jeden Staat in Amerika erstreckt: das Streben des amerikanischen Negers, der Segnungen des amerikanischen Lebens voll teilhaftig zu werden. Ihre Sache muß auch unsere&#13;
Sache sein. Denn es sind nicht nur die Neger; wir alle sind es, die das&#13;
paralysierende Erbe der Bigotterie und der Ungerechtigkeit überwinden&#13;
müssen - und wir werden es überwinden.&#13;
Als ein Mensch, der selbst im Boden des Südens verwurzelt ist, weiß&#13;
ich, wie lähmend die Gefühle des Rassenhasses sind und auch, wie schwer&#13;
es ist, die Einstellung des Menschen und die Gesellschaftsstruktur zu&#13;
ändern. Doch über hundert Jahre sind vergangen - mehr als ein ganzes&#13;
Jahrhundert -,seit der Neger befreit wurde - und er ist auch heute noch&#13;
nicht völlig frei.&#13;
Vor&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�Vor über einem Jahrhundert hat Abraham Lincoln, der große Präsident der Nordstaaten, die Emanzipationsproklamation unterzeichnet und doch ist die Emanzipation noch immer lediglich eine Proklamation,&#13;
nicht Wirklichkeit.&#13;
Über hundert Jahre sind vergangen - mehr als ein ganzes Jahrhundert -, seit die Gleichheit verkündet wurde - und der Neger ist noch&#13;
immer nicht gleichgestellt.&#13;
Ein Jahrhundert ist vergangen seit jenem Tag der Verheißung - und&#13;
die Verheißung ist noch immer unerfüllt.&#13;
Ich versichere Ihnen, daß nach meinem festen Glauben die Stunde&#13;
der Gerechtigkeit angebrochen ist, und keine Kraft vermag zu verhindern, daß sie ihren Lauf nimmt. Es ist Rechtens in den Augen der Menschen und vor Gott, daß sie endlich anbricht, und das Leben jedes einzelnen Amerikaners wird dadurch nach meiner Ansicht neuen Olanz gewinnen.&#13;
Denn Neger sind nicht die einzigen Opfer. Wie viele weiße Kinder&#13;
erhalten keine rechte Erziehung, wie viele weiße Familien leben in bitterer Armut, und wie vieler Leben wird von Furcht überschattet, weil wir&#13;
unsere Energie und unsere materiellen Güter dazu benutzten, die Schranken&#13;
des Hasses und des Schreckens aufrechtzuerhalten.&#13;
Deshalb erkläre ich hier vor Ihnen und dem ganzen Volk, daß jene,&#13;
die Sie zum Festhalten an der Vergangenheit bestimmen möchten, von Ihnen&#13;
verlangen, Ihre Zukunft preiszugeben. Dieses große,reiche und nimmermüde&#13;
Land kann allen - Schwarzen und Weißen, Norden und Süden, Bauern und&#13;
Städtern - Aufstiegschancen, Bildung und Hoffnung bieten. Nicht unsere&#13;
Mitmenschen und nicht unsere Nachbarn sind der Feind, sondern Armut,&#13;
Unwissenheit und Krankheit; und auch diese Feinde - Armut, Unwissenheit&#13;
und Krankheit - werden wir überwinden.&#13;
Keiner unter uns, in welcher Region unseres Landes er auch wohnt,&#13;
möge in stolzer Rechtschaffenheit auf die Schwierigkeiten in anderen Regionen oder die Probleme seiner Nachbarn blicken. Die Verheißung der&#13;
Gleichheit wurde in keinem Teil Amerikas voll erfüllt. In Buffalo wie in&#13;
Birmingham und in Philadelphia wie in Selma ringen Amerikaner um die&#13;
Früchte der Freiheit.&#13;
Wir&#13;
&#13;
�Wir sind eine Nation, und was in Selma oder in Cincinnati geschieht,&#13;
erfüllt berechtigtermaßen jeden Amerikaner mit Sorge. Möge jeder von uns&#13;
den Blick auf seine eigene Gemeinde und in sein eigenes Herz richten und&#13;
in die Speichen greifen, um jede Ungerechtigkeit, wo immer sie sich findet, auszumerzen.&#13;
Während wir hier heute abend in diesem friedlichen historischen&#13;
Hause versammelt sind, kämpfen Männer aus dem Süden, von denen einige in&#13;
Iwo Jima dabei waren, Männer aus dem Norden, die die amerikanische Flagge&#13;
in die entlegensten Winkel der Erde getragen und sie unbefleckt wieder&#13;
heimgebracht haben, Männer aus dem Osten und Männer aus dem Westen ohne&#13;
Ansehen ihrer Religion, Hautfarbe oder regionalen Herkunft gemeinsam in&#13;
Vietnam, wie vor 20 Jahren Männer aus allen Teilen des Landes überall in&#13;
der Welt für uns gekämpft haben. Und was diese gemeinsamen Gefahren und&#13;
Opfer angeht, leistete der Süden einen ebenso ehrenvollen und tapferen&#13;
Beitrag wie jeder andere Teil unserer großen Republik, ja, er leistete&#13;
manchmal eher mehr.&#13;
Ich hege nicht den geringsten Zweifel, daß gutgesinnte Menschen aus&#13;
dem ganzen Land - von den Großen Seen bis hinab zum Golf von Mexiko, vom&#13;
Golden Gate bis zu den Atlantikhäfen - sich auch um dieser Sache und der&#13;
Freiheit aller Amerikaner willen zusammenschließen werden. Denn wir alle&#13;
schulden unserem Lande diese Pflicht, und wir werden sie erfüllen. Ihr&#13;
Präsident jedenfalls fordert dies von jedem Amerikaner.&#13;
Der wahre Held in diesem Kampf ist der amerikanische Neger. Die&#13;
Handlungen und Proteste der Neger - ihr Mut, Sicherheit und Leben aufs&#13;
Spiel zu setzen - haben das Gewissen der Nation wachgerüttelt. Ihre Demonstrationen dienen dem Zweck, die Aufmerksamkeit auf Ungerechtigkeiten&#13;
zu lenken, einen Wandel herbeizuführen und Reformen auszulösen. Sie fordern von uns, das Versprechen einzulösen, das das Wort Amerika beinhaltet.&#13;
Und wer unter uns wollte sagen, wir hätten denselben Fortschritt auch ohne&#13;
ihre beharrliche Tapferkeit und ihren Glauben an die amerikanische Demokratie erzielt?&#13;
Denn im letzten Grunde ist das Ringen um die Gleichheit ein Ringen um&#13;
den tief verwurzelten Glauben an das demokratische System. Gleichheit beruht&#13;
nicht auf Waffengewalt oder Tränengas, sondern auf der Kraft des moralischen&#13;
&#13;
�moralischen Rechts, nicht auf der Zuflucht zu Gewalt, sondern auf der&#13;
Achtung vor Ordnung und Gesetz.&#13;
Ihr Präsident sieht sich manchem Druck unterworfen, und das wird&#13;
auch tagein, tagaus so bleiben; ich möchte Ihnen aber heute abend versichern, daß wir diesen Kampf dort auszukämpfen gedenken, wo er ausgekämpft werden sollte: in den Gerichtssälen, im Kongreß und in den Herzen der Menschen.&#13;
Wir müssen die Rede- und Versammlungsfreiheit bewahren. Aber das&#13;
Recht der freien Rede schließt nicht, wie manche meinen, das Recht ein,&#13;
Feuer an ein überfülltes Theater zu legen. Wir müssen die Versammlungsfreiheit aufrechterhalten. Aber das Recht auf Versammlungsfreiheit&#13;
schließt nicht das Recht ein, den Verkehr auf wichtigen öffentlichen&#13;
Durchgangsstraßen zu blockieren.&#13;
Wir haben das Recht, zu protestieren und unter solchen Vorbedingungen auf die Straße zu gehen, die die verfassungsmäßigen Rechte unserer Nachbarn nicht beeinträchtigen. Es ist meine feste Absicht, alle&#13;
diese Rechte zu schützen, solange mir gestattet ist, in diesem Amte zu&#13;
dienen.&#13;
Wir werden uns vor Gewalt hüten, wissen wir doch, daß sie gerade&#13;
jene Waffen unseren Händen entwindet, mit deren Hilfe wir den Fortschritt&#13;
zu erreichen trachten: Gehorsam gegenüber dem Gesetz und den Glauben an&#13;
unsere amerikanischen Wertbegriffe. In Selma wie auch anderswo erstreben&#13;
und erflehen wir Frieden, Ordnung und Einigkeit. Wir werden aber niemals&#13;
einen Frieden unterdrückter Rechte, eine auf Furcht begründete Ordnung&#13;
oder eine jeden Protest unterdrückende Einigkeit akzeptieren. Denn der&#13;
Friede darf nicht um den Preis der Freiheit erkauft werden.&#13;
Wir arbeiten heute in Selma - und der Tag verlief dort ruhig - wie&#13;
in jeder anderen Stadt auf eine gerechte und friedliche Regelung hin.&#13;
Wir dürfen nicht vergessen, daß die Menschen in Selma auch nach meiner&#13;
heutigen Rede, auch nach dem Abzug der Polizei, der Angehörigen des Bundesfahndungsdienstes und der Bundesgerichtsbarkeit und nach der alsbaldigen Billigung dieser Gesetzesvorlage durch Sie miteinander leben und&#13;
arbeiten müssen. Wenn sich das Hauptaugenmerk des Volkes erst einmal auf&#13;
&#13;
- 9-&#13;
&#13;
�auf andere Dinge richtet, müssen sie ihre Wunden zu heilen und eine neue&#13;
Gemeinschaft aufzubauen versuchen: Keine leichte Aufgabe auf dem Schlachtfeld der Gewalt, wie gerade die Geschichte des Südens lehrt. In Anerkennung dieser Tatsache haben Angehörige beider Rassen in den letzten Tagen,&#13;
am vergangenen Dienstag und zuletzt heute, in so großer Zahl ihr außerordentliches Verantwortungsbewußtsein dokumentiert, von dem ich tief beeindruckt bin.&#13;
Das Gesetz, das ich Ihnen zuleiten werde, wird als ein Bürgerrechtsgesetz gelten. Doch in einem umfassenderen Sinne ist fast das gesamte von&#13;
mir empfohlene Programm ein Bürgerrechtsprogramm. Sein Ziel ist es, allen&#13;
unseren Mitbürgern, gleich welcher Rasse, das Tor zur Stadt der Verheißung&#13;
aufzutun, weil einfach alle Amerikaner das Wahlrecht haben müssen. Und wir&#13;
sind dabei, ihnen dieses Recht zu verschaffen. Alle Amerikaner müssen unabhängig von ihrer Rassenzugehörigkeit voll in den Genuß des Vorrechtes&#13;
kommen, Bürger dieses Landes zu sein. Und sie werden in den Genuß dieses&#13;
Vorrechts kommen, unabhängig von ihrer Rassenzugehörigkeit.&#13;
Ich gebe Ihnen aber zu bedenken und ich möchte Sie daran erinnern,&#13;
daß es mehr als nur eines Rechtstitels hierzu bedarf. Es bedarf eines geschulten Geistes und eines gesunden Körpers. Es bedarf einer anständigen&#13;
Wohnung, eines Arbeitsplatzes und der Gelegenheit, sich aus den Fängen&#13;
der Armut zu befreien.&#13;
Selbstverständlich können Menschen nicht zum Wohl der Nation beitragen, die man nie lesen und schreiben gelehrt hat, deren Körper vom Hunger&#13;
ausgezehrt sind, deren Krankheiten man nicht heilt und die, allein auf&#13;
Wohlfahrtsleistungen angewiesen, ihr Leben in hoffnungsloser Armut verbringen.&#13;
Wir wollen das Tor zur freien Entfaltung der Persönlichkeit aufstoßen.&#13;
Wir «rollen aber auch allen unseren Mitbürgern, schwarzen wie weißen, die&#13;
Hilfe bieten, deren sie bedürfen, um jenes Tor durchschreiten zu können.&#13;
Als ich nach Abschluß des College ins Berufsleben eintrat, begann&#13;
ich als Lehrer an einer kleinen mexikanisch-amerikanischen Schule in&#13;
Cotulla in Texas. Die wenigsten meiner Schüler konnten Englisch und ich&#13;
kaum richtig Spanisch. Sie waren arm und kamen oftmals ohne Frühstück und&#13;
hungrig zur Schule und sie kannten trotz ihrer Jugend schon den Schmerz,&#13;
&#13;
- 10 -&#13;
&#13;
�Schmerz, den Vorurteile zuzufügen vermögen. Sie schienen nicht zu&#13;
wissen, warum manche Menschen sie nicht mochten; sie wußten aber&#13;
sehr wohl, daß dem so war, wie ich ihren Augen ansah. Oft überkam&#13;
mich nach Schulschluß spät abends auf dem Nachhauseweg der Wunsch,&#13;
mehr für sie zu tun als bisher; doch was konnte ich mehr tun, als&#13;
ihnen das wenige beizubringen, was ich selbst wußte, und hoffen,&#13;
es möge ihnen das schwere Leben erleichtern helfen, dem sie entgegengingen. Man kann es irgendwie nie vergessen, was Armut und&#13;
Haß anrichten können, hat man je gesehen, welche tiefen Spuren sie&#13;
auf einem hoffnungsvollen Kindergesicht hinterlassen.&#13;
Ich dachte 1928 nicht im entferntesten daran, daß ich 1965&#13;
hier stehen würde. Selbst in meinen kühnsten Träumen glaubte ich&#13;
nicht, daß ich einmal Gelegenheit haben könnte, den Söhnen und&#13;
Töchtern meiner eigenen Schüler und vielen anderen Menschen wie&#13;
ihnen in diesem Lande zu helfen. Doch nunmehr habe ich diese Möglichkeit, und ich verrate Ihnen ein Geheimnis: ich werde sie&#13;
ganz bewußt nutzen. Und ich hoffe, Sie werden sie gemeinsam mit mir&#13;
nutzen.&#13;
Unser ist das reichste und mächtigste Land, das es je auf Erden&#13;
gab. Die Macht vergangener Imperien war gering, verglichen mit der&#13;
unsr^Lgen. Ich möchte aber nicht der Präsident sein, der ein Imperium&#13;
errichtet, Größe erstrebt oder unsere Herrschaft auf andere ausgedehnt hat. Ich möchte der Präsident sein, der Kinder lehrte, die&#13;
Wunder dieser Welt zu schauen, der Präsident, der mithalf, die Hungrigen zu speisen und sie in die Lage zu versetzen, Steuerzahler zu werden statt von Steuergeldern zu leben. Ich möchte des weiteren der Präsident sein, der den Armen half, auf eigenen Füßen zu stehen, und der&#13;
das Recht jedes Bürgers schützte, sich an jeder allgemeinen Wahl zu&#13;
beteiligen. Ich möchte ferner der Präsident sein, der mit dazu beitrug,&#13;
den,Haß unter seinen Mitmenschen zu beenden, und der Liebe unter Angehörigen aller Rassen, Glaubensbekenntnisse und Parteien säte. Und ich&#13;
möchte schließlich der Präsident sein, der den Bruderkrieg auf dieser&#13;
Erde beenden half.&#13;
Und so kam ich heute auf Wunsch Ihres hochverehrten Sprechers des&#13;
Repräsentantenhauses, auf Einladung auch des Senators von Montana und&#13;
Fraktionsvorsitzenden der Demokratischen Partei, des Senators von Illi-&#13;
&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�Illinois und Fraktionsvorsitzenden der Republikanischen Partei,&#13;
Mr. McCullochs und anderer führender Männer beider Parteien hierher, nicht wie einst Präsident Roosevelt eines Tages hierher kam,&#13;
ein&#13;
&#13;
Kriegsteilnehmerversorgungsgesetz durch sein Veto zu Fall zu&#13;
&#13;
bringen, und nicht wie Präsident Truman, der einst hierher eilte,&#13;
um den Erlaß eines Eisenbahngesetzes zu fordern. Ich komme vielmehr, um Sie zu bitten, die genannte Aufgabe mit mir und dem Volk,&#13;
dem wir alle dienen, gemeinsam in Angriff zu nehmen. Ich wünschte&#13;
sehr, daß es der Kongreß sei - Republikaner und Demokraten gleichermaßen -, der all dieses für unser ganzes Volk bewirkt.&#13;
Außerhalb dieses hohen Hauses, weit draußen, liegen die 50&#13;
Staaten und ist das Volk, dem wir dienen. Wer vermöchte zu sagen,&#13;
welche tiefen, unausgesprochenen Hoffnungen diese Menschen heute&#13;
abend in ihren Herzen hegen, während sie vor den Fernsehschirmen&#13;
und Lautsprechern sitzen und zuhören. Doch wir alle können auf&#13;
Grund unserer eigenen Lebenserfahrung ahnen, wie schwer es ihnen&#13;
oft fällt, ihr Glück zu finden. Sie sind bereit, ihre Zukunft vor&#13;
allem aus eigener Kraft zu gestalten, erwarten eine gewisse Hilfe&#13;
aber auch von jedem einzelnen von uns.&#13;
Über der Pyramide im großen Staatssiegel der Vereinigten&#13;
Staaten steht in Latein: "Gott hat unser Unterfangen gefördert."&#13;
Gott wird nicht alles gutheißen, was wir tun. Doch seinen Willen&#13;
zu erahnen, ist unsere Pflicht. Ich glaube aber, daß er das Unterfangen, das wir heute beginnen, wahrlich verstehen und fördern&#13;
wird.&#13;
&#13;
+++++&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
5 3 2 0&#13;
&#13;
S t a t e s&#13;
B a d&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
G o d a s b a r g&#13;
&#13;
I,&#13;
&#13;
Beilage&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
P o s t f a c h&#13;
&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
XVIII - 14&#13;
T a l :&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
T a l a x :&#13;
&#13;
PROJEKT&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
GEMINI&#13;
&#13;
Vorstufe für den Flug des Menschen zum Mond&#13;
&#13;
Ein Schritt näher zur Landung auf dem Mond - Keine "Funksperre"&#13;
mehr - Das Programm - Probleme der Raumfahrtmedizin&#13;
&#13;
�In der Geschichte der bemannten Raumfahrt dürften der 18. und&#13;
23. März 1965 einmal eine ähnliche Bedeutung erlangen wie seinerzeit&#13;
der 17. Dezember 1903 und der 12. September 1908 für die Luftfahrt.&#13;
Im Jahr 1903 unternahm Orville Wright in Kitty Hawk (Nordkarolina)&#13;
mit dem von ihm und seinem Bruder Wilbur gebauten Apparat den ersten&#13;
Motorflug. Er war nicht vielmehr als ein "Luftsprung'» mit Hilfe von&#13;
Motorkraft. Und es dauerte nahezu fünf Jahre, bis die technischen&#13;
Voraussetzungen für den ersten Flug von längerer Dauer - Orville&#13;
Wright blieb 1908 immerhin 75 Minuten in der Luft - geschaffen waren.&#13;
Diese Experimente standen am Anfang der Entwicklung einer "Luftfahrttechnik", die damals gewiß niemand vorausahnen konnte. Heute,&#13;
sechs Jahrzehnte später, ist das Fliegen in den schnellen Giganten&#13;
der internationalen Fluggesellschaften schon etwas ganz Alltägliches.&#13;
In 8-10 Stunden wird die Strecke Frankfurt-New York bewältigt; nur&#13;
wenige Stunden länger dauert der Flug über den Nordpol nach Tokio,&#13;
vom Herzen Europas in den Fernen Osten. Und sind erst einmal die geplanten Überschall-Maschinen einsatzfähig für den Linienverkehr,&#13;
werden Entfernungen zwischen den Handelszentren dieser Erde überhaupt&#13;
keine Rolle mehr spielen.&#13;
Ein Schritt näher zur Landung auf dem Mond&#13;
Pioniertaten im ähnlichen Sinn, diesmal für die Entwicklung der&#13;
bemannten Raumfahrt, bedeuteten das kurzfristige "Aussteigen" des&#13;
sowjetischen Kosmonauten Alexej Leonow aus seinem'Raumschiff""Woschod&#13;
2" am 18. März 1965, und, fünf Tage später, die Manöver des Kommandanten der amerikanischen Raumkapsel GEMINI.&#13;
Mit Hilfe der verschiedenen Steuerungssysteme an Bord der GEMINIKapsel, zu denen vor allem eine ganze Batterie kleiner Flüssigkeitsraketen mit dosierbarem, in verschiedenen Richtungen wirksamem Schub&#13;
bis zu 11,3 kp Einzelleistung gehörte, wurden Umlaufbahn, Flughöhe&#13;
und Fluggeschwindigkeit nach Bedarf - oder, wenn man so will, beliebig&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
�beliebig - verändert.&#13;
Die beiden Piloten des ersten bemannten GEMINI-Raumschiffs, GT-3,&#13;
Virgil I. Grissom und John Young, haben bewiesen, daß man in den Vereinigten Staaten hinsichtlich der technischen Konzeption für die Anwendung der Rendezvous-Technik, wie sie das Zusammenführen zweier Flugkörper im Weltraum von seiten der Raumschiffbesatzungen erfordert, auf&#13;
dem richtigen Wege ist.&#13;
Bahnkorrekturen an unbemannten Raumflugkörpern wurden schon mehrfach vorgenommen - so mit einem hohen Grad von Präzision bei RANGERund MARINER-Sonden auf ihrem Weg zum Mond und zu den Planeten Venus&#13;
und Mars, an amerikanischen Fernmeldesatelliten in erdsynchronen Umlaufbahnen in 35 700 km Höhe und an Versuchsgeräten des US-Verteidigungsministeriums zur Feststellung von Kernexplosionen im Weltraum in&#13;
Kreisbahnen mit ca. 100 000 km Abstand von der Erdoberfläche. Die&#13;
Kurs- bzw. Bahnänderungsmanöver erfolgten durch Aktivierung einer oder&#13;
mehrerer kleiner Reaktionsdüsen über Funksignale, die von Bodenbeobachtungsstellen aus gegeben wurden.&#13;
Die GEMINI-Piloten aber sind ganz auf sich selbst gestellt und&#13;
halten sich nur an ihre Instrumente. Von den Anzeigegeräten am Armaturenbrett lesen sie genau die Veränderungen in bezug auf Flugrichtung&#13;
und Geschwindigkeit ab, die sie durch ihre Manöver bewirken. Die MERCURY-Astronauten dagegen mußten sich laufend durch die Bodenstationen&#13;
über die Flugdaten ihrer Raumkapsel unterrichten lassen. Das einzige,&#13;
was sie verändern konnten, war die Fluglage der Kapsel in ihrer "vorbestimmten" Bahn.&#13;
Major Grissom beschrieb auf der Pressekonferenz in Kap Kennedy&#13;
am 25. März 1965 die Steuerung der "Molly Brown" , wie die beiden Astronauten ihr 3,1 Tonnen schweres GEMINI-Raumschiff getauft hatten, als&#13;
ein "höchst einfaches und präzises Manöver. Wir brauchten nur das Flugrichtungsgerät einzuschalten, die 'Nase' (der Raumkapsel) auf den Horizont einzustellen und die Schubdüsen zu aktivieren". Die Aktivierung&#13;
der einzelnen Bordraketen (insgesamt 32 Flüssigkeitstriebwerke) wird&#13;
dabei übrigens von einem Computer, nicht aber von den Astronauten&#13;
selbst gesteuert. "Mit unserem Kontrollsystem erreicht das Raumschiff&#13;
Titelgestalt und Heldin eines 1960 am Broadway gelaufenen erfolgreichen Musicals von Meredith Willson .&#13;
- 2-&#13;
&#13;
�Raumschiff eine sehr gute Flugstabilität", meinte Grissom ergänzend.&#13;
Als eine "einfach großartige Sache" bezeichnete er die mehrmals vorgenommenen Veränderungen der Flugbahn während der drei Erdumkreisungen. Aus einem zunächst elliptischen Umlauf mit Bahnhöhen&#13;
zwischen 168 und 224 km wechselte "Molly Brown" in eine fast kreisförmige Bahn in 155 bis 160 km Höhe über und ging dann sogar fast&#13;
auf halbe Höhe, nämlich 83 km im Perigäum (erdnächster Punkt), zurück, bevor die Bremsraketen gezündet wurden und der Abstieg zur&#13;
Erde begann. Darüber hinaus gelangen seitliche Bewegungen mit Veränderungen der Bahnebene bzw. des Winkels der Flugbahn zum Äquator.&#13;
Welche Faktoren - möglicherweise eine zu kurze Brenndauer der vier&#13;
Feststoff-Bremsraketen, das Drehmanöver über Hawaii, nicht ganz&#13;
korrekte, über Funk zur Raumschiffbesatzung gemeldete Bahnberechnungen der Bodenstationen oder eigene Steuerungsfehler - dafür&#13;
verantwortlich zu machen sind, daß die GEMINI-Kapsel fast 100 km&#13;
vor dem "Ziel", dem Flugzeugträger "INTREPID", landete, ist noch&#13;
nicht geklärt.&#13;
Keine'Funksperre" mehr&#13;
Während der ganzen Rückkehrphase blieb jedoch zum ersten Mal&#13;
bei den von der NASA unternommenen bemannten Raumflügen der Funkkontakt mit dem Raumschiff erhalten. Dank eines neuen, erst versuchsweise angewandten Verfahrens gelang es nicht nur.die dicke&#13;
Schicht ionisierter heißer Gase um die Kapsel, die Funksignale&#13;
absorbieren, wenigstens teilweise zu neutralisieren und so die&#13;
"Funksperre11 für hochfrequente Impulse zu d rchbrechen, sondern&#13;
teilweise sogar in Funksprechverbindung mit der Besatzung zu bleiben.&#13;
Ungeachtet der nicht ganz programmgemäßen Landung ist nach&#13;
Ansicht der beiden Piloten und der Raumfahrtexperten allgemein&#13;
der erste Satellitenflug einer bemannten GEMINI-Kapsel als der&#13;
überaus erfolgreiche Beginn eines neuen Abschnitts der Raumflugtechnik zu werten. In dieser Phase, die durch das GEMINI-Programm&#13;
des US-Amtes für Luft- und Raumfahrt (NASA) ausgefüllt wird, sollen&#13;
&#13;
- 3 -&#13;
&#13;
�sollen und müssen "technische Barrieren" für den Flug zum Mond&#13;
überwunden und noch offene Fragen der Raumflugmedizin zufriedenstellend beantwortet werden.&#13;
Die technische Aufgabe besteht darin, das "Rendezvous" im&#13;
Weltraum, d.h. das Zusammenführen zweier Flugkörper in Erd- oder&#13;
Mondumlaufbahnen, zu erproben und es völlig beherrschen zu lernen. Nicht minder wichtig ist aber auch die gründliche Beobachtung der Raumschiffbesatzungen bei länger dauernder Schwerelosigkeit bzw. ihrer psychischen und physiologischen Reaktionen auf&#13;
diesen Zustand, der für den Menschen auch bei vorausgegangenem&#13;
Training unter simulierten Mondflugbedingungen in vieler Hinsicht&#13;
eine starke Belastung bedeutet.&#13;
Das Programm&#13;
Der zweite GEMINI-Flug mit einer bemannten Kapsel ist vorläufig für den 8. Juni 1965 angesetzt. Vier Tage sollen die beiden&#13;
Astronauten - vorgesehen sind James McDivitt und Edward White mit&#13;
Frank Borman und James Lovell als Ersatzleuten - die Erde umkreisen und dabei u.a. im Gegensatz zum Testflug GT-3, bei dem zunächst&#13;
der "äußere" und später der "innere" Bahnhöhenpunkt (Apogäum und&#13;
Perigäum) gesenkt wurde, aus der Einschuß-Ellipse in höher liegende,&#13;
kreisförmige Umlaufbahnen übergehen. Wahrscheinlich wird dann auch&#13;
- als Vorbereitung auf spätere Versuche zum Verlassen der Raumkapsel - erstmals die Ausstiegluke geöffnet werden. Dazu ist es erforderlich, den Kapselinnendruck auf nahezu "Null" zu senken. Nur&#13;
in den hermetisch abgedichteten Schutzanzügen der"beiden Piloten,&#13;
denen ständig Frischsauerstoff zugeführt wird, herrscht weiterhin&#13;
der Druck, ohne den der Mensch nicht existieren kann. Die Ausrüstungen der Pilotenkabine und die Utensilien, die darin mitgeführt werden, sind alle so beschaffen, daß die vorübergehende Drucksenkung&#13;
bis zum Schließen der Luke keine schädlichen oder die "Funktionen&#13;
der Instrumente beeinträchtigenden Auswirkungen haben kann. Erst&#13;
bei den darauffolgenden, für den Herbst 1965 geplanten Sieben-TageFlug GT-5 wird voraussichtlich einer der Astronauten, mit einer Leine&#13;
gesichert, das Raumschiff für bestimmte Zeit verlassen.&#13;
Mit&#13;
&#13;
�Mit Flug Nr. 6 (GEMINI-TITAN 6), bei dem eine Flugdauer von&#13;
zwei Wochen vorgesehen ist, sollen die Rendezvous-Manöver beginnen. Das GEMINI-Raumschiff muß dabei durch geschickte Kurs- und&#13;
Flughöhenänderungen versuchen, sich so nahe an eine schon vor dem&#13;
eigenen Start in eine exakte Kreisbahn eingeschossene unbemannte&#13;
AGENA-Rakete "heranzupirschen", daß eine Verbindung beider Flugkörper durch mechanische Koppelelemente möglich wird. Ist dies in der letzten Phase mit Radarhilfe - gelungen, sind die GEMINIPiloten in der Lage, den schubstarken, mit lagerfähigem Flüssigtreibstoff arbeitenden Motor der AGENA-Rakete zu zünden und mit&#13;
diesem "Zusatzantrieb" neue, komplizierte Manöver im Weltraum&#13;
auszuführen.&#13;
Die Flüge GT-7 bis GT-12, die bis Ende 1966 abgeschlossen&#13;
sein sollen, sehen bei gleicher Flugdauer - d.h. von zwei Wochen&#13;
- die Erprobung verschiedener Annäherungs- (Rendezvous-) und Andockungsmanöver vor. Dabei soll die beste Methode ausfindig gemacht werden, die später bei der Rückkehr des mit zwei Astronauten besetzten Mondlandegeräts LEM ("Lunar Excursion Modul") zu&#13;
dem in einer Mondumlaufbahn kreisenden APOLLO-Raumschiff angewandt werden könnte. Darüber hinaus will man versuchen, herauszufinden, wo unter solchen Bedingungen die Grenze der vollen&#13;
menschlichen Leistungsfähigkeit zu suchen ist und wann - bzw. ob&#13;
unter gewissen Umständen- die Automatik an die Stelle menschlicher&#13;
Entscheidung, Improvisation und Aktivität zu treten hat.&#13;
Bei allen jetzt folgenden Testflügen, von GT-4 bis GT-12,&#13;
wrrden die Astronauten ihr Raumschiff beim Wiedereintritt in die&#13;
Erdatmosphäre selbst steuern. Damit bestimmen sie auch bereits&#13;
das Landegebiet. Ihr Fluggerät ist in der Lage, an einem beliebigen Platz - ob im Wasser oder auf dem Festland - zu landen. Die&#13;
Erprobung des Verfahrens des exakt "gezielten" Wiedereintritts in&#13;
die irdische Lufthülle, de ren Auftriebskräfte"bei dar Steuerung&#13;
des Fluggeräts ausgenutzt werden, ist von entscheidender Bedeutung&#13;
für die sichere Rückkehr der Raumschiffe APOLLO vom Mond.&#13;
. Es versteht sich wohl von selbst, daß die Durchführung der&#13;
GEMINI-Flüge mit einer Vielzahl wissenschaftlicher Experimente ge-&#13;
&#13;
5 -&#13;
&#13;
�gekoppelt ist. Das US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA) hat von mehr&#13;
als 160 Vorschlägen, die Vertreter der verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen eingereicht haben, bisher 23 ausgewählt, die mit&#13;
GT-5 beendet sein werden. Sie reichen von biologisch-medizinischen&#13;
Versuchen bis z-u meteorologischen, geophysikalisch-geologischen und&#13;
astrophysikalischen Beobachtungen und der Erforschung der Fähigkeiten&#13;
des Menschen zu visuellen Wahrnehmungen im Weltraum.&#13;
Die NASA hat inzwischen über ihre Kontakte mit den zuständigen&#13;
Stellen des Auslandes, u.a. auch dem Bundesministerium für Wissenschaftliche Forschung in Bad Godesberg, Wissenschaftler des Auslandes&#13;
zur Teilnahme an einer Konferenz in Houston (Texas) eingeladen, auf&#13;
der wünschenswerte und notwendige Experimente erörtert werden, die im&#13;
Rahmen der Programme GEMINI und APOLLO ausgeführt werden könnten.&#13;
Probleme der Raumfahrtmedizin&#13;
Die Frage, wie der Mensch in einer so lebensfeindlichen Umwelt,&#13;
wie sie der Weltraum nun einmal darstellt, essen, schlafen, arbeiten&#13;
und längere Zeit leben könne, ist eines der Kernprobleme des amerikanischen Programms der bemannten Raumfahrt. Bei den MERCURY-Flügen waren der Schutz vor dem Vakuum des Raumes, vor Strahlung, Temperaturextremen, Meteoriten und die Versorgung des Astronauten mit Sauerstoff, Wasser und Nahrung relativ leicht zu bewerkstelligen. Das&#13;
Maximum an Zeit, die dabei der Astronaut in der Ein-Mann-Kabine im&#13;
Weltraum verbrachte, betrug 34 1/2 Stunden.&#13;
Anders liegen die Verhältnisse schon bei den künftigen Testflügen mit den Zwei-Mann-Raumschiffen GEMINI, denen Flüge mit DreiMann-Geräten vom Typ APOLLO und vielleicht gleichzeitig auch Starts&#13;
wissenschaftlicher Raumstationen mit mehrköpfiger Besatzung folgen&#13;
werden. Mit zunehmender Dauer der Flugmission wächst die Forderung&#13;
ins Gigantische, für die'Raumschiffbesatzung eine den gewohnten&#13;
irdischen Bedingungen angemessene künstliche Umwelt zu schaffen.&#13;
Nach Dr. W. Randolph Lovelace, Direktor des raumfahrtraeüizinischen Programms der NASA, haben schon die Erfahrungen, welche im Laufe&#13;
von fast 15jährigen Bemühungen um die Auswahl und das Training von&#13;
Testpiloten für neue Strahlflugzeuge, das Hyperschal1-Forschungsflug-&#13;
&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�Forschungsflugzeug X-15 und die bemannten Raumflugprojekte der USA&#13;
gesammelt werden konnten, wertvolle Hinweise darauf gegeben, welche&#13;
Anforderungen an das "fliegende Personal" zu stellen und welche physiologischen und psychologischen Belastungen zu erwarten sind.&#13;
Die erfolgreichen Flugexperimente mit sechs MERCURY-Astronauten,&#13;
den X-15-Piloten Crossfield, Walker, White und Rushworth sowie mit&#13;
Grissom und Young als Piloten der ersten bemannten GEMINI-Kapsel&#13;
bestätigten die Richtigkeit der Auswahlmethoden. Die Astronauten erwiesen sich in bezug~auf Reaktions- und Kombinatiönsvermögen der&#13;
Automatik überlegen und konnten korrigierend eingreifen, wo diese&#13;
versagte. Das war einer der Gründe dafür, daß man bei der Konstruktion und Ausrüstung der GEMINI-Kapseln von vornherein die "Kommandofunktion" des Piloten in bezug auf die Einleitung und Durchführung&#13;
der Flugmanöver berücksichtigte.&#13;
Die gründlichen medizinischen Untersuchungen der Astronauten&#13;
vor und nach den einzelnen Flügen ergaben keinerlei physiologische&#13;
Veränderungen oder Anomalien, die man nicht erwartet hätte. Bei den&#13;
MERCURY-Piloten machten sich bis 21 Stunden nach der Bergung Schwankungen von Puls und systolischem Blutdruck bei Lageveränderungen,&#13;
speziell beim Aufrichten aus dem Liegen bis zum Stehen, bemerkbar.&#13;
Die Ursache dafür waren offenbar Blutstauungen in den unteren Extremitäten. Während des Fluges wurden Pulsfrequenzen zwischen 56 und&#13;
170 Schlägen pro Minute beobachtet - angesichts der jeweiligen Situation, in der die Meßdaten ermittelt wurden, normale physiologische&#13;
Reaktionen.&#13;
Die Auswirkungen der Schwerelosigkeit bei längerer Dauer dieses&#13;
Zustandes erfordern noch überaus gründliche Studien. Insbesondere&#13;
Leistung, Rhythmus und Stromkurven des Herzens, Blutvolumen, Blutströmung&#13;
&#13;
und Flüssigkeitsverteilung im Körper müssen beobachtet&#13;
&#13;
werden. Absorption, Transport und Verwertung von Nährstoffen, also&#13;
der gesamte Stoffwechsel, wird bei den Langzeit-Simulatorexperimenten in Verbindung mit dem Natrium- und Calciumspiegel und dem Muskeltonus gemessen.&#13;
Im Interesse der Sicherheit, des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit der Astronauten beabsichtigt die NASA, während der GEMINI-&#13;
&#13;
�GEMINI-Flugmission verschiedene Spezialausrüstungen, Nahrungsmittel,&#13;
physiologische und medizinische Hilfsgeräte zu erproben. Dazu gehören&#13;
u.a. eine Art "Massage"-Instrument für den Kreislauf, ein Mikrophon&#13;
zur Registrierung der Herztöne, um Vergleichsmöglichkeiten zu den&#13;
EKG-Werten zu bekommen und das Zeitintervall zwischen den elektrischen&#13;
Impulsen und den mechanischen Kontraktionen des Herzmuskels zu ermitteln.&#13;
Hormonanalysen von Urinproben, die während des Fluges wie auch davor&#13;
und danach entnommen wurden, geben Hinweise auf mögliche Funktionsveränderungen der innersekretorischen Drüsen und damit u.a. auf die Reaktionen des Körpers auf Streß-Situationen. An Hand von röntgenologischen&#13;
Untersuchungen am Fersenbein und kleinen Finger vor und nach dem Flug&#13;
will man feststellen, ob bzw. in welchem Grad es zu einer Entkalkung&#13;
des Knochengewebes als Folge lang dauernder Schwerelosigkeit und der damit einhergehenden Stoffwechselveränderungen kommt. Zur exakten physiologischen Kontrolle erhalten die Piloten bereits zwei Wochen vor dem&#13;
Start eine nach dem Calciumgehalt besonders zusammengestellte Diät, die&#13;
während des Fluges und danach noch zwei Wochen lang gegeben wird. Die&#13;
Analysen sämtlicher Körperausscheidungen geben Aufschluß über den jeweiligen Grad und den Gesamtumfang des Calciumverlusts.&#13;
Eine Vielzahl weiterer Untersuchungen und Einzelmessungen - u.a.&#13;
der Hirnströme im Wachzustand und während des Schlafes - werden den&#13;
Flugmedizinern wichtiges Forschungsmaterial zur Aufklärung von Fragen&#13;
über die Auswirkung genereller und spezifischer Streß-Situationen und&#13;
das Anpassungsvermögen der Astronauten an die verschiedenen Belastungen&#13;
vermitteln. "Wir sind gezwungen", so meinte kürzlich Dr. Eugene B.&#13;
Konecci, Direktor der NASA-Abteilung für Biotechnik, "praktisch bei&#13;
allen unseren künftigen Unternehmungen in den Grenzbereichen menschlicher Leistung, Belastungsfähigkeit und Wahrnehmung zu operieren." Dennoch sind und werden auch in Zukunft alle Vorkehrungen getroffen; um&#13;
ein Höchstmaß an Sicherheit für die Astronauten zu gewährleisten.&#13;
&#13;
ACHTUNG!&#13;
&#13;
�ACHTUNG! Auf Anforderung der Redaktionen übersendet AMERIKA DIENST&#13;
an Zeitungen und Zeitschriften kostenlos folgende Bilder:&#13;
(Unsere Bezieher in der Schweiz wenden sich bitte direkt&#13;
an: American Embassy, U.S. Information Service, Bern,&#13;
Jubiläumsstraße 93)&#13;
1) Kap Kennedy (Florida) im Augenblick des Starts von GEMINITITAN-3 mit Chefpilot Virgil I. Grissom und Kopilot John&#13;
Young am 23. März 1965.&#13;
Auf der 27,4 m hohen, zweistufigen TITAN II-Rakete ist das&#13;
GEMINI-Raumschiff montiert. Es besteht aus der eigentlichen&#13;
Pilotenkabine mit Antennen-, Fallschirm- und Rendezvous-Instrumententeil (Gesamthöhe 3,34 m) und dem sogenannten Adapter&#13;
(Höhe 2,4 m ) , dem Verbindungsstück zur Trägerrakete. Es enthält u.a. Treibstoffbehälter und Triebwerke zur Durchführung&#13;
der Flugmanöver, die die Rückkehr zur Erde ermöglichen. Vor&#13;
dem Wiedereintritt in die Atmosphäre wird der Adapter abgeworfen.&#13;
2) Aus 140 km Höhe machte Astronaut John Young während des zweiten&#13;
Erdumlaufs von "Molly Brown" diese Aufnahme von Mexiko und dem&#13;
Südwesten der Vereinigten Staaten.&#13;
3) Die nach dem Niedergehen am Fallschirm mit einem "Schwimmgürtel" versehene Kapsel GEMINI-3 wird an Bord des Flugzeugträgers&#13;
"INTREPID" gehievt.&#13;
4) Rendezvous-Manöver im Simulatorraum - mit Computerhilfe durchgeführt. Rechts das Modell eines GEMINI-Raumschiffs, links&#13;
im Vordergrund das "Zielobjekt" zum Andocken.&#13;
&#13;
+ ++++&#13;
&#13;
- 9 -&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
5 3 2 0&#13;
T e l :&#13;
&#13;
States&#13;
&#13;
Bad&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
G o d e i b e r g&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
I,&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
P o s t f a c h&#13;
&#13;
T e l e x :&#13;
&#13;
Beilage&#13;
&#13;
0&#13;
&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
XVIII - 28&#13;
&#13;
8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
AUFGABEN DER FREIEN WELT&#13;
&#13;
Ansprache&#13;
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten&#13;
in der Bundesrepublik Deutschland,&#13;
GEORGE C. MCGHEE&#13;
&#13;
gehalten am 14. Juli 1965&#13;
in der Aula der Georg-August-Universität zu Göttingen&#13;
&#13;
\&#13;
&#13;
�AUFGABEN DER FREIEN WELT&#13;
&#13;
Die Universität Göttingen gewährt einem Gastredner wie mir einen&#13;
außerordentlichen Vorzug: Für die Dauer seines Aufenthalts bezieht&#13;
sie, eine der hervorragendsten Stätten des Lehrens und Lernens überhaupt, ihn voll und ganz in ihr Geistesleben ein. Vielleicht entläßt&#13;
sie ihn beschämt aus der rigorosen Ideenprüfung, die der Gradmesser&#13;
der Vortrefflichkeit dieser Universität ist. Vielleicht aber auch findet er die von ihm vertretenen Ideen durch neue, hier gewonnene Erkenntnisse bestätigt. Wie dem auch sei, er kann aus dieser Erfahrung nur lernen. Ich für meinen Teil beabsichtige jedenfalls, das zu tun.&#13;
Die Diplomatie wird für gewöhnlich als eine Kunst angesehen. Es&#13;
ist sehr schade, daß sie sich nicht in eine Wissenschaft verwandeln läßt.&#13;
Die Welt lebte in viel geordneteren Verhältnissen, wäre es möglich, die&#13;
Ereignisse mit mathematischer Genauigkeit vorherzusagen und zu lenken.&#13;
Aber nichts deutet darauf hin, daß dies je der Fall sein wird. Das Weltgeschehen läuft leider nicht immer so ab, wie wir es uns wünschen. Wir&#13;
können aber immerhin versuchen, die Unsicherheitsfaktoren im Bereich der&#13;
Außenpolitik auf jenes Mindestmaß zu reduzieren, das als inhärenter Wesenszug jeder Politik zu gelten hat. Wir können ferner Vorsorge treffen,&#13;
die Fehlertoleranz nicht durch Ungenauigkeit im Denken und in der Ausdrucksweise weiter zu vergrößern.&#13;
Die politischen Wissenschaften lassen sich den Naturwissenschaften&#13;
wenigstens in einer Hinsicht angleichen: Man kann, als ein erster Schritt&#13;
zur Lösung eines politischen Problems, ein gedankliches Modell konstruieren, das der Welt der Realitäten womöglich wenigstens in einigen Wesenszügen nahe kommt, die für es relevant sind. Von unserem Geschick bei der&#13;
&#13;
- 1-&#13;
&#13;
�der Auswahl der Parameter für dieses Modell hängt die Genauigkeit&#13;
der Folgerungen bezüglich der Realität ab, die wir von ihm ableiten.&#13;
Man braucht nicht lange zu suchen, um eine Illustration hierfür zu finden. Der Begriff der Nation selbst ist ein Modell: eine&#13;
Synthese aus bestimmten Attributen, welche einer großen Zahl von&#13;
Menschen gemeinsam sind - Menschen, die wiederum auch Individuen mit&#13;
einem Eigenleben und eigenen Problemen sind. Die Idee der Nation hat&#13;
sich als fähig erwiesen, Individuen mit Hingabe zu erfüllen und dahin&#13;
zu bringen, sich um der Verwirklichung anderweitig unerreichbarer&#13;
großer gemeinsamer Zielsetzungen willen zusammenzuschließen. Durch&#13;
einen solchen Zusammenschluß erwerben sie bis zu einem gewissen Grade&#13;
bestimmte kollektive Wesenszüge. Ein Modell der Nation, das sich auf&#13;
diese Wesenszüge stützt, erfüllt eine nützliche Funktion.&#13;
Die so verschiedenartigen Probleme, denen sich ein Staat in der&#13;
heutigen Welt gegenübersieht, samt und sonders zu lösen, ist ein solches Modell natürlich nicht angetan. Es ist auch nicht die Konzeption&#13;
der Nation, sondern ihre Ausweitung zum extremen Nationalismus, die&#13;
so üble Konsequenzen hat. Ein extremer Nationalismus, der die Welt in&#13;
nach innen orientierte, getrennte Ganzheiten unterteilt, ist mit einer&#13;
weltweiten Völkergemeinschaft unvereinbar. Es kann zwischen solchen&#13;
vom Nationalismus dominierten nationalen Ganzheiten keine Gemeinsamkeit der Interessen geben, werden sie doch in dem gesetzten Falle samt,&#13;
lieh nicht durch die allen gemeinsamen, sondern gerade durch die jeder&#13;
einzelnen eigenen Charakteristika definiert. Die internationale Politik&#13;
muß in einer so gearteten nationalistischen Welt demnach zwangsläufig&#13;
zum Austragungsort von Rivalitäten und Konflikten werden.&#13;
Wäre dies der unvermeidbare Ablauf der Dinge, hätten wir in der&#13;
Tat allen Grund, an der Zukunft des Menschengeschlechts zu verzweifeln.&#13;
In Wirklichkeit aber ist dies eine im höchsten Maße artifizielle Betrachtungsweise. Sie geht von einem ziemlich schlecht durchdachten Modell&#13;
der politischen Welt aus, das zahlreiche Elemente der Realität vermissen&#13;
läßt. Ich möchte nur zwei davon anführen: Es ist zum ersten eine Realität,&#13;
daß es heutzutage keinem Volk mehr möglich ist, sich außer in Bündnisgemeinschaft mit anderen gegen seine Feinde zu verteidigen; und es ist&#13;
&#13;
- 2 -&#13;
&#13;
�ist zum zweiten eine Realität, daß der wirtschaftliche Fortschritt&#13;
weite internationale Märkte und einen expandierenden Welthandel voraussetzt. Jedes einigermaßen zutreffende Modell der Welt von heute&#13;
muß mithin nicht nur dem Bestehen vieler einzelner Nationen, sondern&#13;
auch der Tatsache Rechnung tragen, daß Menschen verschiedener Nationalität gemeinsame Interessen haben, die sich am besten durch ein&#13;
koordiniertes Vorgehen internationalen Maßstabs fördern lassen.&#13;
Seit Kriegsende wurden in der freien Welt und insbesondere im&#13;
atlantischen Bereich große Anstrengungen unternommen, diese neue Konzeption der '•Gemeinschaft der Nationen" - dieses neue Modell - zu&#13;
entwickeln. Zu den Früchten unserer Bemühungen gehören Institutionen&#13;
wie die NATO, die OECD und die Europäischen Gemeinschaften. Ich bin&#13;
überzeugt, daß die große Mehrzahl der Völker des Westens in dem Bestreben fortzufahren wünscht, ihre gegenseitigen Beziehungen auf die&#13;
Erfordernisse ihrer engen Interessengemeinschaft auszurichten.&#13;
Ich möchte Sie heute auffordern, sich Gedanken darüber zu machen,&#13;
welches Modell uns bei der Beurteilung nicht nur der Angelegenheiten&#13;
des Westens, sondern der Welt insgesamt am besten als Richtschnur dienen kann. In einem solchen Modell werden häufig nicht nur Nationen als&#13;
Ganzes anzusehen sein, sondern auch Gruppen von Nationen, denen bestimmte allgemeine Charakteristika eigen sind. Wir müssen tatsächlich&#13;
irgendwie verallgemeinern, wollen wir zu einer Aussage über einen so&#13;
umfassenden Fragenkomplex gelangen und uns nicht lediglich damit begnügen, eben seine Vielschichtigkeit zu konstatieren. Wir müssen aber&#13;
darauf bedacht sein, daß die Unterscheidung zwischen Nationen der einen&#13;
oder anderen Kategorie nicht nur stichhaltig, sondern auch hinreichend&#13;
differenziert ist.&#13;
Das Modell, das der Kommunismus zu entwickeln versuchte, ist mehr&#13;
als andere mit Fehlern behaftet. Es läßt auf der einen Seite die Einzigartigkeit eines jeden Individuums außer Ansatz und negiert auf der&#13;
anderen den Wert der nationalen Vielfalt. Vom kommunistischen Standpunkt aus betrachtet, ist die Menschheit ganz einfach in derzeitige&#13;
Sklaven und künftige Opfer des Kommunismus unterteilt. Somit widerspricht dieses Modell den tatsächlichen Verhältnissen und stellt eine&#13;
große Gefahr für die Menschheit dar.&#13;
Wir&#13;
&#13;
�Wir dürfen allerdings bei unserer Betrachtung des Kommunismus&#13;
nicht in den Fehler der Kommunisten verfallen und die Dinge allzu&#13;
sehr vereinfachen. Es wäre töricht, beispielsweise die kleinen osteuropäischen Völker, die mächtige Sowjetunion und das aggressionslüsterne Rotchina völlig gleich behandeln zu wollen, nur weil sie&#13;
sämtlich kommunistisch sind.&#13;
Es hat sich gezeigt, daß auch der in der kommunistischen Lehre&#13;
geschulte Geist fähig ist, Realitäten zu erfassen, deren Existenz er&#13;
sich, im eigenen Dogma befangen, nicht einmal im Traum hätte vorstellen können. Doch dies ist ein langsamer Prozeß, und es gibt keinerlei Anzeichen dafür, daß er über erste Anfänge hinaus gediehen ist.&#13;
Im kommunistischen China z.B. folgt die herrschende Clique blindlings der Stalinschen These von der Weltrevolution durch Waffengewalt. Folglich bleibt uns, die wir die kommunistische Auffassung vom&#13;
Wesen der Weltordnung nicht akzeptieren, keine andere Wahl als koste es, was es wolle - weiterhin zu demonstrieren, daß Aggression&#13;
und Subversion ihren Urhebern keinen Gewinn bringen.&#13;
• Eine weitere Art der Unterteilung der Menschheit in zwei Kategorien ist in unserer Erinnerung noch lebendig, obgleich sie außer&#13;
in den Vasallenstaaten des kommunistischen Neokolonialismus in der&#13;
Tat kaum mehr praktiziert wird. Es handelt sich um die Unterscheidung zwischen sich selbst regierenden Völkern und solchen, die der&#13;
Herrschaft eines anderen unterliegen. Dutzende ehemaliger Kolonialstaaten haben sich inzwischen einen Platz als unabhängige Mitglieder der Weltgemeinschaft errungen und sind, abgesehen von der freiwillig übernommenen größeren Verantwortung innerhalb internationaler&#13;
und regionaler Organisationen, nur sich selbst verantwortlich.&#13;
Die bedeutenderen unter den ehemaligen Kolonialmächten haben&#13;
ihren Kolonien größtenteils nicht nur die Souveränität zugestanden,&#13;
sondern unternahmen darüber hinaus auch große Anstrengungen, um die&#13;
jungen Staaten in die Lage zu versetzen, von der neu gewonnenen&#13;
Selbständigkeit erfolgreich Gebrauch zu machen. In vielen Fällen versuchten sie, jenen bei ihrem Abzug als Vermächtnis die politischen&#13;
Institutionen, das verwaltungstechnische Können und eine lebensfähige&#13;
Wirtschaft mit auf den Weg zu geben, die eine Nation erst wirklich&#13;
&#13;
- 4 -&#13;
&#13;
�wirklich frei machen. Sie zeigten sich in den meisten Fällen aufgeschlossen gegenüber den Forderungen der jungen Staaten nach mehr&#13;
Wirtschaftshilfe - mitunter wohl, um frühere Fehler gutzumachen,&#13;
öfter aber, um eine aus freien Stücken übernommene Verantwortung&#13;
voll und ganz zu erfüllen.&#13;
Großer Beliebtheit erfreut sich heutzutage auch die Vorstellung,&#13;
die die Welt wie Gallien nach Cäsar in drei Teile aufgeteilt wissen&#13;
will: zwei große Machtblöcke - die mit gleichem Widerwillen betrachtet&#13;
werden - und ein Undefiniertes Reservoir aller politischen Tugenden&#13;
irgendwo zwischen beiden. Bei dieser Konzeption wird Größe an sich&#13;
schon zum Übel. Das ist ein sehr einfaches Modell - das "zweier Hegemonien". Es ist, als wolle uns ein Beobachter erklären, daß, weil&#13;
eine Kiste Blei enthält, der Inhalt einer anderen gleicher Größe nicht&#13;
Gold sein könne, sondern auch Blei sein müsse, und daß es sich deshalb&#13;
erübrige, erst nachzusehen. Eine solche Einstellung zu den internationalen Beziehungen kann nur in wenigen Punkten mit der Wirklichkeit&#13;
übereinstimmen. Wir lehnen es ab, in irgend jemandes Modell mit der&#13;
Sowjetunion gleichgesetzt zu werden. Wir glauben, daß eine objektive&#13;
Überprüfung des Vorgehens der Vereinigten Staaten und des der Sowjetunion den Unterschied deutlich machen wird.&#13;
Die Welt zeichnet sich durch Mannigfaltigkeit aus, und wenn wir&#13;
das Weltgeschehen vernünftig erörtern wollen, müssen wir eine Konzeption zugrunde legen, die dieser Tatsache Rechnung trägt. Aus diesem&#13;
Grunde halte ich den Begriff der "Gemeinschaft' der freien Welt" für&#13;
nützlich. Die Vielfalt ist ein Wesenszug der freien Welt, Sie ist eine&#13;
Gruppierung, in der die Vereinigten Staaten mit der kleinsten Nation&#13;
auf einer Stufe stehen. Mein Land ist keine hegemonibche Führungsmacht. Es erstrebt keine Vorherrschaft. Es ist im Gegenteil die größte&#13;
Kraftquelle für jene Freiheit, die alle Mitglieder der freien Welt&#13;
für sich beanspruchen.&#13;
Der Begriff ist weit genug gefaßt, um sowohl Völker einzuschließen, die Industriegesellschaften entwickelt haben, als auch jene, die&#13;
mit deren Aufbau eben erst beginnen. Er umschließt ferner sowohl die&#13;
Staaten, die den Anspruch erheben, "bündnisfrei" zu sein, als auch&#13;
jene, die sich zur Verteidigung der Freiheit miteinander verbündet&#13;
&#13;
�verbündet haben. Mögen sich einige auch noch so sehr zu "Nichtbeteiligten" erklären, es stehen in dem Kampf, den die verbündeten Staaten&#13;
auf sich genommen haben, dennoch auch für sie lebenswichtige Interessen auf dem Spiel. Ohne die Rückendeckung durch die Vereinigten&#13;
Staaten und die übrigen Bündnispartner hätten die "bündnisfreien"&#13;
Staaten wohl binnen Kürze die Gelegenheit verspielt, sich in Frieden&#13;
mit den eigenen Angelegenheiten zu befassen - ja auch nur "bündnisfrei" zu bleiben.&#13;
Der Kategorie der Gemeinschaft der freien Welt muß die Kategorie jener im gegnerischen Lager gegenübergestellt werden. Auch in&#13;
der letzteren Kategorie herrscht eine gewisse Vielfalt. Doch vergleicht man die beiden Gruppen miteinander, unterscheiden sie sich&#13;
in einem wesentlichen Punkt. Die Mitglieder der einen gehen einig&#13;
in der Überzeugung, daß die Menschen ein Recht darauf haben, ihr&#13;
Schicksal selbst zu bestimmen; die der anderen überlassen alle diesbezüglichen Entscheidungen einem allmächtigen Partei- und Staatsapparat.&#13;
Notabene handelt es sich nicht um die Rivalität zweier Systeme,&#13;
die miteinander wetteifern, die Aspirationen der Menschen zu erfüllen. Der Anerkennung des Rechts des Menschen auf freie Wahl seiner&#13;
Zielsetzungen steht die Negierung dieses Rechts gegenüber. Aggression,&#13;
Subversion und die Ausbeutung legitimer Ansprüche für unlautere Zielsetzungen können niemals Mittel zum guten Zweck sein. Ihre Anwendung&#13;
bedeutet die Verneinung aller menschlichen Werte. Diese Verneinung&#13;
können freie Menschen niemals akzeptieren, so weit ihre Ansichten in&#13;
anderen Fragen auch voneinander abweichen mögen.&#13;
Die Gültigkeit des Begriffs der Gemeinschaft der freien Welt&#13;
wird durch die Tatsache erhärtet, daß sich ihre Mitglieder, allgemein&#13;
gesprochen, zu gemeinsamen Interessen auf vielen Gebieten bekennen.&#13;
Eines ist die Entwicklung moderner Volkswirtschaften in Ländern, die&#13;
solche noch nicht aufbauen konnten. Um diese Aufgabe bewältigen zu&#13;
können, sind Handelskonzessionen und Hilfsprogramme auf internationaler Ebene erforderlich. Sie zu ermöglichen, mußten viele Länder Geber- wie Empfängerstaaten - manche Erinnerungen auch aus ihrer jüngeren Vergangenheit ausräumen, in der das Verhältnis der Industrie-&#13;
&#13;
- 6-&#13;
&#13;
�Industriestaaten zu den Entwicklungsländern häufig dem der Metropole&#13;
zur Kolonie gleich. Wenngleich er sich vornehmlich auf wirtschaftlichem Gebiet niederschlägt, stellt im Bereich der freien Welt der&#13;
fundamentale Wandel im Verhältnis der Industriestaaten zu den Entwicklungsländern eine bemerkenswerte politische Errungenschaft dar.&#13;
Sie muß erhalten und weiter ausgebaut werden.&#13;
Es gibt für die freie Welt indes ein noch lebenswichtigeres&#13;
Interesse, das freilich weniger gut verstanden wird. Es ist die Notwendigkeit, den Frieden zu wahren. In unserer heutigen Welt übersteigt&#13;
die Erhaltung von Frieden und Ordnung im allgemeinen die Kraft eines&#13;
jeden Staates wie auch jeder kleineren Staatengruppe. Doch ohne Frieden kein Fortschritt. Wenn im internationalen Bereich Anarchie herrscht,&#13;
werden nur die beutehungrigen Kommunisten profitieren. Die bisher erzielten sozialen und wirtschaftlichen Fortschritte können ebenso wie&#13;
die mühsam realisierten politischen Gewinne nicht von Dauer sein, wird&#13;
nicht auch der Frieden in Freiheit gesichert.&#13;
Dies ist meiner Ansicht nach das Kernproblem - ein Problem, auf&#13;
das unser gedankliches Modell von der Weltpolitik eine Antwort geben&#13;
muß, wenn es den Bedürfnissen unserer Zeit angemessen sein soll. Einen&#13;
Friedenswahrer von einem Interventionisten zu unterscheiden,dürfte&#13;
nicht schwieriger sein, als den Unterschied zwischen Entwicklungshilfe&#13;
und wirtschaftlichem Imperialismus zu erkennen. Die Gemeinschaft der&#13;
freien Welt muß diesen Unterschied begreifen lernen, wenn sie sich&#13;
endlose Wirren ersparen und der Gefahr entrinnen will, Schritt für&#13;
Schritt einer Niederlage entgegenzugehen.&#13;
Es wäre schön, ließe sich die Aufgabe der Erhaltung des Friedens&#13;
so lange aufschieben, bis sich die freie Welt zu einem Konsensus über&#13;
die zu ihrer Erfüllung einzusetzenden Mittel durchgerungen hat. Eine&#13;
Liste wohlbekannter geographischer Namen dürfte zur Genüge zeigen,&#13;
warum das nicht möglich ist: Persien, Griechenland, Berlin, die Philippinen, Korea, Laos, Vietnam und Malaya. Dies sind Schauplätze, wo offene&#13;
kommunistische Aktionen - angefangen von der Blockade bis zum unumschränkten Krieg - die Freiheit schon seit 1945 bedrohen. Jeder dieser&#13;
Angriffe überstieg die Verteidigungsmöglichkeiten des jeweils angegriffenen Landes. Sie alle konnten nur durch sofortige und nachhaltige&#13;
&#13;
- 7-&#13;
&#13;
�nachhaltige Gegenaktionen der freien Welt abgewiesen werden. Wo die&#13;
Gewalt in der Welt von heute ihren Ausgang nimmt, ist unschwer festzustellen, und das angewandte Schema der Aggression und Unterwanderung&#13;
ist deutlich erkennbar. Es muß aber ebenso klargestellt werden, daß&#13;
solchen Übergriffen jederzeit entschlossen entgegengetreten werden&#13;
wird.&#13;
In einigen Fällen herrschte unter den Ländern der freien Welt&#13;
eine so weitgehende Übereinstimmung, daß die Vereinten Nationen von&#13;
sich aus Schritte zur Wiederherstellung der Ordnung unternehmen konnten. Im Kongo z. B. bemühte sich die UN, Voraussetzungen zu schaffen,&#13;
unter denen eine repräsentative Regierung das Land einigen und das&#13;
langwierige Ringen um geordnete politische und wirtschaftliche Verhältnisse beginnen konnte. Den Bemühungen der Vereinten Nationen ist es&#13;
daher vor allem zu verdanken, daß die demokratische Republik Kongo&#13;
schließlich einen neuen Anfang machten konnte. Bei der Erhaltung des&#13;
Friedens im Mittleren Osten haben die Vereinten Nationen gleichfalls&#13;
eine nützliche Rolle gespielt.&#13;
Auch in Korea handelte es sich um eine Polizeiaktion der Vereinten Nationen. Es erscheint jedoch sehr zweifelhaft, ob die Weltorganisation sie je hätte durchführen können, hätte Stalin nicht den groben&#13;
taktischen Fehler begangen, die Vertreter der Sowjetunion anzuweisen,&#13;
von den Sitzungen des Weltsicherheitsrates fernzubleiben. In Korea&#13;
wurde die freie Welt Zeuge einer offenen Aggression seitens des kommunistischen Nordens, an der sich später auch das kommunistische China&#13;
beteiligte - nach wie vor der skrupelloseste Aggressor unter den kommunistischen Mächten. Die Vereinten Nationen reagierten entschlossen&#13;
und hatten zu guter Letzt Erfolg. Südkorea blieb unabhängig und konnte&#13;
seine territoriale Integrität wahren, und Rotchina gilt noch heute als&#13;
ein von den Vereinten Nationen gebrandmarkter Aggressor.&#13;
Häufig sind es regionale Organisationen, die sich um die Erhaltung&#13;
des Friedens bemühen. Verteidigungsvorkehrungen, die vor Aggressionen&#13;
abzuschrecken vermögen, stellen eine Form der Friedenssicherung dar,&#13;
die, wo immer angängig, Gegenaktionen zur Wiederherstellung des Friedens vorzuziehen&#13;
&#13;
ist Die erfolgreichste aller dieser Vorkehrungen&#13;
&#13;
ist die NATO, die den atlantischen Raum abschirmt und Europa die Ruhe&#13;
verschaffte, die seinen heutigen Wohlstand hervorbrachte. Die NATO ist&#13;
in der Tat ein Instrument des Friedens - und zwar gerade deshalb, weil&#13;
sich ihre Mitglieder in einer Art bewaffnet und zusammengeschlossen&#13;
&#13;
- 8 -&#13;
&#13;
�zusammengeschlossen haben, die eindeutig und klar erkennen läßt,&#13;
daß jede Aggression gegen sie sinnlos ist.&#13;
Ein anderes Beispiel regionaler Friedensbemühungen bietet die&#13;
gegenwärtige Lage in der Dominikanischen Republik. In diesem Fall&#13;
konnte die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) die zur Aufrechterhaltung des Friedens erforderlichen Truppen weder umgehend&#13;
bereit&#13;
&#13;
noch in Aussicht stellen. Die Vereinigten Staaten sprangen&#13;
&#13;
helfend ein. Wir unterstellten unsere Streitkräfte jedoch so schnell&#13;
wie möglich dem Kommando der OAS. Wir ziehen unsere Truppen allmählich in dem umfang ab, wie sie durch Einheiten anderer amerikanischer&#13;
Staaten ersetzt werden, die so ihren Teil an der Aufgabe der Friedenssicherung übernehmen.&#13;
Bei allen Friedensaktionen, an denen Amerikaner teilnehmen und hierher gehört auch die Weigerung, uns dem kommunistischen Druck&#13;
in Berlin zu beugen -,stoßen wir mehr oder weniger auf Unverständnis&#13;
und Kritik. Im Fall Berlin fanden sich Menschen in anderen Teilen&#13;
der Welt, die lautstark ihrer Verwunderung Ausdruck gaben, daß wir uns&#13;
nicht zur Minderung der Spannungen zu Kompromissen bereit erklärten,&#13;
sei es auch auf Kosten gewisser Freiheiten Berlins.&#13;
Als wir Griechenland gegen die kommunistischen Rebellen zu&#13;
Hilfe eilten, warfman uns vor, wir unterstützten eine rechtsgerichtete&#13;
Regierung gegen den wahren Willen des griechischen Volkes. Heute behauptet das keiner mehr. Als wir in Korea kämpften, hörten wir aus&#13;
den gleichen Reihen fast die gleichen Einwände, die wir heute wegen&#13;
unseres Engagements in Südvietnam zu hören bekommen.&#13;
Die Fragen, die uns unsere Freunde im Zusammenhang mit unserem&#13;
Vorgehen in der Dominikanischen Republik stellen, scheinen mir ein eindeutiger Beweis zu sein, wie sehr es der freien Welt not tut, sich&#13;
gründliche Gedanken über das schwierige Problem der Friedenssicherung&#13;
zu machen.&#13;
Die Vereinigten Staaten und die OAS haben nicht den Wunsch, dem&#13;
dominikanischen Volk zu diktieren, welche Regierungsform oder welche&#13;
politischen Führer es zu wählen hat. Wir erstreben für das dominikanische&#13;
&#13;
- 9-&#13;
&#13;
�dominikanische Volk lediglich die Chance, eine freie Entscheidung&#13;
zu treffen. Die Tatsache, daß eine Lösung noch in der Zukunft beschlossen liegt, sollte Beobachter des amerikanischen Vorgehens nicht&#13;
hindern, unser Handeln richtig zu interpretieren. Das Endergebnis&#13;
unserer Friedensaktion in der Dominikanischen Republik wird die Erhaltung der Freiheit ihrer Bevölkerung sein - so wie es bei all&#13;
jenen Aktionen der Fall war, an denen wir uns in der Vergangenheit&#13;
beteiligt haben, und wie es auch in Vietnam eines Tages der Fall sein&#13;
wird.&#13;
Im gegenwärtigen Augenblick ist Südostasien der Teil der Welt,&#13;
in dem die Freiheit den schwersten Angriffen ausgesetzt ist. Peking&#13;
hat die militante Doktrin von der Weltrevolution mit einer Härte verkündet, die selbst in der kommunistischen Welt schwerwiegende Probleme&#13;
aufgeworfen hat. Südvietnam wurde zum Versuchsfeld für jene Doktrin&#13;
gemacht. Dort wollen die Kommunisten erproben, ob die bewaffnete Aggression, die für sie bei anderen Gelegenheiten so oft mit Fehlschlägen&#13;
endete, unter einen neuen Deckmantel nicht doch noch erfolgreich sein&#13;
kann.&#13;
Was sich in Südvietnam abspielt, ist sicherlich kein "Befreiungs1&#13;
&#13;
krieg * - es ~ei denn in der doppelzüngigen Sprache der Kommunisten -,&#13;
noch handelt es sich um eine Erhebung, einen Volksaufstand oder einen&#13;
Bürgerkrieg. Es handelt sich vielmehr um eine schleichende Aggression,&#13;
in deren Verlauf wohlausgebildete Truppen sowie Waffen zum Zwecke des&#13;
Tötens und Zerstörens auf Befehl landfremder Führer von außen ins Land&#13;
eingeschleust werden. Selbst der Schleier des Scheins wird zunehmend&#13;
dünner, fixiert Hanoi doch in immer arroganterem Ton die Bedingungen,&#13;
zu denen Südvietnam die Ehre hat, seine Existenz als unabhängiger Staat&#13;
aufzugeben.&#13;
Es ist ein harter Krieg - ein Krieg, in dem der geforderte Zoll an&#13;
menschlicher:. Leid im Verhältnis zu der Aussicht auf einen schnellen Sieg&#13;
besonders hoch ist. Diesen Zoll möglichst hochzutreiben, ist die wohlüberlegte Absicht des Feindes, der in der Anhäufung von Grausamkeiten&#13;
ein Mittel erblickt, freie Menschen mürbe zu machen und in die Niederlage&#13;
zu treiben. Es ist ein Krieg, aus dem sich zivilisierte Menschen heraus-&#13;
&#13;
- 10 -&#13;
&#13;
�heraushalten sollten, wie manche uns nahelegen. Dies zu tun hieße&#13;
nicht nur, ein mutiges Volk im Stich lassen, sondern auch die These&#13;
bekräftigen, daß der Terror schließlich den Ausschlag für den Erfolg geben wird, den die Kommunisten bisher vergeblich zu erringen&#13;
trachteten.&#13;
Etwa 30 Staaten leister. heute Südvietnam direkte Hilfe. Ihr&#13;
Land gehört dazu. Etwa zehn weitere Staaten werden sich in absehbarer&#13;
Zeit gleichfalls an dieser Aufgabe beteiligen. Das ist ein nicht eben&#13;
geringer Teil der Staaten der freien Welt. Was die Gründe für das amerikanische Engagement angeht, so sind sie einfach. Südvietnam bat uns&#13;
um Hilfe, wir sicherten sie ihm zu uidvir gewähren sie ihm. Und was auch&#13;
immer unsere Verpflichtung von uns verlangt, wir werden es leisten.&#13;
Diese unsere Verpflichtung besagt, daß Gewalt nicht die Oberhand&#13;
über das Volk von Südvietnam gewinnen soll. Unser Ziel ist eine ehrenvolle Regelung, die die Freiheit und Unabhängigkeit dieses kleinen Landes respektiert - nicht mehr und nicht weniger. Wir machen unsere Bereitschaft zu Verhandlungen nicht von Bedingungen abhängig. Wir sind&#13;
jederzeit bereit, diese Konfrontation selbst in ihrem gegenwärtigen&#13;
ungelösten Stadium vor eine internationale Konferenz zu bringen. Mindestens zwölf Versuche wurden unternommen, Gespräche in Gang zu bringen - von uns, von unseren Verbündeten und von Staaten, die keinem&#13;
Bündnis angehören. Sie wurden sämtlich zurückgewiesen. Anfang Juli&#13;
hat Außenminister Rusk die Lage mit folgenden Worten umrissen: MDer&#13;
Apparat ist vorhanden. Es gibt ein Dutzend Wege zum Frieden, sofern&#13;
nur die Bereitschaft dazu besteht. Das Problem ist nicht das Fehlen geeigneter Kanäle, diplomatischer Verfahren oder entsprechender Kontakte.&#13;
Das Problem besteht vielmehr darin, daß wir auf der Gegenseite nicht&#13;
das geringste Interesse an einer Friedensregelung zu entdecken vermögen."&#13;
Das ist bedauerlich, zumal wir das Endergebnis bereits kennen. Wir&#13;
sind eine uneingeschränkte Verpflichtung eingegangen, und wir und die&#13;
Südvietnamesen besitzen die erforderliche Stärke, um die Oberhand zu behalten. Wir setzen unsere Stärke in Vietnam so maßvoll ein, wie wir&#13;
dies stets getan haben. Wir griffen Bulgarien oder Jugoslawien nicht an,&#13;
als Guerillas aus diesen Ländern nach Griechenland einfielen. Wir&#13;
&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�Wir errichteten eine Luftbrücke nach Berlin, anstatt auf die&#13;
Blockade mit Kampfaktionen großen Stils zu Lande zu antworten.&#13;
Wir setzten in Korea keine Atomwaffen ein, obwohl unsere Hauptgegner damals jene Waffen nicht besaßen. Wir machten es der Sowjetunion nicht unmöglich, sich in Frieden aus der kubanischen Raketenkrise zurückzuziehen. Viereinhalb Jahre vergingen zwischen dem getarnten Angriff Nordvietnams auf den Süden und der Auslösung eines&#13;
begrenzten Angriffs auf den Norden durch uns. Nach einer gewissen&#13;
Zeit legten wir wiederum eine Pause ein - und ließen die Gegenseite&#13;
im voraus wissen, daß diese Pause als Frage zu verstehen sei. Wir&#13;
erhielten eine barsche Antwort.&#13;
Wir versuchen jetzt, wie vordem, unser Handeln mit den Erfordernissen der Wahrung des Friedens in Einklang zu bringen. Einen&#13;
Weltbrand zu entfachen, würde diesem Ziel ebensowenig dienen wie&#13;
ein Versagen unsererseits, wann immer es gilt, Leben und Material&#13;
einzusetzen. Wir werden in Vietnam handeln, wie es die Pflicht uns&#13;
gebietet.&#13;
Unsere Erfahrung lehrt, daß man bei der Wahrung des Friedens&#13;
nicht unbedingt auf Dank-rachnen kann. Verleumdung ist vielmehr der&#13;
übliche Lohn, so lange jedenfalls, bis rückschauend der eigentliche&#13;
Wert der vollbrachten Leistung erkennbar wird. Den Frieden zu erhalten,&#13;
verschafft dem Friedenswahrer keinen Fußbreit Boden, kein Jota an&#13;
Herrschaft mehr. Es ist ein kostspieliges Unterfangen. Seit 1945 hat&#13;
es die Vereinigten Staaten 160 000 Tote und Verwundete gekostet, und&#13;
das in einer Welt, die angeblich von keinen größeren Konflikten geplagt&#13;
ist. Wozu sich also auf die Aufgabe der Erhaltung des Friedens einlassen? Wäre es nicht besser, man ließe jedes Land nach seinen Kräften für sich selbst sorger?Die Antwort lautet, daß kein Land nur für&#13;
sich selber zu sorgen vermag - und daß jedes Land nach seiner Stärke im&#13;
Rahmen der Gemeinschaft der freien Welt verpflichtet ist, allen ihren&#13;
Mitgliedern gegebenenfalls beizustehen.&#13;
Wir sind nun einmal das stärkste Mitglied. Viele Aufgaben vermögen nur wir zu übernehmen. Und deshalb wenden sich auch viele Völker&#13;
in der Stunde der Not an uns. Ihnen Hilfe zu verweigern, hieße effektiv sagen: Ja, die Freiheit ist ein kostbares Gut - aber nur mein Teil&#13;
&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�Teil an ihr, nicht der deine. Auf diese Weise würde die Summe der&#13;
Freiheit in der Welt vermindert. Der englische Dichter John Donne hat&#13;
diese Wahrheit vor langer Zeit so formuliert: »•Kein Mensch ist ein&#13;
Eiland für sich allein; jeder Mensch ist ein Stück Kontinent, ein&#13;
Tej.1 Festland; spült das Meer ein Stück Land weg, ist Europa um dieses&#13;
geringer, ebenso als wäre ein Vorgebirge oder das Haus deiner Freunde&#13;
oder dein eigenes weggespült worden: jedes Menschen Tod mindert mich,&#13;
bin ich doch Teil der Menschheit."&#13;
Wir Amerikaner können freilich - selbst wenn wir die militärische&#13;
Starke dazu besäßen - die Aufgabe der Erhaltung des Friedens nicht allein versehen. Wir müssen die moralische wie auch die physische Präsenz weiterer Mitglieder der Gemeinschaft der freien Welt an unserer&#13;
Seite fühleu. Nur so wird dem amerikanischen Volk die Ermutigung zuteil, die es befähigt, die schwere Bürde seiner Verantwortung im Weltgeschehen auch weiterhin zu tragen. Nur so kann der Anstoß zur Ausbildung&#13;
&lt;»ines Konsensus bezüglich unserer individuellen und kollektiven Verantwortung vor der Aufgabe der Erhaltung des Friedens gegeben werden, zu&#13;
dem die gesamte Gemeinschaft der freien Welt letztlich finden muß, wollen&#13;
wir die Welt von der Gesetzlosigkeit befreien.&#13;
Meiner Auffassung nach ist die Erhaltung des Friedens eine Pflicht,&#13;
der sich auch die Völker Europas noch eingehender&#13;
&#13;
widmen sollten.&#13;
&#13;
Sicherlich mühen sich viele europäische Länder unter Belastungen der&#13;
einen oder anderen Art und zögern, weil sie fürchten, man könnte ihre&#13;
Motive mißdeuten. Man kann diese Belastungen aber auch überbewerten.&#13;
Über allem steht doch die Tatsache, daß die Gemeinschaft der freien Welt,&#13;
was die Erhaltung des Friedens, die Wirtschaftshilfe und auch andere&#13;
Dinge angeht, der gesamten Kraft Europas dringend bedarf. Und ich glaube,&#13;
daß es Europas Schuldigkeit ist, seine ganze Kraft einzusetzen.&#13;
Das ist ein weiterer Grund, der vielen anderen guten Gründen hinzuzufügen ist, die Europa haben könnte, sich enger zusammenzuschließen.&#13;
Im Hinblick auf die Erhaltung des Friedens und aus anderen Gründen&#13;
dürften die Europäer den Wunsch hegen, die Vorteile eines koordinierten,&#13;
gemeinsamen Vorgehens eingehend in Betracht zu ziehen. Jede Aufgabe läßt&#13;
sich gemeinsam mit anderen leichter lösen. Hinzu kommt, daß wohl viele&#13;
Nationen das eine oder andere europäische Volk aus der Vergangenheit kennen&#13;
&#13;
- 13 -&#13;
&#13;
�kennen, daß aber keine&#13;
&#13;
Europa an sich kennt - ein geeintes Europa,&#13;
&#13;
das sich vom Nordkap bis zum Mittelmeer erstreckt. Vielleicht ist&#13;
es diese erst noch zu schaffende Ganzheit, die einst in jenen Teilen&#13;
der Welt den Ausschlag gibt, in denen noch nicht entschieden ist, ob&#13;
die Freiheit oder der Zwang siegen wird.&#13;
Das von mir eben angeführte Argument für einen Zusammenschluß&#13;
Europas ist sehr ernst zu nehmen, und es ist noch dazu dringend. Die&#13;
Erhaltung des Friedens ist keine Aufgabe, die sich um der Bequemlichkeit jener willen, die die Mittel hierzu haben, auf später vertagen&#13;
läßt. Wenn es Europa an sich gegeben wäre, zur Wahrung von Frieden&#13;
und Ordnung in einem bestimmten Teil der Erde beizutragen - in Afrika&#13;
beispielsweise -,und es täte dies nicht, dann wären sowohl Europa als&#13;
auch Afrika die Leidtragenden, wollte das eine oder das andere dulden,&#13;
daß sich überlebte Vorstellungen zwischen das Gebot der Stunde und&#13;
seine Erfüllung drängen.&#13;
Nach meiner Überzeugung hat die Menschheit in der Konzeption der&#13;
'Gemeinschaft der freien Welt"endlich jenes Modell gewonnen, von dem&#13;
sich eine hoffnungsvolle Antwort auf die Frage der Schaffung einer&#13;
friedlichen Ordnung in einer von Schwierigkeiten geplagten Welt ableiten läßt. Wir werden hinsichtlich dieser Aufgabe in genau dem Maße erfolgreich sein, in dem wir den Sinn dieser Konzeption zu deuten vermögen - und dann entsprechend den daraus gezogenen Lehren handeln. So&#13;
zu verfahren liegt im ureigensten Interesse aller freien Menschen.&#13;
&#13;
+++++&#13;
&#13;
- 14 -&#13;
&#13;
�AMERIKA DIENST&#13;
U n i t e d&#13;
5 3 2 0&#13;
T e l :&#13;
&#13;
S t a t e s&#13;
B a d&#13;
&#13;
I n f o r m a t i o n&#13;
&#13;
G o d e s b e r g&#13;
&#13;
6 0 1 - 3 2 4 0&#13;
&#13;
I,&#13;
&#13;
S e r v i c e&#13;
&#13;
P o s M a c h&#13;
&#13;
T . l . x :&#13;
&#13;
Beilage&#13;
&#13;
3 0 0&#13;
&#13;
XVIII - 39&#13;
&#13;
0 8 - 8 5 4 3 2&#13;
&#13;
EIN OFFENES WORT ZU AKTUELLEN PROBLEMEN DER&#13;
DEUTSCH-AMEELKANISCHEN BEZIEHUNGEN&#13;
&#13;
Ansprache&#13;
Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten&#13;
in der Bundesrepublik Deutschland,&#13;
GEORGE C. MCGHEE&#13;
&#13;
gehalten am 22. Oktober 1965 in Frankfurt&#13;
auf einer Veranstaltung der Steuben-Schurz-Gesellschaft&#13;
&#13;
�EIN OFFENES WORT ZU AKTUELLEN PROBLEMEN DER&#13;
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN&#13;
&#13;
Es ist für mich ein wirkliches Vergnügen, wieder einmal Gast der&#13;
Steuben-Schurz-Gesellschaft in Frankfurt zu sein. Wir haben bei früheren Anlässen schon hier zusammen gespeist, getanzt oder auch nur frank&#13;
und frei miteinander gesprochen. Ich fühle mich in Ihrem Kreis sehr&#13;
wohl, "en famille" gewissermaßen, wie man auch in Amerika sagt.&#13;
Angesichts eines so guten Einvernehmens ist es durchaus in Ordnung, wenn wir hier ungeniert die Fragen erörtern, die uns gerade am&#13;
meisten beschäftigen. Aus diesem Grund nahm ich mir die Freiheit, das&#13;
ursprünglich für heute abend angekündigte Thema fallenzulassen, um&#13;
statt dessen gewisse Fragen zu behandeln, die das deutsch-amerikanische&#13;
Verhältnis unmittelbar angehen und gegenwärtig von der deutschen Öffentlichkeit stark beachtet werden. Es handelt sich um Fragen, bezüglich&#13;
deren gewisse Kreise in Deutschland ein Mißtrauen gegenüber den amerikanischen Absichten an den Tag legen, das ich für unbegründet halte.&#13;
Manche von ihnen ziehen in gutem Glauben in bezug auf die Zielsetzung&#13;
der amerikanischen Politik Schlüsse, die ich für ungerechtfertigt halte.&#13;
Dieser Sachverhalt stellt meiner Meinung nach Amerikaner wie Deutsche&#13;
vor ein ernstes Problem —&#13;
&#13;
ein Problem, das Sie, verehrte Anwesende,&#13;
&#13;
bekanntermaßen ebenfalls sehr beschäftigt, da sich die Mitglieder der&#13;
Steuben-Schurz-Gesellschaft, wie ich weiß, mit ganzer Hingabe für die&#13;
Mehrung des Verständnisses zwischen unseren beiden Völkern einsetzen.&#13;
Ich habe in den letzten Wochen Kritiken an der amerikanischen Politik zu hören und zu lesen bekommen, die sich im wesentlichen um vier&#13;
Punkte drehten:&#13;
1.&#13;
&#13;
1-&#13;
&#13;
�1. Amerikanische Investitionen: Es wird behauptet, das amerikanische Kapital drohe die deutsche Industrie zu beherrschen.&#13;
2. Truppenabzug: Es wird gemeldet, die Vereinigten Staaten beabsichtigten, Truppen aus Deutschland zum Zwecke des Einsatzes in Vietnam abzuziehen und hätten über ihrem Engagement in Südostasien das&#13;
Interesse an Deutschland und Europa verloren.&#13;
3. Arrangement mit den Russen: Es wird erklärt, die Vereinigten&#13;
Staaten wären bereit, als Gegenleistung für eine wohlwollende Haltung&#13;
der Sowjets in der Vietnam-Frage den Status quo in Mitteleuropa zu&#13;
akzeptieren.&#13;
4. Nukleare Verteidigung: Seit den jüngsten Abrüstungsverhandlungen in Genf ist der Vorwurf zu hören, die Vereinigten Staaten würden&#13;
Haßnahmen unterstützen, die geeignet sind, Deutschland im Interesse&#13;
des Abschlusses eines Vertrages über die Nichtverbreitung von Atomwaffen das Mitspracherecht bei der nuklearen Verteidigung des Bündnisses&#13;
vorzuenthalten.&#13;
I. Amerikanische Investitionen&#13;
&#13;
Ich möchte mich zuerst den Fragen zuwenden, die sich zwischen&#13;
unseren beiden Ländern im wirtschaftlichen Bereich ergeben haben. Was&#13;
die Rolle der amerikanischen Unternehmen hier in Deutschland angeht, so&#13;
bin ich, um es vorwegzusagen, stolz auf sie. Zusammen mit ihrem Kapital&#13;
haben amerikanische Firmen in Deutschland auch&#13;
&#13;
ihr technisches Wissen&#13;
&#13;
und ihre Management-Erfahrung investiert. Diese wertvollen Beiträge&#13;
wurden zu einer Zeit geleistet, als Deutschland sich bemühte, wieder&#13;
auf die Beine zu kommen, und sie begünstigten den raschen wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes. Und in den inzwischen verstrichenen Jahren haben unsere Firmen auch Anteil genommen an dem in der Geschichte&#13;
einmaligen wirtschaftlichen Wachstum der Bundesrepublik.&#13;
Dennoch werden die amerikanischen Investitionen in Deutschland gelegentlich als eine Kampagne dargestellt, die deutsche Wirtschaft unter&#13;
Kontrolle zu bekommen. Sollte in dieser Lesart auch nur ein Fünkchen&#13;
&#13;
- 2 -&#13;
&#13;
�Fünkchen Wahrheit sein, dann hat sich die Kampagne als einer der größten Fehlschläge der Geschichte erwiesen: Im Mai dieses Jahres veröffentlichte die Bundesbank einen Bericht über den Stand der Investitionen&#13;
im Bereich des Handels und der Industrie in Deutschland, dem zufolge&#13;
der Anteil Amerikas an den Gesamtinvestitionen noch nicht einmal 3,4&#13;
Prozent beträgt.&#13;
Der Hinweis auf die nachteiligen Folgen amerikanischer Investitionen für Deutschland wird manchmal auch in anderer Form vorgebracht. Es&#13;
ist dann nicht vom relativ bescheidenen Ausmaß der amerikanischen Investitionen hier die Rede, sondern von deren ungleicher Verteilung.&#13;
Die Automobilindustrie wird oftmals als einer der Wirtschaftszweige&#13;
genannt, in denen Firmen in amerikanischem Besitz über Gebühr vertreten sind. Tatsache ist, daß zwei seit langem schon in Deutschland&#13;
tätige amerikanische Automobilhersteller in einem durch scharfen Wettbewerb gekennzeichneten Markt fortgesetzt bemüht sind, sich den Rang&#13;
abzulaufen. Gleichzeitig leisten sie mit ihren Exporten einen wesentlichen Beitrag zu den deutschen Außenhandelsüberschüssen. Hätten diese&#13;
amerikanischen Gesellschaften keine Produktionsstätten in Deutschland,&#13;
würden sie mit Sicherheit viele der heute von Deutschland aus belieferten Märkte von Amerika aus oder über Tochterunternehmen in anderen&#13;
Staaten bedienen.&#13;
Im Wettbewerb im Bereich der Automobilindustrie in Deutschland&#13;
ist es ein deutsches Unternehmen - Ihr wohlbekanntes Volkswagenwerk -,&#13;
das sich zu einem der führenden Produzenten der Welt aufgeschwungen&#13;
hat. Es strebt schon dem Punkt zu, an dem es der viertgrößte Lieferant&#13;
auf dem amerikanischen Markt sein wird, unmittelbar hinter den sogenannten "Großen Drei" der Vereinigten Staaten. Wir begrüßen diesen&#13;
Wettbewerb, der nach unserem Dafürhalten immer in beiden Richtungen&#13;
wirksam werden sollte.&#13;
Die Mineralölwirtschaft, Raffinerie und Absatz, ist ein weiterer&#13;
Sektor der deutschen Wirtschaft, in dem amerikanische Gesellschaften&#13;
eine wichtige Rolle spielen. Alles in allem beläuft sich der Anteil der&#13;
amerikanischen Ölgesellschaften an der deutschen Raffineriekapazität&#13;
auf rund 25 Prozent. Der amerikanische Anteil ist jedoch geringer als&#13;
der Anteil der übrigen in der Bundesrepublik tätigen ausländischen Öl-&#13;
&#13;
- 3-&#13;
&#13;
�Ölgesellschaften zusammengenommen. Der Grund für diese relativ hohe&#13;
ausländische Beteiligung besteht natürlich darin, daß sich Deutschland erst zu einem späten Zeitpunkt in das internationale Ölgeschäft&#13;
einschaltete. Trotz ihrer Fortschritte sind die deutschen Firmen&#13;
nicht in der Lage, den großen deutschen Markt zu versorgen. Die Frage&#13;
ist daher nicht, ob sich Deutschland ausländischer Ölgesellschaften,&#13;
sondern welcher ausländischer Gesellschaften es sich bedienen soll.&#13;
Eine weitere Beschuldigung besagt - dies ist der eigentliche&#13;
springende Punkt -, die amerikanischen Firmen verschärften den Wettbewerbsdruck in Deutschland. Und das trifft nun tatsächlich voll zu,&#13;
und indem die amerikanischen Firmen das tun, erweisen sie Deutschland,&#13;
wie ich behaupten möchte, einen echten Dienst.&#13;
Ist diese Behauptung falsch, muß das deutsche Wirtschaftswunder&#13;
in einem ganz anderen als in dem gewöhnlichen Sinne ein Wunder sein.&#13;
Das Wirtschaftswunder war ja schließlich kein Zufall. Gelenkt von&#13;
der Hand Bundeskanzler Erhards, schickte sich Deutschland an, den&#13;
wirtschaftlichen Wiederaufstieg über eine Politik anzustreben, die&#13;
auf der Förderung des freien Unternehmertums beruhte. Der Wettbewerb&#13;
spielte dabei eine entscheidende Rolle, und dieser Wettbewerb wurde,&#13;
ein ganz bewußter politischer Schritt, auf den internationalen Bereich&#13;
ausgedehnt.&#13;
Ein Maßstab echter Wirtschaftsbürgerschaft von Firmen in ausländischem Besitz ist der Grad, bis zu dem sie die Geschäftsführung Bürgern&#13;
des Gastlandes übertragen. Selbst die größten amerikanischen Firmen&#13;
in Deutschland haben nur einige wenige leitende amerikanische Angestellte.&#13;
&#13;
Manche Unternehmen werden sogar gänzlich von Deutschen geführt.&#13;
Die hier geschäftlich tätigen Amerikaner handeln in dem klaren&#13;
&#13;
Bewußtsein, daß sie deutschem Recht unterliegen und die Verpflichtung&#13;
haben, gute Wirtschaftsbürger Deutschlands zu sein.&#13;
&#13;
II.&#13;
&#13;
�II. Truppenabzug&#13;
Lassen Sie mich nun von Wirtschaftsfragen auf eine ganz andere&#13;
Angelegenheit überspringen: die Aufrechterhaltung der Stärke der amerikanischen Streitkräfte hier in Deutschland. Berichte, denen zufolge&#13;
die Amerikaner im Begriffe stehen, Truppen aus Deutschland abzuziehen,&#13;
tauchen mit der Regelmäßigkeit eines Wagnerischen Leitmotivs immer&#13;
wieder von neuem auf.&#13;
Ich glaube, die Autoren solcher Berichte - Europäer und manchmal&#13;
auch Amerikaner - gehen von etwas aus, das sie für eine logische Annahme halten: daß die Vereinigten Staaten den Erfordernissen&#13;
&#13;
in Viet-&#13;
&#13;
nam nachkommen, indem sie Streitkräfte von Europa abziehen.&#13;
Aber die Vereinigten Staaten haben diesen Weg nicht eingeschlagen.&#13;
Wir verstärken unsere Streitkräfte in Vietnam nunmehr seit Monaten&#13;
unablässig, und dennoch ist die Stärke unserer Streitkräfte in Europa&#13;
heute die gleiche wie vorher.&#13;
Da in Europa kein "heißer Krieg" geführt wird und da die BerlinKrise zur Zeit weniger akut ist, nehmen diese Schreiber an, die Vereinigten Staaten sähen keine dringende Notwendigkeit, weiterhin Truppen in so großer Zahl in Europa zu unterhalten. Wir wissen im Gegenteil,&#13;
daß in Europa nur deshalb stabile Verhältnisse herrschen, weil unsere&#13;
Truppen dort stehen. Und wir wissen ferner, daß nichts geeigneter wäre,&#13;
unsere Gegner zu Aggressionshandlungen zu verführen, als durch Abzug&#13;
unserer Truppen ein Machtvakuum in Europa zu schaffen.&#13;
Lassen Sie mich ein analoges Beispiel anführen. Das Gebäude,&#13;
in dem wir heute abend versammelt sind, ist ein kompliziertes Gebilde.&#13;
Steht es fest, weil seine Teile keinerlei Belastung unterliegen? Keineswegs. Es ist stabil, weil seine Architekten schon beim Entwurf alle&#13;
möglichen Druck- und Zugspannungen sorgfältig einkalkulierten und für&#13;
Gegenkräfte sorgten, um sie aufzuheben.&#13;
Was nun die Stabilität der derzeitigen militärischen Lage in Europa&#13;
angeht, weiß die Regierung der Vereinigten Staaten sehr wohl, was auch&#13;
&#13;
�auch die Architekten dieses Gebäudes wußten: Daß der militärische Druck&#13;
des Ostens auf Europa mächtig und konstant ist. Wir werden nur dann&#13;
stabile Verhältnisse in Europa haben, wenn wir auch weiterhin den gesamten Druck durch Gegendruck kompensieren. Aus diesem Grund wird die Stärke&#13;
der US-Streitkräfte in Europa konstant gehalten - trotz des Krieges in&#13;
Vietnam und unserer Verpflichtungen in anderen Teilen der Welt.&#13;
Die Europäer haben keinen Grund, unser starkes Engagement in Vietnam mit Mißtrauen zu beobachten. Es liegt tatsächlich im Interesse Europas wie in unserem eigenen Interesse, daß wir dort verbleiben, bis der&#13;
Erfolg unser ist. Damit vermindert sich auch die Gefahr einer Erneuerung&#13;
des kommunistischen Druckes auf Berlin. Im Kreml wird man jedenfalls&#13;
sorgfältig registrieren, mit welcher Entschlossenheit wir unser Versprechen gegenüber dem Volk von Südvietnam erfüllen. Dort wird man damit&#13;
rechnen, daß wir mit der gleichen Entschlossenheit auch in Berlin reagieren würden.&#13;
Wir brauchen in der Tat nicht zwischen unseren Verpflichtungen in&#13;
Europa und in Vietnam zu wählen. Wir sind ein Volk von nahezu 200 Millionen, das zusammen mit seinen Verbündeten stark genug ist, um alle seine&#13;
Verpflichtungen zu erfüllen.&#13;
&#13;
Natürlich beherrscht der Krieg in Südviet-&#13;
&#13;
nam die Schlagzeilen, ist doch täglich von Kampfhandlungen und vom Sterben von Zivilisten und Soldaten zu berichten. Ein Nachlassen des amerikanischen Interesses an Europa aber spiegelt sich darin keineswegs wider.&#13;
Es hat sich weder an der Stärke unserer Streitkräfte noch an unserer&#13;
Politik noch an unserer Bereitschaft etwas geändert, auf eine kommunistische Bedrohung ebenso scharf zu reagieren wie in der Vergangenheit.&#13;
Wenngleich wir rein innereuropäische Probleme wie die gegenwärtige&#13;
Lage innerhalb des Gemeinsamen Marktes als Angelegenheiten betrachten,&#13;
die die Europäer selber regeln müssen, ist dies doch kein Zeichen eines&#13;
Desinteresses an Europa. Wir wissen heute so gut wie zur Zeit der Gründung der NATO, daß die einzig wirksame Verteidigung des atlantischen&#13;
Raumes die kollektive Verteidigung ist. Unsere älteste Verpflichtung&#13;
der Nachkriegszeit betrifft die Verteidigung Europas. Die Truppen, die&#13;
wir hier in Deutschland stationiert haben, bilden unsere erste Verteidigungs-&#13;
&#13;
- 6 -&#13;
&#13;
�Verteidigungslinie gegen eine kommunistische Aggression.&#13;
Das Büro Verteidigungsminister McNamaras veröffentlichte am&#13;
4. August folgende Erklärung: "Eine Reduzierung des Umfangs der amerikanischen Verpflichtungen in Europa ist nicht vorgesehen. Die per&#13;
Ende Juni 1966 für Europa vorgesehene Zahl der Armeeangehörigen ist&#13;
identisch mit der von Ende Juni 1965. Berichte, wonach die Vereinigten Staaten nach den westdeutschen Wahlen die Verlegung ganzer Einheiten der 7. US-Armee nach Südvietnam ankündigen wollen, sind nicht wahr."&#13;
Präsident Johnson erklärte mehrfach, daß die amerikanischen Streitkräfte so lange in Europa verbleiben werden, wie ihre Anwesenheit gewünscht wird, und solange sie gebraucht werden. Dies ist in Wahrheit&#13;
die amerikanische Einstellung. Daran ändern noch so viele Spekulationen in der Öffentlichkeit nicht das geringste.&#13;
&#13;
III. Ein Arrangement mit den Russen&#13;
&#13;
Immer wenn die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten miteinander&#13;
verhandeln, tauchen Propheten des Untergangs auf und erklären, wir stünden im Begriff, uns mit der ständigen Teilung Deutschlands abzufinden.&#13;
Es genügt, daß wir und die Sowjets in irgendwelchen abgelegenen internationalen Fragen wie der Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan unabhängig voneinander zu einer gleichen Beurteilung der Lage kommen, und schon ziehen die gleichen Propheten den Schluß, Washington wolle&#13;
seinen feierlichen Verpflichtungen gegenüber der Bundesrepublik den Rükken kehren. Natürlich bleibt man den Beweis für einen solchen ,rrauschhandel" zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion schuldig,&#13;
gibt es doch tatsächlich keinen.&#13;
Ich bin sicher, daß Sie sich der jahrelangen Kontinuität der amerikanischen Politik in der deutschen Frage bewußt sind. In der langen Reihe&#13;
der Vier-Mächte-Konferenzen der fünfziger Jahre, in den anschließenden&#13;
Gesprächen zwischen Außenminister Rusk und Außenminister Gromyko in den&#13;
sechziger Jahren und in vielen Erklärungen der Alliierten zu dieser Frage seit der berühmten Stuttgarter Rede Außenminister Byrnes' vom Jahre&#13;
1946 haben sich die Vereinigten Staaten für die deutsche Wiedervereinigung eingesetzt. Ebenso beharrlich hat sich die Sowjetunion ihr widersetzt.&#13;
Der&#13;
- 7-&#13;
&#13;
�Der rote Faden der Intentionen der sowjetischen Politik war in&#13;
all den Jahren das Streben, den kommunistischen Machtbereich nach Möglichkeit auszudehnen und das Erreichte zu behaupten, sobald der weiteren Expansion Einhalt geboten wurde. In Deutschland bedeutete dies die&#13;
fortgesetzte, unnatürliche Spaltung eines Volkes und einer Kultur. Die&#13;
Vereinigten Staaten haben diese Spaltung niemals als endgültig akzeptiert, und wir werden dies nie tun. Der dauerhafte Frieden,den wir in&#13;
Europa erstreben, läßt sich nur auf einer befriedigenden Lösung der&#13;
deutschen Frage aufbauen, die sich ihrerseits auf das Selbstbestimmungsrecht gründen muß.&#13;
Das gleiche Ziel suchen wir auch in Vietnam zu erreichen: einen&#13;
dauerhaften und auf die Freiheit und das Recht der nationalen Selbstbestimmung gegründeten Frieden. Ihn können wir sicherlich nicht an dem&#13;
einen Ort erreichen, indem wir ihn an einem anderen preisgeben.&#13;
Der Vorschlag, wir sollten unsere vorderste Verteidigungslinie&#13;
schwächen, um dafür einige Zugeständnisse in Vietnam einzuhandeln, verstößt gegen jede Logik. Er liefe nach Präsident Kennedys Worten darauf&#13;
hinaus, einen Obstgarten gegen einen Apfel einzutauschen. Außerdem wäre&#13;
es keineswegs gewiß, daß wir den Apfel bekämen. Es bestehen überdies&#13;
erhebliche Zweifel, ob die Sowjetunion die Entwicklungen in Südostasien&#13;
überhaupt zu beeinflussen vermöchte, selbst wenn sie dies wollte - ist&#13;
doch China die treibende Kraft der Aggression.&#13;
Wir sind wie eh und je daran interessiert, Bereiche einer möglichen&#13;
Übereinstimmung mit der Sowjetunion ausfindig zu machen, die den Interessen der freien Welt förderlich sind. Wir hoffen dadurch den Frieden&#13;
zu stärken und eine schließliche Lösung von vielen langwierigen Problemen,&#13;
wie dem der Teilung Deutschlands, zu erleichtern. Die Suche nach solchen&#13;
Bereichen der Übereinstimmung hat die Interessen unserer Verbündeten in&#13;
der Vergangenheit nicht beeinträchtigt - und wird dies auch in Zukunft&#13;
nicht tun. Das gegenwärtige gespannte Verhältnis zwischen den USA und&#13;
der Sowjetunion - vornehmlich eine Folge der Entwicklung in Vietnam macht allerdings jeden Fortschritt in den Beziehungen zu Moskau äußerst&#13;
schwierig. Wir denken aber nicht daran, einer Verbesserung unseres&#13;
&#13;
- 8-&#13;
&#13;
�unseres Verhältnisses zu Moskau zuliebe in Vietnam aufzugeben - ebensowenig, wie wir aus demselben Grunde unsere Bemühungen um die Wiedervereinigung Deutschlands aufgeben würden.&#13;
&#13;
IV. Nukleare Verteidigung&#13;
Die Probleme der atomaren Verteidigung und der Abrüstung können&#13;
nicht getrennt behandelt werden. So erstrebenswert die Abrüstung auch&#13;
ist, darf sie doch nicht zu einer voreiligen Schwächung unserer Verteidigung führen. Die Vereinigten Staaten haben dies voll erfaßt. In den&#13;
vergangenen Wochen sind jedoch die Warnrufe nicht verstummt, die Amerikaner seien so sehr an einem Vertrag über die Nichtweiterverbreitung&#13;
von Atomwaffen interessiert, daß sie seinetwegen eine Gefährdung der&#13;
europäischen und der deutschen Sicherheit in Kauf nehmen würden. Diese&#13;
Kritik richtet sich insbesondere gegen den Vertragsentwurf, den wir&#13;
der Genfer Abrüstungskonferenz am 17. August unterbreitet haben. Lassen&#13;
Sie mich auf einige Punkte dieser Kritik an unserem Vertragsentwurf näher eingehen.&#13;
Einer der vorgebrachten Einwände besagt, unser Entwurf sichere die&#13;
Wege zu einer größeren deutschen Beteiligung an der Nuklearverteidigung&#13;
des Bündnisses nicht ausreichend ab. Ein anderer Vorwurf lautet, er&#13;
lasse nicht die Möglichkeit zu einer späteren Entwicklung einer europäischen Atomstreitmacht offen. Tatsache ist, daß sich die Vereinigten&#13;
Staaten alle Mühe geben, beide Möglichkeiten zu verfechten. Sie haben&#13;
beide in ihrem Vertragsentwurf voll und ganz berücksichtigt.&#13;
Die Sowjetunion behauptet, die vorgeschlagenen Vereinbarungen über&#13;
die nukleare Beteiligung innerhalb der NATO seien mit einem Nichtweitergabe-Abkommen unvereinbar. Andererseits glauben einige Leute in Deutschland, unser Vertragsentwurf über die Nichtweitergabe von Atomwaffen&#13;
stünde einer stärkeren nuklearen Beteiligung innerhalb der Allianz entgegen. Beide Auffassungen sind unserer Meinung»nach unbegründet. Die&#13;
Nichtweitergabe von Atomwaffen und die Suche nach einer gerechten Vereinbarung bezüglich einer größeren Beteiligung der NATO-Mitglieder an&#13;
&#13;
- 9-&#13;
&#13;
�an ihrer Kollektiwerteidigung auf dem atomaren Sektor stellen keine&#13;
Alternativen dar. Es sind zwei Wege, die dem gleichen Ziel zustreben,&#13;
nämlich, die nukleare Frage so zu lösen, daß der freien Welt der bestmögliche Schutz bei geringstmöglicher Gefahr eines um sich greifenden&#13;
atomaren Wettrüstens geboten wird, das die gesamte Menschheit vernichten könnte.&#13;
Deutschlands Interesse daran, eine Vervielfachung der nationalen&#13;
Atomrüstungen zu verhindern, ist nicht weniger unmittelbar als das&#13;
der Vereinigten Staaten und anderer Länder. Die Folgen eines Scheiterns&#13;
der Bemühungen, die Zahl der Richtungen zu begrenzen, aus denen ein&#13;
Atomkrieg drohen kann, sind allen gleichermaßen klar.Vielleicht können&#13;
einige entlegene Gebiete in der Welt tatsächlich damit rechnen, einem&#13;
Direktangriff zu entgehen - dennoch würden solche Hoffnungen bei dieser Art Kriegführung, die selbst die Luft mit tödlichem Gift zu erfüllen vermag, nur wenig bedeuten. Aber weder Deutschland noch die&#13;
Vereinigten Staaten können, was ihre Zukunft angeht, auf eine so geringe Hoffnung bauen. Wir würden beide im Angriffszentrum liegen. Für&#13;
Sie wie für uns kann die Nichtweitergabe von Atomwaffen sehr wohl der&#13;
Schlüssel zum Überleben sein.&#13;
Lassen Sie mich angesichts dieser beiden konvergierenden Überlegungen noch einmal die Einstellung der Vereinigten Staaten zur Frage&#13;
der nuklearen Beteiligung innerhalb der NATO darlegen. Wir sind dafür.&#13;
Wir sehen darin ein Ziel, das sich durchaus mit der Nichtweitergabe&#13;
von Atomwaffen vereinbaren läßt. Wir haben das auch in Genf gesagt.&#13;
Wir anerkennen die Notwendigkeit eines Übereinkommens, das den NichtAtommächten unter den Mitgliedern des atlantischen Bündnisses die Beteiligung an der eigenen nuklearen Verteidigung zugesteht - ohne daß&#13;
neue unter nationalem Oberbefehl stehende Atomstreitkräfte geschaffen&#13;
werden.&#13;
Unsere Absicht ist es, zu einer Lösung des Problems beizutragen,&#13;
die alle unsere NATO-Partner befriedigt. In der Frage, wie das Problem&#13;
zu lösen ist, nehmen wir keine doktrinäre Haltung ein. Darüber wird zu&#13;
diskutieren sein. Die Vereinigten Staaten haben den Plan für die&#13;
&#13;
- 10 -&#13;
&#13;
�die Schaffung einer multilateralen Streitmacht (MLF) ausgearbeitet.&#13;
Es wurde ferner ein Vorschlag zur Schaffung einer Atlantischen Atomstreitmacht (ANF) gemacht. Die Vereinigten Staaten schließen weder&#13;
den Vorschlag bezüglich der MLF noch den bezüglich der ANF noch überhaupt einen Vorschlag aus, der zu einer befriedigenden Lösung der&#13;
nuklearen Probleme des Bündnisses ohne Proliferation geeignet scheint.&#13;
Die Bereinigung dieser Angelegenheit ist für alle Mitglieder des&#13;
Bündnisses ein wichtiger noch unerledigter Punkt der Tagesordnung. Wir&#13;
werden unser Bestes tun. Diese Fragen werden den Gegenstand lebhafter&#13;
Erörterungen seitens der interessierten Mitglieder der NATO bilden.&#13;
Wir begrüßen alle diesbezüglichen deutschen Vorschläge. Wir rechnen&#13;
damit, daß die nukleare Beteiligung einen der Hauptpunkte der Besprechungen mit Präsident Johnson bildet, zu denen Bundeskanzler Erhard&#13;
gegen Jahresende nach den Vereinigten Staaten reisen wird.&#13;
V. Argwohn und Vertrauen&#13;
Nachdem ich versucht habe, die Zweifel auszuräumen, die hinsichtlich der genannten vier Punkte bestehen, möchte ich abschließend auf&#13;
eine der generellen Schwierigkeiten zu sprechen kommen, in die unbegründetes Mißtrauen die Beziehungen zwischen Verbündeten zu bringen vermag. Das deutsch-amerikanische Verhältnis entwickelte sich in den Nachkriegsjahren bemerkenswert harmonisch. Das ist für beide Länder Grund&#13;
zu größter Befriedigung. Wollte man diese Beziehungen graphisch darstellen, so würde die Kurve in ziemlich regelmäßigen Abständen Schwankungen&#13;
nach unten zeigen, die auf ständig wiederkehrende Schwankungen im Vertrauen zurückzuführen sind.&#13;
Ich würde nicht in voller Offenheit sprechen, wenn ich mit meiner&#13;
Meinung zurückhielte, daß diese Schwankungen öfter auf deutscher denn&#13;
auf amerikanischer Seite auftraten. Über die bereits erwähnten deutschen&#13;
Zweifel hinaus ließe sich ihre Liste, wie ich leider sagen muß, noch&#13;
lange fortsetzen. Einzeln betrachtet, sind sie vielleicht nicht allzu&#13;
bedeutend-. Auch haben sie unser Freundschaft sverhältnis nicht gestört.&#13;
Aber sie sind um so bedauerlicher, als sie meines Erachtens größtenteils&#13;
überflüssig sind. Sie können, wenn man auf ihnen beharrt, größeren Schaden anrichten.&#13;
&#13;
Die&#13;
- 11 -&#13;
&#13;
�Die Vereinigten Staaten sind mit der Bundesrepublik in einem&#13;
feierlich bekräftigten Bündnis vereint. Wir sind gewillt, uns unseren&#13;
guten Ruf als Bündnispartner zu erhalten. Darüber hinaus tragen wir&#13;
zusammen mit unseren anderen Verbündeten als Folge des Ausgangs des&#13;
letzten Krieges eine besondere Verantwortung hinsichtlich der Lösung&#13;
des deutschen Problems. Die Vereinigten Staaten werden ihrer Verantwortung genügen. Ich glaube, unsere Ziele in Europa sind im wesentlichen die gleichen wie die der Bundesrepublik. Warum also sollten wir,&#13;
jeder für sich, an den Motiven des andern zweifeln?&#13;
Wie wäre es wohl, wenn umgekehrt das amerikanische Volk immer wieder an der Bundesrepublik zweifelte! Nehmen wir beispielsweise einmal&#13;
an, in der amerikanischen Presse erschienen wiederholt Leitartikel des&#13;
Inhalts, daß sich in Deutschland ein gefährlicher Nationalismus breitmache,&#13;
&#13;
oder daß sich Deutschland mit einer anderen Nation auf Kosten&#13;
&#13;
der Vereinigten Staaten zu arrangieren suche. Ich könnte mir denken,&#13;
daß derartige Behauptungen und Verdächtigungen seitens eben jener Amerikaner, die von den Deutschen als Freunde betrachtet werden, weite&#13;
Kreise in der Bundesrepublik verärgern würden.&#13;
Damit will ich sagen, daß grundloses Mißtrauen einem Bündnis&#13;
ebenso wie einer Ehe oder einer Freundschaft gefährlich werden kann.&#13;
Tatsächlich kann Argwohn allein schon jenes Endergebnis zeitigen, das&#13;
am wenigsten erwünscht ist: die Zerrüttung eines wertvollen Partnerschaftsverhältnisses. Ich möchte für uns keinen solchen Ausgang voraussagen - beileibe nicht. Deutschland und die Vereinigten Staaten stehen&#13;
auf dem tragfähigen Boden gemeinsamer Interessen und gemeinsamer Ideale&#13;
fest zusammen.&#13;
Ich möchte beiden Seiten eindringlich nahelegen, in Zukunft alle&#13;
Verdächtigungen und Zweifel zu vermeiden, die nur irgendwie unsere auf&#13;
gemeinsame Ziele gerichteten Anstrengungen beeinträchtigen könnten.&#13;
Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, wollen wir offen über sie reden&#13;
- oder sie ohne viel Aufhebens auf diplomatischer Ebene bereinigen, falls&#13;
dies der geeignetere Weg ist. In beiden Fällen sollte jeder von uns in&#13;
der Gewißheit handeln, daß der andere für ihn Verständnis hat. Und darum&#13;
möchte ich Sie heute bitten.&#13;
&#13;
+ ++++&#13;
- 12 -&#13;
&#13;
�</text>
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Januar 1965 &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 4&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Die Antrittsbotschaft des Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut der Ansprache, die L.B.Johnson am 20. Jan. 1965 anlässlich der Übernahme des Amtes des Praesidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gehalten hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Militärische Stärke der USA dient dem Frieden&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut der Sonderbotschaft, in der Präsident L.B.Johnson dem amerikanischen Kongress am 18. Jan.1965 seine Empfehlungen zur Verteidigung der Vereinigten Staaten unterbreitet hat.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gedanken eines Amerikaners zur Great Society&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Ansprache des Botschafters George C. McGhee, 27. Jan.1965, Deutsch Atlantische Gesellschaft, Stuttgart. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 5&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Der amerikanische Staatshaushalt 1965/66 &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Zusammenfassung und Auszuege der Haushaltsbotschaft, die Präsident Johnson dem amerikanischen Kongress am 25. Jan. 1965 vorgelegt hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Der Wirtschaftsbericht Präsident Johnsons&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Auszüge des Wirtschaftsberichtes, den Präsident Johnson dem amerikanischen Kongress am 28. Januar 1965 unterbreitete.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zusammenfassendes Kapitel des dem US-Kongress am 27.1.65. übermittelten Berichtes des Präsidenten über die Tätigkeit der Vereinigten Staaten im Bereich der Luft- und Raumfahrt im Jahre 1964.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 7&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;JOHNSON UMREISST MASSNAMEN ZUM AUSGLEICH DER ZAHLUNGS-BILANZ (Wortlaut) &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 8&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;William P. Bundy&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;zur amerikanischen Politik in Süd-Vietnam und Ostasien.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 12&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Die amerikanische Atlantikpolitik&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische Außenminister, Dean Rusk, am 6. März 1965 vor dem Weltpolitischen Rat in Cleveland (Ohio) gehalten hat.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p style="margin-bottom: 0cm;"&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;"Die Stunde der Gerechtigkeit ist gekommen" &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut der Ansprache, die der Präsident am 15. März 1965 vor beiden Häusern des US-Kongresses zur Frage des Wahlrechts der Neger gehalten hat.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 14&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Projekt Gemini&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Vorstufe für den Flug des Menschen zum Mond &lt;br /&gt;Ein Schritt näher zur Landung auf dem Mond -Keine "Funksperre mehr - Das Programm -Probleme der Raumfahrtmedezin.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 28&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Aufgaben der freien Welt&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Ansprache Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, George C. McGhee, gehalten am 14. Juli 1965, in der Aula der Georg-August-Universität zu Göttingen.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 39&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Ein offenes Wort zu aktuellen Problemen der deutsch-amerikanischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Ansprache des Botschafters George C. McGhee, gehalten am 22. Oktober 1965 in Frankfurt auf einer Veranstaltung der Steuben-Schurz-Gesellschaft.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                <text>&lt;p style="margin-bottom: 0cm;"&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 1&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;Amerika auf dem Wege zur großen Gesellschaft&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Präsident L.B.Johnson Botschaft über die Lage der Nation vom 4. Januar 1965 &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 4&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Die Antrittsbotschaft des Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut der Ansprache, die L.B.Johnson am 20. Jan. 1965 anlässlich der Übernahme des Amtes des Praesidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gehalten hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Militärische Stärke der USA dient dem Frieden&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut der Sonderbotschaft, in der Präsident L.B.Johnson dem amerikanischen Kongress am 18. Jan.1965 seine Empfehlungen zur Verteidigung der Vereinigten Staaten unterbreitet hat.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gedanken eines Amerikaners zur Great Society&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Ansprache des Botschafters George C. McGhee, 27. Jan.1965, Deutsch Atlantische Gesellschaft, Stuttgart. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 5&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Der amerikanische Staatshaushalt 1965/66 &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Zusammenfassung und Auszuege der Haushaltsbotschaft, die Präsident Johnson dem amerikanischen Kongress am 25. Jan. 1965 vorgelegt hat. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Der Wirtschaftsbericht Präsident Johnsons&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Auszüge des Wirtschaftsberichtes, den Präsident Johnson dem amerikanischen Kongress am 28. Januar 1965 unterbreitete.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zusammenfassendes Kapitel des dem US-Kongress am 27.1.65. übermittelten Berichtes des Präsidenten über die Tätigkeit der Vereinigten Staaten im Bereich der Luft- und Raumfahrt im Jahre 1964.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 7&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;JOHNSON UMREISST MASSNAMEN ZUM AUSGLEICH DER ZAHLUNGS-BILANZ (Wortlaut) &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 8&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;William P. Bundy&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;zur amerikanischen Politik in Süd-Vietnam und Ostasien.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 12&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Die amerikanische Atlantikpolitik&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische Außenminister, Dean Rusk, am 6. März 1965 vor dem Weltpolitischen Rat in Cleveland (Ohio) gehalten hat.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p style="margin-bottom: 0cm;"&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;&lt;br /&gt;"Die Stunde der Gerechtigkeit ist gekommen" &lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Wortlaut der Ansprache, die der Präsident am 15. März 1965 vor beiden Häusern des US-Kongresses zur Frage des Wahlrechts der Neger gehalten hat.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 14&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Projekt Gemini&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Vorstufe für den Flug des Menschen zum Mond &lt;br /&gt;Ein Schritt näher zur Landung auf dem Mond -Keine "Funksperre mehr - Das Programm -Probleme der Raumfahrtmedezin.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 28&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Aufgaben der freien Welt&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Ansprache Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, George C. McGhee, gehalten am 14. Juli 1965, in der Aula der Georg-August-Universität zu Göttingen.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;XVIII - 39&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/strong&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt; &lt;br /&gt;Ein offenes Wort zu aktuellen Problemen der deutsch-amerikanischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;em&gt;&lt;span style="font-family: Arial, sans-serif;"&gt;&lt;span style="font-size: small;"&gt;Ansprache des Botschafters George C. McGhee, gehalten am 22. Oktober 1965 in Frankfurt auf einer Veranstaltung der Steuben-Schurz-Gesellschaft.&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>INTERNATIONALE ARBEITSMITTEILUNGEN
Inhaltsverzeichnis

19 6 5

Nr. 1

Die Lohnentvicklung in der US-Wirtschaft 1957-1963
Die Entwicklungen am amerikanischen Arbeitsmarkt
1962-1964
Das Ende der freien Gewerkschaften Kubas
Gewerkschaft1iche Kurznachrichten

+
Nr. 2

Tarifvertragliche Möglichkeiten einer vorzeitigen
Pensionierung in der US-Wirtschaft
Verbesserung der Volksgesundheit durch gezielte
Maßnahmen
Entlassungsbestimmungen in US-Tarifverträgen

+
Nr. 3

Ausgabentrends von Stadtfamilien 1950-1961
Arbeits- und Lohngarantiebestimmungen in
Großtarifverträgen
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Nr. 4

Die Entwicklung der Lohnnebenleistungen in der
US-Industrie
UAW - eine junge aber mächtige Gewerkschaft
Stahlarbeitergewerkschaft schloß Modellvertrag
Umschulungs- und Berufsförderungsprogramme wurden verstärkt
SunnyhillsJ Rassenfragen unbekannt

+

�Nr. 5

Die Entwicklung des US-Arbeitspotentials zwischen
1964 und 1980
Die Entwicklung der Einkommen im Polizei- und
Feuerwehrdienst
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Nr. 6

Art, Umfang und Problematik der Doppelbeschäftigung
Gezielte Maßnahmen zur Vorbereitung auf das
Automationszeitalter
Hilfe für die älteren Menschen

+
Nr. 7/8

Eine Einkommenskala der USA unter Berücksichtigung
von 321 Berufen
Bemerkenswerte Entwicklungen auf dem US-Arbeitsmarkt
US-Industrie bietet Führungspositionen für Farbige
Chrysler startete bemerkenswertes Umschulungsprogramm
600 000 US-Regierungsangestellte sind Gewerkschaftsmitglieder

+
Nr. 9

Automation in zehn Großunternehmen
Gleiche Arbeitschancen für alle
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Nr. 10

Entwicklung der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen
seit Kriegsende
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+

2 -

�11 Automation und Gesellschaft
Beschäftigungstrends in der Fertigungsindustrie
Der neue Tarifvertrag der US-Stahlarbeiter
Arbeitslosigkeit erreichte neuen Tiefstand

+
12

Automation und Gesellschaft

(II)

Gewerkschaftliche Mitsprache bei Personalentscheidungen
Arbeitnehmer auf der Schulbank

+ + + + +

- 3-

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 1

Bad Godesberg, den 1. Januar 1965

INHALTSVERZEICHNIS

Die Lohnentwicklung in der US-Wirtschaft 1957-1963

Seite

1

Die Entwicklungen am amerikanischen Arbeitsmarkt 1962-1964

Seite

9

Das Ende der freien Gewerkschaften Kubas

Seite 14

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 17

J. Ross Wetzel, Mitarbeiter des US-Bundesamtes für Arbeitsstatistik,
Abteilung Beschäftigungsanalysen:
Die Lohnentwicklung in der US-Wirtschaft 1957-1963
Zusammenfassung
Trotz zweier Rezessionen und einer relativ hohen Erwerbslosenzahl haben sich die durchschnittlichen Arbeitseinkommen von fast 30
Millionen amerikanischen Lohnempfängern 1) zwischen 1957 und 1963 um
über 20 Prozent erhöht. Diese Aufwärtsbewegung, die auch 1964 andauerte, vollzog sich auf einer relativ breiten Basis und in verhältnismäßig ruhigen Bahnen. Zwar sind auch die Lebenshaltungskosten in diesem
Zeitraum angestiegen, aber nicht in dem Maße wie die Einkommen. Eie
Realeinkommen folgten daher beständig einem Aufwärtstrend.
Wenn
1) Zu'den 30 Millionen Arbeitnehmern, die von dieser Analyse des USBundesamtes für Arbeitsstatistik erfaßt werden, gehören die Bauarbeiter, die Produktionsarbeiter der Industrie und des Bergbaues
sowie die Angestellten des Handels, der "anken und Versicherungen,
der verschiedenen Tienstleistungszweige und des Transportwesens
mit Ausnahme der leitenden Angestellten.
- 1

�Wenn auch alle Industriezweige, für die auswertbare statistische
Unterlagen zur Verfügung standen, Lohnanstiege aufweisen, so hat sich
dennoch die Kluft zwischen den Industrien mit hohen und mit niedrigen
Löhnen erweitert - und zwar sowohl in absoluten (Geld-) als auch in
Prozentwerten. Die Einkommenszunahmen sind in erster Linie das Ergebnis höherer Stundenlöhne und nicht die Folge wesentlicher Arbeitszeitverlängerungen.
Die Wochenlöhne
Umfassende, nach Wirtschaftszweigen gegliederte Einkommensunterlagen standen bei dieser Einkommensanalyse für insgesamt 25 Millionen
im Handel, in der Fertigungsindustrie, dem Baugewerbe und de» Bergbau
beschäftigte Arbeitnehmer zur Verfügung. Die Verdienstunterlagen für
weitere 5 Millionen dagegen beziehen sich .nur auf einzelne Sektoren
von Wirtschaftszweigen. Sie werden am Ende dieses Abschnitts gesondert
behandelt. Insgesamt gesehen, bestehen zwischen den Lohnanstiegen in
den einzelnen Wirtschaftszweigen nur geringfügige Unterschiede. Sie
liegen allgemein im Bereich von 20 bis 22 Prozent. Etwa 22 Millionen in
Industrie und Handel.Beschäftigte wiesen zwischen 1957 und 1963 eine
Lohnaufbesserung dieser Größenordnung auf. An der Spitze der Skala
stehen die Bauarbeiter mit Lohnerhöhungen von 27 Prozent, am Ende rangieren die Bergarbeiter mit.Zunahmen von lediglich 16 Prozent. Wenn auch
eine auffällige Parallelentwicklung der Einkommen in Industrie und Handel
festzustellen ist, so darf doch in diesem Zusammenhang nicht übersehen
wer«en, daß die Zuwachsraten in den einzelnen Wirtschaftssektoren sehr
unterschiedlich waren.
Wie schon einleitend betont wurde, resultieren die Lohngewinne in
erster Linie aus höheren Stu denlöhnen und nur zu einem geringen Teil
aus vermehrter Arbeitszeit. Im Handel und in der Fertigungsindustrie
belaufen sich die Lohnerhöhungen auf 20-22 Prozent; im Bergbau auf 12
nd im Baugewerbe auf 26 Prozent. Die durchschnittlich»- Arbeitswoche
war 1963 in den einzelnen Wirtschaftszweigen etwas länger als 1957.
Dennoch trug die verlängerte Arbeitszeit nur mit weniger als einem Achtel
zur Gesamterhöhung der wöchentlichen Einkommen bei. Die einzige Ausnahme
bildete der Bergbau, wo sich die durchschnittliche Arbeitswoche um 1 1/2
Stunden erhöhte - was rund 1/4 der Lohnerhöhungen bewirkte.
Zwischen den einzelnen Industriezweigen bestehen - wie auch aus der
Tabelle 1 zu ersehen ist - erhebliche Lohnunterschiede, die sich zwischen
1957 und 1963 noch stärker ausgeprägt.haben. Als Beispiel seien hier die
Lohnentwicklungen bei den Bauarbeitern und den im Einzelhandel Beschäftigten angeführt. Während das. Einkommensverhältnis zwischen diesen, beiden
Arbeitnehmergruppen 1957 noch 1,0 zu 1,8 betrug, stellte es sich 1963 auf
1,0 zu 1,9. Wenn man außerdem die wöchentlichen Durchschnittseinkommen
der einzelnen Industriezweige (ohne Bergbau) .^'.Jteinander vergleicht, so
zeigt sich, daß die Kluft zwischen den Industrien mit hohem und mit niedrigem Lohnniveau sowohl absolut als auch relativ größer geworden ist.
Tabelle 1

�Tabelle 1

Wochenlöhne in ausgewählten Industriezweigen
Jahresdurchschnitte 1957 (1958) und 1963
(Angaben in Dollar)
Industriezweig

Bruttowochenlöhne
1963

1957

Zuna

Bruttostundenlöhne

Jme

1963

1957

Zunahme
in 7.

in /o

Bergbau

114,40

98,65

16

2,75

2,46

12

Baugewerbe

127,57

100,27

27

3,42

2,71

26

108,09

88,26

22

2,63

2,19

20

87,91

72,52

21

2,22

1,85

20

Großhandel

99,47

81,41

22

2,45

2,02

21

Einzelhandel

68,04

56,89

20

1,80

1,47

22

Banken

74,97

61,44

22

(2)

(2)

Versicherungen

96,28

80,83

19

(2)

(2)

Fertigungsindustrie
Dauergüter
Verbrauchsgüter
Handel

Bank- und Versicherungsgewerbe

Dienstleistungsgewerbe

(1958)

-

(1958)

Hotels und Motels

47, S8

40,89

16

1,22

1,03

18

Wäschereien

51,87

45,28

15

1,33

1,17

14

Eisenbahnen

118,40

101,50

17

2,76

2,44

13

Straßentransport

117,31

96,33

22

2,82

2,31

Telefon

22

102,40

78,72

30

2,56

2,05

25

Elektrizität, Gas u.a.

121,13

98,57

23

2,94

2,41

22

Transport, öffentliche
Versorgung

Tabelle 2

�Tabelle 2

Wöchentliche Arbeitszeit und Beschäf tigtenzah1
(Jahresdurchschnitte 1957 und 1963)

Industrie

Beschäftigtenzahl
(in 1000)

Durchschnittliche Arbeitszeit
pro Woche (in Stunden)
1963

1957

Veränderung
•

Ol

1963

1957

in k

Veränderung
in %

Bergbau

41,6

40,1

+ 1,5

497

695

Baugewerbe

37,3

37,0

+ 0,3

2578

2537

+ 1,6

- 28,5

Industrie
Dauergüter

41,1

40,3

+ 0,8

7059

7550

- 6,5

Verbrauchsgüter

39,6

39,2

+ 0,4

5526

5638

- 2,0

Großhandel

40,6

40,3

+ 0,3

2690

2541

+ 5,9

Einzelhandel

37,8

38,7

- 0,9

6303

5933

+ 6,2

Handel

Der durchschnittliche Wochenlohn der Bauarbeiter stieg zwischen 1957
und 1963 von 100,00 Dollar auf 128,00 Dollar an. Dies entspricht der größten absoluten und prozentualen Zunahme .überhaupt. .Im Bergbau, der in der
industriellen Lohnskala an zweiter Stelle steht, trat, eine Erhöhung der
Wochenlöhne von 99,00 Dollar auf 114,00 Dollar ein. Die Einkommenskluft
zwischen der Dauer- und der Verbrauchsgüterindustrie.vergrößerte sich erneut (von 16 auf 20 Dollar), obwohl prozentual gesehen die Anstiege der
Wochenlöhne zwischen.1957 und 1963 gleich hoch waren. Im Handel betrugen
die prozentualen Zunahmen der Wochenlöhne 22 (Großhandel), bzw. 20 Prozent
(Einzelhandel). Auf Grund der zunehmenden Beschäftigung yon Teilzeitarbeitskräften im Einzelhandel trat in diesem Wirtschaftszweig ein starker Rückgang
der wöchentlichen Arbeitszeit ein, prozentual aber nahmen die Stundenlöhne
hier etwas stärker zu als im Großhandel.
Auch

�Auch für Arbeitnehmergruppen der restlichen Dienstleistungszweige
wurden Einkommensunterlagen ausgewertet. Aus der Finanz-, Versicherungsund Immobilienwirtschaft standen dabei Angaben über insgesamt 1,5 Millionen bei Banken, Versicherungen, Wertpapier- und Börsenir a K 1 B ^ Beschäftigte zur Verfügung. Daraus ergibt sich, daß diese Arbeitnehmerkreise
zwischen 1957 und 1963 einen Anstieg ihrer Wochenbezüge um 19 bis 22 Prozent verzeichneten. Bei anderen Dienstleistungszweigen wurden die Einkommensunterlagen - z.B. der in Hotels, Motels und Wäschereien Beschäftigten - seit 1958 analysiert. Aus einer Zusammenstellung ergibt sich
daß die Wochenlöhne in diesen beiden Teilbereichen des Dienstleistungsgewerbes in diesem Zeitraum um 16,4 bzw. 14,5 Prozent angestiegen sind.
Aus dem Transportgewerbe und den öffentlichen Versorgungsbetrieben standen für diesen Einkommensvergleich Unterlagen von über 2 Millionen Arbeitnehmern zur Verfügung. Es handelte sich dabei um Beschäftigte der
Eisenbahnen, des Straßengüterverkehrs, der Telephongesellschaften sowie
der Elektrizitäts- und Gaswerke. Wie aus Tabelle 1 zu ersehen ist, traten hier erhebliche Lohnerhöhungen ein, die hauptsächlich aus den höheren
Stundenlöhnen resultieren. .
Die Entwicklung der Netto- und Realeinkommen
Die Erhöhung der Bruttobezüge der einzelnen Arbeitnehmer spiegelt
sich in den Nettoeinkommen deshalb nicht voll wider, weil verschiedene
Sozialabgaben sowie die Steuern einen festen prozentualen Anteil an den
Bruttoeinkommen ausmachen. Auch wegen der Erhöhung der Lebenshaltungskosten konnten sich die Realeinkommen nicht im gleichen.Verhältnis entwickeln wie die Bruttoeinkommen. Aus den beiden nachstehenden Tabellen
sind im einzelnen die Veränderungen der Netto- und Realeinkommen zu ersehen.
Tabelle 3
Vergleich der Brutto- und Netto-Wocheneinkommen 1957-1963
(Die angegebenen Werte stellen den Jahresdurchschnitt dar)

Wirtschafts- Juli
zweig
1964
Bergbau

1963

1962
1961
1960
1959
1958
(Brutto-Wocheneinkommen in Dollar)

117,32 114,40

110,70

106,92

105,44

103,68

Baugewerbe 134,87 127,57

122,47

118,08

113,04

108,41 103,78 100,27

Industrie
Handel

96,08

1957
98,65

102,97

99,38

96,56

92,34

89,72

88,26

82,71

81,59.

81,33

77,59

75,08

72,56

70,77

69,17

66,47' 64,29

Durchschnittliches

In dieser periodisch erscheinenden Einkommensübersicht des US-Bundesamtes
für Arbeitsstatistik, die rund 10 Prozent aller in Dienstleistungs- und
verwandten Zweigen Tätigen umschließt, 3i.id die AngelteUt-w mr IfeMr&amp;tKi der Regierungsbehörden nicht erfaßt. In beiden Fällen handelt es sich um schnell
wachsende Wirtschaftszweige..
5

�Durchschnittliches Netto-Wocheneinkommen eines
Arbeitnehmers mit 3 Angehörigen
(in Nominal-Dollar)

1964

1963

1962

1961

1960

1959

1958

1957

Bergbau

104,04

99,69

97,12

94,13

92,92

91,94

86,20

88,30

Baugewerbe

118,75

110,49

106,78

103,29

99,15

95,82

92,51

89,63

Industrie

92,18

87,37

85,53

82,18

80,11

79,40

75,23

74,31

Handel

74,58

70,04

68,45

66,55

65,14

64,22

62,24

60,50

90,10
91,46

(in konstanten Dollars- Basis 1957-59)
Bergbau

96,07

93,43

92,14

90,34

90,13

90,58

Baugewerbe

109,65

103,55

101,31

99,13

96,17

94,40

85,60
91,87

Industrie

85,12

81,88

81,15

78,87

77,70

78,23

74,71

75,83

Handel

68,86

65,64

64,94

63,87

63,18

63,27

61,81

61,73

Im Jahre 1963 verdiente der Industriearbeiter im Durchschnitt 99,00 Dollar
-io
Woche.
Bei Abzügen für die Sozialversicherung und die Lohnsteuer in Höhe
t
von 1? T-^lar verblieben einem Arbeitnehmer mit 3 Familienangehörigen insgesamt 87,00 Dollar. Unter Berücksichtigung der gegenüber 1957 eingetretenen
Preisveränderungen entsprachen diese 87 Dollar einer Kaufkraft von 82 Dollar,
wenn man den durchschnittlichen Dollarwert der Jahre 1957-59 zugrunde legt.
Im Jahre 1957 behielt der gleiche Arbeitnehmer von einem Wochenverdienst von
82 Dollar 74 Dollar zurück. Sein Realeinkommen belief sich damals auf 76 Dollar, (in 1957-59er Dollar). Obwohl also ein amerikanischer Industriearbeiter
mit 3 Angehörigen zwischen 1957 und 1963 einen Anstieg seiner Bruttobezüge
um 22 Prozent verzeichnete, erhöhte sich sein Realeinkommen um. weniger als
10 Prozent. Zum Teil ist dieser relativ geringe"Anstieg auch auf die Anhebung
der Sozialversicherungssätze von 2 1/4 Prozent der ersten 4200 Dollar des Jahreseinkommens auf 3 5/8 Prozent von 4800 Dollar im Jahre 1963 zurückzuführen.
Der Einfluß der Konjunkturschwankungen auf die Einkommen
Die Veränderungen der Wachstumsrate der Wocheneinkommen zwischen 1957
und 1963 standen in einem engen Zusammenhang mit den Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität. Der wichtigste Einflußfaktor war in dieser Hinsicht
die durchschnittliche ^änge der Arbeitswoche, während die andere Komponente die durchschnittlichen Stundenlöhne - unabhängig von der jeweiligen Konjunkturlage einer stetigen Aufwärtskurve folgte. Diese Feststellungen gelten für alle
Wirtschaftszweige, wenngleich die Reaktion.auf die Veränderungen in der wirtschaftlichen Aktivität innerhalb der einzelnen Branchen recht unterschiedlich

- 6-

�unterschiedlich war. So schwankten die jährlichen Lohnzuwachsraten im
Handel zwischen 2,3 und 4,1 Prozent, in der Industrie dagegen zwischen
1,4 und 6,7 Prozent.
Wenn auch die Trends der einzelnen Wirtschaftszweige verhältnismäßig
gleichlaufend sind, so zeigen sich doch die Auswirkungen der wirtschaftlichen Schwankungen auf die Einkommensentwicklung bei den Industriearbeitern
am deutlicheten. Die wichtigsten Einflüsse, die zwischen 1957 und 1963
den Einkommenstrend dieser Arbeitnehmer bestimmten, I önnen wie folgt beschrieben werden:
1. Den in Rezessionsperioden vorgenommenen Entlassungen ging jeweils
ein schneller und wesentlicher Rückgang der wöchentlichen Arbeitszeit voraus. Durch das Absinken der wöchentlichen Arbeitszeit wurden die Einkommen
der Beschäftigten nicht unerheblich beeinflußt. Sowohl während der 195758er Rezession als auch während der wirtschaftlichen Flaute in den Jahren
1960-61 ging die wöchentliche Arbeitszeit im Vergleich zum Vor-RezessLonsstand um 1 1/2 Stunden zurück. Der Rückgang war dabei in der Dauergüterindustrie - insbesondere in der Metall- und metallverarbeitenden Indu rie,
wo die Einkommen relativ hoch liegen - etwas stärker. Außerdem entfiel e:
großer Teil der Arbeitszeitkürzung auf Überstundenarbeit, wodurch die ohne
also in zweifacher Hinsicht beeinflußt wurden.
2. Trotz der beträchtlichen Abnahme der durchschnittlichen Arbeitswoche wiesen die wöchentlichen Bruttolöhne keine erheblichen zyklischen
Rückgänge auf. Zu Beginn der beiden Rezessionsperioden bl eben sie vielmehr
auf ihrem bisherigen Stand und sanken erst unmittelbar vor Einsetzen des
neuen wirtschaftlichen Aufschwungs für kurze Zeit ab.
3. Nach Überwindung des Rezessionstiefpunktes schnellten die Wochenlöhne
wieder in die.Höhe, wobei der größte Teil der Zunahmen aus der verlängerten
Arbeitswoche resultierte. Zwischen 1958 und 1959 z.B. zogen die Wochenlöhne
um 5,50 Dollar an, während gleich. tig die durchschnittliche wöchentliche
Arbeitszeit um 1,1 Stunden zunahm.
-4. Sowohl die Löhne (unter Zugrundelegung des durchschnittlichen Stundenlohns ohne Berücksichtigung der Überstunden1 als auch die Verbraucherpreisestiegen während der beiden Rezessionen an, wobei die Zuwachsrate
der Lv. hne „rund doppelt so groß war wie die der 'Verbraucherpreise. Die nachst«c.^:.^ä Übersicht macht den relativ gleichmäßigen Anstieg dei Stundenlöhne
und Preise im Vergleich zu den abrupten Bewegungen der Wochenlchne deutlich.

Tabelle 3
Bruttowochenlohn, Stundenlohn
1963
Bruttowochenlohn
in Dollar

und Verbraucherpreisinde) 1957-1963

1962

1961

1960

1959

1958

1957

99,38

96,56

92,34

89,72

88,26

82,71

81,59

Stundenlohn in
Dollar (ohne Überst.) 2,37

2,31

2,25

2,19

2,12

2,o5

1,99

Verbraucherpreisindex (1957-59=100)

106,7

105,4

104,2

Durchschnittslohn der Industriearbeiter

- 7-

103,1

101,5

100,7

98,0
Die

�Die Lohnentwicklungen in der Fertigungsindustrie
Die Übersicht über die Lohnentwicklungen in den einzelnen Zweigen der
FertigungsIndustrie (Tabelle 4) unterstreicht und erhärtet all das, was
bisher über die Trends in den Groß-Wirtschaftszweigen gesagt worden ist.
Die beträchtlichen Unterschiede im Lohnniveau und die allgemeine Ausweitungstendenz kommen in der Übersicht der 21 Branchen der FertigungsIndustrie noch klarer zum Ausdruck als in der Aufstellung nach Wirtschaftszweigen. So waren zum Beispiel im Jahre 1957 die durchschnittlichen Wocheneinkommen der Arbeitnehmer der Ölindustrie um 55 Dollar (oder um 100 Prozent)
größer als d e der Bekleidungsarbeiter; 1963 dagegen hatten sich diese Unterschiede bereits auf 70 Dollar bzw. auf 110 Prozent erhöht. Die Einkommensunterschiede innerhalb .der Dauergüterindustrie sind dagegen nicht so
ausgeprägt, aber dennoch nicht unerheblich. So be rüg zum Beispiel die
Differenz zwischen den durchschnittlichen Wochenlöhnen der. Grundmetallindustrie (die an der Spitze der Lohnskala rangiert) und der an unterster
Stelle stehenden Holzindustrie 1957 noch 32 Dollar oder 49 Prozent, 1963
dagegen 43 Dollar, bzw. 52 Prozent.
Tabelle 4
Wocheneinkommen und Stundenlöhne i n der F e r t i f i u n g s i n d u s t r l e 1957
und 1963
(Jahresdurchschnitte in Dollar)
Industriezweig

Wochenlöh

1963

in Dollar

A

1957

"st^e8

Stundenlöhne in Dollar
(ohne Überstunden)
1963

1957

Dauergüterindustrie
HolzMöbelElektroSteine-, Erden-,GlasApparatebau- ,
KetallMaschinenbauRüstungsWaggonbauHütten-Industrie
Verschiedene

81,80
81,39
99,38
102,42
101,59
108,0"
116,20
119,60
126,42
124,64
80,39

66,64
69,83
81,80
82,82
83,22

88,
94,12
95,58
97,51
99,00
69,48

23
17
21
24
22
22
23
25
30
26
16

1,96
1,92
2,40
2,37
2,42
2,52
2,68
2,82
2,89
2,95
1,97

1,69
1,71
1,99
1,98
2, 1
2,09
2,21
2,31
2,32
2,44
1,70

16
12
21
20
20
21
2,
22
25
21
16

Verbrauchsgüterindustrie

- 8 -

�1963

A

1957

"st'eg
i n /o

1963

1957

*»•"•«
i n /&lt;,

Verbrauchsgüterindustrie
BekleidungsLederTextilTabakNahrungsmittelGummiPapierChemieDruckereiErdöl-Industrie

62,09
66,00
69,43
73,73
94,48
100,78
105,90
112,88
110,30
131,77

53,91
56,85
57,96
58,75
75,48
85,67
85,45
89,98
92,64
108,53

15
16
20
25
25
18
24
25
19
21

1,69
1,73
1,65
1,88
2,22
2,39
2,35
2.64
3,07

1,49
1,50
1,45
1,53
1,79
2,o6
1,92

M5
2,60

13
15
14
23
24
16
22
23
18

keine zuverlässig? Angaben vorhanden, da Überstundenbezahlung weit
über dem Normalsatz (1 l/2fach) liegt.

(Quelle: Monthly Report on the
Labor Force,
Sept. 64, S. 17)

+ ++++
Die Entwicklungen am amerikanischen Arbeitsmarkt 1962-1964
Allgemeines
Zwischen 1963 und 1964 hat sich die Arbeitsmarktlage in den USA wesentlich gebessert. Die Zahl der Beschäftigten nahm in diesem Zeitraum stärker
zu als die Gesamtzahl der verfügbaren Arbeitskräfte, und die Erwerbslosigkeit
konnte weiter eingedämmt werden. Die Erwerbslosenrate ging vom 3. Quartal
1963 an sowohl bei den männlichen und weiblichen Arbeitskräften als auch
bei den Jugendlichen unter zwanzig Jahren zurück.
Die Beschäftigungslage
Zum ersten Mal überstieg die Gesamtbeschäftigtenzahl der USA im Juli
und August 1964 die 72-Millionen-Grenze und erreichte während des 3. Quartals einen Durchschnitt von 71,8 Millionen. Gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres ergab sich damit eine Zunahme der Beschäftigten um
1,5 Millionen, der Anstiege von nur jeweils einer Million in den Jahren

- 9-

�Jahren 1962 und 1963 gegenüberstehen. Der Anstieg der Zahl der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsplätze war dabei etwas größer als die Zunahme der Gesaratbeschäftigung - 1,6 Millionen gegenüber 1,2 Millionen
zwischen 1962 und 1963. Die Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Arbeitnehmer ging auch 1964 weiter zurück, wenngleich nicht ganz so stark
wie 1963. Mit 5,5 Millionen im 3. Quartal 1964 war die Zahl der Arbeitsplätze des Agrarsektors im Vergleich zum 3. Quartal 1963 um 100 000 niedriger. Zwischen 1962 und 1963 hatte der Rückgang noch 200 000 betragen.
Der Zuwachs an nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsplätzen in Höhe von
1,6 Millionen verteilt sich dabei auf folgende Arbeitnehmergruppen:
600 000 Männer; 650 000 Frauen; 300 000 männliche und weibliche Teenager.
Bei den Erwachsenen-Gruppen waren die Zunahmen etwa ebenso groß wie zwischen 1962 und 1963. Den stärksten Anstieg während der vergangenen zwei
Jahre verzeichnete die Gruppe der 20- bis 24jährigen, auf die 900 000 oder
40 Prozent der Gesamtzunahme der Arbeitskräfte über 20 Jahre entfielen.
In der Gruppe der Teenager war 1964 die Zunahme im Vergleich zu 1962/63,
als keinerlei Anstiege zu verzeichnen waren, ganz beträchtlich.
Die Nachfrage nach Vollzeit-Arbeitskräften hat sich zwischen den
3. Quartalen 1963 und 1964 verstärkt. Von den 1,6 Millionen neuen Arbeitsplätzen in Industrie und Handel waren 1,5 Millionen Vollzeit-Arbeitsplätze,
während im Vorjahr das Verhältnis 1,2 Millionen zu 900 000 betragen hatte.
Das allgemein günstigere Bild bei den Vollzeit-Arbeitsplätzen wird auch
noch durch die Tatsache unterstrichen, daß die Zahl der Kurzarbeiter in
den vergangenen 12 Monaten um 200 000 abgenommen hat. Gleichzeitig aber
erhöhte sich die Zahl der Halbtagsbeschäftigten seit dem 3. Quartal 1963
um 300 000.
Die Beschäftigungslage in Industrie und Handel
Auf Grund der von den Arbeitgebern eingereichten Beschäftigungsstatistiken ergibt sich für den Gesamtzeitraum 3. Quartal 1963 - 3. Quartal 1964
eine Gesamtzunahme der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitskräfte um 1,6 Millionen. Mit Ausnahme des Bergbaues und der Behörden wiesen dabei sämtliche
Industrie- und Wirtschaftszweige erhebliche. Zunahmen in der Zahl der Beschäftigten auf. Auf Grund der erhöhten wirtschaftlichen Aktivität in. der
Industrie und eines etwas stärkeren Aufwärtstrends im Handel ist im vergangenen Jahr eine im Vergleich zu 1962/63 erheblich größere Zunahme der Zahl
der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsplätze (+ 300 000) festzustellen gewesen. Bei den drei wichtigsten Dienstleistungszweigen - Händel, Dienstleistungsgewerbe, öffentliche Verwaltung - trat genauso wie im Vorjahr eine
Erhöhung der Zahl der Arbeitsplätze um rund 1 Million ein. Damit entfallen
auf diese Wirtschaftszweige etwa 2/3 aller in den beiden vergangenen Jahren
geschaffenen neuen Arbeitsplätze, obwohl sie nur knapp 50 Prozent aller
nichtlandwirtschaftlichen Arbeitskräfte auf sich vereinigen.
In der Finanz-, Versicherungs- und Immobilienwirtschaft folgte der
Beschäftigungstrend in den beiden vergangenen Jahren einer gleichmäßigen
Aufwärtskurve (Zunahme der Zahl der Arbeitsplätze um jeweils 70 000 pro
Jahr), während.im Transportwesen und bei den öffentlichen Versorgungsbetrieben nach einer schon mehrere Jahre andauernden Stagnation erstmals wieder
eine leichte Zunahme (seit 1962 + 100 000) eingetreten ist. Der er''-«• V iche Beschäftigungsrückgang .bei den Eisenbahnen..während der letzten Jahre hat sich
inzwischen abgeschwächt. Er wird seit kurzem durch einen laufenden Ai stieg
der Zahl der Beschäftigten im Straßen-und Luftverkehr sowie bei den öffentlichen Versorgungsunternehmen sogar mehr als ausgeglichen.
Der
- 10 -

�Der einzige Di. nstleistungszweig, der einen nicht unerheblichen
Rückgang in der Beschäftigung seit 1962 aufweist, sind die Bundesbehörden, die trotz einer kürzlichen geringen Zunahme im Jahre 1963 in
der ZweiJahresperiode einen Gesamtrückgang um 8000 verzeichnen.
Obwohl die Dienstleistungszweige auch in den beiden letzten Jahren
dem langfristigen stetigen Aufwärtstrend folgten, so verzeichnet doch die
Fertigungsindustrie seit dem 3. Quartal 1963 die stärkste Zunahme an neuen
Arbeitsplätzen. Die Zahl der Fabrikarbeiter nahm nämlich um 350 000 zu,
was im Vergleich.zur Periode 1962/63 einen doppelt so großen Anstieg bedeutet. Dadurch konnte die Industriebeschäftigung wieder den Spitzenstand
des Jahres 1957 (1. Quartal) erreichen. Von besonderer Bedeutung ist in
diesem Zusammenhang noch, daß die Arbeitsplatzzunahme in der Fertigungsindustrie vor allem auf dem Produktionssektor erfolgte. Mit einem Zuwachs
von 300 000 zwischen 1963 und 1964 entfielen auf diese Arbeitnehmergruppe
(Produktionsarbeiter) rund 85 Prozent der Gesamtzunahme. Im Gegensatz dazu
betrug der Zuwachs an Produktionsarbeitern zwischen 1962 und 1963 nur
85 000, was einem Anteil von etwa 50 Prozent entsprach. Der erhöhte Bedarf an Fabrikarbeitern spiegelt sich auch in der durchschnittlichen. Länge
der Arbeitswoche und der geleisteten Überstundenarbeit wider, die um 0,1
bzw. 0,2 Stunden zunahmen und damit den bisher höchsten 3. Quartals-Stand
erzielten.
Die erhöhte Produktion der Automobil-, der Stall- und Schwermaschinenindustrie kommt auch in der Zunahme der Zahl der Arbeitsplätze in der metallerzeugenden und -verarbeitenden Industrie zum Ausdruck, wo ein Beschäftigung s anstieg um mehr als fünf Prozent eintrat
eine Zuwachsrate,, die
selbst von der schnell expandierenden Dienstleistungszweigen nicht erreicht
wurde. Auf der anderen Seite wi«s die Verbrauchs üterindustrie nur eine Gesamtzunahme um 75 000 Arbeitsplätze in den letzten zwei Jahren auf (das
sind rund 157» der Gesamtzunahme in der Fertigungsindustrie), obwohl,die
Bekleidungsindustrie in den beiden vergangenen Jahren und die Gummiindustrie
im letzten Jahr beträchtliche Anstiege verzeichneten.
In den anderen Güter erzeugenden Industriezweigen ergibt sich folgendes
Bild: Im Bergbau kam der langanhaltende Rückgang in der Zahl der Arbeitsplätze zum Stillstand; das Baugewerbe wies im 3 Quartal i ^ einen neuen "Rekordstand der Beschäftigung auf,
Arbeitslosigkeit
Zwischen 1963 und 1964 (jeweils 3. Quartal) ging die Erwerbslosenrate
von 5,6 auf 5,1 Prozent des Arbeitspotentials zurück. Gegenüber der Vergleichsperiode 1962/63, in der die Arbeitslosenrate zwischen 5,5 und 5,8
Prozent schwankte, ist damit eine erhebliche Besserung eingetreten. Auch an
der absoluten Zahl der Arbeitsuchenden wird dies deutlich. Im Juli-SeptemberQuartal 1964 betrug die durchschnittliche Arbe tslosenzahl 3,6 .Millionen.
Gegenüber dem Vorjahr stellt das einen Rückgang um 300 000 dar, der insofern von besonderer Bedeutung ist, a s er sich fast ausschließlich auf jene
Arbeitslosen konzentriert, die eine ganztätige Beschäftigung suchen. Die
Zahl derjenigen Arbeitslosen, die sich um eine Hai tagsbeschäftigung bemühten, war dagegen mit 650 000 im Vergleich zu. 1963 konstant. Insgesamt
erhöhte sich der Anteil der eine Halbtagsbeschäftigung suchenden Personen
im Erhebungszeitraum von 16 auf 18 Prozent.
Erhebliche

- 11 -

�Erhebliche Rückgänge in der Arbeitslosenrate während der vergangenen
12 Monate waren insbesondere bei den über 20 Jahre alten männlichen Arbeitnehmern sowie bei den Verheirateten festzustellen. Bei den erwachsenen Männern ging sie von 4,2 auf 3,8 Prozent zurück und. erreichte damit den
niedrigsten Stand seit dem 3. Quartal 1957. Die E werbslosenrate der verheirateten männlichen Arbeitskräfte lag in der Juli-September-Pericde 1964
bei 2,7 Prozent. Sie folgte dem gleichen Trend wie die Rate der über 20
Jahre alten Erwerbslosen. Das Absinken der Erwerbslosenrate in diesen beiden Arbeitnehmergruppen ist weitgehend durch die erhebliche Nachfrage nach
Arbeitskräften in der Industrie und im Baugewerbe bedingt gewesen.
Bei den erwachsenen Frauen (über 20 Jahre) ging die Erwerbslosenrate,
die zwischen 1962 und 1963 (jeweils 3. Quartal) keinerlei Veränderung aufwies, in den ersten neun Monaten 1964 zurück. Sie erreichte im 3. Quartal
einen Stand von 5,0 Prozent - das ist gleichzeitig der niedrigste Stand
seit Mitte 1960. Auf der anderen Seite blieb die Erwerbslosenrate für
Teenager, die ebenfalls leicht absank, immer noch erheblich über dem Niveau des Jahres 1962.
Der Rückgang der Erwerbslosenrate seit dem 3. Quartal 1963 erfolgte
sowohl bei den weißen als auch bei farbigen Arbeitnehmern. Der starke Rückgang in der Zahl der erwerbslosen Industrie- und Bauarbeiter resultierte
aus dem größeren Arbeitskräftebedarf dieser Wirtschaftszweige. Aber auch
im Handel, im Transportgewerbe und bei den öffentlichen Versorgungsbetrieben, verstärkte, sich der Arbeitskräftebedarf, durch den ein weiteres Absinken der Arbeitslosenziffern herbeigeführt wurde. Wenn auch die Zahl der
Arbeitslosen zurückging, die sich um eine Beschäftigung in den Dienstleistungszweigen, dem Finanzgewerbe und der öffentlichen Verwaltung bemühten,
so waren die Abnahmen doch wesentlich geringer als in den Güter erEeugenden
Zweigen.
Langfristige Arbeitslosigkeit
Unter dem Einfluß der nun seit mehr als 3 1/2 Jahren andauernden wirtschaftlichen Expansion hat sich die Lage der längerfristigen Arbeitslosen
(länger als 15 Wochen) in letzter Zeit etwas günstiger gestaltet. Am Ende
des 3. Quartals 1964 war die Zahl dieser Arbeitslosen bis auf 800 000 abgesunken. Sie hat damit den tiefsten 3. Quartalsstand seit 1960 erreicht.
Gegenüber 1956 und 1957 jedoch ist die Zahl der langfristigen Arbeitslosen
immer noch fast doppelt so hoch. Besonders bemerkenswert ist in diesem
Zusammenhang die erhebliche Abnahme der Zahl derjenigen Erwerbslosen, die
läneer.als sechs Monate ohne Arbeit sind. Binnen zwei Jahren ging sie von
550 000 auf 480 000 zurück.
Gerade diese Rückgänge bei den länger- und langfristigen Arbeitslosen
zeigen recht deutlich, daß sich die Arbeitsmarktlage in letzter Zeit doch
erheblich gebessert hat. Dennoch kann diese Tatsache nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Dauerarbeitslosen auch weiterhin ein sehr hartnäckiges
Problem bilden werden. Im 3. Quartal 1964 z.B. hatten diese Arbeitslosen
immer noch einen Anteil.von rund 25 Prozent an der Gesamtarbeitslosenzahl,
wobei sich die hartnäckigsten Fälle auf bestimmte Arbeitnehmergruppen konzentrierten. Dazu gehören die älteren (über 45 Jahre alten) Arbeitnehmer,
die Farbigen, .die angelernten und Hilfsarbeiter ebenso wie zuletzt im Bergtau, im
Baugewerbe und in der Industrie beschäftigte Arbeitnehmer. Auch die Gruppe
der 14- bis 24jährigen.Arbeitnehmer ohne jegliche Berufserfahrung stellt
tuen relativ hohen Anteil an Dauerarbeitslosen. .
_

- 12 -

�Das Arbeitspotential
Die Gesamtzahl der zivilen Arbeitskräfte stieg 1964 sehr schnell an.
Unter Zugrundelegung der Durchschnittswerte für die ersten neun Monate 1964
ergibt sich ein Arbeitspotential von 74,3 Millionen - das sind 1,3 Millionen mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Gegenüber der Vergleichsperiode 1962/63 (Anstieg um 1,1 Millionen) war der Gesa.tzuwachs also um
200 000 größer. In den letzten Monaten jedoch hat sich die Wachstumsrate
erheblich verringert.
Zwischen den 3. Quartalen 1963 und 1964 erhöhte sich die Gesamtzahl
der zur Verfügung stehenden zivilen Arbeitskräfte um 1 150 000. Die Zunahme
war damit nur unwesentlich größer als zwischen 1962 und 1963. Während Anfang
der sechziger Jahre die erwachsenen Frauen der am schnellsten wachsende
Arbeitskräftesektor waren, ist es 1964 die Gruppe der jüngeren - 14 bis 24
Jahre alten - Personen gewesen. Obwohl der Anteil dieser Gruppe am Arbeitspotential im 3. Quartal 1964 nur 20 Prozent ausmachte, vereinigte sie 3/5
der Gesamtzunahme in diesem Jahr auf sich. Diese jungen, in den vierziger
Jahren geborenen Arbeitnehmer werden auch in den nächsten Jahren am stärksten
zur Ausweitung des Arbeitspotentials beitragen.

Arbeitslosenraten der männlichen 20- bis 24 Jahre und über 25 Jahre
alten Arbeitskräfte (Jan. 1957 - Sept. 1964)

Jahr

Jan.

Feb.

März

Apr.l

Mai

Juni

20-24 Jahre
1957
1958
1959
1960
1961
1962
1963
1964

6,9

7,2

5,8

6,9

7,3

8,5

11.5
10,2

12,7
10,3

13,1

13,5

13,8

13,8

8,5

8,3

9,4
8,9

7,6
8,7

6,8
8,3

8,4
7,8

10,9

11,2

11,0

12,4

11,3

10,9

9,1
9,0
8,9

8,6
8,9
8,9

8,5
8,7
7,4

8,5
8,6
7,4

8,9
8,4
7,4

8,6
9,2
8,7

',1

2,9
5,1
4,8
3,6
5,3
4,0
4,5
3,6

2,8
5,5
4,3
4,1
5,3
4,1
4,1
3,5

3,0
6,1
3,9
4,0
5,4
4,2
4,0
3,4

2,9
6,2
3,9
3,9
5,7
4,1
4,0
3,2

3,0
6,3
3,8
4,2
5,3
4,2
^,8
3,4

•ber 25 Jahre
1957
1958
1959
1960
1961
1962
1963
1964

4:, 6

4,8
4,0
5,3
4,2
4,3
3,7

Jahr

- 13 -

�Jahr

Juli

Aug.

Sept.

Okt.

Nov.

Dez.

6,7
14,7
7,9
8,7
10,9
8,9
8,8
7,9

7,6
13,3
7,9
8,9
10,8
10,4
9,1
8,2

8,2
12,6

8,7
12,5
8,7
9,2
10,2
9,1
8,5

10,7
10,3
9,2
10,3
9,3
8,9
8,2

10,4
10,5
8,3
11,2
9,6
8,7
8,4

3,1
6,3
3,9
4,3
5,5
4,1
3,7
3,2

3,0
6,3
4,
4,5
5,3
4,2
3,7
3,2

',4
5,8
4,3
4,5
5,2
4,2
3,5
3,3

3,6
5,5
4,4
4,8
4,9
3,9
3,7

4,0
5,2
4,9
4,9
4,7
4,2
4,1

4,2
5,1
3,9
5,2
4,5
4,2
3,8

20-24 Jahre
1957
1958
1959
1960
1961
1962
1963
1964

9.3
9,0
10,2
8,6
9,6
-9,0

über 25 Jahre
1957
1958
1959
1960
1961
1962
1963
1964

(Quelle: "The Labor Force», U.S. Department of Labor)

+++++

Nicolas Rivero 1)
Das Ende der freien Gewerkschaften Kubas
Kubas freie Gewerkschaften gehören der Vergangenheit an. Wie in allen
c-ren kommunistisch beherrschten Ländern tr^t ein
tlich dirigiertes
System an ihre Stelle, in dem die sogenannten Gewerkschaften led glich die
untergeordnete Rolle staatlicher Vollzugsorgane zu spielen haben. Das entspricht genau dem von den Sowjets aufgestellten Modell.
i: • taufgabe der kubanischen Gewerkschaften ist es daser auch nicht
mehr,: dl« wirtschaftlichen und sozialen Interessen ihrer Mitglieder zu
schützen, sondern vielmehr die staatlichen Forderungen nach Steigerung der
Arbeitsleistung bei Niedrighaltung des Lohnniveaus brutal durchzusetzen.
Uideripruch vpn Seiten der Arbeitnehmer-wird nicht nur nicht gedul-'et, sondern z.Lt härtesten Strafen geahndet.
Dies
Der Verfasser de;. Artikels war während der ersten 18 Monate des CastroRegimes Leiter der Informationsabteilung des kubanischen Außenministeriums.
Im Jahre 1960 setzte er sich in die USA ab.

- 14 -

�Dies ist die Situation. Aber man muß der Gerechtigkeit halber hinzufügen, daß Gastro die Gleichschaltung der freien kubanischen Gewerkschaftsbewegung alles andere ..ls leicht gemacht wurde. Die Kommunisten vermochten
die Kubanische Arbeiter-Konföderation (CTC) erst .nach einer ausgedehnten
Kampagne der Verleumdung., der Gewaltandrohung und hinterhältiger Täuschungsver unter ihre Kontrolle zu bringen, und sie konnten dabei in.jeder
Phase
r vollen Unter .tutzung durch das Castro-Regime sicher sein.
Sehen wahrend ieines ven den Bergen der Sierra Maestra aus gegen seinen
Vorgänger Batista geführten Kampfes verfolgte Castro der kubanischen Arbeiterbewegung gegenüber eine TaX-ik typisch kommunistischer Prägung: Er ließ
k. •. :n eine Gelegenheit aus, sich als Freund der Arbeiter aufzuspielen. Kennzeichnend dafür mag eine Erklärung sein, die er im Juli 1957 über meinen
Geheimsender verbreiten ließ und in der es hieß, daß seine "Bewegung des
26. Juli" gegen "jede staatliche Einmischung in die Angelegenheiten der
Gewerkschaften sei" und "... für eine freie und demokr.at . sehe Gewerkschaftsbewegung" eintrete,
Castros sogenannte "Bewegung des 26. Juli" setzte sich - von einigen
Ausnahmen abgesehen - in der Hauptsache aus demokratisch gesinnten Gegnern
des Diktators Batista zusammen. Allerdings gehörten zu den Ausnahmen Leute
wie Raoul Castro, Ernesto "Che" Guevara - und Fidel Castro selber.
Zahlreiche Kubaner brachten die offizielle kommunistische Partei Kubas
mit dem Diktator. Batista in Verbindung, zumal sie dessen Regime unterstützte
und erst eine Annäherung an Castro vollzog, als der Sturz Batistas für alle
Welt als unvermeidlich galt.
»
Als Castro im Januar 1959 seinen Einzug in Havanna hielt, verfügten
die Kommunisten über den schlagkräftigsten und . - besten organisierten Parteiapparat auf der Insel. Sie gingen unverzüglich daran, die Unterwanderung der
Gewerkschaften, die sie noch zu Batistas Zeiten eingeleitet hatten, zu verstärken. Die Marschroute war klar: Es galt, junge, als Mitglieder der'Bewegung des 26. Juli" getarnte kommunistische Agenten in gewerkschaftliche
Schlüsselpositionen einzuschleusen. Zugleich setzte hinter den Kulissen eine
intensive kommunistische Agitation gegen antikommunistische Arbeiterführer
ein, die als Batista-Anhänger diffamiert wurden.
Der erste direkte Versuch der Kommunisten, sich der Gewerkschaften z i
bemächtigen, schlug allerdings fehl.. In den Gewerkschaftswahlen vom April
und Mai 1959 behaupteten die antikommunistischen Mitglieder der "Bewegung
des 26. Juli"
rrain. Und auch - . den folgenden drei Monaten, zeitigte
die kommuniütische Strategie nicht die erhoftten Erfolge. Bei den Wahlen
der Delegationen für den im November 1959 angesetzten 10. Kongreß der
Kubanischen Arbeiter-Konföderation wählten 28 der der CTC angehörenden 33
Gewerkschaften rein antikommunistisch zusammengesetzte Delegationen; nur
zwei Delegationen waren mit Kommunisten durchsetzt.
Wie ablehnend die kubanischen Arbeiter den Kommunisten gegenüberstanden,
wurde anläßlich der Vorstandswahlen deutlich, die von der größten der CTC
angeschlossenen Gewerkschaft, de NFTA (Gewerkschaft der Arbeiter der Zucke-industrie), abgehalten wurden, die 40 Prozent aller Mitglieder auf sich vereinigte. Die kommunistische Tageszeitung "Hoy" hatte die Gewerkschattsi
rung vor der Wahl scharf angegriffen und sie als "Gegenrevolutionäre" bezeichnet. Die Wähler liexien sich indes nicht beeinflussen, denn als das Ergebnis der.Wahl vorlag, hatten die Kommunisten eine weitere Schlappe erlitten: Nur acht der 243 Ortsvereine der NFTA hatten kommunistisch gewählt..
Damit nicht genug: Die Gewerkschaftsversammlung warf der Zeitung vor.

- 15 -

�vor, '»unfundierte und diffamierende Behauptungen" über die der "Bewegung
des 26. Juli" angehörenden Gewerkschaftsführer verbreitet zu haben.
Inzwischen hatten Castro und seine Mitarbeiter sich auch offen zum
Kommunismus bekannt oder sich als dessen Anhänger zu erkennen gegeben.
Im September und Oktober 1959 beschuldigte das Regime zahlreiche .Gewerkschaftsführer, die zugleich der Castro-Bewegung des 26. Juli angehörten,
"konterrevolutionärer Umtriebe". Man enthob sie ihrer Posten und entfernte
sie schließlich vollständig. Sie hatten das unverzeihliche '^erbrechen begangen, gegen die kommunistische Machtübernahme in den Gewerkschaften
Einwände zu erheben.
Ich nahm an dem 10. Kongreß der CTC im November 1959 als Verbindungsmann zur ausländischen Presse teil. Die Mehrzahl der anwesenden Journalisten
vertrat Zeitungen des Ostblocks. Außerdem waren drei Vertreter der Gewerkschaftsbewegung der Sowjetunion zugegen - offensichtlich mit dem Auftrag,
die Vorgänge zu überwachen. Wie sich herausstellte, war der sie begleitende
Dolmetscher, ein Herr Vadim Kotehergin, Agent des sowjetischen Nachrichtenund Spionagebüros. KGB.
"Der Kongreß verlief zunächst nicht zur Zufriedenheit der Kommunisten.
Die erste, bis in die Nacht hinein dauernde Sitzung endete mit einem Tumult,
als die Delegierten von der Kandidatur dreier wohlbekannter Kommunisten für
das 13köpfige Exekutivkomitee vernahmen. Zahlreiche Delegierte forderten
dabei die Kommunisten heraus, indem sie Wassermelonen hochhielten und dabei
"Melonen, Melonen!" ausriefen, was besagen sollte, daß manche Castro-Anhänger äußerlich zwar "grün", innerlich aber "rot" seien. Die Demonstration
bezog sich auf eine Erklärung Castros, wonach.seine Bewegung nicht rot,
sondern olivgrün sei.
Castro selber mußte erscheinen, um die Ordnung wiererherzustellen.
Nach einer seiner üblichen Mammutreden wies er den Generalsekretär der CTC,
David Salvador, an, eine aus Kommunisten und Anhängern der "Bewegung des
26. Juli" gebildete Einheitsliste durchzusetzen. Salvador hatte eine Unterredung mit Raoul Castro, der in dieser Besprechung von Lazatö Pena, einem
Veteran der kommunistischen Gewerkschaftsbewegungj beraten wurde. Das:Ergebnis war eine revidierte Liste, in der die Namen der drei kommunistischen
Kandidaten nicht mehr enthalten waren. Als die Liste am folgenden Tage bekanntgegeben wurde, verließen Jie .Kommunisten aus Protest den Kongreß.
Die Liste wurde angenommen, aber es stellte sich sehr schnell heraus,
daß man einem kommunistischen Täuschungsmanöver unterlegen war: Die Mehrheit der für das Exekutiv-Komitee benannten Kandidaten bestand.nunmehr aus
verkappten Kommunisten oder Sympatisierenden.
Damit war die Entscheidung gefallen. Die Kommunisten beherrschten
das Exekutiv-Komitee und setzten als erstes eine Entschließung über den
Austritt des CTC aus dem antikommunistischen Internationalen Bund freier
Gewerkschaften und aus dessen interamerikanischem Regionalverband durch.
Einem schnell gebildeten Säuberungsausschuß fiel die Aufgabe zu, alle im
kommunistischen Sinne unzuverlässigen Gewerkschaftsfunktionäre ihrer Ämter
zu entheben. Bis April i960 waren bereits 20 Führer der 33 Einzelgewerkschaften durch Kommunisten ersetzt worden.
Im August wurde der Generalsekretär, David Salvador, der Castro mehr
als anderthalb Jahre lang treu gedient hatte, aus der CTC entfernt, weil
er nicht den von Lazaro'Pena abgesteckten Kurs verfolgt hatte. Salvador
ging in den Untergrund und wurde im November 1960 bei dem Versuch, Kuba zu
verlassen, gefangengenommen. Er verschwand in den Kerkern der La CatjanaFestung.
.
.
.
Mit

- 16 -

�Mit der Ausschaltung Salvadors hatten die Kommunisten ihre Ziele in
vollem Umfang erreicht. Die kubanische Gewerkschaftsbewegung, die zu den
fortschrittlichsten der amerikanischen Hemisphäre gehörte, existierte
nicht mehr. Mit ihr verschwanden die von ihr erkämpften sozialen Errungenschaften: garantierter Mindestlohn, Kranken- und Altersversicherungen,
Sicherheit des Arbeitsplatzes, garantierter bezahlter Urlaub - und das
Streikrecht.

+ ++++
US-Arb e i t smarkt
1964 - Arbeitsfriede und sozialer Fortschritt
Trotz zeitweilig aufziehender Streikwolken, die im Falle des Eisenbahner- und des Hafenarbeiterkonflikts sogar katastrophale gesamtwirtschaftliche Auswirkungen anzukündigen schienen, ist das Jahr 1964 schließlich
doch in arbeits- und sozialpolitischer Hinsicht für alle Beteiligten weitaus harmonischer und glatter verlaufen,als ursprünglich erwartet werden
durfte. Das gilt sowohl für Arbeitgeber und Gewerkschaften als auch für Arbeitnehmer und Regierung.
So wurde im Frühjahr der schon seit über drei Jahren schwelende Arbeitskonflikt bei den Eisenbahnen, der die gesamte Wirtschaft zu lähmen drohte,
in letzter Minute, und zwar durch die persönliche Initiative Präsident Johnsons und durch einsichtiges Einlenken beider Sozialpartner, beigelegt und
der ähnliche wirtschaftliche Folgen nach sich ziehende Ha/enarbeiterstreik
an der Ostküste - wenn auch nur durch Anwendung des Teft-Hartley-Gesetzes
- vorläufig entschärft und für die Dauer von 80 Tagen ausgesetzt.
Auch der dritte große Unsicherheitsfaktor auf dem Sektor der Arbeitgeber- Arbeitnehmerbeziehungen, die für den Herbst anstehenden Tarifverhandlungen in der Automobilindustrie, brachte nicht den von allen befürchteten langwierigen Arbeitskampf. Im Gegenteil, trotz der "maßlosen Forderungen" der
Automobilarbeitergewerkschaft - wie es Vizepräsident Seaton von General
Motors formulierte - konnte der neue, für die künftige tarifpolitiscne Entwicklung in der US-Wirtschaft so bedeutsame Kollektivvertrag, den Walter
Reuther einen neuen Meilenstein nannte, relativ schnell unter Dach und Fach
gebracht werden. Wesentlich dazu beigetragen haben die vorbereitenden Besprechungen im gemeinsamen ständigen tarifpolitischen Beratungsausschuß eine Einrichtung, durch die die Tarifverhandlungen wesentlich versachlicht
wurden. Daß es dennoch anschließend zu einigen kürzeren Streiks bei einigen
Automobilproduzenten kam, lag daran, daß im industrieweiten Rahmen nur die
Lohn- und Sozialfragen geregelt wurden, einige der seit langem anstehenden
strittigen internen arbeitstechnischen Probleme dagegen auf der betrieblichen
Ebene zu lösen waren.
Alles in allem läßt sich also auf Grund der Entwicklungen im vergangenen
Jahr feststellen, daß sich das Klima der Arbeitnehmer- Arbeitgeberbeziehungen
1964 weiter verbesserte, keine industrieweiten und die gesamte wirtschaftliche
Aktivität lähmenden Streiks stattfanden und die amerikanischen Arbeitnehmer
durch die neu abgeschlossenen Tarifverträge wesentliche Fortschritte auf dem
Gebiet der Löhne und Sozialleistungen erzielen konnten. .
Als

- 17 -

�Als Beispiel hierfür mag der neue Vertrag der Automobilarbeiter dienen, der - wenn er auch nicht in jeder Beziehung typisch für Tarifabkommen
ist - den allgemeinen derzeitigen Trend auf lohnpolitischem Gebiet wohl
am besten charakterisiert. Hier die wichtigsten Verbesserungen: Herabsetzung
der Fensionsgrenze bei ganz, beträchtlich erhöhten Pensionsleistungen (von
2,80 Dollar auf 4,25 Dollar pro Dienstjähr), mehr Urlaub (plus 1 Woche),
mehr bezahlte Feiertage (plus 2), verbesserte Arbeitsbedingungen (50% mehr
Arbeitspause) und schließlich Lohnerhöhungen zwischen 14 und 24 Cent,pro
Stunde.
Auf Grund der neu abgeschlossenen Tarifverträge, der 1964 fällig gewordenen automatischen Lohnerhöhungen aus älteren Verträgen sowie der im Juni
wirksam gewordenen Gesetzesbestimmungen über die gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und die Anhebung der Mindestlohnsätze ist das Einkommensniveau
der amerikanischen Arbeitnehmer im vergangenen Jahr weiter angestiegen. Während der durchschnittliche Wochenlohn eines Industriearbeiters von 99,38
Dollar auf etwa lo3,oo Dollar und der Stundenlohn von 2,46 Dollar auf 2,53
Dollar kletterten, erhöhten sich die freiwilligen Sozialleistungen infolge
zahlreicher Verbesserungen (Erhöhung der privaten Pensionsleistungen, Liberalisiei|Sing der Krankenversicherungspläne, Gewährung von mehr Urlaub und bezahlten'Feiertagen) etwa im Rahmen der Vorjahre.
Die "im Vergleich zu 1963 allgemein günstigere wirtschaftliche und soziale
Lage des amerikanischen Arbeiters erhellt auch daraus, daß die Beschäftigtenzahl sich zwischen Oktober 1963 und Oktober 1964 um 1,6 Millionen auf insgesamt 70,6 Millionen erhöhte und gleichzeitig die Erwerbslosenziffer von 4,1
auf 3,2 Millionen zurückging, so daß die Erwerbslosenrate z.Z. nur noch
5,0 Prozent beträgt.
Wenn damit auch der niedrigste Stand seit 1959 erreicht wurde, so darf
doch nicht übersehen werden, daß die Erwerbslosenrate bei den Farbigen immer
noch fast doppelt so hoch liegt wie bei den Weißen und weiterhin ein hartnäckiger Kern von Dauerarbeitslosen (länger als 15 Wochen) das durchweg günstige Bild trübt.
Aber auch in dieser Hinsicht brachte das Jahr 1964 wesentliche Fortschritte. Mit der Verabschiedung des Bürgerrechtsgesetzes dürfte auch der
letzte Rest diskriminierender Praktiken bei der Einstellung von Arbeitskräften nach und nach verschwinden und auf die Dauer ein wesentlicher Rückgang der
Arbeitslosenrate bei den Farbigen eintreten; und mit der Forcierüng des "Gesetzes über die Ausbildung und Umschulung von Arbeitskräften»' (Manpower Development and Training Act of 1962) sollte ein großer Teil all'jener Arbeitslosen
in nächster Zeit bessere Beschäftigungschancen"erhalten, denen es auf Grund
ihres Bildungsniveaus und. ihrer geringen beruflichen Fähigkeiten bisher nicht
möglich war, einen Arbeitsplatz in der modernen Industriegesellschaft zu finden.
Es bleibt also festzustellen, daß das Jahr 1964 sowohl für die US-Gewerkschaften als auch für die Arbeitnehmer überaus günstig verlaufen ist und daß
sehr solide Ausgangspositionen für weitere Fortschritte im kommenden Jahr geschaffen wurden.
(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
Berichtigung
In unserer Ausgabe XVII - 12 vom 1. Dezember 1964 hat sich in dem Artikel
"Technologische Betriebsumstellungen und die Auswirkungen auf die Arbeitnehmer»
auf Seite 2, vierter Absatz ein sinnentstellender Druckfehler eingeschlichen.
Der 3. Satz muß richtig heißen: Das kle inste Gebiet (anstelle von Unternehmen)
hatte eine Gesamtbeschäftigtenzabl von knapp 50 000,,das größte eine von rund
500 000.
•*.

- 18 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 2

Bad Godesberg, den 1. Februar 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Tarifvertragliche Möglichkeiten einer vorzeitigen Pensionierung
in der US-Wirtschaft

Seite

Verbesserung der Volksgesundheit durch gezielte Maßnahmen

Seite 13

Entlassungsbestimmungen in US-Tarifverträgen

Seite 15

1

Walter W. Kolodrubetz, Abteilung Arbeitsbeziehungen
im US-Amt für Arbeitsstatistik:
Tarifvertragliche Möglichkeiten einer vorzeitigen Pensionierung in der USWirtschaft
Auf Grund der umfassenden technologischen Veränderungen in den vergangenen zehn Jahren hat sich die
Beschäftigungsstruktur in den Vereinigten Staaten
ganz beträchtlich gewandelt. Viele alte handwerkliche und Fachberufe sind in der Industrie durch die
neuen automatischen Produktionseinrichtungen ausgelöscht worden. Gleichzeitig wurden jedoch auch zahlreiche neue, in der Regel höherqualifizierte Arbeitsplätze geschaffen. Die Folge dieser Entwicklung war
einerseits ein Überfluß an Arbeitskräften für nicht
mehr gefragte Berufe, zum anderen ein nicht unerheblicher Mangel an höherqualifizierten Kräften. Wenn
auch die beruflichen Umstellungsprobleme bei den
jüngeren und Facharbeitern weniger schwierig waren,
so hatten doch die älteren - meist über 50 Jahre
alten - Arbeitnehmer in der Regel erhebliche Schwierigkeiten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden: teils

�teils auf Grund ihrer mangelnden beruflichen
Qualifikationen, vor allem aber wegen ihres
relativ hohen Lebensalters. Eine überdurchschnittlich hohe Erwerbslosenrate und eine
große Zahl von Dauerarbeitslosen in diesen
Altersgruppen kennzeichneten den Umstellungsprozeß.
In dem Bestreben, diesen Automationsverdrängten zu einem wirtschaftlich gesicherten Absprung aus dem Erwerbsleben zu verhelfen, haben
die amerikanischen Gewerkschaften in den vergangenen Jahren versucht, in die Kollektivverträge Klauseln einzubauen, die eine vorzeitige
Pensionierung dieser Arbeitnehmergruppen ohne
größere wirtschaftliche Benachteiligung gestatten. Der folgende Artikel gibt einen Überblick über entsprechende von den Gewerkschaften
mit den Unternehmen ausgehandelte Pläne in der
amerikanischen Wirtschaft.
Vorbemerkungen
Durch die Aufnahme von Bestimmungen über eine vorzeitige Pensionierung in die privaten Pensionspläne der amerikanischen Wirtschaft ist das
gesamte Pensionierungsschema in den vergangenen Jahren - da auch die
staatliche Altersversicherung (seit 1961) eine vorzeitige Pensionierung
nach Erreichen des 62. Lebensjahres vorsieht - variantenreicher und umfassender, gleichzeitig aber auch unübersichtlicher geworden.
Das "vorzeitige Pensionsalter" ist in allen privaten Pensionsplänen
ebenso wie das "normale Pensionsalter" speziell definiert. Die technische
Definition des "vorzeitigen Pensionsalters" weicht von der allgemein vorherrschenden Vorstellung, daß jede Pensionierung vor Erreichen des 65.
Lebensjahres eine "vorzeitige Pensionierung" darstellt, insofern ab, als
in den Pensionsplänen (wie auch im weiteren.Verlauf dieses Artikels) dieser Begriff eine Pensionierung vor Erreichen des in den einzelnen Plänen
festgesetzten "normalen Pensionsalters" bezeichnet. Das "normale Pensionsalter" stellt daher den frühestmöglichen Zeitpunkt dar, zu dem ein Arbeitnehmer bei Erhalt der vollen aufgelaufenen Bezüge in den Ruhestand
treten kann. Gewöhnlich ist das "normale Pensionsalter" 65 Jahre, es kann
aber ebenso bei 60 oder 62 wie bei 68 oder 70 Jahren liegen,
Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse
In über 100 der untersuchten privaten Pensionspläne., die 1,6 Millionen Arbeitnehmer erfassen, lag das normale Pensionsalter unter 65, gewöhnlich bei 60 Jahren. Eingeschlossen sind fast eine Million Arbeitnehmer, die von Plänen - wie denen des Bell Telephone System - erfasst werden, die auch eine vorzeitige Pensionierung vorsehen. Bei einigen von
diesen Plänen, zu denen auch die der Telefonindustrie gehören, können die
Arbeitnehmer mit Einwilligung des Unternehmens bereits mit Erreichen des
55. Lebensjahres bei Gewährung der vollen Bezüge in den Ruhestand treten;
bei anderen dagegen ist eine Pensionierung, nur bei reduzierten Leistungen

- 2-

�Leistungen möglich. Zu den restlichen Pensionsplänen, bei denen das
normale Pensionierungsalter zwar unter 65 Jahren liegt, die aber keine
vorzeitige Pensionierung vorsehen, zählen u.a. die der Gewerkschaften
der Elektroarbeiter (IBEW), der Bergarbeiter und der Transportarbeiter.
Das amerikanische Sozialversicherungsgesetz (Social Security Act),
das das normale Pensionierungsalter für alle Sozialversicherungspflichtigen auf 65 Jahre festsetzt, wurde im Jahre 1956 erstmalig liberalisiert. Seinerzeit wurde die Bestimmung aufgenommen, daß sich Frauen bereits ab 62. Lebensjahr bei verminderten Bezügen pensionieren lassen
können - eine Option, die auf die männlichen Arbeitskräfte 1961 ausgedehnt wurde. Da die meisten privaten Pensionspläne zu diesem Zeitpunkt
bereits Bestimmungen über eine vorzeitige Pensionierung - in einem
meist noch niedrigeren Lebensalter - enthielten, dürfte der Einfluß dieser Gesetzesänderung auf die Gestaltung der privaten Pläne nur gering
gewesen sein, wenngleich sie zweifellos dazu beigetragen hat, das tatsächliche "vorzeitige Pensionsalter" allgemein herabzudrücken.
Auf Grund der Bestimmungen dieser privaten Pensionspläne ist es
den Arbeitnehmern, die die erforderlichen Voraussetzungen in bezug auf
Lebensalter und Dienstjähre erfüllen, möglich, sich bei verminderten Bezügen vorzeitig pensionieren zu lassen.
Obwohl allgemein bestimmt ist, daß die Pensionsleistungen in solchen
Fällen sofort fällig sind, bieten einige Pläne den Versicherten die Möglichkeit, die Auszahlung bis zur Erreichung des normalen Pensionsalters
aussetzen zu lassen, damit sie dann in den Genuß der vollen Pension
kommen.
Zu den in jüngster Zeit neu eingeführten Bestimmungen gehören auch
jene, die es den Unternehmern gestatten, die vorzeitige Pensionierung
eines Arbeitnehmers zu erzwingen oder den Betreffenden zu "beiderseits
annehmbaren Bedingungen" (d.h. bei Einvernehmen von Unternehmer, Gewerkschaft und Arbeitnehmer) zu pensionieren. In diesen Fällen kommen die
"Zwangspensionierten" in der Regel in den Genuß wesentlich höherer Pens-ionsle istungen, die.bei einigen Plänen sogar über den Pensionen liegen,
die bei Erreichen der normalen Altersgrenze zu zahlen sind. Wie bei
allen anderen Pensionierungsvorschriften müssen natürlich auch hier
gewisse Voraussetzungen hinsichtlich der Dauer der Betriebszugehörigkeit und des Lebensalters erfüllt sein.
Vorzeitige Pensionierung
Bestimmungen über eine vorzeitige Pensionierung enthielten rund 75
Prozent aller untersuchten privaten Pensionspläne. Bemerkenswert ist dabei, daß derartige Bestimmungen weitaus häufiger in jenen Plänen verankert sind, die sich lediglich auf ein einzelnes Unternehmen beziehen,
(in der Folge als Einzelpläne bezeichnet), als in solchen, die von mehreren Arbeitgebern (Sammelpläne) getragen werden. Das Verhältnis ist hier
4:1 bzw. 2:3. Bei den Einzelplänen, die keine derartigen Klauseln enthielten, handelte es sich in der Regel um Pläne, die ausschließlich durch
Unternehmerbeiträge gespeist werden und hauptsächlich auf Unternehmen des
Handels, der Dienstleistungszweige und der Fertigungsindustrie beschränkt
sind. Bestimmungen über eine vorzeitige Bansionierung (bei reduzierten
Bezügen) oder eine normale Pensionierung vor dem 65. Lebensjahr (bei
Tabelle 1

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�(bei vollen Bezügen) sind bei Sammelplänen vor allem in jenen Industriezweigen anzutreffen, in denen die Arbeiter besonders schwierige
und körperlich harte Arbeit zu leisten haben, wie im Bergbau, im
Straßentransportgewerbe und in der Schiffahrt.
Eine ganze Reihe von privaten Pensionsplänen, die etwa eine
Million Arbeitnehmer umschließen, sehen nur für weibliche Arbeitskräfte eine vorzeitige Pensionierung, gewöhnlich ab 62. Lebensjahr,
vor. Viele dieser Pensionspläne existieren in der Bekleidungsindustrie - einem Industriezweig mit einem sehr hohen Anteil an weiblichen
Arbeitskräften. Die meisten Arbeitnehmer gehören dabei Sammelplänen an,
die von den Gewerkschaften der Bekleidungsarbeiter und der Damenoberbekleidungsindustrie zentral verwaltet werden.
Voraussetzungen für eine vorzeitige Pensionierung
Voraussetzung für eine vorzeitige Pensionierung ist in der Regel
eine Mindestdienstzeit von 15 Jahren. Diese Bestimmung ist in 25 Prozent aller untersuchten Pläne mit derartigen Klauseln verankert, die
etwa ein Viertel aller erfaßten Arbeitnehmer umschließen. Eine Betriebszugehörigkeit von 10 Jahren war dagegen lediglich bei. sechs
Pensionsplänen erforderlich; allerdings wurden von diesen rund 25 Prozent aller Arbeitnehmer erfaßt. Weniger als 10 Dienstjähre als Mindestvoraussetzung für eine vorzeitige Pensionierung schreiben schließlich rund 33 Prozent aller Pläne vor, die jedoch nur ein Fünftel aller
durch diese Untersuchung erfaßten Arbeitnehmer umschließen, während
ein weiteres Viertel aller Arbeitnehmer Pensionsplänen angehörte, bei
denen die erforderliche Mindestdienstzeit 20 Jahre und mehr betrug.
Was das Mindestalter betrifft, so ermöglichen zwei Drittel dieser
Pläne, die rund die Hälfte aller Arbeitnehmer erfassen, eine Pensionierung ab 55. Lebensjahr, während weitere zwei Fünftel aller Arbeitnehmer
Plänen angehörten, die das 60. Lebensjahr als Mindestalter vorschreiben.
Schließlich sehen weniger als 5 Prozent dieser privaten Pensionspläne
eine vorzeitige Pensionierung vor Erreichen des 55. Lebensjahrs vor.
Für über 50 Prozent aller von diesen Plänen erfaßten:Arbeitnehmer gilt
als Voraussetzung für eine vorzeitige Pensionierung eine kombinierte
Formel von Lebensalter und Dienstzeit - bei etwa 20 Prozent waren es
55 Lebens- und 10 bis 15 Dienstjahre, bei 30 Prozent 60 Lebens- und 10
bis 15 Dienstjahre.
In allen Pensionsplänen mit sogenannten "vesting rights" - Anspruchsberechtigung auch bei Entlassung oder Betriebswechsel - lag das
Mindestalter allgemein höher als bei Plänen ohne derartige Rechtsanspruchssicherungen. So bestehen zum Beispiel für rund 25 Prozent aller
Arbeitnehmer, die von Plänen erfaßt werden, die keine Sicherungsbestimmungen enthalten, keinerlei Begrenzungen hinsichtlich des Lebensalters, während von Arbeitnehmern unter Garantieplänen fast ausschließlichderartige Kriteria zu erfüllen sind. Auf der anderen Seite war die
Zahl der vorgeschriebenen Dienstjahre in Garantieplänen mit Bestimmungen
über eine vorzeitige Pensionierung geringer als in Plänen ohne eine
Garantie.
Bestimmungen darüber, daß ein Arbeitnehmer inur dann eine vorzeitige Pensionierung beantragen kann, wenn der Unternehmer einverstanden ist oder
Tabelle 2

�TABELLE 2

BESTIMMUNGEN ÜBER EINE VORZEITIGE PENSIONIERUNG IN PRIVATEN PENSIONSPLÄNEN
(Nach Industriezweigen gegliedert, Stand: Winter 1962/63)

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Industriezweig
Arbeitnehmer
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Fischerei

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Bergbau

316

327

312

119

4

208

Baugewerbe

449

1 072

156

343

293

729

9 257

9 678

7 409

7 981

1 848

1 697

Transport

673

1 286

496

644

177

642

Nachrichtenwesen, Öffentl.
Versorgung

849

1 270

600

1 184

249

87

Groß-, Einzelhandel

1 627

920

1 271

690

. 356

230

Finanz,
Vers icherungen

1 853

733

1 439

660

414

73

719

308

341

140

378

168

Fertigungsindustrie

Dienstleistungszweige

- 6-

�oder den Arbeitnehmer ausdrücklich auffordert, sind in etwa der Hälfte
aller Pläne verankert, durch die etwa 40 Prozent aller Arbeitnehmer
erfaßt werden.
Während die Sammelpläne nur in Ausnahmefällen derartige Bestimmungen enthielten, waren sie in Einzelplänen, insbesondere in der Fertigungsindustrie, die Regel. Außerdem bezogen sich diese Bestimmungen
weitaus häufiger auf die Angestellten eines Betriebes als auf die Produktionsarbeiter.
Pensionsleistungen
Die Leistungen bei vorzeitiger Pensionierung setzen in allen Fällen
unmittelbar nach Beendigung der Erwerbstätigkeit ein; bei einigen Pensionsplänen, durch die etwa die Hälfte aller anspruchsberechtigten Arbeitnehmer erfaßt wird, steht es jedoch den Betreffenden frei, den
Zeitpunkt der Leistungsaufnahme bis zum Beginn des normalen Pensionsalters hinauszuschieben.
Die monatlichen Pensionen entsprechen bei einer Pensionierung im
60. Lebensjahr in der Regel (2/3 aller Pläne) einem versicheTiingsmathematisch genau errechneten verminderten Anteil des Grundbetrags, der bei
Erreichen des normalen Pensionsalters (von 65 Jahren) fällig wäre. Auf
Grund dieser reduzierten Leistungen kommt der bei Erreichen des 60.
Lebensjahres in Pension gehende Arbeitnehmer allgemein in den Genuß von
2/3 des Grundbetrages. Läßt er seine Rente bis zum 65. Lebensjahr weiter auflaufen, so kann er eine Erhöhung seiner Bezüge um rund die Hälfte erreichen. Bei den meisten der restlichen Pläne werden dagegen andere Bemessungsfaktoren zugrunde gelegt. Das am häufigsten angewendete
Verfahren sieht dabei eine Minderung des Rentengrundbetrages um bestimmte, meist auf Monatsbasis bezogene prozentuale Anteile vor, die
zwischen 1/4 und 3/4 Prozent pro Monat liegen. Gezählt werden alle
Monate, die zwischen dem Zeitpunkt der vorzeitigen Pensionierung und
dem normalen Pensionsalter liegen. Dadurch ergeben sich vielfach größere Abschläge für den Versicherten als bei Anlegung versicherungstechnischer Maßstäbe. Mehr als 10 Prozent aller Arbeitnehmer werden
z.B. von Pensionsplänen erfaßt, die monatliche Abzüge in Höhe von 6/10
eines Prozents vorsehen (was bei einer Pensionierung mit 60 Jahren .
einer Rentenminderung um 36 Prozent entspricht), während andererseits
1 Million Arbeitnehmer privaten Pensionsplänen r-gehören, die um 30
Prozent verminderte Leistungen (bei 0,5 Prozent Abzug pro Monat) für
Versicherte festsetzen, deren normales Pensionsalter 65 Jahre ist und
die sich mit 60 pe~ ionieren lassen.
Allerdings gibt es auch zahlreiche Pläne, die keinerlei Abzüge
von der Grundrente bei einer vorzeitigen Pensionierung kennen. So
fallen rund 1,2 Millionen Arbeitnehmer unter Pläne, die keine Leistungsminderung ab 60 Jahre vorsehen, während für eine weitere.Million
Arbeitnehmer das normale Pensionsalter bei 60 Jahren liegt und 200 000
von Pensionsplänen erfaßt werden, die bei einer vorzeitigen Pensionierung mit 60 Jahren bereits die gleichen Leistungsbeträge vorsehen wie
mit 65 Jahren.
Die Reduzierung der Leistungen bei Plänen, die eine noch frühere
Pensionierung (meist ab 55 Jahre) ermöglichen, erfolgt in der Regel
nach dem Berechnungsschema von Planen, bei denen das vorgezogene PensionsTabelle 3

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�Pensionsalter 60 Jahre beträgt. Da die tatsächlich gezahlten Pensionen
in diesen Fällen jedoch beträchtlich unter den Normalleistungen liegen
(Abschläge von meist über 50 Prozent), kann man darauf schließen, daß
eine vorzeitige Pensionierung zu einem so frühen Zeitpunkt meist nur
für außergewöhnliche Umstände (Betriebsstillegung etc.) vorgesehen ist.
Dennoch gehörte eine nicht unbeträchtliche Zahl von Versicherten Pensionsplänen an, die eine Pensionierung ab 55. Lebensjahr bei vollen
Bezügen ermöglichen. Die meisten dieser Arbeitnehmer sind bei den Telefongesellschaften beschäftigt, deren Pläne als Mindestvoraussetzung für
die Zahlung der vollen Pension 25 Dienstjahre und die Zustimmung des
Unternehmens vorschreiben. Die normale Pensionierungsgrenze liegt hier
allerdings schon bei 60 Jahren.

TABELLE 4
EINSCHRANKENDE BESTIMMUNGEN BEI EINER VORZEITIGEN PENSIONIERUNG
(Stand: Winter 1962/63)

Arbeitnehmer

Pläne

Art der
Konditionen

Prozent

Zahl
in 1000

Prozent

12 099

100,0

11 786

100,0

Nur auf Antrag des
Arbeitnehmers

6 327

52,3

7 133

60,5

Nur nach Zustimmung oder
Forderung des Unternehme s

5 772

47,7

4 653

39,5

Nach Zustimmung des
Unternehmers

5 369

44,4

3 729

31,6

Nach Forderung des Unternehmers

89

0,7

273

2,3

Entweder nach Zustimmung
oder Forderung des Unternehmers

247

2,0

389

3,3

In beiderseitigem Einvernehmen

55

0,5

219

1,8

Andere

12

0,1

43

0,4

Zahl
Sämtliche Pläne mit Bestimmungen über eine vorzeitige
Pensionierung

Da all diese privaten Pensionspläne einen Eintritt in den Ruhestand zu
einem Zeitpunkt ermöglichen, der vor dem der Leistungsaufnahme der staatlichen Altersversicherung liegt, müssen die meisten dieser frühzeitig in Pension gehenden Arbeitnehmer in der Regel für einige Jahre erhebliche Einkom-

- 9 -

�Einkommenseinbußen hinnehmen, ehe sie, sobald die staatlichen Pensionsleistungen einsetzen, eine ganz wesentliche Aufbesserung ihrer Ruhegelder erfahren. Um die beträchtlichen Einkomraenschwankungen auszugleichen, bieten mehr als 25 Prozent aller privaten Pensionspläne dem Versicherten eine Option auf einen sogenannten Sozialversicherungsausgleich.
Bei Inanspruchnahme dieser Option erhält der Versicherte eine erhöhte
Rente aus dem privaten Pensionsfonds bis zum Einsetzen der Leistungen
aus der staatlichen Altersversicherung. Nach Erreichung dieses Zeitpunktes
erfolgt dann eine entsprechende Reduzierung.

TABELLE 5
RENTENABZUGSFAKTOREN BEI EINER VORZEITIGEN PENSIONIERUNG MIT 60 JAHREN )
Pläne

Arbeitnehmer

Faktor
Zahl

Prozent

12 099

100,0

11 786

100,0

169

1,4

1 162

9,9

Verminderung des Grundbetrages
nach versicherungsmathematischen Formeln
8 067

66,7

5 821

49,4

Prozentuale Minderung des
Grundbetrages pro Monat vor
dem normalen Pensionsalter
(65 Jahre)

2 837

23,4

4 193

35,6

1/4 eines Prozents

32

0,3

108

0,9

1/3 eines Prozents

52

0,4

545

4,6

4/10 eines Prozents

62

0,5

193

1,6

1/2 eines Prozents

934

7,7

1 245

10,6

5/9 eines Prozents

179

1,5

710

6,0

1 006

8,3

1 290

10,9

5/8 eines Prozents

520

4,3

71

0,6

3/4 eines Prozents

52

0,4

31

0,3

Leistungstabellen mit verschiedenartigen Minderungsfaktoren

836

6,9

419

3,6

Leistungstabellen mit reduzierten Leistungen

31

0,3

91

0,8

159

1,3

102

0,9

Sämtliche Pläne mit derartigen Bestimmungen
Ohne jeglichen Abzug

6/10 eines Prozents

Andere
X)

Zahl in
1000

Prozent

Sonder-

Stand: Winter 196?/*^
10

�Sonderregelungen für eine vorzeitige Pensionierung
In zahlreiche private Pensionspläne, vor allem der Fertigungsindustrie,
ist in den vergangenen Jahren eine ganze Anzahl von Sonderbestimmungen für
eine vorzeitige Pensionierung aufgenommen worden. Es handelt sich hierbei
vor allem um Klauseln obligatorischen Charakters (Zwangspensionierung), an
die Leistungen geknüpft sind, die allgemein wesentlich über die hinausgehen,
die der Versicherte bei einer normalen vorzeitigen Pensionierung zu erwarten hätte. Diese Bestimmungen wurden gemeinsam von Gewerkschaften und Unternehmern mit.dem Ziel ausgehandelt, spezielle wirtschaftliche und soziale
Härten bei Eintritt außergewöhnlicher Umstände (Massenentlassungen, Betriebsstillegungen usw.) auszuschalten. Viele dieser Bestimmungen sind inzwischen
auch auf jene Arbeitnehmer und Angestellte eines Betriebes ausgedehnt worden, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind..

TABELLE 6
SONDERBESTIMMUNGEN BEI EINER VORZEITIGEN PENSIONIERUNG'&gt;
(nach Industri.ezweigen)
All e Pläne
Industriezweig

Mit Sonderklauseln

Arbeitnehmer
in 1000

Pläne

Arbeitnehmer
in 1000

15 818

15 621

1 051

2 674

75

26

Bergbau

316

327

34

Baugewerbe

449

1 072

9 257

Transport

Pläne

Arbeitnehmer
in 1000

14 767

12 947

75

26

18

282

310

2

7

447

1 065

9 678

992

2 551

8 265

7 128

673

1 286

2

38

671

1 248

Nachrichtenwesen,
Öffentl. Versorgung

849

1 270

4

11

845

1 260

Groß-, Einzelhandel

1 627

920

7

24

1 620

895

Finanzen, Versicherung, Immobilien

1 853

733

5

17

1 848

716

308

5

8

714

300

Zahl der untersuchten Pläne
Landwirtschaft,
Forsten, Fischerei

FertigungsIndustrie

Dienstleistungszweige

Zahl

Ohne Sonderklauseln

1

719

Im Zeitpunkt der Erhebung enthielten fast sieben Prozent aller untersuchten privaten Pensionspläne, durch die 17 Prozent der Arbeitnehmer erfaßt
wurden, derartige Sonderbestimmungen. Sie waren vor allem in der FertigunRs1) 9f-.r&gt;H- T-Mnt-PT- 1 0 f t ? / f
- 11 -

�I
Fertigungsindustrie (Stahl-, Automobil-, Gummi-, Konservenindustrie)
anzutreffen und hauptsächlich in Einzelplänen verankert, die allein
durch Unternehmerbeiträge gespeist wurden. Pläne,die in ihren Grundzügen denen der Stahlindustrie entsprechen und rund ein Viertel dieser Arbeitnehmer einschließen, sehen unter anderem vor, daß die Versicherten bei 60 Lebens- und 15 Dienstjahren Fensionsleistungen erhalten können, wenn das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben in beiderseitigem Einvernehmen erfolgt, oder bei einem Lebensalter von 55 Jahren und 20 Dienstjahren, wenn die vorzeitige Pensionierung auf Grund
einer Betriebsstillegung, Massenentlassung oder wegen Teilinvalidität
beantragt wird, wobei die Teilinvalidität nicht für den Bezug staatlicher Invalidenrente ausreichen würde. Die Pensionsleistungen sind
in diesen Fällen sofort fällig.
Außerdem gibt es in der Stahlindustrie noch einige Varianten zu
diesen Plänen - Pläne, die schon eine spezielle vorzeitige Pensionierung mit 50 Lebens- und 15 Dienstjahren unter "beiderseitig annehmbaren Bedingungen" oder bei Entlassung gestatten - sowie mit 55 Lebens- und 15 Dienstjahren im Falle einer Betriebsstillegung oder.Teilinvalidität oder mit 60 Lebens- und 30 Dienstjahren zu für beide Seiten annehmbaren Bedingungen.
Generell ergibt sich nach Auswertung sämtlicher Pensionspläne mit
derartigen Sonderbestimmungen folgendes Bild hinsichtlich der Mindestvoraussetzungen: 55 Lebens- und 20 Dienstjahre für 1/3 aller erfaßten
Arbeitnehmer; 60 Lebens- und 10 Dienstjahre für 2/5 der Arbeitnehmer;
55 Lebens- und 10.oder 15 Dienstjähre für 1/10.
Was die Leistungen betrifft, so gehören 50 Prozent aller versicherten Arbeitnehmer Pensionsplänen an, die die gleichen Leistungen
vorsehen wie bei einer normalen Pensionierung, während ein fast gleich
hoher Prozentsatz bis zum Erreichen der normalen Pensionierungsgrenze
oder Einsetzen der Leistungen aus der staatlichen Altersversicherung
Pensionen erhält, die mehr als doppelt so hoch sind wie die gewöhnlichen Leistungen. Der Rest entfällt auf Pläne, die nur geringfügig
über dem Normalsatz .liegende Renten für die Versicherten vorsehen.

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 87, Nr. 10, Oktober 1964).

+ ++++

- 12 -

�Verbesserung der Volksgesundheit durch gezielte Maßnahmen
In seiner Sonderbotschaft vom 7. Januar unterbreitete Präsident
Johnson dem amerikanischen Kongreß ein umfassendes Volksgesundheitsprogramm, das neben einer angemessenen kostenlosen ärztlichen Betreuung und Krankenhausfürsorge für die älteren, nicht sozialversicherten
Menschen vor allem die Errichtung von medizinischen Regionalzentren
für die Bekämpfung der bedrohlichsten Volkskrankheiten sowie die Bereitstellung von Bundesmitteln zur Betreuung von geistig Zurückgebliebenen, geistig Erkrankten und Invaliden vorsieht. Alles in allem forderte der Präsident für die Durchführung dieser Einzelprogramme im
ersten Jahr Mittel in Höhe von 262 Millionen Dollar an.
Präsident Johnson hob in seiner Sonderbotschaft insbesondere die
große Bedeutung einer den neuesten Erkenntnissen und Techniken der
modernen Medizin entsprechenden Gesundheitsfürsorge für das gesamte
amerikanische Volk hervor und betonte, daß die besten Diagnose- und
Therapiemethoden unserer Zeit allen Amerikanern zugänglich gemacht
werden müßten. Alter und wirtschaftlicher Status dürften hierbei keine
hemmenden Schranken bilden.
In Verfolg dieses Zieles forderte der Präsident als zeitgemäße
Ergänzung der vor nunmehr 30 Jahren eingeführten Sozialgesetzgebung die
Ausdehnung der staatlichen Sozialfürsorge auch auf das Gebiet der Krankenversicherung für ältere Menschen. Die Bedeutung einer derartigen Versicherung für die 65jährigen und älteren unterstrich Präsident Johnson
mit den Hinweisen, daß
- 80 Prozent aller über 65 Jahre alten Menschen irgendwelche körperlichen Gebrechen oder chronische Krankheiten aufweisen;
- diese älteren Menschen sehr viel häufiger das Krankenhaus aufsuchen
müssen als Angehörige anderer Altersgruppen der Bevölkerung und in der
Regel doppelt so lange im Hospital bleiben als jüngere Menschen;
- die von ihnen aufzubringenden Kosten für Ärzte, Medizin und Krankenhaus doppelt so hoch sind wie bei den Jüngeren; .
- fast die Hälfte dieser alten Menschen überhaupt keine Krankenversicherung hat;
- ältere, nicht mehr erwerbstätige Ehepaare heute nicht in der Lage
sind, die Mittel für eine ausreichende Krankenfürsorge im Rahmen der
privaten Krankenversicherung aufzubringen.
Nach den Vorschlägen des Präsidenten soll dieses spezielle Krankenversicherungsprogramm in die staatliche Sozialgesetzgebung einbezogen und
durch geringfügig erhöhte Beitragsleistungen der Versicherten finanziert
werden. Im einzelnen soll sich dabei die Krankenversicherung auf die
Deckung der gesamten Krankenhaus- und Nachbehandlüngskosten erstrecken
sowie auf die Heimpflege- und Diagnosekosten. Der gleiche Versicherungsschutz soll auch auf alle jene Personenkreise ausgedehnt werden, die
tegenwärtig noch nicht durch die Sozialversicherung erlaßt "werden, wobei
ie entstehenden Kosten in das administrative Budget autgenommen werden
sollen. Ebenso soll das vom Kongreß zu verabschiedende Krankenversicherungsgesetz für die älteren Menschen und die sozial Schwachen sicherstellen, daß die freie Arzt- und Krankenhauswahl der Versicherten erhalten

bleibt.

.

"..

- 13 -

Ml

�Bei Verabschiedung eines derartigen Gesetzes durch den Kongreß
würden rund 18 Millionen Amerikaner in den Genuß eines Krankenversicherungsschutzes kommen. Von diesen sind gegenwärtig nur rund 2
Millionen durch die Sozialversicherung erfaßt. Zur Deckung der damit
entstehenden Kosten sollen nach den Vorschlägen des .Präsidenten die
Sozialversicherungsbeiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer bis zum
Jahre 1971 nach und nach von derzeitig 4,25 Prozent des Einkommens
auf 5,2 Prozent erhöht werden.
Während für das erste Jahr eine Gesamtsumme von 262 Mio. Dollar
zur Finanzierung des Volksgesundheitsprogramms Präsident Johnsons veranschlagt wird, rechnet man bereits im zweiten Jahr mit einem Betrag
von 801,6 Mio. Dollar - eine Summe, die in den nächsten fünf Jahren
auf mehrere Milliarden ansteigen dürfte.
Zu den weiteren Vorschlägen Präsident Johnsons für einen verbesserten Krankenversicherungsschutz, eine umfassendere vorbeugende medizinische Betreuung weitester Volkskreise und eine allgemeine Hebung der
Volksgesundheit in den Vereinigten Staaten gehört auch die Errichtung
von 32 über das gesamte Land verteilten medizinischen Regionalzentren
zur Bekämpfung und Behandlung von Herzkrankheiten, Krebs und Kreislaufkrankheiten - Leiden, die in der Liste der Krankheiten in. den USA
an der Spitze stehen.
Durch diese Regionalzentren, die in der Nähe großer und medizinisch
hervorragender Universitätskliniken geschaffen werden sollen, will man
die in vielen Fällen über Tod und Leben entscheidenden Kenntnisse und
Fertigkeiten namhafter Kliniker und bekannter Chirurgen, einem möglichst
großen Teil der Bevölkerung zugänglich machen. Zur Durchführung dieses
Programmpunktes sollen im Verlauf von fünf Jahren rund 1,2 Mrd. Dollar
(50 Mio. Dollar im ersten Jahr) aufgebracht werden. Dabei würde der
Bund Zuschüsse für die Heranziehung von Spezialisten .und Stipendien
für die Grundlagenforschung auf dem Gebiet dieser Krankheiten zur Verfügung stellen.
Für die restlichen Schwerpunktprogramme Präsident Johnsons zur
Verbesserung der Krankenfürsorge, der vorbeugenden medizinischen Betreuung und der Bekämpfung der Volkskrankheiten sind schließlich noch folgende Beträge vorgesehen:
125 Millionen Dollar für die medizinische Betreuung von Kindern und
Jugendlichen;
19,5 Millionen Dollar für das Personal der kommunalen Heil- und
Pflegeanstalten;
20 Millionen Dollar als Beihilfen und Stipendien für medizinische
und zahnmedizinische Ausbildungsstätten;
5 Millionen Dollar für die medizinische Grundlagenforschung;
7 Millionen Dollar für Gesundheitsbetreuung der Wanderarbeiter;
8 Millionen Dollar an Beihilfen für Impfprogramme;
10 Millionen Dollar für Umschulungsprogramme; und
10 Millionen Dollar für Krankenhausbetreuung nicht krankenversicherter alter Menschen.
(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
- 14 -

�Entlassungsbestimmungen in US-Tarifverträgen
Eine Repräsentativuntersuchung von 400 Tarifverträgen der amerikanischen Industrie ergab, daß in 99 Prozent aller Verträge die Frage der
Entlassung von Arbeitnehmern generell geregelt ist. Dies teilte kürzlich das Bureau of National Affairs (BNA), ein privates statistisches
Institut, mit.
In 90 Prozent aller Tarifverträge sind Gründe, die zu einer Entlassung führen können, aufgeführt. Die Formel "begründet" oder "aus berechtigtem Anlaß" erscheint in 73 Prozent aller Verträge. Zahlreiche
Verträge geben spezifizierte Gründe der Entlassung an. Darunter wird
"Verletzung der vertraglichen Abmachungen" (einschließlich Streikaktionen)
am häufigsten, nämlich in 27 Prozent aller Verträge, genannt. "Mißachtung der Werksanordnungen" erscheint in 18 Prozent, "mangelhafte Leistungen" oder "Versagen" in 14 Prozent, "Trunkenheit!1 ebenfalls in 14
Prozent, "betrügerisches Verhalten" oder."Diebstahl".in zwölf Prozent
und "unerlaubtes oder ungewöhnlich.häufiges Fernbleiben von der Arbeit"
in elf Prozent aller Verträge.
Die Generalklausel "aus berechtigtem Anlaß" findet sich in mindestens
der Hälfte aller Tarifverträge. Detaillierte Begründungen werden in Verträgen der Fertigungsindustrie häufiger als in den anderen Wirtschaftszweigen angetroffen; das Verhältnis ist 65 Prozent zu 54 Prozent.
"Verletzung vertraglicher Abmachungen" (einschließlich Teilnahme an
Bummel- oder an wilden Streiks) gilt in 32.Prozent aller Verträge der
Fertigungsindustrie gegenüber 17 Prozent der anderen Wirtschaftszweige
als Entlassungsgrund. Bei "Mißachtung der Werksanordnungen" ist die Relation 21 zu 14 Prozent, bei. "mangelhaften Leistungen" oder '.«Versagen" ist
das Verhältnis 13 zu 18 Prozent, bei "Trunkenheit" 11 zu 21.Prozent.„
In der Fertigungsindustrie sind"in 64 von 100 Verträgen genaue Entlassungsverfahren bezeichnet gegenüber 41 von 100 in den übrigen Wirtschaftszweigen. 24 Prozent der Verträge schreiben vor, daß dem Arbeitnehmer die Entlassung anzukündigen ist. In 14 Prozent der Verträge ist eine
vorherige Verständigung der Gewerkschaft, in 23 von 100 Verträgen ihre
nachträgliche Benachrichtigung vorgesehen. 16 Prozent der Verträge machen
die Verständigung von Arbeitnehmer und Gewerkschaft obligatorisch.
In 15 von 100 Verträgen wird bestimmt, daß der Arbeitnehmer auf seine
mögliche Entlassung aufmerksam gemacht werden muß. Neun Prozent der Verträge sehen die Suspendierung als eine der Entlassung vorausgehende Maßnahme vor. Ebenfalls neun Prozent der Verträge schreiben das Anhörverfahren vor einer Entlassung vor, und in mehr als der Hälfte dieser Verträge ist wiederum die Anwesenheit von Gewerkschaftsvertretern bei solchen
Anhörverfahren als erforderlich bezeichnet.
Berufungsverfahren bei Entlassungen sind in 80 v.H. der für die Fertigangsindustrie geltenden Verträge genannt, dagegen nur in 47 v.H. aller
in der übrigen Wirtschaft gültigen Verträge.
In den meisten Fällen ist ein normales Beschwerdeverfahren anwendbar,
allerdings müssen Einsprüche gegen Entlassungen fristgerecht - meist binnen
vier bis sieben Tagen - erhoben werden.
Andere

- 15 -

�Andere, nicht zur Entlassung führende Disziplinarmaßnahmen sind
in 71 Prozent der Verträge der Fertigungsindustrie erwähnt, dagegen
nur in 44 Prozent der Verträge der übrigen Wirtschaft. Die meisten
Klauseln beschränken sich allerdings auf die ausdrückliche Feststellung, daß Suspendierung oder vorübergehende Entlassung als zulässige
Maßnahmen gelten. Zehn Prozent der Verträge erwähnen die niedrigere
Einstufung als erlaubte Form der Maßregelung, sechs Prozent führen
die Versetzung als solche an.

(Quelle: Eigenbericht)

+++++

- 16

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters In der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme Irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
-

XVIII - 3

Bad Godesberg, den 1. März 1965

INHALTSVERZEICHNIS

Ausgabentrends von Stadtfamilien 1950-1961

Seite

1

Arbeits- und Lohngarantiebestimmungen in
Großtarifverträgen

Seite

7

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 14

Kathryn R. Murphy, Mitarbeiterin im US-Amt für Arbeitsstatistik:
Ausgabentrends von Stadtfamilien 1950-1961
Einleitung
Die "Erhebung über die Verbraucherausgaben in den Jahren 1960/61"
bietet eine gute Möglichkeit, die Ausgabengewohnheiten amerikanischer
FamilienD erneut zu untersuchen. Die unzähligen individuellen Verbraucherkäufe hatten 1960/61 einen Anteil am Bruttosozialprodukt von
65 Prozent. Während der gesamten Nachkriegsperiode haben sie ständig
mehr als 3/5 des Sozialprodukts ausgemacht. Zeitpunkt, Umfang und Art
dieser Käufe sind volkswirtschaftliche Faktoren, denen man in den USA
seit den Depressions jähren verstärkte Aufmerksamkeit schenkt.
Die Erhebung der Jahre 1960/61 setzt die bereits im Jahre 1888
vom "Amt für Arbeitsstatistik" begonnene Serie über die Familienausgaben fort. Die wirtschaftlichen Indikatoren, die Auskunft über die
Kaufkraft der Verbraucher geben, zeigten eindeutig, daß in den fünfziger Jahren mehrere Rezessionen dadurch wesentlich abgeschwächt wurden, daß die Verbraucherausgaben - im Gegensatz zu den reduzierten

Die Bezeichnungen "Familie" und "Verbrauchereinheit" werden in
diesem Artikel wechselweise verwendet und umschließen sowohl
alleinstehende Personen als auch Familien mit zwei und mehr
Personen.
- 1-

�reduzierten Käufen der öffentlichen Hand - im ganzen gesehen unverändert blieben. Einzelangaben über die Ausgabenstruktur der Familien
waren jedoch seit dem Jahre 1950 - seit Durchführung einer umfassenden Untersuchung durch das US-Amt für Arbeitsstatistik - nicht systematisch gesammelt worden. Im Zuge der Überarbeitung des Verbraucherpreisindex führte das Amt i960 und 1961 in allen Teilen der USA Interviews in der Absicht durch, zuverlässige Angaben über die Einkommen und Ausgaben der Verbraucher zu erhalten. Diese Angaben lassen
im Vergleich zu 1950 beträchtliche Unterschiede sowohl in der Einkommensstruktur als auch in der Einkommenshöhe erkennen. S?e sind ein
Fundus neuer Daten, die in eine ganze Reihe von Erhebungen zur Ermittlung der Verbrauchergewohnheiten eingebaut werden können. Der folgende Artikel befaßt sich mit den Entwicklungstrends bei Einkommen, Ausgaben und Spareinlagen seit 1950.
Einkommen und Ausgaben
In der Dekade 1950-1960 haben sich die durchschnittlichen Ausgaben einer amerikanischen Stadtfamilie zur Deckung des laufenden
Bedarfs um 42 Prozent auf 5390 Dollar pro Jahr erhöht (si he Tabelle).
Im gleichen Zeitraum stiegen die Preise (gemessen am Verbraucherpreisindex) für Güter und Dienstleistungen nur um 24 Prozent an. Das Bruttoeinkommen (vor Abzug der Steuern) dieser Familieneinheiten nahm um
58 Prozent.zu und erreichte 1960/61 eine jährliche Durchschnittssumme
von 6691 Dollar. Die Personalsteuern (vor allem die.Einkommensteuern
des Bundes, der Einzelstaaten und Gemeinden sowie die Vermögenssteuer)
stiegen proportional stärker an als die Einkommen. Der durchschnitt- .
liehe Steuerjahresbetrag pro Familie war mit 785 Dollar 1960/61 um
140 Prozent höher als der des Jahres 1950. Dennoch verzeichnete das
durchschnittliche Familieneinkommen zwischen 1950 und 1960/61 einen
Anstieg von ' 910 auf 5906 Dollar. Im Schnitt gaben 1960/61.die Familien 91 Prozent ihres verfügbaren Einkommens zur Deckung des laufenden
Bedarfs aus, im Vergleich zu 9 7 Prozent im Jahre 1950.
Spareinlagen, Geschenke und Versicherungen
Auf Grund der vergrößerten Spanne zwischen Einkommen und laufenden
Ausgaben ist es den Familien 1960/61 möglich gewesen, mehr Geld für Geschenke, Spenden aller Art und für Versicherungen auszugeben als 1950.
Geschenke für Freunde und Verwandte sowie Spenden an religiöse, wohltätige und andere Organisationen machten 1960/61 durchschnittlich
303 Dollar pro Familie aus; gegenüber 1950 ist das fast die doppelte
Summe.
In den letzten Jahren ist es immer schwieriger geworden, eine
exakte Trennungslinie zwischen Ausgaben und Sparbeiträgen zu ziehen.
Bereits im Jahre 1950 war es klar, daß der Begriff "finanzielle Sicherheit", der sich früher im Bankkonto ausdrückte, mit.der Ausdehnung des
langfristigen Kreditgeschäfts, dem Ausbau der Sozialversicherung und der
privaten Versicherungsprogramme eine neue Dimension erhalten hatte. Die
sich bereits 1950 schwach abzeichnenden Trends waren ein Jahrzehnt später
sehr viel ausgeprägter. Als Beispiel hierfür seien nur die Aufwendungen
für persönliche Versicherungen angeführt (in der Erhebung des Amtes für
Arbeitsstatistik als "Auslagen" klassifiziert und weder den Ausgaben
noch den Spareinlagen.zugerechnet), die von 177 Dollar (1950) auf

- 2-

�auf 324 Dollar und damit um 83 Prozent an
^enDie Hauptaufwendungen konzentrierten sich dabei auf die Sozialversicherung und andere
Pensionspläne - Ausgaben, die 1960/61 bereits 53 Prozent der Gesamtaufwendungen für persönliche Versicherungen auf sich vereinigten und
1950 lediglich einen Anteil von 31 Prozent hatten. In diesen Umschichtungen drücken sich zwei Entwicklungen der jüngsten.Zeit aus. Die höheren Beiträge für die Sozialversicherung resultieren aus der Ausdehnung
dieser Versicherung auf weitere Personenkreise, aus der Erhöhung der
Beitragssätze und der Bemessungsgrundlage sowie den höheren Einkommen.
Auf der anderen Seite hat die immer mehr verbreitete Praxis, Lebensversicherungen als Teil der freiwilligen Sozialleistungen der Unternehmer
anzusehen (wobei.vielfach die Beiträge allein vom Unternehmer geleistet
werden), zu einer beträchtlichen Erhöhung des Versicherungsschutzes geführt, ohne daß dabei Belastungen für die Familien in Erscheinung treten.
In dem Maße, wie diese, und ähnliche zusätzliche wirtschaftliche Sicherungen an Umfang gewonnen haben, hat sich auch der Zwang verm
Bar- oder andere flüssige Mittel für Notzeiten zurückzulegen. Außerdem
ist noch zu berücksichtigen, daß - mit der steigenden Zahl der Eigenheimbesitzer - die Eigenanteile der Familien an Haus- und Grundbesitz
sowie an Einrichtungsgegenständen einen immer größeren Teil ihrer Rücklagen ausmachen.
Die Erhebungsgrundlage des Amtes für Arbeitsstatistik zur Ermittlung der Spareinlagen pro Verbrauchereinheit bilden die im Erhebungsjahr bei Guthaben und Verpflichtungen eingetretenen Netto-Veränderungen.
Bei Anwendung dieser Bemessungsgrundlage ergibt sich für die Periode
1960/61 eine durchschnittliche Sparsumme von 177 Dollar pro Familie,
verglichen mit einer Netto-Zunahme der Verpflichtungen gegenüber den
Spareinlagen von 74 Dollar im Jahre 1950. Der Entwicklungstrend bei den
Spareinlagen wird noch deutlicher, wenn man einmal die zyklischen Schwankungen bei Einkommen und Ausgaben während der Nachkriegsperiode betrachtet. Nach der 1948/49er Rezession war eine Erhöhung der Erwerbsrate für
Häuser, Haushaltseinrich.ungen, Automobile und andere Dauergüter festzustellen . - Güter, für die sich in den dreißiger und den Kriegsjähren
ein erheblicher Nachholbedarf angestaut hatte. Während des Konjunkturaufschwungs im Jahre 1950 bauten die Verbraucher dabei ihre. Spareinlagen
so stark ab und.nahmen darüber hinaus Kredite in einem solchen Umfang
auf, daß der Bundesbankrat im September 1950 einschneidende Bestimmungen
erlassen mußte, um einer weiteren Ausweitung der Kredite für. den Erwerb
von Automobilen und einer ganzen Reihe von Haushaltsgütern entgegenzuwirken. Im folgenden Monat gab der Bundesbankrat weitere restriktive Maßnahmen bekannt, um den sich immer stärker bemerkbar machenden inflationistischen Druck zu mir :ern und den Wohnungsbau durch Begrenzung der dem
Hypothekenmarkt zufließenden Gelder vor einer weiteren. Überhitzung zu
bewahren.
Die in den Jahren 1960/61 durchgeführte Erhebung fiel dagegen in
eine Rezessionsperiode, die im 1. Quartal 1960 begann und ihren Tiefpunkt
im Februar 1961 erreichte. Die Verbraucherpreise waren in dieser Zeit relativ stabil, der große Nachholbedarf der ersten Nachkriegsjähre war weitgehend befriedigt, und die Verbraucher bemühten sich, entweder ihre Spareinlagen zu erhöhen oder aber ihre Schulden abzutragen anstatt neue Kredite aufzunehmen.
Die

- 3 -

�Die derzeitigen Lebenshaltungskosten
Bei allen wichtigen Güter- und Dienstleistungskategorien lagen
die Aufwendungen einer städtischen "Durchschnittsfamilie" 1961 im
Vergleich zu 1950 wesentlich höher..Gleichzeitig hatte sich auch der
Anteil der einzelnen Posten am Gesamtbudget erheblich verändert.
Posten wie Nahrungsmittel, Bekleidung, Haushalts- und Einrichtungsgegenstände und Freizeitausgaben wiesen dabei einen geringeren Anteil
auf als 1950, andere dagegen, wie Miete, Heizung, Gas, Elektrizität,
Wasser, allgemeine Haushaltsaufwendungen, Gesundheitsfürsorge, persönliche Ausgaben, Automobilkauf und -unterhalt sowie Erziehung, einen
höheren Prozentsatz. Diese Veränderungen resultierten in erster Linie
aus den unterschiedlichen Preis- und Kostenbewegungen bei den einzelnen Gütern und Dienstleistungen.
Die wichtigste Veränderung ergab sich in der Periode 1950-1961
bei den Aufwendungen für Nahrungsmittel, die in diesem Zeitraum - gemessen am Gesaratbudget der Familie - rückläufig waren. Der Rückgang
von rund 30 Prozent des durchschnittlichen Familienbudgets im Jahre
1950 auf 24 Prozent im Erhebungszeitraum 1960/61 entspricht einem langfristigen, seit Beginn dieses Jahrhunderts wirksamen Trend.
Die größte prozentuale Zunahme dagegen trat bei den Mieten (bzw.
Unterhaltungskosten für Eigenheime) ein. Beigetragen zu diesem Anstieg hat zweifellos der riesige Nachkriegsboom im privaten Wohnungsbau, durch den immer mehr Familien in die Lage versetzt wurden, modernere,
qualitativ bessere - aber auch teuerere - Wohnungen und Häuser zu bewohnen. Auch der Anteil der Eigenheimbesitzer hat sich in der fünfziger
Dekade weiter erhöht, und gleichzeitig der Durchschnittswert und die durchschnittlichen Belastungen pro Eigenheim. Parallel dazu stiegen die
Hypotheken- und Versicherungskosten sowie die Aufwendungen für Unterhalts- und Reparaturarbeiten an.
Auf der anderen Seite jedoch gingen die Ausgaben für Einrichtungsstücke und Möbel zwischen 1950 und 1960/61 relativ stark zurück. Wie
schon erwähnt, waren die Ausgaben für Gegenstände dieser Art im Jahre
1950 infolge von "Angstkäufen" außergewöhnlich hoch. So waren die Preise
für Haushaltsgeräte im Gegensatz zu den Preisen der meisten anderen
Güter und Dienstleistungen 1960/61 geringer als 1950. Darüber hinaus
hat der allgemeine Trend im Wohnungsbau, zahlreiche Einrichtungsgegenstände wie Eisschränke, Öfen, Klimaanlagen usw. zu festen Bestandteilen
von Wohnungen und Miethäusern zu machen, dazu geführt, daß die Aufwendungen dafür in den Familienbudgets ihren Niederschlag heute in verstärktem Maße in den Mieten und Kaufpreisen von Häusern und weniger stark,
in eigenen Ausgaben finden. Der Rückgang des Ausgabenanteils für Haushaltseinrichtungen und Möbel wurde jedoch zum größten Teil wieder durch
die steigenden Haushaltsaufwendungen (Ausgaben für Telefon, Hausgehilfinnen, Wäscherei, Reinigung usw.) absorbiert.
Der Rückgang bei den Ausgaben für Freizeit und Erholung von 4,4 auf
4,0 Prozent ist in Anbetracht des starken Anstiegs der Realeinkommen
zwischen 1950 und 1960/61 an sich ungewöhnlich. In ihm kommen jedoch
Schwerpunktverlagerungen bei den Freizeitbetätigungen zum Ausdruck, die
in dieser Übersicht allerdings nicht alle erfaßt sind. So gaben die
Familien z.B. 1960/61 weniger für Eintrittsgelder (Film, Sport, Konzert,
Theater) aus, während sie wie 1950 praktisch den gleichen Anteil ihres

Tabelle

�TABELLE
EINKOMMENS- UND ANDERE ANGABEN ÜBER DIE AMERIKANISCHE STADTFAMILIE
(1960/61 und 1950)

Art der Angaben

Durchschnitt pro Familie Zunahme in Prozent
1950-1960/61
1950
1960/61

Angaben über die Finanzen
Gesamteinkommen
Arbeitseinkommen vor Abzug der Steuern
Andere Geldeinnahmen

6773 Dollar
6691
82

Verwendung der ver ügbaren
Mittel, gesamt
6979
Ausgabun des laufenden
Bedarfs
5390
Persönl. Versicherungen
324
Staatl. u. private
1
Altersversicherungsbeiträge
171
Lebens- u. a. Vers.
153
Geschenke u. Spenden
303
Steuern (Einkommens-,
Vermögens- u. Kopfsteuer)
785
Spareinlagen
177
Saldo von Einkommen und
Ausgaben
Anteil der Ausgaben am Arbeitseinkommen nach Abzug
der Steuern
In 1960/61er Dollar
Arbeitseinkommen nach
Abzug sämtl. Steuern
und Abgaben
Ausgaben des laufenden
Bedarfs

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91,3 Prozent

Andere Angaben
Familiengröße
(Zahl der Personen)
3,1
Alter des Familienvorstands
4/
Bildungsniveau des Familienvorstands (Zahl der Schuljahre) 11
Familien mit
Eigenheim
53 Prozent
73
»
Automobil
12 »
Farbige Familien
Zahl der von der Erhebung
erfaßten Familien

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67

-

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45 Prozent
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12 489

�ihres Einkommens für den Erwerb von Radio- und Fernsehgeräten sowie
von Musikinstrumenten aufwendeten und erhöhte Ausgaben für Sportausrüstungen, Hobbys und andere Freizeitbetätigungen aufzuweisen hatten.
Insgesamt gab die in einer Stadt lebende amerikanische "Durchschnittsfamilie" in der Erhebungsperiode 1960/61 rund 217 Dollar pro Jahr für
Freizeitbeschäftigungen aus. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen,
daß in dieser Erhebung - der allgemeinen Praxis der Mehrheit folgend die Ausgaben für Urlaubs- und Freizeitreisen auf die Posten Unterhaltskosten für das Automobil, Fahrgelder sowie Ernährung und Unterkunft außer
Hause aufgeteilt sind. Eine gewisse Vorstellung über Art und Umfang der
MFreizeitausgaben" gibt jedoch eine kürzlich vom "Survey Research Center"
veröffentlichte Studie, aus der hervorgeht, daß 27 Prozent aller '»Fami- .
lien" im Jahre 1961 mindestens 100 Dollar für Urlaubsreisen (reine.Reisekosten) ausgaben und ihre durchschnittlichen Ausgaben auf Urlaubsreisen
380 Dollar betrugen.
Die beträchtliche Erhöhung der Aufwendungen für Kraftwagenkäufe
und -unterhalt in der vergangenen Dekade ist zu einem großen Teil auf
derartige Urlaubsreisen zurückzuführen, während andererseits die Erhöhung der Verkaufspreise, der Finanzierungs- und Versicherungskosten
in den fünfziger Jahren ebenso zu einer Kostensteigerung beitrug wie
die verstärkte Abhängigkeit der Familien, vom Automobil auf Grund der
Verlagerung der Wohngebiete an die Stadtränder und in di* Vororte.

(Quelle: "Monthly Labor Review»»,
Vol.87, Nr.11, November 1964)
+ -H- + +

- 6-

�Arne H. Anderson, Abteilung Industrielle und Arbeitsbeziehungen
im Amt für Arbeitsstatistik:
Arbeits- und Lohngarantiebestimmungen in Großtarifverträgen
Zusammenfassung
Von den insgesamt 1773 vom "Amt für Arbeitsstatistik" im Jahre 1963
untersuchten Großtarifverträgen (Verträge, die jeweils für mehr als
1000 Arbeitnehmer gelten) enthielten nur weniger als 10 Prozent Bestimmungen über Arbeits- und Lohngarantien. Auch die Zahl der von solchen
Bestimmungen erfaßten Arbeitnehmer lag im gleichen Größenbereich (unter
10 Prozent). Die meisten dieser in Tarifverträgen verankerten Klauseln
bezogen sich dabei fast ausschließlich auf wöchentliche Arbeitszeit- und
Einkommensgarantien; nur 6 Verträge sahen Jahresgarantien vor (siehe Tabelle). Nicht nur hinsichtlich der Länge der Garantieperiode bestanden
zwischen den einzelnen Abkommen erhebliche Unterschiede, sondern auch in
bezug auf Faktoren wie Höhe des Garantielohnes und Zahl der garantierten
Arbeitsstunden, Anspruchsberechtigung, Arbeitsbedingungen, Aufhetzung
oder Einschränkung der Garantie.
Wöchentliche Garantie
Bestimmungen über wöchentliche Arbeits- oder Einkommensgarantien,
durch die 513 000 Arbeitnehmer erfaßt wurden, enthielten insgesamt 117
der untersuchten Tarifverträge. Die meisten dieser Abkommen (81) entfielen dabei auf die nichtindustriellen Wirtschaftszweige, in erster
Linie auf das Straßentransportgewerbe, die kommunalen Verkehrsbetriebe
und den Einzelhandel, die übrigen (36) auf die Nahrungsmittelindustrie mit Schwerpunkt fleischverarbeitende Industrie (19) und Milchwirtschaft
(12).
Rund die Hälfte aller Tarifverträge mit Garantieklauseln sind von
der Transportarbeitergewerkschaft (Teamsters) ausgehandelt worden, während
die restlichen Abkommen fast alle auf die Fleischer-, Einzelhandels-,
Lagerarbeiter-, Straßenarbeiter-, Straßenbahner- und Maschinistengewerkschaft entfallen.
Wöchentliche Arbeitszeit- und Einkommensgarantien finden sich weitaus häufiger in Verträgen, die mit mehreren Unternehmen abgeschlossen
wurden, als in Einzelabkommen. Sowohl in der Nahrungsmittelindustrie als
auch im Einzelhandel verteilten sich die Garantieabkommen ungefähr je
zur Hälfte auf Einzel- und auf Sammelverträge, während in der Transportindustrie 7/10 aller Garantien in Sammelverträgen verankert waren.
Voraussetzungen für die Gewährung von Garantien
In den Genuß wöchentlicher Arbeitzeit- oder Einkommensgarantien kamen
in der Regel sämtliche - oder fast alle - von diesen Tarifverträgen erfaßten Arbeitnehmer. Einige Abkommen beziehen die Garantien auf "sämtliche
Arbeitnehmer", andere nur auf die "fest Angestellten", die "regulär Beschäftigten", oder etwa auf die "regulär Vollzeit-Beschäftigten".
Für gewöhnlich haben die Arbeitnehmer mit vollzogener Einstellung
Anspruch auf eine derartige Garantie, sonst nach Ablauf der Probezeit.
Wie aus der nachstehenden Übersicht hervorgeht, wurde nur in 16 Abkommen
eine Mindestdienstzeit als.Voraussetzung für die Gewährung der Garantie
gefordert.
Erforderliche

- 7-

�Erforderliche Mindestdienstzeit

Zahl der Abkommen

Arbeitnehmerzahl

2 Monate

1

1200

3 Monate

1

1000

12 Monate

2

3900

18 Monate

1

2000

24 Monate

11

11 000

16

19 200

Insgesamt

Die geforderte Mindestdienstzeit war im allgemeinen die einzige
Voraussetzung für die Gewährung einer Einkommens- oder Arbeitszeitgarantie. Der Senioritätsgrad der einzelnen Arbeitnehmer spielte so gut wie
keine .Rolle. Nur in neun der 117 Abkommen mit Garantieklausein wurden die
Arbeitnehmer der niedrigsten Senioritätsgruppen von der Garantie ausgeschlossen. In dem Abkommen zwischen der "Central Motor Freight Association"
und den Teamsters zum Beispiel bezog sich.die Garantie lediglich auf die
oberen 80 Prozent in der Senioritätsskala.
Als selbstverständliche Voraussetzung gilt in allen Abkommen, daß
der Arbeitnehmer jederzeit verfügbar ist, und, wenn Arbeit für ihn vorhanden ist, auch gewillt sein muß, zu arbeiten. In 85 Prozent aller Garantieabkommen werden die Voraussetzungen für die Gewährung der Einkommensund Arbeitszeitgarantie speziell aufgeführt..So gilt zum Beispiel in
3/10 aller Abkommen die Garantie nur für jene Arbeitnehmer, die in der
betreffenden Woche gearbeitet haben. Eine Mindestarbeitszeit, die ein Arbeitnehmer zu erfüllen hat, um sich für die Garantie zu qualifizieren,
ist nur in einem einzigen Vertrag fixiert.
Bei 1/4 aller Abkommen war die Meldung zur Arbeit die entscheidende
Voraussetzung dafür, ob ein Arbeitnehmer Anspruch auf die Garantie hat
oder nicht. Dagegen wurde in 17 Abkommen die Zubilligung der garantierten
Ansprüche davon abhängig gemacht, ob der Arbeitnehmer verfügbar war oder
den Wunsch hatte, zu arbeiten. Bei den meisten der restlichen (13) Abkommen hing die Gewährung der Garantie davon ab, ob der betreffende Arbeitnehmer zur Arbeit in der entsprechenden Woche eingeteilt war.
Berechnungsgrundlagen und umfang der Garantieleistungen
Die meisten der wöchentlichen Lohn- und Arbeitsgarantieabkommen
sichern den anspruchsberechtigten Arbeitnehmern die Vollbeschäftigung
während des Garantiezeitraumes zu, andere wiederum einen vollen Wochenlohn oder "Arbeit" oder Bezahlung anstelle von Beschäftigung. In den meisten Fällen wird die Garantie in Arbeitsstunden, pro Woche ausgedrückt. In
einigen Abkommen jedoch ist die Garantie auf eine pro Tag zu leistende .
Mindestzahl von Arbeitsstunden bzw. Mindestzahl von Arbeitstagen pro Woche
bezogen. Nur in neun Abkommen wird die wöchentliche Garantieleistung mit
einem Geldbetrag angegeben. Im allgemeinen wird den Arbeitnehmern die
normale Arbeitswoche, die sich in den meisten Fällen auf 40 Stunden beläuft, garantiert. Eine Ausnahme bildet das Abkommen der Gewerkschaft der
Fleischkonservenarbeiter, bei denen die Normalarbeitswoche zwar 40 Stunden
beträgt, die Garantie sich aber nur auf 36 Stunden bezieht.

In

�In der überwiegenden Mehrzahl der Garantieabkommen wird allen
anspruchsberechtigten Arbeitnehmern einheitlich eine bestimmte Zahl
von Arbeitsstunden oder eine bestimmte Einkommenshöhe garantiert. Etwa
3 von 10 Wochen-Garantieabkommen machen die Höhe der Garantieleistungen
jedoch von solchen Faktoren abhängig wie Arbeitsplatzeinstufung und
Seniorität. In einigen wenigen Abkommen werden außerdem Unterschiede
hinsichtlich.der Leistungsgarantie zwischen männlichen und weiblichen
Arbeitskräften gemacht. In einem Tarifvertrag zum Beispiel werden den
Männern 4 Stunden pro Woche mehr garantiert als den Frauen.
Anrechnung nicht geleisteter Arbeitszeit
In den meisten Garantiebestimmungen werden all jene nicht geleisteten Arbeitsstunden pro Garantieperiode besonders spezifiziert, die angerechnet werden können oder durch die sich die Leistungspflicht des Unternehmers vermindert. Alle diese Spezifikationen sind in erster Linie
in solchen Garantieplänen enthalten, die sowieso bestimmte Voraussetzungen
für die Gewährung der Garantie vorschreiben. Aus der folgenden Übersicht
sind die verschiedenen Arten von Ausfallzeiten aufgeführt, durch die die
Garantieleistung beeinflußt wird:
Zahl der
Abkommen

Zahl der Arbeitnehmer

Voll angerechnet werden:
Bezahlter Urlaub
Bezahlte Feiertage

3

9 000

32

284 800

42

118 600

30

81 000

13

14 800

15

63 800

4

6 400

63

344 400

In Abzug gebracht werden:
Fehlzeiten auf Grund von unentschuldigtem
Fehlen
Fehlzeiten auf Grund von Verspätungen
Fehlzeiten, die durch Entlassung oder
Kündigung entstehen
Fehlzeiten, die durch Wiedereinstellung
oder Zurücknahme einer Entlassung nach
Beginn der Arbeitswoche entstehen
Sonstige
Gesamtzahl der Abkommen mit Minderungsklauseln

Etwa ein Drittel aller Garantiebestimmungen sieht vor, daß der Unternehmer dann von der Garantieleistung entbunden ist, wenn sich im Laufe
der Arbeitswoche bestimmte »außergewöhnliche Umstände" ergeben, die in
rund der Hälfte der Abkommen als Ereignisse spezifiziert werden, welche
»sich der. Einflußnahme des Unternehmens entziehen": höhere Gewalt, Produktionsstörungen, Streiks, nationaler Notstand, Entlassung, freiwilliges
Fernbleiben. In einigen Abkommen wird durch unentschuldigtes Fehlen' die
Garantie sogar aufgehoben und entschuldigtes Fernbleiben von 4er Arbeit
mit Abzug bestraft.
Jahresgarantien

�Jahresgarantien
Von sämtlichen untersuchten Großtarifverträgen enthielten lediglich sechs Bestimmungen über einen garantierten Jahreslohn, d.h. eine
Einkommens- oder Arbeitsgarantie für sämtliche oder bestimmte Arbeitnehmer für einen Zeitraum von mehr als 10 Monaten. Die folgenden Abschnitte gehen näher auf diese Abkommen ein.
1. Das Abkommen mit der Geo. A. Hormel Company
Das zwischen der Gewerkschaft der Fleischkonservenarbeiter und der
Hormel Company abgeschlossene Abkommen über einen garantierten Jahreslohn sieht vor, daß sämtliche Arbeitnehmer des Werks in Austin (Minnesota) mit dem Tag ihrer Einstellung einen Anspruch auf ein garantiertes Jahreseinkommen haben. Ausgeschlossen von dieser Regelung sind
lediglich die Teilzeitarbeiter und die Aushilfskräfte. Den an Dauerarbeitsplätzen Beschäftigten werden eine Beschäftigung während.des
ganzen Jahres w i e 52 Wochenlohnschecks garantiert, deren Höhe dem in
den einzelnen Abteilungen gezahlten normalen Wochenlohn entspricht.
Berechnungseinheit ist die 40-Stunden-Woche (Normalarbeitszeit) eine Basis, die jedoch jährlich neu in Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Unternehmen festzulegen ist. In dem am 1. April 1963 beginnenden Vertragsjahr betrug das wöchentliche Garantieminimum in
allen Abteilungen des Werkes 36 Stunden, d.h. ob die Arbeitnehmer 40
Wochenstunden oder nur 30 arbeiten mußten, sie hatten auf alle fälle Anspruch auf das Minimum (36 Stunden). Überstundenarbeit war in der Garantieperiode nicht untersagt Überstundenzuschläge erhielten alle Arbeitnehmer, die entweder länger.als 8 Stunden täglich oder aber mehr
als 40 Stunden wöchentlich oder an Sonn- und Feiertagen arbeiteten.Ebenso wie die normalen Überstunden wurde auch die Feiertagsarbeit auf
die Garantie angerechnet. Am Ende des Jahres erhalten die Arbeitnehmer
einen Bonus für sämtliche abgeleisteten Arbeitsstunden, die über die
Garantienorm von 2080 Stunden hinausgehen. Arbeitete ein Arbeitnehmer
während des GarantieJahres weniger als 1872 Stunden, so wurde ihm die
fehlende Zahl von nicht geleisteten, aber bezahlten Arbeitsstunden erlassen.
2. Das Abkommen mit der "Michigan Sugar Company"
Im Gegensatz zu den meisten anderen Jahreslohn-Garantieabkommen,
durch die praktisch jeder Arbeitnehmer erfaßt wird, erstreckt sich die
Arbeits- und Lohngarantie bei diesem Unternehmen (in allen Werken) nur
auf eine spezielle Gruppe von Mitarbeitern - im Durchschnitt nur auf
27 bis 30. Die Garantie ist noch dazu insofern eingeschränkt, als sie
nur für die .Zeit Gültigkeit hat, in der die Fabriken produzieren. Wenn
jedoch ein Werk stillgelegt wird, hat das Unternehmen die Option, entweder die von der Garantie erfaßten Arbeitnehmer in ein anderes „Werk
zu transferieren oder ihnen ein Entlassungsgeld zu zahlen, dessen Hohe
von der Länge der Dienstzeit abhängt.
3. Das Abkommen mit dem Verband der Bekleidungseinzelhändler
Nach dem von der Bekleidungsarbeitergewerkschaft mit der "Retail
Apparel Merchants Association» in New York City abgeschlossenen Garantie
abkommen erhält das Verkaufspersonal zum Teil höhere Garantien als zum
Beispiel die Repasseure, Bügler und Fertigmacher. Das für drei Jahre
gültige Garantieabkommen für das Verkaufspersonal garantiert allen Festangestellten eine ständige Beschäftigung während der Laufzeit des Kontraktes. Allerdings kommen r tt bestimmte, namentlich aufgeführte Mjtar-

- 10 -

�Mitarbeiter in den Genuß dieser Vergünstigung. Alle anderen Beschäftigten dagegen gelten dem Abkommen zufolge als "Arbeitskräfte auf Zeit",
die jederzeit entlassen werden können.
Für die Bügler, Fertigmacher und andere Hilfskräfte erstreckt sich
die Einkommensgarantie lediglich auf 10 Monate pro Jahr, wobei für 8
Monate die volle Arbeitszeit und für 4 Mengte nur eine Teilarbeitszeit
garantiert wird. In Perioden, in denen nicht voll gearbeitet wird, ist
eine Verteilung der Arbeit auf die vorhandenen Arbeitskräfte gestattet.
Weder Überstundenarbeit noch "Nachholarbeit" werden auf die Garantie
angerechnet.
4. Das Abkommen mit der Schuhwaren-Einzelhandelsliga
Der Kontrakt dieses Firmenverbandes mit der Gewerkschaft der Groß-,
Einzelhandels- und Kaufhausangestellten garantiert allen Festangestellten
während der Laufzeit des Abkommens (2 Jahre) pro Jahr eine Beschäftigung
von 52 Wochen. Während die leitenden Angestellten eine Arbeitsgarantie
von 44 Wochenstunden haben, gilt für sämtliche anderen Mitarbeiter des
Unternehmen, ue 40-Stunden-Woche als Garantiebasis.
5. Die Garantiebestimmungen der "Wisconsin Public Service Corporation"
Auf Grund eines Abkommens mit der Gewerkschaft der Betriebstechniker
erhalten alle Arbeitnehmer mit mindestens fünfjähriger Dienstzeit eine
Arbeitsgarantie von 2080 Stunden pro Jahr, abzüglich der Urlaubstage und
der bezahlten Feiertage, an denen sie nicht gearbeitet haben. Der Vertrag
hat eine Laufzeit von zwei Jahren. Obwohl die von der Garantie.erfaßten
Arbeitnehmer nicht entlassen werden können, dürien sie bei Arbeitsuungel
an andere Arbeitsplätze umgesetzt werden. Werden sie umgesetzt, so erhalten sie - wenn eine Einkommensminderung mit dem Transfer verbunden ist
- für die Dauer von sechs Monaten ihre bisherigen Bezüge weitergezahlt.
Andere Garantieformen
Weitere acht Tarifabkommen - sechs davon in der Film- und Theaterindustrie - enthielten andere als die eben beschriebenen Garantien. Im
einzelnen handelte es sich dabei um folgende Formen:
Verband der Baustoffhändler in Cleveland
Ein Abkommen zwischen diesem Unternehmerverband und der TeamsterGewerkschaft garantiert 50 Prozent der am 1. Dezember eines jeden Jahres
beschäftigten Arbeitnehmer eine Beschäftigung.über einen Zeitraum von 17
Wochen - beginnend mit der Woche, die mit oder nach dem 10. Dezember anfängt. Die Garantie deckt hier also einen Zeitraum ab, der außerhalb der
Bausaison liegt. Allerdings haben die Arbeitgeber auf Grund dieses Vertrages das Recht, die Beschäftigtenzahl vor dem 1. Dezember noch auf einen
Stand zu reduzieren, der nach ihrer Ansicht für die .Garantieperiode ausreichend ist.
Ähnlich wie bei den wöchentlichen Arbeits- und Einkommensgarantien
werden auch hier unentschuldigtes Fehlen und Nichtmeldung zur eingeteilten
Arbeit in Anrechnung gebracht und Ereignisse, die außerhalb der Kontrolle
des Unternehmens liegen und zur Stillegung des Betriebes führen (Feuer,
Explosionen, Streiks), als garantieaufhebend betrachtet. Überstundenarbeit,
bezahlter Urlaub und. bezahlte Feiertage, die vom Arbeitnehmer in der

- 11 -

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�der Garantiezeit genommen werden, werden dagegen auf die Garantieleistung angerechnet.
Seehafenbetriebe der Pazifikküste
Die "Pacific Maritime Association" hat mit der Hafen- und Lagerhausgewerkschaft ein völlig aus dem Rahmen fallendes Garantieabkommen
geschlossen, das Bestandteil des "Automationsabkommens" ist und den
Arbeitnehmern in den Häfen der amerikanischen Westküste eine Beschäftigungs- oder Einkommensgarantie in solchen Perioden sichert, in denen neue Umschlageinrichtungen installiert oder neue Löschgngs- und
Beladungsverfahren eingeführt werden, durch die die Arbeitsmöglichkeiten drastisch reduziert werden.
Aufgrund des sehr detaillierten Garantieabkommens, das von dem
Verband und der Gewerkschaft nach Abschluß des Tarifvertrages ausgehandelt wurde, sind Entlassungen nicht statthaft. Um jedoch die Zahl
der Arbeitskräfte in ein vernünftiges Verhältnis zur anfallenden Arbeit
zu bringen, zielt das Abkommen darauf ab, die Arbeitnehmer für eine
normale oder vorzeitige Pensionierung zu interessieren, und in einigen
Fällen ist sogar eine Zwangspensionierung möglich. Den qualifizierten
Hafenarbeitern wird eine wöchentliche Beschäftigung von 35 Stunden oder
der entsprechende Lohn dafür garantiert.
Für jede 4-Wochen-Periode gilt die Garantie für solche Hafenarbeiter, die
1. schon drei Jahre lang als reguläre Hafenarbeiter registriert
sind;
2. Anspruch auf einen bezahlten Urlaub von zwei Wochen haben;
3. sich regelmäßig zur Arbeitsaufnahme gemeldet und angebotene
Arbeit nicht verweigert haben;
4. weniger als 5359 Dollar in den aufeinanderfolgenden 48 Wochen
verdient haben, die der vierwöchigen Garantieperiode vorangingen;
5. entweder 93 Prozent der im Gruppendurchschnitt in der laufenden Garantieperiode geleisteten Arbeit tatsächlich abgeleistet oder
aber auf Grund des Garantieabkommens dafür eine Gutschrift erhalten
haben.
Film- und Theaterindustrie
Die in insgesamt sechs Tarifabkommen der Filmindustrie verankerten
Garantiebestimmungen sind Ausdruck der in diesem Wirtschaftszweig völlig
anders gelagerten Beschäftigungs- und Tarifvertragsbedingungen. Für die
meisten der von diesen Verträgen Betroffenen werden in den Grundabkommen
lediglich die Mindestvoraussetzungen einer Beschäftigung, einschließlich
der Mindestgarantien, aufgeführt. Tatsächliche Beschäftigungs- und Einkommensgarantien sind - wie auch andere Konditionen - Gegenstand von individuellen Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Nur die
Anfangsperiode der Beschäftigung wurde auf Grund dieser Verträge garantiert. Die Garantiedauer war entweder gleich (d.h. eine Woche) oder richtete sich nach dem Budget der Filmgesellschaft, nach der Zahl der Auftritte
oder der Länge der Fernsehserien„
(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 87, Nr. 11, November 1964)

+ ++++
- 13 -

�Gewerkschaft1iche Kurznachrichten
Automatische Lohnerhöhungen für 3,7 Mio. Arbeitnehmer 1965
Rund 3,7 Millionen amerikanische Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnisse durch Großtarifverträge (mit jeweils mehr als 1000 Arbeitnehmern) geregelt sind, werden 1965 auf Grund von in den Vorjahren abgeschlossenen Tarifverträgen automatische Lohnaufbesserungen erhalten.
Gegenüber dem Vorjahr sind das rund 1,3 Millionen Arbeitnehmer mehr,
und für die letzten sechs Jahre ist es die überhaupt höchste Zahl.
Der größte Teil der Arbeitnehmer ist, wie aus einer Übersicht des
US-Arbeitätninisteriums hervorgeht, in der Industrie beschäftigt (1,7 Mio.),
während 600 000 im Baugewerbe tätig sind und der Rest (1,4 Mio.) sich auf
die anderen Wirtschaftszweige verteilt.
Automatische Lohnerhöhungen auf Grund der Lohngleitklausel werden
dagegen in diesem Jahr rund 2 Millionen Arbeitnehmer erhalten, also die
gleiche Anzahl wie im Vorjahr.
Die Gesamtzahl der von automatischen Lohnerhöhungen erfaßten Arbeitnehmer ist 1965 deshalb wesentlich höher als 1964, weil die meisten
der im Vorjahr in der Automobil-, Automobilzubehör-, Bau- und Landmaschinenindustrie sowie im Straßentransportgewerbe abgeschlossenen Tarifverträge einerseits sämtlich eine sehr große Zahl von Arbeitnehmern umschließen und andererseits ausnahmslos automatische Lohnerhöhungen in den folgenden Jahren vorsehen.
Außerdem stehen 1965 noch Lohnaufbesserungen für 355 000 Eisenbahner
an, die im vergangenen Jahr keinerlei Lohnerhöhungen oder Lebenshaltungskostenausgleich erhalten haben.
"ILGWU" bildete nationalen Pensionsfonds
Die Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsindustrie ILGWU hat mit
Wirkung vom 1. Januar 1965 ihre insgesamt 41 betrieblichen und regionalen
Pensionsfonds in einen "Nationalfonds" (National Retirement Fund) übergeführt, aus dem die 400 000 Mitglieder-der Gewerkschaft künftig ihre
Leistungen erhalten werden.
Der Aufbau der verschiedenen Sozialfonds der ILGWU-Gewerkschaft
erfolgt ausschließlich durch Unternehmerbeiträge, die gegenwärtig zwischen
zwei und sechs Prozent der Lohnsumme liegen und den anspruchsberechtigten
Leistungsempfängem monatliche Pensionszahlungen von etwa 50 Dollar (New
Yorker Mantelschneider 65 Dollar) sichern.
Die Gesamteinnahmen sämtlicher 41 Pensionsfonds der Gewerkschaft
beliefen sich 1963 auf 37,7 Millionen Dollar. Der Auszahlungen stellten
sich dagegen im gleichen Jahr auf über .20 Millionen Dollar. In den Genuß
dieser zusätzlichen Pensionen (neben denen der staatlichen Sozialversicherung) kamen insgesamt 31 644 Mitglieder der ILGWU.
Außer zusätzlicher Altersversorgung sowie Entlassungsgeldern erhalten
die Mitglieder der Damenoberbekleidungsgewerkschaft auch noch Leistungen
aus verschiedenen anderen (insgesamt 71) Sozial- und Wohlfahrtsfonds.
26

- 14 -

�26 Mio. Amerikaner beziehen Pensionen aus zwei Quellen
Die meisten im Ruhestand lebenden Amerikaner erhalten heute Pension
aus zwei verschiedenen Quellen: aus der staatlichen Sozialversicherung
und aus den zahlreichen privaten Pensionsplänen. Während die staatlichen
Altersrenten für Einzelpersonen 40 bis 127 Dollar im Monat und für Familien 60 bis 254 Dollar betragen, sind die privaten Pensionsleistungen
sehr unterschiedlich, wenngleich sie in einigen Fällen bis zu 100 Dollar
pro Monat ausmachen können.
Gegenwärtig werden über 26 Millionen (von insgesamt 71 Mio.) Arbeitnehmer in den USA durch private, zwischen Gewerkschaften und Unternehmen
ausgehandelte und häufig allein vom Arbeitgeber finanzierte Pensionspläne
erfaßt, die z.Z. ein Gesamtvermögen von rund 67 Mrd. Dollar aufweisen.
Gegenüber 1945 hat sich damit das Fondsvermögen um das 22fache erhöht,
während die Zahl der Leistungsberechtigten im gleichen Zeitraum von 5,6
Millionen auf 26 Millionen angestiegen ist.
Pensionierung jetzt mit 55 Jahren möglich
Die Vereinigte Bergarbeitergewerkschaft (United Mine Workers) hat
als Treuhänder des Bergarbeiterwohlfahrtsfonds mit Wirkung vom 1. Februar
1965 das Pensionsalter herabgesetzt und die Pensionsleistungen weiter verbessert.
Im einzelnen sehen die neuen Bestimmungen vor, daß ein Bergarbeiter
künftig schon mit 55 Jahren (bisher 60 Jahre) bei vollen Bezügen in Pension gehen kann, die monatlichen maximalen Rentenleistungen (zusätzlich
zu den Leistungen der staatlichen Altersversicherung) von gegenwärtig 75
auf 85 Dollar angehoben werden und die Dienstzeitbestimmungen (20 Jahre)
gelockert werden.
. . . .
Gerade der letzte Punkt ist für die Bergarbeiter insofern von großer
edeutung, als künftig jeder Bergarbeiter, der seinen Beruf vorzeitig aufgibt, seine vollen Rentenansprüche dann behält, wenn er eine Gesamttätigkeit im Bergbau von 20 Jahren nachweisen kann. Bisher bestand die Vorschrift, daß die 20 im Bergbau abgeleisteten Dienstjähre in die 30-JahrPeriode fallen müssen, die vor dem Pensionierungszeitpunkt liegt.
Betroffen von dieser Liberalisierung der Pensionierungsvorschriften
sind rund 64 000 bereits im Ruhestand lebende sowie zur Pensionierung anstehende Bergleute, die künftig außer den Altersrenten auch Leistungen
aus der Krankenhaus- und Krankenversicherung des Wohlfahrtsfonds der UMWGewerkschaft erhalten.
(Quelle: Eigenberichte)

+++++

- 15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Information»! Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 4

Bad Godesberg, den 1. April 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Die Entwicklung der Lohnnebenleistungen in
der US-Industrie

Seite

1

UAW - eine junge aber mächtige Gewerkschaft

Seite

8

Stahlarbeitergewerkschaft schloß Modellvertrag

Seite 10

Umschulungs- und Berufsförderungsprograrame
wurden verstärkt

Seite 12

Sunnyhills: Rassenfragen unbekannt

Seite 13

Arnold Strasser, Abteilung Löhne und Gehälter im US-Amt
für Arbeitsstatistik:
Die Entwicklung der Lohnnebenleistungen in der US-Industrie
Einleitung
Im Jahre 1962 beliefen sich die Unternehmeraufwendungen für bestimmte Lohnnebenleistungen auf rund 57 Cent pro Arbeitsstunde und
Produktionsarbeiter. Im Vergleich zu 1959 (48 Cent) bedeutet das eine
Zunahme um 9 Cent.
Dieser 18prozentige Anstieg der Aufwendungen bei den für diese
Untersuchung ausgewählten Lohnnebenleistungsarten ist wesentlich
größer als die relativen Zunahmen der Stundenlöhne für Produktionsarbeiter im gleichen Zeitraum 1'. Ähnliche Unterschiede zwischen
den Unternehmeraufwendungen für Lohnnebenleistungen und denen für
Grundlöhne sind in allen Wirtschaftszweigen festzustellen, für die
auswertbare Unterlagen zur Verfügung stehen. Diese unterschiedliche
Entwicklung läßt ganz klar die wachsende Bedeutung der zusätzlichen
Leistungen in der Lohnstruktur der amerikanischen Industrie erkennen.

Der durchschnittliche Stundenlohn für Produktionsarbeiter der
Industrie stieg zwischen 1959 und 1962 um 9,1 Prozent, und
zwar von 2,19 Dollar auf 2,39 Dollar an.
- 1 -

�Zwischen 1959 und 1962 hat sich die Struktur der Unternehmeraufwendungen für Zuschläge aller Axt und Lohnnebenleistungen erheblich verändert. Während im Jahre 1959 die. in der Lohnsumme zum Ausdruck kommenden Zuschläge (Urlaub, Überstunden, Bonusse) über die
Hälfte dieser AufWendungen.ausmachten, entfiel im Jahre.1962 mehr
als die Hälfte dieser zusätzlichen Aufwendungen auf die gesetzlichen
und freiwilligen Sozialleistungen wie Lebens-, Kranken-, Unfallversicherung, zusätzliche Pensionen und Arbeitslosenunterstützung usw.
Umfang und Art der Erhebung
Die für diese Analyse verwendeten Informationen wurden mittels
sehr zuverlässiger Repräsentativerhebungen in Industrieunternehmen
gesammelt. Die Einzelangaben wurden dabei in erster Linie durch eine
Fragebogen-Aktion zusammengestellt und dann unter Berücksichtigung
der derartigen Umfragen zugrunde liegenden Faktoren, die für die
Auswahl des betreffenden Betriebs maßgeblich waren, ausgewertet. Die
Daten der Erhebung des Jahres 1962 sind aus den Angaben von insge-:
samt 5194 Unternehmen zusammengestellt; die des Jahres 1959 stammten
von 4400 Unternehmen.
Die Aufwendungen im Jahre 1962
Die Aufwendungen der Industrieunternehmen für nicht geleistete,
aber vergütungspflichtige Arbeitszeiten (Urlaub, Feiertage usw.) sowie
für Sonderzuschläge (Überstunden, Wochenend- oder Nachtarbeit) und
Prämien aller Art machten im Jahre 1962 insgesamt 10,9 Prozent der
Bruttolohnsumme bzw. 11,3 Prozent der Normallohnsumme aus, die Aufwendungen für gesetzlich vorgeschriebene Sozialversicherungsbeiträge und
freiwillige Sozialleistungen weitere 11,2 bzw. 11,7 Prozent.
Die Lohnzuschläge für Urlaub, Überstunden und Prämien beliefen
sich 1962.auf 26,4 Cent pro Arbeitsstunde, die Aufwendungen für die
gesetzlich vorgeschriebenen Sozialleistungen und die zusätzlichen
privaten Sozialleistungen aller Art auf weitere 27,0 Gent pro Arbeitsstunde.
Allgemein ist festzustellen, daß die Unternehmeraufwendungen für
die in dieser Studie untersuchten Arten von Lohnnebenleistungen am
höchsten in Industriezweigen mit hohem Lohnniveau und starker gewerkschaftlicher Organisation waren - wobei.innerhalb eines jeden Industriezweiges die Leistungen proportional zur Unternehmensgröße und zum durchschnittlichen Lohnniveau zunehmen. Dennoch weisen die Industriezweige
mit niedrigerem Lohnniveau einen im.Vergleich zur Gesamtlohnsumme höheren Ausgabenanteil bei den gesetzlich vorgeschriebenen Sozialleistungen
auf, während sie, wenn man die Leistungen in Cent pro Arbeitsstunde ausdrückt, einen niedrigeren Ausgabenstand im Vergleich zu Industriezweigen
mit hohem Lohnniveau aufweisen. Die Bonuszahlungen dagegen scheinen
nicht von der industriellen Lohnstruktur abhängig zu sein. Die Unternehmen z.B., die an der Spitze und am Ende der Lohnskala stehen, weisen
relativ geringere Bonusleistungen auf, während einige in der Mitte rangierende Industriezweige relativ hohe Aufwendungen dieser Art verzeich-

2 -

�Alle im Jahre 1962 in der Fertigungsindustrie beschäftigten
Produktionsarbeiter wurden durch die staatliche Altersversicherung
erfaßt, während fast alle gegen Arbeitslosigkeit und Unfall versichert waren. Außerdem war die überwiegende Mehrheit dieser Arbeitnehmer in Unternehmen beschäftigt, die zusätzlich Leistungen
für bestimmte Arten von privaten Sozialplänen erbrachten - hauptsächlich für Lebens-, Unfall- und Krankenversicherungen (90 Prozent) sowie für Pensions- und Altersversorgungspläne (rund 60
Prozent).
Bezahlte Freizeit
- in erster Linie Urlaub und Feiertage wurde von Unternehmen zugestanden, die rund 96 Prozent aller Produktionsarbeiter beschäftigten] Zuschläge für Überstunden-, Wochenend- und Feiertagsarbeit wurden von Unternehmen gewährt, die etwa
93 Prozent der erfaßten Arbeitnehmer auf sich vereinigten. Rund
1/3 der Arbeitnehmer war ferner bei Firmen tätig, die ihren Arbeitnehmern Weihnachtsgeld und andere nicht-regelmäßige Bonusse zahlten,
Vergleich der Aufwendungen von 1959 und 1962
Die Aufwendungen der Unternehmer pro Arbeitsstunde für bestimmte Lohnnebenleistungen nahmen in allen Industriezweigen, von denen
auswertbare Unterlagen für 1959 und 1962 zur Verfügung standen, zu.
Die größte Zunahme (um mehr als 50% oder über 16 Cent) verzeichnete
die Tabakindustrie,.während die Textil- und die Bekleidungsindustrie
mit Zunahmen von lediglich fünf Cent - oder weniger als 20 Prozent den geringsten Anstieg aufwiesen. Die Industriezweige mit den höchsten Aufwendungen für Lohnnebenleistungen pro Arbeitsstunde im Jahre
1962 - Grundmetall- und Transportausrüstungsindustrie - hatten im
Vergleich zu 1959 um 12 bis 15 Cent (16-24 Prozent) höhere Aufwendungen pro Stunde zu machen.
Die relativ stärksten Anstiege wurden ferner - bei einer speziellen Auswertung besonderer Charakteristika - in Betrieben registriert, die gewerkschaftlich organisiert sind, nicht in Großstadtgebieten ansässig sind, zwischen 100 und 500 Beschäftigte haben und
deren Stundenlohnniveau im unteren Drittel der Gesamtlohnskala der
Fertigungsindustrie liegt.
Die höchsten Aufwendungen für Lohnnebenleistungen pro Arbeitsstunde verzeichneten jedoch wie auch schon 1959 jene Unternehmen,
die Gewerkschaften zum Tarifpartner und ihren Firmensitz in Großstädten haben, mehr als.500 Mitarbeiter beschäftigen und deren Lohnniveau im oberen Drittel der industriellen Lohnskala liegt.
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Tabelle 1
l) Neben direkten Zahlungen an die Arbeitnehmer für Freizeit erbringen zahlreiche Unternehmen auch noch Zuwendungen für Urlaubs- und
Freizeitfonds, aus denen dann die Arbeitnehmer zusätzliche Leistungen erhalten.

- 3 -

�TABELLE 1
UNTERNEHMERAUFWENDUNGEN FÜR LOHNNEBENLEISTUNGEN IN DER US-INDUSTRIE
(Stand

Leistungsart

1962)

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Anteil an der
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Bonusse

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Gesetzliche Sozialabgaben
Altersversorgung
Arbeitslosenvers.
Unfallversicherung
Andere

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Freiwillige Sozial-.
leistungen
Lebens-, Unfall-,
Krankenversicherung
Pensionspläne
Urlaubsfonds
Entlassungsgeld,
Sus. Arbeitslosenversicherung
Spar-, Aktienerwerbspläne usw.

weniger als 0,05 Prozent

Tabelle 2

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�Was die einzelnen Leistungen betrifft, so ist der stärkste Anstieg der Aufwendungen pro Arbeitsstunde bei den gesetzlich vorgeschriebenen Sozialleistungen (38,3 Prozent) zu verzeichnen, der
zweitstärkste bei den privaten Wohlfahrtsplänen (18,8 Prozent). Die
Aufwendungen der Unternehmen für Überstunden-, Wochenend- und Feiertagszuschläge weisen dagegen mit 4,9 Prozent die geringste Zunahme
auf (Urlaubszahlungen: plus 7,7%).
Die erhebliche Zunahme der gesetzlichen Sozialleistungen ist
in erster Linie auf die Anhebung der Beitragssätze zurückzuführen.
Die Beiträge für die Sozialversicherung wurden von 2,5 Prozent der
ersten 4800 Dollar des Einkommens auf einen Satz von 3,125 Prozent
angehoben und die an den Bund abzuführenden Beiträge zur Arbeitslosenversicherung von 0,3. Prozent der ersten. 3000 Dollar des Einkommens auf 0,8 Prozent. Außerdem stiegen die Abgaben an die Bundesstaaten zur Arbeitslosenversicherung infolge hoher Arbeitslosigkeit
und neuer gesetzlicher Vorschriften erheblich an.
Bei den freiwilligen Sozialleistungen, bei denen zwischen 1959
und 1962 eine Zunahme um 6,9 Cent pro Arbeitsstunde bzw. um 38 Prozent eintrat, konzentrierten sich die Mehrleistungen der Unternehmen
vor allem auf die Lebensversicherungs-, Krankenversicherungs- und
Unfallversicherungspläne.

(Quelle: Monthly Labor Review,
Nov. 1964, Vol. 87, Nr. 11 )

+++++

- 7-

�UAW - eine junge aber mächtige Gewerkschaft
Zwei Faktoren waren es, die zur Gründung des heute wohl einflußreichsten amerikanischen Arbeitnehmerverbandes, der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft (UAW), führten: die wirtschaftliche Depression der dreißiger Jahre und die vertikale, ganz auf die handwerklichen
Fachberufe ausgerichtete Gewerkschaftsstruktur in den USA.
Die organisatorischen Nachteile einer solchen Gliederung - die
geringe Macht der Gewerkschaften auf Grund ihrer Zersplitterung -, die
schon mit der Entwicklung von Großindustrien zutage traten, wurden den
Arbeitnehmern in den Depressionsjähren zum erstenmal mit aller Deutlichkeit vor Augen geführt, in denen sie - was Löhne, Arbeitszeit, Beschäftigungsbedingungen usw. betraf - Spielball.der Unternehmerinteressen waren.
Da der immer stärker werdende Ruf nach einer Neugliederung der
Gewerkschaftsstruktur und einem horizontalen, industrieweiten Aufbau
bei der "AFL" ungehört verhallte, begannen in den Jahre 1933 bis 1935
verschiedene Facharbeitergruppen der Automobilindustrie, eigene gewerkschaftliche Interessenverbände aufzubauen (u.a. "Associated Automobile
Workers", "Automotive Industrial Workers Association", "Auto Workers
Union"), die sich im Jahre 1935, mit einer einzigen Ausnahme, zu den
"United Auto Workers" zusammenschlössen.
Im April 1936 fand dann die Gründungsversammlung der UAW-Gewerkschaft in South Bend (Indiana) statt. Die Automobilindustrie, die diesem Zusammenschluß keine große Bedeutung beimaß, sollte jedoch sehr
schnell spüren, welche entschlossene Männer auf der Kommandobrücke dieser zahlenmäßig noch schwachen (nur 7500 Mitglieder). Gewerkschaft standen, die als Tarifpartner noch nicht anerkannt und auf Grund ihrer leeren
Kassen auch nicht in der Lage war, längere Arbeitskämpfe durchzustehen.
Aber schon im Juni 1936 konnte die Bendix-UAW-Betriebsgruppe den
ersten bemerkenswerten UAW-Vertrag abschließen, der. dem "Local" die Vertretungsrechte sicherte und dein Arbeitnehmern 'Lohnerhöhungen einbrachte
- ein Vorgang, der die Aufmerksamkeit der Automobilarbeiter auf die neue
Gewerkschaft lenkte und ihre Mitgliederzahl schnell ansteigen ließ.
Bereits ein Jahr später konnte die UAW zum großen Schlag ausholen
und in die Phalanx der Automobilfirmen einbrechen: Mit einem für alle
Werke der "General Motors Corporation" (GM) ausgerufenen Sitzstreik
gelang es ihr in kürzester Zeit, den größten und mächtigsten Industriegiganten in die Knie zu zwingen. Zwar war der erste Vertrag, den die UAW
mit GM am Hauptsitz des Unternehmens in Flint (Michigan) im März 1936
abschloß, ein Dokument von knapp einer Seite, aber er enthielt doch
sämtliche Hauptforderungen der Gewerkschaft: Anerkennung als Tarifpartner; Verhandlungen über Löhne, Seniorität und.Beschwerdeführung; keine
Diskriminierung Streikender.
Nachdem erst einmal das größte Unternehmen der Branche an die Kette
gelegt war, hatte die UAW nur noch wenig Mühe, auch kleineren Firmen die
Anerkennung als Tarifpartner abzuringen. Schon im Herbst 1937 hatte sie
mit rund 400 Unternehmen Verträge abgeschlossen.
Interne

�Interne Streitigkeiten in der Gewerkschaftsspitze brachten der
UAW in den folgenden zwei Jahren jedoch einen gewissen Prestigeverlust, so daß der große Gegenspieler, die "General Motors Corporation",
erneut hoffte, sich der gewerkschaftlichen Fesseln wieder entledigen,
zu können. Die für 1939 anstehenden Tarifverhandlungen schienen hierfür die geeignete Kraftprobe zu sein.
Walter Reuther jedoch, der seinerzeit die GM-Abteilung der Gewerkschaft leitete, wählte der schlechten Kassenlage wegen nicht wieder den
Frontalangriff, der zur Anerkennung als Tarifpartner geführt hatte, sondern die "Aushungerungstaktik11, die Lahmlegung des gesamten Unternehmens
allein durch den Streik der Werkzeugmacher und Former. Insgesamt 29 Tage
dauerte dieser Teilstreik, ehe GM kapitulierte und die UAW erneut als
alleinigen Sprecher der Automobilarbeiter anerkannte.
Aber noch standen die anderen großen Bastionen der AutomobilIndustrie: Chrysler und Ford. Chrysler entschloß sich erst nach einem 54tägigen Streik zur Kapitulation, und der Kampf gegen Ford dauerte sogar
bis zum Juni 1941, als die UAW nach einem kurzen Streik (10 Tage) den
ersten Tarifvertrag auch mit diesem Giganten der Autoindustrie abschließen konnte. Damit war praktisch der Boden für den weiteren schnellen
Aufstieg der UAW-Gewerkschaft in den nächsten (Kriegs-) Jahren und für
die Gewerkschaftsgeschichte machende Nachkriegszeit bereitet.
Mit der Übernahme der Gewerkschaftsführung durch Walter Reuther im
Jahre 1946 setzte sich dann auch ein neuer, von langfristigen lohn- und
sozialpolitischen Zielsetzungen getragener Tarifverhandlungsstil durch,
der die UAW-Gewerkschaft zum tarifpolitischen Avantgardisten unter den
amerikanischen Gewerkschaften machen sollte.
Die ersten Tarifverhandlungen der Nachkriegszeit brachten den Automobilarbeitern eine Lohnerhöhung von 18 1/2 Cent pro Stunde - in der
Erinnerung jedoch sind diese Verhandlungen weniger mit der bis dahin
größten Einkommensaufbesserung als mit dem Angebot Walter Reuthers an
General Motors verknüpft, auf jede Lohnerhöhung zu verzichten, die zu
Preiserhöhungen führe, und nur das zu nehmen, was GM für vertretbar
erachte, wenn das Unternehmen bereit sei, der Gewerkschaft seine Geschäftsbücher offenzulegen.
Der nächste Kontrakt (1948), der den Arbeitnehmern zum ersten Mal
eine Beteiligung an den Produktionsgewinnen (annual improvement factor)
und einen Ausgleich für die gestiegenen Lebenshaltungskosten (escalator
clause) sicherte, konnte ohne Streik nnter Dach und Fach gebracht werden, ebenso das erste private Pensionsabkommen (allein vom Unternehmer
finanziert) in der amerikanischen Massengüterindustrie (1949 mit Ford),
durch das die Arbeitnehmer in den Genuß zusätzlicher Pensionsleistungen
kamen.
Die nächsten wichtigen Stationen der UAW auf tarifpolitischem Gebiet
waren.folgende:
1955: Durchsetzung des "Garantierten Jahreslohns" in der Kompromißform einer zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung, die dem arbeitslosen
Automobilarbeiter zusammen mit dew staatlichen Arbeitslosenunterstützung
bis zu 3/4 seines bisherigen Einkommens sichert]
1958: Zahlung von Entlassungsgeldern;
1961: Gewinnbeteiligung; Umzugsbeihilfen bei Entlassung oder Umsetzung
des Arbeitnehmers in einen anderen Betrieb des Unternehmens; sowie voll-

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�vollständige Krankenversicherung aller Arbeitnehmer einschließlich
ihrer Familienangehörigen.
1964: Vorzeitige Pensionierung (ab 60) bei vollen (wie mit 65
Jahren) Bezügen; Anhebung.der Pensionsleistungen; mehr bezahlte
Feier- und Urlaubstage; Erhöhung der Entlassungsgelder.
Diese mehr als eindrucksvolle Erfolgsbilanz ist letztlich das
Ergebnis der inzwischen auch von einigen anderen Gewerkschaften
kopierten Verhandlungstaktik der UAW - des "pattern bargaining".
Das tarifpolitische Spiel ist immer das gleiche. Ein "Mustervertrag"
wird zuerst mit einem (dem "anfälligsten" ) Unternehmen der "Großen,
Drei" - General Motors, Chrysler oder Ford- ausgehandelt und der
gleiche Vertrag anschließend gegen die beiden anderen - je nach Lage
der Dinge, mit oder ohne Streik - durchgeboxt!. Das Musterabkommen
bei den zahlreichen kleineren Firmen durchzusetzen, ist dann nur
noch Formsache.
Mit ihren 1,2 Mio. Mitgliedern und 1300 Ortsverbänden ist die
UAW heute die einflußreichste und wohl auch mächtigste und reichste
amerikanische Gewerkschaft. Allein an Mitgliedsbeiträgen (5 Dollar
pro Monat) dürften monatlich rund 6 Mio. Dollar eingehen, und wie
der "größte Streikfonds der Welt" (65 Mio« Dollar) zeigt, bedeuten
heute selbst Streiks keine Durststrecke mehr für diese Gewerkschaft,
die ihren Hauptsitz im "Solidarity House" in Detroit hat und neben
450 Sekretärinnen einen.Stab von 750 Funktionären beschäftigt.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
Stahlarbeitergewerkschaft schloß Modellvertrag
In Verfolg ihres tarifpolitischen Hauptzieles, die vertraglich
geregelte Arbeitsplatz- und Beschäftigungsgarantie, hat die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft (USA) jetzt ein Abkommen mit der "Alan
Wood Steel Company" geschlossen, das David J. McDonald, der 1..Vorsitzende der Gewerkschaft, als einen '.'ersten, wesentlichen Durchbruch"
in dieser Richtung bezeichnete.
Im Mittelpunkt dieses Abkommens stehen verschiedene tarifvertragliche Leistungen (zusätzliche Arbeitslosenunterstützung, garantiertes
Jahreseinkommen und garantierte jährliche Mindestarbeitszeit), die
zwar direkt auf eine bessere wirtschaftliche und soziale Absicherung
der Beschäftigten abzielen, indirekt jedoch zur Sicherung der Arbeitsplätze beitragen.
Damit hat die Stahlarbeitergewerkschaft einen neuen großen tarifpolitischen Erfolg erzielen können, der von ebenso weitreichender Bedeutung ist wie der vor zwei Jahren mit der "Kaiser Steel Company", abgeschlossene Vertrag über eine Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer, das
zuerst in der Behälterindustrie.durchgesetzte Abkommen über die Aus-

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�Ausdehnung der zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung auf 52 Wochen
und das Musterabkommen in der stahlerzeugenden Industrie über die
Gewährung von zusätzlichen 13 Urlaubswochen alle fünf Jahre.
Im einzelnen sieht das neue Abkommen folgendes vor:
1. Erhöhung der zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung (in Ergänzung der staatlichen Leistungen) auf 85 Prozent (z.Z. maximal 60%)
des zuvor bezogenen Lohnes, wobei jüngere Arbeitnehmer über einen
Zeitraum von zwei Jahren (z.Z. ein Jahr) in den Genuß dieser Zahlungen
kommen, während der Bezug.bei einer Dienstzeit von zehn Jahren nicht
mehr terminiert ist;.
2. Verbesserung der Leistungen der privaten Kranken- und Unfallversicherung bei den gleichen Bedingungen - bisher wurden über einen
Zeitraum von sechs Monaten 60 Prozent des Wochenlohnes gezahlt, künftig
werden es 85 Prozent sein;
3. Einführung einer Lohngarantie, die den Arbeitnehmern in jedem
Quartal des Jahres mindestens 95 Prozent des normalen Stundenlohnes
(ohne Überstundenzuschläge) sichert, den sie im letzten Quartal des
Vorjahres bezogen haben;
4. Verlängerung der garantierten Arbeitswoche von gegenwärtig
32 auf künftig 38 Stunden. Diese Regelung besagt, daß ein Arbeitnehmer
den vollen Lohn für 38 Wochenstunden erhält, ganz gleich, ob er voll
gearbeitet hat oder wegen Auftragsmangels diese Norm nicht erfüllen
konnte.
Außerdem hat sich das Unternehmen verpflichtet, eine besondere
Arbeitsreserve - ähnlich wie beim Kaiser-Abkommen - zu bilden. Auf
Grund der diesbezüglichen Bestimmungen hat der vorübergehend Entlassene nach 13 Wochen die Wahl, zwischen der Fortzahlung seiner zusätzlichen
Arbeitslosenunterstützung und der Rückkehr ins Werk. Allerdings hat er
hier dann die durch Krankheit entstandenen Lücken auszufüllen, hat
also keinen festen Arbeitsplatz. Gegenwärtig werden die Arbeitsplätze
von kranken Arbeitern durch solche Leute besetzt, die auf anderen,
weniger wichtigen Posten eingesetzt.sind. Die Arbeitsreserve umfaßt
mindestens 2 Prozent der Belegschaft.
Wie der 1. Vorsitzende der Stahlarbeitergewerkschaft zu dem
neuen Abkommen weiter erklärte, sollen die in diesem Vertrag mit der
"Alan Wood Steel Company" erreichten Verbesserungen für die in diesem
Jahr anstehenden Tarifverhandlungen zur Verhandlungsgrundlage gemacht
werden. Ein ähnlicher Plan ist bereits sämtlichen Großunternehmen der
Stahlindustrie bei Wiederaufnahme der Tarifgespräche am 15. Februar un
terbreitet worden.
(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

- 11 -

�Umschulungs- und Berufsförderungsprogramme wurden verstärkt
Von beträchtlichem Erfolg gekrönt waren im vergangenen Jahr die
Bemühungen der amerikanischen Regierung, solche Arbeitskräfte wieder
produktiv in den Arbeitsprozeß einzugliedern, die entweder auf Grund
der technologischen Veränderungen ihre Beschäftigung verloren haben
oder aber wegen ihrer nur mangelhaften schulischen und beruflichen
Ausbildung ohne Umschulung nicht in der Lage gewesen wären, einen
Dauerarbeitsplatz oder einen Zukunftsberuf auszufüllen.
Während einerseits im Rahmen des Gesetzes über die Fort- und Ausbildung von Arbeitskräften (Manpower Development and Training Act)
im Finanzjahr 1964 die doppelte Anzahl vnn Dauerarbeitslosen -insgesamt 115 000 - auf neue Zukunftsberufe umgeschult wurde, konnte ande
rerseits in bisher 31 Städten mit den Planungsarbeiten für die Errichtung von sogenannten "Youth Opportunity Centers" begonnen werden, in
denen arbeitslosen Jugendlichen eine entsprechende Starthilfe fürs
Berufsleben gegeben werden soll.
Daß das Umschulungsprogramm für Arbeitsplatzverdrängte nach
Überwindung der anfänglichen Schwierigkeiten im vergangenen Jahr den
entscheidenden Auftrieb erhielt, ist nach Meinung von Arbeitsminister
Wirtz darauf zurückzuführen, daß immer mehr Amerikaner die wirkliche
Bedeutung der beruflichen Umschulung und Fortbildung als Mittel zur
Herabsetzung der Arbeitslosigkeit erkannt.haben - eine Tatsache, die
durch die steigende Zahl der Anmeldungen zu den Umschulungskursen
noch unterstrichen wird.
Aber auch in anderer Beziehung kommt der Erfolg dieses Umschulungsprogrammes zum Ausdruck: in der Zahl der nach Abschluß entsprechender
Kurse in neue Berufe vermittelten Arbeitnehmer. Während nämlich im
ersten Jahr (1962/63) lediglich 70 Prozent der Umschüler sofort einen
neuen Arbeit$platz erhielten, waren es 1963/64 bereits 75 Prozent, und
im laufenden Finanzjahr ist mit einer noch höheren Vermittlungsquote
zu rechnen.
Interessant ist auch die Tatsache, daß 60 Prozent aller Umschüler
die Ernährer ihrer Familien sind, der Anteil der farbigen Arbeitnehmer
von 23 auf 28 Prozent, der der Jugendlichen von 25 auf rund 33 Prozent
und der der Frauen von 36 auf 41 Prozent anstieg.
Im Rahmen des staatlich geförderten Umschulungsprogramms können
die Teilnehmer gegenwärtig auf insgesamt 500 Zukunftsberufe - in erster
Linie Fachberufe - vorbereitet werden, wobei sich der Schwerpunkt in
Zukunft immer mehr auf höherqualifizierte Tätigkeiten - technische,
halbwissenschaftliche und Dienstleistungsberufe - verlagern dürfte,
wie auch der Rückgang der Anlernberufe von 27 auf 18 Prozent (1963/64)
andeutet.

105 Jugendförderungszentren sollen entstehen
Ziel der 105 im ganzen Land entstehenden sogenannten "Youth
Opportunity Centers" (Jugendförderungszentren) ist es dagegen, den arbeitslosen Jugendlichen zwischen 16 und 21 Jahren die entsprechenden

- 12 -

�'

entsprechenden bildungsmäßigen und beruflichen Kenntnisse zu vermitteln, damit sie später sowohl im Leben als auch im Beruf ihren
Mann stehen können. Die von ausgesuchten Fachleuten geleiteten Zentren sollen im Rahmen der "Kampf gegen die Armut"-Programme der
Städte und Gemeinden dabei.so etwas wie Kontaktstellen für alle
jene Jugendlichen werden, die Hilfe benötigen oder Hilfe suchen.
Im einzelnen stehen den hilfesuchenden Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten offen, entweder die schulische Ausbildung zu
vollenden oder einen zukunftssicheren Beruf zu erlernen. So kann
der Jugendliche unter anderem dem sogenannten "Nachbarschafts-Jugendkorps" beitreten, das ihm eine Beschäftigung bietet, damit er seine
schulische Ausbildung fortsetzen oder wieder an. die Schule zurückgehen kann. Alle Jugendlichen, die an Projekten des Nachbarschaftskorps mitarbeiten, erhalten dabei einen Mindestlohn von 1,25 Dollar
die Stunde (der offizielle Mindestlohnsatz).
Alle anderen Jugendlichen, die nicht mehr die Schule besuchen,
und arbeitslos sind, können dagegen dem sogenannten "Job Corps" beitreten, das ihnen sowohl die Möglichkeit bietet, ihre schulische
Ausbildung zu ergänzen,als auch einen Beruf in Ausbildungslagern zu
erlernen.
Wie groß das Interesse der Jugendlichen für das "Job Corps" ist,
geht allein schon aus der Tatsache hervor, daß im ersten Monat nach
Anlaufen der Werbekampa^gne bereits 50 000 Jugendliche ihre Registrierung beantragten.
(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

Sunnyhills: Rassenfragen unbekannt
Zu Beginn der fünfziger Jahre bot das am Südrand der Bucht von
San Francisco gelegene Milpitas das Bild einer verschlafenen Streusiedlung von vielleicht 600 Einwohnern. 1963 dagegen wohnten in Milpitas 10 000 Menschen, und die Stadtväter rechnen damit, daß sich
die Einwohnerzahl im Laufe dieses Jahres auf 18 000 erhöhen wird»
Hervorragend beteiligt an dieser sprunghaften Entwicklung ist
Sunnyhills, ein von der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft
flUAW) gefördertes Siedlungsprojekt in Milpitas. Diese Siedlung ist
aber noch in anderer Hinsicht bemerkenswert. Hier leben Angehörige
verschiedener Rassen im Rahmen eines funktionsfähigen Gemeinwesens
miteinander. Sunnyhills gilt daher als Beweis dafür, daß Rassengegensätze im praktischen Alltag überwunden werden können.
Als die Ford Motor Company im Januar 1954 die Schließung ihres
Montagewerkes in dem am Ostrand der Bucht von San Francisco gelegenen
Richmond und die Errichtung eines neuen Werkes in dem 130 Kilometer
weit entfernten Milpitas bekanntgab, schienen die Ford-Arbeiter keine

- 13 -

�keine andere Wahl zu haben, als entweder ihre Arbeit aufzugeben oder
aber von Richmond aus täglich nach Milpitas zu fahren. Die dritte Alternative, nach Milpitas umzuziehen, mußte problematisch erscheinen.
Denn Milpitas verfügte weder über ausreichenden noch geeigneten Wohnraum für die 2100 vom Standortwechsel betroffenen Belegschaftsmitglieder des Werkes.
An diesem Punkt schaltete sich der Ortsverein 560 der Vereinigten
Automobilarbeitergewerkschaft ein und sorgte für Abhilfe: Die Gewerkschaft kam zu der Überzeugung, daß die Errichtung einer Siedlung in der
Nähe von Milpitas die einzige praktikable Lösung sei.
Mit Unterstützung.der Bundesgeschäftsstelle der Automobilarbeitergewerkschaft erwarb der Ortsverein Baugelände, löste die Frage der Finanzierung durch Einschaltung der Metropolitan Life Insurance Company
und begann unverzüglich mit der Verwirklichung des Projektes. Die Einzelheime wurden bei niedrigen Anzahlungen zu Preisen (10 700 bis 12 500
Dollar) angeboten, die durchweg um 2000 Dollar niedriger lagen als die
ortsüblichen Preise für vergleichbare Häuser.
Da das Zweigwerk der Ford Motor Company Arbeiter unterschiedlicher
Herkunft und Rassenzugehörigkeit beschäftigt, entwickelte sich der Wohnkomplex Sunnyhills zu einem "offenen", in sich lebensfähigen Gemeinwesen,
in dem Menschen, die sich täglich an.der Arbeitsstätte sehen, sich auch
nach der Schicht begegnen.
Zwei Soziologen urteilten nach dem Studium der Verhältnisse in Sunnyhills und Milpitas: "Sunnyhills und die in Sunnyhills verwirklichten Gedanken dürften sich auch anderenorts auswirken." Und: "Etwa ein halbes
Dutzend anderer Siedlungskomplexe im Bereich von Milpitas wie in der Santa
Clara County überhaupt zählen heute Neger zu ihren Bürgern."
Und die Behörden in Milpitas selber erklärten, die übrige Bevölkerung
habe das Experiment der Automobilarbeitergewerkschaft zwar zunächst mit
Skepsis verfolgt, äußere sich aber mittlerweile uneingeschränkt in positivem Sinne. Vor allem, so wird betont, habe das Projekt Sunnyhills zweierlei erreicht: Es seien gute und preisgünstige Wohnungen für Angehörige
der niedrigen Einkommsklassen geschaffen worden, und es sei der Beweis
erbracht worden, daß "offene" Siedlungen die Immobilienwerte in einem Gebiet nicht unbedingt beeinträchtigen müssen.
Was aber in Sunnyhills möglich war, müsse auch in anderen Orten durchgeführt werden können.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

- 14 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 5

Bad Godesberg, den 1. Mai 1965

INHALTSVERZEICHNIS
Die Entwicklung des US-Arbeitspotentials
zwischen 1964 und 1980
Die Entwicklung der Einkommen im Polizeiund Feuerwehrdienst
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite

1

Seite

8

Seite 13

Sophia Cooper und Denis F. Johnston, Abt. Bevölkerungs- und Arbeitspotentialstudien im US-Amt für Arbeitsstatistik:
Die Entwicklung des US-Arbeitspotentials zwischen 1964 und 1980
Einleitung
Wie aus den jüngsten Untersuchungen des "Amtes für Arbeitsstatistik" über die Entwicklung des amerikanischen Arbeitspotentials in
den nächsten 15 Jahren hervorgeht, kann in diesem Zeitraum mit einem
Anstieg der Gesamtzahl der Arbeitskräfte von gegenwärtig (1964) 77
Millionen auf 86 Millionen im Jahre 1970 und 101 Millionen im Jahre
1980 gerechnet werden. Diese Zunahme der arbeitsfähigen Bevölkerung
um 24 Millionen innerhalb 16 Jahren bedeutet, daß pro Jahr rund
1 1/2 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um allein die Neuzugänge am Arbeitsmarkt einer produktiven Beschäftigung
zuführen zu können. Die darüber hinaus auf Grund der steigenden Produktivität (Automation) notwendig werdenden neuen Arbeitsplätze sind
in dieser Ziffer ebensowenig berücksichtigt wie all jene Arbeitsplätze, die erforderlich wären, um die Arbeitslosenrate (z.Z. 5,0 7.)
weiter herabzudrücken.
Die
- 1-

�Die Prognosen für 1970
Die Auswirkungen des sogenannten "Babybooms" der Nachkriegs jähre
auf den Arbeitsmarkt sind bereits seit einigen Jahren stärker zu spüren. Seit dem Jahr 1960 hat sich die Gesamtzahl der Teenager im Rahmen
des Arbeitspotentials um 800 000 erhöht, während die Gruppe der 20-24jährigen sogar um 1,4 Millionen angewachsen ist.
In den nächsten Jahren ist mit einer dramatischen Entwicklung in
diesen Arbeitnehmergruppen und mit einer ungemein kräftigen Zunahme der
Zahl der Arbeitnehmer unter 25 Jahren zu rechnen. Bis zum Jahre 1970
dürften sich dabei die Zahl der arbeitsfähigen Teenager (um 1 1/2 Millionen) und die der 20-24jährigen (um 2 3/4 Millionen) auf insgesamt mehr
als 20 Millionen erhöhen. Diese jungen Menschen werden dann rund 24 Prozent des gesamten Arbeitspotentials ausmachen im Vergleich zu 21 Prozent im Jahre 1964. Rund 6 Millionen von ihnen dürften dabei sowohl
arbeiten als auch die Schule besuchen. Die Zahl der erwachsenen (25
Jahre alten und älteren) männlichen Arbeitnehmer wird im gleichen Zeitpunkt gegenüber 1964 um etwa 2 Millionen und die der weiblichen sogar
um 2 1/2 Millionen höher liegen.
Die erhebliche Zunahme der Zahl der jugendlichen Arbeitskräfte ist
größtenteils und die bei den älteren männlichen Arbeitnehmern ausschließlich durch die Bevölkerungszunahme bedingt. Bei den weiblichen Arbeitnehmern werden die steigenden Beschäftigungsraten zu etwas mehr als 50
Prozent zur Erhöhung des Gesamtarbeitspotentials beitragen.
Die Prognosen für 1980
Für das Jahr 1980 kann mit einer Gesamtzahl an Arbeitskräften von
101,4 Millionen gerechnet werden; das ist ein gegenüber 1964 um 24,4
Millionen größeres Arbeitspotential. Der größte Teil des Zuwachses (87
Prozent) ergibt sich durch die Bevölkerungszunahme, die restlichen 13
Prozent resultieren aus höheren Erwerbstätigkeitsraten bei erwachsenen
Frauen.
Obwohl der Zuwachs an Arbeitskräften zwischen 1970 und 1980 mit
15,4 Millionen beziffert wird (im Vergleich zu den 12,9 Millionen zwischen 1960 und 1970), wird der prozentuale Anstieg mit 17,9 Prozent
praktisch genau so groß sein wie in der laufenden Dekade (17,7%). Die
dramatischsten Veränderungen vollzogen bzw. vollziehen sich in den.
Dekaden 1950-60 und 1960-70 in der Gruppe der Arbeitnehmer unter 25
Jahren. In der Dekade 1970-80 wird es die nächsthöhere Altersgruppe
(25-34 Jahre) sein, die die stärksten Veränderungen aufweist. Zwischen
1960 und 1970 wird die Altersgruppe der 35-44jährigen Arbeitnehmer einen Rückgang aufweisen, um dann in der darauffolgenden Dekade wieder
in dem Maße an Zahl zuzunahmen, wie die "Babyboom"-Welle diese Altersgruppe erreicht.
Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
Ein erheblicher Teil der zwischen 1964 und 1980 zu erwartenden
Neuzugänge am Arbeitsmarkt wird sich auf die Gruppen der jüngeren
Arbeitnehmer und der erwachsenen Frauen konzentrieren. Da es sich hierbei jedoch um Gruppen handelt, die eine sehr höhe Teilarbeitszeitrateaufweisen, ist damit zu rechnen, daß sich die Zahl der Halbtagsbeschäftigten

- 2-

�Halbtagsbeschäftigten stark erhöhen wird. Außerdem wird es sich bei
vielen von diesen Neuzugängen um Arbeitnehmer ohne Berufserfahrung
handeln, die sich um jene Arbeitsplätze bewerben werden, die die
untere Sprosse der Berufsskala bilden. Die Folge wird ein verschärfter Kampf um die vorhandenen Arbeitsplätze zwischen den Jugendlichen
selbst und zwischen den Jugendlichen und den älteren Frauen sein.
Wenn es nicht gelingt, eine ausreichende Zahl von Teilzeitarbeitsplätzen sowie solche Arbeitsplätze zu schaffen, die nur geringere
berufliche oder fachliche Qualifikationen verlangen, so ist es durchaus möglich, daß die Zahl der erwerbstätigen verheirateten Frauen
hinter den Erwartungen zurückbleibt, da die Erwerbstätigkeitsrate
dieser Arbeitnehmergruppe im gewissen Umfang von der Verfügbarkeit
der gewünschten Arbeitsplätze abhängig ist. Die gleiche Situation
ist auch für die jüngeren Menschen gegeben, die noch die Schule besuchen.
Es mag in dieser Hinsicht von Bedeutung sein, daß in der Nachkriegsperiode, als sich die Zahl der erwerbstätigen Frauen ganz beträchtlich erhöhte, die Zahl der jungen Arbeitnehmer, von den letzten paar Jahren abgesehen, relativ klein war. So ging zum Beispiel
die Zahl der 18 und 19 Jahre alten Arbeitnehmer von 4,6 Millionen
im Jahre 1947 auf 4,1 Millionen im Jahre 1952 und die Zahl der 2024jährigen von 12,1 Millionen im Jahre 1947 auf 10,7 Millionen im
Jahre 1957 zurück. Im Gegensatz dazu wird es 1970 rund 7,3 Millionen
Arbeitnehmer im Alter von 18 und 19 Jahren geben und 17,1 Millionen
in der Altersgruppe 20-24 Jahre. Eine Zunahme in dieser Größenordnung
könnte sich dabei durchaus auf die Neuzugangsrate bei den verheirateten Frauen hemmend auswirken.
Methodik und Voraussetzungen
Die in dem vorhergehenden Abschnitt gemachten Voraussagen sind
das Ergebnis einer eingehenden Analyse beider Autoren über die wahrscheinlichen Entwicklungen auf dem Arbeit^markt unter Berücksichtigung
sämtlicher Einflüsse. Es muß in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, daß es sich hier um langfristige Voraussagen handelt, in
denen sich zu erwartende demographische Umschichtungen und mögliche
Veränderungen in der Erwerbstätigkeit-srateo der verschiedenen Altersund Geschlechtsgruppen der Bevölkerung widerspiegeln. So gibt es
zum Beispiel zahlreiche Faktoren, die in den einzelnen Arbeitnehmergruppen die Entscheidung .beeinflussen, einer Erwerb»tätigkeit nachzugehen oder nicht. Das trifft vor allem für die verheirateten Frauen,
die noch im Schulalter stehenden Erwerbspersonen und- die zurPensionierung Anstehenden zu. Nicht alle diese Faktoren lassen sich hinsichtlich ihrer möglichen Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeitsrate
auf lange Sicht spezifizieren. Aus diesem Grunde lassen sich die Prognosen auch nicht als präziser Maßstab zur Beurteilung der jährlichen
Zunahme des Arbeitspotentials verwenden.
Der generelle Zweck dieser Untersuchung war es, die Erwerbstätigkeitsraten für jede Alters-Geschlechts-Gruppe vorauszubestimmen, diese
Raten in Beziehung zur künftigen Bevölkerungszahl zu setzen und dabei
die Gesamtzahl der Arbeitskräfte,, nach Geschlecht und Altersgruppen
getrennt, zu ermitteln. Die Prognosen hängen weitgehend von der

- 3 -

�der künftigen Größe und Altersstruktur der Bevölkerung und weniger
von dem Geburtenfaktor ab, da die Arbeitnehmer des Jahres 1980
bereits heute leben. Dennoch besteht zwischen dem künftigen Arbeitskräfteangebot und dem.Geburtenfaktor insofern eine indirekte Beziehung, als kleine Kinder im Hause einen hemmenden Effekt auf die
Erwerbstätigkeitsrate für junge Frauen ausüben können.
Die Erwerbstätigkeitsraten für männliche Arbeitnehmer im Alter
zwischen 25 und 59 Jahren wiesen in der Nachkriegsperiode nur geringfügige Schwankungen auf. Sie bewegten sich konstant auf dem Durchschnittsniveau der Jahre 1955-57, in denen die Erwerbslosenrate 4
Prozent ausmachte.
Für die anderen Altersgruppen, bei denen verschiedene Veränderungen offenkundig waren, sind bei der Erstellung dieser Analyse bestimmte soziale und demotraphische Faktoren, die die Teilnahme am Erwerbsleben entweder einschränken oder begünstigen, mit berücksichtigt
worden.
Weibliche Arbeitskräfte
Die Erwerbstätigkeitsrate für erwachsene Frauen hat, insbesondere
in den Altersgruppen über 35, stetig zugenommen. Bei den jüngeren
Altersgruppen dagegen waren die Anstiege nicht ganz so stark. Dies
liegt zum größten Teil daran, daß ein hoher Prozentsatz dieser .Frauen
kleine Kinder hat - ein Faktor, durch den die Erwerbstätigkeit stark
eingeschränkt wird. Um diesen Faktor in seinen Auswirkungen genau abzuschätzen, wurden separate Prognosen über die Zahl der verheirateten
Frauen zwischen 22 und 44 mit Kindern unter fünf und ohne Kinder unter
fünf Jahren erstellt, und zwar, im Rahmen der vom Zensusbüro erarbeiteten
Voraussagen über die altersspezifische Fruchtbarkeit und über die Zahl
der Frauen in jeder der einzelnen Altersgruppen. Die Erwerbstätigkeitsraten für Frauen mit kleinen Kindern und solche ohne Kleinkinder haben
sich beide erhöht, aber von verschiedenen Basen aus. Diese Raten wurden zur zahlenmäßigen Stärke jeder Altersgruppe in Beziehung gesetzt
und den Prognosen zugrunde gelegt.
Bei Frauen im Alter von über 44 Jahren ist der Familienstatus der
wichtigste demographische Faktor, der die Erwerbstätigkeitsrate beeinflußt. Die Erwerbstätigkeitsrate der verheirateten Frauen ist niedriger
als die Rate für ledige, verwitwete, geschiedene oder von ihren Mannern
getrennt lebende Frauen. Dennoch ist sie auch bei dieser Gruppe merklich angestiegen. -Separate Prognosen wurden für diese Gruppen - nach
Lebensalter - unter Berücksichtigung der Familienstands-Bevölkerungsvoraussagen aufgestellt.
Jugendliche Arbeitskräfte
Für die jugendlichen Arbeitskräfte im Alter unter 25 Jahren wurden
zwei verschiedene Prognosen der Erwerbstätigkeitsraten erstellt, und zwar
eine für diejenigen, die nebenher noch eine Schule besuchen, und eine für
die Schulabsolventen. Die Erwerbstätigkeitsraten für einige TeenagerGruppen von Schulabsolventen sind in den vergangenen Jahren in Anbetracht
der begrenzten Zahl von Erstarbeitsplätzen zurückgegangen. Die derzeitigen Voraussagen gehen jedoch von der Annahme aus, daß genügend Arbeitsplätze für alle, die arbeiten wollen,_zur Verfügung stehen werden und

- 4-

�und die Erwerbstätigkeitsrate der schulentlassenen Jugendlichen
die Durchschnittsrate der Jahre 1955-57 erreichen wird.
Auch die Erwerbstätigkeitsrate der Jugendlichen, die noch
eine Schule besuchen, ist in den letzten Jahren zurückgegangen,
- wobei jedoch die Erwerbstätigkeitsraten' der 18- und 19jährigen sowie der Jugendlichen der Altersgruppe 20-24 Jahre zugenommen haben. Eine Fortdauer der bisherigen Trends in diesen beiden Gruppen wurde für die nächsten Jahre als wahrscheinlich vorausgesetzt.
Ältere Arbeitnehmer
Die Erwerbstätigkeitsrate der männlichen Arbeitnehmer im
Alter von 60 bis 64 Jahren ist in den letzten Jahren rückläufig
gewesen. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, daß immer mehr
ältere Arbeitnehmer die Möglichkeit haben, sich vorzeitig, d.h.
vor Erreichen der normalen Altersgrenze, pensionieren zu lassen.
Die Zahl der Tarifverträge, die solche Möglichkeiten vorsehen,
ist in den letzten Jahren beträchtlich angestiegen, und auch im
Rahmen der staatlichen Sozialversicherung ist es jetzt diesen
Arbeitnehmern möglich, ab einem Alter von 62 bei reduzierten Rentenleistungen in Pension zu gehen. Die Erwerbstätigkeitsraten
der über 65 Jahre alten männlichen Arbeitskräfte sind seit Ende
des letzten Krieges stetig zurückgegangen, und zwar sowohl in
Jahren mit hoher Beschäftigung als auch in Zeiten wirtschaftlicher
Rezession. Ein Teil des Rückganges in der Erwerbstätigkeitsrate
bei den männlichen Arbeitskräften über 60 Jahre erklärt sich wohl
auch aus der Tatsache, daß es vielen älteren, aus ihren angestammten Arbeitsplätzen verdrängten Arbeitnehmern nicht gelang, einen
neuen Arbeitsplatz zu bekommen, so daß sie sich aus dem Berufsleben zurückziehen mußten.
Wie in diesem Zusammenhang aus einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung des Ministeriums für Gesundheits-, Erziehungsund Sozialfragen hervorgeht, dürften rund 20 Prozent aller männlichen Arbeitnehmer über 62 Jahre, die sich zwischen 195/ und 1962
aus dem Erwerbsleben zurückzogen, unfreiwillig ausgeschieden sein,
dementsprechend wurde der Rückgang seit 1957 in der Erwerbstätigkeitsrate für die männlichen Arbeitskräfte im Alter von über 60'
Jahren um 20 Prozent reduziert, ehe der Trend extrapoliert wurde.
Ebenso wurde noch ein weiterer Faktor bei der Erstellung der
Beschäftigungsprognosen für die Altersgruppen 60-64, 65-69 und 70
und mehr Jahre berücksichtigt: Die Landwirtschaft ist für die Erwerbstätigkeitsrate der männlichen Arbeitskräfte in diesen Altersgruppen immer noch ein relativ bedeutender Faktor, wobei sich der
Trend in der Landwirtschaft von dem in den nichtlandwirtschaftlichen Zweigen der Wirtschaft stark unterscheidet. Dementsprechend
wurde der Anteil an der Gesamtbevölkerung für jede dieser Altersgruppen nach Landwirtschaft und übriger Wirtschaft getrennt extrapoliert. Diese Anteile wurden dann der zu erwartenden Bevölkerungsziffer gegenübergestellt, um die Gesamt-Erwerbstätigkeitsrate für
jede Altersgruppe zu erhalten.
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Tabelle 1

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�Im allgemeinen gehen die Voraussagen davon aus, daß die seit
1948 auftretenden Veränderungstrends in den Erwerbstätigkeitsraten
weniger ausgeprägt sein werden. Für die Periode 1964-1980 wurde
die Annahme zugrunde gelegt, daß die Veränderungen nur halb so groß
sind wie die der vergangenen 16 Jahre.
Die Zahl der in der Armee Dienst tuenden Soldaten wurde auf
der bisherigen Höhe von 2,7 Millionen belassen; und ebenso geht
diese Untersuchung von der Annahme aus, daß sich der Trend in Richtung auf einen verstärkten Schulbesuch nach Beendigung der Oberschule weiter fortsetzen und verstärken wird. Was die Erwerbslosigkeit betrifft, so wurde hier eine Rate von 4 Prozent zugrunde gelegt.

(Quelle: Monthly Labor Review,
Feb. 1965, Vol. 88, Nr. 2)

+ ++++
Arthur Sackley, Mitarbeiter des Amtes für Arbeitsstatistik:
Die Entwicklung der Einkommen im Polizei- und Feuerwehrdienst
Die historische Hintergrund
Die erste Berufsfeuerwehr in den Vereinigten Staaten wurde im
Jahre 1853 in Cincinnati, Ohio, gebildet. Der Brandmeister und das
Bedienungspersonal der Dampfspritzen erhielten ein Gehalt, während
die restlichen Bedienungskräfte sich aus Freiwilligen zusammensetzten. In den letzten Dekaden des vorigen Jahrhundert erkannte man
auch in den anderen Großstädten der USA mehr und mehr, wie notwendig
die Aufstellung einer jederzeit einsatzbereiten und aus ausgebildeten Männern bestehenden Berufsfeuerwehr war, und ging nach und nach
dazu über, die Freiwilligen durch festangestellte Feuerwehrleute zu
ersetzen. Schon in dieser Zeit bildeten sich zahlreiche Berufsvereinigungen und Berufsvertretungen mit gewerkschaftlichem. Charakter
heraus, die sich für eine Verbesserung der wirtschaftlichen und
sozialen Lage der Feuerwehrmänner einsetzten und die sich später der
"American Federation of Labor" anschlössen.
Als Arbeitnehmerorganisationen von im öffentlichen Dienst Beschäftigten, deren Tätigkeit zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit beiträgt, besitzen die Feuerwehrmänner-Organisationen in den
USA nicht die üblichen gewerkschaftlichen Rechte, die den Arbeitnehmehrverbänden des privaten Sektors der Wirtschaft gesetzlich zuerkannt werden. Sowohl die Gehälter als auch die Arbeitsbedingungen der
Feuerwehrleute - und Polizeiangehörigen - werden gesetzlich, und zwar
auf bundesstaatlicher oder kommunaler Ebene, festgelegt. Und obwohl
Streiks nicht für illegal erklärt wurden, benutzen die Feuerwehrgewerkschaften diese Waffe des Arbeitskampfes - aus grundsätzlichen

- 8-

�grundsätzlichen tarifpolitischen Erwägungen - nicht als Mittel
zur Durchsetzung ihrer Forderungen. Sie versuchen vielmehr, auf
dem Wege von Verhandlungen mit den örtlichen Behörden die wirtschaftliche und soziale Lage ihrer Mitglieder zu verbessern deren Ergebnisse ihren Niederschlag in Resolutionen und Verwaltungsanordnungen finden.
Das schnelle Wachstum der Städte gegen Ende des vorigen und
zu Beginn dieses Jahrhunderts stellte die Behörden, was die Aufrechterhaltung und Gewährleistung der öffentlichen Ordnung und
Sicherheit betraf, vor vollkommen neue Probleme, die eine bessere
Organisation und die Ausweitung der Ordnungs- und Sicherheitskräfte bedingten. Der Dorfpolizist und der städtische Polizeihauptmann mußten weichen. Sie wurden durch die Bezirksreviere und
Polizeipräsidien ersetzt.
Obwohl die Polizeiangehörigen in den USA als Beamte des Öffentlichen Dienstes auf eine längere Tradition zurückblicken können,
hatten sie größere Schwierigkeiten als die Feuerwehrleute, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Die Höhe der Einkommen und die Art der Arbeitsbedingungen der
Polizisten waren weitgehend von der Fähigkeit der Polizeichefs abhängig, die örtlichen Behörden von der Notwendigkeit der Verabschiedung entsprechender Besoldungsgesetze zu überzeugen. Da dieser Weg
jedoch in der Regel mit zahlreichen Hindernissen und Schwierigkeiten
gepflastert war, schlössen sich schon damals Polizeibeamte einiger
Reviere zu "Bruderschaften" zusammen, die später dann die Sprecher
der Polizeibeamten in Arbeitsfragen wurden. Dennoch hat die gewerkschaftliche Organisation bei den Polizisten nicht den Grad der Organisation der Feuerwehrmänner erreicht. Gesetzliche Beschränkungen
und die allgemeine Abneigung der Öffentlichkeit gegen. Polizeigewerkschaften waren hier die wesentlichen Hindernisse. Wenn auch die
Polizeiberufsvertretungen heute gewisse gewerkschaftliche Funktionen ausüben, so haben sie sich doch bisher noch keinem Gewerkschafts verband angeschlossen.
Beschäftigungs- und Einkommenstrends 1954-1964
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der in Städten
von über 100 000 Einwohnern beschäftigten Polizisten und Feuerwehrleute um fast 1/5 auf 193 000 erhöht. Der stärkste Zugang war dabei
in den letzten drei Jahren festzustellen.
Wenn auch die Wachstumsrate der öffentlichen Sicherheitskräfte
zwischen 1954 und 1964 fast doppelt so hoch war wie die für das gesamte Arbeitspotential, so war die relative Zunahme im Vergleich zu
den Verwaltungsangestellten jedoch nur 1/3 so groß. Der zahlenmäßige
Anstieg bei Polizisten und Feuerwehrleuten deckte sich zwar weitgehend mit dem BevöLkerungsanstieg in den Großstädten (ausgenommen
Millionenstädte), war aber stärker als der Gesamtbevölkerungszuwachs.
Diejenigen amerikanischen Städte und Gemeinden, die zwischen
1954 und 1964 die Gehälter der Polizeibeamten und Feuerwehrleute um
60 bis 70 Prozent erhöhten, beschäftigten rund 1/3 aller Sicherheitskräfte; weitere 2/5 waren in solchen Kommunen tätig, die die Gehälter
um 40 bis 60 Prozent anhoben. Die Bezüge- von etwa 25 Prozent aller

- 9-

�aller Polizeibeamten und Feuerwehrleute wurden in diesem Zeitraum
um 1400 bis 1800 Dollar erhöht; weitere 25 Prozent erhielten Gehaltsaufbesserungen zwischen 3000 und 3200 Dollar, während 5 Prozent aller Beamten Lohnanstiege von über 3200 Dollar verzeichneten.
Im Gegensatz dazu erhielten nur 0,1 Prozent aller Sicherheitskräfte zwischen 1954 und 1964 Gehaltserhöhungen von weniger als 800
Dollar.
Die Einkommensveränderungen in Städten verschiedener Größe
In den größeren Städten waren die Gehaltsaufbesserungen - sowohl prozentual als auch in Dollar - höher als in den kleineren.
Rund 38 Prozent der 1964 in den Millionenstädten gültigen Gehaltsgruppen sind in den vergangenen zehn Jahren neu geschaffen worden.
Die Tatsache, daß mehr als 3/5 der Arbeitnehmer in den Millionenstädten zwischen 1954 und 1964 Gehaltsaufbesserungen zwischen 60
und 70 Prozent - was Erhöhungen zwischen 3000 und 3200 Dollar entspricht - erhielten, erklärt sich daraus, daß sich diese Gruppe zu
fast 50 Prozent aus New Yorker Polizisten und Feuerwehrleuten zusammensetzt.
In der Gruppe der Städte mit einer Einwohnerzahl zwischen
100 000 und 1 000 000 waren die Erhöhungen dagegen nicht so stark
ausgeprägt. Etwa 63 Prozent der in Städten mit 500 000 bis 1 000 000
Einwohnern beschäftigten Polizisten und Feuerwehrleute erhielten in
den vergangenen zehn Jahren Gehaltsaufbesseuungen zwischen 30 und
50 Prozent, während ein ähnlich hoher Prozentsatz in den Städten
mit 250 000 bis 500 000 Einwohnern Erhöhungen von 40 bis 60 Prozent
verzeichnete. In Großstädten mit einer Einwohnerzahl zwischen
100 000 und 250 000 sind größere Schwankungen - sowohl prozentual
als auch nominell - festzustellen, aber auch hier erhielt rund 1/3
aller Polizisten und Feuerwehrleute Gehaltserhöhungen zwischen 30
und 40 Prozent.
Die Entwicklung der Gehälter zwischen 1961 und 1964
Die Gehälter der Polizisten und Feuerwehrleute in Großstädten
(über 100 000 Einwohner) erhöhten sich zwischen Januar 1961 und
Januar 1964 im gleichen Verhältnis wie in der vorangegangenen
Dreijahresperiode. Für beide Berufsgruppen zusammen belief sich
die durchschnittliche Zunahme, der Gehälter auf 757 Dollar, verglichen mit 639 Dollar in dem Erhebungszeitraum 1958-61. In erster
Linie auf Grund der Aufbesserung der Gehälter für die New Yorker
Polizisten und Feuerwehrleute um 10 Prozent ergaben sich 1962 stärkere prozentuale Gesamtzunahmen (5%) als 1961 (47.) und 1963 (3,5%).
Während 1963 etwa 75 Prozent aller.Arbeitnehmer Gehaltserhöhungen
erhielten, waren es 1961 und 1962 nur rund 66 Prozent gewesen.
Keine Änderung der Spitzengehälter erfolgte zwischen 1961 und
1963 dn drei Städten, die 2,3 Prozent aller Feuerwehrleute sowie
in vier Städten, die 3,2 Prozent aller Polizisten beschäftigen. Am
unteren Ende der Gehaltsskala dagegen wurden die Mindestgehälter
für Polizisten in zwei Städten um 25 Prozent angehoben, während in
einer Stadt die Feuerwehrleute eine gleich hohe Aufbesserung erhielten. Die meisten Städte - sechs von zehn - hoben die Gehälter
der Polizisten und drei von fünf die der Feuerwehrleute um 5 bis

- 10 -

�bis 15 Prozent an, wobei der Mittelwert für beide Gruppen bei 11
Prozent liegt. Etwa 3/5 aller Großstädte erhöhten die Gehälter
dieser Arbeitnehmergruppen mindestens zweimal in der Dreijahresperiode.
Rund 3/10 aller Arbeitnehmer waren in Städten tätig, die die
Gehälter um 17,5 bis 20 Prozent heraufsetzten; weitere 2/10 in
Kommunen, die Aufbesserungen zwischen 7,5 und 10
Prozent vornahmen. Die meisten Gehaltserhöhungen lagen bei 1200 Dollar und
mehr und bei 400 bis 500 Dollar. Die größten Gehaltserhöhungen
wurden u.a. in New York -.mit über 1200 Dollar - registriert.
Sowohl im Erhebungszeitraum 1958-61 'als auch in der Periode
1961-64 waren die Gehaltserhöhungen für die im Streifendienst
eingesetzten Polizisten etwas größer als die für Feuerwehrleute.
Während die Polizistengehälter zwischen 1961 und 1964 um 13 Prozent anzogen, verzeichneten die Feuerwehrleute einen Anstieg um
12,7 Prozent. In Dollar ausgedrückt beliefen sich die Erhöhungen
auf 780 bzw. 726 Dollar.
Die Veränderungen in Städten verschiedener Größe
Die Gehälter für Polizisten und Feuerwehrleute stiegen in
den Millionenstädten während der DreiJahresperiode (1961-64) am
stärksten an. Die durchschnittliche Erhöhung betrug in der Gruppe
der kleinsten Großstädte (100 000 - 250 000 Einwohner) 11,5 Prozent oder 584 Dollar, in den Millionenstädten dagegen.14,3 Prozent bzw. 915 Dollar. Die Unterschiede in den Gehaltserhöhungen
bei Polizisten .und Feuerwehrleuten waren nur in Städten mit einer
Einwohnerzahl zwischen 500 000 und 1 Million von Bedeutung: sie
sind durch eine wesentliche Aufbesserung der Bezüge für Polizisten in einigen Städten des Südens bedingt,, wo die Feuerwehrleute leer ausgingen.
Die Gehälter im Jahre 1964
Die Gehaltsskala für Polizisten und Feuerwehrleute, die in
amerikanischen Großstädten tätig sind, bewegte sich im Januar
1964 zwischen 8316 Dollar (Polizisten in San Francisco und Berkeley, Kalifornien).und 4080 Dollar (Feuerwehrleute in Wichita
Falls, Texas). Die.Durchschnittsgehälter für beide Berufsgruppen
lagen im gleichen Zeitpunkt bei 6587 Dollar.
In den Großstädten und Ballungszentren waren die Gehälter
allgemein höher als in kleineren Städten. Die höchsten Gehälter
wurden in den Weststaaten, die niedrigsten in den Südstaaten gezahlt, wo sieben der zehn Städte mit den niedrigsten Gehältern
für Feuerwehrleute und acht der zehn mit den niedrigsten Polizeidienstgehältern anzutreffen sind. Von den zehn Städten, die die
höchsten Gehälter sowohl für Polizisten als auch für Feuerwehrleute zahlen, liegen allein neun in Kalifornien.
Vergleich mit anderen Arbeitnehmergruppen
In den vergangenen 25 Jahren (zwischen 1939 und 1964) stiegen die Gehälter der Polizisten und Feuerwehrleute um 184 Prozent.
Sie zogen damit weitaus stärker an als der Verbraucherpreisindex
in diesem Zeitraum und hatten höhere Zuwachsraten aufzuweisen als

- 11 -

�als z.B. die Bundesangestellten. Gegenüber dem durchschnittlichen
Anstieg der Lehrergehälter in öffentlichen Schulen und der durchschnittlichen Wochenlöhne der Industriearbeiter jedoch war dieser
Anstieg geringer.
EINKOMMENSZUNAHMEN IN PROZENT
1939-1964

Berufsgruppe

1954-1964

1961-1964

Polizisten, Feuerwehrleute
(Höchstgehälter)

184

51

13

Volksschu Hehrer
(durchschn. Jahresgehälter)

192

49

1)

Bundesangestellte
(Durchschnittsgehälter)

253

76

22

(durchschn. Stundenlohn)

301

41

10

(durchschn. Wochenlohn)

336

42

12

Verbraucherpreisindex
(Anstieg in Prozent)

121

15

Industriearbeiter

1) keine Angaben für 1964
INDEX DER SPITZENGEHÄLTER 1924 BIS 1964
(1957-59 = 100)
Jahr

Polizisten
u. Feuerwehrleute

1924
1929
1932
1934
1938
1939
1940
1941
1942
1943
1944
1945
1946
1947
1948
1949

38
42
43
42
45
45
45
45
46
47
49
52
53
57
61
66

Feuerwehrleute
39
43
44
41
44
44
44
44
46
47
49
5252
58
62
66

Polizisten
37
42
42
42
45
45
45
45
46
46
49
52
55
57
61
66

Jahr
1950
1951
1952
1953
1954
1955
1956
1957
1958
1959
1960
1961
1962
1963
1964

Polizisten
u. Feuerwehrleute
68
72
77
82
85
87
91
96
101
104
108
113
118
124
128

Feuerwehrleute

Polizisten

68
72
77
82
85
87
91
96
101
104
108
113
117
123
127

68
72
77
82
85
87
91
96
101
104
108
113
118
124
128

(Quelle: Monthly Labor Review,
Feb. 1965, Vol. 88, Nr. 2)

+ ++++
- 12 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Lohnpolitischer Rundblick
Die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft (USA) hat den Vertretern der amerikanischen Stahlindustrie bereits einen Monat vor Auslaufen der alten Tarifverträge ihre detaillierten Forderungen übermittelt, die sie bei den in Kürze beginnenden Tarifverhandlungen in
diesem wichtigen Zweig der amerikanischen Industrie durchzusetzen
gewillt ist.
Wenn auch beide Tarifpartner bisher keine näheren Angaben über
die Art der Forderungen und die daraus resultierenden Kosten gemacht
haben, so hat doch die USA-Gewerkschaft recht deutlich zu verstehen
gegeben, daß sie keine Lohnerhöhungen von weniger als 4 Prozent pro
Jahr akzeptieren werde. Allgemein wird wieder mit dem Abschluß eines Drei Jahresvertrages gerechnet. Die jährliche Steigerung der Löhne
um 4 Prozent entspricht nach Angaben der Gewerkschaft der jährlichen
durchschnittlichen Zunahme der Produktivität in diesem Industriezweig.
In der amerikanischen Stahlindustrie werden gegenwärtig rund
450 000 Arbeitnehmer beschäftigt, die einen durchschnittlichen Stundenlohn (einschließlich der Lohnnebenleistungen) von 4,40 Dollar erhalten. Eine Erhöhung der tariflichen Leistungen um 4 Prozent pro
Jahr würde einer zusätzlichen Kostenbelastung von etwa 52 Cent pro
Stunde während der DreiJahresperiode entsprechen. Die Industrie hat
jedoch bereits öffentlich erklärt, daß sie keinen Tarifvertrag unterschreiben werde, der zusätzliche Leistungen von mehr als 26 Cent
pro Stunde bringt.
Welcher Art die Forderungen sind, die die Stahlarbeitergewerkschaft gestellt hat, läßt sich in etwa aus dem kürzlich mit der American und der Continental Can Company abgeschlossenen Tarifvertrag ablesen. Dieses Abkommen sieht für die Arbeitnehmer der insgesamt 71
Betriebe der beiden Unternehmen Leistungserhöhungen (Löhne und Sozialleistungen) von 45,7 Cent pro Stunde in einem Zeitraum von 40 Monaten
vor. Das entspricht einer jährlichen Zunahme um 3,5 Prozent.
Im einzelnen wurden die Löhne im Durchschnitt um 12 Cent - rückwirkend ab 1. Oktober 1964 - angehoben (das Abkommen wurde erst nach
einem Warnstreik abgeschlossen). Weitere Erhöhungen um 7 bis 11 Cent
werden am 1. Dezember 1966 fällig.
Auch bei den Sozialleistungen konnte die Stahlarbeitergewerkschaft wesentliche Verbesserungen durchsetzen. So wurden die Pensionsleistungen von 2,25 Dollar pro Monat für jedes Dienstjahr auf
5,50 Dollar angehoben, und gleichzeitig wurde eine Pensionsformel im
Tarifvertrag verankert, die eine Pensionierung bereits ab 50. Lebensjahr nach 30 Dienstjähren ermöglicht. Außerdem werden künftig sämtliche Arbeiter der Unternehmen eine zusätzliche Pensionszahlung in
Höhe von 100 Dollar monatlich erhalten, wenn sie bereits vor Erreichen
des 63. Lebensjahres (Normale Pensionierungsgrenze bei vollen Bezügen)
in den Ruhestand treten.
Auch die neben der staatlichen Arbeitslosenversicherung gezahlten
zusätzlichen Ausgleichsbeträge (SUB) wurden erhöht. Arbeitslose Arbeiter der Weißblech- und Behälterindustrie werden künftig 70 Prozent

- 13 -

�70 Prozent (bisher 60%) ihres vorherigen Einkommens als Unterstützung
erhalten. Allen Arbeitnehmern, die innerbetrieblich auf Grund von Rationalisierungsmaßnahmen an einen niedriger eingestuften Arbeitsplatz
umgesetzt werden müssen, wird künftig 95 Prozent ihres bisherigen Jahreseinkommens am neuen Arbeitsplatz garantiert.
Zu den weiteren Verbesserungen gegenüber dem alten Abkommen zählen
höhere Versicherungsleistungen bei Krankenhausaufenthalt, gleichzeitige
Ausdehnung des Versicherungszeitrauras (bis zu 2 Jahren) und Einbeziehung
sämtlicher Familienangehöriger bei Arbeitnehmern mit 10 Dienstjähren.
In bezug auf technologische Umstellungen im Betrieb (Automation)
kamen Gewerkschaft und Unternehmen überein, daß bei einer Zusammenlegung von Arbeitsplätzen die Arbeitnehmer, die in die neuen Positionen
aufrücken, mindestens um eine Gehaltsgruppe, höchstens jedoch um zwei
Gruppen aufgestuft werden.

(Quelle: Eigenbericht)

+++++

Kaiser-Gewinnbeteiligungsplan ein großer Erfolg für die Arbeitnehmer
Auf Grund des vor zwei Jahren zwischen der Stahlarbeitergewerkschaft und der "Kaiser Steel Company" ausgehandelten Gewinnbeteiligungsplanes haben die Arbeitnehmer dieses.Unternehmens bisher 24 monatliche
Gewinnanteile in ununterbrochener Folge erhalten und insgesamt 7,6
Millionen Dollar gutgeschrieben bekommen. Im Durchschnitt erhielten die
anspruchsberechtigten Arbeitnehmer 52 Dollar pro Monat in Form von Bonussen ausgezahlt, was, auf die normalen Tarifleistungen übertragen,
einer zusätzlichen Leistung von 46 Cent pro Arbeitsstunde entspricht.
Von der im 'Februar zur Auszahlung gelangten Summe in Höhe von
251 579 Dollar wurden 92 628 Dollar in bar ausgezahlt (das entspricht
einem Betrag von 13 Cent pro Arbeitsstunde) und 158 951 Dollar (22
Cent pro Arbeitsstunde) in einen Reservefonds übergeführt, aus dem zusätzliche Sozialleistungen bestritten werden sollen.
Während im ersten Jahr nach Unterzeichnung des Gewinnbeteiligungsabkommens monatlich Beträge zwischen 205 000 und 518 000 Dollar zur
Verteilung gelangten und die Barauszahlungen zwischen 199 000 und 482 000
Dollar schwankten, wurden im zweiten Jahr mit 469 000 Dollar die Spitzensumme und mit 206 000 Dollar der Mindestbetrag erreicht. Die Barauszahlungen bewegten sich dabei zwischen 92 000 und 360 000 Dollar, Die
Zahl der anspruchsberechtigten Arbeitnehmer erhöhte sich seit Januar
1963 von 3500 auf 5000.

(Quelle: Eigenbericht)

+ + + + -I- 14 -

�Zusätzliche Sozialleistungen in der US-Industrie
Wie aus einer Repräsentativerhebung des "National Industri.il
Conference Board", einer privaten Forschungsorganisation, hervorgeht, haben heute praktisch sämtliche Industrieunternehmen GruppenLebensversicherungen für ihre Mitarbeiter abgeschlossen. Etwa 80
Prozent von den Unternehmen unterhalten ferner Unfall- und Krankenversicherungen, rund 78 Prozent von ihnen Krankengeldversicherungen,
die in der Regel jedoch nur für die Angestellten abgeschlossen wurden. Die Beiträge zu den Versicherungen werden im allgemeinen von
den Arbeitgebern allein aufgebracht.
Wie aus der Erhebung weiter zu entnehmen ist, gewähren die
Unternehmen ihren Mitarbeitern zum Teil noch folgende Sozialleistungen und Vergünstigungen: 78 Prozent: Pensionen; 44 Prozent: Entlassungsgeld; 33 Prozent: Weihnachtsgeld oder Jahresbonus; 25 Prozent:
Gewinnbeteiligung; 50 Prozent: innerbetriebliche berufliche Fortbildung; 87 Prozent: Kaffeepause.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
Pensionäre als Büroaushilfskräfte
Um den erheblichen Mangel an Büroaushilfskräften auszugleichen,
hat jetzt die Arbeitsbehörde der New Yorker Stadtverwaltung ein Arbeitsvermittlungsbüro für solche Pensionäre eingerichtet, die sich
um einen zusätzlichen Verdienst (bis zu 1200 Dollar pro Jahr steuerfrei) bemühen und für Büroarbeiten geeignet sind.
In Zusammenarbeit mit verschiedenen privaten Wirtschaftsverbänden will die Stadtverwaltung ihre Bemühungen vorerst nur auf solche
Rentner beschränken, die bereits Erfahrung in Büroarbeiten besitzen.
Später jedoch will man versuchen, auch branchenfremde Kräfte zu vermitteln, und entsprechende Umschulungsprogramme durchführen. Insgesamt werden gegenwärtig in New York pro Jahr rund 40 000 bis 60 000
Büroaushilfskräfte benötigt.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

- 15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 6

Bad Godesberg, den 1. Juni 1965

INHALTSVERZEICHNIS
Art, Umfang und Problematik der Doppelbeschäftigung

Seite

Gezielte Maßnahmen zur Vorbereitung auf das
Automationszeitalter

Seite 12

Hilfe für die älteren Menschen

Seite 14

1

Harvey R. Hamel und Forrest A. Bogan, Abt. Bevölkerungs- und arbeitspolitische Forschungen im US-Amt für Arbeitsstatistikt
Art, Umfang und Problematik der Doppelbeschäftigung
Einleitung
Die Doppelbeschäftigung oder das sogenannte "moonlighting" ist
für die Experten für bevölkerungspolitische und Arbeitsfragen aus
zweierlei Gründen von besonderem Interesse. Einmal interessiert sie,
was der Arbeitnehmer von heute mit seiner Freizeit anfängt und wie
er sie ausnutzt, und zum anderen, welche Auswirkungen die Doppelbeschäftigung angesichts einer relativ hohen Zahl von Arbeitslosen auf
den Arbeitsmarkt und das Arbeitsplatzangebot hat. Während einige Interessengruppen, vor allem die Gewerkschaften, sich für eine Verkürzung der normalen Arbeitswoche auf etwa 35 Stunden einsetzen, um mehr
Arbeitsplätze für die Erwerbslosen zur Verfügung zu haben, vertreten
andere die Ansicht, daß durch eine Verkürzung der Arbeitswoche das Arbeitslosenproblem nicht zu beseitigen sei, da die Arbeitnehmer mit einer kürzeren Arbeitszeit bestrebt sein würden, sich einen zweiten
Arbeitsplatz zu verschaffen. Gerade in Anbetracht dieser gegensätzlichen Standpunkte ist es von großer Bedeutung, sich einen Überblick
über den Umfang der Doppelbeschäftigung zu verschaffen und neben anderen Grundfakten vor allem herauszufinden, welche Arbeitnehmergruppen hierbei insbesondere berührt werden. In diesem Artikel sind die
wichtigsten Ergebnisse einer Analyse zusammengefaßt, die im Mai 1964
durchgeführt wurde.
KurzZusammenfassung

- 1 -

�KurzZusammenfassung
Im Mai 1964 hatten insgesamt 3,7 Millionen Personen in den Vereinigten Staaten mehr als einen Arbeitsplatz: das sind 5,2 Prozent
aller Beschäftigten. Von diesen 3,7 Millionen Personen hatten rund
2,1 Millionen in der Erhebungswoche zwei Arbeitsplätze als Lohn- oder
Gehaltsempfänger, während 1,6 Millionen neben einer selbständigen
Tätigkeit einen Beruf ausübten, der ihnen einen festen Lohn oder ein
festes Gehalt einbrachte. Als Beispiel für die erste Gruppe kann der
Postbeamte angesehen werden, der in seiner Freizeit in einem Kaufhaus
arbeitet, oder der Bankkassierer, der an den Wochenenden an der Kasse
eines Supermarktes sitzt, während zur zweiten Gruppe solche Personen
zählen wie die Fabrikarbeiter, die nach der Arbeit noch ihre Farm
bewirtschaften, oder Maurer, die in ihrer Freizeit Arbeiten auf eigene Rechnung durchführen.
Der Trend der letzten Jahre
Die Zahl der Personen mit einer Doppelbeschäftigung ging - gemessen an der Gesamtbeschäftigtenzahl - zwischen Mai 1963 und Mai
1964 von 5,7 auf 5,2 Prozent zurück. Sie näherte sich damit wieder
dem langjährigen Durchschnitt. Wie schon bei früheren Untersuchungen
ließ sich kein klarer Trend hinsichtlich der die Doppelbeschäftigung
beeinflussenden Faktoren erkennen. Wenn man die Entwicklung der vergangenen acht Jahre eingehend analysiert, zeigt sich, daß sowohl die
Zahl der Beschäftigten mit einem zweiten Arbeitsplatz als auch die
Doppelbeschäftigungsrate sich in diesem Zeitraum in relativ engen
Grenzen hielt. Irgendwelche besonderen Beziehungen zu Konjunkturverläufen und jahreszeitlichen Schwankungen in der Beschäftigung ließen
sich nicht ermitteln.
Seit der im Jahre 1956 durchgeführten Erhebung hat sich die Zahl
der Beschäftigten mit zwei oder mehr Arbeitsplätzen ungeachtet der
beiden Rezessionsperioden lediglich zwischen 3 und 4 Millionen bewegt,
während die Doppelbeschäftigungsrate zwischen 4,5 und 5,7 Prozent in
einer Zeit schwankte, in der die Arbeitslosenrate zwischen 4,2 und
7,5 Prozent (jahreszeitlich bedingt) lag.
Charakteristika der Doppelbeschäftigung
Die meisten Zweitarbeitsplätze wurden im Zeitpunkt der Erhebung
(Mai 1964) von Männern ausgefüllt. Während 6,9 Prozent aller tätigen
männlichen Arbeitskräfte einen zweiten Arbeitsplatz hatten, waren es
bei den Frauen lediglich 2,1 Prozent.
Die folgende Übersicht zeigt insbesondere die auffallend große
Zahl von 25 bis 44 Jahre alten Personen mit zwei oder mehr Arbeitsplätzen. Ihr Anteil von 8,3 Prozent liegt um mehr als 50 Prozent über
der Durchschnittsrate. Die Zahl der weißen und die der farbigen Arbeitnehmer halten sich hier .die Waage.
Tabelle 1

�TABELLE 1
PERSONEN MIT ZWEI ODER MEHR ARBEITSPLÄTZEN

Männer

Gru

PP e

Frauen

Zahl
Anteil in Prozent
in 1000
an der Gesamtbeschäftigtenzahl
der Gruppe

Zahl
Anteil in Prozent
in 1000
an der Gesamt beschäftigtenzahl
der Gruppe

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14 Jahre und älter

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6,9

511

2,1

14-19 Jahre

154

4,7

37

1,8

20-24 Jahre

229

5,3

25-44 Jahre

1700

8,3

53
219

1,8
2,3

45-64 Jahre

1056

6,5
3,6

185
17

2,1
1,7

65 Jahre und älter

76

Die Entscheidung, einen zweiten Arbeitsplatz zu übernehmen, dürfte
hauptsächlich von wirtschaftlichen Gesichtspunkten bestimmt sein. Denn die
verheirateten Männer, die 9/10 aller Personen mit zwei oder mehr Arbeitsplätzen ausmachen, vlesen mit einem Anteil von 7,6 Prozent eine relativ hohe
Doppelbeschäftigungsrate auf. Bei den Junggesellen dagegen belief sich der
Anteil der Doppelbeschäftigten, an der Gruppen Gesamtbeschäftigtenzahl lediglich auf 4,5 Prozent. Bei den Teenagern und den älteren - über 65 Jahre alten - Arbeitskräften war die Doppelbeschäftigung dagegen relativ gering.
Der Einfluß der Arbeitszeit auf die Doppelbeschäftigung
Verleitet eine kurze Arbeitswoche die Arbeitnehmer dazu, einer weiteren Erwerbstätigkeit nachzugehen? Im Mai 1964 betrug die durchschnittliche
wöchtenliche Arbeitszeit von Personen mit zwei oder mehr Arbeitsplätzen an
ihrem Hauptarbeitsplatz 39 Stunden. Sie war damit ebenso lang wie die durchschnittliche Arbeitswoche der nur an einem Arbeitsplatz Tätigen. Auch bei
den Kurzzeitarbeitern (weniger als 35 Wochenstunden) ergibt sich praktisch
das gleiche Verhältnis. Nur bei den in der Landwirtschaft und im Baugewerbe
tätigen Lohn- und Gehaltsempfängern war ein.erheblicher Teil der Doppelbeschäftigten am ersten Arbeitsplatz weniger als eine volle (Normal«)Arbeitswoche tätig.
Eine

�Eine Beziehung zwichen den Doppelbeschäftigungsraten der einzelnen Wirtschaftszweige und dem Anteil der Teilzeitbeschäftigten in
diesen Branchen läßt sich nicht feststellen. Ein großer Prozentsatz
der im Handel Beschäftigten z.B. bestand im Zeitpunkt der Erhebung
aus Teilzeitarbeitern, aber die Doppelbeschäftigungsrate in diesem
Wirtschaftszweig war die niedrigste von allen. Auf der anderen Seite
war der Anteil der Kurzzeitarbeiter in der öffentlichen Verwaltung
und im Transportwesen relativ gering, die Doppelbeschäftigungsrate
hier jedoch hoch.
Wie schon einleitend erwähnt, fordern in den USA verschiedene
Interessengruppen eine Verkürzung der normalen Arbeitswoche (bei Fortzahlung der bisherigen Bezüge), um mehr Arbeitsplätze für die Erwerbslosen zu schaffen. Ein in diesem Zusammenhang immer wieder gehörtes
Gegenargument ist, daß durch eine Verkürzung der Arbeitswoche die Zahl
der "moonlighter's" zunehmen würde. Wie aus den verfügbaren Unterlagen
jedoch hervorgeht, scheint diese Behauptung nicht ganz stichhaltig
zu sein, denn die Doppelbeschäftigungsrate ist bei Personen, die 41
und mehr Wochenstunden tätig sind, sogar etwas höher als bei jenen,
die nur durchschnittlich 35 bis 40 Stunden arbeiten.

TABELLE 2

Wirtschaftszweig

Doppelbeschäftigungsraten unter Berücksichtigung der am ersten Arbeitsplatz
geleisteten wöchentlichen Arbeitszeit
(Stand Mai i960
1-34 Std.

Nichtlandwirtschaftliche
Arbeitnehmer, gesamt

35-40 Std.

41 u.mehr Std

5,7 X

4,8 7.

6,2 X

10,0 X

4,8 7.

6,1 X

6,0 X

4,6 X

5,5 X

10,1 X

5,5 X

6,4 X

Groß- und Einzelhandel

4,1 X

2,9 X

5,0 X

Dienstleistungszweige

5,1 X

4,7 X

5,9 X

10,9 %

8,0 X

17,9 X

Baugewerbe
Fert igungs indus trie
Transportgewerbe

Öffentl. Verwaltung

Es besteht Grund zu der Annahme, daß Arbeitnehmer, die an ihrem
Hauptarbeitsplatz keine volle Arbeitswoche ableisten, sich in der Regel
um einen zweiten Arbeitsplatz bemühen - vor allem, wenn sie verheiratet
sind. Aus dieser Untersuchung ergibt sich, daß die in nichtlandwirtschaftlichen Wirtschaftszweigen in Teilzeitarbeit stehenden Lohn- und Gehaltsempfänger eher geneigt sind, einen zweiten Arbeitsplatz zu übernehmen,
als jene, die 35 bis 40 Wochenstunden tätig sind. So ist zum Beispiel die

- 4 -

�dl« Doppelbeschäftigungsrate unter den Teilzeitarbeitern des Baugewerbes etwa zweimal so hoch wie die für Vollzeitbeschäftigte.
Wie aus der Übersicht weiter zu entnehmen ist, waren rund 70
Prozent aller Doppelbeschäftigten an einem Arbeitsplatz vollbeschäftigt, während sie ihren zweiten Arbeitsplatz als Teilzeitarbeiter ausfüllten (Tabelle 3). Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit (7 Prozent, die zwei Arbeitsplätze voll ausfüllten), waren die
übrigen (23-Prozent) an beiden Arbeitsplätzen nur halbtagsbeschäftigt.
Doppelbeschäftigte, die ihren Hauptarbeitsplatz in der Industrie, im Transportgewerbe, in den öffentlichen Versorgungsbetrieben und in der öffentlichen Verwaltung haben, gehen in der Regel
einer Vollbeschäftigung nach. Im Baugewerbe, im Handel und in den
Dienstleistungszweigen (in denen sehr viele Frauen beschäftigt
werden) sind dagegen Vollarbeitsplätze von Doppelbeschäftigten
weniger zahlreich. Die Teilzeitarbeit war am stärksten bei den Lohaund Gehaltsempfängern in der Landwirtschaft ausgeprägt, wo etwa die
Hälfte aller Doppelbeschäftigten zwei Teilzeitarbeitsplätze hatte gegenüber knapp 25 Prozent in den nichtlandwirtschaftlichen Zweigen.
Wie erwartet, war die Gesamtarbeitszeit der Doppelbeschäftigten
länger als die der Arbeitnehmer mit nur einem Arbeitsplatz. Im Erhebungszeitraum waren über 3/4 aller "moonlighters" mehr als.40
Stunden in der Woche tätig (von den Arbeitnehmern mit nur einer Beschäftigung dagegen rand 1/3). Sie machten allerdings nur 12 Prozent
aller Personen aus, die eine wöchentliche Arbeitszeit von 41 und
mehr Stunden aufwiesen. Die durchschnittliche Zahl der geleisteten
wöchentlichen Arbeitsstunden betrug bei den Doppelbeschäftigten 53.
Die selbständigen Farmer unter ihnen brachten es dagegen im Durchschnitt auf 60 Wochenstunden. Die Spanne der wöchentlichen Arbeitszeit der Doppelbeschäftigten mit einer nichtlandwirtschaftlichen
Haupttätigkeit lag zwischen 47 Stunden (Bauhandwerk) und 56 Stunden
(Angestellte der öffentlichen Verwaltung).
An ihrem zweiten Arbeitsplatz arbeiteten die Männer im Durchschnitt pro Woche 13, die Frauen dagegen nur acht Stunden.
Doppelbeschäftigung und Wirtschaftszweig
Selbständige Farmer und Landarbeiter wiesen auch weiterhin
höhere Doppelbeschäftigungsraten auf als die Arbeitnehmer in den
meisten nichtlandwirtschaftlichen Zweigen der amerikanischen Wirtschaft (Tabelle 4). Die Zahl der Doppelbeschäftigten mit landwirtschaftlichem Hauptberuf entsprach.bei dieser letzten Erhebung der
in den beiden, vorhergehenden Untersuchungen festgestellten. Während jedoch die Gesamtbeschäftigung in der Landwirtschaft zwischen
Mai 1962 und Mai 1964 zurückging, stieg die.Doppelbeschäftigungsrate von 6,7 auf 8,1 Prozent an. Der Anteil der Doppelbeschäftigten
mit mindestens einem Arbeitsplätzen der Landwirtschaft (mehr als
25 Prozent) ist in den vergangenen Jahren.relativ stabil geblieben,
obwohl die Landwirtschaft heute nur noch einen Anteil an der Gesaratbeschäftigtenziffer von 7 Prozent aufweist. Da die Arbeit in der
Landwirtschaft verhältnismäßig fletibel gestaltet werden kann, ist es
Tab. 3 u. 4

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�TABELLE 4
PERSONEN MIT ZWEI UND MEHR ARBEITSPLÄTZEN, NACH
WIRTSCHAFTSZWEIG UND BERUFSGRUPPE, 1957-64

Anteil an der Gesamtbeschäftigtenzahl des
Wirtschaftszweiges des 1. Arbeitsplatzes
(in Prozent)

Wirtschaftszweig
und
Berufsgruppe

Mai 1964 Mai 1962 Dezember 1960 Juli 1958

Juli 1957

Gesamtwirtschaft

5,2

4,9

4,6

4,8

5,3

Landwirtschaft

8,1

6,7

6,7

9,3

11,0

Lohn- und Gehaltsempfänger

8,8

6,2

6,7

13,2

12,1

Selbständige

9,3

7,5

7,6

8,1

10,7

Unbezahlte Familienmitglieder

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5,2

3,6

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Selbständige,

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3,0

2,8

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Unbezahlte Familienmitglieder

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2,9

1,1

2,2

3,9

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Industrie
Lohn- und Gehaltsempfänger
Forstwirtschaft,
Fischerei, Bergbau
Baugewerbe
FertigungsIndustrie
Transport, öffentl.
Versorgung
Groß- U.Einzelhandel
Dienstleistungszweige, Finanz
Öffentl.Verwaltung

- 7-

3,9
4,6

�es auch einer großen Zahl von Farmern möglich, einer Arbeit in
einem anderen Wirtschaftszweig nachzugehen. Die meisten der rund
1 Million Doppelbeschäftigten mit einem Arbeitsplatz in der Landwirtschaft waren Farmer im Nebenberuf. Für viele dieser Arbeitskräfte ist die Landwirtschaft früher zweifellos die Haupterwerbsquelle gewesen. Auf Grund ihrer geringen Einkünfte aus ihren Randbetrieben hatte sich jedoch auch bei ihnen der Wunsch, einen weiteren Arbeitsplatz zu übernehmen, immer mehr verstärkt. Hinzu kam,
daß mit dem Vordringen der Industrie in die Agrargebiete. sich
zwangsläufig zahlreiche neue Beschäftigungsmöglichkeiten für die
Farmer ergaben.
Diejenigen Arbeitnehmer, die man allgemein als die eigentlichen
'•moonlighters" bezeichnet - Personen mit zwei oder mehreren nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsplätzen -, machen mit 1,9 Millionen rund
die Hälfte aller Doppelbeschäftigten aus. Zu den Berufsgruppen mit
einem hohen Hundertsatz an Doppelbeschäftigten zählen die öffentlichen Verwaltungs- und Behördenangestellten. Besonders stark ausgeprägt ist die Doppeltätigkeit bei den Festangestellten (14 Prozent).
Die hohen Raten bei Postangestellten, Feuerwehrleuten, Polizisten
und anderen Behördenangestellten resultieren- vielleicht daraas, daß
diese Personenkreise Arbeitszeiten und Dienstpläne haben, durch die
ihnen die Ausübung einer weiteren Tätigkeit erleichtert wird. Auch
auf Grund ihrer Schulbildung, ihrer speziellen beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen ist es vielen aus diesen Berufsgruppen leichter möglich, einen zweiten Arbeitsplatz zu übernehmen, als Angehörigen anderer Arbeitnehmergruppen.
Zu den anderen Arbeitnehmern, die auf Grund ihrer Haupttätigkeit für eine Doppelbeschäftigung prädestiniert erscheinen, gehören
die Lehrer sowie die in der Fischerei, im Forstwesen, im Bergbau,
im Bauhandwerk, im Transportgewerbe, in der Unterhaitungsr und Freizeitindustrie und in den öffentlichen Versorgungsbetrieben Tätigen.
Diese Wirtschaftszweige umschließen sowohl Arbeitnehmer mit. umfassenden als auch mit geringen beruflichen Kenntnissen sowie solche mit
hohem als auch mit niedrigem Einkommen. Obwohl der Wunsch nach einem
höheren Einkommen der Hauptgrund für die Übernahme eines zweiten
Arbeitsplatzes ist, so hängt doch das Ausmaß der Doppelbeschäftigung
auch von den besonderen Verhältnissen und Gegebenheiten in den einzelnen Wirtschaftszweigen ab. Die höhe Rate in den Lehrberufen zum
Beispiel resultiert zweifellos.einerseits aus der Fähigkeit der Lehrer, ihre speziellen Kenntnisse auch in anderen Berufen nutzbringend
einzusetzen, zum anderen aber aus dem Wunsch, einen ihrem sozialen
Status entsprechenden Lebensstandard zu erreichen. Ein weiterer Faktor ist die relativ geringe Zahl der wöchentlichen Unterrichtsstunden.
Die meisten Doppelbeschäftigten arbeiteten jeweils in zwei verschiedenen Wirtschaftszweigen. Von den 25 Prozent der Doppelverdiener
zum Beispiel, die ihren ersten Arbeitsplatz in einem Fertigungsbetrieb
hatten, arbeiteten nur 6 Prozent wiederum in einer Fabrik. Das große
Angebot an Teilzeitarbeitsplätzen im Einzelhandel ist zweifellos mitverantwortlich dafür, daß in diesem Wirtschaftszweig der Anteil der
Zweitarbeitsplätze größer ist als der der Erstarbeitsplätze.
Über

8 -

�Über die Hälfte (52 Prozent) aller Zweitarbeitsplätze stellten
im Mai 1964 der Handel und die Dienstleistungszweige; 40 Prozent
schlössen eine unselbständige und 12 Prozent eine selbständige Tätigkeit ein.
Ein wesentlich größerer Teil aller Doppelbeschäftigten als am
ersten Arbeitsplatz war am zweiten Arbeitsplatz selbständig - 32 Prozent gegenüber 11 Prozent.
Während die überwiegende Mehrheit der Doppelbeschäftigten (2,1
Mio.) Lohn- oder Gehaltsempfänger an beiden Arbeitsplätzen war, hatten
1,6 Millionen jeweils ein selbständiges und ein unselbständiges Beschäftigungsverhältnis. Rund die Hälfte der letzten Gruppe war Farmer.
Berufsgruppen und Doppelbeschäftigung
Wie schon die vorhergehenden Untersuchungen, zeigt auch die Erhebung vom Mai 1964, daß die Farmer und die in den Fachberufen Tätigen
die größten Doppelbeschäftigungsraten aufweisen, nämlich 10 bzw.. 7
Prozent. Beide Gruppen zusammen haben einen Anteil an der Gesamtzahl
der Doppelbeschäftigten von 25 Prozent und an der Gesamtzahl der Arbeitnehmer mit nur einem Arbeitsplatz von über 15 Prozent.
Die männlichen Arbeitskräfte weisen auch weiterhin höhere Doppelbeschäftigungsraten auf als die Frauen. In einigen Berufsgruppen sind
die Unterschiede relativ stark ausgeprägt. Bei den Volks- und Ober
schullehrern zum Beispiel wiesen die Männer, eine Doppelbeschäftigungsrate von 16,5 Prozent auf, das ist im Vergleich zu den weiblichen
Lehrkräften mit zwei Tätigkeiten eine rund fünfmal so große Rate.
Die meisten Erwerbspersonen, die zwei Beschäftigungen nachgingen,
arbeiteten an ihrem Zweitarbeitsplatz nicht, im gleichen Beruf. Mit 80
Prozent war der Prozentsatz der in zwei verschiedenen Berufen Tätigen
beim Verkaufspersonal und bei den Mechanikern am größten; am niedrigsten (50 Prozent) war er bei den Fach- und technischen Berufen (Tabelle
5). Etwa 75 Prozent aller Betriebsleiter und Unternehmensinhaber, der
Handwerker und des Dienstleistungspersonals (ohne die im Haushalt Beschäftigten) sowie dar landwirtschaftlichen und nichtlandwirtschaft
liehen Hilfsarbeiter arbeiteten an ihrem zweiten Arbeitsplatz nicht im
gleichen Beruf. Die selbständigen Farmer wurden nur dann zu den Doppelbeschäftigten gezählt, wenn sie an.ihrem zweiten Arbeitsplatz Lohnoder Gehalt erhielten. Ein Viertel aller Farmer zum Beispiel waren an
ihrem zweiten Arbeitsplatz als Landarbeiter und etwa, ein gleicher Prozentsatz als "Operatives" tätig. In fast allen anderen Berufsgruppen
waren mindestens 10 Prozent aller.Personen mit mehr als. einem Arbeitsplatz Farmer in ihrer Zweittätigkeit, wobei der Anteil bei den,Handwerkern und Mechanikern sogar 27 Prozent ausmachte (21 Prozent bei den
Landarbeitern). Von den Angehörigen der Fach- und technischen Berufe
waren nur relativ wenige Personen am zweiten Arbeitsplatz als ."Arbeiter"
(blue-collar worker) oder Arbeitnehmer eines Dienstleistungszweiges
tätig, während andererseits rund 40 Prozent der Doppelbeschäftigten des
Verkaufs- und Büropersonals solche Arbeitsplätze .innehatten. Demgegenüber wurdenrausgeprochene "White-collar"=Nebenberufe von fast .25 Pro~
zent der Handwerker, Mechaniker und Dienstleistungsarbeiter ausgefüllt.
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Tabelle 5

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�Di«, folgende Übersicht zeigt, wie hoch der Anteil der Doppelbeschäftigten in den einzelnen Berufsgruppen war, die als Zweitarbeit eine selbständige Tätigkeit ausführten.

Selbständig am 2. Arbeitsplatz

Berufsgruppe
Alle Berufsgruppen

31,5 Prozent

Farmer und Verwalter

98,7

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Manager, Geschäftsinhaber (ohne Farm)

57,9

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Facharbeiter, Vorarbeiter u.a.

29,6

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Fach- und techn. Berufe

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6,0

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Sämtliche anderen Berufsgruppen

Wie erklärt es sich nun, daß 3,7 Millionen Arbeitnehmer einen zweiten Arbeitsplatz ausfüllten, während gleichzeitig 2,9 Millionen Personen mit Arbeitserfahrung im Erhebungszeitraum ohne Arbeit waren? Verschiedene Faktoren erklären diese augenscheinliche Anomalie. Rund 1/3
aller Zweitarbeitsplätze werden nämlich von Selbständigen ausgefüllt,
die diese Arbeitsplätze aus wirtschaftlichen Gründen selbst geschaffen
haben. Nur relativ wenige Arbeitslose besitzen aber die erforderlichen
beruflichen Fähigkeiten, die Berufserfahrungen und auch die Neigung,
solche Tätigkeiten zu übernehmen, ganz zu schweigen von den finanziellen Mitteln, die vielfach vorausgesetzt werden. Ebenso zeigt ein Vergleich der Berufe der berufserfahrenen Erwerbslosen mit den Zweitarbeitsplätzen der Doppelbeschäftigten, daß in einigen Berufsgruppen die Zahl
der Arbeitslosen die Zahl der Lohn- und Gehaltsempfänger, die "moonlighters" in diesen Tätigkeitsbereichen waren, weit übersteigt. Außerdem
suchen die Erwerbslosen in erster Linie einen Vollzeitarbeitsplatz, während die eine Zweittätigkeit Suchenden eine Teilarbeit anstreben, wie
auch die Tatsache zeigt, daß sie im Durchschnitt nur 13 Stunden pro
Woche an ihrem zweiten Arbeitsplatz tätig sind.
Außerdem sollte in diesem Zusammenhang beachtet werden, daß die Erwerbslosigkeitsraten bei den Männern in jenen Altersgruppen am niedrigsten sind, in denen die Doppelbeschäftigungsraten am höchsten liegen.
In der Männer-Altersgruppe 35 bis 44 Jahre zum Beispiel ist die Doppelbeschäftigungsrate die höchste (8,4%) und die Erwerbslosigkeitsrate (2,4%)
gleichzeitig die niedrigste von.allen. Auf der anderen Seite liegen die
Erwerbslosigkeitsraten bei den Jugendlichen und den älteren Personen weit
über dem Durchschnitt, während die Doppelbeschäftigungsraten hier die niedrigsten sind.
Diese Untersuchung zeigt, daß durch die Doppelbeschäftigung den Erwerbslosen im allgemeinen keine Beschäftigungsmöglichkeiten vorenthalten
werden, denn nur relativ wenige Arbeitslose würden oder könnten die Zweitarbeitsplätze übernehmen, die von den Personen mit zwei Arbeitsplätzen
ausgefüllt werden.
(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 88, Nr. 3, März 1965)

+ ++++
- 11 -

�Gezielte Maßnahmen zur Vorbereitung auf das Automationszeltalter
Obwohl die Vereinigten Staaten gegenwärtig ihre längste Prosperitätsperiode in Friedenszeiten erleben, sehen sie sich in Anbetracht
der stark ansteigenden Bevölkerungsziffer und der verstärkten Auswirkungen der Automation auf das Arbeitspotential nicht unerheblichen
Anpassungsproblemen gegenüber - Problemen, die in den nächsten Jahren
wichtige wirtschafts- und arbeitspolitische Entscheidungen erfordern
werden.
Die sich auf dem Beschäftigungssektor abzeichnenden Zukunftsprobleme sind von zweierlei Art. Einmal gilt es, bis 1970 jährlich rund
1,5 Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen, und zum anderen müssen
die weniger qualifizierten Arbeitskräfte wissensmäßig und beruflich
so gefördert und weitergebildet werden, daß sie sich im Zeitalter einer wissenschaftlichen und technischen Revolution in ihrem Beruf behaupten können.
In den vergangenen 51 Monaten der wirtschaftlichen Expansion konnten insgesamt 6,6 Millionen Amerikaner in neue Arbeitsplätze vermittelt werden. Gegenwärtig stehen rund 72 Millionen Personen in Arbeit.
Die stärkste Beschäftigungszunahme wurde 1964 verzeichnet, als 1,5
Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.
Im vergangenen Monat belief sich die Erwerbslosenrate (gemessen
an der Zahl der Beschäftigten) nur noch auf 4,6 Prozent; das ist der
niedrigste Stand seit Oktober 1957. Die Zahl der Arbeitslosen beläuft
sich gegenwärtig zwar nur auf 3,3 Millionen, aber mit Beginn der Universitäts- und Schulferien im Juni ist für die Sommermonate mit einer
leichten Zunahme zu rechnen.
Während aber die Gesamtbeschäftigtenzahl in den vergangenen Jahren ständig angestiegen ist, hat sich der Bedarf an ungelernten Arbeitern von Jahr zu Jahr verringert. Und in dem Maße, wie die Maschinen
die Muskelkraft weiter verdrängen, werden sich auch die bildungsmäßigen Anforderungen erhöhen, die an die Arbeitnehmer gestellt werden.
Entscheidend für die künftige wirtschaftliche Gesamtentwicklung wird
dabei sein, ob die bildungsmäßige Anpassung an die neuen Gegebenheiten
am Arbeitsmarkt reibungslos und glatt vollzogen werden kann.
Denn es kommt nicht nur darauf an, daß die zum Arbeitsmarkt drängenden Jugendlichen alle bildungsmäßigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn mitbringen, sondern auch,, daß die Farbigen in der Lage sind, die ihnen jetzt gebotenen Berufschancen zu
nutzen, und daß die älteren, aus ihren angestammten Berufen herausgerissenen Menschen wieder auf produktive Aufgaben in der Wirtschaft
vorbereitet und in den Arbeitsprozeß eingegliedert werden.
Wie weit die technische Revolution in der
bereits vorgeschritten ist, zeigt allein schon
schen 1950 und 1960 die Zahl der Ingenieure um
hat und damit viermal so stark angestiegen ist
tenzahl.

amerikanischen Wirtschaft
die Tatsache, daß zwi64 Prozent zugenommen
wie die Gesamtbeschäftig-

Auch die Beschäftigungsstruktur hat sich in den vergangenen 18 Jahren beträchtlich verändert. Während zwischen 1947 und 1964 der Anteil
der "Arbeiter", der "blue-collar workers", an der Gesamtbeschäftigten-

- 12 -

�Gesamtbeschäftigtenzahl von 41 auf 36 Prozent zurückging, erhöhte sich
der Anteil der Angestellten, der "white-collar workers", von 35 auf
44 Prozent. In der Landwirtschaft ist sogar ein Rückgang der Zahl
der Arbeitskräfte in knapp einer Generation um 60 Prozent - von 14
auf 6 Prozent des Gesamtarbeitspotentials - eingetreten.
Ein ebenso bedeutsamer Trend, der sich in den Nachkriegs jähren
immer stärker ausprägte, drückt sich in dem steigenden Arbeitskräftebedarf der öffentlichen Verwaltungen aller Ebenen aus. Jeder dritte
seit 1947 neu entstandene Arbeitsplatz auf dem nichtlandwirtschaftlichen Sektor entfällt auf die Behörden des Bundes, der Einzelstaaten
oder Gemeinden. Im Jahre 1962 wurden insgesamt 9,2 Millionen Personen
in der öffentlichen Verwaltung beschäftigt, davon 6,7 Millionen in den
einzelstaatlichen und kommunalen Behörden.
Der Bedarf an Arbeitskräften allein auf diesen beiden Verwaltungsebenen wird sich nach zuverlässigen Schätzungen bis 1975 um 50 Prozent
erhöhen. Auslösende Faktoren sind hier der zu erwartende Anstieg der
Bevölkerungszahl von gegenwärtig 192 Millionen auf 230 Millionen (1975)
und 250 Mi lionen (1980) sowie die steigenden Anforderungen auf den
Gebieten der Gesundheitsfürsorge und der Medizin, des Erziehungswesens
und der Sozialfürsorge. Damit wird ein erheblicher Mehrbedarf an Ärzten, Wissenschaftlern aller Art, Ingeni«"J^in,, Lehrern und Professoren
sowie an Sozialwissenschaftlern und Juristen verbunden sein.
Die US-Regierung ist schon seit einigen Jahren intensiv bemüht,
durch umfassende, staatlich geförderte Programme auf dem Gebiet der
Erziehung und der Berufsausbildung diesen künftigen Problemen Rechnung
zu tragen. In Zusammenarbeit mit den Schulverwaltungen der Einzelstaaten und Gemeinden strebt sie dabei nicht nur eine intensivere, berufsnahe Ausbildung in den Oberschulen an, sondern auch eine berufliche
Fortbildung von Schulentlassenen und bereits im Beruf stehenden Personen, damit diese in höhere Positionen aufrücken oder neue Arbeitsplätze
übernehmen können. Im Jahre 1963 nahmen insgesamt 4,2 Millionen Amerikaner an solchen berufsfördernden Kursen teil.
Auch die Lehrlingsausbildungsprogramme (finanzielle Beihilfen für
den Lehrbetrieb) und die Umschulungsprogramme für ältere - aus ihren
Arbeitsplätzen verdrängte - Arbeitnehmer werden von der Bundesregierung
intensiv gefördert. Bisher konnten über 50 000 ältere Personen, darunter
40 000 Arbeitsplatzverdrängte in Notstandsgebieten (Gewährung von Unterhaltsbeihilfen während der Umschulung), auf neue Berufe umgeschult werden.
Weitere Schwerpunktmaßnahmen zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit
und Verbesserung der allgemeinen Berufschancen sind: das Strukturprogramm für das Appalachengebiet, wo zwischen 1950 und 1960 insgesamt
641 000 Bergleute und Landarbeiter ihre Arbeitsplätze verloren; die
Schaffung eines Jugendaufbaukorps und eines Nationalen Hilfskorps Einrichtungen, die die Jugendlichen bzw. älteren Arbeitnehmer bei Ausübung einer praktischen Tätigkeit auf einen Beruf vorbereiten sollen sowie die im vergangenen Jahr vom Kongreß verabschiedeten Gesetze über
die finanzielle Unterstützung durch den Bund bei der Errichtung neuer
Bildungseinrichtungen aller Ebenen.
Alle

- 13 -

�Alle diese gezielten Programme und Maßnahmen dürften zweifellos
wesentlich dazu beitragen, daß die sich auf dem Beschäftigungssektor
abzeichnenden Zukunftsprobleme mit Erfolg gemeistert werden und der
amerikanischen Wirtschaft damit ein kontinuierliches Wachstum gesichert
wird.
(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
Hilfe für die älteren Menschen
Man kann sich als Europäer nur schwer vorstellen, daß ein 95jähriger Amerikaner - und es gibt nicht wenige davon - Zeuge einer Epoche
ist, die mehr als die Hälfte der amerikanischen Geschichte umfaßt. Die
Vereinigten Staaten sind eben noch ein relativ junges Land, und diese
Tatsache mag vielleicht auch die Vitalität auf vielen Gebieten des
amerikanischen Lebens erklären, ganz zu schweigen von den harten geistigen Auseinandersetzungen; und sie erklärt vielleicht auch, warum
die speziellen Probleme der älteren Menschen erst in jüngster Zeit
mehr und mehr in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gerückt
sind und auch die Regierung sich in zunehmendem Maße - ausgelöst durch
die öffentliche Diskussion - mit den sozialen und wirtschaftlichen Problemen der älteren Bürger auseinandersetzt.
Der unmittelbare Anlaß hierfür ist darin zu sehen, daß sich die
Zahl der älteren Menschen - also der 65jährigen und älteren - sowohl
absolut als auch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung in den letzten
Jahren ganz wesentlich erhöht hat: Gegenwärtig fällt fast 1/10 der Gesamtbevölkerung - das sind mehr als 18 Millionen Menschen -.in diese
Altersgruppe, und im Jahre 1980 werden es - bei einem noch höheren Anteil - sogar mehr als .23 Millionen sein.
Selbstverständlich gibt es auch in den USA schon seit längerem
zahlreiche Regierungsprogramme zur Unterstützung der älteren Menschen das Sozialversicherungsgesetz und die Sozialhilfepro,.ramme sind Beispiele
hierfür -, wenngleich eine gezielte Sozialpolitik in dieser Hinsicht erst
seit 1962 von der Regierung verfolgt wird. Damals begann die. US-Regierung damit, insgesamt 45 Einzel Programme zu.koordinieren und zusammenzufassen, und rief einen Präsidialausschuß für Altersfragen ins Leben,
der sich aus den Leitern von insgesamt acht Ministerien und Regierungsbehörden zusammensetzt.
In Erinnerung an dieses Ereignis und in Würdigung der verstärkten
Bemühungen um das Wohl der älteren Menschen hat Präsident Johnson den
Mai zum '•Monat der älteren Bürger11 erklärt und die Sozialarbeit auf diesem Sektor in diesem Jahr unter das Motto "Kommunale Hilfsaktionen für
die älteren Menschen" gestellt.
Gleichzeitig konnte der Präsidialausschuß in seinem letzten Jahresbericht auf zahlreiche Erfolge hinweisen, die 1964 in der Altershilfe
erzielt werden konnten. So wurden im vergangenen Jahr unter anderen 11

- 14 -

�11 verschiedene Gesetze vom Kongreß verabschiedet, die sich auch
mit der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der älteren Menschen befassen, und über 19 Mrd. Dollar (die Aufwendungen der
Einzelstaaten und Gemeinden nicht gerechnet) für die verschiedensten
sozialen Zwecke allein vom Bund ausgegeben.. Als wichtigster Punkt für
dieses Jahr steht das Krankenversicherungsprogramm für ältere Menschen
zur Verabschiedung Im Kongreß an, das als ein wesentlicher Schritt zur
Verbesserung Ihrer Lage angesehen wird.
Der Krankheitsfall ist für die älteren Menschen in den Vereinigten Staaten insofern problematisch, als es dort keine staatliche Krankenversicherung nach europäischen Vorbildern gibt, sondern jeder Arbeitnehmer sich gegen Wechselfälle nach eigenem Ermessen privat versichern
muß. Hinzu kommt noch, daß zahlreiche über 65 Jahre alte
Menschen nur eine geringe Rente erhalten, da die Altersversicherung
in den USA erst im Jahre 1935 eingeführt wurde.
Nach dem letzten Stand beziehen mehr als 13,4 Millionen Personen
im Alter von 65 Jahren und darüber eine Rente aus der staatlichen Sozialversicherung. Die jährlichen Rentenleistungen betragen dabei 11,5
Mrd. Dollar. Hinzu kommen noch Renten in Höhe von 1,3 Mrd. Dollar, die
an Anspruchsberechtigte ausgezahlt werden., die sich vorzeitig - im Alter von 62-64 Jahren - pensionieren ließen.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

- 15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 7/8

Bad Godesberg, den 1. Juli 1955

INHALTSVERZEICHNIS

Eine Einkommenskala der USA unter Berücksichtigung
von 321 Berufen

Seite

1

Bemerkenswerte Entwicklungen auf dem US-Arbeitsmarkt

Seite

9

US-Industrie bietet Führungspositionen für Farbige

Seite 10

Chrysler startete bemerkenswertes Uraschulungsprogramm
600 000 US-Regierungsangestellte sind Gewerkschaftsmitglieder

Seite 11
Seite 12

Eine Einkommenskala der US^ unter Berücksichtigung von 321 Berufen
Die durchschnittlichen Jahreseinkommen männlicher Arbeitnehmer in
insgesamt 321 für diese Erhebung speziell ausgewählten Berufen bewegten sich im Jahre 19591) zwischen 14 561 (Arzte) und 550 Dollar (Zeitungsjungen). Klammert man die oberen und die unteren 10 Prozent der
Einkommenskala (je 31 Berufe) aus, so ergeben sich Jahresverdienste
für die restlichen Berufsgruppen zwischen 7780 und 2857 Dollar.
Erwartungsgemäß liegen Berufe, die Universitätsbildung oder eine
ähnliche Fachausbildung voraussetzen, an der Spitze der Einkommenskala
(26 der ersten 32 gehören zu den sogenannten "professions"). Einige
akademische Berufe dagegen rangieren in dieser Einkommenskala ziemlich
weit unten. Ein Grund dafür mag darin zu suchen sein, daß es sich bei
diesen Berufen vielfach um solche handelt, in denen mehr Frauen tätig
sind (Lehrer, Bibliothekar usw.).
Di
Die in dieser Untersuchung verwendeten Angaben wurden aus den Unterlagen der 1960 durchgeführten Volkszählung gewonnen. Durch Hinzurechnung von etwa 10 Prozent erhält man in etwa die derzeitigen Verdienste in den einzelnen Berufsgruppen.

- 1-

�Die zahlreichen Faktoren, die die Einkommen der einzelnen
Berufssparten bestimmen, begünstigen die Bildung einer Einkommensstruktur, die relativ "geschlossen" ist. In den Einkommensunterschieden zwischen den einzelnen Berufen spiegeln sich Tausende unabhängiger Lohn- und Gehaltsentscheidungen von Arbeitgebern und
Arbeitnehmern wider, und ebenso kommen in ihnen zahlreiche andere
Formen des Leistungsentgelte - so etwa die Honorare der Ärzte zum Ausdruck. In außergewöhnlichen Perioden, wie etwa in. Eriegszeiten, können bedeutende Veränderungen und Umschichtungen in den
Beziehungen der Berufsgruppen zueinander eintreten, und für einige
Berufsgruppen, insbesondere für Ingenieure und Wissenschaftler, hat
die erhebliche Ausweitung der Elektronik« und Raumfahrtindustrie
ganz wesentliche Auswirkungen auf ihre Einkommensposition gehabt.
Methodik der Untersuchung
Aus den über 500 Berufen, von denen Einkommensunterlagen zur
Verfügung standen, wurde eine Liste von insgesamt 321 Berufen zusammengestellt. Die nicht berücksichtigten Berufe gehören hauptsächlich
zu denjenigen der einzelnen Wirtschaftszweige, die kein oder nur ein
ganz geringes Fachwissen erfordern. Die Einstufung der einzelnen Berufe in der Einkommenskala - von den niedrigsten bis zu den höchsten
Einkommen - erfolgte unter Berücksichtigung des Hittelwerts. Die Bezeichnung der Berufe entspricht den allgemein üblichen Definitionen.
Der in der Einkommenskala aufgeführte "Einkommensindex" basiert auf
dem Durchschnittseinkommen (3052 Dollar = 100) zahlreicher Gruppen
von "Arbeitern".
Die Einkommensunterschiede
Wie aus der Einkommensübersicht auf den Seiten 5 bis 8 hervorgeht, weisen die akademischen und die Manager-Berufe die höchsten und
die ungelernten Arbeiter die geringsten Einkommen auf. An der Spitze
der Einkommenskala stehen die Ärzte (14 561 Dollar), das Schlußlicht
bilden die Zeitungsjungen mit einem Jahreseinkommen von 550 Dollar.
In der Mitte, in der sich die meisten Berufe konzentrieren, gibt es
zahlreiche Überschneidungen. Legt man die Zahl der Schul- und Ausbildungsjahre zugrunde, so zeigt sich, daß mit der Länge der Ausbildungszeit auch die Einkommen ansteigen. Dennoch gibt es hier einige bemerkenswerte Ausnahmen. Eine der Ursachen dafür, daß die Einkommen der
männlichen Akademiker in einigen Berufen relativ niedrig erscheinen,
dürfte mit darin liegen, daß in diesen Berufen ein sehr hoher Prozentsatz Frauen tätig ist, die vielfach geringere Gehälter beziehen als
die Männer. Ein anderer Grund scheint zu sein, daß in einer Berufsgruppe ein erheblicher Teil der Arbeitnehmer eine jährliche Beschäftigungsdauer von weniger als 50 Wochen aufweist. Auch bei einigen Handwerkerberufen fallen die relativ niedrigen Jahreseinkommen - trotz
hoher Stundenlöhne - auf, die darauf zurückgeführt werden könnten, daß
es sich hier in den meisten Fällen um ausgesprochene Saisontätigkeiten
handelt. Wenn auch die ersten 10 Berufe der Einkommenskala, mit einer
einzigen Ausnahme, der traditionellen Berufshierarchie entsprechen,
so sind doch die nächsten 10 Ränge typisch für unsere Zeit: 5 davon
sind technische und 2 sind wissenschaftliche Berufe.
Die

- 2 -

�Die akademischen Berufe
Die meisten akademischen Berufe stehen in der Einkommenskala mit
an der Spitze. Von den 32 bestbezahlten Berufen gehören 26 zu dieser
Kategorie. Anderseits gibt es auch zahlreiche akademische Berufe, die
eine ähnliche Ausbildung voraussetzen wie die besser bezahlten, die
aber verhältnismäßig niedrigere mittlere Einkommen aufweisen. Zu diesen Berufen zählen vor allem die kirchlich-geistlichen Berufe, die Lehrer und Bibliothekare - Gruppen, in denen (mit Ausnahme von Geistlichen)
der Anteil der weiblichen Berufstätigen ziemlich groß ist. Bei einigen
dieser Berufe war außerdem der Anteil derjenigen Arbeitnehmer verhältnismäßig hoch, die weniger als 50 Wochen pro Jahr beschäftigt waren.
Zu den besser bezahlten Berufen gehören auch die Gruppen der
Manager, der wirtschaftlichen Führungs- und Spitzenkräfte. Drei dieser
Gruppen - Selbständige im Bankgewerbe, Selbständige in der Versicherungswirtschaft und im Maklergewerbe sowie Angestellte der Industrie - sind
auf den 10 höchsten Rängen der Einkommenskala zu finden. Spitzenkräfte
in Führungspositionen des Einzelhandels dagegen rangieren erst in der
unteren Hälfte der Skala. Der Bildungsweg der Berufstätigen in der Gruppe
der wirtschaftlichen Führungskräfte ist erheblich kürzer als der der
Akademiker in vergleichbaren Einkommenskategorien.
Verkaufs- und Büropersonal
Die Jahreseinkommen der in dieser Kategorie aufgeführten Arbeitnehmer gehen weit auseinander. Die Aktien- und Wertpapierverkaufer und
das Verkaufspersonal industrieller Unternehmen führen hier die Einkommensliste an. Die schulische Ausbildung und der Bildungsweg der Industrievertreter ist erheblich länger, ihr Bildungsniveau höher als das
des Verkaufspersonals im Einzelhandel.
Die meisten Berufe der Gruppe "Büroangestellte" sind in der unteren
Hälfte der Einkommenskala anzutreffen. Von den insgesamt 32 verschiedenen Berufen lag nur einer einkommensmäßig (Schadensregler bei Versicherungen) in der oberen Hälfte der Einkommenskala. Das Bildungsniveau dieser Versicherungsangestellten ist höher als das der anderen Bürokräfte.
Der Einkommensindex (Basis • Mittelwert der Einkommen zahlreicher
Arbeitergruppen) für die restlichen 31 Berufe der Büroangestellten bewegt sich zwischen 195 und 36.
Handwerkliche und Fachberufe
Der Einkommensindex dieser Gruppe von Arbeitnehmern weist sehr
große Ausschläge auf - von 249 (Lokomotivführer) bis 92 (Schuhmacher).
Die Indexziffern lassen erkennen, daß die häufig zitierten hohen Stundenlöhne der Handwerker keinen geeigneten Maßstab für die Jahreseinkommen darstellen. Im Jahre 1959 hatten sowohl die Maurer, Gipser und Betonmischer als auch die Möbeltischler, Automechaniker und Radio- und
Fernsehmechaniker einen Einkommensindex, der unter 160 Funkten lag, was
einem mittleren Einkommen von weniger als 4900 Dollar im Jahr entspricht.
Diese Diskrepanz zwischen den hohen Stundenlöhnen und den niedrigen Jahreseinkommen ist darauf zurückzuführen, daß ein großer Teil dieser Facharbeiter in ausgesprochenen Saisonberufen tätig ist.
Die

- 3 -

�Die höchsten Jahreseinkommen in diesen Berufsgruppen weisen die
Lokomotivführer, Meister, Photograveure, Lithographen und die Formund Werkzeugmacher auf. Meister mit größeren Weisungsbefugnissen
nähern sich mit ihrem Jahreseinkommen vielfach dem unteren Ende der
Gruppe der industriellen Führungskräfte.
Da die meisten Arbeitnehmer in diesen Berufen lediglich eine
rein handwerkliche Ausbildung benötigen, stehen Schulbildung und Einkommen in keiner so direkten Beziehung wie bei den anderen Berufsgruppen.
Angelernte Arbeiter und Hilfskräfte
Von den 41 aufgeführten Berufen dieser Gruppe sind 35 in der
unteren Hälfte der Einkommenskala anzutreffen. Der Einkommensindex
liegt hier zwischen 203 (Operateure von Schaltstationen in Kraftwerken)
und 63 (Frucht- und Gemüsesortierer und Packer). Generell sind die
bildungs- und berufsmäßigen Anforderungen, die an diese Arbeitnehmer
gestellt werden, geringer als die bei Facharbeitern. Die Jahreseinkommen werden gerade in dieser Gruppe von Schwankungen in der Beschäftigung beeinflußt. Eine relativ große Anzahl Arbeitnehmer in dieser
Gruppe weist eine Jahresbeschäftigung von weniger als 50 Wochen auf.
Die Hilfsarbeiter sind gewöhnlich die am schlechtesten bezahlten
Arbeitskräfte der Wirtschaft. Die von ihnen ausgeübten Tätigkeiten erfordern in der Regel nur geringe schulische und berufliche Kenntnisse.
Dennoch bestehen auch hier verhältnismäßig große Unterschiede in den
Jahreseinkommen. Die Hafenarbeiter zum Beispiel weisen einen Einkommensindex von 154 auf - in dem sich ohne Zweifel ein gewisses Maß an beruflichen Fähigkeiten und eine starke gewerkschaftliche Bindung ausdrücken.
Die Hilfsarbeiter der Industrie weisen allgemein höhere Einkommen auf
als die anderer Wirtschaftszweige.
Arbeitnehmer der Dienstleistungszweige
Die breite Einkommensstreuung bei den Beschäftigten des Dienstleistungsgewerbes spiegelt gleichzeitig die Vielzahl der Tätigkeiten
wider. Die Schutzkräfte - Feuerwehrleute, Polizisten, Sheriffs - stehen
an der Spitze der Einkommenskala in dieser Gruppe. Sie weisen auch das
höchste Bildungsniveau auf. Da sie meist im öffentlichen Dienst stehen,
müssen sie schon bei der Einstellung gewisse Anforderungen erfüllen.
Eine andere starke Gruppe ist die der Pförtner, Fahrkartenkontrolleure,
Schuhputzer und Hausangestellten. Sie weist allgemein ein sehr niedriges Bildungsniveau und eine geringe Gesamtarbeitszeit - bei häufigem
Stellenwechsel - auf. Sie rangiert auf der untersten Stufe der Einkommenskala.

TABELLE

�TABELLE

DIE EINKOMMENSKALA VON 321 AUSGEWÄHLTEN BERUFEN1' (AUSZUG)

Rang

Berufsgruppe

Mittl.Jahreseinkoramen
(in Dollar)

Durchschn. Anteil der
Schulzeit
Frauen im Beruf
(in Jahren)
(in Prozent)

14 561

477

17,5

6,8

Manager, selbst.
(Banken,Finanz) 12 757

418

14,3

5,2

1. Arzte
2.

Einkommens--^
index

3.

Zahnärzte

11 858

389

17,3

2,3

4.

Professoren
(Mediziner)

11 666

382

17,5

17,2

5. Richter,
Anwälte

10 587

347

17,4

3,5

6.

Piloten

10 274

337

13,5

0,6

11.

Physiker

9 043

296

17,2

4,2

16. Architekten

8 651

283

16,8

2,5

17.

Volkswirte

8 649

283

16,8

14,5

18.

Elektro-Ing.

8 553

280

16,2

0,8

8 534

280

16,3

1,0

Geologen und
Geophysiker

8 409

276

16,9

2,3

22.

Bergbauing.

8 359

274

16,5

0,3

29.

Professoren
(Techn.Hochsch.) 7 841

257

17,4

2,2

30.

Publ.Rel.Manager

7 826

256

16,1

23,1

32.

Mathematiker

7 780

255

17,1

26,5

34.

Psychologen

7 726

253

17,5

31,1

42.

Professoren
(Wirtschaftsw.)

7 447

244

17,

b,6

55.

Pharmazeuten

7 176

235

16,2

7,7

57.

Chemiker

7 120

233

16,6

8,6

61.

Photograveure,
Lithographen

7 026

230

12,2

5,2

Meister
(Industrie)

6 932

227

11,8

7,7

Redakteure und
Reporter

6 832

224

16,0

37,2

19. Metallurgen
20.

63.
67.

72,
5 -

�72. Buchprüfer
76. Werkzeugmacher

6 591

216

15,3

16,8

u.a.

6 503

213

11,7

0,6

83. Biologen
98. Verkäufer

6 383

209

17,2

26,7

(Großhandel)

6 011

197

12,6

4,1

Lokomotivführer

5 969

196

11,7

0,3

5 954

195

11,8

0,7

113. Flugzeugmechaniker
5 904

194

12,2

1,5

Inspektoren
(Öffentl.Verw.) 5 888

193

12,4

3,9

104.

106. Elektriker

116.
117.

Oberschullehrer

5 827

191

17,2

47,0

118.

Zugschaffner
(Elsenbahn)

5 803

190

10,8

0,2

120. Schriftsetzer

5 763

189

12,1

8,5

131. Klempner

5 590

183

10,2

0,3

138.

5 485

180

12,1

0,2

151. Postangestellte

5 364

176

12,5

18,2

154.

Lehrer,sonstige

5 329

175

16,4

61,6

156.

Sekretäre

5 315

174

12,8

97,2

161.

Polizisten

5 272

173

12,2

2,7

163. Kranführer u.a.

5 260

172

8,9

0,5

168.

Volksschullehrer 5 201

170

17,0

85,7

170.

Optiker,
Linsenschleifer

5 191

170

12,0

15,0

172.

Buchbinder

5 170

169

10,7

55,6

177.

Hochofenarbeiter 5 073

166

8,9

1,7

Feuerwehrleute

185. Maurer

4 864

159

9,7

0,4

188. Gipser,
Verputzer

4 806

157

9,0

0,3

190.

Förster

4 783

157

12,8

2,4

197.

Hafenarbeiter

4 715

154

8,4

0,5

199. Metzger (außer
Schlachthofpers.)4 677

153

10,7

3,0

200.

Dekorateure

4 665

153

12,3

46,4

204.

Bäcker

4 558

149

9,2

16,2

213.

Buchhalter

4 443

146

12,7

83,7
218.

6 -

�218.

Busfahrer

4 362

143

9,8

10,1

220. Möbeltischler

4 351

143

10,0

1,4

225. Krankenpfleger

4 295

141

13,0

97,5

227.

4 272

140

12,7

69,3

4 255

130

9,3

0,7

4 231

139

12,0

88,7

Gebäudemaler)

4 213

138

9,2

9,5

237.

Schmiede

4 189

137

8,5

0,5

239.

Zimmerleut«

4 155

136

9,3

0,3

240. Polsterer

4 116

135

9,7

9,5

245.

Geistliche

4 008

131

17,1

2,3

249.

Schneider

3 925

129

8,4

21,8

253.

Farmverwalter

3 847

126

11,5

2,9

255.

Friseure

3 751

123

9,2

3,1

(Landw.)

3 724

122

9,0

2,1

261.

Stenotyplsten

3 666

120

12,5

95,1

264.

Dachdecker

3 654

120

8,9

0,2

266. Weber (Textilind.) 3 623

119

8,4

41,4

274.

Köche

3 424

112

9,4

64,4

275.

Fahrstuhlführer

3 389

111

8,6

32,0

276.

Packer

3 347

110

9,5

60,0

278.

Taxifahrer

3 270

107

9,2

2,7

284.

Tapezierer

3 039

100

8,8

14,3

286. Kasslerer

3 010

99

12,0

78,5

287. Wäschereiarbeiter

2 969

97

9,4

71,7

289.

Schiankenwärter u.a. 2 922

96

8,5

46,0

291.

Suhuhmacher

2 800

92

8,4

3,7

298.

Reinigungspersonal 2 539

83

8,9

68,3

Bankkassierer

228. Matrosen
231.

Friseure
(Kosmetiker)
233. Maler (außer

258. Vorarbeiter

301. Fischer

2 441

80

8,3

1,3

304.

Kellner

2 144

70

10,7

86,6

305.

Transportarbeiter

1 957

64

7,8

0,4

308.

Gärtner

1 829

60

8,5

1,5

310.

Holzfäller,Flößer

1 758

58

7,9

0,8
313,

- 7

�313.

Telegrammboten

316.

Landarbeiter

317.

Hausangestellte

318.

Schuhputzer

319. Platzanweiser
(Vergnügungsbetriebe)
321.

Ze itungs jungen

1 539
1 080
1 058
847

50
35
35

10,4

5,4

7,9

10,5

8,6

96,4

28

8,2

4,1

837
550

27
18

9,9
9,0

12,9

4,4

Berücksichtigt sind nur männliche Arbeitnehmer bzw. Selbständige
2

' Basis: 3052 Dollar - 100

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 88, Nr. 3, März 1965)

+++++

- 8 -

�Bemerkenswerte Entwicklungen auf dem US-Arbeitsmarkt
Zu den bemerkenswertesten Entwicklungen auf dem amerikanischen
Arbeitsmarkt während der vergangenen Monate gehört ohne Zweifel die
erhebliche Zunahme der Zahl der Fabrikarbeiter, die im Vergleich zum
Vorjahr gegenwärtig um rund 600 000 größer ist.
Dieser Trend ist insofern von Bedeutung, als die industrielle
Beschäftigung während der letzten zwölf Jahre in Anbetracht der verstärkten Automatisierung der Produktionsanlagen praktisch stagnierte
und ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigtenzahl sogar stark rückläufig
war. Mit über 17,5 Millionen Industriearbeitern wurde jedoch inzwischen der 1953 erzielte bisherige maximale Beschäftigungsstand übertreffen.
Zwar hat die amerikanische Industrie in den letzten Jahren ihre
Produktionsanlagen im gleichen Rahmen automatisiert wie bisher (bei
praktisch konstanter Beschäftigtenzahl konnte die Produktion seit
1953 um 45 Prozent gesteigert werden), aber der seit März 1961 andauernde konjunkturelle Auftrieb hat inzwischen einen solchen Umfang
erreicht,daß die Rationalisierungsmaßnahmen mit dem Arbeitskräftebedarf nicht mehr Schritt halten und der industrielle Arbeitsmarkt
daher jetzt die Auswirkungen der Konjunktur immer stärker zu spüren
bekommt.
Die zunehmende Anspannung des amerikanischen Arbeitsmarktes
drückt sich aber nicht nur in den rückläufigen Arbeitslosenziffern,
den zahlreichen offenen Stellen und der gesteigerten allgemeinen
Nachfrage nach Arbeitskräften aus (die Stellenanzeigen der Zeitungen
weisen das bisher größte Volumen auf), sondern auch in einer außerordentlichen Verknappung von Facharbeitern. Nach einer Übersicht des
US-Arbeitsministeriums sind es rund 70 Berufe, für die gegenwärtig
und auch in Zukunft ein sehr großer Bedarf besteht.
Diese Übersicht weist übrigens auch indirekt auf die Gründe
hin, warum gegenwärtig ein so erheblicher Mangel an Arbeitskräften
in einigen Fachberufen besteht. Sie führt nämlich auch die für jeden der 70 Berufe erforderlichen schulischen und beruflichen Qualifikationen an, und aus dieser Aufstellung ist unschwer zu ersehen,
daß sich die Anforderungen an die Arbeitnehmer in der jüngsten
Zeit doch ganz erheblich erhöht haben. Kräftige Muskeln, geringe
Schulbildung und kurze Lehrzeit genügen heute nicht mehr, um sich
in der Wirtschaft einen Dauerarbeitsplatz zu sichern.
Insgesamt 27 der in der Übersicht aufgeführten "Zukunftsberufe"
setzen für die meisten Bewerber das Abschlußzeugnis einer "High
School" (etwa dem Realschulzeugnis entsprechend) sowie eine Mindestlehrzeit von einem Jahr voraus. Zu diesen Berufen zählen unter anderen: Bäcker, Maurer, Klempner, Elektriker, Maschinenbauer, Schneider
und Sekretär. Bei weiteren 24 Berufen wird das Abschlußzeugnis eines
College sowie eine zusätzliche Spezialausbildung verlangt. In diese
Berufskategorie fallen unter anderem die Lehrer, Bibliothekare,
Sozialhelfer, Psychologen, Metallurgen, Veterinäre und Agronomen.
Nur für 4 der 70 Berufe (darunter Schweißer und Krankenschwester)
wird kein Oberschul-Abschlußzeugnis verlangt, aber doch mindestens der

- 9 -

�der zweijährige Besuch einer Oberschule und eine bestimmte Spezialausbildung.
Diese 70 Berufe, in denen schon jetzt ein großer Bedarf besteht,
sind nach Ansicht der Wirtschaftsexperten für das künftige wirtschaftliche Wachstum in den USA von entscheidender Bedeutung. Nach ihrer
Meinung könnte nämlich ein erheblicher Mangel an diesen Arbeitskräften
sogar zu einem gefährlichen Absinken der jährlichen wirtschaftlichen
Wachstumsrate führen.
Das ist eine sehr deutliche Warnung. Sie bedeutet, da3 das künftige
wirtschaftliche Wohlergehen des Landes im großen Maße von dem abhängen
wird, was der Jugend heute an schulischen und beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten geboten wird. Daher auch der große Nachdruck, der sowohl
von der Wirtschaft als auch von der Regierung auf die Verbesserung des
allgemeinen Schulniveaus in den USA gelegt wird - denn nur ein hoher
Bildungsstand und eine umfassende berufliche Ausbildung können die USA
letzten Endes in die Lage versetzen, das von Präsident Johnson angestrebte Ziel einer "Great Society" zu erreichen.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

US-Industrie bietet Führungspositionen für Farbige
Das Berufsbild des amerikanischen Farbigen beginnt sich zu wandeln.
Der traditionelle Weg in gehobene Berufe führte bisher über ein akademisches Studium, und Farbige strebten vornehmlich Positionen auf den
Gebieten der Rechtspflege, der Medizin, der Pädagogik oder der Seelsorge
an. Neuerdings bieten sich in zunehmendem Maße auch in der Industrie
entsprechende Chancen.
Der sich abzeichnende Wandel in der Berufsstruktur der amerikanischen
Farbigen ist also vor allem durch eine stärkere Hinwendung zu den höheren
Angestelltenberufen gekennzeichnet. Das alte Schema, wonach Farbige überwiegend in den selbständigen Berufen zu Erfolg zu kommen trachteten, dürfte damit im Laufe der Entwicklung abgebaut werden. Dieser Vorgang steht
im Einklang mit den Bestrebungen des Präsidialausschusses zur Sicherung
gleicher Beschäftigungsbedingungen; er wird von bedeutenden Firmen der
amerikanischen Industrie tatkräftig gefördert.
Im Rahmen des 1961 eingeführten Programms "Plans for Progress"
haben sich 279 amerikanische Industriefirmen zur Ausschaltung jeglicher
rassebedingter Diskriminierung bei Einstellungs- und Beförderungsvorgängen in ihren Betrieben verpflichtet. Und eine 1964 angefertigte Studie
ermittelte, daß Farbige mehr als 12 Prozent aller neugeschaffenen Angestelltenarbeitsplätze innehaben. Als frühere Vergleichszahl werden 1,5
Prozent angegeben. Wie Hobart Taylor jr., der stellvertretende Vorsitzende des Präsidialausschusses, erklärte, bietet die amerikanische

- 10 -

�amerikanische Industrie derzeit mehr gehobene Positionen für Farbige
an als qualifizierte Bewerber vorhanden sind.
Ähnlich wie in den akademischen Berufssparten ist auch in der
Industrie die bildungsmäßige Qualifikation die entscheidende Voraussetzung. Und Farbige, die sich für die Industrielaufbahn entscheiden,
stellen sehr schnell fest, daß ihre Bewerbungen nicht unter dem Gesichtspunkt der Rassenzugehörigkeit beurteilt werden, sondern daß
man allein auf Grund der Befähigung des einzelnen Bewerbers entscheidet.
Angesichts dieser Entwicklung wird die Frage der qualifizierten
beruflichen Vorbildung immer wichtiger. Eine Reihe von großen amerikanischen Firmen, wie etwa der General-Electric-Konzern, hat besondere berufliche Aus- und Weiterbildungsprogramme eingeführt. Betriebsinterne Lehrgänge, aber auch Pläne zur Übernahme der Ausbildungskosten durch die Firma gehören dazu. Außerdem wird die Möglichkeit
der Xeilzeitarbeit neben dem Studium eingeräumt.
Der Teilnebmerkreis dieser beruflichen Fortbildungsprogramme
umfaßt Angehörige aller Bildungsgrade - vom Hochschulabsolventen bis
zum vorzeitigen Grundschulabgänger.
Ein typisches Beispiel für einen vorzeitigen Grundschulabgänger,
der bei General Electric als ungelernte Hilfskraft begann und heute
die Position einer gut bezahlten Fachkraft einnimmt, ist Thomas Carter
aus Philadelphia. In der Haushaltsartikelabteilung von General Electric
fing er als Lastwagenwäscher an. In den folgenden 17 Jahren erwarb er
auf Lehrgängen umfassende Kenntnisse im Kraftfahrzeug- und im Elektrohandwerk. So vermochte er nach und nach seine Position zu verbessern.
Farbige werden heute selbst für betriebliche Führungsaufgaben
herangezogen. Samuel H. Howard war Doktorand der Volkswirtschaft an
der Stanford University in Kalifornien, ehe er ein Angebot von General
Electric annahm. Seit 1962 absolviert er eine Spezialausbildung als
Nachwuchs-Führungskraft mit glänzendem Erfolg. General Electric schätzt
sich glücklich, die hervorragenden Fähigkeiten des jungen Hannes erkannt zu haben. Zweifellos wird - er.nach Abschluß seines Ausbildungsprogramms in der Lage sein, eine wichtige und hoch dotierte Führungsposition in dem großen amerikanischen Konzern einzunehmen.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
Chrysler startete bemerkenswertes Umschulungsprogramm
Zur Behebung des chronischen Hangels an Automobilfacharbeitern
in ihren Vertragswerkstätten hat die Chrysler Corporation jetzt ein
umfassendes Umschulungsprogramm gestartet, in dessen erster Phase insgesamt 1000 Dauerarbeitslose oder chronisch unterbeschäftigte Arbeitnehmer zu Automechanikern und Karosserieschlossern ausgebildet werden
sollen.

- 11 -

�r
Da dieses vom drittgrößten Automobilhersteller der USA entwickelte
Programm auch gleichzeitig den Bemühungen der US-Regierung zur Beseitigung der Dauerarbeitslosigkeit Rechnung trägt, haben das Arbeits- und
das Handelsministerium sich vertraglich verpflichtet, die Umschulungskurse finanziell zu unterstützen und die entsprechenden staatlichen
Einrichtungen hierfür kostenlos zur Verfügung zu stellen.
Das Programm, das sich zunächst über einen Zeitraum von drei Jahren
erstrecken und in der zweiten Phase weitere 1000 Arbeitslose einer produktiven Beschäftigung zuführen soll, wird nach Angaben der Chrysler
Corporation insgesamt 7,85 Millionen Dollar erfordern. Davon wird das
Unternehmen selbst 6,463 Millionen Dollar aufbringen, den Rest (1,387
Mio. Dollar) die Bundesregierung.
Das neue Umschulungsprogramm wird auf lokaler Ebene in Zusammenarbeit mit örtlichen Stellen durchgeführt und zuerst bei Vertragshändlern in vier Großstädten entwickelt. Vorgesehen ist, daß die Bewerber
von Vertretern der Arbeitsämter geprüft und ausgewählt und den einzelnen Werkstätten zugeteilt werden. Die Umschüler sollen tagsüber während
der normalen Arbeitszeit in den Betrieben von den Meistern Unterweisung
in der praktischen Arbeit und abends, nach Feierabend, in den Berufsschulen theoretischen Unterricht in Kraftfahrzeugmechanik erhalten.
Der Anfangslohn für die Umschüler beträgt etwa 1,50 Dollar pro
Stunde, das ist rund die Hälfte des durchschnittlichen Stundenlohns für
einen ausgebildeten Kraftfahrzeugmechaniker. Die Chrysler Corporation
unterhält in den Vereinigten Staaten insgesamt 6300 Vertragswerkstätten.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++
600 000 US-Regierungsangestellte sind Gewerkschaftsmitglieder
Rund 600 000 der 2,5 Millionen im Dienste der amerikanischen Bundesregierung beschäftigten Personen genießen tarifvertraglichen Schutz. Insgesamt sind gegenwärtig 205 unter den Rahmenbestimmungen der von Präsident Kennedy 1962 erlassenen Regierungsverordnung Nr. 10988 ausgehandelte
Tarifverträge für den Bereich der amerikanischen Bundesregierung in Kraft.
Auf Grund des Präsidialerlasses gelten Gewerkschaften im Bereich der. Bundesregierung als anerkannt, sofern sie von der Mehrheit der Beschäftigten
unterstützt werden.
Aus einer Anfang des Jahres vom US-Arbeitsministerium veröffentlichten Studie geht hervor, daß rund 470 000 von nur sechs Gewerkschaften
vertretene Postangestellte den Hauptanteil der durch Tarifverträge gesicherten Beschäftigten stellen. Drei Gewerkschaften, nämlich die Vereinigte
Föderation der Postangestellten und die Nationale Briefträgergewerkschaft,
beide der AFL-CIO angeschlossen, sowie die unabhängige Nationale Landbriefträgergewerkschaft, vereinigen 75 Prozent der 593 000 gewerkschaftlich organisierten Bundesbediensteten auf sich. Weitere 55 000 Beschäftigte sind von der Gewerkschaft der amerikanischen Regierungs- und Verwaltungsangestellten (AFL-CIO) organisiert. Für diese Gruppe sind 108

- 12 -

�108 Tarifverträge in Kraft. Zehn Verträge gelten für 37 000 in der
AFL-CIO-Gewerkschaftsabteilung für das Metallgewerbe organisierte
Arbeitnehmer. 8700 Arbeiter gehören der Maschinistengewerkschaft
(AFL-CIO) an. Hinzu kommt eine Reihe von unabhängigen Gewerkschaften,
zu deren Mitgliedern Bundesbedienstete der verschiedensten Sparten
gehören.
Von den nicht im Postdienst tätigen Gewerkschaftsangehörigen
stellt die Gruppe der Angestellten 23 000, die Gruppe der Lohnempfänger 57 000, während 42' 000 weitere gemischten Gruppen angehören.
Im Gegensatz zu anderen Gewerkschaftsmitgliedern ist den im
Dienste der amerikanischen Bundesregierung stehenden Personen das
Streikrecht durch Gesetz und durch den oben erwähnten Präsidialerlaß
verwehrt.
US-Arbeitsminister W. Willard Wirtz wies im Zusammenhang mit den
Ergebnissen der Untersuchung darauf hin, daß "im Bereich der amerikanischen Bundesregierung die Grundsätze guter Beziehungen zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer erfüllt" sind.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

- 13 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
ISIS l'.onn Ha.l Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 9

1. September 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Automation in zehn Großunternehmen

Seite 1

Gleiche Arbeitschancen für alle

Seite

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 10

7

Andrew Juvinall:
Automation in zehn Großunternehmen
Ergebnisse einer Umfrage über die Auswirkungen der Automatisierung auf
den Belegschaftssektor
AUS "The Christian Century".
Nachdruck ist mit Angabe des Verfassers und dem Vermerk
(c) 1965 by The Christian Century
Foundation
gestattet.
Die Auswirkungen der Automation auf Belegschaftsstärke und -Zusammensetzung großer Firmen sind langfristig empirisch noch nicht genügend
erforscht. Um den Mangel an verläßlicher Information zu beheben, führte
die Kommission für Gemeinde- und Wirtschaftsleben des Northern California-Nevada Council of Churches kürzlich eine Befragung der 20 größten
Unternehmen in Kalifornien durch.
Unter den zehn Firmen, deren Antworten berücksichtigt wurden, befanden sich sieben mit einer nicht ausschließlich auf den Bundesstaat
Kalifornien beschränkten Geschäftstätigkeit. Es handelte sich um folgende zehn Firmen: die Bank of America, das größte Bankunternehmen der Welt;
United Airlines, die größte Fluggesellschaft der Welt; Pacific Telephone
and Telegraph, die Firma mit der größten Beschäftigtenzahl in Kalifornien; die Atchison, Topeka and Santa Fe Railway; die Pacific Gas and
Electric Co., das größte öffentliche Versorgungsunternehmen seiner Art
in den USA; Shell Oil Co.; Douglas Aircraft Co.; Aerojet; Rohr Aircraft
Corp.; North American Aviation, das zweitgrößte Luft- und RaumfahrtUnternehmen in den USA.
Die

- 1-

�Die erste Frage lautete: "In welchem Maße ist Ihre Firma automatisiert?»
Zunächst ergab sich, daß sich alle Firmen fortschrittlicher technischer Einrichtungen und Verfahren bedienen. Die Bank of America hat
fast alle bedeutenden
Routinebuchungsvorgänge auf elektronische
Rechen- und Buchungsmaschinen umgestellt. Die Santa-Fe-Eisenbahngesellschaft arbeitet mit zentral gesteuerten Signalsystemen, verfügt
über elektronisch gesteuerte automatische Verschiebebahnhöte, hat die
Wartung der Ausrüstungen weitgehend mechanisiert und setzt elektronische
Datenverarbeitungsanlagen ein. Shell betonte, die Erdölindustrie könne
als die am weitesten durchautomatisierte Branche gelten. In dem weiteren
Sinne der Übertragung menschlicher Fertigkeiten auf Maschinen sind alle
diese Firmen von Anfang an irgendwie mit "Automation" befaßt gewesen;
neuere Entwicklungen trugen nur zur Beschleunigung des Automatisierungstempos bei.
Die zweite Frage lautete: "Welche Probleme wurden durch die Einführung der Automation aufgeworfen?"
United Airlines antwortete: "Keine". Die Bank of America berichtete
von geringfügigen Planungs- und Verfahrensschwierigkeiten. Pacific Gas
and Electric bezeichnete die aufgetretenen Probleme als keineswegs unlösbar. Man habe die Umstellungen langfristig geplant und daher die betroffenen Arbeitnehmer rechtzeitig auf die neuen Verfahren umschulen
oder sie an anderen Arbeitsplätzen unterbringen können. Pacific Telephone and. Telegraph bezeichnete die Anpassung an den rapiden Wandel als
das umfassends'i Problem, betonte jedoch, dieses Problem könne durch langfristige Vorausplanung bewältigt werden. Santa Fe berichtete, daß die
Automatisierung zahlreiche untergeordnete Tätigkeiten überflüssig gemacht
und außerdem die Abwicklung des Schienenverkehrs beschleunigt habe. Freilich seien Personalkürzungen unumgänglich geworden. Douglas teilte mit,
die Automation sowie die Schwerpunktverlagerung von der Flugzeugfertigung auf den Lenkwaffen- und Raumfahrzeugbau hätten zu einer erheblichen
Personalverminderung geführt. Die Firma sei jedoch in der Lage, viele
der automationsverdrängten Arbeitnehmer in anderen Abteilungen weiterzubeschäftigen oder umzuschulen.
Die dritte Frage lautete: "Nehmen Sie an, daß sich bei weiterer
Automatisierung die Belegschaftsstärke weiter verringern wird?"
Hier wurde ein einstimmiges Nein verzeichnet. Santa Fe äußerte sich
zuversichtlich hinsichtlich einer Steigerung der Geschäftstätigkeit im
Zuge der Automation. Die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze bei erhöhter Arbeitsplatzsicherheit werde möglich sein. Pacific Gas and Electric
berichtete, daß sich die Neueinstellungschancen durch die Automation nicht
verringert hätten, während sich die Zahl der Arbeitsplätze durch die Expansion der Firma sogar in bescheidenem Umfang vermehrt habe. Pacific
Telephone erklärte: "Um die stark ansteigenden Anforderungen an unseren
Dienstleistungsbetrieb erfüllen zu können, benötigten wir mehr Mitarbeiter
trotz der Automatisierung. Solange das dynamische Wachstum in Nevada und
Kalifornien anhält, sind Arbeitsplatzstreichungen unwahrscheinlich." Rohr
Aircraft meinte: "Unsere langfristige Planung sieht keine Verminderung der
Gesamtstärke unserer Belegschaft vor." North American ist, wie viele andere
Firmen der Luft- und Raumfahrtindustrie, technisch höchst fortschrittlich
ausgerüstet. Die Firma ist auf eine geradezu enzyklopädische Vielfalt von

- 2-

�von Produkten nach Kundenwunsch spezialisiert. Massenproduktion spielt
fast gar keine Rolle. Aufgrund dieser breiten Streuung der Fertigungsbereiche, aber auch wegen einer nicht unerheblichen Absatzverlagerung
auf den nicht-nilitärischen Sektor der Raumfahrt und Atomenergie war
die Firma suvaraichtlich, einen hohen Beschäftigtenstand aufrechterhalten zu können.
Die vierte Frage lautete: "Wie stark ist Ihre Belegschaft heute
im Vergleich zu der Zeit vor der Automatisierung bestimmter Betriebsabläufe in Ihrem Unternehmen?M
Hier wurden sehr unterschiedliche Antworten gegeben. Die Pacific
Telephone hat ihre Belegschaft seit 1945 trotz fortschreitender Automatisierung um 55 Prozent vergrößert. Rohr und Aerojet verzeichneten einen
Rückgang der Belegschaftsstärke, was auf einen Rückgang der Verteidigungsauf träge, zurückgeführt wird. Die Bank of America teilte mit, sie
habe die Zahl ihrer Mitarbeiter während der FünfJahresperiode der Umstellung auf automatische Buchungsanlagen um.15 Prozent erhöht.United
Airlines hat ihre iFinanzbuchhaltung kürzlich auf elektronische Rechenmaschinen umgestellt; in den letzten drei Jahren jedoch ist die Zahl
ihrer Beschäftigten leicht angestiegen. Znnächst hatte die Firma angenommen, daß die Umstellung auf Düsenflugzeuge eine Verringerung der
Ingenieur- und Mechanikerstellen ermöglichen werde; die starke Zunahme
des Reiseflugverkehrs machte statt dessen eine Erhöhung der Stellenzahl
um rund 10 Prozent erforderlich. Santa Fe berichtete, daß die in den
vergangenen 20 Jahren schrittweise vorgenommene Verdieselung sowie der
Schiedsspruch in der Frage der Weiterbeschäftigung der Heizer auf Dieselloks aus dem Jahre 1963 eine Streichung der meisten Heizerstellen auf
Güter- und Rangierlokomotiven ermöglicht habe. Pacific Gas and Electric
teilte mit, die Belegschaft des Unternehmens habe sich seit 1957 um
etwas über 8,5 Prozent vergrößert. Shell meldete eine Verringerung der
Beschäftigtenzahl von 39 000 im Jahr 1955 auf 32 500 im Jahr 1964. Die
Reduzierung sei das Ergebnis eines normalen Schrumpfungsprozesses - .Ausscheiden aus Altersgründen, Kündigungen seitens der Arbeitnehmer und Einführung eines attraktiven Systems zur Förderung der vorzeitigen Pensionierung. Bis 1955 hatte das Unternehmen trotz einer 20jährigen stetigen
Automatisierung ein Ansteigen der Beschäftigtenzahl zu verzeichnen.
Die fünfte Frage lautete: "In'welcher Hinsicht hat die Automatisierung zu einer .Veränderung der Anforderungen an die fachlichen Qualifikationen der Arbeitnehmer geführt?"
Übereinstimmend stellten alle Unternehmen zunächst einmal fest,
daß die Anforderungen tatsächlich gestiegen seien. Rohr und Aerojet wiesen jedoch darauf hin, daß die Bedienung einer Reihe von numerisch kontrollierten Maschinen praktisch, keine besonderen Fachkenntnisse voraussetze, in diesem Falle also eine Steigerung der QualifikäMonsanforderungen nicht eingetreten sei. Die Bank of America führte aus: "Abgesehen von
der Tatsache, daß sich neue .Laufbahnen eröffnet haben - so. zum Beispiel
in der Forschung und in anderen Tätigkeitsbereichen, die mit den neuen
Systemen verbunden sind -, ist heute ein weitaus größerer
Leil unserer
Mitarbeiter weniger mit Routinearbeiten als mit der höhere Anforderungen
stellenden Kundenberatung befaßt." Santa Fe teilte mit, daß die fachlichen
Anforderungen praktisch in allen Bereichen des Unternehmens gestiegen
seien. Pacific Gas and Electric bestätigte, daß als Folge der Automatisie-

�Automatisierung eine Zunahme der Facharbeiter- und eine Abnahme der
Hilfsarbeiterstellen eingetreten und daß mit den erhöhten fachlichen
Anforderungen zahlreiche neuartige Facharbeiterstellen hinzugekommen
sind. Sowohl Shell als auch Douglas berichteten, daß der herkömmliche
Fließbandarbeiter immer mehr .durch den hochqualifizierten gebildeten
Facharbeiter verdrängt wird. Während bei Douglas 1940 noch 90 Prozent
aller Arbeitnehmer am Fertigungsband standen, sind es heute bereits
weniger als 50 Prozent.
Die sechste Frage lautete: "Welche Vorkehrungen treffen Sie zum
Schutz Ihrer Belegschaft gegenüber weiteren Automatisierungsmaßnahmen?"
Pacific Telephone verständigt seine Mitarbeiter rechtzeitig im
voraus von geplanten Veränderungen, richtet Umschulungslehrgänge ein
und paßt die Tätigkeitsspezifizierungen jeweils den neuen Gegebenheiten
an. Die Bank of America veranstaltet für ihre Angestellten eine Reihe
von Fortbildungskursen und hat ein Trainingsprogramm zur Umschulung am
Arbeitsplatz eingerichtet. Ähnliche.Programme bestehen auch bei der
Santa Fe. Hier wird jedoch gelegentlich Klage geführt, daß bestimmte
Gewerkschaften gegen Umschulungsmaßnahmen opponieren. Shell Oil sowie
Pacific Gas and Electric bieten ihren Belegschaften ebenfalls Umschulungsprogramme. Douglas stellte 1962/63 insgesamt 1563 Belegschaftsmitgliedern College-: und Fachschulstipendien zur Verfügung, und arbeitete
bei der Zusammenstellung von entsprechenden Fortbildungskursen eng mit
den Hochschulen zusammen.
. „Mitarbeiter der North American absolvierten 1963 insgesamt 28 000
Fachprüfunger im Rahmen der betriebsinternen Schulung. Ähnlichen Fortbildungsprogrammen der vorangegangenen zwei Jahre wird es zugeschrieben,
daß mittlerweile rund 3000 Belegschaftsmitglieder den Sprung in Angestelltenberufe schafften. 465 Firmenangehörige studieren gegenwärtig
mit Firmenunterstützung und streben das Magisterexamen an, weitere 112
Firmenangehörige arbeiten im Rahmen der Studienförderungsprogramme der
Firma auf die Promotion zum Doktor hin. North American trägt dabei die
Studienkosten und gewährt in.einer Reihe von Fällen auch Unterhaltsbeihilfen. North American beschäftigt in seinen in 21 amerikanischen Bundesstaaten bestehenden Niederlassungen mehrere tausend Farbige. 181 Angehörige dieser Belegschaftsgruppe sind als aufsichtführende Personen tätig.
Bezeichnend für die Fortkommenschancen, die die Firma bietet, ist das
Beispiel eines Farbigen, der 1946 als Pförtner eingestellt wurde und der
es,nach einem zwischenzeitlichen Studium mit Unterstützung der Firma,
erst zum Laborangestellten brachte und heute für Gesundheits- und Arbeitsschutzfragen in der Atomics International Division von North American
zuständig ist. Ihm sind 50 Mitarbeiter unterstellt.
Eine weitere Frage lautete: "Verfügen Sie über Pläne zur Beteiligung
der Aktionäre, Belegschaftsmitglieder und Verbraucher an den Automationsgewinnen ?"
Die Bank of America teilte mit, die Automation habe zu einer Stabilisierung der Betriebskosten beigetragen und es damit ermöglicht, eine
Erhöhung der Kundendienstgebühren abzuwenden. Zugleich konnten höhere
Dividenden gezahlt und eine Anhebung der Angestelltengehälter vorgenommen

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�vorgenommen werden. Die technische Modernisierung verschaffte den
United-Kunden direkte Vorteile: Noch 1940 kostete der 17 Stunden dauernde und durch sechs Zwischenlandungen unterbrochene Flug San Francisco-New York 149,95 Dollar. Heute zahlt der Fluggast für den nur
noch fünf Stunden dauernden Nonstopflug mit einer modernen DC-8-Düsenmaschine 145810 Dollar. Von ähnlichen Verbesserungen berichtete Pacific Telephone: 1920 kostete ein dreiminütiges Ferngespräch quer über
den amerikanischen Kontinent 16,50 Dollar, und.es dauerte durchschnittlich zehn Minuten, ehe es zustande kam. Heute läßt sich das Gespräch
binnen Sekunden durch Selbstwählvermittlung zustande bringen und es
kostet nur noch 1 Dollar (Nachttarif).
Santa Fe wies darauf hin, daß der Rückgang im Güterverkehr, die
geringe Zunahme der Personenbeförderung sowie die erheblich gestiegenen Kosten für Material, Brennstoff und Arbeitskräfte (50 Prozent in
zehn Jahren) eine Weitergabe von Automationsgewinnen illusorisch machen. Die Investitionsgewinne nach Abschreibung hätten für 1963 nur
4,17 Prozent betragen. Pacific Gas and Electric teilte mit, die Automationsgewinne hätten sich in den Kundentarifen niedergeschlagen. Shell
gab an, trotz verstärkter Bemühungen um die Qualitätsverbesserung der
Treibstoffe sei es der Gesellschaft aufgrund technischer Modernisierung
möglich, ihre Produkte gegenwärtig zu dem niedrigsten Großhandelspreis
seit 15 Jahren zu offerieren.
Das Ergebnis der Umfrage macht deutlich, daß die Automatisierung
für den Kunden vorteilhaft ist: Sie trägt zur Kostensenkung oder Stabilisierung eines gegebenen Kostenniveaus bei, das unter anderen Umständen hätte heraufgesetzt werden müssen. Sämtliche befragten Großfirmen
unternehmen erhebliche Anstrengungen, um die Leistungsfähigkeit ihrer
Belegschaften den neuen Erfordernissen anzupassen und die potentielle
AutomationsVerdrängung durch Umschulung zu kompensieren. Die Automatisierung führte außerdem zu einer deutlichen Steigerung der Ansprüche
an die Fachkenntnisse der Beschäftigten. Bemerkenswert ist, daß zahlreiche Arbeitnehmer der Automatisierung nicht tatenlos gegenüberstehen,
sondern regen Gebrauch von den Umschulungs- und Fortbildungsprogrammen
ihrer Firmen machen. Die Automation wirkte sich lohnsteigerrid eis*. In
den Dienstleistungsbereichen stieg der Personalbestand entweder an.
oder er blieb konstant. Dagegen war im Bereich der Fertigungsindustrien
eine Tendenz zur Senkung.des Personalbestandes erkennbar - eine Feststellung, die für die ganzen Vereinigten Staaten gilt. In Fällen jedoch,
in denen die Belegschaften kalifornischer Zweigwerke vergrößert wurden,
hielt die Zunahme nicht mit dem Bevölkerungszuwachs Schritt. Keine der
befragten Firmen verfügte über spezifische Pläne zur Beteiligung von
Aktionären, Arbeitnehmern und Konsumenten an den Automationsgewinnen,
etwa nach dem Modell, das die Firma Kaiser Steel Co. 1959 einführte.
Kaiser Steel bildete damals eine Sonderkommission zur Lösung dieses
Probl ems. Viele der befragten Firmen betonten jedoch, man werde nennenswerte Automationsgewinne '•automatisch" an die Aktionäre, Arbeitnehmer
und Konsumenten weitergeben.
Die Angaben dieser Firmen, die von Männern mit sozialem Weitblick
geleitet werden, legen den Schluß nahe, daß angesichts der Zahl von 3,8
Millionen Arbeitslosen die Nation nur in ihrer Gesamtheit in der Lage

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�Lage sein wird, die bedrohlichen Folgen künftiger umfassenderer Automatisierungsmaßnahmen abzuwenden. Vorzeitiges Ausscheiden aus dem
Arbeitsprozeß wie auch der normale Schrumpfungsprozeß mögen den "Automa tions schock" für die Belegschaften von Shell, Santa Fe oder Douglas
zunächst mildern. Auf der anderen Seite besteht jedoch die Notwendigkeit, den stellungslosen Jugendlichen sowie den aus automationsintensiven Branchen wie dem Bergbau, der Stahl- oder der Automobilindustrie
ausscheidenden Arbeitnehmern Arbeitsplätze zu verschaffen. Mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Regelung der Berufsförderung und Arbeitsmarktexpansion (Manpower Development and Training Act) hat der Kongreß
diesem Problem bereits 1962 Rechnung getragen.
Als sehr nützlich erwiese sich eine Umzugsbeihilfe der Bundesregierung für entlassene Arbeitnehmer, die in anderen Gebieten Arbeit
erhalten können. Zur Beseitigung sozialer Härten wie auch zur Schließung gewisser Beschäftigungslücken sind darüber hinaus umfangreiche
staatliche und. private Projekte wie etwa Maßnahmen zur Bodenkonservierung und Urbarmachung, Verkehrsbauten sowie Projekte zur städtebaulichen Sanierung geeignet.Schließlich müßten sich Staat und privates
Unternehmertum ernsthaft Gedanken über die Verwendung der Automationsgewinne machen. Mehr Freizeit, längerer bezahlter Urlaub sind Möglichkeiten, die sich anbieten. Unternehmen, die am Wohlergehen ihrer Arbeitnehmer interessiert sind, werden sich darüber hinaus rechtzeitig
mit den Gewerkschaften über geeignete Maßnahmen zur Milderung der mit
der automationsbedingten Arbeitslosigkeit unvermeidlich verbundenen
Härten verständigen. In den TarifVerhandlungen kommen in zunehmenden
Maße bereits auch diese Fragen zur Sprache.
.'Die Automation ist generell zu bejahen. Es muß nur gewährleistet
sein, daß sie allen zum Segen gereicht. Von Unternehmern, Gewerkschaften,
aber auch vom Staat ist daher ein hohes Maß an Einsicht und Verantwortungsbewußtsein zu fordern, soll die Automation schließlich die in sie
gesetzten Erwartungen erfüllen...

(Aus "The Christian Century")

+++ * +

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�Donald Slaiman, Direktor der Abteilung Bürgerrechte der AFL-CIO:
Gleiche Arbeitschancen für alle
Der Kampf der Gewerkschaften gegen die Diskriminierung
Es ist eines der Grundprinzipien und Ziele der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung, für alle Arbeitnehmer die gleichen Vorteile gewerkschaftlicher Organisierung anzustreben - ohne Bücksicht darauf, welcher
Volksgruppe oder Religion sie angehören, welcher Herkunft sie sind oder
welche Hautfarbe sie haben. Bereits vor dem Zusammenschluß von AFL und
CIO bemühten sich die Gewerkschaften darum, ihre Aktivität auf dieses
Ziel abzustimmen. Aus diesem Grund ist es auch leicht verständlich, daß
die (Gewerkschaften bei der Erörterung und Verabschiedung des Bürgerrechtsgesetzes von 1964 eine so wichtige Rolle spielten. Ihr Verhalten bedeutete
in der Tat eine Stärkung der Position der zahlreichen Organisationen, die
für die Bürgerrechte, für konfessionelle und kommunale Interessen eintreten und in der Leadership Conference on Civil Rights, einer ständigen
Konferenz führender Bürgerschaftsvertreter, zusammengeschlossen sind.
In der ursprünglichen Fassung des Gesetzes fehlte der Passus, der
bei einer Diskriminierung am Arbeitsplatz eine Entschädigung vorsieht.
Viele Befürworter des Bürgerrechtsgesetzes fürchteten die Aufnahme einer
solchen Bestimmung in den Gesetzestext, weil damit ihrer Ansicht nach
die Annahme der ganzen Vorlage in Frage gestellt worden wäre. Aber die
Gewerkschaften erkannten die Bedeutung gerade dieser Bestimmung für ihre
eigenen Programme und kämpften energisch für den Abschnitt VII, der "gleiche Beschäftigungsbedingungen für alle'1 vorsieht.
Wenn auch das Hauptaugenmerk der Gewerkschaften dem Abschnitt VII
gilt, so ist ihr Interesse an dem Gesetz damit doch nicht erschöpft..
Denn Erziehungswesen, Sozialwesen und Wahlrecht sind ebenfalls wirksame
Instrumente zur Erzielung voller Gleichberechtigung und müssen deshalb
nachdrücklich gefördert werden. Nach Ansicht der meisten amerikanischen
Gewerkschaftsführer k«nn eine echte Gleichberechtigung der farbigen Bevölkerung auf dem Arbeitssektor nicht"durch kleine Schritte erreicht, werden. Vielmehr bedarf es eines massiven Programms, das alle Punkte des
Gesetzes durchzusetzen sucht und alle Bavölkerungsteile zur Mitarbeit heranzieht, um das angestrebte Ziel zu erreichen.
Die Aufgaben der Gewerkschaften sind dabei überaus vielschichtig
und weitreichend. Komplizierte Probleme gilt es zu lösen - Probleme, die
nicht einfach durch Beseitigung der Diskriminierung aus der Welt zu schaffen sind. So brauchen beispielsweise die Neger besonders gute Bildungsmöglichkeiten, damit die Versäumnisse von Jahrzehnten nachgeholt werden
können. Amerika steht inmitten einer technischen Revolution, die die gesamte Struktur des Arbeitsmarktes verändert. Im ganzen gesehen verlieren zu
viele Neger und andere Farbige infolge der Streichung von Arbeitsplätzen
für ungelernte und angelernte Arbeiter ihre Stellung &lt;= Beschäftigungen also,
in denen überwiegend Farbige tätig sind. Das Gewerkschaftsprogramm wurde
angesichts der oben erwähnten Probleme formuliert und hat bereits auf vielen Gebieten zu konkreten Ergebnissen geführt.
Was

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�Was ist der gegenwärtige Kurs der Gewerkschaften?
Am 4. August 1964 forderte der Exekutivrat der AFL-CIO die freiwillige Befolgung des Gesetzes auf breitester Basis. Abschnitt VII
des Gesetzes wurde jedoch ausdrücklich hervorgehoben, weil die Gewerkschaften in dieser Hinsicht besondere Verantwortung tragen. Der Rat
berief eine nationale Konferenz von Gewerkschaftsführern aller Funktionsbereiche für den 2. September 1964 ein. Die Delegierten wurden
aufgefordert, ein Fünf-Punkte-Programm auszuarbeiten und seine Verwirklichung in die Wege zu leiten.
Punkt 1 drang auf eine beschleunigte Unterrichtung der Gewerkschaftsmitglieder über Ziele und Bestimmungen des Gesetzes. Alle zuständigen Stellen der AFL-CIO und. maßgebliche Persönlichkeiten der angeschlossenen internationalen (amerikanisch-kanadischen) Gewerkschaften
koordinierten ihre Anstrengungen zur Vorbereitung geeigneter Literatur
und Handbücher für diese Aufgabe. In zwei Broschüren wurde der Gewerkschaftsstandpunkt in der Frage der.Bürgerrechte klar umrissen. In der
im September 1964 herausgegebenen Broschüre »Bürgerrechtes Tatsechen
und Fiktion'* wurde mit den Gerüchten über die. Forderungen.der Neger aufgeräumt, die Rassenfanatiker ausgestreut hatten. Schließlich wurde ein
Handbuch für kommunale Gewerkschaftsführer zusammengestellt, das als
Leitfaden zur Aufstellung von Aktionsprogrammen auf kommunaler Basis
dienen konnte.
Punkt 2 forderte die Schaffung von mehr AFL-CIO-Arbeitsgruppen
auf kommunaler Ebene - ein Versuch, örtliche Gewerkschaftsbewegungen
zu mobilisieren, die gemeinsam mit anderen Gruppen örtliche Aktionsprogramme zur Förderung der Bürgerrechte unterstützen.
Punkt 3, ein Grundsatzprogramm, forderte die freiwillige Befolgung
der Bestimmungen von Abschnitt VII des Bürgerrechtsgesetzes. Die Gewerkschaften wurden angehalten, auf die Praktiken gewerkschaftlich gebundener und nicht gebundener Arbeitgeber zu achten und bei solchen Arbeitgebern, die sich nicht an das Gesetz hielten, die Einhaltung der Bestimmungen durchzusetzen.
Punkt 4 verlangte von den Gewerkschaften ständige Wachsamkeit.
Jede sollte in ihrem Gebiet beobachten, wie in der Praxis das Gesetz gehandhabt wird. Auch wurden die Gewerkschaften aufgerufen, die Durchsetzung der gesetzlichen Bestimmungen wirksam zu unterstützen..
Punkt 5 forderte alle Angehörigen der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu kritischer Beurteilung des Gesetzes in seiner jetzigen Form
auf. Unzulänglichkeiten, sollten aufgedeckt werden, um sie auf dem Gesetzeswege korrigieren zu können.
Am 5. Oktober 1964 ersuchte George Meany, Präsident der AFL-CIO, die
Führer aller nationalen und internationalen Gewerkschaften, zur Unterstützung der lokalen Kampagnen für die Gleichberechtigung maßgebliche
Vertreter zu benennen« Anschließend sollte jeweils ein Spitzenfunktionär
bestimmt werden, der für die Ausarbeitung und Durchsetzung eines Programms

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�Programms zur Erzielung gleicher Beschäftigungsbedingungen für alle
in den einzelnen gewerblichen oder Industriegewerkschaften verantwortlich
zu sein habe-' Inzwischen haben 75 nationale Gewerkschaften - in Kürze
wird ihre Zahl.auf 100 gestiegen sein - diese Funktionäre bestimmt; die
Programme sind eingeleitet.
Zwei in diesem Jahr abgehaltene Konferenzen hatten ebenfalls eine
intensivere Durchsetzung von Abschnitt VII zum Ziel, vornehmlich in
Städten, die als Schlüsselpositionen zu betrachten sind. Darüber hinaus
sollen die Gewerkschaftsführer - bei der zweiten Konferenz waren 74 internationale Gewerkschaften mit einer Gessratmitgliedschaft von 10,2 Millionen Arbeitnehmern vertreten - die Funktion von Verbindungsleuten zu der
neugeschaffenen "Bundeskommission zur Sicherung gleicher Beschäftigungsbedingungen", zu.anderen Seglerungsbehörden und der Bürgerrechtsabteilung
*•* AFL~ CIO.ausüben. Bei der Aufstellung von Gewerkschaftsprogrammen zur
Ausschaltung diskriminierender Verhaltensweisen werden sie sich mit Problemen zu befassen haben, die die Praktiken sowohl der Arbeitgeber als
auch der Gewerkschaften selbst betreffen» Sie bemühen sich u.a. um die
Aufnahme von Klauseln über Nicht-Diskrlnr nierung in Tarifverträge, und
sie arbeiten Programme aus, die den örtlichen Gewerkschaften die Möglichkeit zur Durchsetzung dieser Klauseln verschaffen und sie befähigen, das
gesamte Tarifvertragswesen auf die Gleichstellung von Arbeitnehmern aus
Minderheitengruppen abzustimmen. Davon werden nicht zuletzt der berufliche Aufstieg und die Zulassung zur Lehrlingsausbildung betroffen.
Zahllose Beispiele gibt es dafür,,daß Neger in den Gewerkschaften
immer mehr in führende Positionen aufrücken» Die AFL-CIO führt keine nach
Rassenzugehörigkeit gegliederte Statistiken, aber man schätzt, daß die
AFL-CIO-Gewerkschaften 1,5 bis 1,7 Millionen farbige Mitglieder zählen.
Früher nach rassischen Gesichtspunkten getrennte örtliche Gewerkschaften
werden jetzt vereinigt. Bemerkenswerte Beispiele hierfür gibt es in den
Südstaaten in der Tabak-« Papier- und Textilindustrie und bei den Eisenbahnen .
Die Gewerkschaften ergreifen JctSt die Initiative im Ausfindigmachen
von Möglichkeiten, um den Angehörig«•« von Minderheitengruppen zu einer
besseren Einstufung im Betrieb zu verhelfen. In einigen Fällen werden
versuchsweise Prüfungen, für Jugendliche aus Minderheitengruppen beim Eintritt in den Betrieb durchgeführt, um ihnen eine Chance zu geben, zum
Facharbeiter aufzusteigen. Ein Beispiel hierfür ist das DemonstratIonsprojekt der Bezirksgruppe 9 der. Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft
in New York.. Unter gemeinsamer Förderung von gewerkschaftlicher und bundesbehördlicher Seite werden ungelernte Arbeiter zu Facharbeitern ausgebildet.
Ähnliche Bestrebungen gibt es im Hinblick auf die-Annahme jugendlicher
Neger als. Lehrlinge im Baugewerbe, Bildungsmäßig bringen sie nicht immer
die notwendigen Voraussetzungen mit. - jetzt wurden Vereinbarungen getroffen, sie trotzdem anzunehmen und entsprechend auizubl 1&lt;#«ni.

Sofern

�Sofern den Gewerkschaften die Durchsetzung des Prinzips der
Gleichbererhtigung am Arbeitsplatz bei Arbeitgebern, die Regierungsaufträge erhalten, nicht gelang, wurde Beschwerde beim "Präsidialausschuß zur Sicherung gleicher Beschäftigungsbedingungen" eingereicht.
Das neue Gesetz ist gut, aber es wird nicht automatisch befolgt.
Jeder Bevölkerungsteil muß die größtmöglichen Anstrengungen unternehmen, um die Einhaltung der Gesetzesbestimmungen auf freiwilliger Basis zu erreichen. Die Gewerkschaften haben im Hinblick auf die Ziele
des Bürgerrechtsgesetzes die Verpflichtung, Diskriminierung am Arbeitsplatz zu beseitigen, wo immer sie auftritt.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Neue Tarifverträge in der Gummiindustrie
Die kürzlich zwischen der "Vereinigten Gummiarbeitergewerkschaft"
(URW) und den "großen Drei" der amerikanischen Gummiindustrie (Firestone, Goodyear, Goodrich) abgeschlossenen neuen Tarifverträge bringen
insgesamt 51 500 Beschäftigte dieser drei Unternehmen in den Genuß höherer Löhne und Lohnnebenleistungen.
Im einzelnen sehen die drei sich in den Grundzügen ähnelnden und
für zwei Jahre abgeschlossenen Abkommen im ersten Jahr Lohnerhöhungen
von 7,5 Cent pro Stunde für Arbeiter in der Reifenproduktion und von
6,5 Cent für alle anderen Arbeitnehmer vor. Im zweiten Jahr dagegen
werden alle Arbeitnehmergruppen Lohnaufbesserungen von 9 Cent pro Stunde erhalten.
Von den zahlreichen verbesserten Lohnnebenleistungen sind vor allem
zu nennen: Gewährung von vier Wochen bezahltem Urlaub nach 15 (bisher 22)
und einer weiteren Woche nach 25 Dienstjähren; Gewährung eines neunten
bezahlten Feiertages pro Jahr; Erhöhung der zusätzlichen Unterstützungsleistungen bei Erwerbslosigkeit.
Auf Grund der neuen Regelung werden die maximalen Ausgleichsbeträge
zur staatlichen Arbeitslosenunterstützung allen Mitarbeitern mit einer
Betriebszugehörigkeit zwischen einem und fünf Jahren für die Dauer eines
Jahres gewährt, während sie bei einer Dienstzeit von über fünf bis zu
zehn Jahren 18 Monate, zwischen zehn und 15 Jahren 24 Monate, 15 und 25

- 10 -

�25 Dienstjahren 30 Monate und über 25 Dienstjahren 48 Monate gezahlt
werden.
Die durchschnittlichen Stundenlöhne der Produktionsarbeiter beliefen sich bei den drei Unternehmen bisher auf: 3,43 Dollar (Firestone), 3,41 Dollar (Goodyear) und 3,16 Dollar (Goodrich).

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

ILGWU-Gewerkschaft schloß Mustervertrag ab
Die Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsindustrie (ILGWU) hat
kürzlich mit dem größten Unternehmen dieser Branche, der Jonathan
Logan, Inc., einen neuen Tarifvertrag abgeschlossen, der für rund
7000 Arbeitnehmer gilt, die in insgesamt 75 Betrieben in 16 verschiedenen Bundesstaaten beschäftigt sind.
Durch den Abschluß dieses allgemein verbindlichen Tarifvertrages
(bisher wurde mit jedem einzelnen Betrieb ein Vertrag abgeschlossen)
soll verhindert werden, daß es künftig zu Betriebsstillegungen kommt,
solange die TarifVerhandlungen noch im Gange sind. Zur Schlichtung
von Streitfragen soll in Zukunft ein unparteiischer Schiedsmann eingesetzt werden, auf den sich beide Vertragsparteien geeinigt haben.
Das neue Tarifwerk ist in zwei Abschnitten gegliedert. Während im
Rahmenvertrag alle allgemeingültigen Grundsätze und Verfahrensfragen
aufgeführt sind, enthält Abschnitt 2 eine Reihe von Zusatzabkommen, die
auf die speziellen Gegebenheiten der einzelnen Betriebe abgestellt sind.
Neben diesen Regelungen bringt der neue Tarifvertrag den Beschäftigten eine zehnprozentige Lohnerhöhung, die in zwei Stufen (jeweils
fünf Prozent) vorgenommen wird, sowie höhere Ecklöhne für Stückarbeit
und verbesserte Zuschläge für Facharbeiter.

(Quelle: Eigenbericht;

+ ++++

- 11

�"GM" zahlte 7 Mio. Dollar für Verbesserungsvorschläge
Eine Rekordsumme von 7 868 184 Dollar hat die "General Motors Corporation" im vergangenen Jahr an ihre Mitarbeiter für Verbesserungsvorschläge ausgezahlt, die zur Arbeitserleichterung, Verminderung der Zahl
der Unfälle am Arbeitsplatz sowie zur Vereinfachung der Produktion und
Steigerung der Produktivität beitrugen.
Die im Vorjahr zur Auszahlung gelangte Summe ist höher als die in
den ersten zehn Jahren nach Einführung des betrieblichen Vorschlagswesens bei General Motors insgesamt ausgezahlten Beträge.
Die höchste Einzelsumme erhielt im vergangenen Jahr ein Mitarbeiter, der 142 Verbesserungsvorschläge eingereicht hatte, von denen 36
angenommen und mit insgesamt 45 905 Dollar prämiert wurden.

(Quelle: Eigenbericht)

+++++
Der Übergang von der Industrie- zur "Dienstleistungswirtschaft"
Was die Fachleute schon seit längerem vermuteten und die Statistiken anzudeuten schienen, ist jetzt durch eine Wirtschaftsanalyse weitgehend bestätigt worden: der Schwerpunkt der wirtschaftlichen Aktivität
in den USA liegt nicht mehr auf dem industriellen, sondern auf dem
Dienstleistungssektor.
Wie aus der von Dr. Victor R. Fuchs für das "National Bureau of
Economic Research" durchgeführten Untersuchung hervorgeht, ist heute
mehr als die Hälfte der werktätigen Bevölkerung der Vereinigten Staaten
in den zahlreichen Dienstleistungszweigen der Wirtschaft tätig. Die güterproduzierenden Zweige dagegen, die seit der industriellen Revolution
Mitte des vorigen Jahrhunderts die dominierende Rolle in der amerikanischen Wirtschaft spielten und zeitweilig rund 2/3 aller Arbeitnehmer beschäftigten, dürften auch weiterhin an Boden verlieren.
Dieser Wandlungsprozeß dauert zwar schon seit einigen Jahrzehnten
an, aber der eigentliche Durchbruch erfolgte erst Mitte der fünfziger
Jahre, als die Automation ihren Einzug in der Industrie hielt.
Im Jahre 1929 zum Beispiel waren noch 27,5 Millionen Amerikaner in
der Güterproduktion und nur 18,6 Millionen in den Dienstleistungszweigen
beschäftigt; im Jahr 1963 dagegen belief sich die Zahl der Dienstleistungen erbringenden Amerikaner auf 37,9 Millionen, die der Industriearbeiter
nur noch auf 31,4 Millionen.
Dieser Wandel in der Beschäftigungsstruktur hat bereits weitreichende wirtschaftliche und soziale Auswirkungen im Gefolge gehabt - Auswirkungen, die sich in Zukunft noch verstärken dürften.
Was

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�Was sind nun die spezifischen Auswirkungen? Einmal bedeutet dieser
Wandel, daß die Frauen künftig im Berufsleben weitaus besser mit den
Männern zu konkurrieren vermögen, da die meisten Tätigkeiten in den
Dienstleistungszweigen keinerlei große physische Anstrenuungen erfordern.
Schon heute nehmen die Frauen 46 Prozent aller Arbeitsplätze in diesem
Wirtschaftssektor ein, während ihr Anteil in der Industrie nur rund 19
Prozent beträgt. Auch die Berufschancen der älteren Menschen dürften sich
gegenüber denen der jüngeren, physisch kräftigeren Arbeitnehmer nicht unerheblich verbessern.
Der zweite wichtige Einfluß, der sich durch diesen Strukturwandel
ergibt, ist wirtschaftlicher Art. Da die Konjunkturschwankungen in den
Dienstleistungszweigen allgemein weniger stark in Erscheinung treten als
im industriellen Bereich, dürften hieraus konjunkturelle Stabilisierungseffekte resultieren. Es ist in diesem Zusammenhang nicht uninteressant zu
erfahren, daß zum Beispiel die Erwerbslosenrate in den Dienstleistungszweigen während der gesamten Nachkriegsperiode erheblich geringer gewesen
ist als die der Industrie.
Außerdem ist die "Dienstleistungswirtschaftu stark verbraucherorientiert. Sie wird von dem einzelnen in vielerlei Hinsicht beeinflußt, sei
es, daß er in einem Geschäft etwas kauft, eine Schule besucht oder einen
Arzt konsultiert.
Allerdings läßt sich die Produktivität in einer Dienstleistungswirtschaft sehr viel schwerer ermitteln als etwa in der Industrie. Wie kann
man z.B. die Arbeitsleistung eines Arztes, eines Lehrers oder Verkäufers
pro Zeiteinheit in festen Werten wie in der Güterproduktion ausdrücken?
Das gleiche gilt auch hinsichtlich der Qualität der geleisteten Arbeit.
Aber dies sind technische Zukunftsfragen, die mit den großen soziologischen Auswirkungen nur in losem Zusammenhang stehen. Nach Ansicht von
Dr. Fuchs wird dieser Strukturwandel zu einer Dienstleistungswirtschaft
ähnlich große Auswirkungen auf das gesamte Leben in den USA haben wie die
großen Übergänge in der Geschichte der Menschheit von einer Wirtschaftsstufe zur nächsthöheren.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

- 13 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 10

Oktober 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Entwicklung der Arbeitgeber-ArbeitnehmerBeziehungen seit Kriegsende

Seite

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 14

1

Joseph P. Goldberg, Sonderberater im US-Bundesamt
für Arbeitsstatistik:
Entwicklung der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen seit Kriegsende

Nachdruck ist mit Angabe des Verfassers und dem Vermerk
(c) 1965 by Current History, Inc.
gestattet.
Die breite Öffentlichkeit ist sich in den Vereinigten Staaten sehr
wohl bewußt, daß das Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern
in den zwei NachkriegsJahrzehnten manche Krise durchgemacht hat; wie es
aber heute um dieses Verhältnis bestellt ist, davon haben leider die
wenigsten eine klare Vorstellung. Dies erklärt sich zum Teil aus dem
Wesen und der Praxis der Kollektiwerhandlungen zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern. Das System der Kollektiwerhandlungen erstreckt sich
auf einen Bereich, in dem gegenwärtig und voraussichtlich auch in Zukunft widerstreitende Kräfte aufeinanderstoßen. Diese wiederum unterliegen dem Einfluß wechselnder Machtrelationen und veränderlichen wirtschaftlichen Drucks sowie der Einflußnahme des Staats.
Hauptfiguren der Kollektiwerhandlungspraxis sind nicht lediglich
die Vertreter der Unternehmer- und der Arbeitnehmerseite, sondern vielmehr auch Repräsentanten zahlreicher anderer Gruppen: Wirtschaftswissenschaftler, Intellektuelle, die zu irgendeinem Zeitpunkt mit der Gewerkschaftsbewegung liiert waren,Schiedsleute und, in einem weiteren
Sinne, auch die Öffentlichkeit. Hieraus auch erklärt sich die große
Fülle der Literatur über Fragen des Kollektiwerhandlungswesens, in
der es von vorgefaßten Meinungen über seine Ziele nur so wimmelt, während man nur selten auf Versuche einer objektiven Beurteilung stößt.
Vertreter

�Vertreter der Industrie und der Verbände verweisen nach wie vor
gern auf die Stärke der Gewerkschaften, um dann fortzufahren, daß
Kollektivverhandlungen auf industrieweiter Basis häufig zu Streiks
mit verheerenden Folgen führen. Die Gewerkschaften dagegen stellen die
negativen Auswirkungen des Taft-Hartley-Gesetzes von 1947 (Labor-Management Relations Act - Gesetz zur Regelung der Arbeitgeber-ArbeitnehmerBeziehungen) und des Landrum-Griffin-Gesetzes von 1959 (Labor Management
Reporting and Disclosure Act - Gesetz über die Berichterstattungs- und
Offenlegungspflicht der Gewerkschaften und Unternehmen) heraus, die sie
als Zwangsjacke empfinden. Manche Intellektuelle, die sich der Ideologie
der Arbeiterbewegung aus der Zeit der großen Wirtschaftskrise verbunden
fühlen, schreiben jedes noch so geringfügige Versagen der Gewerkschaften
und des Kollektivverhandlungswesens dem Fehlen einer straffen Organisation der Arbeiterschaft und der - angesichts der technischen Revolution fortgesetzt sehr großen Arbeitslosigkeit zu. Auch die Rolle des Staates
wird vielfach stark kritisiert: Man bezichtigt ihn einer übermäßigen
Bereitwilligkeit zum Eingreifen in Arbeitsstreitigkeiten und argumentiert, je nach der eigenen arbeitgeber- oder arbeitnehmerfreundlichen
Haltung, die staatlich festgelegten Lohn-Preis-Richtwerte wirken sich
lohnkostensteigernd aus oder dienen lediglich dem Zweck, eine Verhandlungsbasis unterhalb der Forderungen der Gewerkschaften abzugeben.
Dabei ist natürlich der Rahmen, in dem sich Kollektiwerhandlungen
abspielen, selbst wieder nur das Produkt vielfältiger Einflüsse, deren
Auswirkungen zu erfassen äußerst schwierig ist. Zu einem Teil sind sie
eine Folge der widerstreitenden Positionen der Arbeitnehmer und des
Managements, zu einem anderen Teil der Besorgnis des Staates, wie sie
ihren Ausdruck in legislativen Maßnahmen wie dem Taft-Hartley- und dem
Landrum-Griffin-Gesetz fand. Selbstverständlich sind die wirtschaftlichen
Einflüsse auf das Kollektivverhandlungswesen mindestens genauso wichtig,
wurden doch die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern in der gesamten
Nachkriegszeit durch eine kaleidoskopartige Fülle von wirtschaftlichen
Entwicklungen berührt. Zu diesen zählen der Übergang von der Kriegs- auf
die Friedenswirtschaft, periodisch wiederkehrende Rezessionen., der wachsende internationale Wettbewerb und Standortsveränderungen und andere
Entwicklungen innerhalb der eigenen Wirtschaft.
Um zu einem tieferen Verständnis der gegenwärtigen Situation des
Kollektiwerhandlungswesens und der Haltung des Staates zu den Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen zu gelangen, muß man auch andere in Erscheinung tretende Einflüsse in Betracht ziehen, wie z.B. die tiefgreifenden technischen Veränderungen, (insbesondere in Gestalt der Automation),
die Entwicklung neuer Produkte und die Zunahme des Arbeitspotentials.
Die Arbeitspolitik der Regierung ist in ihren Grundzügen nach wie
vor auf das Ziel ausgerichtet, jedem Arbeitnehmer das Recht zu gewährleisten, sich nach eigenem freien Willen der von ihm bevorzugten Gewerkschaft
anzuschließen und die Fortentwicklung des Systems der Kollektivverhandlungen zu fördern. Wenngleich die Gewerkschaften im letzten Jahrzehnt generell einen Mitgliederschwund zu verzeichnen hatten, konnten sie ihre
Position in Kollektivverhandlungen durchaus bewahren und ihre Mitwirkung
im Bereich des staatlichen Lebens und ihren Einfluß auf dieses noch steigern. In einer Reihe von großen Industrien zeigt sich immer deutlicher,

- 2 -

�deutlicher, daß das Kollektivverhandlungswesen einen hohen Grad der
Reife erreicht hat. Wie sehr die Regierung die Privatinitiative im
Bereich der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen zu wecken bemüht
ist, läßt sich an der gesamten Tätigkeit des Beratungsausschusses
des Präsidenten zu Fragen der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen
seit 1961 ablesen. Die Arbeitslosigkeit als Folge der raschen Expansion des Arbeitspotentials ist angesichts komplizierender Faktoren wie des technischen
Wandels und des zunehmenden ausländischen Wettbewerbs eine Angelegenheit, auf die Kollektivverhandlungen nur einen begrenzten Einfluß ausüben. Rier war die Regierung bemüht, die Verhandlungspartner bei ihrer
Suche nach Lösungen zu unterstützen, die eine Anpassung an die veränderte wirtschaftliche Situation erleichtern helfen. Gewerkschaften,
Unternehmer und Regierung haben sich zusammengefunden, um gemeinsam
Maßnahmen zur Entwicklung des Arbeitsmarktes zu treffen und durchzuführen. Ziel dieser Bemühungen ist es, mit den Problemen der Arbeitsplatzverdrängung und der Arbeitsplatzbeschaffung für jugendliche Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt fertig zu werden.
Die Regierung ist in der Formulierung ihrer Arbeitspolitik in
bezug auf das Kollektivverhandlungswesen darauf bedacht, den jeweiligen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Das Taft-Hartley- und das LandrumGriff in-Gesetz fügten dem Verbot unfairer Arbeitspraktiken, das das
Wagner-Gesetz von 1935 (National Labor Relations Act - Gesetz zur Sicherung der Arbeitnehmerrechte) für die Unternehmerseite gebracht hatte,
ein solches für die Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsseite hinzu und setzten feste Normen für die Tätigkeit der Gewerkschaften. Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 schließlich dehnte den Grundsatz der Gleichheit aller
auch auf die Aufnahme in eine Gewerkschaft und die Einstellungspolitik
der Betriebe aus. Der bereits genannte Präsidialausschuß war darüber
hinaus auch außerhalb des Bereichs der Legislative bestrebt, das Kollektivverhandlungswesen weiter zu festigen. Um einer inflatorischen Entwicklung vorzubeugen, setzte der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten die LohnPreis-Richtwerte fest.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich im Bereich des Kollektivverhandlungswesens alle Beteiligten nach Kräften bemüht haben, den Erfordernissen einer im raschen Wandel begriffenen Wirtschaft gerecht zu
werden; und vieles deutet darauf hin, daß diese Bemühungen auch erfolgreich waren. Die Arbeitspolitik der Regierung ist geeignet, sowohl die
Interessen der Allgemeinheit zu wahren als auch das Kollektiwerhandlungswesen und den damit verbundenen Drang der Gewerkschaften zur Bildung fester Institutionen zu sanktionieren. Nunmehr gilt es, durch, die
fortgesetzte.Beobachtung der Entwicklung sicherzustellen, daß der Staat
nicht Aufgaben privater Institutionen an sich zieht, was einem Eingtiff
in unser demokratisches System gleichkäme.
Das Taft-Hartley-Gesetz
Der Gang der Ereignisse nach Kriegsende zeigte bereits, daß das
Kollektivverhandlungswesen - im Gegensatz zur Lage nach dem ersten Weltkrieg - als fest verankert gelten konnte. Die Arbeitsprobleme des Jahres

�Jahres 1946 waren die Folge einer uneinheitlichen Entwicklung, in
deren Verlauf den Sozialpartnern in ihren Kollektiwerhandlungen die
Aufgabe zufiel, ausgehend von einer staatlichen Lohn-Preis-Politik
mit begrenzten Zielen im Bereich der Löhne und Arbeitsbedingungen
den Übergang auf die Friedenswirtschaft zu vollziehen. Die zahlreichen Streiks jener Zeit hatten wirtschaftliche Fragen zum Anlaß und
nicht,wie in einer früheren Umstellungsphase, grundsätzliche Dinge.
Je mehr die wirtschaftliche Anpassung zur Sache der Sozialpartner wurde, um so heftiger wurden die Angriffe gegen das Wagner-Gesetz.
Die zahlreichen Arbeitseinstellungen in dieser Übergangsperiode und
die gegen John L. Lewis erhobene Beschuldigung,.die Gewerkschaft zu
dominieren, bereiteten den Boden für das Taft-Hartley-Gesetz. Es wurde
im Jahr 1947 durch einen von den Republikanern, beherrschten Kongreß
erlassen, der das ausdrückliche Veto Präsident Trumans überstimmte.
Das Wagner-Gesetz hatte die Organisation der Gewerkschaften gefördert und ihren Tätigkeitsdrang auf das Gebiet der Kollektivverhandlungen gelenkt. Einer der Väter des neuen Gesetzes, Senator Robert
A. Taft, sprach von der Absicht, "ein gewisses Maß an Gleichheit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herzustellen, damit es zu freien
Kollektiwereinbarungen zwischen den beiden komme". Das Taft-HartleyGesetz bekräftigte mithin den Grundsatz freier Kollektivverhandlungen,
das Organisierungsrecht der Arbeiterschaft, bejahte jedoch gleichzeitig auch das ^et'nt des einzelnen Arbeitnehmers, den Gewerkschaften
fernzubleiben. Es fügte der Liste der unfairen Arbeitspraktiken auf
selten der Unternehmer eine solche auf seiten der Gewerkschaften hinzu.
Das Taft-Hartley-Gesetz verbot sekundäre Boykottmaßnahmen ebenso
wie Streiks wegen Differenzen über die gewerkschaftliche Zuständigkeit
(Vertretungsbefugnis). Der Bereich der Kollektivverhandlungen wurde
insofern eingeschränkt,als das Gesetz ein Verbot des Closed Shop (Gewerkschaftsbetrieb mit Mitgliedzwang als Anstellungsvoraussetzung)
brachte; der Union Shop (Gewerkschaftsbetrieb mit Mitgliedzwang nach
Einstellung) blieb auch weiterhin erlaubt. Abschnitt 14 (b) räumte
jedoch den Einzelstaaten das Recht ein, für ihren Bereich den Union
Shop zu untersagen. Einen Eingriff in die Geschäftsführung der Gewerkschaften - ein Novum - stellten jene Bestimmungen dar, die sich auf die
Frage überhöhter oder diskriminierender Beitrittsgebühren bezogen und
es den Gewerkschaftsfunktionären zur Pflicht machten, Aufbau und Finanzen ihrer Organisationen in regelmäßigen Berichten offenzulegen und
eidesstattlich zu versichern, daß ihre Organisation nicht kommunistisch
ist.
Das Taft-Hartley-Gesetz enthielt ferner Bestimmungen bezüglich der
Regelung von Streitfragen, die geeignet sind, "einen nationalen Notstand" hervorzurufen,
nach Auffassung des Präsidenten "die Volksgesundheit und die nationale Sicherheit zu gefährden". Das Gesetz bot
die Handhabe, eine 80tägige Stillhaltefrist zu verfügen, um einen Streik
hinauszuzögern und einem Untersuchungsausschuß Gelegenheit zu geben, den
Sachverhalt zu klären und über ihn, wenngleich ohne Vorlage von Empfehlungen, zu berichten.
Die

- 4 -

�Die Gewerkschaften nannten das Taft-Hartley-Gesetz ein "Zwangsgesetz" und forderten seine Widerrufung. Obwohl sich Befürworter wie
Gegner darin einig waren, daß das Gesetz einer Revision bedurfte,
blieb diese Einigkeit fruchtlos. (Eine Reform erfolgte 1951 insofern,
als im Anschluß an eine Abstimmung, in der das Prinzip des Union Shop
fast einmütige Zustimmung gefunden hatte, die Vorschrift bezüglich der
Stimmenmehrheit als Voraussetzung für das Inkrafttreten eines Vertrags
zur Errichtung eines Gewerkschaftsbetriebs zu Fall gebracht wurde.)
Hier sind auch noch weitere Entwicklungen zu nennen, die dem Erlaß der nächsten einschlägigen Gesetzesbestimmungen in den Jahren 1958
und 1959 vorausgingen. Die gesetzliche Sanktionierung der Gewerkschaften und des Gewerkschaftsbetriebs zog die Forderung nach einer Beobachtung und Überwachung der gewerkschaftlichen Tätigkeit durch den
Staat nach sich. Kenner der Verhältnisse im Bereich der ArbeitgeberArbeitnehmer- Beziehungen wie auch unparteiliche Schiedsleute wiesen
mit Nachdruck auf die Notwendigkeit einer solchen Überwachung hin.
Prof. Sumner Slichter von der Harvard-Universität forderte 1947 in
einer Arbeit über das Verhalten der Gewerkschaften, deren Tätigkeit
nationale Interessen berührt, eine staatliche Überwachung der AufnahmebestImmungen und der gewerkschaftlichen Disziplinarordnung sowie
eine Überprüfung der treuhänderischen Tätigkeit der örtlichen Gewerkschaften. Im Jahr 1952 kritisierte die. amerikanische Bürgerrechtsvereinigung (American Civil Liberties Union) die Ehrengerichtsbarkeit
der Gewerkschaften und wies mit besonderem Nachdruck auf das Fehlen
unparteiischer Richter hin. Kritik an den einengenden Bestluuuungen
über die Aufnahme neuer Gewerkschaftsmitglieder, inäbimundere *&gt;n Negern,
war bereits 1930 in Untersuchungen der Liga zur Förderung der städtischen Negerbevölkerung (National Urban League) geübt worden.
Die Notwendigkeit einer Überwachung der Gewerkschaften
Die AFL-CIO selbst erkannte die Notwendigkeit der Abhilfe in Fällen von Gesetzwidrigkeiten und Korruption durchaus an. Anläßlich des
Zusammenschlusses der beiden Organisationen im Jahr 1955 wurden die
sogenannten Ehrenordnungen erlassen und ein Ausschuß zur Untersuchung
ehrenrühriger Gewerkschaftspraktiken eingesetzt. Dieser Schritt führte
im Jahr 1957 zum Ausschluß der Transportarbeitergewerkschaft und zweier
anderer Organisationen«, Daß ein solcher Ausschluß notwendig wurde, war
als Zeichen des tatsächlichen Bestehens von Mißbräuchen zu werten.
Gewerkschaftliche Mißbräuche bildeten den Gegenstand von Untersuchungen eines Senatsausschusses in den Jahren 1954-56, der sich mit
der Tätigkeit der Sozialkassen befaßte, sowie auch der 270 Tage währenden Informationssitzungen des McClellan-Ausschusses in den Jahren 1957
bis 1959. Bei diesen Untersuchungen kam zutage, daß sich Funktionäre
einiger weniger Gewerkschaften der Korruption schuldig gemacht und geheime Absprachen mit Vertretern der Management-Seite getroffen hatten.
Damals wurde unter anderem auch der Vorwurf erhoben, die Stärke der
Gewerkschaften trage zur Förderung inflationistischer Tendenzen bei
und schwäche die Wettbewerbsposition der amerikanischen Produzenten
auf den Weltmärkten. Die genannten Untersuchungen führten zum Erlaß

- 5-

�Erlaß zweier neuer Gesetze. Das erste aus dem Jahr 1958 war das Gesetz über die Offenlegungspflicht der Sozial- und Pensionskassen
(Weifare and Pension Plans Disclosure Act), das im Hinblick auf das
Wachstum dieser Kassen und die damit verbundene Anhäufung gewaltiger
Beträge erlassen wurde. Während das Gesetz zunächst lediglich eine
jährliche Berichterstattung dieser Institutionen vorsah, wurde es
1962 mit Unterstützung der AFL-CIO um Strafbestimmungen im Falle von
Mißbräuchen erweitert.
. -*..
Das Landrum-Griffin-Gesetz, das im Jahr 1959 in Kraft trat, bekräftigte das Recht der Arbeitnehmer auf gewerkschaftlichen Zusammenschluß und Wahl eigener Vertreter bei Kollektivverhandlungen. Es verkündete jedoch gleichzeitig neue Richtlinien für die Geschäftsführung
der Gewerkschaften, und bezeichnete es als "von entscheidender Wtcfctigkeit, daß die Gewerkschaften die Unternehmer und ihre Vertreter den
höchsten Anforderungen in bezug auf Verantwortung und Moral bei der
Verwaltung der Angelegenheiten ihrer Organisation, insbesondere soweit diese die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen betreffen, genügen".
Eine Erklärung der Gewerkschafterrechte setzte feste Normen bezüglich des Schutzes der neuen Rechte des einzelnen innerhalb der Gewerkschaft, der Erhebung von Gebühren und Beiträgen, des Rechts, gegen eine Gewerkschaft und ihre Funktionäre zu klagen und gegen diese
auszusagen, und des Schutzes vor ungerechtfertigten disziplinarischen
Maßnahmen. Die Achtung dieser Rechte kann durch Klage vor einem Bundesdistriktsgericht erzwungen werden.
Die Pflicht zur Offenlegung wurde auf die Gewerkschaften und ihre
Funktionäre und festangestellten Mitarbeiter sowie die Unternehmen ausgedehnt, um unerlaubte Verbindungen wie im Fall von Investitionen und
Interessenkonflikten aufzudecken. Es wurden ferner Vorkehrungen getroffen, um den Mißbrauch der Treuhänderschaft der großen Dachverbände
über die örtlichen Gewerkschaften zu unterbinden. Weitere Bestimmungen betreffen die Gewerkschaftswahlen und die Qualifikationen der Gewerkschaftsfunktionäre. Sie sollen die Gewerkschaften vor unerwünschter Beeinflussung bewahren.
Ein Abschnitt des Gesetzes änderte das Taft-Hartley-Gesetz in
der Absicht ab, die Bestimmungen bezüglich der Durchführung von sekundären Boykotten, der Aufstellung von Streikposten und der Vertragsklauseln über den Ausschluß gewisser Güter vom Transport zu verschärfen.
Das Gesetz befaßte sich ferner ausdrücklich.mit den besonderen Verhältnissen im Baugewerbe und in der Bekleidungsindustrie.
--er.
Die Auswirkungen des neuen Gesetzes lassen sich ebensowenig wie
die des früheren direkt erfassen. Fest steht, daß es Anlaß zu großer
Unzufriedenheit schuf. Die AFL-CIO hat auf ihrem Jahrestag 1963 gegen
das Taft-Hartley-Gesetz .erneut den Vorwurf erhoben, es sei unfair. Sie
wies darauf hin, daß das Landrum-Griffin-Gesetz und insbesondere die
darin enthaltene "Erklärung der Rechte der Gewerkschaftsmitglieder" viel
dazu beitragen, "unerhebliche oder ungerechtfertigte, kostspielige.und
lästige Streitfälle heraufzubeschwören, die von den Gerichten sehr sorgfältig bearbeitet werden müssen, damit die Gewerkschaften in ihrem traditionellen und demokratischen Aufbau und Wirken keinen Schaden erleiden".

Eine

�Eine unparteiische Analyse der Erfahrungen mit dem Gesetz gipfelt in
dem Schluß 1 ) :
"Alles in allem können die Gewerkschaften und ihre Führer die
Berichte des Bundesamtes für die Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Berichterstattung (Bureau of Labor-Management Reports) mit Genugtuung und in
dem sicheren Bewußtsein zur Kenntnis nehmen, daß die Gewerkschaften,
was die Demokratie und die Rechte ihrer Mitglieder angeht, mindestens
ebenso hohen Normen gerecht werden wie andere Institutionen unserer
Gesellschaft."
In diesem Zusammenhang sei auch auf die Bestimmungen des Bürgerrechtsgesetzes von 1964 verwiesen, das die Schaffung einer Kommission
zur Sicherung gleicher Beschäftigungsbedingungen (Equal Employment
Opportunity Commission) vorsieht, der die Aufgabe gestellt ist, die
Durchführung der Gesetzesbestimmungen zur Verhütung von Diskriminierung aufgrund der Rasse, Hautfarbe, Religion, des Geschlechts und der
nationalen Herkunft zu überwachen. Das entschlossene Eintreten der
AFL-CIO für die Bestimmungen zur Sicherung gleicher Beschäftigungsbedingungen bildet gewissermaßen den Höhepunkt der langjährigen Bemühungen dieser Organisation um die Verbesserung der Beschäftigungsaussichten der Neger.
Auf dem Gewerkschaftskongreß von 1963 wurde berichtet, daß 111 von
insgesamt 130 in den Vereinigten Staaten und in Kanada tätigen Gewerkschaften keine nach Hautfarbe getrennten Ortsvereinigungen unterhielten,
während bei den restlichen 19 AFL-CIO-Gewerkschaften von insgesamt 15 000
Ortsverbänden lediglich 172 bisher an der Rassentrennung festgehalten
haben. In einer Entschließung der Tagung wurden sämtliche Mitgliedgewerkschaften aufgefordert, "mit großem Nachdruck auf die Entwicklung eines
eigenen Bürgerrechtsprogramms hinzuarbeiten, das die Ächtung jeglicher
Form der Diskriminierung aufgrund der Rassenzugehörigkeit, des Glaubens
oder der Hautfarbe in ihren eigenen Reihen zum Ziel hat", und "auf den
Einbau wirksamer Bestimmungen zur Verhinderung von Diskriminierungen in
sämtliche Kollektivverträge zu drängen". Im Anschluß an den Kongreß
startete die AFL-CIO in verschiedenen Städten ein Modellprogramm, in
dessen Rahmen die Abteilung Bürgerrechte der AFL-CIO-Zentrale Vertreter
tu den Ortsverbänden mit dem Auftrag entsandte, bei der Beseitigung der
Diskriminierung auf unterster Ebene beratend zu helfen.
Die Rolle des Staates bei Arbeitsstreitigkeiten
Das Gesetz zur Regelung der Arbeitsbedingungen bei den Eisenbahnen
(Railway Labor Act) und das Taft-Hartley-Gesetz enthalten Bestimmungen
über die Behandlung von Arbeitsstreitigkeiten auf Bundesebene. Gegen das
erstere Gesetz, das für die Eisenbahnen ebenso wie für den Flugverkehr
gilt, wird seit Jahren schon der Vorwurf erhoben, es habe die Durchführung von Kollektiwerhandlungen unmöglich gemacht und zur ausschließlichen Zufluchtnahme zu staatlicher Regulierung geführt. Als absoluter
Tiefpunkt des Funktionierens des Eisenbahngesetzes ist der im August
1963 notwendig gewordene Erlaß eines Gesetzes anzusehen, das eine
zwangsweise Schlichtung des vielschichtigen und sich lange hinziehenden
Streits über die Arbeitsbedingungen verfügte, der zwischen den führenden Eisenbahngesellschaften und den Gewerkschaften des Eisenbahnbetriebs-

Industrial Relations Research Association, Regulating Union Government,
Publication No. 31, 1964
- 7 -

�Eisenbahnbetriebspersonals ausgebrochen war. Jene geradezu traumatische Erfahrung dürfte noch lange in die Zukunft wirken. Der
damalige Arbeitsminister Wirtz erklärte hierzu: '»Anhand jener Erfahrung wurde deutlich, wie weitverbreitet das Gefühl ist, daß
'Eingriffe des Staates* in Kollektiwerhandlungen beinahe um jeden
Preis zu vermeiden sind." ./
Es wurde bereits auf die Notstandsbestimmungen des Taft-HartleyGesetzes für den Fall von Streiks auf Bundesebene verwiesen. Die Durchführung dieser begrenzten Bestimmungen hat viel Unmut erregt. Sie wurden in der Zeit von 1947 bis 1964 in 24 Fällen angewandt, wobei in 19
Fällen der entsprechende Apparat noch vor oder kurz nach Streikbeginn
eingeschaltet wurde: in 7 Fällen kam es zu einem Streik, nachdem die
verfügte Stillhaltefrist abgelaufen war.
Die Bemühungen der Regierung um eine Verbesserung der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen ohne Inanspruchnahme dieser gesetzlichen
Bestimmungen sind unabdingbarer Bestandteil der Arbeitspolitik. Die
Berichte des Beratungsausschusses des Präsidenten zu Fragen der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Politik (President's Advisory Coramittee on LaborManagement Policy) seit 1962 fanden weitgehend Zustimmung bei den
beteiligten Vertretern der Öffentlichkeit, der Gewerkschaften und der
Unternehmer. "Die volle Einmütigkeit darüber, daß Kollektivverhandlungen ein wesentliches Element der Wirtschaftsdemokratie darstellen",
wie Präsident John F. Kennedy in dem Bericht dieses Ausschusses über,
"freie und verantwortungsbewußte Kollektiwerhandlungen und Arbeitsfrieden" erklärte, "ist ein Zeichen unseres Fortschritts als Nation
gegenüber der Uneinigkeit in dieser Frage noch in jüngster Vergangenheit."
Wichtige Empfehlungen betrafen Fragen der Schlichtung, die Freiheit in der Wahl der Vertreter für Kollektiwerhandlungen, die Verantwortung des Staates in Kollektiwerhandlungen, die Mithilfe dritter
Parteien und die Verbesserung der Verfahrensregelung im Falle eines
Streiks, der einen nationalen Notstand hervorzurufen geeignet ist. Die
Berichte des Ausschusses haben sich auch mit so vielschichtigen Themen
befaßt wie "Vorteile und Problematik der Automation und anderer technischer Fortschritte", "Maßnahmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit
amerikanischer Waren auf den Weltmärkten" und "Erklärungen zur Steuerund Währungspolitik". Das soll nicht besagen, daß es in dem Ausschuß zu
keinerlei Differenzen gekommen wäre, trafen doch einige Mitglieder die
Feststellung, die Konzentration von Macht bei den Gewerkschaften wirke
sirh nachteilig *ä£ die Kollektiwerhandlungen aus, während die Gewerkschaftsvertreter im Ausschuß dem entgegenhielten, wenn überhaupt eine
Bedrvjh''^»" gegeben sei, dann rühre sie von der Machtkonzentration in den
großen Unternehmen her. Die Behandlung der gemeinsamen Probleme war

W. Willard Wirtz, Labor and the Public Interest, New York, 1964

- 8 -

�war dennoch beispielhaft und zeigte, daß sich eine nationale Basis
für die fortgesetzte Beratung jener vielschichtigen Fragen finden
läßt, wie sie in zunehmendem Maße bei Verhandlungen zwischen Betrieben, Gesellschaften und Gewerkschaftsverbänden angestrebt wird.
Fragen der Wirtschaftspolitik
Auf seiten des Staates ist jedoch eine zunehmende Besorgnis über
die Verhandlungsergebnisse zu verzeichnen. Die Sorge um die Aufrechterhaltung stabiler Preise angesichts des wachsenden Wettbewerbsdrucks
aus dem Ausland und der Bemühungen um den Ausgleich der Zahlungsbilanz
war mit Ausschlaggebend für die Festsetzung der Lohn-Preis-Richtwerte
durch den Wirtschaftsbeirat des Präsidenten. Ausgangspunkt war die im
Wirtschaftsbericht des Präsidenten von 1959 enthaltene Ermahnung, daß
"die einschlägigen Maßnahmen der Regierung ihre Ergänzung in geeigneten privaten Maßnahmen, insbesondere im Hinblick auf Gewinne und Löhne,
finden müssen1*. D*.r Bericht von 1962 brachte dann die erwähnte Festsetzung spezifischer. Richtwerte für Löhne und Preise.
Die Aufstellung von Richtwerten beweist, daß das Kollekfiwerhandlungswesen integraler Bestandteil der US-Wirtschaftspolitik ist. Hierin
ist man sich wohl grundsätzlich einig. Über die Handhabung allerdings
dieser Richtwerte bestehen weitgehende Meinungsunterschiede. Auf seiten
der Wirtschaftswissenschaft begrüßte Professor J.K. Galbraith kürzlich
die Richtwerte als "wichtigstes Mittel zur Verteidigung des Dollars.
Sie sind von größter Bedeutung auch für die Ruhe im Innern und für den
guten Ruf unseres wirtschaftlichen Managements1*. Im Gegensatz hierzu
erklärte Professor Arthur Bums: "Wenn sich die Regierung erst einmal
darin auf Gewerkschaften und Betriebe verläßt, daß sie eine Inflation
abwehren, besteht die Gefahr,, daß sie ihrer traditionellen Verantwortung
für die Überwachung des Geldumlaufs und die Aufrechterhaltung des Wettbewerbsklimas nicht gerecht wird.1*
Sowohl auf Gewerkschafts- wie auf Unternehmerseite macht sich eine
gewisse Unsicherheit bemerkbar. Walter Reuther von der Vereinigten
Automobilarbeitergewerkschaft erklärte kürzlich, die Richtwerte seien
"ihrem Wesen nach gefährlich negativ", und er kritisierte den Wirtschaftsbeirat wegen der rigorosen Anwendung.der Richtwerte und beschuldigte ihn,
die störenden Auswirkungen steigender Preise auf das Gleichgewicht zwischen Löhnen und Kaufkraft außer acht zu lassen. 3) Handelsminister John
T. Connor, der die Richtwerte an sich befürwortet,-erklärte hingegen:
"Zahl reiche Geschäftsleute beklagen sich in privaten Gesprächen
darüber, daß der Lohn-Richtwert einer durchschnittlichen jährlichen
Steigerung von 3,2 Prozent in Wirklichkeit zum Minimum geworden ist,
das die Gewerkschaftsführer in ihren Verhandlungen erstreben... Sie
erklären, kein vernünftiger Unternehmer werde die Preise aufgrund der
Gewinne der Vergangenheit* herabsetzen, er werde vielmehr zu erfahren
wünschen, welche Lorin- und anderen Kosten ihm voraussichtlich in najier
Zukunft erwachsen und wie die Marktlage für seine Produkte zu beurteilen

Vgl. Report of the President (89. Congress, Ist Session) und Hearings
Before the Joint Economic Committee on the January, 1965
- 9-

�Auswirkungen der staatlichen Arbeitspolitik
Welche Auswirkungen hat nun die Haltung der Regierung gegenüber
den Gewerkschaften und dem System der Kollektiwerhandlungen gezeitigt?
Eine direkte Antwort auf diese Frage ist unmöglich, weil die staatliche Politik, wie bereits ausgeführt, mit einer ganzen Reihe anderer
Einflüsse in Wechselwirkung steht. Dennoch sei hier auf einige Trends
verwiesen, die geeignet zu sein scheinen, die einzelnen Elemente der
staatlichen Arbeitspolitik in eine vernünftige Perspektive zu rücken.
Alles in allem war das Wirtschaftsklima seit 1947 für Kollektivverhandlungen günstig. Die Wirtschaftstätigkeit nahm in der Zeit nach
1947 fast unablässig zu, und es gab nur relativ wenige Rückschläge,
von denen das Einkommens- und das Preisniveau weitgehend unberührt
blieben. Das Fortbestehen einer hohen, wenngleich abnehmenden Arbeitslosigkeitsrate, die von einem Maximum von 6,8 Prozent im Jahr 1958
auf 5,2 Prozent im Jahr 1964 zurückging, war ein störender Faktor. Er
erschwerte insbesondere die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten, die
sich aus den Rückwirkungen technischer Veränderungen auf die bisherigen
Arbeitsregelungen und Einstellungsvereinbarungen ergaben. Die Zahl der
Streiks hingegen war relativ niedrig, und der Arbeitsausfall machte
nach 1947 bei den bestreikten Betrieben im Bereich der gewerblichen
und industriellen Fertigung nur einen kleinen Bruchteil der Gesamtarbeitszeit aus (im allgemeinen weniger als 0,5%).
Stabile Verhältnisse im Bereich der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen werden nicht lediglich durch das Fehlen von Streiks bestimmt.
Die beiden letzten Jahrzehnte waren gleichzeitig ein Zeitraum, in dem
die Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen veränderten Erfordernissen angepaßt werden mußten. Trotz einer Verhärtung des Standpunktes der Arbeitgeber - eine Folge des zunehmenden Wettbewerbs auf den Inlandsund Auslandsmärkten - funktionierte das System der Kollektivverhandlungen in fast allen Fällen reibungslos.
Die Zahl der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten rechtswirksamen Kollektivverträge wird auf 150 000 geschätzt. Die rund 1800 Verträge, von denen jeder mehr als 1000 Arbeitnehmer erfaßt, erstrecken
sich im allgemeinen auf mehrere Werke ein und derselben Gesellschaft
oder auf ganze Branchen. Diese Verträge lassen deutlich erkennen, daß
das Kollektiwerhandlungswesen noch im Stadium der Evolution ist:
Tarifverträge werden immer vielschichtiger.
Alle Entwicklungen im Bereich des Kollektivverhandlungswesen
hier aufzeigen zu wollen, wäre unmöglich. Es sind neben allgemeinen
Entwicklungstrends auch zahlreiche Einzelexperimente zu beobachten. Die privaten Pensions- und Versicherungskassen sind ein hervorragendes
Beispiel für eine Entwicklung, die ihren Anfang in Kollektiwerhandlungen nahm und durch eine zweckdienliche Steuerpolitik gefördert wurde.
Sie zeigt aber auch, daß die Leistungen der staatlichen Sozialversicherung nicht mit den Lebenshaltungskosten Schritt gehalten haben. Auch
die Verbesserung der Urlaubsregelung und die Gewährung bezahlter
Feiertage sind Entwicklungen mit weitreichenden Folgen.
Aus

- 10 -

�Aus TarifVerhandlungen sind bemerkenswerte Neuerungen hervorgegangen. Im Bereich der Automobilindustrie handelten die Vereinigte
Automobilarbeitergewerkschaft (United Automobile Workers - UAW) und
General Motors 1948 erstmals eine Lohnvereinbarung aus, die Lohnerhöhungen in Relation zur Produktivitätssteigerung und in Angleichung
an den Lebenshaltungskostenindex des Bundesamtes für Arbeitsstatistik
vorsah. Im Jahr 1953 wurde in der gleichen Industrie ein Abkommen
über die Einführung einer zusätzlichen, privaten Arbeitslosenversicherung abgeschlossen. Und erst in jüngerer Zeit, im Jahr 1963, stimmte
die Stahlindustrie in Kollektiwerhandlungen der Gewährung von zusätzlichem Urlaub für langjährige Mitarbeiter zc drei Monate für je fünf
Jahre Betriebszugehörigkeit. Eine weitere Neuentwicklung spiegelt sich
auch im Tarifabkommen mit der Automobilindustrie vom Jahr 1963, nämlich der zunehmende Trend, Arbeitnehmer durch Vergünstigungen dazu zu
veranlassen, vorzeitig in den Ruhestand zu treten.
Die wachsende Vielschichtigkeit der Fragen, denen sich beide
Seiten in Kollektiwerhandlungen gegenübersehen, hat in den sechziger
Jahren den Anstoß dazu gegeben, neue Verhandlungspraktiken zu entwickeln. Der Ausschuß für zwischenmenschliche Beziehungen in der Stahlindustrie ist ein hervorragendes Beispiel hierfür. Aus langwierigen
Erörterungen solcher Probleme resultierten der sogenannte Armour-Plan,
die TarifVereinbarung der Hafenarbeiter an der Westküste, die Vereinbarung mit der amerikanischen Seeleutegewerkschaft (National Maritime
Union of America - NMU) über die Errichtung von Mechanisierungs- oder
Automatisierungsfonds sowie der Kosteneinsparungsplan der Kaiser Steel
Company.
Zumindestens gestreift sei hier auch die Lage der Gewerkschaften
selbst und deren Auswirkung auf ihre Position in Kollektivverhandlungen.
Die Gewerkschaften machen das Taft-Hartley-Gesetz und die einzelstaatlichen Gesetze zur Sicherung des Rechtes auf Arbeit für das geringe
Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in der Nachkriegszeit verantwortlich. Das Bundesamt für Arbeitsstatistik verzeichnete zwischen 1945
und 1950 eine durchschnittliche Mitgliederzahl der Gewerkschaften von
14,3 Millionen, einen Anstieg auf 17,5 Millionen bis 1956, einen allmählichen Rückgang bis auf 16,3 Millionen (1961) und dann einen erneuten
Anstieg auf 16,6 Millionen im Jahr 1962, der die stärkste Zunahme seit
1956 darstellt. Noch schwerer als der absolute Rückgang der Mitgliederziffern wiegt die Tatsache, daß die Migliederzahlen der Gewerkschaften
nicht mit der Zunahme des Arbeitspotentials Schritt halten konnten:
Der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder verringerte sich von 24,8 Prozent des zivilen Arbeitspotentials im Jahre 1956 auf 22,2 Prozent
1962. Ebenso deutlich ist der Rückgang, legt man nur die gewerbliche
und industrielle Wirtschaft (außer Landwirtschaft) zugrunde: von 33,4
Prozent der Gesamtzahl der Beschäftigten im Jahre 1956 auf 29,7 Prozent
1962.
Will man diesen Trend analysieren, so muß man dabei zwei gegensätzliche Erwägungen anstellen. 1. Der Einfluß der Gewerkschaften hat
in diesem Zeitabschnitt zugenommen und wurde in vielen Streitfragen,
die sich auf die heimische Wirtschaft ebenso wie auf unsere Außen-

- 11 -

�Außenpolitik ausgewirkt haben, deutlich spürbar. 2. Die retartierenden
Einflüsse auf das Wachstum der Mitgliederzahlen der Gewerkschaften
waren sehr zahlreich. Während der Fortbestand der einzelstaatlichen
Gesetze zur Sicherung des Rechts auf Arbeit gemäß Abschnitt 14 (b) des
Taft-Hartley-Gesetzes unter Umständen tatsächlich das Wachstum der
Gewerkschaften in den bisher weniger durchorganisierten Wirtschaftszweigen beeinträchtigt haben mag, haben sich auch andere Einflüsse
dahin gehend ausgewirkt. Die wirtschaftliche Position einzelner Industriezweige, wie beispielsweise des Bergbaus und auch der Eisenbahnen,
und deren Einfluß auf die Beschäftigungsentwicklung gehören hierzu.
Technische Veränderungen, die die negativen Auswirkungen einer verringerten Nachfrage auf die Beschäftigung - insbesondere in den Arbeiterberufen - verstärkten, gehören gleichfalls hierher. Ähnliches gilt für
die Umsiedlung von Industrien in Gebiete, in denen die Gewerkschaften
nicht sehr stark, und für das Wachstum der Beschäftigung in Berufen, die
gewerkschaftlich weniger gut durchorganisiert sind.
Vielleicht ist das Problem des Wachstums der Gewerkschaften mehr
noch als manch anderes eine Frage zunehmender Beschäftigungsmöglichkeiten. Das Bruttosozialprodukt erhöhte sich zwischen 1947 und 1964 um
80 Prozent; die 70prozentige Erhöhung des Warenausstoßes der privaten
Wirtschaft pro Mann und Arbeitsstunde war einer der wichtigsten Faktoren in dieser Entwicklung. Die Gesamtzahl der Zivilbeschäftigten erhöhte sich in diesem Zeitraum um 23 Prozent, während die Beschäftigung
im Bereich der FertigungsIndustrie um lediglich 12 Prozent zunahm.
Übrigens entfällt der größte Teil der Zunahme auch in der letzteren
Gruppe auf die nicht in der Produktion eingesetzten Beschäftigten auf Techniker, wissenschaftliche Mitarbeiter, Verkaufspersonal und
Verwaltungskräfte.
Der Strukturwandel und Verschiebungen im Tätigkeitsbereich einzelner Industrien im Verein mit Veränderungen in der Gliederung der
Gesamtbeschäftigung bei gleichzeitiger Zunahme des zivilen Arbeitspotentials stellen die Gewerkschaften, das Unternehmertum und auch
den Staat vor neue Aufgaben. Die Gewerkschaften müssen unter anderem
bei der Vertretung der Interessen ihrer Mitglieder ein Gegengewicht
zum Einfluß der Unternehmer und Unternehmensleitungen auf die Wirtschaft schaffen. Ihr Erfolg in dieser Vertretung wird allgemein als
ein Beitrag angesehen, der dem Wohl des ganzen Landes dient.
Die Bemühungen der Gewerkschaften, Arbeiter und Angestellte zu
organisieren, haben manchen Erfolg gezeitigt. Das gilt vor allem für
eine Reihe von Beschäftigungszweigen und Berufsgruppen, die bisher
keineswegs als gewerkschaftliche Schwerpunkte gelten konnten: Frauenberufe, der öffentliche Dienst und der Einzelhandel. Zum Teil dürfte
dies auf die wachsende Einsicht der Gewerkschaften und ihrer Führer
zurückzuführen sein, daß andere Verhältnisse andere Methoden erfordern. Das Bewußtsein, daß die Stärke der Gewerkschaften weitgehend
von der wirtschaftlichen und sozialen Stärke des ganzen Staates abhängt, ist weitverbreitet. Die AFL-CIO tritt nachdrücklich für eine
Anhebung der Leistungen der Arbeitslosenversicherung, die Unter-

- 12 -

�Unterstützung von Notstandsgebieten und notleidenden Bevölkerungsgruppen und ein Programm zur Beschaffung von Arbeitsplätzen auf der
Basis entsprechender Gesetze ein. Die Schaffung besserer Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche wird allgemein als eine Aufgabe
der Gesellschaft insgesamt und somit auch der Gewerkschaftsbewegung
anerkannt. Tragen die Gewerkschaften zur Stärkung des allgemeinen
wirtschaftlichen Wachstums bei, so helfen sie damit auch das Wachstum und die Lebenskraft der Gewerkschaftsbewegung mehren.
Die Sorge der Regierung um eine gesunde Wirtschaft tritt nicht
weniger deutlich zutage. Der hier gegebene Rahmen reicht nicht aus,
alle neu erlassenen einschlägigen Gesetze einzeln anzuführen. Das
Gesetz, mit dem die Grundlagen zur Bekämpfung der Armut geschaffen
wurden, fand die Unterstützung sowohl der Gewerkschaften als auch
der Unternehmer und zeigt, wie weit die Sorge des Staates in dieser
Frage geht. Wirtschaftliche Gesundheit setzt aber auf selten der
Allgemeinheit das Wissen um die Notwendigkeit einer von Störungen
freien Wechselwirkung zwischen den wirtschaftlichen und sozialen
Gruppen voraus, die unerläßlich ist, soll eine demokratische Gesellschaft fortbestehen. Es ist zu hoffen, daß Gewerkschaften und Unternehmer aus eigenem Antrieb über Kollektiwerhandlungen Wechselbeziehungen anstreben, die sich auf die Gesamtbeschäftigung wie ihre
strukturelle Gliederung nach Beschäftigungszweigen, Berufsgruppen,
und Standorten erstrecken müssen. Gelangen sie nicht dahin oder
sollten gesetzliche Bestimmungen einer solchen Entwicklung entgegenstehen, dann wäre es an der Zeit, die Rolle der Regierung auf diesem
Gebiet im Hinblick auf mögliche Störungen des sozialen Gleichgewichts
neu zu durchdenken.

(Aus "Current History1*)

+ ++++

- 13 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Organisiertenanteil weiter rückläufig
Die Zahl der Mitglieder amerikanischer Gewerkschaften (einschl. der
in Kanada vertretenen Gewerkschaften) stieg zwischen 1962 und 1964 um
346 000 auf 17 976 000 an. Der Anteil der kanadischen Arbeitnehmer beläuft sich auf mehr als 1,1 Millionen. In den USA erhöhte sich die Zahl
der organisierten Arbeitnehmer um 255 000 auf insgesamt 16 841 000, wie
das Bundesamt für Arbeitsstatistik des amerikanischen Arbeitsministeriums
bekanntgab. Trotz der zunehmenden Organisiertenzahlen nimmt der Anteil
der Gewerkschaftsmitglieder an der Gesamtzahl der nicht im Farmbereich
beschäftigten Personen weiterhin ab, heißt es in der Verlautbarung des
Amtes.

+
UAW gründete Institut für Sozialforschung
Die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) hat ein Institut
für Sozialforschung (Michigan Health and Social Security Research Institute, Inc.) in Detroit gegründet. Nach Angaben des UAW-Präsidenten Walter
P. Reuther wird sich das Institut vor allem mit der Erforschung von Gesundheits-, Wohlfahrts- und Sozialversicherungsfragen befassen. In einer ersten Untersuchunp soll die Verwendung der Renten- und Sozialleistungen verstorbener Automobilarbeiter, die deren Angehörige erhalten, durchleuchtet
werden.

+
Lehrgänge für Lehrlingsanwärter
Die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) führt in Zusammenarbeit mit dem Detroit Board of Education ein Vor-Lehrlingsausbildungsprogramm für beschäftigungslose Jugendliche aus einkommensschwachen
Familien durch. Das Ziel eines solchen auf 14 Wochen angesetzten Lehrgangs besteht darin, den Jugendlichen das für die Teilnahme an den Lehrlingsprogrammen der Detroiter Betriebe nötige elementare Fachwissen zu
vermitteln. UAW-Präsident Walter P. Reuther vertrat die Ansicht, die bestehenden Lehrlings-Testverfahren der Industrie seien unzulänglich. Das
neue Vor-Ausbildungsprogramm soll zur Vermeidung ungerechtfertigter
Härten beitragen.

+
US-

- 14 -

�US-Arbeitslosigkeit erreichte Tiefstand
Mit 2,9 Millionen Beschäftigungslosen erreichte die Arbeitslosigkeit im September in den USA ihren tiefsten Stand seit Oktober 1957.
Nach Angaben des US-Arbeitsministeriums sank die Zahl der Beschäftigungslosen gegenüber dem Vormonat um 383 000 auf 2 850 000. Die Arbeitslosigkeitsrate sank auf 4,4 Prozent gegenüber 4,5 Prozent im
August. Im September verringerte sich die Zahl der Beschäftigten um
1,8 Millionen auf 72,4 Millionen. Dieser Vorgang ist im wesentlichen
auf die Rückkehr der in den Ferien berufstätigen Schüler und Studenten
in die Schulen zurückzuführen.

(Quelle: Eigenberichte)

+ + + ++

- 15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 11

November 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Automation und Gesellschaft

Seite

1

Beschäftigungstrends in der Fertigungsindustrie

Seite

4

Der neue Tarifvertrag der US-Stahlarbeiter

Seite

8

Arbeitslosigkeit erreichte neuen Tiefstand

Seite

10

G. Randolph Corastock, Mitarbeiter im Stab des Präsidialausschusses für Arbeitsmarktfragen:
Automation und Gesellschaft
Der technische Wandel als Aufgabe für Arbeitgeber und Arbeitnehmer
Der technische Wandel ist nichts Neues. Die erste Anwendung des
Hebels, Erfindungen wie das Rad und die Dampfmaschine, die Nutzung der
Elektrizität - sie alle hatten Rückwirkungen auf die Gesellschaft, die
denen der augenfälligsten technischen Fortschritte in unserem Jahrhundert kaum nachstehen. Da die Mechanisierung und die fortschreitende
Technisierung stets Veränderungen in den verschiedensten Lebensbereichen mit sich bringen, stellen sie für die Gesellschaft sowohl eine
Aufgabe wie auch eine Chance dar. Das gilt zumindest für die Zeit seit
Beginn der industriellen Revolution.
Nach Auffassung mancher Fachleute erleben wir gegenwärtig eine
"zweite industrielle Revolution", die sich weitgehend von der ersten
unterscheidet. Die an sie geknüpften Besorgnisse, daß sich nämlich
die Technik in ihren Dimensionen verändert oder das Tempo des Wandels
beschleunigt habe, sind zum Teil der Popularisierung von Begriffen wie
"Automation" als Sammelworte für praktisch alle Formen technischer
Neuentwicklungen zuzuschreiben. Dem Wort in der ursprünglichen Bedeutung haftet nichts Revolutionäres an.*' Diese ging jedoch rasch jLn

1) Der Begriff Automation wurde 1947 von D.S. Härder geprägt, dem
Leiter der Fertigungsabteilung der Ford Motor Company, um die Mechanisierung "ä la Detroit" zu charakterisieren: die Verbindung
verschiedener Fertigungsstationen durch automatische Transferstraßen oder Transportvorrichtungen. Offensichtlich wurde der gleiche
Begriff etwa zur gleichen Zeit und unabhängig hiervon auch von John
Diebold definiert, wenngleich in einem noch umfassenderen Sinne.
- 1 -

�in dem oftmals von emotionellen Gesichtspunkten diktierten Bemühen
verloren, diesen Begriff um der Anwendbarkeit auf die verschiedensten
Bedürfnisse und Befürchtungen willen jeweils neu zu definieren. Das
Ergebnis war eine nicht unbeträchtliche Verwirrung, die bis heute
spürbar ist.
Die gleichzeitig mit dieser Entwicklung sich einstellende Neigung
auf selten der Wirtschaftstheoretiker, Unternehmer, Gewerkschaftsführer und Journalisten, Begriffe wie technischer Wandel, Mechanisierung,
Automation, Kybernation und Produktivität bald als Synonyme, bald in
unterschiedlicher Bedeutung zu benutzen, hat die Verwirrung noch gesteigert. Um der Einheitlichkeit und Klarheit willen werden diese Begriffe im folgenden ausschließlich nach ihrer ••technischen«» Bedeutung
angewandt werden.
"Technisierung" ist für den Wirtschaftler die Gesamtheit des Wissens und der Verfahren, mit deren Hilfe alle verfügbaren wirtschaftlichen Hilfsquellen zusammengefaßt und in Waren und Dienstleistungen
zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse umgesetzt werden können.
Technisierung ist somit eindeutig ein dynamischer Prozeß. Ein "technischer Wandel", der den Wirkungsgrad der Umsetzung von Hilfsquellen
in Waren und Dienstleistungen erhöht, kann vielfältige Formen annehmen: Verwendung neuer Rohstoffe, Anwendung neuer Verfahren, Veränderung der organisatorischen Struktur eines Unternehmens, Einführung von
Ersatz- oder neuen Produkten, Standortveränderung mit Rücksicht auf
Rohstoffvorkommen und Märkte, Spezialisierung und Aufteilung der Arbeit
und der unternehmerischen Entscheidungsbefugnisse.
"Mechanisierung" läßt sich exakt nur auf eine ganz spezifische
Entwicklung in der Technik anwenden: den Ersatz menschlicher oder tierischer Arbeitskraft durch Maschinen. "Automation" bedeutet den Ersatz
des Menschen an der Maschine durch automatisch arbeitende Kontrollund Steuerorgane. "Kybernation" stellt eine Verfeinerung dieser Technik
dar, insofern als automatisierte Prozesse durch elektronische Steuergeräte . mit der Fähigkeit, gewisse Entscheidungen zu treffen, kontrolliert
werden. "Produktivität" wird gewöhnlich als Leistung pro Mann und Arbeltsstunde 2 ) definiert und dient als Meßgröße für die meisten, wenn
auch nicht sämtliche Auswirkungen des technischen Wandels auf die Beschäftigung.
Wenn sich die Begriffe der Technik relativ leicht definieren lassen, warum geben dann zwei unter ihnen - Automation und Kybernation Anlaß zu einem so heftigen Bedeutungsstreit, daß man sie am besten gesondert behandelt? Die Antwort liegt offensichtlich in den unterschiedlichen Auffassungen über die möglichen Auswirkungen der Automation und
Kybernation auf die Beschäftigung, die Einkommensentwicklung und die
Freizeit der Menschen begründet. Und in diesem Bereich vorwiegend persönlicher Besorgnisse, in dem sich jeder als Fachmann fühlt, haben die
Literatur und unzählige Vorträge über die Automation (in ihrer umfassendsten Bedeutung) einen heftigen Meinungsstreit ausgelöst.

2)

*2l

—

Die Leistung bzw. der Ausstoß pro Mann und Arbeitsstunde ist der Quotient aus der jährlichen Wertschöpfung der Wirtschaft, eines Industriezweiges oder eines Betriebs (in konstanten Preisen) und der Gesamtzahl
der geleisteten Arbeitsstunden. Die Produktivität wird in Geld ausgedrückt, ihre Zunahme in Prozenten.

- 2 -

�Auf diesen Meinungsstreit näher einzugehen, reicht der verfügbare
Raum nicht aus. Dennoch sei hier als wichtig angemerkt, daß das Spektrum der Meinungen sehr weit ist, halten die einen die Automation und
Kybernation doch lediglich für Varianten anderer technischer Veränderungen unserer Geschichte, während die anderen im Hinblick auf Art und
Umfang ihrer Auswirkungen befürchten, sie werden die Welt von Grund auf
verändern: Von einigen Ausnahmen abgesehen, werden Maschinen die menschliche Arbeitskraft überflüssig machen3), und
computergesteuerte
Maschinen werden sämtliche Arbeiten verrichten,die nötig sind, um die
Menschen mit Waren zu versorgen sowie ihre Freizeitbedürfnisse zu befriedigen. Der Mensch wird dann (nach dieser Auffassung) ein Einkommen
nicht als Gegenwert für aufgewandte Mühe beziehen, sondern dank eines
bestehenden Rechtsanspruchs.
Die pragmatische Erprobung solcher "utopischen" Hypothesen ist
nicht möglich. Sie sind bestenfalls subjektive Beurteilungen der Zukunft
und basieren schlimmstenfalls auf der Annahme, wir lebten in einer Zeit,
in der die Geschichte zum Stillstand kommt. Bis heute fehlt noch jeder
einigermaßen stichhaltige Beweis, daß die Automation oder irgendeine
andere Form des allgemeinen technischen Wandels einen klaren "Bruch mit
der Geschichte" darstellt.
Das Vernünftigste ist demnach, davon auszugehen, der technische
Wandel - die Mechanisierung wie auch die Automatisierung - haben heute,
und mehr noch in der Zukunft, einen gewissen Einfluß auf die Gesellschaft.
Diesen Einfluß auf die Beschäftigung, die Einkommensentwicklung und
überhaupt unser gesamtes Leben aber können und sollten wir in die gewünschte Richtung lenken. Wie sich Gesellschaft, Unternehmer und Arbeitnehmer der Aufgabe entledigen, die ihnen aus der neuen technischen Entwicklung erwächst, ist weitgehend in ihre Hand gelegt.
Auswirkungen technischer Veränderungen
Ein Blick auf die Geschichte offenbart, was die Zukunft angeht, so
gut wie nichts. Es haben viele - zum Teil schmerzlich - erfahren müssen,
daß die Vergangenheit nicht zwangsläufig Prolog der Zukunft ist. Dennoch
tun wir gut daran, die Auswirkungen der technischen Veränderungen.in den
vergangenen Jahren eingehend zu studieren.
Das meist gebräuchliche Maß des technischen Fortschritts ist, wie
schon erwähnt, die Arbeitsproduktivität. Bei seiner Anwendung ist jedoch
einige Vorsicht geboten, weil es sich hierbei nicht um einen Meßwert für
Größen aus dem Bereich der Technik, sondern für die wirtschaftlichen Auswirkungen technischer Veränderungen handelt. In den Angaben über die Leistung pro Mann und Arbeitsstunde spiegeln sich auch andere Veränderungen
Vgl. "The Triple Revolution" (Erklärung des Ad Hoc Committee on the
Triple Revolution vom März 1964, in Briefform weitergeleitet an den
Präsidenten der Vereinigten Staaten, den Arbeitsminister und die Fraktionsvorsitzenden beider Parteien im Senat und Repräsentantenhaus).
Siehe ferner "Cybernation: The Silent Conquest" von Donald N. Michael
(Santa Barbara: Center for the Study of Democratic Institutions, 1962)
sowie die Gegendarstellung «The Automation Hysteria" von George Terborgh
(Washington, D.C.: Machinery and Allied Products Institute, 1965).

- 3 -

�Veränderungen wider (z.B. Änderungen in der Investitionsrate, in Ausmaß und Intensität der Wirtschaftstätigkeit, im Niveau der Bildung und
des fachlichen Könnens der Beschäftigten), die den Arbeitsaufwand pro
Stück zu beeinflussen vermögen; über die. Tragweite solcher Veränderungen
sagen diese Angaben jedoch nichts aus.
Dennoch darf man darüber nicht aus dem Auge verlieren, daß es eben
der technische Wandel ist, der erst Leistungssteigerungen in der Produktion von Waren und Dienstleistungen auf der Basis der vorhandenen
Hilfsquellen ermöglicht. Es sei ferner daran erinnert, daß die Produktivitätsziffern lediglich die Jahr für Jahr auftretenden Veränderungen
registrieren, die es gestatten, ein Stück dank der Verringerung des erforderlichen Arbeitsaufwands mit größerem Wirkungsgrad herzustellen.
Unter diesen Gesichtspunkten lassen sich Produktivitätsvergleiche tatsächlich als Maß für die Auswirkungen technischer Veränderungen über
einen größeren Zeitraum hinweg benutzen.
Für die Beurteilung der Auswirkungen eines technischen Wandels
auf die Beschäftigung erweist sich die Produktivität als ein hervorragendes Hilfsmittel. Jede Veränderung in der Beschäftigung zieht eine
Veränderung der Relation zwischen Produktion, und Produktion pro Arbeitsstunde nach sich. Natürlich wird der Beschäftigungsstand auch durch
andere variable Größen beeinflußt. Solange die Produktion schneller
wächst als die Produktivität, steigt die Beschäftigtenzahl;wenn jedoch
der Ausstoß pro Mann und Arbeitsstunde schneller als die Produktion zunimmt, geht die Beschäftigung zurück. (Wird fortgesetzt).
Nachdruck ist mit Angabe des Verfassers und dem Vermerk
(c) 1965 by Current History, Inc.
gestattet.

+ ++++

Beschäftigungstrends in der Fertigungsindustrie
Rückgang der Arbeitslosigkeit in den Arbeiterberufen
Die Situation auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt hat sich von
August 1964 bis August 1965 ständig verbessert. Innerhalb dieses Zeitraumes sank die Arbeitslosigkeit von 5,1 Prozent.auf 4,5 Prozent (Oktober 1965: 4,3 Prozent, niedrigster Stand seit acht Jahren). Ausschlaggebend für den Rückgang der Arbeitslosigkeit war neben anderen Faktoren
vor allem der Aufschwung in der gütererzeugenden Wirtschaft.
Während dieser zwölf Monate ließ insbesondere der Beschäftigungsstand in der Fertigungsindustrie eine starke Aufwärtstendenz erkennen.
Im März übertraf hier die Beschäftigung den Höchststand des Jahres 1956
und erreichte im August 1965 eine neue Rekordhöhe. Das Arbeitsplatzangebot in der Fertigungsindustrie hat sich im Vergleich zu früheren Perioden entschieden verbessert: Während es sich zum Beispiel in der Zeit von
August 1963 bis August 1964 monatlich nur um durchschnittlich 28 000
Arbeitsplätze erhöhte, betrug der Zuwachs in der folgenden Vergleichsperiode durchschnittlich 65 000 Arbeitsplätze pro Monat. Der Schwerpunkt
dieser Entwicklung lag in der Metall- und metallverarbeitenden Industrie.
Gleichzeitig wurden auf diesem Industriesektor längere
- 4 -

�längere Arbeitswochen, erhebliche Überstundenleistungen sowie sehr
hohe Stunden- und Wochenlöhne verzeichnet. Dem Aufschwung in der
Industriearbeiterbeschäftigung gingen erhebliche Zunahmen im Baugewerbe voraus, wo im übrigen der Anstieg weiter anhält.
Das wachsende Arbeitsplatzangebot schlug sich im Beschäftigungsstand der Arbeiter nieder. Diese Beschäftigtengruppe verzeichnete in den beiden letzten Jahren erhebliche Zunahmen, wobei das
Schwergewicht bei den weniger hoch qualifizierten Arbeitskräften lag.
Schon im Frühjahr 1962 war der Rückgang, der während der Rezession der Jahre 1960 und 1961 im Beschäftigungsstand der Arbeiter eingetreten war, mehr als wettgemacht. In den folgenden zwei Jahren stieg
die Zahl der Beschäftigten ständig, wobei der Schwerpunkt der Entwicklung auf dem Dienstleistungssektor lag, während die gütererzeugende
Industrie und verwandte Industriezweige wegen ihrer- Rezessionanfälligkeit zunächst nicht Schritt zu halten vermochten. Erst im Februar 1964
übertraf die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze in diesen Industrien
den Höchststand vom Frühjahr 1960. Und im August 1964 schließlich
schnellten die Zuwachsraten im Arbeitsplatzangebot in der gütererzeugenden Industrie»und da vor allem im Fertigungsbereich, schlagartig
nach oben. In schneller Folge wurden die früheren Rekordmarken der
Jahre 1956, 1953 und 1943 übertroffen. Während des Aufschwungs wurden
gewisse langfristige Wandlungsprozesse in der Struktur der gütererzeugenden Industrie sichtbar, während andere Nachkriegsentwicklungen
zum Stillstand kamen. Der neue in der FertigungsIndustrie erreichte
Höchststand der Beschäftigtenzahlen im August 1965 ist kennzeichnend
für die veränderte Situation.
Einer der dauerhaftesten Trends der Nachkriegszeit bestand darin,
daß die nicht in der Produktion tätigen Arbeitskräfte in ständig wachsendem Maße ihren Anteil an der Gesamtbeschäftigtenzahl in der Fertigungsindustrie zu vergrößern vermochten. Noch 1947 zum Beispiel.übte
jeder sechste in der Fertigungsindustrie Tätige eine nicht-produktive
Beschäftigung aus. 1960 war bereits jeder vierte Arbeitnehmer nicht
in der Produktion beschäftigt. Im Zuge de* jüngsten wirtschaftlichen
Aufschwungs erfuhr diese Entwicklung allerdings eine Unterbrechung.
Soweit man dies heute bereits übersehen kann, ist sie sogar wieder
rückläufig. Obgleich das Verhältnis auch schon während früherer wirtschaftlicher Aufschwünge konstant geblieben ist, ist es immerhin bemerkenswert, daß in dieser Relation nunmehr seit vier Jahren kaum
Schwankungen aufgetreten sind. Es ist freilich noch zu früh, um beurteilen zu können, ob der Trend nun zum Stillstand gekommen ist.
Zunächst jedoch erreicht der Beschäftigungsstand der nicht-produktiven
Arbeitnehmer neue Höchstwerte,; gemessen an den zwischen 1947 und 1961
erreichten Spitzenwerten, während der Beschäftigungsstand bei den Produktionsarbeitern immer noch etwas unterhalb der Rekordmarken früherer
Jahre liegt.
Der Gesamtanstieg der Beschäftigung in der FertigungsIndustrie
ist das Ergebnis einer starken Beschäftigungszunahme in einer Reihe
von Branchen, während andere Zweige Einbußen erlitten. Drei Branchen
des kurzlebigen Güter-Bereichs - Chemie, Druckereigewerbe und Bekleidungsindustrie - sowie drei Branchen des langlebigen Güter Bereichs -

5 -

�Güter-Bereichs - Metallverarbeitung, elektrische Ausrüstungen und
Maschinenbau - haben einen erheblichen Zuwachs an Arbeitsplätzen
über den Höchststand von 1957 hinaus zu verzeichnen. Von den Branchen, die gegenwärtig unter dem Höchststand von 1957 bleiben, hat
die Transportausrüstungsbranche, die zwischen 1957 und 1960 infolge
des Rückgangs der Flugzeugproduktion erhebliche Verluste hinnehmen
mußte, vor allem durch den nun schon vier Jahre andauernden Boom in
der AutomobilIndustrie mittlerweile ihre Einbußen nahezu wieder wettmachen können. Metall- und Textilindustrie haben jüngst aufgeholt,
jedoch ihre früheren Verluste noch keineswegs ausgeglichen. Auf der
anderen Seite verzeichnet die Lebensmittelindustrie seit 1956 einen
mäßig starken, aber doch beständigen Abwärtstrend.
Von erheblicher Bedeutung ist die Tatsache, daß in den sechs
größten Wachstumsbranchen die Zunahme der Zahl der Arbeitsplätze
zwischen 1960 und 1965 nur geringfügig stärker war als die Zunahme
in der Produktionsarbeiter-Beschäftigung. Etwa das gleiche gilt für
die Metallindustrie, wo die. Gesamtbeschäftigung leicht zurückging,
während der Anteil der Produktionsarbeiter an der Gesamtbeschäftigung 1964 - im Gegensatz zu den sechs vorausgegangenen Jahren mit
gleichbleibendem Anteil - leicht anstieg.
Beschäftigungsstand und Arbeitslosigkeit von Arbeitern
Die jüngste erhöhte Zunahme des Arbeitsplatzangebots für Arbeiter schlägt sich auch in den Beschäftigtenzahlen nieder. Wie die
Tabelle (unten) erkennen läßt, sind die laufenden Zunwachsraten für
gelernte u.a. Arbeiter und für ungelernte Arbeiter (ohne Landwirtschaft) erheblich höher als die für die Gesamtbeschäftigung geltende
Zuwachsrate.
TABELLE 1
DURCHSCHNITTLICHER BESCHAFTIGUNGSSTAND, JANUAR-AUGUST, 1963-1965
(in 1000)
Berufe

Prozentuale Zunahme
1965

. .1964

1963

Gesamtbeschäftigung

71 865

70 149

Gelernte u.a.
Arbeiter

13 290
3 926

Ungelernte
Arbeiter
(ohne Landw.)

64-65

63-64

68 542

2,4

2,3

12 832

12 407

3,6

3,4

3 675

3 555

6,8

3,4

Dieser deutliche Beschäftigtenzuwachs hat ein merkliches Absinken der Arbeiter-Erwerbslosigkeitsrate bewirkt. Obwohl der seit vier
Jahren andauernde Trend in der Entwicklung der Arbeitslosenziffern für

- 6 -

�für alle Arbeitergruppen rückläufig war, verdient der letzthin eingetretene Rückgang in der Arbeiter-Rate besondere Aufmerksamkeit. Die
Beschäftigungslosigkeit dieser Arbeitnehmerkategorie erreichte im
zweiten Quartal des Jahres 1961 mit 9,8 Prozent ihren Gipfel, innerhalb eines Jahres sank sie jedoch auf 7,4 Prozent. Dieses schnelle
Absinken stand in Einklang mit der allgemeinen Entwicklung nach der
Rezession von 1960 und 1961. In den Jahren 1962 und 1963 schwankte
die Beschäftigungslosigkeit in den einzelnen Berufsgruppen, jedenfalls war kein Trend auszumachen. Von dem vierten Quartal des Jahres
1963 an sank jedoch die Beschäftigungslosigkeit bei den Arbeitern besonders bei gelernten Arbeitern - schneller als in anderen Berufsgruppen. In der Zeit von Ende 1963 bis Mitte 1965 sank die Arbeitslosigkeit bei gelernten Arbeitern von 7,5 Proeent auf 6 Prozent. Zu
dem allgemeinen Absinken der Arbeiter-Erwerbslosigkeit trug jedoch
auch der Rückgang bei den übrigen Arbeitern (außer Landwirtschaft)
bei. Hier setzte eine stärkere rückläufige Bewegung, im zweiten Quartal 1963 ein, die im zweiten Quartal 1965 bei 8 Prozent einen Tiefpunkt erreichte. Die Arbeitslosigkeit war zu diesem Zeitpunkt nur
noch halb so hoch wie im Frühjahr 1961. Diese günstige Entwicklung
hielt während des Sommers an und führte dazu, daß sich die Arbeitslosigkeit der Arbeiter auf den sehr niedrigen Stand der Zeit vor
1957 einpendelte.
TABELLE 2
ARBEITSLOSIGKEIT BEI ARBEITERN UND ANGESTELLTEN Ausgewählte saisonal korrigierte Quartalsdurchschnitte zwischen 1957
und 1965

Berufszweig

3. Quartal
19651)

2. Quartal
1963 1962

1965

1964

5,3

5,6

6,2

7,3

7,4

9,8

5,9

Facharbeiter und
Vorarbeiter

3,6

3,9

4,0

4,6

5,3

7,0

3,6

Gelernte u.a.
Arbeiter

5,6

6,0

6,5

7,6

7,2

10,0

6,3

Ungelernte Arbeiter
(ohne Landwirtschaft)

7,6

8,0

10,2

12,2

12,7

15,7

9,6

2,2

2,3

2,7

2,9

2,6

3,4

1,9

Akademiker,
techn. Angestellte

1,4

1,5

1,8

2,1

1,7

2,1

1,4

Manager, öffentl.
Angest., Selbständige

1,2

1,1

1,2

1,5

1,4

1,9

0,8

Arbeiter

Angestellte

1961

19572)

Büroangestellte
7 -

�Berufszweig

3. Quartal
19651)

1965

1964

2. Quartal
1963 1962

1961

1957

Büroangestellte

3,0

3,4

3,9

3,8

3,6

5,0

2,9

Verkaufspersonal

3,2

3,3

3,8

4,2

3,9

4,4

2,2

Vorläufige Schätzung nach Angaben für Juli und August
Geschätzt

(Aus "The Monthly Report on
the Labor Force11)

•+++++
Der neue Tarifvertrag der US-Stahlarbeiter
Der neue Stahlarbeiter-Tarifvertrag, der am 1. September in Kraft
trat, brachte für rund 350 000 Beschäftigte der "großen Zehn" unter den
US-Stahlproduzenten neben einer stufenweisen Erhöhung der Stundenlöhne
innerhalb rund drei Jahren um durchschnittlich 21,5 Cent ganz erhebliche
Verbesserungen der sozialen Nebenleistungen. Rechnet man den Wert dieser
Sozialleistungen zu den absoluten Lohnerhöhungen hinzu, so wird nach den
Berechnungen der Stahlarbeitergewerkschaft eine effektive Lohnsteigerung
von 47,3 Cent erreicht, nach Angaben der Industrie sogar von mehr als 50
Cent.
Die neue Regelung gilt vom 1. September 1965 bis 1. August 1968 und
kann frühestens am 1. Juni 1968 mit 60tägiger Frist gekündigt werden.
Dem Abschluß dieses Vertrags waren neunmonatige schwierige Verhandlungen
vorausgegangen. Als eine Regelung daran zu scheitern drohte, daß die Gewerkschaften eine Erhöhung der Stundenlöhne (einschließlich sozialer Nebenleistungen) um 50 Cent forderten, während.die Arbeitgeber lediglich
40 Cent gewähren wollten, schaltete sich am 30. August Präsident Johnson
ein. Seinem Eingreifen ist es zu danken, daß dann doch noch eine Einigung vor dem für den 1. September 0 Uhr angedrohten Streik zustande kam,
der sicherlich größte Schäden für die Gesamtwirtschaft mit sich gebracht
hätte.
Im ersten Jahr der Gültigkeit des neuen Tarifvertrags werden die
Löhne in den einzelnen Lohngruppen um 10 bis 19 Cent pro Stunde oder um
durchschnittlich 16,2 Cent angehoben. Hit Wirkung vom 1. Januar 1966
werden sämtliche Facharbeiter innerhalb ihrer jeweiligen Beschäftigungs-

- 8 -

�Beschäftigungskategorien um zwei Stufen höher klassifiziert, was einer
Lohnerhöhung von rund 14,6 Cent über die Erhöhung vom September 1965
hinaus gleichkommt. Im dritten Jahr, d.h. ab 1. August 1967, werden
die Löhne wiederum um sechs bis zwölf Cent bzw. durchschnittlich um
8,5 Cent erhöht. Alles in allem ergibt sich daraus über die ganze Laufzeit des Vertrages hinweg die schon erwähnte durchschnittliche Erhöhung
der Stundenlöhne von 21,5 Cent.
Ein noch stärkerer Anstieg als bei den Löhnen ist bei den sozialen
Leistungen zu verzeichnen. In der betrieblichen Altersversicherung wird
es ab 1. August 1966 für Arbeitnehmer mit 30 und mehr Dienstjähren
keine untere Pensionierungsgrenze mehr geben. Gleichzeitig wird der Rentensatz von 2,50 Dollar auf 5 Dollar monatlich je Dienstjahr angehoben.
Die Mindestrente beträgt demnach künftig 150 Dollar monatlich, der
Höchstsatz (nach 35 Dienstjähren) 175 Dollar. Die bestehenden Altrenten
werden sämtlich um 15 Dollar pro Monat erhöht. .
Im Falle der Invalidität, der Pensionierung wegen Werksstillegung
oder nach zweijähriger Arbeitslosigkeit wird eine Zusatzrente in Höhe
von 75 Dollar zu der Rente gezahlt, auf die der Betroffene aufgrund
seiner Dienstjahre Anspruch hat. Diese Zusatzrente erlischt bei Einsetzen der vollen Leistungspflicht der staatlichen Sozialversicherung.
Der Einbehaltungssatz bei gleichzeitigem Empfang von Rente aus
der Sozialversicherung wird von 80 Dollar auf 60 Dollar im Monat gesenkt, was einer Rentenerhöhung um den Differenzbetrag gleichkommt.
Vom 1. August 1967 an wird die Leistungsdauer der Kranken- und
Unfallversicherung für Mitarbeiter mit zwei und mehr Dienstjahren von
26 auf 52 Wochen ausgedehnt bei gleichzeitiger Anhebung des durchschnittlichen Wochensatzes von 67,50 Dollar auf 80 Dollar. Arztkosten
werden vom gleichen Zeitpunkt an restlos statt wie bisher nur teilweise erstattet. Im Falle der Entlassung oder Arbeitsunfähigkeit nach
zehn DienstJahren wird die Leistungspflicht der Behandlungskostenversicherung gleichfalls von 26 auf 52 Wochen verlängert. Dieser Versicherungsschutz wird auch auf unterhaltsberechtigte Kinder ausgedehnt;
er reicht bei Studierenden bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres,
bei arbeitsunfähigen Kindern ist er unbegrenzt.
Daneben brachte der neue Tarifvertrag noch Vereinbarungen zu
Fragen der Lehrlingsausbildung, des Arbeitsschutzes und der Abgeltung
von Urlaubsansprüchen durch einmalige Zahlungen.
Die neuen Vergünstigungen werden schon bald auch den rund 100 000
Mitarbeitern der kleineren, unabhängigen Stahlbetriebe zugute kommen.
Die für sie derzeitig gültigen Tarifverträge wurden fast sämtlich in
jüngerer Zeit unter der Bedingung verlängert, daß die Firmen den Belegschaftsangehörigen die gleichen Leistungen gewähren wie die "großen
Zehn".

(Quelle:

+++++

- 9-

Eigenbericht)

�Arbeitslosigkeit erreichte neuen Tiefstand
Die Zahl der Erwerbslosen in den USA ist seit Monaten rückläufig
und erreichte in Oktober ihren niedrigsten Stand seit acht Jahren:
Nach Angaben des US-Arbeitsministeriums wurden im Oktober 2,8 Millionen Erwerbspersonen als arbeitslos registriert. Diese Zahl entspricht
einer Arbeitslosigkeit von 4,3 Prozent.
Trotz des starken Rückganges der Arbeitslosenziffer wird der derzeitige Stand von amerikanischen Experten als immer noch viel zu hoch
bezeichnet; die Anstrengungen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit dauern denn auch unvermindert an. Indes läßt ein Vergleich der gegenwärtigen Situation mit der Lage im Oktober 1964 doch erhebliche Fortschritte in Richtung auf die Beseitigung des Problems der Erwerbslosigkeit erkennen.
Im Oktober 1964 belief sich die Zahl der Erwerbslosen auf 3,3
Millionen Personen, das waren 500 000 Arbeitslose mehr als im Oktober
1965. Die Arbeitslosigkeit betrug 5,2 Prozent. Der Fortschritt wird
aber noch deutlicher an der Zunahme der Zahl der erwerbstätigen Amerikaner gegenüber dem Vorjahr um 2 Millionen auf insgesamt 73 196 000.
Die binnen Jahresfrist eingetretenen günstigen Veränderungen
macht folgende Aufschlüsselung der statistischen Globalzahlen sichtbar: Die Arbeitslosigkeit sank gegenüber Oktober 1964 in der Altersgruppe der 20- bis 24jährigen männlichen Erwerbspersonen von 4 Prozent
auf 2,9 Prozent, in den Altersgruppen darüber von 3,4 Prozent auf 2,6
Prozent, bei verheirateten männlichen Erwerbspersonen von 2,9 Prozent
auf 2,1 Prozent, bei nicht-weißen Erwerbspersonen von 9,8 Prozent auf
7,9 Prozent und bei weiblichen Erwerbspertfonen in den Altersgruppen
von 20 Jahren und darüber von 5,1 Prozent auf 4,2 Prozent,
Diese bemerkenswerte Entwicklung ist im wesentlichen auf das erfolgreiche Zusammenwirken von Bundesregierung, lokalen Behörden, Privatwirtschaft und Gewerkschaften in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zurückzuführen. Dieser Feldzug spielt sich an vielen Fronten ab.
Da sind einmal steuerpolitische Maßnahmen wie die Senkung der Einkommen- und Körperschaftssteuern um 6,7 Mrd. Dollar vor zwei Jahren, die
zu einem nicht unerheblichen Teil dem Wirtschaftskreislauf in Form von
Konsumaufwand zuflössen, oder die VerbrauchesteuerSenkung vom vergangenen Jahr. Beide fiskalpolitische Maßnahmen trugen zur Erhöhung der
wirtschaftlichen Aktivität und damit zur Schaffung neuer Arbeitsplätze
bei.
Parallel zu den steuerpolitischen Maßnahmen wurde die Ausbildung
und Umschulung von stellungslosen Arbeitnehmern vorangetrieben. Programme dieser Art basieren auf den Gesetzen zur Entwicklung des Arbeitsmarktes und zur Sicherung des wirtschaftlichen Fortkommens. Darüber hinaus sind örtliche Behörden wie auch die Gewerkschaften mit eigenen Beruf sbildungsprogrammen hervorgetreten.
Rund 550 000 Amerikaner erhielten auf Grund dieser Gesetzgebung
inzwischen eine Fachausbildung in Mangelberufen, und weitere 200 000
Amerikaner werden bis Mitte nächsten Jahres eine solche Ausbildung ab-

- 10 -

�abgeschlossen haben, die sie in die Lage versetzt, auf den freien
Stellenmarkt erfolgreich zu konkurrieren.
Diese Fachausbildungsprogramme werden von staatlichen Erziehungsbehörden in Zusammenarbeit mit örtlichen Berufsschulen und
beratenden Bürgerausschüssen durchgeführt, wobei die Kommunen lediglich 10 Prozent der Aasbildungskosten zu tragen haben. Besonderes Gewicht kommt der Ausbildung am Arbeitsplatz zu, wobei der
Staat die Ausbildungskosten trägt, während die Wirtschaft die Lohnkosten übernimmt. Dieses Programm ist außerordentlich erfolgreich:
75 Prozent der Fachbildungsabsolventen nehmen inzwischen entsprechende Stellen in der Industrie ein.
Ein weiteres erfolgreiches Programm - das Neighborhood Youth
Corps Program - bemüht sich um jene Gruppe von Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren, die aus finanziellen Gründen vorzeitig die
Schule verlassen mußten. Für sie bietet das Programm Möglichkeiten
der Teilzeitbeschäftigung. Das Programm ist auf die Unterstützung
von über 300 000 Jungen und Mädchen zugeschnitten.

(Quelle: Eigenbericht)

+ ++++

- 11 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVIII - 12

Dezember 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Automation und Gesellschaft

(II)

Seite 1

Gewerkschaftliche Mitsprache bei
Personalentscheidungen

Seite 9

Arbeitnehmer auf der Schulbank

Seite 11

G. Randolph Comstock, Mitarbeiter im Stab des Präsidialausschusses für Arbeitsmarktfragen:
Automation und Gesellschaft (II und Schluß)
Historisch betrachtet ist die Wertschöpfung der amerikanischen
Wirtschaft in einem Umfang gewachsen, der mehr als ausreichend war, um
die Auswirkungen des Produktivitätszuwachses wettzumachen. Die Folge
war ein kontinuierlicher Anstieg in der Gesamtbeschäftigung.
Da die Produktivität4) dem Einfluß von vielen variablen Größen unterworfen ist, muß man kurzfristige Veränderungen mit einer gewissen
Vorsicht betrachten. Je mehr Variable von Einfluß sind, um so länger muß
man mit der Beurteilung von Trends warten, damit sich größere Schwankungen in der generellen Entwicklungslinie durch die wechselseitige Beeinflussung dieser Faktoren untereinander auspendeln. Ein Zeitraum von fünf
Jahren dürfte unter diesem Gesichtspunkt ausreichen, gewisse typische
Entwicklungstendenzen aufzuzeigen, während ein wirklich zuverlässiges
Bild vom Ausmaß und von der Tragweite technischer Veränderungen erst
bei Betrachtung eines Zehnjahreszeitraums zu gewinnen sein wird.
Die Landwirtschaft ist sicherlich ein hervorragendes Beispiel dafür, welche Auswirkungen Produktivitätssteigerungen über einen größeren
Zeltabschnitt hinweg haben können. Anfang des 19. Jahrhunderts waren
Da sich die Produktivität der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst
nicht messen läßt - kann man deren "Produkt" doch nicht als Ware verkaufen -, beziehen sich Angaben über die Produktivität gewöhnlich
lediglich auf die private Wirtschaft.

- 1-

�waren rund 75 Prozent aller Erwerbspersonen in der Landwirtschaft tätig.
Diese Ziffer fing bis zur Jahrhundertwende auf 40 Prozent zurück und erreichte in jüngster Zeit mit nur 5 Prozent ihren absolut tiefsten Stand.
Das ganze amerikanische Volk - einschließlich der Farmer - erfreut sich
heute eines höheren Lebensstandards, was keineswegs der Fall wäre, wenn
der Großteil der Bevölkerung noch immer in der Landwirtschaft tätig sein
müßte. Der Farmer kann heute mehr Industrieprodukte als je zuvor erwerben, größtenteils deshalb, weil er umgekehrt heute mehr Industriearbeiter
als in der Vergangenheit zu versorgen vermag.
Der Anstieg des Lebensstandards in den Vereinigten Staaten ist vor
allem technischen Veränderungen zu verdanken. Das jährliche verfügbare
Personaleinkommen stieg von 1180 Dollar im Jahre 1930 auf 2248 Dollar
im Jahre 1964 (in Preisen von 1964 ausgedrückt). Der Anstieg der Einkommen war begleitet von einer Zunahme der Freizeit, .ging doch die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit pro Kopf der Bevölkerung von 2600
Stunden im Jahr 1900 auf 1600 Stunden im Jahr 1960 zurück. Die langfristigen Vorteile des Produktivitätsanstiegs - mit anderen Horten, eines
höheren Grades der Technisierung - lassen sich am deutlichsten an der
Tatsache ablesen, daß das Bruttosozialprodukt von 1929 mit den heutigen
Methoden von nur 26 Millionen Arbeitskräften bei Einhaltung der 40-Stunden-Woche erwirtschaftet werden könnte, während umgekehrt ein Bruttosozialprodukt von 600 Milliarden Dollar (im Jahre 1964) mit den technischen Möglichkeiten von 1929 nur durch den Einsatz der. Gesamtzahl von
70 Millionen Beschäftigten bei 90 Wochenstunden zu schaffen wäre.
Es wäre müßig, sich die Folgen künftiger technischer Fortschritte
nach Zelt und Ausmaß ausmalen zu wollen; fest steht dagegen, daß im
Jahre 1965 - fünfzehn Jahre nach den ersten düsteren Prophezeiungen
über die rasche Verdrängung der menschlichen Arbeitskraft in der Industrie als Folge der Automation und Kybernation - noch nicht einmal ein
einziges Produkt in der gesamten amerikanischen Industrie^) in einem
einsigen lückenlos durchautomatisierten Prozeß erzeugt wird. Und es
sieht auch keineswegs so aus, als ob sich daran in naher Zukunft etwas
ändern würde"'. Die moderne Technik bietet uns die einzig praktikable
Methode zur Aufrechterhaltung unseres gegenwärtigen hohen Lebensstandards und verspricht uns noch weitere große Fortschritte für die Zukunft. Wir müssen deshalb diese Entwicklung verstehen und beherrschen
lernen und sie in Bahnen leiten, die die Gewähr bieten, daß sie zur
Verbesserung des Loses der Menschen beiträgt.
Der Wandel als Aufgabe
Zweifellos kulminieren die Besorgnisse über die Auswirkungen der
Automation auf die Wirtschaft in der Vorstellung, die Verdrängung vom
Arbeitsplatz durch automatisch gesteuerte Maschinen laufe auf «ine

Siehe Herbert Wiener "The Human Use of Human Belüge" (Boston, Houghton
Mlfflin Company, 1950).
Siehe Charles E. Silbernen "The Real News About Automation1* in der
Januarausgabe 1965 dar Zeitschrift "Fortune**.

- 2 -

�eine ständig« Verdrängung hinaus, d.h. auf dauernde Arbeitslosigkeit.
Selche Befürchtungen werden sowohl durch logische Argumente als auch
durch die gesamte wirtschaftliche Erfahrung widerlegt. Die Erfindung
und Herstellung «ahlreicher Produkte, wie sie für den heutigen Markt
typisch sind, geht auf Kosten anderer Produkte, Verfahren und auch
Personen. Sicherlich ist die Beschäftigungszunähme, die aus technischen Heuerungen oder neuen Produkten herrührt, manchmal geringer als
dl« durch sie bedingte Arbeitslosigkeit. Dennoch ist in der Mehrzahl
der Fälle ein völlig gegenteiliger Effekt zu beobachten, weil wirklich
erfolgreiche technische Veränderungen zu expandierenden Märkten führen; in solchen Pillen (man vergleiche nur Entwicklungen wie das Auto,
Telefon, Fernsehen) findet das Produkt eine rasch zunehmende Verwendung, so daß für seine Herstellung immer mehr Personal benötigt wird.
Die Erdölraffination und das Fernsprechwesen sind Wirtschaftszweige, in denen die Automation seit vielen Jahren schon intensiv vorangetrieben wird. Im Bereich der Erdölverarbeitung nahm die Beschäftigung seit 1920 um über 175 Prozent und im Fernsprechwesen um über 130
Prozent zu. In beiden Fällen übersteigt die Beschäftigungszunahme den
Durchschnitt der Gesamtwirtschaft erheblich.
Innerhalb der letzten 35 Jahre stieg die Gesamtzahl der Erwerbspersonen von 50 auf 75 Millionen, d.h. um 50 Prozent, bei gleichzeitiger
Zunahme der Gesamtbeschäftigung um 23 Millionen. Die Eingliederung einer
so großen Zahl von neuen Arbeitskräften in den Wirtschaftsprozeß ist
teils der Schaffung neuer Arbeitsplätze, teils der Umverteilung der
Arbeitskraft« zu verdanken, die der technische Wandel mit sich brachte.
Ohne die technischen Fortschritte der beiden letzten Jahrzehnte würde
die Arbeitslosigkeit weit größer und angesichts des derzeitigen Lohnniveaus auch weit schlimmer sein als die zu Beginn der dreißiger.Jahre.
Verdrängte Arbeltskräfte
Bei der Betrachtung der Vorteile eines Wirtschaftssystems, das
durch das Absterben seiner schwächsten Elemente an Stärke und Umfang
wächst, darf man jedoch die Probleme nicht übersehen, vor die sich der
einzelne gestellt sieht. Den von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeitskräften ist es ziemlich gleichgültig, ob sie wegen der Automatisierung oder auf Grund der schwindenden Nachfrage nach den bisher von
ihnen erzeugten Produkten arbeitslos werden. Es wird ihnen schwer klarzumachen sein, daß durch den Gewinn, der der Gesellschaft letztlich
aus diesem Vorgang erwächst, ihr persönlicher Verlust und ihr persönliches Ungemach kompensiert werden.
Den einzelnen wie die Gesellschaft zu der Erkenntnis zu führen,
daß der Wandel lebenswichtige Voraussetzung einer dynamischen Wirtschaft ist, scheint deshalb eine vordringliche Aufgabe.
Die Automation bringt eine Umschichtung in den Arbeitsmöglichkeiten mit sich, ja sie soll sie sogar mit sich bringen. Arbeitskräfte
geben Berufe auf, die nicht mehr länger gefragt sind, und übernehmen
andere, oftmals bessere Arbeitsplätze, um auf diese Weise zur Befriedigung der Bedürfnisse der Gesellschaft beizutragen. Unglücklicherweise
besitzen die verdrängten Arbeitskräfte oft nicht die beruflichen

- 3 -

�beruflichen Qualifikationen, die für die im Zuge des technischen Fortschritts neu entstehenden Arbeitsplätze gefordert werden, und verschiedentlich sind auch gar keine anderen Arbeitsplätze verfügbar.
Die Anerkannung dieser Tatsache führt zu einer Reihe von Schlußfolgerungan. Erstens und allem voran bedarf es selbstverständlich
größerer Anstrengungen, den Bildungs- und Fertigkeitsgrad der Bevölkerung im ganzen Lande zu heben. Besondere Berücksichtigung verdienen
hierbei alle diejenigen, die unter den Folgen des technischen Fortschritts su leiden haben. Die derzeitige Debatte über die Auswirkungen
dar Automation und Kybernation auf den Bildungs- und Fertigkeitsgrad
richtet sich vornehmlich auf jene Beschäftigungssparten, in denen diese
am weitesten vorgedrungen sind. Dia Debatte ist damit tragischerweise
in gewisser Hinsicht in die falsche Richtung gegangen. Die Zahl der
Arbeitsplätze dürfte im Zuge der Entwicklung zu durchautomatisierten
Arbeitsvorgängen so gut wie in jedem Falle zurückgehen. Es muß deshalb
vielmehr die Frage gestellt werden: Welche Fertigkeiten und welche Qualifikationen sind für die verbleibenden und die wegen der Produktionserweiterungen neu zu schaffenden Arbeitsplätze erforderlich?
Es gibt sahireiche Beweise dafür, daß die Anforderungen an die Beschäftigten hinsichtlich, des Bildungs- und Fertigkeitsgrads seit dem
Ende des zweiten Weltkriegs ständig gestiegen sind. Das gilt auch für
die Jagendlichen, die sich neu in den Arbeitsprozeß eingliedern. Zum
Teil handalt es sich bei diesem Vorgang um eine natürliche Auslesemaßnahme seitens der Unternehmen. Für eine große Zahl von Erwerbspersonen Jagendliche mit nicht abgeschlossener Mittelschulbildung, Arbeitsplatzverdrängte älterer Jahrgänge, jugendliche Farbige usw. - hat sich die
Kluft zwischen erworbener Bildung und geforderten Qualifikationen sogar
ständig erweitert. Statistisch läßt sich diese Entwicklung an dem unverhältnismäßig großen Anteil dieser Personengruppen an dar sogenannten
langfristigen Arbeitslosigkeit nachweisen.
Auf dar Suche nach einer Lösung für die Probleme in solchen schwerwiegenden Fällen bietet sich nur ein Weg an: entschlossene Bemühungen
auf nationaler Ebene, gebildetere, kenntnisreichere und anpassungsfähigere
Menschen heranzubilden, die die Belastungen des technischen Fortschritts
zu tragen imstande sind. Die Verfechter des Gedankens, die Fortbildung
mindestens zwei Jahre über den Mittelschulabschluß hinaus für alle Jugendlichen möglich, wenn nicht sogar obligatorisch zu machen, suchen die
formale Bildung wie die berufliche Schulung zu einem verläßlicheren
Mittel das Eintritts in die Arbeitswelt weiterzuentwickeln. Die in jüngerer
Zelt su beobachtende Tendenz zur Verbesserung der Lehrpläne an den Grundund Mittelschulen wie auch das Projekt "Starthilfe" (Project Headstart)
für Kinder Im Vorschulalter dürften hier von größtem Wert sein. Die Verbesserung das Erziehungswesens wird wesentlich dazu beitragen, die vielfach gehörte Behauptung zu widerlegen, daß einem Teil dar Bevölkerung die
natürliche Fähigkeit oder der Wunsch abgeht, sich das Maß an Bildung und
Fertigkeiten anzueignen, das unerläßlich ist, um in einer äußerst komplizierten und technisch orientierten Gesellschaft produktiv mitzuarbeiten.
Diese zweifelhafte Annahme wird so lange nicht durch stichhaltige Beweise
widerlegt, wie nicht überall wirklich umfassende Bildungsmöglichkeiten
gegeben sind.
Eine
- 4 -

�Ein« nicht weniger dringend« nationale Aufgabe ist es, will man
die Voraussetzungen für ein« selch« maximale Anpassung an di« Automation
und Kybernatlou sowie an alle anderen Formen des technischen Wandels
schaffen, eine dynamische und expandierende Wirtschaft b«i gleichzeitiger Vollbeschäftigung anzustreben, in der jeder arbeitsfähig« und
arbeitswillig« M«n«ch «ln«n Arbeitsplatz finden kann. Die Behauptung,
Maschinen werden die Arbeitskraft des Menschen in einem solchen Ausmaß
überflüssig machen, daß sich nicht mehr länger für alle Arbeitsuchenden
ein geeigneter Arbeltsplatz finden läßt, stimmt einfach nicht. Sie
basiert auf dar irrigen Annahm«, di« Nachfrage nach Waren und Dienstlelstungen habe in unserer Überflußgesellschaft den Sättigungsgrad erreicht oder sich ihm schon stark genähert* Ganz im Gegenteilt Noch ein
Fünftel aller amerikanischen Haushalte haben ein Einkommen von weniger
als 3000 Dollar im Jahr, und nur einer unter vierzehn Haushalten hat
• in Einkommen von mehr als 15 000 Dollar. .,
Angesichts einer Gesamtzahl von rund 60 Millionen Beschäftigten
(ohne.Landwirtschaft und Selbständige) und einer Produktivitätssteigerung
von jährlich 3 Prozent muß das Bruttosozialprodukt in einem Maße wachsen,
das die Schaffung von jährlich 1,8 Millionen Arbeitsplätzen gestattet,
um eine Zunahme der Arbeitslosigkeit als Folg« technischer Neuerungen
zu verhüten. Oder um es anders auszudrücken: Bei einer Produktivitätssteigerung von jährlich 3 Prozent würde bei.gleichbleibender Wertschöpfung der Wirtschaft die Arbeitslosenziffer um jährlich 1,8 Millionen
steigen.
Über die wirtschaftliche Expansion hinaus, die einen Ausgleich für
den Produktivitätsanstieg schafft, muß die Wertschöpfung in einem Maße
zunehmen, das die Wirtschaft in die Lage versetzt, die jährlichen Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt - durchschnittlich 1,4 Millionen bis 1970 unterzubringen. Um sowohl die jährliche Produktivitätssteigerung zu
kompensieren als auch die N«uzugäng« in den Arbeitsprozeß einzugliedern,
muß die Wirtschaft, soll ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit vermieden
werden, jährlich 3,2 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Die fiskalischen und währungstechnischen Hilfsmittel der Bundesregierung sind
geeignet, die Aufrechterhaltung einer so großen Nachfrage zu gewährleisten, daß die Voraussetzungen für eine steigende Wertschöpfung gegeben sind. Das Beharren der Arbeitslosenziffer im Bereich von 3 bis 4
Millionen Ist «in deutlicher Beweis, daß wir unsere Hilfsquellen noch
nicht genügend auf diese Aufgabe ausgerichtet haben..
Um eine Anpassung an'den technischen Wandel im großen Stil zu ermöglichen, müssen alle die Freizügigkeit hemmenden Faktoren ausgeschaltet werden. Zu diesem Zweck müßten öffentliche Informationsstellen im
ganzen Land« errichtet werden, die Informationen über neue Beschäftigungs-

Siehe "Toward Füll Employmenti Proposais for a Comprehensive Employment and Manpower Policy in tbe United States", Subcommittee on
Employment and Manpower of the Senate Committee on Labor and Public
Weifare (Unterausschuß für Beschäftigung»- und Arbeitsmarktfragen des
Senatsausschusses für Arbeits- und Sozialfragen} April 1964.

- 5-

�Beschäftigungsraöglichkeiten verbreiten helfen.Es müßten ferner finanzielle Mittel bereitgestellt werden, um Umzugsbeihilfen zu gewähren
und Beratungsstellen für Umzugswillige einzurichten, die ohne Hilfe von
außen einen solchen Ortswechsel nicht vornehmen können. Bei allen
solchen Haßnahmen wäre größte Rücksicht auf die Würde und die Befürchtungen der Betroffenen zu nehmen.
Die Rolle der Gewerkschaft
Des weiteren gilt es das Vertrauen in den privaten Anpassungsmechanismus des Kollektlwerhandlungswesens zu stärken, ist es doch eine der
Grundlagen der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung einer freien Gesellschaft. Das wirtschaftliche Wohl ihrer Mitglieder wiederum ist das Hauptanliegen .der Gewerkschaften. Sie müssen deshalb die künftige Entwicklung
der Technik verstehen und ihren Mitgliedern bei allen aus ihr erwachsenden
Problemen Hilfestellung leisten, indem sie beispielsweise in Tarifverhandlungen, auf die Bereitstellung der Mittel drängen, die für.Anpassungsmaßnahmen bei Verlust des Arbeitsplatzes, Fortfall gewisser Beschäftigungssparten oder Standortveränderung von Betrieben erforderlich werden.
Im großen und ganzen widersetzen' sich die amerikanischen Gewerkschaften dem technischen Wandel keineswegs. Sie sind jedoch bemüht, den noch
verbleibenden Arbeitskräften einen Teil der zusätzlichen Erträge aus der
steigenden Produktivität in Form höherer Löhne und Lohnnebenleistungen
zu sichern. Während weite Kreise eine Weitergabe dieser Erträge an die
Allgemeinheit in Form von Preissenkungen befürworten, lehrt die Praxis,
daß der Zusatzertrag unter die Arbeitnehmer (in Gestalt höherer Löhne)
und Unternehmer (in Form steigender Gewinne),aufgeteilt wird. Allerdings
wird auch immer häufiger argumentiert, die aus der technischen Arbeitsplatz Verdrängung resultierenden Lasten sollten in erster Linie von denen
getragen werden, die am meisten yom technischen Wandel profitieren; es
müsse deshalb ein Teil der Zusatzerträge aus der steigenden Produktivität
auf Maßnahmen verwandt werden, die den Anpassungsprozeß erleichtern helfen. Diese Entwicklung findet ihren Niederschlag in der steigenden Zahl
der Verträge, die eine Verkürzung der Arbeitszeit, die Herabsetzung des
Pensionsalters, die Übertragbarkeit der Anciennitätsrechte bei Arbeitsplatzwechsel, die Gewährung von Entlassungsgeld, Umzugsbeihilfen, laufenden Unterstützungsleistungen zur Erzielung des garantierten Jahreslohnes
und von Renten zum Gegenstand haben.
In dem Versuch, das gewerkschaftliche Denken angesichts des zunehmenden Tempos des technischen Fortschritts auf die Erfordernisse der Industrie von heute auszurichten, haben die Gewerkschaften ihre Position im
Kollektiwerhandlungswesen teilweise von Grund auf geändert. Dieser Wandel
wird auch in dem Nachdruck deutlich, mit dem führende Gewerkschafter auf
die neue Verantwortung des Managements verweisen, die Belegschaftsangehörigen rechtzeitig auf mögliche Auswirkungen geplanter technischer Veränderungen aufmerksam zu machen. Mit großem Nachdruck wird heute ferner
die Auffassung vertreten, der Arbeitnehmer erwerbe auch ein gewisses
Eigentumsrecht in bezug auf seinen Arbeitsplatz und habe daher bei drohender technischer Arbeitslosigkeit Anspruch auf einen neuen Arbeitsplatz oder ;
aber auf seine Umschulung8^.
'
Die
8)
Vgl. Walter P. Reuther, "Congressional Testimony", wiedergegeben in
"Automation, Implications for the Future" (New York, Vintage Books, 1962).
- 6-

�Die Roll« der Unternehmer
Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sehen sich die
Unternehmer in Zeitalter der Automation und des allgemeinen technischen
Wandels vor drei wichtige Aufgaben gestellt. Erstens zwingt der ständige wirtschaftliche Druck, die Wettbewerbsposition des Unternehmens zu
erhalten oder zu verbessern, die Unternehmensleitung zur Entwicklung
«ad Anwendung immer neuer Verfahren. Der Porschungs- und Entwicklungsaufwand wird mithin weiter steigen, da jeder Industriezweig, jedes Werk
«ad jeder Manager fortgesetzt nach wirksameren Herstellungsmethoden und
neuen Produkten für künftige Märkte sucht. Zweitens müssen sich die
Unternehmer auf die neuen technischen Verfahren innerhalb ihrer eigenen
Betriebe einstellen. Drittens müssen die Unternehmer, da ja nun einmal
Arbeitskräfte langfristig von ihren Arbeitsplätzen verdrängt und von
Arbeitslosigkeit bedroht werden, ihre Verantwortung gegenüber den Betroffenen, sofern eine solche besteht, definieren.
Punkt zwei und drei berühren die Frage der veränderten Rollen der
Führungskräfte im Zeitalter der Datenspeicher- und-Verarbeitungsanlagen
und der damit verbundenen Möglichkeiten, Entscheidungen auf der Grundlage
mathematischer Berechnungen zu treffen. Sie rühren ferner an Fragen der
Ausbildung und Umschulung von Arbeitskräften, der selbständigen wie auch
der mit den Gewerkschaften im Rahmen von Kollektiwerhandlungen koordinierten Unternehmensvorausplanungen, der Standortveränderungen und der
Änderungen von Produkten und Herstellungsverfahren, die ihrerseits den
Arbeitsaufwand beeinflußen.
Man darf implizieren,daß das Management bei der Bewältigung der
Aufgaben, die der Wandel stellt, künftig ein gewichtiges Wort mitreden
wird. Für die berufliche Fortbildung und Umschulung der großen Masse der
Erwerbstätigen sorgt in den Vereinigten Staaten vor allem die Industrie.
Die von privater Seite unternommenen Anstrengungen werden, falls nötig,
durch entsprechende Programme des Bundes gefördert, wie sie beispielsweise im Rahmen des Gesetzes zur Entwicklung des Arbeitsmarktes, des
Gesetzes zur Sicherung des wirtschaftlichen Fortkommens und anderer einschlägiger Vorschriften vorgesehen sind. Aufgabe der Unternehmungsleitung
kann es auch sein, den durch technische Veränderungen von ihrem Arbeitsplatz verdrängten Personen nach ihrem Ausscheiden aus der Firma den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern oder ihnen anderweitige wirtschaftliehe Garantien oder Entschädigungsleistungen zu gewähren''.
Und schließlich muß der technische Fortschritt auch eine Wandlung
des Wlrtschaftsgefüges hervorbringen - eine Wandlung, die nicht nur unvermeidbar, sondern auch wünschenswert ist. Willkürliche Versuche, diese
Wandlung zu unterbinden, sind nur geeignet, dort Probleme zu schaffen,
wo an sich keine bestehen.
'
Die
Vgl. "The Contribution of Collective Bargaining" von Arnold R. Weber
«KCD-Konferenz zu Fragen der Auswirkungen der Automation auf den
Arbeitsraakkt, Washington, 8.-10. Dezember 1964).

- 7 -

�Sie dienende Funktion der Technik
Im Amerika unserer Tage ist zum ersten Mal die Möglichkeit gegeben,
den Besitz des einen zu mehren, ohne den des anderen zu schmälern. Läßt
sich die derzeitige Produktivitätszuwachsrate bis Ende dieses Jahrhunderts aufrechterhalten, wird sich das durchschnittliche Haushaltseinkommen einem Betrag von 18 000 Dollar im Jahr nähern. Die wissenschaftliche
und private Forschung versetzt immer mehr Bürger in die Lage, nicht nur
einen Zweitwagen und ein Zweitfernsehgerät anzuschaffen, sie gewährleistet auch ein höheres Maß an Sicherheit, ein längeres und gesünderes
Leben und mehr Freizeit. Das alles ist heute für viele Amerikaner erreichbar - aber nicht für alle.
Noch immer wächst eine große Zahl junger Menschen heran, die nicht
genügend schulisch vorgebildet sind, um in der Welt von heute bestehen
zu können. Unsere Städte sind übervölkert und drohen im Verkehr und in
verpesteter Luft zu ersticken. Zehntausende leben in völlig unzureichenden Behausungen. Weite Teile unseres Landes sind von Wasserknappheit
bedreht, andere von verheerenden Flutkatastrophen. Der Bürger klagt über
die Zunahme der Verbrechen und die steigende Jugendkriminalität. Manche
Gemeinden werden durch die zunehmende Verschmutzung der Gewässer, eine
Flut von Abfall und Müll und das Absterben bzw. die Verlagerung ganzer
Industrien von völliger Vernichtung bedroht.
Wenn die Vereinigten Staaten die von Präsident Johnson geforderte
Große Gesellschaft aufbauen wollen, müssen sie sich zur Lösung dieser
kritischen sozialen Probleme der Technik bedienen. An Aufgaben und
Chancen ist kein Mangel. Die Technik ist das größte Reservoir, aus dem
wir die Mittel schöpfen können, um jedem Kind eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen, bessere Wohnungen zu bauen, die Einrichtungen
des Gesundheitsdienstes zu vervollkommnen, ausreichende Verkehrseinrichtungen zu schaffen, für angemessene Erholungsmöglichkeiten zu sorgen und schließlich jedem einzelnen mehr Freizeit zu gewährleisten,
damit er alle diese Segnungen genießen kann.
Ein Volk, das bemannte Satelliten auf eine Kreisbahn um die Erde
schickt, Expeditionen unter den Eismantel der Nordpols entsendet und
tief in die Geheimnisse des Aufbaus der Atome und Moleküle eindringt,
••Ute nicht verzweifeln, wenn es darum geht, die vom technischen
Fortschritt aufgeworfenen Probleme zu meistern.

(unwesentlich gekürzt)
Nachdruck ist mit Angabe des Verfassers und dem Vermerk
(c) 1965 by Current History. Inc.
gestattet.

+ ++++

- 8 -

�Gewerkschaftlicht Mitspräche bti Personalentscheidungen
Fortschreitende Automation und Ihr« Folgen für Arbeitnehmer als
Gegenstand von TarifVerhandlungen in den USA
Salt geraumer Zeit widmet der amerikanische Gewerkschaftsverband AFL£10 den mit dam raschen Vordringen dar Automation in den USA zusammenhängenden Fragen verstärkt« Aufmerksamkeit. Das Interesse der Gewerkschaften ist eindeutig: Es gilt, die bei der .Eliminierung von Arbeitsplätzen für die Arbeitnehmer entstehenden Härten so weit wie möglich zu
mildern.
Dabei bietet sich den Gewerkschaften unter anderem die Einflußnahme
auf die unternehmerische Personalpolitik über die tarifvertragliche
Fixierung sogenannter Personalschrumpfungsklauseln ("attrition clauses")
an. In solchen Klauseln wird generell festgelegt, daß ein Unternehmen
bei Einführung neuer personalkostensenkender technischer Verfahren nicht
einfach die entbehrlich gewordenen Arbeitsplätze aufhebt.sondern sich
auf die Streichung solcher Arbeitsplätze beschränkt, deren Inhaber wegen
Kündigung, Pensionierung, Invalidität oder mit ihrem Tod - also aus
"natürlichen Gründen" - aus dem betrieblichen Arbeitsprozeß ausscheiden.
Bereits in den dreißiger Jahren wurden in-den USA Personalschrumpfungsklauseln zwischen Gewerkschaften und Unternehmen ausgehandelt, aber
erat in jüngerer Zeit haben sie - vor allem im Druckereigewerbe und im
Eisenbahnbetrieb - größere Aktualität erlangt...Bestimmungen dieser Art
haben aich als geeignetes Mittel zur Erhöhung der Sicherheit des Arbeitsplatzes erwiesen. Darüber hinaus bleibt ein gewisser kostensparender
Effekt erhalten: Eine hohe Arbeitsplatzmobilität trägt zur Verringerung
der durch den natürlichen Personalschwund verursachten Kosten bei.
In den Kollektivverhandlungen mit den Unternehmen führen die Gewerkschaften im Hinblick auf die Verankerung von Personalschrumpfungsklauseln
folgende Argumente an: Das Unternehmen möge bei etwaigen Personaldispositionen im Auge behalten, daß von einer Reduzierung der Zahl der Arbeitsplatz« Arbeitnehmer betroffen werden könnten, die durch ihre jahrelange
Mitarbeit nicht unerheblich zum Erfolg des Unternehmens beigetragen
haben. Darüber hinaus müsse es für den Unternehmer vorteilhafter sein,
wenn er .sich auf eine möglichst ^wenig durch Fluktuation veränderte Belegschaft stützen könne, die ihre Leistungsfähigkeit bereits bewiesen hebe.
Di« tarifvertragliehe Fixierung von Personalschrumpfungsklauseln
stellt allerdings nicht das einzige Mittel zur gewerkschaftlichen Einflußnahme auf die unternehmerische Personalpolitik dar, ein Recht im
übrigen, das sowohl die Rechtsprechung als auch die Exekutive ausdrücklich bestätigt haben. Weitere Einwirkungsmöglichkeiten besitzen die
Gewerkschaften bei der Aushandlung der tarifvertraglichen Regelung der
vorzeitigen Pensionierung sowie bei Vereinbarungen über den Wechsel der
Arbeitsstelle oder des Arbeitsorts.
Es liegt auf der Hand, daß der natürliche PersonalSchwund durch
entsprechende Vereinbarungen auf diesen Gebieten erheblich beschleunigt
werden kann. Allerdings wären solche Maßnahmen ohne die Berücksichtigung
der Einkommenssituation der Arbeitnehmer unrealistisch. Eine Einkommens-

- 9-

�Einkonmensgarantie ist daher «In weiterer wichtiger Funkt, der in den
Tarifgesprächen zwischen Gewerkschaften und Unternehmen berührt wird.
Und nur die Kombination all dieser Maßnahmen kann dem Arbeitnehmer
Jenen Schutz vor des Felgen des technischen Wandels gewähren, auf den
er sich eis Anrecht erwerben hat.
Die Voraussetzungen, unter denen die Anwendung der Personalschrumpfungsklausel möglich wird, sind keineswegs einheitlich. Im allgemeinen ist der Nachweis einer feststehenden Zahl von Dienstjähren
erforderlich, ehe der Anspruch auf volle Vergünstigungen gemäß den Bestimmungen der Klausel geltend gemacht werden kann.
Die Gewerkschaften haben hauptsächlich im Eisenbahnwesen eine Reihe
von Personalschrumpfungsklauseln tarifvertraglich vereinbart. Dia erste
Abmacheng dieser Axt wurde 1961 mit der Southern Pacific Railroad getroffen. In jüngerer Zelt wurde eine derartige Regelung für insgesamt
300 000 der nicht zur Kategorie "Bahnbetriebspersonal" gehörenden Bahnarbeiter vereinbart»
Ähnliche Klauseln haben inzwischen in Verträge mit Zeitungsverlegern, Druckereibesitzern, Transportunternehmen, Versorgungsbetrieben,
Fernsprechgesellschaften und für Hafenarbeiter Eingang gefunden. In
einer Reihe von weiteren Branchen, wird noch verhandelt.
Schrumpfungsklauseln' sind nicht nur ein Mittel zum Schutz der
Arbeitnehmer vor der Verdrängung durch die Automation, sie können auch
bei Firmeazuaammenschlüssen wirksam werden, so zum Beispiel, wenn eine
Firmenfusion die Reduzierung der beiden zusammengeführten Belegschaften
möglich macht. Bedeutung erlangten sie außerdem bei geschäftsbedingten
Personalkürzungen im Eisenbahnwesen.
Nun sind solche Personalschrumpfungsklauseln sicherlich kein Allheilmittel gegen die Arbeitslosigkeit. Sie dienen dem Schutz der Arbeitnehmer, aber sie schaffen keine neuen Arbeitsplätze. Dieser Fragenkomplex,
wie überhaupt das Problem der Vollbeschäftigung, erfordert mehrere
Lösungswege, die der Gewerkschaftsverband AFL-GIO in einer Reihe von
Programmen entwickelt hat: Umschulung, Verkürzung der Arbeitszeit,
Steigerung des Arbeitnehmereinkommens als Mittel zur Vermehrung der
Kaufkraft und damit der Erhöhung der Zuwachsrate des Volkseinkommens.
Im Zusammenhang mit unternehmerischen Dispositionen auf dem Personalsektor legen die Gewerkschaften größten Wert auf die rechtzeitige Bekanntgabe von geplanten Entlassungen, sofern sie durch technologische Umstellungen bedingt sind. Die Gewerkschaften wollen auf diese Weise sicherstellen, daß sie bei der Feststellung der Rechte des einzelnen betroffenen Arbeitnehmers mitwirken können. Bislang hat vor allem das Druckereigewerbe dieser gewerkschaftlichen Forderung Rechnung getragen. .
Zwar liegen den Gewerkschaften noch keine Statistiken über die Einbeziehung von Personalschrumpfungsklauseln in Tarifverträge oder über
die Zahl der von solchen Klauseln betroffenen Arbeitnehmer vor, aber
aufgrund der bisherigen Erfahrungen kann festgestellt werden, daß diese
Klauseln in weit höherer Zahl in die Tarifverträge mit den Eisenbahngesellschaften Eingang fanden als in die Verträge mit der übrigen
Industrie. Generell gilt, daß sich derartige Abmachungen als ein wertvolles Hilfsmittel zum Schutze der Arbeitnehmerrechte erwiesen haben. Sie
dürften, nach und nach auch in anderen Branchen akzeptiert werden.
(Quelle: Eigenbericht)
- 10 -

�Arbeitnehmer auf der Schulbank
In den USA machen nicht wenige Hochschulabsolventen beim Übergang ins Berufsleben die Erfahrung, daß die moderne Arbeitswelt eine
überraschende Parallele zum Studienbetrieb aufweist: Der Prozeß des
Studierens, des Lernens, setzt sich praktisch auch im Berufsleben
fort. Auf diese Tatsache wies jüngst noch George Melloan in einem
Artikel in der angesehenen Zeitung "The Wallstreet Journal1' hin.
So muß zum Beispiel ein College-Absolvent, der bei der International Business Machines Corporation (IBM) eintritt, damit rechnen,
während der ersten fünf Jahre seiner Laufbahn 33 Wochen die IBMSchulbank zu drücken. Auch später noch werden durchweg 10 bis 15 Prozent seiner Arbeitszeit für die Teilnahme an IBM-Lehrgängen vorgemerkt
sein, auf denen er mit neuen Firmenerzeugnissen vertraut gemacht wird.
Irgendwann einmal wird man dem vielversprechenden jungen Mann dann von
selten der Firma vielleicht sogar nahelegen, er möge seine Ausbildung
ergänzen, eine Management-Schule besuchen oder seinen philosophischen
Doktorgrad erwerben - wohlgemerkt, alles auf Kosten der Firma.
Das Beispiel IBM steht durchaus nicht vereinzelt da. Zwar sind
nur wenige Firmen in der Lage, so großzügig wie IBM zu verfahren, deren Instruktionspersonal 1800 Personen umfaßt, die jährlich 10 Millionen Unterrichtsstunden erteilen. Aber die Einsicht in die Notwendigkeit einer Erweiterung der Ausbildungsprogramme setzt sich in allen
Branchen und bei Firmen aller Größenordnungen immer mehr durch.
Vorsichtigen Schätzungen zufolge werden sich die Ausbildungsaufwendungen der amerikanischen Industrie - eine jährliche Steigerungsrate von 5 bis 6 Prozent einkalkuliert - 1965 auf insgesamt 4,5 Mrd.
Dollar oder die Hälfte jener Summe belaufen, die Amerikas H0chschulen
jährlich kosten. Zwar entfällt der Hauptanteil dieser Aufwendungen
immer noch auf die HinformelleM Ausbildung am Arbeitsplatz, aber die
"formelle1* Schulung gewinnt - auch kostenmäßig - zunehmend an Gewicht.
Das Spektrum solcher "formellen" Unterweisung reicht von Kursen, auf
denen Sekretärinnen in korrektem Verhalten geschult werden, bis zu
Auffrischungskursen in höherer Mathematik für Fertigungsdirektoren.
Die zunehmende Komplexität des Wirtschaftsgeschehens zwinge die Industrie zu einer Verstärkung ihrer firmeneigenen Ausbildungsprogramme,
meinte Gerald L. Phillippe, Vorsitzer von General Electric.
Besonders deutlich sind diese Anstrengungen inder Automobil- und in
der Geräteindustrie bemerkbar. Beide Branchen kümmern sich intensiv
um die Schalung ihres Verkaufs- und Service-Personals. So unterhält
beispielsweise General Motors allein 30 regionale Ausbildungszentren
für das Personal ihrer Vertragshändler. Die Radio Corporation of
America betreibt Schulen für den Absatz von Elektronik-Erzeugnissen
in Los Angeles und New York. Aber auch in anderen Branchen ist man
nicht untätig. Im übrigen dürfte bemerkenswert sein, daß sich die
Schulungsprogramme der Firmen keineswegs ausschließlich auf die Verbesserung der Job-Orientierung erstrecken. Eine Reihe von Großfirmen
hält es für richtig, den Gesichtskreis ihrer Führungskräfte in philosophische Bereiche zu erweitern.
Ein

- 11 -

�Ein willkommene! Nebenprodukt des verstärkten Engagements von
Industriefinnen auf dem Gebiet des Lehrens und Lernens besteht in
der Erarbeitung und Prüfung neuer Methoden. Die programmierte Unterweisung, ein Verfahren, das auf den sogenannten Lernmaschinen basiert,
bat sich für die Zwecke des Firmenunterrichts als besonders geeignet
erwiesen. Die Maschine ersetzt nicht nur hoch bezahltes Lehrpersonal,
sie ermöglicht es dem Lernenden auch, seine Fortbildung la die Feierabendstunden zu verlegen. Die American Telephone and Telegraph Company führt die 27prozentige Zeitersparnis bei der Ausbildung ihrer
Telephonistinnen auf den Einsatz von Lernmaschinen zurück. Kosteneinsparungen meldet auch IBM: Die Maschine macht kostspielige Ausbildungszentren überflüssig.
Zusätzlich zur Lernmaschine bedient sich die Industrie mehr und
mehr der Simulatoren. Die Techrep-Abteilung der Firma Philco, Hersteller solcher Übungsgeräte, berichtet von einer 30prozentigen Erhöhung
ihrer Kapazität im Werk Charleston (Südkarolina). Die Nachfrage nach
Techrep-Erzeugnissen und -Dienstleistungen, zu denen auch die Ausarbeitung und Durchführung von Schulungsprogrammen gehört, hat in jüngster Zeit jährlich um jeweils 50 Prozent zugenommen. Bekannt ist die
Verwendung von Simulatoren für die Ausbildung von Verkehrspiloten.
Zu den Neuerungen zählt auch der Einsatz von Hausfernseh- und Tonübertragungsanlagen.
Nichtsdestoweniger vertrauen zahlreiche Firmen weiterhin herkömmlichen Methoden. So berichtet ein Unternehmensberater, daß z.Z. 54
Universitäten zwei- bis sechzehnwöchige Fortbildungskurse für Führungskräfte anbieten. Die Kosten eines solchen Kurses liegen zwischen 300
und 3500 Dollar je Teilnehmer.
Der durch den technischen Wandel bedingte Zwang zur Umschulung von
Angehörigen ihres Ingenieurpersonals läßt zahlreiche Firmen Arrangements
mit normalen Hochschulen treffen. Die Lehranstalten richten Sonderkurse
ein, die auf die Erfordernisse dieser Kategorie von Studenten zugeschnitten sind. So hat die American Telephone and Telegraph Company Vereinbarungen mit acht Universitäten getroffen. Sperry Gyroscope schickt 1350
ihrer Ingenieure nach Feierabend für anderthalb Stunden auf die Schulbank. Stetig im Steigen begriffen sind auch die Firmensubventionen für
studierende Belegschaftsmitglieder sowie die direkte finanzielle Unterstützung von Colleges und Universitäten. 1962-1963 wurden von amerikanischen Firmen direkte Zuwendungen an Hochschulen in Höhe von schätzungsweise 200 Mio. bis 225 Mio. Dollar gemacht. Die jährliche Steigerungsrate wird auf 15 Prozent beziffert.
Im Jahre 1965 unterzogen, sich insgesamt 2,7 Millionen Amerikaner
einer "formellen" Zusatzausbildung. Der Kostenaufwand dafür betrug
1,5 Mrd. Dollar. 1956 wurden für den gleichen Zweck nur 800 Mio. Dollar
ausgegeben.

Nachdruck ist mit dem Vermerk
(c) 1965 by Dow Jones &amp;
Company, Inc.
gestattet.

+++++
- 12 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;Nr. 1&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Lohnentwicklung in der US-Wirtschaft 1957-1963&lt;br /&gt;Die Entwicklungen am amerikanischen Arbeitsmarkt 1962-1964&lt;br /&gt;Das Ende der freien Gewerkschaften Kubas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 2&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Tarifvertragliche Möglichkeiten einer vorzeitigen Pensionierung in der US-Wirtschaft&lt;br /&gt;Verbesserung der Volksgesundheit durch gezielte Maßnahmen&lt;br /&gt;Entlassungsbestimmungen in US-Tarifverträgen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ausgabetrends von Stadtfamilien 1950-1961&lt;br /&gt;Arbeits- und Lohngarantiebestimmungen in Großtarifverträgen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Entwicklung der Lohnnebenleistungen in der US-Industrie&lt;br /&gt;UAW - eine junge aber mächtige Gewerkschaft&lt;br /&gt;Stahlarbeitergewerkschaft schloss Modellvertrag&lt;br /&gt;Umschulungs- und Berufsförderungsprogramme wurden verstärkt&lt;br /&gt;Sunnyhills: Rassenfragen unbekannt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nr. 5&lt;br /&gt;Die Entwicklung des US-Arbeitspotentials zwischen 1964 und 1980&lt;br /&gt;Die Entwicklung der Einkommen im Polizei- und Feuerwehrdienst&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 6&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Art, Umfang und Problematik der Doppelbeschäftigung&lt;br /&gt;Gezielte Maßnahmen zur Vorbereitung auf das Automationszeitalter&lt;br /&gt;Hilfe für die älteren Menschen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 7/8&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Einkommenskala der USA unter Berücksichtigung von 321 Berufen&lt;br /&gt;Bemerkenswerte Entwicklungen auf dem US-Arbeitsmarkt&lt;br /&gt;US-Industrie bietet Führungspositionen für Farbige&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Chrysler startete bemerkenswertes Umschulungsprogramm&lt;br /&gt;600 000 US-Regierungsangestellte sind Gewerkschaftsmitglieder&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 9&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Automation in zehn Großunternehmen&lt;br /&gt;Gleiche Arbeitschancen für alle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 10&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Entwicklung der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen seit Kriegsende&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 11&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Automation und Gesellschaft&lt;br /&gt;Beschäftigungstrends in der Fertigungsindustrie&lt;br /&gt;Der neue Tarifvertrag der US-Stahlarbeiter&lt;br /&gt;Arbeitslosigkeit erreichte neuen Tiefstand&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 12&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Automation und Gesellschaft (II)&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Mitsprache bei Personalentscheidungen&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Arbeitnehmer auf der Schulbank</text>
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                    <text>INTERNATIONALE ARBEITSMITTEILUNGEN
Inhaltsverzeichnis

19 6 4

Nr. 1 Die Gewerkschaften und ihr Beitrag zur amerikanischen
Gesellschaftsordnung
Hat das Kollektiwerhandlungswesen noch Zukunft?
1963 brachte neuen Stil im Tarifverhandlungswesen
Betrieblich geförderte Freizeitprogramme
US-Eisenbahnen können "zweiten Mann" auf Dieselloks
abbauen

+
i

Nr. 2

Gewährleistung gleicher Berufschancen für Amerikas
Minderheiten
Die wirtschaftlichen Ziele der amerikanischen
Gewerkschaften
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Nr. 3

Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der Arbeitslosen in den USA (I)
Neue Möglichkeiten des Kollekt vverhandlungswesens
Gewerkschaftliche Kurznachrichten:
Lohnpolitischer Rundblick

+
Nr. 4 Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der Arbeitslosen in den USA (II)
Druckereifachschule in Colorado Springs
Die Firma zahlt den Doktorhut
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+

�Nr. 5

Gewerkschaft und Automation - Dreimal Waffenstillstand
an der amerikanischen Westküste
Die betrieblichen Sozialkassen der Angestellten in den
USA (I)
US-Eisenbahnerstreik endgültig gebannt

+
Nr. 6

Die betrieblichen Sozialkassen der Angestellten in den
USA (II)
Die amerikanischen Gewerkschaften und die Präsidentschaftswahlen
Ende der Monotonie am Fließband?
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Nr. 7

Arbeitsmarkt- und Automationsforschung in den USA:
Ziele und Aufgaben
Die Automationsforschung:
Untersuchungen über technische Neuheiten
Untersuchungen über die Auswirkungen der Automation
Künftige Forschungsreihen

'

Die Gewerkschaften und das öffentliche Interesse
Gewerkschaft1iche Kurznachrichten
+

Nr.

/9 Bezahlter Urlaub als Bestandteil von Kollektivverträgen
Die Rolle der Gewerkschaften in der modernen Wirtschaft
"Haben Sie s hon einen Job?"
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+

- 2-

�10

Die Mitgliederbewegungen der amerikanischen
Gewerkschaften
Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (I)

+
Gezielte Vorbereitung der Arbeitnehmer auf die
Pensionierung
Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (II)
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+
Technologische Betriebsumstellungen und die Auswirkungen
auf die Arbeitnehmer
Probleme des technischen Wandels müssen fortschrittlich
gelöst werden
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

+ + + + +

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" Ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 1

Bad Godesberg, den 1. Januar 1964

INHALTSVERZEICHNIS
Die Gewerkschaften und ihr Beitrag zur amerikanischen
Gesellschaftsordnung

Seite

1

Hat das Kollektivverhandlungswesen noch Zukunft?

Seite

7

1965 brachte neuen Stil im Tarifverhandlungswesen

Seite 11

Betrieblich geförderte Preizeitprogramme

Seite 13

US-Eisenbahnen können "zweiten Mann" auf
Dieselloks abbauen

Seite 14

George LIeany, Präsident des amerikanischen
Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO:
Die Gewerkschaften und ihr Beitrag zur amerikanischen
Gesellschaftsordnung
Der Beitrag der US-Gewerkschaften zur amerikanischen Demokratie
tritt so gut v;ie in allen Lebensbereichen zutage.
Wirtschaftliche Vorteile - in Form von höheren Löhnen, kürzeren
Arbeitszeiten, bezahltem Urlaub, bezahlten Feiertagen und Kranken-,
Altersversorgung^- und Wohlfahrtsplänen -, die von den Gewerkschaften
für ihre Mitglieder errungen wurden, sind auch für die meisten nichtorganisierten Arbeitnehmer zu Bestandteilen ihrer Beschäftigungsverträge geworden. Überall zeigt sich sozialer Fortschritt als Ergebnis
gewerkschaftlicher Arbeit. Freie und allgemeine Bildungsmöglichkeiten,
Sozial- und Invaliditätsversicherungssysteme, öffentliche Wohnbauprogramme, Gewährung voller Bürgerrechte an alle Amerikaner sind Dinge, die
in beträchtlichem Maße von der Gewerkschaftsbewegung mit durchgesetzt
wurden.
(
Der

�Der unmitteibarsteund ureigenste Beitrag der Gewerkschaften zur
amerikanischen Gesellschaftsordnung ist das System des Zusammenspiels
der Sozialpartner auf industriellem Gebiet. Arbeitnehmer erkämpften
sich zunächst das gesetzlich verankerte Koalitionsrecht. Dann trugen
sie durch ihre Gewerkschaften zur Entwicklung eines ordnungsgemäßen
Verfahrens in Fragen der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen bei.
TarifVerhandlungen, zu denen sich Vertreter der Arbeitnehmer und Arbeitgeber freiwillig zusammenfinden, um gemeinsam eine Regelung von
Lohn- und Arbeitsfragen auszuhandeln, galten einmal als eine kaum
erreichbare, fast revolutionäre Zukunftsvision. Trotzdem gibt es
nur ganz wenige rückständige Industrien und Gebiete, in denen dies
noch nicht zu einem festen Bestandteil ihrer Lebensordnung geworden
ist.
Pragmatismus in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
Im Zuge dieser Entwicklung haben die amerikanischen Gewerkschaften das Hauptgewicht mehr auf praktische als auf ideologische Fragen
gelegt. In den Vereinigten Staaten gab es keine Generalstreiks oder
andere Arbeitseinstellungen mit politischen Zielen. Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern drehen sich um Arbeitsplatzprobleme
und sind in ihrer Mehrzahl von parteipolitischen Einflüssen freigeblieben.
Viele dieser praktischen Verhandlungserfolge können nicht in
Dollar und Cent ausgedrückt werden. Menschliche Würde und Selbstachtung lassen sich ebensowenig wie der Wirkungsgrad demokratischer Grundsätze, der durch gesunde TarifVerhandlungen innerhalb der Industrie
erreicht wurde, mit einem Preisschild auszeichnen. Gewerkschaften haben für menschenwürdige und demokratische Arbeitsverhältnisse gesorgt,
die auch für Millionen nichtorganisierter Arbeitnehmer Gültigkeit erhielten .
Diese Erfolge sind nicht Geschenke an die Gewerkschaften, sondern Geschenke der Gewerkschaften an die Allgemeinheit. Niemand sonst
hielt kürzere Arbeitszeiten für vernünftig, Beschwerdeverfahren für
durchführbar, bezahlten Urlaub für zweckmäßig, Alters- und Gesundheitsfürsorge für erreichbar.
Die Gewerkschaften bewiesen nicht
nur das Gegenteil, sondern ihre Erfolge kamen darüber hinaus der ganzen Nation zugute.
Höhere Löhne durch Tarifverhandlungen
Einige dieser Erfolge sind meßbar. Der Reallohn für Fabrikarbeiter beispielsweise hat sich in der letzten Generation verdoppelt.
Diese Lohnerhöhungen stießen damals wie heute auf Widerstand. Dennoch
haben sich die gewerkschaftlichen Bemühungen um eine Hebung des Lebensstandards für Amerika reichlich ausgezahlt. Im Jahre 1962 betrug
das amerikanische Bruttosozialprodukt 555 Milliarden Dollar und die
Gesamtzahl der Beschäftigten über 68 Millionen. Ohne ein kräftiges
Ansteigen der Kaufkraft breiter Schichten wäre eine Erhaltung oder
Ausweitung der auf Massenproduktion gegründeten US-Wirtschaft unmöglich gewesen.
Ei nige

2

�Einige Wirtschaftswissenschaftler streiten jeden Beitrag der
Gewerkschaften zur Anhebung der allgemeinen Kaufkraft ah. Sie behaupten, daß sich die Löhne ohnedies erhöht hätten und eine Auswirkung gewerkschaftlicher Bemühungen hier nicht nachweisbar sei. Diese
Behauptung ist absurd. Jeder, der glaubt, daß die amerikanischen Gewerkschaften für Lohngewinne und eine steigende Kaufkraft nicht mitverantwortlich sind, hat noch nie am Verhandlungstisch gesessen und
auch nichts vom Wesen der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen begriffen. Auch die Verbesserung der Löhne und Lohnnebenleistungen
hat wesentlich dazu beigetragen, daß die USA heute das höchste Produktivitätsniveau der Welt besitzen. Die Forderung nach höheren Löhnen hat die Betriebsleitungen gezwungen, neue und bessere Produktionsmethoden einzuführen. Und das Ergebnis ist eine beständige und rasche
Zunahme der Produktion pro Mann und Arbeitsstunde.
Trotzdem haben die Gewerkschaften niemals ihr Blickfeld nur auf
Dollar und Cent eingeengt. "Brot und Butter" ist das Ziel aller Gewerkschaften - wichtig war aber auch stets die Schaffung besserer
Arbeitsbedingungen. Niemand kann bestreiten, daß die Gewerkschaftsbewegung wesentliche Beiträge zur Einführung ordnungsgemäßer Beschwerdeverfahren, zur Ausarbeitung von Sicherheitsnormen und zur Anerkennung
des Anciennitätsprinzips, um nur einiges zu nennen, geleistet haben.
Der Kampf um soziale Würde
Mehr Freizeit ist das Ergebnis des gewerkschaftlichen Kampfes
um anständige Lebensverhältnisse. Nur die Gewerkschaften sorgten für
eine Verkürzung der Sonnenauf- und Sonnenuntergangs-Arbeitszeit auf
eine 60-Stunden-Woche Ende des 19« Jahrhunderts. Nur die Gewerkschaften sorgten für eine weitere Einschränkung der Arbeitswoche auf 40
Stunden, die seit 1940 in den Vereinigten Staaten die allgemeine Norm
sind. Auch heute drängen die Gewerkschaften im Rahmen ihrer Vollbeschäftigungspolitik wieder auf kürzere Arbeitszeiten und treffen auf
den üblichen Widerstand. Ihr Ziel dabei ist nicht noch mehr Freizeit,
sondern eine gesündere Wirtschaft; aber dieser Unterschied zählt bei
denjenigen nicht, die in jeder Änderung Gefahr wittern.
Diese Ergebnisse haben in ihrer Vielfalt eine gesündere,
und entspanntere Atmosphäre geschaffen und Amerika zu größerem Wohlstand geführt, denn TarifVerhandlungen bilden ein ausgezeichnetes
demokratisches Mittel zur Erreichung industrieller Macht und industriel
len Friedens.
Gewerkschaften kümmern «ich nicht nur um Fragen des Arbeitsplatzes. Jeder Seite im Leben des Arbeitenden gilt ihre Aufmerksamkeit.
Schon früh in der amerikanischen Geschichte haben sich die Gewerkschaften darum bemüht, Demokratie für die Gesamtheit des Volkes,
und nicht nur für eine privilegierte Minderheit zur Realität werden zu lassen. Seit hundertfünzig Jahren haben sie nationale Ziele
aufgestellt, die oft unerreichbar zu sein schienen und trotzdem
erreicht wurden.
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-

3 -

�Eines der «raten Ziele der amerikanischen Arbeiterschaft
waren freie und allgemeine Bildungsmöglichkeiten für alle, weil
man erkannte, daß eine funktionsfähige Demokratie ein allgemeines
Wahlrecht und eine gebildete Wählerschaft voraussetzt. Parteien und
politische Gruppen, zu denen sich die Arbeiterschaft zusammenschloß,
sowie die ersten Gewerkschaften bildeten die Avantgarde im Kampf
um Bildungsmöglichkeiten für jedes Kind. Bis auf den heutigen Tag
haben die US-Gewerkschaften in ihren Bemühungen um die Ausdehnung
und Verstärkung des amerikanischen Erziehungswesens nicht nachgelassen .
Auch Kinderarbeit ist in den USA nicht mehr üblich, vor allem
weil sich die Gewerkschaften für ihre Beendigung eingesetzt haben.
Gesetzliche Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften haben dazu bei- '
getragen, daß in den Fabriken, Bergwerken und Werkstätten der Vereinigten Staaten menschenwürdige Verhältnisse herrschen. Mindestlohn- und Arbeitszeitgesetze, Invalidität«-, Arbeitslosen- und Sozialversicherung sowie öffentliche Wohnbauprogramme sind einige der
Hauptpunkte des gewerkschaftlichen Gesetzgebungsprogramms.
Die Wirkung der Gewerkschaften auf nichtorganisierte Arbeitnehmer
Selbstverständlich haben nicht die Gewerkschaften allein die ganze
Arbeit geleistet. Aber gibt es eine andere Organisation, die je so
viel für einen so großen Teil ihrer Mitbürger zu erreichen gesucht
und auch durchgesetzt hat? Die geltenden Arbeitsgesetze schreiben
nicht vor, daß nur Gewerkschaftsmitglieder Anspruch auf geregelte
Arbeitszeiten und anständige Arbeitsbedingungen oder bessere Wohnungen und sozialen Schutz haben. Das von den Gewerkschaften geförderte
Gesetzgebungsprogramm kommt allen Amerikanern zugute.
Die Gewerkschaften haben sich für die Vereinigten Staaten eine
Wirtschaft der Vollbeschäftigung zum Ziel gesetzt. Mit Inkrafttreten
des Beschäftigungsgesetzes von 1946 wurde der US-Regierung die gesetzliche Auflage erteilt, für ein Höchstmaß an Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft zu sorgen. Um diesem Gesetz Wirkung zu - geben,
haben die Gewerkschaften Maßnahmen unterstützt, die die beste
Nutzung der vorhandenen Industrieanlagen, Betriebsauatüstung und
Arbeitskräfte gewährleisten. Der Erzielung einer höheren Zuwachsrate und einer produktiven Nutzung aller Hilfsquellen gilt seit Jahren schon ein wichtiger Teil der gewerkschaftlichen Arbeit. In den
fünfziger Jahren haben die Gewerkschaften Maßnahmen ausgearbeitet,
die zur Lösung der Probleme in Notstandsgebieten beitragen sollten,
mit dem Ergebnis, daß 1961 das Gesetz zur Beseitigung wirtschaftlicher
Notstandsgebiete (Area Redevelopment Act) in Kraft trat. Das Gesetz
über die Umschulung und Fortbildung von Arbeitskräften (Manpower
Development and Training Act) aus dem Jahr 1962 hat zusammen mit anderen Gesetzgebungsmaßnahmen auf diesem Gebiet den Boden für neue
staatliche Hilfe an Arbeitnehmer bereitet, durch die ihnen die Überwindung von Anpassungsschwierigkeiten infolge der Arbeitsumschichtungen unseres Jahrhunderts erleichtert werden soll.
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�Die Herausforderung der Automation
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Diese Gesetzgebungsarbeit und der in langen Jahren von den
Gewerkschaften unternommene Versuch, die Nation an die Probleme der
Automation heranzuführen, greifen ineinander über. Im Verlauf ihrer
Geschichte haben die Gewerkschaften immer wieder sozial, wirtschaftlich und menschlich vernünftige Wege zur Anpassung an neue Entwicklungen in Wissenschaft und Technik angestrebt. Der Gewerkschaftsverband AFL-CIO akzeptiert und begrüßt sogar den Wandel auf technologischem Gebiet, der so viel Aussicht auf Befreiung von Plackerei und
auf Wohlstand für alle in sich trägt. Dennoch versuchen die Gewerkschaften sicherzustellen, daß die neuen Wunder der Wissenschaft dem
Volk als Ganzem zugute kommen. Aber dieses Ziel ist noch nicht erreicht.
Und solange eine sozial vertretbare Anpassung an die Automation noch
nicht vollzogen ist, werden auch die Gewerkschaften in ihren Bemühungen nicht nachlassen.
Die Gewerkschaften sind auch mit an erster Stelle für eine AltersKrankenfürsorge im Rahmen der Sozialversicherung als notwendige Maßnahme zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der älteren Menschen eingetreten. Viele von ihnen waren in ihrem Kampf allein und ohne viel
Unterstützung, bis sich nach Jahren intensiver Gewerkschaftsarbeit
solche Erfolge als möglich und solche Ziele als erstrebenswert herausstellten.
Die politische Arbeit der Gewerkschaften und ihre Bedeutung
Die Gewerkschaften haben sich stets aktiv am politischen Leben
der Vereinigten Staaten beteiligt und auf eine Ausdehnung und sinnvollere Gestaltung des Wahlrechts hingearbeitet. Sie geben ihre Unterstützung den Kandidaten beider großen Parteien, ihre Opposition richtet
sich gegen jeden, dessen Ansichten in den Augen der Gewerkschaften den
besten Interessen der Nation zuwiderlaufen. In jüngster Zeit haben die
Gewerkschaften ihre Bemühungen um die Ausweitung des Wahlrechts intensiviert. Ihre Unterstützung galt sowohl der Überwindung von Registrierungsschwierigkeiten wie auch der Beseitigung aller Einschränkungen des Stimmrechts bestimmter Bevölkerungsgruppen.
Eine politische Demokratie kann in unserer Welt nicht ohne die
Entfaltungsmöglichkeit starker, freier und demokratischer Gewerkschaften gedeihen. Diese Wahrheit sollte jedem in den letzten dreißig Jahren
klargeworden sein. Totalitäre Systeme haben dies längst begriffen. In
allen Diktaturen wurden freie Gewerkschaften unterdrückt, angefangen
von der Sowjetunion über das nationalsozialistische Deutschland bis
zu Kuba, wo Castro das jüngste Beispiel hierfür liefert.
Die amerikanischen Gewerkschaften arbeiten mit den Gewerkschaftsorganisationen anderer Länder zusammen, um der Gewerkschaftsbewegung
zu größerer Verbreitung zu verhelfen. Die AFL-CIO wendet nahezu ein
Viertel ihrer Einnahmen für internationale Programme auf, ohne davon
auch nur einen Pfennig an materiellen Nutzen zu erhoffen oder zu erwarten. Ihr Ziel ist die Verbreitung und Stärkung demokratischer Lebensprinzipien, zum Teil aus Gründen der Humanität,uzum Teil aber auch
aus der Überzeugung, daß dies für die Sicherheit Amerikas wesentlich

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5 -

�So oberflächlich dieser Überblick über die Leistungen der Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten auch sein mag, mir scheint
er bereits alle diejenigen zu widerlegen, die in den Gewerkschaften
eine Gefahr für die Nation sehen.
Die Rolle der Gewerkschaften im Wandel Amerikas
Gewerkschaften sind ein organischer und unentbehrlicher Bestandteil der amerikanischen Gesellschaftsordnung. Am Verhandlungstisch,
im Parlament und in der politischen Arena haben sie bewiesen, daß
Visionen von heute zu Realitäten von morgen werden können. Sie haben
das Unmögliche gefordert - und seine Verwirklichung erlebt.
Für mich ist dies ein wesentlicher Bestandteil des demokratischen
Prozesses. Mit Recht ehren wir unsere Gründerväter, die vor zwei Jahrhunderten die Vereinigten Staaten geschaffen haben. Aber genauso wie
sie in ihrer Zeit über die fest verwurzelten und ofJlr bewunderungswürdigen
Traditionen Westeuropas hinaus gingen, um eine den Realitäten der Neuen
Welt angemessenere Regierungsform zu schaffen, müssen auch wir als ihre
Nachfahren ihr Erbe den Forderungen der Gegenwart anpassen.
Und hier liegt der Kern aller gewerkschaftlichen Arbeit. Sie wird
ebensowenig ein Ende finden, wie der Wandel selbst ohne Ende ist.
Um es anders auszudrücken: Gewerkschaften sind die Antithese zu
Reaktion. Gewerkschaften sind ihrem Wesen nach der Erkenntnis verpflichtet, daß die Nation niemals in ihre Vergangenheit zurückschreiten kann,
nicht einmal in eine Zeit, die in der Rückschau besser erscheint als
die Gegenwart. Gewerkschaften kämpfen für eine bessere Gegenwart
und eine bessere Zukunft, und zwar nicht nur im Interesse ihrer eigenen
Mitglieder, sondern auch im Interesse Amerikas und der Welt.
Um ein wohlbekanntes Wort abzuwandeln: Wenn es keine Gewerkschaften gäbe, müßten sie erfunden werden. Denn sie sorgen dafür, daß das
amerikanische Gesellschaftssystem mit dem Wandel in der Welt Schritt
hält.

Bei Nachdruck sind Angabe des Verfassers
und folgender Vermerk erforderlich:
"Nachdruck mit Genehmigung der Zeitschrift 'Yale Political1' (März 1965)
(c) 1965 Yale Political Publishing Co."

* * * * *

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�W. Willard Wirtz, US-Arbeitsminister:
Hat das Kollektivverhandlungswesen noch Zukunft?
Unternehmer und Gewerkschaften der Vereinigten Staaten stehen
heute in ihren gegenseitigen Beziehungen an einem wichtigen Scheideweg. Das traditionelle Verfahren der Kollektivverhandlungen und auch
die gegenwärtige Arbeitsgesetzgebung vermögen die Öffentlichkeit
hinsichtlich ihrer Wirksamkeit nicht mehr länger voll zu überzeugen zumindest nicht bei ernsteren Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Sozialpartnern .•
Es geht heute bei solchen Arbeitsstreitigkeiten gar nicht mehr so
sehr darum, inwieweit eine Schädigung der Wirtschaft tatsächlich oder
nur angeblich «ingetreten ist. Es gilt längst als entschieden: können
sich die Kontrahenten in einem Streitfall nicht friedlich einigen, so
trifft der Staat eine entsprechende Regelung von sich aus. Ich persönlich billige diese Entscheidung ausdrücklich, wenn im Interesse
de« Allgemeinwohls die Paralysierung von Schlüsselindustrien vermieden werden muß, die eine Schädigung der gesamten Wirtschaft zur Folge
hätte.
Der Staat muß aber auch darauf bedacht sein, seinen Bürgern die
Entscheidungsfreiheit zu erhalten, soweit dies nur irgendwie vertretbar ist. Nach meiner Überzeugung läßt sich das Verfahren frei zu
vereinbarender Tarifabmachungen durchaus so gestalten und handhaben,
daß es dieser Forderung voll genügt.
Der Fortbestand des Kollejctivverhandlungswesens hängt heute von
zwei Faktoren ab, von denen einer völlig außerhalb seines Bereichs zu
liegen scheint, nämlich die Gesunderhaltung unserer Gesamtwirtschaft.
Es sei daran erinnert, daß es bei den meisten größeren Auseinandersetzungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften in jüngerer
Zeit vornehmlich um-das sehr ernste Problem der Verdrängung - oder
drohenden Verdrängung - von Arbeitskräften von ihren Arbeitsplätzen
durch Maschinen oder neue Produktionsmethoden ging. Es ist eine offene
Frage, ob Kollektiwerhandlungen die geeignete Methode zur Regelung
von Streitfällen sind, sollte es zu ernsthaften diesbezüglichen Schwierigkeiten in den Massenbeschäftigungsindustrien kommen. Sie dürfte
nur so lange mit "ja" zu beantworten sein, wie die Gesamtwirtschaft
eine Expansionsrate aufweist, die so hoch ist, daß die verdrängten
Arbeitskräfte eine reelle Chance haben, eine neue Beschäftigung zu
finden. Ist dies nicht der Fall, werden sie ihren Vertretern am
Verhandlungstisch mit großer Wahrscheinlichkeit die Vollmacht verweigern, in ihrem Namen ihrer Entlassung zuzustimmen.
Mithin dürfte die Zukunft des Tarifverhandlungswesens in seiner
derzeitigen Gestalt - d.h. ohne zusätzliche gesetzliche Eingriffsmöglichkeiten - engstens mit der künftigen Entwicklung der Arbeitslosen- bzw. Beschäftigtenrate verknüpft sein.
Darüber hinaus dürfte sie - unter der Voraussetzung, daß das
Verhandlungsklima nicht durch eine gesetzliche Schlichtung von Grund
auf verändert wird - von der Entwicklung von Verfahrensweisen abhängen,
die die Regelung auch ernster Arbeitsstreitigkeiten in den lebens-

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7 -

�lebenswichtige» Wirtschaftszweigen ohne wirtschaftsschädigende Stillegungen gestatten, wenn nicht sogar garantieren.
Vieles deutet darauf hin, daß sich diese Entwicklung bereits
anbahnt und bald schon immer rascher vollziehen wird.
Fast alle größeren Arbeitsstreitigkeiten, die einen nationalen
Notstand heraufzubeschwören drohten, wiesen eine Gemeinsamkeit auf, die
bisher kaum die ihr gebührende Beachtung gefunden hat: nahezu alle
getroffenen Regelungen erstrecken sich von vornherein auch auf die Beilegung oder gänzliche Vermeidung jeder denkbaren künftigen Krise.
Dies gilt sowohl für die Einigung im Stahlarbeiterstreik von 1959/60
als auch für die Beilegung des Streiks des Bodenpersonals der Fluglinien im vergangenen Jahr und des Hafenarbeiterstreiks von Anfang
1963. Eine ähnliche Regelung kam auch im New Yorker Zeitungsstreik
zustande, die neue Kollektivverhandlungen unter Beteiligung sämtlicher Zeitungen und Gewerkschaften nach Ablauf von zwei Jahren vorsieht.
Im Augenblick macht man sich praktisch in fast allen Industriezweigen auf beiden Seiten des Verhandlungstischs ernsthafte Gedanken
darüber, wie sich die zu erwartenden Schwierigkeiten auf eine beide
Teile befriedigende Weise regeln lassen. In einer Reihe von Fällen
ist man aus solchen Erwägungen heraus dazu übergegangen, Vertreter der
"Öffentlichkeit" zu den Verhandlungen zuzuziehen. Die Beteiligung der
Arbeitnehmer am Produktivitätsgewinn, wie sie zwischen der Kaiser
Steel Company und der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft (United
Steelworkers) vereinbart wurde, gibt eine Vorstellung davon, welche
Ergebnisse ein derartiges Vorgehen zeitigen kann.
Im Baugewerbe, im Kohlenbergbau, in der Flachglasindustrie, in
der Fleischkonservenindustrie und in den Raketenversuchsanstalten
wurden ähnliche Vereinbarungen zwischen Vertretern des Managements
und der Gewerkschaften getroffen.
Was sich hier anbahnt, ist etwas ganz anderes als Kollektivverhandlungen im traditionellen Sinne. Ich möchte es "konstruktives" oder
vielleicht noch besser "schöpferisches Verhandeln" nennen. Wenngleich
sich die in Rede stehenden Tarifverträge in vielen Einzelheiten unterscheiden, weisen sie doch drei wichtige Gemeinsamkeiten auf:
1. Vorkehrungen für die Behandlung vielschichtiger Probleme wie etwa der Anpassung an die Automatisierung - schon während der
Laufzeit des Vertrages und nicht erst bei den Verhandlungen kurz
vor Ablauf der Geltungsdauer des Vertrages und damit unter Zeitdruck.
Auf diese Weise ist Zeit und Gelegenheit gegeben, neue Ideen zu entwickeln, deren wir dringend bedürfen, um die Probleme einer in Bewegung geratenen Arbeiter- und Angestelltenschaft bewältigen zu können Ideen, die das Gegenstück zu Neuerungen bilden, wie sie beispielsweise
General Motors und die Automobilarbeitergewerkschaft vor einem Jahrzehnt mit der Einführung der Lohngleitklausel (die Koppelung der Lohnsätze an den Lebenshaltungskostenindex und die Produktivitätszuwachsrate)entwickelt haben;
2.

8

�2. Einschaltung eines "neutralen" oder "dritten" Gesprächspartners, sei es, um die Streitpartüien zu beraten, Vorschläge auszuarbeiten oder den Sachverhalt unvoreingenommen darzustellen. Es wäre weitgehend illusorisch, ein "öffentliches Interesse" postulieren zu wollen,
das sich auch nur im geringsten von den Interessen unterscheidet, um
die es bei einem ehrlichen Wechselspiel in den Arbeitgeber-ArbeitnehmerBeziehungen geht. Die Teilnahme dritter, in jeder Hinsicht unabhängiger
Personen an derartigen Verhandlungen bietet aber die beste Gewähr dafür,
daß die "öffentlichen Interessen" gewahrt bleiben;
3. besondere Vorkehrungen für einen möglichst reibungslosen Verlauf der Verhandlungen gegen Ende der Laufzeit eines Tarifvertrages.
Zum Teil ist eine Schlichtung vorgesehen - die freiwillige Unterordnung
unter ein den jeweiligen Umständen angemessenes Schlichtungsverfahren.
Eine Reihe von Verträgen trägt dem dringenden Bedürfnis Rechnung, bei
industrieweiten Verhandlungen sowohl auf der Unternehmer- wie auf der
Gewerkschaftsseite zu zweckmäßigeren und von größerem Verantwortungsbewußtsein getragenen Absprachen innerhalb der Verhandlungsgruppen zu
gelangen. Die diesbezüglichen Schwierigkeiten rühren zum Teil daher,
daß sich mehr und mehr eine Form von "Gruppenverhandlungen" herausbildet und die Gruppen es vielfach versäumen, vor den Verhandlungen für
einen entsprechenden Ausgleich in ihren eigenen Reihen zu sorgen.
Neben den beachtenswerten Anzeichen für ein zunehmendes Interesse
der privaten Wirtschaft an neuen und gesünderen Formen des Tarifverhandlungswesens gibt es ermutigende Hinweise auf eine rasche Anpassung
der einschlägigen Regierungspolitik an die sich abzeichnende Entwicklung
mit dem Ziel, sie zu fördern.
Sowohl der Bundesvermittlungs- und Schlichtungsdienst (Federal
Mediation and Conciliation Service - FMGS) als auch der Bundesschlichtungsausschuß für Arbeitsstreitigkeiten im Transportwesen (National Mediation
Board - NMB) nehmen heute vielfach schon Fühlung mit den beiden Verhandlungspartnern auf, noch ehe das Näherrücken des Auslaufdatums eines Tarifvertrages eine Krisensituation entstehen läßt. Das US-Arbeitsministerium
sowie das ihm angegliederte US-Bundesamt für Arbeitsstatistik und sein
Amt für Fragen des Arbeitspotentials, der Automation und der Schulung
sind bestrebt, ihre bisher mehr generelle Untersuchungstätigkeit auf
spezifische Probleme bestimmter Industriezweige auszudehnen. Es wäre
zu überlegen, ob man nicht einen eigenen Beratungsdienst für Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen einrichten sollte, dem Aufklärungsdienst
des Landwirtschaftsministeriums (Extension Service) vergleichbar, der
den Sozialpartnern mit Rat und Tat zur Seite stehen könnte. Es wäre
ferner zu überlegen, ob nicht die Vergabe von Regierungsaufträgen an
die Bedingung geknüpft werden sollte, daß die Firmen von sich aus alles
tun, um Unterbrechungen der Produktion auszuschließen, so wie der Zuschlag heute schon u.a. davon abhängig gemacht wird, daß der Betrieb in
seiner Personalpolitik auf diskriminierende Maßnahmen gegen Farbige
verzichtet. Der Ausschuß für Arbeitsfragen auf Raketenabschußbasen ist
ein anderes Beispiel für die Mitwirkung der Regierung an Arbeitsregelungen, die ihrem Grundcharakter nach dennoch rein privatwirtschaftlich
sind und auf Verhandlungen über einen Streikverzicht als Gegenleistung
für den Verzicht auf Aussperrung beruhen.
Die

�Die Bedeutung dieser Formen des "konstruktiven" oder "schöpferischen Verhandeins" ist heute noch gar nicht voll abzusehen. Ein« solche
Weiterentwicklung des Kollektiwerhandlungswesens ist aber unerläßlich, soll es auch in Zukunft allen Anforderungen genügen. Meiner Auffassung nach kommt dieser Entwicklung heute schon eine Bedeutung zu,
wie sie gegen Ende der vierziger Jahre die ziemlich plötzlich zu verzeichnende Bereitschaft beider Sozialpartner hatte, sich mit der bindenden Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten einverstanden zu erklären nicht nur dem Diktat der Vernunft, sondern auch den Forderungen der
Praxis folgend.
Soll diese sich anbahnende Entwicklung erfolgreich verlaufen, so
können wir auf die Dienste erfahrener, weitblickender und einfallsreicher "Dritter" nicht verzichten. Sie müssen noch dazu viel Geduld
aufbringen, sich ein selbständiges Urteil
bilden können und ansonsten durchaus die Qualitäten besitzen, die bei einem Schlichter immer
schon vorausgesetzt werden. Die Auslegung eines Tarifvertrags ist eine
handwerkliche Tätigkeit im Vergleich zu der Tätigkeit der "Architekten"
neuer Tarifverträge, wie sie uns vorschweben. Im einen Fall kann man
die Dinge nehmen, wie sie sind, im anderen Falle gilt es, selbst etwas
Neues, bisher nicht Dagewesenes zu schaffen, neue Antworten zu geben,
neue Ideen zu entwickeln.
Es liegt mir fern, hier den Eindruck zu erwecken, wir seien uns
selbst genau darüber im klaren, wie dieses "konstruktive" oder "schöpferi
sehe Tarifverhandlungswesen" der Zukunft eigentlich aussehen soll. Wir
sind es nicht. Die Erkenntnis der dringenden Notwendigkeit neuer Anstrengungen wie auch die Erfahrung der Vergangenheit werden die künftige Gestalt des Kollektivverhandlungswesens bestimmen. Es ist durchaus denkbar, daß sich eine ganz andere Formel oder ein ganz anderer Vorschlag
als die beste unter den denkbaren Lösungen herauskristallisiert. Den
Fachleuten im Bereich des Schlichtungswesens stellt sich die Aufgabe,
sich maßgeblich an der Suche nach einer solchen Formel oder einem solchen Vorschlag zu beteiligen.
Die allgemein anerkannte Institution der freien Kollektivverhandlungen sieht sich heute vor eine Bewährungsprobe gestellt, die ihr zu
einem guten Teil aus den jüngsten Ergebnissen der Forschung und Technik erwächst. Es ist in diesem Zusammenhang auch angebracht, sich erneut
Gedanken darüber zu machen, warum der wissenschaftliche Fortschritt ein
so offenkundiges und in gewisser Hinsicht bedrohliches Übergewicht über
den Fortschritt in der Entwicklung unserer demokratischen Institutionen
hat.
Sicherlich ist der Wissenschaftler nicht weiser als der Politiker.
Ist er etwa freier und unbefangener, wenn es darum geht, etwas in Zweifel zu ziehen, zu erproben und für Ideen einzutreten, die von herkömmlichen Vorstellungen abweichen? Erleben wir vielleicht - wenn auch mit
umgekehrten Vorzeichen - eine Zeit, die dem Mittelalter vergleichbar
wäre, als man Naturwissenschaftler wegen ihrer Entdeckungen als Ketzer
verdammte, während die Politiker mehr oder weniger unangefochten den
Boden für den Aufbau demokratischer Institutionen bereiten konnten?
Steht die Demokratie hier vielleicht vor ihrer entscheidenden Bewährungsprobe, in der sie an einer sich eben erst dunkel abzeichnenden Gesellschaft gemessen werden wird - in einem Bereich, in dem jeder diktatorische Zwang ohnehin versagt?
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�Der amerikanische Botschafter bei den Vereinten Nationen,
Adlai Stevenson, hat in New York einmal erklärt: "Wir haben erfahren,
daß die moderne Technik die Faust des Despoten und den Zugriff des
Diktators zu stärken vermag - und nicht zuletzt aus diesem Grunde
wissen wir, daß wir die Demokratie heute mehr als je zuvor brauchen.
Die Demokratie aber ist kein Automatismus, der aus sich selbst heraus
funktioniert. Es liegt an uns, ihr Leben einzuhauchen."
Kollektivverhandlungen aber sind Wirtschaftsdemokratie in ihrer
praktischen Verwirklichung. Es ist an uns, ihr Leben einzuhauchen.

* * * * *

196$ brachte neuen Stil im Tarifverhandlungswesen
In lohn- und sozialpolitischer Hinsicht war das Jahr 19&amp;2 eines
der ruhigsten und erfolgreichsten in der Geschichte der Vereinigten
Staaten. Alle, Regierung, Unternehmer, Gewerkschaften und Arbeitnehmer, können mit dem Gesamtverlauf insofern mehr als zufrieden sein,
als sie alle ihre Absichten und Ziele weitgehend realisieren konnten.
Der Regierung war es auf Grund ihrer gezielten wirtschaftspolitischen Maßnahmen möglich, die gute Konjunktur zu erhalten, die Gesamtbeschäftigtenzahl um rund eine Million (auf fast 70 Mio.) zu erhöhen,
die Zahl der Arbeitslosen auf 3,5 Millionen herabzudrücken und die
Preise weitgehend stabil zu halten - ein Erfolg, an dem auch die Gewerkschaften insofern großen Anteil haben, als sie sich mit Lohnerhöhungen von im Durchschnitt 3,1 Prozent (in den ersten 9 Monaten) zufriedengaben. Da jedoch gleichzeitig auch die Lohnnebenleistungen verbessert
und die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohnsätze für etwa 2,6 Millionen Arbeitnehmer von 1,15 Dollar auf 1,25 Dollar pro Stunde angehoben
wurden, dürften die Arbeitnehmer 1963 mit den erreichten materiellen
Verbesserungen zufrieden gewesen sein.
Daß das abgelaufene Jahr weder industrieweite, das Wirtschaftsleben des gesamten Landes lähmende Streiks noch lautstarke lohn- und
sozialpolitische Auseinandersetzungen brachte, ist wohl der erfreulichste Aspekt überhaupt. Es ist durchaus möglich, daß man später einmal das Jahr 19^5 als den großen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen
Management und Gewerkschaften bezeichnet. Der sich bereits 1 962 abzeichnende Trend nämlich, die wichtigsten tarifpolitischen Streitpunkte
zwischen den Sozialpartnern schon lange vor Beginn der eigentlichen
Verhandlungen in einem gemeinsamen Beratungsausschuß zu klären,so daß
für die vertragschließenden Parteien lediglich die Paraphierung des
Abkommens übrigbleibt, hat sich im abgelaufenen Jahr ganz wesentlich
verstärkt. Nach dem Beispiel der Stahlarbeitergewerkschaft, die im
Frühjahr nach diesem-Verfahren ihren neuen Vertrag mit den großen
Stahlunternehmen - ganz im Gegensatz zu früheren Jahren - lautlos über
die Bühne brachte, haben sich 1963 auch die Gewerkschaften der Automobil-, Gummi-, Elektro- und Ölarbeiter mit der Schaffung gemeinsamer
tarifpolitischer Studienausschüsse zum neuen Stil im amerikanische»
Tarifverhandlungswesen bekannt,
,
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�Auch ein anderer Trend, der sich in jüngster Zeit immer deutlicher
abzeichnete, hat wesentlich zur Beruhigung des gesamten lohn- und tarifpolitischen Klimas in den Vereinigten Staaten beigetragen: der Abschluß von langfristigen Tarifverträge» mit einer Laufzeit von zwei
bis fünf Jahren. Die Tatsache, daß im vergangenen Jahr bereits 3,5
Millionen von Großtarifverträgen erfaßte Arbeitnehmer automatisch eine
Lohnaufbesserung auf Grund von in den Vorjahren abgeschlossenen Verträgen erhielten, zeigt, welch eine große wirtschaftliche und lohnpolitische Bedeutung diese langfristigen Verträge in den USA bereits
gewonnen haben.
Durch die Abkehr von der bisherigen Praxis der jährlichen Lohnverhandlungen und durch den Abschluß von Verträgen mit festen und terminierten Lohn-Steigerungsraten ist es einerseits den Unternehmern möglich, die auf sie zukommenden Lohnkosten über einen längeren Zeitraum
abzuschätzen und sich auf die Belastungen einzustellen, während sich
anderseits die Gewerkschaften intensiver als bisher mit anderen brennenden Fragen befassen können.
Daß die Lohnfragen in Anbetracht der durch die Automation ausgelösten großen Umwälzungen auf dem Beschäftigungssektor immer mehr in den
Hintergrund und die Sicherung der Arbeitsplätze und verwandte Probleme
viel stärker in den Vordergrund treten, beweisen die Forderungen, die
die amerikanischen Gewerkschaften im letzten Jahr am Verhandlungstisch
stellten. Hierzu gehören in erster Linie: die kostenlose Umschulung
von freigesetzten Arbeitskräften auf Zukunftsberufe oder ihre Umsetzung
an verwandte Arbeitsplätze im gleichen Betrieb, die Zahlung von Entlassungsgeldern, die Gewährung von Umschulungs- und Umzugsbeihilfen
und die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze durch die Gewährung eines
längeren Urlaubs an langjährige Mitarbeiter.
In fast allen im vergangenen Jahr abgeschlossenen Großtarifverträgen (mehr als 1000 Arbeitnehmer) wurde diesen Forderungen der Gewerkschaften von den Unternehmern ganz oder teilweise entsprochen. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das neue Abkommen zwischen der Stahlarbeitergewerkschaft und den Stahlwerken, das für sämtliche Mitarbeiter mit mehr als 10 Dienstjähren alle fünf Jahre einen
bezahlten Sonderurlaub von 13 Wochen vorsieht.
Auch im Jahr 1964 dürften diese gewerkschaftlichen Forderungen
die Tarifverhandlungen weitgehend bestimmen, während sich die Lohnforderungen wahrscheinlich im Rahmen der vergangenen Jahre halten und
in etwa dem zu erwartenden Produktivitätszuwachs entsprechen werden.

(Quelle: Eigenbericht)

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�Betrieblich geförderte Freizeitprogramme
Betriebs-Erholungsprogramme haben sich in der amerikanischen
Industrie immer deutlicher als wesentlicher Faktor eines gesunden
Betriebsklimas herausgestellt. Denn nicht nur wirtschaftliche Erwägungen veranlassen Arbeitnehmer zu Bestleistungen; Zufriedenheit am
Arbeitsplatz, die aus Anregungen und der Gelegenheit zur Selbstbestätigung in interessant gestalteter Freizeit erwächst, trägt ebenso
dazu bei .
Eine ganze Reihe amerikanischer Großbetriebe verfügt heute über
großzügig und zweckmäßig angelegte Parks und Klubhäuser, in denen Belegschaftsmitglieder und ihre Familienangehörigen jede Art von Sport
betreiben können. Firmen mit begrenzteren Mitteln haben die Gründung
von Sportvereinen und Freiseitklubs gefördert und ihnen finanzielle
Zuschüsse zur Beschaffung der notwendigen Einrichtungen und Räumlichkeiten gewährt. In den meisten Betrieben koordiniert ein aus jährlichen Belegschaftswahlen hervorgegangenes Arbeitnehmergremium die
verschiedenen Programme. Besonders beliebt sind Kegeln, Ballspiele
und Tischtennis; und auch die zahlreichen Klubs der Briefmarken- und
Photofreunde, Schachvereine, Chorgruppen, Mal- und Bastelgemeinschaften
bestätigen die Vielfalt der Entspannungsmöglichkeiten, die amerikanische Betriebe ihren Mitarbeitern heute zu bieten versuchen.
Bei der Ford Motor Company erreicht man dieses Ziel durch ein
reich gegliedertes Angebot von sportlichen,gesellschaftlichen, kulturellen und unterhaltenden Programmen, wobei Veranstaltungen mit besonders
großer Beteiligung der Belegschaft und ihrer Familienangehörigen stark
gefördert werden. Jede Freizeit-Gruppe erhält größtmögliche Freiheit
bei der Regelung ihrer internen Angelegenheiten. Beauftragte des Betriebs sorgen für eine Koordinierung der einzelnen Programme; und auch
hierbei stehen notwendige finanzielle Zuschüsse und Hilfe für anfallende
Verwaltungsarbeiten zur Verfügung.
Am umfangreichsten ist das Betriebs-Erholungsprogramm des FordWerkes "River Rouge" in Dearborn (Michigan), an dessen einzelnen Phasen
im Jahr 1962 über 1,2 Millionen Personen aus der Umgebung Detroits teilgenommen haben. Das Detroiter Programm selbst umfaßt mehr als 60 verschiedene Freizeitbetätigungen. Es gibt 30 in Ligen zusammengeschlossene
Korbballmannschaften, 130 Kegelgruppen, 160 Softball- und 8 VolleyballMannschaften. Unter den 23 Klubvereinigungen ist der "Ford Archers
Club" der Bogenschützen mit seinen rund 100 Mitgliedern einer der ältesten Betriebsvereine im Gebiet von Detroit. Daneben gibt es den 90
Stimmen starken Ford-Chor, der sehr häufig zu öffentlichen und betriebsinternen Veranstaltungen herangezogen wird. Schließlich bietet
ein "Gourmet Club" den Mitarbeitern der Ford-Werke Gelegenheit zum Besuch von Theaterabenden, Konzerten und zur Teilnahme an Sonderfahrten.
Selbstverständlich gibt es auch, wie es einem solchen Klub ansteht,
gutes Essen und Geselligkeit.
Für die Kinder der Betriebsangehörigen werden in den Sommermonaten Tageslager veranstaltet, wo sie unter Aufsicht schwimmen, Sport
treiben und basteln können . Zweimal im Jahr finden Festbanketts mit

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�mit Siegerehrungen für die aus den Klubwettbewerben und Liga-Ausscheidungskämpfen hervorgegangenen Einzelsieger und Siegermannschaften
statt. Für die jährliche Kunstausstellung der Ford-Werke (Ford Employees
Art Show) wurden 1962
652 Werke der verschiedensten Maltechniken angenommen .
Auch Betriebsausflüge fehlen nicht. Rechnet man ihre Teilnehmerzahlen zusammen, so ergibt sich für 1962 die stattliche Summe von
40 000 Menschen, die dabei Freude und Entspannung fanden.

(Quelle: Eigenbericht)

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US-Eisenbahnen können"zweiten Mann" auf Dieselloks abbauen
In der seit über zwei Jahren zwischen der Gewerkschaft der Lokomotivführer und Heizer und den US-Eisenbahngesellschaften schwelenden
Auseinandersetzung über die Besetzung der Fahrstände von Diesellokomotiven und die Stärke des Zugbegleitpersonals hat jetzt der im Herbst
1962 vom amerikanischen Kongreß eingesetzte Sonderausschuß einen
Schiedsspruch gefällt. Danach wird den Eisenbahngesellschaften das Recht
eingeräumt, 90 Prozent der insgesamt 40 000 im Fracht- und Rangierdienst
auf Dieselloks eingesetzten "Heizer" abzubauen. Gleichzeitig wird den
Gesellschaften jedoch zur Auflage gemacht, den Abbau der "zweiten Männer"
auf den Dieselloks allmählich vorzunehmen und Entlassungen auf ein Minimum zu beschränken.
Allen Heizern mit mehr als 10 Dienstjahren - das sind rund zwei Drittel aller Betroffenen - muß nach dem Schiedsspruch eine Beschäftigungsgarantie auf Lebenszeit gewährt werden; desgleichen haben die Eisenbahngesellschaften dafür zu sorgen, daß mindestens 10 Prozent der von dieser
Beschäftigungsgarantie nicht betroffenen Arbeitnehmer ein anderer Arbeitsplatz nachgewiesen wird.
Alle jene Heizer, die eine Dienstzeit von 2 bis 10 Jahren haben,
müssen nach dem Schiedsspruch an ihren derzeitigen Arbeitsplätzen weiterbeschäftigt oder aber - bei Fortzahlung der bisherigen Löhne - auf
andere Arbeitsplätze umgesetzt werden.
Die rund 2000 Heizer, die eine geringere Dienstzeit als zwei Jahre
aufweisen, können dagegen entlassen werden. Sie haben jedoch Anspruch
auf ein angemessenes Entlassungsgeld.
Ob mit diesem Schiedsspruch die Auseinandersetzung, die in den
vergangenen Jahren immer wieder zu Streikandrohungen der verschiedenen Eisenbahnergewerkschaften - vor allem der "Brotherhood of Locomotive Firemen and Enginemen" - führte und die Regierung schließlich zum
Eingreifen zwang, endgültig beigelegt ist, bleibt abzuwarten. Zwei

-

14

-

�Zwei der von dem Schiedsspruch betroffenen und als Tarifpartner der
Eisenbahnen anerkannten Gewerkschaften haben sofort nach Bekanntwerden des Spruches mitgeteilt, daß sie diesen Entscheid beim Obersten
Bundesgericht anfechten wollen.
Ob diese Anfechtungsklage jedoch zugelassen wird, ist zweifelhaft. Die vom Kongreß am 29. August 1963 gebilligte Resolution über
eine Zwangsschlichtung, durch die der Eisenbahnerstreik bekanntlich
in letzter Minute abgewendet wurde, bestimmt nämlich, daß der von
dem siebenköpfigen Sonderausschuß zu fällende Schiedsspruch für zwei
Jahre bindend sein soll.
Der seinerzeit eingesetzte Schiedsausschuß, der unter dem Vorsitz
des bekannten Schlichters Ralph T. Seward stend, setzte sich aus je
zwei Vertretern der Sozialpartner und drei Vertretern der Öffentlichkeit zusammen, die von Präsident Kennedy ernannt worden waren. Aufgabe
des Ausschusses war es, lediglich die beiden strittigen Hauptpunkte
in der Auseinandersetzung zwischen den Gewerkschaften und den Eisenbahnen - Besetzung der Fahrstände von Dieselloks und Stärke des Zugbegleitpersonals - durch einen Schiedsspruch zu regeln.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

'

15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material Über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 2

Bad Godesberg, den 1. Februar 1964
INHALTSVERZEICHNIS

Gewährleistung gleicher Berufschancen für
Amerikas Minderheiten
Die wirtschaftliche Lage der amerikanischen
Gewerkschaften
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Sonderbeilage: Präsident Lyndon B. Johnsons
Botschaft über die Lage der Nation (8. Januar 1964)

Seite 1
Seite 5
Seite 11

Robert Taylor jr., Stellvertretender Vorsitzender und Geschäftsführer des Präsidialausschusses zur Sicherung
gleicher Beschäftigungsbedingungen:
Gewährleistung gleicher Berufschancen für Amerikas Minderheiten
"Diskriminierung auf Grund von Rasse, Glauben,
Hautfarbe und nationaler Herkunft widerspricht
den Grundsätzen unserer Verfassung und der Politik der Vereinigten Staaten. Es ist die klare
und eindeutige Verpflichtung der US-Regierung,
ohne Rücksicht auf Rasse, Glauben, Hautfarbe
oder nationale Herkunft gleiche Beschäftigungsbedingungen für alle qualifizierten Personen, die im Bundesdienst oder im Rahmen von
Regierungsaufträgen beschäftigt sind oder um
Beschäftigung nachsuchen, zu fördern und zu
siehern,"
Präambel des Präsidialerlasses Nr. 10 925
vom 6. März 1961)
Eine Welt voller Hoffnungen öffnete
als er im vergangenen Sommer eines Tages
blechwerker fand. Und dann brachen seine
men: die Gewerkschaft bestand auf seiner
reguläre Lehrzeit nachweisen konnte,,

sich für Wynnand Normand,
endlich Arbeit als WalzHoffnungen wieder zusamEntlassung, weil er keine
Doch

�Doch Normand fühlte sich unfair behandelt. Den Grund hierfür
glaubte er in seiner Rassenzugehörigkeit zu erkennen - in der Tatsache also, daß er zu den 19 Millionen Negern der USA zählt. Ärger
und Schmerz mischten sich mit seiner Sorge um Frau und vier Kinder,
um sein Haus und seine Zukunft. Glücklicherweise wurde Normands
Fall vor den Präsidialausschuß zur Sicherung gleicher Beschäftigungsbedingungen gebracht, der seiner Klage stattgab und dafür sorgte, daß
Normand nicht nur seinen Arbeitsplatz wiederbekam, sondern auch als
gelernter Walzblechwerker mit einem Stundenlohn von 4,65 Dollar eingestellt wurde, da ihn seine Berufserfahrung voll für diese Tätigkeit
qualifizierte.
Normands Fall war einer von 4000, die bisher vor dem Präsidialausschuß verhandelt wurden. In 75 Prozent der Fälle wurden Diskriminierungen bei der Einstellung, Ausbildung, Beförderung oder Entlassung
von Arbeitnehmern festgestellt und gerechte Regelungen herbeigeführt.
Wo liegen die Gründe für die Schaffung dieses einzigartigen
Präsidialausschusses und wie ist seine Arbeitsweise?
In den Vereinigten Staaten hat es - wie in vielen anderen Ländern - seit über hundert Jahren Diskriminierungen gegeben. Viele
Amerikaner sind allein oder in Gemeinschaft mit anderen erfolgreich
gegen destruktive Praktiken dieser Art vorgegangen . Ein Wandel vollzieht sich oft jedoch nur recht langsam, und Minderheiten, gegen die
Diskriminierungen gerichtet sind,tragen schwer an der Last wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit und Entbehrungen.
In der Vergangenheit lag die Arbeitslosigkeit unter den Minderheitengruppen zweieinhalbmal so hoch wie bei den übrigen Arbeitnehmern, und das Durchschnittseinkommen betrug weniger als 60 Prozent
des Einkommens weißer Amerikaner. Historische wie aktuelle Ereignisse
lassen erkennen, daß sich diese Verhältnisse nur überaus langsam ändern, wenn nicht der Staat eine entscheidende Rolle in der Gewährleistung gleicher Berufschancen übernimmt.
Am 6. März 1961 unterzeichnete Präsident John F. Kennedy den
Präsidialerlaß Nr. 10 925, eines der wichtigsten Dokumente der letzten
Jahre, in dem er die Richtlinien zur Sicherung gleicher Beschäftigungsbedingungen festlegte. Den gleichzeitig geschaffenen Präsidialausschuß
stattete er mit weitgehenden Vollmachten aus und erteilte ihm den Auftrag, für die Beseitigung von Diskriminierungen im Bundesdienst, im
Rahmen von Regierungsverträgen und allen von der Bundesregierung
geförderten Straßenbau-, Krankenhausbau-, kommunalen und ähnlichen
Bauprojekten zu sorgen. Den Vorsitz übernahm Lyndon B. Johnson, damals Vizepräsident der Vereinigten Staaten; sein Stellvertreter wurde
später US-Arbeitsminister W. Willard Wirtz, der in dieses Amt nicht
nur seine reiche Erfahrung auf arbeitsrechtlichem Gebiet mitbrachte,
sondern bereits in seinem Ministerium beträchtliche Mittel zur Sicherung gleicher Berufschancen eingesetzt hatte,
"Vollstreckung" und "Überredung" sind die beiden notwendigen
und unerläßlichen Werkzeuge, mit denen der Ausschuß sein Ziel zu
erreichen sucht, sowohl bei Regierungsbehörden wie bei Privatunternehmen. Ein Verbot jeglicher Diskriminierung wird als Sonderklausel

2

�Sonderklausel in alle mit Privatfirmen abgeschlossene Regierungsverträge aufgenommen. Verstöße gegen diese Klausel können eine
Annullierung des Vertrags oder andere Strafen nach sich ziehen.
Man war sich im klaren, daß greifbare Beweise für die Erfüllung
der Vertragsklausel vorgelegt werden müssen. Deshalb wurde ein Berichtssystem ausgearbeitet, demzufolge Privatfirmen, die mit der USRegierung Geschäfte im Wert von über 50 000 Dollar jährlich tätigen
und mehr als 50 Angestellte beschäftigen, zur Vorlage von Belegschaf ts-Erstberichten und anschließenden Belegschafts-Jahresberichten verpflichtet sind. Sie sollen zeigen, welche positiven Maßnahmen zur Sicherung gleicher Beschäftigungsbedingungen ergriffen wurden,
und dokumentieren, daß alle Einstellungen auf gleichberechtigter
Basis erfolgten,und zwar nicht nur bei ungelernten Kräften, sondern
für alle Positionen, sofern die erforderlichen Qualifikationen nachgewiesen wurden. Darüber hinaus sind die Firmen verpflichtet, positive
Programme zur Anwerbung von Stellungsuchenden und Ausbildung von Belegschaftsmitgliedern aus den Minderheitengruppen zu entwickeln.
Die vertragschließenden Regierungsbehörden sind für die Einhaltung des Diskriminierungsverbots verantwortlich. Jede Behörde ordnet
eigene Beamte zu den wichtigsten Beschaffungszentralen ab mit dem Auftrag, die Personalpolitik der Vertragsfirmen zu überprüfen und ihnen
verwaltungstechnische Hilfe bei der Ausarbeitung neuer Personal-Programme zur Verfügung zu stellen. Die Beamten kontrollieren, ob die einzelnen Betriebe ihren vertraglichen Verpflichtungen nachkommen. Sie
interviewen leitende Angestellte und Belegschaftsmitglieder und überwachen ganz allgemein alle betrieblichen Antidiskriminierungsmaßnahmen. Lassen sich Beweise für einen bewußten Verstoß gegen die Vorschriften des Präsidialerlasses oder die Vertragsklausel feststellen,
dann sind die Behörden und der Präsidialausschuß zur Annullierung des
Vertrags oder zur Ausschließung des Vertragsbrüchigen Unternehmens
von der Vergabe künftiger Regierungsaufträge befugt.
Man schätzt, daß dem Präsididialausschuß Erfüllungsberichte von
38 000 Unternehmen mit 50 000 Betrieben und über 20 Millionen Beschäftigten aus allen Teilen der USA zugehen werden. Unter ihnen
dürften sich die meisten amerikanischen Industriewerke befinden.
Als nicht weniger wichtig für den Erfolg des Präsidialerlasses
hat sich Überredung erwiesen. Hunderte von Unternehmen haben sich von
ihrer Verantwortung überzeugen lassen und damit begonnen, bessere
Berufschancen zu schaffen und in ihrem Einflußbereich eine Haltungsänderung gegenüber den Minderheiten zu bewirken. Um sie darin zu
unterstützen und andere Unternehmen zu Ähnlichem anzuspornen, wurde
vom Präsidialausschuß ein Programm "Pläne für den Fortschritt" ins
Leben gerufen, an dem sich Firmen, die nicht Vertragspartner der USRegierung sind, beteiligen können. Über 120 Unternehmen haben Einzelpläne dieser Art unterzeichnet und vorausschauende Einstellungs-,
Ausbildungs-, Einstufungs- und ßeförderungsrichtlinien für Angehörige
der Minderheitengruppen entworfen. Ihre Arbeit gilt auch der Überwindung veralteter Verhaltensweisen, die den freien Fluß von Arbeitskräften und Arbeitsinformationen hemmen.
Ein

-

3 -

�Ein 19 Mitglieder umfassender Beirat wurde -von einigen der
bedeutendsten amerikanischen Gesellschaften gebildet, um diesem
kooperativen Programm zu größtmöglicher Wirkung zu verhelfen.
Seine Vorschläge erleichtern den am Programm beteiligten Firmen die
Erfüllung ihrer Verpflichtungen. Und hier liegt die entscheidende
Rolle des Beirats. Fünf Großunternehmen haben ihm Personalexperten
zur Verfügung gestellt, die neue Methoden zur Erschließung von
Arbeitsplätzen in der Industrie ausarbeiten.
Auch auf dem zweiten Tätigkeitsgebiet des Präsidialausschusses
haben sich vielversprechende Ergebnisse eingestellt: Im Bundesdienst
erhielten im Zeitraum Juli 1961 bis Juni 1962 Neger, die größte Minder
heitengruppe der USA, 10 737 - oder 17 Prozent - der 62 653 offenen
Stellen. In den mittleren Gehaltsstufen mit Jahresgehältern von
4565 bis 10 165 Dollar ist die Zahl der Neger um 19 Prozent gestiegen, obwohl die Gesamtstellenzunahme in diesen Gruppen nur 5,9 Prozent betrug. Im allgemeinen finden hier Juristen, Techniker und
Wissenschaftler ihre Anfangsstellungen.
In den oberen Gehaltsstufen, die ein hohes Maß fachlicher Qualifikation voraussetzen und Jahresgehälter zwischen 9475 und 20 000
Dollar bieten, ist die Zahl der Neger um 35»6 Prozent gestiegen,
obwohl die Gesamtstellenzünahme nur 9»5 Prozent betrug.
Statistische Angaben über den Personalstand der im Regierungsauftrag arbeitenden Vertragsfirmen lassen ähnliche Fortschritte erkennen. Eine Übersicht der 50 größten Vertragsfirmen zeigt, daß
in einer Sechsmonatsperiode bei einer Gesamtzunahme von 37 807 neuen
Arbeitsplätzen farbige Arbeitnehmer 9308 oder 24*6 Prozent der Stellen
erhielten. Als die Programme des Präsidialausschusses anliefen, waren
in diesen Firmen nur 3,8 Prozent der Arbeitsplätze von Farbigen besetz
Am größten war die Zunahme in den leitenden Positionen, im Verkauf
und in der-Technik, nämlich 13,3 Prozent, 44»2 Prozent und 11,2 Prozent .
Die Erfolge des Präsidialausschusses sind unverkennbar. So eindrucksvoll die bisherigen Statistiken auch sein mögen, seine Mitglieder und sein hauptamtlicher Mitarbeiterstab sind sich darüber im
klaren, daß sie erst am Anfang ihrer Arbeit stehen. In gemeinsamer
Anstrengung mit der Industrie bemüht sich die amerikanische Regierung,
jene sozialen Schranken zu beseitigen, die in der Vergangenheit Diskriminierungen zugelassen haben. Dies geschieht zum Nutzen aller
Amerikaner, und nicht zum ganz besonderen Vorteil einer einzelnen
Bevölkerungsgruppe. Denn jeder einzelne sollte auf Grund seines
inneren Wertes, seines Charakters, seiner Redlichkeit und seiner
Leistungen beurteilt werden - und nicht auf Grund von Äußerlichkeiten
wie die Farbe seiner Haut.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

-

4

-

�James B. Carey, Vorsitzender der Elektro-, Radio- und
Maschinenmechanikergewerkschaf t (IUE):
Die wirtschaftlichen Ziele der amerikanischen Gewerkschaften
Seit 1956 ist trotz eines Anstiegs des Bruttosozialprodukts
der USA um 80 Milliarden Dollar die Zahl der Arbeitnehmer in der
amerikanischen Fertigungsindustrie um annähernd 500 000 zurückgegangen. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß heute für Produktions- und Wartungspersonal eine Million Arbeitsplätze weniger
vorhanden sind als damals.
Dieser Beschäftigungsrückgang vollzog sich, obwohl die Gesamt-Industrieproduktion seit 1956 um 18 Prozent zunahm und im
Jahr 1962 eine Rekordhöhe erreichte - das Ergebnis einer beträchtlichen Produktivität ssteigerung der amerikanischen Wirtschaft.
In den Industriearbeiterberufen wurde damit ein Umschichtungsprozeß eingeleitet, der zum Abbau von Arbeitsplätzen in der Produktion und zu einem größeren Bedarf an Technikern führte. Diese Entwicklung stellt die meisten amerikanischen Gewerkschaften, die sich
bisher vor allem um die Industriearbeiterschaft bemüht haben, vor
neue Aufgaben und Probleme.
Es überrascht nicht, daß angesichts der starken Arbeitslosigkeit in der Industrie der amerikanische Gewerkschaftsverband AFLCI0, dem vor allem Industriearbeiter angehören, in vorderster Front
im Kampfe gegen die Arbeitslosigkeit steht. Seine Hitglieder und
ihre Familien haben am meisten unter mangelnder Vollbeschäftigung
zu leiden.
Trotz anhaltender beträchtlicher Arbeitslosigkeit ist das
Bruttosozialprodukt, bei Zugrundelegung eines festen Dollarwertes,
auch seit 1958 weiter angestiegen. Unter diesen Umständen ist es
schwierig, für volkswirtschaftliche Reformen und ein Programm der
Vollbeschäftigung volle politische Unterstützung zu gewinnen.
Die amerikanischen Gewerkschaften sind infolgedessen zum Umdenken und Umformulieren ihrer wirtschaftlichen Ziele und Programme gezwungen. Nur auf Arbeitslosigkeit hinzuweisen, genügt nicht
mehr, wenn so viele Bevölkerungsteile von ihr kaum betroffen werden. Konservative Kreise können auf das - wenn auch bescheidene Ansteigen des Bruttosozialproduktes in jedem Jahr verweisen.
Aus diesen Gründen pochen der amerikanische Gewerkschaftsverband AFL-CI0 und seine Mitgliedgewerkschaften immer wieder auf die
Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Wachstumsrate, die mit dem
wachsenden Arbeitskräftepotential und den technischen Fortschritten in den Vereinigten Staaten in Einklang steht. Obwohl 1962 das
US-Bruttosozialprodukt gegenüber 1959 um 51 Milliarden Dollar höher lag, gab es keinen Rückgang der Arbeitslosigkeit, die 1962
stärker war als 1959 - ein Ergebnis des wachsenden Arbeitskräftepotentials und der Verbesserungen in Technik und Ausbildung, die
zur Steigerung der individuellen Produktivitätsraten geführt haben.
Auf

- 5 -

�Auf dem Gebiet der Technik wird sich in den vor uns liegenden Jahren ein noch stärkerer Wandel vollziehen. Experten rechnen
für die Zeit zwischen 1960 und 1970 mit einem Arbeitskräftezuwachs
von jährlich annähernd 1,3 Millionen neuen Arbeitsuchenden, einer
Zunahme, wie sie in den USA bisher in diesem Ausmaß nicht erlebt
wurde.
Angesichts dieser Tatsachen besteht die AFL-CIO auf einer
schnelleren Wachstumsrate als wesentlicher Voraussetzung eines
echten wirtschaftlichen Fortschritts in den Vereinigten Staaten,
der nicht Hillionen Arbeitslose und Teilbeschäftigte von wahrem
Wohlstand ausschließt.
Bei Zugrundelegung des bisherigen Produktivitätstrends und
der zu erwartenden Arbeitskräftezunahme wird nach Schätzungen der
AFL-CIO nur eine reale Steigerung des Bruttosozialprodukts von
jährlich nicht weniger als viereinhalb bis fünf Prozent die amerikanische Wirtschaftskraft erhalten können. Diesen Zahlen liegt
ein jährlicher Produktivitätszuwachs von drei bis dreieinhalb Prozent und eine Zunahme der Arbeitskräfte von eineinhalb Prozent
zugrunde.
Selbst bei diesen Angaben handelt es sich um vorsichtige Schätzungen; denn die Vereinigten Staaten stehen zunächst einmal vor der
unmittelbaren Aufgabe, einen Berg von Arbeitslosigkeit abzutragen,
ehe sie eine jährliche Zuwachsrate von fünf Prozent als Grundlage
ihrer Wirtschaftsentwicklung akzeptieren können. Für die nächsten
Jahre ist deshalb eine Zuwachsrate von acht oder neun Prozent erforderlich, um Millionen von Arbeitslosen erst einmal wieder produktiver Arbeit zuzuführen. Eine solche Zuwachsrate läßt sich bei
ernsthafter Planung ohne weiteres erreichen und für ein Jahr oder
länger beibehalten.
Statt auf einer Höhe von fünf Prozent lag in den vergangenen
zehn Jahren der Anstieg des amerikanischen Bruttosozialprodukts bei
jährlich etwa zweieinhalb Prozent. Wenn wir gegen die Stagnation
der letzten Jahre auch weiterhin nichts unternehmen, werden sich
unsere ohnehin schweren Arbeitslosenprobleme nur noch verschärfen.
Die Einbußen infolge dieser anhaltenden Stagnation sind gewaltig. Eine vorsichtige Schätzung des Wirtschaftsbeirats des US-Präsidenten veranschlagt die Verluste, die sich seit 1958 als Folge
mangelnder Beschäftigung ergeben haben, auf 170 Milliarden Dollar.
Es gibt in Fülle Beweise dafür, daß die wirtschaftlichen Stok- ,
kungen der vergangenen Jahre hauptsächlich auf eine Schwächung der
Konsumkapazität der Vereinigten Staaten zurückzuführensind. Wir
vertreten diese Ansicht trotz des von konservativen Kreisen vorgebrachten traditionellen Arguments, daß nur größere Investitionsanreize und Chancen für das Großkapital noch aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der letzten Zeit herausführen.
Zur Verdeutlichung der Milchmädchenrechnung, die diesem Argument zugrunde liegt, genügt der Hinweis, daß seit fünf Jahren Amerikas Industrie weit unter ihrer vollen Betriebskapazität arbeitet.
Selbst 1962, in einem Jahr verhältnismäßig hoher Auslastung, erreichte sie nur knapp 85 Prozent.
Zwar

�Zwar begrüßen die amerikanischen Gewerkschaften jede erhöhte
Investitionstätigkeit zur Stützung der Wirtschaft - gleichviel, ob
dies in den Vereinigten Staaten, in England oder sonstwo geschieht -,
hinsichtlich der Produktionskapazität besteht in den USA jedoch ganz
offensichtlich kein größerer Fehlbedarf. Andererseits kann, wie der
Chefberater des Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses des US-Kongresses
feststellte, der größte Teil des Froduktions- und Beschäftigungsrückgangs bis zu 75 Prozent "unmittelbar der niedrigen Wachfrage
nach Verbrauchsgütern und nichtlandwirtschaftlichen Wohnbauten zugeschrieben werden".
Für die amerikanischen Gewerkschaften sind die Konsequenzen
einer Analyse dieser Art ebenso klar wie die eigenen Erfahrungen
der letzten zehn Jahre. Soll die amerikanische Wirtschaft aus ihrer
Lethargie zu voller Erholung und Expansion geführt werden, dann
müssen Mittel und Wege zur Belebung der Verbrauchernachfrage gefunden werden.
Leider hnt die amerikanische Wirtschaftspolitik der vergangenen zehn Jahre nicht diese Richtung oinges^hlagav. Die Steuerreformen von 1954 und I962 haben der amerikanischen Geschäftswelt
Sonderkonzessionen in Form von günstigen Abschreibungsbedingungen
und besonderen Investitionskredit-Anreizen eingeräumt.
Mit Blick auf die ernsten Probleme der Arbeitslosigkeit und
eines mangelhaften Wirtschaftswachstums haben die amerikanischen
Gewerkschaften ein Programm zur Ankurbelung der US-Wirtschaft ausgearbeitet. Größtes Gewicht legen sie dabei auf Maßnahmen, die zu
einer raschen Erholung zum jetzigen Zeitpunkt und nicht erst in
ferner Zukunft führen. Deshalb treten sie für eine sofortige Steuersenkung in Höhe von 10 Milliarden Dollar ein, die sich vor allem
auf die unteren Einkommensschichten konzentrieren soll. Die sich
hieraus ergebende Erhöhung der Nettolöhne und -gehälter würde ihren
unmittelbaren Niederschlag in größeren Einzelhandelsumsätzen finden.
Dies würde sich seinerseits auf die Gesamtwirtschaft der USA auswirken und zu umfangreichen Neueinstellungen in der Industrie führen.
Ziel der gewerkschaftlichen Steuervorschläge ist eine Korrektur
des amerikanischen Wirtschaftsproblems Nummer eins: unzureichende
Konsumkapazität.
Neben Steuersenkungen fordern die Gewerkschaften auch eine beträchtliche Erhöhung der Ausgaben für öffentliche Arbeiten. Soziale
wie ökonomische Erwägungen liegen dieser Forderung zugrunde.
Schon einige Jahrzehnte haben die Vereinigten Staaten als Folge
von Depressionen, Weltkrieg und Kaltem Krieg ihre öffentlichen Dienst
und Bauten vernachlässigt. Dieser Rückstand hat sich durch den seit
dem zweiten Weltkrieg zu verzeichnenden raschen Bevölkerungszuwachs
noch deutlicher ausgeprägt. Bundesausgaben auf dem zivilen Sektor
sanken, bei Zugrundelegung eines konstanten Dollarwertes, von 227
Dollar pro Kopf der Bevölkerung im Jahre 1947 auf schätzungsweise
150 Dollar im Jahre 1963 ab und machen somit nur noch 4»9 Prozent
des Bruttosozialprodukts aus gegenüber 8,9 Prozent im Jahr 1947•

Die

�Die folgenden Zahlen lassen den gewaltigen Rückstand auf dem
öffentlichen Sektor der amerikanischen Wirtschaft deutlich werden:
1. Erziehung: Die Bundesregierung schätzt, daß in den zehn
Jahren zwischen i960 und 1970 308 000 neue Klassenräume
benötigt werden. Infolge niedriger Gehälter und ungünstiger
Arbeitsbedingungen existiert auch eine ernst zu nehmende
Knappheit an qualifizierten Lehrern. Bundeszuschüsse auf
dem Gebiet des öffentlichen Bildungswesens sind dringend
notwendig.
2. Wohnungsbau: Die Vereinigten Staaten haben in der Nachkriegszeit gegenüber den davor liegenden 20 Jp.hren eine
vergleichsweise hohe Wohnbaurate eingehalten; die starke
Bevölkerungszunahme, verbunden mit den niedrigen Wohnbauziffern in den dreissiger Jahren und zu Beginn der vierziger Jahre, hat einen Restbestand von rund 15 Millionen
unter der Norm liegenden Wohnungseinheiten verursacht.
Unsere Aufgabe ist es, den gegenwärtigen Jahresdurchschnitt
von 1,3 Millionen Neubau-Wohnungseinheiten auf mindestens
2 Millionen zu erhöhen.
3. Städtische Erneuerung: Die Übervölkerung der Städte stellt
für das Wohl des amerikanischen Volkes eine soziale und
ökonomische Bedrohung dar. Schätzungen von Studiengruppen
wie z. B. die Rockefeller-Stiftung heben die Notwendigkeit
von öffentlichen und privaten Ausgaben in Höhe von rund
100 Milliarden Dollar hervor, um diese Probleme in den
nächsten beiden Jahrzehnten zu bewältigen. Es ist klar,
daß zur Ankurbelung der wichtigsten Städteplanungsprogramme Bundesmittel erforderlich sind.
Zu diesen Rückständen kommen große Lücken im amerikanischen
Straßen- und Flughafenbau sowie im Krankenhauswesen und der Gesundheitspflege.
Aus all diesen Gründen wenden sich die amerikanischen Gewerkschaften mit Nachdruck gegen alle Kreise, die nach wie vor Kürzungen im Staatshaushalt befürworten, und zwar zu einem .Zeitpunkt, an
dem ganz offensichtlich eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben
notwendig ist. Die Gewerkschaften betonen, daß eine starke Expansion
auf dem öffentlichen Sektor schon um seiner selbst willen vorgenommen
werden sollte. Darüber hinaus glauben sie, daß erhöhte öffentliche
Ausgaben als Bestandteil eines Vollbeschäftigungsprogramms unerläßlich sind. Die Vereinigten Staaten können sich eine Vernachlässigung
ihrer Investitionsstruktur auf dem öffentlichen Sektor ebensowenig
leisten wie die Privatindustrie ein Veralten ihrer Werksanlagen und
ihrer Maschinenparks.
Mit der Stagnation der letzten Jahre hängt noch ein weiterer
volkswirtschaftlicher Aspekt zusammen. Immer stärker hat sich die
Erkenntnis durchgesetzt, daß die Verbrauchernachfrage für eine
Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung unzureichend ist, weshalb
von den Gewerkschaften die Notwendigkeit einer Neubewertung der
Lohnbewegung und Lohnpolitik hervorgehoben wird.
Seit
- 8 -

�Seit I956 hat sich der Normalstundenlohn für Fertigungsund Wartungspersonal in der Industrie etwa um zehn Prozent erhöht.
Dem steht eine Produktivitätssteigerung von 18 Prozent gegenüber.
In den vergangenen beiden Jahren sind die Reallöhne noch weit
stärker hinter der Produktivitätszunahme zurückgeblieben: die Löhne
stiegen um 2,7 Prozent, während die Produktivität in der Fertigungsindustrie um 6 Prozent zunahm.
Diese wachsende Lücke zwischen Reallöhnen und Produktivität hat
die Konsum-Ausgaben in der amerikanischen Wirtschaft nur noch weiter
absinken lassen. Zum Teil ist dies ein Ergebnis der Kampagne, die
sich in den letzten Jahren ganz bewußt gegen die Gewerkschaften und
ihr Kollektivverhandlungswesen richtete. Ende der fünfziger und
Anfang der sechziger Jahre kam das Argument einer inneramerikaniachen Inflation ins Spiel, und die Gewerkschaften sahen sich neuen
Vorwürfen ausgesetzt, da Lohnerhöhungen eine Verteuerung amerikanischer Waren nach sich ziehen und sie für den Weltmarkt konkurrenzunfähig machen würden . Jede vernünftige Untersuchung des Lohnund Preisniveaus und des Außenhandelsflusses widerlegt im Handumdrehen diese wenig durchdachte Management-Propaganda.

1

Cb man des gesamte Warenangebot oder nur industrielle Fertigwarenprodukte als Beurteilungsgrundlage heranzieht - und für einen
Kostenvergleich sind Industriegüter wahrscheinlich von größerer
Relevanz -, die Exportposition der amerikanischen Industrie ist unbestreitbar stark.
In der Nachkriegsära konnten sich die Vereinigten Staaten
durchweg einer günstigen Handelsbilanz erfreuen. Ferner besteht keine
Gefahr, daß sich das Übergewicht des Exports zugunsten des Imports
verlagern wird. Im Gegenteil: die Außenhandelsbilanz war in den
letzten Jahren besonders günstig. Tatsächlich leg der Gesamtanteil
Amerikas am Welthandel durchweg höher als vor dem Krieg. Im Jahr
1958 betrug der amerikanische Anteil am Weltexport 14 Prozent gegenüber 17,4 Prozent im Jahr i960 und einem Durchschnitt von mehr als
17 Prozent während der fünfziger Jahre.
Unter Berücksichtigung der Preis- und Lohnkostenfaktoren
schneiden die Vereinigten Staaten bei einem Vergleich mit ihren
Hauptkonkurrenten in Europa ziemlich gut ab. Der Vorwurf, von den
amerikanischen Gewerkschaften seien die Löhne auf eine Höhe hinaufgetrieben worden, auf der sie sich als eine Bedrohung der amerikanischen Welthandelsposition auswirken, ist Unsinn, wie sich an Hand
der angeführten Zahlen und anderer statistischer Unterlagen nachweisen läßt.
Gelegentlich neigte man dazu, die Schwierigkeiten in der USZahlungsbilanzposition mit der US-Außenhandelsposition zu verwechseln. Die Lasten der Wirtschefts- und Militärhilfe haben unsere
Zahlungsbilanz ziemlich strapaziert, trotzdem ist unsere Außenhandelsposition stark geblieben.
Die amerikanischen Gewerkschaften haben an den sogenannten LohnPreis-Richtlinien der Regierung Kennedy Kritik geübt. Dies geschah
nicht, weil sie den Gedanken, daß Lohnerhöhungen in einem bestimmten
Verhältnis zu Produktivitätssteigerungen stehen müssen, zurückwei sen.

- 9-

�zurückweisen. Ihre Bedenken galten vielmehr dem Zeitpunkt der Bekanntgabe dieser Richtlinien sowie der weitverbreiteten Fehlinterpretation, die sie in Presse und Industrie erfuhren. Die Reallöhne
lagen bereits hinter der Produktivität zurück, zudem hatte die
Anti-Gewerkschafts-Kampagne über Fragen der Löhne und der Konkurrenzfähigkeit auf den Auslandsmärkten bereits vielerorts zu Schwierigkeiten in den Kollektivverhandlungen geführt, als sich der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten zur Veröffentlichung der Richtlinien
entschloß. Presse und Industrie griffen sie auf und verlangten
Lohnstopps - ein Vorschlag in dieser Richtung war vom Beirat aber
nie gemacht worden. Als Ergebnis drohten die Lohnerhöhungen, die
sowieso schon nachhinkten, ganz zum Erliegen zu kommen.
Die Gewerkschaften haben die amerikanische Regierung aufgefordert, Kollektiwerhandlungen zu voller Wirkkraft zu verhelfen,
damit sie einen geeigneten Beitrag zur Ausweitung der Verbrauchernachfrage leisten können. Weniger würde die Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft nur noch mehr aufhalten.
Die amerikanischen Gewerkschaften sind nicht naiv genug zu
glauben, daß durch kräftigere steuerliche Maßnahmen zugunsten einer
Vollbeschäftigung alle Mängel einer zu geringen Verbrauchernachfrage in der US-Wirtschaft behoben werden können. Dagegen wird ihrer
Ansicht nach eine positive Lohnpolitik für ein abgerundetes, den
Anforderungen der sechziger Jahre entsprechendes Wirtschaftsprogramm
unerläßlich sein.
Es ist schwierig, die Zukunftsaussichten der US-Wirtschaft
exakt zu beurteilen. Die konservative Geisteshaltung, die allem
Anschein nach einen großen Teil der amerikanischen Bevölkerung
in den fünfziger Jahren ergriffen hat, bildet nach wie vor das
Haupthindernis für eine energische Wirtschafts- und Sozialpolitik,
die für eine Vollbeschäftigung so notwendig ist. Von wesentlicher
Bedeutung ist jedoch die Grundhaltung des Präsidenten und seiner
Berater diesen Problemen gegenüber; und sie wirkt sich bereits
zugunsten einer solchen Politik aus. (Gekürzt)

(Quelle: "Free Labor World", Sept. I963.
Bei Nachdruck Angabe der Quelle und des
Verfassers erforderlich)

-

10

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Entwicklung der Löhne und Lohnnebenleistungen in den USA
Die Lohnveränderungen auf Grund von Tarifverträgen zeigten in
den letzten Jahren eine deutliche Verflachungstendenz. Im Rezessionsjahr 1954 waren die ausgehandelten Lohnerhöhungen mit
(durchschnittlich) 5 l/2 Cent pro Stunde relativ niedrig, während
sie in den drei folgenden Jahien auf über zehn Cent anstiegen.
In den darauf folgenden drei Jahren, von 1958 bis i960, variierten
die durchschnittlichen Steigerungsbeträge zwischen 8 l/2 und 9
Cent pro Stunde, um I96I auf durchschnittlich 7 Cent abzusinken.
Im Jahr 1962 war ein leichter Anstieg auf 8 Cent zu verzeichnen.
Legt man die I96I und 1962 erzielten Lohnerhöhungen auf sämtliche Beschäftigte um, die in diesem Zeitraum in irgendeiner Form
von Tarifverhandlungen berührt wurden - unter Einschluß also auch der
Arbeiter und Angestellten, deren Löhne unverändert gleichgeblieben
sind -, so errechnet sich für die beiden Jahre ein Durchschnitt von
7 Cent.
Verflachungstendenzen auch bei stufenweisen Lohnerhöhungen
Auch die Lohnveränderungen, die auf Grund älterer Tarifverträge
wirksam wurden - Erhöhungen in Anpassung an den steigenden Lebenshaltungskostenindex auf Grund einer Lohngleitklausel und inzwischen
in Kraft getretene stufenweise Lohnerhöhungen -, sind geringer ausgefallen. Soweit Arbeiter und Angestellte tatsächliche Lohnaufbesserungen erhielten, bewegten sie sich in den Jahren von 1956 bis 1958
zwischen 11 und 15 Cent die Stunde, von 1959 bis 1962 zwischen 8 und
9 l/4 Cent.
Dieser Verflachungstrend war in den Fertigungsindustrien ausgeprägter als in der übrigen Wirtschaft. Langfristige Tarifverträge,
die Lohnverhandlungen in manchen Industriezweigen nur alle zwei oder
drei Jahre zulassen, und die unterschiedliche Höhe der ausgehandelten Lohnaufschläge in den einzelnen Jahren beeinflussen diese Entwicklung.
Ähnliche Entwicklung im Baugewerbe
Parallel zur Entwicklung in der übrigen Wirtschaft verlief die
Lohnentwicklung im Bau- und Bauhilfsgewerbe. Während die Erhöhungen
in der Zeit vor 1954 zwischen J und 10 Prozent schwankten, beliefen
sie sich 1954 und 1955 auf durchschnittlich 3,5 Prozent, stiegen dann
in der Zeit von 1956 bis 1959 vorübergehend auf 4&gt;5 bis 4,9 Prozent
an, um in den folgenden Jahren auf 4 Prozent und darunter abzusinken.
Weiterer Ausbau der Lohnnebenleistungen
Neben reinen Lohnerhöhungen konnten die Arbeitnehmer auch wesentliche Verbesserungen der Lohnnebenleistungen aushandeln. Die ohnehin
sehr ausgeprägte Tendenz der Gewerkschaften, bei TarifVerhandlungen
auf Verbesserungen der Lohnnebenleistungen zu dringen, findet in der
Tatsache ihren Niederschlag, daß eine oder mehrere derartige Verbesserungen in den Jahren 1954 und 1955 in rund zwei Dritteln und I962 in
fast drei Vierteln aller Verträge vereinbart worden sind.
Was die Zahl und den Prozentsatz der von derartigen Regelungen
betroffenen Produktionsarbeiter angeht, ergibt sich ein etwas anderes
-

11

-

�Was die Zahl und den Prozentsatz der von derartigen Regelungen
betroffenen Produktionsarbeiter angeht, ergibt sich ein etwas anderes
Bild. Der Prozentsatz der betroffenen Arbeitnehmer weist größere
Schwankungen auf als der Prozentanteil der Tarifverträge mit Verbesserungen der Lohnnebenloistungen. Der eingetretene anteilmäßige Rückgang
für 1962 erklärt sich aus der Tatsache, daß Lohnvereinbarungen für
rund 4ÖO 000 nicht im Fahrdienst beschäftigte Eisenbahner und über
300 000 Telephonarbeiter getroffen wurden, bei denen Lohnnebenleistungen nicht Verhandlungsgegenstand waren.
Bei den Verbesserungen dieser Leistungen stand fast in jedem
Jahr der Ausbau der Krankenversicherungs- und Pensionskassen im
Vordergrund. Mindestens ein Drittel aller abgeschlossenen Tarifverträge enthielt diesbezügliche Bestimmungen; i960 waren es sogar 50 Prozent. Eine günstigere Pensionsregelung brachten 1957
etwa ein Sechstel der Tarifverträge und 1962 etwa ein Drittel.
Mehr Urlaub wurde, von 1954 abgesehen, jeweils in mindestens einem Viertel aller Tarifverträge vereinbart.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

AFL-CIO für Schaffung eines Bundesamtes für Automation
Die von den beiden Häusern des Kongresses kürzlich in einer
gemeinsames Resolution geforderte Schaffung eines Bundesamtes für
/ Fragen der Automation wird von den amerikanischen Gewerkschaften
voll unterstützt. Dies erklärte der Abteilungsdirektor der AFL-CIO
für Gesetzesangelegenheiten, Andrew J. Biemiller, vor dem Unter'&lt; ausschuß des Senats für Beschäftigungs- und Arbeitsfragen, der
gegenwärtig "hearings" über die Zweckmäßigkeit einer solchen Einrichtung durchführt.
Biemiller betonte, der Bundeskongreß der AFL-CIO habe in Anbetracht der Tatsache, daß sich "im amerikanischen Leben gegenwärtig
eine neue und revolutionäre Entwicklung" vollziehe, vor kurzem bereits eine ähnliche Resolution angenommen. "Inzwischen sollte es allen vollkommen klargeworden sein, daß es sich bei den derzeitigen
technologischen Veränderungen nicht lediglich um eine Fortsetzung
des Mechanisierungsprozesses handelt, der seit jenen Tagen andauert, in denen die ersten Maschinen die Muskelkraft zu ersetzen begannen..., sondern um eine völlig neue Entwicklung."
Der gegenwärtigen technologischen Revolution dürfe man keinen
freien Lauf lassen, da sie sonst die gleichen "sozialen Verwüstungen"
anrichten werde wie die erste industrielle Revolution. Ein Bundesamt
für Fragen der Automation könne nach Ansicht der Gewerkschaften wesentlich dazu beitragen, die möglichen Folgen abzuwenden, indem es
; sämtliche wichtigen diesbezüglichen Daten und Unterlagen sammle
und auswerte, als "technologische Clearingstelle" fungiere, ein
"Frühwarnsystem" für bevorstehende Veränderungen entwickle und
; Vorschläge zu den zu treffenden wirtschaftspolitischen und öffentlichen Maßnahmen mache, damit die Automation mit den Zielen des

1o

�die Bundesregierung, "Wirtschaftsbedingungen zu schaffen und aufrechtzuerhalten", die eine "maximale Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft" gewährleisten).
Die wichtigste Aufgabe des vorgeschlagenen Bundesamtes für Automation könnte nach Ansicht Biemillers darin bestehen, "Pionierarbeit in der Meisterung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte der Automation zu leisten". In diesem Sinne habe auch
Präsident Kennedy die Aufgaben und Tätigkeiten des vorgeschlagenen
Amtes für Automation verstanden wissen wollen, und Bemühungen in dieser Richtung würden der Arbeit dieses Amtes vor allem anderen Bedeutung verleihen.
Der amerikanische Kongreß hat in den vergangenen Wochen zahlreiche "hearings" in den verschiedenen Ausschüssen durchgeführt, um
die zahlreichen Vorschläge zu überprüfen, die für die Behandlung der
Probleme der Automation eingereicht worden sind. Eine endgültige Entscheidung in dieser Frage ist aber erst dann zu erwarten, wenn diese
Ausschüsse ihre Befragungen abgeschlossen, das Informationsmaterial
ausgewertet und ihre Vorschläge formuliert haben.

(Quelle» Eigenbericht)

-

15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XYII

-

3

Bad Godesberg, den 1. März 1964

INHALTSVERZEICHNIS
Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der
Arbeitslosen in den USA (i)
Neue Möglichkeiten des Kollektivverhandlungswesens
Gewerkschaftliche Kurznachrichten»
Lohnpolitischer Rundblick

Robert L. Stein, Mitarbeiter des Bundesamtes für Arbeitsstatistik im
US-Arbeitsministeriums
Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der Arbeitslosen
in den USA (i)
Im April 1962 wurde in den Vereinigten Staaten eine detaillierte Untersuchung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Arbeitslosen durchgeführt. Zur Klärung strittiger Fragen
zu Art und Auswirkung der Arbeitslosigkeit in den USA steht damit
nunmehr erstmals statistisches Beweismaterial zur Verfügung. Zwar
läßt es immer noch weit voneinander abweichende Deutungen zu,
trotzdem dürften die in diesem Bericht zusammengetragenen neuen
Fakten extreme Stellungnahmen erschweren. Arbeitslose sind eine
sehr heterogene Arbeitnehmergruppe, in der sich hinsichtlich der
Finanzkraft, der Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit, der Teilnahme
am Erwerbsleben, der beruflichen Qualifikationen und der Aussichten auf eine zukünftige Dauerstellung des einzelnen starke Unterschiede ergeben. Es handelt sich bei ihnen im allgemeinen nicht um
Menschen, die für ihre Schwierigkeiten persönlich verantwortlich
gemacht werden können, passende Arbeitsangebote ausschlagen, mehr
oder weniger freiwillig arbeitslos sind und sich nur nebenbei für
Gelegenheitsarbeiten interessieren.
Dieser

�Dieser allgemeinen Schlußfolgerung liegt eine Untersuchung des USAmtes für Arbeitsstatistik über die Lage der schätzungsweise 9,6
Millionen Personen im Alter von 18 und mehr Jahren, die 1961 insgesamt mindestens 5 volle Wochen arbeitslos waren, zugrunde^. Sie umfaßte alle amerikanischen Bundesstaaten und erbrachte neben Daten,
die aus den regulären Monatsstatistiken über die Beschäftigungslage
nicht so ohne weiteres zu erschließen sind, auch Angaben zur Arbeitsvorgeschichte der einzelnen Arbeitslosen während der fünf Jahre zwischen 1957 und 1961 .
Fast 70 Prozent der 9,6 Millionen Arbeitslosen waren Männer die meisten im besten Berufsalter von 20 bis 64 Jahren (vgl. Tabelle 1 ) . Bei drei Fünfteln der Arbeitslosen handelte es sich um Familienoberhäupter, bei einem Fünftel um Farbige. Ein Viertel der Betroffenen war 1961 über 6 Monate lang arbeitslos. Nur 33 Prozent der
Arbeitslosen - gegenüber mehr als 50 Prozent aller Zivilbeschäftigten
waren Mittelschulabsolventen.
Arbeitsvorgeschichte
Teilnahme am Erwerbsleben; Im April 1962 waren 67 Prozent der
9,6 Millionen Erwerbspersonen, die 1961 fünf Wochen oder länger arbeitslos waren, wieder beschäftigt, während sich weitere 26 Prozent
auf Arbeitsuche befanden. Nur 7 Prozent waren aus dem Erwerbsleben
ausgeschieden. Die nachfolgende Aufstellung läß:t erkennen, daß der
Prozentsatz derjenigen, die nicht mehr arbeiteten bzw. nach Arbeit
suchtBjn,, bei Frauen höher lag als bei Männern - nämlich 15 Prozent
gegenüber 3 Prozent.
Beschäftigungsstand im April 1962

Arbeitskräfte des -.zivilen Sektors
Beschäftigt
Arbeitslos
Aus dem Erwerbsleben ausgeschieden
Insgesamt
Zahl", der Arbeitnehmer (in Millionen,

P r o z e n t s a t z der
Ar beitnehmer
Gesamt Männer Frauen
93,2
97,1
84,7
66,9
71,0
58,2
26,3
26,1
26,5
6,8
15,3
2,9
100,0
106,0
100,0
6,606
3,011
9,617

Anm.: Die abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise zu 100.

* Berücksichtigt wurden arbeitsfähige Personen mit 5 oder mehr
Wochen Arbeitslosigkeitsdauer im Jahr 1961 , die im April 1962 achtzehn Jahre oder älter waren, sich nicht in Schulausbildung befanden
und früher bereits im Erwerbsleben gestanden haben. In einer Repräsentativbefragung wurden rund 3000 Interviews ausschließlich mit
solchen Arbeitnehmern durchgeführt, die persönlich von Arbeitslosigkeit betroffen waren.
Tabelle 1

�Tabelle 1
Prozentmäßige Aufgliederung der Arbeitnehmer mit 5 und
mehr Wochen Arbeitslosigkeit im Jahr 1961*, nach
Altersgruppen, Geschlecht, Hautfarbe und Arbeitslosigkeitsdauer aufgeschlüsselt
(Stand/April 1962)

Gesamtzahl (in Millionen)

9,617

Prozent

100,0
Altersgruppe und Geschlecht

Männer

.

68,7

18 und 19 Jahre

4,2

20 bis 24 Jahre

10,7

25 bis 34 Jahre

16,0

35 bis 44 Jahre

14,9

45 bis 54 Jahre

12,6

55 bis 64 Jahre

7,7

65 Jahre und älter

2,6

Frauen

31»3

18 und 19 Jahre

3,0

2o bis 24 Jahre

4,9

25 bis 34 Jahre

6,2

35 bis 44 Jahre

7,1

45 bis 54 Jahre

5,9

55 bis 64 Jahre

3,6

65 Jahre und älter

0,6

Hautfarbe
Weiße

79,8

Farbige

20,2
Dauer der Arbeitslosigkeit 1961

5 bis 26 Wochen

76,4

27 Wochen oder mehr

23,6

* berücksichtigt wurden Personen, die im April 1962 achtzehn Jahre
oder älter und arbeitsfähig waren, sich nicht in Schulausbildung
befanden und früher bereits im Erwerbsleben gestanden haben.
*: Die abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise zu 100.

�Selbst bei Männern der Altersgruppen von 45 Jahren und älter
mit mehr als 6 Monaten Arbeitslosigkeitsdauer im Jahr 1961 waren
nur 6 Prozent zum Zeitpunkt der Untersuchung (April 1962) aus dem
Erwerbsleben ausgeschieden.
Von den 65O 000 aus dem Erwerbsleben ausgeschiedenen Arbeitnehmern gaben 50 Prozent an, sie wollten wieder auf Arbeitsuche gehen, und zwar die meisten innerhalb eines Monats nach dem Befragungsdatum. Bei 36 Prozent bestand - meist aus familiären oder gesundheitlichen Gründen - nicht die Absicht hierzu. Der Prozentsatz
derjenigen, die sich nicht mehr nach einer Beschäftigung umsehen
wollten, weil es ihrer Ansicht nach keine Arbeit für sie gab, betrug
lediglich 3 Prozent der im April 1962 nicht mehr im Erwerbsleben
stehenden Personen und bildete nur einen unbedeutenden Bruchteil
(0,2 Prozent) der Gesamtzahl der Arbeitnehmer mit ein- oder mehrmonatiger Arbeitslosigkeitsdauer im Jahr 1 961 .
Um entscheiden zu können, ob der jeweils befragte Arbeitnehmer
regelmäßig oder nur gelegentlich zur Erwerbsbevölkerung* zu zählen
sei, wurden Angaben über seine Arbeitsvorgeschichte in den fünf
Jahren von 1957 bis 19&amp;1 erbeten. Die gewonnenen Daten lassen erkennen, daß die Gruppe der Arbeitslosen im allgemeinen sehr intensiv am Erwerbsleben beteiligt war. Fast 80 Prozent waren 19&amp;1 das
ganze Jahr über (d.h. 50 bis 52 Wochen) beschäftigt oder auf Arbeitsuche gewesen (vgl. Tabelle 2). Während der gesamten Fünfjahresperio
de hatten fast 50 Prozent der Befragten jedes Jahr das ganze Jahr
über zur Erwerbsbevölkerung gezählt. Diese Zahlen sind jedoch nur
Näherungswerte, da sich viele Befragte nur noch ungenau an Einzelheiten ihrer Beschäftigung und Arbeitslosigkeit während dieses Zeitraumes erinnern konnten, im besonderen diejenigen, die unregelmäßig
beschäftigt waren und immer wieder aus dem Erwerbsleben ausgeschiede
sind. Ferner waren einige Arbeitslose 1961 noch zu jung, um während
des untersuchten Zeitraumes in einem Arbeitsverhältnis gestanden zu
haben; 23 Prozent waren jünger als 25 Jahre, 8 Prozent jünger als
20 Jahre.
Rund 55 Prozent der Männer zählten jedes Jahr das ganze Jahr
über zur Erwerbsbevölkerung, während dies nur bei 28 Prozent der
Frauen der Fall war. Umgekehrt waren nur 21 Prozent der Männer, gegenüber 42 Prozent der Frauen,während eines oder mehrerer Jahre der
berücksichtigten Fünfjahresperiode vollständig aus dem Erwerbsleben
ausgeschieden. Gesonderte Daten über Männer, die im April 1962 im
Alter von 45 oder mehr Jahren standen (2,2 Millionen der 9»6 Millionen untersuchten Arbeitnehmer) und dementsprechend im Januar 1957
mindestens 39 Jahre alt waren, zeigen, daß zwei Drittel von ihnen
jedes Jahr das ganze Jahr über der Erwerbsbevölkerung angehörten.
Nur 8 Prozent waren ein ganzes Jahr oder länger vollkommen aus dem
Erwerbsleben ausgeschieden.
* Gesamtzahl der Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden
Tabelle 2

�Tabelle 2
Zugehörigkeit zur Erwerbsbevölkerung zwischen 1957
und 1961 von Erwerbspersonen mit 5 und mehr Wochen
Arbeitslosigkeitsdauer im Jahr 1961*, nach Geschlecht
und Beschäftigungsdauer 1 961

[
'
\
1
j

Dauer der Arbeitslosi gkeit 1961

Zugehörigkeit
zur Erwerbsbevölkerung

Insgesamt

Männer

Gesamtzahl
(in Millionen)

9,617

6,606

3,011

7,345

2,272

Prozent

100,0

100,0

100,0

100,0

100,0

77,9

84,0

64,2

74,4

89,8

60,4

68,9

41,2

58,3

67,5

46,9

55,3

28,1

46,0

50,2

8,9

9,8

6,9

8,1

11 ,6

4,6

3,8

6,2

4,2

Das ganze Jahr Arbeitnehmer, 1961**
Jedes Jahr Arbeitnehmer, 1957-60
das ganze Jahr über
in jedem Jahr

Frauen

5-26
?/ochen

2"Ji u • mehr
lochen

)

(
'

/

das ganze Jahn-über
in drei Jahren
das ganze Jahr über
in zwei* oder weniger Jahreh

5,7
/

Aus dem Erwerbsleben
1 Jahr lang ausgeschieden, 1957-6o

5,8

5,0

7,6

5,6

6,7

Aus dem Erwerbsleben
2 Jahre oder länger
ausgeschieden,
1957-60

11,7

1o,1

15,3

10,5

15,7

22,1

16,0

35,8

25,6

10,2

12,0

9,9

16,6

13,6

6,5

Ein Teil des Jahres
Arbeitnehmer, 1961
Jedes Jahr Arbeitnehmer, 1957-6o

{
i
l

Aus dem Erwerbsleben
1 Jahr lang ausgeschieden, 1957-60

2,2

1,6

3,6

2,5

1,3

K

Aus dem Erwerbsleben
2 Jahre oder länger
ausgeschieden,
1957-6o

7,9

4,4

15,7

9,5

2,4

I

i
* siehe Tabelle 1, Anmerkung *
)
** "das ganze Jahr" entspricht 50 bis 52 '.Yochen
Anm.: Die abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise
zu 100.
R

"

5

"

Zu

�Zu "beachten ist, daß die vorliegende Untersuchung nur den zivilen Beschäftigungssektor berücksichtigt) Militärdienstzeiten wurden unter der Kategorie "aus dem Erwerbsleben ausgeschieden" registriert. Bei älteren Männern war Krankheit oder Invalidität wahrscheinlich ein wichtigerer Faktor für ihr Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. In Institutionen oder im Ausland verbrachte Zeiten
wurden ebenfalls unter der Kategorie "aus dem Erwerbsleben ausgeschieden" registriert.
Frühere Arbeitslosigkeit: Arbeitslosigkeit war für die meisten
Befragten offensichtlich nichts Neues. Kur rund ein Drittel gab für
die Zeit zwischen 1957 und 1960 keine Arbeitslosigkeit an. Dagegen
hatte über ein Fünftel der befragten Arbeitnehmer in jedem Jahr Arbeitslosigkeit erlebt. Für nahezu die Hälfte aller Arbeitnehmer hatte
es darüber hinaus Arbeitslosigkeit in der Kehrzahl der untersuchten
Jahre gegeben (mit berücksichtigt sind alle, die einen Teil jeden
Jahres ohne Arbeit waren). Zum Teil wegen ihres stärkeren Anteils
an der Erwerbsbevölkerung wurden Männer mehr von Arbeitslosigkeit
betroffen als Frauen. Die folgende Aufstellung zeigt, daß 25 Prozent
der Männer, gegenüber nur 15 Prozent der Frauen, Arbeitslosigkeit
für jedes Jahr angaben:

Prozentsatz der Erwerbspersonen
mit Arbeitslosigkeit
angegebener Häufigkeit
zwischen 1957 und 1 960
Gesam

Männer

Frauen

31 ,0

39,9

Ohne Arbeitslosigkeit
In nur 1 Jahr arbeitslos
In 2 Jahren arbeitslos
In 3 Jahren arbeitslos
In jedem Jahr arbeitslos

21 ,0
15 ,8
10 ,5
21 . "

27,1
19,9
16,8
11,5
24,7

23,4
13,6
8,0
15,0

Insgesamt

100 , 0

100,0

100,0

9,^17

6,606

3,011

Zahl der Arbeitnehmer (in Millionen/

Anm.: Die abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise zu 100.
Arbeitnehmer mit langen Arbeitslosigkeitsperioden im Jahr 1961
hatten in den vorhergehenden Jahren etwas mehr Arbeitslosigkeit aufzuweisen; zudem waren sie, im Vergleich mit den übrigen Arbeitnehmern,
im April 1962 mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit von Arbeitslosigkeit betroffen: Nahezu die Hälfte der Personen mit 6 Monaten Arbeitslosigkeit im Jahr 1961 war
auch im April 1962 arbeitslos.
Rund 3,2 Millionen der 9,6 Millionen Arbeitslosen des Jahres 1961
waren auch im April 1962 ohne Beschäftigung; 30 Prozent von ihnen befanden sich auf Arbeitsuche, und nur 20 Prozent - zumeist Frauen hatten jede Arbeitsuche aufgegeben.
Tabelle 3

- 6 -

�Tabelle 5
Gründe für das Ausscheiden aus dem letzten Arbeitsverhältnis
nach Angaben von Erwerbspersonen, die 1 961 für 5 Wochen oder
länger arbeitslos und im April 1962 ebenfalls arbeitslos oder
vorübergehend entlassen waren*, nach Geschlecht und Arbeitslosigkeitsdauer 1 961

\

„,..
Manner
Gründe

ns gesamt

Frauen
18 bis
44 Jahre alt

45 Jahre
und
älter
0,861

\ Zahl d e r P e r s o [ nen ( i n M i l l . )

3,175

1,058

\ Prozent

1

10O,O_

Wirtschaftliche
Gründe

l
I

.100-0

1,256
1

5 bis
26 Wochen

27 und
mehr
Wochen

2,o23

1,152

2 2 * ° , =122i2=-

=

1Q2A9-

72,6

78,3

80,5

62,8

71,3

74,9

zu geringer,
fehlender Arbeitsanfall
saisonbedingte

22,4

27,8

21,9

18,4

24,6

18,7

A r b e i t zu Ende

24,0

26,4

3o,1

17,9

23,4

24,9

sonstige
Sachen

26,3

24,2

28,4

26,5

23,3

31,3

27,4

21,7

19,5

37,2

28,7

25,1

Ur-

Kichtwirtschaftl i c h e Gründe

[
,
J

°°l2-

Dauer
. .der
. .Arbeits,1961
. r.c.
losigkeit

Gesundheit
sonstige Ursechen

9,4

3,6

7,5

15,4

9,9

8,6

17,9

18,1

12,0

21,8

18,8

16,5

/

/ * siehe Tabelle 1, Anm.*
pi.; Die abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise
i
zu 100.
Von

- 7-

�!

Von den 3,2 Killionen Arbeitnehmern, die im April 1962 arbeitslos waren, nannten 73 Prozent zu geringen oder fehlenden Arbeitsanfall oder das Auslaufen eines Arbeitsauftrages als Hauptgründe für
ihr Ausscheiden aus dem letzten Arbeitsverhältnis (vgl. Tabelle 3 ) .
Anteilmäßig wirkten sich diese wirtschaftlichen Bedingungen mehr
auf den Beschäftigungsstand der Männer aus als auf den der Frauen
(80 Prozent gegenüber 63 Prozent).
Berufserfahrung; Die 9,6 Millionen Erwerbspersonen der vorliegenden Untersuchung wechselten verhältnismäßig häufig in andere Berufsgruppen und Wirtschaftszweige über. Ein Vergleich zwischen ihrem
ersten und ihrem letzten Arbeitsplatz (d.h. dem Arbeitsplatz zur Zeit
der Befragung) läßt erkennen, daß rund 40 Prozent von ihnen am Ende
der Fünfjahresperiode in einer anderen Hauptberufsgruppe (und 40 Prozent in einem anderen Wirtschaftszweig) tätig waren als zuvor. Etwa
20 Prozent der Arbeitnehmer bezeichneten - nach eigener Definition als beste Arbeit einen anderen als den zuletzt innegehabten Beruf.
Ahnliche Zahlen ergaben sich für die Wirtschaftszweige.
Trotz dieser großen Fluktuation zwischen den einzelnen Berufsgruppen und Wirtschaftszweigen bestand hinsichtlich des ersten, des
besten und des letzten Arbeitsplatzes eine bemerkenswerte Übereinstimmung (vgl. Tabelle 4)« Bei den meisten Arbeitsplatzwechseln handelte
es sich offenbar nicht um eine Bewegung in eine bestimmte Richtung,
sondern mehrum .ein Sich-Anpassen an die Verhältnisse. Zwischen dem
besten und dem letzten Arbeitsplatz konnte ein leichtes Abgleiten beobachtet werden - eine Bewegung aus Büro-, Facharbeiter- und Faschinenarbeiterberufen in Handarbeiter- und Dienstleistungsberufe. In ähnlicher Weise ließ sich auch eine leichte Tendenz zum überwechseln aus
dem Baugewerbe und der Fertigungsindustrie in den Handel und die Dienstleistungszweige feststellen. Vor allem diese Bewegungen waren wahrscheinlich für den Rückgang des durchschnittlichen Wochenverdienstes
von 76 Dollar am besten Arbeitsplatz auf 68 Dollar am letzten Arbeitsplatz verantwortlich während eines Zeitraumes, in dem das Einkommen
praktisch aller Arbeitnehmerkategorien anstiegt.
Aus der Arbeitsplatzverteilung nach Berufsgruppen wird ein Aspekt
des Arbeitslosenproblems besonders deutlich. Selbst als besten Arbeitsplatz gaben einen Angeatelltenberuf nur 22 Frozent der 9»6 Millionen
Arbeitnehmer an, obwohl zwischen 1957 und 1962 in jedem Jahr 40 Prozent
aller Beschäftigten zu dieser Berufsgruppe zählten. Mehr noch: unter
den 9»6 Millionen Arbeitnehmern unserer Untersuchung nahm zwischen dem
ersten und dem letzten Arbeitsplatz der Anteil der Angestellten nicht
zu, obwohl er im Gesamtbild des Beschäftigungsstarües immer größer wurde.
Reaktion auf Arbeitslosigkeit
Methoden der Arbeitsuche: Wieviel Aktivität ein -Arbeitsloser entfaltet, um neue Arbeit zu finden, wird gelegentlich als Indiz für die
Intensität und den Ernst seiner Stellungsuche gewertet. Alle Befragten
gaben an, mindestens eine der üblichen Methoden angewandt zu haben;
87 Frozent hatten es mit zwei oder mehr Möglichkeiten versucht. Über
75 Prozent aller Arbeitslosen wandten sich an ein staatliches Arbeitsamt und an örtliche Arbeitgeber - die beiden üblichsten Methoden .
Weniger häufig wurden Stellengesuche aufgegeben, Stellenanzeigen beantwortet oder Bewerbungen eingereicht. Freunde, Gewerkschaften oder private Arbeitsvermittlungen wurden selten bemüht.
Tabelle 4
- 8 -

�Tabelle 4
Verteilung nach Berufsgruppen und Wirtschaftszweigen von
Personen mit 5 oder mehr Wochen Arbeitslosigkeitsdauer im
Jahr 1961*, nach ausgewählten Berufen, 1957-62
„
„
,
Berufsgruppe und
1 *1
•
Wirtschaftszweig

Erster
., . .
Arbeitsplatz

Bester
,. . .
Arbeitsplatz

Derzeitiger &amp;
, ., , ,
oder letzter
Arbeitsplatz

20,0

21,8

2o,4

2,2

2,9

2,8

2,6
10,2
4,9

3,8
11,9
5,2

3,2
10,9
5,5

60,2

63,7

61,6

15,5
31,7

13,2
33,3

16,7
31,8

13,1

12,2

13,0

14,5

11,5

15,7

3,6
10,9

2,4
9,1

3,4
1o,5

5_j_Q

/],2

Berufsgruppe
Angestelltenberufe
Akadem., techn. u. verwandte Berufe
Manager, ö f f e n t l . Angestellte
und Selbständige (außer Landw.)
Bürokräfte u . a .
Verkaufspersonal
Arbeiterberufe
Facharbeiter, Vorarbeiter u . a .
Maschinisten u . a .
Handarbeiter (außer Landw.
und Bergbau)
Dienstleistungspersonal
Hausangestellte
Sonstige Dienstleistungsberufe
Landarbeiter

5 ,5

Insgesamt

•

100,0

100,0

100,0

55,9

58,5

56,1

6,5
2,5
15,7
55,4

4,2
2,1
16,8
55,1

5»4
2,0
15,5
55,5

44,1

41,7

45,9

•Vir t schaftszweig
Gütererzeugung
Land- und Porstwirtschaft
und Fischerei
Bergbau
Baugewerbe
Fertigungsindustrie
Dienstleistungen
Verkehr u . öffentl. Versorgungsbetriebe
Handel
Geld, Versicher, u . Immobilien
Dienstleistungsgewerbe
Öffentliche Verwaltung

5,7
18,8

2,4
15,5
1.8

6,5
16,6
2,5
14,2
2,5

5,0
17,6
2,4
16,7
2.1

Insgesamt

100,0

100,0

100,0

Zahl der Personen (in Millionen)

9,617

9,617

9,617

* siehe Tabelle 1, Anm.*
Anm.; Die abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise
zu 100.
Aussichten

- 9 -

�Aussichten auf eine Wiedereinstellung: Von den 3,2 Millionen
Erwerbspersonen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung ohne Beschäftigung waren, erklärtei eine Million, sie erwarte eine Wiedereinstellung auf ihren alten Arbeitsplatz. Die Hälfte der Arbeitnehmer rechnete mit oeiner Rückberufung innerhalb eines Monats, ein weiteres
Drittel innerhalb 1 bis 3 Monaten. 83 Prozent gaben an, dies hänge
von einer gesteigerten Geschäftstätigkeit ab; bei der Hälfte handelte es sich um Saisonarbeiter., die auf ihre jahreszeitlich bedingte
Wiedereinstellung warteten. Die Dauer der Arbeitslosigkeit wirkte
sich offensichtlich nur in geringem Maße auf die Wiedereinstellungschancen aus. Der Prozentsatz der Arbeitnehmer mit mehr als 6 Monaten
Arbeitslosigkeit, die eine 7/iedereinstellung erwarteten (28 Prozent),
lag fast ebenso hoch wie der Prozentsatz der Arbeitnehmer mit kürzeren
Arbeitslosigkeitsperioden (34 Prozent) .
Art der gesuchten Arbeit: Ein sehr hoher Prozentsatz der Arbeitslosen - einschließlich mehr als vier Fünftel der jenigen:-, die mit einer
Wiedereinstellung rechneten - war auf der Suche nach anderer Arbeit in fast allen Fällen nach Ganztagsarbeit. Bei nahezu der Hälfte der
Arbeitnehmer, die sich nicht nach anderer Arbeit umsahen, handelte es
sich um Frauen, von denen die meisten aus dem Erwerbsleben ausgeschieden waren.
Im großen und ganzen wurden von den Arbeitslosen Stellen gesucht,
für die relativ wenig Fachkenntnisse erforderlich sind. Rund zwei Drittel gaben ?ls gesuchte Arbeitsplätze solche der Kategorie angelernte
Maschinisten, angelerntes Bedienungspersonal oder ungelernte Hilfsarbeiter (einschließlich "allgemeine Fabrikarbeit" oder "Arbeit jeder Art")
an. Nur 12 Prozent wünschten Facharbeiterstellungen, während 20 Prozent
Beschäftigung als Angestellte (zumeist in Büroberufen) suchten. Die beiden letzten Zahlen entsprechen ziemlich genau den Prozentsätzen für Arbeitnehmer, deren letzter Arbeitsplatz in eben diesen Berufsgruppen zu
finden war, wie aus folgender Aufstellung hervorgeht:

Beruf

Erwünschter Arbeitsplatz von
arbeitsuchenden
Arbeitslosen,
April 1962

Letzter Arbeitsplatz aller im
April 1962 Arbeitslosen

(in Prozent
Akadem., techn. u. verw. Berufe
Manager, öffentl. Bedienstete u.
Selbständige
Bürokräfte u.a.
Verk^ufspersonal
Hausangestellte
Sonstiges Dienstleistungspersonal
Facharbeiter, Vorarbeiter u.a.
Maschinenarbeiter u.a.
Handarbeit (außer Bergbau)*
Allgemeine Fabrikarbeit
Arbeit jeder Art
Insgesamt
Zahl der Arbeitnehmer (in Millionen)

2,1

1,4

0,9
13,0
3,7
4,3
10,5
12,3
18,9
11,5
2,6
20,1
100,0
2,869

2,8
1o,9
-4,7
4,4
13,7
13,7
29,5
18,9"

100,0
3,175

* einschließlich eines kleinen Anteils von Landarbeitern
abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise
,j_ Die abg
zu 100.
- 10 -

�Obwohl sich diese Daten nur auf Hauptberufsgruppen beziehen,
lassen sie dennoch erkennen, daß zwischen der gesuchten Arbeit
und den Berufserfahrungen und Qualifikationen des einzelnen Arbeitslosen ein vernünftiges Verhältnis bestand. Die Zahlen lassen
ebenso eine leichte Tendenz zu anspruchsloseren Arbeitsplätzen erkennen. Beispielsweise hatten 34»4 Prozent in der Vergangenheit
Stellungen in Angestellten- und Facharbeiterberufen; gesucht wurden solche Arbeitsplätze jedoch nur von 32,0 Prozent. Bei ehemaligen angelernten Maschinenarbeitern schien auch eine Bereitschaft
vorhanden zu sein, sich mit weniger günstigen Möglichkeiten zufriedenzugeben, obwohl diese Tendenz infolge der Ungenauigkeit vieler
Antworten auf die Frage nach der Art der gesuchten Arbeit mehr oder
weniger ungewiß bleibt.
Die Lohnerwartungen der Arbeitslosen bewegten sich in bescheidenem Rahmen. Der Mittelwert lag bei etwas mehr als 60 Dollar pro
Woche, was ungefähr dem Betrag entspricht, der in den letzten Arbeitsplätzen verdient wurde. Arbeitslose, die nicht mit einer Wiedereinstellung rechneten, erwarteten Wochenlöhne von weniger als
60 Dollar; durchschnittlich suchten diejenigen, die mit einer Wiedereinstellung rechneten, Wochenverdienste von 70 Dollar, was etwa
dem Betrag entspricht, der zum Zeitpunkt der Untersuchung von
6,4 Millionen der erfaßten Beschäftigten erreicht wurde, (leicht gekürzt; wird fortgesetzt)

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Dezember 1965, Vol. 86, Nr. 12)
*

•

*

*

•

*

*

William E. Simkin, Direktor des Bundesvermittlungs- und
Öchlichtungsdlienstes der USA?
Neue Möglichkeiten des Kollektivverhandlungswesens
Als Regierungsbehörde, in deren Aufgabenbereich die Beilegung
und Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten fällt, hat der Bundesvermittlungs- und Schlichtungsdienst (Federal Mediation and Conciliation
Service) der USA engen Kontakt mit den Vorgängen und Entwicklungen im
amerikanischen Kollektivverhandlungswesen. An Hand der einlaufenden
Berichte unserer 24O Vermittler, die sich jährlich in mehr als 7000
Arbeitsstreitigkeiten einschalten, ergibt sich, vom günstigen Blickpunkt meines Amtes her gesehen, ein recht genaues Bild der tatsächlichen Leistungen und Mängel im Bereich der Beziehungen zwischen den
Sozialpartnern. Dies berechtigt mich zu der nachdrücklichen Feststellung, daß Gewerkschaften und eine aufgeklärte Gewerkschaftsführung
heute so nötig sind wie eh und je.
Einige

- 11 -

�Einige "Propheten des Untergangs" behaupten das Gegenteil.
Ihrer Ansicht nach lag die Blütezeit der amerikanischen Gewerkschaften in den dreißiger und den beginnenden vierziger Jahren,
der Periode großer gewerkschaftlicher Zusammenschlüsse. In den
folgenden Jahren seien mit den beträchtlichen Lohnerhöhungen und
Verbesserungen in den Arbeitsbedingungen auch die letzten Möglichkeiten ausgeschöpft worden, und nur noch wenig bleibe zu tun.
Im Grunde genommen heißt das nichts anderes, als daß sich die Gewerkschaften eigentlich aus dem Geschäft zurückziehen und die Regelung aller anstehenden Probleme den Betriebsleitungen überlassen
sollten. Zudem wird den Gewerkschaftsführungen Neigung zu Behäbigkeit und - aus Gründen der Sicherung ihrer Positionen - allzu starkes Festhalten am Kollektivverhandlungswesen vorgeworfen.
Es liegt mir fern, die in den vergangenen Jahren erreichten
großartigen Leistungen der Gewerkschaften zu schmälern. Allerdings
wäre es auch nicht ganz ehrlich, behaupten zu wollen, die Gewerkschaftsleitungen unserer Tage seien frei von Fehlern. Mir scheint
das Tarifverhandlungswesen jedoch neue Möglichkeiten zu besitzen,
die zu realistischeren, wenn auch vielleicht weniger spektakulären
Ergebnissen führen könnten als bisher. Auch sollten wir nicht darauf vertrauen, daß die Betriebsleitungen von sich aus die gleichen
Ziele zu erreichen suchen. Vielmehr sind demokratische Verfahrensweisen in Form von vernünftigen und reifen Kollektivverhandlungen
in der Industrie nötiger denn je.
Auf welchen Gebieten liegen\ die Aufgaben der amerikanischen
Gewerkschaftsleitungen?
Noch vor ein paar Jahren stellten Vermittler und Tarifpartner
nahezu einhellig fest, sobald eine Einigung über die allgemeine
Lohnerhöhung erreicht sei, erledige sich alles andere wie von
selbst. So einfach verlaufen heute nur noch die wenigsten wichtigen Verhandlungen.
Selbst Lohnfragen waren in der Nachkriegszeit, als sich die
meisten Lohnerhöhungen in Gestalt höherer Preise auf den Verbraucher
abwälzen ließen, relativ einfach zu lösen. Die Entscheidungen*, die
unter den gegenwärtigen,weit schwierigeren innenpolitischen und
internationalen Gegebenheiten zu treffen sind, drehen sich um die
Frage, wieviel zusätzliche Lohnerhöhungen und Lohnnebenleistungen
vertretbar sind, um Arbeitnehmern einen gerechten Anteil an den
Früchten der Produktion zu sichern, ohne dabei eine Inflation heraufzubeschwören.
Das Ausmaß einer allgemeinen Lohnerhöhung ist nach wie vor von
Bedeutung, aber es steht hinter anderen Fragen zurück. Auch sogenannte Nebenleistungen rechnen in der Industrie zu den Lohnkosten; doch
sind sie für den Arbeitnehmer von größerem Y/ert als ein entsprechende
Barbetrag in seiner Lohntüte. Ein moderner Gewerkschaftsführer muß
die Bedürfnisse der von ihm vertretenen Arbeitnehmer und den relativen Wert der wahlweise gebotenen Vorteile unter Berücksichtigung gemeinsamer nationaler Interessen und Zielsetzungen abwägen.
Er

�Er muß sich zum Beispiel darüber im klaren sein, welche Versicherungspläne für seine Gewerkschaftsmitglieder in Frage kommen
und wie hoch ihre Kosten sind. Er muß prüfen, was sich beispielsweise in Gestalt von Pensionen, Pensionen bei vorzeitigem Ausscheiden, Urlaub, Wochenendurlaub, zusätzlichen Arbeitslosenversicherungsleistungen, Arbeitszeitgarantien und ähnlichem erreichen läßt.
Es genügt nicht, nur die Wünsche der Arbeitnehmer im Auge zu behaltend Ein Gewerkschaftsführer muß darüber hinaus Phantasie und Geschick besitzen, um seine Gewerkschaft auf gangbare Wege zu lenken.
Die raschen Wandlungen auf technischem Gebiet haben eine ganze'
Reihe von neuen Problemen aufgeworfen, und wir stehen mit unseren
Versuchen, Mittel und Wege zu ihrer Lösung ausfindig zu machen,
erst am Anfang. Ein Gewerkschaftsführer muß heute imstande sein,
zwischen jenen Aspekten des technischen Fortschritts zu unterscheiden, die sich durch Kollektivverhandlungen regeln lassen, und jenen,
für die umfassende Regierungsmaßnahmen erforderlich sind.
Häufig müssen bestehende Anciennitätsregelungen den neuen Problemen angepaßt werden, wird doch der Ausgleich zwischen dem Recht
des Arbeitnehmers auf größtmögliche Arbeitsplatzsicherung und den
Erfordernissen einer leistungsfähigen Produktion immer komplizierter.
Vier Jahre hintereinander hielten sich die durch Streiks verursachten Arbeitszeitverluste in den USA auf einem sehr niedrigen
Stand: einem Streiktag standen 700 Arbeitstage gegenüber. Diese
außerordentlich günstige Streikbilanz ist ein Verdienst der amerikanischen Gewerkschaftsleitungen. Las gelegentliche Mißlingen von
Kollektivverhandlungen führt in der Öffentlichkeit zu hysterischen
Reaktionen, die nach dem Stand der Dinge nicht gerechtfertigt sind.
Wo ein Maximum an Freiheit erhalten bleiben soll, sind einige Streiks
(und Aussperrungen) einfach unvermeidlich.
Als einen der wichtigsten Vorzüge bieten Kollektivverhandlungen
die Möglichkeit, Tarifverträge jeweils den besonderen Erfordernissen
anzupassen. Manche Regelung, die sich für einen bestimmten Industriezweig oder ein bestimmtes Unternehmen;, günstig auswirkt, kann anderswo von geringem Nutzen oder ganz wertlos sein. Die Gewerkschaften
und ihre Verhandlungspartner aus der Industrie verfügen über die
notwendige"Sachkenntnis, Phantasie, Erfindungsgabe und Erfahrung,
um zufriedenstellende Lösungen für die mannigfaltigen Gegenwartsund Zukunftsprobleme auszuarbeiten.
Die Gewerkschaften legen dieser Aufgabe gegenüber Tatkraft und
Umsicht an den Tag. Zwar gibt es bei Gewerkschaften und Industrie
noch manche Unzulänglichkeit und manches menschliche Versagen, die
vermieden werden müssen. Dennoch möchte ich behaupten, daß Kollektivverhandlungen heute bessere Ergebnisse zeitigen, als sie die meisten
ihrer Kritiker zustande brächten, würde ihnen die Entscheidungsvollmacht übertragen.
Es ist die Folitik der amerikanischen Regierung.,, ihre Einflußnahme im Bereich der Kollektivverhandlungen fast ausschließlich auf
Vermittlungsdienste zu beschränken. Diese Aufgabe obliegt dem Bundesvermittlungs- und Schlichtungsdienst, der für alle Wirtschaftszweige

- 13 -

�Wirtschaftszweige außer Eisenbahnen und Luftfahrtgesellschaften
zuständig ist. Auch von ihm wird die Zukunft Tatkraft, Einfallsreichtum und Anpassungsfähigkeit fordern, um den größeren Aufgaben gerecht zu werden.
Über seine Rolle in Verhandlungskrisen hinausgehend, kann
der Bundesvermittlungs- und Schlichtungsdienst Gewerkschaften und
Arbeitgeber in der Erschließung neuer Methoden einer Zusammenarbeit
zwischen den Sozialpartnern unterstützen, die eine gemeinsame Untersuchung und Regelung anstehender Probleme lange vor Einsetzen der
letzten hektischen Phase unmittelbar vor Ablauf eines Tarifvertrags
ermöglichen.
Immer häufiger geschieht es, daß Verhandlungspartner mit der
Regelung komplizierter Fragen nicht mehr bis zur letzten Stunde
warten. Nur das reifliche und ruhige Durchdenken der Tatsachen und
Kostenfaktoren in einer entspannten Atmosphäre, frei vom Druck
letzter Verhandlungsfristen, führt zu beide Seiten befriedigenden
Lösungen. Zukünftige Kollektivverhandlungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach noch stärker als bisher diese Form ständiger Beratungen und Fühlungnahmen während der gesamten Laufzeit von Tarifverträgen annehmen.
So halten Baugewerkschaften schon seit Jahren mit ihren Tarifpartnern aus der Bauwirtschaft regelmäßig Konferenzen ab, auf denen
nicht nur Arbeitsfragen, sondern auch Fachprobleme erörtert werden.
Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Ausschüsse dieser Art stecken noch in den
Kinderschuhen. Sie werden von den Gewerkschaftsleitungen gefördert.
In einigen besonderen Fällen wurden auf diesem Gebiet bereits wichtige Ergebnisse erzielt. Eine Reihe von Ausschüssen befinden sich
mitten in ihrer Planung, andere stehen vor ihrer Gründung. Und die
Zeichen dieser neuen Reife im Verhandlungswesen sind nicht nur in
der Stahl-, Automobil-, Elektrogeräte-, Luft- und Raumfahrtindustrie
und Seeschiffahrt zu finden, sondern auch in zahlreichen kleineren
Betrieben und Konzernen überall in den Vereinigten Staaten»
Ein ermutigender Aspekt des Kollektivverhandlungswesens, der bei
den beharrlichen Kritikern der Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen
niemals Erwähnung findet, ist die beträchtliche Zunahme freiwilliger
Schlichtungsverfahren in Meinungsverschiedenheiten zwischen den Sozialpartnern. Der Bundesvermittlungs- und Schlichtungsdienst zählt zu
seinen Mitarbeitern eine Reihe qualifizierter Schiedsmänner, deren
Dienste von den streitenden Parteien angefordert werden können und
immer häufiger angefordert werden.

(Quelle: Eigenbericht)

- 14 -

�Sewerka haftliche Kurznachrichten
Lohnpolitischpr Rundhlick
Die durchschnittlichen Stunden- und Wochenlöhne für Industriearbeiter (Bruttolöhne) haben sich auch im November 1963 weiter erhöht und mit 2,49 Dollar bzw. 101,09 Dollar neue Spitzenstände erreicht, wie aus der neuesten Lohnübersicht des US-Arbeitsministeriums
hervorgeht.
Während die Stundenlöhne gegenüber dem Vormonat um 2 Cent und
Li Vergleich zum November 1962 um 8 Cent anstiegen, beliefen sich
die Zunahmen beim durchschnittlichen Wochenlohn auf 56 Cent bzw.
3,73 Dollar.
Nach Abzug der Sozialabgaben und Steuern vom Bruttolohn ergab
sich für einen Industriearbeiter mit drei Angehörigen dabei ein Wochenlohn von 88,77 Dollar (plus 46 Cent) und für einen Unverheirateten ein Nettoeinkommen von 80,93 Dollar. In beiden Fällen trat gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres ein Anstieg des NettoWochenlohnes um 2,50 Dollar ein.
Da sich die Lebenshaltungskosten im November erneut geringfü- (plus 0,2 Prozent) erhöhten, stieg der Reallohn nicht im gleichen
Umfang an wie der Nettolohn. Im Vergleich zum November 1962 ist nach
Angaben des Arbeitsministeriums ein Kaufkraftanstieg der industriellen V/ochenlöhne um rund 2 Prozent zu verzeichnen.
Die Lage am Arbeitsmarkt war im November 1963 durch einen geringen Rückgang (100 000) der Zahl der Industriearbeiter auf insgesamt
58,3 Ilillionen gekennzeichnet. Im Vergleich zum November 1962 liegt
diese Ziffer um 1,5 Ilillionen höher'. Die stärksten Rückgänge in der
Zahl der Arbeitskräfte verzeichneten das Baugewerbe und die Zweige
der Fertigungsindustrie. Wie das US-Arbeitsministeriura jedoch betont,
sind diese Rückgänge allgemein jahreszeitlich bedingt gewesen.
Der allgemeine Anstieg der Arbeitslöhne in den Vereinigten Staaten dürfte sich auch in diesem Jahr im bisherigen Rahmen fortsetzen.
Legt man die 1964 auf Grund der in den Vorjahren abgeschlossenen Tarifverträge wirksam werdenden Lohnerhöhungen als Maßstab an, so werden sich für alle Wirtschaftszweige durchschnittliche Aufbesserungen
um 7»1 Cent, für die Fertigungsindustrie um 6,3 Cent und für die nichtindustriellen Branchen um 9&gt;9 Cent, ergeben. Da jedoch zahlreiche Tarifverträge Lohngleitklauseln enthalten, dürften sich diese Sätze bei einem Anstieg des Lebenshaltungskostenindex noch um einige Cent erhöhen.
Durch die in diesem Jahr wirksam werdenden Verbesserungen auf dem
Gebiet der Lohnnebenleistungen werden außerdem zahlreiche tarifvertraglich erfaßte Arbeitnehmer in den Genuß weiterer materieller Vorteile
kommen. Nach einer Analyse des US-Arbeitsministeriums sind es vor
allem erhöhte oder zusätzliche Versicherungsleistungen, längerer Urlaub und verbesserte Altersrenten, die hier 1964 irc Vordergrund stehen. Wesentlich verbesserte Urlaubspläne sind bereits am 1. Januar in
der Stahl-, der Aluminium- und der Blechbehälterindustrie sowie in
einigen anderen Fertigungszweigen wirksam geworden.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *
- 15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 4

Bad Godesberg, den 1. April 1964
INHALTSVERZEICHNIS

Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der
Arbeitslosen in den USA (il)
Druckereifachschule in Colorado Springs
Die Firma zahlt den Doktorhut
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 1
Seite 9
Seite 10
Seite 12

Robert L. Stein, Mitarbeiter des Bundesamtes für Arbeitsstatistik im
US-Arbeitsministerium:
Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der Arbeitslosen
in den USA (II)
Einkommen und Lebensstandard
Amtliche Arbeitslosigkeitsstatistiken sind ein Index der in
einer Volkswirtschaft brachliegenden und sofort verfügbaren Arbeitskräfte; ihr Zweck ist es nicht, etwas über finanzielle Härten und
die Not «der Betroffenen auszusagen. Arbeitslosigkeit wirkt sich
auf die wirtschaftliche Gesaratlage des Betroffenen und seiner Familie, je nach der Stellung des Arbeitslosen im Familienverband, der
Dauer seiner Arbeitslosigkeit und seinem Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung, sehr unterschiedlich aus. Sie beeinflußt in jedem
Falle das Wohl des Betroffenen und seiner Familie. Im Rahmen der
im April 1962 durchgeführten Untersuchung der wirtschaftlichen
und persönlichen Verhältnisse der Arbeitslosen* wurde versucht,
* Berücksichtigt wurden arbeitsfähige Personen mit 5 oder mehr Wochen Arbeitslosigkeitsdauer im Jahr 1961, die im April 1962 achtzehn Jahre oder älter waren, sich nicht in Schulausbildung befanden und früher bereits im Erwerbsleben gestanden haben. In einer
Repräsentativbefragung wurden rund 3000 Interviews ausschließlich mit solchen Arbeitnehmern durchgeführt, die persönlich von
Arbeitslosigkeit betroffen waren.

- 1-

�die Auswirkungen einer Arbeitslosigkeit auf Einkommen und Lebensstandard zu messen. In den Einzelinterviews wurden Fragen nach
Personal- und Familieneinkommen, Zahl der abhängigen Familienmitglieder und Methoden der Bestreitung des Lebensunterhalts während
der Arbeitslosigkeit gestellt.
Persönliches Einkommen: Bei den 9»6 Millionen Arbeitnehmern
mit fünf- oder mehrwöchiger Arbeitslosigkeit im Jahr 1961 betrug
das durchschnittliche Jahreseinkommen aus allen Einkommensquellen
2300 Dollar und lag damit um 40 Prozent niedriger als das von allen
übrigen Erwerbspersonen* erzielte durchschnittliche Jahreseinkommen
in Höhe von 3700 Dollar. Wäre es möglich gewesen, alle Schüler, Studenten, Jugendlichen unter 18 Jahren und gerade arbeitsunfähigen Personen, die in der vorliegenden Untersuchung der Arbeitslosen nicht
berücksichtigt wurden, auch aus der Zahl der übrigen Erwerbspersonen
auszusondern, läge der letztgenannte Durchschnittswert noch über
3700 Dollar.
Erwartungsgemäß wirkte sich die Dauer der Arbeitslosigkeit sehr
stark auf das persönliche Einkommen aus. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines langfristig Arbeitslosen betrug nur rund 1400 Dollar oder etwas mehr als die Hälfte des Einkommens der Arbeitnehmer
mit nur ein- bis sechsmonatiger Arbeitslosigkeitsdauer (vgl. Tabelle 5 ) .
Arbeitnehmer, die das ganze Jahr über überwiegend einer Ganztagsbeschäftigung nachgegangen waren, erreichten einen Jahresdurchschnitt von 5000 Dollar; demgegenüber konnte nur einer von acht Arbeitslosen ein gleich hohes oder höheres Einkommen nachweisen. Trotzdem ist diese Differenz nur teilweise die unmittelbare Folge von Arbeitslosigkeit; ausschlaggebend ist auch die Tatsache, daß die Arbeitslosen selbst im Falle einer Beschäftigung durchschnittlich weit niedrigere Wochenverdienste hatten als Arbeitnehmer, die ganzjährig beschäftigt waren. An ihrem derzeitigen oder letzten Arbeitsplatz verdienten
die 9»6 Millionen Arbeitslosen rund 7° Dollar pro Woche; der vergleichbare Wochenlohn oder das vergleichbare Wochengehalt betrug bei Arbeitnehmern, die 1961 das Jahr über ganztägig beschäftigt waren, rund
95 Dollar. Diese Diskrepanz ist eine Folge des niedrigeren Bildungsstandes der Arbeitslosen, ihrer stärkeren Konzentration in weniger anspruchsvollen und schlechter bezahlten Berufen und der bei ihnen häufiger anzutreffenden Teilzeitbeschäftigung.
Trotz Arbeitslosigkeit stammten die Einkünfte der Arbeitslosen
zu 80 Prozent aus eigenen Löhnen und Gehältern. Eine weitere wichtige,
wenn auch kleinere Einkommensquelle bildeten die Zahlungen aus der
Arbeitslosenversicherung, die 12 Prozent ausmachten. Die restlichen
8 Prozent kamen aus allen übrigen Quellen zusammengenommen, vor allem
aus gesetzlichen oder tarifvertraglichen Sozial- und Pensionsfonds.
Einkünfte aus Löhnen und Gehältern; Im Jahr 1961 betrugen die
Lohn- und Gehaltseinkünfte der 9»6 Millionen Arbeitslosen im Durchschnitt
rund 1900 Dollar, gegenüber fast 5000 Dollar bei Arbeitnehmern, die das •
Jahr über ganztägig beschäftigt waren. Trotzdem bildeten Löhne und
* d.h. Personen, die im Laufe des Jahres kurz- oder langfristig beschäftigt waren
Tabelle 5
_ 2 -

�Tabelle 5
Einkommen von Erwerbspersonen mit 5- oder mehrwöchiger
Arbeitslosigkeit 1961*, nach Dauer der
Arbeitslosigkeit (in Prozent)

Dauer der Arbeitslosigkeit
Jahreseinkommen

Insgesamt

Insgesamt

27 -und, mehr
Wochen

_122i2

±oqtq

22,4

18,5

36 ,1

21,9

19,4

30 7

19,0

20,0

15, 7

13,4

14,6

9, 2

4000 bis 4999
5000 bis 5999

10,7

12,3

5, ,1

6,4

7,8

1, 8

6000 und mehr

6,1

7,4

1 4

Unter 1000
Dollar
1000 bis 1999
2000 bis 2999
3000 bis 3999

oo1o__

e
*.c Wochen
w L.
5-26

Anzahl der Personen mit
Einkommen (in Millionen)

9,430

7,267

2,163

Durchschnittseinkommen
(in Dollar)

2300

26o7

1443

* berücksichtigt wurden Personen, die im April 1962 achtzehn Jahre
oder älter und arbeitsfähig waren, sich nicht in Schulausbildung
befanden und früher bereits im Erwerbsleben gestanden haben.
Ann.: Die abgerundeten Prozentangaben ergänzen sich nicht notwendigerweise zu 100.

_ * _

�und Gehälter auch für Arbeitslose die wichtigste Einkommensquelle;
95 Prozent waren 1961 zumindest zeitweise Empfänger von Arbeitsentgelt, während nur 69 Prozent Einkünfte aus anderen Quellen bezogen. Durchschnittlich lagen die Arbeitseinkünfte dreieinhalbmal
höher als die anderweitigen Einkünfte.
Umgekehrt: Obwohl fast 90 Prozent der langfristig Arbeitslosen
während des Jahres zumindest zeitweise Löhne und Gehälter bezogen,
lagen diese niedriger als der Durchschnittsbetrag aller anderweitigen
Einkünfte- in Höhe von 950 Dollar, der von 75 Prozent der langfristig
Arbeitslosen mit solchen anderweitigen Einkünften erreicht wurde. Insgesamt stammte etwas mehr als die Hälfte der Gesamteinkünfte der
langfristig Arbeitslosen aus Löhnen und Gehältern.
Arbeitslosenversicherung: Die Arbeitslosenversicherung stellte
einen wichtigen, wenn auch nur partiellen Ausgleich der 1961 eingetretenen Lohneinbußen dar. Etwas mehr als die Hälfte (5*5 Millionen)
der Arbeitslosen gab an, Zahlungen aus der Arbeitslosenversicherung
erhalten zu haben. Diejenigen, die keine Arbeitslosenunterstützung
empfingen, hatten sie zumeist - wahrscheinlich weil kein Anspruch
bestand - auch nicht beantragt. Im Durchschnitt betrugen die Leistungen 36 Dollar pro Woche; Arbeitslosenunterstützung wurde durchschnittlich 14 Wochen lang bezogen, was der Hälfte der in den meisten amerikanischen Einzelstaaten gültigen maximalen Zahlungsdauer (unter Ausschluß vorübergehender Verlängerungen, wie sie in den Jahren 1958
und 1961 wirksam wurden) entspricht. Die meisten Arbeitslosen fanden
offensichtlich vor Erlöschen ihres Anspruches auf reguläre und verlängerte UnterstützungsZahlungen eine neue Beschäftigung; ein Fünftel
jedoch nahm die Unterstützung 1961 voll in Anspruch.
Für Arbeitnehmer mit 27 und mehr Wochen Arbeitslosigkeit im
Jahr 1961 spielten die Unterstützungszahlungen eine bedeutende Rolle:
im Durchschnitt lagen sie um 10 Prozent höher als ihre Lohn- und Gehaltseinkünfte. Immerhin hatte einer unter neun langfristig Arbeitslosen 1961 keine Lohn- und Gehaltseinkünfte, gegenüber nur einem
unter 40 Arbeitnehmern mit 5 his 26 Wochen Arbeitslosigkeit.
Einkünfte aus anderen Quellen: Die Einkünfte aus allen übrigen
Quellen zusammengenommen trugen weniger zum Gesamteinkommen der Arbeitslosen bei als die Arbeitslosenunterstützung allein. Der Anteil
der Arbeitslosen mit anderweitigen Einkünften dieser Art bewegte sich
zwischen acht und eineinhalb Prozent: 8 Prozent erhielten eine zusätzliche Arbeitslosenunterstützung, 1 1/2 Prozent Zahlungen aus privaten
Pensionsfonds. Rund 4 1/2 Prozent der 9»6 Millionen Arbeitslosen bezogen Einkünfte aus der Sozialversicherung in Höhe von durchschnittlich
knapp 700 Dollar im Jahr - der größte Betrag aus einer einzelnen Einkommensquelle, bei der es sich nicht um Löhne oder Gehälter handelte.
Tatsächlich betrugen alle anderweitigen Einkünfte neben Löhnen und Gehältern im Jahr 1961 durchschnittlich nur etwas mehr als 500 Dollar.
Sie lagen damit nicht nur verhältnismäßig niedrig, bei Berechnung
dieses Durchschnittswertes wurden darüber hinaus nur Arbeitnehmer mit
Einkünften von mindestens einem Dollar berücksichtigt. 30 Prozent
hatten überhaupt keine Einkünfte dieser Art.
Selbst für die langfristig Arbeitslosen stellten Arbeitsentgelt
und Arbeitslosenunterstützung die weitaus wichtigste - Einkommensquellen

- 4 -

�^inkommgnsque11en dar. Zahlungen aus der Sozialversicherung und
der öffentlichen Fürsorge waren für sie jedoch von größerer Bedeutung als für Arbeitnehmer mit kürzeren Arbeitslosigkeitsperioden.
Abhängige Familienmitglieder: Obwohl sich aus der Arbeitslosigkeit eines Haushaltsangehörigen stets Probleme für das Wohl der ganzen Familie ergeben, wird die Situation besonders schwierig, wo ein
Arbeitsloser für Angehörige zu sorgen hat. Bei der Mehrzahl (55 Prozent) der Arbeitslosen handelte es sich um Haushaltsvorstände, die
für andere Personen die finanzielle Verantwortung trugen. V/eitere
25 Prozent waren Personen ohne Familienanhang oder Haushaltsmitglieder, die für ihren Lebensunterhalt selbst aufkamen. In den übrigen
Fällen handelte es sich zumeist um Ehefrauen von Haushaltsvorständen
(17 Prozent); ein sehr kleiner Prozentsatz (nur rund 3 Prozent) waren
Angehörige, die nicht für ihren Lebensunterhalt aufkamen (vgl. Tabelle 6 ) . Etwa drei Fünftel der 1,6 Millionen arbeitslosen verheirateten
Frauen hatten Kinder unter 18 Jahren; in den Schätzzahlen für Arbeitslose mit Angehörigen wurden diese Frauen nicht eingeschlossen, obwohl
die Einkünfte der Mütter einleuchtenderweise auch den Kindern zugute
kamen.
Die Folgen einer Arbeitslosigkeit des Haushaltsvorstandes wurden
in jenen Familien etwas abgemildert, in denen auch andere Familienmitglieder einen Arbeitsplatz innehatten. In einem Drittel der
4,8 Millionen Familien, in denen eine Ehefrau oder ein anderer Verwandter im Alter von mindestens 18 Jahren zum Haushalt zählte, stand
ein anderes Familienmitglied in Arbeit, als das Familienoberhaupt
1961 seine erste Arbeitslosigkeitsperiode erlebte; in den meisten
Fällen war es die Ehefrau. Nur in wenigen Fällen veranlaßte die Arbeitslosigkeit des Familienoberhauptes andere Familienmitglieder zur
Aufnahme einer Erwerbstätigkeit. In 12 Prozent der Familien begab
sich - als unmittelbares Ergebnis der Arbeitslosigkeit des Familienoberhauptes - ein anderes Familienmitglied, gewöhnlich die Ehefrau,
auf Stellensuche oder nahm eine Arbeit auf.
Haush-lts einkommen und Lebensstandard: Im Jahr 1961 betrug das
durchschnittliche Haushaltseinkommen der 8,8 Millionen Arbeitslosen
mit Familie 4400 Dollar. Hinzu kamen 800 000 Arbeitslose ohne Familienanhang mit einem Durchschnittseinkommen von rund 1800 Dollar. Unter den
8,8 Millionen Arbeitslosen mit Familie gab es 5»3 Millionen Familienoberhäupter - fast zu 90 Prozent verheiratete und von ihrer Ehefrau
nicht getrennt lebende Männer. Der größte Teil der folgenden Darlegung befaßt sich mit Familien, deren Oberhaupt arbeitslos war.
Das Durchschnitts-Jahreseinkomnen dieser Haushalte betrug 4100 Dollar, gegenüber 5700 Dollar 'im Durchschnitt aller Haushalte bzw. 6900
Dollar bei Haushalten, deren Vorstand das Jahr über ganztägig beschäftigt war. Zwar sind diese Zahlen auch ein Maß für die Unterschiede im
Lebensstandard zwischen Familien, die von Arbeitslosigkeit betroffen
wurden, und Familien, deren Oberhaupt einer Dauerbeschäftigung nachging;
diese Differenzen sind jedoch nicht allein als Auswirkung einer Arbeitslosigkeit des Haushaltsvorstandes aufzufassen. Wie bereits festgestellt,
lag der Wochenverdienst aller Arbeitslosen (als sie 1961 beschäftigt
waren) um 25 Dollar niedriger als derjenige ganzjährig Beschäftigter.
Setzt man einen ähnlichen Unterschied auch für Haushaltsvorstände voraus,
würde dies - ohne Berücksichtigung der Folgen einer Arbeitslosigkeit -

- 5-

�Tabelle 6
Familienstand von Arbeitnehmern mit 5 oder mehr Wochen
Arbeitslosigkeit im Jahr 1961*, nach Geschlecht und
Dauer der Arbeitslosigkeit 1961; Stand: April 1962
(in Prozent)

Familienstand

Insgesamt

Männer
18-44 45 Jahre
Jahre
und
alt
älter

Dauer der Arbeitslosigkeit 1961
Frauen
5-26
27 und mehr
Wochen
Wochen

Zahl der Arbeitnehmer
(in Millionen)

9,617

3,011

7,345 2,272

Prozent

122i2_ _!92»2_ _loo1o_ _]_oq,q_

_ioo,o_ 100,0

Familienoberhaupt,
mit Ehefrau**
Familienoberhaupt,
sonstiger Familienstand
Ehefrauen

4,404

2,202

48,8

66,3

80,5

6,3
16,8

1,9

3,7

Andere Verwandte
19,5
für eigenen Lebensunterhalt aufkommend
16,7
nicht für eigenen
Lebensunterhalt
aufkommend
2,8
Arbeitnehmer ohne
Anhang
8,5

26,5

4,6

22,9

4,3

3,6
5,3

0,4
11,2

14,8
53,8

51,0

41,8

5,9

7,8

17.3

15,2

18.4

23,1

20,3
15,8

19,7

2,6

3,4

16,8

3,5
11,1

7,4

12,1

* siehe Tabelle 5, Anm.*
** einschließlich der Haushaltsvorstände von Unterhaushalten
Anm^Lüt abgerundeten Prozentmgaben ergänzen sich nicht notwendigerweise
zu 100.

- 6-

�Arbeitslosigkeit - eine Jahresdifferenz von 1300 Dollar bedeuten.
Setzt man ferner voraus, daß der V/ochenverdienst von arbeitslosen
Haushaltsvorständen mit 75-80 Dollar etwas höher lag als der wöchentliche Durchschnittsverdienst aller Arbeitslosen, dann können bei Zugrundelegung einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von 15-16 Wochen die durch sie verursachten Einbußen an potentiellem Einkommen
mit durchschnittlich 1100 bis 1300 Dollar veranschlagt werden. Rund
zwei Fünftel dieser Einbußen wurden für 3 »4 Millionen Familienoberhäupter durch Zahlungen aus der Arbeitslosenversicherung ausgeglichen.
Trotz dieser Verdienstausfälle stellten die Lohneinkünfte des
Haushaltsvorstandes den wichtigsten Bestandteil des Haushaltseinkommens dar. Im Jahr 1961 machten die Lohneinkünfte des Familienoberhaupts (2700 Dollar) nahezu drei Fünftel des Gesamteinkommens der
5,3 Millionen betroffenen Familien aus. Zugleich bildeten jedoch
seine sonstigen Einkünfte, hauptsächlich aus der Arbeitslosenversicherung, zusammen mit dem Verdienst anderer Familienangehöriger mit zwei
Fünfteln einen wichtigen Beitrag zum Haushaltseinkommen.
Da die Erwerbsfähigkeit des Familienoberhaupts diejenige anderer
Familienmitglieder zu übertreffen pflegt, wirkt sich dessen Arbeitslosigkeit auf die Zahlungsfähigkeit seiner Familie abträglicher aus
als die Arbeitslosigkeit eines anderen Familienmitglieds. In den 3»5
Millionen Familien, in denen die Ehefrau oder ein anderer Verwandter
arbeitslos war, lag das Haushaltseinkommen im Durchschnitt um 800 Dollar
höher als in den 5»3 Millionen Familien, deren Oberhaupt arbeitslos war.
Offensichtlich arbeitete in vielen Familien das Oberhaupt auch dann
weiter und bezog sein reguläres Einkommen, wenn sich andere Familienmitglieder auf Stellensuche befanden, sonst könnte das persönliche
Einkommen von arbeitslosen Ehefrauen und Verwandten im Durchschnitt
nicht lediglich knapp ein Drittel des Gesamthaushaltseinkommens ausmachen. Allerdings war dieser niedrige Anteil zum Teil auch das Ergebnis ihrer Arbeitslosigkeit.
In etwa einem Viertel der 3*5 Millionen Familien, in denen die
Ehefrau oder ein anderer Verwandter arbeitslos war, steuerten dagegen
gerade diese Familienmitglieder immer noch mehr als die Hälfte zu den
Gesamteinkünften aus Löhnen und Gehältern bei. Ihre während der Arbeitslosigkeit erlittenen Einkommensverluste wirkten sich auf die Finanzkraft der Familie selbstverständlich recht ungünstig aus.
Zahl der Fafliilienangehörigen:,tfaMfrJGesfmteinkommen aller Haushalte,
deren Vorstand arbeitslos war, Ineugefr. schätzungsweise 19 Millionen
Personen (über 10 Prozent der amerikanischen Gesamtbevölkerung im
April 1962) bei. Dabei handelte es sich um 5»3 Millionen Familienoberhäupter, 4»7 Millionen Ehefrauen, 8,5 Killionen Kinder unter 18 Jahren
und 0,6 Millionen sonstige Angehörige und andere Personen. Haushalte,
deren Vorstand arbeitslos war, hatten nicht nur um ein Viertel niedrigere Durchschnittseinkünfte als der Durchschnitt aller Hauchalte und um
zwei Fünftel niedrigere Durchschnittseinkünfte als die Haushalte, deren
Vorstand einer Dauerbeschäftigung nachging, sondern standen auch vor der
Notwendigkeit, ihr niedrigeres Einkommen auf eine größere Zahl von Verbrauchern aufzuteilen. Beispielsweise hatten 26 Prozent der Familien,
deren Oberhaupt von Arbeitslosigkeit betroffen wurde, 3 oder mehr Kinder
unter 18 Jahren (eingeschlossen sind 14 Prozent Familien mit 4 und mehr
Tabelle 7

- 7-

�Tabelle 7
Bestreitung der Lebenshaltungskosten in Haushalten,
die von Arbeitslosigkeit betroffen wurden, nach Stellung
des Arbeitslosen* in der Familie und Dauer
der Arbeitslosigkeit 1961
(in Prozent)

Methode

Abheben von Ersparnissen
Durchschn.-Betrag (in Dollar)
Borgen von Geld
Durchsehn.-Betrag (in Dollar)

Insgesamt

Familienstand des
Arbeitslosen
Oberhaupt

Ehefrau Personen
ohne
u.sonst.
Verwandte Anhang

Dauer der Arbeitslosigkeit
5-26
Wochen

27 oder
mehr
Wochen

46,9

51,0

36,9

52,5

49,1

39,9

396

441

261

356

378

22,6

26,9

16,8

12,7

23,7

443
18,8

308

347

288

195

315

281

Umzug in billige
Wohnungen

9,5

11,2

6,6

8,5

8,8

12,0

Verkauf von Eigentum

4,3

4,3

4,7

3,4

4,3

4,5

H i l f e von Freunden
unverwandten a u ß e r halb des Uaru-uhalts 19,1

19,8

15,3

27,5

18,0

22,5

Barzuschüsse öffentl.u.private r
Wohlfahrtseinrichtungen

7,4

7,7

7,2

6,8

5,6

13,2

Sonstige öffentl.
Unterstützung

11,4

13,9

8,0

5,5

9,1

18,7

* siehe Tabelle 5, Anm.*

�mehr Kindern), während von den übrigen Familien 22 Prozent 3 und mehr
Kinder (eingeschlossen sind 11 Prozent Familien mit 4 und mehr Kindern)
besaßen. Anders gefaßt: Während 36 Prozent der von Arbeitslosigkeit
betroffenen Familien keine Kinder im angegebenen Alter hatten, waren
es bei den übrigen Familien 41 Prozent.
In Haushalten mit bis zu fünf Personen stieg das verfügbare Gesamteinkommen mit der Größe der Familie des arbeitslosen Vorstandes
an - eine Folge des Umstands, daß andere Familienmitglieder mitverdienen und das Familienoberhaupt zwischen Ende dreißig und Anfang
vierzig einen Höhepunkt der Erwerbsfähigkeit erreicht. Allerdings
nahm in Familien mit mehr als fünf Personen das Einkommen nur geringfügig zu und das Pro-Kopf-Einkommen stark ab.
Wie die Lebenshaltungskosten bestritten wurden: In sehr vielen
Haushalten reichte das Gesamteinkommen offensichtlich nicht aus, um
den Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Andere Mittel, wie Ersparnisse,
Kredite oder Hilfe von Freunden und Verwandten, mußten einen Ausgleich
schaffen. Auf solche Mittel wurde am ehesten dort zurückgegriffen, wo
das Familienoberhaupt arbeitslos war oder die Arbeitslosigkeit länger als
ein halbes Jahr andauerte.
Fehlende Einkünfte wurden in den meisten Fällen durch Ersparnisse
ausgeglichen. Fast 50 Prozent der Familien hoben Sparbeträge von durchschnittlich 400 Dollar ab (vgl. Tabelle 7)« Nahezu 25 Prozent der Familien borgten Geld, die Hälfte von ihnen 300 Dollar und mehr. Andere
Wege, die Lebenshaltungskosten während einer Arbeitslosigkeit zu bestreiten, schlössen Barzuschüsse und Lebensmittelzuwendungen öffentlicher
und privater Wohlfahrtseinrichtungen und den Umzug in billigere Wohnungen ein. Solche Auswege wurden am ehesten von jenen Familien gesucht,
in denen der Arbeitslose länger als 26 Wochen beschäftigungslos blieb.
(Quelle: "Monthly Labor Review",
Dezember 1963, Vol. 86, Nr. 12)
* * * * *

Druckereifachschule in Colorado Springs
Der technische Fortschritt hat seine Schattenseiten: Wo Arbeitnehmer nur unzureichend auf neue Produktionsmethoden vorbereitet sind,
bringt er Entlassungen. Auch die amerikanische Buchdruckergewerkschaft
ITU sah dieses Problem auf ihre Mitglieder zukommen. Deshalb gründete
sie bereits 1956 in Indianapolis (Indiana) ihre zentrale Druckereifachschule, die vor zwei Jahren nach Colorado Springs verlegt wurde.
Lehrgänge in moderner Druckereitechnik
Im Druckereiwesen vollzieht sich gegenwärtig ein Übergang von
konventionellen Setzmaschinen und Umbruchmethoden zu modernen Lichtsetzmaschinen und Klebeumbruchverfahren. In Colorado Springs können sich
ITU-1'.iitglieder an neuen Maschinen und in neuen Techniken ausbilden lassen. Einige technische Neuerungen und Erfindungen - z.B. die "ITU Ruling

- 9-

�Ruling Machine", mit der sich komplizierte Linienmatrizen und geometrische Formen in mikrometrischer Präzision herstellen lassen entstanden in der Gewerkschafts-Fachschule, deren Lehrkräfte anerkannte Experten ihres Fachgebietes sind.
Etwa 200 Gewerkschaftsmitglieder werden jährlich in Colorado
Springs ausgebildet. Diese Zahl vervielfacht sich in ihrer Wirkung,
da Absolventen der Fachschule später oft als Lehrer in örtlichen
ITU-Kursen tätig werden. Der Lehrplan ist sehr vielseitig und umfaßt
Kurse in Klebeumbruchtechnik, Layout, Photographie, Phototypie, Teletypie, Druckereielektronik, Druckplatten- und Klischeeherstellung
sowie Offset- und Farbdruck.
Im Mittelpunkt des Phototypie-Lehrganges steht die Ausbildung am
Fotosetter (Licht-Setzmaschine), der den Drucksatz photomechanisch
auf sensibilisiertem Papier oder auf Filmmaterial herstellt. Der Arbeitsablauf ähnelt dem der Zeilensetzmaschine, nur daß an die Stelle
des traditionellen Gießkessels eine Projektionseinrichtung tritt. Zum
Unterrichtspensum gehören auch der Umgang mit belichtetem Filmmaterial,
Korrekturlesen, Zurichten und sonstige Vorbereitungen für den Klebeumbruch.
Vorbild für Druckereifachschulen im Ausland
Die meisten Lehrgänge dauern drei Wochen bei täglich sieben Stunden Unterricht, von neun bis siebzehn Uhr mit einer Stunde Mittagspause. Auch zweiwöchige Auffrischungskurse für ehemalige Lehrgangsteilnehmer und Fachlehrer an örtlichen ITU-Schulen werden geboten .
Da Datenverarbeitungsanlagen auch im Druckereigewerbe immer größere
Bedeutung gewinnen, bereitet die Anstalt zur Zeit Kurse im Programmieren und in der Computer-Wartung vor.
Besucher aus aller Welt haben sich in den vergangenen Jahren
über die Unterrichtsprogramme und technischen Einrichtungen der ITUFachschule informiert. Zum Teil suchten sie Rat und Anregung für die
Gründung ähnlicher Schulen in ihren eigenen Ländern. Auch mancher
Druckereibesitzer hat sich hier über neue Drucktechniken beraten
lassen oder Mitarbeiter zum Studium neuer Verfahren, die in der eigenen Druckerei angewendet werden sollen, nach Colorado Springs geschickt .
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *
Die Firma zahlt den Doktorhut
Als Teilnehmer am betrieblichen Studienförderungsprogramm der bekannten Flugzeugwerke North American Aviation in El Segundo (Kalifornien) bemühen sich gegenwärtig über 5000 Mitarbeiter der Firma in Fernkursen zu Hause, in Abendkursen an Oberschulen und technischen Lehranstalten oder als Vollstudenten an Universitäten und Colleges um ihre
berufliche und allgemeine Weiterbildung. Der Betrieb vergütet den bildungsbeflissenen Mitarbeitern jeweils zwei Drittel der Studiengebühren
und erstattet auch das letzte Drittel, wenn sie den entsprechenden
Lehrgang oder das Studium mit Erfolg abschließen.
FirmenZuschüsse

. 10 -

�Firmenzuschüsse werden frühestens nach einjähriger Betriebszugehörigkeit gewährt und reichen von geringfügigen Beiträgen zu
brieflichen Fernkursen bis zu Summen, die bei Doktoranden in die
Tausende gehen. Zusätzlich zu den Finanzbeihilfen gewährt die Firma
gegebenenfalls Bildungsurlaub bis zu drei Jahren im Falle eines
Hochschulstudiums und ermöglicht Kursteilnehmern Teilzeit- oder
Schichtarbeit.
Das Studienförderungsprogramm geht auf das Jahr 1950 zurück,
als erstmals 133 Betriebsangehörige Studien- und Ausbildungsbeihilfen zugesprochen bekamen, eine Zahl, die sich bis 1963 auf rund
11 500 erhöht hat. Zunächst beschränkte sich das Programm mehr auf
die praktische Ausbildung, doch wurde es schon bald auf das CollegeStudium bis zum akademischen Grad eines Bachelor und 1956 schließlich auf das Universitätsstudium, einschließlich des Magister- und
Doktorexamens, ausgedehnt. Der Erfolg dieser Maßnahme spricht für
sich selbst, haben doch inzwischen 502 Mitarbeiter der North American
Aviation den Bachelor-Grad, 276 den eines Magisters und neun den
Doktortitel erworben.
Die Geschäftsführung hat eine eigene Bildungsabteilung eingerichtet, die die Anträge auf Studienförderung bearbeitet, die vorgeschlagenen Kurse oder Studien begutachtet und die Mittel bewilligt. Generelle Zustimmung besteht für die Ingenieurfächer sowie für Mathematik,
Physik, Elektronik und Betriebswissenschaften.
Nimmt man das Jahr 1954 als Indexjahr, so ist die Beteiligung am
Studienförderungsprogramm heute 441 Prozent, eine Tatsache, die nicht
zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß sich das Tätigkeitsgebiet der
Firma in den letzten Jahren auf den Bau von Raketentriebwerken und
die Reaktorentwicklung ausgedehnt hat. Die Aufwendungen der Firma
stiegen im gleichen Zeitraum von 84 500 Dollar auf 467 000 Dollar.
Die Empfänger der Studienbeihilfe verteilen sich auf eine große
Zahl von Anstalten, die von kommunalen Oberschulen am Arbeitsort bis
zu den besten Universitäten des Landes reichen. Die 150 Werksangehörigen,
die gegenwärtig auf Bildungsurlaub sind, studieren an 27 Colleges und
•Universitäten in 12 verschiedenen Bundesstaaten der USA, darunter so
bekannten Instituten wie der Stanford-Universität, dem California Institute of Technology in Pasadena, der Universität von Illinois in Urbana
und dem Polytechnic Institute in Brooklyn (New xork City).
"Die Förderung strebsamer Mitarbeiter durch Studienbeihilfen hat
uns die Möglichkeit gegeben, nicht nur einen Stamm von hervorragend
c.ualifizierten Fachkräften heranzuziehen, sondern auch das gesamte
Leistungsniveau in unseren Werken anzuheben", erklärte der Leiter
des Stipendien- und Erziehungsprogramms der.Firma, F.G. Rizzardi.
"Für den Mitarbeiter bedeutet erfolgreiche Beteiligung am Bildungsprogramm in der Regel eine Höhereirsbufung im Betrieb und für die
Firma einen Leistungszuwachs." Mr. Rizzardi sieht in dem Programm
eine Bestätigung seiner Überzeugung, daß der Leistungsstand der amerikanischen Industrie nicht zuletzt der Fähigkeit der Männer und Frauen
in den Werkshallen und Büros zu danken ist, sich neuen technischen
Entwicklungen und Ideen unverzüglich anzupassen.
(quelle: Eigenbericht)
* * * * *

- 11 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Schlichtungsbestirnmungen sollen Festliegen von Schiffen verhindern
Das Festliegen von Schiffen sollen künftig die Schlichtungsbestimmungen eines neuen Arbeitsvertrages verhindern, der im Januar
zwischen der Amerikanischen Seeleutegewerkschaft (National Maritime
Union - NMU) und dem Versorgungswerk der Schiffsingenieure (Marine
Engineers Beneficial Association - MEBA) auf der einen Seite und den
Schiffahrtslinien im Ost- und Golfküstenverkehr ausgehandelt worden
ist. Er beendete die Arbeitsstreitigkeiten, die u.a. zu einem viermonatigen Festliegen des Passagierschiffes "America" geführt hatten.
Arbeitsstreitigkeiten, in die Mitglieder der beiden Verbände verwickelt sind, sollen nach der neuen Regelung zwei Schiedsleuten, Theodore W. Kheel von der NMU und Donald Shoughnessy von der MEBA, unterbreitet werden, die zunächst als Vermittler fungieren und gegebenenfalls die Schlichtung betreiben. Sind die beiden Schiedsleute in der
Beurteilung eines Falles unterschiedlicher Auffassung, so sind sie
gehalten, einen dritten Schiedsmann hinzuzuziehen.
Bei dieser Form der Schlichtungsvereinbarung handelt es sich um
eine völlig neue Regelung, die nach Ansicht der Beteiligten geeignet
sein dürfte, bei Arbeitsstreitigkeiten auch in anderen Gewerbezweigen
Streiks zu verhindern.
*
New Yorker Transportarbeiter erhalten 35 Cent pro Stunde mehr
Einen neuen ZweiJahresvertrag mit dem New Yorker Verkehrsamt, der
rückwirkend ab 1. Januar in Kraft tritt, hat die Mitgliedschaft der
Transportarbeitergewerkschaft im Bereich New York ratifiziert. Der
Vertrag sieht eine Lohnerhöhung von insgesamt 35 Cent pro Stunde in
zwei Stufen vor. Hiervon sind 11 Cent ab Jahresbeginn zu zahlen, die
restlichen 24 Cent vom 1. Januar 1965 an.
Eine wesentliche Verbesserung erfuhr auch die Urlaubs- und
Feiertagsregelung. Transportarbeiter erhalten künftig nach fünfjähriger Dienstzeit vier und nach 25jähriger Dienstzeit fünf Yv'ochen bezahlten Urlaub. Es wurde ihnen ferner ein neunter bezahlter Feiertag
im Jahr sowie die Übernahme der Beiträge zur Krankenversicherung nach
der Pensionierung zugestanden.
*
Berufstätige im Alter von 75 Jahren und darüber
Die Zahl der Berufstätigen im Alter von 75 Jahren und darüber
betrug in den Vereinigten Staaten i960 nach Angaben des Statistischen
Bundesamtes der USA insgesamt 468 000. Von 340 000 berufstätigen Männern dieser Altersgruppe war der größte Teil in der Landwirtschaft, in
den akademischen Berufen und im Handwerk beschäftigt, während die
127 000 weiblichen älteren Beschäftigten größtenteils in Berufen tätig
waren, die mit Haushaltsführung und Kinderpflege und -erziehung in
einem engen Zusammenhang stehen.
Bei

12 -

�Bei den Männdern ergibt sich folgende Aufschlüsselung in einzelnen Berufen: Landwirte und -arbeiter rund 148 000, davon 69 000 als
Besitzer oder Pächter und 79 000 als Landarbeiter; Juristen, Anwälte
oder Richter 6000; praktische Ärzte und Chirurgen 46OO; Geistliche
3200; Immobilienhändler und -makler 5000; festangestellte Führungskräfte von Wirtschaftsunternehmen oder Eigentümer 3700; Zimmerleute,
Mechaniker und Gärtner jeweils 6000.

Zunahme der Bauarbeiterlöhne im Jahr 1965 um 3,5 Prozent
Eine Erhöhung der Stundenlöhne der Arbeiter im Bau- und Bauhilfsgewerbe um durchschnittlich 1,9 Cent bewirkte ein Steigen der tarifvertraglich vereinbarten Sätze per 2. Januar 1964 au? einen Durchschnitt von 4»13 Dollar; das sind 3&gt;5 Prozent mehr als per 2. Januar
des Vorjahres, wie das US-Bundesamt für Arbeitsstatistik (Bureau of
Labor Statistics) in der soeben veröffentlichten letzten Vierteljahresübersicht 1963 über die Lage in sieben Beruf s'sparten im Bau- und
Bauhilfsgewerbe in 100 Großstädten nachweist.
Am günstigsten schnitten die Elektriker ab, die ihre Durchschnittsstundenlöhne um 3»2 Cent auf 4*60 Dollar aufbessern konnten. Sie waren
gefolgt von den Zimmerleuten mit einer Zunahme um 2,3 Cent auf 4»26
Dollar pro Stunde und den Malern mit einer Steigerung um 2 Cent auf
4,00 Dollar pro Stunde.
Nach Angaben des Bundesamtes für Arbeitsstatistik ist diese Zunahme der Durchschnittslöhne auf die im Laufe des Jahres in Kraft getretenen Erhöhungen der Lohnsätze zurückzuführen, von denen jeder
fünfte Arbeiter auf dem Bausektor profitierte. Im Falle der Elektriker erfolgte eine Anhebung in 24 der 100 Städte, bei den Maurern in 18,
bei den Zimmerleuten in 17 und in anderen Sparten in mindestens 12
Städten.
«

Erster Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Ausschuß in der US-Bekleidungsindustrie
Als erste Gewerkschaft der amerikanischen Bekleidungsindustrie hat
sich die Gewerkschaft der Beschäftigten in der Damenoberbekleidungsindustrie (international Ladies' Garment Workers Union - ILGWU) zur Bildung eines Gemeinsamen Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Ausschusses bereit erklärt, in dem Arbeitsprobleme vor Beginn der üblichen TarifVerhandlungen
- d.h. rechtzeitig vor Ablauf des Tarifvertrages - besprochen werden sol
len. Sie erweitert damit den Kreis zahlreicher bereits bestehender Gremien dieser Art, die als bestes Mittel zur Verhinderung von Streiks
gelten. Beratungspartner der ILGWU ist die Firma Bobbie Brooks, Inc.,
Ausschußvorsitzender David L. Cole, ein bekannter Arbeitsschlichter.
Die Geschichte dieser gemeinsamen Beratungsausschüsse beginnt mit
dem Jahr 1949» &amp; ls sich nach einer Serie heftiger Streiks die amerikanische Bergarbeitergewerkschaft (United Mine Workers of America)
mit ihren Tarifpartnern aus der Bergbauindustrie bereits vor Beginn
von Kollektivverhandlungen zu Besprechungen zusammensetzte. Rund zehn

- 13 -

�zehn Jahre später wurde in der Stahlindustrie nach Beendigung des
1l6tägigen Streiks von 1959 mit der Gründung des Geraeinsamen Ausschusses für zwischenmenschliche Beziehungen (Joint Human Relations
Comraittee) aus Vertretern der Industrie und der Stahlarbeitergewerkschaft (United Steelworkers of America) ein weiterer wichtiger
Schritt auf diesem Gebiet getan. Im Haushaltjahr 1964» das am
30. Juni endet, sind bisher etwa 300 solche Ausschüsse neu gebildet
worden, gegenüber 213 im Haushaltjähr 19&amp;3 u n d 79 im Jahre davor.
Zwar liegt ihre Gesamtzahl noch immer verhältnismäßig niedrig, trotzdem ist der im vergangenen Jahr verzeichnete Streikrückgang nach Ansicht von Gewerkschaftsführern der APL-CIO wenigstens teilweise auf
die Arbeit dieser Beratungsgremien zurückzuführen. Im Jahr 19^3 wurden kaum mehr als eine Million Beschäftigte von Streiks betroffen;
das sind 16 Prozent weniger als 1962. Damit erreichte diese Ziffer
den niedrigsten Stand der letzten zwei Jahrzehnte.

(Quelle: Eigenbericht)
* * # * *

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung;. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 5

Bad Godesberg, den 1. Mai 1964

INHALTSVERZEICHNIS
Gewerkschaft und Automation - Dreimal Waffenstillstand
an der amerikanischen Westküste
Die betrieblichen Sozialkassen der Angestellten
in den USA (i)
US-Eisenbahnerstreik endgültig gebannt

Seite 1
Seite 10
Seite 13

Bruce Bliven, Dozent für Zeitungswissenschaft an der
Stanford-Universität in Kalifornien»
Gewerkschaft und Automation - Dreimal Waffenstillstand an der
amerikanischen Westküste*
Drei an der Westküste der Vereinigten Staaten abgeschlossene
Tarifverträge scheinen einen klaren und gangbaren Weg zu einem
freiwilligen Friedensschluß zwischen den Sozialpartnern in der
wichtigsten Einzelfrage, die sie trennt, aufzuzeigen - in der Frage der Automation. Jeder dieser Verträge enthält den Verzicht der
Gewerkschaft auf ihren Widerstand gegen arbeitsparende Neuerungen;
in jedem der Verträge zahlt der Arbeitgeber für diese Konzession
einen hohen Preis einschließlich der langjährigen Garantie, daß
kein Belegschaftsmitglied Härten in Kauf zu nehmen braucht, weil
ihn Maschinen von seinem Arbeitsplatz verdrängten. Prophezeiungen
sind immer etwas gewagt» mit Streiks dürfte jedoch während der
Laufzeit der Verträge kaum zu rechnen sein. Und zu einem Zeitpunkt,
zu dem der US-Kongreß angesichts des ganz Amerika berührenden Konflikts zwischen den Eisenbahngesellschaften und ihrem Personal
erstmals in Friedenszeiten ein Zwangsschlichtungsgesetz erlassen
hat, kommt den neuen,freiwillig geschlossenen Tarifvereinbarungen
besondere Bedeutung zu.

* (c) 1963 by The Reporter Magazine Company
- 1-

�\

Vereinbart wurden diese Neuregelungen zwischen der Unternehmensleitung und den Angestellten der Southern-Pacific-Eisenbahn, den Reedern und Hafenarbeitern an der Pazifikküste und auf Hawaii und der
Kaiser Steel Corporation und der Belegschaft ihres Stahlwerks in Fontana (Kalifornien).
Diese Vereinbarungen tragen die persönliche Handschrift von drei
Männern, die am Dreieckstisch, der für Kollektivverhandlungen immer
kennzeichnender wird, jeweils eine andere Seite repräsentierten. Im
Falle des Eisenbahnerkonflikts war es die überragende Persönlichkeit
Professor J. Keith Manns von der juristischen Fakultät der StanfordUniversität; der Hafenarbeiter-Vertrag ist in erster Linie das Werk
des Gewerkschaftsvorsitzenden Harry Bridges; und der Kaiser-Plan entsprang den Vorstellungen Edgar Kaisers, des Spiritus rector der Stahlwerke und fast aller übrigen von seinem Vater Henry J. Kaiser gegründeten Unternehmen.
Die drei Tarifabkommen wurden an nicht weit voneinander gelegenen
Orten erarbeitet - die beiden ersteren in San Francisco, das letztere
jenseits der Bucht von San Francisco im Kaiser-Hauptquartier in Oakland (Kalifornien). Dies beruht nur teilweise auf Zufall; denn der
Westen der USA scheint nicht so sehr wie der Osten an starre konservative Traditionen gebunden und eher zu kühnen Experimenten bereit zu
sein.
Zwar stimmen die Verträge in wesentlichen Zügen überein; andererseits weisen sie genug Unterschiede auf, die eine gesonderte Darstellung rechtfertigen.
Automation
_
_ ^ _ — ^ und
. ^ Schiedsverfahren
_ ^ ^ _ _ — _ _ —bei
_ _der
_ ^Southern
_ _ ^ _ Pacific
_ — _
Donald J. Russell, der energische 64jährige Präsident der Southern-Pacif ic-Eisenbahn, hat seine Gesellschaft zu einer der reichsten
Amerikas entwickelt. Dabei kam ihm die Tatsache zu Hilfe, daß ihr Strekkennetz von rund 12 900 km Gesamtlänge sieben Weststaaten der USA durchzieht, in "denen es kaum Konkurrenz für sie gibt. Russell ist seit Beendigung seines Studiums an der Stanford-Universität für die Southern
Pacific tätig. Kostensenkende und leistungssteigernde technische Neuerungen, einschließlich der Verwendung von Elektronenrechnern und anderen Geräten zur Reduzierung der Büroarbeiten, sind sein besonderes
Steckenpferd. In den fünf Jahren zwischen 1958 un d 1962 gelang es ihm,
40 Prozent seiner Büroangestellten - ungefähr 4500 Beschäftigte - einzusparen, obwohl die Transportleistung seiner Bahn um 11 Prozent zunahm.

(

Kein Wunder, daß die Gewerkschaft der Angestellten im Transportgewerbe (Brotherhood of Railway and Steamship Clerks, Freight Handlers,
Express and Station Employees) nicht besonders begeistert davon war und
dies auch zun Ausdruck brachte. James E. Weaver, Vorsitzender der Gewerkschaftsgruppe Southern Pacific und einer der härtesten Tarifverhandlungspartner, erhob nachdrücklichen Protest. Unterstützt wurde er
dabei von George M. Harrison, dem Präsidenten seiner Gewerkschaft, einem nicht minder energischen Mann am Verhandlungstisch. Die Klagen wurden so lautstark, daß Präsident Kennedy schließlich einen Sonderuntersuchungsausschuß unter Professor Mann einsetzte. Professor Mann beschäftigt sich fast seit dem Tag, an dem er 1949 sein juristisches Bakkalaureat (LL.B.) an der Universität Indiana ablegte, mit Arbeitsfragen. Während des Koreakrieges war er Vorsitzender des Prüfungs- und Berufungsausschusses (Review and Appeals Committee) des Lohnstabilisierungsamtes (Wage Stabilization Board); später befaßte er sich mit
- 2 -

�mit Arbeitsfragen der Atomenergiekommission (Atoraic Energy Commission),
war 1961 Mitglied der Präsidialkommission zur Regelung des Konflikts
zwischen den amerikanischen Plugingenieuren und ihren Luftfahrtgesellschaften und leitete die Schlichtungsverhandlungen in zwei Arbeitsstreitigkeiten bei Eisenbahngesellschaften.
Der Southern-Pacific-Ausschuß wurde im August 1962 gebildet. Am
31. Dezember unterbreitete Mann einen Bericht mit einigen weitreichenden Vorschlägen, die sich für beide Seiten als unannehmbar erwiesen.
Während noch weitere Untersuchungen im Gange waren, beraumte Weaver
mehrmals Streiks an, die er erst in letzter Minute verschob.
Die Gewerkschaft lehnte Personalkürzungen als Folge von Automation
nicht grundsätzlich ab. Umstritten war die Frage, wie rasch solche Kürzungen vorgenommen werden sollten. Der Gesellschaft wäre es, wenigstens
theoretisch, am liebsten gewesen, wenn jeder erwiesenermaßen überflüssige Arbeitsplatz möglichst schnell hätte freigemacht werden können. Die
Gewerkschaft hingegen wollte die Kürzungen auf möglichst niedrigem Niveau, etwa von zwei Prozent pro Jahr, halten, wie dies zwei Jahre zuvor
in einem gesonderten Tarifvertrag mit der Gewerkschaft der EisenbahnFernmeldetechniker (Order of Railroad Telegraphers) ausgehandelt worden war.
Im März 1963 war in einer Reihe von Fragen Einigung erzielt worden. Präsident Kennedy schlug daraufhin vor, Professor Manns Ausschuß
zu Schiedssprüchen in den ungelösten Fragen zu bevollmächtigen, zu deren Annahme sich beide Parteien im voraus verpflichten sollten. Dies
geschah, und innerhalb zehn Tagen war der Arbeitskonflikt endgültig bereinigt .
Wichtigster Vertragsgrundsatz war die Vereinbarung, den Abbau von
Arbeitsplätzen möglichst im Rahmen des "natürlichen Ausscheidens" von
Belegschaftsmitgliedern - durch Kündigung, Pensionierung, Beförderung,
Krankheit, fristlose Entlassung oder Tod - zu halten. Bei der Southern
Pacific erreicht der Personalrückgang auf diese Weise fünf bis sechs
Prozent im Jahr. Höchst selten ist in der amerikanischen Industrie bisher ein ähnlicher Vorschlag gemacht, geschweige denn akzeptiert worden.
Professor Manns Ausschuß formulierte mit seiner Erklärung, kein
Tarifvertrag dürfe die Finanzbasis des Arbeitgebers gefährden, einen
weiteren richtungweisenden Grundsatz:
"Unser Ausschuß kann keiner Regelung zustimmen, die die Konkurrenzfähigkeit eines Transportunternehmens beeinträchtigen würde. Nur
wenn es den Eisenbahngesellschaften freigestellt bleibt, kostensparende Neuerungen einzuführen, werden die Vereinigten Staaten auch in Zukunft über ein angemessenes und leistungsfähiges Transportsystem verfügen ... Eine sinnvolle Arbeitsplatzsicherung läßt sich nicht auf Kosten des Fortschritts erreichen."
Beim Abbau eines Arbeitsplatzes wird alles unternommen, um das betroffene Belegschaftsmitglied auf eine andere Tätigkeit im Betrieb umzuschulen. Alle zuständigen Regierungsstellen werden eingeschaltet, vor
allem jene. Behörden, die mit der Durchführung des Gesetzes zu Fragen
der Berufsförderung und Arbeitsmarktexpansion (Federal Manpower Development and Training Act) beauftragt sind, da Staat wie Privatwirtschaft
zur Hilfeleistung gegenüber den Opfern des stürmischen technischen Fortschritts verpflichtet sind.
Wird

�Wird jemand niedriger eingestuft als bisher, so findet ein Lohnausgleich zu seinen Gunsten statt. Lohnnebenleistungen, z.B. Krankenhausgelder, werden je nach Dienstalter auf einer bestimmten Höhe gehalten. Bei Versetzung in eine andere Stadt werden alle Unkosten,
einschließlich etwaiger durch den Verkauf des eigenen Hauses entstehender Verluste, ersetzt. Starre gewerkschaftliche Arbeitsplatzklassifizierungen wurden in vielen Fällen gelockert, um Belegschaftsmitglieder leichter in andere Arbeitsplätze einweisen zu können.
Ben wenigen tatsächlich freigesetzten Arbeitnehmern werden Wartegelder ausgezahlt, die teilweise aus Mitteln der Southern Pacific
und teilweise aus der Eisenbahner-Arbeitslosenversicherung stammen
und je nach Dienstalter maximal ein Jahr lang 70 Prozent und maximal
weitere vier Jahre lang 60 Prozent der bisherigen Bezüge betragen.
Don Russell hat allen Grund, mit dem neuen Tarifvertrag zufrieden zu sein. Ohne mit großen Schwierigkeiten bei seinen Angestellten
rechnen zu müssen, kann er so viel arbeitsparende Geräte einsetzen,
wie erfunden werden, und das Forschungsinstitut der Stanford-Universität arbeitet für ihn mit Hochdruck an Neuentwicklungen. Bei einem
Personalrückgang von jährlich fünf Prozent wird die Zahl seiner Angestellten in absehbarer Zeit so weit absinken, wie es mit der Betriebssicherheit zu vereinbaren ist. ,(Der abgebaute Arbeitsplatz
braucht, solange das Verhältnis eins zu eins zwischen natürlichem
Personalschwund und Arbeitsplatzabbau bestehen bleibt, nicht unbedingt mit demjenigen eines ausscheidenden Arbeitnehmers identisch zu
sein.)
James Weaver und George Harrison haben ebenfalls handfeste Gründe, zufrieden zu sein. So gut wie alle bei der Southern Pacific beschäftigten Gewerkschaftsmitglieder verfügen jetzt über garantierte
Arbeitsplätze. Und die wenigen, für die eine solche Garantie nicht
besteht, erhalten auf der Suche nach neuen Arbeitsplätzen jede erdenkliche Unterstützung.
Automation und Arbeitsfriede in den Pazifikhäfen
Die Pazifikküste und Hawaii, Domänen der Gewerkschaft der Hafenarbeiter und Lageristen (international Longshoremen's and V/arehousemen's Union - ILWU), erlebten in der Vergangenheit eine Reihe
hitziger Arbeitskonflikte. Hafenarbeit ist - oder war bisher - fast
ausschließlich mit schwerer körperlicher Anstrengung verbunden, die
zähe und kräftige Männer erfordert. Auch Reeder sind ein zäher, eigenwilliger Menschenschlag, vom V/ert persönlicher Initiative zutiefst
überzeugt, und dies, obwohl die amerikanische Handelsschiffahrt sehr
stark auf die Unterstützung der US-Regierung angewiesen ist. Reedern
behagt es nicht, Anordnungen entgegenzunehmen, schon gar nicht, wenn
sie von Gewerkschaftsfunktionären ausgehen. Immer wieder war es in
den vergangenen Jahren zu Ausständen gekommen: 1934 wuchs sich ein
Hafenarbeiter-Konflikt zu einem Generalstreik aus, in dessen Verlauf
drei Tote und zahlreiche Verletzte zu beklagen waren.
Zu ähnlichen Ausschreitungen ist es später nicht mehr gekommen,
aber die Spannungen zwischen beiden Seiten blieben bestehen. Die
Schwierigkeiten waren so groß, daß Reedereien ihre Frachten umzuleiten begannen, um ILWU-beherrschte Häfen möglichst zu umgehen.

- 4-

�Der Automation lieferte die Gewerkschaft ständige Rückzugsgefechte, in dem Versuch» ihren Mitgliedern einen möglichst hohen Beschäftigungsstand zu erhalten, selbst wenn dies nur durch "featherbedding",
d.h. durch die Schaffung bzw. Beibehaltung eigentlich überflüssiger
Arbeitsplätze, möglich war. "Vor Inkrafttreten des neuen Tarifvertrags
sah man auf den Kais gewöhnlich Trupps von Schauerleuten, von denen
nur die Hälfte arbeitete. Es konnte geschehen, daß Frachtgut aus den
Schiffsladeräumen direkt neben einem wartenden Lastkraftwagen abgesetzt und nicht weiterverladen wurde, weil erst einmal die gesamte Ladung gelöscht sein mußte. Obwohl moderne Kräne ungeheure Lasten heben
können, mußte jedes Kollo über 19 Zentner in leichtere Einzelstücke
aufgeteilt werden. Beschwerdefälle lösten zahlreiche Kurzstreiks aus.
Chef der ILWU-Gewerkschaft ist seit Jahrzehnten Alfred Renton
Bridges, der sich den Vornamen Harry zugelegt hat. Jahrelang versuchte
die amerikanische Regierung vergeblich, ihn auf Grund der Tatsache,
daß er bei seiner Einwanderung Kommunist gewesen und folglich illegal
ins Land gekommen sei, in seine Heimat Australien abzuschieben. Heute besitzt Bridges die amerikanische Staatsbürgerschaft und bezeichnet
sich als Republikaner. V/elcher politischen Richtung er auch zuneigen
mag, er hat sich als einer der fähigsten und umsichtigsten Gewerkschaftsführer der USA erwiesen.
Vor einigen Jahren begann Bridges am Sinn gewerkschaftlicher
Kampfmaßnahmen gegen die Automation zu zweifeln. Trotz aller Opposition war der Portschritt eine unabänderliche Tatsache; und wenn es in
Konflikten, in denen auch technische Probleme eine Rolle spielten, zu
Schiedssprüchen kam, zog die Gewerkschaft oft den kürzeren. Die Öffentlichkeit war gegen "featherbedding" eingestellt, und jeder weitere Widerstand schien einfach töricht. Seine Ansicht kam in einem Sonderbericht eines Gewerkschaftsausschusses zum Ausdruck, der an Hand einer
Fülle von Fakten und Ziffern nachwies, daß die Automation Arbeitsplätze nicht in dem Maße überflüssig macht wie gemeinhin angenommen. Dort
hieß es weiter:
"Unsere derzeitige Politik läßt sich als ein nur gelegentlich unterbrochener Partisanenkrieg gegen alle Wandlungen beschreiben, von
denen wir annehmen, daß sie den Bedarf an Menschen herabsetzen ...
Wollen wir an ihr festhalten oder eine flexiblere Politik einschlagen,
um mit ihrer Hilfe bestimmte Vorteile einzuhandeln?"
Die Reeder sind im Pazifik-Seeschiffahrts-Verband (Pacific Maritime Association) unter dem Vorsitz ihres betont höflichen, sehr eleganten und energischen Präsidenten J. Paul St.Sure zusammengeschlossen.
Als wieder einmal Arbeitsniederlegungen bevorstanden, soll Bridges mit
den Worten zu St.Sure gekommen sein: "Ein Streik wird Sie 70 Millionen
Dollar kosten. Geben Sie uns die Hälfte der eingesparten Kosten als
unseren Anteil, und wir werden gegen die Automation nichts mehr einwenden und die nächsten fünf Jahre auf Streiks verzichten." (Wie jeder
vernünftige Berichterstatter habe ich allerdings auf eine Überprüfung
dieser Geschichte tunlichst verzichtet, damit sie sich nicht als falsch
herausstellt; immerhin entsprach der endgültige Tarifvertrag ziemlich
genau diesen Bedingungen.)
Bridges wie St.Sure hatten jahrelang mit Starrköpfen in ihren eigenen Reihen zu kämpfen. Schauerleute werden gewöhnlich von Subkontraktoren beschäftigt, die ihre Arbeitskräfte auf der Basis Lohnaufwand

-5

�Lohnaufwand plus Unternehmerzuschlag vermieten. In der Praxis geben
jedoch die Reeder den Ton an, und einige von ihnen waren über die Zumutung empört, das Recht zu Verbesserungen der Lade- und Löschvorgänge im Hafen jemandem erst abkaufen zu müssen. Viele Gewerkschaftsmitglieder wetterten gegen den Gedanken, auf Kosten der Schauerleute mehr
Maschinen einzusetzen; und die Ortsgewerkschaft Los Angeles stimmte
schließlich auch gegen den Plan.
Trotzdem wurde er 1961 schließlich angenommen. Die Vereinbarungen
Sehen im Verlauf von fünfeinhalb Jahren Zahlungen in einer Gesamthöhe
von 29 Millionen Dollar vor, die in einen von Gewerkschaft und Reedereien gemeinsam kontrollierten Sonderfonds fließen. Er garantiert jedem Hafenarbeiter, ob es für ihn Arbeit gibt oder nicht, einen Hindestwochenlohn, dem als Rechnungseinheit zur Zeit 35 Arbeitsstunden
bei einem Stundenlohn von mehr als vier Dollar zugrunde liegen. Jeder
Hafenarbeiter wird mit 65 Jahren pensioniert; bei seinem Ausscheiden
erhält er ungeachtet irgendwelcher sonstiger Rentenansprüche eine einmalige Abfindung in Höhe von 7920 Dollar. Wahlweise ist auch eine Pensionierung mit 62 Jahren möglich; die Abfindung wird in diesem Falle
in monatlichen Raten von 220 Dollar ausgezahlt.
Bei Unterzeichnung des Tarifvertrags rechnete man mit einer Pensionierung von vier Prozent der Hafenarbeiter pro Jahr. In Wirklichkeit lag die Zahl doppelt so hoch. Obwohl bei uneingeschränkter Automatisierung der einzelne Arbeiter weit mehr leistet als früher, führte eine starke Geschäftsbelebung zu Arbeitskräftemangel. Bridges hat
seine Leute in letzter Zeit wegen ihres Widerstands gegen die Neuaufnahme von Mitgliedern kritisiert, und seine Gewerkschaft ist zur Zeit
dabei, ihre Reihen mit tausend Arbeitern, die einige Hafenerfahrung
besitzen, aufzufüllen.
St.Sure und seine Reeder haben guten Grund, mit dem Tarifvertrag
zufrieden zu sein. Frachtgut wird jetzt vielfach in riesigen plombierten Behältern umgeschlagen, so daß Schiffe oft nur noch 24 Stunden
statt acht Tage im Hafen zu liegen brauchen, wodurch sich täglich Tausende von Dollar einsparen lassen. Die zahlreichen Kurzstreiks früherer Tage konnten ebenfalls eingedämmt werden. Schlichter stehen zu jeder Stunde bereit, um Arbeitskonflikte umgehend an Ort und Stelle zu
bereinigen. Diebstähle, die Plage aller Hafenstädte, haben stark abgenommen.
Die Lohnkosten sind gesunken; schon ein Rückgang um nur fünf Prozent gleicht die jährlich fälligen Zahlungen an den Sonderfonds aus,
und diese fünf Prozent sind längst überschritten. Wenn die Zahl der
Beschäftigten um ein Drittel reduziert werden kann - bei Lage der Dinge eine wohlbegründete Erwartung -, dürften sich für die Reeder Einsparungen in Höhe von 40 Millionen Dollar pro Jahr ergeben.
Aber auch die Vorteile für die Gewerkschaft sind nicht zu verachten. Unregelmäßige Beschäftigung gehört der Vergangenheit an. Jeder
Arbeitnehmer erhält seinen Lohn, ob Arbeit für ihn vorhanden ist oder
nicht, und wird mit 65 bzw. 62 Jahren pensioniert.
Automation und Erfolgsbeteiliffunp; im Kaiser-Werk Fontana
Das neue Tarifabkommen im Kaiser-Stahlwerk in Fontana, einige Kilometer östlich von Los Angeles gelegen, ist in mancher Hinsicht der

- 6 -

�der bemerkenswerteste der drei Kollektivverträge.* Sein Zustandekommen verdankt es Edgar Kaiser, dem liebenswürdigen und unermüdlich
arbeitenden 55jährigen Sohn des berühmten Henry J. Kaiser. Im zweiten V/eltkrieg baute Kaiser, der Ältere, mit solcher Geschwindigkeit
Schiffe, daß man sich, wie es hieß, beim Stapellauf des einen schon
vor dem nächstfolgenden in acht nehmen mußte. Mit 81 Jahren durchstreift Henry J. Kaiser heute die Hawaii-Inseln und hinterläßt beinahe auf Schritt und Tritt einen neuen Hotelgroßbau. Edgar hat die
Gesamtleitung des Kaiser-Imperiums übernommen, das neben Stahlwerken auch Ingenieurfirmen, Automobil-, Zement-, Gips-, Aluminium-,
Chemie-, Plugzeug-, Elektronik- und andere Werk« umfaßt. Von seinem
Vater wurde er in eine harte Schule genommen. Mit 22 Jahren arbeitete er an einer Erdgasleitung, die zwischen Kansas und Texas verlegt wurde; danach war er am Bau der Boulder-, Bonneville- und GrandCoulee-Staudämme beteiligt, ehe er sich in Portland (Oregon) mit dem
Bau von Kriegsschiffen befaßte.
Fontana ist ein ultramodernes Drei-Millionen-Tonnen-Stahlwerk.
Trotz seiner Leistungsfähigkeit wies seine Jahresbilanz gewöhnlich
rote Zahlen auf, und es wurde von den übrigen Kaiser-Werken mitgetragen. Zum Teil lag dies an der ausländischen Konkurrenz, zum Teil
auch an der Tatsache, daß sich Aufträge für Fertigstahl aus dem Inlandsmarkt normalerweise in bescheidenem Rahmen bewegen und kostspielige Umstellungen im Maschinenpark notwendig machen. Edgar Kaiser unterhielt stets gute Beziehungen zu seiner Belegschaft, und
1959 war er im amerikanischen Stahlarbeiterstreik der erste, der aus
der Front der Stahlfirmen ausscherte und mit der amerikanischen Stahlarbeitergewerkschaft (United Steelworkers of America) eine Sonderregelung traf.
V/ie vielen anderen Unternehmern waren ihm die ermüdenden, unter
dem Druck drohender Streiks sich tage- und nächtelang hinziehenden
Tarifverhandlungen im Laufe der Jahre zuwider geworden. Er rief ein
Gremium von Arbeitssachverständigen und Vertretern der Stahlarbeitergewerkschaft zusammen, mit denen er gemeinsam überlegte, was zu
unternehmen sei. Nach monatelangen Beratungen legten sie den heute
gültigen Vertrag vor, der von den Arbeitern der Fontana-Stahlwerke
am 1. März 1963 angenommen wurde. Nach Edgar Kaisers Vorstellungen
sollte eine Lösung gefunden werden, die "die Chance bietet, in Wirt«
schaftsfragen Tarifvertragsfristen vollkommen zu eliminieren".
Dem neuen Plan zufolge werden alle Betriebskosteneinsparungen,
die sich gegenüber der Berechnungsgrundlage des Jahres 1961 ergeben,
im Verhältnis zwei zu eins zwischen dem Unternehmen und der Belegschaft aufgeteilt. Da ungefähr 50 Prozent der Unternehmensgewinne sofern solche erzielt werden - als Steuern abzuführen sind, spricht
das Management der Kaiser-Werke gerne von einer Dreiteilung - zugunsten des Unternehmens, der Belegschaft und der Öffentlichkeit.
Bei Abbau eines Arbeitsplatzes wird der betroffene Arbeitnehmer
einer Arbeitsreserve zugeteilt. Ein Jahr lang bleibt sein Normalstundenlohn garantiert und bis zu seiner Einweisung in einen neuen
* vgl. auch Internationale Arbeitsmitteilungen XVI-6, 1. Juni 1963,
Seite 1-2

- 7-

�neuen Arbeitsplatz auch sein Anstellungsvertrag. Stahlarbeit bedeutet wie Hafenarbeit auch bei den heutigen technischen Hilfsmitteln Schwerarbeit. In Fontana beträgt die normale Personalabgangsrate acht Prozent pro Jahr, und die Unternehmensleitung rechnet damit, daß der Arbeitsreserve niemand im Durchschnitt länger
als fünf bis sechs Monate angehören wird. Kaiser gibt auch die Garantie, die Stundenlöhne und Lohnnebenleistungen auf dem Niveau
zu halten, das von der Stahlarbeitergewerkschaft in künftigen, die
gesamte Stahlindustrie umfassenden Kollektivverhandlungen ausgehandelt wird.
Wie andere Stahlwerke zahlte auch Kaiser bestimmten Facharbeitern besondere Lohnanreizprämien. Diese Belegschaftsmitglieder
konnten wählen, ob sie unter den alten Bedingungen oder mit Zustimmung der Mehrheit ihrer Betriebsgruppe im Rahmen des neuen Tarifvertrags weiterarbeiten wollten. Wenn sie sich für das neue System entschieden, erhielten sie eine Ablösungssumme bis zu 5000
Dollar.
Für das Unternehmen selbst enthält der neue Plan mehrere wichtige Vorzüge. Er bietet der Belegschaft einen sehr realen Anreiz
zur Ausarbeitung zeit- und kostensparender Neuerungen. Kurzstreiks
sind ebenso wie die vollständige Arbeitsniederlegung nach Ablauf
des Tarifvertrags ziemlich unwahrscheinlich geworden.
Nicht minder bedeutend sind die Vorteile für die Belegschaft.
Ihre Arbeitsplätze sind gegen alles abgesichert, außer gegen die
Folgen einer ernsten Wirtschaftsdepression', in der so gut wie jede
Arbeitsplatzgarantie hinfällig wird. Wenn ein Belegschaftsmitglied
neue ertragssteigernde Verfahren entwickelt, wird sich dies auf seinem Lohnscheck - und dem seiner Kollegen - niederschlagen. In den
beiden ersten Monaten nach Inkrafttreten des Kaiser-Plans betrugen
die Betriebskosteneinsparungen im Vergleich zum gleichen Zeitraum
des Jahres 1961 insgesamt 2 158 000 Dollar, wobei sich der Belegschaftsanteil auf 700 000 Dollar oder 25 Prozent des Gesamtlohnbetrags der beteiligten Arbeitnehmer belief.
Auch für die Kunden des Stahlwerks bringt der neue Plan einen
entscheidenden Vorteil: Da Streiks kaum zu befürchten sind, dürfte
es sich für sie erübrigen, größere Lager anzulegen und das Risiko
einer Qualitätsminderung einzugehen.
Das Problem der "Ungeborenen"
Die drei Tarifabkommen verdeutlichen eine Reihe von Schlußfolgerungen, die sich hinsichtlich der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern in der amerikanischen Wirtschaft ziehen lassen.
Klar scheint zu sein, daß keine Gewerkschaft ohne Kampfmaßnahmen irgendwelche Regelungen akzeptieren dürfte, die für einen großen
Teil ihrer Mitglieder den Verlust des Arbeitsplatzes ohne eine angemessene Absicherung ihrer Zukunft nach sich zieht. Sie werden dies,
solange kein gesetzliches Verbot besteht, ohne Rücksicht auf gesamtwirtschaftliche Auswirkungen durch Streiks zu verhindern suchen» Sind
sie erbittert genug, dann werden sie auch Wege zur Umgehung bestehender Gesetze finden. Denn auch heute gilt noch das Wort, das John L.
Lewis einmal prägte: Kohle kann man nicht mit Bajonetten graben.
Klar

- 8 -

�Klar ist aber auch, daß nur wenige Arbeitgeber ein "featherbedding" größeren Ausmaßes hinnehmen werden, es sei denn unter Zwang.
Die öffentliche Meinung wird, sobald sie die Tatsachen kennt, auf
ihrer Seite stehen.
Da Lohnfragen und Beschäftigungsbedingungen mehr und mehr an
Bedeutung verlieren und sich Tarifverhandlungen stärker auf Fragen
der Arbeitsplatzgarantie und Pensionsrechte konzentrieren, gibt es
immer mehr Gebiete, auf denen die Interessen von Gewerkschaften und
Unternehmen identisch sind oder parallel laufen. Die Vorstellungen,
die man von einander hat, sind auf beiden Seiten vielfach etwas überholt. Einige Gewerkschaften übersehen die Tatsache, daß die meisten
Firmen heute von Gehaltsempfängern geleitet werden, die, wenn überhaupt, nur einen kleinen Teil der Firmenaktien besitzen und in betriebswirtschaftlichen Fragen, einschließlich der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen, bestens versiert sind. Auch die Arbeitgeber zögern, eine neue Generation von Gewerkschaftsführern anzuerkennen, die
von Wirtschaft und Finanzen ebenso viel verstehen wie ihre Partner
am Verhandlungstisch und deren Ziel die wirtschaftliche Blüte des Unternehmens und ihres Landes ist.
Vereinbarungen wie die drei beschriebenen können unmöglich in
einer Krisenatmosphäre, unter dem Druck drohender Streiks, erzielt
werden. Sie geben daher jener Bewegung Auftrieb, die überall an Bedeutung gewinnt und fortgesetzte Verhandlungen zwischen den Tarifpartnern im Rahmen ständiger Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Ausschüsse über
das ganze Jahr hin fordert.
Mehr und mehr wird man bei Kollektivverhandlungen mit einer Hinzuziehung neutraler dritter Parteien rechnen können, geschulter Sachverständiger, die ihre am Verhandlungstisch gesammelten Erfahrungen
von Industrie zu Industrie weitergeben werden.
Schließlich sollte man auch nicht übersehen, daß diese und ähnliche Tarifverträge nur für die bereits vorhandenen oder als unmittelbarer Ersatz einzustellenden Gewerkschaftsmitglieder Gültigkeit besitzen. Unberücksichtigt bleiben jene - wie Gewerkschaftsexperten sie
bezeichnen - "Ungeborenen", die jetzt erst heranwachsen und den Gewerkschaften später einmal beigetreten wären. Ihr Problem bleibt bestehen, und es wird nicht leicht zu lösen sein.
(Unwesentlich gekürzt)
(Quelle: "The Reporter", 7« Nov. 1963)
Nachdruck nur mit Angabe des Verfassers,
der Quelle und dem Vermerk "(c) 196} by
The Reporter Magazine Company" auf der
ersten Seite des Abdrucks gestattet.

* * * * *

- 9-

�Harry E. Davis, Mitarbeiter der Abteilung Arbeitgeber-ArbeitnehmerBeziehungen im US-Arbeitsministerium:
Die betrieblichen Sozialkassen der Angestellten in den USA
Die in die vorliegende Untersuchung einbezogenen 50 Betriebe hatten größtenteils getrennte Pensionskassen für Arbeiter und Angestellte;
die Mitgliederzahl der Angestelltenkassen reichte von 1000 bis zu einigen hunderttausend. Nur einige wenige Firmen (z.B. die U.S. Steel
Corporation) hatten eine einzige, gemeinsame Kasse für Lohn- und Gehaltsempfänger. Andererseits gab es bei neun Unternehmen jeweils zwei
Pensionskassen für Angestellte, von denen die eine als beitragsfreie
Grundkasse und die andere als beitragspflichtige Zusatzkasse für solche Angestellte eingerichtet wurde, die besonderen Spezifikationen
genügen. Mitarbeiter der Union Carbide Corporation werden beispielsweise mit der Einstellung automatisch Mitglied der Grundkasse und können nach Beendigung des ersten Dienstjahres der Zusatzkasse beitreten,
sofern ihr Gehalt 3000 Dollar pro Jahr übersteigt.
Von den 50 untersuchten Sozialkassen gewähren 31 zusätzlich zu
Leistungen der Altersversicherung auch sämtliche der anderen drei Leistungsformen moderner betrieblicher Sozialversicherungen: vorgezogene
Altersrente, Invaliditätsrente und beitragsfreie Aufrechterhaltung der
Ansprüche bei Ausscheiden aus dem Betrieb. Von diesen 31 Kassen gewähren 14 ein Sterbegeld im Falle des Ablebens des Versicherten während
seiner Betriebszugehörigkeit oder nach der Versetzung in den Ruhestand,
und zehn zahlen überhöhte Altersrenten für den Fall, daß der Angestellte
auf Wunsch der Gesellschaft in beiderseitigem Einvernehmen vor Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand tritt.
Die Mitgliedschaft bei einer Angestelltenpensionskasse ist nicht
in jedem Betrieb zwangsweise oder zwangsläufig mit der Einstellung gekoppelt. Sehr häufig wird dem Angestellten eine gewisse Betriebszugehörigkeitsdauer, die Erreichung eines bestimmten Alters, ein bestimmtes Mindestgehalt oder eine Kombination dieser Erfordernisse für den
Beitritt zur Bedingung gemacht. Die Kriterien für die Aufnahmefähigkeit liegen bei einem Alter zwischen 25 und 35 Jahren, einer Betriebszugehörigkeitsdauer von 6 Monaten bis zu 5 Jahren und einem Hindestjahresgehalt von 4200 bis zu 4800 Dollar.
Bei einigen Kassen kommt die Forderung nach Ableistung einer bestimmten anrechnungsfähigen Dienstzeit als Voraussetzung für den Beitritt einem Ausschluß neueingestellter Personen höheren Alters gleich.
Dies geschieht dergestalt, daß die Betriebszugehörigkeitsdauer nach
Erreichung eines bestimmten Lebensalters nicht mehr auf die 'dienstzeitmäßigen Voraussetzungen für den Beitritt zur Pensionskasse angerechnet wird, oder auch in der V/eise, daß alle Mitarbeiter bei Erreichung einer bestimmten Altersgrenze ohne Rücksichtnahme auf etwaige
Dienstzeiterfordernisse als Voraussetzung für die Erlangung einer Rente aus der betrieblichen Pensionskasse zwangsweise in den Ruhestand
versetzt werden. Die Sozialkasse der Douglas Aircraft Company verlangt
beispielsweise eine zehnjährige Betriebszugehörigkeit als Voraussetzung für die Gewährung von Altersrente, rechnet aber über das 65. Lebensjahr hinaus geleistete Dienstjahre auf die Wartefrist nicht an;
das bedeutet, daß allen Personen, die im Alter von 55 und darüber neu
eingestellt werden, die Erlangung einer Rente aus der betrieblichen
Pensionskasse unmöglich ist.
„,,
Altersrente
10 -

�Altersrente
Fast bei sämtlichen betrieblichen Pensionskassen der Angestellten gilt das 65« Lebensjahr für männliche und weibliche Angestellte
ebenso wie bei den Sozialkassen der Arbeiter als normale Altersgrenze. Zwei Pensionskassen, die die Altersgrenze mit 60 Jahren angesetzt
haben, rechnen auch über dieses Alter hinaus geleistete Dienstzeit
auf die Rente an. In 39 Pensionskassen sind gewisse Voraussetzungen
bezüglich der Betriebszugehörigkeitsdauer und des Lebensalters zu erfüllen. Y/enngleich die geforderte Betriebszugehörigkeitsdauer zwischen
einem'und dreißig Jahren schwankt, sind bei 21 der Kassen fünf Jahre
und weniger erforderlich. Bei 32 Betriebskassen gibt es eine Bestimmung bezüglich eines Zwangspensionierungsalters, nach dessen Erreichung der Arbeitgeber den Arbeitnehmer zwangsweise in den Ruhestand
versetzen kann. Etwa ein Drittel der Kassen sieht eine automatische
Pensionierung nach Erreichnung einer bestimmten Altersgrenze vor,
über die hinaus keiner der Angestellten arbeiten darf. Die Altersgrenze für die Zwangspensionierung liegt in den meisten Fällen bei
65 Jahren, die für die automatische Pensionierung zwischen 65 und 70
Jahren.
Die Höhe der Leistungen der Pensionskassen hängt im allgemeinen
vom Gehalt und vom Dienstalter ab, jedoch besteht nur bei drei Kassen
ein Unterschied in der Rentenhöhe allein auf Grund der Betriebszugehörigkeitsdauer. Eine Kasse, die der North American Aviation, kombiniert beide Elemente, indem sie für jedes Dienstjahr eine Monatsrente von 2,50 Dollar zuzüglich 1,5 Prozent des Monatsgehaltsanteils
auszahlt, der 350 Dollar übersteigt.
Viele Pensionskassen gewähren Angestellten, die lediglich den
Mindesterfordernissen genügen, eine Rente, die nach einer für sie
günstigeren Formel als der zur Bestimmung der normalen Rentenansprüche errechnet wird. Im allgemeinen begünstigt diese Formel die Angestellten der niedrigeren Gehaltsgruppen, und in manchen Fällen findet sie überhaupt nur auf Angestellte mit niedrigen Gehältern oder
kurzer Dienstzeit oder beidem Anwendung.
Die Leistungen der betrieblichen Sozialkassen können gegen die
der staatlichen Sozialversicherung nach der sogenannten Verdrängungsmethode oder auf Grund der sogenannten Anteile-Rechnung aufgerechnet
w.erden. Die Verdrängungsmethode, derzufolge die Grundleistungen aus
der staatlichen Sozialversicherung teilweise oder ganz von den Leistungen der betrieblichen Sozialkasse abgerechnet werden,findet bei
neun der untersuchten Pensionskassen Anwendung. Bei der Mehrzahl der
Kassen bedient man sich der Anteile-Rechnung, bei der zwischen dem
Gehaltsanteil, der im Zeitpunkt der Aufstellung oder Revision der
Rentenformel der Sozialversicherungssteuer unterlag, und dem Gehaltsanteil unterschieden wird, der die Besteuerungsgrenze übersteigt; für
beide Gehaltsanteile werden gewisse Prozentsätze festgesetzt, mit denen sie bei der Rentenberechnung der Pensionskasse zu berücksichtigen
sind. So gewährt beispielsweise die Pensionskasse der Firma Hart,
Schaffner and Marx eine Monatsrente pro Dienstjahr in Höhe von 0,75
Prozent jenes Teils des Monatsgehalts, der unter 350 Dollar liegt,
und von 1,75 Prozent des darüber hinausgehenden Betrags. Andere Pensionskassen wiederum richten sich bei der Aufgliederung der Arbeitseinkünfte nach der jeweiligen Grenze der SozialVersicherungsteuer.

11 -

�Sozialversicherungssteuer, so daß ihre Formeln den jeweiligen Stand
der Sozialversicherungsgrenze einbeziehen. So sieht z.B. die Pensionskasse der American Airlines die Berechnung der Leistungen nach
einer Formel vor, der zufolge die Monatsrente pro Dienstjahr 1,25
Prozent des Gehaltsanteils beträgt, der der Sozialversicherungssteuer unterliegt, und 2 Prozent des Teils, der diesen Betrag übersteigt .
Von den Pensionskassen mit variablen Leistungen wurde lediglich
eine, die des Zeitschriftenverlages "Time", in die Untersuchung einbezogen. Die Rente setzt sich aus der nach der Rentenformel errechneten Grundrente und einer veränderlichen Zusatzrente zusammen, die
sich nach den Erträgen der investierten Rücklagen des Fonds richtet.
Um Vergleiche der Leistungen der Kassen zu ermöglichen, wurden
sie durch das US-Bundesamt für Arbeitsstatistik für die hypothetischen Fälle von Angestellten berechnet, die im Alter von 65 Jahren
nach 20- oder 30jähriger Betriebszugehörigkeit in den Ruhestand treten und Jahresgehälter von 4800, 10 000 bzw. 15 000 Dollar bezogen
haben. Bei der Berechnung wurde des weiteren von der Hypothese ausgegangen, die Angestellten hätten die betreffenden Gehälter während
ihrer ganzen Dienstzeit in gleicher Höhe bezogen, um auf diese Weise die (bei 18 Kassen große) Differenz zwischen den Leistungen auszugleichen, die auf der Basis des "Schlußverdienstes" (des Gehalts
in den letzten oder bestbezahlten fünf oder zehn Jahren) berechnet
werden, und denen, die auf dem echten Durchschnittsgehalt während
der ganzen Beschäftigungsdauer beruhen. Auf Grund dieser hjrpothetischen Annahme betrug die monatliche Rente bei der Hälfte der Kassen
bei Angestellten mit einem durchschnittlichen Jahresverdienst von
4800 Dollar und 20 anrechnungsfähigen Dienstjahren 80 Dollar und
mehr. Rechnet man diesen Betrag zur maximalen Grundrente aus der
staatlichen Sozialversicherung in Höhe von 127 Dollar hinzu, so gewährleisten die betriebliche und die staatliche Rentenversicherung
den Ruhegeldempfängern im Regelfall ein Einkommen in Höhe von mehr
als 50 Prozent ihres letzten Gehalts. Angestellten der gleichen Gehaltsstufe mit 30 Dienstjahren gewähren die Pensionskassen normalerweise eine Rente von 120 Dollar pro Monat, abgesehen von der staatlichen Sozialrente.
Die Leistungen der Pensionskassen an Angestellte mit Jahresgehältern von 10 000 bzw. 15 000 Dollar sind bei dieser Art der Berechnung mehr als zwei- bzw. dreimal so hoch wie die an Angestellte
der Gehaltsklasse von 4800 Dollar. So bezieht ein Angestellter mit
einem Jahresgehalt von 10 000 Dollar und 20 oder 30 Dienstjahren im
Hypothesefall eine Monatsrente von 190 bzw. 289 Dollar, das ist etwa das 2,4fache des Betrags, den ein Angestellter mit 4800 Dollar
Jahresgehalt bei gleichem Dienstalter erhalten würde. Die verhältnismäßig hohen Leistungen im Falle der hochbezahlten Angestellten rühren aus der Addition der Leistungen aus der betrieblichen Sozialkasse und der Renten aus der staatlichen Sozialversicherung her. Da aber
die Pensionskassen in praxi meist einen Leistungsausschluß in Höhe
der Rente der staatlichen Sozialversicherung oder eines Teils derselben kennen, lag die Gesamtrente aus der privaten und der staatlichen
Altersversicherung bei Angestellten mit 10 000 und 15 000 Dollar im
Jahr in Wahrheit unter dem Zwei- bzw. Dreifachen der Gesamtrente&lt; der

�der Angestellten der Gehaltsklasse von 4800 Dollar. Die Gesamtrente eines Angestellten mit 10 000 Dollar im Jahr und 30 Dienstjahren
beträgt im Mittel der Pensionskassen 416 Dollar pro Monat - das
entspricht der Hälfte seines Gehalts - gegenüber 247 Dollar im Falle eines Angestellten mit 4800 Dollar im Jahr und gleichem Dienstalter. Die Rente eines Angestellten mit 15 000 Dollar pro Jahr ist
im allgemeinen um 50 Prozent höher als die eines Angestellten mit
10 000 Dollar pro Jahr, (wird fortgesetzt)
(unwesentlich gekürzt)
(Quelle: "Monthly Labor Review",
Januar 1964, Vol. 87,
Nr. 1)

* * * * *

US-Eisenbahnerstreik endgültig gebannt
Der drohende Streik der amerikanischen Eisenbahner mit allen
seinen Konsequenzen für die US-Y/irtschaf t und letztlich das ganze
amerikanische Volk ist abgewendet. Präsident Johnson, der sich persönlich für eine friedliche Einigung zwischen den Bahnen und den
fünf Eisenbahnergewerkschaften eingesetzt hatte, ließ es sich nicht
nehmen, diese Nachricht dem amerikanischen Volk in einer Fernsehsendung am späten Abend des 22. April - rund 48 Stunden vor Ablauf des
kürzlich auf seine Initiative hin vereinbarten 15tägigen Stillhalteabkommens - selbst mitzuteilen.
Konzessionen auf beiden Seiten
Beide Parteien mußten natürlich Zugeständnisse machen, damit
eine dauerhafte Lösung zustande kommen konnte, die nunmehr noch in
eine vertragliche Form zu bringen ist und der - als sicher geltenden - Ratifizierung durch die Gewerkschaftsmitglieder bedarf.
Die Gewerkschaften handelten folgende Verbesserungen ein: sieben
bezahlte Feiertage jährlich für praktisch sämtliche im Stundenlohn
beschäftigte Eisenbahnbedienstete; Spesenvergütung für Nachtaufenthalte zuzüglich eines Essenbonus bei einer Überstundendauer von mehr
als vier Stunden über die normale Arbeitszeit hinaus; Erhöhung der
Stundenlöhne des Rangierpersonals um 12 Cent für Vorarbeiter und um
8 Cent für Arbeiter auf insgesamt 3,10 Dollar bzw. 2,90 Dollar.
Die Eisenbahngesellschaften konnten ihrerseits folgende Konzessionen durchsetzen: die Zustimmung zum Einsatz von Fahrpersonal
in gewissen Sparten des Rangierdienstes und zur Verringerung des
Streckenpersonals an automatisch gesicherten Strecken; die Beibehaltung der Oberstundenbezahlung nach Zeit statt nach Fahrkilometern
und gleicher Lohnsätze für Tag- und Nachtarbeit.
Die Eisenbahngesellschaften verzichteten auf eine Erhöhung der
arbeitstäglichen Fahrtstrecke von Lokomotivführern und Heizern über
- 13 -

�über den derzeitigen Satz von 160 km hinaus und erklärten sich damit einverstanden, den vom Abbau des Fahrpersonals betroffenen Bediensteten 60 Prozent ihrer derzeitigen Bezüge vier Jahre lang
weiterzugewähren.
Es begann vor fünf Jahren
Dam± hat die sich über fast fünf Jahre hinziehende Auseinandersetzung um die sogenannten "Arbeitsregeln" ihren Abschluß gefunden,
bei der es um die Frage des Abbaus bzw. der Y/eiterbeschäf tigung der
durch die fortschreitende Technisierung und Automatisierung des Bahnbetriebs von ihrem Arbeitsplatz verdrängten Bahnbediensteten ging.
Die Eisenbahngesellschaften hielten seit langem schon zur Wiederherstellung der Rentabilität den Abbau nicht mehr benötigten Personals - vor allem der durch die Verdieselung überflüssig gewordenen
Heizer sowie des überzähligen Zugbegleitpersonals - für unerläßlich.
Sie beschuldigten die Gewerkschaften, die auf der Besetzung der
Führerstände der Dieselloks mit einem zweiten Mann anstelle des Heizers bestanden, des "featherbedding", d.h. des Versuchs, ihren Mitgliedern Sinekuren zu verschaffen. Die Gewerkschaften aber argumentierten, die Automatisierung der Bahnen dürfe nicht zu Entlassungen
führen und somit das Recht des Menschen auf Arbeit schmälern.
Drei Präsidenten vermittelten
Im Verlauf dieser Auseinandersetzung haben drei Präsidenten Eisenhower, Kennedy und Johnson - ihren Einfluß zur Besänftigung der
Streitpartner geltend gemacht und besondere Ausschüsse zur Untersuchung und Regelung der Streitfrage eingesetzt. Es sind zwei Schiedssprüche ergangen: der eine wurde vom Obersten Bundesgericht der Vereinigten Staaten als Berufungsinstanz ausdrücklich bestätigt, der
andere von ihm durch die Zurückweisung der Berufungsklage ohne Angabe von Gründen am 27- April 1964 indirekt bestätigt .
Eine weitere Komplikation ergab sich in jüngster Zeit aus gewissen Meinungsverschiedenheiten innerhalb der bislang geschlossenen
Front der Gewerkschaften über die Führung der Auseinandersetzung: die
eine Richtung wollte, genau wie die Gesellschaften, die Verhandlungen
nur als Gesamtverhandlurgei - mit allen Bahnen gleichzeitig - führen;
eine andere Richtung trat dafür ein, mit den Eisenbahngesellschaften
einzeln zu verhandeln. Die von den Gewerkschaften erhobenen neuen Forderungen nach einer Erhöhung der Löhne und Sozialleistungen verschärften die Situation ebenfalls.
* Ä * d e n beiden Schiedssprüchen und einer älteren Vereinbarung zwischen
Gewerkschaften und Bahnen stünde es den Gesellschaften juristisch frei,
die umstrittenen neuen Arbeitsregeln in der ersten Llaiwoche in Kraft zu
setzen und mit dem Abbau der "Dieselheizer" zu beginnen, sofern sie allen Betroffenen mit 10 und mehr Dienstjahren - das sind rund 24 000 von
ihnen - eine lebenslange Beschäftigungsgarantie geben. Die Gewerkschaften können umgekehrt nach dem Schiedsspruch gegen derartige Schritte
Kampfmaßnahmen ergreifen, also auch streiken. Soweit die Rechtslage;
in praxi sind natürlich nunmehr beide Seiten an die Regelung vom 22.
April gebunden.

- 14 -

�Die akute Krise
In ein akutes Stadium trat die Auseinandersetzung aber, als die
Angestellten der Illinois Central Railroad am 8. April in den Ausstand traten und den gesamten Streckenverkehr lahmlegten. Daraufhin
kündigten die Eisenhahngesellschaften an, daß sie ihrerseits von
ihrem Recht auf Änderung der Arbeitsregeln am 10. April Gebrauch
machen werden, was die Gewerkschaften mit einer allgemeinen Streikdrohung beantworteten.
In dieser Krisensituation schaltete sich Präsident Johnson ein
und bat am 9» April die Vertreter der Gewerkschaften und Eisenbahnen
zu sich ins Weiße Haus. In vierstündigen Verhandlungen konnte er
wenige Stunden vor dem angesetzten Streikbeginn - 10. April Mitternacht - den beiden Kontrahenten die Zustimmung zu einem 15tägigen
Verzicht auf irgendwelche weiteren Handlungen abringen. Damit war
die Streikgefahr fürs erste abgewendet und Raum für Verhandlungen
gewonnen.
Der Präsident zog Arbeitsminister W. Willard Wirtz, dessen
Stellvertreter, James J. Reynolds, den Leiter des Bundesschlichtungsdienstes für Arbeitsstreitigkeiten im Transportwesen, Francis A.
O'Neill, sowie die Schiedsleute Theodore W« Kheel und George W.
Taylor zu den anschließenden Schlichtungsgesprächen im Weißen Haus
hinzu. Johnson beauftragte sie, gemeinsam mit den beiden Streitparteien den Versuch einer Lösung des Konflikts zu unternehmen. Und
dann begann ein zwölftägiges hartnäckiges Ringen, in dem, wie der
Präsident es ausdrückte, "eine gerechte und faire Übereinkunft erzielt wurde, die der für den Portbestand und die Rentabilität der
Bahnen erforderlichen Modernisierung ebenso wie den Bedürfnissen und
Wünschen der Menschen Rechnung trägt, die vom technischen Portschritt
unmittelbar betroffen werden".
Die Beilegung des Streites zwischen den Eisenbahngewerkschaften
und den Eisenbahngesellschaften wird in Amerika als ein Beweis für
die Zweckmäßigkeit des Verfahrens der Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten durch Kollektivverhandlungen gefeiert. Innenpolitisch gilt
sie als ein Sieg Präsident Johnsons.

(Quelle: Eigenbericht)

# * * * #

- 15 -

�Berichtigung
Wir bitten, in der April-Nummer der "Internationalen Arbeitsmitteilungen" (Jahrgang XVII, Nummer 4) auf Seite 7 den ersten Satz
des letzten Absatzes wie folgt zu berichtigen:
Zahl der Familienangehörigen: Das Gesamteinkommen aller Haushalte, deren Vorstand arbeitslos war, verteilte sich auf schätzungsweise 19 Hillionen Personen (über 10 Prozent der amerikanischen
Gesamtbevölkerung im April 1962). Dabei ...

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 6

Bad Godesberg, den 1. Juni 1964
INHALTSVERZEICHNIS

Die betrieblichen Sozialkaeeen der Angestellten
in den USA (II)
Die amerikanischen Gewerkschaften und die
Präsidentschaftsirahlen
Ende der Monotonie am Fließband?
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

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Harry E. Davis, Mitarbeiter der Abteilung Arbeitgeber-ArbeitnehmerBeziehungen im US-Arbeitsministeriumt
Die betrieblichen Sozialkassen der Angestellten in den USA (II)
Vorgezogene Alterarente
Die Bestimmungen über die vorgezogene Altersrente von 49 Sozialkaasen gestatten dem Angestellten, vor Erreichung der normalen Altersgrenze
in den Ruhestand zu treten, und sichern ihm eine sogleioh fällige, aber
fast in jedem Pall verringerte Rente zu. Das Mindestalter für die vorgezogene Altersrente schwankt, liegt aber dooh bei 31 Kassen bei 55 Jahren
und bei 11 bei 60 Jahren. Als weitere Voraussetzung wird zumeist die
Vollendung von zehn oder mehr DienstJahren gefordert.
Ausgangspunkt ist bei allen Kassen die normale Rente, von der in
den meisten Fällen für jeden Monat, der zur Erreichung der normalen
Altersgrenze fehlt, ein Betrag von 0,5 oder 0,33 Prozent abgezogen wird,
was entweder in den Vertragsbedingungen niedergelegt ist oder sich aus
den versicherungsmathematischen Tabellen ergibt. So gewährt z.B. die
Pacific Gas and Electric Company einem Angestellten mit 4800 Dollar Jahresgehalt nach 20jähriger Dienstzeit eine Rente von 140 Dollar im Monat
bei Erreichung der Altersgrenze von 65 Jahrenj bei vorzeitiger Pensionierung erfolgt ein Abschlag von 0,33 Prozent pro Monat der Vorzugszeit,
so daß ein Angestellter mit 4800 Dollar im Jahr und 20 Dienstjahren im
Falle der Pensionierung im Alter von 60 Jahren eine Rente von monatlioh
112,28 Dollar auf Lebenszeit erhält.
Eine

�Eine kleine Zahl von Pensionskassen gewährt einen Zuschlag zur
vorgezogenen Altersrente, der nur bis zur Erreichung des 65« Lebensjahres oder bis zu dem Zeitpunkt gezahlt wird, an dem der Empfänger
den Anspruch auf eine ungekürzte Rente aus der staatlichen Sozialversicherung realisieren kann. Die Goodyear Tire and Rubber Company
wendet auf die vorgezogene Altersrente beispielsweise eine Formel an,
die einen Abschlag von 0,4 Frozent pro fehlenden Monat von der normalen
Altersrente und einen Zuschlag von 0,5 Prozent des der Sozialversicherungssteuer unterliegenden Teils des durchschnittlichen Monatsgehaltes pro Dienstjahr vorsieht, der bis zum Einsetzen der Leistungspflicht der staatlichen Sozialversicherung gewährt wird. Die vorgezogene Altersrente wird nach den Bestimmungen aller Lassen mit der
Antragstellung fällig; eine große Zahl der Kassen gestattet den Angestellten allerdings, die Annahme der Leistungen bis zur Erreichung
des normalen Pensionsalters aufzuschieben, wodurch der Angestellte
Anspruch auf die volle Pension erlangt. Als Dienstalter wird dabei
die bis zum tatsächlichen Ausscheiden aus dem Betrieb zurückgelegte
Eeschäftigungszeit gewertet.
Bei der Eälfte der lensionskassen haben die Angestellten die
Möglichkeit, wahlweise statt der vollen vorgezogenen Rente eine nivellierte Rente zu beziehen, vielfach auch Einkommensausgleichungsrente
genannt. Hierbei wird bis zur Fälligkeit der Rente aus der staatlichen
Sozialversicherung'gegenüber der normalerweise fälligen vorgezogenen
Rente ein höherer Satz und in der Zeit danach ein unter dem Normalsatz liegender Satz gezahlt, so daß das Monatseinkommen während der
gesamten Dauer des Bezugs von Alterspension unverändert bleibt.
Neben der regulären vorgezogenen Rente werden von zehn Pensionskassen noch besondere Leistungen in dieser Rentensparte gewährt.
Hiervon betroffen sind, wie auch bei den Pensionskassen der Arbeiter,
Rentner, die von ihrem Betrieb zwangspensioniert werden oder auf
dessen V/unsch im gegenseitigen Einvernehmen vorzeitig in den Ruhestand
treten. In einem solchen Fall werden erheblich höhere Leistungen gewährt als bei Inanspruchnahme der normalen vorgezogenen Rente. Die
Pensionskasse von Swift und Company gewährt, um ein Beispiel zu geben,
den auf eigenen .Vunsch vorzeitig in den Ruhestand tretenden Betriebsangehörigen das versicherungsmathematische Äquivalent der normalen
Leistung, den auf V/unsch der Gesellschaft pensionierten Angestellten
aber die volle Normalleistung unter Anrechnung des zum Zeitpunkt des
Ausscheidens erreichten Dienstalters.
Invaliditätsrente
Eine Invaliditätsregelung findet sich bei 38 Pensionskassen. Sie
zahlen an lCOprozentig und ständig arbeitsunfähige Angestellte ein
mit dem Eintritt des Versicherungsfalles fällig werdendes Ruhegeld.
Die meisten Pensionskassen machen die Gewährung einer Rente wegen Erwerbsunfähigkeit nicht von irgendwelchen altersmäßigen Voraussetzungen
abhängig, während eine gewisse Betriybszugehörigkeitsdauer - gewöhnlich zehn oder fünfzehn Jehre - bei allen Kassen mit nur einer
Ausnahme als Voraussetzung erforderlich ist.
Die Formeln für die Errechnung der Invaliditätsrente weisen
starke Unterschiede von Kesse zu Kasse auf. Es gewähren 16 von den
36 in Frage kommenden Kassen die volle Normalrente und 12 die Normalrente mit einem bestimmten Abschlag. Darüber hinaus wird bei 9 Fensions-

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�Pensionskassen die Rente auf der Grundlege der normalen Rente neu berechnet, sobald der Empfänger das 65. Lebensjahr erreicht oder die
Leistungspflicht der staatlichen Sozialversicherung einsetzt. In Anerkennung der Tatsache, daß keineswegs sämtliche Erwerbsunfähige, die
Anspruch auf Invaliditätsrente aus der betrieblichen Pensionskasse
haben, gleichzeitig Anspruch auf die Invaliditätsrente aus der staatlichen Sozialversicherung erheben können, sehen einige Kassen für
solche Rentenempfänger Zusatzleistungen zur Invaliditätsrente vor, die
so lange gewährt werden, bis die Leistungspflicht der staatlichen
Sozialversicherung einsetzt oder der Empfänger das 65. Lebensjahr
vollendet hat. Ein Beispiel: Nach der Formel, die die betriebliche
Pensionskasse der General I.'.otors Corporation anwendet, erhält der vorzeitig wegen Invalidität pensionierte Angestellte bis zum Eintritt
eines der beiden genannten Ereignisse die normale Rente zuzüglich
eines Zuschlags von 2,80 Dollar pro Dienstjahr. Einige Kassen gewähren
auch eine monatliche I.iindestinvaliditätsrente. Die Bestimmungen bezüglich der Invaliditätsrente sind im allgemeiner, großzügiger gefaßt
als die bezüglich der vorgezogenen Altersrente.
Beitragsfreier Fortbestand der Rentenversicherung Entlassener
Von den 5G Sozirlkassen gestatten 37 den beitrsgsf rei.en Fortbestand der Versicherung von Entlassenen, die die sonstigen Voraussetzungen einer Rentengewährung erfüllen. Von diesen Kassen wenden
30 das Verfahren der sogenannten aufgeschobenen vollen Rentengewährung
an, dem zufolge der Angestellte bei Erreichung des normalen Pensionsalters Anspruch auf Rente in Höhe der bis zu seinem Ausscheiden erworbenen Ansprüche hat. Nach dem Verfahren der aufgeschobenen verminderten Rentengewährung, da3 von 6 Sozialkassen angewandt wird, hat
der Angestellte bei Erreichung des normalen Fensionsalters Anspruch
auf einen bestimmten Prozentsatz des erworbenen Rentenanspruchs,
wiederum abhängig vom Alter und von der Betriebszugehörigkeitsdauer.
Als Beispiel möge die Pensionskasse der International Business Machines
Corporation dienen, die nach 15 Dienstjahren entlassenen Angestellten
einen Anspruch auf 5G Prozent der vollen Leistungen zugesteht, der
sich mit jedem weiteren Dienstjahr um 10 Prozent erhöht und somit bei
Angestellten mit 20 Dienstjahren der vollen Höhe entspricht.
Die Voraussetzungen für den Fortbestand der Versicherung beim
Ausscheiden aus dem Betrieb sind bei den einzelnen Kassen unterschiedlich. Ein I.'indestalter, das zwischen 40 und 60 Jahren schwankt, wird
von 17 und eine zehn- oder fuenfzehnjährige, wenn nicht sogar noch
längere Betriebszugehörigkeitsdauer wird von den meisten Kassen gefordert. Lediglich zwei Kassen machen den beitragsfreien Fortbestand
überhaupt nicht von der Betriebszu.ehörigkeitsdauer abhängig; die
eine setzt aber die Erreichung des 55« Lebensjahrs voraus, die andere
macht selbst diesbezüglich keine Einschränkungen* Die meisten Kassen
gestatten, sofern alle sonstigen Voraussetzungen erfüllt sind, die
beitragsfreie Fortführung unabhängig vom Grund des Ausscheidens aus
dem Betrieb. Einige aber beschränken sie auf ehemalige Betriebsangehörige, denen unter ganz bestimmten Bedingungen - Persoualeinschränkung, Betriebsschließung oder vorübergehende Ausstellung - gekündigt worden ist.
Hinterbliebenenrente
Hinterbliebenenrente im Falle 4ea Todes des versicherten Angestellten wird von 15 Sozialkassen gewährt. Sie ist fällig bei sechs

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�sechs Kassen im Todesfall sowohl vor als auch nach Erreichung des
Pensionsalters, bei weiteren sechs Kassen nur bei Eintritt des Todes
nach und bei dreien nur im Todesfall vor Erreichung der .Altersgrenze..
Die Leistungen an die Hinterbliebenen sind recht unterschiedlichen
Charakters. Einige Sozialkassen garantieren die Zahlung der monatlichen
Altersrente auf eine Mindestzeit und setzen die Zahlungen, sofern der
Empfänger innerhalb dieses Zeitraums stirbt, an den von ihm namhaft
gemachten Begünstigten für den Rest der Laufzeit fort. Andere Kassen
gewähren die Altersrente über den Tod des Empfängers hinaus grundsätzlich auf eine bestimmte Zeit - gewöhnlich 12 Monate -,einige
zahlen eine Barabfindung.
Fast alle Pensionskassen kennen die wahlweise Gewährung einer
gekoppelten Hinterbliebenenrente, bei der sich der Versicherte mit
einer verminderten Rente begnügt und dafür die Garantie erhält, daß
der überlebende Begünstigte eine Rente auf Lebenszeit in gleichbleibender Höhe empfängt. Der zur Auszahlung gelangende Betrag ist in
manchen Fällen mit der Altersrente identisch oder beläuft sich auf
die Hälfte oder einen anderen, spezifizierten Prozentsatz der Altersrente. Bei lj Pensionskassen haben die Teilnahme_berechtigten die
Wahl zwischen einer Festzeitrente und der erwähnten gekoppelten
Hinterbliebenenrente. Bei der Festzeitrente erfährt die Altersrente
gewöhnlich eine geringere Kürzung als bei der gekoppelten Hinterbliebenenrente; stirbt der Empfänger vorzeitig, so wird die Rente
bis zum Auslaufen der Zahlungspflicht an die Hinterbliebenen weitergezahlt .
Finanzierung
Die Beiträge werden in 34 Betrieben an einen Sonderfonds abgeführt, aus dem entweder die Leistungen selbst oder die Beiträge für
entsprechende Versicherungen bei einer kommerziellen Versicherungsgesellschaft entnommen werden. Diese Sonderfonds werden im allgemeinen
von einer Treuhandfirma (Bank oder Treuhandgesellschaft) verwaltet,
einige wenige durch ein von der Firma bestelltes Kuratorium
oder einen einzigen Treuhänder.
Sechs der Pensionskassen sind bei einem Versicherungsunternehmen
rückversichert. Mischformen mit Leistungen aus dem Fondsvermögen und
Versicherungsbeitragszahlungen aus diesem sind bei acht Pensionskassen zu beobachten. In einem Fall werden die Leistungen aus Gesellschaftsmitteln bestritten (und sind damit vom Geschäftsgang abhängig), in einem anderen Fall werden die normale und die vorgezogene
Altersrente aus einem Treuhandfonds gezahlt, die Invaliditätsrente
und das Sterbegeld aber aus dem Firmenvermögen.
Ein Beitrag des Arbeitnehmers wird von 14 Kassen für die Grundversicherung und von 9 für die Zusatzversicherung gefordert. Bei
allen diesen beitragspflichtigen betrieblichen Pensionskassen führt
der Arbeitnehmer einen festen Prozentsatz seines Gehalts ab, während
der Unternehmer die gesamten nicht durch Beiträge gedeckten Kosten
aufzubringen hat. Bei 12 der 14 durch Arbeitnehmerbeiträge gespeisten
Pensionskassen führen die Angestellten an die Kasse einen geringeren
Prozentsatz (0 bis 3 Prozent) vom sozialversicherungssteuerpflichtigen
Gehaltsanteil und einen höheren (3 bis 6 Prozent) vom darüber liegenden
Gehaltsanteil ab.
Der

�Der Jahresbeitrag der Arbeitnehmer ist sehr unterschiedlich.
Er beläuft sich, soweit er erhoben wird, auf 72 bis 192 Dollar für
Arbeitnehmer mit einem Jahreseinkommen von 48OC Dollar, auf I56 bis
456 Dollar bei einem Jahreseinkommen von 10 000 Dollar und auf 306
bis 756 Dollar bei einem Jahreseinkommen von 15 000 Dollar.

(unwesentlich gekürzt)
(Quelle: "Monthly Labor Review",
Januar I964, Vol. 87, Kr. 1)
* * * * *

Die amerikanischen Gewerkschaften und die Präsidentschaftswahlen
"Deine Stimme gibt den Ausschlag - Wähle!" mahnt ein Plakat der
American Federation of Labor and Congress of Industrial Organizations
(AFL-CIO), des Dachverbandes der amerikanischen Gewerkschaften, mit
dem sie ihre Mitglieder im ganzen Land zur Teilnahme an den Präsidentschafts- und Kongreßwahlen am 3« November dieses Jahres aufruft. Für
den verantwortungsbewußten Gewerkschafter - das will das Plakat besagen - bedeutet das demokratische Wahlrecht gleichzeitig auch individuelle Wahlpflicht.
COPE berät 13,5 Millionen Hitglieder
Die dreizehneinhalb Millionen Gewerkschaftsmitglieder bei der Ausübung des Wahlrechts zu beraten, unternimmt der AFL-CIO-Aussch uß für
politische Bildung (Committee on Political Education - COPE) mit Sitz
in Washington, dem je ein Regionalausschuß in jedem der 50 Einzelstaaten
und kleinere Untergruppen' in Städten, Kreisen und Ortskartellen angegliedert sind. Die Regionalausschüsse wiederum sind in Arbeitsausschüsse mit
den Sachgebieten Y/ahllisten, Öffentlichkeitsarbeit, Parlamentsbeobachtung,
Frauenfragen und Finanzen unterteilt.
Für COPE begannen die Vorbereitungen auf die diesjährigen Novemberwahlen schon im Januar, als der Ausschuß erstmals auf die zur Neubesetzung
ausgeschriebenen Wahlämter und die, aus gewerkschaftlicher Sicht betrachtet,
mit den Wahlen verbundenen Probleme hinwies. Der Gewerkschafter soll als
Bürger vor der Wahlurne wissen, worin seine Wahl besteht, wen er wählt und
wie die Bewerber um die höchsten Staatsämter, die Parlamentssitze und die
übrigen Wahlämter zu den wichtigsten innen- und außenpolitischen Fragen
stehen.
Aufforderung zur Einschreibung in die Wahllisten
Da die Ausübung des Wahlrechts von der Eintragung des Wahlberechtigten
in die Wahlliste und diese wiederum von seiner diesbezüglichen Willenserklärung abhängt, beginnen die Gewerkschaften ihre Wahlaktivität mit dem
Aufruf an alle Mitglieder, sich und ihre Familienangehörigen in die

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�die Wahlliste einzuschreiben, sich "registrieren" zu lassen. Das
Pegistrierungsverfahren selbst unterließt einzelstaatlichen und
daher mitunter abweichenden Regelungen, so daß der diesbezüglichen
Beratung durch die mit der örtlichen Praxis vertrauten Regional«
ausschüsse bei der großen Unzugsfreudigkeit der Amerikaner erhebliche
Bedeutung zukommt.
Beobachtungsausschuß registriert Stimmabgabe der Parlamentarier
Eine nicht minder wichtige Punktion üben die Parlamentsbeobachtun.^sausschüsse im Wahljahr aus. Sie führen "Punktkarten" für alle Angehörigen dos Kongresses und der einzelstaatlichen Parlamente, auf denen
deren Stimmabgabe zu den - in Stichworten skizzierten - bedeutenderen
Gesetzesvorlagen vermerkt wird. Diese Punkt karten Verden in den Gewerkschaftsblättern abgedruckt, damit die Hitglieder sich informieren
können, wie dieser und jener Senator oder Abgeordnete nicht nur bei
Vorlagen aus dem Bereich der Arbeitsgesetzgebung, sondern auch aus dem
der Innen- und Außenpolitik und der Schul- und Sozialgesetzgebung gestimmt hat.
Der Ausschuß für politische Bildung umreißt in seinen Veröffentlichungen ferner die Eineteilung der Gewerkschaften zu diesen gesetzgeberischen Maßnahmen} und so ist es nicht zuletzt seiner Tätigkeit und
dem Virken der Ausschüsse für Gesetzgebungsfragen der Mitgliedgewerkschaften der AFL-CIO zu danken, wenn jeder Gewerkschafter heute, sein Interesse vorausgesetzt, über den Stand einer Auslandshilfegesetzesvorlage
nicht weniger gut informiert ist als beispielsweise rber einen Gesetzesvorschlag zur Anhebung der Hindestlöhne.
Politische Bildung durch Spenden finanziert
Da die Verwendung von Gewerkschoftsgeldern strengen gesetzlichen Beschränkungen unterliegt, muß COPE die für die politische Bildungsarbeit
erforderlichen Mittel, einschließlich der Verwaltungskosten und der Auslagen für Druck und Versand,aus Spenden bestreiten. Das gilt erst recht
für etwaige Zuschüsse zur "Vahlkampfkasse" eines von den Gewerkschaften
geförderten Kandidaten.
Ks ist schon zur ständigen Pegel geworden, daß die AFL-CIO im Sommer
und Herbst eines jeden Präsidentschaftswahljahr.es ( wenn die beiden großen
Parteien die Kandidaten für das Amt des Präsidenten und des Vizepräsidenten nominiert haben, ihre Mitglieder über die innen- und außenpolitischen
Hintergründe des Wahlkampfes informiert. Sie veröffentlicht deshalb die
Parteiprogramme und die Wahlversprechen der Kandidaten.
Mahnung per Telephon
Rüokt die Wahl näher, fragen "Telephon-Teams" der Gewerkschaften
fernmündlich bei den Mitgliedern an, ob sie sich in die Wahllisten eingetragen und - am Wahltag - schon von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Die örtlichen Gruppen organisieren einen "Hilfsdienst", um Körperbehind rte und alte Leute im Kraftwagen zum Wahllokal zu bringen, und
stellen Hüttern mit mehreren Kindern einen Babysitter zur Verfügung,
damit sie in aller Ruhe wählen gehen können«
Der

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�Der Y/ähler entscheidet
Bei alledem wissen und respektieren die Gewerkschaften aber
eines» Jede gewerkschaftliche politische Schulung und jeder Versuch, einem den Gewerkschaften genehmen Kandidaten zum Sieg zu
verhelfen, endet an der Tür des Wahllokals. Die eigentliche Wahl
trifft der Gewerkschafter wie jeder andere Bürger in der Abgeschiedenheit der Wahlzelle für sich allein. Er weiß aber dank
der Schulungsarbeit, daß die Arbeiterschaft am Wahltag Gelegenheit hat,
"Freunde zu belohnen und Feinde zu bestrafen", wie Samuel lompers,
der Mitbegründer der ersten großen - 1886 entstandenen - amerikanischen Sammelgewerkschaft, der American Federation of Labor, es ausgedrückt hat.
(quelle: Eigenbericht)
* * * * *

H.F. Jones:
Ende der Monotonie am Fließband?
Henry Ford revolutionierte vor Jahrzehnten seine Produktionsmethoden durch die Einführung des Fließbands, an dem "viele Arbeiter
einfache Handgriffe tun". Im General-Motors-Werk in Flint (Michigan)
ist man dabei, sich alte Handwerkertradition in der modern abgewandelten Form der "Ein-Mann-Montage" wieder zunutze zu machen. Entsprechende
Versuche haben uisher zu günstigen Ergebnissen geführt: es wird weniger Ausschuß produziert, und die Arbeitsmoral ist gestiegen.
Treibende Kraft hinter diesem Versuchsprogramm ist Joseph A. Anderson, Vizepräsident bei General Motors und Generaldirektor der "AC Spark
Plug Division" in Flint. "Mit unserer Ein-Hann-Montage", erklärte er,
"zielen wir darauf ab, die ständige Wiederholung am Fließband auszuschalten und jeden Arbeiter am einzelnen Werkstück Fertigungsarbeit
i'ber mehrere Montagestufen'hinweg ausführen zu lassen. In der industriel
len Massenfertigung herrscht ein Zug zur Arbeitsvereinfachung. Andererseits steigt das Bildungsniveau unserer Arbeitnehmer. Beides zusammen
führte zu dem Ergebnis, daß sich mancher Beschäftigte eher für seine
Arbeit entschuldigt, statt auf sie stolz zu sein."
Um die Arbeit für seine Belegschaft interessanter und sinnvoller
zu gestalten, läßt Anderson seine Arbeiter nach Möglichkeit mehr als
einen einzigen Handgriff - umfangreiche Teilmontagen und bisweilen
sogar Gesamtmontagen - ausführen.
Benzinpumpen z.B. werden in Serienfertigung normalerweise von Jü
bis 40 Mann am Fließband zusammengesetzt. Bei Versuchen in Flint ließ
man sie statt dessen jeweils von einem einzigen Arbeiter komplett montieren. Denn die Ausführung einer ganzen Serie von Arbeitsgängen, so
überlegte man, durchbricht die Monotonie am Fließband und verhindert
das Aufkommen von Langeweile. Der einzelne Arbeiter sieht sein Werkstück "wachsen" und lernt, Sinn und Zweck seiner Arbeit besser zu beurteilen. Das Ergebnis: Er geht sorgfältiger zu Werke, und seine Fertigkeiten nehmen zu.
»Für

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�"Pur manchen ist Fließbandarbeit gerade das nichtige", erläuterte
Anderson, "aber bei dem steigenden Ausbildungsniveau unserer Arbeitnehmer sollten wir diese Art Beschäftigung so stark wie möglich einschränken. In einigen Betrieben wird dies selbstverständlich schwierig,
wenn nicht sogar undurchführbar sein."
Anderson wies darauf hin, daß sich Ein-Männ-Montagen unter laufender Kontrolle, wie sie bei der Benzinpumpen-Fertigung erprobt wurden,
als sehr erfolgreich erwiesen haben. Auch die Montage von Armaturenbrettern wurde getestet. Ferner wurden Luftfilter und zahlreiche andere
Autozubehörteile in die Versuche mit einbezogen. Die beteiligten Arbeiter waren begeistert.
Das Werk stellt vor allem Kraftwagenteile und -Zubehör her. Aber
auch Zündkerzen, Düsen-Anlasser, Geschwindigkeits- und Streckenmesser,
Armaturenbretter und sonstige Geräte für den Flugzeugbau gehören zum
Fabrikationsprogramm, das den Werk durch seine Vielfalt mehr als anderen
Unternehmen Spielraum für die Beteiligung der Belegschaft an dieser
neuen Produktionsform läßt.
Nach Anderson steckt sie jedoch noch zu sehr im Experimentierstadium,
als daß sich heute schon entscheiden ließe, ob sie bei Berücksichtigung
aller Kostenfaktoren mit der üblichen Fließbandfertigung konkurrieren
kann. "Sie scheint jedoch Zukunft zu haben. Y.:enn am Band etwas schiefgeht, wird die Ausfallzeit zum Faktor. Bei Zwischenstationen oder EinMann-Montagen wirkt sich technisches und menschliches Versagen normalerweise nicht auf den Gesan.tbetrieb aus. Zudem bringen sie größere Bewegungsfreiheit bei einer Umstellung von Fabrikat zu Fabrikat oder für Konstruktionsänderungen am Grundfabrikat."
Gray H. Bernard jr., Planungsexperte in der Abteilung Arbeit- und
Zeitstudien, beurteilt die Einrichtung von Zwischenstationen und Ein-MannLiontagen sehr positiv. Diese Produktionsform "ist flexibel, Ausfallzeiten
spielen keine Rolle, und die Arbeiter sind von ihr begeistert. An einigen
Fließstrecken machen selbst kleinste Umstellungen bedeutende Umgruppierungen und Änderungen erforderlich. Bei einer Montage in Zwischenstationen
gibt es dieses Problem nicht mehr."
Einen weiteren Pluspunkt sieht Bernard in der Möglichkeit, I.IontageZwischenstationen zunächst laboratoriumsmäßig aufzubauen, um sie dann bei
einem Minimum an Produktionsunterbrechung direkt in die Verkshallen zu verlegen. Dies ist besonders wichtig bei Umstellungen auf neue Modelle.
Darüber hinaus kann die Zahl der Haltevorrichtungen beträchtlich herabgesetzt werden. Statt einer Vielzahl ähnlicher Vorrichtungen, die längs
der Fließstrecke vorhanden sein müssen, sind nur einige wenige erforderlich
Auch die Materialnutzung wird günstig beeinflußt. Bei Armaturenbrettern
würde sich der Übergang zu Neukonstruktionen ohne die sonst am Fließband
vorzunehmenden ausgedehnten Umstellungen vollziehen lassen.
Bernard hob des weiteren den positiven Einfluß auf die Belegschaft
hervor: "Bei einem Test erklärten 26 von 30 Beschäftigten, daß sie die EinMann-Montage vorziehen." Als Gründe wurden u.a. angeführ*: Die Zeit geht
schneller vorbei, man hat mehr Freiheit. Ich habe das Gefühl) mehr zu
leisten. Es macht Spaß, jedesmal ein ganzes Stück fertigzustellen.
Ferner ließ sich feststellen, daß jeder Arbeiter sein Verkstück von si
aus einer eigenen Kontrolle unterzog. Denn man wollte erstklassige und
ganze Arbeit leisten. Es gab weniger Ausschuß. Keu eingestellte Kräfte

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�Kräfte konnten ihre Arbeit in aller Ruhe lernen, ohne gleichzeitig
mit dem Fließhand Schritt halten zu müssen - ein weiterer Vorzug, der
sich vom ersten Augenblick an günstig auf ihre Arbeitsmoral auswirkte.
Unbeantwortet bleibt bisher allerdings die Frage, wieviel verschiedene Ilontagestufen ein Arbeiter bewältigen kann, ohne seine normale Leistungsfähigkeit einzubüßen. Es könnte geschehen, daß jemand so viel
Zeit zum Erlernen einer Anzahl verschiedener Hontagegriffe benötigt,
daß er sich bei seiner Arbeit nie besonders glücklich fühlt. Hierdurch
würde sein Leistungsniveau beeinträchtigt. Bernard und seine Mitarbeiter
versuchen dies zu verhindern.
Jedes Unternehmen ist an höherem Gewinn, steigender Produktivität,
einwandfreier Fabrikation und besserer Arbeitsmoral interessiert. Sollten Ein-Mann-Montagen diesen Effekt haben, wird General Motors weitere
Versuche unternehmen, um die Idealkombination des richtigen Mannes mit
dem richtigen Werkstück am richtigen Platz der Verwirklichung näherzubringen.
Der Kachdruck dieses Artikels, den wir in
gekürzter Form veröffentlichen, ist nur mit
Angabe des Verfassers, der ijielle "Iron Age"
und dem Vermerk "(c) 1964 ^y Chilton Company"
auf der ersten Seite des Abdrucks gestattet.

* * * * *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Der Einfluß der technologischen Veränderungen auf die Beschäftigungsstruktur
Auf Grund der technologischen Veränderungen, die sich gegenwärtig
in der amerikanischen Wirtschaft vollziehen, wird sich die Zahl der Beschäftigten in 18 der wichtigsten Industriezweige bis zum Jahr 1970 zum
Teil erheblich verringern, während in 14 anderen Industrien mit einer
Zunahme der Beschäftigtenzahl gerechnet werden kann.
Dies sind die Ergebnisse umfassender gemeinsamer Untersuchungen des
amerikanischen Arbeits- und des Handelsministeriums, die im vergangenen
Jahr durchgeführt und die jetzt in einem Bericht unter dem Titel "Technological Trends in 56 Major American Industries" veröffentlicht wurden.
Zu denjenigen Industrien, die in den nächsten Jahren einen (proportional zur Gesamtbeschäftigtenziffer) stark rückläufigen Beschäftigungstrend
aufweisen werden, gehören dem Bericht zufolge all jene Branchen, die sich
mit der Verarbeitung oder Herstellung von Nahrungsmitteln und Bekleidung
befassen. Auch der Kohlebergbau, die Erdölindustrie, die Eisenbahnen und
die Telephongesellschaften werden im Jahre 1970 weniger Arbeitnehmer beschäftigen als heute.
Die Wirtschaftszweige dagegen, die auf Grund einer stark zunehmenden
Bedarfsnachfrage mit einer beträchtlichen Zunahme der Beschäftigung rechnen können, sind der Groß- und Einzelhandel; das Bank- und Versicherungsgewerbe, der Güter-Straßentransport, der Luftverkehr, die Elektronik- und die
Kunststoffindustrien. In diesen Wirtschaftszweigen wird gegenwärtig rund
die Hälfte der insgesamt 29,1 Millionen Arbeitnehmer beschäftigt, die von
der Untersuchung erfaßt wurden.
*

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�Viertel Jahresurlaub für Stahlarbeiter
Jedes fünfte Jahr dreizehn Wochen bezahlten Urlaub können seit
Januar 1964 insgesamt 600 000 Arbeiter der amerikanischen Metallund metallverarbeitenden Industrie nach 15jähriger Dienstzeit beanspruchen. Diese Vergünstigung ist Teil einer neuen Urlaubsregelung,
die die amerikanische Stahlarbeitergewerkschaft (ünited Steelworkers
of America) für ihre Mitglieder ausgehandelt hat. Die ersten Urlauber
sind bereits zur Erholung in den wärmeren Süden und Westen der USA
abgereist, während andere ihren Vier Lei Jahresurlaub zu Hause verbringen, um längst fällige Hausreparaturen vorzunehmen, sich weiterzubilden oder sich daheim zu entspannen.

Lohnerhöhungen im amerikanischen Einzelhandel
Für Arbeitnehmer im amerikanischen Einzelhandel wurden von den
Gewerkschaften im vergangenen Jahr Lohnerhöhungen von durchschnittlich
10,1 Cent (im Lebensmitteleinzelhandel 10,2 Cent) pro Stunde, gegenüber 9»7 Cent I962 bzw. 9&gt;9 Cent 1961, erzielt. Die neu abgeschlossenen
Tarifverträge haben im allgemeinen eine zwei- bis dreijährige Laufzeit.
Auch auf dem Gebiet der Lohnnebenleistungen wurden Regelungen ausgehandelt, die verbesserte Krankenversicherungs- und Pensionsleistungen
bringen. Rund 53 Prozent der Krankenversicherungspläne (gegenüber 31
Prozent im Jahr 1962) und 21 Prozent der Pensionspläne (14 Prozent)
wurden revidiert und verbessert.

161 750 Wohlfahrts- und Pensionspläne mit einem Gesamtvermögen von
66 Mrd. Dollar
Beim US-Arbeitsministerium waren am 1. Juli I963 insgesamt
161 750 Sozial- und Pensionspläne für Betriebsangehörige amerikanischer
Unternehmen registriert. Die meisten Pläne bieten zwei oder mehr Versicherungsleistungen, über die Hälfte eine kombinierte Krankenhaus-,
Operationskosten- und Lebensversicherung. Bei vier Fünfteln der Pläne
handelt es sich um Sozialkassen, bei den übrigen um Pensionspläne
oder eine Kombination beider.
Krankenhauskosten-Versicherungen stehen an der Spitze der
128 340 Sozialpläne, gefolgt von Operationskosten- und Lebensversicherungen. Praktisch sämtliche der 32 610 Pensionspläne sehen die
Gewährung von Altersrenten, die meisten auch Renten bei Eintritt der
Invalidität und die Zahlung von Sterbegeldern vor. Die Versicherungsbeiträge werden im allgemeinen von den Arbeitgebern oder von Arbeitgebern und Versicherten gemeinsam geleistet.
Das Gesamtvermögen der Pensions- und Sozialfonds belief sich im
Vorjahr auf rund 66 Mrd. Dollar gegenüber 52,2 Mrd. Dollar im Jahr
1962. In dieser Ziffer sind die Vermögenswerte aller privaten (von
Arbeitgebern und Arbeitnehmern bzw. Gewerkschaften gemeinsam verwalteten) Kranken-, Krankenhaus- und Operationskosten-, Unfall-,
Invaliditätsrenten-und Arbeitslosenversicherungspläne eingeschlossen,

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�eingeschlossen, die der Meldepflicht gemäß dem Gesetz über die
Offenlegung der Sozial- und Pensionspläne unterliegen, nicht eher
die Rücklagen der Pensionskassen des Bundes und der staatlichen
Sozialversicherung.
Nach den neuesten Unterlegen werden durch derartige Fonds insgesamt 22 Millionen Arbeitnehmer - das ist rund ein Drittel ihrer
Gesamtzahl - erfaßt, zu denen noch die mitversicherten Familienangehörigen dazuzuzählen sind.

AFL-CIO plant KypotheR'en-Treuhs.ndfonds zur Anlage der Pensionskassenmittel
. .
Die Schaffung eines Hypotheken-Treuhandfonds bereitet der
amerikanische Gewerkschaftsverband AFL-CIO gegenwärtig in Ausführung eines im Februar auf der Tagung des Vorstanues in Bai
Karbour (Florida) gefaßten Beschlusses vor. Hauptaufgabe des Fonds
wird es sein, für die wertbeständige Anlage der Mittel der angeschlossenen Gewerkschaften und der Reserven der von Arbeitnehmern
und Gewerkschaften gemeinsam verwalteten Sozialkassen Sorge zu
tragen. Dem Fonds soll eine Wohnbaufinanzierungsgesellschaft angegliedert werden, die Kapitalm.ttel für die Teilfinanzierung von
Projekten des sozialen Wohnungsbaus bereitstellt, um dadurch weitere
gemeinnützige Bauträger für diese Vorhaben zu gewinnen. Der Fonds
wird Hypotheken nur dann vergeben, wenn sie innerhalb der von der .
Bundeswohnbauverwaltung festgesetzten Beleihungsgrenzen liegen und
bei dieser versichert sind.

Drei.-jahresvertrag beendet New Yorker Schleppbon ^streik
Ein neuer Dreijahresvertrag, der zwischen dem Ortskartell
New York der amerikanischen Seeleutegewerkschaft (National Maritime
Union) und dem Verband der Arbeitgeber im Seeschlepp- und Transportgewerbe vereinbart wurde und den dreiunddreißigtägigen Streik der
Schlepperbesatzungen im New Yorker Hafen von Februar bis März dieses
Jnhres beendete, sichert den Schlepperkapitänen 50 Cent und den Besatzungsmitgliedern 35 Cent Lohnerhöhung pro Stunde zu.
Die Arbeitgeber heben sich in dem Kontrakt darüber hinaus zur
Abführung von zusätzlich 18,75 Cent pro Stunde an den Fensions- und
Versicherungsfonds der Seeleute verpflichtet. In früheren Vereinbarungen hstten sie sich bereit erklärt, pro Arbeitnehmer monatlich
15 Dollar an den Versicherungsfonds, 8,68 Dollar an eine Grundrentenkaose und 6 Dollar an einen Zusatzversicherungsfonds abzuführen,
sofern der Arbeitnehmer seinerseits den gleichen Betrag einzahlt.

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�Tarifverhandlungen in der US-Autoindustrie beginnen am 1. Juli
Die allgemein mit großer Spannung erwarteten TarifVerhandlungen
in der amerikanischen Automobilindustrie v/erden, wie verlautet, von
den beiden Sozialpartnern voraussichtlich am 1. Juli aufgenommen
werden.
Die diesjährigen Verhandlungen finden im Vergleich zu 1961,
als die wirtschaftliche Erholung nach der Rezession der Jahre 1959/60
noch im Anfangs'stadium steckte und die Arbeitslosigkeit in der Autoindustrie weitverbreitet war, in einer völlig anderen Atmosph re
statt. General Motors, Chrysler und Ford - die "Großen Drei" - verzeichneten im vergangenen und in diesem Jahr hohe Gewinne, aber auch
American Motors, deren Absatz etwas schleppender war, weisen beträchtliche Gewinne auf.
Nach Ansicht der Experten dürfte die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft (UA',7) bei den Verhandlungen ihre Aufmerksamkeit auf
ßeschäftigungsfragen konzentrieren, wobei Probleme der Sicherung der
Arbeitsplätze im Vordergrund stehen werden. Ebenso dürfte
V/alter Reuther, der Präsident der UA.7, höhere Lohnnebenleistungen und
Maßnahmen zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen - möglicherweise durch
Herabsetzung des 1ensionsalters - am Verhandlungstisch fordern. Mit
dem Argument, daß die Arbeitsproduktivität in der amerikanischen
Automobilindustrie seit 1957 jährlich im Durchschnitt mit 4»9 Prozent
stärker angestiegen ist als in der Fertigungsindustrie als Ganzes
(3»2 Prozent), dürften jedoch auch die Lohnforderungen mit Nachdruck
vertreten werden.

12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
————____—_—_____——__________—————————__———_——————————————___.___——_______

XVII - 7

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Bad Godesberg, den 1. Juli 1964
INHALTSVERZEICHNIS

Arbeitsmarkt- und Automationsforschung in. den USA
Ziele und Aufgaben
Die Automationsforschung
Untersuchungen über technische Neuheiten
Untersuchungen über die Auswirkungen der
Automation
Künftige Forschungsreihen

Seite 1
Seite 4

Die Gewerkschaften und das öffentliche Interesse

Seite 10

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 12

Arbeitsmarkt- und Automationsforschung in den USA
I» Ziele und Aufgaben
Die Untersuchungen des US-Arbeitsministeriums im Bereich der Arbeitsmarktentwicklung dienen dem Zweck, Verständnis für die auf diesem Gebiet gegebenen nationalen Problemstellungen zu wecken und Hilfsmittel aufzuzeigen, die zur Lösung der Probleme geeignet erscheinen.
Unsere dynamische Wirtschaft produziert fortgesetzt neue Paktoren,
die das bestehende Gleichgewicht stören. Eine unerläßliche Voraussetzung für das wirtschaftliche Wachstum des Landes aber ist die Wiederherstellung des Gleichgewichts. Paradoxerweise kann sich ein Mißverhältnis am Arbeitsmarkt in einem Nebeneinander von hohen Arbeitslosenziffern und einem ausgesprochenen Mangel an Fachkräften ausdrücken.
Das Forschungsprogramm des Arbeitsministeriums sucht daher beiden
Aspekten dieser Frage nachzugehen.
Angesichts der Mannigfaltigkeit der Arbeitsmarktprobleme und im
Hinblick auf die Tatsache, daß die Entwicklung und Nutzung des Arbeitspotentials unlöslich mit dem Menschen und seinem Verhältnis zur Arbeit
verbunden ist, muß die Arbeitsmarktforschung alle jene Faktoren in
Rechnung stellen, die den arbeitenden Menschen als Individuum berühren,
und dabei gleichzeitig das nationale Interesse und die Auswirkungen der
verschiedenen arbeitsmarktpolitischen Programme auf die Wirtschaft gebührend berücksichtigen.
In
- 1 -

�In den Gründerjahren unseres Staates drückten sich Arbeitsmarktprobleme in erster Linie in einem chronischen Mangel an Handarbeitern aller Art aus, der aber durch die Eingliederung von Arbeitskräften mit relativ geringen Kenntnissen und Fähigkeiten aus
der großen Schar der Einwanderer meist behoben werden konnte. In
jüngerer Zeit jedoch haben der schnelle technische Fortschritt,
der Wandel in der Verbrauchernachfrage, die Veränderungen in der
Bevölkerungsstruktur und die Standortverlagerungen der Industrie
weit vielschichtigere Arbeitsmarktprobleme aufgeworfen, die neue
Methoden zu ihrer Lösung erfordern. Das Gesetz für Fragen der Beruf sförderung und Arbeitsraarktexpansion (Manpower Development and
Training Act) von 1962 in der Fassung von 1963 definiert die Forschung als ein Mittel, um Einblick in diese Probleme zu gewinnen
und ihre Lösung zu erleichtern.
Seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes hat die Forschungstätigkeit des Arbeitsministeriums auf dem Gebiet der Arbeitsmarktprobleme
neuen Auftrieb erhalten und an Zielstrebigkeit gewonnen. Das Ministerium bemüht sich um die Lösung gerade der schwierigeren Arbeitsmarktprobleme durch eigene Forschungstätigkeit, unterstützt von einigen
der fähigsten Forschungsorganisationen des Landes. Der Angriff auf
diese Probleme konzentriert sich auf zwei der Hauptziele des genannten Gesetzes: die Verringerung der Arbeitslosigkeit und die Deckung
des Arbeitskräftebedarfs einer im steten Wandel begriffenen Wirtschaft .
Ein streng koordiniertes und in all seinen Teilen integriertes
Arbeitsraarktforschungsprogramm wird gegenwärtig entwickelt. Gemeinsame Ausschüsse der verschiedenen Abteilungen wurden inzwischen geschaffen, um der Forschungsarbeit innerhalb des Ministeriums Führung
und Richtung zu geben. Der Koordinierungsausschuß für Fragen der Arbeitsmarktforschung mit.seinen zwei beigeordneten Ausschüssen für Fragen der Automation und des technischen Wandels sowie für Fragen des
Arbeitspotentials, der Beschäftigung und der Arbeitslosigkeit hat bereits einen wichtigen Beitrag zur besseren Nutzung der Forschungseinrichtungen und -möglichkeiten des Ministeriums geleistet.
Der Unterausschuß für Forschung des Beratungsausschusses für
Fragen der Arbeitsmarktpolitik ist gegenwärtig noch immer dabei, das
im Aufbau begriffene Forschungsprogramm zu überprüfen und brauchbare
Empfehlungen für seine künftige Weiterentwicklung auszuarbeiten. Dem
Unterausschuß gehören an: Dr. Richard A. Lester, Präsident der Princeton-Universität; Dr. C.E. Bishop vom North Carolina State College of
Agriculture and Engineering; Dr. James R. Bright von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Harvard-Universität; Dr. Rupert N. Evans
und Robben W. Fleming, beide Universität Illinois; Marvin Friedman,
AFL-CIO; Dr. Varden Füller, Universität Kalifornien; Dr. Charles C.
Killingsworth, Staatsuniversität Michigan; Dr. William H. Miernyk aus
Colorado; und Dr. Eli Gihzberg, Vorsitzender des Beratungsausschusses
für Fragen der Arbeitsmarktpolitik und als solcher Ex-offic.io-Mitglied,
von der Columbia-Universität.
Kontrakti'orschung
Im vergangenen Jahr hat das Ministerium verstärkte Anstrengungen
unternommen, um das Interesse an der Arbeitsmarktforschung und die

- 2

�die Mitarbeit seitens der Colleges und Universitäten und anderer Einrichtungen, die neue Ideen und Ansatzpunkte zur Lösung von
Arbeitsmarktproblemen beizutragen vermögen, zu beleben. Im Laufe
des Jahres 1963 wurden rund 200 Vorschläge von Forschungsstellen
und V.rissenschaftlern, die nicht im Regierungsdienst stehen, durch
das Arbeitsministerium überprüft. Bei über 30 derartigen Projekten,
die sich auf besonders dringende Probleme der Arbeitsmarktforschung
beziehen, wurde eine vertragliche Regelung getroffen.
Das Programm zur Förderung der Kontraktforschung entspricht
einem ausdrücklichen Auftrag des Kongresses, der im Arbeitsmarktgesetz ausgesprochen wurde. Die unter Vertrag benommenen Institute
und Wissenschaftler beschäftigen sich mit Fragen der Automation, der
Arbeitsmobilität, der Entwicklung und Nutzung des Arbeitspotentials
und des Arbeitskräftebedarfs. Einige von ihnen haben bereits wichtige
Teilbeiträge zum Verständnis der Arbeitsmarkt- und Arbeitspolitik
beigesteuert, die ihren Niederschlag in Aktionsprogrammen und arbeitspolitischen Richtlinien fanden.
Der arbeitsmarkt- und arbeitspolitische Bericht des Präsidenten
Da das Arbeitsmarktforschungsprogramm des US-Arbeitsministeriums
die Lösung der gegenwärtigen und künftigen Probleme der Arbeitslosigkeit und Beschaffung der für die Virtschaft erforderlichen Arbeitskräfte zum Ziele hat, ist es dringend notwendig, von Zeit zu Zeit
eine Bestandsaufnahme bezüglich der gesamten Arbeitsmarktsituation
vorzunehmen, die eine sichere Basis für die Ilanung der Arbeitsmarktforschung abgeben kann. Der Jahresbericht des Präsidenten zu Arbeitsmarktfragen und Arbeitsmarktpolitik und der ihn begleitende Bericht
des Arbeitsministers, die beide im Gesetz für Fragen der Berufsförderung und Arbeitsmarktexpansion vorgeschrieben sind, geben eine solche
Basis ab. Sie stellen u.a. ferner ein Instrument dar, das es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Arbeitsminister in regelmäßiger
Folge erlaubt, dem Kongreß und der gesamten Nation ihre Beurteilung
der Arbeitsmarkt- und arbeitspolitischen Probleme zu unterbreiten
und Programme zu ihrer Lösung vorzuschlagen.
Der erste Bericht, der im Ilärz 1963 veröffentlicht wurde, enthielt eine Übersicht über die Entwicklung auf dem Arbeitssektor in
der Zeit nach Beendigung des zweiten Veitkriegs. Er vereinte in sich
eine Fülle von einschlägigem Material bezüglich der Gesamtsituation
auf diesem Gebiet, das früher nur in Form separater Unterlagen verfügbar war.
Der zweite Arbeitsmarktbericht, der dem Kongreß kürzlich zugegangen ist, stützte sich auf noch umfangreicheres Material und stellte
insbesondere wichtige Aspekte der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation
in den Mittelpunkt der Erörterung. Die Ergebnisse der vom US-Arbeitsministerium durchgeführten und in Auftrag gegebenen Forschungsarbeiten
wurden in den Bericht eingearbeitet. Er stellt eine Lokumentation
der Probleme der Arbeitslosigkeit dar und bringt Empfehlungen bezüglich der Möglichkeiten zur Erreichung der Vollbeschäftigung. Er analysiert die gegenwärtige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, die Beschäftigungslage verschiedener in unserer Gesellschaft benachteiligter
Gruppen und die Auswirkungen staatlicher Maßnahmen und technischer
Fortschritte auf Wirtschaft und Gesaratbeschäftigung. Die Darlegungen

- 3-

�Darlegungen werden durch einen umfassenden und in die Einzelheiten gehenden statistischen Anhang belegt, der an sich schon ein
wertvolles Hilfsmittel für die Arbeitsmarktforschung darstellt.
Er bietet eine Fülle'von historischen und laufenden Statistiken
und ist gegenüber dem letzten Bericht wesentlich erweitert worden.
II. Die Autnrnati cnsforschung
Auf Grund eines Kongreßbeschlusses hat das amerikanische Arbeitsministerium ein nationales Forschungsprogramm zur Untersuchung
der Auswirkungen der Automation und der technologischen Veränderungen auf das Arbeitspotential ausgearbeitet und in Kraft gesetzt.
Die Ziele dieses umfassenden Forschungsprogramms sind im einzelnen:
1. Untersuchung und Auswertung der gegenwärtigen und sich für
die Zukunft abzeichnenden Auswirkungen der Automation und der tech: olo•ischen Veränderungen auf den Arbeitsmarkt und den einzelnen Arbeitnehmer;
2. Lenkung und Koordinierung sämtlicher auf dem Gebiet der Automatisierung von der Regierung und den privaten Organisationen durchgeführten Forschungen;
3. Feststellung der im einzelnen zu treffenden I.laßnahmen, um die
Auswirkungen der technologischen Veränderungen auf die Arbeitnehmer
zu mindern und eine Anpassung des gesamten Arbeitspotentials an die
Veränderungen zu erleichtern.
Die bisherigen Erfahrungen haben eindeutig gezeigt, daß das derzeitig verfügbare Wissen über die Auswirkungen der Automation auf den
Arbeitsmarkt alles andere als ausreichend ist. Um diesen Mangel abzustellen, hat das Arbeitsministerium unter Berücksichtigung der von den
fünf an den Forschungen beteiligten Bundesämtern entwickelten Programme
einen allgemeinen Forschungsplan aufgestellt.
Gegenwärtig stehen den Fachleuten nur sehr dürftige Informationen
über solche wichtigen Fragen wie Umfang, Einführungsrate und Auswirkung der technologischen Veränderungen auf die Beschäftigung zur Verfügung. Dennoch haben vorbereitende Untersuchungen, die während des vergangenen Jahres durchgeführt wurden, dazu beigetragen, viele Probleme
in ihrem Umfang zu umreißen, die aus den technologischen Veränderungen
resultieren. Zu denjenigen Gebieten, die noch besser erforscht werden
müssen, zählen unter anderem:
1. Art und Umfang der Automation und anderer technischer Veränderungen in den verschiedenen Industriezweigen;
2. die Auswirkungen der Automation und anderer technischer Veränderungen auf die Beschäftigung - und zwar nach Wirtschaftszweig und
Tätigkeit gegliedert -, unter Berücksichtigung der Arbeitsplätze schaffenden und Arbeitsplätze vermindernden Faktoren;
/
3- die wahrscheinlichen Durchsetzungsraten und die künftigen Arbeitsmarkt-Auswirkungen sich bereits abzeichnender technologischer
Neuerungen;
4« die Auswirkungen der Automation auf die funktionellen Tätigkeiten am Arbeitsplatz sowie die beruflichen Anforderungen und damit auch
auf die Erziehung und die berufliche Ausbildung;

)

- 4-

�5« der Einfluß der Automation auf Arbeitsbedingungen, Einkoramen und die Lohnzahlungsverfahren sowie auf das Betriebsklima;
6. die Auswirkungen der Automation auf einzelne Arbeitnehmergruppen unter Berücksichtigung von Alter, Beruf und anderen Kriterien ;
7» die Auswirkungen technologischer Veränderungen auf die institutionellen Einrichtungen des Arbeitsmarktes und auf das Tarifverhandlungswesen;
8. die von den Arbeitnehmern, Unternehmern, Gemeinden und der
Regierung bereits getroffanen oder zu treffenden IJaßnahmen, um die
Auswirkungen der Automation auf den einzelnen Arbeitnehmer zu mindern.
Untersuchungen über technische Neuheiten
Einer der ersten Forschungsaufträge, die das US-Arbeitsministerium zur Feststellung von Art und Umfang der Automation in den Vereinigten Staaten vergeben hat, wurde von der "Diebold Group,' Inc.y
im Februar 1 963 abgewickelt. Ihr Untersuchungsbericht enthält neben
detaillierten Schätzungen über die Zunahme und" Verteilung von Elektronenrechnern in den einzelnen Wirtschaftszweigen auch vorläufige
Begriffsbestimmungen der Automation und ein Hilfssystem zur Klassifizierung der verschiedenen automatischen Ausrüstu.
• '.,'ie aus der
Übersicht hervorgeht, waren in den USA im Jahre 1962 insgesamt 11 000
elektronische Digitalrechner in Betrieb - das sind rund doppelt soviel wie im Jahr i960. Diese und andere Untersuchungsergebnisse werden bei der Planung weiterer Analysen über derzeitige und künftige
Beschäftigungstrends in solchen datenverarbeitender
i'en wie Pr grammierer und lektronenrechneroperateur ausgewert
rden. Das
gleichzeitig geschaffene Klassifizierungssystem für automatische Betriebsausrüstungen stellt, eine Pionierarbeit auf diesem 'Gebiet dar
und bildet einen wertvollen Rahmen für Detailänaly^
Das US-Arbeitsninisterium veröffentlichte im Juni 1963 e i n e n Bericht über die gegenwärtigen und künftigen Auswirkungen auf die Beschäftigung von sogenannten Lesemaschinen füiv die Datenverarbeitu;
V/enn auch diese Geräte zur Zeit erst in geringem Umfang Verwende
finden, so ist doch für die Zukunft mit einer erheblichen Zunahme
zu rechnen. Dadurch wird sich die Zahl der Arbeitsplätze, insbesondere
bei den Locherinnen, verringern. Diese Untersuchung darf als Vorläufer
eines "Frühwarnsystems" für' vorstehende technologische Neuerungen und
ihre möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigung angesehen werden.
Ein Bericht über die technologischen Veränderungen in den wichsten Industriezweigen wurde inzwischen ebenfalls fertiggestellt. In ihm
werde im einzelnen die zur Zeit ablaufenden und die unmittelbar bevorstehenden technischen Entwicklungen in 36 Industriezweigen beschr
ben und ihre möglichen Auswirkungen auf Produktivität und Beschäftig
aufgezeigt.
Einen weiteren Forschungsbericht hat das Arbeitsministerium von
der Auerbach Corporation über den Arbeits!
bedarf erhalten, der
sich durch den steigenden Anfall von Blaupausen, technischen Papieren
und Listen der verschiedensten Art in Industriebetrieben ergibt« Obwohl

�Obwohl dieser "Papierlawine" auf dem Gebiet der Wissenschaft und
Technik bereits erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet wird, so ist doch
immer noch nur sehr wenig über die Zahl und die Art der Arbeitnehmer
bekannt, die zur Bearbeitung und Verteilung dieser technischen Dokumente benötigt werden. Von gleicher Bedeutung ist auch die Frage, wie
lange sich die entsprechenden Tätigkeiten in Anbetracht der technologischen Entwicklung werden behaupten können und Inwieweit sie sich
automatisieren lassen.
Gegenstand spezieller Untersuchungen der Auerbach Corporation war
insbesondere die Punktion dieser Tätigkeiten in der Nachrichten : -dustrie. Analysiert wurden unter anderem die Verarbeitung und
Dokumentation der aus der technischen Arbeit eines Betriebes anfallenden Informationen und umgekehrt die Weiterleitung der aus anderen
Quellen kommenden entsprechenden Informationen an die Ingenieur- und
Technikergruppen. Durch diese Untersuchungen, die in acht Firmen dieses Industriezweiges durchgeführt wurden, war es möglich, sechs spezifische Gebiete klar abzugrenzen, die mit diesen Tätigkeiten weitgehend übereinstimmen» Technisches Schreiben, Technisches Zeichnen,
Unterlagenreproduktion, Archiv (Informationszentrum), $ormen,und Ersatzteilbeschaffung. Der Arbeitskräftebedarf in diesen sechs Gruppen
dürfte, v;ie die Untersuchungen ergaben, etwa bis 1970 i n demselben
Umfang ansteigen wie der gesamte Arbeitskräftebedarf dieses Industriezweiges, während ab 1970 die Kategorie "Technisches Zeichnen", die
bei weitem d? i g &lt;5ßte Anzahl von Arbei splätzen aufweist, einen geringeren Anteil an der Ges.atzahl der Arbeitsplätze in den sechs Gruppen
verzeichnen wird« Dies wird in erster Linie durch technologische Veränderungen bedingt.sein, die sowohl den Bedarf an Zeichnungen als auch
die Herstellungsniethoden beeinflussen werden.
Aus der Untersuchung ist ferner ein Zusammenhang zwischen dem
Anv. .chsen der Zahl der beschäftigten Techniker und dem der Zahl der
für die Bearbeitung der technischen Informationen erforderlichen Arbeitskräfte ersichtlich. Dagegen waren die erarbeiteten Unterlagen nicht
ausreichen!,um im einzelnen den Einfluß der technischen Inforr• ationsfunktionen auf den Gesamtbedarf an Ingenieuren und Technikern zu spezifizieren.
Zwei andere Berichte über spezielle technische Neuerungen, die
sich auf Untersuchungen stützen, die vom US-Arbeitsministerium durchgeführt wurden, sollen noch 1964 veröffentlicht werden. Der eine Bericht
untersucht dabei die Verwendung von numerischen Ivont roll Systemen in
der Fertigung von Werkzeugmaschinen und ihre Auswirkungen auf den Arbeitskräftebedarf des Industriezweigs, der andere dagegen analysiert
den Einfluß der Elektronenrechner auf den Arbeitskräftebedarf in der
Versicherungswirtschaft. Die Verwendung numerischer Kontrollsysteme
bei der Werkzeugmaschinenherstellung ist in der metallverarbeitenden
Industrie eine der bedeutendsten Neuerungen der letzten Jahre. Desgleichen hat die zunehmende Verwendung von Elektronenrechnern die Bürotät
keiten in de Versicherungsunternehmen, die heute etwa 800 000 Anges"
te beschäftigen, wesentlich beeinflußt. Jeder dieser Berichte wird über
solche Fragen Auskunft geben wie Anzahl der installierten Einrichtung
Ausnutzungsgrad der Anlagen in der gesamten Industrie, Einfluß auf die
Produktivität, die Beschäftigung, die berufliche Ausbildung, die Umschulung, die beruflichen Fertigkeiten und die innerbetrieb1ichen

�innerbetrieblichen Beziehungen.
Untersuchungen über die Auswirkungen der Automation
Im Jahre 19^3 ^a.t das US-Arbeitsministerium zahlreiche Untersuchungen über die Auswirkungen der Automation und technologischer
Veränderungen auf den Arbeitskräftebedarf veröffentlicht. Eine der
bedeutendsten Analysen befaßte sich dabei mit den Auswirkungen der
Büroautomatisierung iei der Bundesfinanzverwaltung (internal Revenue
Service). In dem Bericht werden im einzelnen die Planungstechniken
zur Ermittlung des Arbeitskräftebedarfs und die personalpolitischen
Entscheidungen erläutert, die die Verwaltung zur Verminderung der
Auswirkungen auf die Beschäftigten bei der Umstellung auf automatische
Datenverarbeitung traf. Gleichzeitig werden die Ausbildungs- und Umschulungspraktiken beschrieben, die zur Erleichterung der Umstellung
angewendet wurden.
Ebenso hat das Arbeitsministerium eine Reihe von Einzeluntersuchungen über die Erfahrungen mit Gruppen von Arbeitskräften durchgeführt, die auf Grund technologischer Veränderungen aus ihren angestammten Tätigkeitsbereichen verdrängt worden waren. Die Ergebnisse dieser
Studien werden ebenfalls Mitte 19^4 veröffentlicht werden. Bei diesen
Untersuchungen wurde insbesondere versucht, die besonderen Merkmal«
all jener Arbeitnehmer aufzuzeigen, die sich einen neuen Arbeitsplatz
sichern konnten, und all derer, die arbeitslos blieben. Desgleichen
sind solche Faktoren untersucht worden wie Einkommensminderung, Belastung der Arbeitslosenunterstützungsfonds, Nutzungsgrad beruflicher
Kenntnisse und Fähigkeiten, Veränderungen in der Mitgliederstruktur
der Gewerkschaften, Methoden der Arbeitsuche und Interesse der Arbeitnehmer an Umschulungskursen.
Eine Analyse über die Art der automatisierten Arbeitsplätze und
die bildungs- und berufsmäßigen Anforderungen führt zur Zeit die Human
Sciences Research, Inc., im Auftrag des Arbeitsministeriums durch.
Diese Untersuchung ist in Anbetracht der zahlreichen einander widersprechenden Ansichten über die beruflichen und bildungsmäßigen Voraussetzungen hinsichtlich der Umschulung von Arbeitnehmern auf automatisierte
Tätigkeiten insofern von großem Nutzen, als auf Grund der Ergebnisse
eine wirksame 9 Ausbildungspolitik für die Zukunft festgelegt werden
kann. 'Jährend nämlich eine Gruppe von Experten behauptet, daß die automatisierten Arbeitsplätze eine bessere schulische und berufliche Ausbildung erfordern, ist eine andere der Ansicht, daß die bildungsmäßigen und beruflichen Anforderungen nicht größer sind als bei den nicht
automatisierten Tätigkeiten.
Zahlreiche Forschungsprojekte sind in jüngster Zeit auch mit dem
Ziel durchgeführt worden, größere Klarheit über die Auswirkungen technologischer Veränderungen auf die Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte
zu gewinnen. Ein im November 1963 veröffentlichter Bericht befaßt sich
mit den Veränderungen in der Zahl der Arbeitsplätze und in den Aufgaben
und Tätigkeiten an den verschiedenen Arbeitsplätzen in der Telefonvermittlung seit Einführung des Fernwähldienstes und anderer technischer
Neuerungen. Eine in Kürzebeginnende Untersuchung hat die besonderen
Probleme zum Gegenstand, denen sich weibliche Arbeitskräfte von Fertigungsbetrieben bei einem Verlust ihres Arbeitsplatzes auf Grund der

-7

�der Einführung automatischer Maschinen gegenüber sehen. Daneben
wird eine Überprüfung der gesamten Autoraationsliteratur durchgeführt, um all das zusammenzufassen, was bis jetzt über die Auswirkungen technologischer Veränderungen auf weibliche Arbeitskräfte und
typische Frauenberufe bekannt ist. Die Ergebnisse sollen in künftige
Veröffentlichungen dieser Art eingebaut werden.
Um das künftige Tempo und den künftigen Einfluß der Automation
und anderer technischer Entwicklungen besser abschätzen zu können,
ist eine genaue Kenntnis all jener Faktoren nötig, die die Entscheidungen des Managements in dieser Hinsicht beeinflussen. Das Stanford
Research Institute führt gegenwärtig diesbezügliche Untersuchungen im
Auftrag der US-Arbeitsministeriums durch. Dabei soll im einzelnen die
Automatisierung in Lagerhausbetrieben, bei Banken, in der Nahrungsmittel- und Geräteindustrie untersucht sowie ermittelt werden, von
welchen Faktoren die Entscheidungen der Unternehmensführungen, die
Betriebe zu automatisieren, beeinflußt wurden. Desgleichen sollen die
tatsächlich erzielten wirtschaftlichen Vorteile mit den vom Management
errechneten V/erten verglichen v/erden. Auch diese Ergebnisse dürften
Mitte 1964 veröffentlicht werden.
Eine ganze Serie von Untersuchungen über die Auswirkungen der Automation und anderer technologischer Veränderungen führt das US-Arbeitsministerium gegenwärtig in der Stahl- und Textilindustrie sowie in
Gießereien, Elektrizitätswerken und im Transportgewerbe durch. Diese
Analysen umfassen sowohl augenblicklich.ablaufende als auch bevorstehende technologische Entwicklungen und beziehen sich auf solche Faktoren
wie Auswirkungen auf die Produktivität, Produktion, Beschäftigung, Beschäftigungsstruktur, Ausbildung und innerbetriebliche Beziehungen.
Mit der Einführung der Automation in Industriebetrieben, die über
keine eigene Maschinenreparatur- oder Elektrowerkstatt verfügen, ergibt
sich für diese Unternehmen ein ganz spezielles Problem: die Deckung des
Bedarfs an qualifizierten Arbeitskräften zur Wartung und Reparatur der
neuen automatischen Produktionseinrichtungen. Tiefere Einsicht in dieses
Problem zu gewinnen,ist das Ziel eines gemeinsam durchgeführten Projekts
des US-Arbeitsministeriums und des Internationalen Arbeitsamts. Im einzelnen sollen dabei - durch eine Auswertung der Erfahrungen anderer
Länder -Möglichkeiten zur Rekrutierung dieses Y/artungs- und Instandhaltungspersonals aufgezeigt werden.
Künftige Forschungsreihen
Die Ermittlung der wahrscheinlichen Auswirkungen künftiger technologischer Entwicklungen auf den Arbeitsmarkt und den Arbeitskräftebedarf stellt einen der bedeutendsten Aspekte der Automationsforschung
dar. Zu den zahlreichen geplanten Untersuchungen auf diesem Gebiet gehört auch eine Serie von Analysen, die weitere Aufschlüsse über Art und
Umfang der Automation in der amerikanischen Industrie von heute geben
sollen. Die erste Erhebung im Rahmen dieser Serie wird sich dabei auf
die Elektronenrechner konzentrieren.
Zahlreichen Forschungsprojekte sind ferner geplant, die Aufschlüsse
über spezifische technische Entwicklungen geben sollen, die sich noch
in den Anfangsstadien befinden. Ziel der Untersuchungen ist es, die
wahrscheinliche Einführungsrate und die Auswirkungen auf die Beschäftigung zu ermitteln. Eine weitere Forschungsreihe wird sich ferner mit

- 8 -

�mit der Feststellung all jener wirtschaftlichen Faktoren beschäftigen, die die technologische Entwicklung beeinflussen und charakteristisch für die Veränderungsrate sind. In diesem Zusammenhang sollen
dabei die Einflüsse von Veränderungen auf die Güter- und Dienstleistungsnachfrage sowie auch auf die Beschäftigung - nach Industriezweigen und Tätigkeiten unterteilt - in. Vergangenheit und Zukunft ermittelt
werden. Statistische Analysen der wirtschaftlichen Determinanten und
über die Auswirkungen der Automation und der technologischen Veränderungen werden weiter fortgesetzt und darüber hinaus noch ausgeweitet
werden, wobei der Schwerpunkt bei Zukunftstrends liegen wird. Zu den
zu untersuchenden Faktoren gehören unter anderem: Forschungs- und Entwicklungsausgaben; .Kapitalbedarf; Kassenbestandsveränderungen; Arbeitsund andere Kosten; und Produktionskapazität.
Umfangreiche Studien bei einzelnen Unternehmen und Industriezweigen werden in solchen Branchen durchgeführt werden, die entweder ständig niedrige
oder ständig hohe Y.'achstumsraten aufweisen. Ziel dieser
Analysen ist es, die Beziehungen zwischen technologischen Veränderungen
und gegenläufigen Beschäftigungstrends und anderen Virtschaftsfaktoren
aufzuzeigen. Desgleichen sind Unternehmensgruppenuntersuchungen vorgesehen, um all jene Faktoren zu ermitteln, die die Verbreitungsrate technologischer Veränderungen beeinflussen und über die möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigung Aufschluß geben. Auch sind Untersuchungen
über jene Faktoren beabsichtigt, die mit den Entscheidungen des Managements im Zusammenhang stehen, Investitionen in automatische Produktionsausrüstungen vorzunehmen. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die
Auswirkungen solcher Entscheidungen auf die Beschäftigungsstruktur gerichtet sein, wobei die gegenwärtig vom Stanford Research Institute
durchgeführten Analysen mit als Grundlage dienen werden.
Eine weitere Serie von Forschungen schließlich wird sich mit
solchen Fragen befassen wie Einfluß der Automation auf die einzelnen
Berufe, berufliche Qualifikationen der Arbeitnehmer, schulische und
berufliche Ausbildungsanforderungen,und Arbeitsbedingungen und Betriebsklima. Eingeschlossen hierin sind auch die Untersuchungen über die Auswirkung der Automation auf die innerbetrieblichen Beziehungen und die Maßnahmen, die von Management und Gewerkschaften getroffen wurden oder getroffen werden sollten, um die Einflüsse auf die Arbeitnehmer zu mildern.

(Aus "Report of the Secretary of Labor on Manpower Research and
Training", März 1964)
* * * * #

- 9-

�AI J. Hayes, I

n

der* der Maschinenbauerge\"er:-3C%- ft 'IAM):

Die Gewerkschaften und das öffentliche Interesse

Decken sich die gewerkschaftlichen Interessen weitgehend mit denen der Öffentlichkeit, oder verfolgen die Arbeitnehmerverbände ausschließlich eigene, engbegrenzte
und nicht dem Gemeinwohl dier ande Ziele?
Zu diesen Fragen nimmt der Präsident der
Maschinenbauergewerkschaft, AI J. Hayes,
in dem folgenden Artikel Stellung.

Zunächst ist festzustellen, daß die in Verhandlungen mit den
Unternehmern erzielten gewerkschaftlichen Erfolge nicht allein den
17 Millionen Gewerkschaftern und ihren Familienangehörigen zugute
kommen, sondern auch allen nicht organisierten Arbeitnehmern der
Betriebe, mit denen die Gewerkschaften Tarifverträge abgeschlossen
haben. Darüber hinaus lösen neue Vereinbarungen erfahrungsgemäß auch
Verbesserungen in bezug auf Gehalt, Urlaub, Pensions- sowie andere
Sozialleistungen zugunsten der Ingenieure, Techniker und Angehörigen
anderer Angestelltengruppen eines Betriebs aus.
Was aber liegt nun im öffentlichen Interesse? Auf Grund meiner
praktischen Erfahrungen wage ich die Definition, daß dem öffentlichen
Interesse dient, was für die Mehrheit von Vorteil ist, ohne daß es der
Minderheit schadet. Und es ist meine feste Überzeugung, daß die Erfolge,
das Handeln und die Ziele der amerikanischen Gewerkschaften einen Test
entsprechend dieser Definition standhalten. Natürlich haben die Gewerkschaften Fehler gemacht, was übrigens für alle übrigen Institutionen
unserer Gesellschaft ebenfalls gilt. Indes hat man den Gewerkschaften
daraus einen größeren Vorwurf gemacht als den anderen Gruppen, so etwa,
wenn man das wichtigste und nächstliegende Ziel aller Gewerkschaftspolitik, nämlich dem Arbeitnehmer einen angemessenen Anteil am Wohlstand
zu sichern, immer wieder heftig angegriffen hat. Demgegenüber muß festgehalten werden, daß dieses Ziel durchaus dem allgemeinen Interesse entspricht. Denn höhere Löhne bedeuten nicht nur höheren Lebensstandard
für mehr Menschen, sondern auch eine breitere Konsurabasis. Ohne gute
Löhne und Massenkaufkraft aber gäbe es keinen Markt für Güter der
Massenproduktion.
Sicherlich war die geographische Größe des Landes ein wesentlicher
Faktor für die Entwicklung der Massenproduktion in Amerika. Aber das
allein erklärt diese Entwicklung nicht. Denn sonst gehörten ja Indien
und China gewiß zu den hervorragendsten Wirtschaftsnationen. Ein wesentliches Element der Entwicklung ist vielmehr eine gut bezahlte Arbeiterschaft, die nicht nur in der Lage ist, zu produzieren, sondern auch zu
konsumieren. Mehr noch, die fortschreitende Lohnentwicklung bewirkte
auch eine dynamische Entwicklung der Technik in Amerika. Kurz, die
Politik der Gewerkschaften hat die Industrie dazu gebracht, die Arbeitskraft zu konservieren, sie in Verbindung mit neuen Maschinen, Verfahren
und Techniken so nutzbringend wie möglich einzusetzen.
Es
- 10 -

�Es gibt keinen automatischen Fortschritt, und es gäbe keine
Lohnerhöhung und keine Arbeitszeitverkürzung, wenn sie die Gewerkschaften nicht am Verhandlungstisch durchgesetzt hätten. Die Theorie
vom automatischen Portschritt hat sich nie deutlicher als falsch erwiesen als in jenen Jahren, da die Gewerkschaften den Kampf um die
Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von 16 Stunden auf 10 und
schließlich 8 Stunden führten. Glücklicherweise haben sich die Gewerkschaften auch nie das Argument jener selbsternannten Anwälte
des öffentlichen Interesses zu eigen gemacht, demzufolge die Arbeitszeitverkürzung gegen das Allgemeinwohl gerichtet sei, die
Profitchancen zunicht mache, die Kosten steigere, die Harkte zerstöre, die Löhne verringere und die Arbeitnehmerschaft auf den Weg
des Müßiggangs, des Lasters und der Sünde führen werde. Das Ergebnis
der Gewerkschaftspolitik sieht anders aus: Die Ilehrheit des Volkes
- die Lohnempfänger - kam in den Genuß höherer Löhne und kürzerer
Arbeitszeit, während die Minderheit - Unternehmer, Aktionäre und die
investierende Schicht - eine Stabilisierung ihrer Profiterwartungen
de.für eintauschte.
Ebenfalls im Sinne des öffentlichen Interesses ist die Erkenntnis der Gewerkschaften, daß für das Wohlbefinden eines Arbeiters
nicht allein der Job ausschlaggebend ist, sondern daß Fragen des
Krankenschutzes, der sozialen Sicherheit, der Bildung, der angemessenen Wohnung, des Ruhestandes, die in den Bereich der Gesetzgebung gehören, eine ebenso bedeutende Rolle spielen. In Wahrung ihrer
eigenen Interessen, aber ebensosehr im Interesse des Allgemeinwohls
handelnd, haben die organisierten Arbeitnehmer Amerikas den Kampf für
folgende Ziele geführt:
kostenlose Grundschulbildung mit dem Ziel einer maximalen Bildung
der Bürger;
Verbot der Kinderarbeit, um die Kinder aus den Arbeitsstätten in
die Schulen zu bringen;
geregelte Ausbildung und vermehrte Möglichkeiten der Weiterbildung
im Beruf, um den wachsenden Bedarf der Industrie an Facharbeitern befriedigen zu können;
soziale Sicherheit, einschließlich der medizinischen Versorgung
alter Menschen, um den im Ruhestand lebenden Arbeitern die Angst vor
den Risiken des Alters zu nehmen;
eine allgemeine Ausweitung der Möglichkeiten der medizinischen
Versorgung, so daß alle Menschen in den Genuß schneller und angemessener Behandlung entsprechend ihren Bedürfnissen gelangen;
Unterstützung im Falle technologischer Arbeitslosigkeit, um die
Arbeiter gegen das Hauptrisiko einer sich schnell wandelnden Technik
zu schützen;
eine gesetzliche Regelung des Mindestlohns mit dem Ziel, Arbeitgeber und Arbeitnehmer vor den Folgen eines bedingungslosen Kampfes
um den Arbeitsplatz zu bewahren;
andere gesetzgeberische Maßnahmen zur Verbesserung des Krankheitsschutzes, der Bildung und Erziehung, der sozialen Sicherheit und der
allgemeinen Wohlfahrt.
Mit

- 11 -

�i.Iit der Durchsetzung dieser Ziele am Arbeitsplatz und in den
gesetzgebenden Körperschaften hat die Arbeiterbewegung auch ganz
entschieden im.Sinne des allgemeinen Interesses gehandelt.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Gewerkschaftliehe Kurznachrichten
Vordringen der Negerinnen in höherqualifizierte Berufe
Dem Trend der farbigen männlichen Arbeitnehmer folgend,hat sich
in den vergangenen Jahren auch die Beschäftigungsstruktur für Negerinnen ganz beträchtlich gewandelt. Während Negerinnen früher fast
ausschließlich in ungelernten, keine speziellen geistigen und bildungsmäßigen Anforderungen stellenden Berufen tätig waren, sind sie
heute in praktisch allen Tätigkeitsbereichen anzutreffen. Dies ist in
erster Linie auf das steigende Bildungsniveau, aber auch auf die zunehmende Durchsetzung gleicher Berufschancen für Parbige zurückzuführen.
'jypisch für den sich hier abzeichnenden Wandel ist vor allem der
starke Rückgang der Zahl der weiblichen farbigen Arbeitskräfte in den
Haushaltsberufen - neben der Landwirtschaft und den Fabriken die einstige Domäne dieser Arbeitnehmerinnen. Wie aus einer Untersuchung des
US-Arbeitsministeriums, die unter dem Titel "Negro Y/omen Y/orkers in
1960" veröffentlicht wurde, hervorgeht, sank die Zahl der in privaten
Haushalten beschäftigten Negerinnen bis 1950 von 60 Prozent auf 41 Prozent der Gesamtbeschäftigtenziffer und zwischen 1950 und 1960 auf
36 Prozent ab. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß sich in
dem Zeitraum von 1950 bis 1 96O die Gesamtzahl der werktätigen Negerinnen um 31 Prozent auf insgesamt 2,5 Hillionen erhöhte.
Dem starken Rückgang in den "traditionellen" Negerinnen-Berufen
steht eine kräftige Zunahme der Zahl von farbigen weiblichen Arbeitskräften in den akademischen, Angestellten- und Dienstleistungsberufen
(außer Haushalten) gegenüber. Nach dem Bericht erhöhte sich der Anteil
der Negerinnen an den Angestelltenberufen zwischen 1940 und 1950 von
1 Prozent auf 5 Prozent und bis i960 auf 9 Prozent, während in den
verschiedenen Dienstleistungszweigen zwischen 1940 und 1950 ein Anstieg von 10 auf 19 Prozent und bis 196O auf 21 Prozent zu verzeichnen
war.
Zu den anderen Wirtschaftszweigen und Institutionen, in denen eine
ständig wachsende Zahl von Negerinnen beschäftigt wird, gehören auch
das Bank- und Versicherungsgewerbe, der Einzelhandel, der öffentliche
Gesundheitsdienst und die öffentliche Verwaltung.
*
(Quelle: Eigenbericht)
lütgliederkurve zeigt wieder nach oben
Die Lütgliederkurve der amerikanischen Gewerkschaften, die seit 1957»
nach Erreichung eines absoluten Spitzenstandes von 17*5 Millionen, ständigen Schwankungen unterworfen war, zeigt seit 1961 wieder nach oben.
, Dies

- 12 -

�Dies seht aus einer Übersicht des US-Arbeitsministeriuns hervor, die
sich hauptsächlich auf Angaben der Gewerkschaften stützt und die
Jahre 1960-1962 umfaßt.
Die Zahl der in den nationalen und internationalen amerikanischen Gewerkschaften (mit Mitgliedern in anderen amerikanischen Ländern) organisierten Arbeitnehmer ging bekanntlich zwischen 1957 und
1961 um 1,2 Millionen auf 16,3 Millionen zurück. Uine kurze Trendumkehx gab es nur in den Jahren 1952/59» als 88 000 neue Mitglieder
gewonnen werden konnten. Der erneute Anstieg der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder be ann dem Bericht zufolge Unde 1961 und setzte sich
auch 1962 fort. Die Zunahme um insgesamt 283 000 auf 16 586 000 ist
jedoch weitgehend auf einen Präsidialerlaß zurückzuführen, durch
den 1961 die llegierungsangestellten aufgefordert wurden, Arbeitnehmerorganisationen beizutreten. Insgesamt 155 000 Angestellte traten
seinerzeit einer Gewerkschaft bei.

('.„uelle: Eigenbericht)
* * * * *

- 13 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII -8/9

Bad Godesberg, den 1. September 1964
INHALTSVERZEICHNIS

Bezahlter Urlaub als Bestandteil von Kollektiv
vertragen

Seite 1

Die Rolle der Gewerkschaften in der modernen
Wirtschaft
"Haben Sie schon einen Job?"

Seite 5
Seite 10

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 12

Robert B. Cooney:
Bezahlter Urlaub als Bestandteil von Kollektivverträgen
Der amerikanische Gewerkschafter ist dabei, eine neue Freiheit zu entdecken - den längeren bezahlten Urlaub.
Eine bemerkenswerte Illustration dieser neuen Freiheit von
der Arbeitsroutine bildet der 13-Wochen- oder sogenannte "Sabbat-Urlaub" (eine Bezeichnung, die dem jüdischen Brauch entlehnt
ist, nach sieben Jahren in der Felderbewirtschaftung jeweils eine einjährige Ruhepause eintreten zu lassen). Diese neue Regelung trat mit Beginn dieses Jahres für Angehörige der Stahlarbeitergewerkschaft in Kraft. Ähnliche Regelungen mit alle fünf
Jahre eingeschobenen verlängerten Urlaubsperioden erlangten davor schon in der Behälter- und Aluminiumindustrie, vor allem
aber in der Stahl- und stahlverarbeitenden Industrie Geltung.
Seit mehr als einem Jahrzehnt besteht ein starker Trend
zur Gewährung längerer bezahlter Urlaubsperioden. Der Drei- oder
Vierwochenurlaub für Belegschaftsangehörige mit langjähriger Betriebszugehörigkeit ist bereits eine Selbstverständlichkeit, und
für neu eingestellte Arbeiter hat man die Urlaubsregelungen liberalisiert und auch die Bestimmungen über die erforderliche
Dienstzeit ständig gelockert.
Die
- 1 -

�Die Pläne selbst sind unterschiedlich, aber sie sind Ausdruck
des aggressiven und pra
tischen Herangehens der :.:
ten
an die Probleme. Eine Art Richtschnur liefert der Vertrag, der unlängst von der Bauarbeitergewerkschaft in Milwaukee für 4500 ihrer
Mitglieder ausgehandelt wurde« Ei" sieht fünf Wochen Urlaub für Arbeiter mit 17jähriger Dienstzeit und sechs Wochen Urlaub für solche
J.t 20jähriger Dienstzeit vor. Ahnliche Vereinbarungen wurden mit
Brauereien in New fork und 5t. Louis schon früher ausgehandelt.
Der Trend zu verlängerten Urlaubszeiten hat die verschiedensten Ursachen. Zunächst: ei zunehmender Vertrautheit mit den Problemen der Freizeit nimmt auch das Verlangen nach noch mehr Freizi
zu. Die weite Verbreitung des Automobils und die ständige Ausdehnung
des Autobahnnetzes haben den Wunsch nach lungeren Urlaubszeiten als
Voraussetzung für weitere Urlaubsreisen entstehen lassen.
Die Aufnahmefähigkeit der Erholungsgebiete des Landes winde bis
zum'äußersten strapaziert. Ein zusammen.
ler Bericht der "Outdoor
Recreation Resources Review Commission" an den Präsidenten und den
Kongreß wies folgende Rekordbesucherzahlen in Erholungsgebieten des
Bundes für das Jahr 196O aus: egenüber 1950 meldete der "National
Park Service" eine Verdoppelung auf 12 Millionen Besucher, der "Forest
Service" eine Verdreifachung auf 93 Millionen, die "Tennessee Valley
Authority" eine Verdreifachung auf 42 Millionen, das "Corps of Engileers' Recreational Dams" eine Steigerung von 16 Millionen auf 106
Millionen. Auf Grund der Untersuchungen der Kommission schlug der verstorbene Präsident Kennedy eine nationale Erholungspolitik vor.
Durch die Verbilligung der Plugreisen sind auch entlegene Gebiete
der USA und sogar fremde Länder für den amerikanischen Arbeiter erreichbar geworden, sofern er über einen entsprechend langen bezahlten Urlaub verfügt. Eine Reihe von Gewerkschaften bietet seit Jahren Reisen
über die "American Travel Associati n", ein ge\
schaftseigenes Unternehmen •.. Die Zeitung der Stahlarbeitergewerkschaft hat speziell für
1 ^-'"Ochen-Urlaüber eine Gruppenreise durch sieben europäische Länder
angekündigt. Und die Gewerkschaft der Elektriker, Radio- und Maschinenmechaniker (IUE) organisiert im Rahmen ihres Programms "Verständigungsreise 1964" Reisen ihrer*Mitglieder nach Europa, Israel, Mexiko,
Hawaii und zur New lorker Veitausstellung.
Ferienreisen ins Ausland erfreuen sich besonderer Beliebtheit bei
den amerikanischen Arbeitern bieten sie den Werktätigen doch Gelegenheit, das Land ihrer Geburt, hier gebliebene Verwandte oder die Quellen ihres kulturellen und religiösen Erbes aufzusuchen. Die Gewerkschaften, die solche Auslandsreisen unterstützen, waren immer bestrebt,
dabei den Bildungseffekt zu betonen.
So erklärte lUE-Prasident James B. Carey: "In den letzten Jahren
haben Mitglieder von IUE-Reisegruppen Sitzungen des englischen Parlaments verfolgt und mit führenden Vertretern der britischen Labour Party
diskutiert. Sie sind durch den Louvre geschlendert, haben den Eiffelturm erstiegen und haben mit französischen Gewerkschaftsvertretern und
Politikern über die gegenseitigen Handelsbeziehungen diskutiert. S i 9

�Sie sind durch die Straßen Jerusalems und Nazareths gega:
,
haben mit Kibbuz-Farmern und Arbeitern in gewerkschaftseigenen
Fabrikationsstätten gesprochen. Sie haben auf der Tokioter Hauptgeschäftsstraße Einkäufe gemacht, Fabriken der Rundfunk- und Ferneräteindustrie besichtigt und über Importe, Zölle und vergleichende Lohnskalen mit Vertretern der aufstrebenden japanischen
Elektrikergewerkschaften debattiert."
Verlängerte Urlaubsperioden bieten älteren Arbeitern die Mo'
lichkeit, sich frühzeitig mit den Verhältnissen des Ruhestandsdaseins vertraut zu machen. Höhere Lebenserwartung und der wachsende Anteil der alten Menschen an der Bevölkerung - etwa 13 Millionen Amerikaner sind 65 Jahre alt oder älter - lassen den langen
Urlaub als willkommene Übergangsperiode erscheinen«
Nach Auffassung der Gewerkschaften wäre die Einführung längerer Urlaubsperioden außerdem ein konstruktiver Beitrag zur Vermehrung der Arbeitsplätze. Der in der Stahlindustrie verwirklichte
Plan ist das Resultat von Überlegungen des "Human Relations Committee", das von der Gewerkschaft und elf Stahlfirmen nach dem /16e-Streik im Jahre 1959 gebildet wurde, Es gehört zu den Funktionen des Ausschusses, unbeeinflußt von schwebenden Lohnverhandlungen
diese Fragen grundsätzlich zu diskutieren.
In diesem Falle hatten neue technische Erfindungen wie das
Sauerstoff-Gebläseverfahren die Produktivität der Stahlindustrie erhöht und zugleich den Bedarf an Arbeitskräften herabgesetzt. Um den
Arbeitern ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Arbeitsprozeß zu ermöglichen und damit Platz für entlassene Arbeiter zu schaffen, handelte die Stahlarbeitergewerkschaft 1962 mit den elf Stahlfirmen
einen Spar- und Urlaubsplan aus. 1963 kam ein Übereinkommen zustande,
in dem zusätzlicher Urlaub, der durch Beiträge jeder Firma in Höhe
von 12,5 Cent je Arbeitsstunde und Arbeitnehi •
.anziert wird,
vorgesehen ist. Der dafür jährlich aufzuwendende Betrag
Lrd auf,
100 Millionen Dollar geschätzt. Die obere Hälfte der Alterspyramide
der Belegschaft wird Seniorgruppe genannt. Diese Gruppe älterer
Arbeiter hat alle fünf Jahre Anspruch auf den auf 1J Wochen erweiterten Urlaub, worin der normale Urlaub enthalten ist.
Verträge mit zwei bedeutenden Konservendos
steuern räumen
die gleiohen Rechte Arbeitern ein, die 15 Jahre der Firma angehören.
In der Aluminiumindustrie gibt es einen zusätzlichen Erholungsurlaub
von 10 '..ochen Dauer für Arbeiter mit zwei- oder
DJ Istzeit; für weitere drei Wochen wird zusätzlicher Lohn gezahlt. Beide
Pläne unterscheiden eich von der in der S
en
R
Der Spar- und Urlaubsplan wird, so hofft die Gewerkschaft,
neue Arbeitsplätze Bchaffen, aber diese Wirkung kann man noch nicht
enau abschätzen. Die Anwendung des Plans enthüllte im übrigen
ein neues Problem: die Verwirrung oder die Langeweile, welche solche
Arbeiter überkam, die sich noch nie in ihrem Leben einer längeren
bezahlten Periode des Nichtstuns gegenüber sahen.
Lne Reihe

- 3 -

�Reihe von Stahlarbeitern durchaus fähig war, die Zeit für die Verwirklichung alter Wunschträume zu nutzen - nämlich zu reisen, Besichtigungen vorzunehmen, sich einem Hobby zu widmen, ein Wochenendhaus zu bauen -, war eine andere Gruppe von Arbeitnehmern nur
durch Anregung und Überredung zu bewegen, sich vom Einerlei der
jahrelangen Routine freizumachen.
Die besten Übersichten über die bestehenden Urlaubsklauseln
stammen aus dem amerikanischen Arbeitsininisterium. Das dem Ministerium unterstellende Bundesamt für Arbeitsstatistik führt regelmäßig
eine Analyse der wichtigsten Tarifverträge durch.
Der Bericht des Ministeriums aus dem Jahr 1 962 gibt einen
Überblick über 1698 Großtarifvertr;&gt;e (die jeweils mehr als 1 00 Arbeitnehmer umfassen) für insgesamt 7,4 Millionen Arbeiter, al-o et*
Vd d"&gt;e Half+e aller unter .' rifverträgen arbeitenden Personen.
Etwa 92 Prozent der 1693 Verträge schließen Bestimmungen über
bezahlten Urlaub ein. Verträge, die solche Regelungen nicht enthalten, sind vor allem in der Bauindustrie, also einer Saison-Industrie,
anzutreffen. Aber selbst in der Bauindustrie ist ein bemerkenswerter
Trend festzustellen: Von 167 abgeschlossenen Verträgen enthalten
26 Prozent Urlaubsregelungen; 1957 waren es nur 20 Prozent. Und in
vielen von diesen Verträgen sind Unternehmerbeiträge an einen zentralen' Urlaubsfonds vorgesehen - ein Verfahren, das auch in anderen
Saison-Industrien, etwa der Bekleidungsindustrie, oder in der Schiff"
fahrt angewandt wird. Die Auszahlungen richten sich entweder nach
der im Fonds vorhandenen Summe oder nach der Zahl der Arbeitete .
Die Grundkonzeption für die Ermittlung der Urlaubszeit - angewandt bei über 90 Prozent aller Pläne - ist der sog. Stufenplan, .der
den Urlaubsanspruch von der Beschäftigungsdauer abhängig macht. Ein
verschwindend geringer Teil der Verträge sieht zwei andere Verfahren
vor, und zwar einheitlichen Urlaub für alle sowie eine von der jährlichen Arbeitsdauer abhängige Regelung wie z.B. im Druckereigewerbe,
wo für je 16 Arbeitstage im vorausgegangenen Jahr ein Urlaubstag
gewährt wird, die Gesamturlaubszeit aber drei Wochen nicht überschreiten darf.
Eine Analyse der jüngsten Angaben, die die Forschungsabteilung
des GewerksohaftsVerbandes AFL-CIO durchgeführt hat, läßt den Trend
zu längerem Urlaub klar erkennen.
Noch 1952 betrug der Höchsturlaub bei 5° Prozent aller nach dem
Stufenverfahren getroffenen Urlaubsvereinbarungen zwei Wochen oder
weniger; 46 Prozent der Pläne wiesen drei oder dreieinhalb Wochen
als Maximum auf, 4 Prozent vier oder mehr Wochen* 1961 sahen 40 Prozent der Pläne drei oder dreieinhalb Wochen Urlaub und 43 Prozent
vier Wochen oder einen noch längeren Urlaub vor.
Nach 1961 wurden die UrlaubeheStimmungen weiter verbessert:
Der Vier-Wochen-Urlaub ist in der Mehrzahl der Vereinbarungen nunmehr enthalten, wie die AFD-CIO feststell'". Der Gewerkschaftsverband
wies darauf hin, daß 1957 noch 68 Prozent der auf der Stufenregelung

- 4-

�Stufenregelung basierenden Verträge eine 25jährige Berufstätigkeit
zur Vorbedingung für den Anspruch auf vierwöchigen Urlaub machten;
bis 1961 hatte sich dieser Prozentsatz auf 52 Prozent vermindert.
Und seit der Veröffentlichung von 1962 ist auch die erforderliche
Berufstätigkeitsdauer in der Fleischkonserven-, Backwaren- und
Papierindustrie von 25 Jahren auf 20 Jahre herabgesetzt worden. In
der Gumniibranche ist die Anspruchsberechtigungsgrenze auf 22 Jahre
festgelegt worden. Wie der Bericht von 1962 zeigt, gil± in 60 Prozent der Verträge bereits die Bestimmung, daß auch bei weniger als
15 Jahren Berufstätigkeit bereits Anspruch auf einen Tiindesturlaub
von drei V/ochen besteht. Neu eingestellte Kräfte sollten, wie der
\Trend erkennen läßt, bald einen Mindesturlaub von zwei Wochen erhalten.
Die APL-CIO stellte weitere bemerkenswerte Entwicklungen bezüglich der Urlaubsgewährung fest:
Urlaubsgeld wird in der Regel so bemessen, daß es dem normalen
Lohn des Arbeitnehmers entspricht; das bedeutet, daß Anreizlohn,
Schichtausgleichslohn und Zeitlohn sowie Überstunden berücksichtigt
werden.
Bezahlter Urlaub stellt erworbenes Recht dar, das abgegolten
werden kann, wenn es nicht in Anspruch genommen wurde, oder das auf
die Angehörigen eines Arbeiters bei dessen Tod übergehen kann.
Neu eingestellte Arbeitnehmer erhalten während ihres ersten Arbeitsjahres in der Regel Urlaub, und zwar meistens eine Woche oder
mehrere Tage nach halbjähriger Beschäi'tigungsdauer.

(quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Die Rolle der Gewerkschaften in der modernen Wirtschaft
Vorausschauendes Planen ist eine wesentliche Voraussetzung für
die Gewährleistung von Vollbeschäftigung, 'höheren Lebensstandard und
eine bestmögliche Hilfeleistung an Entwicklungsländer. Zu dieser gemeinsamen Auffassung gelangten führende Gewerkschaftsvertreter aus
Großbritannien, Kanada und den Vereinigten Staaten im Verlauf von Gesprächen im Rahmen der zweiten Ditchley-Konferenz (Bitchley Park, England ).
In der Präge der nationalen Einkommenspolitik vertraten die Konferenzteilnehmer die Auffassung, daß eine solche Politik nur unter
Berücksichtigung aller eingeschlossenen wirtschaftlichen Faktoren entwickelt werden könne, daß es jedenfalls falsch wäre, diese Frage isoliert zu betrachten.
Die

- 5-

�Die Konferenz stand unter der Leitung von Lord V,rilliamson,
dem früheren Vorsitzenden des britischen Gewerkschaftskongresses
(TUC) und derzeitigen Generalsekretär der Gewerkschaft der Kommunalarbeiter» An der Konferenz nahmen Vertreter des britischen
Gewerkschaftskongresses, des Amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO sowie des Kanadischen Gewerkschaftskongresses (JLC)
teil.
Die Beschlüsse der Konferenz zu Planungs- und Einkommensfragen
wurden in zwei Dokumenten veröffentlicht.
Dokument A: Beteiligung an Planung und praktischer Durchführung der
'•;' i rt s chaf t s po li t ik
M i t g l i e d e r d e r G e w e r k s c h a f t s b e w e g u n g e n d e r drei t e i l n e h m e n d e n
L ä n d e r e r z i e l t e n E i n i g u n g d a r ü b e r , d a ß die g r o ß e n Z i e l e d e r V o l l b e schäftigung, der Anhebung des Lebensstandards und der Verbesserung
d e r L e b e n s b e d i n g u n g e n s o w i e e i n e s H ö c h s t m a ß e s an w i r t s c h a f t l i c h e r
H i l f e f ü r d i e E n t w i c k l u n g s l ä n d e r k e i n e s f a l l s dem S p i e l d e r a u f d e m
Markt herrschenden Kräfte überlassen bleiben dürfen.
V i e l m e h r sind p l a n e r i s c h e M a ß n a h m e n v o n n ö t e n , u m d i e s e Z i e l e
zu e r r e i c h e n . D i e P l a n u n g m u ß d e m W e s e n n a c h d e m d e m o k r a t i s c h e n

Prozeß der Überzeugung statt des Zwanges folgen und muß die Mitwirkung der Gewerkschaften als konstituierende Mitglieder einschließen.
Ohne Beteiligung der Gewerkschaften ist der Planungsprozeß undemokratisch und unrealistisch.
Die Annahme des Prinzips der wirtschaftlichen Planung wird
neue Belastungen und neue Verantwortung für die Gewerkschaften mit
sich bringen. So werden die Gewerkschaften in einer geplanten dauerhaften Vollbeschäftigungswirtschaft sicherlich ein weitaus größeres
Maß an Selbstdisziplin aufbringen müssen. Außerdem werden sie mehr
Verantwortung in der Ausbildung und Umschulung von Arbeitern übernehmen sowie entsprechend vorgebildetes Personal bereithalten müssen, das in der Lage ist, an planerischen Maßnahmen aktiv mitzuarbeiten.
Alle drei Gewerkschaftsverbände stimm en darin überein, daß die
Steuer- und Geldpolitik die allgemeine Nachfrage auf einem Kiveau
halten muß, das die Vollbeschäftigung in den betreffenden Volkswirtschaften garantiert. Unterschiede in der historischen Entwicklung«
in den Hilfsquellen und in den Institutionen bedingen, daß die drei
Gewerkschaftsverbände unterschiedliche Auffassungen bezüglich des
Grads und der Methoden wirtschaftlicher Planung vertreten.
Britischer Gewerkschaftsverband TUC:
Die sozialistische Tradition der britischen Gewerkschaftsbewegung und die besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse Großbritanniens lassen es verständlich erscheinen, daß der britische Gewerkschaftsverband (TUC) ein höheres Maß an wirtschaftlicher Planung
befürwortet als die beiden anderen Gewerkschaftsverbände.
«
Die

- 6 -

�Die Sicherung gesunder wirtschaftlicher Verhältnisse und
eines hohen Lebensstandards hängt weitgehend von LJrfolg des britischen Exporthandels ah. Der Verband glaubt, daß eine progressive
Steuer- und Geldpolitik zwar notwendig, aber allein nicht ausreichend ist, um Produktivitätssteigerungsraten zu erreichen, die die
Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes auf dem Weltmarkt
gewährleisten. Bei fortdauerndem Interesse an einer angemessenen
Verteilung des Sozialprodukts befaßt sich der Verband in wachsendem Haße mit den Möglichkeiten der wirtschaftlichen Expansion, die
man am ehesten durch die Kombinierung von Vollbeschäftigung und
höheren Produktivitätsraten für erreichbar hält.
Der britische Gewerkschaftsverband setzt sich für eine bessere
Aufteilung der verfügbaren Hilfsquellen ein und ist auch Mitglied
des Nationalrates für Wirtschaftliche Entwicklung (NEDC). Der Verband ist sich der damit verbundenen Verpflichtungen bewußt. Er gibt
z.B. Empfehlungen über benötigte Investitionssummen, Arbeitskräftebedarf je Industriezweig usw. heraus. Er ist der Auffassung, daß
Industrieplanung in diesem Stil notwendig ist, um eine ausgewogene
Expansion entsprechend den Erfordernissen Großbritanniens zu erreichen.
Der Gewerkschaftsverband vertritt die Auffassung, daß die zentrale Planungsbehörde, der NEDC, einen unabhängigen Status und einen
eigenen Stab besitzen muß, wenn er in der Lage sein soll, sinnvolle
Empfehlungen an Regierung und Industrie abzugeben.
APL-CIO:
Der amerikanische Gewerksch^ftsverband APL-CIO unterstützt das
Beschäftigungsgesetz aus dem Jahre 1946 (lümployment Act), das den Rahmen für die wirtschaftspolitische Betätigung in den Vereinigten Staaten absteckt. So hat der Verband den Beirat des Präsidenten für Wirtschaftsfragen, der unter diesem Gesetz gebildet wurde, mit Nachdruck
aufgefordert, detailliertere jährliche Voraussagen über die Beschäftigungslage in der amerikanischen Wirtschaft zu machen und über geplante Maßnahmen zur Erreichung der Vollbeschäftigung zu berichten.
Die APL-CIO hat außerdem die Einrichtung einer neuen Planungsbehörde
gefordert, die mit der Ermittlung der Hilfsquellen sowie des Bedarfs
der Nation beauftragt werden soll, damit eine sinnvolle Verwendung
gewährleistet ist. Gewerkschaften, Arbeitgeber und Vertreter der
Farmer sollen an der Arbeit dieser neuen Behörde beteiligt werden.
Nach dem zweiten Veitkrieg erfreute sich die amerikanische Wirtschaft durchgehend einer Rekord-Arbeitsproduktivitätsrate in der Industrie. Dies hat dazu beigetragen, daß die Vereinigten Staaten eine
starke Position auf den Weltmärkten (im Gegensatz zur Position Großbritanniens) behaupten konnten, wie der ständige jährliche Überschuß
im Außenhandel beweist.
Während des vergangenen Jahrzehnts haben sich die Vereinigten
Staaten jedoch nicht in vollem Umfang der Vorteile zu bedienen gewußt, die mit der wachsenden Produktivität und der wachsenden Zahl
der Arbeitskräfte verbunden sind. Die Folge: das Land hinkt beträchtlich hinter seiner wirtschaftlichen Kapazität her.
Um

- 7-

�Um diesen Zustand der unzureichenden Ausnutzung des Potentials
zu beenden, legt die AFL-CIO größten Nachdruck auf die Anwendung
energischer steuerpolitischer Maßnahmen« Vo • allem verweist sie
dabei auf die Möglichkeiten, die in einer verbesserten Steuerpolitik zur Stärkung der Kaufkraft der unteren und mittleren Einkommensschichten liegen. Außerdem wird die Ausweitung des staatlichen Bereichs der Wirtschaft einschließlich des Bauwesens und sozialer
Hilfsprogramme befürwortet.
l.'ährend die AFL-CIO einerseits mit Nachdruck fiskalische Maßnahmen zur Sicherung der Vollbeschäftigung fordert, wird andererseits
nicht übersehen, daß die Nation mitten in einem technischen Wandel
steht, der zu wirtschaftlicher Rückstandigkeit in vielen Teilen des
Landes führt und Industriezweige wirtschaftlich veralten und einige
Berufe aussterben lassen wird. Der Gewerkschaftsverband ist Mitglied
einer Reihe von Behörden, die für die wirtschaftliche Neustrukturierung rückständiger Gebiete und die Ausarbeitung wirksamer Arbeitsbeschaffungsprogramme verantwortlich sind. Die APL-CIO befürwortet
darüber hinaus die Errichtung einer ständigen Kommission zum Studium
der Polgen des technischen './andeis, einschließlich einer möglichen
Verkürzung der Arbeitszeit.
Die APL-CIO identifiziert sich zwar nicht mit irgendeiner politischen Partei, wie es der britische (TUC) und der kanadische Gewerkschaftsverband (CLC) tun. Nichtsdestoweniger setzt der amerikanische
Gewerkschaftsverband seine Mittel ein, um die Politik der amerikanischen Regierung im Sinne seiner Ziele zu beeinflussen.
Canadian Labour Congress:
Der kanadische Gewerkschaftsverband hat sich voll und ganz dem
Prinzip der Planung verschrieben. Dabei geht der Gewerkschaftsverband davon aus, daß Kanadas Situation durch Elemente der britischen
und der amerikanischen Volkswirtschaft charakterisiert ist.
Ähnlich wie der TUC ist der CLC davon überzeugt, daß es erforderlich ist, sich direkt mit einem politischen Instrument zu verbinden.
Aber die kanadische Wirtschaft weist auch eine Reihe von eigenständigen Zügen auf. Dazu gehört insbesondere die Tatsache, daß in
der kanadischen Wirtschaft in starkem Hafie amerikanisches Geld investiert ist. Der CLC glaubt, daß die wirksame Kontrolle dieses
Kapitals eine wesentliche Voraussetzung jeder kanadischen Wirtschaftsplanung ist.
Seit einigen Jahren gehört Arbeitslosigkeit zu den ernsten Problemen der kanadischen Wirtschaft, und sie lieferte auch primär das
Motiv für die weitverbreitete Bereitschaft, die Notwendigkeit wirtschaftlicher Planung anzuerkennen. Zugleich muß der ^xportbedarf Kanadas einschließlich einer mit Kachdruck betriebenen Expansion des Fertigwarenexports bei der Planung der Vollbeschäftigung und des wachsenden Lebensstandards sorgfältig beobachtet werden.
Um

- 8 -

�Um diese Ziele zu erreichen und um ein dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum zu sichern, hat sich der CLC voll und ganz
in die Arbeit des Kanadischen Wirtschaftsrates eingeschaltet. Der
Wirtschaftsrat erteilt der Regierung Ratschläge und Empfehlungen
in allen wirtschaftspolitischen Fragen. Steuer- und geldpolitische Maßnahmen, die Kapitalschöpfung und die Kanalisierung der
Ivlittel, das Verhältnis der privaten Investitionen zu denen der
öffentlichen Hand, der Investitionsbedarf der einzelnen Industriezweige, wirtschaftliche Stimulationsmaßnahmen, die Bedeutung und
der Grad von TransferZahlungen, die Verbesserung der Arbeitsmarktpolitik und der Ausbildung, die Sicherung guter Arbeitsverhältnisse in den Betrieben und andere verwandte 'Aspekte der Wirtschaftspolitik gehören zu den Beratungsgegenständen des Wirtschaftsrates.
Schlußbemerkungen:
Die drei Spitzenverbände vertreten die Auffassung, daß in
zunehmendem Maße das Mittel demokratischer Wirtschaftsplanung angewandt werden muß, um ein ausgewogenes wirtschaftliches Wachstum
und damit die gesellschaftspolitischen Ziele zu erreichen. Die Konferenz hat bei allen Teilnehmern zu einem besseren Verständnis für
die Haltung anderer gewerkschaftlicher Spitzenverbände in der Frage
der Wirtschaftsplanung geführt.
Dokument B: Nationale Einkommenspolitik
Bei der Behandlung der Frage, welche Politik in der Einkommensfrage verfolgt werden soll, traten zwar unterschiedliche Auffassungen
zutage, trotzdem gelang es, in einer Reihe von Punkten Übereinstimmung
zu erzielen.
1. Die Einkommenspolitik kann nicht isoliert von Kosten, Preisen
und Profit, Investitionen, Dividendenausschüttung und einer allumfassenden Politik der Vollbeschäftigung, herbeigeführt durch planerische
Maßnahmen, betrachtet werden. Einseitig formulierte sogenannte Leitlinien sind unannehmbar.
2. Eine solche Politik muß mit der vollem Mobilisierung aller
nationalen wirtschaftlichen und menschlichen Hilfsquellen verbunden
sein, nicht mit einem Restriktionsprogramra.
3« Ziel der Planung muß sein, schnelleres wirtschaftliches Waohstum über eine schnellere Einkommenssteigerung herbeizuführen.
4« Zugleich wird anerkannt, daß ein exzessives Ansteigen der
Profite und Preise das Programm des geplanten Wachstums unterminieren
und daß eine sinnvolle Preis- und Einkommenspolitik nur dann Erfolg
haben kann, wenn alle Betroffenen davon überzeugt sind, daß nicht
einzelne Gruppen der Gemeinschaft auf Kosten anderer Vorteile erlangen dürfen.
5« Die Mitarbeit der Gewerkschaften auf dieser Basis ist eine
wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Planung des wirtschaftlichen Wachstums. Kur durch diese Mittel kann der Lebensstandard

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�Lebensstandard der Gemeinschaft verbessert und Vollbeschäftigung
gesichert werden.
6. Eine starke und lebensfähige Gewerkschaftsbewegung, die eine
dynamische Politik fortgesetzter Expansion verfolgt, ist für die
Durchsetzung dieser Ziele unentbehrlich.

(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

"Haben Sie schon einen Job?"
"Brauchen S\e einen Job?" Unter dieser Rubrik findet man in den
amerikanischen Universitätszeitschriften laufend Hinweise darauf,
wann und wo auf dem Universitätsgelände welches Wirtschaftsunternehmen Gespräche mit den angehenden Akademikern über eine mögliche spätere Beschäftigung führen wird.
Die jungen amerikanischen Akademiker, ja selbst schon die Studenten der letzten Semester, werden heute von Industrie und Wirtschaft,
nach allen Regeln der Kunst hofiert. Der große Ilangel an jungen Wissenschaftlern zwingt die Firmen, sich rechtzeitig hochqualifizierte
Nachwuchskräfte zu sichern und dabei schneller zu sein als die Konkurrenz. Wie umworben der amerikanische Student ist, mag allein schon die
Tatsache demonstrieren, daß im vergangenen Jahr an der Universität von
Pennsylvanien z.B. sich insgesamt 677 Personalchefs oder Einstellungskommissionen der Wirtschaft und der Regierung die Tür in die Hand gaben und über 8000 Interviews mit rund 1000 Studenten durchführten.
Allgemein werden diese Einstellungsgespräche in den Räumen des Vermittlungsbüros der Universität geführt, das auch die Interviews arrangiert und den Studenten mit Rat und Tat zur Seite steht.
Diese Stellenvermittlungsbüros gibt es heute fast an allen amerikanischen Universitäten. Die Erfahrung hat gezeigt, daß der junge
Akademiker doch noch ziemlich hilflos ist, wenn es darum geht,wichtige
berufliche Entscheidungen fürs Leben zu treffen und Anstellungaverträge
auszuhandeln, die seinen Interessen ebenso entsprechen wie denen seines
künftigen Arbeitgebers.
Seit dem Jahre 1957 sind diese Vermittlungsbüros der amerikanischen Universitäten unter einer koordinierenden Dachorganisation, dem
sogenannten "College Placement Council", zusammengeschlossen, deren
Hauptaufgabe darin besteht, allgemein verbindliche Richtlinien auszuarbeiten, um die Vermittlung junger Akademiker in geordnete Bahnen
zu lenken und damit Auswüchse zu vermeiden. In 8 Regionalverbänden

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�Regionalverbänden gegliedert, gehören ihr heute mehr als 1000
Universitäten in den USA und in Kanada sowie rund 2000 Wirtschaftsunternehmen an.
Ein gutes Beispiel für die vielseitige praktische Arbeit dieser Vermittlungsbüros ist die Iowa State University, die bereits
auf eine langjährige Erfahrung zurückblicken kann.
Schon mit Semesterbeginn setzt hier ihre beratende und aufklä- .
rende Tätigkeit ein. Broschüren über Berufswege, Verdienstmöglichkeiten und alle anderen interessierenden Fragen werden ausgegeben,
ein Terminkalender für entsprechende informatorische Zusammenkünfte
wird veröffentlicht, die Möglichkeiten zur persönlichen Beratung
der Studenten bekanntgegeben und ein "Stellenanzeiger", der die
offenen Stellen in 1750 Unternehmen enthält, an die angehenden Absolventen verteilt.
Die Beratung der Studenten erstreckt sich praktisch auf alle
Fragen, die für einen erfolgreichen Eintritt ins Berufsleben von Bedeutung sind, wie Führung eines Interviews, Schreiben von Bewerbun^sbriefen, Zusammenstellen von Zeugnissen und Urkunden, Ausfüllen spezieller Fragebogen; aber auch Kleidungs- und Forrafragen werden in
diesbezüglichen Referaten behandelt.
Die Studenten sind also in jeder Beziehung gut vorbereitet,
wenn die "'tferber" der großen Firmen kommen, um sie als Kachwuchskräfte zu engagieren. Die meisten Unternehmen ziehen es dabei vor,
zuerst einen großen Kreis von Studenten mit der Struktur ihres Betriebs bekannt zu machen sowie die dort bestehenden beruflichen Möglichkeiten und Entwicklungschancen aufzuzeigen, ehe sie in Einzelinterviews ihre Angebote konkretisieren.
Den angehenden Lehrern und Universitätsdozenten steht in den
USA eine besondere Stellenvermittlungsorganisation (Association for
School, College and University Staffing) zur Verfügung, die 250 von
den führenden Colleges und Universitäten des Landes zu Mitgliedern
hat. Rund 75 Prozent aller Volks- und Oberschullehrer und mehr als
80 Prozent aller Doktoranden, die ins Lehrfach gehen wollen, werden
jährlich an den Colleges und Universitäten ausgebildet, die diesem
Verband angehören.
Die Stellenvermittlung geschieht hier im nationalen Rahmen, so
daß die Lehramtskandidaten, die sich beim Vermittlungsbüro ihrer
Universität registrieren lassen, ein Lehramt in praktisch allen
Bundesstaaten erhalten können. Die beim Vermittlungsbüro eingehenden Hinweise auf offene Stellen an Schulen und Universitäten werden
eingehend geprüft, nach Fachgebieten und geforderten Qualifikationen geordnet und die für das ausgeschriebene Lehramt in Frage kommenden Studenten auf eine Nominierungsliste gesetzt.
V/enn auch die Praxis der offiziellen Stellenvermittlung über
die Büros der Universitäten sich als außerordentlich erfolgreich erwiesen hat und ihre Dienste von immer mehr Studenten in Anspruch genommen werden, so gibt es für den amerikanischen Studenten von heute

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�heute doch noch zahlreiche andere Möglichkeiten, um Kontakt zu
Firmen aufzunehmen und sich ein Bild über die Arbeitsbedingungen
und beruflichen Erfolgsaussichten zu machen. Eine gute Gelegenheit hierzu bietet die praktische Arbeit während der Semesterferien, die nicht nur durch die Industrie- und Wirtschaftsunternehmen, sondern auch von Regierungsdienststellen in jeder Hinsicht
gefördert wird« Die große Zahl der "Werkstudenten" in jedem Sommer
beweist, daß Amerikas Studenten, bevor sie einen Arbeitskontrakt
abschließen, sich gerne erst mit eigenen Augen von dem überzeugen
wollen, was ihnen von den "Werbern" an den Universitäten oft in
den rosigsten Farben ausgemalt worden ist.
Natürlich gibt es auch noch den guten alten Weg, sich einen
Arbeitsplatz zu verschaffen, und viele Studenten folgen noch immer
dieser alten Tradition. Mit Zeugnissen und Referenzen unter dem
Arm klopfen sie an die Tür des Personalchefs und fragen nach dem
üblichen How do you do?: "Wie sieht es bei Ihnen mit einem Job für
mich aus?"
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Gesamtvermögen der privaten Wohlfahrtsf onds
gestiegen

auf 66 Mrd. Dollar

Der Vermögensstand der über 120 000 melde- und offenlegungspflichtigen privaten amerikanischen Wohlfahrts- und Pensionsfonds
bei?ef sich Ende vorigen Jahres nach einer Aufstellung des US-Arbeitsministeriums auf rund 66 Krd. Dollar, während die Fondsreserven der staatlichen Altersversorgung 1963 einen Stand von 40,0 Lird.
Dollar und die der staatlichen Hinterbliebenen- und Invaliditätsversicherung 20,0 Lird. Dollar erreichten. Bei Beibehaltung der derzeitigen jährlichen Wachstumsrate dürften die privaten Sozialfonds
bis zum Jahre 1970 über Reserven in Höhe von 100 Mrd. Dollar verfügen.
Von den rund 70 Millionen amerikanischen Arbeitnehmern kommen
der gleichen Übersicht zufolge gegenwärtig über 22 Millionen in den
Genuß zusätzlicher Sozialleistungen (bei Krankheit, Krankenhausaufenthalt, Operation, Unfall, Arbeitslosigkeit, Invalidität), die in
den meisten Fällen auch die Familienangehörigen der Versicherten
mit einschließen.
Wie aus der Übersicht weiter hervorgeht, sehen zwei Drittel
aller Wohlfahrtspläne Leistungen bei Krankenhausbehandlung, drei
Fünftel Leistungen bei Operationen oder Tod des Versicherten und

- 12 -

�und die Hälfte eine allgemeine Krankenversicherung vor. Zu den
anderen, weniger stark vertretenen Leistungen der privaten Wohlfahrtspläne zählen die Hinterbliebenenbeihilfen sowie Invalidenund Krankengelder. Fast in allen Plänen enthalten sind dagegen
Altersversicherungsleistungen. Auch Sterbegelder (4/5 aller Pläne)
und Versorgungsbeihilfen bei Vorliegen einer Vollinvalidität
(3/4 aller Pläne) gehören mit zu den häufigsten Leistungen.
Wenn sich auch die privaten Wohlfahrts- und Sozialpläne in den
vergangenen Jahren in praktisch allen Wirtschaftszweigen und in
allen Teilen des Landes mehr und mehr durchsetzen konnten, so ergaben sich doch die stärksten Zunahmen und die größten Leistungsverbesserungen in der Industrie und in Großstädten. In den kleineren
Gemeinden und Städten dagegen haben die privaten Sozialpläne genauso wie in den gewerkschaftlich relativ schwach organisierten Wirtschaftszweigen (Einzelhandel, Dienstleistungsindustrien) bislang
noch nicht recht Fuß fassen können. In den Haushalts- und in Landarbeiterberufen sind sie praktisch überhaupt nicht anzutreffen.
(Quelle: Eigenbericht)
*

Neuer Arbeitsvertrag bei Chrysler
Als erster der"Großen Drei" der amerikanischen Aufcomobilindustrie hat die "Chrysler Corporation" Anfang September einen neuen
Tarifvertrag mit der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschait (UAW)
abgeschlossen. Der neue Dreijahresvertrag bringt den Arbeitnehmern
dieses Unternehmens neben einer Herabsetzung der Pensionierungsgrenze
bei beträchtlich erhöhten Pensionslei stungen eine erheblich« Verbesse
rung der Arbeitsbedingungen, mehr Urlaub und mehr bezahlte Feiertage
sowie Lohnerhöhungen zwischen 14 und 24 Cent pro Stunde.
Der neue Arbeitsvertrag, der als Modell für die noch auezuhandelnden Verträge mit General Hotors, Ford sowie den übrigen Betrieben der Autoindustrie gilt, sei, wie UAW-Prüsident WalterBReuther
betonte, das bedeutendste derartige Abkommen in der Geschichte der
Gewerkschaftsbewegung. Es beweise, daß freie Gewerkschaften und freie
Arbeitgeber erfolgreiche Kollektivverhandlungen führen können. Der
Vizepräsident der Chrysler Corporation, John D. Leary, bezeichnete
die neue Übereinkunft als fair für alle Betroffenen - die Aktionäre,
die Arbeitnehmer und die Öffentlichkeit.
Der neue Vertrag, der vorerst nur für die 74 000 Arbeiter der
Chrysler-Werke gilt und erst kurz vor dem angekündigten Streikbeginn bekanntgegeben wurde, sieht eine Erhöhung des Pensionsgrundbetrags von monatlich 2,80 Dollar auf 4,25 Dollar für jedes abgeleistete Dienstjähr bis zu maximal 30 Jahren.vor. Die sich so ergebende Pension von 127*50 Dollar soll aus einem von-den beiden Sozial-

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�Sozialpartnern errichteten Fonds auf bis zu 400 Dollar im Monat
aufgestockt werden. Die auf diese V/eise aufgestockte Pension soll
bis zum 65» Lebensjahr gezahlt werden. Danach soll - neben der dann
einsetzenden Rente aus der staatlichen Sozialversicherung - lediglich die Grundrente von 127»50 Dollar gezahlt werden.
Der leitende Vertreter der UAW bei Chrysler, Douglas Fräser,
betonte, daß die Arbeiter durch den neuen Arbeitsvertrag ermutigt
werden sollten, sich bereits mit 60 Jahren pensionieren zu lassen.
Auch schon im Alter von 55 «Jahren sei eine Pensionierung möglich.
Der Arbeiter könne dann an Pensionsbezügen bis zu JO Prozent seines
Grundlohns erhalten. Die durchschnittliche Pension für einen Arbeiter, der sich nach ^Ojähriger Betriebszugehörigkeit mit 60 Jahren
pen;Monieren lasse, belaufe sich auf etwa 381 Dollar im Llonat.
Auch für die rund 14 000 bereits pensionierten Arbeiter der
Chrysler-Werke sieht der neue Arbeitsvertrag eine Aufbesserung der
Bezüge vor. So wird die Gesellschaft für diese Arbeiter die gesamten Kosten für Krankenhaus- und Krankenversicherung tragen. Als weitere wichtige Bestimmung sieht der neue Vertrag neben der normalen
Mittagspause eine Verlängerung der sonstigen Arbeitspausen für die
am Fließband beschäftigten Arbeiter um 50 Prozent, und zwar von
bisher 24 Minuten auf nunmehr 36 Minuten pro Arbeitstag vor. Ferner
werden die Grundlöhne um 14 bis 24 Cent pro Stunde angehoben, die
Zahl der bezahlten Feiertage wird um zwei auf neun pro Jahr und der
Jahresurlaub um eine V/oche auf drei Wochen erhöht. Außerdem wird
die Hinterb lieb enenver .- orgung verbessert.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

- 14 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 10

Bad Godesberg, den 1. Oktober 1964
INHALTSVERZEICHNIS

Die Mitgliederbewegungen der amerikanischen
Gewerkschaften
Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (i)

Seite 1
Seite 14

Die Mitgliederbewegungen der amerikanischen Gewerkschaften
Die Untersuchungsergebnisse in Kürze
Die Gesamtmitgliederzahl aller nationalen ' und internationalen^ Gewerkschaften der USA ist nach der jüngsten Erhebung des
"Amtes für Arbeitsstatistik" des US-Arbeitsministeriums zwischen
i960 und 1962 um 487 000 zurückgegangen. Damit hat sich der rückläufige Trend, der nach der stetigen Zunahme der Mitgliederzahl
seit den dreißiger Jahren von 1956 an festzustellen ist, weiter
fortgesetzt. Er hat bisher insgesamt einen Verlust von 847 000
Mitgliedern gebracht. Der Hauptanteil entfällt dabei auf die Fertigungsindustrie, wo die Gesamtbeschäftigtenzahl in einzelnen Industriezweigen während der vergangenen Jahre stark abgenommen
hat; dennoch läßt sich der Mitgliederschwund auf keinen Einzelfaktor zurückführen. Der geringe Anstieg der Mitgliederzahl zwischen
1961 und 1962 könnte jedoch auf eine Trendumkehr hindeuten.
Während die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in der Privatindustrie zwischen 1960 und 1962 allgemein
zurückging, nahm sie im öffentlichen Dienst beträchtlich (um
154 000) zu, was in erster Linie auf den 1962 veröffentlichten
Präsidialerlaß zurückzuführen ist, in dem das Koalitionsrecht der
öffentlichen Bediensteten ausdrücklich anerkannt wurde und die
Beamten und Angestellten zum Gewerkschaftsbeitritt ermutigt
wurden.
Im

l Tätigkeit nur auf die USA beschränkt
' Mit Mitgliedern in anderen amerikanischen Staaten,
vor allem in Kanada
- 1-

�Im Jahre 1962 betrug die Gesamtmitgliederzahl aller 181 nationalen und internationalen amerikanischen Gewerkschaften 17»6 Millionen. In dieser Ziffer eingeschlossen sind rund 1 Million kanadische
Gewerkschaftsmitglieder. Von diesen 17»6 Millionen Mitgliedern gehörten 14*8 Millionen (- 237 000) Gewerkschaften an, die im Verband der
AFL-CIO zusammengeschlossen sind, während 2,8 Millionen (- 250 000)
unabhängigen Gewerkschaften angehörten.
Von den 181 Gewerkschaften wiederum waren 130, die rund 84 Prozent
aller Mitglieder auf sich vereinigten, der AFL-CIO angeschlossen. Dieser Anteil war seit dem Ausschluß der Transportarbeitergewerkschaft
(Teamsters) sowie zweier kleinerer Arbeitnehmerverbände im Jahre 1957
praktisch konstant geblieben. Die Zahl der Ortsverbände der AFL-CIOGewerkschaften belief sich im Zeitpunkt der Erhebung auf insgesamt
62 000, die der Ortsverbände unabhängiger Gewerkschaften auf rund
12 000. Etwa 465O "local unions" hatten ihren Sitz außerhalb der Vereinigten Staaten, davon allein 4400 in Kanada.
Auch die Mitgliederstruktur hat sich im Vergleich zur letzten
Erhebung (i960) nur unwesentlich verändert. Die Zahl der weiblichen
Gewerkschaftsmitglieder ging um rund 53 000 auf 5 272 000 zurück, die
der organisierten Angestellten stieg um 93 000 auf 2 285 000 an. Trotz
des nicht unerheblichen Rückgangs der Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft blieb das Mitgliederverhältnis zwischen Fertigungsindustrie und den anderen Wirtschaftszweigen praktisch ausgeglichen. Die Masse der organisierten Arbeitnehmerschaft in den USA entfällt weiterhin auf die großen Gewerkschaften.
Art und Durchführung der Erhebung
Die in diesem Artikel benutzten Angaben wurden dem in Kürze erscheinenden "Directory of National and International Labor Unions in
the United States, 1963" entnommen, das vom "Amt für ,rbeitss.tatistik"
des US-Arbeitsministeriums nach Auswertung der an alle Gewerkschaften
verschickten Fragebögen zusammengestellt wurde. In den wenigen Fällen,
in denen die Gewerkschaften die Fragebögen nicht.an das Amt zurückschickten, wurden die hier verwendeten Angaben aus anderen Informationsquellen der Arbeitnehmerorganisationen und aus den im Archiv des Amtes
aufbewahrten Tarifverträgen entnommen.
Eine präzise Ermittlung der Kitgliederzahlen der Gewerkschaften
ist aus verschiedenen Gründen nicht möglich,,einmal, weil einige Gewerkschaften - aus Prestigegründen oder um einen Mitgliederrückgang zu verschleiern - dazu neigen, höhere Ziffern anzugeben, andere wiederum es
für zweckmäßiger und vorteilhafter halten, tiefzustapeln und niedrigere
Ziffern einzusetzen. Die Hauptschwierigkeit besteht jedoch in der unterschiedlichen Auslegung des Begriffs "Mitglied" innerhalb der einzelnen Gewerkschaften. Um n zdton zu einer einheitlichen Berichterstattung
zu gelangen, hat das "Amt für Arbeitsstatistik" die Gewerkschaften jeweils gebeten, in die.Fragebögen die durchschnittliche Zahl der in dem
Berichtsjahr Beitrag zahlenden Mitglieder einzusetzen. Wie jedoch eine
genaue Analyse der beantworteten Fragebögen ergab, haben sich nicht
alle Gewerkschaften an diese Norm gehalten, und in einigen Fällen wurden auch von der Beitragsleistung befreite (arbeitslose, im Streik

- 2 -

�Streik befindliche us»») Arbeitnehmer mit aufgeführt« Trotz solcher gewisser Unzulänglichkeiten auf einigen Gebieten dürfte die
übersieht über die Mitgliederbewegungen in den amerikanischen Gewerkschaften dennoch ein ziemlich genaues Bild von dem derzeitigen Stand geben.
Die Gesamtmitgliederzahl
Diese Mitgliederübersicht (s. Seite 4) wurde nach Berichten von
169 Gewerkschaften und auf Grund von Schätzungen der Mitgliederbewegungen in 12 Arbeitnehmerorganisationen aufgestellt. Sie gibt Aufschluß über die llitgliederzahl sämtlicher nationaler und internationaler Gewerkschaften, die ihren Sitz in den Vereinigten Staa.ten
haben. Sicht eingeschlossen jedoch sind einzelne Betriebsgewerkschaften sowie größeren Gewerkschaften oder Verbänden nicht angeschlossene Ortsvereine, die zusammen etwa 450 000 Mitglieder aufweisen
dürften.
Wie daraus hervorgeht, verteilen sich die seit i960 eingetretenen Mitgliederverluste ziemlich gleichmäßig auf die AFL-CIC und
die unabhängigen Gewerkschaften. Beide Gruppen hatten es sehr schwer,
ihren Mitgliederbestand insbesondere in jenen Industriezweigen zu
halten, in denen sich die größten technologischen Veränderungen vollzogen und in denen sich die Beschäftigungsstruktur erheblich wandelte .
Von den insgesamt 181 nationalen und internationalen amerikanischen Gewerkschaften haben 128 Sektionen und Ortsvereine mit einer Gesamtmitgliederzahl von 1,1 Millionen im Ausland, was einer Zunahme
gegenüber 196O um 10 000 und einem Anteil an der Gesamtmitgliederzahl
aller Gewerkschaften von rund 6 Prozent entspricht.
Mitgliedertrends und Veränderungen
Nach einer spektakulären Zunahme der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in den USA zwischen 1936 und 1944 flachte die ansteigende
Mitgliederkurve - bei ziemlich konstanter Zuwachsrate - in den nächsten Jahren etwas ab und erreichte 1956 mit 17»5 Millionen (ohne 1
den bisherigen Gipfelpunkt. Seit diesem Zeitpunkt ist ein kuckgang
der Mitgliederzahl um rund 900 000 eingetreten. Im Jahre 1962 lag sie
etwas unter dem Niveau des Jahres 1955» und der Abwärtstrend scheint
in diesem Jahr (1962) seinen Tiefpunkt überschritten zu haben, wie
der Anstieg der Mitgliederzahl gegenüber 1961 um 300 000 andeutet«
Die amerikanischen Gewerkschaften haben aber nicht nur einen erheblichen Mitgliederschwund hinnehmen müssen, auch ihre relative
Stärke, gemessen am Verhältnis der Gesamtzahl der organisierten Merktätigen zur Gesamtbeschäftigtenz'iffer (Tabelle 1 ) , hat seither abgenommen. Seit 1956 hat sich dieses Verhältnis ständig zuungunsten
der Gewerkschaften verändert} es ist z.Z. etwa 1; 4. Selbst in denjenigen Dienstleistungs- und Industriezweigen, die seit je eine Do li ne der Gewerkschaften waren und den höchsten Prozentsatz an organisierten Arbeitnehmern aufweisen, ist der Trend rückläufig gewesen.
Das Verhältnis beträgt hier gegenwärtig 3;".
Mitgliederzahlen 1961

- 3

�Litgliederzahlen 1 961

AFL-CIO - nach Angaben von
121 Gewerkschaften
AFL-CIO - nach Schätzungen für
10 Gewerkschaften

13 332 642
1 168 250

AFL-CIO - direkt angeschlossene
Ortsvereine und Betriebsgewerkschaften

71 000

Gesamt AFL-CIO

14 571 892

Unabhängige - nach Angaben von
43 Gewerkschaften

2 598 464

Unabhängige - nach Schätzungen für
10 Gewerkschaften

157 906

Gesamt Unabhängige

2 756 370

Gesamtmitglied &lt;.. rzahl
aller Gewerkschaften

17 328 262

Mitgliederzahlen 1962

AFL-CIO - nach Angaben von
125 Gewerkschaften
AFL-CIO - nach Schätzungen für
5 Gewerkschaften
AFL-CIO - direkt angeschlossene Ortsvereine und Betriebsgewerkschaften

13 736 363
1 033 207

65 819

Gesamt AFL-CIO
Unabhängige - nach Angaben .von
44 Gewerkschaften
Unabhängige - nach Schätzungen für
7 Gewerkschaften
Gesamt Unabhängige
Gesamtmitgliederzahl
aller Gewerkschaften

14 835 389
2 704 600
89 665
2 794 265

17 629 654

�Tabelle 1
Zahl der organisierten Arbeitnehmer und ihr Anteil
am Arbeitspotential

Arbeitspotential
Jahr

Gesantmtglied- •
schaft ;

Zahl

Anteil der
Gewerkschaften
i n &lt;f&gt;

1956

17 490 000

70 387 000

24,8

1957
1958

17 369 000
17 029 000

70 744 000
71 204 000

24,6

1959
i960

17 117 000

71 946 000
75 126 000
74 175 000
74 681 000

1961
1962

17 049 000
16 303 000
16 586 000

23,9
23,8
25,3
22,0
22,2

Gesamtbeschäftigung
(ohne Landwirtschaft)
Zahl
Anteil der
Gewerkschaften
in #
52 408 000
52 904 000

33,4
32,8

51 423 000
53 404 000
54 370 000

33,1
32,1

54 224 000
55 841 000

31,4
30,1
29,7

1) ohne kanadische Mitglieder

Trotz des Mitgliederrückgangs seit 1956 neideten rund 3/5 aller
Gewerkschaften für die Periode 196O-62 entweder Zunahmen oder keine Veränderungen in der Zahl ihrer Mitglieder. Auf der anderen Seite neidete
jede 7» Gewerkschaft einen Mitgliederverlust von 10 Prozent und nehr
im ErhebungsZeitraum» Geringere Veränderungen (weniger als 5 Prozent)
ergaben sich 1961/62 bei nehr als 2/3 dieser Gewerkschaften. Zwischen
1951 und 1962 verzeichneten 4/5 aller amerikanischen Gewerkschaften Gewinne oder Verluste von 10 Prozent oder mehr.
Zu denjenigen Arbeitnehmerorganisationen, die in diesem Zeitraum
Mitgliederverluste aufwiesen, gehören vor allem die Gewerkschaften der
Eisenbahner, der Bergarbeiter, der textil- und metallverarbeitenden Industrien sowie des Nachrichtenwesens. Zu den Organisationen, die die.
Zahl ihrer Mitglieder erhöhen konnten, zählen die Gewerkschaften der
Angestellten in öffentlichen Dienst, des Luft- und Seetransports sowie
des Einzelhandels und anderer.Dienstleistungszweige.
Von

- 5-

�Von den sechs größten amerikanischen Gewerkschaften, die jährlich Berichte über Mi.tgliederfcewegungen veröffentlichen, hat nur die
International Brotherhood of Electrical Workers (iBEff) zwischen 1951
und 1962 ihre l.Iitgliederzahl ständig erhöhen können: um 293 0^0 baw«
um 59 Prozent. Der größte jährliche Zuwachs wurde dabei 1958 (250 000)
erzielt.

Tabelle 2
Struktur der amerikanischen Gewerkschaften auf Grund von
l.Iitgliederzahl und Verbandszugehörigkeit

Sämtliche Gewerkschaften

Verbands Zugehörigkeit
'"
APL-CIO
Unabhängig

Zahl der Mitglieder
Zahl Prozent Mitglieder
in 1000
Sämtliche
schaften

Gewerk181

100,0

17 564

15

8,2

6

1000-4999

29

16,0

134

5000-9999

14

7,7

10 0 0 0 - 2 4 999

27

25 0 0 0 - 4 9 999
59 0 0 0 - 9 9 999

bis

in

1000

1 00,0

130

51

5

10

0,8

13

16

95

0,6

8

6

14,9

411

2,3

24

5

26

14,4

5,5

17

9

26

14,4

959
1 762

10,0

22

4

3 354
1 917
1 575

19,0

22

1

10,9

7

-

7,8

4

-

10,0

1

18,7

3
4

14,4

1

1

•7

100 0 0 0 - 1 9 9 999

23

12,7

200 0 0 0 - 2 9 9 999

7

3,9

300 0 0 0 - 3 9 9 999

4

2,2

400 OOO-499 999

4

2,2

500 OOO-999 999

4

2,2

1 765
3 278

ü b e r 1 000 000

2

1,1

2 551

2)
' weniger als 0,05 Prozent

- 6-

2)

-

�Die Transportarbeitergewerkschaft, die ab 1951 einen stetigen
Anstieg ihrer Mitgliederzahl verzeichnete und 1 %0 fast die 1,5Hillionen-Harke erreichte, hat seit 1961 einen geringen Rückgang
aufzuweisen» In der Periode 1951-62 ergibt sich für die "Teamsters"
trotzdem noch.ein Mitgliederzuwachs von 457 000» Das ist.der stärkste Anstieg unter diesen sechs größten Gewerkschaften, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß die stärkste Zunahme in den Jahren
1951-57 (417 000) erfolgte.
Sowohl bei der Stahl- (USA) als auch bei der Autonobilarbeitergewerkschaft (UAYf) deckt sich die I.Iitgliederkurve weitgehend mit dem
konjunkturellen Trend, d.h., beide verzeichneten in der Rezessionsperiode 1957/58 erhebliche Rückgänge, während in der nachfolgenden
Aufschwungsperiode die Kurve wieder einem Aufwärtstrend folgte. Die
Automobilarbeitergewerkschaft hat seither, von geringeren Schwankungen abgesehen, einen stetigen Ilitgliederzuwachs zu verzeichnen gehabt,
wobei die Gesamtzahl auf etwas über 1 Million anstieg. Dennoch hat
diese einst stärkste amerikanische Gewerkschaft ihre 1953 erzielte
Ilitgliederspitze (1 418 000) nicht wieder erreichen können. Die Stahl»
arbeitergewerkschaft dagegen weist seit 1959 - 1'-"^" Spitzenjahr mit
1 250 000 Mitgliedern - einen beträchtlichen Rückgang auf, ••• i.ei
die hier vorgenommene Umstellung in der Mitgliedererfassung und -Zählung den Hauptfaktor bilden dürfte. Donn während in den früheren
Jahren auch sämtliche Mitglieder, die keine bzw. «mäßigte Beiträge
zahlten, als Vollmitglieder gezählt wurden* sind in den Aufstellungen der Jahre 1961 und 1962 nur die den vollen Beitrag entrichtenden
Mitglieder aufgeführt.
Auch bei den Gewerkschaften der Maschinenbauer und der Zimmerleute sind die Mitgliederzählen in den vergangenen Jahren stark rückläufig gewesen. So hat z.B. die IAM-Gewerkschaft seit 1958 rund 125 000
Mitglieder» die Zimmerleutegewerkschaft seit 1956 110 000 Mitglieder
verloren.
Größe und Struktur der Gewerkschaften
Im Vergleich zu den früheren Erhebungen hat sich die Größe der
einzelnen Gewerkschaften und die zahlenmäßige Rangfolge bei den nationalen und internationalen amerikanischen Gewerkschaften kann verändert!
Zu den 43 Gewerkschaften» die bei der letzten Erhebung mehr als
100 000 Mit lieder zählten, sind drei weitere, die Gewerkschaften der
Feuerwehrleute» der Regierungsangestellten und der Postbedlens äten,
hinzugekommen» während zwei Arbeitnehmerorganisationen» die Geverksohaft
der Pleisohkonservenarbeiter (98 000) und die der Berg- und Hüttenarbeiter (75 000), aus diesem Kreis ausgeschieden sind. (Tabelle 5)
Geringere Verschiebungen haben sich auch in der Rangordnung der
sechs größten Gewerkschaften ergeben, die jeweils mehr als 700 000
Mitglieder aufweisen« Die jetzt hinter der Iransportarbeitergewerksohaft
an zweiter Stelle stehende Autömobilarhsitergewerksohaft hat sich um
einen Platz verbessern und die Stahlarbeitergewerkschaft auf den dritten Platz verwei en können. Der vierte Bang wird immer noch von den
Maschinenbauern verteidigt» während die lektriker (iBLTf) sich auf
den fünften Platz vorschieben und damit die jetzt an sechster Stelle

- 7

�Tabelle 3
National« und internationale Gewerkschaften
mit mehr als 100 000 Mitgliedern
(Stand 1?62)
Gewerkschaft

Mitglieder

Gewerkschaft

Mitglieder

Transportarbeiter
1 457 252
(Teansters) (unabh.)

Zugbegleiter

196 000

Autoraobilarbeiter
(UAV)

Textilarbeiter (TVHJA)

183 000

878 516
867 759
793 000

Holzschliffarbeiter

174 062

Ölarbeiter

168 1 90

739 207
450 000
445 000

Groß- und Einzelhandel

159 356

Gummiarbeiter

1 58 344

Straßenarbeiter

152 691

Damenoberbekleidung
(iLGYnj)

441 000

Maurer

151 000

Steinträger
Bekleidungsarbeiter

429 279
376 000

Briefträger

1 50 114

Verkäufer
Fleischer

363 983

Postan-estellte
Sisenarbeiter

145 000
138 789

1 073 547

Stahlarbeiter (USA)
Mas chinenbauer
Elektriker (IBM)
Zimmerleute
Bergarbeiter (unabh.)
Hotelangestellte

Elektriker (UE) (unabh.) 163 000

333 023
Eisenbahn- und Schiff- 300 000
fahrtsangestellte
Betriebstechniker
296 503

Transportarbeiter
Straßenbahner

135 000
134 000

Papierarbeiter

130 125

Elektriker (IUE)

295 000

Rangierer

126 000

Gebäude-Dienstleistungsarbeiter

294 359

Kesselschmiede

125 000

Musiker

281 949
278 678

Drucker

11 5 604

Valzwerkarbeiter

110 87O

250 531

Feuerwehrleute

109 035

Öffentlicher Dienst

220 000

Kegierungsar.£e4teilte
(AFGE)

1 06 042

Anstreicher

196 487

Typographen

106 001

Telephon-,Telegraphenarbeiter
Klempner

- 8 -

�Stelle rangierende Zimmerleutegewerkscha. t überflügeln konnten.
Weibliche Mitglieder
Die Gesamtzahl der gewerkschaftlich organisierten weiblichen
amerikanischen Arbeitnehmer belief sich nach den beim "Amt für
Arbeitsstatistik" eingegangenen Berichten von 145 Gewerkschaften
und nach Schätzungen über den Mitgliederbestand von 56 weiteren
Organisationen auf annähernd 3,3 Millionen. Dttcit ist gegenüber
1960 ein Rückgang um 55 000 eingetreten, der jedoch das bisherige
Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Gewerkschaftsmit liedern (etwa 1»5) nicht veränderte. Infolge der erheblichen Zunahme
der Zahl weiblicher Arbeitskräfte hat sich jedoch das Verhältnis
zwischen gewerkschaftlich organisierten und nicht organisierten
weiblichen Arbeitnehmern von 1 J 6 (i960) auf 1*7 verschoben. Bei
den Männern dürfte das Verhältnis etwa 1*3 betragen, was ebenfalls
einem leichten Rückgang entspricht.
Tabelle 4
Anteil der weiblichen Mitglieder an der Gesamtmitgliederzahl

Gruppe

Sämtliche Gewerkschaften
Keine weiblichen Mitglieder
Unter 10 Prozent
Zwischen 10 u. 19,9 Prozent
Zwischen 20 u. 29,9 Prozent
Zwischen 30 u. 39,9 Prozent
Zwi chen 40 u. 49,9 Prozent
Zwischen 50 u. 59,9 Prozent
Zwischen 60 u. 69,9 Prozent
Zwischen 70 u. 79,9 Prozent
Zwischen 80 u. 89,9 Prozent
über 90 Prozent

Sämtliche Gewerkschaften
Anzahl der weibZahl
Prozent
liehen Mitglieder
in 1000

in $
100,0

181

100,0

5272

48

26,5
52,0

-

168

5,1

11 ,6

620

18,9

12

6,6

9,5

8 •
12

4,4 •
6,6

505
458

13,4

425

12,9

459
195

13,4

659
50

19,5

58
21

8

4,4

7
4

3,9
2,2

3

1,7

_

_

m

-

5,9
1,5
_

Während

�Während in 22 Gewerkschaften - auf die rund 2/5 aller weiblichen organisierten Arbeitnehmer entfallen - die weiblichen Mitglieder die Mehrheit bilden, liegt der Anteil der Frauen an der
Gesamtmitgliederzahl in 106 Gewerkschaften (rund 3/5 aller Gewerkschaften) zwischen 0 (48 Organisationen) und 10 Prozent. In den
drei Gewerkschaften, in denen die Frauen 80 und mehr Prozent der
Gesamtmitgliederzahl ausmachen, beläuft sich ihre Zahl insgesamt
auf rund 50 000.
Der überwiegende "Blue-collar"-Charakter der amerikanischen
Gewerkschaften kommt auch in der Arbeitsplatzstruktur der weiblichen
Mitgliedschaft zum Ausdruck. So entfallen zum Beispiel auf zwei Gewerkschaften der Bekleidungsindustrie (Amalgamated Clothing V.rorkers"
und "International Ladies' Garment Workers Union") allein etwa
17 Prozent aller weiblichen Gewerkschaftsmitglieder. Zu den anderen
Gewerkschaften mit einer großen Zahl weiblicher Mitglieder gehören
ferner die Elektrikergewerkschaft (IBEW), die Gewerkschaf en der
Hotel- und Restaurantangestellten, Verkäufer, Automobilarbeiter und
Telephon- und Telegraphenarbeiter.
Mitglieder aus den Angestelltenberufen
Die Zahl der in den Angestelltenberufen tätigen Arbeitnehmer
ist in den USA erstmals 1956 größer gewesen als die Zahl der in Industrie und Handwerk Beschäftigten. In dem Maße, wie sich die "Whitecollar"-Berufe in den folgenden Jahren ausweiteten, nahm auch der
Anteil dieser Beschäftigtengruppe an der Gesamtzahl aller verfügbaren Arbeitskräfte weiter zu, während die Zahl der "blue-collar1
workers" im gleichen Verhältnis zurückging. Die amerikanischen Gewerkschaftsführer haben in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, daß die Arbeitnehmerorganisationen sich aus ihrer traditionellen "Blue-collar"-Orientierung lösen und sich in verstärktem Maße
um die Organisierung der Angestellten bemühen müßten, wenn sie nicht
künftig an Einfluß verlieren wollten. Dennoch haben sich die Mitgliederziffern für Angestellte seit 1956 nur unwesentlich geändert.
Mitglieder aus den
Angestelltenberufen

Anteil an der Gesamtmitgliedschaft

1956

2 463 000

13,6 i»

1958

2 184 000

12,2 fo

1960

2 192 000

12,2 °/o

1962

2 285 000

13,0 fo

Obwohl die 1962 für Gewerkschaftsmitglieder in Angestelltenberufen registrierte Ziffer von rund 2,3 Mio. im Vergleich zu 1 -60 um
93 000 höher liegt, so ist diese Zunahme doch relativ gering, wenn
man berücksichtigt, daß es heute rund 22 Millionen organisationsfähige
Arbeitnehmer in diesen Berufszweigen gibt. Au erdem entfallen etwa
2/5 dieser Zunahme allein auf zwei Gewerkschaften des öffentlichen

- 10 -

�öffentlichen Dienstes, die hier zum ersten Mal in einer Mitgliedererhebung in Erscheinung treten. Man kann also sagen, daß auf diesem
Sektor seit 1956 praktisch ein Stillstand eingetreten ist.
Mitgliedergewinne unter den Angestellten wurden 1962 bei den
Gewerkschaften für die Angestellten im öffentlichen Dienst, der Dienstleistungszweige und des Einzelhandels festgestellt, während Mitgliederrückgänge in zahlreichen führenden Gewerkschaften verzeichnet wurden, die ihre Mitglieder in erster Linie aus Wirtschaftszweigen mit
einer überwiegenden "Blue-collar"-Struktur rekrutieren.
Fast 2/3 aller Gewerkschaftsmitglieder aus den Angestelltenberufen ( 1 447 000) waren zum Zeitpunkt der Erhebung in nichtindustriellen Betrieben beschäftigt, während sich der Rest auf die öffentliche
Verwaltung (521 000) und die Fertigungsindustrie (317 000) verteilte.
Die Zugänge in der Verwaltung betrugen seit i960 rund 112 000 und in
den nichtindustriellen Zweigen der Wirtschaft 30 000. Diesen Zugängen
stehen Abgänge in der Fertigungsindustrie in Höhe von 49 000 Mitgliedern gegenüber.
Die Mitgliederstruktur in der Industrie
Seit der ersten Erhebung dieser Art im Jahre 1956 ist ein starker
Rückgang in der Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer
in der Industrie, ein geringerer in den nichtindustriellen Zweigen
der US-Wirtschaft eingetreten, denen ein geringer, aber stetiger Anstieg im öffentlichen Dienst gegenübersteht.
Verteilung der Gewerkschaftsmitglieder auf
die einzelnen Wirtschaftszweige

Jahr

Industrie

1956

8 839 000 48,8

8 350 000

46,1

1958

8 359 000 46,5
8 591 000 47,6
8 050 000 45,8

8 574 000

47,7
46,6

1960
1962

in Ja

Übrige Wirtschaft

8 375 000
8 289 000

in Ja

47,2

Öffentlicher
Dienst
915
1 035
1 070
1 225

000
000
000
000

in Ja

5,1
5,8

5,9
7,0

Der hohe Mitgliederverlust in der Industrie (800 000 seit 1956)
erklärt sich durch die erhebliche Einbuße an industriellen Arbeitsplätzen in diesem Zeitr&gt; um. Der Rückgang der Mitgliederzahl um 541 000 seit
1960 schließt einen Verlust von 308 000 Arbeitsplätzen in der Metallindustrie und von 136 000 Arbeitsplätzen in der Waggon- und Fahrzeugbauindustrie ein.
Drei große Wirtschaftszweige - Metall und Maschinenbau, Transportwesen, Hoch- und Tiefbau - vereinigen auch weiterhin die Masse der organisierten Arbeitnehmer der USA auf sich (mehr als 2/5). Zu den anderen Industriezweigen, in denen die Gewerkschaften über mehr als 1 Million Mitglieder verfügen, gehören« Nahrungsmittel und Tabak, Bekleidung und Leder, Waggon- und Fahrzeugbau, Gro - und Einzelhandel.
Tabelle 5
- 11 -

�Tabelle 5
M i t g l i e d e r s t r u k t u r d e r US-Gewerkschaften nach W i r t s c h a f t s z w e i g e n

Sämtliche
Wirtschaftszweig

Gewerkschaften
Mitglieder

Zahl

i n 1000

in

Sämtliche Gewerkschaften

181

Fertigungsindustrie

107

8 050

45,8

Nahrungsmittel, Getränke, Tabak

28

6,0

Textil, Bekleidung, Leder

24

1 045
1 226

7,0

Möbel, Holz, Papier

23

766

4,4

Druckerei und Verlag

559

2,0

Erdöl, Chemie, Gummi

15
20

491

2,8

Stein, Ton, Glas

18

269

1,5

Metall, Maschinenbau

58

2 585

Trans po rtaus rüs tungen

16

1 187

14,7
6,8

Verschiedene

25

123

0,7

103

8 289

47,2

Bergbau, Steinbrüche

11

552

2,0

Bauwirtschaft

28

15,8

Transport und Verkehr

47

2 417
2 572.

6

416

2,4

Öffentliche Versorgung

16

327

1,9

Handel

19

1 129

6,4

5

31

0,2

55

996

Landwirtschaft und Fischerei

7

36

5,7
0,2

Verschiedene

8

14

0,1

41

1 225

7,0

Andere Wirtschaftszweige

Fernmeldewesen

Finanz und Versicherung
Dienstleistung^ zweige

Öffentlicher Dienst

- 12 -

._1Z_5_64_

_!Q0 1 o_ ;

14,6

�Verbands Zugehörigkeit
Unabhängig

AFL-CIO
Firtschaftszweig

Mitglieder

Zahl

Mitglieder
i n 1000

i n &lt;$&gt;

i n 1000

in i

130

14 770

100.0

51

78

7 141

48,4

29

909

32,5

N a h r u n g s m i t t e l , Get r ä n k e , Tabak

18

596

4,0

10

449

16,1

Textil,Bekle idung,Leder

17

1 211

8,2

15

0,5

Möbel,Holz,Papier

18

735

5,0

31

1,1

Druckerei u.

11

312

2,1

47

1,7

Erdöl,Chemie,Gummi

16

382

2,6

7
5
4
4

5,9

Stein,

16

257

1,7

2

109
12

0,4

Metall, Maschinenbai

25

2 346

15,9

Transp ortausrüstungen

14

1 187

8,0

15
2

237
1)

8,5
1)

Versdi iedene

15

114

0,8

8

9

0,3

76

6 680

45,2

27

1 609

57,6

8

51

0,5

10,8

2 339

15,8

5
7

301

rv&gt;

Zahl

78

2,8

35

1 678

11,4

12

895

32,0

4

354

2,5

2

82

2,9

37

1,3

159

5,7

Sämtliche Gewerkschaften

Fertigungsindustrie

Ton,

Verlag
Glas

Andere Wirtschaftszweige
Bergbau, Steinbrüche
Sauwirtschaft
Transport und Verkehr
Fernmeldewesen

._2_Z9_4_ ..IQO^Q

Öffentl. Versorgung

11

291

2,0

Handel

14

970

6,6

5
5

3

28

0,2

2

3

0,1

28

975

6,6

5

21

0,7

Landwirtschaft u.Fischerei 4
Verschiedene
4

10

0,1

3

26

0,9

1)

4

8

0,3

14

277

9,9

Finanz und Versicherung
Dienstieistungszweige

Öffentlicher

0 weniger

Dienst

a l s 0,05

27

6
948

Prozent

6,4

( Q u e l l e : Monthly Labor Review,
Mai 1964, V o l . 8 7 , N r . 5 )
- 15 -

�Lawrence Rogin, Leiter der Abteilung Erziehung der AFL-CIO:
Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (i)
Vor etwa 1 50 Jahren begannen die jungen amerikanischen Gewerkschaften, auf örtlicher Ebene lose Zusammenschlüsse zu bilden und
ihre Kräfte zusammenzufassen, um die wirtschaftlichen Interessen
des Arbeiters - dauerhafte Beschäftigung, angemessene Löhne und Arbeitsbedingungen - besser vertreten zu können.
Diese Entwicklung war Teil des Vfachstumsprozesses der amerikanischen Demokratie. Und die amerikanischen Arbeiter waren weitsichtig genug, um zu erkennen, daß es die Demokratie über den Bereich
des Arbeitsplatzes hinaus auszudehnen galt. Die frühen zentralen
Gewerkschaftsbünde setzten sich sowohl politische als auch wirtschaftliche Ziele. Sie waren entschlossen, dafür zu sorgen, daß sich die
Verheißung der amerikanischen Demokratie auch unter den Bedingungen
der entstehenden Industriegesellschaft erfüllte. Das aber bedeutete,
daß man für Gleichheit der Chancen und für die Abschaffung der Klassenprivilegien einzutreten hatte.
Es war daher auch ganz selbstverständlich, daß sich die damaligen
Gewerkschafter die Forderungen der bekannten Pädagogen Horace Mann
und Henry Bernard zu eigen machten und ihren Kampf um ein allgemeingültiges, umfassendes öffentliches Erziehungssystem mit Nachdruck
unterstützten. SLer konnten ihre Auffassung schließlich gegen diejenigen durchsetzen, die Bildung als ein Privileg der Vermögenden verstanden wissen wollten und die in der Forderung nach freier, umfassender und gleicher Erziehung einen gefährlichen Angriff auf das
amerikanische System erblickten.
Seitdem haben die amerikanischen Gewerkschaften unablässig die
Forderung nach einem Höchstmaß an Chancen für alle auf dem Gebiet der
Bildung erhoben. Sie setzten sich für Schulpflicht und Schulgeldfreiheit, für die Einbeziehung des höheren Schulwesens in das öffentliche
Schulsystem, für die Einrichtung von Berufsschulen und akademische:
Berufsausbildung ein und forderten, daß das Einkommen der Eltern
niemals ein Hindernis für das Universitätsstudium sein dürfe.
Aber zwischen Absicht und Verwirklichung liegt ein weiter Weg.
Zwar ist die Gelegenheit zum Studium an Colleges und Universitäten
in den USA noch nie so günstig gewesen wie heute, nichtsdestoweniger
ist die wirtschaftliche Barriere für viele noch ein beträchtliches
Hindernis.
Erst kürzlich hat Francis Keppel, der Beauftragte der amerikanischen Regierung für das Erziehungswesen, dargelegt, daß jedes Jahr
zirka 100 000 bis 200 000 Oberschulabsolventen mit Hochschulbefähigung
meist aus finanziellen Gründen ihren Bildungsgang abbrechen müssen.
Und dabei steigen die Studienkosten weiter an, und zwar schneller als
die Einkommen der Arbeiter. Sowohl die öffentlichen als auch die privaten höheren Lehranstalten sahen sich in den vergangenen Jahren immer
wieder gezwungen, die Gebührensätze zu erhöhen, und alles spricht dafür, daß sich dieser Trend auch in Zukunft fortsetzen wird.
Natürlich

- 14 -

�Natürlich nimmt die Zahl der Stipendiaten zu. Eine halbe Million Dollar wenden allein die Gewerkschaften für Stipendien auf,
die rund 1000 Studierenden zugute kommt. Aber alles in allem decken
Stipendien nur fünf Prozent der Gesamtaufwendungen aller Studierenden ab. Hinzu kommt noch, daß das durchschnittliche Jahresstipendium nicht einmal 200 Dollar ausmacht.
Als problematisch wird außerdem empfunden, daß die Stipendien
nur den hervorragendsten Begabungen zugute kommen. Davon ausgeschlossen bleiben jene Absolventen der High Schoala, die durch ihre
schulischen Leistungen klar den Kachweis erbracht haben, daß die
Fortsetzung ihrer Ausbildung sinnvoll wäre, und denen aus finanziellen Gründen das Studium verwehrt ist. Für sie muß eine andere
Losung gefunden werden.
Zur Kostenfrage kommt die Raumfrage hinzu. Mit anderen Worten:
es ist fraglich, ob Colleges und Universitäten über genügend Einrichtungen verfügen werden, um alle jungen Menschen aufzunehmen, die sich
zu immatrikulieren wünschen. Der US-Beauftragte für das ErziehungSwesen, Keppel, schätzt, daß die amerikanischen höheren Bildungsanstalten in den nächsten sieben Jahren Platz für zusätzliche 3 Millionen
Studenten schaffen müssen} das bedeutet mehr Hörsäle, mehr Laboratorien, mehr Büchereien u n d - das schwierigste Problem - mehr Dozenten!
Wachsende Kosten und verschärfte Aufnahmeverfahren erschweren
dem "guten" Studenten aus einer Familie mit niedrigem Einkommen den
Zugang zur College-Erziehung, während Studenten aus Familien mit hohem
Einkommen immer in der Lage sind, einen Studienplatz zu finden. Die
amerikanischen Gewerkschaften sind jedoch nicht bereit, Universitätsbildung als ein Vorrecht der Gutsituierten und Hochbegabten anzuerkennen. Sie betrachten die Gleichheit der Chancen auf dem Erziehungssektor
als wesentliches Kennzeichen einer demokratischen Gesellschaft, und im
Lauf der Zeit hat sich die amerikanische Gesellschaft diesen Grundsatz
auch mehr und mehr zu eigen gemacht. Die Gewerkschaften aber sind der
Meinung, daß jetzt die Zeit gekommen ist, einen Schritt weiter zu gehen.
Die Gewerkschaften haben sich fiti eine wesentliche Erhöhung des
Finanzaufwands für Bildungszwecke ausgesprochen. Ein Teil des Geldes
wird aus privaten Quellen fließen, und zwar in Gestalt der schon erwähnten Stipendien oder nennenswerter Beiträge von Stiftungen, Firmen,
und Einzelpersonen. Aber die Masse der Mittel wird durch den Staat aufgebracht werden müssen, und zwar vor allem durch Steuern der Einzelstaaten und des Bundes.
Wegen der unterschiedlichen Höhe des Steueraufkommens in den einzelnen Staaten haben sich die Gewerkschaften für ein stärkeres Engagement
des Bundes ausgesprochen. Sie sind der Meinung, daß der Zufall der Geburt an diesem oder jenem Ort für niemanden ein Hindernis sein darf,
sich der Erziehungseinrichtungen zu bedienen, die er für seine Person als
angemessen erachtet. Und es ist bekannt, daß das durchschnittliche ProKopf-Einkommen in unseren ärmsten Staaten weniger als die Hälfte des
Durchschnittseinkommens pro Kopf in unseren reichsten ausmacht.
Die

�Die Gewerkschaften halten es für richtig, daß den Universitäten und Colleges der größte Teil dieser Hilfe direkt gegeben wird,
falls überhaupt so etwas wie Chancengleichheit zustande kommen soll.
Nur auf diese Weise wird es gelingen, die Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Vertreter der Gewerkschaften haben vor dem Kongreß und
in den Parlamenten der Einzelstaaten die Erweiterung der akademischen
Einrichtungen und eine angemessene Besoldung der Hochschullehrer gefordert. Außerdem bestehen sie weiter darauf, daß höhere Bildung gänzlich oder zum größten Teil kostenlos sein sollte und daß alle in Frage
kommenden Amerikaner einen rechtlich fixierten Anspruch darauf haben
sollten.
Die Gewerkschaften haben sich besonders damit befaßt, die Einrichtungen der höheren Bildung in den Arbeitergemeinden zu verbessern,
Das Campus-Leben ist sicherlich für den Bildungsprozeß von großer Bedeutung. Für Studenten, die sich das nicht leisten können und die nicht
zu den Stipendiaten gehören, muß man aber andere Möglichkeiten schaffen. Erfahrungsgemäß immatrikulieren sich Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommen in bedeutend stärkerem Maße an Colleges, wenn sich
solche Anstalten im Wohnort des Studenten befinden.
Man hat darauf hingewiesen, daß die höhere Bildung in den Vereinigten Staateh unter zwei Gesichtspunkten betrachtet wird: Höhere Bildung
sei in erster Linie ein individuelles Vorrecht; der einzelne Student
sollte ein Maximum an Studienkosten selber tragen} und ziemlich strenge
Zulassungsbestimmungen sollten die Zahl der Studierenden klein halten.
Der zweite Gesichtspunkt betont primär den gesellschaftlichen
^
Wert höherer Bildung als Mittel zur Herbeiführung der Chancengleichheit für alle. Demnach wird es im Interesse des Fortschritts zwar für
richtig und notwendig gehalten, die Hochbegabten zu fördern, dennoch
wird die Erziehung der großen Zahl der weniger Begabten als nicht minder wichtig erachtet. Verfechter dieses Standpunktes pflegen niedrige
Studienkosten sowie eine großzügige Handhabung der Immatrikulation zu
empfehlen.
In dieser Diskussion stehen die Gewerkschaften eindeutig auf der
Seite der Befürworter möglichst großzügiger und umfassender Regelungen des Hochschulstudiums. Sie blieben damit ihrer seit 150 Jahren gepflegten Tradition treu.
Allerdings sollte das eine klar sein. Die Vertreter der Arbeiterbewegung sind keineswegs der Ansicht, daß jedes Kind aufs College gehen
sollte. Auch unter den besten Bedingungen wird es immer noch Millionen
von jungen Menschen geben, die nicht aufs College gehen v/ollen und es
auch nicht sollten. Unter diesen, das dürfte sicher sein, werden sich
viele begabte Schüler befinden. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil.
Die Arbeit, die in der Welt getan werden muß, verlangt Fähigkeiten aller Art, und diese jungen Menschen können ihren Beitrag für die Gesellschaft auf vielen Gebieten leisten, die keine College-Ausbildung voraussetzen. Die Gewerkschaften hoffen, daß viele von ihnen sich zu den
Facharbeiterberufen hingezogen fühlen, die so viele Gewerkschaftsmitglieder heute ausüben, (wird fortgesetzt)
(Quellet Eigenbericht)

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enth&amp;lt Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
I S I S Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 11

Bad Godesberg, den 1. November 1964

INHALTSVERZEICHNIS
Gezielte Vorbereitung der Arbeitnehmer auf die
Pensionierung

Seite 1

Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (il)

Seite

8

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 11

Gezielte Vorbereitung der Arbeitnehmer auf die Pensionierung
Die nachfolgenden Auszüge aus einem Bericht
des "National Industrial Conference Board"
über Programme der amerikanischen Industrie
zur Erleichterung des Übergangs aus dem
Berufsleben in den Ruhestand befassen sich
mit einem Thema, das auch in den anderen
Industrieländern immer mehr an Bedeutung
gewinnt: die psychologische Vorbereitung
der Arbeitnehmer auf die Zeit nach ihrer
Pensionierung. Welche V/ege in dieser Hinsicht von einigen amerikanischen Unternehmen beschritten wurden, sei hier an einigen Beispielen erläutert.
Graduelle Pensionierung
Die von der Industrie entwickelten Programme zur Vorbereitung
des Arbeitnehmers auf die bevorstehende Pensionierung gehen im
wesentlichen von der Annahne aus, daß ständige Hinweise auf die

- 1 -

�die Pensionierung und die laufende Unterrichtung über die sich
für ihn ergebenden Probleme eine gewisse Aktivität bei dem angehenden Pensionär auslösen und ihn veranlassen, eigene feste
Pläne für die Zeit nach seiner Pensionierung zu machen. Auf diese
Weise - so argumentiert man - wird sich die gesamte Umstellung
viel leichter vollziehen und v/eniger Schwierigkeiten für die einzelnen Arbeitnehmer mit sich bringen.
Eine Anzahl amerikanischer Industrieunternehmen haben nun diese
Logik noch einen Schritt weitergeführt! sie haben bereits praktische
Haßnahmen getroffen und die Arbeitszeit ihrer der Pensionierung entgegensehenden Mitarbeiter verkürzt, damit diese gewisse praktische
Erfahrungen mit vermehrter Freizeit sammeln und vielleicht auch Gelegenheit finden können, bestimmte Pläne für die Zeit nach der Pensionierung zu ventilieren.
Wenn auch die hier untersuchten Programme für eine graduelle
Gewöhnung an die Pensionierung im Detail etwas voneinander abweichen,
so verfolgen doch alle die gleichen Ziele.
Bei einem Teil dieser Unternehmen - einer Gruppe von insgesamt
16 Firmen, bei denen die Pensionierung bei Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren, obligatorisch ist - beginnt das "Gewöhnungsprogramm" vor dem normalen Pensionsalter. 15 dieser Unternehmen betrachten
dabei ihren Pensions-Vorbereitungsplan als einen festen Bestandteil
ihrer Sozialprogramme, denn mit einer Ausnahme zahlen alle den Mitarbeitern den vollen Lohn während der zusätzlichen Freizeit.
Bei den anderen fünf Unternehmen dagegen, wo die Pensionierungsgrenze bei 70 Jahren liegt oder überhaupt nicht festgelegt ist, setzt
die Vorbereitung erst nach Überschreiten der normalen Pensionierungsgrenze - also nach Erreichen des 65. Lebensjahres - ein, wobei die zusätzlich gewährte Freizeit nicht vergütet wird.
Die häufip;sten Programme

,

Die gebräuchlichste Form der Gewährung zusätzlicher Freizeit ist
bei den 16 Unternehmen mit einer -Pensionierungsgrenze von 65 Jahren
ein verlängerter Jahresurlaub, der entweder in voller Höhe im letzten
Jahr vor der Pensionierung genommen oder aber auf die letzten 2 oder
3 Jahre aufgeteilt werden kann. Eine weitere Möglichkeit ist uie Verteilung der zusätzlichen Urlaubstage auf einen Zeitraum von 3 bis 5
Jahren auf progressiver Basis. Der Plan eines Unternehmens sieht eine
Verkürzung der jährlichen Arbeitszeit für den angehenden Pensionär in
den letzten drei Jahren vor} allerdings wird hier nur ein Urlaub ohne
Bezahlung gewährt. Weitere vier Unternehmen nehmen dagegen eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit vor, wobei der Programmbeginn
zwischen einem Jahr und drei Monaten vor Erreichung der Altersgrenze
liegt.

&lt;L

-

�Tabelle 1
Regelungen durch Verlängerung der Freizeit

zu

Unternehmen

Erfaßte
Arbeitnehmergruppen

Urlaub mit
Bezahlun S
Sonder- Gesamt
urlaub
(NiDrmalvor der u.laonderPensio- ur laub)
nierung

Versicherung

v .Aufsichtspersonal
aufwärts

2 Monate 3 !üionate

im letzten Jahr

die 3 Mon.
sind auf
einmal zu
nehmen

Versicherung

alle mit 20
u. mehr
Dienstjahren

2 Monate keine

in den
letzten
zwei
Jahren

nu r 1 Mo n .
darf bis
z . letzten
Vierteljahr
aufgespart
werden

Versicherung

alle

6 Wochen 10 ''lochen

im letzten Jahr

keine

Versi cherung

alle mit 10
u. mehr
Dienstjahren

6 Wochen
£&lt;sstaffeit nach 7 Wochen
D:Lenst0 Wochen
zeit

im 63 • &gt;
im 64 •»
im 65 .
Lebensjahr

keine

Versicherung

alle

2 Monate

3 Monate

in den
letzten
drei
Jahren

keine

2 Wochen

6 Wochen

4 Wochen

8 Wochen

im 61 . u.
62.,
im 65 . 65.Lebens
Jahr

mind. 4 Wochen im 61 .
u. 62 .Lebensjan:, der
Rest auf zwei
mal

1 Woche
2 Wochen

4 Wochen
5 Wochen
6 Wochen
7 Wochen

im 61 .,
im 62 .,
im 63•j
im 64•,
im 65 •
Lebensjahr

Gesamter Sonderurlaub ist
anschl. an
Jahresurlaub
zu nehmen

Angaben

f
Fertigungsbetrieb

Angestellte

Fertigungsbetrieb

v.Vorarbeiter
aufwärts

3 Wochen
4 Wochen
5 Wochen

8 7'ochen

nenmen

Einschränkungen

�Unternehmen

Erfaßte
Arbeitnehmergruppen

Urlaub mit
Bezahlung
SonderGesamt
(Normalurlaub
u .Sondervor der
urlaub)
Pensionierung

Fertigungsbetrieb

Konzernverw.
u. ein Produktionsbetrieb

3-4
6-8
Wochen*
Wochen*

im letzten Jahr

Sonderurlaub ist
auf einmal
zu nehmen

Fertigung sbetrieb

v. Vorarbeiter aufw är t s

1
2
3
4
5

Sonderurlaub ist
auf einmal
zu nehmen

Fertigungsbetrieb

Angestellte
u. J0&gt;i der
Produktionsarbeiter

3-4
Wochen

im 61.,
im 62 .,
im 63•,
im 64 • &gt;
im 65 •
Lebensjahr
im letzten Jahr

Woche
Wochen
Wochen
Wochen
Wochen

5
6
7
8
9

Wochen
Wochen
Wochen
Wochen
Wochen

6-8
Wochen

zu
nehmen

Einschrän
kungen

nach Vereinbarung

* Für leitende Angestellte bis zu 6 Wochen Sonder- und 12 Wochen
Gesamturlaub

�Die meisten Pläne dieser Unternehmen sehen keine Geldleistungen
anstelle des zusätzlichen Urlaubs oder eines Teils desselben vorl).
"Entweder der ältere Mitarbeiter nimmt den zusätzlichen Urlaub, oder
aber er verliert ihn", ist hier die Einstellung der Unternehmen.
Diese Praxis entspricht auch ganz den Absichten solcher Programme,
denn wenn ein angehender Pensionär seine zusätzliche Freizeit nicht
in Anspruch nimmt, können auch die beiden Hauptziele nicht erreicht
werden: Er selbst erhält keinen Vorgeschmack von der größeren Muße,
und sein Nachfolger hat keine Gelegenheit, sich mit den Funktionen
und Pflichten seines neuen Postens vertraut zu machen.
Diese harte Alternative des "Nimm oder verliere es !" ist Ausdruck
der Erfahrungen mit einem Programm, bei dem nicht genommener Urlaub
automatisch vergütet wird. Im Rahmen dieses Programmes nämlich wählten
95 Prozent aller Mitarbeiter das Geld anstelle des Urlaubs. Allerdings
ging es dem Unternehmen dabei weniger um die hier angesprochenen Ziele
als vielmehr darum, seinen älteren Mitarbeitern eine Möglichkeit zu
geben, sich einmal diejenigen Plätze im Land anzusehen, die als Wohnsitz für die Zeit nach ihrer Pensionierung in Frage kommen.
Die anderen Pläne
Die Pensionierungsprogramme der Unternehmen, bei denen das Pensionsalter über 65 Jahren liegt oder nicht festgesetzt ist, sehen ebenfalls eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit bzw. des Arbeitsjahres vor. Die drei Unternehmen in dieser Gruppe, die einen allmählichen Abbau der jährlichen Gesamtarbeitszeit durch die Gewährung eines
unbezahlten Urlaubs vornehmen, beginnen damit ab 66. Lebensjahr. Die
Herabsetzung der Arbeitswoche geschieht dagegen in der Regel dadurch,
daß der betreffende Arbeitnehmer auf Teilarbeitszeit (pro Arbeitstag
oder pro Arbeitswoche) gesetzt wird. Die Zahl der Wochenstunden wird
aber so bemessen, daß er in dem Genuß der ihm sonst zustehenden staatlichen Sozialleistungen bleibt.
Ein anderes stark beachtetes Pensionierungsprogramm wiederum verbindet die "Peitsche" des Zwanges mit dem "Zuckerbrot" des finanziellen
Anreizes. Die "Peitsche" ist dabei der "Zwangsurlaub" ohne Bezahlung 1 Monat Urlaub ohne Bezahlung im ersten Jahr, 2 Monate im zweiten Jahr das "Zuckerbrot" ist die höhere Pension, die alle Mitarbeiter erhalten,
die über das 65. Lebensjahr hinaus weiterbeschäftigt werden - 8 Prozent
mehr bei einer Pensionierung im Alter von 66 Jahren, 17 Prozent mehr
bei 67, 2'6 Prozent mehr bei 68. 37 Prozent mehr bei 69 und 48 Prozent
mehr bei 70 un(l mehr Jahren 2 ' .
1/ Nur in solchen Fällen, in denen der Betreffende aus bestimmten Gründe
nicht in der Lage ist, den Urlaub zu nehmen, oder das Unternehmen ihn
ersucht, darauf zu verzichten, erfolgt bei den meisten Plänen eine
finanzielle Ablösung.
2) Diese Steigerung entspricht etwa der Pensionssumme, die normalerweise
ab 65. Lebensjahr zur Auszahlung gekommen wäre.

�In einem weiteren Unternehmen erstreckt sich das Programm der
zwangsweisen graduellen Pensionierung nur auf die leitenden Angestellten. Hier erhalten diejenigen Mitarbeiter, die die Altersgrenze
von 65 Jahren erreichen, eine Pension - ob sie in den Ruhestand
treten oder nicht. Entscheidet sich ein leitender Angestellter für
die Weiterarbeit, dann muß er jährlich einen zusätzlichen Monat unbezahlten Urlaubs nehmen und nach Erreichen des 70. Lebensjahres
ganz ausscheiden.
In einem anderen Unternehmen dieser Gruppe beträgt das Pensionsalter für männliche Mitarbeiter 65 und für weibliche 60 Jahre. Es
kann jedoch um jeweils fünf Jahre überschritten v/erden. Nach Angaben
dieser Firma haben rund 90 Prozent ihrer Mitarbeiter nach Erreichen
der Pensionierungsgrenze den Wunsch, weiterzuarbeiten - die meisten
sogar bei voller Arbeitszeit. Ist die Geschäftsleitung jedoch der
Ansicht, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit im Interesse des betreffenden Mitarbeiters liegt, dann ist dieser gehalten, in der Fünfjahresperiode jedes Jahr zusätzlich unbezahlten Urlaub zu nehmen.
Anscheinend ist dieses Programm der zwangsweisen Verkürzung der
Arbeitszeit bei den älteren Mitarbeitern nicht sehr populär, denn die
meisten würden es vorziehen, mit voller Kraft bis zu ihrer Pensionierung zu arbeiten. Ein Grund für diese Einstellung mag darin zu sehen
sein, daß dieses Unternehmen statt der sonst üblichen privaten Pensionspläne für seine Mitarbeiter einen Gewinnbeteiligungsplan durchführt, der aber nur Eonus Zahlungen bis zum Ausscheiden des jeweiligen
Mitarbeiters vorsieht.
Die beiden restlichen Programme in dieser Gruppe sind eher als
Teilarbeitszeitpläne denn als Pensionierungspläne anzusprechen. Sie
sehen Teilarbeitszeit für die Pensionsberechtigten vor, um diesen Gelegenheit zu geben, sich ein zusätzliches Einkommen pro Jahr bis zu
1200 Dollar zu verdienen.
Bei dem einen Programm haben die Produktionsarbeiter und das Wartungspersonal im Alter von 65 die Wahl zwischen drei Möglichkeiten*
Pensionierung, Weiterbeschäftigung bei voller Arbeitszeit, Übergang
auf Teilarbeitszeit (Die normale Arbeitszeit beträgt in diesem Fall
2 Tage pro Woche) . Weitere Sozialleistungen werden ihnen in Form einer
Lehensversicherung in Höhe von 1000 Dollar sowie einer allgemeinen
Krankenversicherung gewährt. Diese Leistungen erlöschen jedoch nach
Erreichung der Zwangspensionierungsgrenze, die hier ebenfalls bei 70
Jahren liegt.
Bei dem anderen Programm schließlich bemüht sich das Unternehmen
in der Zeit kurz vor dem Erreichen des durchschnittlichen normalen
Pensionsalters (Männer 65, Frauen 62;, die betreffenden Arbeitnehmer
im Betrieb um- und so einzusetzen, daß sie bei Teilarbeit in der Lage
sind, zusätzlich zu ihrer staatlichen Altersrente pro Jahr bis zu
1200 Dollar (Steuerfreigrenze) zu verdienen. Gleichzeitig werden sie
ermuntert, diese Tätigkeit beizubehalten. Zwangspensionierungsvorschriften bestehen bei diesem Programm indessen nichtj rund 70 Prozent
aller Arbeitnehmer dieses Betriebs bleiben über das normale Pensionsalter hinaus berufstätig.

- 6-

�Tabelle 2
Regelungen durch Verkürzung der Arbeitswoche

Unternehmen

Erfaßte
Mitarbeiter
im Pensionsalter

Anzahl der
freien
Wochentage

Finanz

alle

in den
nur Freitag oder
letzten
Montag
6 Monaten

Versicherung

alle

im letzten nur Freitag oder
Jahr
Montag

Fertigungsbetrieb

alle

im viertletzten
Monat
im drittletzten
Monat

gültig

Einschränkungen

.keine

im vorletzten
Monat
im letzten
Monat
Fertigungsbetrieb

im drittletzten
Monat

ausgewählte
Angestellte

keine

im vorletzten
Monat
im letzten
Monat
Individuallösungen
Um die in leitenden Positionen tätigen Angestellten auf die vermehrte Freizeit nach ihrer Pensionierung vorzubereiten, haben zahlreiche Unternehmen individuelle, auf die besonderen Verhältnisse und
Probleme des angehenden Pensionärs abgestimmte Übergangs Programme entwickelt, die in der Regel keine starre Form aufweisen, sondern recht
flexibel und informell gestaltet sind. So ist man bei einigen Unternehmen dazu übergegangen, den Nachfolger des betreffenden leitenden
Angestellten 1 bis 2 Jahre vor dessen Pensionierung einzuarbeiten, wo-

- 7-

�wobei nach einer gewissen Periode der Zusammenarbeit und Einarbeitung sukzessive immer mehr Verantwortungen auf den Nachfolger übergehen. Zu den anderen Möglichkeiten zählen: Übertragung gewisser ziviler Projekte des Unternehmens an den zur
Pensionierung anstehenden leitenden Angestellten} Gewährung
eines Urlaubs während der letzten Monate vor dem Ausscheiden;
Einfrieren des Gehalts auf einem bestimmten Niveau bei gleichzeitiger Gewährung von längerem Urlaub} Verminderung des Jahreseinkommens durch Zwangsurlaub ohne Bezahlung} und Umsetzen auf
Teilarbeit.

(Quelle; Monthly Labor Review,
Juli 1964, Vol. 87, Nr. 7)

Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (II)
Amerikanische Gewerkschafter machen nur allzu oft die Erfahrung,
daß der gebildete Lurchschnittsamerikaner keine Vorstellung von der
Rolle der Gewerkschaften in der industriellen Gesellschaft besitzt.
So sind etwa Lehrer - um nur ein Beispiel zu nennen - in der Regel
kaum oder nur mangelhaft über den Beitrag der amerikanischen Gewerkschaften zur Entwicklung des öffentlichen Erziehungswesens in den USA
orientiert.
Die Gewerkschaften haben nun keineswegs die Absicht, von den Universitäten zu verlangen, daß sie ihre Studenten zu überzeugten Anhängern der Gewerkschaftsbewegung machen. Aber sie glauben doch erwarten zu dürfen, daß jeder gebildete Amerikaner eine gewisse Vorstellung von einer der bedeutendsten demokratischen Institutionen
der Gesellschaft, in der er lebt, besitzt und daß er somit in der
Lage ist, sich ein auf Wissen gegründetes Urteil in gewerkschaftlichen Fragen zu bilden. Sicherlich gibt es Universitäten, die in
der Verbreitung von Kenntnissen über die amerikanische Industriegesellschaft Beachtliches leisten. Aber viel zu groß ist noch die
Zahl der Universitäten, denen das Thema Gewerkschaften zu heikel
erscheint, als daß sie es für objektiv darstellbar halten könnten.
Der Auftrag der Universitäten erstreckt sich jedoch nicht allein
auf die Lehre, sondern auch auf die Forschung, und die Gewerkschaften
hoffen und würden es begrüßen, wenn sich ein Teil der Forschung auf
Probleme konzentrieren würde, die für Millionen amerikanischer Arbeiter
unmittelbar von Interesse sind, wie zum Beispiel das Phänomen der
Arbeitslosigkeit im allgemeinen oder das Sonderproblem der technologischen, im Gefolge der Automatisierung auftretenden Arbeitslosigkeit.
In gewissem Sinne wurde diese Arbeitslosigkeit ja unter Mitwirkung
der Universitäten geschaffen; Es steht außer Frage, daß die Auto-

- 8-

�Automation in ihren mannigfachen Spielarten das Ergebnis der
Anstrengungen hochqualifizierter Wissenschaftler und Techniker ist,
die ihr Wissen an den Universitäten erwarben und die heute zumeist
in deren Auftrag tätig sind. Wichtig und unbestritten ist der Beitrag der Universitäten in der Schaffung der Arbeitsvoraussetzungen
für die Wissenschaftler. Kur - es ist mindestens ebenso wichtig,
daß dieselben Universitäten auch die Voraussetzungen für die Erforschung sozialer Tatbestände schaffen, die die unmittelbare Folge
des von ihnen mitbewirkten technischen Wandels sind.
Die amerikanischen Hochschulen haben schon immer eine Verpflichtung darin gesehen, ihre Erziehungstätigkeit über ihren eigenen Bereich
hinaus auf die Gemeinschaft auszudehnen. So betrachteten hervorragende
Universitätslehrer ihre Institutionen als dynamische Instrumente, die
im Dienste der Gesellschaft deren materielle und soziale Probleme lösen
helfen sollten. Das setzte allerdings voraus, daß sich die Hochschulen
in die Gesellschaft einfügten, und es setzte eine Organisation voraus,
mit deren Hilfe die Ergebnisse der Forschung in der Praxis anwendbar
wurden.
Aus dieser Erkenntnis entstanden Erwachsenenbildungsprogramme.
Dabei wurden Unterrichtsmethoden entwickelt, durch die praktisch alle
Gruppen mit einem breiten Themenkreis bekannt gemacht werden konnten,
und die Wahl der Themen richtete sich wiederum nach den Bedürfnissen
dieser Gruppen.
Historisch gesehen, wurde dieses Verfahren zunächst auf die Landwirtschaft angewandt, weil sie zu jener Zeit unbestrittenen Vorrang in
der amerikanischen Wirtschaft besaß. So hat sich zwischen Landwirtschaft
und Universitäten schließlich eine Verbindung entwickelt, die sich als
Modell in der ganzen Welt bewährt hat.
Aber die Hochschulen stehen auch im Dienst anderer Gruppen der
amerikanischen Gesellschaft. Es gibt kaum eine bedeutende Universität,
die sich nicht auch den Bedürfnissen der Industrie und der Geschäftswelt angepaßt hat. Dagegen erkannten die Universitäten erst ziemlich
spät, daß sie auch für die Arbeiterschaft einen Bildungsauftrag zu
erfüllen hatten.
Für eine Reihe von Universitäten waren die Gewerkschaften zu umstritten. Andererseits war man sich in akademischen Kreisen auch nicht
ganz sicher, ob man von den Gewerkschaften akzeptiert werden oder über
die geeigneten Lehrmethoden verfügen würde. Denn schließlich besaßen
zahlreiche Gewerkschafter nicht einmal eine abgeschlossene überschulgeschweige denn eine College-Ausbildung. Viele Universitäten hatten
sich um die Probleme der Arbeiter einfach nicht gekümmert} sie verfügten
daher auch nicht über die iiittel, um sich Arbeitern gegenüber verständlich zu machen.
Das beträchtliche Anwachsen der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
zwischen 1935 un&lt;l 1945 hatte u.a. die Beseitigung dieser Unklarheiten
zur Folge. Die Gewerkschaften waren ein solch bedeutender Faktor der amerikanischen Gesellschaft geworden, daß man schlechterdings nicht umhin
konnte, sie zum Studienobjekt zu machen. Und die Gewerkschaften wandten

- 9-

�wandten sich nun auch von sich aus besonders an die in den Industrieregionen liegenden Universitäten und baten um Unterstützung. Die Folge
davon war, daß die Universitäten in den vergangenen 20 Jahren langsam
dazu übergingen, besondere BildungsProgramme für Gewerkschafter einzurichten. Heute sind bereits 25 Hochschulen an diesem Projekt beteiligt und jedes Jahr stoßen weitere hinzu. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um Institute, die ihren Standort in Industriezentren
haben. Aber auch solche berühmte private Universitäten wie Harvard,
die Universität Chicago und die Roosevelt-Universität gehören dazu.
Die von den Universitäten eingerichteten Lehrprogramme für Gewerkschafter unterscheiden sich zwar nach Umfang, Thematik und Form, aber
man kann noch von keinem behaupten, daß es den Standard der für andere
Zweige der amerikanischen Gesellschaft geltenden Programme erreicht.
Einige Hochschulen benötigten zudem viel Zeit, um zu der Erkenntnis
zu kommen, daß man in der Arbeiterbildung - ebenso wie in der kaufmännischen und in der landwirtschaftlichen Ausbildung - Spezialisten
braucht. Darüber hinaus waren anfänglich erhebliche Mängel in der Zusammenarbeit und gegenseitigen Beratung von Universitäten und Gewerkschaften festzustellen, so daß es nicht zu einem fruchtbaren Erfahrungsaustausch kommen konnte. Außerdem wurde nur in seltenen Fällen soviel
Geld für diese Programme aufgebracht wie erforderlich gewesen wäre, um
überhaupt einen nennenswerten Effekt zu erzielen.
Die Universitäten richteten in der Hauptsache ein- bis zweiwöchige
Sonderkurse ein, aber man hat auch schon mit Kursen von bis zu 13
Wochen Dauer experimentiert. Teilnehmer waren Gewerkschaftsführer sowie
einfache Mitglieder. Die Lehrer kamen von den Fakultäten der Universitäten oder waren Fachleute oder Angehörige der Gewerkschaften. Die
Thematik bildeten Tagesfragen, 7/irtschaftsfragen, Fragen des internationalen Handels oder Probleme grundsätzlicher Art.
Zwar bleibt noch viel zu tun, aber man kann doch sagen, daß die
Erfahrungen im ganzen positiv sind, und zwar sowohl für die Gewerkschaften als auch für die Universitäten. Der Effekt dieser Bildungsprogramme kommt der Gesamtgesellschaft zugute. Universitäten und Gewerkschaften aber haben ihre Auffassung bekräftigt, daß höhere Bildung
nicht nur für Gelehrte,• sondern für alle Menschen da ist. Und George
Meany, Präsident der AFL-CIO, hat kürzlich die gewerkschaftlichen
Erwartungen in der Frage der höheren Bildung wie folgt zusammengefaßt*
"Die Gewerkschaften erwarten, daß die höhere Bildung allen zugänglich
gemacht wird - den jungen Menschen, ungeachtet des Einkommens oder der
Intelligenz, der Gesellschaft als Mittel zur Ausbildung einer Führungselite als Garanten des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts, den
arbeitenden Mensohen als Hilfe in ihrem Streben nach höheren Leistungen
am Arbeitsplatz und im öffentlichen und gewerkschaftlichen Leben."

(Quelle» Eigenbericht)

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�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Beschäftigungs- und Einkommensgarantie auf Lebenszeit
Eine Beschäftigungs- und Einkommensgarantie auf Lebenszeit sowie
höhere allgemeine Sozialleistungen - das sind die wesentlichen lohnpolitischen Forderungen des Jahreskongresses der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft (USA), der kürzlich in Atlantic City abgehalten
wurde.
In der von den Delegierten mit überwältigender Mehrheit angenommenen sozialpolitischen Resolution wird darauf hingewiesen, daß sich
auf Grund der geringeren Beschäftigungsmöglichkeiten in der Industrie
immer stärker die Forderung nach weniger strengen Pensionierungsvorschriften und höheren Pensionsleistungen erhebe. Die Auswirkungen der
Automation auf einen immer größeren Arbeitnehmerkreis unterstreichen
die Notwendigkeit des Ausbaus der Arbeitslosen- und anderer Verdienstfortfall Versicherungen.
Von den rund 900 000 Stahlarbeitern werden nach dem letzten Stand
etwa 800 000 durch private Pensionspläne erfaßt: nur 79 000 Arbeitnehmer
der Stahlindustrie arbeiten dagegen in Betrieben, in denen keine zusätzlichen Sozialleistungen gewährt werden.
In verschiedenen Referaten unterstrichen die Delegierten des Kongresses ihre Entschlossenheit, um höhere Löhne, mehr Freizeit zu Muße
und Erholung sowie bessere berufliche Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für ihre Mitglieder zu kämpfen. Wörtlich heißt es in der
Resolution: "Vor allem müssen wir uns für die Verwirklichung des Prinzips einsetzen, daß ein Stahlarbeiter ein Mensch ist, der nicht nur
ein Recht auf diesen oder jenen sozialen Schutz oder auf diese oder
jene Sozialleistung hat, sondern auf den totalen Schutz seines Einkommens, seiner Würde, ja seiner beruflichen Karriere."
David I. McDonald, der 1. Vorsitzende der Stahlarbeitergewerkschaft,
erklärte in diesem Zusammenhang, daß die "totale"Arbeitsplatzsicherheit
nicht über Nacht erreicht werden könne. Neue Ideen wie diese brauchten
Zeit, um sich durchzusetzen. Sie werden-aber mit Sicherheit bei künftigen
Tarifverhandlungen eine immer größere Rolle spielen.
Neue Vertragsverhandlungen in der amerikanischen Stahlindustrie
werden allgemein für Anfang nächsten Jahres erwartet, da das derzeitig
gültige Abkommen eine Wiederaufnahmeklausel enthält, die es der Gewerkschaft ab 1. Januar 1965 gestattet, nach einer Ankündigungsfrist von
120 Tagen erneut über die Tarife zu verhandeln.
(Quelle: Eigenbericht)
#

- 11

�Kaiser-Gewinnbeteiligungsplan sehr erfolgreich
Seit Unterzeichnung des zwischen der Stahlarbeitergewerkschaft
und der "Kaiser Steel Corporation" abgeschlossenen Gewinnbeteiligungsplanes vor 18 Monaten haben die Arbeitnehmer des Unternehmens schon
Prämien in Höhe von 5 Mio« Dollar ausgezahlt bekommen. Da das Abkommen
vorsieht, daß sämtliche durch Rationalisierung erzielten Produktionsgewinne zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern im Verhältnis 2:1 aufgeteilt v/erden, ergibt sich somit auch ein zusätzlicher Gewinn für
Kaiser in Höhe von 10 Mio. Dollar.
Die Bonusentwicklung ist in den vergangenen eineinhalb Jahren
recht unterschiedlich gewesen. Nach relativ hohen Prämienzahlungen
in den ersten Monaten - mit 100 Dollar wurde im Juni 1963 die bisherige Spitze erklommen - ergab sich ein stetiger Rückgang, wobei im
April 1964 mit 9 Cent pro Arbeitsstunde der niedrigste Stand erreicht
wurde. Seit diesem Zeitpunkt jedoch folgten die Bonusse wieder einem
Aufwärtstrend. Mit 47 Dollar erreichten sie im Juli den bisher höchsten
Stand in diesem Jahr.
Der Prämienrückgang ist nach Angaben des Unternehmens durch umfassende - von Zeit zu Zeit notwendige - Reparaturarbeiten sowie, in
Verbindung damit, durch die geringere Kapazitätsausnutzung bedingt
gewesen.
Sowohl die Stahlarbeitergewerkschaft als auch die Unternehmensleitung zeigten sich über die bisherigen Erfahrungen mit dem neuartigen Gewinnbeteiligungsplan sehr befriedigt.
So wurden nach Angaben der Unternehmensleitung bisher über 100
Produktionsarbeiter-Ausschüsse mit dem Ziel gebildet, die Produktivität in den einzelnen Abteilungen zu erhöhen, und über 400 Verbesserungsvorschläge von Mitarbeitern eingereicht, von denen 94 angenommen wurden. Auch durch eine sorgfältige Pflege der Produktionseinrichtungen und Maschinen konnten beträchtliche Einsparungen erzielt
und die Ausfallzeiten wesentlich vermindert werden.
Äußerte sich Edgar F. Kaiser, der Präsident des Unternehmens, zu
dem Gewinnbeteiligungsplan: "Die bisherigen Erfahrungen sowohl als
auch die Einstellung der Mitarbeiter sind sehr positiv. Die monatlich
erzielten Einsparungen haben uns und auch die Gewerkschaft überrascht."

(Quelle: Eigenbericht)

»

Bergarbeiter-Wohlfahrtsfonds zahlte fast 2 Mrd. Dollar aus
Seit der Errichtung ihres Wohlfahrtsfonds (1946) hat die Vereinigte Bergarbeitergewerkschaft fast 2 Mrd. Dollar an ihre im Stein-

- 12 -

�Steinkohlenbergbau tätigen Mitglieder und deren Familienangehörigen in Form verschiedener Sozialleistungen ausgezahlt.
Den größten Posten stellen mit fast 1,0 Mrd. Dollar die
Pensionsleistungen dar, während sich die Unterstützungsleistungen
bei Krankenhausaufenthalt oder Krankheit auf über 750 Hillionen
Dollar belaufen.
Wie aus den kürzlich veröffentlichten Jahresbericht des Fonds
weiter hervorgeht, kamen seit Leistungsaufnahme (1948) bisher
106 542 Bergarbeiter in den Genuß von zusätzlichen Pensionsleistungen,
die bis zum 50« Juni 1964 eine Gesamthöhe von 960,5 Mio. Dollar erreichten - was einer täglichen Auszahlung von 175 747 Dollar entspricht. Am Ende des Berichtsjahrs 1965/64 bezogen insgesamt 64 658
Bergarbeiter Pensionen, mehrere tausend von ihnen bereits seit 1948.
Ein amerikanischer Bergarbeiter, der diese Pension von September 1948
bis Juni 1964 bezog, erhielt den Bericht zufolge eine Gesamtsumme von
17 175 Dollar.

(Quelle: Eigenbericht)

* * # . &lt; *

- 15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material Über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeltsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVII - 12

Bad Godesberg, den 1. Dezember 1964

INHALTSVERZEICHNIS

Technologische Betriebsumstellungen und die
Auswirkungen auf die Arbeitnehmer

Seite

1

Probleme des technischen Wandels müssen
fortschrittlich gelöst werden

Seite

14

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite

18

Technologische Betriebsumstellungen und die Auswirkungen auf die
Arbeitnehmer

Die Ergebnisse einer Untersuchung in fünf Industrieunternehmungen
Vorbemerkungen

Es besteht in den USA allgemein Übereinstimmung darüber, daß die
mannigfaltigen Auswirkungen der technologischen Veränderungen, langfristig gesehen, positiv sind und sich unter anderem in einer höheren
Arbeitsproduktivität, einer größeren wirtschaftlichen Wachstumsrate,
mehr Arbeitsplätzen sowie höheren Löhnen und Sozialleistungen niederschlagen. Über die kurzfristigen Auswirkungen, insbesondere jedoch
über den Preis, den der einzelne durch die Technik von seinem Arbeitsplatz verdrängte Arbeitnehmer hierbei zu zahlen hat, sind die Vorstellungen im allgemeinen weniger klar und bestimmt.
Um die Auswirkungen der Automation auf die Arbeitsplatzstruktur
und auf den beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Status der einzelnen Arbeitnehmer näher zu erforschen, hat das US-Bundesamt für Arbeitsstatistik zwischen April 1962 und Mai 1963 fünf verschiedene

- 1 -

�verschiedene Analysen in solchen Unternehmen durchgeführt, in denen die
technische Umstellung entweder eine Stillegung einzelner Werke oder aber
Massenentlassungen zur Folge hatte. Dabei zeigte sich allgemein, daß es
vielen von ihren Arbeitsplätzen verdrängten Arbeitnehmern selbst in jenen Teilen der USA sehr schwerfiel, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen,
wo die Arbeitsmarktlage relativ günstig war. Andere wiederum mußten beträchtliche wirtschaftliche Härten und eine lange Zeit der Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen. Diese Feststellungen gelten insbesondere für die älteren Arbeitnehmer, die Frauen und die Arbeiter mit dem niedrigsten Bildungsniveau und dem niedrigsten beruflichen Leistungsstandard. In den meisten Fällen wurden die Arbeitsplatzverdringten bei der Arbeitsuche von
ihren ehemaligen Arbeitgebern nur wenig unterstützt, so daß sie weitgehend
auf persönliche Beziehungen und Kontakte zu Freunden und Verwandten angewiesen waren.
Eine beträchtliche Anzahl der Automationsverdrängten gab die Suche
nach einer neuen Beschäftigung auf, während die meisten von denen, die
einen neuen Arbeitsplatz fanden, weniger verdienten - zum Teil sogar sehr
viel weniger - und auch erhebliche Einbußen an Sozialleistungen und den
Verlust ihrer Senioritätsansprüche hinnehmen mußten.
Umsetzungen innerhalb des Unternehmens wurden den betroffenen Arbeitnehmern nur in zwei der fünf Unternehmen angeboten, wobei die Umsetzung
auf Grund einer tarifvertraglichen Vereinbarung erfolgte. Selbst in dem
einen Fall, in dem eine Transferierung bei Erhaltung der Senioritätsansprüche angeboten wurde,, machten nur 20 Prozent der Arbeitnehmer von dieser Möglichkeit Gebrauch. Die wichtigsten Gründe für die Ablehnung des
Angebots durch die Arbeitnehmer waren: hohe Umzugskosten, Eigenheimbesitz,
Arbeitsplatz der Ehefrau, Schulbesuch.der Kinder, familiäre und gesellschaftliche Bindungen, Furcht vor künftigen Entlassungen.
Die einzelnen Fälle
Die durchgeführte Untersuchung erstreckte sich auf fünf verschiedene
Industriebetriebe (Erdölraffinerie, Automobilzulieferungswerk, Glasbehälterfabrik, Bodenbelaghersteller, Eisenhütte), in denen zwischen Juli 1960
und Juni 1962 insgesamt 3000 Arbeitnehmer entlassen worden sind. .Die meisten dieser Betriebe waren im Mittelwerten der USA ansässig, in einem Gebiet
also, das starke industrielle Schwerpunkte ut}d «jine vielschichtige Wirtschaftsstruktur aufweist. Das kleinste Imfernahman hatte eine Gcftantbtschftf«
tigtenzahl von knapp 50 00Q, das größte eine von rund 500 000. Im Zeitpunkt
der Erhebung betrug die Erwerbslosenrate in diesen Gebieten etwas über sechs
Prozent. In allen fünf Fällen waren es technologische Veränderungen, die direkt oder indirekt - zur Betriebsschließung oder zu Massenentlassungen
führten: in einem Betrieb waren arbeitsparende Produktionsverfahren eingeführt worden; in einem anderen war es ein Absatzrückgang, der durch eine
Veränderung in der Verbrauchernachfrage und die Hinwendung der Konsumenten
zu einem Produkt ausgelöst wurde, das aus einem anderen Material hergestellt
war.
In allen Fällen - mit lediglich einer Ausnahme - spielten auch noch
andere Faktoren eine ebenso bedeutende Rolle: erheblicher Rückgang in der
Verbrauchernachfrage nach einem bestimmten Erzeugnis, Stornierung langfristiger Aufträge durch einen Hauptkunden und Umstellung auf kurzfristige kleinere

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�kleinere Aufträge von mehreren Auftraggebern, Arbeitskonflikte zwischen
Gewerkschaften und Unternehmen.
Die Untersuchungen des "Amtes für Arbeitsstatistik" haben gezeigt,
wie schwierig es ist, spezielle Fälle auszuwählen, in denen Arbeitnehmer
ausschließlich auf Grund technologischer Veränderungen entlassen wurden,
denn in der Regel sind es mehrere Faktoren gewesen, die letztlich die
Entscheidung der Betriebsführung beeinflußt haben, den Betrieb zu schließen. Ebenso war es äußerst schwierig, genau zu ermitteln, welche Faktoren
im einzelnen Fall ausschlaggebend waren.
Maßnahmen zur Abwendung von Entlassungen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die notwendig werdenden Entlassungen zu verhindern oder zumindest einzuschränken - so unter anderem durch
Verhängen von generellen Einstellungssperren, so daß die infolge von Pensionierung oder Kündigung frei werdenden Arbeitsplätze unbesetzt bleiben;
durch die frühzeitige Pensionierung älterer Arbeitnehmer, die gleichmäßige Verteilung der vorhandenen Arbeit unter Ausschaltung von Überstundenarbeit, Verlegung der Umstellung - soweit dies möglich ist - in eine Zeit der
wirtschaftlichen Expansion. Von den hier untersuchten Unternehmen hatte nur
eines - die Raffinerie - den Versuch unternommen, durch langfristige Planung die Entlassungen auf ein absolutes Minimum zu beschranken. Durch die
Verhängung einer Einstellungssperre konnte hier die Zahl der zur .Entlassung
kommenden Arbeitnehmer um mehr als die Hälfte reduziert werden. Drei Jahre
vor Beginn der Umstellung wurden bei diesem Unternehmen keine neuen Arbeitskräfte mehr eingestellt. Ebenso bemühte sich die Geschäftsleitung, allen Mitarbeitern im Alter von über 51 Jahren, die nicht zur Entlassung anstanden,
eine vorzeitige Pensionierung nahezulegen, indem sie ihnen ein relativ hohes
"Altersgeld" zusätzlich zu dem ihnen normalerweise zustehenden allgemeinen
Entlassungsgeld und den Sozialleistungen anbot. Eine Summe von maximal
4800 Dollar als "Altersgeld" wurde dabei den 58jährigen offeriert, während
die älteren (bis.65 Jahre) und die jüngeren Arbeitnehmer entsprechend niedrigere Abfindungen erhielten. Rund 1/6 der zur Entlassung kommenden Arbeitnehmer gehörten dieser Kategorie an. .
Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche
Die Unterstützung, die den entlassenen Arbeitnehmern durch ihre Arbeitgeber bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen zuteil wurde, ist sehr unterschiedlich gewesen. Sie schwankt in Umfang und Leistung von Betrieb zu Betrieb, wobei die allgemeine Einstellung des Unternehmens, die Beziehungen
zwischen den Sozialpartnern und die in Tarifverträgen verankerten Abmachungen eine Rolle spielten. In vier Fällen, wurden die Arbeitnehmer von Gewerkschaften vertreten, die der "AFL-G10" angeschlossen waren; bei dem fünften
Unternehmen war eine unabhängige Arbeitnehmerorganisation der Tarifpartner.
Zu den häufigsten Maßnahmen gehörten unter anderen: rechtzeitige Benachrichtigung der Betroffenen von der beabsichtigten Entlassung; Einrichtung eines
Vermittlungsdienstes; Umsetzungen innerhalb des Unternehmens oder des Betriebes; Durchführung von Umschulungsprogrammen, die vom Unternehmen finanziert
wurden. Die Erfolge all dieser Maßnahmen waren jedoch im allgemeinen nur begrenzt. .
Rechtzeitige

�Rechtzeitige Benachrichtigung
Eines der fünf Unternehmen stoppte bereits drei Jahre vor Durchführung der ersten Entlassungen die Neueinstellungen, setzte die in Frage
kommenden Mitarbeiter rechtzeitig von der beabsichtigten Entlassung in
Kenntnis und dehnte die Entlassungen selbst über einen Zeitraum von einem
Jahr aus; in allen anderen Fällen war die Kündigung wesentlich kürzer terminiert. Die längste Kündigungsfrist betrug sechs, die geringste etwas
über zwei.Monate.
Arbeitsplatzvermittlung
Als bei weitem wirksamste Hilfe bei der Suche nach neuen Arbeitsplätzen
erwiesen sich die persönlichen Kontakte. Zwischen 50 und 66 Prozent der in
neue Arbeitsplätze Vermittelten, gaben an, ihren neuen Arbeitsplatz durch Hinweise und Beziehuifcei vcn Freunden imd \fewandten erhalten zu haben.
Die einzige wirksame Hilfe, die den entlassenen Arbeitnehmern von anderer Seite zuteil wurde, leistete in einem Falle das Unternehmen (Raffinerie), in einem anderen die Gewerkschaft. Die Ölfirma schaltete zu diesem
Zweck ihren eigenen Arbeitsplatzvermittlungsdienst ein, durch den Kontakte
zu insgesamt 600 Firmen hergestellt wurden. Sie erklärte sich darüber hinaus
bereit, die Gebühren für zwei private Arbeitsvermittlungsbüros zu bezahlen.
Nach Angaben des Unternehmens konnten durch diese Bemühungen rund 1/3 aller
neu eingestellten Arbeitnehmer vermittelt werden. . .
,.
•„
Im Falle des Automobilzulieferungswerkes forderte die Gewerkschaft alle
zur Entlassung anstehenden Arbeitnehmer auf, einen beruflichen Fragebogen
auszufüllen, der dann den Personalabteilungen all jener Unternehmen zugeleitet wurde, zu denen die Gewerkschaft Kontakte hatte. Auf diese Weise konnten
rund 200 der insgesamt 1000 entlassenen Arbeitnehmer Arbeitsplätze in Firmen
erhalten, in denen die Gewerkschaft Tarifpartner ist.
. ,
Die meisten konnten dabei in einem stark expandierenden Unternehmen untergebracht werden, das Arbeitnehmer bis zu einem Alter von 55 Jahren einstellte. Diese hohe Altersgrenze liegt erheblich über dem festgestellten
allgemeinen Durchschnitt, ist aber dadurch bedingt, daß das Unternehmen qualifizierte "fertige" Arbeiter suchte, die ohne Umschulung an den neuen Arbeitsplätzen eingesetzt werden konnten. Praktisch unmöglich war es der Gewerkschaft
dagegen, männlichen Arbeitskraft«» im Alter von über 55 Jahren und Frauen jeglichen Alters neue Arbeitsplätze zu vermitteln.
Umsetzungen innerhalb des Unternehmens
Obwohl es sich bei allen fünf Firmen um Unternehmen mit zahlreichen
Zweigbetrieben handelt, machten nur zwei ihren zur Entlassung vorgesehenen
Mitarbeitern ein Transferangebot, und zwar, weil die entsprechenden Tarifverträge Klauseln enthielten, die eine derartige Umsetzung innerhalb des Unternehmens vorsahen. In beiden Fällen wurden jedoch keinerlei Umzugsbeihilfen
gewährt. Im Falle des Autanobilzulieferungswerks sah der Tarifvertrag mit der
stärksten.im.Betrieb vertretenen Gewerkschaft vor, daß den Mitarbeitern
(Produktionsarbeitern und Wartungspersonal) bei Schließung eines Zweigwerks
und Verlagerung der Produktion in ein anderes Werk, die Möglichkeit geboten
werden muß, in das andere Werk samt ihrem Arbeitsplatz überzusiedeln. Desgleichen bleiben ihnen in einem solchen Fall sämtliche Senioritätsrechte im

- 4 -

�im Hinblick auf Entlassungen sowie ihre Ansprüche auf verschiedene Sozialleistungen im vollen Umfang erhalten. Auf Grund dieser Vereinbarungen entschlossen sich etwa 1/5 aller in Frage kommenden Arbeitnehmer,
einen neuen Arbeitsplatz in einem anderen Werk des Unternehmens in einem
angrenzenden Bundesstaat anzunehmen. Eine weitere Regelung sah die bevorzugte Wiedereinstellung in einem der übrigen Zweigwerke vor. Allerdings
waren solche Arbeitnehmer, die von dieser Option Gebrauch machten, dann
wie "Neueingestellte".zu behandeln, das heißt, sie verloren ihre Senioritätsrechte hinsichtlich einer,Entlassung, konnten ihre Sozialleistungsansprüche jedoch behalten. Auf Grund dieser Vereinbarung wurden insgesamt
3 Prozent der betroffenen Arbeitnehmer an andere . Arbeitsplätze in Zweigwerken transferiert.
Im zweiten Fall - der Bodenbelagsfabrik - sah der Tarifvertrag eine
Überführung der sozialen Ansprüche vor, nicht aber der Arbeitsplatzrechte,
die sich aus der Länge der Betriebszugehörigkeit herleiten. Nur 1/8 aller
entlassenen Arbeitnehmer machten hier von dem Angebot einer Transferierung
Gebrauch.
Umschulungsprogramme der Unternehmen
Spezielle Programme für die Umschulung der zur Entlassung anstehenden
Arbeitnehmer auf andere Tätigkeiten in anderen Branchen wurden von den fünf
Unternehmen nicht durchgeführt. Die Automobilzulieferungsfirma gab zwar bei
der Verkündung der Betriebsstillegung gleichzeitig die Errichtung eines Umschulungsfonds in Höhe von 100 000 Dollar bekannt - wonach sich auch rund
30 Prozent der entlassenen Arbeiter.für eine Umschulung registrieren ließen -,
aber dennoch mußte das Vorhaben aus verschiedenen Gründen - Alter, unzureichende Schulungsmöglichkeiten, geringe Punktzahl der Umschüler bei Intelligenztests - wieder aufgegeben werden. Das Unternehmen war bei den Vorbereitungsarbeiten zu der Überzeugung gelangt, daß auf Grund der verschiedenen
negativen Faktoren nur geringe Aussichten auf Unterbringung der Entlassenen
in anderen-Berufszweigen bestanden. Nach Angaben der Firma waren viele der
Entlassenen, nicht willens, sich auf schlechter bezahlte Dienstleistungstätigkeiten umschulen zu lassen, während nur wenige auf die Arbeitslosenunterstützung umd die zusätzlichen Unterstützungsleistungen verzichten wollten, auf die
sie ala- Teilnehmer an ganztägigen Umschulungskursen keinen Anspruch hatten.
V«jn den entlassenen Raffineriearbeitern erklärten 10 Prozent, daß ihnen
eine früher, durchgeführte betriebliche Umschulung wesentlich bei der Sicherung eines neuen Arbeitsplatzes geholfen habe. Im Zeitpunkt der Erhebung
waren alle von ihnen wiederbeschäftigt.
Maßnahmen zur Sicherung des Einkommens
a. Arbeitslosenunterstützung
Die bedeutendste Einkommensquelle für die Entlassenen war die Arbeitslosenunterstützung. In vier von den fünf Fällen schwankte der Prozentsatz derjenigen, die diese Bezüge erhielten, zwischen 69 und 94 Prozent, wobei die
durchschnittliche Bezugsdauer zwischen 18 und 27 Wochen lag. Selbst im fünften Fall, in dem die Zahl der Entlassenen relativ klein war, empfing rund
die Hälfte der freigesetzten Arbeitskräfte solche Bezüge.

b.

�b. Zusätzliche Arbeitslosenunterstützung
Eine zusätzliche Arbeitslosenunterstützung (auf Grund von tarifver.traglichen Abmachungen zwischen Unternehmen und Gewerkschaften) erhielten
nur die Arbeitnehmer des Automobilzulieferungswerks. Im Zeitpunkt der Erhebung hatten rund 2/3 aller Entlassenen derartige Bezüge für eine durchschnittliche Dauer von 22 Wochen erhalten.
c. Entlassungsgeld
Entlassungsgeld in irgendeiner Form erhielten die entlassenen Arbeitnehmer in vier der fünf Unternehmen, wobei jedoch nur in einem Fall die
Summe so hoch war, daß sie eine wesentliche Hilfe bei längerer Arbeitslosigkeit dargestellt hätte. Auf Grund dieses Planes wurde den Entlassenen
eine "Betriebszugehörigkeitsprämie" gezahlt,"die sich,aus dem bisherigen
Durchschnittslohn und der Länge det Dienstzeit errechnete. Der geringste
nach der Berechnungsformel.ausgezahlte Betrag belief sich auf etwas über
600 Dollar.
d. Vorgezogene Pensionsleistungen
Obwohl sämtliche Pensionierungsprogramme der betreffenden Firmen eine
vorzeitige Pensionierung im Alter von 60 Jahren und darunter vorsahen, kam
nur in zwei Fällen mehr als ein Bruchteil .der entlassenen Arbeitnehmer in
den Genuß dieser traifvertraglichen Vereinbarung. Im Automobilzulieferungswerk war ein sehr hoher Prozentsatz älterer Arbeitnehmer betroffen, von
denen - nach einer Mitteilung des Unternehmens - innerhalb 14 Monaten nach
Ankündigung der Entlassungen 375 eine Pension erhielten. Da sich herausstellte, daß das Kapital des privaten Pensionsfonds wegen.des hohen Neuzugangs an Pensionären nicht ausreichte, um sämtliche Pensionen in voller
Höhe auszuzahlen, beschloß man im Einklang mit den Kontraktbestimmungen,
die vorgezogenen Pensionen der 50-_bis 59jährigen wesentlich zu kürzen und
die für die noch Jüngeren ganz zu streichen. Bei der Raffinerie erhielten
90 Prozent sämtlicher entlassenen Arbeitnehmer über 55 Jahre volle Pensionsleistungen, fünf Prozent verminderte. Ferner erhielt je.einer von drei Entlassenen unter 55 die volle oder die verminderte Pension. In allen anderen
Fällen verloren die Entlassenen - viele davon mit langer Dienstzeit - ihre
Pensionsansprüche gänzlich.
Charakteristika der Arbeitsplatzverdrängten
Der "typische" Arbeitsplatzverdrängte dieser Untersuchung ist ein Endvierziger männlichen Geschlechts und weißer Hautfarbe, der verheiratet ist,
zwei Familienangehörige, etwas Oberschulbildung und ein Eigenheim hat.
Der Anteil der weiblichen Arbeitnehmer beträgt in einem Fall 40%, im
zweiten 207» und ist in den restlichen drei Fällen unbedeutend. Der Anteil
der Farbigen unter den Entlassenen überstieg in keinem Fall die .7-ProzentGrenze. Die meisten Arbeitnehmer waren 45 Jahre alt und .älter, wobei der
Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtzahl in einem Fall 21 und im
höchsten Fall 94 Prozent betrug. In allen Fällen war die Mehrzahl der Betroff enen .verheiratet und Besitzer eines Eigenheims. Die Zahl der Familienangehörigen war mit zunehmendem Lebensalter rückläufig. Während in .vier
Fällen die überwiegende Mehrheit.der Entlassenen eine nicht abgeschlossene
Oberschulausbildung aufwies, war der Anteil derjenigen mit Abschlußzeugnis - bis auf einen Fall - relativ gering.
Die

�Die Arbeitsplatzsuche
Für viele der entlassenen Arbeitnehmer war die Arbeitsplatzsuche äußerst mühsam und beschwerlich und für eine große Anzahl auch erfolglos .
Die meisten Arbeitsplatzverdrängten konnten auf eine langjährige Tätigkeit
an einem bestimmten Arbeitsplatz zurückblicken, und vielt von ihnen waren
den Anstrengungen der Arbeitsplatzjagd nicht gewachsen.
Wiederbeschäftigte und Erwerbslose
Im Zeitpunkt der Erhebung waren von den entlassenen Arbeitnehmern der
fünf analysierten Firmen rund 66 Prozent wieder an anderen Arbeitsplätzen
beschäftigt. Weitere 10 Prozent waren entweder pensioniert worden oder betrübter sich aus anderen Gründen um keine neue Beschäftigung. 25 Prozent
schließlich waren immer noch unbeschäftigt und hielten nach einem Arbeitsplatz Ausschau. Die Erwerbslosenrate der freigesetzten Arbeitskräfte schwankte - je nach Unternehmen - zwischen 8 und 39 Prozent. Wie aus der folgenden
Übersicht hervorgeht, war sie erheblich höher als die durchschnittliche Arbeitslosenrate im Tätigkeitsbereich des jeweiligen Unternehmens.

Unternehmen

Prozentsatz der Unbeschäftigten
Spanne zwischen ZeitUnter den
Am regionalen Arbeitsmarkt
punkt der
freigesetzEntlassung
ten ArbeitsIm Zeitpunkt
Im Zeitpunkt
und Durchkräften
der Entlassung der Erhebung
führung der
(Erhebung)
Erhebung
(in Monaten)

Erdölraffinerie

6-18

4,6 - 9,9

4.7

8

Automobilzulieferungswerk

10

6,8

4,9

27

8

7,5

5,1

39

16

5,9

3,0

17

Glasbehälterfabrik
Bodenbelagshersteller
Eisenhütte

21 u.13

l)

2,8 u.6,9

1}

3,1 u.3,6

1}

28

2)

1) Spanne für die beiden in zwei verschiedenen Bundesstaaten stillgelegten
Hüttenwerke
2)
Mittel der Erwerbslosenrate in den beiden Bundesstaaten
Mit einer Ausnahme war die Arbeitslosenrate unter den Arbeitsplatzverdrängten mindestens fünfmal so groß wie die allgemeine Durchschnittrate in
dem betreffenden Arbeitsmarktgebiet.
Die Zahl der langfristigen Erwerblosen war erheblich. In vier Fällen
waren mehr als 50 Prozent der freigesetzten Arbeitskräfte mindestens 16 Wochen lang arbeitslos; in zwei dieser Fälle waren es sogar mehr als 66 Prozent,
Ebenso

�Ebenso lag der Prozentsatz derjenigen, die länger als ein halbes Jahr
ohne Arbeit blieben, in diesen vier Fällen zwischen über 40 und mehr als
50 Prozent.
Ferner hatte eine erhebliche Anzahl bis zum Zeitpunkt der Erhebung
überhaupt noch keinen neuen Arbeitsplatz gefunden. Auf der anderen Seite
hatten zwischen 12,5 und 37,5 Prozent der in den einzelnen Unternehmen
freigesetzten Arbeitskräfte bis dahin schon mehr als einen Arbeitsplatz
gehabt.
Lebensalter und Wiederbeschäftigung
Die Aussichten auf Wiederbeschäftigung waren bei den jüngeren Arbeitnehmern (bis 45) erheblich besser als bei den älteren. In vier der in der
nachstehenden Übersicht aufgezeigten Fälle war der Anteil der älteren Erwerbslosen und.noch Arbeit Suchenden erheblich höher als der anderer Altersgruppen. Bei dem fünften Unternehmen hatte sich eine überwiegende Zahl der
älteren Arbeitnehmer mit ihrer vorzeitigen Pensionierung einverstanden erklärt, dennoch waren im Zeitpunkt der Erhebung viele von ihnen wiederbeschäftigt, während einige von ihnen nach Arbeitsmöglichkeiten Ausschau hielten. Bei allen fünf untersuchten Unternehmen bemühte sich jedoch ein größerer
Prozentsatz der älteren Arbeitnehmer nicht um einen neuen Arbeitsplatz.

Zahl der im Zeitpunkt der Erhebung nuch Arbeit Suchenden
. .
Betrieb

(in %)
erwerbslos
unter 45 Jahren

Erdölraffinierie
Automobilzulieferungswerk
Glasbehälterfabrik
Bodenbelagshersteller
Eisenhütte

nicht auf Arbeitssuche
unter 45
über 45
über 45 Jahren

unter 45

1

39

8

5

12

14

10
35

29
41

3

16

12
25

19
32

0
0

15
19

Bei zwei Unternehmen, wo es auf Grund umfassender statistischer Unterlagen möglich war, die Altersgruppen enger zu fassen, zeigte sich, daß die
bei weitem höchste Erwerbslosenrate die Gruppe der 55- bis 59jährigen aufzuweisen hatte. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer über 60 Jahre und
in noch höheren Altersgruppen (über 65) bemühte sich um keine neue Beschäftigung. Obwohl eine beträchtliche Zahl von ihnen von der Möglichkeit einer vorzeitigen Pensionierung Gebrauch gemacht hatte, so dürften doch viele andere
in Erkenntnis der Altersbarriere von der Suche nach einer neuen Beschäftigung
abgeschreckt worden sein.
Schulbildung und Wiederbeschäftigungschancen
Arbeitsplatzverdrängte mit einer abgeschlossenen Oberschulausbildung

- 8-

�1

Ob«rschulausbildung wiesen eine wesentlich niedrigere Arbeitslosenrate
auf als jene, die keinen Abschluß hatten. In drei Fällen war die Erwerbslosenrate der Arbeitnehmer mit Reifezeugnis nur halb so groß wie die derjenigen ohne Abschlußzeugnis. Die Unterschiede in den Erwerbslosenraten
zwischen "Volksschülern" und Oberschülern ohne Abschlußzeugnis waren
dagegen sehr viel geringer.
Auch bei den älteren Arbeitnehmern mit Oberschulabschluß waren die
Wiederbeschäftigungsaussichten weit günstiger als bei jenen, die nur eine
geringe oder unvollständige schulische Ausbildung genossen hatten. Zu den
freigesetzten Arbeitnehmern, die sich um keinen neuen Arbeitsplatz bemühten,
zählten vor allem solche mit einer unzureichenden schulischen Ausbildung.
In Anbetracht des doppelten Handikaps - hohes Lebensalter, geringe Schulkenntnisse - zogen es viele Arbeitnehmer, die normalerweise noch werktätig
geblieben wären, vor, sich vorzeitig pensionieren zu lassen.
Frauen und Wiederbeschäftigung
Die Erwerbslosenrate bei den freigesetzten weiblichen Arbeitskräften
bewegte sich in den fünf untersuchten Fällen zwischen 56 und 61 Prozent das ist eine fast dreimal so hohe Rate„wie bei den Männern in jenen beiden
Firmen, wo eine genauere Analyse möglich war. Nur 25 Prozent der Frauen
waren in allen Fällen wiederbeschäftigt, während sich die restlichen um
keinen neuen Arbeitsplatz bemühten. In einem Fall waren fast 7 von 8 entlassenen weiblichen Arbeitskräften länger als.ein halbes Jahr ohne Arbeit,
während es bei den Männern nur 1 von 3 war. In einem anderen Betrieb ergaben sich entsprechende Verhältniszahlen von 2:1 bzw. 1:3. Wie aus der
folgenden Übersicht hervorgeht, wiesen die Frauen sämtlicher Altersgruppen
unter 60 Jahren und auf allen Bildungsniveaus höhere Erwerbslosenraten auf
als die Männer.
Erwerbslose in Prozent

Altersgruppe

Automobilzulief? v ungswerk

Glasbehält erfabrik

Männer

Frauen

Männer

Frauen

unter 35 Jahren

5

22

10

58

3 5 - 4 4 Jahre

7

25

22

63

4 5 - 5 4 Jahre

17

67

19

70

5 5 - 5 9 Jahre

32

62

51

71

67

32

65

Schulbildung
keine Oberschule

26

•

Oberschule ohne
Abschluß

25

64

23

59

Oberschule mit
Abschluß

11

31

11

65

Der

- 9

�Der Altersfaktor scheint sich bei den Frauen im Hinblick auf die
Beschäftigungsmöglichkeiten also früher auszuwirken als bei den Männern.
Die höchste Arbeitslosenrate ergab sich bei den Männern in beiden Fällen
in der Gruppe von 55 Tis 59 Jahren, während bei den weiblichen Arbeitskräften in einem Fall die Spitze in der Gruppe von 45 bis 54 Jahren lag
und im anderen Fall fast gleichhohe Spitzen in zwei Altersgruppen (45 54 und 55 - 59 Jahre) erreicht wurden.
Ausbildungsstand und Wiederbeschäftigung
Bei der Überprüfung sämtlicher Fälle stellte sich heraus, daß die
höhere Erwerbslosenrate stets die Arbeitnehmer mit den geringeren beruflichen Kenntnissen aufwiesen. Die Rate lag z.B. beim Wartungspersonal
zwischen 0 und 33 Prozent, bei .den Maschinenoperateuren zwischen 8 und
39 Prozent und bei den Hilfsarbeitern zwischen 20 und 59 Prozent. Ein ähnliches Bild ergab sich auch, wenn man die Stundenlöhne als Maßstab für
die beruflichen Fähigkeiten anlegte. Auch hier zeigte sich, daß die höchste Erwerbslosenrate die Arbeitnehmer mit den niedrigsten Stundenlöhnen
aufwiesen.
Die nachstehende Tabelle gibt einen Überblick über die Industriezweige, in denen die freigesetzten Arbeitskräfte einen neuen Arbeitsplatz fanden. Sie zeigt ganz eindeutig, daß es für die Betreffenden sehr schwierig
war, einen neuen Arbeitsplatz im gleichen Industriezweig zu finden.

Prozentsatz der Wiederbeschäftigten in
der gleichen
Industrie
Ölraffinerie

47

Glasbehälterfabrik

21

Eisenhütte

nichtgewerblichen
Zweigen

57

36

7

Automobilzulieferungs
werk

Bodenbelagshersteller

anderen Fertigungszweigen

17

1J

2)

8

28

25

32

47

46

37

34

58

Schließt 33 Prozent an Arbeitnehmern mit ein, die auf Grund tarifvertraglicher Abmachungen in ein anderes Werk des Unternehmens in einem anderen
Bundesstaat transferiert wurdenj die restlichen 147» fanden Arbeitsplätze
in anderen Unternehmen.
Die 17 Prozent stellen alle Arbeitnehmer dar, die auf Grund tarifvertraglicher Vereinbarungen in ein anderes Werk des gleichen Unternehmens in
einem anderen Bundesstaat kamen.
Mobilität

- 10 -

�Mobilität und Wiederbeschäftigung
Welche Rolle die Mobilität bei der Arbeitsplatzsuche spielt, erhellt
schon allein aus der Tatsache, daß ein weit höherer Prozentsatz der Wiederbeschäftigten als der Arbeitslosen sich um Arbeit außerhalb des Wohnortes bemüht hatte. Außerdem hatten - außer in einem Fall - doppelt soviel
Wiederbeschäftigte wie Erwerbslose ihre Arbeitssuche über den 50-KeilenRadius hinaus ausgedehnt.
Welche Anreize und Hindernisse für die Arbeitnehmer bei einer Umsetzung innerhalb des Unternehmens - in ein anderes Werk - bestehen, läßt
sich- an den beiden Fällen ablesen, in denen auf Grund der tarifvertraglichen Vereinbarungen eine solche Möglichkeit gegeben war. Erst die volle
Garantie für die Erhaltung der Senioritäts- r . nderen Ansp üche war
in beiden Fällen für eine Anzahl der Entlassenen Anreiz genug, um einen
Ortswechsel vorzunehmen. Aber selbst in diesem Fall machten nur 20 Prozent von dem Angebot Gebrauch. Nur relativ wenige Arbeitnehmer waren dagegen bereit, einen Arbeitsplatz in einem Zweigwerk des Unternehmens anzunehmen, wenn lediglich die aufgelaufenen sozialen und wirtschaftlichen Ansprüche, nicht aber die Senioritätsrechte, garantiert wurden. Wie eine genaue
Faktenanalyse bei den transferierten Arbeitnehmern zeigte, zählten neben
dem Zwang zur Sicherung der im Laufe eines langen Arbeitslebens aufgelaufenen Sozialleistungen zu den Antriebsmomenten vor allem die Furcht, aus. Altersgründen keinen neuen Arbeitsplatz mehr zu bekommen, sowie - bei den
großen Familien - der Druck den wirtschaftlichen Verhältnisse.
Hemmende und einem Ortswechsel entgegenstehende Faktoren waren dagegen:
Rücksichtnahme auf den Arbeitsplatz der Frau, Eigenheimbesitz, familiäre
und soziale Bindungen, der Schulbesuch der Kinder, die Furcht vor abermaliger Kündigung und die hohen Umzugskosten.
Umschulung und Wiederbeschäftigung
Von den freigesetzten Arbeitnehmern haben nur wenige - zwischen 2 und
7 Prozent - an einem Umschulung6kursus nach ihrer Entlassung teilgenommen.
Dennoch gaben die meisten von den Betroffenen zu erkennen, daß sie an derartigen Umschulungskursen interessiert seien, sofern ihnen dadurch keine Nachteile entstehen. Ihre beruflichen Interessen erstreckten sich dabei auf eine
Vielzahl von Tätigkeiten, in erster Linie auf die Erlernung von Fachberufen
wie Schweißer, Elektrotechniker, Automobil- und Maschinenmechaniker. Bei den
Berufswünschen der weiblichen Arbeitskräfte standen Büro- und Pflegeberufe im
Vordergrund.
Die Auswirkungen auf die Einkommen
Eine Analyse der Einkommen der Wiederbeschäftigten zeigte, daß die meisten freigesetzten Arbeitnehmer an ihrem neuen Arbeitsplatz weniger verdienten. In allen fünf Fällen wiesen mehr als die Hälfte geringere Einkommen auf,
wobei in einem Fall fast ein Verhältnis von 4 i 1 erreicht wurde. Bei vielen
belief sich der.Einkommensverlust auf 20 Prozent und mehr. Das Verhältnis betrug dabei durchschnittlich 1 : 3, in einem Fall sogar 1 : 1. Im Gegensatz
dazu konnten nur wenige Wiederbeschäftigte eine Einkommensaufbesserung erzielen. In zwei Fällen dagegen, in denen eine Umsetzung innerhalb des Unternehmens stattfand (Automobilzulieferungswerk und Bodenbelagshersteller) konnte
ein relativ hoher Prozentsatz der Arbeitnehmer.(32% bzw. 187») sein bisheriges
Einkommen beibehalten.
Wenn
- 11 -

�Wenn ältere Arbeitnehmer einen neuen Arbeitsplatz bekommen konnten,
so mußten sie in der Regel weitaus größere Stundenlohnverluste hinnehmen
als jüngere Kollegen. Die folgende Tabelle zeigt, welcher Prozentsatz
an Arbeitnehmern in den einzelnen Altersgruppen Stundenlohneinbußen von
mehr als 20 Prozent hinnehmen mußte.

unter
35 Jahren

35-44 Jahre

45-54 Jahre

über
55 Jahre

Erdölraffinerie

24

35

31 +

+

Automobilzulieferungswerk

17

18

30

33

Glasbehilterfabrik

31

35

74

Bodenbelagshersteller

11

13

72
35

+

57

iber 45 Jahr«

In drei von vier Fällen, wo eine genaue diesbezügliche Aufschlüsselung
möglich war, ergab sich, daß die Zahl derjenigen Arbeitnehmer, die Einkommensverluste von 20 und mehr Prozent hinnehmen mußten, ab 45. Lebensjahr
besonders stark ansteigt. Das gleiche Gefälle tritt auch bei Anlegung des
Bildungsmaßstabes auf: Diejenigen Arbeitnehmer mit der geringsten Schulbildung wiesen auch die stärksten Einkommensverluste auf.

Arbeitnehmer» die Einkc—nenjsve.irl-ii.ste v m ro"hr als 20% aufwiesen,
nach Bildungsniveau aufgefeilt: (in %)

Grundschule

Erdölraffinerie

Einige Jahre
Oberschule

Abschluß
Oberschule

43

31

Automobilzulieferungvwerk

39

28

23

Glasbehälterfabrik

70

55

32

Bodenbelagshersteller

31

18

22

Die Auswirkungen auf die Sozialleistungen
Viele der durch die technologischen Veränderungen freigesetzten Arbeitskräfte beklagten sich darüber - häufig sehr verbittert - daß sie mit der

- 12 -

�der Entlassung auch sämtliche aufgelaufenen privaten Sozialleistungsansprüche verloren haben. Dieser Verlust war für die meisten Entlassenen in
wirtschaftlicher Hinsicht der härteste, da diese zusätzlichen, die soziale
Sicherheit der Familie wesentlich stärkenden Leistungen einen nicht unwesentlichen Bestandteil der langfristigen Einkommensplanung der Betroffenen darstellten. Hinzu kommt noch, daß die Höhe dieser Sozialleistungen von der
Dauer der Betriebszugehörigkeit abhängig war und daher die Entlassenen an
ihrem neuen Arbeitsplatz mit dem Aufbau ihrer Sozialansprüche von vorn zu
beginnen hatten. Die meisten wieder in Arbeit Stehenden erklärten, daß die
Lohnnebenleistungen an ihren neuen Arbeitsplätzen weniger liberal seien als
die an den alten.
Die Arbeitsplatzveränderungen
Die meisten der entlassenen Arbeiter mußten eine berufliche Zurückstufung
bei ihrem neuen Arbeitgeber hinnehmen; das heißt, die an ihrem neuen Arbeitsplatz von ihnen geforderten beruflichen Qualifikationen lagen unter denen ihres
alten Arbeitsplatzes. Dies war bei den angelernten Arbeitern im stärkeren Maße
der Fall als bei den Facharbeitern. Während die meisten der höherqualifizierten Wartungsarbeiter durch den Arbeitsplatzwechsel nicht aus ihrer Beschäftigungsgruppe herausgedrängt wurden, konnteivon den Maschinenoperateuren nur
etwas mehr als 307» einen gleichwertigen Arbeitsplatz im neuen Betrieb finden.
Ein hoher Prozentsatz der entlassenen Maschinenoperateure, die. einen neuen
Arbeitsplatz gefunden hatten, war als Hilfsarbeiter oder Wachpersonal beschäftigt.
Die Auswirkungen auf die Gewerkschaften
Auf die Mitgliederzahl der Gewerkschaften hatten die Entlassungen einen
sehr erheblichen Einfluß. Während vor den Entlassungen rund 9/10 aller hier
untersuchten Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert waren,.war das Verhältnis
zwischen Organisierten und Unorganisierten im Zeitpunkt der Erhebung in zwei
Fällen nur noch 1:2 und in keinem Fall besser als 2:1. Der höchste Prozentsatz
gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer wurde im Falle des Automobilzulieferungswerks festgestellt, in dem jedoch eine nicht unwesentliche Zahl entweder
in andere Zweigwerke transferiert worden war oder durch die Gewerkschaft neue
Arbeitsplätze erhalten hatte. Selbst wenn man nur diejenigen Arbeitnehmer berücksichtigt', die neue Arbeitsplätze gefunden haben, ergeben sich erhebliche
Rückgänge in der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder - zwischen 2/5 und 3/5 gemessen an der Gesamtzahl. Zum Teil erklärt sich dieser Rückgang aus der Tatsache,
daß viele neue Arbeitsplätze sich in Betrieben befinden, die gewerkschaftlich
nicht organisiert sind.
Der Einfluß auf die Seniorität
In den meisten von den Gewerkschaften mit Unternehmen abgeschlossenen Tarifverträgen sind sogenannte Senioritätsklauseln enthalten, die den Arbeitnehmern
mit einer längeren Dienstzeit einen größeren Schutz bei Entlassungen garantieren sollen - Bestimmungen, die auch für die Gewährung zusätzlicher betrieblicher
Sozialleistungen von Bedeutung sind. Mit dem Verlust der'Senioritätsrechte hat
ein Arbeitnehmer in seinem neuen Betrieb in jeder Hinsicht (Sicherheit des Arbeitsplatzes, Höhe der Sozialleistungen) wieder von vorn anzufangen. Die überwiegende Mehrheit, der in den untersuchten fünf Betrieben entlassenen Arbeitnehmer
wies eine Betriebszugehörigkeit von mehr als. 10 Jahren euf. In einigen Unternehmen hatten zahlreiche Entlassene sogar erheblich längere Dienstzeiten. In
einem Betrieb waren es rund 25 Prozent, die mehr als 20 Dienstjähre nachweisen

- 13 -

�nachweisen konnten, während es in einem anderen 33 Prozent und in einem
dritten sogar 90 Prozent waren.
Vorzeitiges Ausscheiden aus dem Berufsleben
Eine beträchtliche Anzahl der entlassenen Arbeitnehmer - zwischen 9
und 14 Prozent - gab zu erkennen, daß sie sich nicht mehr um einen neuen
Arbeitsplatz bemühen würde. Besonders hoch war der Prozentsatz dieser
freiwillig vorzeitig aus dem Berufsleben Ausscheidenden natürlich in der
Altersgruppe der 60- bis 64jährigen. Im günstigsten Fall bedeutete dieser
Schritt für sie eine frühzeitige Pensionierung bei reduzierten Rentenleistungen und einem niedrigeren Lebensstandard als ursprünglich für diesen
Lebensabschnitt erwartet. In zahlreichen Fällen zogen sich ältere Arbeitnehmer ohne Aussicht auf eine Pension aus _dem Berufsleben zurück, weil sie
einsahen, daß es für sie einfach unmöglich war* einen anderen Arbeitsplatz
zu bekommen. Diese Ftststellung trifft besonders für die weiblichen Arbeitnehmer zu.
(Aus "Monthly Labor Review'», Vol. 87, Nr. 6,
Juni 1964. Originaltitel der Untersuchung:
"Five Case Studies of Displaced Workers"..
Autor: Herbert Hammerman, US-Bundesamt für
Arbeitsstatistik, Abteilung für Technologische Studien)

+ + + + 4-

Dr. Louis T. Rader:
Probleme des technischen Wandels müssen fortschrittlich gelöst werden
In zunehmendem Maße rückt das Thema Automation in
den Vordergrund wirtschaftlicher und sozialpolitischer Diskussionen. Man spricht von einer:tzweiten
industriellen Revolution", deren Folgen noch nicht
zu übersehen seien. Sind.sie es wirklich nicht? Dr.
Louis T. Rader untersucht im folgenden die Chancen,
die die Automation in der modernen Wirtschaft bietet.

Was ist Automation und was bedeutet sie? Man unterscheidet vier Formen
der Automation:
1. Vorgänge, bei denen automatische Transportmaschinen und elektrische
Energie Werkstücke oder Güter mittels eines laufenden Bandes von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle befördern. Diese Methode wird bei der Produktion von
Automobilen und langlebigen Verbrauchsgütern angewandt.
2. die Anwendung des sogenannten "Feedback"'-Verfahrens - die laufende
"Meldung" von wichtigen Produktionsdaten de_ Meß- oder Kontrollgeräte an einen Elektronenrechner, der sie auswertet und die einzelnen Maschinen etc.
dann selbsttätig reguliert - zur Kontrolle und Regelung der Arbeitsweise von

�von Maschinen und Produktionsvorfänpen, das bei kontinuierlichen Herstellungsprozessen in Frage kommt, also vor allem in der Erdölchemie, in der
Energiewirtschaft oder auch in dev '^.-Thlprociuktion. Man spricht hier vielfach auch von "Cybernation" oder demC PC-System (Computer Production Control);
3. das numerische KontrollverfaV.ren, das auf der Speicherung mathematischer Werte auf Lochstreifen, Lochkarten oder Magnetbändern in Form eines "Programms" beruht, das jeweils einer bestimmten Fertigungsphase entspricht, die
je Bandablauf "identisch" ausgeführt wird;
4. der Einsatz von elektronischen Rechenautomaten, die in der Lage sind,
im Zeitraum von millionstel Sekunden Informationen zu verarbeiten, zu analysieren, zu vergleichen und zu speichern. Anlagen dieser Art zeichnen sich durch
außerordentlich hohe Arbeitsgeschwindigkeit und einen kaum zu übertreffenden
Grad an Präzision aus. Sie vermögen sogar menschliche oder eigene Fehler zu
erkennen und zu korrigieren.
Faßt man den Einsatz automatischer Vorrichtungen dieser Art ausschließlich als Mittel zur Einsparung von Arbeitskraft auf, so geht man ganz sicher
an dem sehr viel wichtigeren sozialen und wirtschaftlichen Aspekt der Verwendungsmöglichkeiten von "Automaten" vorbei. Es stimmt, daß der Einsatz solcher
Geräte etwa in der Buchhaltung oder der Lagerkontrolle zunächst mit Kostensenkung motiviert wurde. Aber immer mehr setzte sich die Erkenntnis durch, daß
Automaten im Management moderner Industriebetriebe bei der Entscheidungsvorbereitung eine eminente Rolle zu spielen vermögen: Die von Automaten entwickelten
und geprüften Alternativen einer möglichen Entscheidung zeichnen sich durch ein
bedeutend größeres Maß an konkreter Information und durch einen unvergleichlich
höheren Grad an IVr^z ision aus.
Indes hängt der Einsatz von Automaten nicht allein von den Einsatzmöglichkeiten ab, denn Automation ist nicht billig, und sie erfordert Zeit, viel Zeit
- Monate und häufig sogar Jahre. Sie bedingt hohe Kapitalinvestitionen, zumindest aber die Entrichtung hoher Leihgebühren bei der Inanspruchnahme der Dienste
nicht-betriebseigener «'Rechenzentren". Der Anstoß zur Einführung der Automation
muß also vom "Markt" her kommen; sie.wird gewissermaßen aus der Preiskonkurrenz
hervorgehen, beispielsweise, wenn etwa die Marktchancen für ein Produkt verbessert werden können oder wenn sich Chancen zur Erweiterung eines Absatzmarktes auf Grund niedrigerer Preise ergeben. In jedem Falle müssen Maßnahmen zur
Einführung der Automation ökonomisch vertretbar sein.
Die Einführung der Automation ist eine Entscheidung mit sozialpolitischen
Konsequenzen, und insbesondere von Arbeitnehmerseite wird auf den Zusammenhang
zwischen Arbeitsplatzschwund und Automation aufmerksam gemacht. Man darf dem
jedoch mit gleichem Recht entgegenhalten^, daß etwa die relativ hohe Zahl der
Arbeitslosen in den USA, wie;e'inef der fuhrenden Wissenschaftler auf dem Gebiete der Produktivitätsforschung, Professor John W. Kendrick von der GeorgeWashington-Universität, betont, im wesentlichen auf die geringen Produktivitätssteigerungsraten der letzten Jahre zurückzuführen ist. Diese These läßt sich
mit der Beobachtung untermauern, daß gerade die Industrien mit überdurchschnittlichen Produktivitatssteigerungsraten auch die Tendenz zur überdurchschnittlichen Vergrößerung ihrer Beschäftigtenzahl aufwiesen. Die Behauptung, die Automation mache in den USA pro Woche 40 000, mithin im Jahr 2 Millionen Menschen,
arbeitslos, kann man andererseits mit dem Hinweis auf. die Tatsache begegnen,
daß in den vergangenen zwölf Monaten eine Million Menschen in den USA in den
Arbeitsprozeß eingeschaltet werden konnten und daß die Arbeitslosigkeit keineswegs zugenommen hat. Von 1947 bis 1963 wurden in den USA 11,3 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen, und das, obwohl in dieser Periode eine verstärkte Ab-

- 15 -

�Abwanderung aus der Landwirtschaft in die Industrie zu verzeichnen war.
Hier besteht offenbar ein wichtiger Zusammenhang: Diese Arbeitsplätze
entstanden zu einer Zeit, da in Amerika mehr Geld für neue Industrieanlagen, für neue und bessere Maschinen und für kostensenkende Ausrüstungen
ausgegeben wurde als je zuvor. Der entscheidende Punkt in der ganzen Diskussion um das soziale Für und Wider der Automation liegt, wie mir scheint,
in folgenden: Der Trend, neue Maschinen einzusetzen, neue und vermehrte
Kapitalinvestitionen vorzunehmen, neue Fabrikationsanlagen zu schaffen wie überhaupt das ständige Bemühen um eine Verbesserung der Produktivität -.
schafft neue Arbeitsplätze.. Die Wechselwirkung zwischen Mechanisierung und
verbesserter Produktivität ist unbestreitbar.
Ganz offenbar besteht auch ein Zusammenhang zwischen der Nutzung der
Arbeitskraft und dem An- und Abstieg der Beschäftigtenziffer. Ein Vergleich
zwischen den Industriezweigen mit der höchsten und der geringsten Produktivitätsrate in.den USA zeigt, daß der Bedarf an Arbeitskräften bei den Industrien mit Spitzenwerten in der Ausnutzung der Arbeitskraft zunehmende
Tendenz aufweist, während die Industrien mit der geringsten Leistung je Arbeitskraft ein Nachlassen des Arbeitskräftebedarfs verzeichnen: Von 1947/49
(Durchschnitt) bis 1961 vergrößerten die ersteren Industrien ihre Beschäftigtenziffer um 236 000, während die Beschäftigtenzahl der Industrien, mit schlechter Arbeitskraftnutzung um 609 000. zurückging.
Die Ursache dieses Phänomens ist darin zu erblicken, daß Industrien,
die mechanisieren und automatisieren, wettbewerbsfähig sind, neue und bessere
Güter zu niedrigeren Preisen herstellen, ihr Produktionsvolumen erweitern
können und Profite zu erzielen vermögen, die wiederum zur Produktion von
Gütern verwandt werden können, die der Kunde kaufen will und die er sich wegen der niedrigeren Preise auch leisten, kann.
Ein Unternehmer, der Profite erzielt und sein Kapital in extensivem
Sinne einsetzt, ist ein wahrer Freund der Arbeitnehmer. Ein Unternehmer dagegen, der am Rande des Bankrotts wirtschaftet und der sich weigert, moderne
Fertigungsmethoden einzusetzen, ist es sicherlich nicht.
Wirtschaftswissenschaftler haben immer wieder versucht, die Faktoren
wirtschaftlichen Wachstums zu ermitteln. Vollständig gelang ihnen das nie.
Die Veränderlichkeit der Qualität der menschlichen Komponente scheint die
unbekannte Größe in ihrer Berechnung zu sein. Wenn man dies berücksichtigt,
kommt man zu dem überraschenden Ergebnis, daß etwa 21 Prozent oder knapp
ein Fünftel unserer wirtschaftlichen Wachstumsrate allein auf den menschlichen Bildungsfaktor zurückgeht.
Man darf daraus wohl den Schluß ziehen, daß in den nächsten zehn oder 20
Jahren der Qualität und Art der Ausbildung menschlicher Arbeitskräfte in
erhöhtem Maße Beachtung geschenkt werden muß. Die Automation verringert den
Bedarf an ungelernten Arbeitskräften und erhöht den Bedarf an Fachkräften.
So wurden vom US-Arbeitsministerium nicht weniger als 37 Berufssparten als
Mangelberufe klassifiziert. Darunter fallen Farbensetzer, Elektroniktechniker, Feinmechaniker, Ingenieure, Maschinisten, Mathematiker, Krankenschwestern, Büro- und kaufmännisches Personal und natürlich zahlreiche Lehrberufe.
Sicherlich erfordern nicht alle diese Berufe ein abgeschlossenes Hochschulstudium, aber sie setzen doch zumindest eine spezielle Ausbildung voraus.
Ausbildung, Umschulung, Arbeitermobilität, Expansion der Wirtschaft das sind die Themen des technologischen Zeitalters, und es ist nicht nur

- 16 -

�I

nur Sache der Regierung, sondern auch der Wirtschaft, der Gewerkschaften,
des BildüngsWesens und nicht zuletzt des einzelnen Arbeitnehmers, die mit
dem technologischen Wandel verbundenen Härten weitgehend abzumildern und aus
Technologie und Automation den größtmöglichen Nutzen zu ziehen.
Nicht selten wird die Ansicht vertreten, der fortschreitende technologische Wandel, die zunehmende Übernahme menschlicher Funktionen durch Rechenautomaten sowie die rapide Bevölkerungsr;unt/ " 2 würden den Menschen schließlich zum bloßen manipulierbaren Objekt degtadteren. Ich bin anderer Ansicht.
Für den Menschen gibt es immer genug zu tun. Projekte wie die Entsalzung des
Meerwassers, die Bewässerung der Wüsten, die Beseitigung der Luftverschmutzung
über den industriellen Ballungsräumen, die Beseitigung der Verkehrsengpässe
und die Herstellung von. unbegrenzt haltbaren Gebrauchsgütern erscheinen zwar
vorerst aus wirtschaftlichen Gründen nicht realisierbar. Es müssen aber Wege
gefunden werden, die einen Einsatz von Kapital, Arbeit und Material zur Lösung dieser Probleme in einer Weise erlauben, die im monet ren Sinne die.
Kosten rechtfertigt. Dabei kann die Automation helfen.
Die eigentliche Macht des menschlichen Intellekts besteht in der Fähigkeit, über seine Umwelt zu triumphieren. Der.Mensch ist unsere entscheidende
Hilfsquelle, die Automation nur ein Werkzeug der menschlichen Rasse, allerdings ein gutes und brauchbares Instrument, wie man betonen sollte.

(stark gekürzt)
(Nachdruck mit Angabe des Autors und
Vermerk
"Courtesy of Sperryscope Sperry Rand Corporation"
gestattet.)

+ ++++

17 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Bessere Schulungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für farbige Hotelangestellte
Bessere Ausbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten sichert den farbigen
und puertoricanischen Hotelangestellten New Yorks eine zwischen dem "Hotel
and Motel Trades Council" und dem Hotelierverband getroffene Vereinbarung,
an deren Zustandekommen auch vier der bedeutendsten Vereinigungen zur Förderung der Interessen Farbiger beteiligt waren.
Wie der Präsident des Trades Council, der die Interessen von insgesamt
neun Fachgewerkschaften des Hotelgewerbes vertritt,.zu dem neuen Abkommen
erklärte, sollen in Zukunft bei der Neubesetzung höher eingestufter Arbeitsplätze zuerst solche Arbeitnehmer berücksichtigt werden, die bereits seit
langem im Hotelfach tätig sind und sich beruflich durch gute Leistungen
hervorgetan haben. Die Nominierung der Kandidaten für die berufliehenFortbildungs- und Umschulungsprogramme soll, dabei künftig ohne Rücksicht auf
Rasse, Hautfarbe oder Religion erfolgen.
Zur schnelleren Erreichung dieser Ziele kündigte der Council u.a.
folgende Sofortmaßnahmen an: Ernennung einer qualifizierten Persönlichkeit
zum Leiter der gesamten Ausbildungsarbeit; Abfassung einer Eingabe an die
New Yorker Stadtverwaltung, in der diese aufgefordert wird, Spezialklassen
für Lesen, Schreiben und freie Rede einzurichten, damit dieeiner Beförderung in der Regel im Wege stehenden Sprachschwierigkeiten beseitigt werden;
Verstärkung der Bemühungen, Neger und Puertoricaner in Angestelltenpositionen zu bringen.
Der "Hotel and Motel Trades Council" vertritt in New York insgesamt
33 000 Hotelangestellte in 180 Hotels. Rund 40 Prozent aller in den New Yorker Hotels Tätigen sind Neger und Puertoricaner, wovon der größte Teil in
den untersten Arbeitsplatzkategorien anzutreffen ist.
(Quelle: Eigenbericht)

+
Erhebliche Gehaltsaufbesserung für New Yorks Polizeibeamte
Rund 20 500 New Yorker Polizeibeamte werden auf Grund eines nach mehrwöchigen Verhandlungen zwischen der Polizeigewerkschaft und der Stadtverwaltung abgeschlossenen neuen Tarifvertrages eine wesentliche Aufbesserung
ihrer Gehälter und Lohnnebenleistungen erhalten. In den nächsten zwei Jahren
(Vertragsdauer) sollen die Polizeibeamten dabei insgesamt 900 Dollar mehr "
bekommen - 400 Dollar im ersten und 500 Dollar im zweiten Jahr*
Diese Regelung, die vorläufig nur für die Mannschaftsdienstgrade der
New Yorker Polizei gilt, soll bei den nächsten TarifVerhandlungen auch auf
die rund 5000 Offiziere ausgedehnt werden.
Nach

- 18 -

�Nach Mitteilung des Gewerkschaftsvorsitzenden, John J. Cassese,
dürfte das Gehalt eines Streifenbeamten einschließlich der Kleiderzulagen
und Feiertagszuschläge künftig rund 9020 Dollar (8260 Dollar bisher) im
Jahr betragen.
Zu den in den Tarifverhandlungen erreichten Verbesserungen zählen ferner: Gewährung eines zusätzlichen bezahlten Feiertages (jetzt insgesamt 11)J
Erhöhung des Kleidergeldes um 15 Dollar in diesem und um weitere 15 Dollar
im nächsten Jahr (Gesamthöhe dann.185 Dollar pro Jahr); Anhebung der.Sozialbeiträge der Stadt für die Krankenversicherungs- und Wohlfahrtsfonds der
Polizei um 25 Dollar pro Polizist und Jahr; freie Wahl der angebotenen Krankenhauskosten- Yersicherungspläne; Zahlung von 3/4 der Krankenhauskosten, durch
die Stadtverwaltung ab 1. Januar 1965 und Übernahme der Gesamtkosten ab
1. Januar 1966.
(Quelle: Eigenbericht)

+++++

�</text>
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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nr. 1&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Gewerkschaften und ihr Beitrag zur amerikanischen Gesellschaftsordnung&lt;br /&gt;Hat das Kollektivverhandlungswesen noch Zukunft?&lt;br /&gt;1963 brachte neuen Stil im Tarifverhandlungen&lt;br /&gt;Betrieblich geförderte Freizeitprogramme&lt;br /&gt;US-Eisenbahnen können "zweiten Mann" auf Dieselloks abbauen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 2&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gewährleistung gleicher Berufschancen für Amerikas Minderheiten&lt;br /&gt;Die wirtschaftlichen Ziele der amerikanischen Gewerkschaften&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der Arbeitslosen in den USA (I)&lt;br /&gt;Neue Möglichkeiten des Kollektivverhandlungswesens&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten: Lohnpolitischer Rundblick&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Arbeitsvorgeschichte, Haltung und Einkommen der Arbeitslosen in den USA (II)&lt;br /&gt;Druckereifachschule in Colorado Springs&lt;br /&gt;Die Firma zahlt den Doktorhut&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 5&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaft und Automation - Dreimal Waffenstillstand an der amerikanischen Westküste&lt;br /&gt;Die betrieblichen Sozialklassen der Angestellten in den USA (I)&lt;br /&gt;US-Eisenbahnerstreik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 6&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die betrieblichen Sozialkassen der Angestellten in den USA (II)&lt;br /&gt;Die amerikanischen Gewerkschaften und die Präsidentschaftswahlen&lt;br /&gt;Ende der Monotonie am Fließband?&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 7&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Arbeitsmarkt- und Automationsforschung in den USA: Ziele und Aufgaben&lt;br /&gt;Die Automationsforschung:&lt;br /&gt;Untersuchungen über technische Neuheiten&lt;br /&gt;Untersuchungen über die Auswirkungen der Automation&lt;br /&gt;Künftige Forschungsreihen&lt;br /&gt;Die Gewerkschaften und das öffentliche Interesse&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 8/9&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bezahlter Urlaub als Bestandteil von Kollektivverträgen&lt;br /&gt;Die Rolle der Gewerkschaften in der modernen Wirtschaft&lt;br /&gt;"Haben Sie schon einen Job?"&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 10&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Mitgliederbewegungen der amerikanischen Gewerkschaften&lt;br /&gt;Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (I)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 11&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gezielte Vorbereitung der Arbeitnehmer auf die Pensionierung&lt;br /&gt;Die Gewerkschaften und das höhere Bildungswesen (II)&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 12&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Technologische Betriebsumstellungen und die Auswirkungen auf die Arbeitnehmer&lt;br /&gt;Probleme des technischen Wandels müssen fortschrittlich gelöst werden&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST - Sonderbeilagen 1965
A.

4*

1.

KENNEDY ERKLAERT STANDPUNKT DER USA ZU WELTPOLITISCHEN
FRAGEN
Ausstiege aus den Ferasehinterriew T O B 17* 12« 1962.
STANDPUNKT DER USA ZU WELTPOLITISCHEN FRAGEN
W o r t l a u t
des Fernsehinterriew von 17* 12* 1962.

A. 18.

1.

KENNEDY UNTERBREITET BOTSCHAFT UEBER DIE LAGE DER NATIONEN
State of the Union Message

W. 25.

1.

KENNEDY LEGT NEUEN HAUSHALT VOR
Zusammenfassung der wichtigsten Punkte des Budget 1963/64*

W. 25.

1.

KENNEDY1 DIE US-WIRTSCHAFT AM SCHEIDEWEG
Aussusge aus dem Wirtschaftsbericht des US-Praesidenten.

A. 15.

3.

EUROPA! KALEIDOSKOPE ODER GETRUEBTER KRISTALL
W o r t l a u t
der Ansprache des ehemaligen US-Ausssnministers DEAN G. ACHESON vor der Uniwersitaet von
Kalifornien, 13. 3. 1963.
EUROPEi KALEIDOSCOPE OR CLOUDED CRYSTAL
Address by the Honorable Dean Aoheson st the University
of California, Berkeley, California, Marsh 13, 1963*

A. 15«

3.

GEORGE C. MCGHEE SOLL NEUER BOTSCHAFTER DER USA IN BONN
WERDE
Praesldent Kennedy hat am Mittwoch seine Absicht bekannt
gegeben, den gegsnwaertigen Staatssekraetser fuer Politische
Fragen im amerikanischen Aussenminlstorium, George C. MeGhee,
sum neuen Botschafter der USA in der Bundesrepublik su ernennen.

W. 12.

4*

SONDERBOTSCHAFT PRAESIDENT KENNEDYS ZUR AUSLANDSHILFE
W o r t l a u t
der Sonderbotschaft sur Auslandshilfe der
USA, die Praesident Kennedy am 2. April 1963 dem amerikanischen
Kongrsss unterbreitet hat.

W. 17.

5.

DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE VERHANDLUNGEN ZUR
AUSWEITUNG DES HANDELS - Eins Hintergrundanalyse.

A. 24.

5.

USA WEISEN SOWJETISCHEN PROTEST GEGEN DEN AUFBAU EINER
NATO-ATOMSTREITMACHT ZURUECK
W o r t l a u t
der Antwortnote der Vereinigten Staaten
(18.5.1963) auf die Note der UdSSR wom 8.4.1963.

A. 24.

5.

ABENTEUER DES RAUMFLUGS
Cooper - ein idealer Astronaut, Forsohungsrorhaben, Verlauf
und ersts Ergebnisse des Raumflugexperiments MERCURY-ATLAS 9*

A. 14.

6.

NEUE BEMUEHUNGEN DER USA UM DEN WELTFRIEDEN
W o r t l a u t
der Rede des US-Praesidenten JOHN F. KENNEDY,
Tom 10.6.1963 vor Absolventen der Amerikanischen Universitaet
in Washington.

�25.

6.

ANSPRACHE DES PRAESIDENTEN DER VEREINGTEN STAATEN
JOHN P. KENNEDY in der Paulskirche zu Frankfurt/Main.

25.

6.

Remarks of the President of the United States of America
JOHN P. KENNEDY, in the Asaembly Hall of Paulekirohe, Prankfurt,

26«

6«

Remarks of the President of the United States of Amsrioa
JOHN P. KENNEDY, at the Free Universitär Berlin, Germany.

26.

6.

Remarks of the President of the United States of America
JOHN P. KENNEDY, at the City Hall, West Berlin, Germany.

W. 26.

7.

SONDERBOTSCHAPT PRAESIDENT KENNEDYS UEBER US-ZAHLUNGSBILANZ
W o r t l a u t
der Sonderhotschaft, am 1 S.Juli 1963
an den US-Kongress.

A. 27.

9.

KENNEDY RUFT ZUR ZUSA*&lt;MENARBEIT PUER DEN FRIEDEN AUF
W o r t l a u t
der Rede vom 20. 9» 1963» vor der
18» Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten.

A. 27.

9.

DIE ROLLE DEUTSCHLANDS IN DER ENTWICKLUNG DER WELTPOLITIK
W o r t l a u t einer Rede, die der Vorsitzende des Planungsstahs im US-Aussenministerium, WALT W. ROSTOW, am 18.9*1963
vor der Universitaet von Dayton gehalten hat.

9. 10.

BETRACHTUNGEN EINES AMERIKANERS UEBER BERLIN
Ansprache des Botschafters GEORGE C. MCCHEE, im Amerika Haus,
Nuernherg, am 9*10. 1963.

A. 18. 10.

TESTSTOPPVERTRAG IN KRAFT GETRETEN
W o r t l a u t
des Vertrages ueber ein Verbot von Kemmaffenversuchen in der Atmosphaere, im Weltraum und unter Wasser.

A.

1. 11.

Ansprache Sr. Exzellenz des Auseenministers der Vereinigten
Staaten DEAN RUSK, gehalten am 27*10.1963» in der Paulskirohe
su Frankfurt/Main, anlaesalieh der Einweihung der
GEORGE C. MARSHALL - Gedenkstaette am Opernplatz.

W.

8. 11.

HANDELSAUSWEITUNG UND WIRTSCHAFTSWACHSTUM IN DER
ATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT
W o r t l a u t
einer Ansprache von US-Botschafter
George C. MoGhee, gehalten vor der Handelskammer Koblenz,5*11•

A.

6. 12.

WIR WERDEM IN DEM STREBEN NACH FRIEDEN UNERMUEDLICH SEIN
Ansprache Praesident JOHNSONS vor beiden Haeuaern des
Kongresses am 27« November 1963*

A.

6. 12.

UNSERE KRAFT UND ENERGIE IST AUF DIE ZUKUNFT GERICHTET
Botschaft Praesident JOHNSONS zum Erntedanktag 1963*

A. 13. 12.

NATUERLICHE HILFSQUELLEN DER WELT
Die Situation heute und in der Zukunft
W o r t l a u t
des Vortrags von US-Botschafter GEORGE C.
MCGHEE, gehalten am 11.12. 63, vor der Arbeitsgemeinschaft
fuer Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Dueaseldorf•

�PRÄSIDENT JOHN F. KENNEDY
ERLÄUTERT

STANDPUNKT DER USA ZU WELTPOLITISCHEN FRAGEN
Wortlaut des Fernsehinterviews vom
17. Dezember 1962

�STANDPUNKT DER USA ZU WELTPOLITISCHEN FRAGEN

Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut eines Fernsehinterviews, das
Präsident Kennedy den Vertretern dreier
amerikanischer Rundfunk- und Fernsehanstalten - William H. Lawrence von der
American Broadcasting Company, George
Herman vom Columbia Broadcasting System
und Sander Vanocur von der National
Broadcasting Company - am 16. Dezember
1962 im Weißen Haus gewährt hat und das
von den Sendern dieser Anstalten am
17« Dezember ausgestrahlt wurde.

MR. LAWRENCE: Wenn Sie, Herr Präsident, auf die beiden ersten Jahre
Ihrer Amtsführung zurückblicken - entsprechen Ihre Erfahrungen in
diesem Amt Ihren ursprünglichen Erwartungen? Sie hatten sich ja
eingehend über die Machtbefugnisse des Präsidenten und deren Ausübung unterrichtet. Inwieweit sind die Dinge nun so gelaufen, wie
Sie es sich im voraus gedacht hatten?
DER PRÄSIDENT: Nun ja, zunächst einmal halte ich die Probleme heute
für schwieriger, als ich sie mir vorgestellt hatte. Zweitens sind
die Möglichkeiten der Vereinigten Staaten begrenzt, diese Probleme
zu lösen. Gegenwärtig sehen wir uns im Kongo einer sehr schwierigen
Situation gegenüber. Es ist uns nicht gelungen, die Verwirklichung
der von uns vertretenen Politik zu erreichen. Wir sind auch in einer
Reihe weiterer Gebiete sehr engagiert. Wir versuchen zu klären,
ob sich eine Lösung für den Streit zwischen Pakistan und Indien
finden läßt, wollen wir doch zu beiden freundschaftliche Beziehungen
unterhalten. Sie aber, sind nicht imstande, zu einem Übereinkommen
zu gelangen. Die Macht der Vereinigten Staaten, Lösungen herbeizuführen, hat mit anderen Worten Grenzen.
Ich glaube, unsere Leute werden furchtbar ungeduldig und sind
wahrscheinlich auch müde und verdrossen und sagen: "Wir tragen diese
Last schon 17 Jahre lang, können wir sie nun niederlegen?" Wir
können sie nicht niederlegen, und ich sehe in diesem Jahrhundert,
auch keine Chance für uns, sie niederzulegen.
Deshalb möchte ich also sagen, daß die Probleme schwieriger
sind, als ich sie mir vorgestellt hatte. Die den Vereinigten Staaten auferlegte Verantwortung ist größer, als ich sie mir vorgestellt hatte, und unsere Möglichkeiten, günstige Resultate zu erzielen, unterliegen größeren Beschränkungen, als ich angenommen
hatte. Und das dürfte meiner Meinung nach für jeden Präsidenten
gelten, denn es ist nun einmal ein Unterschied zwischen jenen.

- 1

�jenen, die Ratschläge erteilen, Reden halten oder Gesetze beschließen, und dem Mann, der unter verschiedenen Alternativvorschlägen
zu wählen hat und bestimmen muß, welches die Politik der Vereinigten
Staaten sei. Es ist viel einfacher, Vorträge zu halten als schließlich ein Urteil zu fällen, denn die Ratgeber sind leider häufig geteilter Meinung. Schlägt man einen falschen Kurs ein, und das habe ich
gelegentlich getan, so trägt der Präsident die Last der Verantwortung - und das mit vollem Recht. Die Berater dagegen können auf neue
Ratschläge sinnen.
MR. LAWRENCE: Das bringt uns, Herr Präsident, auf eine Frage, die
mich schon immer interessiert hat. Wie kommt nun eigentlich eine
Entscheidung des Präsidenten wie im Falle Kubas zum Beispiel zustande?
DER PRÄSIDENT: Die jüngste wurde tatsächlich, was den einzuschlagenden Kurs und den Entschluß angeht, innerhalb eines Zeitraums von
fünf oder sechs Tagen herausdestilliert. Während dieser Zeit haben
die rund 15 Personen, die unmittelbar zu Rate gezogen worden sind,
ihre Ansicht mehrfach geändert, da jede Maßnahme, welche auch immer
wir ergreifen mochten, mit mehreren Nachteilen behaftet war und da
auch jede Maßnahme, die wir ergreifen mochten, die Möglichkeit barg,
daß sie sich zu einem Atomkrieg mit der Sowjetunion auswachsen werde.
Schließlich aber entwickelte sich eine generelle Übereinstimmung und eine solche bestand sicherlich nach der Prüfung sämtlicher Alternativen -, daß der am Ende eingeschlagene Kurs des Handelns der richtige sei.
Bei meinen Gesprächen mit Mitgliedern des Kongresses schlugen
verschiedene von ihnen eine andere Alternativlösung vor, als wir
sie an jenem Montag mit den Tatsachen bekannt machten. Ich habe das
Gefühl, daß sie, wären sie diese fünf Tage dabeigewesen, die wir mit
der Beurteilung der verschiedenen Alternativen und der Vor- und Nachteile etwaiger Maßnahmen zugebracht hatten, wahrscheinlich den gleichen Weg eingeschlagen hätten wir wir. Ich denke, wir haben den richtigen gewählt. Hätten wir am Mittwoch innerhalb der ersten 24 Stunden
handeln müssen, so wären wir meiner Meinung nach bei unserer Wahl
nicht so vorsichtig verfahren, wie wir es schließlich taten: eine
Quarantäne gegen den Einsatz von Offensivwaffen.
Darüber hinaus hatte dies eine weit größere Wirkung, als wir
ursprünglich annahmen, weil die Sowjetunion es meines Erachtens
äußerst ungern gesehen hätte, wenn wir Schiffe angehalten hätten,
die einige ihrer geheimsten und bestbehüteten Waffentypen mit sich
führten. Der Grund für den Abzug der IL-28 durch die Sowjetunion
dürfte, wie ich annehme, zu einem Teil in der Tatsache zu suchen
sein, daß wir eine sehr intensive Luftbildaufklärung in niedriger
Höhe betrieben. Nun, niemand hätte wahrscheinlich geglaubt, daß
eine derartige Belästigung möglich wäre. Herr Castro konnte uns
nicht gestatten, die ausgedehnten Flüge über seiner Insel in 70 m
Höhe tagein, tagaus auf unbestimmte Zeit fortzusetzen; er wußte aber
auch, daß er sehr ernste Repressalien zu gewärtigen hätte, wenn er
eines unserer Flugzeuge abschießen würde. Es ist somit sehr schwierig,

-

2

-

�schwierig, sich jeweils ein Urteil darüber zu bilden, welche Auswirkungen unsere Entscheidungen in anderen Ländern zeitigen werden.
In diesem Falle, scheint mir, haben wir die richtige getroffen; 1961
trafen wir bezüglich Kubas die falsche.
MR. HERMAN: Ich möchte auf die Frage der Übereinstimmung und Ihr
Verhältnis zu dieser Übereinstimmung zurückkommen. Sie haben erklärt,
und auch die Verfassung besagt, die Entscheidung könne nur vom Präsidenten getroffen werden.
DER PRÄSIDENT: Sie kennen ja wohl die alte Geschichte von Abraham
Lincoln und seinem Kabinett. Er sprach: "Wer dafür ist, sage 'ja'",
und das ganze Kabinett stimmte mit "ja"; und dann, "wer dagegen ist,
sage 'nein'",und Lincoln stimmte allein mit "nein" und erklärte:
"Das Abstimmungsergebnis lautet 'nein1'." Natürlich, denn die Verfassung bürdet die Verantwortung dem Präsidenten auf. Der Kurs, den
wir schließlich einschlugen, fand keine ungeteilte Zustimmung;
der Kurs aber, den wir schließlich einschlugen, bot den Vorteil,
daß er uns auch noch andere Schritte gestattete, falls dieser erfolglos sein sollte. Mit anderen Worten, wir begannen in gewissem Sinne
mit einem Minimum. Wäre das alles nämlich ohne Erfolg geblieben, hätten wir allmählich weitergehen können bis zu wesentlich massiveren
Aktionen, die notwendig geworden wären, falls der erste Schritt keinen Erfolg gezeitigt hätte. Ich möchte annehmen, daß die Mehrheit
das schließlich einsah, wenngleich anfangs sehr scharfe Unterschiede
in den Auffassungen bestanden hatten. Das war schon sehr wertvoll,
weil die Beteiligten besondere Verantwortung in ihrem eigenen Bereich
trugen; Verteidigungsminister McNamara mußte mich demgemäß bezüglich
der militärischen Stärke der Vereinigten Staaten in jenem Gebiet beraten, der Außenminister mußte seine Beurteilung der Haltung der Organisation der amerikanischen Staaten (OAS) und der NATO geben. Meiner Meinung nach gelangte die Mehrheit auf diese Weise dahin, den Kurs zu bill
gen, den wir schließlich einschlugen. Das machte die Dinge leichter.
1961 war die Lagebeurteilung durch die von der Exekutive zugezogenen
Berater in der Kuba-Angelegenheit einmütig, und diese Lagebeurteilung
war falsch. Und ich trug die Verantwortung. Im Endeffekt läuft es
darauf hinaus, daß die Berater, gleichgültig wieviel an der Zahl,
häufig geteilter Auffassung sind, und der Präsident schließlich eine
Wahl zu treffen hat.
Der andere Gesichtspunkt kommt in Worten zum Ausdruck, die Präsident Eisenhower am 19« Januar (1961) an mich richtete. Er sagte:
"Dinge, die man an Sie als Präsident heranträgt, sind niemals belanglos. Handelt es sich um Belanglosigkeiten, dann werden sie auf
niedrigerer Ebene geregelt." Die Dinge, die einem als Präsidenten
vorgelegt werden, sind also immer schwierige Dinge und damit Dinge,
die weitreichende Konsequenzen haben. Das trägt dazu bei, einige der
Lasten des Präsidentenamtes zu vergrößern, wozu sich auch schon andere
Präsidenten geäußert haben.
MR. VANOGUR:

�MR. VANOCUR: Herr Präsident, während der Kuba-Krise bestand ein
Problem, mit dem Sie offensichtlich vertraut sind und das Ihnen
auch heute Sorge bereitet, die Möglichkeit nämlich, daß ein Präsident in streng vertraulichen und geheimen Besprechungen sich ausspricht und dann etwas davon nach außen dringt. Glauben Sie, daß
dies den freien und offenen Fluß an Ratschlägen behindert, die jeder Präsident doch haben muß?
DER PRÄSIDENT: Nein, ich finde es bedauerlich, daß solchermaßen Dinge
ausgeplaudert werden, aber allein beim Weißen Haus sind wohl an die
1300 Reporter akkreditiert, und es gibt meines Wissens 100 oder 150
Leute, die mehr oder weniger über das Bescheid wissen, was auf den
Tagungen des Sicherheitsrates vorgeht. Da sind einmal die Leute, die
selbst dabei sind, und da sind die anderen, die auf Grund der dort
getroffenen Entscheidungen Anweisungen erhalten - und ich weiß, Menschen reden nun einmal. Und wie ich zum Zeitpunkt des Kuba-Fehl Schlages im April 1961 sagte, hat der Erfolg hundert Väter, und die Niederlage ist ein Waisenkind. Ich glaube, wenn eine Sache gutgeht, dann
besteht auf allen Ebenen eine verstärkte Tendenz, darüber zu reden,
und solche Berichte sind oft ungenau. Ich möchte sagen, im Nationalen
Sicherheitsrat klappt es mit der Geheimhaltung recht gut. Wird sie
durchbrochen, ist das bedauerlich.
MR. VANOCUR: Trifft es zu, Herr Präsident, daß Sie sich im ersten Jahr
Ihrer Amtszeit verschiedentlich persönlich telephonisch mit dem Außenministerium in Verbindung gesetzt haben, um zu versuchen, eine Antwort
auf eine früher gestellte Anfrage zu erhalten?
DER PRÄSIDENT: Ja, das tue ich auch heute noch, wenn es angebracht
ist, denn nach meinem Dafürhalten besteht im Staatsdienst eine große
Neigung, Akten zu lange auf dem Schreibtisch zu behalten. Und mir
scheint, hier handelt es sich um eine echte Funktion: der Präsident
kann zwar kein Ministerium verwalten, aber er kann ihm immerhin Impulse geben.
MR. VANOCUR: Erinnern Sie sich an irgendeine bestimmte Antwort, die
Sie von einem Gesprächspartner im Außenministerium erhielten, der
einen derartigen Anruf nicht erwartet hatte - an irgendeine besondere
Antwort, die Ihnen irgend jemand gab?
DER PRÄSIDENT: Nein, sie reagieren immer, sie sagen immer "ja". Es
dauert einige Zeit, bis man das raus hat. Sie werden sich erinnern,
daß es mich, nachdem ich mit Herrn Chruschtschow in Wien zusammengetroffen war und sie (die Russen) uns ein Aide-memoire überreicht
hatten, mehrere Wochen kostete, um unsere Antwort, koordiniert mit
den Briten, den Franzosen und den Deutschen,über das Außenministerium
abzuschicken. Das dauerte viel zu lange. Nun, ich habe den Eindruck,
daß es uns gelungen ist, diesen Prozeß zu beschleunigen; das Ganze
bleibt aber ein ständiges Problem in verschiedenen Ministerien. Von
jeder Entscheidung werden so viele Interessen berührt. Ob die Entscheidung Afrika oder Asien betrifft, sie geht auch die Europa-

- 4 -

�Europa-Abteilung an, sie geht die zuständige Abteilung an, sie geht das
Verteidigungsministerium an, sie kann das Zentralamt für Nachrichten
und Abwehr (CIA) berühren, sie geht in den meisten Fällen das Finanzministerium an, sie kann die Weltbank angehen, sie geht die Delegation
bei den Vereinten Nationen an. Mir scheint es eine der Funktionen des
Präsidenten zu sein, auf eine beschleunigte Erledigung all dieser
Dinge zu dringen. Andernfalls kann man warten, während die Welt zusammenstürzt.
MB. VANOCUR: Sie haben einmal gesagt, daß Sie jetzt mehr, aber weniger
gerne lesen. Sind Sie immer noch so ein unersättlicher Zeitungs- und
Zeitschriftenleser? Ich erinnere mich - wir alle, die wir Sie auf Ihrer Wahlkampagne begleitet haben -, daß damals in Ihrem Umkreis keine
Zeitschrift vor Ihnen sicher war»
DER PRÄSIDENT: 0 ja. Nein, nein, ich glaube, das ist von unschätzbarem
Wert, auch wenn es einem - es ist niemals angenehm, wenn man etwas liest
was nicht erfreulich ist, aber ich würde sagen, daß das dem Präsidenten eine unschätzbare Möglichkeit gibt, wirklich zu kontrollieren, was
in der Verwaltung passiert, und so erfahre ich mehr Dinge, die für
mich von Belang und wissenswert sind. So möchte ich meinen, daß Herrn
Chruschtschows totalitäres System, das hinsichtlich der Fähigkeit zu
geheimen Maßnahmen usw. viele Vorteile bietet, doch den kolossalen
Nachteil hat, daß man selbst und die ganze Regierung nicht täglich der
Schmirgelwirkung der Presse ausgesetzt ist, auch wenn es einem nicht
paßt und auch wenn man wünschte, sie würden das nicht schreiben; und
selbst wenn man das mißbilligt, so gibt es doch keinen Zweifel, daß
wir unsere Aufgabe in einer freien Gesellschaft ohne eine sehr, sehr
aktive Presse überhaupt nicht erfüllen könnten.
Andererseits ist die Presse dafür verantwortlich, daß die Dinge
nicht zu politischen Zwecken entstellt werden, daß man nicht irgendwelche Meldungen herausgreift, um eine politische These zu beweisen.
Meiner Meinung nach ist es ihre Pflicht, der Verwaltung so streng wie
möglich auf die Finger zu sehen, aber immer in dem Bestreben, der
Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen, und nicht bloß aus irgendwelchen politischen Beweggründen.
MR. LAWRENCE: Herr Präsident, wie beurteilen Sie im Licht der Wahlergebnisse, die zumindest auf der Kongreßebene sicherlich die republikanischen Hoffnungen zunichte machten, Ihre Aussichten auf bedeutsame
innenpolitische Erfolge in der kommenden Kongreßperiode?
DER PRÄSIDENT: Nun, ich denke, unsere Position wird etwa dieselbe sein
wie in den letzten zwei Jahren. Ich meine damit, daß kontroverse Dinge
sehr hart umkämpft sein werden.
MR. LAWRENCE: Hat sich das Stimmungsbild des Repräsentantenhauses
durch die Verschiebungen nicht ein wenig verändert?
DER

�DER PRÄSIDENT: Ich würde sagen, ein bißchen zu unseren Ungunsten.
Unsere Situation ist nicht ganz so gut wie in den letzten zwei Jahren,
aber wir stehen ungefähr wieder dort, wo wir in den letzten zwei Jahren
waren, das heißt, daß bei jeder Abstimmung drei bis vier Mehrstimmen
auf dieser oder jener Seite über Sieg oder Niederlage entscheiden.
MR. LAWRENCE: Rechnen Sie zum Auftakt wieder mit einer Grundsatzentscheidung in der Auseinandersetzung über den GeschäftsordnungsaUsschuß?
DER PRÄSIDENT: Ich hoffe, daß es bei der gegenwärtigen Mitgliederzahl des
Geschäft sordnungsausathusses bJeibt, weil wir andernfalls nicht arbeitsfähig sind. Wir sind unten durch, wenn wir verlieren - wenn sie versuchen, die Geschäftsordnung zu ändern. In diesem Falle käme- keine ..
kontroverse Vorlage mehr vor das Plenum, würde meiner Meinung nach
unser ganzes Programm ausgehöhlt.
MR. LAWRENCE: Als Sie noch ein junger Abgeordneter waren, haben Sie
selbst für die Beschränkung der Amtsdauer der Präsidenten auf zwei
Perioden gestimmt. Würden Sie jetzt, nachdem Sie dieses Amt selbst eine
Zeitlang bekleidet haben und auch die Auswirkungen auf Präsident Eisenhowers zweite Amtsjeriode beobachten konnten, erneut dafür stimmen, auch
wenn Sie selbst von der Änderung nicht betroffen wären?
DER PRÄSIDENT: Ja, ich würde es tun, gewiß. Ich weiß, daß 1947 besondere Umstände herrschten, aber ich glaube, acht Jahre sind genug, und
ich bin nicht sicher, ob ein Präsident - wie in meinem Falle, wenn ich
wiedergewählt würde -,ob man dann so sehr benachteiligt wäre. Es gibt
nicht viele Stellen zu besetzen. Das gehört überhaupt nicht zu den Befugnissen der Präsidentschaft, die Ämterpatronage. Sie werden in den
ersten Monaten besetzt. Die meisten dieser Stellen sind ohnehin den
Kongreßmitgliedern vorbehalten. Somit spielt die Patronage keine Rolle.
Ich glaube, es gibt viele andere Befugnisse der Präsidentschaft, die
in der zweiten Amtsperiode genauso gehandhabt werden wie in der ersten.
MR. VANOCUR: Herr Präsident, was diesen Punkt betrifft...
DER PRÄSIDENT: Tatsächlich besitzt Präsident Eisenhower heute in der
Republikanischen Partei großen Einfluß und deshalb auch im ganzen Lande.
Und er hat großen außenpolitischen Einfluß, obwohl er keinerlei Amt
bekleidet. In mancher Hinsicht ist sein Einfluß sogar in gewissem Grade
gewachsen. Dasselbe gilt effektiv auch für Präsident Truman und Präsident Hoover. Ich glaube nicht, daß es davon abhängt... der Präsident
hat auch noch in seiner zweiten Amtsperiode gewichtigen Einfluß wenngleich ich selbst noch nicht in der zweiten Amtsperiode bin -, das
kann man wohl sagen.
MR. VANOCUR: Herr Präsident, was diesen Punkt betrifft, so bedarf ein
großer Teil Ihres Programms noch der Zustimmung des Kongresses. Manche
Leute meinen, daß Sie das entweder in den kommenden zwei Jahren schaffen
oder überhaupt nicht mehr, selbst wenn Sie für eine zweite Amtsperiode
wiedergewählt werden. Sind Sie auch dieser Ansicht?
DER
6

�DER PRÄSIDENT: Nein, Erstens glaube ich, daß wir schon eine Menge
geleistet haben. Ich habe mir neulich einmal vergegenwärtigt, was
wir im Januar 1961 in Angriff genommen hatten, und im Hinblick auf
die Steuern, die soziale Sicherheit, die Änderungen in der Sozialgesetzgebung, die Strukturverbesserung in Notstandsgebieten, die
Mindestlöhne, das Friedenskorps, die Allianz für den Fortschritt,
die Abrüstungsbehörde, die Stärkung der Landesverteidigung und den
Ausbau unseres Weltraumprogramms muß ich sagen, wir haben das alles
erreicht, auch das Außenhandelsgesetz*, vielleicht nicht in jedem
Fall in dem ursprünglich: von uns vorgeschlagenen Ausmaß, aber doch
beträchtliche Fortschritte. Ich meine, wir können in den nächsten
zwei Jahren noch mehr schaffen.
Ich möchte meinen, daß es - sollte ich im Jahre 19^5 wiedergewählt werden - neue Probleme geben wird, und ich sehe in einer zweiten
Amtszeit nicht notwendigerweise einen Niedergang. Ich bin ganz und
gar nicht dieser Meinung. Ja, ich glaube, man weiß dann weitaus mehr
über das Amt. Es ist ein gewaltiger Wechsel vom Senator zum Präsidenten. In den ersten Monaten ist es überaus schwierig. Aber ich
habe keinen Grund, anzunehmen, daß ein Präsident mit den Machtbefugnissen dieses Amtes und der Verantwortung, die diesem Amt auferlegt ist, - falls er befindet, daß dies oder jenes getan werden
müsse - es in der zweiten Amtszeit nicht genausogut tun kann wie
in der ersten, wobei dies natürlich von der Zusammensetzung des
Kongresses abhängt. Tatsache ist, daß mit der Kongreß, von meiner
jetzigen Warte aus gesehen, weit mächtiger erscheint als damals, als
ich noch selbst im Kongreß saß. Das liegt jedoch daran, daß man als
Mitglied des Kongresses einer von 100 im Senat oder einer von 435
im Repräsentantenhaus ist, so daß die Macht also geteilt ist. Aber
in meinem jetzigen Amt sehe ich mich einem bestimmten Kongreß gegenüber, der kollektiven Macht des Kongresses, insbesondere der Blockierung
von Vorlagen, und das ist eine wesentliche Macht.
MR. VANOCUR: Herr Präsident, wie Sie gesagt haben, beginnt die Macht
wie auch die Nächstenliebe zu Hause. Und Sie scheinen nun im Hinblick
auf das, was wir hier in den USA tun müssen, eine Ansicht, und der
Kongreß scheint eine andere Ansicht zu haben. Für die Verteidigung
und die nationale Sicherheit wird eine Menge Geld bewilligt werden,
aber es besteht eine gewisse Abneigung, für eine andere Form der Kapitalinvestition - nämlich das Erziehungswesen - und ähnliche innenpolitische Programme Gelder einzusetzen. Ist dies lediglich eine Frage
der Mittel oder liegt es an den (mit dieser Angelegenheit verbundenen)
kirchlichen Aspekten, daß Sie kein Erziehungsgesetz durchbringen?
DER PRÄSIDENT: Nun, im Hinblick auf das Erziehungswesen ist die Frage
zweifellos, wie die Mittel verteilt werden; wie sie aufgeteilt werden,
ist einer der Faktoren. Eine weitere Angelegenheit, die hinzukommt,
ist die Frage der Integration. Ich glaube, Sie wissen, daß Thomas
Jefferson einmal gesagt hat, wolle man erwarten, daß das Volk unwissend und frei sei, so würde man etwas erwarten, was es noch niemals
gegeben habe und niemals geben werde. Im Jahre 1970 wird es bei uns
doppelt soviel junge Menschen geben, die ein College besuchen wollen,
wie im Jahre i960. Das bedeutet, daß wir in zehn Jahren so viele

- 7 -

�so viele Schulgebäude erstellen müssen wie in den 1 60 Jahren der
Geschichte unseres Landes zusammengenommen.
Ferner haben wir diese Millionen junger Menschen, die die Schule
verlassen und noch keine Ausbildung haben - und dies zu einem Zeitpunkt, wo geschulte und keine ungelernten Arbeitskräfte benötigt werden. Wir brauchen also Gelder für ihre Ausbildung in Berufsschulen,
für die Umschulung von Arbeitern, für Unterstützungsfonds für Colleges,
und dann wiederum Gelder, um diejenigen unterstützen zu können, die
promovieren oder ein ingenieurwissenschaftliches, naturwissenschaftliches und mathematisches Studium fortführen wollen. Auf diesem Gebiet
gibt es bei uns ernste Mängel, und doch streben wir nach dem Weltenraum, der Verteidigung und allem übrigen. Die Sowjetunion konzentriert
sich hierauf. Für alle diese Dinge sind also Geldmittel erforderlich,
aber dies alles ist umstritten, Einige Leute sind der Ansicht, daß
die Bundesregierung hierbei keine Rolle spielen sollte. Und doch hat
gerade die Bundesregierung - seit dem Gesetz über die Landschenkung
an Hochschulen (Land-grant Act) und zurück bis zu dem Gesetz über die
Schaffung des Nordwest-Territoriums (Northwest Ordinance) - hierbei
eine wichtige Rolle gespielt. Meiner Ansicht nach hat die Bundesregierung auf dem Gebiet des Erziehungswesens eine große Verantwortung. Wir
können nicht unsere Stärke auf industriellem, militärischem, wissenschaftlichem und sozialem Gebiet aufrechterhalten, wenn wir nicht über
eine gebildete Bürgerschaft verfügen. Und ich bin der Oberzeugung, daß
die Bundesregierung eine Rolle spielen muß. Wir werden also dem Kongreß ein Programm unterbreiten. Auf Grund der Tatsache, die Sie erwähnten, und auch aus anderen Gründen waren wir zwar nahe daran, das
Erziehungsgesetz durchzubringen, hatten dann aber bedauerlicherweise
keinen Erfolg.
MR. LAWRENCE: Herr Präsident, wurde das Problem, ein Erziehungsgesetz

in diesem Jahre durchzubringen, durch die Ereignisse in Oxford, Mississippi, und durch den Einsatz von Bundestruppen dort noch erschwert?
DER PRÄSIDENT: Ja, ich denke schon.
MR. LAWRENCE: Wie-wollen Sie ankämpfen gegen diese neue...?
DER PRÄSIDENT: Wie ich schon sagte, ist dies ein Fall, bei dem wir es
fast geschafft haben; auch Präsident Eisenhower hatte es beinahe geschafft, und wir waren einmal nahe daran, wir konnten eine Gesetzesvorlage durch das Repräsentantenhaus bringen, durch den Senat, beinahe
durch das Haus, und schafften es doch nicht. In einem weiteren Versuch,
der dem höheren Schulwesen galt, erhielten wir die Zustimmung des Senats
und des Hauses, und dann scheiterte er, scheiterte am Vermittlungsausschuß. Nun, Oxford, Mississippi, wodurch das ganze Problem Bundesregierung und Erziehungswesen noch heikler geworden ist - ja, ich nehme
schon an, daß es in einigen Teilen der Vereinigten Staaten als Faktor
gelten wird,der nachteilig für uns sein wird. Ich weiß aber wirklich
nicht, wie der Präsident der Vereinigten Staaten Ihrer Meinung nach
anders hätte handeln sollen. Das Gericht, das sich aus Richtern der
Südstaaten zusammensetzte, entschied, daß es im Einklang mit der

-

8 -

�der Verfassung sei, wenn Mr. Meredith an die Universität von
Mississippi gehe. Der Gouverneur von Mississippi widersetzte sich
dem, es gab Tumult und Aufruhr um Mr. Meredith, wodurch sein Leben
gefährdet, wurde. Wir entsandten daraufhin die Bundesvollstreckungsbeamten (Marschälle), und es wurden immerhin von den vier-- oder
fünfhundert Beamten - von denen wenigstens Dreiviertel selber aus
dem Süden kamen - 150 oder 160 auf die eine oder andere Weise verwundet. Als es so aussah, als ob diese Beamten überrannt werden würden, entsandten wir schließlich Truppen. Ich glaube nicht, daß jemand,
der die Situation überdenkt, glauben kann, daß uns irgendeine
andere
Möglichkeit blieb. Andererseits freilich gebe ich zu, daß dies viel
Bitterkeit mir und der Bundesregierung gegenüber in Mississippi und
anderen Teilen der USA verursacht hat» Man erwartet doch von mir,
daß ich gemäß meinem auf die Verfassung geleisteten Eid handele, was
wir auch tun werden. Aber es macht es noch schwieriger, ;ein Erziehungsgesetz durchzubringen. Aus all diesen Gründen aber dürfen wir diesen
großen Kraftquell unserer Jugend nicht vernachlässigen. Vielmehr
müssen wir. uns an die Arbeit machen und sehen, daß diese Schulen gebaut
werden, die Lehrer ein entsprechendes Gehalt bekommen und die höhere
Schulbildung all diesen Jungen und Mädchen ermöglicht wird. Jedesmal,
wenn ich durch unser Land fahre, sehe ich da die vielen Sechs-, Siebenund Acht- und Neunjährigen, die sich in unsere Schulen und Colleges drängen, und jeder Gouverneur wird Ihnen dann sagen, daß der Bau von Schulen
und Ausbildungsstätten eines seiner Hauptprobleme ist,(und)wo die Bundesregierung eine Verantwortung hat.
MR. VANOCUR: Glauben Sie, daß wir uns einen Augenblick dem Thema der
Aufgabe und Verantwortung des Präsidenten in der Außenpolitik zuwenden
könnten? Als damals, an jenem Montag ein Kongreßmitglied mit den von
Ihnen getroffenen Maßnahmen in bezug auf Kuba nicht einverstanden war ist die Aufgabe, die Ihnen auf Grund der Verfassung zukommt, sehr klar,
aber in Fragen der Innenpolitik ist diese Aufgabe und Verantwortung
geteilt. Wie nutzen Sie die Präsidentschaft - diese 'Antreiber-Kanzel',
um mit Theodore Roosevelt zu sprechen -, um diese Leute dort auf dem
Kapitol, die wirklich so etwas wie Barone und Souveräne sind, in Bewegung zu bringen? Haben Sie Möglichkeiten, sie zu einer Aktion zu veranlassen, die Ihrer Überzeugung nach unbedingt notwendig ist?
DER PRÄSIDENT: Nun ja, die Verfassung und die Entwicklung des Kongresses
begünstigen eine Verzögerung. Es ist sehr leicht, eine Ge,setzesvorlage
im Kongreß zu Fall zu bringen. Viel schwieriger ist es dagegen, eine
durchzubringen. Durch einen Ausschuß durchzukommen, sagen wir mal, durch
den Ausschuß für Haushaltsfragen, durch den Unterausschuß, und dort
eine Mehrheit zu erlangen, dann durch den Gesamtausschuß und wieder
eine Mehrheit zu erlangen, zu dem Geschäftsordnungsausschuß zu gehen
und die Sache auf die Tagesordnung zu bringen; dann vor das Repräsentantenhaus zu kommen und wieder eine Mehrheit zu erzielen, das Ganze
noch einmal von neuem im Senat zu beginnen, mit Unterausschuß und Gesamtausschuß - und dabei ist die Debatte im Senat nicht begrenzt, so
daß man eine Sache nie zur Abstimmung bringen kann, wenn auf Seiten der
Gegner genügend Entschlossenheit vorhanden ist, selbst wenn sie sich
in der Minderheit befinden -, die Gesetzesvorlageu durch den Senat
zu bringen und dann einstimmig im Vermittlungsausschuß zwischen Haus
und Senat eine Kompromißfassung zustande zu bringen oder aber, wenn

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�wenn ein Mitglied Einspruch dagegen erhebt, die Vorlage wieder zurückzuleiten durch den Geschäftsordnungsausschuß, durch den Kongreß,
und dies alles bei einer umstrittenen ßesetzesvorlage, bei der machtvolle Gruppen opponieren, das ist eine außerordentlich schwierige
Aufgabe. Lies ist also der Kampf, den ein Präsident führen muß, der
ein Programm im Kongreß durchbringen will, und besonders dann, wenn
auf Grund des Anciennitätsprinzips bestimmte Personen Schlüsselpositionen innehaben, die diesem Programm in keiner Weise aufgeschlossen
gegenüberstehen und die vielleicht sogar, obwohl sie Mitglieder der
eigenen Partei sind, in politischer Opposition zum Präsidenten stehen
aber dies ist ein Kampf, den jeder Präsident durchstehen mußte, der
ein Programm im Kongreß durchzubringen versucht hat. So ist zum Beispiel Franklin D. Roosevelt 1936 mit der größten Mehrheit in der Geschichte gewählt worden und erlitt seine schwerste Niederlage wenige
Monate später mit dem Gesetz über den Obersten Bundesgerichtshof.
Der Kongreß und das Präsidialamt verkörpern also zwei verschiedene Institutionen und zwei verschiedene Gewalten. Sie müssen zwangsläufig in Konflikt miteinander geraten, aber sie müssen auch so gut
wie möglich zusammenarbeiten. Das ist aber auch der Grund, warum kein
Programm eines Präsidenten jemals angenommen wurde. Nur dann ist ein
Programm eines Präsidenten schnell und leicht angenommen worden,
wenn es unwesentlich war. Aber wenn es von Bedeutung ist, wichtige
Interessen berührt und umstritten ist, dann kommt es zum Kampf,
und der Präsident ist dabei niemals ganz erfolgreich.
MR. VANOCUR: Herr Präsident, ist es richtiger, ein Gesetz, das völlig
verwässert ist, an dem Sie aber großes Interesse nehmen, zu akzeptieren oder seine Ablehnung hinzunehmen in der Hoffnung, dadurch die
öffentliche Meinung zur Unterstützung dieses Gesetzes zu einem späteren Zeitpunkt zu mobilisieren?
DER PRÄSIDENT: Nun, ich möchte sagen, daß es unter den von Ihnen genannten Bedingungen meines Erachtens besser ist, die Niederlage hinzunehmen. Was aber gewöhnlich eintritt und was in den vergangenen zwei
Jahren auch geschehen ist, war, daß eine ganze Menge unserer Gesetze
in einer annehmbaren Form verabschiedet wurde, doch nicht so, wie wir
sie vorgelegt hatten. Der Kongreß hat ebenseinen eigenen Willen, seine
eigenen Ansichten und sein eigenes Urteil, und er steht dem Volk nahe,
Das gesamte Repräsentantenhaus ist gerade erst neu gewählt worden.
So ist es nur natürlich, wenn die Abgeordneten die Dinge aus anderer
Sicht sehen als ich. Ich möchte also sagen, was wir tun müssen, ist,
es so gut wie möglich zu machen. Aber wenn ein Gesetz völlig verwässert ist, wäre es sinnlos, ein Fünkchen Erfolg haben zu wollen
statt eines gehaltvollen Gesetzes.
MR. LAWRENCE: Herr Präsident, zur Ausübung der Ihnen als Präsident
zur Verfügung stehenden Macht - und ich glaube, dafür war vielleicht
das bekannteste, in weitesten Kreisen erörterte Beispiel die Zurücknahme der von denl Stählgesellschaften bereits verkündeten Stahlpreiserhöhung - haben einige Leute angedeutet, daß Sie, nun rückschauend,
vielleicht doch nicht so energisch gehandelt haben würden. Inwieweit
ist diese Annahme richtig?
DER

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10 -

�DER PRÄSIDENT: Ich muß sagen - wenn ich auch nicht gern an alte Wunden
rühre - daß daraus eine sehr ernste Situation hätte werden können.
Die Situation, denke ich, wäre, eben weil ein Vertrauensfaktor mit
im Spiele war, sehr ernst geworden, hätte ich nicht versucht, meinen ganzen Einfluß geltend zu machen, um die Stahlpreiserhöhung rückgängig zu machen. Die Stahlarbeitergewerkschaft hatte die für sie
rigoroseste Regelung seit dem Ende des zweiten Weltkrieges akzeptiert;
das war drei oder vier Monate vorher geschehen. Sie tat es wohl auch
zum Teil deshalb, weil ich gesagt hatte, wir könnten uns ein weiteres
Hochschrauben der inflationistischen Spirale nicht leisten, dies gefährdete unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Ausland. So unterzeichneten sie. Unmittelbar nachdem ihr jüngstes Abkommen unterschrieben war - das war am Freitag oder am Sonnabend davor - setzte auf einmal die Stahlindustrie ihre Preise herauf. Mir schien, daß jetzt Treu
und Glauben auf dem Spiele standen und daß die Gewerkschaft, nachdem
ich sie gebeten hatte, die nichtinflationistische Regelung zu akzeptieren, zu Recht den Eindruck bekommen könnte, getäuscht worden zu
sein, wenn ich bei der Stahlindustrie nicht meinen Einfluß dahin geltend machte, ihre Preise stabil zu halten. Meiner Ansicht nach wären
jegliche TarifVerhandlungen zwischen den Sozialpartnern gefährdet worden, wäre uns jede künftige Einflußnahme - vom Standpunkt der Öffentlichkeit - auf große Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern,
die wahrlich öffentliche Interessen berühren, unmöglich gemacht worden.
Deshalb bedaure ich nichts. Tatsache ist jedenfalls, daß wir Erfolg
hatten.
Angenommen, wir hätten versucht, dies in einer Rede des langen
und breiten zu behandeln, und wären dann gescheitert. Ich meine, das
hätte einen schweren Rückschlag für das Ansehen des Amtes des Präsidenten bedeutet. Wenn ich heute zurückdenke - ich glaube, ich würde
ein zweites Mal nicht anders handeln, als ich damals gehandelt habe.
Es hat keinen Sinn, erst großen Krach zu schlagen, wenn man mit seinen Ansichten dann doch nicht durchdringt. Es hat keinen Sinn, bei einer Streitfrage das Ansehen des Amtes des Präsidenten in die Waagschale zu werfen, wenn man dann doch klein beigeben muß. Nun, eine unglückliche Rückwirkung dieser ganzen Angelegenheit war die Überzeugung, daß
sich die Regierung in eine Reihe von Angelegenheiten der Sozialpartner
oder überhaupt in die Frage der Organisation des freien Unternehmertums
einmischen könnte. Es war bedauerlich, daß aus diesem besonderen Fall
allgemeine Schlußfolgerungen gezogen wurden. Aber ich muß sagen, daß
wir angesichts des Problems, dem ich mich an jenem Dienstagabend gegenübersah, alles unternehmen mußten, um den Gang der Ereignisse umzukehren.
MR. LAWRENCE: Herr Präsident, Ihr Vorgänger, Präsident Eisenhower, warnte in seiner Abschiedsbotschaft an das amerikanische Volk unmittelbar
vor der Übergabe seines Amtes vor den Gefahren eines möglichen militärisch-industriellen Übergewichts, das die Demokratie in ihrem ureigensten Wesen gefährden könne. Sind Sie sich dieser Gefahr in Ihrer bisherigen Amtszeit überhaupt bewusst geworden?
DER PRÄSIDENT: Nun, davon war vielleicht vor Monaten mehr zu spüren als
heute, möchte ich sagen. Natürlich werden bei der Einstellung der Produktion eines Waffensystems immer Tausende von Menschen , die Interessen
eines

�eines Gemeinwesens, die Interessen von Mitgliedern des Kongresses, die
Interessen des betreffenden Bundesstaates berührt. So dauert beispielsweise das Tauziehen um die Bomber vom Typ B-70 schon eine ganze Weile
an. Sie sind unserer Ansicht nach als Waffe einfach nicht wert, was sie
kosten würden. Aber es ist ein sehr mühsames Ringen mit dem Kongreß.
Zweimal hat der Kongreß schon die Mittel für das Programm bewilligt,
zweimal haben wir dieses Geld nicht ausgegeben. Aber ich muß sagen, daß
wir, so wie die Lage heute ist, auch keinem übermäßigen Druck ausgesetzt
sind.
MR. LAWRENCE: Nun, Sir, ich las in dieser Woche in einem unserer großen
Magazine mit besonderem Interesse eine Annonce, eine zweiseitige farbige Anzeige, die für die Skybolt-Rakete warb.
DER PRÄSIDENT: Ja, die Anzeige habe ich gesehen.
MR. LAWRENCE: Und darin wurde die Rakete als besonders erfolgreich gepriesen - kein Wort von Mißerfolgen, obgleich Sie auf fünf Fehlschläge
hingewiesen hatten. Und es hieß weiter darin, daß mit diesem Waffensystem, würde es weiterentwickelt, Milliarden Dollar an Steuergeldern eingespart würden. Sahen Sie darin den Versuch, Druck auf Sie auszuüben?
DER PRÄSIDENT: Ich glaube schon, daß man damit versuchte, unsere Entscheidung zu beeinflussen. Daran ist nichts Verwerfliches. Tatsache ist,
daß die Skybolt für die Zukunft der Douglas Company von größter Bedeutung ist. Tausende von Betriebsangehörigen arbeiten daran. Viele Leute
in den Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß dieses Programm nützlich sei, und natürlich sind die Briten sehr daran interessiert. So meine ich schon, daß die Annonce ein Versuch war, mich und Mr. McNamara auf
die Tatsachen oder das, was nach Ansicht der Douglas Company die Tatsachen sind, anderweitig aufmerksam zu machen. Ich habe erst heute die Anzeige gesehen. Das einzige, worauf wir hinweisen sollten, ist, daß es
um zweieinhalb Milliarden Dollar geht, um daiait eine Waffe zu bauen, mit
der unsere B-52-Bomber ausgerüstet werden sollen - zu einer Zeit, wo wir
bereits Milliarden in POLARIS und MINUTEMAN investiert haben und wo schon
von der Entwicklung der TITAN III und anderer Raketen die Rede ist. Es
gibt einfach eine Grenze dafür, wieviel wir brauchen, und auch wieviel
wir uns leisten können für ein erfolgreiches Abschreckungsmittel. Wir haben unsere U-Boote, wir haben MINUTEMAN-Raketen auf dem Kontinent, wir
haben B-52-Bomber und zum Teil noch B-47 im Einsatz, und wir haben die
taktischen Streitkräfte in Europa. Wenn es um die Frage geht, mit wieviel Megatonnen Schlagkraft wir für einen Atomkrieg gerüstet sind, so
würde ich sagen, daß das, was uns zur Verfügung steht, einfach Vernichtung bedeutet. Wie oft, meinen Sie, muß man ein Ziel mit Atomwaffen treffen? Wenn nun von diesen 2,5 Milliarden Dollar die Rede ist, so glauben
wir einfach nicht, daß wir dafür etwas Gleichwertiges für die nationale
Sicherheit eintauschen. Nun, ich weiß, daß manche anderer Meinung sind
als wir, aber das ist nun einmal unsere Ansicht.
MR. HERMAN: Im Zuge des technischen Fortschritts, Herr Präsident, scheinen neue Waffensysteme und neue Geräte, die für die Zukunft des Landes
lebenswichtig sein können, immer aufwendiger zu werden und immer mehr
Arbeitskräfte zu absorbieren. Steuern wir auf einen Punkt zu, an dem wir,
ist die Produktion eines neuen Waffensystems erst einmal angelaufen,
uns bereits soweit engagiert haben, daß wir fast gezwungen sind, e_s_

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�es weiterzuführen, weil ein Aufhören unsere Wirtschaft aus den Fugen
brächte, Tausende arbeitslos würden und so fort?
DER PRÄSIDENT: Nun ja, es ist ein Problem, zumal solche Systeme in
der Regel zwei-, drei- oder viermal so kostspielig sind, als es
anfangs scheint. Eines der Probleme, mit denen wir uns jetzt befassen,
ist die Frage, ob wir mit dem Nike-Zeus-System, einem Anti-RaketenSystem, herauskommen sollten. Wir hoffen nämlich eines Tages ein System zu entwickeln, das es uns erlaubt, einfliegende Projektile im
Flug abzufangen und unschädlich zu machen und damit einen atomaren
Angriff auf die Vereinigten Staaten ganz auszuschalten. Aber das
wird Milliarden kosten. Und es ist sinnlos, eine Produktion voranzutreiben, solange das System nicht vollkommen ist. Manche denken, der
Zeitpunkt sei jetzt gekommen, aber wir wollen noch weitere Untersuchungen abwarten. Doch gibt es keinen Zweifel, daß, wenn man keine
B-70 oder keine Skybolts baut, davon Tausende Arbeitsstellen, das
Wohlergehen von Gemeinden, betroffen werden, und das ist eines unserer
schwierigsten Probleme. Andererseits, können wir nicht zulassen, daß
unser Verteidigungsbudget uns über den Kopf wächst. Wir geben jetzt
52 Milliarden Dollar pro Jahr aus, eine ungeheure Summe, und wir
könnten 60 oder 65 Milliarden ausgeben, wenn wir uns nicht beschränkten, so gut wir können.
MR. HERMAN: Erhielt das Nike-Zeus-Programm durch Herrn Chruschtschows
Prahlerei, er könne jederzeit und überall eine Fliege in der Luft
treffen, neuen Auftrieb?
DER PRÄSIDENT: Mag er eine Fliege treffen - ob er aber tausend Fliegen
mit Ködern treffen könnte... Sehen Sie, jedes einfliegende Projektil
kann vier oder fünf Projektile mit sich führen. Jedenfalls könnten
sie als Projektile erscheinen, und der Radarschirm muß diese aufspüren
und bei Fluggeschwindigkeiten von Tausenden von Kilometern in der Stunde
und bei Hunderten ankommender Flugobjekte herausfinden, welches nun
das echte Projektil ist und welches die Köder sind. Das ist eine unerhört schwierige Aufgabe. Man kann eines treffen, man versucht im Grunde,
eine Gewehrkugel mit einer Gewehrkugel abzuschießen. Wenn nun Tausende
Gewehrkugeln auf einen zukommen, so ist dies eine ungemein schwere
Aufgabe, die wir noch nicht gemeistert haben - und ich glaube nicht,
daß er sie bereits gemeistert hat. In der günstigeren Position ist der,
der angreift.
MR. HERMAN: Sie meinen, er hat die Kunst, eine Kugel zu treffen, gemeistert?
DER PRÄSIDENT: Ja. Das haben wir auch.
MR. LAWRENCE: Herr Präsident, Sie sprachen neulich von den Gefahren
und Schwierigkeiten unzulänglicher Nachrichtenverbindungen zwischen
uns und der Sowjetunion, wie die Kubakrise sie deutlich gemacht hat.
Ich meine, es wäre ein noch ernsteres Problem, wenn Ihr Radarschirm
Projektile, oder was als solche erscheint, in größerer Zahl aufzeigen
würde?
DER
-

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-

�DER PRÄSIDENT: Ja. Gut, es gibt - Eines der Argumente dafür, das Flugzeug weiter zu bauen, ist, daß, wenn Sie einfliegende Projektile ausgemacht haben, Sie Ihre Plugzeuge starten lassen und in der Luft halten könnten. Wenn sich das Ganze als falscher Alarm herausstellen sollte, könnten Sie sie zurückbeordern. Mit Projektilen,können Sie das nicht,
und der Präsident könnte ohne umfassende Informationen zu haben gezwungen sein, eine Entscheidung innerhalb von.15 Minuten zu treffen. Sie
erinnern sich an den Fall, wo der aufgehende Mond eine Vielzahl von einfliegenden Projektilen vortäuschte? Natürlich ist das mehrere Jahre her.
Doch dies scheint mir eine allzugroße Vereinfachung. Tatsache ist, daß
die Vereinigten Staaten ziemlich lange warten könnten, weil wir Raketen
in festen Stellungen haben, und diese Raketen könnten immer noch abgefeuert werden und die Sowjetunion vernichten, ebenso wie die U-Boot-Polarisraketen es könnten. So besteht keine Gefahr, denke ich, daß wir auf
Grund unvollständiger und ungenauer Informationen Feuerbefehl geben würden, weil uns nur fünf oder sechs Minuten Zeit für.eine Entscheidung zur
Verfügung steht. Ich meine, allein die Polaris macht es uns möglich, so
lange abzuwarten, bis wir genügend Informationen an der Hand haben, und
daß er weiß, daß wir die Sowjetunion vernichten könnten. Gerade darin
liegt die Abschreckung. Wenn er seine Raketen einmal abgefeuert hat, ist
sowieso alles vorüber, weil wir genügend Reserven haben, um zurückzufeuern und die Sowjetunion zu vernichten. Wenn dieser Tag kommt, wenn es zu
einem massiven Feuerwechsel kommt, dann bedeutet dies das Ende, weil wir
dann von Westeuropa, der Sowjetunion, den Vereinigten Staaten, von 150
Millionen Toten in den ersten 18 Stunden sprechen. Und Sie könnten weiter geheni wenn jede Seite.auf Städte zielt, um so viele Menschen wie
nur möglich in allen diesen Gemeinwesen mit allen zur Verfügung stehenden Waffen zu töten. Sie könnten weiter töten und weiter feuern. Das ist
es, was das atomare Zeitalter zu einer so gefahrvollen Zeit macht, und
warum ich so oft diese Reden lese darüber, wer dieses oder jenes tun müsse; ich aber meine, sie sollten auf das achten, was zur Debatte steht.
MR. LAWRENCE« Wie dringend ist die Notwendigkeit einer schnelleren Nachrichtenverbindung zu uns und der Sowjetunion?
DER PRÄSIDENT« Sie wäre wünschenswert. Es ist nicht - Wenn er seine Projektile abgefeuert hat, hilft es uns wenig, einen direkten Draht zum
Kreml zu haben und ihn zu fragen, ob es wirklich wahr sei. Aber ich denke, daß es besser sei, wir wären schneller als wir es heute,sind* Es dauerte mehrere Stunden im Falle Kubas, und ich denke, eine Nachrichtenverbindung ist wichtig. Ebenso wie mit dem Kreml sind auch unsere Nachrichtenverbindungen mit einem großen Teil Lateinamerikas unzulänglich, und
wir wissen häufig nicht, was sich dort abspielt. Eben weil Informiertsein
wesentlich für eine Entscheidung ist, versuchen wir unsere Nachrichtenverbindungen in der ganzen Welt zu verbessern.
MR. VANOCUR« Herr Präsident, haben Sie, seit Sie Ihr Amt übernommen haben,
feststellen können, daß diese furchtbare Verantwortung für das Schicksal
der Menschheit Sie und Ministerpräsident Chruschtschow - trotz aller Differenzen, die Sie trennen - im Bewusstsein dieser gemeinsamen Verantwortung, einander nähergebracht hat? Er schien dies anzudeuten, vor allem in
seiner Rede vor dem Obersten Sowjet.
DER
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�DER PRÄSIDENT: Ich glaube, in dieser Rede hat Chruschtschow gezeigt,
daß er sich über das Atomzeitalter im klaren ist. Aber das kubanische
Unternehmen hat es für uns natürlich noch schwieriger gemacht, irgendwelche erfolgreichen Verhandlungen zu führen, weil hier versucht worden ist, doch ganz wesentlich das Gleichgewicht der Kräfte zu ändern.
Dies geschah in aller Heimlichkeit» Es wurde alles, was nur möglich
war, unternommen, um uns zu täuschen; und die Sowjets planten, im
November vor aller Welt die Tatsache mitzuteilen, daß diese Raketen
in solch unmittelbarer Nähe der Vereinigten Staaten stationiert
worden seien. Es bestand nicht etwa die Absicht, sie abzufeuern, weil
die Sowjets, sollten sie in eine nukleare Auseinandersetzung geraten, auf ihre eigenen Raketen in der Sowjetunion zurückgreifen können.
Aber politisch hätte dies das Gleichgewicht der Kräfte geändert... So
dürfte es also noch einige Zeit dauern, bevor es für uns möglich ist,
zu einem wirklichen Einvernehmen mit Herrn Chruschtschow zu gelangen.
Aber ich bin doch der Meinung, daß seine Rede deutlich werden läßt,
daß er erkannt hat, in welcher gefährlichen Welt wir leben. Das
wirkliche Problem liegt in dem Wunsch der Sowjets, ihre Macht und
ihren Einfluß zu erweitern. Würde sich Herr Chruschtschow mit den
wahren Interessen der Bevölkerung der Sowjetunion befassen - höherem
Lebensstandard und Gewährleistung der eigenen Sicherheit -, dann gäbe
es keinen realen Grund, warum die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion - getrennt durch so viele tausend Meilen Land und Wasser, beide
reiche Länder, beide mit einer sehr tatkräftigen Bevölkerung - nicht
miteinander in Frieden leben sollten. Immer wieder aber wird diese
Entschlossenheit sichtbar, die die Chinesen in der militantesten Form
zeigen und die die Sowjets ebenfalls gezeigt haben, nämlich, sich nicht
mit einer friedlichen Welt dieser Art abzufinden, sondern auf einer
kommunistischen Welt zu bestehen. Daraus erwächst die wirkliche Gefahr:
ein Konflikt dieser beiden Systeme auf weltweiter Ebene im Atomzeitalter ist, was die sechziger Jahre so gefährlich macht.
MR. VANOCUR: Botschafter Kennan, der ein guter Kenner der Sowjetunion
ist, schrieb in einem seiner letzten Bücher, daß wir es hier mit einem
konditionierten Denken, das die Möglichkeit des Mißverständnisses ausschließt, zu tun haben, daß das einzige, was die Sowjets wirklich verstehen, dieses ist: daß man sie vor Tatsachen stellt und ihnen sagt,
•das ist es, was wir tun werden1'. Das verstehen sie. Sind Sie der Ansicht, daß es irgendeinen Weg gibt, an Herrn Chruschtschow heranzukommen, um ihm wirklich begreiflich zu machen, daß es Ihnen ernst ist
und daß Sie entschlossen sind zu tun, was Sie sagen, Sir, oder ist dies
gänzlich...?
DER PRÄSIDENT: Nun, es ist schwer. Zurückschauend auf Kuba möchte ich
annehmen, daß die Tatsache des mangelnden Kontaktes zwischen den beiden
Regierungen zu denken gibt. Ich meine, daß wir nicht erwartet haben, er
werde Raketen auf Kuba stationieren, weil es für ihn eine so unkluge
Handlungsweise zu sein schien, dies zu tun, wie sich später auch herausgestellt hat. Er muß offenbar gedacht haben, er könnte es insgeheim
machen, und die Vereinigten Staaten würden sich damit abfinden. Nun,
er hat unsere Absichten nicht richtig beurteilt.
Und wenn Sie die Geschichte unseres Jahrhunderts überblicken, so
entstand der erste Weltkrieg aus einer Reihe von Fehlurteilen über die
15 -

�die Absichten anderer - gewiß auch der zweite Weltkrieg, wo Hitler
dachte, daß er Polen an sich reißen könnte, daß die Briten nicht in
den Kampf eingreifen und nach der Niederlage Polens den Kampf nicht
fortsetzen würden; Korea, wo die Nordkoreaner offensichtlich nicht
mit uns gerechnet hatten und wir nicht mit der Einmischung der Chinesen;
und wenn Sie alle diese Fehlschlüsse bedenken, die zum Kriege trieben,
und dann die Kluft in Betracht ziehen, die zwischen den Überzeugungen
der Vereinigten Staaten und denen der Sowjetunion klafft - wir glauben
an eine Welt unabhängiger Regierungen und Staaten, sie an eine monolithische, kommunistische Welt - und in diesen Kampf noch die nukleare Gleichung einbeziehen, so ist es das, was unsere Zeit, wie ich bereits zuvor
sagte, so gefahrenvoll macht. Wir müssen unseren Weg mit Festigkeit weiterverfolgen, an Hand der besten Informationen, die wir erhalten können,
und mit Umsicht. Ein Fehler kann alles vernichten - ein grober Fehler
von Herrn Chruschtschow oder von uns hier. Und darum ist es viel leichter,
Reden zu halten über einige der Dinge, die wir tun sollten; ich meine
aber, daß jeder, der sich die Liste der verhängisvollen Möglichkeiten von
Atomwaffen vor Augen hält, der sich bewußt ist, daß die Kommunisten ein
vollständig verzerrtes Bild von den Vereinigten Staaten haben und daß
wir sie nicht verstehen, weiß:das ist es, was das Leben in den sechziger
Jahren so gefahrenvoll macht»
MR. HERMANi Ihre Unterredung über den Kontakt mit der Sowjetunion,über
ein sorgfältiges Vorgehen und Handeln zwingt mir unwiderstehlich das
Bild des Herrn Gromyko auf, der hier sitzend, vielleicht auf dieser Couch,»•
DER PRÄSIDENT| Genau da.
MR. HERMANi Hier. Gerade vor DER PRÄSIDENT| Direkt neben Mr. Vanocur.
MR. VANOCURi Er ist nicht mein Freund.
MR. HERMANi Das war eine Gelegenheit, da Sie in Verbindung standen, er
sprach mit Ihnen, er erzählte Ihnen seine sehr interessante Version,
daß es auf Kuba keine Raketenwaffen gäbe, ja überhaupt keine Offensivwaffen gäbe. Jetzt hatten Sie Kontakt. Was mußten Sie nun tun? Mußten
Sie die Zähne zusammenbeißen, um den Stuhl herumgehen?
DER PRÄSIDENT! Nein, ich las ihm meine Septembererklärung vor, daß wir
Maßnahmen ergreifen würden, wenn sie Offensivwaffen auf Kuba stationierten»
Er antwortete nicht. Darum sage ich, daß wir noch weit davon entfernt
sind - Herr Chruschtschow und ich befinden uns im gleichen Boot, insofern
als wir beide über diese atomare Macht verfügen und darum beide daran
interessiert sind, unsere Gemeinwesen zu bewahren. Wir fahren indes insofern nicht auf gleichem Kurs, als die Sowjets ihre Macht ständig vergrößern wollen und dazu entschlossen sind; in der Kubakrise haben sie
außerdem klarwerden lassen, daß sie gewillt sind, große Risiken einzugehen,
die nur zu einer direkten Kollision führen können. Nun, ich habe einen

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�einen ganzen Tag in Wien damit zugebracht, zu seiner Rede vom 6.
Januar 1961 Stellung zu nehmen, in der er erklärte, er werde Befreiungskriege unterstützen, und ich sagte ihm, daß dies ein Weg sei, der
für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion mit einer direkten
Konfrontation enden würde, was im Fall Kuba tatsächlich geschah.
Man kann nicht viele solche Fälle riskieren, denn wir wissen nicht
genau, ob die Sowjetunion in jedem Falle zurückweichen wird, wie eben
im Falle Kuba. Und für die Vereinigten Staaten wird es schwer sein,
sich dort abzusetzen, wo es um lebenswichtige Interessen unserer
Nation geht.
MR. LAWRENCE: Herr Präsident, waren Sie, während Gromyko hier saß
und einfach erklärte, daß es auf Kuba keine Offensivwaffen gäbe,
zu irgendeinem Zeitpunkt versucht aufzustehen, an Ihren Schreibtisch
zu gehen und eine Luftaufnahme hervorzuholen?
DER PRÄSIDENT: Nein. Denn unsere Informationen waren noch unvollständig,
und wir hatten auch noch nicht endgültig darüber entschieden, welchen
Kurs wir einschlagen würden. Wir erhielten die Information am Dienstag,
unser Gespräch fand am Donnerstag statt. Wir führten eine intensive
Aufklärung durch, und wir erwogen noch, ob es ratsam sei, einen anderen Aktionskurs einzuschlagen. Und deshalb wäre es sehr unklug von
uns gewesen, ihm im einzelnen darzulegen, was wir wußten. Wir wollten
ihm auch nicht die Genugtuung geben, seine Schritte anzukündigen.
Deshalb war es überaus wichtig, daß die Vereinigten Staaten dies bekanntgaben, bevor er es tat.
MR. LAWRENCE: Wir hätten damit die Initiative verlieren können?
DER PRÄSIDENT: Genau das. Er hätte dies bekanntgeben können, und dann
hätten wir auf eine Initiative ihrerseits reagieren müssen. Auf diese
Weise behielten wir die Initiative. Daher war es sehr wichtig, Gromyko
nicht ins Bild zu setzen, obwohl ich ihn nicht irreführte, denn wie ich
bereits sagte, verlas ich meine Erklärung vom September, und er muß sich
gefragt haben, warum ich dies tat. Aber er erwiderte nichts darauf.
MR. VANOCUR: Herr Präsident, viele Leute sagen... daß ein amerikanischer
Präsident Chruschtschow schützen müsse, denn Chruschtschow sei der
beste sowjetische Ministerpräsident, den wir jemals haben könnten.
Glauben Sie, daß dies wirklich die Aufgabe eines amerikanischen Präsidenten ist, oder hat ein amerikanischer Präsident die Pflicht, die
nationalen Interessen zu wahren?
DER PRÄSIDENT: Nein, ich glaube nicht, daß es unsere Aufgabe ist,
Herrn Chruschtschow zu schützen. Dieses Argument, daß sein Nachfolger
schlimmer sein würde - nun, ich weiß nicht, wie sein Nachfolger sein
wird. Aber ich glaube, daß es unsere Pflicht ist, zu versuchen, unsere
lebenswichtigen Interessen zu schützen, die Sicherheit der freien Welt
zu wahren und Chruschtschow unsere Absichten eindeutig genug wissen zu
lassen, damit er seinen Angelegenheiten in einer Weise nachgehen kann,
die unsere Sicherheit nicht gefährdet und die nicht zum Kriege führt.
Wir möchten nicht gezwungen werden, unsere Sicherheit mit kriegerischen
Mitteln zu erhalten. Aber Chruschtschow muß wissen, daß es für die Vereinigten Staaten lebenswichtige

-

17 -

�*

lebenswichtige Interessen gibt, für die sie kämpfen werden. Und
wenn er und die Kommunisten und die Sowjetunion jetzt ihre Kraft
darauf verwenden wollen, zu demonstrieren, wie sich ihr System
in der Sowjetunion bewährt, so bin ich der Ansicht, daß seine lebenswichtigen Interessen leicht mit der ihm zur Verfügung stehenden Macht
geschützt werden können und wir eine lange Zeit des Friedens haben
könnten. Dann könnten wir ein Urteil darüber fällen, welches System
bessere Dienste leistet. Wir glauben, daß das unser System ist. Er hat
argumentiert, seines wäre besser. Demgegenüber, scheint mir, ist es
gerade dieses ständige Streben, das Gleichgewicht der Kräfte auf
der Welt zu ändern, welches das Element der Gefahr heraufbeschwört.
Nun, ich glaube wirklich, wenn Sie die Rede Chruschtschows von
vergangener Woche lesen, so werden Sie feststellen, daß wir - und die
Welt - in einer noch viel schlechteren Lage wären, wenn die Chinesen
die kommunistische Bewegung beherrschen würden, denn die Chinesen
glauben an den Krieg als Mittel zur Verwirklichung der kommunistischen
Welt. Chruschtschows Mittel sind Vernichtung, aber er glaubt, daß eine
friedliche Koexistenz und diese Befreiungskriege, kleine Kriege unsere
Niederlage bringen werden. Die chinesischen Kommunisten glauben, dies
durch ständige Schläge zu erreichen, und daß sie es im Falle eines
Krieges, eines atomaren dritten Weltkrieges mit ihren 750 Millionen
Menschen überstehen werden. So sind für uns ganz offensichtlich die
von Chruschtschow vertretenen Ansichten besser als die der chinesischen Kommunisten. Aber leider will uns auch Chruschtschow nicht wohl.
MR. VANOCURi Gibt es irgendeine Möglichkeit, wie wir auf die wachsende
Spaltung innerhalb des kommunistischen Blocks einwirken können, oder
sollten wir es einfach bei der Welt belassen, die wir jetzt haben,
und sicherstellen, daß sie nicht reif für eine kommunistische Durchdringung wird?
DER PRlSIDENTl Ich meine zu diesem Disput, der sich weiter verstärkt,
daß wir, wie Sie vorschlagen, weiterhin unsere Aufmerksamkeit jenem
großen Teil der Welt widmen sollten, der sich in einer wirklich verzweifelten Lage befindet. In Lateinamerika, Afrika, Asien gibt es Länder, die unsere Hilfe, unsere Unterstützung dringend brauchen. Wenn
wir unsere Aufgabe, die freie Welt zu stärken, erfüllen, dann werden
wir, so scheint es mir, einen Druck, einen Gegendruck gegen den kommunistischen Vormarsch auslösen, und dann wird der Kommunismus feststellen
daß die Lage im Innern unter diesem Druck noch viel schwieriger geworden ist.
Ich glaube, wir neigen dazu, die Welt in eine kommunistische
und eine freie zu unterteilen, sie als zweigeteilt zu betrachten. Tatsache ist, daß die Welt so geteilt, so von Armut heimgesucht und in
vieler Hinsicht in einer so verzweifelten Lage ist, daß wir bereits
voll damit ausgelastet sind, den Teil der Welt, der nichtkommunistisch
ist, ganz Afrika, die jungen unabhängigen und von Armut heimgesuchten
Länder, zu stärken. Da besuchte uns kürzlich der Ministerpräsident von
Somaliland, wo das Jahreseinkommen pro Kopf der Bevölkerung bei
45 Dollar liegt. Der durchschnittliche Wochenlohn in der amerikanischen

18

-

�amerikanischen Industrie beträgt etwa 94 Dollar - gegenüber 45
Dollar im Jahr! Nun, er hat erschütternde Probleme zu lösen. Sie
können auch Lateinamerika nehmen, zum Beispiel Nordostbrasilien,
wo die Leute von 100 Dollar im Jahr leben. So haben wir in unserem
eigenen Raum eine große Aufgabe zu verrichten. Wenn wir dieses Gebiet stärken können - denn der Kommunismus ist meiner Meinung nach
ein völlig trügerisches System, das den Wünschen des einfachen Mannes
gar nicht entspricht - dann, glaube ich, werden wir auch erfolgreich
sein.
MRJ HERMANl Als Ministerpräsident Chruschtschow während der KubaKrise ein Angebot für eine Inspektion auf Kuba machte, hatten Sie da
irgendeine Hoffnung, daß dies ein Durchbruch sein könnte, ein Beginn,
um eine Art von Frieden zwischen unseren beiden Systemen zu erreichen,
so daß wir an unseren eigenen Problemen arbeiten können?
DER PRÄSIDENT! Nein, ich glaube nicht, daß es das schon ist. Aber es
kann vielleicht mit der Zeit dazu kommen.
MR. HERMANl Hatten Sie, als dieses Angebot gemacht wurde, die Hoffnung,
daß es tatsächlich verwirklicht werden könnte?
DER PRlSIDENTi Nein. Aber ich denke doch zumindest, daß Kuba - wie auch
aus der Rede in der vergangenen Woche hervorgeht, die eine wichtige
Rede war - Ghruschtschow die Gefahren hat erkennen lassen, die ein Zusammenstoß zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in
einem Gebiet von großer Bedeutung mit sich bringt. Das, meine ich,
ist eine sehr heilsame Tatsache. Aber ich glaube nicht, daß wir jetzt
einen Gesamtwechsel in der kommunistischen Politik erleben werden,
MR. HERMANl Wäre es Ihrer Ansicht nach ein Durchbruch gewesen, falls
eine internationale Inspektion Kubas gestattet worden wäre - ein Anfang,
ein erster Beginn?
DER PRÄSIDENT* Nein, ich glaube nicht, daß dies die Dinge im wesentlichen berührt hätte, da ich nicht annehme, daß wir jene Art von Inspektion erreicht hätten, die wirklich notwendig ist, weil ein totalitäres System die Form der Inspektion, die wirklich wünschenswert ist,
nicht akzeptieren kann. Was Sie praktisch sagen, bedeutet, daß Kuba
geöffnet wird, daß die Sowjetunion geöffnet wird. Sie werden es. nicht
tun, weil ein totalitäres System nur unter Geheimhaltung existieren
kann.
MR. HERMANl Haben die Inspektionen, die anderswo in der Welt stattgefunden haben, beispielsweise in Nordkorea, Ihnen irgendeine Hoffnung
gegeben, daß dies als System funktionieren wird?
DER PRiSIDENTi Nein. Ich glaube, die Kamera wird tatsächlich unser
bester Inspektor sein.
MR. LAWRENCE!

-

19

�MR. LAWRENCE: Herr Präsident, sehen Sie in der Art, wie die KubaKrise beendet oder doch praktisch beendet wurden in der Art, wie sie
zumindest vom Höhepunkt der Fieberkurve herunterkam, sowie in der
Entwicklung anderer weltweiter Probleme irgendwelche Anzeichen, die
Sie zu der Annahme führen könnten, daß eine Gipfelkonferenz zu irgendeinem Zeitpunkt in der nahen Zukunft nützlich sein würde?
DER PRÄSIDENT: Nein, nicht gerade zu diesem Zeitpunkt. Ich glaube,
daß das Treffen in Wien von Nutzen war. Es war nützlich für mich aber ich glaube nicht, daß wir bis dahin zurückgehen sollten, es sei
denn, daß wir den Weg wirklich frei sehen, ein Abkommen über die Atomversuche oder die Abrüstung zu erreichen oder in Europa selbst zu einer
gewissen Verständigung zu gelangen. Das ist wirklich unser Wunsch. Wie
ich schon sagte, leben wir jetzt in einer Zeit, die zu gefährlich ist,
als daß wir Spannungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten
Staaten haben oder solche wünschen sollten. Und daher sollten wir meines Erachtens alles fördern, was ihre Politik, die uns abträglichen
Dinge zu unterstützen, mildern kann. Aber solange wir nicht einen
gewissen Durchbruch auf irgendeinem Gebiet sehen, halte ich ein Treffen
zwischen Herrn Chruschtschow und mir nicht für sehr vorteilhaft, auch
wenn wir miteinander in Verbindung standen... und über unsere Beauftragten in New York Verhandlungen führen. Aber ich glaube nicht, daß
für uns eine Notwendigkeit besteht, jetzt zusammenzukommen. Ich glaube,
daß Chruschtschow wahrscheinlich genauso denkt,
MR. LAWRENCE: "Viele haben erwartet, Herr Präsident, daß sich die
Berlin-Krise unmittelbar nach den amerikanischen Wahlen wieder
,r
verschärfen" würde. Dies scheint zumindest, auch wenn dies dann nicht
ganz zutraf, der Zeitplan gewesen zu sein. Glauben Sie nun, daß die
Vorgänge auf Kuba die sowjetische und die ostdeutsche Regierung in
bezug auf Berlin zu größerer Vorsicht veranlaßt haben?
DER PRÄSIDENT: Nun, ich glaube, weder Ministerpräsident Chruschtschow
noch sonst jemand möchte das öfter durchmachen, was wir in Kuba durchgemacht haben. Und ich glaube, sie sind sich darüber im klaren, daß
West-Berlin für uns von lebenswichtigem Interesse ist, daß wir uns
dort gebunden haben und daß wir dort bleiben werden. Auf der anderen
Seite hat er ein sehr lebenswichtiges Interesse in Ostdeutschland; er
versucht dieses Regime zu stützen und seine eigene Stellung in Osteuropa zu festigen. Berlin ist eine sehr gefährliche Position, besonders auf Grund seiner geographischen Lage, denn wir müssen die" Verbindungen zu einem Gebiet aufrechterhalten, das 120 Meilen hinter
ihren Linien liegt. So besteht für sie immer die Möglichkeit, uns
dort die Luft abzuschnüren. Aber ich möchte glauben, daß Chruschtschow
mit einiger Vorsicht vorgehen wird, weil er meines Erachtens weiß, daß
es dort nicht nur um ein lebenswichtiges Interesse geht, sondern daß
dort auch die Möglichkeit eines direkten Aufeinanderprallens besteht.
So zeigt meiner Ansicht nach die Rede Chruschtschows, wie ich bereits
sagte, daß er dies weiß. Und im Gegensatz zu denjenigen im kommunistischen Lager, im besonderen den Chinesen, die Chruschtschow wegen
seiner Nachgiebigkeit angreifen, glaube ich, daß Chruschtschow erkannt
hat, daß er jetzt mit Vorsicht vorgehen muß, so wie wir.
MR. HERMAN:
-

20

-

�MR. HERMAN: Würden Sie erläutern, Herr Präsident, warum Sie in Ihrem
Trinkspruch auf Bundeskanzler Adenauer gesagt nahen, daß dies ein
Wendepunkt, eine neue Ära in der Geschichte sei?
DER PRÄSIDENT: Nach meiner Ansicht ist dies eine der Entscheidung
zustrebende Zeit. Wir haben verschiedene derartige Perioden gehabt.
Aber es ist nicht dies allein. In Kuba war es das erstemal, daß sich
die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten direkt gegenüberstanden
und daß die Aussicht bestand, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion könnten Truppen einsetzen, was sich dann leicht zu einem Atomkrieg hätte ausweiten können. Dies ist eine wichtige Tatsache. Zweitens ist da der chinesisch-indische Konflikt, zwischen diesen beiden
riesigen Ländern, den beiden größten Ländern der Welt. Wenn die
Sowjetunion so -viele Jahre auf den Aufbau ihrer Politik der Freundschaft gegenüber Indien verwandt hat, so ist es jetzt eine Tatsache,
daß China die Inder angegriffen hat. Und drittens sind da die Be- Ziehungen zwischen der Sowjetunion und China als Folge des chinesischindischen Konflikts und als Folge des Disputs zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über Kuba. Ich möchte sagen, daß alles
das diese Zeit zu einer sehr wichtigen Epoche macht.
MR. VANOCUR: Wie können Sie als der Führer der westlichen Allianz,
des stärksten Mitgliedlandes, die europäischen Länder, die immer
unabhängiger, immer wohlhabender werden - was genau dem entspricht,
was Sie, wie Sie sagten, erhofften -, wie können Sie diese Länder
dazu bringen, Ihrer Führung zu folgen? Offensichtlich sind doch Verteidigungsminister McNamara und Außenminister Rusk nicht mit einem
alles in allem zufriedenstellenden Bericht von der NATO-Tagung zurückgekommen. Die Europäer scheinen nicht gewillt zu sein, die konventionellen Streitkräfte auszubauen. Haben Sie große Machtbefugnisse,
zu bestimmen?
DER PRÄSIDENT: Nein, zunächst einmal kann man das seine tun. Wir tun
unseren Teil. Wir haben unsere Truppen in Westeuropa stehen. Es sind
die am besten ausgerüsteten. Wir haben dort sechs Divisionen, ein
Viertel aller Divisionen an der westlichen Front. Sie sind sehr gut
ausgerüstet. Sie können morgen bereits zum Einsatz kommen, was bei
den meisten anderen Verbänden nicht der Fall ist. So leisten wir
dort unseren Beitrag. Wir stellen ferner die größte Kriegsflotte der
Welt. Wir stellen außerdem die Atomstreitkräfte für die (freie) Welt,
und wir führen ferner ein umfassendes Weltraumprogramm für die freie
Welt durch. Ebenso tragen wir in Südvietnam die gesamte Last. So tun
die Vereinigten Staaten mehr als nur ihren Teil. Wir hoffen, daß
Westeuropa größere eigene Anstrengungen machen wird - sowohl hinsichtlich der Aufstellung konventioneller Streitkräfte als auch bei der
Hilfe an die Entwicklungsländer.
Nun können wir sie natürlich nicht zwingen, dies zu tun. Wir
können nicht sagen, "gut, wenn Sie das nicht tun wollen, dann werden
wir unsere Truppen zurückziehen und Europa schutzlos lassen". Aber

_ 21

�Aber ich glaube, daß die Vereinigten Staaten sehr viel getan und ihre
Lasten getragen haben, und wir hoffen, daß Westeuropa, da es jetzt
aufblüht, auch seinen Teil beitragen wird. Wir haben in vier Jahren,
von 1948 bis 1952, zwölf Milliarden Dollar nach Westeuropa hineingepumpt. Der Betrag an Hilfe, die wir Lateinamerika im Rahmen der
"Allianz für den Fortschritt" gewährt haben, ist nur ein Bruchteil
dessen.
So haben wir, scheint mir, ein Recht, da wir in bezug auf Europa
gezeigt und bewiesen haben, daß wir keine Paradesoldaten sind. Es gibt
wohl kaum ein Land in Europa - unter den Ländern, von denen wir
sprechen -, das so viele Männer und einen so großen Prozentsatz seiner
Bevölkerung und seines Bruttosozialprodukts für die Verteidigung einsetzt wir wir.
MR. VANOCUR: Glauben Sie, Herr Präsident, daß Sie einmal den Punkt
erreichen werden, an dem Sie sagen müßten: ''Macht, was ihr wollt,
ich kann nicht vor das amerikanische Volk treten und' von ihm verlangen,
diese Last auf sich zu nehmen..." Nehmen wir als Beispiel einmal die
Skybolt-Rakete.
DER PRÄSIDENT: Gut, nehmen wir einmal die Skybolt. Die Vereinigten
Staaten haben die Skybolt-Rakete entwickelt. Wir haben 350 Millionen
Dollar in die Skybolt-Rakete investiert. Kein anderes Land hat etwas
für die tatsächliche Produktion der Skybolt-Rakete ausgegeben. Wenn
wir sie fertig entwickelt gehabt hätten, würden die Engländer uns
hundert Raketen abgekauft, wir vielleicht tausend gekauft haben.
Das hätte uns 2,5 Milliarden Dollar gekostet. Wir bestreiten heute
30 Prozent der Infrastruktur-Kosten der NATO, der Versorgungslinien
zu den Depots in Europa. Dies kostet uns etwa 3 Milliarden Dollar
in unserer Zahlungsbilanz. Da ist die Hilfe, die wir überall in der
Welt gewähren - Sie wissen, die amerikanischen Bürger sind sehr kritisch, und die amerikanische Presse druckt eine Menge negativer Berichte
denn negative Berichte geben Schlagzeilen, positive Berichte dagegen
nicht, so daß sie stets den Eindruck erhalten, die Vereinigten Staaten
täten nicht ihren Teil. Wenn ich an das denke, was wir 15 Jahre lang seit 1945 - getan haben, an die Länder, die wir unterstützt haben, die
Bündnisse, deren Kern und Mittelpunkt wir sind, die Bereitwilligkeit
der Vereinigten Staaten, überall in der Welt Lasten auf sich zu nehmen,
so halte ich das schon für eine phantastische Sache. Eine Million Amerikaner tun heute außerhalb des Gebietes der Vereinigten Staaten Dienst.
Es gibt kein anderes Land in der Geschichte, das ähnliche Last auf sich
nahm. Andere Länder hatten auch Truppen außerhalb ihres Landes stehen,
aber nur zu Eroberungszwecken. Wir haben zwei Divisionen in Südkorea',
nicht um Südkorea zu kontrollieren, sondern um es zu verteidigen. Eine
große Zahl, von Amerikanern befindet sich in Südvietnam. Nun gut, kein
anderes Land der Erde hat dies seit Beginn der Welt getan; Griechenland,
Rom, Napoleon und alle anderen waren stets auf Eroberung aus. Wir haben
eine Million Amerikaner im Ausland, und sie suchen diese Länder zu verteidigen. Nun, was wir hier sagen wollen, ist, daß das reiche Westeuropa seinen Teil beitragen muß, und ich hoffe, daß es das tun wird.
MR. HERMAN:

^2 _

�MR. HERMAN: Nichts von dem, was ein Präsident jemals sagt, bleibt
ohne Wirkung. Glauben Sie nicht, daß die von Ihnen soeben gemachten
Ausführungen auf Sie zurückkommen werden, wenn der Kongreß das neue
Bewilligungsgesetz erörtert, und Sie dann Ihre eigenen Zitate wieder
hören werden?
DER PRÄSIDENT: Nein, ich glaube, daß die Amerikaner wissen sollten,
was sie tun, und ich glaube, daß Westeuropas Erfolg letztlich der
größte Erfolg der amerikanischen Außenpolitik seit dem zweiten Weltkrieg, seit dem Wiederaufbau Europas ist. Es ist genau das, was wir
wollten. Ganz zwangsläufig werden die Europäer Meinungsverschiedenheiten mit uns haben. Aber alles, was wir von Westeuropa fordern,
ist, sich nicht abzuschließen, nicht nur eine reiche, sorgfältige
abgeschirmte Gruppe von Ländern zu werden, sondern vielmehr seine
Rolle in dieser großen, weltweiten Auseinandersetzung zu übernehmen,
so wie wir dies getan haben...
MR. HERMAN: Aber können sie ihre Rolle ohne die Entwicklung eigener
nuklearer Waffen und einer eigenen nuklearen Abschreckung spielen, und
würde eine weitere Verbreitung der Atomwaffen nicht unserer Politik
zuwiderlaufen?
DER PRÄSIDENT: Nun, wir wollen nicht sechs oder sieben Atommächte
in Europa, die ihre Mittel für Kernwaffen ausgeben, zumal die Vereinigten Staaten dieses riesige Waffenarsenal haben. Aber wenn diese
Länder das wünschen, so halten wir sie nicht davon ab. Wenn die Franzosen beschließen, selbst eine Atommacht zu werden, dann ist dies
ihre Entscheidung. Die Frage ist, ob die Vereinigten Staaten sich
daran beteiligen und mithelfen sollen, Frankreich zu einer Atommacht
zu machen, und dann Italien, Westdeutschland, Belgien. Wie kann es
die Sicherheit stärken, wenn wir zehn, zwanzig, dreißig Atommächte
haben, die ihre Atomwaffen unter verschiedenen Bedingungen abfeuern
können? Das liegt nicht in unserem Interesse und ist meines Erachtens auch nicht im Interesse des Friedens oder im Interesse Westeuropas. Und es ist äußerst kostspielig. Warum etwas duplizieren,
was wir bereits getan haben und heute noch in 'Westeuropa tun, solange
unsere Garantien gut sind?
MR. VANOCUR: Herr Präsident, ehe Sie gewählt wurden, beliebte Ihr Herr
Vater den Reportern die kleine Geschichte zu erzählen, daß er Sie einmal gefragt habe, warum Sie diesen Job denn wollten, und er Ihnen erläutertchabe, warum Sie ihn sich nicht wünschen sollten, und Sie gaben
ihm offensichtlich eine Antwort... ich weiß nicht, ob sie ihn befriedigt hat, Sie anscheinend aber doch. Würden Sie ihm heute, nach zwei
Jahren Amtszeit noch dieselbe Antwort geben?
DER PRÄSIDENT: Ach, Sie meinen, daß irgend jemand es tun würde?
MR. VANOCUR: Yes, Sir.
DER PRÄSIDENT:

-

2,3

-

�DER PRÄSIDENT: Ja. Ich bin der Meinung, daß die Präsidentschaft in
vieler Hinsicht befriedigend sein kann, zumal, wie ich sage, äie
uns alle angeht, als Bürger und als Eltern und so weiter, samt all
den Problemen, über die wir heute abend hier gesprochen haben. Lauter
Probleme, über die ich mir, wenn ich nicht Präsident wäre, als
Vater oder als Bürger Gedanken machen würde. So hat man zumindest
eine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Und wenn das, was man tut,
nützlich und erfolgreich ist, dann bringt es natürlich eine große
Befriedigung mit sich. Wenn das Resultat der Entscheidung aber ein
Fehlschlag ist oder wenn man erfolglos bleibt, dann ist das freilich
ein großer Rückschlag. Ich muß aber nach zwei Jahren in diesem Amt
und mit den Erfahrungen als Präsident- keine Erfahrungen, auf die man
sich auch nur einigermaßen angemessen vorbereiten könnte - ich muß
sagen, daß ich ziemlich zuversichtlich bin, was die Vereinigten
Staaten anbelangt. Eben weil dieses Land selbstkritisch ist und
von aller Welt kritisiert wird, mit 180 Millionen Einwohnern seit
17 Jahren - eigentlich sind es mehr als das - seit fast 20 Jahren,
weil es dasjenige ist, das zuerst die Welt vor den Gefahren des Nazismus
bewahrt und seither gegen die kommunistische Gefahr verteidigt hat, und
wenn wir nicht gewesen wären... wir sind in einer starken Position,
Ich möchte meinen, daß es ein gutes Resultat für unser Land ist, das
nur sechs Prozent der Weltbevölkerung stellt und das diese Belastungen
nur sehr widerstrebend auf sich nimmt. Ich meine, wir sollten an diesen Weihnachten mit uns selbst ganz zufrieden sein.

* * * * *

- 24

-

�A M E R I K A

KENNEDY ERLÄUTERT STANDPUNKT DER USA ZU
WELTPOLITISCHEN FRAGEN

- Auszüge aus dem Fernsehinterview vom 17. Dezember 1962 -

\

�Allgemeines - XVI/1

KENNEDY ERLÄUTERT STANDPUNKT DER USA ZU
WELTPOLITISCHEN FRAGEN

WASHINGTON - (AD) - In einem einstündigen Fernsehinterview
mit den drei großen amerikanischen Rundfunk- und Fernsehgesellschaften ABC, CBS und NBC hat Präsident Kennedy am 17« Dezember
1962 den Standpunkt der USA zu den wichtigsten weltpolitischen
Fragen dargelegt.
Der Präsident benutzte diese Gelegenheit, um einen Rückblick
auf die zwei Jahre seiner Amtszeit zu geben und gleichzeitig auf
die großen Aufgaben hinzuweisen, denen sich die freie Welt in den
kommenden Jahren gegenübersehen wird. Neben innenpolitischen Fragen, denen ein großer Teil des Interviews gewidmet war,ging Kennedy
vor allem auf das amerikanisch-sowjetische Verhältnis, die BerlinFrage, das Kuba-Problem sowie die Verteidigung Europas und der
fre ien Welt ein.
Der amerikanische Präsident wies eingangs des Interviews darauf
hin, daß die Probleme, mit denen er sich im Laufe seiner bisherigen
Amtszeit auseinandersetzen mußte, schwieriger und die den USA auferlegte Verantwortung größer gewesen seien, als er sich dies ursprünglich vorgestellt habe. In vielen weltpolitischen Fragen wie
beispielsweise der Kongo-Frage, ader in dem Streitfall zwischen
Pakistan und Indien sei die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, diese
Probleme zu lösen, begrenzt. Dennoch dürfe man nicht ungeduldig oder
gleichgültig werden, betonte der Präsident, wobei er sich gegen die
Ansicht wandte, daß die USA die Bürde, die sie nunmehr seit 17 Jahre
tragen, niederlegen sollten. "Wir können diese Bürde nicht niederlegen", so erklärte er wörtlich, "und ich sehe auch keine Möglichkeit, dies in diesem Jahrhundert zu tun." Kennedy unterstrich dabei
die große Verantwortung, die der Präsident der USA zu tragen habe.
Werde eine falsche Entscheidung getroffen, und dies sei auch bei
ihm der Fall gewesen, dann laste die Bürde der Verantwortung auf
dem Präsidenten allein.
Berlin und Europa
Die Ausführungen Kennedys zu Berlin und zur Verteidigung Europas haben folgenden Wortlaut:
Frage:

�"AMERIKA DIENST
Frage: "Viele haben erwartet, Herr Präsident, daß sich die
Berlin-Krise unmittelbar nach den amerikanischen Wahlen wieder
•verschärfen' würde. Dies scheint zumindest, auch wenn dies dann
nicht ganz zutraf, der Zeitplan gewesen zu sein. Glauben Sie nun,
daß die Vorgänge auf Kuba die sowjetische und die ostdeutsche Regierung in bezug auf Berlin zu größerer Vorsicht veranlaßt haben?
Antwort: Nun, ich glaube, weder Ministerpräsident Chruschtschow
noch sonst jemand möchte das öfter durchmachen, was wir in Kuba
durchgemacht haben. Und ich glaube, sie sind sich darüber im klaren,
daß West-Berlin für uns von lebenswichtigem Interesse ist, daß wir
uns dort gebunden haben und daß wir dort bleiben werden. Auf der anderen Seite hat er ein sehr lebenswichtiges Interesse in Ostdeutschland; er versucht dieses Regime zu stützen und seine eigene Stellung
in Osteuropa zu festigen. Berlin ist eine sehr gefährliche Position,
besonders auf Grund seiner geographischen Lage, denn wir müssen die
Verbindungen zu einem Gebiet aufrechterhalten, das 120 Meilen hinter
ihren Linien liegt. So besteht für sie immer die Möglichkeit, uns
dort die Luft abzuschnüren. Aber ich möchte glauben, daß Chruschtschow
mit einiger Vorsicht vorgehen wird, weil er meines Erachtens weiß,
daß es dort nicht nur um ein lebenswichtiges Interesse geht, sondern
daß dort auch die Möglichkeit eines direkten Aufeinanderprallens besteht. So zeigt meiner Ansicht nach die Rede Chruschtschows, wie ich
bereits sagte, daß er dies weiß. Und im Gegensatz zu denjenigen im
kommunistischen Lager, im besonderen den Chinesen, die Chruschtschow
wegen seiner Nachgiebigkeit angreifen, glaube ich, daß Chruschtschow
erkannt hat, daß er jetzt mit Vorsicht vorgehen muß, so wie wir.
Frage; Würden Sie erläutern, Herr Präsident, warum Sie in Ihrem
Trinkspruch auf Bundeskanzler Adenauer gesagt haben, daß dies ein
Wendepunkt, eine neue Ära in der Geschichte sei?
Antwort: Nach meiner Ansicht ist dies eine der Entscheidung
zustrebende Zeit. Wir haben verschiedene derartige Perioden gehabt.
Aber es ist nicht dies allein. In Kuba war es das erstemal,. d)aß sich
die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten direkt gegenüberstanden
und daß die Aussicht bestand, die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion könnten Truppen einsetzen, was sich dann leicht zu einem Atomkrieg hätte ausweiten können. Dies ist eine wichtige Tatsache. Zweitens ist da der chinesisch-indische Konflikt, zwischen diesen beiden
riesigen Ländern, den beiden größten Ländern der Welt. Wenn die
Sowjetunion so viele Jahre auf den Aufbau ihrer Politik der Freundschaft gegenüber Indien verwandt hat, so ist es jetzt eine Tatsache,
daß China die Inder angegriffen hat. Und drittens sind da die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und China als Folge des chinesischindischen Konflikts und als Folge des Disputs zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über Kuba. Ich möchte sagen, daß
alles das diese Zeit zu einer sehr wichtigen Epoche macht.
Frage; Wie können Sie als der Führer der westlichen Allianz,
des stärksten Mitgliedlandes, die europäischen Länder, die immer
unabhängiger, immer wohlhabender werden, - was genau dem entspricht,
was Sie, wie Sie sagten, erhofften -, wie können Sie diese Länder

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2

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�"AMERIKA PIEKST
Länder dazu bringen, Ihrer Führung zu folgen? Offensichtlich sind
doch Verteidigungsminister McNamara und Außenminister Rusk nicht
mit einem alles in allem zufriedenstellenden Bericht von der NATOTagung zurückgekommen. Die Europäer scheinen nicht gewillt zu sein,
die konventionellen Streitkräfte auszubauen. Haben Sie große Machtbefugnisse, zu bestimmen?
Antwort; Nein, zunächst einmal kann man das seine tun. Wir tun
unseren Teil. Wir haben unsere Truppen in Westeuropa stehen. Es sind
die am besten ausgerüsteten. Wir haben dort sechs Divisionen, ein
Viertel aller Divisionen an der westlichen Front. Sie sind sehr gut
ausgerüstet. Sie können morgen bereits zum Einsatz kommen, was bei
den meisten anderen Verbänden nicht der Fall ist. So leisten wir dort
unseren Beitrag. Wir stellen ferner die größte Kriegsflotte der Welt.
Wir stellen außerdem die Atomstreitkräfte für die (freie) Welt, und
wir führen ferner ein umfassendes Weltraumprogramm für die freie
Welt durch. Ebenso tragen wir in Südvietnam die gesamte Last. So
tun die Vereinigten Staaten mehr als nur ihren Teil. Wir hoffen, daß
Westeuropa größere eigene Anstrengungen machen wird - sowohl hinsichtlich der Aufstellung konventioneller Streitkräfte als auch bei der
Hilfe an die Entwicklungsländer.
Nun können wir sie natürlich nicht zwingen, dies zu tun .Wir
können nicht sagen, 'gut, wenn Sie das nicht tun wollen, dann werden
wir unsere Truppen zurückziehen und Europa schutzlos lassen'. Aber
ich glaube, daß die Vereinigten Staaten sehr viel getan und ihre
Lasten getragen haben, und wir hoffen, daß Westeuropa, da es jetzt
aufblüht, auch seinen Teil beitragen wird. Wir haben in vier Jahren,
von 1948 bis 1952, zwölf Milliarden Dollar nach Westeuropa hineingepumpt. Der Betrag an Hilfe, die wir Lateinamerika im Rahmen der
"Allianz für den Fortschritt*1 gewährt haben, ist nur ein Bruchteil
dessen.
So haben wir, scheint mir, ein Recht, da wir in bezug auf Europa
gezeigt und bewiesen haben, daß wir keine Paradesoldaten sind. Es
gibt wohl kaum ein Land in Europa - unter den Ländern, von denen wir
sprechen -, das so viele Männer und einen so großen Prozentsatz seiner
Bevölkerung und seines Bruttosozialprodukts für die Verteidigung einsetzt wie wir.
Frage; Glauben Sie, Herr Präsident, daß Sie einmal den Punkt
erreichen werden, an dem Sie sagen müßten: 'Macht, was ihr wollt,
ich kann nicht vor das amerikanische Volk treten und von ihm verlangen, diese Last auf sich zu nehmen...' Nehmen wir als Beispiel
einmal die Skybolt-Rakete.
Antwort: Gut, nehmen wir einmal die Skybolt. Die Vereinigten
Staaten haben die Skybolt-Rakete entwickelt. Wir haben 550 Millionen
Dollar in die Skybolt-Rakete investiert. Kein anderes Land hat etwas
für die tatsächliche Produktion der Skybolt-Rakete ausgegeben. Wenn
wir sie fertig entwickelt gehabt hätten, würden die Engländer uns

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3 -

�AMERIKA DIENST"
uns hundert Raketen abgekauft , wir vielleicht tausend gekauft haben.
Das hätte uns 2,5 Milliarden Dollar gekostet. Wir bestreiten heute
30 Prozent der Infrastruktur-Kosten der NATO, der Versorgungslinien
zu den Depots in Europa. Dies kostet uns etwa 3 Milliarden Dollar
in unserer Zahlungsbilanz. Da ist die Hilfe, die wir überall in der
Welt gewähren - Sie wissen, die amerikanischen Bürger sind sehr
kritisch, und die amerikanische Presse druckt eine Menge negativer
Berichte, denn negative Berichte geben Schlagzeilen, positive Berichte
dagegen nicht, so daß sie stets den Eindruck erhalten, die Vereinigten Staaten täten nicht ihren Teil. Wenn ich an das denke, was
wir 15 Jahre lang - seit 1945 - getan haben, an die Länder, die wir
unterstützt haben, die Bündnisse, deren Kern und Mittelpunkt wir
sind, die Bereitwilligkeit der Vereinigten Staaten,überall in der
Welt Lasten auf sich zu nehmen, so halte ich das schon für eine
phantastische Sache. Eine Million Amerikaner tun heute außerhalb
des Gebietes der Vereinigten Staaten Dienst. Es gibt kein anderes
Land in der Geschichte, das ähnliche Last auf sich nahm. Andere Länder hatten auch Truppen außerhalb ihres Landes stehen, aber nur zu
Eroberungszwecken. Wir haben zwei Divisionen in Südkorea, nicht um
Südkorea zu kontrollieren, sondern um es zu verteidigen. Eine große
Zahl von Amerikanern befindet sich in Südvietnam. Nun gut, kein anderes Land der Erde hat dies seit Beginn der Welt getan; Griechenland,
Rom, Napoleon und alle anderen waren stets auf Eroberung aus. Wir
haben eine Million Arnerikaner im Ausland, und sie suchen diese Länder
zu verteidigen. Nun, was wir hier sagen wollen, ist, daß das reiche
Westeuropa seinen Teil beitragen muß, und ich hoffe, daß es das tun
wird.
Frage; Nichts von dem, was ein Präsident jemals sagt, bleibt
ohne Wirkung. Glauben Sie nicht, daß die von Ihnen soeben gemachten
Ausführungen auf Sie zurückkommen we'rden, wenn der Kongreß das neue
Bewilligungsgesetz erörtert, und Sie dann Ihre eigenen Zitate wieder
hören werden?
Antwort; Nein,ich glaube, daß die Amerikaner wissen sollten,
was sie tun, und ich glaube, daß Westeuropas Erfolg letztlich der
größte Erfolg der amerikanischen Außenpolitik seit dem zweiten Weltkrieg, seit dem Wiederaufbau Europas ist. Es ist genau das, was wir
wollten. Ganz zwangsläufig werden die Europäer Meinungsverschiedenheiten mit uns haben. Aber alles, was wir von Westeuropa fordern,
ist, sich nicht abzuschließen, nicht nur eine reiche, sorgfältige
abgeschirmte Gruppe von Ländern zu werden, sondern vielmehr seine
Rolle in dieser großen, weltweiten Auseinandersetzung zu übernehmen,
so wie wir dies getan haben...
Frage; Aber können sie ihre Rolle ohne die Entwicklung eigener nuklearer Waffen und einer eigenen nuklearen Abschreckung spielen, und würde eine weitere Verbreitung der Atomwaffen nicht unserer
Politik zuwiderlaufen?
Antwort:

�"AMERIKA DIENST"
Antwort; Nun, wir wollen .nicht sechs oder sieben Atommächte in
Europa, die ihre Mittel für Kernwaffen ausgeben, zumal die Vereinigten Staaten dieses riesige Waffenarsenal haben. Aber wenn diese
Länder das wünschen, so halten wir sie nicht davon ab. Wenn die
Franzosen beschließen, selbst eine Atommacht zu werden, dann ist
dies ihre Entscheidung. Die Frage ist, ob die Vereinigten Staaten
sich daran beteiligen und mithelfen sollen, Frankreich zu einer
Atommacht zu machen, und dann Italien, Y/estdeutschland, Belgien.
Wie kann es die Sicherheit stärken, wenn wir zehn, zwanzig, dreißig
Atommächte haben, die ihre Atomwaffen unter verschiedenen Bedingungen
abfeuern können? Das liegt nicht in unserem Interesse und ist meines
Erachtens auch nicht im Interesse des Friedens oder im Interesse
Westeuropas. Und es ist äußerst kostspielig. Warum etwas duplizieren,
was wir bereits getan haben und heute noch in Westeuropa tun, solange
unsere Garantien gut sind?
Das amerikanisch-sowjetische Verhältnis und Kuba
Frage; Herr Präsident, haben Sie, seit Sie Ihr Amt übernommen
haben, feststellen können, daß diese furchtbare Verantwortung für
das Schicksal der Menschheit Sie und Ministerpräsident Chruschtschow trotz aller Differenzen, die Sie trennen - i::i. Bewußtsein dieser
gemeinsamen Verantwortung»einander nähergebracht hat? Er schien
dies anzudeuten, vor allem in seiner Rede vor dem Obersten Sowjet.
Antwort; Ich glaube, in dieser Rede hat Chruschtschow gezeigt,
daß er sich über das Atomzeitalter im klaren ist. Aber das kubanische
Unternehmen hat es für uns natürlich noch schwieriger gemacht, irgendwelche erfolgreichen Verhandlungen zu führen, weil hier versucht worden ist, doch ganz wesentlich das Gleichgewicht der Kräfte zu ändern.
Dies geschah in aller Heimlichkeit. Es wurde alles, was nur möglich
war, unternommen, um uns zu täuschen; und die Sowjets planten, im
November vor aller Welt die Tatsache mitzuteilen, daß diese Raketen
in solch unmittelbarer Nähe der Vereinigten Staaten stationiert
worden seien. Es bestand nicht etwa die Absicht, sie abzufeuern, weil
die Sowjets, sollten sie in eine nukleare Auseinandersetzung geraten, auf ihre eigenen Raketen in der Sowjetunion zurückgreifen können.
Aber politisch hätte dies das Gleichgewicht der Kräfte geändert... So
dürfte es also noch einige Zeit dauern, bevor es für uns möglich ist,
zu einem wirklichen Einvernehmen mit Herrn Chruschtschow zu gelangen.
Aber ich bin doch der Meinung, daß seine Rede deutlich werden läßt,
daß er erkannt hat, in welcher gefährlichen Welt wir leben. Das
wirkliche Problem liegt in dem Wunsch der Sowjets, ihre Macht und
ihren Einfluß zu erweitern. Würde sich Herr Chruschtschow mit den
wahren Interessen der Bevölkerung der Sowjetunion befassen - höherem
Lebensstandard und Gewährleistung der eigenen Sicherheit -, dann gäbe
es keinen realen Grund, warum die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion - getrennt durch so viele tausend Meilen Land und Wasser, beide
reiche Länder, beide mit einer sehr tatkräftigen Bevölkerung - nicht
miteinander in Frieden leben sollten. Immer wieder aber wird diese
Entschlossenheit sichtbar, die die Chinesen in der militantesten Form
zeigen und die die Sowjets ebenfalls gezeigt haben, nämlich»sich nicht
mit einer friedlichen Welt dieser Art abzufinden, sondern auf einer
kommunistischen Welt zu bestehen. Daraus erwächst die wirkliche Gefahr:
ein Konflikt dieser beiden Systeme auf weltweiter Ebene im Atomzeitalter ist, was die sechziger Jahre so gefährlich macht.'
Frage:

�"AMERIKA DIKITST
Frage: Botschafter Kennan, der ein guter Kenner der Sowjetunion
ist, schrieb in einem seiner letzten Bücher, daß wir es hier mit
einem konditionierten Denken, das die Möglichkeit des Mißverständnisses ausschließt, zu tun haben, daß das einzige, was die Sowjets
wirklich verstehen, dieses ist: daß man sie vor Tatsachen stellt
und ihnen sagt, 'das ist es, was wir tun werden'. Das verstehen sie.
Sind Sie der Ansicht, daß es irgendeinen Weg gibt, an Herrn Chruschtschow
heranzukommen, um ihm wirklich begreiflich zu machen, daß es Ihnen
ernst ist und daß Sie entschlossen sind zu tun, was Sie sagen, Sir,
oder ist dies gänzlich...?
Antwort: Nun, es ist schwer. Zurückschauend auf Kuba möchte ich
annehmen, daß die Tatsache des mangelnden Kontaktes zwischen den
beiden Regierungen zu denken gibt. Ich meine, daß wir nicht erwartet
haben&gt;er werde Raketen auf Kuba stationieren, weil es für ihn eine so
unkluge Handlungsweise zu sein schien, dies zu tun, wie sich später
auch herausgestellt hat. Er muß offenbar gedacht haben, er könnte es
insgeheim machen, und die Vereinigten Staaten würden sich damit abfinden, Nun, er hat unsere Absichten nicht richtig beurteilt.
Und wenn Sie die Geschichte unseres Jahrhunderts überblicken, so
entstand der erste Weltkrieg aus einer Reihe von Fehlurteilen über die
Absichten anderer - gewiß auch der zweite Weltkrieg, wo Hitler dachte,
daß er Polen an sich reißen könnte, daß die Briten nicht in den Kampf
eingreifen und nach der Niederlage Polens den Kampf nicht fortsetzen
würden; Korea, wo die Nordkoreaner offensichtlich nicht mit uns gerechnet hatten und wir nicht mit der Einmischung der Chinesen; und wenn Sie
alle diese Fehlschlüsse bedenken, die zum Kriege trieben, und dann
die Kluft in Betracht ziehen, die zwischen den Überzeugungen der Vereinigten Staaten und denen der Sowjetunion klafft - wir glauben an eine
Welt unabhängiger Regierungen und Staaten, sie an eine monolithische,
kommunistische Welt - und in diesen Kampf noch die nukleare Gleichung
einbeziehen, so ist es das, was unsere Zeit, wie ich bereits zuvor sagte,
so gefahrenvoll macht. Wir müssen unseren Weg mit Festigkeit weiterverfolgen ,an Hand der besten Informationen, die wir erhalten können,
und mit Umsicht. Ein Fehler kann alles vernichten - ein grober Fehler
von Herrn Chruschtschow oder von uns hier. Und darum ist es viel leichter, Reden zu halten über einige der Dinge, die wir tun sollten; ich
meine aber, daß jeder, der sich die Liste der verhängnisvollen Möglichkeiten von Atomwaffen vor Augen hält, der sich bewußt ist, daß
die Kommunisten ein vollständig verzerrtes Bild von den Vereinigten
Staaten haben und daß wir sie nicht verstehen, weiß: das ist es, was
das Leben in den sechziger Jahren so gefahrenvoll macht."
Das Interview leitete dann zu dem Kuba-Problem und dem Gespräch
über, das kurz vor Ausbruch der Kuba-Krise zwischen Präsident Kennedy
und dem sowjetischen Außenminister Gromyko stattgefunden hatte.
Der sowjetische Außenminister hatte dabei erklärt, daß sich weder
Raketen noch andere Offensivwaffen auf Kuba befänden.
Präsident Kennedy sagte in diesem Zusammenhang folgendes:
"Ich las ihm meine Erklärung vom September vor, in der wir betont

-

6

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�"AMERIKA DIENST"
betont hatten, daß wir Maßnahmen ergreifen würden, falls Raketen nach
Kuba geschafft würden. Er erwiderte daraufhin nichts... Herr Chruschtschow und ich befinden uns in demselben Boot, insofern als wir beide
über diese nukleare Kapazität verfügen und ebenso beide unsere Gesellschaften verteidigen wollen. Wobei wir uns allerdings nicht auf der
gleichen Linie befinden, ist,daß die Sowjets ihre Macht ausdehnen und
auf Kuba ihre Entschlossenheit und Bereitschaft gezeigt haben, große
Risiken einzugehen, die eigentlich nur zu einem direkten Zusammenstoß
führen können. Ich habe in Wien einen ganzen Tag damit zugebracht,
über seine Rede zu sprechen, die er am 6. Januar 1961 gehalten und in
der er ausgeführt hatte, daß er Befreiungskriege unterstütze. Ich
erklärte, daß dies der Weg sei, der schließlich zu einer direkten
Konfrontation der USA und der Sowjetunion führen würde; und genau das
war auf Kuba der Fall. Sie können nicht zu viele solcher Situationen
erwarten, weil man nicht in jedem Falle sicher sein kann, daß die
Sowjetunion sich zurückzieht, wie sie dies im Fall Kubas tat. Und
für die Vereinigten Staaten ist es schwer, sich zurückzuziehen, wenn
lebenswichtige Interessen auf dem Spiel stehen.
Frage; Herr Präsident, waren Sie, während Gromyko hier saß
und einfach erklärte, daß es (auf Kuba) keine Offensivwaffen gäbe,
zu irgendeinem Zeitpunkt versucht aufzustehen, an Ihren Schreibtisch
zu gehen und eine Luftaufnahme hervorzuholen - ?
Antwort: Nein. Denn unsere Informationen waren noch unvollständig,
und wir hatten auch noch nicht endgültig darüber entschieden, welchen
Kurs wir einschlagen würden. Wir erhielten die .Information am Dienstag,
unser Gespräch fand am Donnerstag statt. Wir führten eine intensive
Aufklärung durch, und wir erwogen noch, ob es ratsam sei, einen anderen Aktionskurs einzuschlagen. Und deshalb wäre es sehr unklug von
uns gewesen, ihm im einzelnen darzulegen, was wir wußten. Wir wollten
ihm auch nicht die Genugtuung geben, seine Schritte anzukündigen. Deshalb war es überaus wichtig, daß die Vereinigten Staaten dies bekanntgaben, bevor er es tat.
Frage:

Wir hätten damit die Initiative verlieren können?

Antwort; Genau das. Er hätte dies bekanntgeben können, und dann
hätten wir auf eine Initiative ihrerseits reagieren müssen. Auf diese
Weise behielten wir die Initiative. Daher war es sehr wichtig, Gromyko
nicht ins Bild zu setzen, obwohl ich ihn nicht irreführte, denn wie ich
bereits sagte, verlas ich meine Erklärung vom September, und er muß sich
gefragt haben, warum ich dies tat. Aber er erwiderte nichts darauf.
Frage: Herr Präsident, viele Leute sagen... daß ein amerikanischer
Präsident Chruschtschow schützen müsse, denn Chruschtschow sei der beste
sowjetische Ministerpräsident, den wir jemals haben könnten. Glauben Sie,
daß dies wirklich die Aufgabe eines amerikanischen Präsidenten ist, oder
hat ein amerikanischer Präsident die Pflicht, die nationalen Interessen
zu wahren?
Antwort:

�"AMERIKA DIENST"
Antwort; Nein, ich glaube nicht, daß es unsere Aufgabe ist, Herrn
Chruschtschow zu schützen. Dieses Argument, daß sein Nachfolger
schlimmer sein würde - nun, ich weiß nicht, wie sein Nachfolger sein
wird. Aber ich glaube, daß es unsere Pflicht ist, zu versuchen, unsere
lebenswichtigen Interessen zu schützen, die Sicherheit der freien Welt
zu wahren und Chruschtschow unsere Absichten eindeutig genug wissen
zu lassen, damit er seinen Angelegenheiten in einer Weise nachgehen
kann, die unsere Sicherheit nicht gefährdet und die nicht zum Kriege
führt. Wir möchten
nicht gezwungen werden,umere Sicherheit mit kriegerischen Kitteln
zu erhalten. Aber Chruschtschow muß wissen, daß es für die Vereinigten Staaten lebenswichtige Interessen gibt, für die sie kämpfen werden.
Und wenn er und die Kommunisten und die Sowjetunion jetzt ihre Kraft
darauf verwenden wollen, zu demonstrieren, wie sich ihr System in der
Sowjetunion bewährt, so bin ich der Ansicht, daß seine lebenswichtigen
Interessen leicht mit der ihm zur Verfügung stehenden Macht geschützt
werden können und wir eine lange Zeit des Friedens haben könnten.
Dann könnten wir ein Urteil darüber fällen, welches System bessere
Dienste leistet. Wir glauben, daß das unser System ist. Er hat Argumentiert, seines wäre besser. Demgegenüber, scheint mir, ist es gerade
dieses ständige Streben, das Gleichgewicht der Kräfte auf der Welt
zu ändern, welches das Element der Gefahr heraufbeschwört.
Nun, ich glaube wirklich, wenn Sie die Rede Chruschtschows von
vergangener Woche lesen, so werden Sie feststellen, daß wir - und die
Welt - in einer noch viel schlechteren Lage wären, wenn die Chinesen
die kommunistische Bewegung beherrschen würden, denn die Chinesen glauben an den Krieg als Mittel zur Verwirklichung der kommunistischen Welt.
Chruschtschows Mittel sind Vernichtung, aber er glaubt, daß eine friedliche Koexistenz und diese Befreiungskriege, kleine Kriege unsere Niederlage bringen werden. Die chinesischen Kommunisten glauben, dies durch
ständige Schläge zu erreichen, und daß sie es im Falle eines Krieges,
eines atomaren dritten Weltkrieges mit ihren 750 Millionen Menschen
überstehen werden. So sind für uns ganz offensichtlich die von Chruschv
tschow vertretenen Ansichten besser als die der chinesischen Kommunisten.
Aber leider will uns auch Chruschtschow nicht wohl.
Frage: Gibt es irgendeine Möglichkeit, wie wir auf die wachsende
Spaltung innerhalb des kommunistischen Blocks einwirken können, oder
sollten wir es einfach bei der Welt belassen, die wir jetzt haben,
und sicherstellen, daß sie nicht reif für eine kommunistische Durchdringung wird?
Antwort; Ich meine zu diesem Disput, der sich weiter verstärkt,
daß wir, wie Sie vorschlagen, weiterhin unsere Aufmerksamkeit jenem
großen Teil der Welt widmen sollten, der sich in einer wirklich verzweifelten Lage befindet. In Lateinamerika, Afrika, Asien gibt es Länder, die unsere Hilfe, unsere Unterstützung dringend brauchen. Wenn
wir unsere Aufgabe, die freie Welt zu stärken, erfüllen, dann werden
wir, so scheint es mir, einen Druck, einen Gegendruck gegen den
kommunistischen Vormarsch auslösen, und dann wird der Kommunismus
feststellen, daß die Lage im Innern unter diesem Druck noch viel
schwieriger geworden ist.
Ich

8

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�AMERIKA DIENST"
Ich glaube, wir neigen dazu, die Welt in eine kommunistische
und eine freie zu unterteilen, sie als zweigeteilt zu betrachten»
Tatsache ist, daß die Welt so geteilt, so von Armut heimgesucht
und in vieler Hinsicht in einer so verzweifelten Lage ist, daß wir
bereits voll damit ausgelastet sind, den Teil der Welt, der nichtkommunistisch ist, ganz Afrika, die jungen unabhängigen und von
Armut heimgesuchten Länder, zu stärken. Da besuchte uns kürzlich
der Ministerpräsident von Somaliland, wo das Jahreseinkommen pro
Kopf der Bevölkerung bei 45 Dollar liegt. Der durchschnittliche
Wochenlohn in der amerikanischen Industrie beträgt etwa 94 Dollar gegenüber 45 Dollar im Jahr! Nun, er hat erschütternde Probleme
zu lösen. Sie können auch Lateinamerika nehmen, zum Beispiel Nordostbrasilien, wo die Leute von 100 Dollar im Jahr leben. So haben
wir in unserem eigenen Raum eine große Aufgabe zu verrichten. Wenn
wir dieses Gebiet stärken können - denn der Kommunismus ist meiner
Meinung nach ein völlig trügerisches System, das den Wünschen des
einfachen Mannes gar nicht entspricht - dann, glaube ich, werden wir
auch erfolgreich sein.
Frage: Als Ministerpräsident Chruschtschow während der
ein Angebot für eine Inspektion auf Kuba machte, hatten Sie
gendeine Hoffnung, daß dies ein Durchbruch sein könnte, ein
um eine Art von Frieden zwischen unseren beiden Systemen zu
so daß wir an unseren eigenen Problemen arbeiten können?

Kuba-Krise
da irBeginn,
erreichen,

Antwort: Nein, ich glaube nicht, daß es das schon ist. Aber es
kann vielleicht mit der Zeit dazu kommen.
Frage; Hatten Sie, als dieses Angebot gemacht wurde, die Hoffnung,
daß es tatsächlich verwirklicht werden könnte?
Antwort: Nein. Aber ich denke doch zumindest, daß Kuba - wie auch
aus der Rede in der vergangenen Woche hervorgeht, die eine wichtige
Rede war - Chruschtschow die Gefahren hat erkennen lassen, die ein
Zusammenstoß zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
in einem Gebiet von großer Bedeutung mit sich bringt. Das, meine ich,
ist eine sehr heilsame Tatsache. Aber ich glaube nicht, daß wir jetzt
einen Gesamtwechsel in der kommunistischen Politik erleben werden.
Frage; Wäre es Ihrer Ansicht nach ein Durchbruch gewesen, falls
eine internationale Inspektion Kubas gestattet worden wäre - ein
Anfang, ein erster Beginn?
Antwort: Nein, ich glaube nicht, daß dies die Dinge im wesentlichen
berührt hätte, da ich nicht annehme, daß wir jene Art von Inspektion
erreicht hätten, die wirklich notwendig ist, weil ein totalitäres System
die Form der Inspektion, die wirklich wünschenswert ist, nicht akzeptieren kann. Was Sie praktisch sagen, bedeutet, daß Kuba geöffnet wird,
daß die Sowjetunion geöffnet wird. Sie werden es nicht tun, weil ein
totalitäres System nur unter Geheimhaltung existieren kann.
Frage :

-

9

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�"AMERIKA DIENST
Frage; Haben die Inspektionen, die anderswo in der Welt stattgefunden haben, beispielsweise in Kordkorea, Ihnen irgendeine
Hoffnung gegeben, daß dies als System funktionieren wird?
Antwort: Nein. Ich glaube, die Kamera wird tatsächlich unser
bester Inspektor sein.
Frage: Herr Präsident, sehen Sie in der Art»wie die Kuba-Krise
beendet oder doch praktisch beendet wurde, in der Art, wie sie zumindest vom Höhepunkt der Fieberkurve herunterkam, sowie in der
Entwicklung anderer weltweiter Probleme irgendwelche Anzeichen,
die Sie zu der Annahme führen könnten, daß eine Gipfelkonferenz zu
irgendeinem Zeitpunkt in der nahen Zukunft nützlich sein würde?
Antwort: Nein, nicht gerade zu diesem Zeitpunkt. Ich glaube, daß
das Treffen in Wien von Nutzen war. Es war nützlich für mich - aber
ich glaube nicht, daß wir bis dahin zurückgehen sollten, es sei denn,
daß wir den Weg wirklich frei sehen, ein Abkommen über die Atomversuche oder die Abrüstung zu erreichen oder in Europa selbst zu einer
gewissen Verständigung zu gelangen. Las ist wirklich unser V/uns eh.
Wie ich schon sagte, leben wir jetzt in einer Zeit, die zu gefährlich ist, als daß wir Spannungen zwischen der Sowjetunion und den
Vereinigten Staaten haben oder solche wünschen sollten. Und daher
sollten wir meines Erachtens alles fördern, was ihre Politik, die uns
abträglichen Dinge zu unterstützen, mildern kann. Aber solange wir
nicht einen gewissen Durchbruch auf irgendeinem Gebiet sehen, halte
ich ein Treffen zwischen Herrn Chruschtschow und mir nicht für sehr
vorteilhaft, auch wenn wir miteinander in Verbindung standen... und
über unsere Beauftragten in New York Verhandlungen führen. Aber ich
glaube nicht, daß für uns eine Notwendigkeit besteht, jetzt zusammenzukommen. Ich glaube, daß Chruschtschow wahrscheinlich genauso denkt."

*

* * *

-

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�A M E R I K A

D I E N S T

KENNEDY UNTERBREITET BOTSCHAFT ÜBER
DIE LAGE DER NATION
(State of the Union Message)

�"AMERIKA DIENST

Allg./XVI - 3

KENNEDY UNTERBREITET BOTSCHAFT ÜBER DIE LAGE DER NATION

Nachstehend übermitteln wir Ihnen den
Wortlaut der Botschaft über die Lage
der Nation (State of the Union Message),
die Präsident John F. Kennedy am 14»
Januar 19^3 auf einer gemeinsamen Sitzung
des US-Kongresses verlesen hat. Er legt
darin sein innen- und außenpolitisches
Regierungsprogramm für das dritte Jahr
seiner Amtszeit dar.

Herr Vizepräsident,
Herr Sprecher des Repräsentantenhauses,
Sehr verehrte Mitglieder des 88. Kongresses:
Ich beglückwünsche Sie alle - nicht nur zu Ihrem Wahlsieg,
sondern auch zu der bevorzugten Rolle, die Sie in der Geschichte
spielen werden. Denn Sie und ich sind privilegiert, der großen
Republik in einer Zeit dienen zu dürfen, die sich leicht als das
entscheidendste Jahrzehnt ihres Bestehens erweisen kann. Die Entscheidungen, die wir treffen, zum Guten oder zum Bösen, mögen das
Wohlergehen der Nation auf Generationen hinaus beeinflussen.
Vor wenig mehr als 100 Wochen habe ich das Amt des Präsidenten übernommen. Als ich den Kongreß und meine Landsleute um ihre
Mithilfe ersuchte, versprach ich keine leichten Lösungen. Ich
versprach und forderte nur Mühe und Hingabe. Diese haben der Kongreß und das Volk in hohem Maße aufgebracht. Und heute kann ich,
nachdem ich in den letzten Monaten Zeuge einer gesteigerten Hochachtung vor unseren nationalen Zielsetzungen und unserer Macht als
Nation war, nachdem ich die mutige Ruhe eines einigen Volkes in
einer gefährlichen Stunde erlebt und eine ständige Verbesserung
der Aufstiegsmöglichkeiten und des Wohlstandes unserer Bür*ger
beobachtet habe, Ihnen berichten, daß die Lage dieser alten, aber
jugendlichen Nation im 175« Jahr ihres Bestehens gut ist.
In der Welt jenseits unserer Grenzen sind ständige Fortschritte
beim Aufbau einer Welt der Ordnung gemacht worden. Die Bevölkerung
von West-Berlin bleibt frei und sicher. In Laos ist eine Lösung, die
zwar immer noch prekär ist, erreicht worden. In Südvietnam wurde
der Aggression die Spitze genommen. Im Kongo dürfte das Ende der
qualvollen Wirren in Sicht sein. Die Troika-Doktrin ist tot. Und
wenn die Gefahr auch noch nicht ganz beseitigt ist, wurde dennoch
eine tödliche Bedrohung von Kuba abgewendet.
Hier

1

�"AMERIKA DIENST"
Hier bei uns in den USA liegt die Rezession hinter uns. Heute
sind über eine Million mehr Männer und Frauen beschäftigt, als dies
vor zwei Jahren der Fall war. Die durchschnittliche Arbeitswoche
in den Fabriken beträgt erneut über 40 Stunden. Unsere Industrien
produzieren mehr Güter als jemals zuvor, und über die Hälfte der
Produktionskapazität, die noch vor hundert Wochen still und ungenutzt dalag, läuft wieder auf vollen Touren.
Um es kurz zu sagen, sowohl hier bei uns als auch im Ausland
ist man jetzt vielleicht versucht, sich auszuruhen. Denn der Weg
war lang, die Last schwer, und das Tempo immer angespannt.
Aber wir können uns nicht damit zufriedengeben, hier stehenzubleiben . Jies ist der Anstieg , , nicht der Gipfel. Das bloße Fehlen von
Krieg bedeutet nicht Frieden. Keine Rezession bedeutet noch nicht
Wachstum. Wir haben einen Anfang gemacht - aber wir haben erst begonnen .
Jetzt ist die Zeit gekommen, um unsere Erfolge voll und ganz
auszunutzen-um aus der Erneuerung unserer nationalen Stärke heraus
die Verwirklichung unserer nationalen Ziele zu erreichen.
Amerika hat sich 22 Monate einer ununterbrochenen wirtschaftlichen Erholung erfreuen können. Aber Erholung ist nicht genug. Wenn
wir auf lange Sicht Erfolg haben wollen, dann müssen wir die Stärke
unserer Wirtschaft auf lange Sicht ausbauen. Wir müssen den Weg zu
einer höheren Wachstumsrate und zur Vollbeschäftigung verfolgen.
Denn dies würde in jedem Jahr ein Mehr von vielen zehn Milliarden Dollar an Produktion, Gewinnen, Löhnen, öffentlichen Einnahmen
bedeuten. Dies würde das Ende der hartnäckigen Flaute bedeuten, die
die Arbeitslosigkeit in 61 von 62 Monaten auf einer Rate von fünf
Prozent oder mehr gehalten hat - und auch ein Ende des wachsenden
Druckes in Richtung auf solche restriktiven Maßnahmen wie die 35Stunden-Woche, die allein unsere Arbeitskosten pro Stunde bis zu
14 Prozent erhöhen, eine neue inflationistische Lohn-Preis-Spirale
auslösen und unsere Bemühungen, mit anderen Ländern zu konkurrieren,
unterminieren könnte.
Um diese größeren Erfolge zu erreichen, ist vor allem anderen
ein Schritt notwendig: die Verwirklichung einer wesentlichen Senkung
und Revision der Bundeseinkommensteuer noch in diesem Jahr.
Denn es wird - für alle diejenigen in der Regierung, in der
Wirtschaft und in den Gewerkschaften, die die Verantwortung für unseren wirtschaftlichen Erfolg tragen - immer deutlicher, daß unser
veraltetes Steuersystem auf die Kaufkraft, die Gewinne und die Beschäftigung hemmend wirkt. Es wurde einst mit dem Ziel geschaffen,
der Inflation sinhalt zu gebieten, behindert heute aber statt dessen
das Wirtschaftswachstum. Es entmutigt jede zusätzliche Anstrengung
und Risikobereitschaft. Es bringt Verwirrung in die Nutzung unserer

2

-

�AMERIKA DIENST"
unserer Hilfsquellen und begünstigt immer wieder neue Rezessionen,
verringert die Staatseinnahmen und führt zu chronischen Haushaltsdefiziten.
Heute, da der inflationistische Druck der Kriegs- und Nachkriegszeit nicht mehr länger droht und der Dollar wieder neues Ansehen gewonnen hat und keine militärische Krise unsere Hilfsquellen
überfordert - heute ist die Zeit zum Handeln. Wir können es uns nicht
leisten, ängstlich und langsam vorzugehen. Denn es handelt sich hier
um die vordringlichste Aufgabe, vor die sich der Kongreß im Jahre 1963
gestellt sieht.
Schon bald werde ich in einer Botschaft an den Kongreß eine
ständige Senkung der Steuersätze vorschlagen, die die Steuerbelastung
um 13,5 Milliarden Dollar verringern wird. Hiervon entfallen 11 Milliarden Dollar auf die Senkung der Einkommensteuersätze, die gegenwärtig zwischen 20 und 91 Prozent liegen, auf einen vernünftigeren Satz
von 14 bis 65 Prozent bei gleichzeitiger Teilung der derzeitig ersten Steuergruppe. 2,5 Milliarden Dollar entfallen auf die Senkung
des Körperschaftssteuersatzes von 52 Prozent - der dem Staat gegenwärtig den Hauptanteil am Gewinn zuspricht - auf den vor der Koreakrise üblichen ständigen Satz von 47 Prozent. Dies geschieht zusätzlich zu der Senkung der Körperschaftssteuerbelastung um über 2 Milliarden Dollar auf Grund der im vergangenen Jahr eingeführten Steuererleichterungen für Investitionen und der erweiterten Abschreibungsmöglichkeiten .
Um diese Steuersenkungen innerhalb der Grenzen eines noch tragbaren Haushaltsdefizits vornehmen zu können, fordere ich: erstens
diese Steuersenkungen innerhalb von drei Kalenderjahren stufenweise
vorzunehmen, beginnend 1963 mi't einer Jahresrate von rund 6 Milliarden
Dollar; zweitens diese Steuersenkungen - beginnend 1 9&amp;4 - m^
ganz
bestimmten Strukturänderungen zu koppeln, die die Steuerbasis verbreitern, ungerechtfertigte oder unnötige Begünstigungen aufheben,
gewisse Härten beseitigen oder mildern und im Endeffekt rund 3»5 Milliarden der entgangenen Steuern wettmachen werden; und drittens die Haushaltseinnahmen von vornherein - ohne irgendwelche Änderung der Steuerbelastung - um jährlich 1,5 Milliarden Dollar über eine allmähliche
Vorverlegung der Steuertermine der großen Kapitalgesellschaften durch
raschere Veranlagung zu erhöhen. Dieses Gesamtprogramm wird durch
Steigerung des Volkseinkommens zu gegebener Zeit auch zu höheren
Staatseinnahmen führen. Es ist ein von fiskalischer Verantwortung getragenes Programm, der sicherste und vernünftigste Weg, um möglichst
bald einen ausgeglichenen Haushalt bei einer ausgeglichenen vollbeschäftigten Wirtschaft zu erzielen.
Diese Senkung der Steuerbelastung um Netto 10 Milliarden Dollar
wird zu einer Vermehrung der Kaufkraft der amerikanischen Familien und
Wirtschaftsunternehmen in jeder Steuergruppe führen, wobei die Verbraucher der unteren Einkommensgruppen am meisten profitieren werden. Außerdem wird sie die Initiative und die Risikobereitschaft fördern, von

-

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�"AMERIKA DIENST"
von denen unser freies Wirtschaftssystem abhängig ist, höhere Investitionen, eine höhere Produktionskapazität und eine bessere
Ausnutzung der vorhandenen Kapazität bewirken, mit zur Schaffung der
zwei Millionen neuen Arbeitsplätze beitragen, die wir jährlich brauchen, sowie das amerikanische Prinzip der zusätzlichen Belohnung für
zusätzliche Anstrengungen stärken. Ich will damit nicht sagen, daß
Maßnahmen für eine Senkung der Steuern und eine Steuerreform der
einzige Weg sind, um diese Ziele zu erreichen.
- Ohne Zweifel könnte eine massive Erhöhung der öffentlichen
Ausgaben ebenfalls Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum
schaffen - aber in Anbetracht der heutigen Verhältnisse sollte den
privaten Verbrauchern, Arbeitgebern und Investoren zuerst eine ausreichende Chance gegeben werden.
- Ohne Zweifel könnte eine vorübergehende Steuersenkung unserer
Wirtschaft einen Impuls geben - aber ein langfristiges Problem erfordert eine langfristige Lösung.
- Ohne Zweifel würde auch eine Herabsetzung entweder der Einkommen- oder der Körperschaftssteuer allein schon eine große Hilfe
darstellen - aber die Wirtschaftsunternehmen brauchen Kunden und die
Arbeitsuchenden Arbeitsplätze.
- Ohne Zweifel würde eine Herabsetzung der Steuern ohne eine
Reform vielen einfacher und attraktiver erscheinen - aber unser wirtschaftliches Wachstum wird ebenfalls durch eine Vielzahl von steuerlichen Ungerechtigkeiten und Präferenzen gehemmt, die den Fluß der
Investitionsgelder in falsche Bahnen gelenkt haben.
- Und schließlich gibt es ohne Zweifel einige, die eine Herabsetzung der Steuern lieber in der Hoffnung aufschieben würden, daß
letztlich ein Ende des kalten Krieges einen entsprechenden Schnitt
bei den Ausgaben ermöglichen könnte - aber dieses Ende ist nicht in
Sicht, und sich diesem Wunsche hinzugeben wäre kostspielig und widersinnig.
Mit der Vorlage eines Steuerprogramms, das selbstverständlich
das Defizit vorübergehend erhöhen wird, es aber letzten Endes ausgleichen kann, und in Anbetracht der Notwendigkeit einer Kontrolle
der Ausgaben werde ich in Kürze ein Regierungsbudget für das Haushaltsjahr 1964 vorlegen, das die erforderlichen Erhöhungen für Verteidigung, Raumfahrt und den Zinsendienst berücksichtigt und das die
Gesamtausgaben für alle anderen Posten unter dem Niveau für das laufende Jahr hält.
Dies erfordert die Reduzierung oder den Aufschub vieler wünschenswerter Programme - Auffangen eines großen Teils der Gehaltserhöhungen
für Bundesbedienstete im vergangenen Jahr durch Personaleinsparungen
und andere Sparmaßnahmen, Stillegung gewisser Einrichtungen und Beendigung gewisser Prodjkte sowie für mehrere Programme die Aufbringung

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�"AMERIKA DIENST"
Aufbringung von Anleihen von privater Seite anstatt durch die
öffentliche Hand. Aber ich bin überzeugt, daß die Verabschiedung
der Steuersenkung und -reform in diesem Jahr alle anderen innenpolitischen Probleme, die dieser Kongreß zu lösen hat, überschattet.
Denn wir können nicht auf die Dauer die Sache des Friedens und der
Freiheit anführen, wenn wir nicht im eigenen Lande Vorbild sind.
Eine Steuersenkung allein ist jedoch nicht genug, um unsere
Gesellschaft zu stärken, um für die vier Millionen Amerikaner, die
in jedem Jahr geboren werden, neue Möglichkeiten zu schaffen und
um das Leben der 32 Millionen Amerikaner zu verbessern, die immer
noch am Rande der Armut leben.
Die Qualität des amerikanischen Lebens muß Schritt halten mit
der Quantität der amerikanischen Güter.
Unser Land kann es sich nicht leisten, einerseits reich und
andererseits bitter arm zu sein.
Dadurch, daß wir die Budgetkosten der gegenwärtigen Programme
niedrig halten, damit sie in den von mir genannten Grenzen bleiben,
ist es sowohl möglich als auch dringend notwendig, weitere neue
Maßnahmen zu ergreifen, die aufzuschieben wir uns nicht leisten
können.
Diese Maßnahmen sind auf eine Reihe fundamentaler Voraussetzungen gegründet, die unter vier miteinander in Beziehung stehende
Sparten fallen:
Erstens müssen wir unsere Nation dadurch stärken, daß wir mehr
für unsere Jugend tun:
- Die Zukunft eines jeden Landes, das von dem Willen und der
Weisheit seiner Bürger getragen wird, leidet Schaden - und zwar nicht
wieder gutzumachenden Schaden - wenn von seinen Kindern nicht alle von der Grundschule über die höhere Schule - die Erziehung erhalten,
die eine volle Entfaltung ihrer Fähigkeiten ermöglicht. Heute beenden
schätzungsweise vier von zehn Schülern des fünften Schuljahres nicht
einmal die Oberschule - und das ist eine Vergeudung, die wir uns nicht
leisten können.
- Ferner ist nicht einzusehen, weshalb eine Million junger Amerikaner nach der Schulzeit keine Arbeit finden, nicht gebraucht werden
und oft als Ungelernte auf der Straße bleiben müssen, obwohl ihre
Kräfte nutzbringend eingesetzt werden könnten.
- Schließlich läßt der Erfolg unserer Freiwilligen vom Friedenskorps in Übersee - die meisten von ihnen junge Männer und Frauen mit
echtem Können und dem Idealismus zur Hilfeleistung für Völker, die
solcher Hilfe bedürfen - die Einrichtung eines ähnlichen Korps für den
Dienst in unseren eigenen Gemeinwesen als verdienstvoll erscheinen: _in.

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�'AMERIKA DIENST"
in Heilanstalten, in Indianerreservaten, in Altersheimen und
Jugendhaftanstalten, in Schulen für Analphabeten oder für geistig
Behinderte. So wie der Idealismus unserer Jugend dem Weltfrieden
bereits gedient hat, so kann er auch zu Ruhe und Frieden in der
Heimat beitragen.
Zweitens müssen wir unsere Nation stärken, indem wir ihre
Gesundheit schützen:
- Unsere arbeitenden Männer und Frauen sollten, anstatt
Unterstützung von der Öffentlichen Wohlfahrt in Anspruch nehmen
zu müssen, sobald sie alt und krank sind, jetzt damit beginnen, im
Rahmen des Sozialversicherungssystems Vorsorge für Krankheit im
Alter zu treffen.
- Außerdem werden alle Wunder medizinischer Forschung nur wenig
ins Gewicht fallen, wenn wir den gegenwärtigen Zustand, nämlich den
wachsenden Mangel an Ärzten, Zahnärzten und Schwestern und den weitverbreiteten Mangel an Pflegeheimen und modernen städtischen Krankenhauseinrichtungen, nicht beheben können. Nur um zu verhindern, daß
der gegenwärtige Prozentsatz an Ärzten und Zahnärzten weiter absinkt,
müssen wir die Kapazität unserer medizinischen Hochschulen in den
nächsten zehn Jahren um 50 Prozent, die unserer zahnärztlichen Hochschulen um 100 Prozent erhöhen.
- Schließlich - und ich sage dies aus tiefer Besorgnis - bin
ich der Überzeugung, daß das Ausgeliefertsein der Geisteskranken
und der geistig Behinderten an die Gnade und Barmherzigkeit geschlossener Anstalten nur zu oft eine unnötige Grausamkeit für diese
selbst und ihre Familien bedeutet, die unser Volk nicht dulden dürfte.
Geistige Behinderung ist bei uns dreimal häufiger als beispielsweise
in Schweden - und diese Zahl kann und muß verringert werden.
Drittens müssen wir unsere Nation durch den Schutz der Grundrechte
ihrer Bürger stärken:
- Das Recht auf saqhgemäße Beratung muß jedem Angeklagten vor
Gericht zustehen, gleichgültig, in welcher wirtschaftlichen Lage er
sich befindet.
- Und das kostbarste und gewichtigste Recht auf der Welt, das
Recht auf Teilnahme an einer freien amerikanischen Wahl, darf keinem
Bürger auf Grund seiner Hautfarbe oder Rasse verweigert werden. Ich
wünschte, daß alle politisch mündigen Amerikaner, die Wählen dürfen,
auch zur Wahl gingen - auf jeden Fall aber sollte in diesem Gedenkjahr
für die Emanzipationserklärung vor hundert Jahren allen, die wählen
wollen, dies stets auch gestattet sein.
Viertens müssen wir unsere Nation stärken, indem wir unsere
natürlichen Hilfsquellen und Einrichtungen auf wirtschaftlichste
Weise nutzen:
- Das

�'AMERIKA DIENST"
- Das Wohlergehen unserer Wirtschaft ist von intakten Verkehrsadern abhängig, und ich glaube, daß wir uns durch verstärkten Wettbewerb und den Abbau von Verordnungen eine zeitgemäßere und wirtschaftlichere Art der Dienstleistungen innerhalb des amerikanischen
Transportwesens schaffen können. Der örtliche Berufsverkehr, der
noch schlechter daran ist, ist eine kommunale Dienstleistung, die
ebenso notwendig ist wie Krankenhäuser und Autobahnen. Fast Dreiviertel
unserer Bevölkerung lebt in Städten, die nur zwei Prozent der Bodenfläche unseres Landes einnehmen, und wenn der örtliche Verkehr nicht
zusammenbrechen soll und unsere verstopften Städte entlastet werden
sollen, muß.die Bundesregierung ermutigend und helfend einschreiten.
- Ferner muß sich unsere Regierung um die Nahrungsmittel- und
Rohstoffbevorratung kümmern, mit einem bedauerlichen Aufwand von über
16 Milliarden Dollar. Wir müssen das Einkommen der Farmer auch weiterhin stützen, wir sollten aber nicht die Bestände an Agrarerzeugnissen
in Höhe von 7&gt;5 Milliarden Dollar, die wir bereits besitzen, noch vermehren. Wir müssen einen Vorrat an strategisch wichtigen Rohstoffen
halten, doch die Rohstoffe im Werte von 8,5 Milliarden Dollar, die wir aus gutem und schlechtem Grund - bereits aufgekauft haben, sind mehr
als ausreichend; und wir sollten ermächtigt werden, überschüssige Bestände so abzustoßen, daß der Markt nicht gestört wird.
- und als Letztes, unsere heute bereits überlaufenen Nationalparks und Erholungsgebiete werden in zehn Jahren doppelt soviel Besucher zählen wie jetzt. Wenn wir nicht heute schon auf die künftige
Mehrung dieser und anderer großer Schätze unserer Natur - nicht nur
der Parks und Waldungen, sondern auch der Wild- und Naturschutzgebiete,
der Wasserbauprojekte aller Art - bedacht sind, dann werden unsere Kin- I
der und Kindeskinder im wahrsten Sinne des Wortes einmal ärmer sein. Dem
Kongreß werden in Kürze Vorschläge unterbreitet werden, um diesen großen
Aufgaben gerecht zu werden.
Das sind nicht allein innenpolitische Angelegenheiten. Denn von
der größeren Dynamik und Stärke im eigenen Lande hängen unser Schicksal
und unsere Zukunft in der Welt ab - unsere Fähigkeit, die Sicherheit
freier Menschen und Staaten aufrechtzuerhalten und zu gewährleisten unsere Fähigkeit, ihre Respektierung unserer Führungsrolle zu erlangen unsere Fähigkeit, unseren Handel auszuweiten, ohne unsere Zahlungsbilanz
zu gefährden - unsere Fähigkeit, uns den wechselnden Anforderungen des
Wettbewerbs und der Herausforderung des kalten Krieges anzupassen.
Wir werden mehr nach dem beurteilt werden, was wir im eigenen
Hause vollbringen, als nach dem, was wir im Ausland predigen. Nichts
von dem, was wir für die Entwicklungsländer tun könnten, würde diesen
auch nur halb soviel helfen wie eine blühende Wirtschaft in den USA,
die die Rohstoffe aus diesen Ländern verbraucht; und nichts könnte den
Ehrgeiz unserer Gegner auch nur halb so stark anstacheln wie eine chronisch kränkelnde Wirtschaft in den USA. Diese innenpolitischen Aufgaben
würden die Kraftreserven unserer Sicherheit nicht anzapfen - sie sind
das eigentliche Fundament für den Fortbestand und den Erfolg der Frei-

�"AMERIKA PIEKST"
Wenden wir uns jetzt der Welt draußen zu. Noch vor wenigen
Jahren suchte der Kommunismus in Südostasien, in Afrika, in
Osteuropa, in Lateinamerika, ja sogar im Weltraum das Bild einei
einheitlichen, auf sich vertrauenden und sich ausweitenden Imperiums zu vermitteln, das ein träges Amerika und eine sich in
Unordnung befindliche freie Welt immer mehr einengte. Aber heute
würden wohl nur wenige Menschen an ein solches Bild glauben.
In den vergangenen Monaten haben wir erneut die Wissenschaft-^
liehe und militärische Überlegenheit der Freiheit bekräftigt. Wir
haben unsere Weltraumbemühungen verdoppelt, um sicherzustellen,
daß wir in Zukunft die ersten sind. Wir haben die weitestreichenden1
Verteidigungsverbesserungen getroffen, die unser Land jemals in
Friedenszeiten unternommen hat. Und wir haben die Grenzen der
Freiheit von Vietnam bis nach West-Berlin aufrechterhalten.
Aber Beschaulichkeit oder Selbstgefälligkeit können unsere
Sicherheit genauso gefährden wie die Waffen unserer Gegner. Eine
kurze Atempause ist noch nicht mit Frieden gleichzusetzen. Gefahrvolle Probleme bestehen weiterhin von Kuba bis zum Südchinesischen
Meer. Die Aussichten der Welt verheißen, kurz gesagt, nicht ein
Jahr der Erholung, sondern ein Jahr der Verpflichtungen und der
Möglichkeiten.
Vier besondere große Möglichkeiten zeichnen sich hier ab:
die Atlantische Allianz, die Entwicklungsländer, die neuen chinesisch-sowjetischen Schwierigkeiten und das Bemühen um einen weltweiten Frieden.
Wie steht es erstens um die große Allianz? Das freie Europa
tritt in eine neue Phase seiner langen und glanzvollen Geschichte
ein. Die Ära der kolonialen Expansion ist vorüber, die Ära der
nationalen Rivalitäten schwindet, und eine neue Ära der luterdependenz und der Einheit gewinnt Gestalt. Den alten Marx'sehen Prophezeiungen zum Trotz haben sich die freien Nationen Europas bereitgefunden, zu tun, was kein Eroberer erzwingen konnte: eine einheitliche Zielsetzung und Macht und Politik in jedem Aufgabenbereich
herzustellen.
Seit siebzehn Jahren haben wir diese Entwicklung sowohl politisch als auch wirtschaftlich konsequent unterstützt. Weit davon
entfernt, an dem neuen Europa Anstoß zu nehmen, betrachten wir sa
als willkommenen Partner, nicht als Rivalen. Denn der Weg zum Frieden und zur Freiheit der Welt ist noch sehr lang, und es gibt Lasten, die nur vollgültige Partner zu teilen vermögen - in der Vorsorge für die gemeinsame Verteidigung, in der Ausweitung des Welthandels, in der Ausgleichung unserer Zahlungsbilanz, in der Unterstützung der mündig werdenden Nationen, in der Abstimmung politischer
und wirtschaftlicher Direktiven und in der Einbeziehung anderer
Industriestaaten in unsere gemeinsamen Anstrengungen, namentlich
Japans, dessen bemerkenswerte wirtschaftliche und politische Entwicklung in den fünfziger Jahren ihm jetzt gestattet, in der Weltpolitik eine gewichtige konstruktive Rolle zu übernehmen.
;

8

-

Zweifellos

�"AMERIKA DIENST"
Zweifellos wird man auch weiterhin den Meinungsverschiedenheiten
mehr Aufmerksamkeit widmen als den Vereinbarungen über künftiges Handeln, während Europa den Übergang von der Unabhängigkeit zu einer
präziser formulierten Interdependenz vollzieht. Doch sind dies ehrliche Differenzen zwischen redlichen Bundesgenossen - und sie treten
tatsächlich konkreter und häufiger unter unseren westeuropäischen
Verbündeten auf als zwischen ihnen und den Vereinigten Staaten. Denn
die freiheitliche Einigkeit hat noch nie auf der Uniformität der Ansichten beruht. Aber nach wie vor herrscht innerhalb dieses Bündnisses
prinzipielle Übereinstimmung in den Grundsatzfragen.
Die erste Aufgabe des Bündnisses bleibt die gemeinsame Verteidigung. Im letzten Monat legten Premierminister Macmillan und ich
Pläne für einen neuen Abschnitt unserer langjährigen gemeinschaftlichen Bemühungen fest, wobei es darum geht, bei der umfassenderen Aufgabe des Aufbaus einer gemeinsamen Kernwaffenverteidigung für die
gesamte Allianz Hilfestellung zu leisten.
In der Vereinbarung von Nassau wird anerkannt, daß die Sicherheit des Westens unteilbar ist und daß wir dementsprechend unsere
Verteidigung einrichten müssen. Aber sie stellt auch fest, daß unser
Bündnis ein Bündnis stolzer und souveräner Nationen ist, das am besten
funktioniert, wenn wir dies nicht vergessen. Sie stellt ferner fest,
daß die Kernwaffenverteidigung des Westens keine Angelegenheit ist, für
die nur die gegenwärtigen Atommächte allein zuständig sind, daß Frankreich demnächst eine solche Macht sein wird und daß wir - ohne die Risiken der Kernwaffenausbreitung zu vergrößern - Wege finden müssen, um
die Mitwirkung unserer anderen Partner bei der Planung, Bemannung und
Leitung einer wirklich multilateralen Kernwaffenstreitmacht innerhalb
eines sich immer enger gestaltenden NATO-Bündnisses zu verstärken.
Schließlich stellt das Übereinkommen von Nassau fest, daß die Kernwaffenverteidigung nicht ausreicht, daß die vereinbarten NATO-Ziele für
die konventionellen Streitkräfte verwirklicht werden müssen und daß die
NATO-Bündnispartner es nicht darauf ankommen lassen dürfen, in eine
Lage zu geraten, in der sie jede Drohung nur noch mit Kernwaffen oder
aber überhaupt nicht beantworten könnten.
Wir stehen den Entscheidungen von Nassau noch zu nahe und sind von
ihrer endgültigen Verwirklichung noch zu weit entfernt, um sagen zu
können, welchen Platz sie in der Geschichte einnehmen werden. Ich
glaube jedoch, daß die nukleare Verteidigung zum ersten Mal angefangen
hat zu einer Quelle des Vertrauens statt zu einem Streitobjekt zu werten.
Das nächste dringende Anliegen der Allianz sind unsere gemeinsamen wirtschaftlichen Ziele auf dem Gebiet des Handels und der Expansion. Die amerikanische Nation ist weiterhin um das Defizit in
ihrer Handelsbilanz besorgt, das zwar kleiner geworden ist, aber
trotzdem ein hartnäckiges und unangenehmes Problem bleibt. Wir sind
darüber hinaus überzeugt, daß engere wirtschaftliche Beziehungen

-

9 -

�"AMERIKA DIENST"
Beziehungen zwischen allen freien Nationen für Prosperität und Frieden entscheidend wichtig sind. Weder wir noch die Mitglieder des
Gemeinsamen Marktes sind so reich, daß wir es uns auf die Dauer leisten könnten, landwirtschaftliche Betriebe oder Fabriken vor dem
frischen Wind der ausländischen Konkurrenz abzuschirmen oder die
Handelsbeziehungen mit anderen Nationen der freien Welt einzuschränken. Wenn sich der Gemeinsame Markt jetzt auf Protektionismus und Restriktionen verlegen sollte, würde er seine eigenen Grundprinzipien
untergraben. Die amerikanische Regierung will die ihr vom Kongreß
im vergangenen Jahr übertragene Vollmacht dazu benutzen, um die Ausweitung des Handels auf beidtn Seiten des Atlantik und auf der ganzen
Welt zu ermutigen.
Wie steht es nun zweitens mit den Entwicklungsländern und bündnisfreien Nationen? Sie waren, so glaube ich, über den plötzlichen
und geheimen Versuch der Sowjets, Kuba zu einer nuklearen Aggressionsbasis zu machen, und über die anmaßende Invasion Chinas in Indien
überaus bestürzt. Sie sind durch unsere sofortige Hilfe für Indien,
durch unsere über die Vereinten Nationen geleistete Unterstützung
für die Wiedervereinigung des Kongo, durch unser geduldiges Bemühen
um die Abrüstung und durch unsere bessere Behandlung von Bürgern und
Besuchern, deren Hautfarbe zufällig nicht weiß ist, beruhigt. Und
in dem Maße , in dem der alte Kolonialismus schwindet und der Neokolonialismus der kommunistischen Mächte krasser denn je in Erscheinung
tritt, erkennen sie immer klarer, daß es in der Auseinandersetzung
der Welt nicht um die Frage Kommunismus gegen Kapitalismus geht, sondern um die Frage Zwang gegen Entscheidungsfreiheit.
Sie erkennen, daß die Sehnsucht nach Unabhängigkeit in der ganzen
Welt die gleiche ist, ob es sich nun um die Unabhängigkeit von WestBerlin oder von Vietnam handelt. Sie erkennen, daß eine solche Unabhängigkeit allen kommunistischen Ambitionen zuwiderläuft, aber in
Übereinstimmung mit den unsrigen steht, und daß unsere Haltung gegenüber ihren Nöten beweglich und einfallsreich ist, während die Kommunisten sich auf alte Doktrinen und Dogmen stützen.
Dennoch ist es für jedes Land schwer, sich auf eine von außen
kommende oder subversive Bedrohung seiner Unabhängigkeit einzustellen,
wenn seine Energien im täglichen Kampf mit den Kräften der Armut und
Verzweiflung aufgezehrt werden. Es ist wenig sinnvoll für uns, in
Reden und Resolutionen die Schrecken des Kommunismus anzugreifen,
50 Milliarden Dollar pro Jahr zur Verhinderung seines militärischen
Vormarsches aufzuwenden und dann über die Ausgaben - hauptsächlich
für amerikanische Erzeugnisse - zu nörgeln, die weniger als ein Zehntel jener Summe ausmachen und die anderen Nationen helfen, ihre Unabhängigkeit zu festigen und das soziale Chaos zu beseitigen, in dem
der Kommunismus seit je gedieh.
Ich bin stolz - und ich glaube, auch die meisten Amerikaner sind
stolz - auf das gemeinsame Verteidigungs- und Hilfsprogramm, daß
mit Unterstützung beider Parteien unter drei verschiedenen Präsidenten

10

-

�AMERIKA DIENST
Präsidenten ausgebaut wurde und das, mit all seinen bekannten
Problemen, wesentlich dazu beigetragen hat, daß nicht ein einziges
der fast 50 Mitglieder der Vereinten Nationen», die seit dem Ende
des zweiten Weltkrieges ihre Unabhängigkeit gewonnen haben, dem
Kommunismus anheimfiel.
Ich bin stolz auf ein Programm, das dazu beigetragen hat,
Millionen von Menschen an der Front der Freiheit mit Waffen, Nahrung
und Kleidung zu versorgen.
Ich bin besonders stolz darauf, daß dieses Land ein riesiges
gemeinsames Vorhaben für die sechziger Jahre in Angriff genommen hat,
um wirtschaftliches Wachstum und sozialen Fortschritt im gesamten
amerikanischen Raum zu schaffen - die Allianz für den Fortschritt.
Ich unterschätze die Schwierigkeiten nicht, denen wir uns bei
dieser gemeinsamen Anstrengung zusammen mit unseren nächsten Nachbarn
gegenübersehen. Die freien Nationen dieser Hemisphäre haben jedoch in
enger Zusammenarbeit damit begonnen, dieser Allianz Gestalt zu geben.
Durch dieses Programm erhält gegenwärtig jedes vierte Kind im schulpflichtigen Alter in Lateinamerika eine Sonderration an Lebensmitteln
aus unseren Überschußbeständen, wurden ferner 1,5 Millionen Schulbücher
verteilt; und es werden 17 000 Klassenräume erstellt. Es hat dazu beigetragen, Zehntausende von Bauernfamilien auf Grund und Boden anzusiedeln, den sie ihr eigen nennen können. Es hat unsere Nachbarn zu größerer Selbsthilfe und Reformen angeregt - zu fiskalischen, sozialen,
institutionellen und Landreformen. Es bringt Millionen, die bisher
vergessen waren, Heime, Hoffnung und Gesundheit. Die Männer und Frauen
dieser Hemisphäre wissen, daß die Allianz keinen Erfolg haben würde,
wenn sie nur eine andere Bezeichnung für Geschenke aus den Vereinigten
Staaten wäre - und daß sie nur dann Erfolg haben kann, wenn die lateinamerikanischen Staaten selbst ihre ganze Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe einsetzen.
Las gleiche gilt für Afrika, für den Mittleren Osten und Asien.
Wo immer Nationen bereit sind, sich selbst zu helfen, sind wir bereit,
sie beim Aufbau neuer Bollwerke der Freiheit zu unterstützen. Wir kaufen keine Stimmen für den kalten Krieg; wir sind den gefährdeten Nationen zu Hilfe geeilt, und zwar den Neutralen genauso wie unseren Verbündeten. Was wir aber verlangen - und es ist alles, was wir verlangen
- ist, daß unsere Unterstützung so verwendet wird, daß sie größtmöglichen Nutzen bringt, und daß durch nutzlose Streitigkeiten mit
anderen unabhängigen Ländern die eigenen Bemühungen dieser Länder
nicht verzettelt werden.
Trotz aller Erfolge in der Vergangenheit dürfen wir uns um des
weiteren Fortschrittes des gemeinsamen Hilfsprogramms willen mit dem
bisher Erreichten keinesfalls zufriedengeben. Wir haben dieses Programm reorganisiert, um es zu einem wirksameren, schlagkräftigeren
Instrument zu machen, und dieser Prozeß wird in diesem Jahr weiter
andauern.
AV O T .

�"AMERIKA DIENST"
Aber im Kampf um die Entwicklung der freien Welt werden wir auch
weiterhin bergan schreiten müssen. Regierungshilfe kann die Punktion
der Privatinvestition, der Ausweitung des Handels, der Stabilisierung
der Rohstoffpreise und vor allem der Eigenbemühungen um die Verbesserung der Verhältnisse nur ergänzen. Der Prozeß des Wachstums geht
stufenweise vor sich - und trägt Früchte erst in einem Jahrzehnt und
nicht in einem Tag. Unsere Erfolge werden weder über Nacht kommen
noch aufsehenerregend sein. Aber wenn diese Programme jemals eingestellt werden sollten, dann würden unsere Fehlschläge in einem
Dutzend Länder auf einen Schlag und mit Sicherheit spürbar sein.
In dem Kampf gegen die Armut dürfen jedoch Geld und technische
Hilfe nicht unsere einzigen Waffen sein. Letztlich ist die entscheidende Anstrengung eine Sache der Zielsetzung - die nicht nur den
Brennstoff des Geldes, sondern die Flamme des Idealismus erfordert.
Und niemand trägt den Geist des amerikanischen Idealismus wirksamer
in die entfernten Winkel der Erde und verleiht unseren Hoffnungen
besseren Ausdruck als das Friedenskorps.
Vor einem Jahr arbeiteten im Friedenskorps noch weniger als
900 Freiwillige, Heute in einem Jahr werden es über 9000 Männer
und Frauen sein, im Alter zwischen 18 und 79» die bereit sind, zwei
Jahre ihres Lebens zu geben, um Menschen in anderen Ländern zu helfen.
Tatsächlich sind es nahezu eine Million Amerikaner, die ihrem
Lande und der Sache der Freiheit in Übersee dienen - eine Zahl, die
kein anderes Volk aufweisen kann. Ohne Frage sollten diejenigen von
uns, die hier in der Heimat bleiben, froh sein, indirekt helfen zu
können, indem sie unsere Hilfsprogramme unterstützen, indem sie den
fremden Besuchern, Studenten und Diplomaten unsere Türen öffnen und
indem sie Tag für Tag sowohl mit Taten als auch mit Worten beweisen,
daß wir ein gerechtes und großherziges Volk sind.
Drittens, was können wir uns von den wachsenden Belastungen und
Spannungen innerhalb des kommunistischen Blockes erhoffen? Hier muß
Hoffnung mit Vorsicht verbunden werden. Denn bei den sowjetisch-chinesischen Meinungsverschiedenheiten geht es um die Mittel, nicht um
die Ziele. Ein Disput darüber, wie die freie Welt begraben werden kann,
ist kein Anlaß, über den der Westen sich freuen kann.
Wenn ein Druck auch noch keinen Bruch bedeutet, so ist es
dennoch klar, daß die verschiedensten Kräfte innerhalb des kommunistischen Lagers am Werke sind, und zwar trotz aller eisernen Disziplin der Reglementierung und trotz aller eisernen ideologischen
Dogmen. Marx ist erneut des Irttums überführt worden, denn es sind
die geschlossenen kommunistischen Gesellschaften und nicht die
freien und offenen Gesellschaften, die den Keim der inneren Auflösung
in sich tragen.
Die

�AMERIKA DIENST
Die Unordnung innerhalb des kommunistischen Imperiums wurde
noch durch zwei weitere gewaltige Kräfte vergrößert. Eine ist die
historische Kraft des Nationalismus und der Sehnsucht aller Menschen
nach Freiheit. Die andere ist die offenkundige Erfolglosigkeit der
kommunistischen Volkswirtschaften. Denn eine geschlossene Gesellschaft steht den Fortschrittsideen nicht aufgeschlossen gegenüber.
Und auch ein Polizeistaat wird herausfinden, daß er das Wachsen des
Getreides nicht befehlen kann.
Neue Nationen, die aufgefordert werden, zwischen den beiden
konkurrierenden Systemen zu wählen, brauchen nur die Verhältnisse
in Ost- und Westdeutschland, in Ost- und Westeuropa, in Nord- und
Südvietnam zu vergleichen. Sie brauchen nur die Enttäuschung des
kommunistischen Kuba den Verheißungen der Allianz für den Fortschritt
für die westliche Hemisphäre gegenüberzustellen. Und alle Welt weiß,
daß kein erfolgreiches System eine Mauer errichtet, um seine Bevölkerung ein- und die Freiheit auszusperren, und daß die Mauer, die
Berlin teilt, ein Symbol des kommunistischen Versagens ist.
Und als Letztes: Was können wir tun, um aus der gegenwärtigen
Atempause heraus zu einem dauerhaften Frieden zu gelangen? Ich möchte
wiederum zur Vorsicht mahnen. Ich sehe keine augenfällige Änderung
der Methoden und Ziele der Kommunisten voraus. Wenn aber alle diese
Tendenzen und Entwicklungen die Sowjetunion dazu bewegen können, den
Pfad des Friedens zu wandeln, dann wollen wir ihr zu verstehen geben,
daß alle freien Völker sie begleiten werden. Bis sie sich aber zu dieser Wahl entschließt und bis die Welt ein verlässliches System der
internationalen Sicherheit entwickeln kann, haben die freien Völker
keine andere Wahl, als ihre Waffen griffbereit zu halten.
Unser Land wird deshalb auch weiterhin die beste Verteidigung
der V/elt nötig haben - eine Verteidigung, die den sechziger Jahren angemessen ist. Das bedeutet bedauerlicherweise einen steigenden Verteidigungshaushalt, denn es gibt keinen Ersatz für eine ausreichende Verteidigung; und zu Discountladenpreisen ist sie nicht zu haben. Es bedeutet die Aufwendung von über 15 Milliarden Dollar in diesem Jahr,
allein für unsere Kernwaffenrüstung - eine Summe, die etwa ebenso groß
ist wie die Verteidigungshaushalte unserer europäischen Alliierten zusammen .
Aber es bedeutet auch eine verbesserte Luft- und Raketenverteidigung, eine verbesserte zivile Verteidigung, den Ausbau'der Einheiten
zur Partisanenbekämpfung und, was von höchster Wichtigkeit ist, die
Schaffung schlagkräftigerer und elastischerer nicht-nuklearer Streitkräfte. Denn Drohungen mit massiven Vergeltungsmaßnahmen mögen vor
kleineren Aggressionen nicht abschrecken - und eine Sperrkette von
Zerstörern in Quarantäne oder eine Division gutausgerüsteter Soldaten
an einer Grenze können unserer wirklichen Sicherheit nützlicher sein
als eine Anhäufung furchterregender Waffen über jede denkbare
Notwendigkeit hinaus.
Unsere

�"AMERIKA DIENST"
Unsere Verpflichtung gegenüber der nationalen Sicherheit ist
jedoch keine Verpflichtung, den Aushau unserer militärischen Einrichtungen ins Unendliche fortzusetzen. Wir tun die Abrüstung nicht als
einen schönen Traum ab. Denn wir sind davon überzeugt, daß dies
letztlich der einzige Weg ist, die Sicherheit aller ohne Gefährdung
der Interessen des einzelnen zu gewährleisten. Auch verwechseln wir
ehrenhafte Verhandlungen nicht mit Beschwichtigung. So wie wir in
der Verteidigung der Freiheit niemals müde werden, so werden wir auch
niemals das Streben nach Frieden aufgeben.
In diesem Bemühen bedürfen die Vereinten Nationen unserer vollen
und fortdauernden Unterstützung. Wie wertvoll sie im Dienst der Sache
des Friedens sind, zeigte sich erneut in ihrer Rolle bei der Regelung
in Westneuguinea, ihrer Inanspruchnahme als Forum zur Beilegung der
Kuba-Krise und in ihrer Aufgabe bei der Vereinigung des Kongo. Heute
sind die Vereinten Nationen in erster Linie Beschützer der Kleinen
und Schwachen und ein Sicherheitsventil für die Starken. Morgen können
sie den Rahmen für eine Welt des Rechts bilden - eine Welt, in der
keine Nation über das Geschick einer anderen bestimmt und in der die
riesigen Hilfsquellen, die jetzt für Zwecke der Zerstörung genutzt
werden, konstruktiven Zielen dienen.
Mit einem Wort, unsere Gegner mögen also wählen. Entscheiden sie
sich für den friedlichen Wettbewerb, so sollen sie ihn haben. Falls
sie sich darüber klar werden, daß ihre ehrgeizigen Pläne nicht zu
verwirklichen sind - wenn sie erkennen, daß ihre 'Befreiungskriege'
und ihre Wühlarbeit letzten Endes scheitern - wenn sie erkennen, daß
die Akzeptierung einer Inspektion mehr Sicherheit gewährleistet, als
wenn noch mehr Nationen die Möglichkeit gegeben wird, sich in der
schwarzen Kunst der Kernwaffen und des Atomkrieges zu üben - und wenn
sic,so wie wir, tatsächlich willens sind, ihre Energien den großen unvollendeten Aufgaben de:r eigenen Völker, zuzuwenden - dann kann die Übereinstimmung ganz gewiß sehr weite Gebiete umfassen: eine klare Einigung im Falle Berlin, Stabilität in Südostasien, Beendigung der Kernwaffenversuche, neue Sicherungen gegen Überraschungsangriffe oder Angriffe auf Grund eines Irrtums, und endlich auch eine allgemeine und
vollständige Abrüstung.
Denn wir wollen nicht den weltweiten Sieg eines Landes oder
Systems, sondern den weltweiten Sieg des Menschen. Die moderne Welt
ist zu klein, ihre Waffen sind zu zerstörerisch - sie vermehren sich
zu- rasch - und das Übel ist zu groß, als daß irgendeine andere Form
des Sieges in Frage käme.
Die Vereinigten Staaten werden,um dieses Ziel zu erreichen,
auch weiterhin einen größeren Teil ihres Bruttosozialprodukts als
jedes andere Volk der freien Welt aufwenden. Fünfzehn Jahre lang
hat keine andere freie Nation isich so viel abverlangt. Durch heiße
und kalte Kriege, durch Rezession und Wohlstand, durch das Atom- und
Weltraumzeitalter hindurch hat das amerikanische Volk weder gezögert,
noch ist es jemals in seinem Glauben ermattet. Wenn es zuzeiten
scheint, als ob unsere Handlungen dazu angetan seien, das Leben anderer zu erschweren, so nur, weil die Geschichte das Leben für uns
alle schwer gemacht hat.
_,

"

14 -

�AMERIKA DIENST
Schwere Tage müssen aber nicht unbedingt dunkle Tage sein.
Ich glaube, wir leben - was die Sache des Friedens und der Freiheit angeht - in einer stolzen und denkwürdigen Zeit. Wir sind beispielsweise
stolz auf Major Rudolf Anderson, der sein Leben über der Insel Kuba
gelassen hat. Wir neigen uns vor dem Spezialisten James Allen Johnson,
der an der Grenze von Südkorea sein Leben gab. Wir gedenken in Ehrfurcht Sergeant Gerald Pendells, der in Vietnam gefallen ist. Sie
gehören zu den vielen, die in diesem Jahrhundert fern der Heimat für
unser Land gestorben sind. Unsere Aufgabe und die Aufgabe aller
Amerikaner ist es nunmehr, uns ihres Opfers würdig zu erweisen.
Meine Freunde k ich.iSchließe-mit einem Wort der Hoffnung. Wir lassen uns durch die augenblickliche Windstille oder den etwas helleren
Himmel über uns nicht einschläfern. Wir wissen um das, was darunter
brodelt, um die Stürme, die in diesem Jahr hinter dem Horizont auf uns
warten. Aber die Winde, die einen Wandel bewirken, scheinen nunmehr
stärker au wehen als'' je zuvor - in der kommunistischen Welt ebenso
wie in unserer eigenen. Seit 175 Jahren segeln wir mit diesen Winden
im Rücken und getragen von der Strömung der menschlichen Freiheit.
Wir steuern unser Schiff, erfüllt von Hoffnung, wie Thomas Jefferson
sagte, 'die Furcht hinter uns lassend'.
Auch heute heißen wir diese Winde willkommen - und wir haben allen
Grund zu der Annahme, daß die uns tragende Strömung stark ist. Wir
danken dem allmächtigen Gott, daß er uns durch eine gefährliche Enge
geleitet hat, und erbitten abermals seine Hilfe in unserem Bemühen,
das 'gute Schiff Union' zu steuern."

* * *- * *

�A M E R I K A

D I E N S T

fi ./XV-4
KENNEDY LEGT NEUEN HAUSHALT VOR
Zusammenfassung der wichtigsten Punkte d$s Budgets 1963/64

WASHINGTON - (AD) - Präsident Kennedy hat dem amerikanischen
Kongreß am 17« Januar 1963 den neuen Haushalt für das am 1. Juli
beginnende Finanzjahr 1964 vorgelegt, der mit Einnahmen in Höhe
von 86,9 Mrd. Dollar und Ausgaben von 98,8 Mrd. Dollar ein Defizit
von 11,9 Mrd. Dollar aufweist.
In seiner Botschaft an den Kongreß, die auf 1182 Seiten eine
detaillierte Aufschlüsselung der einzelnen Regierungsprogramme im
Finanzjahr 1964 (1963/64) gibt, unterstreicht Kennedy, daß die von
ihm vorgeschlagene Haushalts- und Finanzpolitik "den dringendsten
Erfordernissen unseres Volkes Rechnung tragen, die wirksame Durchführung der Regierungsaufgaben fördern und die die Wachstumsrate unserer Wirtschaft hemmenden Bremsen beseitigen helfen wird. Wir haben nicht zwischen einem Defizit und einem Haushaltsüberschuß zu
wählen, sondern vielmehr zwischen zwei Arten von Defiziten: einem
chronischen Defizit der Trägheit auf Grund eines unzureichenden
wirtschaftlichen Wachstums und einem temporären Defizit auf Grund
eines Steuer- und Ausgabenprogramms, das unsere nationale Sicherheit
gewährleisten, die Wirtschaftstätigkeit beleben, die Steuereinnahmen
steigern und künftige Haushaltsüberschüsse schaffen soll. Die erste
Art von Defizit ist ein Zeichen der Vergeudung und der Schwäche, die
zweite stellt eine Investition in die Zukunft dar. Es ist von größter Wichtigkeit für die kommenden Jahre, daß wir jetzt mutig handeln,
wenn wir für eine ständig steigende Zahl von Arbeitsfähigen mehr
Arbeitsplätze sicherstellen, wenn wir einen höheren Lebensstandard
erreichen und wenn wir weiterhin die von uns innerhalb der Gemeinschaft der freien Welt geforderte führende Rolle ausüben sollen. Ich
bin fest davon überzeugt, daß das in diesem Haushalt niedergelegte
Programm eine richtige Anwendung der fiskalischen Mittel zur Verwirklichung dieser wichtigen Ziele verkörpert".
Beträchtliche ungenutzte Kapazitäten
Kennedy betont, daß sich das wirtschaftliche Klima in den beiden letzten Jahren wesentlich gebessert habe und daß eine weitere
bedeutende Besserung möglich sei. In den beiden vergangenen Jahren
habe die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen um 9 Prozent
zugenommen; die Lohn- und Gehaltszahlungen seien um 10 Prozent und

1

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
und die Gesellschaftsgewinne um 18 Prozent gestiegen; und es
seien über eine Million neue Arbeitsplätze in der Wirtschaft
geschaffen worden. Dabei sei jedoch das Preisniveau in den USA
mit am stabilsten gewesen, und das Zahlungsbilanzdefizit habe
beträchtlich abgebaut werden können.
Damit, so unterstreicht Kennedy, dürften sich die USA jedoch
nicht zufriedengeben. Im vergangenen Jahr sei die wirtschaftliche
Entwicklung hinter den Erwartungen zurückgeblieben, und die Kluft
zwischen den tatsächlichen und den potentiellen Leistungen der
Wirtschaft, die sich 1957 zu öffnen begann, sei bisher noch nicht
geschlossen worden. Die ungenutzten Produktionskapazitäten seien
zu groß, Eie Arbeitslosigkeit sei zu hoch, und die Wachstumsrate
bleibe hinter den Möglichkeiten zurück. Die in den vergangenen zwei
Jahren erzielten Fortschritte dürften nicht die Tatsache verschleiern, daß die amerikanische Wirtschaft mehr Arbeitsplätze bereitstellen und mehr Güter erzeugen könne, als dies gegenwärtig der
Fall sei.
Seit mehr als fünf Jahren, so führt der Präsident aus, habe
die Gesamtnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen von Seiten der
Verbraucher und der Unternehmen nicht mehr zur vollen Ausnutzung der
in der Wirtschaft vorhandenen Kapazitäten ausgereicht. Ein wesentlicher Grund hierfür sei in den hohen Steuern und Abgaben - bei
Bund, Einzelstaaten und Kommunen - zu sehen, die gegenwärtig insgesamt über 150 Mrd. Dollar im Jahr ausmachen. Wenn die Wirtschaft
wieder auf Hochtouren laufen solle, dann müsse die die Verbraucherausgaben und die Unternehmerinitiative hemmende Wirkung der Steuern
beseitigt werden. Aus diesem Grunde enthalte der neue Haushalt als
wichtigen Bestandteil ein Steuersenkungs- und Reformprogramm, das
die Wirtschaftstätigkeit beleben und Vollbeschäftigung sowie eine
höhere Wachstumsrate bei stabilen Preisen bringen solle. Wenn auch
die durch eine Senkung der Steuern bewirkte Wirtschaftsexpansion
später zu höheren Haushaltseinnahmen führen werde, so sei die unmittelbare Auswirkung zunächst jedoch ein Einnahmeausfall. Aus diesem
Grunde seien in dem neuen Haushalt auch die Ausgaben stark eingeschränkt worden.
Höhere Aufwendungen für Verteidigung und Weltraumprogramme
Für die Verteidigung und die Weltraumprogramme, so betont
Kennedy, "wo eine falsche Sparsamkeit die nationalen Interessen,
ja selbst das Fortbestehen der USA als Nation ernstlich gefährden
könnte", seien die Ausgabenansätze erhöht worden. Desgleichen seien
auch die Aufwendungen zur Bedienung der Staatsschuld gestiegen. Dagegen sei der Gesamtbetrag der Ausgaben für alle übrigen Programme
mit 29,4 Mrd. Dollar um 300 Millionen Dollar niedriger als in diesem
(Finanz-)Jahr, wobei Erhöhungen bei einzelnen Programmen durch Kürzungen bei anderen ausgeglichen werden.
Der Präsident weist darauf hin, daß bei der Vorlage des neuen
Finanzplanes der Regierung für das Haushaltsjahr 1964 mehr Nachdruck

2

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Nachdruck auf die Darlegung eines Gesaratzahlungsplanes gelegt
worden ist, der nicht nur die tatsächlichen Einnahmen und Ausgaben
des Bundeshaushalts, sondern auch die Einnahmen und Ausgaben der
Treuhandfonds und anderweitiger Programme ausweist.
GesamtZahlungsplan

Finanzjahr

1962

1963

1964

in Milliarden Dollar
tatsächlich
geschätzt
Gesamteinnahmen einschließlich
Treuhandfonds (Trust Funds)

101,9

108,5

112,2

Gesaratausgaben einschließlich
Treuhandfonds (Trust Funds)

107,7

116,8

122,5

Defizit einschließlich
Treuhandfonds (Trust Funds)

5,8

8,3

10,3

Haushaltseinnahmen

81,4

85,5

86,9

Haushaltsausgaben

87,8

94,3

98,8

6,4

8,8

11,9

Haushaltsdefizit

Keine Inflationsgefahr
Kennedy betont, daß niemand auf Grund des Defizits im neuen
Haushalt Furcht vor einer inflationistischen Entwicklung oder Besorgnisse hinsichtlich der Zahlungsbilanz zu haben brauche. Das Programm für eine stetige Wirtschaftsexpansion und steigende Produktiv]
stehe durchaus im Einklang mit der Aufrechterhaltung einer relativen
Preisstabilität, wie sie bereits in den letzten Jahren bestanden hab
Dies sei von besonderer Wichtigkeit für den Außenhandel. Eine nachhaltige Wirtschaftsexpansion werde sich günstig auf die Inlandsinvestitionen sowie die Produktivität der Industrie auswirken und zusammen
mit den Maßnahmen zum Ausgleich der Zahlungsbilanz zu einer Stärkung
des Dollars beitragen, was von den Freunden der USA im Ausland in
immer stärkerem Maße erkannt werde.
Steuersenkungen und strukturelle Änderungen
Das neue Steuerprogramm, so führt Kennedy aus, bringe eine
beträchtliche ständige Senkung der Einkommen- und Körperschaftssteuersätze sowie verschiedene wichtige strukturelle Änderungen, um die
wirtschaftliche Expansion zu fördern, die Gleichheit in der Besteuerung
zu verbessern und die Steuergesetze Sowie die Verwaltung zu vereinfache
Ein Teil der Steuersenkungen solle bereits dieses Jahr wirksam werden.

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
werden, während eine weitere Senkung der Steuersätze sowie die
strukturellen Änderungen für 19&amp;4 unt* 19^5 vorgesehen seien. Das
gesamte Programm, das er dem Kongreß in Kürze unterbreiten werde,
stelle eine Einheit und einen wichtigen Schritt in den Bemühungen
zur Stärkung und Verbesserung des Steuersystems dar. Unter Zugrundelegung der Einkommen in diesem Jahr dürfte das Steuerprogramm insgesamt für den Steuerzahler eine Entlastung von Petto 10 Mrd. Dollar
bringen. Da diese Steuersenkung jedoch zu einer Beschleunigung der
Wirtschaftsexpansion und damit zu höheren Einkommen und Unternehmergewinnen führen werde, werde innerhalb weniger Jahre ein erhöhter Fluß
an Steuereinnahmen einsetzen.
Haushaltsansätze berücksichtigen Auswirkungen der Steuersenkung
Bei dem Ansatz für die Haushaltseinnahmen, so erklärt Kennedy, se
von der Voraussetzung ausgegangen worden, daß das Bruttosozialprodukt
1963 auf 578 Mrd. Dollar ansteigen werde, wobei diese Zahl einen Mittelwert mit möglichen Abweichungen von 5 Mrd. Dollar nach beiden Seiten darstelle. Dabei seien auch die wirtschaftlichen Auswirkungen
des vorgeschlagenen Steuerprogramms berücksichtigt worden. Die in
diesem Jahr vorgesehenen Steuersenkungen würden insgesamt einen Einnahmeausfall im neuen Haushaltsjahr von 5*3 Mrd. Dollar bringen, der
jedoch, da die zu erwartende Wirtschaftsexpansion eine Einnahmensteigerung bewirken werde, zum Teil wieder ausgeglichen werde, so daß sich
aus dem neuen Steuerprogramm lediglich eine Minderung des Steueraufkommens um netto 2,7 Mrd. Dollar ergeben dürfte. Trotz dieses Steuerausfalls könne jedoch auf Grund des zu erwartenden höheren Bruttosozialprodukts sogar mit einer Zunahme der Einnahmen um 1,4 Mrd. Dollar
im Finanzjahr 1964 feerechnet werden.
Ausgaben stellen ein Minimum dar
Die von ihm vorgeschlagenen Ausgaben, so unterstreicht der Präsident, stellten ein Minimum dar, das zur Erfüllung der dringend notwendigen Aufgaben einer vielseitigen und expandierenden Gesellschaft
in einer Zeit des kalten Krieges unbedingt notwendig sei.

Ausgaben

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
AUSGABEN (Zusammenfassung)

Finanzjahr

1962

Haushaltsausgaben

1963

1964

in Milliarden Dollar
tatsächlich . geschätzt

Nationale Verteidigung
Weltraumforschung und Technik
Zinsendienst

Zwischensumme

51,1
1,3
9,2

53,0
2,4
9,8

55,4
4,2
10,1

61 , 6

65,2

69,7

2,8

2,7

1,1
5,4
1,9

2,9
6,7
2,4
3,3
0,5
4,9
1,4
5,5
2,0

26,8

29,6

29,4

-

0,1

0,4

0,6

0,6

87,8

94,5

0,7
98,8

20,4
2,71,5
0,7
0,4

21 ,8
2,9
0,5
0,9
1,7

22,8
5,2
1,0
0,6
1,5

0,5
25,2

0,5
27,5

0,5
28,4

5,5

4,8

4,7

116,8

122,5

Übrige Programmez
I n t e r n a t i o n a l e Angelegenheiten
Landwirtschaft
Bodenschätze
Handel und Transportwesen
Wohnungsbau und S t ä d t e e n t w i c k l u n g
G e s u n d h e i t s - und Sozialprogramme
Erziehungswesen
Kri e g s v e t e r a n e n
Allgemeine Regierungsausgaben

5,9
2,1
2,8
0,3

4,5

Zwischensumme
Sonstiges
abzüglich Posten der Rechnungsangleichung
Haushaltsausgaben-Gesamtsumme:

5,7
2,5
3,4
0,3
5,6
1,5

5,5
2,2

Treuhandfonds':
Gesundheits- und Sozialprogramme
Handel und Transportwesen
Wohnungsbau und Städteentwicklung
Kriegsveteranen
Andere
Abzüglich Posten der Rechnungsangleichung
Gesamtsumme Treuhandfonds:
Abzüglich interministerielle
Transaktionen

107",7

Gesamtsumme:
-

5

-

Wohin

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Wohin der Haushalts-Dollar rollt
Von jedem Dollar, den der amerikanische Steuerzahler aufgebracht
hat, sind in dem neuen US-Haushalt 55 Cent für die nationale Verteidigung, 4,2 Cent für die Weltraumprogramme, 10,1 Cent für den Schuldendienst, 5 »6 Cent .für die Landwirtschaft, 5»5 Cent für Gesundheitsund Sozialprogramme, 5,4 Cent für Kriegsveteranen-Programme und 14»2
Cent für alle übrigen Regierungsaufgaben zusammen bestimmt. Die zur
Bestreitung der Haushaltsausgaben erforderlichen Mittel werden zu
47 Prozent durch die Einkommensteuer, zu 24 Prozent durch die Körperschaftssteuer, zu 12 Prozent durch die Verbrauchssteuern, zu 10 Prozent
über den Kapitalmarkt und zu 7 Prozent durch andere Einnahmequellen
aufgebracht.
Verteidigung nicht zu Discount-Preisen
Für die nationale Verteidigung fordert Präsident Kennedy 55»4
Mrd. Dollar an. Dieser Betrag liegt um 10 Mrd. Dollar über dem Ausgabenniveau des Jahres 19&amp;0 und um 2,4 Mrd. Dollar höher als im laufenden Haushaltsjahr. In der Botschaft wird in diesem Zusammenhang auf
die Gefahren hingewiesen, denen sich die freie Welt heute gegenübersieht, und betont, daß es für die Verteidigung keine Discount-Preise
gebe .
Wörtlich erklärt der amerikanische Präsident zum Thema internationale Verteidigung:
"Für die Verteidigung gibt es keine Discount-Preise. Die freie
Welt muß jederzeit darauf vorbereitet sein, den Gefahren eines globalen Atomkrieges, einem begrenzten konventionellen Konflikt und der
heimlichen Guerilla-Tätigkeit entgegenzutreten.
Das Budget des Jahres 1964 führt die Politik der Regierung fort,
die zum Schutz gegen jede dieser Gefahren benötigten flexiblen und
ausgewogenen Streitkräfte aufzustellen und zu stärken und sie zu den
niedrigstmöglichen Kosten auszurüsten und aufrechtzuerhalten. Die gesamten Ausgaben für die nationale Verteidigung werden für das kommende
Jahr auf 56 Mrd. Dollar veranschlagt, wovon 55,4 Milliarden Dollar auf
den Ordentlichen Haushalt entfallen. Dieser Betrag liegt um rund 10
Mrd. Dollar über dem Ausgabenniveau des Jahres i960 und hat zusammen
mit der Erweiterung des Weltraumprogramms in erster Linie die Ausweitung des Haushalts seit dem Amtsantritt meiner Regierung bewirkt.
j)ie im Budget für 1964 enthaltenen Vorschläge für die nationale
Verteidigung legen - wie in den letzten Jahren - auch weiterhin den
Nachdruck auf:
aine starke strategische Vergeltungsmacht, die einen Überraschungsangriff überstehen und in kontrollierter und flexibler Weise wirksam
gegen den Aggressor zurückschlagen kann. Eine weitere Anzahl von im
Inland stationierten Minuteman-Raketen wird bereitgestellt und in
sicheren und über das Land verteilten Anlagen untergebracht. Sechs

-

6 -

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Sechs weitere Polaris-U-Boote werden zur Verfügung stehen, und
die Arbeiten an den verbesserten Ausführungen der Minuteman- und
der Polaris-Raketen werden fortgesetzt}
verbesserte Luft- und Raketen-Verteidigungsstreitkräfte. Unser
Verteidigungssystem für die Bomberabwehr und unser ballistisches
Raketen-Warnsystem werden verstärkt. Große Anstrengungen werden
weiterhin auf die Entwicklung einer Verteidigung gegen Raketen verwendet werden, wozu auch die weitere Erprobung der Nike-Zeus-Raketenabwehrrakete sowie die Anfangsentwicklung der moderneren Nike-X-Boden-Luft-Rakete gehören;
schlagkräftigere und beweglichere konventionelle Erd-, Seeund Luftstreitkräfte, um den Bereich einer nicht-nuklearen Reaktion
auf einen Angriff zu erweitern. Die Bereitstellung konventioneller
Waffen, Ausrüstungen, Munition, Hubschrauber sowie taktischer Jagdund Aufklärungsflugzeuge der Luftstreitkräfte für eine wirksamere
Unterstützung der Erdkampfeinheiten wird beschleunigt werden. Die
Haushaltsansätze sehen 16 einsatzbereite Armeedivisionen, 3 Divisionen und Luftgeschwader des Marinekorps, eine weitere Modernisierung
der Flotte sowie zusätzliche 15 000 Mann für die Armee zur Erprobung
der Konzeption einer Luftangriffsdivision und andere neue Lufteinheiten vor&gt;
6sin Strahlenschutz-Programm der Zivilverteidigung, mit dessen
Hilfe die Chancen, daß ein großer Teil unserer Bevölkerung einen
eventuellen Atomangriff überleben würde, verbessert werden;
Verstärkte Einheiten zur Abwehr der Subversion, um unseren Verbündeten zu helfen, mit kommunistischer Unterwanderung und insgeheim
betriebener bewaffneter Aggression innerhalb ihrer Landesgrenzen fertig zu werden."
3,75 Milliarden Dollar für die Auslandshilfe
In dem Abschnitt der Botschaft, in dem Präsident Kennedy die
internationalen Programme und ihre Finanzierung behandelt, wird auf
die Entschlossenheit der USA hingewiesen, die Sicherheit der freien
Welt weiterhin zu fördern und zu stärken - nicht nur durch die
Verpflichtungen, die die USA zur Verteidigung der Freiheit eingegangen seien, sondern auch durch die Zusicherung, zur wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklung der weniger bevorzugten unabhängigen Völker
beizutragen. "Der Angriff des kommunistischen China auf Indien sowie
der anhaltende Kampf Vietnams gegen eine massive, von außen unterstützte bewaffnete Subversion sind die jüngsten Beispiele für die
Notwendigkeit und Bedeutung unserer Unterstützung", heißt es in der
Botschaft wörtlich. "Das ständig zunehmende Tempo der Modernisierung
sowie die wachsenden Bemühungen am Reformen und Selbsthilfe in zahlreichen Nationen verdienen unsere Unterstützung und Förderung."
Die

�"AMERIKA DIENST"
Wenden wir uns jetzt der Welt draußen zu. Noch vor wenigen
Jahren suchte der Kommunismus in Südostasien, in Afrika, in
Osteuropa, in Lateinamerika, ja sogar im Weltraum das Bild eines
einheitlichen, auf sich vertrauenden und sich ausweitenden Imperiums zu vermitteln, das ein träges Amerika und eine sich in
Unordnung befindliche freie Welt immer mehr einengte. Aber heute
würden wohl nur wenige Menschen an ein solches Bild glauben.
In den vergangenen Monaten haben wir erneut die wissenschaftliche und militärische Überlegenheit der Freiheit bekräftigt. Wir
haben unsere Weltraumbemühungen verdoppelt, um sicherzustellen,
daß wir in Zukunft die ersten sind. Wir haben die weitestreichenden
Verteidigungsverbesserungen getroffen, die unser Land jemals in
Friedenszeiten unternommen hat. Und wir haben die Grenzen der
Freiheit von Vietnam bis nach West-Berlin aufrechterhalten.
Aber Beschaulichkeit oder Selbstgefälligkeit können unsere
Sicherheit geneuso gefährden wie die Waffen unserer Gegner. Eine
kurze Atempause ist noch nicht mit Frieden gleichzusetzen. Gefahrvolle Probleme bestehen weiterhin von Kuba bis zum Südchinesischen
Meer. Die Aussichten der Welt verheißen, kurz gesagt, nicht ein
Jahr der Erholung, sondern ein Jahr der Verpflichtungen und der
Möglichkeiten.
Vier besondere große Möglichkeiten zeichnen sich hier ab:
die Atlantische Allianz, die Entwicklungsländer, die neuen chinesisch-sowjetischen Schwierigkeiten und das Bemühen um einen weltweiten Frieden.
Wie steht es erstens um die große Allianz? Das freie Europa
tritt in eine neue Phase seiner langen und glanzvollen Geschichte
ein. Die Ära der kolonialen Expansion ist vorüber, die Ära der
nationalen Rivalitäten schwindet, und eine neue Ära der Interdependenz und der Einheit gewinnt Gestalt. Den alten Marx'sehen Prophezeiungen zum Trotz haben sich die freien Nationen Europas bereitgefunden, zu tun, was kein Eroberer erzwingen konnte: eine einheitliche Zielsetzung und Macht und Politik in jedem Aufgabenbereich
herzustellen.
Seit siebzehn Jahren haben wir diese Entwicklung sowohl politisch als auch wirtschaftlich konsequent unterstützt. Weit davon
entfernt, an dem neuen Europa Anstoß zu nehmen, betrachten wir es
als willkommenen Partner, nicht als Rivalen. Denn der Weg zum Frieden und zur Freiheit der Welt ist noch sehr lang, und es gibt Lasten, die nur vollgültige Partner zu teilen vermögen - in der Vorsorge für die gemeinsame Verteidigung, in der Ausweitung des Welthandels, in der Ausgleichung unserer Zahlungsbilanz, in der Unterstützung der mündig werdenden Nationen, in der Abstimmung politischer
und wirtschaftlicher Direktiven und in der Einbeziehung anderer
Industriestaaten in unsere gemeinsamen Anstrengungen, namentlich
Japans, dessen bemerkenswerte wirtschaftliche und politische Entwicklung in den fünfziger Jahren ihm jetzt gestattet, in der Weltpolitik eine gewichtige konstruktive Rolle zu übernehmen.
Zweifellos

y

�"AMERIKA DIENST"
Zweifellos wird man auch weiterhin den Meinungsverschiedenheiten
mehr Aufmerksamkeit widmen als den Vereinbarungen über künftiges Handeln, während Europa den Übergang von der Unabhängigkeit zu einer
präziser formulierten Interdependenz vollzieht. Doch sind dies ehrliche Differenzen zwischen redlichen Bundesgenossen - und sie treten
tatsächlich konkreter und häufiger unter unseren westeuropäischen
Verbündeten auf als zwischen ihnen und den Vereinigten Staaten. Denn
die freiheitliche Einigkeit hat noch nie auf der Uniformität der Ansichten beruht. Aber nach wie vor herrscht innerhalb dieses Bündnisses
prinzipielle Übereinstimmung in den Grundsatzfragen.
Die erste Aufgabe des Bündnisses bleibt die gemeinsame Verteidigung. Im letzten Monat legten Premierminister Macmillan und ich
Pläne für einen neuen Abschnitt unserer langjährigen gemeinschaftlichen Bemühungen fest, wobei es darum geht, bei der umfassenderen Aufgabe des Aufbaus einer gemeinsamen Kernwaffenverteidigung für die
gesamte Allianz Hilfestellung zu leisten.
In der Vereinbarung von Nassau wird anerkannt, daß die Sicherheit des Westens unteilbar ist und daß wir dementsprechend unsere
Verteidigung einrichten müssen. Aber sie stellt auch fest, daß unser
Bündnis ein Bündnis stolzer und souveräner Nationen ist, das am besten
funktioniert, wenn wir dies nicht vergessen. Sie stellt ferner fest,
daß die Kernwaffenverteidigung des Westens keine Angelegenheit ist, für
die nur die gegenwärtigen Atommächte allein zuständig sind, daß Frankreich demnächst eine solche Macht sein wird und daß wir - ohne die Risiken der Kernwaffenausbreitung zu vergrößern - Wege finden müssen, um
die Mitwirkung unserer anderen Partner bei der Planung, Bemannung und
Leitung einer wirklich multilateralen Kernwaffenstreitmacht innerhalb
eines sich immer enger gestaltenden NATO-Bündnisses zu verstärken.
Schließlich stellt das Übereinkommen von Nassau fest, daß die Kernwaffenverteidigung nicht ausreicht, daß die vereinbarten NATO-Ziele für
die konventionellen Streitkräfte verwirklicht werden müssen und daß die
NATO-Bündnispartner äs nicht darauf ankommen lassen dürfen, in eins
Lage zu geraten, in der sie jede Drohung nur noch mit Kernwaffen oder
aber überhaupt nicht beantworten könnten.
Wir stehen den Entscheidungen von Nassau noch zu nahe und sind von
ihrer endgültigen Verwirklichung noch zu weit entfernt, um sagen zu
können, welchen Platz sie in der Geschichte einnehmen werden. Ich
glaube jedoch, daß die nukleare Verteidigung zum ersten Mal angefangen
hat zu einer Quelle des Vertrauens statt zu einem Streitobjekt zu werden.
Das nächste dringende Anliegen der Allianz sind unsere gemeinsamen wirtschaftlichen Ziele auf dem Gebiet des Handels und der Expansion. Die amerikanische Nation ist weiterhin um das Defizit in
ihrer Handelsbilanz besorgt, das zwar kleiner geworden ist, aber
trotzdem ein hartnäckiges und unangenehmes Problem bleibt. Wir sind
darüber hinaus überzeugt, daß engere wirtschaftliche Beziehungen

-

9 -

�"AMERIKA DIENST
Beziehungen zwischen allen freien Nationen für Prosperität und Frieden entscheidend wichtig sind. Weder wir noch die Mitglieder des
Gemeinsamen Marktes sind so reich, daß wir es uns auf die Dauer leisten könnten, landwirtschaftliche Betriebe oder Fabriken vor dem
frischen Wind der ausländischen Konkurrenz abzuschirmen oder die
Handelsbeziehungen mit anderen Nationen der freien Welt einzuschränken. Wenn sich der Gemeinsame Markt jetzt auf Protektionismus und Restriktionen verlegen sollte, würde er seine eigenen Grundprinzipien
untergraben. Die amerikanische Regierung will die ihr vom Kongreß
im vergangenen Jahr übertragene Vollmacht dazu benutzen, um die Ausweitung des Handels auf beiden Seiten des Atlantik und auf der ganzen
Welt zu ermutigen.
Wie steht es nun zweitens mit den Entwicklungsländern und bündnisfreien Nationen? Sie waren, so glaube ich, über den plötzlichen
und geheimen Versuch der Sowjets, Kuba zu einer nuklearen Aggressionsbasis zu machen, und über die anmaßende Invasion Chinas in Indien
überaus bestürzt. Sie sind durch unsere sofortige Hilfe für Indien,
durch unsere über die Vereinten Nationen geleistete Unterstützung
für die Wiedervereinigung des Kongo, durch unser geduldiges Bemühen
um die Abrüstung und durch unsere bessere Behandlung von Bürgern und
Besuchern, deren Hautfarbe zufällig nicht weiß ist, beruhigt. Und
in dem Maße , in dem der alte Kolonialismus schwindet und der Neokolonialismus der kommunistischen Mächte krasser denn je in Erscheinung
tritt, erkennen sie immer klarer, daß es in der Auseinandersetzung
der Welt nicht um die Frage Kommunismus gegen Kapitalismus geht, sondern um die Frage Zwang gegen Entscheidungsfreiheit.
Sie erkennen, daß die Sehnsucht nach Unabhängigkeit in der ganzen
Welt die gleiche ist, ob es sich nun um die Unabhängigkeit von WestBerlin oder von Vietnam handelt. Sie erkennen, daß eine solche Unabhängigkeit allen kommunistischen Ambitionen zuwiderläuft, aber in
Übereinstimmung mit den unsrigen steht, und daß unsere Haltung gegenüber ihren Nöten beweglich und einfallsreich ist, während die Kommunisten sich auf alte Doktrinen und Dogmen stützen.
Dennoch ist es für jedes Land schwer, sich auf eine von außen
kommende oder subversive Bedrohung seiner Unabhängigkeit einzustellen,
wenn seine Energien im täglichen Kampf mit den Kräften der Armut und
Verzweiflung aufgezehrt werden. Es ist wenig sinnvoll für uns, in
Reden und Resolutionen die Schrecken des Kommunismus anzugreifen,
50 Milliarden Dollar pro Jahr zur Verhinderung seines militärischen
Vormarsches aufzuwenden und dann über die Ausgaben - hauptsächlich
für amerikanische Erzeugnisse - zu nörgeln, die weniger als ein Zehntel jener Summe ausmachen und die anderen Nationen helfen, ihre Unabhängigkeit zu festigen und das soziale Chaos zu beseitigen, in dem
der Kommunismus seit je gedieh.
Ich bin stolz - und ich glaube, auch die meisten Amerikaner sind
stolz - auf das gemeinsame Verteidigungs- und Hilfsprogramm, daß
mit Unterstützung beider Parteien unter drei verschiedenen Präsidenten

-

10

-

�"AMERIKA DIENST"
Präsidenten ausgebaut wurde und das, mit all seinen bekannten
Problemen, wesentlich dazu beigetragen hat, daß nicht ein einziges
der fast 50 Mitglieder der Vereinten Nationen,, die seit dem Ende
des zweiten Weltkrieges ihre Unabhängigkeit gewonnen haben, dem
Kommunismus anheimfiel.
Ich bin stolz auf ein Programm, das dazu beigetragen hat,
Millionen von Menschen an der Front der Freiheit mit Waffen, Nahrung
und Kleidung zu versorgen.
Ich bin besonders stolz darauf, daß dieses Land ein riesiges
gemeinsames Vorhaben für die sechziger Jahre in Angriff genommen hat,
um wirtschaftliches Wachstum und sozialen Fortschritt im gesamten
amerikanischen Raum zu schaffen - die Allianz für den Fortschritt.
Ich unterschätze die Schwierigkeiten nicht, denen wir uns bei
dieser gemeinsamen Anstrengung zusammen mit unseren nächsten Nachbarn
gegenübersehen. Die freien Nationen dieser Hemisphäre haben jedoch in
enger Zusammenarbeit damit begonnen, dieser Allianz Gestalt zu geben.
Durch dieses Programm erhält gegenwärtig jedes vierte Kind im schulpflichtigen Alter in Lateinamerika eine Sonderration an Lebensmitteln
aus unseren Überschußbeständen, wurden ferner 1,5 Millionen Schulbücher
verteilt; und es werden 17 000 Klassenräume erstellt. Es hat dazu beigetragen, Zehntausende von Bauernfamilien auf Grund und Boden anzusiedeln, den sie ihr eigen nennen können. Es hat unsere Nachbarn zu größerer Selbsthilfe und Reformen angeregt - zu fiskalischen, sozialen,
institutionellen und Landreformen. Es bringt Millionen, die bisher
vergessen waren, Heime, Hoffnung und Gesundheit. Die Männer und Frauen
dieser Hemisphäre wissen, daß die Allianz keinen Erfolg haben würde,
wenn sie nur eine andere Bezeichnung für Geschenke aus den Vereinigten
Staaten wäre - und daß sie nur dann Erfolg haben kann, wenn die lateinamerikanischen Staaten selbst ihre ganze Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe einsetzen.
Das gleiche gilt für Afrika, für den Mittleren Osten und Asien.
Wo immer Nationen bereit sind, sich selbst zu helfen, sind wir bereit,
sie beim Aufbau neuer Bollwerke der Freiheit zu unterstützen. Wir kaufen keine Stimmen für den kalten Krieg; wir sind den gefährdeten Nationen zu Hilfe geeilt, und zwar den Neutralen genauso wie unseren Verbündeten. Was wir aber verlangen - und es ist alles, was wir verlangen
- ist, daß unsere Unterstützung so verwendet wird, daß sie größtmöglichen Nutzen bringt, und daß durch nutzlose Streitigkeiten mit
anderen unabhängigen Ländern die eigenen Bemühungen dieser Länder
nicht verzettelt werden.
Trotz aller Erfolge in der Vergangenheit dürfen wir uns um des
weiteren Fortschrittes des gemeinsamen Hilfsprogramms willen mit dem
bisher Erreichten keinesfalls zufriedengeben. Wir haben dieses Programm reorganisiert, um es zu einem wirksameren, schlagkräftigeren
Instrument zu machen, und dieser Prozeß wird in diesem Jahr weiter

�"AMERIKA DIENST"
Aber im Kampf um die Entwicklung der freien Welt werden wir auch
weiterhin "bergan schreiten müssen. Regierungshilfe kann die Punktion
der Privatinvestition, der Ausweitung des Handels, der Stabilisierung
der Rohstoffpreise und vor allem der Eigenbemühungen um die Verbesserung der Verhältnisse nur ergänzen. Der Prozeß des Wachstums geht
stufenweise vor sich - und trägt Früchte erst in einem Jahrzehnt und
nicht in einem Tag. Unsere Erfolge werden weder über Nacht kommen
noch aufsehenerregend sein. Aber wenn diese Programme jemals eingestellt werden sollten, dann würden unsere Fehlschläge in einem
Dutzend Länder auf einen Schlag und mit Sicherheit spürbar sein.
In dem Kampf gegen die Armut dürfen jedoch Geld und technische
Hilfe nicht unsere einzigen Waffen sein. Letztlich ist die entscheidende Anstrengung eine Sache der Zielsetzung - die nicht nur den
Brennstoff des Geldes, sondern die Flamme des Idealismus erfordert.
Und niemand trägt den Geist des amerikanischen Idealismus wirksamer
in die entfernten Winkel der Erde und verleiht unseren Hoffnungen
besseren Ausdruck als das Friedenskorps,
Vor einem Jahr arbeiteten im Friedenskorps noch weniger als
900 Freiwillige, Heute in einem Jahr werden es über 9000 Männer
und Frauen sein, im Alter zwischen 18 und 79» die bereit sind, zwei
Jahre ihres Lebens zu geben, um Menschen in anderen Ländern zu helfen.
Tatsächlich sind es nahezu eine Million Amerikaner, die ihrem
Lande und der Sache der Freiheit in Übersee dienen - eine Zahl, die
kein anderes Volk aufweisen kann. Ohne Frage sollten diejenigen von
uns, die hier in der Heimat bleiben, froh sein, indirekt helfen zu
können, indem sie unsere Hilfsprogramme unterstützen, indem sie den
fremden Besuchern, Studenten und Diplomaten unsere Türen öffnen und
indem sie Tag für Tag sowohl mit Taten als auch mit Worten beweisen,
daß wir ein gerechtes und großherziges Volk sind.
Drittens, was können wir uns von den wachsenden Belastungen und
Spannungen innerhalb des kommunistischen Blockes erhoffen? Hier muß
Hoffnung mit Vorsicht verbunden werden. Denn bei den sowjetisch-chinesischen Meinungsverschiedenheiten geht es um die Mittel, nicht um
die Ziele. Ein Disput darüber, wie die freie Welt begraben werden kann,
ist kein Anlaß, über den der Westen sich freuen kann.
Wenn ein Druck auch noch keinen Bruch bedeutet, so ist es
dennoch klar, daß die verschiedensten Kräfte innerhalb des kommunistischen Lagers am Werke sind, und zwar trotz aller eisernen Disziplin der Reglementierung und trotz aller eisernen ideologischen
Dogmen. Marx ist erneut des Irttums überführt worden, denn es sind
die geschlossenen kommunistischen Gesellschaften und nicht die
freien und offenen Gesellschaften, die den Keim der inneren Auflösung
in sich tragen.
Die

-

12

-

�AMERIKA DIENST
Die Unordnung innerhalb des kommunistischen Imperiums wurde
noch durch zwei weitere gewaltige Kräfte vergrößert. Eine ist die
historische Kraft des Nationalismus und der Sehnsucht aller Menschen
nach Freiheit. Die andere ist die offenkundige Erfolglosigkeit der
kommunistischen Volkswirtschaften. Denn eine geschlossene Gesellschaft steht den Fortschrittsideen nicht aufgeschlossen gegenüber.
Und auch ein Polizeistaat wird herausfinden, daß er das Wachsen des
Getreides nicht befehlen kann»
Neue Nationen, die aufgefordert werden, zwischen den beiden
konkurrierenden Systemen zu wählen, brauchen nur die Verhältnisse
in Ost- und Westdeutschland, in Ost- und Westeuropa, in Nord- und
Südvietnam zu vergleichen. Sie brauchen nur die Enttäuschung des
kommunistischen Kuba den Verheißungen der Allianz für den Fortschritt
für die westliche Hemisphäre gegenüberzustellen. Und alle Welt weiß,
daß kein erfolgreiches System eine Mauer errichtet, um seine Bevölkerung ein- und die Freiheit auszusperren, und daß die Mauer, die
Berlin teilt, ein Symbol des kommunistischen Versagens ist.
Und als Letztes: Was können wir tun, um aus der gegenwärtigen
Atempause heraus zu einem dauerhaften Frieden zu gelangen? Ich möchte
wiederum zur Vorsicht mahnen. Ich sehe keine augenfällige Änderung
der Methoden und Ziele der Kommunisten voraus. Wenn aber alle diese
Tendenzen und Entwicklungen die Sowjetunion dazu bewegen können, den
Pfad des Friedens zu wandeln, dann wollen wir ihr zu verstehen geben,
daß alle freien Völker sie begleiten werden. Bis sie sich aber zu dieser Wahl entschließt und bis die Welt ein verlässliches System der
internationalen Sicherheit entwickeln kann, haben die freien Völker
keine andere Wahl, als ihre Waffen griffbereit zu halten.
Unser Land wird deshalb auch weiterhin die beste Verteidigung
der Welt nötig haben - eine Verteidigung, die den sechziger Jahren angemessen ist. Das bedeutet bedauerlicherweise einen steigenden Verteidigungshaushalt, denn es gibt keinen Ersatz für eine ausreichende Verteidigung; und zu Discountladenpreisen ist sie nicht zu haben. Es bedeutet die Aufwendung von über 15 Milliarden Dollar in diesem Jahr.
allein für unsere Kernwaffenrüstung - eine Summe, die etwa ebenso groß
ist wie die Verteidigungshaushalte unserer europäischen Alliierten zusammen *
Aber es bedeutet auch eine verbesserte Luft- und Raketenverteidigung, eine verbesserte zivile Verteidigung, den Ausbau der Einheiten
zur Partisanenbekämpfung und, was von höchster Wichtigkeit ist, die
Schaffung schlagkräftigerer und elastischerer nicht-nuklearer Streitkräfte. Denn Drohungen mit massiven Vergeltungsmaßnahmen mögen vor
kleineren Aggressionen nicht abschrecken - und eine Sperrkette von
Zerstörern in Quarantäne oder eine Division gutausgerüsteter Soldaten
an einer Grenze können unserer wirklichen Sicherheit nützlicher sein
als eine Anhäufung furchterregender Waffen über jede denkbare
Notwendigkeit hinaus.
Unsere

�"AMERIKA DIENST"
Unsere Verpflichtung gegenüber der nationalen Sicherheit ist
jedoch keine Verpflichtung, den Aushau unserer militärischen Einrichtungen ins Unendliche fortzusetzen. Wir tun die Ahrüstung nicht als
einen schönen Traum ab. Denn wir sind davon überzeugt, daß dies
letztlich der einzige Weg ist, die Sicherheit aller ohne Gefährdung
der Interessen des einzelnen zu gewährleisten. Auch verwechseln wir
ehrenhafte Verhandlungen nicht mit Beschwichtigung. So wie wir in
der Verteidigung der Freiheit niemals müde werden, so werden wir auch
niemals das Streben nach Frieden aufgeben.
In diesem Bemühen bedürfen die Vereinten Nationen unserer vollen
und fortdauernden Unterstützung. Wie wertvoll sie im Dienst der Sache
des Friedens sind, zeigte sich erneut in ihrer Rolle bei der Regelung
in Westneuguinea, ihrer Inanspruchnahme als Forum zur Beilegung der
Kuba-Krise und in ihrer Aufgabe bei der Vereinigung des Kongo. Heute
sind die Vereinten Nationen in erster Linie Beschützer der Kleinen
und Schwachen und ein Sicherheitsventil für die Starken. Morgen können
sie den Rahmen für eine Welt des Rechts bilden - eine Welt, in der
keine Nation über das Geschick einer anderen bestimmt und in der die
riesigen Hilfsquellen, die jetzt für Zwecke der Zerstörung genutzt
werden, konstruktiven Zielen dienen.
Mit einem Wort, unsere Gegner mögen also wählen. Entscheiden sie
sich für den friedlichen Wettbewerb, so sollen sie ihn haben. Falls
sie sich darüber klar werden, daß ihre ehrgeizigen Pläne nicht zu
verwirklichen sind - wenn sie erkennen, daß ihre 'Befreiungskriege'
und ihre Wühlarbeit letzten Endes scheitern - wenn sie erkennen, daß
die Akzeptierung einer Inspektion mehr Sicherheit gewährleistet, als
wenn noch mehr Nationen die Möglichkeit gegeben wird, sich in der
schwarzen Kunst der Kernwaffen und des Atomkrieges zu üben - und wenn
sic,so wie wir, tatsächlich willens sind, ihre Energien den großen unvollendeten Aufgaben de:r eigenen Völker, zuzuwenden - dann kann die Übereinstimmung ganz gewiß sehr weite Gebiete umfassen: eine klare Einigung im Falle Berlin, Stabilität in Südostasien, Beendigung der Kernwaffenversuche, neue Sicherungen gegen Überraschungsangriffe oder Angriffe auf Grund eines Irrtums, und endlich auch eine allgemeine und
vollständige Abrüstung.
Denn wir wollen nicht den weltweiten Sieg eines Landes oder
Systems, sondern den weltweiten Sieg des Menschen. Die moderne Welt
ist zu klein, ihre Waffen sind zu zerstörerisch - sie vermehren sich
zu- rasch - und das Übel ist zu groß, als daß irgendeine andere Form
des Sieges in Frage käme.
Die Vereinigten Staaten werden,um dieses Ziel zu erreichen,
auch weiterhin einen größeren Teil ihres Bruttosozialprodukts als
jedes andere Volk der freien Welt aufwenden. Fünfzehn Jahre lang
hat keine andere freie Nation 'sich so viel abverlangt. Durch heiße
und kalte Kriege, durch Rezession und Wohlstand, durch das Atom- und
Weltraumzeitalter hindurch hat das amerikanische Volk weder gezögert,
noch ist es jemals in seinem Glauben ermattet. Wenn es zuzeiten
scheint, als ob unsere Handlungen dazu angetan seien, das Leben anderer zu erschweren, so nur, weil die Geschichte das Leben für uns
alle schwer gemacht hat.
_ ,
B
Schwere
- 14 -

�"AMERIKA DIENST"
Schwere Tage müssen aber nicht unbedingt dunkle Tage sein.
Ich glaube, wir leben - was die Sache des Friedens und der Freiheit angeht - in einer stolzen und denkwürdigen Zeit. Wir sind beispielsweise
stolz auf Major Rudolf Anderson, der sein Leben über der Insel Kuba
gelassen hat. Wir neigen uns vor dem Spezialisten James Allen Johnson,
der an der Grenze von Südkorea sein Leben gab. Wir gedenken in Ehrfurcht Sergeant Gerald Pendells, der in Vietnam gefallen ist. Sie
gehören zu den vielen, die in diesem Jahrhundert fern der Heimat für
unser Land gestorben sind. Unsere Aufgabe und die Aufgabe aller
Amerikaner ist es nunmehr, uns ihres Opfers würdig zu erweisen.
Meine Freunde % ich-iSchließe mit einem Wort der Hoffnung. Wir lassen uns durch die augenblickliche Windstille oder den etwas helleren
Himmel über uns nicht einschläfern. Wir wissen um das, was darunter
brodelt, um die Stürme, die in diesem Jahr hinter dem Horizont auf uns
warten. Aber die Winde, die einen Wandel bewirken, scheinen nunmehr
stärker au wehen als" je zuvor - in der kommunistischen Welt ebenso
wie in unserer eigenen. Seit 175 Jahren segeln wir mit diesen Winden
im Rücken und getragen von der Strömung der menschlichen Freiheit.
Wir steuern unser Schiff, erfüllt von Hoffnung, wie Thomas Jefferson
sagte, 'die Furcht hinter uns lassend'.
Auch heute heißen wir diese Winde willkommen - und wir haben allen
Grund zu der Annahme, daß die uns tragende Strömung stark ist. Wir
danken dem allmächtigen Gott, daß er uns durch eine gefährliche Enge
geleitet hat, und erbitten abermals seine Hilfe in unserem Bemühen,
das 'gute Schiff Union' zu steuern."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

Wi ./ xv -4
KENNEDY LEGT NEUEN HAUSHALT VOR
Zusammenfassung der wichtigsten Punkte d$s Budgets 1963/64

WASHINGTON - (AD) - Präsident Kennedy hat dem amerikanischen
Kongreß am 17• Januar 1963 den neuen Haushalt für das am 1. Juli
beginnende Finanzjahr 1964 vorgelegt, der mit Einnahmen in Höhe
von 86,9 Mrd. Dollar und Ausgaben von 98,8 Mrd. Dollar ein Defizit
von 11,9 Mrd. Dollar aufweist.
In seiner Botschaft an den Kongreß, die auf 1182 Seiten eine
detaillierte Aufschlüsselung der einzelnen Regierungsprogramme im
Finanzjahr 1964 0963/64) gibt, unterstreicht Kennedy, daß die von
ihm vorgeschlagene Haushalts- und Finanzpolitik "den dringendsten
Erfordernissen unseres Volkes Rechnung tragen, die wirksame Durchführung der Regierungsaufgaben fördern und die die Wachstumsrate unserer Wirtschaft hemmenden Bremsen beseitigen helfen wird. Wir haben nicht zwischen einem Defizit und einem Haushaltsüberschuß zu
wählen, sondern vielmehr zwischen zwei Arten von Defiziten: einem
chronischen Defizit der Trägheit auf Grund eines unzureichenden
wirtschaftlichen Wachstums und einem temporären Defizit auf Grund
eines Steuer- und Ausgabenprogramms, das unsere nationale Sicherheit
gewährleisten, die Wirtschaftstätigkeit beleben, die Steuereinnahmen
steigern und künftige Haushaltsüberschüsse schaffen soll. Die erste
Art von Defizit ist ein Zeichen der Vergeudung und der Schwäche, die
zweite stellt eine Investition in die Zukunft dar. Es ist von größter Wichtigkeit für die kommenden Jahre, daß wir jetzt mutig handeln,
wenn wir für eine ständig steigende Zahl von Arbeitsfähigen mehr
Arbeitsplätze sicherstellen, wenn wir einen höheren Lebensstandard
erreichen und wenn wir weiterhin die von uns innerhalb der Gemeinschaft der freien Welt geforderte führende Rolle ausüben sollen. Ich
bin fest davon überzeugt, daß das in diesem Haushalt niedergelegte
Programm eine richtige Anwendung der fiskalischen Mittel zur Verwirklichung dieser wichtigen Ziele verkörpert".
Beträchtliche ungenutzte Kapazitäten
Kennedy betont, daß sich das wirtschaftliche Klima in den beiden letzten Jahren wesentlich gebessert habe und daß eine weitere
bedeutende Besserung möglich sei. In den beiden vergangenen Jahren
habe die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen um 9 Prozent
zugenommen; die Lohn- und Gehaltszahlungen seien um 10 Prozent und

-

1

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
und die Gesellschaftsgewinne um 18 Prozent gestiegen; und es
seien über eine Million neue Arbeitsplätze in der Wirtschaft
geschaffen worden. Dabei sei jedoch das Preisniveau in den USA
mit am stabilsten gewesen, und das Zahlungsbilanzdefizit habe
beträchtlich abgebaut werden können.
Damit, so unterstreicht Kennedy, dürften sich die USA jedoch
nicht zufriedengeben. Im vergangenen Jahr sei die wirtschaftliche
Entwicklung hinter den Erwartungen zurückgeblieben, und die Kluft
zwischen den tatsächlichen und den potentiellen Leistungen der
Wirtschaft, die sich 1957 zu öffnen begann, sei bisher noch nicht
geschlossen worden. Die ungenutzten Produktionskapazitäten seien
zu groß, Sie Arbeitslosigkeit sei zu hoch, und die Wachstumsrate
bleibe hinter den Möglichkeiten zurück. Die in den vergangenen zwei
Jahren erzielten Fortschritte dürften nicht die Tatsache verschleiern, daß die amerikanische Wirtschaft mehr Arbeitsplätze bereitstellen und mehr Güter erzeugen könne, als dies gegenwärtig der
Fall sei.
Seit mehr als fünf Jahren, so führt der Präsident aus, habe
die Gesamtnachfrage nach Gütern und Dienstleistungen von seiten der
Verbraucher und der Unternehmen nicht mehr zur vollen Ausnutzung der
in der Wirtschaft vorhandenen Kapazitäten ausgereicht. Ein wesentlicher Grund hierfür sei in den hohen Steuern und Abgaben - bei
Bund, Einzelstaaten und Kommunen - zu sehen, die gegenwärtig insgesamt über 150 Mrd. Dollar im Jahr ausmachen. Wenn die Wirtschaft
wieder auf Hochtouren laufen solle, dann müsse die die Verbraucherausgaben und die Unternehmerinitiative hemmende Wirkung der Steuern
beseitigt werden. Aus diesem Grunde enthalte der neue Haushalt als
wichtigen Bestandteil ein Steuersenkungs- und Reformprogramm, das
die Wirtschaftstätigkeit beleben und Vollbeschäftigung sowie eine
höhere Wachstumsrate bei stabilen Preisen bringen solle. Wenn auch
die durch eine Senkung der Steuern bewirkte Wirtschaftsexpansion
später zu höheren Haushaltseinnahmen führen werde, so sei die unmittelbare Auswirkung zunächst jedoch ein Einnahmeausfall. Aus diesem
Grunde seien in dem neuen Haushalt auch die Ausgaben stark eingeschränkt worden.
Höhere Aufwendungen für Verteidigung und Weltraumprogramme
Für die Verteidigung und die Weltraumprogramme, so betont
Kennedy, "wo eine falsche Sparsamkeit die nationalen Interessen,
ja selbst das Fortbestehen der USA als Nation ernstlich gefährden
könnte", seien die Ausgabenansätze erhöht worden. Desgleichen seien
auch die Aufwendungen zur Bedienung der Staatsschuld gestiegen. Dagegen sei der Gesamtbetrag der Ausgaben für alle übrigen Programme
mit 29,4 Mrd. Dollar um 300 Millionen Dollar niedriger als in diesem
(Finanz-)Jahr, wobei Erhöhungen bei einzelnen Programmen durch Kürzungen bei anderen ausgeglichen werden.
Der Präsident weist darauf hin, daß bei der Vorlage des neuen
Finanzplanes der Regierung für das Haushaltsjahr 1964 mehr Nachdruck

-

2

-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Nachdruck auf die Darlegung eines Gesamtzahlungsplanes gelegt
worden ist, der nicht nur die tatsächlichen Einnahmen und Ausgaben
des Bundeshaushalts, sondern auch die Einnahmen und Ausgaben der
Treuhandfonds und anderweitiger Programme ausweist.
GesamtZahlungsplan

1962

Finanzjahr

1963

1964

in Milliarden Dollar
tatsächlich
geschätzt
Gesamteinnahmen einschließlich
Treuhandfonds (Trust Funds)
Gesamtausgaben einschließlich
Treuhandfonds (Trust Funds)
Defizit einschließlich
Treuhandfonds (Trust Funds)
Haushaltseinnahmen
Haushaltsausgaben
Haushaltsdefizit

101,9

108,5

112,2

107,7

116,8

122,5

5,8

8,3

10,3

81,4
87,8

85,5

86,9

94,3
8,8

98,8

6,4

11,9

Keine Inflationsgefahr
Kennedy betont, daß niemand auf Grund des Defizits im neuen
Haushalt Furcht vor einer inflationistischen Entwicklung oder Besorgnisse hinsichtlich der Zahlungsbilanz zu haben brauche. Das Programm für eine stetige Wirtschaftsexpansion und steigende Produktive•
stehe durchaus im Einklang mit der Aufrechterhaltung einer relativen
Preisstabilität, wie sie bereits in den letzten Jahren bestanden hab
Dies sei von besonderer Wichtigkeit für den Außenhandel. Eine nachhaltige Wirtschaftsexpansion werde sich günstig auf die Inlandsinvestitionen sowie die Produktivität der Industrie auswirken und zusammen
mit den Maßnahmen zum Ausgleich der Zahlungsbilanz zu einer Stärkung
des Dollars beitragen, was von den Freunden der USA im Ausland in
immer stärkerem Maße erkannt werde.
Steuersenkungen und strukturelle Änderungen
Das neue Steuerprogramm, so führt Kennedy aus, bringe eine
beträchtliche ständige Senkung der Einkommen- und Körperschaftssteuersätze sowie verschiedene wichtige strukturelle Änderungen, um die
wirtschaftliche Expansion zu fördern, die Gleichheit in der Besteuerung
zu verbessern und die Steuergesetze sowie die Verwaltung zu vereinfachen,
Ein Teil der Steuersenkungen solle bereits dieses Jahr wirksam werden.
-

3 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
werden, während eine weitere Senkung der Steuersätze sowie die
strukturellen Änderungen für 19&amp;4 un(* 1965 vorgesehen seien. Das
gesamte Programm, das er dem Kongreß in Kürze unterbreiten werde,
stelle eine Einheit und einen wichtigen Schritt in den Bemühungen
zur Stärkung und Verbesserung des Steuersystems dar. Unter Zugrundelegung der Einkommen in diesem Jahr dürfte das Steuerprogramm insgesamt für den Steuerzahler eine Entlastung von Petto 10 Mrd. Dollar
bringen. Da diese Steuersenkung jedoch zu einer Beschleunigung der
Wirtschaftsexpansion und damit zu höheren Einkommen und Unternehmergewinnen führen werde, werde innerhalb weniger Jahre ein erhöhter Fluß
an Steuereinnahmen einsetzen.
Haushaltsansätze berücksichtigen Auswirkungen der Steuersenkung
Bei dem Ansatz für die Haushaltseinnahmen, so erklärt Kennedy, se
von der Voraussetzung ausgegangen worden, daß das Bruttosozialprodukt
1963 auf 578 Mrd. Dollar ansteigen werde, wobei diese Zahl einen Mittelwert mit möglichen Abweichungen von 5 Mrd. Dollar nach beiden Seiten darstelle. Dabei seien auch die wirtschaftlichen Auswirkungen
des vorgeschlagenen Steuerprogramms berücksichtigt worden. Die in
diesem Jahr vorgesehenen Steuersenkungen würden insgesamt einen Einnahmeausfall im neuen Haushaltsjahr von 5&gt;3 Mrd. Dollar bringen, der
jedoch, da die zu erwartende Wirtschaftsexpansion eine Einnahmensteigerung bewirken werde, zum Teil wieder ausgeglichen werde, so daß sich
aus dem neuen Steuerprogramm lediglich eine Minderung des Steueraufkommens um netto 2,7 Mrd. Dollar ergeben dürfte. Trotz dieses Steuerausfalls könne jedoch auf Grund des zu erwartenden höheren Bruttosozialprodukts sogar mit einer Zunahme der Einnahmen um 1,4 Mrd. Dollar
im Finanzjahr 1 9^4 feerechnet werden.
Ausgaben stellen ein Minimum dar
Die von ihm vorgeschlagenen Ausgaben, so unterstreicht der Präsident, stellten ein Minimum dar, das zur Erfüllung der dringend notwendigen Aufgaben einer vielseitigen und expandierenden Gesellschaft
in einer Zeit des kalten Krieges unbedingt notwendig sei.

Ausgaben

�"AMERIKA DIENST" - V/IRTSCHAFT UND ARBEIT
AUS GABEN (Zusammenfassung)

Finanzjahr

1962

Haushaltsausgaben

1965

1964

in Milliarden Dollar
tatsächlich . geschätzt

Nationale Verteidigung
Weltraumforschung und Technik
Zinsendienst

Zwischensumme

51,1
1,5
9,2

55,0
2,4
9,8

55,4
4,2
10,1

61 ,6

65,2

69,7

2,8
5,9
2,1
2,8
0,5
4,5
1,1
5,4
1,9

2,9
6,7
2,4
5,5
0,5
4,9
1,4
5,5
2,0

2,7
5,7
2,5
5,4
0,5
5,6
1,5

26,8

29,6

29,4

-

0,1

0,4

0,6

0,6

0,7

87,8

94,5

98,8

20,4
2,7-

21,8

22,8

2,9
0,5
0,9
1,7

5,2
1,0
0,6
1,5

Übrige Programme:
I n t e r n a t i o n a l e Angelegenheiten
Landwirtschaft
Bodenschätze
Handel und Transportwesen
Wohnungsbau und S t ä d t e e n t w i c k l u n g
G e s u n d h e i t s - und Sozialprogramme
Erziehungswesen
Kri egsveteranen
Allgemeine Regierungsausgaben
Zwischensumme
Sonstiges
abzüglich Posten der Rechnungsangleichung
Haushaltsausgaben-Gesamtsumme:
Treuhandfonds':
Gesundheits- und Sozialprogramme
Handel und Transportwesen
Wohnungsbau und Städteentwicklung
Kriegsveteranen
Andere
Abzüglich Posten der Rechnungsangleichung
Gesamtsumme Treuhandfonds:

1,5
0,7
0,4

Abzüglich interministerielle
Transaktionen

0,5

0,5

0,5

25,2

27,5

28,4

5,5

4,8

4,7

116,8

122,5

107",7

Gesamtsumme:
-

5

-

5,5

2,2

Wohin

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Wohin der Haushalts-Dollar rollt
Von jedem Dollar, den der amerikanische Steuerzahler aufgebracht
hat, sind in dem neuen US-Haushalt 55 Cent für die nationale Verteidigung, 4»2 Cent für die Weltraumprogramme, 10,1 Cent für den Schuldendienst, 5,6 Cent .für die Landwirtschaft, 5,5 Cent für Gesundheitsund Sozialprogramme, 5»4 Cent für Kriegsveteranen-Programme und 14»2
Cent für alle übrigen Regierungsaufgaben zusammen bestimmt. Die zur
Bestreitung der Haushaltsausgaben erforderlichen Mittel werden zu
47 Prozent durch die Einkommensteuer, zu 24 Prozent durch die Körperschaftssteuer, zu 12 Prozent durch die Verbrauchssteuern, zu 10 Prozent
über den Kapitalmarkt und zu 7 Prozent durch andere Einnahmequellen
aufgebracht.
Verteidigung nicht zu Discount-Preisen
Für die nationale Verteidigung fordert Präsident Kennedy 55*4
Mrd. Dollar an. Dieser Betrag liegt um 10 Mrd. Dollar über dem Ausgabenniveau des Jahres 1960 und um 2,4 Mrd. Dollar höher als im laufenden Haushaltsjahr. In der Botschaft wird in diesem Zusammenhang auf
die Gefahren hingewiesen, denen sich die freie Welt heute gegenübersieht, und betont, daß es für die Verteidigung keine Discount-Preise
gebe.
V/örtlich erklärt der amerikanische Präsident zum Thema internationale Verteidigung:
"Für die Verteidigung gibt es keine Discount-Preise. Die freie
Welt muß jederzeit darauf vorbereitet sein, den Gefahren eines globalen Atomkrieges, einem begrenzten konventionellen Konflikt und der
heimlichen Guerilla-Tätigkeit entgegenzutreten.
Das Budget des Jahres 1964 führt die Politik der Regierung fort,
die zum Schutz gegen jede dieser Gefahren benötigten flexiblen und
ausgewogenen Streitkräfte aufzustellen und zu stärken und sie zu den
niedrigstmöglichen Kosten auszurüsten und aufrechtzuerhalten. Die gesamten Ausgaben für die nationale Verteidigung werden für das kommende
Jahr auf 56 Mrd. Dollar veranschlagt, wovon 55»4 Milliarden Dollar auf
den Ordentlichen Haushalt entfallen. Dieser Betrag liegt um rund 10
Mrd. Dollar über dem Ausgabenniveau des Jahres 196O und hat zusammen
mit der Erweiterung des Weltraumprogramms in erster Linie die Ausweitung des Haushalts seit dem Amtsantritt meiner Regierung bewirkt.
Bie im Budget für 1964 enthaltenen Vorschläge für die nationale
Verteidigung legen - wie in den letzten Jahren - auch weiterhin den
Nachdruck auf:
sine starke strategische Vergeltungsmacht, die einen Überraschungsangriff überstehen und in kontrollierter und flexibler Weise wirksam
gegen den Aggressor zurückschlagen kann. Eine weitere Anzahl von im
Inland stationierten Minuteman-Raketen wird bereitgestellt und in
sicheren und über das Land verteilten Anlagen untergebracht. Sechs

- 6 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Sechs weitere Polaris-U-Boote werden zur Verfügung stehen, und
die Arbeiten an den verbesserten Ausführungen der Minuteman- und
der Polaris-Raketen werden fortgesetzt}
verbesserte Luft- und Raketen-Verteidigungsstreitkräfte. Unser
Verteidigungssystem für die Bomberabwehr und unser ballistisches
Raketen-Warnsystem werden verstärkt. Große Anstrengungen werden
weiterhin auf die Entwicklung einer Verteidigung gegen Raketen verwendet werden, wozu auch die weitere Erprobung der Nike-Zeus-Raketenabwehrrakete sowie die Anfangsentwicklung der moderneren Nike-X-Boden-Luft-Rakete gehören;
schlagkräftigere und beweglichere konventionelle Erd-, Seeund Luftstreitkräfte, um den Bereich einer nicht-nuklearen Reaktion
auf einen Angriff zu erweitern. Die Bereitstellung konventioneller
Waffen, Ausrüstungen, Munition, Hubschrauber sowie taktischer Jagdund Aufklärungsflugzeuge der Luftstreitkräfte für eine wirksamere
Unterstützung der Erdkampfeinheiten wird beschleunigt werden. Die
Haushaltsansätze sehen 16 einsatzbereite Armeedivisionen, 3 Divisionen und Luftgeschwader des Marinekorps, eine weitere Modernisierung
der Flotte sowie zusätzliche 15 000 Mann für die Armee zur Erprobung
der Konzeption einer Luftangriffsdivision und andere neue Lufteinheiten vor&gt;
ein Strahlenschutz-Programm der Zivilverteidigung, mit dessen
Hilfe die Chancen, daß ein großer Teil unserer Bevölkerung einen
eventuellen Atomangriff überleben würde, verbessert werden;
Verstärkte Einheiten zur Abwehr der Subversion, um unseren Verbündeten zu helfen, mit kommunistischer Unterwanderung und insgeheim
betriebener bewaffneter Aggression innerhalb ihrer Landesgrenzen fertig zu werden."
3,75 Milliarden Dollar für die Auslandshilfe
In dem Abschnitt der Botschaft, in dem Präsident Kennedy die
internationalen Programme und ihre Finanzierung behandelt, wird auf
die Entschlossenheit der USA hingewiesen, die Sicherheit der freien
Welt weiterhin zu fördern und zu stärken - nicht nur durch die
Verpflichtungen, die die USA zur Verteidigung der Freiheit eingegangen seien, sondern auch durch die Zusicherung, zur wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklung der weniger bevorzugten unabhängigen Völker
beizutragen. "Der Angriff des kommunistischen China auf Indien sowie
der anhaltende Kampf Vietnams gegen eine massive, von außen unterstützte bewaffnete Subversion sind die jüngsten Beispiele für die
Notwendigkeit und Bedeutung unserer Unterstützung", heißt es in der
Botschaft wörtlich. "Das ständig zunehmende Tempo der Modernisierung
sowie die wachsenden Bemühungen um Reformen und Selbsthilfe in zahlreichen Nationen verdienen unsere Unterstützung und Förderung."
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UM) ARBEIT
Die militärische und wirtschaftliche Unterstützung der USA
für andere Länder wird für das Haushaltsjahr 1964 mit 3,75 Mrd.
Dollar veranschlagt. Dieser Betrag liegt um 100 Millionen Dollar
unter der Summe für das gegenwärtige Haushaltsjahr. Während die
Aufwendungen für die Wirtschaftshilfe um 200 Millionen Dollar auf
2,3 Mrd. Dollar erhöht werden, sollen die Ausgaben für die militärische Auslandshilfe gekürzt werden, Kennedy weist in diesem
Zusammenhang darauf hin, daß die USA hei der Bereitstellung dieser
Mittel sehr selektiv verfahren werden, wobei vor allem solche Projekte und Programme berücksichtigt werden sollen, die für die rasche
Entwicklung von Ländern entscheidend sind, denen bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit der freien Welt Bedeutung zukommt und die die
Bereitschaft und Fähigkeit zum Einsatz ihrer eigenen Hilfsquellen
in wirksamer Weise demonstriert haben.
Kennedy geht in diesem Zusammenhang vor allem auf die Allianzfür den Fortschritt - das Hilfsprogramm für Lateinamerika - ein und
empfiehlt ein Programm, das für diese Länder über 1 Milliarde Dollar
vorsieht. Diese Hilfe soll über das Amt für Internationale Entwicklung, die Interamerikanische Entwicklungsbank, die Export-Import-Bank
und durch das Lebensmittel-für-den-Frieden-Programm erfolgen. Auch
das überaus erfolgreiche Programm des Friedenskorps soll in Lateinamerika
mit Vorrang fortgeführt werden.
Bundesausgaben im Ausland
Kennedy weist in seiner Haushaltsbotschaft weiter darauf hin,
daß bei der Vorbereitung des neuen Budgets alle vorgesehenen Ausgaben,
die sich auf die Zahlungsbilanz auswirken, eine besondere Überprüfung
erfahren hätten. Man sei vor allem bemüht gewesen, die Bundesausgaben
im Ausland zu reduzieren, ohne dabei die Verteidigung der freien Welt
zu gefährden.
A'uf die Kosten der Entwicklungshilfe hinweisend, appellierte Kennedy erneut an die europäischen Länder, einen größeren Kostenanteil zu
übernehmen. Wörtlich heißt es hierzu in der Botschaft:
"Wir werden auch weiterhin nachdrücklich unser Bemühen fortsetzen,
andere Länder, vor allem die europäischen Länder und Japan, zu ermutigen, einen größeren Anteil der Kosten der Wirtschaftshilfe für die
Entwicklungsländer zu übernehmen und die Unterstützung der militärischen Verteidigung innerhalb ihrer eigenen Grenzen zu verstärken..."
Weltraumforschung
Für die amerikanische Raumforschung und Raumfahrt sieht das
Budget eine Erhöhung der Mittel des US-Bundesamtes für Luft- und
Raumfahrt vor, die es ermöglichen soll, das Projekt höchster Dringlichkeit, der Landung eines bemannten amerikanischen Raumschiffes
auf dem Mond, weiter durchzuführen, sowie die vielfältigen Programme

-

8

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Programme für die Entwicklung verbesserter Forschungs- und Nachrichtensatelliten zu verwirklichen. Die Ausgaben für die Raumforschung
und Raumfahrt werden Schätzungen zufolge im Jahr 1964 auf 4,2 Mrd.
Dollar steigen - eine Summe, die um 1,8 Mrd. Dollar über den Ausgaben
des derzeitigen Haushaltsjahres liegt und einen Anstieg von 75 Prozent bedeutet. Durch Konzentration der Kräfte soll vor allem sichergestellt werden, daß die Entwicklung des Apollo-Raumschiffs für den
bemannten Mondflug und der Saturn-Rakete, die das Raumschiff zum Mond
tragen wird, ohne Verzögerung vorangeht.
In, der Botschaft des Präsidenten wird der Erfolg der amerikanischen
Venus-Raumsonde Mariner II als Beispiel für die Fortschritte angeführt,
die die Vereinigten Staaten in der Raumfahrt erzielen konnten. Auch
die Entwicklung weiterer Satelliten für geophysikalische, Astronomische
und meteorologische Forschungen sowie für die Nachrichtenübermittlung
soll mit Nachdruck vorangetrieben werden. Das Budget sieht außerdem
Mittel für Forschungsprojekte vor, durch die die technischen Voraussetzungen für unbemannte Flüge zum Mars und zur Venus sowie für bemannte Raumflüge weiter vervollkommnet werden sollen.
15 Mrd. Dollar für die wissenschaftliche Forschung
Für die wissenschaftliche Forschung und Entwicklung werden in
dem neuen Haushalt 14,953 Mrd. Dollar ausgewiesen; das sind 2,693
Mrd. Dollar mehr als im laufenden Haushaltsjahr und 4*585 Mrd. Dollar
mehr als im Haushaltsjahr 1962. Die amerikanische Bundesregierung stellt
im allgemeinen über zwei Drittel der für diese Zwecke in den USA aufgewendeten Mittel zur Verfügung.
Sofern der Kongreß diesen Ansatz billigt, werden hiervon das Verteidigungsministerium 7,653 Mrd. Dollar, das US-Amt für Luft- und Raumfahrt 4,2 Mrd. Dollar, die US-Atomenergie-Kommission 1,503 Mrd. Dollar,
das Ministerium für Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen 778
Millionen Dollar, die Amerikanische Stiftung für die Wissenschaft 193
Millionen Dollar, das Landwirtschaftsministerium 187 Millionen Dollar
und andere Dienststellen 419 Millionen Dollar erhalten.

* * * * *

- 9 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./XV-4
KENNEDY: DIE US-WIRTSCHAFT AM SCHEIDEWEG

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen Auszüge aus dem
Wirtschaftsbericht, den Präsident
Kennedy am 21. Januar 1963 dem amerikanischen Kongreß vorgelegt hat.

Die Teile des Wirtschaftsberichts Präsident Kennedys, die sich
mit den grundlegenden Zielen der amerikanischen Wirtschaftspolitik
sowie mit den wirtschaftspolitischen Maßnahmen im Jahre 1963 befassen, haben folgenden Wortlaut:
"Den Bestimmungen des Employment Act von 1946 entsprechend
berichte ich Ihnen heute:
daß die 'wirtschaftliche Lage1 der Vereinigten Staaten im
Jahre 1962 durch stetige Fortschritte auf dem Gebiet der Beschäftigung, der Gütererzeugung und der Kaufkraftsteigerung gekennzeichnet wurde;
daß 'die sich abzeichnenden Trends' für 1 9&amp;3 weitere Fortschritte verheißen;
daß eine noch nachhaltigere Expansion unserer Wirtschaft unbedingt erforderlich ist, um das in dem Gesetz geforderte hohe Niveau
•der Beschäftigung, der Gütererzeugung und der Kaufkraft' zu erreichen und um die seit 1957 vorhandene Lücke zwischen dem''bestehenden
Niveau' und dem für die Durchführung der in diesem Gesetz aufgezeigten Politik 'erforderlichen Niveau' zu schließen;
daß der Kern meines Programms für 19&amp;3 zur 'Verwirklichung
der in dem Gesetz aufgezeigten Politik1 eine umfassende Steuersenkung und Revision ist, die zeitlich und strukturell sorgfältig abgestimmt wurde, um den Fortschritt in Richtung auf eine Vollbeschäftigung und ein schnelleres wirtschaftliches Wachstum zu beschleunigen, während gleichzeitig die Preisstabilität der letzten Monate
erhalten bleibt und die Zahlungsbilanz weiter verbessert wird.

Die
-

1

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die Lage der Wirtschaft stellt das amerikanische Volk vor
eine Vielzahl von schwierigen Aufgaben. Die Expansion dauerte im
ganzen Jahre 1962 an, wobei die Gesamtlohn- und ;?t'haltssumme,
die Gewinne, der Verbrauch und die Gütererzeugung neue Höchststände
erreichten. Dies strafte die Befürchtungen jener Lügen, die vorausgesagt hatten, daß wir der unheilvollen Kette von Rezessionen, die
immer häufiger unsere wirtschaftliche Expansion unterbrachen 1953/54 nach 45 Monaten der Expansion, 1957/58 nach 35 Monaten der
Expansion, 1960/61 nach 25 Monaten der Expansion - nur mehr eine
weitere hinzufügen würden... Doch die 22 Monate einer stetigen Erholung haben bereits diese traurige Folge unterbrochen, und die Aussichten deuten auf eine weitere Expansion im Jahr 1963 hin.
Aber obwohl die Wirtschaftstätigkeit re?e ist, trachtet das
amerikanische Volk in seinen Bestrebungen doch nach mehr - und das
mit Recht. Denn alle die Fortschritte, die die USA erzielt haben,
bleiben beträchtlich hinter den Möglichkeiten zurück, die die Wirtschaft verheißt - Möglichkeiten, die wir ausschöpfen müssen, um
unseren Wohlstand im eigenen Lande zu heben und der Sache der Freiheit im Ausland zu dienen...
Gerade in den beiden vergangenen Jahren haben die Regierung und
der Kongreß eine Reihe wichtiger Schritte zur Förderung der Erholung
und zur Stärkung der Wirtschaft getan...
Diese Politik ermöglichte 1961 eine schnelle Erholung nach der
Rezession und brachte 1962 eine stetige Expansion - einen Fortschritt,
der die gesamte Wirtschaftstätigkeit auf ein neues hohes Niveau hob.
Die Rekordrate des Bruttosozialprodukts im letzten Quartal des vergangenen Jahres von 562 Mrd. Dollar lag, unter Berücksichtigung
eingetretener Preisveränderungen, um 10 Prozent höher als im ersten
Quartal des Jahres 1961 und um 8 Prozent über dem Höchststand der
letzten Erholungsperiode im zweiten Quartal i960. Der Index der industriellen Produktion lag im vergangenen Monat um 16 Prozent über dem
Tiefststand im Januar 1961 und um 7 Prozent über dem bisherigen
Monatshöchststand vom Januar i960.
,
Diese Produktionsausweitung brachte eine Vielzahl von Verbesserungen bei den Einkommen, auf dem Arbeitsmarkt und bei den Gewinnen mit sich, während das Preisniveau stabil blieb und unsere Zahlungsbilanz sich verbesserte. Im Verlauf der Expansion der Jahre
1961/62
stieg erstens das Personaleinkommen um 46 Mrd. Dollar auf 450
Mrd. Dollar an und lag damit um 12 Prozent über seinem Höchststand
während der vorangegangenen Expansionsperiode. Das Nettoeinkommen
pro Farm erhöhte sich um 330 Dollar, während das Nettoeinkommen
der in der Landwirtschaft Beschäftigten um 800 Millionen Dollar
anstieg. Das Gesamteinkommen der amerikanischen Verbraucher nach
Abzug der Steuern erhöhte sich um 8 Prozent; dies bedeutet für eine
vierköpfige Familie eine Verbesserung des Lebensstandards (unter
Zugrundelegung der Preise von 1962) um 40C Dollar pro Jahr;
erhöhte

�"AMERIKA PIEKST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
erhöhte sich zweitens die Zahl der Beschäftigten in der Industrie um 2 Millionen, während die durchschnittliche wöchentliche
Arbeitszeit in der Industrie von 39»3 auf 40,3 Stunden anstieg*
erreichten drittens die Unternehmergewinne, wie bereits betont
wurde, im Jahre 1Q62 einen Rekordstand von 51 Mrd. Dollar;
blieben viertens die Großhandelspreise außerordentlich stabil,
während die Verbraucherpreise lediglich um 1,1 Prozent pro Jahr anzogen - kein anderes großes Industrieland der Welt, Kanada ausgenommen,
kann sich einer größeren Preisstabilität erfreuen;
verbesserte sich fünftens die Wettbewerbslage, was zusammen mit
einer engeren internationalen Zusammenarbeit auf finanziellem Gebiet
und umfassenden Maßnahmen zur Einschränkung der Devisenkosten der Verteidigung, der Entwicklungshilfe sowie anderer Programme zu einer wesentlichen Verringerung unseres Zahlungsbilanzdefizits - von 3»9
Mrd. Dollar im Jahre i960 auf 2,5 Mrd. Dollar im Jahre 1961 und etwa
2 Milliarden Dollar jetzt, im Jahre 1962 - beigetragen hat.
Ausblick für 1 963
Die Aussichten für eine anhaltende mäßige Expansion im Jahre 1963
sind jetzt günstig:
1. Die Investitionen der Wirtschaft dürften, zum Teil infolge
des Anreizes, den die Abschreibungsreform vom vergangenen Jahr und
die Steuerstundung bei Investitionen gaben, sowie auf Grund der Aussicht auf eine baldige Steuersenkung und -reform, im Jahre 1963 insgesamt zumindest leicht ansteigen.
2. Der Wohnungsbau sollte etwa den Stand des Jahres 1962 halten.
3. Die Regierungskäufe - der Bundesregierung, der Einzelstaaten
sowie der Kommunen zusammengenommen - dürften um jeweils 2 Mrd. Dollar
pro Quartal steigen.
4

4. Die Verbraucherkäufe dürften sich in dem durch die Erfolge
der Wirtschaft sowie durch Regierungsmaßnahmen gesetzten Rahmen ausweiten.
Diese Aussichten lassen - unter Berücksichtigung der vorgeschlagenen Steuersenkung - einen Ansatz des Bruttosozialprodukts für 1963
mit 578 Mrd. Dollar berechtigt erscheinen, wobei diese Zahl als Mittelwert eines 10-Mrd.-Dollar-Bereichs zu betrachten ist.
Ich rechne nicht mit einer fünften Nachkriegsrezession, die unseren Fortschritt im Jahre 1963 aufhalten würde. Es ist nicht die
Angst vor der Rezession, sondern es sind vielmehr fünf Jahre einer zu
großen Arbeitslosigkeit, ungenutzte Kapazitäten und rückläufige Gewinne - und die daraus resultierende Drosselung unserer Wachstumsrate -

-

3 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Wachstumsrate -,welche die Steuersenkung und -reform zu einer so
dringenden Sache machen. Die wirtschaftliche Expansion im Jahre
1963 wird, soweit dies einigermaßen abzusehen ist, die Wirtschaft
weit hinter dem hohen Stand der maximalen Beschäftigung, Produktion
und Kaufkraft zurückbleiben lassen, den der Employment Act vorsieht...
Die Wiedergesundung, die kurz nach meiner Amtsübernahme vor zwei
Jahren eingeleitet wurde, hängt jetzt in einem Augenblick der Entscheidung in der Schwebe. Ich glaube nicht, daß das amerikanische
Volk lediglich damit zufrieden sein wird - oder sollte -, neue
Rekorde aufzustellen. Die private Initiative und die Politik des
Staates müssen Hand in Hand arbeiten, um die Hindernisse einzureißen, die in den Jahren nachlassender Wirtschaftstätigkeit seit
1957 aufgebaut wurden, und die Nation in eine neue Periode stetiger
Vollbeschäftigung und raschen wirtschaftlichen Wachstums zu führen.
Dies kann nicht über Nacht erreicht werden, aber es ist zu schaffen,
Das Haupthindernis auf dem Wege zur Vollbeschäftigung ist eine unrealistisch schwere Steuerlast. Die Zeit ist gekommen, diese zu
besei tigen...
Steuersenkung und -reform im Jahre 196$
Lassen Sie mich
fiskalische Klugheit
kung fordern, selbst
größer wird -, warum
stehende Weg ist, um

darlegen, warum in der heutigen Wirtschaft
und Verantwortungsbewußtsein eine Steuersenwenn dadurch zeitweilig das Haushaltsdefizit
die Steuersenkung der beste uns zur Verfügung
die Staatseinkünfte zu erhöhen.

Wir haben nicht die Wahl - wie dies manchmal übermäßig vereinfacht dargestellt wird - zwischen Steuersenkung und Defizit auf der
einen und einem durch kluge Haushaltsgebarung spielend ausgeglichenen Budget auf der anderen Seite... Wenn wir in die Rezession hineinschlittern sollten, weil wir keine Entscheidung über die Steuern
getroffen haben, dann wäre das Haushaltsdefizit im nächsten Jahr ohne
Steuersenkung größer als das zu erwartende Defizit mit Steuersenkung.
Tatsächlich könnte eine neue Rezession alle Rekorde von Defiziten
in Friedenszeiten brechen. Und wenn wir versuchen sollten, den Ausgleich des Haushalts durch drastische Kürzung der Ausgaben zu erreichen - notwendigerweise auf Kosten der Verteidigung und anderer lebenswichtiger Programme -, würden wir nicht nur die Sicherheit unseres
Landes gefährden, sondern wir würden auch Nachfrage, Produktion und
Beschäftigungsstand so herabdrücken, daß das Steueraufkommen sinken
und der Regierungshaushalt erst recht ins Defizit geraten würde.
Dies zu versuchen, verbietet sich daher von selbst.
Solange wir also nicht die volle Prosperität mit den daraus
resultierenden, den Haushalt ausgleichenden Staatseinnahmen wiederhergestellt haben, liegt unsere Wahl in der Praxis nicht zwischen
Defizit und Überschuß, sondern zwischen zwei Arten von Defiziten:
zwischen einem Defizit aus Verschwendung und Schwäche heraus und
einem Defizit, dem wir ausgesetzt sind, während wir unsere künftige
Stärke aufbauen...
S o la n ge

- 4 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Solange wir in großer Zahl Arbeiter ohne Arbeitsplätze und
Produzenten ohne Absatzmärkte haben, werden wir als Nation
immer
wieder in ein Defizit der Trägheit und der Schwäche geraten. Wenn
wir jedoch statt dessen das Defizit als Nebenprodukt unserer positiven
Steuerpolitik zur Expansion unserer Wirtschaft vorübergehend erhöhen,
dann wird sich dies als eine Quelle der Stärke und nicht als ein Zeichen der Schwäche auswirken...
In dem Maße, in dem die Wirtschaft zur Vollbeschäftigung zurückkehrt, wird das Budget zu einem konstruktiven Gleichgewicht zurückfinden .
Dies wäre natürlich nicht der Fall, wenn wir laufend die Grenzen
unserer Produktionskapazität anspannten, wenn die durch die Steuersenkung freigewordenen Dollar auf starre Engpässe in der Industrie
und bei den Facharbeitern stoßen würden. Dann würde eine Steuersenkung eine offene Einladung für die Inflation, für eine neuerliche
Lohn-Preis-Spirale sein und unsere mühsam erreichte Besserung der
Zahlungsbilanz gefährden. Wir haben heute jedoch nicht nur brachliegende Arbeitskräfte und ungenutzte Produktionskapazitäten,
auch neue, zusätzliche Arbeitskräfte und Produktionskapazitäten vergrößern ständig unser Produktionspotential. Wir verfügen über eine
Wirtschaft, die voll und ganz in der Lage und bereit ist, auf den
Anreiz einer Steuersenkung zu reagieren.
Wege zu rascherem Wachstum
Das von mir umrissene Steuerprogramm erstreckt sich über drei
Jahre. Seine belebenden Auswirkungen werden jedoch noch viel länger
spürbar sein. Denn der Preis langanhaltender abgeschwächter Wirtschaftstätigkeit ist unter anderem langsames Wachstum. Eine Wirtschaft,
die nicht in der Lage ist, ihr Produktionspotential voll zu nutzen,
sieht keine Notwendigkeit, dieses rasch zu erhöhen. Der Investitionsanreiz wird von dem Gewicht der Überkapazität erdrückt. Der Mangel
an Arbeitsplätzen verlangsamt das Anwachsen der Beschäftigtenzahl.
Wenn eingeschränkte Märkte, Arbeitsmöglichkeiten und Anreize den Umfang der Anstrengungen und des Einfallsreichtums einengen, dann
blühen defensive, restriktive Praktiken - angefangen von Manipulationen mit Arbeitskräften bis zu Marktabsprachen. Wenn jedoch die
Wirtschaft aus der Lethargie der vergangenen fünf bis sechs Jahre
erwacht, dann wird schon das Ende der abgeschwächten Wirtschaftstätigkeit zu einem rascheren Wachstum führen. Die Vollbeschäftigung wird
den Würgegriff restriktiver Praktiken lockern und das Tor zu Neuerung
und Wandel weiter öffnen.
Wenn auch Programme zur vollen Nutzung vorhandener Hilfsquellen
der unbedingt notwendige erste Schritt einer positiven Politik für
ein rascheres Wachstum sind, so ist es doch nicht zu früh, andere
Programme zur Stärkung der der Wachstumskapazität der Nation zugrunde
liegenden Hilfsquellen voranzutreiben. Niemand zweifelt daran, daß
die Grundlagen der wirtschaftlichen Größe Amerikas in der Erziehung,
Ausbildung und Anpassungsfähigkeit unserer Bevölkerung und in unserer
fortschrittlichen und fortschreitenden industriellen Technik liegen.
Tief

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Tief verwurzelte Grundlagen lassen sich nicht über Nacht erneuern
und verbreitern. Aber die Erreichung der nationalen wirtschaftlichen
Zielsetzung ist auch nicht eine Aufgabe für heute oder morgen, für
dieses oder das nächste Jahr. Wenn wir nicht jetzt etwas tun, um die
menschlichen und materiellen Grundlagen für das Wachstum zu verstärken,
dann werden wir später in diesem Jahrzehnt und im nächsten den Preis
dafür in Form eines langsameren Wachstums bezahlen müssen. Wir müssen
also jetzt beginnen.
Die Bundesregierung ist bereits die Hauptquelle der finanziellen
Unterstützung für Forschung und Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Die meisten Mittel, die gegenwärtig für Forschungszwecke aufgewendet werden, fließen über das Verteidigungsministerium, das Bundesamt für Luft- und Raumfahrt und die Atomenergie-Kommission an private
Unternehmen...
Da eine steigende Produktivität eine Hauptquelle wirtschaftlichen
7/achstums ist und Forschung und Entwicklung wiederum notwendige Quellen
des Produktivitätszuwachses sind, muß die Bundesregierung meiner Meinung nach jetzt damit beginnen, das Gleichgewicht im Einsatz der wissenschaftlichen Kräfte wiederherzustellen. Zu diesem Zweck werde ich
eine Anzahl von Maßnahmen vorschlagen, um die zivile Forschung und
Entwicklung zu fördern und die Nebenprodukte der militärischen und
der Weltraumforschung der zivilen Industrie leichter zugänglich zu
machen. Zu diesen Maßnahmen gehören:
1. Schaffung eines bundesstaatlich-einzelstaatlichen technischen
Beratungsdienstes;
2. neue Mittel und Wege, um der zivilen Industrie die Nutzung
der Ergebnisse der von der Regierung finanzierten Forschung
zu erleichtern;
3. Unterstützung der industriellen Forschung und Entwicklung und
der technischen Informationsdienste auf selektiver Basis;
4. Unterstützung von Forschungsverbänden der Industrie;
5. Anpassung der Einkommensteuergesetze, um den Firmen einen
zusätzlichen Anreiz für Investitionen in Forschungseinrichtungen zu geben;
6. Anreize für die Ausbildung von Forschungspersonal der Industrie
an Universitäten...
Die Geschichte wird die amerikanische Verpflichtung zu einer umfassenden Erziehung einmal als einen unserer größten Beiträge zur Zivilisation werten. In immer stärkerem Maße häufen sich auch eindrucksvolle Beweise dafür
daß die Erziehung und Ausbildung eine der am
tiefsten reichenden Wurzeln des wirtschaftlichen Wachstums ist. Durch
ihre direkten Auswirkungen auf die Qualität und Anpassungsfähigkeit
der arbeitenden Bevölkerung und durch ihre indirekten Auswirkungen
auf den Fortschritt von Wissenschaft und Wissen bildet die Erziehung
letzten Endes die Quelle eines großen Teiles unserer gesteigerten
Produktivität...
_
In

-

6 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
In unserer Gesellschaft muß die Hauptverantwortung für die Bewältigung der erzieherischen Aufgaben und Erfordernisse bei den einzelstaatlichen Regierungen und den Kommunen, bei privaten Institutionen und bei den einzelnen Familien liegen. Aber heute, wo die Erziehung entscheidend wichtig für die Bewältigung von Aufgaben und
Pflichten des Bundes in bezug auf die nationale Sicherheit und das
wirtschaftliche Wachstum ist, bedarf es einer zusätzlichen Unterstützung und Hilfe des Bundes. Die Dollar-Beiträge, die die Bundesregierung leisten würde, sind gering im Vergleich zu den 30 Mrd.
Dollar, die unser Land gegenwärtig für das Erziehungswesen aufwendet;
aber sie sind dringend erforderlich, wenn wir uns die großen Möglichkeiten zunutze machen v/ollen, die vor uns liegen.
In einer Botschaft zum Erziehungswesen, die demnächst unterbreitet wird, werde ich eine Anzahl spezifischer Vorschläge machen. Sie
alle sind dazu bestimmt, unser Erziehungssystem zu stärken. Sie werden
die Qualität verbessern, die Möglichkeiten vergrößern und zur Erweiterung der vorhandenen Kapazitäten führen...
Die Erziehung darf nicht im Klassenzimmer aufhören. In einer expandierenden Wirtschaft steht der arbeitende Mensch vor der Notwendigkeit, seine Kenntnisse fortgesetzt der jeweiligen technischen Entwicklung anzupassen. Der einzelne und der Betrieb haben die Hauptverartwortung für die Umschulung auf sich genommen, die erforderlich ist,
um mit dem technischen Fortschritt gleichauf zu bleiben - und ihre
Fähigkeit hierzu wächst, wenn die Marktlage sich bessert und die Gewinne steigen. Aber die Regierung muß diese privaten Bemühungen unterstützen und ergänzen, wenn den Erfordernissen in vollem Umfang genügt
werden soll.
Um das Wachstum zu erleichtern, müssen wir beständig die Hindernisse abbauen, die der vollen Entfaltung der Möglichkeiten unserer
arbeitenden Bevölkerung im Wege stehen. Eine bessere Unterrichtung
wird hierbei von Nutzen sein - aber es wird noch mehr verlangt. Einrichtungen, die Arbeiter an ihre Arbeitsplätze fesseln oder ein vorzeitiges Eintreten in den Ruhestand fördern, müssen kritisch überprüft
werden. Eine Beendigung der rassischen und religiösen Diskriminierung,
die nicht nur einen Affront gegenüber unseren grundlegenden Idealen
darstellt, sondern auch mit ihrem Leerlauf unsere Wirtschaft belastet,
bietet einen verpflichtenden Beitrag zum Wachstum. Genauso wie wir
bemüht sind, den Anreiz für Investitionen in Sachwerten zu erhöhen,
müssen wir auch bestrebt sein, den Anreiz zur Entwicklung der Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen und zur Förderung ihres wirksamen Einsatzes zu verstärken.
Es wird nicht einfach sein, die Wachstumsrate in den USA zu steigern. Wir verfügen nicht mehr über eine zahlenmäßig starke Landbevölkerung, die in die Industrie abwandern könnte. Wir haben nicht die
Möglichkeit, aus der im Laufe einer Generation anderswo entwickelten
modernen Technik für uns Kapital zu schlagen. Das einzige uns leicht
erreichbare Wachstum ist ein Wachstum, das dem Erfolg unserer Bemühungen entspringt, der bis 1957 zurückreichenden Periode nachlassender
Wirtschaftstätigkeit "ein Ende zu setzen - dieses Wachstum müssen wir
erreichen, schon weil es nicht zu verantworten ist, daß die amerikanis
Wirtschaft in einer Zeit der Krisen auf zu niedrigen Touren läuft.
Über

�•

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Über die Vollbeschäftigung hinaus müssen wir uns jedoch auf
die Hauptquellen allen langfristigen Wachstums stützen: auf Menschen,
Maschinen und Wissen. Wir müssen eine Vielzahl von Maßnahmen - sowohl
einfallsreiche wie routinemäßige - ausfindig machen und anwenden, um
unser Volk in die Lage zu versetzen, alle die Verheißungen unserer
Technik und unserer Wirtschaft zu verwirklichen. In einem Rahmen der
Vollbeschäftigung können diese Maßnahmen dazu beitragen, unsere
Wachstumsrate auf vier Prozent und mehr anzuheben, das amerikanische
Volk zu größerem Wohlstand und die freie Welt zu größerer Sicherheit
zu führen."

**..••*

8

-

�EUROPE: KALEIDOSCOPE OR CLOUDED CRYSTAL
Address by
The Honoiable Dean Acheson
at the
University of California
Berkeley, California
Marih 13, 1963

Our neeting today is one postponad by the crisis before lastr In
accordance with the principle of the conservation of energy, so I an told,
nothing is ever lost; though it soi..etlraes seens to ne that it would be
well if sorce things were,. For instance, the address I was to have niade here
appearcd in January in Foreign Affatrs, while the one I was to have niade at
the California Institute of Technology was brought forth at West Point in December with devastating effect upon the regard in which the la^d of my ancestors
had previously held nie. At any rate, afcer the crises of October and January
my two speeches have gone the way of all Speeches* and we raust Start over,
Some of ny dosest friends and severest critics will doubtless observe that,
in order to take a fresh look at the world Situation, I have -- like Lord Nelson -put the telescope to my blind eye In a way they will be right, siace one can
never take a wholly fresh look. External impressions must go through some
brain,
With that caveat, let us have a look, after the high wind of last January,
at the State of well- or ill-being of what has been probably the most long continued, enligbüened, extensive, and en.coessful endeavor in history» What has
been done since the end of the last war, a period of less than twenty years, is
nothing less than tha restoration of allies, friends, and former enemies alike
after shattering experiences, and the building of a Western European-North
American nexue to deal with the woriJ vide dangers and problems of an entirely
new wer Id.
At the outset let me renind you that success has its problems too. Crises
and dlffleultlcfl are with us not because the right policy or action eludes us,
but frem the very nature of human li:e and of the Situation we have faced. The
idea that a right course exists whic&gt;. will prevent difficulties frei arising
or remove them if they do, rests on tue assumption that all is con^trollable
if only we knew how.- But it is not true that all is controllable, or that difficulties cotr.e only from eirors. Thers are times in history when a vise and highly
successful course a^peais to, and often does, result in olmost as m^ny difficulties as it has resolved* A convr'escing patient well on the road to recovery,
may be irri-.atingly cantatikerouj- in asserting his new sense of strength and independence, as well as rerentnent at h"s former dependence. Yet recovery marks
success, not failure..

�-2By ehe January crisis, I mean General deGaulle1s manifesto declaring French
policy, his vetoing of British entry into the Common Market, the Franco-German
Treaty, and his reaffirraation of France's aim for an lndependent nuclear capability, Some American press comment treats these events as a heavy blow to common
policy in Europe, as previously conceived, at least, in this country. Many
voices seem to counsel making what they call compromises with General deGaulle,
since they see his star in the ascendant. This analysis and advlce seem to me
not only thoroughly nistaken, but to be as unfair to General deGaulle as they
are to the United States.
fluch as I disagree with many of General deGaulle's policies and ideas, I
defer to no one in ny admiration of his character, especially his serenity, and
his intelligence. No one, now living and active, occurs to me whose own personallty makes as great, and generally beneficial, an impact on his envlronment as
the General's. That is as good a definition of greatness as I know.
But to advise making a compromise with the General is another matter. It
1s not possible to persuade, bribe or coerce General deGaulle from following a
course upon which he is set. But he can and does in tiroe recognize the inevitable
and adjust his conduct to it, as he did in Algeria. It has been wisely Said
that "the mode by which the inevitable comes to pass is effort." The power of
the United States to shape the inevitable for General deGaulle is immense. To
urge either him or this country to depart from policies in which each deeply
believes does both an injustice, and is a waste of time.
One point of view is that General deGaulle's actions in January presented
Europe and North America with a wholly changed Situation. From another point of
view these events are said to have revealed much, but changed little. Both
views present facets of the truth. The same thing happens when a couple which
has been getting along badly has a blazing public row. It reveals what was
already known, but, perhaps, a little raore — the depth of incompat'bility.
It would be a mistake to press siniles too far. General deGaulle has not
declared war on the Anglo-Saxons, as he calls the British and ourselves. He
has not even proposed that Europe seek a divorce from its marriage to America,
which for twenty years has been one of both convenience and necessity. He has
evidenced a growing distaste for it and a desire for Separation from bed and
board; if not a judicial Separation, at least a judicious Separation.

as
If
he
is
He

Why is this sc? The General may be deeply, indeed tragically, mistaken —
I think he is in this case — but he is neither unintelligent nor sinister.
we are to oj»?ose his course, we must understand it. The convictions on which
is now acting he has held and expressed for some time. The place to begin
with what he said in January as he excluded the British from the Common Market.
began this way:
" . . . The Treaty of Rome was concluded between six Continental states*
As a wholc, these states are, economically
speaking, alike. . . . Because this grouplng and these ties are
sc pronounced what they have to produce, t&gt;t buy, to seil, to consuroe, they prefer to produce, buy, seil, and consume within thelr
own compleX;. This, then, is in accordance with the realities of
the Situation.

�• 3 "Furthernore, it should be added Chat fron the point of
view of their economic development, cheir social progress, and
their technical capacity, they are all in step and march in a
very similar manner. Also, tl.ere is no political disagreement between
them, no boundary questions, no domination or power rivalries. On
the contrary, they are united in the first place because of their
awareness that together they possess a large part of the sources
of our civilization and also wich respect to their security, because they are Continentals and are faced with a Single identical
menace fron one end to the other of their territorial complex.
"In short, they are united because not one of them is tied
to an outside power by any special political or military pact."
Please note carefully the last paragraph. The six nations referred to,
France, Germany, Italy, and the Benelux countries, are united because, he Said,
not one of them is tied to any outside power by any special political or military pact. But all of them are signatories of the North Atlantic Treaty which
provides:
". . . an armed attack against one orraoreof them (the member
states) in Europe or North America shall be considered an attack
against them all; and consequently • . . if such an armed attack
occurs, each of them . . . will assist the Party or Parties so attacked
by taking forthwith, individually and in concert with the other
Parties, such actlon as it doems necessary, including the use of armed
force, to restore and maintain the security of the North Atlantic
area."
Both Great Britain and the United States are signatories of the same treaty.
One would, therefore, suppose it piain that all the signatores were "tied"
to one another by a very "special political (and) military pact." This treaty
had not escaped the General's attention. He simply chose to ignore it, so far
as the six countries were concerned, leaving Great Britain and the United States
as "outside powers" tied by this special relationship.
Then came Britain to alloy this incomposlte unity.
"England, in fact," said the General, "is insular, maritime, linked by its trade, its markets, its supply needs, to the
most diverse and often the most rennte countries. Its activities
are essencially of an industrial and commercial nature and it
carries on very little agricultural activity. All of its activities are characterized by very Singular and distinctive practices
and traditions . . .
"It must be admitted that the entry of Great Britain
first and then that of those states will completely change the
arrangements as a whole . . . . Kence we should envisage the
setting up of another Common Market. But the one that would
be establi*bed, conslsting of eleven countries and later of
thirteen and later, perhaps, of eighteen, would, dbubtless,
bear little resemblance to the one that the six have constructed.

�4~
"Moreover this Community, growing In this manner, would
find itself confronted with all the problems of its economic
relations with a host of otber countries and primarily with the
United States*
"It is to be anticipat?d that this would soon destroy the
coherer.ce existing betwesn all the members, which would be very
numerous;, and that in the final analysis a colossal Atlantic
Community subject to and directed by America would appear, which
would malce short work of absorbing the European Community *
"This is a hypothesis which may be perfectly justifled
in the eyes of some people but that is not at all what France
vadtrö-to' Oft .and what Franct is doing and which rejr-sents an
absolutely European setup."
Here the General comes back again to the basically disqualifying characteristic
of the British applicatton -~ its tondency to involve the Continental eilte with
America. deGaulle's nightnare is the broader American-led Atlantic Community
"which would raake short work of absorbing the European Community.." Soon, again,
he returns to this Obsession.
At Athens the United States gava clear assurances that it would react with
nuclear weapons to a Soviet nuclear attack or to a Soviet conventional attack
which could not otherrlse be resisted. Nevertheless, the General said:
" i &gt; . no one in the world and particularly ho one in America,
can say whether, where, w1 in, how, or to what extent American
nuclear weapons would be uscd to defend Europe. This does not
of course prevent American nuclear arms, which are the most
powcrful of all, from remaining the essential guarantee of world
peace • • • •
"Thus, principles and reallties are in accord in lcading
France to provide itself with an atomic force of its own. This of
course by no means excludes the possibility of the action of that
force being combined with that of simllar forces of its allies.
But, for us, in this Situation, Integration is something that
cannot be imagined . • , «,
"In the Bahamas, the United States and Great Britain
concludel an agreement, and we were asked to adhere to it . • * .
It is a matter of establishing an atomic force, called multilateral
,. • .. This multilateral fcrce would be used to defend Euiope
and would be undar American command of NATO. . . »"
Here it is not the supposed uncertain availabllity of American nuclear
power in the defense of Europe which really bothers the General. Indeed, he
refers to that power as "the essential guarantee of world peace." What the
General finds objectionable is what he calls "the American command of NATO."
What the General says that France w.mts, certainly what he wants, is what he has
called "an absolutely European setup»" Before considering whether this is wise,
possible, or desired by any of France 1 s partners in the Six, let us consider
for a mor.^nt Genera?. deGaulle's con-eption of Europe. For he has one, and it
is not a mere cloak for French parocMftllM or for illusions of "grandeur."

�-5To some che French vcto of che British applicacion was a classic example of
Chose European enmicies againsc which Che Fächer of our CounCry so eloquently
warned us in his Farewell Address:
"Europa," he sald, "has a saC of priraary interests,
which co us have none, or a very remote relacion. Hence,
she must be engaged in frequenC controversies, Che causes
of which are essencially foreign Co our concerns. Hence,
therefore, it must be unwise in us Co implicate ourselves,
by artificial Cies, in che crdinary vicissiCudes of her
policics, or Che ordinary ccnbinations and collusions of
her friendships or enmitieSo"
Far be ic fron ne Co say ChaC enmicies, ancienC or modern, have no effecc
in General deGaulle's thoughcs o&gt;_ decisions. BuC here I do noc chink ChaC he
is motivated by ancienc European entr.ities. Racher, I believe ChaC General
deGaulle is curning General Washington's advice around and givlng ic Co his
European parcners. Only a small paraphrase of Che Farewell Address is necessary
Co state General deGaulle's advice to Europe. "The greac rule of conducc for
us in regard to (non-European) nacicns is Co have wich ehern as liccle policical
conneccion as possible. Why, by incerweaving our desciny in any conneccion
wich Che (United States), entangle cur peace and prospericy in Che Coils of
(American) anbicion, rivalship, inCeresC, humor, or caprice? IC is our crue
policy Co steer clear of permanent allianee with any porCion of Che world
(beyond Europe.)"
This, I Chink, is whaC he is saying«. The quescion remains, why? Why,
in a world where terrestial Space has all buC been eliminaCed, in a Century when
all Europe, combined Co defend icself apainst che chen mosc powerful European
nacion, twice called for che aid of America -- why, now, when Europe has no adequate defense apart from America, should General deGaulle preach so suicidal a
doctrine' If chere is any answer, ic must lie in his coneeption of a Europe
from the AclanCic Co the Urals.
So far as I know, che phrase crops up firsC in 1959, when he observed ChaC
disarmament held no security for France unless ic applied "from che AclanCic
Co che Urals" —• an eminencly sensible idea. On May 31, 1960, it appeared in
a wholly new seteing:
•. . . " , . . it is only in the equilibrium of the universe
Chat one shall find peacer On our old continent the Organization of a Western group, more or less equal to that which
exists in the East, could one day make possible an underStanding (entente) from the Atlantic to the Urals without risking
the independence of anyone.»
,. Then Europe, the whole of it,
no longer cut in two by the ambitions of ideologies . . . shall
again become the home and eeotex of civilization . . . and obligate the great countries wh^ch on other continents march toward
power to take to Cooperation rather than the temptatlons of
war,"

�.6.
By Docenber 29, 1961, enthusiasn and rhetoric
staten:nt thr.t the General would b. syrapathetic to
"major Western powers and Soviet Russia," provided
and that "the discussion be that of reestablishing
of extending Moscow's hold over our kontinent."

had receded to the sober
negotlations between the
the Kremlin ceased its threat
a balance in Europe, not

But by the press Conference of Hay 15, 1962, the idea was again füll blown.
Speaking of three principal goals which he had set for hinseif, he described the
second in this way:
11

• . . To contribute tc the construction of Europe in the
fields of politics, cf defen?a and of economy, so that the expansion and action of this ensemble may aid French prosperity
and security and, at the sane time, re-establish the possibillty
of a European balance vis-a-vis the European Countries."
(On the solidarity betwaen Germany and France depends
not only the security of the two peoples but also) "the destiny
of the whole of Europe, fron the Atlantic to the Ural Mountains;
for if a structure, a f i m , prosperous and attractive Organization, can be created in Western Europe — then there reappear
the possibilities of a European balance with the Eastern states and the
prospect of a truly European Cooperation, particularly if, at
the sane time, the totalitarian regime ceased to poison the
Springs."

�.7In these passages the aGaulle conceptlon of Europe from the Atlantic to the
rais is set out with admirable clarity. It is simply this: resting upon the
olidarity of Germany and France, Westein Europe can becorae so organized and
owerful as to balance the Eastern satellites and European Russia and open the
ossibility of a truly European cooperative System extending from the Atlantic to
he Ural Mountains. This contemplates an internal equilibrium wholly within the
rea. To achieve this equilibrium it is not enough that power factors should not
nvite disequilibrium.n It is necessary that inducements to harmoniKation of
olicies within this Europe outweigh the inducements to conflict. Hov does
eneral deGaulle's Europe meet these criteria?
Some factors support the deGaulle appraisal — the populatlon of NATO Europe
larger than the Six) is slightly larger and, probably, more industrially competent
han that of the Soviet Union; its raw naterial resources and lndustrial productive
otential are as large or larger; its agriculture is infinitely superior. But here
mportant factors shift to the East.
The present armaments of the Soviet part of this Europe, conventional and
uclear, are today so superior to those of Western Europe as to defy any realistic
ope of equalization within this confined area. This is so, not only because of the
uantitative and qualitative disparity, but because no possibility exists within this
roposed society to change this disparity. The Soviet Union is directed by a
lonolithic autocracy, which will not be susceptible to any attempt by General deGaulle
o reduce its power. In Western Europe the difficulty now, and in the future as in
he past, lies in stimulating and coordinating the wills of separate peoples and
;overnments. Each government has its own difficultles; when those are put together,
hey increase geometrically. Western Europe cannot and will not be stimulated within
laullist Europe to increase its power without destroying Gaullist Europe. If the
ieneral attempts to stimulate it, his Russian colleagues will stop it; if they
itimulate it, they will dispose of him -«• and, perhaps more. Gaullist Europe must,
herefore, be a Europe under Soviet hegenony.
The General's partners see this as piainly as we do, and most of them want no
&gt;art of it. Perhaps, some of them, but only a few, nourish the hope, which I discern
iow and then in French official utterances, that they might have the best of both
rorlds by terminating, or attenuating, the American presence in Europe but still
•etaining the guarantee of American defensive protection« This would mean that
:hey would do nothing to face the Russi ins, lnstead of ourselves, with the alternative of resorting to nuclear war to deter the pressure of conventional power, lnstead,
&gt;y the development of a small national nuclear force, they would hope to be able to
letonate ours. Thus, so the argument runs, without the bürden of either conventional
&gt;r nuclear forces of any sise, they could protect themselves from the disconcertingly
&gt;owerful eastern portion of a Europe extending from the Atlantic to the Urals.
If by some such method General deGaulle seeks the best of all worlds, he surely
illocates to the United States the worst. For we would be assigned to defend Europe
lgainst the inevitable consequences of his policy -- domination by the Soviet Union -•
fhlle being excluded from any part or influence in establishing in Western Europe
»hat Genetal Washington called "a respectable defensive posture." Our task under
those circumstances would require the mutual incineration of the Soviec Union and
the United States. It is difficult to conceive of any government in this country
jndertaking so unpromising a commitment, A relatively simple effort by a Western
Surope defense integrated with power of the United States could deny the Soviet
Union conventional superiority in Europe and face it with the necessity to resort
to nuclear war to impose Its will by force.

�B.
So it seems to nie piain that the conceptlon of a Europe from the Atlantic
to the Urals 1s a conceptlon wholly at variance with the North Atlantic Treaty
so long as the Soviet Union maint a:\ns anything like its rpresent purposes
and attitudes. If it should cease to maintain them, the treaty would cease
to be of importance« General deGaulle cannot have both the Europe of his
conceptlon and ths treaty of his corception. Not because he does not want
both, but because ths tisks and ha?ards to the United States under those
circumstances of assuraing the treaty obllgations as he would conceive them
are too great. One would hope that this truth is well and widely understood*
The weakness of General deGaulle's position in the eyes of his European
partners will lie not only in its basic fallacy which we have just examined,
but in the vast difficulty of France's achieving what she must to fulfill
specific portions of the program,, Let us have a brief look at the French
milltary Situation» This requires an entirely new conventional force and
an entirely new nuclear establishment«
The conventional goal is to have at least as large and well armed a
force in Europe as the Gernans have» At present the Germans have twelve
divisions, whlch cculd, and doubtless will, be much better than they are.
They certainly will have more. The French troop uprisings in Algeria, the
O.A.S c , the desertions and trials of senior officers are only the most dramatic lidication that the French array, which since the war has been fighting
losing guerrilla wars in Asia and Africa, taust be reorganized, reraanned,
reofficered, reequipped, and redeployed. This ls not because NATO or Washington wants it, but because it is a pressing necesslty for France. It is
also a lengthy, dlfficult, and very costly process, as German experience
(ahead of France's) has so poignantly reminded us through "Der Spiegel"
affair. General deGaulle must sonetimes be tempted to repeat the Duke of
Wellington's wryly Ironie remark, provoked by a draft of troops sent to him
in the Peninsula, "I don't know what Impression these men may make on the
enemy, but, by God, they terrify ne!"
On top of this heavy and inescapable budget demand, must be imposed
the bill for the nuclear deterrent, the Force de Frappe ••- or, as the
London Economist put it, "Höre Frappe for a Franc." General deGaulle, with
characteristic candor, does not overstate what a French Force de Frappe
could do, but I think he does overestimate its significance»
"It ls perfectly true," he said in January, "that
the quantity of nuclear arms we can furnish ourselves will
far from cqual the mass of those of the two giants of
today . * ..
"In 1945 two bombs, which were elementary, caused the
capitulation of Japan, which could not retaliate . . . The
Frrnr'j atonic force will, from the beginning of its Organization, have the sinister and terrible capaclty to destroy
millions and millions of nen in a few instants,&gt; This fact
cannot but lnfluence, at least somewhat, the intentions of
such a possible aggressor,"

�-9We have nlready discussed the conception of the indepcndent French
forces as a trigger to fire the U.S. Strategie nuclear force; and polnted
out why this idea is unacceptable to us. We nust now consider the Utility
of the force» as the General is doing in the passage quoted, wholly apart
fron any lnvolvement of American Power. All that is claimed ls that it
eould affect the lntentlons of a possible aggressor "at least sonewhat."
In the strict sense of the words this is difflcult and useless to deny. But
the General surely neans more than this. He expects that his force will
have aroeasurableand, indeed, significant deterrent effect* The question is,
will it? And under what circumstances?
The French force can have very little deterrent effect if Its weapons
would have little chance of reaching any targets. When French atoroie war«
heads are developed, they will be borober-bornej therroonuclear ones are not
seheduled until the 1970's andraissilevehicles roay be a long way off.
Moreover, while General deGaulle says modestly that the French force will be
far fron equal to those of elther of the giants, the fact ls that it would
be unlikely to aroount to 27. of elther. This would be no threat to the Sovlet
air force. Indeed, the General clearly thlnks of lt as an anti-clty weapon.
The Chance that so small a force, or any of lt, would be able to penetrate
defenses to populous'Centers ("to destroyrollllonsandroillionsof nen In a
few instants") is not good* The desirability to Soviet Russia of destroylng lt
before it left the ground would be great enough to suggest that, on balance,
the rlsks of destructlon which such a force night pose would be considerally
greater in France than in the Soviet Union.
At any rate, the opportunlty to contrlbute to the creatlon of this
French force would not seem to be over-alluring to France's European neighbors; and the flnancial effort lt would impose upon the French economy
night well reverse the happily strong position which it has only just attalned
after soroanyyears of internal and external strain and draln. The fact of
the matter is that France's nilitary position ls very weak, Indeed, and ls
llkely to renain so for a conslderable period. This is not only unfortunate
for the NATO alliance, but it ls disastrous to any deslgn of General deGaulle
to convince his European nelghbors that he can lead then to any purely Euro«
pean«provided security, or further any such deeply held politlcal purposes
as the Geraan one to protect Berlin and reunlte Germany,
From an even broader point of view, General deGaulle's Europe offers
little promise of elther strength or beneficial contributlon to free world
strength. While the veto of the British application was put primarily on
the danger of the American Trojan Horse, it was also put on the ground of
the differentness of Great Britain from the Continental societles* It was
an Island. It looked outward, llnked by trade with "the most remote countries,
lts "activities . . . characterized by very Singular and distinetive prac«
tices and traditlons," Contrasted with this the General attributes to the
stx contlnental countries a preference "to produce, buy, seil, and consume
within their own conplex." In this contrast General deGaulle was quick to
see a conflict of leadership and conception, deeply rooted in history.

�10Sotne months ago a German friend said to me, "The Six are too parochial
for their owa and the general good&lt;&gt; What we need is an Infusion of salt
watero" When General deGaulle looks bayond the continent, what does he see?
Only forcier French African colonies which he wishes to bring into a Community
for which Britain was too exotic0 Tbc Common Market, like the United States,
is too larga a produetr and consumer to buy, seil, and consume within its own
coraplex, To attenpt this will have tl:e most harmful consequences within its
own area and to the 'ast external area of the free world which must live
by trade with these two great uarkets
American policy toward the Common
Market from its inception has been that such an Arrangement with low external
tariffs and other batriers was good; with high ones, bad. It was welcomed
not as an Instrument to constrict tho trade of Europe within a club under
French hegeraony, but as a new great rarket designed to expar.d trade with a
sense of outward-looking responsibilicies* The Trade Ftpansion Act, passed
in the last Session of the Congress, xs founded on this conception» No one
has stated it better than the father of the Common Market, II« Jean Monnet:
"There are urgent prcblems which neither Europe nor America
can settle alone* These are, to my mind, the monetary stability
0£ the West, the Organization of agriculture in an increasingly
industrial world, help to the developing countries to speed their
growth and, of course, the freeing of trade to be negotiated ba»
tvreen yoursalves and the Comtncn Market" _/
The contrast b..twoen this statemont and the narrow preference for a Europe
seeking an economic existenca within its own complex gives soma measure of
the haim which the announcad policy of the press Conference portends*
In the light of this analysis, what should be the response of the United
States policy to the events of Januaty? To begin with, it should be a calm
response, kaeping a sens« of proport^on, avoiding the acriraonious and spiteful.
It shov-ld not assume, as some of the press has, that all is lost because
General daGaulle has starkly revealed long-Standing Opposition to coamonly
favorcd policy, It should be basci on the knowledge that the General's
Position will not f5.nd favor with our common allies because it is not in
the cornon inte:'e&lt;5ts. It should ras.; on the further fact that tht-, 'Jnited
States is strong, and is regarded as strong by friends and opponer.Cs alike,
while France, though happily much he?.Ithier than recently, is stil1 far from
being a robust leider.. In short, General deGaulle's d&amp;aarche has changed
very little, though it has shown the Intention and capacity to slow some
things up.Our present European defense policy is right and should be continued.
This consists in konstant pressuxe tovard developing a conventional defensive
position which, as it grows in strength, constantly makes clear to rhe Soviets
that to attain their ends by threat or pressure of force increasingly faces
them with rssort to nuclear war«, No doors should be closed to French participation and Cooperation If French attitudes unduly delay or frusttate
agreen»nts through NATO Channels to gat on with the common defense, efforts
should go forward directly with nations able and willing to make pfogress.

*/

Address by -luan Monnet, J •
Award in Naw York.

!-&lt;-&gt; .,-,-• tec»*ving the 1962 freedom

�We should understand that France, because of troubles in Asia and Africa,
has make mighty little contribution for a decade; and, under the best circumstances, eoulq not have been expected to nake much more for another decade«
Furthenriore, whntever is dcne to renal 3 the French a m e d rorces is a necessary
preJ.vde to any effektive participation. Whatever the General does to develop
a nuclear capability he will do anyway, and the less tirne we spend worrying
about it the better.
As for a Strategie nuclear force in Europe, a multinational approach
is the best one in principle. But it does seem to me a waste of time to
chase its distant implications of control and connand to drily logical extremes before there is anything to control or command. Our allies can hardly
have very solid ideas about how they want to partieipate in nuclear defense
until they know something about it. This they have been prevented from
learning by self-defeating, excessive secrecy. These barriers should be
removed. Carefully selected officers and civilians should be given every
opportunity to learn the detailed costs of a nuclear establishment, tt*« intrlcacies of the deployment, protection, targeting, and control of Strategie
nuclear weapons, and something of the Operation of various types of weapons.
If this were done, the discussion of what is popularly called a "NATO" or
"European" nuclear force would be revolutionized. Only then can we hope for
really wise planning with our allies for the coiaaon defense,with the funetion
and deploynent of the various arms de^rmined in relation to the problem
and not to national prestige, pride, er suspicion.
In the political field, the ev nts of January carry a clear and stern
warning of the panalty we pay in out relations with Germany for failure to face
up to unequivocal decisions on policy toward Central Europe and the reunification of Germany. This, of course, lies at the heart of policy toward
Berlin. American and European interests, when seen free from the fog of
Illusion, require reunification within a united Europe, within a closely
knit Atlantic alliance. Since the disastrous Camp David meeting Gernans have
been disturbed over our constant negotii ;ions with the Russians under Russian
threats. Fruitless as they have been, with no real concesslons made, they
seemed to Germans to edge toward increr.sing recognition of the East German
regime; they kept German politics conf &lt;nuously upset and moved German sympathy
toward General deGaulle's support of Oerraan ambitions which is, perhaps,
more strongly stated than unreserved-. Our f lirtation with Moscow, like many
which have no serious purpose, has sueeeeded only in embittering more legitimate relationships. The time has come to stop it and State our intentions
unequivocally,
While the January offensive began on the supposedly economic front, and
did a good deal of damage, I sec no reason why the war should go on there.
The occasion for it all, the British application to the Common Market, is
now in unpredictable limbo. The Five üould gladly, and, in time, might
successfully, overbear France, if British politics were not to intervene and
change the British position. No one can see clearly at present what will
happen. But, if tempers and resenfmerts are not exaeerbated, there should
be enough common interest in important areas to push on in the directions
which M. lionnet has pointrd out«

�In the freeing of trade, the Treaty of Roiae will by 1966 prevent any one
country from blocking a course desired by the others. If we and the Five
move vigorously toward the lowering of barriers into the great markets of
Europe and America, we can shape the sort of inevitabillty whlch General
deGaulle will accept. Recently Mr. Per Jacobsson, the Managing Director of
the International Monetary Fund observed that "perhaps the best thing that
can happen to the underdeveloped countries is the pursuit of active expansionary policies in the more industrial countries" and suggested that this be
done cooperatively through the Fund and the Organization for Economic Coopera»
tion and Development in Paris. M. Ilonnet has urged that the leading financlal countries get on with the closely related task of improving the monetary
stability of the West. Here are endeavors in which General deGaulle can join
without embarrassment or inconsistency. They are whoily in accord with
French interests as he sees them.
In short, January was not a good month. General deGaulle did the West
a bad turn in vetoing the British apilication. He disclosed some long-range
plans which must be opposed and which, if intelligently opposed by pressing
on with better ones, have not much Chance of getting very far. In other
directions there is room and need for Cooperation with him in important work.
The writer of Eccleslastes has told us that there is "a time to every purpose. . ..
a time to break down and a time to build up." January last was, apparently,
a time to break down in the midst of a long time of building up. It did some
damage. It is now time to repair that and get on again with building up.

�A M E R I K A

D I E N S T

i l l g . / X V I - 11
EUROPA: KALEIDOSKOP ODER GETRÜBTER KRISTALL
von
Dean G. Acheson

-

A N S P R A C H E
g e h a l t e n vor d e r U n i v e r s i t ä t von K a l i f o r n i e n

am M i t t w o c h , dem 13« März 19&amp;3
(Wortlaut)

in

Berkeley

�EUROPA I KALEIDOSKOP ODER GETRÜBTER KRISTALL

Unser heutiges Zusammentreffen ist die Nachholung einer Veran»
staltung, die angesichts der vorletzten Krise verschoben worden war.
Nach dem Grundsatz von der Erhaltung der Energie geht, wie ich mich
belehren ließ, nichts je wirklich verloren! manchmal jedoch möchte
ich meinen, es wäre ganz gut, wenn manche Dinge doch verlorengingen«
Die Ansprache beispielsweise, die ich hier halten sollte, erschien
im Januar in "Foreign Affairs", während eine andere, die ich an der
Technischen Hochschule von Kalifornien hätte halten sollen und die
dann in West Point im Dezember von mir vorgetragen wurde, verheerende
Auswirkungen auf die Achtung hatte, die mir das Land meiner Vorfahren
bis dahin entgegengebracht hatte« Jedenfalls sind meine beiden Reden
nach den Krisen vom Oktober und Januar den Weg aller Reden gegangen,
und wir müssen ganz von vorn beginnen»
Einige meiner engsten Freunde und schärfsten Kritiker werden
zweifellos bemerken, daß ich, um einen neuen Blick auf die Weltlage
zu werfen, das Fernrohr • wie Lord Nelson - an mein blindes Auge halte«
In gewissem Sinne werden sie damit recht behalten, denn niemand wird
schon beim zweiten Blick mehr völlig unbefangen sein» Äußere Eindrücke
müssen erst das Hirn passieren«
Eingedenk dieser Vorwarnung wollen wir nun, nach dem Windstoß
vom Januar, einen Blick auf das Wohl oder Wehe dessen werfen, was die
bisher am beharrlichsten fortgesetzte, die weitestblickende, die umfassendste und die erfolgreichste geschichtliche Bestrebung darstellen
dürfte« Was seit Ende des letzten Krieges in einem Zeitraum von noch
nicht einmal zwanzig Jahren bewerkstelligt wurde, ist nicht weniger als
die Wiederaufrichtung von Verbündeten, Freunden und früheren Feinden
nach erschütternden Erfahrungen und der Aufbau einer westeuropäischnordamerikanischen Verbindung mit dem Ziel, den weltweiten Gefahren
und Problemen einer völlig neuen Welt zu begegnen«
Ich

*. 1 -

�Ich darf Sie von vornherein daran erinnern, daß auch der Erfolg
mit Problemen verbunden ist. Krisen und Schwierigkeiten tauchen auf,
nicht weil uns die rechte Politik abgeht oder weil es an richtigen
Maßnahmen mangelt; sie entspringen vielmehr dem ureigenen Wesen
menschlichen Lebens und der Lage, der wir uns gegenüber sehen. Die
Vorstellung, daß ein richtiger Kurs möglich sein müsse, der keine
Schwierigkeiten aufkommen läßt oder diese beseitigt, sobald sie
auftauchen, beruht auf der Annahme, daß alles regelbar ist, sofern
man nur weiß, wie. Es trifft aber nicht zu, daß alles regelbar ist
oder daß Schwierigkeiten nur aus Irrtümern herrühren. Es gibt Zeiten
in der Geschichte, in denen ein weiser und höchst erfolgreicher Kurs
ebenso viele Schwierigkeiten hervorzurufen scheint und oft auch tatsächlich hervorruft, wie er zu beseitigen vermochte. Ein Rekonvaleszent
auf dem Weg der Besserung kann sehr wohl in lästiger und streitsüchtiger
Weise auf sein neues Gefühl der Stärke und Unabhängigkeit pochen und
dabei gleichzeitig nichts mehr von seiner früheren Abhängigkeit wissen
wollen. Und doch ist die Genesung ein Zeichen von Erfolg und nicht von
Mißerfolg.
Mit der Januar-Krise meine ich die Erklärung General de Gaulles
zur französischen Politik, sein Veto gegen den Beitritt Großbritanniens
zum Gemeinsamen Markt, den deutsch-französischen Vertrag und die Bekräftigung des Strebens Prankreichs nach einem unabhängigen nuklearen
Potential. Verschiedene amerikanische Pressekommentare werten diese
Ereignisse als einen schweren Schlag für eine gemeinsame Politik in
Europa, wie man sie vorher, zumindest in unserem Land, ins Auge gefaßt
hatte. Viele scheinen den Ratschlag zu geben, mit General de Gaulle,
wie man es nennt, Kompromisse zu schließen, da sie seinen Stern als
im Steigen begriffen erachten. Diese Lagebeurteilung und diese Ratschläge scheinen mir nicht nur von Grund auf irrig, sondern gegenüber
General de Gaulle wie auch gegenüber den Vereinigten Staaten unfair
zu sein.
So sehr ich auch vieles an der Politik und den Ideen General
de Gaulles mißbillige, so stehe ich doch in meiner Bewunderung für
seinen Charakter, besonders seine Gelassenheit, und seine Intelligenz

2

-

�Intelligenz hinter niemandem zurück. Ich wüßte keinen unter den derzeitig Lebenden und Tätigen, dessen Persönlichkeit einen so großen
und im allgemeinen wohltuenden Eindruck auf seine Umgebung macht wie
die des Generals.

Das ist die beste mir bekannte Definition von Größe,

Zu Kompromissen mit dem General zu raten, ist eine andere Sache,
General de Gaulle ist weder durch Geld, gute V/orte noch Zwang von
einem Kurs abzubringen, den er einmal eingeschlagen hat. Er vermag
aber sehr wohl im rechten Zeitpunkt das Unvermeidbare zu erkennen und
sein Verhalten darauf abzustellen, und er tut dies auch, wie Algerien
zeigte, Es geht das kluge Wort, die beste Methode, das Unvermeidbare
herbeizuführen, sei die Anstrengung. Die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, das Unvermeidbare für General de Gaulle zu gestalten, ist gewaltig.
Ihn oder unser Land zur Preisgabe von politischen Konzeptionen drängen
zu wollen, an die beide fest glauben, wäre sowohl ungerecht als auch
ZeitVerschwendung.
Eine Ansicht besagt, der Schritt General de Gaulies vom Januar
habe Europa und Nordamerika vor eine gänzlich veränderte Lage gestellt.
Einer anderen Ansicht zufolge sollen diese Geschehnisse viel enthüllt,
aber wenig geändert haben. Beide Ansichten sind Facetten der Wahrheit,
Es ist nichts anderes passiert, als daß ein Ehepaar, das seit langem
schlecht miteinander auskommt, einen lautstarken Streit in aller
Öffentlichkeit ausgetragen hat. Er enthüllt nur, was ohnehin schon bekannt war, vielleicht aber auch ein bißchen mehr - die Tiefe der Gegensätzlichkeiten •
Es wäre falsch, die Parallelen zu weit zu ziehen, General de
Gaulle hat den Angelsachsen, wie er die Briten und uns nennt, nicht
den Krieg erklärt. Er hat noch nicht einmal vorgeschlagen, daß Europa
die Scheidung seiner Ehe mit Amerika beantragen solle, die zwanzig
Jahre hindurch eine Verbindung aus Gründen der Bequemlichkeit und
Notwendigkeit war. Er hat eine zunehmende Abneigung für sie dokumentiert und den Wunsch nach Trennung von Tisch und Bett; wohl keine
juristische Scheidung, zumindest aber eine Trennung aus Vernunftgründen.
Weshalb

�Weshalb ist das so? Der General mag in einem tiefen, ja tragischen Irrtum befangen sein - wie meiner Meinung nach in diesem Falle - t
aber er ist weder unintelligent noch böswillig. Wenn wir uns seinem
Kurs widersetzen, müssen wir ihn zuerst verstehen. Die Überzeugungen,
nach denen er jetzt handelt, hat er bereits seit geraumer Zeit gehegt
und zum Ausdruck gebracht. Der Punkt, an dem wir ansetzen müssen, ist
seine im Januar abgegebene Erklärung, als er die Briten vom Gemeinsamen
Markt ausschloß, Er begann folgendermaßen:
"...Der Vertrag von Rom wurde zwischen sechs kontinentalen
Staaten geschlossen - Staaten, die, wirtschaftlich betrachtet,
gleich geartet sind ...Wenn man sie so zusammenfaßt und miteinander verbindet, daß das, was sie produzieren, kaufen, verkaufen
und verbrauchen, vorzugsweise in ihrem eigenen Verband produziert,
gekauft, verkauft und verbraucht wird, so entspricht das den wirklichen Gegebenheiten.
Hinzu kommt außerdem, daß sie sich hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, ihres sozialen Fortschritts und ihrer
technischen Fähigkeiten alle im Gleichschritt befinden und in sehr
ähnlicher Weise vorgehen. Ferner gibt es zwischen ihnen keinerlei
politische Streitfragen, keine Grenzprobleme und keine Herrschaftsoder Machtrivalitäten. Im Gegenteil, sie fühlen sich solidarisch
vor allem in dem Bewußtsein, einen bedeutenden Teil der Quellen
unserer Zivilisation gemeinsam zu besitzen, und hinsichtlich
ihrer Sicherheit auch deshalb, weil sie Kontinentalstaaten sind
und sich vom einen Ende ihres Gesamtgebiets zum anderen ein und
derselben Bedrohung ausgesetzt sehen.
Schließlich sind sie solidarisch auf Grund der Tatsache, daß
keiner von ihnen nach außen hin durch irgendeinen politischen oder
militärischen Sondervertrag gebunden ist."
Widmen Sie bitte dem letzten Absatz besondere Aufmerksamkeit. Die
sechs Länder, von denen hier die Rede ist - Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten -, sind solidarisch, weil, wie er sagt,
keines von ihnen nach außen hin durch irgendeinen politischen oder

- 4 -

�oder militärischen Sondervertrag gebunden ist. Aber sie gehören sämtlich zu den Signatarstaaten des Nordatlantikpaktes, der bestimmt
"...daß ein bewaffneter Angriff gegen einen oder mehrere von
ihnen (den Vertragspartnern) in Europa oder Nordamerika als
ein Angriff gegen sie alle angesehen wird; sie vereinbaren daher,
daß im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jeder von ihnen ...
dem Vertragsstaat oder den Vertragsstaaten, die angegriffen werden,
Beistand leistet, indem jeder von ihnen unverzüglich für sich
und im Zusammenwirken mit den anderen Vertragsstaaten die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waffengewalt, trifft,
die er für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wieder herzustellen und zu erhalten."
Sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten sind Signatarstaaten desselben Vertrages. Demnach sollte man meinen, es sei klar,
daß sämtliche Signatarstaaten durch eben diesen "politischen (und)
militärischen Sondervertrag" aneinander "gebunden" sind. Dieser Vertrag
ist der Aufmerksamkeit des Generals nicht entgangen. Er zog es einfach
vor, ihn zu ignorieren, soweit die sechs Länder angesprochen waren, und
dafür Großbritannien und den Vereinigten Staaten die Rolle von "nach
außen hin" durch dieses Sonderverhältnis gebundenen Mächten zu überlassen.
Dann kam Großbritannien, um diese lautere Einheit zu vergällen.
"England ist genaugenommen", sagt der General, "ein Inselstaat,
auf die See ausgerichtet, durch seinen Handel, seine Märkte und
seine Versorgung an die verschiedensten, oftmals an die entlegensten Länder gebunden. Es ist in erster Linie ein Industrie- und
Handelsstaat, der nur wenig Landwirtschaft betreibt. Alles, was
es tut, wird bestimmt von sehr ausgeprägten, ganz eigenartigen
Gewohnheiten und Traditionen...
Man muß verstehen, daß der Beitritt erst Großbritanniens und
dann jener anderen Staaten die Gesamtheit der Anpassungen...
völlig verändern würde... Es müßte dann die Schaffung eines ganz
anderen Gemeinsamen Marktes in Erwägung gezogen werden. Aber dieser

-

5 -

�dieser Markt der Elf und dann der Dreizehn und dann vielleicht
der Achtzehn würde zweifellos in keiner V/eise demjenigen gleichen, den die Sechs aufgebaut haben.
Übrigens hätte eine derartig anwachsende Gemeinschaft zu
gewärtigen, daß sich ihr auch alle jene Probleme ihrer Wirtschaftsbeziehungen zu einer Vielzahl anderer Länder und vor
allem zu den Vereinigten Staaten stellen würden.
Es ist vorauszusehen, daß der Zusammenhalt zwischen all
diesen zahlreichen und verschiedenartigen Mitgliedern nicht von
langer Dauer wäre und daß dann schließlich eine riesige, von
Amerika abhängige und geführte atlantische Geraeinschaft entstünde,
die binnen kurzem die europäische Gemeinschaft aufsaugen würde.
Das ist eine hypothetische Entwicklung, die man nach Ansicht
gewisser Leute durchaus rechtfertigen könnte, aber es ist keineswegs das, was Frankreich gewollt hat und betreibt, nämlich eine
ausgesprochen europäische Konstruktion zu schaffen."
Hier kommt der General wieder auf das Merkmal des britischen
Aufnahmegesuchs zurück, das im Grunde seine Ablehnung veranlaßte seine Tendenz, die kontinentale Elite mit Amerika zu verstricken.
De Gaulles Alptraum ist die umfassendere atlantische Gemeinschaft unter
amerikanischer Führung, "die binnen kurzem die europäische Gemeinschaft
aufsaugen würde". Kurz darauf wendet er sich abermals dieser Zwangsvorstellung zu.
In Athen hatten die Vereinigten Staaten klare Zusicherungen gegeben, daß sie einen sowjetischen Kernwaffenangriff oder einen sowjetischen Angriff mit konventionellen Waffen, dem kein anderer Widerstand
entgegengesetzt werden könnte, mit Kernwaffen beantworten würden.
Gleichwohl erklärte der General:
"... Niemand in der Welt und niemand in Amerika kann sagen,
ob, wo, wann, wie und in welchem Umfang die amerikanischen
Kernwaffen zur Verteidigung Europas eingesetzt würden. Das ändert
im übrigen überhaupt nichts

daran, daß die amerikanische

Kern-

waffenrüstung als die mächtigste der Welt die ausschlaggebende

-

6 -

�ausschlaggebende Garantie für den Weltfrieden bleibt...
So haben Grundsätze und Realitäten Frankreich gleicherma Ü3n veranlaßt, sich eine eigene Atomstreitmacht zu schaffen.
Das schließt natürlich keineswegs aus, daß der Einsatz dieser
Streitmacht mit dem Einsatz der entsprechenden Machtmittel seiner Alliierten kombiniert wird. Aber für uns ist die Integration
in dieser Frage völlig unvorstellbar...
Nun haben Amerika und Großbritannien auf den Bahama-Inseln
ein Abkommen geschlossen, und man hat uns aufgefordert, ihm beizutreten... Es handelt sich um die Aufstellung einer sogenannten
multilateralen Atomstreitmacht ... Diese multilaterale Streitmacht
ist für die Verteidigung Europas bestimmt, und sie untersteht dem
amerikanischen NATO-Kommando..."
Hier stört den General in Wirklichkeit nicht die angeblich ungewisse Verfügbarkeit der amerikanischen Kernwaffen für die Verteidigung
Europas. Vielmehr bezeichnet er diese als "die ausschlaggebende Garantie für den Weltfrieden". Woran der General Anstoß nimmt, ist das, was
er "das amerikanische NATO-Kommando" nennt. Was nach den Worten des
Generals Frankreich wünscht und was er bestimmt selber wünscht, ist
andererseits das, was er als "ausgesprochen europäische Konstruktion"
bezeichnet hat. Bevor wir überlegen, ob dies klug, möglich oder für
irgendeinen der Partner Frankreichs im Zusammenschluß der sechs EWGLänder wünschenswert ist, wollen wir uns für einen Augenblick mit der
Europa-Konzeption des Generals de Gaulle beschäftigen. Denn er hat eine
solche, und sie ist keineswegs ein Deckmantel für französische Kirchturmpolitik oder für Illusionen französischer "Größe". Für manche
Beobachter war das französische Veto gegen den britischen Aufnahmeantrag ein klassisches Beispiel jener europäischen Zwistigkeiten, vor
denen der Vater unseres Vaterlandes uns mit so beredten Worten in seiner Abschiedsbotschaft gewarnt hat:
"In Europa", führte er aus, "gibt es eine Anzahl vordringlicher Interessen, die mit unseren Interessen in keiner oder nur
sehr entfernter Beziehung stehen. Es wird demgemäß zwangsläufig
in häufige Streitigkeiten verwickelt werden, deren Ursachen _im.

-

7 -

�im wesentlichen in keinem Zusammenhang mit unseren Belangen
stehen. Es wäre somit unklug, uns durch künstliche Bindungen
in die üblichen Wechselfälle seiner Politik oder die häufigen
Bündnisse und Machenschaften seiner Freundschaften oder Feindschaften zu verstricken."
Ich will damit keineswegs sagen, daß die Feindschaften, die alten
und neueren, keinen Einfluß auf die Gedanken oder Entscheidungen General
de Gaulies haben. Aber in diesem Fall glaube ich nicht, daß er sich von
früheren europäischen Feindschaften leiten läßt. Ich bin vielmehr der
Ansicht, daß General de Gaulle General Washingtons Ratschlag umkehrt
und ihn seinen europäischen Partnern gibt. Es bedarf nur eines kurzen
Zitats aus Washingtons Abschiedsbotschaft, um General de Gaulles Ratschlag an Europa darzulegen. "Die Hauptregel unseres Verhaltens gegenüber den (nicht-europäischen) Völkern besteht darin...,mit ihnen so
wenig wie möglich politische Verbindungen zu unterhalten... Warum
sollten wir, indem wir unser Schicksal mit den (Vereinigten Staaten)
verflechten, unseren Frieden und unser Gedeihen in die Wirrungen des
(amerikanischen) Ehrgeizes, seiner Rivalitäten, Interessen, Stimmungen
oder Launen verstricken? Es ist unsere aufrichtige Politik, uns aus
dauernden Allianzen mit irgendeinem Teil der (außereuropäischen) Welt
herauszuhalten."
Dies ist, glaube ich, das, was er sagt. Die Frage bleibt, weshalb?
Warum sollte - in einer Welt, in der die räumlichen Entfernungen so
gut wie aufgehoben sind, in einem Jahrhundert, in dem ganz Europa,
geeint in der Verteidigung gegen die damals mächtigste europäische
Nation, Amerika zweimal um Hilfe ersucht

hat -, warum sollte General

de Gaulle jetzt, wo Europa ohne die Vereinigten Staaten über keine
ausreichende Verteidigung verfügt, solche selbstmörderischen Thesen
verkünden? Wenn es hierauf überhaupt eine Antwort gibt, so muß sie in
seiner Konzeption eines Europas vom Atlantik bis zum Ural zu suchen
sein.
Soweit mir bekannt ist, tauchte diese Wendung erstmals 1959 auf,
als er feststellte, daß eine Abrüstung Frankreich keine Sicherheit
gewährt, solange sie nicht "vom Atlantik bis zum Ural" reiche - ein
äußerst vernünftiger Gedanke. Am 31« Mai 196O tauchte sie dann in einem
vollkommen neuen Zusammenhang erneut auf:
-

8

-

�"...Nur in einem Gesamtgleichgewicht ist der Frieden zu
finden. Auf unserem alten Kontinent könnte durch die Bildung
einer westlichen Gruppe, die etwa

der im Osten gleichkommt,

eines Tages ein Einvernehmen (Entente) vom Atlantikbis zum Ural
herbeigeführt

werden, ohne die Unabhängigkeit irgendeines

Landes aufs Spiel zu setzen

Dann wird Europa - das ganze Europa,indcht

mehr länger durch den Ehrgeiz von" Ideologien gespalten, wieder
Hort und Mittelpunkt der Kultur werden... und die Großmächte, die
auf anderen Kontinenten zur Macht emporsteigen, zwingen, sich zur
Zusammenarbeit bereitzufinden statt den Verlockungen des Krieges
zu erliegen. "
Am 29. Dezember 1961 machten Enthusiasmus und Rhetorik der
nüchternen Erklärung Platz, daß der General für Verhandlungen zwischen
den "westlichen Großmächten und Sowjetrußland" sei, vorausgesetzt, daß
der Kreml seine Drohungen einstellt und daß "die Diskussion darum geht,
das Gleichgewicht in Europa wieder herzustellen und nicht Moskaus Macht
über den Kontinent weiter auszudehnen11.
Aber auf der Pressekonferenz vom 15« Mai 1962 wurde die Idee erneut hochgespielt. Bei der Erörterung von drei Hauptzielen, die er sich
gesetzt habe, umriß er das zweite Ziel wie folgt:
"...Zum Aufbau Europas auf dem Gebiet der Politik, der Verteidigung und der Wirtschaft beizutragen, so daß die Expansion und
das Vorgehen dieses Ganzen die Prosperität und Sicherheit Frankreichs
mehren und gleichzeitig wieder Möglichkeiten zur Schaffung eines
europäischen Gleichgewichts im Verhältnis zwischen den europäischen
Staaten eröffnet werden.'"
(Von der Solidarität zwischen Deutschland und Frankreich hängt
nicht nur die Sicherheit dieser beiden Völker ab, sondern auch)
"das Schicksal ganz Europas, vom Atlantik bis zum Uralgebirge;
gelingt es, eine Konstruktion, eine feste, prosperierende und
attraktive Organisation in Westeuropa zu schaffen, dann ergeben
sich auch wieder Möglichkeiten eines europäischen Gleichgewichts
mit den östlichen Staaten , und die Aussicht auf eine wirkliche
europäische Zusammenarbeit, insbesondere dann, wenn gleichzeitig
das totalitäre Regime seine Brunnenvergiftung einstellt."

12.

- 9 -

�In diesen Passagen wird die Konzeption de Gaulles von einem
Europa vom Atlantik bis zum Ural mit bewundernswerter Klarheit zum
Ausdruck gebracht. Sie lautet ganz einfach: Auf der Basis der Solidarität zwischen Deutschland und Frankreich kann Westeuropa so
straff organisiert und mächtig werden, daß es ein Gegengewicht zu
den östlichen Satelliten und dem europäischen Rußland darstellt und
die Möglichkeit zur Schaffung eines echten kooperativen europäischen
Systems vom Atlantik bis zum Uralgebirge eröffnet. Dies setzt ein
inneres Gleichgewicht innerhalb dieses Gebietes voraus. Um dieses
Gleichgewicht zu erreichen, genügt es nicht, daß die Machtkomponenten
nicht einer Störung des Gleichgewichts hier Vorschub leisten. Es ist
vielmehr notwendig, daß die Anreize zur Harmonisierung der Politik
innerhalb dieses Europa die Anreize zum Konflikt überwiegen. Wie
will das Europa des Generals de Gaulle diesen Kriterien gerecht werden?
Einige Faktoren sprechen für die Auffassung de Gaulles: Die
Bevölkerung KATO-Europas (das über die Sechs hinausgeht) ist etwas
größer und wahrscheinlich industriell besser geschult als die der
Sowjetunion; seine Rohstoffquellen und sein industrielles Produktionspotential sind ebenso groß, wenn nicht größer; seine Landwirtschaft
ist weit überlegen. Andere einschlägige wichtige Faktoren geben dem
Osten aber ein Übergewicht:
Der Rüstungsstand des sowjetischen Teils dieses Europa ist, auf
nuklearem wie auf konventionellem Gebiet, dem Westeuropas so weit
überlegen, daß jede realistische Hoffnung auf einen Ausgleich innerhalb dieses begrenzten Gebietes einfach hinfällig ist. Und dies nicht
nur auf Grund der qualitativen und quantitativen Ungleichheit, sondern
auch auf Grund der Tatsache, daß innerhalb des vorgeschlagenen Gemeinwesens keine Möglichkeit besteht, dieses ungleiche Kräfteverhältnis
zu ändern. Die Sowjetunion wird von einer

monolithischen Autokratie

beherrscht, die sich von etwaigen Versuchen General de Gaulles, ihre
Macht zu verringern, nicht beeindrucken lassen wird. In Westeuropa
liegt die Schwierigkeit heute - und in der Zukunft ebenso wie in der
Vergangenheit - darin, das Wollen verschiedener Völker und Staaten
zu wecken und zu koordinieren. Jeder Staat hat seine eigenen Schwierigkeiten; wenn diese Schwierigkeiten nun zusammenkommen, nehmen
sie in geometrischer Reihe zu.
.Vesteuropa
-

10

-

�Westeuropa kann und wird im Rahmen eines gaullistischen
Europa nicht dazu gebracht werden, seine Macht zu vergrößern, ohne
dieses gaullistische Europa zu zerstören. Versucht der General, es
dahin zu bringen, dann werden ihm seine russischen Kollegen Einhalt
gebieten;.machen diese den.Versuch, werden sie sich seiner entledigen und es vielleicht damit noch nicht bewenden lassen. Das gaullistische
Europa muß somit ein Europa unter sowjetischer Hegemonie sein.
Die Partner des Generals sehen dies ebenso klar wie wir selbst,
und die meisten von ihnen möchten sich an so etwas nicht beteiligen.
Manche, aber sicherlich nur wenige von ihnen, nähren vielleicht die
Hoffnung, die ich hier und da aus offiziellen französischen Verlautbarungen herauslese, daß sie mit beiden Seiten am besten fahren würden,
wenn sie die Präsenz der USA in Europa beenden oder abschwächen, dabei
aber die Garantie defensiven amerikanischen Schutzes beibehalten könnten.
Dies liefe darauf hinaus, daß sie nichts tun würden, um die Russen an
unserer Stelle mit der Alternative eines Atomkrieges zu konfrontieren,
um sie vor dem Druck mit konventioneller Gewalt abzuschrecken. Statt
dessen würden sie hoffen, durch die Aufstellung einer kleinen nationalen Kernwaffenstreitmacht in der Lage zu sein, die unsrige zum Einsatz
zu bringen. Damit, so wird argumentiert, könnten sie sich, ohne die
Bürde einer größeren konventionellen oder nuklearen Streitmacht auf
sich zu nehmen, vor dem unverhältnismäßig mächtigen östlichen Teil
eines vom Atlantik bis zum Ural reichenden Europa schützen.
Wenn General de Gaulle mit solchen Methoden das Beste beider
Seiten zu erlangen sucht, so überläßt er den Vereinigten Staaten sicherlich den schlechtesten Teil. Uns würde nämlich die Aufgabe zugeteilt,
Europa gegen die unausweichlichen Konsequenzen seiner Politik - die
Beherrschung durch die Sowjetunion - zu verteidigen, ohne daß man uns
gestatten würde, an der Schaffung einer, wie General Washington es
nannte,

"achtunggebietenden Verteidigungsstellung" in Westeuropa

mitzuwirken oder Einfluß darauf zu nehmen. Unsere Aufgabe würde es
unter diesen Umständen erforderlich machen, daß sich die Sowjetunion
und die Vereinigten Staaten gegenseitig in Schutt und Asche legen.
Man kann sich schwerlich vorstellen, daß eine Regierung in unserem
Lande je eine so wenig verlockende Verpflichtung übernehmen werde. Eine
-

11

-

�Eine relativ geringe Anstrengung seitens einer mit der Macht der
Vereinigten Staaten integrierten Verteidigung Westeuropas könnte der
Sowjetunion die konventionelle Überlegenheit in Europa verwehren
und sie vor die Notwendigkeit stellen, ihre Zuflucht zu einem Atomkrieg zu nehmen, um ihren Willen mit Gewalt durchzusetzen.
Somit scheint mir auf der Hand zu liegen, daß die Konzeption eines
Europa vom Atlantik bis zum Ural eine Konzeption ist, die völlig von
der des Nordatlantikpaktes abweicht, so lange die Sowjetunion auch nur
im entferntesten an ihren gegenwärtigen Zielsetzungen und Auffassungen
festhält. Sollte sie diese aufgeben, verlöre der Pakt seine Bedeutung.
General de Gaulle kann nicht sowohl das Europa seiner Konzeption als
auch den Vertrag seiner Konzeption haben. Nicht, weil er nicht beides
wünscht, sondern weil unter diesen Umständen die Risiken und Gefahren
für die Vereinigten Staaten im Falle der Übernahme der Vertragsverpflichtungen, wie er sie sich vorstellt, zu groß wären. Man kann nur hoffen, daß
diese Wahrheit allgemein wohl verstanden wird.
In den Augen seiner europäischen Partner dürfte die Schwäche der
Position General de Gaulies nicht nur in seinem grundlegenden Irrtum
liegen, den wir soeben untersucht haben, sondern auch darin, daß es
Frankreich überaus schwerfallen wird, das zu erreichen, was es zur
Erfüllung bestimmter Teile des Programms erreichen muß. Werfen wir
einen kurzen Blick auf die militärische Situation Frankreichs. Diese
erfordert den Aufbau völlig neuer konventioneller Streitkräfte und eines
völlig neuen Kernwaffenpotentials.
Das konventionelle Ziel besteht darin, zumindest ebenso große
und gut ausgerüstete Streitkräfte in Europa zu haben wie die Deutschen.
Zur Zeit verfügen die Deutschen über zwölf Divisionen, die noch viel
besser sein könnten - und zweifellos bald sein werden -, als es augenblicklich der Fall ist. Ihre Zahl wird sicherlich noch erhöht. Die
französischen Militärrevolten in Algerien, die O.A.S., die Desertionen
und die Prozesse gegen hohe Offiziere sind nur die dramatischsten
Anzeichen dafür, daß die französische Armee, die nach dem Weltkrieg
in Asien und in Afrika einen Guerillakrieg nach dem anderen verlor,
reorganisiert werden, neue Mannschaften, Offiziere und Ausrüstungen
erhalten und neu gegliedert werden muß. Dies muß nicht deshalb geschehen.

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-

�geschehen, weil die NATO oder Washington es wünschen, sondern weil
es für Frankreich eine zwingende Notwendigkeit ist. Das ist ein ebenso langwieriger wie schwieriger und sehr kostspieliger Prozeß, woran
uns die deutschen Erfahrungen (die die französischen vorweggenommen
haben) anläßlich der "Spiegel"-Affäre so eindringlich erinnerten.
General de Gaulle müssen wohl manchmal die sarkastischen Worte des
Herzogs von Wellington auf die Lippen kommen, der angesichts eines
Truppenkontingents, das man ihm auf die iberische Halbinsel geschickt
hatte, trocken bemerkte: "Ich weiß nicht, welchen Eindruck diese Leute
auf den Feind machen werden; aber mir jagen sie, weiß Gott, einen
Schrecken ein!"
An erster Stelle unter den hohen und unausweichlichen Haushaltsanforderungen steht der Ansatz für die nukleare Abschreckungswaffe, für
die "force de frappe" oder, wie der Londoner "Economist" schrieb,
die Forderung "mehr Frappe für einen Franc". General de Gaulle übertreibt dabei in seiner charakteristischen Offenheit keineswegs, was
eine französische "force de frappe" bewirken könnte, aber ich glaube,
er überschätzt ihre Bedeutung.

"Es trifft durchaus zu", sagte er im Januar, "daß
die Menge an Atomkampfmitteln, mit der wir uns ausrüsten
können, bei weitem nicht an die Massenvorräte der heutigen
beiden Giganten heranreichen wird... 1945 führten zwei
damals noch sehr einfache Bomben zur Kapitulation Japans,
/

das ihnen nichts entgegenzusetzen hatte... Die französische Atomstreitmacht wird vom Beginn ihres Aufbaus
an die Grimme und schreckliche Fähigkeit besitzen, in
wenigen Augenblicken Millionen und Abermillionen Menschen
zu vernichten. Diese Tatsache wird bestimmt - wenigstens
in einem gewissen Umfang - nicht ohne Einfluß auf die Absichten eines etwaigen Angreifers bleiben."

Wir

�Wir haben bereits die Konzeption erörtert, nach der unabhängige! französische Streitkräfte als

Abzugshebel den Abschuß amerikani-

scher strategischer Atomwaffen auslösen könnten, und dargelegt, weshalb diese Idee für uns nicht akzeptabel ist. Wir müssen jetzt die
Nützlichkeit solcher Streitkräfte erörtern,wie es der General in dem
zitierten Absatz tut, und zwar völlig unabhängig von einer Einbeziehung der amerikanischen Macht. Behauptet wird lediglich, daß diese
Streitkräfte auf die Absichten eines etwaigen Angreifers''toenigstens
in einem gewissen Umfang" nicht ohne Einfluß bleiben werden. Nimmt
man diese Behauptung wörtlich, so ist es schwierig und nutzlos, ihre
Richtigkeit zu bestreiten. Aber der General meint sicher mehr damit.
Er erwartet, daß seine Streitkräfte einen meßbaren, ins Gewicht fallenden Abschreckungseffekt haben werden. Die Frage ist, wird dies der
Fall sein? Und unter welchen Bedingungen?
Die französischen Streitkräfte hätten nur einen sehr geringen Abschreckungseffekt, falls ihre Waffen nur wenig Aussicht haben, irgendwelche Ziele zu erreichen. Wenn französische Atomsprengköpfe entwickelt
werden, dann solche, die von Flugzeugen befördert werden; thermonukleare
Sprengköpfe sind bis in die siebziger Jahre nicht vorgesehen, und es
dürfte noch lange dauern, bis Raketengeschosse verfügbar sind. Und
weiter! Während General de Gaulle bescheiden meint, daß die französischen Kampfmittel bei weitem nicht an diejenigen der beiden Giganten
heranreichen werden, verhält es sich S o, daß sie1 wahrscheinlich noch
nicht einmal auf zwei Prozent der einen oder anderen kommen dürften.
Dies wäre für die sowjetischen Luftstreitkräfte keine Bedrohung.
Tatsächlich denkt der General ganz eindeutig an eine städtevernichtende
Waffe. Die Aussicht, daß eine so kleine Streitmacht oder ein Teil davon
die Abwehr dichtbevölkerter Zentren durchbrechen könnte,"um in wenigen
Augenblicken Millionen und Abermillionen Menschen zu vernichten", ist
nicht groß. Da Sowjetrußland immerhin bestrebt sein müßte, diese Kampfmittel zu vernichten, bevor sie noch den Boden verlassen haben, ist
anzunehmen, daß die Vernichtungsrisiken, die eine solche Streitmacht
heraufbeschwört, in der Bilanz für Frankreich beträchtlich größer als
für die Sowjetunion sein würden.
Auf jeden Fall wäre die Möglichkeit, zur Schaffung

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14

-

dieser

�dieser französischen Streitmacht beizutragen, für die europäischen
Nachbarn Frankreichs nicht allzu verlockend. Und die finanzielle
Belastung, die sie der französischen Wirtschaft auferlegen würde,
könnte die erfreulich starke Position, die diese nach so vielen
Jahren innerer und äußerer Spannungen und Aderlässe gerade erst
gewonnen hat, leicht wieder ins Gegenteil verkehren. Tatsache ist,
daß die militärische Position Frankreichs sehr schwach ist und wahrscheinlich noch eine beträchtliche Zeitlang schwach bleiben dürfte.
Das ist nicht nur für das NATO-Bündnis bedauerlich, sondern es muß sich
auch katastrophal auf die Absichten General de Gaulles auswirken,
seine europäischen Nachbarn davon zu überzeugen, daß er sie zu einer
ausschließlich von den Europäern gewährleisteten Sicherheit führen kann
oder daß er die Verwirklichung so sehnlich erstrebter politischer Ziele
wie der deutschen Zielsetzung, Berlin zu schützen und Deutschland
wiederzuvereinen, zu fördern vermag.
Sieht man die Dinge in einem noch größeren Rahmen, so bietet sich
dem Europa General de Gaulles wenig Aussicht, eigene Stärke zu gewinnen
oder einen positiven Beitrag zur Stärke der freien Welt zu leisten.
Zwar wurde das Veto gegen den Aufnahmeantrag der Briten hauptsächlich
mit der Gefahr begründet, daß die Amerikaner sie als Trojanisches Pferd
benutzen könnten, doch kam als weiterer Grund zur Sprache, daß Großbritannien ganz anders als die kontinentalen Gesellschaften geartet
sei. Es sei eine Insel. Es blicke nach außen, sei durch seinen Handel
mit "den entlegensten Ländern" verbunden; was es tue, werde "bestimmt
von sehr ausgeprägten, ganz eigenartigen Gewohnheiten und Traditionen".
Demgegenüber bescheinigt der General den sechs Kontinentalstaaten,
sie zögen es vor, "innerhalb ihres eigenen Verbandes zu produzieren,
zu kaufen, zu verkaufen und zu verbrauchen". General de Gaulle war
rasch bereit, in diesem Gegensatz einen geschichtlich tief verwurzelten Konflikt der Führungskräfte und Konzeptionen zu erblicken.
Vor einigen Monaten erklärte mir ein deutscher Freund: "Die Sechs
haben einen zu engen Horizont, um dem eigenen und dem allgemeinen Wohl
zu dienen. Was wir brauchen, ist ein Schuß Salzwasser." Was sieht
General de Gaulle, wenn er über den Kontinent hinausschaut? Nur die
ehemaligen afrikanischen Kolonien Frankreichs, die er in eine Gemeinschaft

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15 -

�Gemeinschaft einbeziehen möchte, für welche ihm Großbritannien zu
fremdartig war. Der Gemeinsame Markt ist genau wie die Vereinigten
Staaten ein zu bedeutender Produzent und Verbraucher, um nur innerhalb
seines eigenen Verbandes kaufen, verkaufen und verbrauchen zu können.
Wenn man dies versuchen wollte, würde es die schlimmsten Konsequenzen
für das eigene Gebiet und für die weiten Außenzonen der freien Welt
haben, die vom Handel mit diesen beiden großen Märkten leben müssen.
Die amerikanische Politik gegenüber dem Gemeinsamen Markt ging seit
seiner Gründung davon aus, daß ein

solches Arangement unter der Voraus-

setzung niedriger Außenzölle und anderer Schranken gut, bei hohen
Barrieren dagegen schlecht sei. Der Gemeinsame Markt wurde nicht als
ein Instrument für die Abkapselung des europäischen Handels innerhalb
eines geschlossenen Vereins unter französischer Hegemonie begrüßt,
sondern als ein neuer großer Markt, der der Ausweitung des Handels
auch aus weltoffenem Verantwortungsbewußtsein dient. Das vom Kongreß
in der vergangenen Sitzungsperiode verabschiedete Gesetz über die Ausweitung des Außenhandels (Trade Expansion Act) fußt auf dieser Konzeption. Niemand hat dies besser formuliert als Jean Monnet, der Vater
des Gemeinsamen Marktes:
"Es gibt dringende Probleme, die weder Europa noch Amerika
allein lösen kann. Dabei handelt es sich nach meiner Auffassung
um die Währungsstabilität des Westens, um die Organisation der
Landwirtschaft in einer sich zunehmend industrialisierenden Welt,
um die Hilfe für die Entwicklungsländer, die deren Wachstum beschleunigen soll, und selbstverständlich um die Freigabe des
Handels, die zwischen Ihnen (den Amerikanern) und dem Gemeinsamen
Markt ausgehandelt werden muß."
Der Gegensatz zwischen dieser Peststellung und der kurzsichtigen
Vorliebe für ein Europa, das sein wirtschaftliches Auskommen innerhalb
des eigenen Verbandes sucht, ist ein gewisser Maßstab dafür, welcher
Schaden aus der auf der Pressekonferenz angekündigten Politik erwachsen
kann •
Wie sollennun die Vereinigten Staaten im Lichte dieser Analyse
auf die Ereignisse des Januar reagieren? Zunächst einmal sollten sie

-

16 -

�sie eine besonnene Antwort geben, die Sinn für die richtigen Proportionen erkennen läßt und Schärfe und Groll vermeidet. Sie darf nicht,
wie es zum Teil in der Presse der Fall war, auf der Annahme basieren,
daß alles verloren sei, weil General de Gaulle unumwunden einen schon
seit langem bestehenden Widerstand gegen eine allgemein befürwortete
Politik aufgedeckt hat. Sie sollte auf dem Wissen basieren, daß die
Haltung des Generals von unseren gemeinsamen Verbündeten nicht gebilligt werden wird, weil sie nicht im gemeinsamen Interesse liegt.
Sie sollte des weiteren auf der Tatsache basieren, daß die Vereinigten
Staaten stark sind und von Freund und Feind gleichermaßen als stark
angesehen werden, während Frankreich

zwar glücklicherweise wesentlich

gesündere Verhältnisse als noch vor kurzem aufzuweisen hat, aber noch
immer weit davon entfernt ist, kraftvoll die Führung zu übernehmen.
Kurzum, die Demarche de Gaulles hat sehr wenig geändert, wenn sie auch
die Absicht und die Fähigkeit aufgezeigt hat, den Gang der Dinge in
einigen Fällen zu bremsen.
Unsere gegenwärtige Verteidigungspolitik in Europa ist richtig
und sollte fortgeführt werden. Sie besteht in dem beständigen Drängen
auf die Entwicklung einer konventionellen Verteidigungsposition, die,
während ihre Stärke wächst, den Sowjets beständig klarmacht, daß sie
der Versuch, ihre Ziele durch Drohung oder gewaltsamen Druck zu erreichen, in zunehmendem Maße mit der Notwendigkeit konfrontiert, zum
Atomkrieg Zuflucht zu nehmen. Einer französischen Beteiligung und
Mitarbeit sollten die Türen nicht verschlossen werden. Wenn die Haltung
Frankreichs Abmachungen, die im Rahmen der NATO hinsichtlich des weiteren Aufbaus der gemeinsamen Verteidigung getroffen werden, über
Gebühr hinaus verzögert oder hintertreibt, dann sollten die diesbezüglichen Bemühungen eben direkt auf die Nationen verwandt werden,
die fähig und willens sind., Fortschritte zu machen. Wir sollten uns
darüber im klaren sein, daß Frankreich wegen der Schwierigkeiten in
Asien und Afrika ein Jahrzehnt lang einen ungemein geringen Beitrag
geleistet hat und daß von ihm im günstigsten Fall auch für ein
weiteres Jahrzehnt nicht viel mehr zu erwarten ist. Ferner ist alles
das, was zur Reorganisation der französischen Streitkräfte unternommen
wird, ein notwendiges Vorspiel für jedwede wirksame Beteiligung, Was

-

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-

�Was immer der General für die Entwicklung eines nuklearen Potentials
unternimmt, unternimmt er ohnehin, und je weniger Zeit wir daran
verschwenden, uns deshalb Sorgen zu machen, desto besser.
Was eine' strategische Atomstreitmacht in Europa anbelangt, so
ist das multinationale Konzept im Prinzip das beste. Es dürfte
meines Erachtens aber Zeitverschwendung sein, den noch in ferner
Zukunft liegenden Problemen der Kontroll- und Befehlsgewalt bis
in die letzten logischen Extreme nachzuspüren, ehe es überhaupt
etwas zu kontrollieren oder zu befehligen gibt. Unsere Verbündeten
können ja gar keine sehr konkreten Vorstellungen davon haben, wie
sich ihre Beteiligung an der nuklearen Verteidigung gestalten soll,
solange sie nichts darüber wissen. Darüber etwas zu erfahren, hat
ihnen eine zum eigenen Schaden übertriebene Geheimhaltung verwehrt.
Diese Barrieren sollten beseitigt werden. Sorgfältig ausgewählten
Offizieren und Zivilpersonen sollte jede erdenkliche Gelegenheit
gegeben werden, im Detail die Kosten einer Atomrüstung» die Schwierigkeiten der Bereitstellung, des Schutzes, der Einsatzplanung
und der Kontrolle strategischer Atomwaffen und einiges über die
Bedienung verschiedener Waffentypen zu erfahren. Dadurch würde
die Diskussion

'über das, was gemeinhin als "NATO"- oder "europäische"

Atomstreitmacht bezeichnet wird, radikal verwandelt. Nur dann können
wir für die gemeinsame Verteidigung eine wirklich kluge Planung im
Verein mit unseren Verbündeten erhoffen, bei der Aufgaben und Bereitstellung der verschiedenen Waffen von dem zu lösenden Problem, nicht
aber von nationalem Prestige, Stolz oder Mißtrauen bestimmt werden.
Im politischen Bereich laufen die Ereignisse des Januar auf
eine deutliche und emste Warnung hinaus, welche Strafe in unseren
Beziehungen zu Deutschland für das Versäumnis, zu zahlen ist, uns zu
unzweideutigen politischen Entschlüssen hinsichtlich Mitteleuropas
und der Wiedervereinigung Deutschlands durchzuringen. Dies berührt
natürlich auch den Kern der Berlin-Politik. Amerikanische und
europäische Interessen erfordern, wenn man sie frei vom Nebel der
Illusion betrachtet, die Wiedervereinigung innerhalb eines vereinten
Europa, innerhalb einer eng geknüpften atlantischen Allianz.Seit

_

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�Seit dem verhängnisvollen Treffen in Camp David sind die Deutschen
über unsere beständigen Verhandlungen mit den Russen unter russischen Drohungen beunruhigt. Ergebnislos und ohne echte Zugeständnisse, wie sie bisher verliefen, schienen sie den Deutschen auf eine
zunehmende Anerkennung des ostdeutschen Regimes hinzudeuten;sie versetzten die deutsche Politik fortlaufend in Aufregung und lenkten die
Sympathie der Deutschen auf die Unterstützung der deutschen Ambitionen durch General de Gaulle, die nachdrücklicher zugesagt als
vorbehaltlos gegeben worden sein dürfte. Unser Flirt mit Moskau
vermochte,wie viele andere, die ohne ernste Absichten begonnen worden
sind, weiter nichts, als weit engere Beziehungen zu vergiften. Es
ist an der Zeit, dem ein Ende zu machen und unsere Absichten unzweideutig darzulegen.
Wenn die Januar-Offensive auch dort begann, wo man die Wirtschaftsfront vermuten darf, und allerlei Schaden angerichtet hat, so sehe
ich doch keinen Grund, weshalb der Krieg dort weitergehen sollte.
Der Anlaß dafür, nämlich der britische Aufnahmeantrag, ist jetzt
auf unbestimmte Zeit ad acta gelegt. Die Fünf würden Frankreich
gerne - mit der Zeit vielleicht auch mit Erfolg - umstimmen, sofern
die britische Politik nicht einen Weg einschlägt, der die Haltung
Großbritanniens ändert. Niemand kann gegenwärtig klar erkennen,
wie sich die Dinge entwickeln werden. Aber wenn die Erregung

und

der Groll nicht angefacht werden, sollten sich in wichtigen Bereichen
genügend gemeinsame Interessen ergeben, um in den von Jean Monnet
gewiesenen Richtungen weiter vorzustoßen.
Was die Liberalisierung des Handels betrifft, so wird der Vertrag von Rom ab 1966 jeden Einzelpartner daran hindern, einen von den
anderen gewünschten Kurs zu blockieren. Wenn wir und die Fünf tatkräftig auf den Abbau der Schranken rings um die großen Märkte Europas
und Amerikas hinarbeiten, können wir das Unvermeidbare so gestalten,
wie es General de Gaulle akzeptieren wird. Der geschäftsführende
Direktor des Weltwährungsfonds, Per Jacobsson, hat kürzlich erklärt,
es sei "vielleicht das Beste, was den Entwicklungsländern passieren
kann, wenn die industriell fortgeschrittenen Länder eine aktive

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19 -

�aktive expansive Handelspolitik betreiben", und er regte an, daß dies
in gemeinschaftlicher Weise über den Fonds und die Organisation für
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris geschehen könnte. Jean Monnet forderte mit Nachdruck, die führenden
Finanzländer sollten sich weiter der damit eng verknüpften Aufgabe
widmen, die Stabilität der westlichen Währungen zu erhöhen. An diesen
Bemühungen kann sich General de Gaulle ohne Verlegenheit und inneren
Widerspruch beteiligen. Sie stehen in vollem Einklang mit den französischen Interessen, wie er sie sieht.
Kurzum, der Januar war kein guter Monat. General de _Gaulle hat
dem Westen mit der Ablehnung des britischen Aufnahmegesuchs einen
schlechten Dienst erwiesen. Er enthüllte dabei einige langfristige
Pläne, denen man entgegentreten muß und die, wenn man ihnen du^rch
kluges Vorantreiben besserer Pläne entgegentritt, keine großen Entwicklungsaussichten haben. Auf anderen Gebieten besteht die Möglichkeit und die Notwendigkeit, bei bedeutenden Aufgaben mit ihm zusammenzuarbeiten. Der Ecclesiastes-Verfasser hat uns gesagt: "Ein jegliches
hat seine Zeit. . .''brechen und bauen". Der vergangene Januar war anscheinend eine Zeit des Brechens inmitten einer langen Aufbauperiode.
Dabei ist einiger Schaden angerichtet worden. Jetzt ist es an der Zeit,
ihn wieder zu reparieren und den Aufbau weiter fortzusetzen.

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20

*

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./XVI - 11

GEORGE C. MCGHEE
SOLL NEUER BOTSCHAFTER DER USA IN BONN V/ERDEN

WASHINGTON - (AI)) - Präsident Kennedy hat am Mittwoch seine
Absicht bekanntgegeben, den gegenwärtigen Staatssekretär für Politische Fragen im amerikanischen Außenministerium, George C. McGhee,
zum neuen Botschafter der USA in der Bundesrepublik zu ernennen.
McGhee, der bisherige dritte Mann im State Department, wird Botschafter Walter C. Dowling nach Ablauf seiner Amtszeit in Bonn wahrscheinlich Ende August oder Anfang September - ablösen.
In einer Erklärung des Weißen Hauses würdigte Präsident Kennedy
die Verdienste McGhees, der seit nahezu siebzehn Jahren auf verschiedenen Posten wertvolle Arbeit geleistet habe. "Meine Entscheidung, ihn zu bitten, seinen gegenwärtigen wichtigen Posten zu verlassen ,um Botschafter der USA in der Bundesrepublik zu werden", so
heißt es in der Erklärung wörtlich, "spiegelt die große Bedeutung
wider, die ich der Aufrechterhaltung enger und kooperativer Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland im Rahmen der
Atlantischen Allianz beimesse."
Wie aus der Erklärung Kennedys weiter hervorgeht, soll Botschafter Dowling nach Beendigung seiner Tätigkeit in Bonn einen
anderen wichtigen Posten übernehmen. Kennedy würdigte in der genannten Erklärung auch die Leistungen Dowlings und führte wörtlich
aus: "Sein Beitrag zur Entwicklung enger Bindungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland während
der vergangenen dreieinhalb Jahre war besonders wichtig zu einer
Zeit, in der die Rolle Deutschlands in der europäischen Gemeinschaft
und in der Atlantischen Allianz nach Umfang und Bedeutung immer
größer wurde."
George C. McGhee wurde am 10. März 1912 in Waco im Staate
Texas geboren. Schon bei seinem Studium an den Universitäten Dallas
(Texas) und Oklahoma hatte er sich vornehmlich auf Geologie und
Geophysik konzentriert. Um sein Studium bestreiten zu können,
hatte er ein Jahr lang als Geologe für eine Ölgesellschaft in
Dallas gearbeitet. Kurz nach seinem Abgang von der Oklahoma-Universität erhielt er ein Rhodes-Stipendium, das ihm die Fortführung
1

�"AMERIKA DIENST"
Fortführung seiner Studien in Oxford gestattete, wo er 1937 zum
Doktor promovierte, ehe er für kurze Zeit an die Londoner Universität übersiedelte.
Noch vor Beendigung seiner dreijährigen Studienzeit in Oxford
hatte McGhee ein eigenes Verfahren zur Bestimmung geologischer Formationen entwickelt. Obwohl er schon damals den Entschluß gefaßt
hatte, später in den Staatsdienst zu treten, begann er nach seiner
Rückkehr in die Vereinigten Staaten eine nur kurze, aber um so erfolgreichere Karriere als Ölsucher. Sie stellte seine finanzielle Unabhängigkeit sicher, noch ehe er das dreißigste Lebensjahr vollendet
hatte. Im Januar 1938 wurde er Teilhaber einer Erdölfirma, und 1940
konnte er, begünstigt durch große Ölfunde, im Staate Louisiana eine
eigene Ölgesellschaft aufbauen.
Damit war der Zeitpunkt für den Beginn einer Laufbahn im Staatsdienst gekommen. McGhee nahm eine Stellung in der Kriegsproduktionsbehörde, dem War Production Board, an. Im weiteren Verlauf des Krieges ging er als Offizier zur US-Marine und wurde vornehmlich auf dem
pazifischen Kriegsschauplatz eingesetzt. Für die Leitung eines kombinierten See- und Lufteinsatzes, bei dem 600 Menschen aus Seenot gerettet werden konnten, wurde er mit dem Orden "Legion of Merit", dem
Tapferkeitsorden, ausgezeichnet.
Kurz nach Kriegsende kehrte McGhee wieder in den Regierungsdienst
zurück, zunächst als Sonderreferent des Unterstaatssekretärs für Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium. 1947» als die kommunistischen
Versuche einer Infiltration Griechenlands ihrem Höhepunkt zustrebten,
wurde er Koordinator der Griechenland- und Türkei-Hilfe. Zwei Jahre später ernannte ihn Präsident Truman zum Unterstaatssekretär für Nahost-,
Südasien- und Afrika-Fragen; in dieser Position war er maßgeblich an
der Planung und Abwicklung des Punkt-4-Programms zur technischen Hilfeleistung beteiligt. Von 1951 bis 1953 vertrat er die Vereinigten Staaten in der Türkei als Botschafter und Direktor der Amerika-Hilfe.
In den folgenden acht Jahren widmete sich Botschafter McGhee vornehmlich privaten geschäftlichen Angelegenheiten und der Mitarbeit in
einer Reihe von wissenschaftlichen und gemeinnützigen Vereinigungen und
Gesellschaften.
Nachdem McGhee bereits seit 1958 verschiedentlich vom Nationalen
Sicherheitsrat als Berater herangezogen worden war, brachte das Jahr
1961 seine Rückkehr in den Staatsdienst, als ihn Präsident Kennedy
als Unterstaatssekretär für politische Planung und Vorsitzer des Rates
für politische Planung in das State Department berief. 1961 war er
maßgeblich an den Vorbereitungen für die Berlin-Verhandlungen mit den
Sowjets beteiligt. Während der Kongo-Krise spielte er eine aktive
Rolle in den amerikanischen Bemühungen um eine geeignete Lösung und
machte in einer Sondermission eine einmonatige Reise nach Afrika.

Im
-

2

�AMERIKA DIENST"
Im November 1961 rückte McGhee im Zusammenhang mit einer
Umbesetzung der Führungsspitze des State Department auf den Posten
des Staatssekretärs für Politische Fragen auf und nahm damit die
dritte Position im US-Außenministerium ein.
Die Berufung zum Botschafter in Bonn bringt für George McGhee
die Erfüllung des lang gehegten Wunsches, wieder in den diplomatischen
Außendienst zurückzukehren. Mit ihm kommt ein Mann als Vertreter der
amerikanischen Regierung nach Bonn, der die Grundzüge und Zielsetzungen der US-Außenpolitik wie kaum ein anderer kennt und seit Jahren
selbst aktiv an ihrer Gestaltung mitgearbeitet hat.
Botschafter McGhee ist verheiratet und hat sechs Kinder. Er
ist ein Freund der Künste, photographiert gerne und spielt Tennis.
Er geht, wenn Zeit und Umstände es gestatten, viel auf Reisen. Während
seiner Tätigkeit in Washington verbrachte er seine Freizeit zumeist
auf einem Gut, das er in Virginia, unweit der amerikanischen Hauptstadt, besitzt.

* * * * *

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3 -

�A M E R I K A

D I E N S T

ffi ./XV-15
SONDERBOTSCHAFT PRÄSIDENT KENNEDYS ZUR AUSLANDS HILFE

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Sonderbotschaft
zur Auslandshilfe der USA, die Präsident
Kennedy am 2. April 19^3 dem amerikanischen
Kongreß unterbreitet hat.

Das Weiße Haus
Botschaft über die Verteidigungs- und Hilfeprogramme der freien Welt
An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
"Der Frieden hat seine Siege, die nicht weniger rühmlich sind
als die des Krieges", so schrieb Milton. Und kein Sieg in Friedenszeiten in unserer Geschichte hat eine weiter reichende Auswirkung
gehabt oder hat der Sache des Friedens besser gedient als die Siege,
die wir während der letzten 17 Jahre durch die Programme für gegenseitige Hilfe und Verteidigung unserer Nation errangen. Diese Siege
wurden im wesentlichen in aller Stille und nicht mit lauten Fanfaren
errungen. Sie zielten nicht darauf ab, Territorien für die Vereinigten Staaten oder Unterstützung in den Vereinten Nationen zu gewinnen,
sondern Dutzenden von Staaten in aller Welt, die eine Schlüsselstellung einnehmen, Freiheit und Hoffnung zu bewahren und Tyrannei und
Subversion zu ersparen.
Die Vereinigten Staaten geben heute über 10 Prozent ihres
Bruttosozialprodukts für Programme aus, die hauptsächlich der Verbesserung unserer nationalen Siehe rheit dienen. Etwas weniger als
ein Zwölftel dieses Betrages und w eniger als 0,7 Prozent unseres
Bruttosozialprodukts werden für da s Programm für gegenseitige Hilfe
aufgewandt, davon etwa die Hälfte für wirtschaftliche Entwicklung
und die andere Hälfte für militari sehe und andere kurzfristige Hilfe.
Vom Standpunkt unserer nationalen Interessen überwiegt der Wert
dieses Programms seine Kosten bei weitem. Es ist sicherlich gerechtfertigt, wenn die reichste Nation der Welt knapp ein Prozent

-

1

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Prozent ihres Bruttosozialproduktes für die Unterstützung der weniger
vom Glück begünstigten Schwesternationen ausgibt, allein schon auf
Grund ihrer internationalen Verantwortung. Aber da diese Programme
nicht nur das sind, was ohnehin rechtens ist, sondern eindeutig in
unserem nationalen Interesse liegen, muß alle Kritik in diesen Rahmen
gerückt werden. Daß unsere Hilfsprogramme verbesserungsfähig sind,
steht hier nicht zur Debatte. Daß sie aber sowohl unserer nationalen
Tradition entsprechen als auch unseren nationalen Interessen dienen,
steht gänzlich außer Zweifel.
Die Geschichte zeigt, daß unsere Hilfsprogramme für die Türkei
und für Griechenland die entscheidenden Faktoren waren, die die Türkei in die Lage versetzten, sich gegen nachhaltigen sowjetischen Druck
zu behaupten, Griechenland, eine kommunistische Aggression niederzuwerfen, und beide, wieder stabile Verhältnisse herzustellen und auf
dem Wege zu wirtschaftlichem und sozialem Wachstum voranzuschreiten.
Die Geschichte zeigt, daß der Marshall-Plan es den Ländern Westeuropas, einschließlich Großbritanniens, ermöglicht hat, sich von den
Verwüstungen des schrecklichsten Weltkrieges zu erholen, eine neue militärische Stärke aufzubauen, dem expansionistischen Druck des stalinistischen Rußland zu widerstehen und eine wirtschaftliche Wiedergeburt
einzuleiten, die Westeuropa zum zweitgrößten und -reichsten Industriegebiet der heutigen Welt gemacht hat, zu einem pulsierenden Zentrum der
Stärke der freien Welt, das jetzt selbst zum Wachstum und zur Stärke
der Entwicklungsländer beiträgt.
Die Geschichte zeigt, daß unsere militärische und wirtschaftliche
Hilfe für die Länder an den Grenzen der kommunistischen Welt - wie
Persien, Pakistan, Indien, Vietnam und das freie China - es bedrohten
Völkern ermöglicht hat, da frei und unabhängig zu bleiben, wo sie
sonst entweder von der aggressiven kommunistischen Macht überrannt worden oder dem völligen Chaos, der Armut und der Verzweiflung anheimgefallen wären.
Die Geschichte zeigt, daß unsere Beiträge zur Auslandshilfe der
entscheidende Faktor bei dem Entstehen und Wachsen einer ganzen Familie
internationaler Finanzinstitutionen und -behörden waren, die in dem unaufhörlichen Krieg gegen die Not und in dem Kampf um Wachstum und Freiheit eine immer wichtigere Rolle spielen.
Und schließlich wird die Geschichte zeigen, daß heute unsere Anleihen im Rahmen der technischen und Entwicklungshilfe dort Hoffnung
geben, wo diese Hoffnung fehlte, dort die Initiative wecken, wo es an
Dynamik mangelte» und daß sie überall auf der Erde zum Fortschritt anspornen - daß sie gleichzeitig die militärische Sicherheit der freien
Welt fördern und damit mithelfen, dort Barrieren gegen die Ausbreitung
des Kommunismus zu errichten, v/o sie am meisten zählen, mithelfen, jene
Weltgemeinschaft unabhängiger und selbständiger Nationen aufzubauen, in
der wir leben möchten, und schließlich auch dem aus tiefstem Herzen kommenden amerikanischen Drang Genüge leisten, jenen eine hilfreiche Hand
hinzustrecken, die hart arbeiten, um sich und ihren Kindern ein besseres
Leben zu schaffen.
Trotz
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Trotz lautstarker Opposition von allem Anfang an, trotz düsterer
Voraussagen, daß die Auslandshilfe unser Land in den Bankrott führen
werde, trotz der Warnungen, daß wir unser Geld mit dem Marshall-Plan
und den darauf folgenden Programmen "in ein Rattenloch würfen", und
trotz der großen Schwierigkeiten in der Praxis sowie einiger Fehler
und Enttäuschungen ist es eine Tatsache, daß unsere Hilfsprogramme
generell durchweg das erreicht haben, was sie erreichen sollten.
Nirgendwo auf der Welt befindet sich die Freiheit auf dem Rückzug - weder in Europa, Asien und Afrika noch in Lateinamerika -, wie
es ohne amerikanische Hilfe sehr wohl hätte der Fall sein können. Wir
wissen jetzt, daß diese Freiheit - die Freiheit insgesamt, unsere eigene eingeschlossen - geschmälert wird, wenn andere Länder unter kommunistische Herrschaft fallen, wie China im Jahre 1949» Nordvietnam
und die nördlichen Provinzen von Laos im Jahre 1954 und Kuba im Jahre
1959« Die Freiheit, jegliche Freiheit, wird durch die versteckten,
vielgestaltigen und unaufhörlichen kommunistischen Subversionsbemühungen in Lateinamerika, Afrika, im Mittleren Osten und in Asien bedroht.
Und ebenso werden die Aussichten der Freiheit in Ländern gefährdet
oder untergraben, denen die Hoffnung fehlt, die Hoffnung auf ein besseres Leben, das sich auf wirtschaftlichen Fortschritt, Erziehung, soziale Gerechtigkeit und auf die Entwicklung stabiler Institutionen
stützt. Hier liegen die vorgeschobenen Grenzposten der Freiheit, die
wir durch unsere militärischen und wirtschaftlichen Hilfsprogramme zu
festigen versuchen; und indem das geschieht, dienen sie unserem tiefsten nationalen Interesse.
Diese Auffassung wurde nacheinander von drei Präsidenten - Demokraten sowohl als auch Republikanern - vertreten.
Sie ist in neun aufeinanderfolgenden Kongressen mit überparteilicher Mehrheit gebilligt worden.
Sie hat seit 17 Jahren die Unterstützung einer überparteilichen
Mehrheit des amerikanischen Volkes gefunden.
Und sie ist erst kürzlich von einem Ausschuß aus hervorragenden
amerikanischen Bürgern, der unter der Leitung von General Lucius D. Clay
steht und dem die Herren Robert Anderson, Eugene Black, Clifford Hardin,
Robert Lovett, Edward Mason, L.F. McCollum, George Meany, Herman Phleger
und Howard Rusk angehören, erneut bekräftigt worden. In ihrem Bericht
heißt es: "Wir sind der Überzeugung, daß diese Programme, richtig geplant und durchgeführt, von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit
unserer Nation und für die Erfüllung unserer weltweiten Pflichten notwendig sind."
Es besteht also, kurz gesagt, seit vielen Jahren eine nationale
Übereinstimmung bezüglich der entscheidenden Bedeutung dieser Programme.
Grundsatz und Zielsetzung der amerikanischen Hilfe für die weniger gesicherten und weniger vom Glück begünstigten Nationen werden und können
nicht ernsthaft in Zweifel gestellt werden.
Die

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
*

Die Erfordernisse der Gegenwart
Die Frage ist-nunj Wie steht es um die Zukunft? Wie groß ist angesichts dieser Fortschritte der Vergangenheit das Ausmaß der gegenwärtigen Erfordernisse, welche Möglichkeiten nahen wir, und mit welchen Veränderungen müssen wir an diesem Scheideweg der Weltgeschichte
rechnen?
Ich glaube, wir stehen an einem wirklichen Scheideweg. Unsere Welt
steht vor dem Höhepunkt einer historischen Umwälzung. Eine Woge der
nationalen Unabhängigkeit hat fast alle Entwicklungsländer erfasst, in
denen rund ein Drittel der Menschheit lebt; die industrielle und wissenschaftliche Revolution breitet sich bis in die entlegensten Gebiete der
Erde aus. Die Völker der Erde stehen vor zwei unvereinbaren Auffassungen
vom Wert, von den Rechten und der Rolle des Einzelmenschen.
In den etwa 80 Entwicklungsländern werden in den kommenden Tagen,
Monaten und Jahren zahllose große und kleine Entscheidungen getroffen
werden - Entscheidungen, die zusammengenommen das wirtschaftliche und
soziale System errichten, die politische Führung und Form und die politische Praxis bestimmen und die Gestalt der Institutionen prägen werden, die für ein Drittel der Menschheit entweder Entscheidungsfreiheit
oder Zwang bringen v/erden. Und diese Entscheidungen werden gewaltige
Auswirkungen auf die Gestalt der Welt haben, in der unsere Kinder heranwachsen.1
Afrika ist in unruhiger Bewegung, um seine Unabhängigkeit zu festigen und diese Unabhängigkeit durch wirtschaftliche und soziale Entwicklung für seine Völker sinnvoll zu machen. Das amerikanische Volk
hat seine Sympathie für diese Ziele zum Ausdruck gebracht und immer wieder bekräftigt.
Das freie Asien wendet sich entschlossen gegen die politische,
wirtschaftliche und militärische Herausforderung der' unablässigen Versuche des kommunistischen China, den Kontinent zu beherrschen.
Lateinamerika ist dabei, entscheidende Schritte in Richtung auf
eine wirkliche Demokratie zu tun - und das inmitten eines turbulenten,
raschen sozialen Wandels und angesichts der drohenden Gefahr der kommunistischen Unterwanderung.
Die Vereinigten Staaten können - als die reichste und mächtigste
Nation und als die Nation, die für die Unabhängigkeit der Völker und ein
besseres Leben für alle Menschen eintritt - auf diesem Höhepunkt des
Zeitalters der Entscheidung ebensowenig abseits stehen wie sie sich aus
der Gemeinschaft der freien Nationen lösen können. Unsere Anstrengung
ist nicht nur symbolisch: sie ist auf unsere lebenswichtigen Sicherheitsinteressen gerichtet.
Ich hoffe, daß das amerikanische Volk durch seine Vertreter im Kongreß in diesem Jahr unseren Antrag auf Mittel für die Auslandshilfe aus
diesem Zusammenhang heraus prüfen wird, einen Antrag, der sorgfältig und
ausdrücklich darauf abgestimmt ist, diesen spezifischen Aufgaben gerecht
zu werden. Es handelt sich nicht um eine lästige Bürde. Es handelt sich
vielmehr um ein neues Kapitel unseres Anteils an einem unausgesetzten

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
unausgesetzten lebenswichtigen Kampf - um die konstruktivste, größte
Anforderungen stellende Aufgabe, die größte Aufgabe, die Menschen
jemals um der Freiheit und ihrer Mitmenschen willen auf sich genommen haben.
Geplante Verbesserungen
In einer sich ständig ändernden Welt müssen unsere gemeinsamen
Verteidigungs- und Hilfeprogramme laufend überprüft werden. Meine
in dieser Botschaft enthaltenen Empfehlungen spiegeln die Arbeit des
Clay-Ausschusses, die von dem neuen Leiter des Amtes für Internationale Entwicklung durchgeführte Untersuchung sowie die Erfahrungen
wider, die im ersten vollen Jahr der Durchführung des vom Kongreß 1961
verabschiedeten neuen und verbesserten Programms gesammelt wurden. In
diesen Untersuchungen besteht grundsätzliche Übereinstimmung, daß
diese HilfeProgramme von großem Wert für unsere eigensten nationalen
Interessen sind, daß ihre grundlegenden Konzeptionen sowie ihre Durchführung, wie sie in der bestehenden Gesetzgebung verankert sind, richtig
sind, daß bei der Verwirklichung dieser Konzeptionen Fortschritte erzielt wurden und weiterhin erzielt werden, daß aber noch viel zu tun
übrig bleibt, um unsere Leistungen zu verbessern und den bestmöglichen
Nutzen aus diesen Programmen zu ziehen.
Ferner besteht in all diesen Untersuchungen grundsätzliche Übereinstimmung hinsichtlich sechs Hauptempfehlungen für die Zukunft.
Ziel Nr. 11 Die Anwendung strengerer Maßstäbe hinsichtlich der
Förderungswürdigkeit und Bereitschaft zur Selbsthilfe bei der Unterstützung der Entwicklungsländer. Diesem Ziel wurde von dem Ausschuß
zur Stärkung der Sicherheit der freien Welt (Clay-Bericht), der die
Meinung vertritt, daß die Anwendung solcher Kriterien zu wesentlichen
Einsparungen bei ausgewählten Progranmen im Laufe der nächsten ein bis
drei Jahre führen könnte, besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
In dieser Richtung sind bereits beträchtliche Fortschritte erzielt
worden. Während die Anzahl früherer Kolonien, die ihre Unabhängigkeit
erlangt haben, die Gesamtliste der unterstützten Länder vergrößert hat,
gehen 80 Prozent der gesamten Wirtschaftshilfe gegenwärtig nur an 20
Länder; und die Militärhilfe ist sogar noch enger konzentriert. Der Anteil der Entwicklungsanleihen gegenüber den ausgesprochenen Zuwendungen
hat sich von 10 Prozent auf 60 Prozent erhöht. Wir haben unsere gesamten
Entwicklungsanleihen auf eine "Rückzahlbar-in-Dollar-Basis" gestellt,
und in diesem Jahr verstärken wir - wie der Clay-Ausschuß dies empfahl unsere Bemühungen, die Anleihebedingungen so zu formulieren, daß die
Zinssätze und Fälligkeitstermine mehr als bisher der unterschiedlichen
Finanzkraft der verschiedenen Länder angepaßt sind.
Insbesondere im Rahmen der Allianz für den Fortschritt - und in
zunehmendem Maße auch bei anderen Hilfeprogrammen - wird der Nachdruck
von den Empfängerländern selbst auf Selbsthilfe und auf eigene Reformen

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Reformen gelegt, indem unsere Hilfe als Katalysator für den Fortschritt und nicht als Almosen verwendet wird. Schließlich geben
wir nicht nur - wo immer die Verhältnisse dies gestatten - der
Wirtschafts- gegenüber der Militärhilfe den Vorzug, sondern sehen
uns neuerdings auch Umfang und Zweck der örtlichen Streitkräfte,
die unsere Hilfe empfangen, sehr kritisch an. Die Tatsache, daß
wir bei unserer Militärhilfe eine stärkere Betonung auf die innere
Sicherheit sowie auf den zivilen Einsatz legen, steht im Einklang
mit der Erfahrung, daß militärische Streitkräfte in Entwicklungsländern eine ebenso bedeutende wirtschaftliche wie auch schützende
Rolle spielen können. So wurden beispielsweise in Lateinamerika im
Finanzjahr 1963 die Militärhilfemittel, die für die Unterstützung
von technischen, medizinischen und anderen für Zivilprojekte eingesetzten Einheiten bereitgestellt wurden, mehr als verdoppelt.
Ziel Nr. 2: Das Streben nach einer Reduzierung und schließlichen
Einstellung der amerikanischen Unterstützung dadurch, daß die einzelnen Nationen so schnell wie möglich in die Lage versetzt werden,
auf eigenen Füßen zu stehen. Sowohl den USA als auch den von uns
unterstützten Ländern muß daran gelegen sein, den Punkt zu erreichen,
wo sie aus eigener Kraft wachsen können, den Punkt, wo sie Hilfe von
außen nicht mehr länger benötigen, um ihre Unabhängigkeit zu wahren.
Unser Ziel ist nicht ein willkürlicher Termin für die Einstellung
der Hilfe, sondern eine möglichst weitgehende Vorverlegung des
"Starttermins", des Zeitpunkts also, "wo ihre Volkswirtschaften genügend Schwung gewonnen haben, um sich selbständig weiterzuentwickeln,
und wo sie zur Deckung des wachsenden Kapitalbedarfs nur der gleichen
normalen Quellen der Finanzierung von außen bedürfen, die auch unser
Land viele Jahrzehnte lang in Anspruch genommen hat.
Für einige ist dieses Ziel, was die Wirtschaftshilfe betrifft,
in greifbare Nähe gerückt. Bei anderen wird es länger dauern. Aber
in allen Fällen sollten besondere zur Selbständigkeit führende Programme und Dringlichkeitsstufen festgesetzt werden, einschließlich
jener Maßnahmen, die von den Empfängerländern und allen anderen, die
diesen Ländern zu helfen bereit sind, ergriffen werden müssen.
Die bisherige Entwicklung zeigt deutlich, daß die Auslandshilfe
kein endloser oder unwandelbarer Prozeß ist. Vor fünfzehn Jahren ging
unsere Unterstützung nahezu ausschließlich an die fortgeschrittenen
Länder Europas und an Japan; heute wird sie fast ausschließlich
in die Entwicklungsländer gelenkt. Vor zehn Jahren wurde der größte
Teil unserer Hilfe zur Stärkung der militärischen Streitkräfte und
labilen Volkswirtschaften verwendet; inzwischen wurde diese Hilfe
auf die Hälfte reduziert, und unsere Unterstützung kommt in zunehmendem
Maße der wirtschaftlichen Entwicklung zugute. Es gibt jedoch noch wichtige Fälle, in denen sich die militärische Drohung des Kommunismus nicht
verringert hat und sowohl Militär- als auch Wirtschaftshilfe noch erforderlich ist. Die Reihe solcher Fälle reicht von relativ stabilen
Grenzen wie in Korea und der Türkei bis zu Gebieten aktiver Aggression
wie Vietnam.
Ziel

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Ziel Nr. 3 : Sicherstellung einer größeren Beteiligung anderer
Industrienationen an den Kosten der internationalen Entwicklungshilfe.
Die Vereinigten Staaten stehen bei der Unterstützung der Entwicklungsländer nicht mehr allein, und ihr anteilmäßiger Beitrag zu den Kosten
verringert sich. Der Fluß der Geldmittel aus anderen Industrieländern
der sich gegenwärtig auf insgesamt 2 Milliarden Dollar im Jahr beläuft
dürfte anhalten; und wir rechnen mit einer noch engeren Zusammenarbeit
mit diesen Ländern, um unsere gemeinsamen Bemühungen in wirksamster
Weise zum Tragen zu bringen. Ferner haben die internationalen Kreditinstitutionen sowie die für die technische Unterstützung zuständigen
Einrichtungen, für die wir große Beiträge leisten, das Programm sowie
den Umfang ihrer Tätigkeit erweitert; und wir rechnen mit einer Ergänzung dieser Hilfsquellen von Fall.zu Fall in Verbindung mit größeren Beiträgen seitens anderer Länder. Wir werden weiterhin mit unseren Verbündeten zusammenarbeiten und sie auffordern, ihre Hilfeanstrengungen zu intensivieren und ihre Unterstützung zu Bedingungen
zu gewähren, die für die Entwicklungsländer weniger beschwerlich sind.
Ziel Nr. 4 : Abschwächung nachteiliger Auswirkungen des Hilfeprogramms auf unsere eigene Zahlungsbilanz und auf unsere eigene
Wirtschaft. Noch vor wenigen Jahren wurde mehr als die Hälfte der
Mittel der amerikanischen Wirtschaftshilfe im Ausland ausgegeben, was
zum Abfluß unserer Dollar und unseres Goldes beitrug. Über achtzig
Prozent der für die Einhaltung unserer bis dato gegebenen Zusicherungen erforderlichen Mittel werden nun in den Vereinigten Staaten ausgegeben werden, was zum Wachstum unserer Wirtschaft und der Beschäftigungsmöglichkeiten beitragen wird.. Dieser Anteil wird in dem Maße
steigen, in dem weitere Maßnahmen zu diesem Zweck ergriffen werden.
Ich möchte hinzufügen, daß unsere Zahlungsbilanzsituation heute durch
die Rückzahlung von Anleihen, die den europäischen Ländern im Rahmen
des Marshall-Plans und seitens der Export-Import-Bank gewährt wurden,
günstig beeinflußt wird. Ich bin überzeugt, daß wir in Zukunft, wenn
das Einkommen in den Entwicklungsländern ansteigt, ähnlichen Nutzen
aus den Anleihen ziehen werden, die wir jetzt diesen Ländern gewähren.
Unserer Wirtschaf t wird ebenfalls durch die Ausweitung kommerzieller Exporte auf Länder geholfen, deren gegenwärtiges Wachstum und
deren Prosperität durch die amerikanische Wirtschaftshilfe in früheren Jahren angespornt wurde . Im Laufe der vergangenen zehn Jahre haben
sich unsere Exporte nach Westeuropa und Großbritannien mehr als verdoppelt, und unsere Exporte nach Japan haben um das Vierfache zugenommen. Ebenso können wir damit rechnen, daß sich die Handelsmöglichkeiten mit denjenigen Ländern in Zukunft ausweiten werden, deren wirtschaftliche Entwicklung wir im Augenblick fördern,
überdies verwenden wir unsere Agrarprodukte in steigenden Maße
im Rahmen des Lebensmittel-für-den-Frieden-Programms, um das wirtschaftliche Wachstum der Entwicklungsländer anzuregen und zur Verwirklichung anderer außenpolitischer Ziele der USA beizutragen. In
dem Maße, wie sich die Volkswirtschaften dieser Länder aufwärtsentwickeln, ermutigen wir sie, bei diesen Waren von Verkäufen^ in ausländischer Währung zu Bar- oder Dollarkreditverkäufen überzugehen.
Die

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Die anteilmäßige Last unserer Unterstützungsprogramme ist
ständig vermindert worden - von rund 2 Prozent unseres Bruttosozialprodukts bei Anlaufen des Marshall-Plans auf 0,7 Prozent
heute, von 11,5 Prozent des Bundeshaushalts im Jahre 1949 auf gegenwärtig 4 Prozent.
Obwohl diese Zahlen erkennen lassen, daß unsere Hilfeprogramme relativ gesehen - heute beträchtlich weniger Kosten als noch vor zehn oder
fünfzehn Jahren, setzen wir dennoch unsere Bemühungen fort, um sie
wirksamer zu gestalten und den Gewinn aus jedem investierten Dollar
zu vergrößern. Das Personal, die Verfahren und die Durchführung werden
ständig verbessert. Eine Anzahl von Außenstellen sind geschlossen, verkleinert oder mit den Botschaften oder regionalen Dienststellen zusammen
gelegt worden. Diese Bemühungen um größere Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit werden unter dem neuen Administrator noch beschleunigt
werden .
Ziel Nr. 5 : Fortsetzung der Verteidigungsunterstützung für die
von einem kommunistischen Angriff von innen oder außen her bedrohten
Länder. Unser Militärhilfeprogramm war ein entscheidender Faktor, um
die sowjetische und chinesische Militärmacht über zehn Jahre lang
verhältnismäßig fest in ihren Grenzen zu halten. Ohne den Schutz dieses Programms wäre der erhebliche wirtschaftliche Fortschritt der an
den sino-sowjetischen Bereich grenzenden Entwicklungsländer kaum möglich gewesen. Mit dem Aufbau ihrer wirtschaftlichen Stärke werden
diese Länder auch einen größeren Teil der Lasten ihrer Verteidigung
übernehmen können. Wir dürfen jedoch nicht annehmen, daß die Militärhilfe für diese Länder - oder für andere, die vor allem einem
subversiven Angriff von innen her ausgesetzt sind - in absehbarer Zukunft eingestellt werden kann. Im Gegenteil: wenn es auch möglich sein
wird, das eine oder andere Programm zu reduzieren oder einzustellen,
so müssen wir doch mit der Notwendigkeit neuer und erweiterter Programme rechnen.
Indien ist ein Modellfall. Es kann kaum noch bezweifelt werden,
daß es klug war, die bemerkenswerten und erfolgreichen Bemühungen des
indischen Subkontinents um Fortschritt und Stabilität durch amerikanische Hilfeleistungen zu unterstützen. Die Bedrohung, die durch den
chinesischen Angriff auf Indien im vergangenen Herbst offenbar wurde,
wird vielleicht weitere Anstrengungen unsererseits erforderlich machen,
um die Sicherheit dieses entscheidend wichtigen Gebietes zu stärken,
unter der Voraussetzung, daß diese Anstrengungen durch entsprechende
Leistungen Indiens und Pakistans ergänzt werden.
Im großen und ganzen ist jedoch der Umfang der Militärhilfe
gering im Verhältnis zu den Ausgaben für unsere nationale Sicherheit;
in diesem Finanzjahr beläuft sie sich auf rund 3 Prozent unseres
Verteidigungsbudgets. "Dollar für Dollar", so erklärte der Clay-Ausschuß unter besonderer Bezugnahme auf die Grenzgebiete, "tragen diese
Programme mehr zur Sicherheit der freien Welt bei als entsprechende
Posten in unseren Verteidigungsbewilligungen... Diese Länder stellen

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stellen mehr als zwei Millionen Soldaten, die zum überwiegenden Teil
für jeden Notfall gerüstet sind." Ohne Zweifel würde - wenn es dieses
Programm nicht gäbe - unser Verteidigungsbudget erheblich erhöht werden müssen, um einen gleichwertigen Beitrag zur Verteidigung der freien
Welt zu leisten.
Ziel Nr. 6: Stärkere Heranziehung privater Investitionen sowie
anderer nichtstaatlicher Hilfsquellen bei der Unterstützung der Entwicklungsländer. In den vergangenen Monaten sind eine Reihe neuer Maßnahmen ergriffen worden, um Erfahrung und Können einer Vielzahl von
privaten Organisationen und Einzelpersonen hier in den USA für dieses
Programm zu mobilisieren. Genossenschaften sowie Spar- und Darlehensverbände haben sich sehr aktiv für die Schaffung ähnlicher Einrichtungen im Ausland, insbesondere in Lateinamerika, eingesetzt. Unsere landwirtschaftlichen Hochschulen und die Universitäten schalten sich zunehmend in unsere verschiedenen Programme ein, um bei der Entwicklung
von Agrargebieten in Übersee zu helfen. In Lateinamerika sind beispielsweise bereits 37 amerikanische Universitäten und landwirtschaftliche
Hochschulen am Werk - und eine weitere erhebliche Steigerung dieser
Arbeit ist im kommenden Jahr zu erwarten. Führende Persönlichkeiten
des öffentlichen und privaten Lebens aus dem Staat Kalifornien beraten
mit den zuständigen Stellen in Chile, wie die Möglichkeiten und Hilfsmittel eines bestimmten Bundesstaates besser auf die Unterstützung eines
bestimmten Landes ausgerichtet werden können. Die Gewerkschaften, Stiftungen, Handelsverbände, Berufsvereinigungen und viele andere Institutionen verfügen ebenfalls über Wissen und Hilfsmittel, die wir in
immer stärkerem Maße heranziehen, um den ganzen Komplex privater und
öffentlicher Einrichtungen, von denen unser eigenes nationales Leben
abhängt, systematischer und sinnvoller bei diesem wichtigen Prozeß des
nationalen Aufbaues einzusetzen. Dem Modernisierungsprozeß liegt das
zentrale Problem der Schaffung, Anpassung und Verbesserung der Institutionen zugrunde, ohne die keine moderne Gesellschaft auskommen kann.
Privatinvesti tJonen
Die wichtigste neue Initiative im diesjährigen Programm erstreckt
sich auf unsere verstärkten Bemühungen, die Investition von Privatkapital in den Entwicklungsländern zu ermutigen. Bei der Förderung amerikanischer Privatinvestitionen durch die Gewährung von Investitionsgarantien - bisher in Höhe von 900 Millionen Dollar -, durch Kostenbeteiligung an Investitionsprüfungen, Anleihen in Landeswährung und
andere nach den gegenwärtigen Gesetzen mögliche Maßnahmen ist bereits
ein beachtlicher Fortschritt erzielt worden. Allein während der ersten
Hälfte des laufenden Haushaltsjahres wurden privaten Firmen 7,7 Millionen Dollar in Landeswährung als Anleihen zur Verfügung gestellt.
Ich glaube jedoch, daß sowohl von seiten der Regierung durch eine
verstärkte Tätigkeit des Amtes für Internationale Entwicklung (AID)
als auch auf gesetzgeberischem Gebiet durch den Kongreß noch viel mehr
getan werden müßte. Von Regierungsseite werden unsere Botschafter und
Missionen im Ausland angewiesen, bei ihren Verhandlungen mit den

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den Entwicklungsländern nachdrücklicher darauf hinzuweisen, wie
wichtig es ist, die privaten Hilfsquellen voll auszuschöpfen und
das Klima sowohl für einheimische wie auch für ausländische Privatinvestitionen zu verbessern. Insbesondere bin ich darüber besorgt,
daß das Investitionsgarantieprogramm in einigen Ländern nicht in
vollem Umfang durchgeführt werden kann, da es die dortigen Regierungen
versäumen, die normalen, zwischenstaatlichen Zusicherungen bezüglich
der Investitionsgarantien zu geben.
Darüber hinaus wird auch das Amt für Internationale Entwicklung
(AID) seine eigene Tätigkeit bea-üglich der Förderung der privaten
Wirtschaftstätigkeit verstärken und ausweiten - sowohl hinsichtlich
der Bemühungen, den Entwicklungsländern beim Aufbau einer starken
Privatwirtschaft zu helfen, als auch hinsichtlich der Einrichtungen,
durch die Kapital und technisches Können der Privatwirtschaft für die
wirtschaftliche Entwicklung mobilisiert werden.
Auf gesetzgeberischem Gebiet empfehle ich folgendes:
a. Eine Änderung der Steuerbestimmungen für einen Versuchszeitraum, um amerikanischen Steuerzahlern die Möglichkeit zu geben, Neuinvestitionen in Entwicklungsländern abzusetzen, was auch in gewissem
Umfang für Reinvestitionen ihrer Gewinne in diesen Ländern gelten
sollte. Eine solche Steuererleichterung dürfte durch die Ermöglichung
höherer Kapitalerträge wesentlich dazu beitragen, daß weitere Privatinvestitionen in den Entwicklungsländern getätigt werden. Der Ausschuß
amerikanischer Geschäftsleute für die Allianz für den Fortschritt hat
eine solche Maßnahme empfohlen.
b. Eine Änderung der Bestimmungen für Investitionsgarantien im
Auslandshilfegesetz, um das Garantieprogramm zu erweitern und klar
zu umreißen.
Der wirtschaftliche und soziale Fortschritt kann nicht von den
Regierungen allein erreicht werden. Die wirksame Beteiligung des
fortschrittlichen amerikanischen Geschäftsmannes, insbesondere in
Verbindung mit Privatinteressen in dem Entwicklungsland selbst,
bringt im Entwicklungsprozeß nicht nur die finanzielle Investition,
sondern auch seine technischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnisse
ins Spiel. Seine erfolgreiche Beteiligung trägt wiederum dazu bei,
das Klima des Vertrauens zu schaffen, das so entscheidend wichtig
ist, um das lebensnotwendige ausländische und inländische Kapital
anzuziehen und zu halten. Wir begrüßen und ermutigen jede Initiative,
die in Lateinamerika auf dem privaten Sektor ergriffen wird, um das
industrielle Wachstum zu beschleunigen, und hoffen, daß auch in anderen
Entwicklungsländern ähnliche kooperative Anstrengungen gemacht werden.
Die Allianz für den Fortschritt
Die Erfolge der Allianz für den Fortschritt in den kommenden
Jahren werden - in einem ganz besonderen Sinne - Maßstab unserer

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unserer Entschlossenheit, unserer Ideale und unserer Klugheit und
Besonnenheit sein. In diesem vergangenen Jahr ist unsere Fähigkeit
und Findigkeit als Volk gerade hier in der westlichen Hemisphäre
in ganz eindeutiger Weise auf die Probe gestellt worden. Wir handelten
unverzüglich, um der Bedrohung durch aggressive Kernwaffen auf Kuba
zu begegnen, und wir fanden die Nationen Lateinamerikas auf unserer
Seite. Ihnen wurde ebenso wie uns erneut bewußt, welche Gefahr darin
liegt, zuzulassen, daß die Armut und Hoffnungslosigkeit eines ganzen
Volkes irgendwo hier auf diesem Kontinent lange währt.
Hätte man die Bedürfnisse des kubanischen Volks in der Zeit vor
Castro befriedigt - seinen Wunsch nach Nahrungsmitteln, Wohnraum, Bildung und Arbeit sowie, allem voran, sein Verlangen nach demokratischer
Mitbestimmung in der Erfüllung seiner eigenen Hoffnungen - dann hätte
es weder einen Castro noch Raketen auf Kuba gegeben und die Nachbarn
Kubas hätten sich nicht dem gewaltigen Risiko des Widerstands gegen
eine drohende Aggression von seiten dieser Insel auszusetzen brauchen.
Es gibt nur einen einzigen Weg, um zu vermeiden, in
Zukunft einem ähnlichen Dilemma gegenüber zustehen. Man muß in allen
Ländern Lateinamerikas die Hoffnung wecken und den Völkern dieses Kontinents zu verstehen geben, daß sie für sich eine bessere Zukunft gestalten können - nicht dadurch, daß sie den unmenschlichen Geboten
einer fremden und zynischen Ideologie folgen, sondern dadurch, daß
sie ihrem eigenen Wollen Ausdruck verleihen, sich ein eigenes Urteil
bilden und verantwortungsbewußt als Bürger handeln.
Als Amerikaner haben wir seit langem die Rechtmäßigkeit dieser
Bestrebungen anerkannt. In den vergangenen Monaten haben wir - wie
nie zuvor - erkennen können, welche Dringlichkeit ihnen zukommt und,
wie ich meine, durch welche konkreten Maßnahmen sie sich verwirklichen
lassen.
In weniger als zwei Jahren ist aus dem ZehnJahresprogramm der
Allianz für den Fortschritt mehr geworden als eine Idee, mehr als eine
Verpflichtung von Regierungen. Die notwendige erste Anstrengung, um
Pläne auszuarbeiten, Institutionen zu errichten, zu erproben und zu
prüfen - haben eine neue Hingabe und Bereitschaft erforderlich gemacht
und wachgerufen - eine neue Bereitschaft zum klugen Kompromiß zwischen
alten und neuen Lebensformen. Auf lange Sicht wird diese Anstrengung
und nicht die Drohung des Kommunismus das Schicksal der Freiheit in
der westlichen Hemisphäre bestimmen.
Diese Jahre waren für keine Gruppe in Lateinamerika leicht.
Eine ähnliche Änderung der grundlegenden Ausrichtung unserer eigenen
Gesellschaft wäre gewiß nicht leichter gewesen. Die Schwierigkeit
der herbeizuführenden Veränderungen läßt den Erfolg vieler Nationen
in Lateinamerika bei der Durchführung von Reformen, die ihren fundamentalen wirtschaftlichen und sozialen Aufbau gesünder und auch gerechter gestalten helfen, in einem noch helleren Licht erscheinen.
Einige
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Einige eindrucksvolle Erfolge sind bereits sichtbar geworden.
In den meisten Ländern dieses Gebietes werden immer mehr neue Wohnungen gebaut. Die Ausbildungsmöglichkeiten wachsen rasch. Der
Straßenbau schreitet insbesondere in landwirtschaftlichen Gebieten
schnell voran. Mit Hilfe von amerikanischen Geldern werden über zwei
Millionen Schulbücher verteilt, um dem Analphabetentum bei etwa der
Hälfte der 210 Millionen Bewohner Lateinamerikas zu Leibe zu rücken.
In den Ländern der Allianz für den Fortschritt wird die Ernährung
von 8 Millionen Kindern und Müttern durch Lebensmittel
aus dem Programm "Nahrungsmittel für den Frieden" ergänzt, und diese Zahl dürfte
im nächsten Jahr auf fast 16 Millionen anwachsen.
In dem von Unruhen heimgesuchten Nordosten Brasiliens wird
im Rahmen eines Abkommens mit dem Land Rio Grande do Norte ein Programm in Angriff genommen, um 3000 Lehrer auszubilden, 1000 Klassenräume, zehn Berufsschulen, acht Volksschulen und vier Lehrerbildungsstätten zu errichten. In Venezuela ist ein 30-Millionen-DollarProjekt zur Beseitigung von Elendsvierteln in Angriff genommen worden.
In Bogota in Kolumbien wächst auf dem Gebiet des ehemaligen Flugplatzes
eine neue Stadt für 71 000 Menschen, die sich mit Unterstützung des
Treuhandfonds für Sozialen Fortschritt ihre Wohnungen selbst bauen.
In diesem Jahr habe ich einen Brief von Senor Argemil Plazas
Garcia erhalten, den ich bei der Einweihung eines Wohnungsbauprojekts im Rahmen der Allianz für den Fortschritt in Bogota traf. Er
schreibt mir: "Heute lebe ich mit meinen dreizehn Kindern in diesem
Haus, und wir sind sehr glücklich, daß wir solche Armut nicht mehr
kennen und nicht mehr wie Ausgestoßene von Ort zu Ort ziehen müssen.
Wir wissen jetzt, was Würde und Freiheit ist... Meine Frau, meine
Kinder und ich schreiben Ihnen diesen einfachen Brief, um Ihnen den
herzlichen Dank der kolumbianischen Freunde auszusprechen, die nunmehr ein Heim haben, in dem sie glücklich leben können." Zahlreiche
Anfänge der Selbsthilfe und der Reformen zeichnen sich jetzt ab, die
von noch größerer und weitreichender Bedeutung sind. Seit 1961 haben
elf lateinamerikanische Länder - Argentinien, Brasilien, Bolivien,
Kolumbien, Chile, Costa Rica, die Dominikanische Republik, El
Salvador, Mexiko, Panama und Venezuela - strukturelle Reformen in
ihren Steuersystemen vorgenommen. Zwölf Länder haben ihre Einkommensteuergesetzgebung und ihre Steuerverwaltung verbessert. In Venezuela,
der Dominikanischen Republik und zwei Staaten Brasiliens sind umfassende Programme zur besseren Bodennutzung und zur Landreform in
Angriff genommen worden. Verhältnismäßig begrenzte Pläne werden
gegenwärtig in Chile, Kolumbien, Panama, Uruguay und Mittelamerika
durchgeführt.
Sechs lateinamerikanische Länder - Kolumbien, Chile, Bolivien,
Honduras, Mexiko, und)Venezuela - haben dem Expertenausschuß der Organisation Amerikanischer Staaten Entwicklungsprogramme unterbreitet. Dieses Gremium hat die Pläne der ersten drei Länder analysiert
und darüber Bericht erstattet; zu den Plänen der restlichen Länder
soll in Kürze berichtet werden.
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Wenn

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Wenn man berücksichtigt, was in Jahrzehnten versäumt worden
ist, oder daß die grundlegenden Probleme nur gelegentlich Aufmerksamkeit fanden, dann ist der Anfang, der gemacht worden ist, ermutigend. Vielleicht am bedeutsamsten von alledem aber ist der Wandel,
der sich im Fühlen und Denken der Menschen vollzogen hat - ein
zunehmender Wille, ihr Land zu entwickeln. Wir können den Lateinamerikanern nur helfen, sich selbst zu helfen. Aus diesem Grunde
ist die zunehmende Entschlossenheit der Völker dieses Gebietes,
moderne Gesellschaften aufzubauen, so erfreulich. Und aus diesem
Grunde müssen auch die verantwortlichen Politiker in Lateinamerika
auf den Willen des Volkes mit einem größeren Verständnis für die
dringenden Aufgaben und Ziele reagieren, damit aus Erwartungen nicht
Enttäuschung, aus Hoffnung nicht Verzweiflung wird. Die anstehenden
Reformgesetze müssen verabschiedet werden, aus Worten müssen Taten
werden, und der Mechanismus zur Durchführung der Programme muß aufgebaut und verstärkt werden. Das sind keine leichten Schritte, wie
wir aus eigener Erfahrung wissen, aber sie müssen getan werden.
Wir selbst beabsichtigen, unsere Unterstützung in Lateinamerika
auf jene Länder zu konzentrieren, die sich an die in der Charta von
Punta del Este niedergelegten Prinzipien halten, und mit unseren Nachbarn zusammenzuarbeiten, um genauer die besonderen politischen
Fluktuationen, Reformen und andere Maßnahmen•der Selbsthilfe aufzuzeigen, die notwendig sind, um unsere Hilfe wirksam zu gestalten
und der Allianz zum Erfolg zu verhelfen. Die Empfehlung des ClayAusschusses, unsere Bemühungen um die Förderung einer wirtschaftlichen Integration innerhalb dieses Gebietes und die Ausweitung
des Handels zwischen den lateinamerikanischen Ländern zu verstärken,
ist überaus wertvoll. Die Entschlossenheit der mittelamerikanischen
Präsidenten, sich kühn in dieser Richtung zu bewegen, hat mich während
meines jüngsten Zusammentreffens mit ihnen in San Jose, Costa Rica,
sehr beeindruckt; und das Amt für Internationale Entwicklung hat bereits ein Regionalbüro in Mittelamerika eröffnet, unterstützt eine
regionale Entwicklungsbank und beteiligt sich an regionalen Handelskonferenzen.
In den ersten zwei Jahren der Allianz für den Fortschritt ist
ein Anfang gemacht worden, aber die Arbeit, die noch vor uns liegt,
muß fortlaufend schnellstens in Angriff genommen werden. Zahlreiche
Voraussetzungen für ein erfolgreiches Jahrzehnt sind vorhanden, und
der grundsätzliche Kurs für die Zukunft ist klar. Es liegt nun bei
allen Partnern der Allianz»stetig die Kräfte und den Willen aufzubieten, die notwendig sind, um unerschütterlich diesen Kurs zu verfolgen .
Die gesetzgeberischen Maßnahmen für dieses Jahr
Wenn man die vorerwähnten Tatsachen und Grundsätze in Programmkosten und Bewilligungen umsetzt, und zwar auf der Grundlage der Anwendung der vorher dargelegten und vom Clay-Ausschuß bekräftigten
Maßstäbe, dann ergibt sich folgendes Bild:
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1. Mehr als 200 Millionen Dollar an Mitteln der Wirtschaftshilfe, die gegenwärtig verfügbar sind, dürften im laufenden Finanzjahr eingespart und nicht verwendet werden; und mehr als 100 Millionen Dollar dieser nicht verwendeten Mittel werden für künftige Anleihezwecke verfügbar sein;
2. Zusätzlich zu den eingesparten Mitteln, die in das nächste
Jahr hinübergenommen werden, hat eine genaue Prüfung ergeben, daß eine
Anzahl von Reduzierungen der ursprünglichen Haushaltsvoranschläge für
die Wirtschafts- und Militärhilfe vorgenommen werden können, ohne daß
die nationalen Interessen dadurch ernstlich in Mitleidenschaft gezogen
werden •
Diese Faktoren zusammengenommen erlauben eine Kürzung des ursprünglichen Haushaltsvoranschlages von 4»9 Milliarden Dollar auf 4»5 Milliarden Dollar. Dieser Betrag bringt - in Übereinstimmung mit den Maßstäben und Empfehlungen - die erwarteten Reduzierungen der Militär- und
Wirtschaftshilfe für eine Reihe von Ländern sowie unvermeidbare Erhöhungen für andere zum Ausdruck. Die wesentlichen für die Bewilligungen des Jahres 19^4 vorgeschlagenen Netto-Erhöhungen sind folgende:
- zusätzliche 525 Millionen Dollar für Anleihen in Lateinamerika
- davon 125 Millionen Dollar durch das Amt für Internationale Entwicklung (AID) und 200 Millionen Dollar durch den Treuhandfonds für Sozialen Fortschritt, der von der Interamerikanischen Entwicklungsbank für
die Vereinigten Staaten verwaltet wird (wofür im Haushaltsjahr 19&amp;5
keine Bewilligung notwendig war, da im Jahr zuvor eine zweijährige Bewilligung ausgesprochen wurde);
- zusätzliche 85 Millionen Dollar für Anleihen in der übrigen Welt,
vor allem für Länder wie Indien, Pakistan und Nigeria, die jenem Höhenniveau der Selbsthilfe und des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts gerecht werden, das es ermöglicht, unsere Hilfe auf die
schließliche volle Selbständigkeit abzustellen;
- zusätzliche 80 Millionen Dollar für die Militärhilfe, einschließlich der erhöhten Anforderungen für Indien (wobei die Summe
noch weit unter dem Stand im Haushaltsjahr 1961 liegt); und
- zusätzliche 50 Millionen Dollar für den Nothilfe-Fonds, der
die für unsere eigene Sicherheit notwendige Flexibilität gewährleistet. Wir können und dürfen die Möglichkeit nicht außer acht lassen,
daß in Gebieten, die heute ruhig erscheinen, neue Bedrohungen - ähnlich denen in Laos oder Vietnam - auftreten oder daß sich neue Chancen
bieten, große Erfolge für die Sache der Freiheit zu erzielen. Die Auslandshilfepolitik kann ebensowenig unbeweglich sein wie die Außenpolitik
selbst.
Ich halte es für notwendig und wünschenswert, daß diese Mittel
vom Kongreß zur Verfügung gestellt werden, um den Anforderungen des
Programms gerecht zu werden und für neue Möglichkeiten des Programms

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Programms zur Verfügung zu stehen. Mittel, die auf Grund der verschärften Maßstäbe für die Auswahl und Durchführung von Projekten,
unseres Hilfeprogramms nicht benötigt werden, sollen, wie auch im
laufenden Jahr, nicht ausgegeben oder bereitgestellt werden.
Die Änderungen in der Gesetzgebung, die ich hiermit vorschlage,
berühren die Grundzüge des Aufbaus und der Zielsetzung des Auslandshilfegesetzes von 1961 in seiner geänderten Form nicht. Grundsätzliche
Änderungen dieser Gesetzgebung scheinen heute nicht notwendig.
Eine relativ geringfügige Änderung, die ich vorschlage, betrifft
die getrennte Ausgabeermächtigung für die Bewilligung der Mittel zur
Unterstützung amerikanischer Schulen und Krankenhäuser im Ausland. Eine
Reihe dieser von Amerikanern geförderten Schulen sind in den Entwicklungsländern sehr erfolgreich gewesen, indem sie eine nach amerikanische
Maßstäben ausgerichtete Ausbildung boten. Bisher ist ihnen eine gewisse
Unterstützung aus den allgemeinen Mitteln für die Wirtschaftshilfe zugeflossen, aber das hat sich in zunehmendem Maße als unzweckmäßig erwiesen. Getrennte Ausgabeermächtigungen und Bewilligungen würden dazu
dienen, diesen Schulen die Durchführung eines langfristigen Ausbildungsprogramms zu ermöglichen, und es ihnen erleichtern, sich auf eine gesunde finanzielle Basis zu stellen und, soweit überhaupt möglich, eines
Tages von amerikanischer Regierungsunterstützung unabhängig zu werden.
Schließlich ersuche ich den Kongreß, im Rahmen dieser Gesetzgebung
den Abschnitt des Gesetzes über die Ausweitung des Handels zu ändern,
der verlangt, daß Importe aus Polen und Jugoslawien nicht die gleiche
Zollbehandlung erfahren dürfen wie andere. Es wäre zweckmäßig, diese
Änderung in dieses (Auslandshilfe-) Gesetz einzubauen,zumal ich davon
überzeugt bin, daß der Handel und andere Formen normaler Beziehungen
für unsere künftigen Beziehungen zu diesen Ländern eine gesündere
Basis darstellen als die Hilfe.
Zusammenfassung
Lassen Sie mich abschließend noch einmal die überragende Bedeutung
der Bemühungen unterstreichen, denen wir uns verschrieben haben.
An diesem Punkt der Geschichte können wir auf zahlreiche Erfolge
in dem Kampf um die Erhaltung der Freiheit zurückblicken. Tag für Tag
erringt unser Land in den Elendsvierteln und den kleinen Dörfern, in
den Krankenhäusern und Schulen sowie in den Regierungsämtern einer
Welt, die entschlossen ist, sich emporzuarbeiten, unbemerkte Siege
im Kampf gegen die kommunistische Subversion. Zwei Jahrhunderte der
Pionierarbeit und des Wachstums müssen auf Jahrzehnte, ja sogar Jahre
zusammengedrängt werden. Es ist dies ein Tätigkeitsbereich, für den
uns unsere Geschichte prädestiniert, zu dem uns unsere Aspirationen
drängen und auf den uns unsere nationalen Interessen hinlenken.
Überall

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Überall auf der Welt zeigen sich - für alle sichtbar - Risse
in dem monolithischen Block unseres Gegners. Für das amerikanische
Volk ist dies eine Zeit, in der es gilt, mit Weitblick, Geduld,
Fleiß und Klugheit zu handeln. Ob zum Guten oder Schlechten: wir
geben das Tempo an. Die Führungsmacht der Freiheit darf nicht
nachlassen oder zögern, soll nicht ein anderer das Tempo bestimmen.
Wir haben es gewagt, die sechziger Jahre das Jahrzehnt der
Entwicklung zu nennen. Doch nicht die Ausdruckskraft unserer Schlagworte, sondern das Maß an Beharrlichkeit, das wir aufbringen, wird
darüber entscheiden, ob diese Generation von Amerikanern die führende Rolle verdient, die die Geschichte uns übertragen hat.

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�A M E R I K A

D I E N S T

W1./17-5.1963
DIE VEREINIGTEN STAATEN UND DIE VERHANDLUNGEN
ZUR AUSWEITUNG DES HANDELS
Hintergrundanalyse

Das amerikanische Gesetz über die Ausweitung des Handels
(Trade Expansion Act) und die in den Vereinigten Staaten angelaufenen Vorbereitungen, seine Bestimmungen so weitgehend wie
möglich auszuschöpfen, basieren auf der Überzeugung, daß eine
Ausweitung des Welthandels die Prosperität aller Völker mehren
wird. Das Gesetz leitet sich direkt aus dem Gesetz über gegenseitige Handelsabmachungen von 1934 (Reciprocal Trade Agreements Act)
her und soll die Bemühungen der Vereinigten Staaten um den Abbau
internationaler Handelsschranken nicht nur fortführen, sondern
noch intensivieren. Die Vereinigten Staaten erhoffen von einer internationalen Arbeitsteilung, welche die damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteile nahelegen, nicht nur für sich selbst, sondern
auch für ihre Handelspartner (darunter insbesondere die Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft - EWG) und Drittländer in allen Teilen der
Welt günstige Auswirkungen. Diese liberale Einstellung zum Welthandel hat ihren Ursprung in den politischen und wirtschaftlichen
Reformen der dreißiger Jahre, die eine Abkehr von dem aus der Depression geborenen Protektionismus einleiteten. Sie war das ausschlaggebende Moment, das die Vereinigten Staaten zur Mitarbeit
im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement on
Tariffs and Trade - GATT) und bei allen während der Nachkriegszeit
geführten Verhandlungen bestimmte, die auf den Abbau der Handelsschranken abzielten. Den ausländischen Produzenten eröffnete sie
den Zutritt zum größten und reichsten einheitlichen Markt der Erde
in bisher einmaligem Umfang.
Der Erfolg der Bemühungen der USA um die Ausweitung des Welthandels läßt sich an der zu verzeichnenden Senkung der US-Zölle
und auch an der Erhöhung der Einfuhren gegenüber dem Zeitraum von
1931 bis 1935 ablesen. Damals beliefen sich die amerikanischen Zölle
ad valorem im Durchschnitt auf 50 Prozent, 1961 nur noch auf 12 Prozent; im gleichen Zeitraum stiegen die amerikanischen Einfuhren von
durchschnittlich 1,7 Mrd. Dollar im Jahr auf 14,6 Mrd.
Die Regierung Kennedy hat klar zu verstehen gegeben, da.ß sie
das neue Handelsgesetz, das die Voraussetzung für eine einschneidende und umfassende Senkung der Zölle auf der Basis der Gegen-

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�"AMERIKA DIENST" - '.VIRTSCHAFT UND ARBEIT
Gegenseitigkeit schafft, als die wichtigste gesetzgeberische Maßnahme der beiden ersten Jahre ihrer Amtstätigkeit ansieht. Unmittelbar nachdem Präsident Kennedy die Zustimmung des Kongresses zu diesem Gesetz erwirkt hatte, gab er den Anstoß zur Aufnahme von Verhandlungen mit dem Ziel, die nunmehr gegebenen Möglichkeiten zum Abbau
der Zölle voll zu nutzen.
Die vorliegende Analyse soll die wichtigsten Bestimmungen des
Trade Expansion Act zusammenfassend darstellen, das Verfahren erläutern, durch das die Vereinigten Staaten die Änderungen der USZollsätze zu erreichen suchen, die Haltung der USA zu den Fragen
umreißen, die voraussichtlich bei den Verhandlungen auf Grund des
Trade Expansion Act zur Sprache kommen werden, und die amerikanische
Ansicht auch zu anderen Formen der Behinderung des Handels umreißen.
I. Das Gesetz über die Ausweitung des Handels (Trade Expansion Act)
Die Zielsetzungen
Sinn und Zweck des Trade Expansion Act lassen sich vielleicht
am besten an den Motiven ablesen, die Präsident Kennedy bewogen haben, sich für seine Annahme einzusetzen.
1 . Die Industriestaaten unter den Handelspartnern der Vereinigten Staaten haben sich während der GATT-Verhandlungen des Jahres 1961
(der sog. Dillon-Runde) darüber beklagt, daß die Vereinigten Staaten
viel zu geringe Zollkonzessionen anzubieten haben, um weiter gehende
Konzessionen von ihrer Seite zu rechtfertigen. Diese Beschränkung
war eine Folge der Bestimmungen des damals geltenden Reciprocal Trade
Agreements Act. In der Erkenntnis, daß dieser keine Möglichkeit zu
Senkungen der amerikanischen Außenhandelszölle über den erreichten
Punkt hinaus bot, entschloß sich die Regierung Kennedy, den Kongreß
um weiter gehende diesbezügliche Vollmachten zu ersuchen.
2. Präsident Kennedy war zu der Auffassung gelangt, daß die
amerikanische Wirtschaft dringend des Anreizes bedürfe, den ein verschärfter Wettbewerb auf den heimischen und ausländischen Märkten mit
sich bringen mußte. Im Sinne der genannten liberalen Grundkonzeption
der Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten will Präsident Kennedy
die amerikanische Industrie dem Wettbewerb mit der ausländischen Konkurrenz unter dem geringstmöglichen Schutz durch Zollmauern aussetzen.
Gleichzeitig will er damit erreichen, daß die Weltmärkte den amerikanischen Exportgütern mehr als bisher geöffnet werden.
3. Die Vereinigten Staaten hoffen, mit dem wachsenden Gemeinsamen
Markt in Europa eine Regelung aushandeln zu können, die die Gewähr für
einen expandierenden Güteraustausch mit diesem wichtigen Markt bietet.
Vor den Zollverhandlungen von 1961 betrugen die EWG-Zölle im arithmetischen Mittel etwa 14 Prozent, die Zölle der Vereinigten Staaten 12
Prozent. Geht man von den Einfuhren aus, so lagen die Gemeinsamen
Außenzöl\Ltarife der EWG bei etwa 5,7 Prozent, die der USA bei 7,1 Prozent. Wegen der Vielschichtigkeit der Zollstruktur ist solchen Angaben
als Maßstab nur ein relativer Wert beizumessen.
TT
-

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Um ihre eigenen Exportaussichten zu verbessern, mußten die Vereinigten Staaten - darüber war man sich durchaus im klaren - dem
Gemeinsamen Markt und anderen wichtigen Handelspartnern, die eine Erhöhung ihres Absatzes auf dem aufnahmefähigen amerikanischen Markt
erstreben, sehr umfangreiche Konzessionen anbieten. Aus diesem Grund
ermächtigt der Trade Expansion Act den Präsidenten zu Zollsenkungen,
die weit über das bisherige Maß hinausgehen.
4. Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten ist um die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in den weniger entwickelten
Ländern der Erde bemüht. Voraussetzung für diese ist es aber, daß die
Entwicklungsländer die Möglichkeit erhalten, ihre Produkte in den hochindustrialisierten Ländern abzusetzen. Der Trade Expansion Act verfolgt
deshalb auch das Ziel, diesen Exporten die Märkte der Industriestaaten
zu öffnen, und zwar ohne von den Entwicklungsländern als Gegenleistung
ähnliche Konzessionen zu verlangen.
5. Eine Ausweitung des Welthandels bei rationellerer Nutzung der
Rohstoffquellen und die daraus -resultierende Verbesserung des Loses
der Menschen in allen Teilen der Welt lassen sich nur durch einen weitgehenden Abbau der Zollschranken bewerkstelligen.
Die Bestimmungen
Die Verwirklichung seiner Zielsetzungen sucht der Trade Expansion
Act vornehmlich durch folgende Schlüsselbestimmungen sicherzustellen:
1. Die amerikanischen Zollsätze können, auf der Basis der Gegenseitigkeit, gesenkt werden
a) um bis zu generell 50 Prozent, bei nur wenigen Ausnahmen;
b) um bis zu 100 Prozent
i) bei Gütern, bei denen auf die USA und die EWG zusammen
ein Anteil von mindestens 80 Prozent am Ausfuhrhandel
der freien Welt entfällt (eine Bestimmung, die nach dem
Abbruch der Verhandlungen zwischen der EWG und Großbritannien vorläufig kaum zur Anwendung gelangen dürfte);
ii) bei bestimmten Agrar- und Tropenprodukten;
iii) bei Waren mit einem Zollsatz von 5 Prozent und darunter
(denn Zölle in dieser Höhe machen gewöhnlich mehr Verwaltungsarbeit als sie zum Schutz der Wirtschaft beitragen).
2. Die Zollsenkungen sind über einen Zeitraum von fünf Jahren auf
der Basis der Meistbegünstigung vorzunehmen.
3. Das Gesetz enthält einige wenige bindende, dabei aber variable
Ausnahmevorschriften, z.B. bezüglich Teppichen, Glaswaren,
Uhren, Blei und Zink, Erdöl usw. Auf die betreffenden Waren
entfällt jedoch nur ein sehr geringer Prozentsatz der amerikanischen Gesamteinfuhr. Es dürften so ziemlich alle Länder

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3 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Länder einige besondere Waren haben, bei denen eine
Sonderregelung zu treffen ist. Um die Verhandlungen aber
zu einem erfolgreichen Abschluß bringen zu können, muß die
Zahl derartiger Sonderfälle auf ein Minimum beschränkt bleiben.
4.

Als Novum in der amerikanischen Gesetzgebung erhält der
Präsident die Vollmacht, von Zollsenkungen hart betroffenen
Industrien und Arbeitnehmern zeitlich begrenzte Hilfe zu
gewähren. Diese Hilfe, die für besondere Fälle als Kompensation für den Fortfall bisher wirksamer Vergünstigungen
gedacht ist, soll die betroffenen Industrien in die Lage
versetzen, sich dem Wettbewerb anzupassen, und den Arbeitern Gelegenheit bieten, neue Fertigkeiten zu erwerben und
sich für neue Arbeitsplätze zu qualifizieren. Es handelt
sich auch insofern um ein Novum, als der Anpassung an Veränderungen Vorrang gegenüber dem Schutz vor ihnen eingeräumt
wird. Die Anpassungshilfe wird die Fälle, in denen andere
Schutzbestimmungen zur Anwendung gebracht werden, auf ein
Mindestmaß reduzieren. Es ist damit zu rechnen, daß sie zur
hauptsächlichsten Sicherheitsvorkehrung überhaupt wird, deren
sich die Vereinigten Staaten bedienen.

5.

Andere Vorschriften des Gesetzes sehen Verhandlungen mit
dem Ziel vor, internationale Absatzvereinbarungen zu treffen, um schädliche Nebenwirkungen zu verringern. Unter ganz
bestimmten Umständen, wenn die Senkung von Zollsätzen erwiesenermaßen einen Industriezweig schwer schädigt, ist auch
eine Heraufsetzung des Zolls um maximal 50 Prozent des Standes von 1954 zulässig.
Obwohl der Trade Expansion Act aus diesem Grund die Aufhebung von Zollvergünstigungen auch weiterhin gestattet, bedeutet dies nicht, daß die USA von dieser Bestimmung häufigen Gebrauch machen werden, wie sie dies ja auch bisher
nicht getan haben.

/

In Zukunft wird sie aus zwei Gründen sogar noch seltener
angewandt werden. Erstens besitzt der Präsident nunmehr
die Vollmacht, geschädigten Industrien Anpassungshilfe zu
gewähren (und er hat bereits klar zu verstehen gegeben, daß
er diese Bestimmung als Hauptinstrument zu gebrauchen gedenkt). Zweitens sind die im Gesetz niedergelegten Voraussetzungen für den Widerruf von Zollvergünstigungen weit
schwieriger zu erfüllen als früher.
Selbst unter der bisherigen gesetzlichen Regelung haben
die Vereinigten Staaten wie kaum ein anderes GATT-Mitglied
die einmal gewährten Zollkonzessionen aufrechterhalten,
und dies trotz des starken Drucks auf ihre Zahlungsbilanz.
Während die Vereinigten Staaten ihre Zölle auf 3000 bis
4000 Positionen senkten, wurde bei lediglich 130 Gütern
ein Widerruf der Vergünstigungen erwogen. Nur in 35 Fällen
•

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Fällen wurde die Aufhebung für gesetzlich zulässig erklärt,
und bei wiederum mehr als der Hälfte dieser Fälle wurde sie
vom Präsidenten abgelehnt.
6.

Das Geaetz gestattet für den Fall, daß andere Staaten andere
alB Zollbeschränkungen gegen amerikanische Exporte verhängen,
die Anwendung von Repressalien, um sicherzustellen, daß Zollaenkungen nicht durch andere Maßnahmen null und nichtig gemacht und amerikanische Agrar- und Industrieexporte keiner ungerechtfertigten Diskriminierung ausgesetzt werden.

Die Verfahrensregelung
Die amerikanische Verfassung ermächtigt den Kongreß, Einfuhrabgaben festzusetzen. Im Trade Expansion Act hat der Kongreß jedoch dem
Präsidenten Vollmacht erteilt, innerhalb der vorstehend aufgezeigten
Grenzen Zollsenkungen auszuhandeln und ihnen zuzustimmen. Die von ihm
ausgehandelten Vereinbarungen bedürfen nicht der späteren Zustimmung
des Kongresses, der sich lediglich ausbedungen hat, daß je zwei Vertreter des Senats und des Repräsentantenhauses den US-Verhandlungsdelegationen als Berater beigegeben werden.
Bezüglich der Führung der Verhandlungen über die angestrebten Zollsenkungen verfügt der Trade Expansion Act die Einsetzung eines Sonderbeauftragten (des Präsidenten) für Handelsverhandlungen (Special Representative for Trade Negotiations) mit dem Rang eines Botschafters. Auf
diesen Posten wurde Christian Herter, Außenminister unter Präsident
Eisenhower, berufen; zu seinem Stellvertreter wurde William Gösset ernannt, ehemaliger Vizepräsident der Ford Motor Company.
Mr. Herter kam zu dem Entschluß, nur einen kleinen Mitarbeiterstab
aufzubauen und die eigentlichen Verhandlungen dem Außenministerium zu
überlassen. Verhandlungsführer ist W. Michael Blumenthal, stellvertretender Unterstaatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium. Er hat direkten Vortrag beim Sonderbeauftragten, der
seinerseits unmittelbar dem Präsidenten Bericht erstattet.
Die Koordinierung der Tätigkeit der in Handelsverhandlungen eingeschalte ven Regierungsstellen wurde dem Beratungsausschuß für das
Gesetz zur Ausweitung des Handels (Trade Expansion Act Advisory
Committee) übertragen, dessen Vorsitz Mr. Herter führt. Ihm gehören ferner Außen-, Finanz-, Verteidigungs-, Innen-, Landwirtschafts-, Handelsund Arbeitsminister an.
Das Gesetz verpflichtet den Sonderbeauftragten,1. die Stellungnahme der US-Zollkommission (einer selbständigen Bundesbehörde) bezüglich aller für derartige Verhandlungen in Aussicht genommenen Waren
einzuholen; 2. die Stellungnahme des Arbeits-, Finanz-, Handels-,
Innen-, Landwirtschafts- und Verteidigungsministeriums vor Abschluß
jedes Abkommens anzuhören; und 3- öffentliche Informationssitzungen
bezüglich der für Verhandlungen in Aussicht genommenen Waren zu veranstalten.
Diese

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Diese Konsultation soll dem Präsidenten die Entscheidung
darüber erleichtern, welche Waren zum Gegenstand von Verhandlungen
zu machen und welche Konzessionen während der Verhandlungen anzubieten sind.
Die ersten Schritte zur Durchführung des im Oktober 1962 erlassenen
Gesetzes wurden innerhalb kürzester Frist unternommen. Mr. Herter unterbreitete bereits im Januar 19^3 der EWG-Kommission, der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dem GATT
und den Regierungen der wichtigsten Länder in Europa seine ersten
Vorstellungen bezüglich seiner Aufgabe. Die Vereinigten Staaten regten
kurz nach Jahresbeginn 19&amp;3 an, die Eröffnung der offiziellen GATTVerhandlungen zum frühestmöglichen Zeitpunkt im Jahre 1964 ins Auge
zu fassen.
Der Präsident drängt zur Eile, um die Bestimmungen des Trade
Expansion Act so rasch und weitgehend wie möglich ausschöpfen zu
können.

II. Der amerikanische Standpunkt zu den vorgesehenen GATTZo11Verhandlungen
Die Vereinigten Staaten haben den Wunsch, mit möglichst vielen
GATT-Mitgliedern sowie allen Ländern gegenseitige Handelsgespräche zu
führen, die bereit sind, sich dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen anzuschließen.
Die USA vertreten die Ansicht, daß eine bedeutende Ausweitung des
Welthandels nur dann erreicht werden kann, wenn eine möglichst große
Zahl von Handelsnationen an dieser Zollrunde teilnimmt, darunter vor
allem die großen Export- und Importstaaten und auch die Niedriglohnund Niedrigpreisländer z.B. in Asien.
Die Vereinigten Staaten wünschen ferner, daß über eine möglichst
große Zahl von Positionen verhandelt wird. Sie hoffen, daß sich die
Zahl der Waren, über die gesonderte Verhandlungen nötig sind, auf ein
Minimum reduzieren läßt.
In dem ernsthaften Bemühen, dem Welthandel einen starken Auftrieb
zu geben, befürworten die USA eine allgemeine Senkung der Zölle um
50 Prozent. Ziel dieses Vorschlages ist es, zeitraubende positionsweise Verhandlungen von vornherein auszuschalten, die sich bei früheren
Versuchen als ungeeignet erwiesen haben, umfangreichere Zollsenkungen
zu erreichen. Die Vereinigten Staaten sind bereit, über Zollsenkungen
zu verhandeln, die rund 95 Prozent ihres gesamten Außenhandels berühren. Das ist ein sehr viel höherer Prozentsatz als bei sämtlichen
bisherigen Verhandlungen.
Obwohl in der Vergangenheit mehrere europäische Staaten in vorbereitenden Gesprächen ein lineares Zollsenkungsverfahren mit dem Ziel
der Verhandlungsvereinfachung befürwortet hatten, sind jetzt Bedenken

-

6

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�"AMERIKA DIENST" - Y/IRT3CHAFT UND ARBEIT
Bedenken laut geworden, daß eine linerare Senkung der Zölle für die
EWG weniger vorteilhaft wäre als für die Vereinigten Staaten. Da die
EWG-Tarife auf einer mittleren Höhe angeglichen wurden, sind die Unterschiede zwischen den höchsten und den niedrigsten Sätzen nicht mehr
sehr groß, während die amerikanischen Zollsätze, die bei null Prozent
beginnen, untereinander stark variieren. Aus diesem Grunde befürchten
einige Länder, daß bei einer linearen Senkung der Zölle die bereits
relativ niedrigen EWG-Sätze weiter reduziert werden, während einige
amerikanische Zölle selbst bei einer Halbierung nach wie vor verhältnismäßig hoch bleiben 'miüßten.
Diese Furcht ist völlig unbegründet. Von den 5000 Gütern der
amerikanischen Zolliste weisen nämlich rund 10QP einen Zollsatz von
null Prozent auf. Im Vergleich zur Zolliste der EWG ist dieser Anteil
erheblich größer. Von den restlichen 4000 Positionen weisen nur rund
900 Zollsätze auf, die über 30 Prozent hinausgehen. Nur bei einigen
wenigen Gütern übersteigt der Tarif 50 Prozent. Es ist also nur ein
Bruchteil aller in den USA zollpflichtigen Güter, der zur Gruppe
der Waren mit hohen Zöllen gehört.
Zudem aber vertreten die Vereinigten Staaten die Ansicht, daß nicht
die Zollhöhe das entscheidende Kriterium ist, sondern vielmehr die
Rolle, die ein zollpflichtiges Gut im Außenhandel spielt. So kann z.B.
ein Zollsatz von 20 Prozent durchaus die Absatzchancen für "das Produkt
"A" zunichte machen, während das Produkt "B" trotz eines Zollsatzes von
90 Prozent gehandelt wird. Tatsächlich werden Güter mit hohen Zollsätzen in erheblichen Mengen in die USA importiert. Niedrigere Zölle
könnten daher in solchen Fällen zu einer wesentlichen Zunahme der Einfuhren nach den Vereinigten Staaten führen und wären somit als wertvolle Konzession anzusprechen. Güter mit hohen Zollsätzen sind bei
früheren Verhandlungen von den USA vielfach ausgeklammert worden,
da niedrigere Zollsätze höhere Importe nach sich gezogen hätten.
Die von den Vereinigten Staaten jetzt vorgeschlagene lineare Zollsenkung eröffnet den nach den USA exportierenden Ländern große Marktchancen und dürfte zudem wesentliche strukturelle Veränderungen in der
amerikanischen Wirtschaft nach sich ziehen. Daher werden die Vorteile,
die ausländischen Exporteuren auf dem amerikanischen Markt aus einer
linearen Zollsenkung erwachsen, größer sein als die, die die amerikanischen Exporteure im EWG-Raum infolge der Senkung der bereits mäßigen
EWG-Zölle einhandeln.
Das Eintreten der Vereinigten Staaten für eine lineare Zollsenkung
um 50 Prozent stellt keineswegs einen Versuch dar, eine Freihandelszone
zu schaffen. Das Meistbegünstigungsverfahren, das bei den GATT-Verhandlungen in Anwendung kommt, macht einen solchen Versuch von vornherein
unmöglich. Ebenso stehen die Vorschläge der USA nicht im Widerspruch zu
einer Gemeinsamen Agrarpolitik der EWG. Die Vereinigten Staaten erkennen
durchaus an, daß ein Geraeinsamer Außenzoll und eine Gemeinsame Agrarpolitik eine wesentliche Voraussetzung für den Aufbau der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft darstellen, die von den USA voll und ganz unterstützt wird. Die Vereinigten Staaten sind viel mehr wegen des Umfangs des Schutzes besorgt als wegen des Prinzips des Schutzes selbst.
Die

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Die USA sind der Ansicht, daß die Agrarfragen mit in die Verhandlungen einbezogen werden müssen. Der Anteil der landwirtschaftlichen
Produkte an den gesamten amerikanischen Exporten nach den Ländern des
Geraeinsamen Marktes beträgt rund 40 Prozent. Da die EWG im Begriff
ist, eine Gemeinsame Agrarpolitik und mit ihr ein neues System zum
Schutze der Landwirtschaft der EWG zu entwickeln, das auf die Erhöhung
der derzeitigen Schutzwälle hinauslaufen könnte, haben die Vereinigten
Staaten die EWG um die vorherige Zusicherung ersucht, daß ihnen der Zugang zum Gemeinsamen Markt nicht wesentlich erschwert werde, solange
die Verhandlungen über den Abschluß einer langfristigen Regelung fortgeführt werden.
•

In diesem Zusammenhang ist auch die Frage aufgetaucht, ob es überhaupt sinnvoll sei, über Agrarzölle zu verhandeln, wenn sich die Gemeinsame Agrarpolitik zur Abschirmung der EWG anderer Schutzmaßnahmen
als Zölle bedient. Die USA sind der Auffassung, daß die Gemeinsame
Agrarpolitikkein unüberwindliches Hindernis für ernsthafte Verhandlungen
darstellt und daß durch solche Verhandlungen die Schaffung oder das
Funktionieren einer Gemeinsamen Agrarpolitik nicht präjudiziert zu werden
braucht. Erstens sind und werden zahlreiche landwirtschaftliche Erzeugnisse durch herkömmliche Zölle geschützt; zweitens könnten die Zollsätze für Agrarprodukte beispielsweise genausogut- im Rahmen der normalen
GATT-Verfahren ausgehandelt werden; und schließlich könnten für solche
Produkte, die sich für derartige Verfahren nicht eignen, internationale
Warenabkommen abgeschlossen werden.
Die Vereinigten Staaten haben als Beitrag zur Lösung der internationalen Probleme auf dem Agrarsektor angeboten, eine Modifizierung
ihrer agrarpolitischen Richtlinien in Betracht zu ziehen, durch die
Importe begrenzt oder Exporte subventioniert werden.
Die Vereinigten 'Staaten sind gegenüber den Entwicklungsländern
zu speziellen Konzessionen bereit und hoffen, daß andere Industrieländer ein Gleiches tun werden. Neben der Herabsetzung aller Zölle
um 50 Prozent schlagen die USA auch die Abschaffung sämtlicher Zölle
für eine Anzahl tropischer Produkte vor. Obgleich diese Produkte in den
Ländern der gemäßigten Klimazonen nicht erzeugt werden, treffen sie
doch häufig auf den Wettbewerb mit Ersatzprodukten, die in den Industrieländern hergestellt werden - wie dies z.B. bei tierischen und
pflanzlichen Fetten und Ölen der Fall ist.
Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, daß
die Vereinigten Staaten gefordert haben, bei Zollverhandlungen mit
Entwicklungsländern nicht auf dem Prinzip der vollen Reziprozität zu
bestehen. Sie sind der Meinung, daß die Entwicklungsländer vielfach
der Hilfe bedürfen, um ihre Exporte absetzen zu können und daß ein gewisser Schutz der aufstrebenden jungen Volkswirtschaften durchaus angebracht
ist.

III.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
III. Andere Handelsbeschränkungen
Die Vereinigten Staaten haben außerdem den Wunsch, auch über jene
Handelsbeschränkungen zu verhandeln, die nicht zollpolitischer Art sind.
Wo immer Mittel und Wege für den Abbau solcher Handelsschranken gefunden werden können, sind die USA bereit, die erforderlichen gesetzgeberischen Maßnahmen zwecks Änderung ihrer nationalen Gesetze einzuleiten.
Diese Hindernisse - in der Regel Gesetze und Bestimmungen, die den
Handel selbst dann noch hemmen, wenn keine Zölle erhoben werden - bereiten den USA ebenso ernste Sorgen wie anderen Ländern. Die große
Bedeutung, die die Vereinigten Staaten der Beseitigung gerade dieser
Handelsschranken für ihre eigenen Exporte beimessen, ist schon daran zu
ersehen, daß der Trade Expansion Act dem Präsidenten verschiedene Möglichkeiten an die Hand gibt, Repressalien zu ergreifen - Möglichkeiten,
die hoffentlich niemals angewendet werden müssen.
In den vorbereitenden Gesprächen zwischen den Vereinigten Staaten
und ihren wichtigsten Handelspartnern wurde auch duch letztere.- allgemein
gefördert, daß derartige Handelsbeschränkungen bei eventuellen Handelsgesprächen Gegenstand von Erörterungen sein müßten.
Die USA erklärten sich sofort damit einverstanden, diesen Fragenkomplex zu diskutieren. Sie sind der Meinung, daß die amerikanischen
Exporte unter diesen Beschränkungen mindestens ebenso zu leiden haben
wie die Exporte anderer Länder in die USA. Dennoch verdienen die Zölle
die größte Beachtung, und die Verhandlungen über andere Handelsfragen
dürfen keinesfalls den Bemühungen um eine Senkung der Zölle im Wege
stehen.
Zu den wichtigsten nicht zollpolitischen Handelsbeschränkungen
gehören:
Mengenmäßige Einfuhrbeschränkungen. Die Vereinigten Staaten haben
sich seit langem gegen dieses Uberlbleibsel aus den wirtschaftlichen
Krisen der Kriegs- und Nachkriegs jähre gewandt, bilde.t es doch ein
schwerwiegendes Hindernis auch für zahlreiche amerikanische. Ausfuhren.
Die mengenmäßigen Einfuhrbeschränkungen der Vereinigten Staaten, die
im Einklang mit den GATT-Verfahren bisher aufrechterhalten wurden,
betreffen lediglich Blei, Zink, Baumwolle, Weizen und Weizenprodukte,
einige Milchprodukte und Erdnüsse.
Vorschriften über Präferenzkäufe. In vielen GATT-Ländern bestehen
Gesetze oder interne Anweisungen, wonach Regierungskäufe nicht bei ausländischen Lieferanten getätigt werden dürfen. Der amerikanische "Buy
American Act" betrifft nur die Beschaffungskäufe der Bundesregierung.
Er enthält kein Verbot des Erwerbs ausländischer Erzeugnisse und räumt
amerikanischen Produzenten lediglich einen gewissen Preisvorteil ein,
ohne Auslandskäufe in praxi zu unterbinden.
Hygienische

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WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Hygienische und gesundheitliche Vorschriften. Die Hygiene- und
Gesundheitsvorschriften eines jeden Landes können dazu benutzt werden,'
die Einfuhren zu blockieren. Amerikanische Exporteure beklagen sich
darüber, daß sie trotz Gewährleistung einwandfreier hygienischer
Produktionsverhältnisse ständig gegen dieses Problem anzukämpfen haben.
Vielfach haben ausländische Exporteure auch behauptet, daß die amerikanischen Vorschriften, die den US-Produzenten zur Einhaltung anderer
als im Ausland üblicher Normen zwingen, diskriminierend seien. Die
Vereinigten Staaten sind bereit, diese Vorwürfe in dem Wunsch zu prüfen,
eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung zu finden.
Zollberechnungsgrundlagen. Die Höhe der Zölle hangt eindeutig von
der Erhebungsbasis ab. Es gibt kein allgemein anerkanntes System zur
Ermittlung des Zollwertes. Der Gemeinsame Markt berechnet den Zoll
nach dem Cif-Wert des importierten Gutes, die USA dagegen legen den
Fob-Wert als Basis zugrunde, der in der Regel um 10 bis 15 Prozent niedriger ist als der Cif-Wert.
Um sicherzustellen, daß die Importe in zolltechnischer Hinsicht
nicht unterbewertet werden, haben die Zollbehörden - einschließlich der
amerikanischen - ihre eigenen Methoden zur Wertbestimmung der Importgüter entwickelt. Diese voneinander abweichenden Verfahren stehen ebenfalls zur Verhandlung an.
Anti-Dumping-Maßnahmen.. Alle Staaten suchen zu verhindern, daß
ausländische Dumping-Verkäufe ihren Binnenmarkt aus dem Gleichgewicht
bringen. Maßnahmen zur Bekämpfung des Dumpings werden von allen Industrieländern angewendet. Verfahrenstechnische Schutzvorkehrungen gegen
ein Dumping sind auch im GATT-Protokoll enthalten, und der Gemeinsame
Markt selbst hat Bestimmungen zur Unterbindung von Dumping-Verkäufen
eines Partnerstaates auf den Märkten eines anderen erlassen. Auch die
Vereinigten Staaten besitzen ein derartiges Gesetz, das den GATT-Bestimmungen entspricht. Die Anwendung dieses Gesetzes und seine Bestimmungen bezüglich der vorübergehenden Aussetzung der Zollberechnung
nach Einleitung einer Untersuchung sind von einigen Exporteuren von
Industrieerzeugnissen kritisiert worden. Die Vereinigten Staaten untersuchen diese Frage gegenwärtig gemeinsam mit anderen Mitgliedstaaten
der OECD. Sie sind bereit, diese Frage ebenso wie andere Vorwürfe bezüglich handelsdiskriminierender Praktiken im Gesamtrahmen von Zollverhandlungen zu erörtern.

*

* * *

-

10

*

�Die amerikanische Note hat folgenden
Wortlaut:

"Die Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika erweist dem
Außenministerium der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ihre
Hochachtung und hat die Ehre, auf die Note des Außenministeriums vom
8. April 1963 Bezug zu nehmen, in der die Ansichten der sowjetischen
Regierung im Zusammenhang mit den Plänen dargelegt werden, die gegenwärtig innerhalb der Nordatlantikpaktorganisation erörtert werden
und die in der Entwicklung begriffene Organisation nuklearer Verteidigungsstreitkräfte der NATO betreffen.
Die sowjetische Regierung erhebt in ihrer Note im Hinblick auf
die Maßnahmen, die die freien Länder Europas und Nordamerikas zur
Gewährleistung ihrer Sicherheit ergreifen mußten, eine Reihe grundloser Anschuldigungen. Sie erklärt, daß diese Maßnahmen jeder Rechtfertigung entbehrten, die Gefahr des Ausbruchs eines thermonuklearen
Krieges vergrößerten und von vornherein jeden Fortschritt auf dem

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�"AMERIKA DIENST"
dem Gebiet der Abrüstungsverhandlungen zunichte machten.
Die Vereinigten Staaten weisen diese Beschuldigungen zurück.
Es ist wichtig, erneut darauf hinzuweisen, daß die Tätigkeit der
NATO im Lichte jener Umstände beurteilt werden muß, die seinerzeit
zur Gründung der westlichen Allianz und ihrem - sowohl in der
Konzeption wie auch in der Wirklichkeit - rein defensiven Charakter führten. Die Tatsachen der Nachkriegsgeschichte zeigen unwiderlegbar auf, daß die NATO im Jahre 1949 auf Grund eines freien und
spontanen Entschlusses der freien Länder Europas geschaffen wurde,
gemeinsam zusammen mit den Vereinigten Staaten und Kanada ihre
Selbstverteidigung zu organisieren. Die Länder wollten sichergehen,
daß sie nicht das Schicksal jener Staaten erleiden würden, die in der
Zeit vor Gründung der NATO eines nach dem anderen unter sowjetische
Herrschaft gefallen waren. Seither haben die Länder Westeuropas und
der NATO sich mit Erfolg ihre Freiheit und nationale Unabhängigkeit
erhalten, ohne den rein defensiven und nicht-aggressiven Charakter
der Allianz dadurch zu verändern.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die NATO-Allianz
sowohl das Recht als auch die Pflicht, hat, die Erhaltung der Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Mitglieder weiterhin zu gewährleisten.
Dieses Recht und diese Pflicht schließen die Aufrechterhaltung der
modernen Rüstungen ein, die erforderlich sind, um jeder Drohung
seitens eines oder mehrerer Länder zu begegnen, die über gleichartige
Rüstungen verfügen. Die Vereinigten Staaten weisen jede Vorstellung
zurück, daß einer Allianz, zu der Länder Europas gehören, die innerhalb der Reichweite Hunderter sowjetischer Atomraketen und Atombomber
liegen, entsprechende Streitkräfte verwehrt werden sollten. Es ist
absurd, darauf zu bestehen, daß die Sowjetunion selbst das Vorrecht
zur Stationierung nuklearer Waffen in Positionen haben müsse, die
die Städte Westeuropas bedrohen, und daran festzuhalten, daß eigentlich von Seiten der NATO keine dementsprechenden Verteidigungsmiißnahmen ergriffen werden dürfen.
Die 1.957 gefaßten Beschlüsse der NATO, eine eigene Atomstreitmacht
aufzustellen, waren lediglich die Antwort auf wiederholte Drohungen
der Sowjetunion, Kernwaffen einzusetzen, und erfolgten im Hinblick
auf die gewaltigen Anstrengungen der sowjetischen Regierung, ihr
Kernwaffen- und Raketenarsenal weiter auszubauen. Die sowjetische
Regierung hat seitdem in keiner Weise zu erkennen gegeben, daß sie
beabsichtigt, den Ausbau ihrer nuklearen Stärke zu verlangsamen: und
sie hat ihre ungerechtfertigten und gefährlichen Drohungen, ihr nukleares Potential einzusetzen und die NATO-Länder zu vernichten, fortgesetzt. Um nur ein Beispiel zu erwähnen, möchten die Vereinigten
Staaten die Aufmerksamkeit der sowjetischen Regierung auf die von
ihrem Verteidigungsminister, Marschall Malinowski, anläßlich des 45»
Jahrestages der Roten Armee am 22. Februar 1963 gehaltene Rede lenken.
Seine Rede ist ein Beispiel, das die Anstrengungen der NATO-Länder, ihre
Verteidigungsstärke zur Sicherung des Friedens und zum Schutze ihrer
Freiheit auszubauen, rechtfertigt. Die Note der sowjetischen Regierung
scheint anzudeuten, daß lediglich die Sowjetunion das Recht habe, ihre

2

-

�»

AMERIKA DIENST"
ihre militärische und vor allem ihre nukleare Stärke auszubauen,
während entsprechende Anstrengungen der NATO-Länder zur Verbesserung
ihres Verteidigungspotentials eine 'Bedrohung des Weltfriedens' und
einen Ausdruck t der Politik des Kalten Krieges'darstellten. Es liegt
auf der Hand, daß die Vereinigten Staaten eine derartige Argumentation, die im Widerspruch zu dem vorgegebenen Wunsche der sowjetischen Regierung steht, zu -den NATO-Ländern Beziehungen der Zuversicht und des gegenseitigen Vertrauens herzustellen, nicht akzeptieren können.
Die Ausführungen in der sowjetischen Note hinsichtlich der
Politik der Vereinigten Staaten in der Frage der nuklearen Waffen
entbehren genauso jeder Grundlage wie die Beschuldigungen in bezug
auf die westlichen Verteidigungsmaßnahmen im allgemeinen. Die Vereinigten Staaten haben sich der Ausbreitung nuklearer Waffen auf
den Besitz einzelner Nationen konsequent widersetzt und im Zusammenhang mit den Abrüstungsverhandlungen, der Verteidigungspolitik und der
internationalen Zusammenarbeit für die friedliche Nutzung der Atomenergie zahlreiche Schritte eingeleitet, um eine solche Entwicklung
zu verhindern. Leider sind die von den Vereinigten Staaten im Rahmender
Abrüstungsverhandlungen unternommenen Bemühungen, die Möglichkeiten
eines Krieges durch Zufall oder Irrtum zu verringern, bisher von
der UdSSR zum größten Teil zurückgewiesen worden, obgleich die Vereinigten Staaten sich durch die Annahme des Vorschlages einer direkten
Nachrichtenverbindung seitens der Sowjets ermutigt fühlen. Die Versuche,
über die Internationale Atomenergiebehörde Garantien für die Atomprogramme zu schaffen, sind jedoch von der UdSSR abgelehnt worden.
Was indessen die von seiten der Vereinigten Staaten und ihrer Verteidigungspartner unternommenen Schritte zur Reduzierung des Kriegsrisikos anbelangt, sind die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, um den unbefugten oder zufälligen Einsatz von Kernwaffen
auszuschalten und eine zu allen Zeiten von Verantwortung getragene
Kontrolle der Atomwaffen zu gewährleisten.
Alle Verteidigungsprogramme, denen sich die Vereinigten Staaten
angeschlossen haben oder anschließen werden, sei es innerhalb der
NATO oder irgendeiner anderen Allianz der freien Welt, stehen voll
und ganz mit diesen seit langem bestehenden Zielsetzungen in Einklang.
Die sowjetische Regierung hat die Frage der multilateralen Streitmacht aufgeworfen, die gegenwärtig innerhalb der NATO erörtert wird.
Eine solche Streitmacht würde voll und ganz mit dem Ziel in Einklang
stehen, die Entwicklung neuer nationaler nuklearer Waffenprogramme zu
verhindern. Eine solche Streitmacht würde multilateraler Besitz sein,
multilaterale Besatzungen haben und keiner einzelnen Regierung zur
Verfügung stehen. Die Schaffung einer solchen Streitmacht würde der
Vermehrung unabhängiger nuklearer Potentiale eher hinderlich als
förderlich sein. Sie würde um einen unbefugten Einsatz oder einen
Einsatz auf Grund eines Zufalls zu verhindern, den gleichen Sicherheitsbestimmungen unterworfen sein wie die übrigen nuklearen Streitkräfte der NATO. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, klarzustellen, daß die Schiffe - im Gegensatz zu den sowjetischen Behauptungen - nicht als Handelsschiffe 'getarnt' wären. Es würden de jure
und de facto Kriegsschiffe sein', die eindeutig als Teil der westlichen

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3 -

�AMERIKA DIENST
westlichen Verteidigungsstreitmacht gekennzeichnet wären, und es
würde kein Versuch unternommen werden, diese Schiffe als Handelsschiffe zu tarnen.
Die Vereinigten Staaten vermerken, daß die Sowjetunion wieder
einmal eine Reihe haltloser und unbegründeter Anschuldigungen gegen
die Bundesrepublik Deutschland erhoben hat, deren in demokratischer
Form frei gewählte Regierung sich den anderen freien Staaten in der
kollektiven Selbstverteidigung angeschlossen hat. Die Verteidigungsstruktur der Bundesrepublik wurde innerhalb der Struktur der NATO
konzipiert und gestaltet und dient allein dem Zweck, einen Beitrag
zu den Verteidigungserfordernissen der Atlantischen Allianz zu leisten, um jeder möglichen Bedrohung von Mitgliedern der Allianz
begegnen zu können. Jeder objektive Beobachter erkennt, daß die Spannungen und Gefahren in Europa ihren Ursprung nicht in der Politik der
Bundesrepublik haben, sondern vielmehr in der unnatürlichen Teilung
Deutschlands, wie sie in -der mitten durch Berlin führenden Mauer in
ihrer groteskesten und unmenschlichsten Form zum Ausdruck kommt,sowie
in der Weigerung der sowjetischen Regierung, zuzulassen, daß dem
deutschen Volk sein natürliches Recht auf Selbstbestimmung gewährt
wird. Wenn die sowjetische Regierung wirklich eine Normalisierung der
Situation in Mitteleuropa anstrebt, sollte sie sich vor allem um die
Beseitigung dieser Ungerechtigkeiten bemühen.
Die sowjetische Regierung führt eine Reihe von Problemen an, an
deren Lösung sie, wie sie zugibt, interessiert ist. Der sowjetischen
Regierung ist eine Vielfalt von Möglichkeiten zur Demonstration
einer echten Bereitschaft geboten, gerechte Lösungen für die internationalen Probleme herbeizuführen. Um nur ein Beispiel zu nennen:
Ein Übereinkommen zur Einstellung der Kernwaffenversuche würde auf
die internationale Lage tiefgreifende Auswirkungen haben, es würde auf
konkrete Weise zur Verlangsamung des Wettrüstens und dazu beitragen,
eine weitere Ausbreitung der Kernwaffen zu verhindern. Die Vereinigten Staaten ihrerseits werden nicht nachlassen in ihren Bemühungen,
Fortschritte in der Frage der Abrüstung und des Kernwaffenversuchsverbots zu erzielen.
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten können und werden
sich nicht durch Drohungen davon abbringen lassen, alle zum Schutz
ihrer Sicherheit notwendigen Maßnahmen zu treffen. Gleichzeitig aber
bleiben die Vereinigten Staaten entschlossen, alle Wege zu beschreiten, die Hoffnung auf eine Verminderung der Spannung und eine Vergrößerung der Friedensauasichten bieten."

* * * * *
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�A M E R I K A

D I E N S T

�Allg./24.5.1963

ABENTEUER DES RAUMFLUGS
Cooper - ein idealer Astronaut

Als der ideale Astronaut, der sein Raumfahrzeug auch in kritischer Situation zu führen versteht und der unter den besonderen
Bedingungen im Weltraum als aufmerksamer wissenschaftlicher Beobachter fungiert, erwies sich Luftwaffenmajor Leroy Gordon Cooper. Sein
Flug vom 15«/l6« Mai 19^3, bei dem er 22mal die Erde umkreiste, bildet die Krönung des MERCURY-Programms der NASA (US-Amt für Luft- und
Raumfahrt). Das Experiment ist von allen Raumflügen, die von den
Vereinigten Staaten bisher überhaupt unternommen worden sind, als
eines der ergiebigsten zu werten. Was inzwischen über den Flug selbst,
die Erlebnisse Coopers und die Ausbeute an wissenschaftlichen Daten
bekanntwurde, ist verständlicherweise noch sehr lückenhaft und nicht
viel mehr als "rohes Material". Die Auswertung im Detail wird Wochen
und Monate in Anspruch nehmen. Dennoch lohnt es sich, auf die bereits
bekanntgewordenen Einzelheiten jetzt schon näher einzugehen.
Bei dem Experiment MERCURY-ATLAS. 9,wie die offizielle Bezeichnung für die Flugmission Major Coopers mit seinem Raumschiff "Faith 7"
lautete, ging es weniger darum, ein Fluggerät zu testen, als Forschungsaufgaben zu erfüllen und die Reaktionen des Menschen und seine
Leistungsfähigkeit unter der Einwirkung relativ lang dauernder Schwerelosigkeit zu untersuchen. Cooper befand sich nahezu viermal länger
in diesem Zustand als sein Vorgänger Schirra. Er hatte dabei ein ungemein reichhaltiges Arbeitsprogramm zu absolvieren, und er selbst
besaß anscheinend noch den besonderen Ehrgeiz, mit seinen Vorräten
an Sauerstoff, Treibstoff und Strom so sparsam wie nur möglich umzugehen. Die Beobachter auf den Bodenstationen vermerkten diese Disziplin mit größter Bewunderung; sein Kamerad Shepard sah sich im Funksprechverkehr mit Cooper sogar einmal zu der scherzhaften Bemerkung
veranlaßt: "Nun kannst du ruhig damit aufhören, die Luft anzuhalten atme doch mal Sauerstoff!"
Die wenigen Beschwerden, die sich bei Major Cooper nach der
Landung zeigten, klangen sehr bald wieder ab. Die erste äußerte sich
in einem Schwindelanfall von 15 Sekunden Dauer, unmittelbar nachdem
er an Bord des Flugzeugträgers "Kearsarge" aus seiner Raumkapsel
geklettert war. Die Raumflugmediziner hatten dies erwartet und

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�"AMERIKA DIENST'1
und hätten selbst einen Ohnmachtsanfall nicht als etwas Ungewöhnliches empfunden. Der Astronaut sprach mit etwas heiserer Stimme,
seine Augen waren leicht gerötet; das letztgenannte Symptom schreibt
sein Arzt dem lang dauernden "Bespülen" des Gesichts mit reinem Sauerstoff zu. Nichts Ungewöhnliches war ferner das Absinken des Blutdrucks
bei gleichzeitiger Beschleunigung des Herzschlags beim Aufstehen aus
der Ruhelage. 48 Stunden nach der Landung waren sämtliche Beschwerden
verschwunden. Gebräunt, entspannt und frisch wie eh und je stellte
sich Cooper in Cape Canaveral, vier Tage nach seinem "Start nach dem
Lehrbuch", den rund 300 Journalisten aus 50 Ländern.
Physiologische Daten
Die medizinischen Kontrollen sind allerdings noch lange nicht
abgeschlossen; Cooper wird noch mehrere Wochen lang unter gründlicher
Beobachtung stehen. Das US-Amt für Luft- und Raumfahrt hatte insgesamt 71 Raumflugmediziner bei den Bodenstellen rund um den Erdball
stationiert, die gemeinsam mit Ärzten der verschiedensten Fachrichtungen den Plug Coopers beobachteten. Sie hatten die mit den Telemetriesignalen übermittelten physiologischen Meßdaten zu überwachen, die
Flugleitung bei Auftreten erkennbarer Störungen sofort zu informieren
und über Funk dem Astronauten notfalls Anweisungen zu geben. In dieses
System hatte man erstmals einen auf den Bermudas stationierten Elektronenrechner eingeschaltet, der so programmiert war, daß er den jede
Minute gemessenen Puls laufend mit dem "Normalpuls" Coopers verglich.
Bei einer anomalen Abweichung wurden sofort Warnungen über eine angeschlossene elektrische Schreibmaschine ausgedruckt.
Coopers Puls, der in der Startphase unter dem ungeheuren Beschleunigungsdruck auf über 150 angestiegen war, fiel nach dem Eintritt
in die Umlaufbahn bald auf den Normalwert von 75 bis 92 Schlägen pro
Minute zurück. Während der Schlafperiode zwischem dem 9» u n d 15« Umlauf - Cooper selbst schätzt die Zeit, in der er fest schlief, auf
sechseinhalb bis sieben Stunden - wurden für den Pulsschlag 55 bis
58, für die Atmung 16 Frequenzen in der Minute gemessen.
Kurz nach Beginn des 13. Umlaufs wurden die Beobachter auf den
Bodenstationen alarmiert. Der Puls des Astronauten war plötzlich auf
über 100 gestiegen, ging dann aber bald wieder auf einen normalen
Wert zurück. Später stellte sich heraus, daß es Cooper infolge eines
Ansteigens der Temperatur im Raumanzug ungemütlich geworden war. Dadurch war er auch in seinem Schlaf gestört worden. Nachdem er aber
die Temperatur reguliert hatte, schlief er wieder ein. Die Bodenstationen waren angewiesen, ihn nicht zu stören und den Funksprechverkehr mit der Kapsel vorübergehend einzustellen. Am späten Vormittag
des 16. Mai, rund 21 Stunden nach dem Start Coopers mit "Faith 7"
in Cape Canaveral, meldete sich in Muchea (Australien) eine wohlbekannte Stimme. Cooper berichtete, daß er gut ausgeruht sei und sich
sehr wohl fühle.
Nach seiner Rückkehr erzählte Cooper, daß er beim Aufwachen
zunächst gar nicht gewußt habe, wo er sich befinde. Die Schwerelosigkeit habe sich insofern unangenehm ausgewirkt, als seine Arme in der
Kabine "schwebten", die Hände gefährlich nahe an den Schaltern und
Hebeln. Schleunigst habe er sie daraufhin anter den Gurten "verstaut",
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�AMERIKA DIENST"
"verstaut", mit denen er angeschnallt war.
Die Kontrollmessungen 22 Stunden nach dem Start ergaben: "Alles
an Bord O.K." 18,2 Grad Celsius betrug die Temperatur im Raumanzug,
33» 7 Grad Celsius in der Kabine. Eine übermäßige Erhöhung der Temperatur im Raumanzug, der ein von der Kabinenkühlung unabhängiges Kühlsystem besitzt, wurde nicht nur von den üblichen Thermometern,, sondern bei einem Ansteigen auf mehr als 24 Grad Celsius auch von dem
neuen, bei Cooper erstmals verwendeten Körperthermometer zur zusätzlichen Kontrolle registriert. Dieses kleine elektronische Gerät enthält ein Halbleitermaterial, das seinen elektrischen Widerstand mit
der Temperatur verändert und so sehr zuverlässig Zehntelgrade von
Temperaturen zwischen 24° und 65 0 C meldet. Es war im Helm vor dem
rechten Ohr des Astronauten befestigt. Cooper brauchte es zum Temperaturmessen nur unter die Zunge zu schieben, mußte dazu jedoch das
Visier öffnen, weshalb er angewiesen war, insgesamt nur viermal die
Temperatur zu nehmen.
Rund 20 Mal hatte Cooper auch seinen Blutdruck zu messen, und
zwar durch Aufpumpen einer an ein Spezialgerät angeschlossenen, mit
einem kleinen Mikrophon ausgestatteten Manschette am linken Oberarm.
Er brauchte dazu nur einen ".'.Knopf auf dem linken Instrumentenbord zu
drücken.- alles andere, einschließlich der Übermittlung des Meßwerts
zu den Bodenstellen, verlief automatisch.
Die Stromkurven für das EKG, das die Herztätigkeit anzeigt, lieferten vier Elektroden am Körper, die so geschaltet waren, daß jeder
Herzschlag in den Beobachtungsstationen registriert wurde. Zwei weitere
Elektroden auf der Brust gaben ihre Impulse an einen sogenannten Pneumographen, ein Gerät, das die Atemtätigkeit laufend kontrolliert und registriert.
Cooper hat nach Angaben seiner Ärzte während seines Raumflugs
von 34 Stunden und 21 Minuten(22 Erdumkreisungen)3»17 kg abgenommen.
Dies ist relativ wenig im Vergleich zu dem Gewichtsverlust, der bei
seinen Vorgängern Schirra (6 Erdumkreisungen - 2,04 k g ) , Carpenter
(3 Erdumkreisungen - 2,72 kg) und Glenn (3 Erdumkreisungen - 2,42 kg)
festgestellt wurde. Wie diese war auch Cooper schon drei Tage vor
dem Starttermin (14. Mai 1963) auf eine Spezialkost gesetzt worden,
die bei hoher Energiezufuhr nur geringe Rückstände bildet. An dem
zuerst vorgesehenen Starttag hatte er schon mehr als fünf Stunden in
der Kabine seiner Raumkapsel zugebracht - umsonst, wie sich zeigte, als
dann wenige Minuten vor dem geplanten Abschuß feststand, daß wegen technischer Mängel in der Radarstation auf den Bermudas der Start verschoben werden mußte. "Eine recht realistische Simulatorübung", meinte
Cooper lakonisch, als er wieder herauskletterte. Als er am nächsten
Morgen wieder gewogen wurde, zeigte die Waage 1 Pfund weniger an als
am Vortage.
Über den Wasserhaushalt seines Körpers und die Nierenfunktion
während des Weltraumflugs versuchten die Wissenschaftler durch eine
genau geregelte Wasserzufuhr und die Anweisung zur regelmäßigen Entnahme von Urinproben, die nach der Rückkehr auch auf die Ausscheidung

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�"AMERIKA DIENST"
Ausscheidung von Salzen, u.a. Calcium aus dem Skelett, untersucht
wurden, einen exakten Überblick zu bekommen. Das erste, wonach
Cooper nach seiner Rückkehr verlangte, war Ananassaft, von dem er
gleich vier große Gläser zu sich nahm; drei Stunden später, zur
ersten regulären Mahlzeit, folgten sechs Glas Milch. Mit dem Trinken
während der Weltraumreise hatte es etwas gehapert, weil der Astronaut
mit der Druckschlauchverbindung am Wasserbehälter (Fassungsvermögen
rund 2,5 l) Schwierigkeiten bekam. Die Eiserne Ration griff er jedoch
nicht an. Er hatte offenbar auch gar kein ausgesprochenes Durstgefühl
empfunden.
Die Kontrolle des Wasserhaushalts ist überaus wichtig. Drei Fünftel des menschlichen Körpergewichts entfallen auf Wasser, von dem der
Körper täglich 2,5 bis 5»5 1 in Form von Flüssigkeiten und mit der
Nahrung zugeführt bekommt. Nahezu die Hälfte davon ist in den Muskeln
gespeichert, die zu 75 Prozent aus Wasser bestehen, während das Skelett
nur 34 Prozent Wasser enthält. Eine Wasserverarmung des Körpers führt
zu schweren Störungen, vor allem zum Zerfall von Eiweiß.
Nur nichts verschütten!
An Nahrungsmitteln waren mundgerecht, abgepackte Fertiggerichte
und dehydrierte Speisen, die einige Minuten nach Hinzufügen von Wasser
eßfertig und sehr wohlschmeckend sind, an Bord; ihr Kalorienwert betrug insgesamt 2576» Die Erprobung der in kleinen Plastikbehältern mitgeführten dehydrierten Nahrungsmittel erfolgte bereits im Hinblick auf
die Versor&amp;ung der GEMINI-Astronauten, die bis zu zwei Wochen um die
Erde kreisen sollen.
Essen und Trinken bereitete Cooper keinerlei Schwierigkeiten.
Pflichtgemäß hielt er die Mahlzeiten ein, brachte aber von den Speisen
mehr als erwartet wieder mit, einfach deshalb, weil er trotz der anstrengenden Tätigkeit keinen Hunger verspürte. Ärger gab es mit Wasser,
das er verschüttet hatte. Es schwebte in Tropfen, manchmal zu einer
lockeren Masse geballt, in der Kabine herum, nahm ihm die Sicht aus
dem Kabinenfenster und verdeckte gelegentlich sogar die Anzeigewerte
von einigen der mehr als 100 Instrumente, die er laufend zu kontrollieren hatte .
über solche Schwierigkeiten ließ er aber kein Sterbenswort verlauten, als er mit den Bodenstellen sprach. Nur einmal machte er seinem
Ärger Luft mit den Worten: "Da photographiere ich schon am laufenden
Band, und nun muß ich auch noch am laufenden Band aufräumen!" Daß er
dabei auch Wassertropfen nachjagen mußte, ahnte am Boden niemand. Nachdem sie seinen Handschuhen immer wieder entschlüipf en,
fing er sie
endlich mit dem Taschentuch. Dies hatte letztlich sogar sein Gutes.
Mit dem feuchten Tuch kühlte er sich das Gesicht und empfand dies als
äußerst angenehm. Cooper meint, bei künftigen Raumflügen sollten die
Astronauten auf jeden Fall feuchte Taschentücher zur Verfügung haben.
"Willkommen daheim auf der guten alten Erde"
So lautete die Inschrift eines der vielen Transparente, mit denen
Cape Canaveral, der Ort, von dem aus er zu seiner Expedition von

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�"AMERIKA DIENST"
von 54 Stunden und 21 Minuten gestartet war, Fliegermajor Cooper
festlich empfing. Der Pilot des Raumschiffes "Faith 7" berichtete
den Journalisten, daß von ihm aus der Flug noch länger hätte ausgedehnt werden können, sofern keine ernsten technischen Störungen
zum Abbruch zwängen. Das Versagen der zwei Umrichter, mit denen
Gleichstrom zur Erzielung höherer Spannungen in Wechselstrom umgewandelt wird, betrachtet er nicht als einen solchen Anlaß, obgleich
dadurch die automatische Steuerung vollkommen unbrauchbar geworden
war. Schließlich sei er ja im Gebrauch der Handsteuerung genügend
geübt gewesen, erklärte Cooper.
Die körperliche und geistige Verfassung des Astronauten hätte
nach Ansicht von Dr. Charles A. Berry, dem Leiter der Abteilung
Flugmedizin am NASA-Forschungszentrum für bemannten Raumflug in
Houston (Texas), eine Ausdehnung der Flugdauer ohne weiteres zugelassen. Auch angesichts der Bordvorräte an Sauerstoff, Treibstoff
für die Lageregelungsdüsen, Trinkwasser und Nahrung wäre eine längere Flugdauer vertretbar gewesen. Mit einem frischen KohlendioxydFilter, entsprechend mehr Wasser und Betriebsstrom für die Apparaturen hätte sich Cooper sogar sechs Tage lang mit seiner Raumkapsel
"Faith 7" i m Weltraum aufhalten können.
In Zukunft mehr "Mitspracherecht" der Raumschiffpiloten
Das disziplinierte Verhalten Coopers, seine Fähigkeit, sich stets
auf das Wichtige voll und ganz zu konzentrieren, seine gleichbleibende
Ruhe und Besonnenheit auch in Augenblicken, in denen ein anderer den
Atem anhält und kaum zu reagieren, geschweige denn richtig zu reagieren vermag, haben die Verantwortlichen des MERCURY-Programms davon
überzeugt, daß man einem zuvor aufs sorgfältigste auf seine Eignung
geprüften Raumschiffpiloten ein größeres Mitspracherecht bei der
Durchführung eines Flugexperiments einräumen müsse. Damit würde
auch den Wünschen entsprochen, die schon die anderen amerikanischen
Astronauten geäußert haben.
Nach Meinung von NASA-Flugdirektor Christopher Kraft sollte in
Zukunft überhaupt keine bestimmte Zahl von Erdumkreisungen vorgeschrieben werden. Vielmehr müßte entsprechend dem Ablauf des Fluges
und der Funktionsfähigkeit von Mensch und Maschine während des Experiments üie ü'lugdauer bestimmt werden.
Ob es überhaupt noch einmal zu einem Raumflug mit einer MERCURYKapsel kommt, der dann allerdings eine Woche und vielleicht sogar noch
länger dauern dürfte, wird erst nach Auswertung der Ergebnisse von
MERCURY-ATLAS 9 entschieden. Aus jedem Flug, der bisher unternommen
wurde, haben die NASA-Leute- und alle anderen an den Versuchen beteiligten Spezialisten unendlich viel gelernt. Den Erfahrungsschatz durch
weitere, der Mission von "Faith 7" ähnliche Flüge zu vergrößern, wäre
nach Meinung vieler Mitarbeiter der NASA nur wünschenswert, denn dies
alles käme auch dem GEMINI-Projekt zugute, bei dem in etwa 18 Monaten
der erste Testflug mit einer bemannten Kapsel zu erwarten ist.
Aber

�"AMERIKA DIENST"
Aber das Ganze ist auch eine Geldfrage. Für das seit fünf
Jahren laufende MERCURY-Programm, ein 500-Millionen-Dollar-Projekt, sind vorläufig keine weiteren Flüge genehmigt, obgleich
noch Raumkapseln und die anderen erforderlichen Ausrüstungen zur
Verfügung stehen.
Visuelle Experimente und Wahrnehmungen
Ein von Nichtfachleuten wenig beachtetes, für künftige Operationen im Weltraum aber außerordentlich wichtiges Experiment war
die Beobachtung eines kleinen Blinklicht-Satelliten. Dieser war
an der Unterseite der Kapsel montiert und von Cooper während des
J. Umlaufs 15 Minuten vor Sonnenuntergang durch einen Federmechanismus in einem bestimmten Winkel abgestoßen worden. Hierdurch wollte
man erreichen, daß er eine etwas andere Umlaufbahn erhält als das
Raumschiff "Faith 7"« Die 4&gt;5 kg schwere Kugel von 14»6 cm Durchmesser trug an den Seiten zwei Xenonlampen, die in kurzen Lichtblitzen die Helligkeit einer ganzen Batterie von 100-Watt-Lampen
entwickelten.
Zunächst glaubte Cooper, daß dieses Experiment fehlgeschlagen
sei, weil er den Blinklicht-Satelliten nicht ausmachen konnte. Im
5. Umlauf aber entdeckte er ihn plötzlich - überraschenderweise
auf der Tagseite der Erde - infolge der Reflexion des Sonnenlichts
am Kugelkörper. Von da an vermochte ihm Cooper dank der in Abständen von 1 Sekunde aufblitzenden Blinklichter in den Erdschatten
zu folgen. Der Abstand seines Raumschiffs zu dem Zweitsatelliten
vergrößerte sich dabei seiner Meinung nach allmählich von 16 auf
21 km. Als er zum letzten Mal die Lichtzeich.en sichtete - die
Batterien der Xenonlampen waren nach 10 Stunden erschöpft -,
hatte sich der Blinkkörper nach Schätzung des Astronauten inzwischen 27 bis 29 km von "Faith 7" entfernt. Die Helligkeit der Lichtblitze sollte bei einem Abstand von 11 bis 15 km von der MERCURYKapsel ungefähr der des Polarsterns entsprechen. Cooper ist jedoch
der Ansicht, daß die tatsächliche Helligkeit geringer war.
Derartige optische Hilfen spielen bei späteren Rendezvous-Manövern zwischen Raumschiffen eine außerordentlich wichtige Rolle
und können nicht durch Radar ersetzt werden. Um ein Zusammentreffen
mit einem anderen Raumschiff herbeizuführen, muß der Pilot zunächst
einmal das Blinklicht gegen den Sternenhintergrund fixieren. Die
einzige Information, die er dann benötigt, ist die Geschwindigkeit,
mit der sich die beiden nunmehr auf einer Bahn befindlichen Raumfahrzeuge einander nähern. Diese kann mit Hilfe mehrerer Methoden,
beispielsweise durch die Messung der Laufzeit von Radarsignalen,
ermittelt werden.
Die MERCURY-Astronauten haben drei Möglichkeiten, ihre Position
zu bestimmen. Aus dem periodisch vorgenommenen Vergleich zwischen
Bordzeit und Bodenzeit können sie ihre Position einmal mit Hilfe
einer Karte finden, auf der die Umläufe und die für jeden einzelnen
Umlauf vorausberechneten Zeiten eingetragen sind. Die zweite Navigationshilfe ist eine Sternkarte in Verbindung mit dem Sternnaviga-.
tionsgerät, die dritte die Berechnung der Position nach bestimmten

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Landmarken, z.B. Küste, Gebirge usw.
Cooper nutzte die Gelegenheit reichlich, um die Erdoberfläche
nach geeigneten Landmarken abzusuchen. Er hatte dabei besonderes
Glück, weil die Sicht größtenteils außerordentlich gut war. Es erschien ihm beinahe unglaubhaft, aus seiner Flughöhe zwischen 160
und 265,2 km nicht nur das Himalaja-Massiv in Einzelheiten, sondern
auch Dörfer, Straßen, Eisenbahnlinien und unter besonderen Bedingungen sogar Wohnhäuser mit rauchenden Schornsteinen zu erkennen.
Die Ostküste der Vereinigten Staaten konnte er von Florida bis hir.lauf nach Washington oder New York - darüber war er sich nicht ganz
sicher - ausmachen. Dallas und seinen neuen Wohnort Houston in Texas
fand er ohne Schwierigkeit.
Bodenmarken als Navigationshilfen sind jedoch, ebenso wie starke
Lichtquellen auf der Erdoberfläche - ein sehr erfolgreicher Versuch
in dieser Hinsicht wurde während Coopers Weltraumflug mit starken
Scheinwerfern in Südafrika unternommen -, unbrauchbar, sobald eine
dichte Wolkendecke dazwischen liegt. Für Kursmanöver auf einer Erdsatellitenbahn oder gar für den Einflug in eine Bahn zum Mond oder
in den interplanetaren Raum ist jedoch größte Navigationsgenauigkeit
von entscheidender Bedeutung. Cooper sollte deshalb im Auftrag eines
Instituts der Technischen Hochschule Massachusetts, das das Steuerungsund Navigationssystem für die APOLLO-Raumschiffe entwickelt, durch
photographische Aufnahmen ermitteln, inwieweit der Erdhorizont in
Verbindung mit dem Mond als zweitem Bezugspunkt für die Navigation
beim Flug zum Mond benutzt werden kann.
Im besonderen ging es bei diesem Versuch darum, eine geeignete
unveränderliche Horizontlinie in der Atmosphäre nahe der Erdoberfläche zu finden, die von den jeweiligen atmosphärischen Bedingungen
nicht beeinflußt wird. Bei Tageslicht und in der Dämmerung machte
Cooper unter den verschiedensten Blickwinkeln zur Erde Hundertevon
Aufnahmen mit verschiedenen Filmen und Filtern.
Dies war jedoch nur einer von den vielen Aufträgen, die er für
weitere amerikanische Forschungsinstitute, u.a. für das Zentralamt
des US-Wetterdienstes zur Vorbereitung der Flüge von Wetterbeobachtungssatelliten vom Typ NIMBUS, zu erfüllen hatte.
Das grüne Lämpchen
Bis zum 19« Umlauf ging alles wie am Schnürchen, was die Flugleitung zu Kommentaren wie "Unglaubliche Präzision" oder "Ein Flug
nach dem Lehrbuch" veranlaßt hatte. Auch die technischen Experimente
klappten ausgezeichnet. Eines davon war ein Versuch, zur Einsparung
von Strom das Kabinenkühlsystem abzuschalten und die Einregulierung
des Temperaturgleichgewichts in der Kabine zu beobaohten. Im 4»
Umlauf hatte Cooper die Kabinenkühlung abgestellt und versuchte,
nur noch mit der Kühlung seines Raumanzugs auszukommen. Dies funktionierte so ausgezeichnet, daß er erst im 21. Umlauf die Kabinenkühlung wieder einschaltete, auf die er während der Rückkehrphase
wegen der starken Erhitzung der Kapselwandung nicht verzichten durfte.
Bin

�"AMERIKA DIENST"
Ein weiterer Test war die Erprobung drei verschiedener weißer
Farbpigmente auf der Basis von Titanoxyd, Zirkonoxyd und Zinkoxyd
als eines möglichen Außenanstrichs für künftige Raumschiffe, der
infolge•seiner geringeren Absorption von Sonnenenergie, als sie ein
dunkler Anstrich aufweist, die Innentemperatur um 6 bis 8,3 Grad
Celsius niedriger halten würde. Auch das Experiment mit der kleinen
Fernsehkamera verlief zufriedenstellend. Alles in allem schien es
ein Routineflug zu sein, bei dem eine Menge Forschungsaufgaben zu
erfüllen waren, aber sonst nichts passierte.
Das Aufleuchten eines grünen Lämpchens am Instrumentenbord 28 Stunden und 59 Minuten nach dem Start - änderte plötzlich die
ganze Situation. Die Lampe leuchtet normalerweise nach dem Zünden
der Bremsraketen auf, sobald die Raumkapsel nicht mehr schwerelos
ist, sondern sich mit einer Erdbeschleunigung von mindestens 0,05 g
schon in der Abstiegsbahn befindet. Die Bremsraketen sollten ja
auch erst nach drei weiteren vollen Umläufen gezündet werden.
Cooper, der sofort die Bodenstationen von dem Vorfall unterrichtete,
bekam von dort die Bestätigung, daß sich "Faith 7" weiterhin bei
gleicher Geschwindigkeit auf normalem Kurs befinde.
Der Pilot hatte im ersten Augenblick die Sache gar nicht ernst
genommen, ebensowenig die Flugleitzentrale. Die Erkenntnis, daß in
der Automatik ein Fehler aufgetreten sein müsse und Cooper nur mit
der Handsteuerung sicher zurückkommen könne, setzte sich erst nach
Durchführung verschiedener Tests durch, die die Ursache für das Aufleuchten zutage bringen sollten.
Darüber waren eineinhalb Stunden vergangen. Cooper hatte festgestellt, daß die Gleichumrichter für das automatische Stabilisierungsund Kontrollsystem ausgefallen waren. Es blieb tatsächlich keine andere Wahl als den Astronauten anzuweisen, das Landemanöver selbst
durchzuführen. Mit optischer Orientierung an den Sternen und am Erdhorizont drehte er durch Aktivierung der kleinen Schubdüsen die Kapsel über Asien in die Position, die für die Zündung der Bremsraketen
erforderlich war. Dann folgte mit Assistenz von John H. Glenn, der
auf einem amerikanischen Beobachtungsschiff vor der japanischen Küste
stationiert war, das Countdown für die Zündung der drei Bremsraketen.
Der Astronaut drückte den Zündknopf. Unmittelbar darauf verspürte er einen heftigen Ruck: der Abstieg auf einer fast 64OO km
langen Bahn bis zum vorgesehenen Landepunkt hatte begonnen. Die Hitze
in der Kapsel nahm merklich zu, draußen flogen rot- und weißglühende
Teile vom abgeworfenen Bremsraketensatz vorbei. Die Vibrationen, die
beim Eintritt in die dichteren Luftschichten auftreten, hatte sich
Cooper schlimmer vorgestellt; auch die Schwerebelastung infolge des
starken Abbremsens sei überhaupt kein Problem gewesen. Als er in 63OO
Höhe den kleinen Stabilisierungsfallschirm auslöste, bemerkte er ein
"Knattern, Tosen und einen heftigen Ruck". Im gleichen Augenblick,
in dem er in 3000 m Höhe den Hauptfallschirm auslöste, entdeckte
er die Hubschrauber in der Luft, die ihn schon erwarteten. In knapp
7 km Entfernung vom Flugzeugträger "Kearsarge" ging er auf dem V/asser
nieder. Schon 38 Minuten später befand er sich mit "Faith 7" an Bord.
Bildunterschriften:

�"AMERIKA DIENST"
Bildunterschriften;
1)

Unter Assistenz von Joe Schmitt, der schon die Vorgänger
Leroy Gordon Coopers betreute, legt der 6. amerikanische
MERCURY-Astronaut im Hangar S (Cape Canaveral) den Druckanzug an. (63-1698)

2)

Start! Nach übereinstimmenden Berichten des Astronauten und
der Bodenbeobachtungsstellen war noch kein Start einer
ATLAS-Rakete so perfekt und nahezu frei von allen Vibrationen wie der von MERCURY-ATLAS 9 mit Fliegermajor Leroy
Gordon Cooper in seinem Raumschiff "Faith 7".
Ort: Cape Canaveral, Areal 14
Zeit: 15. Mai 1963, 1404Uhr MEZ

3)

(63-2507)

Die Aufnahme zeigt die Anordnung der 18 Reaktionsdüsen zur
Lageregelung der MERCURY-Kapsel. Cooper mußte in der Endphase
seines Fluges wegen Ausfalls zweier Gleichumrichter, mit denen
Gleichstrom zur Erzielung höherer Spannungen in Wechselstrom
umgewandelt und dann wieder gleichgerichtet wird, die Lageregelung über die Handsteuerung betätigen und so sein Raumschiff "Faith 7" i n die richtige Position zur Zündung der
Bremsraketen manövrieren. (H-42778)

(Bilder: AD)
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D I E N S T

Allg./14.$.63

NEUE BEMÜHUNGEN DER USA UM DEN WELTFRIEDEN

WASHINGTON - (AD) - Präsident Kennedy bezeichnete
am 10. Juni 1963 in einer Rede vor der Amerikanischen
Universität in Washington den totalen Krieg im Atomzeitalter als "sinnlos" und kündigte neue Bemühungen
der Vereinigten Staaten um den Weltfrieden an. Bei
allen Anstrengungen zur Sicherung der eigenen Lebensinteressen, so führte Kennedy aus, müßten Konfrontationen vermieden werden, die einem Gegner nur die
Wahl zwischen Demütigung oder Atomkrieg ließen.
Der Präsident betonte fernerhin, daß die amerikanische Verpflichtung zur Verteidigung Westeuropas und
West-Berlins unverändert weiterbestehe und daß die
USA sich niemals mit der Sowjetunion auf Kosten anderer Nationen arrangieren würden.
Die Vereinigten Staaten, so führte der Präsident aus,
würden sich im Gespräch auf hoher Ebene mit den Sowjets
um einen Vertrag über die Einstellung der Kernwaffenversuche bemühen. Die USA würden keine Versuche in
der Atmosphäre durchführen, wenn die anderen Atommächte ebenfalls auf solche Versuche verzichteten.
Die Gespräche zwischen den USA, Großbritannien und
der Sowjetunion über ein Kernwaffenversuchsverbot
sollen, wie Kennedy ankündigte, in Kürze in Moskau
beginnen.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"'Es gibt wenige irdische Dinge, die schöner sind als eine
Universität', schrieb John Masefield in seiner Würdigung der englischen Universitäten - und seine Worte haben hier in gleicher
Weise Gültigkeit. Er bezog sich damit nicht auf die Türme und
Spitzen, nicht auf die Grünanlagen des Universitätsgeländes und
auf die efeubewachsenen Mauern. Er bewunderte die großartige
Schönheit der Universität, weil sie, wie er sagte, 'ein Platz ist,
wo diejenigen, die die Unwissenheit hassen, nach Wissen streben
können, wo diejenigen, die die Wahrheit sehen, danach streben können, auch andere sehend zu machen'.
Ich
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�"AMERIKA DIENST"
Ich habe daher diesen Zeitpunkt und diesen Ort gewählt, um
ein Thema zu erörtern, über das zu oft Unwissenheit herrscht und
bei dem die Wahrheit zu selten gesehen wird - und doch ist es
eines der wichtigsten Themen auf Erden: der Weltfrieden.
Welche Art Frieden meine ich? Nach welcher Art Frieden streben wir? Nicht nach einer Pax Americana, die der Welt durch amerikanische Kriegswaffen aufgezwungen wird. Nicht nach dem Frieden des
Grabes oder der Sicherheit des Sklaven. Ich spreche hier von dem
echten Frieden, jenem Frieden, der das Leben auf Erden lebenswert
macht, jenem Frieden, der Menschen und Nationen befähigt, zu wachsen und zu hoffen und ein besseres Leben für ihre Kinder aufzubauen - nicht nur Frieden für Amerikaner, sondern Frieden für alle
Menschen, nicht nur Frieden in unserer Generation, sondern Frieden
für alle Zeiten.
Ich spreche vom Frieden, weil der Krieg ein neues Gesicht
trägt. Ein totaler Krieg ist sinnlos in einem Zeitalter, in dem
Großmächte starke und verhältnismäßig unverwundbare Atomstreitkräfte
unterhalten können und sich weigern, zu kapitulieren ohne vorher auf
diese Streitkräfte zurückgegriffen zu haben. Er ist sinnlos in einem
Zeitalter, in dem eine einzige Atomwaffe fast das Zehnfache der
Sprengkraft aller Bomben aufweist, die von den gesamten alliierten
Luftstreitkräften während des zweiten Weltkrieges abgeworfen wurden.
Er ist sinnlos in einem Zeitalter, in dem die bei einem Atomkrieg
freigesetzten tödlichen Giftstoffe durch Wind und Wasser und Boden
und Saaten bis in die entferntesten Winkel des Erdballs getragen und
sich selbst auf die noch ungeborenen Generationen auswirken würden.
Es ist heute, wenn der Friede gewahrt werden soll, unerläßlich, jedes
Jahr Milliarden Dollar für Waffen auszuwerfen, die lediglich zu dem
Zweck geschaffen werden, sicherzustellen, daß wir sie niemals einzusetzen brauchen. Aber zweifellos ist die Anlage solcher unnützen
Arsenale, die nur der Vernichtung und niemals dem Aufbau dienen
können, nicht der einzige, geschweige denn der wirksamste Weg zur
Gewährleistung des Friedens.
Ich spreche deshalb vom Frieden als dem notwendigen vernünftigen Ziel vernünftiger Menschen. Ich bin mir bewußt, daß das Streben
nach Frieden nicht so dramatisch ist wie das Kriegsstreben - und oft
treffen die Worte desjenigen, der nach Frieden strebt, auf taube
Ohren. Aber es gibt keine Aufgabe für uns, die dringlicher wäre.
Manche sagen, es sei zwecklos, von Weltfrieden, internationalem
Recht oder internationaler Abrüstung zu sprechen, und daß alles nutzlos sein wird, solange nicht die Führer der Sowjetunion eine aufgeschlossenere Haltung einnehmen.
Ich hoffe, sie werden dies tun.
Ich glaube, wir können ihnen dabei helfen. Aber ich glaube auch,
daß wir unsere eigene Haltung überprüfen müssen - als Einzelpersonen
und als Nation -, denn unsere Einstellung ist genauso wichtig wie die
ihre. Und jeder Absolvent dieser Universität, jeder denkende Bürger,
der den Krieg verabscheut und mithelfen will, den Frieden zu schaffen.

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�"AMERIKA DIENST*
schaffen, sollte zunächst in sich gehen und seine eigene Einstellung zu den Möglichkeiten des Friedens, zur Sowjetunion, zum Verlauf des Kalten Krieges, zur Freiheit und zum Frieden hier im eigenen
Lande überprüfen.
Lassen Sie uns zunächst unsere Einstellung zum Frieden selbst
überprüfen. Zu viele von uns halten ihn für unmöglich. Zu viele von
uns halten ihn für nicht realisierbar. Aber das ist ein gefährlicher,
defaitistischer Glaube. Er führt zu der Schlußfolgerung, daß der
Krieg unvermeidlich ist, daß die Menschheit zum Untergang verurteilt
ist, daß wir uns in der Gewalt von Kräften befinden, die wir nicht
kontrollieren können.
Wir brauchen diese Ansicht nicht zu akzeptieren. Unsere Probleme
sind von Menschen geschaffen; deshalb können sie auch von Menschen
gelöst werden. Und die Größe, die der menschliche Geist erreichen
kann, bestimmt der Mensch selbst. Kein Schicksalsproblem der Menschheit liegt außerhalb der Reichweite des Menschen. Die menschliche
Vernunft und der menschliche Geist haben oftmals das scheinbar Unlösbare gelöst - und wir glauben, daß sie dies erneut tun können.
Ich spreche jetzt nicht von der absoluten, nicht mehr faßbaren
Idee des Weltfriedens und des guten Willens, von der einige Phantasten
und Fanatiker immer noch träumen. Ich leugne nicht den Wert von Hoffnungen und Träumen, aber wir würden lediglich Entmutigung und Ungläubigkeit Tür und Tor öffnen, machten wir dies zu unserem einzigen und
unmittelbaren Ziel.
Wir sollten uns statt dessen auf einen praktischeren, leichter
erreichbaren Frieden konzentrieren, der nicht auf einer plötzlichen
Revolutionierung der menschlichen Natur, sondern auf einer allmählichen Evolution der menschlichen Institutionen basiert - auf einer
Reihe von konkreten Maßnahmen und wirksamen Übereinkünften, die im
Interesse aller Betroffenen liegen.
Für diesen Frieden gibt es keinen einzelnen einfachen Schlüssel,
keine großartige oder magische Formel, die sich eine oder zwei Mächte
anzueignen hätten. Der echte Friede muß das Produkt vieler Nationen
sein, die Summe vieler Maßnahmen. Er muß dynamisch, nicht statisch
sein, er muß flexibel sein, um den großen Aufgaben einer jeden Generation zu entsprechen. Denn der Friede ist ein Prozeß - ein Weg,
Probleme zu lösen.
Bei einem solchen Frieden wird es Streitigkeiten und Interessengegensätze geben, wie sie innerhalb von Familien und Nationen vorkommen. Der Weltfriede, wie auch der Friede in Stadt und Land, erfordert
nicht, daß jeder seinen Nachbarn liebt. Er erfordert lediglich, daß
man in gegenseitiger Toleranz miteinander lebt, seine Auseinandersetzungen einer gerechten und friedlichen Lösung zuführt. Und die
Geschichte lehrt uns, daß Feindschaften zwischen Nationen - wie zwischen Einzelnen - nicht ewig dauern. Wie starr unsere Neigungen und
Abneigungen auch immer erscheinen mögen, der Gang der Zeit und der
Ereignisse wird oft überraschende Wendungen in den Beziehungen zwischen Nationen und Nachbarn bringen.
_

-

3-

�"AMERIKA DIENSTSO wollen wir unermüdlich weiter arbeiten. Der Friede braucht
nicht unerreichbar und der Krieg nicht unvermeidlich zu sein. Indem
wir unser Ziel klarer definieren, indem wir es greifbarer und weniger
fern erscheinen lassen, können wir dazu beitragen, daß alle Völker es
erkennen, Hoffnung daraus schöpfen und sich unbeirrt darauf zubewegen.
Lassen Sie uns zweitens unsere Haltung gegenüber der Sowjetunion
überprüfen. Es ist entmutigend, zu denken, daß die sowjetischen Führer
wirklich glauben könnten, was ihre Propagandisten unablässig schreiben.
Es ist entmutigend, eine kürzlich erschienene autoritative sowjetische
Veröffentlichung über militärische Strategie zu lesen und Seite um
Seite völlig haltlose und unglaubliche Behauptungen zu finden - wie die,
daß sich amerikanische imperialistische Kreise darauf vorbereiten, verschiedene Arten von Kriegen auszulösen... daß die sehr reale Gefahr
eines Präventivkrieges besteht, der von amerikanischen Imperialisten
gegen die Sowjetunion gestartet wird... daß die politischen Ziele
der amerikanischen Imperialisten in der wirtschaftlichen und politischen Versklavung der europäischen und anderen kapitalistischen Länder.,
und in der Erreichung der Weltherrschaft... durch Angriffskriege bestehen' .
Sicher ist es so, wie es in der Schrift heißt, daß 'der Gottlose
flieht und niemand jagt ihn...' Dennoch ist es betrüblich, diese
sowjetischen Erklärungen zu lesen - und die Größe der Kluft zu erkennen,
die uns trennt. Es ist aber auch eine Warnung - eine an das amerikanische Volk gerichtete Warnung, nicht in die gleiche Falle hineinzutappen wie die Sowjets, sich nicht nur ein verzerrtes hoffnungsloses
Bild von der anderen Seite zu machen, den .Konflikt nicht als etwas
Unvermeidliches und den Ausgleich nicht als unmöglich anzusehen und
nicht jede Kommunikation lediglich als Austausch von bloßen Worten und
Drohungen zu betrachten.
Keine Regierung und kein Gesellschaftssystem ist so schlecht, daß
man das unter ihm lebende Volk als bar jeglicher Tugend ansehen kann.
Wir Amerikaner finden den Kommunismus als eine Verneinung der persönlichen Freiheit und Würde im tiefsten Grunde abstoßend. Dennoch aber
können wir das russische Volk zu vielen seiner vollbrachten Leistungen
- in der Wissenschaft und im Weltraum, in der wirtschaftlichen und
industriellen Entwicklung, in der Kultur und auf Grund seines mutigen
Handelns - beglückwünschen.
Unter den vielen Eigenschaften, die den Völkern unserer beiden
Länder gemeinsam sind, ist keine ausgeprägter als unsere beiderseitige Abscheu vor dem Krieg. Unter den großen Weltmächten haben wir und das ist beinahe einzigartig - noch nie
gegeneinander im Krieg
gestanden, und kein anderes Volk in der Geschichte der Kriege hat
wohl mehr gelitten als das russische Volk im Verlauf des zweiten
Weltkrieges. Wenigstens zwanzig Millionen verloren ihr Leben. Unzählige Millionen Häuser und Bauernhöfe brannten nieder oder wurden zerstört, Ein Drittel des russischen Gebiets - darunter nahezu zwei
Drittel der Industriegebiete - wurde verwüstet - ein Verlust, dem die
Verwüstung unseres gesamten Landes östlich von Chicago entspräche.
Sollte

�•AMERIKA DIENST
Sollte heute - wie auch immer - ein totaler Krieg ausbrechen,
dann würden unsere beiden Länder die Hauptziele darstellen. Es ist
eine Ironie, aber auch eine harte Tatsache, daß die beiden stärksten
Mächte zugleich auch jene sind, die in der größten Gefahr einer Zerstörung schweben. Alles, was wir aufgebaut haben, alles, wofür wir
gearbeitet haben, würde vernichtet werden. Und selbst im Kalten
Krieg - der für so viele Länder, unter ihnen die engsten Verbündeten der USA, Lasten und Gefahren bringt - tragen unsere beiden
Länder die schwersten Lasten. Denn wir werfen beide für gigantische
Waffen riesige Beträge aus - Beträge, die für den Kampf gegen Unwissenheit, Armut und Krankheit besser verwendet werden könnten. Wir
sind beide in einem unheilvollen und gefährlichen Kreislauf gefangen,
in dem Argwohn auf der einen Seite Argwohn auf der anderen auslöst
und neue Waffen wieder neue Abwehrwaffen hervorbringen.
Kurz gesagt, sowohl die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
als auch die Sowjetunion und ihre Verbündeten haben ein gemeinsames
tiefes Interesse an einem gerechten und wahren Frieden und der Einstellung des Wettrüstens. Abkommen, die zu diesem Ziel führen, sind
im Interesse der Sowjets wie auch in unserem. Und selbst bei den
feindseligsten Ländern kann man damit rechnen, daß sie solche - wenn
auch nur solche - vertraglichen Verpflichtungen akzeptieren und einhalten, die in ihrem eigenen Interesse sind.
Wir wollen unseren Meinungsverschiedenheiten gegenüber nicht die
Augen verschließen - wir wollen aber unser Augenmerk auch auf unsere
gemeinsamen Interessen und auf jene Möglichkeiten richten, durch die
diese Differenzen sich beseitigen lassen. Und wenn wir sie auch jetzt
nicht bereinigen können, so können wir doch wenigstens dazu beitragen,
daß die Vielfalt in der Welt erhalten bleibt.Denn letztlich bildet die
Tatsache, daß wir alle Bewohner dieses Planeten sind, das uns im tiefsten gemeinsame Band. Wir alle atmen die gleiche Luft, uns allen liegt
die Zukunft unserer Kinder am Herzen, und wir alle sind sterblich.
Lassen Sie uns drittens unsere Einstellung zum Kalten Krieg
überprüfen. Wir wollen uns daran erinnern, daß wir nicht in eine
Debatte verwickelt sind, bei der es darum geht, Pluspunkte zu sammeln.
Wir sind nicht hier, um Lob und Tadel zu verteilen oder mit dem Finger
auf andere zu zeigen. Wir müssen uns mit der Welt, wie sie ist, auseinandersetzen, und nicht, wie sie hätte sein können, wäre die Geschichte
der letzten 18 Jahre anders gelaufen.
Wir dürfen daher in der Suche nach Frieden nicht nachlassen,
hoffend, daß konstruktive Veränderungen innerhalb des kommunistischen
Blocks Lösungen herbeiführen könnten, die heute noch unerreichbar
scheinen. Wir müssen unsere Politik so betreiben, daß es schließlich
im Interesse der Kommunisten liegt, einem echten Frieden zuzustimmen.
Vor allem müssen Atommächte, bei steter Verteidigung der eigenen
Lebensinteressen, solche Konfrontationen vermeiden, die einem Gegner
nur die Wahl eines demütigenden Rückzugs oder eines Atomkriegs lassen.
Wollte man im Atomzeitalter diesen Kurs einschlagen, so wäre dies nur
der Beweis für den Bankrott unserer Politik oder, für die Welt, einer
kollektiven Todesbereitschaft.
Daher

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5 -

�"AMERIKA DIENST
Daher sind die Waffen Amerikas keine provozierenden, sie sind
sorgfältig kontrolliert, für die Abschreckung bestimmt und für den
selektiven Einsatz geeignet. Unsere Streitkräfte sind dem Frieden
verpflichtet und in Zurückhaltung geschult. Unsere Diplomaten sind
angewiesen, unnötigen Ärger und rein rhetorische Feindseligkeit
zu vermeiden. Wir können uns um ein Nachlassen der Spannungen bemühen,
ohne deshalb in unserer Wachsamkeit nachzulassen. Und wir bedürfen unsererseits nicht der Drohungen, um unsere Entschlossenheit zu zeigen.
Wir haben es nicht nötig, ausländische Rundfunksendungen zu stören,
aus Furcht, unser Glaube könnte durch sie entwurzelt werden. Wir
wollen unser System keinem Volk gegen seinen Willen aufzwingen. Wir
sind aber willens und in der Lage, mit jedem anderen System auf der
Erde in einen friedlichen Wettstreit einzutreten.
In der Zwischenzeit suchen wir die Vereinten Nationen zu stärken,
ihre finanziellen Probleme lösen zu helfen, sie zu einem wirksameren
Instrument des Friedens zu machen, sie zu einem echten Sipherheitssystem für die Welt zu entwickeln - einem System, das in der Lage
ist, Streitfragen auf der Basis des Rechts beizulegen, die Sicherheit
der Großen und Kleinen zu garantieren und Bedingungen zu schaffen, unter
denen die Waffen schließlich abgeschafft werden können.
Gleichzeitig bemühen wir uns, den Frieden innerhalb der nichtkommunistischen Welt zu erhalten, wo viele Nationen - alle unsere
Freunde - über Fragen uneinig sind, die die westliche Einheit schwächen, die eine kommunistische Intervention begünstigen oder die zum
Kriege zu führen drohen. Wir sind in unseren Bemühungen in Westneuguinea, im Kongo, im Mittleren Osten und auf dem indischen Subkontinent trotz Kritik von beiden Seiten beharrlich und geduldig geblieben.
Wir haben gleichzeitig versucht, anderen ein Beispiel zu geben, indem
wir kleine, aber doch nicht unwichtige Differenzen mit unseren eigenen
nächsten Nachbarn in Mexiko und in Kanada beizulegen suchten.
Wenn ich von anderen Nationen spreche, dann möchte ich einen Punkt
klarstellen. Wir sind durch Allianzen an viele Nationen gebunden. Diese
Bündnisse bestehen, weil ihre und unsere Belange sich im wesentlichen
decken. An unserer Verpflichtung zum Beispiel, Westeuropa und WestBerlin zu verteidigen, hat sich nichts geändert, weil unsere lebenswichtigen Interessen nach wie vor die gleichen sind. Die Vereinigten
Staaten werden sich mit der Sowjetunion nicht auf Kosten anderer Nationen und anderer Völker arrangieren, nicht allein, weil sie unsere
Partner sind, sondern weil ihre und unsre Interessen konvergieren.
Unsere Interessen stimmen jedoch nicht nur bei der Verteidigung
der Grenzen der Freiheit überein, sondern auch in dem Vorwärtsstreben
auf den tfegen des Friedens. Es ist unsere Hoffnung - und das Ziel der
alliierten Politik -, die Sowjetunion überzeugen zu können, daß auch
sie jede Nation ihre eigene Zukunft bestimmen lassen sollte, solange
diese Wahl nicht die anderer beeinträchtigt. Das Streben der Kommunisten, anderen ihr politisches und wirtschaftliches System aufzuzwingen,
ist der Hauptgrund für die Spannungen in unserer heutigen Welt. Denn es
ist außer Zweifel, daß der Friede weitaus gesicherter wäre, wenn alle

i

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�"AMERIKA DIENST

\

alle Nationen davon Abstand nähmen, sich in die Selbstbestimmungsrechte anderer einzumischen.
Dies wird neue Anstrengungen zur Schaffung eines Weltrechts einen neuen Rahmen für weltweite Gespräche - erfordern. Es wird eine
bessere Verständigung zwischen uns und der Sowjetunion voraussetzen.
Und eine bessere Verständigung wird vermehrte Kontakte und Verbindungen erfordern. Ein Schritt in dieser Richtung ist die vorgeschlagene Vereinbarung für die Schaffung eines direkten Drahts
zwischen Moskau und Washington, durch den auf beiden Seiten die gefährlichsten Verzögerungen, Mißverständnisse und Fehldeutungen der
Maßnahmen des anderen vermieden werden sollen, wie sie in Krisenzeiten leicht auftreten könnten.
Wir haben ferner in Genf über andere erste Maßnahmen der Rüstungskontrolle gesprochen, die die Intensität des Wettrüstens einschränken
und die Risiken eines Zufallskrieges verringern sollen. Unser Hauptziel in Genf bleibt auf lange Sicht jedoch die allgemeine und vollständige Abrüstung - die in Phasen stattfinden und gleichlaufende
politische Entwicklungen beim Aufbau der neuen Institutionen des
Friedens, die an die Stelle der Rüstungen treten würden, zulassen soll.
Die Abrüstung war seit den zwanziger Jahren ein Anliegen der
amerikanischen Regierung. Die letzten drei Regierungen haben sich
intensiv darum bemüht. Und so ungewiß die Aussichten auch heute noch
sein mögen, so haben wir doch die Absicht, diese Bemühungen fortzusetzen, - fortzusetzen, damit alle Länder, einschließlich unseres
eigenen Landes, besser erfassen können, welche Probleme und Möglichkeiten tatsächlich in der Abrüstung liegen.
Der eine große Verhandlungskomplex, der vor dem Abschluß steht der aber dringend eines neuerlichen Anstoßes bedarf - betrifft den
Vertrag zur Ächtung der Kernwaffenversuche. Der Abschluß eines solchen
Vertrages - so nah und doch noch so fern - würde die Schraube des
Wettrüstens auf einem seiner gefährlichsten Gebiete zum Stillstand
bringen. Dadurch würden die Atommächte in die Lage versetzt, auf
wirksamere Weise mit einer der größten Gefahren fertig zu werden,
die die Menschheit bedrohen - der weiteren Ausbreitung der Kernwaffen.
•

Er würde unsere Sicherheit erhöhen - er würde die Gefahr eines
Krieges herabsetzen. Dieses Ziel ist wichtig genug, um unser ständiges
Bemühen zu verdienen, wobei wir weder der Versuchung erliegen dürfen,
die ganzen Bemühungen aufzugeben, noch der Versuchung, von unserem
Beharren auf den entscheidend wichtigen Sicherheitsgarantien abzugehen.
Ich benutze daher diese Gelegenheit, um zwei wichtige Entscheidungen in dieser Hinsicht bekanntzugeben.
Erstens: Ministerpräsident Chruschtschow, Premierminister
Macmillan und ich sind übereingekommen, daß in Kürze Erörterungen
auf hoher Ebene in Moskau beginnen werden - mit dem Ziel eines baldigen Abkommens über einen umfassenden Vertrag über die Einstellung

- 7 -

�t

AMERIKA DIENST"
Einstellung der Kernwaffenversuche. Die Erfahrungen der Geschichte
lehren uns, daß wir unsere Hoffnungen zügeln müssen, aber unsere
Hoffnungen werden von den Hoffnungen der gesamten Menschheit begleitet sein:
Zweitens: Um unseren guten Willen und unsere aufrechte Gesinnung in dieser Angelegenheit zu demonstrieren, erkläre ich hiermit, daß die Vereinigten Staaten nicht beabsichtigen, Kernwaffenversuche in der Atmosphäre durchzuführen, solange andere Staaten es nicht
tun. Wir werden nicht die ersten sein, die diese Versuche wieder aufnehmen. Eine solche Erklärung ist kein Ersatz für einen formalen,
bindenden Vertrag - aber ich hoffe, daß sie zum Abschluß eines solchen
beitragen wird. Noch würde ein solcher Vertrag Ersatz für die Abrüstung
sein - ich hoffe aber, daß er uns helfen wird, die Abrüstung zu erreichen.
'
Lassen Sie uns, meine amerikanischen Mitbürger, schließlich
unsere Haltung gegenüber dem Frieden und derFreihei t hier im eigenen
Lande überprüfen. Der Wert und der Geist unserer eigenen Gesellschaft
müssen unsere Anstrengungen im Ausland rechtfertigen und sie unterstützen. Sie müssen sich im eigenen Einsatz zeigen - zu dem viele
von Ihnen, die heute ihr Studium abschließen, eine einzigartige Gelegenheit haben werden, indem sie ohne Bezahlung im Friedenskorps im Ausland oder in dem geplanten Nationalen Hilfsdienst hier im eigenen
Land Dienst tun.
Aber wo immer wir auch sind, müssen wir alle in unserem täglichen
Leben dem jahrhundertealten Glauben gerecht werden, daß Frieden und
Freiheit Hand in Hand gehen. In zu vielen unserer Städte ist der Friede
heutzutage nicht gesichert, weil die Freiheit unvollkommen ist.
Die Exekutive hat auf allen Verwaltungsebenen - kommunalen,
einzelstaatlichen und nationalen - die Verantwortung, mit allen Mitteln im Rahmen ihrer Autorität für die Freiheit aller Bürger zu sorgen
und sie zu schützen. Die Legislative hat die Verantwortung, diese
Autorität, wo sie heute noch unzureichend ist, entsprechend zu festigen.
Und alle Bürger in allen Bereichen haben die Verantwortung, die Rechte
aller anderen und das Gesetz des Landes zu respektieren.
All dies steht im Zusammenhang mit dem Weltfrieden. 'Wenn jemand
desWege dem Herrn Wohlgefallen', so heißt es in der Heiligen Schrift,
'macht Er auch seine Feinde mit ihm zufrieden'.
Und ist nicht letztlich der Friede im Grunde eine Sache der Menschenrechte - des Rechts, unser Leben ohne Furcht vor Vernichtung ganz
zu leben, des Rechts künftiger Generationen auf ein gesundes Dasein?
So wie wir uns um den Schutz unserer nationalen Interessen bemühen, so wollen wir auch die menschlichen Interessen schützen. Und
die Abschaffung des Krieges und der Waffen dient eindeutig den einen
wie den anderen. Kein Vertrag, so sehr er auch zum Vorteil aller sein

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�AMERIKA DIENST
sein und so genau er auch formuliert sein mag, kann eine absolute
Sicherheit gegenüber den Gefahren der Täuschung und der Umgehung
bieten. Aber er kann - wenn er in seiner Durchführung nur wirksam
genug ist und weitestgehend im Interesse seiner Unterzeichner liegt
weitaus mehr Sicherheit bieten und weniger Risiken bergen als ein
unvermindertes, unkontrolliertes und unberechenbares Wettrüsten.
Wie die Welt weiß, werden die Vereinigten Staaten niemals
einen Krieg beginnen. Wir wollen keinen Krieg. Wir rechnen jetzt
nicht mit einem Krieg. Die gegenwärtige Generation von Amerikanern
hat bereits genug - mehr als genug - von Krieg, Haß und Unterdrükkung erlebt. Wir werden auf den Krieg vorbereitet sein, wenn andere
ihn wünschen. Wir werden jederzeit bemüht sein zu versuchen, ihn
zu unterbinden. Aber wir werden ebenfalls unseren Teil dazu beitragen, eine Welt des Friedens aufzubauen, in der die Schwachen sicher
und die Starken gerecht sind. Wir stehen nicht hilflos vor dieser
Aufgabe und sind nicht ohne Hoffnung im Hinblick auf ihren Erfolg.
Voller Vertrauen und ohne Furcht werden wir weiterarbeiten, nicht
in Richtung auf eine Strategie der Vernichtung, sondern in Richtung
auf eine Strategie des Friedens."

* * * # *

- 9 -

�THE

W H I T E

HOUSE

Remarks of t h e P r e s i d e n t of t h e U n i t e d S t a t e s of America
JOHN F . KENNEDY
i n t h e Assembly H a l l of P a u l s k i r c h e , F r a n k f u r t ,

June 2 5 , 1963

Germany

�One hundred and fifteen years ago a most learned Parliament
was convened in this historic hall. Its goal was a united German
Federation. Its members were poets and professors, lawyers and
thinkers, doctors and clergymen, freely elected in all parts of
the land. No nation applauded its endeavors as warmly as my own.
No assembly ever strove nore ardently to put perfection into
practice. And though in the end it failed, no other building in
Germany more deserves the title of "cradle of German democracy."
But can there be such a title? In my own home city of Boston,
Faneuil Hall - once the meeting-place of the authors of the Revolution - has long been known as the "cradle of American liberty."
But when, in 1852, the Hungarian patriot Kossuth addressed an
audience there, he criticized the name. "It is, he said, "a great
name - but there is aomething in it which saddens my heart. You
should not say 'American liberty.' You should say 'liberty in
America.' Liberty should not be either American or European - it
should just be 'liberty.'"
Kossuth was right. For unless liberty flourishes in all lands,
it cannot flourish in one. Conceived in one hall, it must be
carried to many. Thus the seeds of the American Revolution had been
brought earlier from Europa, and they later took root around the
World. And the German Revolution of 1848 transmitted ideas and
idealists to America and other lands. Today, in 1963» democracy and
liberty are more international than ever. And the spirit of the
Frankfurt Assembly, like the spirit of Faneuil Hall, must live in
many hearts and nations if it is to live at all.
For we live in an age of interdependence as well as independence - an age of internationalism instead of nationalism. In 1848
many countries were indifferent to the goals of the Frankfurt Parliament. It was, they said, a German problem. Today there are no
exclusively German problems, or American problems, or even European
Problems. There are world problems - and our two countries and
continents are inextricably bound together on the tasks of peace
as well as war.
We are • irtners for peace - not in a narrow bilateral context
but in a framework of Atlantic Partnership. The ocean divides us
less than the Mediterranean divided the ancient world of Greece and
Rome. Our Constitution is oldard yours is young - cur culture is young
and yours is old - but in our commitment to freedom, we can and
must speak with but one voice. Our roles are distinct but complementary - and our goals are the same: peace and freedom for all men,
for all men, for all time, in a world of abundance and justice.
That is why our nations are working together to strengthen
KATO, to expand trade, to assist the developing countries, to
align our monetary policies and to build the Atlantic Community.
I would not diminish the miracle of West Germany's economic
achievements. But the true German miracle has been your rejection
of the past for the future - your reconciliation with France,
your participation in the building of Europe, your leading role in
NATO, and your growing Support for constructive undertakings
throughout the world.
Your
-

2

-

�Your economic institutions, your constitutional guarantees, your
confidence in civilian autlority, are all harmonious with the ideals
of older democracies. And they form a firm pillar of the democratic
European Community.
But Goethe teils us in his greatest poem that Faust lost the
liberty of his soul when he said to the passing moment: "Stay, thou
are so fair." And our liberty, too, is endangered if we pause for the
passing moment, if we rest on our achievements, if we resist the pace
of progress. For time and the world do not stand still. Change is
the law of life. And those who look only to the past are certain to
miss the future.
The future of the West lies in Atlantic Partnern ip - a System
of Cooperation, interdependence and harmony whose peoples can jointly
meet their burdens and opportun!ties throughout the world. Some say
that is only a dream, but I do not agree. A generation of achievement the Marshall Plan, NATO, the Schuman Plan, and the Common Market urges us up the path to greater unity.
There will be difficulties and delays. There will be doubts and
discouragement. There will be differences of approach and opinion. But
we have the will and the means to serve three related goals - the heritage of our countries, the unity of our continents and the interdependence of the Western Alliance.
Some say that the United States will neither hold to these
purposes nor abide by its pledges - that we will revert to a narrow
nationalism. But such doubts fly in the face of history. For eighteen
years the United States has stood its watch for freedom all around
the world. The firmness of American will, and the effectiveness of
American strength, have been shown, in support of free men and free
governments, in Asia, in Africa, in the Americas, and, above all, here
in Europe. We have undertaken, and sustained in honor, relations of
mutual trust and Obligation with more than forty allies. We are proud
of this record, which more than answers all doubts. But, in addition,
these proven commitments to the common freedom and safety are assured,
in the future as in the past, by one great fundamental fact - that they
are deeply rooted in America's own self-interest. Our commitment to
Europe is indispensable - in our interest as well as yours.
I'. is n...t in our interest to try to dominate the European
Councils of decision. If that were our objective, we would prefer to
see Europi divided and weak, enabling the United States to deal with
each fragment individually. Instead we look forward to a Europe united
and strong - speaking with a common voice - acting with a common will a world power capable of meeting world problems as a füll and equal
partner.
This is in the interest of us all. For war in Europe, as we
learned twice in 40 years, destroys peace in America. A threat to
the freedom of Europe is a threat to the freedom of America. That is
why no administration in Washington can fail to respond to such a
threat - not merely from good will but from necessity. And that _is_

-

3 -

�is why we look forward to a united Europe in an Atlantic Partnerhsip an entity of interdependent parts, sharing equally both burdens and
decisions, and linked to £ether in the tasks of defense and the arts
of peace.
This is no fantasy. It will be achieved by concrete steps to
solve the problems that face us all: military, economic and political.
Partnership is not a posture but a process - a continuous process
that grows stronger each year as we devote ourselves to common tasks.
The first task of the Atlantic Community was to assure its common
defense. That defense was and still is indivisible. The United States
will risk its cities to defend yours because we need your freedom
to protect ours. Hundreds of thousands of our soldiers serve with
yours on this continent, as tangible evidence of that pledge. Those
who would doubt our pledge or deny this indivisibility - those who
would separate Europe from America or split one ally from another would only give aid and comfort to the men who make themselves our
adversaries and welcome any Western disarray.
The purpose of ouf common military effort is not war but peace not the destruction of nations but the protection of freedom. The
forces that West Germany contributes to this effort are second to none
among the Western European nations. Your nation is in the front line
of defense - and your divisions, side by side with our own, are a
source of strength to us all.
These conventional forces are essential; and they are backed by
the sanction of thousands of the most modern weapons here on European
soil and thousands more, only minutes away, in posts around the world.
Together our nations have developed for the forward defense of free
Europe a deterrent far surpassing the present or prospective force
of any hostile power.
Nevertheless, it is natural that America1s nuclear position has
raised questions 'vifhin the Alliance. I believe we must confront these
questions - not by uarning the clock backward to separate nuclear
deterrents - but by developing a more closely unified Atlantic
deterrent, with genuine European participation.
How this can best be done, end it is not easy - in some iraqra more
difficult to split the atom physically - how this can best be done
is now under discussion with those who may wish to join in this effort.
The proposal before us is for a new Atlantic force. Such a force would
bring strength instead of weakness, cohesion instead of division.
It would belong to all members, not one, with all participating on
a basis of füll equality. And as Europe moves towards unity, its role
and responsibility, here as elsewhere, would and must increase
accordingly.
Meanwhile, there is much to do. We must work more closely together
on strategy, training and planning. European officers from NATO are
being assigned to Strategie Air Command Headquarters in Omaha,
Nebraska. Modern weapons are being deployed here in Western Europa.
And

�And America's Strategie deterrent - the most pov/erful in history will continue to be at the Service of the whole Alliance.
Second: Our partnership is not military alone. Economic unity
is also imperative - not only among the nations of Europe, but across
the wide Atlantic.
Indeed, economic Cooperation is needed throughout the entire Free
World• By opening our markets to the developing countries of Africa,
Asia and Latin America, by contributing our capital and our skills, by
stabilizing basic prices, we can help assure them of a favorable
climate for freedom and growth. This is an Atlantic responsibility.
For the Atlantic nations themselves helped to awaken these peoples.
Cur merchants and traders ploughed up their soils - and their
secieties as well - in search of minerals and oil and rubber and coffee.
Now we raust help them gain füll membership in the 20th Century, closing
the gap between rieh and poor.
Another great economic challenge is the Coming round to trade
negotiations. Those deliberations are much more important than a
technical discussion of trade and commerce. They are an opportunity
to build common industrial and agricultural policies across the
Atlantic. They are an opportunity to open up new sources of demand to
give new impetus to growth, and make more Jobs and prosperity, for our
expanding populations. They are an opportunity to recognize the trading
needs and aspirations of other Free World countries, including Japan.
In short, these negotiations are a test of our unity. While each
nation must naturally look out for its own interests, each nation must
also look out for the common interest - the need for greater markets
on both sides of the Atlantic - the need to reduce the imbalance between
developed and underdeveloped nations - and the need to stimulate the
Atlantic economy to higher levels of produetion rather than to stifle
it by higher levels of protection.
We must not return to the 1930 's when we exported to each other
our own Stagnation. We must not return to the discredited view *that
trade favors some nations at the expense of others. Let no one think
that the United States - with only a fraction of its economy dependent
on trade and only a small part of that with Western Europa - is seeking
trade expansion in order to dump our goods on this Continent. Trade
expansion will help us all. The experience of the Common Market - like
the experience of the German Zollverein - shows an increased rise in
business activity and general prosperity resulting for all partieipants
in such trade agreements, with no member profiting at the expense of
another. As they say on my own Cape Cod, a rising tide lifts all the
boats. And a partnership, by definition, serves both partners, without
domination or unfair advantage. Together we have been partners in
auversity - let us also be partners in prosperity.
Beyond development and trade is monetary policy. Here again our
interests run together. Indeed there is no field in which the wider
interest of all more clearly outweighs the narrow interest of one.
We have lived by that principle, as bankers to freedom, for a generation.
Now that other nations - including West Germany - have found new

-

5 -

�new economic strenght, it is time for common efforts here, too.
The great free nations of the world must take control of our monetary
Problems if those problems are not 4 o take control of us.
Third and finally, our partnership depends on common political
purpose. Against the hazards of division and lassitude, no lesser
force will serve. History teils us that disunity and relaxation are
the great internal dangers of an alliance. Thucydides reporte that
the Peloponnesians and their allies were mighty in battle but
handicapped by their policy-making body - in which, he related "each
presses its own ends... which generally results in no action at
all... they devote more time to the prosecution of their own
purposes than to the consideration of the general welfare - each
supposes that no härm will come of his own neglect, that it is the
•.usiness of another to do this or that - and so, as each separately
entertains the same illusion, the common cause imperceptibly decays."
Is that also to be the story of the Grand Alliance? Welded in a
moment of imminent danger, will it disintegrate in complacency, with
each member pressing its own ends to the neglect of the common cause'?
This must not be the case. Our old dangers are not gone beyond return,
and any division among us would bring them back in doubled strength.
Our defenses are now strong - but they must be made stronger. Our
economic goals are ncw clear - but v/e must get on with their Performance. And the greatest of our necessities, the most notable of our
omissions, is progress toward unity of political purpose.
For we live in a world in which our own united strength and
will must be our first reliance. As I have said before, and will say
again, we work toward the day when there may be real peace between
us and the Communi sts. V/e will not be second in that effort. But that
day is not yet here.
V/e in the United States and Canada are 200 million, and here
on the European side of the Atlantic Alliance are nearly 300 million
more. The strength and unity of this half-billion human beings are
and will continue to be the anchor of all freedom, for all nations.
Let us from time to time pledge ourselves again to the common purposes.
But let us go on, from words to actions, to intensify our efforts for
still greater unity among us, to build r.ew associations and institutions on those already established. Lofty words cannot construct
an alliance or maintain it - only concrete deeds can do that.
The great present task of construction is here on this continent
where the effort for a unified free Europe is underway. It is not for
Americans to prescribe to Europeans how this effort should be carried
forward. Nor do I believe that there is any one right course or any
Single final pattern. It is Europeans who are building Europe.
Yet the reunion of Europe, as Europeans shape it - bringing a
permanent end to the civil wars that have repeatedly wracked the
aorld - will continue to have the determined support of the United
States. For that reunion is a necessary step in strengthening the
community of freedom. It would strengthen our alliance for its defense.
And it would be in our national interest as well as yours.
T+
b

�It is otfly a fully cohesive Europe that can protect us all
against fragmentation of the alliance. Only such a Europe will
permit füll reciprocity of treatment across the ocean, in facing the
Atlantic agenda. With only such a Europe can we have a füll giveand-take between equals, an equal sharing of responsibilities,
and an equal level of sacrifice. I repeat again - so that there
may be no raisunderstanding - the choice of paths to the unity of
Europa is a choice which Europe must inake, But as you continue thi s
great effort, undeterred by either difficulty or delay, you should
know that this new European greatness will be not an object of
fear, but a source of strength, for the United States of America.
There are other political tasks before us. We must all learn to
practice more completely the art of consultation on matters stretching
well beyond immediate military and economic questions. Together, for
example, we must explore the possibilities of leashing the tensions
of the Cold War and reducing the dangers of the arms race . Together
we must work to strengthen the spirit of those Europeans who are
now not free, to reestablish their old ties to freedom and the West,
so that their desire for liberty and their sense of nationhood, and
their sense of belonging to the Western Community will survive for
future expression. We ask those who would be our adversaries to
understand that in our relations with them we will not bargain one
nation's interest against another's and that the commitment to the
cause of freedom is common to us all.
All of us in the West must be faithful to our conviction that
peace in Europe can never be complete until everywhere in Europe,
and that includes Gerinany, men can choose, in peace and freedom, how
their countries shall be governed, and choose - without threat to
any neighbor - reunification with their countrymen.
I preach no easy liberation and I make no empty promises; but
ir.y countrymen ,since our country was founded, believe strongly in the
proposition that all men shall be free and all free men shall have
this right of choice.
As we look steadily eastward in the hope and purpose of new
freedom, we must also look - end evermore closely - to our transAtlantic ties. The Atlantic Community will not soon become a Single
overarching super-state. But practical steps toward s tronger coimicr puipose
are well v/ithin our means. As we widen our common effort in defense,
and our threefold Cooperation in economics, we shall inevitably
strengthen our political ties as well. Just as your current efforts for
unity in Europe will produce a stronger voice in the dialogue between
us, so ir. America our current battle for the liberty and prosperity of
al] Citizens can only deepen the meaning of our common historic
:-urposes. In the far future there may be a new great union for us all.
But for the present, there is plenty for all to do in building new
and er.during connections.
In short, the words of Thucyiides are a warning, not a prediction.
We have it ir. us, as 18 years have shown, to build our defenses, to
strengthen our economies, and to tighten our political bonds, both
in gocd weather and in bad. We can move forward with the confidence
that is born of success and the skill that is born of experience. And

_ 7 .

�And as we rnove, l e t us t; ke h e a r t from the c e r t a i n t y t h a t we are
not only u n i t e d by danger and n e c e s s i t y , but by hope and purpose
as w e l l .
i

For we know nov; that freedom is raore than the rejection of tyranny that prosperity is more than an escape from want - that partnership
is more than a sharing of power. These are all, above all, great human
adventures. They must have meaning and conviction and purpose - and
because they do, in'your country now and in mine, in all the nations
of the Alliance, we are called to a great new mission.
It is not a mission of self-defense alone - for that is a
means, not an end. It is not a mission of arbitrary power - for we
rejeet the idea that one naiion should dominate another. The mission
is to create a new social order, founded on liberty and justice, in
which men are the masters of their fate, in which states are the
servants of their Citizens, and in which all men and women can share
a better life for themselves and their children. That is the objeet
of our common policy.
To realize this vision, we must seek, above all, a world of
peace - a world in which peoples dwell together in mutual respect
and work together in mutual regard - a world where peace is not a
mere interlude between wars, but an incentive to the creative
energies of humanity. Je will not find such a peace today, or even
tomorrow. The obstacles to hope are large and menacing. Yet the goal
of a peaceful world must - today and tomorrow - shape our decisions and
inspire our purposes.
So we are all idealists. We are all visionaries. Let it not be
said of this Atlantic generation that we left ideals and visions to
the past, nor purpose and determination to our adversaries. We have
come too far, we have sacrificed too much, to disdain the future now.
And we shall ever remember what Goethe told us - that the "highest
wisdom, the best that mankind ever knew" was the realization that
"he only earns his freedom and existence who daily conquers them
anew." Thank you.

*

* * * *

i

-

8

-

�THE

WHITE
H 0 U S E
Frankfurt, Germany

Ansprache des Präsidenten der Vereinigten Staaten
JOHN F. KENNEDY
in der Paulskirche zu Frankfurt am Main

Dienstag, 25. Juni

1963

�Vor 115 Jahren hat in diesem historischen Saal ein Parlament der erlauchtesten Geister Deutschlands getagt. Sein Ziel war
ein geeinter deutscher Bundesstaat. Dieses Parlament bestand aus
Dichtern und Professoren, aus Rechtsgelehrten und Philosophen, aus
Ärzten und Geistlichen, die in allen Teilen des Landes frei gewählt
worden waren. Und keine Nation spendete seiner Arbeit wärmeren Beifall als meine eigene. Keine parlamentarische Versammlung hat jemals
größere Anstrengungen unternommen, etwas Vollkommenes ins Werk zu
setzen. Und obwohl ihre Bemühungen letzten Endes scheiterten, kann
kein anderes Gebäude in Deutschland begründeteren Anspruch auf den
Ehrentitel der "Wiege der deutschen Demokratie" erheben.
Aber wie steht es überhaupt mit der Berechtigung eines solchen
Titels? In meiner eigenen Heimatstadt Boston ist die Faneuil Hall,
in der einst die Urheber unserer Revolution zusammenkamen, seit
langem als "Wiege der amerikanischen Freiheit" bekannt. Als jedoch im
Jahre 1852 der ungarische Patriot Kossuth dort eine Ansprache hielt,
übte er an dieser Bezeichnung Kritik. "Das ist ein schöner Name",
sagte er, "obgleich daran etwas auszusetzen ist, was mein Herz betrübt. Man sollte nicht von der 'amerikanischen Freiheit' sprechen.
Man sollte vielmehr von der 'Freiheit Amerikas' sprechen. Die Freiheit darf weder amerikanisch noch europäisch, sondern sie muß schlicht
und einfach 'die Freiheit' sein."
Kossuth hatte recht. Denn so lange die Freiheit nicht in allen
Ländern blüht, kann sie in einem einzelnen nicht gedeihen. Aus dem
Saale, von dem sie ihren Ausgang nahm, muß sie zu vielen anderen
weitergetragen werden. So ist die Saat der amerikanischen Revolution
von 1776 schon vorher aus Europa herübergebracht worden und hat später
in aller Welt Wurzeln geschlagen. Und auch die deutsche Revolution
von 1848 sandte
Ideen und Idealisten nach Amerika und anderen Ländern aus. Heute, im Jahre 19&amp;3» haben Demokratie und Freiheit internationalere Verbreitung gewonnen als je zuvor. Und der Geist der
Frankfurter Nationalversammlung muß genau wie der Geist von Faneuil
Hall in vielen Herzen und Nationen lebendig sein, wenn er überhaupt
lebendig bleiben soll.
Denn wir leben sowohl in einem Zeitalter wechselseitiger Abhängigkeit als auch in einem solchen der Unabhängigkeit - im Zeitalter des Internationalismus, nicht mehr des Nationalismus. Im Jahre
1848 verhielten sich viele Länder gleichgültig gegenüber den Zielen
der Frankfurter Nationalversammlung. Das war,ihrer Meinung nach,
ein deutsches Problem. Heute gibt es keine ausschließlich deutschen
Probleme oder amerikanischen Probleme oder europäischen Probleme
mehr. Wir haben es mit Weltproblemen zu tun - und unsere beiden Länder und Kontinente sind hinsichtlich der Aufgaben des Friedens wie
des Krieges unauflöslich miteinander verbunden.
Wir sind Partner bei der Sicherung des Friedens - nicht in
einem engumschriebenen, zweiseitigen Verhältnis, sondern im Rahmen
der Atlantischen Partnerschaft. Der Ozean trennt uns weniger noch,
als früher das Mittelmeer die antike Welt der Griechen und Römer

-

2

�Römer zu trennen vermochte. Wir besitzen eine alte und Sie eine
junge Verfassung - wir haben eine junge und Sie eine alte Kultur -,
aber was unsere Verpflichtung auf die Freiheit betrifft, so können
und müssen wir alle ein und dieselbe Sprache sprechen. Unsere Rollen
sind verschieden, doch ergänzen sie einander - und unsere Ziele sind
die gleichen: Friede und Freiheit für alle Menschen, für alle Zeiten,
in einer Welt des Überflusses und der Gerechtigkeit.
Aus diesem Grunde arbeiten unsere Nationen zusammen: um die
NATO zu festigen, um den Handel auszuweiten, um den Entwicklungsländern beizustehen, um eine gemeinsame finanzpolitische Linie zu
finden und um die Atlantische Gemeinschaft aufzubauen. Ich möchte
das Wunder der wirtschaftlichen Leistungen Deutschlands nicht verkleinern. Aber das wahre deutsche Wunder war Ihre Abkehr von der
Vergangenheit um der Zukunft willen - war Ihre Aussöhnung mit Frankreich, Ihre Beteiligung an der Schaffung Europas, Ihre führende Rolle
in der NATO und Ihre wachsende Unterstützung konstruktiver Vorhaben
in allen Teilen der Welt.
Ihr Wirtschaftsgefüge, Ihre Verfassungsgarantien, Ihr Vertrauen
in die Autorität ziviler Instanzen, das alles steht im Einklang mit
den Idealen älterer Demokratien. Und sie bilden einen festen Pfeiler
der demokratischen europäischen Völkergemeinschaft.
Doch wie uns Goethe in seinem größten Werke berichtet, sollte
Faust die Freiheit seiner Seele verspielt haben, sobald er zum flüchtigen Augenblicke sagte: "Verweile doch, du bist so schön." So ist auch
unsere Freiheit in Gefahr, wenn wir beim flüchtigen Augenblick verweilen, wenn wir uns auf unseren Leistungen ausruhen, wenn wir das Tempo
des Fortschritts bremsen. Denn die Zeit und die Welt stehen nicht still.
Der Wandel ist das Gesetz des Lebens. Und wer nur auf die Vergangenheit
blickt, verpaßt mit Sicherheit die Zukunft.
Die Zukunft des Westens beruht auf der Atlantischen Partnerschaft
- einem System der Zusammenarbeit, der wechselseitigen Abhängigkeit
und der Übereinstimmung zwischen Völkern, die ihre Lasten gemeinsam
tragen und ihre Chancen in aller Welt gemeinsam nutzen können. Mancher
mag sagen, das sei lediglich ein Traum, doch ich bin anderer Meinung.
Eine ganze Kette großer Leistungen - Marshallplan, NATO, Schumanplan
und Gemeinsamer Markt - drängt uns auf dem Weg zu größerer Einheit
immer weiter voran.
Wir müssen mit Schwierigkeiten und Hindernissen rechnen. Es
werden sich Zweifel und Enttäuschungen einstellen. Es werden methodische und Meinungsverschiedenheiten auftreten. Aber wir haben den
Willen und auch die Mittel, drei eng miteinander verbundenen Zielen
zu dienen: dem Erbe unserer Länder, der Einheit unserer Kontinente
und der Interdependenz der Bündnispartner des Westens.
Manche behaupten, die Vereinigten Staaten würden weder an diesen
Zielsetzungen festhalten, noch ihre Verpflichtungen einlösen - wir
würden vielmehr zu einem beschränkten Nationalismus zurückkehren.
Aber solche Zweifel verflüchtigen sich angesichts der geschichtlichen

-

3 -

�geschichtlichen Tatsachen. Seit 18 Jahren haben die Vereinigten
Staaten in aller Veit für die Freiheit Wache gehalten. Die Festigkeit des amerikanischen V/illens und der wirksame Einsatz amerikanischer Stärke zur Unterstützung freier Menschen und freier Regierungen sind in Asien, Afrika, auf dem amerikanischen Kontinent und vor
allem auch hier in Europa unter Beweis gestellt worden. '.Vir haben
zu über 40 Verbündeten Beziehungen auf der Basis gegenseitigen Vertrauens und wechselseitiger Verpflichtungen hergestellt und in Ehren
aufrechterhalten. Wir sind stolz auf diesen Sachverhalt,der alle
Zweifel mehr als ausreichend beantwortet. Außerdem wird diese nachweisliche Erfüllung unserer Verpflichtungen gegenüber der gemeinsamen
Freiheit und Sicherheit nach wie vor durch eine wichtige, grundlegende
Tatsache verbürgt: sie wurzelt nämlich tief im eigenen amerikanischen
Interesse. Unsere Verpflichtung gegenüber Europa ist unerläßlich - in
unserem eigenen wie in Ihrem Interesse.
Wir haben kein Interesse an dem Versuch, die beschlußfassenden
europäischen Gremien zu beherrschen. Wäre dies unser Ziel, so würden wir ein gespaltenes und schwaches Europa bevorzugen, das den
Vereinigten Staaten die Möglichkeit böte, mit den Einzelteilen getrennt zu verhandeln. Statt dessen setzen wir unsere Hoffnungen auf
ein einiges und starkes Europa - das eine gemeinsame Sprache spricht
und mit einem gemeinsamen Willen handelt -, in eine Weltmacht, die
imstande ist, die Weltprobleme als vollgültiger und gleichberechtigter Partner anzupacken.
Das liegt in unser aller Interesse. Denn ein Krieg in Europa
zerstört, wie wir in 40 Jahren zweimal erfahren haben, auch den Frieden in Amerika. Eine Bedrohung der Freiheit Europas ist eine Bedrohung
der Freiheit Amerikas. Deshalb kann keine Regierung in Washington
eine solche Drohung unbeantwortet lassen - das ist nicht nur eine
Frage des guten Willens, sondern eine Notwendigkeit. Und deshalb
hoffen wir auch auf ein vereintes Europa im Rahmen einer Atlantischen
Partnerschaft - als Gesamtheit interdependenter Teile, die an Lasten
und Entscheidungen gleichermaßen beteiligt und sowohl durch die Aufgaben der Verteidigung als auch durch die Werke des Friedens miteinander verknüpft sind.
Diese Vorstellung ist keine Phantasie. Sie wird Wirklichkeit
werden durch konkrete Maßnahmen zur Lösung der Probleme, vor die wir
uns alle gestellt sehen: im militärischen, im wirtschaftlichen und
im politischen Bereich. Partnerschaft ist kein Zustand, sondern ein
Prozeß - ein fortlaufender Prozeß, der sich von Jahr zu Jahr um so
stärker auswirkt, je mehr wir uns den gemeinsamen Aufgaben widmen.
Die erste Aufgabe der Atlantischen Gemeinschaft bestand in der
Sicherung der gemeinsamen Verteidigung. Diese Verteidigung ist nach
wie vor unteilbar. Amerika setzt seine Städte aufs Spiel, um Ihre
Städte zu verteidigen, weil wir Ihrer Freiheit bedürfen, um unsere
Freiheit schützen zu können. Hunderttausende unserer Soldaten dienen
gemeinsam mit den Ihrigen auf diesem Kontinent als konkretes Unterpfand jener Verpflichtung. Wer diese unsere Verpflichtung in Zweifel
zieht oder ihre Unteilbarkeit leugnet - wer einen Keil zwischen

- 4 -

�zwischen Europa und Amerika treiben oder die Verbündeten einander
entfremden möchte -, der unterstützt und stärkt damit nur jene
Leute, die sich selbst als unsere Gegner betrachten und denen jede
Verwirrung des »Yestens willkommen ist.
Das Ziel unserer gemeinsamen militärischen Anstrengungen
ist nicht der Krieg, sondern der Friede, nicht die Vernichtung von
Nationen, sondern die Sicherung der Freiheit. Die Streitkräfte, die
die Bundesrepublik Deutschland zu diesem Zweck beisteuert, werden
von denen keines anderen europäischen Landes über troffen. Ihr Land
steht in der ersten Verteidigungslinie - und Ihre Divisionen sind,
Schulter an Schulter mit den unsrigen, eine Quelle der Stärke für
uns alle.
Diese konventionell bewaffneten Streitkräfte sind von entscheidender Bedeutung, und dahinter stehen 'Tausende der modernsten Waffen
hier auf europäischem Boden sowie weitere Tausende, nur Minuten entfernt, rund um die Welt in Bereitschaft. Zusammen haben unsere Länder für die Vorwärtsverteidigung des freien Europas e:Ln Abschrekkungspotential entwickelt, das die gegenwärtige oder voraussichtliche
Stärke jedes Gegners bei weitem übertrifft.
Dennoch liegt es in der Natur der Sache, daß Amerikas nukleare
Position innerhalb des Bündnisses Fragen aufgeworfen hat. Ich glaube,
wir müssen uns mit diesen Fragen auseinandersetzen, nicht indem wir
die Uhr auf die Zeit der separaten nationalen Abschreckung zurückdrehen, sondern indem wir eine noch einheitlichere atlantische Abschreckungsmacht mit echter europäischer Beteiligung schaffen.
Wie sich dies am besten bewerkstelligen läßt, wird gegenwärtig
mit jenen erörtert, die an diesem Vorhaben teilzunehmen wünschen.
Der zur Diskussion s'tehende Vorschlag zielt auf eine neue atlantische
Streitmacht ab. Eine solche Streitmacht würde Stärke statt Schwäche
und Zusammenhalt statt Spaltung hervorbringen. Sie würde allen Mitgliedern und nicht einem einzigen gehören, wenn alle auf der Basis der
Gleichberechtigung beteiligt sind. Und je weiter Europa auf dem Wege
zur Einheit vcranschreitet, desto größer wird und muß demgemäß seine
Rolle und Verantwortung hier und anderswo werden.
Vorläufig aber gibt es noch viel zu tun. Auf den Gebieten der
Strategie, der Ausbildung und der Planung müssen wir noch enger zusammenarbeiten. Europäische NATO-Offiziere werden dem Hauptquartier
des Strategischen Luftkommandos in Omaha zugeteilt. Moderne Waffen
werden in Westeuropa bereitgestellt. Und Amerikas strategische Abschreckungsmacht - die stärkste der Geschichte - wird weiterhin im
Dienste des gesamten Bündnisses stehen.
Zweitens ist unsere Partnerschaft nicht nur militärischer Art.
Die wirtschaftliche Einheit - und zwar nicht nur zwischen den Nationen Europas, sondern auch über den Atlantik hinweg - ist eine
ebenso gebieterische Notwendigkeit.
Tatsächlich

-

5 -

�Tatsächlich ist eine wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb
der gesamten freien Welt vonnöten. Indem wir den Entwicklungsländern
in Afrika, Asien und Lateinamerika unsere Märkte öffnen, ihnen unser
Kapital und unsere Erfahrungen zur Verfügung stellen und die Rohstoffpreise stabilisieren, können wir die Schaffung eines Klimas fördern,
das die Freiheit und das Wirtschaftswachstum begünstigt. Dies ist
eine atlantische Aufgabe, denn die atlantischen Nationen trugen
dazu bei, diese Völker zu erwecken. Unsere Kaufleute und Händler
begannen auf der Suche nach Mineralstoffen, Öl, Kautschuk und Kaffee,
ihren Boden und gleichzeitig ihre Gesellschaftsformen umzupflügen.
Jetzt müssen wir ihnen dabei helfen, vollgültige Mitglieder der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zu werden und die Kluft zwischen
;irm und reich zu überbrücken.
Eine andere große wirtschaftliche Aufgabe stellt uns die bevorstehende Verhandlungsrunde der Handelsgespräche. Diese Beratungen
stellen sehr viel mehr dar als nur technische Diskussionen über Zollund Handelsfragen. Sie bieten die Möglichkeit zur Schaffung einer
gemeinsamen Industrie- und Agrarpolitik über den Atlantik hinweg.
Sie bieten ferner eine Gelegenheit, neuen Bedarf zu wecken, um dem
wirtschaftlichen Wachstum neuen Auftrieb zu geben und mehr Arbeitsplätze und größeren Wohlstand für unsere wachsende Bevölkerung
zu schaffen. Sie geben uns auch Gelegenheit, die Hand*-. 1 swünsche und
Erwartungen der anderen freien Völker einschließlich Japans kennenzulernen.
Kurzum, diese Verhandlungen sind ein Prüfstein für unsere Einigkeit. Wenngleich jedes Land selbstverständlich seine eigenen Interessen im Auge hat, muß es doch seinen Blick auch auf die gemeinsamen
Interessen richten - auf die Notwendigkeit, die Märkte auf beiden Seiten des Atlantiks auszuweiten, auf die Notwendigkeit, das Gefälle
zwischen hoch- und minderentwickelten Ländern zu verringern, und auf
die Notwendigkeit, die atlantischen Volkswirtschaften auf ein höheres
Produktionsniveau zu bringen, statt sie durch höhere Schutzwälle zu
ersticken.
Wir dürfen nicht in die dreißiger Jahre zurückfallen, als wir
uns gegenseitig die eigene Stagnation exportierten. Wir dürfen nicht
zurückkehren zu der überholten Auffassung, daß der Handel einige Nationen auf Kosten der anderen begünstige. Niemand soll glauben, daß
die Vereinigten Staaten, deren Wirtschaft nur zum kleinen Teil vom
Außenhandel und zu einem noch geringeren Teil vom Handel mit Westeuropa abhängt, eine Ausweitung des Handels anstreben, um den
europäischen Kontinent mit amerikanischen Waren zu überschwemmen.
Die Ausweitung des Handels wird uns allen zugute kommen. Die Erfahrungen des Gemeinsamen Marktes verheißen - ähnlich wie die des
Deutschen Zollvereins - allen Partnerstaaten solcher Handelsabmachungen eine erhöhte wirtschaftliche Aktivität und Prosperität, ohne
daß sich einzelne Mitglieder auf Kosten anderer bereichern. In meiner Heimat, an der Cape-Cod-Küste, sagt man: Die steigende Flut macht
alle Boote flott. Und eine Partnerschaft dient laut Begriffsbestimmung
beiden Partnern, ohne Bevormundung oder Übervorteilung. Wir waren

-

6 -

�waren Partner in der Not - so lassen Sie uns auch Partner in der
Prosperität sein.
liber der Wirtschaftsentwicklung und Handelsausweitung steht
die Finanzpolitik. Auch hier laufen unsere Interessen wieder zusammen. Tatsächlich gibt es keinen Bereich, in dem die umfassenderen
Interessen aller Beteiligten die engeren Einzelinteressen eindeutiger
überwiegen. Als Sachwalter der Freiheit haben wir seit einer Generation nach diesem Prinzip gehandelt. Jetzt, nachdem andere Länder
einschließlich der Bundesrepublik Deutschland von neuem erstarkt sind,
ist auch hier die Zeit für weitere, gemeinsame Anstrengungen gekommen.
Die großen freien Nationen der Erde müssen ihre Währungsprobleme
bewältigen, damit sie nicht von diesen überwältigt werden.
Drittens und letztens beruht die Atlantische Partnerschaft
auf einer gemeinsamen politischen Zielsetzung. Gegen die Gefahren
der Spaltung und Erschlaffung ist mit geringeren Kräften nichts auszurichten. Die Geschichte lehrt, daß Uneinigkeit und Ermüdung die
großen inneren Gefahren sind, die einem Bündnis drohen. Thukydides
berichtet, die Peloponnesier und ihre Verbündeten seien mächtig in
der Schlacht, doch gehemmt durch eine politische Führung gewesenen der
"jeder seine eigenen Absichten verfolgt..., was im allgemeinen dazu
führt, daß jede Aktion unterbleibt... Sie verwenden mehr Zeit auf
die Besorgung ihrer eigenen Geschäfte als auf die Sorge für das Gemeinwohl... Jeder glaubt, daß aus seinen eigenen Versäumnissen kein
Schaden erwachse und daß es die Aufgabe anderer sei, dies oder jenes
zu tun - und da somit jeder für sich die gleiche Illusion hegt, gerät
die gemeinsame Sache unmerklich immer mehr in Verfall."
Soll unsere Große Allianz etwa das gleiche Schicksal erleiden?
Wird sie, die im Augenblick höchster Gefahr geschmiedet wurde, in
Selbstgefälligkeit zerfallen, weil jedes Mitglied seine eigenen Ziele
zum Nachteil der gemeinsamen Sache verfolgt? Das darf nicht geschehen.
Die alten Gefahren sind keineswegs ein für allemal gebannt, und jede
Spaltung in unseren Reihen könnte sie mit doppelter Macht wieder auf
den Plan rufen.
Unsere Verteidigung ist jetzt stark - doch muß sie noch stärker
werden. Unsere wirtschaftlichen Aufgaben sind jetzt klar - doch
müssen wir ihre Erfüllung weiter vorantreiben. Das größte Erfordernis und unsere bemerkenswerteste Unterlassung ist freilich der Fortschritt zu wahrer politischer Gemeinschaft.
Denn wir leben in einer Welt, in der wir uns in erster Linie
auf unsere eigene vereinte Stärke verlassen müssen. Wie ich schon
gesagt habe und hier erneut betonen möchte, arbeiten wir auf den
Tag hin, da es einen wirklichen Frieden zwischen uns und den Kommunisten geben kann; und wir werden uns in diesem Bemühen von niemandem übertreffen lassen. Aber dieser Tag ist noch nicht angebrochen.
Wir haben in den Vereinigten Staaten und in Kanada 200 Millionen
Menschen, und hier auf der europäischen Seite des Atlantischen Bündnisses kommen noch nahezu 300 Millionen hinzu. Die Stärke und

- 7 -

�und Einigkeit dieser halben Milliarde Menschen sind jetzt und in
Zukunft der Anker aller Freiheit für alle Nationen. Wir wollen uns
von Zeit zu Zeit der gemeinsamen Ziele versichern. Aber lassen wir
den Worten Taten folgen, indem wir unsere Bemühungen um noch mehr
Einigkeit zwischen uns verstärken und neue Verbindungen und Institutionen schaffen, die auf den bereits vorhandenen aufbauen. Durch
schöne Worte läßt sich keine Allianz errichten, sondern nur durch
konkrete Taten.
Die große konstruktive Aufgabe der Gegenwart liegt hier auf
diesem Kontinent, wo Bemühungen um die Schaffung eines geeinten
Europas im Gange sind. Es ist nicht Sache der Amerikaner, den
Europäern vorzuschreiben, wie diese Bemühungen voranzutreiben sind.
Ebensowenig glaube ich, daß es nur einen einzigen richtigen Kurs
oder nur eine alleingültige Form dafür gibt. Die Europäer selbst sind
es, die Europa bauen.
Doch der Zusammenschluß Europas wird, wenn Europäer ihn vollziehen, auch weiterhin die entschlossene Unterstützung der Vereinigten Staaten finden - und für immer die Bruderkriege beenden, die wiede
holt die Welt verwüstet haben. Denn dieser Zusammenschluß ist ein notwendiger Schritt für die Stärkung der Gemeinschaft der Freiheit. Er
würde unser Bündnis zu ihrer Verteidigung stärken. Und er läge sowohl in unserem wie auch in Ihrem nationalen-Interesse,
Nur ein in sich gefestigtes Europa kann uns alle vor der Zersplitterung des Bündnisses bewahren. Nur ein solches Europa ermöglicht eine echte Reziprozität in allem Tun und Trachten über den Ozean
hinweg, angesichts unseres wahrhaft atlantischen Arbeitsprogramms. Nur
mit einem solchen Europa ist ein uneingeschränktes Geben und Nehmen
zwischen Gleichberechtigten möglich und eine gleichmäßige Verteilung
der Verantwortung wie auch der Opfer. Ich möchte - damit keine Mißverständnisse aufkommen - noch einmal wiederholen; die Wahl der Wege
zur Einheit Europas muß von den Europäern getroffen werden. Wenn Sie
aber, unbeeindruckt durch Schwierigkeiten oder Verzögerungen, dieses
große Werk fortsetzen, sollen Sie wissen, daß die Vereinigten Staaten
von Amerika in dieser neuen Größe Europas keinen Anlaß zur Furcht,
sondern einen Quell der Stärke sehen.
Es werden Ihnen noch weitere politische Aufgaben gestellt werden.
Wir alle müssen die Kunst der Konsultation in Fragen, die weit über
die direkte militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit hinausgehen, noch besser beherrschen lernen. So müssen wir beispielsweise
gemeinsam die Möglichkeiten einer Lockerung der Spannungen im Kalten
Kriege und einer Verringerung der Gefahren des Wettrüstens erkunden.
Wir müssen gemeinsam alles tun, um jenen Europäern Mut zu machen, die
gegenwärtig nicht frei sind, ihre alten Verbindungen zur Freiheit und
zum Westen wiederherzustellen, auf daß der Wunsch nach Freiheit und
das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit für spätere Zeiten
lebendig bleiben.
Möchten

�Möchten doch jene, die sich als unsere Gegner betrachten, endlich begreifen, daß wir, in unseren Beziehungen zu ihnen, nicht die
Interessen anderer Staaten gegeneinander ausspielen werden, und daß
wir uns alle gleichermaßen der Sache der Freiheit verschrieben haben.
Wir alle hier im Westen müssen treu zu unserer Überzeugung stehen,
daß der Friede in Europa nie vollständig sein kann, solange nicht überall in Europa die Menschen in Frieden und Freiheit darüber befinden
können, wie ihre Länder regiert werden sollen, und - ohne Bedrohung
irgendeines Nachbars - die Wiedervereinigung mit ihren Landsleuten
erwählen können.
Ich predige keine leichte Befreiung, und ich mache keine leeren
Versprechungen. Meine Landsleute sind jedoch fest von dem Grundsatz
überzeugt, daß alle Menschen frei sein sollen und alle freien Menschen
Anspruch auf Entscheidungsfreiheit haben.
So wie wir ständig in der Hoffnung und zielstrebigen Erwartung
neuer Freiheit nach dem Osten blicken, so müssen wir auch unsere
Aufmerksamkeit - und zwar immer nachdrücklicher - auf unsere transatlantischen Bindungen richten. Die Atlantische Gemeinschaft wird sicher
nicht schon in Kürze zu einem einheitlichen, alles überwölbenden tiberstaat werden. Aber praktische Schritte auf dem Weg zu einer entschiedeneren gemeinsamen Zielsetzung liegen durchaus im Bereich unserer
Möglichkeiten. Je mehr wir unsere gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen und unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit in den drei erwähnten
Bereichen intensivieren, werden sich zwangsläufig auch unsere politischen
Bindungen festigen. Genauso wie Ihre gegenwärtigen Bemühungen um Einheit in Europa Europas Stimme im Zwiegespräch mit uns nachdrücklicher
zur Geltung bringen werden, so kann unser gegenwärtiges Ringen um Freiheit und Wohlfahrt aller amerikanischen Bürger die Bedeutung unserer
gemeinsamen historischen Zielsetzungen nur stärken. Die fernere Zukunft mag für uns alle vielleicht einen neuen großen Bund bereithalten.
Doch hier und heute schon gibt es für jeden genug zu tun, um neue und
dauerhafte Verbindungen zu schaffen.
Kurzum, die Worte des Thukydides sind eine Warnung, keine Voraussage. Wie die letzten 13 Jahre beweisen, sind wir sehr wohl imstande,
unsere Verteidigungssysteme auszubauen, unsere Volkswirtschaften zu
festigen und unsere politischen Bindungen in guten wie in schlechten
Tagen noch enger zu gestalten. Wir können mit jener Zuversicht weiter
voranschreiten, die aus dem Erfolg erwächst, gepaart mit jenem Können,
das die Erfahrung verleiht. Und auf unserem Weg wollen wir Mut aus
der Gewißheit schöpfen, daß nicht nur Gefahr und Notwendigkeit, sondern
ebenso auch Hoffnung und Zielstrebigkeit uns einen.
Denn wir wissen jetzt, daß Freiheit mehr bedeutet als Ablehnung
der Tyrannei - daß Prosperität mehr bedeutet als Erlösung von der Not
- daß Partnerschaft mehr bedeutet als Beteiligung an der Macht. All
das sind in erster Linie große Menschheitsabenteuer. Sie müssen Sinn
und Überzeugungskraft und Zielstrebigkeit haben, und weil das so ist heute in Ihrem Land und in meinem und in allen Nationen des Bündnisses -,
sind wir zu einer großen neuen Mission aufgerufen.

Es
_

o _

�Es ist nicht allein eine Hission der Selbstverteidigung - denn
sie ist ein Mittel, kein Endzweck. Es ist nicht eine Mission aus
eigener Machtvollkommenheit, denn wir lehnen die Vorstellung ab,
daß eine Kation eine andere bevormunden dürfe. Unsere Mission ist
die Schaffung einer neuen Gesellschaftsordnung, die auf Freiheit
und Gerechtigkeit fußt, wo der Mensch Herr seiner Geschicke, wo
der Staat der Diener seiner Bürger ist und wo alle Männer und Frauen
eines besseren Lebens für sich und ihre Kinder teilhaftig werden
können.
Um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, müssen wir vor
allem eine Welt des Friedens erstreben - eine Welt, in der die Völker
in gegenseitiger Achtung zusammen leben und in gegenseitiger Wertschätzung zusammenarbeiten, eine Welt, in der der Friede nicht mehr
nur eine Pause zwischen zwei Kriegen ist, sondern den schöpferischen
Kräften der Menschheit Auftrieb gibt. Wir werden einen solchen Frieden
nicht heute finden, auch nicht morgen. Große, dräuende Hindernisse
stehen der Erfüllung der Hoffnung im Wege. Dennoch muß das Ziel der
Schaffung einer friedlichen Welt - heute wie morgen - unsere Entscheidungen leiten und unser Wollen beflügeln.
Insofern sind wir alle Idealisten. Insofern sind wir alle
Visionäre. Man soll dieser atlantischen Generation nicht nachsagen
können, daß sia Ideale und Visionen der Vergangenheit und Zielstrebigkeit und Entschlußkraft ihren Widersachern überlassen habe. Wir
haben bereits zu viel erreicht und zu große Opfer gebracht, um jetzt
die Zukunft preiszugeben. Und wir sollten immer des Goetheworts eingedenk bleiben: "Dies ist der Weisheit letzter Schluß - Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß".

10

-

�THE

W H I T E

H O U S E

Remarks of the President of the United States of America
JOHN F. KENNEDY

at the Free University Berlin, Germany

June 26, 1963

1

�Mr. Mayor, Mr. Chancellor, distinguished Ministers, Members
of the Faculty and Pellows of this University, Fellow Students,

I am honored to become an instant graduate of this distinguished
University. The fact of the matter is, of course, that any university, if it is a university, is free. So one might think the words
"Free University" are redundant but not in V/est Berlin. So I am
proud to be here.today and I am proud to have this association on
behalf of my fellow countrymen in this great center of learning.
Prince Bismarck once Said that one third of the students of German
universitiee broke down from overwork, another third broke down from
dissipation, and the other third ruled Germany. I do not know which
third of the Student body is here today, but I am confident that I
am talking to the future rulers of this country and also of other
free countries stretching around the world who have sent their
sons and daughters to this center of freedom in order to understand
what the world struggle is all about.
I know that when you leave this school, you will not imagine
that this institution was founded by Citizens of the world,
including my own country, and was developed by Citizens of West
Berlin, that you will not imagine that these men who teach you have
dedicated their lives to your knowledge in order to give this school's
graduates an economic advantage in the life struggle. This school
is not interested in turning out merely corporation lawyers or skilled
accountants. What it is interested in, and this must be true of every
university, it must be interested in turning out Citizens of the world
- men who comprehend difficult, sensitive tasks that lie before us
as free men and women, and men who are willing to commit their energies
to the advancement of a free Society. That is why you are here and
that is why this school was founded, and all of us benefit from it.
It is a fact that in my own country in the American Revolution,
that revolution, and the society that developed thereafter, was
built by some of the most distinguished scholars in the history of
the United States who were at the same time among our foremost
politicians. They did not believe that College was merely for the
study, they thought is was for the market place as well. And Madison
and Jefferson and Franklin and all the others who built the United
States, who built our Constitution, who built it on a sound framework,
I believe set an example for us all. And what is true of my country has
been true of your country and the countries of Western Europe.
As an American said a hundred years ago, was John Milton to
conjugate Greek verbs in his library when the freedom of Englishmen
was imperilled? The duty of the scholar, of the educated man, of
the man or woman whom society has developed talents in, the duty of
that man or woman is to help build the society which has made their
own advancement possible . You understand it. And I understand it,
and I am proud to be with you.
Goethe,

_

2

�Goethe, whose home city I visited yesterday, believed that
education and culture were the answer to international strife.
With sufficient learning, he v/rote, "a Scholar forgets national
hatreds, Stands above nations, and feels the well-being or troubles
of a neighboring people as if they happened to his own."
That is the kind of scholar that this University is training.
In the turbulent years, since this Institution was founded, dedicated
to the motte- "Truth, Justice, and Liberty, much has changed. The
University enrollment has increased seven-fold, and related Colleges
have been founded. West Berlin has been blockaded, threatened,
harassed - but it continues to grow in industry, and culture, and size
and in the hearts of free men. Germany has changed. Western Europe and
indeed the entire world have changed. But this University has maintaine
its fidelity to these three ideals - truth, justice and liberty.
I choose, therefore, to discuss the future of this city briefly
in the context of these three obligations. Speaking a äiort time ago
in the center of the city I reaffirmed my country's commitments to
West Berlin1s freedom and restated our donfidence in its people
and their courage. The shield of the military commitment with which
we in association with two other great powers guard the freedom of
West Berlin will not be lowered or put aside so long as its presence is
needed. But behind that shield, it is not enough to mark time - to
adhere to a status quo while awaiting a change for the better. In a
Situation fraught with challenge, and the last four years in the
world have seen the most extraordinary challenge, the significance of
which we cannot even grasp today, and only when history and time have
passed can we realize the significant events that happened at the
end of the fifties and the beginning of the sixties - in a Situation
fraught with change and challenge in an era of this kind every resident
of West Berlin has a duty to consider where he is, where his city is
going, and how best it can get there. The scholar, the teacher, the
intellectual have a higher duty than any of the others. For society
has trained you to think as well as do. This Community has committed
itself to that objeetive, and you have a special Obligation to think
and to help forge the future of this city in terms of truth and
justice and liberty.
First, what does truth require? It requires us to face the
facts as they are, not to involve ourselves in self-deception, to
refuse to think merely in slogans. If we are to work for the future
of this city, let us deal with the realities as they actually are,
not as they might have been and not as we wish they were.
Reunification, I believe, will some day be a reality. The
lessons of history support that belief, especially the history in
the world of the last 18 years. The strongest force in the world
today has been the strength of the State, of the idea of hationalism
of a people, and in Africa, and Latin America and Asia - all around the
globe - new countries have sprung into existence determined to
maintain their freedom. This has been one of the strongest forces on
the side of freedom, and it is a source of satisfaction to me that so
many countries of Western Europe recognized this and chose to move

-

3 -

�move with this great tide. And therefore ,that tide has served us,
and not our adversaries. But we all know that a police state regime has
been imposed on the Eastern sector of this city and country. The
peaceful reunification of Berlin and Germany will, therefore, not
be either quick or easy. We must first bring others to see their own
true interest better than they do today.
What will count in the long run are the realities of Western
strength, the realities of Western commitment, the realities of
Germany as a nation and a people, without regard to artificial
boundaries of barbed wire. Those are the realities upon which we
rely - and on which history will move, and others, too, would do
well to recognize them.
And secondly. what does justice require? In the end, it requires
liberty, and I will come to that. But in the meantime, justice
requires us to do what we can do, in this transition period, to
improve the lot and maintain the hopes of those on the other side.
It is important that the people on the quiet streets in the East
be kept in touch with Western society - through all the contacts
and communication that can be established - through all the trade
that Western security permits.
Above all, whether they see much or little of the West, what
they see must be so bright as to contradict the daily drum-beat of
distortion from the East. You have no higher opportunity, therefore,
than to stay here in West Berlin - to contribute your talents and
skills to its life - to show your neighbors democracy at work, a growing
and productive city offering freedom and a better life for all.
You are helping now by your studies and by your devotion to
freedom, and you.therefore,earn the admiration of your fellow students
from wherever they come.
Today I have had a chance to see all this myself. I have seen
housing and factories and office buildings; commerce and a vigorous
academic and scientific life here in this Community. I've seen the
people of this city. And I think that all of us who have come here
know that the morale of this city is high, the Standard of living is
high, faith in the future is high, and that this is not merely an
isolated outpost cut off from the world, cut off from the West.
Students come here from many countries. And I hope more will come,
especially from Africa and Asia. Those of you who may return from
study here to other parts of Western Europe will still be helping to
forge a society which most of those across the wall yearn to join.
The Federal Republic of Germany - as all of us know from our viäits
better than ever - has created a free and dynamic economy from the
disaster of defeat, and a bulwark of freedom from the ruins of
t'yranny.
V/est Berlin and V/est Germany have dedicated and demonstrated
their commitment to the liberty of the human mind, the welfare of
the Community, and peace among nations. They offer social and economic security and progress for their Citizens. And all this has

- 4 -

�has been accomplished - and this is the important point - not
only because of their economic plant and capacity, but because
of their commitment to democracy. Because even economic wellbeing and democracy must go hand-in-hand.
And finally. what does liberty require? The answer is clear:
a united Berlin, in a united Germany, united by self-determination and living in peace. This right of free choice is no special privilege
claimed for Germans alone; it is an elemental requirement of human
justice. So this is a goal we shall never abandon. And it is a
goal which may well be obtainable most readily in the context of
a reconstitution of the larger Europe on both sides of the harsh
line which now divides it.
This idea is not new in the postwar West. Secretary Marshall,
soon after he delivered his famous speech at Harvard University
urging aid to the reconstruction of Europe, was asked what area his
proposal might cover; and he replied that he was "taking the commonly
accepted geography of Europe - west of Asia."
His offer of help and friendship was rejected -^ut it is not too
early to think once again in terms of all of Europe. For the winds
of change are blowing across the curtain as well as in the rest
of the world. The cause of human rights and dignity, some two
centuries after its birth in Europe and the United States, is still
moving men and nations with ever-increasing momentum. The Negro
Citizens of my own country have strengthened their demand for
equality and opportunity - and the American people and government
are determined to respond. The pace of decolonization has quickened
in Africa. The peoples of the developing nations have intensified
their pursuit of social and economic justice.
The people of Eastern Europe, even after 18 years of oppression,
are not immune to change. The truth doesn't die. The desire for
liberty can never be fully suppressed. The people of the Soviet Union,
even after 45 years of party dictatorship, feel the forces of historical
evolution. The harsh precepts of Stalinism are officially recognized
as bankrupt. Economic and political Variation and dissent are appearing,
for example, in Poland, in Rumania, and the Soviet Union itself. The
growing emphasis on scientific and industrial achievement has been
accompanied by increased education and by intellectual ferment. Indeed,
the very nature of the modern technological Society requires human initiative and the diversity of free minds. So history itself runs against
the Marxist dogma, not toward it. Nor are such rsystems equipped to deal
with the Organization of modern agriculture and the diverse energies
of the modern consumer in a developed society.
In short, these dogmatic police states are an anachronism. Like
the division of Germany, and of Europe, it is against the tide of
history. The new Europe of the V/est - dynamic, diverse and democratic must exert an ever-increasing attraction to the peoples to the East.
And when the possibilities of reconciliation appear, we in the West
will make it clear that we are not hostile to any people or system,
provided they choose their own destiny without interfering with the
free choice of others. There will be wounds to heal and suspicions to
be eased on both sides. The difference in living Standards will have

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5 -

�have to be reduced - by leveling up, not down. Fair and effective
agreements to end the arms race must be reached. These changes will
not come today or tomorrow, but our efforts must continue undiminished.
As I said this morning, I am not impressed by the opportunity
open to opular fronts throughout the world. I do not believe that
any Democrat can successfully ride that tiger. But I do believe of
the necessity of great powers working together to preserve the
human race, or otherwise we can be destroyed.
This process can only be helped by the growing unity of the
West, and we must all work towards that unity. For in unity there is
strength, and that is why I travel to this continent. And any
division or weakness only makes our task more difficult. Nor can
the West ever negotiate a peaceful reunification of Germany from
a divided and uncertain and competitive base.
In short, only if they see over a period of time that we are
strong and united, that we are vigilant and determined, are others
likely to abandon their course of armed aggression or Subversion.
Only then would genuine, mutually acceptable proposals to reduce
hostility have a chance to succeed.
This is not an easy course. There is no easy course to the
reunification of Germany and the reconstitution of Europe . But life
is never easy. There is work to be done and obligations are to be met obligations to truth, to justice and to liberty.

-

6 -

�THE

WH I T E

Remarks of t h e P r e s i d e n t

of

H 0 U S E

he United States of America

JOHN F . KENNEDY
at

t h e C i t y H a l l , W st Berlin, Germany

June 26, 1963

�I am proud to come to this city as the guest of your
distinguished Mayor who has symbolized throughout the world
the fighting spirit of West Berlin.
And I am proud to visit the Federal Republic with your
distinguished Chancellor who for so many years has committed
Germany to deraocra-cy ana freedom and progress, and to come here
in the Company of my fellow American»General Clay, who has been
in this city during its great moments of crisis and will come
again if ever needed.
Two thousand years ago the proudest boast was: "civis
Somanus sum." Today, in the world of freedom, the proudest boast
is: "Ich bin ein Berliner."
There are many people in the world who really don't understand - or say they don't - what is the great issue between the
Free World and the Communist "world. Let them come to Berlin.
There are some who say that Communism is the wave of the
future. Let them come to Berlin.
V

And there are some who say - in Europe and elsewhere -:
We can work with the Gommunists. Let them come to Berlin.
And there are even a few who say that it's true that Communism
is an evil System, but it permits us to inake economic progress.
Laßt sie nach Berlin kommen.'"
Freedom has many diff iculti es, and democracy is not perfect.
But we have never had to put a wall up to keep our people in to keep them from leaving us.
I want to say on behalf of my countrymen who live many
miles away on the other side of the Atlantic - who are far distant
from you - that they take the greatest pride that they have been
able to share with you, even from a distance, the story of the last
18 years. I know of no town, no city that has been besieged for 18
years that still lives with the vitality and the force and the
hope and the determination of the City of West Berlin.
While the wall is the most obvious and vivid demonstration
of the failures of the Communist System for all the world to see,
we take no satisfaction in it. For it is, as your Mayor said, an.
offense not only against history, but an offense against humanity separating families, dividing husbands and wives and brothers and
sisters, and dividing up people who wish to be joined together.
What is true of this city is true of Germany. Real lasting
peace in Europe can never be assured as long as one German out
of four is denied the elementary right of free men, and that is to
make a free choice. In 18 years of peace and good faith, this
generation of Germans has earned the right to be free, including
the right to unite their families and their nation in lasting
peace with good will to all people.
You
-

2

-

�You live in a defended island of freedom. But your life is
part of the mein. So let me ask you as I close to lift your eyes
beyond the dangers of today to the hope of tomorrow - beyond the
freedom merely of this ßity of Berlin, or your country of Germany to the advance of freedom everywhere, beyond the wall, to the
day of peace with justice; beyond yourselves, and ourselves, to all
mankind. Freedom is indivisible, and when one man is enslaved, all
are not free. When all are free, then we can look forward to that
day when this city will be joined as one - and this country and
this great continent of Europe - in a peaceful and hopeful globe.
When that day finally comes - as it will - the people of West
Berlin can take sober satisfaction in the fact that they were in th
front lines for almost two decades.
All free men, wherever they may be, are Citizens of Berlin.
Therefore, as a free man, I take pride in the words: "Ich bin ein
Berliner."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

-Vi./26.7.1963
SONDERBOTSCHAFT PRÄSIDENT KENNEDYS
ÜBER US-ZAHLUNGSBILANZ

Washington - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Sonderbotschaft,
die President Kennedy am 18. Juli 19&amp;5 a n
den US-Kongreß gerichtet hat.

"An den Kongreß der Vereinigten Staaten:
Kurze Zeit nach meiner Amtseinführung habe ich dem Kongreß
über die Probleme berichtet, die das wachsende und von einem starken Goldabfluß begleitete Zahlungsbilanzdefizit seit Ende der fünfziger Jahre für die USA in drei aufeinanderfolgenden Jahren aufgeworfen hatte. Und ich gab damals ein Programm bekannt, durch das
sowohl das Vertrauen in den US-Dollar wie auch schließlich der Ausgleich unserer internationalen Konten wiederhergestellt werden
sollte. Die Aufgabe, vor die wir uns so zwangsweise gestellt sahen,
wurde damals noch durch die Notwendigkeit vergrößert, der zunehmenden Arbeitslosigkeit nicht nur Einhalt zu gebieten, sondern sie
mehr und mehr abzubauen und unsere stagnierende Wirtschaft wiederzubeleben. Wir lehnten damals die Wahl zwischen zwei gleichermaßen
unannehmbaren Alternativen ab - nämlich die Beschäftigungslage im
Inland um den Preis einer Schwächung des Dollars im Ausland zu verbessern oder den Dollar um den Preis einer Schwächung der Wirtschaft
und der Nation zu stärken - und suchten nach einem neuen Weg, um
gleichzeitig unser Wirtschaftswachstum im Inland zu beschleunigen,
die Arbeitslosigkeit zu reduzieren und den Dollar durch die Beseitigung des Defizits in unserer internationalen Zahlungsbilanz zu
stärken. Es erscheint jetzt - fast zweieinhalb Jahre später angebracht, auf die Probleme zurückzublicken, denen wir uns damals
gegenübersahen, den inzwischen erzielten Fortschritt zu überprüfen
und den neuen Kurs abzustecken.
Da gibt es vieles, aus dem wir Mut schöpfen können. Unsere
Wirtschaft hat ihr Wachstum wieder aufgenommen, und die Arbeitslosigkeit konnte gesenkt werden. Der Dollar ist weiterhin stark und
wird durch nahezu 40 Prozent der Golddeckungsbestände der freien

-

1

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�»

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT DND ARBEIT
freien Welt sowie ein neu aufgebautes Netz bilateraler und multilateraler Finanzvereinbarungen abgesichert. Unser Goldabfluß wurde
um die Hälfte vermindert. Es gibt Anzeichen für eine langfristige
Verbesserung unserer internationalen Wettbewerbsposition, da unsere
Preise und Kosten konstant bleiben, während sie bei den anderen
steigen. Das Defizit in unserer Zahlungsbilanz ist gesenkt worden von 3»9 Milliarden Dollar im Jahre 196O auf 2,4 Milliarden Dollar
im Jahre 1961 und 2,2 Milliarden Dollar im Jahre 1962.
Darüber hinaus ist die grundlegende Stärke unserer Wirtschaft
gewaltig, real und von Bestand. Unser Zahlungsbilanzdefizit wurde,
was unseren Goldabfluß sowie die Zunahme unserer kurzfristigen
liquiden Verbindlichkeiten gegenüber Ausländern betrifft, ständig
durch die Zunahme unserer langfristigen, hohe Erträge abwerfenden
Auslandsguthaben ausgeglichen oder sogar mehr als ausgeglichen Guthaben, die in der Vergangenheit eine wachsende Quelle der Stärke
für unsere Zahlungsbilanz waren und die es auch weiterhin sein werden. Heute besitzen Amerikaner über 60 Milliarden Dollar in privaten
Auslandsinvestitionen, und die an die amerikanische Regierung zurückzuzahlenden Dollaranleihen belaufen sich auf insgesamt mehr als
11 Milliarden Dollar. Ende 1962 überstiegen alle diese Guthaben zusammen unsere Verbindlichkeiten gegenüber Ausländern um schätzungsweise 27 Milliarden Dollar. Und die Guthaben zeigten im Laufe der
Jahre eine wachsende Tendenz: Unsere Gesamteinnahmen aus diesen Guthaben betrugen 1959 rund 3 Milliarden Dollar; 1962 stiegen die Einnahmen auf 4,3 Milliarden Dollar, und für die kommenden Jahre rechnen
wir abermals mit einem weiteren erheblichen Zuwachs.
Dies alles sind Zeichen des Fortschritts. Doch noch immer ist
die Arbeitslosigkeit zu hoch, die Wachstumsrate zu niedrig, und es
muß - wiewohl auf lange Sicht günstig wirkende Kräfte am Werk sind heute noch mehr geschehen, um das fortwährende Zahlungsbilanzdefizit
zu beseitigen.
Ein wesentlicher Teil unseres Fortschrittes war bisher auf besondere Abmachungen mit anderen befreundeten Ländern zurückzuführen über vorzeitige Schuldentilgungsleistungen, Vorauszahlungen für militärische Lieferungen und über Geldaufnahmen im Ausland durch die USA.
Wenngleich sich ähnliche Abmachungen auch 1963 wieder als geeignet
erweisen könnten, um einen wesentlichen Teil des Brutto-Defizits
abzudecken, so darf man sich doch nicht auf unbegrenzte Zeit auf derartige spezielle Transaktionen verlassen. Während darüber hinaus bei
unserer Handelsbilanz und bei den Auslandsausgaben der Regierung bescheidene Verbesserungen festzustellen waren, hat der Kapitalabfluß,
sowohl an kurzfristigen wie an langfristigen Mitteln, weiter zugenommen .
Obwohl weitere Anstrengungen dringend notwendig sind, möchte
ich ganz eindeutig klarstellen, daß die USA auch bei der Lösung ihrer
internationalen Zahlurigsprobleme weiterhin an ihrer historischen Politik des Eintretens für freieren Handel und Kapitalverkehr festhalten
und auch weiterhin zu ihren Verpflichtungen stehen werden, einen fairen

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2

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
fairen Anteil an der Verteidigung und der Entwicklung der freien
Welt zu tragen. Gleichzeitig werden wir die Politik fortsetzen,
durch die die Arbeitslosigkeit gesenkt und das Wirtschaftswachstum
hier im Inland beschleunigt werden soll - denn der Wohlstand aller
freien Völker ist unlösbar verflochten mit dem Fortschritt, der
von unserem eigenen Volke erzielt wird. Und ich möchte genauso eindeutig klarstellen, daß die USA weiterhin den Goldwert des Dollars
erhalten werden, der zu einem Satz von 35 Dollar pro Unze frei in
Gold konvertierbar ist und nach wie vor den Grundstein des Handelsund Zahlungssystems der freien Welt bildet.
Die Erhaltung des Vertrauens im Inland und die Fortführung der
Zusammenarbeit mit dem Ausland erfordern jedoch weitere administrative
und legislative Schritte, die den Kern unseres anhaltenden Zahlungsbilanzdefizits berühren - Schritte zur Steigerung unserer langfristigen Bemühungen um eine Verbesserung der Leistung unserer Wirtschaft
über Jahre hinweg, um den Ausgleich gegenüber dem Ausland zu erreichen
und die Expansion im Inland sicherzustellen - Schritte zur Intensivierung unserer kurzfristigen Bemühungen um einen Abbau des Zahlungsbilanzdefizits, während
die langfristigen Kräfte am Werke sind sowie Schritte zur Erweiterung der Zahl der Abmachungen, durch die
unser Defizit bis zur Wiederherstellung eines Ausgleichs auf eine
Weise finanziert werden soll, daß ein kontinuierliches, reibungsloses
Funktionieren der internationalen Währungs- und Handelssysteme gewährleistet ist.
Bevor wir uns nun den auf diesen beiden letzteren Gebieten erforderlichen Maßnahmen zuwenden, möchte ich erneut die Notwendigkeit
einer Verbesserung des Gesamtwirtschaftsbildes der USA auf lange Sicht
unterstreichen - dies schließt erhöhte Investitionen und verstärkte
Maßnahmen zur Modernisierung mit dem Ziel der Steigerung der Produktivität und der Gewinne, die Aufrechterhaltung der Stabilität der
Kosten und Preise sowie die Vollbeschäftigung und eine schnellere Expansion ein. Sie sind der Schlüssel zur Verbesserung unserer internationalen Wettbewerbsfähigkeit, zur Steigerung unseres Handelsüberschusses sowie zur Verringerung unseres Kapitalabflusses.
Aus diesem Grund ist eine baldige Verabschiedung des bereits
früher vorgelegten umfassenden Programms für eine Steuersenkung und
Revision des Steuersystems der wichtigste Schritt, der zur Erzielung
des Ausgleichs gegenüber dem Ausland wie auch der Expansion im Inland
getan werden kann. Die größeren Investitionsanreize und die vermehrte
Kaufkraft, die die Senkung der Einkommen- und Körperschaftssteuer
mit sich bringen wird,dürfte - zusammen mit den im vergangenen Jahr
gewährten Vergünstigungen für Investitionen und den erweiterten Abschreibungsmöglichkeiten - den Arbeitsmarkt, die Produktion, die Umsätze und die Investitionstätigkeit beleben, vor allem wenn ständig
ausreichende Kredite zu vernünftigen langfristigen Zinssätzen verfügbar sind. Eine blühende Wirtschaft mit hohen Investitionen führt
zu den schnellen Fortschritten in bezug auf Produktivität und Leistung, die zur Verbesserung unserer Wettbewerbsposition gegenüber
dem Ausland so dringend erforderlich sind. /
~

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Um neue Auslandsmärkte erschließen und die im eigenen Lande
erzielten Wachstums- und Leistungssteigerungen erhalten zu können,
müssen wir die in den letzten &lt;Tahren erreichte Kosten-Preis-Stabilität aufrechterhalten und Lohn- und Gewinnerhöhungen auf einen angemessenen Anteil an unserer steigenden Produktivität beschränken. Aus
diesem Grunde ermahnen wir die Arbeitgeber und Arbeitnehmer seit
zwei Jahren, sich bei der Lösung von Streitfragen im Rahmen von
Kollektivverhandlungen von dem Gesichtspunkt einer vernünftigen
Lohn-Preis-Relation leiten zu lassen. Der Erfolg unserer Bemühungen,
unser Preisniveau gegenüber dem unserer wichtigsten Konkurrenten
niedrig zu halten, stellt einen gewichtigen Faktor dar, der auf einen
langfristigen Ausgleich unserer Zahlungsbilanz hinwirkt. Diese Tatsache sollte man über den augenblicklichen kurzfristigen Entwicklungen
nicht übersehen.
Bis sich diese langfristigen Kräfte voll auszuwirken beginnen,
müssen wir eine Reihe von Sofortmaßnahmen in besonderen Bereichen
treffen, um das Defizit in unseren internationalen Transaktionen zu
verringern und unsere Goldreserven zu erhalten.
1. Ausweitung der Ausfuhr
Unsere kommerziellen Exporte an Waren und Dienstleistungen nach
anderen Ländern überstiegen 1962 unsere Importe um 4,3 Milliarden
Dollar, und sie bewegen sich in diesem Jahr bisher auf etwa gleicher
Höhe. Darin liegt unsere größte Stärke, doch können wir es nicht dabei
bewenden lassen. Unsere Warenexporte haben sich in den letzten drei
Jahren nur mäßig erhöht und mit der raschen Zunahme der Importe,
die mit der Expansion der heimischen Wirtschaft einherging, nicht
Schritt gehalten. Die Folge war, daß der Überschuß im kommerziellen
Handel 1962 zurückging, statt in zunehmendem Maße zu einer Stütze für
unsere übrigen Transaktionen zu werden.
t

Das wichtigste langfristige Korrektiv für diese Situation ist ,
die Durchführung des Gesetzes über die Ausweitung des Handels von
1962. Der Sonderbeauftragte für Handelsverhandlungen schickt sich an,
die mir in diesem Gesetz übertragenen Vollmachten im höchstmöglichen
Maße auszuschöpfen, indem er auf lineare Zollsenkungen und die Beseitigung anderer Handelshindernisse hinarbeitet. Damit dürften sich
den amerikanischen Ausfuhren neue Märkte eröffnen, während die bestehenden Märkte eine Ausweitung erfahren.
Wie bereits erwähnt, soll unser langfristiges Programm für die
heimische Wirtschaft - darunter die Steigerung der Investitionstätigkeit, die Erhöhung der Produktivität und die Aufrechterhaltung der Lohn
Preis-Stabilität - die Wettbewerbsposition unserer Produkte im Inund Ausland verbessern. Die Fortdauer der Preisstabilität im Inland
wird, bei Anhalten des Preisauftriebs im Ausland, ein immer günstigeres Klima für den amerikanischen Export schaffen; meine Regierung
konzentriert sich auf sechs Sofortmaßnahmen, um die amerikanische
Wirtschaft in die Lage zu versetzen, unser Exportpotential. zu nutzen.
Erstens :

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Erstens: Die Export-Import-Bank hat ein völlig neues ExportFinanzierungsprogramm eingeleitet, das der amerikanischen Wirtschaft
nunmehr Kreditmöglichkeiten einräumt, die denen in anderen Ländern
gleichen. Das wichtigste Element dieses neuen Programms ist die
Rückversicherung kurz- und mittelfristiger Ausfuhrkredite durch die
Foreign Credit Insurance Association, an der über 70 private Versicherungsgesellschaften gemeinsam mit der Export-Import-Bank beteiligt sind. Ich ersuche den Kongreß dringend, umgehend die volle
Leistungsfähigkeit dieses Instituts durch Erneuerung seiner Lizenz
und Bereitstellung ausreichender Mittel wiederherzustellen.
Zweitens: Das Außen- und das Handelsministerium haben ihre
Bemühungen im Ausland zur Sondierung neuer Märkte und zur Förderung
des Verkaufs und des Absatzes amerikanischer Produkte verstärkt
und ausgeweitet.
Drittens: Das Handelsministerium hat ein umfassendes Programm
zur Anleitung und Unterstützung derzeitiger und potentieller amerikanischer Exporteure ausgearbeitet. Für die Unterstützung der Bemühungen des Handelsministeriums zur Belebung unseres Exports habe
ich einen relativ geringen Betrag an zusätzlichen Mitteln angefordert.
Diese Mittel, die sich auf 6 Millionen Dollar belaufen, sind vom Repräsentantenhaus nicht bewilligt worden. Wenn wir aber unseren Außenhandelsüberschuß vergrößern wollen, ist es notwendig, diese Mittel
in das endgültige Bewilligungsgesetz wieder einzubauen. Diese bescheidene Summe wird sich vielfach auszahlen, in Form höherer Exporte,
eines geringeren Zahlungsbilanzdefizits und eines verstärkten Schutzes
unserer Goldreserven.
Viertens: Das Landwirtschaftsministerium hat im März ein neues
Auktionsprogramm für den direkten Verkauf von Baumwolle im Ausland
bekanntgegeben. Es ist zu erwarten, daß diese neue Absatztechnik
eine dem Wettbewerb angepaßte Preisgestaltung für unsere Baumwolle
auf den Exportmärkten gewährleisten und unseren Export um rund 100
Millionen Dollar gegenüber dem Vorjahr steigern wird.
Fünftens: Die derzeitigen Seefrachtraten benachteiligen unseren
Export gegenüber dem Import. Die Atlantik-Frachtraten für Güterverschiffungen in östlicher Richtung sind weitaus höher als die für
vergleichbare Frachten in umgekehrter Richtung. Eine ähnliche Situation herrscht auf anderen Frachtrouten. Wenn auch diese beträchtlichen Unterschiede in der unmittelbaren Nachkriegsperiode der
Dollar-Knappheit vertretbar waren, zu einer Zeit also, als Europa
darum kämpfte, wieder auf die Beine
zu kommen, so ist ihr
Ausmaß heute jedoch völlig ungerechtfertigt. Aus diesem Grunde habe
ich den Handelsminister angewiesen, durch die Seeschiffahrtsverwaltung eine Korrektur vornehmen zu lassen; und ich fordere das Bundesamt für die Seeschiffahrt auf, in seiner Eigenschaft als unabhängige
Aufsichtsbehörde die Frage der spezifischen Export-Frachtraten zu
untersuchen, die ungebührlich hoch erscheinen. Sollten gesetzliche
Maßnahmen sich als notwendig erweisen, so wird um solche ersucht
werden.
Sechstens:

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Sechstens: Um unseren Bestrebungen zur Ausweitung des Exports
weiteren Nachdruck zu verleihen, werde ich zum 17. und 18. September
eine ''White House'-Konferenz über die Ausweitung der Exporte mit dem
Ziel einberufen, amerikanische Firmen, ob sie gegenwärtig im ExportGeschäft tätig sind oder nicht, auf die Möglichkeiten und Vorteile
der Aufnahme oder Ausweitung von Export-Bemühungen hinzuweisen. Wir
werden diese Gelegenheit benutzen, die amerikanischen Geschäftsleute
mit Nachdruck darauf hinzuweisen, daß verstärkte Anstrengungen zur
Erhöhung ihrer Exporte sowohl in ihrem eigenen als auch im Interesse
unseres Landes liegen.
2. Tourismus
Ein anderes Element in unseren kommerziellen Transaktionen, dem
wir unsere Aufmerksamkeit zuwenden müssen, ist die sich immer mehr zu
unseren Ungunsten entwickelnde Netto-Bilanz im Touristenverkehr. Mit
wachsendem Wohlstand, der Reisen amerikanischer Touristen ins Ausland
begünstigt
, haben sich die Ausgaben der Touristen in anderen Ländern im vergangenen Jahr um weitere 10 Prozent auf fast 2 1/2 Milliarden Dollar erhöht. Dieser Anstieg wurde zum Teil durch die höheren
Ausgaben ausländischer Touristen in den Vereinigten Staaten wieder ausgeglichen. Aber das Ergebnis war letztlich ein Abfluß von 1,4 Milliarden Dollar, was etwa zwei Dritteln des Gesamt-Zahlungsbilanzdefizits
des vergangenen Jahres entspricht. Dieses Jahr dürften die Ausgaben
noch weit größer sein. Aus diesem Grunde mußten wir die Zoll-Freigrenze für zurückkehrende Touristen auf 100 Dollar pro Person herabsetzen. Im vergangenen Jahr wurden durch diese Maßnahme Einsparungen
von über 100 Millionen Dollar erzielt, und ich bin froh, daß der
Kongreß diese Einschränkung um weitere zwei Jahre verlängert hat. Wir
haben ferner durch die Errichtung des US-Reisedienstes versucht, unsere Einnahmen über Besuchsreisen nach den USA zu erhöhen. Zur Unterstützung dieser Bemühungen empfehle ich nachdrücklich, daß der Kon' greß die für den US-Reisedienst angeforderten Bewilligungen voll
billigt.
Darüber hinaus ersuche ich im Einvernehmen mit den zuständigen
Regierungsbehörden die amerikanische Reise- und Fremdenverkehrswirtschaft, eine gemeinsame Kampagne mit dem Ziel in Angriff zu nehmen,
die Amerikaner anzuspornen, ihr eigenes Land und seine ruhmreiche
Tradition besser kennenzulernen. Bis zum Frühjahr 1964 soll das Programm "seht e uch Amerika heute an" auf vollen Touren laufen, auf daß
unsere gewaltigen Hilfsquellen im.höchstmöglichen Ausmaß genutzt
und Reisen im eigenen Lande zu einer reizvolleren Alternative zu
Auslandsreisen werden.
3. Auslandsausgaben der Regierung
Die Ausgaben der Bundesregierung im Ausland erfolgen weitgehend
für Verteidigung und Hilfe. Sie sind Ausdruck der Verpflichtungen,
die sich für uns aus unserer führenden Position in der Welt und unserer unbestrittenen wirtschaftlichen Stärke ergeben. Nach der
Wiedererholung der übrigen Industriestaaten, vor allem unserer

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
unserer Verbündeten in Westeuropa, haben wir uns nachdrücklich und
mit zunehmendem Erfolg bemüht, zusammen mit ihnen eine bessere Verteilung
unserer gemeinsamen Verantwortung sicherzustellen. Diese
Bemühungen haben es uns zusammen mit einer rigorosen Überprüfung
unserer Auslandskäufe ermöglicht, unsere Auslandsausgaben trotz
steigender weltweiter Anforderungen und Kosten zu senken, und gleichzeitig die Sicherheit der freien Welt zu vergrößern und die Hilfe
für die Entwicklungsländer unvermindert fortzusetzen.
Die laufende Modernisierung unserer bewaffneten Streitkräfte
und die Verbesserung ihrer Schlagkraft, die eine Erhöhung unserer
Verteidigungsbereitschaft zur Folge hatten, verringern die Notwendigkeit,von Dollarausgaben im Ausland. Weitere Einsparungen dürften
sich gleichzeitig dadurch ermöglichen lassen, daß wir unsere Hilfe
mehr als bisher an~ Beschaffungskäufe in den USA knüpfen und die
zivilen Ausgaben scharf einschränken. Bis zum Januar 1965 dürfte dies
zu einer Kürzung der Staatsausgaben im Ausland gegenüber 1962 um rund
1 Milliarde Dollar führen.
a) Militärausgaben.
Das Verteidigungsministerium hat seit dem Amtsantritt meiner
Regierung nachdrückliche Anstrengungen unternommen, die Auslandsausgaben ohne Minderung der Militärischen Einsatzbereitschaft zu
verringern.
Trotz der Berlin-Maßnahmen des Jahres 1961 und der steigenden
Kosten im Ausland konnten die Gesamtauslandsausgaben des Verteidigungsministeriums auf diese Weise noch unter dem Stand von 196O gehalten
werden. Auf Grund des Wunsches unserer Verbündeten, die zur Stärkung
der Verteidigung der freien Welt benötigten modernen militärischen
Ausrüstungen von uns zu erwerben, und zwar zu geringeren Kosten als
wenn sie die Ausrüstungen selbst herstellen würden, ergab sich ein
beträchtliches Gegengewicht zu diesen Ausgaben, so daß unsere NettoVerteidigungsausgaben im Ausland von 2,7 Milliarden Dollar im Jahre
1960 auf 1,9 Milliarden Dollar im Jahre 1962 zurückgegangen sind.
Im Rahmen dieser ständigen Bemühungen hat mich der Verteidigungsminister dahin gehend unterrichtet, daß die Jahresrate der Auslandsausgaben des Verteidigungsministeriums durch Maßnahmen, die noch vor
Ende des Kalenderjahres 1964 in Kraft treten sollen, gegenüber dem
Stand von 1962 um über 300 Millionen Dollar gesenkt werden wird.
Gleichzeitig wird das Verteidigungsministerium weiterhin Vereinbarungen
mitrunseren wichtigsten Verbündeten anstreben, um diese zu veranlassen,ihre militärischen Beschaffungskäufe in den USA zu erhöhen,
um so den Nettoabfluß weiter zu verringern. Der Verteidigungsminister
hat mir ferner versichert, daß diese Ausgabensenkung ohne jede
Schwächung unserer militärischen Position und ohne Beeinträchtigung
der Fähigkeit erreicht werden kann, unseren Verpflichtungen gegenüber
unseren Verbündeten in allen Teilen der Welt nachzukommen.
Neben

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Neben den direkten Ausgaben des Verteidigungsministeriums erhöhten sich unsere Verteidigungsausgaben im Ausland jahrelang
durch die Kosten der Programme für den Ankauf strategischer Rohstoffe in anderen Ländern. Die Kosten dieser Programme gehen nunmehr
stetig zurück, nachdem ihr Zweck erfüllt ist und sie nicht mehr
länger benötigt werden. Binnen zwei Jahren werden sie sich gegenüber
dem Stand von 1962 um 200 Millionen Dollar verringern lassen, so daß
sich eine Gesamteinsparung an Dollar-Ausgaben für die Verteidigung
von über 500 Millionen Dollar ergeben wird.
b) Amt für Internationale Entwicklung
Im Jahre i960 wurde nur etwa ein Drittel der Ausgaben im Rahmen
der Hilfsprogramme für den Ankauf amerikanischer Güter und Dienstleistungen verwendet. Im vergangenen Jahr ist dieser Anteil auf rund
50 Prozent gestiegen. Während des Haushaltjahres, das im vergangenen
Monat auslief, waren volle 80 Prozent der Zusagen des Amtes für Internationale Entwicklung an den Export amerikanischer Güter und
Dienstleistungen geknüpft. Der Rest entfiel praktisch auf Käufe in
den Entwicklungsländern und nicht in den Industriestaaten, welche die
Zahlungsbilanzüberschüsse aufweisen, die eine Ursache unseres Defizits
sind. Während des Haushaltjahres 1964» für das die Mittel gegenwärtig
im Kongreß geprüft werden, dürften die Zusagen des Amtes für Internationale Entwicklung, die an amerikanische Exporte geknüpft sind,
insgesamt die 80-Prozent-Grenze übersteigen. Ich habe den Administrator des Amtes angewiesen, diese Politik fortzusetzen und zu verstärken, so daß sich die Hilfsausgaben, die im Haushaltjähr 19^5 unsere
Zahlungsbilanz belasten, abermals um etwa 500 Millionen Dollar verringern werden - verglichen mit dem Finanzjahr 1961 von etwa 1 Milliarde Dollar auf höchstens 500 Millionen Dollar, was dem niedrigstmöglichen Stand entspricht.
c) Andere Ministerien und selbständige Bundesbehörden
Die Auslandsausgaben aller übrigen Regierungsbehörden sind ebenfalls einer besonderen Überprüfung und Kontrolle durch den Direktor
des Amtes für Haushaltsplanung unterzogen worden. Die Gesamtauslandsausgaben der Regierung - ausgenommen Verteidigung und Auslandshilfe,
Zahlungen des Schatzamtes für Auslandsschulden und Pensionszahlungen
des Bundes -, die unter diese Überprüfung fallen, betragen gegenwärtig
etwa 600 Millionen Dollar im Jahr. Der Direktor des Amtes für Haushaltsplanung hat mir versichert, daß die rigorose Überprüfung der Auslandsausgaben dieser anderen Ministerien und Bundesbehörden zu weiteren
beträchtlichen Einsparungen in der Zahlungsbilanz führen wird. Diese
Einsparungen würden zusammen mit denen, die auf Grund von Revisionen
der Programme im Rahmen des Gesetzes über die Ausweitung des Handels
und der Hilfe mit Agrarerzeugnissen (P.L. 480) zu erwarten sind, pro
Jahr einige hundert Millionen Dollar betragen. Dies schließt auch
mein Ersuchen an den Kongreß ein, ein Gesetz zu verabschieden, das
eine freiere Verwendung unserer gegenwärtigen Guthaben in den Währungen einer Anzahl anderer Länder ermöglicht.
4-i

8

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
4 • Abfluß kurzfristigen Kapitals
Durch geschickte Handhabung der Möglichkeiten, die Schuldenverwaltung und Währungspolitik bieten, haben das Schatzamt und das
Zentralbankensystem den Abfluß kurzfristigen Kapitals durch eine
Reihe behutsam vorgenommener Erhöhungen der Sätze für kurzfristiges
Geld beträchtlich eingeschränkt, während gleichzeitig ein ausreichendes Kreditvolumen erhalten und die Sätze für langfristige Gelder
sowie für Bankkredite niedrig gehalten werden konnten und vielfach
sogar noch weiter absanken. Die Erfahrungen während der sich seit
zweieinhalb Jahren vollziehenden Wiedeierholung berechtigen zu der
sicheren Erwartung, daß es uns durch entschlossene Bemühungen gelingen
wird, Gelder für langfristige Investitionen und Hypotheken reichlich
und billig verfügbar zu halten und gleichzeitig die Zinssätze für
kurzfristiges Geld zu erhöhen. Vom Februar 1961 bis zum 12. Juli 1963
zog der Satz für neu aufgelegte Breimonatspapiere des Schatzamtes
um 76 Basispunkte an, während der Anstieg bei langfristigen Bonds
des Schatzamtes auf nur 22 Basispunkte beschränkt werden konnte
und die Erträge bei erstklassigen Industrieanleihen und Hypotheken
praktisch zurückgingen.
Der erfaßte Abfluß kurzfristigen Geldes machte - zusammen mit
dem nichtregistrierten Netto-Abfluß ,der zweifellos größtenteils auf
kurzfristige Kapitalbewegungen zurückzuführen ist - 19^2 etwa 1,6
Milliarden Dollar aus und hat sich bisher auch in diesem Jahr in
beträchtlicher Höhe fortgesetzt. Eine starke Einschränkung dieses
Abflusses würde unsere Gesamtzahlungsbilanz bedeutend stärken. Aus
diesem Grunde haben mehrere Zentralbanken eine Erhöhung des Diskontsatzes von 3 auf 3 1/2 Prozent beschlossen. Gleichzeitig haben der
Zentralbankrat und die Bundesrückversicherungsanstalt der Depositenbanken die Höchstgrenze für Zinsen bei Zeiteinlagen, die zwischen 90 Tagen und einem Jahr fällig werden, angehoben, so daß unsere Banken nunmehr wirksamer den Wettbewerb mit den ausländischen Banken aufnehmen
und Mittel anziehen können, die anderenfalls aus dem Lande abgezogen
würden.
Wenn auch keiner von uns eine Anhebung der Zinssätze in einer
Zeit begrüßt, in der unsere Wirtschaft nicht mit voller Kapazitätsauenutzung arbeitet - in einer Zeit, in der liquide Sparguthaben
schnell zunehmen und keine gleichzeitige Beschränkung des Kreditvolumens und keine gleichlaufende Erhöhung der Zinssätze für Bankkredite, Hypotheken oder andere langfristige Schuldverschreibungen
erfolgt -»dürfte eine Anhebung der Sätze für kurzfristiges Geld
wenig oder überhaupt keine nachteilige Auswirkungen auf unsere
Wirtschaft haben. Die bisher einmalige Zunahme liquider Sparguthaben dürfte die Märkte für langfristigeres Kapital vor den Auswirkungen der höheren Sätze für kurzfristiges Geld weitgehend abschirmen. Mir ist sowohl von Vertretern des Schatzamtes wie des
Zentralbankensystems versichert worden, daß sie alles in ihren Kräften Stehende tun werden, sowohl bei der Schuldenverwaltung wie auch
durch Offenmarkt-Geschäfte, um bei Vermeiden einer Inflation zu
verhindern, daß die im Lande verfügbaren Kredite zurückgehen oder

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9 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
oder bei den Zinssätzen für langfristiges Geld ein Druck nach oben
entsteht, solange die Wirtschaft nicht mit voller Ausnutzung ihrer
Kapazität arbeitet. Andere Bundesbehörden werden sich darum bemühen,
daß auch weiterhin genügend private Hypotheken zu stabilen Zinssätzen
verfügbar sind. Trotzdem fordert die Situation immer dringlicher, auf
fiskalischem Gebiet einen Anreiz zu geben, wie dies durch die prompte
Verabschiedung der von mir empfohlenen wesentlichen Steuersenkungen
geschehen könnte.
5 • Abfluß langfristigen Kapitals
Der Abfluß langfristigen Kapitals, soweit er aus Direkt-Investitionen in ausländischem Produktionseinrichtungen resultiert, scheint
in den letzten Jahren zurückgegangen zu sein, während die PortefeuilleInvestitionen in Form von langfristigen Anleihen oder WertpapierKäufen stark angestiegen sind. Während unser langfristiges Programm
den Anreiz für Investitionen im Inland erhöhen und den Abfluß auf
Grund von Direkt-Investitionen weiter verringern dürfte, sind beim
zunehmenden Abfluß langfristigen Kapitals für Portefeuille-Investitionen im Ausland bisher noch keinerlei Anzeichen eines Rückganges
erkennbar. Dieser Kapitalabfluß ist von 850 Millionen Dollar im Jahre
196O auf 1,2 Milliarden Dollar im Jahre 1962 gestiegen und liegt bisher
in diesem Jahr - auf Jahresbasis umgerechnet - weit über 1,5 Milliarden
Dollar.
Angesichts des Fortbestehens direkter Kontrollen und unzureichender Kapitalmarkteinrichtungen in zahlreichen anderen Ländern sowie der
großen Differenz bei langfristigen Zinssätzen zwischen den großen Industriestaaten und den USA scheint es nur drei mögliche Lösungen für
dieses Problem zu geben, von denen zwei unter den derzeitigen Bedingungen
nicht akzeptabel sind:
Eine wesentliche Erhöhung unseres gesamten Zinsgefüges für langfristige Anlagen würde für unsere Wirtschaft einen Rückschlag bedeuten,
die Arbeitslosigkeit erhöhen und unseren Import-Bedarf erheblich einschränken, wodurch wiederum die Volkswirtschaften der freien Nationen
Schaden erleiden würden.
Die Einführung direkter Kapitalkontrollen, wie sie in den meisten
Ländern angewandt werden, ist bei Verhältnissen, wie sie bei uns herrschen, nicht angebracht. Sie stünde im Gegensatz zu unserem grundlegenden Prinzip freier Märkte. Wir können diesen Weg nicht beschreiten.
Eine dritte Alternative, die ich empfehle, würde der Verkaufsflut
ausländischer Effekten auf unseren Märkten Einhalt gebieten und stünde
voll und ganz in Einklang sowohl mit einer Wirtschaftsexpansion wie auch
einem freien Kapitalverkehr. Ich ersuche den Kongreß um die Verabschiedung eines Zinsausgleichssteuergesetzes, das praktisch für Ausländer,
die Geld in diesem Land aufnehmen, die Zinskosten um ein Prozent erhöhen und so dazu beitragen würde, die Zinssätze für langfristige
Finanzierungen in den USA und im Ausland einander anzugleichen. Die
Höhe der Steuer würde von 2,75 Prozent bis auf 15 Prozent des Effektenwertes ; abgestuft werden, je nach Fälligkeit der Schuldverschreibung.

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Schuldverschreibung, und sollte 15 Prozent im Falle von DividendenPapieren betragen. Diese Steuer sollte bis 1965 in Kraft bleiben,
da bis dahin eine Besserung sowohl bei unserer Zahlungsbilanz als
auch der Lage auf den ausländischen Kapitalmärkten ihre Aufhebung
gestatten dürfte.
Angesichts dieser Alternative wird die Verwendung von Spareinlagen für Investitionen in Wertpapieren weiterhin das Ergebnis
von Entscheidungen sein, die durch die Marktpreise bestimmt werden.
Es wird weder Begrenzungen hinsichtlich des Absatzes ausländischer
Titel noch eine staatliche Prüfung von Kreditnehmern geben. Wir vertrauen darauf, daß ausschließlich der Preis den Abfluß amerikanischer
Gelder durch Erwerb von Aktien, Schuldverschreibungen und langfristigen
Anleihen eindämmen wird, ganz gleich, ob es sich um neue oder alte
Emissionen handelt, ob sie öffentlich aufgelegt oder privat placiert
worden sind.
Auf Direktinvestitionen würde sich die Steuer nicht beziehen desgleichen nicht auf Wertpapiere oder Anleihen, die in weniger als
drei Jahren fällig werden, oder von Geschäftsbanken gewährte Anleihen.
Diese Ausnahmen werden sicherstellen, daß Exportkredite im vollem Umfang
verfügbar bleiben. Außerdem werden Wertpapiere unterentwickelter Länder oder von Firmen, die hauptsächlich in diesen Ländern tätig sind,
nicht dieser Steuer unterliegen.
Ebensowenig wird die Steuer bei Geschäften mit ausländischen
Wertpapieren»die sich bereits im Portefeuille von Amerikanern befinden,
oder beim Wertpapiererwerb durch Ausländer zur Anwendung kommen.
Emissionsfirmen oder Händler werden dann von der Steuer befreit sein,
wenn sie bei Neuemissionen Aktien oder Wertpapiere an Ausländer
verkaufen. Alle Amerikaner jedoch, die neue oder alte Wertpapiere
von ausländischen Emissionären oder Besitzern erwerben, würden der
Steuer unterliegen. Um ungerechte Belastungen von Transaktionen zu
vermeiden, die nahezu abgeschlossen sind, sollte die Steuer nicht auf
Offerten von Wertpapieren angewendet werden, für die ein ordnungsgemäßer Zulassungsantrag bei der Wertpapier- und Börsenkommission bereits
läuft. Ebenso sollten bereits, eingegangene Abnahmeverpflichtungen davonunberührt bleiben.
Der Finanzminister wird dem Kongreß die Einzelheiten dieses Vorschlages unterbreiten, und es wurde mir versichert, daß der Ausschuß
für Haushaltsfragen des Repräsentantenhauses bereit ist, diese Vorlage
mit größter Dringlichkeit zu beraten, sobald eine Entscheidung über
das gesamte Steuersenkungs- und -re*formprograram,das dem Haus jetzt
vorliegt, gefallen ist. Da die Wirksamkeit dieser Steuer von einer
schnellen und sofortigen Anwendung abhängt, ersuche ich den Kongreß,
diese Gesetzgebung mit dem Datum dieser Botschaft wirksam werden zu
lassen. Die Bundesfinanzverwaltung wird sofort eine Übergangsregelung
treffen, um die Erfüllung der in dieser Empfehlung vorgesehenen
Vorschriften bis zum Erlaß entsprechender gesetzlicher Bestimmungen
durch den Kongreß sicherzustellen.

6.

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6. Investitionen ausländischer Geldanleger
Die Investitionen ausländischer Anleger in Wertpapiere, amerikanischer Privatunternehmen sind im Jahre 1962 sehr schnell auf weniger als 150 Millionen Dollar zurückgegangen. Das bessere Investitionsklima, das die Verabschiedung des dem Kongreß jetzt vorliegenden
Steuersenkungs- und -feformprogramms mit sich bringen wird, dürfte
zwar viel zur Verbesserung der Situation beitragen; daneben aber
brauchen wir ein direktes Aktionsprogramm zur Förderung des Auslandsabsatzes von Wertpapieren amerikanischer Privatunternehmen. Ein derartiges Programm sollte auch die Auslandsbeteiligung an der Finanzierung von neuen oder Ausbauvorhaben von im Ausland tätigen amerikanischen Privatfirmen steigern.
Um diesen beiden Seiten ein und desselben Problems gerecht zu
werden, sollte sich ein neues und positives Programm auf die folgenden
Tätigkeitsbereiche richten:
a) die Feststellung und kritische Durchleuchtung der juristischen, verwaltungstechnischen und institutionellen Restriktionen, die
auf den Kapitalmärkten anderer Industriestaaten der freien Welt fortbestehen und sowohl den Erwerb amerikanischer Wertpapiere unterbinden
als auch die amerikanischen Gesellschaften bei der Finanzierung ihrer
Auslandstätigkeit aus nicht-amerikanischen Quellen behindern.
b) eine Überprüfung amerikanischer staatlicher und privatwirtschaftlicher Maßnahmen, die den Erwerb von Wertpapieren amerikanischer
privater Unternehmen durch Ausländer beeinträchtigen; und
c) umfassende und
kanischen Geldwirtschaft,
ternehmen an ausländische
von ausländischem Kapital
verbessern.

tatkräftige Anstrengungen seitens der amerium Wertpapiere privater amerikanischer UnGeldgeber abzusetzen und die Verfügbarkeit
für im Ausland tätige US-Unternehmen zu

^
Ein solches Programm erfordert zwangsläufig eine Zusammenfassung
des technischen Wissens und der Anstrengungen seitens der Regierung
und der Geldwirtschaft. Ich habe das Finanzministerium ersucht, in
Fühlungnahme mit dem Außenministerium einen entsprechenden Organisationsplan aufzustellen und ein derartiges Programm auszuarbeiten.
Die größere Freizügigkeit des Kapitals und die vermehrte Beteiligung von Ausländern und ausländischen Geldinstituten am Eigentum
und an der Finanzierung amerikanischer Unternehmen, auf die diese
Anstrengungen gerichtet sind, werden dazu beitragen, die wirtschaftlichen und politischen Bindungen innerhalb der freien Welt und ihres
Währungssystems zu verstärken. Wertpapiere privater amerikanischer
Unternehmen könnten und sollten zu einem unserer besten Exportartikel werden. Verstärkte Investitionen ausländischer Geldgeber
in derartige 3 Wertpapiere werden einen ausgeglicheneren Kapitalverkehr in beiden Richtungen zwischen dem Kapitalmarkt der Vereinigten

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�"AMERIKA DIENST" - y/IRTSCHAFT UND ARBEIT
Vereinigten Staaten und den ausländischen Kapitalmärkten auslösen
und die Auswirkungen des Netto-Abflusses an langfristigem Kapital
aus den Vereinigten Staaten auf unsere Zahlungsbilanz abschwächen.
7. Besondere Transaktionen
Besondere Transaktionen der Regierung deckten 1,4 Milliarden
Dollar unseres Zahlungsbilanzdefizits von 1962 ab. Darunter fielen
vorzeitig geleistete Schuldentilgungsraten fremder Staaten, Vorauszahlungen auf Rüstungskäufe in den USA und die Ausgabe von Obligationen mittlerer Laufzeit an ausländische Institutionen, die in
staatlichem Auftrag Dollar-Guthaben unterhalten. Weitere vorzeitige
Schuldentilgungen sind auch für 1963 zu erwarten - so hat Frankreich eben jetzt die vorzeitige Rückzahlung von 160 Millionen Dollar
angekündigt -, doch es ist klar, daß es sich hier um einmalige Zuflüsse handelt, die sich kaum später wiederholen dürften. Es ist auch
nicht wahrscheinlich, daß die Vorauszahlungen auf Rüstungskäufe abermals so hoch sein werden, da sich die Lieferfristen verkürzen.
Insofern als unser anhaltendes Zahlungsbilanzdefizit dazu führt,
daß ausländische Zentralbanken Dollar-Guthaben ansammeln, die ihren
normalen Dollarbestand übersteigen bedeutete es eine gewisse Abhilfe,
als eine Anzahl ausländischer Regierungen und Zentralbanken mit dem
Ankauf einer neuen Art von nichthandelsfähigen mittelfristigen Papieren
des Schatzamtes, die entweder auf Dollar oder auf ihre eigenen Währungen lauten, als einer ihnen genehmen Alternative zu dem Ankauf von
Gold begannen, Rund 610 Millionen Dollar sind bisher im Jahre 19&amp;3 i"
solchen Papieren ausgegeben worden.
Weitere vorzeitige Schuldenrückzahlungen sowie der weitere Absatz dieser Papiere während des Restes dieses Jahres werden das noch
nie dagewesene Ausmaß an Zusammenarbeit, wie sie gegenwärtig im internationalen Finanzverkehr vorherrscht, sowie die wachsende Erkenntnis
widerspiegeln, daß die Korrektur unausgeglichener Zahlungsbilanzen
sowohl eine Pflicht der Überschuß- wie auch der Defizitländer ist.
In diesem Geiste werden wir weiter auf eine umfassendere und gerechtere Aufteilung der Verteidigungslasten sowie auf den teilweisen oder
gänzlichen Abbau von Handelsschranken drängen, die unseren Export behindern.
8. Goldverkäufe
Das nach d i e s e n besonderen R e g i e r u n g s t r a n s a k t i o n e n v e r b l e i b e n d e
D e f i z i t wird über Goldverkäufe und e r h ö h t e Dollar-Guthaben a b g e d e c k t .
Im J a h r e 1962 b e t r u g d i e s e s D e f i z i t rund 2,2 M i l l i a r d e n D o l l a r . Es
wurde durch Abgabe von Gold für 890 M i l l i o n e n D o l l a r , 17 M i l l i o n e n
D o l l a r aus unseren Devisenbeständen sowie e i n e Erhöhung der a u s l ä n dischen Guthaben an US-Dollar und amerikanischen S t a a t s p a p i e r e n um
653 M i l l i o n e n D o l l a r und e i n e Zunahme der Dollar-Guthaben des I n t e r n a t i o n a l e n Währungsfonds um 626 M i l l i o n e n D o l l a r a b g e d e c k t .
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
Der Gesamtgoldabfluß in den beiden Jahren 1961 und 1962 zusammen
war nur geringfügig höher als der Goldabfluß allein im Jahre i960.
Und der Goldabfluß im Jahre 1963 liegt bei einer Jahresrate, die niedriger als die vom vergangenen Jahr ist. Da die Anhebung der kurzfristigen Zinssätze auf Grund der jüngsten Maßnahmermehrerer Zentralbanken Ausländern einen wesentlich größeren Anreiz geben wird, ihr
Geld in Dollar einschließlich kurzfristiger Papiere der US-Regierung
anzulegen, besteht jetzt mehr Aussicht, daß ein noch größerer Teil
unseres Defizits über steigende ausländische Guthaben statt über
den Verkauf von Gold abgedeckt wird.
9. Internationaler Währungsfonds
Beim Internationalen Währungsfonds (IWF) liegen die Dinge jedoch
anders. Im vergangenen Jahr stiegen die Dollar-Guthaben des IWF an,
da andere Länder ihre Dollar-Schulden zurückzahlten und sich bei der
Kreditaufnahme, soweit angängig, auf andere konvertierbare Währungen
konzentrierten. Die Bestimmungen des IWF besagen jedoch, daß das
Gesamtguthaben des Fonds in einer bestimmten Währung - außer im Falle
der Inanspruchnahme der Ziehungsrechte, d.h. der Kreditaufnahme - die
bei der Gründung geleistete Einzahlung (in der Praxis 75 Prozent) nicht
überschreiten darf; die Dollarbestände haben aber diese Grenze nunmehr
fast erreicht.
Um dieser Situation gerecht zu werden, haben die Vereinigten Staaten den Fonds um die Einräumung eines Standby-Kredits in Höhe von 500
Millionen Dollar ersucht, der es ihnen gestattet, im Laufe des kommenden Jahres von Zeit zu Zeit Kreditmittel in Anspruch zu nehmen. Das
Direktorium des IWF hat diesem Ersuchen entsprochen. Wir beabsichtigen,
diese Ermächtigung dazu zu benutzen, Rückzahlungen zu ermöglichen, die
sich im Laufe der nächsten zwölf Monate auf etwa 500 Millionen Dollar
belaufen werden. Wenn ein Land Rückzahlungen an den IWF zu leisten
wünscht, werden wir konvertierbare ausländische Devisen abrufen und
dafür mit Dollar bezahlen. Das Land, das die Rückzahlung leistet,
wird seine eigenen Dollar dazu benutzen, um diese ausländischen Devisen bei uns anzukaufen und sie an den IWF abzuführen. Alle Transaktionen werden zu pari vorgenommen. Auf diese Weise wird der IWF einen
weiteren Teil unseres Defizits dadurch abdecken, daß er seine DollarGuthaben erhöht; und seine Schuldner werden auch künftig über eine
einfache kostenlose Methode verfügen, um ihren Verpflichtungen gegenüber dem IWF nachzukommen. Die Alternative für sie unter den gegenwärtigen Umständen, nachdem sie nicht mehr direkt in Dollar zahlen
können, würde sein, entweder in den USA Gold anzukaufen und dieses
an den IWF abzuführen oder aber mit ihren Dollar andere konvertierbare Währungen auf dem offenen Markt anzukaufen, was für sie mit
zusätzlichen Kosten und Unannehmlichkeiten verbunden wäre.
Abhebungen durch die USA auf Grund dieser neuen Vereinbarung
müssen in drei Jahren zurückgezahlt werden, wobei gegebenenfalls eine
Verlängerung um zwei Jahre möglich ist. Es müssen keine Zinsen bezahlt
werden, aber bei jeder Inanspruchnahme des Kredits wird eine einmalige
Verwaltungsgebühr von einem halben Prozent erhoben.
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10. Die Entwicklung eines internationalen Währungssystems
Während der beiden vergangenen Jahre sind große Fortschritte
bei der Stärkung der Grundlagen für ein internationales Währungssystem gemacht worden, von dem die gesamte freie Welt abhängt. Es
wurde eine weit engere Zusammenarbeit zwischen den Zentralbanken
der führenden Industriestaaten erreicht. Es wurden gegenseitige
Kreditvereinbarungen getroffen, um verhängnisdrohenden Störungen
im internationalen Zahlungssystem rasch begegnen zu können - Vereinbarungen, die die monetären Auswirkungen der Berlin-Krise des
Jahres 1961, des starken Drucks auf den kanadischen Dollar im Frühjahr 1962, der Kuba-Krise im vergangenen Herbst, der Reaktionen auf
den Ausschluß Großbritanniens vom Gemeinsamen Markt sowie einer
Anzahl weniger spektakulärer Ereignisse erfolgreich abschwächten,
die vielleicht in anderen Jahren gefährliche Wellen von Währungsspekulationen ausgelöst hätten. Informelle und dabei äußerst wirksame Arbeitsbeziehungen haben sich zwischen einer Anzahl der gleichen
Länder in bezug auf den Londoner Goldmarkt herausgebildet, durch
die für die Zukunft jede Wiederholung des alarmierenden Anstiegs
der Goldpreise ausgeschaltet wird, der im Oktober i960 so große Unsicherheit ausgelöst hatte. Schließlich haben zehn der führenden
Industriestaaten eine Zusage gegeben, 6 Milliarden Dollar an zusätzlichen Mitteln für den Internationalen Währungsfonds bereitzustellen,
die im Falle einer Gefährdung der Stabilität des internationalen
Währungssystems eingesetzt werden könnten.
Alles in allem wurde damit ein starkes Bollwerk als Schutz
vor erfolgreichen Angriffen auf die Hauptwährungen geschaffen..Unsere
Bemühungen um eine Verstärkung dieses Schutzes werden fortgesetzt.
Während dieser Prozeß abläuft, werden die Vereinigten Staaten fortfahren, mit anderen Ländern Maßnahmen zu prüfen und zu erörtern,
die zur weiteren Stärkung des internationalen Währungssystems auf
lange Sicht ergriffen werden könnten. Das Interesse der USA an der
ständigen Weiterentwicklung des seinerzeit in Breton Woods geschaffenen Systems ist keine Folge unseres gegenwärtigen Zahlungsbilanzdefizits; es spiegelt vielmehr unser Streben wider, ausreichende Vorkehrungen für die Erhöhung der internationalen Liquidität zu treffen,
um den expandierenden Welthandel in den kommenden Jahren finanzieren
zu können. Einer der Gründe, die die Erschließung neuer Quellen
liquider Mittel erforderlich machen dürften,ist in eben der Tatsache
zu sehen, daß wir der übrigen Welt immer wehiger Dollar verfügbar
machen werden, je mehr es uns gelingt, unsere Zahlungsbilanzlücke
zu schließen.
Im gegenwärtigen Zeitpunkt ist die US-Regierung nicht imstande,
irgendwelche spezifischen Maßnahmen für eine langfristige Verbesserung
des internationalen Währungssystems zu empfehlen. Wir prüfen diese
Frage jedoch eingehend. Wir werden mögliche Verbesserungen mit unseren Freunden im Ausland erörtern. Und wir werden ihren Initiativen
gegenüber aufgeschlossen sein. Wir teilen ihre Ansicht, daß das Problem einer Verbesserung des Zahlungsmechanismus sorgfältige gemeinsame
Überlegungen erfordert. Zugleich geben wir jedoch nicht vor, daß Gespräche über langfristige Reformen des Systems ein Ersatz für Maßnahmen
sind, die wir selbst jetzt ergreifen müssen.
Verheißungen
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Verheißungen für die Zukunft
Eine volle Verwirklichung des von mir heute umrissenen Aktionsprogramms sollte zu einer wesentlichen Verbesserung unserer internationalen Zahlungsbilanz führen. Die Regierungsausgaben im Ausland
werden im Laufe der nächsten 18 Monate um 900 Millionen Dollar zurückgehen. Und die Auswirkungen der Anhebung der Zinssätze für kurzfristige Gelder und der Zinsausgleichssteuer werden zusammen diesem
Betrag etwa gleichkommen oder ihn, was noch wahrscheinlicher ist,
sogar übersteigen. Erfolge in dieser Größenordnung - schätzungsweise
2 Milliarden Dollar - werden uns die Zeit geben, die wir für unser
grundlegendes langfristiges Programm benötigen, das darauf gerichtet
ist, unsere internationale Wettbewerbsposition zu verbessern und Investitionen in den Vereinigten Staaten attraktiver zu gestalten.
Diese beiden Ziele müssen die Grundlage für jede permanente
Schließung der Zahlungsbilanzlücke bilden, und mit diesem Programm
werden sie ohne jede Gefährdung unseres Wirtschaftswachstums im
Inland erreicht werden. Mit ihm wird sich dies bewerkstelligen
lassen, ohne unser Festhalten an den Prinzipien eines freieren Handels
und eines freien Kapitalverkehrs in Frage zu stellen Es wird vielmehr
dazu beitragen, dem Drängen auf noch restriktivere Maßnahmen entgegenzuwirken. Kurz gesagt, wenn wir jetzt unsere Anstrengungen intensivieren müssen, so können wir dies in vollem Vertrauen auf die Zukunft
tun.

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./27.9.1963

DIE ROLLE DEUTSCHLANDS IN DER ENTWICKLUNG DER WELTPOLITIK

DAYTON (Ohio) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Rede, die der Vorsitzende des
Planungsstabes im US-Außenministerium,
Walt W. Rostow, am 18. September 1963
vor der Universität von Dayton gehalten
hat.

"Ich bin heute hierhergekommen, um zu Ihnen über die Rolle
Deutschlands in der Entwicklung der Weltpolitik zu sprechen.
Wenn man das heutige Deutschland betrachtet und die Geschichte
dieses Jahrhunderts überdenkt, dann wird klar, daß die inneren
Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland und ihre Rolle im
Weltgeschehen Ausdruck einer außerordentlichen Leistung sind sicherlich einer der größten Leistungen der Nachkriegsgeneration.
Ich meine damit nicht nur das Wunder des deutschen wirtschaftlichen Wiederaufstiegs, durch welches ein verwüstetes Land, dem
ein wichtiger Teil seines Territoriums temporär weggenommen wurde,
rund elf Millionen Flüchtlinge aufnehmen und dann darangehen konnte,
seinen Wiederaufbau zu betreiben und für alle seine Menschen neue
Fundamente des wirtschaftlichen und sozialen Lebens zu schaffen.
Ich denke vielmehr an die Bildung einer stabilen, demokratischen
Staatsführung, getragen von einer weitgehenden nationalen Übereinstimmung in außen- und innenpolitischen Angelegenheiten, die über
die großen Parteien hinausreicht,und nahezu frei von der Bitterkeit und Zersplitterung
die die demokratische Politik in Teilen Europas in der Vergangenheit gekennzeichnet haben.
Ich denke an die unerschütterliche Loyalität der Bundesrepublik
Deutschland gegenüber den Konzeptionen der europäischen Integration
und der atlantischen Partnerschaft.
Ich denke an die wachsende Rolle Deutschlands als einer konstruktiven Kraft in vielen Teilen der Welt außerhalb Europas.

Und

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1

�"AMERIKA DIENST"
Und ich denke auch an die Verbindung von innerer Haltung
und Entschlossenheit, mit der das deutsche Volk trotz ständiger
kommunistischer Provokationen und angesichts der kommunistischen
Versuche, seine Berechtigte Sorge um seine Landsleute und seinen
berechtigten Anspruch auf nationale Selbstbestimmung als einen
Wunsch nach blutiger Rache für die Niederlage im zweiten Weltkrieg
hinzustellen, seiner endlichen Wiedervereinigung mit friedlichen
Mitteln entgegenblickt.
Um das Ausmaß dieser Leistung zu verstehen, muß man auf die
neuere Geschichte Deutschlands und die vier Hauptfaktoren zurückgreifen, die zusammen diese Geschichte so schwierig gestaltet haben
- schwierig für Deutschland, für seine Nachbarn und für die Welt.
Erstens ist Deutschland, gemessen an den Staaten der Neuzeit,
erst spät gegründet worden. Frankreich, England, Rußland und selbst
die Vereinigten Staaten hatten bereits ein klares Empfinden für
nationale Identität und nationale Einheit entwickelt, als die
deutschen Stämme Mitte des 19« Jahrhunderts noch um die Errichtung
einer wirklichen nationalen Einheit kämpften. Diese Zufallserscheinung der Geschichte mochte Deutschland das Gefühl geben, daß es in
Eile eine Menge nachzuholen hatte, ehe es den ihm zustehenden Platz
in Europa und in der Welt einnehmen konnte. Es machte Deutschland
bei der Bestimmung seines nationalen Geschicks unsicherer und selbstbewußter zugleich.
Zweitens wurde die deutsche Einheit in ihrer ersten Phase durch
das Land Preußen beherrscht, Dieses nordöstliche Gebiet hatte eine
lange vom Militarismus geprägte Geschichte hinter sich und stand den
liberalen Strömungen des Denkens und Empfindens ziemlich fern, die
Ende des 18. Jahrhunderts.und insbesondere während der Französischen
Revolution und in der Zeit danach Westeuropa, einschließlich Westdeutschland, erfaßten. In gewissem Sinne verkörpert das heutige
Deutschland den Sieg - und meiner Überzeugung nach den endgültigen
Sieg - jener Männer, die im Jahre 1848 die Frankfurter Nationalversammlung zustande brachten, wenngleich die Revolution von 1948 durch
Preußen und die deutschen Nationalisten seinerzeit zunichte gemacht
wurde,
.
Drittens ist da die einfache Tatsache der Tatkraft, der Entschlossenheit und Fähigkeit der Deutschen, ihr Nationalgefühl und
ihre nationale Identität in der Welt nachdrücklich zum Ausdruck zu
bringen. Im Zusammenspiel der politischen Machtinteressen in Europa
hat dieses Sich-Vordrängen, sagen wir, zwischen 1860 und 1945 immer
wieder die größten Probleme dadurch aufgeworfen, daß die deutschen
Ambitionen und die Lebensinteressen anderer Nationen frontal aufeinanderprallten - obschon es lang andauernde Perioden gab, in denen
Deutschland friedliche Kanäle für sein Talent und seinen nationalen
Ehrgeiz fand, die in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung des internationalen Lebens bedeuteten - zum Beispiel auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Pädagogik, der Literatur sowie in allen anderen Bereichen
der westlichen Kultur.
rt^A
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2 -

�'AMERIKA DIENST"
Und schließlich gibt es die Tatsache der geographischen Lage:
Deutschland liegt im Scheitelpunkt des Gleichgewichts der Kräfte
in Europa. Seine Lage, seine Bevölkerung und die Konzentration
seiner Hilfsquellen machen es zu einem entscheidend wichtigen
Gebiet zwischen Ost und West. Manche Deutschen konnten einst sogar
davon träumen, diese Lage zu nutzen, um Europa zu beherrschen. Vom
Standpunkt der Kommunisten aus ist Deutschland im Kampf um die
Weltherrschaft nach wie vor der lohnendste Preis.
Das Zusammenwirken dieser Faktoren der Geschichte, der nationalen Kämpfe und der geographischen Lage ist die Ursache ernster
Schwierigkeiten gewesen. Den erfahrenen schmerzlichen Lehren aber
ist in den Nachkriegsjähren durch das deutsche Volk selbst, durch
seine westlichen Nachbarn und bis zu einem gewissen Grade auch durch
uns eine Wendung zum Konstruktiven gegeben worden.
Denn wir in den Vereinigten Staaten haben in unserer Europapolitik
zwischen den beiden Weltkriegen
. schwere Fehler gemacht, und auch
wir mußten schmerzliche Lehren hinnehmen und zur Anwendung bringen.
Dadurch daß wir dem Völkerbund nicht beitraten, und dadurch daß wir
unsere Anwesenheit und unser militärisches Potential nicht zu einem
festen Faktor in den europäischen Sicherheitskalkulationen machten,
trugen wir zur Schaffung einer Situation bei, die es Hitler ermöglichte, von einer deutschen Herrschaft über Europa und einer europäischen Herrschaft über die Welt zu träumen. Wie ich mich erinnere,
enthielten die Tagebücher Graf Cianos mit ihren detaillierten Aufzeichnungen der Achsendiplomatie in den dreißiger Jahren praktisch keine
Hinweise auf die Vereinigten Staaten. Hitler und Mussolini träumten
ihre Träume und machten Pläne, als ob die Vereinigten Staaten als
Faktor im europäischen Kräftespiel gar nicht existierten. Unser Isolationismus in der Zeit zwischen den Kriegen ermutigte noch zu dieser
tragischen Engstirnigkeit.
Eingedenk dieser Lehren bemühte sich die amerikanische Regierung
unmittelbar nach dem Kriege, gegenüber dem europäischen Kontinent eine
Politik zu betreiben, durch die die Fehler früherer Zeiten vermieden
würden.
Nachdem es im Winter und Frühjahr 1946 ..klargeworden war, daß die
Sowjetunion die Einigung Deutschlands und Europas auf der Basis der
politischen Freiheit nicht zulassen würde, begannen wir eine Politik
zu entwickeln, die noch immer Gültigkeit hat, nämlich eine Politik,
die den Aufbau eines blühenden und "vereinigten Westeuropas,das in
militärischen und anderen wichtigen Angelegenheiten eng mit den Vereinigten Staaten und Kanada verbunden sein, und das in weitgehender
Übereinstimmung mit Nordamerika seine Rolle als Großmacht im Weltgeschehen wieder einnehmen würde, unterstützte.
Vier Faktoren bestimmten die Gestaltung dieser Politik.
Da war erstens Deutschland selbst. Man hielt es für entscheidend
wichtig, ein starkes, integriertes europäisches Gefüge zu schaffen, das

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�AMERIKA DIENST"
das ein voraussichtlich noch für einige Zeit gespaltenes Deutschland
als gleichberechtigten Partner aufnehmen konnte, ein Gefüge, das
den Deutschen die Möglichkeit gehen würde, ihre große Tatkraft
und ihre Hilfsquellen zu mobilisieren und diese angesichts der unumgänglichen Belastungen, die ihnen durch die Geschichte und die
geographische Lage ihres Landes auferlegt wurden, in konstruktive
Bahnen zu lenken. Bundeskanzler Adenauer hat sehr richtig gesagt,
daß die Mitgliedschaft Deutschlands in einer integrierten europäischen
Gemeinschaft den besten Schutz gegen ein Wiederaufleben nationalistischer Tendenzen in Deutschland gewähre.
Zweitens war da Moskau. Europa sah sich einem geeinten Gegner
gegenüber, der im Begriff war, sein bis zur Elbe erweitertes Imperium
zu konsolidieren, und der jede Uneinigkeit, oder Schwäche, die er beim
Westen entdecken konnte, für sich auszunutzen suchte. Ein vereintes,
mit den Vereinigten Staaten verbundenes Europa schien das einzige
leidlich sichere Organisationsgefüge zu sein, das mit diesem zentralisierten und immer mächtiger werdenden Herd aktiver Feindseligkeit
fertig zu werden vermochte.
Drittens gab es jene Erkenntnis, in der viele Menschen beiderseits des Atlantik die eigentliche geschichtliche Lehre des zweiten
Weltkriegs sahen, daß nämlich in der Welt der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts die einzelnen Nationalstaaten Europas nur dann
wirksam eine bedeutendere Rolle im Weltgeschehen spielen könnten,
wenn sie sich vereinten und wenn diese Vereinigung in der Form eines
echten Zusammenschlusses, nicht aber einer lockeren Gruppierung
völlig souveräner Staaten erfolgte. Der Schauplatz der Weltpolitik
hatte sich derart erweitert, daß er den gesamten Planeten umfaßte;
und die Technologie effektiver Macht hatte den Maßstab der alten
Staaten Europas weit übertroffen. Der geschichtliche Wettstreit
um Macht und Ansehen unter ihnen ließ sich nur auf Kosten ihrer
allgemeinen Bedeutung als einer Stimme in der Weltpolitik und unter
dem Risiko für ihre gemeinsame Sicherheit weiter fortführen.
Und schließlich gab es das wirtschaftliche Argument: Das volle
wirtschaftliche Potential Europas konnte nur auf der Grundlage eines
weiträumigen und äußerst konkurrenzfähigen Festlandmarktes entwickelt
werden.
Ich kann mich noch sehr lebhaft daran erinnern, daß Anfang 1946,
als diese Fragen zum erstenmal erörtert wurden - ich bekleidete damals eine untergeordnete Stellung im US-Außenministerium -, die Gefahren dieser Politik für die Vereinigten Staaten offen dargelegt
wurden: Wie könnten wir sicher sein, daß ein vereintes Europa tatsächlich eine mit den amerikanischen Interessen in Einklang stehende
Politik verfolgen würde? Würde es nicht sicherer sein, mit Europa
ein bilaterales Beziehungsverhältnis einzugehen, das es uns - auf
Grund der aus unserer Verhandlungsposition resultierenden Möglichkeiten - erlauben würde, den Einfluß der Vereinigten Staaten auf
die europäischen Angelegenheiten über einen längeren Zeitraum zu

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Wir entschieden uns dafür, daß den umfassenderen Interessen
der Vorrang gebührte; und wir setzten uns weiter für die Förderung
der «uropäischen Integration ein. Hinter dieser Entscheidung stand
ein Akt des Vertrauens - des Vertrauens darin, da3 die elementare Kraft der
atlantischen Verbindung, die bereits in zwei Weltkriegen erprobt
und unter Stalin einer dritten Prüfung unterzogen worden war,
obsiegen würde., und daß ein Vereintes Europa seine Politik auf dem
sich in unseren jeweiligen Interessen im Grunde Deckenden, nicht
aber auf den möglichen Divergenzen und Antagonismen aufbauen würde die offenkundig genug waren und sind.
Diese Einstellung gegenüber dem Problem Europas und Deutschlands
bildete den Ausgangspunkt für den Ausbau des Marshallplans. Wir trugen
unser Teil zum Aufbau der NATO bei, wir setzten uns für die Montanunion und Euratom ein und unterstützten den Gemeinsamen Markt. Im
Rahmen dieser Politik - auf die die deutsche Führung schöpferisch
reagierte - hat dann die Bundesrepublik den Weg zu einer Rolle der
Würde, der Gleichberechtigung und Führung innerhalb Westeuropas
selbst, in den Gremien der Atlantischen Gemeinschaft und im Weltgeschehen wiedergefunden.
Ich glaube, das deutsche Volk und seine politischen Führer verstehen besser als die meisten anderen, daß die wirklichen Probleme,
denen sie und wir im Westen gegenüberstehen, nur durch eine geschlossene europäische Aktion und atlantische Partnerschaft gelöst werden
können .
In geschichtlicher Hinsicht haben sie - mit echter Einsicht
und Aufrichtigkeit - die alte Rivalität mit Frankreich aus der Welt
geschafft und die französisch-deutsche Wiederannäherung zum Hauptziel
einer Politik auf lange Sicht gemacht, die im Rahmen einer integrierten europäischen Gemeinschaft und gesunden atlantischen Partnerschaft
zu verwirklichen ist.
In militärischer Hinsicht leben die Deutschen schließlich an
einer exponierten Grenze der freien Welt. Sie wissen, daß der Schutz
dieser Grenze und West-Berlins nicht durch bloße Gesten oder selbstauferlegte Zurückhaltung der Kommunisten erreicht worden ist, sondern durch eine gewaltige Mobilisierung militärischer Hilfsmittel
und den offensichtlichen Willen, sie zu nutzen, Sie wissen ferner, daß
die militärische Stärke der Vereinigten Staaten - in der Form unterirdischer Silos, der unter der Meeresoberfläche operierenden POLARISUnterseeboote, der Flugzeugträger, der alarmbereiten Flugzeuge auf den
über die ganze Welt verstreuten Flugstützpunkten und der einsatzbereiten Reserve in den Vereinigten Staaten, zusammen mit den Truppen der
amerikanischen Garnison in Berlin und den amerikanischen Soldaten,
die auf deutschem Boden Seite an Seite mit ihren eigenen stehen, und
zusammen mit allen anderen Kontingenten und Zusagen der NATO - ein
entscheidend wichtiger und unersetzlicher Bestandteil ihrer Sicherheit
ist.
Da

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�"AMERIKA DIENST"
Da ihr Wirtschaftsleben eng mit dem anderer Teile Europas
verflochten ist, begreifen sie, daß ihr Wohlstand von einer nach
außen gerichteten Handelspolitik abhängig ist - von Maßnahmen,
deren Ziel die Ausweitung und nicht die Einengung jener Gebiete
ist, die sich in einem auf niedrigen Zöllen basierenden Handelssystem zusammengeschlossen haben. Sie haben die Konzeption einer
echten wirtschaftlichen Integration in Europa unterstützt - mit
gemeinsamen Gremien mit beträchtlichen Entscheidungsbefugnissen -,
und sie waren bereit, bedeutende Opfer zu bringen, um sie funktionsfähig zu machen.
Sie haben darüber hinaus in der wirtschaftlichen Integration eine
erste Station auf dem Wege zu anderen Formen der europäischen Einheit
gesehen, die sowohl die politischen als auch die wirtschaftlichen
Beziehungen zwischen den übrigen europäischen Ländern einschließen.
Deutschland war durch die Geschichte seiner Kolonien beraubt
worden und war daher in dieser Generation»befreit von der Verpflichtung und der Belastung, seinen Teil zur großen Wandlung des Kolonialismus beizutragen, in der Lage,an die Probleme der Entwicklungsländer
auf einer weltweiten Basis und mit neuen Vorstellungen von der Aufgabe
und ihren Möglichkeiten heranzugehen.
Angesichts einer Viertelmillion amerikanischer Truppen, die in
Deutschland zur Verteidigung einer notwendigerweise gemeinsamen Grenze
stationiert sind, hat die deutsche Bundesregierung Verständnis für
die Belastung unserer Zahlungsbilanz, die sich aus unserer Verpflichtung zur gemeinsamen Verteidigung der freien Welt ergibt; und siel
zeigte sich aufgeschlossen und hilfreich, wenn es darum ging, einen
Teil ihrer Auswirkungen zu mildern.
Und schließlich haben die Deutschen, den Blick nach Osten und
auf die 18 Millionen Deutschen gerichtet, die gegen ihren Willen
im Grunde genommen noch immer unter einem Besatzungsregime stehen,
zur gleichen Zeit aber das Wesen des Atomzeitalters wohl begreifend,
den Kampf um Selbstbestimmung und nationale Einheit mit friedlichen
Mitteln und im Rahmen des westlichen Bündnisses fortgesetzt.
Kurz gesagt, die Deutschen haben aus ihren Erfahrungen sowie den
gemeinsamen Erfahrungen dieses Jahrhunderts gelernt; sie beträchten
nüchtern ihre Probleme als Nation, sie studieren die moderne Militärtechnik und die Formen moderner Nachrichtenübermittlung, und sie haben
begriffen, daß keiner von uns im Westen - und dies gilt natürlich
auch für die Vereinigten Staaten - unsere Probleme lösen kann, es
sei denn, daß wir gemeinsame Sache machen, es sei denn, daß wir unsere
Politik auf der Grundlage uneingeschränkter Loyalität gegenüber den
Werten und der großen Tradition des Westens aufbauen, an denen wir
alle teilhaben. Sie haben erkannt, daß die Aufgabe, der wir 1945
gegenüberstanden und seither noch immer gegenüberstehen, nicht nur
ältere Konzeptionen des Nationalismus, der nationalen Verteidigung
und des nationalen Bestimmung einschließt, sondern darüber hinaus geht.

Wir

�"AMERIKA DIENST"
Wir haben allen Grund anzunehmen, daß Form und Art der deutschen
Politik in allen großen politischen Parteien und im Denken und Fühlen des deutschen Volkes fest verankert sind - auch in der jetzt heranwachsenden jüngeren Generation, die die Tage Hitlers nicht mehr richtig erlebt hat. Aber die heutige Welt ist so eng ineinander verflochten,
daß auch wir in den Vereinigten Staaten einen Teil der Verantwortung
für die Erhaltung der Kontinuität der deutschen Politik tragen.
Erstens: Wir müssen Deutschland weiterhin nicht nur ein zuverlässiger Verbündeter sein, sondern ihm auch als treuer Partner dabei helfen,
innerhalb der NATO die Verteidigung der westlichen Grenze, einschließlich West-Berlins, aufrechtzuerhalten. Der deutsche Beitrag zur eigenen
wie auch zur westlichen Verteidigung ist erweitert und ausgebaut worden. Wir stehen beide im Begriff, zusammen mit einigen unserer NATOYerbündeten die Errichtung einer multilateralen Atomstreitmacht innerhalb der NATO zu prüfen, die den europäischen Ländern eine annehmbare
Beteiligung an der nuklearen Abschreckung bietet, ohne zur Entstehung
weiterer nationaler Atommächte zu führen. Wir stehen beide im Begriff,
gemeinsam mit allen unseren NATO-Verbündeten unsere strategische
Konzeption neu zu durchdenken, eine vereinbarte Verteidigungspolitik
der NATO für das Atomzeitalter auszuarbeiten und den Kurs abzustecken,der
dieser Konzeption dauernde Wirksamkeit verleihen-würde.
Die Stabilität der deutschen Politik hängt von dem weiteren Erfolg der kollektiven Verteidigung Westeuropas sowie von der Rolle
Deutschlands als einem geachteten Seniorpartner bei diesen Bemühungen
ab .
Wir haben in den vergangenen zwei Jahren in Berlin und während
der Kuba-Krise bewiesen, daß die Verpflichtung der Vereinigten Staaten
zur kollektiven Verteidigung auch weiterhin besteht, obwohl die Sowjetunion Kernwaffen entwickelt hatte und damit in die Lage gekommen war,
den Vereinigten Staaten in einem Atomkrieg schweren Schaden zuzufügen.
Die sowjetische Taktik der nuklearen Erpressung, die 1958 in Berlin
begann und bis 1962 fortgesetzt wurde, schlug fehl. Die erste Voraussetzung für die Stabilität des Westens ist, daß solche Taktiken auch
in Zukunft fehlschlagen, sollten sie je wieder versucht werden.
Zweitens: In einer Zeit, in der wir die Gefahren und die Spannungen des kalten Krieges zu verringern trachten und zu ergründen suchen,
wie weit wir ohne Gefahr in Richtung auf eine Rüstungskontrolle gehen
können, ist es unerläßlich, daß wir unsere Verbündeten so eingehend wie
nur möglich dort konsultieren, wo ihre Interessen auf dem Spiele stehen
könnten. Aus diesem Grund haben wir uns in Moskau allem Drängen widersetzt,
das Atomversuchsverbot mit einem Nichtangriffspakt zwischen der NATO und
den Staaten des Warschauer Paktes zu koppeln. Die atlantische Partnerschaft ist mehr als lediglich ein Verteidigungsbündnis. Sie ist eine
Gruppe von Nationen mit einem gemeinsamen Erbe und umfassenden bleibenden gemeinsamen Interessen. Wir sind ganz offensichtlich bereit,
gemeinsam zu kämpfen. Wir müssen jedoch auch lernen, genauso eng zusammenzuarbeiten, um die Möglichkeiten zu sondieren, allmählich in
Richtung auf eine friedlichere Welt voranzukommen.
Wir

�"AMERIKA DIENST"
Wir haben während der Berlin-Krise der Jahre 1961/62 einander
fast täglich bis ins kleinste Detail konsultiert. Wir beabsichtigen
genauso enge Beratungen wenn wir die Möglichkeiten prüfen, die sich
uns vielleicht in den kommenden Monaten für eine Verringerung der
Gefahren und der Spannungen des kalten Krieges bieten werden. Und
bei diesen Konsultationen muß die Frage des hoch immer gespaltenen
Deutschland, dessen Bevölkerung das Recht auf Selbstbestimmung noch
immer verwehrt wird, von Deutschland und den Verbündeten Deutschlands
mit größter Sorgfalt und Ernsthaftigkeit behandelt werden.
Drittens: Wir müssen Deutschland dabei unterstützen, im Rahmen
der Einheit Europas, welchen Grad auch immer diese erreichen mag,
eine maximale Rolle bei all den schöpferischen Unternehmungen der
freien Welt zu spielen, die bereits sehr umfassend sind, jedoch immer
noch stärker ausgeweitet werden: bei der kühnen Aufgabe der Hilfe
für die Entwicklungsländer, bei der Formulierung der Handelspolitik
nicht nur innerhalb Europas und zwischen Europa und den Vereinigten
Staaten, sondern auch auf einer weltweiten Basis, auf der wir Wege
zur Schaffung eines Handelssystems finden müssen, das sowohl den
fortgeschrittenen als auch den weniger entwickelten Ländern der
Völkergemeinschaft der freien Welt Nutzen bringt; und auf dem Gebiet
der Währung, wo wir in den sechziger Jahren neue Wege zur Stützung
eines Warenflusses und eines Kapitalverkehrs finden müssen, die weit
rascher anwachsen als die Goldvorräte der Welt.
Obwohl unsere Beziehungen auf bilateraler Basis zu Deutschland
sehr eng und umfassend sind - und sie sollten dies auch sein, da wir
zusammen einen sehr großen Anteil von den Lasten der europäischen
Verteidigung tragen -, so sind wir letztlich doch durch die Loyalität
gegenüber einem umfassenderen Zukunftsbild miteinander verbunden.
Dieses Zukunftsbild gliedert sich in drei Teile: in die Einheit Europas,
in den Aufbau der Atlantischen Gemeinschaft und in die systematische
Ausnutzung der Energien und Hilfsquellen der Atlantischen Gemeinschaft
für die größeren Ziele des Friedens und des Wohlstandes auf der Welt.
Dieses Zukunftsbild ist aber augenscheinlich noch unvollendet. Die
europäische Einheit steht in einem
Stadium zwischen Pause
und Debatte - keineswegs dem ersten derartigen Zwischenstadium seit
1945 - In diese Debatte sind natürlich auch die langfristigen Beziehungen Großbritanniens zum europäischen Kontinent einbezogen. Und weil
die europäische Debatte zum Teil auch die geeigneten langfristigen
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und einem geeinten Europa
berührt, kommen wir in bestimmten Fragen der transatlantischen Partnerschaft vorläufig nicht weiter - obgleich hier im Stillen mehr Fortschritte
erreicht wurden ,als die Zeitungen berichten.
Es sollte uns weder überraschen noch enttäuschen, wenn wir auf
dem Wege zu diesen Zielen - die von unseren drei Nachkriegspräsidenten
in gleicher Weise unterstützt worden sind - nur langsam vorankommen.
Dies ist das größte internationale Aufbauwerk, das jemals in Friedenszeiten von souveränen Nationen in Angriff genommen worden ist. Für
jedes einzelne Land stehen Fragen von großer Bedeutung auf dem Spiel,
die sowohl weit in seine Geschichte als auch in seine derzeitige Politik
hineinreichen.
,„^ 0

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�"AMERIKA DIENST"
Wie jedoch Präsident Kennedy auf seiner Europa-Reise im Juni
dieses Jahres eindeutig klargestellt hat, stehen wir auch weiterhin
fest zu unserer Zusage, die Bemühungen um ein Höchstmaß der europäischen Einheit, das die Europäer selbst innerhalb des größeren
Rahmens der Atlantischen Partnerschaft schaffen können, zu unterstützen .
Wir bleiben diesem Zukunftsbild, das nunmehr seit fast einer
Generation fest in die amerikanische Politik eingebettet ist,
verpflichtet, nicht aus Trägheit oder weil wir die damit verbundenen
Schwierigkeiten nicht erkennen. Wir bleiben diesem Zukunftsbild fest
verpflichtet, weil es den Interessen der Vereinigten Staaten, den
Interessen Europas und den Interessen der Freiheit überall auf der
Welt am besten dient.
Obwohl diese Politik die Antwort auf den von Stalin unmittelbar
nach dem Kriege unternommenen Versuch war, ein verarmtes und entmutigtes Westeuropa an sich zu reißen, ist sie unseres Erachtens keineswegs an eine Fortsetzung der gegen den Westen gerichteten Vorstoßtätigkeit der Sowjets gebunden, wie wir sie zum Beispiel in Berlin
in den Jahren von 1958 bis 1962 erlebt haben. Wir brauchen ein geeintes Europa, das über den Atlantik hinweg als Partner mit uns zusammenarbeitet, aus Gründen, die weit über die Zeit, in der wir leben, und die Probleme, denen wir uns gegenübersehen werden, hinaus
reichen .
Das Wesen der militärischen Technik - und das nukleare Potential
der Kommunisten - bedingen es, daß die Atlantische Gemeinschaft wohl
die kleinste Einheit ist, die den Aufbau einer rationellen und wirksamen Verteidigung Europas möglich macht. Die Aufgabe, eine Gemeinschaft unabhängiger Staaten zu organisieren, die sowohl die fortgeschrittenen Länder des nördlichen Teils der freien Welt als auch die
schnell aufstrebenden Länder Asiens, des Mittleren Ostens, Afrikas
und Lateinamerikas umfaßt, macht unsere Zusammenarbeit über den Atlantik hinweg notwendig. Die Probleme, die sich für uns aus den mit
Moskau geführten Verhandlungen über eine Kontrolle der Atomwaffen ergeben, berühren lebenswichtige Interessen jedes einzelnen Mitgliedstaates der Atlantischen Gemeinschaft und fordern Entschlossenheit
innerhalb der Völkerfamilie; gleiches gilt auch für das Problem des
kommunistischen China, für Chinas aggressive Haltung jetzt und in
Zukunft,im besonderen dann, wenn es über eigene Atomwaffen verfügen
wird.
Wenn wir mit aller Vorstellungskraft,
die Zukunft blicken, können wir uns keinen
gen entsprechenden Zeitraum vorstellen, in
eine Zusammenarbeit mit Nordamerika Europa
würde.

deren wir fähig sind, in
den gegenwärtigen Planundem ein Zusammenschluß und
nicht zum Vorteil gereichen

Oder anders ausgedrückt, es werden sich für uns alle nur Gefahren abzeichnen, wenn sich Europa von den Vereinigten Staaten trennen
oder wenn es seinen großen Wohlstand und die jüngste Lockerung der
Spannungen mit Moskau zum Anlaß nehmen sollte, dem überholten Nationalismus erneut freien Lauf zu lassen.
.

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�"AMERIKA DIENST
Die kommunistischen Machthaber haben über die jüngste Periode
der Entspannung zwei Dinge gesagt, die beachtenswert sind: erstens,
daß es keine' ideologische Koexistenz geben dürfe. Das bedeutet, daß
sie die gegenwärtigen Verhandlungen als eine begrenzte Phase - eine
wichtige Phase - im kalten Krieg betrachten, als einen Versuch nämlich, die Gefahr eines Atomkriegs, der weder in ihrem noch in unserem
Interesse wäre,zu verringern. Das bedeutet ferner, daß die Kommunisten
die Absicht haben - mit allen anderen ihnen zur Verfügung stehenden
Mitteln - darauf zu beharren, die Expansion ihrer Macht und ihres Einflusses weiter zu betreiben.
Alle der Regierung - die das Verhalten der Kommunisten in allen
Teilen des Erdballs beobachtet - zur Verfügung stehenden Informationen lassen darauf schließen, daß die Kommunisten in keiner Weise
in ihren Bemühungen nachgelassen haben, ihre Macht und ihren Einfluß
auf Kosten des Westens weiter auszubauen.
Sie haben dann zweitens gesagt, daß sie in einer Periode verminderter Spannung hoffen und erwarten, die - wie sie es nennen - dem
Wesen des Westens immanenten Widersprüche werden sich in zunehmendem
Maße geltend machen. Sie hoffen und erwarten, daß wir im Westen, wenn
die Krisen in Berlin und anderswo etwas weniger akut sind, nicht klug
genug sein werden, zusammenzuhalten; und sie haben offensichtlich
die Absicht, jede Spaltung, die sich unter uns zeigen könnte, auszunutzen .
Wir sollten diese Warnungen ernst nehmen; und sie stehen in einer
Beziehung zu der Aufrechterhaltung jenes politischen Denkens und Handelns in Deutschland, das, wie ich bereits erwähnt habe, eine der
größten kollektiven Leistungen der Nachkriegszeit darstellt.
Ich bin überzeugt, daß die Deutschen und die deutsche Politik
loyal an den Konzeptionen der europäischen Einheit und der atlantischen Partnerschaft und an der kollektiven Verteidigung der Werte der
westlichen Kultur festhalten werden, die dieser Politik zugrunde liegen. Dies bedeutet aber, daß Deutschlands Verbündete in Europa und
Nordamerika tätig zu dieser Politik stehen müssen.
Die Probleme auf unserer gemeinsamen Tagesordnung im Westen haben
sich in den letzten Monaten geändert, wie sie sich in der Zeitspanne
seit etwa 1947» als die gegenwärtige Politik konzipiert wurde, schließlich oft geändert haben. Die Politik der atlantischen Staaten hat in
diesen beiden Jahrzehnten °ine große Elastizität bewiesen, Wir haben
Probleme und Krisen mancherlei Art überstanden, und die Kernstruktur der
NATO ist noch immer intakt, und die Impulse für die europäische Einheit
sind noch immer lebendig. Wir sind mit den Problemen des wirtschaftlichen Wiederaufbaus und der Auslandshilfe in den Entwicklungsländern und
mit einer Fülle von Problemen auf dem Gebiet des Handels und der Währungen fertig geworden. Wir sind mit Vorstößen gegen die Türkei und
Griechenland und zweimal mit größeren Vorstößen gegen Berlin fertig
geworden. Wir haben unsere gemeinsame Strategie aus einer Zeit, da
die Hauptbedrohung die Rote Armee zu Lande war, der wachsenden Kompliziertheit einer Zeit angepaßt, in der die Sowjetunion über ein Arsenal

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Arsenal nuklearer Waffen und die Mittel zum Einsatz dieser Waffen
mit Hilfe von Raketen verfügt. Wir sind mitten im Übergang, aus
einer Zeit deB nuklearen Monopols der USA in eine Zeit, in der eine
Verteilung der Lasten und der Verantwortung der nuklearen Verteidigung zunehmend möglich ist. Wir haben Augenblicke erlebt, da wir kur-2
vor einem Kriege standen, und wir hatten längere Perioden relativer
Ausgeglichenheit in den Spannungen zwischen Moskau und dem Westen»
Wir haben erlebt, wie die Beziehungen zwischen West- und Osteuropa
aus der düsteren Hoffnungslosigkeit der Zeit Stalins in eine Zeit
übergingen, da Männer auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs mit
gesteigerter Hoffnung auf größere nationale Unabhängigkeit und menschliche Freiheit im Osten und die Wiederherstellung alter Verbindungen
rechnen durften, die sich aus den gemeinsamen religiösen und kultu»
rellen Bindungen Ost- und Westeuropas herleiten.
Wir haben miterlebt, wie Westeuropa eine Reihe schwerer Krisen
in den alten Kolonialgebieten überstand und neue Beziehungen der
Assoziierung und Partnerschaft mit den früheren Kolonien und mit
anderen Nationen fand, die sich unter dem Banner der nationalen Un*
abhängigkeit und Erneuerung gebildet haben.
Alle diese Anpassungen sind nicht leicht vor sich gegangen;
und da es sich um demokratische Gesellschaften handelte, konnten alle
die Schwierigkeiten sehen. Unsere Debatten finden in aller Öffentlichkeit statt. Aber wir haben allen Grund zu glauben, daß die Politik»
die Maschinerie und die Geisteshaltung, die in der vergangenen Genera»
tion gestaltet wurden, sich auf eine Weise fortentwickeln werden,
daß sie die Einigkeit des WestenB - nicht seine Zersplitterung - för»
dem»
Dabei hat Deutschland heute eine große Rolle zu spielen. Keine
Nation hat ein größeres Interesse am Erfolg einer kollektiven Politik
im Westen oder ist mehr befähigt feiner solchen Politik Substanz zu
verleihen. Deutschlands Sicherheit nach dem Kriege, seine Prosperität!
seine Ruhe im Inneren und seine wachsende Rolle im Weltgeschehen sind
in dieser Politik verwurzelt; und was die Deutschen und Deutschland
heute bereits erreicht haben, ermöglicht es ihnen, tatkräftig voranauschreiten, wenn es gilt» ihr den Weg in die nächste Phase der westlichen Geschichte zu ebnen. Die Welt indes, in der wir heute leben»
ist so eng miteinander verknüpft, daß die Standhaftigkeit des einen
von der Standhaftigkeit aller abhängt. Insbesondere wir in den Vereinigten Staaten - die wir» ob wir es wolle n oder nicht, immer noch
die Führer des Westens sind, - müssen fest auf dem Kurs bleiben.
Wenn wir als Nation unsere Loyalität gegenüber den großen Zielsetzungen der europäischen Einheit und der atlantischen Partnerschaft
bewahren - die der Präsident auf seiner Europa-Reise im Juni so nach»
haltig bekräftigt hat -, dann können wir nicht nur der Stabilität der
deutschen Politik, sondern auch des stetigen Fortschritts der Sache
der Freiheit in jedem Teil unseres Globus sicher sein»'*
* * * * *

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�Ailg./27.9.1963

KENNEDY RUFT ZUR ZUSAMMENARBEIT FÜR DEN FRIEDEN AUF

NEW YORK - (AD) - Wortlaut der Rede, die der
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
John F. Kennedy, am 20. September 19&amp;3 "vor der
18. Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten hat.

"Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Delegierte der
Vereinten Nationen, meine Damen und Herren!'
Wir treffen hier erneut in unserem Bemühen um den Frieden
zusammen. Vor 24 Monaten, als ich zuletzt die Ehre hatte, vor diesem Gremium zu sprechen, lag der Schatten der Furcht düster über
der Welt. Die Freiheit West-Berlins war in unmittelbarer Gefahr.
Ein Abkommen über ein neutrales Laos schien weit entfernt. Das
Mandat der UN im Kongo wurde angegriffen. Die finanzielle Zukunft
der Weltorganisation war in Frage gestellt. Dag Hammarskjöld war
tot. Für seinen Posten wurde die Troika-Doktrin gefordert, und
die Kernwaffenversuche in der Atmosphäre waren soeben von der Sowjetunion wiederaufgenommen worden.
Dies waren Tage der Angst für die Menschheit - und manche
fragten sich laut, ob diese Weltorganisation weiter fortbestehen
könnte. Aber die 16. und die 17» Vollversammlung erreichten nicht
nur, daß die Weltorganisation weiterbestand, sondern auch daß
Fortschritte erzielt wurden. Die Vereinten
Nationen zeigten sich
ihrer Verantwortung gewachsen und trugen dazu bei, die Spannungen
zu verringern, die düstere Zukunft abzuwenden.
Heute haben sich die Wolken etwas gelichtet, so daß neue
Hoffnungsstrahlen durchbrechen können. Der Druck auf West-Berlin
scheint vorübergehend nachgelassen zu haben. Die politische Einheit im Kongo ist weitgehend wiederhergestellt. In Laos besteht
zumindest eine neutrale Koalition - auch wenn sie noch Schwierigkeiten hat. Die Integrität des UN-Sekretariats wurde erneut gefestigt. Ein Jahrzehnt der Entwicklung im Zeichen der Vereinten
Nationen ist angebrochen. Und schließlich wurde zum erstenmal nach
17 Jahren der Bemühungen ein spezifischer Schritt unternommen, um
das atomare Wettrüsten zu begrenzen.
Ich
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�"AMERIKA DIENST"
Ich meine Hiermit den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser, der zwischen der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten
abgeschlossen und inzwischen bereits von fast hundert Staaten unterzeichnet wurde. Dieser Vertrag wurde von der Bevölkerung der ganzen
Welt, die dankbar ist, von der Furcht vor radioaktiven Niederschlägen befreit zu sein, aus tiefstem Herzen begrüßt, und ich bin fest
davon überzeugt, daß er am kommenden Dienstagvormittag um 11.30 Uhr
die überwältigende Unterstützung des amerikanischen Senats findepn
wird.
Die Welt ist dem Dunkel noch nicht entronnen. Die langen Sc hatten
der Auseinandersetzungen und Krisen halten uns noch immer umfan gen.
Doch kommen wir heute in einer Atmosphäre wachsender Hoffnung ir
einem verhältnismäßig ruhigen Augenblick zusammen. Daß ich hier
zugegen bin, ist nicht ein Zeichen der Krise, sondern der Zuvers icht.
Ich bin nicht hier, um über eine neue Friedensbedrohung oder übe r
neue KriegsanzeichBn" zu berichten. Ich bin Vielmehr gekommen, Um die
Vereinten Nationen zu grüßen und Ihnen die Unterstützung des am« rikanischen Volkes bei Ihren täglichen Beratungen zu demonstrieret
Denn welcher Wert der Arbeit dieser Körperschaft beizumessrn ist,
das hängt nicht vom Vorhandensein von Notstandssttuatic jn ab, vnd
der Weg zur Gewinnung des Friedens kann auch nicht nur aus dramatischen Siegen bestehen. Der Friede ist ein täglicher, wochen- und
monatelanger Prozeß der allmählichen Meinungsänderung, der langsamen
Aushöhlung alter Widerstände, des stillen Aufbaus neuer Strukturen.
Und so undramatisch solche Friedensbemühungen auch sind, so müssen
dieseTBemühungen doch ständig fortgesetzt werden.
Heute mögen wir eine Pause im kalten Kriege erreicht haben,
aber das ist noch kein dauerhafter Friede. Ein Versuchsstoppvertra^
ist ein Meilenstein, aber damit ist noch kein Goldenes Zeitalter
angebrochen. Wir sind keineswegs aus unseren Verpflichtungen entlassen, sondern haben nur eine Chance erhalten. Und wenn wir diesen
Moment und diesen Schwung nicht voll zu nutzen verstehen, sondern
unsere neugewonnenen Hoffnungen und Einsichten in neue Mauern und
Waffen der Feindschaft umwandeln lassen - wenn diese Pause des kalten
Krieges lediglich zu seiner Erneuerung statt zu seiner Beendigung
führt -, dann wird die Nachwelt zu Recht in vorwurfsvoller Anklage
mit Fingern auf uns alle weisen. Wenn wir aber diese Pause zu einer
Periode fruchtbarer Zusammenarbeit auszudehnen vermögen, wenn Beide
Seiten jetzt neues Vertrauen und echte Erfahrung im konkreten Zusammenwirken für den Frieden gewinnen, wenn wir jetzt imstande sind,
die Kontrolle der tödlichen Waffen ebenso' kühn und weitblickend zu
betreiben wie vorher ihre Herstellung, dann kann dieser erste kleine
Schritt sicherlich zum Beginn einer langen und fruchtbringenden Reise
werden.
Die Aufgabe, den Frieden zu schaffen, ist den Führern aller
Nationen, der großen wie der kleinen, gestellt, denn die Großmächte

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�AMERIKA DIENST"
Großmächte besitzen kein Monopol auf Konflikte und Ambitionen. Der
kalte Krieg ist nicht die einzige Ausdrucksform der Spannungen in
der heutigen Welt, und das nukleare Wettrüsten ist nicht der einzige
Rüstungswettlauf. Auch kleine Kriege sind gefährlich in einer nuklear
bewaffneten Welt. Die mühselige Arbeit für den Frieden ist eine
Aufgabe für alle Nationen, und bei dieser Anstrengung kann sich keiner
von uns abseits halten. Diesem Ziel darf sich niemand versagen.
Die Verminderung der weltweiten Spannungen darf nicht als Vorwand für die engstirnige Verfolgung selbstsüchtiger Interessen benutzt werden. Wenn die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten trotz
all ihrer globalen Interessengegensätze und ideologisch bedingten
Auseinandersetzungen und der immer noch gegeneinander gerichteten Kernwaffen - imstande sind, ein Terrain der gemeinsamen Interessen und des Einvernehmens zu finden, dann sollte dies anderen Nationen
sicherlich auch gelingen - Nationen, die von regionalen Konflikten,
Rassenkämpfen oder von den Todeszuckungen des alten Kolonialismus
in Atem gehalten werden. Chronische Streitigkeiten, die wertvolle
Kräfte den notwendigen Aufgaben des Volkes entziehen oder die Energien
beider Seiten verschleißen, sind für niemand von Nutzen - und das
Erkennungsmerkmal des Verantwortungsbewußtseins ist in der modernen
Welt die Bereitschaft, nach friedlichen Lösungen zu suchen»
Für einen Versuch ist es niemals zu früh; für eine Aussprache
ist es niemals zu spät; und es ist höchste Zeit, daß viele Dispute,
die auf der Tagesordnung dieser Vollversammlung stehen, aus Streitgegenständen zu Verhandlungsgegenständen gemacht werden.
Tatsache ist, daß die Vereinigten Staaten als eine der großen
Atommächte eine besondere Verantwortung tragen. Es handelt sich faktisch um eine dreifache Verantwortung: eine Verantwortung gegenüber
unseren eigenen Mitbürgern, eine Verantwortung gegenüber Menschen in
aller Welt, die von unseren Entscheidungen betroffen werden, und eine
Verantwortung gegenüber der kommenden Generation der Menschheit. Wir
glauben, daß auch die Sowjetunion diese besondere dreifache Verantwortung trägt und daß diese dreifache Verantwortung unsere beiden
Länder verpflichtet, das Hauptaugenmerk weniger auf unsere Differenzen
und mehr auf die Mittel zu ihrer friedlichen Beilegung zu richten.
Viel zu lange schon haben wir beide unsere Militärhaushalte immer
weiter erhöht und unsere Kernwaffenvorräte und unsere Fähigkeit zur
Zerstörung alles Lebens auf diesem Planeten - alles menschlichen,
tierischen und pflanzlichen Lebens - immer weiter vermehrt, ohne
damit eine entsprechende Erhöhung unserer Sicherheit zu erreichen.
Unsere Konflikte sind sicherlich realer Natur. Unsere Idealvorstellungen von der Welt sind verschieden. Wir würden niemandem
einen Dienst erw.eisen, wenn wir es versäumten, unsere Meinungsverschiedenheiten klar herauszustellen. Eine der zentralen Meinungsverschiedenheiten erwächst aus dem Glauben des amerikanischen Volkes
an das Selbstbestimmungsrecht für alle Völker.
Wir

�"AMERIKA DIENST"
Wir glauben, daß es den Menschen in Deutschland und Berlin freigestellt sein muß, ihre Hauptstadt und ihr Land wiederzuvereinigen.
Wir glauben, daß es den Menschen in Kuba freigestellt sein
muß, die Früchte der Revolution einzubringen, die so betrügerisch
von innen verraten und von außen ausgebeutet wurde.
Um es kurz zu sagen, wir glauben, daß es den Menschen in der
ganzen Welt - in Osteuropa ebenso wie in Westeuropa, in Südafrika
ebenso wie in Nordafrika, in den alten Staaten ebenso wie in den
jungen - freigestellt sein muß, über ihre eigene Zukunft zu bestimmen,
ohne Diskriminierung oder Diktat und ohne Zwang oder Subversion.
Dies sind grundlegende Meinungsverschiedenheiten zwischen uns
und der Sowjetunion, und sie lassen sich nicht verheimlichen. Solange
sie weiterbestehen, setzen sie einer Übereinkunft Grenzen und verbieten sie ein Nachlassen der Wachsamkeit. Unsere Verteidigungsvorkehrungen
rund um den Erdball werden zum Schutz-e der Freiheit aufrechterhalten
werden, und unsere Entschlossenheit, diese Freiheit zu wahren, wird
jeder Drohung oder Herausforderung gewachsen sein.
Ich möchte aber den führenden Männern der Sowjetunion und ihrem
Volke zurufen, daß wir, wenn unsere beiden Länder vollständige Sicherheit erreichen sollen, einer weit besseren Waffe bedürfen als der Wasserstoffbombe, einer besseren Waffe als Raketen oder Atom-U-Boote und diese bessere Waffe ist friedliche Zusammenarbeit.
Wir haben uns in den letzten Jahren auf einen Vertrag über die
beschränkte Einstellung der Kernwaffenversuche geeinigt, auf eine
Nachrichtenverbindung zwischen unseren Hauptstädten für den Dringlichkeitsfall, auf eine Grundsatzerklärung bezüglich der Abrüstung, auf
eine Erweiterung des Kulturaustauschs, auf eine Zusammenarbeit im
Weltraum, auf die friedliche Erforschung der Antarktis und auf eine
Entschärfung der Kuba-Krise des vergangenen Jahres.
Darum glaube ich, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
zusammen mit ihren Verbündeten weitere Abkommen erreichen können Abkommen, die unserem gemeinsamen Interesse entspringen, die gegenseitige Vernichtung zu verhindern.
über die Reihenfolge weiterer Schritte kann es keinerlei Zweifel geben. Wir müssen weiterhin nach einem Übereinkommen über Maßnahmen
zur Verhinderung eines Krieges durch Zufall oder Fehleinschätzung trachten. Wir müssen weiterhin ein Übereinkommen über Maßnahmen zur Sicherung
gegen einen Überraschungsangriff anstreben, wozu die Errichtung von
Beobachtungsposten an Schlüsselpunkten gehört. Wir müssen uns weiterhin
um ein Abkommen über die Einschränkung des nuklearen Wettrüstens durch
eine Kontrolle der Überstellung von Kernwaffen, eine Verwendung spaltbaren Materials für friedliche Zwecke sowie ein Verbot unterirdischer
Versuche mit angemessenen Inspektionen und Einhaltungsgarantien bemühen. Wir müssen uns weiterhin um ein Übereinkommen über einen freieren
Informationsaustausch und Personenverkehr von Ost nach West und von
West nach Ost bemühen.
,„.

�"AMERIKA DIENST1
Wir müssen, ermutigt durch die gestrige positive Antwort des
sowjetischen Außenministers auf diesen Vorschlag, weiterhin eine
Übereinkunft über ein Abkommen suchen, durch das Massenvernichtungswaffen aus dem Weltraum verbannt werden. Sehen wir zu, daß wir unsere
Delegierten wieder an den Verhandlungstisch bringen, damit sie ein
durchführbares Abkommen in dieser Richtung ausarbeiten.
Lassen Sie uns auf diese und andere Weise den steilen und schwierigen Pfad zu einer umfassenden Abrüstung beschreiten, das gegenseitige Vertrauen durch gegenseitige Verifizierung festigen und die Institutionen des Friedens schaffen, während wir gleichzeitig unsere
Kriegsmaschinen demontieren. Wir dürfen nicht deswegen, weil etwa
nicht in allen Punkten eine Übereinstimmung erzielt werden kann, die
Übereinkunft dort hinausschieben, wo ein Übereinkommen möglich ist.
Und wir dürfen Vorschläge nicht einfach nur aus propagandistischen
Gründen unterbreiten.
Schließlich gibt es auf einem Gebiet, auf dem die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion eine führende Stellung einnehmen - dem
Gebiet der Raumfahrt - Ansatzpunkte genug für eine neue Zusammenarbeit,für weitere gemeinsame Anstrengungen bei der Ausarbeitung eines
Weltraumrechts und der Erforschung des Weltraumes. Zu diesen Möglichkeiten gehört auch eine gemeinsame Expedition zum Mond. Der Weltraum
bietet keine Souveränitätsprobleme; in einer Resolution dieser Versammlung haben die Mitglieder der Vereinten Nationen auf jegliche
territorialen Rechtsansprüche im Weltraum oder auf Himmelskörpern
verzichtet und erklärt, daß das Völkerrecht und die Charta der Vereinten Nationen gültig sein sollen. Warum sollte daher der erste
Plug des Menschen zum Mond Gegenstand eines nationalen Wettstreits
sein? Warum sollten sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
bei der Vorbereitung solcher Expeditionen auf immense Doppelleistungen
auf dem Gebiet der Forschung, der Konstruktion und der Ausgaben einlassen? Wir sollten lieber prüfen, ob d±e Wissenschaftler und Astronauten unserer beiden Länder - ja der ganzen Welt - bei der Eroberung
des Weltraumes nicht zusammenarbeiten können, um eines Tages in diesem Jahrzehnt -nicht Vertreter einer einzigen Nation, sondern Vertreter der gesamten Menschheit zum Mond zu schicken.
Alle diese und andere neue Schritte in dieser Richtung auf eine
friedliche Zusammenarbeit sind möglich. Die meisten von ihnen setzen
unsererseits eine umfassende Konsultation mit unseren Verbündeten
voraus - denn deren eigene Interessen werden davon genauso berührt
wie die unsrigen, und wir werden niemals ein Abkommen auf ihre Kosten
abschließen.
Die meisten solcher Abkommen werden lange und sorgfältige Verhand
lungen erfordern. Und die meisten von ihnen werden eine neue Einstellung zum kalten Krieg bedingen - den Wunsch, nicht seinen Gegner zu
•beerdigen', sondern sich mit ihm in einer großen Anzahl friedlicher
Arenen, in.Ideen, in der Produktion und im Dienste an der gesamten
Menschheit zu messen.
. Der

�"AMERIKA DIENST"
Der Wettstreit wird weitergehen - der Wettstreit zwischen
Menschen, denen eine monolithische Welt vorschwebt, und denen,
die an die Mannigfaltigkeit glauben. Aber es sollte ein Wettstreit
der Leitbilder und nicht der Zerstörung, ein Wettstreit der Leistungen und nicht der Einschüchterung sein. Im Namen der Vereinigten
Staaten von Amerika begrüße ich einen solchen Wettstreit. Denn wir
glauben, daß die Wahrheit stärker ist als der Irrtum und die Freiheit
dauerhafter als der Zwang. Und im Wettstreit um ein besseres Leben
wird die ganze Welt der Sieger sein.
Das Bemühen um die Verbesserung des Loses der Menschen aber ist
nicht die Aufgabe einiger weniger. Es ist die Aufgabe aller Völker
- handelnd für sich allein, handelnd in Gruppen und handelnd im
Rahmen der Vereinten Nationen. Denn Pest und Plage, Verlorenheit
und Verderb, Naturkatastrophen und der Hunger der Kinder - sind
Feinde eines jeden Volkes. Land und Meer und Luftraum - sie gehen
heute alle Völker an. Und Wissenschaft, Technik und Bildung können
Verbündete eines jeden Volkes sein.
Nie zuvor besaß der Mensch in so hohem Maße die Fähigkeit, seine
Umwelt zu ordnen, Hunger und Durst ein Ende zu setzen, Armut und Krankheit zu besiegen, das Analphabetentum zu beseitigen und das große
menschliche Leid zu bannen. Es steht in unserer Macht, diese Generation
zur tüchtigsten der Menschheitsgeschichte zu machen - oder zu ihrer
letzten.
Die Vereinigten Staaten haben seit Kriegsende Hilfe im Werte von
mehr als 100 Milliarden Dollar an Länder geleistet, die eine lebensfähige Wirtschaft aufzubauen suchten. Und vor zwei Jahren, auf die
Woche genau, gründeten wir das Friedenskorps, um allen interessierten
Ländern zu helfen, den Bedarf an entsprechend geschulten und begeisterungsfähigen Arbeitskräften zu decken. Andere hochindustrialisierte
Länder, deren Volkswirtschaften vor noch nicht allzu langer Zeit erst
mit unserer Unterstützung wiederaufgebaut worden sind, erkennen nun
ihrerseits ihre Verantwortung gegenüber den weniger entwickelten
Völkern.
Die Bereitstellung von Entwicklungshilfe durch die einzelnen
Länder muß fortgesetzt werden. Aber auch die Vereinten Nationen
müssen eine größere Rolle in den Bemühungen spielen, allen Menschen
die Früchte der Wissenschaft und Industrie unserer Zeit zukommen zu
lassen. Eine Konferenz der Vereinten Nationen zu diesen Fragen, die
vor Monaten in Genf stattgefunden hat, eröffnete den Entwicklungsländern neue Ausblicke. Im kommenden Jahr wird eine UN-Konferenz über
Handelsfragen die Notwendigkeit prüfen, diesen Ländern neue Märkte
zu eröffnen. Und über vier Fünftel des UN-Systems sind heute dabei,
die Waffen der Wissenschaft und Technik für das EntwicklungsJahrzehnt
der Vereinten Nationen zu mobilisieren.
Es kann aber noch mehr, noch weit mehr geschehen. Es könnten
beispielsweise
- eine

�AMERIKA DIENST"
- eine Weltzentrale für medizinische Nachrichten unter den
Auspizien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor Epidemien und
den nachteiligen Folgen bestimmter Drogen warnen und die Ergebnisse
neuer Versuche und Entdeckungen verbreiten;
--regionale Forschungszentren unser gemeinsames medizinisches
Wissen erweitern und zusätzlich Wissenschaftler und Ärzte für die
jungen Staaten heranbilden;
- ein weltumspannendes System von Satelliten die Verbreitung
von Nachrichten und Wettermeldungen in allen Teilen der Erde ermöglichen;
- ein weltweites Naturschutzprogramm die Wald- und Wildbestände
erhalten helfen, die gegenwärtig von der Gefahr der -Vernichtung bedroht sind, die Gewinnung von Nahrungsmitteln aus den Weltmeeren
steigern, und die Verseuchung der Luft und des Wassers durch industrielle und nukleare Abfallstoffe verhindern; und schließlich
- ein weltweites Programm zur Ertragssteigerung der Landwirtschaft und Verbesserung der Nahrungsmittelverteilung - ähnlich wie das
1
Lebensmittel-für-den-Frieden'-Programm meines Landes - jedem hungernden Kind die Nahrung geben, die es braucht.
Doch der Mensch lebt nicht von Brot allein - und die Mitglieder
dieser Organisation sind durch die Charta verpflichtet, die Menschenrechte zu fördern und zu achten. Diese Rechte aber werden nicht geachtet, wenn ein buddhi\stischer Mönch aus seiner Pagode vertrieben oder
eine Synagoge geschlossen wird, wenn einer protestantischen Kirche
die Errichtung einer Mission verwehrt oder ein Kardinal gezwungen
wird, sich zu verbergen, oder aber wenn in einer überfüllten Kirche
während des Gottesdienstes Bomben explodieren.
Die Vereinigten Staaten sind gegen jede Diskriminierung und
Verfolgung aus rassischen oder religiösen Gründen, wo immer sie auftreten mögen, ob in unserem eigenen Lande oder sonstwo auf der Welt.
Wir sind bemüht, das Unrecht in unserem eigenen Lande wiedergutzumachen.
Die amerikanische Regierung hat - durch Gesetzes- und Verwaltungsmaßnahmen, durch moralische und rechtliche Verpflichtungen - eine
entschlossene Anstrengung unternommen, um unsere Nation von der viel
zu lange schon bestehenden Diskriminierung auf den Gebieten des Erziehungswesens, des Wohnungswesens, des Verkehrs-, der Beschäftigung,
des öffentlichen Dienstes sowie der Erholungs- und der öffentlichen
Einrichtungen zu befreien. Und daher zögern wir nicht, weder hier
noch vor irgendeinem anderen Forum, alles rassische und religiöse
Unrecht, werde es von Freund oder Feind begangen, zu verdammen.
Ich weiß, daß einige von Ihnen Diskriminierungen in diesem Lande
erfahren haben. loh bitte Sie jedoch, mir zu glauben, daß dies nicht
dem Wunsch der meisten Amerikaner entspricht, daß wir Ihren Kummer

- 7 -

�AMERIKA DIENST"
Kummer und Ihre Empörung teilen und daß wir gewillt sind, derartige
Praktiken nicht nur für die Besucher unseres Landes, sondern genauso
für seine Bürger für alle Zeit zu beenden.
Ich hoffe, daß nicht nur unsere Nation, sondern auch alle anderen Staaten mit verschiedenen Rassen diesen Normen der Fairness
und der Gerechtigkeit entsprechen werden. Wir sind unabänderlich gegen die Apartheid und alle Formen der menschlichen Unterdrückung.
Wir vertreten die Rechte der Schwarzen in Afrika nicht, um die Weißen
aus Afrika zu vertreiben. Uns geht es um das Recht aller Menschen auf
gleichen Schutz und gleiche Chancen - und da die Menschenrechte unteilbar sind, kann diese Organisation nicht beiseite stehen, wenn diese
Rechte von einem ihrer Mitglieder mißbraucht oder Vernachlässigt werden.
Neue Anstrengungen sind notwendig, wenn die jetzt 15 Jahre alte
Menschenrechtsdeklaration der UN-Vollversammlung ihre volle Bedeutung
erlangen soll. Und es sollten neue Mittel zur Förderung der Freiheit
der Rede und des Ideenaustauschs gefunden werden - durch bessere Reisemöglichkeiten und Nachrichtenverbindungen und durch einen vermehrten
Austausch von Besuchergruppen, Büchern und Rundfunksendungen, denn
jetzt, da die Welt das Wettrüsten ablehnt, muß der Wettstreit der Ideen
blühen - und dieser Wettstreit muß so umfassend und fair wie möglich
sein.
Die amerikanische Delegation ist bereit, UN-Initiativen zur Verfolgung all
der Ziele anzuregen, die ich erwähnt habe. Denn dies ist
eine Organisation für den Frieden - und der Friede kann nicht ohne
Fortschritte kommen.
Die Vereinten Nationen können stolz sein auf die Verdienste, die
sie sich bei der Bewahrung des Friedens erworben haben, obwohl noch
immer gewaltige Aufgaben zu bewältigen sind. Wir dürfen uns glücklich
schätzen, daß wir auf das Geschick unseres ausgezeichneten Generalsekretärs und auf den tapferen Einsatz jener zählen dürfen, die sich in
den Dienst der Sache des Friedens am Kongo und im Mittleren Osten, in
Korea und Kaschmir, in Westneuguinea und Malaysia gestellt haben. Aber
was die Vereinten Nationen in der Vergangenheit vollbrachten, ist weniger wichtig als ihre künftige Aufgabe. Wir können ihren friedensbewahrenden Apparat nicht als selbstverständliche Einrichtung betrachten. Dieser Apparat bedarf einer soliden Finanzierung - und diese ist
nicht gegeben, wenn man zuläßt, daß einige Mitglieder sie dadurch an
der Erfüllung ihrer Pflichten hindern, daß sie ihren eigenen Verpflichtungen nicht nachkommen. Die Vereinten Nationen müssen von allen unterhalten werden, die hier von ihren Rechten Gebrauch machen, und alle
UN-Maßnahmen müssen bis zum Letzten unterstützt werden.
Zu oft läßt das Interesse an einem in Krisenstimmung eingeleiteten
Unternehmen nach, sobald sich die Lösung der Probleme hinzieht und
sich die Rechnungen stapeln. Aber wir müssen standfest genug sein, jede
Unternehmung zu Ende zu führen.
Es

8

�"AMERIKA DIENST1
Es ist zum Beispiel sehr wichtig, nicht die außerordentlichen
Erfolge der Vereinten Nationen im Kongo in Frage zu stellen. Dieses
Land, das erst vor drei Jahren um die Hilfe der Weltorganisation
nachsuchte, hat jetzt darum gebeten, daß die Vereinten Nationen
noch etwas länger dort bleiben. Meines Erachtens sollte diese
Vollversammlung alle notwendigen Schritte zur Konsolidierung der
bereits erzielten Erfolge unternehmen und das junge Land in seinem
Kampf um den Fortschritt schützen. Lassen Sie uns vollenden, was wir
begonnen haben, denn 'wer seine Hand an den Pflug legt und sieht
zurück1, so sagt uns die Heilige Schrift, 'der ist nicht geschickt
zum Reich Gottes'.
Ich hoffe ebenso, daß die jüngste Initiative einiger Mitglieder,
eine Bereitschaftsfriedenstruppe, die von den UN abgerufen werden
kann, vorzubereiten, andere Länder zu ähnlichen Zugeständnissen ermutigen wird.
Die Vereinigten Staaten sind auch weiterhin bereit,
logistische und andere materielle Unterstützung zu gewähren.
Eine Überwachung ohne spezifische Vorkehrungen für eine friedliche Lösung genügt jedoch nicht. Wir sollten den Aufgabenbereich
für Sondermissionen erweitern, die an Ort und Stelle die Verhältnisse
prüfen und sich um eine Schlichtung bemühen, und wir sollten in
stärkerem Maße den Internationalen Gerichtshof einschalten und die
Arbeit der Internationalen Rechtskommission beschleunigen.
Die Vereinten Nationen können als starre, unbewegliche Organisation keinen Bestand haben. Ihre Aufgaben und Verpflichtungen wachsen
ebenso wie ihre Größe. Ihre Charta wie auch ihre Verfahren müssen
geändert werden. Die Verfasser der Charta hatten nicht im Sinn, ihr
ein für allemal eine starre Form zu geben. Die Waffen- und Kriegstechnik hat uns alle - in weitaus stärkerem Maße als vor achtzehn
Jahren - in einer Welt und zu einem Menschengeschlecht mit einem gemeinsamen Geschick vereint.
In einer solchen Welt bürgt selbst absolute Souveränität
nicht mehr für absolute Sicherheit. Die Friedensvereinbarungen müssen
mit den Kriegserfindungen gleichziehen und ihnen sodann den Rang ablaufen. Die Vereinten Nationen müssen auf ihren Erfolgen aufbauen
und aus ihren Fehlern lernen und so zu einem wahren Weltsicherheitssystem ausgebaut werden.
Aber der Friede beruht nicht allein auf Chartas und feierlich
geschlossenen Verträgen, er ruht in den Herzen und im Denken der Menschen. Wann er daraus vertrieben ist, dann besteht auch keinerlei
Hoffnung, daß irgendein Schritt, ein Pakt, ein Vertrag oder eine
Organisation den Frieden erhalten kann. So wollen wir nicht alle
unsere Hoffnungen auf Pergament und Papier gründen, sondern vielmehr danach streben, Frieden in die Herzen und das Denken der Menschen zu tragen.
Ich

�AMERIKA DIENST"
Ich glaube, daß die Probleme des Menschenschicksals die Kräfte
des Menschen nicht übersteigen.
Vor zwei Jahren habe ich vor diesem Gremium erklärt, daß die
Vereinigten Staaten einen Vertrag über einen begrenzten Atomstopp
vorgeschlagen hätten und bereit seien, einen solchen zu unterzeichnen. Heute ist dieser Vertrag bereits unterzeichnet. Er wird nicht
den Krieg beseitigen. Er wird nicht die grundlegenden Konflikte aus
der Welt schaffen. Er wird nicht die Freiheit für alle gewährleisten.
Aber er kann als Hebel wirken. Und Archimedes soll, als er das Prinzip der Hebelwirkung erläuterte, zu seinen Freunden gesagt haben:
•Gebt mir einen Standpunkt und ich hebe die Welt aus den Angeln.'
Meine Mitbürger auf diesem Planeten: Lassen Sie uns hier in dieser Versammlung der Nationen unseren Standpunkt beziehen. Und lassen
Sie uns sehen, ob wir zu unseren Lebzeiten die Welt einem gerechten
und dauerhaften Frieden näherbringen können."

* * * * *

10

�BETRACHTUNGEN EINES AMERIKANERS UßER BERLIN

ANSPRACHE

Sr. Exzellenz, des Botschafters der Vereinigten Staaten,
GEORGE C. MCGHEE

gehalten im Amerika-Haus zu Nürnberg am 9- Oktober 1963

�BETRACHTUNGEN EINES AMERIKANERS ÜBER BERLIN

Meine Damen und Herren,
es ist mir ein Vergnügen, an der Berlin-Woche des hiesigen
Amerika-Hauses teilzunehmen. Das mir heute abend gestellte Thema
ist die Politik Amerikas bezüglich Berlins. Es ist dies ein Thema,
zu dem Millionen V/orte gesprochen und geschrieben worden sind.
Dennoch scheinen mir die Fragen, um die es hier geht, nichts an
Aktualität einzubüßen. Wenn ich auch in erster Linie über Berlin
spreche, so möchte ich doch auch die Bedeutung des Berlin-Problems
als eines Aspekts der umfassenderen Frage der deutschen Einheit aufzeigen.
Um meine Ausführungen in die rechte Perspektive zu rücken,
dürfte es zweckmäßig sein, daß ich gemeinsam mit Ihnen erst einmal
einige der mit der Berlin-Frage verknüpften historischen Tatsachen
rekapituliere.
Wir beginnen vielleicht am besten mit der Situation unmittelbar bei Kriegsende. Es lagen gewisse Vereinbarungen vor, die von
der Sowjetunion, Großbritannien und den Vereinigten Staaten 1944
innerhalb der Europäischen Beratungskommission unterzeichnet worden
waren und die Schaffung von Besatzungszonen in Deutschland und die
Verwaltung Groß-Berlins betrafen. Zusätzliche Vereinbarungen bezüglich des gleichen allgemeinen Fragenkomplexes, die eine Mitwirkung
auch der Vorläufigen Regierung der Republik Frankreich an der
Besetzung Deutschlands vorsahen, wurden im Juni und Juli 1945 unterzeichnet. Diese Dokumente legten im wesentlichen den rechtlichen
Status

Groß-Berlins fest.

Auf Grund dieser Vereinbarungen wurde Groß-Berlin in vier Sektoren geteilt. Ein Punkt von größter Wichtigkeit ist hierbei, daß
die Stadt unter die gemeinsame Verwaltung der vier Mächte gestellt
worden ist. Im Einklang mit diesen Abmachungen wurde die Alliierte
Kommandantur aus den -vier - von den jeweiligen Zonenbefehlshabern
ernannten - Stadtkommandanten geschaffen. Den vier Stadtkommandanten,
stand ein Stab von Fachleuten zur Seite. Der Kommandantur übergeordnet

1

-

�übergeordnet war der Alliierte Kontrollrat aus den vier Zonenbefehlshabern. Der Kontrollrat übte die oberste Verfügungsgewalt
in Deutschland aus - in Angelegenheiten, die Deutschland als
Ganzes betrafen.
Die Alliierte Kommandantur trat erstmals am 11. Juli 1945
zusammen und arbeitete bis Juli 1948, als der sowjetische Vertreter seinen wohlbekannten "Ausmarsch" antrat. Die Kommandantur
setzte ihre Tätigkeit von diesem Zeitpunkt an bis zum 21. Dezember
1948 aus, als die Kommandanten der Westsektoren

die folgende Er-

klärung abgaben:
"Es kann nicht mehr länger geduldet werden, daß die
Weigerung der sowjetischen Behörden, an den Sitzungen
der Alliierten Kommandantur teilzunehmen, die ordnungsgemäße und gesetzmäßige Verwaltung Berlins behindert.
Die Alliierte Kommandantur wird deshalb unverzüglich ihre
Arbeit wiederaufnehmen. Sollten sich die sowjetischen Behörden jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt dazu bereit
finden, den Vereinbarungen nachzukommen,an die die vier
Mächte gebunden sind, dann kann die Vier-Mächte-Verwaltung
Berlins wieder aufgenommen werden. Während ihres Fernbleibens werden die drei westlichen Alliierten die Befugnisse
der Alliierten Kommandantur ausüben, wenn sie sich auch
darüber im klaren sind, daß sie ihre Entscheidungen im
gegenwärtigen Zeitpunkt wegen der sowjetischen Obstruktion
lediglich in den westlichen Sektoren durchsetzen können."
Eine Prüfung der verschiedenen einschlägigen Dokumente läßt
ganz eindeutig erkennen, daß die Westmächte und die Sowjetunion
übereingekommen waren, Groß-Berlin als ein von den vier Besatzungszonen getrenntes und gesondertes Gebiet zu behandeln. Es wurde nicht
als Teil irgendeiner der vier Besatzungszonen angesprochen.
Die westlichen Alliierten sind mithin in Berlin kraft ihres
Siegerrechts. Wir sind nicht dort auf Grund der Duldung einer anderen Besatzungsmacht. Wir sind und bleiben in Berlin, bis wir nicht
mehr gebraucht werden, um die Grundrechte seiner Bürger zu wahren.
In diesem Zusammenhang

umriß Präsident Kennedy unseren Standpunkt

2

-

�Standpunkt im Juli 1961 in seinem an das amerikanische Volk
gerichteten Bericht sehr klar,als er erklärte:
"Wir können und werden es nicht zulassen, daß die Kommunisten uns - sei es allmählich oder mit Gewalt - aus
Berlin vertreiben. Denn die Erfüllung unseres dieser
Stadt gegebenen Versprechens ist für die Moral und Sicherheit Westdeutschlands, für die Einheit Westeuropas und
den Glauben der gesamten freien Welt wesentlich. Die
sowjetische Strategie richtet sich seit langem schon
nicht nur auf Berlin, sondern auch auf die Teilung und
Neutralisierung ganz Europas, um uns an unsere eigenen
Küsten zurückzuwerfen, ,Yir müssen unser der freien Bevölkerung West-Berlins gegebenes und oft wiederholtes Versprechen halten und unsere Rechte und ihre Sicherheit
selbst angesichts der Gewalt wahren, um das Vertrauen der
anderen freien Völker in unser Wort und unsere Entschlossenheit nicht zu verlieren. Die Stärke der Allianz, von der
unsere Sicherheit abhängt, ist wiederum von unserer Bereitschaft abhängig, unseren Verpflichtungen ihnen gegenüber
nachzukommen."
Dies ist eine klare und unzweideutige Bekräftigung unserer
Entschlossenheit, in Berlin zu bleiben. Sie dürfte bei niemandem
irgendwelche Zweifel an unserem Entschluß aufkommen lassen, die
Chance von über zwei Millionen Berlinern, in Freiheit zu leben,
offenzuhalten und sie zu verteidigen.
Diese Entschlossenheit erstreckt sich auch auf das Festhalten
am Recht auf Zugang nach Berlin. Das Recht auf freien und uneingeschränkten Zugang ist offenkundig Wesensbestandteil des Rechtes
der Alliierten auf Anwesenheit in Berlin. Darüber hinaus wurde es
durch Vereinbarungen bestätigt, die 1945 unter den Kriegsverbündeten
getroffen und 1949 erneut bekräftigt wurden. Diese Zugangsrechte des
Westens schließen eindeutig das Recht zum Transport von Nahrungsmitteln und anderen Versorgungsgütern ein, die für die Bevölkerung
der Stadt bestimmt sind. Das Recht der Berliner selbst, Güter von
Westdeutschland und anderswoher zu beziehen und dorthin zu verschicke

�verschicken, ist ebenso offenkundig Wesensbestandtei1 des besonderen Status, der Berlin zuerkannt ist.
Ich brauche diesem Zuhörerkreis die Einzelheiten unserer Entgegnung auf die ersten ernsthaften Versuche, unsere Position in
Berlin unhaltbar zu machen, nicht erst ins Gedächtnis zurückzurufen. Die Luftbrücke, die wir 1948 einrichteten, nachdem der Landzugang zur Stadt abgeschnitten worden war, führte zum Scheitern
der Anstrengungen der Kommunisten, die Alliierten gewaltsam aus
Berlin zu verdrängen und die Bevölkerung der Stadt durch Hunger
zur Unterwerfung unter den Kommunismus zu zwingen. In einem Zeitraum
von etwas mehr als elf Monaten wurden über zweieinviertel Millionen
Tonnen Nahrungsmittel und Versorgungsgüter in über einer Viertelmillion Flügen von französischen, britischen und amerikanischen
Luftwaffenangehörigen nach West-Berlin geschafft. Als die Luftbrücken-Aktion ihren Höhepunkt erreicht hatte, landete, wie Sie
sich vielleicht erinnern werden, alle 45 Sekunden eine Maschine in
West-Berlin.
Die Luftbrücke ist ein unauslöschliches Kapitel in der Geschichte der Verteidigung der Freiheit, ebenso wie der Mut der
Berliner während der Blockade. Sie hielten aus trotz dürftigster
Rationen. Die Kommunisten boten ihnen Lebensmittel für den Fall an,
daß sie sich in Ost-Berlin registrieren ließen, doch sie schlugen,
von einigen tausend abgesehen, dieses Anerbieten aus. Im Winter,
als Brennstoffe knapp wurden, froren sie meist ganz erbärmlich.
Monatelang gab es nur drei Stunden am Tag elektrischen Strom. Die
Berliner haben sich der Brüderschaft der freien Völker würdig
erwiesen. Die Bewunderung für ihren Mut und ihre Ausdauer hat erheblich dazu beigetragen, den Namen des deutschen Volkes in den
Augen der Welt wieder zu Ansehen zu bringen.
Das gemeinsame Erlebnis der Blockade schmiedete ein dauerhaftes Freundschaftsband zwischen den Berlinern und den Amerikanern
und ihren Verbündeten. Das Läuten der Freiheitsglocke im Turm des
Westberliner Rathauses mahnt jeden Tag zur Mittagsstunde an die
gemeinsame Sache.
Es

- 4 -

�Es hat seit dem Fehlschlagen der Blockade im Jahre 1948 auch
noch andere Bedrohungen der Freiheit West-Berlins gegeben. Einige
dieser Bedrohungen waren mit kommunistischen Ultimaten verknüpft,
andere nicht. Frisch im Gedächtnis ist uns noch die sowjetische
Herausforderung vom Februar-März 19&amp;2 in den Luftkorridoren einer der lebenswichtigen Verbindungen des freien Berlin mit der
Außenwelt. Wie 1948 begegneten die alliierten Behörden und die privaten Luftgesellschaften, deren Piloten den normalen Flugverkehr
von und nach Berlin ununterbrochen aufrechterhalten haben, dieser
Bedrohung mit ruhiger aber fester Entschlossenheit. Eben erst haben
wir eine ausgedehnte Periode harten diplomatischen Drucks auf Berlin
durchlebt, die im November 1958 begann. Während dieser ganzen Zeit
haben der Mut und die Standhaftigkeit der Berliner niemals nachgelassen. Trotz der grausamen Mauer bewahren die Berliner ihren
Gleichmut. Allen Drohungen und Schikanen zum Trotz haben die freien
Berliner den Wiederaufbau ihrer Stadt und die Wiederbelebung ihrer
Wirtschaft tatkräftig vorangetrieben.
Berlin ist wieder die größte Metropole zwischen Paris und
Moskau. Schon bei einem kurzen Besuch kann man sehen, wie aus
Ruinen und Trümmern neue Bürogebäude, Appartementhäuser, Hotels
und Läden entstanden sind. Hunderttausende neuer Arbeitsplätze wurden in den vergangenen 15 Jahren geschaffen, und alle einschlägigen
Indexziffern beweisen, daß die Wirtschaft Berlins ständig wächst.
Doch das freie Berlin gedeiht nicht nur in materieller Hinsicht,
auch das kulturelle Leben hat einen großen Aufschwung genommen.
Kunst, Musik, Theater und das akademische Leben - sie alle tragen
jetzt wieder dazu bei, Berlins einstigen Ruf als großes europäisches
und westliches Kulturzentrum wiederherzustellen. Seine wirtschaftliche Vitalität, die erwiesene Tapferkeit seiner Bevölkerung und
das anerkanntermaßen hohe kulturelle Niveau haben alle mitgeholfen,
Berlin seinen Platz unter den ersten Städten der Welt wieder zu
verschaffen .
Es gibt indessen noch ein anderes Element, das Erwähnung verdient, nämlich, $aß Berlin in den vergangenen 15 Jahren auch Schauplatz einer äußerst erfolgreichen westlichen Zusammenarbeit war.
In' der ersten Zeit nach Beendigung der Blockade wurde der Stadt für

-

5 -

�für ihren Wiederaufbau fast eine Milliarde Dollar an direkter
oder indirekter Hilfe aus Mitteln des Marshallplans zur Verfügung
gestellt. Die anderen westlichen Verbündeten schalteten sich ein,
sobald die Erholung von den Kriegsschäden im eigenen Lande einsetzt
Als dann die Bundesrepublik ihrerseits daranging, eine eigene leistungsfähige Wirtschaft aufzubauen, trug auch sie innerhalb der
Grenzen ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in steigendem
Maße hierzu bei, bis

sie schließlich den Punkt erreichte, -von dem

an sie die Hauptverantwortung übernahm. Alles dies, gepaart mit
der Initiative und Tatkraft Berlins und seiner Bevölkerung, war
von unschätzbarem Wert für das Wiedererstarken der Stadt.
Abgesehen von den wirtschaftlichen Aspekten dieser Zusammenarbeit, kommt ihr auch noch eine große politische Bedeutung zu.
Was die Berlin-Politik anlangt, gibt es zwischen Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten keine grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten. Die drei Mächte, die eine grundlegende Verantwortung in Berlin haben, sind sich im Hinblick auf ihre Verpflic
tung einig,

dem freien 3erlin Demokratie, Freiheit und Fortschritt

zu erhalten.
Diese Einigkeit in den Zielsetzungen teilen die westlichen
Bündnispartner nicht nur mit den Bürgern des freien Berlin, sondern
mit dem gesamten deutschen Volk. Mit dem ganzen deutschen Volke
gemeinsam haben wir den Wunsch, nicht nur Berlin, sondern Deutschland in Frieden und Freiheit wiedervereint zu sehen.

Wir wollen

die Tatsache niemals aus den Augen verlieren, daß die fortdauernde
Prosperität und Lebensfähigkeit des freien Berlin und die Aufrechterhaltung seiner engen Bindungen zu der Bundesrepublik für die
schließliche Wiedervereinigung Deutschlands von großer Wichtigkeit
sind. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat im vergangenen Monat in seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen
die amerikanische Einstellung bezüglich Berlin-und der Wiedervereinigung Deutschlands kristallklar herausgearbeitet. Auf die Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion eingehend, sagte er:
"Unsere

�"Unsere Konflikte sind sicherlich realer Natur. Unsere
Idealvorstellungen

von der Welt sind verschieden. Wir

würden niemandem einen Dienst erweisen, wenn wir es versäumten, unsere Meinungsverschiedenheiten klar herauszustellen. Eine der zentralen Meinungsverschiedenheiten
erwächst aus dem Glauben des amerikanischen Volkes an
das Selbstbestimmungsrecht für alle Völker.
Wir glauben, daß es den Menschen in Deutschland und Berlin
freigestellt sein muß, ihre Hauptstadt und ihr Land wiederzuvereinigen...
Um es kurz zu sagen, wir glauben, daß es den Menschen in
der ganzen Welt - in Osteuropa ebenso wie in Westeuropa,
in Südafrika ebenso wie in Nordafrika, in den alten Staaten
ebenso wie in den jungen - freigestellt sein muß, über ihre
eigene Zukunft zu bestimmen, ohne Diskriminierung oder Diktat und ohne Zwang oder Subversion..."
Wir können die Vorstellung nicht akzeptieren,daß die Elementarbegriffe menschlicher Gerechtigkeit wahlweise anwendbar sind. Die
sittlichen Überlegungen, die die Selbstbestimmung zum guten Recht
der Völker Afrikas erheben, sind gleichermaßen auf den Fall Deutschland und Berlin anwendbar. Ich als Amerikaner darf sagen, daß mein
Land ein vereintes, freies und demokratisches Berlin, das seinen
rechtmäßigen Platz als großartige Hauptstadt eines freien und geeinten Deutschland einnimmt, weiterhin standhaft als eines seiner Ziele
ansehen wird.
Ich weiß, daß es ungeduldige Stimmen gibt, die die sofortige
Wiedervereinigung fordern. Ich sage frei und offen, daß ich jedoch
gleichzeitig nicht etwa konkrete Vorschläge zu hören bekomme, die
aufzeigen, wie dies ohne Anwendung von Gewalt zu bewerkstelligen wäre,
auf die wir im Westen als Mittel zur Erreichung dieses Ziels verzichtet haben. Wir dürfen uns weder durch semantische Wortdeutelei
oder Schlagworte irreführen lassen, noch der Selbsttäuschung erliegen. Wir müssen uns mit den Realitäten der Welt von heute auseinandersetzen. Jene, die die Bastion Berlin bewachen, die in die täglichen

-

7 -

�täglichen Ausfälle und Paraden des Umgangs mit den Kommunisten verwickelt sind, kennen diese Realitäten. Pluspunkte lassen sich in
Berlin nicht leicht erzielen.
Dies heißt aber nicht, daß wir deshalb in unserer Entschlossenheit nachlassen. Wir brauchen nicht das künstliche Stimulans des
Konflikts und der Spannung, um in unserem Entschluß neu bestärkt zu
werden. Wir anerkennen die einfache Wahrheit, daß

die Freiheit von

der Woge der Zukunft getragen wird, daß die evolutionären Entwicklungsprozesse, die für die Freiheit arbeiten, eine ganz eigene innere
Schwungkraft besitzen. Diese Prozesse haben eine größere Chance,
sich zu entfalten, wenn keine Spannungen auftreten, die nur dazu angetan sind,

den Status quo einzufrieren und sinnvolle friedliche

Anpassungen politisch unmöglich zu machen.
Wir können manche Entwicklung im Osten als Vorboten der Zukunft
betrachten. Die starren Dogmen des Stalinismus, die in der Vergangenheit

Millionen Menschen Not und Tod brachten, werden nun in Osteuropa

offiziell als Ketzerei bezeichnet. Wir stoßen auf abweichende Stimmen,
auf Zweifel an früher als unumstößlich geltenden Dogmen und auch auf
unmißverständliche Beweise einer natürlichen Freiheitssehnsucht der
Menschen. Ähnliche Kräfte

sind, wenn auch noch stärker gedämpft

und strenger überwacht, auch in der Ostzone Deutschlands vorhanden.
Ich zähle diese Punkte auf, um meine Überzeugung zu unterstreichen,
daß die Teilung Deutschlands dem Strom der Geschichte zuwiderläuft.
Wenn uns vielleicht auch die Geschichte begünstigen mag, so
müssen wir dennoch einsehen, daß eine Wiedervereinigung Berlins und
Deutschlands nicht schnell und nicht auf leichte V/eise zu erreichen
ist. Wir müssen einsehen, daß die Zeiten Geduld, Ruhe und Einsicht,
gepaart mit Entschlossenheit, fordern. Eine Frage aber, auf die wir
heute eine Antwort finden müssen, lautet: Wie können wir den Menschen
in Mitteldeutschland helfen, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden,
die ihnen aus der Existenz der Mauer erwachsen? Diese Frage hat mehrere
Aspekte.
Zunächst muß der Westen stark und einig bleiben. Wir hier sind
uns der vielen Vorteile voll bewußt, die die Freiheit in ihren im
Westen entwickelten Formen mit sich bringt. Wir müssen der Welt aber

-

8

-

�aber deutlich vor Augen führen, daß die westlichen Wertbegriffe
universale Werte sind und den Aspirationen aller Menschen entgegenkommen. Die marxistischen Dialektiker attackieren eine Karikatur
des westlichen Kapitalismus, wie ihn Marx Mitte des 19- Jahrhunderts
sah. Wir können der Welt nicht nur beweisen, daß das westliche System einer freien Gesellschaft der beste Weg ist, die geistigen und
seelischen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen, sondern auch,
daß unser freies Wirtschaftssystem das wirksamste Mittel ist, die
materiellen Wünsche der Menschen zu erfüllen. Wir müssen schwer
arbeiten, um die Dynamik unseres Systems fortgesetzt unter Beweis
zu stellen

und um der Welt die mannigfaltigen Vorteile der Ent-

scheidungsfreiheit vor Augen zu führen.
Auf wirtschaftlichem Gebiet sind die Schwierigkeiten, denen
sich Osteuropa gegenübersieht, von einer deutschen Expertengruppe,
nämlich dem "Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung
Deutschlands", wie folgt charakterisiert worden1 "Die Wirtschaft
des Ostblocks ist das Opfer der tiefen Kluft zwischen ideologischer
Loyalität und den praktischen -volkswirtschaftlichen Erfordernissen."
Erst kürzlich hat die Presse die Probleme aufgezeigt, mit denen sich
die Wirtschaftsplaner des Sowjetblocks im COMECON konfrontiert sehen.
Die Opposition rumänischer Stellen zu den für ihr Land ausgearbeiteten Plänen, die seiner industriellen Entwicklung ein Ende gesetzt
hätten, ist allgemein bekannt. Vergleichen Sie diese Situation einmal mit jener, die wir in Westeuropa vorfinden. Obwohl wir auch im
Westen Meinungsverschiedenheiten antreffen, so besteht doch keinerlei Zweifel darüber, daß der Gemeinsame Markt neue wirtschaftliche
Impulse zu einer Zeit hervorgebracht hat, in der sich der Ostblock
immer akuteren Schwierigkeiten gegenübergestellt sieht. Unser
spezifisches Wirtschaftssystem habe ich bereits erwähnt. Hier in
der Bundesrepublik, wo Sie von einer freien Marktwirtschaft profitieren, genießen Sie ebenfalls die Segnungen einer fortschrittlichen Sozialpolitik. Ganz eindeutig ist die soziale Gerechtigkeit
in den freien Volkswirtschaften des Westens

unendlich viel größer

als in Osteuropa. Konkret gesprochen können wir sicher sein, daß
die Arbeiter in der Ostzone genau wissen, wieviel mehr Annehmlichkeiten ihre Kollegen in der Bundesrepublik unter diesem System

-

9 -

�System genießen, als ihnen unter dem dort herrschenden System
geboten werden. Trotz der im Osten bestehenden Beschränkungen
des Meinungsaustausches mit dem Westen sind die offensichtlichen
Vorteile des westlichen Systems den Menschen in Osteuropa durchaus bekannt und werden auch in zunehmendem Maße diskutiert. Der
Westen wird für den Osten immer mehr zu einem Magnet von mächtiger Anziehungskraft, einer Anziehungskraft, die dort zwangsläufig zu einer Neuorientierung führen und neue Beziehungen zwischen Ost und West möglich machen wird. Wie Präsident Kennedy
in seiner Ansprache vor Studenten der Freien Universität in Berlin
erklärte: "Ganz gleich, ob sie (die Menschen des Ostens) viel oder
wenig vom Westen sehen, was immer sie sehen muß so strahlend sein,
daß es den täglichen Propagandawirbel der Entstellung klar wider- legt." Auf eine Zeit eingehend, in der sich Möglichkeiten für eine
Aussöhnung zwischen Ost und West abzeichnen, erklärte der Präsident
weiter: "Dann gilt es, Wunden zu heilen und das Mißtrauen auf beiden Seiten abzubauen. Es gilt dann die Unterschiede im Niveau des
Lebensstandards auszugleichen - das heißt, es nach oben und nicht
nach unten anzugleichen. Es gilt, faire und wirksame Abkommen zur
Beendigung des Wettrüstens zu treffen. Diese Veränderungen werden
nicht heute oder morgen eintreten, aber wir müssen unsere Bemühungen mit unverminderter Kraft fortsetzen."
Daneben gilt es, mit großer Wachsamkeit die westliche Einigkeit zu wahren, die allein unser System in großem Rahmen funktionsfähig machte. Diese Einigkeit wurde in Krisenzeiten glänzend unter
Beweis gestellt. Ich brauche nur abermals an die Reaktion des Westens auf die Berliner Blockade zu erinnern und als ein Beispiel
aus jüngster Zeit die Solidarität des Westens während der Kuba-Krise
im vergangenen Jahr anzuführen. In der Tat wurden zahlreiche Einrichtungen, die unsere Einigkeit hier dokumentieren, in Krisenzeiten geboren. Ich brauche in diesem Zusammenhang nur die NATO zu erwähnen.
Dennoch sollten und können wir, wie ich glaube, in Zeiten der
relativen Ruhe genauso einig sein wie in Krisenzeiten. Wenn wir
unser System für die östliche Welt anziehend machen wollen, müssen
wir unsere Ideen und Hilfsquellen zusammenfassen. Einigkeit ist dabei
die wesentliche Voraussetzung.
Lassen
-

10

-

�Lassen Sie mich das, was ich eben generell gesagt habe,
speziell auf Berlin anwenden.
Die amerikanische Verpflichtung gegenüber Berlin wurde erst
kürzlich durch Präsident Kennedy anläßlich seines Berlin-Besuches
im Juni dieses Jahres erneut bestätigt. Ich brauche wohl nicht zu
wiederholen, was er in so beredter Weise bei dieser Gelegenheit
zum Ausdruck brachte. Niemand sollte die diesbezügliche feste
Entschlossenheit der Amerikaner und ihrer Alliierten anzweifeln.
Wir verstehen und würdigen den Wunsch der Berliner Behörden
und der Bevölkerung der Stadt nach normaleren Beziehungen zu ihren
Landsltuten in der Bundesrepublik. Ich glaube, die Geschichte wird
meine Worte bestätigen, wenn ich behaupte, daß es zahlreiche Beweise
unseres Mitempfindens bezüglich dieses natürlichen Wunsches gibt.
Seit Jahren bestehen Regelungen, um einem Großteil der Gesetze und
Abkommen der Bundesrepublik auf Berlin auszudehnen. Die Vertreter
von 2 l/2 Millionen freien Berlinern spielen eine aktive und einflußreiche Rolle im Parlament der Bundesrepublik.
Gleichzeitig haben wir jedoch auf des Aufrechterhaltung des
besonderen Status von Berlin bestanden. Wenn wir Berlin verteidigen
und weiterhin die Freiheit und Prosperität seiner Bürger gewährleisten sollen, dann ist es ganz klar, daß wir eine starke Basis brauchen, von der aus wir operieren können. Verstehen Sie mich bitte nicht
falsch - ich verwende das Wort Basis nicht im militärischen Sinn.
Wir halten es für wichtig, unsere rechtlich starke Position in der
Stadt beizubehalten, und zwar sowohl im Interesse Berlins als auch
in unserem eigenen. Für mich gilt es als erwiesen, daß ein eventueller Mangel an Klarheit hinsichtlich der alliierten Position letzten
Endes unser Verantwortungsbewußtsein gegenüber dieser Stadt schwächen
und unsere Fähigkeit, eben dieser Verantwortung gerecht zu werden, in
Frage stellen könnte. Offensichtlich ist die sowjetische Führung in
den letzten Jahren gegenüber der Weltmeinung empfindlicher und rücksichtsvoller geworden. Für Berlin und die Alliierten ist es von lebenswichtiger Bedeutung, daß die Welt ein wohlwollendes Verständnis
für die Probleme hat, um die es in der Berlin-Frage geht. Die Überzeugungskraft unserer Argumentation vor dem Forum der Weltmeinung

-

11

-

�Weltmeinung hängt aber weitgehend von der Integrität unserer
Position ab.
Wir legen es den deutschen Stellen nahe, die von mir hier
angeführten Erwägungen bei ihren Überlegungen ernsthaft zu prüfen.
Diese Erwägungen sind natürlich nur für die Übergangsperiode von
Belang - so lange, bis die gerechte und friedliche Wiedervereinigung
Deutschlands, die wir genau so glühend herbeisehnen wie die Deutschen,
erreicht werden kann.
Daneben gibt es noch andere Dinge, die wir in diesem Interimszeitraum tun sollten und müssen:
Wir müssen uns ernsthaft darum bemühen, jenen Menschen die Hoffnung zu erhalten, deren Verbindung zu ihren deutschen Landsleuten
durch die unmenschliche, mitten durch das Herz Berlins führende
Mauer abgeschnitten wurde.
In Einklang mit unseren allgemeinen politischen Zielen müssen
wir neue Anstrengungen zur Milderung der menschlichen und physischen
Härten unternehmen, die den Ostdeutschen durch die Errichtung der
Mauer zugefügt worden sind.
Diese beiden Ziele lassen sich im Rahmen eines friedlichen Wettbewerbs erreichen. Wir haben viele mutige und zuversichtliche Äußerungen von kommunistischen Führern über die Überlegenheit des Kommunismus gehört. Sie waren ausnahmslos begleitet von düsteren Beschreibungen der Unzulänglichkeiten unseres Systems im Westen. Berlin stellt
für sie eine Herausforderung dar, ihre zuversichtlichen Worte durch
Taten zu bekräftigen. Es fordert sie heraus, sich vor aller Öffentlichkeit dem Wettbewerb der Ideen zu stellen. Wir haben gehört, was
sie zur Verteidigung der Mauer vorbringen. Sie geben vor, ihre
"Errungenschaften" gegen übergriffe des Westens verteidigen zu müssen.
Wir alle wissen, daß dies nicht der Wahrheit entspricht - daß sie in
Wirklichkeit die magnetische Anziehungskraft der Freiheit fürchten,
wie sie in West-Berlin zu finden ist.
Wir haben ein Recht, ihnen entgegenzuhalten: "Wenn ihr so vom
Wert eurer Ideen überzeugt seid, dann laßt doch die Bevölkerung frei

12

-

�frei zwischen beiden Systemen wählen! Gestattet den freien Berlinern, Ost-Berlin zu betreten, und erlaubt den Ostdeutschen, nach
dem Westen zu kommen!" '.Vir haben auch das Recht, zu fragen: "Warum
muß die Bevölkerung der Sowjetzone noch immer Furcht davor haben,
eine andere Meinung zu äußern? Warum wird die Bevölkerung der Sowjetzone durch ihre Behörden von jedem Kontakt mit ihren Brüdern im
Westen abgeschnitten? Warum ist ein Gebiet, das für seine Produktivität und seinen Fleiß bekannt war, nicht in der Lage, seine Bevölkerung mit dem Notwendigsten zu versorgen? Warum ist die Produktivität der deutschen Arbeiter oder Bauern im Osten (die sich vom
Wesen her in nichts von ihren Kollegen in Westdeutschland unterscheiden) soviel niedriger als im Westen?"
'.Vir appellieren an die Sowjetführung, die letztlich die Verantwortung für Ostdeutschland trägt, eine Verbesserung der Lebensbedingungen der dortigen Bevölkerung zu gestatten. Die Kommunisten
sollen ihr Sperrfeuer lügenhafter Propaganda einstellen und der
Bevölkerung erlauben, die Verhältnisse im Westen selbst in Augenschein zu nehmen und sich ihre eigene Meinung zu bilden.
Und weiter: Was soll die endlose Kette kleiner Schikanen,
die sowohl den Zugang nach Berlin als auch das Leben in der Stadt
selbst berühren? Wenn die kommunistischen Führer so von ihrem Endsieg in Frieden überzeugt sind, warum setzen sie dann ihre Bemühungen
fort, Berlin zu isolieren und zu schwächen? Ist dies ein Zeichen von
Zuversicht, oder fürchten sie in Wirklichkeit, im freien Wettbewerb
der Ideen nicht bestehen zu können?
Wenn wir diesen Fragen auf den Grund gehen, so sollten wir dies
nicht in provokativer oder aggressiver Weise tun, denn damit würden
wir nur unserer eigenen Sache schaden. Was ich vielmehr vorschlage,
ist eine gemeinsame Anstrengung des Westens, um seine Anziehungskraft
auf den Osten immer mehr zu verstärken. Wir sollten klar zum Ausdruck bringen, daß wir keinem wie auch immar gearteten System feindselig gegenüberstehen, das den Menschen die- Freiheit läßt, ihr
Schicksal selbst zu bestimmen. Ich bin überzeugt, daß die Anziehungskraft unseres westlichen Systems so groß ist, daß der Sieg letzten

13

�letzten Endes unser sein wird, wenn sich die Menschen tvrv frei en+
scheiden dürfen.
Wie schon Präsident Kennedy in Berlin sagte: "Es gibt keinen
einfachen Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands und Wiederherstellung Europas. Aber das Leben ist niemals einfach. Es gibt
Arbeit, die getan werden muß, Verpflichtungen, die erfüllt werden
müssen - Verpflichtungen gegenüber der Wahrheit, der Gerechtigkeit
und der Freiheit."
In diesem Sinne trete ich dafür ein, daß wir alle unsere Anstrengungen, unsere Fähigkeiten und unsere Hilfsquellen vereinen,
damit Berlin und Deutschland schließlich in Frieden und Freiheit
wiedervereinigt werden.

* * * * *

-

14 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./l8.10.1963

TESTSTOPPVERTRAG IN KRAFT GETRETEN

WASHINGTON - (AD) - Der Vertrag über das Verbot von
Kernwaffenversuchen und anderen nuklearen Explosionen
in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser ist
am 10. Oktober 19&amp;3 mit der feierlichen Hinterlegung
der Ratifikationsurkunden in Washington, London und
Moskau in Kraft getreten. Der Kreis der Vertragspartner, der ursprünglich nur die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und die Sowjetunion umfaßte, hat sich
nach der Unterschriftsleistung der Außenminister dieser drei Staaten am 5« August 1963 i n Moskau durch
die Beitrittserklärungen anderer Regierungen inzwischen um mehr als hundert Staaten erweitert. In
Washington wurden bis zum Tag des Inkrafttretens Beitrittserklärungen von 102 Regierungen abgegeben. Der
Vertrag wurde allgemein als ein erster Schritt zum
Abbau der internationalen Spannungen begrüßt. Präsident John F. Kennedy versicherte anläßlich des Inkrafttretens des Teststoppvertrages, daß die Vereinigten
Staaten "dem Buchstaben und dem Inhalt nach" zu dem
Vertrag stehen werden. Der Teststoppvertrag hat folgenden Wortlaut:
VERTRAG
über ein Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre,
im Weltraum und unter Wasser

Die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika, des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und der
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, nachstehend als "die
ursprünglichen Vertragspartner" bezeichnet, die
es als ihr Hauptziel verkünden, schnellstmöglich ein Abkommen
über eine allgemeine und vollständige Abrüstung unter strikter
internationaler Kontrolle im Einklang mit den Zielsetzungen der
Vereinten Nationen zu erreichen, das dem Wettrüsten ein Ende machen
und den Anreiz zur Produktion und zur Erprobung aller Arten von Waffen, einschließlich Kernwaffen, beseitigen würde,
die
-

1

�"AMERIKA DIENST
die Einstellung aller Versuchsexplosionen nuklearer Waffen
für alle Zeiten zu erreichen suchen, entschlossen, die diesbezüglichen Verhandlungen fortzusetzen, und von dem Wunsche beseelt,
der Vergiftung der Umwelt des Menschen durch radioaktive Substanzen ein Ende zu setzen,
haben folgendes vereinbart:
Artikel I
1 . Jeder Partner dieses Vertrages verpflichtet sich, jegliche
Versuchsexplosion mit Kernwaffen oder jegliche andere nukleare Explosion zu verbieten, zu verhindern und solche an keinem seiner
Jurisdiktion oder Kontrolle unterstehenden Platz durchzuführen:
a) in der Atmosphäre; jenseits ihrer Grenzen, einschließlich
des Weltenraums; oder unter Wasser, einschließlich der
territorialen Gewässer oder auf hoher See; oder
b) in irgendwelchen anderen Bereichen, falls eine solche
Explosion bewirkt, daß radioaktive Rückstände außerhalb
der territorialen Grenzen des Staates auftreten, unter
dessen Jurisdiktion oder Kontrolle eine derartige Explosion durchgeführt wird. In diesem Zusammenhang herrscht
Einvernehmen, daß die Bestimmungen dieses Unterabschnitts
den Abschluß eines Vertrages nicht präjudizieren, der zu
einem ständigen Verbot aller nuklearen Versuchsexplosionen,
einschließlich aller derartigen unterirdischen Explosionen,
führt und dessen Abschluß die Partner, wie sie in der
Präambel dieses Vertrages erklärten, zu erreichen suchen.
2. Jeder Partner dieses Vertrages verpflichtet sich außerdem,
davon Abstand zu nehmen, die Durchführung irgendeiner Kernwaffenversuchsexplosion oder einer anderen Kernexplosion an irgendeinem
Ort innerhalb der bezeichneten Bereiche oder von der in Paragraph 1
dieses Artikels beschriebenen Wirkung zu veranlassen, zu unterstützen
oder sich in irgendeiner Weise an ihr zu beteiligen.
Artikel II
1. Jeder Partner kann Zusätze zu diesem Vertrag vorschlagen.
Der Wortlaut jedes vorgeschlagenen Zusatzes soll den DepositarTiegierungen unterbreitet werden, die ihn an alle Partner dieses
Vertrages weitergeben werden. Danach sollen die Depositarregierungen, sofern dies von einem Drittel oder mehr der Partner gewünscht
wird, eine Konferenz zur Erörterung eines solchen Zusatzes einberufen, zu der alle Partner einzuladen sind.
2. Jeder Zusatz zu diesem Vertrag muß von einer Stimmenmehrheit
aller Partner dieses Vertrages, einschließlich der Stimmen aller
ursprünglichen Vertragspartner, gebilligt werden. Der Zusatz soll

- 2

�"AMERIKA DIENST"
soll für alle Partner mit der Hinterlegung der Ratifikationsurkunden durch eine Mehrheit aller Partner, einschließlich der Ratifikationsurkunden aller ursprünglichen Vertragspartner,in Kraft
treten.
Artikel III
f

1 . Dieser Vertrag soll allen Staaten zur Unterzeichnung
offenstehen. Jeder Staat, der diesen Vertrag nicht vor seinem Inkrafttreten gemäß Paragraph 3 dieses Artikels unterzeichnet, kann
ihm zu jedem anderen Zeitpunkt beitreten.
2. Dieser Vertrag bedarf der Ratifizierung durch die Signatarstaaten. Die Ratifikationsurkunden und die Beitrittsurkunden sollen
bei den Regierungen der ursprünglichen Vertragspartner - den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken - hinterlegt werden, die hiermit als Depositarregierungen
bezeichnet werden.
3. Dieser Vertrag soll nach seiner Ratifikation durch alle
ursprünglichen Vertragspartner und nach der Hinterlegung der Ratifikationsurkunden in Kraft treten.
4. Für Staaten, deren Ratifikations- oder Beitrittsurkunden
nach dem Inkrafttreten dieses Vertrages hinterlegt werden, soll
er mit dem Datum der Hinterlegung ihrer Ratifikations- oder Beitrittsurkunden in Kraft treten.
5. Die Depositarregierungen sollen umgehend alle Signatarmächte sowie alle beitretenden Staaten über den Zeitpunkt jeder
Unterzeichnung, den Zeitpunkt der Hinterlegung jeder einzelnen
Ratifikations- und Beitrittsurkunde zu diesem Vertrag, über das
Datum ihres Inkrafttretens und das Datum des Eingangs jeglicher
Ersuchen um eine Konferenz oder anderer Mitteilungen unterrichten.
6. Dieser Vertrag soll von den Depositarregierungen gemäß
Artikel 102 der Charta der Vereinten Nationen registriert werden.
Artikel IV
Dieser Vertrag soll von unbegrenzter Dauer sein.
Jeder Partner soll in Ausübung seiner nationalen Souveränität
das Recht haben, von dem Vertrag zurückzutreten, sofern er entscheidet, daß außergewöhnliche Ereignisse, die im Zusammenhang mit dem
Gegenstand dieses Vertrages stehen, die höchsten Interessen seines
Landes gefährdet haben. Er soll alle übrigen Partner des Vertrages
drei Monate im voraus von einem solchen Rücktritt benachrichtigen.
Artikel V

�"AMERIKA DIENST"
Artikel V
Dieser Vertrag, dessen englischer und russischer Text in
gleicher "/eise authentisch sind, soll in den Archiven der Depositarregierungen hinterlegt werden. Ordnungsgemäß beglaubigte Kopien dieses Vertrages sollen von den Depositarregierungen den Regierungen der Signatar- und der beitretenden Staaten übersandt
werden .
Zum Zeugnis dessen haben die Unterzeichneten, ordnungsgemäß
bevollmächtigt, diesen Vertrag signiert.
Gegeben in dreifacher Ausfertigung zu Moskau am fünften Tage
des August Eintausendneunhundertunddreiundsechzig.
Für die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika
(gez.) Dean Rusk
Für die Regierung des Vereinigten Königreiches von Großbritannien
und Nordirland
(gez.) Home
Für die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
(gez.) A. Gromyko

* * * * *

4 -

�A M E R I K A

D I E N S T

ANSPRACHE
S r . Exzellenz des Außenministers der V e r e i n i g t e n S t a a t e n
Dean Rusk

gehalten am 2 7 . Oktober 1965 in der P a u l s k i r c h e zu F r a n k f u r t (Main)
a n l ä ß l i c h der
Einweihung der George C. M a r s h a l l - G e d e n k s t ä t t e am Opernplatz

�"AMERIKA DIENST"

Allg./XVI-39
I. General Marshall

Es ist eine hohe Ehre für mich, Herr Bundeskanzler, Ihnen und
dem deutschen Volk hier die Dankbarkeit aller Amerikaner für die
Ehrung zu bekunden, die Sie heute General George Catlett Marshall
zuteil werden lassen. Es freut mich insbesondere, daß auch Mrs.
Marshall hier unter uns weilt. Von besonderer Bedeutung ist ferner,
daß einige der prominentesten Mitglieder unseres Senats und Repräsentantenhauses hierhergekommen sind - Männer, die selbst engstens
mit General Marshall zusammengearbeitet haben und durch ihre Anwesenheit die Tatsache bezeugen, daß jeder einzelne Amerikaner, der für
die als Marshall-Plan bekannte große Partnerschaft zwischen Ihnen
und uns gewirkt hat, mit ganzer Einsatzfreude und Hingabe am Werk
war. Dieses große Unterfangen wäre ohne das Verständnis und die
praktische Mitarbeit vieler unserer Bürger, die heute hier im Geiste
mit uns sind, nicht möglich gewesen.
Für diejenigen unter uns, die an seiner Seite tätig waren,
stellte General Marshall eine Persönlichkeit olympischer Größe dar.
Er führte uns im größten aller Kriege und errang dennoch den Friedensnobelpreis. Er war ein warmherziger Mensch und gleichzeitig ein
Mann, der hinsichtlich der Pflichten der Staatsbeamten eine sehr
strenge Dienstauffassung vertrat, und er hatte tiefsten Respekt vor
den verfassungsmäßigen Gepflogenheiten eines demokratischen Volkes.
Einfach und unkompliziert in Geist und Denken, war er, was Klarheit
und den Blick für das Wesentliche angeht, selbst noch so gebildeten
Kollegen Vorbild. Ich höre ihn förmlich zu seinen Kollegen sagen:
"Meine Herren, betrachten Sie unsere Probleme bitte nicht so, als
handelte es sich um militärische Probleme - das könnte sie nämlich
leicht zu militärischen Problemen machen."
General Marshall hatte zwei wesentliche Eigenschafte. , die die
Größe eines Staatsmannes ausmachen. Er besaß die Fähigkeit, große
Konzeptionen zu formulieren - Ziele, die nach Lord Acton durch ihre
Großartigkeit die Vorstellungskraft und durch ihre Einfachheit die

«

-

1

�die Vernunft in Bann schlagen. Und er hatte den Willen, an diesen
Konzeptionen festzuhalten, bis sie verwirklicht waren.
Nachdem General Marshall von der gescheiterten Moskauer
Konferenz von 1947 zurückgekehrt war, begann in seinem Denken die
Idee eines umfassenden Plans zur Einigung und zum Wiederaufbau
Europas Gestalt anzunehmen. Noch vor Sommeranfang traf er seinen
Entschluß. Am 5« Juni 1947 hielt er dann seine Rede vor der HarvardUniversität, in der er den europäischen Ländern für den Fall, daß
sie einen gemeinsamen Plan zum wirtschaftlichen Wiederaufbau entwickelten, die Mitwirkung der Vereinigten Staaten an dessen Verwirklichung in Aussicht stellte.
Es fanden sich natürlich allenthalben Menschen, die ihm Rat
und Hilfe anboten. Die Verantwortung aber konnte er mit niemandem
teilen. Er allein konnte aus der Verpflichtung heraus, die ihm sein
Amt auferlegte, dem Präsidenten in einer Zeit wirtschaftlicher
Schwierigkeiten im eigenen Lande und angesichts der herannahenden
Wahlen empfehlen, vor sein Volk zu treten und um die Bereitstellung
von 16 Milliarden Dollar für ein Unternehmen zu ersuchen, das man
bestenfalls als ein wohlüberlegtes und notwendiges Wagnis bezeichnen
konnte .
Doch er hatte bereits eine klare Konzeption im Sinn, und er war
überzeugt, daß sie richtig war. So zauderte er nicht lange.
Und damit sind wir bei dem zweiten Element seiner Größe: der
Fähigkeit, eine einmal entwickelte Konzeption mit Beharrlichkeit und
Mut der Verwirklichung entgegenzuführen.
Und jenem Mut auch - dem Mut, sich nicht von der Ungewißheit
und den Schwierigkeiten einschüchtern zu lassen, denen er sich am
Anfang dieses Unternehmens im Sommer 1947 gegenüber fand - verdanken wir die nützliche wirtschaftliche Partnerschaft zwischen Europa
und den Vereinigten Staaten, deren Auswirkungen in unseren Tagen in
steigendem Maße sichtbar werden.

II.

-

2

-

�II. Die wirtschaftliche Partnerschaft

Diese Partnerschaft ist weit über die Träume des Jahres 1947
hinaus gediehen, ohne sich je von den Grundsätzen gelöst zu haben,
die General Marshall seinerzeit aufgestellt hat:
1. daß Europa in dieser Partnerschaft seine Rolle als kollektive Einheit spielen soll, und
2. daß die Vereinigten Staaten die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit, die sich aus der Einheit Europas ergeben, voll
ausschöpfen sollen.
Der erste dieser beiden Grundsätze fand seinen Niederschlag in
der Schaffung dreier großer Institutionen - in der Gemeinschaft für
Kohle und Stahl, in EURATOM und im Gemeinsamen Markt.
In diesen Einrichtungen wurde die Vision eines wahrhaft vereinten Europas erstmals Wirklichkeit: eines Europas, das als Einheit
handeln konnte, und zwar nicht auf Grund der Hegemonie eines einzelnen Staates oder endloser Verhandlungen von vielen, sondern auf Grund
der Übereinkunft der europäischen Staaten, gewisse Fragen als Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse zu behandeln, die von gemeinsamen Organen im Namen einer einzigen Gemeinschaft angegangen werden
sollten.
Und jedesmal, wenn Europa einen wirklichen Schritt vorwärts in
Richtung auf eine größere wirtschaftliche Einheit tat, gingen die
Vereinigten Staaten auf die Notwendigkeit und die Möglichkeit der
engeren Partnerschaft ein, die dieser Schritt schuf.
Unser als Starthilfe für die Gemeinschaft für Kohle und Stahl
gegebener Kredit, unsere Zusammenarbeit mit EURATOM auf dem Gebiet
der Atomenergie und die Verabschiedung unseres Gesetzes

über die

Ausweitung des Handels sind sichtbare Beweise dafür, daß das amerikanische Ziel die Schaffung eines vereinten Europas war, ins auf
eigenen Füßen stehen konnte und in der Lage war, mit den Vereinigten
Staaten als gleichberechtigter und sich seines Eigenwertes bewußter
Partner zu verhandeln und seine historische Rolle in der Weltpolitik
wieder zu übernehmen.

. ~

-

3 -

�Auf wirtschaftlichem Gebiet gibt es für Europa und die Vereinigten Staaten noch vieleDinge zu tun.

Sie füllen eine lange

Liste: Handel, Entwicklung und das Zahlungsbilanzproblem - ein
Problem, das aus den wirtschaftlichen Aufgaben und den Sicherheitsfunktionen der Vereinigten Staaten resultiert, die diese in
der freien Welt übernommen haben, und das nach unserer Ansicht
wirkungsvoll durch gemeinsame Maßnahmen in der OECD und anderen
Gremien gelöst werden kann. Wenn ich auf meine Tätigkeit im öffentlichen Dienst zurückblicke, dann muß ich feststellen, daß die Hälfte
der Zeit mit Sorgen über zuviel Gold und die andere Hälfte mit
Sorgen über

- u wenig Gold ausgefüllt war. Ich wünschte, wir könnten

herausfinden, welcher Goldbestand wohl der richtige ist.
Die Fortschritte der letzten 15 Jahre geben uns guten Grund zu
der Annahme, daß diese wirtschaftliche Agenda der Partnerschaft mit
Erfolg abgewickelt werden kann, wenn wir an den Grundkonzeptionen
festhalten, von denen General Marshall in der Harvard-Universität
sprach«
Unsere wirtschaftliche Partnerschaft ist mit der tiefgehenden
Verpflichtung verknüpft, die Handelsschranken zwischen uns abzubauen es ist dies eine Linie, die von Bundeskanzler Erhard wohl verstanden und von ihm geschickt verfochten wird. Liberale Handelspraktiken
sind lebenswichtig für das Wohlergehen unserer Völker und für die
freie Welt als Ganzes. Sie sind nicht minder bedeutsam für die
Erreichung unserer gemeinsamen Ziele auf dem Gebiet der Politik und
der Sicherheit, denn wirtschaftliche Stärke ist hierfür Voraussetzung.
In allen unseren Ländern gibt es jedoch auch Stimmen, die uns - vielfach politisch überzeugend, manchmal aber auch nur lautstark - zu
Maßnahmen zu drängen suchen, die in die andere Richtung weisen zurück zu höheren Zöllen, zu kleinen Märkten und zum wirtschaftlichen Isolationismus. Es wäre gefährlich, würden wir diesen Ratschlägen folgen. Denn die wirtschaftliche Zerplitterung der freien Welt
könnte dahin führen, daß alles,was wir zusammen in den vergangenen
15 Jahren so erfolgreich aufgebaut haben, wieder niedergerissen wird.
III.

�III. Politische Partnerschaft

Im Juni sprach Präsident Kennedy in dieser berühmten Stadt
von der Notwendigkeit einer engeren Partnerschaft zwischen den
Vereinigten Staaten und einem zur Einheit strebenden Europa,
nicht allein auf dem Gebiet der Wirtschaft, sondern auch in Fragen
der Politik und der Verteidigung. Ich möchte zunächst auf die politische Zusammenarbeit eingehen. Diese Frage gewinnt im gegenwärtigen
Stadium der Ost-West-Beziehungen ganz besondere Bedeutung.
An dieser Stelle möchte ich zwei Warnungen einflechten. Erstens:
die Sowjetführer haben weder ihr Weltherrschaftsziel noch ihren Entschluß aufgegeben, dieses Ziel mit allen für sie ungefährlichen
Mitteln zu verfolgen. Zweitens: die begrenzten Abkommen, die wir
jüngst mit der Sowjetunion getroffen haben, stellen keine Detente
dar. Der "heiße Draht", der für einen etwaigen Ernstfall zwischen
Moskau und Washington eingerichtet wurde, das Verbot der Kernwaffenversuche in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser, die
Resolution, den Weltraum von Massenvernichtungswaffen frei zu
halten - das alles sind nützliche, wenn auch kleine Schritte auf dem
Wege zum Frieden.
Ohne Fortschritt in Richtung auf die Bereinigung solcher kritischer politischer Streitfragen wie Berlin und die Teilung Deutschlands, Vietnam, Laos und Kuba kann es keine echte Entspannung geben,
und solange die Einwilligung in eine Inspektion und Überprüfung aussteht, sind in der Frage der Abrüstung nur geringe Fortschritte zu
erwarten .Semit haben wir in der freien Welt keinen Grund, in unserer
Wachsamkeit nachzulassen.
Innerhalb der kommunistischen Welt aber sind interessante Entwicklungen im Gange. Hier sind der chinesisch-sowjetische Dialog
und die Spannungen in den Beziehungen zwischen den beiden Staaten
zu nennen. In den kommunistischen Staaten Osteuropas mehren sich
die Zeichen eines wachsenden Nationalbewußtseins. Es herrscht
offensichtlich eine nüchterne Einschätzung der Gefahren eines

-

5 -

'

�III» Politische Partnerschaft

Im Juni sprach Präsident Kennedy in dieser berühmten Stadt
von der Notwendigkeit einer engeren Partnerschaft zwischen den
Vereinigten Staaten und einem zur Einheit strebenden Europa,
nicht allein auf dem Gebiet der Wirtschaft, sondern auch in Fragen
der Politik und der Verteidigung. Ich möchte zunächst auf die politische Zusammenarbeit eingehen. Diese Frage gewinnt im gegenwärtigen
Stadium der Ost-West-Beziehungen ganz besondere Bedeutung.
An dieser Stelle möchte ich zwei Warnungen einflechten. Erstens:
die Sowjetführer haben weder ihr Weltherrschaftsziel noch ihren Entschluß aufgegeben, dieses Ziel mit allen für sie ungefährlichen
Mitteln zu verfolgen. Zweitens: die begrenzten Abkommen, die wir
jüngst mit der Sowjetunion getroffen haben, stellen keine Detente
dar. Der "heiße Draht", der für einen etwaigen Ernstfall zwischen
Moskau und Washington eingerichtet wurde, das Verbot der Kernwaffenversuche in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser, die
Resolution, den Weltraum von Massenvernichtungswaffen frei zu
halten - das alles sind nützliche, wenn auch kleine Schritte auf dem
Wege zum Frieden.
Ohne Fortschritt in Richtung auf die Bereinigung solcher kritischer politischer Streitfragen wie Berlin und die Teilung Deutschlands, Vietnam, Laos und Kuba kann es keine echte Entspannung geben,
und solange die Einwilligung in eine Inspektion und Überprüfung aussteht, sind in der Frage der Abrüstung nur geringe Fortschritte zu
erwarten .Semit haben wir in der freien Welt keinen Grund, in unserer
Wachsamkeit nachzulassen.
Innerhalb der kommunistischen Welt aber sind interessante Entwicklungen im Gange. Hier sind der chinesisch-sowjetische Dialog
und die Spannungen in den Beziehungen zwischen den beiden Staaten
zu nennen. In den kommunistischen Staaten Osteuropas mehren sich
die Zeichen eines wachsenden Nationalbewußtseins. Es herrscht
offensichtlich eine nüchterne Einschätzung der Gefahren eines

-

5 -

�eines nuklearen Schlagabtauschs. Es bereitet Schwierigkeiten,
die wirtschaftlichen Kraftreserven auf die widerstreitenden Anforderungen der Rüstung, der Industrialisierung, der Verbrauchsdeckung und der Förderung der Weltrevolution zu verteilen. Und
es bestehen Anzeichen für ein steigendes Interesse an größerer
persönlicher Freiheit.
Es sind eindeutig Wandlungsprozesse hinter dem Eisernen Vorhang im Gange. Es wäre falsch, baldige Veränderungen zu erwarten.
Es wäre aber ebenso falsch, die Macht freiheitlicher Ideen zu
unterschätzen - Ideen, deren Lebenskraft

aioh im Lauf

der Ge-

schichte mehrfach erwiesen hat und die tief in der menschlichen
Natur verwurzelt sind.
Wie Präsident Kennedy vor der Freien Universität in Berlin
erklärte, ist unser Hauptziel die Wiederherstellung Europas - nicht
des künstlich geteilten Europas, wie es seit 1945 besteht, sondern
eines Europas, in dem sich jedes Volk der Selbstbestimmung und Freiheit erfreut.
Solch ein Europa wird gegenwärtig durch die Politik der Sowjetunion unmöglich gemacht, und die Ereignisse der Zeit nach 1945 deute
darauf hin, daß sich dieses Hindernis nicht so ohne weiteres durch
schöne Reden oder Überzeugungskraft überwinden läßt. Es kann nur
mit Gewalt oder durch einen friedlichen Wandel beseitigt werden.
Hier handelt es sich aber um Fragen, die durch Gewalt nicht entschieden werden können, würden durch sie doch eben jene Ziele ver-»,
nichtet, die wir uns gesetzt haben. Die Ausweitung des Handels und
verstärkte Kontakte mit den kommunistischen Staaten sind dem eher
dienlich. Als Teil dieser Bemühungen, einen konstruktiven Wandel
zu beschleunigen, sollten wir versuchen, zu Vereinbarungen über
Maßnahmen zu gelangen, die auf die Beseitigung der Teilung Deutschlands gerichtet sind. Wir müssen den Blick beharrlich auf unser Ziel
der Wiedervereinigung des deutschen Volkes in Freiheit richten.
Dieses Ziel ist wichtig, nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit
und der Menschlichkeit, sondern weil es keinen sicheren und dauerhaften Frieden geben kann, bis daß die aus der unfreiwilligen Spaltung des deutschen Volkes resultierenden Spannungen beseitigt sind.
Es

�Es kann kein befriedigendes politisches Abkommen geben, das dieses
Ziel außer acht läßt. Folglich dürfen wir bei Verhandlungen mit
kommunistischen Staaten nichts tun, das den Anschein erwecken könnte,
als setzten wir das Siegel der Zustimmung unter den Status quo für
das deutsche Volk. Daraus folgt außerdem, daß wir durch solche Verhandlungen die wachsende Stärke und Einheit des Westens nicht in
Gefahr bringen dürfen.
Dies sind keine Fragen, die die Vereinigten Staaten oder irgendein anderes Land einseitig entscheiden können oder werden. Aus eben
diesem Grunde kommt der Frage der politischen Konsultation ganz besondere Bedeutung zu. Von meinem Lande wird kein Abkommen, das unsere
Verbündeten betrifft,

ohne derartige Konsultierung geschlossen werden.

Im Nordatlantikrat und durch unsere normalen diplomatischen Verbindungen stehen uns wirksame Konsultationsmöglichkeiten zur Verfügung.
Wir haben von diesen Möglichkeiten in den letzten zwei Jahren reichlich Gebrauch gemacht. Nun aber müssen wir in diesen lebenswichtigen
Fragen eine noch engere Partnerschaft anstreben.
Alle unsere Länder sollten aus den Möglichkeiten, die die Diskussion

im Nordatlantikrat in dieser Hinsicht bietet, größeren

Nutzen ziehen. Die Vereinigten Staaten haben ihre Initiative zu
solchen Konsultationen innerhalb des Rates erheblich verstärkt und
hoffen, daß andere Mitglieder das gleiche tun werden.
Auch hoffe ich, daß die führenden politischen Planer der interessierten Länder unter der Ägide des Rates in den Ad-hoc-Arbeitsgruppen der METO
Öfter zusammenkommen können. Auf diese Weise würden die Männer, die
in ihren eigenen Hauptstädten die Entscheidungen in diesen Fragen zu
treffen haben, zu einem besseren Verständnis der gegenseitigen Ansichten gelangen. Dafür haben wir ein nützliches Vorbild in der Beratergruppe für atlantische Planung, die die NATO-Planer aus den einzelnen Hauptstädten in regelmäßigen Abständen zusammenführt.
Wir alle sind uns durchaus darüber im klaren, daß es in den
transatlantischen Beziehungen gewisse Probleme gibt. Mein eigener

-

7 -

�eigener Eindruck geht dahin, daß sie nicht wirklich transatlantischer Natur sind, sondern aus dem Fehlen einer Antwort auf die
Frage resultieren: Was ist Europa und wer spricht für es? Da aber
die grundlegenden Verpflichtungen der Mitglieder der großen
atlantischen Gemeinschaft die gleichen sind, hege ich keine Bedenken bezüglich der Lebensfähigkeit einer transatlantischen
Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und einem starken,
kraftvollen und geeinten Europa.
Die Antworten aber müssen die europäischen Staaten - wie schon
1947 - selbst geben.

IV. Verteidigungs-Partnerschaft
Ich wende mich nun dem zweiten Gebiet zu, auf dem, wie Präsident
Kennedy ausführte, den Grundsätzen der europäischen Einheit und atlantischen Partnerschaft neue Bedeutung gegeben werden kann - dem Gebiet der Verteidigung.
Wir brauchen zum Schutz des atlantischen Raumes eine starke und
mannigfaltig gegliederte westliche Streitmacht.
Diese Streitmacht muß sowohl nukleare wie nichtnukleare Komponenten einschließen.
Die Militärbehörden der NATO haben Sollstärken festgesetzt, deren
Erreichung dazu beitragen würde, daß wir über eine ausgewogene Gesamtstreitmacht verfügen. Es ist wichtig, daß diese Ziele erreicht werden.
Dann könnte auch niemand mehr auf die Idee verfallen, der Westen sei
in der Verteidigung seiner lebenswichtigen Interessen lax oder gleichgültig.
Ich hoffe, daß das Bündnis als Ganzes die gesteckten Ziele erreichen wird. In einer echten Partnerschaft müssen die Lasten gerecht verteilt sein; alle Länder müssen ihren fairen Anteil an der Gesamtstärke
der Allianz tragen,
Die Vereinigten Staaten leisten ihren vollen Beitrag zu dieser
Partnerschaft und werden dies auch weiterhin tun. Wir können stolz
auf die Tatsache sein, daß die Vereinigten Staaten im allgemeinen
ihre Ziele erreicht oder übertroffen haben, und wir bedauern, daß
-

8

-

�daß dies für gewisse andere Mitglieder des Bündnisses nicht
zutrifft. Wir sind von der Idee durchdrungen, daß die Allianz
als Ganzes ihre Verpflichtungen erfüllen sollte, und wir hoffen
zutiefst, daß dies auch geschehen wird.
Da Sie in der Bundesrepublik und wir in den Vereinigten
Staaten die schwerste NATO-Bürde tragen, kann ich zu Ihnen ganz
offen sprechen. Sie und wir arbeiten in engster Partnerschaft in
der NATO zusammen. Wir ziehen einander vertrauensvoll zu Rate. Wenn
wir sagen, Ihre Verteidigung ist unsere Verteidigung, dann meinen
wir das auch. Das haben wir in der Vergangenheit bewiesen, und wir
werden dies auch.in Zukunft unter Beweis stellen.
Wir haben sechs Divisionen in Deutschland stehen. Wir haben
die Absicht, diese Divisionen hier zu belassen, solange sie gebraucht werden - und unter den gegenwärtigen Umständen werden sie
ohne Zweifel auch weiterhin notwendig sein. Unsere Streitkräfte in
Deutschland werden durch das größte logistische System der Welt
versorgt, das sie mit Hilfe der modernsten und schlagkräftigsten
Ausrüstung in höchster Einsatzbereitschaft hält. Und hinter ihnen
stehen nukleare Streitkräfte

von nahezu unvorstellbarer Schlag-

kraft.
Ich darf Sie auch daran erinnern, daß die zentrale NATO-Front
nicht die einzige Grenze der Freiheit bildet, an der Streitkräfte
der Vereinigten Staaten Wache halten. Wir haben über 2 700 000
Mann unter Waffen, von denen fast eine Million fern der Küsten
der Vereinigten Staaten zu Lande und zu Wasser stationiert sind.
Als eine Nation mit über vierzig Verbündeten und weltweiten
Verteidigungsverpflichtungen sind wir naturgemäß sehr stark an
der Beweglichkeit unserer Streitkräfte interessiert.
In diesem Zusammenhang möchte ich noch ein Wort zum Lufttransport einer US-Panzerdivision nach Deutschland sagen, die hier
an Manövern teilnimmt. Diese Übung war ein Experiment und eine
Demonstration - gestützt

auf die Lufttranspcrtkapazität, zu

deren Schaffung wir uns 1961 im Zusammenhang mit der Berlin-Krise

- 9

�Berlin-Krise verpflichtet haben. Hauptziel war hierbei ,den schnellen
Aufmarsch von Verstärkungen im Falle einer ernsten Krise zu ermöglichen. Es handelte sich also um die Erprobung einer neuen und wichtigen zusätzlichen Kapazität zur Stärkung der militärischen Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa.
Ist dieser Lufttransport einer Panzerdivision gleichbedeutend
mit dem Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland? Die Antwort
heißt: "Nein" - das Gegenteil ist der Fall. Infolge dieses Lufttransportunternehmens befindet sich zur Zeit vorübergehend eine
siebente Division in Europa. Darüber hinaus steht noch äU Ausrüstung
für eine weitere Division bereit. Auf diese Weise bildet die von
den Vereinigten Staaten mit so hohem Kostenaufwand aufgebaute Lufttransportkapazität eine bedeutsame Quelle zusätzlicher Stärke
für die Allianz.
Die Partnerschaft zwischen den nordatlantischen Verbündeten
muß auch auf die atomare Verteidigung ausgedehnt werden.
Die Gelegenheit dazu ergibt sich, wie im Falle politischer
Konsultationen, aus der Notwendigkeit, einem spezifischen Problem
zu begegnen. Dieses Problem wird durch eine wachsende sowjetische
Atommacht aufgeworfen, die in Hunderten gegen Westeuropa und die
Vereinigten Staaten gerichteten sowjetischen Raketen ihren Ausdruck
findet. •
Die wirksamste Art und Weise, dieser Bedrohung zu begegnen,
schien zwei aufeinanderfolgenden Regierungen der Vereinigten Staaten
eine Kombination von amerikanischen Fernwaffen und Mittelstreckenraketen, die alliierten Streitkräften mit multilateralen Mannschaften
unter multilateralen Kontrollen und Besitzrechten überstellt werden
sollten.
Eine solche multilaterale Raketenflotte wäre von militärischer
Wirksamkeit. Ihre zielsicheren und wohlgeschützten Raketen wären
Teil des Gesamtbedarfs an westlicher Abschreckungsstärke.
Sie würde die atlantische Partnerschaft stärken, indem sie
die Vereinigten Staaten und Europa durch ein unauflösbares atomares
Band verknüpft. Die Raketen und Sprengköpfe stünden in gemeinsamem
-

10 -

�gemeinsamem Besitz und unter gemeinsamer Kontrolle; sie könnten nicht
einseitig abgezogen werden»
Sie würde ferner den europäischen Zusammenhalt stärken, indem
sie den gegenwärtigen nichtnuklearen Mächten die Gelegenheit böte,
sich an dem Besitz, dem Personal und der Kontrolle einer schlagkräftigen Atomstreitmacht auf derselben Grundlage wie andere Mitglieder dieser Streitmacht zu beteiligen.
Sie wäre somit ein wirksames Mittel, um den Prinzipien, von
denen General Marshall sprach, im gegenwärtigen politischen Rahmen
Europas Wirkung zu verleihen.
Mit zunehmender Ausweitung dieses Rahmens muß natürlich auch
auf diesem Gebiet, ebenso wie im Bereich der politischen Konsultation, Raum für eine Weiterentwicklung vorhanden sein. Der Präsident sprach eindeutig von dieser Möglichkeit im Zusammenhang
mit der Raketenflotte, als er hier im vergangenen Juni erklärte,
daß Europa immer größere Verantwortung auf diesem Gebiet übernehmen
könne und solle, je weiter es auf dem Weg zur Einheit voran schreite.

V. Die Reaktion Europas und die Rolle Deutschlands
Die atlantische Partnerschaft verdankte ihre Anfänge auf wirtschaftlichem Gebiet sowohl der von den Vereinigten Staaten zum Ausdruck gebrachten Bereitschaft, zu handeln, als auch der Reaktion in
Europa selbst. Wie ja auch General Marshall in seiner Rede sagte:
"Die Initiative muß von Europa ausgehen."
Vor 16 Jahren konnte Deutschland bei der Formulierung der
europäischen Antwort nur eine begrenzte Rolle spielen. Aber in
den darauffolgenden Jahren haben wir erlebt, wie die Bundesrepublik
ein; gesundes politisches System entwickelte, einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufstieg nahm und einen hervorragenden Platz
in der Europa-,Atlantik- und Weltpolitik errang. Sie haben eine geschichtlich bedeutsame Aussöhnung mit Frankreich erreicht. In diesen
Bemühungen war es Kanzler Konrad Adenauer, der die Führung übernahm
und eine unvergängliche Rolle in der deutschen - und europäischen -

-

11

-

�europäischen - Geschichte spielte. Seine Leistung wurde durch Dr.
Ludwig Erhards "Wirtschaftswunder" kraftvoll gestützt.
Auf Grund dieser großen Anstrengungen ist Deutschland in der
Lage, eine höchst bedeutsame Rolle im Aufbau der europäischen
Einheit und der Partnerschaft zwischen Europa und Nordamerika zu
spielen. Die Möglichkeiten, die jetzt vor Ihnen liegen, sind mindestens ebenso faszinierend wie diejenigen, denen sich die europäischen Länder vor 16 Jahren gegenübersahen.
Die Notwendigkeit einer solchen Anstrengung wurde vor wenig
mehr als einer Woche auch von Bundeskanzler Erhard unterstrichen,
als er sein Regierungsprogramm umriß. Es ist ein deutsches Programm,
das auf dem basiert, was nach Ansicht des Kanzlers den Interessen
Deutschlands am besten dient. Aber es ist auch ein europäisches
Programm, ein atlantisches Programm und ein Programm der "freien
Welt".
Lassen Sie mich, im Hinblick auf die konstruktive Rede des
Regierenden Bürgermeisters Brandt vom Dienstag auch beiläufig bemerken, daß es für uns Amerikaner, die wir in den Hauptpunkten
unserer Außenpolitik eine gemeinsame Linie beider Parteien anstreben,
ermutigend ist, zu sehen, daß bei den führenden Männern Ihrer
großen Parteien Einvernehmen in den Grundzügen Ihrer Außenpolitik
herrscht.
Wir hoffen, daß wir im Verein mit Bundeskanzler Erhard und
seinen fähigen Kollegen im Kabinett weitere Portschritte in Richtung
auf die europäische Einheit und atlantische Partnerschaft erzielen
werden.
In diesem Bemühen wird die Standhaftigkeit unserer beiden
Länder und anderer Staaten, die unsere Ziele teilen, voll und ganz
auf die Probe gestellt werden. Denn wir werden auf unserem Weg auf
Hindernisse stoßen.
Es wird in der weiteren Entwicklung der europäischen Integration
und atlantischen Partnerschaft nicht an Schwierigkeiten fehlen.
Bei einer Bewegung solchen historischen Ausmaßes bleiben sie nicht aus.
Wir

�Wir müssen uns auf zeitweilig auftretende Verzögerungen und Enttäuschungen gefaßt machen. Aber wir bewegen uns mit dem Strom
der Geschichte, und die Dinge können gar keinen anderen Verlauf
nehmen.
Wenn die Freiheit siegen soll, müssen wir mit tiefster
innerer Überzeugung und Entschlossenheit voranschreiten.
Ich bin heute hierhergekommen, um erneut die Bereitschaft
meines Landes

zu bekunden, unserer Partnerschaft eine neue Di-

mension zu geben.
Bei Ihnen und den anderen, die die Ziele der europäischen
Einheit und atlantischen Partnerschaft teilen, liegt die Entscheidung darüber, ob diese Bemühungen fortgeführt werden.
Indem wir auf diesem Weg voranschreiten, ehren wir den Mann,
dessentwegen wir hier versammelt sind, in der ihm gemäßen Weise den Staatsmann, der als erster diesen Ideen Ausdruck und Inhalt
verlieh: General George C. Marshall.

* * * * *

-

15 -

&lt;

�A M E R I K A

D I E N S T
W. &amp; A. XV-40

HANDELSAUSWEITUNG UND WIRTSCHAFTSWACHSTUM
IN DER ATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT
ANSPRACHE
Sr. Exzellenz, das Botschafters der Vereinigten Staaten,
GEORGE C. MCGHEE

gehalten vor der Handelskammer Koblenz am 5« November 1965

�HANDELSAUSWEITUNG UND WIRTSCHAFTSWACHSTUM
IN DER ATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT

Die Ereignisse unserer e igenen Zeit in historischer Perspektive zu betrachten,ist ein sehr schwieriges Unterfangen - ein Unterfangen aber, dem wir uns unterziehen müssen, wollen wir sinnvoll
fuer die Zukunft planen. Es gibt eine Reihe guter Gründe, gerade
diesen Zeitpunkt gegen Jahresende dazu auszuersehen,uns Rechenschaft über uns s elost und die Richtung abzulegen, die die Dinge
nehmen.
In Deutschland kennzeichnet das Jahr 1963 das Ende der Ira
Adenauer - einer Ära, in der eine Nation aus dem Chaos der Niederlage in eine führende Position innerhalb der Völkerfamilie emporgestiegen ist. Unter Bundeskanzler Erhard fängt nunmehr ein neuer
Abschnitt der deutschen Geschichte an.
In Europa brachte 1963 einen vorübergehenden Stillstand auf
dem Wege zu einer wirtschaftlichen Integration innerhalb einer
erweiterten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, eine Entwicklung,
die zwangsläufig auch den Prozess der politischen Integration verlangsamte .
In der Welt als Ganzes kam es zu weithin wirksamen Veränderungen in den politischen Verhältnissen. Der Übergang von kolonialer Abhängigkeit zu nationaler Unabhängigkeit ist in Asien
und Afrika weit fortgeschritten; die Spaltung zwischen der
Sowjetunion und dem kommunistischen China hat sich vertieft und
ist vielleicht sogar nicht wieder rückgängig zu machen; und ein
erster kleiner Schritt wurde unternommen, die Kernwaffen unter
Kontrolle zu bringen.
Einige
- 1 -

�Einige der Tendenzen und Sachverhalte,die ich hier kurz angeführt habe,leiten sich aus früheren Entscheidungen her, andere werden
in Zukunft Entscheidungen von uns verlangen. Ein Gebiet, auf dem uns
sicherlich Entscheidungen bevorstehen,ist das des internationalen
Handels. Die Möglichkeiten einer weiteren Expansion des Welthandels
sind deshalb heute abend mein Thema. Diese Möglichkeiten sind naturgemäss für uns von grosser Bedeutung, nehmen doch unsere beiden Länder
in der Rangfolge der Handelsnationen der Erde die beiden ersten
Plätze ein. Dabei geht es aber um weit mehr als nur um Handelsinteressen. Wie wir und unsere Partner diese Möglichkeiten nutzen, wird
tiefgreifende Auswirkungen nicht nur auf die Prosperität,sondern auch
auf die Stärke und den Zusammenhalt der freien Welt haben.
Rückblick auf die letzten zehn Jahre
In den letzten zehn Jahren hat sich vieles ereignet, das uns mit
Befriedigung erfüllt. Der Warenaustausch unter den Ländern der freien
Welt,auf die übrigens über neun Zehntel des gesamten Welthandels entfallen, nahm wertmässig von etwa 75 Milliarden Dollar im Jahre 1953
auf über 150 Milliarden Dollar im Jahre 1965 zu. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Außenhandel der heute der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft angehörenden sechs Länder um das Zweieinhalbfache,
nämlich von rund 15 Milliarden Dollar auf 37 Milliarden Dollar. Und
um von der Bundesrepublik zu sprechen, so stieg ihr Außmhandel um
mehr als das Dreifache von rund 4 Milliarden auf etwa 15 Milliarden
an»
Sie werden mir wohl sicherlich beipflichten, daß dieser eindrucksvollen Ausweitung des Außenhandels, mindestens was Deutschland
betrifft, eine ähnlich starke Belebung auch der übrigen Wirtschaftstätigkeit auf dem Fuße folgte. Die nach außen orientierte liberale
Handels-und Zahlungspolitik,die Deutschland und andere Länder der
freien Welt betreiben, hat uns allen Vorteile gebracht.
Es haben selbstverständlich viele Faktoren zu der bemerkenswerten
Entwicklung des Welthandels beigetragen, an der die Bundesrepublik
so hervor"0^nden Anteil gehabt hat. In der Bundesrepublik gebührt
das Verdienst der Tüchtigkeit und dem Fleiß des deutschen Arbeiters
- 2-

�Arbiters, der Tatkraft und Initiative der deutschen Wirtschaftskapitäne und dem Geschick in der Wahl der Mittel der Wirtschaftspolitik
seitens des Staates. Natürlich gab es da auch noch ein anderes einflußreiches Moment. In einer Zeit,der Erholung, die auf die Zerstörungen des Krieges und die Unterbrechung der Welthandelsverbindungen
, folgte, war eine Ausweitung der Produktion und des Handels zfc erwarten.
Es waren darüber hinaus aber noch drei weitere wichtige Faktoren
mitgestaltend am Werk.
Es herrscht hier, wie ich nicht bezweifle, allgemeine Übereinstimmung bezüglich der Wichtigkeit des ersten dieser Faktoren. Ich
meine den Schutzschild, den die NATO gegenüber der Bedrohung aus
dem Osten darstellt. Die militärische Stärke, die vor einer Aggression abzuschrecken vermag, war und ist unerlässliche Voraussetzung
für das wirtschaftliche und politische Wohl Europas» Der Beitrag
unserer beiden Länder zur NATO ist hinreichend bekannt.
Ein zweiter Faktor waren die finanziellen Mittel, die über
das Auslandshilfeprogramm der Vereinigten Staaten in die Weltwirtschaft gepumpt worden sind. In der Zeit vor Anlaufen des MarahallPlans und während seiner Laufzeit erhielten die Länder Europas
2|) Milliarden Dollar an amerikanischer Wirtschaftshilfe - zum Teil
in Form von nicht-rückzahlbaren Beihilfen, zum Teil in Form v«n
Krediten -,um ihre Zahlungsbilanzdefizite während der ersten Nachkriegsjahre ausgleichen zu können. Bei fortschreitender wirtschaftlichen Erholung profitierte Europa darüberhinaus noch von den weiteren
32 Milliarden Dollar an amerikanischer Hilfe, die außereuropäischen
Ländern gewährt und von diesen zu einem guten Teil zum Kauf europäischer Waren verwendet wurden.
Der dritte wichtige Faktnr,auf den ich hier näher eingehen
möchte, ist die Liberalisierung des Zahlungsverkehrs und des Handels.
Der Fortschritt in Richtung auf einen freieren Zahlungs-und Handelsverkehr setzte schon kurz nach dem Kriege ein und erhielt in Europa
- 3 -

�Europa einen besonderen Auftrieb unter dem Marshall-Plan, sah man
doch die Beseitigung der Zahlungs-und Handelsbeschränkungen als eine
notwendige Ergänzung der Hilfe an. Ich halte es für sehr instruktiv,
hierbei einen Augenblick zu verweilen und einen Überblick über das zu
geben, was wir durch gemeinsame Anstrengungen zwischen uns erreicht
haben. Richten wir unser Augenmerk zunächst auf den Fortschritt, den
wir auf dem Gebiet des Zahlungsverkehrs erzielt haben.
Auf dem Weg zur Konvertibilität der Währungen
Am Ende des zweiten Weltkrieges litten die meisten europaeischen
Währungen unter den Fesseln sehr strenger Devisenkontrollen. Eine Zahlung, gleich welcher Art, an einen Gläubiger in einem anderen Land zu
leisten, erforderte eine Genehmigung, und die Erteilung einer solchen
Genehmigung wurde häufig wegen Devisenmangel abgelehnt. Der Wert der
europäischen Währungen war s» unsicher und der Bedarf an Waren aller
Art so groß, daß die Länder zögerten, einander nennenswerte Kredite
einzuiXumen. Zahlungen wollten sie außer in Form von Waren des d-ringlichsten Bedarfs, die ohnehin knapp waren, nur in Gold oder Dollar annehmen - und das zu einer Zeit, da sowohl die Gold- als auch die
Dollar- Reserven in fast allen europäischen Ländern sehr gering
waren.
Die Folge war, daß die meisten europäischen Länder bilaterale Abkommen mit jedem einzelnen ihrer Handelspartner abachloßen in dem Versuch, die Zahlungen untereinander auszugleichen. In den meisten Fällen
waren die Kreditmöglichkeiten im nahmen dieser bilateralen Abkommen
ohnehin sehr beschraenkt, und war der Kredit ausgeschöpft, hatte die
Tilgung entweder in Gold oder konvertierbarer Währung zu erfolgen.
Dieses System des bilateralen Zahlungsausgleichs war dazu angetan,
den Handel abzuschnüren und zu zerrütten.
Im Jahre 1947 wurde offenkundig, daß sich Produktion und Handel
in Europa ohne die Schaffung eines flexibleren Zahlungssy3tems nicht
weiter ausbauen ließen. Um diesem Bedürfnis Rechnung zu tragen,
schlössen die Mitgliedstaaten der Organisation für Wirtschaftliche
Zusammenarbeit in Europa (OEEC) im Zuge des Anlaufens des Marshall-

_ 4-

�Marshall-Plans 1946 das Intereuroifiische Zahlungsabkommen. Dieses
Abkommen gestattete den Mitgliedstaaten zum ersten Male, laufende
Verbindlichkeiten und Forderungen auf multilateraler Basis zu verrechnen. Deutschland konnte zum Beispiel Importe aus Italien mit
Forderungen gegenüber Frankreich begleichen, Ein bilateraler Ausgleich der Zahlungsverpflichtungen war nicht mehr länger erforderlich.
Dieses System der multilateralen Verrechnung wurde in der Folge
durch die 19p0 erfolgte Gründung der Europäischen Zahlungsunion - der
sogenannten EZU - weiter verbessert, die in Ergänzung der Verrechnungsmöglichkeiten erhebliche Kreditmöglichkeiten auf Gegenseitigkeit bot.
Unter dem stimulierenden Einfluß der EZU nahmen Handel und Produktion
in Europa rasch zu, wurden in vielen Ländern wieder stabile finanzielle
Verhältnisse hergestellt und begann Europas Dollar-Defizit abzunehmen«
Die Mehrzahl der Beschränkungen im innereuropäischen Zahlungsverkehr
wurde aufgehoben.
Gestützt auf die zusätzliche Stärke, zu der ihnen die EZU verhelfen hatte, machten die europäischen Währungen weitere Fortschritte in
Richtung auf die Liberalisierung des Geldverkehrs, und Ende 1958 wa**
das unmittelbare Ziel, die Konvertierbarkeit der Währungen, im laufenden Zahlungsverkehr, erreicht. Das bedeutete, dass alle Kontrollen
oder Beschränkungen des laufenden Zahlungsverkehrs aufhörten. In
einigen europäischen Ländern, vor allem in der Bundesrepublik, wurde
diese Liberalisierung auch auf den Kapitalverkehr ausgedehnt. Leider
halten mehrere Länder, die über große Devisenreserven verfügen, eine
Aufhebung ihrer Restriktionen des Kapitalverkehrs noch immer nioht für
angebracht. Von dieser relativ unbedeutenden Ausnahme abgesehen, war
jedoch Ende 1958 das Ziel eines freien Zahlungsverkehrs im wesentlichen erreicht. Die praktische Bedeutung der annähernden Verwirklichung der Konvertibilität läßt sich kaum überschätzen. Heute kann
beispielsweise jedes Land der Erde, das österreichische Schillinge
vereinnahmt hat, mit diesen Schillingen seine Importe aus jedem beliebigen Erzeugerland der Welt finanzieren. In den veröffentlichten
Gold- und Devisenausweisen führen die Länder der freien Welt auoh ihre
Bestände an Währungen wie Holländische Gulden und Deutsche Mark auf.

- 5-

�auf. Ein Geschäftsmann in Europa,Asien oder Afrika, der Waren
für Deutsche Mark oder italienische Lire einkauft, bezahlt in Devisen, mit denen er praktisch ebensoviel anfangen kann wie mit
Dollar oder Gold. Durch die von den europäischen Ländern erreichte freie Konvertierbarkeit ist die Welt gesünder und sind ihre
Zukunftsaussichten sehr viel günstiger geworden.
Gewiss hat die Umstellung auf die durch die Konvertibilität
geschaffenen Verhältnisse nach 1956 Schwierigkeiten mit sich gebracht. Das ständige Defizit in der Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten erfüllt uns alle mit Besorgnis. Wie Sie wissen, gehen
wir dieses Problem von verschiedenen Seiten her an, und wir lassen
uns dabei von dem festen Entschluß leiten, dieses Problem nicht
nur zu lösen, sondern es so zu lösen, daß keiner unserer Handelspartner dadurch irgendwie geschädigt wird. Wir sind entschlossen,
dieses Defizit zu beseitigen, und wir sind »estrebt, dies womöglich auf dem Wege der Ausweitung und nicht der Einengung des
privaten Handels und Zahlungsverkehrs zu erreichen.
Wir alle dürfen stolz sein auf den bisher unerreichten Grad
enger Zusammenarbeit, den unsere Finanz- und Währungsbehörden bei
der Umstellung auf eine Welt der Konvertibilität erreioht haben.
Gemeinsam haben sie neue und stärkere Schutzwälle gegen spekulative
Geldbewegungen und andere Störungen des Währungsgefüges aufgerichtet. Ich schätze mich glücklich, sagen zu dürfen, daß die zuständigen Stellen der Bundesrepublik dabei Hervorragendes geleistet haben.
Vor zwei Monaten gaben die zehn wichtigsten Industrieländer
der Welt auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in
Washington bekannt, daß sie das gegenwärtige Währungsystem gemeinsam überprüfen wollen, um festzustellen, ob es der Verbesserung
bedarf und die steigende Nachfrage der expandierenden Weltwirtschaft nach liquiden Mitteln zu decken vermag. Diese Überprüfung
soll sicherstellen, daß zu jedem Zeitpunkt liquide Mittel in
ausreichender Menge verfügbar sind und daß unsere internationalen
- 6 -

�internationalen Währungsorgane.auch in Zukunft imstande sind, die
Handelswege zwischen den freien Völkern von Hindernissen frei zu
halten.
Handelsliberalisierung und wirtschaftliche Integration
Das andere Hauptelement des in der Nachkriegszeit in der freien
Welt zu beobachtenden Drangs nach wirtschaftlicher Freiheit war der
Wunsch, den Handel zu liberalisieren. Die Liberalisierung des Handels
war dabei schwieriger und ist nicht so weit gediehen wie die Beseitigung der Währungsrestriktionen. Dennoch sind die weitblickenden
politischen Führer Europas auf dem Weg über den Abbau von Handelsrestriktionen bis zur wirtschaftlichen Integration und über diese
hinaus auch zur politischen Integration ein großes Stück vorangekommen .
Der Prozeß der Liberalisierung des Handels setzte auf multilateraler Basis nach dem Kriege mit der Unterzeichnung des Allgemeinen ?oll-und Handelsabkommens - GATT - ein. In Europa erhielt
er durch den Marshall-Plan einen besonderen Auftrieb. Die Zug um
Zug erreichte Liberalisierung des Zahlungsverkehrs zwischen den
OEEC - Mitgliedern war von einem schrittweisen Abbau der mengenmässigen Handelsbeschränkungen begleitet. Später liberalisierten
dann die europäischen Länder ihren Außenhandel mit Partnern außerhalb ihres Wirtschaftsraumes. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft trieb diesen Proz^J in der Folge mit der Senkung der gegenseitigen Zölle weiter voran und eine andere Gruppe europäischer
Staaten - die EFTA - ist ebenfalls dabei, die Zölle im Handel
zwischen ihren Mitgliedern abzubauen. Die Vielfalt «n Institutionen
und Abkürzungen - GATT, OEEC (inzwischen in OECD umgewandelt),
EWG und EFTA - lässt sowohl die Stärke des Dranges nach mehr Freiheit im Handel deutlich werden als auoh die Schwierigkeiten ihrer
Verwirklichung.
Im Rahmen des GATT drückt sich der Fortschritt in den Verhandlungen über die Anwendung der von den Beteiligten anerkannten
Grundsätze für einen fairen Handel aus, die unter anderen die Zufluchtnahme zu mengenmässigen Einfuhrbeschränkungen begrenzen.

- 7-

�begrenzen. Innerhalb der OEEC hatte man nicht nur die quantitativen
Handelsrestriktionen beseitigt, sondern auch im Zuge der weiteren
Entwicklung die enge Konsultation und Zusammenarbeit zur allgemeinen Praxis erhoben. Die Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder
wurde zur Diskussion gestellt und in ihren Auswirkungen auf andereStaaten überprüft. Von diesen Ansätzen ausgehend, begannen die
weitblickendsten unter den europäischen Staatsmännern in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit einen Weg zu erk«aa«nr. ihre Länder
einander näherzubringen, und schließlich zu «iner Union zu vereinigen.
Dieser Weitblick war es, wie wir alle wissen, der 1952 zur
Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und
später, im Jahre 1957» sur Schaffung der EWG und ihrer Schwesterarganisation EURATOM führte.
Die Geschichte der europäischen Integration seit dem Inkrafttreten der europäischen wirtschaftlichen Verträge ist noch in guter
Erinnerung. Wir können mit Recht behaupten, dass die EWG in wirtschaftlicher Hinsicht ein Erfolg war und einen verstärkten Güteraustausch zwischen den Mitgliedstaaten in Gang brachte. ™ie Sie sich
erinnern, entschlossen sich die Vereinigten Staaten im Jahre 1957»
die EWG zu fördern und ihren Aufbau nach Kräften zu unterstützen.
Wir trafen diese Entscheidung, obwnhl wir erkannt hatten, daß die
EWG im Bereich des reinen Handels angesichts ihrer Binnenhandelspräferenz auf eine Diskriminierung gegenüber Götom aus Nichtmitgliedstaaten - einschließlich meines eigenen Landes - hinauslaufen würde. Nach unserer Meinung rechtfertigte jedoch das größere Ziel der europäischen Integration diesen Preis. Natürlich wurden
wir damals durch die zu erwartende liberale Orientierung der EWG
in diesem Glauben bestärkt. Wir waren überzeugt, daß eine größere
nach außen orientierte Gemeinschaft einen expandierenden Absatrrmarkt auch für Erzeugnisse aus Ländern außerhalb der EWG bilden
werde.
Die Verlangsamung des europäischen Integrationsprozeß«? im
Jahre 1965 wird von den meisten unter uns natürlich tief bedauert.
- 8 -

�bedauert. Und wenn ich sage, daß unsere beiden Länder aufrichtig
auf eine baldige Gelegenheit zu erneuten Gesprächen über die Frage
des Beitritts Großbritanniens zum Gemeinsamen Markt hoffen, dann
glaube ich, damit die Einstellung hier in Deutschland korrekt wiedergegeben zu haben. Gans gleich,ob es dazu kommen wird oder nicht,
wir beide haben jedenfalls alles Interesse daran, auf dem Weg zur
Liberalisierung des Handels weiter voranzuschreiten. Die Portschritte auf diesem Weg haben uns in den Nachkriegsjähren ein hohes
Maß an Prosperität und Stärke beschert, und trotz verschiedener
Rückschläge im Jahre 19^5 liegen noch bedeutsame Möglichkeiten vor
uns.
Eine dieser Möglichkeiten bietet das Gesetz zur Ausweitung
des Handels. Dieses Gesetz gibt Präsident Kennedy Vollmachten zur
Herabsetzung und vollkommenen Aufhebung von Zöllenj wie sie kein
amerikanischer Präsident je besessen hat. Präsident Kennedy hat verfügt, Vorbereitungen für die optimale Nutzung der ihm übertragenen
Vollmachten in der neuen GATT-Runde zu treffen, die im kommenden
Jahr stattfinden soll.
Diese Politik drückt unsere Anerkennung der Tatsache aus, daß
den Vereinigten Staaten in der EWG zum ersten Mal ein Partner von
fast gleicher wirtschaftlicher Stärke gegenübersteht. Sowohl die
Vereinigten Staaten als auch die EWG besitzen eine hochentwickelte
Industrie. Beide haben eine große, im Wohlstand lebende Bevölkerungi
Die Aaßenzölle beider bewegen sich in etwa auf dem gleichen Durchschnittsniveaut bei einigen Gütern werden die Zollsätze der Gemeinschaft über denen der Vereinigten Staaten liegen, bei anderen wird
ein umgekehrtes Verhältnis herrschen.
Gerade weil sie einander so ähnlich sind, müssen diese beiden
großen Wirtschaftseinheiten zusammenarbeiten, wenn sie sich nicht
gegenseitig zerschlagen wollen. Eng miteinander in Harmonie verbunden, können sie zu einem Motor von fast unbegrenzter Stärke
für die Umgestaltung der Welt werden.
Wir sind der Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten und
die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft in den bevorstehenden

-9 -

�beverstehenden Verhandlungen den gegenseitigen Zugang zu ihren
Märkten auf einer Basis erweitern können, die für uns beide vorteilhaft wäre. Durch die Ausdehnung der Meistbegünstigung auf
andere Handelspartner können die beiden großen gemeinsamen Märkte
die einander eingeräumten Konzessionen dazu benutzen, die Handelsschwierigkeiten und die Besorgnisse der gesamten freien Welt zu
vermindern. Ausserdem können umfassende Zollsenkungen durch die
Vereinigten Staaten, die EWG und andere Handelsnationen viel
zur Verringerung solcher Probleme beitragen, wie sie sich aus
der sogenannten "Zollkluft" zwischen der EWG und der EFTA ergeben.
Man muß sich jedoch darüber im klaren sein, daß der Erfolg
der Verhandlungen als Ganzes von der Fähigkeit abhängen wird, zu
Übereinkünften auch auf dem Gebiet der Agrarerzeugaiase zu gelangen,
ebenso wie bezüglich des Handels mit Industrierzeugnissen. In
diesem Zusammenhang sind wir bereit, über jeden Aspekt unserer
eigenen Landwirtschaftspolitik zu diskutieren. Zum anderen wird es
jedoch nötig sein, daß unsere europäischen Freunde ihrerseits Übereinstimmung hinsichtlich einer Reihe wichtiger Aspekte der Landwirtschaftspolitik des Gemeinsamen Marktes erzielen. Wir wissen,
daß sie dies vor schwerwiegende Probleme stellt, dennoch sind wir
ganz aufrichtig überzeugt, daß dies Probleme sind, mit denen man
sich, den Blick auf die Zukunft gerichtet, unbedingt befassen muß.
Die Vorbereitungen auf die Kennedy-Runde
Die Handelsverhandlungskonferenz s&lt;&gt;ll im nächsten Frühjahr
in Genf beginnen. Die Vorbereitungen auf sie sind sehr umfangreich.
Bereits seit Monaten leisten die technischen Experten auf beiden
Seiten des Atlantik harte Arbeit. Es dürfte für Sie interessant
sein, etwas über einige Schritte zu erfahren, die wir in den Vereinigten Staaten gegenwärtig unternehmen, um unseren gesetzlichen
Erfordernissen Genüge zu tun.
Der erste diesbezügliche Schritt wurde von Präsident Kennedy
genau vor zwei Wochen unternommen, als er der Zollkommission eine
- 10 -

�eine Liste von rund 6000 Positionen vorlegte, über die wir zu verhandeln beabsichtigen. Umfang und Gliederung dieser Liste sämtlicher
Importartikel der USA - wenn wir von den wenigen absehen wollen,
die auf Grund besonderer gesetzlicher Bestimmungen ausgenommen sind dürften mehr als ausreichend beweisen, wie stark wir uns einer
Liberalisierungspolitik verpflichtet fühlen. Unsere Liste stellt eine
Aufforderung an die EWG dar, an diesen Aspekt der Verhandlungen im
gleichen Geist heranzugehen.
Das Gesetz zur Ausweitung des Handels verpflichtet die Zollkommission, den Präsidenten über die wahrscheinlichen wirtschaftlichen Auswirkungen sämtlicher vorgeschlagenen Handelsvertragskonaessionen auf jeden einzelnen Artikel zu unterrichten. Sie muß ihm
ihre Stellungnahme innerhalb von sechs Monaten nach Eingang der
Liste unterbreiten. In dieser Zeit ist die Kommission gehalten,
Informationsaitzungen durchzuführen und allen interessierten Personen Gelegenheit zu geben, ihre Ansichten darzulegen.
Weitere Einvernahmen werden gleichzeitig vom Handels-Informatijnsausschuß durchgeführt, einem Gremium, das sich aus Vertretern
mehrerer Stellen der US-Regierung zusammensetzt. Diesem Ausschuß
werden die Stellungnahmen aller interessierten Personen au allen,
das vorgeschlagene Handelsabkommen berührenden Fragen zugeleitex.
Bei diesen Ausschußberatungen geht es in erster Linie um die Klärung
der Frage, welche ausländischen Zölle und Handelsrestriktionen die
amerikanischen Exporteure am meisten behindern. Diese Formalitäten
sind gesetzlich vorgeschrieben. Wenn diese Gesetzespflichten auch
leider sehr zeitraubend sind, so bedeutet ihre Erfüllung d&lt;-ch keineswegs, daß die Vereinigten Staaten an den Verhandlungen weniger
stark interessiert sind. Lassen Sie mich daher mit Nachdruck betonen,
daß wir mit den Verhandlungen so früh beginnen möchten, wie uns
dies nach dem Gesetz nur möglioh ist.
Bei jeder Zollverhandlung wird es Ausnahmen geben. Und in der
Tat haben die EWG-Länder bei den Zollsenkur-gen untereinander
Ausnahmen gemacht. Das Gesetz zur Ausweitung des Handels nimmt ausdrücklich gewisse Erzeugnisse von den Verhandlungen aus. Es läßt
- 11 -

�läßt überdies dem Präsidenten vollkommen freie Hand, auf Grund der
Empfehlungen der Zollkommission, des Sonderbevollmächtigten für
Handelsverhandlungen und anderer von ihm bestimmter Behörden zusätzliche *aren zurückzustellen. Wir beabsichtigen jedoch, diese Ausnahmeparagraphen so selten wie nur möglich anzuwenden, und vertrauen
darauf, daß andere Staaten sich gleiche Zurückhaltung auferlegen.
ErfolgBauaeiohten.
Ich habe die Vorbereitungen umrissen,die die Vereinigten Staaten
unternehmen, um zu zeigen, wie ernst wir diese Verhandlungen nehmen
und wie entschlossen wir sind, unser Teil zur Mehrung der Erfolgsaussichten beizutragen.
Sind die Aussichten gut? Oder wird dieser Berg von Anstrengungen
nur eine Maus an greifbaren Erfolgen hervorbringen?
Manche Kommentatoren haben den Vereinigten Staaten vorgeworfen,
sieverfolgten gegenüber der EWG einen, wie sie es nennen, "harten
Kurs". Es wäre exakter, unsere Haltung als anpassungsfähig, aber
fest zu bezeichnen.
Wir erkennen die berechtigten Bedürfnisse anderer Länder an und
wollen nach Mitteln und Wegen suchen,sie dem Rab-en eines Abkommens
einzufügen, das allen Teilen gerecht wird. Darin sind wir anpassungsfähig. Wir betrachten diese Verhandlungen nicht als ein Ringen um
Vorteile, bei dem die eine Seite verlieren muß, wenn die andere Seite
gewinnt.
Nach unserer Meinung können und werden beide Seiten bei gegenseitigen Zugeständnissen gewinnen.
Ich glaube, es gibt viele Gründe, weshalb wir ein gemeinsames
Interesse am Gelingen dieser Verhandlungen haben.
Erstens liegt es im gemeinsamen Interesse aller Beteiligten,
die Senkung der Zölle und den Abbau auch der anderen Handelsschranken
sicherzustellen. Das belebt die Produktion und den Handel, schafft
neue Arbeitsplätze und steigert allgemein die Prosperität.

- 12 -

�Prosperität.
Zweitens ist das Gelingen dieser Verhandlungen um einer
grösseren Gemeinsamkeit innerhalb der freien "Zelt willen dringend
notwendig. Diese Verhandlungen sind notwendigerweise kompliziert
und technischer Natur und dennoch mehr als blosse Übungen in der
Abfassung von Gutachten. Sie sind,indem sie die Volkswirtschaften
vieler Nationen aufeinander abstimmen helfen,die bestmögliche Antwort auf die Bedürfnisse - und Hoffnungen - des größten Teils der
Menschheit.
Beide Punkte werden durch die Bedürfnisse und Interessen der
EWG selbst illustriert. Seitdem für England - vorläufig nur, wie
wir hoffen - die Tür zugeschlagen wurde, ist die Kluft zwischen der
SWG und dem anderen großen Handelsblock in Europa, der EFTA, breiter
und tiefer geworden. Beide Blöcke hoffen, bis 1967 die Zölle im Inneren beseitigen zu können. Die EWG hat bereits 60 Prozent dieses Wege« zurückgelegt, und die EFTA wird den gleichen Punkt Ende dieses
Jahres erreichen.
Die auf diese V/eise geschaffenen Zolldiskriminierungen werden
die traditionellen Handelsverbindungen ganz beträchtlich stören.
Um nur ein Beispiel zu nennen* Der Außenhandelsüberschuß der Bundesrepublik für das vergangene Jahr wurde auf insgesamt 900 Millionen
Dollar geschätzt, der Überschuß aber im Handel allein mit den
EFTA-Ländern auf 1,4 Milliarden Dollar. Ohne diesen riesigen Überschuß im Handel mit den EFTA-Ländern, der durch Zolldiskriminierunger
in zunehmendem Maße gefährdet wird, hätte Deutschland im Jahr 19^2
ein Handelsdefizit in Höhe von 500 Millionen Dollar zu verzeichnen
gehabt.
Auch die EFTA-Länder würden unter einer Verbreiterung der
Kluft zu den EWG-Staaten zu leiden haben. So ging beispielsweise
der Handel zwischen Schweden und Belgien im vergangenen Jahr schon
erheblich zurück. Beide Länder haben darauf hingewiesen, daß die
Zolldiskrepanzen zwischen EWG und EFTA einen Punkt erreicht haben,
an dem sie den innereuropäischen Handel gefährden«
- 15 -

�Erfolge in den Bemühungen um Zcllsenkungen in Genf können,bis
sich neue- Möglichkeiten für Fortschritte in der europäischen Integration ergeben, nicht nur eine Verbreiterung der Kluft zwischen
den beiden Hälften Europas verhindern, sondern sogar zu ihrer Beseitigung beitragen.
Auch die Entwicklungsländer sind zutiefst besorgt über die
Zukunft ihres Außenhandels. Dieses Problem war, wie Sie wissen,
in den letzten Jahren Gegenstand eingehender Untersuchungen , und
es wird auch das Hauptthema der im nächsten Jahr stattfindenden
UN-Konferenz über Handel und Entwicklung sein. von grcßt9r Bedeutung ist auch die Tatsache, daß man innerhalb des GATT auf Ministerebene übereingekommen ist, dem Problem des Handels der Entwicklungsländer im Rahmen der Kennedy-Runde besondere Beachtung zu schenken.
Wir dürfen erwarten, daß die in diesen Verhandlungen anzustrebende
Liberalisierung des Handels zu einer Belebung des Warenverkehrs
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beitragen und damit
unseren Anstrengungen auf dem Gebiet der Auslandshilfe noch
größere Wirksamkeit verleihen wird.
Wie die Vereinigten Staaten stellt auch die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft dank ihres Kräftepotentials eine Weltwirtschaftsmacht dar. Das Drängen nach einer stärkeren Liberalisierung des
Handels, das allenthalben in der Welt spürbar ist, konzentriert sich
deshalb auf die Europäische Gemeinschaft. Und es wird sich in den
kommenden Monaten sicher noch verstärken. Ich weiß, daß sich die
führenden Männer Europas dieses Drängens bewußt sind. Die EWG ist
dabei, ihre weitreichende Verantwortung zu begreifen. So erklärte
Prifess.ir Walter Hallstein, der Präsident der EWG-Kommission, im
S.-&gt;mmer dieses Jahres»
" Die beiden Aspekte unseres Wesens - im Innern verbunden und
für die übrige Welt offen und ihr zugewandt - sind nicht voneinander
zu trennen. "
Ist die Welt voll von Bedürfnissen,so ist sie doch auch
voller Hoffnungen. Auch diese sind auf Genf gerichtet.

- 14 -

4

�Da ist die Hoffnung der großen Mehrheit der Europäer auf
einen Zusammenschluß Europas. Da hegen Menschen guten Willens auf
beiden Seiten des Atlantik die Hoffnung auf eine fruchtbare Partnerschaft der alten und neuen Heimstatt westlicher Kultur. Da ist die
von Völkern in anderen Teilen der Welt leidenschaftlich genährte Hoffnung auf uneingeschränkte Mitwirkung im wirtschaftlichen wie im
politischen Konzert der Nationen.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß diejenigen, die diese Erfordernisse negieren und diese Sehnsüchte leugnen, eine Mehrheit darstellen oder sich durchsetzen werden. Ihre Stimmen sind Widerhall
einer unglücklichen Vergangenheit, aber nioht Prophezeiungen für
die Zukunft. Wir haben in den Nachkriegsjähren zuviel getan und
sind einander auf dem Wege der internationalen Zusammenarbeit schon
zu weit entgegengekommen, um jetzt noch diesen Weg zu verlassen.
Der Abbau von Restriktionen im Zahlung? :nd Handelsverkehr
hat uns bereits ein beispielloses Maß an Stärke, Prosperität und
Zusammenhalt eingebracht. Ich vertraue darauf, daß wir bei wachsendem gegenseitigen Verständnis und zunehmender Gemeinsamkeit
der Zielsetzungen auf unserem Weg zu noch größeren Erfolgen gelangen
werden.

*****

15

�A M E R I K A

D I E N S T

Ailg./ xvi-44

"WIR WERDEN IN DEM STREBEN NACH FRIEDEN UNERMÜDLICH SEIN"
Ansprache Präsident Johnsons vor beiden Häusern des Kongresses
(27. November 1963)

"UNSERE KRAFT UND ENERGIE IST AUF DIE ZUKUNFT GERICHTET"
Botschaft Präsident Johnsons zun Erntedanktag 1965
(28. November 1963)

�Der amerikanische Praesident Lyndon B. Johnson gab am 27. November vor
einer gemeinsamen Sitzung beider Haeuser des amerikanischen Kongresses seine
erste grosse politische Erklaerung ab, in der er betonte, dass die Ideen und
Ideale des verstorbenen Praesidenten John Fitzgerald Kennedy "verwirklicht
werden muessen und werden." Johnson forderte, dass der Verkuendung von Hass
und Gewalt ein Ende gesetzt und vor allem das Buergerrechtsprogramm des
verstorbenen Praesidenten verabschiedet werden sollte.

"Mr. Speaker, Herr Praesident, Mitglieder des Repraesentantenhauses und
des Senats, meine amerikanischen Mitbuerger:
Alles, was ich habe, wuerde ich gerne dafuer geben, wenn ich heute nicht
hier stehen muesste.
Der groesste Fuehrer unserer Zeit ist durch die niedertraechtigste Tat
unserer Zeit niedergestreckt worden. Heute lebt John Fitzgerald Kennedy in
den unsterblichen Worten und Werken, die er hinterlassen hat. Er lebt im
Herzen und in der Erinnerung der Menschheit fort. Er lebt in den Herzen
seiner Landsleute weiter.
Es gibt keine Worte, die die Trauer wiedergeben koennten, die wir ueber
den Verlust empfinden. Es gibt keine Worte, die stark genug sind, um unserer
Entschlossenheit Ausdruck zu verleihen, den Schwung Amerikas nach vorne, den
er eingeleitet hat, fortzutuehren.
Der Traum von der Eroberung der Weiten des Weltraums - der Traum von
einer Partnerschaft ueber den Atlantik hinweg - und auch ueber den Pazifik
hinweg - der Traum von einem Friedenskorps fuer die weniger entwickelten
Laender - der Traum der Erziehung und Ausbildung fuer unsere Jugend - der
Traum von Arbeitsplaetzen fuer alle, die Arbeit suchen - der Traum von der
Betreuung unserer alten Mitbuerger - der Traum von einem umfassenden Feldzug gegen geistige Erkrankungen - und vor allem der Traum von gleichen
Rechten fuer alle Amerikaner, ohne Ruecksicht auf Rasse und Hautfarbe diese und andere amerikanische Traeume haben durch seinen energischen
Willen und seine Hingabe Leben und Gestalt gewonnen.
Die Ideen und Ideale, die er in so edler Form verkoerperte, muessen
und werden nunmehr wirksam in die Tat umgesetzt werden.
Unter der Fuehrung John Kennedys hat unser Land gezeigt, dass es den
Mut besitzt, nach Frieden zu streben, und auch den inneren Mut besitzt,
einen Krieg zu riskieren. Wir haben bewiesen, dass wir denen ein guter und
zuverlaessiger Freund sind, die nach Frieden und Freiheit streben. Wir
haben gezeigt, dass wir denen genau so ein furchtbarer Gegner sein koennen,
die den Weg des Friedens ablehnen, und die uns oder unseren Verbuendeten
das Joch der Tyrannei aufzuzwingen suchen.
Unser Land wird zu seinen Verpflichtungen stehen - von Sued-Vietnam
bis Westberlin. Wir werden in dem Streben nach Frieden unermuedlich sein;
wir werden in unserer Suche nach Gebieten der Uebereinstimmung selbst mit
denen, mit denen wir verschiedener Meinung sind, ideenreich sein; und wir
werden grosszuegig und loyal zu denen stehen, die sich mit uns in der
gemeinsamen Sache zusammenschliessen.

�In diesem Zeitalter, in dem es keine Verlierer im Frieden und keine
Sieger im Krieg geben kann - muessen wir die Verpflichtung erkennen,
nationale Staerke mit nationaler Zurueckhaltung aufzuwiegen - muessen
wir gleichzeitig auf beides, die Konfrontation der Staerke und die Beschraenkung der Staerke,vorbereitet sein - muessen wir bereit sein, die
nationalen Interessen zu verteidigen und ueber das geroeinsame Interesse
zu verhandeln. Dies ist der Weg, den wir weiter verfolgen werden. Diejenigen, die unseren Mut auf die Probe stellen, werden finden, dass er
stark ist. Und diejenigen, die unsere Freundschaft suchen, werden
finden, dass sie aufrichtig ist. Wir werden erneut beweisen, dass der
Starke in der Anwendung der Staerke gerecht und dass der Gerechte in
der Verteidigung der Gerechtigkeit stark sein kann. Und alle sollen
wissen, dass wir niemand Sonderrechte gewaehren, aber auch niemand mit
Hass verfolgen werden.
Wir werden den Kampf gegen Armut und Elend, Unwissenheit und
Krankheit weiterfuehren - in anderen Laendern und in unserem eigenen.
Wir werden der gesamten Nation dienen und nicht nur einem Teil oder
einem Sektor oder einer Gruppe - sondern allen Amerikanern. Dies naemlich
sind die Vereinigten Staaten -ein vereintes Volk mit einheitlicher Zielsetzung.
Unsere amerikanische Einheit haengt nicht von der Einstimmigkeit ab.
Wir haben Meinungsverschiedenheiten; aber heute - wie schon in der Vergangenheit - koennen wir aus diesen Meinungsverschiedenheiten Staerke
statt Schwaeche - Weisheit statt Verzweiflung fuer uns gewinnen. Beide —
das Volk wie die Regierung -- koennen wir uns in einem Programm vereinen,
das klug, gerecht und konstruktiv ist.
Das Kapitol ist seit 32 Jahren meine Heimat. Ich habe gemeinsam mit
Ihnen viele stolze Augenblicke erlebt - den Stolz ueber die Faehigkeit
des Kongresses der Vereinigten Staaten zu handeln, sich jeder Krise gewachsen zu zeigen und aus unseren Meinungsverschiedenheiten kraftvolle
Programme des nationalen Handelns zu gewinnen.
Die Kugel eines Meucheln»erders hat mir die ungeheure Last der
Praesidentschaft aufgebuerdet. Ich stehe hier heute, um Ihnen zu sagen,
dass ich Ihre Hilfe brauche; ich kann diese Buerde nicht allein tragen.
Ich brauche die Hilfe aller Amerikaner. Unsere Nation hat einen tiefen
Schock erlitten, und in diesem kritischen Augenblick ist es unsere Pflicht
- die Ihre und die meine - als Regierung der Vereinigten Staaten jede
Unsicherheit zu beseitigen und zu zeigen, dass wir zu entschlossenem
Handeln faehig sind, dass der grausame Verlust des Fuehrers unserer Nation
uns nicht schwaecht, sondern uns stark werden laesst, dass wir handeln
koennen und handeln werden, und zwar jetzt.
Hier aus diesem Hause einer repraesentativen Regierung soll alle
Welt wissen - und niemand soll uns missverstehen - dass sich diese
Regierung erneut verpflichtet zur unerschuetterlichen Unterstuetzung
der Vereinten Nationen, zur ehrenhaften und entschlossenen Durchfuehrung
unserer Verpflichtungen gegenueber allen unseren Verbuendeten, zur
Aufrechterhaltung einer militaerischen Staerke, die keiner anderen
unterlegen ist, zur Verteidigung der Staerke und der Stabilitaet des
Dollar, zur Erweiterung unseres Aussenhandels, zu einer Verstaerkung
unserer Programme der gegenseitigen Unterstuetzung und Zusammenarbeit
in Asien und Afrika und zur Foerderung unserer Allianz-fuer-den-Fortschritt
in der westlichen Hemisphaere*

�Am 20. Januar 1961 hat John F. Kennedy seinen Landsleuten zugerufen,
dass unser Werk als Nation 'nicht In den ersten tausend Tagen vollbracht
sein wird noch In der Amtszelt dieser Regierung, ja vielleicht noch nicht
einmal In der Zelt unseres Lebens auf diesem Planeten. Aber*, so sagte
er, 'lasst uns trotzdem einen Anfang machen*.
Heute, In diesem Augenblick neuer Entschlossenheit moechte Ich
meinen amerikanischen Mitbuergern zurufen: Lasst uns fortfahren.
Dies Ist unsere Aufgabe - nicht zu zoegern, nicht lnne zu halten,
uns nicht abzuwenden und nicht ueber diesem unglueckllchen Augenblick zu
verweilen, sondern auf unserem Weg fortzuschreiten, damit wir das Schicksal zu erfuellen vermoegen, das die Geschichte uns bestimmt hat. Unsere
vordringlichsten Aufgaben liegen hier in diesem Hause.
Als erstes koennte keine Gedenkrede oder Lobpreisung beredter das
Andenken Praesident Kennedys ehren als die baldmoegliche Verabschiedung
des Buergerrechtsgesetzes, fuer das er gekaempft hat. Wir haben lange
genug in unserem Land von gleichen Rechten gesprochen. Wir haben dies
hundert Jahre lang oder noch laenger getan. Es ist jetzt wirklich an
der Zeit, das naechste Kapitel zu schreiben - und zwar in den Gesetzesbueehern.
Ich fordere Sie nochmals mit allem Nachdruck auf - so wie ich dies
schon im Jahre 1957 und erneut 1960 getan habe - ein Gesetz ueber die
Buergerrechte zu verabschieden, damit wir voranschreiten koennen, um
jede Spur einer Diskriminierung oder Unterdrueckung aufgrund von Rasse
oder Hautfarbe in unserem Staatswesen zu beseitigen. Es kann fuer die
Vereinigten Staaten im eigenen Lande wie im Ausland keine groessere
Kraftquelle geben.
Und zweitens koennte das Werk Praesident Kennedys durch keine
Massnahme unsererseits passender fortgefuehrt werden als durch die
fruehestmoegliehe Verabschiedung der Steuergesetzesvorlage, fuer die
er gekaempft hat - ein Gesetz, das dazu bestimmt ist, unser Nationaleinkommen und unsere Bundeseinnahmen sowie unsere Sicherheit vor einer
Rezession zu vergroessern. Dieses Gesetz bedeutet - wenn es ohne
Saeumen verabschiedet wird - weitere Sicherheit fuer die jetzt in Arbeit
Stehenden und weitere Arbeitsplaetze fuer die zur Zeit Arbeitslosen,
und einen groesseren Anreiz fuer unsere Wirtschaft.
Kurzum: Es ist jetzt nicht die Zeit zu zoegern. Es ist die Zeit
zu handeln - die Zeit fuer energische und vorausschauende Massnahmen
hinsichtlich der noch nicht verabschiedeten Gesetze ueber das Erziehungswesen, damit das Licht des Wissens in jedes Heim und jede noch
so kleine Gemeinde in Amerika dringt - fuer energische und vorausschauende Massnahmen in bezug auf die Arbeitsplatzbeschaffung fuer
Jugendliche; fuer energische und vorausschauende Massnahmen in bezug
auf das noch nicht verabschiedete Auslandshilfegesetz, damit wir klarstellen, dass wir unsere Aufgaben und Verantwortungen gegenueber dieser
Hemisphaere oder der Welt nicht leichtfertig preisgeben noch unserer
Regierung ihre Flexibilitaet in der Behandlung der Aussenpolitik nehmen,
- sowie fuer starke und vorausschauende Massnahmen in bezug auf die
uebrigen Bewilligungsgesetze.

�Wenn der Kongress in diesem neuen Geist handelt, so kann er auf die
volle Mitarbeit und Unterstuetzung seitens der Exekutive rechnen. Und
im besonderen versichere ich, dass die Regierung sich bei ihren Ausgaben
aeusserste Sparsamkeit und Maessigung auferlegen wird. Ich werde darauf
bestehen, dass die Regierung fuer jeden Dollar, den sie ausgibt, auch den
vollen Gegenwert erhaelt. Die Regierung wird ein Beispiel an Umsicht und
Sparsamkeit geben. Dies soll nicht bedeuten, dass wir bestehende Not bei
uns nicht beseitigen oder dass wir zu unseren Verpflichtungen nicht stehen
werden. Wir werden beides tun.
Ich, der ich lange Zeit beiden Haeusern des Kongresses angehoert habe,
glaube fest an die Unabhaengigkeit und Unantastbarkeit der Legislative.
Ich verspreche Ihnen, dass ich diese stets respektieren werde. Dies ist
mir zutiefst in Fleisch und Blut uebergegangen. Genau so fest glaube ich
aber auch an das Vermoegen und die Faehigkeit des Kongresses, trotz der
fuer unser Land charakteristischen Verschiedenheit der Meinungen zu
handeln - und zwar klug, nachdruecklich und schnell zu handeln, wenn dies
notwendig ist.
Die Notwendigkeit ist da. Sie ist jetzt gegeben. Ich bitte Sie um
Ihre Hilfe. Ich weiss, dass wir uns in unserer gemeinsamen Trauer finden,
aber lassen Sie uns auch in erneuter Hingabe und erneuter Kraft zueinander
finden - lassen Sie uns im Handeln, in der Toleranz und im gegenseitigen
Verstaendnis zusammenfinden.
Was John Kennedy uns vorlebte, das wird uns durch seinen Tod zum
Gebot: dass Amerika voranschreiten muss. Fuer die Amerikaner aller
Rassen, aller Glaubensrichtungen und aller politischen Ueberzeugungen
ist die Zeit gekommen, einander zu verstehen und einander zu achten.
Lassen Sie .uns dem Lehren und Predigen von Hass, von Boesem und von
Gewalt ein Ende bereiten. Wollen wir uns abwenden von den Fanatikern
der extremen Linken und der Rechten - von den Aposteln der Bitterkeit
und der Bigotterie, von denen, die dem Gesetz Trotz bieten, und von
denen, die den Blutstrom unserer Nation vergiften.
Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass die Tragoedie und die Qual
dieser schrecklichen Tage uns in neuer Gemeinschaft zusammenschliessen
wird, uns in unserem Leid zu e i n e m
Volk werden laesst. Lassen Sie
uns hier feierlich den Entschluss fassen, dass John Fitzgerald Kennedy
nicht umsonst gelebt haben soll oder umsonst gestorben sein soll, und
lassen Sie uns heute am Vorabend des Thanksgiving-Tages, da wir zusammenkommen, um um Gottes Segen zu bitten und ihm zu danken, alle einstimmen
in jene vertrauten und geliebten Worte:
'America, America,
God shed his grace on Thee
and crown Thy good
with brotherhood
from sea to shining sea.'

('Amerika, Amerika,
Gott schenk'Dir seine Gnad'
und kroen' Dein Werk
mit Brudergeist
von Gestade zu Gestad'.')

�"UNSERE KRAFT UND ENERGIE IST AUF DIE ZUKUNFT GERICHTET"

WASHINGTON - (AD) - Wir übermitteln
Ihnen im folgenden den Wortlaut der
Rundfunk- und Fernsehansprache, die
Präsident Lyndon B. Johnson zum Erntedanktag 1965 gehalten hat.

'Meine amerikanischen Mitbürger,
gestern trat ich vor den Kongreß, um zum ersten Mal als Präsident der Vereinigten Staaten zu sprechen. Heute, am Erntedanktag,
trete ich vor Sie, um Sie um Iahre Hilfe, Ihre Stärke, Ihr Gebet
zu bitten, daß Gott unsere Republik schützen und alle meine Arbeit
leiten möge.
Wir haben soeben sieben Tage erlebt, die keiner von uns jemals
wieder vergessen wird. Wir besitzen nicht die göttliche Weisheit,
um die Antwort darauf geben zu können, weshalb dies alles geschehen
ist. Aber uns ist als Menschen die Pflicht gegeben^, zu entscheiden,
was geschehen soll - was in bezug auf Amerika, die Welt, die von uns
vertretene Sache und alle in unseren Herzen schlummernden Hoffnungen
geschehen soll.
Ein großer Führer ist tot. Für eine große Nation geht das Leben
weiter. Das Gestern können wir nicht zurückholen, aber das Morgen
können wir gewinnen - oder aber verlieren. Ich bin fest entschlossen,
die Zukunft für uns zu gewinnen. Daher bitte ich Sie, sich mit mir
in dieser Entschlossenheit zu vereinen, in der festen Absicht, daß
wir aus dieser tiefen Nacht der Tragödie Amerika zu neuer Größe
führen.
Wir haben mehr als jede andere Generation vor uns allen Grund,
dankbar zu sein, so dankbar an diesem "Thanksgiving Day". Unsere
Ernte ist reich, unsere Industrie blüht, unsere Heime sind geschützt
und unsere Verteidigung ist sicher.
Wir leben in Frieden. Alle Welt bringt uns guten Willen entgegen,
aber über alle diese Segnungen hinaus wissen wir heute abend, daß
unser System stark ist, stark und sicher.
Eine Tat, die uns auseinanderreißen sollte, hat uns zusammengeführt. Unser System hat die Probe bestanden. Sie alle haben eine
g^roße Probe bestanden. Sie haben das bewiesen, was John F. Kennedy in
seiner Proklamation zum Erntedanktag von uns gefordert hatte: nämlich jene ehrenhaften Zielsetzungen, jene feste Entschlossenheit und
jene Willensstärke, die uns von unseren Vorvätern überkommen sind.
Wodurch könnte überzeugender aufgezeigt werden, was für Amerika
am besten ist? Am Sonnabend, als diese schwere Bürde erst wenige
-

1 -

�"AMERIKA DIENST"
wenige Stunden auf mir lastete, waren die ersten beiden Bürger, die
mich aufsuchten, um mir ihre ganze Unterstützung anzubieten, Dwight
D. Eisenhower und Harry S. Truman.
Nach dem Freitag der vergangenen Woche haben sich die Amerikaner dem Guten zugewandt, den höheren Werten des Lebens. Sie waren
uns Hilfe, ja Rettung. Die aufopfernde Hingabe der staatlichen
Stellen und aller Männer im öffentlichen Dienst, vom Obersten Bundesgericht bis zu den Bundesstaaten, gab uns allen inneren Halt. Um
wieviel besser, um wieviel vernünftiger, um wieviel anständiger und
um wieviel amerikanischer wäre es, wenn alle Amerikaner ihr Vermögen,
ihre Zeit und ihre Energien darauf verwenden wollten, unser System
und seine Diener in den Bemühungen zu unterstützen, unser aller
Probleme zu lösen, statt Gift und Haß zu verbreiten, die unseren
Fortschritt hemmen.
Ich habe 32 Jahre lang in Washington im Dienste der Öffentlichkeit gestanden - gestern waren es 32 Jahre. Ich habe fünf Präsidenten
in diesem so unglaublich schweren Amt erlebt. Ich habe sie alle gut
gekannt und habe sie alle zu meinen Freunden gezählt: Präsident Herbert Hoover, Präsident Franklin Roosevelt, Präsident Harry Truman,
Präsident Dwight Eisenhower und Präsident John Kennedy.
Noch in jeder Regierung war die größte Last, die der Präsident
zu tragen hatte, gedankenloser und unvernünftiger Haß und Uneinigkeit
der eigenen Landsleute.
Gerade in diesen Tagen ist das Schicksal dieses Amtes unser
aller Schicksal. Ich möchte daher alle Amerikaner an diesem Tag des
Gebets und der Andacht aufrufen, dies zu bedenken. Wollen wir alle,
die wir Reden halten und lehren, die wir predigen, die wir publizieren,
im Rundfunk Sprechen oder lesen und zuhören - wollen wir uns alle auf
unsere Pflicht besinnen, unsere Wunden zu verbinden, alte Wunden zu
heilen, unsere Gemeinschaft gesund zu machen und sie zu festigen für
die kommenden Aufgaben.
Am meisten liegt mir am Herzen, daß wir aus unseren Worten jeden
Haß und aus unseren Herzen jeden Groll verbannen, daß wir die von
Haß, Intoleranz und Fanatismus genährten Quelle des Gifts versiegen
lassen, daß wir unsere Einigkeit im Norden und Süden, im Osten und Westen wahren, daß wir das Herannahen des Tages beschleunigen, da es
keine Vorurteile aus rassischen, religiösen und regionalen Gründen
mehr gibt, und daß der Tag anbrechen möge, da unsere großen Energien,
unsere moralischen und geistigen Kräfte von den Belastungen frei sein
werden, die wir zu lange getragen haben.
Wir blicken nach vorn, und unsere Kraft und Energie ist auf die
Zukunft gerichtet, aber in unserem Herzen tragen wir das Bild dieses
tapferen jungen Mannes, der nun, von uns allen geehrt, jenseits des
Potomac zur ewigen Ruhe gebettet liegt. Wir denken an ihn, wir denken
an seine wundervolle und tapfere Frau, die wir alle lieben. Wir denken an Caroline und John und an die gesamte große Familie, die der
Nation diesen Sohn und Bruder gab.
Um

-

Z

-

�•AMERIKA DIENST"
Um sein Andenken und das von ihm begonnene Werk zu ehren,
habe ich heute bestimmt, daß die wichtigste Station der atlantischen
Raketenversuchsstrecke und die Startanlagen der NASA in Florida von
nun an John F. Kennedy-Raumflugzentrum heißen werden. Ich habe ferner heute mit Einwilligung und Unterstützung meines Freundes Farris
Bryant, des Gouverneurs von Florida,verfügt, daß der Name von Cape
Canaveral geändert wird. Von nun an wird es Cape Kennedy heißen.
Wenn wir uns am heutigen Erntedanktag inmitten unserer Familien
in gegenseitiger Liebe und Achtung, die wir für einander empfinden,
versammeln, und wenn wir unser Haupt in Ehrerbietung vor der gött- "
liehen Vorsehung neigen, dann laßt uns Gott ebenfalls für die Jahre
danken, in denen er uns durch seinen Diener John F. Kennedy erleuchtete .
Lassen Sie uns heute unsere Hingabe an die Ideale erneuern,
die Amerika bedeuten. Lassen Sie uns, Gott um die Weisheit bitten,
damit der Ungerechtigkeit, Intoleranz und Bedrängnis in unserem Land
für jeden unserer Mitbürger, gleich welcher Weltanschauung oder Hautfarbe, ein Ende gesetzt wird - denn Gott hat alle, nicht nur einige
von uns, nach seinem Ebenbild geschaffen. Wir alle, nicht nur einige
von uns, sind seine Kinder.
Und schließlich bitte ich Sie als Ihr Präsident, daß Sie jeden
Tag Ihr Land und mich in Ihre Gebete einschließen, und ich versichere
feierlich, daß ich mit allen meinen Kräften auf eine neue Sröße
Amerikas hinarbeiten werde - auf einen neuen Tag, da der Friede mehr gefestigt,.'da die Gerechtigkeit weiter verbreitet, da die Freiheit
überall, wo Menschen wohnen, stärker ist.

*

* * * *

-

3

-

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./XVI-45
NATtiRLICHE HILFSQUELLEN DER WELT
Die Situation heute und in der Zukunft

Vortrag
Sr. Exzellenz des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika
GEORGE C. MCGHEE
vor der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes
Nordrhein-Westfalen am 11. Dezember 1963 in Düsseldorf

Das Interesse Botschafter McGhees gilt seit vielen Jahren dem Problem der natürlichen Hilfsquellen. Es beschäftigt ihn nicht nur in seiner Eigenschaft als Politiker und Diplomat, sondern gleichermaßen als
Wissenschaftler. Er studierte Geologie und Physik und promovierte mit
einer Arbeit aus den genannten Disziplinen als Rhodes-Stipendiat an der
Universität Oxford (England) zum Dr. phil. Die Universitäten von Oklahoma und Tulane (USA) verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. George C.
McGhee hatte ursprünglich die Absicht, nach Abschluß seines Studiums
an der Universität Göttingen wissenschaftlich zu arbeiten, konnte jedoch diesen Plan nicht verwirklichen. Seit 1935 ist er Inhaber eines
Patents über ein Verfahren zur Bestimmung des Einfallens geologischer
Formationen. Als junger Geologe und Geophysiker war er an seismographischen Untersuchungen in England, auf Kuba, in Marokko, in Südamerika und in den Vereinigten Staaten beteiligt.
Bei der Abfassung dieses Referats konnte sich Botschafter McGhee
auf Unterlagen stützen, die ihm von der Abteilung für Notstandsplanung
im US-Präsidialamt und dem amerikanischen Bundesamt für Geologische
Bestandsaufnahme zur Verfügung gestellt wurden.

* * *

�NATÜRLICHE HILFSQUELLEN DER WELT
DIE SITUATION HEUTE UND IN DER ZUKUNFT

Einführung:
Viele behaupten, der wirtschaftliche Wohlstand hänge von dem Besitz
reicher natürlicher Hilfsquellen ab. Es ist in der Tat viel Wahres an die
ser Behauptung. Aber Rohstoffe sind nur ein Teil des Gesamtbildes. Wir
können beobachten, daß die Bevölkerung mancher Entwicklungsgebiete in der
Welt trotz des Vorhandenseins von Hilfsquellen, die andere als größten
Reichtum betrachten würden, in Not lebt. Andererseits erhalten sich
viele Nationen trotz relativ begrenzter Hilfsquellen einen hohen Lebensstandard.
Japan und die Schweiz sind zwei hervorragende Beispiele für Länder
mit begrenzten natürlichen Hilfsquellen; dennoch erfreut sich die Bevölkerung eines hohen Lebensstandards, indem sie Qualitätswaren produziert,
um diese auf den Weltmärkten gegen Rohstoffe einzutauschen. Der Unterschi
zwischen solchen Staaten und vielen Entwicklungsländern liegt hauptsächlich in der beruflichen Fertigkeit und im Fachwissen der Bevölkerung und
deren Bereitschaft, ihr Können für eine systematische und disziplinierte
Nutzung der Hilfsquellen einzusetzen.
Man kann sogar sagen, daß in vieler Hinsicht die Bevölkerung eines
Landes dessen wertvollste "Hilfsquelle" darstellt. Die negativen Aspekte
von Bevölkerung und Bevölkerungswachstum in Relation zu den natürlichen
Hilfsquellen sind durch den Prozeß der Bildung und Erziehung zu überwinden.
Eines der Ziele der Erziehung besteht darin, Erfahrung und 7/issen
des einzelnen anderen mitzuteilen. Gerade diese Fähigkeit des Menschen,
sein Wissen mit seinen Mitmenschen zu teilen, gibt ihm die Möglichkeit,
den V/issens- und Erfahrungsschatz früherer Generationen im Verein mit
dem eigenen für die Planung der Zukunft zu nutzen. Dem Menschen ist damit ein Mittel an die Hand gegeben, einen Mangel an natürlichen Hilfsquellen und andere Unzulänglichkeiten auszugleichen. Nationen, die zu
den Habenichtsen zählen, ist somit die Chance gegeben, am materiellen
Fortschritt der Welt teilzuhaben.
Wenn wir das Problem der Naturschätze und des wirtschaftlichen Wohlstands betrachten, so scheint bewiesen, daß die Natur bei all ihrer Freigebigkeit nur teilweise mit dem Menschen zusammengearbeitet hat, um seine
materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Die Menschheit verfügt über ein

�ein natürliches Erbe an wahrhaft riesigen Mengen nützlicher Rohstoffe an
oder nahe der Erdoberfläche, wobei allerdings hinsichtlich Konzentration
und Nützlichkeit Unterschiede bestehen. In den meisten Fällen sind sie
nicht ersetzbar, wenngleich es möglich sein dürfte, als Folge verbesserter Methoden und verstärkter Anstrengungen immer größere Mengen davon
aus immer größeren Tiefen mit besseren Ausbeutungsergebnissen zu gewinnen.
Ebenso stehen dem Menschen regenerierbare Hilfsquellen, wie man sie
vielleicht nennen könnte, zur Verfügung - nämlich die kontinuierlich anfallenden tierischen und pflanzlichen Produkte. Sie werden mehr oder
minder großzügig durch Luft, Wasser, Licht, klimatische und geographische Vorzüge ergänzt. Diese Faktoren bilden insgesamt die Umwelt des
Menschen; der Mensch muß jedoch, um in dieser Welt gut leben zu können,
auch weiterhin arbeiten, und zwar in fruchtbringender Weise.
In vielen Gebieten der Erde verläßt sich der Mensch bei einem minimalen Aufwand an eigener Arbeit weitgehend auf die Natur. Wo dies zutrifft, ergibt sich hieraus aus den verschiedensten Gründen gewöhnlich
nur ein Leben am Rande des Existenzminimums - ein Leben, das vielfach
für das Individuum nur von kurzer Dauer ist und viele Beschwernisse mit
sich bringt. Wie sehr die Produktivität auch steigen mag - der Gewinn
wird durch die wachsende Bevölkerung immer wieder absorbiert.
.
Versuche, aus dem Existenzminimum herauszukommen, erfordern seitens
des Menschen große Anstrengungen. Die damit verbundenen Mühen werden
nicht nur durch die ungleiche Verteilung natürlicher Hilfsquellen kompliziert, sondern auch durch die politische Zersplitterung, die der
Mensch selbst geschaffen hat und die die Folge der geschichtlichen Entwicklung, geographischer Gegebenheiten, von Glückszufällen und seines
eigenen Existenzkampfes und Ringens um Bestätigung ist. Gebietsweise
ergeben sich schwerwiegende Belastungen, sofern die Vorräte dem Bedarf
nicht entsprechen. Hier herrscht Überfluß, dort Mangel, und Probleme
gibt es hier wie dort.
Ich habe mir für heute viel vorgenommen. Ich möchte einen Überblick
über die natürlichen Hilfsquellen unserer Erde und eine Prognose ihrer
künftigen Bedeutung für den menschlichen Fortschritt geben. Wenn wir aus
unserem Gedächtnis und an Hand des Überlieferten einen Blick in die Vergangenheit werfen sollten, so könnten wir, beschränkten wir unsere
2

�unsere Untersuchung auf die Rolle der natürlichen Hilfsquellen allein,
ein faszinierendes. Bild von ihrer Beziehung zum Wohlergehen der Menschheit "bis zum heutigen Tage entwerfen. Versuchen wir aber in die Zukunft
zu blicken, so kompliziert sich unsere Frage ganz erheblich durch die
Schwierigkeit, die sich ergibt, wenn man einzig und allein die Rolle
der natürlichen Hilfsquellen von anderen Faktoren isoliert betrachtet.
Man

kann

fünf Hauptfaktoren unterscheiden, die weitgehend das

wirtschaftliche Wohl des einzelnen und der Nationen bestimmen, nämlich
Bevölkerung, natürliche Hilfsquellen, Energie (die ebenfalls von Hilfsquellen abhängig ist), Stand von Wissenschaft und Technik sowie
Staats- und Gesellschaftsform. Überlegungen in bezug auf den Faktor
Bevölkerung schließen nicht nur statistische Zahlen ein, sondern auch
politische Führung, soziale Einrichtungen, allgemeines Bildungsniveau
und Beweggründe menschlichen Handelns. Es dürfte nützlich sein, zunächst einmal diese Faktoren einzeln kurz unter dem Gesichtspunkt zu
erörtern, daß sie alle auch eng miteinander in Wechselbeziehung stehen.
Bevölkerung
Die Weltbevölkerung zählt heute etwa drei Milliarden und nimmt
gegenwärtig um schätzungsweise 120 000 Menschen täglich zu. Nach den
statistischen Darstellungen von Publikationen der Vereinten Nationen
ergibt die Kurve des Wachstums der Weltbevölkerung offenbar eine Exponentialfunktion - das heißt, sie steigt immer steiler an. Nach
Schätzungen der Vereinten Nationen dürfte die Weltbevölkerung, die im
Jahre 1900 etwa 1,6 Milliarden Menschen zählte, bis zum Jahre 2000
auf mehr als sechs Milliarden anwachsen (Tabelle 1 ) . Um die Bedeutung
dieses Anwachsens ins rechte Licht zu rücken, sei hier erwähnt, daß
die Weltbevölkerung seit 1940 um etwa 1,3 Milliarden Menschen zugenommen hat. Dieser Zuwachs, der sich innerhalb der kurzen Zeitspanne
von 23 Jahren vollzog, ist größer als die für das Jahr 1800 geschätzte Gesamtbevölkerungsziffer der Welt. Bei der gegenwärtigen Zuwachsrate und unter der Voraussetzung, daß keine Katastrophe eintritt, ist
zu erwarten, daß sich die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen
während des kommenden Jahrhunderts verdreifacht.
Das

- 3 -

�Das Phänomen des Ansteigens der Y/eltbevölkerungszif f er mußte
in zunehmendem Hasse die Aufmerksamkeit auf das Problem lenken, wie
der zukünftige Bedarf an Grundstoffen zu decken ist. Man hat häufig
angenommen, daß der Bedarf an Hilfsquellen gemäß dem Bevölkerungszuwachs steigt, und daß es deshalb die große Aufgabe der Zukunft
sein werde, immer wieder Hilfsquellen zu erschließen, um mit dem
Bevölkerungszuwachs Schritt zu halten. Es zeigt sich ständig deutlicher, daß die Aufgabe noch viel größer ist, als man zunächst angenommen hat •
Der Verbrauch an Rohstoffen nimmt nicht nur mit der wachsenden Bevölkerungszahl, sondern auch mit den steigenden Ansprüchen der
Völker zu. Ohne Frage ist der Verbrauch bei den einzelnen Grundstoffen verschieden groß, und bei einigen zeigt sich sogar ein Rückgang.
Aber die Menschen in aller Welt werden immer anspruchsvoller, reisen
mehr, sie werden immer aktiver und haben somit einen ständig wachsenden Bedarf an neuen Dienstleistungen und Produkten. Ganz allgemein macht sich - allerdings mit unterschiedlichem Erfolg - das
Streben nach einem höheren Lebensstandard bemerkbar. Die Bedeutung
dieser Tendenz zeigt sich am augenfälligsten an der Beanspruchung
der Energiequellen, worauf später noch näher eingegangen wird.
Industrie und Verteilung der Produkte basierten bisher auf der
allgemeinen Konzeption begrenzter Märkte und reichlichen Materialangebots. Einige Wirtschaftler behaupten nun, daß die schnelle Zunahme der Konsumenten und des Bedarfs auf der Veit, im Verein mit
den von Natur aus begrenzten Hilfsquellen, bedeuten könnte, daß
sich die Wirtschaft in Zukunft auf unbegrenzte Märkte und Llaterialverknappung werde einrichten müssen. Es dürfte klar sein, daß es
Änderungen geben wird, aber es ist nicht so sicher, daß .sich die
Änderungen in dieser Richtung vollziehen. Lassen Sie uns nun andere
Faktoren betrachten, die das Gesamtbild beeinflussen werden.
Natürliche Hilfsquellen
Die natürlichen Hilfsquellen der Erde reichten bisher aus, um
mit dem notwendigen Einsatz von Arbeitskräften den Bedarf der Welt
zu decken. Unser industrieller Fortschritt ist durch gefährliche
Verknappungen nicht aufgehalten worden. Und dies, obwohl die natürlichen Hilfsquellen in den letzten Jahrzehnten eine ständig

-4

�ständig wichtigere, ja sogar eine dramatische Rolle im V/irtschaf tswachstum spielten.
Es würde sehr viel Zeit kosten, wollte man die Probleme und die
künftigen Aussichten jeder einzelnen der zahlreichen Formen von natürlichen Hilfsquellen, ja seihst nur der großen Gruppen der regenerierbaren und der nicht regenerierbaren Hilfsquellen erörtern.
Aus diesem Grunde wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf einige bemerkenswerte Beispiele und vor allem auf die Bodenschätze konzentrieren.
Nach den uns vorliegenden Informationen scheinen sich hinsichtlich der Verfügbarkeit von regenerierbaren Hilfsquellen, von denen
wir bei Produkten wie Lebensmitteln, Naturfasern und Arzneipflanzen
in so hohem Maße abhängig sind, keine Probleme für uns zu ergeben,
die zwangsläufig das V/irtschafts- und Bevölkerungswachstum einschränken würden, selbst wenn wir die Verhältnisse um das Jahr 2000
und die Zeit danach ins Auge fassen. Y/ir können sogar erwarten, daß
es auch in Zukunft Probleme von Überproduktion geben wird. Große
Fortschritte sind in der Landwirtschaft erzielt worden. Im Jahre
1820 konnte in den Vereinigten Staaten ein Landarbeiter den Lebensmittelbedarf von etwa vier Personen decken; im Jahre 1962 sicherte
ein in der Landwirtschaft Beschäftigter durch seine Arbeit die Versorgung von 28 Personen mit Lebensmitteln. Würde der Stand der Landwirtschaft, der dies ermöglichte, überall in der Veit erreicht, und
wären die hierfür benötigten Energie- und Düngemittelmengen verfügbar, dann würden die Hilfsquellen an Lebensmitteln und Naturfasern
genügen.
Die Welt hat seit dem Jahr 1900 weit mehr Mineralien verbraucht
als in ihrer gesamten Geschichte zuvor (Tabelle 2 ) . Unsere Zukunft
hängt in hohem Maße davon ab, daß sie auch weiterhin verfügbar sind.
Eine Lösung für das Problem, die Versorgung mit Mineralien sicherzustellen, bestand zunächst in der Entdeckung neuer Hilfsquellen in
dem uns zugänglichen Bereich - wodurch der erhöhte Bedarf auf lange
Zeit hinaus gedeckt wurde. Ja, selbst noch im Jahre 1920 gab es erst
etwa 18 industrielle Rohstoffe, die auf dem V/eltmarkt in größeren
Mengen gehandelt wurden, und einige von ihnen waren nicht einmal Mineralien, sondern Produkte tropischen Ursprungs.
Heute

�Heute gibt es Hunderte von Industriemineralien und Rohstoffen
im Export- und Importgeschäft. Sie umfassen Erze von Metallen wie
Beryllium, Hafnium, Tantal, Titan und Zirkon, von denen vor nicht
allzu langer Zeit mit Ausnahme von Wissenschaftlern kaum jemand etwas wußte. Ein zunehmender Bedarf sowohl nach Mengen als auch nach
Sorten und Qualitäten hat dazu geführt, daß die Suche nach wirtschaftlich rentablen Materialquellen auf die fernsten Winkel der"
Erde ausgedehnt wurde. Dank bemerkenswerter Portschritte vor allem
in Geologie und Geophysik, in denen deutsche Wissenschaftler eine
führende Rolle spielten, waren die Forschungen außerordentlich erfolgreich. Es besteht aller Grund zu der Annahme, daß sie es auch
in Zukunft sein werden. Ein Beispiel ist Eisenerz - ein für Deutschland besonders interessanter Rohstoff, denn es muß einen großen Teil
des benötigten Eisenerzes importieren.
Die enorme Inanspruchnahme der wirtschaftlichen Eisenerzreserven während des zweiten Weltkrieges zwang viele Industrieländer,
neue Quellen zu erschließen. Das Problem wurde teilweise dadurch
gelöst, daß man auf bekannte Vorkommen geringer Ergiebigkeit zurückgriff, in der Hauptsache jedoch durch die Entdeckung neuer Vorkommen in anderen Gebieten. Umfangreiche Lager hochwertigen Eisenerzes wurden in Afrika, Asien, Australien, in Nord- und Südamerika
entdeckt und erschlossen. In Anbetracht dieser Entdeckungen schätzt
man heute den Eisengehalt der bekannten Weltreserven an Eisenerz,
das mit den üblichen Methoden erschlossen werden kann, auf 132 Milliarden Tonnen.
Das US-Eergbauamt schätzt die Weltproduktion an Stahl für das
Jahr 1962 auf 36O Millionen Tonnen, von Eisenerz auf 500 Millionen
Tonnen. Bei dieser Inanspruchnahme sind die bekannten Weltreserven
an Eisenerz viele Male größer als, soweit man voraussehen kann, der
Bedarf bis zum Jahr 2000 jemals sein wird. Darüber hinaus stehen
wir erst am Beginn der technologischen Weiterentwicklung, die notwendig ist, um minderwertige Eisenerze anzureichern und zu verwenden.
Eine weitere Lösung für unseren ständig steigenden Bedarf an
Materialien, insbesondere an Metallen, ergibt sich aus der Wiederverwendung von Abfall- und Altmetall oder Schrott. Von den
- 6-

�den Bodenschätzen geht durch die wirtschaftliche Nutzung nur sehr
wenig verloren. Wir tun im Grunde nicht viel mehr als bei ihnen
Erscheinungsform und Standort zu verändern; am Ende des Kreislaufs
steht die Rückgabe an die Erde oder die vorläufige Lagerung auf
Schrottplätzen, wie es in Industrieländern üblich ist

(Tabelle 4 ) .

Ein Zweites Schlüsselmetall der Industrie ist Kupfer. Die Weltproduktion an Hüttenkupfer im Jahre 1962 wird vom US-Bergbauamt auf
etwa 5 Millionen Tonnen geschätzt. Die Weltreserve an handelsüblichen
Erzen nähert sich 10 Milliarden Tonnen, die etwa 200 Millionen Tonnen
Kupfer enthalten. Viele Vorkommen mit hochwertigem Erz sind erschöpft,
und einige, deren Abbau sich

jetzt noch rentiert, haben im Durch-

schnitt eine Ergiebigkeit von weniger als 0,75 Prozent Kupfer
(Tabelle 3 ) . Auch die Verwendung von Altkupfer nimmt zu; in den Vereinigten Staaten trägt es jetzt fast zu 25 Prozent zu dem Ausstoß
an neu erschmolzenem Kupfer bei. Die Bedeutung von Altmetall und
Schrott ist aus der Tatsache ersichtlich, daß beispielsweise in den
USA die Gesamtmenge des in Gebrauch stehenden Kupfers ungefähr ebenso
groß ist wie die Kupferreserven in den Vorkommen auf amerikanischem
Boden.
Eine weitere Lösung für unseren Materialbedarf ergibt sich aus
der Verwendung von Ersatzstoffen. In der Erdrinde sind viele Elemente
in weit größerer Menge als Eisen vorhanden, aber sie werden heute nicht
im gleichen Ausmaß wie Eisen gebraucht. Dafür ist Aluminium ein Beispiel. Deutschland war ein Pionier in der Gewinnung und Anwendung dieses Leichtmetalls.
Aluminium ist in der Erdrinde nahezu doppelt so häufig wie Eisen
und etwa I200mal häufiger als Kupfer. Aluminium kann mit Eisen und
Kupfer in vielen Anwendungsbereichen konkurrieren. Die Weltproduktion
an metallischem Aluminium wird für 1962 auf etwa 5 Millionen Tonnen geschätzt. Der Aluminiumgehalt der V/eltvorkommen an Bauxit, der heute
in der Aluminiumproduktion fast ausschließlich als Rohstoff dient,
wird auf gut über eine Milliarde Tonnen geschätzt. Darüber hinaus
könnten noch sehr große Mengen von Aluminium aus Tonerden und anderen
Mineralien von niedriger Aluminiumkonzentration gewonnen werden. Wir
sehen also, daß ein ausreichend großes Angebot auch zur Deckung des

-

7 -

�des künftigen Bedarfs an Aluminium bis weit in das nächste Jahrhundert hinein vorliegt.
Die Möglichkeiten, Ersatz- oder Austauschstoffe zu verwenden,
sind auf dem Gebiet der Eisenlegierungsmetalle besonders groß; keine
Industrienation ist in dieser Hinsicht völlig autark. Die Reserven
der freien Welt an Erzen für Ferrolegierungsmetalle sind sehr groß,
aber die Lage der Vorkommen im Verhältnis zu den Zentren des größten
Verbrauchs läßt viel zu wünschen übrig. Glücklicherweise sind im Vergleich zu Eisen nur sehr kleine Mengen solcher Metalle erforderlich,
um die vielen Sorten und Qualitäten von Stahl herzustellen. Darüber
hinaus gibt es zahlreiche Ausweichmöglichkeiten, um ein bestimmtes
Ergebnis zu erzielen. Folglich scheint es klar, daß unser künftiger
Bedarf an Legierungsmetallen für Eisen zu einem erträglichen Preis
gedeckt werden kann - vorausgesetzt, daß wir einen internationalen
Markt halten können, zu dem alle Nationen freien und gleichen Zugang
haben •
Energie
Während sich die Weltbevölkerung bis gegen Ende dieses Jahrhunderts etwa verdoppeln dürfte, wird der Weltenergiebedarf auf das
Fünffache anwachsen, d.h. der Energieverbrauch pro Kopf wird auf das
Zweieinhalbfache des heutigen Standes steigen. Man schätzt, daß der
Weltverbrauch an fossilen Brennstoffen von 196O bis 2000 dreimal so
groß sein wird, wie der gesamte Energieverbrauch bis zum heutigen
Tage. Um den Energiehunger dieser vierzig Jahre zu stillen, ist ein
Energieaufkommen erforderlich, das 435 Milliarden Tonnen Kohle entspricht .
Wenn wir von Energie sprechen, meinen wir heute noch in erster
Linie die fossilen Brennstoffe - Kohle, Erdöl und Erdgas. Die Wasserkraft deckt nur einen kleinen Bruchteil des Gesamtenergiebedarfs.
Andere natürliche Energiequellen - Sonnenstrahlen, Wind sowie geothermische und Gezeitenkraftwerke - können aus begreiflichen Gründen im
Rahmen dieser Erörterung unberücksichtigt bleiben. Auf die Kernenergie werden wir später noch zu sprechen kommen.
Die

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8

-

�Die Weltkohlevorräte sind groß genug, um den zu erwartenden
Energiebedarf der Welt weit über das Jahr 2000 hinaus decken zu können. Einer vorsichtigen Schätzung des US-Bundesamtes für Geologische
Bestandsaufnahme zufolge betragen die abbaufähigen Weltkohlereserven
von bisher bekannten Lagerstätten unter Berücksichtigung der durch
zu geringe Mächtigkeit und zu große Tiefenlage der Flöze gezogenen
Grenzen 2,32 Billionen Tonnen. Damit kann nicht nur der genannte
Weltenergiebedarf der Zeit von i960 bis 2000, der 435 Milliarden
Tonnen Kohle entspricht, sondern auch der Gesamtbedarf von fast weiteren hundert Jahren unter Zugrundelegung einer Verbrauchsrate gedeckt
werden, wie sie für das Jahr 2000 vorausgeschätzt wird. Ich darf Sie
darauf hinweisen, daß diese Ziffer weder die Kohlereserven in bisher
unentdeckten, noch die in bereits bekannten, aber zu tief gelegenen
Lagerstätten einschließt. Nach einer zweiten Schätzung des Geologischen
Bundesamtes der USA, in der die Entdeckung neuer Vorkommen vorausgesetzt wird, liegt die Gesamtmenge sogar noch siebenmal höher.
Die Inanspruchnahme von Erdöl und Erdgas beim Weltenergieverbrauch
ist in den vergangenen Jahrzehnten selbstverständlich immer größer geworden. Obwohl unsere riesigen Kohlereserven notfalls diese Brennstoffe in mehr als ausreichendem Maße ersetzen

könnten, bleibt doch

die Tatsache bestehen, daß Erdöl und Erdgas aus Kosten- und Transportgründen sich immer größerer Beliebtheit erfreuen (Tabelle 10).
Die bisher erfaßten und "bestätigten" Rohölvorkommen belaufen sich
gegenwärtig auf insgesamt 320 Milliarden Barrels, das entspricht dem
Energiewert von 56 Milliarden Tonnen Kohle. Diese Zahl bedarf jedoch
wegen der unterschiedlichen Auslegung des Begriffs "bestätigte" Reserven der näheren Erläuterung. Uns interessieren hier indes nicht so
sehr die "bestätigten" als vielmehr die "höchstmöglichen" Reserven.
Hierfür gibt es, wie bei der Kohle, eine ganze Skala von Schätzzahlen.
Wenn wir von den Extremwerten authentischer Schätzungen ausgehen, so
würden die höchstmöglichen Rohölreserven der Welt mindestens 1,25
Billionen, jedoch nicht mehr als 4 Billionen Barrels betragen.
Auf diesen beiden Schätzungen basieren auch Angaben über die
höchstmöglichen Reserven an Erdgas. In Steinkohleeinheiten ausgedrückt, belaufen sich die höchstmöglichen Vorräte an Erdöl und Erdgas

- 9 -

�Erdgas zusammen euf mindestens 535 Milliarden,

im Höchstfalle

auf 1,62 Billionen Tonnen. Bei dem niedrigen Schätzwert sind die
mit Sicherheit zu erwartenden Verbesserungen in der Fördertechnik
unberücksichtigt geblieben; dennoch übersteigt diese Zahl den für
die Zeit von 196O bis 2000 auf 435 Milliarden Tonnen geschätzten
Gesamtenergiebedarf der Welt um 100 Milliarden Tonnen.
Obwohl mit ausgedehnten Lagerstätten von Qualitätskohle gesegnet, hat Deutschland in der Vergangenheit nur einen Bruchteil seines Bedarfs an Erdöl und Erdgas selbst erzeugt und ist jetzt dabei,
sich eine bessere Position für die Zukunft zu schaffen. In den Gewässern vor der deutschen TTordseeküste, in einem Gebiet, das sich an
die riesigen neuentdeckten holländischen Erdgasfelder anschließt,
arbeiten deutsche und amerikanische Firmen gemeinsam an vielversprechenden Erschließungsvorhaben.
Die derzeitigen hohen Schätzwerte für die fossilen Brennstoffvorräte sind beruhigend; dennoch lehren die bisherigen Erfahrungen,
daß sie sich wahrscheinlich weiter erhöhen werden. In dem Maße, in
dem der Bedarf weiter stieg, die Technik sich weiterentwickelte und
neue Lager entdeckt wurden, konnten auch die schon optimistisch
erscheinenden Schätzungen über die höchstmöglichen Reserven ständig
nach eben hin revidiert werden. Es besteht kein Grund zu der Annahme,
daß das in Zukunft anders sein wird.
Hinzu kommt noch, daß wir unsere Betrachtung bisher ausschließlich auf Kohle, Erdöl und Erdgas beschränkt haben. Wir haben die
riesigen Ölschiefer- und Teersandvorkommen, zwei praktisch noch
unausgebeutete Energiequellen mit gewaltigen Entwicklungsmöglichkeiten, noch völlig unberücksichtigt gelassen. Man schätzt, daß die
Ölschieferlager der Vereinigten Staaten allein einem Energiepotential
von 250 Milliarden Tonnen Kohle entsprechen. In anderen Teilen der
Welt gibt es noch weit größere Ölschieferlager.
Selbst wenn man die vorsichtigsten Schätzungen zugrunde legt,
wird deutlich, daß die Weltreserven an fossilen Brennstoffen mehr
als ausreichen, um den zu erwartenden steigenden Bedarf im gesamten
20. Jahrhundert und im größten Teil des 21. Jahrhunderts zu decken.
Diese Feststellung steht in krassem Gegensatz zu der in den ersten

-

10

-

�ersten Nachkriegs jähren vorherrschenden Ansicht, daß sich die
Weltbrennstoffreserven schnell erschöpften.
Es ist überhaupt unwahrscheinlich, daß wir unsere fossilen
Brennstoffreserven jemals ganz aufbrauchen könnten. Bis es einmal
soweit wäre, dürfte die Atomenergie die fossilen Brennstoffe als
Hauptenergiequellen schon weitgehend abgelöst haben. Die Weltreserven an nuklearen Brennstoffen lassen in bezug auf ihren Energiegehalt die riesigen Reserven an fossilen Brennstoffen wirklich zwergenhaft erscheinen. Das US-Bundesamt für Geologische Bestandsaufnahme
schätzt, daß die Uranlager der Vereinigten Staaten 2,1 bis 6,9
Billionen Tonnen Kohle äquivalent sind. Dabei sind die Thorium-Reserven, deren Energiegehalt wahrscheinlich noch größer ist als bei
Uran, noch gar nicht berücksichtigt.
Setzt man allein diese geschätzten Reserven an nuklearen Grundstoffen in den Vereinigten Staaten in Relation zu dem gesamten Weltbedarf, so ergibt sich das Bild fast unbegrenzter Energiequellen.
Noch günstiger sind die Aussichten, wenn man in Rechnung stellt, daß
es uns wohl doch eines Tages gelingen wird, mit Hilfe der kontrollierten Kernverschmelzung auch die Energie des schweren Wasserstoffs aus
den Weltmeeren zu verwerten.
Obgleich der Bedarf ständig zunimmt, setzt sich auch immer mehr
die Erkenntnis durch, daß die wichtigen natürlichen Hilfsquellen sich
wohl niemals wirklich erschöpfen. Wir werden uns mehr und mehr der
Rolle bewußt, die Naturwissenschaft und Technik bei der Lösung unserer
Energie- und Rohstoffprobleme spielen, ebenso der Bedeutung der Forderung, in jedem Stadium unserer industriellen Entwicklung die wirtschaftlichen Hilfsquellen in größtmöglichem Umfang und auf die rentabelste Weise zu nutzen. Gleichzeitig mehren wir durch neue Anlagen,
Institutionen und Erkenntnisse, die alle zur Sicherung einer ausreichenden Rohstoffversorgung in der Zukunft beitragen können, den
Wertbestand.
Wissenschaft und Technik
Ich möchte nun kurz die Auswirkungen von Wissenschaft und Technik auf die natürlichen Hilfsquellen untersuchen. Wissenschaft, Technik und Erfindungen haben eine Schlüsselrolle dabei gespielt, daß

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11

�daß der Mensch in die Lage versetzt wurde, die ihm zugänglichen
Hilfsquellen besser zu nutzen. Manche der großen Erfindungen aus
der jüngeren Vergangenheit, wie die Dampfmaschine, die Lokomotive,
das Automobil, Funk und Fernsehen und das Flugzeug, sind Beispiele
hierfür.
Wenige neue wissenschaftliche Entdeckungen wirken sich sogleich
auch auf die Lebensverhältnisse aus. Die meisten der großen Erfindungen und deren Anwendungen sind, von der noch unbewiesenen Theorie
oder von Entdeckungen auf verwandten Gebieten der Grundlagenforschung
an gerechnet, erst im Verlauf von Jahren herangereift. Im Durchschnitt vergehen heute von den ersten Anfängen neuer Fortschritte in
der Technik bis zu greifbaren gesellschaftlichen Auswirkungen ungefähr 25 bis 50 Jahre. Neben ganz natürlichen Hindernissen zählen zu den
Faktoren, die zu einer derartigen Verzögerung beitragen, die natürliche Trägheit des Menschen mit seinem Festhalten an alten Gewohnheiten, Vorurteile, Phantasielosigkeit, Schwierigkeiten im Zustandebringen gemeinsamer Aktionen sowie der in der Wirtschaft bestehende Widerwille dagegen, veraltete Betriebsausrüstungen zum alten Eisen zu
werfen, um so neuen Verfahrensweisen den Weg zu ebnen.
Trotz solcher Hemmnisse lernen wir jedoch mit Hilfe der Wissenschaft und Technik nicht nur immer besser, die Rohstoffe, die uns
unsere Welt bietet, aufzufinden und auszubeuten, sondern auch neue
Anwendungsmöglichkeiten für sie zu erschließen, In der Tat bestimmt
dieser Erfahrungs- und Wissensechatz weitgehend unseren Begriff davon, welche Bodenschätze nützlich sind. Das Metall Titan beispielsweise ist seit langem bekannt; aber erst 1948 begann es ein nützliches
Element zu werden, als man es erstmals aus seinen hochschmelzenden
Erzen zu raffinieren vermochte, so daß sich ein Titanmarkt entwickeln
könnte.
Mit Hilfe der Technik verdrängten Kohle, später öl und Erdgas,
Holz immer mehr als wichtigste Wärmequelle. Die Technik zeigt jetzt
den Weg zu größerer Nutzbarmachung so häufiger Elemente wie Silizium,
Magnesium, Titan etc., deren gegenwärtige Anwendung' in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Häufigkeit steht. Es gibt noch zahlreiche andere Möglichkeiten, die auf weitere Erschließung warten. So

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-

�So könnten z.B. große Mengen Thorium aus unergiebigen Erzen angereichert werden, und auch Aluminium ist überall in Tonerden reichlich vorhanden - aber wir brauchen neue Methoden der Anreicherung,
des Abbaues und der Extrahierung, um solche Bodenschätze wirtschaftlich zu nutzen. Wissenschaft und Technik, zeigen uns, wie Metalle
nicht nur durch Raffination, sondern auch durch Legieren mit anderen Elementen verbessert werden können. Dieser Prozeß bewirkt in
gewisser Weise eine Konservierung, denn er streckt die vorhandenen
Vorräte und läßt das gleiche Ergebnis mit geringeren Rohstoffmengen
erreichen.
Stahl ist für diese Entwicklung ein gutes Beispiel, Noch vor
einigen Jahrzehnten lag die Zugfestigkeit der handelsüblichen Stahlsorten bei 55 kg/mm , und Werkzeugstahl konnte in Gütegraden von
o
140 kg/mm geliefert werden. Heute sind handelsübliche Stähle mit
2
einer Zugfestigkeit von 140 kg/mm

erhältlich, und bei Werkzeug-

stählen werden sogar die doppelten Festigkeitswerte erreicht. Hierdurch verringern sich die Stahlmengen ganz erheblich, die für einen
bestimmten Zweck benötigt werden, und noch immer gibt es Möglichkeiten für weitere Verbesserungen. Die theoretisch höchstmögliche Zugfestigkeit von Stahl liegt weit über 700 kg/mm . Die gegenwärtigen
Forschungen mit Haarkristallen und die Entwicklung von Metallen
höchsten Reinheitsgrades mit Hilfe der sogenannten Zonenschmelzprozesse verheißen sogar noch viel größere Fortschritte, um schließlich zu derart hohen Festigkeitswerten zu gelangen.
Wissenschaft und Technik geben uns größere Freiheit in der
Auswahl von Materialien, die Gestalt und Wesen unserer zivilisatorischen Errungenschaften mitbestimmen. Entwicklungen aus jüngster
Zeit führten dazu, daß jetzt ein Metall wie Niob mit seinen einzigartigen Eigenschaften bei extremen Temperaturen, ferner das besonders
korrosionsfeste und leichte Titan sowie Beryllium, das nicht nur zu
den Leichtmetallen zählt, sondern überdies einen doppelt so hohen
Schmelzpunkt wie Aluminium besitzt, in Gebrauch kamen. Verfahren,
solche Materialien durch Schichtung, Legieren, Sprühen, Plattieren
oder Verstärkung miteinander zu verbinden oder sie als Überzugsmaterial zu benutzen, bringen eine derartige Vielfalt neuer nützlicher

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-

�nützlicher Stoffe hervor, daß es selbst für den Konstrukteur
schwierig wird, sich angesichts der großen Auswahl an neuen Werkstoffen für einen bestimmten zu entscheiden.
Die Weiterentwicklung der Verfahrenstechnik ermöglicht die Ausbeutung von Erzen an bisher unzugänglichen Lagerstätten und aus
größerer Tiefe. Der vielleicht bedeutendste Beitrag von Wissenschaft
und Technik zur Lösung unserer Rohstoffprobleme dürfte jedoch in der
Verheißung liegen, nützliche Werkstoffe von weniger hochwertigen
oder gar minderwertigen Erzen zu bekommen, die früher als unwirtschaftlich betrachtet wurden. Am Anfang verwerteten wir nur die
hochwertigen Mineralien, aber wir sahen uns in zunehmendem Maße
gezwungen, auf Rohstoffe geringerer Qualität zurückzugreifen. Dafür
ist Kupfer ein ausgezeichnetes Beispiel. Der Mensch entdeckte zuerst
das gediegene Metall - aber jetzt werden bereits Erze abgebaut, die
weniger als ein Prozent Kupfer enthalten.
Man sollte annehmen, daß dieser Trend mehr finanzielle Aufwendungen erfordert - aber ganz im Gegenteil, der Preis pro Einheit für
die wichtigsten Industrie-Rohstoffe wie Kupfer, Eisen, Zement und
Brennstoffe ist unter Zugrundelegung eines festen Geldwertes gleichgeblieben oder sogar abgesunken. Am Industriearbeiterlohn gemessen
sind die positiven Auswirkungen solcher Errungenschaften sogar noch
eindrucksvoller. In den Vereinigten Staaten ist heute als Folge
technischer Fortschritte für den Gegenwert einer Arbeitsstunde die
sechsfache Menge von Kupfer oder Erdöl und die doppelte Menge von
Kohle oder Zement als im Jahr 1900 erhältlich.
Die steigende Nachfrage nach besseren Konstruktionsmaterialien
wird zum Teil durch neue Synthesewerkstoffe gedeckt. Die Erforschung
des chemischen Aufbaus organischer Verbindungen gab dem Menschen
neue Möglichkeiten an die Hand, Stoffe zu manipulieren. Fast täglich
erscheinen Kunststoffe und KohlenstoffVerbindungen mit immer neuen
und besseren Eigenschaften auf dem Markt. Professor Karl Ziegler,
det gestern erst den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Chemie und
Technologie der Hochpolymere entgegennahm, ist einer unter zahlreichen
Deutschen, die für entscheidende Beiträge auf diesem Forschungsgebiet
ausgezeichnet wurden.

_ ,
Werks tolle
-

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-

�Werkstoffe auf der Basis von Siliziumverbindungen wie Glas
und spezielle keramische Stoffe mit höheren Elastizi tütsv.cr tun und
größerer Warmfestigkeit sind in Entwicklung bzw. finden bereits
praktische Anwendung. Es dürften der Menschheit somit schon bald zwei
große Gruppen von Werkstoffen zur Verfügung stehen, die beide in gleich
großen Mengen vorhanden, beide vielfältig verwendbar sind; sie ergänzen einander und lassen sich kombinieren, wobei die eine Gruppe
auf Metallen und die andere auf Silizium und Kohlenstoff basiert.
Der Gehalt der Erdkruste an Silizium und Kohlenstoff zusammengenommen ist etwa ebenso groß wie ihr Gehalt an Metallen. Die Erzvorkommen aber sind weit und ungleichmäßig über die Erde verteilt,
und in manchen Teilen der Welt sind sie sogar ausgesprochen selten
anzutreffen. Die Anwendung von Kombinations- und Synthesewerkstoffen
ist in den Vereinigten Staaten bereits soweit gediehen, daß ihre Produktion heute schon ungefähr so groß i3t wie die Gesamterzeugung an
Metallen -Eisen und Stahl ausgenommen.
In unseren Forschungslaboratorien haben wir in den letzten Jahren gelernt, neue Atome aufzubauen und auf diese V/eise Elemente umzuwandeln. Jede großtechnische Nutzung dieser Erkenntnisse wird einen
sehr hohen Energieaufwand erfordern - einen Energieaufwand, der in
jedem Falle so hoch ist, daß er nur durch Erschließung der Kernenergie oder anderer Energiequellen höherer Ordnung zu bestreiten sein
wird. Selbst bei vorsichtiger Vorausbeurteilung der Entwicklung kann
man erwarten, daß es dem Menschen gelingen wird, seine Materialsorgen
eines Tages durch den Aufbau neuer Atome zu lösen, sobald er erst gelernt hat, Kernenergie in einem Ausmaß unter Kontrolle zu bringen,
das man heute nur erahnt. Ich möchte nicht riskieren, einen Zeitpunkt
zu nennen, an dem d'*..n der Fall sein wird. Fest steht aber, daß Professor
Jensen von der Universität Heidelberg, der gestern für seinen Beitrag
zur Theorie der Schalenstruktur des Atomkerns ebenfalls den Nobelpreis entgegennahm, Vorbild und Ansporn für buchstäblich Tausende
von Wissenschaftlern sein wird, auf dem gleichen Gebiet zu arbeiten.
Es dürfte klar sein, daß Materialfragen in Zukunft eine immer
wichtigere Rolle spielen, da die Märkte kontinuierlich expandieren
und unser Bedarf an Stoffen immer höheren Reinheitsgrades und an einer

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�einer ständig wachsenden Vielfalt immer komplizierterer Produkte
laufend größer wird. Die Materialforschung wird überdies um so mehr
zu einer vordringlichen Aufgabe, als der Stand der Ingenieurkunst
in einer größeren Vielfalt von anorganischen und organischen Feststoffen, Flüssigstoffen und Gasen Ausdruck findet. Die Bemühungen
um Kostensenkung und die Schaffung hochwertiger Produkte dürften
dazu zwingen, die physikalischen Eigenschaften der Stoffe bis zum
äußersten auszuschöpfen. Diese Art fachmännischen Wissens und Könnens
in der Nutzbarmachung der Stoffe zu erlangen muß in der Technik von
heute und von morgen eines der Hauptziele sein. Die Verwirklichung
dieser Zielsetzungen aber hängt von Forschung und Entwicklung ab.
In jüngster Zeit haben viele ihre Sorge über den Mangel an
greifbaren Vorteilen staatlicher Forschung für die Industrie und
Wirtschaft im allgemeinen zum Ausdruck gebracht. In vielen Fällen
wird behauptet, daß der sekundäre Nutzen, welcher der Wirtschaft aus
der Verteidigungs- und Raumfahrtforschung erwächst, nur ein Mythos sei.
Tatsächlich werden gegenwärtig relativ wenig neue wissenschaftliche
Erkenntnisse von grundlegender Bedeutung, die sich aus den Verteidigungsund Raumfahrtforschungsprogrammen ergeben, der kommerziellen Nutzung
zugeführt. Marktlage und Nachfrage stehen jedoch nicht unbedingt
in Beziehung zur weiteren Entwicklung dieser Programme. Forschung
und Entwicklung auf dem Gebiet des Verteidigungswesens mit der Produktion kommerzieller Erzeugnisse zu verknüpfen, ist ein wichtiges
Problem für sich. Setzt man sich mit ihm auseinander, so erweisen
sich Erziehungswesen und Berufsbildung als eine der schwierigsten
Hürden. Viele der neuen Ideen, die für die Verteidigungs- und Raumfahrtprogramme entwickelt wurden, fallen sogar in die Grenzbereiche
der Naturwissenschaft, so daß hochqualifizierte Spezialisten benötigt
werden. Solange diese Spezialisten mit ihren unmittelbaren Aufgaben
befaßt sind, können sie zu der noch größeren Aufgäbe,nämlich Forschungsergebnisse in kommerzielle Produkte und Verfahren

umzu-

setzen, nichts beitragen.
Eine mögliche Lösung besteht darin, Erziehung
in die Fabrik

und Berufsbildung

hineinzutragen. Dieser Gedanke ist keineswegs

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�keineswegs unrealistisch.. Neue technologische Fortschritte verringern den Bedarf an ungelernten Arbeitskräften. Je mehr die Produktivität durch den Einsatz von mehr Energie und die Anwendung neuer
Erkenntnisse und Methoden steigt, desto weniger Zeit ist für die
Arbeit am Fließband und desto mehr dafür erforderlich, sich mit den
neuesten technischen Entwicklungen vertraut zu machen. Dabei wird
ständig mehr Wert auf Fachwissen gelegt.
Sowohl die Industrie als auch der Staat müssen erkennen, daß
Forschung, Erziehung und Berufseusbildung kein Luxus mehr sind, den man
nur aus Mitteln des Gewinns bestreitet, sondern Geschäftsunkosten,
die auch als solche behandelt werden sollten. Änderungen der "Verfahrenstechnik als Folge neuer technologischer Fortschritte mehren
sich und können eine solche Dynamik erlangen, daß Fortbildung und
Umschulung vielleicht einmal der wichtigste Lohnkostenfaktor der
Zukunft sein werden. Schon heute neigt man zu der Auffassung, daß
der Forschungsprozeß enger mit Arbeitnehmer- und Betriebsproblemen
verknüpft werden müßte. Folglich stellen Anwendung und Nutzung der
wirksamsten Verfahren und Erziehungsmethoden die denkbar besten Investitionen für die Zukunft dar. Die Dividenden werden sich daraus
ergeben, daß beim Arbeitnehmer neues Interesse und neue Freude am
Beruf geweckt werden, sowie aus Möglichkeiten zur Beschleunigung der
Anwendung neuer Techniken - und dies um so mehr, je geringer der
Bildungsunterschied zwischen Arbeitern und Führungskräften ist.
Organisatorische Voraussetzungen
Meiner Ansicht nach bilden in der Nutzbarmachung der natürlichen
Hilfsquellen weder die Größenordnung der Vorkommen noch die Fortschritte in der Methodik ihrer Gewinnung und Verwendung Schlüsselfaktoren, sondern die Organisationsformen, die Volk und Staat entwickeln, um den Gesamtprozeß der Erschließung und Vermarktung unserer Hilfsquellen erfolgreich zum Ziel zu führen. Wie bereits gesagt,
kann es durchaus sein, daß eine Nation mit einem begrenzten natürlichen Reichtum, aber einem leistungsfähigen Wirtschaftssystem einen
hohen Entwicklungsstand erreicht, während eine andere mit eben den
selben natürlichen Hilfsquellen an dieser Aufgabe scheitert. Der
Schutz des Privateigentums, die Steuer- und Handelspolitik, Gewinn-

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�Gewinnanreize, Konservierungsmaßnahmen,'der Stand des Verkehrswesens und das Ausmaß staatlicher Wirtschaftstätigkeit und Lenkung

- sie alle sind von ausschlaggebender Bedeutung für die

Fähigkeit einer Gesellschaft, vorhandene Energie- und Rohstoffquellen im größtmöglichen Umfang zu nutzen.
Diese Faktoren staatlicher Politik und wirtschaftlicher Organisation sind auf internationaler Ebene von noch größerer Bedeutung.
Die Erschließung von Rohstoffen in Afrika z.B., die schließlich für
die Verwendung in einem deutschen Fertigprodukt bestimmt sind,
schafft eine lange Kette vielfach

verflochtener wirtschaftlicher,

zwischenstaatlicher und menschlicher Beziehungen. Sie beginnt beim
Besitzer der Rohstoffquelle. Sofern er Privateigentümer ist, wird
er an einem vernünftigen und stabilen Preis bei beständiger und
voraussehbarer Nachfrage interessiert sein und seine Besitzrechte
gewahrt wissen wollen. Neben den zahlreichen Zwischengliedern ist der
Endverbraucher zu nennen, der ebenfalls an Fragen wie Preis, Güte,
zuverlässiger Versorgung, Versicherungsschutz während des Transports
und tragbaren Zollbelastungen etc. nicht uninteressiert sein kann.
Es ist uns im großen und ganzen bisher immer gelungen, Mittel und
Wege zu ersinnen, den festen Zusammenhalt dieser Kette zu wahren.
Trotzdem sind uns allen Beispiele geläufig, in denen Politik oder
menschliches Versagen zu einer Unterbrechung des Warenflusses vom
Produzenten zum Verbraucher geführt haben.
Die Grundfaktoren des Erfolgs in der Schaffung der organisatorischen Voraussetzungen für die Erschließung von Hilfsquellen sind
nach meiner Überzeugung Freiheit und Zusammenarbeit. Ich bin sicher,
daß die Mehrzahl von Ihnen der gleichen Auffassung ist. Das "deutsche
Wunder" der letzten achtzehn Jahren wäre nicht möglich gewesen, hätte
man nicht - dem klassischen Begriff der "Arbeitsteilung" folgend die marktwirtschaftlichen Kräfte im Einsatz der verfügbaren Arbeitskräfte und Hilfsquellen als wichtigstes Regulativ wirksam werden
lassen, gemäßigt allerdings durch die Rücksichtnahme auf soziale
Gesichtspunkte und staatliche Maßnahmen, die Anreiz und Schutz ohne
Einmischung gewähren sollen. Nirgendwo hat dieser Versuch einer
Lösung der Probleme des 20. Jahrhunderts beredteren Ausdruck

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�Ausdruck gefunden als in Bundeskanzler Erhards "Sozialer Marktwirtschaft" .
Im Gegensatz hierzu finden wir immer noch Länder, in denen
das Fehlen eines ausreichenden Rechtsschutzes, unnötige staatliche
Eingriffe oder produktionsfeindliche Steuergesetze alle Anstrengungen
zur Erschließung und Nutzbarmachung leicht zugänglicher Hilfsquellen
unterdrücken. Hoffnungen auf Privatinvestitionen in- und ausländischer
Kapitalgeber werden zunichte, wo nach Lage der Dinge adäquate öffentliche Finanzierungshilfen nicht verfügbar sind.
Selbst dort, wo ein günstiges Investitionsklima herrscht, ist
es vielfach der Mangel an Investitionskapital, fähige© Unternehmern und
Führunc3kr!ifton, der die Erschließung der Hilfsquellen unterbindet.
Hier müssen die Industrienationen ihre Unterstützung in Form von Privatinvestitionen oder, falls notwendig, in Form staatlicher Auslandshilfe zur Überwindung solcher Hindernisse leisten. Vielfach muß die
Investitionshilfe durch die Entsendung von Verwaltungskräften, Wissenschaftlern und Technikern ergänzt werden, soll sie erfolgreich sein.
Für die freie Welt ist es eine wichtige Organisationsfrage, Menschen
zu finden, die bereit sind, hinauszugehen, aber nicht minder wichtig
ist es auch, daß diese dort vorurteilslos aufgenommen werden. Dies
alles erfordert kooperative Bemühungen großen Stils seitens des einzelnen wie der Regierungen, soll das Gesamtvorhaben erfolgreich sein.
Auch politische Spaltungen können den Zugang zu Rohstoffen blockieren. Staaten mit totalitären Regierungssystemen richten häufig ihre
anfälligen Volkswirtschaften lieber nach den eigenen Märkten aus, anstatt sich nach den Märkten der freien Welt zu orientieren. Aus völlig
grundlosen Befürchtungen oder Vorurteilen heraus verwehren manche
Staaten oft gerade jenen das Recht auf Erschließung oder Vermarktung
ihrer Hilfsquellen, die als einzige willens und fähig wären, dies
unter realistischen, wirtschaftlichen und marktgerechten Bedingungen
zu tun.
In den meisten rohstoffordernden Industrien ist außer privatem
Kapital kein anderes verfügbar. Dabei setzen Investitionen der hier
erforderlichen Größenordnung - bei einem großen Kupferbergwerk beispielsweise bis zu einer halben Milliarde Dollar - ein hohes Maß
an Vertrauen auf Seiten der privaten ausländischen Wirtschaf1«interessanten in die künftige Politik des Erzeugerlandes voraus.

vi^a

�Eine Enteignung - oder die einer Enteignung gleichkommende
Regierungsmaßnahme - bringt die Kapitalquellen nicht nur für das
betreffende Land oder für die fragliche Industrie, sondern für alle
anderen Länder und Industrien zum Versiegen, wo ähnliche Gefahren
drohen. Ein solches Vorgehen könnte den Interessen aller»nämlich
der Bevölkerung des Erzeugerlandes, der Investoren und der Endverbraucher, völlig zuwiderlaufen, ja die Wirtschaft der gesamten freien
Welt lähmen. Es gibt Beispiele aus verschiedenen Teilen der Welt, wo
solche ungesunden Zustände lange Zeit bestanden - einfach deshalb,
weil das so leicht verletzbare Element des Vertrauens nicht vorhanden war.
Der Anreiz zu Handel und Investitionen muß nicht nur von den
Industriestaaten, sondern auch von den Entwicklungsländern selbst
ausgehen, die die wichtigen Rohstoffe erzeugen. Ihre "terms of trade",
d.h. die Relation zwischen den aus Exportgütern erlösten und für
Importgüter aufzuwendenden Preisen und die übrigen Handelsbedingungen
wie Zölle, Quoten und Meistbegünstigungen, müssen gleich sein. Andernfalls könnten ganze Gruppen von Ländern dazu gebracht werden, die
Märkte der freien Welt zu boykottieren - selbst wenn ihnen daraus
nur Nachteile erwachsen.
Wir sehen also, daß die organisatorischen Voraussetzungen
für die Entwicklung von Rohstoffquellen einen ungemein weiten Bereich der menschlichen und nationalen Beziehungen umfassen. Der
Ausbau leistungsfähiger Organisationen für eine zweckentsprechende
Entwicklung und Nutzung unserer natürlichen Hilfsquellen ist in der
freien Welt in einem sehr realen Sinn zur Basis für die Verbesserung
des Loses der Menschen geworden. Wir alle haben daher ein lebhaftes
Interesse an der Fortsetzung ihrer erfolgreichen Tätigkeit. Es
muß unser Ziel und unsere Aufgabe sein, die Naturschätze nicht
nur auszubeuten, sondern sie auch in solchen Mengen auf den Markt
zu bringen, die dem heutigen Massenverbrauch entsprechen, und zwar
zu Bedingungen, die die ständige Verfügbarkeit dieser Hilfsquellen
für uns und für künftige Generationen gewährleisten.

-

20

�Zusammenfassung
In der Vergangenheit hat man vielfach geglaubt, daß die Begrenztheit der natürlichen Hilfsquellen auch der Zahl und dem Wohlstand der Weltbevölkerung Grenzen setze. Eine dieser Theorien der
Entwicklungsbegrenzung besagte, daß die natürlichen Hilfsquellen
irgendwann einmal erschöpft sein würden. Eine andere Lehrmeinung
behauptete, daß an die Qualität der geförderten Rohstoffe immer geringere Ansprüche gestellt

würden, und folgerte daraus, daß die

steigenden Kosten ihrer Nutzung zu einer Verlangsamung des Fortschritts und damit zu einem Absinken des Lebensstandards führten.
Armut und Not wären demnach schließlich das gemeinsame Schicksal
der gesamten Menschheit.
Lieser unser Überblick über die wichtigsten Faktoren, die die
Zukunft des Menschen mitbestimmen werden, führt jedoch nicht zu
derartigen Schlußfolgerungen. Wenn der Mensch hart genug arbeitet
und Erziehung, Wissenschaft, Technik und dem staatlichen und gesellschaftlichen Aufbau genug Aufmerksamkeit zuwendet, dann braucht die
Begrenztheit der natürlichen Hilfsquellen nicht zur Grenze des Fortschritts der Menschheit zu werden.
Ja, es gewinnt sogar die Annahme immer mehr an Boden, daß die
langfristig verfügbare Energie, die für das künftige Wohlergehen der
Menschheit von zentraler Bedeutung ist, selbst in unserer eigenen
begrenzten Sicht als nahezu unerschöpflich gelten könne. Erlangt
der Mensch das als Vorbedingung erforderliche Wissen, so vermag er
sich durch einen entsprechend hohen Energieaufwand nicht nur von
seinen Materialsorgen zu befreien, sondern er kann sogar dem Entwicklungsprozeß neue Impulse geben. Liese erstrebenswerte Stufe haben wir
noch nicht erreicht, und wir wissen auch nicht recht, wie oder wenn
dies geschehen wird. Aber die Idee als solche zeichnet sich bereits
am Horizont der Wissenschaft ab.
Wir müssen immer noch damit rechnen, daß jedes weitere Wirtschaftswachstum harte Anstrengungen seitens des Menschen erfordern
wird und mit vorübergehenden Rückschlägen und sogar Krisen verbunden sein kann. Labei geht es jedoch nicht so sehr um die dem Menschen

-

21

-

�Menschen überkommenen Naturschätze, sondern um die Mehrung seines
Wissens und seines Ideen- und Einfallsreichtums zur Bewältigung
der ihm durch seine Umwelt gestellten Probleme. Der Mensch wird auch
in Zukunft wie schon in der Vergangenheit die größte ihm gestellte
Aufgabe in sich selbst finden.
Ferner geht es nicht lediglich darum, daß der Mensch die Nutzung
der ihm von der Natur geschenkten Hilfsquellen mit dem Blick auf seinen Portbestand einteilt. Eine ständig wachsende Bevölkerungsziffer
in einer Welt des Mangels und der drückenden Armut kann nicht das Ziel
sein. Der Mensch steht letztlich auch noch vor dem Problem, seine
Welt - wie reich sie auch sei - so zu gestalten, daß alle auf ihr
friedlich zusammenleben und die vielfachen Ausdrucksformen des Einzelwesens voll zur Entfaltung gelangen können. Der Mensch kann einer
weiteren Vermehrung seiner Gattung selbst unter günstigsten äußeren
Lebensumständen nicht mit Gleichmut zusehen, solange Haß, Angst und
Streit herrschen.
Während die der Menschheit verfügbaren Hilfsquellen völlig ausreichend sind, hat gerade die Ausweitung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, dieeben dies sicherstellt, dem Menschen Möglichkeiten der
Zerstörung an die Hand gegeben, die die Basis der menschlichen Existenz gefährden.
Wir in Amerika und Sie hier in Deutschland haben einen Lebensstil
und ein Weltbild gemeinsam, die Wohlstand für alle in einem bisher
nie dagewesenen Ausmaß herbeigeführt haben. Mithin läuft die These, die
ich hier zu entwickeln suchte, darauf hinaus, daß für den Menschen unter
eben solchen Lebensbedingungen die größte Hoffnung besteht, die Aufgaben der Zukunft zu meistern - Bedingungen nämlich, unter denen der einzelne wie die Völker die größtmögliche, mit der Wahrung der Rechte
anderer zu vereinbarende Freiheit des Denkens und Handelns im Rahmen
einer auf der Unabhängigkeitsidee basierenden Zusammenarbeit genießen.
In einer solchen Welt wird der Mensch, dessen bin ich sicher, die
Probleme, die ihm gestellt sind, lösen können.
*

* * * *

-

22

�Tabelle 1
Schätzungen zur Weltbevölkerungsziffer, i960 bis 2000 (Angaben in
Zehn-Jahres-Intervallen, in Millionen)

Gebiet

i960

1970

1980

1990

2000

hoch

2920

5500

4280

5360

690O

Durchschnittswert

2910

5480

4220

5140

6280

2900

5550

5850

4570

4880

Afrika

257

575

492

Nordamerika

197

294
225

255

287

65,9

86,4

115

157

665
526
219

140

179

514

452

1620

1980

2 54
2480

52 00

4250

424

457

496

592

16,5

19,4

22,5

540
26

50,2

215

254

297

544

595

niedrig

Mittelamerika
Südamerika
Asien
Europa
Ozeanien
UdSSR

Quelle: Vereinte Nationen
* Hoch-, Mittel- und Niedrigwerte gelten für die gesamte Welt; für
die genannten Gebiete sind nur Maximalwerte angesetzt.

�Tabelle 2
Zunahme der Weltproduktion an Mineralien. Wichtige Mineralien in den
Jahren 1900 bis i960 (Angaben in Zehn-Jahres-Intervallen)

Jahr und Produktionsmenge

Mineral

Einheiten

Eisenerz

in Millionen
Long tons

Kupfer
Aluminium
Kohle
Erdöl
Chromerz
Kobalt
Nickel

Quelle:

1900

1910

1920

1930

1940

90

139

122

176

200

in t'ausend
Short tons

545

946

1057

1 760

in i'ausend
Short tons

7

49

137

860

1280

149

1950 196O

247

514

2734 2915

4990

298

663

164O

4985

1450

1600

1900

2000

2900

328

689

1412

2144

3803

7674

59

119

189

616

1605

2655

4870

in tausend
Short tons

0,2

1,1

0,4

1,4

5,5

7,9

16,7

in tausend
Short tons

10

25

39

60

154

16C

359

in Millionen
Short tons
in Millionen
Barrels
in tausend
Short tons

US-Bergbauamt

�Tabelle 3
K u p f e r i n h a l t der von 1900 b i s i960 in den V e r e i n i g t e n S t a a t e n
abgebauten Erze (Angaben i n Z e h n - J a h r e s - I n t e r v a l l e n )

J a h r und P r o z e n t g e h a l t der Erze an Kupfer

1900

1910

1920

1930

1940

1950

1960

2,8

1,88

1,63

1,43

1,20

0,89

0,73

Q u e l l e : US-Bergbauamt

�Tabelle 4
Rückgewinnung w i c h t i g e r N i c h t e i s e n m e t a l l e a u s A l t m a t e r i a l i n den
Vereinigten
(Angaben i n

Staaten,

1950 b i s

i960

Fünf-Jahres-Intervallen)

(in tausend Short

Metall

tons)

1950

1955

1960

76

76

63

Kupfer

485

515

429

Blei

474

495

465

Zink

75

84

68

28

25

19

Aluminium

Zinn

'

Q u e l l e : "Kesource's i n A m e r i c a ' s P u t u r e "

(Joho?

und R e s o u r c e s f o r t h e F u t u r e , I n c . ,

Hopkins P r e s s

1962)

�\

Tabelle 5
Anteil der Einfuhren am statistisch erfaßten Verbrauch von Kupfer,
Blei, Zink, Bauxit und Eisenerz in den Vereinigten Staaten,
1930 bis 196O (Prozentangaben in Fünf-Jahres-Intervallen)

Jahr

Kupfer

Blei

Zink

Bauxit

Eisenerz

1930

64,6$

9,1*

5.9*

64,5$

5,0*

1935

58,3

3,5

2,9

58,5

4,2

1940

48,7

35,4

22,9

65,2

3,1

1945

60,3

28,3

42,0

30,1

1,4

1950

47,7

43,5

40,2

76,3

7,7

1955

44,5

38,1

56,3

69,8

18,8

1960

45,7

35,3

60,0

98,4

32,0

Quelle: "Resources in America1s Future" (Johns Hopkins Press und
Resources for the Future, Inc., 1962)

�Tabelle 6
Schätzungen zum künftigen Verbrauch der freien Welt an wichtigen
primär und sekundär erschmolzenen Nichteisenmetallen

Metallverbrauch in
Millionen Tonnen
Metall
1959
Gesamt* PrimärBatall

Aluminium
Kupfer
Zink
Blei
Zinn

3,95
5,03

3,21
2,91

2,89
2,57
0,20

Schätzwerte 1975
Gesamt* Primärmetall

11,1

Wachstumsrate des
Verbrauchs an Primärmetallen,
1959 his 1975
($ pro Jahr)

6,7

10,1

9,1
6,1

2,20

5,4

4,2

4,1

1,64

4,2

2,7

3,3

0,15

0,29

0,21

2,1

4,7

Quelle: Sekretariat der Vereinten Nationen
*Gesamtmengen an Primär- und Sekundärmetallen (mit Ausnahme der
Länder mit Plenwirtschaft)

�Tabelle 7

Gesamtproduktionsindex der Länder der freien Welt für die wichtigsten
Metallerze zwischen 1938 und 1962 (1958 = 100)

Jahr

Freie Welt*

Vereinigte Staaten
und Kanada

Europa*

1938

66

64

66

1948

66
82

77
80

51

100

104

100

100

79
96
100

104

100

98

116

114

108

118

113

113

120

115

111

1954
1956
1958
1959
196O
1961
1962

Quelle: "Monthly Bulletin of Statistics" der Vereinten Nationen,
Jahrgang 17, Mai 1963
*

mit Ausnahme der Länder mit Planwirtschaft

�Tabelle 8
Statistisch erfaßbarer Verbrauch an wichtigen Nichteisenmetallen
(raffiniert) in den wichtigsten Ländern der
freien Welt im Jahr 196O

Verbrauch i960 (in tausend metrischen Tonnen)

Land

Kupfer

Blei

Aluminium

Zink

Zinn

1225

809

1550

Großbritannien

560

287

560

790
276

52
22

Bundesrepublik
Deutschland

516

240
165

504
215
61
112

297
172

28
11

105
51
51
189

5
5
1

Vereinigte Staaten

Frankreich
Belgien

241
76

Italien

185

78

Schweden

91
107

. 44

56

45
104

504
62

95
26

149
24

5760

2212

5147

Kanada
Japan
Indien
Freie Welt*

46

85

60
2442

4
15
4
164

V

Quelle: Zusammengestellt vom Sekretariat der Vereinten Nationen.
* mit Ausnahme der Länder mit Planwirtschaft

�Tabelle

9

E i n - und Ausfuhr an E r z e n von E i s e n und N E - M e t a l l e n i n w i c h t i g e n
Industrieländern

im J a h r 1961

Importe
Eisenerz

Gesamtwert 1961
(in Millionen Dollar)

1352

Exporte

NE-Erze
und
Metalle

3020

Eisenerz

114

NE-Erze
und
Metalle

1304

Gesamtwert 1961
in Prozent

100%

100%

100%

100?

davon:
Vereinigte Staaten
Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
Großbritannien

19

21

-

28

43
43
15

54
54
23
23

100
-

54
18

Japan

23

2

Quelle: United Nations Commodity Survey, 1962

�Tabelle

10

A n t e i l e i n z e l n e r E n e r g i e t r ä g e r an der Gesamtenergieerzeugung der
V e r e i n i g t e n S t a a t e n , 1900 "bis i960 (in

Bituminöse
Kohle und
Lignit
Anthrazit

Jahr

Gesamt,
aus angegebenen
Energieträgem

1900

100,0$

1910

100,0
100,0

70,5$
71,1

18,4$
14,0

69,7
55,4
48,1
39,2
26,0

1920
1930
1940
1950
1960

100,0
100,0
100,0
100,0

Zehn-Jahres-Intervallen*)

Erdgas
(nass)

Wasserkraft

4,7$

3,2$

3,2$

7,9

3,5

3,5

10,7

12,0

4,1

3,5

8,0

9,7

3,4

1,2

35,7

11,9
19,8
33,0

3,5

3,2

23,5
31,3
33,2

5,2

Erdöl

4,6
4,1

Q u e l l e : Minerals Yearbook, 1961, US-Bergbauamt
* Prozentangaben auf der Basis von BTU-Einheiten. E n e r g i e e i n h e i t e n
auf der Basis Kernenergie und Holz sind n i c h t b e r ü c k s i c h t i g t .

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 4. 1. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kennedy erklärt Standpunkt der USA zu weltpolitischen Fragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus dem Fernsehinterview vom 17.12.1962&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Standpunkt der USA zu weltpolitschen Fragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut des Fernsehinterviews vom 17.12.1962&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 18. 1.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kennedy unterbreitet Botschaft über die Lage der Nationen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;State of the Union Message&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 25. 1.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kennedy legt neuen Haushalt vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zusammenfassung der wichtigsten Punkte des Budget 1963/64&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 25. 1.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kennedy: Die US-Wirtschaft am Scheideweg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus dem Wirtschaftsbericht des US-Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 15. 3.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Europa: Kaleidoskope oder getrübter Kristall&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Ansprache des ehemaligen US-Außenministers Dean G. Acheson vor der Universität von Kalifornien, 13.03.1963&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Europe: Kaleidoscope or clouded Crystal&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Address by the Honorable Dean Acheson at the University of California, Berkeley, California, Marsh 13, 1963&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 15. 3.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;George C. McGhee soll neuer Botschafter der USA in Bonn werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Präsident Kennedy hat am Mittwoch seine Absicht bekannt gegeben, den gegenwärtigen Staatssekretär für Politische Fragen im amerikanischen Außenministerium, George C. McGhee, zum neuen Botschafter der USA in der Bundesrepublik zu ernennen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 12. 4.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sonderbotschaft Präsident Kennedys zur Auslandshilfe&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Sonderbotschaft zur Auslandshilfe der USA, die Präsident Kennedy am 2. April 1963 dem amerikanischen Kongress unterbreitet hat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 17. 5.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten und die Verhandlungen zur Ausweitung des Handels &lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Eine Hintergrundanalyse&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 24. 5.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA weisen sowjetischen Protest gegen den Aufbau einer NATO-Atomstreitmacht zurück&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Antwortnote der Vereinigten Staaten (18.05.1963) auf die Note der UdSSR vom 08.04.1963&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 24. 5.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Abenteuer des Raumflugs&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Cooper - ein idealer Astronaut, Forschungsvorhaben, Verlauf und erste Ergebnisse des Raumflugexperiments MERCURY-ATLAS 9&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 14. 6. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Bemühungen der USA um den Weltfrieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Rede des US-Präsidenten John F. Kennedy, vom 10.6.1963 vor Absolventen der Amerikanischen Universität in Washington&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;25. 6.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ansprache des Präsidenten der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;John F. Kennedy in der Paulskirche zu Frankfurt/ Main&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;25. 6.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Remarks of the President of the United States of America &lt;br /&gt;&lt;em&gt;John F. Kennedy, in the Assembly Hall of Paulskriche, Frankfurt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;26. 6.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Remarks of the President of the United States of America &lt;br /&gt;&lt;em&gt;John F. Kennedy, at the Free University Berlin, Germany&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;26. 6.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Remarks of the President of the United States of America &lt;br /&gt;&lt;em&gt;John F. Kennedy, at the City Hall, West Berlin, Germany&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 26. 7. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sonderbotschaft Präsident Kennedys über US-Zahlungsbilanz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Sonderbotschaft, am 18. Juli 1963 an den US-Kongress&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27. 9.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kennedy ruft zur Zusammenarbeit für den Frieden auf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Rede vom 20.09.1963, vor der 18. Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27. 9.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle Deutschlands in der Entwicklung der Weltpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende des Planungsstabs im US-Außenministerium, Walt W. Rostow, am 18.09.1963 vor der Universität von Dayton gehalten hat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;9. 10.&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Betrachtung eines Amerikaners über Berlin&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Botschafters George C. McGhee, im Amerika Haus, Nürnberg, am 09.10.1963&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 18. 10. &lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Teststoppvertrag in Kraft getreten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut des Vertrages über ein Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1. 11.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Sr. Exsellenz des Außenministers der Vereinigten Staaten Dean Rusk, gehalten am 27.10.1963, in der Paulskirche zu Franktfurt/Main, anlässlich der Einweihung der George C. Marshall - Gedenkstätte am Opernplatz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;W. 8. 11.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Handelsausweitung und Wirtschaftswachstum in der atlantischen Gemeinschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Ansprache von US-Botschafter George C. McGhee, gehalten vor der Handelskammer, Koblenz, 05.11.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 6. 12.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wir werden in dem Streben nach Frieden unermüdlich sein&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Johnsons vor beiden Häusern des Kongresses am 27. November 1963&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 6. 12.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere Kraft und Energie ist auf die Zukunft gerichtet&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschaft Präsident Johnsons zum Erntedanktag 1963&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13. 12.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Natürliche Hilfsquellen der Welt&lt;br /&gt;Die Situation heute und in der Zukunft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut des Vortrags von US-Botschafter George C. McGhee, gehalten am 11.12.63, vor der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>INTERNATIONALE ARBEITSMITTEILUNGEN
Inhaltsverzeichnis
1 9 6 3

Nr. 1
Die Bedeutung der Gewerkschaften für
das amerikanische Wirtschaftsleben
Die Aufgaben des "National Labor Relations
Board"
Ein erfolgreiches Jahr für die amerikanischen
Gewerkschaften

Nr. 2
Automatisierung führt zur
"Bildungsgesellschaft"
Die Automation in gewerkschaftlicher Sicht
Internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet
der Rehabilitation Behinderter
Erhebliche Veränderungen in der USBeschäftigungsstruktur seit 1950
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
*

Nr. 3
Mode 11vertrag der amerikanischen
Automobilarbeitergewerkschaft
Präsident Kennedy unterbreitete Kongreß
umfassendes Sozialprogramm
Ziele und Aufgaben des US-Arbeitsministeriums
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

*

�4
Erziehung und Schulung in einem
Entwicklungszeitalter (i)
Gewerkschaftli che Kurznachrichten
*

Erziehung und Schulung in einem Entwicklungszeitalter (il)
Aktuelle Arbeitsmarktprobleme
Mehr Frauen im höheren Regierungsdienst
Filmore LaDeaux - ein Arbeitnehmerporträt
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

6
Der E r f o l g s b e t e i l i g u n g s p l a n
Maschinistengewerkschaft
Gewerkschaftliche

der K a i s e r - S t a h l w e r k e

f e i e r t 75jähriges

Bestehen

Kurznachrichten

1
Die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsprobleme
der USA in den Jahren 1960-1975 (i)
Berufsausbildung im Zeitalter der schnellen
technischen Veränderungen
"DOT" - Ein Bestseller wird neu aufgelegt

�Nr. 8/9
Die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsprobleme
der USA in den Jahren 1960-1975 (il)
Gleiche Berufschancen für die Farbigen
"Stille Einigung" - der neue Stil im USTarif verband lungswesen
Vorbeugen - die Hauptaufgabe des modernen
Unfallschutzes
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
*

Nr. 10
Die w i r t s c h a f t l i c h e
den USA

S i t u a t i o n der Farbigen

in

V e r s c h ä r f t e Bestimmungen der US-Post zur
Durchsetzung der R a s s e n g l e i c h h e i t
W i r t s c h a f t l i c h e s Wachstum und A r b e i t s l o s i g k e i t
U n f a l l s c h u t z am A r b e i t s p l a t z a l s
Aufgabe
Seeleutegewerkschaft
S t r e i k v e r z i c h t aus

spricht

gewerkschaftliche

sechsjährigen

*

N r . 11
Die amerikanische Sozialversicherung

t

Entwicklung der Löhne und Lohnnebenleistungen
in den USA
Arbeitslosen-Umschulungsprogramm hatte guten Start
Gewerkschaftliche Bildungsarbeit mit neuen Akzenten
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

-

3 -

�Nr. 12
Die Leistungen älterer Arbeitnehmer in
Umschulungskursen
New Yorks einzigartige berufsbildende Oberschule
Beträchtliche Verschiebungen in der
US-Einkommensstruktur
E. A. Willis - ein Arbeitnehmerporträt
Schaffung internationaler Beschäftigungsnormen

* * * * *

- 4 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschattsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
l SIS Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeltsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 1

Bad Godesberg, den 1. Januar 1963
INHALTSVERZEICHNIS

Die Bedeutung der Gewerkschaften für das
amerikanische Wirtschaftsleben

Seite

1

Die Aufgaben des "National Labor Relations Board"

Seite

7

Ein erfolgreiches Jahr für die amerikanischen
Gewerkschaften

Seite

12

Arthur J. Goldberg, Richter am Obersten Bundesgericht
der Vereinigten Staaten:
Die Bedeutung der Gewerkschaften für das amerikanische Wirtschaftsleben
Aus der Monatsschrift "Overseas" .
Bei Nachdruck sind Angabe des Verfassers, der Quelle
und der Vermerk "Copyright 1962 by the Institute of
International Education" erforderlich.
Der Autor war bis August 1962 US-Arbeitsminister
und davor Mitarbeiter der Rechtsabteilung des Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO. Seiner Darstellung
der Rolle der Gewerkschaften in den Vereinigten
Staaten kommt auf Grund seiner langjährigen Erfahrung
in Arbeits- und Gewerkschaftsfragen ein hohes Maß an
Authentizität zu. Im Zusammenhang mit den 19&amp;3 bevorstehenden Feiern anläßlich des 50. Jahrestags der
Schaffung des US-Arbeitsministeriums gewinnt sie
dazu noch besondere Aktualität.
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung leistet ihren Beitrag zur
Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft in den Vereinigten Staaten vornehmlich in der Weise, daß sie ihre Kräfte auf die Verbesserung
der wirtschaftlichen und sozialen Lage der arbeitenden Menschen konzentriert. Das Klassenbewußtsein, in anderen Ländern so häufig ein augenfälliger Wesenszug der Gewerkschaftsarbeit, spielte bei der Verbreitung

-

1 -

�Verbreitung des Gewerkschaftsgedankens in den Vereinigten Staaten
niemals eine bestimmende Rolle.
Was die grundlegenden Zielsetzungen angeht, hält sich die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung nach wie vor an die richtungweisenden Lehren von Samuel Gompers, Mitbegründer der American
Federation of Labor (AFL) und ihr erster Präsident von der im Jahre
1886 erfolgten Gründung an bis zu seinem Ableben im Jahre 1924«
Gompe rs' Kampf galt der Anerkennung der Gewerkschaften durch
die Unternehmer. Seine Zielsetzungen lauteten einfach genug: kürzere
Arbeitszeit, höhere Löhne und größere Freiheit. Dem Wirken Gompers'
ist es zu verdanken, daß die Gewerkschaften allmählich im ganzen Volk
als unabdingbarer Bestandteil der Gesellschaft anerkannt wurden. Dieser
große Pionier der Gewerkschaftsbewegung ging von der Überzeugung aus,
das Gedeihen der Gewerkschaftsbewegung sei gleichbedeutend mit "einem
besseren Leben für alle". Er war aber gegen den Versuch, dieses Ziel
durch die Anwendung von Gewalt oder ungesetzliche Schritte anzustreben.
In der Satzung des Gesamtverbandes AFL-CIO, der 1955 durch den
Zusammenschluß der American Federation of Labor und des Congress of
Industrial Organizations entstand, werden als wichtigstes Nahziel
"höhere*Löhne, kürzere Arbeitszeit und bessere Arbeitsbedingungen"
genannt. Die Arbeiter werden aufgerufen, darüber hinaus dem höheren
Ziel nachzustreben, "ihre Rechte und Pflichten als Bürger voll auszuschöpfen" . Die Satzung ermutigt alle Arbeitnehmer zur Bildung von
"Gewerkschaften, die ihren eigenen Vorstellungen entsprechen", Sie
bestimmt des weiteren, daß alle Arbeitnehmer "ohne Ansehen der Rasse,
des Glaubens, der Hautfarbe, der nationalen Herkunft oder Abstammung...
an den Vorteilen der Gewerkschaftsorganisation teilhaben" sollen. Sie
bringt ferner die Absicht der AFL-CIO zum Ausdruck, die Hoffnungen
und Aspirationen der Werktätigen mit demokratischen Methoden zu verwirklichen, die mit unseren Gesetzen und Traditionen vereinbar sind
und in den Gesamtrahmen unserer konstitutionellen Regierungs- und
Staatsform passen.
Diese Grundsätze werden des weiteren mit der Versicherung bekräftigt, die AFL-CIO werde "die Sache des Friedens und der Freiheit"
fördern und "freie Gewerkschaften in aller Welt unterstützen, ihnen
beistehen und mit ihnen zusammenarbeiten".
Angesichts des ständigen Wandels und der fortgesetzten Expansion
der amerikanischen industriellen Wirtschaft schreitet der Prozeß der
Organisierung der Arbeiterschaft, der Anerkennung der Gewerkschaften
und der Festsetzung der Löhne und Arbeitsbedingungen durch frei ausgehandelte Tarifverträge rasch voran.
Gegenwärtig sind weit über 100 000 derartige Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern in Kraft. Die Verhandlungen werden gewöhnlich von den einzelnen Gewerkschaften für sich allein
geführt - teils durch das Ortskartell, das die Belegschaft eines
einzelnen Betriebes oder einer Gruppe von Unternehmen vertritt,
teils auch durch mehrere Ortskartelle gemeinsam'," die mit Unternehmens-

-

2

-

�Unternehmensgruppen einer Stadt oder eines bestimmten Gebiets verhandeln, und manchmal - bei Verhandlungen mit Großunternehmen oder
größeren Segmenten eines ganzen Industriezweiges - tritt auch die
nationale Muttergewerkschaft selbst als Gesprächspartner auf.
Der Geltungsbereich der Tarifverträge kann sich außer auf Löhne
und Arbeitsbedingungen noch auf viele andere Fragen erstrecken; dies
ist auch meist tatsächlich der Fall. In den letzten Jahren stand
bei den Verhandlungen in zunehmendem Maße die Forderung nach erhöhten
Lohnnebenleistungen - bezahlte Feiertage, Urlaub, Alters- und Krankenversicherung sowie andere Sozialleistungen - im Vordergrund. Auch der
Wunsch nach größerer Sicherheit des Arbeitsplatzes, wie sie ihren Niederschlag in einer vertraglich garantierten Mindestarbeitswochenzahl
pro Jahr, in den Anciennitätsrechten, in einer vernünftigen Beförderungs- und Versetzungsregelung, in Kündigungsschutzbestimmungen,
Arbeitslosenunterstützungsleistungen und ähnlichen Sozialmaßnahmen
findet, gewinnt immer größere Bedeutung. Tarifverträge erstrecken
sich auch auf Fragen des betrieblichen Unfallschutzes und aller damit
zusammenhängenden Vorkehrungen, der Länge der Arbeitszeit und ihres
Beginns und Endes, der Schicht- und Überstundenarbeit, der Kündigung,
der Verhütung von Streiks und Aussperrungen und des Beschwerderechts
und der Schlichtung.
Der Ausbau des Kollektivverhandlungswesens als wichtigste Methode
zur Erzielung einer weitgehenden Übereinstimmung zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern gehört mit zu den auffälligsten Erscheinungen der
amerikanischen Wirtschaftsdemokratie. Dieses Verfahren des Verhandeina
zwischen Gewerkschaft und Management mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen
ohne direkte Konsultation der betroffenen Arbeitnehmer festzusetzen,
wurde stark in Frage gestellt, als die Unternehmer sich weigerten, an
derartigen Kollektiwerhandlungen teilzunehmen. Dann, in der entscheidungsvollen Anfangsphase der ersten Amtsperiode von Präsident Franklin
D. Roosevelt, wurde als Antwort auf diese Weigerung 1935 das Gesetz
zur Regelung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen (National Labor
Relations Act) erlassen. Es war dies das wichtigste Arbeitsgesetz,
das bis dahin geltendes Recht im Gesamtgebiet der Vereinigten Staaten
geworden war. Es garantierte allen Arbeitnehmern "das Recht, sich zu
organisieren, Gewerkschaften zu bilden, sich ihnen anzuschließen oder
sie zu unterstützen, über gewählte Vertreter Kollektivverhandlungen
mit den Unternehmern zu führen und zum Zwecke der Führung solcher Verhandlungen und zur gegenseitigen Sicherung und Hilfeleistung gemeinsame
Schritte zu unternehmen".
Das Kollektivverhandlungswesen bildet heute die feste Basis des
expandierenden Bereichs der Zusammenarbeit zwischen den beiden großen
Kontrahenten unseres Wirtschaftssystems, Arbeitgebern und Arbeitnehmern,
und fördert die zunehmende Anerkennung des dritten großen Partners - des
Staates.
Die Entwicklung dieses demokratischen Dreigestirns findet ihren
Ausdruck auch in der Arbeit des Beirates des Präsidenten für Fragen der
Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen, dessen Gründung Präsident Kennedy
1961 durch Erlaß verfügte. Der Ausschuß, in dem Arbeitnehmer, Arbeitgeber

-

3 -

�•

Arbeitgeber und Staat gleich stark vertreten sind, besteht aus 21
Mitgliedern. Er hat bereits eine ganze Reihe von wichtigen Problemen
unserer Wirtschaftsordnung, die gegenwärtig einen raschen Wandel
durchmacht und immer komplizierter wird, aufgegriffen und ergründet
und ist dabei in Neuland vorgestoßen. Lösungen für diese Probleme
können selbstverständlich nicht kurzfristig gefunden werden; der Gedankenaustausch aber, den die Tätigkeit des Ausschusses in Gang setzte,
berechtigt zu der Hoffnung, daß die amerikanische Arbeits- und Sozialpolitik von dieser Seite her neue Impulse erhalten wird und daß die USWirtschaft an der Schwelle eines neuen, erfolgverheißenden Zeitalters
steht.
Die zunehmende Mitwirkung der Gewerkschaften an der Gestaltung
des nationalen Lebens unterstreicht nur einen Aspekt der Gewerkschaftsarbeit, der schon immer besonders gepflegt wurde. Vertreter der Gewerkschaften sitzen in den Beratungsausschüssen zahlreicher Stellen
des Bundes und der Einzelstaaten und sind in verantwortliche Positionen
aufgestiegen. Gewerkschaftsmitglieder werden in steigender Zahl in
Organe der lokalen Selbstverwaltung wie Schulaufsichtsbehörden, Stadtverordnetenversammlungen, Bibliothekskuratorien und dergleichen gewählt oder berufen.
Im ersten und zweiten Weltkrieg traten viele Gewerkschaftsfunktionäre in den Dienst von Behörden. Heute sind die Gewerkschaften durch
führende Mitglieder in einer ganzen Reihe von staatlichen Körperschaften
und Ausschüssen tätig, die sich mit Fragen des Schul- und Bildungswesens, der Ausweitung des Außenhandels usw. befassen.
Bei politischen Wahlen bleibt es den Gewerkschaftsmitgliedern
völlig unbenommen, für wen sie stimmen. Die Gewerkschaften sehen ihre
politische Aufgabe ausschließlich darin, ihre Mitglieder über die Ansichten der Kandidaten und deren bisheriges Verhalten bei Abstimmungen
und im Amt zu unterrichten, die Wählerschaft zur Ausübung ihrer Wahlrechte anzuhalten und sich in die Gesetzgebung, -c^weit sie Wirtschaftsund Sozialfragen betrifft, möglichst schon im Planungsstadium einzuschalten. Diese Mitwirkung der Gewerkschaften an der Gesetzgebungsarbeit
im Kongreß und in den einzelstaatlichen Parlamenten hat ihrerseits tiefe
Rückwirkungen auf die Arbeiterbewegung gezeitigt.
Das amerikanische Arbeitsministerium, das 1963 den 50. Jahrestag
seiner Gründung feiert, entstand unter tatkräftiger Förderung durch
die Gewerkschaften. Obwohl es nur rund 8000 Mitarbeiter beschäftigt
und somit zahlenmäßig das kleinste der zehn Ministerien ist, ließen
es sein Eintreten für die Interessen und das Wohl der Erwerbstätigen in
den USA zu einer der aktivsten Regierungsbehörden werden.
Anfang dieses Jahrhunderts konnte die Gewerkschaftsbewegung in
den Einzelstaaten verschiedene Reformgesetze durchsetzen. Zu den ersten
diesbezüglichen Erfolgen rechnen die von mehreren Bundesstaaten erlassenen Gesetze über die Regelung der Frauen- und Kinderarbeit in der Industrie sowie gesetzliche Vorschriften zur Verhütung von Betriebsunfällen.
Die Gewährung von Renten im Invaliditätsfalle ist heute in den meisten
Einzelstaaten gesetzlich geregelt, und Kinderarbeitsgesetze bestehen
in sämtlichen.
T

- 4 -

�Im Jahre 1890 erließ der Kongreß das sogenannte Sherman-Antir
Trust-Gesetz, das eine Regelung des Handels zwischen den einzelnen
Bundesstaaten brachte. Das Clayton-Anti-Trust-Gesetz von 1914, ein
Ergänzungsgesetz zum Sherman Act, untersagte Alleinverkaufs-Kontrakte
und örtliche Preissenkungen, die ein Abwürgen von Konkurrenten zum
Ziele haben. Es bescheinigte den Gewerkschaften ausdrücklich, daß
sie nicht unter die verbotenen Zusammenschlüsse fallen, beschränkte
den Erlaß einstweiliger Anordnungen gegen gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen und erklärte friedliche Streiks, Boykotte und Streikposten
ausdrücklich für zulässig.
Das Adamson-Gesetz von 1916 verfügte die Einführung des Achtstundentages als Grundarbeitszeit für die Eisenbahnbediensteten. Diese
Maßnahme war ein Markstein im langen Kampf der Gewerkschaften um die
Einführung einer verbindlichen Norm für die tägliche Arbeitszeit, die
heute in der ganzen Welt gilt. Das Gesetz zur Regelung der Arbeit bei
den Eisenbahnen (Railway Labor Act) aus dem Jahr 1926 bedeutete, obwohl
es sich nur auf den Transportsektor erstreckte, einen wichtigen Wendepunkt in der Politik der Gewerkschaftsbewegung. Von dem Grundsatz ausgehend, daß Kollektivverhandlungen die Basis für ein gutes Verhältnis
zwischen Arbeitnehmern und Management bilden, verschafften die Gewerkschaften den Bahnbediensteten das Recht, sich ohne Einmischung seitens der Unternehmensleitung zu organisieren und Gewerkschaften beizutreten .
Der Börsenkrach von 1929 lähmte die amerikanische Wirtschaft
nahezu gänzlich. Die Schlangen vor den Armenküchen, die an Werkstoren
angeschlagenen Schilder "Keine freien Stellen" und die allgemeine Angst
und Hoffnungslosigkeit versetzten das Land in einen Zustand der Apathie
und Untätigkeit. Am tiefsten Punkt der Depression, im Jahre 1932, verabschiedete der Kongreß dann das Norris-La Guardia-Gesetz, das die gesetzlichen Streikverbote drastisch einschränkte.
Nur wenige Jahre später erließ der Kongreß weitere wichtige Gesetze
zur Verbesserung des Loses der arbeitenden Menschen, darunter auch das
Sozialversicherungsgesetz von 1935» das die Alters- und Invaliditätsversicherung der Arbeitnehmer regelte.
In der Nachkriegszeit setzten sich die Gewerkschaften entschlossen
gegen die Versuche vor. Kommunisten zur Wehr, die Arbeiterbewegung zu
unterwandern und Einfluß auf sie zu gewinnen. Für die Kommunisten endete
dieser Kampf mit einer vernichtenden Niederlage. Ihren dramatischen Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung in den Jahren 1949 und 1950» als
der Congress of Industrial Organizations (CIC) elf kommunistisch-beherrschte Mitgliedgewerkschaften ausschloß. Der erfolgreiche Widerstand
der amerikanischen Gewerkschaften gegen kommunistische Strömungen im
Inneren bildete den Auftakt zu einer immer stärkeren Teilnahme der Gewerkschaften an dem weltweiten Ringen um Freiheit und Demokratie.
Hand in Hand mit dem Kampf gegen den Kommunismus gingen die Bestrebungen der AFL-CIO, die Arbeiterbewegung auch von anderen korrumpierenden Einflüssen frei zu halten. Ihr Disziplinarausschuß entwarf
sechs Ehrenordnungen für die verschiedenen Bereiche der Gewerkschaftsarbeit, die auf dem Jahreskongreß der AFL-CIO 1957 angenommen wurden. Der

-

5 -

�Der Disziplinarausschuß hatte ferner die Aufgabe, etwaige Mißstände
innerhalb der Mitgliedgewerkschaften aufzudecken. Auf Grund der Ergebnisse seiner Untersuchungen schloß der Jahreskongreß von 1957 drei
große Mitgliedgewerkschaften aus der AFL-CIO aus und ergriff disziplinarische Maßnahmen gegen eine vierte. Eine fünfte Mitgliedgewerkschaft, die vom Vorstand ungebührlicher Praktiken bezichtigt worden
war, leistete der Aufforderung Folge, die Mißstände noch vor der Jahrestagung zu beseitigen.
In der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), deren Mitglied
die Vereinigten Staaten 1934 wurden, arbeiten die amerikanischen Gewerkschaften seither aktiv mit. Die Mitarbeit in der ILO, die inzwischen
Sonderorganisation der Vereinten Nationen geworden war, hat die APL-CIO
auch nach dem Zusammenschluß fortgesetzt. Die internationale Tätigkeit
der amerikanischen Gewerkschaften findet ihre sinnvolle Ergänzung durch
die Mitgliedschaft im Internationalen Bund freier Gewerkschaften und
in den Internationalen Gewerkschaftssekretariaten.
Ein neugegründeter Zehnerausschuß der AFL-CIO für Fragen der Allianz
für den Fortschritt, an dessen Spitze der Präsident des Verbandes, George
Meany, steht, arbeitet gegenwärtig ein Programm für die Gewerkschaftstätigkeit in den lateinamerikanischen Ländern aus. Der AFL-CIO-Ausschuß
für die Vereinten Nationen richtete ein "Freundschaftsburo" ein, um
interessierte ausländische UN-Delegierte - vornehmlich Männer und Frauen,
die selbst aus der Gewerkschaftsarbeit kommen - mit der amerikanischen
Gewerkschaftsbewegung vertraut zu machen.
Die wachsende Bedeutung, die die Gewerkschaften für das gesamte
Leben des amerikanischen Volkes gewonnen haben, manifestiert sich in
einer Reihe von mächtigen Verwaltungsbauten, die die Gewerkschaften in
jüngerer Zeit in der Landeshauptstadt errichten ließen.
Der Gesamtverband AFL-CIO, der seinen Sitz in Washington hat, vertritt 134 nationale und internationale (d.h. auch in Kanada tätige) Gewerkschaften mit - nach dem Stand von 1§60 - 14 99 2 000 Mitgliedern.
Daneben gibt es noch 50 unabhängige Gewerkschaften mit 3 045 000 Mitgliedern (Stand von 1960). Hinzu kommen noch die unabhängigen Betriebsgewerkschaften und die der AFL-CIO-Zentrale direkt angegliederten selbständigen örtlichen Gewerkschaften mit insgesamt 580 000 Mitgliedern.
Der Zusammenschluß der beiden Verbände AFL und CIO zur AFL-CIO
im Jahre 1955 beendete die Spaltung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung, die seit 1938 bestanden hatte, als im Zuge der Auseinandersetzung
um die Frage, inwieweit die Arbeitnehmer in Fach- bzw. Industriegewerkschaften zu organisieren seien, eine Gruppe von Gewerkschaften aus dem
damaligen Dachverband AFL austrat und sich in der CIO zusammenschloß.
In den vorausgegangenen sieben Jahrzehnten, in denen die Arbeiterbewegung
von der AFL beherrscht worden war, hatten der Gewerkschaftsgedanke und
die Gewerkschaften selbst einen gewaltigen Aufschwung genommen, und die
wirtschaftliche und soziale Lage der amerikanischen Arbeiter hatte sich
in einem Ausmaß gebessert, das alle Erwartungen übertraf.
Der

�Der Zusammenschluß der beiden rivalisierenden Gewerkschaftsverbände im Jahre 1955 wurde als Beginn einer neuen Zeit begrüßt, der
Zeit der reifen industriellen Demokratie.
Das langwierige Ringen um die Anerkennung der Gewerkschaften ist
längst siegreich beendet, und ihre Stellung im Wirtschaftsleben ist
im Gesetz des Landes inzwischen fest verankert. Eine erneute Bestätigung
fand diese Tatsache, als Präsident Kennedy 1962 durch Erlaß die Beschäftigungsverhältnisse im Bundesdienst dahin igehend modifizierte, daß die
Bundesbediensteten das Recht erhalten, sich durch Organisationen ihrer
eigenen Wahl vertreten zu lassen. So erwachsen den verantwortlichen
Männern an der Spitze der amerikanischen Gewerkschaften immer neue
Aufgaben, die sie mit wachsender Entschlossenheit zu lösen gedenken.

Aus "Overseas", einer Zeitschrift
für Fragen des Erziehungsaustauschs
(Ausgabe September 1962). Copyright
1962 by the Institute of International
Education.

* * * * *

Frank W. McCulloch, Vorsitzender des Nationalen Ausschusses für
ArbeitsbeZiehungen»
Die Aufgaben des "National Labor Relations Board"
Die dem "National Labor Relations Board" (NLRB) vom Kongreß übertragene Aufgabe ist ausschließlich auf ein Ziel gerichtet! das Tarifverhandlungswesen zu fördern und die Freiheit der Arbeitnehmerorganisationen zu sichern, um dadurch den industriellen Frieden zu festigen.
Seit 27 Jahren ist der "National Labor Relations Act" die Grundlage
dieser Bestrebungen.
Die Statuten des "NLRB" sind zwar im Laufe der Jahre verschiedentlich abgeändert oder neu gefaßt worden, und auch der Ausschuß selbst
wurde inzwischen erweitert, aber weder die grundsätzliche Einstellung
in Fragen der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen in den USA noch die
Aufgaben und die Verantwortlichkeit des "NLRB" hinsichtlich der Förderung dieser Beziehungen haben sich dabei irgendwie geändert.
Es

�Es ist unsere Pflicht, den Interessen der Nation als Ganzen
dadurch zu dienen, daß wir harmonische Beziehungen zwischen den
Sozialpartnern durch die Garantierung und den Schutz gewisser Grundrechte des Arbeitnehmers fördern. Zu diesen Grundrechten zählen u.a.
das Recht der Arbeitnehmer, einer Gewerkschaft beizutreten und sich
in freien und offenen Kollektivverhandlungen mit ihren Arbeitgebern
in Arbeitsfragen auseinanderzusetzen. Wie gesagt ist es die ausschließliche Aufgabe des "NLRB" , die Ziele nur dieses Gesetzes in
der Praxis zu verwirklichen, während die Behandlung aller anderen ,
Rechtsfragen, die sich aus der Anwendung der zahlreichen Arbeitsgesetze - wie etwa des Kinderarbeitsgesetzes, des Mindestlohnoder des Arbeitszeitgesetzes - ergeben, nicht in den Kompetenzbereich
unseres Amtes fällt.
Wir sind eine unabhängige Behörde, an deren Spitze ein fünfköpfiger Ausschuß (Board) steht, dessen Mitglieder vom Präsidenten direkt
für die Dauer von fünf Jahren ernannt werden. Neben der Zentrale in
Washington unterhalten wir noch 28 Regionalbüros in den verschiedenen
Teilen des Landes. Bei einem Jahresbudgetbetrag von rund 20 Millionen
Dollar, der uns zur Verfügung steht, sind in unseren Dienststellen etwa
1850 Angestellte beschäftigt.
Das "Gesetz über Arbeitsbeziehungen" (National Labor Relations
Act) entstand in den Depressionsjähren während der ersten Amtszeit
Präsident Roosewelts. In jener Zeit der Massenarbeitslosigkeit war
die Verhandlungsposition des einzelnen Arbeitnehmers im Hinblick
auf Löhne und Arbeitsbedingungen denkbar schlecht. Bei rund 10 Millionen Arbeitsuchenden mußte der beschäftigte Arbeitnehmer entweder das
akzeptieren, was ihm vom Unternehmer geboten wurde, oder aber seinen Arbeitsplatz aufgeben. Nur im Rahmen einer Organisation hätte
der einzele damals die Möglichkeit gehabt, seine Verhandlungsposition
gegenüber den Unternehmern zu stärken. Derartigen Bemühungen auf
Seiten der Arbeitnehmer wurde von Unternehmerkreisen seinerzeit jedoch heftiger Widerstand entgegengesetzt. Zwischen 1935 und 1935 z«B.
resultierten etwa 70 Prozent aller Streiks aus der Weigerung der Arbeitgeber, die Gewerkschaften als Tarifverhandlungspartner anzuerkennen oder mit ihnen in Verhandlungen einzutreten.
Im Jahre 1935 brachte dann Senator Robert Wagner aus New York
im Kongreß eine Gesetzesvorlage ein, die darauf abzielte, das uneingeschränkte Koalitionsrecht der Arbeitnehmer zu sichern, das allgemeine
Streikrecht zu garantieren und die Arbeitgeber zu zwingen, mit den gewählten Vertretern der Arbeitnehmerverbände über Tarife zu verhandeln. Das noch im gleichen Jahr verabschiedete Gesetz (National Labor
Relations Act) führte im einzelnen die verschiedenen Grundrechte.der
Arbeitnehmer und ihrer Organisationen an und verbot zwecks wirksamer
Durchsetzung der einzelnen Bestimmungen verschiedene bis dahin in der
Wirtschaft übliche Praktiken. AJLs sogenannte "unfair labor practices" unfaire Beschäftigungspraktiken - bezeichnet das Gesetz dabei u.a.l
1. das Abhalten eines Beschäftigten von der Ausübung seiner legitimen gewerkschaftlichen Tätigkeiten durch den Unternehmer;
2. die Unterstützung, Beherrschung oder Kontrolle einer Arbeitnehmerorganisation oder Gewerkschaft durch das Unternehmen^

-

8

�3. die Entlassung oder Diskriminierung von Arbeitnehmern auf
Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft oder ihrer
Tätigkeit für diese;
4. die Diskriminierung von Arbeitnehmern, die auf Grund des Gesetzes Klage führen oder gegen den Unternehmer als Zeugen
aussagen;
5. die Weigerung des Managements, mit den Gewerkschaften als den
von den Arbeitnehmern gewählten Vertretern in Tarifverhandlungen einzutreten.
Der "National Labor Relations Act" von 1935» der allgemein als
"Wagner Act" bezeichnet wird, verbot zwar sämtliche unfairen Praktiken
der Unternehmer, sagte aber nichts in dieser Hinsicht über die Gewerkschaften aus. Er war daher auch jahrelang Gegenstand heftiger Angriffe
aus den Kreisen des Unternehmertums, der Farmer und anderer Gruppen.
Diese Opposition wuchs von Jahr zu Jahr und erreichte im zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt, als auf Grund des allgemeinen Arbeitskräftemangels die Machtposition der Gewerkschaften immer stärker wurde und
auch teilweise zu einem Mißbrauch der Macht führte. Auf Grund der industrieweiten Streiks, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit wichtige
Industriezweige für lange Zeit lähmten (Bergbau, Stahlindustrie,
Schiffsbau), brachte dann Senator Robert Taft aus Ohio im Kongreß
wichtige Xnderungsvorlagen zum "National Labor Relations Act" ein.
Diese Änderungsvorschläge Senator Tafts wurden 1947 v °m amerikanischen Kongreß mit der Verabschiedung des "Labor-Management Relations
Act** (Taft-Hartley Act) weitgehend berücksichtigt, der als "unfaire
Praktiken" der Gewerkschaften folgende Tätigkeiten bezeichnet»
1 • die Ausübung von Zwang oder die Diskriminierung von Mitgliedern oder Nichtmitgliedern wegen der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einer Gewerkschaft;
2. die Weigerung, mit einem Unternehmer Kollektivverhandlungen
zu führen;
3. die Auslösung oder Begünstigung eines Streiks, wenn es dabei
um folgendes geht»
a. Arbeitnehmer zu zwingen, einer Gewerkschaft beizutreten,
b. "Neutrale" zu zwingen, in einer Arbeitsstreitigkeit Partei
zu ergreifen,
c. einen Zwang auf die Unternehmer auszuüben, "MindprheitenGewerkschaften" als Tarifpartner anzuerkennen oder mit
diesen Tarifverhandlungen zu führen^
4. die Einschränkung der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder durch
Erhebung außergewöhnlich hoher Beiträge oder Aufnahmegelder;
5. die Erpressung von Geldern von den Unternehmern für Arbeiten,
die nicht geleistet wurden.
Dieses Gesetz wurde dann im Jahre 1959 erneut modifiziert, und verschiedene Paragraphen wurden neu aufgenommen, die u.a. die Offenlegung
der Finanzen der Gewerkschaften verlangen und Vorschriften hinsichtlich
der Verwaltung von Fondsgeldern usw. durch Funktionäre der Gewerkschaften enthalten.
TTV,„„
Unsere

�Unsere praktische Tätigkeit ist weitgehend mit der eines
"Arbeitsgerichtes" zu vergleichen. Die von Einzelpersonen oder
Organisationen bei unseren über das gesamte Staatsgebiet verteilten
Regionalbüros eingehenden Beschwerden oder Hinweise auf Verletzungen
der Gesetzesvorschriften werden von flen Vertretern dieser Büros zuerst auf ihre Stichhaltigkeit hin unitersucht. Wird dabei festgestellt,
daß tatsächlich Verstöße gegen das Gesetz vorliegen, so setzen die
Untersuchungsbeamten das beschuldigte Unternehmen bzw. die Gewerkschaft davon in Kenntnis, setzen eine, Klageschrift auf und benachrichtigen gleichzeitig den Labor Board in Washington, Daraufhin
schicken wir einen Vertreter zur Untersuchung des Falles an Ort und
Stelle, wo er in einem sogenannten "hearing", einem Verfahren zur
Ermittlung der Tatbestände, die betreffenden Parteien anhört. Auf
Grund dieser Verhandlung und nach Anhörung der Argumente beider Seiten fertigt er dann einen Schriftsatz an, der die Tatbestände im einzelnen aufführt, eine Würdigung der Rechtslage enthält und schließlich die sich daraus ergebenden Auflagen oder Maßnahmen angibt.
Die Beamten der Regionalbüros unterstehen disziplinarisch dem
Generalanwalt unseres Amtes und nicht den fünf Mitgliedern des Board};
und die Untersuchungsbeamten sind gegenüber dem Board ebenfalls unabhängig. Sie werden aus einer Liste ausgewählt, die von der unabhängigen
"Civil Service Commission" zusammengestellt wird, der Aufsichtsbehörde
für alle Bundesbeamten»
Wenn eine Partei mit der Entscheidung des Untersuchungsbeamten
nicht einverstanden ist, so kann sie beim Labor Board in Washington
eine Revision des Urteils beantragen» Wir überprüfen dann erneut
die einzelnen Tatbestände, die Rechtslage sowie die vom Untersuchungsbeamten vorgeschlagenen Rechtsmittel und veröffentlichen ein
Urteil, durch das der Fall entweder abgewiesen oder aber der beklagten
Partei zur Auflage gemacht wird, die beanstandeten gesetzwidrigen
Praktiken aufzugeben und entsprechende Schritte zu unternehmen, um
das begangene Unrecht wieder gutzumachen. Wenn z»B. ein Unternehmer
angeklagt ist, Arbeitnehmer auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer
Gewerkschaft entlassen zu haben, und wir nach Prüfung der Tatbestände
feststellen, daß das tatsächlich der Fall war, so machen wir es dem
Unternehmer zur Auflage, die betreffenden Arbeitnehmer bei rückwirkender Zahlung des Lohnes wiedereinzustellen und sich in Zukunft derartiger antigewerkschaftlicher Praktiken nicht mehr zu bedienen.
Es steht allerdings nicht in unserer Macht, die von uns ergangenen Urteile durchzusetzen oder eine Mißachtung dieser Auflagen zu
bestrafen. In solchen Fällen müssen wir uns an die höheren Bundes«
Appellationsgerichte wenden und diese um die Durchsetzung der Auflagen
ersuchen. Desgleichen kann natürlich jede verurteilte Partei die Aufhebung des Spruches bei einem solchen Gericht beantragen, wenn sie
der Ansicht ist, daß wir den Tatbestand nicht richtig wiedergegeben,
die Rechtslage falsch ausgelegt haben, oder die Auflage ihr ungerechtfertigt erscheint. Wenn wir das A-Ppellationsgerieht um die Durchsetzung
unseres Spruches ersuchen oder, umgekehrt, die beschuldigte.Partei eine
Aufhebung der Auflage verlangt, so ist dieses öffentliche Gericht in
seiner Urteilsfindung vollkommen unabhängig. Es ist dabei durchaus
keine Seltenheit, daß Gerichte unser Urteil in allen Punkten verwerfen
(seit 1935 in 17# aller Fälle).
Neben

-

10 -

�Neben der Behandlung von Fällen "unfairer Arbeitspraktiken"
ist es noch unsere Aufgabe, Repräsentationswahlen in den Betrieben
durchzuführen, damit festgestellt wird, welcher Gewerkschaft die
Arbeitnehmer eines Unternehmens die Vertretungsrechte übertragen
wollen. Denn im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern, wo
mehrere Gewerkschaften gleichzeitig die Interessen der Arbeitnehmer
eines Betriebes wahrnehmen können, kann in den Vereinigten Staaten
immer nur eine Gewerkschaft als bevollmächtigter Arbeitnehmervertreter innerhalb eines Unternehmens agieren. Voraussetzung für die
Übertragung der Vertretungsrechte an eine Gewerkschaft ist, daß
sie die meisten Stimmen bei der Abstimmung auf sich vereinigt.
Wenn also eine Gewerkschaft (oder mehrere) den Anspruch auf die Vertretungsrechte bei einem Regionalbüro des "NLRB" anmeldet und nachweisen kann, daß ein großer Teil der Arbeitnehmer des Betriebes
^gewöhnlich mindestens 30 Prozent) die Vertretung durch diese Gewerkschaft wünscht, dann führen wir auf Grund dieses Antrages eine
Repräsentationswahl durch. Spricht sich eine Mehrheit der Arbeitnehmer
gegen die Vertretung durch eine der kandidierenden Gewerkschaften aus,
so gewinnt keine von ihnen die Vertretungsrechte; im anderen Falle
erhält die Gewerkschaft die ausschließlichen Vertretungsrechte, die
den höchsten Stimmenanteil hat. Sie übernimmt damit die Verpflichtung,
die Arbeitnehmer bei allen Tarif- und anderen Verhandlungen zu vertreten.
So viel über die vom Gesetz uns auferlegten Pflichten und Aufgaben. Wie sieht nun aber unsere Tätigkeit in der Praxis aus?
Im vergangenen Finanzjahr z.B. führten wir insgesamt 6600 Vertretungswahlen durch, bei denen 89 Prozent der rund 500 000 wahlberechtigten Arbeitnehmer ihre Stimmen abgaben. Bei diesen Abstimmungen
über die gewerkschaftlichen Vertretungsrechte wurden 59 Prozent aller
Stimmen für Gewerkschaften abgegeben; und in 55 Prozent der Fälle erhielten die Gewerkschaften die Vertretungsrechte. Im gleichen Zeitraum
gingen bei uns über 12 000 Anzeigen wegen unfairer Arbeitspraktiken
bzw. Verstößen gegea den "Labor-Management Relations Act" ein.
Rund 8000 davon richteten sich gegen Unternehmer, etwa 4000 gegen
Gewerkschaften. Die meisten dieser Streitigkeiten werden in der Regel
auf informelle Art und ohne Ingangsetzung eines Verfahrens zur Zufriedenheit aller Beteiligten beigelegt, und zwar schon auf regionaler
Ebene. Auch die von uns in den Verfahren gefällten Sprüche und die
erteilten Auflagen werden im allgemeinen ohne weiteres von den Verurteilten akzeptiert bzw. beobachtet.

(Quellet Eigenbericht)

******

-

11

-

�Ein erfolgreiches Jahr für die amerikanischen Gewerkschaften
Ebenso wie die vergangenen Jahre stand auch 1962 ganz im
Zeichen der Bemühungen der Arbeitnehmerverbrinde um eine weitgehende
Absicherung der Arbeitsplätze und Einkommen gegenüber den Auswirkungen der schnellen technologischen Veränderungen, die in letzter
Zeit neben der Industrie auch sämtliche anderen Zweige der Wirtschaft
immer stärker erfaßt haben.
Ausdruck dieser intensiven Bemühungen sind vor allem die zahlreichen Verbesserungen, die die Gewerkschaften in dieser Hinsicht
im vergangenen Jahr in den neu abgeschlossenen Tarifverträgen verankern konnten; aber auch die diesbezüglichen Gesetze und Programme,
die 1962 vom Kongreß verabschiedet wurden, beweisen, in welchem Maße
die Gewerkschaften ihren arbeits- und sozialpolitischen Forderungen
in den gesetzgebenden Körperschaften des Landes Gehör verschaffen
konnten.
Zu den wesentlichen Verbesserungen zum Schutz von Arbeitsplätzen und Einkommen der Arbeitnehmer, die im letzten Jahr in die
Tarifverträge aufgenommen wurden, zählen vor allem die Errichtung
von Arbeitgeberfonds, aus denen alle die Arbeitnehmer einen Härteausgleich erhalten, die auf Grund von Mechanisierungsmaßnahmen
Arbeitszeit- und Einkommenseinbußen erleiden; die Gewährung von
Entlassungsgeldern; die Herabsetzung des Pensionsalters und die Erhöhung der Versicherungsleistungen im Rahmen der privaten Pensionspläne für freigesetzte Arbeitnehmer; sowie die Zahlung von Uraschulungs- und Umzugsbeihilfen.
Auf dem legislativen Sektor fanden diese gewerkschaftlichen
Sicherungsmaßnahmen eine allgemein verbindliche Ergänzung in dem
sogenannten "Manpower Development and Training Act of 1962" einem Bundesgesetz, das all jenen Arbeitnehmern die kostenlose Umschulung auf neue Berufe ermöglicht, die ihren alten Arbeitsplatz
auf Grund von Automationsmaßnahmen verloren haben, und ihnen für
die Dauer eines Jahres finanzielle Zuwendungen in Höhe der Arbeitslosenunterstützung sichert.
Während die Regierung 1962 immer wieder erklärte, daß eine allgemeine Herabsetzung der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit
auf 36 oder 35 Stunden nach ihrer Ansicht nicht das geeignete Mittel
sei, um die Erwerbslosenrate auf ein tragbares Maß (von derzeitig
5,5 auf etwa 4»0 Prozent) zu senken, und das Problem nur mittels geeigneter wirtschaftspolitischer Maßnahmen zur Erhöhung der wirtschaftlichen Wachstumsrate gelöst werden könne, nahm der Exekutivausschuß
der "AFL-CIO" einstimmig eine Entschließung an, in der - als Mittel
zur Vergrößerung des Arbeitsplatzangebots - die Verkürzung der Arbeitswoche von 40 a uf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich gefordert
wird. Gleichzeitig wurde vom Vorstand eine Arbeitsgruppe gebildet,
deren Aufgabe es ist, sich für eine Änderung des "Gesetzes über die
Regelung der Arbeitszeiten und Löhne" und für die Aufnahme kürzerer
Arbeitszeiten in neue Tarifverträge einzusetzen»
In

-

12

-

�In Anbetracht der verstärkten Bemühungen der Gewerkschaften
um eine Sicherung der Arbeitsplätze und Einkommen der Arbeitnehmer
war die Entwicklung auf dem lohnpolitischen Sektor während des
vergangenen Jahres verhältnismäßig ruhig. Nach den letzten Übersichten
des "Amts für Arbeitsstatistik" verzeichneten die industriellen
Arbeitnehmer im ersten Halbjahr 1962 Lohngewinne von durchschnittlich 2,7 Prozent, und auch für das zweite Halbjahr 1962 kann auf
Grund der bisher vorliegenden Informationen eine ähnliche Entwicklung
angenommen werden»
Im September z.B. belief sich der durchschnittliche Wochenlohn
eines Industriearbeiters mit drei Angehörigen auf insgesamt 85»91
Dollar (78,24 Dollar für Alleinstehende). Gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres war damit ein Anstieg der Brutto- und Nettolöhne
um 4*30 Dollar bzw. 3,40 Dollar eingetreten.
Nicht unerwähnt bleiben darf in_diesem Zusammenhang auch die
automatische Lohnerhöhung, die sich - auf Grund der Anhebung der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlöhne von 1,00 Dollar auf 1,20
Dollar - 1961 für rund 2,5 Millionen Arbeitnehmer ergab, die alles
in allem bis September 1962 etwa 500 Millionen Dollar mehr an Löhnen
bekommen haben dürften.
Einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Bemühungen und Mittel haben
die amerikanischen Gewerkschaften im letzten Jahr auch wieder für
ihre Auslandsarbeit eingesetzt. Rund 23 Prozent des Gesamtbudgets
der "AFL-CIO" - d.h. etwa 3 Millionen Dollar - wurden 1962 für die
Durchführung der zahlreichen internationalen Aufgaben verwendet. Nicht
eingeschlossen in dieser Summe sind die zahlreichen Beiträge der einzelnen Fachgewerkschaften zugunsten von internationalen Gewerkschaftsverbänden wie dem ICFTU oder Patengewerkschaften in Entwicklungsländern.
Sichtbarster Ausdruck aller Bemühungen der amerikanischen Arbeitnehme rverbände um die Schaffung freier und unabhängiger Gewerkschaften
in allen Teilen der freien Welt ist das "Amerikanische Institut für
die Entwicklung Freier Gewerkschaften", das im Jahr 1962 von der
"AFL-CIOn in Washington eröffnet wurde, und an dem junge Gewerkschafter
aus den südamerikanischen Entwicklungsländern im Rahmen von vierteljährigen Fortbildungskursen mit dem für ihre Tätigkeit in ihren Heimatländern erforderlichen technischen und geistigen Rüstzeug versehen werden sollen.

(Quellet Eigenbericht)

* * # * *

-

13

-

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
I SIS-liimii liad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 2

Bad Godesberg, den 1. Februar 1963
INHALTSVERZEICHNIS

Automatisierung führt zur "Bildungsgesellschaft"

Seite 1

Die Automation in gewerkschaftlicher Sicht

beite 5

Internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der
Rehabilitation Behinderter

Seite 8

Erhebliche Veränderungen in der US-Beschäftigungsstruktur seit 1950

Seite 9

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 10

Peter Drucker:
Automatisierung führt zur "Bildungsgesellschaft"
Aus "Think" (Juni 1962)
Bei Ilachdruck sind Angabe des
Verfassers, der Quelle und der
Vermerk "Copyright 1962 by
International Business Corporation" erforderlich.
Für den lMNormalbürger" schlägt sich die Automatisierung nicht so
sehr in der Entwicklung neuer Produktionsmethoden oder in Veränderungen in der Beschäftigungslage als vielmehr in einem tiefgreifenden
Wandel des geistigen und kulturellen Lebens nieder.
Eine Gesellschaft, in der die Automation zum beherrschenden Prinzip der Produktion und des Absatzes geworden ist, muß zwangsläufig zu
einer ""Bildungsgesellschaf-t" werden, zu einer Gesellschaft, in der
Wissen höher als Muskelkraft bewertet wird. Es ist dies eine Gesellschaft, die eörnehniicn die eine'besondere Fähigkeit ins Spiel bringt,
in der der JlenscB alle Kreatur übertrifft.
Größter

�Größter Beschäftigungszuwachs bei Geistesarbeitern
In den Ländern, in denen die Industrialisierung am weitesten
fortgeschritten ist, bilden bereits heute die Geistesarbeiter die
größte aller Beschäftigungsgruppen. In den Vereinigten Staaten ist
die Gruppe derer, die in der Statistik in der Rubrik "Führungskräfte und technische und akademische Fachkräfte" zusammengefasst werden, im letzten Jahrzehnt zur stärksten Beschäftigungsgruppe angewachsen. Sie hat damit in raschem Tempo die Gruppe der angelernten
Maschinisten überflügelt, die Gruppe der für das Zeitalter der Massenproduktion am Fließband typischen Arbeitskräfte. In anderen industrialisierten Ländern zeichnet sich die gleiche Entwicklung deutlich ab.
Größere Bildungschancen
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist somit die
Schaffung einer Gesellschaft möglich geworden, die jedem lernfähigen
Menschen den Zugang zu einer höheren Bildung eröffnet. In der Vergangenheit, als physische Kraft und manuelle Geschicklichkeit allein
produktiv zu werden vermochten, war die Zahl derer, denen die Gesellschaft eine gute Erziehung angedeihen lassen konnte, naturgemäß aus
Gründen der Wirtschaftlichkeit sehr begrenzt.
Selbst eine noch so reiche Volkswirtschaft früherer Zeiten konnte sich lediglich eine kleine Zahl von Menschen leisten, die nicht
unmittelbar durch ihrer Hände Fleiß zur Erzeugung von Wirtschaftsgütern beitrugen. Heute dagegen wächst die Besorgnis, daß wir nicht genug Menschen mit höherer Bildung haben könnten. Die unmittelbare Folge dieser Befürchtungen ist ein völliger Wandel der Aufstiegschancen
für jeden einzelnen. Seit alters war der Beruf selbst in einer noch
so freien Gesellschaft gewissermaßen erblich.
Von der brotlosen Kunst zum vielgefragten Beruf
Vor 30 Jahren, als ich selbst Student war, wollte einer meiner
Freunde, ein Engländer, Mathematik studieren. Er hatte auf dem College sehr gute Leistungen in diesem Fach gezeigt, war aöer auch nicht
das, was man ein Genie nennt. Die ganze Familie - angesehene, wohlhabende Leute mit akademischer Bildung - drang geschlossen in ihn, um
ihm diese unsinnige Idee auszureden. "Wovon willst du als Mathematiker leben?" fragte man ihn. Ungewöhnlich Begabte konnten sich vielleicht noch ein Stipendium für die Zeit des Studiums erhoffen; darüber hinaus aber gab es für die Jünger solcher brotloser Künste keine andere Zukunft als die des Schulmeisters. Die einzige Möglichkeit,
als "gebildeter Mensch" seinen Lebensunterhalt zu verdienen, boten
die "klassischen" akademischen Berufe des Juristen, Geistlichen, Offiziers, Arztes und Staatsbeamten. Und die Pointe der Geschichte ist,
daß die Familie recht hatte - damals vor knapp 30 Jahren. Ich brauche
wohl nicht erst näher auszuführen, daß man sich heute als Mathematiker
keine Sorgen mehr um sein Fortkommen zu machen braucht.
Das gleiche gilt auch für die anderen akademischen Berufe. Es
gibt nur sehr wenige, die heute nicht ständig und in steigendem Maße
in der Industrie» in Staatsdienst und an den Universitäten gefragt

�gefragt sind. Junge Menschen haben somit bei der Auswahl eines Berufs soviel Möglichkeiten wie nie zuvor. Wenn man den Begriff Freiheit als "Möglichkeit der Wahl" definiert, so ist die Entstehung
einer Bildungsgesellschaft, wie sie aus der Konzeption der Automatisierung erwächst, einer der größten Fortschritte in der Geschichte der Menschheit in Richtung auf die Verwirklichung der Freiheit.
Weder "Chef" noch "Handlanger"
Auch die Gesellschaftsstruktur erfährt hierbei im Zuge dieser
Entwicklung einen Wandel. In Büchern, Zeitungen und politischen Reden wird immer noch von der Annahme ausgegangen, daß es in einer
industrialisierten Gesellschaft zwei Gruppen gebe: eine sehr kleine
Gruppe von "Chefs" und eine große, undifferenzierte Gruppe von "Handlangern". Dies ist das Gesellschaftsbild, das Marx seiner Lehre zugrunde legte; er ging damit aber lediglich von einem Sachverhalt
aus, der im 19« Jahrhundert (und in früheren Jahrhunderten) jedem
als offenkundig, gottgegeben und unabänderlich galt. Heute bilden
nicht mehr länger die "Chefs" noch die "Handlanger" die wichtigste
und größte Gruppe, sondern die "Geistesarbeiter": die Buchhalter,
di©! Ärzte im Gesundheitsdienst, die Verkaufsleiter und Chemie-Ingenieure, die Betriebspsychologen und Produktionsplaner. Keiner von
ihnen ist ein "Chef" im alten Sinne; sie alle sind Angestellte. Nur
wenige von ihnen können damit rechnen, in die oberste Unternehmensspitze aufzusteigen, ja, die wenigsten erstreben überhaupt eine derartige Position; sie sind aber auch ganz eindeutig keine "Handlanger".
Die Rolle der Lehrer
Die wichtigste Untergruppe der "Geistesarbeiter" sind die Lehrer,
die das Wissen, auf dem sich diese moderne Gesellschaft von Gebildeten aufbaut, weiterreichen. In den Vereinigten Staaten sind sie heute
schon die größte Angestelltengruppe. Die Lehrer und nicht die Arbeiter an den Fließbändern der Autoraobilfabriken repräsentieren die Bildungsgesellschaft. Sie sind weder "Chefs" noch Proletarier. Sie gehören zur neuen dritten großen Gruppe, die für die Bildungsgesellschaft typisch ist und in ihr dominiert: dem Mittelstand zugehörig,
gebildet, angestellt und dennoch unabhängig, und sei es nur deshalb,
weil die Lehrer in Gestalt des Wissens einen "Besitz" von weit höherem Wert für den Prpduktionsprozeß und die Gesellschaft "verwalten"
als Land, Kapital..und Produktionsmittel.
Lernen nach der Schule
Es gibt allerdings keine neuen Chancen, die nicht ihrerseits
wieder neue Probleme aufwerfen. Um die Möglichkeiten einer Bildungsgesellschaft wirklich voll ausschöpfen zu können, wird in unseren
Schulen und im gesamten Bildungswesen vieles anders werden müssen.
Wir werden die Menschen vor allem zur Bereitschaft erziehen müssen,
auch nach Beendigung der Schulzeit noch Dinge dazuzulernen. Wir brauchen Menschen, die ein tieferes und stärker systematisiertes Wissen
in den verschiedenen Fachgebieten besitzen.
Das

�Das traditionelle Bildungswesen dürfte sich heute im Hinblick,
auf das zu lehrende Fachwissen vor die bisher größte Aufgabe gestellt
sehen. Früher war es so, daß sich ein junger Mensch in seiner Jugendzeit bestimmte Fertigkeiten aneignete und damit für den Rest seines
Lebens ausgelernt hatte. Als Fachkraft galt, wer einen der traditionellen Handwerksberufe erlernt hatte. In unserer Zeit werden die rein
handwerklichen Fertigkeiten als solche immer bedeutungsloser.
Alte und neue Fertigkeiten
Wird der Betriebsablauf zu einem auf der Automatisierung basierenden "Prozeß", d.h.iauf den systematisierten Fluß von Informationen und Material umgestellt, dann verschmelzen Berufe, die niemals
zuvor in einer engeren Beziehung zueinander gestanden hatten, am Arbeitsplatz zu einer einzigen Tätigkeit. Das Tätigkeitsfeld anderer
Berufe, das bisher ein einheitliches Ganzes gebildet hatte - z.B.
die Tätigkeit eines Elektrikers -, wird auf eine Vielzahl von Werkstücken an verschiedenen Arbeitsplätzen verteilt. Und - was noch
ernstere Folgen hat - viele noch gestern als ewig unentbehrlich angesehene Fertigkeiten können über Nacht bedeutungslos werden, während andere Fertigkeiten, die im Augenblick noch gar nicht bekannt
sind, morgen schon sehr gefragt sein können.
Fähigkeitsquotient
Deshalb kann es erforderlich werden, Begriffe wie "Fähigkeit"
neu zu definieren. Fähigkeit wird nicht mehr länger das sein, was
man erlernt hat, sondern die Kapazität, Neues dazuzul'ernen. Wir sprechen heute vom "Intelligenzquotienten" und meinen damit die Fähigkeit eines Menschen, sein Wissen auf neue Situationen anzuwenden.
Wir sollten vielleicht analog hierzu einen Begriff "Fähigkeitsquotient" schaffen, der als Maß der Fähigkeit eines Menschen dienen
könnte, Erfahrungen mit einer Materie und, einem Instrumentarium auf
eine neue Materie und ein neues Instrumentarium zu übertragen.
Recht schwierig zu lösende Probleme dürfte die auch in einer
Bildungsgesellschaft verbleibende Minorität der Ungebildeten aufwerfen. In einer Bildungsgesellschaft werden die zu lösenden Aufgaben
mehr als bisher den Einsatz von Menschen mit höherem Bildungsgrad
erfordern, so daß sich die Aufstiegschancen in erster Linie denen
bieten werden, die eine höhere Bildung nachweisen können: ein abgeschlossenes College- oder Universitätsstudium.
Verstand und Intuition
Der Mensch ist kein ausschließlich intellekt-bestimmtes, rein
analytisch denkendes Wesen, nicht einmal in der Betätigung der höheren seiner Fähigkeiten. Er hat nicht nur Verstand, sondern auch
Geist und Intuition. Und so sind ja auch die höchsten menschlichen
Leistungen keine Verstandesleistungen: Heiligenleben, Staatskunst,
Werke der Maler und Dichter, und selbst Unternehmertum. Selbst die
Leistungen der Großen unter den Wissenschaftlern beruhen in ebenso
hohem Maße auf Intuition wie auf Verstand. Es handelt sich hier mehr
um Kunstwerke denn um Etüden in Logik, mehr um ein visionäres Erfassen des Unbekannten denn um einen technischen Prozeß, der ja

- 4-

�ja immer auf Wissen basiert.
Um ein neues Gleichgewicht
Um die Vorteile voll ausschöpfen zu können, die die mit der
Automatisierung verbundene Ausweitung der Möglichkeiten und der
Leistungsfähigkeit des Menschen sowie die zusätzlichen Aufstiegsund Bildungschancen mit sich bringen, müssen wir ein Gleichgewicht
in der Bildung des einzelnen anstreben, einen Ausgleich, der der
Intuition und auch den geistigen Eigenschaften und Leistungen den
gebührenden Platz sichert. Auch innerhalb der Gesellschaft ist ein
Gleichgewicht erforderlich, auf daß ästhetischen und geistigen Leistungen kein geringerer Wert beigemessen wird als den analytischen.
Die hier aufgezeigten Perspektiven sind vielversprechend, aber zugegebenermaßen - zu einem erheblichen Teil Spekulation. Die künftigen Möglichkeiten sind jedoch groß genug, um die Phantasie von
Erziehern, Schriftstellern, Politikern, Soziologen und Künstlern
zu beschäftigen. Und auch die damit verbundenen Probleme dürften
groß genug sein, um Techniker, Wirtschaftler und Philosophen zu veranlassen, sich um sie zu kümmern.
Die der Automatisierung zugrunde liegenden Erkenntnisse machtvolle Erkenntnisse von großer Schönheit in Struktur, Rhythmus
und Gesamtaufbau - setzen uns in die Lage, auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet Großes zu leisten, und werden auch das soziale
und kulturelle Leben vielfach bereichern. Ihre Anwendung und Nutzbarmachung setzt deshalb viel Verantwortungsbewußtsein und ein tiefes Verständnis der Zusammenhänge voraus.
Aus "Think" (Juni 1962)
* * * * *

Joseph A. Beirne, Präsident der Gewerkschaft der Beschäftigten
im amerikanischen Fernmeldewesen:
Die Automation in gewerkschaftlicher Sicht
Im Fernsprechdienst, dem wichtigsten Tätigkeitsbereich der Gewerkschaft der Beschäftigten im amerikanischen Fernmeldewesen, ist
die Automation seit langem schon Realität. Der erste automatische
Vermittlungsschrank wurde 1889 erfunden und 1891 patentiert. Bis
zum Jahre 1920 waren aber in den Vereinigten Staaten dennoch erst
knapp zwei Prozent aller Anschlüsse mit Selbstwählapparaten ausgestattet. Anfang der zwanziger Jahre begann dann der eigentliche Aufbau des Selbstwähldienstes, der die.Zahl der Telephonteilnehmer in
den darauffolgenden 40 Jahren auf über 70 Millionen emporschnellen
ließ.

In

5

�In diesen Jahren radikaler technischer Veränderungen wurde der
Prozentsatz der im Telephondienst beschäftigten Arbeitskräfte in
Relation zur Zahl der Anschlüsse immer kleiner, wenngleich kaum jemand tatsächlich seinen Arbeitsplatz verlor. Der Bedarf an Angestellten, Technikern und akademisch geschulten Kräften nahm sogar erheblich zu.
In jüngster Zeit mehren sich aber die Anzeichen, daß die Maschinen selbst bei einem weiteren Ausbau des Netzes eine beträchtliche
Verringerung der Zahl der Arbeitsplätze und damit die Entlassung von
Mitarbeitern bewirken werden. Wahre Wunderwerke der Technik wurden
schon in Dienst gestellt und immer neue beginnen auf den Reißbrettern
in den technischen Büros Gestalt anzunehmen. Die Anschlüsse - auch
im Fernverkehr - werden in zunehmendem Maße von den Teilnehmern selbst
und nicht mehr von Gewerkschaftsmitgliedern hergestellt.
Auch in den Büros werden viele Arbeiten plötzlich überflüssig.
Im Jahre 1958 wurde erstmals eine elektronische Buchungsmaschine
von einem Wirtschaftsbetrieb zur Kontenführung eingesetzt. Heute schon
ist die Umstellung auf solche Maschinen im ganzen Land in vollem
Gange. Die erste Datenverarbeitungsanlage wurde 1946 für wissenschaftliche Zwecke entwickelt; 1954 wurde die erste Großrechenanlage an
die private Wirtschaft geliefert. Heute sind in den Vereinigten Staaten 5000 Anlagen in Betrieb und weitere 7000 bestellt; bis 1965 rechnet man mit einem Bestand von rund 18 000. Das bedeutet einen ganz
gewaltigen Einbruch, der uns nur allzu deutlich daran erinnert, daß
wir uns unbedingt mit der Automation auseinandersetzen müssen.
Verständlich, daß man die Automation allenthalben mit einer Mischung aus Hoffnung und Furcht beobachtet. Meine Gewerkschaft begrüßt
die Automatisierung, besteht aber darauf, daß die durch sie heraufbeschworenen sozialen Probleme von der Arbeiterschaft, dem Unternehmertum und von Staat und Öffentlichkeit gemeinsam und im Geiste der Verantwortung gelöst werden müssen. Die Gefahren, die die Automation für
die Wirtschaft und unsere demokratische Lebensform birgt, sind so
groß, daß sie durch Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern allein nicht zu bannen sind.
Bei allen Verhandlungen ist dem Allgemeinwohl durch beide Sozialpartner Rechnung zu tragen. Von den Entscheidungen, die am Verhandlungstisch gefällt werden, hängt nicht nur das Schicksal der Arbeiter
und Unternehmer, sondern oftmals auch das der Gemeinde und vielleicht
sogar das der ganzen Gesellschaft ab.
Die Unternehmer müssen erkennen, daß sie sich nicht nur um das
Wohl ihrer Aktionäre, sondern auch um die Belange ihrer Belegschaftsmitglieder zu kümmern haben. Arbeiter und Angestellte geben ihre Löhne und Gehälter in ihren Wohngemeinden aus, die ohne die indirekten
Einnahmen aus den Lohntüten nicht leben könnten.
Die Gewerkschäften ihrerseits dürfen sich nicht generell gegen
jegliche Veränderung sträuben; sie müssen vielmehr an der Lösung der
durch den Wandel heraufbeschworenen Probleme mitarbeiten, um zur

- 6-

�zur Beseitigung der Härten und Nöte beizutragen, die die sogenannte
"technische Arbeitslosigkeit", die Verdrängung vom Arbeitsplatz
durch Maschinen, mit sich bringt.
Natürlich bestehen wirtschaftliche und politische Notwendigkeiten, die Produktivität um jeden Preis zu steigern. Man könnte meiner
Meinung nach die Automation auch dann nicht aufhalten, wenn man das
ernsthaft wünschte. Der Wettbewerb ist so scharf, daß es ein Zurück
nicht geben kann. Der Wirtschaft - und der Demokratie - erwachsen
hieraiis aber neue, .besondere Aufgaben.
Verantwortungsbewußte Gewerkschaftsführer sind sich darin einig,
daß nur eine dynamische Wirtschaft die benötigten Arbeitsplätze zu
schaffen vermag. Wir fordern deshalb die Schaffung einer Bundesbehörde, die sich ausschließlich mit Fragen der Automation befassen
soll. Wir fordern ferner Bundesraittel für die Arbeitsplatzbeschaffung
in Gebieten, die besonders unter der technischen Arbeitslosigkeit
zu leiden haben. Y/ir fordern des weiteren die Bereitstellung von Mitteln für die Umschulung von Arbeitslosen sowie die Herabsetzung des
Pensionsalters. Dies sind ernstgemeinte und wohlüberlegte Vorschläge
zur Behebung eines sich anbahnenden nationalen Notstandes, die eine
ernsthafte Prüfung verdienen.
Die Gefahren, die der Gewerkschaftsbewegung selbst von der Automatisierung her drohen, sind uns wohlbekannt. Es ist uns nicht gelungen, die neu in die Angestelltenberufe hineingewachsenen Arbeitskräfte
in hinreichender Zahl zu organisieren. Dies kann sehr nachteilige Folgen haben. Vielleicht sind unsere Methoden veraltet. Ich glaube dies
zwar nicht, kann diese Möglichkeit aber auch nicht einfach von der
Hand weisen. Vielleicht sollten wir auf die Schaffung einer Großgewerkschaft für die Angestellten aus allen Industriezweigen hinarbeiten.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus der Automatisierung für die
Erziehung? Mit Sicherheit die, daß der Mensch nie aufhören sollte, zu
lernen. Wir sehen in einer umfassenden Bildung eine Voraussetzung für
ein erfülltes Leben, und wir wissen, daß auf der Unternehmerseite des
Verhandlungstisches auch Männer sitzen, die über ein großes Wissen
verfügen. Das amerikanische Schulsystem steht somit vor der Aufgabe,
für die Fortbildung auch der_Erwachsenen Sorge zu tragen.
Die"Technik wird den Durchschnittsmenschen zum bloßen Vegetieren
verdammen, wenn man ihn nicht rechtzeitig zu einem Verständnis der Welt
und seiner Zeit verhilft. Dem Erziehungswesen erwächst hier die größte
Aufgabe in der gesamten Geschichte der Pädagogik.
Zur Lösung des Dilemmas zwischen staatlicher Lenkung und freiem
Spiel der Kräfte wurden verschiedene Vorschläge gemacht. Einer scheint
mir besonders bemerkenswert: Statt einer weiteren Verkürzung der Arbeitszeit von 40 beispielsweise auf 36 Stunden sollte man vier Unterrichtsstunden wöchentlich im Betrieb einführen.
Das ist natürlich ein hypothetischer, aber dennoch geistvoller
Vorschlag. Mit weiteren Ideen ist mit Sicherheit zu rechnen, bemüht
man sich doch in den Gewerkschaften, in der Wirtschaft und an den
Universitäten um Lösungen, damit die Automation zum Segen und nicht
zum Fluch der Menschheit werde.
(Aus "Looking Ahead", National
Planning Association)

- 7-

�Dr. med. Howard A. Rusk:
Internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Rehabilitation
Behinderter
Aus "The New York Times" (gekürzt).
Bei Nachdruck sind Angabe des Verfassers, der Quelle und der Vermerk
"Copyright 1962, The New York Times
Company" erforderlich.
Fünfundzwanzig Forschungs- und Lehrprojekte auf dem Gebiet der
Rehabilitation Behinderter werden gegenwärtig im Ausland mit amerikanischer Unterstützung durchgeführt, wie die Leiterin der Abteilung
Rehabilitation und Schulung im US-Bundesministerium für Gesundheits-,
Erziehungs- und Sozialfragen, Mary. E. Switzer, kürzlich bekanntgab.
Die Vorhaben werden sämtlich aus Devisenguthaben der amerikanischen
Regierung finanziert, die aus Verkäufen überschüssiger amerikanischer
Agrarprodukte herrühren. Weitere 25 Projekte sind in Vorbereitung.
Nach den Bestimmungen über den Verkauf überschüssiger amerikanischer landwirtschaftlicher Produkte sind die dafür vereinnahmten
Mittel in Landeswährung nicht in Dollar konvertierbar und müssen in
dem betreffenden Land mit Zustimmung beider Regierungen für förderungswürdige Projekte ausgegeben werden.
Derartige Rehabilitations-Projekte laufen in Ägypten, Birma,
Brasilien, Indien, Indonesien und Israel; in Planung begriffen sind
ähnliche Maßnahmen in Jugoslawien, Pakistan, Polen und Syrien. Sie
reichen von der Ausbildung von Blinden im Weben in Pakistan bis zur
chirurgischen Rehabilitation Leprakranker in Indien.
Auf einer Tagung von Fachkräften auf dem Gebiet der Rehabilitation Behinderter, die Anfang März 1962 unter der Schirmherrschaft
der Amerikanischen Vereinigung für Rehabilitation (National Rehabilitation Association) und der Internationalen Gesellschaft für die
Rehabilitation Behinderter ( International Society for Rehabilitation
of the Disabled) in Washington stattfand, gab der Chirurg Dr. Earle
E. Peacock, Dozent an der Universität von Nordkarolina in Chapel Hill,
einen aufschlußreichen Bericht über das laufende Rehabilitationsvorhaben an der Christlichen Medizinischen Hochschule in Vellore in Indien. Dr. Peacock war damals gerade aus Vellore zurückgekehrt, wo er
als einer von 15 amerikanischen Chirurgen, die sich in einem Zweimonatsturnus ablösen, tätig gewesen war. Er berichtete, daß die in Vellore angewandten Methoden der plastischen Chirurgie nicht weniger
fortschrittlich seien als die in Amerika gebräuchlichen Operationspraktiken.
Auf der gleichen Tagung ergriff auch der damalige Leiter des Amtes für Internationale Entwicklung (AID) im amerikanischen Außenministerium, Fowler Hamilton, das Wort. Wenn er auch darauf hinwies, daß
er bis zur Auswertung der Ergebnisse einer im Augenblick laufenden
diesbezüglichen Untersuchung nichts darüber sagen könne, welche Haltung seine Behörde zur Frage der internationalen Zusammenarbeit auf

- 8 -

�auf dem Gebiet der Rehabilitation und Betreuung der Körperversehrten einnehmen werde, so verlieh er doch seiner persönlichen Überzeugung Ausdruck, daß Gesundheit und Bildung die unerläßliche Voraussetzung für die Hebung der Produktivität in den Entwicklungsländern seien.
Auf der Schlußsitzung der genannten Tagung kündigte General
Omar N. Bradley, Aufsichtsratsvorsitzender der Uhrcnw»rke Bulova
Watch Company, die Stiftung ei&amp;es Stipendiums an, das behinderten
Ausländern eine Fachlehrerausbildung im Uhrmacher- und Feinmechanikerhandwerk in den Vereinigten Staaten ermöglichen soll.
Die Stipendiaten werden an der Joseph-Bulova^Uhrm&amp;cherschule
unterrichtet, die von dem verstorbenen Firraenchef Arde Bulova kurz
nach dem Ende des zweiten Weltkrieges gegründet worden ist und bisher mehr als 7000 Kriegs- und Zivilbeschädigte im Uhrmacherhandwerk
ausgebildet hat. Die ersten Stipendien wurden an Versehrte aus
Australien, Hongkong, Israel, Italien und Nordafrika vergeben. Die
Einbeziehung weiterer Länder in das Stipendienprogramm ist vorgesehen.
Der Wert des einzelnen Arde-Bulova-Stipendiums, das sich auf
zwei Jahre erstreckt und sämtliche Studiengebühren und Ausgaben
für Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Betreuung deckt, beträgt
rund 7500 Dollar.
Aus "The New York Times" (gekürzt)
* * * # #

Erhebliche Veränderungen in der US-Beschäftigungsstruktur seit 1950
Die Zahl der in der amerikanischen Landwirtschaft tätigen Arbeitskräfte hat sich in der vergangenen Dekade (1950-196O) um 2,6
Millionen oder um 37 Prozent verringert, während im gleichen Zeitraum allein die Zahl der Arbeitnehmer der Fertigungsindustrie um
3,2 Millionen (= 21 Prozent) zugenommen hat.
Diese Angaben sind in einem Bericht des US-Zensus-Büros enthalten, der sich auf die Ergebnisse der 1960 durchgeführten Volkszählung stützt und im einzelnen auf die in der Beschäftigungs- und
Einkommenstruktur der USA erfolgten Veränderungen eingeht.
Einen prozentual noch größeren Zuwachs an Arbeitskräften als
die Fertigungsindustrie verzeichneten dem Bericht zufolge insbesondere jene Zweige der amerikanischen Wirtschaft, deren gesamtwirtschaftliche Bedeutung zwischen 1950 und i960 zum Teil wesentlich
zugenommen hat. So erhöhte sich z.B. die Zahl der Beschäftigten im
öffentlichen Dienst um 27 Prozent, im Finanz- und Versicherungsgewerbe (einschließlich der Grund- und Bodenfinanzierung) um 41 Prozent, während die Gesamtzahl der in den akademischen, technischen
und ähnlichen Berufen Tätigen sogar um 58 Prozent anstieg.
Zu

- 9-

�Zu denjenigen Industriezweigen, die im vergangenen Jahrzehnt
einen erheblichen Rückgang der Zahl der Beschäftigten verzeichneten,
gehören vor allem der Bergbau, die Eisenbahnen und die Textilindustrie .
Hinsichtlich der Durchschnittseinkommen der verschiedenen Arbeitnehmer- und Berufsgruppen ist aus dem Bericht zu entnehmen, daß
bei den Männern die Gruppe der Juristen, Ingenieure und verwandten
akademischen Berufe mit einem mittleren Jahreseinkommen von 7547
Dollar (Ende 1959) an der Spitze lag, während die Arbeitnehmer der
Ölindustrie und des Bergbaus mit 6521 Dollar und die im Nachrichtenwesen Beschäftigten mit 6373 Dollar noch mit an der Spitze der Einkommenskala standen. Ebenfalls verhältnismäßig hohe Einkommen wiesen auch die männlichen Arbeitnehmer der Flugzeugindustrie (6018 Dollar) und der Luftverkehrsgesellschaften (5877 Dollar) auf.
Unter den weiblichen Arbeitskräften verzeichneten dem Zensus-Bericht zufolge die Angestellten der Eisenbahnen mit 4435 Dollar die
höchsten jährlichen Durchschnittseinkommen, gefolgt von den Arbeitnehmerinnen der Flugzeugindustrie (4202 Dollar), der Ölindustrie und
des Bergbaus (4111 Dollar) sowie der Automobilindustrie (4083 Dollar).

(Quelle: Eigenbericht)

# * # # *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Lohnerhöhungen für 3&gt;3 Millionen Arbeitnehmer werden im Jahr 1963
automatisch wirksam
Für insgesamt 3&gt;3 Hillionen Arbeitnehmer der amerikanischen Industrie stehen die 1963 a u ^ Grund alter Tarifabkommen fällig werdenden Lohnerhöhungen bereits fest. Dies geht aus einer Untersuchung des
US-Arbeitsministeriuras hervor, die sich mit den in diesem Jahr automatisch wirksam werdenden Lohnerhöhungen sowie mit den anstehenden
Tarifverhandlungen befaßt.
Außer den 3»3 Millionen Arbeitnehmern, für die Lohnerhöhungen
bereits ausgehandelt wurden, besteht noch für weitere rund 3 Millionen Beschäftigte die Möglichkeit, 19&amp;3 a u ^ Grund der in den Vorjahren
abgeschlossenen Verträge in den Genuß von Lohnaufbesserungen und höheren Sozialleistungen zu kommen. Es handelt sich hierbei in erster Linie um die Arbeitnehmer der Stahl-, Gummi- und Elektromaschinenindustrie sowie der Telephongesellschaften und Eisenbahnen, in deren Tarifabkommen die Y/iederaufnahme von Lohnverhandlungen für dieses Jahr vorgesehen ist.
Nach

- 10 -

�Nach Ansicht des "Amtes für Arbeitsstatistik" dürfte der Schwerpunkt der diesjährigen Tarifverhandlungen in die Frühjahrs- und
Sommermonate fallen. Eine Wiedereröffnung der Lohngespräche für das
Betriebspersonal der Eisenbahnen ist für Mai vorgesehen, und auch
für die Stahlindustrie stehen in diesem Monat Lohn-und ähnliche
Tariffragen zur möglichen Entscheidung an. Zu den insgesamt 900 000
Arbeitnehmern der Stahlindustrie kommen noch rund 275 000 Beschäftigte in anderen wichtigen Wirtschaftszweigen, für die ebenfalls
eine Wiederaufnahme der Lohnverhandlungen für Mai vorgesehen ist.
Zu denjenigen Arbeitnehmern, für die bereits Lohnerhöhungen für
1963 in früheren Tarifverträgen festgelegt wurden, gehören mehr als
1,8 Millionen Beschäftigte der Automobil-, Landmaschinen-, Flugzeug-, Fleischkonserven- und Herrenoberbekleidungsindustrie sowie
600 000 Arbeitnehmer des Baugewerbes und rund 900 000 Beschäftigte
in anderen Industriezweigen.
Die durchschnittliche Höhe der vorgesehenen automatischen Lohnerhöhungen beträgt nach Angaben des US-Arbeitsministeriums für rund
875 000 Arbeitnehmer etwa 7 Cent pro Stunde. Weitere 575 000 Beschäftigte werden eine Lohnaufbesserung von rund 6 Cent erhalten,
während der Satz im Baugewerbe 10, 15 und 20 Cent ausmachen wird.

(Quelle: Eigenbericht)

Produktivitätsgewinn-Plan bei Kaiser Steel
Die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft hat kürzlich mit der
"Kaiser Steel Corporation" einen neuartigen "Zugewinnplan" abgeschlossen, der den rund 7000 Arbeitnehmern der Kaiser-Stahlwerke
in Fontana einen gleichen Anteil an den künftigen durch innerbetriebliche Maßnahmen erwirtschafteten Gewinnen sichern würde.
Mit dem neuen Plan, dessen Einzelheiten erst nach Billigung
durch die Arbeitnehmer bekanntgegeben werden sollen, will man die
verschiedenen Lohnanreizsysteme - Individual- und Gruppenpläne innerhalb des Unternehmens ersetzen, die den Betriebsangehörigen
bisher 32,5 Prozent der durch Einsparungen an Material und Arbeitszeit erzielten Produktivitätagewinne (Basis: 1 Tonne Stahl) sicherten. Gleichzeitig sieht das neue Abkommen die Schaffung eines Beschäftigten-Pools und andere den Arbeitsplatz der Mitarbeiter gegenüber technologischen Veränderungen sichernde Maßnahmen vor. Ebenso
wurde vereinbart, daß sämtliche Betriebsangehörige der "Kaiser Steel
Corporation" in Zukunft mindestens die gleichen Löhne und Lohnnebenleistungen erhalten sollen wie die anderen Arbeitnehmer der Stahlindustrie.
Der

�Der jetzt zwischen den beiden Sozialpartnern der Stahlindustrie abgeschlossene neue Vertrag ist das Ergebnis der mehr
als drei Jahre dauernden Beratungen des aus Vertretern des Managements, der Gewerkschaft und der Öffentlichkeit bestehenden
Sonderausschusses, der 1959 nach Beendigung des 104 Tage währenden Stahlarbeiterstreiks gebildet wurde und die Aufgabe hatte,
sämtliche seinerzeit im Tarifvertrag nicht gelösten außertariflichen Fragen im umfassenden Rahmen zu lösen.

(Quelle: Eigenbericht)
*

Walter Reuther fordert Gewinnbeteiligung für Automobilarbeiter
Eine Gewinnbeteiligung für sämtliche Beschäftigten der
"Großen Drei" der amerikanischen Automobilindustrie forderte
der 1. Vorsitzende der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft, Walter Reuther, anläßlich einer Tagung der Hauptabteilung "Facharbeiter" der UAW in Chicago. Reuther betonte, daß
im Falle einer Ablehnung der gewerkschaftlichen Forderung durch
Ford, General Motors und Chrysler seine Gewerkschaft bei den
nächsten Tarifverhandlungen statt dessen entsprechend hohe Lohnaufbesserungen verlangen werde, und zwar wahrscheinlich bis zu
45 Cent pro Stunde.
In der amerikanischen Automobilindustrie besteht gegenwärtig nur ein Gewinnbeteiligungsplan bei "American Motors". Der
im vorvorigen Jahr ausgehandelte Plan brachte dem Unternehmen
dabei im ersten am 30. September 1962 abgelaufenen Finanzjahr
Belastungen in Höhe von 18 Cent pro Arbeitnehmer und Arbeitsstunde. Dieser Betrag liegt etwas über der Summe, die sich für
die anderen Unternehmen der Automobilindustrie in Form von höheren Löhnen und Lohnnebenleistungen auf Grund des letzten Tarifvertrages ergab. In Anbetracht der höheren Gewinnrate der "Großen
Drei" hätten die Arbeitnehmer dieser Unternehmen im letzten Jahr
jedoch bei Vorhandensein eines ähnlichen Gewinnbeteiligungsplanes
finanziell besser abgeschnitten.

(Quelle: Eigenbericht)
******

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die (olgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
l SIS -Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmittellungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 3

Bad Godesberg, den 1. März 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Modellvertrag der amerikanischen
Automobilarbeitergewerkschaft

Seite

Präsident Kennedy unterbreitete Kongreß umfassendes
Sozialprogramm

Seite 10

Ziele und Aufgaben des US-Arbeitsministeriums

Seite 12

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 16

1

Modellvertrag der amerikanischen Automobilarbeitergewerkschaft

Dieser Vertragstext wurde von der Abteilung
"Wissenschaft und Technik" der United Automobile Workers (üAW) ausgearbeitet und dient
den Ortsvereinen der Gewerkschaft als Muster
für Tarifverhandlungen (stand Januari962).

Dieser Tarifvertrag, der am
196 ... zwischen der
,
im folgenden als "Gesellschaft" bezeichnet, einerseits und der
kanadisch-amerikanischen Automobilarbeitergewerkschaft (international Union of United Automobile, Aircraft and Agricultural Implement
Workers of America - UAW) im Congress of Industrial Organizationa
(CIO) und dem Ortskartell Nr
der genannten Gewerkschaft,
im folgenden als "Gewerkschaft" bezeichnet, andererseits geschlossen und unterzeichnet wurde, besagt:
ARTIKEL I - ANERKENNUNG
Abs. 1. Di« Gesellschaft anerkennt die Gewerkschaft als alleinige
Vertretung aller ihrer Arbeitnehmer außer Vorarbeitern «Aufsehern
-

1

-

�Aufsehern und Mitarbeitern der Personalabteilung sowie Büroangestellten und Arbeitsschutzkräften bei Kollektivverhandlungen zur
Festsetzung der Grundlöhne und Lohnstufen, der Arbeitszeit und anderer Arbeitsbedingungen.

ARTIKEL II - PFLICHTMITGLIEDSCBAFT UND
BEITRAGSABZUG VOM LOHN
Abs. 1. Sämtliche Arbeitnehmer, die am Tag des Inkrafttretens dieses
Tarifvertrags der Gewerkschaft angehören, haben, als Voraussetzung
für den Fortbestand ihres Arbeitsverhältnisses, ihre Mitgliedschaft
während der Gültigkeitsdauer dieses Tarifvertrags aufrechtzuerhalten.
Arbeitnehmer, die der Gewerkschaft am Tage des Inkrafttretens des
Tarifvertrages nicht angehören, haben bis zum 50. Tage danach oder
bis zu einem späteren Termin die Mitgliedschaft zu erwerben und diese,
als Voraussetzung für den Fortbestand des Arbeitsverhältnisses, während
der Gültigkeitsdauer dieses Tarifvertrages aufrechtzuerhalten. Arbeitnehmer, die nach dem Tage des Inkrafttretens dieses Tarifvertrages
eingestellt werden, sind gehalten, als Voraussetzung für ihre Weiterbeschäftigung,bis zum 50« Tage nach Beginn des BeschäftigungsverhältnisseB oder bis zu einem späteren Termin die Mitgliedschaft der
Gewerkschaft zu erwerben und diese, als Voraussetzung für den Fortbestand des Beschäftigungsverhältnisses, aufrechteuerhalten.
Abs. 2.Die Gesellschaft behält die Gewerkschafts-Aufnahmegebühren
und die Mitgliedsbeiträge vom Lohn aller unter diesen Tarifvertrag
fallenden Arbeitnehmer ein, die der Gesellschaft eine unterzeichnete
Vollmacht bzw* ihre Einwilligung zur Einziehung erteilen.
ARTIKEL III - VERLUST DER ANCIENNITA*TSRECHTE
Abs. "l.Die Arbeitnehmer gehen ihrer Anciennitätsrechte verlustig,
wenn sie
a) auf Grund schuldhaften Verhaltens entlassen werden;
b) ihre Stellung selbst kündigen;
c) einen von der Firma gewährten Urlaub um mehr als fünf Tage
überschreiten;
d) ohne Benachrichtigung der Gesellschaft der Arbeit mehr als
fünf Tage fern bleiben, es sei denn, sie waren zu einer solchen Be- .
nachrichtigung unfähig;
e) sich nach schriftlicher Aufforderung nicht innerhalb von
fünf Tagen zur Arbeit zurückmelden;
f) nach &lt;Jer unter Berücksichtigung ihrer Anciennitätsrechte
erfolgten Entlassung mindestens ein Jahr ausgestellt waren.
ARTIKEL IV

�ARTIKEL IV - BEURLAUBUNG AUS DRINGENDEN GRÜNDEN
Abs. 1. Allen Arbeitnehmern mit Anciennitätsrechten ist bei Vorliegen dringender Gründe ohne Beeinträchtigung ihrer Anciennitäts- und
anderen Rechte, eine schriftliche Beurlaubung zu gewähren. Als dringende, aber nicht ausschließliche Gründe gelten:
a) die Übernahme eines befristeten oder ständigen Gewerkschaftsamtes oder einer sonstigen Gewerkschaftsfunktion;
b) Schwangerschaft;
c) Krankheit;
d) Schulbesuch;
e) Militärdienst;
f) Wahl oder Berufung in ein öffentliches Amt.
Abs. 2. Alle unter diesen Tarifvertrag fallenden Arbeitnehmer haben
bei einem Todesfall in der Familie Anspruch auf bezahlten Urlaub bis
zur Höchstdauer von drei Tagen. Im Sinne dieses Absatzes gelten als
zur "Familie" gehörig: Ehegatten, Kinder, Eltern, Großeltern und Geschwister.
ARTIKEL V - ANCIENNITJT DER BETRIEBSRATMITGLIEDER,
BETRIEBSOBLEUTE UND VERTRAUENSLEUTE
Abs . 1.
a) Betriebaratmitglieder müssen der höchsten Anciennitätsklasse innerhalb des Betriebs angehören;
b)Betriebsobleute müssen der höchsten Anciennitätsklasse innerhalb ihrer Arbeitsgruppe angehören;
c) Vertrauensleute müssen der höchsten Anciennitätsklasse
innerhalb ihrer Abteilung oder Arbeitsgruppe angehören.
ARTIKEL VI - ÜBERSTUNDEN- UND FEIERTAGS ZUSCHLAGE
Abs. 1. Die Arbeitnehmer erhalten für jede acht Stunden täglich und
40 Stunden wöchentlich überschreitende und für jede in den ersten acht
Stunden des Samstags geleistete Arbeitsstunde 150 Prozent ihres regulären Grundlohns.
Abs. 2. Die Arbeitnehmer erhalten für alle zehn Stunden am Tag oder
acht Stunden am Samstag überschreitenden und für sämtliche am Sonntag
geleisteten Arbeitsstunden 200 Prozent des regulären Grundlohns.
Abs. 5. Der doppelte Grundlohn nebst Feiertagszuschlag ist zu zahlen
im Falle der Beschäftigung an den Feiertagen: Neujahrstag, Heldengedenktag, Unabhängigkeitstag, Tag der Arbeit, Danksagungstag und
1. Weihnachtsfeiertag sowie für je vier Stunden am Hl. Abend und an
Silvester.
Abs. 4.

-

3 -

�Abs. 4« Die Arbeitsverteilung ist nach Möglichkeit so vorzunehmen,
daß erforderlich werdende Überstunden unter den Arbeitskräften
gleichmäßig aufgeteilt werden, sofern nicht bestimmte Arbeitnehmer
für die zu verrichtende Arbeit als besonders befähigt anzusehen sind.
Abs. 5« Arbeitnehmer, die ohne vorhergegangene Benachrichtigung
vom Eintreten eines Arbeitsmangels zur Arbeit gerufen worden sind
oder denen in einem solchen Fall der Arbeitsantritt nicht verwehrt
wird, haben Anspruch auf Beschäftigung während mindestens vier
Arbeitsstunden bzw. auf den normalen Stundenlohn für diese außer
bei Vorliegen von Umständen, die sich der Kontrolle der Geschäftsleitung entziehen.
Abs. 6. Allen Arbeitnehmern ist nach Ablauf der Hälfte der Arbeitszeit zwischen Mittagspause und Arbeitsschluß eine Ruhepause von
zehn Minuten zu gewähren. Vor der Mittagspause und vor Arbeitsschluß ist eine Waschpause von jeweils fünf Minuten einzuräumen.
(Anm.t Eine andere Form der Pausenregelung für in der Fertigung
beschäftigte Arbeitnehmer, wie sie in den großen Automobilwerken
praktiziert wird, sieht Pausen von zusammen 24 Minuten Dauer pro
Acht-Stunden-Schicht vor.)
Abs. 7« Die Arbeitnehmer erhalten für Arbeit in der zweiten Schicht
einen Zuschlag von 5 Prozent pro Stunde und in der dritten Schicht
einen Zuschlag von 10 Prozent.

ARTIKEL VII - LÖHNE
Abs. 1. Die Stundenlohnsätze für die einzelnen Tätigkeiten sind in
dem einen Vertragsbestandteil bildenden Anhang aufgeführt.
Abs. 2. Neu einzustellende Arbeitnehmer werden zu einem Satz eingestellt, der 10 Cent pro Stunde unter dem für die betreffende Tätigkeit üblichen Grundlohn liegt, und erhalten den Grundlohn erst nach
Ablauf der Probezeit.
Abs. 3. Der Lohn von Arbeitnehmern, denen vorübergehend eine niedriger eingestufte Tätigkeit zugewiesen wird, darf wegen eines solchen
Arbeitsplatzwechsels nicht gekürzt werden.
Abs. 4«
a) Sämtliche, von diesem Tarifvertrag erfaßten Arbeitnehmer
fallen unter die nachstehend aufgeführten Bestimmungen über die Gewährung von Teuerungszulage.
b) Die Höhe der Teuerungszulage wird von Vierteljahr zu Vierteljahr an Hand des Verbraucherpreisindex wie folgt bestimmt»
Erstmalige

- 4 -

�Erstmalige Gewährung
der Zulage

basierend auf

in der ersten Lohnperiode beginnend am
oder nach dem 1. Dezember 196«. • und
jedes darauffolgende Vierteljahr

dem am 15. Oktober 196... und
dem jedes darauffolgende Vierteljahr ermittelten Verbrauche rpreisindex

Die Höhe der für einen solchen ViertelJahreszeitraum geltenden Teuerungszulage ergibt sich aus der nachstehenden Tabelle:

Verbraucherpreisindex
laut US-Bundesamt für
Arbeitsstatistik

Teuerungszulage auf die Sätze
der Lohntabelle für die einzelnen Tätigkeiten

bis

keine
1 Cent
2 Cent
3 Cent
4 Cent
5 Cent

i

125,7 126,2 126,7 127,2 127,7 -

125,6
126,1
126,6
127,1
127,6
128,1

pro
pro
pro
pro
pro

Stunde
Stunde
Stunde
Stunde
Stunde

usw. unter Angleicnung um 1 Cent pro Änderung des Index um 0,5 Punkte;
c) Ein Absinken des Index unter 125,6 Punkte hat keine Senkung
der Lohnsätze zur Folge»
d) Die Teuerungszulage ist auch bei der Berechnung der Überstunden-, Sonn- und Feiertags- und Schichtzuschläge sowie bei der Festsetzung der Bereitschaftsentschädigung sowie des Urlaubsgeldes in Ansatz zu bringen.
Abs. 5« Ein jährlicher Lohnsteigerungsfaktor trägt der Tatsache Rechnung, daß eine fortgesetzte Hebung des Lebensstandards der Arbeitnehmer
vom technischen Fortschritt, von immer besseren Geräten, Methoden, Verfahren und Anlagen sowie von der Bereitschaft zur Zusammenarbeit aller
an diesem Fortschritt Beteiligten abhängt. Er beruht auf dem Grundsatz,
daß eine höhere Produktion bei gleichem Aufwand an menschlicher Arbeitskraft ein erstrebenswertes wirtschaftliches und soziales Ziel ist. Aus
diesem Grund erhalten sämtliche von diesem Tarifvertrag erfaßten Arbeitnehmer gemäß nachstehender Tabelle zum 1. September jährlich auf
Grund des jährlichen Lohnsteigerungsfäktors eine Erhöhung ihres Bruttostundtnlohns (ausschließlich Teuerungszulage und Schichtzuschläge) von
2 1/2 Prozent bzw.. 6 Cent pro Stunde, wobei jeweils die für den Betroffenen günstigere Regelung anzuwenden ist.

Lohnerhöhung

-

5 -

�Lohnerhöhung auf Grund des jährlichen
S teigerungsfaktors
Erhöhung auf Grund des
jährlichen Steigerungsfaktors

Brutto stunden lohn
ohne Zuschlä «e
(in Dollar)
b:LS
2,60
2 ,60 - 2,99
3,00 - 3,39

6 Cent pro Stunde
7 Cent pro Stunde
8 Cent
9 Cent
10 Cent
11 Cent

3,40 - 3,79
3,80 - 4,19
4,20 - 4,59

pro
pro
pro
pro

Stunde
Stunde
Stunde
Stunde

Die Erhöhungen des Bruttostundenlohns für die einzelnen Tätigkeiten
werden mit ihrem Inkrafttreten den Bruttolöhnen zugeschlagen.
Abs. 6. An den Feiertagen Neujahr, Heldengedenktag, Unabhängigkeitstag,
Tag der Arbeit, Danksagungstag und 1. Weihnachtsfeiertag erhalten die
Arbeitnehmer den normalen Bruttolohn, ausschließlich Nacht- und Überstundenzuschläge, für einen Acht-Stunden-Tag; am Hl. Abend und an
Silvester für je vier Stunden.
Abs. 7» Sämtliche Arbeitnehmer haben nach mindestens einjähriger Betriebszugehörigkeit Anspruch auf bezahlten Urlaub nach folgendem
Schlüssel:
BetriebsZugehörigkeit
1

Jahr

3 Jahre
5 Jahre
10
15

Jahre
Jahre

Urlaubsgeld
40
60
80
100
120

Stunden
Stunden
Stunden
Stunden
Stunden

Urlaubsdauer
1
1
2
2
3

Woche
Woche
Wochen
Wochen
Wochen

Abs. 8. Arbeitnehmer, die als Geschworene geladen werden und als solche
fungieren, erhalten nach mindestens einjähriger Betriebszugehörigkeit
von der Gesellschaft bis zur Höchstdauer von 60 Tagen eine Entschädigung von mindestens 10 Dollar pro Tag.
ARTIKEL VIII - ALTERS- UND INVALIDITATSRENTEN
Abs. 1. Die in Anhang B spezifizierte Regelung der Tätigkeit der Pensionskasse bestimmt:
a) die Gewährung einer regulären Altersrente für Arbeitnehmer
im Alter von 65 Jahren und darüber von monatlich 2,80 Dollar pro Dienstjahr als Zusatzrente zu den Bezügen aus der staatlichen Altersversicherung;

il
- 6 -

�b) die Gewährung einer Beihilfe bei völliger und andauernder Arbeitsunfähigkeit von 5»60 Dollar pro Monat und Dienstjahr unter Anrechnung der Ansprüche auf andere betriebliche Versor&amp;ungsleistungen•
c) Sämtliche aus der Tätigkeit der Pensionskasse erwachsenden Kosten trägt die Gesellschaft.
d) Die Arbeitnehmer können die Gewährung einer verminderten
Altersrente von einem früheren Zeitpunkt als dem der Erreichung der
Altersgrenze an beantragen, wobei im Todesfalle Anspruch auf ein
Witwengeld in halber Höhe des Rentenanspruchs besteht.
e) Die Gesellschaft trägt die Hälfte der Beiträge zur Krankenhaus- und Arztkostenversicherung der pensionierten Arbeitnehmer
und ihrer Ehefrauen.
ARTIKEL IX - VERSICHERUNGEN
Abs. 1. Das in Anhang C spezifizierte Versicherungsprogramm sieht
vor:
a) eine Lebensversicherung in Höhe von etwa 65OO Dollar;
b) eine Beihilfe im Falle vorübergehender Arbeitsunfähigkeit
in Höhe von etwa 65 Dollar pro Woche als Verdienstausfallentschädigung für die Dauer von 26 Wochen. Diese Zahlungen werden ohne Aufrechnung gegen Ansprüche des Arbeitnehmers an die Krankenhaus- und
Arztkostenversicherung gewährt;
c) eine Krankenhauskostenversicherung bis zu einer Dauer
von 365 Tagen für die Arbeitnehmer und ihre Familienangehörigen für
jeden Krankheitsfall, welche die Kosten für Pflege, Arzneimittel,
Sauerstoff, Anästhesie usw. einschließt^
d) eine Arztkostenversicherung für die Arbeitnehmer und ihre
Familienangehörigen. Bei Operationen werden je nach Art des Eingriffs
unterschiedliche Sätze gewährt; der Höchstsatz beträgt 450 Dollar.
e) Die durchschnittlichen Aufwendungen für die vorstehend
genannten Leistungen belaufen sich je Arbeitnehmer auf durchschnittlich 31 Dollar pro Monat, von denen dieser etwa 4»25 Dollar aufzubringen hat.
f) Die Gesellschaft gewährt entlassenen Arbeitnehmern und
deren Familienangehörigen die uneingeschränkten Leistungen der Krankenhaus- und Arztkostenversicherung auch während der Zeit, in der
ein Anspruch auf Leistungen aus der zusätzlichen betrieblichen Arbeitslosenversicherung besteht, jedoch höchstens für die Dauer von
12 Monaten.

ARTIKEL X

�ARTIKEL X - ZUSATZLICHE ARBEITSLOSENVERSICHERUNG
Abs. 1. Die zusätzliche Arbeitslosenversicherung gewährt während
höchstens 52 Wochen Leistungen in einer Höhe, die der Differenz
zwischen den Leistungen der staatlichen Arbeitslosenversicherung
und 62 Prozent des Bruttolohnes des Arbeitnehmers j entspricht,
zuzüglich je 1,50 Dollar für bis zu vier unterhaltsberechtigte
Angehörige bis zu einem Höchstsatz von 40 Dollar pro Woche.
Abs. 2. Reicht der Arbeitsanfall der Gesellschaft nicht für eine
Beschäftigung während 40 Wochenstunden aus, so hat sie während
der Dauer der von der Firmenleitujng angeordneten Kurzarbeit
die Zeitdifferenz zwischen der geleisteten Wochenstundenzahl und 40 Stunden
mi 165 i&lt;&gt; des regulären Lohnsatzes zu bezahlen. Wird Kurzarbeit
durch höhere Gewalt erzwungen, so hat jeder Arbeitnehmer Anspruch
auf die Bezahlung von 50$ seines normalen Lohnsatzes für die Differenz zwischen der geleisteten Wochenstundenzahl und 40 Wochenstunden.
Die Mittel werden aus dem Fonds der zusätzlichen Arbeitslosenversicherung entnommen, solange dessen Einlagen eine bestimmte Mindesthöhe
nicht unterschreiten, andernfalls von der Gesellschaft direkt aufgebracht .
ARTIKEL XI - ENTLASSUNGSGELD
Abs. 1. Tarifverträge in der Automobilindustrie sehen die Gewährung
eines Entlassungsgeldes nach mindestens einjähriger Betriebszugehörigkeit vor. Nach zwei Jahren Dienstzeit beläuft sich das Entlassungsgeld auf den Gegenwert von 50 Wochenstunden; es steigert sich bis zu
einem Höchstsatz entsprechend 1500 Stunden nach 30jähriger Betriebszugehörigkeit. Die Bezahlung erfolgt aus dem Fonds der zusätzlichen
Arbei ts losen Versicherung.
Abs. 2. Arbeitnehmer, die in einen anderen Betrieb der Gesellschaft
an einem mehr als 50 Meilen (80 km) entferntgelegenen Ort versetzt
werden, haben Anspruch auf eine nach Entfernung und Familienstand
gestaffelte Umzugsbeihilfe bis zu einem Höchstsatz von 580 Dollar.
ARTIKEL XII - ALLGEMEINES
Abs. 1. Die Gesellschaft verpflichtet sich, größte Anstrengungen
zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und zur Schaffung
aller möglichen Sicherheitsvorkehrungen im Betrieb zu unternehmen.
Die Gesellschaft wird für die Bereitstellung von Verbandskästen für
die Erste Hilfe und Tragbahren sowie für die Einrichtung eines Ambulanzdienstes für alle Betriebsangehörigen Sorge tragen.
Abs. 2. Zieht sich ein Arbeitnehmer während der Arbeitszeit eine
Verletzung zu und ist er deshalb genötigt, sich in Behandlung außerhalb des Betriebs zu begeben, oder wird er wegen eines solchen Unfalls nach Hause geschickt, so erhält er für den Rest der Schicht
seinen normalen Lohn fortgezahlt, sofern ein von der Gesellschaft

-

8

-

�Gesellschaft benannter Arzt bzw. eine von ihr bestimmte Krankenschwester die Unfähigkeit des Arbeitnehmers feststellt, seine Arbeit in
dieser Schicht fortzusetzen.
Abs. 3« Vorarbeitern und Aufsehern ist es untersagt, die Arbeit
anderer Arbeitnehmer zu verrichten, es sei denn in dringenden Fällen
oder zum Zwecke der Instruktion oder bei Entwicklungsarbeiten.
Abs. 4« Die Gesellschaft verpflichtet sich, bei Stellenbewerbern und
Mitarbeitern bezüglich Lohn, Schulung, Höhereinstufung, Beförderung,
Versetzung, zeitweiliger Entlassung, Kündigung, disziplinarischer
oder anderer Maßnahmen keinerlei Unterschiede auf Grund der Rassenzugehörigkeit, des Glaubens, der Hautfarbe, der nationalen Herkunft,
der politischen Überzeugung, des Geschlechts oder des Personenstandes
zu machen.
Abs. 5- Die Gewerkschaft wird ihre Mitglieder zu keinem Streik aufrufen, verpflichten oder ermächtigen, solange nicht sämtliche Möglichkeiten des Beschwerdeverfahrens ausgeschöpft sind. Die Gesellschaft wird keinerlei Aussperrungen vornehmen oder anordnen, solange
nicht sämtliche Möglichkeiten des Verhandlungsverfahrens erschöpft
sind.
Abs. 6. Die Gesellschaft stellt im Betriebsgelände eine Anschlagtafel
zur Benutzung durch die Gewerkschaft auf.
(Quelle: Research &amp; Engineering
Department - UAW)
* * * * *

9 -

�Präsident Kennedy unterbreitete Kongreß umfassendes Sozialprogramm
Ein umfassendes Sozialprogramm für die älteren - im Ruhestand
lebenden und über 64 Jahre alten - Menschen, das diesen Personengruppen neben einer größeren wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit vor allem einen verstärkten Schutz bei Krankenhausaufenthalt
und Siechtum bringen soll, ist von Präsident Kennedy jetzt dem Kongreß in Form einer Botschaft zugeleitet worden. Die für die Verbesserung der Alters-Krankenversicherung, der Gesundheitsfürsorge,
der Altenbetreuung und der Wohnverhältnisse vorgesehenen und für
die Durchführung zahlreicher anderer Altenhilfeprogramme notwendigen Mittel werden in der Gesetzesvorlage auf rund 10 Mrd. Dollar
für die nächsten fünf Jahre beziffert.
Die Durchführung der vom US-Präsidenten vorgeschlagenen Hilfsmaßnahmen für die älteren Menschen ist in den USA insofern von großer
sozialer Dringlichkeit, als es dort - im Gegensatz zu zahlreichen
europäischen Ländern - keine gesetzliche, sondern nur eine freiwillige
Krankenversicherung gibt und zum anderen eine staatliche Altersversorgung erst seit 1955 existiert. Das bedeutet, daß die Sozialrenten
für viele ältere Menschen, sofern sie überhaupt noch Beiträge zur
Sozialversicherung leisten konnten, relativ gering sind und in keinem
Verhältnis zu den hohen Arzt-, Krankenhaus- und anderen Versorgungskosten stehen.
Die Dringlichkeit derartiger Hilfsmaßnahmen unterstrich Präsident Kennedy in seiner Gesetzesvorlage unter Hinweis auf folgende
von zahlreichen Regierungsstellen ermittelten statistischen Ergebnisse :
Die sozialen Tatbestände
- Rund 1/1O der amerikanischen Bevölkerung - das sind 17 1/2
Millionen Personen - ist heute älter a&lt;Ls 64 Jahre; in Anbetracht
der hohen Lebenserwartung (Durchschnitt 70 Jahre) wird sich diese
Zahl bis 1980 auf 25 Millionen erhöht haben. Während die Gesamtbevölkerung seit 1900 um das 2 l/2fache zunahm, erhöhte sich die Zahl
der 65 Jahre alten und älteren Leute um 500 Prozent.
- Das Durchschnittseinkommen eines älteren Ehepaares ist nur
halb so groß wie das eines jüngeren; fast 50 $ der über 64jährigen
weisen ein Jahreseinkommen von weniger als 1000, und rund 75 c/° von
weniger als 2000 Dollar auf. 70 Prozent aller älteren Menschen 12,5 Millionen - erhalten heute eine staatliche Altersrente, die im
Durchschnitt 76 Dollar für einen Alleinstehenden, 66 Dollar für eine
Witwe und 129 Dollar im Monat für ein Ehepaar beträgt. Rund 2 1/4
Millionen leben gegenwärtig von der staatlichen Fürsorgeunterstützung
(60 Dollar pro Person und Monat plus 15 Dollar Krankenkostenbeihilfe).
- Ältere Menschen sind viel häufiger und auch länger krank als
jüngere. Von 100 Personen über 64 leiden 80 an einer chronischen
Krankheit; 28 haben eine Herzkrankheit oder zu hohen Blutdruck, 27
Arthritis oder Rheumatismus, 10 haben Augenkrankheiten, 17 Hörfehler, 16 liegen mindestens einmal im Jahr im Krankenhaus.
- 10 -

�- Nur 50 in der 65jährigen und älteren Personen sind krankenversichert. Die durchschnittlichen täglichen Krankenhauskosten betragen gegenwärtig 35 Dollar. Rund die Hälfte aller Sozialrentner
hat außer der Rente kein weiteres Einkommen, und rund 1/3 von ihnen
verfügt nur über flüssige Mittel von weniger als 100 Dollar.
Die vorgeschlagenen Verbesserungen
Zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der
älteren Menschen schlägt Präsident Kennedy in seiner Botschaft die
Verabschiedung folgender Gesetze und Maßnahmen durch den Kongreß vor:
1. Einführung einer Krankenhauskostenversicherung für Sozialrentner im Rahmen des staatlichen Sozialversicherungssystems auf
selektiver Basis, d.h., der Versicherte hat die Wahl zwischen drei
verschiedenen Versicherungsformen - 45'tägiger Vollversicherung,
90tägiger Versicherung bei maximal 90 Dollar Selbstbeteiligung und
180tägiger Versicherung mit einer Selbstbeteiligung in Höhe des
2 l/2fachen Satzes der durchschnittlichen Krankenhaus-Tageskosten;
2. Einbeziehung sämtlicher Personen über 64 in die Krankenhauskostenversicherung, die nicht sozialversicherungspflichtig waren
oder nicht zum Versichertenkreis gehörten;
3. Ausdehnung der staatlichen Alterskrankenversicherung auf die
Fürsorgeempfänger;
4. Bereitstellung größerer Mittel für den Bau und die Unterhaltung von Pflegeheimen;
5- Erhöhte Bundeszuschüsse für die Einrichtungen des allgemeinen
Gesundheitswesens und für die Ausbildung von Ärzten und medizinischem
Fachpersonal;
6. Senkung der Steuersätze für Personen über 64; Erhöhung der
Freibeträge und Heraufsetzung der Steuerpflichtgrenze von gegenwärtig
1333 Dollar auf 2900 Dollar;
7« Erhöhung der staatlichen Wohnungsbauzuschüsse für die Erstellung von Wohnungen für ältere Menschen;
8. Erschließung von neuen und Verbesserung der derzeitigen Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Menseben.
Zwecks Finanzierung der einzelnen Sozialprogramme, vor allem jedoch des Krankenversicherungsprogramms, schlägt Präsident Kennedy eine
Erhöhung der Beitragssätze zur Sozialversicherung um ein 1/4 Prozent
(gemessen an der Lohnsumme) sowie die Anhebung der Sozialversicherungspflichtgrenze von gegenwärtig 4800 auf 5200 Dollar pro Jahr vor.
(Quelle: Special Message on Aiding Our Senior
Citizens)
* * * * *

-

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-

�Ziele und Aufgaben des US-Arbeitsministeriums
Das amerikanische Arbeitsministerium wurde am 4« März 191?
durch ein vom Kongreß gebilligtes Gesetzeswerk in der Absicht geschaffen, die wirtschaftliche Lage der werktätigen Bevölkerung
und die allgemeinen Arbeitsbedingungen zu verbessern sowie die Möglichkeiten für eine lohnende Beschäftigung zu vermehren. In Ausführung der vom Gesetz vorgeschriebenen Direktiven hat das in zahlreiche
Haupt- und Unterabteilungen gegliederte Arbeitsministerium heute
eine weite Skala von Tätigkeiten auszuführen, die sich praktisch auf
sämtliche Bereiche des Wirtschaftslebens erstrecken.
Sammeln und Auswerten statistischer Angaben
Die für die Gesamtarbeit des Ministeriums wohl wichtigste Aufgabe besteht in der Sammlung, Zusammenstellung, Auswertung und Publizierung statistischer Angaben, die von der Hauptabteilung "Amt für
Arbeitsstatistik" wahrgenommen wird. Bei dieser Arbeit wird das Amt
von fünf Regionalbüros unterstützt, die auch - genauso wie das Amt
selbst - mit anderen Statistischen Ämtern des Bundes und der Bundesstaaten eng zusammenarbeiten. Die Ergebnisse werden neben zahlreichen
Spezialpublikationen vor allem im Mitteilungsblatt des Ministeriums,
der "Monthly Labor Review", veröffentlicht. Die Statistiken und Analysen beziehen sich dabei auf praktisch sämtliche Sachgebiete, die
mit Arbeitsmarkt und Beschäftigungslage, Lebenshaltung, wirtschaftlicher
Entwicklung und Tätigkeit und Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen im
Zusammenhang stehen.
Sicherung der Beschäftigung
Zwei bedeutende Aufgaben des US-Arbeitsministeriums bestehen
darin, die Tätigkeit der Arbeitsämter auf dem Sektor der Vermittlung
von Erwerbslosen und Arbeitskräften zu unterstützen und das Programm
für Arbeitslosenunterstützung zu fördern.
Die öffentliche Arbeitsvermittlung wird gemeinsam von Bund und
Bundesstaaten durchgeführt. Als verantwortlichem Amt des Bundes obliegt es dabei dem Arbeitsministerium, die erforderlichen Maßnahmen
hinsichtlich Finanzierung, Planung und Zusammenarbeit zu treffen
und zu überwachen. Die den Bundesstaaten untergeordneten Arbeitsämter sind die Organe zur praktischen Durchsetzung dieser Anordnungen.
Insgesamt gibt es rund 1700 Arbeitsämter in den Vereinigten Staaten, denen nicht nur die Vermittlung von Arbeitskräften obliegt, sondern auch die Berufsberatung, Durchführung von Spezialtests zur
Ermittlung der beruflichen Fähigkeiten oder Anlagen, Zusammenarbeit
mit den Unternehmern bei der Lösung von Beschäftigungsproblemen,
Herausgabe von Informationen über die Arbeitslage und -bedingungen
an interessierte Kreise.
Arbeitslosenversicherung
Auch in Fragen der Arbeitslosenversicherung auf Grund des
"Social Security Act", der Entrichtung der Arbeitslosenversicherungsbeiträge und der Arbeitsschutzgesetze der Bundesstaaten bildet das

12

-

�das Arbeitsministerium das federführende Organ des Bundes. Es hat
dabei im einzelnen die Aufgabe, die entsprechenden Ministerien der
Bundesstaaten in legislativen, Interpretations-, Verwaltungs- und
Finanzfragen des Programms zu beraten und die Arbeitslosenversicherungsgesetze der Bundesstaaten und ihre Verwaltungsorgane zu überprüfen.
Ebenso hat das Arbeitsministerium die Verantwortung für die Verwaltung des Arbeitslosenunterstützungsprogramms für Kriegsveteranen
und Angestellte des Bundes.
Ausbildung von Arbeitskräften
Durch Kongreßbeschluß wurde der US-Arbeitsminister im Jahre 1937
beauftragt, ergänzende Arbeitsschutzgesetze auszuarbeiten, durchzusetzen und zu überwachen, die sich ausschließlich auf die Lehrlingsausbildung beziehen. Unter den Begriff "Lehrling" fallen nach der
Definition des US-Arbeitsministeriums sämtliche unter einem speziellen
Arbeitsvertrag beschäftigten Arbeitnehmer, die für die Dauer von zwei
bis vier Jahren einen Fachberuf erlernen.
Bei der Durchführung der Aufgaben wird das Ministerium durch ein
nationales Komitee unterstützt, das sich aus Vertretern der Gewerkschaften, Unternehmerverbände und des öffentlichen Erziehungswesens
zusammensetzt. Eine enge Zusammenarbeit besteht auch in dieser Hinsicht
mit den Lehrlingsausschüssen der Bundesstaaten. Bei der Ausarbeitung
der allgemein verbindlichen Richtlinien für die Behörden, die auf lokaler Ebene für die praktische Durchsetzung verantwortlich sind, arbeitet das Arbeitsministerium eng mit den Unternehmer- und Gewerkschaftsverbänden zusammen, während die örtlichen Beauftragten für das Lehrlingswesen wiederum mit den Unternehmern und Ortsgewerkschaften die Grundsätze für die Beschäftigung und Ausbildung von Lehrlingen sowie die
Aufstellung von Ausbildungsprogrammen im einzelnen festlegen.
Ebenso ist es Aufgabe des Ministeriums, Ausbildungs- und Fortbildungsprogramme auszuarbeiten und durchzuführen, die auf eine allgemeine Verbesserung der technischen Fähigkeiten sämtlicher Arbeitnehmer abzielen.
Löhne und Arbeitszeit
Weitere wichtige Funktionen des US-Arbeitsministeriums beziehen
sich auf die Überwachung und Durchsetzung verschiedener Gesetze, die
mit der Festsetzung von Löhnen und Arbeitszeit in Verbindung stehen.
Der "Fair Labor Standards Act"
Die wichtigsten Aufgaben des Ministeriums im Rahmen dieses Gesetzes haben Bezug auf die Handhabung und Durchführung der Mindestlohn-, Überstundenbezahlungs- und Kinderarbeitparagraphen. Dem entsprechenden Amt des Arbeitsministeriums obliegt es, die Verwaltungsrichtlinien festzulegen und Ausführungsbestimmungen zum Gesetz und
Interpretationen des Gesetzes zu veröffentlichen. Ebenso koordiniert
es die Tätigkeit der Regional- und Ortsbüros.
Die

�Die Durchsetzung der Gesetze und die Durchführung von Untersuchungen hinsichtlich der Einhaltung der Gesetze liegt in Händen der
Regional- und Ortsbüros, die gleichfalls in speziellen Fällen Befreiung^ Zertifikate ausstellen können. Die strafrechtliche Verfolgung von
Gesetzesverstößen obliegt jedoch dem Ministerium.
Arbeitsgrundgesetze
Die Verbesserung der allgemeinen Arbeitsbedingungen und damit die
Erhöhung der sozialen Sicherheit und Leistungsfähigkeit der Arbeitnehmer ist eine weitere und sehr umfangreiche Aufgabe des US-Arbeitsministeriums. Sie drückt sich aus in der Entwicklung gesunder Grundlagen
für die Arbeitsgesetze und ihrer Handhabung,; durch Gewährung technischer und administrativer Hilfe an die Bundesstaaten, Gewerkschaften
und alle, die an einer Verbesserung der Arbeitsgesetzgebung interessiert
sind; in industrieweiten Sicherheitsprogrammen sowie in der Schaffung
von Programmen zur Verbesserung der Beschäftigungspraktiken bei jungen
Arbeitnehmern.
Das Ministerium analysiert ferner die bestehenden Arbeitsgesetze
des Bundes und der Bundesstaaten und veröffentlicht entsprechende Informationen hierüber an alle interessierten Kreise. Es dient ebenso
als nationale Informationsstelle für technische Informationen über
sämtliche Aspekte der Arbeitsgesetzgebung und Verwaltung.
Das Arbeitsministerium arbeitet in allen Arbeitsnormfragen eng
mit den entsprechenden Behörden der Bundesstaaten mit dem Ziel zusammen, eine Übereinstimmung der Bundesgesetze mit denen der Bundesstaaten
auf den wichtigsten Sektoren wie Löhne, Arbeitszeit und Betriebssicherheit zu erreichen. Desgleichen ist es Mittler zwischen dem Internationalen Arbeitsamt und den Bundesstaaten und ist diesen dabei behilflich,
die von dieser internationalen Körperschaft als allgemeinverbindlich
erklärten Empfehlungen einzuhalten.
Industrielle Sicherheitsprogramme
Einen großen Rahmen nimmt auch die Arbeit auf dem Gebiet der
industriellen Sicherheit und der Unfallverhütung ein. Auch hier erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit den Bundesstaaten bei der Aufstellung von Unfallverhütungsprogrammen und bei der Ausbildung der Sicherheitsinspektoren der Bundesstaaten. Ein wichtiges Organ auf diesem
Sektor bildet dabei der "Federal Safety Council" im US-Arbeitsministerium (Bundesrat für Industrielle Sicherheit), der durch seine 97
Zweigbüros die praktischen Erkenntnisse auf dem Sektor der industriellen Sicherheit vermittelt, die von der "President1s Conference on
Occupational Safety", einem mit Fachkräften des Arbeitsministeriums
besetzten Forschungsausschuß, erarbeitet werden.
Weibliche Arbeitnehmer
Da heute rund ein Drittel aller Arbeitskräfte in den Vereinigten
Staaten Frauen sind, kommt den Aufgaben des Arbeitsministeriums hinsichtlich der Ausarbeitung und Überwachung entsprechender Arbeitsschutzund Sozialgesetze eine sehr große Bedeutung zu. Im einzelnen ist es
hier Aufgabe des Ministeriums, Arbeitsnormen und andere grundlegende

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�grundlegende Bestimmungen auszuarbeiten und durchzusetzen, die
allgemeinen Arbeitsbedingungen für weibliche Arbeitskräfte zu verbessern und die Möglichkeiten für eine lohnende Beschäftigung zu
erhöhen. Dazu gehört die Durchführung von Programmen zur Verbesserung
des Status der weiblichen Arbeitnehmer, die Kontaktpflege mit den
Frauenvereinigungen zwecks Informierung über Programme, die Vorteile
für die weiblichen Arbeitskräfte bieten; die Durchführung statistischer
Erhebungen zwecks Erlangung entsprechender Informationen; die Entwicklung von Programmen, die den zivilen und politischen Status der
Frau verbessern; die Organisierung von internationalen technischen
Beistands- und Austauschprogrammen für Frauen sowie die Veröffentlichung all jener Informationen, die sich auf den wirtschaftlichen
und rechtlichen Status der Frau beziehen.
Auf Wunsch der Arbeitsministerien der Bundesstaaten oder von
Organen in den Bundesstaaten und Gemeinden, die die Absicht haben,
neue Arbeitsgesetze über Mindestlöhn, Maximalarbeitszeit oder gleiche
Bezahlung zu erlassen oder bestehende Gesetze wirksamer zu gestalten,
gibt das US-Arbeitsministerium technische Hilfe oder andere Unterstützungen.
Internationale Arbeitsfragen
Große Aufmerksamkeit schenkt das amerikanische Arbeitsministerium
den Entwicklungen auf dem internationalen Arbeitsmarkt und auf dem
Sektor des Arbeitsrechts. In Zusammenarbeit mit dem US-Außenministerium
und anderen an diesen Entwicklungen interessierten Ministerien sammelt
es als Informationszentrale alle entsprechenden Informationen und ist
für die Ausarbeitung der Richtlinien in bezug auf internationale Arbeitsfragen verantwortlich. Es unterhält ferner enge Kontakte zu den
entsprechenden Organisationen der Vereinten Nationen und des Internationalen Arbeitsamtes und ist für die Durchführung der internationalen Austauschprogramme zuständig.

(Quelle: Eigenbericht)

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�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Höchster Beschäftigungsstand für Januar
Mit 65,935 Millionen Beschäftigten wurde im Januar 1963 die bisher höchste Gesamtbeschäftigtenziffer für diesen Monat erreicht, wie
aus der jüngsten Arbeitsmarktübersicht des "US-Amtes für Arbeitsstatistik" hervorgeht.
Der hohe Beschäftigungsstand ist dabei in erster Linie auf die
erhebliche Zunahme der Gesamtzahl der Arbeitskräfte zurückzuführen
sowie auf die für die Jahreszeit relativ niedrige Erwerbslosenrate,
die nach Ausschaltung der saisonbedingten Einflüsse in dem Bericht mit
5,8 Prozent angegeben wird.
Zwischen Dezember und Ende Januar hat sich die Zahl der Erwerbslosen in den USA um 855 000 auf insgesamt 4 672 000 erhöht. Diese verhältnismäßig große Zunahme ist hauptsächlich durch die Entlassung
von Aushilfspersonal bei den Kaufhäusern, der Post und anderen im
Weihnachtsgeschäft stark engagierten Unternehmen bedingt gewesen.
Auch die Zahl der in Außenberufen tätigen Arbeitnehmer hat sich mit
fortschreitender Jahreszeit weiter verringert.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Versehrtenbetrieb "Unternehmen des Jahres"
Die jährlich vom Verband der Fertigungsindustrie (NAM) an Versehrtenbetriebe verliehene Medaille "Unternehmen des Jahres" wird 1963 die
"Ace Electronics" erhalten, ein Betrieb in Somerville (Massachusetts),
der 275 Arbeitnehmer beschäftigt, darunter allein 240 Körperbehinderte.
Die Auszeichnung soll, wie es in den Verleihungsbestimmungen heißt, jeweils einem Unternehmen zuerkannt werden, das auf dem Gebiet der Beschäftigung Versehrter Arbeitnehmer Hervorragendes geleistet und diesem
Personenkreis die Möglichkeit verschafft hat, seinen körperlichen Gegebenheiten entsprechende Arbeitsplätze zu finden und voll auszufüllen.
Chef
ist Aaron
und heute
hinweisen

dieses elektronische Einzelteile herstellenden Betriebes
N. Solomon, der 1952 mit zwei Versehrten Arbeitnehmern begann
mit Stolz auf einen Jahresumsatz von 1,75 Millionen Dollar
kann.

Die wesentlichen Elemente seiner Personalpolitik sind: 1 . seine
Überzeugung, allen weniger vom Schicksal begünstigten Menschen helfen
zu müssen; 2. die Erkenntnis der Tatsache, daß elektrotechnische Arbeiten in erster Linie an der Werkbank ausgeführt werden und daher besonders gut für Körperbehinderte geeignet sind, und 3« seine festeüberzeugung, daß es keine "Versehrten gibt, wenn man es versteht, di esen

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�diesen Personenkreis an Arbeitsplätzen einzusetzen, die seinen speziellen Fähigkeiten entsprechen.
Als für den Erfolg seines Unternehmens ausschlaggebend, bezeichnet Solomon folgende Punkte: Spezielle Anpassung der einzelnen
Arbeitsplätze an die Gegebenheiten der einzelnen Arbeitnehmer; sorgfältige Einweisung und Einführung neuer Arbeitnehmer in ihre Tätigkeiten und Aufgaben; häufige Überprüfung des Neueingestellten, um
festzustellen, wie er sich an seinen Arbeitsplatz und seine Arbeit
gewöhnt hat; enger persönlicher Kontakt zu allen Angestellten; Zahlung von angemessenen Löhnen an alle Arbeitnehmer.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Günstige Streikbilanz im Jahre 1962
Die Gesamtzahl der streikenden Arbeitnehmer ist 1962 weiter
zurückgegangen und erreichte, wie aus einer Übersicht des "US-Amtes
für Arbeitsstatistik" hervorgeht, im vergangenen Jahr den tiefsten
Stand der Nachkriegszeit.
Nicht ganz so günstig fällt dagegen die Bilanz bei der Gesamtzahl der 1962 begonnenen Streiks sowie bei der Gesamtzahl der durch
Streiks verlorengegangenen Arbeitstage aus, obwohl auch hier das
Niveau der günstigsten Jahre seit 1945 erreicht wird.
Bei insgesamt 3500 begonnenen Streiks, von denen 1,25 Millionen
Arbeitnehmer berührt wurden, gingen im vergangenen Jahr insgesamt
19,0 Millionen Arbeitstage verloren (1961 - 16,3 Mio; 196O = 19,1 Mio).
Gemessen an der von sämtlichen nichtlandwirtschaftlichen Zweigen der
US-Wirtschaft im vergangenen Jahr geleisteten Gesamtarbeitszeit, gingen durch die Streiks nur 0,15 Prozent verloren.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

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17 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
ISIS-Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmittellungen" Ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme Irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
XVI

" 4

Bad Godesberg,den 1.

April 1963

INHALTSVERZEICHNIS

Erziehung und Schulung in einem
Entwicklungszeitalter (i)

Seite

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 12

1

Erziehung und Schulung in einem Entwicklungszeitalter

Unter der vorstehenden Hauptüberschrift
bringen wir in dieser und der nächsten
Ausgabe sechs Beiträge namhafter amerikanischer Regierungsvertreter, Wirtschaftler
und Publizisten zu Fragen der Heranbildung
von Arbeitskräften für die Welt von morgen.
Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht die
sich bereits heute abzeichnende wachsende
Nachfrage nach "Kopfarbeitern" mit besonderen Fachkenntnissen und höherer Bildung.
W. Willard Wirtz, US-Arbeitsminister:
Grundsätze und Probleme der Arbeitspolitik und Nachwuchsförderung
Die Welt von heute wird von einem Wandel gekennzeichnet, wie er
in der Geschichte ohne Beispiel ist. Alles scheint in Fluß geraten
zu sein, doch nicht im Sinne einer langsamen Evolution, wie sie sich
einem roten Faden vergleichbar durch die Geschichte zieht. Es ist dies
vielmehr ein Wandel, der sich in "Megatonnen" einer technischen, bevölkerungsmäßigen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Explosion ausdrückt.
Die

-

1

-

�Die Menschheit ist sich - soweit Menschen überhaupt je das Unermeßliche ausdenken können - bewußt, wie sehr die Wissenschaft gewissermaßen von gestern auf heute Begriffe wie Zeit, Entfernung, Erde
und All von Grund auf verändert hat.
Welche Auswirkungen diese wissenschaftliche Revolution aber auf
die Arbeitswelt des Menschen zeitigt, darüber herrschen noch sehr
vage Vorstellungen. Der Beruf wurde bisher fast überall auf der
Welt als eine Tätigkeit angesehen, die man ein ganzes Leben lang
verrichtet. Man ererbte ihn vielfach von seinem Vater, und bezeichnenderweise leiten sich nicht wenige Nachnamen von Berufsbezeichnungen
her. Die Art der lebenslangen Erwerbstätigkeit wurde häufig allein
von dem Umstand bestimmt, daß man in einem landwirtschaftlichen Anbaugebiet, in einer Waldgegend, an der Küste, in einem Industriegebiet
oder in der Nähe einer Grube oder Fabrik geboren worden war. Und heute
besteht nun plötzlich ein direkter Zusammenhang zwischen der Arbeit
und dem Beruf eines Menschen und der Entwicklung einer Wissenschaft,
die er weder beeinflussen noch verstehen kann - und deshalb fürchtet.
Es gilt aber, eine vernünftige Einstellung zu dem Wandel zu gewinnen, dessen Zeuge wir sind: ihn übersehen zu wollen, wäre dumm,
ihn zu fürchten, feige. Es genügt auch nicht, sich dem Wandel "anpassen" zu wollen, denn das hieße, daß der Mensch immer weiter hinter
der Entwicklung der Wissenschaft und Technik zurückbliebe, bis die
Kräfte, die dem Menschen Freiheit verheißen,
zu Kräften der
Vernichtung zu werden drohen.
Das Morgen gehört denjenigen, die dem Wandel offen, ehrlich und
frei entgegensehen, ja, ihm entgegengehen, ihn als ein Wesensmerkmal
des Wachstums und dieses wiederum als den Sinn des Lebens ansehen
und deshalb an die Zukunft glauben.
Zu dieser Haltung wird sich ein Volk und die Menschheit aber
nur durchringen, wenn wir, die wir die staatlichen Maßnahmen im Bereich der Arbeitspolitik und Menschenführung treffen, uns klar und
deutlich zu dem Prinzip bekennen - ja dieses Prinzip erst einmal
aufstellen -, daß eine solche Politik der "Menschenführung" das Recht
und die Fähigkeit eines jeden Menschen garantieren muß, zu arbeiten vielleicht nicht das, was er zu tun erwartete, gegenwärtig tut oder
früher getan hat, aber in jedem Falle etwas, was sowohl an sich als
auch als Beitrag zu einem besseren Leben für die gesamte Menschheit
sinnvoll ist. Die Wesenszüge einer solchen Arbeitspolitik stehen
sämtlich in einem engen Bezugsverhältnis zum Kern einer neuen, tatkräftigen und vielleicht auch mehr pragmatischen Vorstellung von
Erziehung und Schulung. Ich denke in diesem Zusammenhang an fünf
Grundsätze:
1. Jeder Mensch ist erziehbar. Jeder kann eine berufliche Ausbildung mit Erfolg durchlaufen und nützliche Fertigkeiten und Fähigkeiten erwerben, sofern man ihn nur richtig anleitet, berät, testet
und einer Schulung unterwirft, die genau auf die geforderten beruflichen Qualifikationen zugeschnitten ist und seine Fähigkeiten, Wünsche und Grenzen gebührend berücksichtigt.
Wir
-

2

-

�Wir Amerikaner konnten bei der Verwirklichung des Kraftwerkund Bewässerungsprojektes im Tennessee-Tal beobachten, wie sich
Männer und Frauen, deren Arbeitserfahrung sich ausschließlich auf
den von ihren Vorfahren ererbten Beruf des Farmers erstreckte, rasch
und ohne größere Schwierigkeiten den Erfordernissen der Arbeit in
modernen Industriebetrieben anpaßten. In den 20 Jahren von 1940
bis 196O hat sich zum Beispiel die Zahl der Fertigungsarbeiter im
Tennessee-Tal - von einer halben auf eine ganze Million - fast verdoppelt. Der Bedarf an Facharbeitern erhöhte sich um fast 100 Prozent - und wurde auch gedeckt. Das Personaleinkommen stieg gleichzeitig um 508 Prozent! Dies ist ein greifbarer Beweis für die Anpassungsfähigkeit des Menschen an neue berufliche Anforderungen - sofern die Möglichkeiten gegeben sind, die eine expandierende Wirtschaft bieten kann.
2. Jedermann sollte sein Wissen laufend ergänzen. Der rasche
technische Fortschritt bringt es mit sich, daß Fähigkeiten und Fertigkeiten von den niedrigsten bis zu den höchsten Berufen rasch veralten. Zahlreiche Arbeitskräfte können nicht mehr länger hoffen, einen
Beruf zu erlernen und diesen dann bis zur Erreichung der Altersgrenze
auszuüben - ohne je etwas dazuzulernen. Heute muß jeder bereit sein,
sich gegebenenfalls neue Fertigkeiten anzueignen und das vorhandene
Fachwissen immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen, wenn wir
ein hinreichendes Reservoir von flexiblen und anpassungsfähigen Arbeitskräften schaffen wollen, das den Bedarf unserer Wirtschaft jederzeit zu decken vermag,
3. Es muß überall mehr für die Bildung getan werden. Industrie
und Wirtschaft sind nicht mehr so standortgebunden wie früher, weshalb sich Beschäftigungsmöglichkeiten heute häufig von einem Ort nach
einem anderen verlagern. Einst maßgebliche Faktoren der Standortwahl
wie die Verfügbarkeit von Energie und günstige Transportverbindungen
verlieren an Bedeutung. Die Industrie ist mobiler als früher und muß
im Hinblick auf die steigenden Anforderungen an das Können ihrer Mitarbeiter auf das Vorhandensein qualifizierter Arbeitskräfte im Bereich
ihres Standorts größeren Wert legen als je zuvor. Andererseits begünstigt das Vorhandensein von Arbeitskraftreserven in manchen Gebieten
deren wirtschaftliche Entwicklung heute oft ganz entschieden.
4. Unsere Schulungsmethoden müssen verbessert werden. Sie sind
den neuen Erfordernissen und Aufgaben anzupassen. Schon finden neue
Lehrmittel und Unterrichtsmethoden - übersichtlichere Fachbücher,
elektronisch gesteuerte Lehrmaschinen, Film, Fernsehen und anderes
Anschauungsmaterial wie Bildtafeln, Aufrisse, Dias und Modelle - in
steigendem Maße im Unterricht Verwendung.
5. Die Lehrkräfte sollten geistig beweglich und fähig sein, auf
die jeweiligen Verhältnisse einer im Wandel begriffenen Arbeitswelt
einzugehen. Die Beurteilung unserer Arbeitspolitik, unsere Menschenführung und aller getroffenen Maßnahmen wird davon abhängen, inwieweit es uns gelingt, die wissenschaftliche und technische Entwicklung
richtig einzuschätzen und uns im voraus auf sie vorzubereiten. Gelingt uns dies, so neutralisieren wir damit nicht nur die Angst der

-

3 -

�der arbeitenden Menschen vor der Wissenschaft und Technik, die
sie in ihrer freien Entfaltung behindert, sondern beugen auch der
Verknappung qualifizierter Arbeitskräfte vor, die ein Hemmschuh
für jede expandierende Wirtschaft ist.
Es wird heute kaum mehr bestritten, daß die Ausbildung und
Umschulung mindestens zu einem Teil Aufgabe des Staates ist. In
anderen Ländern, vornehmlich in Westeuropa, gibt es hierfür zahlreiche Beispielsfälle. Was die Vereinigten Staaten angeht, so sind
wir dabei, unsere ersten diesbezüglichen Erfahrungen in Verbindung
mit dem 19&amp;2 erlassenen Gesetz über Maßnahmen zur Entwicklung des
Arbeitsmarktes und Umschulung (Manpower Development and Training
Act) zu sammeln. Das Gesetz geBtattet im Verlauf der nächsten drei
Jahre die Ausbildung bzw. Umschulung von 400 000 Männern und Frauen
auf Staatskosten - zumeist Opfer der sogenannten technischen Arbeitslosigkeit, d.h. der Verdrängung vom Arbeitsplatz durch Maschinen .
Dieses Gesetz basiert auf der Überzeugung, daß Erziehung, Ausbildung und Umschulung in einer freien und demokratischen Gesellschaft
die beste Methode sind, Mensch und Arbeit miteinander in Einklang zu
bringen, und daß dies vor allem Aufgabe des Staates ist.
Die Entwicklung der intellektuellen und physischen Fähigkeiten
des Menschen durch das demokratische Mittel der Erziehung muß das
Ziel jeder Arbeitspolitik sein. Die Probleme der Welt von heute, vor
die uns der kalte Krieg, die Industrialisierung, die Verstädterung
und die Automatisierung stellen, werden wir nur dann auf eine vernünftige Weise zu lösen vermögen, wenn ein größerer Prozentsatz der
Bewohner dieser Erde eine eingehendere und bessere Erziehung und Schulung als heute erhält.
M

Walter W. Heller, Vorsitzender des Wirtschaftsbeirates des
lo-irasiaenten:
Bildung als Faktor des Wirtschaftswachstums
Im Wirtschaftsleben unserer Zeit gewinnt das sogenannte "menschliche Kapital" immer mehr an Bedeutung, ja es scheint in Zukunft sogar
zum wichtigsten Faktor überhaupt zu werden. Damit erhebt sich die
Frage: Welche Rolle spielt die Erziehung in der wirtschaftlichen und
sozialen Entwicklung, und was tun wir, um Erziehung und Bildung die ja dieses "menschliche Kapital" schaffen und mehren - zu fördern?
Von den vielen Dingen, die die Beantwortung dieser Frage beeinflussen, seien hier nur zwei herausgegriffen:
Erstens:

- 4 -

�Erstens: Die Problematik wirtschaftlichen Wachstums, um die
sich die hochindustrialisierten Volkswirtschaften von Jahr zu Jahr
mehr kümmern müssen, ebensosehr wie um alle Vorgänge, die ein Wachstum begünstigen oder hemmen können. Um das Geheimnis eines rascheren
oder langsameren Wirtschaftswachstums zu ergründen und zu verstehen,
müssen wir die wirtschaftliche Entwicklung in der Vergangenheit analysieren und zu verstehen trachten. Es genügt nicht, den Punkt zu
kennen, den wir erreicht haben; wir müssen uns vielmehr auch Klarheit
darüber verschaffen, wie wir zu ihm gelangt sind.
Wir wissen aus Erfahrung, daß das wirtschaftliche Wachstum keiner
Naturgesetzlichkeit unterliegt; es hängt aber weitgehend von einer
Variablen ab, die sich - innerhalb gewisser Grenzen - dem Willen, dem
Gesetz und der Planung des Menschen gefügig machen läßt. Es gibt heute
schon eine Fülle von Beweisen für die Auffassung, daß die Wirtschaftsexpansion stark von wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen mitbestimmt wird, die ihrerseits das Angebot an produktiven Arbeitskräften sowie deren Qualifikationen und die Ansichten mitgestalten.
Zweitens: Die Erkenntnis, daß sich Investitionen in das Erziehungsund Bildungswesen lohnen - eine Erkenntnis, die uns unsere Bemühungen
um das Wirtschaftswachstum in den weniger entwickelten Ländern erst
so recht ins Bewußtsein gerückt hat.
Was nützen Maschinen ohne Menschen, die sie zu bedienen wissen?
Die Produkte unseres technischen Zeitalters lassen sich fertig importieren, eine ausreichende Zahl von Technikern und Wissenschaftlern aber
muß sich jedes Land selbst heranbilden. Und man kann dabei auch nicht
am oberen Ende der Bildungspyramide anfangen; es gilt vielmehr, ihr
zunächst eine breite Basis in Form eines Grundschulwesens zu schaffen,
das das Analphabetentum beseitigt und ein größeres Allgemeinwissen
verbreitet.
Untersuchungen bekannter Fachleute aus mehreren Ländern führten,
in bemerkenswerter Übereinstimmung, zu sehr bezeichnenden und aufschlußreichen Ergebnissen und Folgerungen bezüglich der Rolle des
"menschlichen Kapitals" in der wirtschaftlichen Entwicklung.
Die häufigste Methode der Ermittlung des Beitrags des "menschlichen Kapitals" zum Wirtschaftswachstum besteht in der Errechnung
des Unterschiedes zwischen der Wachstumsrate des Sozialprodukts (oder
der Wertschöpfung innerhalb eines bestimmten Wirtschaftssektors, etwa
der Landwirtschaft) und der Zunahme des tatsächlichen Aufwands an
Bodenfläche, Arbeit (gemessen in geleisteten Arbeitsstunden), Betriebsmitteln, Material und Kapital. Das Ergebnis dieser Aufrechnung ist in
praktisch allen Ländern verblüffend. Die Zunahme des Sozialprodukts
ist um ein Beträchtliches höher als die Zunahme des materiellen Aufwandes. Diese "unerklärliche" Komponente der Wirtschaftsexpansion wird
"Wachstumsdifferenz" genannt und durch solche immaterielle Faktoren
wie Erziehung, Schulung und Forschung hervorgebracht.
Eine Untersuchung der diesbezüglichen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten zeigte, daß etwa die Hälfte der Produktionszunahme
während der letzten 50 Jahre Faktoren zuzuschreiben ist, die nicht im

-

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�im Bereich des materiellen Aufwands zu suchen sind. Das ist eine
bemerkenswerte Feststellung, denn noch vor wenigen Jahren glaubten
die meisten Laien und auch zahlreiche Fachleute, das Geheimnis des
Wachstums der US-Wirtschaft beruhe nahezu ausschließlich auf dem
sehr hohen materiellen Aufwand und dem natürlichen Reichtum des
Landes.
Damit mich niemand mißversteht: Technische Neuerungen und Erfindungen des menschlichen Geistes lassen sich selbstverständlich
nur mit genügend Kapital und Arbeit in Produktion und Wirtschaftswachstum ummünzen. Forschungen der jüngeren Zeit haben aber den Nachweis erbracht, daß lediglich 10 bis 20 Prozent des gesteigerten Ausstoßes pro aufgewandte Arbeitseinheit auf Kapitalgüterinvestitionen
zurückzuführen sind. Die Vereinigten Staaten bilden übrigens in dieser Hinsicht keineswegs einen Einzelfall; auch andere Volkswirtschaften sind weit schneller gewachsen, als man auf Grund der Zunahme des
materiellen Aufwandes erwarten durfte.
In Süd- und Mittelamerika zum Beispiel wird die durchschnittliche
Wachstumsrate der Wirtschaft in der Zeit von 1945 his 1955 auf jährlich 4»9 Prozent geschätzt; der erfaßbare materielle Mehraufwand
aber lag bei durchschnittlich 3»1 Prozent pro Jahr. So läßt sich ein
sehr beachtlicher Anteil von 1,8 Prozent auf "Bildung" und anderen
"immateriellen Aufwand" zurückführen.
Eine Untersuchung der wirtschaftlichen Entwicklung in Norwegen
in den Jahren von 1900 bis 1955 führte zu der gleichen Feststellung,
daß ein jährlicher Produktionszuwachs von 1,8 Prozent verbleibt, der
sich durch die Steigerung des materiellen Aufwandes nicht erklären
läßt.
Zu einem Ergebnis, das noch verblüffender ist, gelangt man, wenn
man diese Analyse auf den landwirtschaftlichen Sektor beschränkt. In
den Vereinigten Staaten wurde für die Jahre 1940-1958 eine geradezu
frappante Wachstumsdifferenz ermittelt: bei einem um 1,7 Prozent erhöhten Aufwand pro Jahrzehnt stieg die Erzeugung um 29 Prozent.
Die Ergebnisse dieser Vergleichsrechnung sind auch im Falle der
landwirtschaftlichen Erzeugung der lateinamerikanischen Staaten sehr
eindrucksvoll. Argentinien hatte von 1920 bis 1940 eine Steigerung
des materiellen Aufwandes um 6 Prozent zu verzeichnen, der eine Steigerung der Erzeugung um 27,5 Prozent pro Jahrzehnt gegenübersteht. In
Brasilien erhöhte sich der Aufwand - vom Durchschnitt der Jahre 19251929 zu dem der Jahre 1945-1949 - pro Jahrzehnt um 15, die Erzeugung
um 27 Prozent; für Mexiko lauten die entsprechenden Vergleichszahlen
15,5 und 30 Prozent,
Die von mir hier angeführten Zahlen sagen uns aber nicht nur, daß
Kapital nicht alles bedeutet; sie machen uns auch klar, daß tatsächlich eine Möglichkeit besteht, über den "immateriellen Aufwand" zur
Wirtschaftsexpansion beizutragen: durch Hebung des Bildungsniveaus
und des Ausbildungsstandes der arbeitenden Menschen, durch organisatorische Verbesserungen und gutes Management - und den technischen
Fortschritt. Und dieser "immaterielle Aufwand" hat seinen Ursprung

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6

-

�Ursprung größtenteils in der Erziehung und Ausbildung.
In den Vereinigten Staaten dürften die erhöhten Investitionen
auf dem Schulsektor 25 bis 50 Prozent zur Wachstumsdifferenz beigetragen haben, zu jenen 1,6 Prozent des jährlichen Wachstums des
Sozialproduktes, die sich nicht auf den "materiellen Aufwand" zurückführen lassen.
Es ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten, ehe wir die Rentabilität von Investitionen in Erziehung, Bildung und Schulung ebenso
sicher errechnen können, wie wir heute die Rentabilität des Kapitalaufwands für Maschinen, Ausrüstungen und Werksanlagen berechnen.
Der Schluß aber, daß Investitionen in das "menschliche Kapital"
einen hohen Gewinn bringen, ist schon heute gerechtfertigt. In unseren Entwicklungsprogrammen und bei allen wachstumsfördernden Maßnahmen sollten wir dieser Erkenntnis gebührend Rechnung tragen.
Wir werden in dieser Erkenntnis ferner durch die Ergebnisse
von Untersuchungen der Zusammenhänge zwischen Bildungsgrad und Einkommen und der Auswirkungen einer Hebung des Bildungsgrades auf
letzteres bestärkt. Da das Einkommen des einzelnen bedingt als Maß
für seinen Beitrag zum Sozialprodukt gelten darf, läßt sich auch der
Einfluß der Erziehung auf das Sozialprodukt bis zu einem gewissen Grad
an der Relation zwischen Bildungsgrad und persönlichem Einkommen
(und damit Produktionsleistung) ablesen. Wir gewinnen auf diese Weise
ein weiteres Maß der "Rentabilität" der Erziehung und Bildung,
Die "Verzinsung" von Investitionen in die Erziehung auf CollegeNiveau ist in den Vereinigten Staaten etwa ebenso hoch wie die Verzinsung von Investitionen in die Wirtschaft. Weiter gehende Untersuchungen haben jedoch gezeigt, daß im Falle der Grund- und Mittelschulen sogar mit einer noch wesentlich höheren "Rendite" zu rechnen ist
als im Falle der akademischen Bildung.
Der Geldaufwand für das Erz,iehungswesen lohnt sich in ähnlicher
Weise auch in anderen Staaten, vor allem in den Entwicklungsländern,
in denen Mangel an geschulten Kräften besteht. In Venezuela beispielsweise nimmt man für die Verzinsung von Investitionen auf dem Erziehungssektor einen wesentlich höheren Satz an als in den Vereinigten Staaten.
Angesichts dieser Untersuchungen und Forschungsarbeiten werden
die Erziehungs- und Arbeitsministerien schon bald in der Lage sein,
den exakten Nachweis zu führen, in welcher Weise und Höhe sich die
Erziehungsausgaben lohnen. Sie werden dann mit ebenso konkreten Zahlen
argumentieren können, wie es beispielsweise die Wirtschafts-, Landwirtschafts- und Transportministerien bisher immer schon vermochten.
Es gibt mit Sicherheit keine Ideallösung, die sich für sämtliche
Länder der Erde gleichermaßen eignet. Dazu unterscheiden sie sich
viel zu sehr hinsichtlich der natürlichen Hilfsquellen, der Kapitalkraft, der Bevölkerung, der Kultur, der Vergangenheit, der Gegenwart
und auch der Zukunft. Aus den Erfahrungen, die wir alle machen, können
wir aber vielleicht allgemeingültige Prinzipien herleiten, die jedes
Land mit Erfolg auf seine spezifischen Probleme und Verhältnisse anzuwenden vermag.
*

�Paul G. Hoffman, Direktor des Sonderfonds der Vereinten Nationen und
ehemaliger Leiter der US-Marshallplan-Behörde:
Hebung des Bildungsniveaus als Voraussetzung., der wirtschaftlichen
Erschließung der Entwicklungsländer
Die Vereinten Nationen haben sich für dieses Jahrzehnt, die
"Entwicklungsdekade", das Ziel gesetzt, das Personaleinkommen in
den wirtschaftlich unterentwickelten Gebieten um jährlich 2,5 Prozent
zu steigern. Gegenüber einer Erhöhung des Personaleinkommens um
durchschnittlich 1 Prozent in den fünfziger Jahren bedeutet dies eine
gewaltige Zunahme.
Fragen wir uns, ob dieses Ziel erreichbar ist, so lautet die
Antwort» "Von den vorhandenen Möglichkeiten her, ja." Es fehlen weder
die notwendigen Hilfsquellen noch mangelt es an Menschen; es dreht
sich lediglich darum, Menschen und Material nutzbringender einzusetzen.
Die Beschleunigung des Entwicklungsprozesses hängt von einer Vielzahl
von Paktoren ab, soziologischen, politischen, wirtschaftlichen und
psychologischen•
Was die Erschließung der materiellen Hilfsquellen angeht, gilt
es zuerst einmal Klarheit darüber zu gewinnen, welche natürlichen
Hilfsquellen in den fraglichen Ländern vorhanden sind. Die Erde ist
reich an Bodenschätzen, was für die den Vereinten Nationen angeschlossenen rund 100 "Entwicklungsländer" vielfach noch mehr als für andere
zutrifft.
Glücklicherweise bieten uns Forschung und Technik eine große Zahl
von Hilfsmitteln, die wirtschaftliche Erschließung eines Landes zu beschleunigen. Die restlichen sieben Jahre dieses Jahrzehnts reichen aus,
um eine Bestandsaufnahme der materiellen Hilfsquellen der Entwicklungsländer durchzuführen und die Erschließung dieses teilweise noch verborgenen Reichtums zum Segen der in diesen Gebieten lebenden Menschen in
Angriff zu nehmen.
Die Erfahrungen, die wir als Vertreter des UN-Sonderfonds - eines
umfassenden Programms der Vereinten Nationen zur Gewährung von Hilfe
zu einem Zeitpunkt, an dem die eigentliche Investitionshilfe von außen
noch nicht eingesetzt hat - bisher gesammelt haben, unterstreichen die
großartigen Möglichkeiten des Einsatzes modernster technischer Hilfsmittel. Es sei hier nur an die Bodenerkundung aus der Luft erinnert,
die uns mit Bestimmtheit in sieben Jahren ebenso viele und mehr geologische Aufschlüsse vermitteln kann wie einst sieben Jahrzehnte Schürfarbeit. Die Luftbildgeologie gestattet die Auffindung von Lagerstätten,
die unter steilen Gebirgszügen, in undurchdringlichen Wäldern, Sandwüsten und Sumpfebenen verborgen liegen.
Luftbildkamera, Magnetometer, Szintillationszähler und andere elektronische Meßgeräte haben den mit Spitzhacke und Spaten in der Erde wühlenden Geologen früherer Zeiten weitgehend verdrängt. Der Geologe von
heute kann mit seinen Geräten nicht nur die Oberflächenbeschaffenheit
der Erde aus der Luft feststellen, sondern auch mit Hilfe von

8

�von Strahlen tief in das Erdinnere "blicken" und nach einem guten
Dutzend Mineralien suchen. Die Meßdaten solcher Geräte haben zur
Auffindung reicher Erdölvorkommen in Wüstengebieten geführt, obwohl
Lagerstätten wertvoller Mineralien nach Auffassung älterer Geologen,
die diese Wüsten einst auf Kamelrücken durchstreift hatten, dort
nicht zu erwarten waren.
Was die Nutzung des vorhandenen Menschenpotentials angeht,
liegen die Dinge leider viel komplizierter. In bezug auf Erziehung
und Bildung wurde in den Entwicklungsländern in der Vergangenheit
viel versäumt. In sämtlichen Ländern mit niedrigem Personaleinkommen
sind Verwaltungskräfte, Techniker, Angehörige der freien Berufe,
Lehrer, Wirtschaftler und Facharbeiter äußerst knapp - gerade jene
Leute, die für eine tatkräftige Erschließung des vorhandenen natürlichen Reichtums unerläßlich sind.
Unsere Erfahrungen zeigen deutlich, daß die Menschen jener Gebiete durchaus zu guten Verwaltungsfachleuten, Technikern, Facharbeitern und Bauern erzogen werden können. Und sie sind auch durchaus
lernbegierig. Die zu bewältigende Erziehungsaufgabe ist gewaltig:
Von der Gesamtbevölkerung der 100 den Vereinten Nationen angeschlossenen unterentwickelten Länder und Territorien von insgesamt 1,3 Milliarden sind rund 750 Millionen im schulpflichtigen Alter und darüber
hinaus des Schreibens und Lesens unkundig.
Aber die Beseitigung des Analphabetentums reicht längst nicht aus.
Millionen Jungen und Mädchen müssen eine Berufsschulung bzw. eine
höhere Schulbildung erhalten. Und schließlich gilt es, als eine der
wichtigsten Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung,
eine möglichst große Zahl von Facharbeitern heranzubilden.
Nach vorsichtigen Schätzungen müssen in diesen Ländern und
Territorien eine Million Führungskräfte für den Staatsdienst, die
akademischen Berufe, die Wirtschaft und den Handel geschult werden
und eine noch größere Zahl von Technikern, Ingenieuren, medizinischtechnischen Kräften und Pädagogen für die öffentliche Verwaltung
und die Wirtschaft.
Was das im Hinblick auf die Angleichung der Entwicklungsländer
an das Erziehungs- und Bildungsniveau der hochindustrialisierten
Staaten bedeutet, hat Professor F. H. Harbison von der Universität
Princeton in einer kürzlich veröffentlichten Studie über Möglichkeiten
zur Nutzung des Arbeitspotentials für die wirtschaftliche Entwicklung
herausgestellt. Er führt den Nachweis, daß in den unterentwickelten
Gebieten in Afrika noch nicht einmal einer von 1000 Einwohnern eine
12jährige Schulung durchgemacht hat und somit der Kategorie der hochqualifizierten Kräfte zuzurechnen ist.
Die Vereinten Nationen und eine ganze Reihe von Staaten haben
ihre Hilfe verstärkt, um mehr für die Erziehung der Bevölkerung in
den Entwicklungsländern tun zu können. Es bedarf aber einer Anstrengung, die weit über das Maß hinausgeht, das man bisher für ausreichend
hielt. Es darf auch keine Zeit mehr verloren werden, bevor diese gewaltige Aufgabe mit entsprechender Tatkraft in Angriff genommen wird,
denn nur auf der Grundlage einer besseren Erziehung und Ausbildung
können diese Länder zu einem rascheren Wirtschaftswachstum gelangen.
*

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�Joseph A. Harary, Mitarbeiter des US-Außenministeriums:
Die Schulungsarbeit amerikanischer Unternehmen im Ausland
Wenn die Entwicklungsländer heute Ausschau nach ausländischem
Investitionskapital als einem der wichtigsten Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung halten, so denken sie dabei zumeist nur an die
mittelbaren Auswirkungen einer solchen Finanzhilfe und des gewöhnlich
damit verbundenen "Imports" von Management-Kräften und Technikern.
Wie sehr und wieviel ausländische und gemischte Kapitalgesellschaften zur Heranbildung eines Stammes von tüchtigen Facharbeitern
beitragen können und vielfach auch schon beigetragen haben, wird selten richtig gewürdigt.
Nach dem zweiten Weltkrieg hat das ausländische Privatkapital in
zunehmendem Maße aus dem Bewußtsein einer bestehenden Interessengemeinschaft mit dem Gastland heraus gehandelt. Das gemeinsame Interesse
an der Heranbildung von einheimischen Facharbeitern und Verwaltungskräften stand bei Erwägungen dieser Art ebenso im Vordergrund wie
der Wunsch der ausländischen Stammhäuser, die Verantwortung für ihre
Tochtergesellschaften in ständig steigendem Maße an ortsansässige Mitarbeiter zu übertragen, die mit den Verhältnissen des Gastlandes bestens vertraut sind.
Der wichtige Beitrag, den ausländische Gesellschaften bei der
Schulung und Fortbildung von Fachkräften in den "mittleren" Berufen
und selbst von Spitzenkräften leisten können, die für den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt in den Entwicklungsländern so dringend
benötigt werden, findet in jüngerer Zeit immer stärkere Beachtung.
Um eine Vorstellung von der Bedeutung dieser Erziehungsarbeit
von Firmen mit Filialen im Ausland zu gewinnen, wurde das AuslandsSchulungsprogramm
von zwölf bedeutenden amerikanischen Unternehmen
aus zwölf verschiedenen Branchen einer kritischen Überprüfung unterzogen. Es handelte sich um Firmen mit ausländischen Zweigbetrieben,
die jeweils einige tausend oder viele tausend Mitarbeiter beschäftigen. Bei aller Verschiedenheit haben diese Firmen doch vieles
gemeinsam:
Sämtliche Unternehmen sind in mehreren Ländern, darunter auch
Entwicklungsländer, tätig; rekrutieren ihre Mitarbeiter, wenn irgend
möglich, auf dem lokalen Arbeitsmarkt; besetzen höhere Positionen, wo
möglich, aus den Reihen der bisherigen Mitarbeiter; suchen die Zahl
der Mitarbeiter mit einer anderen als der Nationalität des Gastlandes
auf das absolut nötige Minimum zu beschränken; wenden viel Zeit und
Geld für die innerbetriebliche Schulung und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter und verschiedentlich sogar von deren Familienangehörigen auf;
und können auf ein langjähriges erfolgreiches diesbezügliches Wirken
zurückblicken, das dem wirtschaftlichen und sozialen Leben im engeren
und weiteren Bereich der Standorte ihrer Zweigbetriebe entscheidende
Impulse gegeben hat.

-

10

-

�Die zwölf Firmen beschäftigten zusammengenommen in ihren Auslandsbetrieben 575 OOO Arbeiter und Angestellte, von denen nur 5200
oder weniger als 1 Prozent Amerikaner oder Staatsangehörige eines
anderen als des Gastlandes sind. Bezeichnenderweise steht einem
starken Anstieg der Zahl der Ortskräfte in der Zeit nach dem zweiten
Weltkrieg ein bemerkenswerter Rückgang der amerikanischen und sonstigen ausländischen Mitarbeiter gegenüber, wurden deren Funktionen doch
zunehmend auf inzwischen ausgebildete einheimische Kräfte übertragen.
Eine der Firmen beschäftigt im Ausland über 100 000 Ortskräfte
und lediglich 900 Amerikaner; bei einer anderen Firma lauten die
Vergleichszahlen 33 000 und 250. Eine dritte Gesellschaft mit 135 000
Ortskräften beschäftigt lediglich 2200 Amerikaner und andere Ausländer;
bei einer ihrer Töchter entfällt auf 1000 ortsansässige Beschäftigte
gar nur ein Amerikaner. Das sind nur einige wenige Beispiele.
Tausende nicht-amerikanische Angestellte und ehemalige Arbeiter
sind in diesen ausländischen Zweigbetrieben in Aufsichts- und Führungspositionen aufgestiegen - einige sogar bis in den Vorstand. Sie haben
fast alle "von der Pike auf" gedient und sind von Stufe zu Stufe geklettert; sie bekamen immer mehr Verantwortung übertragen, je mehr
ihre Fähigkeiten gewachsen waren.
*
Die Tatsache, daß Tausende von Amerikanern im Laufe der Zeit durch
Ortskräfte ersetzt werden konnten, ist ein deutlicher Beweis für die
Wirksamkeit der Schulungsarbeit. Die zwölf Gesellschaften lassen sich
in ihrer Schulungsarbeit deshalb auch generell von den Betriebs- und
Branchenerfordernissen leiten. Die Schulung selbst reicht von der
Einweisung von Neulingen durch die unmittelbaren Vorgesetzten über
den Gruppenunterricht bis zu der Vergabe von Stipendien und der Finanzierung der Teilnahme an internationalen Fachtagungen. Die hierfür
jährlich ausgeworfenen Summen gehen in die Millionen.
Eine der Gesellschaften hat bisher 5000 ausländischen Ingenieuren
einen Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten ermöglicht; keiner
der Stipendiaten war Werksangehöriger und keiner wurde verpflichtet,
später für die betreffende Firma zu arbeiten.
Viele amerikanische Gesellschaften dehnen ihre Erziehungsarbeit
auf die Angehörigen ihrer Beschäftigten und selbst auf breitere Bevölkerungskreise aus, die überhaupt nichts mit der Firma zu tun haben.
Dies gilt sowohl für allgemeinbildende Kurse als auch für die berufliche und fachliche Schulung. Der Unterricht findet zum Teil in werkseigenen Schulungsräumen statt, zum Teil auch in den örtlichen Schulen,
die vielfach erhebliche Zuwendungen seitens der Firmen erhalten. Nicht
selten werden ursprünglich von den Werken eingerichtete Schulen und
Kurse später von der örtlichen Verwaltung übernommen und der Allgemeinheit zugänglich gemacht.
In Venezuela richtete beispielsweise eine amerikanische Firma
an mehreren Plätzen Berufsschulen ein, die später dem venezolanischen
Staat kostenlos übereignet wurden. Die Firma veranstaltete des weiteren betriebswirtschaftliche Kurse, die nach zweijährigem Bestehen

-

11

-

�Bestehen von der Universität Caracas übernommen und weitergeführt
wurden. Einige andere amerikanische Firmen in Brasilien stellen
Studenten, die von den Universitäten ausgewählt und vorgeschlagen
werden, regelmäßig Praktikantenstellen zur Verfügung.
Alle diese Beispiele beweisen, in welch hohem Maße ausländische
Gesellschaften zur Nachwuchsförderung gerade in den Entwicklungsländern beitragen können. Sie geben intelligenten und entwicklungsfähigen Kräften viele Aufstiegschancen. Das gilt vor allem für die
Berufe, bei denen der Arbeitskräftemangel am meisten fühlbar ist.
Der Trend weist eindeutig in die Richtung einer Verstärkung dieser
Anstrengungen seitens der Unternehmen, gehen sie doch von der Erkenntnis aus, daß jeder Fortschritt des Gastlandes auch ihnen selbst
zugute kommen wird.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Durchschnittliche Lohnerhöhungen nur drei Prozent im Vor.jahr
Die im Rahmen von Großtarifverträgen (mehr als 1000 Arbeitnehmer)
im vergangenen Jahr ausgehandelten Lohnerhöhungen für industrielle
Arbeitnehmer beliefen sich nach Angaben des US-Amtes für Arbeitsstatistik im Durchschnitt auf 3 Prozent. Rund 4/5 der insgesamt 3»75
Millionen Arbeitnehmer, für die neue Tarifverträge abgeschlossen wurden, erhielten dabei eine Lohnaufbesserung von 3»4 Prozent.
Im Vergleich zu 19&amp;1 liegt dieser Durchschnittswert zwar etwas
höher; dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß seinerzeit der
allgemeine Durchschnittssatz für Lohnerhöhungen sehr stark durch die
Tarifverträge der Automobilindustrie beeinflußt wurde, die - zugunsten
höherer Lohnnebenleistungen - nur geringe Aufbesserungen der Stundenlöhne für die Arbeitnehmer brachten.
Für weitere 4,1 Millionen durch Großtarifverträge erfaßte Arbeitnehmer wurden 1962 keine neuen Lohnabkommen abgeschlossen. Jedoch erhielten 2,75 Millionen von ihnen, das sind 65 Prozent, Lohnerhöhungen auf Grund der in den Vorjahren abgeschlossenen Verträge.
Zu den restlichen industriellen Arbeitnehmern, die 1962 keine Lohnerhöhung erhielten, gehören auch die des Bergbaus und der Bekleidungsindustrie, die auf Grund der in den Vorjahren abgeschlossenen langfristigen Tarifverträge 1962 in neue Lohnverhandlungen hätten eintreten können, aber von dieser Option keinen Gebrauch machten.
Zu denjenigen GroßtarifVerhandlungen, die bis zum Jahresende
nicht abgeschlossen werden konnten und deren Ergebnisse dementsprechend auch nicht in die Lohnstatistik für 1962 aufgenommen wurden,
zählen vor allem die für die Hafenarbeiter der Ostküste, die Angestellten der New Yorker Zeitungen und die Eisenbahner.
*
-

12

(Quelle: Eigenbericht)
-

�Einzelhandelsgewerkschaft will Automationsstudie durchführen
Der Exekutivausschuß der amerikanischen Einzelhandelsgewerkschaft
(Retail Clerks International Association) hat nach Abschluß seiner
letzten Tagung in Bai Harbour (Florida) die Arbeitgeber des Einzelhandels aufgefordert, sich an der Durchführung einer umfassenden
Analyse über die Auswirkungen der Automatisierung in diesem bedeutenden Wirtschaftszweig und über die Möglichkeiten zur Sicherung
der Arbeitsplätze dieses Beschäftigtenkreises finanziell (50:50) zu
beteiligen.
Der 1. Vorsitzende der Gewerkschaft, James A. Suffridge, appelierte in diesem Zusammenhang mit großer Eindringlichkeit an "alle Segmente
des Einzelhandels", diese gewerkschaftlichen Bemühungen zu unterstützen,
damit sämtliche Probleme, die die Automation für den Einzelhandel mit
sich bringe, erforscht und geklärt werden könnten. Bisher habe sich die
Automatisierung noch nicht in vollem Umfange im Einzelhandel ausgewirkt, wenngleich man schon gewisse Auswirkungen auf Grund der Einführung zahlreicher technischer Neuerungen während der letzten Jahre
verspürt habe. So seien z.B. zahlreiche kleine Einzelhandelsgeschäfte
inzwischen von der Bildfläche verschwunden, während die Kettenläden,
Diskontläden und selbst die Warenhäuser in jüngster Zeit ihre Rationalisierungsbemühungen beträchtlich verstärkten. Zwar habe sich dieser
Mechanisierungstrend bisher in erster Linie auf die Bereiche der Lagerhaltung und Lagerkontrolle, der Verpackung und einige andere Tätigkeiten erstreckt, aber mit einer ähnlich starken Autoraationswelle wie
in der Fertigungsindustrie sei auch im Einzelhandel in naher Zukunft
zu rechnen.
Dies seien die Gründe gewesen, die die Gewerkschaft veranlaßt
hätten, sich weitaus stärker als bisher um die Sicherung der Arbeitsplätze und Erhaltung der Beschäftigungsmöglichkeiten für ihre Mitglieder zu bemühen.
*
Arbeiter den Angestellten gleichgestellt
Der erste Kollektivvertrag der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft (UAW),der eine vollkommene tarifpolitisehe Gleichstellung
der Produktionsarbeiter mit den Angestellten zum Inhalt hat, ist kürzlich zwischen dem Ortsverein 55 der UAW und den "Sabo Machine and
Tool Works" in Buffalo abgeschlossen worden.
Wenn auch diese bedeutsame tarifvertragliche Vereinbarung mit
einem verhältnismäßig kleinen Unternehmen abgeschlossen wurde, so dürfte
sie doch für die künftige Lohnpolitik der Automobilarbeitergewerkschaft
von großer Bedeutung sein und auf die Vertragsverhandlungen - zumindest
bei Mittel- und Kleinbetrieben - in Zukunft großen Einfluß haben.
Der neue Dreijahresvertrag, der für die Produktionsarbeiter eine
Abkehr von dem bisherigen Lohnzahlungssystem (Wochenlohn) bringt und
ihnen all jene arbeitsrechtlichen Vergünstigungen einräumt, die bisher
nur den Angestellten vorbehalten waren, sieht für die Arbeiter - je

-

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�je nach Qualifikation und Arbeitsplatz - Jahresgehälter zwischen
5510 und 648O Dollar sowie Gehaltsaufbesserungen während der beiden
nächsten Jahre von jeweils 180 Dollar vor. Außerdem wurde die durchschnittliche Arbeitswoche von bisher 40 a uf 37»5 Stunden (5 Arbeitstage zu je 7 1/2 Stunden) herabgesetzt. Überstunden werden künftig
mit 150 Prozent des Normalsatzes vergütet, Samstags- und Sonntagsarbeit mit 200 und Peiertagsarbeit mit 300 Prozent.
Eine sehr wesentliche Verbesserung stellt auch die Regelung der
Feierschichtenvergütung sowie die Bezahlung von Krankheitsurlaub dar.
Während bei Feierschichten oder vorübergehender Entlassung das Gehalt
dem Arbeitnehmer (1 Monatsgehalt pro Dienstjahr) für eine bestimmte
Zeit weitergezahlt wird, erhält er bei Erkrankung seine Bezüge für
drei Monate und - wenn der Arzt ein längeres Aussetzen für erforderlich hält - noch darüber hinaus. Auch wenn der Arbeitnehmer gezwungen
ist, sich "aus wichtigen persönlichen Gründen" frei zu nehmen, kann
er für die Dauer von drei Monaten künftig sein volles Gehalt weiterbeziehen .
Zu den weiteren Verbesserungen, die die "Local 55" für ihre Mitglieder und sich selbst aushandeln konnte, gehören ein "Union Shop"Abkommen, Abzug der Gewerkschaftsbeiträge vom Gehalt; Gewährung eines
Lebenshaltungskostenausgleichs auf Grund der sogenannten "escalator
clause" (Lohngleitklausel), Bezahlung der Lebens- und Krankenversicherungsprämien durch den Unternehmer, Gewährung von sieben bezahlten
Feiertagen pro Jahr sowie bezahlter Urlaub bis zu vier Wochen (nach
20jähriger Dienstzeit).
(Quelle: Eigenbericht)

Bauarbeiterlöhne nur geringfügjg gestiegen
Die durchschnittlichen Stundenlöhne im amerikanischen Baugewerbe
sind im letzten Quartal 1962 nur um 0,4 Prozent oder 1,4 Cent angestiegen, wie aus der jüngsten - in 100 Städten und in sieben verschiedenen Bauberufen durchgeführten - Lohnanalyse des US-Arbeitsministeriums
hervorgeht.
Nach den vorliegenden Ergebnissen betrug der im Baugewerbe gezahlte durchschnittliche Stundenlohn am Ende des vergangenen Jahres
3,98 Dollar. Die stärksten Lohngewinne verzeichneten im Erhebungszeitraum (Oktober-Dezember) die Elektriker (4&gt;9 Cent), gefolgt von
den Maurern und Klempnern mit 1,8 bzw. 1,6 Cent, während alle anderen
Bauberufe - Maler, Verputzer, Zimmerleute, Bauhilfsarbeiter - Lohnanhebungen von weniger als 1 Cent registrierten.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

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�je nach Qualifikation und Arbeitsplatz - Jahresgehälter zwischen
5510 und 648O Dollar sowie Gehaltsaufbesserungen während der beiden
nächsten Jahre von jeweils 180 Dollar vor. Außerdem wurde die durchschnittliche Arbeitswoche von bisher 40 auf 37»5 Stunden (5 Arbeitstage zu je 7 1/2 Stunden) herabgesetzt. Überstunden werden künftig
mit 150 Prozent des Normalsatzes vergütet, Samstags- und Sonntagsarbeit mit 200 und Feiertagsarbeit mit 300 Prozent.
Eine sehr wesentliche Verbesserung stellt auch die Regelung der
Feierschichtenvergütung sowie die Bezahlung von Krankheitsurlaub dar.
Während bei Feierschichten oder vorübergehender Entlassung das Gehalt
dem Arbeitnehmer (1 Monatsgehalt pro Dienstjähr) für eine bestimmte
Zeit weitergezahlt wird, erhält er bei Erkrankung seine Bezüge für
drei Monate und - wenn der Arzt ein längeres Aussetzen für erforderlich hält - noch darüber hinaus. Auch wenn der Arbeitnehmer gezwungen
ist, sich "aus wichtigen persönlichen Gründen" frei zu nehmen, kann
er für die Dauer von drei Monaten künftig sein volles Gehalt weiterbeziehen .
Zu den weiteren Verbesserungen, die die "Local 55" für ihre Mitglieder und sich selbst aushandeln konnte, gehören ein "Union Shop"Abkommen, Abzug der Gewerkschaftsbeiträge vom Gehalt; Gewährung eines
Lebenshaltungskostenausgleichs auf Grund der sogenannten "escalator
clause" (Lohngleitklausel), Bezahlung der Lebens- und Krankenversicherungsprämien durch den Unternehmer, Gewährung von sieben bezahlten
Feiertagen pro Jahr sowie bezahlter Urlaub bis zu vier Wochen (nach
20jähriger Dienstzeit).
(Quelle: Eigenbericht)

Bauarbeiterlöhne nur geringfügig gestiegen
Die durchschnittlichen Stundenlöhne im amerikanischen Baugewerbe
sind im letzten Quartal 1962 nur um 0,4 Prozent oder 1,4 Cent angestiegen, wie aus der jüngsten - in 100 Städten und in sieben verschiedenen Bauberufen durchgeführten - Lohnanalyse des US-Arbeitsministeriums
hervorgeht.
Nach den vorliegenden Ergebnissen betrug der im Baugewerbe gezahlte durchschnittliche Stundenlohn am Ende des vergangenen Jahres
3,98 Dollar. Die stärksten Lohngewinne verzeichneten im Erhebungszeitraum (Oktober-Dezember) die Elektriker (4&gt;9 Cent), gefolgt von
den Maurern und Klempnern mit 1,8 bzw. 1,6 Cent, während alle anderen
Bauberufe - Maler, Verputzer, Zimmerleute, Bauhilfsarbeiter - Lohnanhebungen von weniger als 1 Cent registrierten.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

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14

-

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USJS-Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 5

Bad Godesberg, den 1 . Mai

TW5

INHALTSVERZEICHNIS

Erziehung und Schulung in einem Entwicklungszeitalter (ü)

Seite

1

Aktuelle Arbeitsraarktprobleme

Seite

6

Mehr Frauen im höheren Regierungsdienst

Seite

9

Filmore LaDeaux - ein Arbeitnehmerporträt

Seite 11

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 13

Erziehung und Schulung in einem Entwicklungszeitalter

Zweiter Teil unserer Artikelreihe zu
Fragen der Heranbildung von Arbeitskräften für die Welt von morgen. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht die sich
bereits heute abzeichnende wachsende
Nachfrage nach "Kopfarbeitern" mit besonderen Fachkenntnissen und höherer
Bildung.

M. J. Rathbone, Präsident der Standard Oil Company of New Jersey:
Erfahrungen einer amerikanischen Ölgesellschaft mit ihren
Schulungsprogrammen im Ausland
Die Entwicklungsländer sehen sich, meiner Meinung nach, vier
grundlegenden Erfordernissen gegenüber:
Erstens benötigen sie Kapital, um Industrien aufzubauen, die
Landwirtschaft zu modernisieren und die notwendigen Versorgungseinrichtungen und Verkehrsanlagen zu erstellen.
Zweitens müssen sie ihren Bürgern eine bessere Erziehung und
Schulung angedeihen lassen, damit sie sich den Umweltbedingungen einer
modernen Industriegesellschaft anzupassen lernen.
_ .,
°
*
Drittens

�Drittens brauchen ihre Bürger den psychologischen Arbeitsanreiz,
den leistungsgerechte Gewinne oder Löhne darstellen, wie sie eine freie
Wettbewerbswirtschaft am ehesten zu bieten vermag.
Viertens gilt es, stabile politische Verhältnisse zu schaffen.
Es ist nicht zuletzt auch Aufgabe der Entwicklungsländer selbst,
diese Vorbedingungen für ihren weiteren Aufstieg zu erfüllen. Die
hochindustrialisierten Staaten aber sollten ihnen jede nur mögliche
Hilfestellung hierbei leisten. Das ist das Gebot der Stunde für unsere
demokratischen Institutionen: den Staat, das Erziehungswesen und die
Wirtschaft.
Der Staat hat dafür zu sorgen, daß jeder seiner Bürger eine angemessene Allgemeinbildung erhält. Er ist aber oftmals nicht in der Lage,
Ausbildungsmöglichkeiten gerade in jenen Fächern und Berufen bereitzustellen, die für das Funktionieren eine Industriegesellschaft am wichtigsten sind. Und gerade auf diesem Gebiet kann die private Wirtschaft
einen Beitrag leisten, der allen zugute kommen wird.
Ich darf aus eigener Erfahrung berichten, daß international tätige
Großfirmen wie die Standard Oi1 viel Mühe auf die Schulung und Weiterbildung von Menschen in allen Teilen der Welt verwenden. Es gehört mit
zu den Grundprinzipien sämtlicher unserer im Ausland tätigen Tochtergesellschaften, allen Betriebsangehörigen die Chance zur Erlernung neuer
und höherer Fertigkeiten und zur Mehrung ihres Wissens zu bieten.
Die meisten unserer Mitarbeiter haben früher oder später einmal
an einem oder mehreren allgemeinbildenden Lehrgängen oder an praktischen Schulungskursen im Betrieb teilgenommen. Diese Programme reichen
von Lehrgängen im Schweißen bis zur Unterweisung im Labor, im Raffineriebetrieb und in Verwaltungsfragen.
Wir stützen uns bei diesen Schulungsprogrammen weitgehend auf
amerikanische Fachkräfte, die wir in das betreffende Land entsenden.
Die meisten dieser "Erzieher" - und ich meine Erzieher in des Wortes
wahrster Bedeutung - kehren in ihre Heimat zurück, sobald sie Ersatzkräfte herangebildet haben, die ihre Aufgabe übernehmen können, Wir und
andere Betriebe haben gewissermaßen seit Jahren schon unser eigenes
"Friedenskorps" im Einsatz.
Damit niemand glaubt, irgendein Land sei so weit fortgeschritten,
daß es nicht noch vom Fachwissen anderer lernen kann, möchte ich auf
die vielen Lehr- und Ausbildungsstätten verweisen, die ausländische
Firmen hier in den Vereinigten Staaten zur Weiterbildung ihrer amerikanischen Mitarbeiter eingerichtet haben. Dieses Einfließen von Kenntnissen aus dem Ausland ist nur dazu angetan, uns zu lehren, wie wir
selbst es noch besser machen könnten.
Die Standard Oil unterhält ihrerseits z,wei Ausbildungsstätten
im Ausland, an denen Ingenieure und Fachkräfte für Management-, Buchhaltungs- und Verkaufsaufgaben geschult werden. Die eine befindet sich
in Abington (England), die andere in Cali (Kolumbien). Während der
letzten fünf Jahre haben 2000 Mitarbeiter an den Lehrgängen dieser
Institute teilgenommen.
Derartige
2

�Derartige Schulungsprogramrae sind nach unserer Auffassung von
größter Wichtigkeit, weil sie den Wissensstand unserer Mitarbeiter
h&gt;eben. Und ich bin sicher, daß die Kursteilnehmer mit neuem Wissen
und einem erweiterten geistigen Horizont in ihre Gemeinschaften zurückkehren und mehr als zuvor zur Förderung des Gemeinwohls beitragen
werden.
Die Schulung der Führungskräfte in Managementfragen erfolgt auf
Universitäten. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde über 500
ausländischen Mitarbeitern unserer Firma eine Fortführung und Vervollständigung ihres wirtschaftswissenschaftlichen Studiums an amerikanischen und auch ausländischen Universitäten ermöglicht. Eine unserer Tochtergesellschaften litt so stark unter dem Mangel an Führungskräften, daß wir in Zusammenarbeit und mit Unterstützung der Northwestern University in Chicago ein eigenes Institut in jenem Lande einrichteten und dort nicht nur Betriebsangehörige»sondern auch andere
Interessenten in Fortbildungskursen schulen ließen.
Der Erfolg unserer Schulungsarbeit läßt sich an der Zusammensetzung der Vorstände der 20 wichtigsten unserer Auslandstöchter ablesen. Bei elf dieser Unternehmen hat der Generaldirektor die Staatsangehörigkeit des Gastlandes; und von den insgesamt 116 Direktoren
sind 79» oder fast 60 Prozent, Nicht-Amerikaner. In den Führungspositionen der nächstniedrigeren Stufe ist der Anteil der Ortskräfte
noch weit höher und reicht in manchen Fällen fast an 100 Prozent heran.
Natürlich haben nicht nur die amerikanischen Ölgesellschaften,
sondern auch Unternehmen aus zahlreichen anderen Wirtschaftszweigen
umfassende Auslandsschulungsprogramme eingerichtet. Sie haben wie wir
die Erfahrung machen müssen, daß die Entwicklung der wirtschaftlichen
Hilfsquellen und die Heranbildung von fähigen Arbeitskräften ein langwieriger und mit zahlreichen schweren Problemen verbundener Prozeß ist.
Ein solches Problem ist das "Abspringen" von ausländischen Firmenangehörigen. Es kommt ziemlich häufig vor, daß sich von uns geschulte
Kräfte, nachdem sie es zu etwas gebracht haben, einen neuen Arbeitsplatz bei einer anderen Firma oder im Staatsdienst suchen - sehr zum
Kummer der Betriebsleitungen unserer Tochtergesellschaften. Von höherer
Warte betrachtet, ist der Verlust aber nicht so schlimm, denn alles, was
die Entwicklung der Gesamtwirtschaft des Gastlandes fördert, wirkt
sich indirekt auch für uns wieder günstig aus.
Die Wirtschaft vermag auf internationaler Ebene noch manches zu
tun, um die Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus in vielen Gebieten
der Erde zu beschleunigen. Sie kann vor allem die qualitativen Anforderungen in der bereits laufenden Schulungsarbeit in vielen Fällen noch
höher schrauben. So viel die Industrie auch bereits auf dem Gebiet der
Schulung und Bildung weiter Bevölkerungsteile geleistet hat, gibt es
doch auch viele Beispiele eines glatten Versagens ausländischer Gesellschaften vor dieser Aufgabe. Hier sei nur die oftmals unsinnige
Verzögerung bei der Vorbereitung von Ortskräften auf Positionen herausgestellt, für die sie - nach entsprechender Schulung und Einarbeitung durchaus qualifiziert sind. Wir Amerikaner jedenfalls sind der Auffassung, daß wir im Falle einer Entsendung ins Ausland kaum etwas
Nützlicheres tun können, als nach Kräften zur Ausbildung unseres Nachfolgers auf unserem Platz beizutragen.
*

- 3-

�Ernst W. Leonhard:
Bewährte Institutionen zur Schulung landwirtschaftlicher Kräfte in
einem Entwicklungszeitalter
Zwischen dem derzeitigen Entwicklungszeitalter, das für viele
Völker Asiens und Afrikas angebrochen ist oder bald anbrechen wird,
und der Pionierzeit des vergangenen Jahrhunderts in den Vereinigten
Staaten besteht manche eindeutige Parallele. Für die Landwirtschaft
beispielsweise ist die Ausgangsbasis so ziemlich die gleiche. Es fehlt
weder an ertragsfähigem Boden noch an den Menschen, die ihn bestellen
könnten - es fehlen aber gewisse "technische" Voraussetzungen wie Geld,
Maschinen, eine straffe Organisation und, last not least, das notwendige
Fachwissen.
Gerade letzteres Problem hat Amerika beispielgebend zu lösen
verstanden, ernährt doch heute jeder amerikanische Farmer sich und
27 Menschen im In- und Ausland. Er verdankt dies neben seiner Ausrüstung, seinem Fleiß auch seinem Kopf - seinem Fachwissen.
Die Bauern und Handwerker, die vor einem runden Jahrhundert mit
ihren, Familien, dem Zuge nach dem Westen folgend, in das Gebiet der
Great Plains, der Großen Ebenen, in den nördlichen Zentralstaaten kamen und dort neue Farmen und neue Betriebe gründeten, erkannten sehr
rasch, wie wichtig eine gründliche schulische Ausbildung für ihre
Söhne und Töchter gerade am Rande der Wildnis war. Sie verlangten nach
Schulen und Hochschulen, die in erster Linie auf die praktischen Erfordernisse des Lebens zugeschnitten waren. Sie durften nicht viel
kosten und sollten Unterricht und Forschung auf die Notwendigkeit
ausrichten, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, die allgemeinen Lebensbedingungen auf dem Lande zu verbessern und für die aufstrebende Industrie des jungen Landes tüchtigen Nachwuchs heranzubilden.
Der Kongreß hatte Verständnis für diese Wünsche und erließ deshalb im Jahre 1862 das Morrill-Gesetz, das die Errichtung von mindestens einer agrarwissenschaftlich-technischen Hochschule in jedem Bundesstaat verfügte. Die Finanzierung dieser Hochschulen wurde durch die
Übereignung von Bundesland an die Einzelstaaten zum Zwecke des Verkaufs
an meistbietende Interessenten gesichert, weshalb die auf Grund des
Morrill-Gesetzes geschaffenen Institute noch heute die Bezeichnung
Land-Grant College, "Landdotationshochschule", führen. Das System
der Dotations-Colleges umfaßt gegenwärtig 71 Anstalten, die 1962
ein Fünftel der gesamten amerikanischen Studentenschaft auf sich vereinigten, und auf die 40 Prozent sämtlicher in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten verliehenen Doktorgrade entfielen.
Jede dieser Anstalten ist auf die Bedürfnisse des Bundesstaates
zugeschnitten, in dem sie liegt. Ein typisches Beispiel ist die naturwissenschaftlich-technische Staatsuniversität von Iowa in Arnes,
die als erste in die Rechte und Pflichten einer Hochschule im Sinne
des Morrill-Gesetzes eintrat. Heute zählt sie 10 000 Studenten; statt
je eines Kurses in "Landwirtschaft" und "Maschinenbau" bietet sie Vorlesungen in 80 Haupt- und Nebenfächern auf den Gebieten der Landwirtschaft, der Technik, der Hauswirtschaft, der Natur- und Geisteswissenschaften und der Veterinärmedizin.
T&gt;„IJ

�Bald zeigte sich, daß die Hochschulen, eine so segensreiche Tätigkeit sie auch entfalteten, allein nicht ausreichten, um genügend
Wissen ins Volk zu tragen. Da es sich als unmöglich erwies, Bauern
und Farmer in genügend großer Zahl in die Hörsäle zu holen, entschlossen sich einige der Colleges, die erarbeiteten neuen agrarwissenschaftlichen Erkenntnisse unmittelbar unter der Landbevölkerung zu verbreiten - unter den Menschen, die sie am ehesten und wirksamsten in die
Praxis umsetzen konnten. Schon 1870 hat beispielsweise der Präsident
der Iowa State University einen Fünftagekurs für Farmer in einer
Kreisstadt abgehalten.
Aus diesen Anfängen entwickelte sich im Lauf der Jahre, zuerst
auf lokaler und später auf einzelstaatlicher Ebene, ein ständiger
Kontakt zwischen Hochschule und Landvolk. Die Ausdehnung dieser Aufklärungsarbeit auf dem Lande auf das gesamte Bundesgebiet brachte die
Schaffung des sogenannten Landwirtschaftlichen Beratungsdienstes, des
Agricultural Extension Service, durch das 1914 erlassene Smith-LeverGesetz. Der Beratungsdienst, der sich vor allem auf die DotationsColleges stützt, wurde dem US-Landwirtschaftsministerium unterstellt
und entsendet heute in jeden Kreis einen oder mehrere Berater, sogenannte "Kreisagenten". Sie organisieren land- und hauswirtschaftliche
Lehrgänge für die Landbevölkerung, unterweisen die Farmer in neuen
Anbaumethoden, klären sie über die landwirtschaftsfordernden Maßnahmen
der Regierung und die Marktaussichten für ihre Erzeugnisse auf. Die
Kreisagenten organisieren auch Großaktionen wie zum Beispiel die Aufforstung kahlgeschlagener Gebiete. Nicht selten bestreiten sie auch
den Landwirtschaftsfunk im Regionalprogramm des Lokalsenders und versorgen die Presse mit wichtigen Informationen aus dem Bereich der
Landwirtschaft.
Die Landwirtschafts-Colleges wiederum tun alle s, um die Arbeit
der rund 6 300 Kreisagenten zu fördern. Sie stellen Lehrkräfte für spezielle Kurse zur Verfügung und betreiben Musterfaraon und Versuchsanstalten in den Hauptanbaugebieten.
Das letzte Glied schließlich in der Kette der landwirtschaftlichen
Schulung sind die Farmjugend-Gruppen, die sogenannten 4 H-Clubs, deren
vier "H" die Anfangsbuchstaben der englischen Worte für Kopf, Herz, Hand
und Gesundheit symbolisieren. In rund 94 000 Ortsvereinen wetteifern
über 2,3 Millionen Jungen und Mädchen miteinander um Bundespreise
in Ackerbau und Viehzucht. So erlernen sie in einer Art sportlichem
Wettkampf in der täglichen Arbeit auf dem Hof und auf den Feldern modernste agrarwissenschaftliche Methoden. Die Aufsicht über die örtlichen
4 H-Clubs obliegt wiederum den Kreisagenten, die mithin ständig in
engstem Kontakt auch mit der Landjugend stehen.
Wie leistungsfähig dieses Erziehungssystem in der Praxis ist, läßt
sich wohl am besten an den hohen Erträgen der amerikanischen Landwirtschaft ablesen. Diese hohe Produktivität ist das Ergebnis der Verwendung
modernster Maschinen im Verein mit der Anwendung der neuesten Erkenntnisse der landwirtschaftlichen Forschung, wie sie von den Universitäten
und den landwirtschaftlichen Versuchsanstalten des Bundes und der Einzelstaaten betrieben wird.
Das

�Das amerikanische Beispiel dürfte gerade für die Entwicklungsländer, die weitgehend noch zu den Hungergebieten der Erde zählen,
sehr ermutigend sein, gilt es doch dort, möglichst rasch eine leistungsstarke Landwirtschaft aufzubauen. Sie erst kann das Brot schaffen, das der Arbeit Lohn auch in jenen Ländern werden soll.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * #

Aktuelle Arbeitsmarktprobleme
Gezielte Maßnahmen zur Lösung der Arbeitsmarktprobleme
Eine wesentliche Voraussetzung für ein kontinuierliches und kräftiges wirtschaftliches Wachstum ist ein leistungsfähiges, hochqualifiziertes und voll eingesetztes Arbeitspotential. Ist diese Grundbedingung in einer Volkswirtschaft nicht gegeben, so ist auch eine maximale
Hutzung der anderen wichtigen Hilfsquellen wie Kapital, Rohstoffe, Boden und Industriekapazität nicht möglich.
Die Einbeziehung brachliegender Arbeitsreserven in den wirtschaftlichen Prozeß ist gegenwärtig ein Problem, mit dem sich zahlreiche Länder auseinanderzusetzen haben. Auch die Vereinigten Staaten haben in
dieser Hinsicht gegen zahlreiche spezielle Schwierigkeiten anzukämpfen:
Rund 2 Millionen neue Arbeitsplätze müssen pro Jahr für Schulentlassene
und jene älteren Arbeitnehmer gefunden werden, die ihren Arbeitsplatz
auf Grund technologischer Veränderungen verloren haben; die wirtschaftliche Wachstumsrate muß so stark erhöht werden, daß die sich ständig
vergrößernde Zahl der Arbeitnehmer auch in Zukunft ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten vorfindet.
All diese Arbeitsmarkt- und Wachstumsprobleme werden auch in dem
jetzt veröffentlichten ersten Bericht Präsident Kennedys über die allgemeine Beschäftigungssituation in den USA angesprochen, der mehr als
nur ein statistisches Dokument darstellt. Bekanntlich ist ja die amerikanische Regierung auf Grund des "Manpower Training and Development Act
of 1962" verpflichtet, jährlich einen umfassenden Bericht über die
Arbeitsmarktsituation und die allgemeinen Probleme zu veröffentlichen
und Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie und in welcher Form jeder
Arbeitswillige produktiv in die Wirtschaft eingegliedert werden kann.
Die heutigen Arbeitsmarktprobleme, denen sich die USA gegenübersehen, sind in erster Linie die Folge der zahlreichen technologischen
und strukturellen Veränderungen, die sich nun schon seit rund zehn
Jahren in verstärktem Maße in der amerikanischen Wirtschaft vollziehen
und die - bei gleichzeitigem stetigen Anstieg der Gesamtbeschäftigten-

- 6 -

�Gesamtbeschäftigtenziffer - eine nicht unerhebliche Erwerbslosigkeit
brachten. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß die Zahl
der jährlich neu geschaffenen Arbeitsplätze seit 1957 nicht im gleichen Verhältnis wie die Arbeitnehmerzahl angestiegen ist. Die in den
vergangenen Jahren erzielten Produktionsgewinne resultierten nämlich
fast ausschließlich aus der höheren Produktivität und nicht aus dem
Einsatz von mehr Arbeitskräften.
Mit ständig steigendem Lebensstandard haben sich außerdem einige
sehr wesentliche Veränderungen in den Verbrauchergewohnheiten ergeben,
die u.a. in der Schwerpunktverlagerung von der Güterproduktion auf die
Dienstleistungszweige sichtbar zum Ausdruck kommen. Die sich in den
letzten Jahren immer schneller ausbreitende Automation hat schließlich zu einer stetigen Anhebung der Arbeitsplatzanforderungen in der
Gesamtwirtschaft geführt - eine Entwicklung, die auch darin ihren
Niederschlag findet, daß die größte Wachstumsrate jene Arbeitsplätze
aufzuweisen haben, die ein Hochschulstudium, Spezialwissen oder eine
besondere Fachausbildung voraussetzen, und daß die größte Arbeitslosigkeit unter den jungen Arbeitnehmern und bei solchen herrscht, die
entweder technisch inzwischen überholte Berufe ausübten, in rückläufigen Industriezweigen tätig gewesen sind oder keine Facharbeiterausbildung aufweisen.
Typisch für die Veränderungen, die inzwischen stattgefunden haben, ist übrigens auch die Tatsache, daß, obwohl die Erwerbslosenrate
gegenwärtig 6,1 Prozent beträgt, doch eine nicht unwesentliche Zahl
offener Arbeitsplätze für Arbeitnehmer mit Spezialausbildung und
höheren Qualifikationen vorhanden ist.
Das derzeitige Arbeitsmarktproblem besteht also in erster Linie
darin, das verfügbare Arbeitspotential den veränderten Gegebenheiten
in Industrie und Wirtschaft anzupassen und gleichzeitig die seit 1957
rückläufige wirtschaftliche Wachstumsrate wesentlich zu erhöhen. Dieses Ziel streben auch die von Präsident Kennedy in seinem Bericht gemachten Vorschläge an, die darauf abgestimmt sind, einmal die gesamtwirtschaftliche Aktivität (durch Senkung der Einkommensteuer) zu erhöhen und zum anderen die "strukturellen" Arbeitslosen im Rahmen von
Umschulungs- und Jugendförderungsprogrammen (Jugend-Aufbaukorps Nationaler Hilfsdienst) auf Zukunftsberufe umzuschulen.
Alle diese Maßnahmen sind als Ergänzung für die bereits angelaufenen Programme gedacht - wie etwa das Entwicklungsprogramm für die
wirtschaftlichen Notstandsgebiete mit hoher Arbeitslosigkeit oder
das vom Bund finanziell unterstützte Umschulungsprogramm für
technologische Arbeitslose, in dessen Rahmen bereits 40 000 Arbeitnehmer umgeschult werden.

(Quelle: Eigenbericht)

i

7 -

�Verbesserte Beschäftigungslage - aber Kernprobleme bleiben bestehen
Mit der Erhöhung der allgemeinen wirtschaftlichen Aktivität in
den vergangenen Wochen hat sich auch die Lage am amerikanischen Arbeitsmarkt wesentlich gebessert. Erfreulich ist dabei, daß die Auftriebsmomente in diesem Jahr stärker sind als sonst jahreszeitlich
üblich.
Dies gilt vor allem für die Beschäftigtenziffer, die zwischen
Februar und März um 790 000 auf 67,148 Millionen anstieg. Aber auch
die Erwerbslosenziffer, die von 4»918 auf 4&gt;501 Millionen zurückging,
entwickelte sich sehr günstig - desgleichen die Erwerbslosenrate, die
von 6,1 auf 5»6 Prozent absank und damit den stärksten Monatsrückgang
seit vier Jahren aufwies.
Aber auch die verschiedenen Trends, die gegenwärtig die Lage am
Arbeitsmarkt bestimmen, sind alles in allem sehr ermutigend. So ist
z.B. den Lageberichten des US-Arbeitsministeriums zu entnehmen, daß in
erster Linie Erwachsene in neue Arbeitsplätze vermittelt wurden, und
zwar hauptsächlich solche, die eine ganztägige Beschäftigung suchten;
daß die durchschnittliche Länge der Arbeitswoche weiter zugenommen hat
und die Zahl der Anträge auf Erwerbslosenunterstützung weiter rückläufig war.
Trotz dieser günstigen Entwicklung bleibt die Lage am Arbeitsmarkt
jedoch insofern weiterhin unbefriedigend, als eine Erwerbslosenrate
von 5»6 Prozent immer noch erheblich über dem Hundertsatz (4 Prozent)
liegt, den die Regierung Kennedy als wünschenswert und volkswirtschaftlich tragbar erachtet. Ob diese Rate allein mit konjunkturpolitischen Mitteln erreicht werden kann, ist sehr zweifelhaft, da der
Problemkern der Arbeitslosigkeit in den USA tiefer liegt.
Im Zuge der großen technischen Umwälzungen, die sich in den vergangenen Jahren in der amerikanischen Wirtschaft vollzogen haben, hat
sich nämlich nicht nur der Arbeitsmarkt, sondern auch die industrielle
Beschäftigungsstruktur ganz erheblich verändert. Während einerseits
die Nachfrage nach ungelernten Arbeitern stark zurückgegangen ist, hat
sich andererseits der Bedarf an höher qualifizierten Arbeitskräften
sprunghaft erhöht. Um das vorhandene Arbeitspotential voll in den Wirtschaftsprozeß eingliedern zu können, sind daher außer den wirtschaftspolitischen noch eine Reihe gezielter Maßnahmen auf dem Gehiet der
Erziehung, Ausbildung und Umschulung erforderlich.
Wie brennend dieses Problem der Anpassung des Arbeitspotentials
an die neuen Gegebenheiten inzwischen geworden ist, zeigt eine sehr
aufschlußreiche Analyse der "Chase Manhattan Bank" in New York über
die gegenwärtige Struktur der Erwerbslosigkeit in den Vereinigten
Staaten. Danach besteht die größte Arbeitslosigkeit heute in der Gruppe
der ungelernten nichtlandwirtschaftlichen Arbeitskräfte, während die
akademischen und technischen Fachberufe den geringsten Grad der Erwerbslosigkeit aufweisen.
Bei

8

-

�Bei einer Aufschlüsselung der derzeitigen Arbeitslosen nach
dem Lebensalter zeigt sich ferner, daß gerade die jüngeren Jahrgänge - und hier wieder insbesondere die Gruppe der noch nicht 20jährigen - am stärksten von der Erwerbslosigkeit betroffen sind und
daß der geringste Prozentsatz der Arbeitslosigkeit bei solchen
männlichen und weiblichen Arbeitnehmern zu verzeichnen ist, die in
der Blüte ihres Erwerbslebens stehen - also den 30-50jährigen.
Bezeichnend für den allgemeinen Beschäftigungstrend in den USA sind
auch die Feststellungen in der Analyse der Chase Manhattan Bank
über das Verhältnis zwischen Bildungsniveau und Arbeitslosigkeit.
Hier zeigt sich nämlich, daß der Anteil der Erwerbslosen mit Oberschul- und teilweiser College-Ausbildung an der Gesamtarbeitslosenzahl zwischen 1950 und 196O von 2,3 a u f 1»4 Prozent zurückgegangen
ist, während andererseits der Anteil bei den Volksschülern, die weniger als 12 Schuljahre aufzuweisen haben, beträchtlich zugenommen
hat.
Schon diese kurzen Beispiele dürften gezeigt haben, daß das Arbeitslosenproblem in den USA zu einem großen Teil auch ein Erziehungsund Ausbildungsproblem ist, das in den kommenden Jahren noch dadurch
kompliziert wird, daß die Zahl der Schulentlassenen sprunghaft ansteigt .
Die amerikanische Regierung hat dieses Problem schon seit langem
erkannt und sich in den vergangenen zwei Jahren intensiv darum bemüht,
durch Verabschiedung zahlreicher Maßnahmen und Programme (größere Bundesmittel für das Erziehungswesen, Ausbildung von Arbeitskräften und
Umschulung auf zukunftssichere Berufe, Bundesmittel für die wirtschaftlichen Notstandsgebiete, Förderungsprogramme für die Jugend) dieser
Entwicklung Rechnung zu tragen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Mehr Frauen im höheren Regierungsdienst
Zu den bemerkenswertesten Entwicklungen auf dem amerikanischen
Arbeitsmarkt während der Nachkriegs jähre gehört zweifellos das starke
Vordringen der weiblichen Arbeitskräfte. Rund 1/3 des derzeitigen
Arbeitspotentials der USA - das sind rund 24 Millionen - sind Frauen.
Im Vergleich zu 1939 ist damit eine Zunahme um etwa das Doppelte eingetreten.
Aber nicht nur die Zahl der werktätigen Frauen hat sich in diesem
Zeitraum erhöht, auch das allgemeine Beschäftigungsniveau dieses Arbeitnehmerkreises ist in all den Jahren ständig angestiegen. Dies liegt
einerseits daran, daß die Frauen in immer neue Berufe eingedrungen
sind, zum anderen an dem allgemein höheren Bildungsgrad.
Die

�Die Folge dieser Entwicklung ist, daß Frauen heute in zunehmendem Maße auch in jenen Berufsgruppen und Positionen anzutreffen sind,
die früher fast ausschließlich den Männern vorbehalten waren. Dies
gilt sowohl für die Privatwirtschaft als auch für den öffentlichen
Dienst.
über die Entwicklung der Frauenarbeit im amerikanischen Regierungsdienst gibt eine von der Abteilung für Frauenfragen des US-Arbeitsministeriums jetzt herausgegebene Broschüre sehr interessante
Aufschlüsse, die den Titel "Frauen im Regierungsdienst 1939-1959"
(Women in the Federal Service, 1939-1959) trägt. Danach hat sich
der Anteil der Frauen an jenen höheren Positionen, die ein Fachstudium oder eine akademische Ausbildung erfordern, zwischen 1939 und
1959 von acht auf 18 Prozent erhöht. Mit 34 758 weiblichen Angestellten in diesen Kategorien hat sich die Gesamtzahl seit 1939 um das
5 l/2fache erhöht.
Natürlich besteht die überwiegende Mehrheit der weiblichen Arbeitnehmer im Regierungsdienst auch heute noch aus Büroangestellten
und Schreibkräften. Ihr Anteil an der Gesamtzahl (576 000) der weiblichen Angestellten belief sich 1959 immer noch auf 78 Prozent. Dennoch
hat sich der Anteil der Akademikerinnen prozentual weitaus stärker
erhöht, was zum größten Teil darauf zurückzuführen ist, daß sie, wie
in dem Bericht betont wird, "Hervorragendes in ihren Tätigkeitsbereichen leisten" .
Zwar habe in den vergangenen Jahren auch die Zahl der weiblichen
Akademikerinnen im öffentlichen Dienst mit einem Rechts-, Medizin- oder
Ingenieurstudium weiter zugenommen, aber die größten Anstiege seien
doch in Berufen festzustellen gewesen, die für die weiblichen Arbeitnehmer bessere Aufstiegsmöglichkeiten böten. So sei z.B. die Zahl
der Mathematikerinnen und Statistikerinnen allein in den vergangenen
20 Jahren um das Zwölffache angestiegen.
Auch in den volkswirtschaftlichen, sozial- und naturwissenschaftlichen Tätigkeitsbereichen ist dem Bericht zufolge die Zahl der weiblichen Arbeitnehmer seit 1939 ständig angewachsen. In der Gruppe der
Chemiker wurden z.B. 1959 14 Prozent sämtlicher Arbeitsplätze von
Frauen besetzt, während vor 20 Jahren der Anteil lediglich drei Prozent betrug.
Die Gesamtzunahme der Zahl weiblicher Arbeitnehmer im Regierungsdienst ist, wie in der Broschüre betont wird, in erster Linie durch
die Ausweitung der Tätigkeitsbereiche der Regierung auf den Gebieten
der Wirtschaft und der Verteidigung bedingt gewesen. Rund die Hälfte
der 576 000 weiblichen Arbeitnehmer wurde Ende 1959 allein von militärischen Dienststellen beschäftigt,^während ein weiteres Viertel
im US-Amt für Kriegsteilnehmerversorgung, im US-Postministerium und
im Ministerium für Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen tätig war.

(Quelle: Eigenbericht)

******

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10 -

�Filmore LaDeaux - ein Arbeitnehmerporträt
Filmore LaDeaux ist Prüftechniker bei den Zenith-Radio- und
Fernaehwerken in Chicago - ein Nachkomme des berühmten Sioux-Häuptlings "Rote Wolke" und Angehöriger des Stamms der Oglala. Der Name
LaDeaux leitet sich von dem einzigen Weißen in der Reihe seiner
Vorfahren her, einem Franzosen.
Die indianische Kolonie in Chicago schätzt ihn als eines ihrer
aktivsten Mitglieder. Ob es sich darum handelt, einer mittellos in
Chicago zugewanderten Rothaut zu helfen oder die Jugend die alten
indianischen Tänze zu lehren: Filmore ist immer zur Stelle. Trotz
solcher Anerkennung fühlt er sich als einfacher Arbeiter: "Ich bin ein
Mensch mit geringen Ansprüchen und Freude an simplen Vergnügungen",
sagt er von sich selbst.
Geboren wurde Filmore LaDeaux vor etwas mehr als 40 Jahren eineinhalbtausend Kilometer von Chicago entfernt am Rande der Black Hills
in dem Dorf La Creek im Staate South Dakota. Er ist ziemlich weit
herumgekommen - als Soldat im zweiten Weltkrieg sogar bis nach Europa.
Zum Radio- und Fernsehtechniker wurde er nach seiner Entlassung aus
dem Wehrdienst an der rundfunktechnischen Fachschule in Detroit im Staate
Michigan ausgebildet.
In Detroit lernte Filmore auch seine spätere Frau Katherine kennen,
eine Weiße englisch-irischer Abstammung. Sie hat ihm im Lauf der Jahre
fünf Kinder geboren. 1957 siedelten die LaDeaux nach Chicago über, wo
die Zenith Radio Corporation Filmore einen guten "Job" anbot: die Qualitätsprüfung der vom Band rollenden Fernsehgeräte. Normal arbeitet die
Belegschaft 8 Stunden am Tag, 40 in der Woche . In Zeiten langsameren
Geschäftsganges kommt es auch mal zu einer Herabsetzung der Arbeitszeit; bei Hochkonjunktur heißt es dafür Überstunden machen, so daß
aus den 40 oft 50 Stunden werden, wobei die Überstunden natürlich mit
150 Prozent des normalen Stundenlohns abgegolten werden.
Die Gewerkschaft der Hochfrequenztechniker - die Radionic Workers
of America -, der LaDeaux und seine Arbeitskollegen angehören, hat für
ihre Mitglieder mit Zenith ein Tarifabkommen getroffen, das den Beschäftigten eine Reihe von Lohnneben- und Sozialleistungen sichert.
Die Firma trägt die Kosten für eine zusätzliche Krankenkosten- und
Rentenversicherung und gewährt einen beträchtlichen Zuschuß zu den
Beiträgen zu einer Lebensversicherung. Ein Teil des Firmengewinns
wird jährlich an einen Treuhandfonds abgeführt, aus dem - als eine Art
Gewinnbeteiligung - den Mitarbeitern der Zenith eine Zusatzrente zur
Altersrente aus der staatlichen Sozialversicherung gezahlt wird. Scheidet ein Werksangehöriger vorzeitig aus dem Arbeitsverhältnis aus, so
erhält er seinen angesammelten Anteil ausgezahlt; im Todesfalle fällt
er den Erben zu.
Filmore LaDeaux wohnt mit den Seinen in einem der älteren Stadtviertel Chicagos. Die Straßen sind nicht sehr weiträumig angelegt, aber
sauber und ruhig. Mrs. LaDeaux macht fast die ganze Hausarbeit selbst.
Ein Waschautomat und andere Elektrogeräte erleichtern ihr diese Aufgabe
etwas, und auch die "großen" Kinder helfen schon tüchtig mit. Eine

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�Eine geräumige Kühltruhe gestattet es ihr, Fleisch und Gemüse auf
Vorrat einzukaufen. Filmore repariert in seiner Freizeit auch noch so
manchen Fernsehapparat "auf eigene Rechnung" und hilft damit dem Familienbudget etwas auf.
Die ganze Liebe der Familie gilt der Pflege des indianischen
Brauchtums; die Gelegenheit hierzu bietet das "Indianerzentrum" der
Stadt, das American Indian Center. Das Institut ist von morgens bis
abends geöffnet und veranstaltet laufend Ausstellungen indianischer
Kunst und kunsthandwerklicher Erzeugnisse. Hier erwachen auch die
alten indianischen Tänze zu neuem Leben, auf die sich Filmore noch
sehr gut versteht. Er hat sie inzwischen längst auch seinen Kindern
beigebracht und sie auch die Sprache der Sioux gelehrt.
Filmore spricht nicht viel. Dabei ist er ein rechter Philosoph
und Lebenskünstler: "Wir haben unser Auskommen. Ich muß schwer arbeiten und verdiene: nicht gerade sehr viel; mir macht aber das Leben,
das ich mir aufbauen konnte, sehr viel Spaß."
Natürlich träumen auch die LaDeaux so manchen Traum. Der wichtigste aber dürfte, seiner Bescheidenheit wegen, wohl schon bald in
Erfüllung gehen: ein kleines Häuschen in South Dakota, aus Baumstämmen
selbst gefügt. Dann wünscht sich Filmore noch einen alten Lastwagen
oder Bus, um ihn als Radio- und Fernsehwerkstatt auszurüsten und damit,
Nomade, der er ist, von Dorf zu Dorf zu ziehen. Mit 65 Jahren wird dann
noch die Altersrente aus der Sozialversicherung und eventuell eine
Zusatzrente aus der Betriebsversicherung dazukommen - die LaDeaux haben wirklich wenig Grund, sich um ihre persönliche Zukunft Sorge zu
machen. Ist es erst einmal so weit, will Filmore auch nicht mehr über
die Dörfer fahren und Radios reparieren, sondern an einem See oder
Fluß in der Nähe seines Häuschens fischen gehen.
Besonderes Vergnügen werden ihm sicher in seinen alten Tagen die
Powwows bereiten, die Stammeszusammenkünfte der Indianer, auf denen
in langem Palaver Wichtiges - und Unwichtiges - erörtert und Kriegstänze aufgeführt werden. Dann wird Filmore Zeit genug haben, um von
Anfang bis Ende dabeizusein. Doch heute schon steht in LaDeaux Garage
ein großer Kombi, der ihn und seine Familie gelegentlich zu derartigen
Veranstaltungen bringt. Und Mrs. LaDeaux, die Weiße, hat inzwischen im
Schneidern der Kostüme für solche Powwows die Handfertigkeit einer Indianersquaw erworben.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

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�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Strittige Arbeitsfragen bei den Eisenbahnen beigelegt
Die letzten fünf Punkte, die bisher bei der Auseinandersetzung
zwischen der Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten("Brotherhood of
Railway Clerks") und der "Southern Pacific" über Arbeitsfragen nicht
in Verhandlungen zwischen den beiden Sozialpartnern geklärt werden
konnten, sind jetzt von einem dreiköpfigen Schiedsausschuß entschieden worden.
Der unter dem Vorsitz des bekannten Professors für Arbeitsfragen
der Stanford-Universität J. Keith Mann stehende und mit je einem Vertreter der beiden Sozialpartner als Beisitzer tagende Ausschuß hat dabei folgende verbindliche Empfehlungen bekanntgegeben:
Die Eisenbahngesellschaft wird zusammen mit der Gewerkschaft ein
Umschulungs- und Ausbildungsprogramm für alle jene Arbeitnehmer durchführen, die ihren Arbeitsplatz auf Grund der Einführung neuer, arbeitsparender Maschinen verloren haben, damit diese, entsprechend ihren
Fähigkeiten und ihrem Dienstalter, an neue Arbeitsplätze im Unternehmen
selbst umgesetzt werden können. Während der Umschulungszeit werden sie
als Beihilfe pro Tag 19 Dollar erhalten.
Entlassungen, die auf Grund wirtschaftlicher Einflüsse vorgenommen
werden müssen, sind dann wieder rückgängig zu machen, wenn sich die wir
schaftliche Lage bessert. Die Arbeitsplätze müssen dann im gleichen Ver
hältnis, in dem Einschränkungen vorgenommen wurden, wieder eingerichtet
werden .
Arbeitnehmer, die nur vorübergehend entlassen werden, können erst
nach einer Wartezeit von sechs Monaten die Unterstützungsleistungen vom
Unternehmen erhalten, die dieses an jene Arbeitnehmer zahlt, welche
ihren Arbeitsplatz ganz verloren haben.
Schließlich wird die Eisenbahngesellschaft die über eine Stunde
hinaus gehende Zeit als normale Arbeitszeit vergüten, die der Arbeitnehmer braucht, um von seiner Wohnung an seinen Arbeitsplatz zu gelangen. Ebenso werden in Zukunft alle Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz nicht an ihrem Wohnort haben, pro Tag 7»50 Dollar Trennungsentschädigung erhalten.
(Quelle: Eigenbericht)

Gesamtguthaben der privaten Wohlfahrts- und Pensionsfonds
52 Mrd. Dollar
Der Vermögensstand der insgesamt 120 510 melde- und offenlegungspflichtigen privaten amerikanischen Wohlfahrts- und Pensionsfonds belief sich Ende 196O auf insgesamt 33,4 Mrd. Dollar, wie aus einer
Untersuchung des US-Arbeitsministeriums hervorgeht.

Zu

�Zu dieser Summe kommen noch Guthaben in Höhe von 18,8 Mrd.
Dollar, die von den Versicherungen als Deckungsreserve für die Gewährleistung der Pensions- und Altersversorgungsleistungen von rückversicherten Plänen gehalten werden.
Die Gesamtsumme von 52,2 Mrd. Dollar stellt eine Zunahme der Gesamtguthaben gegenüber 1959 um 4»5 Mrd. Dollar dar.
Wie aus dem Bericht des US-Arbeitsministeriums weiter zu entnehmen
ist, verfügten Ende 1960 1050 Wohlfahrts- und Pensionspläne über
Guthaben von 5 Millionen Dollar und mehr; davon waren 98O Pensionsund 70 Wohlfahrtspläne. Rund 100 Pläne - 90 Pensions- und 10 Wohlfahrtspläne - wiesen jeweils ein Guthaben von über 50 Millionen Dollar
auf.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

-

14 -

�internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
l SIS Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 6

Bad Godesberg, den 1. Juni 1963
INHALTSVERZEICHNIS

Der Erfolgsbeteiligungsplan der Kaiser-Stahlwerke

Seite

1

Maschinistengewerkschaft feiert 75jähriges Bestehen

Seite

12

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite

13

Der Erfolftsbeteiligungsplan der Kaiser-Stahlwerke

Im folgenden bringen wir die wichtigsten Bestimmungen des zwischen der Stahlarbeitergewerkschaft (United Steelworkers of America - USY/)
und der Kaiser Steel Corporation vereinbarten
Erfolgsbeteiligungsplans, der am 1. März 1963
in Kraft trat. Der Plan, das Ergebnis dreijähriger Beratungen, wurde von einem aus je drei Vertretern der Gewerkschaft und des Unternehmens
sowie drei neutralen Fachleuten (zwei Universitätsprofessoren und ein Schiedsmann für Arbeitsstreitigkeiten) bestehenden Ausschuß ausgearbeitet .
Die für die Berechnung des Erfolgsanteils unwesentlichen Abschnitte werden in der vorliegenden Übersetzung nur zusammenfassend referiert.

Abschnitt I und II
Die beiden ersten Abschnitte enthalten lediglich Eingangsbestimmungen.
Abschnitt III - Geltungsbereich
Der Plan gilt für sämtliche Beschäftigten des Werks Fontana (Kalifornien) der Kaiser Steel Corporation, die von der Amerikanischen Stahlarbeitergewerkschaft (United Steelworkers of America) vertreten werden.
Er tritt am 1. März 1963 in Kraft.
Abschnitt IV

�Abschnitt IV - Sicherung des Arbeitsplatzes
Um durch gemeinsame Anstrengungen und so rasch, wie entsprechende Verbesserungen nur gemacht werden können, die höchstmögliche Produktivitätssteigerung zu erzielen, ist es notwendig, nicht nur dafür
Sorge zu tragen, daß die Ergebnisse derartiger Produktivitätssteigerungen der Gesellschaft und ihren Beschäftigten gleichermaßen zugute
kommen, sondern auch den Beschäftigten einen ausreichenden Schutz ge^
gen den Verlust des Arbeitsplatzes oder Einkommenseinbußen zu bieten,
die derartige Maßnahmen andernfalls nach sich ziehen könnten. Um diesen Zweck zu erreichen und die größtmögliche Produktivitätssteigerung
herbeizuführen, sind die folgenden Maßnahmen zu ergreifen. Keine der
nachstehenden Bestimmungen ist jedoch dahin gehend auszulegen, daß sie
die Gesellschaft zu Neueinstellungen zwingt.
A. Beschäftigungsgarantie 1. Zweck dieser Bestimmung ist es, den
Beschäftigten vom Tag des Inkrafttretens dieses Plans an einen ausreichenden Schutz gegen den Verlust der Beschäftigungsmöglichkeit auf Grund
technischer Veränderungen, neuer oder verbesserter Arbeitsmethoden oder
irgendwelcher anderer Veränderungen im Betrieb zu bieten, die nicht auf
eine Verringerung des Arbeitsstundenanfalls auf Grund eines Rückgangs
der Fertigung von Stahlendprodukten oder eine Änderung des Produktionsprogramms oder der Produktionserfordernisse zurückzuführen sind. Dieser
Schutz ist durch die Schaffung einer auf das gesarate Werk auszudehnenden Arbeitsreserve zu gewährleisten...
Zusammenfassung der restlichen Bestimmungen des Abschnitts IV:
Anspruch auf Beschäftigung in der Arbeitsreserve im Falle einer
andernfalls notwendig werdenden Ausstellung besteht frühestens
nach 26wöchiger Betriebszugehörigkeit. Ist der Höchststand der
Arbeitsreserve (siehe weiter unten) erreicht, ist eine Ausstellung zulässig; sie ist jedoch rückgängig zu machen, sobald die
Zahl der Angehörigen der Arbeitsreserve den Höchststand unterschreitet. Jeder Angehörige der Arbeitsreserve ist verpflichtet,
einen ihm von der Gesellschaft angebotenen ständigen,höher dotierten Arbeitsplatz anzunehmen; bei Weigerung verliert er das
Anrecht auf Beschäftigung in der Arbeitsreserve. Der Einsatz der
Arbeitsreserve im Betrieb obliegt der Werksleitung, darf jedoch
. nicht dazu führen, daß andere Beschäftigte von ihrem festen Arbeitsplatz verdrängt oder auf Kurzarbeit gesetzt werden. Die Weigerung, zur Arbeitsreserve überzutreten, bewirkt keinen Verlust
der Ansprüche an die betriebliche Arbeitslosenversicherung.
Im ersten Monat nach dem Inkrafttreten des Plans beziffert sich
die Höchststärke der Arbeitsreserve auf die Zahl der Beschäftigten, die Anspruch auf Beschäftigung haben, die die Gesellschaft
aber zu dem Zeitpunkt nicht an ihrem bisherigen Arbeitsplatz weiterbeschäftigen kann. Von da an ist die Höchststärke gleich der
Zahl der Anspruchsberechtigten, für die keine Beschäftigungsmöglichkeit besteht, oder gleich dem Unterschied zwischen der Standardarbeitszeit im vorletzten Monat und der tatsächlich geleisteten Arbeitszeit (außer Arbeitsreserve) dividiert durch 173
oder durch die monatliche Durchschnittsarbeitszeit, sofern die
entsprechende Zahl niedriger ist. Innerhalb der Arbeitsreserve
sind zwei Gruppen zu unterscheiden, die Gruppe der Produktionsund Wartungsarbeiter-und die der Büro- und technischen Angestellten.
Beschäftigte
- 2 -

�Beschäftigte, deren fällige Beförderung auf Grund technischer Änderungen ausgesetzt oder deren Arbeitsplatz aus diesen Gründen
zurückgestuft wird, haben Anspruch auf eine Ausgleichszahlung in
Höhe des Unterschieds zwischen dem an sich zu beanspruchenden und
dem tatsächlich- gezahlten Lohn. Der Anspruch auf Ausgleichszahlung erlischt nach 52 Wochen oder nach Zuweisung eines ständigen,
gleich hoch oder höher dotierten Arbeitsplatzes; er erlischt ferner, wenn sich der Beschäftigte weigert, einen solchen Arbeitsplatz anzunehmen. Bei Kurzarbeit auf Grund technischer Veränderungen hat jeder Beschäftigte Anspruch auf einen Kurzarbeitszuschlag in Höhe seines Durchschnittsstundenlohns multipliziert mit
der Zahl der Stunden, die ihm an 40 Stunden fehlen und für die er
keine andere Bezahlung erhalten hat.
Die genannten Ausgleichszahlungen und die Kurzarbeitszuschläge
sind von dem gemäß Abschnitt V, B zu ermittelnden Gesamtdollarmehrertrag abzusetzen.
Abschnitt V - Erfolgsbeteiligung
A. Normen. 1. Sämtliche Verbesserungen hinsichtlich Arbeitsleistung, Materialnutzung und Ertragsfähigkeit sowie die Ergebnisse technischer Veränderungen sind auf der Basis der laufenden Geschäftstätigkeit im Kalenderjahr 1961 zu bemessen. Die Normen für die Produktionskosten und deren Verbesserung sind in anteilmäßigen Produktionskosten
pro hergestellte Tonne Eisen und Stahl auszudrücken. Andere als StahlAbfallprodukte sind ebenfalls der Produktion zuzurechnen. Bei neuen
Produkten, die bisher von der Gesellschaft nicht hergestellt worden
sind, werden die Vertragspartner neue Normen festsetzen.
2. Die Normen (die Verglaichsziffern für das Jahr 1961) sind in
einer gesonderten Anlage aufgeführt. Die Normen wurden für jedes Produkt der einzelnen Abteilungen festgesetzt, um Änderungen in den Produktionsprogrammen und in der Kapazitätsausschöpfung hinreichend Rechnung tragen zu können. Die Normen setzen sich aus einem Basiswert, der
Arbeitsnorm, und einer V/erkstoffe-, Hilfsstoffe-und Vorratsnorm (Materialnorm) zusammen, die auf den im Laufe des Jahres 1961 verzeichneten
unterschiedlichen Graden der Geschäftstätigkeit basieren; die Normen
werden jeweils in Dollar ausgedrückt. Die Normen sind so zu bemessen,
daß die Erfolgsbeteiligungsplan-Normkosten bei Anwendung als Ganzes
auf das Kalenderjahr 1961 den laufenden Kosten des Jahres 1961 entsprechen, wobei jedoch von der Annahme auszugehen ist, daß die im Januar 1963 gültigen Stundenlohn- und Lohnsteuersätze sowie sämtliche
Lohnneben- und Sozialleistungen bereits das ganze Jahr 1961 hindurch
bestanden haben.
3« Die Materialkostennormen nach Abschnitt V, A sind um die prozentuale Erhöhung oder Senkung der vom US-Bundesamt für Arbeitsstatistik veröffentlichten Großhandelspreisindex-Ziffern für Stahlhüttenerzeugnisse auf den letzten Monatsstand zu erhöhen oder zu senken, der
am 10. des Monats verfügbar ist, der auf den Monat folgt, für den die
Berechnung der erzielten Ertragssteigerung erfolgen soll, wobei der
Jahresstand 1961 mit dem letzten vor dem Monat des Inkrafttretens des
Erfolgsbeteiligungsplans verfügbaren Monatsstand zu vergleichen und
der niedrigere von beiden zugrunde zu legen ist.
4. Die

- 3 -

�4« Die Arbeitskostennormen nach Abschnitt V, A sind um die prozentuale Erhöhung oder Senkung des vom US-Bundesamt für Arbeitsstatistik veröffentlichten Einzelhandelspreisindex auf den letzten Monatsstand zu erhöhen oder zu senken, der am 10. des Monats verfügbar ist,
der auf den Monat folgt, für den die Berechnung der erzielten Ertragssteigerung erfolgen soll, wobei der Jahresstand 1961 mit dem letzten
vor dem Monat des Inkrafttretens des Erfolgsbeteiligungsplans verfügbaren Monatsstand zu vergleichen und der niedrigere von beiden zugrunde zu legen ist.
5» Die im jeweiligen Monat anfallenden laufenden Kosten für innerhalb der Kaiser Steel Corporation produzierte Rohstoffe sind in der
V/eise zu berechnen, daß als Pr.is für diese Stoffe der Preis eingesetzt
wird, der bei der Festsetzung der Norm benutzt wurde, wobei bei Ljualitätsänderungen entsprechende Preiskorrekturen vorzunehmen sind. Änderungen des Großhandelspreisindex für Stahlhüttenerzeugnisse bewirken
keine Auf- oder Abschläge bei diesen Produkten. Die Kosten für andere
verbrauchte Materialien, über die Bestandslisten geführt werden, sind
auf der gleichen Basis zu berechnen, die bei der Pestsetzung der Normen benutzt wird.
B. Berechnung von Ertragssteigerungen. 1. Die anteilmäßigen Monatserträge werden, ausgehend vom jeweiligen Arbeitsaufwand und dem
Verbrauch an Werkstoffen, Hilfsstoffen und Vorräten pro erzeugte Tonne
Stahl, aber unter Ausschluß der Aufwendungen für Anlageverbesserungen
durch Vergleich mit den gemäß der vorstehenden Regelung ermittelten
und modifizierten Normen - in Dollar ausgedrückt - berechnet, indem
a) die Differenz zur Materialkostennorm pro Tonne erzeugten Stahls
ermittelt, mit der Zahl der im jeweiligen Monat erzeugten Tonnen Stahl
multipliziert und hierzu
b) die Differenz zur Arbeitskostonnorm pro Tonne erzeugten Stahls,
multipliziert mit der Zahl der i : j^weili ;en Monat erzeugten Tonnen
Stahl, addiert wird. Als Arbeitskosten gelten die in dem jeweiligen Monat angefallenen laufenden Arbeitskosten ausschließlich der Anteile,
die auf nach Januar 1963 in Kraft getretene Lohnsteuererhöhungen, Lohnerhöhungen oder Verbesserungen der Sozialleistungen entfallen.
2. Die Gesamtdollarerträge werden dann um die Investitionen in bestehende Anlagen verringert, die zum Zwecke der Senkung der Herstellungskosten getätigt worden sind, wie zum Beispiel die Sauerstoffbeschickung
eines vorhandenen Siemens-Martin-Ofens. Investitionen dagegen, die zum
Zwecke der Einführung eines neuen Verfahrens oder wegen der Aufstellung
neuer Maschinen als Mittel zur Kapazitätsausweitung, zur Errichtung einer neuen Betriebsabteilung oder Auswertung eines neuen Verfahrens - zum
Beispiel die Aufstellung eines neuen Sauerstoffofens - getätigt werden,
sind nicht von den Gesamtdollarerträgen abzusetzen. Die Aufrechnung von
Kapitalgüterinvestitionen der ersteren Art ist auf jene Monate beschränkt,
in denen Kostensenkungen bei dem Prozeß erzielt worden sind, um dessentwillen sie getätigt wurden, und mit dem niedrigeren der nachstehenden
Beträge in Ansatz zu bringen: ein Drittel der tatsächlichen Kostensenkung, um derentwillen die Investitionen getätigt wurden, oder ein Sechzigstel der investierten Summe, Derartige Abschläge sind nur so lange
zulässig, bis sie insgesamt die Höhe der fraglichen Kapitalgüterinvestition erreichen.
3» Bei

- 4-

�3« Bei der Ermittlung der Gesamtdollarerträge der einzelnen Monate
sind Aufwendungen für einzelne Reparatur- und Wartungsmaßnahmen in
Höhe von 300 000 Dollar und darüber auf einen Zeitraum von 12 Monaten
umzulegen.
4. a) Abschlagszahlungen seitens der Gesellschaft, durch die
bestimmte Arbeitsanreize und Sonderzuschläge im Sinne von Abschnitt
VI abgelöst werden, sind monatlich als laufende Arbeitskosten zu
verrechnen, wobei von der in der betreffenden Betriebsgruppe im jeweiligen Monat bezahlten Zahl der Stunden, dem Prozentsatz' für das
Jahr 1961 und den im'Dezember 1961 in Kraft befindlichen Stundenlöhnen auszugehen ist. Für Betriebsgruppen, die nach 1961 in einen
Lohnanreizplan oder in eine Sonderzuschlagsregelung einbezogen worden
sind, ist bei der Berechnung von dem Prozentsatz auszugehen, der bei
der Festsetzung der Abschlagszahlung gemäß Abschnitt VI zugrunde gelegt wird.
b) Derartige Aufschläge auf die laufenden Arbeitskosten werden beginnend mit dem ersten vollen Monat nach dem Monat, in dem eine
solche Abschlagszahlung geleistet worden ist, verrechnet, und zwar
so lange, bis sie insgesamt die Höhe der fraglichen Ablösungssumme
erreichen.
c) Von diesem Zeitpunkt an werden die entsprechenden Beträge
gemäß den vorstehenden Bestimmungen berechnet, als laufende Arbeitskosten gewertet und jeden Monat dem Bruttoanteil der Beschäftigten
zugeschlagen. Diese Aufstockung wird für die Betriebsgruppen für die
Zeiten ausgesetzt, in denen sie ihre Leistungen schuldhaft auf einem
Stand halten, der merklich unter dem des Bemessungszeitraumes liegt.
5. Die Berechnungen sind monatlich durchzuführen und unterliegen
einer jährlichen Überprüfung Die Gesellschaft stellt der Gewerkschaft
monatlich die wichtigsten statistischen Gesamtdaten in bezug auf Produktion, geleistete. Arbeitsstunden, Beschäftigtenstand, Gesamtbeschäftigungs- und Materialkosten zur Verfügung, die als vertraulich
zu behandeln sind. Die Unterlagen auf denen diese statistischen Übersichten basieren, sind den von der Gewerkschaft benannten Vertretern
zur Überprüfung und Beglaubigung offenzulegen.
C. Der Bruttoanteil der Beschäftigten. 1. Ein erster Teil des
Bruttoanteils der Beschäftigten besteht aus 32,5 Prozent des nach
den weiter oben angeführten Richtlinien errechneten Dollar-Nettoertrags.
2. a) Von diesem Teil des Bruttoanteils der Beschäftigten werden im ersten Monat nach Anlaufen des Erfolgsbeteiligungsplans 0,2
Prozent der Gesamtbeschäftigungskosten in diesem Monat, im zweiten
Monat 0,4 Prozent, im dritten Monat 0,6 Prozent abgezogen usw. bei
einer Steigerung um jeweils 0,2 Prozent von Mona't zu Monat, bis die
weiter unten vorgesehene Anpassung erfolgt ist.
b) Die Gesellschaft richtet ein Konto ein, das die Bezeichnung Lohn- und Sozialreserve führt.. Dieser Reserve werden jeden Monat
die gesamten vorstehend beschriebenen Abzüge vom Bruttoanteil der

-

5 -

�der Beschäftigten zugewiesen. Aus dieser Reserve wird monatlich der
gesamte Mehrbetrag der Beschäftigungskosten entnommen, der durch
Erhöhungen der Löhne und Sozialleistungen gemäß den in Abschnitt VII
dieses Plans enthaltenen Garantievorschriften verursacht wird.
Als Ausnahmeregelung zu dieser Bestimmung werden Beschäftigungsmehrkosten, die durch eine für die gesamte Industrie binnen sechs Monaten
nach dem Inkrafttreten dieses Plans wirksam werdende Erhöhung der
Löhne und Sozialleistungen verursacht werden, nur zur Hälfte aus
der Lohn- und Sozialreserve entnommen. Als eine weitere Ausnahme zu
dieser Bestimmung ist für den Fall, daß in irgendeinem Monat die Beschäftigungsmehrkosten auf Grund einer für die gesamte Industrie wirksam werdenden Erhöhung der Löhne und Sozialleistungen den Bruttoanteil
der Beschäftigten übersteigen, der darüber hinaus gehende Betrag als
ein von der Firma zu tragender Kostenanteil anzusehen, nicht aus der
Lohn- und Sozialreserve zu entnehmen und nicht als Defizit auf künftige Erträge der Beschäftigten aus dem Erfolgsbeteiligungsplan aufzurechnen .
c) Die Vertragspartner setzen alle 6 Monate die Progression
der vom Bruttoanteil der Beschäftigten einzubehaltenden Abzüge neu
fest. Diese Neufestsetzung erfolgt nach dem Grundsatz, daß die Abzüge
innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten gleichmäßig in solchem Maße
zu erhöhen sind, daß sich der Saldo der Lohn- und Sozialreserve 6 Monate nach Inkrafttreten einer für die gesamte Industrie wirksam werdenden Erhöhung der Löhne und Sozialleistungen auf Null stellt.
3. Ein zweiter Teil des Bruttoanteils der Beschäftigten besteht
aus
a)
Abschnitts
b)
Abschnitts

den Beträgen, die gemäß Unterabschnitt B, Absatz 4 c dieses
vorgesehen sind; und
den Beträgen, die gemäß den Unterabschnitten H und L des
VI vorgesehen sind.

D» Ertragsverteilung. 1 . Die nach dejji vorausgegangenen Abschnitt
V,C errechneten Bruttoanteile der Beschäftigten werden, abzüglich etwaiger Beträge, die auf Grund einer Entscheidung der Vertragspartner
zu gegebener Zeit benötigt werden, um eine bereits eingeführte Sozialleistung zu verbessern oder eine neue Sozialleistung (außer den in Abschnitt VII behandelten) einzuführen, wie zum Beispiel - doch nicht
auf diese Beispiele beschränkt - zusätzliche Feiertage, längerer Urlaub, Verbesserungen der Versicherungsleistungen, Altersversorgung, zusätzliche Arbeitslosenversicherung und Arbeitszeitverkürzungen, unter
den Beschäftigten als ein Aufgeld zum Arbeitsentgelt gemäß dem nachstehenden Schlüssel aufgeteilt, bis Gruppe A 10 Prozent erreicht.
Gruppe '

Faktor

A
2,0
B
3,5
C
5,0
D
6,5
E
8,0
F - Betriebsgruppen, für die Arbeitsanreiz- 0
plane weiterbestehen, sind ausgeschlossen
1) Die Gruppen, zu denen die einzelnen Betriebsgruppen gehören, sind
in Anhang "A - Gruppeneinteilung" aufgeführt, die historischen Gesichtspunkten und Billigkeitsmomenten der Entlohnung gleichermaßen
Rechnung zu tragen sucht.
,
\

�a) Die gesamten Stundenlohnnormen jeder Gruppe sind mit dem
ihr zugeordneten Faktor zu multiplizieren, um die Faktoreinheiten
jeder Gruppe zu erhalten.
b) Die Faktoreinheiten jeder Gruppe sind durch die gesamten
Faktoreinheiten zu dividieren, um den Prozentanteil jeder Gruppe an
dem Gesamtbeschäftigtsnanteil zu erhalten.
c) Der jeweilige Prozentanteil jeder Gruppe ist mit dem Gesamtbeschäf tigtenantei1 zu multiplizieren, um den Dollaranteil jeder
Gruppe zu erhalten.
d) Der Dollaranteil jeder Gruppe ist durch die jeweiligen
Stundenlohnnormen zu dividieren, um die Prozentausschüttung jeder
Gruppe zu erhalten.
c) Die Prozentausschüttung jeder Gruppe ist mit der Stundenlohnnorm jedes Beschäftigten zu multiplizieren.
2. Der Betrag, der nach Anwendung von Absatz 1 als Beschäftigtenanteil verbleibt, wird den Beschäftigten als Aufgeld zum Arbeitsentgelt nach folgendem Modus ausgezahlt:
a) Der verbleibende Betrag ist durch die Gesamtstundenlohnnormen sämtlicher unter den Langfristigen Erfolgsbeteiligungsplan fallenden Beschäftigten, die an der Ausschüttung teilnehmen, zu dividieren,
um die Prozentausschüttung zu erhalten.
b) Die Stundenlohnnorm jedes Beschäftigten ist mit der Prozentausschüttung zu multiplizieren.
3. Der Ertragsanteil des Beschäftigten wird als zusätzliches Entgelt in Form eines "Aufgeldes" ausgezahlt und gilt als Teil des regulären Arbeitsentgelts für den Monat, für den er ausgezahlt wird,
verändert hingegen die Basis für die Berechnung bestehender Lohnanreize nicht.
4. Wird der Beschäftigtenanteil oder ein Teil davon auf Grund
einer Übereinkunft zwischen den Vertragspartnern dazu verwendet, eine
neue oder verbesserte Sozialleistung einzuführen, so sind die für
diese Leistung aufzubringenden Beträge in geeigneter Weise zu schätzen,
monatlich umzulegen und jährlich anzugleichen.
5» Die Ausschüttung an die mit Produktions- und Wartungsarbeiten
befaßten Beschäftigten für den jeweiligen Monat erfolgt am letzten
Donnerstag des auf diesen folgenden Monats, die an die Büro- und technischen Angestellten an dem darauffolgenden Zahltag. Die Ausschüttungen
für die einzelnen Monate sind nach der bestgeeigneten statistischen
Methode so aufzuteilen, daß übermäßige Schwankungen von Monat zu
Monat vermieden werden, wobei von den Ziffern der vorausgegangenen
6 Monate auszugehen ist.
VI. Lohnanrei ze

�VI. Lohnanreize
Zusammenfassung: Die Kollektiwertragsbestimmungen über die .
Gewährung von Lohnanreizprämien bleiben unverändert in Kraft;
neue Prämien dürfen dagegen nicht eingeführt werden. Die Gesellschaft kann Lohnanreizpläne für einzelne Betriebsgruppen
durch eine Ablösungssumme abgelten, sofern diese für einen
Zeitraum von mindestens 13 Wochen vor einem entsprechenden
Angebot seitens der Gesellschaft die Zahlung von Prämien bewirkt haben. Die Ablösungssumme entspricht dem höheren der
beiden Beträge, die.sich ergeben, wenn 1. die mit der Zahl
der während der letzten 13 Wochen vor dem Angebot geleisteten Arbeitsstunden multiplizierte Differenz zwischen Prämienlohn und normalem Stundenlohn mit zehn multipliziert oder 2. die
Zahl der während der unmittelbar auf das Angebot folgenden 52
Wochen geleisteten Arbeitsstunden mit der genannten Differenz
multipliziert wird. Die betreffenden Betriebsgruppen entscheiden mit Stimmenmehrheit über Annahme oder Ablehnung eines
solchen Ablösungsangebots.
Im Falle der Annahme eines solchen Angebots werden die Beschäftigten der betreffenden Betriebsgruppe in den Erfolgsbeteiligungsplan einbezogen und für die Zeit, während der die Ablösungszahlung gemäß Abschnitt V, B Absatz 4 b als laufender Arbeitskostenanteil anzusehen ist, in eine Faktorgruppe eingestuft, die zwei Stufen unter der ihnen nach Anhang A an sich
zuzuordnenden Faktorgruppe liegt; nach dieser Zeit erfolgt
die Einreihung in die eigentliche Faktorgruppe.
Im Falle einer Ablehnung der Ablösung durch die Beschäftigten
werden die Prämien fortgezahlt. Allgemeine Lohnerhöhungen bewirken ein Ansteigen der Stundenlohnsätze, verändern die Basis
für die Berechnung der Lohnanreizprämien jedoch nicht.
Die Gesellschaft ist gehalten, den Betriebsgruppen möglichst
rasch Ablösungsangebote zu unterbreiten, über deren Annahme oder
Ablehnung diese binnen 90 Tagen durch Mehrheitsbeschluß zu
entscheiden haben. Erfolgt ein Ablösungsangebot nicht innerhalb
zwei Jahren nach Inkrafttreten des Erfolgsbeteiligungsplans,
so werden die fraglichen Betriebsgruppen in den Erfolgsbeteiligungsplan einbezogen und als zur Faktorgruppe A gehörig
angesehen, sofern in diesen zwei Jahren die für ihre Faktorgruppe ausgezahlten Erfolgsanteile nicht mindestens drei Monate
hindurch die ausgezahlten Prämien übersteigen; die Erfolgsanteile sind in diesen Fällen zusätzlich zu den Prämienanreizen
zu zahlen. Die Einstufung in Faktorgruppe A hört auf, sobald
die Beschäftigten ein Ablösungsangebot annehmen oder die Ausschüttungen für ihre Faktorgruppe die Prämien erreichen oder
übersteigen.
Beschäftigte, die aus irgendwelchen Gründen Sonderzuschläge erhalten ,haben im Falle einer Ablösung Anspruch auf das Zehnfache
der während der letzten 13 Wochen bezahlten Zuschläge. Ablösungssummen, die ausgeschiedenen Beschäftigten zustünden,
sind dem Bruttoanteil der Beschäftigten gemäß Abschnitt V,
Unterabschnitt C gutzuschreiben. Bei der Rentenberechnung sind

-

8

�sind Ablösungszahlungen wie Lohneinkünfte zu behandeln,
nicht dagegen bei der Berechnung anderer Sozialleistungen.
Die Gesellschaft kann das Ablösungsangebot im Falle der
Ablehnung zu gegebener Zeit wiederholen, wobei die Beschäftigten innerhalb einer Frist von 60 Tagen über seine
Annahme oder Ablehnung zu entscheiden haben. Die Beschäftigten haben frühestens 60 Tage nach Inkrafttreten des Erfolgsbeteiligungsplans das Recht,von sich aus durch Mehrheitsbeschluß die Ablösung der Prämien und Zuschläge sowie
die Einbeziehung in den Erfolgsbeteiligungsplan und die Einsetzung in die Rechte nach Abschnitt V, D zu verlangen.
Beträge ,die den an einem Lohnanreizplan beteiligten Beschäftigten am Tage des Inkrafttretens des Erfolgsbeteiligungsplans zustehen, werden dem Bruttoanteil der Beschäftigten
zugerechnet, wenn diese sich für die Annahme einer Ablösungssumme und die Beteiligung am Erfolgsbeteiligungsplan entscheiden. Das gleiche gilt für Beschäftigte, die an sich unter den
Erfolgsbeteiligungsplan fallen, aber zu einer Arbeitsgruppe
versetzt werden, die unter einen Lohnanreizplan fällt. Das
Verfahren der Übertragung ist das gleiche wie im Falle Ablösungssummen .
VII. Mindestgarantie
A. Am 51. Dezember 19^3 und am Ende jeden folgenden Kalenderjahres
ist eine Analyse der laufenden Arbeitskosten und der laufenden Gesamtarbeits- und Materialkosten für den entsprechenden Zeitraum zu erstellen. Zeigt eine solche Analyse, daß sich die laufenden Gesamtarbeitskosten (einschließlich des Bruttoanteils der Beschäftigten) auf einen
geringeren Prozentanteil an den Gesamtarbeits- und Materialkosten
belaufen als den der Arbeitskostennorm an den Gesamtnormkosten für
den entsprechenden Zeitraum (vor Anwendung der Indizes des US-Bundesamtes für Arbeitsstatistik), so schreibt die Gesellschaft dem ersten
Teilbetrag des Bruttoanteils der Beschäftigten einen Betrag zu, der
sich mit den laufenden Arbeitskosten (einschließlich des Bruttoanteils der Beschäftigten) zu den Gesamtarbeitskosten (einschließlich
dieses Betrags) addiert, die denselben Prozentanteil der Gesamtkosten (einschließlich dieses Betrags) ausmachen, den die Arbeitskostennorm an den Gesamtnormkosten (vor Anwendung der Indizes des
US-Bundesamtes für Arbeitsstatistik) hat. Es ist dem ersten Teilbetrag des Bruttoanteils der Beschäftigten jeweils ein Zwölftel dieses
Betrags per Monat zuzuweisen, beginnend spätestens mit der zweiten
Zahlungsperiode unter dem Gewinnbeteiligungsplan, die auf die Durchführung dieser Berechnung folgt, bis der Gesamtbetrag dem ersten Teilbetrag des Bruttoanteils der Beschäftigten gutgeschrieben ist. Diese
Beträge sind bei der Festsetzung künftiger Verpflichtungen der Gesellschaft gemäß diesem Unterabschnitt nicht in Ansatz zu bringen.
Sie sind vielmehr als Kosten der Gesellschaft anzusehen und nicht als
Defizit gegen künftige Erträge der Beschäftigten aus dem Gewinnbeteiligungsplan aufzurechnen. Die Anwendung dieses Absatzes darf jedoch
nicht dazu führen, daß die laufenden Gesamtarbeits- und Materialkosten, einschließlich des Beschäftigtenanteils, im betreffenden Zeitraum die Gesamtnormkosten für die entsprechende Produktion übersteigen.
B.

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�B. Die im Zusatzprotokoll zu dem zwischen der Gesellschaft und
der Gewerkschaft geschlossenen Vertrag vom 9« März 1961 enthaltene
Zusicherung, daß zwischen der Gewerkschaft und den großen Stahlerzeugern vereinbarte Erhöhungen der Löhne und Sozialleistungen auch
seitens der Gesellschaft vorgenommen werden, bleibt weiterhin in
Kraft.
C. Auf Grund von Unterabschnitt B bewirkte Erhöhungen der Beschäftigungskosten werden mit Ausnahme etwaiger für den Bereich der
gesamten Stahlindustrie innerhalb 6 Monaten nach dem Inkrafttreten
dieses Plans wirksam werdender Erhöhungen der Löhne und Sozialleistungen gemäß Abschnitt V, C, 2 b aus der Lohn- und Sozialreserve
entnommen. Wie in dem genannten Abschnitt vorgesehen, darf der
Nettoanteil der Beschäftigten per Saldo niemals passiv sein. Ist
der in Unterabschnitt V, C angeführte erste Teilbetrag des Bruttoanteils der Beschäftigten niedriger als die Gesamtsumme, die sich
aus der Anwendung der im Bereich der Stahlindustrie eingetretenen
Erhöhungen der Löhne und der Gewährung bisher nicht gewährter Lohnnebenleistungen errechnet, so schießt die Gesellschaft die Differenz
zu. Bei der Berechnung der Kosten solcher Lohnerhöhungen ist die Anreizwirkung derselben, wie sie für die Kaiser Steel Corporation im
Jahre 1961 bestanden hätte, zu berücksichtigen. Der dieser Anreizwirkung zuzumessende Betrag soll den Beschäftigten nach demselben
Modus ausgezahlt werden, der bei der Verteilung der Gewinnanteile
der Beschäftigten angewandt wird. Er ist als Teil der Kostenrechnung
der Gesellschaft anzusehen und gilt nicht als Defizit, das gegen künftige Erträge der Beschäftigten aus dem Gewinnbeteiligungsplan aufgerechnet werden kann.
VIII. Das Verhältnis des Plans zu anderen Vereinbarungen
Zusammenfassung: Arbeitsstreitigkeiten, die sich aus der Durchführung des Erfolgsbeteiligungsplans ergeben, sind nach den einschlägigen Bestimmungen des Tarifvertrags beizulegen. Meinungsverschiedenheiten, die sich aus der Auslegung der Bestimmungen
des Plans oder hinsichtlich der Verwendung des Beschäftigtenanteils auf Sozialleistungen, der Behandlung solcher Leistungen
als Arbeitskostenanteil und der Revision des Plans nach Abschnitt
IX ergeben, sind vor den Langfristigen Ausschuß zu bringen und
gegebenenfalls den unabhängigen Mitgliedern desselben zur endgültigen bindenden Entscheidung zu übergeben.
Soweit der Plan nicht ausdrücklich etwas anderes verfügt, bleiben
sämtliche zwischen der Gesellschaft und der Gewerkschaft getroffenen Vereinbarungen uneingeschränkt in Kraft.
Die Rechte der Unternehmensleitung bezüglich Absatz, Einkauf,
Forschung, Vergütung der Führungskräfte, Kapazitätsausweitung
u.a. werden durch diesen Plan nicht berührt.
IX. Geltungsdauer
A. Dieser Plan gilt unbefristet und kann jedes Jahr innerhalb eines
Zeitraums von 90 Tagen vor dem Jahrestag seines Inkrafttretens einer
Überprüfung und Revision seitens der Gesellschaft und der Gewerkschaft
unterzogen werden.
••

-

10

-

�B. In Zahlungsperioden des Erfolgsbeteiligungsplans, in denen die
Produktion an Stahlendprodukten mehr als 24 Stunden ruht, sind die Normen
für die Arbeits- und Materialkosten proportional zur Dauer des Produktionsstillstands herabzusetzen.
C. Dieser Plan ist seitens der beiden Vertragspartner mit viermonatiger Frist kündbar, wobei die Kündigung dem Vertragspartner innerhalb der 12 Monate zugestellt werden muß, die auf den vierten Jahrestag
des Inkrafttretens dieses Planes folgen, bzw. in jedem darauffolgenden
vierten Jahr.
D. Spricht einer der Vertragspartner eine solche Kündigung aus,
kommen die beiden Vertragspartner gemeinsam überein, welche Regelung
für die Zeit nach der Kündigung zu treffen ist. Diese Übereinkunft
ist unter gebührender Berücksichtigung der Zielsetzungen zu treffen,
die in den Abschnitten bezüglich des Sachverhalts und der Annahme des
Langfristigen Gewinnbeteiligungsplans angeführt sind, sowie der Entwicklung, die sich während der Geltungsdauer des Plans ergeben hat, und
der Gründe, die für seine Kündigung angeführt wurden. Können sich die
Vertragspartner nicht innerhalb von 60 Tagen einigen, ist die Angelegenheit den unabhängigen Mitgliedern des Langfristigen Ausschusses zur
Überprüfung zu unterbreiten.
E. Ausgehend von dieser Überprüfung, sind die unabhängigen Mitglieder des Langfristigen Ausschusses ermächtigt, eine oder sämtliche der
nachstehenden Maßnahmen zu treffen. Sie können
1. beschließen, sich jeglichen Eingriffs zu enthalten, oder diesen
auf einen anderen Zeitpunkt verschieben, um Gelegenheit zu weiteren Gesprächen zu schaffen;
2. Vermittlungsversuche unternehmen, einschließlich geheimer Beratungen mit Vertretern beider Vertragspartner;
3. den Langfristigen Ausschuß einberufen; und schließlich
4. den beiden Vertragspartnern einen Bericht zustellen, der die
Standpunkte der Parteien zusammenfaßt, den strittigen Sachverhalt umreißt und den beiden Vertragspartnern Empfehlungen erteilt.
F. Bei Kündigung des Plans und NichtZustandekommen einer die
Kündigung aufhebenden Einigung ist jede der Vertragsparteien berechtigt,
ihre Zuflucht zu Streik bzw. Aussperrung zu nehmen, um ihren Standpunkt
zu untermauern, ungeachtet irgendwelcher anderer zwischen den Vertragspartnern bestehender Abmachungen.
G. Bei Einstellung dieses Plans ist die Lohn- und Sozialreserve
restlos an fiie Beschäftigten nach dem gleichen Modus auszuzahlen, nach
dem die Erifölgsanteile auf Grund dieses Plans ausgezahlt werden.

(Aus "Monthly Labor Review"
Vol. 86, Nr. 2,Februar 1963)
s
* * * * *

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�Maschinistengewerkschaft feiert 75.jähriges Bestehen
Als die 19 Maschinisten eines Eisenbahnausbesserungswerks in
Atlanta (Georgia) am 5- Mai 1888 heimlich in einem Lokomotivschuppen
zusammenkamen, um die "Gewerkschaft der Maschinisten" aus der Taufe
zu heben, steckte die Gewerkschaftsbewegung in den USA noch in den
Kinderschuhen, Zusammenschlüsse solcher Art waren in dieser Zeit an
der Tagesordnung, aber nur wenige Gründungen hatten Bestand. Und auch
Tom Talbot, der erste Präsident der "International Association of
Machinists" (lAM) , und seine 18 Kollegen waren damals wohl kaum davon
überzeugt, daß ihre Gewerkschaft einmal zu den vier größten in den
Vereinigten Staaten zählen würde.
Über 900 000 Mitglieder
Mit über 900 000 Mitgliedern und fast 2000 Ortsvereinen stellt
die IAM-Gewerkschaft unter Führung ihres Präsidenten AI Hayes heute
einen wichtigen Paktor nicht nur in der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung, sondern auch im wirtschaftlichen und sozialpolitischen Leben
des Landes dar. Ihre Stärke ist dabei zweifellos die sehr breite
Streuung ihrer Mitglieder, die sich im Gegensatz zu den anderen großen
Gewerkschaften der Vereinigten Staaten nicht auf einen einzelnen Industriezweig konzentrieren, sondern auf eine Vielzahl von Branchen verteilen .
Schon die Tatsache, daß sie mit rund 15 000 Unternehmen Tarifverträge abgeschlossen hat (die bei weitem größte Zahl, die von einer
einzelnen Gewerkschaft je abgeschlossen wurde), zeigt, wie groß ihr
tatsächlicher Einfluß ist. Waren es früher in erster Linie die Maschinisten und Maschinenwärter vor allem der Eisenbahnen, die in der IAMGewerkschaf t organisiert waren, so sind es heute sowohl die Arbeitnehmer
der Raumfahrtindustrie und das technische Personal der Luftfahrtgesellschaften als auch die Beschäftigten der Werkzeug- und Büromaschinensowie der metallverarbeitenden und der Elektroindustrie - also der
aufstrebenden Wirtschaftszweige -, die der IAM ihre Vertretungsrechte
übertragen haben.
Führend in der Lohn- und Sozialpolitik
Als Talbot und seine Kollegen 1888 die Gewerkschaft gründeten,
belief sich ihr Tagesverdienst bei einer Arbeitszeit von 10-12 Stunden
auf etwa 2 - 2 1/2 Dollar. Heute dagegen liegt schon der Stundenlohn
der Mitglieder der IAM-Gewerkschaft über diesen Sätzen, wobei der größte
Teil von ihnen es auf Stundenverdienste von weit über 3 Dollar bringt.
Aber nicht nur auf dem Gebiet der Löhne ist die IAM-Gewerkschaft
in all den Jahren Schrittmacher für die weniger stark organisierten
Industrien gewesen, auch in der Sozialpolitik war sie mit bahnbrechend.
Die heute in der amerikanischen Wirtschaft allgemein üblichen Lohnnebenleistungen wie Unternehmerbeiträge zu Krankenversicherungs-, Wohlfahrtsund Pensionsfonds gehen mit auf die Initiative dieser Gewerkschaft
zurück.
Künftige

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�Künftige Ziele
Als die wichtigsten künftigen gewerkschaftlichen Ziele der IAM
bezeichnete AI Hayes kürzlich folgende:
1. Verstärkte Organisationsbemühungen unter Berücksichtigung der
und im Hinblick auf die sich schnell vollziehenden strukturellen Veränderungen im amerikanischen Arbeitspotential.
/

2. Genaue Untersuchung der Einflüsse der Automation auf den
beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Status der Arbeitnehmerschaft und Durchsetzung von geeigneten Maßnahmen zur Milderung der
negativen Auswirkungen.
3. Durchführung von Ausbildungs-, Fortbildungs- und Umschulungskursen für all jene Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz auf Grund der
technologischen Veränderungen verlieren.
4. Ausweitung und Verbesserung der Lehrlingsausbildungsprogramme
zwecks Sicherung eines leistungsfähigen hochqualifizierten Facharbeiternachwuchses.

(Quelle: Eigenbericht)
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Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Erster gewerkschaftlicher Arbeitsvertrag für die Postangestellten
Ein Tarifverhandlungsabkommen zwischen dem amerikanischen Postministerium und den sechs als vertretungsberechtigt anerkannten Postarbeitergewerkschaften wurde jetzt vom Postmaster General (Postminister)
der USA und den Gewerkschaftsvertretern unterzeichnet. Es ist das
erste Generalabkommen dieser Art überhaupt, das für die rund 500 000
Postangestellten und Beamten im allgemeinen Postdienst und in den
34 000 Postämtern der USA abgeschlossen wurde.
Dieser Vertrag geht auf die Initiative Präsident Kennedys zurück,
der sich im vergangenen Jahr für eine Ausdehnung der gewerkschaftlichen Vertretungsrechte auch auf die Bundesbediensteten ausgesprochen
hatte. Sichtbarer Ausdruck dieser Bemühungen ist das im Januar dieses
Jahres in Kraft getretene sogenannte Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Programm,
in dem die Vertretungsrechte der Bundesbediensteten offiziell anerkannt
werden.
Der neue Einjahresvertrag bezieht sich jedoch nur auf solche tarifvertragliche Abmachungen wie Arbeitsbedingungen, Beschwerdeverfahren usw.
und enthält, im Gegensatz zu den in der Privatwirtschaft abgeschlossenen

-

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�abgeschlossenen allgemeinen Tarifverträgen keine bindenden Abmachungen über Löhne, Arbeitszeit und Sozialleistungen - Beschäftigungsbedingungen, die vom amerikanischen Kongreß festgesetzt werden.
In de.m 60 Druckseiten umfassenden Vertragswerk verpflichten sich
die Gewerkschaften unter anderem, von ihrem Streikrecht keinen Gebrauch zu machen und sich nicht an irgendwelchen gewerkschaftlichen
Kampfmaßnahmen zu beteiligen, die gegen die Regierung gerichtet sind.
Neben Abmachungen über die Vertretungsrechte, die den Gewerkschaften
eingeräumt werden, enthält das Abkommen auch detaillierte Angaben
über die Abwicklung von Disziplinar- und Beschwerdeverfahren sowie
über die Einspruchsrechte der Angestellten der amerikanischen Bundespost.
(Quelle: Eigenbericht)
*

Eastman Kodak zahlte 55.6 Millionen Dollar als Gewinnbeteiligung
Eine Summe von 55,6 Millionen Dollar hat die "Eastman Kodak
Company" in diesem Jahr an ihre 48 000 Mitarbeiter in den Vereinigten Staaten im Rahmen ihres Gewinnbeteiligungsplans ausgezahlt oder
auf Spar- und Investitionskosten überwiesen. Das ist die höchste
Summe, die seit der Einführung dieses Gewinnbeteiligungssystems im
Jahre 1912 an die Eastman-Belegschaft ausgeschüttet wurde.
Auf Grund des allgemeinen Verteilungsschlüssels erhalten die
Arbeitnehmer der "Eastman Kodak Company" für jede 1000 Dollar, die sie
in den vergangenen Jahren verdient haben, einen Gewinnbonus in Höhe
von 56,75 Dollar. Darüber hinaus sind noch sämtliche Mitarbeiter des
Unternehmens mit mehr als fünf Dienstjahren berechtigt, am sogenannten
Spar- und Investitionsprogramm teilzunehmen, für das jährlich ein Teil
der Gesamtsumme abgezweigt wird. Die auf diesen Konten eingehenden
Gelder werden für den Erwerb von Aktien, Schuldverschreibungen oder
Regierungsanleihen verwendet. In diesem Jahr waren insgesamt 15 000
Mitarbeiter des Unternehmens an diesem Programm teilnahmeberechtigt.
Die Gewinnbeteiligung, die in jedem Jahr auf einer Vorstandssitzung beschlossen werden muß, richtet sich jeweils nach der Höhe
der Dividende, die vom Unternehmen auf die Stammaktien gewährt wird.
Die zweithöchste Gewinnbeteiligungssumme (50,9 Mio Dollar) gelangte im vergangenen Jahr zur Ausschüttung.
(Quelle: Eigenbericht)

*

-

14

-

�Studienausschüsse zur Vorbereitung der Tarifverhandlungen
in der Automobilindustrie
Die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) hat sowohl
mit der "General Motors Corporation" (GM) als auch mit der "Ford
Motor Company" ein Übereinkommen erzielt, wonach zwei paritätisch
besetzte Studienausschüsse gebildet werden sollen, deren Aufgabe es
sein wird, die bei den nächstjährigen Tarifverhandlungen wahrscheinlich im Mittelpunkt stehenden Probleme vorbereitend zu erörtern.
Die Anregung zur Bildung solcher gemeinsamer Ausschüsse war von
dem 1. Vorsitzenden der UAW-Gewerkschaft, Walter P. Reuther, ausgegangen, der im März in einem Rundschreiben an die Firmen der Automobilund Landmaschinenindustrie darauf hingewiesen hatte, daß "wegen der
immer verwickelter werdenden Tarifverhandlungen" solche Studienkommiasionen dringend erforderlich sind. "Wir sind der Ansicht", so schrieb
Reuther, "daß die TarifVerhandlungen selbst viel rationeller geführt
werden können, wenn sich die beiden Tarifpartner schon lange vor Beginn
der eigentlichen Verhandlungen zusammensetzen und all jene Punkte der
Übereinstimmung festlegen, und daß den nationalen Belangen und den
Bedürfnissen der Arbeitnehmer und ihrer Familien dadurch mehr Rechnung
getragen wird."
Die ersten Beratungen zwischen den Vertretern der UAW-Gewerkschaft
einerseits und der "General Motors Corporation" sowie der "Ford Motor
Company" andererseits fanden bereits Mitte April statt. Im gemeinsamen
zwölfköpfigen UAW-GM-Studienausschuß führten der J. Vorsitzende der
UAW-Gewerkschaft, Walter P. Reuther, sowie der Vizepräsident von GM,
Louis G. Seaton, den Vorsitz, während Ford für die Verhandlungen als
Spitzenvertreter seinen Viaapräsidenten Malcolm L. Denise bestellt
hatte .
In einer gemeinsamen, nach der ersten Fühlungnahme veröffentlichten Erklärung betonen Reuther und Denise, daß "sowohl die Gewerkschaft
als auch das Unternehmen darin übereinstimmen, daß der Studienausschuß
durch seine Vorarbeit lange vor Beginn der eigentlichen Verhandlungen
einen konstruktiven Beitrag leisten" könne.
Der Vertrag zwischen der UAW-Gewerkschaft und General Motors
läuft am 31. August 1964 aus. Er erfaßt rund 325 000. Arbeitnehmer.
Als besondere Verhandlungspunkte für die Studienausschüsse nannte
Walter Reuther u.a. Arbeitslosigkeit und Verdrängung von Arbeitnehmern,
die Auswirkung der höheren Produktivität auf Grund leistungsfähigerer
Maschinen, Uberstundenbezahlung, zusätzliche Pensions- und Arbeitslosenunterstützungsleistungen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

-

15

-

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der ..Arbeitsmittellungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 7

Bad Godesberg, den 1. Juli 1963
INHALTSVERZEICHNIS

Die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsprobleme der USA
in den Jahren 1960-1975 (i)

Seite

1

Berufsausbildung im Zeitalter der schnellen
technischen Veränderungen

Seite

12

"DOT" - Ein Bestseller wird neu aufgelegt

Seite

15

Die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsprobleme der USA
in den Jahren 1960-1975 (I)
Grundtendenzen, Veränderungen und künftiger Arbeitskräftebedarf
Die umwälzenden technischen Veränderungen des vergangenen
Jahrzehnts, die ihren sichtbarsten Ausdruck in der Automation finden, haben tiefgreifende strukturelle Umschichtungen im gesamten Arbeitspotential der Vereinigten Staaten
herbeigeführt. Zahlreiche altüberlieferte Berufe sind durch
die modernen Produktionstechniken bereits für immer ausgelöscht worden, viele neue, höherqualifizierte Tätigkeiten
haben sich den Arbeitnehmern eröffnet. Millionen ist es bisher gelungen, sich mit Erfolg den neuen beruflichen Gegebenheiten anzupassen, viele aber haben - wie die relativ hohe
Zahl der "technologischen Arbeitslosen" zeigt - diese Umstellung aus eigener Kraft nicht geschafft. Diesen Menschen
neue berufliche Chancen zu geben, ist das Ziel des sogenannten "Manpower Development and Training Act", der im vergangenen Jahr vom US-Kongreß verabschiedet wurde und in
dessen Rahmen bisher 435 Millionen Dollar für die Umschulung langfristiger Arbeitsloser auf neue Berufe bereitgestellt wurden. Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Eingliederung der bisherigen und künftigen strukturellen Arbeitslosen in die Wirtschaft ist die genaue
Kenntnis der heutigen und künftigen Struktur des gesamten
Arbeitsmarktes sowie der jeweiligen beruflichen Anforderungen, die an die Arbeitnehmerschaft gestellt werden.

Im

�Im Verfolg dieser Ziele hat das amerikanische Arbeitsministerium eine umfassende Analyse über die heutige
Arbeitsmarktsituation sowie über die bis 1975 zu erwartenden Veränderungen erstellt und im März dieses Jahres
veröffentlicht. In den beiden folgenden Beiträgen geben
c die wichtigsten Ergebnisse des ersten Berichts dieser Art überhaupt wieder.
Die derzeitige Situation
mmenfassung der wichtigsten Ergebnisse
1. Beschäftigung: Die Gesamtbeschäftigtenzahl der Vereinigten
Staaten hat sich seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ständig erhöht,
aber noch stärker ist in diesem Zeitraum die Zahl der verfügbaren Gesamtarbeitskräfte angestiegen.
Die Gesamtzahl aller beschäftigten Arbeitnehmer - Unselbständige,
Selbständige, im Haushalt Beschäftigte oder im Familienbetrieb ohne
Bezahlung Tätige - belief sich 1962 im Durchschnitt auf 67,8 Millionen.
Gegenüber 1947 ist damit eine Zunahme um 10 Millionen festzustellen,
was einem prozentualen Anstieg um 17 Prozent gleichkommt. Im selben
Zeitraum aber hat sich das gesamte Arbeitspotential um 13 Killionen
oder 21 Prozent erhöht - ein Anstieg, der teils durch die Bevölkerungszunahme, teils durch die Zunahme der Zahl der werktätigen Frauen bedingt war. hierin auch die Frauen heute nur rund 1/3 des gesamten
Arbeitspotentials ausmachen, so belief sich doch ihr Anteil an der Gesamtzunahme zwischen 1947 u n d 1962 auf etwa 3/5«
•2. Erwerbslosigkeit: Auch der Anteil der Erwerbslosen an der Gesamtzahl der verfügbaren Arbeitskräfte hat entsprechend zugenommen.
Im Jahre 1962 waren im Durchschnitt rund 4 Millionen Amerikaner erwerbslos. Das entspricht einer Erwerbslosenrate von 5 1/2 Prozent.
Damit wurde in fünf hintereinanderfolgenden Jahren jeweils ein Satz
von mindestens 5 1/2 Prozent registriert. In den ersten Nachkriegsjahren hingegen betrug die Durchschnittsrate weniger als 4 Prozent.
Diese Ziffern zeigen, daß es der amerikanischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren nicht gelungen ist, das vorhandene Arbeitspotential
voll zu nutzen.
3« Ein besonderes Problem stellen in diesem Zusammenhang die
langfristigen Erwerbslosen dar. Zwischen 1957 und 1962 stieg die Zahl
der längerfristigen Erwerbslosen (15 Wochen und mehr) um 100 Prozent
an, und die der langfristigen (mehr als 6 Monate) sogar um 150 Prozent.
Die Gesamtzunahme der Arbeitslosigkeit in diesem Zeitraum betrug nicht
ganz 40 Prozent, die der kurzfristigen (unter fünf Wochen) nicht ganz
20 Prozent.In Anbetracht dieser Tatsachen gewinnt die Frage der Sicherstellung einer ausreichenden Arbeitslosenunterstützung oder überbrückungsbeihilfe für solche Arbeitnehmer stark an Bedeutung, die mehr als 6
Monate erwerbslos sind. (Die derzeitige Maximaldauer der Unterstützung
in den USA beträgt im Durchschnitt 39 Wochen. Anm.d.Red.)

1t

- 2 -

�4« Besondere Aufmerksamkeit verdienen ebenfalls einige ernste
und schwer zu lösende Beschäftigungsprobleme: die hohe Arbeitslosigkeit unter den
a) Jugendlichen, b) den älteren Arbeitnehmern, c) den Farbigen,
d) den in rückläufigen Industriezweigen Beschäftigten, e) den in
wirtschaftlichen Notstandsgebieten Lebenden und f) allgemein den
ungelernten Arbeitnehmern. Obwohl festzustellen ist, daß keine Beschäftigtengruppe gegenüber der Erwerbslosigkeit immun ist, so ist
doch die Anfälligkeit gerade der oben angeführten Gruppen auf Grund
eines gemeinsamen Faktors - unzureichende berufliche ^oialif ikationen - besonders stark.
Um die kritischen Probleme der am schwersten von der Arbeitslosigkeit betroffenen Gruppen zu lösen, bedarf es nicht nur einer
allgemeinen stärkeren wirtschaftlichen Expansion, sondern gleichfalls erheblich zahlreicherer Möglichkeiten für die Erziehung und
berufliche Ausbildung. Außerdem müssen wesentliche Anstrengungen
unternommen werden, um den jüngeren Arbeitnehmern eine bessere berufliche Anleitung und Führung zu geben, die Vorurteile gegenüber
älteren Arbeitnehmern und Angehörigen der Hinderheitengruppen abzubauen, die Freizügigkeit in der Arbeitsplatz- und Arbeitsortswahl
zu erhöhen und die wirtschaftlichen Notstandsgebiete strukturell
zu verbessern.
5« In der derzeitigen Beschäftigten- und Arbeitslosenstruktur
kommen folgende wichtige Entwicklungen zum Ausdruck, die alle die
Notwendigkeit für Haßnahmen zur Beschleunigung des wirtschaftlichen
Wachstums unterstreichen:
a) Die Zunahme des Bruttosozialprodukts in den Nachkriegsjähren,
so eindrucksvoll sie auch sein mag, ist in erster Linie durch den
Anstieg der Arbeitsproduktivität und weniger durch eine Erhöhung der
Beschäftigtenzahl oder der Gesamtarbeitszeit bedingt gewesen.
Zwischen 1947 u n d 1961 nahm die Gesamterzeugung der Privatwirtschaft um 59 Prozent zu. Hehr als 4/5 dieser Zunahme sind dabei durch
die Erhöhung der Arbeitsleistung pro Arbeitnehmer und Stunde eingetreten. Die Gesamtbeschäftigtenzahl auf dem privaten Sektor nahm im
gleichen Zeitraum nur um 10 Prozent zu. Und der Gesamtanstieg der geleisteten Arbeitsstunden war noch geringer - nur 5 Prozent -, und
zwar auf Grund des Rückganges der durchschnittlichen jährlich geleisteten Arbeitszeit, der zum größten Teil auf den sehr steilen Anstieg
der Halbtagsbeschäftigungen zurückzuführen ist.
b) Die wirtschaftliche Wachstumsrate lag in den vergangenen.fünf
Jahren erheblich unter der Durchschnittsrate der vorangegangenen Dekade. Zwischen 1947 und 1957 nahm das Bruttosozialprodukt, unter Zugrundelegung eines konstanten Dollarwertes, im Durchschnitt um 3f8
Prozent pro Jahr zu. In den letzten Jahren dagegen belief sich die
Zuwachsrate auf lediglich 2,9 Prozent.
c) Die Wachstumsrate für neue Arbeitsplätze auf dem privaten
Wirtschaftssektor ist ebenfalls zurückgegangen. Während zwischen 1947
und 1957 auf dem nichtlandwirtschaftlichen Sektor jährlich rund
700 000 neue Arbeitsplätze dazukamen, waren es zwischen 1957 und 1962
lediglich noch 175 000 pro Jahr.

AI
- 5-

�d) Lediglich auf dem öffentlichen Sektor ist seit 1957 eine
steinende Tendenz festzustellen gewesen. Die Zunahme der Zahl neuer Arbeitsplätze erfolgte dabei hauptsächlich bei den Bundesstaaten und. Gemeinden - und hier wiederum in erster Linie im Erziehungswesen.
6. Die regionalen Verlagerungen von Industrieunternehmen und
die Umschichtungen auf dem Beschäftigungssektor haben zu einer erhöhten Freisetzung von Arbeitskräften geführt und damit zwangsläufig V/iedereinstellungsprobleme geschaffen.
Diejenigen Berufe mit expandierenden Beschäftigungsmöglichkeiten verlangen heute im allgemeinen eine längere schulische und
berufliche Ausbildung. Freigesetzte Arbeitnehmer ohne die erforderlichen Qualifikationen haben es sehr schwer, neue Arbeitsplätze zu finden.
7. Ein akuter Mangel an Arbeitskräften besteht gegenwärtig
in zahlreichen Fach- und Spezialberufen.
Die Zahl der neu ins Arbeitsleben eintretenden Jugendlichen
mit abgeschlossener Ausbildung hat mit dem allgemein steigenden
Bedarf an Ingenieuren, Mathematikern, Naturwissenschaftlern, Soziologen, Lehrern, Ärzten, Krankenschwestern und ähnlichen akademischen, technischen und Fachberufen nicht Schritt gehalten. Ungeachtet des allgemein hohen Niveaus der Arbeitslosigkeit besteht in
zahlreichen Spezialberufen ein ausgesprochener Personalmangel, und
zwar auf nationaler ebenso wie auf regionaler Ebene.
8. Die Arbeitnehmermobilität ist in den Vereinigten Staaten
relativ groß, reicht aber doch nicht aus, um einen vollständigen
Ausgleich zwischen den Angeboten an Arbeitnehmern und Arbeitsplätzen herbeizuführen.
Von den 1961 beschäftigten Llännern und Frauen wechselten 8
Millionen - das sind 10 Prozent - ihren Arbeitsplatz im Laufe des
Jahres. Einige veränderten sich aus eigenem Entschluß, in der Absicht, einen besseren Arbeitsplatz zu finden oder aus sonstigen
Gründen, andere dagegen gezwungenermaßen, weil sie ihren alten Arbeitsplatz verloren hatten.
In der vielfach außerordentlich hohen Veränderungsrate der
18- und 19jährigen spiegeln sich insbesondere die großen Schwierigkeiten wider, denen sich heute unerfahrene Arbeitnehmer ohne
eine spezielle berufliche Ausbildung gegenüber sehen. Die hohe Veränderungsrate unterstreicht hier die Notwendigkeit für eine umfassendere und realistischere berufsschulmäßige Unterweisung von Jugendlichen und für eine verbesserte Berufsausbildung.
9« Die künftigen Arbeitsmarktprobleme der USA ergeben sich aus
der erwarteten unvergleichlich hohen Zunahme der Gesamtzahl der Arbeitskräfte in den 60er Jahren sowie durch die radikalen strukturellen Veränderungen in der Yfachstumsrate des Arbeitspotentials.
a) Die Gesamtzahl der Arbeitskräfte in den USA wird sich in
den 60er Jahren um rund 1} Millionen vergrößern und zwischen 1970 und

- 4-

�und 1975 u m weitere 7 Millionen zunehmen, so daß das Arbeitspotential 1975 etwa 93 Millionen Werktätige umfassen wird. Dieser Anstieg wird sehr viel größer sein als in jeder anderen 15-JahresPeriode zuvor.
b) Die jungen Arbeitnehmer unter 25 werden in den 60er Jahren
rund die Hälfte des erwarteten Zuwachses ausmachen, weitere 30 Prozent die älteren Frauen.
10. Auch die künftigen Produktivitätsgewinne werden zum wirtschaftlichen V/achstum beitragen und einen erheblichen Einfluß auf
den Arbeitsmarkt haben.
Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges lag die V/achstumsrate der
Arbeitsproduktivität in den Vereinigten Staaten über dem langfristigen Durchschnitt. In der privaten Wirtschaft belief sich die jährliche Zunahme der Arbeitsleistung pro Arbeitnehmer und Arbeitsstunde
auf durchschnittlich 3 Prozent, während die Durchschnittsrate für
das letzte halbe Jahrhundert 2,4 Prozent beträgt. Geht man von der
Annahme aus, daß sich auch in Zukunft die Produktivitätsgewinne in
dem bisherigen Rahmen halten werden, so wäre zum Ausgleich der durch
den technischen Fortschritt bewirkten Verminderung der Zahl der Arbeitsplätze eine jährliche wirtschaftliche V/achstumsrate erforderlich, bei der pro Jahr 2 Liillionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden können.
11. Um eine Vollbeschäftigung für das schnell wachsende Arbeitspotential sicherzustellen, wäre ein beträchtlicher Anstieg der Zahl
der Arbeitsplätze in den nichtlandwirtschaftlichen Zweigen der amerikanischen Volkswirtschaft erforderlich, zumal mit einem v/eiteren
Rückgang der Beschäftigung in der Landwirtschaft zu rechnen ist. Auch
in den nächsten Jahren werden die Farmer in etwa dem gleichen Umfang
wie bisher in andere, nichtlandwirtschaftliche Arbeitsplätze überwechseln.
Von den nichtlandwirtschaftlichen Wirtschaftszweigen wird die
Dienstleistungsindustrie auch in Zukunft die größte Zahl an neuen Arbeitsplätzen schaffen. Die Zahl der Beschäftigten auf diesem Sektor
dürfte in den 60er Jahren um etwa 30 Prozent zunehmen. In den gütererzeugenden Branchen dagegen wird die Zahl der Gesamtarbeitsplätze
nur geringfügig ansteigen. Eine Ausnahme bildet lediglich die Bauwirtschaft, wo - unter der Voraussetzung, daß die angestrebte Vollbeschäftigung erreicht v/erden kann - ein Zuwachs von 40 Prozent zu
erwarten ist.
12. Akademische und technische Berufe werden in den 60er Jahren
die größte Zuwachsrate aufzuweisen haben; eine überdui f'.i.schnittliche
Zunahme in der Beschäftigung dürfte bei den Angestellten (\7hitecollar-Berufe), den Facharbeitern und den Beschäftigten in den Dienst,
leistungsbetrieben registriert werden.
Zu denjenigen Berufen, die eine besonders hohe Uachstumsrate in
diesem Jahrzehnt aufweisen werden, zählen vor allem die Ingenieursberufe, die meisten der naturwissenschaftlichen und die Lehrberufe.
Auch bei den Technikern ist eine ähnliche stürmische Entwicklung zu
erwarten.

Uli

- 5-

�13« Die voraussichtlichen Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur geben aber nur ein unvollständiges Bild von dem künftigen
Arbeitskräftebedarf, denn ein weiterer erheblicher Bedarf wird sich
ebenfalls durch technologische Umschichtungen ergeben.
14» Der gesicherte Nachschub an Arbeitskräften für bestimmte
Beschäftigungsgruppen wird aber nicht allein von den Erziehungs- und
Ausbildungseinrichtungen abhängig sein, sondern auch durch solche
unabwägbaren Faktoren beeinflußt werden wie die Berufswahl, die jeder einzelne zu treffen hat. Es ist daher sehr schwer, das künftige
Angebot an Arbeitskräften in festen Ziffern auszudrücken. Verschiedene Vergleichsanalysen über das künftige Angebot und die Nachfrage nach Arbeitskräften sind jedoch inzwischen auf einer vorläufigen
Basis für die Fach- und akademischen Berufe mit dem Ziel erstellt
worden, die Planung von Ausbildungsprogrammen und anderen in dieser
Richtung notwendigen Schritten zu erleichtern. Damit soll den personellen Bedürfnissen in diesen entscheidend wichtigen*Berufen Rechnung getragen werden.
a) Der derzeitige Umfang der Lehrlingsausbildungsprogramme i6t
zu gering, um selbst die in den kommenden Jahren durch Tod, Pensionierung oder Berufswechsel sich ergebenden natürlichen Abgänge in
den einzelnen Facharbeitergruppen auszugleichen.
b) Die Neuzugänge in den akademischen und Fachberufen würden dagegen in etwa den voraussichtlichen Bedarf decken. Dennoch wird auch
weiterhin mit einem Personalmangel in zahlreichen Fachberufen zu rechnen sein, insbesondere dort, wo ein höheres Eildungs- und Ausbildungsniveau erforderlich ist.

Die voraussichtlichen Beschäftiigungstrends in den
einzelnen Wirtschaftszweigen
Ein guter Ausgangspunkt für die voraussichtlichen Entwicklungen
auf dem Beschäftigungssektor sind die heute schon überblickbaren Auswirkungen, die sich durch die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur ergeben.
Bis zum Jahre 1970 wird sich die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten nach den Voraussagen des US-Zensusbüros auf rund 210 Millionen erhöht haben und damit um 28 Millionen größer sein als im Jahr
1960. In den folgenden fünf Jahren dürfte es eine weitere Steigerung
um etwa 17 Millionen geben, so daß die USA im Jahre 1975 eine Gesamtbevölkerung von etwa 226 Millionen aufweisen werden.
Auf Grund dieser erwarteten Zunahme der Bevölkerung (sowie der
Veränderungen in der Teilnahme am Erwerbsleben in den einzelnen Altersgruppen der Männer und Frauen) ergibt sich eine bisher nicht gekannte Zunahme in der Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte - ein Zuwachs
um rund 20 Millionen zwischen i960 und 1975« Die Zahl der in der Privatwirtschaft Tätigen wird dabei von rund 67 Millionen im Jahre 1960
auf etwa 80 Millionen im Jahr 1970 und 88 Millionen im Jahr 1975 ansteigen - was eine Zunahme um rund ein Drittel bedeutet.
Die

,(

- 6 -

�Die Zunahme der in der Privatwirtschaft tätigen Arbeitnehmer
wird dabei von erheblichen Veränderungen in der industriellen Beschäftigungsstruktur begleitet sein. Zahlreiche Industriezweige
werden auf Grund von Veränderungen in den Verbrauchergewohnheiten,
der Investitionsentscheidungen der Wirtschaft und der der Regierung hinsichtlich der Verwendung der öffentlichen Gelder entweder
einen Zuwachs oder einen Verlust an Produktionsvolumen und Beschäftigten aufweisen. Zu den anderen Paktoren, die einen nachhaltigen Einfluß auf die Beschäftigungsstruktur haben werden, sind
die Portschritte in der Technik, die Einführung neuer Produkte und
die Veränderungen in der Verfügbarkeit von natürlichen Hilfsquellen zu rechnen.
Der einzige Großsektor der amerikanischen Volkswirtschaft,
auf dem bestimmt mit einem Rückgang der Beschäftigtenzahl zwischen
1960 und 1975 selbst in Anbetracht einer Vollbeschäftigung zu rechnen ist, ist die Landwirtschaft. Die ständige Erhöhung der Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft, die die Hauptursache für den Rückgang in der Zahl der landwirtschaftlichen Arbeiter im vergangenen
Jahrzehnt war, wird auch in der Periode bis 1975 auf Grund der vermehrten Verwendung von Haschinen, Kunstdünger, Futtermittelzusätzen,
Herbiziden und Insektiziden andauern. Der ständige Rückgang in der
Zahl der Farmen, insbesondere der kleinen, geringe Einkommen erwirtschaftenden Farmen, wird gleichfalls anhalten. Auf der anderen Seite wird der Bedarf der größeren Farmen an zusätzlichen Arbeitskräften durch die weitere Mechanisierung in engen Grenzen gehalten werden. Alles in allem ist damit zu rechnen, daß die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitnehmer zwischen 1960 und 1970 von 5»7 auf 4»3
Millionen und bis 1975 auf 4»0 Millionen zurückgehen wird.
Im gleichen Zeitraum aber wird sich die Zahl der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitnehmer schnell erhöhen. Nach den Schätzungen
des amerikanischen Arbeitsministeriums wird sich hier ein Anstieg
zwischen i960 und 1970 von 61 auf 76 Millionen und bis 1975 auf fast
84 Millionen ergeben. Die größte Zunahme werden dabei die unselbständigen Arbeitnehmer aufweisen, deren Zahl von 51»5 Millionen
(1960) auf 71,5 Millionen (1975) ansteigen wird. Die Zahl der anderen Arbeitnehmer (Selbständige, in Familienbetrieben ohne Bezahlung
Tätige usw.) wird sich ebenfalls, aber weniger stark erhöhen, und
zwar von 9»5 a u f 12 Millionen.
Die folgende Übersicht zeigt die voraussichtliche Entwicklung
bei den unselbständigen Arbeitnehmern in den verschiedenen Wirtschaftszweigen:
Wirtschaftszweig

-7

�Wirtschaftszwei g

Zahl der Beschäftigten
(in Millionen)
tatsächliche

voraussichtliche

Veränderungen
1 96O-I 975
(in *)

1960

1970

54,3

67,7

74,2

37

Lienstleistungszweige
(Gesamt)
34,0

43,7

48,8

44

11,4
.4
111

14,0

15,6

37

Regierung

8,5
8,
,5

11,5

12,8

51

Dienste, Verschiedenes

,A
7,4
7,

10,2

11,9

61

Transport,offentl.
Versorgung

,0
4,0
4,

4,4

4,5

13

Finanz, Versicherungen, Immobilien

2,7

3,5

3,9

44

20,4

24,0

25,4

25

Fertigungsindustrie

16,8

19,2

20,3

21

Bauwirtschaft

2,9

4,0

4,4

52

Bergbau

0,7

0,7

0,7

0

Gesamtwirtschaft

Groß- und Einzelhandel

Güterproduz.Zweige
(Gesamt)

1975

Von den nichtlandwirtschaftlichen Wirtschaftszweigen werden also
die Dienstleistungen hervorbringenden Industrien einen stärkeren Zuwachs
an Beschäftigten aufweisen als die Fertigungsindustrien. Die gesamte
prozentuale Zunahme bis 1975 dürfte hier fast 45 Prozent ausmachen,
während in den traditionellen güterproduzierenden Zweigen' nur eine Zunahme von etwa 25 Prozent erwartet wird.
Die Entwicklung in den einzelnen Wirtschaftszweigen
A. Dienstleistungszweige
1. Groß- und Einzelhandel; Die Zahl der Beschäftigten im Groß und
Einzelhandel, die in den vergangenen Dekaden erheblich angestiegen
ist, wird auch in den nächsten 15 Jahren dem bisherigen Trend folgen.
In dem Maße, in dem die Bevölkerung und die Verbraucherausgaben ansteigen, wird auch der Groß- und Einzelhandel ein ständig größeres Gütervolumen umzuschlagen und daher auch mehr Arbeitnehmer zu beschäftigen
haben. Auf Grund der technischen Entwicklung - wie die vermehrte

�vermehrte Aufstellung von Automaten, der Ausbau der Selbstbedienungsläden, die Einbeziehung von Elektronenrechnern für die Lagerkontrolle und Buchhaltung usw. - wird sich jedoch die Zuwachsrate
etwas abflachen. Insgesamt gesehen dürfte sich hier zwischen 196O
und 1970 eine Zunahme der Beschäftigtenzahl um rund 23 Prozent ergeben. Sie dürfte 1970 an die 14 Millionen betragen und bis 1975 auf
über 15 1/2 Millionen anwachsen. Jedoch wird sich das schon seit
1939 festgestellte Verhältnis von 1:3 zwischen den im Groß- und im
Einzelhandel Beschäftigten nicht verändern.
Ein Großteil der Neuzugänge in diesem Wirtschaftszweig wird aus
Halbtagsbeschäftigten bestehen, unter ihnen viele Frauen und Jugendliche. Der Aufbau von Shopping Centers in den Vororten der Großstädte und der Trend nach einer Verlängerung der Geschäftszeit bis
in die späten Abendstunden forcieren den Bedarf an stundenweise
Beschäftigten - Arbeitnehmern, die in den angrenzenden Siedlungsgebieten wohnen. Auch wird der Groß- und Einzelhandel weiterhin
zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten für Selbständige bieten.
2. Regierung: Die Zahl der im öffentlichen Dienst Beschäftigten
wird zwischen 196O und 1970 um rund ein Drittel zunehmen und einen
Stand von etwa 11 Millionen erreichen. Ein Anstieg um weitere 2
Millionen auf insgesamt 13 Millionen wird für die Periode 1970-1975
erwartet. Wie auch schon in den vergangenen 15 Jahren werden die bundesstaatlichen und kommunalen Verwaltungen dabei den stärksten Anstieg
zu verzeichnen haben. Auf Grund der allgemeinen Bevölkerungszunahme
und des Zustroms von Personen aus den ländlichen Gegenden in die
Stadtgebiete und aus den Städten in die Vororte ergibt sich zwangsläufig ein höherer Bedarf an Arbeitskräften für das Erziehungswesen,
den öffentlichen und allgemeinen Gesundheitsdienst, die Ordnungsund Schutzorgane wie Polizei und Feuerwehr, die Straßenreinigung
und -Unterhaltung sowie für die Wohlfahrtspflege. Aus diesen Gründen
ist zu erwarten, daß die Zahl der von den Bundesstaaten und Gemeinden
Beschäftigten in den nächsten 15 Jahren um etwa 50 Prozent ansteigen
wird, während der Beschäftigtenstand des Bundes sich nur* unwesentlich
verändern dürfte.
3« Verschiedene Dienstleistungszweige; Mit dem weiteren Anstieg
deB Pro-Kopf-Einkommens ist zu erwarten, daß die Verbraucher - wie
auch in den vergangenen 15 Jahren - einen immer größeren Teil ihres
Einkommens für die zahlreichen Dienstleistungen aufwenden werden.
Die Zahl der Arbeitsplätze wird sich daher in diesen Wirtschaftszweigen bis 1975 weitaus stärker erhöhen als in allen anderen Sektoren
der US-Wirtschaft. Bis zum Jahre 1970 dürfte sie bis auf 10 Millionen
und bis 1975 auf fast 12 Millionen ansteigen. Das entspricht einer
Zunahme um 60 Prozent.
Innerhalb dieser großen Gruppe werden die Arzt- und Heilberufe
die stärksten Zugänge aufweisen. Bei den Faktoren, die die Zuwachsrate beeinflussen, sind neben der Bevölkerungszunahme insbesondere
die Erhöhung der Zahl der älteren Menschen und der Kinder zu nennen
sowie die steigenden Einkommen, die Ausweitung des öffentlichen Gesundheitsdienstes und der medizinischen Forschung, die Veränderungen
in der Gesundheitsvorsorge und der Bau.neuer medizinischer Einrichtungen.
Aber

- 9 -

�Aber auch auf anderen Dienstleistungssektoren wird die Beschäftigtenziffer beträchtlich zunehmen. Dies wird in erster Linie darauf
zurückzuführen sein, daß viele Unternehmen die Werbung für ihre Produkte immer mehr den Agenturen überlassen, in stärkerem Maße als
bisher die Durchführung ihres gesamten Rechnungswesens Buchhaltungsund Buchprüfungsfirmen und das Inkasso und die Kunden-Kreditabwicklung den auf diesem Sektor tätigen Fachunternehmen übertragen werden.
Schließlich wird noch die höhere Zahl von Jugendlichen im schulpflichtigen Alter einen höheren Bedarf an Lehrkräften nicht nur in den
öffentlichen Schulen, sondern auch in den privaten Bildungsstätten
bedingen.
4. Transport- und öffentliche Versorgungsunternehmen; Wie schon
in den vergangenen Dekaden werden die Beschäftigungstrends innerhalb
dieser Gruppe auch in den nächsten 10 bis 15 Jahren sehr unterschiedlich sein. Unter Berücksichtigung dieser Trends und von der allgemeinen Annahme ausgehend, daß eine Vollbeschäftigung erreicht werden
kann, ist eine Zunahme der Zahl der Arbeitskräfte von gegenwärtig
4,0 auf 4,4 (1970) und 4,5 Millionen (1975) zu erwarten.
5. Finanz, Versiaherungen,. Immobilien: Der Beschäftigtenstand in
diesen Dienstleistungszweigen hat sich in all den Jahren stetig erhöht. Auch in den nächsten 15 Jahren wird das der Fall sein. Es kann
damit gerechnet werden, daß 1970 rund 3»5 und 1975 etwa 3,9 Millionen
in diesen Branchen Beschäftigung finden. Das entspräche einer Zunahme
um 45 Prozent. Auslösende Faktoren sind hier die zunehmende Kompliziertheit des gesamten Finanzwesens, die weiter steigenden Einkommen
und das allgemeine Wachstum der Wirtschaftsunternehmen und der Stadtbevölkerung.
Bei den Banken, die i960 rund ein Viertel aller Arbeitnehmer dieser Gruppe beschäftigten, wird die Zunahme in der Zahl der Arbeitsplätze trotz der stärkeren Verwendung von elektronischen Datenverarbeitungsanlagen besonders rasch erfolgen. Bis zum Jahre 1975 dürfte
dabei der Anteil der Banken an der Gesamtbeschäftigtenzahl dieser
Gruppe bis auf 40 Prozent ansteigen. Im Versicherungswesen und bei
den Immobilienfirmen kann dagegen mit einer Zunahme der Beschäftigtenzahl um etwa ein Drittel gerechnet werden.
Da die weiblichen Arbeitnehmer gegenwärtig rund die Hälfte aller
Beschäftigten in diesen Branchen ausmachen, ergeben sich hier durch den
schnellen Anstieg der Arbeitnehmerzahl bedeutende Auswirkungen auf die
Frauenbeschäftigung.
B. Güterproduzierende Zweige
1. Fertigungsindustrie; Die Zahl der Beschäftigten in der Fertigungsindustrie dürfte zwischen i960 und 1970 nicht so stark ansteigen
wie in sämtlichen anderen nichtlandwirtschaftlichen Zweigen der US-Wirt-schaft. Mit 16,8 Millionen Arbeitnehmern hatte die Fertigungsindustrie
- der größte Wirtschaftssektor - 196O einen Anteil an der gesamten
(nichtlandwirtschaftlichen) Beschäftigtenziffer von rund 30 Prozent.
Bis zum Jahrä.1970 wird sich die Beschäftigtenziffer auf 19 Millionen
erhöhen, der Anteil dabei aber auf 28 Prozent zurückgehen. Auch bis

10

-

�bis 1975 wird eine weitere - wenn auch relativ viel geringere Zunahme um eine Million auf insgesamt 20 Millionen bei gleichzeitigem
weiteren Rückgang des Beschäftigtenanteils erwartet. Auch in diesem
Fall gehen die Schätzungen von der Annahme aus, daß eine Vollbeschäftigung erreicht werden kann. Wenn allerdings dieses hohe Beschäftigungsniveau nicht erzielt werden sollte, dann wird die Zahl der Arbeitnehmer in diesem Industriezweig wesentlich niedriger sein, da die
Fertigungsindustrie ja bekanntlich am stärksten auf die Ausschläge
des Konjunkturbarometers reagiert.
Innerhalb der verschiedenen Branchen dieses Industriezweiges
dürften die Entwicklungstrends sehr unterschiedlich verlaufen. Wie
auch schon in all den Nachkriegs jähren wird dabei die Dauergüterindustrie einen größeren Zuwachs an Arbeitsplätzen aufweisen als die
Verbrauchsgüterindustrie. Zwischen 196O und 1975 dürfte die Zunahme
in den Lauergüterzweigen dabei um etwa das Doppelte größer sein. Auf
Grund der zu erwartenden höheren Ausgaben der Regierung für Raketen,
Raumfahrzeuge und elektronische Geräte dürfte die Zahl der Arbeitsplätze in den entsprechenden Produktionszweigen erheblich ansteigen.
Beträchtliche Zunahmen sind auch in anderen Dauergüterindustrien zu
erwarten, die sich vor allem mit der Herstellung von automatischen
Produktionseinrichtungen und anderen fortschrittlichen Maschinen und
Geräten befassen. Von den Verbrauchsgüterzweigen dürften die chemische
Industrie, das Druckereigewerbe und die Papierindustrie die stärksten
Zugänge von Arbeitskräften aufweisen.
2. Bauwirtschaft: Die Beschäftigungszuwachsrate im Baugewerbe
wird in den nächsten 15 Jahren erheblich über der der Gesamtwirtschaft
(ohne Landwirtschaft) liegen, und zwar auf Grund des zu erwartenden
Mehrbedarfs an Wohn-, Industrie- und Geschäftsbauten. Der Wohnungsbau
wird dabei einen erheblichen Auftrieb durch die Zunahme der Bevölkerung und der Familieneinheiten, die Erhöhung der Familieneinkommen,
und auf Grund der anhaltenden Bevölkerungsumschichtungen von den Stadtkernen in die Vororte erhalten. Eine direkte Folge dieser Entwicklung
sind größere Aufwendungen der öffentlichen Hand für den Bau von Schulen,
Krankenhäusern und Straßen. Mit der allgemeinen Expansion der Volkswirtschaft wird sich auch der Bedarf an neuen Fabriken, Geschäftshäusern, Läden und Banken erhöhen. Insgesamt dürfte die Bautätigkeit
zwischen 196O und 1970 nach Schätzungen des US-Handelsministeriums
um 57 Prozent zunehmen und sich bis 1975 verdoppelt haben. Der Anteil
der Reparaturarbeiten am Gesamtvolumen der Bauwirtschaft, der gegenwärtig etwa ein Drittel beträgt, dürfte sich in dieser Periode wesentlich erhöhen. Die Zunahme der Beschäftigtenzahl wird jedoch nicht ganz
mit der Entwicklung Schritt halten, da einerseits die Mechanisierung
weiter fortschreiten wird und zum anderen mehr Fertigbauteile Verwendung finden dürften.
In Anbetracht dieser Gegebenheiten dürfte die Zahl der Beschäftigten im Baugewerbe bis 1970 auf rund 4»0 Millionen ansteigen, was
einer Steigerung gegenüber i960 um 38 Prozent gleichkommt. Unter der
Voraussetzung einer Vollbeschäftigung ist für 1975 mit einer Gesamtbeschäftigtenzahl im Baugewerbe von 4»5 Millionen zu rechnen.
3. Bergbau-*

-

11

�5. Bergbau; Im Gegensatz zu allen anderen Wirtschaftszweigen,
wird die Beschäftigung im Bergbau zwischen 1 96O und 1975 wahrscheinlich konstant bleiben und sich in Nähe der 700 OOO-Grenze bewegen.
Im Steinkohlebergbau, wo die Zahl der Arbeitnehmer im vergangenen
Jahrzehnt sehr stark abgesunken ist, ist mit weiteren Rückgängen
zu rechnen. Da jedoch in den anderen Zweigen des Bergbaues geringfügige Zunahmen zu verzeichnen sein werden, wird sich der heutige
Beschäftigtenstand kaum verändern.

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 86, Nr. 3, März 1965)

* * * * *

Solomon Barkin, Stellvertretender Direktor der Abteilung für Arbeitsund Sozialfragen der OECD in Paris:
Berufsausbildung im Zeitalter der schnellen technischen Veränderungen
Aus "Free Labour World".
Bei Nachdruck ist die Angabe der
Quelle und des Verfassers erforderlich.

Durch die Mechanisierung, die Anwendung wissenschaftlicher Methoden in der Betriebsführung, die Automation und jetzt auch durch die
Neugestaltung der Wirtschaftsstruktur in den Notstandsgebieten sind
zahlreiche Veränderungen in der amerikanischen Volkswirtschaft ausgelöst worden.
*
Diese Entwicklungen haben zwangsläufig auch große Veränderungen
der Struktur und Art der industriellen Arbeitsplätze mit sich gebracht.
Ein vollkommen neuer Produktionsarbeitertyp zeichnet sich immer deutlicher ab. Die Zahl der Wartungsberufe nimmt ständig zu, und der Bedarf
an wissenschaftlich und technisch gebildeten Arbeitskräften weitet
sich sprunghaft aus.
Der Übergang von der rein handwerklichen Tätigkeit zur mechanisierten Fließbändarbeit brachte eine wesentliche Verminderung der
physischen Anstrengungen und eine stärkere Spezialisierung für die
Arbeiter mit sich. Gleichzeitig wurden sie weitgehend von ihrer Verantwortung für das Gesamtprodukt entbunden. Die Arbeitnehmer in den
Massengüterindustrien wurden "Maschinisten", die die Aufgabe haben.

-

12

�haben, die Maschine zu überwachen, zu steuern und zu warten. Die
erforderliche Ausbildung, die sie hierfür benötigten, war unterschiedlich, in der Regel jedoch nicht sehr umfassend.
Die wissenschaftliche Betriebsführung verstärkte den Bedarf
an Management-Spezialisten mit einem umfangreicheren Wissen zur
Beherrschung spezieller Betriebsführungstechniken. Eine längere
schulische Ausbildung wurde zwangsläufig für einen großen Arbeitnehmerkreis zum wesentlichen Kriterium für eine Anstellung.
Unsere Zeit, die uns die automatischen Produktionsverfahren,
insbesondere die Elektronenrechner und die Servomechanismen bescherte, hat auch einen neuen Produktionsarbeitertyp, den Operateur von Produktionsautomaten, geschaffen, für den wir die entsprechenden neuen schulischen Ausbildungsmöglichkeiten bereitstellen müssen. Die in diesem Beruf gestellten körperlichen und handwerklichen Anforderungen liegen heute unter denen der Arbeiter in
den Massengüterindustrien.
Von Bedeutung ist jedoch, daß sich die Verantwortung des Bedienungspersonals für Produktionsautomaten erhöht hat. Sie sind entweder als einzelne oder als Angehörige einer Arbeitsgruppe für eine ganze Produktionsstufe verantwortlich. Die Hauptanforderungen, die an sie gestellt werden, sind geistiger Art. Während die
Maschine sich selbst reguliert, ist es ihre Pflicht, die Arbeitsweise der Maschine zu kennen. In erster Linie obliegt es ihnen dabei,
mögliche Pannen, die sich aus unbekannten Ursachen ergeben können,
rechtzeitig zu erkennen und die Maschine so einzustellen, daß sie
maximale Leistungen erreicht.
Diese Fähigkeiten gewinnen immer stärker
Operateur muß in der Lage sein, solche Pannen
organen - Auge, Nase, Ohr - zu "erspüren". Er
jenen Symptomen unterscheiden können, die auf
hindeuten, und jenen,die normal sind.

an Bedeutung. Der
mit seinen Sinnesmuß ebenso zwischen
einen Leistungsabfall

Um diese Sinneneindrücke zweckentsprechend auswerten zu können,
muß der Operateur eine genaue Kenntnis seiner Tätigkeiten haben. Dazu gehören sowohl die Betriebsanweisungen seiner Maschinen als auch
die betreffenden Produktionsverfahren und -techniken, das Kontrollsystem, die Kontrollinstrumente und die Symptome von Pannen. Vor
allem aber muß er entscheiden können, welche Schritte zu unternehmen
sind, wenn es zu einer Störung des Produktionsablaufs kommt. Dies
ist insofern ein sehr wichtiger Faktor, als jede - wenn auch noch so
geringfügige - Fehlentscheidung im Hinblick auf Zeit und Geld von
weitreichender Bedeutung sein kann. Da er schließlich Teil einer
Arbeitsgruppe ist, werden an ihn auch erhöhte menschliche Anforderungen gestellt, das heißt, er muß es verstehen, ein gutes Arbeitsklima zu schaffen und zu erhalten.
Die Ausbildung eines solchen Operateurs von Produktionsautomaten weicht in vielerlei Hinsicht von der der Arbeitnehmer der Massengüterindustrien ab. Nicht die besonderen technischen oder handwerklichen Fähigkeiten stehen hier im Mittelpunkt, sondern in erster
Linie die geistigen.
-.,

�Ein hohes Niveau an technischem Wissen wird ihn für eine große
Anzahl von Tätigkeiten qualifizieren - Wissen, das ihm im Rahmen des
allgemeinen technischen Unterrichts an den Aufbauschulen vermittelt
werden kann. Außerdem aber muß ihm ein großes Verantwortungsgefühl
anerzogen werden, das für die Erledigung seiner Aufgaben erforderlich ist.
Der Maschinenwärter benötigt in dieser neuen Ära ebenfalls umfangreichere Kenntnisse von Werkzeugen, Materialien und Pruduktionstechniken. Neue Verfahren werden strändig eingeführt, und im gleichen
Augenblick, wo sie da sind, muß er sie auch beherrschen. In der Technik der Zukunft werden Hydraulik, Pneumatik und Elektronik eine
bedeutende Rolle spielen. Das Wartungspersonal muß dafür gerüstet
sein.
Die größten beruflichen Chancen bieten sich gegenwärtig für die
aus den unteren Rängen aufgestiegenen Instrumentenmechaniker. Ähnlich
günstige Aussichten bestehen auch in verstärktem Maße für die Allroundmechaniker, die in der Lage sein müssen, sehr viel mehr handwerkliche Tätigkeiten auszuführen als in den Industriebetrieben heute
allgemein üblich sind.
Die gesamte Berufsschulausbildung darf nicht länger nur darauf
ausgerichtet sein, junge Menschen auf einen speziellen Beruf vorzubereiten. Die Berufe sind einem ständigen Wandel unterworfen und bestehen vielfach nur dem Namen nach weiter. Die beruflichen Anforderungen werden weiter zunehmen. Zwar wird es auch in Zukunft zahlreiche Berufe geben, die keine besonders hohen Anforderungen an die
Arbeitnehmer stellen, aber diese werden in erster Linie ir den Randzweigen der amerikanischen Wirtschaft anzutreffen sein und zudem ebenfalls ständig an Niveau gewinnen. Als Volk können wir es urs nicht lei
sten, daß das Arbeitspotential leistungsmäßig nicht voll benutzt wird.
Dazu sind die Investitionen für die Produktionsausrüstungen, das Erziehungs- und Ausbildungswesen, den sozialen Überbau und die Sozialleistungen zu groß.
Die Erhöhung der Lebenserwartung bedeutet gleichzeitig auch eine
Veränderung des Arbeitslebens. Die bisherigen Erfahrungen haben deutlich gezeigt, daß der einzelne Arbeitnehmer seine Tätigkeit den technologischen Veränderungen ir der Wirtschaft immer wieder anpassen muß.
Durch den Rückgang der alten Industrien werden zwangsläufig viele
Arbeitnehmer freigesetzt, für die es neue Arbeitsplätze zu schaffen
gilt. Auch die erheblich größer gewordene Mobilität der Industrie
selbst wird ähnliche Auswirkungen zur Folge haben.
All diese Trends zeigen ganz klar, daß es in Zukunft nötig ist,
die jungen Menschen nicht nur auf einen bestimmter. Beruf vorzubereiten, sondern sie so auszubilden, daß sie sich während ihres langen
Arbeitslebens den jeweiligen Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur anpassen können.
Ziel der Erziehung und Ausbildung muß es daher sein, die jungen
Menschen auf ein Leben der ständigen Anpassungen vorzubereiten, ihre
geistigen Fähigkeiten zu schärfen und ein Verantwortungsgefühl bei

-

14

-

�bei ihnen zu entwickeln. Ihr Lernvermögen muß darüber hinaus so entwickelt werden, daß sie selbst in der Lage sind, sich immer neues
Wissen zu erarbeiten. Die Lehrmethoden müssen denjenigen für Erwachsene angepaßt werder, die sich bei der Weiterbildung mehr auf
das früher Erlernte als auf die direkte Unterweisung stützen, wie
dies bei den Jugendlichen der Fall ist.
Die größte Beachtung verdient in diesem Zusammenhang der praktische, berufsfördernde Unterricht an den Aufbauschulen, deren Lehrpläne den heutigen Bedürfnissen der Industrie anzupassen sind. Der
Absolvent dieser Schule muß das sichere Gefühl haben, den künftigen
beruflichen Anforderungen gewachsen zu sein und sein Leben lang lernen
und sich fortbilden zu können.

(Aus "Free Labour World".)

* * * * *

"DOT" - Ein Bestseller wird neu aufgelegt
Zu den zahlreichen Bestsellern, die das amerikanische Arbeitsministerium im Eigenverlag laufend herausbringt - Veröffentlichungen
über arbeits- und lohnpolitische Entwicklungen, Gewerkschaftsfragen
und die Automation -, zählt vor allem eine Publikation, die sich trotz
der ihr anhaftenden Trockenheit eines großen Leserkreises im In- und
Ausland erfreut. Sie trägt den nüchternen Titel "Dictionary of
Occupational Titles" - kurz "DOT" genannt - und enthält eine genaue
Beschreibung aller heute in der amerikanischen Industrie und Wirtschaft ausgeübten Berufe.
Seit der Veröffentlichung der 1. Auflage des "DOT" im Jahre 1939,
in der insgesamt 17 452 Berufe beschrieben waren, sind von diesem
Standardwerk bereits über 200 000 Exemplare abgesetzt worden. Zwar
sind in all den Jahren ständig Neuauflagen erschienen - die letzte
grundlegende Neufassung wurde 1949 vorgenommen -, dennoch aber entspricht das "Berufe-Lexikon" - zumal die Zahl der Berufe inzwischen
auf 25 000 angewachsen ist - nicht mehr den tatsächlichen Verhältnissen, weil es noch nicht jene Tausende von neuen Tätigkeiten aufführt,
die durch die schnell fortschreitende Technik geschaffen wurden.
Da weitere Überarbeitungen auch nur Stückwerk bleiben würden, hat
das US-Arbeitsministerium sich jetzt entschlossen, einen vollkommen
neuen Band herauszubringen und zu diesem Zweck eine große "Bestandsaufnahme" in allen Industrie- und Wirtschaftszweigen durch geschulte
Fachleute vornehmen zu lassen.
Schon die ersten Untersuchungsberichte lassen erkennen, daß sich
inzwischen die Zahl der tatsächlich ausgeübten Berufe einerseits ganz
erheblich vergrößert hat, andererseits aber auch zahlreiche berufliche

-

15

-

�berufliche Tätigkeiten nur noch auf dem Papier existieren.
Zu denjenigen Industrien, die eine Vielfalt von neuen Tätigkeiten hervorgebracht haben, zählen vor allem die Flugzeugindustrie, die datenverarbeitenden Zweige der Wirtschaft und sämtliche
mit der Atomenergie in Zusammenhang stehenden Wirtschaftsunternehmen.
Nach dem bisherigen Stand der Erhebungen ist damit zu rechnen, daß
der neue Band des "Berufe-Lexikons" mehr als 40 000 Berufsbezeichnungen aufführen wird, darunter etwa 6000, die in den letzten Ausgaben überhaupt noch nicht erwähnt waren.
Die für die Herausgabe des "DOT" erforderlichen Unterlagen werden von Spezialisten auf Grund von Interviews zusammengestellt, die
sie in den verschiedensten Betrieben der einzelnen Industrie- und
Wirtschaftszweige mit den entsprechenden Fachleuten für Arbeitsplatzfragen sowie mit den Arbeitnehmern selbst an ihren Arbeitsplätzen führen.
Im einzelnen sammeln sie dabei Informationen über die auszuführenden Tätigkeiten, die jeweils erforderlichen Kenntnisse und
Qualifikationen, die notwendige Ausbildungszeit, die körperlichen
und geistigen Voraussetzungen, die Arbeitsbedingungen usw.
Ehe der neue "D0T"-Band - wie vorgesehen - im nächsten Frühjahr erscheinen kann, müssen noch rund 60 000 Einzelanalysen durchgeführt, die Ergebnisse ausgewertet und redaktionell bearbeitet werden. Dann aber wird das US-Arbeitsministerium der interessierten
Fachwelt wieder ein Nachschlagewerk anbieten können, von dem man
heute schon sagen kann, daß es wieder ein Bestseller ist.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

-

16

-

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmittellungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 8/9

Bad Godesberg, der. 1. August 1963
INHALTSVERZEICHNIS

Die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsprobleme der USA
in den Jahren 1960-1975 (II)

Seite

1

Gleiche Berufschancen für die Farbigen

Seite

9

"Stille Einigung" - der neue Stil im US-Tarifverhandlungswesen

Seite

10

Vorbeugen - die Hauptaufgabe des modernen Unfallschutzes
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite
Seite

11
13

Die Arbeitsmartc L- und Beschäf -,igy.pgsproble:i.e der USA in den
Jahren 1960-1975 (il)
Die Veränderungen in den einzelnen Berufsgruppen
A. Allgemeines

In der Beschäftigungsstruktur der Vereinigten Staaten werden
sich in den nächsten 15 Jahren erhebliche Veränderungen ergeben.
Die auslösenden Faktoren sind dabei die sehr unterschiedlichen
Wachstumstrends der einzelnen Industriezweige, das aller Voraussicht
nach sich noch steigernde Tempo des technologischen Fortschritts
sowie das Fortbestehen all.jener Einflüsse, die auch schon in den
vergangenen Jahren die beruflichen Umschichtungen bewirkten.. Eine
genaue Analyse der künftigen Beschäftigungstrends in den wichtigsten Berufen ist deshalb von großer Bedeutung, weil sich nur dadurch ein exakter Überblick über den künftigen Arbeitskräftebedarf,
das Arbeitsangebot, die Mangelberufe und die beruflichen Anforderungen gewinnen läßt.
Bei der Beurteilung des künftigen Arbeitskräftebedarfs in den
einzelnen Berufszweigen ist sowohl die Zahl der auf Grund des allgemeinen wirtschaftlichen V/achstums neu entstehenden Arbeitsplätze
zu berücksichtigen als auch die Zahl jener, die durch das Ausscheiden von Arbeitnehmern aus dem Beruf wegen Tod, Krankheit, Pensionierung, Berufswechsel oder aus anderen Gründen, zwangsläufig frei
werden

-

- , -

Auf

�Auf die Tatsache, daß sich durch personelle Umschichtungen von
einem Industriezweig zum anderen weitere Veränderungen der 2iusammensetzung des Arbeitspotentials ergeben werden, wurde bereits hingewiesen. Jeder Industriezweig hat eine spezielle Struktur, die wie in der Vergangenheit - auch in Zukunft solchen Veränderungen
unterworfen sein wird, die aus der Einführung neuer Produkte und
neuer Produktionsverfahren sowie aus anderen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen resultieren. Durch die Veränderungen
der Beschäftigungsstruktur innerhalb der Industriezweige selbst
und das ungleiche Wachstum der einzelnen Industrien wird die Nachfrage nach Arbeitskräften mit speziellen Kenntnissen auch in Zukunft
beeinflußt werden. Und wie aus den bisher, vom US-Arbeitsministerium
durchgeführten Untersuchungen hervorgeht, wird sich dies in der Weise
auswirken, daß die Nachfrage nach Arbeitnehmern mit guter Schulbildung und einer umfassenden beruflichen Ausbildung weiter zunehmen
wird, während die Beschäftigungschancen für ungelernte Arbeitnehmer
ständig zurückgehen werden.
Die Bedeutung einer soliden schulischen Ausbildung für die
berufliche Karriere erhält durch den schnellen technischen Wandel
und die damit verbundenen häufigen Veränderungen in den beruflichen
Anforderungen noch einen besonderen Akzent. Die Arbeitnehmer müssen
in Zukunft eine weitaus größere berufliche Anpassungsfähigkeit besitzen als bisher, wobei eine gute schulische und berufliche Ausbildung die Grundlage für den Aufbau eines anpassungsfähigen Arbeitspotentials ist.
Die wichtigsten Beschäftigungstrends in den kommenden Jahren
werden folgende sein:
1 . ein weiterhin verhältnismäßig schneller Anstieg der Zahl der
Arbeitnehmer in den Angestelltenberufen, insbesondere in den akademischen und technischen Pachberufen;
2. ein langsamerer Anstieg der Zahl der "Arbeiter" ("bl.ue
collar workers"), wobei die Handwerksberufe die größte und die
Hilfsarbeitersparten keine Zunahme aufzuweisen haben werden;;
3. eine überdurchschnittliche Zunahme der Zahl der Arbeitsplätze
in den Dienstleistungszweigen und
4. ein weiterer Rückgang der Zahl der Farmer und landwirtschaftlichen Arbeiter.
Bei einem voraussichtlichen Anstieg der Gesamtbeschäftigtenzahl
zwischen 196O und 1970 um 20 Prozent werden die Angestelltenberufe
eine Zunahme um 30, die "Arbeiterberufe" eine Zunahme um 14 Prozent
erfahren. In der gesamten Periode 1960-1975 dürfte die Zahl der Beschäftigten in den USA um 31 Prozent zunehmen - in den "White-collar"Berufen um 46 und in den "Blue-collar"-Berufen um 21 Prozent.

Die

2

�Die Veränderungen ir. der Beschäftigungsstruktur

Berufsgruppen

66,7

1960-1975

Voraussichtl.
Stand 1970
in Mio in &lt;/o

Voraussichtl. VerändeStand 1975
rung
in Mio in fo (1P601975)
in

100

80,5

100

87,6

100

+

31

Stand i960
i n Hi 0
in &lt;?o

Gesamt

-

Akadem. u.
techn.
Fachkräfte

7,5

11,2

10,7

13,3

12,4

14,2

+

65

Manager, leitende Angestellte u.
Inhaber(ohne
Farmer)

7,1

10,6

8,6

10,7

9,4

10,7

+

32

Büroangestellte u.a.

9,8

14,7

12,8

15,9

14,2

16,2

+

45

Verkäufer

4,4

6,6

5,4

6,7

5,9

6,7

12,8

12,8

+

12,8

10,3

11,2

u . F a c h a r b e i t e r 8,6

30

13,6

16,3

+

18

16,0

16,9

14,2

Fabrikarbeiter 12,0

11 ,1

13,8

12,5

14,3

+

51

-

28

- + 34

Handwerker, Vor-

Dienstpersonal
Hilfsarbeiter
(ohne Landwirtschaft und
Bergbau)
Farmer, Verwalter, Landwirtschaf tl.
Arbeiter

8,3

12,5

3,7

5,5

3,7

4,6

3,7

4,3

5,4

8,1

4,2

5,3

3,9

4,5

B. Die voraussichtlichen Veränderungen
1. Akademische und technische Fachkräfte; Die Gruppe der akademischen und technischen Fachberufe, die in der vergangenen Dekade den
größten Zuwachs von allen Berufsgruppen aufzuweisen hatte, dürfte in
den Jahren 196O-I975 eine Wachstumsrate erreichen, die um mehr als
das Doppelte über der Durchschnittsrate liegt. Der Anstieg der Beschäftigtenzahl wird hier zwischen i960 und 1970 rund 43 Prozent betragen und zwischen 1970 und 1975 um weitere 16 Prozent zunehmen. Die

-

3

-

�Die Gesamtzahl der in den akademischen und technischen Fachberufen
Tätigen würde sich damit bis 1975 auf mehr als 12 Millionen erhöhen.
Der Arbeitskräftebedarf wird dabei in praktisch allen Berufszweigen
ganz erheblich ansteigen, so auch in der Gruppe der Lehrer, Ärzte,
Sozialwissenschaftler, Geistlichen, Juristen, Ingenieure und Naturwissenschaf tler.Allerdings werden die Wachstumsraten innerhalb dieser Gruppe unterschiedlich sein.
In den Ingenieur- und den naturwissenschaftlichen Berufen wird
der Arbeitskräftebedarf bis 1975 auf etwa 2,4 Millionen ansteigen,
was eine Erhöhung um das Doppelte gegenüber 1960 bedeutet. Der Bedarf an Ingenieuren wird sich 1970 auf fast 1,4 Millionen belaufen das sind 550 000 mehr als i960. Das Arbeitsplatzangebot für Wissenschaftler dürfte bis 1970 auf 580 000 Stellen anwachsen im Vergleich
zu 335 000 im Jahre 196O. Der größte Bedarf ergibt sich hier für die
Zweige der Luft- und Raumfahrt, der medizinischen Forschung, der Verteidigung sowie für die technischen Hilfsprogramme. Besonders groß
wird die Nachfrage nach solchen Wissenschaftlern sein, die bereits
ihr Doktorat besitzen oder in ihrer beruflichen Ausbildung schon
weiter sind. Zu berücksichtigen ist in dieser Hinsicht jedoch, daß
die zu erwartenden Schwerpunkte in den wissenschaftlichen Sparten
nicht mit Bestimmtheit angegeben werden können, zumal im Jahre 1970
etwa bestimmte Spezialisten gefragt sein dürften, über deren Wirken
heute noch keine klare Vorstellung herrscht.
Generell kann jedoch schon jetzt gesagt werden, daß bei den
Mathematikern und Physikern die größten Zunahmen erfolgen werden;
aber auch die Aussichten für Chemiker und Biologen sind äußerst
günstig. Andere wissenschaftliche Berufe dagegen - wie etwa der
des Geologen - dürften eine erheblich geringere Wachstumsrate aufwei sen.
Die Zahl der technisch-wissenschaftlichen Fachkräfte belief
sich im Jahre i960 auf rund 775 000. Der Bedarf an diesen Spezialisten wird sich in den nächsten 10 bis 15 Jahren zumindest ebenso stark
erhöhen wie die Zahl der Wissenschaftler und Ingenieure, so daß bis
1975 möglicherweise eine Verdoppelung eintritt.
Bei den Lehrberufen wird sich 1970 ein Bedarf von insgesamt
fast 2,5 Millionen Lehrkräften ergeben. Gegenüber 196O bedeutet das
eine Zunahme um rund 500 000. Dieser Schätzung liegt dabei die Erwartung zugrunde, daß sich die Zahl der Schulpflichtigen weiterhin stark
erhöht, die durchschnittliche Länge der Schulzeit weiter zunimmt und
die angestrebte maximale Klassenstärke verwirklicht werden kann.
Der Bedarf an Lehrkräften wird an den Colleges verhältnismäßig
stärker zunehmen als an den Grund- und Oberschulen. Die Zahl der an
Colleges und Universitäten tätigen Lehrkräfte und Professoren betrug
1960 etwa 175 000; diese Zahl müßte, bis 1970 jedoch um etwa 80 Prozent erhöht werden, wenn zu diesem Zeitpunkt allen Jugendlichen ein
College- und Universitätsstudium gesichert sein soll, die den höheren
Bildungsweg einschlagen wollen.
Die

4

�Die außerordentliche hohe Wachstumsrate in den technischen
Berufen, die auch in den nächsten Jahren beibehalten werden dürfte,
ist ein weiterer bemerkenswerter Trend auf dem Beschäftigungssektor.
Obwohl der Mangel an Ingenieuren und Wissenschaftlern - und die sich
hieraus ergebende Notwendigkeit, sie von solchen Aufgaben zu entlasten, die von weniger qualifizierten Kräften ausgeführt werden können auch in den beiden letzten Dekaden dazu beigetragen hat, die Beschäftigungsmöglichkeiten für technische und wissenschaftliche Hilfskräfte
zu vergrößern, hat dieses schnelle Wachstum doch fundamentalere Gründe.
Es ist in erster Linie durch die zunehmende Kompliziertheit der modernen Technik bedingt, durch die der Bedarf an solchen Arbeitnehmern
forciert wurde, die einige Grundkenntnisse in der Mathematik und den
Naturwissenschaften sowie eine spezielle Fachausbildung besitzen.
2. Manager, leitende Angestellte und Inhaber: Die Zahl der Geschäftsinhaber dürfte in den nächsten Jahren nur geringfügig zunehmen,
da der schon in der letzten Dekade feststellbare Trend zur Bildung
größerer Wirtschaftsunternehmen sich fortsetzen und damit die Zahl
der Firmen etwa auf dem derzeitigen Stand halten wird. Die Zahl der
Manager und anderer leitender Angestellter in Wirtschaft und Regierung
sollte dagegen weiterhin verhältnismäßig schnell zunehmen.
Auf Grund dieser sehr unterschiedlichen Trends wird die Zunahme
in dieser Gruppe im Vergleich zu allen anderen Angestelltengruppen
wahrscheinlich geringer sein. Dennoch dürfte die relative Zunahme
hier etwa ebenso hoch sein wie die Zunahme in allen Berufsgruppen, die
für die Zeit zwischen i960 und 1970 rund 20 Prozent und für die folgenden fünf Jahre 9 Prozent betragen wird. Die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Gruppe der Manager, leitenden Angestellten und Geschäftsinhaber wird dabei bis 1970 auf 8,6 Millionen und bis 1975 auf 9,4 Millionen ansteigen.
3. Angestellte: Die Zahl der in dieser Gruppe erfaßten Arbeitnehmer dürfte in den nächsten 15 Jahren eine relativ starke Zunahme erfahren, da der Anfall an neuen Büroarbeiten aller Art nicht gänzlich
durch die Einführung moderner Elektronenrechner und anderer neuzeitlicher Büromaschinen kompensiert werden kann. So wird sich die Zahl
der Angestellten bis 1970 auf etwa 12 f 8 Millionen und bis 1975 auf
rund 14 Millionen erhöhen, was einen Anstieg gegenüber 196O um 45 Prozent bedeutet.
Die Hauptursache für die relativ starke Zunahme der Zahl der Angestellten ist in der zu erwartenden schnellen Geschäftsausweitung im
Finanz- und Versicherungswesen und in ähnlichen Geschäftsbereichen zu
suchen sowie in der Fortdauer des Trends der vergangenen Jahre, den
Bürokräften Tätigkeiten zu übertragen, die bisher hauptsächlich von
den Verkäufern und den Geschäftsinhabern ausgeführt wurden. So brachte
z.B. der Selbstbedienungstrend im Einzelhandel eine wesentliche Verminderung des Verkaufspersonals, während gleichzeitig zahlreiche neue
Arbeitsplätze für Kassierer und Prüfer geschaffen wurden.

At
-

5 -

�4. Verkaufspersonal; Die Zahl der Verkäufer dürfte bis 1970
rund 5 1/2 Millionen und bis 1975 fast 6 Millionen erreichen, was
einer Zunahme um rund 1/3 entspricht. Zu den Wachstumsfaktoren sind
hier vor allem die steigende Bevölkerungszahl und die steigenden
Pro-Kopf-Einkommen zu rechnen; aber auch die zunehmende Halbtagsbeschäftigung dürfte die Gesamtbeschäftigtenzahl stark positiv beeinflussen. Alle diese Wachstumsfördernden Faktoren werden dabei einen
stärkeren Einfluß auf die Zahl der Arbeitsplätze haben als die die
Wachstumsrate hemmenden Selbstbedienungstechniken und andere arbeitsparende Einrichtungen.
5. Handwerker, Vor- und Facharbeiter; Unter den "blue collar
workers" weist diese Gruppe auch in Zukunft die günstigsten Beschäftigungsaussichten auf. Die Zahl dieser Facharbeiter dürfte in
der Periode 1960-1975 um etwa 2 1/2 Millionen zunehmen und damit die
11-Millionen-Grenze überschreiten.
Die größten Zugänge innerhalb dieser Gruppe werden dabei Mechaniker, Baufach-, Metallfach- und Vorarbeiter verzeichnen. Auf Grund
des steigenden Bedarfs an Mechanikern, Wartungs- und Reparaturpersonal
für die Installierung, Wartung und Reparatur der immer komplizierter
werdenden Produktionsausrüstungen der Industrie sowie der technischen
Anlagen in Regierungsdienststellen und Privathaushalten kann hier mit
einer Gesamtbeschäftigtenzahl von 2 3/4 Millionen 1970 und von 3 Millionen im Jahr 1975 (i960 =• 2 Mio) gerechnet werden.
Das zu erwartende große Bauvolumen in der nächsten Dekade wird
für die Baufachberufe eine ähnliche hohe Zunahme bringen. Die Beschäftigtenzahl wird dabei von gegenwärtig 2 1/2 Millionen (i960) auf
3 3/4 Millionen im Jahre 1975 ansteigen, wobei die Berufschancen
für Bauleiter, Betonierer, Maurer, Bauelektriker und Klempner besonders
günstig sind.
6. Fabrikarbeiter und .berufsverwandte Gruppen; Diese zur Zeit noch
größte Arbeitnehmergruppe wird in den nächsten 15 Jahren eine unterdurchschnittliche Wachstumsrate aufweisen. Ihr Anteil an der Gesamtbeschäf tigtenziff er wird dabei von gegenwärtig 18 Prozent (i960) auf
etwa 16 Prozent zurückgehen. Dennoch wird sich auch in dieser Gruppe
die Gesamtarbeitnehmerzahl um.rund 2 Millionen erhöhen, so daß sie
im Jahre 1975 einen Stand von 14 Millionen erreichen wird.
Zahlreiche industrielle Arbeitsplätze werden auch in den kommenden Jahren durch die Einführung moderner automatischer Produktionseinrichtungen verlorengehen, wenngleich sich dieser Prozeß allmählich
vollziehen wird. Durch die zunehmende Verwendung von Lastkraftwagen
jedoch werden sich größere Beschäftigungsmöglichkeiten für Lastwagenund Busfahrer - eine der Hauptgruppen in dieser Kategorie -.ergeben.
Darüber hinaus wird die dynamische technische Entwicklung zahlreiche
Arbeitsplätze für angelernte Arbeiter schaffen.
7. Hilfsarbeiter (außer Landwirtschaft); Die Gesamtzahl der industriellen Hilfsarbeiter, die im Jahre i960 rund 3,7 Millionen betrug,
dürfte sich in den nächsten 15 Jahren selbst bei Erreichung der angestrebten Vollbeschäftigung kaum .verändern, so daß ihr Anteil am gesamten

-

6

-

�gesamten Arbeitspotential von gegenwärtig 5 1/2 Prozent (i960)
auf weniger als 4 1/2 Prozent (l 975) absinken wird.
Die ungelernten Arbeiter dürften auch in Zukunft in -verstärktem
Maße durch Baggerraupen, Grabenbaumaschinen und ähnliche mechanische
Geräte aus ihren angestammten Arbeitsplätzen verdrängt werden, ebenso
wie die verstärkte Einführung von Gabelstaplern, Kränen, Transportbändern und anderen hydraulisch-mechanischen Hebewerkzeugen den zunehmenden Abbau von Arbeitsplätzen für ungelernte Arbeiter in Fabriken,
Lagerhäusern und Güterumschlagplätzen bewirken wird. Dennoch werden
sich aber, wie aus der Untersuchung des US-Arbeitsministeriums hervorgeht, für diese Arbeitnehmergruppe auch in den nächsten 10-15 Jahren
relativ viele neue Beschäftigungsmöglichkeiten ergeben.
8. Dienstpersonal: In dieser Beschäftigungsgruppe wird die Zahl
der Arbeitnehmer relativ schnell und stark zunehmen. Die Wachstumsrate wird dabei über dem Gesamtdurchschnitt liegen. Von 8,3 Millionen
im Jahre 196O wird die Zahl der Arbeitskräfte bis 1970 auf rund 11 Millionen und bis 1975 auf 12 1/2 Millionen ansteigen, was einer Zunahme von
etwa 50 Prozent entspricht.
Einen relativ schnellen Anstieg dürften dabei - in Anbetracht der
zu erwartenden Bevölkerungszunahme - die in den öffentlichen Sicherheits- und Schutzorganen Tätigen, wie Polizisten und Feuerwehrleute,
aufweisen. Sehr erheblich.wird auch die Zunahme bei Vollschwestern sein,
desgleichen bei dem Pflegepersonal in Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen. Zu den anderen Gruppen mit. großer Wachstumsrate zählen
ferner: Kellner, Kellnerinnen, Köche und Raumpfleger.
9. Farmberufe: Die Zahl der Farmer und der in der Landwirtschaft
tätigen Fach- und Hilfskräfte wird auch in den nächsten 15 Jahren weiter annehmen, und zwar zwischen i960 und 1970 um 20 Prozent und zwischen
1970 und 1975 um weitere 6-7 Prozent. In der Gesamtperiode dürfte der
Rückgang dabei bis zu 1 1/2 Millionen betragen, d.h., die Gesamtzahl
wird von 5 1/2 auf rund 4 Millionen absinken.
C. Der Arbeitskräftebedarf auf Grund der zu erwartenden Abgänge
Während in den vorangegangenen Abschnitten, die im Gefolge der
Bevölkerungszunahme, der wirtschaftlichen Expansion und der industriellen und technologischen Veränderungen sich ergebenden Beschäftigungstrends behandelt wurden, soll in diesem abschließend noch kurz auf den
Arbeitskräftebedarf eingegangen werden, der sich durch die normalen
Abgänge infolge Tod, Invalidität, Pensionierung usw. zwangsläufig
ergibt. Nach den.vorliegenden Unterlagen wird die Zahl der zwischen
1960 und 1970 durch Abgänge frei werdenden Arbeitsplätze größer sein
als der Nettozuwachs an Arbeitsplätzen in diesem Zeitraum (13&gt;8 Mio).
In zahlreichen Berufen, insbesondere solchen, in denen überwiegend
Frauen beschäftigt werden, übersteigt die Zahl der benötigten "Ersatzkräfte" die Zahl der für die Besetzung neu geschaffener Stellen erforderlichen Kräfte ganz erheblich. So müssen z.B. rund 8 Prozent aller Volksund Oberschullehrer jährlich ersetzt werden, während der durchschnittliche jährliche Nettozuwachs an Stellen zwischen i960 und 1970 lediglich
2 1/2 Prozent beträgt.
Wann

-

7 -

�V/enn auch die statistischen Unterlagen über die Todes- und
die Pensionierungsrate bei männlichen Arbeitnehmern ziemlich lückenlos sind und ebenso die Beschäftigungsgewohnheiten von weiblichen
Arbeitskräften sich - zwecks Ermittlung des wahrscheinlichen Ersatzbedarfs - relativ genau analysieren lassen, so gibt es doch für
die Feststellung des voraussichtlichen Arbeitskräftebedarfs auf Grund
des Berufswechsels von Arbeitnehmern keine zuverlässigen Angaben.
Die folgenden Angaben sind daher als Minimum-Ziffern zu werten.
Nach Auswertung der diesbezüglichen Unterlagen in den einzelnen
Berufsgruppen ergibt sich den Angaben des US-Arbeitsministeriums zufolge folgendes Bild: Bei männlichen Arbeitnehmern wird die Abgangsrate
in den sechziger Jahren rund 2 Prozent pro Jahr betragen. In der Gruppe
der akademischen und technischen Fachkräfte sowie in der Gruppe der
Fabrikarbeiter wird dabei eine Separationsrate von 1,7 Prozent und
in der Gruppe der Manager, leitenden Angestellten und Geschäftsinhaber von 2,6 Prozent zu verzeichnen sein. Die Abgangsrate für Frauen
wird sich dagegen auf rund 5 Prozent belaufen; und im Gegensatz zu
den Männern werden die Raten der einzelnen Gruppen keine deutlichen
Unterschiede aufweisen.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die zwischen 1960
und 1970 jährlich in den wichtigsten Berufsgruppen zu erwartenden
Abgänge :
Berufsgruppe

Gesamt

Männer

Frauen

231 J00

83 300

148 000

Angest. u.Inhaber

209 900

156 300

53 600

Angestellte u.a.

414 900

59 600

355 300

Verkäufer

142 200

55 200

87 000

187 500

176 000

11 500

304 200

148 200

156 000

Akademische und
techn. Fachkräfte
Manager, leitende

Handwerker, Vor- und
Facharbeiter
Fabrikarbeiter und
verw. Berufe

(Quelle: "Monthly Labor Review",
Vol. 86, Nr. 3, März 1963)

* * * * *

-

8 -

�Gleiche Berufschancen für die Farbigen
Präsident Kennedy hat dem amerikanischen Kongreß Ende Juni
eine umfangreiche Gesetzesvorlage unterbreitet, die im wesentlichen
darauf abzielt, der farbigen Bevölkerung die gleichen Berufschancen
in allen Zweigen der Wirtschaft und der öffentlichen Verwaltung im
Rahmen eines Bundesgesetzes zu sichern. Durch vom Staat getragene
Förderungsprogramme soll darüber hinaus die berufliche Ausbildung und
Fortbildung der Neger verbessert werden, so daß sie in stärkerem
Maße als bisher auch in die höheren und besser bezahlten Positionen
aufrücken können. Damit wird ein Prozeß wesentlich beschleunigt,
der sich bisher fast unbemerkt vollzog und der farbigen Bevölkerung
trotz starker Gegenströmungen bemerkenswerte Fortschritte in beruflicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht brachte.
2 3 Neger-Millionäre
Daß es heute in den Vereinigten Staaten bereits 25 Neger-Millionäre gibt, rund 400 Farbige ein Jahreseinkommen von mehr als 50 000
Dollar beziehen und weitere zehntausend zwischen 10 000 und 50 000
Dollar pro Jahr verdienen, ist dabei für die Beurteilung der erzielten Fortschritte von geringerer Bedeutung als die Tatsache, daß die
farbige Bevölkerung in den vergangenen Jahren in immer mehr Berufe
eindringen konnte, die ihr bis dahin versperrt waren. Das gilt nicht
für die akademischen, sondern für eine Vielzahl anderer Berufe, die
bislang nur den Weißen vorbehalten waren.
So hat zum Beispiel kürzlich eine große amerikanische Fluggesellschaft mit der Ausbildung von Neger-Stewardessen begonnen,
während ein großer Einzelhandelskonzern junge farbige College-Absolventen als Geschäftsführer in seinen Supermärkten einsetzen will.
Natürlich sind dies alles
daß die berufliche Integration
Druck der öffentlichen Meinung
reichen privaten Vereinigungen
- unaufhaltsam fortschreitet.

noch Ausnahmen, aber sie zeigen doch,
- wenn auch nur zum Teil unter dem
oder auf Grund der Bemühungen der zahlzur Förderung der rassischen Integration

Mehr Akademiker
Sehr aufschlußreich in dieser Hinsicht sind dabei die kürzlich
vom US-Zensus-Büro veröffentlichten Ziffern über die Farbigen, die
in geistigen und akademischen Berufen beschäftigt sind. Nach dieser
Übersicht gab es im Jahre i960 etwas über 9000 Ärzte, Zahnärzte
und Rechtsanwälte; 235 Architekten! 3662 Chefbuchhalter und Buchprüfer; 1539 Chemiker; 4378 Diplomingenieure; 14 276 Sozialhelfer und
130 659 Lehrer.
So eindrucksvoll diese Ziffern auch sein mögen, sie können
dennoch nicht die Tatsache überdecken, daß der Anteil der Farbigen
an diesen Berufen im Verhältnis zur weißen Bevölkerung immer noch
sehr gering ist. Denn obgleich jeder 9. Amerikaner (also 11J6 der
Gesamtbevölkerung) schwarzer Hautfarbe ist, übersteigt der Anteil
der Neger in den akademischen Berufen nur in ganz wenigen Fällen
10$. Auch in zahlreichen Fachberufen ist das Verhältnis trotz .der.

�der großen Anstrengungen der Gewerkschaften bei der Durchsetzung
und Anwendung gleicher Beschäftigungsbedingungen noch relativ
ungünstig für die Farbigen. Lediglich im öffentlichen Dienst
konnte bisher - dank den intensiven Bemühungen der Regierung mit 13$ ein positives Verhältnis erreicht werden.

(Quelle: Eigenbericht)
« * x- * *

"Stille Einigung" - der neue Stil im US-Tarifverhandlungswesen
Die Lohnverhandlungen in der Stahlindustrie gehörten in der
Nachkriegszeit immer zu den großen tarifpolitischen Ereignissen in
den USA. Und in Anbetracht der Härte, mit der diese Verhandlungen
in der Regel geführt wurden, stellte sich die gesamte Wirtschaft
meist schon Monate vorher auf die möglichen Folgen solcher tarifpolitischen Auseinandersetzungen ein. Der letzte große Streik in diesem
wichtigen Wirtschaftszweig, der die US-Wirtschaft weitgehend paralysierte und mit 116 Tagen Dauer zugleich der längste war, fand bekanntlich im Jahre 1959 statt.
In diesem Jahr nun gingen die mit Spannung erwarteten Kollektivverhandlungen der Stahlindustrie vollkommen lautlos und praktisch unbemerkt über die Bühne. Die Mitteilung der beiden Tarifpartner
La vergangenen Monat man habe sich bereits auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt, löste daher auch in der amerikanischen Öffentlichkeit
und Wirtschaft allgemeine Überraschung und Erleichterung aus.
Nun, für eingeweihte Kreise und Kenner des amerikanischen Tarifverhandlungswesens kommt diese "stille Einigung" allerdings gar nicht
so überraschend. Die beiden Tarifpartner haben nämlich dieses Mal
sämtliche wichtigen Anliegen und Forderungen in einem im Vorjahr gebildeten gemeinsamen "Tarifverhandlungs-Studienausschuß" in den vergangenen Monaten eingehend erörtert und ihre Standpunkte so weit
präzisiert und einander angenähert, daß sich der eigentliche Tarifverhandlungsausschuß gleich mit konkreten Ergebnissen dieser Vorverhandlungen befassen und dadurch die Verhandlungen in relativ kurzer
Zeit abschließen konnte.
Daß dieser neue Stil im amerikanischen Tarifverhandlungswesen
- die Versachlichung der Verhandlungen, der Verzicht auf öffentliche
Polemik, die Führung vorbereitender, klärender Gespräche - sich auch
in anderen wichtigen Zweigen der US-Wirtschaft durchzusetzen beginnt,
zeigen sowohl die in den letzten Wochen zwischen der Automobilarbeitergewerkschaft und den großen Automobilkonzernen getroffenen Abkommen über die Bildung gemeinsamer Studienausschüsse für die im nächsten Herbst anstehenden Verhandlungen als auch die zwischen der
Elektrikergewerkschaft und der "General Electric" (260 000 Arbeitnehmer) erzielte Einigung über die Schaffung eines ähnlichen Gremiums.
Diese
10

-

�Diese Entwicklung vollzieht sich nahezu zwangsläufig, denn
im Gegensatz zu früheren Jahren, wo es in den Tarifverhandlungen
fast ausschließlich um höhere Löhne und Sozialleistungen ging,
stehen heute die Arbeitsfragen im Vordergrund - Probleme also, die
nicht in unter Zeitdruck stehenden Verhandlungen zu lösen sind. Die
Sicherung der Arbeitsplätze vor den Auswirkungen der Automation,
die Umschulung der durch die Technik verdrängten Arbeiter, die Gewährung von Entlassungsgeldern, Übergangsbeihilfen, Umzugskosten usw.
sind dabei die wichtigsten Tariffragen, um die es heute geht.
Daher ist es auch nicht verwunderlich, daß der neue Tarifvertrag der Stahlarbeitergewerkschaft roit den 11 großen Firmen der
Stahlindustrie keine Lohnerhöhungen vorsieht - ein Faktum, das
bisher einfach undenkbar gewesen wäre -, sondern vor allem solche
Punkte enthält, die auf die Erhaltung der Zahl der Arbeitsplätze
abzielen. Auch der stark herausgestellte Urlaubsplan, der den
Arbeitnehmern mit höherem Dienstalter alle fünf Jahre zusätzlich
13 Wochen Urlaub sichert, dient diesem Ziel, denn hierdurch werden
nach Schätzung der Gewerkschaft rund 25 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Das der Gewerkschaft zugestandene größere Mitspracherecht
bei der Vergabe solcher Aufträge an andere Firmen, die ohne weiteres
auch im eigenen Betrieb abgewickelt werden können, soll ebenfalls
dazu beitragen, den derzeitigen Bestand an Arbeitsplätzen zu sichern.
Dennoch bringt der neue Vertrag, der eine Laufzeit von zwei
Jahren hat, den Arbeitnehmern der Stahlindustrie eine Reihe verbesserter Sozialleistungen wie höhere Lebensversicherungen und Krankenhausversicherungsleistungen, so daß die Gesamtaufwendungen der Unternehmer
für Löhne und Sozialleistungen, die gegenwärtig rund 4»30 Dollar pro
Stunde betragen, auf etwa 4»50 Dollar angehoben werden dürften.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Vorbeugen - die Hauptaufgabe des modernen Unfallschutzes
An seinem Arbeitsplatz ist der amerikanische Arbeiter heute
Unfällen weniger stark ausgesetzt als in seinem Heim. Dies ist die
nüchterne Feststellung der amerikanischen industriellen Unfallstatistik, aus der auch hervorgeht, daß die Unfallrate seit 1912 um
rund die Hälfte zurückgegangen ist, obwohl in diesem Zeitraum die
Zahl der Gesamtarbeitskräfte sich fast verdoppelte.
Dieser Erfolg auf dem Gebiet der Unfallverhütung is t aber noch
insofern besonders bemerkenswert, als sich ja nicht allein die Zahl
der Werktätigen erhöht hat, sondern auch die Gefahrenquellen auf
Grund des stärkeren Einsatzes von Maschinen, der Einführung neuer
Produktionsverfahren, neuer Materialien und Werkstoffe wesentlich
vermehrt haben.
Teamwork

�Teamwork Voraussetzung
Der gesamte Unfallschutz in den modernen Industriebetrieben
ist damit zwangsläufig sehr viel umfangreicher und komplizierter
geworden und daher nicht mehr allein von den technischen "Sicherheitsingenieuren" zu bewältigen, sondern nur noch von einem Team ausgesuchter Spezialisten, dem heute sowohl Physiker, Chemiker, Toxikologen, Ärzte als auch neuerdings Hygieniker angehören.
Die spezielle Aufgabe dieser Sicherheitsspezialisten besteht
in erster Linie darin, in enger Zusammenarbeit mit den anderen Mitgliedern des Sicherheitsteams mögliche, die Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer bedrohende Gefahrenquellen rechtzeitig aufzuspüren und entsprechende Sicherheits- und Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
Ein gutes Beispiel für einen vorbildlichen vorbeugenden betrieblichen Unfallschutz bietet in dieser Hinsicht die "North
American Aviation, Inc." in Los Angeles, ein auf dem Gebiet des
Flugzeugbaus und der friedlichen Nutzung der Atomenergie tätiges
Unternehmen, in dem gerade die gesundheitsschädigenden Dauereinflüsse
in der Unfallverhütung eine große Rolle spielen.
Es beginnt mit der Einstellung
Aus diesem Grunde hat auch hier die medizinische Abteilung eine
relativ große Bedeutung und zahlreiche wichtige Aufgaben im Rahmen
des betrieblichen Unfall- und Gesundheitsschutzes zu erfüllen. Schon
bei der Einstellung wacht sie darüber, daß keine Arbeiter angenommen
werden, die mit irgendwelchen übertragbaren Krankheiten behaftet sind
oder auf Grund ihrer körperlichen Konstitution gegenüber speziellen
Dauereinflüssen am Arbeitsplatz besonders anfällig erscheinen. Vielfach wird diesen Bewerbern auch eine spezielle ärztliche Behandlung
empfohlen, durch die physische Mängel, die einer Einstellung im V,rege
stehen, beseitigt werden können.
Darüber hinaus hat die medizinische Abteilung die Aufgabe, bei
Erkrankungen oder Unfällen Erste Hilfe zu leisten und solche Arbeitnehmer gründlich zu untersuchen, die krank gewesen sind oder einen
Unfall gehabt haben und die ihre Arbeit wieder aufnehmen wollen.
Durch diese Untersuchungen will man verhindern, daß noch nicht voll
genesene oder wiederhergestellte Arbeiter ihre Tätigkeit vorzeitig
aufnehmen und damit sich selbst und andere gefährden.
Abschirmung nach außen
In Anbetracht der Tatsache, daß die modernen Industriebetriebe
zahlreiche Vorerzeugnisse und Rohstoffe aus anderen Betrieben beziehen,
kommt den Betriebshygienikern heute bei der Abschirmung äußerer Gefahrenquellen eine große Bedeutung zu. Auch in dieser Beziehung war
die "North American Aviation" bahnbrechend, denn den Hygienikern
dieses Unternehmens ist es zuzuschreiben, daß in den USA heute sämtliche Produzenten von Chemikalien ihren Erzeugnissen Hinweiszettel
beilegen, auf denen genau die chemischen Bestandteile der Sendung

- 12

-

�Sendung angegeben sind. Auf diese Weise sind die Betriebshygieniker
jederzeit vollkommen im Bilde, welche gesundheitsgefährdenden Stoffe
in der Produktion verwendet werden und welche Schutzmaßnahmen jeweils zu treffen sind.
Auswertung der Unfallberichte
Ein wichtiger Bestandteil des gesamten Unfallverhütungsprogramms des Unternehmens ist die Auswertung sämtlicher Unfallberichte,
wobei selbst bei kleinsten Verletzungen den genauen Unfallursachen
nachgegangen wird. Dies ist insofern von großer Bedeutung, als ja
auch bei geringfügig erscheinenden Unfällen immer die Möglichkeit
der Wiederholung besteht bzw. ernsthaftere Verletzungen aus der Ursache resultieren können. Daher ist man in jedem Fall von vornherein
bemüht, das Übel abzustellen, ehe Schlimmeres passiert.
Das Ergebnis dieser vielseitigen Bemühungen des Unternehmens
spiegelt
sich in der niedrigen Unfallrate wider, die selbst in den
vollkommen neuen Produktionszweigen, wo nur relativ geringe Erfahrungen über den Umgang mit neuen Materialien und Energiequellen zur
Verfügung standen, weit unter dem industriellen Durchschnitt liegt.
Mit besonderem Stolz verweisen die Sicherheitsingenieure der "North
American Aviation" dabei auf die Tatsache, daß sie in der "Atomics
International", einem Zweigunternehmen, bisher keinen Fall von Strahlenschädigung, registrierten - ein bemerkenswerter Erfolg, der nur
durch eine enge Zusammenarbeit aller Angehörigen des Sicherheitsteams ermöglicht wurde.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
13,7 Mrd. Dollar an Sozialrenten 1962 ausgezahlt
An rund 17»3 Millionen bezugsberechtigte Männer, Frauen und
Kinder wurden im Haushaltjahr 1962 im Rahmen des amerikanischen Sozialversicherungsgesetzes Renten und andere Versorgungsleistungen
in Höhe von 13»7 Mrd. Dollar ausgezahlt, wie aus einer Übersicht des
Treuhänderausschusses der staatlichen Versicherungsfonds hervorgeht.
Bei einer Vergrößerung des Empfängerkreises um 1,5 Millionen haben
sich dabei die gesamten Auszahlungen im Vergleich zu 1960/61 um 1,8
Mrd. Dollar erhöht.
Mehr als die Hälfte der Mehrleistung resultiert aus den i960
und 1961 vorgenommenen Verbesserungen der Sozialgesetze. Während
723 000 Personen auf Grund der 1961 vom Kongreß gebilligten Rentenleistungen für versicherte Personen im Alter zwischen 62 und 64 Jahren

-

13

-

�Jahren und ihre Angehörigen (vorgezogener Eintritt des Versicherungsfalles bei verminderter Rentenleistung) in den Genuß von Rentenbezügen kamen, erhielten weitere 169 000 Personen erstmals Sozialrenten
auf Grund der Gesetzesänderungen aus den Jahren i960 und 1961, durch
die die Mindestversicherungsdauer herabgesetzt wurde.

(Quelle: Eigenbericht)

Tarifverträge folgten im 1. Quartal 1965 dem Yor.jahrstrend
Die im 1. Quartal 1963 abgeschlossenen Tarifverträge hielten sich
was die Höhe der Lohnaufbesserungen und der von den Unternehmern zugestandenen Sozialleistungen betrifft, weitgehend auf dem Niveau des ver
gangenen Jahres.
Dies ist einer Untersuchung des "Bureau of National Affairs"
zu entnehmen, einer privaten Forschungsorganisation, die insgesamt
67O Großtarifverträge analysierte, die zwischen Januar und Ende März
dieses Jahres abgeschlossen wurden.
Die durchschnittliche Lohnerhöhung im Rahmen dieser Verträge
betrug dabei 7»5 Cent pro Stunde gegenüber 7&gt;4 Cent im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Zahl der abgeschlossenen Tarifverträge, die
nicht eine sofortige, sondern eine spätere Lohnerhöhung vorsehen, hat
weiter zugenommen. Während im Vorjahr 48 Prozent aller abgeschlossenen
Tarifabkommen Lohnerhöhungen zu einem späteren Zeitpunkt (in der Regel
ein Jahr nach Abschluß des Vertrages) vorsahen, waren es in den ersten
drei Monaten dieses Jahres 51 Prozent.
Auch die Zahl der Tarifverträge mit neuen oder verbesserten Sozialleistungen nahm im Vergleich zu 1962 zu. Seinerzeit waren es 58
Prozent aller Abkommen, in diesem Jahr dagegen 41 Prozent.

(Quelle: Eigenbericht)

Fast .jeder Industriearbeiter erhält Lohnnebenleistungen
Mit nur ganz wenigen Ausnahmen kommen heute praktisch sämtliche
in Industriebetrieben tätigen Arbeiter und Angestellten in den Genuß
einer oder mehrerer Lohnnebenleistungen wie bezahlte Feiertage, bezahlter Urlaub, Krankenversicherungs- oder Pensionsleistungen. Dies geht
aus einer Übersicht des US-Arbeitsministeriums über die Gewährung
von freiwilligen Sozialleistungen in Großstadtbetrieben hervor.
Nach
-

14

-

�Nach dieser Statistik hatten die Angestellten der Industrieunternehmen im Erhebungszeitraum (1961/62) im Durchschnitt 7»8 bezahlte
Feiertage pro Jahr, die Arbeiter 7»0 Tage. Bezahlter Urlaub wurde
99 Prozent aller Arbeitnehmer gewährt; rund die Hälfte von ihnen
erhielt vier und mehr Wochen nach 25jähriger Dienstzeit.
Eine Anwartschaft auf Leistungen privater - und größtenteils
von den Unternehmern allein finanzierter - Y/ohlfahrts- und Pensionspläne wiesen 99 Prozent aller Angestellten und 97 Prozent aller Produktionsarbeiter auf. Ferner war von den Industrieunternehmen für 95
Prozent aller Angestellten und für 91 Prozent aller Arbeiter eine
Lebensversicherung und für 84 Prozent aller Angestellten und 88 Prozent aller Arbeiter eine Krankenversicherung abgeschlossen. Leistungen
aus privaten Pensionsplänen allein (zusätzlich zu der staatlichen Altersversicherung) haben schließlich 78 Prozent aller Angestellten und
68 Prozent aller Produktionsarbeiter bei ihrem Eintritt in den Ruhestand
zu erwarten.
(Quelle: Eigenbericht)

* # * * *

-

15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbczichungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
I s i s liinni r.dil Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 10

Bad Godesberg, den 1. Oktober 1963
INHALTSVERZEICHNIS

Die wirtschaftliche Situation der Farbigen in den USA

Seite 1

Verschärfte Bestimmungen der US-Post zur Durchsetzung
der Rassengleichheit

Seite 16

Wirtschaftliches Wachstum und Arbeitslosigkeit

Seite 17

Unfallschutz am Arbeitsplatz als gewerkschaftliche Aufgabe

Seite 18

Seeleutegewerkschaft spricht sechsjährigen Streikverzicht aus

Seite 19

Matthew A. Kessler, Mitarbeiter des US-Bundesamtes für
Arbeitsstati stik:
Die wirtschaftliche Situation der Farbigen in den USA *
Eine Untersuchung über die Entwicklung in den Jahren 1955 bis 19^2
Das schrittweise Aufrücken der Farbigen in den USA
(von denen über 90 Prozent Neger sind) in höherqualifizierte und besser bezahlte Berufe hat sich in der
zweiten Hälfte der fünfziger Jahre ebenso wie in der
vorausgegangenen Zeit konsequent fortgesetzt. Die
Unterschiede aber zwischen Weiß und Schwarz hinsichtlich des erreichten sozialen Status sind nach wie vor
sehr groß, was offenbar wird, wenn man die üblichen
Kriterien zur Beurteilung des wirtschaftlichen Wohlergehens auf die beiden Bevölkerungsgruppen getrennt
anwendet. Die Entwicklungstendenzen aufzuspüren, ist
Zweck der nachstehenden Untersuchungen.

Vergleiche auch IAM, X - 4» "Beträchtliche Fortschritte der Negerbevölkerung auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet".

-

1 -

�Der Prozentsatz der Farbigen in den nur niedrige Qualifikationen erfordernden Berufen ist noch immer höher als der derM.Veißen. Das
gleiche gilt auch für den Anteil der Farbigen an der Arbeitslosigkeit, der in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern mindestens eineinhalbmal so hoch ist wie der weiße Anteil; in manchen
Altersgruppen beträgt er sogar das Dreifache. Farbige werden mithin,
gleich, welcher Beschäftigungssparte sie angehören, in unverhältnismäßig hohem Maße von Arbeitslosigkeit bedroht. Nicht nur, daß Farbige
eher und schneller entlassen werden als Weiße, sie sind dann auch in
der Regel länger arbeitslos als ihre weißen Kollegen.
Während die farbigen Familien in den ersten Nachkriegsjähren
recht erhebliche Einkommenssteigerungen zu erzielen vermochten,
konnten sie seit Mitte der fünfziger Jahre trotz des weiteren Vordringens der Farbigen in höher bezahlte Berufe mit dem Anstieg des
Durchschnittseinkommens weißer Haushalte nicht Schritt halten.
Im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte haben die Farbigen es
verstanden, die seit alters her zwischen ihnen und den Weißen bestehende "Erziehungslücke" einzuengen - eine Entwicklung, die in ihrem stetigen, wenn auch langsamen Vorrücken auf der Berufe-Leiter zum Ausdruck kommt. Seit Mitte der fünfziger Jahre aber ist der relative Bildungsstand von Farbigen und Weißen jedoch im wesentlichen unverändert
geblieben.
Veränderungen j n den einzelnen Wirtschaftszweigen und Berufsgruppen
In der gesamten Nachkriegszeit war auf Seiten der Farbigen ein
deutlicher Trend sichtbar, aus den Landarbeiterberufen herauszukommen.
Im Jahr 1962 waren 12 Prozent aller farbigen Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig, 1955 dagegen noch 16 und 1948 sogar 21 Prozent (siehe
Tafel i) . Dieser rapide Rückgang ist das Ergebnis der vor allem im
Süden zu beobachtenden Abwanderung zahlreicher Farbiger, die vorher
als ertragsbeteiligte Pächter tätig waren oder als selbständige Bauern
hart an der Rentabilitätsgrenze liegende Farmen bewirtschaftet hatten,
in andere Berufe, einer Abwanderung, die durch die verbesserten Beschäftigungsaussichten in anderen Wirtschaftszweigen begünstigt wurde.
Dieses Streben nach einem höheren Einkommen mußten jedoch viele
Farbige, die ihren Platz in der Landwirtschaft aufgaben und in einen
anderen Beruf überwechselten, mit einer zunehmenden Unsicherheit des
Arbeitsplatzes bezahlen. Da ihnen häufig eine ausreichende schulische
und fachliche Vorbildung fehlt und sie durch die Einstellungs- und Ausstellungspraktiken vieler Betriebe noch immer vielfach benachteiligt
werden, sind ihre Beschäftigungsaussichten weitgehend auf ungelernte
und Anlernberufe beschränkt. Dies sind wiederum die Berufe, die
von Konjunkturschwankungen und Massenentlassungen auf Grund der fortschreitenden Automatisierung am meisten betroffen werden. Wenn sich
auch in den akademischen und Angestelltenberufen seit Mitte der fünfziger Jahre sowohl für Weiße als auch für Farbige zahlreiche neue
Beschäftigungsmöglichkeiten ergeben haben, so ist doch der Anteil
der Farbigen unter den Hausangestellten, Arbeitern und angelernten
Maschinenarbeitern immer noch unverhältnismäßig hoch.
Angestelltenberufe:

2

-

�Tafel I
Beschäftigung, nach Wirt schaftszweigen und Hautfarbe g e g l i e d e r t .
i n den Jahren 1948, 1955 und '1 962 *
( i n Prozent)
Wirtschaftszweig

Weiße
1962

Gesamtbeschäftigung (Mio)
Prozent
Gütererzeugung
Landwirtschaft
Bergbau,Forstwirtsch. u.
Fischfang
Baugewerbe
Fertigung
D i e n s t l e i stungen
Transport u .
Versorgung
Handel
Haushalte
Erziehungswesen

Akadem.Berufe
(außer Lehrkräften)
Wirtschafts- u.
Wartungsdienste
Andere ( e i n s c h l •
Unterhaitungsgewerbe)
Finanz, Versicherungen ,Immobilien
Behörden

Farbige
1962

1948

1955

1948

1955

60,749

56,698

55,454

7,098

6,496

5,944

100

100

100

100

100

100

7,2

46,2
10,1

48,6
12,6

56,2
11,7

41,5
15,7

47,5
21,1

1,1
6,4

1,4
6,5

1,5
6,0

0,4
5,7

0,7
5,5

5,0
4,4

26,8

28,2

28,5

18,4

19,7

18,9

58,6

55,8

51,4

65,8

58,5

52,5

41,4

7,0

7,4

8,5

5,4

6,0

6,4

19,8

20,2

20,1

2,6

2,2

1,7

15,8
15,8

15,5
16,5

11,5
16,1

5,5

4,0

2,8

4,4

5,0

2,1

6,9

5,5

5,9

7,4

4,9

5,5

2,8

2,5

2,4

2,2

1,4

1,0

4,5

5,5

4,2

7,2

7,2

7,4

4,7
5,1

4,0
4,6

5,5
4,6

2,1
5,4

1,9
4,2

1,5
5,5

* Die Zahlenangaben für 1948 und 1955 sind nicht auf den im Jahre 1957
eingeführten Bewertungsmodus der Erwerbslosigkeit umgerechnet. Wegen
Auf- und Abrundungen addieren sich die Einzelangaben nicht notwendigerweise zu den Gesamtziffern.

�Angestelltenberufe: Zwischen 1955 und 1962 rückten Farbige
in wachsender Zahl und über ihren Anteil hinaus in höherqualifizierte
und besser bezahlte Angestelltenberufe auf. Dennoch waren 1962 nur 17
Prozent aller beschäftigten Farbigen in Angestelltenberufen tätig,
während die Vergleichszahl bei weißen Beschäftigten bei 47 Prozent
lag (siehe Tafel I I ) . Das Zahlenverhältnis von Weißen zu Farbigen betrug 28 zu 1, während es auf das Gesamtarbeitspotential bezogen bei
9 zu 1 lag. Die Zahl der Farbigen in den Angestelitenberufen hat seit
1955 um 50 Prozent zugenommen; das entspricht etwa dem Zuwachs in
der ersten Nachkriegszeit oder dem Zweieinhalbfachen der Zunahme bei
den weißen Beschäftigten. Wenn es aber nicht zu einer weiteren erheblichen Steigerung dieses Trends kommt, wird der Prozentsatz der
Farbigen in den Angestelltenberufen noch auf Jahre hinaus erheblich
unter dem der Weißen liegen.
Farbige haben in größerer Zahl Zugang zu den akademischen, technischen und Büroangestelltenberufen gefunden als zu anderen Angestelltenberufen. Seit Mitte der fünfziger Jahre ist bei diesen Berufen ein
Zuwachs um rund 60 Prozent zu verzeichnen, der vor allem die Zunahme
der Beschäftigungsmöglichkeiten bei Behörden widerspiegelt. Der Schwerpunkt der Beschäftigung von Farbigen in Angestelltenberufen liegt bei
den Bürokräften, ist doch fast jeder zweite als Buchhalter, Sekretärin),
Schreibkraft, Stenograph, Bediener von Büromaschinen oder in der Registratur beschäftigt.
Die größte relative Zunahme der Beschäftigung von Farbigen entfiel während des Zeitraums von 1955 bis 1962 auf akademische Berufszweige (wie Krankenhauswesen, ärztliche Versorgung, andere Gebiete
der Medizin, Sozialfürsorge und Kirchendienst) sowie Wirtschafts-,
Wartungs- und Reparaturdienste, die sämtlich im Verlauf der sieben
Berichtsjahre eine 70prozentige Zunahme verzeichneten. Diese Steigerung kommt in etwa der gleich, die schon in den ersten Nachkriegsjahren zu beobachten war; auf Seiten der Weißen steht ihr eine Zunahme um lediglich 35 Prozent seit 1955 gegenüber. Das Vorrücken der
Farbigen war auch im Bereich des in zügigem Ausbau befindlichen Erziehungswesens sehr auffällig, wo
einem 60prozentigen Zuwachs eine
Zunahme um nur 50 Prozent auf Seiten der Weißen gegenübersteht. Das
Bestreben der Regierung, die völlige Gleichstellung von Schwarz und
Weiß bei Neueinstellungen zu gewährleisten, dürfte die Ursache für
die fortgesetzte Zunahme der farbigen Beschäftigten im öffentlichen
Dienst seit Mitte der fünfziger Jahre sein, wo einer Steigerung
um 40 Prozent bei farbigen Beschäftigten eine Zunahme um 18 Prozent
bei den Weißen gegenübersteht.
Die Beschäftigung Farbiger in den akademischen und technischen
Berufen hat seit Mitte der fünfziger Jahre etwas rascher zugenommen
als die der Weißen. Dennoch waren 1962 nur rund 5 Prozent aller
berufstätigen Farbigen - gegenüber 12,5 Prozent aller berufstätigen
Weißen - in diesen Sparten beschäftigt.

Tafel II

�Tafel II
Beschäftigung, nach Berufsgruppen und Hautfarbe gegliedert,
in den Jahren 1948. 1955 und 1962 *
(in Prozent)

Beschäftigungsgruppe

Weiße

Farbige

1962

1955

1948

Gesamtbeschäftiu n g (Mio)
Prozent

6 0 , 749
100

56,698
100

53,454
100

Angestelltenberufe

47,5

42,1

39,1

16,7

12,0

9,0

12,6

9,8

7,2

5,3

3,5

2,4

11,9
15,8
7,0

11,1
14,2
6,9

11 , 6
13,6
6,7

2,6
7,2
1,6

2,3
4,9
1,3

2,3
5,5
1,1

35,4

39,0

40,5

39,5

41,8

59,7

13,6

14,1

14,6

6,0

5,2

5,5

17,5

20,2

21 , 0

19,9

20,9

20,1

4,3

4,7

4,9

15,6

15,8

14,5

10,6

9,0

7,9

52,8

31,6

50,3

Hausangest.
Andere

2,1
8,5

1,8
7,2

1,5
6,4

14,7
18,1

14,8
16,8

15,6
14,7

Landarbeiter
Farmer u.
Verwalter
Vorleute u.
Arbeiter

6,8

9,9

12,4

1 1 ,0

14,5

21 , 0

4,0

6,0

7,8

2,7

5,0

8,5

2,8

3,9

4,6

8,3

9,5

12,5

Akademische u .
techn.Berufe
Manager,Führungskräfte u.Selbständige**
Büroangest.
Verkaufsangest.
Arbeiterberufe
Facharbeiter
u. Meister
Maschinenarbeiter
Ungel. Arbeiter***
Dienstleistungsberufe

*' Siehe Fußnote Tafel I
** Außer Landwirtschaft
*** Außer Landwirtschaft und Bergbau

-

5 -

1962

7,098
100

1955

6,496
100

1948

5,944
100

�Bei guten B e s c h ä f t i g u n g s a u s s i c h t e n auf dem E r z i e h u n g s s e k t o r war
ein höherer P r o z e n t s a t z der f a r b i g e n Akademiker a l s Grund- und
M i t t e l s c h u l l e h r e r (meist Frauen und Mädchen) e i n g e s e t z t a l s bei
den Weißen: nahezu zwei F ü n f t e l gegenüber einem F ü n f t e l . Bezeichnend für den s o z i a l e n A u f s t i e g der Farbigen in der jüngsten Z e i t
i s t auch i h r e zunehmende Beschäftigung i n den expandierenden t e c h nischen Berufen: einem A n s t i e g der Beschäftigung der Farbigen um
das Fünffache im Verlauf der fünfziger J a h r e i s t eine Zunahme der
Gesamtbeschäftigung in d i e s e n Berufen um" zwei D r i t t e l zuzuordnen.
A l l e r d i n g s b e t r ä g t der A n t e i l der Farbigen an der Gesamtbeschäftigung in den akademischen und technischen Berufen immer noch e r s t
1 ,5 P r o z e n t .
Nur v i e r vom Hundert a l l e r farbigen B e r u f s t ä t i g e n waren 1962
a l s Manager, Führungskräfte und S e l b s t ä n d i g e sowie a l s Verkaufsa n g e s t e l l t e t ä t i g , was e i n e r l e i c h t e n Zunahme gegenüber den Jahren
1948 und 1955 gleichkommt. Der A n t e i l der i n d i e s e Kategorie e i n zureihenden weißen B e s c h ä f t i g t e n war mit 19 Prozent w e s e n t l i c h höher.

A r b e i t e r b e r u f e : Hier war nach e i n e r l e i c h t e n Zunahme der Bes c h ä f t i g u n g von Farbigen während der e r s t e n N a c h k r i e g s z e i t zwischen
1955 und 1962 e i n l e i c h t e r Rückgang i h r e s A n t e i l s auf den Stand von
1948 zu b e o b a c h t e n . Der A n t e i l der Angehörigen der A r b e i t e r b e r u f e
an der Gesamtbeschäftigung F a r b i g e r b e t r u g dabei f a s t während der
ganzen N a c h k r i e g s z e i t rund zwei F ü n f t e l . In den l e t z t e n sieben Jahren
ging aber auch der A n t e i l der weißen B e s c h ä f t i g t e n in diesen Berufen
etwas zurück.
Mehr a l s a c h t von zehn f a r b i g e n Angehörigen der A r b e i t e r b e r u f e
und sechs von zehn weißen A r b e i t e r n v e r b l i e b e n i n der Kategorie der
u n g e l e r n t e n oder a n g e l e r n t e n A r b e i t e r . Die Beschäftigungsmöglichkeiten in den f r a g l i c h e n Berufen k o n z e n t r i e r e n s i c h auf jene g ü t e r erzeugenden I n d u s t r i e n und die ihnen nahestehenden Wirtschaftszweige
(wie das Transportgewerbe), d i e gegen Konjunkturschwankungen besonders
s t a r k a n f ä l l i g s i n d . Hinzu kommt, daß die Nachfrage nach u n g e l e r n t e n
A r b e i t e r n in der N a c h k r i e g s z e i t i n f o l g e der f o r t s c h r e i t e n d e n Automat i s i e r u n g und a n d e r e r t e c h n i s c h e r Entwicklungen s t ä n d i g zurückgegangen i s t .
Dienstleistung;sberufe:Der A n t e i l der Farbigen u n t e r den Hausanges t e llTe^nH^eTnirchlielin^h. Hausmädchen, B a b y s i t t e r ,
Haushälterinnen,
Chauffeure, Wäscherinnen usw.) i s t siebenmal so hoch wie der der
Weißen. Während der e r s t e n N a c h k r i e g s z e i t b l i e b die Zahl der f a r b i g e n
H a u s a n g e s t e l l t e n p r a k t i s c h u n v e r ä n d e r t auf dem g l e i c h e n Stand, während
d i e Beschäftigung von Farbigen in anderen D i e n s t l e i s t u n g s b e r u f e n wie
K r a n k e n p f l e g e r , F r i s e u r und Koch um 25 Prozent zunahm. Dieser Trend
hat s i c h i n den Jahren von 1955 b i s 1962 mit nur geringen Veränderungen bei Hausangestellten und e i n e r mit 18 P r o z e n t s e h r bemerkenswerten Zunahme der f a r b i g e n Neuzugänge in anderen D i e n s t l e i s t u n g s berufen f o r t g e s e t z t . Ein s t e t i g e r Anstieg der Beschäftigung i n den
D i e n s t l e i s t u n g s b e r u f e n (außer H a u s a n g e s t e l l t e n ) war i n der Nachkriegsz e i t auch bei weißen A r b e i t s k r ä f t e n e i n g e t r e t e n , der sich i n den b e i den B e r i c h t s z e i t r ä u m e n j e w e i l s auf 20 b i s 25 Prozent b e l i e f . Im Jahre
1962 waren wie in der e r s t e n N a c h k r i e g s z e i t p r o z e n t u a l doppelt sovielc^
-

6

-

�Tafel III
Die Arbeitslosigkeitsrate f, nach Hautfarbe gegliedert.
in den Jahren 19A7-1962*

Jahr

1962
1961
196O
1959
1958
1957
1956
1955

*
**

Weiße

Farbige

4,9
6,0
5,0
4,9
6,1
3,9
3,3
3,6

11,0
12,5
10,2
10,7
12,6
8,0
7,5
7,9

Prozentanteil d.
Farbigen**

224
208
204
218
207
205
227
219

Jahr

Weiße

Farbige

1954
1953
1952
1951
1950
1949
1948
1947

4,5
2,3
2,4
2,8
4,6
5,2
3,2
3,3

8,9
4,1
4,6
4,8
8,5
8,2
5,2
5,4

Prozentänteild.
Farbigen**

198
178
192
171

185
158
163

164

Siehe Anm. Tafel I
Weiße «* 100 Prozent

soviel.farbige wie weiße Arbeitnehmer in diesen rasch expandierenden, aber
noch immer relativ schlecht bezahlten und nur geringe bis mäßige Qualifikationen erfordernden Dienstleistungsberufen beschäftigt.
Arbeitslosigkeit und Teilzeitarbeit
Arbeitslosigkeit; Die Hauptlast der Arbeitslosigkeit hatten während
der gesamten Nachkriegszeit jeweils die Farbigen zu tragen. Obwohl der
Anteil der Farbigen am Arbeitspotential 1962 lediglich 10 Prozent betrug,
belief sich ihr Anteil an der Arbeitslosenziffer auf rund 20 Prozent.
Dieses Mißverhältnis bestand bei männlichen und weiblichen Arbeitskräften
gleichermaßen .
Die Arbeitslo-sigkeitsrate der Farbigen erreichte 1962 mit 11,0 den
dritthöchsten Wert in der gesamten Nachkriegszeit (siehe Tafel III) und
war damit doppelt so hoch wie die der Weißen. Dieses Zahlenverhältnis bestand praktisch die ganze Nachkriegszeit hindurch und zeigte in jüngerer
Zeit eher die Tendenz, sich weiter zu verschlechtern. In den Jahren 19471949 lag die Arbeitslosigkeitsrate der Farbigen im Durchschnitt um 60 Prozent über der der weißen Arbeitnehmer, während sie in den Jahren 1954-19^2
konstant rund doppelt so hoch war.
Farbige Jungen und Mädchen im Alter von 14 bis 19 Jahren wiesen fortgesetzt eine der höchsten Arbeitslosigkeitsraten unter allen Altersgruppen
beider Hautfarben auf (siehe Tafel IV). Im Jahre 1962 hielt sich die Arbeitslosigkeitsrate der Farbigen dieser Altersgruppen auf nahezu 25 Prozent,
verglichen mit etwa 12 Prozent bei weißen Jugendlichen. Seit 1955 ist ferner ein rascherer Anstieg der Arbeitslosigkeitsrate bei der farbigen Jugend
Tafel IV

�Tafel IV
Die Arbeitslosigkeitsrate^ nach Hautfarbe, Alter und Geschlecht
gegliedert, in den Jahren 1948. 1955 und 1962*
(in Prozent)
Alter u. Geschlecht

Männer insgesamt
14
20
25
35
45
54

bis 19 Jahre
bis 24 Jahre
bis 34 Jahre
bis 44 Jahre
bis 54 Jahre
Jahre u.darüber
Frauen insgesamt

14
20
25
35
45
55

bis 19 Jahre
bis 24 Jahre
bis 34 Jahre
bis 44 Jahre
bis 54 Jahre
Jahre u.darüber

Weiße

Farbige

1962

1955

1948

1962

1955

1948

4,6

5,4

3,1

11,0

8,2

12,3
8,0
3,8
3,1
3,5
4,1

9,6
6,3
2,5
2,4

8,3
5,8
2,4
1,9

13,2

2,8

3,7

2,2
2,8

20 %7
14,6
10,5
8,6
8,3
10,1

7,4
5,8
7,8

5,1
7,,6
10,6
4,2
4,5
3,1
3,5

5,5

3,9

3,4

11,1

7,5

5,2

11 ,5
7,7
5,4
4,5
3,7
3,5

8,2

6,9
3,6
3,2
2,3
2,5
2,6

28,2
18,2

16,2
11,4

11,5
8,9
7,1
3,6

9,1
4,9
4,6
4,4

10,4
8,9
6,1
3,3
2,4

4,5
3,8
3,4
2,9
2,8

11,2
8,0

2,2

* Siehe Fußnote Tafel I
Jugend aufgetreten, erhöhte sie sich doch um rund 60 Prozent gegenüber
30 Prozent bei weißen Jungen und Mädchen,*
Bei männlichen farbigen Arbeitnehmern der Altersgruppen von 25 bis
34 und von 35 bis 44 (denen der größte Teil der Haupternährer der Familien
angehört) war die Arbeitslosigkeitsrate 1962 mit 9 Prozent fast dreimal
so hoch wie bei ihren weißen Altersgenossen. Ein ähnliches Zahlenverhältnis bestand auch schon 1955«
Selbst innerhalb der einzelnen Beschäftigungskategorien bestehen
große Unterschiede in den Arbeitslosigkeitsraten von Farbigen und Weißen,
wobei die Rate dar Farbigen die der Weißen im allgemeinen wesentlich übersteigt.
Bei' '.'eißen und Farbigen haben die Berufe an der Basis der Berufspyramide,
die Arbeiter in nicht-landwirtschaftlichen Beschäftigungszweigen und die
Maschinenarbeiter, gewöhnlich eine hohe Arbeitslosigkeitsrate aufzuweisen,
und hier waren und sind die Unterschiede zwischen Weiß und Schwarz auch
nicht so groß wie in den meisten anderen Beschäftigungssparten (siehe
Tafel V ) . Dies dürfte auf die zahlenmäßig starke Vertretung dieser Berufe
in den weitgehend gewerkschaftlich organisierten Massengüterindustrien
zurückzuführen sein, wo die von den Gewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge zum Teil Bestimmungen über die gleiche Behandlung von Weißen und
Farbigen bei der Einstellung enthalten. Die Unterschiede in den

-

8

�Tafel V
Arbeitslosigkeitsrate in einzelnen Beschäftigungsgruppen« nach
Hautfarbe gegliedert, in den Jahren 1955 und 1962*

Beschäftigungsgruppe

Sämtl.Gruppen**
Büro u.Verkaufsangestellte
Facharbeiter u.
Meister
Maschinenarbeiter
Hausangestellte
Andere Dienstleistungsberufe
Landarbeiter u.
Aufseher
Ungelernte
Arbeiter (außer
Land- u.Bergarb.)

*
**

***

Weiße

Farbige

Prozentanteil
d.Farbigen***

1962

1955

1962

1955

1962

1955

4,9

3,5

11,0

7,7

224

208

5,8

3,2

7,7

7,0

203

219

4,8
6,9
3,1

3,9
5,5
3,0

9,7
12,0
7,1

8,8
8,4
5,6

202
174
229

226
153
187

5,3

5,2

10,8

8,8

204

169

3,9

3,0

5,8

6,3

149

210

11,0

9,8

15,8

12,1

144

123

Berücksichtigt wurden nur Arbeitslose mit echter Berufserfahrung
Einschließlich der hier nicht gesondert ausgewiesenen Berufsgruppen:
akademische und technische Berufe; Manager, Führungskräfte und Selbständige; und Farmer und Farmverwalter
Weiße = 100 Prozent

den Gesamtarbeitslosigkeitsraten von Weißen und Farbigen erklären sich
aber zum Teil aus eben dieser höheren Konzentration der Farbigen in den
Berufsgruppen an der Basis der Pyramide.
Die Farbigen weisen nicht nur höhere Arbeitslosigkeitsraten auf, sie
sind auch viel häufiger von Entlassung bedroht als ihre weißen Kollegen.
Etwa drei von zehn Farbigen, die zu irgendeinem Zeitpunkt im Jahre 1961
ausgestellt wurden, waren dreimal oder noch öfter im Verlauf dieses Jahres arbeitslos geworden, während dieses Schicksal bei den Weißen nur zwei
von zehn traf. Hinzu kommt, daß die Dauer der vorübergehenden Arbeitslosigkeit bei Farbigen länger war,oder daß diese oft weit länger brauchten, um eine neue Stelle zu finden. Seit Beginn der statistischen Erfassung der Arbeitslosigkeitsdauer unter Berücksichtigung der Hautfarbe
im Jahre 1954 bezifferte sich der Anteil der Farbigen an der mittelund langfristigen Arbeitslosigkeit mit einer Dauer von 15 bzw. 27 Wochen und mehr all die Jahre über auf 20 bis 30 Prozent (siehe Tafel V i ) .
Tafel VI

�Tafel VI
Anteil der Farbigen an der mittel- und langfristigen Arbeitslosigkeit
in den Jahren von 1934 bis 1962
(in Prozent)
Jahr

1962
1961
1960
1959
1958
1957
1956
1955
1954

15 Wochen und darüber

27 Wochen und darüber

28,4
23,6
26,0
26,2
23,0
23,8
21,6
21,5
24,0

25,9
22,5
24,9
24,3
22,0
22,4
21 ,8
20,0
20,4

Teilzeitbeschäftigung: In der Zeit nach 1956 war der Prozentsatz
der farbigen Teilzeitbeschäftigten ständig hö&amp;er als der der weißen.
Im Jahre 1P62 arbeiteten 21 Prozent sämtlicher in einem Beschäftigungsverhältnis stehenden Farbigen und 14 Prozent aller berufstätigen Weißen
weniger als 35 Stunden; der Anteil der aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten (mangelnde Aufträge, Materialknappheit und dergleichen) zur
Teilzeitarbeit gezwungenen Farbigen lag bei etwa dem Dreifachen des für
Weiße ermittelten Satzes von 3 Prozent, d.h. bei 10 Prozent der Gesamtbeschä:f tigtenzif fer der Farbigen (siehe Tafel VII) . 1962 stellte der
farbige Bevölkerungsteil wie in den vorausgegangenen Jahren ein Viertel
aller außerhalb der Landwirtschaft aus wirtschaftlichen Gründen Teilzeitarbeit Leistenden, während sein Anteil an der nichtlandwirtschaftlichen Gesamtbeschäftigung bei lediglich 10 Prozent lag.
Der Anteil der Farbigen an der Gesaratziffer der Teilzeitarbeiter
aus wirtschaftlichen Gründen bezifferte sich auf 16 Prozent, ihr Anteil
an der Zahl der Teilzeitbeschäftigten, die eine solche Beschäftigung
nur in Ermangelung eines ganztägigen Arbeitsplatzes angenommen hatten,
dagegen auf 35 Prozent. In der letzten Gruppe stellen Jugendliche und
ältere Frauen den Hauptanteil, die vielfach als Hausangestellte oder
in anderen Dienstleistungsberufen tätig sind, (fahrend der Prozentsatz
der aus wirtschaftlichen Gründen Teilzeitbeschäftigten bei farbigen
Arbeitnehmern in den letzten sechs Jahren erheblich gestiegen ist, hat er
sich bei weißen Arbeitnehmern ungefähr auf gleicher Höhe gehalten. Umgekehrt war eine Zunahme der freiwillig Teilzeitbeschäftigten nur unter
den weißen Arbeitnehmern zu verzeichnen.

1

-

10

Tafel VII

�Tafel VII
Nichtlandwirtschaftliche Beschäftigung, nach ganztägiger Arbeit,
Teilzeitarbeit und Hautfarbe gegliedert, in den Jahren 1936 und 19^2
(in Prozent)
Beschäftigung

1956

1962

56,388
100

52,661
100

6,267
100

85,7

88,4

78,6

79,5

3,2

3,0

10,3

9,0

davon in der
Regel vollbesch.

1,6

1,8

2,8

3,3

davon in der
Regel teilzeitbeschäftigt

1,6

1,2

7,5

5,7

11,1

8,6

11,0

11,5

Vollbeschäftigt*
Teilzeitbeschäftigt
aus w i r t s c h a f t l .
,nden**

Teilzeitbeschäftigt
aus anderen Gründen
in der Regel
teilzeitbesch.

**

Farbige

1962
Sämtl. Beschäftigte:
Zahl ( i n Mio)
Prozent

*

Weiße

1956

5,733
100

Die Ziffer schließt sämtliche Arbeitnehmer ein, die während der
Erhebungswoche 35 und mehr Stunden gearbeitet haben, sowie alle,
die nur wegen Krankheit, Urlaub oder schlechtem Wetter daran
gehindert waren, ganztägig zu arbeiten.
Die Ziffer schliefit sämtliche Arbeitnehmer ein, die wegen Arbeitsverlangsamung, Materialknappheit, Arbeitsplatzwechsel, Fehlen
eines ganztägigen Arbeitsplatzes usw. weniger als 35 Wochenstunden
gearbeitet haben.

Anm.: Wegen Auf- und Abrundungen ergänzen sich die Prozentangabe nicht
notwendigerweise zu 100.
Die Prozentzahlen der ganz jjährj.g ganz tägi,g beschäftigten weißen
und farbigen Arbeitnehmer differieren sehr stark. Bei den männlichen
farbigen Arbeitnehmern mit Berufserfahrung waren im Jahr 1961 die
Hälfte und bei den weißen zwei Drittel als das ganze Jahr über ganztägig tätig gemeldet. Dieser Unterschied besteht schon seit Ende der
vierziger Jahre, d.h. seitdem derartige Statistiken geführt werden. _In

-

11

�In der Nachkriegszeit stieg der Prozentsatz der Frauen und Mädchen, die das ganze Jahr über ganztägig beschäftigt sind, bei
farbigen beträchtlich an, während er sich bei weißen Frauen etwa
konstant hielt. Dieser Anstieg ist teilweise auf die Tatsache
zurückzuführen, daß farbige Frauen und Mädchen nicht mehr in dem
bisherigen Ausmaß in der Landwirtschaft beschäftigt werden, wo
die Beschäftigungslage starken jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen ist. Im Jahre 1961 waren im Verhältnis fast ebenso viele
farbige wie weiße Frauen und Mädchen ganzjährig ganztägig beschäftigt, nämlich 32 bzw. 38 Prozent.
Beteiligung am Erwerbsleben: Eine der augenfälligsten Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt stellte während der letzten Jahre der
scharfe Rückgang der Neuzugänge bei den farbigen männlichen Jugendlichen und das geringe Interesse älterer farbiger Männer an einem
Arbeitsplatz dar (siehe Tafel VIII) . Im Jahre 1962 lagen die Beteiligungsraten der Farbigen in diesen Altersgruppen unter denen der
Weißen. Der besonders starke Rückgang bei den Farbigen entspricht
einem seit langem sichtbaren Trend. Er wurde durch den langfristigen
Rückgang der landwirtschaftlichen Beschäftigung, den Wunsch nach
längerer Schulbildung und die Verbesserung der Pensionsregelung ausgelöst - Entwicklungen, die auch bei den Weißen in den letzten Jahren
eine große Rolle gespielt haben.
In den fünfziger Jahren waren an der Landflucht 70 Prozent Jugendliche beteiligt, die noch keine 20 Jahre alt waren oder das
zwanzigste Lebensjahr im Verlauf dieser Dekade erreichten. Im allgemeinen sind die Jugendlichen auf dem Lande, gleichgültig, ob sie
noch zur Schule gehen oder nicht, als in der Landwirtschaft tätig
anzusehen. Ihre Beteiligungsrate liegt gewöhnlich höher als die der
städtischen Jugend der gleichen Altersklassen. Angesichts des ständigen
Rückgangs des Anteils der farbigen Beschäftigten in der Landwirtschaft
in der Zeit von 1955 bis 1962 darf man mit ziemlicher Sicherheit folgern, daß ein großer Teil der aus den ländlichen Bezirken abgewanderten
Jugendlichen nicht der weißen Rasse, angehörte. Des weiteren dürften
der starke Anstieg der Zahl der Schüler und Studenten und die in den
letzten Jahren ungewöhnlich hohe Arbeitslosigkeitsrate unter der
farbigen Jugend zu diesem Absinken der Beteiligung der Jugendlichen
am Erwerbsleben beigetragen haben.
Sowohl die Beteiligungsrate der weißen als auch die der farbigen
Männer der Gruppe im Alter von 65 und darüber gingen von 1955 bis 1962
ganz erheblich zurück, nämlich um 9 bzw. 13 Prozent. Der verstärkt
laut werdende Wunsch nach frühzeitiger Pensionierung scheint mit
zu den Ursachen zu zählen, daß es auch in der Gruppe der 55- bis
64jährigen zu einem - wenn auch nicht so eindeutigen - Rückgang
der Beteiligungsrate kam, wobei der Rückgang wiederum bei den Farbigen ausgeprägter war als bei den Weißen.
In der Hauptgruppe der 25- bis 64jährigen, in der die Beteiligungsraten ohnehin immer am höchsten liegen, blieben die Farbigen
weiterhin leicht hinter den Weißen zurück. Das ist unter Umständen
darauf zurückzuführen, daß die Rate der Invalidität auf Grund von
Krankheit und Unfall bei männlichen Farbigen höher ist, da die
Tafel VIII

�Tafel VIII
Rate der Beteiligung am Erwerbsleben der Altersgruppen, nach Hautfarbe
und Geschlecht gegliedert, in den Jahren 194^*

1955 und 1962

Altersgruppe
und
Geschlecht

1962

1955

1948

196?

1955

1948

Männer u.Frauen

56,1

57,1

56,7

60,0

61,9

63,5

Manner

7R,£

82,8

84,2

76,4

81 , 8

84,8

14
20
25
35
45
55
65

40,8
86,5
97,4
97,9
96,0
86,7
30,6

45,6
86,5
97,8
98,3
96,7
88,4
39,5

50,7
84,4
96,0
98,0
95,9
89, &amp;
46,6

38,4
89,3
95,3
94,5
92,2
81,5
27,2

48,8
89,7
95,8
96,2
94,2
83,1
40,0

58,4
85,6
95,3
97,2
94,6
88,4
50,3

Frauen

35,6

33,7

30,6

45,6

44,4

44,4

14
20
25
35
45
55
65

29,7
47,1
34,1
42,2
48,9
38,0
9,8

30,5
45,8
32,8
39,9
42,7
31,8
10,5

32,8
45,1
31,3
35,1
33,3
23,3
8,6

24,0
48,6
52,0
59,7
60,5
46,1
12,2

25,3
46,7
51,3
56,0
54,8
40,7
12,1

30,4
47,1
50,6
53,2
51,1
37,6
17,3

bis 19 Jahre
bis 24 Jahre
bis 34 Jahre
bis 44 Jahre
bis 54 Jahre
bis 64 Jahre
Jahre u.darüber

bis 19 Jahre
bis 24 Jahre
bis 34 Jahre
bis 44 Jahre
bis 54 Jahre
bis 64 Jahre
Jahre u.darüber

Weiße

Farbige

die Farbigen einen relativ hohen Anteil an den gefahrvolleren Handarbeiterberufen stellen.
Farbige Frauen und Mädchen nehmen schon immer proportional stärker
am Erwerbsleben teil als ihre weißen Schwestern. Der in der Nachkriegszeit eingetretene Anstieg der Beteiligungsrate erwachsener Frauen e±faßte Weiße und Farbige gleichermaßen. Trotz dieses Wandels standen
1962 nur etwa zwei Fünftel aller weißen Frauen und Mädchen der Altersgruppen zwischen 25 und 64 Jahren im Erwerbsleben gegenüber drei Fünfteln aller farbigen.
Einkommen und Erziehung
Einkommen; Bei den Farbigen entfällt häufig auf die einzelne Familie eine größere Zahl von Erwerbspersonen und somit eine höhere Rate
der Beteiligung am Erwerbsleben(pro Familie)als bei den Familien Weißer. Dieser Sachverhalt ist dazu angetan, die bestehenden Einkommensunterschiede zwischen Farbigen und Weißen zu verwischen. Eine gegenteilige Wirkung haben dagegen die nicht zum Einkommen gerechneten
rrallöhne in der Landwirtschaft, in der relativ viele Farbj ge

13

�Farbige tätig sind. Dennoch ist das Haushalteinkommen ein recht
brauchbares Kriterium zur Beurteilung des wirtschaftlichen und sozialen Status, da viele Ausgabegepflogenheiten eng mit der Familie
als selbständige Einheit verknüpft sind.
Das Durchschnittseinkommen sowohl der weißen wie der farbigen
Haushalte ist in den beiden letzten Jahrzehnten ganz beträchtlich
gestiegen. Die Farbigen konnten - insbesondere während des zweiten
Weltkrieges und in den Jahren unmittelbar danach - auf Grund der
kriegsbedingten Verknappung von ungelernten Arbeitskräften und der
staatlichen Maßnahmen zur Anhebung der Einkommen der am schlechtesten bezahlten Arbeiter sehr beachtliche Einkommenssteigerungen
erzielen. Das Haushalteinkommen der Farbigen stieg von weniger als
40 Prozent des Haushalteinkommens der weißen Familien im Jahre 1959
auf nahezu 60 Prozent zu Anfang der fünfziger Jahre. Wenngleich die
Einkommen der Farbigenhaushalte auch in der Folgezeit weiter angestiegen sind, so kam es doch zu keiner weiteren Verringerung des
Abstands zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen.

Tafel IX
Haushaiteinkomment nach Hautfarbe gegliedert, in den Jahren
1948. 1955 und 1961
(Prozent der Haushaltungen)
Haushalteinkomrnen
(in Dollar)
Alle Einkommensklassen
weniger als 5000
3000 bis 4999
5000 bis 9999
10 000 u.darüber

1961
Weiße

100,0
18,6
19,4
44,7
17,1

1955

Farbige

100,0
47,5
24,4
22,8
5,6

Weiße

100,0
25,7
30,5
36,6
6,5

1948

Farbige

100,0
57,3
28,3
15,7
0,6

Weiße

100,0
42,6
55,2
19,1
5,1

Farbige

100,0
78,1
16,5
5,5
0,4

Anm.: Wegen Auf- und Abrundungen addieren sich die Prozentangaben nicht
notwendigerweise zu 100.
Dieses Phänomen ist sohl der Tatsache zuzuschreiben, daß im letzten
Jahrzehnt die akademischen, technischen und Managerberufe, in denen die
Farbigen noch immer nur schwach vertreten sind, einen weit größeren
Einkommenszuwachs (bis zu nahezu 70 Prozent) zu verzeichnen hatten als
die an der Basis der Beschäftigungspyramide zu findenden Berufsgruppen,
in denen der Anteil der Farbigen hinwiederum besonders hoch ist. Das
Einkommen der angelernten Arbeiter und der Angehörigen der Dienstleistungsberufe stieg im selben Zeitraum um lediglich 40 Prozent, während
es in den vierziger Jahren einen Zuwachs von rund 180 Prozent aufzuweisen hatte.
Im

�Im Jahre 1948 hatten nahezu 8 von 1C farbigen Haushalten ein
Bareinkommen von weniger als 3000 Dollar (siehe Tafel I X ) . Dieser
Satz fiel bis 1955 auf 6 von 10 und bis 1961 auf 5 von 10; dennoch
war der Anteil an Familien mit so geringem Einkommen bei den Farbigen
etwa zweieinhalbmal so groß wie bei den Weißen. Seit 1955 hat der
Anteil der Farbigenhaushalte in der Einkommensklasse von 5000 bis
10 000 Dollar eine 50prozentige Zunahme erfahren und kletterte auf
23 Prozent der Gesamtzahl sämtlicher Farbigenhaushalte, lag dabei aber
noch immer unter dem mit 45 Prozent ausgewiesenen Anteil bei den weißen
Haushalten. Am oberen Ende der Einkommensskala, in der Klasse der Haushalte mit einem Einkommen von 10 000 Dollar und darüber, rangierten 1961
immerhin 6 Prozent der farbigen Haushalte gegenüber lediglich 0,5 Prozent in den Jahren 1948 und 1955« Trotz des in den letzten Jahren zu
beobachtenden Aufstiegs vieler Farbiger in höher bezahlte Berufe und
damit höhere Einkommensklassen besteht noch immer eine große Kluft
zwischen den Haushalteinkommen weißer und farbiger Familien, fallen
doch anteilmäßig dreimal soviel weiße Haushalte in die Einkommensklasse
von 10 000 Dollar und darüber.
Bildung; Sehr beachtliche Erfolge zeitigten die Bemühungen, die
seit langem bestehende Lücke zwischen dem Bildungsstand der Weißen
und dem der Farbigen zu schließen. Im Jahre 1962 hatten die Angehörigen
der Altersklasse von 25 bis 29 Jahren bei den Weißen eine durchschnittliche schulische Ausbildung von 12,5, bei den Farbigen von 11,2 Jahren
aufzuweisen. Bei den Farbigen entspricht dies einer Verlängerung der
Schulzeit um rund 4 1/2 Jahre, gegenüber 1940, bei den Weißen einer
Verlängerung um nur 2 Jahre. Diese in der Nachkriegszeit eingetretene
weitgehende Angleichung ist größtenteils auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Kinder der Farbigen von den gebotenen schulischen Bildungsmöglichkeiten mehr Gebrauch machen als früher. An der Grundschule
sind die Unterschiede in den Einschulungsraten so gut wie ausgeglichen,
während sich in den höheren Schulen die Unterschiede nur wenig verringert
haben, so daß der Prozentsatz der farbigen Oberschüler noch immer merklich hinter dem der Weißen zurückbleibt.
Seit Mitte der fünfziger Jahre aber haben sich die Unterschiede
im Bildungsstand kaum mehr verringert, wenn auch beide Gruppen eine
Verlängerung des durchschnittlichen Schulbesuchs um ein Jahr aufzuweisen haben. Jüngst verfügbar gewordene Einkommensstatistiken, die nach
Hautfarbe und Bildungsstand des Haushaltvorstandes gegliedert sind,
untermauern die schon in anderen Untersuchungen erarbeitete Folgerung,
daß sich die Einkommenslücke zwischen Weißen und Farbigen selbst mit
steigenden Bildungsniveau nicht von selbst schließt. Immerhin ist sie •
bei Personen mit College-Ausbildung schon viel schmäler geworden, bezifferte sich doch das Haushalteinkomraen farbiger College-Absolventen
auf rund 85 Prozent des Einkommens ihrer weißen Kollegen.

(Quelle:"Monthly Labor Review",
Juli 1963, Vol. 86, Nr. 7)

* * * * *

-

15

-

�Verschärfte Bestimmungen der US-Post zur Durchsetzung
der Rassengleichheit
Sowohl durch Aufklärung als auch mit Hilfe wirtschaftlicher
Druckmittel will das amerikanische Postministerium jetzt versuchen,
die von ihm erlassenen Antidiskriminierungsbestimmungen bei all jenen
Wirtschaftsunternehmen durchzusetzen, die mit der Postverwaltung in
geschäftlichen Beziehungen stehen oder aber postalische Dienste übernommen haben.
So wurde kürzlich eine neue Klausel in sämtliche Dienstleistungsverträge aufgenommen, die die Postverwaltung mit rund 10 000 Inhabern
von Drugstores und anderen Geschäften mit Postschaltern abgeschlossen
hat, nach der die Unternehmen in Zukunft gehalten sind, jeden Kunden
ohne Rücksicht auf seine Hautfarbe zu bedienen und auch bei der Einstellung von Personal das Gleichheitsprinzip in Anwendung zu bringen.
Diese Vertragsklausel ist besonders für die Posthalter in den Südstaaten von großer Bedeutung, da hier die rassische Diskriminierung am
stärksten ausgeprägt ist.
Außerdem sind künftig sämtliche Personen, die Büroräume an die
US-Bundespost vermieten, vertraglich verpflichtet, auch in den übrigen
Teilen des Bürogebäudes die gleichen Antidiskriminierungsbestimmungen
durchzusetzen.
Diesen neuen Maßnahmen voraus gingen zahlreiche andere Anordnungen des US-Postministers, J. Edward Day, die in erster Linie auf die
Durchsetzung des Prinzips der Rassengleichheit im Postdienst selbst
abzielen wie unter anderen die Bestimmung, daß Beförderungen ohne
Rücksicht auf die Hautfarbe des Vorgeschlagenen zu erfolgen haben.
Inzwischen sind sechs Postamtsvorsteher des Rechts, Untergebene zu
befördern, verlustig gegangen, weil sie gegen diese Anordnung verstoßen
haben.
Außerdem wurden in den vergangenen Wochen insgesamt 27 Postamtsvorsteher aus den Südstaaten zu Aussprachen mit dem Postminister und
leitenden Angestellten des Postministeriums nach Washington beordert,
um ihnen nachdrücklich klarzumachen, daß die "Desegregation" im Postdienst heute eine Realität ist. Die US-Bundespost kann dabei bereits
auf sehr eindrucksvolle Erfolge hinweisen: Von den insgesamt 585 000
Postangestellten sind rund 117 000 oder 20 Prozent Farbige; während
sich vor zwei Jahren der Anteil der Neger in AufSichtspositionen lediglich auf 5 Prozent belief, beträgt er heute 10 Prozent; in der Bundeshauptstadt Washington sind von den insgesamt 9000 Postangestellten über
7000 Farbige, von denen auch etwa die Hälfte aller AufSichtspositionen
bekleidet wird; das Hauptpostamt von Los Angeles, das drittgrößte der
USA, hat seit kurzem einen Farbigen als Amtsvorsteher.
(Quelle: Eigenbericht)

-

16

-

�Wirtschaftliches Wachstum und Arbeitslosigkeit
Obwohl die gute Konjunktur nun schon über zwei Jahre andauert,
die Wirtschaft in den vergangenen Monaten zahlreiche bemerkenswerte
Erfolge erzielen konnte und auch die Aussichten für die nächste Zukunft allgemein als sehr gut bezeichnet werden, ist man sowohl in
Kreisen der Wirtschaft als auch der Regierung und in der Öffentlichkeit mit der Gesamtentwicklung nicht ganz zufrieden. Der Grund hierfür ist die immer noch relativ ungünstige Lage am Arbeitsmarkt. Denn
obwohl die Beschäftigtenzahl in letzter Zeit stetig angestiegen ist,
im Juni ein Zugang von 1,3 Millionen verzeichnet wurde und im gleichen Monat zum ersten Mal in der Geschichte der USA über 70 Millionen
Werktätige registriert werden konnten, sind 4»ö Millionen Amerikaner
oder 5»7 Prozent des Arbeitspotentials arbeitslos.
Große Sorge bereiten Regierung und Öffentlichkeit in dieser Hinsicht insbesondere zwei Arbeitnehmergruppen: die Jugendlichen und die
Farbigen. Der Anteil der erwerbslosen Teenager an der Gesamtzahl der
Arbeitskräfte z.B. beträgt gegenwärtig rund 1,6 Prozent. Zwar ist dieser hohe Prozentsatz zum Teil darauf zurückzuführen, daß während der
langen Sommer-Schulferien sich sehr viele Jugendliche um einen temporären Arbeitsplatz bemühen - dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Erwerbslosenrate unter den Teenagern in den letzten
Jahren ständig extrem hoch gewesen ist, noch die Tatsache erklären,
daß die Gesamtzunahme der Arbeitslosenziffer im Juni (plus 800 000)
allein durch den Zugang Jugendlicher bedingt war. In krassem Gegensatz
hierzu steht die Entwicklung der Arbeitslosenrate bei den verheirateten
Männern, die im Juni auf 3»1 Prozent absank und damit erheblich unter
dem Stand des Vorjahres lag.
Wesentlich verschärft wird das Problem der Jugendarbeitslosigkeit noch durch den allgemeinen Bevölkerungstrend, der für die nächsten Jahre einen erheblich größeren Zustrom von Jugendlichen zum.
Arbeitsmarkt erwarten läßt. In diesem Jahr z.B. werden rund 1 Million
Jugendliche mehr als im vergangenen Jahr das 16. Lebensjahr erreichen
und zum Teil aller Wahrscheinlichkeit nach nicht weiter die Schule
besuchen, sondern sich um einen Arbeitsplatz bemühen.
Ein ähnliches schwieriges wirtschaftliches und soziales Problem
bilden in dieser Hinsicht auch die Farbigen, deren Erwerbslosenrate
um das Doppelte über dem nationalen Durchschnitt liegt und besonders
hoch unter den Teenagern ist.
Wenn man auch nicht gerade behaupten kann, daß die zunehmenden
Spannungen zwischen der weißen und der farbigen Bevölkerung und die
verstärkten Bemühungen der Regierung zur Durchsetzung der Bürgerrechte
allein den mangelnden Beschäftigungsmöglichkeiten zuzuschreiben sind,
so trägt doch andererseits die starke Arbeitslosigkeit, insbesondere
unter der farbigen Bevölkerung, erheblich zur allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Unrast bei, ganz gleich, wie gut die allgemeine
wirtschaftliche Lage auch sein mag.
Die Regierung Kennedy hat bisher zahlreiche energische Schritte
zur Lösung dieser eng miteinander verwobenen Probleme - Arbeitslosigkeit und Bürgerrechte - unternommen und mit den kürzlich dem

-

17

-

�dem Kongreß unterbreiteten Bürgerrechtsvorlagen einen entscheidenden
Vorstoß gewagt. Die meisten der vorgeschlagenen gesetzlichen Maßnahmen haben dabei einen ausgesprochen wirtschaftspolitischen Charakter.
Sie sollen all jene Bemühungen ergänzen, die bisher zur Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums und zur stärkerem Nutzung des
Arbeitspotentials unternommen wurden - wie die Programme zur Verbesserung der schulischen und beruflichen Ausbildung, zur Ausweitung
der Beschäftigungs- und Bildungsmöglichkeiten, zur Beseitigung der
Diskriminierung bei der Einstellung von Arbeitskräften oder zur speziellen Förderung der Jugend.
Die stärkste Wirkung bei all den wirtschaftlichen Förderungsmaßnahmen könnte jedoch von dem vorgeschlagenen Steuersenkungsprogramm ausgehen, das jetzt dem Kongreß zur Beratung vorliegt. Dieses
Programm, das eine erhebliche Senkung der Einkommensteuer zwecks
Erreichung eines langfristigen, größeren wirtschaftlichen Wachstums
vorsieht, stellt wohl die wirkungsvollste Ergänzung zu all den anderen
Maßnahmen zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit dar. Denn es wäre, wie
US-Arbeitsminister Wirtz erst kürzlich erklärte, völlig sinnlos,
Arbeitnehmer auf produktive Zukunftsberufe umzuschulen oder diskriminierende Einstellungspraktiken gesetzlich zu beseitigen, wenn es
in der Wirtschaft einfach nicht genügend Arbeitsplätze gibt.
Es wäre daher auch verkehrt, alle diese in eine Richtung zielenden Maßnahmen nach gewissen Prioritäten einzustufen, denn sowohl
das Steuersenkungsprogramm als auch die Erziehungs-, Förderungsund Bürgerrechts-Programme stellen ein Ganzes dar und sind auch
als solches zu behandeln, wenn eine maximale Wirkung von ihnen ausgehen, soll.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Unfallschutz am Arbeitsplatz als gewerkschaftliche Aufgabe
Der Unfallschutz am Arbeitsplatz ist eines der Hauptanliegen
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Immer neue Verfahren, Maschinen und Produkte bringen für den arbeitenden Menschen immer neue
Gefahren mit sich, denen es rechtzeitig durch entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu begegnen gilt.
Insgesamt wurden im Jahr 1962 in den Vereinigten Staaten 1,99
Millionen Betriebs- und Arbeitsunfälle registriert, von denen 13 700
tödlich verliefen und 83 300 bleibende Gesundheitsschäden zur Folge
hatten. Anders ausgedrückt entfielen auf je 100 000 Arbeitskräfte
21 Todesfälle. Diese Zahl dürfte mehr als ausreichen, um die Bedeutung der Unfallverhütungsmaßnahmen zu unterstreichen.
Die Gewerkschaften schalten sich aktiv in die Planung und Entwicklung von Sicherheitsmaßnahmen in den Betrieben ein und suchen
durch die Ausarbeitung von Gesetzgebungsvorschlägen zu Fragen der

-

18

�der Unfallverhütung und des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz und
durch den Einbau entsprechender Vorschriften in die Tarifverträge
den Arbeitsschutz zu verbessern. Sie beteiligen sich darüber hinaus
in immer stärkerem Maße an Fachtagungen, die von Unfallschutzorganisationen und staatlichen Stellen mit dem Ziel abgehalten werden,
den Erfahrungsaustausch unter allen Beteiligten zu fördern. Die
Fortschritte auf dem Gebiet des betrieblichen Unfallschutzes sind
zu einem guten Teil den von den Unternehmensleitungen und Gewerkschaften gemeinsam erarbeiteten Sicherheitsvorschriften zu danken.
Ein Beispiel für die Früchte einer solchen Zusammenarbeit bietet
die Papier- und Holzschliffindustrie in den waldreichen Pazifikstaaten Washington, Oregon und Kalifornien. Eine 1946 eingeleitete
Kampagne zur Verbesserung des Arbeitsschutzes in den Papiermühlen
führte dazu, daß die Unfallrate pro 1 Killion geleistete Arbeitsstunden von 38,9° im Jahre 1945 auf 4*66 im Jahr i960 zurückging. Den
Kern des Sicherheitsprogramms bilden persönliche Schutzmaßnahmen wie
das Tragen von Sicherheitshelmen, Schutzbrillen, Plastikgesichtsmasken, rutschfestem Schuhwerk, feuerfester Kleidung, Arbeitshandschuhen
und dergleichen.
Die Unfallverhütung beginnt im Grunde mit der Analyse der Unfallgefahren; die Beschaffung geeigneter Schutzkleidung und -einrichtungen ist der nächste Schritt. Die größte Schwierigkeit besteht leider
sehr häufig darin, die Arbeiter von der Notwendigkeit des ständigen
Gebrauchs der Schutzeinrichtungen und der konsequenten Beachtung der
Sicherheitsvorschriften zu überzeugen. Der arbeitende Mensch selbst
ist es schließlich, der am meisten zur Vermeidung von Unfällen und
Gesundheitsschädigungen am Arbeitsplatz beitragen kann. Von seiner
Einstellung zur Frage des Unfallschutzes hängt der Erfolg aller
Sicherheitsmaßnahmen - und unter Umständen sein Leben - ab.
Hier setzt deshalb auch die erzieherische Arbeit der Gewerkschaften ein. In der Gewerkschaftspresse und durch Aufklärungsschriften wirken sie auf ihre Mitglieder ein. Die Bedeutung dieser Aufklärungsarbeit wird in ihrem ganzen Umfang erst klar, wenn man sich
vergegenwärtigt, daß die am Arbeitsplatz anerzogene Vorsicht den
Menschen ja auch auf der Straße und zu Hause vielfach davor bewahren
wird, sich unnötigerweise Gefahren auszusetzen.
(quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Seeleutegewerkschaft spricht sechsjährigen Streikverzicht aus
Einen Streikverzicht für mindestens sechs Jahre vereinbarte die
amerikanische Seeleutegewerkschaft (National Maritime Union) mit dem
Verband der amerikanischen Reeder (American Merchant Marine Institute)
im Rahmen eines neuen Tarifvertrages, der sich auf rund 25 000 Seeleute im Dienst von 34 Passagier- und Frachtschiffahrtsgesellschaften
erstreckt.
Der

19

�Der neue Tarifvertrag, der vorläufig bis Juni 19&amp;9 gelten soll,
sieht für Matrosen u.a. die Gewährung von 60 Tagen bezahltem Urlaub
pro Jahr nach einjähriger Fahrenszeit, erhöhte Arbeitgeberbeiträge
zur Altersversicherung sowie die Abführung eines Betrags von zunächst
25 Cent und später 50 Cent pro Mann und Arbeitstag an einen neu zu
errichtenden Sozialfonds vor. Die höheren Versicherungsbeiträge werden zur Finanzierung eines Ruhegeldes von monatlich 150 Dollar verwendet werden, auf das künftig alle Seeleute nach 20jähriger Fahrenszeit
ohne Rücksicht auf ihr jeweiliges Lebensalter Anspruch haben. Die Mittel
des Sozialfonds sollen vor allem zur Milderung von Härten verwendet
werden, die sich aus der fortschreitenden Automatisierung ergeben.
Der Vertrag sieht des weiteren die Neuaufnahme von Verhandlungen
über Löhne, Überstundenzuschläge und Sozialnebenleistungen in gewissen
Abständen vor und verpflichtet beide Tarifpartner für den Fall, daß
bei derartigen Verhandlungen eine Einigung nicht innerhalb 30 Tagen
erreicht wird, sich der Zwangsschlichtung durch einen unabhängigen
ständigen Schiedsmann zu unterwerfen.
Der Vertragsentwurf war um die Jahresmitte in Form eines FünfPunkte-Plans 74 Reedereien mit zusammen 40 000 Beschäftigten unterbreitet worden. Er sah neben den vorstehend genannten Bestimmungen
auch die Einführung des sogenannten " agency shop", d.h. die Abführung
eines Solidaritätsbeitrags an die Gewerkschaft durch die nichtorganisierten Arbeitnehmer vor.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

-

20

-

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Diese» Bulletin enthalt Material über Arbeitsbezichungcn, Gewcrkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Information*! Operations Unit
l'SlS-Doiin r&gt;;ul Godesberg
Der Inhalt der ..Arbeitsmitteilungen- ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI - 11

Bad Godesberg, deri 1. November 1963
INHALTSVERZEICHNIS

Die amerikanische Sozialversicherung

Seite

1

Seite

5

Arbeitslosen-Umschulungsprogramm hatte guten Start

Seite

10

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit mit neuen
Akzenten
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite
Seite

10
12

Entwicklung der Löhne und Lohnnebenleistungen
in den USA

.

Robert M. Ball, Leiter des US-Bundesamtes für die Sozialversicherung:
Die amerikanische Sozialversicherung
Konzeption und Gliederung - Beiträge und Leistungen
Die Vereinigten Staaten waren in den ersten Jahrzehnten ihres
Bestehens ein überwiegend agrarwirtschaftlich orientiertes Land, dessen
"Grenze" - hier als Grenzbereich zwischen Wildnis und Kulturlandschaft,
zwischen dem "Fernen Westen" und den zivilisierten Regionen an der
Ostküste des amerikanischen Kontinents verstanden - jedem strebsamen
Menschen Aufstiegschancen und sogar die Aussicht,, auf einen gewissen
Wohlstand bot. Eine der frühesten Formen der "sozialen Sicherheit"
oder "Sozialversicherung"war das vom Staat jedem Bürger zugestandene
Recht, sich bis zu 64 ha Land kostenlos anzueignen, sofern er es produktiv zu nutzen vermochte. Die Amerikaner sind es auf Grund solcher
historischer Entwicklungen seit Generationen gewohnt, sich für sich
und ihr Schicksal selbst verantwortlich zu fühlen, für sich und ihre
Familie selbst aufzukommen, sich vor Not und Abhängigkeit selbst zu
schützen und darüber hinaus zum Wachstum und Gedeihen des Gemeinwesens
beizutragen.
Die

-

1 -

�Die Vorstellung, daß jedermann für sich selbst zu sorgen habe,
ist auch heute noch fester Bestandteil des amerikanischen Denkens.
Andererseits hat der Staat heute wie damals die Aufgabe, seine Bürger dazu in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen - heute
natürlich in einer Form, die einer hochindustrialisierten Gesellschaft angemessen ist. Diese Gesellschaftsform, die den Amerikanern
einerseits einen ständig steigenden Lebensstandard brachte, führte
andererseits zu einer in früheren Zeiten unbekannten Abhängigkeit
von einem laufenden Geldeinkommen.
Aus diesen Erwägungen heraus erließ der amerikanische Kongreß
1935 das Gesetz über die Schaffung eines Bundessozialversicherungssystems, das den einzelnen vor jenen Risiken schützen soll, gegen
die er sich anderweitig kaum selbst zu schützen vermag. Mit anderen
Worten, die Sozialversicherung verbürgt allen arbeitenden Menschen
ein Recht auf Rente nach Erreichung der Altersgrenze oder bei vorzeitiger Arbeitsunfähigkeit und, für den Fall des Ablebens, dejn.
Hinterbliebenen einen Anspruch auf Witwen- oder Waisenrente.
Ergänzt wird die Bundessozialversicherung durch die einzelstaatlichen Arbeitsunfall- und Arbeitslosen-Versicherungen, die bei
gewissen Leistungen Bundeszuschüsse erhalten. Eng mit der Sozialversicherung verknüpft sind ferner die Maßnahmen zur Rehabilitation
Behinderter'und die Tätigkeit der Gesundheits- und WohlfahrtsbehÖrden, insbesondere auch die Programme für Mutter und Kind.
Die Alters-, Hinterbliebenen- und Invaliditätsversicherung, die
Sozialversicherung im engeren Sinne, zeichnet sich durch drei Hauptcharakteristika aus:
1. Allgemeiner Geltungsbereich. Die amerikanische Sozialversicherung erstreckt sich,im Gegensatz zur Regelung in manchen anderen
Ländern,auf fast sämtliche Erwerbspersonen, gleichgültig, ob sie als
Selbständige tätig sind oder gegen Lohn oder Gehalt für andere arbeiten, ob sie in der Landwirtschaft, in der Fabrik oder im Büro be-»
schäftigt sind oder ob sie den Streitkräften angehören. Sie erfaßt
rund neun Zehntel sämtlicher Erwerbspersonen. Nur zwei größere Personenkreise fallen nicht unter die Beitragspflicht: die Bundesbediensteten, für die ein eigenes Sozialversicherungswerk besteht, und die
freischaffenden Arzte.
Der Beitrag wird in Form einer "Sozialversicherungssteuer" auf
das Einkommen erhoben und je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufgebracht. Ausgehend von je drei Prozent für das Jahr 1961,
wird er bis 1968 auf je 4 5/8 Prozent angehoben werden. Der Einkommensteil, der jährlich 4800 Dollar übersteigt, unterliegt dabei nicht
der "Besteuerung". Selbständige zahlten - ebenfalls bis zu einer
Einkommenshöhe von 4800 Dollar pro Jahr - 1961 noch 4,5 Prozent und
werden ab 1968 dann 6,9 Prozent abzuführen haben.
2. Rechtsanspruch auf Leistungen. Die Leistungen aus der Sozialversicherung basieren auf einem gesetzlich festgelegten Rechtsanspruch,
der sich auf die einkommensabhängigen Beiträge gründet.

1t
-

2

-

�3. Schutz vor drei Risiken. Die Sozialversicherung umfaßt die
Alters-, die Hinterbliebenen- und die Invaliditätsversicherung, die
als ein einheitliches Ganzes verwaltet werden. Ihr Zweck ist ein
umfassender Schutz gegen Einkommensverlust bei Invalidität, Erreichung der Altersgrenze oder Tod des Hauptverdieners. Die Wartezeit
für Hinterbliebenenrente ist im günstigsten Fall nach rund eineinhalbjähriger Berufsausübung erfüllt. Nach dem Gesetz gilt als versichert, wer für j.edes Jahr nach 1950 - das Jahr des Eintritts des
Versicherungsfalles ausgenommen - eine abgedeckte Versicherungszeit
von jeweils mindestens einem Quartal nachweisen kann. Bei der Altersund Invaliditätsrente, die frühestens nach zehnjähriger Versicherungsdauer wirksam wird, ist zusätzlich Voraussetzung, daß fünf von den
zehn Jahren bei Eintritt des Versicherungsfalles entsprechend abgedeckt sind.
Ende Juni 1963 wurden Renten aus der Sozialversicherung an über
18fc5 Millionen Personen gezahlt; das entspricht einer Zunahme um
nahezu zwei Millionen gegenüber Juni 1962. In dem am 30. Juni zu Ende
gegangenen Haushaltjahr 1962/63 wurden Leistungen in Höhe von über
15 Milliarden Dollar gezahlt, d.h. zehn Prozent mehr als im vorigen
Haushaltjähr.
a) Altersrente . Nach den derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen
wird Altersrente dem Versicherten im Falle des Ausscheidens aus dem
Beruf nach Vollendung des 65. Lebensjahres gewährt. Sie liegt je nach
dem früheren Einkommen zwischen 40 Dollar und 127 Dollar pro Monat.
Für die Ehefrau wird ein Zuschuß in Höhe von 50 Prozent der Grundrente
gezahlt, sofern sie ebenfalls das 65. Lebensjahr vollendet oder mindestens ein Kind zu versorgen hat. Sowohl der Versicherte als auch seine
Ehefrau können die Rente schon nach Vollendung des 62. Lebensjahres zu
einem verminderten Satz beziehen. Im Gegensatz zur Rentenregelung in
vielen anderen Ländern ist auch der wirtschaftlich von der Ehefrau
abhängige Ehemann bezugsberechtigt, wenn die Ehefrau als vollversichert
gilt. Es wird ferner ein Zuschlag für bis zu zwei Kinder unter 18 Jahren
gewährt, denen auch ältere Kinder gleichzusetzen sind, bei denen die
Vollinvalidität vor Vollendung des 18. Lebensjahres eingetreten ist.
b) Hinterbliebenenrente.Beim Tod des versicherten Arbeitnehmers (oder Selbständigen) wird Hinterbliebenenrente an die Witwe
(oder den abhängigen Witwer)frühestens nach Vollendung des 62. Lebensjahres und an Witwen jeden Alters mit mindestens einem bezugsberechtigten Kind, Waisenrente an Kinder unter 18 Jahren (oder vollinvalide
Kinder) und Elternrent« an abhängige Eltern gezahlt. Die Witwenrei
ist ab Vollendung des 62. Lebensjahres in voller Höhe zahlbar und beträgt für die alleinstehende Witwe 40 Dollar bis zu 104,80 Dollar.
Bei Witwen jeden Alters mit einem bezugsberechtigten Kind liegt sie
zwischen 60 Dollar und 190,60 Dollar, bei einer Witwe mit zwei Kindern
zwischen 60 Dollar und 254 Dollar. Die Waisenrente für ein Kind beträgt 40 Dollar bis zu 95,30 Dollar und für zwei Kinder 60 Dollar bis
zu 190,60 Dollar. Die Versicherung gewährt ferner ein Sterbegeld in
Höhe von 120 Dollar bis 255 Dollar.

ol
-

3 -

�c) Invaliditätsrente. Bei völliger Erwerbsunfähigkeit besteht
Anspruch auf Invaliditätsrente in Höhe der den bezahlten Beiträgen
entsprechenden ungekürzten Altersrente; für abhängige Familienangehörige gilt dieselbe Regelung wie vorstehend unter "Altersrenten"
dargelegt.
Bei sämtlichen Rentenformen ist noch die Bestimmung zu beachten,
daß der Höchstbetrag, der an eine Familie ausgezahlt werden kann,
jeweils auf das Doppelte der Grundrente des Versicherten beschränkt
ist. Für Erwerbsunfähige sieht das Sozialversicherungsgesetz Bundeszuschüsse bei Gesundheitsmaßnahmen vor, die im Rahmen des von Bund
und Einzelstaaten gemeinsam getragenen Rehabilitationsprogramms durchgeführt werden.
4. Einkommensabhängigkeit der Leistungen. Die Rentenleistungen
richten sich bis zur Höchstgrenze von 48OO Dollar nach dem Durchschnittseinkommen und nur bedingt nach der Länge der Mitgliedschaft.
Aus diesem Grund war es auch schon in den ersten Jahren nach Errichtung der Versicherung möglich, Renten in ungekürzter Höhe auszuzahlen.
Da der Versicherte durch sein Einkommen die Höhe seiner späteren Pension selbst bestimmt, bleibt der Anreiz zu beruflicher Leistung und
schnellem Fortkommen erhalten. Die späteren Rentenbezüge stehen in
einer direkten Relation zu den wirtschaftlichen Verhältnissen und dem
Lebensstandard des Versicherten. Dabei wird den Angehörigen der unteren Einkommensgruppen ein höherer Prozentsatz ihres Arbeitseinkommens als Rente gewährt als denjenigen in den besser verdienenden
Gruppen.
5« Rente und zusätzliches Einkommen. Leistungen der Sozialversicherung werden, das ist die Grundkonzeption, zum Ausgleich des Einkommensverlustes durch Alter, Tod des Hauptverdieners oder Arbeitsunfähigkeit gewährt. Ein unbedingtes Recht auf Rente besteht erst nach
Vollendung des 72. Lebensjahres. Das heißt, in der Praxis werden Versicherte im Alter von 65 bis J2 Jahren, die voll berufstätig sind,
keine Rente erhalten, während Versicherte von 65 und darüber, die nur
noch gelegentlich oder z.B. halbtags beschäftigt sind, Leistungen beziehen können. Die Gewährung von Leistungen ohne Rücksicht auf zusätzliche Arbeitseinkommen - bzw. auf Einkünfte bei Selbständigen würde zwangsläufig die Abführung höherer Beiträge erforderlich machen.
Ohne rentenmindernde Wirkung sind dagegen Einkünfte aus Vermögen,
Ersparnissen und Wertpapierbesitz.
6. Ein beitragsgespeistes Kassensystem. Die Sozialversicherung
wird ausschließlich aus den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen
bzw. den Beiträgen der selbständigen Gewerbetreibenden, Angehörigen
der freien Berufe und Farmer und aus den Einkünften aus der langfristigen Anlage der Rückstellungen gespeist.
Die Beitragsabhängigkeit der Leistungen der Sozialve- Lcherung
ist ein Faktor, der das Verantwortungsbewußtsein der Mitglieder gegenüber der Versicherung stärkt. Der Beitragspflichtige ist sich darüber im klaren, daß die Leistungen, die er bzw. seine Familienangehörigen zu erwarten haben, durch seine eigenen Beiträge mitfinanziert
werden, - was sein persönliches Interesse an der Gesunderhaltung
der Finanzierungsbasis des gesamten Systems wachhält.

Ix
-

4 -

�7. Aufsichtsorgane . Das Sozialversicherungssystem untersteht
dem Bundesamt für die Sozialversicherung im Ministerium für Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen. Ein Verwaltungsrat ist
verpflichtet, dem Kongreß jedes Jahr über die Höhe der Rückstellungen, die versicherungstechnische Lage und die voraussichtliche Einnahmen- und Ausgabenentwicklung in den nächsten fünf Jahren Bericht
zu erstatten. Nach dem Sozialversicherungsgesetz ist in regelmäßigen Abständen eine Überprüfung der Beitragssätze, der versicherungstechnischen Bilanz, der Anlagepolitik und des gesamten übrigen Finanzgebarens durch einen Beratungsausschuß aus Vertretern der Arbeitnehmer, Arbeitgeber und der Öffentlichkeit vorzunehmen. Der Ausschuß
kann auf Grund seiner Feststellungen etwaige Änderungen zur Sicherung
einer gesunden Finanzbasis vorschlagen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Entwicklung der Löhne und Lohnnebenleistungen in den USA
Eine Übersicht über die Jahre 1954 bis 1962

Die Lohnveränderungen auf Grund von Tarifverträgen zeigten in den
letzten Jahren eine deutliche Verflachungstendenz, wie das US-Bundesamt für Arbeitsstatistik Anfang Oktober bekanntgab.
Im Rezessionsjähr 1954 waren die ausgehandelten Lohnerhöhungen
mit (durchschnittlich) 5 1/2 Cent pro Stunde relativ niedrig, während
sie in den drei folgenden Jahren auf über zehn Cent anstiegen. In
den darauf folgenden drei Jahren, von 1958 bis 1960, variierten die
durchschnittlichen Steigerungsbeträge zwischen 8 1/2 und 9 Cent pro
Stunde, um 1961 auf durchschnittlich 7 Cent abzusinken. Im Jahr 1962
war ein leichter Anstieg auf 8 Cent zu verzeichnen (siehe Tafel i ) •
Legt man die 1961 und 1962 erzielten Lohnerhöhungen auf sämtliche
Beschäftigte um, die in diesem Zeitraum in irgendeiner Form von Tarifverhandlungen berührt wurden - unter Einschluß also auch der Arbeiter
und Angestellten, deren Löhne unverändert gleichgeblieben sind -, so
errechnet sich für die beiden Jahre ein Durchschnitt von 7 Cent.
Verflachungstendenzen auch bei stufenweisen Lohnerhöhungen
Auch die Lohnveränderungen, die auf Grund älterer Tarifverträge
wirksam wurden - Erhöhungen in Anpassung an den steigenden Lebenshaltungskostenindex auf Grund einer Lohngleitklausel und inzwischen in
Kraft getretene stufenweise Lohnerhöhungen -, sind geringer ausgefallen. Soweit Arbeiter und Angestellte tatsächliche Lohnaufbesserungen
erhielten, bewegten sie sich in Üen Jahren von 1956 bis 1958 zwischen
Tafel I

�Tafel

I

G e n e r e l l e Lohnerhöhungen a u f Grund t a r i f v e r t r a g l i c h e r

Vereinbarungen

i n den J a h r e n 1954 h i s 1962

Gesamtwirtschaft

1962
1961
1960

1959
1958
1957
1956
1955
1954

Fertigungsindustrien

Ausgewählte
andere Wirtschaftszweige

durchschn. durchschn.
Anpassung E r h ö h u n g

durchschn.durchschn.
A n p a s s u n g Erhöhung

durchschn.
Anpassung

durchschn.
Erhöhung

Cent

Cent

&lt;fo

Cent

&lt;$&gt;

Cent

#

A u s g e h a n d e l t im J a h r
5,0
2,4 6,8
2,9
6,0
6,5
2,5
2,4
3,2
5,2
8,9
8,7
7,4
5,7
7,5
5,5
7,2
7,1
10,4
9,9
- 10,7
10,7
9,4
9,5
5,6
5,7

10,2
9,0
7,4
8,8
9,7
10,4
10,5
15,5
5,6

4,0
5,6
5,5
4,0
-

10,2
10,0
7,5
8,9
9,8
10,4
10,6
15,9
5,6

4,1
5,6
5,5
4,0
-

3,5
2,6
3,2
3,1
-

10,2
9,0
8,5
7,6
14,0
-

3,8

7,0
6,9
8,5
8,8
8,6
10,1
10,7
10,1
5,6

io

2,9
2,8
5,2
5,9
-

Cent

8,0
7,0
8,7
8,8
8,8
10,4
10,7
10,5
5,7

&lt;/o

5,6
2,9
5,2
5,9
-

&lt;fo

Cent

in Kraft g e t r e t e n im Jahr
1962
1961
1960

1959
1958
1957
1956
1955
1954

7,5
6,2
8,5
7,8
12,5
-

2,8
2,7
5,5
5,5
-

9,0
8,0
9,4
8,8
12,6
12,7
10,8
-

3,4
5,1
5,6
5,6
-

6,5
6,9
9,0
8,4
-

2,6 8,0
2,7 8,0
5,2 9,4
5,5 9,1
- 11,5
-

3,0
5,0
5,7
5,7
-

10,0
5,7
7,0
7,0
-

5,0

5,7
5,4
-

1) E r f a ß t sind sämtliche T a r i f v e r t r ä g e , die auf 1000 und mehr A r b e i t e r
und A n g e s t e l l t e Anwendung f i n d e n : Daten für d i e J a h r e 1954 b i s 1958
sind nur zum T e i l v e r f ü g b a r .
Anm.s In der Rubrik "Anpassung" sind sämtliche Verträge b e r ü c k s i c h t i g t ,
g l e i c h g ü l t i g , ob d i e Löhne g l e i c h b l i e b e n oder Lohnerhöhungen
oder Kürzungen e i n t r a t e n . Unter "Erhöhungen" sind nur Verträge
a n g e f ü h r t , die t a t s ä c h l i c h eine Lohnerhöhung b r a c h t e n .

6

-

�zwischen 11 und 13 Cent die Stunde, von 1959 bis 1962 zwischen
8 und 9 1/4 Cent.
Dieser Verflachungstrend war in den Fertigungsindustrien ausgeprägter als in der übrigen Wirtschaft. Langfristige Tarifverträge,
die Lohnverhandlungen in manchen Industriezweigen nur alle zwei oder
drei Jahre zulassen, und die unterschiedliche Höhe der ausgehandelten Lohnaufschläge in den einzelnen Jahren beeinflussen diese Entwicklung.
Ähnliche Entwicklung im Baugewerbe
Parallel zur Entwicklung in der übrigen Wirtschaft verlief die
Lohnentwicklung im Bau- und Bauhilfsgewerbe (siehe Tafel I I ) . Während
die Erhöhungen in der Zeit vor 1954 zwischen 3 und 10 Prozent schwankten, beliefen sie sich 1954 und 1955 auf durchschnittlich 3,5 Prozent,
stiegen dann in der Zeit von 1956 bis 1959 vorübergehend auf 4,5 bis
4,9 Prozent an, um in den folgenden Jahren auf 4 Prozent und darunter
abzusinken.
Tafel II
Durchschnittliche Lohnanpassungen in 7 Beschäftigungssparten des

ll

2~1

Bau- und Bauhilfsgewerbes ' in Großstädten ' von 1948

bis

1962

Anpassungen in Kraft getreten im Jahr

Cent

Prozent

1962
1961
1960
1959
1958
1957
1956
1955
1954
1953
1952
1951
1950
1949
1948

14,2
14,2
14,8
15,6
14,5
15,0
13,6
9,9
11,0
11,0
15,0
10,0
15,0
5,0
20,0

5,8
5,9
4,2
4,7
4,5
4,9
4,7
5,5
5,5
4,6
6,4
4,5
7,0
5,0
10,0

1) Maurer, Zimmerleute, Elektriker, Maler, Stukkateure, Installateure
und Bauhilfsarbeiter
2) Die Angaben für die Jahre 1956 bis 1962 basieren auf Untersuchungen
in 100 Großstädten, die für die Zeit bis zum 4. Quartal des Jahres
1955 auf Erhebungen in 85 Großstädten.
Wei terer

�Weiterer Ausbau der Lohnnebenleistungen
Neben reinen Lohnerhöhungen konnten die Arbeitnehmer auch wesentliche Verbesserungen der Lohnnebenleistungen aushandeln. Die ohnehin
sehr ausgeprägte Tendenz der Gewerkschaften, bei Tarifverhandlungen auf
Verbesserungen der Lohnnebenleistungen zu dringen, findet in der Tatsache
ihren Niederschlag, daß eine oder mehrere derartige Verbesserungen in
den Jahren 1954 und 1955 in rund zwei Dritteln und 1962 in fast drei
Vierteln aller Verträge vereinbart worden sind (siehe Tafel III).
Tafel III
Prozentsatz der in den Jahren 1954 bis 1962 ausgehandelten Tarifverträge
mit Klauseln über die Gewährung bzw. Verbesserung von Lohnnebenleistungen

Art d. Lohnnebenleistung
Tarifverträge mit
positiven Veränd.
Schichtzulagen
Bezahlter Urlaub
Bezahlte Feiertage
Leistungsprämien
Pensionen
Kranken- und
Sozialkassen
Arbeitsl.-Zusatzvers.
Entlassungsgeld
Geschworenen-Vergütung
Bez.Urlaub bei
Trauerfall
Bez. Krankenurlaub

1962

1961

196O

1959

1958

1957

1956

1955

1954

74,8

70,7

72,0

72,5

75,1

77,7

65,9

67,0

9,4

8,7
51,2
18,5
5,1
29,2

9,2
54,8
25,8
8,5
28,2

7,9

55,8
15,4
5,5
52,8

72,7
8,6
27,5
20,6
6,5
52,0

26,5
22,4
7,5
20,7

15,2
55,9
51,5
12,5
18,2

21,5
38,6
52,4
14,1
25,5

8,5
29,7
25,4
6,0
25,0

8,0
20,0
25,0
4,0
20,0

44,4
10,6
6,4

46,1
5,9
8,7

50,1
0,5
7,9

55,6
2,5
4,5

56,4
0,6
4,0

59,9
1,1
2,7

44,9
8,1
3,0

59,2
6,0
1,9

58,0
-

4,5

7,4

4,2

4,6

5,7

5,4

9,7

5,9

2,0

7,9
5,1

6,5
4,5

5,5
2,7

5,6
3,4

5,5
3,1

6,9
2,5

4,4
5,9

4,-5
5,5

5,0
2,0

17,0

10,2

10,0

-

29,2

21,2

27,7

27,5

Andere Lohnnebenleistungen
16,4
Tarifverträge ohne
Veränderungen
25,2
Tarifvertr. m. negativen Veränderungen
Lohnändernde Tarifvertr. insgesamt
1106

9,0
24,9

0,1

-

0,3

0,2

-

1088

1054

1015

875

828

22,2
1191

33,8

32,0

0,4

1,0

1545

1215

Tafel IV

�Tafel IV
Prozentsatz der Produktionsarbeitqy, die von 1959 bis 1962 ausgehandalten Tarifverträgen mit Klauseln über die Gewährung oder Verbesserung
von Lohnnebenleistungjen betroffen wurden

Art d. Lohnnebenleistungen
Tarifverträge mit positiven
Veränderungen
Schichtzulagen
Bezahlter Urlaub
Bezahlte Feiertage
Lei stungsprämien
Pensionen
Kranken- u . S o z i a l k a s s e n
Arbeitslosen-Zusatzvers.
Entlassungsgeld
Geschworenen-Vergütung
Bez. Urlaub b . T r a u e r f a l l
Bez. Krankenurlaub
Andere Lohnnebenleistungen
T a r i f v e r t r ä g e O.Veränderungen
T a r i f v e r t r ä g e m. n e g a t i v e n
Veränderungen
E r f a ß t e Arbeitnehmer
insgesamt ( i n Tausend)

1962

1961

1960

1959

62,5
6,6
58,1
10,9
2,9
54,9
35,1
17,3
5,3
4,5
7,4
4,2

76,7

85,5

81 ,0

6,4
59,6
16,8
4,1
48,1
58,4
18,8
21,5
19,5
5,8
5,5

5,0
40,2
30,1
6,5
40,8
70,7
0,5
10,8
2,8
2,6
2,7

9,5
45,8
29,9
8,7
42,0
42,1
5,4
6,2
5,8
5,9
5,5

25,8
57,5

54,0
25,2

10,1
14,5

12,7
18 c 7
0,3

4037

4035

4508

5545

Kranken- und Altersversicherung im Vordergrund
Bei den Verbesserungen dieser Leistungen stand fast in jedem
Jahr der Ausbau der Krankenversicherungs- und Pensionskassen im
Vordergrund. Mindestens ein Drittel aller abgeschlossenen Tarifverträge enthielt diesbezügliche Bestimmungen; 1960 waren es sogar 50
Prozent. Eine günstigere Pensionsregelung brachten 1957 etwa ein Sechstel der Tarifverträge und 1962 etwa ein Drittel. Mehr Urlaub wurde,
von 1954 abgesehen, jeweils in mindestens einem Viertel aller Tarifverträge vereinbart.
(Quelle: U.S, Department
of Labor-News)

* * * * *

9

-

�Arbeitslosen-Umschulungsprogramm hatte guten Start
Der im vergangenen Jahr vom Kongreß zur Eingliederung der langfristigen, meist durch die Automation aus ihren angestammten Berufen
verdrängten erwerbslosen Arbeitnehmer verabschiedete sogenannte
"Manpower Training and Development Act" hat sich nach Meinung von
US-Arbeitsminister W. Willard Wirtz bisher als ein wirksames Instrument zur Beseitigung der Ursachen der Dauerarbeitslosigkeit erwiesen.
Wie der Minister auf einer Pressekonferenz ausführte, wurden
seit dem 1. August vorigen Jahres insgesamt 1800 Umschulungsprojekte
für rund 66 000 Erwerbslose von der Aufsichtsbehörde gebilligt, die
länger als 15 Wochen arbeitslos waren. Unter den Umschulungsteilnehmern
haben bereits 43 000 ihren Kursus beginnen bzw. schon beenden können,
während der Rest in Kürze die für ihn vorgesehenen Fachkurse besuchen
wird.
Von dtn im ersten Jahr des staatlichen Umschulungsprogramms, 1962,
umgeschulten 800 000 Arbeitnehmern sind rund 70 Prozent bereits in
neue Dauerarbeitsplätze vermittelt worden, wobei in fast allen Fällen
die Umschüler in Berufen untergebracht werden konnten, die das in der
Ausbildung erlernte Fachwissen erfordern.
Wie der US-Arbeitsminister weiter bekanntgab, wurden inzwischen
auch zahlreiche Versuchs- und Spezialprogramme entwickelt, an denen
insgesamt 27 000 Dauerarbeitslose teilnehmen können. Ziel dieser Projekt« ist es, neuartige Umschulungsmethodan zu entwickeln, um auch
den hartnäckigen Fällen von Dauerarbeitslosigkeit zu Leibe zu rücken.
In erster Linie handelt es sich dabei um jene Arbeitslosen in den
Slums der großen Städte, um die älteren Arbeitnehmer, Schulentlassenen, Körperbehinderten, Angehörigen der Minderheitengruppen oder um
solche mit unzureichender Schulbildung.
Der Schwerpunkt der derzeitigen Umschulungsprogramme liegt nach
Angaben von Arbeitsminister Wirtz auf folgenden Berufen: Maschinenwärter, Automechaniker, Schweißer, Karosserieschlosser, Elektromechaniker, Flugzeugbaumonteur, Stenograph, Stenotypistin, Kontoristin,
Kranken-Vollschwester und Schwesternhelfefin.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Gewerkschaftliche Bildungsarbeit mit neuen Akzenten
Die Schulungs- und Bildungsarbeit der amerikanischen Gewerkschaften hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Diese
Feststellung gilt sowohl für den Lehrstoff und die Art der Programmdurchführung als auch hinsichtlich des Umfanges der gesamten Arbeit.
Während

�Während in früheren Jahren die Gewerk»chaften in erster Linie
bemüht waren, in Nachfeierabendkursen ihren Mitgliedern all das
praktische Wissen näherzubringen, das sie für eine aktive Betätigung
in der Gewerkschaft oder als Vertrauensleute benötigten, so versuchen
sie heute, ihnen darüber hinaus in Spezial- und Sonderkursen sowie
in längeren Sommerseminaren auch das geistige Rüstzeug zu vermitteln,
das für eine erfolgreiche Behauptung in unserer modernen Industriegesellschaft erforderlich ist.
Ein Vergleich früherer und heutiger Lehr- und Unterrichtspläne
zeigt, welch ein großer Wandel sich hier in relativ kurzer Zeit vollzogen hat. Die Grundlage eines jeden Schulungsprogramms vergangener
Jahre bildeten hauptsächlich solche Fächer wie Gewerkschaftsgeschichte,
Arbeits- und Gewerkschaftsgesetze, Beschwerdeführung, wirtschaftliche
Grundbegriffe, freie Rede. Zwar werden diese Themen auch heute noch
in den "Anfängerkursen" behandelt, aber der Schwerpunkt der gewerkschaftlichen Schulungsarbeit liegt doch in der Regel auf einer weit
höheren Ebene. Die "höhere Schule" hat auch hier die "Grundschule" und das Seminar den Abendkurs - weitgehend abgelöst. Themen wie allgemeine Wirtschaftstrends, Konjunktur- und Finanzpolitik, die Automation und ihre Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft, den Arbeitsmarkt
und die Beschäftigungsstruktur oder Betriebspsychologie und Verhaltensforschung sind heute in vielen Lehrplänen enthalten. Hinzu treten nun
noch zahlreiche allgemeinbildende Kurse wie etwa Außenpolitik, die Aufgaben der Gewerkschaft im Entwicklungszeitalter oder sogar rein
künstlerische oder geisteswissenschaftliche Themen.
Hier einige Beispiele für die praktische Schulungsarbeit, wie
sie in den USA heute von einigen großen Industriegewerkschaften durchgeführt wird:
Die Elektroarbeitergewerkschaft (IBE'.V) hat für die Ausbildung
ihrer Funktionäre und Mitglieder vor einigen Jahren in Bayberry (Long
Island) auf einem 125 Hektar großen Grundstück ein sogenanntes "Erziehungszentrum" gebaut, wo Woche für Woche JQ Mitglieder des Ortsvereins Nr. 3 zu einem siebentägigen Kursus - der Lohnausfall wird
ihnen von der Gewerkschaft voll vergütet - zusammenkommen, um im
"kritischen Denken" geschult zu werden.
Aktuelle Themen werden dabei in Fachvorträgen behandelt und anschließend zur Diskussion gestellt, so daß jeder seine eigenen Gedanken zu den angesprochenen Problemen kritisch entwickeln kann. Zur Vertiefung des neu gewonnenen Wissens steht den Kursusteilnehmern eine
große Bibliothek mit politischen, wirtschaftswissenschaftlichen, philosophischen, geschichtlichen und kunstgeschichtlichen Werkti
Verfügung.
Ein Thema, das in den Schulungskursen der Gewerkschaften eine
immer größere Bedeutung gewonnen hat, ist die Außen- und Weltpolitik.
Eine besondere Aktivität in dieser Hinsicht hat dabei die Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) entwickelt, die z.B. im letzten Jahr 30
Funktionäre von Ortsverbänden auf eine Informationstour nach Europa
schickte, damit sie sich aus erster Hand über die politische Lage in
der Alten fe]' und die politischen Probleme in den einzelnen Ländern
informieren konnten. Nach ihrer Rückkehr in die USA, haben sie dann

-

11

-

�dann in Verträgen vor UAW-Mitgliedern ihre gewonnenen Eindrücke und
Erkenntnisse einem weiten Kreis zugänglich gemacht.
Auch die alljährlich von dieser Gewerkschaft abgehaltene Inf^rmationstagung "Appointment United Nations" - ''Treffpunkt Vereinte Nationen" - soll die Funktionäre und Mitglieder mit den Problemen der
Weltpolitik vertraut machen. In diesem Jahr kamen z.B. 300 Mitglieder
nach dem Hauptquartier der UN in New York, um an Sitzungen der Vollversammlung teilzunehmen, Gespräche mit UN-Vertretern aus aller Welt
zu führen und die Arbeit der UN kennenzulernen.
Welch eine große Bedeutung die gewerkschaftliche Schulungsarbeit
in den USA gewonnen und wie sehr das Interesse unter den Funktionären
und Mitgliedern in jüngster Zeit zugenommen hat, beweisen nicht nur
die Tatsache, daß zahlreiche Gewerkschaften neben ihren traditionellen
mehrwöchigen Sommerkursen inzwischen auch Herbst- und Winterkurse eingeführt haben, sondern auch die steigenden Teilnehmerziffern. In diesem
Jahr z.B. haben allein 20 000 Betriebsobmänner und Gewerkschaftsmitglieder an den von der MAFL-CIQW durchgeführten sogenannten "labor
institutes" teilgenommen, Schulungskursen auf höherer Ebene, die an
den Universitäten und Colleges - vielfach in enger Zusammenarbeit mit
ihnen - abgehalten werden. Hinzu kommen noch rund 8000 Gewerkschafter,
die in diesem Jahr Fortbildungskurse besuchten, die in Sommerlagern, Hotels und anderen Einrichtungen durchgeführt wurden.
(Quelle« Eigenbericht)

* * * * *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Streiflichter aus dem Tarifverhandlungssektor
Der schon seit einigen Jahren im amerikanischen Tarifverhandlungswesen sichtbare Trend zum Abschluß von Tarifverträgen mit mehrjähriger
Laufzeit hat sich in jüngster Zeit weiter verstärkt. Wr'hrend noch in
den 50er Jahren der Tarifvertrag mit einjähriger Laufzeit die allgemeine Norm war und in den folgenden Jahren der Zweijahresvertrag immer
mehr in den Vordergrund rückte, scheint sich jetzt der Übergang zu
längerfristigen Verträgen mit drei- bis fünfjähriger Laufzeit zu vollziehen.
Zu den großen amerikanischen Gewerkschaften, die sich in jüngster
Zeit diesem Trend angeschlossen haben, zählen auch die Gewerkschaften
der Elektroarbeiter (IUE) und der Telephon- und Telegraphenarbeiter
(CWA), Der von der "IUE" mit der "Fedders Corporation" ausgehandelte
Vertrag z.B., der in den nächsten drei Jahren jährlich Lohnerhöhungen
von 5 Cent pro Arbeitsstunde und höhere Urlaubsgelder (2,25$ der JaLreslohnsumme pro Woche) vorsieht, wurde für 36 Monate abgeschlossen;
das Abkommen der "CWA" mit der "Bell Telephone Company" dagegen hat
sogar eine Laufzeit von 38 Monaten. Dieser Vertrag, der den rund
20 000 Beschäftigten des Unternehmens sofortige Lohnerhöhungen u_m

-

12

�um 20 Cent pro Stunde und zahlreiche verbesserte Sozialleistungen
bringt, sieht zwar keine fixierten Lohnerhöhungen für die nächsten
zwei Jahre vor, enthält aber eine sogenannte "reopening clause" - die
Möglichkeit zur Aufnahme neuer Lohnverhandlungen in den Jahren 19^4
und 1965.
#

Nachdem schon die Produktionsarbeiter der amerikanischen Stahlindustrie seit einigen Monaten auf Grund des neuen Tarifvertrags alle
fünf Jahre zusätzlich 13 Wochen bezahlten Urlaub erhalten, wurde eine
ähnliche Regelung jetzt auch für sämtliche Angestellten der "U.S. Steel
Corporation" und der "Bethlehem Steel Company" getroffen.
Der Angestellten-Urlaubsplan der "U.S. Steel", der auch sämtliche
leitenden Angestellten (lediglich die Positionen vom Vizepräsidenten
aufwärts wurden ausgenommen ) mit einschließt, sieht - im Gegensatz
zu der Regelung bei den Lohnempfängern - einen nach Länge der Dienstzeit gestaffelten Sonderurlaub für alle Mitarbeiter vor. Dieser Mitarbeiterkreis hat dabei die Wahl, den zusätzlichen Urlaub alle fünf
Jahre tatsächlich zu nehmen oder aber sich das Urlaubsgeld auszahlen
zu lassen, das dann allerdings in Schuldverschreibungen der Regierung
oder in Aktien des Unternehums anzulegen ist.
Im einzelnen sieht der Sonderurlaubsplan dieses Großunternehmens
der Stahlindustrie vor, daß Angestellten mit mehr als 20 Dienstjahren
alle 5 Jahre neben dem ihnen sowieso zustehenden vierwöchigen Jahresurlaub weitere 8 Wochen bezahlter Urlaub zu gewähren ist, während
Mitarbeiter mit 6 Dienstjahren zusätzlich sechs Wochen und solche mit
weniger als 6 Dienstjahren vier Wochen Sonderurlaub erhalten sollen.
Die "Bethlehem Steel Company" gibt dagegen ihren sämtlichen
Angestellten pro Jahr zwei Wochen Sonderurlaub, wobei allerdings
die eine Urlaubswoche in Form einer Urlaubsgeldzahlung in Anrechnung
gebracht wird, während es bei der zweiten Woche dem Mitarbeiter freigestellt ist, ob er sich das Geld auszahlen läßt oder sie tatsächlich
für einen Urlaub verwendet,
*
Die auf Grund des Gewinnbeteiligungsplans der "Kaiser Steel
Corporation" monatlich an die Mitarbeiter zur Auszahlung kommenden
Bonus sind nach einer Mitteilung des Unternehmens im August stark
zurückgegangen. Sie beliefen sich in diesem Monat im Durchschnitt
auf 39 Dollar, während in den Vormonaten durchschnittlich folgende
Beträge zur Auszahlung kamen», März 79 Dollar; April 95 Dollar; Mai
77 Dollar; Juni 100 Dollar; und Juli 65 Dollar. Nach Angaben der Unternehmensleitung ist der Rückgang der Bonuszahlungen auf die geringere
Produktion in den Urlaubsmonaten zurückzuführen.

(Quelle! Eigenbericht)
» * * # *

-

13

-

�Erwerbslosenziffer auf 5.5 Millionen abgesunken
Die derzeitige gute Wirtschaftslage in den USA kommt auch in
den soeben vom US-Arbeitsministerium veröffentlichten Beschäftigungsund Erwerbslosenziffern für den Monat September zum Ausdruck.
Die Beschäftigtenzahl lag dabei nach uen Berechnungen des "Amts
für Arbeitsstatistik" mit 69 546 000 um rund 1 Million höher als im
gleichen Monat des Vorjahres, während die Zahl der Arbeitslosen um
541 000 auf 3 516 000 zurückging und damit etwa so hoch war wie im
Jahr 1962.
Im Vergleich zum August ist jedoch die Gesamtbeschäftigtenziffer
um rund 1 Million abgesunken, was in erster Linie darauf zurückzuführen
ist, daß rund 2 Millionen schulpflichtige Teenager mit Schulbeginn ihre
Ferienarbeitsplätze aufgegeben haben.
Die Erwerbslosenrate betrug im September 5t6 Prozent; das bedeutet
einen Anstieg um l/lO Prozent gegenüber August. Die Erwerbslosenrate
für verheiratete Männer ging dagegen - wie in allen Monaten in den
letzten zwei Jahren - weiter zurück und belief sich auf 2,9 Prozent.

(Quellei Eigenbericht)

* * * * *

14

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen. Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der ..Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XVI _ 12

Bad Godesberg, den 1. Dezember 1965
INHALTSVERZEICHNIS

Die Leistungen älterer Arbeitnehmer in
Umschulungskursen

Seite

1

New Yorks einzigartige berufsbildende Oberschule

Seite

9

Seite

10

E.A. Willis - ein Arbeitnehmerporträt

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12

Schaffung internationaler Beschäftigungsnormen

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Betrachtliche Verschiebungen in der

US-Einkommen»struktur

Die Leistungen älterer Arbeitnehmer in Umschulungskursen
Die Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz auf Grund technologischer Veränderungen verloren haben, ist ein Problem, das in den Vereinigten Staaten
in den vergangenen Jahren immer stärkere Beachtung gefunden hat. Während sich die US-Regierung seit mehr als zwei Jahren mittels eines umfassenden und großzügigen Umschulungsprogramms ("Manpower Training and
Development Act") auf nationaler Ebene bemüht, dem Problem der technologischen Arbeitslosigkeit beizukommen, haben zahlreiche Industrieunternehmen von sich aus den Versuch unternommen, die aus ihren angestammten
Arbeitsplätzen verdrängten Mitarbeiter in Sonderkursen mit den neuen
Arbeitstechniken vertraut zu machen und sie innerbetrieblich umzusetzen,
Der nachfolgende Bericht faßt die Ergebnisse einer Untersuchung
über die Leistungen und das Leistungsvermögen älterer Arbeitnehmer im
Rahmen industrieller Umschulungskurse zusammen, und zwar am Beispiel
von vier Industrieunternehmen verschiedener Branchen, in denen die Auswirkungen der Automation besonders groß waren.
Umfang und Art der Untersuchung
Bei den vier für diese Untersuchung ausgewählten Firmen handelt
es sich um Betriebe, in denen die technische Umstellung die Umschulung
einer größeren Zahl von Mitarbeitern erforderlich machte. Insgesamt
werden mehr als 2000 Umschüler der verschiedensten Berufe durch diese

�diese Studie erfaßt: Produktionsarbeiter in einer Ölraffinerie; Wartungsmechaniker einer Luftfahrtgesellschaft; Techniker und Facharbeiter in einem Flugzeugwerk, sowie Operateure einer Telefongesellschaft.
Diese vier Firmen waren die einzigen von rund 100 angeschriebenen,
die geeignete objektive Unterlagen über die Leistung der einzelnen
Arbeitnehmer während des Umschulungslehrganges besaßen. Bei diesen
Umschülern handelt es sich sowohl um ältere (über 40 Jahre) als auch
um jüngere Facharbeiter, für die außerdem die Personalbogen mit allen
erforderlichen Angaben wie Alter, Schulbildung, beruflicher Werdegang
usw. zur Auswertung zur Verfügung standen. Die Angaben über die Leistungen der einzelnen Umschüler wurden aus den Unterlagen dejr Unternehmen sowie auf Grund von Interviews mit den Ausbildungsleitern zusammengestellt.
Bei den Umschulungskursen handelte es sich in der Regel um Speziallehrgänge, bei denen der Teilnehmerkreis in der Regel sehr klein
gehalten wurde. Die Auswertung der Ausbildungsergebnisse erfolgte in
den meisten Fällen nach zwei Altersgruppen. Wegen der Verschiedenartigkeit der Kurse war es aber nicht möglich, das Gesamtergebnis zusammenzufassen. Vergleiche zwischen den Leistungen älterer und jüngerer
Umschüler wurden daher nur für individuelle Kurse angestellt. Obwohl
jede Analyse nur relativ wenige Umschüler umfaßte, so war deren Zahl
doch groß genug, um zu einigermaßen fundierten Schlußfolgerungen zu
gelangen.
Die Aspekte der Ausbildung
a) Technologische Veränderungen. Die Umschulungsprogramme waren
bei den hier untersuchten Unternehmen ein fester Bestandteil des gesamten technischen Umstellungsprogramms. Obwohl sich durch die Einführung der neuen Maschinen und Geräte die Verrichtungen und Tätigkeiten
an den einzelnen Arbeitsplätzen wesentlich veränderten, hielt man es
in den Firmenleitungen für zweckmäßiger und praktischer, die von der
Umstellung betroffenen Mitarbeiter umzuschulen statt sie zu entlassen
oder neue Kräfte einzustellen, die das erforderliche Fachwissen bereits
besaßen.
b) Ältere und jüngere Arbeitnehmer. Obwohl aus den Untersuchungsergebnissen vielfach hervorgeht, daß die Gruppe der jüngeren Umschüler im allgemeinen bessere Leistungen in den Kursen zeigte, so gab
es doch einige bemerkenswerte Ausnahmen, die eine Erfolgsbeurteilung
ausschließlich nach Altersgesichtspunkten unzweckmäßig erscheinen lassen. In Fällen nämlich, in denen sich der Ausbildungskursus über eine
längere Periode erstreckte, zeigten die älteren Arbeitnehmer vielfach
bessere Leistungen als die jüngeren. Außerdem wurde festgestellt,
daß in den meisten Kursen ein gewisser Prozentsatz der älteren Arbeitnehmer - bis zu 40 Prozent - bessere Leistungen aufwies als ein großer Teil der jüngeren Umschüler. Die jüngeren Umschüler scheinen im
allgemeinen schneller zu lernen, wenn die Ausbildungskurse relativ
kurz sind oder wenn es sich bei den zu erlernenden neuen Tätigkeiten
um schnell einprägbare Maschinenarbeiten handelt. Tafel I und II
geben einen Überblick über die Leistungen von jüngeren und älteren
Arbeitern in Umschulungskursen.
Tafel I

�Tafel I
Ausbildungskursus für Meßgeräte-Mechaniker in einer Ölraffinerie
Leistungsvergleich zwischen älteren und .jüngeren Umschülern

Jüngere Umschüler
(unter 40 Jahre)

Art des Kursus

Teilnehmerzahl

Grundrechnungs.
arten

Ältere Umschüler
(über 40 Jahre)

Prozent
über
unter
dem Durchschn,

29

71

Teilnehmerzahl

Prozent
über
unter
dem Durchschn,

67

33

Bruch-, Dezimalrechnen

8

47

53

7

71

29

Kontrollventile

8

50

50

7

43

57

Kontrollgeräte
u. Ventile

8

50

50

6

67

33

Flüssigkei tsstandsmesser

8

50

50

6

50

50

Generatoren
u.AC-Stromkreise

7

43

57

6

50

50

Durch

�Durch die Ergebnisse dieser Untersuchung wird erneut die große
Bedeutung unterstrichen , die einer individuellen - statt altersmäßigen - Bewertung der Anpassungsfähigkeit eines Arbeitnehmers auf
Grund seiner spezifischen Leistungen und seiner natürlichen Fähigkeiten zukommt. Willkürlich gezogene Altersgrenzen bei Ausbildungsund Umschulungsprogrammen würden zwangsläufig zum Ausschluß vieler
älterer Arbeitnehmer führen, die durchaus in der Lage sind, ein hohes
Leistungsniveau zu halten.
c) Vorherige Beratung. Die Untersuchung ergab ferner, daß die Auswahl der Umschüler bis zu einem gewissen Grade nach keinem besonderen
System erfolgte. Nur wenige mußten sich einer Vorprüfung oder einem
Interview unterziehen oder beraten lassen. Die Tatsache jedoch, daß
die Leistungen der vorher geprüften Umschüler eindeutig besser waren
als die der nicht geprüften, deutet darauf hin, daß es auf Grund solcher Ausleseverfahren möglich ist, ein besseres Verhältnis zwischen
den natürlichen Fähigkeiten des Umschülers und den Kursusanforderungen
herzustellen und die Programme auf die speziellen Erfordernisse der
Kursusteilnehmer abzustellen. Die eingehende Beratung trägt ferner dazu
bei, die besonders bei älteren Arbeitnehmern bestehenden Vorurteile
hinsichtlich der Umschulung abzubauen. Viele widersetzen sich nämlich
einer Umschulung nur deshalb, weil diese Kurse für sie "etwas Neues"
sind, oder weil sie keinerlei Erfahrungen in dieser Hinsicht besitzen.
d) Schulische Ausbildung. Die Untersuchungsergebnisse deuten ferner
darauf hin, daß eine mangelhafte schulische und berufliche Ausbildung
ein ernstes Handikap für den Umschüler darstellen kann. Die Gruppe der
Älteren wies im Durchschnitt ein niedrigeres Bildungsniveau auf als
die der Jüngeren; ältere und jüngere Arbeitnehmer mit gleichem Bildungsniveau dagegen wichen in der Leistung nur unwesentlich voneinander ab.
In der Ölraffinerie z.B.,wo bei der Auswahl der Umschüler für einige
Kurse das Bildungsniveau stärker berücksichtigt wurde, erzielten alle
älteren Arbeitnehmer in fünf von den sechs Kursen höhere Bewertungen
als der Gruppendurchschnitt.
e) Notwendigkeit für weitere Forschungen. Die Ergebnisse der ersten Studie dieser Art lassen eindeutig erkennen, daß weitere Untersuchungen über die Möglichkeiten und die Probleme der Umschulung älterer
Arbeitnehmer notwendig sind. Da die ständigen technologischen Veränderungen zweifellos die Notwendigkeit einer Umschulung von Arbeitnehmern
noch vergrößern werden, würde es sehr nützlich sein, mehr über die
Methoden zu wissen, mit denen sich die besten Ergebnisse bei älteren
Umschülern erzielen lassen.
Eine umfassendere Verbreitung des Wissens über die Fähigkeiten
älterer Arbeitnehmer, neue berufliche Qualifikationen zu erwerben und
das erreichte Niveau durch ständige Weiterbildung aufrechtzuerhalten,
sollte wesentlich dazu beitragen, die Anpassung des Arbeitspotentials
an die zu erwartenden technischen Veränderungen zu erleichtern.
Grenzen der Untersuchung
Bei der Beurteilung der Untersuchungsergebnisse ist es wichtig,
sich die Grenzen der Studie vor Augen zu halten. Wenn auch zum Beispiel
die Leistungen der älteren Arbeitnehmer mit den Leistungen der jüngeren

-

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�jüngeren in den verschiedenen Kursen verglichen werden, so wird doch
in der Studie die Frage nicht direkt behandelt, ob die Leistung den
Mindesterwartungen der Arbeitgeber entsprochen hat. Andererseits
konnte aber auch nicht nachgewiesen werden, daß irgendein Umschüler
auf Grund der Testergebnisse entlassen wurde. Anscheinend zogen die
Unternehmen es vor, als Maßstab für die Bewertung des einzelnen die
Leistungen am Arbeitsplatz zu nehmen.
Ebenso beschränkte sich die Untersuchung ausschließlich auf jene
Leistungsaspekte der Umschüler, die aus den Unternehmensunterlagen ersichtlich waren. Für eine Gesamtbeurteilung sollten aber vergleichbare
Unterlagen wie Anwesenheitslisten, die Stetigkeit in der Arbeitsableistung und die Höhe der Arbeitsproduktivität des Umschülers nach seinem
Einsatz am neuen Arbeitsplatz mit herangezogen werden. Das Interesse
des Umschülers an den ArbeitsplatzVeränderungen und der Umschulung und
seine Einstellung dazu sowie die Ansichten und Meinungen der Kursusleiter und Lehrer über die Leistung des Umschülers wurden in der Untersuchung ebenfalls nicht berücksichtigt.
Schließlich sollte auch nicht erwartet werden, daß die Ergebnisse
der Untersuchung sich mit den Erfahrungen solcher Umschulungsprogramme
decken, für die sämtliche Umschüler vorher sorgfältig geprüft und
nur solche zugelassen werden, bei denen auf Grund des Tests die Erfolgsaussichten am größten sind.
Ein praktisches Beispiel der Umschulung
Um seinen Facharbeiterstamm mit den sich aus der Einführung neuer
Fertigungsmethoden und neuartiger Maschinen und Geräte ergebenden neuen^
arbeitstechnischen Fertigkeiten vertraut zu machen, hat eines der vier
untersuchten Unternehmen - ein großes Flugzeugwerk an der Westküste in den vergangenen Jahren zahlreiche Umschulungsprogramme durchgeführt.
Von den insgesamt mehr als 2C0 Umschulungskursen wurden für diese Untersuchung sechs ausgewählt, die als repräsentativer Querschnitt gelten
können und für die umfassende Unterlagen für jüngere sowohl als auch
ältere Umschüler vorhanden waren. In den folgenden Absätzen wird die
Art der Kurse kurz beschrieben.
Optische Meß- und Ausfluchtgeräte. Die hohen Geschwindigkeiten der
modernen Flugzeuge und die dadurch bedingte größere Materialbeanspruch,ung machen es erforderlich, daß heute im Flugzeugbau die Einzelteile
mit sehr viel größerer Präzision und viel geringste Toleranzen zusammengefügt werden. Da die herkömmlichen Meß- und Justiergeräte den Anforderungen nicht mehr entsprachen, mußte die Flugzeugindustrie eine ganze
Reihe neuartiger optischer Meß- und Ausfluchtgeräte einführen. Diese
Umstellung in der Fertigung machte es dabei notwendig, eine große Anzahl von Betriebsangehörigen mit den neuen Meßtechniken vertraut zu
machen.
Zu diesem Zweck wurden bei den untersuchten Unternehmen insgesamt
46 Arbeiter in Sonderkursen an diesen neuen Geräten ausgebildet. 24 Umschüler waren jüngere, 22 ältere Facharbeiter. Die Ausbildungsgruppen
wurden dabei sehr klein gehalten. Sie umfaßten jeweils nur 4 bis 5
Umschüler. Die theoretische Ausbildung, einschließlich der Einweisung

-

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�Einweisung in die Bedienung der Geräte, wurde durch praktische
Arbeit im Betrieb ergänzt, wobei die Umschüler die Geräte selbst aufzustellen und zu bedienen hatten.
Elektronik. Wegen der zunehmenden Verwendung von elektronischen
Ausrüstungen - sowohl bei den Planungsarbeiten als auch im Flugzeugbau selbst - wurden von dem Unternehmen zahlreiche längere Ausbildungslehrgänge für Ingenieure, technische Schreibkräfte sowie für das Wartungspersonal durchgeführt.
Ingenieure. Ein Einführungskursus in Elektronik wurde für insgesamt 53 Ingenieure in der Absicht durchgeführt, diesen Fachkräften
einen allgemeinen Überblick über die spezifischen Anwendungstechniken
zu vermitteln. Bei rund 1/3 dieser Gruppe handelte es sich um ältere
Arbeitnehmer. Der Kursus erstreckte sich - bei jeweils 2 mal 2 1/2
Unterrichtsstunden pro Woche (nach Feierabend) - über einen Zeitraum
von 23 Monaten. Die Gesamtstundenzahl betrug 300. Rund die Hälfte der
Zeit wurde für theoretische Unterweisungen und diesbezügliche Diskussionen aufgewendet, der Rest für praktische Arbeiten im Laboratorium.
Die Umschüler wurden aus allen technischen Abteilungen des Unternehmens ausgewählt. Obwohl alle Kursusteilnehmer als "Ingenieure" eingestuft waren, besaß etwa 1/3 von ihnen kein Ingenieursdiplom, Alle jedoch wiesen, zumindest eine Oberschulbildung auf.
Technische Schreibkräfte. Ein Kursus über die Grundlagen der
Elektronik wurde von dem Unternehmen für 38 Mitarbeiter - technische
Schreibkräfte - in der Absicht durchgeführt, sie mit der Terminologie
vertraut zu machen, die bei der Beschreibung von elektronischen Geräten
heute verwendet wird. Abgehalten wurde dieser Unterricht nach Betriebsschluß zweimal wöchentlich für die Dauer von zwei Stunden während
eines Zeitraumes von fünf Monaten. Der Kursus bestand nur aus theoretischen Unterweisungen und Diskussionen zwischen Lehrern und Lehrgangsteilnehmern. Von den 38 Umschülern waren 19 über 40 Jahre alt.
Wartungspersonal für elektronische Anlagen. Der dritte Kursus
- ebenfalls über Elektronik - zielte darauf ab, das Wartungspersonal
auf neue Tätigkeiten vorzubereiten, hauptsächlich in bezug auf die
Wartung und Reparatur technisch weiterentwickelter elektronischer Geräte
und Anlagen. Im Gegensatz zu den anderen Fortbildungskursen fanden
diese Unterweisungen während der Arbeitszeit statt, und zwar an fünf
Tagen der Woche (jeweils 3 1/2 Stunden). Die Gesamtdauer betrug vier
Monate. Neben einer theoretischen Einweisung in die Elektronik wurden
umfangreiche Laboratoriumsversuche mit Testgeräten und elektronischen
Einzelteilen durchgeführt. Obwohl hier die Anforderungen in erster Linie
geistiger Art waren, wurden doch auch an die manuelle Geschicklichkeit
und die Kombinationsgabe der Umschüler erhebliche Ansprüche gestellt.
Nach Beendigung des Kursus wurden die Teilnehmer höher eingestuft und
erhielten (im Gegensatz zu den Umschülern in den vorher beschriebenen
Kursen) eine bessere Bezahlung. Gleichzeitig wurde ihnen der Titel
" Industrie-Elektronik-Mechaniker" zuerkannt.
Die

-

6

-

�Die 18 Umschuler, die den Kursus beendeten, waren aus einer
Gruppe von 50 Wartungstechnikern sorgfältig ausgewlhlt. Bei neun
dieser 18 Teilnehmer handelte es sich um ältere Arbeitnehmer.
Zugelassen aus dieser Prüfungsgruppe wurden nur 20 Arbeitnehmer,
und zwar die mit den höchsten Bewertungsziffern. Die meisten von
ihnen verfügten bereits über gewisse Erfahrungen in der Wartung
weniger komplizierter elektronischer Geräte, Von diesen 20 verließ
einer vorzeitig den Kursus, um eine besser bezahlte Position zu
übernehmen, während ein anderer wegen Krankheit ausschied.
Maschinenbauer. Mit der Einführung neuer Waffensysteme ergaben
sich für zahlreiche Maschinenbauer erhebliche Schwierigkeiten bei
der Analysierung und Interpretation gewisser auf den Konstruktionszeichnungen verwendeter Symbole. Die Meister dieser Abteilung ersuchten daraufhin die Betriebsführung, einen Fortbildungskursus für Konstruktionszeichnungslesen durchzuführen. Nach einer ersten Überprüfung der in Frage kommenden Mitarbeiter wurden schließlich 17 Umschüler ausgewählt, von denen acht über 50 Jahre alt waren. Der siebentägige Kursus wurde während der Betriebsstunden abgehalten (täglich
2 Stunden) und umfaßte das Erlernen der Symbole und ihre Übertragung
auf das Werkstück.
Schweißer. Die zahlrei chen Verbesserungen und Veränderungen auf
dem Gebiet der Schweißtechnik machten die Durchführung zahlreicher
Fortbildungs- und Uraschulungskurse erforderlich. Viele neue Metalle Legierungen mit Titan und Zirkon - lassen sich nach den konventionellen Schweißverfahren nicht zusammenfügen. Außerdem sind die technische
Anforderungen, die an den Schweißer gestellt werden (winzige Nähte,
schwierigere Montage),heute erheblich größer.
Die eingetretenen technischen Veränderungen machen es ferner erforderlich, daß die Schweißer über gewisse metallurgische Kenntnisse
verfügen und die Ursachen von MetallVerformungen kennen. Außerdem sind
die Schwe_ißgeräte selbst sehr viel komplizierter geworden, was bedingt, daß die Schweißer genau wissen müssen, wie sie etwa die Temperatur, den Gasstrom und die Schweißgeschwindigkeit regeln können.
Der durchgeführte Kursus war ursprünglich nur für solche Schweiße
vorgesehen, die bereits mit den neuen Geräten und Techniken vertraut
waren. Im Gegensatz zu den anderen erwähnten Kursen lag dabei der
Schwerpunkt nicht im Theoretischen (nur 20$ der Gesamtzeit), sondern
im Praktischen. Die Umschüler bekamen dabei Standard-Prüfungsaufgaben
zugewiesen, und die Leistungen der einzelnen wurden genau registriert
und bewertet. Jeder Kursusteilnehmer erhielt nach Abschluß der Ausbildung eine Endbewertung. Grundlage hierfür war die Anzahl der Stunden, die jeder einzelne brauchte, um die von der "U.S. Air Force" vorgeschriebenen Leistungsnormen zu erreichen.
Die Umschüler hatten sich entweder selbst um die Teilnahme beworben oder waren von ihren Meistern empfohlen worden. Rund 200 wurden
auf Grund ihrer Leistungen ausgewählt, die sie bei einem Testschweißen
zeigten. Die Gewerkschaft setzte bei der Unternehmensführung die
Klassifizierung der Absolventen als "Schweißer" sowie höhere Löhne
für alle durch, die den Kursus mit Erfolg bestanden hatten.
Die

�Die Leistungen in den Umschulungskursen
Zur Beurteilung der Umschüler in dem Flugzeugwerk wurden sowohl
die theoretischen als auch die praktischen Leistungen zugrunde gelegt.
Tafel II gibt einen Überblick über die Leistungen der jüngeren und
älteren Umschüler in den sechs Kursen.

Tafel II
Umschulungskurs in einem Flugzeugwerki
Leistungsvergleich zwischen älteren und jüngeren Umschülern

Ältere Umschüler

Jüngere Umschüler

Prozent

Prozent
Art des Kursus

Teilnehmerzahl

über
unter
dem Durchschn

Teilnehmerzahl

über unter
dem Durchschn

Optische
Hilfsgeräte
b .Werkzeugmaschinen

24

79

21

22

36

64

Einführung
in die Elektronik f.Ingenieure

36

53

47

17

47

53

Grundlagen d.
Elektronik für
techn .Schreibkräfte

19

53

47

19

42

58

Allgem.Fortbildung f.Elektronik-Mechaniker

67

33

33

67

Konstruktionszeichnungslesen I
f.Maschinenbauer

78

22

25

75

44

56

50

50

Konstruktionszeichnungslesen
II f.Maschinenbauer
Nur
dem
ein
dem

n
7

8

in einem der sechs Kurse wies die Hälfte der älteren Umschüler über
Durchschnitt liegende Noten auf. In zwei weiteren Kursen lag noch
erheblicher Teil der älteren Umschüler (40 Prozent und mehr) über
Durchschnitt. Bei den jüngeren Teilnehmern dagegen lag die Mehrzahl

-

8

�Mehrzahl mit ihren Leistungen in fünf Kursen über dem Durchschnitt.
Am schlechtesten schnitten die Jüngeren in dem zweiten Kursus für
Konstruktionszeichnungslesen ab. Nur geringe Leistungsunterschiede
bestehen zwischen den beiden Gruppen, wenn man die Schulbildung als
Bewertungsbasis heranzieht.
(Aus "Monthly Labor Review",
August 1963, Vol. 86, Nr. 8)

* * * * *

New Y'orks einzigartige berufsbildende Oberschule
Eine der bemerkenswertesten Oberschulen in den Vereinigten
Staaten ist die sogenannte "Aviation High School" in New York City.
Sie ist die einzige höhere Lehranstalt des Landes, an der die Schüler neben ihrer normalen schulischen Ausbildung auch gleichzeitig
eine umfassende berufliche Vorbereitung erhalten.
Die jetzt 25 Jahre bestehende öffentliche Oberschule wird gegenwärtig von rund 2200 Schülern besucht und hat einen Lehrkörper von 130
Fach- und Speziallehrern. Sie -verfügt über modernste technische Einrichtungen - im Werte von mehreren Millionen Dollar - für die Heranbildung von qualifizierten jungen Flugzeugmechanikern. Etwa 55 Prozent
der Lehrer unterrichten in den traditionellen Oberschulfächern wie
Englisch, Mathematik, Geschichte, Fremdsprachen usw., die etwa die
Hälfte des Gesamtlehrplanes ausmachen; bei den restlichen Lehrern handelt es sich um ausgesprochene Fachkräfte, von denen 80 Prozent Spezialprüfungen im Flugzeugbau abgelegt haben.
Strenge Aufnahmeprüfung
Die Auswahl der Schüler erfolgt nach einer strengen Prüfungsordnung, die sowohl zahlreiche schriftliche Arbeiten als auch ein persönliches Interview für die Bewerber vorsieht, in denen ihre beruflichen Interessen und ihre Einstellung zur Ausbildung als Flugzeugmechaniker getestet werden..Diese scharfe Auslese ist nötig, denn von den
rund 25OO Bewerbern jährlich können in der Regel nicht mehr als 830
aufgenommen werden.
Der sich über vier Jahre erstreckende Lehrplan ist in wissenschaftliche, praktische und technische Fächer aufgeteilt. Dem Schüler stehen
dabei zwei Bildungswege offen: 1. Vorbereitung auf den späteren CollegeBesuch; 2. Vorbereitung auf den künftigen Beruf durch eine gewerblichschulische Fachausbildung. Nach dem ersten Schuljahr erfolgt eine Zwischenprüfung, um alle diejenigen Schüler aus dem gewerblichen Zweig
zu entfernen, die sich für eine technische Ausbildung als ungeeignet
erwiesen.

-

9

�1/3 seht zum College
Der von den Schülern nach bestandener Abschlußprüfung eingeschlagene weitere Bildungs- -oder Berufsweg sieht in der Regel so aus:
etwa 29 Prozent von ihnen beginnen ein Studium, hauptsächlich an höhren technischen Lehranstalten oder Technischen Hochschulen; einige
wenige besuchen die verschiedenen Militärakademien; rund 27 Prozent
suchen sich einen ihrer Ausbildung entsprechenden Arbeitsplatz in der
Industrie; 10 Prozent wenden sich anderen industriellen Tätigkeiten
zu; während der Rest zunächst seine Militärzeit ableistet.
Da die New Yorker "Aviation High School" eine der insgesamt 68
vom Bundesaufsichtsamt für die Luftfahrt (FAA) anerkannten Schulen
des Landes zur Ausbildung von Flugzeugmechanikern ist, erhalten die
Absolventen neben ihrem Reifezeugnis auch ein Berufszertifikat der
FAA mit auf den Weg. Welche Bedeutung diese Abschlußzeugnisse für den
beruflichen Werdegang haben, zeigt die Tatsache, daß bisher mehr als
8000 Absolventen dieser Schule Arbeitsplätze in der Flugzeugindustrie
oder bei Luftfahrtgesellschaften als Piloten oder Chefmechaniker erhalten haben.
Der Schulkomplex in New York umfaßt insgesamt fünf große Gebäude,
darunter zwei jeweils 7 Stockwerke hohe Haupttrakte. In einem Trakt
sind die Klassen untergebracht, in denen der wissenschaftliche Unterricht durchgeführt wird, sowie fünf Laboratorien, vier Säle für das
technische Zeichnen und die Kunsterziehung, ferner die Bibiothek,
Verwaltungsräume, eine Cafeteria und Ambulanzräume. Das andere Hauptgebäude beherbergt 32 Werkräume für die praktische und technische
Ausbildung der angehenden Flmgzeugmechaniker.
Der praktische Unterricht umfaßt u.a. folgende Fächer: FlugzeugRumpf- und Flügelbau; Wartung und Überholung von einfachen und technisch komplizierten Antriebsaggregaten; Metallverarbeitung; Hydraulik;
Zusatzbauteile (Vergaser, Magnete usw.); Elektrizität; Bedienung von
Arbeits- und Werkzeugmaschinen; Propellerreparatur; und Schweißen.

(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Beträchtliche Verschiebungen in der US-Einkommensstruktur
Die Einkommensverteilung in den USA hat sich auch in den vergangenen Jahren weiter zugunsten der unselbständigen Arbeitnehmer
(Lohn- und Gehaltsempfänger) entwickelt und diesem Personenkreis
mit 71 Prozent den bisher höchsten Anteil am Volkseinkommen gesichert.
Wie aus einer jetzt vom US-Handelsministerium veröffentlichten
Übersicht hervorgeht, entfielen 1962 vom Volkseinkommen in Höhe von
453,7 Mrd. Dollar allein 322,9 Mrd. Dollar auf Löhne und Gehälter (einschließlich der verschiedenen Sozialleistungen). Die nächstkleineren
Posten bildeten die Gewinne der Kapitalgesellschaften (vor Abzug der

-

10

-

�der Steuern) mit 47,0 Mrd..Dollar und die Einkommen der selbständigen
Berufe und der nichteingetragenen Wirtschaftsunternehmen mit 36,5 Mrd.
Dollar. Relativ unbedeutend waren dagegen die Farmereinkünfte und die
Einkünfte aus Kapitalanlagen und Mieten.
Bei einem Vergleich mit dem Jahre 1948 zeigt sich, daß nicht
nur das US-Volkseinkommen seither von 223,5 auf 453,7 Mrd. Dollar angewachsen ist - und sich damit mehr als verdoppelt hat -, sondern daß
auch erhebliche Verschiebungen in der Einkommensstruktur eingetreten
sind. Hauptnutznießer dieser Entwicklung waren vor allem die Unselbständigen, die ihren Anteil von 63 auf 71 Prozent erhöhen konnten, Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß der
Anteil der Sozial- und Lohnnebenleistungen am Gesamteinkommen seit 1948
um mehr als das Doppelte zugenommen hat - er stieg von 2,6 auf 5,9 Prozent an.
Beträchtliche Anstiege verzeichneten auch die Einkünfte aus Spareinlagen, Savings Bonds und anderen Geldanlagen (Zunahme von 1,9 auf
rund 5 Prozent), geringere die Erträge aus Dividenden (von 3,2 auf 3,7
Prozent).
Demgegenüber ist der Anteil der Gesellschaftsgewinne am Volkseinkommen nach 1949 nicht unerheblich - von 14,7 auf 10,4 Prozent zurückgegangen, obwohl nach dem "Tief" des Jahres 1958 inzwischen wieder eine kräftige Erholung eingetreten ist. Auch die Mieteinkommen
waren 1962 mit 2,6 Prozent anteilmäßig geringer als 1948 (3,3 L Ä)» desgleichen die Einkommen der freien Berufe und der Selbständigen, deren
Anteil am Volkseinkommen im vergangenen Jahr nur noch 8 Prozent
(1948 - 10%) betrug.
Den relativ stärksten Rückgang allerdings verzeichneten die Farraereinkommen, die 1948 noch 8 Prozent des Volkseinkommens auf sich vereinigt
hatten, im Vorjahr aber nur noch über einen Anteil von 2,9 Prozent verfügten. Selbst wenn man berücksichtigt, daß immer mehr landwirtschaftliche
Arbeiter und Farmer den .Yeg in die Stadt und damit in andere Wirtschaftszweige gefunden haben und die Zahl der Farmen ständig abgenommen hat, so
zeigt doch die Einkommensentwicklung der Landwirtschaft in den vergangenen 14 Jahren recht deutlich, daß dieser Wirtschaftszweig dem allgemeinen Aufwärtstrend der Einkommen nicht hat folgen können.
Wie stark sich die gesamte Einkommensstruktur in den USA während
der Nachkriegsjähre verschoben hat, zeigt übrigens auch eine andere,
kürzlich vom US-Zensusbüro veröffentlichte Übersicht. Danach haben die
Gehaltsempfänger im Jahre 196O die bisher stärkste Gruppe in der obersten Einkommensklasse der USA (mehr als 15 000 Dollar im Jahr), die
Selbständigen, zum ersten Mal überflügeln können. Mit einem Anteil von
rund 50 Prozent sind sie dabei zur weitaus stärksten Gruppe der "Oberklasse" der US-Einkommensskala avanciert.
, sie zweite Einkommensklasse (lO 000 - 15 000 Dollar) hat sich
in rund zehn Jahren ganz erheblich verstärkt. Zwischen 1951 und 196O hat
sich die Zahl ihrer Einkommensträger - bei Zugrundelegung eines konstanten Dollarwertes - fast verdreifacht. Während 1951 lediglich 5 Prozent
aller amerikanischen Familien Einkommen von über 10 000 Dollar aufwiesen,
waren es i960 bereits 14 Prozent.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *
1 1

�E. A. Willis - ein. Arbei.tne hmerporträt
Edward A. Willis, Warenprüfer einer W$inkellerei und Spirituosenfabrik in Fresno im Staat Kalifornien Und in seiner Freizeit Zahlkellner eines Restaurationsbetriebs, ist mit seinen 46 Jahren noch zu
einem der größten Abenteuer unserer Zeit bereit: "Tony" Willis träumt
davon, im Rahmen des amerikanischen Friedenskorps als Entwicklungshelfer nach Afrika, Asien oder Südamerika geschickt zu werden, um
dort beim Aufbau des Jugendsports mitzuwirken.
Aus kinderreicher Familie
Nun, Tonys Leben ist auch so schon abwechslungsreich genug, ob
sein Wunsch in Erfüllung geht oder nicht. Er wurde 1917 in Phoenix,
der Hauptstadt Arizonas, geboren. Er hat es in seiner Jugend nicht
ganz einfach gehabt. Er ist Neger und stammt aus einer Familie mit
neun Kindern, alles Jungen. Nach Abschluß der Oberschule besuchte er
zunächst das Junior College in Phoenix und später die dortige Lehrerbildungsanstalt. Das Geld für das Studium verdiente er sich in den
unterrichtsfreien Stunden als Hausmeister beim Gouverneur des Staates
Arizona. Nach dem Abschlußexamen in Geschichte und Staatswissenschaften trat er in den Dienst der Polizei von Phoenix. Doch inzwischen war
der zweite Weltkrieg ausgebrochen, und Willis wurde für fünf Jahre
Soldat. Auf einen kürzeren Einsatz in Nordafrika folgte die Abkommandierung nach Burma, wo er als Zugführer einen Bautrupp befehligte,
der am Bau der Burma-Straße mitwirkte. Willis gehörte später dem
ersten Konvoi an, der über diese im Krieg berühmt gewordene Militärstraße rollte.
Vom Ausfahrer zum Prüfer
Einer seiner Brüder verschaffte ihm nach Kriegsende dann eine
Stellung in einer Weinhandlung im kalifornischen Fresno. Er fand
Gefallen am Wein- und Spirituosenhandel und ging deshalb später zu
einer größeren Weinkellerei, die auch noch eine Schnapsbrennerei unterhielt. "Ich fing als Ausfahrer an und legte auch sonst überall im
Betrieb mit Hand an", berichtet er heute rückschauend. "Ich habe die
Traubenpresse bedient und den Kran, mit dem die Mostbehälter in die
Gärbottiche geleert werden."
Heute aber arbeitet Tony als Prüfer, überwacht den Verschnitt
von Whiskysorten, probiert die Destillate und kontrolliert den Warenausgang. Sein Betrieb hat seit langem schon die Fünftagewoche bei
täglich achtstündiger Arbeitszeit eingeführt. An den Wochenenden hilft
Tony als Zahlkellner im Restaurationsbetrieb eines Motels aus.
Sehr aktiv im Gemeinschaftsleben
Arbeit und "weekend Job" hindern ihn aber nicht daran, auch im
Gemeinschaftsleben eine recht aktive Rolle zu spielen. Da ist einmal
der Kriegsteilnehmerverband, die "Veterans of Foreign Wars", dessen
Ortsverein er seit 1962 als Commander vorsteht, zum andern die Mitgliedschaft in einer Loge und im Schulverein zu nennen. Daß Willis
Gewerkschafter ist, versteht sich für ihn von selbst, und er ist
stolz darauf, schon mehrfach an TarifVerhandlungen mit den Arbeitgebern

-

12

-

�Arbeitgebern im Weinbau teilgenommen zu haben. "Wir kamen bisher
immer ohne Streik aus", weiß er hierüber zu berichten. Mir macht das
'Geben und Nehmen' solcher Verhandlungen direkt Spaß. Heute geht es
uns weniger um höhere Löhne als um die Verbesserung von Lohnnebenleistungen wie Kranken- und Lebensversicherung."
Eigenheim mit fünf Zimmern und allem Komfort
Das also ist der Hintergrund, vor dem sich Tony Willis' berufliches und "gesellschaftliches" Leben abspielt. Den Rahmen für sein
Privatleben bildet ein weiß verputztes Häuschen in einem bescheidenen
Wohnviertel von Fresno. Das Eigenheim hat neben einem Wohn- und einem
Eßzimmer noch drei Schlafräume sowie Küche und Bad. Es ist mit dem
für einigermaßen wohlsituierte Leute üblichen Komfort ausgestattet,
und es fehlen weder der Kühlschrank, noch die Waschmaschine und der
Geschirrspülautomat.
Willis' Frau fühlt sich mit ihren zwei Töchtern Patricia Diane
(13) und Valencie Yvonne (10) und dem Haushalt keineswegs voll ausgelastet und arbeitet deshalb vormittags noch in einer Schulküche, wo
die Mahlzeiten für die Schulspeisung bereitet werden. Die Hausarbeit
macht sie, von den beiden Töchtern schon ein wenig unterstützt, ganz
allein. Lediglich zum Bügeln hat sie eine Hilfe. Mrs. Willis scheint
den Ehrgeiz zu haben, es ihrem Manne gleichzutun, ist sie doch laufend
für die Baptistenkirche und mehrere Frauenvereine tätig.
Neue Berufschancen für Farbige
Aber immer alle Hände voll zu tun und immer Betrieb und Abwechslung zu haben, das scheint genau das zu sein, was Mr. und Mrs. Willis
bei guter Laune hält. Seine Hautfarbe macht Tony Willis kaum irgendwelchen Kummer, und er ist, was die Rassenfrage angeht, ein Optimist.
Warum, das hat er mit wenigen Worten recht überzeugend zum Ausdruck
gebracht: "Seit dem letzten Krieg haben sich uns Farbigen viele neue
Arbeitsgebiete aufgetan. Unsere Aufgabe ist es nun, uns die notwendige
Kenntnisse anzueignen."
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Schaffung internationaler Beschäftigungsnormen
Die Schaffung einheitlicher internationaler Beschäftigungsstandards als einer wesentlichen Voraussetzung für die Ausweitung des
Welthandels und der Exportmärkte für amerikanische Erzeugnisse hat ein
gemischter Gewerkschafts-Industrieausschuß gefordert, dessen Vorsitzer
der Präsident des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes "AFL-CIO",
George Meany, ist.
Der

�Der Ausschuß h a t j e t z t einen umfassenden B e r i c h t über s e i n e Beratungen v e r ö f f e n t l i c h t , die er a n l ä ß l i c h der White-House-Konferenz
über die Ausweitung der US-Exporte k ü r z l i c h in der amerikanischen
Bundeshauptstadt f ü h r t e . Darin wird b e t o n t , daß, sobald einmal die
u n t e r dem allgemeinen Niveau liegenden Beschäftigungsbedingungen
a l s Faktor im i n t e r n a t i o n a l e n Wettbewerb a u s g e s c h a l t e t s e i e n , der
Lebensstandard und d i e Kaufkraft i n den Ländern mit einem Substandard
erhöht und dadurch neue Exportmärkte geschaffen würden.
In dem B e r i c h t wird w e i t e r f e s t g e s t e l l t , daß die b e t r ä c h t l i c h e n
Unterschiede zwischen den USA und i h r e n w i c h t i g s t e n Konkurrenten auf
den '.Veitmärkten h i n s i c h t l i c h der Löhne in l e t z t e r Zeit etwas g e r i n g e r
geworden s i n d . Dies s e i darauf zurückzuführen, daß die d u r c h s c h n i t t l i c h e n Lohnerhöhungen i n den I n d u s t r i e l ä n d e r n in den vergangenen Jahren
größer waren a l s in den V e r e i n i g t e n S t a a t e n s e l b s t . Durch die umfassende Einführung moderner, k o s t e n s p a r e n d e r Maschinen und P r o d u k t i o n s a u s rüstungen h ä t t e n d i e USA f e r n e r die F e r t i g u n g s k o s t e n t r o t z weiter s t e i gender Löhne r e l a t i v n i e d r i g h a l t e n können.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * *

-

14

*

-

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nr. 1&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung der Gewerkschaften für das amerikanische Wirtschaftsleben&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Die Aufgaben des "National Labor Relations Board"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein erfolgreiches Jahr für die amerikanischen Gewerkschaften&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 2&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Automatisierung führt zur "Bildungsgesellschaft"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Automation in gewerkschaftlicher Sicht&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Rehabilitation Behinderter&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erhebliche Veränderungen in der US-Beschäftigungsstruktur seit 1950&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Modellvertrag der amerikanischen Automobilarbeitergewerkschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Kennedy unterbreitete Kongress umfassendes Sozialprogramm&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ziele und Aufgaben des US-Arbeitsministeriums&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erziehung und Schulung in einem Entwicklungszeitalter (I)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 5&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erziehung und Schulung in einem Entwicklungszeitalter (II)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aktuelle Arbeitsmarktprobleme&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mehr Frauen im höheren Regierungsdienst&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Filmore LaDeaux &amp;nbsp;- ein Arbeitnehmerporträt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 6&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Erfolgsbeteiligungsplan &amp;nbsp;der Kaiser-Stahlwerke&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Maschinistengewerkschaft feiert 75jähriges Bestehen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 7&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsprobleme der USA in den Jahren 1960-75 (I)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Berufsausbildung im Zeitalter der schnellen technischen Veränderungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"DOT" - Ein Bestseller wird neu aufgelegt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 8/9&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Arbeitsmarkt- und Beschäftigungsprobleme der USA in den Jahren 1960-1975 (II)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gleiche Berufschancen für die Farbigen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;"Stille Einigung" - der neue Stil im US-Tarifverhandlungswesen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vorbeugen - die Hauptaufgabe des modernen Unfallschutzes&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 10&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die wirtschaftliche Situationen der Farbigen in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verschärfte Bestimmungen der US-Post zur Durchsetzung der Rassengleichheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaftliches Wachstum und Arbeitslosigkeit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Unfallschutz am Arbeitsplatz als gewerkschaftliche Aufgabe&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Seeleutegewerkschaft spricht sechsjährigen Streikverzicht aus&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 11&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Sozialversicherung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Entwicklung der Löhne und Lohnebenleistungen in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Arbeitslosen-Umschulungsprogramm hatte guten Start&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Bildungsarbeit mit neuen Akzenten&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 12&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Leistungen älterer Arbeitnehmer in Umschulungskursen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;New Yorks einzigartige berufsbildende Oberschule&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Beträchtliche Verschiebungen in der US-Einkommensstruktur&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;E. A. Willis - ein Arbeitnehmerporträt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schaffung internationaler Beschäftigungsnormen&lt;/p&gt;</text>
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                    <text>INTERNATIONALE ARBEITSMITTEILTJNGEN
Inhaltsverzeichnis
1962

Das Anciennitätsprinzip und seine
praktischen Auswirkungen
Die Automation in den Vereinigten Staaten
Automation - ein Bruch mit der Vergangenheit
Präsident Kennedy vor dem amerikanischen
Gewerkschaftsverband

Die Möglichkeiten einer Arbeitszeitverkürzung
in den USA
Ein Viertel des Einkommens geht für die Steuer
drauf
Steigende Aufwendungen für Urlaub und Freizeit
in den USA
Anstieg der Arbeitsproduktivität im Kohlebergbau
um 85 Prozent seit 1949
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
*

.

Gewerkschaftliche Probleme in den Entwicklungsländern
Nachlese zum "APL.-CIO"-Kongreß
Es geht wieder um neue Tarife in der Stahlindustrie
Präsident Kennedy legte Kongreß Sozialbotschaft vor
Bericht über die Auswirkungen der Automatisierung
veröffentlicht

-

1

�Nr. 4
Die Lohnbewegungen 1961/62 in der US-Wirtschaft
Sicherung der Arbeitsplätze und Einkommen wichtiger
als höhere Löhne
Zahl der Gewerkschaftsmitglieder geringfügig angestiegen
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
*

Nr. 5
Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in den
Vereinigten Staaten
Die "dritte Kraft" am Verhandlungstisch
Neue Arbeitsplätze durch industrielle und
technische Fachausbildung
Betriebliche Schulung - ein wichtiger Zug
des amerikanischen Erziehungswesens
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
*

Nr. 6
Die neuen Möglichkeiten der Automatisierung
in der Industrie
435-Millionen-Dollar-Programm für die Umschulung
von Arbeitslosen
Kennedy erläuterte Gewerkschaften seine
Wirtschaftspolitik
Die Bedeutung des neuen Tarifvertrages der
Stahlindustrie
*

Nr. 7
Die Auswirkungen der Automation auf den
ArbeitnehmerStatus
Feststellung der Beschäftigt*»- und Arbeitslosenzahl
in den USA
Die Gewerkschaften und die Angestellten
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
«

- 2

�Hr. 8/9
Frauenarbeit und Haushalteinkommen (i)
Anwendungstechniker als Wegbereiter der
Vollautomatisierung
Die "Stadt-in-der-Stadt"
Vorbereitungskurse für angehende Pensionäre
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
*

Hr. 10
Frauenarbeit und Haushalteinkommen ( i l )
Fast 70 Millionen B e s c h ä f t i g t e i n den USA
AFL-CIO f o r d e r t 35-Stunden-Woche
Gewerkschaftliche Kurznachrichten
»
Hr. 11

t
Urlaubsregelungen in den USA
Leistungen der Pensionspläne wurden verbessert
(und vier weitere Kurznachrichten)

Hr. 12

Das System der Lehrlingsausbildung in den USA
Nachwuchsförderung für das Zeitalter der Automation
Facharbeiterschulung in den Entwicklungsländern
ein gemeinsames Problem
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

«

-

3 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 1

Bad Godesberg, den 1. Januar

1962

INHALTSVERZEICHNIS

Das Anciennitätsprinzip und seine
praktischen Auswirkungen

Seite

1

Die Automation in den Vereinigten Staaten
Automation - ein Bruch mit der Vergangenheit

Seite

7

Präsident Kennedy vor dem amerikanischen
Gewerkschaftsverband

Seite

12

Das Anciennitätsprinzip und seine praktischen Auswirkungen
Aus "The American Federationist",
dem offiziellen Organ des Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO.

Das Anciennitätsprinzip hat in der Nachkriegszeit in den Vereinigten Staaten zunehmende Bedeutung gewonnen. Die Dauer der Betriebszugehörigkeit eines Angestellten oder Arbeiters entscheidet
heute in vielen Fällen darüber, welche Rechte ihm im Verhältnis zu
anderen Mitarbeitern zustehen, und vielfach auch über die Höhe der
zusätzlichen betrieblichen Nebenleistungen.
Vor Jahren noch war die Frage umstritten, ob die Firmenleitung
bei notwendig werdenden Veränderungen im Betrieb den Belegschaftsangehörigen mit längerer Dienstzeit den Vorzug vor Mitarbeitern mit
größeren "Verdiensten" geben solle. Langsam aber sicher hat sich
unter dem.ständigen Druck der Gewerkschaften die Erkenntnis durchgesetzt, daß eine anständige Bezahlung den Unternehmer noch längst
nicht von allen Verpflichtungen gegenüber seinen Mitarbeitern entbindet und daß gewissen Rechten des arbeitenden Menschen, insbesondere
dem auf Arbeit, mit zunehmender Beschäftigungsdauer größerer Schutz
gebührt.
,

a
-

1

-

�Je länger ein Arbeitnehmer für ein Unternehmen arbeitet, um
so ;mehr "investiert" er von seinem Leben in diese Beschäftigung.
Sein Domizil, seine Freundschaften, seine Lebensgewohnheiten,
sein Benehmen und sein gesamtes psychisches und physisches Wohlbefinden sowie noch viele andere Aspekte seines Lebens werden von
seiner Tätigkeit am Arbeitsplatz beeinflußt.
Die Rechte der Arbeitnehmer, di« ihm aus dieser "Investition" erwachsen, schließen billigerweise die Sicherheit am Arbeitsplatz, Aufstiegschancen und das Anrecht auf zusätzliche Sozialleistungen ein, die sich mit der Dauer der Betriebszugehörigkeit
erhöhen. Dies sind keine absoluten Rechte; sie setzen die Fähigkeit voraus, die geforderte Arbeit zu bewältigen, und hängen auch
von der Verfügbarkeit von Arbeit ab; sie unterliegen aber nicht
der Willkür oder der Laune des Arbeitgebers.
Der Druck der Gewerkschaften und die allgemein günstigen Erfahrungen mit dem Anciennitätsprinzip sind die wichtigsten Triebfedern für seine steigende Anerkennung. Die Vorteile, die seine
Anwendung bietet, haben dazu geführt, daß man es auch in Betrieben befolgt, deren Belegschaft nicht gewerkschaftlich organisiert
ist. Es ist aber das ausschließliche Verdienst der Gewerkschaften,
daß der Begriff der Anciennität klar definiert und zu einem gewissen Rechtsanspruch erweitert wurde.
Man sollte nicht übersehen, daß es keine allgemeinverbindlichen
gewerkschaftlichen Richtlinien bezüglich der Durchsetzung des
Prinzips der Anciennität gibt, obwohl natürlich fast alle Gewerkschaften auf seine Anerkennung drängen. Es gibt durchaus Fälle,
in denen die Gewerkschaften und ihre Mitglieder es als fairer und
praktischer erachten, nach anderen Gesichtspunkten zu verfahren. So
würde es beispielsweise der Gewerkschaft der Filmschaffenden niemals
einfallen, bei der Besetzung von Filmrollen auf der Anciennität
zu beharren.
Einer der wichtigsten Vorzüge des Anciennitätsprinzips besteht
darin, daß es den älteren Arbeitskräften einen relativ sicheren
Kündigungsschutz bietet. Seine Befolgung schafft die Gewähr, daß
langjährige und noch voll einsatzfähige Arbeitskräfte nicht einfach
beiseitegeschoben oder übergangen werden, nur um Platz für jüngere
Leute zu gewinnen. Eine solche Garantie gehört ohnehin mit zu den
selbstverständlichen Zielen der Gewerkschaften, die sich einmal
der Tatsache bewußt sind, daß die älteren Arbeitnehmer im Falle
einer Entlassung größere Schwierigkeiten haben, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, und zum anderen schon immer aus Gründen der
Fairness den Grundsatz vertreten, daß die Arbeiter und Angestellten,
die am längsten in einem Betrieb tätig sind, auch einen besseren
Kündigungsschutz verdienen und Anspruch auf erhöhte Sozialleistungen
haben . .
Das Eintreten der Gewerkschaften für das Anciennitätsprinzip
gründet sich des weiteren auf ihr Streben, Mißbräuche zu verhindern oder auf ein Mindestmaß zu beschränken, die bei Anwendung
anderer Auswahlmethoden im Falle notwendiger Entlassungen, bei der

-

2 _

�der Gewährung von betrieblichen Leistungen oder bei Beförderungen
nicht ausgeschlossen sind. Allein das Anciennitätsprinzip gibt
einen festen Maßstab ab und ist völlig objektiv zu handhaben.
Eine Untersuchung des US-Arbeitsministeriums aus den Jahren
1954/55 zeigt, daß die Anciennität bereits damals in fast 70 Prozent
aller Tarifverträge als das entscheidende Kriterium bei notwendig
werdenden Entlassungen akzeptiert wurde, wenn auch vielfach mit .der
Einschränkung, daß der dienstältere Mitarbeiter fähig sein muß, die
an dem umstrittenen Arbeitsplatz anfallenden Arbeiten auszuführen.
Der Grad der Sicherheit, den die Anciennität bietet, hängt weitgehend davon ab, in welcher Form die Rechte aus ihr geltend gemacht
werden können. Soll sie nur innerhalb einer Beschäftigungssparte,
einer Betriebsabteilung, eines Werks oder innerhalb der gesamten
Firma gelten? Kann ein Belegschaftsangehöriger unter Berufung auf
seine Anciennitätsrechte einen jüngeren Mitarbeiter von einem anderen
Arbeitsplatz auch innerhalb eines solchen größeren Rahmens verdrängen?
Dieser Rahmen, innerhalb dessen Anciennitätsrechte geltend gemacht werden können, ist je nach Firma und Wirtschaftszweig verschieden weit gespannt und hängt von dem Grad der Austauschbarkeit der
Arbeitskräfte und auch davon ab, inwieweit die fraglichen Arbeitskräfte in der Lage sind, die an einem anderen Arbeitsplatz geforderten Leistungen zu erbringen. Die Gewerkschaften drängen darauf, diesen
Rahmen möglichst weit zu stecken, um zu verhindern, daß ein langjähriger Mitarbeiter in einer Abteilung im Falle eines verringerten Arbeitsanfalls entlassen wird, während ein jüngeres Belegschaftsmitglied in
einer anderen Abteilung auf einem Arbeitsplatz beiaasen wird, den der
ältere Kollege übernehmen könnte.
Die Unternehmer wollen ^ihrerseits das Recht älterer Mitarbeiter
auf den Arbeitsplatz eines jüngeren Arbeitnehmers so weit wie möglich
einengen, um "übermäßige" innerbetriebliche Umstellungen mit den damit
verbundenen Schwierigkeiten und dem damit verbundenen Absinken der
Leistung zu vermeiden. Die Gewerkschaften halten dem entgegen, daß
die mit dem Verdrängen jüngerer Mitarbeiter verbundenen Schwierigkeiten ein angemessener Preis dafür sind, daß die älteren Mitarbeiter
und deren Erfahrungen dem Betrieb erhalten bleiben.
In vielen Firmen gibt die Anciennität heute auch bei Beförderungen und Versetzungen den Ausschlag. Das bedeutet natürlich nicht, daß
ein Mitarbeiter nur auf Grund seiner langjährigen Betriebszugehörigkeit aufrückt, wenn er nicht die erforderlichen Qualifikationen für
die fragliche Position mitbringt. Die vernünftige Auslegung des
Anciennitätsprinzips besagt vielmehr, daß man ihm eine Chance an
diesem Arbeitsplatz gibt und ihn, falls er diesen nach einer angemessenen Einarbeitungsperiode voll ausfüllen kann, dort beläßt.
Es gibt noch einige weitere Bereiche, in denen die Rechte eines
Arbeitnehmers von der Dauer der Betriebszugehörigkeit bestimmt werden:
Zu diesen zählen die Berücksichtigung seiner Wünsche bei der Einteilung des Urlaubs, der Arbeitszeit bei Schichtbetrieb und bei Überstunden sowie bei der Wahl des Arbeitsplatzes innerhalb der Abteilung

-

3 -

�Abteilung und der Zuteilung von Parkplatz, von Spinden usw.
Auch im Bereich der betrieblichen Sozial- und Nebenleistungen
spielt die Betriebszugehörigkeitsdauer eine wichtige Rolle. Urlaubsdauer und Rentenhöhe sind typische Beispiele hierfür: Die Urlaubsdauer hängt in den meisten Betrieben vom Dienstalter ab, ebenso wie
das Anrecht auf Alters- und Invaliditätsrente und deren Höhe. Neben
Lohn- und Gehaltserhöhungen werden auch verschiedene Sozialleistungen
nach Dienstalter gewährt, darunter Krankenurlaub, Entlassungsgeld
und verschiedene Sonderzuwendungen.
Auf seiten des Managements werden erhebliche Einwendungen dagegen erhoben, die Anciennität zu einem Kriterium für Beförderungen
zu machen. Die Gewerkschaften sind aber auch hier der Auffassung,
daß die Dauer der Betriebszugehörigkeit einen objektiveren Maßstab
für die Auswahl der Bewerber abgibt als etwa "Tüchtigkeit" oder
"Verdienste".
.
.
.
Gilt die Anciennität als Richtschnur, so weiß jeder Mitarbeiter,
wo er im Verhältnis zu anderen Kollegen steht. Die Auswahl hängt
dann nicht von der Beurteilung oder auch von der Laune eines Vorgesetzten ab. Bei der Auswahl nach "Tüchtigkeit" und "Verdienst" oder
nach anderen subjektiven Gesichtspunkten fehlen wirklich brauchbare
Maßstäbe und sind Mißbräuche nicht ausgeschlossen. Ja, in vielen
Fällen würde man das Alter eines Mitarbeiters sogar als einen Hinderungsgrund für eine Beförderung ansehen, selbst wenn er genauso tüchtig oder sogar tüchtiger ist als ein jüngerer Mitbewerber. Hinzu
kommt, daß das Urteil von Vorgesetzten beeinflußbar ist. Mitarbeiter
die sich selbst ins rechte Licht zu rücken verstehen, haben hier entschieden die größeren Aussichten.
Von Unternehmern wird verschiedentlich ins Feld geführt, daß das
Anciennitätsprinzip die Initiative der Arbeitnehmer hemmt, der Tüchtigkeit den ihr gebührenden Platz streitig.macht.und den jüngeren
und leistungsfähigeren Mitarbeiter nicht zum Zuge kommen läßt. Dieser Vorwurf verdient eine ernsthafte Prüfung. Man kann aber auch umgekehrt fragen, ob die Befolgung des Anciennitätsprinzips nicht den
Leistungswillen im allgemeinen in so hohem Maße anstachelt, daß das
etwaige Nachlassen der Einsatzfreudigkeit einzelner Benachteiligter
dadurch mehr als aufgewogen wird.
An vielen Arbeitsplätzen, die die Erledigung eines festen Pensums
in einer festgesetzten Zeit erfordern - das gilt vor allem für Arbeiten an automatisch vorrückenden Fließbändern - spielt die Tüchtigkeit
keine wesentliche Rolle. An Arbeitsplätzen aber, an denen es auf spezielle Fertigkeiten ankommt, ist Erfahrung - also längere Betriebszugehörigkeit - praktisch die Voraussetzung für hohe Leistungen. Hier
haben Mitarbeiter mit längerer Dienstzeit gewöhnlich die meiste Erfahrung und sind deshalb jüngeren Kollegen meist überlegen.
Vor einigen Jahren hat Professor James J. Healey von der HarvardUniversität 58 Streitfälle untersucht; in denen durch einen Schiedsmann die Beförderung eines jüngeren Mitarbeiters, den die Firmenleitung dem Klage führenden älteren Mitarbeiter vorgezogen hatte.

- 4 -

�hatte, rückgängig gemacht worden war. Frühestens drei Jahre nach
der auf Grund des Schiedsspruches erfolgten Einsetzung des älteren
Mitarbeiters bat Healey die Firmenleitung um Auskunft darüber, wie
sich der Betreffende in der Stellung bewährt habe-, die ihm vorher
verweigert worden war. Man darf unterstellen, daß die Firmen eher
geneigt sind, ihre frühere Entscheidung zu rechtfertigen; dennoch
berichtete die Mehrzahl, daß sich die älteren Mitarbeiter in ihrer
neuen Position entweder sofort oder nach kurzer Zeit bewährt hätten.
In 50 Prozent aller Fälle war der Betreffende in der Zwischenzeit schon
auf einen noch höheren Posten aufgerückt. Nur in einem knappen Viertel der Antworten wurde zum Ausdruck gebracht, daß die Firmenleitung
noch immer die Beförderung des Bewerbers mit der längeren Dienstzeit
als eine Fehlentscheidung ansah.
Healay führte verschiedene Gründe dafür an, daß sich die älteren
Mitarbeiter der größeren Verantwortung gewachsen zeigten. Es mag
durchaus sein, daß die Unternehmensleitung mit ihrer Beurteilung des
jüngeren Mitarbeiters als dem fähigeren recht hatte; fraglich bleibt
nur, ob die besonderen Fertigkeiten des Betreffenden an dem fraglichen
Arbeitsplatz zum Tragen gekommen wären.
Wenn eine Firma ältere Arbeitskräfte entläßt und jüngere weiterbeschäftigt, dann belastet sie den Arbeitsmarkt damit besonders, da
diese Arbeitskräfte meist weniger anpassungsfähig sind und ihnen ein
Umzug in eine andere Stadt meist nicht zugemutet werden kann. Von der
Frage nach Recht und Billigkeit, der menschlichen Problematik und
den wirtschaftlichen Schwierigkeiten älterer Arbeitnehmer in dieser
Lage einmal ganz abgesehen, werden diese selbst im Falle einer Neueinstellung in einer anderen Firma einen geringeren Beitrag zur
Volkswirtschaft leisten als bei ihrer Belassung an dem vertrauten
Arbeitsplatz, an dem sie im Laufe langer Dienstjahre eingehende
Erfahrungen gesammelt haben..
Es wird des weiteren behauptet, die Anwendung des Anciennitätsprinzips beeinträchtige die Mobilität der Arbeit und somit auch
die Leistungsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft. Die älteren
Arbeitskräfte, so wird argumentiert, seien wenig geneigt, eine selbst
besser dotierte neue Stelle anzutreten, weil sie die aus der Anciennität herrührende erhöhte soziale Sicherheit und höheren Ansprüche auf
betriebliche Nebenleistungen nicht aufgeben wollen. Somit binde die
Anciennität, so wird gefolgert, den Arbeitnehmer fest an das Unternehmen und schränkte damit die Arbeitsmobilität ein, die für eine
flexible und expandierende Wirtschaft unerläßlich sei.
Es mag zutreffen, daß langjährige Betriebszugehörigkeit die Arbeitskräfte gegenüber lockenden Stellenangeboten und der mit einem
Wechsel verbundenen Umstellung zu größerer Zurückhaltung veranlaßt.
Das gilt aber ganz allgemein für ältere Arbeitnehmer, gleichgültig,
ob sie Anciennitätsrechte geltend machen können oder nicht.
Die Motive, die einen Arbeitnehmer bewegen, über die Probezeit
hinaus bei einem Unternehmen zu bleiben, beherrschen ihn auch bei seinem weiteren Verbleib in der Firma über Jahre hinweg. Anciennitätsrechte

-

5 -

�Anciennitätsrechte mögen ihn in seinem Entschluß bestärken, den
Arbeitsplatz nicht zu wechseln, die primäre Ursache einer solchen
Haltung aber sind sie wohl nur selten.
Es waren immer die Jüngeren, die den größten Anteil an der
Arbeitsfluktuation hatten. Viele Jugendliche wechseln häufig den
Arbeitsplatz, nicht weil sie keine Anciennitätsrechte erworben haben,
sondern weil sie sich noch nicht fest für einen bestimmten Beruf
oder eine bestimmte Tätigkeit entschließen können.
Professor Arthur Ross von der Universität Kalifornien kam in
einer Untersuchung über den Rückgang der Fluktuation in den letzten
Jahrzehnten zu dem Schluß, daß die zunehmende Anerkennung des
Anciennitätsprinzips bei dieser Entwicklung nur eine geringe Rolle
gespielt hat. Seine Untersuchungen erbrachten den Beweis, daß Kündigungen seitens der Arbeitnehmer bei Beschäftigten mit auch nur einigen
Dienstjahren schon immer selten waren, auch in der Zeit vor dem ersten
Weltkrieg, als Anciennitätsrechte im heutigen Sinne überhaupt noch unbekannt waren. Der Rückgang der Fluktuation ist mithin auf ein Nachlassen der Bereitschaft zu einem häufigen Arbeitsplatzwechsel gerade
unter den jüngeren Beschäftigten zurückzuführen.

Aus "The American Federationist".

» * « * *

-

6 -

�Die Automation in den Vereinigten Staaten
Automation - ein Bruch mit der Vergangenheit

Schon als das Rad erfunden wurde, fürchteten wahrscheinlich
bereits einige wenige, daß sie durch diese Erfindung ihre Arbeit
verlieren würden. Als dann die noch unförmigen Räder zu einem
Karren zusammengefügt und Ochsen als Zugtiere davorgespannt wurden, waren es sicherlich andere, die um ihre Arbeit bangten. Und
so ist es seither durch all die Jahrtausende bis in die Jahrhunderte der industriellen Revolution hinein gewesen: immer wieder
haben sich die Menschen über die Auswirkungen neuer Produktionsmethoden Gedanken und Sorgen gemacht und den Verlust ihres Arbeitsplatzes befürchtet.
Auch jetzt wieder sind es die Wechselbeziehungen zwischen
technologischem Fortschritt und Arbeitslosigkeit, die im Mittelpunkt heftiger Auseinandersetzungen stehen.
Die Atitomation, diese neue und dynamische Form des technischen
Fortschritts, ist inzwischen aus dem Versuchs- und Experimentierstadium auf das weite Feld der praktischen Anwendung hinübergewechselt. Ihr Vormarsch auf breitester Front in allen Zweigen der Wirtschaft erfolgte dabei zu einem Zeitpunkt, wo die vorhandenen Produktionskapazitäten in der amerikanischen Wirtschaft nicht voll ausgenutzt wurden - eine Tatsache, die allgemein mitssehr gemischten
Gefühlen registriert wurde.
Die Frage, die daher heute überall gestellt wird, ist die:
Bringt die Automation nun eigentlich schwerwiegende Arbeitsmarktprobleme und Arbeitslosigkeit mit sich oder aber eröffnet sie uns
neue Perspektiven des Wohlstandes?
Die Erfahrung hat uns gezeigt, daß der Schlüssel für einen
steigenden Lebensstandard die Produktivität ist und daß technologische Veränderungen den Hauptfaktor für eine Produktivitätssteigerung
darstellen•
Zwischen 1947 und 1959 hat sich die Arbeitsproduktivität in den
USA um 46 Prozent erhöht. Das bedeutet, daß die Produktionsleistung
von 1947 im Jahre 1959 mit rund einem Drittel weniger Arbeitnehmern das sind rund 17,5 Millionen - hätte erzielt werden können. Statt
aber Arbeitsplätze auszulöschen, hat die Produktivitätszunahme im
Gegenteil zu einer Erhöhung der Gesamtbeschäftigtenzahl um 10 Prozent, einem Rückgang der geleisteten Arbeitsstunden um 5 Prozent
und einer Zunahme der Produktion um 53 Prozent geführt.
Damit wäre an sich nichts Neues über die Auswirkungen der
technologischen Veränderungen auf Produktion und Beschäftigung gesagt. Warum also dann diese Sorgen?
Die

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�Die Automation ist mehr als eine bloße Verfeinerung der
Mechanisierung. In verschiedener Hinsicht stellt sie sogar einen
vollkommenen Bruch mit der Vergangenheit dar. Einmal erstreckt
sich ihr Anwendungsbereich über eine sehr breite Skala - denn
sie überdeckt praktisch alle Produktionszweige -, von der medizinischen Diagnose bis zur Buchübersetzung, von der Lohnbuchhaltung bis zur langfristigen Konjunkturprognose, von der Produktionsprogrammierung bis zur vollkommenen Kontrolle der gesamten Produktionsanlage,
Zum anderen jedoch erfolgt die Einführung der Automation
in einem weitaus größeren Tempo, als es bei anderen technologischen Veränderungen in früheren Zeiten der Fall war. Das bedingt
wiederum, daß die durch die Automation freigesetzten Arbeitskräfte
von der Wirtschaft schnell und zu einem Zeitpunkt absorbiert werden müssen, wo auf dem Arbeitsmarkt gleichzeitig ein großer Bedarf
an solchen Arbeitnehmern besteht, die über die für die neue Produktionstechnik erforderlichen Qualifikationen verfügen.
Schließlich aber rollt der Automationsprozeß in einer auf
hoher Stufe stehenden Volkswirtschaft ab, deren Hauptcharakteristikum der Massenkonsum ist. Wenn daher Arbeitskräfte auf Grund der
Einführung der Automation ihre Arbeitsplätze verlieren, so können
sie nur dann eine andere Beschäftigung finden, wenn die allgemeine
Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen gesteigert wird.
Zwei Elemente sind es vor allem, die die Automation von den
konventionellen Produktionsverfahren unterscheiden:
1. Die Herstellung eines Gegenstandes erfolgt hier im Rahmen
eines integrierten, kontinuierlichen Produktionsprozesses.
2. Quantität und Qualität der Produktion werden ständig kontrolliert, so daß das gesamte System jeweils mit maximaler
Leistung arbeitet.
Noch bis vor kurzem gab es zwei voneinander getrennte Entwicklungen auf dem Gebiet der Automation. Auf der einen Seite standen
die Datenverarbeitungsanlagen - wie z.B. die Elektronenrechner -,
auf der anderen die automatischen Kontrolleinrichtungen und -instrumente - etwa beim automatischen Transferprozeß in den Ölraffinerien.
Jetzt aber beginnen sich diese beiden Strömungen miteinander
zu verbinden: Durch die Verwendung von Ring-Kontrollsystemen wird
der Elektronenrechner mit den Instrumentenkontrollen verbunden, so
daß er praktisch den gesamten Produktionsprozeß überwachen kann.
Gegen Ende 196O belief sich der Wert der automatischen Produktionseinrichtungen in den Vereinigten Staaten auf mehr als 6 Mrd.
Dollar - das entspricht einem Wertzuwachs von 75 Prozent in den vergangenen sechs Jahren.
Obwohl

8

�O"bwohl sich aber die Automation immer schneller ausgebreitet
hat, so Ist sie andererseits doch auch durch zahlreiche Gegenkräfte in ihrer Entwicklung gehemmt worden: Die wichtigsten Faktoren bilden hier die hohen TJmrüstungskosten; eine große elektronische Rechenanlage kostet heute mehr als 1 Million Dollar - sowie
die langen Vorbereitungszeiten - in der Regel braucht man drei
Jahre, um die Pläne für die Installierung und Einrichtung eines
Elektronenrechnersystems in die Praxis zu übertragen. Hinzu
kommt noch, daß die Automation in vielen Fällen nicht auf Anhieb
die erwarteten Erfolge gebracht hat. Die letzten Jahre waren nämlich weitgehend Jahre der Versuche und Irrtümer.
Schließlich ist die volle Automatisierung eine in jeder Beziehung gewaltige Aufgabe. Nach zuverlässigen Schätzungen nämlich
wären rund 500 Mrd, Dollar und eine Zeit von 55 Jahren mit ebenso
hohen Kapitalinvestitionen wie in den letzten Jahren notwendig, um
die amerikanische Fertigungsindustrie voll automatisieren zu können.
Automation und Erwerbslosigkeit
Nachdem wir einige der Möglichkeiten für die Anwendung der
Automation sowie ihre Grenzen aufgezeigt haben, erhebt sich nun
also die Frage, welche Auswirkungen die Automation auf den Arbeitsmarkt hat. Inwieweit.hat die Automation zum derzeitigen Problem
der Arbeitslosigkeit beigetragen?
Innerhalb eines Betriebes werden sich die Auswirkungen im allgemeinen nur allmählich und graduell abzeichnen. Auf Grund der
langen Vorbereitungszeit ist es der Unternehmensführung meist möglich, die Arbeitnehmer auf die neuen Tätigkeiten umzuschulen und
größere Entlassungen durch eine Drosselung der Neueinstellungen
zu vermeiden. Hinsichtlich der Lösung des Personalproblems besteht
in den Büros heute allgemein die Tendenz, die besseren Transfermöglichkeiten für Arbeitskräfte in diesen Betrieben weitgehend auszunutzen und im übrigen auf den hohen Umschlag an Arbeitskräften
zu bauen. In den Industriebetrieben dagegen, die gegenüber Rückschlägen in der Wirtschaft weitaus empfindlicher sind, dürften
jedoch einige der in Rezessionszeiten entlassenen Arbeitnehmer bei
erneuter Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität nicht wieder eingestellt werden.
Wenn es auch sehr schwierig ist, die genaue Zahl jener Arbeitskräfte anzugeben, die auf Grund der Automation, von Veränderungen
in den Verbrauchergewohnheiten oder anderer Faktoren ihre Arbeitsplätze in den einzelnen Industriezweigen oder Berufsgruppen verloren
haben, so geben doch die.folgenden Ergebnisse einen gewissen Aufschluß darüber:
1. In einigen Industriezweigen, in denen die Produktion rückläufig war, ist die Zahl der entlassenen Arbeitskräfte im Verhältnis zum Produktionsrückgang allgemein größer gewesen. Die Steinkohlenförderung z.B. war 1959 im Vergleich zum Durchschnitt der
Jahre 1947-49 um 35 Prozent geringer, die Zahl der Beschäftigten
lag dagegen um 60 Prozent niedriger. Dennoch würde die Beschäftigten-

9

�Beschäftigtenzahl vielleicht noch stärker abgenommen haben, wenn
nicht die technischen Veränderungen dazu beigetragen hätten, die
Wettbewerbsfähigkeit des Bergbaus gegenüber den anderen Brennstofferzeugern zu erhalten.
2. In den Fabrikationsbetrieben stieg die Produktion seit
1953 um 17 Prozent an, während gleichzeitig die Zahl der Arbeitskräfte um 5 Prozent abnahm. In einigen Fabrikationszweigen ist
dieser Kontrast noch stärker ausgeprägt. Die Automobilproduktion
hatte in diesem Zeitraum bei einer gleichzeitigen Verminderung
der Zahl der Arbeitskräfte um 16 Prozent einen Anstieg von 26 Prozent zu verzeichnen.
3. In verschiedenen Fabrikationszweigen ist die Produktions zunähme so stark gewesen, daß sich der Bedarf an Arbeitskräften trotz
der Einführung der Automation weiter erhöhte. In der chemischen Industrie z.B. liegt die Beschäftigtenzahl im Vergleich zu 1955 um
8 Prozent, in der Elektromaschinenindustrie um 7 Prozent höher.
Gleichzeitig nahm die Zahl der Beschäftigten im Handel um 11 Prozent, in den Dienstleistungszweigen um 20 Prozent und bei den Regierungsbehörden um 27 Prozent zu; und
4. schließlich hat sich die Beschäftigungsstruktur der Industrie auf Grund der Einführung der Automation und der veränderten
Bedarfsnachfrage erheblich gewandelt. So nahm in den vergangenen
zehn Jahren die Zahl der Beschäftigten in den akademischen und technischen Berufen um 55 Prozent zu, während sich auf Grund des größeren Arbeitsanfalls in den Büros - obwohl auch hier die Automation
ihren Einzug hielt - die Zahl der Angestellten um 32 Prozent erhöhte.
Die Zahl der Produktionsarbeiter nahm dagegen in diesem Zeitraum
nur um 5 Prozent zu.
Dennoch aber spielte die Automation (in ihrer tatsächlichen
Bedeutung verstanden) bei diesen strukturellen Veränderungen nur
ein« untergeordnete Rolle. Untersuchungen haben ergeben, daß pro
entlassenen Arbeitnehmer Investitionen in Höhe von schätzungsweise
35 000 Dollar erforderlich sind. Wenn sämtliche Investitionen für
Produktionsausrüstungen im Jahr 1 96O ausschließlich für automatische
Maschinen aufgewendet worden wären, dann hätten nämlich rund 500 000
Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz verlieren müssen. Tatsächlich waren
es aber nur rund 200 000.
Über all dem Gesagten drängen sich zwei Fragen auf: 1. Können
Methoden entwickelt werden, um die Umsetzung von Arbeitskräften in
Industriezweige mit steigender Nachfrage zu erleichtern? Einem
entlassenen Arbeiter ist nicht viel geholfen, wenn man i-hm sagt,
daß ein großer Bedarf an Physikern besteht. Das Problem einer angemessenen Umschulung auf solche Berufe und Tätigkeiten, die in Zukunft gefragt sind, wird sich immer stärker in den Vordergrund schieben.
Zwischen i960 und 1970 wird sich die Zahl der schulentlassenen
und neu zum Arbeitsmarkt drängenden jungen Arbeitnehmer, viele von
ihnen ohne eine berufliche Ausbildung und Vorbildung, ungemein stark

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�stark erhöhen - in der Altersgruppe der 20- bis 24jährigen zum Beispiel rechnet man mit einer Zunahme um rund 50 Prozent. In der
Altersgruppe der 24- bis 45jährigen - also der erfahreneren Arbeitskräfte - dagegen ist nur ein Anstieg um 5 Prozent zu erwarten.
Außerdem ergeben sich noch ernste menschliche Probleme hinsichtlich
der Bereitstellung von Arbeitsplätzen für jene älteren Arbeitnehmer,
die auf Grund der technologischen Veränderungen möglicherweise
ihren angestammten Arbeitsplatz verlieren.
Die zweite Frage ist die: Können die Sektoren der Wirtschaft
mit expandierenden Beschäftigungsmöglichkeiten sowohl jene neu auf
den Arbeitsmarkt strömenden Jugendlichen als auch jene älteren
Arbeitnehmer absorbieren, die ihren Arbeitsplatz auf Grund des
technischen Fortschritts verloren haben?
Die A.ntwort hierauf ist, daß eine stark expandierende und schnell
wachsende Volkswirtschaft durchaus in der Lage ist, allen ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten zu sichern. Die Fortschritte auf dem
Gebiet der Produktivität, die weitgehend aus den technologischen
Veränderungen resultieren, können zu einem schnelleren Wachstum
der Realeinkommen beitragen. In der Folge können daher auch die
Märkte sowohl für die derzeitigen als auch die neuen Güter und
Dienstleistungen ausgeweitet werden.
Diese notwendige kräftige wirtschaftliche Expansion ergibt
sich allerdings nicht von selbst. Sie erfordert vielmehr eine Wirtschaftspolitik, durch die die Spar- und Investitionstätigkeit angeregt
wird, damit neue Methoden und Produktionsmittel entwickelt und eingeführt werden können; und sie verlangt ferne&lt;r eine ständige, sowohl
quantitative als auch qualitative Verbesserung unseres Erziehungssystems, damit der dynamischen Wirtschaft die erforderlichen Fachkräfte zugeführt werden können. Außerdem muß die Wirtschaftspolitik
darauf ausgerichtet sein, eine insgesamt ausreichende Bedarfsnachfrage zu sichern, damit ständig höhere Produktions- und Beschäftigungsniveaus erreicht werden können, ohne dabei jedoch inflationistische Strömungen auszulösen.
Unser Land braucht mehr Automation und mehr technologische Veränderungen jeglicher Art. Gleichzeitig müssen wir ein Wirtschaftsklima schaffen, das einem wirtschaftlichen Wachstum günstig ist.
Nur auf diese Weise wird es uns möglich sein, Arbeitsplätze für
jene jungen Menschen zu schaffen, die in den nächsten zehn Jahren
zum Arbeitsmarkt drängen werden.
(Aus "Business in Brief", dem zweimonatlich erscheinenden
Informationsbrief der "Chase Manhattan Bank", New York)

* * * * *

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-

�Präsident Kennedy vor dem^amerikanischen Gewerkschaftsverband
Am 7» Dezember 1961 hielt Präsident Kennedy vor dem Kongreß
der "AFL-CIO" in Miami Beach eine Rede, in der er auf verschiedene aktuelle Probleme einging, die für die Gewerkschaften von
besonderer Bedeutung sind.
Auf den japanischen Überfall auf Pearl Harbor vor fast genau
20 Jahren anspielend, betonte der Präsident einleitend, daß sich
die USA heute einer im Grunde noch gefährlicheren Bedrohung ausgesetzt sähen als damals. Weltweite Herausforderungen und Probleme
gelte es heute zu meistern. Wörtlich fuhr er dann fort:
"Es ist kein Zufall, daß die Kommunisten dabei ihr besonderes
Augenmerk auf die Gewerkschaftsbewegung richten. Sie wissen, daß
die werktätige Bevölkerung häufig übergangen worden ist und in
vielen Teilen der Welt keine Fürsprecher hat; deshalb suchen die
Kommunisten diese Menschen zu verführen, indem sie sich als Hüter
ihrer Rechte aufspielen.
Doch weil wir in den Vereinigten Staaten schon lange eine
starke, freie Gewerkschaftsbewegung besitzen, haben die amerikanischen Arbeiter nicht das Gefühl, übergangen worden zu sein. Solange
die Gewerkschaftsbewegung stark und auf die Freiheit verpflichtet
bleibt, wird dies, wie ich glaube, die Freiheit unseres Landes
festigen.
Deshalb möchte ich hoffen, daß jeder Amerikaner, ganz gleich»
auf welcher Seite des Verhandlungstisches er sich befunden hat oder
ob er einem völlig- anderen Lebenskreis angehört, das eine erkennt!
daß die Stärke der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung lebenswichtig
für die Bewahrung der Freiheit unseres Landes und auf dem ganzen Erdball ist.
Ganz besonders freut es mich zu hören, daß an der heutigen Tagung auch 150 Gewerkschaftsführer aus dem Ausland, und zwar aus 32
Ländern, teilnehmen. Ich glaube, und ich sage dies als Präsident, daß
einer der großen Aktivposten unseres Landes der Einfluß ist, den diese
Gewerkschaftsbewegung überall in der Welt geltend machen kann, indem
sie zeigt, was f;reie Gewerkschaften zu tun vermögen. Ich hoffe, sie
werden von dieser Tagung die Erkenntnis mit nach Hause nehmen, daß
auf lange Sicht eine starke Gewerkschaftsbewegung für die Erhaltung
der Demokratie auch in ihren Heimatländern von wesentlicher Bedeutung
ist.
Es ist kein Zufall, daß es in der Sowjetunion seit 30, 35 oder
gar 40 Jahren keinen Streik mehr gegeben hat. Und die Kommunisten,
die in Lateinamerika, Afrika oder Asien die Belange des Volkes zu
vertreten vorgeben, können nach keiner Regel der Logik oder Diskussion behaupten, daß eine Gewerkschaftsbewegung frei sei, wenn
sie weder imstande ist, ihre Rechte gegenüber dein Arbeitgeber zum

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�zum Ausdruck zu bringen, noch die Grenzen staatlicher Macht zu erkennen und anzusprechen.
Wir sind nicht allwissend. Wir sind nicht allmächtig. Wir
haben eine freie Gesellschaft, in der Arbeitgeber und Arbeitnehmer,
in der Bauern und Bürger ihre Rechte haben. Nicht wir haben ihnen
diese Rechte im Staat gegeben. Und ich hoffe, daß alle, die aus
diesem Saal wieder nach Lateinamerika, nach Europa, nach Afrika
zurückkehren werden, begriffen haben, daß wir hierzulande an Freiheit und Fortschritt glauben und auch daran, daß die Freiheit materielle Güter im Überfluß und Wohlstand hervorzubringen vermag.
Und Sie sollen auch wissen, daß ich dieser Tagung und dem
Gewerkschaftsparlament entscheidende Bedeutung für die Wahrnehmung
der Interessen unseres Landes und die Sache der Freiheit in der
kommenden Zeit beimesse.
Was die werktätige Bevölkerung, was dieses Land vereint, ist
weit wichtiger als alles, worüber wir Meinungsverschiedenheiten haben
könnten.
Denn Sie, meine Damen und Herren, sind nicht nur die Führer
ihrer Gewerkschaften, sondern Sie sind auch Bürger der Vereinigten
Staaten in verantwortungsvoller Position, und deshalb erschien es
mir durchaus angebracht, heute hierher zu kommen, um mit Ihnen zu
sprechen.
Zunächst möchte ich Ihnen meine Anerkennung für verschiedene
Dinge aussprechen. Dies gilt beispielsweise für die Bemühungen der
Interessenvertreter jener Männer und Frauen, die in unseren Raketenwerkstätten arbeiten. Ihre Bereitschaft, auf Streiks in der Raketenund Raumfahrtindustrie zu verzichten, und die Tatsache, daß die
dort tätigen Männer und Frauen diese Verpflichtung eingehalten haben,
hat unsere Fortschritte auf diesen Gebieten fühlbar beeinflußt, und
das Land weiß diese Ihre Bemühungen zu schätzen.
Zweitens haben wir erstmals einen Präsidialbeirat für Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Politik, der sich allmonatlich in dem Bestreben
zusammenfindet, wirtschaftspolitische Richtlinien auszuarbeiten
und zu entwickeln, die es dem Lande ermögliche», unter den Bedingungen der Vollbeschäftigung voranzuschreiten. Und ich möchte Ihnen
für Ihre Mitwirkung bei diesen Bemühungen danken.
Drittens möchte ich, wie bereits gesagt, der Gewerkschaftsbewegung danken für das, was sie im Ausland für die Stärkung der freien
Gewerkschaften tut, und Sie zugleich ersuchen, Ihre Anstrengungen zu
verdoppeln. Die Freiheitshoffnung stützt sich in diesen Ländern,
wie gesagt, vielfach auf die Gewerkschaftsbewegung.
Wir wollen nicht, daß den Menschen mancher Länder nur die Wahl
bleibt, ihr Schicksal entweder den wenigen, die den größten Teil
des Volksvermögens in Händen halten, oder andererseits der kommunistischen Bewegung zu überantworten.
Wir

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�Wir stellen sie nicht vor diese Wahl. Wir wollen, daß sie
die Instrumente der Freiheit erhalten, mit denen sie sich schützen
und für den Fortschritt ihrer Länder sorgen können. Das kann eine
starke, freie Gewerkschaftsbewegung erreichen, und ich hoffe, daß
Sie Ihre Aufmerksamkeit in den nächsten zwölf Monaten auf dieses
Gebiet konzentrieren werden - in Lateinamerika und in allen Teilen
der Welt.
In der Tat kommt auch der Regierungschef des Kongo, Cyrille
Adoula, ein starker Verfechter der Freiheit, aus der Gewerkschaftsbewegung. Dasselbe geschieht in einem Land nach dem anderen. Und
das bedeutet für uns alle eine großartige Möglichkeit, aber auch
große Verantwortung hinsichtlich der Fortsetzung dieser Zusammenarbeit .
Schließlich möchte ich diese Gelegenheit wahrnehmen, um der
AFL-CIO meinen Dank für die Unterstützung auszusprechen, die sie
unserem nach langen Beratungen im Kongreß verabschiedeten Gesetzgebungsprogramm gewährt hat."
Dep Präsident ging dann in seiner Rede näher auf die derzeitige
Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage ein und wies insbesondere auf die
erhebliche Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität seit dem Frühjahr
dieses Jahres sowie auf die Tatsache hin, daß im November mit über
67,3 Millionen Beschäftigten ein neuer Rekordstand erzielt wurde,
während gleichzeitig der Anteil der Erwerbslosen an der Gesamtzahl
der Arbeitskräfte,der jetzt bei 6,1 Prozent liegt, erstmalig in
der Amtszeit der neuen Regierung die 7-Prozent-Grenze unterschritt.
Dennoch könne man von einer vollständigen Erholung der Wirtschaft
noch nicht sprechen, da die Zahl der Erwerbslosen immer noch zu
hoch sei. Als weitere bedeutsame sozialpolitische Maßnahmen kündigte
der Präsident in diesem Zusammenhang u.a. die Einbringung einer
Gesetzesvorlage an, die die Umgestaltung des derzeitigen Arbeitslosenversicherungssystems zum Ziele hat. Vorgesehen sei dabei, wie
Kennedy erklärte, die Arbeitslosenversicherung auf eine nationale
Basis zu stellen und die Unterstützungssätze im ganzen Land einheitlich festzusetzen. Ebenso sei es unbedingt erforderlich, für
die Rentner ein Sozialversicherungssystem zu schaffen, das ihnen
einen angemessenen und weitgehend kostenlosen Krankenversicherungsschutz bietet.
Präsident Kennedy ging dann auf die wichtigsten Probleme des
Arbeitsma-rktes ein und erklärte u.a. folgendes:
"Wollen wir unser Arbeitskräftepotential vernünftig nützen,
so müssen wir, meiner Meinung nach, sechs Gebieten unsere Aufmerksamkeit verstärkt zuwenden.
Erstens: Wir müssen uns mehr um die Jugend kümmern. Das kürzlich erschienene Buch von Dr. Conant "Slums and Schools" (Slums
und Schulen) stellte eine Tatsache heraus, die Ihnen allen vertraut
ist: das Problem jener, die die Schule vor dem regulären Abschluß
verlassen - weil die Familienverhältnisse den weiteren Schulbesuch
nicht gestatten, weil es ihnen an Mut zum Durchhalten oder an sachdienlichem Rat fehlt, oder aus anderen Gründen - und sich dann treiben lassen, weil sie keine geregelte Arbeit finden können...
Millionen

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�Millionen verlassen die Schule vorzeitig und gehören dann
ein Leben lang der Kategorie der Ungeschulten, Ungelernten und
häufig Arbeitslosen an. Aus diesem Grunde habe ich den Kongreß
ersucht, ein Jugendbeschäftigungsgesetz (Youth Employment Opportunities Act) zu erlassen, um solchen Jugendlichen mit Rat und
Tat beizustehen, damit sie in die Lage kommen, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.
Wenn es unser Wunsch ist, daß unsere jungen Mitbürger in Anbetracht der Tatsache eine gute Ausbildung erhalten, daß in den
nächsten Jahren Fachkräfte in größerer Zahl gebraucht werden, und
die Jugend zu einem ordnungsgemäßen Abschluß ihrer Schulbildung
angehalten wird, dann muß auch die Bundesregierung ihrer Verantwortung im Bereich des Erziehungswesens gerecht werden.
Ich will es nicht damit genug sein lassen, daß etwa meine
Vaterstadt eine gute Schule besitzt. Ich möchte vielmehr sicherstellen, daß jedes Kind in diesem Lande eine vernünftige Chance
hat, eine gute Bildung zu erwerben...
Zweitens: Wir brauchen ein Umschulungsprogramm
Sie alle, die sie einen so engen Kontakt mit diesem
wissen, was passiert, wenn technische Veränderungen
Betriebe sich verlagern,während die Menschen an Ort
bleiben.

für Erwerbslose.
Problem haben,
eintreten und
und Stelle

Ich habe es in meinem eigenen Heimatstaat Massachusetts erlebt,
wo brotlos gewordene Textilarbeiter keine Stelle finden konnten,
obwohl vor ihren Augen neue Werke der elektronischen Industrie aus
dem Boden gestampft wurden...
Drittenst Die Mitbürger, die einer der Miraderheitengruppen angehören, erfordern unsere Sorge. Sie alle wissen, daß die Zahlenangaben über jene, die als erste entlassen und als letzte wieder eingestellt werden, allzuoft gerade jene Mitbürger betreffen, die unseren Minderheiten angehören.
Wir wünschen, daß ein jeder ohne Rücksicht auf Rassenzugehörigkeit oder Hautfarbe eine reelle Chance erhält, für sich und seine
Familie ein anständiges Leben aufzubauen und eine gute Bildung zu
erwerben, damit er eine echte Chance hat, mit anderen zu konkurrieren,
und nach dem beurteilt wird, was in ihm steckt, nicht aber nach seinem
Aussehen.
Die amerikanische Arbeiterbewegung hat sich schon immer mit diesen Bestrebungen identifiziert, und ich weiß, daß sie das auch in Zukunft tun wird.
Wir unternehmen größte Anstrengungen, um sicherzustellen, daß
alle mit Regierungsaufträgen bedachten Firmen - und es werden Jahr für
Jahr Milliardenbeträge durch die Bundesregierung verausgabt - allen
Bürgern eine faire Chance einräumen, an den betreffenden Vorhaben
mitzuarbeiten.
Viertens:

�viertens: Wir wollen den Firmen größere Möglichkeiten für
Reinvestitionen in ihre Betriebe bieten. Eine der Fragen, die uns
im Hinblick auf das weitere Gedeihen unserer Wirtschaft Sorge
bereiten, ist die Tatsache, daß wir keine so hohe Reinvestitionsrate haben wie z.B. in den Jahren 1955, 1956 und 1957...
Deshalb schlage ich die Gewährung von Steuerbegünstigungen vor,
die die amerikanische Gewerkschaftsbewegung bisher noch nicht zu den
förderungswürdigen Dingen rechnet; ich hoffe aber, daß sie diesen
Vorschlag als einen Weg zur Belebung der Wirtschaft in Erwägung
ziehen wird, damit der derzeitigen Erholung nicht in zwölf oder
18 Monaten der Atem ausgeht, wie der Erholung von 1958/59 im Anschluß an die Rezession von 1958 dann im Jahre 196O der Atem ausging.
Fünftens: Um die Palette unserer Wirtschaftsstabilisatoren
zu erweitern und auf diese Weise die Aufwärtsentwicklung unserer
Wirtschaft sicherzustellen, beabsichtige ich den Kongreß in der
nächsten Sitzungsperiode um vorsorgliche Bewilligung von Abrufmitteln etwa im Sinne der von Senator Clark aus Pennsylvanien eingebrachten Vorlage zu ersuchen, damit den Gemeinden Beihilfen für
dringende öffentliche Vorhaben für den Fall gewährt werden können,
daß die Arbeitslosigkeit zunimmt und die Wirtschaftstätigkeit nachläßt.
Sechstens und letztens: Wir müssen die Arbeitsgelegenheiten
durch die Ausweitung unseres Außenhandels vermehren."
Kennedy appellierte in diesem Zusammenhang an die Gewerkschaftsführer, bei künftigen Lohnverhandlungen Zurückhaltung und Verantwortungsbewußtsein zu zeigen und mit dafür zu sorgen, daß die
Lohnerhöhungen im Einklang mit der Produktivitätszunahme stehen.
Dies sei für die Erhaltung eines stabilen Preisniveaus wie auch
der Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft im In- und
Ausland von größter Wichtigkeit. Die amerikanische Industrie müsse
auch weiterhin in der Lage sein, auf den Weltmärkten ihre Erzeugnisse abzusetzen, und es liege im ureigensten Interesse des amerikanischen Arbeiters, daß die USA auch in Zukunft eine aktive Handelsbilanz aufwiesen.
Wenn die Handelsüberschüsse nicht ständig erhöht würden, so
erklärte Kennedy, dann könnten sich die Vereinigten Staaten unter
Umständen sogar sehr ernsten Problemen gegenübersehen. Obwohl in den
letzten Jahren ein Außenhandelsüberschuß in Höhe von fünf Milliarden
Dollar erzielt worden sei, hätten die USA rund fünf Milliarden Dollar
an Gold verloren.
Wenn diese Entwicklung andauere, müßten unter Umständen eines
Tages Anpassungen vorgenommen werden, die sich eventuell äußerst
nachteilig für die Sache der Freiheit in der Welt auswirken würden.
Die einzige Lösung dieses Problems liege in einer verstärkten Ausweitung der US-Exporte. Dies bedinge, daß die amerikanischen Erzeugnisse wettbewerbsfähig seien und daß für sie immer neue Auslandsmärkte erschlossen würden.
Kennedy

�Kennedy wies weiter darauf hin, daß er bereits im Jahre 1954
als Senator im US-Kongreß eine Vorlage eingebracht habe, um den
durch eine Erhöhung des Imports am stärksten betroffenen Industrien
zu helfen. Er werde nunmehr dem US-Kongreß im kommenden Januar ein
Programm unterbreiten, von dem er hoffe, daß es die Zustimmung des
Kongresses finden werde, und das die Verantwortung der Regierung
während der Übergangszeit für solche Industrien und deren Arbeiter
feststellt, die durch den verstärkten Import ausländischer Erzeugnisse Schaden erleiden.
Er selbst, so betonte Kennedy, sei hinsichtlich der Zukunft
der USA optimistisch und glaube, daß das amerikanische Volk wie
auch die anderen Völker der Welt die Freiheit wünschen und selbst
über ihr Schicksal entscheiden wollen. Hier liege für die USA eine
große Chance, für die Sache der Freiheit - nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht - einen Beitrag zu leisten.

# « * # *

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 2

Bad Godesberg, den 1. Februar 1962
INKALTSVERZEIGHNIS

Die Möglichkeiten einer Arbeitszeitverkürzung
in den USA
Ein Viertel des Einkommens geht für die Steuer drauf
Steigende Aufwendungen für Urlaub und Freizeit
in den USA
Anstieg der Arbeitsproduktivität im Kohlebergbau um
85 Prozent seit 1949
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite

1

Seite

6

Seite

8

Seite

9

Seite

11

John M. Barry, Redakteur der AFL-CIO News:
Die Möglichkeiten einer Arbeitszeitverkürzung in den USA
Aus"The American Federationist",
dem offiziellen Organ des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes
AFL-CIO; November 1961 (gekürzt).
Die Bemühungen der amerikanischen Arbeiterbewegung um die Verkürzung der Arbeitszeit gewinnen in einer Zeit, in der sich die Arbeitslosenziffern trotz aller Anzeichen für eine weitere Zunahme der Wirtschaftstätigkeit auf etwa gleicher Höhe halten, immer größere Bedeutung.
Zahlreiche Gewerkschaftsfunktionäre und Volkswirtschaftler fühlen
sich durch den gleichbleibend hohen Anteil der "technischen Arbeitslosigkeit", der Verdrängung von Menschen durch Maschinen, beunruhigt.
Die Automation ist nicht mehr länger eine Möglichkeit der Zukunft,
sie ist Realität und fordert bereits einen schweren Tribut.
Schon

�Schon auf dem AFL-CIO-Konvent von 1959 kam die tiefe Besorgnis
der Gewerkschaften über die Verringerung der Arbeitsgelegenheiten
deutlich zum Ausdruck. In einer Resolution wurde beispielsweise festgestellt, daß der Ausstoß der Fertigungsindustrien von 1953 his zur
Jahresmitte 1959 um 16 Prozent angestiegen, die Zahl der in der Produktion und mit Wartungsarbeiten Beschäftigten in derselben Zeit
aber um 10 Prozent zurückgegangen sei. "Wenn die Früchte des immer
schnelleren technischen Fortschritts nicht in Form einer Verkürzung
der Arbeitszeit weitergegeben werden, sondern eine Verringerung der
Beschäftigtenzahlen bewirken," so betonten die Delegierten des Konvents, "wird die Arbeitslosigkeit ständig zunehmen. Der technische
Fortschritt macht die Arbeitszeitverkürzung nicht nur möglich, sondern notwendig."
Kein Wunder, daß immer mehr Gewerkschaften bei Kollektivverhandlungen auf die Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich
bestehen, nicht nur als einem Mittel, in Zeiten geringeren Arbeitsanfalls die Arbeit auf möglichst viele zu verteilen, sondern auch
als einem Schritt zur Stabilisierung der Beschäftigungslage auf lange
Sicht.
Die Fünftagewoche mit 40 Arbeitsstunden gilt gegenwärtig noch für
die Mehrzahl der Fabrikarbeiter; von den Büroangestellten wird sie
aber in immer größerer Zahl bereits unterschritten, und es mehren sich
nach Untersuchungen des US-Bundesamtes für Arbeitsstatistik die Bestrebungen, eine weitere Arbeitszeitverkürzung auf sämtliche Angehörigen
der Angestelltenberufe auszudehnen.
In den Jahren 1952-53 arbeiteten beispielsweise 44 Prozent der
Büroangestellten und nur 6 Prozent der Fabrikarbeiter in 18 Beobachtungsgebieten, die vom Bundesamt für Arbeitsstatistik zur Ermittlung
der vorherrschenden Trends ausgewählt worden waren, weniger als 40
Stunden. In den Jahren 1958-59 aber - dem jüngsten Zeitraum, für den
vergleichbare statistische Unterlagen greifbar sind - war der Anteil
der weniger als 40 Stunden Arbeitenden bei den Büroangestellten auf
47 Prozent und bei den Fabrikarbeitern auf 10 Prozent angestiegen.
Noch größere Bedeutung kommt vielleicht der Tatsache zu, daß zwischen
1952 und 1959 die Zahl der Fabrikarbeiter, deren reguläre Arbeitszeit
mehr als 40 Stunden betrug, von 20 auf 7 Prozent zurückging.
Aus anderen Untersuchungen des Bundesamtes für Arbeitsstatistik
geht hervor, daß die Vierzigstundenwoche besonders häufig im Nordosten
der USA unterschritten wird, wo die Arbeitsbedingungen in New York
das Bild der Statistik maßgeblich beeinflussen. Eine Umfrage in den
verschiedenen Großstadtzonen ergab für das Haushaltjahr 1959/60
(vom 1. Juli 1959 bis 30. Juni i960), daß rund 60 Prozent aller
Arbeitnehmer im Nordosten der USA eine reguläre Arbeitszeit von weniger
als 40 Stunden - zumeist 35 Stunden - hatten. Auch hier stellten die
Büroangestellten wiederum den größten Anteil.
Der Siebenstundentag und andere Formen der Arbeitszeitverkürzung
werden Zug um Zug, Berufszweig um Berufszweig und Gewerkschaft um
Gewerkschaft realisiert. Zu den Schrittmachern dieser Bewegung zählen:
Sie

�die Oberbekleidungsindustrie, wo heute praktisch sämtliche Mitglieder der Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsindustrie (Ladies'
Garment Workers Union) Kollektivverträgen unterliegen, die die Fünfunddreißigstundenwoche (bei 5 Arbeitstagen zu je 7 Stunden) vorsehen.
Die Wochenstundenzahl wurde in diesem Wirtschaftszweig in der Zeit
der Wirtschaftskrise um 1930 zwecks Aufteilung der anfallenden Arbeit
herabgesetzt. Nach der Depression wurde die Fünfunddreißigstundenwoche
in New York beibehalten und später auf andere Schwerpunkte der Oberbekleidungsindustrie ausgedehnt^
das Druckerei- und Verlagswesen, in dem im Haushaltjahr 1959/60
die durchschnittliche planmäßige Arbeitswoche 36,6 Stunden betrug,
wie das US-Bundesamt für Arbeitsstatistik in einer Umfrage in Städten
mit mehr als 100 000 Einwohnern ermittelt hat. Im Juli 1955 wurde die
Stundenzahl noch mit 37*1 angegeben. Über zwei Drittel der Mitglieder
des Amerikanischen Journalistenverbandes (American Newspaper Guild)
haben eine Arbeitswoche von weniger als 40 Stunden; und die Hälfte
von diesen wiederum arbeitet 35 Wochenstunden;
das Baugewerbe, in dem etwa 12 Prozent der gelernten und ungelernten Arbeiter die Vierzigstundenwoche unterschreit«». Ungefähr
10 Prozent der Angestellten im Baugewerbe hatten am 1. Juli"1960
die Fünfunddreißigstundenwoche, wie eine Umfrage des Bundesamtes für
Arbeitsstatistik in den Großstädten ergab. Tarifverträge, die für
etwa ein Fünftel der Stukkateure und eis/Zehntel der Elektriker und
Stukkateurarbeiter gelten, brachten den Übergang zur Dreißigstundenwoche;
das Braugewerbe, in dem die normale Arbeitszeit für mehr als
50 Prozent der Beschäftigten bei 37»5 Stunden die Woche lieg-t;
die Gummiindustrie, in der die Sechsunddreißigstundenwoche bei
sechs Arbeitstagen in den Werken in Akrön seit den dreißiger Jahren
die Regel ist;
die privaten Telephongesellschaften, bei denen 100 000 bis
150 000 Angestellte, die der Amerikanischen Gewerkschaft des Fernmeldewesens (Communication Workers of America) angehören, weniger
als 40 Stunden die Woche arbeiten. Hierbei handelt es sich größtenteils um Frauen, die in geteiltem Schichtdienst und vielfach in Nachtschichten arbeiten.
•
Schichtzuschläge in Form verlängerter Freizeit anstelle eines
Aufgelds wurden auch in anderen Wirtschaftszweigen ausgehandelt, vor
allem im Druckerei- und Baugewerbe. Derartige Regelungen bildeten
in mehreren Fällen die Ausgangsbasis für die Durchsetzung genereller
Arbeitszeitverkürzungen bei Tarifverhandlungen. Eine Untersuchung
des Bundesamtes für Arbeitsstatistik aus dem Jahre 1958» in die
1736 größere Kollektivvertragswerke einbezogen worden waren, führte
zu dem Ergebnis, daß- 1317 Verträge die Gewährung von Schichtzuschlägen vorsahen. Etwa 10 Prozent der Vergütung für die zweite Schicht
und 20 Prozent der Vergütung für die dritte Schicht wurden in Form
einer Verkürzung der Arbeitszeit gewährt.
Die

�[
Die Verkürzung des regelmäßigen Arbeitstages ist keineswegs die
einzige Form der Verkürzung der Arbeitszeit. Seit der Depression
der dreißiger J'ahre haben die Bemühungen um die Erlangung freier
Tage mit einer Bezahlungsregelung wie bei Feiertagen und Urlaub sogar im Vordergrund gestanden. Sie spiegeln den Wunsch der arbeitenden
Menschen nach mehr Muße und Freizeit wider.
Vor dem zweiten Weltkrieg beschränkte sich die Bezahlung von
Feiertagen auf leitende und andere Angestellte. Die Einführung
der Lohnüberwachung im Kriege beschleunigte den Gang der Verhandlungen über die Gewährung anderer Sozialleistungen und brachte die
Aufnahme von Klauseln über die Bezahlung •on Feiertagen in eine wachsende
Zahl von Tarifverträgen. Im Jahre 1959 ergab eine Untersuchung des
Bundesamtes für Arbeitsstatistik, daß 91 Prozent aller Fabrikarbeiter
in 18 ausgewählten Gebieten Anspruch auf sechs oder mehr bezahlte
Feiertage hatten gegenüber 86 Prozent im Jahre 1953« 64 Prozent der
Arbeiter erhielten 1959 sogar sieben bezahlte Feiertage gegenüber nur
31 Prozent im Jahre 1953»
Ein ähnlicher Trend herrschte auch hinsichtlich der Gewährung von
bezahltem Urlaub vor. Im Jahre 1958 ergab eine Analyse von Untersuchungen des US-Arbeitsministeriums durch die Wissenschaftliche Abteilung der AFL-CIO, daß 9? Prozent der vom Arbeitsministerium untersuchten bedeutenderen Tarifverträge Bestimmungen über die Gewährung von
bezahltem Urlaub enthielten, während im Jahre 1940 nur etwa ein Viertsl^jäer gewerkschaftlich organisierten Arbeiter bezahlten Urlaub erhielt. Nach dieser Analyse sahen 84 Prozent der Tarifverträge, die
eine Urlaubsregelung nach Betriebszugehörigkeitsdauer zum Gegenstand
hatten, die Gewährung von drei Wochen und 20 Prozent die Gewährung
von vier Wochen Urlaub vor. Im Gegensatz hierzu hatte das Arbeitsministerium 1940 berichtet, daß drei Wochen Urlaub "äußerst selten"
seiend und noch 1952 wiesen lediglich 4 Prozent der größeren Tarifvertragswerke die Verpflichtung zur Gewährung von vier Wochen Urlaub
auf.
Die Analyse der Wissenschaftlichen Abteilung stellte ferner einen
Trend zur Herabsetzung der Mindestbetriebszugehörigkeitsdauer als
Voraussetzung für die Gewährung von bezahltem Urlaub fest. In älteren Tarifverträgen war eine 15&gt; 20- und sogar 25jährige Betriebszugehörigkeit als Vorbedingung für einen dreiwöchigen Urlaub vereinbart worden. Bis zum Jahre 1957 hatte man diese Grenze in der Regel
bereits auf 15 Jahre herabgesetzt, und bei einem Viertel der wichtigeren Tarifverträge betrug sie sogar nur noch zehn Jahre und darunter.
Diese Entwicklungstendenzen zeigen eine Reihe von interessanten
Alternativen zur Verringerung der täglichen Arbeitszeit auf.
Die Viertagewoche ist keineswegs ein unrealistisches Ziel, wenn
sie allmählich angestrebt wird. Um etwas gegen die Arbeitslosigkeit
unter ihren Mitgliedern zu tun, handelte eine örtliche Gewerkschaft
an der Westküste kürzlich einen zusätzlichen freien Tag pro Monat
bei vollem Lohnausgleich aus, was 12 zusätzlichen bezahlten Feiertagen im Jahr gleichkommt. Der nächste Schritt kann durchaus ein freier

- 4 -

�freier Tag alle zwei Wochen und schließlich je Woche sein.
Eine weitere Möglichkeit wäre, als erster Schritt, auch die Forderung nach einer Viereinhalbtagewoche hei 36 Wochenstunden - wie
ja auch die Fünfeinhalbtagewoche der Fünftagewoche vorausging. Und
die Beschäftigten, die sich heute schon der Fünftagewoche mit 35
Stunden erfreuen, sind von der Fünftagewoche mit 30 Stunden oder
der Viertagewoche mit 32 Stunden gar nicht mehr so weit entfernt.
Als Übergangsregelung läßt sich auch die Viertagewoche für einen Teil
des Jahres denken, etwa den Sommer, wo der Arbeitsanfall in gewissen
Wirtschaftszweigen ohnehin geringer und der Wunsch nach mehr Freizeit
größer ist. Es wäre auch möglich, für langjährige Mitarbeiter als eine
Art Übergang zur späteren Pensionierung ein dreitägiges Wochenende
auszuhandeln.
Die Verlängerung des Urlaubs ist eine weitere sehr attraktive Form
der Verkürzung der Arbeitszeit, weil so gewonnene vermehrte Freizeit in
einem Stück genommen werden kann. Es ist allerdings eine sehr großzügige Urlaubsregelung notwendig, um auf diese Weise eine merkliche
Arbeitszeitverkürzung zu bewirken. Jede zusätzliche Urlaubswoche entspricht 40 Stunden und - auf das ganze Jahr umgelegt - einer Verkürzung
der Arbeitszeit um noch nicht einmal eine Stunde pro Woche.
Die jüngeren Tarifabkommen zeigen jedenfalls, daß sich der Trend
zu längerem bezahlten Urlaub allmählich immer deutlicher herausbildet.
Einige der Seeleutegewerkschaften haben einen Jahresurlaub von 30 his
60 Tagen durchgesetzt, der allerdings von gewissen Vorbedingungen
abhängig ist. Ein langer Urlaub ist für Seeleute natürlich eine gewisse
Entschädigung dafür, daß sie lange Zeit, fern von zu Hause und abgeschlossen von anderen Menschen, auf hoher See verbringen müssen. Eine
Höchstgrenze für die Urlaubsforderungen der einzelnen Gewerkschaften gibt
es nicht. Das Ortskartell einer großen amerikanisch-kanadischen Gewerkschaft hat beispielsweise einen einjährigen bezahlten Urlaub für Angestellte nach Beendigung des zehnten Dienstjahres ausgehandelt. Ein langfristiger, durchgehender Urlaub, sei er auch nur auf ein Vierteljahr beschränkt, würde dem arbeitenden Menschen eine Zeit des gründlichen Ausspannens sichern.
Die frühzeitige Pensionierung ist eine weitere Form der Verkürzung der Arbeitszeit, wenn man sie in Beziehung zu dem gesamten Arbeitsleben des Menschen sieht. Zahlreiche Altersversicherungspläne
gestalten bereits die vorzeitige Pensionierung im Alter von 55 Jahren,
wobei eine gewisse Kürzung der Bezüge in Kauf zu nehmen ist. Da eine
allgemeine Anhebung der Altersrenten aber eines der grundlegenden
Ziele bei praktisch allen Kollektivverhandlungen ist, werden sicher
immer mehr Arbeitnehmer von dieser Möglichkeit des früheren Ausscheidens aus dem Erwerbsleben Gebrauch machen. Diese Entwicklung wird
auch durch die kürzlichen Änderungen der Sozialversicherungsgesetze

-

5 -.

�Sozialversicherungsgesetze einen neuen Auftrieb erhalten, die sowohl weiblichen als auch männlichen Arbeitnehmern die vorzeitige
Pensionierung nach Erreichung des 62. Lebensjahres bei geringfügig verringerten Bezügen gestatten.
Angesichts dieser Alternativen wird jede Gewerkschaft den
Weg zur Verringerung der Arbeitszeit wählen, der den Bedürfnissen
und Wünschen ihrer Mitglieder am ehesten entspricht und der jeweiligen Situation in dem entsprechenden Wirtschafts- oder Beschäftigungszweig am besten gerecht wird. Die derzeitigen Verhältnisse
werden sich sicherlich nur ganz allmählich und Schritt für Schritt
ändern, wie dies auch in der Vergangenheit schon der Fall war. Die
Geschichte lehrt uns, daß solche Veränderungen unaufhaltsam sind.
Der diesbezügliche Druck bei Kollektivverhandlungen wird sich in
dem selben Maße verstärken, in dem immer neue Maschinen auf den Plan
treten.
Soll die Automatisierung der Menschheit zum Segen gereichen, dann
muß es uns gelingen, die Vorteile der steigenden Produktivität in
mehr Freizeit und mehr Arbeitsplätze umzumünzen.
(Aus "The American Federationist".)

* * * * *

Ein Viertel des Einkommens geht für die Steuer drauf
Mehr als ein Viertel seiner täglichen Arbeitszeit muß der
amerikanische Arbeitnehmer heute zur Begleichung seiner steuerlichen
und anderen fiskalischen Verpflichtungen aufwenden. Dies hat die
"Tax Foundation, Inc.", eine private Forschungsorganisation, auf
Grund einer kürzlich durchgeführten Analyse festgestellt.
Danach muß der Amerikaner täglich 1 Stunde und 39 Minuten allein
für die vom Bund eingezogenen Steuern (insbesondere die Einkommensteuer)
arbeiten, während er weitere 38 Minuten dafür aufwenden muß, die
Steuern der Bundesstaaten und Gemeinden aufzubringen. Alles in allem
arbeitet er also täglich 2 Stunden und 17 Minuten ausschließlich für
die Steuer.
Im Jahr 1960 brachten sämtliche Bundes-, bundesstaatlichen und
kommunalen Steuerarten der öffentlichen Hand insgesamt 131»7 Mrd.
Dollar ein; das sind 28,6 Prozent des Nettosozialprodukts (zu Marktpreisen). Gemessen am Wert der im Inland erzeugten Güter und Dienstleistungen liegen die Steuern heute im Vergleich zu 1949 um 27 Prozent
und gegenüber 1929 um 167 Prozent höher. Die steuerlichen Belastungen
waren dabei i960 - wenn man den reinen Dollarbetrag als Basis wählt rund 2 1/2 mal so hoch wie im Spitzenjahr des letzten Krieges.
Wie
-

6

.

�Wie aus der Untersuchung weiter hervorgeht, sind die Steuereinnahmen seit Ende des zweiten Weltkrieges im gleichen Maße angestiegen wie das Nettosozialprodukt. Gegenüber der Steuerspitze des Jahres 1943» in dem der Anteil der Bundessteuern am Nettosozialprodukt
21,5 Prozent betrug (in der unmittelbaren Nachkriegszeit ging dann
der Anteil - bis zum Ausbruch des Koreakrieges - auf 16,1 Prozent
0 949) zurück), lagen die Steuern i960 nur unwesentlich niedriger
(Anteil 20,4 Prozent).
Inzwischen sind aber auch die bundesstaatlichen und kommunalen
Steuern erheblich angestiegen. Während sie 1945 nur knapp 5 Prozent
des Nettosozialprodukts ausmachten, belaufen sie sich heute auf 8,2
Prozent. In dieser Zunahme spiegeln sich in erster Linie die wachsenden finanziellen Bedürfnisse der Städte und Kommunen wider, wie sie
durch den Ausbau der zahlreichen kommunalen Einrichtungen - Straßen,
Schulen, Krankenhäuser, soziale Institutionen usw. - gegeben sind.
Während die Einnahmen aus diesen Steuern im Jahre 1945 lediglich
9,8 Mrd. Dollar ausmachten, betragen sie heute (i960) 37»6 Mrd. Dollar. Bei den Bundessteuern sieht die Entwicklung so aus: 1945 m 42,2
Mrd. Dollar; 196O • 94,1 Mrd. Dollar.
In der Analyse der "Tax Foundation" sind jedoch keine Angaben
über die Verwendung der einzelnen Steuergelder enthalten, sondern
lediglich Anhaltszahlen darüber, wieviel Geld der amerikanische Steuerzahler im Durchschnitt für die Aufgaben des Bundes aufbringen muß.
Nach dieser Übersicht sind es pro Jahr 1092 Dollar, die in die
Kassen des Bundes nach Washington fließen. Mehr als die Hälfte dieses
Betrages - nämlich 623 Dollar - wird dabei für die nationale Sicherheit aufgewendet; rund 11 Prozent (120 Dollar) für den Schuldendienst;
33 Dollar für die Auslandshilfe; 65 Dollar für die Unterstützung der
Kriegsteilnehmer. Alle diese - häufig zu einem Posten zusammengezogenen - Ausgaben belaufen sich auf 841 Dollar oder etwas über 75 Prozent
der jährlichen Steuersumme, die der Steuerzahler im Durchschnitt aufbringt. Der Rest fließt dem Farmstützungsprogramm, den zahlreichen Sozial- und Wohlfahrtsplänen, dem Raumfahrtprogramm usw. zu.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

�Steigende Aufwendungen für Urlaub und Freizeit in den USA
Der arbeitende Mensch hat den berechtigten Wunsch nach ausreichender Freizeit: einmal, um die Früchte der Arbeit genießen zu können, zum anderen, um Körper und Geist die nötige Erholung zu gewähren. In den Vereinigten Staaten gibt der steigende Lebensstandard - nicht zuletzt ein Verdienst des amerikanischen Wirtschaftsund Sozialsystems - dem Arbeiter die Möglichkeit, immer mehr Zeit
und auch Geld für die Freizeitgestaltung aufzuwenden. Eine Untersuchung, die vor einiger Zeit von der Chase Manhattan Bank in New York
veröffentlicht wurde, gibt hierüber bemerkenswerte Aufschlüsse.
Im Jahre 196O verdienten die Amerikaner insgesamt 123 Mrd. Dollar
mehr, als sie für Grundnahrungsmittel, Bekleidung, Unterkunft, ärztliche Versorgung, Steuern und andere feste Ausgaben ausgegeben haben.
Mithin konnten sie über fast ein Drittel des gesamten Personaleinkommens nach Abzug der Steuern frei verfügen. Ein Drittel hiervon rund 45 Mrd. Dollar oder mehr als 12 Prozent des Gesamteinkommens wurde für Erholung und Freizeit ausgegeben.
Erfreulich ist, daß der größte Teil dieser Summen für sinnvolle
Zwecke verwendet wurde, vor allem für Urlaubsreisen. Die Aufwendungen
für Reisen innerhalb der Vereinigten Staaten haben sich beispielsweise in den letzten zehn Jahren verdoppelt, die für Auslandsreisen
sogar nahezu verdreifacht.
Eine erhebliche Zunahme ist auch bei den Ausgaben für kulturelle
Zwecke zu verzeichnen. Für Bücher haben die Amerikaner i960 um rund
zwei Drittel mehr ausgegeben als vor fünf Jahren. Die Einnahmen
der Theater aus dem Kartenverkauf sind seit 1946 um 115 Prozent gestiegen und lagen i960 um ein Drittel über den Kasseneinnahmen sämtlicher
öffentlicher Sportveranstaltungen.
Bezeichnend ist auch das zunehmende Interesse für Musik. 32 Millionen Amerikaner betrieben Musik als Liebhaberei; das entspricht einer
Zunahme von 40 Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre. Über die
Hälfte aller Orchester aus Berufsmusikern entfallen heute auf die
USA. Die Besucherzahlen der Museen schnellten in den letzten Jahren
gewaltig in die Höhe.
Andererseits war in verschiedenen Bereichen der Freizeitbetätigung, die sich lange Jahre hindurch besonderer Beliebtheit erfreut
haben, ein Rückgang des Interesses zu beobachten. Die Besucherzahlen
der Filmtheater nahmen ebenso ab wie die VerkaufsZiffern der Fernsehgerätehersteller. Die Zunahme der Besucherzahlen von Sportveranstaltungen erreichte nur ein Viertel der Zuwachsrate der Gesamtausgaben
für Freizeitgestaltung. Um so bemerkenswerter ist es, daß vom aktiven
Sport eine absolute Rekordbeteiligung gemeldet wird. Hier sind es vor
allem die Sportarten, die im Freien betrieben werden, die eine überdurchschnittliche Steigerung der Zahl der Aktiven aufweisen: Rudern,
Schwimmen, Fischen und Jagd. Auch der Kegelsport sowie Baseball, Korbball, Tennis, Golf und Bogenschießen haben viele neue Freunde gewonnen.
Welche

�Welche Motive diesem Strukturwandel in der Freizeitbeschäftigung zugrunde liegen, ist schwer zu sagen. Mit ziemlicher Sicherheit wird er von den allgemeinen wirtschaftlichen und soziologischen
Entwicklungstendenzen beeinflußt. Hierzu nur zwei Beispiele: Die
rapide Zunahme der Beschäftigung in den Angestelltenberufen auf
Kosten der Beschäftigung in der Landwirtschaft und in den Handarbeiterberufen hat im Verein mit der "Flucht" der städtischen Bevölkerung in die Vorstädte viele Energien frei gemacht, die das Interesse der arbeitenden Menschen an einer aktiven Freizeitbeschäftigung wachsen ließen. Und die Anhebung des Bildungsniveaus hat
sicherlich entscheidend mit zu der immer regeren Beteiligung auch
der arbeitenden Menschen am kulturellen Leben beigetragen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Anstieg der Arbeitsproduktivität im Kohlebergbau um 85 Prozent
seit 1949
Auf Grund der in der Zeit zwischen 1949 und 1959 i m amerikanischen Steinkohlebergbau vorgenommenen Mechanisierung und Modernisierung konnte die Arbeitsleistung pro Arbeitnehmer in diesem Industriezweig um insgesamt 85 Prozent gesteigert werden, was einer jährlichen
Produktivitätssteigerung von im Durchschnitt über 6 Prozent entspricht.
Diese Angaben sind in einer umfassenden Analyse über die technologischen Veränderungen im amerikanischen Kohlebergbau und über
ihre zahlreichen Auswirkungen enthalten, die in der Oktober-Ausgabe
1961 von "Monthly Labor Review" erschienen ist.
Wie aus dieser Übersicht weiter hervorgeht, waren im US-Steinkohlebergbau im Jahr 196O nur noch 159 000 Arbeitnehmer beschäftigt,
was eine Abnahme der Beschäftigtenzahl gegenüber 1949 um 63 Prozent
bedeutet. Obwohl sich die langfristigen Aussichten des Steinkohlebergbaus in jüngster Zeit gebessert hätten, so heißt es in dem
Bericht, sei nicht damit zu rechnen, daß sich die Zahl der Beschäftigten in Zukunft wesentlich über das derzeitige Niveau hinaus erhöhen werde.
Auf Grund langfristig abgeschlossener Lieferverträge und in
Anbetracht der steigenden Produktionskosten, hätten die Bergwerksleitungen mit Unterstützung der Gewerkschaften die Gruben verhältnismäßig schnell mechanisiert und modernisiert, heißt es in
dem Artikel weiter. Infolge des Einsatzes besonderer Schürf-.

- 9

�Schürf/, Beladungs- und Umschlageinrichtungen sowie von Förderbändern und speziellen Zubringerwagen werde die Kohle heute unter Tage
praktisch überhaupt nicht mehr von Hand bewegt. Einen sehr starken
Einfluß auf die Erhöhung der Produktionsleistung hätten vor allem
auch die Schrämlader gehabt, durch die der gesamte Abbauprozeß zu
einem kontinuierlichen Arbeitsgang zusammengefaßt worden sei. &gt;
Auch der Tagebau sowie die Kohleaufbereitung ist in den vergangenen zehn Jahren weitgehend mechanisiert und automatisiert worden.
Insgesamt erhöhten sich die Investitionen pro Arbeitsplatz im Kohlebergbau seit 1948 um rund 10 Prozen* jährlich und dürften 1958, wie
es in dem Artikel heißt, pro Arbeitsplatz etwa 15 000 Dollar ausgemacht haben.
Der sichtbare Erfolg all dieser Bemühungen der Zechenleitungen
in den vergangenen zehn Jahren kommt in dem unwahrscheinlich hohen
Anstieg der Arbeitsproduktivität in diesem Industriezweig zum Ausdruck, der rund 85 Prozent betrug und damit größer war als in den
vorangegangenen 50 Jahren zusammen. Auf Grund dieser starken Zunahme
der Arbeitsproduktivität konnten, wie in dem Artikel betont wird, die
Kosten pro Produktionseinheit fast auf dem gleichen Niveau wie 1947
gehalten werden - und das, obwohl die durchschnittlichen Stundenlöhne
der Bergleute in diesem Zeitraum von 1,64 Dollar auf 5,25 Dollar anstiegen und von den Bergwerksgesellschaften Sozialnebenleistungen in
Höhe von 184 Millionen Dollar aufgebracht wurden.
Durch die beträchtliche Mechanisierung und Automatisierung im
amerikanischen Kohlebergbau war es auch in den vergangenen zehn Jahren
möglich, den Kohlepreis weitgehend stabil zu halten und somit die
Wettbewerbsposition der Kohle gegenüber den anderen Brennstoffen zu
sichern. Da die Kraftwerke in der letzten Dekade ihren Kohleverbrauch
nahezu verdoppelten, wanderte praktisch die Hälfte aller in den USA geförderten Kohlen in die Heizkessel der Kraftwerke.
Mit der starken Erhöhung der Arbeitsproduktivität ergab sich bei
einem gleichzeitigen Rückgang der Bedarfsnachfrage zwangsläufig ein
geringerer Bedarf an Arbeitskräften im amerikanischen Steinkohlebergbau, wie in dem Artikel abschließend festgestellt wird. Hierdurch
sei ein starker Rückgang in der Gesamtbeschäftigtenzahl sowie erhöhte
Arbeitslosigkeit in den Kohlebergbaugebieten zu verzeichnen gewesen.

(Quelle: Eigenbericht)

* -x- * * *

_ 10

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Gehaltsanalyse für 68 Angestelltenberufe
Die durchschnittlichen monatlichen Einkommen für insgesamt
68 Angestellten- bzw. freie Berufe lagen in den Vereinigten Staaten
im Winter 1960/61 zwischen 252 Dollar für mit Routinearbeiten beschäftigte Registratoren und 1726 Dollar für Rechtsanwälte, wie
aus einer jetzt vom US-Amt für Arbeitsstatistik veröffentlichten
Gehalts- bzw. Einkommensanalyse hervorgeht, die sich auf das gesamte
Gebiet der Vereinigten Staaten erstreckt.
Es ist dies die zweite umfassende Analyse dieser Art, die vom
US-Arbeitsministerium durchgeführt wurde. Im einzelnen wurden dabei
die Einkommen der wichtigsten Angestellten- und freien Berufe in den
Städten des gesamten Landes untersucht und die analysierten 68 Berufe
in erster Linie aus den folgenden Gruppen ausgewählt: Buchhalter,
Rechtsanwälte, Ingenieure, Chemiker, Zeichner, Personalsachbearbeiter,
Bürokräfte der Dienstleistungszweige und andere Büroangestellte.
Wie aus dieser Untersuchung weiter hervorgeht, beliefen sich die
monatlichen Einkommen bei 23 Berufsgruppen auf weniger als 500 Dollar;
bei 32 auf über 500, aber weniger als 1000 Dollar und bei 13 Gruppen
auf über 1000 Dollar.
Die Monatsgehälter für Ingenieure - die größte Gruppe der wissenschaftlichen Berufe in der Analyse - lagen zwischen 548 Dollar
Gruppe I, Anfangsgehalt für Hochschulabsolventen) und 1588 Dollar
Gruppe VIII, Chefingenieure). Die Anfangsgehälter für Chemiker dagegen betrugen im Durchschnitt 481 Dollar und lagen damit etwas unter
den Anfangsgehältern der Ingenieure. Mit steigendem Gehalt verringern
sich die prozentualen Unterschiede jedoch mehr und mehr. In der Gehaltsgruppe IV zum Beispiel beliefen sich die durchschnittlichen
Monatsgehälter für Ingenieure auf 832 Dollar und für Chemiker auf
792 Dollar.

[

Die durchschnittlichen Monatsgehälter der Bürokräfte lagen der
Untersuchung zufolge zwischen 252 Dollar für Registraturen mit Routinearbeiten und 457 Dollar für das Bedienungspersonal von Tabelliermaschinen. Die größte Gruppe dieser Angestellten, die Stenographen, bezog
im Durchschnitt ein Monatsgehalt von 341 Dollar. Sie lagen damit etwas
über dem Durchschnitt der insgesamt 17 von der Analyse erfaßten Büroangestelltenberufe.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * #

- 11

�52 278 Gewerkschaften legten US-Arbeitsministerium FinangBericht vor
Insgesamt 52 278 amerikanische Gewerkschaften haben nach Angaben
von US-Arbeitsminister Goldberg dem amerikanischen Arbeitsministerium
auf Grund des sogenannten "Labor-Management Reporting and Disclosure
Act of 1959" i m Jahre i960 detaillierte Geschäfts- und Finanzberichte
unterbreitet.
Eine komplette Liste all dieser Gewerkschaften, die neben der
genauen Namensbezeichnung jeder Gewerkschaft auch die Verbandszugehörigkeit sowie die genaue Anschrift enthält, ist in einem 512 Seiten
starken Register enthalten, das nach Meinung von Arbeitsminister Goldberg die umfassendste Übersicht darstellt, die je über amerikanische
Gewerkschaften veröffentlicht wurde. Diese Publikation ist durch das
U.S. Government Printing Office zu beziehen und kostet 1,75 Dollar.
Nicht enthalten in dieser übersieht sind alle jene Gewerkschaften
die auf Grund des Gewerkschaftsgesetzes aus dem Jahre 1959 nicht zur
Offenlegung ihrer Finanzen und zur Abgabe von Tätigkeitsberichten
verpflichtet sind. Bei diesen Gewerkschaften handelt es sich in erster
Linie um Arbeitnehmerorganisationen für die Angestellten des öffentlichen Dienstes.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Löhne der Bauhandwerker leicht angestiegen
Die durchschnittlichen Stundenlöhne der Baufacharbeiter sind im
3. Quartal 1961 geringfügig - und zwar um 0,4 Prozent - angestiegen,
wie aus einer jetzt vom US-Amt für Arbeitsstatistik veröffentlichten
Statistik hervorgeht. Diese Lohnanalyse bezieht sich dabei auf die
sieben wichtigsten Baufacharbeiterberufe in 100 amerikanischen Städten.
Auf Grund der in diesem Zeitraum neu abgeschlossenen Tarifverträge
erhöhten sich die Durchschnittslöhne aller Baufachberufe um 1,4 Cent
und belaufen sich jetzt auf 3»83 Dollar. Am stärksten erhöht haben sich
die Löhne der Bauelektriker (6,3 Centl, der Maler (2,4 Cent) und der
Klempner und Installateure (2,2 Cent).
Gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1947-49 lagen die Bauarbeiterlöhne am 2. Oktober 1961 um 85 Prozent, im Vergleich zum 3. Oktober i960 um 4,0 Prozent höher. Die Gesamtzunahme im Jahre 196O betrug
im Durchschnitt 14,7 Cent, wobei der größte Anstieg in den verschiedenen Berufszweigen 18,4 Cent und der geringste 9,4 Cent betrug.
(Quelle: Eigenbericht)
» * * * #
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«

12

�Industriearbeiterlöhne zqpgen erneut an
Das durchschnittliche Wocheneinkommen der industriellen Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten hat gegenüber Oktober 1961
im November weiter zugenommen, wie aus der jüngsten Lohnübersicht
des US-Arbeitsministeriums zu entnehmen ist. Im gleichen Zeitraum
ist auch die durchschnittliche Länge der wöchentlichen Arbeitszeit
weiter (um 2/10 Stunden) angestiegen und hat mit 40,6 Stunden den
höchsten Stand seit zwei Jahren erreicht.
Nachdem das wöchentliche Nettoeinkommen mit 84,12 Dollar für
einen verheirateten industriellen Arbeitnehmer mit drei Familienangehörigen (76,50 Dollar für Alleinstehende) schon im Oktober einen
absoluten Höchststand erreicht hatte (5 fo mehr als im Oktober i960),
war im November ein weiterer Anstieg zu verzeichnen. Nach den bisher
veröffentlichten Ziffern lagen die durchschnittlichen Bruttowochenlöhne der Industriearbeiter bei 95,82 Dollar (Oktober - 94,54 Dollar)
und damit um 6,61 Dollar höher als vor einem Jahr.
Wie der stellvertretende Unterstaatssekretär im US-Arbeitsministerium, Seymour L. Wolfbein, in diesem Zusammenhang zur derzeitigen Arbeitsmarktlage in den Vereinigten Staaten erklärte, hat sich
die Zahl der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitnehmer seit dem Rezessionstief im Februar 1961 um 2,5 Millionen erhöht und im November
einen Stand von 55,077 Millionen erreicht. Die Gesamtbeschäftigtenzahl wurde vom amerikanischen Arbeitsministerium für November 1961
mit 67,3 Millionen angegeben. Das ist die höchste Beschäftigtenziffer,
die bisher in diesem Monat zu verzeichnen war«
Die Gesamtzahl der Erwerbslosen betrug dagegen in diesem Zeitraum etwa 4 Millionen. Gegenüber dem Vormonat blieb diese Ziffer
unverändert, obwohl sie an sich auf Grund der jahreszeitlichen
Erwartungen hätte um 500 000 höher sein müssen.
Die von den jahreszeitlichen Einflüssen bereinigte Arbeitslosenrate (der Anteil der Erwerbslosen an der Gesamtzahl der verfügbaren
Arbeitskräfte) ging zwischen Oktober und November von 6,8 auf 6,0
Prozent zurück. Dies ist der stärkste Rückgang innerhalb von drei
Jahren.
(Quelle: Eigenbericht)
* • * * «

"

13

"

�Industriearbeiterlöhne stiegen in 50 Jahren von 10 auf 9Q Dollar an
Die durchschnittlichen Wocheneinkommen der industriellen Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten sind in den vergangenen 50
Jahren von 10 Dollar auf 90 Dollar angestiegen, wie aus einer Analyse des amerikanischen Arbeitsministeriums hervorgeht, die sich
mit der Entwicklung der Arbeitsgewohnheiten in den USA zwischen
1909 und 1959 befaßt.
Wie daraus weiter zu entnehmen ist, ging die normale durchschnittliche Arbeitswoche der Industriearbeiter (ohne Überstunden)
in diesem Zeitraum von insgesamt 51 Stunden auf weniger als 40 Stunden zurück.
Dagegen erhöhte sich die Zahl der nichtlandwirtschaftlichen
Arbeitnehmer der amerikanischen Wirtschaft zwischen 1909 und 1959
von 27 Millionen auf 54 Millionen (November 1961 - 55»04 Mio).
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Günstige Streikbilanz im letzten Jahr
Nach vorläufigen Berechnungen des US-Amtes für Arbeitsstatistik
ging sowohl die Zahl der durchgeführten Streiks als auch die Zahl
der davon betroffenen Arbeitnehmer von September auf Oktober erheblich zurück.
Insgesamt begannen im Oktober 1961 rund 300 Streiks, durch die
223 000 Arbeitnehmer erfaßt wurden. Zwei Drittel aller Streiks entfielen dabei auf die Fertigungsindustrie. Da weitere 210 im September
begonnene, im Oktober aber noch andauernde Streiks hinzukommen, belief sich die Gesamtzahl der im Ausstand befindlichen Arbeitnehmer
auf 2t7 000.
Durch diese Streiks gingen insgesamt 2,38 Millionen Arbeitstage
verloren, das sind 0,23 Prozent der in diesem Monat geleisteten Gesamt;
arbeitszeit (0,35 $ im September).
In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres gingen somit
15,3 Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren, verglichen mit 17»9
Millionen im Jahre i960 und 63,3 Millionen im Jahre 1959« Der Anteil
der durch Streiks verlorengegangenen Arbeitstage an der Gesamtarbeitszeit erreichte in der 1O-Monats-Periode 1961 mit 0,16 Prozent den 1957
zum ersten Mal erzielten Niedrigstwert der Nachkriegszeit.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

- 14 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 2

Bad Godesberg, den 1. Februar 1962
INRALTSVERZEICHNIS

Die Möglichkeiten einer Arbeitszeitverkürzung
in den USA

Seite

1

Ein Viertel des Einkommens geht für die Steuer drauf

Seite

6

Steigende Aufwendungen für Urlaub und Freizeit
in den USA
Anstieg der Arbeitsproduktivität im Kohlebergbau um
85 Prozent seit 1949

Seite

8

Seite

9

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite

11

John M. Barry, Redakteur der AFL-CIO News:
Die Möglichkeiten einer Arbeitszeitverkürzung in den USA
Aus"The American Federationist",
dem offiziellen Organ des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes
AFL-CIO; November 1961 (gekürzt).
Die Bemühungen der amerikanischen Arbeiterbewegung um die Verkürzung der Arbeitszeit gewinnen in einer Zeit, in der sich die Arbeitslosenziffern trotz aller Anzeichen für eine weitere Zunahme der V/irtschaftstätigkeit auf etwa gleicher Höhe halten, immer größere Bedeutung.
Zahlreiche Gewerkschaftsfunktionäre und Volkswirtschaftler fühlen
sich durch den gleichbleibend hohen Anteil der "technischen Arbeitslosigkeit", der Verdrängung von Menschen durch Maschinen, beunruhigt.
Die Automation ist nicht mehr länger eine Möglichkeit der Zukunft,
sie ist Realität und fordert bereits einen schweren Tribut.
Schon

�Schon auf dem AFL-CIO-Konvent von 1959 kam die tiefe Besorgnis
der Gewerkschaften über die Verringerung der Arbeitsgelegenheiten
deutlich zum Ausdruck. In einer Resolution wurde beispielsweise festgestellt, daß der Ausstoß der Fertigungsindustrien von 1955 bis zur
Jahresmitte 1959 um 16 Prozent angestiegen, die Zahl der in der Produktion und mit Wartungsarbeiten Beschäftigten in derselben Zeit
aber um 10 Prozent zurückgegangen sei. "Wenn die Früchte des immer
schnelleren technischen Fortschritts nicht in Form einer Verkürzung
der Arbeitszeit weitergegeben werden, sondern eine Verringerung der
Beschäftigtenzahlen bewirken," so betonten die Delegierten des Konvents, "wird die Arbeitslosigkeit ständig zunehmen. Der technische
Fortschritt macht die Arbeitszeitverkürzung nicht nur möglich, sondern notwendig."
Kein Wunder, daß immer mehr Gewerkschaften bei Kollektivverhandlungen auf die Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich
bestehen, nicht nur als einem Mittel, in Zeiten geringeren Arbeitsanfalls die Arbeit auf möglichst viele zu verteilen, sondern auch
als einem Schritt zur Stabilisierung der Beschäftigungslage auf lange
Sicht.
Die Fünftagewoche mit 40 Arbeitsstunden gilt gegenwärtig noch für
die Mehrzahl der Fabrikarbeiter; von den Büroangestellten wird sie
aber in immer größerer Zahl bereits unterschritten, und es mehren sich
nach Untersuchungen des US-Bundesamtes für Arbeitsstatistik die Bestrebungen, eine weitere Arbeitszeitverkürzung auf sämtliche Angehörigen
der Angestelltenberufe auszudehnen.
In den Jahren 1952-55 arbeiteten beispielsweise 44 Prozent der
Büroangestellten und nur 6 Prozent der Fabrikarbeiter in 18 Beobachtungsgebieten, die vom Bundesamt für Arbeitsstatistik zur Ermittlung
der vorherrschenden Trends ausgewählt worden waren, weniger als 40
Stunden. In den Jahren 1958-59 aber - dem jüngsten Zeitraum, für den
vergleichbare statistische Unterlagen greifbar sind - war der Anteil
der weniger als 40 Stunden Arbeitenden bei den Büroangestellten auf
47 Prozent und bei den Fabrikarbeitern auf 10 Prozent angestiegen.
Noch größere Bedeutung kommt vielleicht der Tatsache zu, daß zwischen
1952 und 1959 die Zahl der Fabrikarbeiter, deren reguläre Arbeitszeit
mehr als 40 Stunden betrug, von 20 auf 7 Prozent zurückging.
Aus anderen Untersuchungen des Bundesamtes für Arbeitsstatistik
geht hervor, daß die Vierzigstundenwoche besonders häufig im Nordosten
der USA unterschritten wird, wo die Arbeitsbedingungen in New York
das Bild der Statistik maßgeblich beeinflussen. Eine Umfrage in den
verschiedenen Großstadtzonen ergab für das Haushaltjähr 1959/60
(vom 1. Juli 1959 bis 50. Juni i960), daß rund 60 Prozent aller
Arbeitnehmer im Nordosten der USA eine reguläre Arbeitszeit von weniger
als 40 Stunden - zumeist 55 Stunden - hatten. Auch hier stellten die
Büroangestellten wiederum den größten Anteil.
Der Siebenstundentag und andere Formen der Arbeitszeitverkürzung
werden Zug um Zug, Berufszweig um Berufszweig und Gewerkschaft um
Gewerkschaft realisiert. Zu den Schrittmachern dieser Bewegung zählen:
flie

�die Oberbekleidungsindustrie, wo heute praktisch sämtliche Mitglieder der Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsindustrie (Ladies1
Garment Workers Union) Kollektivverträgen unterliegen, die die Fünfunddreißigstundenwoche (bei 5 Arbeitstagen zu je 7 Stunden) vorsehen.
Die Wochenstundenzahl wurde in diesem Wirtschaftszweig in der Zeit
der Wirtschaftskrise um 1930 zwecks Aufteilung der anfallenden Arbeit
herabgesetzt. Nach der Depression wurde die Fünfunddreißigstundenwoche
in New York beibehalten und später auf andere Schwerpunkte der Oberbekleidungsindustrie ausgedehnt^
das Druckerei- und Verlagswesen, in dem im Haushaltjahr 1959/60
die durchschnittliche planmäßige Arbeitswoche 36,6 Stunden betrug,
wie das US-Bundesamt für Arbeitsstatistik in einer Umfrage in Städten
mit mehr als 100 000 Einwohnern ermittelt hat. Im Juli 1955 wurde die
Stundenzahl noch mit 37,1 angegeben. Über zwei Drittel der Mitglieder
des Amerikanischen Journalistenverbandes (American Newspaper Guild)
haben eine Arbeitswoche von weniger als 40 Stunden; und die Hälfte
von diesen wiederum arbeitet 35 Wochenstunden;
das Baugewerbe, in dem etwa 12 Prozent der gelernten und ungelernten Arbeiter die Vierzigstundenwoche unterschreit«». Ungefähr
10 Prozent der Angestellten im Baugewerbe hatten am 1. Juli'1960
die Fünfunddreißigstundenwoche, wie eine Umfrage des Bundesamtes für
Arbeitsstatistik in den Großstädten ergab. Tarifverträge, die für
etwa ein Fünftel der Stukkateure und «iE/Zehntel der Elektriker und
Stukkateurarbeiter gelten, brachten den Übergang zur Dreißigstundenwoche;
das Braugewerbe, in dem die normale Arbeitszeit für mehr als
50 Prozent der Beschäftigten bei 37»5 Stunden die Woche liegt;
die Gummiindustrie, in der die Sechsunddreißigstundenwoche bei
sechs Arbeitstagen in den Werken in Akrön seit den dreißiger Jahren
die Regel ist;
die privaten Telephongesellschaften, bei denen 100 000 bis
150 000 Angestellte, die der Amerikanischen Gewerkschaft des Fernmeldewesens (Coramunication Workers of America) angehören, weniger
als 40 Stunden die Woche arbeiten. Hierbei handelt es sich größtenteils um Frauen, die in geteiltem Schichtdienst und vielfach in Nachtschichten arbeiten.
Schichtzuschläge in Form verlängerter Freizeit anstelle eines
Aufgelds wurden auch in anderen Wirtschaftszweigen ausgehandelt, vor
allem im Druckerei- und Baugewerbe. Derartige Regelungen bildeten
in mehreren Fällen die Ausgangsbasis für die Durchsetzung genereller
Arbeitszeitverkürzungen bei Tarifverhandlungen. Eine Untersuchung
des Bundesamtes für Arbeitsstatistik aus dem Jahre 1958, in die
1736 größere Kollektivvertragswerke einbezogen worden waren, führte
zu dem Ergebnis, daß- 1317 Verträge die Gewährung von Schichtzuschlägen vorsahen. Etwa 10 Prozent der Vergütung für die zweite Schicht
und 20 Prozent der Vergütung für die dritte Schicht wurden in Form
einer Verkürzung der Arbeitszeit gewährt.
Die

-

3 -

�Die Verkürzung des regelmäßigen Arbeitstages ist keineswegs die
einzige Form der Verkürzung der Arbeitszeit. Seit der Depression
der dreißiger Jahre haben die Bemühungen um die Erlangung freier
Tage mit einer Bezahlungsregelung wie bei Feiertagen und Urlaub sogar im Vordergrund gestanden. Sie spiegeln den Wunsch der arbeitenden
Menschen nach mehr Muße und Freizeit wider.
Vor dem zweiten Weltkrieg beschränkte sich die Bezahlung von
Feiertagen auf leitende und andere Angestellte. Die Einführung
der Lohnüberwachung im Kriege beschleunigte den Gang der Verhandlungen über die Gewährung anderer Sozialleistungen und brachte die
Aufnahme von Klauseln über die Bezahlung ^on Feiertagen in eine wachsende
Zahl von Tarifverträgen. Im Jahre 1959 ergab eine Untersuchung des
Bundesamtes für Arbeitsstatistik, daß 91 Prozent aller Fabrikarbeiter
in 18 ausgewählten Gebieten Anspruch auf sechs oder mehr bezahlte
Feiertage hatten gegenüber 86 Prozent im Jahre 1953« 64 Prozent der
Arbeiter erhielten 1959 sogar sieben bezahlte Feiertage gegenüber nur
31 Prozent im Jahre 1953»
Ein ähnlicher Trend herrschte auch hinsichtlich der Gewährung von
bezahltem Urlaub vor. Im Jahre 1958 ergab eine Analyse von Untersuchungen des US-Arbeitsministeriums durch die Wissenschaftliche Abteilung der AFL-CIO, daß 9? Prozent der vom Arbeitsministerium untersuchten bedeutenderen Tarifverträge Bestimmungen über die Gewährung von
bezahltem Urlaub enthielten, während im Jahre 1940 nur etwa ein Viert.el^jler gewerkschaftlich organisierten Arbeiter bezahlten Urlaub erhielt. Nach dieser Analyse sahen 84 Prozent der Tarifverträge, die
eine Urlaubsregelung nach Betriebszugehörigkeitsdauer zum Gegenstand
hatten, die Gewährung von drei Wochen und 20 Prozent die Gewährung
von vier Wochen Urlaub vor. Im Gegensatz hierzu hatte das Arbeitsministerium 1940 berichtet, daß drei Wochen Urlaub "äußerst selten"
seien^ und noch 1952 wiesen lediglich 4 Prozent der größeren Tarifvertragswerke die Verpflichtung zur Gewährung von vier Wochen Urlaub
auf.
Die Analyse der Wissenschaftlichen Abteilung stellte ferner einen
Trend zur Herabsetzung der Mindestbetriebszugehörigkeitsdauer als
Voraussetzung für die Gewährung von bezahltem Urlaub fest. In älteren Tarifverträgen war eine 15, 20- und sogar 25jährige Betriebszugehörigkeit als Vorbedingung für einen dreiwöchigen Urlaub vereinbart worden. Bis zum Jahre 1957 hatte man diese Grenze in der Regel
bereits auf 15 Jahre herabgesetzt, und bei einem Viertel der wichtigeren Tarifverträge betrug sie sogar nur noch zehn Jahre und darunter.
Diese Entwicklungstendenzen zeigen eine Reihe von interessanten
Alternativen zur Verringerung der täglichen Arbeitszeit auf.
Die Viertagewoche ist keineswegs ein unrealistisches Ziel, wenn
sie allmählich angestrebt wird. Um etwas gegen die Arbeitslosigkeit
unter ihren Mitgliedern zu tun, handelte eine örtliche Gewerkschaft
an der Westküste kürzlich einen zusätzlichen freien Tag pro Monat
bei vollem Lohnausgleich aus, was 12 zusätzlichen bezahlten Feiertagen im Jahr gleichkommt. Der nächste Schritt kann durchaus ein freier

-

4 -

�freier Tag alle zwei Wochen und schließlich je Woche sein.
Eine weitere Möglichkeit wäre, als erster Schritt, auch die Forderung nach einer Viereinhalbtagewoche bei ~}6 Wochenstunden - wie
ja auch die Fünfeinhalbtagewoche der Fünftagewoche vorausging. Und
die Beschäftigten, die sich heute schon der Fünftagewoche mit 35
Stunden erfreuen, sind von der Fünftagewoche mit 30 Stunden oder
der Viertagewoche mit 32 Stunden gar nicht mehr so weit entfernt.
Als Übergangsregelung läßt sich auch die Viertagewoche für einen Teil
des Jahres denken, etwa den Sommer, wo der Arbeitsanfall in gewissen
Wirtschaftszweigen ohnehin geringer und der Wunsch nach mehr Freizeit
größer ist. Es wäre auch möglich, für langjährige Mitarbeiter als eine
Art Übergang zur späteren Pensionierung ein dreitägiges Wochenende
auszuhandeln.
Die Verlängerung des Urlaubs ist eine weitere sehr attraktive Form
der Verkürzung der Arbeitszeit, weil so gewonnene vermehrte Freizeit in
einem Stück genommen werden kann. Es ist allerdings eine sehr großzügige Urlaubsregelung notwendig, um auf diese Weise eine merkliche
Arbeitszeitverkürzung zu bewirken. Jede zusätzliche Urlaubswoche entspricht 40 Stunden und - auf das ganze Jahr umgelegt - einer Verkürzung
der Arbeitszeit um noch nicht einmal eine Stunde pro Woche,
Die jüngeren Tarifabkommen zeigen jedenfalls, daß sich der Trend
zu längerem bezahlten Urlaub allmählich immer deutlicher herausbildet.
Einige der Seeleutegewerkschaften haben einen Jahresurlaub von 30 bis
60 Tagen durchgesetzt, der allerdings von gewissen Vorbedingungen
abhängig ist. Ein langer Urlaub ist für Seeleute natürlich eine gewisse
Entschädigung dafür, daß sie lange Zeit, fern von zu Hause und abgeschlossen von anderen Menschen, auf hoher See verbringen müssen. Eine
Höchstgrenze für die Urlaubsforderungen der einzelnen Gewerkschaften gibt
es nicht. Das Ortskartell einer großen amerikanisch-kanadischen Gewerkschaft hat beispielsweise einen einjährigen bezahlten Urlaub für Angestellte nach Beendigung des zehnten Dienstjahres ausgehandelt. Ein langfristiger, durchgehender Urlaub, sei er auch nur auf ein Vierteljahr beschränkt, würde dem arbeitenden Menschen eine Zeit des gründlichen Ausspannens sichern.
Die frühzeitige Pensionierung ist eine weitere Form der Verkürzung der Arbeitszeit, wenn man sie in Beziehung zu dem gesamten Arbeitsleben des Menschen sieht. Zahlreiche Altersversicherungspläne
gestalten bereits die vorzeitige Pensionierung im Alter von 55 Jahren,
wobei eine gewisse Kürzung der Bezüge in Kauf zu nehmen ist. Da eine
allgemeine Anhebung der Altersrenten aber eines der grundlegenden
Ziele bei praktisch allen Kollektivverhandlungen ist, werden sicher
immer mehr Arbeitnehmer von dieser Möglichkeit des früheren Ausscheidens aus dem Erwerbsleben Gebrauch machen. Diese Entwicklung wird
auch durch die kürzlichen Änderungen der Sozialversicherungsgesetze

-

5 -,

�•I

Sozialversicherungsgesetze einen neuen Auftrieb erhalten, die sowohl weihlichen als auch männlichen Arbeitnehmern die vorzeitige
Pensionierung nach Erreichung des 62. Lebensjahres bei geringfügig verringerten Bezügen gestatten.
Angesichts dieser Alternativen wird jede Gewerkschaft den
Weg zur Verringerung der Arbeitszeit wählen, der den Bedürfnissen
und Wünschen ihrer Mitglieder am ehesten entspricht und der jeweiligen Situation in dem entsprechenden Wirtschafts- oder Beschäftigungszweig am besten gerecht wird. Die derzeitigen Verhältnisse
werden sich sicherlich nur ganz allmählich und Schritt für Schritt
ändern, wie dies auch in der Vergangenheit schon der Fall war. Die
Geschichte lehrt uns, daß solche Veränderungen unaufhaltsam sind.
Der diesbezügliche Druck bei Kollektivverhandlungen wird sich in
dem selben Maße verstärken, in dem immer neue Maschinen auf den Plan
treten.
Soll die Automatisierung der Menschheit zum Segen gereichen, dann
muß es uns gelingen, die Vorteile der steigenden Produktivität in
mehr Freizeit und mehr Arbeitsplätze umzumünzen.
(Aus "The American Federationist".)

* * * * *

Ein Viertel des Einkommens geht für die Steuer drauf
Mehr als ein Viertel seiner täglichen Arbeitszeit muß der
amerikanische Arbeitnehmer heute zur Begleichung seiner steuerlichen
und anderen fiskalischen Verpflichtungen aufwenden. Dies hat die
"Tax Foundation, Inc.", eine private Forschungsorganisation, auf
Grund einer kürzlich durchgeführten Analyse festgestellt.
Danach muß der Amerikaner täglich 1 Stunde und 39 Minuten allein
für die vom Bund eingezogenen Steuern (insbesondere die Einkommensteuer)
arbeiten, während er weitere 38 Minuten dafür aufwenden muß, die
Steuern der Bundesstaaten und Gemeinden aufzubringen. Alles in allem
arbeitet er also täglich 2 Stunden und 17 Minuten ausschließlich für
die Steuer.
Im Jahr 1960 brachten sämtliche Bundes-, bundesstaatlichen und
kommunalen Steuerarten der öffentlichen Hand insgesamt 131»7 Mrd.
Dollar ein; das sind 28,6 Prozent des Nettosozialprodukts (zu Marktpreisen). Gemessen am Wert der im Inland erzeugten Güter und Dienstleistungen liegen die Steuern heute im Vergleich zu 1949 um 27 Prozent
und gegenüber 1929 um 167 Prozent höher. Die steuerlichen Belastungen
waren dabei 196O - wenn man den reinen Dollarbetrag als Basis wählt rund 2 1/2 mal so hoch wie im Spitzenjahr des letzten Krieges.
Wie

-

6 -

�Wie aus der Untersuchung weiter hervorgeht, sind die Steuereinnahmen seit Ende des zweiten Weltkrieges im gleichen Maße angestiegen wie das Nettosozialprodukt. Gegenüber der Steuerspitze des Jahres 1943» in dem der Anteil der Bundessteuern am Nettosozialprodukt
21 ,5 Prozent betrug (in der unmittelbaren Nachkriegszeit ging dann
der Anteil - bis zum Ausbruch des Koreakrieges - auf 16,1 Prozent
1949) zurück), lagen die Steuern i960 nur unwesentlich niedriger
Anteil 20,4 Prozent),

[

Inzwischen sind aber auch die bundesstaatlichen und kommunalen
Steuern erheblich angestiegen. Während sie 1945 nur knapp 5 Prozent
des Nettosozialprodukts ausmachten, belaufen sie sich heute auf 8,2
Prozent. In dieser Zunahme spiegeln sich in erster Linie die wachsenden finanziellen Bedürfnisse der Städte und Kommunen wider, wie sie
durch den Ausbau der zahlreichen kommunalen Einrichtungen - Straßen,
Schulen, Krankenhäuser, soziale Institutionen usw. - gegeben sind.
Während die Einnahmen aus diesen Steuern im Jahre 1945 lediglich
9,8 Mrd. Dollar ausmachten, betragen sie heute (i960) 37&gt;6 Mrd. Dollar. Bei den Bundessteuern sieht die Entwicklung so aus: 1945 • 42,2
Mrd. Dollar; 196O = 94,1 Mrd. Dollar.
In der Analyse der "Tax Foundation" sind jedoch keine Angaben
über die Verwendung der einzelnen Steuergelder enthalten, sondern
lediglich Anhaltszahlen darüber, wieviel Geld der amerikanische Steuerzahler im Durchschnitt für die Aufgaben des Bundes aufbringen muß.
Nach dieser Übersicht sind es pro Jahr 1092 Dollar, die in die
Kassen des Bundes nach Washington fließen. Mehr als die Hälfte dieses
Betrages - nämlich 623 Dollar - wird dabei für die nationale Sicherheit aufgewendet; rund 11 Prozent (120 Dollar) für den Schuldendienst;
33 Dollar für die Auslandshilfe; 65 Dollar für die Unterstützung der
Kriegsteilnehmer. Alle diese - häufig zu einem Posten zusammengezogenen - Ausgaben belaufen sich auf 841 Dollar oder etwas über 75 Prozent
der jährlichen Steuersumme, die der Steuerzahler im Durchschnitt aufbringt. Der Rest fließt dem Farmstützungsprogramm, den zahlreichen Sozial- und Wohlfahrtsplänen, dem Raumfahrtprogramm usw. zu.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

- 7' -

�Steigende Aufwendungen für Urlaub und Freizeit in den USA
Der arbeitende Mensch hat den berechtigten Wunsch nach ausreichender Freizeit: einmal, um die Früchte der Arbeit genießen zu können, zum anderen, um Körper und Geist die nötige Erholung zu gewähren. In den Vereinigten Staaten gibt der steigende Lebensstandard - nicht zuletzt ein Verdienst des amerikanischen Wirtschaftsund Sozialsystems - dem Arbeiter die Möglichkeit, immer mehr Zeit
und auch Geld für die Freizeitgestaltung aufzuwenden. Eine Untersuchung, die vor einiger Zeit von der Chase Manhattan Bank in New York
veröffentlicht wurde, gibt hierüber bemerkenswerte Aufschlüsse.
Im Jahre i960 verdienten die Amerikaner insgesamt 123 Mrd. Dollar
mehr, als sie für Grundnahrungsmittel, Bekleidung, Unterkunft, ärztliche Versorgung, Steuern und andere feste Ausgaben ausgegeben haben.
Mithin konnten sie über fast ein Drittel des gesamten Personaleinkommens nach Abzug der Steuern frei verfügen. Ein Drittel hiervon rund 45 Mrd. Dollar oder mehr als 12 Prozent des Gesamteinkommens wurde für Erholung und Freizeit ausgegeben.
Erfreulich ist, daß der größte Teil dieser Summen für sinnvolle
Zwecke verwendet wurde, vor allem für Urlaubsreisen. Die Aufwendungen
für Reisen innerhalb der Vereinigten Staaten haben sich beispielsweise in den letzten zehn Jahren verdoppelt, die für Auslandsreisen
sogar nahezu verdreifacht.
Eine erhebliche Zunahme ist auch bei den Ausgaben für kulturelle
Zwecke zu verzeichnen. Für Bücher haben die Amerikaner 196O um rund
zwei Drittel mehr ausgegeben als vor fünf Jahren. Die Einnahmen
der Theater aus dem Kartenverkauf sind seit 1946 um 115 Prozent gestiegen und lagen i960 um ein Drittel über den Kasseneinnahmen sämtlicher
öffentlicher Sportveranstaltungen.
Bezeichnend ist auch das zunehmende Interesse für Musik. 32 Millionen Amerikaner betrieben Musik als Liebhaberei; das entspricht einer
Zunahme von 40 Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre. Über die
Hälfte aller Orchester aus Berufsmusikern entfallen heute auf die
USA. Die Besucherzahlen der Museen schnellten in den letzten Jahren
gewaltig in die Höhe.
Andererseits war in verschiedenen Bereichen der Freizeitbetätigung, die sich lange Jahre hindurch besonderer Beliebtheit erfreut
haben, ein Rückgang des Interesses zu beobachten. Die Besucherzahlen
der Filmtheater nahmen ebenso ab wie die Verkaufs Ziffern der Fernsehgerätehersteller. Die Zunahme der Besucherzahlen von Sportveranstaltungen erreichte nur ein Viertel der Zuwachsrate der Gesamtausgaben
für Freizeitgestaltung. Um so bemerkenswerter ist es, daß vom aktiven
Sport eine absolute Rekordbeteiligung gemeldet wird. Hier sind es vor
allem die Sportarten, die im Freien betrieben werden, die eine überdurchschnittliche Steigerung der Zahl der Aktiven aufweisen: Rudern,
Schwimmen, Fischen und Jagd. Auch der Kegelsport sowie Baseball, Korbball, Tennis, Golf und Bogenschießen haben viele neue Freunde gewonnen.
Welche

�v

Welche Motive diesem Strukturwandel in der Freizeitbeschäftigung zugrunde liegen, ist schwer zu sagen. Mit ziemlicher Sicherheit wird er von den allgemeinen wirtschaftlichen und soziologischen
Entwicklungstendenzen beeinflußt. Hierzu nur zwei Beispiele: Die
rapide Zunahme der Beschäftigung in den Angestelltenberufen auf
Kosten der Beschäftigung in der Landwirtschaft und in den Handarbeiterberufen hat im Verein mit der "Flucht" der städtischen Bevölkerung in die Vorstädte viele Energien frei gemacht, die das Interesse der arbeitenden Menschen an einer aktiven Freizeitbeschäftigung wachsen ließen. Und die Anhebung des Bildungsniveaus hat
sicherlich entscheidend mit zu der immer regeren Beteiligung auch
der arbeitenden Menschen am kulturellen Leben beigetragen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * *

*

Anstieg der Arbeitsproduktivität im Kohlebergbau um 85 Prozent
seit 1949
Auf Grund der in der Zeit zwischen 1949 und 1959 i m amerikanischen Steinkohlebergbau vorgenommenen Mechanisierung und Modernisierung konnte die Arbeitsleistung pro Arbeitnehmer in diesem Industriezweig um insgesamt 85 Prozent gesteigert werden, was einer jährlichen
Produktivitätssteigerung von im Durchschnitt über 6 Prozent entspricht.
Diese Angaben sind in einer umfassenden Analyse über die technologischen Veränderungen im amerikanischen Kohlebergbau und über
ihre zahlreichen Auswirkungen enthalten, die in der Oktober-Ausgabe
1961 von "Monthly Labor Review" erschienen ist.
Wie aus dieser Übersicht weiter hervorgeht, waren im US-Steinkohlebergbau im Jahr 196O nur noch 159 00° Arbeitnehmer beschäftigt,
was eine Abnahme der Beschäftigtenzahl gegenüber 1949 u m 63 Prozent
bedeutet. Obwohl sich die langfristigen Aussichten des Steinkohlebergbaus in jüngster Zeit gebessert hätten, so heißt es in dem
Bericht, sei nicht damit zu rechnen, daß sich die Zahl der Beschäftigten in Zukunft wesentlich über das derzeitige Niveau hinaus erhöhen werde.
Auf Grund langfristig abgeschlossener Lieferverträge und in
Anbetracht der steigenden Produktionskosten, hätten die Bergwerksleitungen mit Unterstützung der Gewerkschaften die Gruben verhältnismäßig schnell mechanisiert und modernisiert, heißt es in
dem Artikel weiter. Infolge des Einsatzes besonderer Schürf-.

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�Schürf/, Beladungs- und Umschlageinrichtungen sowie von Förderbändern und speziellen Zubringerwagen werde die Kohle heute unter Tage
praktisch überhaupt nicht mehr von Hand bewegt. Einen sehr starken
Einfluß auf die Erhöhung der Produktionsleistung hätten vor allem
auch die Schrämlader gehabt, durch die der gesamte Abbauprozeß zu
einem kontinuierlichen Arbeitsgang zusammengefaßt worden sei. &lt;
Auch der Tagebau sowie die Kohleaufbereitung ist in den vergangenen zehn Jahren weitgehend mechanisiert und automatisiert worden.
Insgesamt erhöhten sich die Investitionen pro Arbeitsplatz im Kohlebergbau seit 1948 um rund 10 Prozent jährlich und dürften 1958, wie
es in dem Artikel heißt, pro Arbeitsplatz etwa 13 000 Dollar ausgemacht haben.
Der sichtbare Erfolg all dieser Bemühungen der Zechenleitungen
in den vergangenen zehn Jahren kommt in dem unwahrscheinlich hohen
Anstieg der Arbeitsproduktivität in diesem Industriezweig zum Ausdruck, der rund 85 Prozent betrug und damit größer war als in den
vorangegangenen 30 Jahren zusammen. Auf Grund dieser starken Zunahme
der Arbeitsproduktivität konnten, wie in dem Artikel betont wird, die
Kosten pro Produktionseinheit fast auf dem gleichen Niveau wie 1947
gehalten werden - und das, obwohl die durchschnittlichen Stundenlöhne
der Bergleute in diesem Zeitraum von 1,64 Dollar auf 3»25 Dollar anstiegen und von den Bergwerksgesellschaften Sozialnebenleistungen in
Höhe von 184 Millionen Dollar aufgebracht wurden.
Durch die beträchtliche Mechanisierung und Automatisierung im
amerikanischen Kohlebergbau war es auch in den vergangenen zehn Jahren
möglich, den Kohlepreis weitgehend stabil zu halten und somit die
Wettbewerbsposition der Kohle gegenüber den anderen Brennstoffen zu
sichern. Da die Kraftwerke in der letzten Dekade ihren Kohleverbrauch
nahezu verdoppelten, wanderte praktisch die Hälfte aller in den USA geförderten Kohlen in die Heizkessel der Kraftwerke.
Mit der starken Erhöhung der Arbeitsproduktivität ergab sich bei
einem gleichzeitigen Rückgang der Bedarfsnachfrage zwangsläufig ein
geringerer Bedarf an Arbeitskräften im amerikanischen Steinkohlebergbau, wie in dem Artikel abschließend festgestellt wird. Hierdurch
sei ein starker Rückgang in der Gesamtbeschäftigtenzahl sowie erhöhte
Arbeitslosigkeit in den Kohlebergbaugebieten zu verzeichnen gewesen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

- 10

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Gehaltsanalyse für 68 Angestelltenberufe
Die durchschnittlichen monatlichen Einkommen für insgesamt
68 Angestellten- bzw. freie Berufe lagen in den Vereinigten Staaten
im Winter 1960/61 zwischen 252 Dollar für mit Routinearbeiten beschäftigte Registratoren und 1726 Dollar für Rechtsanwälte, wie
aus einer jetzt vom US-Amt für Arbeitsstatistik veröffentlichten
Gehalts- bzw. Einkommensanalyse hervorgeht, die sich auf das gesamte
Gebiet der Vereinigten Staaten erstreckt.
Es ist dies die zweite umfassende Analyse dieser Art, die vom
US-Arbeitsministerium durchgeführt wurde. Im einzelnen wurden dabei
die Einkommen der wichtigsten Angestellten- und freien Berufe in den
Städten des gesamten Landes untersucht und die analysierten 68 Berufe
in erster Linie aus den folgenden Gruppen ausgewählt: Buchhalter,
Rechtsanwälte, Ingenieure, Chemiker, Zeichner, Personalsachbearbeiter,
Bürokräfte der Dienstleistungszweige und andere Büroangestellte.
Wie aus dieser Untersuchung weiter hervorgeht, beliefen sich die
monatlichen Einkommen bei 23 Berufsgruppen auf weniger als 500 Dollar;
bei 32 auf über 500, aber weniger als 1000 Dollar und bei 13 Gruppen
auf über 1000 Dollar.
Die Monatsgehälter für Ingenieure - die größte Gruppe der wissenschaftlichen Berufe in der Analyse - lagen zwischen 548 Dollar
Gruppe I, Anfangsgehalt für Hochschulabsolventen) und 1588 Dollar
Gruppe VIII, Chefingenieure). Die Anfangsgehälter für Chemiker dagegen betrugen im Durchschnitt 481 Dollar und lagen damit etwas unter
den Anfangsgehältern der Ingenieure. Mit steigendem Gehalt verringern
sich die prozentualen Unterschiede jedoch mehr und mehr. In der Gehaltsgruppe IV zum Beispiel beliefen sich die durchschnittlichen
Monatsgehälter für Ingenieure auf 832 Dollar und für Chemiker auf
792 Dollar.

I

Die durchschnittlichen Monatsgehälter der Bürokräfte lagen der
Untersuchung zufolge zwischen 252 Dollar für Registraturen mit Routinearbeiten und 457 Dollar für das Bedienungspersonal von Tabelliermaschinen. Die größte Gruppe dieser Angestellten, die Stenographen, bezog
im Durchschnitt ein Monatsgehalt von 341 Dollar. Sie lagen damit etwas
über dem Durchschnitt der insgesamt 17 von der Analyse erfaßten Büroangestelltenberufe .
(Quelle: Eigenbericht)
* # * * *

1 1

�52 278 Gewerkschaften legten US-Arbeitsministerium Finangfrericht vor
Insgesamt 52 278 amerikanische Gewerkschaften haben nach Angaben
von US-Arbeitsminister Goldberg dem amerikanischen Arbeitsministerium
auf Grund des sogenannten "Labor-Management Reporting and Disclosure
Act of 1959" i m Jahre i960 detaillierte Geschäfts- und Finanzberichte
unterbreitet.
Eine komplette Liste all dieser Gewerkschaften, die neben der
genauen Namensbezeichnung jeder Gewerkschaft auch die Verbandszugehörigkeit sowie die genaue Anschrift enthält, ist in einem 512 Seiten
starken Register enthalten, das nach Meinung von Arbeitsminister Goldberg die umfassendste Übersicht darstellt, die je über amerikanische
Gewerkschaften veröffentlicht wurde. Diese Publikation ist durch das
U.S. Government Printing Office zu beziehen und kostet 1,75 Dollar.
Nicht enthalten in dieser übersieht sind alle jene Gewerkschaften,
die auf Grund des Gewerkschaftsgesetzes aus dem Jahre 1959 nicht zur
Offenlegung ihrer Finanzen und zur Abgabe von Tätigkeitsberichten
verpflichtet sind. Bei diesen Gewerkschaften handelt es sich in erster
Linie um Arbeitnehmerorganisationen für die Angestellten des öffentlichen Dienstes.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Löhne der Bauhandwerker leicht angestiegen
Die durchschnittlichen Stundenlöhne der Baufacharbeiter sind im
3. Quartal 1961 geringfügig - und zwar um 0,4 Prozent - angestiegen,
wie aus einer jetzt vom US-Amt für Arbeitsstatistik veröffentlichten
Statistik hervorgeht. Diese Lohnanalyse bezieht sich dabei auf die
sieben wichtigsten Baufacharbeiterberufe in 100 amerikanischen Städten.
Auf Grund der in diesem Zeitraum neu abgeschlossenen Tarifverträge
erhöhten sich die Durchschnittslöhne aller Baufachberufe um 1,4 Cent
und belaufen sich jetzt auf 3,85 Dollar. Am stärksten erhöht haben sich
die Lohne der Bauelektriker (6,3 Cent}, der Maler (2,4 Cent) und der
Klempner und Installateure (2,2 Cent).
Gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1947-49 lagen die Bauarbeitevlöhne am 2. Oktober 1961 um 85 Prozent, im Vergleich zum 3. Oktober i960 um 4,0 Prozent höher. Die Gesamtzunahme im Jahre 1 96O betrug
im Durch&amp;chritt 14,7 Cent, wobei der größte Anstieg in den verschiedenen Berufszweigen 18,4 Cent und der geringste 9,4 Cent betrug.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

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12

�Industriearbeiterlöhne zcsgen erneut an
Das durchschnittliche Wocheneinkommen der industriellen Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten hat gegenüber Oktober 1961
im November weiter zugenommen, wie aus der jüngsten Lohnübersicht
des US-Arbeitsministeriums zu entnehmen ist. Im gleichen Zeitraum
ist auch die durchschnittliche Länge der wöchentlichen Arbeitszeit
weiter (um 2/10 Stunden) angestiegen und hat mit 40,6 Stunden den
höchsten Stand seit zwei Jahren erreicht.
Nachdem das wöchentliche Nettoeinkommen mit 84,12 Dollar für
einen verheirateten industriellen Arbeitnehmer mit drei Familienangehörigen (76,50 Dollar für Alleinstehende) schon im Oktober einen
absoluten Höchststand erreicht hatte (5 fo mehr als im Oktober i960),
war im November ein weiterer Anstieg zu verzeichnen. Nach den bisher
veröffentlichten Ziffern lagen die durchschnittlichen Bruttowochenlöhne der Industriearbeiter bei 95»82 Dollar (Oktober = 94»54 Dollar)
und damit um 6,61 Dollar höher als vor einem Jahr.
Wie der stellvertretende Unterstaatssekretär im US-Arbeitsministerium, Seymour L. Wolfbein, in diesem Zusammenhang zur derzeitigen Arbeitsmarktlage in den Vereinigten Staaten erklärte, hat sich
die Zahl der nichtlandwirtschaftlichen Arbeitnehmer seit dem Rezessionstief im Februar 1961 um 2,5 Millionen erhöht und im November
einen Stand von 55»077 Millionen erreicht. Die Gesamtbeschäftigtenzahl wurde vom amerikanischen Arbeitsministerium für November 1961
mit 67,3 Millionen angegeben. Das ist die höchste Beschäftigtenziffer,
die bisher in diesem Monat zu verzeichnen war.
Die Gesamtzahl der Erwerbslosen betrug dagegen in diesem Zeitraum etwa 4 Millionen. Gegenüber dem Vormonat blieb diese Ziffer
unverändert, obwohl sie an sich auf Grund der jahreszeitlichen
Erwartungen hätte um 500 000 höher sein müssen.
Die von den jahreszeitlichen Einflüssen bereinigte Arbeitslosenrate (der Anteil der Erwerbslosen an der Gesamtzahl der verfügbaren
Arbeitskräfte) ging zwischen Oktober und November von 6,8 auf 6,0
Prozent zurück. Dies ist der stärkste Rückgang innerhalb von drei
Jahren.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

�Industriearbeiterlöhne stiegen in 50 Jahren von IQ^aul 90 DoI3ar an
Die durchschnittlichen Wocheneinkommen der industriellen Arbeitnehmer in den Vereinigten Staaten sind in den vergangenen 50
Jahren von 10 Dollar auf 90 Dollar angestiegen, wie aus einer Analyse des amerikanischen Arbeitsministeriums hervorgeht, die sich
mit der Entwicklung der Arbeitsgewohnheiten in den USA zwischen
1909 und 1959 befaßt.
Wie daraus weiter zu entnehmen ist, ging die normale durchschnittliche Arbeitswoche der Industriearbeiter (ohne Überstunden)
in diesem Zeitraum von insgesamt 51 Stunden auf weniger als 40 Stunden zurück.
Dagegen erhöhte sich die Zahl der nichtlandwirtschaftlichen
Arbeitnehmer der amerikanischen Wirtschaft zwischen 1909 und 1959
von 27 Millionen auf 54 Millionen (November 1961 = 55»04 Mio).
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Günstige Streikbilanz im letzten Jahr
Nach vorläufigen Berechnungen des US-Amtes für Arbeitsstatistik
ging sowohl die Zahl der durchgeführten Streiks als auch die Zahl
der davon betroffenen Arbeitnehmer von September auf Oktober erheblich zurück.
Insgesamt begannen im Oktober 1961 rund 500 Streiks, durch die
223 000 Arbeitnehmer erfaßt wurden. Zwei Drittel aller Streiks entfielen dabei auf die Fertigungsindustrie. Da weitere 210 im September
begonnene, im Oktober aber noch andauernde Streiks hinzukommen, belief sich die Gesamtzahl der im Ausstand befindlichen Arbeitnehmer
auf 2t7 000.
Durch diese Streiks gingen insgesamt 2,38 Millionen Arbeitstage
verloren, das sind 0,23 Prozent der in diesem Monat geleisteten Gesamtarbeitszeit (0,35 $ im September).
In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres gingen somit
15,3 Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren, verglichen mit 17,9
Millionen im Jahre 196O und 63,3 Millionen im Jahre 1959« Der Anteil
der durch Streiks verlorengegangenen Arbeitstage an der Gesamtarbeitszeit erreichte in der 10-Monats-Periode 1961 mit 0,16 Prozent den 1957
zum ersten Mal erzielten Niedrigstwert der Nachkriegszeit.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

- 14 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 3

Bad Godesberg, den 1. März 1962
INHA LTSVERZEIC HNIS

Gewerkschaftliche Probleme in den Entwicklungsländern

Seite

1

Nachlese zum "AFL-ClO"-Kongreß

Seite

6

Es geht wieder um neue Tarife in der Stahlindustrie

Seite

9

Präsident Kennedy legte Kongreß Sozialbotschaft vor

Seite

10

Bericht über die Auswirkungen der Automatisierung
veröffentlicht

Seite

12

Ochola Ogaye Mak'Anyengo, 1. Sekretär der Ölarbeitergewerkschaft
von Kenia:
Gewerkschaftliche Probleme in den Entwicklungsländern
In dem folgenden Artikel, der dem vierteljährlich
erscheinenden "I.U.D. Digest" des amerikanischen
Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO entnommen ist, schildert Ochola Ogaye Mak'Anyengo seine Erfahrungen und
Eindrücke während seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten, wo er an einem neunmonatigen
Portbildungskursus für Gewerkschaftsfunktionäre an
der Universität Chicago teilnahm. Dieser Artikel,
der gleichzeitig eine gute Vorstellung von der Mentalität, den Zielen und Erwartungen der jungen
afrikanischen Gewerkschafter vermittelt, enthält
auch zahlreiche praktische Vorschläge hinsichtlich
der Ausbildung von Gewerkschaftern der Entwicklungsländer in den Ländern der freien Welt.
_,,
-

1

-

�Ehe ich näher auf meine in den Vereinigten Staaten gesammelten
Erfahrungen sowie insbesondere auf das Gewerkschaftsführer-Programm
eingehe, möchte ich zuerst kurz auf meine gewerkschaftliche Eaufbahn
hinweisen und aufzeigen, warum ich an diesem Fortbildungskursus teilgenommen habe und wie diese Teilnahme zustande kam.
Wie dringend erforderlich eine umfassende gewerkschaftliche Ausbildung ist, wurde mir zum ersten Mal so richtig bewußt, als ich im
März 1958 als 1. Sekretär der ölarbeitergewerkschaft in Kenia für
unsere Mitglieder Tarifverträge auszuhandeln hatte. Es war dies damals meine erste Aufgabe dieser Art. Meine eigene Unerfahrenheit
sowie die Tatsache, daß es sich bei meiner Gewerkschaft noch um eine
sehr junge Arbeitnehmerorganisation handelt, bedeuteten für mich und
meine Kollegen ein sehr großes Hindernis, zumal wir es mit erfahrenen
internationalen ölgesellschaften zu tun hatten.
In Erkenntnis dieser Notwendigkeit begann ich damals nach Wegen
und Möglichkeiten zu forschen, mein Wissen über die Tätigkeiten und
Aufgaben von Gewerkschaften zu vervollständigen. Jedes Buch über Gewerkschaften, das mir seitdem in die Hand gekommen ist, habe ich von
vorn bis hinten studiert. Bei dieser Suche nach geeigneten Büchern
geriet ich dann auch an ein Buch aus der Bücherei des US-Informationsdienstes in Nairobi, das Namen und Adressen von Universitäten enthielt,
die gewerkschaftliche Förderkurse durchführen. Um herauszubekommen,
in welcher Weise sie für die Ausbildung von Funktionären meiner Gewerkschaft in Frage kamen, zögerte ich nicht, sie sofort anzuschreiben.
In meinen Briefen, die im Mai des gleichen Jahres an acht Universitäten abgeschickt wurden, umriß ich ganz klar, welcher Art unsere Bedürfnisse waren und welche Hilfe wir von ihnen erwarteten. Die
meisten Antworten waren positiv. Von denjenigen Universitäten, die
bereit waren, uns ein Stipendium für die Teilnahme an den gewerkschaftlichen Fortbildungskursen zu gewähren, bot uns die Universität
Chicago einen Kursus für die Dauer von neun Monaten an. Die Kurse,
die uns die anderen Universitäten offerierten, dauerten in der Regel
nur drei Monate. Auf Grund der Länge der Ausbildungsperiode wählte
ich daher die Universität Chicago.
Wegen der Aufbringung der Reisekosten und der anderen Ausgaben,
für die die Universität nicht aufkommen konnte, war es für uns nicht
möglich, die Vorbereitungen fristgemäß, d.h. vor Beginn des Schuljahres 1958/59 abzuschließen. Daraufhin kamen wir mit det Universität
Chicago überein, das Ausbildungsprogramm bis zum Schuljahr 1959/60 zu
verschieben. In der Zwischenzeit jedoch hatte ich Gelegenheit, an
dem ersten Kursus des Afrikanischen Gewerkschaftscollege in Kampala,
Ugc^d? (November 1958 - Februar 1959)» teilzunehmen. Die schon hier
von mir gesammelten Erfahrungen waren sowohl für mich als auch meine
Kollegen bei unserer gewerkschaftlichen Arbeit von großem Nut*en.
Schließlich aber waren alle notwendigen Vorbereitungen abgeschlossen. Die "Union Research and Education Projects" der Universität
Chicago und der Internationale Verband der ölarbeitergewerkschaften
hatten sich bereit erklärt, für meine Studiengebühren aufzukommen, und

2

-

�und durch die Vermittlung einer halbtägigen Beschäftigung durch zahlreiche andere Stellen war es mir möglich, die Lebenshaltungs- und
anderen Kosten aufzubringen.
Mit großen Erwartungen reiste ich nach den Vereinigten Staaten.
Ich hatte mir vorgenommen, möglichst viel über die Struktur und die
Arbeit der Gewerkschaften in Erfahrung zu bringen und zu sehen, wie
dort die Tarifverhandlungen mit den Unternehmern durchgeführt werden.
Hinter diesen Bemühungen stand dabei die Absicht, die gesammelten
Erfahrungen nutzbringend für meine Tätigkeit einzusetzen. Meinen ersten Kontakt mit amerikanischen Gewerkschaften hatte ich auf dem
Kongreß der Gewerkschaft der "öl-, Chemie- und Atomarbeiter*' in Cleveland im Oktober 1959« Dies war ein bemerkenswertes Ereignis für mich.
Etwas später nahm ich dann auch an einer Tarifverhandlung teil, die
in jeder Beziehung vollkommen anders verlief, als ich es bis dahin
gewohnt war. Den größten Eindruck auf mich hinterließ dabei der große
Respekt, mit dem sich die beiden Tarifpartner begegneten - ganz im
Gegensatz zu einigen Lohnverhandlungen bei uns, wo die Unternehmer
häufig glauben, das Recht zu besitzen, uns ihre Vorschläge aufzuzwingen.
Der Gewerkschaftskongreß selbst war in verschiedener Hinsicht ein
großes Erlebnis für mich. Ich konnte dort viele wertvolle Erfahrungen
sammeln, zumal ich Gelegenheit hatte, mit zahlreichen Menschen zu
sprechen, die große gewerkschaftliche Erfahrungen hatten. Auf diesem
Kongreß wurde mir auch klar, daß eine Gewerkschaft nicht Ait einer
Handvoll ausgebildeter Funktionäre auskommen kann, wenn sie erfolgreich arbeiten will. Dies trifft insbesondere für die arbeitsrechtlichen und wirtschaftlichen Aspekte der TarifVerhandlungen zu. Ebenso
kam ich dort zu der Überzeugung, daß der Erfolg einer Gewerkschaft
von einem guten Operationsplan und von der Art seiner Durchführung
abhängt. Dieser und zahlreiche andere Gewerkschaftskongresse, an
denen ich während meiner Ausbildungszeit in Chicago teilnahm, vermittelten mir ein sehr viel umfangreicheres Wissen über die Gewerkschaften
als alles andere davor. Ebenso wurde mir hier klar, wie wir unsere
Probleme behandeln müssen und wie wir sie lösen können.
Nun zu meiner Teilnahme an dem Fortbildungskursus für Gewerkschaftsfunktionäre. Die theoretische Ausbildung umfaßte zwei verschiedene Kurse, einen rein formal-wissenschaftlichen und einen gewerkschaftskundlichen. Die Teilnahme an dem ersten Kursus ging auf
meinen Wunsch zurück, die Grundzüge der Wirtschaftswissenschaften
kennenzulernen, insbesondere alle jene Aspekte, die eine enge Beziehung zur Gewerkschaftsarbeit haben. Wenn ich auch nicht viel über
diesen Kursus zu sagen habe, so kann ich doch feststellen, daß das
dort mir vermittelte Wissen nicht hoch genug eingeschätzt werden
kann. Jedenfalls habe ich jetzt das Gefühl, einiges über die wirtschaftlichen Zusammenhänge zu wissen, das mir am Tarifverhandlungstisch
von sehr großem Nutzen sein wird.
Der in den Gewerkschaftsführer-Kursen vermittelte Lehrstoff war
sehr vielseitig und ungemein interessant. Was ich hier gelernt habe,
versetzt mich in die Lage, meine Grund- und Leitsätze künftig selbst

-

3 -

�seihst zu formulieren. Mir ist jetzt auch klar geworden, was Erziehung und Bildung heißt, wie ein gebildeter Mensch sein sollte
und was Wertmaßstäbe sind. Nach Professor Kermit Eby, einem von
mir hochverehrten Gelehrten, ist derjenige ein gebildeter Mensch,
der die Konsequenzen seines eigenen Handelns oder Nichthandeins in
der Gesamtheit ihrer Bezüge zu erkennen vermag.
Mit dieser Definition vor Augen enthalte ich mich einer Selbsteinschätzung, bis ich genau die Konsequenzen meines Handelns und
Nichthandeins zu erkennen vermag. Mit großen Hoffnungen und Erwartungen sehe ich dem Tag entgegen, an dem man mich in die Reihe derjenigen einreiht, die man allgemein als Gebildete bezeichnet«
In dieser Hinsicht verdanke ich der Universität Chicago sehr viel.
Es liegt jetzt an mir, meinen Teil hierzu beizutragen.
In diesem Zusammenhang darf ich nicht die Erfahrungen unerwähnt
lassen, die ich an meinem Arbeitsplatz bei der " C o m Products Corporation" in Argo, Illinois, gewonnen habe« Wenn es einen Ort gab,
an dem ich den einfachen Mann kennenlernte, so ist es dieser Betrieb gewesen. Während meiner Tätigkeit in Argo (bei Chicago),
hatte ich nämlich Gelegenheit,•mit Menschen aller Kreise zusammenzukommen, und zwar sowohl mit hochgebildeten als auch mit solchen,
die nur eine mangelhafte Bildung aufwiesen.
Und dort war es auch, wo ich die Erfahrung machte, daß man, wenn
man Land und Leute kennenlernen will, gerade von dem "Mann auf der
Straße" mehr lernt als von Intellektuellen. In Argo war es mir möglich, mit den Arbeitern im Betrieb einige jener Probleme zu diskutieren, die alle Arbeiter in aller Welt gemeinsam haben. Dabei konnte
ich die Feststellung machen, daß sowohl die Arbeiter als auch ihre
Probleme.in aller Welt einander ähnlich sind. Der Eindruck, den ich
gewann, und die Schlüsse, die ich hinsichtlich der Lösung der für den
Arbeiter wichtigen Probleme zog, waren die, daß gemeinsame, koordinierte und übereinstimmende Aktionen von Gewerkschaften und Arbeitnehmern in aller Welt erforderlich sind.
Ich darf hier auch nicht die Hilfe und den Geist der Zusammenarbeit unerwähnt lassen, die mir von dem Management des Unternehmens
zuteil bzw. der mir entgegengebracht wurde. Ohne dieses Unternehmen
und ohne die Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung und dem Ortsverband der Gewerkschaft wäre mein Aufenthalt in den Vereinigten
Staaten nicht von Erfolg gekrönt worden.
Was geschieht nun, wenn ich den Fortbildungskursus beendet habe?
Diese Frage muß sowohl von mir als auch von all jenen beantwortet
werden, die es ermöglichten, daß das Programm, an dem ich teilnahm,
ein großer Erfolg wurde. Es stimmt, daß ich nach Kenia zurückgehen
und dort das Wissen an die Arbeiter weitergeben werde, das ich hier
erworben habe. Aber nicht nur das, ich werde auch bemüht sein, unseren
Kampf bis zum siegreichen Ende fortzusetzen. Dennoch wird meine
Situation nicht gerade leicht sein, denn wenn das eine Auge, das
noch Sehkraft besitzt, beschädigt wird, so wird keins mehr da sein,
das sehen kann.
_,

- 4 -

�Ich möchte mit diesem Vergleich besonders auf die Tatsache
hinweisen, daß ich der einzige ausgebildete und geschulte Gewerkschaftsfunktionär in meiner Gewerkschaft sein werde, und wenn ich
auf Grund widriger Umstände in unserem Kampf aus der Gewerkschaft
entfernt werden sollte, so würde ein Vakuum entstehen. Darüber
hinaus aber würden meine Bemühungen größeres Gewicht haben, und
mein Wissen würde sich erheblich stärker auswirken, wenn die Zahl
der Gewerkschaftsfunktionäre mit einer ähnlichen Ausbildung, wie
ich sie hatte, bei uns größer wäre.
Hinsichtlich des Portbildungsprogramms geht meine Meinung dahin,
daß es auf alle Fälle fortgesetzt werden sollte. Ich weiß, daß die
Fortsetzung des Programms große finanzielle Mittel erfordert, ich
glaube aber auch, daß mit dem großen Vertrauen, das seine Schöpfer
bisher in dieses Programm setzten, viel erreicht werden kann. Wenn
eine Fortsetzung möglich sein sollte, so bin ich gerne bereit, zu
helfen und alles zu tun, damit das Programm ein voller Erfolg wird.
In dieser Hinsicht möchte ich die folgenden Vorschläge und Empfehlungen unterbreiten!
1 . Mit Unterstützung der "Union Research and Education Projects"
der Universität Chicago sollte ein ähnliches GewerkschaftsfunktionärsProgramm in Kenia geschaffen werden, und zwar in Zusammenarbeit mit
den Gewerkschaften in Kenia und der Technischen Hochschule in Nairobi.
Dieses Programm würde dazu dienen, die örtlichen Gewerkschaftsführer und Betriebsratsvorsitzenden auszubilden. Es sollte daher folgende Unterrichtsfächer aufweisen: Gewerkschaftliche Verwaltungsarbeit;
Tarifverhandlungftwesen; Wirtschafts- und Arbeitsrecht (soweit es die
Gewerkschaften und Arbeitnehmer berührt); allgemeinbildende und auf
die verschiedenen betrieblichen und soziologischen Aspekte ausgerichtete
Fächer.
2. Auswahl einer Gruppe von Gewerkschaftsfunktionären mit einer
guten schulischen und Allgemeinbildung, die an der Universität Shicago
an Fortbildungskursen für höhere Gewerkschaftsfunktionäre teilnehmen.
Diese Funktionäre wären nach erfolgter Ausbildung und Rückkehr nach
Kenia dann praktisch die Schulungsleiter und Lehrer. Ihre Ausbildung
sollte sich jedoch über einen Zeitraum von zwei Jahren erstrecken, und
der Lehrplan müßte die folgenden Programmpunkte einschließen:
a) eine umfassende Analyse der afrikanischen Gewerkschaftsbewegung;
b) die Geschichte der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung bei
gleichzeitiger Herausstellung der Ähnlichkeiten und der Unterschiede zwischen den beiden Arbeitnehmerorganisationen;
c) die Rolle der Gewerkschaften im politischen Leben;
d) Einzelheiten über die Weltpolitik und die internationalen Beziehungen sowie über die Arbeit der internationalen Organisationen;
e) volkswirtschaftliche Grundbegriffe und die wirtschaftliche Entwicklung in den Entwicklungsländern;
f.

-

5 -

�f ) d i e Rolle der Gewerkschaften und des e i n z e l n e n Arbeitnehmers
bei der E r h a l t u n g der F r e i h e i t und Demokratie;
g) Vergleichsstudien von Regierungssystemen;
h) Besuche bei Gewerkschaften und Informationsreisen sowie die
Teilnahme an Kongressen, Tagungen und Tarifverhandlungen
zwecks Sammlung von Erfahrungen an Ort und Stelle.
Wenn ausreichende Mittel zur Durchführung eines solchen Programms zur Verfügung stehen, so würde ich vorschlagen, den Kursusteilnehmern keinen Halbtagsarbeitsplatz anzubieten. Obwohl der Teilnehmer gerade auf diese Weise in die Lage versetzt würde, engen
Kontakt mit den Arbeitnehmern zu pflegen, so weiß ich doch aus eigener Erfahrung, daß hierdurch viel Zeit verlorengeht, die sonst für
Studienzwecke zur Verfügung stünde.

* * * * *

Frederick C. Orr:
Nachlese zum "AFL-CIO"-Kongreß
Der 4« Zweijahreskongreß der "American Federation of Labor and
Congress of Industrial Organizations" (AFL-CIO) endete Mitte Dezember
vorigen Jahres in voller Harmonie und ohne die von zahlreichen Propheten vorhergesagten Reibungen und Spaltungserscheinungen, die nach ihrer
Meinung über kurz oder lang zu einem Auseinanderfallen des erst vor
sechs Jahren gegründeten Gesamtverbandes der amerikanischen Gewerkschaften führen würden.
Diese Ansicht gründete sich dabei in erster Linie auf die im vergangenen Jahr immer mehr sichtbar werdenden Spannungen und Reibungen
zwischen den sich organisatorisch auf die handwerklichen Zweige stützenden Arbeitnehmerorganisationen und den Industriegewerkschaften.
Diese Auseinandersetzungen, die sich insbesondere in den baugewerblichen Berufen und den Wartungszweigen abspielten und bei denen es
hauptsächlich um die Vertretungsrechte ging, hatten schon eine solche
Schärfe angenommen, daß Walter Reuther, der Vizepräsident und Leiter
der Abteilung Industriegewerkschaften der AFL-CIO, ernstlich davor
warnte, durch eine Fortsetzung dieser Auseinandersetzungen das Fortbestehen des geeinten Gewerkschaftsverbandes in Frage zu stellen.
Bei der Ausarbeitung einer Kompromißformel für die Lösung dieser
organisatorischen Streitigkeiten, die für beide Gruppen akzeptabel
war, demonstrierte der Verband sowohl seine große innere Stärke als
auch seine Fähigkeit, jenen spaltenden Kräften zu widerstehen, die
durch die einander zuwiderlaufenden Interessen der einzelnen dem
Verband angeschlossenen Gewerkschaften erzeugt worden waren. Der aus
diesen Beratungen hervorgegangene sogenannte "Friedensplan", der
vielleicht das bedeutendste Ergebnis des 4« Kongresses darstellt, wurde
von US-Arbeitsminister Arthur J. GoLdberg als "ein Meilenstein gewerkschaftlicher Politik" bezeichnet.
_.

6 -

�Die neue Formel zur Beilegung dieser internen Streitigkeiten wurde
von dem Kongreß als Zusatz zu den Satzungen der AFL-CIO angenommen.
Sie sieht unter anderem vor, daß bei Kompetenzstreitigkeiten die
Angelegenheit zuerst von einem Schlichtungsausschuß zu behandeln ist,
der sich aus Funktionären des Verbandes oder aus den Vorstandsmitgliedern zusammensetzt. Kann dieser Schlichtungsausschuß keine Einigung erzielen, so wird der ganze Streitfall zwecks Entscheidung einem
unparteiischen Schiedsmann unterbreitet. Seine Entscheidung kann jedoch angefochten und in der Revision einem dreiköpfigen Ausschuß
vorgelegt werden, der sich aus Mitgliedern des Exekutivausschusses
des Verbandes zusammensetzt. Solche Gewerkschaften, die sich der
Entscheidung des Schlichters oder dem Spruch des Appellationsausschusses widersetzen und ihm nicht Rechnung tragen, können dabei
mit Geldstrafen belegt werden.
Durch diesen neuen Plan wird praktisch die zentrale Gewalt des
Verbandes erhöht und in gewisser Hinsicht die Autonomie der dem Verband angeschlossenen Gewerkschaften eingeschränkt. Und gerade dies die Einschränkung der Souveränität - war auch der Grund dafür, daß
die "International Typographical Union" (Druckereiarbeitergewerkschaft)
- ITU - als einziger Verband der AFL-CIO gegen diesen Plan stimmte.
Neben diesen rein innergewerkschaftlichen Problemen befaßte
sich der 4» Zweijahreskongreß der AFL-CIO auch noch mit verschiedenen
anderen "heißen Eisen" - so u.a. auch mit den immer wieder zu Spannungen Anlaß gebenden "Bürgerrechten". Hierbei geht es in erster Linie
um die gleiche Behandlung aller Gewerkschaftsmitglieder ohne Rücksicht
auf ihre Hautfarbe, Rasse oder Religion. Aber auch hier wurde ein sehr
wichtiger positiver Schritt getan. Auf Grund verschiedener Beschwerden
zahlreicher farbiger Gewerkschafter darüber, daß von einigen Gewerkschaften in dieser Hinsicht immer noch diskriminierende Praktiken
verfolgt werden, wurde von den Delegierten mit überwältigender Mehrheit eine Resolution angenommen, die die Erfüllung der in den Statuten der AFL-CIO verankerten Bestimmungen gegen Diskriminierung
durch die angeschlossenen Verbände zum Ziele hat.
Von jenert Gewerkschaften, die noch Ortsverbände mit nach Rassen
getrennten Sektionen besitzen, werden in der Resolution u.a. sofortige
Anstrengungen und Bemühungen gefordert, diesB so schnell wie möglich
zu integrieren. Außerdem werden darin sämtliche Ortsverbände mit
solchen getrennten Sektionen angewiesen, dafür Sorge zu tragen, daß
die Tarifverträge nicht den Antidiskriminierungsprinzipien widersprechen, daß die Senioritätsrechte ungeachtet der Rasse, der Hautfarbe
und des Glaubens durchgesetzt werden und die Lehrlingsausbildungsprogramme allen offenstehen. Verfahrensfragen hinsichtlich der Behandlung
von Beschwerden über solche Gewerkschaften, die diesen Anweisungen nicht
nachkommen, sind in der Resolution im Detail aufgeführt.
Außerdem werden in der Resolution noch legislative Schritte sowie
Regierungsmaßnahmen gefordert, um die Antidiskriminierungspolitik auf
dem Gebiet der Beschäftigung, der Erziehung, des Wohnungswesens usw. in
der Praxis durchzusetzen. A. Philip Randolph, der 1. Vorsitzende der
"Bruderschaft der Schlafwagenschaffner", bezeichnete diese Resolution
als die stärkste, die je von einem Gewerkschaftskongreß angenommen wurde.
Den

7 -

�Den Höhepunkt der Eröffnungssitzung des AFL-CIO-Kongresses
bildete eine Rede Präsident Kennedys, in der dieser die Gewerkschaften aufforderte, sein neues Außenhandelsprogramm zu unterstützen und auf dem lohnpolitischen Sektor mit ihren Forderungen
maßzuhalten, damit die Vereinigten Staaten ihre Wettbewerbsposition
auf den Weltmärkten behaupten können und der Wert des Dollar erhalten bleibe.
Die Delegierten, die dem Präsidenten einen herzlichen Empfang
bereiteten, sprachen sich allgemein für eine Unterstützung des Außenhandelsprogramms aus und forderten in einer Entschließung den
amerikanischen Kongreß auf, ein Gesetz zu verabschieden, das "maximale
Möglichkeiten für eine Ausweitung des Handels", der amerikanischen
Industrie aber gleichzeitig einen gewissen Schutia biete. Ebenso wurde
von dem Kongreß die Forderung Präsident Kennedys nach mehrjährigen
Zollsenkungsbefugnissen unterstützt.
Auf lohnpolitischem Gebiet wurde schließlich eine Entschließung
angenommen, in der eine Verbesserung der Löhne, Gehälter und Lohnnebenleistungen gefordert wird, um, wie es heißt, die Kaufkraft der
Arbeitnehmer zu erhöhen und den Werktätigen "einen fairen Anteil an
den Früchten einer steigenden Produktivität".zukommen zu lassen.
Zu den anderen tarifpolitischen Zielen gehören ferner Abkommen
über Arbeits- und Einkommensgarantien sowie angemessene Entschädigungen in Fällen, in denen die Arbeitnehmer ihre Arbeitsplätze verlieren; verbesserte private Krankenversicherungs-, Sozial- und Pensionspläne; Maßnahmen zur Minderung der nachteiligen wirtschaftlichen
und soziologischen Auswirkungen für den Arbeitnehmer im Falle der
Entlassung auf Grund der technischen Entwicklung oder der Verlegung
von Produktionsstätten und eine Herabsetzung der wöchentlichen Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, um auf diese Weise die Zahl der
verfügbaren Arbeitsplätze zu erhöhen.
Als 1. Vorsitzender der AFL-CIO wurde der bisherige Verbandsvorsitzende, George Meany, für die nächsten zwei Jahre in seinem Amt
bestätigt, so daß sich auch in diesem Fall jene Gerüchte nicht bestätigten, die vor Beginn des Kongresses von einer starken Opposition
gegen Meany wissen wollten.

* * * * *

-

8

�Es geht wieder um neue Tarife in der Stahlindustrie
In der dritten Februarwoche hat sich der Vorhang wieder zu
einem Schauspiel geöffnet, das in den Nachkriegsjähren bereits
15mal - mit jeweils unterschiedlichem Erfolg - über die amerikanische Bühne gegangen ist. Das Stück heißt "Die Tarifverhandlungen der Sozialpartner der amerikanischen Stahlindustrie". Die
Hauptdarsteller sind die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft
(USA), die 800 000 Arbeitnehmer der Eisen- und Stahlindustrie vertritt, sowie ein gut eingespieltes Team von Unternehmensvertretern,
die die Interessen von 11 großen Stahlgesellschaften wahrnehmen. Vorläufig noch in der Kulisse, aber auf einen möglichen Auftritt vorbereitet ist die amerikanische Regierung, die dann die Szene beleben wird, wenn die Hauptakteure dieses Schauspiels vor Ende des
letzten Aktes steckenbleiben sollten.
Dennoch besteht in diesem Jahr aller Grund zu der Annahme, daß
alles glatt über die sozialpolitische Bühne gehen wird. Die Ursache
dieses Optimismus sind einmal das verhältnismäßig günstige Klima,
das die Verhandlungen bereits zu Beginn umgibt, und zum anderen die
allgemeinen wirtschafts- und sozialpolitischen Vorzeichen, unter denen diese TarifVerhandlungen stehen. Beide Tatsachen deuten jedenfalls darauf hin, daß 1962 alles schnell ablaufen wird und ein Abkommen zustande kommt, das keine inflationistischen Strömungen auslöst und sowohl den Gewerkschaften, den Unternehmen als auch der
Öffentlichkeit zum Vorteil gereicht. Allerdings wird dieser Optimismus durch die Erinnerung an die sechs großen Stahlarbeiterstreiks
nach 1946 ein wenig getrübt.
Ein Anzeichen für den Wunsch beider Parteien, eine ähnliche
Entwicklung zu vermeiden wie etwa 1959/^0, als sich die Stahlarbeiter 116 Tage lang im Ausstand befanden, ist darin zu sehen, daß
die Verhandlungen bereits am 14« Februar aufgenommen wurden, also
sehr viel früher als sonst. Diese frühzeitige Aufnahme der Verhandlungen bietet beiden Tarifpartnern ausreichende Möglichkeiten, die
Lohngespräche vor Auslaufen der derzeitig gültigen Verträge (30.Juni)
zu einem befriedigenden Abschluß zu bringen.
Eine rechtzeitige Einigung würde zweifellos sehr wesentliche
Vorteile für die US-Wirtschaft mit sich bringen. Vor allem würde
dadurch die Spekulation im Hinblick auf die Möglichkeit eines
Streiks gedämpft und ein übermäßig starker Lageraufbau der Stahlverarbeiter verhindert werden. Die Auftragseingänge würden sich
dann über einen größeren Zeitraum verteilen, und die Produktion
Winnte auf einem gleichmäßigen Niveau gehalten werden. Dies wiederum
würde eine weitere stetige Expansion der Gesamtwirtschaft gewährleisten und die erneut auflebende Konjunktur nicht gefährden.
Gleichzeitig aber besteht auch begründete Hoffnung, daß das
neue Lohnabkommen in der Stahlindustrie keine inflationistischen
Züge aufweisen wird. Da die Stahlindustrie in der US-Wirtschaft
eine überragende Stellung einnimmt, ist gerade diese Tatsache von
großer Bedeutung. Denn jede überhöhte Lohnkonzession würde zwangsläufig einen entscheidenden Einfluß auf die Lohn-Preis-Spirale haben

9

�haben und Preiserhöhungen für eine ganze Skala von Erzeugnissen
nach sich ziehen.
Beide Sozialpartner haben bereits zu erkennen gegeben, daß
sie sich über die Vorteile im klaren sind, die sich aus einer
schnellen Einigung und einem nichtinflationistischen Abkommen
für alle Beteiligten ergeben. Ganz abgesehen von dem gesamtwirtschaftlichen Nutzen, durch den wiederum beide Partner auch indirekt
profitieren würden, geht es hier nämlich in erster Linie um die Wettbewerbsfähigkeit des Stahls selbst, und zwar sowohl gegenüber den
ausländischen Stählen als auch gegenüber den mit dem Stahl konkurrierenden Materialien wie Aluminium, Glas und Kunststoff.
Wenn die amerikanische Regierung auch keine gesetzliche Handhabe
besitzt, um auf die Löhne und Preise regulierend einzuwirken, so hat
sie aber dennoch die Möglichkeit, die Verhandlungen in gewisser Hinsicht zu beeinflussen. Und daß sie von dieser Möglichkeit intensiven
Gebrauch zu machen gedenkt, hat sie bereits in den vergangenen Wochen
zu erkennen gegeben. So haben sowohl Präsident Kennedy als auch führende Mitglieder der Regierung bei verschiedenen Anlässen deutlich
zum Ausdruck gebracht, daß die Stahlpreise auf keinen Fall in Bewe-,
gung geraten dürfen und daß die Lohnerhöhungen sich im Rahmen der
Produktivitätszunahmen halten müßten. Diese Appelle der KennedyAdministration an die Sozialpartner haben ihre Wirkung - wie die
frühzeitige Aufnahme der Verhandlungen zeigt - bislang nicht verfehlt, und es ist zu hoffen, daß sie auch während der Verhandlungen
von den Tarifpartnern der Stahlindustrie beherzigt werden.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Präsident Kennedy legte Kongreß Sozialbotschaft vor
Präsident Kennedy hat am 1. Februar eine Sonderbotschaft an den
amerikanischen Kongreß gerichtet, in der er die Billigung eines umfassenden öffentlichen Sozialprogramms fordert, das allen Amerikanern,
vor allem aber den weniger vom Glück begünstigten ein gutes Auskommen
sichern soll. In seiner Botschaft betonte Kennedy, daß den ärmeren
Menschen geholfen werden müsse, ein "produktives, glückliches und
unabhängiges Leben" zu führen. Die Hauptaufgabe in diesem Zusammenhang
sei es, wirtschaftliche und soziale Chancen für alle zu schaffen.
Das vom Präsidenten unterbreitete Programm soll im wesentlichen
von dem Ministerium für Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen
durchgeführt werden. Die sozialen Aufgaben werden von der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit den Einzelstaaten der USA durchgeführt,
wobei Washington zum Teil über die Hälfte der Kosten trägt; die Bundesregierung übt jedoch keine Kontrolle über die Programme aus. Insgesamt

10

�Insgesamt erhalten z.B. rund 7 250 000 Amerikaner Sozialunterstützung in irgendeiner Form.
In seiner Botschaft wies der Präsident darauf hin, daß die
soziale Fürsorge mehr sei als eine "Rettungsaktion für Trümmer
des menschlichen Lebens". Sie müsse vielmehr darauf abzielen, das
Scheitern der Existenz zu verhindern und dem Menschen eine neue
Existenz in der Gesellschaft zu geben. "Armut schwächt den einzelnen und die Nation", so schrieb der Präsident in seiner Botschaft. "Eine gesündere öffentliche Sozialpolitik dient der Nation,
ihrer Wirtschaft, ihrer Moral und, was am wichtigsten ist, ihren
Menschen."
Präsident Kennedy unterstrich, daß die heute gültigen öffentlichen Sozialprogramme vor rund 25 Jahren ausgearbeitet wurden und
daß eine tiefgreifende Reform notwendig sei.
"Die Ziele unseres öffentlichen Sozialprogramms", so heißt es
in der Botschaft, "müssen positiv und konstruktiv sein - um wirtschaftliche und soziale Chancen für die weniger Begünstigten zu
schaffen, um ihnen zu helfen, ein produktives, glückliches und
unabhängiges Leben zu finden. Es muß die Integrität und die Erhaltung der Einheit der Familie unterstreichen. Es muß dazu beitragen,
Abhängigkeit, Jugendkriminalität, Zerfall der Familie, Illegitimität,
Krankheit und Arbeitsunfähigkeit zu beseitigen."
Das Programm soll das Auftreten solcher Probleme verringern
und den sozial Schwachen schützen. Um diese Ziele zu erreichen,
schlug der Präsident vor:
daß die Einzelstaaten durch das Angebot größerer Bundesmittel
in ihren Bemühungen ermutigt werden, die sozial Schwachen so in
die Wirtschaft einzugliedern, daß sie auf eigenen Füßen stehen
können, wobei der Bund jetzt 75 Prozent der Kosten - statt wie bisher nur 50 Prozent - tragen würde;
daß die Bundesregierung Mittel für Kinderhorte zur Verfügung
stellt;
daß die gegenwärtige Höchstgrenze für Zuwendungen des Bundes an
Einzelstaaten für die Kinderfürsorge heraufgesetzt wird;
daß die bestehenden Gesetze geändert werden, um den Einzelstaaten mit Bundeshilfe Ausbildungsprogramme für arbeitslose Rentenempfänger zu ermöglichen;
daß der Bundeszuschuß für Kinderbeihilfen erhöht wird und
daß das gegenwärtige Gesetz über die soziale Sicherheit dahin
gehend geändert wird, daß Unterstützungsempfänger ohne Furcht vor
einem Entzug der Unterstützung eine neue Beschäftigung suchen können.
Der

11

�Der Präsident unterstrich in seiner Botschaft nachdrücklich,
daß diese Aufgaben von höchster Bedeutung für die amerikanische
Nation seien und so rasch wie möglich in Angriff genommen werden
müßten.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Bericht über die Auswirkungen der Automatisierung, Veröffentlicht
Die Automation ist sowohl für die Verteidigung als auch für
den Wohlstand des amerikanischen Volkes von entscheidender Bedeutung.
Sie läßt sich in der amerikanischen Wirtschaft ohne die Preisgabe
menschlicher Werte durchführen.
Dies ist die Meinung des 21 köpfigen Beratungsausschusses des
US-Präsidenten für Arbeitnehmer-Arbeitgeberfragen nach einer umfangreichen Untersuchung sämtlicher durch die Automatisierung in
Industrie und Wirtschaft bewirkten Veränderungen.
In dem in der dritten Januarwoche veröffentlichten Bericht
heißt es ferner, daß ein Höchstmaß der technischen Entwicklung sich
nur dann ohne nachteilige Auswirkungen auf die Bevölkerung realisieren lasse, wenn gemeinsame Anstrengungen von Wirtschaft und Regierung
im Rahmen eines freien Wirtschaftssystems unternommen werden. Die
Automatisierung und die technischen Veränderungen hätten bereits dazu geführt, daß der amerikanische Arbeitnehmer von zahlreichen schweren körperlichen Arbeiten sowie gefährlichen oder sich ständig wiederholenden Tätigkeiten befreit wurde. Der einzelne Arbeiter in den USA
könne auf Grund des bisher erzielten technischen Fortschritts bei
einer weitaus geringeöBm Arbeitszeit sehr viel mehr Güter als früher
herstellen und hierfür einen viel höheren Lohn in Empfang nehmen.
Wenn auch die Automatisierung und die schnelle technologische
Entwicklung zur Beseitigung vieler Arbeitsplätze geführt hätten,
so würden doch andererseits, wenn es nicht gelänge, das bisherige
Tempo der Automatisierung beizubehalten und darüber hinaus sogar
noch zu steigern, weitaus schlimmere Beschäftigungs- und andere
Probleme ausgelöst werden, als sie heute die Automation stelle.
Zur Lösung der derzeitigen Arbeitsmarktprobleme und zur Milderung der Auswirkungen der Automatisierung werden in dem Bericht
eine Erhöhung der wirtschaftlichen Wachstumsrate, ein stärkeres
Engagement der Regierung bei der Verbreitung von Arbeitsplatzinformationan als bisher, eine verstärkte, engere Zusammenarbeit zwischen
Regierungsstellen und privaten Organisationen hinsichtlich der Umschulung und Ausbildung von Arbeitskräften sowie ein besseres Handin-Hand-Arbeiten von Gewerkschaften und Unternehmen in Arbeitsplatzfragen für notwendig erachtet.
„,

12

�Ebenso wird in dem Bericht des 21köpfigen Präsidialausschusses
eine Verbesserung der Arbeitslosenversichung sowie die Gewährleistung der Pensions- und anderer Altersversorgungsansprüche der Arbeitnehmer bei Entlassungen gefordert.
Eine sofortige Verkürzung der normalen Arbeitswoche (40 Stunden)
als Mittel zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen wird dagegen von
den Ausschußmitgliedern zum gegenwärtigen Zeitpunkt für undurchführbar gehalten, jedoch als eine künftige Möglichkeit angesehen.
Bei der Überreichung des Berichts erklärte Präsident Kennedy:
"Wir müssen jede Möglichkeit des technischen Fortschritts nutzen,
aber wir können dabei nicht die menschlichen Werte völlig unbeachtet
lassen. Ihre Empfehlungen lassen genau die beiden Seiten dieses
Problems erkennen."
Der Bericht selbst wurde von den 21 Ausschußmitgliedern, die sich
zu gleichen Teilen aus Vertretern der Wirtschaft, der Gewerkschaften
und der Öffentlichkeit zusammensetzen, einstimmig gebilligt. Lediglich der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Professor Arthur P. Burns
versagte einigen Abschnitten seine Zustimmung, da in ihnen nach seiner
Ansicht die zahlreichen Ursachen der Erwerbslosigkeit, insbesondere
die saisonalen Paktoren, nicht stark genug herausgearbeitet worden
waren.
(Quelle: Eigenbericht)

##»#.#

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

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Bad Godesberg, den 1. April 1962

INHALTSVERZEICHNIS
Die Lohnbewegungen 1961/62 in der US-Wirtschaft

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Zahl der Gewerkschaftsmitglieder geringfügig angestiegen

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Gewerkschaftliche Kurznachrichten

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Sicherung der Arbeitsplätze und Einkommen wichtiger
als höhere Löhne

Die Lohnbewegungen 1961/62 in der US-Wirtschaft

Aus "The American Federationist", dem
offiziellen Organ des amerikanischen
Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO
(Februar 1962) .

Wie sind die Aussichten auf Lohnerhöhungen im Jahre 19^2, und
inwieweit werden sich die Ergebnisse der diesjährigen Tarifverhandlungen von denen des Vorjahres unterscheiden?
Die auf Grund von Tarifverhandlungen zwischen den Sozialpartnern
getroffenen Vereinbarungen weichen im Ergebnis stets beträchtlich voneinander ab, und zwar nicht nur unter den einzelnen Wirtschaftszweigen,
sondern auch innerhalb der einzelnen Branchen selbst. Auch das Jahr 1962
wird in dieser Hinsicht keine Ausnahme bilden. Jedenfalls deutet gegenwärtig nichts darauf hin, daß sich die in diesem Jahr zu erwartenden
Ergebnisse der Lohnverhandlungen wesentlich von den Ergebnissen der
Vorjahre unterscheiden werden.
Der sich weiter fortsetzende wirtschaftliche Aufschwung dürfte
dennoch zweifellos dazu beitragen, den allgemeinen Durchschnitt der
Lohnerhöhungen etwas anzuheben, wie überhaupt das Wirtschaftsklima
in den USA in diesem Jahr für Lohnaufbesserungen günstiger zu sein
scheint als etwa im Rezessionsjähr 196O oder in dem von einer hohen
Arbeitslosigkeitsrate (7»0$) gekennzeichneten Vorjahr.
Schon

�daß
den
all
der

Schon auf Grund dieser äußeren Vorzeichen ist damit zu rechnen,
die in diesem Jahr ausgehandelten Lohnerhöhungen zum überwiegenTeil zwischen 3 und 5 Prozent (7-12 Cent) liegen und wie auch in
den anderen Jahren von erheblichen Verbesserungen auf dem Gebiet
Lohnnebenleistungen begleitet sein werden.

In dieser Prognose kommt dabei nicht die offizielle Ansicht der
amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu lohnpolitischen Fragen zum
Ausdruck, noch spiegeln sich darin lohnpolitische Ziele wider. Es
handelt sich hierbei lediglich um das rein aachliche Ergebnis einer
allgemeinen lohnpolitischen Analyse. Nach Ansicht der AFL-CIO wären
jedoch in diesem Jahr größere Lohnerhöhungen in vielen Fällen durchaus
gerechtfertigt und darüber hinaus insofern auch sehr nützlich, als
sie die Verbrauchsgütermärkte weiter beleben, die wirtschaftliche
Wachstumsrate beschleunigen und die erforderlichen zusätzlichen Arbeitsplätze schaffen helfen würden.
Die wirtschaftlichen Faktoren
Zahlreiche wirtschaftliche Faktoren, die schon in den letzten
Jahren einen mäßigenden Einfluß auf die Lohnpolitik ausübten, dürften
auch 1962 weiter wirksam sein. Zu diesen die Höhe der Lohnforderungen
begrenzenden Faktoren zählen u.a. die immer noch schwierige Arbeitslosensituation in zahlreichen Gebieten der USA, das Niveau der Lohnerhöhungen, die in diesem Jahr auf Grund langfristig abgeschlossener
Tarifverträge automatisch wirksam werden ,und der relativ geringe Anstieg der Lebenshaltungskosten.
Auch die Ermahnungen Präsident Kennedys und Arbeitsminister Goldbergs an die Gewerkschaften und Unternehmen, gesamtwirtschaftliches
"Verantwortungsbewußtsein" in den kommenden Tarifverhandlungen zu
zeigen, damit sich die ausgehandelten Lohnerhöhungen in den Rahmen
der Produktivitätszunahmen einfügen, dürften dazu beitragen, die Anstiege auf dem Niveau der letzten Jahre zu halten.
Durch all diese Tatsachen könnten verschiedene andere wirtschaftliche Faktoren weitgehend aufgewogen werden, die größere Lohnerhöhungen
rechtfertigen als in den vergangenen Jahren. Die wichtigsten dieser
Faktoren sind dabei die gegenwärtig auffallend hohe Wachstumsrate der
Produktivität sowie der bemerkenswerte Anstieg der Unternehmergewinne.
Der Anstieg der Produktivität von Anfang 19^1 bis zum Jahresbeginn 1962 war stärker als je zuvor. Die Zuwachsrate ist in diesem Zeitraum zumindest doppelt so hoch, wenn nicht sogar noch höher gewesen
als im Durchschnitt der Nachkriegsjähre. Diese erhebliche Zunahme der
Produktivität ist nicht nur in der Industrie festzustellen, sondern
auch in praktisch allen nichtindustriellen Sektoren der Wirtschaft.
In den verschiedenen bisher veröffentlichten Schätzungen über
die wahrscheinliche Höhe der Unternehmensgewinne im Jahre 1962, darunter
auch die offiziellen der US-Regierung, werden die Gewinne der Kapitalgesellschaften,- verglichen mit je 45 Mrd. in den Jahren i960 und 1961
und dem bisherigen Rekord von 47 Mrd. Dollar,auf 52-57 Mrd. Dollar
beziffert. Die Unternehmergewinne würden daher 1962 im Vergleich zum
Niveau der letzten Jahre um 15-25 Prozent höher liegen.
,
2

�In Anbetracht der wachsenden Unternehmergewinne, der Produktivitätszunahmen, der steigenden Lebenshaltungskosten sowie der
vergleichbaren Löhne in der Gesamtwirtschaft und anderer Paktoren
geht man wohl nicht fehl in der Annahme, daß die 1962 ausgehandelten Lohnerhöhungen letzten Endes etwas größer sein werdai als in den
vergangenen Jahren. Die meisten Abkommen dürften wohl eine Realzunahme der Löhne von 3-5 Prozent gewährleisten.
Für zahlreiche Arbeitnehmer sind d,ie Lohnerhöhungen für 1962
bereits auf Grund langfristiger, in den Vorjahren abgeschlossener
Tarifverträge im voraus festgelegt. Diese Zunahmen dürften sich
dabei zum überwiegenden Teil auf 2,5 bis 4 Prozent (plus Lebenshaltungskostenausgleich) oder 6-8 Cent pro Stunde belaufen - wobei
sich diese bereits feststehenden Größenordnungen als ein hemmender
Faktor für alle anderen Lohnforderungen erweisen, die von den Gewerkschaften eventuell in diesem Jahr in TarifVerhandlungen gestellt
werden.
Bei der Analyse der möglichen lohnpolitischen Entwicklungen
in diesem Jahr haben wir uns bisher nur mit den zu erwartenden "Durchschnittswerten" befaßt, so daß sehr leicht der Eindruck entstanden
sein könnte, als ob sich die diesjährigen Lohnverhandlungen sehr einheitlich und nach einem bestimmten "Muster" ausgerichtet vollziehen
würden. Das wird jedoch nicht der Fall sein. Im Gegenteil, wie in
all den anderen Jahren wird auch das Hauptmerkmal der diesjährigen
Verhandlungen die große Verschiedenartigkeit der Tausende von Abkommen sein.
Obwohl die verschiedenen bereits aufgezeigten grundlegenden Faktoren all diese Verhandlungen weitgehend beeinflussen werden, dürfte
doch jede einzelne Tarifverhandlung von besonderen und nur ihr eigenen
Faktoren bestimmt werden. Zu diesen Faktoren, durch die das Ergebnis
der Verhandlung,vor allem aber die Höhe der zugestandenen Löhne
weitgehend mitbestimmt wird, zählen unter anderen: Haltung der
Gewerkschaftsmitglieder; Stärke der Gewerkschaft; Einstellung des
Managements; wirtschaftliche Lage des jeweiligen Industriezweiges,
des Unternehmens selbst und am Standort des Betriebes; das jeweilige Lohnniveau; Art und Umfang der Lohnunterschiede; zusätzliche
Sozialleistungen und andere nicht in der Lohnsumme in Erscheinung
tretende Zulagen; Dauer des alten und des neuen Abkommens.
Zunahme langfristiger Abkommen
Auf Grund der zunehmenden Praxis, langfristige Tarifverträge
(mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr) abzuschließen, sind
viele Gewerkschaften heute nicht mehr gezwungen, Jahr für Jahr Tarifverhandlungen mit den Unternehmen zu führen. Daher stehen 1962 auch
keine Verhandlungen in solchen großen Industriezweigen wie der Automobil-, der Elektro-, der Gummi- und der Fleischkonservenindustrie an.
Auch in einigen anderen wichtigen Wirtschaftszweigen wie etwa dem
graphischen, dem Bau- und dem Straßentransportgewerbe kommt es in diesem
Jahr zu keinen neuen Verhandlungen.
Dennoch

�Dennoch werden die von diesen langfristigen Abkommen erfaßten
Arbeitnehmer 1962 Lohnerhöhungen auf Grund von 1961 oder noch früher
abgeschlossenen Verträgen erhalten. Nach einer Übersicht des USArbeitsministeriums, die sich auf Großtarifabkommen (mit mehr als
1000 Arbeitnehmern) bezieht, werden 1962 insgesamt 2,5 Millionen
Arbeitnehmer auf Grund solcher Verträge höhere Löhne empfangen,
Rund 45 Prozent davon können dabei mit Lohnaufbesserungen von 7
Cent und mehr rechnen, während bei weiteren 43 Prozent die Erhöhungen zwischen 6,0 und 6,9 Cent pro Stunde liegen werden. Die Tatsache,
daß der größte Teil dieser Arbeitnehmer Lohnaufbesserungen zwischen
6 und 7 Cent bekommt, ist darauf zurückzuführen, daß die großen Abkommen (Automobil-, Landmaschinen-, Gummi- und Fleischkonservenindustrie) eine durchschnittliche Anhebung der Löhne von 6-7 Cent vorsehen.

Tabelle 1
Auf Grund langfristiger Tarifverträge 1962 wirksam
werdende Lohnerhöhungen
Umfang der Lohnerhöhungen
Unter 5 Cent
Cent
5-5,9

Anteil an der Arbeitnehmerzahl

6-6,9

Cent

4 Prozent
6 Prozent
43 Prozent

7-7,9
8-8,9

Cent
Cent

11 Prozent
13 Prozent

9-9,9

Cent

7 Prozent
5 Prozent

10-10,9 Cent
11 Cent und mehr

10 Prozent

In den nichtindustriellen Zweigen(ohne Bauwirtschaft) liegt der
Durchschnittssatz höher, Über 80 Prozent der Arbeitnehmer erhalten hier
in diesem Jahr automatische Lohnerhöhungen von 8 Cent und mohr. AuSof«
dem besteht die Möglichkeit,_daß rund die Hälfte (54 Prozent) dieser
2 Millionen Arbeitnehmer noch eine zusätzliche Lohnerhöhung erhalten
werden, und zwar bei einem Anstieg der Lebenshaltungskosten (Lohnausgleichklausel) . Wenn also die Verbraucherpreise gegenüber dem
Vorjahr um 1 Prozent ansteigen sollten - wie das übrigens auch 1961
der Fall war -, dann würde sich die hierdurch ausgelöste Lohnerhöhung
auf 2 bis 3 Cent stellen. Die Lohngleitklausel kommt hauptsächlich in
solchen Verträgen zur Anwendung, in denen die allgemeinen Lohnerhöhungen verhältnismäßig niedrig sind. So wurden z.B. rund drei.Viertel
all jener Arbeitnehmer in den Genuß dieser Ausgleichsbeträge kommen,
die in diesem Jahr auf Grund bereits abgeschlossener Tarifverträge
nur Lohnaufbesserungen zwischen 6 und 7 Cent erhalten. In denjenigen
Verträgen, die keine Lohngleitklausel enthalten, sind die vereinbarten
Lohnerhöhungen dagegen gewöhnlich größer.
_

�Im Baugewerbe, wo die Tarifverträge im allgemeinen keine Lohngleitklauseln aufweisen, werden die 1962 wirksam werdenden Lohnerhöhungen 15 Cent und mehr ausmachen. Auf Grund langfristiger Tarifverträge werden 1962 insgesamt 400 000 Bauarbeiter Lohnaufbesserungen
bekommen. Wie dazu aus einer Übersicht des US-Arbeitsministeriums
zu entnehmen ist, erhalten 60 Prozent der Bauarbeiter dabei Erhöhungen von 15 Cent und mehr pro Stunde, während 20 Prozent sogar Aufbesserungen von 25 Cent und mehr realisieren können. (Da die Löhne
im Baugewerbe verhältnismäßig hoch sind, sind die prozentualen Zunahmen dementsprechend auch geringer als in anderen Industriezweigen.)

Tabelle 2
Lohnerhöhungen auf Grund von Großtarifverträgen 1961 *
Lohnerhöhung pro Stunde

Anteil an der Arbeitnehmerzahl

Unter 5 Cent
unter 4 Cent
4-4,9
Cent

8 Prozent
4 Prozent
4 Prozent

5-6,9 Cent
.5-5,9
Cent
6-6,9
Cent

29 Prozent
18 Prozent
11 Prozent

7-8,9

18 Prozent

Cent

7-7,9

Cent

10 Prozent

8-8,9

Cent

8 Prozent

9-10,9 Cent
9T9,9
Cent
10-10,9 Cent

26 Prozent

11 Cent und mehr

20 Prozent

11-12,9

Cent

13 Cent und mehr

7 Prozent
19 Prozent

12 Prozent
8 Prozent

Diese Statistik ist das Ergebnis einer Untersuchung von Großtarifverträgen (mehr als 1000 Arbeitnehmer), die 1961 abgeschlossen wurden und durch die insgesamt 5,66 Millionen Arbeitnehmer erfaßt werden. Nicht darin enthalten sind die Verträge
der Bauwirtschaft.
- 5 -

�Die Veränderungen bei den Lebenshaltungskosten waren 1961
nur geringfügig. Am Verbraucherpreisindex des US-Arbeitsministeriums
gemessen, haben sich die Lebenshaltungskosten zwischen Januar und
Dezember 1961 nur um weniger als 1 Prozent erhöht. Auch in diesem
Jahr dürfte die Zunahme wiederum nur verhältnismäßig gering sein
und wahrscheinlich nicht mehr als 1-2 Prozent ausmachen. Veränderungen in dieser Größenordnung bilden allgemein keinen gewichtigen
Paktor in den TarifVerhandlungen. Die zum Ausgleich des Kaufkraftverlustes in diesem Falle erforderlichen Lohnzulagen belaufen sich
auf 2 bis 3 Cent pro Stunde. Wenn solchen Erhöhungen der Lebenshaltungskosten nicht durch Lohngleitklauseln in ihren Verträgen
Rechnung getragen ist, so muß eine Gewerkschaft, die Anfang 1962
über neue Verträge verhandelt, zuerst diesen Kaufkraftverlust ausgleichen, ehe sie ihre Forderung auf Erhöhung der Reallöhne stellt.
Durch Großtarifverträge (Verträge, die jeweils mehr als 1000
Arbeitnehmer betreffen) mit Lohngleitklausel werden gegenwärtig
etwa 2,5 Millionen Arbeitnehmer erfaßt; wie viele Arbeitnehmer dagegen die kleineren Verträge mit Lohngleitklausel umfassen, läßt
sich nicht genau feststellen.
Die Lohngleitklausel
Lohngleitklauseln sind hauptsächlich in den langfristigen Tarifabkommen enthalten. Die Gewerkschaften versuchen sich auf diese
Weise einen automatischen Schutz gegenüber steigenden Lebenshaltungskosten zu sichern. Auch im vergangenen Jahr bildeten die Lohngleitklauseln Hauptpunkte bei verschiedenen großen Tarifverhandlungen so vor allem mit der Automobil- und der Fleischkonservenindustrie,
wo das Management bestrebt war, bestehende Lohngleitklauseln aus
den Verträgen zu eliminieren oder einzuschränken. Dennoch wurden
diese Klauseln unverändert in die neuen Verträge übernommen, weil
die Gewerkschaften darauf bestanden, langfristige Tarifabkommen
nur dann abzuschließen, wenn ihren Mitgliedern ein automatischer
Schutz gegenüber möglichen Preiserhöhungen gewährt werde.
Die im vergangenen Jahr notwendig gewordenen Lohnaufbesserungen
auf Grund der Lohngleitklausel waren in Anbetracht der nur wenig
angestiegenen Verbraucherpreise allgemein etwas geringer als in den
Vorjahren. In der Automobilindustrie betrug die Erhöhung nur 1 Cent
pro Stunde. (Zwar hätte hier die Erhöhung 2 Cent ausmachen müssen,
aber die Gewerkschaft war damit einverstanden, daß der zweite Cent zur
Verbesserung der Pensionsleistungen verwendet wurde.) Im Vergleich
hierzu beliefen sich die automatischen Gehaltsaufbesserungen in der
Automobilindustrie im Jahre i960 auf 4 Cent, 1959 auf 3 Cent und
1958vund 1957 auf 6 Cent.
In der Fleischkonservenindustrie dagegen wurde 1961 auf Grund
der Lohngleitklausel eine Lohnerhöhung von 3 Cent fällig, wobei ein
Cent für künftige Anstiege der Lebenshaltungskosten allerdings
schon im voraus gewährt wurde. In diesem Industriezweig betrugen die
automatischen Lohnerhöhungen im Jahre 196O sowie 1959 ebenfalls

-

6

�ebenfalls 3 Cent, während sie 1958 insgesamt 8 Cent und 1957 5 Cent
betragen hatten.
In der stahl- und eisenschaffenden Industrie, in der die Lohnanstiege auf Grund der Lohngleitklausql auf maximal 3 Cent pro Jahr
begrenzt sind und die Ausgleichssumme sich um jene Beträge vermindert, die ein Unternehmen zur Deckung der erhöhten Krankenversicherungskosten autfwendeni muß, betrug die automatische Erhöhung
der Arbeitseinkommen 1961 insgesamt 1 1/2 Cent. Im Jahr i960 dagegen wurde v,die vorgesehene Erhöhung um 3 Cent durch die höheren
Aufwendungen der Unternehmen für Krankenversicherungskosten völlig
absorbiert. In den Jahren davor ergaben sich Erhöhungen um 1 Cent
(1959),9 Cent (1958) und 7 Cent (1957).
Umfang der Lohnerhöhungen 1961
Der Umfang der 1961 erfolgten Lohnerhöhungen ergibt sich aus
einer Analyse des amerikanischen Arbeitsministeriums von Großtarifverträgen, durch die insgesamt 5,6 Millionen Arbeitnehmer erfaßt wurden. In dieser Übersicht sind sowohl die automatischen als auch die
regulären Lohnerhöhungen berücksichtigt, die im Vorjahr ausgehandelt
wurden.
Danach beliefen sich die durchschnittlichen Erhöhungen auf
etwas über 8 Cent (oder etwa 3*5 bis 4 Prozent), wobei 37 Prozent
aller erfaßten Arbeitnehmer Lohnaufbesserungen unter 7 Cent pro
Stunde erhielten, 18 Prozent zwischen 7,0 und 8,9 Cent und fast
die Hälfte (46 Prozent) 9 Cent und mehr bekamen.

Tabelle 3
Lohnerhöhungen im Baugewerbe 1961

Erhöhung pro Stunde

Anteil an der Arbeitnehmerzahl
1 Prozent

Unter 5 Cent
5-9,9 Cent

15 Prozent

10-14,9 Cent

39 Prozent

15-19,9 Cent

,

20 Cent urd nohr

30 Prozent
15 Prozent

Zu

�Zu denjenigen Arbeitnehmern, die Lohnerhöhungen unter 7 Cent
erhielten, gehörten auch die der Automobilindustrie; zwar konnten
sie nur einen Anstieg von durchschnittlich 5,5 Cent verzeichnen,
praktisch jedoch betrug diese Aufbesserung 8,5 Cent, da 3 Cent
aus der Gesamtlohnerhöhung an die verschiedenen Sozialfonds (Krankenversicherung, Pensionen usw.O abgeführt wurden, weil sich die
Unternehmer ihrerseits verpflichtet hatten, gleichfalls pro Arbeitsstunde fast 7 Cent an diese Fonds abzuführen und auf die
Arbeitnehmerbeiträge in Zukunft überhaupt zu verzichten. Tatsächlich machten also hier die Lohnaufbesserungen rund 12 Cent aus.
In der Übersicht des US-Arbeitsministeriums sind die Tarifabkommen der Bauwirtschaft nicht enthalten. Berücksichtigt man diese
Tarifabkommen, so erhöht sich der Durchschnitt nicht unbeträchtlich.
Lohnnebenleistungen
Der größte Teil der 1961 abgeschlossenen Tarifverträge (75 Prozent) sah neben den Lohnerhöhungen ferner Verbesserungen bei mindestens
einer freiwilligen Lohnnebenleistungsart vor. Wenn auch Art und Zahl
der Leistungsverbesserungen sehr verschiedenartig sind, so haben sich
doch auch hier einige Trends herausgebildet. So hat zum Beispiel
die Zahl der Tarifverträge erheblich zugenommen, in die Arbeitspiatzund Einkommenssicherungsklauseln aufgenommen wurden. Dies war vor
allem in jenen Unternehmen und Industriezweigen der Fall, deren Arbeitsplätze durch die technologischen Veränderungen und die Umsiedlung von Produktionsanlagen bedroht werden. Die wichtigsten Abmachunge
dieser Art sind dabei:
1 . Zahlung von Unterstützungen bei vorübergehender Entlassung
oder einer zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung; Gewährung von Entlassungsgeldern; Beibehaltung der Anwartschaft auf die Leistungen aus
den verschiedenen Sozialfonds während der Arbeitslosigkeit; Zahlung
von Umschulungsbeihilfen und anderen finanziellen Hilfen für die
entlassenen Arbeitnehmer.
2. Schriftliche Fixierung besonderer Verfahren für die Einführung
neuer Produktionstechniken oder für die Umsiedlung eines Unternehmens,
um die Zahl der zu Entlassenden auf ein Minimum zu beschränken.
Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang noch die Einführung einer neuen Leistungsart: die Einkommenssicherung bei verkürzter Arbeitswoche (Automobilindustrie). Die entsprechenden Abmachungen
sehen vor, daß alle Arbeitnehmer, die in einer beliebigen Woche zur
Arbeitsableistung aufgefordert werden, aber nicht die tariflich festgelegte 3 Anzahl an Mindestarbeitsstunden erreichen, 65 Prozent ihres
Normallohnes für die nicht abgeleisteten Stunden erhalten sollen,
wenn die verkürzte Arbeitswoche im voraus eingeplant war, und 50 Prozent, wenn die Kurzarbeitszeit nicht eingeplant war, aber durch Auftragsmangel, technische Störungen usw. ausgelöst wurde.
Sozialpläne

�Sozialpläne
Zu denjenigen freiwilligen Sozialleistungen, die im vergangenen
Jahr auf Grund neuer Tarifverträge überausiert wurden, gehören
vor allem die Krankenversicherungs- und Sozialpläne. Über die Hälfte
aller Abkommen sahen hier erhöhte Leistungen bei Erkrankung oder
Krankenhausaufenthalt sowie bei Betriebsabwesenheit auf Grund von
Krankheit vor. Ebenso wurden die Lebensversicherungssummen heraufgesetzt.
Bei den privaten Pensionsplänen zeichneten sich folgende Entwicklungen im Vorjahr ab:
1 . Erhöhung der Pensionsleistungen;
2. Erleichterung der Anwartschaftsbedingungen;
3. Liberalisierung der Anwartschaftsbestimmungen. In vielen Fällen bleiben den anspruchsberechtigten Arbeitnehmern auch dann
die Leistungen erhalten, wenn sie ihre Arbeit vor Erreichen
der Altersgrenze aufgeben.
4. Lockerung der Bestimmungen im Falle der vorzeitigen Pensionierung
und der Vollinvalidität.
Auch solche zusätzlichen Sozialleistungen wie bezahlte Feiertage
und bezahlter Urlaub wurden in den meisten 1961 abgeschlossenen Tarifverträgen verbessert. Bei bezahltem Urlaub geht die Tendenz dahin,
die Zahl der für die Gewährung des Maximalutrlaubs erforderlichen
Dienstjahre weiter herabzusetzen. Die häufigste Form des bezahlten
Urlaubs sind 2 Wochen nach ein bis zwei Dienst jähren; 7, Urlaubswochen
erhalten Arbeitnehmer mit zehn, fünf oder noch weniger dienstjähren,
während der vierwöchige Urlaub allen Arbeitnehmern mit 20 und teilweise
auch weniger Dienst jähren gewährt wird. Besonders bemerkenswert ist
in diesem Zusammenhang noch, daß im Vorjahr schon vereinzelt Abkommen
abgeschlossen wurden,die den Arbeitnehmern sogar einen fünfwöchigen
Urlaub sichern.
Bei den bezahlten Feiertagen schließlich ergibt sich für 1962
folgendes Bild: in der Regel werden jetzt statt der allgemein üblichen
sieben zunehmend acht bis neun Feiertage voll vergütet.

Aus "The American Federationist",
dem offiziellen Organ des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes
AFL-CIO (Februar 1962).

* * * * *

-

9 "

�Sicherung der Arbeitsplätze und Einkommen wichtiger als höhere Löhne
Die Tarifverhandlungen sind in den letzten Jahren nicht nur
schwieriger, sondern auch langwieriger geworden. Zum Teil ist dies
mit auf die Tatsache zurückzuführen, daß sich der Verhandlungsschwerpunkt immer mehr von den reinen Lohn- und Arbeitszeitfragen auf die
komplizierteren Probleme der Arbeits- und Einkommensgarantie verlagert hat. Gleichzeitig kann aber auch festgestellt werden, daß
von den Gewerkschaften heute allgemein eine friedliche Beilegung
von Arbeitskonflikten angestrebt wird und die Tarifverhandlungen
häufig noch nach Auslaufen des gültigen Vertrages weitergeführt werden, ohne daß ein Streik ausgerufen wird. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die Gewerkschafter mehr und mehr erkannt haben, daß der
Streik nicht immer das geeignete Mittel ist, um die heutigen Arbeitsprobleme in den USA zu lösen.
Zu diesen Feststellungen kommt der Direktor des "US-Bundesvermittlungs- und Schlichtungsdienstes", William E. Simkin, auf Grund einer
Analyse der gegenwärtigen Tarifverhandlungsprobleme der amerikanischen
Wirtschaft. Die Grundlage dieser Analyse bildeten entsprechende Berichte
von insgesamt 215 Schlichtern in allen Bundesstaaten der USA.
Als die ausgeprägtesten derzeitigen Trends im amerikanischen Tarifverhandlungswesen, die in deutlichem Gegensatz zu denen von fünf
oder zehn Jahren stünden, bezeichnete Simkin folgende:
1. Rückläufiges Interesse an allgemeinen Lohnerhöhungen und an
Lohnangleichungen generell;
2. steigendes Interesse an Fragen der Sicherung der Arbeitsplätze
und der Einkommen sowie an Fragen der Arbeitsbedingungen;
3. Rückgang der Zahl der Tarifverträge, die nach einem "Musterabkommen" abgeschlossen werden;
4. Zunahme der Firmenforderungen auf Vertragsänderung;
5. häufigere Ablehnung der von den Sozialpartnern ausgehandelten
Tarifverträge durch die Gewerkschaftsmitglieder;
6. geringere wirtschaftliche Auswirkungen der Streiks.
Simkin unterscheidet in seiner Analyse zwei verschiedene Gruppen
von gewerkschaftlichen Forderungen, die sich auf die wirtschaftliche
und soziale Sicherheit der Arbeitnehmer beziehen und die von den
Arbeitnehmerverbänden in jüngster Zeit in verstärktem Maße zu Hauptpunkten der TarifVerhandlungen erhoben wurden: die Gruppe der Maßnahmen zur Sicherung der Arbeitsplätze und die zur Sicherung der Einkommen der Arbeitnehmer.
Zur ersten Gruppe zählen dabei alle Bemühungen der Gewerkschaften,
die darauf abzielen, die vorhandene Arbeit zu "strecken", und zwar
durch die Aufnahme von Klauseln in den Tarifvertrag -- daß keine

-

10

-

�keine Aufträge an andere Unternehmen weitervergeben werden; die
Vorarbeiter nicht voll mitarbeiten dürfen; die Arbeitsgruppen zahlenmäßig begrenzt und die Anreizpläne eingeschränkt werden und die durchschnittliche Arbeitswoche verkürzt wird.
Die Forderungen nach wirtschaftlicher Sicherung der Arbeitnehmer
beziehen sich auf folgende Punkte: zusätzliche (private und vom Unternehmer getragene:) Versicherungsleistungen im Falle der Arbeitslosigkeit; höhere Pensionen, Unfallrenten, Krankenversicherungsleistungen
sowie Urlaubs- und Feiertagszuschüsse.

(Quelle: Eigenbericht)

******

Zahl der Gewerkschaftsmitglieder geringfügig angestiegen
Nach einer Erhebung des US-Amtes für Arbeitsstatistik hat sich
die Zahl der Mitglieder sämtlicher amerikanischer Gewerkschaften zwischen 1958 und i960 geringfügig, und zwar um 36 000 auf Insgesamt
18,117 Millionen, erhöht. In dieser Ziffer sind auch all jene Mitglieder amerikanischer Gewerkschaften enthalten, die ihren Wohnsitz außerhalb der USA (in erster Linie in Kanada) haben.
Wie aus der Untersuchung, die sich auf die Jahre 1959 un(i 1960
erstreckt, weiter hervorgeht, gehörten von den 18,1 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern rund 15»1 Millionen Gewerkschaften an, die im Zentralverband der "AFL-CIO" zusammengeschlossen sind, während etwa 3
Millionen auf unabhängige Arbeitnehmerorganisationen entfielen. Die
Zahl der organisierten Arbeitnehmer, die amerikanischen Gewerkschaften
angehören, aber Bürger anderer Staaten sind, wird in der Untersuchung
mit 1 Million angegeben.

v

Auf Grund dieser neuen Ziffern ergibt sich, daß rund ein Viertel
aller Arbeitnehmer der USA einer Gewerkschaft angehören, während in
den nichtlandwirtschaftlichen Zweigen jeder dritte Mitglied einer Arbeitnehmerorganisation ist. Das Verhältnis zwischen organisierten und
nichtorganisierten Arbeitnehmern hat sich damit gegenüber der letzten
Erhebung im Jahre 1958 nicht verändert und ist während der gesamten
Nachkriegszeit konstant geblieben.
i

Die Zahl der weiblichen Gewerkschaftsmitglieder wird in der Untersuchung mit 3»3 Millionen angegeben, was einer Zunahme gegenüber
1958 um rund 30 000 entspricht. Auch hier hat sich das Verhältnis der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder mit 1:6 nicht verändert. Berücksichtigt wurden in dieser Erhebung

-

11

�Erhebung sämtliche 184 nationalen und internationalen amerikanischen
Gewerkschaften, die ihren Hauptsitz in den USA haben und die als
Tarifpartner in zwei oder mehr Bundesstaaten in Erscheinung treten.
Von diesen 184 Gewerkschaften gehörten 134 der "American Federation
of Labor - Congress of Industrial Organizations" an.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
US-Arbeitsministerium analysierte 145 000 private Sozialpläne
Gegenwärtig werden 89 Prozent aller privaten Sozial- und Pensionspläne in den Vereinigten Staaten von den Unternehmern oder von
Unternehmergruppen finanziell unterstützt, wobei die Arbeitgeber bei
44 Prozent aller Pläne die Beiträge sogar allein aufbringen.
Dieses Ergebnis stützt sich auf eine umfassende Analyse von
145 000 privaten Sozial- und Pensionsplänen, die dem US-Arbeitsministerium auf Grund des "Weifare and Pension Plans Disclosure Act"
(Gesetz über die Ausweispflicht der privaten Sozial- und Pensionspläne)
jährlich von den Treuhändern dieser Fonds einzureichen sind.
Bei 116 000 Sozialplänen handelt es sich dabei um sogenannte "Wohlfahrtspläne", die in erster Linie solche Leistungen wie Lebens-, Kranken-, Krankenhaus- und ähnliche Versicherungen vorsehen, während
29 000 Pläne ausgesprochene Altersversorgungs- und Pensionspläne sind.
Die 116 000 Wohlfahrtspläne bieten insgesamt 362 000 verschiedene Leistungen, wobei die meisten Pläne (80 Prozent) mehr als eine Versicherungsart für die anspruchsberechtigten Arbeitnehmer vorsehen.
Bei den Altersversorgungs- und Pensionsplänen sehen 98 Prozent
regelmäßige Bezüge bei Erreichung einer bestimmten Altersgrenze oder
nach einer gewissen Gesamtdienstzeit vor. Ein geringer Prozentsatz der
Pläne umfaßt auch finanzielle Leistungen im Todesfall sowie bei Eintritt der Invalidität.
Wie aus der Übersicht weiter hervorgeht, war rund die Hälfte aller
von diesen privaten Sozialplänen erfaßten Personen in den Fertigungsindustrien beschäftigt, während 18 Prozent im Groß- und Einzelhandel
und 9 Prozent in den Dienstleistungszweigen tätig waren.

(Quelle: Eigenbericht)
*

-

12

-

�Gewinnbeteiligungs-Pensionsfonds erreichte 2,1 Mrd. Dollar
Die 1644 Mitarbeiter des größten amerikanischen Versandhauses,
"Sears, Roebuck and Company", im Bezirk Washington konnten am 31. Dezember 1961 eine Gutschrift des Gewinnbeteiligungs-Pensionsfonds der
Firma in Höhe von 3»135 Hillionen Dollar quittieren, so daß ihr Gesamtanteil am Fonds jetzt 18,533 Millionen Dollar ausmacht.
Die Summe von 3»135 Millionen Dollar stellt dabei den Wert der
Aktien des Unternehmens sowie anderer Wertpapiere dar, die mit der
Gewinnbeteiligungssumme erworben wurden. Der aus verschiedenen Anlagepapieren bestehende Gesamtfonds des Versandhauses, das gegenwärtig
rund 150 000 gewinnberechtigte Mitarbeiter beschäftigt, belief sich
am Jahresende auf insgesamt 2,1 Mrd. Dollar.
Der 1916 geschaffene Gewinnbeteiligungs-Pensionsfonds, der einen
Teil der jährlich ausgeschütteten Gewinne in Aktien des Unternehmens
anlegt, ist heute der größte Aktionär von "Sears, Roebuck and Company".
Rund 26 Prozent der ausgegebenen Aktien des Unternehmens gehören heute
dem Pensionsfonds. Neben den Aktien des eigenen Unternehmens befinden
sich im Portefeuille des Fonds auch noch Aktien von 130 anderen Unternehmen sowie zahlreiche weitere Wertpapiere.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Industriearbeiterlöhne erreichten neue Spitze
Sowohl die Durchschnittslöhne der amerikanischen Industriearbeiter
als auch die Kaufkraft ihrer Einkommen erreichten im Dezember vorigen
Jahres neue Spitzen, wie aus einer Übersicht des US-Amtes für Arbeitsstatistik über die Lohnentwicklung in der US-Wirtschaft hervorgeht.
Nach Abzug der Lohnsteuer und der gesetzlichen Sozialabgaben stellten sich die durchschnittlichen Wochenlöhne für Industriearbeiter mit
drei Angehörigen im Dezember 1961 auf 85,17 Dollar, während Alleinstehende
7,'ocnenlöhne von 77,52 Dollar erhielten. Wenn auch die Zunahmen gegenüber
November nur unerheblich waren, so lagen die Durchschnittslöhne doch
gegenüber Dezember i960 um 5,80 Dollar höher. Hierbei ist jedoch zu
berücksichtigen, daß die durchschnittliche Länge der Arbeitswoche im
Dezember i960 um 1,8 Stunden geringer war. .
Da sich die Verbraucherpreise zwischen November und Ende Dezember
nicht veränderten, erreichte die Kaufkraft der Arbeitnehmereinkommen
gleichfalls einen neuen Höchststand. Gegenüber Dezember i960 wiesen
die Industriearbeiterlöhne dabei eine um 7 Prozent höhere Kaufkraft
auf.
Für

-

13

-

�Für das Gesamtjahr 1961 ergibt sich auf Grund der Entwicklung
im Dezember somit ein Durchschnittswochenlohn von 82,18 Dollar für
einen Arbeitnehmer mit drei Angehörigen und von 74&gt;60 Dollar für
einen Alleinstehenden. Diese Werte liegen um rund 3 Prozent über
denen des Jahres i960.

(Quelle: Eigenbericht)
*

Wochenlöhne der Automobilarbeiter 121 Dollar
Wie die "General Motors Corporation" bekanntgab, belief sich
das durchschnittliche Wocheneinkommen der Lohnempfänger des Unternehmens im vergangenen Jahr auf insgesamt 121,22 Dollar; das sind
nur 52 Cent weniger als es 196O, im bisherigen Spitzenjahr, waren.
Die durchschnittlichen Stundenlöhne lagen 1961 mit 3,15 Dollar
dabei erheblich über dem allgemeinen Durchschnitt (2,28 Dollar) der
industriellen Arbeitnehmer.
Die Gesamtzahl der im Stundenlohn beschäftigten Arbeitnehmer des
größten amerikanischen Automobilproduzenten belief sich im Dezember
1961 auf 342 108 - gegenüber einem Jahresdurchschnitt von 300 485 und
einem Durchschnitt von 345 929 i m Dezember i960.
(Quelle: Eigenbericht)

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�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 5

Bad Godesberg, den 1. Mai

1962

INHALTSVERZEICHNIS
Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in den
Vereinigten Staaten
Die "dritte Kraft" am Verhandlungstisch
Neue Arbeitsplätze durch industrielle und technische
Fachausbildung
Betriebliche Schulung - ein wichtiger Zug des amerikanischen Erziehungswesens
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

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John Herling:
Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten
Im Jahr 1961 lag in den Vereinigten Staaten die Zahl der Beschäftigten bei durchschnittlich 66,796 Millionen, die Zahl der Arbeitslosen bei
durchschnittlich 4&gt;806 Millionen. Diese beiden Ziffern schwankten während des Jahres, und zwar bei den Arbeitslosen zwischen 5»705 Millionen
im Februar und 3*934 Millionen im Oktober, während der Beschäftigtenstand im Juni mit 68,706 Millionen eine Rekordhöhe erreichte. Für Industriearbeiter lag der durchschnittliche Wochenlohn bei 92,34 Dollar. Doch
wie ist die Lage für den Arbeitslosen? Welche Gründe führen zu einer
Arbeitslosigkeit, und was sind die Einkommensquellen während der Zeit
der Arbeitslosigkeit?,
Wichtigster Punkt, auf den im Zusammenhang mit amerikanischen Arbeitslosenziffern hingewiesen werden muß, ist die Tatsache, daß sie verschiedene Arten von Arbeitslosigkeit - freiwillige und unfreiwillige,
langfristige und kurzfristige - zusammenfassen. Wirtschaftswissenschaftler haben die umfassende Kategorie der Arbeitslosigkeit in drei Haupttypen, je nach der Ursache der Arbeitslosigkeit, eingeteilt.
Erster Typ ist die sogenannte vorübergehende Arbeitslosigkeit.
Vorübergehend arbeitslos sind Arbeitnehmer während eines Arbeitsplatzwechsels oder auf der Suche nach Arbeit unter günstigeren Klimabedingungen. Die Tradition kurzentschlossener und häufiger Wohnorts- und Arbeitsplatzwechsel geht auf die Grenzerzeit der amerikanischen Geschichte

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�Geschichte zurück, in der man ohne weiteres nach Westen ziehen und
einen wirtschaftlichen Neubeginn versuchen konnte. In den Vereinigten Staaten gibt es keine Binnenpässe, und jeder kann ohne amtliche
Genehmigung oder Registrierung von einem Bundesstaat in den anderen
umziehen. Diese Freizügigkeit ist eines der nie in Frage gestellten
Prinzipien des amerikanischen Lebens.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der USA verlegen
jährlich annähernd 13 Millionen Amerikaner ihren Wohnsitz von einem
Kreis (county) in einen anderen innerhalb der Grenzen ein und desselben Bundesstaates, während 5 Millionen in einen anderen Bundesstaat
(state) überwechseln. Statistisch werden solche fluktuierenden Arbeitskräfte während ihres Wohnungs- und Arbeitsplatzwechsels als
"arbeitslos" geführt. Ebenfalls zur Gruppe der vorübergehend oder
freiwillig Arbeitslosen rechnen Minderjährige sowie erwachsene Frauen,
die keiner ständigen Beschäftigung nachgehen wollen oder nachzugehen
brauchen. In einem Durchschnittsmonat kommen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes drei bis vier Millionen Personen neu auf dem
Arbeitsmarkt hinzu; etwa die gleiche Zahl scheidet im selben Zeitraum
aus. Darunter befinden sich vor allem Frauen und Studenten, die
während der Hauptgeschäftszeit um Weihnachten Saisonarbeiten in der
Bekleidungs- und Konservenindustrie oder in den Kaufhäusern übernehmen.
Zweiter Typ ist die sogenannte strukturelle Arbeitslosigkeit.
Ihre Ursachen liegen in beruflichen, industriellen oder geographischen
Umschichtungen innerhalb eines Wirtschaftsgebietes. Sie sind unvermeidliche Nebenprodukte des wirtschaftlichen Fortschritts nicht nur
in den Vereinigten Staaten, sondern auch in jeder anderen Industriegesellschaft. Neue Berufszweige entwickeln sich, während alte Berufe
und Fertigkeiten mehr oder weniger schnell verschwinden.
Von solchen Wandlungen können ganze Regionen betroffen werden.
In einigen Gegenden Kentuckys und West-Virginias zum Beispiel, wo
sich die Kohlenflöze erschöpft haben, oder in den Nutzholzgebieten
im Norden Michigans, die vollkommen abgeholzt wurden, blieb es nicht
aus, daß die wirtschaftliche Aktivität - und mit ihr die Nachfrage
nach bestimmten Fachberufen - zurückging. Sanierungsprogramme, in
deren Rahmen durch Ansiedlung neuer Industrien in solchen Gebieten
neue Arbeitsplätze geschaffen werden, brauchen selbstverständlich
ihre Zeit.
In anderen Fällen haben Betriebe und sogar ganze Industrien aus
Gründen der Leistungsfähigkeit oder der günstigen Lage von natürlichen
Hilfsquellen oder Transportwegen ihren Sitz in ein anderes Gebiet verlegt. Oder technische Verbesserungen führten zum Abbau alter Werke
und zur Einrichtung neuer automatisierter Betriebe, für die weniger
Arbeiter der alten Fachrichtungen, dagegen mehr Arbeiter mit neuer
Spezialausbildung benötigt werden.
Oft verlassen Arbeitslose nur ungern ihren alten Wohnort, wo
sie und ihre Familien schon ein Leben lang ansässig sind, um anderswo einen Arbeitsplatz zu finden. Niemand kann sie gegen ihren Willen

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�Willen zum Verkauf ihrer Häuser oder zu einem Umzug zwingen. Sie
bleiben daher unter Umständen länger arbeitslos, als wenn sie sich
anderswo einen neuen Arbeitsplatz gesucht hätten.
Dritter und letzter Typ ist die sogenannte konjunkturelle Arbeitslosigkeit. Gemeint ist vor allem eine durch Konjunkturschwankungen innerhalb der Volkswirtschaft erzeugte unfreiwillige Arbeitslosigkeit.
In früheren Perioden der amerikanischen Geschichte waren solche Konjunkturzyklen oft abrupt und verheerend in ihren Polgen. Während der
vergangenen 30 Jahre wurden jedoch Gesetze erlassen, die als Sicherungen
gegen extreme Konjunkturrückgänge in den USA wirken.
Beispielsweise existiert eine Spareinlagenversicherung sowie eine
ganze Reihe von Sozialversicherungen, die Arbeitnehmer gegen schwerwiegende Lohnverluste infolge Erwerbslosigkeit, Invalidität, Alters und
Krankheit schützen. Außerdem haben die Gewerkschaften nach Kräften und
mit Erfolg dafür gesorgt, daß das Lohnniveau der Arbeitnehmer selbst
in Zeiten überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit gehalten wird. Diese
und andere wirtschaftlichen Sicherungen stützen die Kaufkraft der
arbeitenden Bevölkerung - mit dem Ergebnis, daß Konjunkturrückgänge
abgedämpft werden und ein wirtschaftliches Elend, wie es im Gefolge
der Depression in den dreißiger Jahren auftrat, sich bisher nicht wiederholt hat.
So bleibt die Frage: Was hat ein Arbeitsloser zu erwarten? Was sind
seine Einkommensquellen?
Vielleicht die wichtigste Einkommensquelle ist die Arbeitslosenunterstützung. Drei Viertel der Lohnempfänger werden von der Arbeitslosenversicherung erfaßt, die in den Händen der einzelnen Bundesstaaten
liegt. Ihre Gelder schöpft sie aus Beiträgen der Arbeitgeber und der
Bundesregierung. Ihre Leistungen sind von Staat zu Staat verschieden
und bewegen sich zwischen wöchentlich maximal 26 Dollar in Südkarolina
und 55 Dollar in Kalifornien. Diese Beträge entsprechen etwa dem halben
Durchschnitts-Arbeitsentgelt in den einzelnen Staaten.
Arbeitslose haben Anspruch auf Unterstützung für einen Zeitraum
von 20 Wochen in Alabama bis 39 Wochen in Oklahoma. Die Mehrzahl der
Arbeitslosen findet jedoch vor Erreichen dieser Grenze einen neuen
Arbeitsplatz. Die Durchschnittsdauer von Unterstützungszahlungen lag
1959tod-nur 13 Wochen. Im selben Jahr erhielten insgesamt sechs Millionen Personen eine Arbeitslosenunterstützung; im Wochendurchschnitt
waren es jedoch nicht mehr als 1,7 Millionen Unterstützungsempfänger
bei einer Gesamtbevölkerung von rund 180 Millionen. Da diese Unterstützungszahlungen einkommensteuerfrei sind, entsprechen sie zudem noch
einem höheren Bruttoeinkommen.
Arbeitslosenunterstützung stellt einen Rechtsanspruch dar und hängt
nicht von der Bedürftigkeit des Empfängers ab. Solange jemand zu arbeiten bereit ist, jedoch keinen Arbeitsplatz hat, besitzt er einen rechtlichen Anspruch auf diese Unterstützung; ein Bedürftigkeitsnachweis
ist nicht erforderlich. Es gibt kommunale Wohlfahrtsprogramme, jji

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3 -

�in deren Rahmen Familien finanzielle Beihilfen erhalten, wenn sie
die Notwendigkeit einer solchen Hilfe in ihrem Fall nachweisen.
Programme dieser Art laufen aber getrennt von jeder Arbeitslosenunterstützung; sie werden in einem späteren Abschnitt besprochen.
Ein weiterer interessanter Aspekt der Arbeitslosenunterstützung in
den Vereinigten Staaten ist die Tatsache, daß ein Arbeitnehmer auch
Anspruch auf sie haben kann, wenn er eine Arbeit ablehnt, die seiner
früheren Tätigkeit nicht angemessen ist. Ebenfalls zurückweisen kann
er einen Arbeitsplatz, bei dem Lohnniveau und Arbeitsbedingungen
gewisse Voraussetzungen nicht erfüllen.
Eine zweite wichtige Einkommensquelle für Arbeitslose sind
private Ersparnisse. Natürlich ist die Höhe solcher Sparguthaben
bei jedem einzelnen verschieden. Infolge beständiger Einkommenszunahmen, insbesondere bei der Gruppe der ungelernten Arbeiter, deren
Löhne schneller geklettert sind als die der übrigen Berufsgruppen,
sind sie im 20. Jahrhundert stetig angestiegen. 1907 zum Beispiel
erhielt ein ungelernter Arbeiter einen Stundenlohn von 21 Cent, ein
Geselle im Bauhandwerk 42 Cent, d.h. doppelt soviel. Fünfzig Jahre
später lag der Stundenlohn eines ungelernten Arbeiters bei 2,45 Dollar,
das sind mehr als 70 Prozent des Gesellenlohnes von 3»40 Dollar.
Mitte 1959 betrugen die Durchschnitts-Familienersparnisse 5500 Dollar
gegenüber 4000 Dollar im Jahr 1950 und 1700 Dollar im Jahr 1940.
Diese Beträge schließen Sparguthaben, Staatspapiere und Lebensversicherungspolicen ein. Einen weiteren Sparanreiz bildet die zunehmende
Zahl von Lohnnebenleistungen, die Arbeitnehmern im Rahmen zahlreicher
Kollektivverträge zustehen. Vielfach sehen solche Verträge bezahlten
Jahresurlaub, bezahlten Krankenurlaub, bezahlte Feiertage, den Abschluß von Lebens- und Krankenversicherungen durch den Arbeitgeber
und Entlassungsgelder vor. Da diese Auslagen vom Arbeitgeber übernommen werden, ist ein größerer Teil der Einkünfte zum Sparen übrig.
Eine dritte Einkommensquelle ergibt sich aus zusätzlichen Arbeitslosenunterstützungen. Etliche Tarifverträge sehen zusätzlich
zur staatlichen Arbeitslosenversicherung, zu der die Arbeitgeber
ja ebenfalls ihre Beiträge leisten, Zahlungen an Arbeitslose vor,
die voll von den Arbeitgebern übernommen werden. Gegenwärtig gewähren hauptsächlich die Automobil-, Stahl-, Aluminium-, Gummi-, Landmaschinen- und Konservenindustrie eine zusätzliche Arbeitslosenunterstützung. Ein Automobil- oder Stahlarbeiter, dessen Wochenlohn sich
auf 80 Dollar belief, kann bei Arbeitslosigkeit neben seinen 50 Dollar
pro Woche an staatlicher Unterstützung auf diese Weise zusätzlich
22 Dollar von seinem früheren Arbeitgeber beziehen, so daß seine
wöchentlichen Einkünfte auf insgesamt 52 Dollar oder 65 Prozent des
üblichen Arbeitsentgelts ansteigen.
Eine vierte Einkommensquelle sind Beihilfen, die aus Wohlfahrtsfonds der Kommunal-, Stadt- oder Kreisverwaltungen gewährt werden.
Solche Beihilfen werden voll und ganz von der Bedürftigkeit des Antragstellers abhängig gemacht. Ihre Höhe ist von Gemeinde zu Gemeinde
verschieden, sie decken jedoch die Grundkosten, die eine Familie für
Nahrung, Kleidung und Wohnung aufzuwenden hat.
Neben

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�Neben diesen vier Haupteinkommensquellen für Erwerbslose
existieren noch zahlreiche Arbeitsschutzprogramme. Eine Arbeitsvermittlung durch die einzelstaatlichenArbeitsämter, die Arbeitsuchenden Arbeitsplätze in großer Auswahl anzubieten haben, ist
in jedem Falle gebührenfrei. Gewerkschaften haben in zunehmendem
Maße Arbeitsplatz-Schutzklauseln in ihren Kollektivverträgen durchgesetzt, denen zufolge der Arbeitgeber zur Beachtung des Anciennitätsprinzips verpflichtet ist und keine willkürlichen Entlassungen
mehr vornehmen kann. Aus der Alters- und Hinterbliebenenversicherung
der Bundesregierung empfangen Arbeitnehmer nach ihrem 65. Lebensjahr
sowie ihre Frauen, hinterbliebene Witwen und versorgungsberechtigte
Waisen ansehnliche Monatsrenten. Schließlich existiert ein umfassendes, in die Zuständigkeit der Einzelstaaten fallendes System von Invalidenversicherungen .
Trotz der großen Fortschritte im Sozialversicherungswesen und
Arbeitslosenschutz, wie sie sich in diesem ausgedehnten Netz von
Versicherungsleistungen manifestieren, bemühen sich die Vereinigten
Staaten um weitere Verbesserungen auf diesem Gebiet. Gewerkschaften
und andere interessierte Gruppen drängen auf einen höheren Leistungsstand der Bundesarbeitslosenversicherung, um einem vorübergehend
Arbeitslosen die Aufrechterhaltung seines gewohnten Lebensstandards
zu ermöglichen. Arbeitslosigkeit und Sozialversicherung werden in
Amerika als Probleme eines Gemeinwesens betrachtet, deren Lösung auf
den verschiedensten Ebenen in Angriff genommen werden muß, ohne Beeinträchtigung des Rechts auf Freizügigkeit und freie Arbeitsplatzwahl.

**•**-*

Die"dritte Kraff'am Verhandlungstisch
Die Aspekte im amerikanischen Tarifverhandlungswesen haben sich
in jüngster Zeit insofern nicht unerheblich gewandelt, als beide Sozialpartner in zunehmendem Maße geneigt sind, die Öffentlichkeit als
dritte Kraft im lohnpolitischen Spiel anzuerkennen und ihre Interessen
beim Aushandeln neuer Tarifverträge zu berücksichtigen.
Die Bedeutung dieser Entwicklung, auf die US-Arbeitsminister Goldberg kürzlich vor dem Jahreskongreß der Druckergewerkschaft mit Nachdruck hinwies ("an jedem Verhandlungstisch ist heute auch eine dritte
Partei vertreten - das amerikanische Volk"), läßt sich im Moment noch
nicht voll abschätzen, wenngleich schon jetzt festgestellt werden kann,
daß hierdurch die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern auf eine
vollkommen neue Grundlage gestellt werden dürften - auf die Grundlage
der wirtschafts- und sozialpolitischen Mitverantwortung.
Sichtbarer

�Sichtbarer Ausdruck dieses neuen Trends sind u.a. die
zahlreichen in letzter Zeit von Unternehmern und Gewerkschaften
gebildeten gemeinsamen Untersuchungs- oder Studienausschüsse, denen
Vertreter der Öffentlichkeit als gleichberechtigte Partner angehören
und deren Aufgabe es ist, wirtschafts- und sozialpolitische Probleme
zu analysieren und sie zu einer Lösung zu führen, ehe sie in kostspielige Streiks einmünden.
Beispielgebend in dieser Hinsicht war der aus Vertretern der
Unternehmer, der Gewerkschaft und der Öffentlichkeit bestehende
Dreierausschuß, der 1959 nach der Beilegung des Streiks von der
Stahlarbeitergewerkschaft (USA) und der "Kaiser Steel Corporation"
gebildet wurde. Aufgabe dieses Ausschusses sollte es nach dem Willen
der Sozialpartner sein, eine allgemein gültige langfristige Formel
zu finden, damit die aus der Tätigkeit des Unternehmens erwachsenden
Früchte gleichmäßig und gerecht verteilt werden können, sowie Wege
und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die periodisch immer wieder sich
ergebenden Spannungen zwischen den Sozialpartnern ausgeschaltet und
harmonische Beziehungen geschaffen werden können. Durch eingehende
Beratung, Diskutierung sowie Klärung der jeweils sich ergebenden
Probleme in diesem Ausschuß sollte dabei verhindert werden, daß währen
der Tarifverhandlungen selbst schwerwiegende und die Verhandlungsatmosphäre vergiftende Probleme diskutiert und geklärt werden müssen.
Vor einigen Wochen hat dieser Ausschuß einen Tätigkeitsbericht
veröffentlicht. In ihm wird betont, daß im Hinblick auf die angestrebten Ziele bisher gute Fortschritte erzielt worden seien und daß der
Ausschuß zu einer permanenten Einrichtung gemacht werden sollte. Seine
Hauptaufgabe solle darin bestehen, den Ablauf von TarifVerhandlungen
eingehend zu verfolgen und die dort angesprochenen Probleme und Forderungen zu analysieren sowie Vorschläge dahin gehend auszuarbeiten,
wie die strittigen Punkte auf friedlichem Wege und ohne Zufluchtnahme
zum Streik beigelegt werden können.
Als einen hervorragenden Beitrag zum industriellen Frieden und
zur sozialen Gerechtigkeit bezeichnete kürzlich das "Catholic Labor
Institute of Los Angeles" jene Schritte und Maßnahmen, die bisher von
der Stahlarbeitergewerkschaft und der "Kaiser Steel Corporation" auf
dem Gebiet der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen unternommen worden
sind. John B. Geagon, der Präsident des Instituts, bezeichnete die
Errichtung des gemischten Ausschusses dabei als ein Beispiel für
"Weitsicht ,gegenseitigen Respekt und die Sorge um das allgemeine
Wohl". "Wir glauben, daß dieser Ausschuß eines der hoffnungsvollsten
Zeichen auf dem Gebiet der industriellen Beziehungen in den USA ist."
Ein anderes Beispiel 'für diesen neuen Trend ist der von "Armour. a
Company" und der Fleischpackergewerkschaft ebenfalls im Jahre 1959 gegründete Automationsausschuß, dem als Vertreter der Öffentlichkeit
der Präsident der University of California, Clark Kerr, als unparteiischer Vorsitzer angehört.

Die

�Die Gründung dieses Ausschusses erfolgte seinerzeit, um einen
vollständigen Abbruch der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern
zu verhindern. Die Spannungen zwischen Unternehmen und Gewerkschaft
waren wegen der durchgreifenden Mechanisierungs- und Automatisierungsmaßnahmen des Unternehmens entstanden, durch die zahlreiche Arbeitsplätze beseitigt worden waren. Das zur Bildung dieses Ausschusses
führende Abkommen sah außerdem vor, daß ein vom Unternehmen finanzierter Fonds dafür verwendet werden sollte, die sich aus der Umstellung
auf die Automation ergebenden betriebstechnischen, wirtschaftlichen
und sozialen Probleme zu untersuchen und Vorschläge und Programme
zu deren Lösung auszuarbeiten.
Wie wertvoll die von dem Ausschuß durchgeführten Studien waren,
bewies das im September vorigen Jahres neu abgeschlossene Tarifabkommen, das sich in seiner Fassung weitgehend an die Empfehlungen
des Ausschusses anlehnte und den Arbeitnehmern einen erhöhten Schutz
gegenüber der Automatisierung brachte. So ist es jetzt z.B. auf Grund
dieses Abkommens unter anderem möglich, solche Arbeitnehmer an andere
Arbeitsplätze innerhalb des Unternehmens umzusetzen, die infolge technologischer Veränderungen ihre alten Arbeitsplätze verloren haben.
Außerdem sichert es allen von der Umstellung betroffenen Arbeitnehmern
ein sogenanntes "technologisches Umstellungsgeld" zu, das für die
Dauer von 39 Wochen gewährt wird und 65 Dollar pro Woche ausmacht;
desgleichen Umzugs- und Umschulungsbeihilfen.Auch durch die ebenfalls gegebene Möglichkeit einer vorzeitigen Pensionierung werden
die Auswirkungen von Betriebsumstellungen oder Betriebsschließungen
weitgehend gemildert.
Auf nationaler Ebene kommt dieser neue Trend der ArbeitgeberArbeitnehmerbeziehungen in den USA vor allem in dem im vergangenen
Jahr von Präsident Kennedy ins Leben gerufenen 2lköpfigen PräsidialBeratungsausschuß für Arbeitgeber-Arbeitnehmerpolitik (Presidential
Advisory Committee on Labor-Management Policy) zum Ausdruck, der sich
aus je sieben Vertretern des Managements, der Gewerkschaften und der
Öffentlichkeit zusammensetzt. Hauptaufgabe dieses neuartigen Ausschusses ist es, Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen, durch die das freie
Tarifverhandlungswesen gefördert, der industrielle Friede gesichert,
eine gesunde Preis- und Lohnpolitik aufrechterhalten, die Produktivität gesteigert und der Lebensstandard erhöht wird. Außerdem ist der
Ausschuß angewiesen, Lösungen für die Beseitigung der strukturellen
Arbeitslosigkeit auszuarbeiten, die eine direkte Folge der technologischen Veränderungen ist.
In einem im Januar'dieses Jahres veröffentlichten Bericht über
die Auswirkungen der Automation betonen die Mitglieder dieses Ausschusses, daß die Automation sowohl für die Verteidigung als auch für den
Wohlstand des amerikanischen Volkes von entscheidender Bedeutung sei
und sich in der amerikanischen Wirtschaft ohne die Preisgabe menschlicher Werte realisieren lasse.
Wenn auch die Automatisierung und die schnelle technische Entwicklung zur Beseitigung vieler Arbeitsplätze geführt hätten, so würden doch andererseits, wenn es nicht gelänge, das bisherige Tempo der

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�der Automatisierung beizubehalten und darüber hinaus sogar noch zu
steigern, weitaus schlimmere Beschäftigungs- und andere Probleme ausgelöst werden als sie heute die Automation stelle.
Zur Lösung der derzeitigen Arbeitsmarktprobleme und zur Milderung
der Auswirkungen der Automatisierung werden in dem Bericht eine Erhöhung der wirtschaftlichen Wachstumsrate, ein stärkeres Engagement
der Regierung bei der Verbreitung von Arbeitsplatzinformationen als
bisher, eine verstärkte, engere Zusammenarbeit zwischen Regierungsstellen und privaten Organisationen hinsichtlich der Umschulung und
Ausbildung von Arbeitskräften sowie ein besseres Hand-in-Hand-Arbeiten
von Gewerkschaften und Unternehmen in Arbeitsplatzfragen für notwendig
erachtet.
Die Notwendigkeit für einen derartigen unter dem Schutz der
Regierung stehenden Beratungsausschuß ist in den letzten Jahren von
zahlreichen amerikanischen Gewerkschaftsführern immer wieder herausgestellt worden. Arthur J. Goldberg z.B. schlug vor seiner Ernennung
zum Arbeitsminister in der Regierung Kennedy in seiner Eigenschaft
als Rechtsberater der AFL.-CIO die Schaffung eines "Nationalen Rates
von Beratern in Arbeitgeber-Arbeitnehmerfragen" vor."Der Hauptzweck
eines solchen Ausschusses sollte es sein", so erklärte Goldberg
damals, "die große Erfahrung und das Wissen von Gewerkschaften,
Management und Experten der Öffentlichkeit gemeinsam auf die großen
Probleme anzusetzen, die sich auf dem Gebiet der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen, auf Grund ihrer Tätigkeiten und Interessen, ergeben'•!
Der neue Paktor in dieser Entwicklung ist die zunehmende Betonung der Rolle der "Neutralen" oder der Vertreter der Öffentlichkeit
bei der Lösung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerprobleme. George H. Hildebrand, Professor für Wirtschafts- und Arbeitswissenschaft an der
Cornell-Universität, meint, daß die Vorteile einer solchen aktiven
Teilnahme dieser Vertreter besonders dann sichtbar würden, wenn die
Meinungen und Ansichten der Sozialpartner in bestimmten Fragen weit
auseinandergehen. In solchen Fällen könnten die "Neutralen" nach seiner Ansicht "als Katalysatoren wirken, indem sie ständig um eine
Schlichtung, im weitesten Sinne, bemüht sind - die Aufmerksamkeit der
Parteien auf die einzelnen Probleme und die aus den Analysen sich ergebenden Tatsachen lenken und sie ständig auf die Notwendigkeit lebensfähiger Lösungen aufmerksam machen - und dabei taktvoll darauf hinweisen, daß auch die Öffentlichkeit ein Interesse zu vertreten hat".
(Quelle: Eigenbericht)
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�Neue Arbeitsplätze durch industrielle und technische Fachausbildung
Ein hervorragendes Beispiel kommunaler Initiative, durch die
neue Industrieunternehmen herbeigezogen, mehr Arbeitsplätze geschaffen
und die benötigten Fachkräfte herangebildet werden, ist das neue
Industrieausbildungszentrum (industrial Education Center) von Burlington, einer Mittelstadt im amerikanischen Bundesstaat Nordkarolina.
Es bildet den Höhepunkt von Bemühungen, Schülern der Oberklassen höherer Schulen und Erwachsenen in immer stärkerem Maße Gelegenheit
zu industrieller und technischer Fachausbildung zu bieten und gleichzeitig Industriebetrieben höherqualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen.
Das Ausbildungszentrum wurde 1959 mit Hilfe kommunaler, einzelstaatlicher und bundesstaatlicher Zuschüsse errichtet; die Kosten
beliefen sich auf annähernd 1,5 Millionen Dollar. Bei einer Nutzfläche
von 4929 Quadratmeter verfügt es über eigens für den Lehrbetrieb ausgestaltete Unterrichtsräume. Seine großen, hellen Werkstätten, Laboratorien und Klassenzimmer wurden nach modernsten Gesichtspunkten eingerichtet. Die Leitung des Projektes liegt in den Händen der städtischen Schulbehörde und geschieht in Zusammenarbeit mit den Berufsschulämtern des Kreises und des Bundesstaates Nordkarolina sowie unter Mitwirkung eines Beirates, in dem die ansässigen Unternehmen vertreten
sind. Dem Lehrerkollegium gehören 30 hauptamtliche und 73 nebenamtliche
Dozenten an, von denen viele in Abendkursen, nach ihrer Arbeit in den
einzelnen Industriebetrieben, Unterricht erteilen. Eine Unterrichtsgebühr wird nicht erhoben; Kosten entstehen den Kursteilnehmern nur
durch die Anschaffung von Lehrbüchern und Unterrichtsmaterial.
Hauptlehrfächer des Ausbildungszentrums sind Klima- und Kühltechnik, Automechanik, technisches Zeichnen und Konstruktion, Industriechemie, Maschinenbau, Blechverarbeitung, Werkzeugmaschinenpflege und -reparatur sowie Kurse für technische Sekretärinnen. Für
Mechaniker, die bereits in einem Betrieb arbeiten und sich höher
qualifizieren möchten, sind Lehrgänge in V/erkzeugbau und Werkzeugkonstruktion vorgesehen. Jedes Fach wird in Dreistunden- oder Sechsstunden-Tageskursen an fünf Tagen in der Woche geboten. Abendkurse
finden zwei-, drei- oder fünfmal wöchentlich statt. Die meisten Lehrfächer erfordern 2000 Unterrichtsstunden bis zum Lehrgangsabschluß.
Fünfundzwanzig Prozent der Unterrichtszeit verbringen die Kursteilnehmer im Laboratorium, wo sie sich die notwendigen Handfertigkeiten
aneignen, während die restlichen 75 Prozent theoretischen Fächern wie
Mathematik, Naturwissenschaften, Zeichnen sowie Abfassen von Arbeitsberichten usw. gewidmet sind. Kurzkurse von 12 bis 188 Unterrichtsstunden werden ebenfalls geboten, und zwar in angewandter Hydraulik,
Betriebswirtschaft, Werkstoffkunde, Betriebselektrotechnik, Rundfunkund Fernsehgerätereparatur, Tankstellenwartung, Kraftfahrzeugreparatur sowie Garn- und Gewebeprüfung.
Die Zulassungsbedingungen richten sich nach Alter und Unterrichtsfach. Wer an einem Lehrgang teilnehmen will, muß mindestens 16 Jahre
alt und zum Besuch der dritten Oberschulklasse (etwa der Obertertia

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�Obertertia entsprechend) berechtigt sein. Besonders gute Leistungen
sind in Mathematik nachzuweisen. Für Kurse in Elektronik und Industriechemie ist die Absolvierung von zwei Jahren Mathematik (davon
ein Jahr Algebra) sowie Physik oder Chemie als Hauptfächer Voraussetzung.
In den letzten zehn Jahren war im Kreisgebiet um Burlington
ein stetiger Zuzug von Industrieunternehmen zu verzeichnen. Die Zahl
der Industriearbeiter hat sich in Burlington selbst um 80 Prozent
erhöht. Ein Großteil ist in Strumpffabriken und Textilwerken beschäftigt. Andere haben einen Arbeitsplatz in Unternehmen der Elektround Möbelindustrie gefunden. Burlington gibt sich allerdings mit dem
bisher Erreichten nicht zufrieden. Mit der Ausweitung der Industrie
in diesem Gebiet wird auch die Nachfrage nach Fachkräften steigen.
Um dem zu begegnen, plant die Stadt eine Erweiterung ihres Industrieausbildungszentrums um 1581 Quadratmeter, so daß Platz für zehn neue
Klassenräume und Laboratorien mit der Möglichkeit zu Spezialkursen
in Datenverarbeitung, Elektrotechnik und Gebrauchskunst geschaffen
wird.

(Quelle: Eigenbericht)

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Betriebliche Schulung - ein wichtiger Zug des amerikanischen
Erziehungswesens
Betriebliche Schulungsprogramme haben sich während der letzten
zwei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten in solchem Maße ausgeweitet, daß sie heute als wichtiger Bestandteil des amerikanischen Erziehungswesens gelten. Wandlungen in den Produktionsmethoden, Automation und Nutzbarmachung neuer Energiequellen haben Unternehmensleitungen dazu gezwungen, für ihre Belegschaftsmitglieder Sonderfortbildungskurse, die über den Lehrstoff technischer Fach- und Hochschulen
hinausführen, einzurichten. Heute bieten die meisten amerikanischen
Großfirmen ihren Angestellten Bildungsprogramme, die auf Sonderaufgaben vorbereiten oder Gelegenheit zu persönlicher Weiterbildung geben.
In einigen Fällen stehen dazu firmeneigene technische Institute zur
Verfügung; in anderen werden Belegschaftsmitgliedern Ausbildungsbeihilfen für berufsfördernde Lehrgänge an Fachschulen gewährt. Häufiger
jedoch liegen solche Programme in den Händen der Betriebsausbildungsabteilungen, die sie als innerbetriebliche Schulung in Unterrichtsräumen oder am Arbeitsplatz selbst durchführen.
Vielfältige Programme, von den Ausbildungs- und Personalabteilungen der "Eastman Kodak Company" veranstaltet, laufen in den acht Werken der Gesellschaft in Rochester (New York), Kinsport (Tennessee),

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�(TennesseeJ), Longview (Texas) und Peabody (Massachusetts). Sie sind
darauf ausgerichtet, in zwangloser Form Angestellte in ihrem Bestreben nach Selbstentfaltung im Rahmen ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen. Die Betonung liegt dabei auf der eigenen Leistung und der
täglichen Arbeit. James S. Bruce, Ausbildungsdirektor der "Eastman
Kodak Company", erläuterte hierzu: "Ausbildung ist nach unserer
Ansicht am wirkungsvollsten, wenn sie in enger Verbindung mit dem
Arbeitsplatz vorgenommen wird. Jeder einzelne ist für seine Ausbildung
verantwortlich. Letztlich ist jede Entwicklung Selbstentwicklung."
Zahlreiche Lehrgänge sehen im Zusammenhang mit besonderen Ausbildungszielen auch Klassenunterricht vor. Ein willkürlich herausgegriffener Tagesplan zeigt beispielsweise einen Kurs in MatrizenAlgebra an, einen 32stündigen Lehrgang, zu dem sich Wissenschaftler
der angewandten Forschung einmal wöchentlich in den Kodak-Park-Werken
für Film- und Fotopapierherstellung in Rochester zusammenfinden. Gleichzeitig treffen sich Mitarbeiter der Abteilung Apparatebau und Optik
zu der ersten von vier Unterrichtsstunden der Arbeitsgemeinschaft
"Wirkungsvoller Stil". Nur acht Teilnehmer sind zu diesem Kurs zugelassen, der zu Klarheit und Einfachheit im Aufsatzstil hinführt. Eine
Betriebsausbildungsabteilung koordiniert sämtliche Schulungsprogramme
der "Eastman Kodak Company". Sie stellt den Zweigwerken Lehrpersonal
und Anschauungsmaterial zur Verfügung.
Auch die "Republic Steel Company" hat ihre Bildungsarbeit auf die
speziellen Bedingungen ihres Unternehmens zugeschnitten. Ihre Programme
zielen auf eine Höherqualifizierung ihrer Arbeiter ab, die mit den
verwickelten Bedienungs- und Wartungsproblemen moderner automatisierter
Werkseinrichtungen vertraut gemacht werden. Die Lehrgänge finden jedoch außerhalb der Werke im "Human Engineering Institute" bei Warren
im Bundesstaat Ohio statt. Das Institut ist eine unabhängige, gemeinnützige Einrichtung, zu deren Aufbau die "Republic Steel Company" ,
jetzt ihr größter "Kunde", den wesentlichsten Beitrag geleistet hat.
Es ist in der Lage, eine Vielzahl von betrieblichen Fortbildungsprogrammen durchzuführen.
Einen weiteren Weg zur betrieblichen Schulung stellt der Ausbildungsbeihilfenplan der Firma "Chas. Pfizer and Company", eines bedeutenden amerikanischen Arzneimittelherstellers, dar. In seinem Rahmen erhalten Angestellte, die berufsfördernde Kurse an anerkannten
Colleges und Universitäten belegen, Studiengelder bis zu einer Höhe
von 300 Dollar jährlich und Laboratoriumsgebühren bis zu 40 Dollar
von der Firma ersetzt. Seit 1957» dem Beginn dieses Plane-s, wurden
fast 100 000 Dollar an rund 700 Mitarbeiter ausgezahlt. Gegenwärtig
nehmen über 200 Angestellte Ausbildungsbeihilfen dieser A.it in Anspruch«
Die beschriebenen Beispiele sind typisch für die Bildungsprogramme,
die von vielen amerikanischen Industrieunternehmen heute geboten werden.
Es gibt zahlreiche Varianten, je nach den besonderen Erfordernissen
der einzelnen Betriebe. Doch in ihrer Gesamtheit bilden sie einen neuen
Stein im Mosaik des amerikanischen Erziehungswesens.
(Quelle: Eigenbericht)
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�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Weitere Entspannung am amerikanischen Arbeitsmarkt
Wie von den meisten Experten vorausgesagt, hat sich - nach der
kurzen Stagnation im Januar - die wirtschaftliche Aktivität in den
USA im Laufe des Februars erneut erhöht, wobei zum Teil nicht unerhebliche Anstiege in der Beschäftigtenzahl, der industriellen
Produktion und bei den Einkommen registriert wurden.
Von besonderer Bedeutung war zweifellos die Entwicklung auf dem
Arbeitsmarkt, wo die über dem jahreszeitlichen Durchschnitt liegende
Zunahme der Beschäftigtenzahl den wohl wichtigsten Aspekt bildete.
Mit insgesamt 65,8 Millionen lag dabei die Zahl der Beschäftigten
gegenüber dem Vormonat um 731 000 höher, während normalerweise nur
eine Zunahme um 130 000 zu erwarten gewesen wäre. Auch die Zahl der
Arbeitslosen nahm in diesem Monat ab, in dem in der Regel noch mit
einer Zunahme gerechnet werden muß. Da die Gesamtabnahme zwischen
Januar und Februar 120 000 betrug, stellte sich die Gesamtzahl der
registrierten Erwerbslosen somit am Ende des Monats auf 4 543 000.
Auf Grund dieser beiden Entwicklungen ging auch die von den
saisonalen Einflüssen bereinigte Erwerbslosenrate - der Anteil der
Erwerbslosen an der Gesamtzahl der Arbeitskräfte - weiter, und zwar
von 5,8 auf 5,6 Prozent, zurück. Das ist der niedrigste Stand seit
Juli 196O. Im Vergleich hierzu: im Februar 1961 belief sich die
Erwerbslosenrate auf 6,8 Prozent und im Mai vorigen Jahres sogar
auf rund 7*0 Prozent.
Unterzieht man einmal die verschiedenen Beschäftigungsziffern
einer näheren Betrachtung, so zeigt es sich, daß die jüngsten Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt doch eine sehr breite Basis haben.
Während nämlich normalerweise die Zahl der nichtlandwirtschaftlichen
Arbeitsplätze in den V/intermonaten allgemein rückläufig ist, war
sie in diesem Jahr nicht nur stark expansiv, sondern erreichte sogar
im Februar einen absoluten Spitzenstand für diesen Monat.
Ein anderes untrügliches Zeichen für eine allgemein gute Konjunkturlage ist auch die durchschnittliche Länge der Arbeitswoche,
die im Laufe des Februar mit 40 Stunden das höchste Niveau seit fünf
Jahren aufwies. Der Entwicklung der Arbeitswoche entsprechend, erhöhten
sich auch die wöchentlichen Durchschnittseinkommen der industriellen
Arbeitnehmer, die im Februar mit 95,20 Dollar um 6 Dollar größer
waren als vor einem Jahr.
Die günstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen
Wochen darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Kernprobleme der Arbeitslosigkeit damit noch nicht beseitigt sind. Denn
wenn man die Rückgänge auf dem Erwerbslosensektor einmal näher betrachtet, so zeigt
sich, daß die meisten der wieder in den Arbeitsprozeß eingegliederten Personen nur weniger als fünf Wochen beschäftigungslos waren. Ebenso verdient die Tatsache besondere Beachtung,
daß weiterhin 1,5 Millionen Arbeitslose in der US-Wirtschaft vorhanden

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�vorhanden sind, die bereits länger als 15 Wochen arbeitslos sind
und damit statistisch zu den "langfristigen Erwerbslosen" zählen.
Rund 700 000 von diesen 1,5 Millionen Dauerarbeitslosen sind überdies mehr als 27 Wochen ohne Arbeit und zählen somit zu den
"strukturellen" oder "hartnäckigen" Fällen.
Diese bedrückenden Tatsachen, die von den Arbeitnehmerverbänden
in jüngster Zeit in der Öffentlichkeit mit besonderem Nachdruck
herausgestellt wurden, können auch nicht mit dem Hinweis vertuscht
werden, daß das amerikanische Erhebungssystem für Erwerbslose sehr
liberal ist und selbst all diejenigen Personen registriert, die,
wenn überhaupt, nur am Rande an einer ganztägigen Beschäftigung
interessiert sind, und daß ein großer Prozentsatz dieser Arbeitslosen ihren Arbeitsplatz durch die fortschreitende Automatisierung
verloren haben.
Allerdings muß in diesem Zusammenhang auch noch darauf hingewiesen werden, daß es sich bei diesen langfristigen Erwerbslosen
größtenteils um ungelernte oder angelernte Arbeitskräfte handelt, die es natürlich besonders schwer haben, einen neuen
Arbeitsplatz zu finden. Hinzu kommt noch, daß die meisten neuen
Arbeitsplätze nicht in den industriellen Betrieben geschaffen werden,
sondern in den Dienstleistungszweigen, hauptsächlich im Handel und
in der Finanzwirtschafti Bezeichnenderweise haben solche ehemals
arbeitsintensiven Industriezweige wie die Fe:rtigungsindustrie, die
Bauwirtschaft, das Transportgewerbe und der Bergbau ihre früheren
Beschäftigungsziffern nicht wieder erreichen können.
Hieraus ergibt sich also, daß es sich bei dem Arbeitsmarktproblem in den USA gegenwärtig in erster Linie darum dreht, die
langfristigen Erwerbslosen auf die neuen Tätigkeiten umzuschulen,
denn es ist ebenso eine feststehende Tatsache, daß sich auf Grund
der technologischen Veränderungen viele neue Beschäftigungsmöglichkeiten ergeben haben und daß in vielen Branchen die Zahl der
offenen Stellen ganz beträchtlich ist.
Daß auch die amerikanische Regierung diese Notwendigkeit ganz
klar erkannt hat, zeigt das in der vergangenen Woche vom Kongreß
verabschiedete Umschulungsprogramm für strukturelle Arbeitslose,
für das während der nächsten drei Jahre insgesamt 435 Millionen
Dollar zur Verfügung stehen und mit dessen Hilfe bis zu eine Million
Erwerbslose auf neue Berufe umgeschult werden können.

(Quelle: Eigenbericht)

» # » * *

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13

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�Lohnnebenleistungen stiegen stärker als Löhne
Wie aus verschiedenen Untersuchungen des US-Arbeitsministeriums
hervorgeht, sind die Lohnnebenleistungen in der amerikanischen Wirtschaft auch im vergangenen Jahr weiter angestiegen. Nach den bisher
vorliegenden Unterlagen wurden von den amerikanischen Arbeitgebern
1961 insgesamt über 18 Mrd. Dollar für die diversen "fringe benefits"
aufgewendet. Das sind 11,5 Mrd. Dollar mehr als 1950. Im Vergleich
hierzu: 1935 betrugen die gesamten Lohnnebenleistungen der amerikanischen Wirtschaft lediglich 500 000 Dollar.
Auch der Anteil der "fringe benefits" an den gesamten Lohnkosten
hat sich im vergangenen Jahr weiter erhöht. Während dieser Anteil im
Jahre 1929 weniger als ein Prozent ausmachte und 1950 noch rund fünf
Prozent betrug, lag er 1961 bei 7»5 Prozent. Insgesamt sind die Lohnnebenkosten in der US-Wirtschaft in den letzten Jahren doppelt so
schnell angestiegen als Löhne und Gehälter.
Als "fringe benefits" gelten in den USA sämtliche gesetzlichen und
privaten Sozialleistungen, wie die Unternehmerbeiträge zu den privaten
Pensions- und Wohlfahrtsfonds, zu Unfall-, Kranken- und Erwerbslosenund anderen Sozialversicherungen sowie die Aufwendungen für Urlaubsgelder und die Feiertagsbezahlung.
(Quelle: Eigenbericht)

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Elektrikergewerkschaft erreichte 25-Stunden-Woche
Ein beachtenswertes neues Tarifabkommen, das den organisierten
Arbeitnehmern nicht nur höhere Löhne und Sozialleistungen, sondern auch
eine 25-Stunden-Woche ab 1. Juli dieses Jahres sichert, hat kürzlich
der Ortsverein Nr. 3 der Elektrikergewerkschaft in New York mit den
Vertretern von 120 Unternehmern abgeschlossen. Ursprünglich hatte die
Gewerkschaft den 4-Stunden-Tag gefordert.
Auf Grund des neuen Tarifabkommens werden die Stundenlöhne der
Elektriker von gegenwärtig 4&gt;40 Dollar auf 4&gt;9&amp; Dollar angehoben,
während gleichzeitig die Arbeitszeit von täglich sechs auf fünf Stunden
herabgesetzt wird. Da sich die Arbeitnehmer jedoch gleichzeitig bereit
erklärt haben, täglich eine zusätzliche sechste Stunde gegen Überstundenbezahlung (7,44 Dollar) abzuleisten, wird sich die Gesamtarbeitswoche
praktisch jedoch auf 30 Stunden stellen. Die bisherige Regelung sah
eine 30-Stunden-Normalarbeitswoche und täglich eine zusätzliche Arbeitsstunde mit Überstundenbezahlung, also insgesamt 35 Wochenstunden vor.
Trotz der neuen Lohnerhöhungen werden die New Yorker Elektriker ab
1. Juli dieses Jahres pro Woche jedoch 3,80 Dollar weniger in ihrer

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14

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�i h r e r Lohntüte v o r f i n d e n , denn während s i e nach dem d e r z e i t g ü l t i g e n
V e r t r a g b e i 30 Normal- und 5 Überstunden pro Woche 165,00 D o l l a r e r h a l t e n , bekommen s i e dann - bei a l l e r d i n g s nur insgesamt 30 Wochenstunden - nur 161,20 D o l l a r .
,Der ab 1 . J u l i 19^2 g ü l t i g e neue V e r t r a g hat e i n e
von 2 Jahren und wird am 3 0 . Juni 19^4 a u s l a u f e n .

(Quelle:

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Gesamtlaufzeit

Eigenbericht)

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Vollbeschäftigung auch in den USA erreichbar
Die Vollbeschäftigung sei auch in den Vereinigten Staaten realisierbar, wenn in dieser Hinsicht gezielte Anstrengungen von Regierung und
Wirtschaft unternommen würden, erklärte der amerikanische Arbeitsminister, Arthur J. Goldberg, kürzlich vor der "Association of Public .
Affairs Institutes" der US-Handelskammer in Washington.
Nach Goldbergs Ansicht läßt sich die Vollbeschäftigung durch
das folgende 5-Punkte-Programm erreichen:
1. Erhöhung der wirtschaftlichen Wachstumsrate durch Modernisierung
der Produktionsanlagen, Ausweitung der Kapazitäten sowie Liberalisierung der amerikanischen Handelspolitik zwecks Gewinnung
neuer Auslandsmärkte.
2. Angemessener, wirtschaftlicher und sozialer Schutz für die erwerbslosen Arbeitnehmer im Rahmen eines umfassenderen Arbeitslosenversicherungssystems .
3« Bundesstaatliche Maßnahmen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze.
4. Steuervergünstigungen für die Wirtschaft - als Anreiz für die
Unternehmen, ihre Betriebe zu modernisieren und ihre Absatzmärkte
auszuweiten.
5. Liberalisierung des Handels.
Der US-Arbeitsminister wies in diesem Zusammenhang darauf hin,
daß diesen fünf Punkten entsprechende Gesetzesvorlagen bereits dem
Kongreß zugeleitet worden sind.
(Quelle: Eigenbericht)

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15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material Über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" Ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 6

Bad Godesberg, den 1. Juni 1962
INHALTSVERZEICHNIS

Die neuen Möglichkeiten der Automatisierung
in der Industrie

Seite

1

435-Millicmen-Dollar-Programm für die Umschulung
von Arbeitslosen

Seite

10

Kennedy erläuterte Gewerkschaften seine
Wirtschaftspolitik

Seite

11

Die Bedeutung des neuen Tarifvertrages der
Stahlindustrie

Seite

15

Die neuen Möglichkeiten der Automatisierung in der Industrie
Die neue als "Computer process control" (CPC) bekannt gewordene
Verfahrenstechnik, bei der die elektronischen Rechen- und Kontrollgeräte die zu treffenden Produktionsentscheidungen selbst auf Grund
der verschiedenen Paktoren analysieren und selbsttätig die folgerichtigen Maßnahmen auslösen, beginnt sich immer mehr durchzusetzen. Zwar
sind vollautomatische Produktionsanlagen immer noch verhältnismäßig
selten, aber die Unternehmen der Stahl-, Kunststoff-, Erdöl-, Zement-,
der chemischen Industrie und Kraftwerkindustrie befassen sich gegenwärtig sehr ernsthaft damit, inwieweit und in welcher Form sie die
aus dieser Produktionskontrolle mittels elektronischer Geräte resultierenden Vorteile für ihre speziellen Aufgaben auswerten können.
Als vor rund zwölf Jahren die ersten Digitalrechner in größeren
Mengen auf den Markt kamen, behauptete man allgemein, daß diese neuen
Maschinen über kurz oder lang die vollständige Kontrolle über die

-1

�die industriellen Produktionsverfahren übernehmen und den Menschen aus
der Produktion vollkommen ausschalten würden. Trotz ihrer unverkennbaren Vorteile in puncto Zeit und Genauigkeit jedoch waren diese ersten
Steuerungs- und Kontrollautomaten den ihnen zugewiesenen Aufgaben nicht
gewachsen: sie arbeiteten unzuverlässig, sobald sie einmal für mehrere
Stunden ständig in Betrieb waren.
Der Durchbruch
Dann jedoch wurden die Transistoren und anderen Zubehörteile entwickelt, die im Gegensatz zu den bis dahin verwendeten Vakuumröhren
nicht durchbrannten oder - wie die ersten Relais - schnell verschlissen.
Diejenigen, die schon damals fest an die Möglichkeiten der Automatisierung glaubten, konnten nun darangehen, ihre bis dahin nicht zu verwirklichenden hervorragenden Theorien in die Praxis umzusetzen.
Vor etwa vier Jahren war es dann möglich, Elektronenrechner zu
einem vernünftigen Preis herzustellen, die Tag und Nacht in Betrieb
gehalten werden konnten und dabei eine Zuverlässigkeitsrate von mehr
als 99 Prozent entwickelten. Die heutigen Elektronenrechner übertreffen
diese Zuverlässigkeitsrate nicht nur, sondern stehen für die Produktion
- selbst wenn man die Wartungszeit als unproduktive Zeit abrechnet zu 99 Prozent der Gesamtzeit zur Verfügung.
Zahllose Anwendungsbereiche
Natürlich ist die Automatisierung nicht allein auf die vollautomatische Fabrik anwendbar; auch in den Büros und Industriebetrieben
führen heute bereits viele Hunderte Elektronenrechner sehr arbeitsintensive und ungewöhnliche Tätigkeiten weitaus besser durch als menschliche Arbeitskräfte! sie erstellen Mischungsformeln für Viehfutter;
bearbeiten, errechnen und saldieren riesenlange Lohnlisten und Bankauszüge; sie registrieren laufend den Bestand der Warenhausläger oder
buchen etwa die Plätze in Verkehrsflugzeugen. Automatische Werkzeugmaschinen, die von elektronischen Rechnern gesteuert werden, vollbringen
in amerikanischen Fabriken seit Jahren außerordentliche Leistungen.
In der Baustoffindustrie z.B. wurde ein automatisches Herstellungsverfahren für Betonplatten und -blocke eingeführt, das doppelt soviel
leistet wie die bisherigen Verfahren und außerdem auch noch billiger
ist. Von elektronischen Geräten gesteuert und kontrolliert, können
hier mit nur wenigen Arbeitskräften alle 15 Sekunden neun Betonblöcke
hergestellt werden, wobei diese Anlage sogar noch in der Lage ist, die
Blöcke in verschiedenen Formen und Größen, als hohle oder feste, leichte
oder schwere Körper herzustellen.
Die Anwendungsmöglichkeiten für die Automation sind tatsächlich
so vielfältig geworden, daß der Begriff "Automation" heute mitunter
auch schon bei zahlreichen mechanischen Verbesserungen Anwendung findet, bei denen es sich praktisch lediglich um Verbesserungen älterer
Produktionsverfahren handelt. Das Grundprinzip der "automatischen Fabrik" - d.h. für ein sich selbst regulierendes und auf dem "Feedback"System beruhendes Produktionsverfahren - gewann erst mit der Entwicklung des ersten Digitalrechners, des Vorläufers der heutigen Großrechentanlagen, Form und Gestalt.
_. „
'
Einfachere

2

�Einfachere und schon seit langem verwendete Formen des "Feedback"
waren z.B. die Thermostate zur Regulierung der Zimmertemperatur, die
Spannungsregler zur Kontrolle des Energieflusses im elektrischen System
von Automobilen und die Regler in den Dieselmotoren und Dampfturbinen.
In der Vakuum-Radioröhre erhielt das "Feedback" schon eine präzisere
Bedeutung, denn das Ausstrahlen und Verstärken von Radiowellen beruht
darauf, daß ein Teil des von der Röhre ausgesandten Signals zwecks
Kontrolle der Schwingungs- und Verstärkungsenergien in den Stromkreis
zurückgeführt wird. Und dies ist auch das "Feedback"-Prinzip, das die
Automation von den früheren Schritten auf dem Wege zur Mechanisierung
unterscheidet.
Aber auch ohne Elektronenrechner sind kleine Gruppen von Arbeitern
beispielsweise durchaus in der Lage, eine große Anzahl von Standardkontrollgeräten zu überwachen, die etwa die Temperatur, den Druck, die
Durchsatzmengen und andere Faktoren eines Produktionsprozesses registrieren.
Die technische Entwicklung
Der erste Schritt bei der Einbeziehung der Elektronenrechner in
die Verfahrenskontrolle bestand darin, daß der Operateur die Daten
von thermostat-ähnlichen Instrumenten abzulesen und sie dem Rechner
"einzugeben" hatte. Auf Grund dieser Informationen ermittelte dann
der Rechner die besten Einstellungskombinationen für die Kontrollinstrumente und Regler. Der nächste Schritt war dann, die einzelnen
Registriergeräte direkt mit dem Rechner zu verbinden. In beiden Fällen
jedoch mußte der Operateur jeweils die Kontrollgeräte auf die vom
Rechner ermittelten Werte einstellen.
Bei dem neuesten CPC-Verfahren sind aber sowohl die Registrierais auch die Kontrollinstrumente direkt mit dem Rechner verbunden.
Ein Fachmann beschrieb die Wirkungsweise dieses Kontrollsystems
wie folgt: "Da das Gerät über ein eigenes Kommunikationsnetz mit Hunderten von Instrumenten verbunden ist, kann es auch in sehr schneller
Folge die kritischen Werte des Produktionsprozesses erfassen. Diese
Werte werden anschließend von dem Rechner daraufhin analysiert, wie
der gesamte Prozeß abläuft, und nur die unheimliche Arbeitsgeschwindigkeit des Gerätes macht es erst möglich, genau zu analysieren, was
gerade während eines Produktionsprozesses hier oder dort vor sich
geht, etwa in einem Walzwerk, wo die Stahlplatten mit einer Geschwindigkeit von über 50 Kilometern durch die Walzstraße laufen, oder in
einem chemischen Werk, wo Tausende von Kalkulationen gemacht werden
müssen, um den exakten Stand des Herstellungsprozesses zu ermitteln."
"Nach erfolgter Analyse der einzelnen Faktoren stellt dann der
Rechner seine 'Überlegungen'1 an und ermittelt, welches Ventil oder
Lager, welcher Brenner oder sonst ein Maschinenteil nachgestellt oder
gewartet werden muß. Daraufhin trifft er dann seine Entscheidung, die
er auch gleichzeitig selbst in die Tat umsetzt. Über das Nachrichtennetz schickt er seine 'Anordnungen' an die jeweiligen Regler, die ihrerseits selbsttätig die entsprechenden Korrekturen an den Produktionsmaschinen vornehmen oder diese abschalten. Und das Erstaunliche dabei

-

3 -

�dabei ist, daß der Elektronenrechner diese Operationen Hunderte Male
täglich, Tag für Tag, Woche für Woche, ohne Pause und ohne menschliche
Überwachung ausführen kann. In den kurzen Arbeitspausen fertigt er
dann sogar noch ein vollständiges und lückenloses Logbuch über den
Produktionsablauf an."
Die technischen und wirtschaftlichen Probleme
Obwohl die Automatisierung einerseits viele neue Möglichkeiten
schafft, so bringt sie doch auch andererseits zahlreiche Probleme mit
sich. Die von ihr in der Industrie heute ausgelöste technologische
Umwälzung vollzieht sich nämlich weitaus schneller als die technischen
Entwicklungen früherer Zeiten. Umfassende Studien über die Auswirkungen
der Automatisierung auf die Gesamtwirtschaft und das Arbeitspotential
wurden und werden von zahlreichen Stellen und Ämtern der amerikanischen
Regierung mit dem Ziel durchgeführt, eine Lösung sowohl des menschlichen
als auch des technischen Problems zu finden. Überall dort, wo die
Automation eingeführt wurde, ob in Fabriken oder in Büros, fanden zunächst vielfach zwischen Management und Gewerkschaften eingehende
Beratungen statt, die meist auch zur Aufstellung von detaillierten
Umstellungsprogrammen führten, um unnötige menschliche und wirtschaftliche Härten zu vermeiden.
Wie schnell andere Industrien dazu übergehen können, ihre Produktionsanlagen voll zu automatisieren, hängt in großem Maße davon
ab, bis zu welchem Grade die entsprechenden Unternehmen ihre Pro*»
duktionsverfahren im Detail kennen. Denn weil die Programmierung des
Elektronenrechners den Angelpunkt des gesamten Kontrollsystems bildet,
ist es nämlich erforderlich, den gesamten Produktionsablauf in allen
technischen Einzelheiten genau zu analysieren und ihn im Rahmen eines
komplizierten Programms festzulegen.
Dennoch, die Kosten umfassender und detaillierter Verfahrensanalysen machen sich letzten Endes insofern bezahlt, als gerade diese
technischen Untersuchungen erstaunlich oft zahlreiche neue Erkenntnisse
über die angewendeten Produktionsverfahren bringen. Auf Grund solcher
Analysen ist es dann vielfach sogar möglich, den Gesamtablauf des
Produktionsverfahrens so entscheidend zu verbessern, daß die Installierung des kostspieligen Kontrollsystems unnötig wird.
Auch dann, wenn das Kontrollsystem installiert worden ist, dürfen
die Verfahrensanalysen niemals eingestellt werden. Die wissenschaftliche Theorie besagt nämlich, daß ein Elektronenrechner seine Leistung
immer wieder verbessern kann. Und alle Korrekturen oder Justierungen,
die er vornimmt, sind ja insofern "Experimente", als sie unter den
tatsächlichen Betriebsbedingungen erfolgen. Die Ingenieure und Techniker können die Resultate dazu verwenden, das Programm des Rechners
noch zu verfeinern, und - auf lange Sicht - drastischere Verbesserungen
im Herstellungsverfahren selbst in Betracht ziehen.
Zukunftsmusik ist dagegen noch ein technisoh weiter verfeinertes
System, die dynamische Kontrolle mittels eines geschlossenen Stromkreises (closed loop control), bei dem der Elektronenrechner seine

- 4 -

�seine Befehle direkt an die Ventile oder Regler gibt und damit die
Notwendigkeit für thermostat-ähnliche Geräte entfällt. Obwohl diese
Stufe der Automatisierung erst in etwa fünf Jahren erreicht werden
dürfte, erscheint das derzeitige Interesse an Elektronenrechnerkontrollen durchaus gerechtfertigt, vor allem in den vier Grundindustrien: Stahl, Erdöl, Chemie sowie Kraftwerke. Die in diesen Industriezweigen angewendeten Verfahren ähneln sich nämlich in verschiedener Hinsicht, insofern als hier die Energie und das Material ständig
und fast ohne Unterbrechung fließen. Aus diesem Grunde können die
kontinuierlichen Produktionsverfahren auch nach einer mathematischen
Formel aufgebaut und die Rechner so programmiert werden, daß sie die
gesamte Produktionskontrolle übernehmen.
Im Gegensatz hierzu lassen sich die durch verschiedene Produktionsstufen oder -phasen charakterisierten Herstellungsverfahren, wie etwa
die Gesamtmontage von Automobilen, nur sehr schwer auf eine mathematische Formel bringen. Sie sind daher auch für eine Vollautomatisierung
nicht so gut geeignet. Trotzdem aber sind auch hier automatische Maschinen und teilautomatische Verfahren heute allgemein üblich.
Was hat nun die Elektronenrechner-Verfahrenskontrolle solchen
Unternehmen zu bieten, die bereits einen sehr hohen Mechanisierungsgrad aufweisen?
Maximale Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit sind immer
schon durch bessere und schnellere Entscheidungen zu erreichen gewesen.
Andere Vorteile sind: erhöhte Sicherheit und Zuverlässigkeit, genauere
Produktionsplanung, bessere Lagerkontrolle.
Dennoch muß das Management trotz dieser wesentlichen Vorteile sich
mit der Frage auseinandersetzen: Lohnt es sich wirklich, soviel Zeit
und Arbeitskraft für die mathematische Kodifizierung eines Produktionsverfahrens in der Absicht aufzuwenden, einem Elektronenrechner die
Verantwortung für die Produktion zu übertragen? Werden die sich hieraus
ergebenden Produktivitätsgewinne groß genug sein, um sowohl die erforderlichen qualifizierten Wissenschaftler und Ingenlwure als auch die
teueren Maschinen bezahlen zu können? Die Antwort hierauf wird in
jedem Industriezweig - und selbst von Betrieb zu Betrieb - anders
lauten. Eines steht jedenfalls fest, nämlich - daß die Elektronenrechnerkontrolle da ist und sich auch durchsetzen wird.
Praktische Beispiele für die Anwendung der "CPC" in der Industrie
Da es sich bei der Verfahrenskontrolle mittels Elektronenrechner
um die technisch fortschrittlichste Anwendung der Automation handelt,
sei hier im folgenden auf einige praktische Beispiele in verschiedenen
Industriezweigen eingegangen.
1. Kraftwerke: Mitte vorigen Jahres {^^6^) wurden zwei CPC-Kraftwerke in den Vereinigten Staaten in Betrieb genommen. Zwei weitere
befanden sich damals in Bau, während für acht weitere bereits die Baukontrakte abgeschlossen waren.
In

�In einem Industriezweig, in dem von den Maschinen und Betriebsausrüstungen ein Höchstmaß an Zuverlässigkeit verlangt wird, ist die
Verwendung von elektronischen Kontrolleinrichtungen einfach eine
zwingende Notwendigkeit. Die Betriebsingenieure, die ständig selbst
der geringsten Möglichkeit für eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit
der Produktionsanlagen nachspüren, haben sich deshalb auch sehr schnell
für die Elektronenrechner entschieden. Ihre Argumentes Kraftwerke weisen
bereits heute ein sehr hohes Produktivitätsniveau auf, wobei ihre Gewinnmarge sehr gering, die Menge der erzeugten Energie jedoch sehr groß
ist. Ein anderer Grund dafür, warum gerade die Kraftwerkindustrie sich
so hervorragend für die Umstellung auf Elektronenrechnerkontrollen eignet,
ist die Tatsache, daß sie bereits jetzt eine große Zahl von Elektround Hochfrequenztechnikern beschäftigt. Außerdem sind sich die Kraftwerke im technischen Aufbau viel ähnlicher als etwa die Werke der Stahl-,
Erdöl- oder chemischen Industrie. Daher ist es auch sehr viel leichter,
ein Kraftwerk nach dem anderen mit elektronischen Kontrolleinrichtungen
auszustatten.
Die Probleme der Verfahrenskontrolle in einem Kraftwerk sind praktisch die einer umfassenden Detailanalyse. In Kalifornien z.B. wurden
zwei 21O-Megawatt-Generatorenanlagen neu in einem Dampfkraftwerk installiert, die weitgehend von zwei Großrechenanlagen gesteuert werden.
Durch die CPC-Kontrolle ist es hier dem Betriebsingenieur jetzt möglich, eine abgeschaltete Generatorenanlage durch Betätigung eines
einzigen Kontrollknopfes wieder in Gang zu setzen. Normalerweise erfordert das Anfahren einer Generatorenanlage 6 1/2 Stunden; durch die
Verwendung einer Kontrollautomatik konnte diese Anlaufzeit um zwei
Stunden verkürzt werden. Während der viereinhalbstündigen Vorbereitungszeit führt das Gerät eine Sequenz von rund 1000 Punktionskontrollen durch, wie etwa die Überprüfung des Wasserstandes in den
Dampfkesseln, der Durchflußmengen an Kühlmitteln oder das Anzünden
der Brenner. Ist die gesamte Generatorenanlage angelaufen, so überwacht das Kontrollgerät mittels 15^0 Instrumenten den gesamten Betriebsablauf, d.h. es registriert die Temperaturen, Drücke, Durchflußraten, Umdrehungszahlen der Turbinen usw. Sollte sich einmal
ein Brennstoffmangel ergeben (diese Anlage in Kalifornien wird in
erster Linie mit Naturgas betrieben), so löst das Kontrollgerät automatisch 50 verschiedene Tätigkeiten aus, die erforderlich sind, um die
Brenner auf einen anderen Brennstoff - in diesem Falle Öl - umzustellen.
Im Falle einer Gefahr für die ganze Betriebsanlage ist der Elektronenrechner sogar imstande, Teile eines Aggregats oder die gesamte Anlage
innerhalb weniger Minuten abzuschalten.
Diese Fähigkeit des Kontrollsystems, drohende technische Pannen
rechtzeitig zu erkennen, ist gerade in den Kraftwerken von größter
Bedeutung: ein heißgelaufuius Lager oder ein durchgebrannter Kessel
können hier insofern Millionenschäden verursachen, als die Anlage
bei den erforderlich werdeüden Reparaturarbeiten für Wochen ausfällt.
Nach Ansicht zahlreicher Kraftwerkingenieure wird - in Anbetracht
der großen Zuverlässigkeit &lt;icr elektronischen Kontrollsysteme - dieser
Industriezweig wohl auch der erste sein, in dem Elektronenrechner die
Kontrolle allein und ohne zwischengeschaltete Instrumente durchführen
werden. Gerade die Kraftwerke stehen heute der Einführung des absoluten

- 6 -

�absoluten elektronischen Kontrollsystems sehr viel aufgeschlossener
gegenüber als alle anderen Industriezweige.
2. Stahlindustrie; Die Verfahren zur Herstellung und Verarbeitung
von Stahl und Eisen sind für elektronische Kontrollsysteme technisch
gesehen gut geeignet. Zahlreiche Werke dieses Industriezweigs sind
daher auch seit einiger Zeit intensiv damit beschäftigt, ihre Anlagen,
vor allem ihre Walzstraßen, auf die Kontrollautomatik umzustellen.
Im Gegensatz zu den Kraftwerken, erfordern diese Verfahrensabläufe
hier keine so riesige Zahl von detaillierten Informationen, wenngleich
auch hier die Produktionsantscheidungen sehr schnell getroffen werden
müssen.
Das modernste und gleichzeitig auch größte und schnellste Walzwerk der USA wird gegenwärtig von der "Great Lakes Steel Corporation"
in Detroit erstellt - eine Anlage, die von einem Spezial-Elektronenrechner kontrolliert werden wird. Rund 50 Zentimeter dicke Rohblöcke
sollen hier später auf der aus 12 Walzen bestellenden Straße zu dünnen
Blechen ausgewalzt werden. Beim Durchlaufen der Walzstraße wird die
Geschwindigkeit des immer länger werdenden Stanlbandes ständig erhöht,
so daß es schließlich an der letzten Walze ei*»e Geschwindigkeit von
900 Metern in der Minute (54 km/st) erreicht. Verschiedene entlang
der Walzstraße angebrachte Meßlehren melden da/bei fortwährend die
genaue Stärke des Bandes sowie die Spannungen des Stahls während der
verschiedenen Bearbeitungsphasen an das Elektnpnengehirn, so daß der
Rechner sofort ermitteln und entscheiden kann,, wie etwa die Geschwindigkeit oder der Walzendruck korrigiert werden müssen, damit am Ende
der Straße ein gleichmäßig dickes, genau den Normen entsprechendes
Produkt herauskommt. Nach Ansicht der Werksleitung wird dieses Werk
in der Lage sein, Stahl in einer bisher nicht erreichten Uniformität
zu erzeugen. "Qualität ist der hauptsächliche Vorteil, der sich für uns
aus der CPC-Kontrolle ergibt. Während normalerweise die Abweichungen
der Walzprodukte in der Stärke 0,15 Millimeter betragen, werden sie
bei der neuen Anlage nur 0,076 Millimeter ausmachen - d.h. fast nur
noch die Hälfte."
In einem Weißblechwerk der "Jones &amp; Laughlin Corporation" ist
ein Durchlauf-Glühofen seit mehr als einem Jahr in Betrieb. Gerade
in diesem Werk werden die große Arbeitsgeschwindigkeit und die Anpassungsfähigkeit dieser Kontrollsysteme besonders deutlich. Die Stahlbänder laufen hier mit einer Geschwindigkeit von 600 Metern in der
Minute durch den Glühofen. Der Elektronenrechner kontrolliert dabei
nicht nur die Zonentemperatur-Regulatoren im Glühofen, sondern registriert auch laufend die Veränderungen im Material während der Verarbeitung und regelt die Ofentemperatur, wenn eine neue Charge eingesetzt wird.
Noch nicht gelöst, aber bereits Gegenstand umfangreicher Forschungen und Untersuchungen ist das Problem, wie man einen Elektronenrechner für die Verfahrenskontrolle bei einem Hochofen einsetzen
kann. So hat ein Unternehmen kürzlich mittels einer Großrechenanlage
den gesamten Produktionsablauf in einem Hochofen simuliert. Innerhalb
von drei Minuten bewältigte der Rechner dabei die Auswertung von verschiedenen Produktionsabläufen unter Zugrundelegung variabler Größen

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�Größen wie Blastemperatur, Sauerstoff- und Brennstoffgehalt usw. eine Analyse, für die in der Praxis, d.h. unter Verwendung eines
richtigen Hochofens, 24 Jahre erforderlich wären. Die Auswertung
der Ergebnisse des Elektronenrechners zeigte, daß sich die Hochofenleistung bis zu 30 Prozent steigern läßt, wenn die verschiedenen
Faktoren in ein optimales Verhältnis zueinander gebracht werden
können.
3« Ölindustrie: Auch die Ölgesellschaften, die sich gegenüber
den Elektronenrechnern von Anfang an aufgeschlossen zeigten, haben
inzwischen zahlreiche Anwendungsbereiche für die '*CPC" erschlossen.
Das erste integrierte System einer Elektronenrechiterkontrolle Elektronenrechner, Kontrollgeräte, Instrumente - *»urde von der "Universal Oil Products Company" für die Destillierung vun Paraffin aus Benzin
eingeführt, und die erste von einem Elektronenrechner kontrollierte
Produktionsanlage für die Erzeugung eines kommerzueilen Produkts in
den Vereinigten Staaten war die Polymerisationsan^ge der Texaco in
Texas, die seit mehr als einem Jahr in Betrieb ist.
Aber selbst ohne den Ausbau der Elektronenrechnerkontrollen zu
geschlossenen Kontrollsystemen für ihre Produktionsverfahren haben
die Ölgesellschaften erfolgversprechende Anwendungsmöglichkeiten entwickelt. Auch die theoretische Analyse von Produktionsabläufen und
Vertriebsproblemen mittels Elektronenrechner hat sich als äußerst
fruchtbar erwiesen.
Der bisher wohl ehrgeizigste Test zur CPC wird gegenwärtig von
der "American Oil Company" in ihren Raffinerieanlagen in Whiting
(Indiana) durchgeführt. Seit zwei Jahren werden hier von einer RöhrenDestillationsanlage täglich 140 000 Fass Rohöl durchgesetzt und dabei zehn verschiedene Produkte erzeugt. Die Produktionsmenge hängt
zwar von weit über einhundert variablen Faktoren ab, wie aber eine
eingehende Verfahrensanalyse ergab, sind nur 19 dieser Faktoren von
solcher Bedeutung, daß sie eine Elektronenrechnerkontrolle rechtfertigen. Diese 19 Faktoren mußten jedoch mit rund 160 anderen, die
physische Leistungsgrenze der Anlage bestimmenden Werten in Beziehung
gebracht werden. Andere mit in die Analyse einzubeziehende Werte waren
das Wetter, die Zuflußgeschwindigkeit, Zusammensetzung der Einsatzstoffe sowie die Produktionspläne. Zu diesem Wust von Details wurden
dann noch die veränderlichen wirtschaftlichen Größen hinzugefügt:
Preise, Kosten, Rohmaterialmengen, Verbrauch an Energie und Rohstoffen.
Aus dieser Unsumme von Einzelinformationen wurde ein Produktionsprogramm für eine Elektronenrechnerkontrolle mit insgesamt 75 000
Anweisungen entwickelt. Und obwohl hier nur 196 Instrumente laufend
abgelesen und die Ergebnisse ausgewertet werden müssen, ist dieser
Produktionsprozeß so kompliziert, daß selbst der ungemein schnell arbeitende Elektronenrechner fünf Minuten benötigt, um alle Details
nacheinander einmal zu erfassen und auszuwerten.
Über die bisherigen Ergebnisse sind die Techniker dieses Unternehmens sehr befriedigt; sie planen jetzt, ein CPC-System für den

-

8

�den Produktionsprozeß, durch den der Oktangehalt des Ben ins
erhöht wird, und später auch ein System für die katalytischen
Crackanlagen und die Alkylationsverfahren einzuführen.
Ein Kontrollsystem, das noch komplizierter ist als das eben
beschriebene, wird in einer Raffinerie in der Nähe von Los Angeles
angewendet. Sehr ungewöhnlich ist in diesem Falle auch, daß der
Elektronenrechner, der die gesamte Anlage kontrolliert und überwacht,
sich nicht in der Raffinerie selbst befindet, sondern 64O km nördlich davon in San Francisco aufgestellt wurde. Die Kapazität dieses
Elektronenrechners ist so groß, daß es möglich ist, noch andere
Raffinerien mit ähnlichen Produktionsprogrammen an dieses Kontrollsystem anzuschließen.
4. Chemische Industrie: Die chemische Industrie benötigt in
erster Linie Elektronenrechner, die in der Lage sind, eine enorm
große Anzahl von Berechnungen laufend durchzuführen. Da es sich
aber bei chemischen Produktionsverfahren um verhältnismäßig langsam
ablaufende Prozesse handelt, sind entsprechende Korrekturen auch
nicht so häufig erforderlich. Ein großes Werk in Kentucky verwendet
einen Elektronenrechner für zwei verschiedene Aufgaben: einmal
kontrolliert er die Erzeugung von Vinylchlorid, einem Ausgangsprodukt
für Kunststoffe, und zum anderen registriert und analysiert er kontrolliert aber nicht - einen anderen Produktionsprozeß, die Herstellung von Acrylnitril. Das einzige von einem Elektronenrechner
gesteuerte amerikanische Chemiewerk, in dem Grundchemikalien erzeugt
werden, befindet sich in der Nähe von New Orleans. Es handelt sich
um das Barton-Werk der Monsanto Chemical Company, das synthetisches
Ammoniak erzeugt.
Bei der Einrichtung dieser Anlage spielten sowohl wissenschaftliche als auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle. Eine neue,
in hohem Grade mechanisierte Anlage eignet sich besonders gut für
die Automation. Da es sich hierbei um einen kontinuierlichen Prozeß
handelt, ist die Produktionskapazität der Anlage weitgehend von
der Gasmenge abhängig, die die großen Kompressoren in die Reaktionsbehälter pumpen. Die Kompressorenleistung wiederum hängt aber ganz
vom Wetter ab, denn an heißen und trockenen Tagen ist sie weitaus
geringer als an kühlen und feuchten Tagen. Aber auch für den Produktionsprozeß selbst ist der Feuchtigkeitsgehalt ein wichtiger
Faktor, denn das Produktionsergebnis wird weitgehend durch den Feuchtigkeitsgehalt der Luft bestimmt, die von außen her in die Kessel
gepumpt wird.
Das elektronische Kontrollgerät in dem Ammoniakwerk kann deshalb die Produktion auf einer Maximalhöhe halten, weil es sehr schnell
die jeweils erforderlichen Korrekturen vornehmen kann. In einer Anlage
in der täglich 500 Tonnen Ammoniak hergestellt werden, schlägt sich
eine höhere Produktionsleistung im Laufe eines Jahres schon in einer
beträchtlichen Menge Kunstdünger nieder.
Verschiedene ölfirmen überprüfen gegenwärtig auch die Vorteile,
die sich durch eine vollkommene Umstellung der Produktion auf elektronische Kontrollen ergeben würden, wenngleich sie sich völlig

- 9-

�völlig darüber im klaren sind, daß es auch noch andere Möglichkeiten
für sie gibt, mittels Elektronenrechner die Leistungsfähigkeit ihrer
Anlagen zu erhöhen. Elektronenrechner, ganz gleich, ob sie aktiv an
der Produktionskontrolle beteiligt sind oder nur "überwachende"
Funktionen ausüben, können immer zum Vorteil eingesetzt werden.
Die Ingenieure der chemischen Industrie haben festgestellt, daß sich
mit Hilfe der Elektronenrechner leistungsfähige Kontrollpläne für
die verschiedenen Produktionsphasen entwickeln lassen. Neben Kompressorenanlagen wurden auch Destillationskolonnen und Wärmeaustauscher mit
Erfolg analysiert.
Aus diesem Grunde sind die Verfahrenskontrollen mittels Elektronenrechner nur der letzte, markanteste Schritt in Richtung auf die
Vollautomatisierung - aber Dutzende anderer Anwendungsmöglichkeiten
werden ihren Spuren folgen,
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

455-Mi'llionen-Dollar-Programm für die Umschulung von Arbeitslosen
Mit der Verabschiedung des neuen Gesetzes über die Umschulung
von Arbeitskräften durch den Kongreß ist die amerikanische Regierung jetzt in der Lage, ein umfassendes Umschulungs- und Fortbildungsprogramm für all diejenigen Arbeitskräfte durchzuführen, die
ihre Arbeitsplätze auf Grund der Automatisierung in den vergangenen
Jahren verloren haben.
Gleichzeitig wird der US-Arbeitsminister durch das neue Gesetz
ermächtigt, in Zusammenarbeit mit den Bundesstaaten eingehende Studien über die Auswirkungen der Automatisierung auf die Beschäftigungsstruktur und den Arbeitsmarkt durchzuführen sowie entsprechende Umschulungsprogramme auszuarbeiten, in deren Rahmen die "technologischen
Arbeitslosen" auf neue Berufe umgeschult und vorbereitet werden
können. Insgesamt stehen der amerikanischen Regierung 435 Millionen Dollar
während der nächsten drei Jahre für diese Zwecke zur Verfügung,
Ein sehr erheblicher Teil dieser Mittel ist dabei für die staatlichen Umschulungsbeihilfen vorgesehen, die das Gesetz all jenen
Arbeitnehmern zusichert, die an derartigen Umschulungsprogrammen
teilnehmen. Die Höhe dieser Beihilfen wird sich in der Regel mit
den Unterstützungssätzen der Arbeitslosenversicherung in den einzelnen Bundesstaaten decken und dürfte zwischen 55 Dollar (Hawaii), 50
Dollar (New York) und 30 Dollar wöchentlich (in vielen der anderen
Bundesstaaten) liegen. Ausgenommen von dieser Regelung sind lediglich
die Altersgruppen zwischen 19 und 21 Jahren, für die wöchentliche
Beihilfen von nur 20 Dollar vorgesehen sind. Diese Ausnahmeregelung
wurde deshalb in das Gesetz aufgenommen, weil sonst viele der 19- bis

10 -

�bis 21jährigen, die auf Grund ihres vorzeitigen Schulabgangs bisher
nicht in der Lage waren, einen festen Arbeitsplatz zu erhaltta, überhaupt keine Unterstützung bekämen. Das Gesetz schreibt nämlich vor,
daß nur solche Arbeitnehmer umschulungsberechtigt sein sollen, die
u.a. eine dreijährige berufliche Tätigkeit nachweisen können.
Die hauptsächlichen Nutznießer des neuen Programms werden vor
allem die verheirateten Arbeitnehmer sein, die ihren Arbeitsplatz
deshalb verloren, weil ihre handwerklichen oder beruflichen Fähigkeiten durch die technische Entwicklung überholt wurden. Das gleiche
trifft auch für die Farmerfamilien der unteren Einkommensgruppe zu, die
ebenfalls Anträge auf Umschulung stellen können.
Um an den staatlichen Umschulungsprogrammen teilnehmen zu können,
müssen sämtliche Personen über 21 Jahre entweder verheiratet oder
aber Haushaltsvorstand sein und mindestens eine dreijährige Berufspraxis nachweisen können. Alle, die diese Voraussetzungen erfüllen,
können sich auf den Arbeitsämtern, wo sie vor Fachleuten eine Eignungsprüfung ablegen müssen, für die Umschulung einschreiben lassen. Damit
soll sichergestellt werden, daß die Umschüler auch wirklich auf Berufe
vorbereitet werden, die ihren Fähigkeiten entsprechen.
Die Umschulung selbst erfolgt entweder in den bundesstaatlichen
Berufsschulen oder an industriellen Arbeitsplätzen unter Aufsicht von
geeigneten Meistern und Facharbeitern.
Das neue Ausbildungs- und Umschulungsprogramm wird am 1 . Juli
dieses Jahres beginnen und vorläufig bis zum 30. Juni 19^5 (Ende
eines Haushaltsjahres) durchgeführt werden. Während im ersten Jahr
insgesamt 100 Millionen Dollar für die Durchführung des Programms
bereitstehen, werden es in den beiden folgenden Jahren je 165 Millionen Dollar sein* Fünf Millionen Dollar wurden außerdem für die Vorbereitungsarbeiten zur Verfügung gestellt.
Das neue Gesetz über die Umschulung von Arbeitskräften, die
auf Grund der Automatisierung freigesetzt wurden, ist Teil des Gesamtprogramms der amerikanischen Regierung für die Beseitigung der
Arbeitslosigkeit und zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums.
(Quellet Eigenbericht)
* * * * *

Kennedy erläuterte Gewerkschaften seine Wirtschaftspolitik
Nachdem Präsident Kennedy kürzlich seine wirtschaftspolitischen
Konzeptionen den Vertretern der Wirtschaft mit aller Offenheit und
Eindringlichkeit vorgetragen hatte, nahm er jetzt den Jahreskongreß
der Automobilarbeitergewerkschaft zum Anlaß, um vor den Vertretern
der Arbeitnehmerorganisationen die wirtschaftspolitischen Ziele
seiner Regierung zu umreißen und auch ihnen klarzumachen, welch eine

' 11 -

�eine "große Verantwortung Unternehmer und Gewerkschaften gegenüber
der öffentlichkeifhaben.
Kennedy dokumentierte mit dieser Rede erneut, daß seine Regierung nicht geneigt ist, wirtschaftspolitische Rücksichten auf
irgendeine Interessengruppe zu nehmen, und daß seine Wirtschaftspolitik
ganz klar darauf ausgerichtet ist, dem Ganzen zu dienern "Was
den Vereinigten Staaten als Gesamtheit zum Vorteil gereicht, wird
auch letztlich jedem amerikanischen Unternehmen und jeder amerikanischen Gewerkschaft von Nutzen sein,"
Was dem Lande unbedingt zum Vorteil gereicht, ist nach Kennedys
•Worten ein im wesentlichen nichtinflationäres wirtschaftliches
Wachstum - eine Expansion, die die Vollbeschäftigung und technischen
Portschritt gewährleistet und durch die die Vereinigten Staaten in
die Lage versetzt werden, ihren Verpflichtungen auf wirtschaftsund sozialpolitischem Gebiet im In- und Ausland nachzukommen. Dieses
angestrebte Wachstum, das Kennedy als "die größte Herausforderung
der sechziger Jahre" bezeichnete, sei nur über eine steigende Produktivität zu erreichen, durch die allein die einzelnen Segmente
der Wirtschaft profitieren würden - die Unternehmer in Form höherer
Gewinne, die Arbeitnehmer in Form höherer Löhne, die Verbraucher
durch stabile und niedrigere Preise und die Exporteure schließlich
in Form vermehrter Absatzchancen auf den Weltmärkten.
Nach Ansicht der Kennedy-Administration laufen daher ungerechtfertigte, die Grenzen der Produktivitätszunahmen sprengende und die
Preise erhöhende Lohnforderungen den nationalen Interessen genauso
zuwider wie die sich ebenfalls in höheren Preisen niederschlagenden
höheren Profitforderungen.
Während Kennedy vor den Vertretern der amerikanischen Handelskammern die Notwendigkeit stabiler Preise von der Gewinnseite her
beleuchtete, waren es auf dem Gewerkschaftskongreß die Lohnseite
und die lohnpolitischen Konsequenzen, die er den Gewerkschaftern
eindringlich vor Augen führte. Aber auch hier betonte der Präsident mit allem Nachdruck, daß seine Regierung nicht die Absicht
habe, in Friedenszeiten Zuflucht zu einer Lohn- und Preisbindung
zu nehmen. Die Regierung könne zwar gewisse Richtlinien für die
Wirtschaft umreißen, aber keine allgemeingültige Formel für jeden
einzelnen Betrieb und jeden Industriezweig aufstellen. Ebenso
könne sie Ziele und Punkte des nationalen Interesses ansprechen,
sie habe aber nicht die Macht - und beanspruche sie auch nicht -,
Zwangsmaßnahmen auf dem Gebiet der Löhne und Preise durchzusetzen.
Die Festsetzung der Preise und Löhne sei Sache der Unternehmer
und Gewerkschaften, die in den TarifVerhandlungen die notwendigen
und den nationalen Interessen dienenden Entscheidungen freiwillig
vorzunehmen hätten. Hierbei könnte als Richtwert - aber nicht notwendigerweise als starre Formel - die dreiprozentige jährliche
Produktivitätszunahme dienen, die der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten als Durchschnittswert für die gesamte Wirtschaft errechnet
hat.
Kennedy

- 12 -

�Kennedy hatte vor dem UAW-Kongreß im Vergleich zur Tagung der
Amerikanischen Handelskammer schon insofern eine leichtere Aufgabe,
als er hier vor einer Organisation sprach, die ihn bereits in der
Vergangenheit unterstützte und die sich zudem überraschenderweise
noch am Tage zuvor in einer Erklärung dafür ausgesprochen hatte,
die Bemühungen der Regierung auch weiterhin zu unterstützen, "eine
Erhöhung der Löhne und Lohnnebenleistungen über die steigende Produktivität und nicht über Preiserhöhungen zu erreichen". Präsident
Kennedy bescheinigte der Gewerkschaft denn auch ihren "hohen Verantwortungssinn gegenüber der Öffentlichkeit".
Lieser Verantwortungssinn kann aber schon in den nächsten
Wochen auf eine sehr ernste Probe gestellt werden, und zwar sowohl
in der Automobilarbeitergewerkschaft als auch in anderen Arbeitnehmerorganisationen. Lenn die UAW-Gewerkschaft z.B. wird bei den kommenden
TarifVerhandlungen in der Flugzeug- und Raketenbauindustrie eine bedeutende Rolle spielen, und auch bei den Eisenbahnern kündigen sich
schwerwiegende l.ohnpolitische Auseinandersetzungen an.
(Quellet Eigenbericht)
* * * * *

Lie Bedeutung des neuen Tarifvertrages der Stahlindustrie
Als einen großen wirtschaftlichen Erfolg für die gesamte Nation
bezeichneten die amerikanischen Zeitungen in ihren Kommentaren allgemein das zwischen den Tarifpartnern der Stahlindustrie abgeschlossene
neue Abkommen. Man sprach dabei von einem Musterbeispiel im amerikanischen TarifVerhandlungswesen, denn keine Seite habe das bekommen, was
sie gefordert habe. Was schließlich in den Verhandlungen konkretisiert
wurde, sei insofern ein begrüßenswerter Kompromiß, als nicht nur das
Management und die Gewerkschaft daraus Vorteile ziehe, sondern auch
die Gesamtwirtschaft.
Und gerade die gesamtwirtschaftlichen Belange sind es denn auch,
die den bedeutendsten Aspekt des neuen Abkommens darstellen. Lenn mit
diesem am 1. Juli dieses Jahres in Kraft tretenden Lohnabkommen der
US-Stahlindustrie wird zum ersten Mal seit zehn Jahren der verhängnisvolle Zyklus der jährlichen Lohn- und Preiserhöhungen in diesem wichtigen Industriezweig durchbrochen - verhängnisvoll insofern, als gerade
die Lohn- und Preiserhöhungen der Stahlindustrie in all den Jahren
einen sehr wesentlichen Einfluß sowohl auf die gesamte industrielle
Lohnstruktur als auch auf das allgemeine Preisniveau hatten.
Auch die konjunkturelle Entwicklung in diesem Jahr wird durch das
neue Abkommen sehr günstig beeinflußt werden, und da die Verhandlungen
bereits ein Vierteljahr vor Auslaufen des derzeitig gültigen Vertrages
abgeschlossen wurden, wird es in diesem Jahr auch zu keinen unkontrollierbaren und das gesamte Wirtschaftsbild verzerrenden Hortungskäufen der
Stahlverarbeiter kommen, so, wie es zum Beispiel vor zwei Jahren der
Fall war, als die gesamte wirtschaftliche Entwicklung durch den 116
Tage dauernden Stahlarbeiterstreik außer Tritt gebracht und ein

- 15 -

�ein wirtschaftlicher Rückgang eingeleitet wurde. Allein schon aus
diesen Gründen dürfte das neue Stahlabkommen zu einer Stabilisierung
und Erhaltung der Konjunktur beitragen.
Was hat aber die beiden Sozialpartner, insbesondere jedoch die
Gewerkschaft, nun veranlaßt, ihre Forderungen - vor allem auf lohnpolitischem Gebiet - zurückzustecken und einen Tarifvertrag abzuschließen, der nach Ansicht sowohl der Regierung als auch der -Wirtschaftsexperten in seinem Charakter nichtinflatoricch ist?
Hierfür gibt es drei Gründe« 1. den zunehmenden ausländischen
Wettbewerb; 2. die fortschreitende Automatisierung der Betriebsanlagen der Stahlindustrie; und 3» die immer stärker werdende öffentliche
Kritik an den das allgemeine Preisniveau beeinflussenden Lohnerhöhungen.
Hinzu kommt noch, daß auch unter den Stahlarbeitern selbst der Ruf
nach Einkommens- und Preisstabilität immer lauter wurde.
Die tarifpolitischen Forderungen der Stahlarbeitergewerkschaft
konzentrierten sich in diesem Jahr auch nicht so sehr auf Lohnerhöhungen als vielmehr auf Garantien für eine Sicherung der Arbeitsplätze und Erhöhung der wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit ihrer
Mitglieder. So sind z.B. im ersten Jahr keine Lohnerhöhungen vorgesehen - lediglich ein Passus für eine mögliche Aufnahme von Lohnverhandlungen im zweiten Jahr wurde in den Vertrag aufgenommen -,
und die Belastungen, die sich für die Unternehmer auf Grund höherer
Lohnnebenleistungen ergeb en, belaufen sich lediglich auf rund 10 Cent
pro Stunde. Das sind die geringsten Belastungen seit langer Zeit. Sie
machen etwa 3 Prozent aus und liegen damit im Rahmen des in diesem
Jahr'zu erwartenden Produktivitätsanstiegs.
Trotz dieses bescheidenen Rahmens bringt das neue Tarifabkommen
den 430 000 Arbeitnehmern der Stahlindustrie, die gegenwärtig im
Durchschnitt 3,28 Dollar pro Stunde (plus 80 Cent an "fringe
benefits") verdienen und damit die industrielle Lohnskala mit anführen, einige sehr wesentliche Vorteile: mehr Urlaub, höheres Urlaubsgeld} Erhöhung der zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung; Verbesserung
der Vergütungen bei Kurzarbeit; liberalisierte Senioritätsklauseln
sowie höhere private Pensionsleistungen.
Einige noch offen gebliebene Arbeitsfragen sollen später im
Rahmen eines gemeinsamen, aus Vertretern des Managements und der
Gewerkschaften gebildeten "Industrieausschusses" beraten werden, der
die Arbeit des "Human-Relations"-Ausschusses im erweiterten Rahmen
fortführen soll, welcher nach Vertragsabschluß des letzten Abkommens
gebildet wurde, seine Tätigkeit aber mit dem Auslaufen des Vertrages
am 30. Juni einstellt. Diese Abmachung ist insofern von großer Bedeutung, weil es nach Ansicht der Stahlarbeitergewerkschaft gerade der
gemeinsame Ausschuß war, der den neuen Vertragsabschluß sehr erleichtert und mit dazu beigetragen hat, daß seit 1954 zum ersten Mal wieder
in der Stahlindustrie ein Tarifabkommen ohne Streikanwendung abgeschlossen werden konnte.
(Quelle» Eigenbericht)
* * * * •

- 14 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung; der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 7

Bad Godesberg, den 1. Juli 1962
INHALTSVERZEICHNIS

Die Auswirkungen der Automation auf den
Arbeitnehmerstatus

Seite

1

Seite

7,

Die Gewerkschaften und die Angestellten

Seite

9

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite

11

Feststellung der Beschä.f ti gten- und Arbeitslosenzahl
in den USA

Thomas R. Brooks:
Die Auswirkungen der Automation auf den Arbeitnehmerstatus
Aus'Dun-s Review and Modern Industry"
Nachdruck mit Angabe des Verfassers
und dem Vermerk "(c) 1962 Dun and
Bradstreet Publications Corporation"
gestattet.

In der amerikanischen Industrie ist in den letzten Jahren ein
neuer Arbeitnefemertyp immer stärker in den Vordergrund getreten:
die Schaltpultoperateure in den automatisierten Produktionsanlagen.
Zuerst trat dieser neue Arbeitnehmertyp in den Ölraffinerien, Chemiewerken und den öffentlichen Versorgungsbetrieben in Erscheinung; heute
ist er auch in den Stahl-, Automobil- und metallverarbeitenden Werken
anzutreffen. Für alle Kreise des Wirtschaftslebens - Management und
Gewerkschaften - und darüber hinaus für die ganze amerikanische Gesellschaft wird er bald ein großes Problem darstellen.
Oberflächlich betrachtet mag dieses Problem ziemlich unbedeutend
erscheinen; denn mehr oder weniger dreht es sich zunächst lediglich
darum, welchen "Arbeitskittel" dieser neue Arbeitnehmertyp bekommen
soll.
•
^
-

1

-

�In den Färbereien sind die Schaltpultoperateure aufgestufte
"blue collar workers" - Arbeiter mit nur rund acht Jahren schulischer
Ausbildung. In den Ölraffinerien dagegen werden die gleichen Tätigkeiten an den automatischen Bedienungs- und Kontrollgeräten nur von
Technikern ausgeführt, die eine College-Ausbildung aufzuweisen haben.
Wer nun sind diese Arbeitnehmer von morgen? Sind es "Arbeiter"
(blue collar workers) mit der gleichen Haltung, den gleichen Arbeitsgewohnheiten und der gleichen Loyalität gegenüber den Gewerkschaften,
wie sie der Industriearbeiterschaft von heute eignen? Oder sind es
Angestellte, Menschen mit ganz anderer Einstellung und den dieser
Beschäftigtengruppe eigenen Gewohnheiten und Sorgen? Wird die Automation den "bläuen Kragen" ausbleichen? Erhält der "weiße Kragen" eine
bläuliche Tönung? Oder werden sich in der Praxis überhaupt Unterschiede herausbilden? •
Die Antworten auf diese Fragen werden darüber entscheiden, wie der
Arbeitnehmer des kommenden Automationszeitalters entlohnt werden wird ob auf Stunden-, Tages- oder Wochenbasis. Und die Tatsache, ob das Heer
der Arbeitnehmer in den USA aus Menschen mit "weißen" oder "blauen"
Kragen besteht, wird letztlich auch die Arbeitsbedingungen und Vergütungen bestimmen, die die Industriearbeiter von morgen suchen und fordern.
Bereits heute sind verschiedene Unterscheidungsmerkmale von "blauen"
und "weißen" Arbeitsplätzen weitgehend verblaßt. Einst war die physische
Erschöpfung die unvermeidliche Folge der Fabrikarbeit, während die geistige
Abgespanntheit allein Merkmal des Angestellten war. Heute jedoch, im Zuge
der verstärkten Automatisierung der Produktionsverfahren, ist auch dem
Industriearbeiter die geistige Abgespanntheit nicht mehr unbekannt.
Las Management hat das alte Problem der Fabrikarbeit, die schnelle
Ermüdung der Muskeln, schon seit langem erkannt und den Arbeitnehmern
durch die Festlegung von Arbeitspausen eine Möglichkeit zur physischen
Erholung gegeben. Daraus ergibt sich die Frage: Muß das Management jetzt
- als Folge der Automatisierung - für seine Schaltpultoperateure ähnliche
Pausen für die geistige Erholung einführen?
Dies ist nur das sichtbarste all jener Probleme, die sich in dem
Maße ergeben, wie sich der Charakter der Arbeitnehmerstruktur verändert.
Noch umfassendere Umwälzungen, die eine Änderung in der Haltung von
Gewerkschaften und Management erzwingen werden, zeichnen sich ab. Hierfür zwei Beispiele, die in etwa einen Eindruck von ihrem Umfang vermitteln.
Hoch über der Walzstraße des 120-Millionen-Dollar-Walzwerks der
"U.S. Steel" in Chicago thront ein mit einem grauen Jackett und mit
einer leichten Stoffmütze bekleideter Arbeiter in einer mit Klimaanlage
versehenen Kabine. Es ist der Walzmeister. Vor Einführung der Automation
bediente er. mit großem Fingerspitzengefühl zahlreiche Hebel und kontrollierte damit den Walzdruck der riesigen Walzen. Heute dagegen braucht
er lediglich noch zu entscheiden, in welcher Reihenfolge die einzelnen
Walzen benutzt werden sollen. Diese Information locht er in eine Karte,
die er dem programmierten Elektronenrechner zuführt, der dann vollkommen
selbständig Druck und Durchlaufgeschwindigkeit des Stahls durch die Walzen regelt.
_

�Der Walzmeister ist immer noch ein "blue collar worker", der
stolz auf seine handwerklichen Fähigkeiten ist und der loyal zu seiner Gewerkschaft steht. Seine Arbeit hat sich zwar verändert, aber
sein Arbeitsplatz wurde nicht neu eingestuft, und auch sein Lohn
und seine Stellung im Betrieb sind noch immer die gleichen.
Was aber, wenn er pensioniert wird? Wird sein Nachfolger noch
über die gleichen handwerklichen Fähigkeiten verfügen - wird er sie
überhaupt noch brauchen? Mit größter Wahrscheinlichkeit wird sein
Nachfolger Angehöriger der neuen Klasse der "angelernten Ingenieure"
sein.
In dem großen Wichita-Werk der "Boeing Airplane Company" arbeiten
Dutzende Arbeitnehmer nebeneinander, um Produktionsprogramme auf Lochstreifen für die Batterien von Werkzeugmaschinen zusammenzustellen,
die nach dem numerischen Kontrollsystem arbeiten. Diese Arbeit setzt
keine Kenntnisse der höheren Mathematik voraus; in der Regel ist das
auf den höheren Schulen vermittelte mathematische Wissen ausreichend.
Dennoch müssen diese Programmierer die technischen Eigenheiten der
verschiedenen Typen dieser Werkzeugmaschinen genau kennen oder kennenlernen.
In diesem Werk hat man die Erfahrung gemacht, daß Maschinenwarte
mit einer Oberschulbildung zu guten Programmierern ausgebildet werden
können. Aber auch College-Absolventen sind hier unter den Programmierern
vertreten. Arbeitnehmer mit "blauen" und "weißen" Kragen" arbeiten also
nebeneinander, und ihre Tätigkeiten unterscheiden sich nicht voneinander.
Nur die Art der Bezahlung - Stundenlohn gegenüber Monatsgehalt - zieht
noch den Trennstrich zwischen ihnen.
Der Professor für Soziologie der Columbia-Universität Daniel Bell
ist der Ansicht, daß in dem Maße, wie durch die automatischen Verfahren
die Zahl der für die Produktion erforderlichen Arbeitskräfte zurückgeht, eine neue Gruppe der Gehaltsempfänger an die Stelle der Lohnempfänger rücken wird. Ein Meister in einem Eöhrenwerk sagte: "Als
Schlüsselkräfte in unserem halbautomatischen Werk sind meine Männer
tatsächlich Techniker - nicht mehr Arbeiter im alten Sinne'i"
Und jetzt beginnen die alten Unterscheidungsmerkmale bei Löhnen
und Gehältern immer mehr zu verblassen. Die International Business
Machines Corporation zum Beispiel, die ihrerseits sehr viel zur Automatisierung der Industrie beigetragen hat, hat sämtliche Stundenlöhne
abgeschafft und alle Mitarbeiter auf die Gehaltslisten gesetzt.
Einige wenige Unternehmen sind inzwischen dem Beispiel der IBM
gefolgt, aber schon bald wird der Unterschied zwischen Lohn und Gehalt
nur noch von semantischer Bedeutung sein. Die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft beispielsweise hatte bei den TarifVerhandlungen
des vergangenen Jahres die Zahlung von Gehältern statt Löhnen zum
Gegenstand der lohnpolitischen Forderungen gemacht. Dies veranlaßte
nicht wenige von den Führungskräften der Automobilindustrie zu der
Äußerungs"Die Automobilarbeiter erhalten ja praktisch jetzt schon
Gehälter."
Dieser

�Dieser Hinweis bezieht sich auf die Garantie für eine zusätzliche
Arbeitslosenunterstützung, die der entlassene A'utomobilarbeiter erhält und die ihm 75 Prozent seines bisherigen Wocheneinkommens im
Falle der Arbeitslosigkeit sichert. Wenn er Kurzarbeit leistet, so
bekommt er 65 Prozent seines Grundlohns für jede Stunde, die er innerhalb 40 Wochenstunden nicht gearbeitet hat.
"Tatsächlich", sagen die Leute der Industrie, "ist dies ein
Gehalt." Inwieweit dieser gewerkschaftliche Erfolg der harten Verhandlungsführung der Gewerkschaft zuzuschreiben ist und in welchem
Maße die Auswirkungen der Automation daran beteiligt sind, läßt sich
natürlich schwer sagen. Es dürfte aber allgemein feststehen, daß,
je mehr sich die Automobilindustrie der Vollautomatisierung nähert,
sie sich um so mehr auch dem Gehaltssystem nähert.
Die Verästelungen dieser Veränderungen reichen aber weit über
die bloßen Details von Tarifabkommen hinaus. Bereits jetzt gibt es
in einigen Gewerkschaften gewisse Auseinandersetzungen über die altbewährten Anciennitätsbestimmungen. Zahlreiche Ortsverbände haben
bereits beantragt, im Falle kurzfristiger Entlassungen diese Bestimmungen außer Kraft zu setzen. Nach ihrer Meinung sollten die älteren
Arbeitnehmer frei darüber entscheiden, ob sie die volle Arbeitszeit
bei vollen Bezügen ableisten oder aber lieber vorübergehend bei 75
Prozent ihrer bisherigen Bezüge ausscheiden wollen. Diese Arbeitnehmer
mit langer Dienstzeit, die meist Endfünfziger und Sechziger sind, würden,
wie die Jüngeren behaupten, wahrscheinlich die vorübergehende Entlassung
bevorzugen, da ihre Kinder erwachsen, ihre Ausgaben geringer sind und
sie die freie Zeit mehr zu schätzen wissen als ihre jüngeren Kollegen,
die auf den vollen, Verdienst angewiesen sind. Bisher allerdings hat
es in dieser Hinsicht noch keine Entschließungen gegeben, und wahrscheinlich wird es in den Ortsverbänden darüber noch ein stärkeres
Tauziehen geben.
Die Produktivität der neuen Produktionsausrüstungen der Industrie
ist heute praktisch als ein konstanter, in die Anlagen selbst von vornherein eingeplanter Faktor zu betrachten. Der Grund hierfür liegt darin,
daß ein Betriebsleiter es nicht gerne sieht, wenn das Bedienungspersonal
die Arbeitsgeschwindigkeit dieser Maschinen beeinflussen kann, weil jede
derartige Einflußnahme auf den Produktionsprozeß letztlich zu einer
verminderten Produktionsleistung führen muß. Der Schaltpultoperateur
in einem automatisierten Betrieb hat daher auch keine Möglichkeit, den
Produktionsablauf von sich aus zu beschleunigen.
Dennoch ist es gerade wegen der Kosten, des Leistungsvermögens
und der Kompliziertheit der automatisierten Produktionssysteme, daß man
heute weitaus mehr Gewicht auf die sorgfältige Wartung und eine schnelle
Reparatur der neuen Ausrüstungen legt als je zuvor. Wenn die Anschaffungskosten für ein automatisiertes Produktionssystem schon mehrere Millionen
Dollar betragen, so bringt jede unvorhergesehene Minute des Stillstands
der Anlage dem Produzenten unwahrscheinlich hohe Kosten. Um die volle
Leistung aus einer automatisierten Maschinengruppe herausholen zu können,
bedarf es eines hohen Verantwortungsgefühls sowohl des Wartungs- als
auch eres Bedienungspersonals.

In

�In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie und in welcher Weise das alte Lohnanreizsystem den neuen industriellen Methoden angepaßt werden kann. Einige Industrieberater sind dabei der
Absicht, daß es hierauf überhaupt keine Antwort gibt. Einer von
ihnen sagte es offen heraus: "Die Automatisierung macht es unmöglich,
die Produktionsleistung eines einzelnen Arbeitnehmers zu ermitteln und aus diesem Grunde ist eben auch ein Lohnanreizsystem nicht d«nkbar."
In automatisierten Betrieben Lohnanreizsysteme einzuführen ist
außerordentlich schwierig und kompliziert. Aus diesem Grunde haben
verschiedene Betrieb« sich in letzter Zeit wieder einmal näher mit
dem sogenannten Scanlon-Plan befaßt. Dieses Leistungslohnsystem wurde
bekanntlich in den 30er Jahren von dem Professor für Betriebsführung
am Massachusetts Institute of Technology Joseph Scanion in der amerikanischen Stahlindustrie eingeführt. Es zielt darauf ab, den Arbeitnehmern auf die folgende Weise einen Produktionsanreiz zu bieten: Die
Unternehmensführung ermittelt den Anteil der Arbeitskosten an den gesamten Produktionskosten; sinkt der prozentuale Anteil der Arbeitskosten
unter die Norm, so teilt das Unternehmen den hieraus resultierenden
Gewinn gleichmäßig zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgeber auf. Hierdurch
wird der Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften
und Management gelegt, und gleichzeitig wird den Mitarbeitern eine Möglichkeit gegeben, bei der Lösung der Produktionsprobleme mitzuhelfen.
Nach Ansicht der derzeitigen Befürworter eines solchen Planes liegt
sein größter Vorteil darin, daß er sowohl den Arbeitern als auch den
Angestellten ein gemeinsames Anreizsystem bietet und dadurch ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen diesen beiden Arbeitnehmergruppen
verwischt.
"In dem Maße, wie die Industrie automatisiert", so erklärte ein
Betriebswirt, "wird sich auch das Bonussystem für die Mitarbeiter mehr
und mehr dem der leitenden Mitarbeiter anpassen."
Es hat also ganz den Anschein, als ob die Arbeiter, an solchen
Vorrechten ständig mehr und mehr teilhaben, Vorrechten, die bisher
nur der Betriebsführung und den Angestellten eingeräumt wurden.
Diese Entwicklung hat natürlich schon vor einigen Jahrzehnten
eingesetzt, und zwar in den 30er Jahren, als die Arbeiter in den Vereinigten Staaten nach und nach in den Genuß eines bezahlten Urlaubs,
von Krankenversicherungsleistungen und Pensionen gelangten. Jetzt aber
erzwingt die Automation einen neuen Einbruch der "blue collar workers"
in die Domäne der Angestellten.
Auch auf die Struktur der Gewerkschaften wird die Automatisierung
einen starken Einfluß ausüben. Sie wird zu einer Schrumpfung der Mitgliederzahlen führen, und wenn der derzeitige Trend andauert, werden
die Gewerkschaften von morgen zahlenmäßig kleiner sein (wenngleich sich
ihre Mitgliedschaft aus höherbezahlten - und in einigen Fällen auch
höherqualifizierten - Mitgliedern zusammensetzen dürfte).
Der Rückgang in der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ist bereits
sehr groß gewesen. Die Automobilarbeitergewerkschaft z.B. erreichte
im Jahre 1953 ihren Mitgliederhöchststand mit 1,4 Millionen. Heute dagegen sind es nur noch rund eine Million. Die Zahl der Mitglieder der

-

5 -

�der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft ging von rund einer Million
im Jahre 1953 auf 843 000 im vergangenen Jahr zurück. Die Maschinistengewerkschaft rutschte mit ihrer Mitgliederzahl sogar von 992 000 im
Jahre 1959 a uf gegenwärtig 646 000 ab.
Diese starken Mitgliederrückgänge haben innerhalb der AFL-CIO zu
Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der grundsätzlichen Frage geführt, welche Haltung die Arbeitnehmerverbände gegenüber der Automatisierung einnehmen sollen. Ob sie darum kämpfen sollen, die vorhandene Arbeit unter ihren Mitgliedern aufzuteilen, oder aber sich für
höhere Löhne und Lohnnebenleistungen für eine geringere Anzahl Mitglieder einsetzen sollen.
Die Vereinigte Bergarbeitergewerkschaft dürfte der Prototyp für
zahlreiche andere Gewerkschaften im Automationszeitalter sein. Die UMWGewerkschaft ging mit der Automation, und das Ergebnis ist sehr eindrucksvoll gewesen. Zwar ging die Zahl ihrer Mitglieder zwischen 1948
und 1961 von 400 000 auf 125 000 zurück, aber die United Mine Workers
sind auch heute noch eine mächtige Gewerkschaft. Die Schichtlöhne
ihrer Mitglieder kletterten von 14 Dollar im Jahre 1948 auf 24 Dollar
heute; und 40 Cent je Tonne geförderte Kohle werden von den Unternehmen
an den bedeutendsten Wohlfahrtsfond der USA, den der UMW-Gewerkschaft,
abgeführt. Das Reinvermögen der Gewerkschaft ist mit 110,3 Millionen
Dollar fast ebenso groß wie das der Automobilarbeiter-, der Stahlarbeiter- und der Maschinisten-Gewerkschaft zusammen. Zwar gibt es in
den Kohlenrevieren eine Arbeitslosigkeit, aber die Gewerkschaftsführung
ist der Ansicht, daß ihre Einstellung gegenüber der Automatisierung
die einzig richtige ist.
Natürlich dürfte es für die Gewerkschaften auch noch einen anderen
Weg geben. In dem Maße, wie durch die Automation die weißen und blauen
"Kragen"-Farben miteinander veimischt werden, könnten sich einige Gewerkschaften verstärkt darum bemühen, durch Organisationskampagnen zur
Gewinnung der Angestellten ihre gewerkschaftliche Macht zu erhalten.
Und die Gruppe der "white collar workers" dürfte für derartige Bemühungen sogar noch empfänglich sein, denn mit der fortschreitenden Automatisierung der Büroarbeit sehen sich viele dieser Arbeitnehmer vor die
gleichen Probleme gestellt - Entlassung und Unsicherheit -, die die
"blue collar workers" bereits kennengelernt haben. Auch hier wieder
beginnen die Unterschiede sich zu verwischen.
Der Walzmeister der Stahlindustrie thront jetzt in einer klimatisierten Kabine, wo sein Vorgänger noch an den heißen Stahlbändern
schmorte. Der Schaltpultoperateur der automatisierten Produktionsanlagen in den Textilfärbereien sitzt heute in einem büroähnlichen Raum,
während er noch bis vor kurzem im Schweiße seines Angesichts zwischen
den dampfenden Farbwannen tätig war. Immer mehr werden die alten
Trennungslinien zwischen Büro und Betrieb verwischt. Der weiße Laborkittel, mehr noch als die verwaschenen blauen und weißen "Kragen" von
heute, dürfte das Symbol der Arbeitnehmerschaft von morgen sein.
Gekürzt aus "Dun's Review and Modern Industry" (Januar 1962).

* * # * *

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6

�Feststellung der Beschäftigten- und Arbeitslosenzahl in den USA
Vergleiche der Arbeitslosenziffern und der Prozentanteile der
Arbeitslosen an der Gesamtzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen den Vereinigten Staaten und europäischen Ländern geben vielfach
ein schiefes Bild, weil man auf beiden Seiten des Atlantiks oftmals
mit ein und demselben Wort zw«i recht verschiedene Sachverhalte umschreibt. Die Schwierigkeiten beginnen mit der "Zählung" und erstrecken sich bis zu der Definition von Begriffen wie "Arbeitspotential"
und der Antwort auf die Frage, wer überhaupt als arbeitslos anzusehen
ist.
Die Arbeitsstatistik der USA wird nicht wie in Europa auf Grund
amtlicher Unterlagen über die Zahl der Beschäftigten und der Arbeitsuchenden und Arbeitslosenunterstützungsempfänger aufgestellt, sondern
aus den Ergebnissen einer Repräsentativumfrage bei 35 000 privaten
Haushaltungen abgeleitet. Wir haben es somit nicht mit einer Zählung
im eigentlichen Sinne, sondern mit errechneten Zahlenwerten zu tun.
Die Umfrage wird im Auftrag des US-Arbeitsministeriums vom Statistischen
Bundesamt monatlich jeweils in der Woche vorgenommen, in die der zwölfte
Tag des Monats fällt. Sie gibt angesichts der sorgfältigen Auswahl der
zu befragenden Haushaltungen nach den Erfahrungswerten der Demoskopie
ein durchaus zutreffendes Bild vom Beschäftigungsstatus sämtlicher Personen im Alter von 14 Jahren und darüber zum Zeitpunkt der Befragung,
die zusammen unter Ausklammerung der Erwerbsunfähigen und der wegen
Erreichung der Altersgrenze ausgeschiedenen Kräfte das "Arbeitspotential" bilden. Dieser Begriff wird in Übersetzungen gewöhnlich als
"Gesamtzahl der Beschäftigten und Arbeitslosen" umschrieben.
Als Beschäftigte gelten alle Personen, die während der Befragungswoche mindestens eine Stunde gegen Lohn oder Gehalt im eigenen gewerblichen oder landwirtschaftlichen Betrieb oder als unbezahlte Kraft
mehr als 15 Stunden in einem gewerblichen oder landwirtschaftlichen
Betrieb tätig waren, der von einem Familienangehörigen geleitet wird.
Als Beschäftigter wird ferner angesehen, wer nicht arbeitet, aber einen
festen Arbeitsplatz hat bzw. einen eigenen Betrieb führt und nur
vorübergehend wegen Krankheit, Wetterverhältnissen, Urlaubs, Arbeitgeber-Arbeitnehmerstreitigkeiten oder aus anderen Gründen frei genommen hat, unabhängig davon, ob er für die Zeit der Untätigkeit bezahlt wird oder nicht.
Der wichtigste Unterschied zwischen der amerikanischen und der
europäischen Arbeitsstatistik besteht wohl in der in den USA üblichen
Hinzurechnung der Selbständigen und der unentgeltlich im Familienbetrieb mitarbeitenden Familienangehörigen zum "Arbeitspotential";
sie werden als "Beschäftigte", und,falls sie auf Arbeitssuche sind,,
als "Arbeitslose" geführt.
Als. Arbeitslose gelten in der US-Arbeitsstatistik alle Personen,
die in der Befragungswoche überhaupt nicht gearbeitet haben und auf
Arbeitssuche waren, unabhängig davon, ob Anspruch auf Leistung aus der
Arbeitslosenversicherung besteht oder nicht. Wer lediglich von sich
behauptet, er wünsche Arbeit und werde einen ihm angetragenen Arbeitsplatz unter dieser oder jener Bedingung annehmen, wird dagegen nicht

- 7 -

�nicht als arbeitslos gewertet. Als arbeitslos gilt ferner, wer in
der Befragungswoche beschäftigungslos ist und normalerweise auf
Arbeitssuche wäre, würde er nicht a) als nur vorübergehend Entlassener darauf warten, an seinen früheren Arbeitsplatz zurückgeholt zu
werden; b) eine feste Zusage in Händen haben, innerhalb der nächsten
30 Tage einen festen Arbeitsplatz zu bekommen; oder c) vorübergehend
krank feiern bzw. mit Sicherheit damit rechnen müssen, in seinem
Beruf oder an seinem Wohnort und in dessen näherer Umgebung keine
Arbeit zu finden. Nicht als arbeitslos werden dagegen beschäftigungslose Personen betrachtet, die zu alt oder zu jung zur Arbeit sind
oder nach ihren Angaben so schwer körperbehindert sind, daß sie
keine Arbeit annehmen können; sie werden selbstverständlich auch bei
der Errechnung des "Arbeitspotentials" nicht berücksichtigt.
Im letzten Jahrzehnt erreichte die Arbeitslosigkeit in den USA
zur Zeit des Koreakrieges mit 3 Prozent ihren tiefsten Stand. Hierin
spiegelt sich sowohl die rasche Verstärkung der US-Streitkräfte um
rund 2 Millionen Mann als auch die 1953 erfolgte Ausweitung der
Verteidigungsausgaben auf 50 Milliarden Dollar - das Dreifache des
Betrags von 1950 - wider. Diese Faktoren führten zusammen zu einer
Überbeschäftigung. Andere Zeiten mit sehr hohem Beschäftigungsstand
waren die Jahre 1947-48' und 1955-57» a ls die Arbeitslosenziffer
bis auf rund 4 Prozent absank, jenen Prozentsatz, den die Regierung
Kennedy gegenwärtig als vernehmlichstes Nahziel ihrer Wirtschaftspolitik ansieht. Am Rande sei vermerkt, daß^ein Absinken der Arbeitslosigkeit auf weniger als 1,5 Prozent nur in Zeiten eines
sehr engen Arbeitsmarktes und der damit verbundenen allgemeinen Verknappung an Arbeitskräften auftritt.

(Eigenbericht)

-

8

�John W. Livingston, Direktor der Organisationsabteilung der AFL-CIO:
Die Gewerkschaften und die Angestellten
Der relativ geringe Erfolg der amerikanischen Gewerkschaften
bei der Organisierung der sogenannten "white collar workers" - derjenigen Arbeitnehmer, die weder direkt mit dem Produktionsprozeß
zu tun haben, noch Angehörige der industriellen Fachberufe sind ist bislang eines der Hauptprobleme der amerikanischen Gewerkschaften gewesen.
Zu dieser '"»hite collar workerv-'-Gruppe gehören in erster Linie
die Angestellten im Einzelhandel; die verschiedenen Bürofachkräfte;
die sogenannten "Techniker", eine Berufsbezeichnung, die sich in
den Vereinigten Staaten auf jene Gruppe von Arbeitnehmern bezieht,
die eine gehobene, jedoch unter der Universitätaebene liegende
berufliche Ausbildung aufzuweisen haben;, sowie jene Kräfte schließlich, die als "Professionals ("Studierte") bezeichnet werden und als
Lehrer, Volkswirtschaftler, Ingenieure, usw. ein Studium absolviert
haben.
Natürlich gibt es auch heute schon unter den Angestelltenberufen
einige wenige, die als Schwerpunkte der gewerkschaftlichen Organisation gelten. Bei den Nachrichtendiensten und Zeitungen z.B. sind
durchweg alle Angestellten, Reporter, Redakteure, Anzeigenfachleute
sowie alle jene gewerkschaftlich organisiert und Mitglieder der
"American Newspaper Guild", die nicht leitende Funktionen innehaben.
Das gleiche trifft für den Theater- und Unterhaltungssektor zu. Auch
hier sind die Gagen und Arbeitsbedingungen der Bühnen-, Film-,
Fernseh- und Radiokünstler (Sprache und Musik) größtenteils tarifvertraglich festgelegt.
Aber diese beiden sowie einige andere Beispiele sind nur die
Ausnahmen, die die Regel bestätigen; die überwiegende Mehrheit der
gewerkschaftlich nicht organisierten Arbeitnehmer ist immer noch
in den nichtindustriellen Zweigen der Wirtschaft konzentriert.
Für die amerikanischen Gewerkschaften war es daher besonders
ermutigend, als sich zum Jahresende 1961 mehr als 40 000 New Yorker
Lehrer mit überwältigender Mehrheit für eine Vertretung durch die
Lehrergewerkschaft der "AFL-CIO" aussprachen. Dies war der bei
weitem größte gewerkschaftliche Erfolg bei einer Angestelltengruppe
und in der Tat wohl der überwältigendste Sieg dieser Art, den die
amerikanischen Gewerkschaften auf diesem Sektor je errungen haben.
Deutet dieser Erfolg nun auf einen sich anbahnenden Einbruch
der Gewerkschaften auf dem Angestelltensektor hin? Wir möchten es
glauben. Mit Bestimmtheit wissen wir, daß die wissenschaftlichen
Fortschritte und die technischen Veränderungen unweigerlich zu einer
Erhöhung des Anteils der Angestellten an der Gesamtzahl der Arbeitskräfte führen werden. Schon heute beträgt der Anteil der sogenannten
"blue collar"-Arbeitsplätze weniger als die Hälfte der Gesamtarbeitsplätze, und dieser Anteil wird ständig weiter absinken. Es ist daher
klar, daß die Erfassung der allgemein als "white collar workers"
bezeichneten Arbeitnehmer eine Frage von Leben oder Tod für die
Gewerkschaften ist.
_.

�I

Ich bin zu vorsichtig, mit aller Bestimmtheit behaupten zu wollen,
daß der Sieg der New Yorker Lehrer notwendigerweise für die Zukunft
sehr bedeutungsvoll sein wird. Es handelt sich hier um eine Gruppe
in einer Stadt, deren Administration seit je liberal war. Zum anderen
stand hier eine starke, gut funktionierende Gewerkschaftsbewegung hinter
der Organisationskampagne.
Dennoch war die New Yorker Abstimmung insofern von größter Bedeutung, als sie eindeutig den Beweis erbrachte, daß diese Arbeitnehmergruppen bei einer Abstimmung für eine gewerkschaftliche Vertretung
stimmen und notfalls sogar das Mittel des Streiks dafür einsetzen
würden. Die Abstimmung selbst war nämlich das Ergebnis eines kurzen
Streiks der New Yorker Lehrer. In dieser Hinsicht kann sie als ein
Durchbruch bezeichnet werden; sie beweist ganz eindeutig, daß die
Organisierung der Angestellten nicht unmöglich ist.
Auf alle Fälle jedoch werden wir unsere Anstrengungen verstärken
und das, was wir bei der Abstimmung in New York gelernt haben, für
andere Organisationskampagnen nutzbringend einsetzen. Das Ergebnis
der Abstimmung selbst dürfte dabei auf andere Lehrergruppen großen Einfluß haben.
Allerdings muß in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden,
daß die Arbeitsverhältnisse der meisten Akademiker und Angestellten
sehr verschiedenartig sind. Sie sind in Privatunternehmen und nicht bei
Regierungsbehörden tätig. Nicht nur durch ihre Arbeitgeber, sondern
auch durch ihre soziale Stellung wird ihnen immer wieder vor Augen
geführt, daß sie sich als etwas Besseres als die Gewerkschaftsmitglieder zu betrachten haben. Diese Einstellung ist vielfach bei jenen
am stärksten ausgeprägt, die ihrem Arbeitnehmerstatus nach den Lohnempfängern am nächsten stehen.
Dies alles sind wirkliche Hindernisse, wenngleich sie vielen als
läppisch erscheinen mögen. In unseren Bemühungen zur Erfassung der
Angestellten ist es daher auch nicht unsere vordringlichste Aufgabe,
auf die aus der Zugehörigkeit zur Gewerkschaft sich ergebenden Vorteile auf dem Gebiet der Einkommen, Arbeitsbedingungen und der Sicherheit des Arbeitsplatzes hinzuweisen, sondern die betreffenden Kreise
davon zu überzeugen, daß die Mitgliedschaft in einer Arbeitnehmerorganisation kein soziales Stigma ist und sich durchaus mit dem vereinbaren
läßt, was sie als ihre Lebensstellung ansehen.
In dieser Hinsicht sollte sich die New Yorker Abstimmung von
großem Nutzen erweisen, denn es ist für eine Stenotypistin weitaus
schwieriger, auf eine Gewerkschaft von oben herabzusehen, wenn sich die
Lehrer bereits zur Gewerkschaft bekannt haben.
Schließlich möchte ich noch in einer Hinsicht an die Stelle der
Zurückhaltung einen vorsichtigen Optimismus setzen. Das Ergebnis von
New York hat meine wachsende Überzeugung gestärkt, daß die feindselige
Einstellung der Angestellten und Akademiker gegenüber den gewerkschaftlichen Organisationen im Schwinden begriffen ist. Allein durch das
bloße Gewicht der Erfahrung werden alle jene Vorurteile fortgeschwemmt,
die dem Selbstinteresse all jener entgegenstehen, die sich bisher an

-

10

�an sie geklammert haben. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch,
daß Gewerkschaften nicht nur notwendige Einrichtungen für die Ungebildeten und Ungelernten sind, sondern auch ebenso nützlich für
Piloten, Schiffsoffiziere, Filmstars und Schriftsteller sein können.
Ich bin der Überzeugung, daß wir in der "AFL-CIO" dazu beitragen
können, diesen Prozeß zu beschleunigen und die Vorteile der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft auf alle Gebiete auszudehnen, auf denen
sie den Interessen der amerikanischen Arbeitnehmer dienen können.

(Quelle: Eigenbericht)

*

* * *

*

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Audio-Visuelle "Anlernmaschinen"
Wenn auch die automatisierten Produktionsmaschinen immer mehr
Tätigkeiten übernommen haben, die sonst speziell mit der Hand ausgeführt werden, so gibt es doch in verschiedenen Industriezweigen
noch zahlreiche Betriebe, wo die handwerklichen Fähigkeiten des
Arbeitnehmers im Produktionsprozeß von ausschlaggebender Bedeutung
sind. In erster Linie handelt es sich hier um solche Tätigkeiten
und Arbeitsabläufe, die ein großes "Fingerspitzengefühl" und ein
gewisses Mitdenken erfordern, da sie meist aus mehreren Teilabläufen
bestehen.
Eine besondere Schwierigkeit für Unternehmen mit vielen derartigen Arbeitsplätzen besteht heute allgemein darin, die Arbeitnehmer
auf diese Produktionsabläufe und die dabei auszuführenden Tätigkeiten
vorzubereiten, ohne daß viel Zeit und Material (Ausschuß) verlorengeht. Die bisher allgemein üblichen mündlichen und schriftlichen Einweisungsverfahren sind hier insofern nicht immer geeignet, /als sich
das Ablaufschema dem Arbeitnehmer nur sehr langsam einprägt und häufig
Fehlleistungen die Folge sind.
Um diesem Mangel abzuhelfen und den Arbeitern das Ablaufschema
schneller und wirksamer einzuprägen, ist jetzt die "Hughes Aircraft
Company" dazu übergegangen, audio-visuelle "Lehrmaschinen" einzusetzen.
Diese wie Kofferfernsehempfänger aussehenden und wie ein Tonbandgerät
zu bedienenden Apparate vermitteln dabei den Arbeitnehmern durch Bild
und Ton den gesamten Arbeitsvorgang in Einzelphasen. Durch einen Druck
auf den Einstellknopf erscheint auf dem Bildschirm das gleiche Werkstück, das der Arbeiter vor sich hat, während gleichzeitig ein Tonband
mit erklärendem Kommentar abläuft. An Hand seines Werkstückes kann der
Arbeiter jetzt die vorgeschriebenen Tätigkeiten den Anweisungen entsprechend ausführen oder, wenn er die Erklärungen nicht verstanden
hat, das Gerät abstoppen, das Band zurücklaufen lassen und die

-

11

-

�die betreffende Stelle noch einmal abspielen - so lange, bis ihm
die auszuführenden Tätigkeiten 100prozentig klargeworden sind. Dem
Einweisungstext entsprechend, wechseln die Bilder (Dias) auf dem
Schirm von Phase zu Phase.
Nach Angaben des Personalchefs des Unternehmens soll sich
dieses System bisher sehr gut bewährt haben. Die Einarbeitungszeit
für neue Arbeitnehmer konnte ganz erheblich herabgesetzt, die Arbeitsproduktivität beträchtlich gesteigert werden, wobei es gleichzeitig
gelang, die Produktionskosten - bei verbesserter Qualität der Erzeugnisse - erheblich zu senken. Auch von den Gewerkschaften wurden diese
neuartigen "Anlernmaschinen" als ein großer Fortschritt bei der Ausbildung neuer Arbeitskräfte bezeichnet.

(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Die Schulbank im Betrieb
Betriebliche SchulungsProgramme haben sich während der letzten
zwei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten in solchem Maße ausgeweitet, daß sie heute als wichtiger Bestandteil des amerikanischen Erziehungswesens gelten.
Wandlungen in den Produktionsmethoden, Automation und Nutzbarmachung neuer Energiequellen haben die Unternehmensleitungen dazu
gezwungen, für ihre Belegschaftsmitglieder Sonderfortbildungskurse,
die über den Lehrstoff technischer Fach- und Hochschulen hinausführen,
einzurichten.
Heute bieten die meisten amerikanischen Großfirmen ihren Angestellten Bildungsprogramme, die auf Sonderaufgaben vorbereiten oder
Gelegenheit zu persönlicher Weiterbildung geben. In einigen Fällen
stehen dazu firmeneigene technische Institute zur Verfügung; in
anderen werden Belegschaftsmitgliedern Ausbildungsbeihilfen für
berufsfördernde Lehrgänge an Fachschulen gewährt. Häufiger jedoch
liegen solche Programme in den Händen der Betriebsausbildungsabteilungen, die sie als innerbetriebliche Schulung in Unterrichtsräumen
oder am Arbeitsplatz selbst durchführen.
Programme einzelner Firmen
Vielfältige Programme, von den Ausbildungs- und Personalabteilungen der "Eastman Kodak Company" veranstaltet, laufen in den acht
Werken der Gesellschaft in Rochester (New York), Kinsport (Tennessee),
Longview (Texas) und Peabody (Massachusetts). Sie sind darauf ausgerichtet, in zwangloser Form Angestellte in ihrem Bestreben nach
Selbstentfaltung im Rahmen ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen.
Die Betonung liegt dabei auf der eigenen Leistung und der täglichen
Arbeit. James S. Bruce, Ausbildungsdirektor der "Eastman Kodak

12

-

�Kodak Company", erläuterte hierzu: "Ausbildung ist nach unserer
Ansicht am wirkungsvollsten, wenn sie in enger Verbindung mit dem
Arbeitsplatz vorgenommen wird. Jeder einzelne ist für seine Ausbildung
verantwortlich. Letztlich ist jede Entwicklung Selbstentwicklung."
Zahlreiche Lehrgänge sehen im Zusammenhang mit besonderen Ausbildungszielen auch Klassenunterricht vor. Ein willkürlich herausgegriffener Tagesplan zeigt beispielsweise einen Kurs in MatrizenAlgebra an, einen J2stündigen Lehrgang, zu dem sich Wissenschaftler
der angewandten Forschung einmal wöchentlich in den Kodak-Park-Werken
für Film-aimd Fotopapierherstellung in Rochester zusammenfinden. Gleichzeitig treffen sich Mitarbeiter der Abteilung Apparatebau und Optik
zu der ersten von vier Unterrichtsstunden der Arbeitsgemeinschaft
"Wirkungsvoller Stil" . Nur acht Teilnehmer sind zu diesem Kurs zugelassen, der zu Klarheit und Einfachheit im Aufsatzstil hinführt.
Eine Betriebsausbildungsabteilung koordiniert sämtliche Schulungsprogramme der "Eastman Kodak Company". Sie stellt den Zweigwerken
Lehrpersonal und Anschauungsmaterial zur Verfügung.
Gezielte Programme
Auch die "Republic Steel Company" hat ihre Bildungsarbeit auf die
speziellen Bedingungen ihres Unternehmens zugeschnitten. Ihre Programme
zielen auf eine Höherqualifizierung ihrer Arbeiter ab, die mit den
verwickelten Bedienungs- und Wartungsproblemen moderner automatisierter Werkseinrichtungen vertraut gemacht werden. Die Lehrgänge finden
jedoch außerhalb der Werke im "Human Engineering Institute" bei Warren
im Bundesstaat Ohio statt. Das Institut ist eine unabhängige, gemeinnützige Einrichtung, zu deren Aufbau die "Republic Steel Company",
jetzt ihr größter "Kunde", den wesentlichsten Beitrag geleistet hat.
Es ist in der Lage, eine Vielzahl von betrieblichen Fortbildungsprogrammen durchzuführen.
Einen weiteren Weg zur betrieblichen Schulung stellt der Ausbildungsbeihilfenplan der Firma "Chas. Pfizer and Company", eines
bedeutenden amerikanischen Arzneimittelherstellers, dar. In seinem Rahmen erhalten Angestellte, die berufsfördernde Kurse an anerkannten
Colleges und Universitäten belegen, Studiengelder bis zu einer Höhe
von 300 Dollar jährlich und Laboratoriums gebühren bis zu 40 Dollar
von der Firma ersetzt. Seit 1957, dem Beginn dieses Planes, wurden
fast 100 000 Dollar an rund 700 Mitarbeiter ausgezahlt. Gegenwärtig
nehmen über 200 Angestellte Ausbildungsbeihilfen dieser Art in Anspruch.
Die beschriebenen Beispiele sind typisch für die Bildungsprogramme,
die von vielen amerikanischen Industrieunternehmen heute geboten werden.
Es gibt zahlreiche Varianten, je nach den besonderen Erfordernissen
der einzelnen Betriebe. Doch in ihrer Gesamtheit bilden sie einen
neuen Stein im Mosaik des amerikanischen Erziehungswesens.

(Quelle: Eigenbericht)
* • * * •

-

13

-

�&gt;

Arbeitnehmereinkommen erneut angestiegen
Sowohl die Nettolöhne der amerikanischen Industriearbeiter als
auch die Kaufkraft ihrer Einkommen sind im März mit zunehmender
Länge der durchschnittlichen Arbeitswoche erneut angestiegen, wie
aus der jüngsten Übersicht des US-Arbeitsministeriums über die Entwicklung der Löhne und Einkommen hervorgeht.
Mit 85,00 Dollar für einen Arbeitnehmer mit drei Angehörigen
und 77»34 Dollar für einen Alleinstehenden lagen die durchschnittlichen Wocheneinkommen der amerikanischen Industriearbeiter nach Abzug der Steuern und anderer regelmäßiger Abgaben im März um 60 Cent
höher als im Vormonat und damit nur geringfügig unter dem im November
und Dezember 1961 erreichten Spitzenniveau.
Da die Lebenshaltungskosten zwischen Februar und Ende März nur
geringfügig anstiegen, konnten die industriellen Arbeitnehmer in diesem Zeitraum eine Reallohnerhöhung von 41 Cent realisieren.
Im Vergleich zum März 1961 lagen die durchschnittlichen Industriearbeiterlöhne um rund 5 Dollar höher. Dies stellt (mit Ausnahme von
1959) die größte Zunahme innerhalb von zwölf Monaten während der vergangenen zehn Jahre dar. Unter Berücksichtigung der gestiegenen
Lebenshaltungskosten in diesem Zeitraum (1,1 Prozent) erhöhte sich
somit das Realeinkommen des industriellen Arbeitnehmers in den USA
zwischen März 1 9&amp;1 und März 19^2 um 4 Dollar.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Vermögen der ILGWU-Gewerkschaft
Das gesamte flüssige Vermögen der Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsindustrie beläuft sich gegenwärtig nach Angaben des 1.
Vorsitzenden der Gewerkschaft, David Dubinsky, auf 76 674 952 Dollar.
In dieser Summe sind die Einlagen der Krankenversicherungs-, Pensionsund Wohlfahrtsfonds nicht enthalten. Sie umschließt lediglich die der
Zentralverwaltung, den Orts- und Regionalverbänden sowie den verschiedenen Sonderabteilungen der Gewerkschaft zur Verfügung stehenden Mittel.
Zu den anderen Vermögenswerten, über die die Gewerkschaft verfügt, gehören außerdem noch 36 024 64O Dollar, die den Sterbegeldfond für Mitglieder und den Pensionsfond für Angestellte der Gewerkschaft bilden. Weitere 311 738 473 Dollar sind nach dem letzten Finanzausweis der Gewerkschaft in den gemeinsam mit den Unternehmern verwalteten Pensions- und Entlassungsgeldfonds angelegt.
Wie von dem 1. Vorsitzenden der ILGWU weiter mitgeteilt wurde,
hat die Gewerkschaft allein in den vergangenen drei Jahren insgesamt
5,2 Millionen Dollar für philanthropische und gewerkschaftsfordernde

-

14

-

�/

gewerkschaftsfordernde Zwecke sowie für Beiträge an ausländische
Arbeitnehmerorganisationen ausgegeben. Damit erhöht sich die Gesamtsumme dieser Aufwendungen, die seit 1940 geleistet wurden, auf mehr
als 33 Millionen Dollar.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

ILGWU will 100 Millionen Dollar in Farmanleihen anlegen
Die ILGWU-Gewerkschaft will in den nächsten vier Jahren insgesamt
100 Millionen Dollar für Familienfarmen in den USA bereitstellen, wie
der 1. Vorsitzende der Gewerkschaft, David Dubinsky, und der US-Landwirtschaftsminister, Orville Freeman, auf einer Pressekonferenz in
Washington bekanntgaben.
Die 100 Millionen Dollar sollen nach den Worten Dubinskys in Farmanleihen angelegt werden, die von der amerikanischen Regierung verbürgt
und über die Farmers Home Administration (FHA) abgewickelt werden.
Die FHA vermittelt an amerikanische Farmer Kredite bis zu 15 000
Dollar, die sie für die Modernisierung ihrer Farmen benötigen, aber
auf dem Kapitalmarkt zu normalen Bedingungen nicht erhalten können.
Während die Farmer diese Kredite mit 5 Prozent zu verzinsen haben,
erhalten die Geldgeber von der FHA 4 1/2 Prozent an Zinsen. Die restlichen 0,5 Prozent werden für Prämienzahlungen für eine Risikoversicherung zugunsten des Investors verwendet.
Die Investitionsmittel der Gewerkschaft sollen aus den verschiedenen Pensions- und Wohlfahrtsfonds aufgebracht werden.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
TJSIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 8/9

Bad Godesberg,August/September 1962
INHALTSVERZEICHNIS

Frauenarbeit und Haushalteinkommen (i)

Seite 1

Anwendungstechniker als Wegbereiter der
Vollautomatisierung

Seite 8

Die "Stadt-in-der-Stadt"

Seite 10

Vorbereitungskuse für angehende Pensionäre

Seite 11

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 13

Margaret S. Carroll, Abteilung Preise und Lebenshaltungskosten im
US-Bundesamt für Arbeitsstatistik:
Frauenarbeit und Haushalteinkommen (i)
Aus früheren Untersuchungen über die Zusammensetzung des Heers
der Berufstätigen haben wir manches über die beruflichen Qualifikationen und die Einkommensverhältnisse verheirateter Frauen in Relation
zu denen der Gesamtzahl der Berufstätigen und Arbeitslosen und dem
beruflichen Status und Einkommen ihrer Ehemänner und sonstigen Familienangehörigen erfahren. Sie haben aber keine Aufschlüsse über die
Zusammenhänge zwischen beruflichem Status und Einkommen der arbeitende
Ehefrauen und den übrigen Familienverhältnissen erbracht. Sie waren
insbesondere nicht darauf gerichtet, die Zusammenhänge zwischen Haushalteinkommen und Haushaltkosten als einem Schlüssel zur Klärung der
Frage zu durchleuchten, inwieweit wirtschaftliche Notwendigkeiten die
verheirateten Frauen dazu zwingen können, sich eine Arbeit außerhalb
des eigenen Haushalts zu suchen.

Etwas

�Etwas Licht in diese Verhältnisse bringen die bisher unveröffentlichten Ergebnisse einer 1950 vom US-Bundesamt für Arbeitsstatistik (Bureau of Labor Statistics) durchgeführten Untersuchung
der Verbraucherausgaben und ein Vergleich der damaligen Einkommensverhältnisse mit den Richtwerten für die Haushaltkosten, wie sie sich
für Haushalte verschiedener Größe aus der 1950 durchgeführten Umfrage
zur Feststellung der Haushaltkosten städtischer Arbeiterfamilien ergeben. Die Daten aus dem Jahre 1950 lassen sich nicht mit den Ergebnissen der regelmäßigen allgemeinen Umfragen zur Feststellung des
Beschäftigtenstandes vergleichen, gestatten aber sehr wohl Vergleiche
mit den Ergebnissen der Verbraucherausgabenumfrage 196O-61, die gegenwärtig ausgewertet werden.
Arbeitseinkünfte verheirateter Frauen und Haushalteinkommen 1950
Von der Verbraucherausgabenumfrage 1950 wurden 12 489 städtische
Mehrpersonen- und Einzelhaushalte erfaßt, von denen 10 791 Familienhaushalte mit zwei und mehr Personen und 9421 Haushalte mit einem
oder mehreren Ehepaaren waren. Den befragten Haushalten gehörten 9507
verheiratete Frauen an, von denen 3077 zu irgendeinem Zeitpunkt im
Lauf des Jahres berufstätig waren. Die Umfrage läßt erkennen, daß 86
Prozent aller städtischen Verbraucherhaushalte aus Familien mit zwei
oder mehr Personen und 76 Prozent aus mindestens einem Ehepaar bestanden; zu 24 Prozent der Haushalte gehörte eine berufstätige Ehefrau.
In 32 Prozent der Familienhaushalte mit Ehepaar arbeiteten die Ehefrauen zu irgendeinem Zeitpunkt des Jahres, aber in nur 12 Prozent
das ganze Jahr über.
Das durchschnittliche Brutto-Jahreseinkommen der städtischen
Haushalte betrug für:
Sämtliche Haushalte

Dollar

Familien mit zwei und mehr
Personen
Familien mit berufstätiger
Ehefrau

11

4574

11

4773
5482
4327

...ganzjährig beschäftigt

11

...zeitweilig beschäftigt

11

Haushalte ohne berufstätige
Ehefrau

4240

"

4O67

Ohne den Beitrag der Ehefrau hätte das Durchschnittseinkommen
der Haushalte mit berufstätigen verheirateten Frauen unter dem Durchschnitt aller Haushalte gelegen. Mit den Einkünften der verheirateten
Frauen war es höher, um ein weniges bei einer nur zeitweiligen beträchtlich bei ganzjähriger Berufstätigkeit der Ehefrau, (siehe Tafel
i ) . Die Kluft zwischen den Einkommen der Haushalte mit berufstätigen
Ehefrauen ohne die Arbeitsentgelte letzterer und den Einkommen sämtlicher
Haushalte war je größer, je höher der Beschäftigungsstatus des Haushaltvorstandes war. So belief sich beispielsweise das Durchschnittseinkommen
der Haushalte von Selbständigen mit ganzjährig arbeitenden Ehefrauen

-

2

-

�Tafel

I

Durchschni ttsbruttoeinkommen aller Haushalte und der Haushalte mit
berufstätiger Ehefrau, nach dem Beschäft igungsmodus der Frau und dem
Beruf des Hau shaltvors tandes aufgegliedert (Stand 1950)
(in Dollar bzw . Prozent des Durchsc hnitts a!Ller Haushalte)
Beruf d .Haushaltvorstandes

Sämtl.
Haushai
tungen

Einkommen ohne
Arbeitsentgelt der
Ehefrau

Einkommen mit
Arbei tse:ntgelt der
Ehefrau

ganzjährig beschäftigte
Ehefrau

zeitweilig
beschäftigte
Ehefrau

ganzjährig beschäftigte
Ehefrau

zeitweilig beschäftigte
Ehefrau

4240
(100)

5599
(80)

5561
(84)

5482
(129)

4527
(102)

6045
(100)

4514
(71)

4552
(75)

6699
(111)

5458
(90)

4434
(100)

5524
(80)

5657
(82)

5796
(151)

4587
(99)

1)
Gelernte Arbeiter ' 4562
(100)

5624
(79)

5745
(82)

5689
(125)

4488
(98)

5924
(100)

5284
(84)

5500
(89)

5514
(135)

4265
(109)

2989
(100)

2512
(84)

2720
(91)

4201
(140)

5558
(112)

5972
(100)

3751
(65)

5794
(64)

5955
(99)

4684
(78)

1685
(72)

184Q
(78)

5712
(158)

2659
(113)

Sämtliche Berufe

Festangestellte
akadem.Fach- und
Führungskräfte
Büro- und Verkauf sänge st eilte

2)
Angel. Arbeiter '
Ungel. Arbeiter 5)
'
Selbständige

Nicht Erwerbstätige 2555
(100)
1)

einschl. Facharbeiter, Meister, Vorarbeiter u. dergl.

2)

einschl. Maschinenarbeiter u. dergl.

5)

einschl. Hausangestellte und Beschäftigte in Dienstleistungsberufen

-

5 -

�Ehefrauen unter Ausklammerung des Arbeitsentgelts letzterer auf nur
63 Prozent des relativ hohen Durchschnittseinkommens der Selbständigen-Haushalte, während die Vergleichsziffer für Haushalte ungelernter Arbeiter und Angehöriger des Dienstleistungspersonals bei
85 Prozent lag. Demzufolge waren die gesamten Einkünfte der Haushalte
mit berufstätigen Ehefrauen in Relation zu dem Durchschnittseinkommen
der Haushalte des entsprechenden Berufszweigs um so höher, je niedriger
der soziale und wirtschaftliche Status war. Bei den Selbständigen-Haushalten mit berufstätigen Ehefrauen brachte weder eine zeitweilige noch
eine ganzjährige Beschäftigung der Ehefrau das Haushalteinkommen auf
die Durchschnittshöhe aller Haushaltungen Selbständiger. Im Gegenea'ts
hierzu hatte die Familie eines durchschnittlich verdiendenden ungelernten Arbeiters mit berufstätiger Ehefrau ein Einkommen, das bei
ganzjähriger Beschäftigung um 40 Prozent und bei nur vorübergehender
Tätigkeit um 12 Prozent über dem für Haushalte ungelernter Arbeiter
ermittelten Gesamtdurchschnitt lag.
Der Beitrag der verheirateten berufstätigen Frauen zu dem Gesamteinkommen der Haushalte belief sich auf 27 Prozent. Ganzjährig beschäftigte Ehefrauen trugen durchschnittlich 38 Prozent, zeitweilig
arbeitende 18 Prozent bei (Tafel II). Der Anteil des Beitrags zum
Haushalteinkommen schwankte bei den ganzjährig beschäftigten Ehefrauen
je nach Beruf der Haushaltvorstände (unter Nichtansetzung der nicht
Erwerbstätigen) zwischen 36 und 40 Prozent und damit weit weniger
als die durchschnittlichen Haushalteinnahmen in den verschiedenen
Berufssparten. Auch gebietsweise und nach Ortsklassen ausgewiesen
schwankte der Anteil des Beitrags der berufstätigen Ehefrauen zum
Haushaltseinkommen nur zwischen 37 und 40 Prozent bzw. zwischen 37
und 38 Prozent, obwohl das durchschnittliche Haushalteinkommen die
regionalen und örtlichen Unterschiede hinsichtlich Einkommenshöhe
und Lohnniveau durchaus widerspiegelte.
In Zwei-Personen-Haushalten, in denen beide Eheleute das ganze
Jahr über beschäftigt waren, schwankte der Beitrag der Frau zum
Haushalteinkommen zwischen 43 Prozent (wenn der Mann weniger als
2000 Dollar pro Jahr verdiente) und 34 Prozent (wenn er 5000 Dollar
und mehr verdiente). Bei größeren Haushalten verringert sich mit
der Hinzurechnung anderer verdienender Familienangehöriger der prozentuale Beitrag der berufstätigen Ehefrau. Bei den Zwei-PersonenHaushalten belief sich der Beitrag der Ehefrau auf rund 42 Prozent,
bei größeren Haushalten mit weiteren erwachsenen Angehörigen betrug
er nur 31 Prozent und bei Familien mit mindestens einem Kind über 18
Jahren 32 Prozent.
Obwohl die Beschäftigungsdauer der zeitweilig berufstätigen verheirateten Frauen zwischen wenigen Stunden und 47 Wochen im Jahr
schwanken kann, hielt sich ihr Anteil am Haushalteinkommen, nach dem
Beruf des Mannes, gebietsweise und ortsklassenmäßig aufgeschlüsselt,
ebenso stabil wie der Beitrag der ganzjährig (also mehr als 47 Wochen)
arbeitenden Ehefrauen. Der Beitrag der nur zeitweilig beschäftigten
Ehefrauen wies, nach der Zusammensetzung der Haushalte klassifiziert,
größere Schwankungen auf. Hier kommen nicht nur andere Haushaltangehörige

�Tafel II
Durchschnittliche Arbeitsentgelte berufstätiger Ehefrauen und deren
Anteil am Haushalteinkommen« nach dem Beschäftigungsmodus der Ehefrau
und der Haushaltzu3ammensetzung aufgeschlüsselt (stand 1950)

Beruf des Haushaltvorstandes bzw.
HaushaltZusammensetzung

Ganzjährig beschäftigte
Ehefrau
Durchschnittsverdienst
Dollar

Sämtliche

Prozent des
Haushalteinkommens

Zeitweilig beschäftigte
Ehefrau
DurchSchnittsverdienst
Dollar

Prozent des
Haushalteinkommens

208J

38

766

18

2385

36

906

17

Beruf des Haushaltvorstandes
Pestangestellte akadem.
Fach- und Führungskräfte
Büro- und Verkaufsangestellte
Gelernte Arbeiter 1')

2272

59

745

17

2065

36

745

17

2)
Angel. Arbeiter '

2030

58

765

18

Ungel. Arbeiter '

1689

40

658

19

Selbständige

2184

57

890

19

Nicht Erwerbstätige

2027

55

81 9

31

2152

42

888

23

2274

57

844

20

18 Jahre und
darüber

2005

52

847

16

16 bis 17 Jahre

1867

55

782

18

6 bis 15 Jahre

1957

57

716

16

2071

40

555

14

Haushaltart
Haushalt ohne Kinder
mit
Ehepaar
Ehepaar u.a.
Erwachsenen
Haushalt mit Kindern,
davon das älteste

.4)
unter 6 Jahren*
Haushalt mit Kindern
unter 18 u.a.
Erwachsenen

1869

15
755
51
(Anm. 1 - 3 wie bei Tafel i) 4) weniger als 50 Haushalte von der Befragung
erfaßt,
- 5 -

�Haushaltangehörige als Verdiener hinzu, die jährliche Beschäftigungsdauer wird auch durch steigende Verpflichtungen im Haushalt einger
schränkt. Die zeitweilig beschäftigten Mütter von Kindern im Vorschulalter trugen beispielsweise nur 14 Prozent zum Haushalteinkommen bei,
obwohl in diesen Haushalten lediglich Vater und Mutter als Verdiener
in Frage kamen. Die zeitweilig beschäftigten Ehefrauen aus Zwei-Personen-Haushalten trugen dagegen im Durchschnitt mit 23 Prozent zum
Haushalteinkommen bei.
Um die Gründe für die mehr oder weniger gleichbleibende Relation
zwischen dem Arbeitsverdienst der Ehefrau und dem Haushalteinkommen
in den verschiedenen Beschäftigungssparten der Ehemänner herauszufinden, wurden die diesbezüglichen Angaben auch nach dem Beruf der beiden
Partner aufgeschlüsselt. Dabei zeigte sich, daß nur 30 Prozent von 238
bei einer besonderen Befragung erfaßten berufstätigen Ehefrauen derselben Berufssparte angehörten wie ihre Ehemänner; bei den ganzjährig
tätigen Ehefrauen waren es 35 Prozent. Diese Statistik wurde vor allem
durch die relativ geringe Übereinstimmung mit dem Beruf des Mannes bei
Ehefrauen in den Büro- und Verkaufsangestelltenberufen bestimmt; die
Frauen im Angestelltenverhältnis waren in leicht überwiegender Zahl
mit Lohnempfängern verheiratet. Die Übereinstimmung zwischen dem Beruf
des Mannes und dem der Frau war somit wesentlich seltener als die Übereinstimmung der respektiven Arbeitsverdienste. Dies läßt den Schluß zu,
daß die Verdienstaussichten der Ehefrauen in einer festen Beziehung zum
Haushalteinkommen stehen, unabhängig von der Zugehörigkeit der Frau zu
einer bestimmten Berufssparte, und daß die wichtigen Variablen dieser
Statistik - Alter, Bildungsgrad und Beschäftigungsaussichten der Frau von denen des Mannes beeinflußt werden.
Die Übereinstimmung des durchschnittlichen Prozentsatzes des Beitrags der ganzjährig beschäftigten Ehefrauen zum Haushalteinkommen, die
sich bei den Untersuchungen im Jahre 1950 und bei späteren Untersuchungen auch im Ausland ergab, deutet darauf hin, daß die Ehefrauen vielfach
rund 35 bis 40 Prozent des Haushalteinkommens beisteuern, unabhängig
davon, wie hoch dieses ist. Bei Zwei-Personen-Haushalten, bei denen
beide Ehepartner ganzjährig beschäftigt waren, hatte die Hälfte der
Frauen zwischen 33 und 44 Prozent zum Haushalteinkommen beigetragen,
was einem Mittelwert von 39 Prozent entspricht. Dem steht ein Durchschnitt aller Zwei-Personen-Haushalte von 42 Prozent gegenüber.
Um weitere Aufschlüsse über die Zusammenhänge zwischen dem Arbeitseinkommen der Ehefrau und dem des Mannes zu gewinnen, wurden im
Falle der Zwei-Personen-Haushalte mit ganzjährig beschäftigten Ehepartnern das Einkommen der Frau in Beziehung zu dem des Mannes gesetzt.
Dabei zeigte sich, daß ganz generell das Einkommen der Frau mit dem des
Mannes steigt. Der Einkommensmittelwert der Ehefrauen von Männern der
höchsten Einkommensstufe belief sich auf mehr als das Doppelte des Mittelwertes bei Ehefrauen von Männern aus der untersten Einkommensschicht.
Über drei Viertel der Ehefrauen mit Männern in der Einkommensklasse zwischen 4000 und 4500 Dollar verdienten mehr als 75 Prozent der Frauen
von Männern mit weniger als 2000 Dollar Einkommen. Das Einkommen der Ehefrau war bei den Zwei-Peraonen-Haushälten aller Einkömmensschichten nur
in" 5 Prozent der Fälle höher als das des Ehemannes.
Frauenarbeit

�Frauenarbeit und Familienunterhalt
Bei der Erörterung der Frage nach der Notwendigkeit der Frauenarbeit als Beitrag zum Familienunterhalt wird als Kriterium des
Vorliegens dieser "Notwendigkeit" vom Verdienst des Mannes oder von
dem gesamten Haushalteinkommen ausgegangen, meist ohne irgendwelche
Berücksichtigung der tatsächlichen Unterhaltskosten der Familie. Ein
objektives Maß für das Vorliegen dieser "Notwendigkeit" gab es bisher
nicht. Es galt als hinreichend klar, daß eine Zunahme der Frauenarbeit
in Zeiten rückläufiger Arbeitsverdienste der Männer als ein Gradmesser
dafür anzusehen sei, daß die Frauen gezwungenermaßen arbeiten gehen.
Der sichtliche Zusammenhang zwischen dem Einkommen des Mannes und der
Berufstätigkeit der Frau sollte allein schon deshalb geklärt werden,
weil Familien mit niedrigem Einkommen zumeist jünger und kleiner sind
als Familien mit höherem Einkommen und somit geringere Haushaltausgaben haben.
Die Ergebnisse der 1950 vom Bundesamt für Arbeitsstatistik durchgeführten Untersuchung der Verbraucherausgaben und der Umfrage zur Feststellung der Haushaltkosten städtischer Arbeiterfamilien geben uns ein
sehr klar umrissenes Kriterium für die Beurteilung der "Notwendigkeit"
der Berufstätigkeit der verheirateten Frau an die Hand. Bei der Feststellung der Haushaltungskosten ging man 1950 von einem "bescheidenen
aber ausreichenden" Lebensstandard aus, der beträchtlich über dem Lebensminimum lag. Ziel der Untersuchung war es, die Kosten zu ermitteln,
die eine allein auf sich gestellte Familie aufwenden mußte, um vertretbare Ansprüche hinsichtlich der Erhaltung der Leistungsstärke, der
medizinischen Betreuung, der Ernährung der Kinder und der Teilnahme
am Leben der Gemeinschaft zu befriedigen. Die im Verlauf der Untersuchung befragten Haushalte wurden in zwei Gruppen unterteilt, eine,deren
Einkommen ausreichte, die nach diesem Richtsatz errechneten Haushaltkosten für eine Familie der entsprechenden Größe aufzubringen, und eine,
deren Einkommen darunter lag. War die Ehefrau berufstätig, so wurde auch
festgestellt, ob das Haushalteinkommen abzüglich des Verdienstes der
Ehefrau ausgereicht hätte, den vorgesehenen Lebensstandard zu bestreiten.
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden nicht nur dazu verwendet, den Einfluß des Geldbedarfs der Familie auf die Beschäftigung der
Frau zum damaligen Zeitpunkt festzustellen, sondern auch, um eventuellen
Wechselwirkungen mit anderen Faktoren, wie Familienzusammensetzung,
Beruf des Mannes und Alter der Ehefrau, auf die Spur zu kommen. Der
Begriff "Notwendigkeit" bedeutet hier und im folgenden ein Einkommen
unter dem Richtsatz, der zur Aufrechterhaltung des bei der Umfrage
zur Feststellung der Haushaltkosten städtischer Arbeiterfamilien
zugrunde gelegten Lebensstandards nicht ausreicht. Die Familien, bei denen
das Vorliegen der "Notwendigkeit" bejaht wurde, lebten nicht notwendigerweise in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, (wird fortgesetzt)

Quelle: Monthly Labor Review,
Vol. 85, Nr. 4. April 1962)

* * * * *

- 7 -

�Anwendungstechniker als V/egbereiter der Vollautomatisierung
Das Gesicht moderner Industriebetriebe beginnt sich immer rascher
und immer drastischer zu verändern: In einer Erdölraffinerie liest
eine elektronische Datenverarbeitungsanlage regelmäßig alle vier Minuten 196 Instrumente ab und fertigt ohne jedes menschliche Zutun alle
20 Minuten eine Dienstanweisung für den Mann im Kontrollraum aus, auf
der genau spezifiziert ist, wie er 19 verschiedene Ventile einzustellen
hat. Und in einigen Jahren schon wird die Datenverarbeitungsanlage auch
diese Regelvorgänge durch elektrische Impulse automatisch korrigieren.
Man kann also ohne Übertreibung sagen, daß wir an der Schwelle
eines neuen industriellen Zeitalters stehen. Es ist zu einem guten
Teil das Werk der Vertreter eines neuen Zweiges der Elektronik, der
Anwendungstechnik oder "application science", die die Kluft zwischen
Laboratorium und Fertigungsstraße zu überbrücken sucht.
Ein typischer Repräsentant dieser neuen Kategorie von Wissenschaftlern ist Dr. Cuthbert C. Hurd, Direktor der Abteilung "Reglersysteme"
der International Business Machines Corporation (IBM) und Planer der
eingangs erwähnten Erdölraffinerie, die im Staat Indiana gelegen ist.
Die Vorarbeiten
Die IBM hat vor Jahren in Ergänzung ihrer Produktion von elektronischen Buchungs- und Rechenanlagen auch die Entwicklung von Steuergeräten nach dem Prinzip der Datenverarbeitungsanlagen aufgenommen. Die
Benutzung solcher Geräte für die Kontrolle des Ablaufs von Fertigungsprozessen bereitete anfangs sehr große Schwierigkeiten, da man sich auf
keinerlei frühere Erfahrungen stützen konnte. So war es notwendig, jede
solche Steuerungsanlage von Grund auf neu zu planen und ihr die vorgesehenen Aufgaben Schritt für Schritt zu übertragen, um einen entsprechenden Erfahrungsschatz aufzubauen.
Die Arbeit des Anwendungstechnikers beginnt mit monatelangen Vorstudien des Betriebs- und Fertigungsablaufs an Ort und Stelle. In enger
Zusammenarbeit mit dem technischen Personal des betreffenden Betriebs
müssen sämtliche Phasen des Produktionsablaufs genauestens analysiert
und gewissermaßen in eine mathematische Formelsprache umgesetzt werden.
Diese Formeln werden dann einer elektronischen Datenverarbeitungsanlage
zugeführt, um auf diese Weise zunächst einmal den gesamten Betriebsablauf zu simulieren.
Die Planung
Nach diesen Vorstudien beginnt die eigentliche Planung des automatischen Produktionsprozesses, die unter dem Gesichtspunkt erfolgt,
durch laufende Produktionskontrollen und eventuell mögliche Vereinfachungen des Produktionsprozesses den Ausstoß pro Zeiteinheit zu erhöhen, die
allgemeinen Herstellungskosten zu senken oder durch die Verringerung des
Abfalls und Vermeidung von Ausschuß Rohstoffe einzusparen. Die Unternehmensleitung wird sich mit Sicherheit nur dann zur Vollautomatisierung
entschließen, wenn derartig einleuchtende Vorteile für sie sprechen.
Der

-

8

-

�Der nächste Schritt ist die Auswahl geeigneter Maschinen und
Anlagen und die Programmierung der als Steuergerät fungierenden
Datenverarbeitungsanlage, die an Hand der Meßwerte an Ventilen, Zählgeräten und Kontrollpunkten die Anweisungen für das Bedienungspersonal
ausdruckt.
In der letzten Phase schließlich wird der Datenverarbeitungsanlage auch noch die Ausführung der letztgenannten Befehle übertragen,
d.h. von ihr ausgehende und über Fernbedienungseinrichtungen weitergeleitete Impulse steuern sämtliche Regelmechanismen an allen wichtigen
Punkten des Produktionsablaufs. Damit ist der eigentliche vollautomatische Betrieb erreicht.
Die Erkenntnisse
Dr. Hurd ist schon durch seine Vergangenheit für seine verantwortungsvolle Tätigkeit wie kaum ein anderer qualifiziert. Die US-Atomenergie-Kommission (AEC) forderte den damaligen College-Professor 1947
auf, die Leitung der technischen Forschungsabteilung im Oak Ridge Laboratory zu übernehmen, einer Atomforschungsanstalt der AEC. Hier kam Hurd
erstmals mit der elektronischen Datenverarbeitung in Berührung, die
damals noch in den Kinderschuhen steckte.
1949 trat Hurd, der sehr schnell die ungeheuren Möglichkeiten des
Einsatzes solcher Rechenanlagen für die wissenschaftliche und technische
Forschung erkannt hatte, zur IBM über, um dort eine Arbeitsgruppe
"Anwendungstechnik" aufzubauen. Er nahm direkten Kontakt mit wissenschaftlichen und technischen Vereinigungen auf, um sich einerseits über
ihre Tätigkeit zu informieren und sie andererseits auf die Leistungsfähigkeit elektronischer Datenverarbeitungsanlagen gerade in der Forschung
hinzuweisen.
In langwierigen Untersuchungen war Dr. Hurd zu der Überzeugung gelangt, daß sich Datenverarbeitungsanlagen nicht nur für Buchungs- und
Rechenaufgaben eigneten, sondern mit Erfolg auch zur Steuerung ganzer
Fabrikanlagen zu verwenden waren. Das war der Anfang der Anwendungstechnik, der Verwendung von Datenverarbeitungsanlagen zur Steuerung des
Produktionsablaufs.
Die Schwierigkeiten
Die Schwierigkeit der Vollautomatisierung eines Produktionsablaufs
liegt in der Tatsache begründet, daß man nicht nur mit einigen wenigen
veränderlichen Größen, sondern mit 30 und 40 Variablen zu rechnen hat:
Temperaturen, Drücken, Durchsatzgeschwindigkeiten, Siedepunkten usw. Eine
optimale Kontrolle über ein derart kompliziertes System allein mit Hilfe
der Mathematik zu erreichen, ist bei dem heutigen Stand dieser Wissenschaft
noch nicht möglich. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Theorie und
praktische Erfahrung miteinander zu kombinieren, um eine Lösung für die
jeweiligen Probleme zu finden. Schwierigkeiten und Enttäuschungen lassen
sich bei einem solchen'Vorgehen nicht ausschließen. Umgekehrt bieten
sich dem Anwendungstechniker so fesselnde Aufgaben, wie sie sich ein
wißbegieriger Wissenschaftler nur wünschen kann.
q ,

�Schon heute können Dr. Hurd und seine Kollegen auf stolze Erfolge
verweisen, vor allem bei der Automatisierung kontinuierlicher Prozesse,
wie sie etwa in Ölraffinerien ablaufen. Inzwischen haben die Anwendungstechniker bereits 40 kontinuierliche Produktionsprozesse durchautomatisiert. Ihr nächstes Ziel ist die Automatisierung von diskontinuierlichen Prozessen, die natürlich noch weit schwieriger auf eine mathematische Formel zu bringen sind. Auch hier zeigt sich wiederum, daß der
Erfolg nicht so sehr von der Leistungsfähigkeit der Datenverarbeitungsanlagen als vielmehr von dem Einfallsreichtum der Anwendungstechniker
abhängt. Die Maschinen vermögen die auftretenden Probleme durchaus zu
lösen, sofern sie in geeigneter Form darauf angesetzt, d.h. programmiert
werden. Hurd und seine Mitarbeiter sind überzeugt, daß ihnen das in nicht
zu ferner Zukunft gelingen wird.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Die "Stadt-in-der-Stadt"
"Marina City" - auch die "Stadt-in-der-Stadt" genannt - ist ein
großes und wohl einzigartiges gewerkschaftliches Wohnungsbauprojekt, das
gegenwärtig seiner Vollendung entgegengeht und künftig der "Skyline" von
Chicago, • Metropole des amerikanischen Nordwestens,mit das Gepräge geben
wi rd.
.
Das für Familien der mittleren Einkommensgruppen bestimmte Wohnungsbauprojekt wird aus zwei 60 Stockwerke und 166 Meter hohen, wie überdimensionale Getreidesilos aussehenden runden Hochhäusern bestehen und u.a. ein
Kino, große Geschäftsräume, eine Eisbahn, ein Restaurant und einen Bootsund Jachtklub enthalten. Die Gesamtbaukosten werden von der "BuildingService"-Gewerkschaft, dem Bauherrn, mit rund 36 Millionen Dollar veranschlagt; und bereits im Sommer dieses Jahres sollen die ersten Familien
einziehen können.
Um die Mieter der künftigen Hochhäuser vom Straßenlärm weitgehend
abzuschirmen, beginnen die Wohntrakte erst im 20. Stockwerk, während die
18 anderen Etagen als Parkräume für Automobile eingerichtet werden, so daß
jeder Einwohner seine eigene Garage im Hause haben wird. Die Auffahrt zu
den Park- und Abstellräumen erfolgt dabei über kreisförmige Auffahrtsrampen.
Insgesamt werden in den beiden "Wohntürmen" 900 Wohnungen und Parkmöglichkeiten für 900 Automobile geschaffen werden. Als Wohnungstypen sind
dabei sowohl kleine, komfortable Einheiten, die aus einem kombinierten Wohnund Schlafzimmer, Küche, Bad und kleinem Ankleideraum bestehen, als auch
mehrräumige Appartements mit getrennten oder auch zwei Schlafzimmern
vorgesehen. Jede Wohnung wird eine eigene Heiz- und Kühlanlage erhalten
und jedes Zimmer einen Balkon haben.
Der

10

-

/

�Der Kern der Hochhäuser "besteht aus einer 10,5 Meter dicken Betonröhre, in der sowohl die Versorgungsleitungen als auch die Aufzüge untergebracht sind und die praktisch das Skelett bildet. Um diesen Kern herum
zieht sich in jedem Stockwerk ein kreisrunder Wandelgang, von dem fächerförmig die einzelnen Wohnungen ausgehen. Die Wohnungen selbst wiederum
sind so angelegt, daß sie - gewissermaßen wie ein Tortenstück - sich von
innen nach außen verbreitern.
Das gesamte Projekt wird auf einem rund 1,3 Hektar großen Gelände
errichtet, das die Gewerkschaft für 3 Millionen Dollar von der "Chicago
and North Western Railroad" erwarb. Finanziert wurde der Bau durch 5prozentige Schuldverschreibungen, die von der Gewerkschaft aufgelegt wurden
und von der Bundesverwaltung für den Wohnungsbau garantiert sind. Nach
Fertigstellung von "Marina City" will die Gewerkschaft nach den Angaben
ihres 1. Vorsitzenden, William L. McFetridge, nach und nach ähnliche Projekte in anderen amerikanischen Städten verwirklichen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Vorbereitungskurse für angehende Pensionäre
In Erkenntnis der Tatsache, daß der Übergang in den Ruhestand wohl
die kritischste Periode im Leben des Menschen darstellt, ist der Ortsverband 65 der Einzel- und Großhandels-Gewerkschaft im vergangenen Jahr
dazu übergegangen, seine Mitglieder auf die Zeit nach der Pensionierung
im Rahmen von Sonderkursen vorzubereiten, um ihrem Lebensabend auf diese
Weise einen neuen Inhalt zu geben.
Das Interesse unter den zur Pensionierung anstehenden Gewerkschaftsmitgliedern war dabei so über Erwarten groß - mehr als 100 nahmen an dem
ersten Kursus teil -, daß sich der Ortsverband nun entschlossen hat, auch
in diesem Jahr wieder einen "Vorbereitungskursus für angehende Pensionäre"
durchzuführen.
Diese Vorbereitungskurse, die im Rahmen des Wohlfahrtsprogramms
der Gewerkschaft durchgeführt werden, machen die angehenden Pensionäre
mit sämtlichen für sie wesentlichen Aspekten des Ruhestandes vertraut.
Neben rein wirtschaftlichen Themen wie etwa Einkommensquellen, Rentenberechnung und Nebenverdienstmöglichkeiten sind es vor allem medizinische,
psychologische, soziologische Probleme, die in den Abendkursen eingehend
behandelt werden. Hinzu kommen noch Fragen der produktiven, sinnvollen
Gestaltung der vermehrten Freizeit der Pensionäre sowie Wohnungs- und
Familienprobleme.
Die

11

�Die Vorträge zu den speziellen Themen werden teils von qualifizierten Gewerkschaftsfunktionären, teils von Ärzten, Psychologen und
anderen Fachkräften gehalten, die sich insbesondere mit den Problemen
älterer Menschen befassen. Die Gesamtdauer des Kursus beträgt 8 Wochen;
pro Woche findet dabei ein Vortragsabend - mit anschließender Diskussion
- statt.
Zum Abschluß des Vorbereitungslehrgangs führt dann der Kursusleiter die Lehrgangsteilnehmer mit schon im Ruhestand lebenden Gewerkschaftsmitgliedern zusammen, die hier über ihre eigenen Erfahrungen
berichten und den Pensionärsaspiranten wertvolle praktische Hinweise
darauf geben können, wie sie ihren Lebensabend "genießen" und sinnvoll
ausfüllen können.
Praktisch jedoch sind diese Vorbereitungskurse erst nur der Anfang
in der gewerkschaftlichen Betreuungsarbeit für ältere Mitglieder. Denn
auch nach der erfolgten Pensionierung ist die "Retail, Wholesale and
Department Store Union" weiter intensiv darum bemüht, den engen Kontakt
zu ihren Pensionären aufrechtzuerhalten und ihnen das Gefühl der
Dazugehörigkeit zu geben. So bleibt der Pensionär u.a. Vollmitglied
seiner Gewerkschaft, nimmt an allen offiziellen Veranstaltungen teil
und behält auch seine sämtlichen Rechte als Mitglied, wie etwa das
Stimmrecht und andere Privilegien. Innerhalb des Ortsvereins bilden
die Pensionäre eine geschlossene Gruppe mit eigenem Exekutivausschuß
und eigenen Fachreferenten.
Daß gerade das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Pensionären
sehr ausgeprägt ist, liegt nicht zu]e tzt auch daran, daß die Gewerkschaft schon seit Jahren gezielte Freizeitprogramme durchführt und zu
diesem Zweck in ihrem Verbandshaus verschiedene Räume eingerichtet hat,
die den älteren Mitgliedern als Aufenthalts-, Lese-, Bastei- und Musikzimmer täglich zur Verfügung stehen. Der Pensionär ist also immer beschäftigt, hat immer etwas vor, ist immer vor eine Aufgabe gestellt.
Und es ist erstaunlich, mit welcher Begeisterung diese gebotenen Möglichkeiten von den Pensionären genutzt werden: Einige erlernen Fremdsprachen,
andere befassen sich mit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, dritte
wiederum leben ganz ihrem Hobby, lesen, basteln, musizieren oder diskutieren, ganz so, wie es ihnen Spaß macht.
Und daß es ihnen Freude bereitet, zu gewissen Zerstreuungs- und
Betätigungsmöglichkeiten hingeführt zu werden, beweist wohl am besten
die Tatsache, daß rund 90 Prozent aller pensionierten Mitglieder dieser
Gewerkschaft aktiv an diesen Programmen teilnehmen.

(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

12

-

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Neuer Tarifvertrag in der Aluminiumindustrie
Zwischen fünf Firmen der amerikanischen Aluminiumindustrie und der
Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft ist jetzt ein neuer Tarifvertrag
abgeschlossen worden, der zwar keine Lohnerhöhungen für die Arbeitnehmer
dieses wichtigen Industriezweiges bringt, aber doch sehr weitreichende
neue Lohnnebenleistungen und soziale Verbesserungen.
Der sich in den Grundzügen weitgehend mit dem kürzlich getroffenen
Abkommen in der Stahlindustrie deckende neue Tarifvertrag trat am 1. August
in Kraft und hat eine Laufzeit von zwei Jahren. Zu denjenigen Großunternehmen der Aluminiumindustrie, die den neuen Vertrag unterzeichnet haben,
gehören: "Aluminum Company of America" (ALCOA), Kaiser Aluminum and
Chemical Corporation, Reynolds Metals Company, Olin Mathieson Corporation
und Ormet Corporation.
Zu den bedeutendsten Verbesserungen, die die Gewerkschaft für ihre
Mitglieder aushandeln konnte, zählt vor allem der neue zusätzliche Urlaubsplan. Auf Grund dieser Abmachungen werden die Unternehmer in Zukunft pro Arbeitsstunde und Arbeitnehmer 3 Cent an einen Sonderfonds
abführen, aus dem die Mittel für 7 zusätzliche bezahlte Urlaubstage
für Arbeitnehmer mit längerer Betriebszugehörigkeit aufgebracht werden
sollen. Auf diese Weise hofft man pro Jahr etwa 50 Prozent aller Arbeitnehmer eine zusätzliche Urlaubswoche zu verschaffen. Wenn der Sonderfonds
darüber hinaus noch Überschüsse aufweisen sollte, so wird auf Grund
des Abkommens auch allen anderen Mitarbeitern eine zusätzliche bezahlte
Urlaubswoche gewährt werden.
Eine Zusatzklausel des neuen Urlaubsplans sieht außerdem vor, daß
es allen Arbeitnehmern über 57 freigestellt sein soll, den Urlaub im
jeweiligen Urlaubsjahr zu nehmen oder aber ihn bis zu ihrer Pensionierung anzusammeln, so daß sie dann in den Genuß des Urlaubsgeldes
einschließlich der bis dahin aufgelaufenen Zinsen kämen. Jüngere Arbeitnehmer sind dagegen gehalten, ihren Urlaub zu nehmen, um auf diese
Weise die Zahl der Urlaubsvertretungen (Einstellung arbeitsloser Aluminiumarbeiter) zu erhöhen.
Auch die Erhöhung der zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung, die
den entlassenen Aluminiumarbeitern zusammen mit der staatlichen Unterstützung gezahlt wird, bedeutet für die Stahlarbeitergewerkschaft einen
großen Verhandlungserfolg. Auf Grund dieser Vereinbarungen führen die
Unternehmen ab 1. August pro geleistete Arbeitsstunde 9 1/1 Cent an
den Sonderfonds für zusätzliche Arbeitslosenunterstützung ab. Alle
Arbeitnehmer mit mindestens zweijähriger Betriebszugehörigkeit
erhalten im Falle der Erwerbslosigkeit aus diesem Fonds eine wöchentliche Unterstützung, die dem Grundlohn von 24 Wochenstunden (bisher
von 22 Stunden) entspricht. Außerdem können den Empfangsberechtigten
pro Woche noch bis zu 6 Dollar als Familienzulage gewährt werden. Die
Bezugsdauer dieser zusätzlichen Arbeitslosenunterstützung wurde auf
52 Wochen ausgedehnt.
Aus

�Aus dem alten Tarifvertrag übernommen, aber "eingefroren" wurde
die sogenannte "escalator clause" - die laufende Angleichung der
Löhne an die Lebenshaltungskosten - die den Arbeitnehmern in Zukunft
konstant pro Stunde 23 Cent als Ausgleichsbetrag sichern wird.
Neue Tarifverhandlungen über Löhne und Sozialleistungen können
erstmalig wieder ab 1. Juni 1963 zwischen den Tarifpartnern aufgenommen werden.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Gesamtvermögen der US-Gewerkschaften: 1,5 Mrd. Dollar
Das Gesamtvermögen der amerikanischen Gewerkschaften - Zentral-,
Regional- und Ortsverbände - belief sich im Jahre 196O auf insgesamt
1,5 Mrd. Dollar, während die gesamten Verbindlichkeiten 224 Millionen
Dollar betrugen.
Diese Ziffern sind in der jetzt vom amerikanischen Arbeitsministerium herausgegebenen Publikation "Union Financial Statistics" enthalten, die sich auf die Finanzberichte der US-Gewerkschaften stützt,
die diese auf Grund des "Labor-Management Reporting and Disclosure Act
of 1959" jährlich dem Arbeitsministerium einzureichen haben.
Wie aus dieser Übersicht weiter zu entnehmen war, verzeichneten
75 Prozent der insgesamt 260 amerikanischen Arbeitnehmerorganisationen
(ohne die sogenannten "International Unions", US-Gewerkschaften mit
Vertretungen außerhalb der USA) Jahreseinnahmen von weniger als
1 000 000 Dollar. Von diesen Verbänden wiesen 16 Prozent Einnahmen von
weniger als 10 000 Dollar auf, während 27 Prozent Einnahmen zwischen
100 000 und '1'000 000 Dollar verbuchen konnten.
Von den 41 796 Ortsverbänden hatten nur 4 Prozent Jahreseinnahmen
von mehr -als 100 000 Dollar aufzuweisen, während 'JO Prozent pro Jahr
weniger als 10 000 Dollar an Einnahmen zu verzeichnen hatten. Fast
55 Prozent der Ortsverbände wiesen in dem Berichtszeitraum (Finanzjahr
1959/60) sogar nur jährliche Einnahmen von weniger" als 5000 Dollar auf,
während bei 15 Prozent die Eingänge zwischen 5000 und 10 000 Dollar lagen.
Zu den reichsten amerikanischen Gewerkschaften gehören laut Übersicht die Gewerkschaft der Elektroarbeiter (international Brotherhood
of Electrical Workers), die Vereinigte Bergarbeitergewerkschaft (UM**) ,
die Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsindustrie (iLGWU), die Teamster- sowie die Stahlarbeiter (USA) -, die Automobilarbeiter (UAW) - und
die Lokomotivführergewerkschaft.
Die

14

-

�Die einzelnen Angaben in der Übersicht sind den Finanzberichten
von insgesamt 44 530 selbständigen Gewerkschaften entnommen - 41 796
Orts-, 260 Gesamtverbänden und 2474 anderen Organisationsformen -, die
im ersten Berichtsjahr zur Abgabe solcher "Reports" verpflichtet waren.
Gegenwärtig beträgt die Zahl der berichterstattungspflichtigen
Gewerkschaften 52 000. In dieser ersten statistischen Auswertung der
Finanzberichte sind die Berichte von rund 8000 kleineren Organisationen
nicht enthalten, die ihre Erklärung entweder zu spät eingereicht oder
aber nicht den Vorschriften entsprechend ausgefüllt hatten.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Arbeitnehmereinkommen auf Rekordniveau
Das durchschnittliche Nettoeinkommen der amerikanischen Industriearbeiter hat sich nach Angaben des US-Amtes für Arbeitsstatistik im Mai
weiter erhöht und damit eine neue Spitze erreicht. Nach Abzug der Steuern
und Sozialabgaben belief sich das Nettoeinkommen eines Arbeitnehmers ohne
Familie auf 78?37 Dollar pro Woche, während ein verheirateter Industriearbeiter mit drei Angehörigen im Durchschnitt 86,05 Dollar verdiente. Gegenüber dem Vormonat liegen diese.Einkommenssätze um rund 0,50 Dollar,
gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres (Mai) um etwas über 4 Dollar
höher.
Die Kaufkraft des durchschnittlichen Einkommens des amerikanischen
Industriearbeiters lag im Mai wieder auf der Rekordhöhe, die erstmals
im Dezember 1961 erreicht wurde. Im Vergleich zum Mai 1961 ergibt sich
so eine Zunahme um 4 Prozent, obwohl die Verbraucherpreise in den vergangenen zwölf Monaten um 1,3 Prozent angestiegen .sind.
(Quelle: Eigenbericht)

-

15 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regiecung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 10

• Bad Godesberg, den 1. Oktober 1962INHALTSVERZEICHNIS '

Frauenarbeit und Baushalteinkommen,(il)

Seite 1

Fast 70 Killionen Beschäftigte in den USA

Seite 10

AFL-CIO fordert 35-°)tunden-1..'oche

Seite 11

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 12

Margaret S. Carroll, Abteilung Preise und Lebenshaltungskosten im
US-Bundesamt für Arbeitsstatistik:
Frauenarbeit und Haushalteinkommen (il)
Frauenarbeit als Nebenverdienst
Es hat sich gezeigt, daß 42 Prozent der zu irgendeinem Zeitpunkt
im Jahre 1950 beschäftigten Ehefrauen und 32 Prozent der nicht berufstätigen Ehefrauen Haushalten angehörten, deren Einkommen ohne Einkünfte
der Ehefrau unter dem genannten Richtsatz gelegen hätten (siehe Tafel
III). Manche Zeichen deuten darauf hin, daß die Berufstätigkeit der
Ehefrau mit der "Notwendigkeit" zunahm, allerdings nicht in sehr
starkem Maße. Von sämtlichen in die Untersuchung einbezogenen Frauen
(gleichgültig, ob berufstätig oder nicht), deren Haushalteinkommen
ohne ihren Beitrag nicht für einen angemessenen Lebensstandard ausgereicht hätte, haben 38 Prozent gearbeitet (siehe Tafel IV). Von
allen Frauen, die unter diesem Gesichtspunkt nicht hätten arbeiten
müssen, waren dennoch 28 Prozent berufstätig.
Tafel III

�Tafel

III

Anteil der Ehefrauen mit einem Haushalteinkommen unter dem für Stadthaushalte ermittelten Richtsatz bei Ausklammerung des Arbeitsentgelts der Frau,
nach dem Beschäftigungsmodus der Ehefrau und der Familienzusammensetzung
aufgegliedert (Stand 1950)

HaushaltZusammensetzung

Zahl der Prozent mit Haushalteinkommen unter dem
erfaßten Richtsatz bei Ausklammerung des ArHaushalte beitseinkommens der Frau
Sämtliche
Haushalte

Sämtliche Familienhaushalte

Frau ganzFrau
Frau
nicht
berufs- jährig' beberufs- tätig
schäftigt
tätig

9421

35

32

42

43

ohne Kinder
Ehepaar
Ehepaar u.a.
Erwachsene

2914

30

28

34

35

378

32

29

59

35

mit Kindern, davon
das älteste
18 Jahre u.darüber
1 6 bis- 17 Jahre
6 bis 15 Jahre
unter 6 Jahren

1259

2153
1759

25
45
44
36

20
42
40
35

37
52
55
39

36
49
66

565

46

40

62

72

mit Kindern unter 18
Jahren und anderen
Erwachsenen

393

48

Familienzusammensetzung
Mütter aus Haushalten mit einem weiteren erwachsenen Mitglied und
Kindern im Schulalter und darüber scheinen eher auf den wirtschaftlichen
Zwang zu verdienen zu reagieren als kinderlose Ehefrauen. Von den Ehefrauen
aus Zwei-Personen-Haushalten mit einem Einkommen unter dem Richtsatz waren
46 Prozent berufstätig, bei den Frauen aus Haushaltungen mit höherem Einkommen waren es 38 Prozent - das entspricht einer um ein Fünftel größeren
Häufigkeit der Berufstätigkeit unter den ersteren. Von den Müttern aus
Haushalten mit Kindern unter 18 Jahren sowie weiteren erwachsenen Mitgliedern arbeiteten nur 23 Prozent, sofern das Haushalteinkommen über dem Richtsatz lag, aber 43 Prozent, wenn es darunter lag. Mütter aus Haushaltungen
mit geringerem Einkommen, aber mindestens einem Kind über 18 Jahren oder
einem weiteren erwachsenen Haushaltangehörigen waren etwa im gleichen Maße
berufstätig wie kinderlose Ehefrauen aus solchen Haushalten. Umgekehrt war
Tafel IV

�Tafel IV
Umfang der Beschäftigung von Ehefrauen, nach Haushalteinkommen und
Familienzusammensetzung aufgeschlüsselt (Stand 1950)

Haushaltzusammensetzung

Prozentanteil der beschäftigten Ehefrauen

Prozentanteil der ganzjährig
beschäftigten Ehefrauen

Sämtl.
Familien, deren Ein- S'ämü.
Familien- kommen ohne Arbeits- Famihaushalte verdienst der Ehefrau lienüber dem unter dem - raushalte
Rieht!satz
Rieht
satz lag lag

Sämtliche
Familienhaushalte

Familien, deren Einkommen ohne Arbeitsverdienst der Ehefrau

über dem
Richtsa tz lag

unt er dem
Ric!htsatz

lag

32

28

38

12

11

15

40

38

46

20

19

23

41

36

49

21

20

23

mit Kindern,
davon d .altes te
18 Jahre u.
darüber
30
16 b.17 Jahre 38
6 b .1 5 Jahre 28
unter 6 Jahrarr 21

25
34
22
20

44
43
34
23

14
12
7
2

12
12
4
2

20
13
11
3

mit Kindern
unter 18 Jahren
und anderen Erwachsenen

23

43

11

6

18

ohne Kinder
Ehepaar
Ehepaar u.a.
Erwachsene

32

war die Beschäftigungsrate solcher Mütter aus Haushaltungen mit einem über
dem Satz liegenden Einkommen erheblich niedriger als die Rate der kinderlosen Ehefrauen.
Mütter mit Kindern unter 16 Jahren aus Haushalten ohne anderweitiges
zur Haushaltführung fähiges Mitglied waren weniger geneigt, eine Arbeit
anzunehmen, als andere Ehefrauen, auch wenn die "Notwendigkeit" hierzu
bestand. Lag diese "Notwendigkeit" nicht vor und war das älteste Kind
zwischen 6 und 16 Jahre alt, so betrug der Anteil der Berufstätigen unter
den Müttern 22 Prozent, lag sie vor, lediglich 34 Prozent; gehörte dem
Haushalt aber noch ein weiterer Erwachsener oder ein Kind im höherem
Alter an, so belief sich dieser Anteil auf 43 bzw. 44 Prozent.
Sofern

�Sofern das älteste Kind jünger als 6 Jahre war, hatte die "Notwendigkeit" nur geringen Einfluß auf den Prozentsatz der Ehefrauen,
die zu irgendeinem Zeitpunkt im Verlauf des Jahres arbeiten gingen.
Da man bei diesen Untersuchungen alle Familien als Haushalte mit
einem Kind unter 6 Jahren klassifizierte, wenn dieser Sachverhalt
zu irgendeinem Zeitpunkt im Jahr zutraf, darf man davon ausgehen,
daß etwa ein Sechstel dieser Eamilien ihr erstes Kind im Verlauf des
Jahres bekommen hatten und daß ein Teil dieser Mütter vor ihrer
Niederkunft zu arbeiten aufgehört hatte. Klammern wir die Eamilien
aus, nach deren Größe man darauf schließen kann, daß das erste Kind
im Verlauf des Untersuchungsjahres zur Welt kam, so betrug die Beschäftigungsrate aller Mütter, deren ältestes Kind jünger als 6
Jahre war, nicht 18 sondern 21 Prozent.
Die Rate der ganzjährigen Beschäftigung unter den verheirateten
Frauen nahm mit vorliegender "Notwendigkeit" in etv/a demselben Llaße
zu v.ie der Anteil dieser Frauen an aer Gesamtbeschäftigung der Frauen.
Die Steigerung war allerdings bei Müttern mit Kindern unter 16 Jahren
deutlicher als bei ^en übrigen verheirateten Frauen. Der Prozentsatz
der ganzjährig beschäftigten Mütter, deren ältestes nind zwischen 6
und 16 Jahre alt war, lag bei den Fällen, in denen uie "Notwendigkeit"
zum Verdienen gegeben war, dreimal so hoch wie bei den Fällen, in
denen sie nicht bestand. Mütter mit Kindern unter 18 Jahren aus Haushalten mit einem weiteren Erwachsenen waren dreimal so häufig ganzjährig beschäftigt, wenn die "Notwendigkeit" bestand als wenn sie
nicht bestand.
Beruf des Heushaltvorstandes
Da die "Notwenaigkeit" eine gewisse Rolle bei der Entscheidung
spielt, ob eine Ehefrau eine Stellung annehmen soll oder nicht, steht
zu erwarten, daß Frauen weniger gut verdienender Männer eher geneigt
sind, eine Stelle anzunehmen, als Frauen von Männern in höherbezahlten
Positionen. Generell traf dies 1950 auch zu. Wenn r;.an die Haushalte
jedoch nach dem Beruf aes Haushaltvorstandes klassifiziert, aann hatten
nur 15 Prozent aller Familien aus der Sparte der festangestellten akademischen Jach- und Fährungskräfte bei Ausklammerung des Arbeitsverdienstes
der Ehefrau ein Einkommen, das unter dem Richtsatz lag, und dennoch
naren 28 Prozent der fraglichen Frauen berufstätig. Umgekehrt lag das
Einkommen von 55 Prozent der Haushalte aus der Kategorie ungelernte
Arbeiter unter dem Richtsatz, und nur 38 Prozent der Ehefrauen gingen
zur Arbeit (siehe Tafel V ) .
Wenn auch uie Häufigkeit der BerufStetigkeit der Ehefrauen im
allgemeinen mit dem Grau der "Notwendigkeit" ihres Mitverdienens zunahm, so war uieser Trend doch nicht in allen Beschäftigungskategorien
gleichmäßig ausgebiluet. Die Bereitwilligkeit, im Sinne dieser
"Notwendigkeit" zu handeln, war generell bei den sozial und wirtschaftlich höher einzustufenden Klassen starker. Ein nahezu konstanter Prozentsatz der Ehefrauen von angelernten Arbeitern (Maschinenarbeitern usw.)
ging zur Arbeit, unabhängig davon, ob das Haushalteinkommen über oder
unter dem Richtsatz lag. Die Berufstätigkeit unter den Frauen der gelernten Arbeiter (Facharbeiter, Meister usw.) und der ungelernten Arbeiter
stieg mit vorliegender "Notwendigkeit" um etwa ein Viertel; bei den
Tafel V

�Tafel

V

Haushalteinkommen und Beschäftigungsrate der Ehefrauen, nach dem Beruf
des Haushaltvorstandes und der Haushaltzusammensetzung aufgeschlüsselt
(Stand 1950)

HaushaltZusammensetzung, Haushalteinkommen und Beschäftigungsrate
der Ehefrauen

Beschäftigungsrate der Ehefrauen, deren Mann in
einem der folgenden Berufe tätig ist
Sämtl.
Berufe
1)

akadem.
u.Führungskräfte

35

15

29

.28

40

55

32

28

37

31

55

58

28
38

26
42

34
46

29
37

34
35

34
42

42

51

41

48

45

46
75

59
55

44
62

40
55

Sämtliche Familienhaushalte
Sämtl. Ehefrauen aus
Haushalten mit Einkommen unter dem
Richtsatz ohne
ihren Verdienst
Sämtl. berufstätigen
Ehefrauen
mit Haushalteinkommen (ohne
Einkünfte der
Ehefrau)
über dem Richtsatz
unter dem Richtsatz

Bürogelern- angeu.Ver- te Ar- lernte
kaufs- beiter Arbeiter
angest.

ungelernte
Arbeiter

Zwei-Personen-Haushalte
Sämtl&gt; Ehefrauen aus
Haushalten mit Einkommen unter dem Richtsatz ohne ihren Verdienst
30
Sämtl. beru:Fstätigen
Ehefrauen
mit Haushalteinkommen (ohne
Einkünfte der
Ehefrau )
über dem ]Richtsatz
unter dem Richtsatz

40

,

58
46

40
2)

-

5 -

�Familienhaushalte mit
Kindern, davon das
älteste 16 Jahrff und
darüber
Sämtl. Ehefrauen aus
Haushalten mit Einkommen unter dem
Richtsatz ohne ihren
Verdienst

25

Sämtl. berufstätigen
Ehefrauen
mit Haushalteinkommen (ohne Einkünfte d. Ehefrau)
über dem Richtsatz
unter dem Richtsatz
Familienhaushalte mit
Kindern, davon das
älteste zwischen
6 und 15 Jahren
Sämtl. Ehefrauen aus
Haushalten mit Einkommen unter dem
Richtsatz ohne ihren
Verdienst
Sämtl. berufstätigen
Ehefrauen
mit Haushalteinkommen (ohne Einkünfte d. Ehefrau)
über dem Richtsatz
unter dem Richtsatz
Familienhaushalte mit
Kindern, davon das
älteste unter 6 Jahren
Sämtl. Ehefrauen aus
Haushalten mit Einkommen unter dem
Richtsatz ohne ihren
Verdienst
Sämtl. berufstätigen
Ehefrauen
mit Haushalteinkommen (ohne Einkünfte d. Ehefrau)
über dem Richtsatz
unter dem Richtsatz

18

17

23

48

30

22

38

29

37

33

25
44

21
2)

32
2)

25

34
2)

27
45

44

20

38

41

57

76

28

22

29

26

32

39

22

19

34

34

22
42

23
30

32
32

30
42

36

18

35

31

42

65

21

20

26

21

21

28

20
23

17

26
28

20
23

22
20

30
24

35

-

6 -

2)

�Durchschnittswerte
für s ä m t l i c h e e r f a ß t e n Verbraucherhaushalte
Brutto-Haushalteinkommen
Schuljahre des
Haushaltvorstandes
A l t e r des H a u s h a l t vorstandes

$ 4240

$ 6045

3 4434

$ 4562

$ 5924

$ 2989

10

13

12

10

9

9

47
3,0

42
3,0

42
2,9

43
3,4

Familienstärke

41
3,4

48
2,9

1)
" einschließlich Heushaltvorstände, die als selbständig oder nicht
erwerbstätig geführt werden

2)
weniger als 50 Fälle
den Ehefrauen der Büro- und Verkaufsangestellten um fast zwei Fünftel,
der festangestellten Fach- und Führungskräfte um etwa drei Fünftel.
Diese Schwankungen spiegeln u.a. die Tatsache wider, daß ein Lebensstandard im Sinne des Richtsatzes von den Familien mit überdurchschnittlichem Einkommen als unzureichend empfunden wurde.
Das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Kindern wirkte sich
in den verschiedenen Berufskategorien unterschiedlich a^us . Relativ geringfügige Abweichungen in der Beschäftigungshäufigkeit traten in den
einzelnen Berufskategorien bei vorliegender "Notwendigkeit" bei kinderlosen Ehefrauen auf, große dagegen bei Müttern. In Zwei-Personen-Haushalten mit einem Einkommen unter dem Richtsatz lag die Beschäftigungsrate der Ehefrauen in allen fünf Eeschäftigungskategorien um zwei bis
drei Fünftel höher als in Haushalten mit einem Einkommen über dem Richtsatz. In Familien mit Kindern, von denen das älteste zwischen 6 und 15
Jahre alt war, traten größere Schwankungen auf. Unter derartigen Familien
der angelernten Arbeiter (Maschinenarbeiter usw.) waren 32 Prozent der
Ehefrauen berufstätig, wobei der Prozentsatz bei Familien, die auf einen
Zusatzverdienst der Frau angewiesen waren, und Familien, bei denen eine
solche "Notwendigkeit" nicht bestand, gleich hoch lag. Die Rate der
Berufstätigkeit der Mütter war jedoch in den einschlägigen Haushalten
der gelernten und ungelernten Arbeiter in Falle des Vorliegens der"Notwendigkeit" etwas höher und bei den Familien der festangestellten akademischen Fach- und Führungskräfte sogar wesentlich höher als bei Nichtvorliegen. In Familien letzterer Art mit einem Einkommen über dem Richtsatz, deren ältestes Kind zwischen 6 und 15 Jahro alt war, arbeiteten
um so mehr Enefrauen, je niedriger der Mann seiner Beschäftigung nach
auf der sozialen und wirtschaftlichen Stufenleiter stand; der Satz betrug
19 Prozent bei den festangestellten akademischen Fach- unü Führungskräften und 52 Prozent in der Gruppe der angelernten Arbeiter.
Alter

. 7.

�Alter der Ehefrau
Die hier aufgezeigten Zusammenhänge zwischen Alter und Beschäftigungsrate der Ehefrauen lassen sich nicht generell als Maßstab
für die Gesamtheit der befragten Haushalte werten, da man fast durchweg versäumt hatte, nach dem Alter der nicht berufstätigen Frauen zu
fragen. Lediglich bei Haushaltungen, die aus einem Ehepaar und weiteren Erwachsenen bestanden, wurde das Alter der Haushaltmitglieder
registriert; dabei zeigte sich, daß die Beschäftigungsrate bei Frauen
unter 50 Jahren 75 Prozent betrug und mit fortschreitendem Alter sank,
um schließlich in der Gruppe der Frauen von 50 bis 59 Jahren 25 Prozent
und in der der Frauen über sechzig 10 Prozent zu erreichen. Unterteilt
man diese Haushalte noch nach solchen mit einem Einkommen über und
unter dem Richtsatz, so zeigt sich, daß bei den Frauen unter 50 Jahren
der Anteil der Berufstätigen in den Haushalten mit einem unter dem
Richtsatz liegenden Einkommen mit 72 Prozent um ein gutes Viertel höher
lag als in den Haushalten mit höherem Einkommen, wo er lediglich 57
Prozent betrug. Bei Frauen über 50 war die Häufigkeit der Berufstätige
keit bei Vorliegen der "Notwendigkeit" 28 Prozent und somit mehr
als doppelt so groß wie in den Fällen, in denen dieser Zwang zur Arbeit
nicht bestand und die Rate bei 13 Prozent lag.
Bei den Zwei-Personen-Haushalten dagegen erweist sich das Vorliegen der "Notwendigkeit" auch bei zunehmendem Alter der Ehefrau weit
seltener als treibende Kraft, eine Stellung anzunehmen. Der Anteil
der berufstätigen Ehefrauen aus der Gruppe der Haushaltungen mit
einem Einkommen unter dem Richtsatz, die auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen waren, nahm erst vom 40. Lebensjahr an merklich zu.
Der Prozentsatz der berufstätigen Ehefrauen über 60, bei denen die
"Notwendigkeit" zu bejahen war, lag mit 61 Prozent mehr als doppelt
so hoch wie der der betreffenden Ehefrauen unter 40, dej) zwischen 24
und 29 Prozent schwankte.
Ergänzend sei noch hinzugefügt, daß bei den Haushaltungen der
nicht Erwerbstätigen, die im Vergleich zu den Haushalten mit berufstätigen Vorständen meist aus älteren Menschen bestanden, nur 10 Prozent
der Ehefrauen bei einem höheren Einkommen, als es dem Richtsatz entspricht, und 28 Prozent bei einem geringeren zur Arbeit gingen.
Der Beitrag der Ehefrau zum Haushalteinkommen
Von den 42 Prozent der Haushalte mit berufstätigen Ehefrauen,
deren Einkommen unterhalb des Richtsatzes lag, verdienten 23 Prozent
oder mehr als die Hälfte nicht genug, um das Haushalteinkommen soweit
aufzubessern, daß es den Richtsatz überstieg. Von den Frauen, die
das ganze Jahr über gearbeitet hatten, gehörten aber nur 14 Prozent
Haushaltungen an, deren Einkommen unter Hinzurechnung des Arbeitseinkommens der Ehefrau immer noch unter dem Richtsatz lag. Der Richtwert
wurde für den folgenden Vergleich nicht nach oben berichtigt, um die
durch die Berufstätigkeit der Ehefrau bedingten höheren Haushaltausgaben abzudecken.

�Haushaltzusammensetzung

Prozent der Haushalte mit einem unter dem
Richtwert liegenden Einkommen im Jahr 1950
Sämtl. berufstätigen Ehefrauen

Sämtliche Familienhaushalte
Ohne Kinder
ohne weitere Erwachsene
mit weiteren Erwachsenen

Ganzjährig
beschäftigte
Ehefrauen

Zeitweilig
beschäftigte
Ehefrauen

23

14

29

16
20

11
11

21
30

21
31
31
26

12
13
22
18

28
39
34
27

39

32

43

Mit Kindern, davon das
älteste
18 Jahre und darüber
16 bis 17 Jahre
6 bis 15 Jahre
unter 6 Jahren
Mit Kindern unter
18 Jahren und anderen
Erwachsenen

Der Prozentsatz der arbeitenden Mütter jüngerer Kinder, die mit ihrem
Arbeitsverdienst das Haushalteinkommen auf die Höhe des Richtsatzes und
darüber brachten, war geringer als der der übrigen berufstätigen verheirateten Frauen. Dies ist zum Teil der Tatsache zuzuschreiben, daß die
Berufstätigkeit dieser Frauen in einer größeren Anzahl von Fällen das
Ergebnis eines ohne einen Beitrag ihrerseits sehr viel niedrigeren
Haushalteinkommens war als bei den übrigen arbeitenden Frauen. Bei den
ganzjährig beschäftigten Müttern mit Kindern im Alter von 6 bis 17 Jahren
belief sich in 22 Prozent der Fälle das Gesamthaushalteinkommen auf eine
noch unter dem Richtsatz liegende Höhe; hätten sie nicht gearbeitet,
so wäre das Haushalteinkommen bei 66 Prozent von ihnen hinter dem Richtsatz zurückgeblieben (siehe Tafel III).
(Quelle: Monthly Labor Review,
Vol. 85, Nr. 4, April
1962)
* * * * *

-

9

-

�Fast 70 Millionen Beschäftigte in den USA
Auch während der Sommermonate, die allgemein auf Grund der
Betriebsferien in den großen Industrieunternehmen durch eine gewisse Flaute in der wirtschaftlichen Aktivität gekennzeichnet
sind, hat sich die Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt weiter
günstig entwickelt.
Wie aus dem jüngsten Bericht des US-Arbeitsministeriums über
die allgemeine Beschäftigungssituation im August hervorgeht, nahm
die Zahl der Beschäftigten in diesem Monat um 200 000 zu und erreichte
mit 69,8 Millionen damit fast die 70-Millionen-Grenze. Diese Entwicklung ist dabei insofern ermutigend, als auf Grund der saisonalen
Erwartungen normalerweise ein Rückgang in der Beschäftigtenziffer
um rund 300 000 hätte eintreten müssen.
Während jedoch die Entwicklung auf dem Beschäftigungssektor
die jahreszeitlichen Erwartungen übertraf, waren die Erwerbslosenziffern optisch insofern ein wenig enttäuschend, als sich der
Rückgang um 86 000 auf insgesamt 3»9 Millionen nicht im saisonüblichen Rahmen (450 000} hielt. Daher stieg auch die Erwerbslosenrate
gegenüber Juli (5, ~bi°) auf 5»8 Prozent der Gesamtbeschäf tigtenzahl an.
Beschäftigt man sich aber einmal näher mit den Hintergründen
der Erwerbslosenziffer für August, so zeigt sich, daß gerade in diesem Monat verschiedene ungünstige Faktoren das allgemeine Bild trübten. Einmal fiel der Zeitpunkt der Erhebung in die Umrüstungsperiode
der Automobilindustrie für die 6jer Modelle (vorübergehende Entlassung zahlreicher Arbeitnehmer), und zum anderen wies der August einen
ungewöhnlich starken Zustrom von Frauen zum Arbeitsmarkt auf. Bei dem
größten Teil dieser Frauen scheint es sich aber um Lehrerinnen zu
handeln, die ihre Ausbildung jetzt abgeschlossen haben und auf ihre
erste Anstellung warten - also im September wieder aus der Arbeitslosenstatistik verschwinden werden.

\

Es ist also zu erwarten, daß mit der vollen Aufnahme der Arbeit
in der Automobilindustrie, dem Eintritt der jungen Lehrerinnen ins
Berufsleben und der Rückkehr der vielen Teenager zur Schule, die
sich in den Ferien um einen Arbeitsplatz bemüht hatten, die Erwerbslosenziffer im September wieder erheblich absinken wird.
Was die Dauer der Erwerbslosigkeit betrifft, so handelt es sich
bei der großen Masse der Arbeitsuchenden um solche Personen, die
ihren alten Arbeitsplatz aufgegeben haben, um sich etwa anderes zu
suchen, oder um kurzfristig Erwerbslose. Denn nach der jüngsten
Statistik war in den USA im August nur etwa ein Viertel der 3,9
Millionen Erwerbslosen bereits länger als 15 Wochen ohne Arbeit.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch noch eine Untersuchung des "Wall Street Journal" über die Zahl der offenen Stellen in
der Wirtschaft, die kürzlich veröffentlicht wurde. Danach gibt es in
allen größeren Städten der USA eine erhebliche Anzahl offener Stellen,
die in der Regel nur deshalb unbesetzt blieben, weil die Arbeitsuchenden "sehr wählerisch" seien, wie das Blatt betont. Die Hoffnung, einen
besseren als den angebotenen Arbeitsplatz zu finden, die relative

-

10

�relative wirtschaftliche Sicherheit auf Grund der Arbeitslosenunterstützung, des erhaltenen Entlassungsgeldes sowie der vorhandenen Ersparnisse und einer Reihe anderer Paktoren versetzen solche
Arbeitslose in die Lage, sich in Ruhe um einen neuen Arbeitsplatz
zu bemühen, der ihren Vorstellungen weitgehend entspricht.
Diese Tatsache kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß
es zahlreichen Erwerbslosen durchaus nicht rosig geht. In erster
Linie handelt es sich bei ihnen jedoch um langfristige Arbeitslose,
die ihren Arbeitsplatz wegen technologischer Veränderungen verloren
haben und wegen ihrer unzureichenden beruflichen Qualifikationen
nur sehr schwer einen neuen Arbeitsplatz finden können. Im Zuge umfangreicher Umschulungsprogramine und anderer Hilfsmaßnahmen bemüht sich
die US-Regierung, auch diese "strukturellen" Arbeitslosen wieder in
den Arbeitsprozeß einzugliedern.
(Quelle: Eigenbericht)

*

*

*

•

*

*

AFL-CIO fordert 35-S tunden-Woche,
Die Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Wochenstunden bei vollem
Lohnausgleich wurde auf einer Tagung des Vorstands des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO vom 12. bis 16. August in Chicago
gefordert, um zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.
In einer diesbezüglichen Resolution kündigte die AFL-CIO ein
umfassendes Programm zur Verwirklichung dieser Forderung an, das ein
gleichzeitiges Vorgehen in zwei getrennten Bereichen vorsieht. Einmal wollen die Gewerkschaften eine Abänderung des Fair Labor Standards
Act erreichen - des Gesetzes über die Regelung der Arbeitsbedingungen
und Löhne aus dem Jahre 1938, das die Einführung der 40-StundenWoche brachte -, um die 35-Stunden-',7oche und einen Überstundenzuschlag
von 100 Prozent auf gesetzlichem "J'ege durchzusetzen. Zum anderen werden die Gewerkschaften fortan bei Tarifverhandlungen mit größtem Nachdruck auf die Verkürzung der Arbeitszeit drängen.
Der Vorstand hat einen besonderen Ausschuß zur Durchsetzung einer
kürzeren gesetzlichen Arbeitszeit ins Leben gerufen, der u.a. Entwürfe für Abänderungsgesetze zu don bestehenden Arbeitszeit- und Lohngesetzen ausarbeiten soll, um die Verabschiedung einer gesetzlichen
Neuregelung zu beschleunigen. Ein besonderer Arbeitsstab in der
AFL-CIO-Zentrale in Washington wird die angeschlossenen Gewerkschaften
bei TarifVerhandlungen in Fragen der Arbeitszeitverkürzung beraten.
Wie George Meany, der Präsident der AFL-CIO, auf der Tagung in
Chicago erklärte, halten die Gewerkschaften die Befürchtung für unberechtigt, die 35-Stunden-Woche werde inflationistische Tendenzen
auslösen, sie glauben vielmehr, daß sie zahlreiche neue Arbeitsmöglichkeiten mit sich bringen werde.
Präsident

�Präsident Kennedy und Arbeitsminister Goldberg haben sich jedoch
gegen eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit in den Vereinigten
Staaten ausgesprochen. Goldberg wies darauf hin, daß die USA im
gegenwärtigen Augenblick ihre gesamte Produktionskraft aufbieten
müßten und daß solche gewerkschaftlichen Forderungen dazu angetan
seien, die Zahl der Streiks zu erhöhen.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
US-Lohnerhöhungen im ersten Halbjahr 1962 nicht inflatorisch
Die Mehrzahl der im ersten Halbjahr 1962 in den Vereinigten
Staaten ausgehandelten Tarifverträge brachte über 2 Millionen Arbeitnehmern Lohnerhöhungen, die sich in volkswirtschaftlich vertretbaren
Grenzen hielten.
Arbeitsminister Arthur J. Goldberg wies in diesem Zusammenhang
kürzlich darauf hin, daß sich die Lohnerhöhungen für sämtliche von
neuausgehandelten Tarifverträgen erfaßten Arbeitnehmer im Mittel auf
3,2 Prozent, diejenigen für Arbeitnehmer, die unter Tarifverträge
mit sofort wirksam werdender Lohnerhöhungsklausel fallen, im Durchschnitt auf 3,8 Prozent beliefen.
Über ein Fünftel der erfaßten Arbeitnehmer gehörte dem nichtfahrenden Eisenbahnpersonal an, für das Lohnerhöhungen von etwas über 10 Cent
pro Stunde ausgehandelt wurden. Das entspricht theoretisch einer Steigerung um etwa 4,1 Prozent; wegen des verspäteten Inkrafttretens des
Tarifvertrages ergibt sich aber auf Jahresbasis eine Zunahme um lediglich knapp 3 Prozent.
Eine fast.ebenso große Zahl von Arbeitnehmern war in der Stahlund Aluminiumindustrie beschäftigt, wo die neuen Tarifverträge für
dieses Jahr keine Lohnerhöhungen vorsehen, dafür aber eine Erhöhung
der sozialen Aufwendungen der Unternehmer um 10 bis 11 Cent pro Stunde
oder rund 2,5 Prozent der Lohnkosten.
Der Arbeitsminister erklärte, er schätze sich glücklich, daß
"die Lohnentwicklung in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in
den wichtigsten Industriezweigen ihrem Wesen nach nicht inflationistisch war und somit in Einklang mit dem Allgemeininteresse stand".

(Quelle: Eigenbericht)

*

- 12

-

�Beträchtliche Zunahme der Zahl der Ingenieure
Die Zahl der in der amerikanischen Wirtschaft tätigen Ingenieure hat sich zwischen 1950 und i960 um-64 Prozent erhöht, wie aus
einer jetzt veröffentlichten Untersuchung des US-Arbeitsministeriums
hervorgeht. Als Gründe für die beträchtliche Zunahme der technischen
Fachkräfte in der letzten Dekade werden von dem Ministerium u.a.
die verstärkte Forschungs- und Entwicklungstätigkeit, die weitgehenden
technischen Veränderungen in der Industrie sowie die Erhöhung der Verteidigungsausgaben angeführt.
Wie aus der Untersuchung weiter zu entnehmen ist, erhöhte sich
die Zahl der technischen Arbeitsplätze in den USA während der letzten
10 Jahre rund viermal so schnell wie die Gesamtzahl aller Arbeitsplätze, während die Zuwachsrate für farbige Ingenieur* im Vergleich
zur Gesamtzuwachsrate in diesem Zeitraum rund achtmal so hoch war.
Während 1950 lediglich 258O Farbige solche technischen Arbeitsplätze
ausfüllten, waren es i960 insgesamt 11 636.
(Quelle: Eigenbericht)

Durchschnittsgehalt von Büroangestellten 77 Dollar pro Woche
Das durchschnittliche Wochengehalt eines Büroangestellten in den
Vereinigten Staaten beträgt gegenwärtig nach Angaben der "National
Office Management Association" 77 Dollar; das sind 2 Dollar mehr als
1961 .
Nach der neuesten jetzt veröffentlichten Gehaltsübersicht des
Verbandes schwankt das Durchschnittsgehalt für Bürokräfte zwischen
60 Dollar für eine in der Registratur beschäftigte männliche Arbeitskraft und 100 Dollar für erfahrene Buchhalter. Während der höchste
wöchentliche Durchschnitt mit 82 Dollar in den westlichen Teilen
der USA registriert wurde, belief sich das wöchentliche Durchschnittsgehalt in den Oststaaten auf 75 und in den Südstaaten auf 72 Dollar.
Die Gehaltsübersicht stellt das Ergebnis einer umfassenden Analyse
in allen Teilen der USA und in insgesamt 9400 verschiedenen Unternehmen
dar; sie umfaßt insgesamt 64O 000 Büroangestellte und 23 verschiedene
Bürotätigkeiten.

(Quelle: Eigenbericht)

*

-

13

-

�Automatische Lohnerhöhung in der Automobilindustrie
Die rund 500 000 Arbeitnehmer der amerikanischen Automobilindustrie
erhalten seit dem 3. September 1962 um 6 bis 9 Cent höhere Löhne, und
zwar auf Grund des 1948 in die Tarifverträge aufgenommenen sogenannten
"annual improvement factor".
Diese Produktivitätsklauseln, die von der Annahme ausgehen, daß
die jährliche Zunahme der Arbeitsproduktivität in der Automobilindustrie
im Durchschnitt 2,5 Prozent beträgt, sehen vor, daß die Leistungssteigerung den Arbeitnehmern jährlich automatisch in Form höherer Löhne
zugute kommt. Die Erhöhung muß dabei entweder 2,5 Prozent oder 6 Cent
pro Arbeitsstunde betragen, je nachdem welcher Betrag höher ist.
Auch die Hunderttausende Arbeitnehmer der Zulieferbetriebe kamen dabei
in den Genuß dieser Lohnerhöhung.
Wie die Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) im Zusammenhang mit der neuen Lohnerhöhung bekanntgab, haben sich die Automobilarbeiterlöhne auf Grund dieser Kontraktklauseln seit 1948 allein
um 77 Cent erhöht.

(Quelle: Eigenbericht)

-

14

-

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 1 1

Bad Godesberg, den 1. November 1962
INHA LTSVERZEICHNIS

Urlaubsregelungen in den USA

Seite

1

Leistungen der Pensionspläne wurden verbessert
(und vier weitere Kurznachrichten)

Seite

13

Frank W. Merrit, Abteilung Löhn«' und Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen im US-Bundesamt für Arbeitsstatistikl
Urlaubsregelungen in den USA
Die Bestimmungen bezüglich der Gewährung von bezahltem Urlaub in
den bedeutenderen Tarifverträgen im Jahr 1961
Der Trend zu einer großzügigeren Urlaubsregelung hat sich bei
den im Jahre 1961 zwischen Unternehmern und Gewerkschaften ausgehandelten bedeutenderen Tarifverträgen deutlich fortgesetzt, wie aus
einer kürzlich abgeschlossenen diesbezüglichen Untersuchung des USBundesamtes für Arbeitsstatistik hervorgeht. Seit 1957» dem Jahr
der letzten derartigen Untersuchungen des Bundesamtes, hat sich der
Anteil der betrieblichen Urlaubsordnungen, die die Gewährung von
4 Wochen bezahltem Urlaub und mehr vorsehen, von 20 auf 43 Prozent
erhöht (siehe Tafel i). Die Urlaubsbestimmungen der 1961 geschlossenen Tarifverträge sahen bei 49 Prozent aller Lohnvereinbarungen für
Belegschaftsmitglieder mit langjähriger Betriebszugehörigkeit einen
Urlaub von 3 bis 3 1/2 Wochen vor. Eine Höchsturlaubsdauer von 2 Wochen, die im Jahre 1949 noch vorherrschend war, fand sich 1961 nur
noch bei einem Zehntel der Verträge«
Tafel I

�Tafel I
Urlaubshöchstgrenzen gemäß einer Anzahl von ausgewählten Tarifverträgen
in den Jahren 1949. 1952. 1957 und 1961
(in Prozent)
Dauer i n Wochen
1949*

bis
1

6

1952**

über
2

2

61

33

,

1957***

.
1 2

2

48

* 1314 Tarifverträge;

3

4

46

4

bis 2 _
und
2

2 1/2

1

15

** 951 Tarifverträge

1961 * * * *

3
und

4 2
1 /2 3
und
und
und

4
und

3 1/2

mehr

mehr

64

20

w e n i - 3 1/2
ger

8

49

43

*** 1529 Tarifverträge

**** 1428 Tarifverträge

Mehc Urlaub bei niedrigerem Dienstalter
Die Verlängerung der Urlaubszeit ging Hand in Hand mit einer Verkürzung der als Voraussetzung für die Gewährung des Höchsturlaubs erforderlichen Betriebszugehörigkeitsdauer. Der Anteil der Tarifverträge,
denen zufolge 15 und 25 Jahre Betriebszugehörigkeit als Voraussetzung
für einen drei- bzw. vierwöchigen Urlaub nachgewiesen werden mußten,
ging in den vier Jahren zwischen der Erstellung der beiden Berichte
von 65 auf knapp 40 Prozent bzw. von 69 auf rund 53 Prozent zurück
(siehe Tafel II). Im Jahr 1961 hatten 26 Prozent der von den untersuchten Tarifverträgen erfaßten Arbeitnehmer - gegenüber nur 11 Prozent
im Jahr 1957 - Anspruch auf 3 Wochen bezahlten Urlaub nach einer Betriebszugehörigkeitsdauer von 10 Jahren,
Zum Zwecke der Untersuchung verschiedener Aspekte der Urlaubsregelung in den Betrieben (Art und Dauer des Urlaubs, Voraussetzungen
und Ermittlung des Anspruchs) analysierte das US-Bundesamt für Arbeitsstatistik 1698 größere Lohnvereinbarungen, die für jeweils mehr als
1000 Arbeitnehmer gültig waren. Daibei handelte es sich,mit anderen
Worten,um sämtliche bedeutenderen Tarifabkommen mit Ausnahme der Abkommen im Bereich des Schienen- und Luftverkehrs. Die Untersuchung
wurde noch vor dem Inkrafttreten des neuen Stahlarbeiter-Tarifvertrags am 1. Juli 1962 abgeschlossen, der weitere Verbesserungen der
Urlaubsregelung in diesem großen Industriezweig mit sich brachte.
Die von den untersuchten Tarifverträgen erfaßten 7»4 Millionen
Arbeiter und Angestellten machten fast die Hälfte aller unter gewerkschaftlichen Tarifverträgen beschäftigten Arbeitnehmer in den
Vereinigten Staaten aus, wiederum unter Ausklammerung der Beschäftigten im Schienen- und Luftverkehr. Von den 1698 erfaßten

2 -

�Tafel II
Anteil einer Anzahl von ausgewählten Tarifverträgen mit Bestimmungen
über die Gewährung von bezahltem Urlaub nach Betriebszugehörigkeitsdauer. 1957 und 1961
(in Prozent)

2 Wochen Urlaub nach
Betriebszugehörigkeit von
1957
1961
1
2
3
5

Jahr
Jahren
Jahren
Jahren

16
20
21
36

3 Wochen Urlaub nach
Betriebszugehörigkeit von
1957
1961

15 unter 5
22
Jahren
24 10 Jahren
30 15 Jahren

5
18
65

4 Wochen Urlaub
nach BetriebsZugehörigkeit v.
1957 1961~

unter 20
7
Jahren
36 20 Jahren
40 25 Jahren

5
20
69

9
31
53

erfaßten Tarifverträgen entfielen 1030 auf die Fertigungsindustrien,
668 auf die übrige Wirtschaft; von den ersteren wurden 4»29 Millionen und von den letzteren 3»07 Millionen Arbeitnehmer betroffen.
Sämtliche in die Untersuchung einbezogenen Abkommen waren zu
Beginn des Jahres 1961 in Kraft, bei 30 Prozent standen neue Verhandlungen im Laufe des Jahres zu erwarten.
Urlaubsregelung durch Tarifverträge vorherrschend
Die betriebliche Urlaubsregelung war bei 92 Prozent der Lohnabkommen unmittelbarer Vertragsbestandteil. Im Bereich der Fertigungsindustrien war die Gewährung von bezahltem Urlaub in fast allen
Fällen im Tarifvertrag geregelt, in den übrigen Wirtschaftszweigen
in vier Fünfteln der Fälle. Von insgesamt 142 Tarifverträgen ohne
direkte Urlaubsklausel entfielen 124 auf das Baugewerbe.
Mehr als 90 Prozent der Tarifverträge mit Urlaubsklauseln regelten die Gewährung von Urlaub nach der Betriebszugehörigkeitsdauer.
Von den 142 Tarifverträgen, in denen eine Urlaubsiregelung nur mittelbar getroffen wurde, verfügten 75 die Abführung eines Unternehmerbeitrags an einen zentralen Fonds, aus dem die Arbeitnehmer die Lohnfortzahlung für die
Urlaubsdauer erhalten. Die restlichen 67 Verträge,
von denen 462 900 Arbeitnehmer betroffen wurden, sahen folgende Regelungen vor.^Tafel III) t

Tafel III

�Tafel III

Art der Urlaubsregelung

Zahl
der Verträge der Betroffenen

Einheitlicher Urlaubsanspruch

18

245 950

Urlaubsanspruch nach Arbeitsstunden

15

93 900

Andere Urlaubsregelungen

34

123 050

Urlaub nach Beschäftigungsdauer-Kategorien
Im Jahre 1961 enthielten mehr als ein Drittel der wichtigeren
Tarifverträge in den Fertigungsindustrien und über die Hälfte der
Abmachungen in den übrigen Wirtschaftszweigen Bestimmungen über die Gewährung von bezahltem Urlaub bis zu vier Wochen, gegenüber einem
Sechstel bzw. einem Viertel im Jahr 1957» In der Mineralölwirtschaft,
in der Gummiindustrie und im Nachrichtenwesen (vergleiche Tafel IV)
sahen sogar über 90 Prozent aller Tarifverträge die Gewährung von
vier Wochen Urlaub vor.
Mit der Verlängerung der Urlaubsdauer einher ging in der Zeit von
1957 bis 1961 eine Verkürzung der als„Voraussetzung für die Urlaubsgewährung geforderten Betriebszugehörigkeitsdauer. Der Anteil der
Verträge, die einen zweiwöchigen Urlaub erst nach 5 Jahren Betriebszugehörigkeit zugestanden, ging von 36 auf 30 Prozent zurück, während
im Falle der Forderung einer zwei- und dreijährigen Betriebszugehörig- '
keit als Voraussetzung für einen zweiwöchigen Urlaub eine leichte
Zunahme zu verzeichnen war. Als Voraussetzung für einen dreiwöchigen
Urlaub wurden von Fall zu Fall 1 bis 25 Jahre vereinbart (siehe Tafel V ) .
Im Jahre 1961 wurden in 40 Prozent der Verträge 15 Jahre und in 36 Prozent 10 Jahre Betriebszugehörigkeit als Voraussetzung für 3 Wochen
Urlaub genannt, gegenüber 65 bzw. 18 Prozent im Jahr 1957»
Bei etwas über der Hälfte der Verträge, die vier Wochen Urlaub
vorsahen, wurden 25 Jahre Betriebszugehörigkeit als Vorbedingung gefordert; 1957 traf dies noch für mehr als zwei Drittel aller derartigen Verträge zu.
Die Jrlaubsansprüche von Belegschaftsangehörigen mit kürzerer
Betriebszugehörigkeit entwickelten sich 1961 in den Industriezweigen,
in denen ohnehin eine großzügige Urlaubsregelung vorherrscht, ebenfalls günstig weiter. So wurde z.B. in der Mineralölindustrie, in der
die Höchstdauer generell bei vier, lochen liegt, ein zweiwöchiger Urlaub schon nach einem Jahr Betriebszugehörigkeit und ein dreiwöchiger
Urlaub nach zehn Dienstjähren gewährt. In der Nahrungsmittel-, Papierund Gummiindustrie sowie auch in der chemischen Industrie und in den
Versorgungsbetrieben, wo die Höchstdauer ebenfalls vier Wochen betrug,
wurden zwei oder drei Jahre Betriebszugehörigkeit als Voraussetzung
für einen zweiwöchigen Urlaub und zehn Jahre für einen dreiwöchigen
Urlaub gefordert. Noch im Jahre 1957 wurde ein dreiwöchiger Urlaub
in fast allen diesen Wirtschaftszweigen frühestens nach 15jähriger
Betriebszugehörigkeit gewährt.
Tafel IV

�Tafel IV
Zahl der Arbeitnehmer
gestaffeltem

mit t a r i :f v e r t r a g l ich

nach

b e z a h l t e n U r l a u b :Im J a h r e 1 9 6 1 ,

B e s c h ä f t i g u n g :ä d a u e r

nach

Wirtschaftszweigen

!a u f g e s c h l ü s s e l t
(in
I n d u s t r i e - oder
Wirtschaftszweig

Tausend)

insgesamt

Höchsturlau bsdauer
1

2

2

1/2

5

5

1/2

(Wochen )
4

über

4
6,0

465,8

58,7

2126,7

694,0

2569,5

57,9

3888,1
Fertigungsind.
Rüstung
59,9
Nahrungsmittel
342,5
Tabak
25,8
65,8
Textil
176,1
Bekleidung
Holz
25,2
29,2
Möbel
155,2
Papier
29,6
Druck
86,0
Chemie
Mineralöl
46,5
111,2
Gummi
Leder
61,4
106,1
Steine
641 , 8
Hüttenwesen
Metallverarbeitung
155,7
500,2
Maschinenbau
Elektrogeräte
424,9
1018,6
Transportm.
Feinmechanik
49,9
Verschiedene
21,5

6,0
2,3
-

520,1

56,9
1,1
-

1692,0
46,4
77,1
21 , 2
4,5
1,7
11,6
25,7
15,5
17,9
18,4
4,7
51,8
69,9
61,3

676,2
11,1
—
1,5
1,2
-

15,8
-

8,0
557,9

1141,5
10,0
244,8
1,0
1,1
4,0
117,5
11,7
64,5
46,5
106,6
1,5
21,5
41,6
54,1
122,7
228,2
42,1
17,4

5,5

4,2
—

Übrige W i r t s c h a f t 1848,5
Bergbau u.Erd«53,2
ölförderung
Transport
498,5
Fernmeldewesen
510,4
Versorgungsbetr.1 77,5
20,1
Großhandel
Einzelhandel
280,3
H o t e l - u n d G a s 't 160,5
stättengewerbe
144,0
Dienstleistung
24,1
Baugewerbe
—
Verschiedene

Gesamtwirtsch.

5756,5*

5,5

-

1,5
59,4
170,7
9,6
4,0
28,5
6,7
-

-

8,2
6,0
7,0
15,5
2,1

2,5
50,0
-

42,7
152,6
180,2
868,5
51,4
1 3,3

28,7
18,9
2,9
64,9
1,1

-

145,8

1,8

454,7

17,8

1228,5

22,2

-

4,2
4,6
18,5

1,8
-

11,4
90,1

4,7

5,9
596,7
504,6
144,4
9,6
154,1

1,5
2,5

16,1
10,5
125,1

12,5
2,9
2,7

—

54,7

-

105,8
68,2
5,0

—
-

3,7

40,7
21,1
""

5,4
-

•

-

—

55,1
—

"

* Wegen Auf- und Abrundungen stimmt die Summe der Einzelangaben nicht
notvuendi gerweise restlos mit der Gesamtsumme überein.
Tafel V

9,4
1,2
1,0

l'li

17,0
—
—
—
—
—

�Tafel V
Z a h l d e r Arb&lt;e i t n e h m e r i n den U r l a u b s k a t e g o r i e n
kei tsdauer

gemä .ß den b e d e u t e n d e r e n T a r i f v e r t r ä g e n
(in

Betriebs zugeh ö r i g k e i tsdauer

bis 1

I n s g e s a n it

5953, 4

b i s zu 1/2 Jahr
1/2 b i s 1 J a h r
1 Jahr
1 bis 2 Jahre
2 Jahre
2 bis 3 Jahre
3 Jahre
4 Jahre
5 Jahre
6 Jahre
7 Jahre
8 Jahre
9 Jahre
10 J a h r e
11 J a h r e
12 J a h r e
13 J a h r e
14 J a h r e
15 J a h r e
16 J a h r e
17 J a h r e
18 J a h r e
19 J a h r e
20 Jahre
21 J a h r e
22 J a h r e
23 J a h r e
24 J a h r e
25 J a h r e
26 J a h r e
30 J a h r e
andere*

nach B e t r i e b s z u g e h ö r i g im Jah r 1961

Tause n d )
Woche n U r l a u b s a n s p r u c h

413, 4
1 3 4 8 , .9
4105, 5
64, 6
1

mm

_
_
m

m

2 1 ,• 1

1

1/2

2258,3
2,6

122,8
66,1
141,8
135,6

2 1/2

2

5637,9
13,4
130,6
877,4
63,4
1^65 +'J

8,2

6,6

1763,2

1102,8

6,3
-

94,4

*m

*
_
_
_
_
_

11,7

2244,7

3,5

4,4
1,3
_

2139,0

14,8
13,7
11,5
7,2
-

10,0
26,7
69,5
14,4
53,9
45,0
21,7
1631,9
8,1

210,0
3,5
-

11 ,6
2,1
_
_
3,8

o»

—
—
—

30,6

5042,4

-

17,2
4,3
-

29,1
-

234,1
1,1

23,3
16,4
10,9
1123,5
284,0
351,0
15,5
18,5
2671,9
5,0
1,2
2,1

14,8
_

6 -

über 4

842,1

2404,8

57,9

1,5
5,0
2,7
6,9
-

_
_
-

_
_
.
-

m

m

52,7

13,3
9,7
5,0

13,1
-

11,2
-

99,1

41,9

2,3

3,5

1,2

10,2

249,1

4,0

4,5

47,2

571,9

5,3

10,0
1,5

10,4 639,5

* einschließlich der Fälle, in denen die Betrieoszugehörigkeitsdauer .in Bruchteilen des Kalenderjahres, meist in Halbjahren, ausgedrückt ist, oder
andere, nicht spezifizierte Vorschriften bezüglich
des Dienstalters maßgebpnd sind .

-

4

5 1/2

3

_
3,8

,
1,5
1,2
-

10,5

-

-

88,9
48,6
11,9
1279,5

10,2

5,0

_
8,7

51,0
1,2

-

5,9

Urlaub

�Urlaub nach Dienst.jahren
Bei fast zwei Fünfteln der betrieblichen Urlaubsregelungen
nach Beschäftigungsdauer erhöhte sich die tatsächliche Urlaubszeit über einen Grundurlaub hinaus in einer festen Relation zum
Dienstalter um halbe Wochen oder Tage. Häufig sieht die Urlaubsordnung nach einem Jahr Betriebszugehörigkeit einen einwöchigen
Grundurlaub und einen zusätzlichen Urlaubstag für jedes weitere
Dienstjahr zwischen dem ersten und fünften vor; ein Arbeiter hätte
in diesem Falle nach 3 Jahren somit einen Anspruch auf eine Woche
und zwei Tage. Die Gewährung solchen zusätzlichen Urlaubs erfolgt
vielfach unter Anrechnung von Jahren und selbst Monaten der Betriebszugehörigkeit. Ein halbwöchiger Urlaub kann bereits vor Beendigung
des ersten Dienstjahres genommen werden. Bei der Mehrzahl der Tarifverträge mit Klauseln über die Gewährung eines eineinhalbwöchigen
Urlaubs wurden drei Jahre Dienstzeit vorausgesetzt, bei einem Viertel sogar nur 2 Jahre,
Die häufigsten Formen der Urlaubsregelung
Die Einzelvorschriften bezüglich der Urlaubsdauer und der
Voraussetzungen unterschieden sich bei den untersuchten Tarifverträgen erheblich voneinander. Es wurden insgesamt 500 verschiedene
Kombinationen in den 1414 tarifvertraglich verankerten Urlaubsordnungen festgestellt^.B. eine Woche Urlaub für ein Jahr Betriebszugehörigkeit, 2 Wochen für 5 Jahre, 3 Wochen für 15 Jahre). Diese
Abweichungen sind nicht zuletzt auf die Praxis der Gewährung von
Urlaub nach Wochen oder Tagen zurückzuführen.
Über die Hälfte der Arbeitnehmer mit tarifvertraglich festgelegtem Urlaub fiel unter 25 Regelungen, von denen jede Bestandteil
von mindestens zehn Tarifverträgen war (Tafel V i ) , die zusammen zwei
Fünftel aller Tarifabkommen mit Urlaubsklauseln ausmachten. Die
zahlenmäßig stärkste Konzentration von Arbeitnehmern findet sich
in der Kategorie "1 Woche bei; 1 Jahr, 1 1 /2 Wochen bei 3 Jahren
und 2 Wochen bei 5 Jahren Dienstzeit"; sie ist in erster Linie
auf 16 größere Lohnabkommen in der Automobilindustrie zurückzuführen.
Die gleiche Regelung, ergänzt durch eine zusätzliche halbe Woche
Urlaub nach 25 Jahren Betriebszugehörigkeit, fand sich in 79 Tarifverträgen und war somit auch in dieser Hinsicht der häufigste Typ.
Über 80 Prozent der Arbeitnehmer, die dieser Form der Urlaubsregelung im Jahre 1961 unterlagen, verteilten sich auf 52 Tarifabkommen
der Stahlindustrie.
-"
Nebenformen der Urlaubsregelung
Der Typ der Urlaubsfinanzieruhg über eine aus regelmäßigen
Beiträgen gespeiste Urlaubskasse findet sich fast nur in Wirtschaftszweigen, die durch saisonbedingte und anderweitige Schwankungen in
der Beschäftigung sowie durch eine starke Arbeitsfluktuation gekennzeichnet sind, wie z.B. die Schiffahrt, die Bekleidungsindustrie
und das Baugewerbe.
Drei

-

7 -

�Tafel VI
Urlaubsregelungen, die sich im Jahre 1961 in .jeweils mindestens zehn
Tarifverträgen fanden

Zahl

Urlaubsgewährung nach Betriebszugehörigkeitsdauer

der

Tarifver- betroffeträge
nen Arbei tnehmer
Insgesamt

18

2 931 600

17
12
19

60 450
32 050
66 750

13
14

21 900
73 000

20

60 650

40

113 650

10

55 700

25

44 400

12

19 050

17

22 300

47

116 900

10

27 500

46

709 050

79

463 550

23

75 150

19

139 150

23

190 950

Zwei Wochen
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 2 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 3 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 5 Jahren
Drei Wochen
2 Wochen n. 1 Jahr, 3 Wochen n. 10 Jahren
2 Wochen n. 1 Jahr, 3 Wochen n. 12 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 2 u. 3 Wochen
n. 5 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 2 u. 3 Wochen
n. 10 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 2 u. 3 Wochen
n. 15 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 3 u. 3 Wochen
n. 10 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 3 u. 3 Wochen
n . 12 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 3 u. 3 Wochen
n. 15 Jahren
1 Woche n. 1 Jahr, 2 Wochen n. 5 u. 3 Wochen
n. 15 Jahren
1 Woche n. 1, 1 1/2 Wochen n. 3, 2 Wochen n.
5 u. 3 Wochen n. 15 Jahren
1 Woche n. 1, 1 1/2 Woche n. 3, 2 Wochen n. 5,
2 1/2 Wochen n. 10 u. 3 Wochen n. 15 Jahren
Dreieinhalb Wochen
1 Woche n. 1, 1 1/2 Wochen n. 3, 2 Wochen n. 5»
2 1/2 Wochen n. 10, 3 Wochen n.
15 u. 3 1/2 Wochen n. 25 Jahren
Vier Wochen
2 Wochen n. 1, 3 nach 10 u. 4 n. 20 Jahren
1 Woche n. 6 b. 12 Monaten, 2 Wochen n. 1, 3 n. 15
u. 4 n. 25 Jahren
1 Woche n. 6 b. 12 Monaten, 2 Wochen n. 2, 3 n. 15 u.
4 n. 25 Jahren

-

8

-

1 Woche

�Urlaubsgewährung nach Betriebszugehörigkeitsdauer

1
1
1
1
1
1
1

Woche
Woche
Woche
Woche
Woche
Woche
Woche

n. &gt; » 2
n.
2
n. * » 2
n. ' » 2
n.
2
n. ' » 2
n. 1» 2
•

*

•

»

n.
n.
n.
n.
n.
n.
n.

2,
2,
2,
3,
3,
3,
3,

3
3
3
3
3
3
3

n.
n.
n.
n.
n.
n.
n.

10. u . 4 n. 20 Jahren
10 u. 4 n. 25 Jahren
15 u. 4 n. 25 Jahren
10 u. 4 n. 20 Jahren
10 u. 4 n. 25 Jahren
11 u. 4 n. 18 Jahren
12 u. 4 n. 25 Jahren

Zahl der
Tarifver- betroffeträge
nen Arbeitnehmer

25
20
22
29
49
14
T5

57 900
50 250
76 050
87 600
110 800
224 850
32 000

Drei Fünftel aller derartigen Urlaubskassen in der Bekleidungsindustrie basieren auf einer von Unternehmerverbänden und Gewerkschaften
gemeinsam getroffenen Regelung, derzufolge der Unternehmer einen bestimmten Prozentsatz des Wochenlohns an einen Fonds abführt, der Krankenversicherungsplan, Sozialkasse oder anders benannt ist. Diese Kassen
gewähren größtenteils neben dem Urlaubsgeld auch Leistungen im Bereich
der Lebens-, Kranken-, Krankenhauspflege- und Altersversicherung. In
den seltensten Fällen wird jedoch der Anteil am Arbeitgeberbeitrag, der
auf die Aufbringung von Urlaubsgeld entfällt, getrennt ausgewiesen«
Die meisten der 29 Urlaubskassen in der Bekleidungsindustrie stehen
unter ausschließlicher Verwaltung der Gewerkschaft, und da3 im Gesetz
über die Regelung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen (LaborManagement Relations Act^j ausgesprochene generelle Verbot der Abführung
von Unternehmerbeiträgen an ausschließlich gewerkschaftlich verwaltete
Treuhandfonds trifft auf sie nicht zu, da sie unter die Ausnahmebestimmungen des Gesetzes fallen. Eine kleinere Zahl von Urlaubskassen
wird von Unternehmer- und Gewerkschaftsseite gemeinsam verwaltet, mit
einem Aufsichtsrat aus Gewerkschafts- und Unternehmervertretern und
einem unparteiischen Vorsitzenden an der Spitze.
Die Sozialkassen im Wassertransportwesen gewähren Beschäftigten,
die ein Jahr ununterbrochen tätig waren, Urlaubszahlungen gemäß den
im folgenden wörtlich zitierten Bestimmungen:
"Ein Beschäftigter hat Anspruch auf Urlaubszahlung gemäß nachstehender Tabelle:

Zahl

�Zahl der Monate, die der betreffende
Arbeitnehmer bei einer Mitgliedfirma
der Kasse innerhalb eines Zeitraums
•on 720 Tagen beschäftigt war

5
4
5
6
7
8

9
10
11
12

Zahl der Urlaubst a g e , für d i e Zah
lungen t g e l e i s t e t
werden
Tage
Tage
Tage
Tage
Tage
Tage
Tage
Tage
Tage
45 Tage

11 1/4
15
18 5/4
22 1/2
26 1/4
3t&gt; 50
55 5 / 8
37 1/2
44 1/4

Monate
Monate
Monate
Monate
Monate
Monate
Monate
Monate
Monate
Monate

Die Höhe deit Urlaubsgeldes errechnet sich aus dem durchschnittlichen Grundgehalt oder -lohn des Arbeitnehmers während des Beschäftigungszeitraums, der bei der Feststellung seines Urlaubsanspruchs zugrunde zu legen ist.
Zusätzlich zu den vorstehenden Leistungen hat ein Arbeitnehmer,
der bei ein und demselben Arbeitgeber mindestens 36O Tage lang ununterbrochen beschäftigt war, Anspruch auf Urlaubsgeld für weitere 18
Tage.
Mit Wirkung vom 16. Juni 1959 hat ein Arbeitnehmer, der bei ein
und demselben Arbeitgeber mindestens 36O Tage lang ununterbrochen
beschäftigt war, Anspruch auf Urlaubsgeld für weitere 30 Tage statt
der eben genannten 18 Tage. "
Im Baugewerbe wird in den meisten Fällen ein bestimmter Betrag
pro Arbeitsstunde oder ein fester Prozentsatz der Wochenlohnsumme
an einen unter gemeinsamer Verwaltung stehenden Fonds abgeführt. Einzelheiten der Verwaltung werden vom Kuratorium der Kasse festgesetzt,
wie das nachfolgende Beispiel zeigt:
"Die Urlaubskasse... wird weiterhin durch ein gemeinsames Kuratorium verwaltet, das sich aus einer gleichen Zahl von Vertretern der
Gewerkschaft und ... der Arbeitgeber zusammensetzt, die ihre Kuratoren
benennen und den Modus für deren Ersatz innerhalb 30 Tagen vom Datum
des Inkrafttretens dieses Vertrags festsetzen.
Jeder Arbeitgeber hat an das Kuratorium zum Betrieb der Urlaubskasse spätestens bis zum 20. eines jeden Monats für jede von seinen
Arbeitnehmern... im Vormonat geleistete Arbeitsstunde einen Betrag
von 10 Cent pro Stunde bis zum 1. Juli 1959 abzuführen, von wo an der
Betrag auf insgesamt 4 Prozent des Bruttolohnes eines jeden Arbeitnehmers ... für den Rest der Laufzeit dieses Vertrags heraufgesetzt
werden soll.
Die

10 -

�Die Urlaubsregelung ist so zu handhaben, daß der Urlaub im
gegenseitigen Einverständnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber
genommen wird... Der Arbeitnehmer muß seinen Urlaub jedes Jahr
nehmen, und der Urlaubsanspruch darf, außer bei Vorliegen ungewöhnlicher Umstände und nach Einholung der Zustimmung der Gewerkschaft,
nicht durch eine Zahlung an den Arbeitnehmer abgegolten werden...
Die Urlaubskasse wird gemäß einem Treuhandvertrag betrieben, und
das Kuratorium wählt im Zusammenhang mit demselben eine geeignete
Hinterlegungsstelle aus.
Sämtliche Einzelheiten bezüglich Verwaltung,... Urlaubszeiten
usw. werden von besagten Kuratoren festgelegt,"
Die Form der Urlaubsregelung auf der Basis der geleisteten
Arbeitsstunden findet sich in 15 Tarifverträgen, von denen T«fi das
Druck- und Verlagswesen entfallen. In den betroffenen Betrieben
richtet sich der Urlaub nach der Zahl der im Jahr geleisteten Arbeitstage oder -stunden, wodurch sich im Regelfall ein dreiwöchiger
Urlaub ergibt:
"Die Arbeitnehmer haben Anrecht auf Gutschrift eines ^fierzehntel
Urlaubstages mit Bezahlung für jeden bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber geleisteten Arbeitstag mit der Maßgabe, daß innerhalb eines
Jahres nicht mehr als 5 Wochen Urlaub angesammelt werden können."
Rund 79 Prozent der Arbeitnehmer, deren Urlaub sich nach der
geleisteten Arbeitszeit richtet, unterlagen sieben Tarifabkommen im
Bereich des Transportwesens (Hafenarbeiter und Kraftfahrer). Als
typisch für eine derartige Regelung, bei der sich der Urlaub aus
der Zahl der im Laufe eines Jahres geleisteten Arbeitsstunden errechnet, sei aus einem dieser Tarifverträge zitiert:
"Jedem Arbeitnehmer, der während des Geschäftsjahres... von Mitgliedfirmen der Kasse Lohn oder Gehalt für 1200 geleistete Arbeitsstunden oder mehr erhalten hat, steht Urlaubsgeld für 2 Wochen zu,
gleichgültig, ob die geleisteten Stunden nach dem normalen oder dem
Uberstundentarif abgegolten worden sind. Das Urlaubsgeld für zwei
Wochen ist gleich dem Arbeitsentgelt von 80 Arbeitsstunden zum normalen Tarif.
Anmerkung: Es wird ein kleiner gemeinsamer Ausschuß eingesetzt,
um die Möglichkeit der Gewährung von Urlaub an Arbeitnehmer zu prüfen,
die zwischen 650 und 700 Arbeitsstunden (eine Woche Urlaub) oder 1150
und 1200 Arbeitsstunden (zwei Wochen Urlaub) geleistet haben. Der gemischte Ausschuß prüft die bisherige Leistung und Führung des Antragstellers am Arbeitsplatz; seine Entscheidungen sind unanfechtbar.
Jedem Arbeitnehmer, der während des Geschäftsjahrs... von Mitgliedfirmen der Kasse Lohn oder Gehalt für 1500 geleistete Arbeitsstunden oder mehr erhalten hat - gleichgültig, ob die geleisteten
Stunden nach dem normalen oder dem Uberstundentarif abgegolten werden steht Urlaubsgeld für drei Wochen zu, sofern er während fünf der
letzten sechs Jahre 700 Jahresstunden gearbeitet hat. Das Urlaubsgeld

11

�Urlaubsgeld für drei Wochen ist gleich dem Arbeitsentgelt von 120
Arbeitsstunden zum normalen Tarif»"
Eine Urlaubsregelung in Form der Gewährung eines einheitlichen
Urlaubsgeldes, das im allgemeinen dem Arbeitsentgelt von 1 bis 3 1/2
Wochen entspricht, wurde in 8 Tarifverträgen in der Fertigungsindustrie und in zehn der übrigen Wirtschaft vereinbart. Zwei dieser
Verträge, die sich auf 200 000 Beschäftigte erstreckten, sahen die
Gewährung eines Urlaubsgeldes von 200 bzw. 160 Dollar für einen
Urlaub von 14 Kalendertagen vor.

(Quelle: Monthly Labor Review,
Vol. 85, Nr. 8*August
1962)

* * * * *

-

12

�Leistungen der Pensionspläne wurden verbessert
Bei rund drei Fünfteln aller gegenwärtig in Kraft befindlichen
privaten Pensionspläne in den USA dürften die Leistungen während
der vergangenen fünf Jahre zweimal erhöht worden sein. Dies geht aus
einer Untersuchung des US-Amtes für Arbeitsstatistik von insgesamt
99 größeren Pensionsplänen hervor, die zwar keinen repräsentativen
Querschnitt für sämtliche Pläne darstellen, nach Ansicht des Amtes
aber die allgemeine Entwicklung auf diesem Gebiet während der letzten
Jahre ziemlich genau widerspiegeln.
Nach dieser Analyse wurden die Leistungen bei 3/5 der insgesamt
99 untersuchten Pensionspläne das eine Mal im Winterhalbjahr 1957/58
und das andere Mal im Frühjahr 1961 erhöht. Durch diese Pläne wurden
im einzelnen jeweils 1000 bis 300 000 Arbeitnehmer (insgesamt 3 Millionen) der wichtigsten Industriezweige erfaßt.
Was die Verbesserungen der einzelnen Pensionspläne betrifft, so
wurden bei 59 der 99 Pläne die normalen Pensionsleistungen erhöht,
bei 23 bestimmte zusätzliche Leistungen (früheres Pensionsalter, Pensionierung auf Grund eingetretener Invalidität, Übertragbarkeit der
Pensionsansprüche) aufgenommen und bei 39 die eine oder die andere
Leistungsart liberalisiert.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Beträchtliche Ausweitung der gewerkschaftlichen
KrankenVersicherungspläne
Die Zahl der amerikanischen Arbeitnehmer, die einen Krankenversicherungsschutz auf Grund der zwischen Gewerkschaften und Unternehmern ausgehandelten sogenannten "Gesundheitsversicherungspläne"
genießen, ist von 600 000 im Jahre 1945 auf 7 Millionen im Jahre 1950
und 14»5 Millionen Ende des Jahres i960 angewachsen, wie aus einer
Untersuchung des amerikanischen Arbeitsministeriums hervorgeht.
Die Zahl der von privaten Pensionsplänen erfaßten Arbeitnehmer
ist im gleichen Zeitraum "von einer unbedeutenden Anzahl" auf 5 Millionen im Jahre 1950 und 11 Millionen Ende i960 angestiegen.
Allein auf Grund erfolgreicher Tarifverhandlungen in der Automobil- und Stahlindustrie erhöhte sich die Zahl der von Krankenversicherungsplänen erfaßten Arbeitnehmer zwischen 1948 und 1950 um 4»4
Millionen, während gleichzeitig die Zahl der von privaten Pensionsplänen erfaßten Arbeitnehmer um 3»4 Millionen zunahm. Ende i960 kamen,
wie aus der Übersicht des Arbeitsministeriums weiter zu entnehmen ist,
rund 78 Prozent aller auf Grund von Tarifverträgen beschäftigten Arbeitnehmer in den Genuß von privaten Krankenversicherungsleistungen und
etwa 60 Prozent zu zusätzlichen Pensionen.
/
..
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, . , .\
^Quelle: Eigenbericht;
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13

-

�Stahlarbeiter-Gewerkschaft billigte Aktionsprogramm
Die 3000 Delegierten der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft
billigten auf dem kürzlich in Miami Beach abgehaltenen Zweijahreskongreß ein umfassendes Aktionsprogramm, in dem die verschiedenen
gewerkschaftspolitischen Ziele, insbesondere auf dem Gebiet der
Sicherung der Arbeitsplätze, näher umrissen werden.
Danach will die Stahlarbeiter-Gewerkschaft in Verhandlungen mit
den Unternehmern und durch verstärkte Bemühungen um die Verabschiedung von Arbeitsgesetzen versuchen, die Zahl der Arbeitsplätze in
der Industrie durch eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit
zu erhöhen. "Wenn die Vereinigten Staaten wirtschaftlich stark und
unsere Werktätigen beschäftigt bleiben sollen, so ist die Herabsetzung
der Arbeitszeit ein Ziel, das wir schnell erreichen müssen", heißt es
in der Resolution.
David J. McDonald, der 1. Vorsitzende der USA-Gewerkschaft, kündigte
an, daß seine Gewerkschaft bei den im nächsten Jahr anstehenden Tarifverhandlungen mit den Unternehmen der Stahlindustrie die Einführung
einer Viertagewoche und verlängerten bezahlten Urlaub fordern werde.
Nach seiner Ansicht ist eine 32-Stunden-Woche in der Stahlindustrie
der von der AFL-CIO geforderten 35-Stunden-Woche wegen der durchgehenden Arbeitszeit und der drei 8-Stunden-Schichten pro Tag vorzuziehen.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Mehr als 1/3 aller amerikanischen Frauen werktätig
Mehr als ein Drittel aller amerikanischen Frauen im arbeitsfähigen
Alter sind heute entweder beschäftigt oder aber intensiv um einen Arbeitsplatz bemüht; während es 1890 nur ein Fünftel aller Frauen in
den entsprechenden Altersgruppen waren.
Dies ist das Ergebnis einer umfassenden Analyse des bekannten
amerikanischen Bevölkerungsstatistikers Professor Dr. Hauser auf der
Grundlage der Zensuszahlen aus dem Jahre i960.
Als die Ursache dieses bedeutenden Wandels in der Einstellung
zur Arbeit bei den Frauen führt der Chicagoer Universitätsprofessor die
Tatsache an, daß das Wirtschaftsleben in den Vereinigten Staaten heute
"weniger von der Muskelkraft als von den geistigen sowie den allgemeinen technischen und bürotechnischen Fähigkeiten bestimmt wird". Diese
Schwerpunktverlagerung von der rohen Muskelkraft zu Geist, Beweglichkeit und Erziehung habe dabei den Frauen den Weg zum Arbeitsmarkt geöffnet, resümiert Professor Hauser in der Oktober-Ausgabe des "Scientific American".
Der

-

14

-

�Der Anteil der Büroangestellten an der Gesamtzahl der weiblichen
Arbeitskräfte habe sich, wie Prof. Hauser weiter ausführt, fast um
das Achtfache erhöht, der Anteil der Verkaufsberufe um das Doppelte
zugenommen; der Prozentsatz der führenden Angestellten und Selbständigen sei um mehr als das Doppelte und der Anteil der akademischen
und technischen Arbeitnehmer um fast 50 Prozent gestiegen.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Umschulungsprogramm hatte guten Start
Seit der Verabschiedung des neuen Arbeitskräfte-Ausbildungsund Umschulungsgesetzes durch den Kongreß in diesem Frühjahr sind
bereits 8113 Arbeitnehmer in 30 amerikanischen Bundesstaaten zu den
Umschulungskursen zugelassen worden. Das vorläufig für eine Dauer
von drei Jahren bewilligte und mit 435 Millionen Dollar aus Bundesmitteln ausgestattete Programm ist das erste dieser Art in den USA,
das auf nationaler Ebene durchgeführt wird.
Ziel dieses Ausbildungsprogrammsist es, alle jene Arbeitskräfte
auf einen neuen Beruf umzuschulen, die ihren alten Arbeitsplatz auf
Grund der Automatisierung oder anderer technologischer Veränderungen
verloren haben. Sie werden in erster Linie auf solche neuen Berufe
vorbereitet, für die sich ein immer größerer Bedarf an qualifizierten
Arbeitskräften ergibt.
Sowohl die Kosten für die gesamte Ausbildung als auch die anstelle
der Arbeitslosenunterstützung an die Umschüler gewährten wöchentlichen
Unterhaltsbeihilfen werden während der beiden ersten Jahre ausschließlich
vom Bund getragen, während im dritten Jahr die Kosten zu gleichen Teilen
von Bund und Bundesstaaten aufgebracht werden sollen. Die Unterstützungsbeihilfen werden jeweils für maximal 52 Wochen gewährt.
Wie der amtierende US-Arbeitsminister, W. Willard Wirtz, auf
einer Pressekonferenz erklärte, liegen dem US-Arbeitsministerium zur
Zeit bereits 237 Anträge auf Durchführung von Umschulungskursen für
insgesamt 12 221 Arbeitnehmer in 34 Bundesstaaten vor. Mit der Durchführung von 70 Projekten würde sofort begonnen werden, während 107 Kurse,
die schon genehmigt worden seien, in Kürze beginnen könnten. Die Überwachung all dieser Umschuluhgskurse obliegt dem US-Amt für Erziehung.
(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amerika-Dienst
Informational Operations Unit
USIS-Bonn/Bad Godesberg
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XV - 12

Bad Godesberg, den 1. Dezember 1962

INHA LTSVERZEICHNIS

Das System der Lehrlingsausbildung in den USA

Seite

1

Nachwuchsförderung für das Zeitalter der Automation

Seite

6

Pacharbeiterschulung in den Entwicklungsländern
ein gemeinsames Problem

Seite

8

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seit©

9

Edward E. Goshen, Direktor des "Amtes für Lehrlingsfragen und
Ausbildung" im US-Arbeitsministerium:
Das System der Lehrlingsausbildung in den USA
Vor nunmehr 25 Jahren wurde in den USA das erste Lehrlingsausbdldungsgesetz vom Kongreß verabschiedet.' Damit wurden zum ersten Mal allgemeine, auf nationaler Ebene verbindliche Richtlinien für die bis dahin weitgehend informelle Heranbildung
des Facharbeiternachwuchses aufgestellt. In dem folgenden Artikel gibt der Direktor des "Amtes für Lehrlingsfragen und Ausbildung", Edward E. Goshen, einen allgemeinen Überblick über
die Praktiken der Lehrlingsausbildung in den Vereinigten Staaten.
Das altbewährte System der Lehrlingsausbildung als ein Mittel
zur gründlichen Erlernung der schwierigen handwerklichen Techniken
eines Pachberufs ist in den USA während der vergangenen Jahre ganz
auf die neuen Erfordernisse der Industrie und des Arbeitsraarktes
abgestellt worden. Das war schon deshalb notwendig, weil wir in einer
Zeit leben, in der schneller und umfassender als je zuvor neue

-

1

-

�neue Materialien,Tertigungsverfahren und Maschinen entwickelt und
eingeführt werden, die alle einen anhaltenden und starken Einfluß
auf die Industrie und die Ausbildung all jener Personen ausüben,
welche die Güter produzieren, bedienen und warten, die zur Bedarfsbefriedigung unserer ständig wachsenden Bevölkerung erforderlich sind.
In den Vereinigten Staaten ist der Lehrling kein "Lernender",
sondern ein produktiv tätiger Arbeiter, der seine handwerklichen
Fähigkeiten am Arbeitsplatz erwirbt. Während seiner Ausbildungszeit
schafft er schon im Betrieb mit. Er erhält dafür eine Bezahlung, und
die von ihm hergestellten Produkte werden verkauft.
Unser Lehrlingsausbildungssystem zielt, kurz gesagt, darauf abf
Jugendliche eingehend auf jene Berufe vorzubereiten, die allgemein
als "Fachberufe" bezeichnet werden und die neben einem vielseitigen
technischen Können und umfangreichem Wissen auch eine gewisse Reife
und Urteilsvermögen verlangen. Seine theoretischen und technischen
Unterweisungen erhält der Lehrling dabei sowohl am Arbeitsplatz als
auch in der Berufsschule.
Gegenwärtig werd«n in den USA rund 160 000 Lehrlinge durch die
vom "Amt für Lehrlingsfragen und Ausbildung" anerkannten Programme erfaßt. Hinzu kommen noch etwa 200 000 Lehrlinge, die ihre Ausbildung
im Rahmen von Lehrverträgen erhalten, die dem Amt nicht gemeldet sind.
Das Bestreben des "Amtes für Lehrlingsfragen und Ausbildung" ist es
in erster Linie, sämtliche Lehrlingsausbildungsprogramme in den einzelnen Industriezweigen einheitlich auszurichten und sie laufend zu
verbessern.
Die Lehrlingsausbildung, wie sie in den Vereinigten Staaten gehandhabt wird, erfolgt auf einer vollkommen freiwilligen Basis. Sie wird
von den örtlichen Industrieverbänden getragen, denen auch die Verantwortung für die Durchführung und Verwaltung der Programme obliegt.
Die Ausbildungsprogramme werden dabei von den Betrieben selbst finanziert, in denen der Lehrling seine Ausbildung erhält. Neben dem Arbeitsentgelt für ihn tragen sie auch die Kosten für die in der Lehrlingsausbildung tätigen Gesellen und Meister. Die theoretische Ausbildung des Lehrlings hingegen, die in der Regel in Form von Abendklassen an den Berufsschulen erfolgt, wird aus öffentlichen Mitteln
finanziert.
Die besten und erfolgreichsten Lehrlingsausbildungsprogramme in
den USA sind meist diejenigen, die von sogenannten Gemischten Lehrlingsausschüssen verantwortlich geplant und durchgeführt werden. Sie
setzen sich zu gleichen Teilen aus Vertretern der Gewerkschaften und
Unternehmen zusammen und haben u.a. die Aufgabe, den Lehrstoff für
die Ausbildung zusammenzustellen, die geeigneten Fachkräfte für die
Durchführung zu nominieren und vielfach auch die Lehrlinge aus der
Masse der Bewerber nach bestimmten Richtlinien auszuwählen,
Zu den Voraussetzungen, die der Lehrlingsbewerber zu erfüllen
hat, gehören neben dem Abschlußzeugnis einer Oberschule (12jährige
Schulausbildung) - bei besonderen Begabungen oder unter bestimmten
Bedingungen sind jedoch Ausnahmen möglich - auch gewisse körperliche

2

�körperliche und andere Voraussetzungen, die meist von den örtlichen
Lehrlingsausschüssen im einzelnen festgelegt werden. Die Richtlinien
über die Lehrlingsausbildung umfassen außerdem folgende Punkte* Arbeitsbedingungen, Zahl der zu leistenden wöchentlichen Arbeitsstunden,
jeweilige Höhe des Lohnes, Zahl der für die Lehrlinge abzustellenden
Gesellen und Meister,- Dauer der Ausbildung usw. Die durchschnittliche
Lehrzeit liegt heute in den USA zwischen drei und fünf Jahren; nur
in einigen wenigen Fachberufen ist eine zweijährige Lehrzeit vorgeschrieben.
Eine Förderung der Lehrlingsausbildung durch die Bundesregierung
besteht in den USA erst seit dem Jahre 1937» Bis dahin gab es nur
bundesstaatliche Programme. Seinerzeit wurde auch der "National Apprenticeship Act" vom Kongreß verabschiedet. Vorausgegangen war im Jahre
1934 die Bildung des Bundesausschusses für das Lehrlingswesen auf
Grund einer Verordnung des US-Arbeitsministers. Aufgabe dieses Ausschusses war es, als Beratungsgremium bei der Ausarbeitung einer entsprechenden Gesetzgebung zu fungieren. Dieser "Mköpfige Ausschuß setzt
sich auch heute noch aus je fünf Vertretern des Managements und der Gewerkschaften sowie aus einem Vertreter des Bundesamtes für Erziehung
zusammen und hat weiterhin beratende Funktionen.
In dem Lehrlingsausbildungsgesetz aus dem Jahre 1937 wird dem
US-Arbeitsminister vor allem die Aufgabe übertragen, "Unternehmer und
Gewerkschaften bei der Ausarbeitung von Lehrlingsausbildungsprogrammen
zusammenzuführen". Als Verwaltungsbehörde mit der Aufgabe der Durchführung und Verwirklichung der im Gesetz niedergelegten Ziele wurde
seinerzeit der "Apprentice Training Service" geschaffen, das heutige
"Amt für Lehrlingsfragen und Ausbildung".
Seit dem Inkrafttreten des Lehrlingsausbildungsgesetzes hat das
Amt stets eng mit den Unternehmen, den Gewerkschaften, Berufsschulen
und anderen an den Lehrlingsausbildungsprogrammen interessierten oder
von ihnen berührten Kreisen und Organisationen zusammengearbeitet. Sehr
erleichtert wurde diese Zusammenarbeit dabei durch die z.Zt. 50 Außenstellen (in jedem Bundesstaat eine) des "Amtes für Lehrlingsfragen
und Ausbildung".
Alle jene Ausbildungsprogramme, die die neun vom Amt festgelegten
Grundvoraussetzungen erfüllen, können dem Amt zur offiziellen Anerkennung und Eintragung vorgelegt werden - was bedeutet, daß sie volle
staatliche Unterstützung genießen, und daß die im Rahmen dieser Programme ausgebildeten Lehrlinge nach Absolvierung ihrer Lehrzeit einen
"Lehrbrief" erhalten.
Die vom Bundesausschuß für Lehrlingsausbildung empfohlenen und
vom Bundesamt vertretenen Richtlinien für derartige Programme setzen
Normen bezüglich
1. des Mindestalters für den Beginn der Lehrlingsausbildung, das
16 Jahre betragen soll;
2. der Verrichtungen, in denen die Lehrlinge zu unterweisen sind
und die sie in der Praxis am Arbeitsplatz kennenlernen sollen;

- , -

3 -

�3. der Gruppenausbildung, die den Lehrling mit technischen
Fragen vertraut machen soll, die in Zusammenhang mit seiner Tätigkeit stehen;
4« der progressiven Erhöhung des Lohnes der Lehrlinge;
5. der ordnungsgemäßen Überwachung der Ausbildung am Arbeitsplatz;
6. der periodischen Überprüfung des Ausbildungsstandes der Lehrlinge;
7. der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern;
8. der Anerkennung gezeigter Leistungen; und
9- der Auswahl von Bewerbern um Lehrstellen ohne Rücksicht auf
Rassenzugehörigkeit, Hautfarbe, Religion oder nationale Herkunft voraus

Ein praktisches Beispiel für die Ausbildung von Lehrlingen
Ein typisches Beispiel für ein Lehrlingsausbildungswesen, das
auf den von der Regierung befürworteten Prinzipien beruht, bieten die
Lockheed-Plugzeugwerke in Georgia. Das Schulungsprogramm wurde von
Vertretern der Firma und des 33» Distrikts der amerikanisch-kanadischen
Maschinenbauergewerksc haft (IAM) in enger Fühlungnahme mit der Abteilung Lehrlingsausbildung und Schulung aufgestellt; es wird von einem
gemischten Lehrlingsausbildungsausschuß geleitet, der sich aus je fünf
Vertretern der Lockheed-Werke und der Gewerkschaft zusammensetzt.
Der Ausschuß erläßt die Richtlinien für die Lehrlingsausbildung in
folgenden Berufsgruppen: Maschinenbauer, Werkzeugmacher und Former,
Einrichter, Funk- und Radartechniker und Flugzeugmechaniker.
Die Bewerber um Lehrstellen müssen 18 bis 23 Jahre alt sein. Die
Lehrzeit beträgt vier Jahre, wobei frühere Berufserfahrungen angerechnet
werden können. Mit der praktischen Ausbildung am Arbeitsplatz einher
geht der theoretische Gruppenunterricht im Betrieb oder an einer Berufsschule; er umfaßt mindestens 144 Unterrichtsstunden, die als Arbeitszeit gelten und bezahlt werden.
Der Lehrling arbeitet unter der Aufsicht eines Ausbildungsleiters
und eines erfahrenen Meisters. Der theoretische Unterricht erstreckt
sich auf Fächer wie technisches Zeichnen, Physik und andere Bereiche
der Naturwissenschaften sowie auf Fragen der im Betrieb angewandten
Herstellungsverfahren und der allgemeinen Betriebsführung.
Die Lehrlingstarife.sehen halbjährlich nach jeweils 1040 Arbeitsoder Unterrichtsstunden eine Lohnerhöhung vor. Die Lehrlingslöhne
stehen in einer festen Relation zu den Gesellenlöhnen im ersten Jahr
und steigen von 60 Prozent im ersten Halbjahr auf 92 Prozent im
letzten. Nach Abschluß der Lehre besteht Anspruch auf Zuweisung eines

- 4 -

�eines festen Arbeitsplatzes in dem erlernten Beruf bei einem Lohn,
der dem Mittelwert der Facharbeiterlöhne in dem entsprechenden Berufszweig entspricht.
Der Vorstand der Maschinenbauergewerks;chaft, AI Hayes , ist ein
eifriger Verfechter einer geregelten Lehrlingsausbildung als der
soliden Grundlage fürs ganze Lehen. In einer Informationssitzung
eines Kongreßausschusses, der über Gesetzesvorschläge zur Lehrlingsausbildung beriet, erklärte er kürzlich:
"Seit Hunderten von Jahren ist die Lehre die traditionelle
Methode, das Können der Facharbeiter von einer Generation an die
andere weiterzugeben. Und wenn auch die Technik Inhalt und Form vieler
Berufe von Grund auf gewandelt hat, so blieb die Lehre doch immer
die gründlichste und umfassendste Methode der Nachwuchsschulung."
Die guten Erfahrungen, die man in Amerika mit der strengen Lehrlingsausbildung gemacht hat, kommen seit Jahren schon im Rahmen der
technischen Hilfsprogramme und der Entwicklungshilfe auch anderen Ländern zugute. Amerikanische Spezialisten beraten ausländische Regierungen und Unternehmen bereitwillig in Fragen der Lehrlingsausbildung,
und eine ganze Reihe amerikanischer Großfirmen stellt laufend eine
bestimmte Zahl von Lehrstellen für Ausländer zur Verfügung.

(Quelle: Eigenbericht)

-

5 -

�Nachwuchsförderung für das Zeitalter der Automation
Für elektronische Rechen- und Datenverarbeitungsanlagen, aus
Hilfsgeräten zur Erleichterung schwieriger : mathematischer Berechnungen entwickelt und im Laufe der le tzten Jahre auf nahezu imaginäre
Leistungen gebracht, werden Spezialisten gebraucht, die sie zu bedienen
verstehen. In der amerikanischen Industrie und im Bankwesen, in
Regierungsbehörden, Universitäten und privaten Forschungsinstituten
kommen die "Elektronengehirne", wie man sie früher nannte, in zunehmendem
Haßt zur Anwendung. Man schätzt, daß bis zum Jahr 1970 in den Vereinigten Staaten mindestens 200 000 ausgebildete Kräfte zusätzlich zu den
bereits vorhandenen für die Programmierung und Überwachung derartiger
Automaten benötigt werden.
Die "Konsumenten", d.h. diejenigen Stellen, die die Apparate
benutzen, geben sich ebenso wie die elektronische Industrie große
Mühe, junge Menschen für die relativ neuen Berufe des IngenieurMathematikers, Programmierers, Wartungsingenieurs oder Schaltwerktechnikers zu interessieren. Daneben stellt aber auch die Ausbildung
als solche noch ein relativ schwieriges Problem dar. Man sucht dem
jetzt dadurch zu begegnen, daß man für mathematisch besonders begabte
Oberschüler Arbeitsgemeinschaften und Lehrgänge einrichtet. In einer
Reihe von Städten, in denen es eine Datenverarbeitungsmaschine gibt,
sind unter der Anleitung bewährter Fachkräfte Oberschüler der beiden
letzten Klassen eifrig dabei, in die Geheimnisse der programmgesteuerten Maschinen tiefer einzudringen. Meist sind einigt";Abendstunden in
der Woche dafür reserviert, denn nicht nur die Schüler, sondern auch
die ehrenamtlich tätigen Lehrer opfern für die Kurse ihre Freiz.eit.
Im Räume Washington, wo der erste "Modell"-Lehrgang dieser Art in den
USA kürzlich abgeschlossen wurde, haben fast alle von den 368 Teilnehmern das Unterrichtsziel erreicht.
Der Lehrstoff umfaßt eine Einführung in die Geschichte, die Anwendungsmöglichkeiten und Aufgaben sowie die wichtigsten technischen
Einzelheiten wie Bauelemente, Schaltwerke und Schaltkreise von programmgesteuerten Maschinen. Die Schüler müssen die Funktionsweise solcher
Automaten, von denen manche eine Million und mehr Informationen, d.h.
Zeichen in Form von Buchstaben oder Zahlen, in der Sekunde verarbeiten,
wirklich begriffen haben, um sie später einmal in eigener Verantwortung für die Lösung dieser und jener Aufgabe sinnvoll einzusetzen. Sie
müssen vor allem die Arbeitsweise der Schaltkreise verstehen, die die
Grundelemente der Elektronenrechner darstellen; die dafür benötigten
Baugruppen sind in der jüngsten Zeit so verkleinert worden, daß Tausende auf einen Kubikzentimeter gehen.
Die Lehrgangsteilnehmer sind durchschnittlich 17 Jahre alt. Nach
einiger Zeit sind sie in der Lage, selbst Analysen und Arbeitsprogramme
auszuarbeiten, die dann auch tatsächlich in die am Ort befindliche Maschine eingegeben werden. Dabei stellt sich sehr bald heraus, ob die
Eingabe als Programm überhaupt zu verwerten und für die Lösung dieses
oder jenes Problems geeignet ist.
Dieser Vorbereitung auf das Studium und den künftigen Beruf folgen
die jungen Herren - gelegentlich nehmen auch junge Damen an diesem
Praktikum teil - mit großer Begeisterung. Allerdings stellen die

- 6 -

�die Lehrgänge für die mei&amp;ten von ihnen im wesentlichen nur eine
Intensivierung der Arbeit dar, die in naturwissenschaftlichen Bastelund Experimentiergruppen außerhalb des Unterrichts bereits geleistet
wird und die einmal im Jahr auch für die Öffentlichkeit in den naturwissenschaftlichen Schülerausstellungen sichtbar zum Ausdruck kommt.
Der dabei behandelte Problemkreis umfaßt alle erdenklichen Gebiete
der modernen Naturwissenschaft, einschließlich der Biologie und Medizin.
So manches junge Talent wird auf diese Weise frühzeitig entdeckt
und außerordentlich gefördert. Eine besondere Begabung für die Programmierung von Rechenautomaten bewies der jetzt 17jährige David Malin
aus Bethesda (Maryland) schon als 14jähriger, als er für den alljährlich an seiner Schule durchgeführten naturwissenschaftlichen Wettbewerb eine kleine elektronische Datenverarbeitungsmaschine bastelte,
die einfacheenglische Worte ins Russische und Lateinische übersetzte.
Das Geräit wurde sogar eine Zeitlang im Smithsonian-Museum in Washington ausgestellt.
David, der an dem Computer-Lehrgang in Washington teilnahm, arbeitete im vergangenen Jahr ein selbst für Experten hochinteressantes
Rechner-Programm aus. Ihm liegen u.a. Paktoren zugrunde, die die menschlichen Verhaltensweisen mitbestimmen - Biologie des Gehirns und Nervensystems sowie psychologische Reaktionen -, und es ist ein Versuch,
einen Rechenautomaten so zu programmieren, daß dieser - wie ein Mensch "vernünftig denkt und reagiert". David nennt seine Methode CONTRANS-Verfahren (CONTRANS ist dabei eine Abkürzung aus "Conceptual Thought,
Random Net Simulation"). Es ist im wesentlichen ein Versuch zur mathematischen Darstellung begrifflichen Denkens und dessen Nachahmung durch
den Automaten.
David schrieb einen ausgezeichneten Bericht über seine Untersuchungen, der von der U.S. Association for Computing Machinery zusammen
mit 28 anderen aus insgesamt 243 Arbeiten ausgewählt wurde, um auf
einer Tagung von Spezialisten in Washington vorgetragen zu werden.
David war mit Abstand der jüngste unter den 4000 Konferenzteilnehmern,
die seinen mit komplizierten Schaubildern und Berechnungen gespickten
Vortrag mit großem Beifall quittierten. Im September 1962 hat der
junge Mann das Studium der Mathematik begonnen, das ihm durch Stipendien, von amerikanischen Firmen bereitgestellt, außerordentlich erleichtert wird.

(Quelle: Eigenbericht)
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# » # # #

�Facharbeiterschulung in den Entwicklungsländern ein gemeinsames Problem
Die dreitägige internationale Konferenz über die Schulung und
Ausbildung von Arbeitskräften in der "Dekade der Entwicklung", die
im Oktober in San Juan auf Puerto Rico zu Ende ging und an der hohe
Regierungsvertreter aus insgesamt 40 Ländern teilgenommen hatten,
kann als ein großer Erfolg gewertet werden. Dies gilt sowohl für
die Beratungen der Konferenz selbst als für die von ihr gefaßten
Beschlüsse.
Ziel dieser Konferenz, zu der die Regierung der Vereinigten
Staaten eingeladen hatte, war es, Wege und Möglichkeiten zu erörtern
und aufzuzeigen, wie und in welcher Form die Heranbildung von Facharbeitern in den Entwicklungsländern vorangetrieben werden kann. Welch
große Bedeutung gerade diesem Aspekt der gesamten Entwicklungshilfe
beizumessen ist, zeigt wohl am besten die Tatsache, daß für die Aufrechterhaltung einer bestimmten wirtschaftlichen Wachstumsrate in
den Entwicklungsländern jeweils eine rund }-6mal größere Ausbildungsrate für Facharbeiter erforderlich ist. Bei einer jährlichen Wachstumsrate von 10 Prozent beispielsweise würde das bedeuten, daß die
Facharbeiterausbildung jährlich um 50 bis 60 Prozent gesteigert werden müßte, wenn die Kapitalinvestitionen in diesen Ländern wirklich
auf fruchtbaren Boden fallen sollen.
Der wichtigste Beschluß der Konferenz von San Juan war zweifellos
die Errichtung eines vorläufigen Sekretariats in Washington, dessen
erste Aufgabe es sein wird, allen interessierten Ländern die Ergebnisse
d,er Konferenz zu übermitteln. Das Sekretariat soll das InformationsBindeglied zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern bilden und
allen beteiligten Kreisen die gesammelten Erfahrungen im Einsatz von
Entwicklungshelfern und bei der Durchführung der Facharbeiterausbildung
in den Entwicklungsländern zugänglich machen.
Von ähnlicher weittragender Bedeutung ist auch der Appell der
Konferenz an die ILO und andere auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe
tätige internationale Organisationen, diesen angestrebten Ideenund Erfahrungsaustausch im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit Nachdruck
zu unterstützen und eng mit dem Sekretariat in Washington zusammenzuarbeiten.
Wie bei jedem neuen Unternehmen auf internationaler Ebene, so läßt
sich natürlich auch hier noch nicht sagen, wie weit es letzten Endes
möglich sein wird, die von den Delegierten gefaßten Beschlüsse in die
Tat umzusetzen. Dennoch dürfte - auch nach der Überzeugung der Konferenzteilnehmer - eines feststehen: nämlich, daß durch die Konferenz und
mit der Bildung einer gemeinsamen Zentralstelle eine solide Ausgangsbasis geschaffen wurde, von der aus die verschiedenen Probleme auf
dem Sektor der Facharbeiterausbildung im internationalen Rahmen erforscht und angepackt werden können.
Natürlich wird auch weiterhin jedes einzelne Land im Einklang
mit seinen ureigensten Bedürfnissen seinen eigenen Weg abstecken müssen,
denn eine allgemeingültige Marschroute in dieser Hinsicht gibt es
nicht - ebensowenig wie ein Dniversalrezept für die Schaffung eines
Facharbeiterpotentials in den Entwicklungsländern, das von allen Konferenzteilnehmern als die wichtigste Voraussetzung für einen schnellen
8

-

�schnellen und bedeutsamen wirtschaftlichen und sozialen Portschritt
angesehen wird.
Kein Land kann aber für sich in Anspruch nehmen, der Hüter allen
Wissens und aller Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sein. Selbst die
Vereinigten Staaten nicht, die von allen Ländern - auf Grund ihrer
fast 15jährigen Tätigkeit in den Entwickluhgsgebieten - ja wohl über
den größten Erfahrungsschatz verfügen. Auch sie sind noch nicht im
Besitz all jener wichtigen Informationen und Kenntnisse, die erforderlich sind, um die von der Konferenz gesteckten Ziele zu erreichen.
Und gerade diese Tatsache beweist sicherlich mit am besten, wie wichtig
es für alle in der Entwicklungshilfe tätigen Länder ist, sich gegenseitig über ihre gemachten Erfahrungen zu informieren und ihre gewonnenen Erkenntnisse einander mitzuteilen. Die Konferenz von Puerto Rico
hat dies erneut klargemacht.

(Quelle: Eigenbericht)

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GEWERKSCHAFTLICHE KURZNACHRICHTEN
15 Wochen Sonderurlaub alle fünf Jahre
Jeder Arbeitnehmer, der mehr als 15 Jahre bei der "American
Can Company" oder bei der "Continental Can Company" beschäftigt ist,
wird neben seinem normalen Jahresurlaub in Zukunft alle fünf Jahre
noch einen Sonderurlaub von 13 Wochen auf Grund eines neuen Tarifvertrages erhalten, der jetzt zwischen der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft und den beiden genannten Unternehmen abgeschlossen
wurde•
Der neue Tarifvertrag, der eine Laufzeit von zwei Jahren hat und
rund 15 000 Arbeitnehmer in den Genuß der ausgehandelten Vergünstigungen bringen wird, sieht außerdem eine allgemeine Verlängerung des
Jahresurlaubs sowie die Zahlung eines erhöhten "Ausscheidungsbonus" an
Arbeitnehmer vor, die sich pensionieren lassen. Ziel dieser tarifvertraglichen Vereinbarungen ist es, eine größere Arbeitsplatzsicherheit
für die Beschäftigten in diesem Industriezweig zu schaffen und die
älteren Arbeitnehmer anzuregen, sich früher pensionieren zu lassen.
Was

9 -

�Was die neue Regelung des Jahresurlaubs betrifft, so erhalten
jetzt sämtliche Arbeitnehmer mit mehr als 10 Dienstjahren drei
Wochen (bisher zwei) und solche mit 25jähriger Dienstzeit vier
(bisher drei) Wochen bezahlten Urlaub.
Der bei der Pensionierung von älteren Arbeitnehmern zur Auszahlung kommende Bonus entspricht auf Grund des neuen Vertrages, dem
Betrag von 22-23 (bisher 13) Wochenlöhnen.
Der neue, bis zum 3« September 1964 gültige Tarifvertrag, der
rund 31 000 Arbeitnehmer umfaßt, enthält weder eine Klausel zur vorzeitigen Kündigung noch sieht er irgendwelche Lohnerhöhungen während
der Laufzeit des Abkommens vor.
David J. McDonald, der 1. Vorsitzende der Stahlarbeitergewerkschaft,
bezeichnete das neue Tarifabkommen als einen "beispiellosen Durchbruch...
in Richtung auf eine für das wirtschaftliche Wachstum der USA notwendige
vertragliche Sicherung der Arbeitsplätze und Einkommen". Er rlobte in
diesem Zusammenhang das Management der beiden Unternehmen dafür, daß
es die Gewerkschaft in ihren Bemühungen unterstützt habe, "eine neue
Phase der industriellen Pionierarbeit" einzuleiten.
Der derzeitige Durchschnittsstundenlohn in der amerikanischen
Blechbehälterindustrie beträgt 3»01 Dollar; die untere Lohngrenze
liegt bei 2,17 Dollar, die obere bei 3&gt;56 Dollar.

(Quelle: Eigenbericht)

* * * * *

Internationaler Ausschuß für Ford-Arbeiter
Die Bildung eines Internationalen Ausschusses der Ford-Arbeiter",
der sich mit sämtlichen sozial- und wirtschaftspolitischen Problemen
zu befassen hätte, die sich durch die Ausdehnung dieses großen amerikanischen Automobilkonzerns in 32 Ländern der Erde für die Mitarbeiter
ergeben, wurde von Gewerkschaftsvertretern der amerikanischen Ford-Betriebe vorgeschlagen.
Dieser Vorschlag ist Teil einer Resolution, die von dem "National
Ford Council" der "Vereinigten Aütomobilarbeitergewerkschaft" anläßlich
der letzten Tagung einstimmig angenommen wurde. Der "National Ford
Council" setzt sich aus Vertretern sämtlicher Werke des Unternehmens in
den USA zusammen.
Wie es in der Resolution heißt, wäre es sämtlichen Mitarbeitern
des Unternehmens in aller Welt über den "Internationalen Ausschuß der
Ford-Arbeiter" möglich, auf zahlreichen Gebieten Hand in Hand mit dem
amerikanischen Ausschuß zusammenzuarbeiten: so im Hinblick auf die Harmonisierung der Lohn- und Arbeitsbedingungen, den Informationsaustausch,
die Förderung von Ausbildungsprogrammen, die Koordinierung der tarifpolitischen Ziele und andere Maßnahmen.
(Quelle: Eigenbericht)
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�Aktive Entwicklungshilfe der US-Gewerkschaften
In Erkenntnis der großen Bedeutung, die gerade der Gewerkschaftsbewegung in den unterentwickelten Ländern heim Aufbau einer soliden
demokratischen wirtschaftlichen und sozialen Ordnung zukommt, hat
der amerikanische Gewerkschaftsverband "AFL-CIO" mit Unterstützung
zahlreicher Institutionen und Wirtschaftsgruppen in Washington
ein "American Institute for Free Labor Development" gegründet.
In diesem auch anderen Gewerkschaftsverbänden als Vorbild dienenden Institut sollen Gewerkschafter aus den lateinamerikanischen Staaten
in jeweils vierteljährigen Kursen mit dem geistigen Rüstzeug versehen
werden, das sie zur Bewältigung ihrer täglichen Aufgaben benötigen
und das sie sich in Ermangelung entsprechender Schulungseinrichtungen
in ihren eigenen Ländern bisher nicht aneignen konnten.
Hauptziel dieses neuen Instituts ist es daher auch nicht, die Kursusteilnehmer lediglich mit den gewerkschaftspolitischen Tagesaufgaben
- Durchführung von TarifVerhandlungen, administrativen Aufgaben, Organisationskampagnen usw. - vertraut zu machen, sondern ihnen einen allgemeinen tiberblick über die gesamtwirtschaftlichen, sozialen und politischen Zusammenhänge zu verschaffen.
Nachdem der erste Kursus, an dem 45 Gewerkschaftsführer aus dem
lateinamerikanischen Raum teilgenommen haben, jetzt zu Ende gegangen
ist und die ersten praktischen Erfahrungen gesammelt und ausgewertet
werden konnten, sollen vom nächsten Jahr an jeweils 100 bis 120 Gewerkschaftsführer und gewerkschaftliche Nachwuchskräfte an diesen internationalen Kursen in den Vereinigten Staaten teilnehmen.
Im Anschluß an ihre theoretische Ausbildung am "Amerikanischen Institut für die Entwicklung Freier Gewerkschaften" werden die Kursusteilnehmer dann 9 Monate in ihren Heimatländern in der praktischen Arbeit eingesetzt und während dieser Zeit von Vertretern des Instituts
und der eigenen Gewerkschaft betreut und beraten werden.
Wie aus Kreisen der Institutsleitung weiter zu erfahren war,
trägt man sich auch mit der Absicht, in den verschiedenen lateinamerikanischen Ländern regionale und nationale Ausbildungszentren einzurichten, um dort Kurzlehrgänge sowohl für "Anfänger" als auch für
'•"Fortgeschrittene" durchzuführen. In erster Linie jedoch sollen hierbei
die Funktionäre der unteren Verwaltungsebenen geschult werden.
Zu den Teilnehmern der ersten Gruppe, die in einem dreimonatigen
Kursus an dem neuen Gewerkschaftsinstitut in Washington auf ihre gewerkschaftliche Tätigkeit - in einer englisch und einer spanisch sprechenden Klasse - vorbereitet wurden, gehörten Gewerkschafter aus Honduras, Costa Rica, El Salvador, Panama, Venezuela und der Dominikanischen Republik (spanische Gruppe) sowie aus Surinam, Britisch-Guayana,
Trinidad, Jamaica, Britisch-Honduras, Barbados, St. Vincent, Santa
Lucia und Antigua (englische Gruppe). Zum nächsten Kursus, der bis
Ende Dezember läuft, werden Gewerkschafter aus Mexiko und Ländern
der Westküste Lateinamerikas erwartet.
(Quelle: Eigenbericht)
* * * * *
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�Die Entwicklung der Löhne im US-Baugewerbe
Zu denjenigen Fachberufen in den USA, die mit an der Spitze
der allgemeinen Lohnskala stehen, gehören auch die Bauarbeiterberufe,
für die nach der neuesten Lohnübersicht des US-Amtes für Arbeitsstatistik ein durchschnittlicher Stundenlohn von 3»85 Dollar (industriearbeiterdurchschnitt 2,33 Dollar) ermittelt wurde.
Dieser jährlich durchgeführten und in der August-Ausgabe der
"Monthly Labor Review" veröffentlichten Analyse der Löhne gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer liegen die Durchschnittseinkommen von
insgesamt 24 Facharbeiter- und 9 Hilfsarbeiterkategorien (Stichtag
1. Juli 1961) zugrunde.
Nach dieser Übersicht bewegten sich die durchschnittlichen Stundenlöhne in den verschiedenen Facharbeiterberufen zwischen 3&gt;68 Dollar
(Maler) und 4» 54 Dollar (Maurer), wobei der Durchschnitt bei sieben
Berufen 4 Dollar und mehr betrug. Bei den Bauhilfsarbeitern dagegen
lagen die durchschnittlichen Stundenlöhne zwischen 2,98 Dollar (Arbeitsmänner) und 3,35 Dollar (Verputzergehilfen).
Zwischen dem 1. Juli 196O und dem 1. Juli 1961 erhöhten sich
die Durchschnittslöhne für sämtliche Bauarbeiter (die regionalen
Unterschiede waren verhältnismäßig gering) im allgemeinen um 4 Prozent. Lohnerhöhungen bei den Facharbeitern um durchschnittlich 3»8 Prozent standen dabei Anhebungen um 4»8 Prozent bei den Bauhilfsarbeitern gegenüber.
Lohnaufbesserungen von 4 bis 6 Prozent erhielten etwa die Hälfte
aller Facharbeiter und Bauhilfskräfte; 6-8prozentige Erhöhungen dagegen
verzeichneten 1/10 der Facharbeiter und 3/10 aller Hilfsarbeiter.
Regional betrachtet, lagen die durchschnittlichen Bauarbeiterlöhne zwischen 5»22 Dollar in den südöstlichen Bundesstaaten und 4»20
Dollar in den Mittelatlantikstaaten. Bei den Facharbeitern ergaben
sich dabei Unterschiede bis zu 90 Cent (5&gt;50 - 4»40 Dollar), bei den
ungelernten Arbeitern bis zu 1,45 Dollar (2,00 - 3»45 Dollar).
Die folgende Tabelle gibt einen tiberblick über die durchschnittlichen Stundenlöhne in den wichtigsten Bauarbeiter-Fachberufen (Stand
vom 1 . Juli 1961 ):
Fach- und Hilfsarbeiter (nationaler Durchschnitt)

5,85 Dollar

Facharbeiter (Durchschnitt)

4,02 Dollar

Maurer
Zimmerleute
Zementmischer
Bauelektriker
Anstreicher
Verputzer
Klempner
Eisenflechter
Fliesenleger

4»34
5*94
3»90
4»16
3»68
4»14
4,18
4,00
4,03

Dollar
Dollar
Dollar
Dollar
Dollar
Dollar
Dollar
Dollar
Dollar

Arbeitsmänner

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12

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�Arbeitsmänner und Hilfskräfte (Durchschnitt)

3,06 Dollar

Maurergehilfen
Arbeitsmänner
Verputzergehilfen
Fliesenlegergehilfen

3,23
2,98
3»35
3,24

Dollar
Dollar
Dollar
Dollar

(Quelle: Eigenbericht)

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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nr. 1&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Anciennitätsprinzip und seine praktischen Auswirkungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Automation in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;Automation - ein Bruch mit der Vergangenheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Kennedy vor dem amerikanischen Gewerkschaftsverband&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 2&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Möglichkeiten einer Arbeitsverkürzung in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Viertel des Einkommens geht für die Steuer drauf&lt;br /&gt;Steigende Aufwendungen für Urlaub und Freizeit in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anstieg der Arbeitsproduktivität im Kohlebergbau um 85 Prozent seit 1949&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 3&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Probleme in den Entwicklungsländern&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nachlese zum "AFL-CIO"-Kongress&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es geht wieder um neue Tarife in der Stahlindustrie&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Präsident Kennedy legte Kongress Sozialbotschaft vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bericht über die Auswirkungen der Automatisierung veröffentlicht&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 4&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Lohnbewegungen 1961/62 in der US-Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sicherung der Arbeitsplätze und Einkommen wichtiger als höhere Löhne&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zahl der Gewerkschaftsmitglieder geringfügig angestiegen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 5&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die "dritte Kraft" am Verhandlungstisch&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue Arbeitsplätze durch industrielle und technische Fachausbildung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Betriebliche Schulung - ein wichtiger Zug des amerikanischen Erziehungswesens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nr. 6&lt;br /&gt;Die neuen Möglichkeiten der Automatisierung in der Industrie&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;435-Millionen-Dollar-Programm für die Umschulung von Arbeitslosen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kennedy erläuterte Gewerkschaften seine Wirtschaftspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Bedeutung des neuen Tarifvertrages der Stahlindustrie&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nr. 7&lt;br /&gt;Die Auswirkungen der Automation auf den Arbeitnehmerstatus&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Feststellung der Beschäftigten- und Arbeitslosenzahl in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Gewerkschaften und die Angestellten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 8/9&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frauenarbeit und Haushalteinkommen (I)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anwendungstechniker als Wegbereiter der Vollautomatisierung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die "Stadt-in-der-Stadt"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vorbereitungskurse für angehende Pensionäre&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 10&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frauenarbeit und Haushalteinkommen (II)&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Fast 70 Millionen Beschäftigte in den USA&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;AFL-CIO fordert 35-Stunden-Woche&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Nr. 11&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Urlaubsregelungen in den USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;Leistungen der Pensionspläne wurden verbessert&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;(und vier weitere Kurznachrichten)&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Nr. 12&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das System der Lehrlingsausbildung in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Nachwuchsförderung für das Zeitalter der Automation&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Facharbeiterschulung in den Entwicklungsländern ein gemeinsames Problem&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gewerkschaftliche Kurznachrichten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/p&gt;</text>
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