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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

4 . September 1985

35

INHALT

INFORMATION
Reagan will Gorbatschow auf halbem Wege entgegenkommen
- Zugang zu sowjetischen Medien würde den Dialog verbessern -

DOKUMENTATION
Reagan würdigt Atomsperrvertrag als historische Leistung
- Ansprache des US-Abrüstungsbeauftragten in Genf -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Zugang zu US-Nachrichtensatelliten soll allen Nationen offenstehen
- Flexibilität - Schlüssel zu wirtschaftlichem Betrieb -

* * * * *

Um Übei/cndung von
Belegexemplaren
uiird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�4. September 1985

,35

REAGAN WILL GORBATSCHOW AUF HALBEM WEGE ENTGEGENKOMMEN
Zugang zu sowjetischen Medien würde den Dialog verbessern -

WASHINGTON

-

(AD) - Präsident Ronald

Reagan hat

in einer

Erklärung

des Weißen Hauses vom 3. September 1985 erneut betont, er sei bereit, den
Sowjets auf halbem Wege entgegenzukommen.
Wie der Stellvertretende Pressesprecher des Weißen Hauses, Larry
Speakes, mitteilte, hat der Präsident die von Generalsekretär Gorbatschow
in seinem Interview mit dem amerikanischen Nachrichtenmagazin TIME geäußerte Ansicht, begrüßt, bei dem Gipfeltreffen im November "ernsthafte
Vorschläge zu unterbreiten". Wenn Präsident Reagan sich in ähnlicher Weise durch sowjetische Medien an die Bevölkerung der Sowjetunion wenden
könnte, so Speakes, "dann würde das ohne Frage unseren Dialog erleichtern" .
Speakes

wies

in

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Speakes wies in diesem Zusammenhang darauf hin, daß der Direktor des
US-Informationsamtes, Charles

Z. Wick, bereits

im Januar

dieses

Jahres

Leonid Samjatin, der in der UdSSR für internationale Information zuständig

ist, den Vorschlag

für wechselseitige Erklärungen

im Fernsehen ge-

macht, jedoch bisher keine Antwort auf diesen Vorschlag erhalten habe. Es
gehe nicht um eine öffentliche Debatte, sondern darum, der jeweils anderen Seite die eigene Auffassung zu vermitteln.
Bezüglich der Vorbereitungen das Treffens im November in Genf erklär-"
te der Sprecher des Weißen Hauses, diese fänden am besten "über vertrauliche, diplomatische Kanäle" statt, und nicht in den Medien. Auf die Er-*
klärung Gorbatschows in dem TIMi;-lnt erview angesprochen, die amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen hätten sich ernsthaft verschlechtert,
antwortete Speakes, der Präsident habe immer die Auffassung vertreten,
"dass wir mit der Sowjetunion in realistischer Weise verhandelt haben.
Wenn wir Schwierigkeiten, Meinungsverschiedenheiten in dieser Beziehung
sehen, d a m werden wir nicht zögern, auf sie hinzuweisen." Die Administration sei sich im klaren, daß es "ernsthafte Meinungsverschiedenheiten
zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion gebe, aber das ist
umso mehr ein Grund, daß wir in einer Atmosphäre zusammenkommen, die
einem Ergebnis förderlich ist, das zu Mitteln und Wegen führt, um mit
diesen Problemen fertigzuwerden . "
Wenn oeide Seiten mit einer konstruktiven Einstellung zu dem Gipfeltreffen im November kämen, so betonte der Sprecher des Weißen Hauses,
dann gebe es keinen Grund, warum nicht ein Maß an Erfolg bezüglich von
Vereinbarungen erzielt werden könne, wie man die Meinungsverschiedenheit
ten beilegen könne. Die Vereinigten Staaten meinten es ernst mit ihrer
Gesprächsbereitschaft. "Wir sind bereit", so unterstrich Speakes, "mit.
den Sowjets bei diesem Treffen auf einer realistischen Basis zu verhandeln, auf der Basis der Bereitschaft, ernsthafte Gespräche zu führen und
ihnen in einer Reihe von Fragen auf halbem Wege entgegenzukommen. Das
Wichtige ist, daß dieses Treffen zustandekommt, daß die beiden Männer

�die beiden Männer sich Auge in Auge gegenüberstehen, sich gegenseitig abschätzen können, ihre Meinung zu den verschiedenen Themen äußern können
und dann

in der Lage sind, eine Tagesordnung aufzustellen, um mit diesen

Problemen in Zukunft fertigzuwerden."
Die Erklärung

von Speakes

zu Beginn

seiner

Presseunterrichtung

hat

folgenden Wortlaut:
Wir begrüßen die Erklärung von Generalsekretär Gorbatschow, wonach er
bereit ist, bei dem Treffen mit Präsident Reagan im November ernsthafte
Vorschläge auf den Tisch zu legen.
Was die Vereinigten Staaten anbelangt, so sieht der Präsident diese
Beziehungen in ihrer ganzen Bedeutsamkeit und ist bereit, den Sowjets in
dem Bemühen um eine Lösung der Probleme auf halbem Wege entgegenzukommen.
Der Präsident hofft, daß das Treffen in Genf die Grundlage dafür schaffen
wird, die Probleme zu lösen, vor denen unsere beiden Nationen stehen.
Unsere Vorstellung von den Ursachen der derzeitigen amerikanisch-sowjetischen Spannungen unterscheiden sich beträchtlich von denen, die Herr
Gorbatschow dafür angibt. Aber wir beabsichtigen nicht, darüber in den
Medien zu diskutieren. Die Vorbereitungen für das Treffen in Genf werden
am besten über vertrauliche diplomatische Kanäle geführt.
Wir

freuen uns über die Tatsache, daß Herr Gorbatschow

in der Lage

war, seine Ansichten der amerikanischen Öffentlichkeit darzulegen. Das
Interview ist ein erstklassiges Beispiel für die Offenheit des amerikanischen Systems und für den Zugang zu den amerikanischen Medien, dessen
sich die Sowjets erfreuen. Wenn Präsident Reagan eine vergleichbare
Möglichkeit hätte, über die sowjetischen Medien seine Ansichten dem sowjetischen Volk darzulegen, so würde dies ohne Zweifel unseren Dialog verbessern und Zeichen der sowjetischen Bereitschaft sein, in einem wichtigen Aspekt der Verbesserung unserer Beziehungen eine gewisse Gegenseitigkeit zu akzeptieren.
Hätte

Präsident

Reagan

�Hätte
Präsident
Reagan
direkten
Zugang
zur
sowjetischen
Öffentlichkeit, so wäre dies ein großer Schritt in Richtung auf eine
Verbesserung des Verständnisses zwischen unseren beiden Völkern. Ziel
eines solchen Austausches wäre nicht die Debatte, sondern eine Darlegung
der Ansichten beider Seiten.

* * * * *

�4. September 1985

35

REAGAN WÜRDIGT ATOMSPERRVERTRAG ALS HISTORISCHE LEISTUNG
- Ansprache des US-Abrüstungsbeauffragten in Genf -

GENF -(AD)- Der Direktor des amerikanischen Amtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA), Kenneth Adelmann, hat der Überprüfungskonferenz für den Atomsperrvertrag (Non-Proliferation Treaty - NPT) in Genf am
28. August eine Botschaft von Präsident Reagan überbracht, in der dieser
den Vertrag als eine historische Leistung und als wichtigen Eckpfeiler in
den Bemühungen um die Verhinderung der weiteren Ausbreitung der Kernwaffen bezeichnet. In seinen eigenen Ausführungen betonte Adelmann, der Vertrag, den 125 Länder unterzeichnet haben, habe die Welt sicherer gemacht.

Die Ausführungen Adelmanns, die die Botschaft des Präsidenten einschließen, haben folgenden Wortlaut:

Vor 40 Jahren erlebte die Welt die Geburt einer neuen Art von Waffe
von nie dagewesener und bisher unvorstellbarer Zerstörungskraft. Seither
mußten sich alle Länder und Völker der Erde den Versprechungen und den
Gefahren des Atoms stellen.
Während der nächsten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Während der nächsten vier Wochen werden die hie.: versammelten hervorragenden Delegierten die feierliche Verpflichtung haben, Ubei das wichtigste Thema unserer Zeit zu sprechen - d:e nukleare Herausforderung. Zusammen werden wir den Beitrag werten, den der vertrag über d:e Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen geleistet hat. Präsident Reagan hat die
Vorstellung meines Landes von der vor uns liegenden Aufgabe in einer Botschaft formuliert, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

"Es ist mir ein großes Vergnügen, diese Botschaft an die Delegierten
der Dritten Überprüfungskonferenz für den Nichtweiterverbreitungsvertrag
zu richten - einem Ereignis, das auch mit dem 15. Jahrestag der Unterzeichnung dieses Vertrages zusammenfällt. Der Nichtweiterverbreitungsvertrag ist eine historische Leistung. Er ist ein entscheidender Eckpfeiler
unserer gemeinsamen Bemühungen, die weitere Ausbreitung von Kernwaffen zu
verhindern und gleichzeitig den Vertragspartnern einen geeigneten Rahmen
zu bieten, um die Segnungen des friedlichen Atoms genießen zu können. Indem wir die Gefahr der weiteren Ausbreitung der Kernwaffen und das Risiko
eines Atomkrieges verringern, tragen wir ::ur Sicherheit und dem Wohlergehen aller Länder und Völker bei.

Mein zentrales Anliegen der Rüstungskontrolle ist die wesentliche Reduzierung und schließlich Abschaffung der Kernwaffen und die Befreiung
der Welt von der nuklearen Bedrohung. Zu diesem Zweck haben die Vereinigten Staaten in Genf radikale Verringerungen der Zahl der vorhandenen
Kernwaffen vorgeschlagen. Das ist nach meiner Überzeugung der direkteste
und beste Weg, wenn wir die Gefahr eines Atomkrieges beseitigen wollen.

Gleichzeitig bin ich der Überzeugung, daß verifizierbare Begrenzungen
der Nuklearversuche eine nützliche, wenn auch bescheidene Rolle spielen
können. Aus diesem Grunde habe ich am 29. Juli erneut meinen Wunsch geäußert, einen Prozeß in Gang zu setzen, der es den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion erlauben wird, die Basis für wirksam verifizierbare
Begrenzungen für unterirdische Versuche zu schaffen. Wir haben die Sowjetunion eingeladen, Beobachter mit allen Instrumenten ihrer Wahl zu ent-

�zu entsenden, um einen Nuklearversuch auf unserem Gelände zu messen. Diese Einladung ist an keine Vorbedingungen gebunden.

Ein weiteres wesentliches Ziel der Vereinigten Staaten ist der Aufbau
einer stabilen, kooperativen Beziehung zur Sowjetunion. Von den gemeinsamen Interessen unserer beiden Länder gehören die Vermeidung eines Krieges
und der Abbau des RüstungsStandes zu den wichtigsten. Wie ich bereits
früher erklärt habe, beginnt die Kooperation mit der Kommunikation, und
ich freue mich, im November mit Generalsekretär Gorbatschow zusammenzutreffen.

Alle Vertragsparteien des NPT tragen heute mit an der Verpflichtung,
eine Bestandsaufnahme zu machen, auf faire und ausgewogene Weise zu begutachten, wie die lebenswichtigen Ziele der Vertrages eingehalten werden
und sich zu überlegen, wie wir es noch besser machen könnten.
Wenn das Funktionieren des wichtigen Vertrages überprüft wird, dann
sollte die Konferenz auch die Tatsache feiern, daß er ein großer Erfolg
ist. Die Vereinigten Staaten bleiben feierlich den in dem Vertrag niedergelegten Zielen und seiner Vision einer stabileren und sichereren Welt
für alle Nationen verpflichtet."

Wie Präsident Reagan sagt, obliegt uns jetzt die Verantwortung, Bestandsaufnahmen für den NPT zu machen. Diese Aufgabe ist heute besonders
nützlich, da wir auf etwas mehr als der halben Strecke zwischen dem Inkrafttreten des Vertrages und der Frage seiner Verlängerung im Jahre 1995
angekommen sind.

Sicherlich gibt es eine Vielfalt von Meinungen, wie man die nukleare
Herausforderung bewältigen kann, und diese werden hier in diesem Saal in
den nächsten vier Wochen zum Ausdruck kommen.

Und so soll es auch sein.

Als freie Menschen verstehen und respektieren wir Amerikaner die Be-

�Amerikaner die Bedeutung der Meinungsvielfalt. Das konkrete Ergebnis dieser Konferenz sei es eine Schlußerklärung oder etwas anderes - ist weit
weniger wichtig als daß wir eine ehrliche und ausgewogene Überprüfung abhalten - mit ei- ner, wie ich sage, kompletten Vielfalt der Meinungen.
Ich bin mir ganz sicher, daß eine solche Überprüfung zutage bringen wird,
daß wir alle ein großes gemeinsames Interesse c.m NPT haben und daß dieser
Vertrag den Sicherheitsinteressen aller Lander dient.

Warum? Weil er unsere Welt sicherer gemacht: hat. Man kann von keinem
Vertrag verlangen, daß er mehr leistet. Wie einer unserer Gründerväter,
John Jay, in den Pörderalistischen Dokumenten erklärt hat: 'Von den vielen Zielen, denen ein kluges und freies Vok seine Aufmerksamkeit zuwendet, kommt die Vorsorge für seine Sicherheit an erster Stelle."

Der NPT wurde abgeschlossen, um drei Zielen und Zwecken zu dienen:
der Ausbreitung der Kernwaffen Einhalt zu gebieten, den Mitgliedsländern
zu helfen, friedliche nukleare Kapazitäten zu entwickeln und zu einem
weiteren Fortschritt in umfassenden Rüstungskontroll- und Abrüstungsmaßnahmen zu führen. Wie weit hat er diese Ziel erreicht?
Am besten sicherlich das erste Ziel, das zentrale Element des Vertrages, das allen Ländern zugute kommt. Ende der fünfziger und Anfang der
sechziger Jahre befürchtete man, daß der weiteren Ausbreitung der Kernwaffen kein Einhalt geboten werden könne. Ein Sonderausschuß der Nationalen Planungsvereinigung der Vereinigten Staaten sagte beispielsweise 1958
voraus, daß "bis 1970 alle Länder mit einer ins Gewicht fallenden militärischen Stärke ihr Arsenal an Kernwaffen besitzen werden - strategischen,
taktischen oder beiden." Ähnliche Befürchtungen führten z. T. zu einer
von Irland eingebrachten Resolution der Vollversammlung der Vereinten Nationen, die die Aufmerksamkeit auf die Gefahren der Weiterverbreitung und
die Notwendigkeit, ihr entgegenzutreten, lenkte. Präsident John F. Kennedy warnte zwei Jahre später vor einer Welt, die bis 1975 15 bis 20 Länder
mit Kernwaffen haben könnte.

Solche ängstlichen Erwartungen hätten zu einem diplomatischen Fata- 4 -

�diplomatischen Fatalismus und zur politischen Stagnation führen können.
Aber dem war nicht so. Die Führer der Welt waren klug genug, positive
Maßnahmen zu ergreifen, um der drohenden Gefahr zu begegnen. Das Ergebnis
war der Nichtweiterverbreitungsvertrag. Und seit seinem Inkrafttreten im
Jahre 1970 hat er eine wahrhaft entscheidende Rolle gespielt, der Weiterverbreitung der Bombe Einhalt zu gebieten. Wer hätte geglaubt, daß in den
folgenden 15 Jahren nur ein Land - Indien - einen nuklearen Sprengkörper
zünden würde? Es waren nur wenige Leute, aber es war doch so.

Als Ergebnis leben wir alle heute sicherer. Das ist zum Teil darauf
zurückzuführen, daß der Vertrag weitgehend eingehalten wurde, daß über
125 Länder bereit waren, auf den Erwerb von nuklearen Sprengsätzen zu
verzichten und für all ihre nuklearen Tätigkeiten die Sicherheitsbestimmungen der IAEA zu akzeptieren. Diese Schritte haben dazu beigetragen,
sowohl den innenpolitischen Druck als auch die internationalen Besorgnisse zu mildern, die sonst vielleicht einen Run auf Kernwaffen hätten auslösen können. Die Nichtweiterverbreitungs- wie auch die Sicherheitsbestimmungen des Vertrages haben beide als Grundlage für eine vernünftige
Politik der Versorgung mit nuklearem Material geführt.

Und was noch wichtiger ist, der Vertrag spiegelt mit seiner wachsenden Zahl der Parteien - allein seit der letzten Überprüfungskonferenz
sind 16 neue Länder dazugekommen - eine immer breitere universale Norm
für die Nichtweiterverbreitung wieder. Eine Welt mit vielen Nuklearmächten ist vermeidbar und muß vermieden werden. Wenn sich ein Staat auf den
Weg zum Erwerb dieser Waffen machen würde, dann würde ihm internationale
Besorgnis und nicht stillschweigendes Einverständis entgegenschlagen. Die
Beschaffung dieser Waffen würde auf internationale Verurteilung stoßen
und nicht auf Zustimmung. Diese zum Zeitpunkt der Schaffung des NPT aufgestellten Normen sind seither jedes Jahr verstärkt worden.

Alle Länder haben ein Interesse, die weitere Ausbreitung von Kernwaffen zu verhindern. Wir in den Vereinigten Staaten wissen, daß eine Welt
mit vielen Nuklearmächten unsere Sicherheit und die unserer Verbündeten
bedrohen würde. Aber die Ausbreitung von Kernwaffen würde in gleicher

�in gleicher Weise - wenn nicht noch mehr - die Nachbarn der neuen Waffen^
Staaten bedrohen und früher oder später die Sicherheit der neuen Besitzer
selbst untergraben. Alter Argwohn und Spannungen würden verschärft. Das
Risiko eines Konfliktes würde steigen. Das Ergebnis wäre weniger Sicherheit für jeden von uns und damit für uns alle.

Diese einfache Tatsache wird, wie ich sagte, weitgehend anerkannt.
Diese Anerkennung ist die Grundlage der Kooperation unter uns, um den NPT
und andere Vorkehrungen gegen die weitere Ausbreitung der Bombe aufrechtzuerhalten und zu stärken. Sie kommt in den Bemühungen vieler von uns in
Ost und West, blockgebunden oder blockfrei, zum Ausdruck, noch mehr Länder zu überzeugen, dem Vertrag beizutreten. Sie kommt im übrigen in der
Einhaltung des Vertrages durch jedes unserer Lander zum Ausdruck - was
ihn zu demtesteingehaltenenRüstungskontrollvertrag macht, den es je
gegeben hat,

Aber die Zusagen zur Einhaltung des Vertrages sind noch nicht genug.
Wir müssen unseren Worten Taten folgen lassen. Die Vereinigten Staaten
haben das getan, wie es in den Informationen dokumentiert wird, die wir
dem Vorbereitungsausschuß zugeleitet haben, ich möchte das kurz zusammenfassen:

Erstens, seit der Überprüfungskonferenz von 1980 haben wir unsere Exportbestimmungen verschärft, um es noch unwahrscheinlicher zu machen, daß
amerikanische Exporte zum Risiko einer Weiterverbreitung beitragen könnten. Wir haben uns mit anderen NPT-LieferStaaten verständigt, die sogenannten "Alarm-Listen" zu verbessern, die geschaffen wurden, um den Vertragspartnern zu helfen, ihre Verpflichtungen gemäß Artikel III einzuhalten.
Zweitens, haben wir alle Nuklearliefecländer aufgefordert, sich uns
in der Forderung nach umfassenden oder vollständigen Sicherheitsbestimmungen für die friedliche nukleare Tätigkeit eines Nichtwaffenstaates als
Voraussetzung für wesentliche neue Lieferzusagen anzuschließen. Vertragsparteien des NPT akzeptieren bereits solche umfassenden oder vollständi-

�oder vollständigen Sicherheitsbestimmungen für ihre friedlichen Tätigkeiten. Wenn von nicht dem Vertrag angehörigen Ländern die Annahme dieser
Sicherheitsbestimmungen als Voraussetzung für Lieferungen gefordert wird,
dann würde dies einer Gleichbehandlung entsprechen. Ferner würde die Aufgabe der IAEA erleichert, und es bestünde größere Gewähr für die friedlichen Absichten eines Landes auf nuklearem Gebiet. Wir sind weiter der
Überzeugung, daß alle Lieferländer eine solche Haltung einnehmen sollten.

Drittens, ebenfalls seit der letzten Überprüfungskonferenz ist das
Sicherheitsabkommen, das die Routineinspektion von friedlichen Nukleareinrichtungen in den Vereinigten Staaten erlaubt, verwirklicht

worden.

Die IAEA hat jetzt das Recht, ihre Sicherheitsbestimmungen auf über 230
private oder in Regierungsbesitz befindliche Nukklearanlagen anzuwenden.
Wir begrüßen Inspektionen jener Anlagen, die von der IAEA ausgesucht werden, als ein Mittel, um die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
wirksame Sicherheitsbestimmungen zu demonstrieren, und wir werden das
weiterhin tun.

Wir appellieren an andere, diesem Beispiel zu folgen. Wir sind erfreut über den kürzlichen Abschluß eines sowjetischen freiwilligen
Sicherheitsabkommen mit der IAEA, und wir hoffen, daß die Sowjets zusätzliche Typen und Zahlen von Anlagen für Sicherheitsbestimmungen zugänglich
machen werden. Wir hoffen, daß auch China für einige seiner Nukleareinrichtungen IAEA-Sicherheitsbestimmungen akzeptieren wird.

Viertens, die Vereinigten Staaten haben im Jahre 1981 das Protokoll I
des Vertrages von Tlatelolco ratifiziert, das eine kernwaffenfreie Zone
in Lateinamerika schafft. Durch diesen Akt haben wir uns verpflichtet,
keine Kernwaffen in amerikanischen Territorien in dieser Zone zu lagern
oder zu dislozieren. Wir hatten zuvor Protokoll II des Vertrages ratifiziert, wodurch sich die Vereinigten Staaten verpflichtet haben, gegen
Vertragsparteien des Vertrages von Tlatelolco keine Kernwaffen einzusetzen oder ihren Einsatz anzudrohen. Vor einigen Wochen wurde eine weitere
Initiative bekanntgegeben: der Entwurf für eine kernwaffenfreie Zone im
Südpazifik. Wir sind bereit, diesen neuen Vertragsentwurf mit Interesse

�mit Interesse und vorurteilslos zu prüfen.

Der NPT ist also ein großer Erfolg, wenn es darum geht, das erste
Ziel zu erreichen, nämlich der Ausbreitung der Kernwaffen Einhalt zu gebieten. Und, wie es in einem der berühmten Parkinsonschen Gesetze heißt:
Der Erfolg einer Politik kann an den Katastrophen gemessen werden, die
nicht eintreten. Die Weiterverbreitung, mit der man vor Jahrzehnten gerechnet hatte - diese Katastrophe - ist nicht eingetreten.

Wie sieht es nun in bezug auf das zweite Ziel des Vertrages, die Förderung der friedlichen Nutzung der Kernenergie aus? Hier ist das Bild
sehr gut.

Seit den ersten Tagen des Programmes "Atome für den Frieden" haben
die Vereinigten Staaten anderen Ländern dabei geholfen, friedlichen Nutzen aus der Kernenergie zu ziehen - um ihren Energiebedarf zu befriedigen, ihren Bedarf im Bereich der Medizin und der Gesundheitsvorsorge, in
der Wissenschaft, in der Industrie und in der Landwirtschaft. Wir waren
damals der Überzeugung - und sind es noch heute -, daß alle dem NPT angehörigen Staaten - insbesondere die Entwicklungsländer - eine legitimes
Recht haben, diese friedlichen Anwendungen zu betreiben und daß die Vertragsparteien besondere Vorteile erhalten sollten.

Während der gesamten bisherigen Laufzeit des Vertrags hat sich die
friedliche nukleare Zusammenarbeit zwischen den NPT-Vertragsparteien
ständig verstärkt. Die Nichtweiterverbreitungsverpflichtungen der Vertragsparteien schufen das Vertrauen, daß friedliche nukleare Hilfe und
Exporte nicht zur Herstellung von Kernwaffen mißbraucht würden. Dieses
Vertrauen hat überhaupt erst die Versorgung im Nuklearbereich ermöglicht.

Die Vergangenheit zeigt das Maß, in dem sich die Hilfe für die Vertragsparteien gesteigert hat. In den vergangenen 15 Jahren wurden zehntausende von Studenten aus den Entwicklungsländern in den Nuklearwissenschaften und in verwandten Bereichen ausgebildet, und diese Zahl nimmt
ständig zu. Fast 20 Entwicklungsländer besitzen jetzt eigene Forschungs-

�eigene Forschungsreaktoren. Und seit 1980 hat die IAEA fast 150 Millionen
Dollar an technischer Hilfe bereitgestellt - und damit die Mittel des
vorhergehenden Jahrzehnts mehr als verdoppelt, wobei der größte Teil dieser Gelder an NPT-Vertragsparteien ging.

Dies ist auch mit der Grund dafür, daß die Republik Korea nunmehr einen beträchtlichen Teil ihrer Elektrizität aus Kernenergie gewinnt. Mexiko, die Philippinen und Ägypten sind dabei, Kernkraftanlagen zu errichten. Andere dürften diesem Beispiel in den kommenden Jahren folgen.
Auch hier haben die Vereinigten Staaten erhebliche Hilfe geleistet,
wie ein paar Beispiele aus unseren Aktivitäten seit 1980 deutlich belegen:

— Praktisch die gesamte amerikanische Exportfinanzierung im Nuklearbereich - insgesamt über 1 Milliarde Dollar - ging an NPT-Vertragsstaaten.
— Es wurden spezielle Ausbildungsvereinbarungen getroffen, um Technologietransfer nur mit solchen Staaten ZJ fördern, die dem NPT oder dem
Vertrag von Tlatelolco angehören.
— Wir haben Hunderte von Stipendien für technische Ausbildung unter
der IAEA fast ausschließlich für NPT-Vertragssstaaten gewährt.

— Alle zusätzlichen amerikanischen Haushaltsmittel für Projekte
technischer Hilfe, die nicht durch die IAEA bereitgestellt wurden, gingen
an NPT-Vertragsparteien.

—Wir haben unsere Regeln und Vorschriften modifiziert, um die Lizensierung von Exporten in NPT-Vertragsparteien zu erleichtern.

—Und wir haben fast 22 Millionen Dollar für das technische Hilfsprogramm der IAEA ausgewiesen.

Zusammengefaßt: Was dieses zweite Ziel des NPT angeht, so haben wir
viele konkrete Maßnahmen ergriffen und erhebliche Mittel aufgewandt, um
- 9 -

�aufgewandt um friedliche Nuklearprogramnie zu fördern, die den Entwicklungsländern von echtem Nutzen sind. Wie stets kann auch hier mehr getan
werden. Wir werden auch weiterhin mit anderen zusammenarbeiten, um dazu
beizutragen, daß sichergestellt wird, daß uns allen der ganze Vorteil der
friedlichen Mög- lichkeiten des Atoms zuteil werden kann.

Das dritte - aber gewiß nicht das geringste - Ziel des NPT wird in
der Forderung von Artikel VI zum Ausdruck gebracht, nämlich nach "Verhandlungen in gutem Glauben über wirksame Maßnahmen in bezug auf die Beendigung des nuklearen Wettrüstens..." Genau zu diesem Zweck stehen die
Vereinigten Staaten mitten in einer ganzen Bandbreite von Rüstungskontrollverhandlungen. Wir sind unseren Verpflichtungen gemäß Artikel VI gerecht geworden - und werden dies auch weiterhin tun. Dennoch teilen wir
voll und ganz den Eindruck, der diesen Saal beherrscht und der sicherlich
hier noch seinen Ausdruck finden wird - daß nämlich die Ergebnisse dieser
Verhandlungen bislang enttäuschend gewesen sind.

Dieses Ziel beträchtlicher Rüstungskontrolle existiert unabhängig vom
NPT, obgleich dieser es eindeutig verstärkt. Keine andere Nation bzw.
Gruppe von Nationen hat eine stärkere Motivation hinsichtlich konkreter
Schritte zur Beendigung und Reversion des nuklearen Wettlaufs als wir.
Keine andere Nation bzw. Gruppe von Nationen wünscht mehr einen Fortschritt gemäß Artikel VI.

Ich würde sogar noch weiter gehen: Keine Nation bzw. Gruppe von Nationen wünscht Fortschritte in der Rüstungskontrolle mehr als die Vereinigten Staaten von Amerika. Verhinderung eines Atomkrieges und Bewegung in
Richtung auf das Ziel der Beseitigung der Kernwaffen sind Präsident Reagans oberste Prioritäten. Er hat es so oft gesagt: Ein Atomkrieg kann nie
gewonnen und darf nie geführt werden.

Viele von Ihnen werden im Lauf des kommenden Monats darauf verweißen,
wie dürftig der Fortschritt in Richtung auf das Ziel der Beseitigung der
Kernwaffen gewesen ist, seit der Vertrag in Kraft trat. Wir können dieser
Argumentation nur zustimmen, wenn vielleicht auch nicht mit den entspre-

-10-

�mit den entsprechenden Erklärungen.

Und dennoch sollten wir nicht außer acht lassen, daß einiger Fortschritt erzielt worden ist. Der ABM-Vertrag setzt Begrenzungen bei der
Dislozierung von Raketenverteidigungen; die SALT-Verträge begrenzten das
Anwachsen der strategischen Offensivkräfte - wenn sie sie leider auch
nicht verringerten.

Niemand kann leugnen, daß es heute schlicht und einfach zu viele
Kernwaffen auf der Welt gibt. Niemand kann leugnen, daß wir mit der
dringlichsten aller Aufgaben vorangehen müssen, diese Waffen zu verringern und schließlich zu beseitigen. Niemand kann leugnen, daß es hierzu
der Taten - und nicht der Worte - bedarf.

Die Vereinigten Staaten haben sich dieser Aufgabe voll und ganz verpflichtet. Wir verhandeln nicht nur intensiv und flexibel, sondern wir
haben auch zur Verringerung der Kernwaffen einseitige Schritte und Maßnahmen zusammen mit unseren Verbündeten unternommen. Seit der NPT in den
sechziger Jahren ausgehandelt wurde, haben die Vereinigten Staaten einseitig ihr totales Nukleararsenal um ein Viertel verringert. Seit Aushandlung des NPT haben wir, erneut einseitig, die Gesamtzerstörungskraft
unseres nuklearen Arsenals um gut über die Hälfte verringert. Und seit
der letzten Überprüfungskonferenz haben die Vereinigten Staaten gemeinsam
mit ihren NATO-Verbü'ndeten 1000 nukleare Gefechtsköpfe aus Europa abgezogen und danach noch einmal im Jahr 1983 den Entschluß gefaßt, weitere
1400 abzuziehen.

Seit der letzten Uberprüfungskonferenz - und erneut heute - schlagen
die Vereinigten Staaten der Sowjetunion vor, Beobachter, ausgerüstet mit
jeder Art von Instrument, die sie mitzubringen wünschen, zu einem unserer
Atomtests zu schicken. Wenn die Sowjets zustimmen - was wir hoffen -, so
kann dadurch ein Prozeß in Gang kommen, der wirksam dazu beiträgt, Begrenzungen bei unterirdischen Nuklearversuchen zu verifizieren.

Was uns anbelangt, so bleiben wir als langfristigem Ziel auch wei-

�Ziel auch weiterhin einem vollständigen Verbot von Nuklearversuchen verpflichtet. Aber wir sind nicht der Meinung, daß dies der nächste Schritt
bei unserem Bemühungen um einen Abbau der nuklearen Bedrohung sein sollte. Ein Verbot von Atomversuchen würde nicht die Anzahl der Kernwaffen
verringern. Und unsere dringlichste Aufgabe muß eine erhebliche Verringerung der bestehenden nuklearen Arsenale sein.

Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten seit der letzten Überprüfungskonferenz - erst bei den START- und INF-Verhandlungen sowie nunmehr bei den Genfer Nuklear- und Weltraumverhandlungen - weitreichende
Vorschläge zur radikalen Verringerung der Anzahl strategischer ballistischer Raketen, ihrer Gefechtsköpfe sowie ihres Zerstörungspotentials auf
den Tisch gelegt. Es sind diese Systeme, die heute die ernsteste Bedrohung darstellen. Zusätzliche Vorschläge der Vereinigten Staaten würden
eine ganze Kategorie von Kernwaffen abschaffen - die sogenannten nuklearen Mittelstreckensysteme. Unser Ziel ist es, in die Rüstungskontrolle
Bewegung zu bringen: konkrete Abkommen auszuhandeln, die wirksam, verifizierbar und ausgewogen bei der Behandlung beider Seiten sind.

In wenigen Wochen wird in dieser Stadt die nächste Runde der Nuklearund Weltraumverhandlungen aufgenommen. Wir wissen, daß es dabei um viel
geht. Wir sind auch weiterhin davon überzeugt, daß Abkommen erzielt werden können, die die Stabilität stärken und der Sicherheit aller Länder
dienen würden.
Wie sieht es also 15 Jahre nach Inkrafttreten des Vertrags damit aus,
was in Verfolg dieser drei Ziele geleistet worden ist? Eine gute Note
gilt es für das erste Ziel der Einhaltung der Nichtweiterverbreitung von
Kernwaffen auszustellen; ein eindeutig positives Ergebnis auch bei der
Förderung der friedlichen Nutzung der Kernenergie; aber trotz fortgesetzter Verhandlungen weniger Fortschritt als erwartet beim Erreichen solider
Rüstungskontrollabkommen. Wie sieht die Gesamtwertung aus? Hat der NPT
unter dem Strich den Interessen seiner Vertragsparteien erfolgreich gedient?

Schauen wir - 12 -

�Schauen wir - bevor wir zu dieser abschließenden Bewertung gelangen noch einmal auf die vier Jahrzehnte seit Anbruch des Atomzeitalters zurück. Seither wurden die Kernwaffen glücklicherweise nicht als eben nur
hypergewaltige konventionelle Waffen betrachtet. Sie wurden in über vier
Jahrzehnten nicht eingesetzt.

Gleichzeitig erlebte man in den vier Jahrzehnten des nuklearen Friedens vier Jahrzehnte der unzähligen kleineren Kriege, die Hunderttausenden das Leben kosteten. Die Liste der Länder, nuklear oder nichtnuklear,
die in solche Konflikte verwickelt waren, würde viele Seiten füllen.
Stellen wir uns nur einen Augenblick lang die Folgen für all unsere Mitbürger und für die Welt vor, wenn auch nu: in einem dieser Konflikte
Kernwaffen eingesetzt worden wären.

Hierin liegt die abschließende Bewertung des Atomsperrvertrags. Er
war ein sehr guter Eckpfeiler für den Erfolg, dessen wir uns bislang erfreut haben, wenn es darum ging, eine weitere Verbreitung dec Kernwaffen
zu verhindern. Er war - und ist auch weiterhin - ein moralischer und politischer Imperativ für die derzeitigen Kernwaffenstaaten, zusätzliche
Maßnahmen auszuhandeln, um die Drohung durch einen Atomkrieg zu verringern und letztlich zu beseitigen. Beide Aspekte dienen der Sicherheit eines jeden, in diesem Saale vertretenen Landes und liegen auch im Interesse jener, die nicht Mitglied sind. Wir sollten außerdem auch nicht den
Beitrag vergessen, den der Vertrag dabei leistet, die Vorzüge der friedlichen Nutzung des Atoms verfügbar zu machen.

Deshalb war der NPT aus der Sicht der Vereinigten Staaten und als
Ganzes gesehen, bislang sehr erfolgreich. Ohne ihn wäre die Welt ganz
einfach ein weit gefährlicherer Ort. Dies ist ein entscheidender Punkt,
den wir nie außer Acht lassen dürfen, auch wenn wir von dem Fortschritt
in dem einen oder anderen speziellen Bereich enttäuscht sind.

Wollen wir deshalb in den kommenden Wochen hier die Erfolge des Vertrags anerkennen, während wir zugleich den Blick dafür behalten, wo es
noch des weiteren Fortschritts bedarf. Die Vereinigten Staaten werden ih- 13 -

�Staaten werden ihre Vorstellungen offen darlegen und sie werden ihren
Aussichten aufmerksam zuhören.

Am wichtigsten aber ist, daß wir uns erneut den Prinzipien und Zielsetzungen des Vertrages verpflichten. Sie waren solide, als der Vertrag
geboren wurde. Und sie sind auch heute noch solide. Wir werden bei dieser
erneuten Verpflichtung an Ihrer Seite stehen. Und wir werden auch an Ihrer Seite stehen, wenn es darum geht, daß unsere Taten auch in Zukunft
diese Prinzipien verwirklichen. Und wir werden an Ihrer Seite stehen, um
weiter auf den Erfolgen des Vertrages aufzubauen.

Das erwartet die Welt von uns. Und wir können es uns nicht leisten,
hinter diesem Anspruch zurückzubleiben.

* * * * *

- 14

�4

Wi//cn/chcift
und Technik

II M \ UV

• i\ I d i; Li ri

United States Information Service
Embassy ot tne United States of America

4. September 1385

35

ZUGANG ZJ US-NACHRICHTENSATELLITEN SOLL ALLEN NATIONEN OFFENSTEHEN
- Flexibilität - Schlüssel zu wirtschaftlichem Betrieb -

- (AD) •- Delegierte aus mehr als 120 Ländern, die dem Verband der Internationalen Fernmeldeunion

(ITU) (mit insgesamt 159 Mitgliedsstaaten)

angehören, erörtern derzeit in Genf Fragen der weiteren Stationierung von
Nachrichtensatelliten im Weltraum. Allen Nationen soll der Zugang offenstehen, gleichzeitig

soll er den

jeweiligen Erfordernissen angemessen

sein.

Auf dieser "World Administrative Radio Conference on the Use of the
Geostationary Orbit and the Planning of Space Services Utilizing It" (abgekürzt "Space WARC", für "Internationale Verwaltungskonferenz über die
Benutzung geostationärer Bahnen und die Planung von Dienstleistungen")
stehen u.a. die Zuteilung und Ausnutzung von Frequenzen, aber auch eine
mögliche Reservierung von Frequenzen für eine spätere Verwendung zur Diskussion. Letzteres ist vor allem für Entwicklungsländer von Interesse,
die heute nicht über Fernmeldesatelliten verfügen, jedoch irgendwann eigene Satelliten betreiben wollen.

"Space WARC" ist in zwei Sitzungsperioden unterteilt. Die gegenwärti-

Postfach 20 03 00
D 5300 B o n n 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Die gegenwärtige erste Periode (8. August bis 14. September 1985) gilt
der Planung. In der für 1988 vorgesehenen zweiten Sitzungsperiode will
man sich auf die Durchführung jener Pläne von 1985 konzentrieren, die
sich in der Zwischenzeit als erfolgreich erwiesen haben.

Science Fiction wurde Wirklichkeit

Künstliche Erdsatelliten und ihre Stationierung in einem "erdsynchronen" Orbit, von Arthur C. Clarke im Februar 1945 vorgeschlagen, galt damals als eine Utopie, wurde bestenfalls als Science Fiction akzeptiert.
Heute, 40 Jahre später, ist beides Realität. Mindestens 138 Nachrichtensatelliten befinden sich gegenwärtig auf dieser Umlaufbahn in ca. 35 680
km Höhe über dem Äquator. Dort ist die Umlaufgeschwindigkeit eines Satelliten um unsere Erde gerade so groß wie deren Umdrehungsgeschwindigkeit,
so daß er in Relation zu Stationen auf der Erdoberfläche am Himmel stillzustehen scheint. Das bedeutet, daß er ständig als Relaisstation verfügbar ist. Im Gegensatz zu den ersten Nachrichtensatelliten, die die Erde
in geringeren Höhen umkreisten, verschwindet er nicht nach gewisser Zeit
hinter dem Horizont.

Die modernen Nachrichtensatelliten ermöglichen Verbindungen von Punkt
zu Punkt, aber ebenso von einem Punkt ;:u zahlreichen anderen Stationen
gleichzeitig. Sie übermitteln Funk- und Fernsehsendungen, Wetterberichte
und Vorhersagen, Daten jeder Art und Vielfalt, Telefongespräche zwischen
Kontinenten und rund um die Erde. Manche werden von einzelnen Ländern,
andere von regionalen und internationalen Organisationen betrieben. Der
Einsatz von rund 160 weiteren Nachrichtensatelliten ist vorgesehen.

Aber der geostationäre Orbit ist eine nicht veränderbare Größe. Und
das bedeutet, daß er nur eine bestimmte Zahl von Satelliten aufnehmen
kann. Sich Gedanken darüber zu machen, wie man seine ÜberfüLlung und eine
Schmälerung der übertragungsqualitat durch Interfrequenzen vermeiden oder
zumindest eingrenzen kann, ist eine der Hauptaufgaben der gegenwärtigen
Konferenz.
Die

Industrieländer

�Die Industrieländer halten eine Neuformulierung der ITU-Abmachungen
nicht für notwendig. Nach ihrer Meinung ermöglicht der Fortschritt der
Technik eine ständige Ausweitung der Kapazitäten des Funkspektrums, womit
man dem wachsenden Bedarf noch immer voraus sei. Dem halten vor allem
Entwicklungsländer

entgegen, daß es für sie keine Orbitalposition und

keine Frequenzen mehr geben werde, wenn sie später einmal in der Lage
seien, eigene Satelliten einzusetzen. Se.'.bst wenn ihnen durch technische
Fortschritte doch noch ein Zugang bliebe, würde dies so teuer, daß sie
ihn sich gar nicht leisten könnten. Deshalb solle für sie jetzt schon ein
Teil der weniger kostspieligen niedrigeren Frequenzbereiche des Funkspektrums bis zu dem Zeitpunkt reserviert werden, an dem sie die neue Technik
nutzen könnten.

Schlüssel: Flexibilität

Gegenwärtig werden Positionen im Orbit und Betriebsfrequenzen für alle geostationären Satelliten von der ITU zugeteilt. Sie tut dies jedoch
erst dann, wenn das betreffende Land nachweist, daß es einen Satelliten
innerhalb von fünf Jahren starten bzw. starten lassen kann. Die ITU, eine
Organisation der Vereinten Nationen, handhabt die Bestimmungen unbürokratisch und flexibel.

Die Vereinigten Staaten plädieren dafür, diese Flexibilität auch in
Bezug auf den Ausbau von Übertragunsfrequenzen zu erhalten. Sie verfügen
über die umfassendsten Erfahrungen und haben selbst viel in den Betrieb
und die Planung von Nachrichtensatellitennetzen investiert. Darüber hinaus spielten und spielen sie eine führende Rolle in technischen Verbesserungen zur Steigerung der Kapazität einzelner Satelliten wie zur Plazierung einer größeren Anzahl von Satelliten in bestimmten geostationären
Or b i ta1abschn i tten.
•

In einem am 1. März 1985 von der Bundeskommission für das Fernmeldewesen (FCC) vorgelegten Bericht heißt es u. a., die US-Regierung "bleibt
- 3 -

�US-Regierung "bleibt offen für ein breites Spektrum von Optionen, die 'in
der Praxis gleichbe rechtigten Zugang für alle' herbeiführen". Die notwendige Flexibilität, aber auch die gerechte Verteilung der Zugänge zum
Satellitenorbit werde durch eine langfristige Reservierung und damit die
Blockierung nicht genutzter Frequenzbänder nur beeinträchtigt. Für niemanden ergäte sich dadurch ein Vorteil.

Allerdings schlagen die Vereinigten Staaten vor, Entwicklungsländern
generell bestimmte Abschnitte des Funkwollenspektrums, und zwar im Bereich zwischen 3700 und 7075 Megahertz [im sog. C-Band mit 4 - 6

Giga-

hertz), vorzubehalten. Mit dem als ein "Expansionsband" definierten Bereich erhielten Entwicklungsländer die Gewähr für einen späteren Zugang
zum geostationären Orbit. Auf diesem Band könnten sie eine große Zahl von
Nachrichtenverbindungen

für

ihren Inlandsbedarf unterbringen, und zwar

auf relativ wirtschaftliche Weise. Demgegenüber lägen die Betriebskosten
bei Benutzung höherer Frequenzen, etwa bei 11 - 14 Gigahertz, um 40 Prozent höher.

Dem amerikanischen Vorschlag zufolge müßte ein Land der ITU bereits
15 Jahre im voraus jeden Plan zum Start eines Nachrichtensatelliten zur
Kenntnis bringen und innerhalb von fünf Cahren die auf den neuesten Stand
gebrachten technischen Details vorlegen, Die Vereinigten Staaten seien
dann ihrerseits bereit, für mindestens zehn Jahre auf die Benutzung dieser Expansionsbänder

im Inlandsfernmeldewesen freiwillig zu verzichten.

Sie appellieren an andere Industrieländer, sich diesem Schritt anzuschließen.

Die USA verweisen darauf, daß einem erhöhten Bedarf an Stationierungsplätzen im erdsynchronen Orbit und an Frequenzen durch allmähliche
Verringerung der Abstände zwischen den einzelnen Statelliten Rechnung getragen werden könne. Gegenwärtig sind diosem Näherrücken Grenzen gesetzt,
weil bei zu geringem Abstand zweier Satelliten voneinander die Gefahr besteht, daß sich die von beiden ausgestrahlten Signale überlagern, es zu
Interferenzen kommt. Diese Störungen lass;en sich durch technische Verbesserungen bei Satelliten wie Erdefunkstollen reduzieren oder ganz aus-

�oder ganz ausschalten, wie auf Grund vor. neuen Forschungsergebnissen zu
erwarten ist und wie es in geringem Umfang bereits praktiziert wird.

Auch durch neue Positionierungsverfahren ließen sich Verbesserungen
erzielen. So eruiert gegenwärtig die NASA (US-Bundesbehörde für Luft- und
Raumfahrt) Möglichkeiten zur Unterbringung einer Vielzahl von Satelliten
auf einer Weltraumplattform, mit der danr eine bestimmte Position im Orbit besetzt wird. Gegenwärtig

ist für jeden einzelnen Satelliten eine

spezielle Position erforderlich.

Zu den technischen Fortschritten zählen neben einer ständig mehr ausgeweiteten Nutzung von Mikrowellenfrequenzen, insbesondere in Richtung
noch kürzerer Wellen, die Mehrfachverwendung einer bestimmten Frequenz
durch mehr als nur eine Antenne mit Abstrahlung in geographisch getrennte
Gebiete. Dann werden polarisationstechni&lt;en angewandt, um die Kapazität
von Satelliten zu verdoppeln. Bei der Konstruktion von INTELSAT V wurde
die Frequenz-Mehrfachverwendung bereits berücksichtigt, und diese Verwendungsmöglichkeit wurde durch Polarisation noch verdoppelt. INTELSAT VI
ist nun so angelegt, daß, in Verbindung nit noch moderneren Technologien,
seine Kapazität doppelt so groß wie die von INTELSAT V sein wird. Im Rahmen der rasch voranschreitenden Modernisierung spielt auch die digitale
Modulation, durch die sich die Kapazität eines Kanals pro Satelliten-Transponder um das Drei- bis Zehnfache steigern läßt, eine wichtige
Rolle.

Gemeinsame Satellitennutzung
Eine gemeinsame Nutzung einzelner Satelliten trägt viel dazu bei, die
Kosten zu senken. Am bekanntesten ist wohl die Internationale Fernmeldesatelliten-Organisation (INTELSAT). Die von ihr betriebenen 15 Satelliten
im geostationären Orbit dienen 162 Mitgliedstaaten und Benutzern in aller
Welt. Sie bedient die stark in Anspruch genommen transatlantsichen und
traspazifischen Routen, ermöglicht aber ebenso nationale und internationale Verbindungen für "Kleinverbraucher" und in weniger frequentierten

�weniger

frequentierten

Regionen. Darüberhinaus

vermietet

sie Übertra-

gungskapazitäten an derzeit 24 Staaten, vor allem an Entwicklungsländer,
für deren Inlandsbedarf.

Daß regionaler Gemeinschaftsbetrieb die Systeme besser nutzt, stellen
Europa mit EÜTELSAT (mit 24 angeschlossenen Ländern), die PALAPA-Systeme
Indonesiens und ARABSAT unter Beweis. Indien erzielte durch seinen im August 1983 vom Raumtransporter CHALLENGER aus zum geostationären Orbit gestarteten

INSAT-Satelliten

spektakuläre Einsparungen: Mit Aufwendungen

von 130 Millionen Dollar waren Leistungen auf den Gebieten von Telefonund Wetterdienst, Fernsehübertragungen ind Funksendungen s:u den entlegendsten Dörfern zu erzielen, die beim Einsatz von erdgebundenen Systemen
schätzungsweise ein Siebentausendfaches gekostet hätten. Indische Wissenschaftler hatten gemeinsam mit Ford AEROSPACE den Satelliten entwickelt.

Die Bedienung der Fernmeldesatelliten erfordert Fachleute. Seit der
Gründung des USTTI

(U.S. Telecommunications Training Institute) im Jahr

1983 wurden dort 370 Manager und Techniker aus 71 Entwicklungsländern in
den einschlägigen Fachgebieten ausgebildet. Dazu zählen z.B. Hochfrequenz-Funktechnik, Satellitensysteme für die Bedienung ländlicher Gebiete
und der Betrieb von Rundfunk- uind FernsehSystemen. Für die Jahre 1985/86
sind bereits 400 Kandidaten für 27 weitere Kurse vorgemerkt.

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan will Gorbatschow auf halbem Wege entgegenkommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Zugang zu sowjetischen Meiden würde den Dialog verbessern -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan würdigt Atomsperrvertrag als historische Leistung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ansprache des US-Abrüstungsbeauftragten in Genf -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zugang zu US-Nachrichtensatelliten soll allen Nationen offenstehen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Flexibilität - Schlüssel zu wirtschaftlichem Betrieb -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SriGN ^

35

4. September 1991

INNENPOLITIK

"AUSSERGEWÖNLICHES" in der
AMERIKANISCHEN POLITIK
von Byron E. Shafer

HOCHTECHNOLOGIE
IN AMERIKA

DER "ROSTGURTEL"WIRD AUFPOLIERT
von Bennett Harrison

SOWJETUNION

WELTWEIT BEGRÜNDETES INTERESSE
AN EREIGNISSEN IN DER SOWJETUNION
Rede von US-Verteidigungsminister
Cheney bei der APSA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�AMERIKA HEUTE
4. September 1991

"AUSSERGEWÖHNLICHES" IN DER
AMERIKANISCHEN POLITIK?
von Byron E. Shafer
Byron E. Shafer ist der Andrew W. Mellon Professor of American Government am Nuffield College der Universität Oxford (England). Er ist Autor von Blfurcated Politics: Evolution and Reform in the National Party
Convention (1987), The Changing Structure of American Politics (1986) und Quiet Revolution: the
Struggle for the Democratic Party and the Shaping of Post-Reform Politics (1983). Der nachstehende
Artikel erschien 1989 in PS: Political Science &amp; Politics.
(c) 1989 by the American Political Science Association.
Selbst für die aufmerksamsten amerikanischen Beobachter birgt die Innenpolitik ständige Überraschungen.
Vielen ihrer ausländischen Kollegen erscheint sie
geradezu unbegreiflich. Gibt es etwas in der amerikanischen Politik, das aus der Sicht der übrigen Welt
tatsächlich anders oder sogar einzigartig ist? Etwas,
das impliziert, daß diese Politik nur im Hinblick auf die
besonderen Merkmale des politischen Gesamtsystems
verstanden werden kann, in dem sie sich vollzieht?
Etwas, das den althergebrachten Ausdruck für eine
praktisch kaum zu vermittelnde Eigenheit rechtfertigt etwas "Außergewöhnliches"?
Wenn die Innenpolitik etwas Außergewöhnliches an
sich hat, so ist es per definitionem in einem oder
mehreren von drei Bereichen anzutreffen. Es muß in
der Einstellung der Öffentlichkeit an der Basis dieser Politik zu finden sein, insbesondere in dem, was die
Menschen von der Politik erwarten oder wie sie über
den Prozeß der Durchsetzung politischer Ziele denken. Es muß in den Schlüsselorganisationen inmitten dieser Politik anzutreffen sein, die den einzelnen
Bürger mit den Regierungsinstitutionen - vornehmlich
politischen Parteien und Interessengruppen - verbindet. Und/oder es mu ß in unterschiedlicher Gestaltung
oder bestimmten Verfahrensweisen an oberster Spitze dieser Regierungsinstitutionen selbst anzutreffen sein.
Um die Analyse vorwegzunehmen: Meines Erachtens
gebührt dem breiten Spektrum amerikanischer nationaler Institutionen der Begriff außergewöhnlich. Ich
bin sicher, daß die Kernstruktur, die Art und Verhalten
unserer Parteien gliedert, sich dafür qualifiziert. Und
ich vermute, daß eine besondere und weitverbreitete
Einstellung gegenüber der Politik sich ebenfalls unterscheidet - obwohl ich mir dabei nicht so sicher bin.

AMERIKA DIENST 35

Das zentrale Element jedes vermeintlich Außergewöhnlichen in den offiziellen Institutionen der nationalen Regierung ist jedenfalls die Gewaltenteilung, die
besonders augenfällig durch die gleichrangige Judikative mit der Macht der "richterlichen Nachprüfung" ist.
Das zentrale Instrument, das die gesamte Durchsetzung politischer Ziele um diese Institutionen herum
gestaltet, ist die - meines Erachtens in der Weltpolitik
einzigartige - weitreichende Erfindung der Vorwahlen. Und das Gesamtkonzept, das die öffentliche
Einstellung zur Politik charakterisiert, ist ein einzigartig
amerikanisches - als Populismus bezeichnetes - Gefüge
von Werten, wenn nicht sogar eine Ideologie. Wenn
sie alle zusammengenommen - übereinandergeschichtet werden oder interagieren - ist das Ergebnis ein
politisches Leben, das für die übrige Welt zweifelsohne
verblüffend ist.
Gewaltenteilung
Das vertrauteste dieser Elemente ist die Gewaltenteilung , die durch die richterliche Nachprüfung am augenfälligsten wird. Obwohl dieser einzelne zentrale Aspekt
der verfassungsmäßigen Gestaltung amerikanischer
Politik in seinen Einzelheiten allen Beobachtern vertraut ist, kann man seine kollektive Bedeutung dennoch leicht mißverstehen.
Inzwischen ist es eine Binsenwahrheit, daß in den
Vereinigten Staaten in den drei Hauptbereichen der
nationalen Regierung - Exekutive, Legislative und
Judikative - eine tatsächliche Gewaltenteilung nicht
so sehr existiert. Vielmehr gibt es "getrennte Institutionen mit gemeinsamen Gewalten", so daß drei
autonome Regierungsbereiche um die Kontrolle dieses grundlegenden Einflusses auf die öffentliche Politik konkurrieren. Wie dem auch sei - die Auswirkungen
sind nach wie vor enorm.
Seite 1

�Nicht nur, daß der Regierungschef und die Legislative
in den Vereinigten Staaten getrennt und unabhängig
gewählt werden, ist an sich schon eine Ausnahme in
der Weltpolitik, sondern auch die beiden Häuser der
Legislative, von denen jedes voll und ganz in der Lage
ist, Gesetze einzubringen oder zu blockieren und mit
den anderen Institutionen zu verhandeln oder selbst zu
überprüfen. Es ist in der Tat - gewöhnlich - häufig, daß
eine oder mehrere dieser Institutionen in den Händen
der Oppositionspartei ist. In 24 der 42 Nachkriegsjahre
war dies der Fall, und es wird auch in den nächsten vier
Jahren sicherlich noch so sein.

einzelnen Bereichen der nationalen Regierung selbst,
aber auch zwischen und mit untergeordneten Regierungen und zwangsläufig zwischen all den in ihnen
repräsentierten Interessen von außen. Infolgedessen
garantieren diese verfassungsmä ßige Struktur und die
damit einhergehende Durchsetzung politischer Ziele
ein konstantes Überdenken und dann erneutes Aushandeln aller politischen Vereinbarungen, die keinen
nationalen Konsens erzielt haben - eine Entwicklung, die von einigen als geniale Gabe der amerikanischen Politik, von anderen als ihr Fluch angesehen
wird.

Dies ist jedoch nur der Anfang. Für die Vereinigten
Staaten ist - oder wurde - die vom Obersten Gerichtshof geleitete Judikative eine nationale Institution, in der
Politik gemacht wird und die den anderen Institutionen
wie Präsidentschaft, Senat und Repräsentantenhaus
völlig gleichwertig ist. Einiges davon ist derföderativen
Struktur der amerikanischen Regierung immanent:
Wenn 50 Regierungen der Bundesstaaten ebenfalls
Gesetze erlassen, muß irgendjemand ihre Widersprüche lösen. Wenn die Regierungen der Bundesstaaten
die Bundesregierung zur Kontrolle der öffentlichen
Politik auffordern, muß auch hier jemand die widersprüchlichen Ergebnisse schlichten.

Vorwahlen

Viele Bereiche dieser gleichwertigen Rolle der Judikative werden zusätzlich implizit oder explizit durch die
als "richterliche Nachprüfung" bezeichnete Gewalt
geschaffen. Wiederum wird ein offenkundiger Aspekt
der amerikanischen Regierung - der entscheidende
Ort der richterlichen Nachprüfung - häufig ignoriert, will
nicht wahrgenommen werden, wenn Auswirkungen für
die Politik erörtert werden. Dennoch kann der Oberste
Gerichtshof in den Vereinigten Staaten natürlich jedes Gesetz, einschließlich derer, die von beiden Häusern
des Kongresses verabschiedet und vom Präsidenten
unterzeichnet wurden, als verfassungswidrig und damit
für null und nichtig erklären. Etwas informeller kann
der Gerichtshof auf diese Gewalt zurückgreifen, weiterzugehen und vorzuschlagen, wie das geeignete
Gesetz - geeigneterweise das "verfassungsgemäße"
Gesetz - aussehen könnte.
Infolgedessen fallen viele der großen Themen der
Nachkriegspolitik - Bürgerrechte, bürgerliche Freiheiten, Wahlnominierungen, Strafrecht, Religion im öffentlichen Leben, moralische Grundsätze, selbst das
Gleichgewicht zwischen Exekutive und Legislative grundsätzlich in die Domäne des Obersten Gerichtshofes. Einige andere Nationen haben begonnen,
diese Struktur zu kopieren, und zwar eben wegen ihrer
Rolle bei diesen Themen. Keine ist so weit gegangen.
Entsprechend seiner Rolle in der amerikanischen Politik
gelingt es dem Obersten Gerichtshof, die Auswirkungen des gesamten verfassungsmäßigen Gefüges als
eine Struktur zu verstärken und zu verkörpern, die
ständige Verhandlungen erfordert - zwischen den

Seite 2

Dieser anfängliche Überblick, so meine ich, erstreckt
sich auf bekanntes Terrain. Doch gerade weil dies so
grundlegend und vertraut ist, wird es in Betrachtungen
über mögliche außergewöhnliche Elemente der amerikanischen Politik häufig außer acht gelassen - oder
nahezu als unerheblich abgetan.
Das wichtigste organisatorische Instrument, das die
Verbindung zwischen diesen Regierungsinstitutionen
und der sie umgebenden Gesellschaft gestaltet, fällt in
eine völlig andere Kategorie. Dieser organisatorische
Mechanismus besteht überall in der amerikanischen
Politik. Seine Konsequenzen sind in nahezu jedem
Bereich der amerikanischen Regierung spürbar. Dieses Instrument ist auch außerhalb der Vereinigten
Staaten wohlbekannt, aber schlecht verstanden - ein
eigenartiger Zustand, der aus der Tatsache resultiert,
daß es offensichtlich zwar wichtig, aber im Weltmaßstab so eigentümlich und charakteristisch ist, daß es
nur schwer interpretiert werden kann.
Bei diesem Instrument handelt es sich natürlich um die
Primary - die "Vorwahl". Formal betrachtet ist eine
Vorwahl eine von der Regierung veranstaltete offene
und öffentliche Wahl mit dem Ziel, für jede wichtige
politische Partei Kandidaten für den folgenden allgemeinen Wahlkampf zu nominieren. Selbst wenn eine
Vorwahl auf die Mitglieder der politischen Partei beschränkt ist: "Mitgliedschaft" bedeutet für gewöhnlich
nur, daß man bei seiner Registrierung als Wähler eine
Präferenz für eine bestimmte Partei geäußert hat.
Häufig sind jedoch Vorwahlen für öffentliche Ämter
nicht einmal auf diese Minimaldefinition der Parteimitgliedschaft begrenzt.
Ein solches offenes - im Weltmaßstab jedoch zunehmend merkwürdiges - Verfahren hat bedeutende politische Folgen. Dazu gehören fast schon per definitionem Folgen für den Prozeß der Nominierung für ein
öffentliches Amt. Folgen entstehen jedoch auch für die
Art von Kandidaten und deren Wahlkämpfe sowie für
die Struktur und Funktionsweise politischer Parteien.
Die Auswirkungen politischen Handelns durch Vorwahlen beeinflussen nach unten sogar schon die Rolle
des einzelnen Bürgers, die "soziale Basis" der Politik,

AMERIKA DIENST 35

�so wie sie auch den oberen Bereich erfaßt haben und
den praktischen Betrieb der nationalen Regierungsinstitutionen betreffen, jene "getrennten Institutionen mit
gemeinsamen Gewalten".
Offenkundig bedeutet Föderalismus mit Gewaltenteilung, daß Regierungsvertreter - von denen die meisten
in der nationalen Regierung anzutreffen sind - in ihren
eigenen, lokalen und getrennten Bezirken mit ihren
besonderen und unabhängigen Wahlkreisen gewählt
werden.
Schon dies allein würde die Einwohner dieser Wahlkreise zu der Forderung ermutigen, daß ihre Kandidaten zuallererst die besonderen Wünsche des Bezirks
vertreten. Aber wenn diese Einwohnerin einer offenen
Wahl über die Nominierung ihrer Kandidaten abstimmen können, besitzen auch sie ein weiteres institutionelles Mittel, um zu gewährleisten, daß ihre Wünsche
respektiert werden.
Aus der Sicht der Kandidaten sieht die Gleichung zwar
anders aus, aber das Ergebnis wird dadurch nur noch
verstärkt. Praktisch jeder kann eine persönliche
Kampagne um die Nominierung einer Partei für ein
öffentliches Amt führen. Zwar kann natürlich nicht
annähernd jeder gewinnen, aber jeder kann sich bewerben. Im weiteren Sinne folgt daraus noch, daß
sich jeder, der ein Gebiet vertreten möchte, bewerben
muß - eine zunehmend unabhängige und persönliche
Kampagne für die Nominierung führen muß. Persönlicher (und individueller) Untemehmergeist, nicht Dienst
an einer Partei oder Parteibindung wird bei einem
solchen Verfahren begünstigt.
Doch auch in den sich daraus ergebenden persönlichen, individuellen und unternehmerischen Kampagnen ist der sicherste Weg zum Erfolg die Identifizierung wichtiger lokalpolitischer Präferenzen, die von
dem gegenwärtigen Amtsinhaber nicht ausreichend
befriedigt werden. Mit anderen Worten: das Instrument der Vorwahl garantiert, daß die Wahlkampagnen
von wichtigen lokalen Anliegen - und nicht irgendeiner
nationalen Parteiideologie - beherrscht werden. Daraus folgt überdies, daß in einem solchen System
Parteien als Wählerorganisationen wahrscheinlich keine
dominierende Stellung einnehmen. Der Terminus "die
Nominierung der Partei" erhält in der Tat einen seltsamen Beigeschmack, wenn der offiziellen Partei von
den Wählern ein Kandidat aufgezwungen werden kann,
obwohl die Parteifunktionäre geschlossen jemand
anderen unterstützt haben. In einem solchen System
werden Parteien letztlich zu einem offenen Rahmen, in
dem die nächste Verhandlungsrunde stattfinden kann.
Für eine Gesellschaft, die eine relativ extreme Form
der Gewaltenteilung als institutionellen Rahmen für
ihre Regierung verwendet, birgt dies praktische Vorteile. Die charakteristische Flexibilität politischer Parteien, die sich der Vorwahl bedienen, um ihre - lokal
gewählten und zwangsläufig vielfältigen - Kandidaten

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zu bestimmen, erklärt bereits zu einem Großteil, wie
man in den vielen Jahren, in denen die Parteikontrolle
über wichtige politische Institutionen geteilt ist, bequem regieren kann. Dieses im internationalen Vergleich eigentümliche Instrument besitzt sogar praktische Vorzüge im Hinblick auf die demokratische Theorie. Eine mit Vorwahlen gekoppelte Gewaltenteilung
trägt wesentlich zur Erklärung der Tatsache bei, wie
ein breites Spektrum unterschiedlicher - selbst unvereinbarer - öffentlicher Anliegen angesprochen und
gleichzeitig unterschiedliche Mehrheitskoalitionen zu
diesen Themen gebildet werden können.
Ob dies jedoch im Gesamtkontext eine Tugend ist oder
nicht, es unterscheidet sich in der Praxis radikal von
den Verfahrensweisen anderer Demokratien. Darüber
hinaus verschärft das System der Nominierungen durch
Vorwahlen eindeutig die besonderen Neigungen von
"getrennten Institutionen mit gemeinsamen Gewalten". Dazu würde sicherlich die Neigung gehören, zu
verhandeln und vereinbaren, getroffene Abmachungen wieder für nichtig zu erklären und zu versuchen,
sie erneut auszuhandeln, während man gleichzeitig
genauestens das Verhalten derjenigen in anderen
Institutionen beobachtet.
Mit ihrer Tendenz, nach den wichtigsten (und charakteristischen) Wünschen der lokalen Wählerschaft zu
suchen und diese für künftige Verhandlungen in die
Regierung einzubringen, ist die Vorwahl wiederum ein
idealer Weg, um zahlreiche Grundlagen für Konflikte
zwischen Institutionen zu liefern, zwischen denen
erhebliche Spannungen bereits angelegt sind. Damit
ist sie ein idealer Weg, um die der verfassungsmäßigen Struktur innewohnenden formalen Eigenschaften
in lebendige Vorgänge in der politischen Arena zu
verwandeln.
Populismus
Jenseits dieser großen institutionellen Faktoren - neben
der Gewaltenteilung als Rahmen der Regierung und
der Vorwahl als weiterem Instrument zur Gestaltung
praktischer Politik - liegt die entscheidende Komponente jedes vermeintlich außergewöhnlichen Charakters der Politik. Dabei handelt es sich um ein Geflecht
öffentlicher Werte im Hinblick darauf, wie Politik gemacht
wird und die Dinge, die eine Regierung leisten sollte,
ein Wertegef üge, das häufig mit dem Begriff "politische
Kultur" umrissen wird. Die politische Kultur der Vereinigten Staaten kann deshalb am besten - und muß
sogar - mit dem Begriff "Populismus" zusammengefaßt werden.
Politische Kulturen sind sicherlich die am schwierigsten auszumachende, formloseste und am schwersten definierbare mögliche Komponente eines angeblich außergewöhnlichen Charakters der Politik. Regierungsinstitutionen haben eine verfassungsmäßige
Realität. Politische Parteien und Nominierungsverfahren mögen zwar eines verfassungsmäßigen Ranges

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�entbehren, aber sie besitzen zumindest eine offenkundige organisatorische Existenz. Aber politische Kulturen als angenommene allgemeine Werte, die das
Verhalten des einzelnen innerhalb von Regierungsinstitutionen und halbstaatlichen Organisationen bestimmen, laufen Gefahr, in der Theurie sowohl allgegenwärtig als auch allumfassend zu sein - sowie vage und
irrelevant in der Praxis.
Dennoch wird die Idee nicht aufgegeben. Wenn man
die politischen Einstellungen und Werte der britischen
oder japanischen Öffentlichkeit durch die amerikanische Gewaltenteilung filtert, wie sie sich in Vorwahlen
ausgestaltet, erhält man keine amerikanische Politik.
Dazu ist auch die amerikanische politische Kultur
erforderlich.
Glücklicherweise sind einzelne Strömungen innerhalb
der Kultur weithin anerkannt: Individualismus, Unabhängigkeit, Religiosität, Optimismus, Leistung und
Selbstverwirklichung werden von in- und ausländischen Beobachtern zuverlässig genannt. Zum Glück
ist auch das Bindeglied zwischen diesen Werten seit
über hundert Jahren bekannt und für die amerikanische Geschichte generell anerkannt. Dieses Bindeglied, diese zusammengesetzte Doktrin - meiner Ansicht
nach ist der Begriff "Ideologie" nicht zu stark - trägt den
Namen Populismus.
Der Populismus als Ansatz im politischen Leben ist
seinem Grundsatz nach eine Bedingung, daß die
allgemeinen kulturellen Werte, die Annahmen über
das Leben an sich und der persönliche Stil, von denen
sich der einzelne im täglichen Leben leiten läßt, auch
das Verhalten nationaler Regierungen und nationaler
politischer Gestaltung bestimmen sollten. Anders
gesagt ist Populismus als Ansatz in der Politik - ebenso
in der Wirtschaft, Religion oder jedem anderen Aspekt
der Gesellschaft - eine Betonung der Tatsache, daß
gemeinsame Grundannahmen über Verhalten das
öffentliche Leben bestimmen.
Die genaue Mischung dieser Grundannahmen - Individualismus, Unabhängigkeit, Religiosität etc. - verändert sich mit der Zeit. Dennoch wird die Mischung
dieser allgemeinen und dauerhaften Werte jedes Zeitalters zum "American Way" - wenn man sie nicht
übernimmt, gilt es als "unamerikanisch". Tatsächlich
haben ausländische Beobachter oftmals den unterschiedlichen Charakter des amerikanischen Lebens
an genau der Tatsache festgemacht, daß erfolgreiche
Übernahme und Beschwörung dieser Werte selbst der
Schlüssel zu dem ist, was den Amerikaner ausmacht
- im Gegensatz zu Abstammung oder Geburtsort.
In jedem Fall zeigt dieses Bestehen auf üblichen
Verhaltensweisen, denen auch Politiker als gemeinsamer Ansatz immer Achtung zollen müssen, vielen
Beobachtern zufolge eine Vorliebe für soziale Nivellierung, nicht aber für materielle Gleichheit. In der Politik
beinhaltet dies, daß die Integrität grundlegender Schutz-

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maßnahmen für das physische Wohlergehen des
Bürgers garantiert ist, ein Anliegen, aufgrund dessen
Populismus oftmals mit einer orthodox liberalen oder
linken Orientierung verwechselt wird. Aber die gleiche
Wahl beinhaltet eine Forderung, daß gemeinsame
(und ererbte) kulturelle Werte sich aktiv im öffentlichen
Leben widerspiegeln, weshalb Populismus auch oft
mit einer konservativen oder rechten Haltung assoziiert wird.
Wenn man Populismus jedoch nicht abstrakt, sondern
auf die Tagespolitik bezogen sieht, beinhaltet er zumeist eine Verteidigung des "kleinen Mannes" gegenüber "dem hohen Tier". Das Streben des Bürgers nach
Kontrolle über sein eigenes Schicksal, der Wunsch,
daß die Gesellschaft seine Meinungen widerspiegelt
zusammen mit der Sicherheit, daß Politiker (auf jeder
Ebene) diese Anliegen verstehen - dies sind die zentralen und ordnenden Werte des Populismus. Ebenso
Feindschaft gegenüber Individuen, Gruppen oder
Kräften, die diesem Prozeß im Weg stehen könnten,
durch den Einzelmeinungen Allgemeingut werden.
Diese Haltung beinhaltet fast ein eindeutiges Mehrheitsprinzip. Fast zwangsläufig beinhaltet es einen
Vorrang des Ungeordneten ("der Bürger") gegenüber
dem Ordnenden ("dem besonderen Interesse"). Diese
Implikationen des Populismus erklären eine zentrale
Verwirrung in der amerikanischen Politik, die Beobachtern in anderen Ländern fast sinnlos erscheint: daß
die amerikanische Öffentlichkeit gleichzeitig gegen
Großkonzerne, gegen Gewerkschaften und gegen
zuviel staatliche Macht sein kann. Der Schwerpunkt
mag sich von Jahr zu Jahr verlagern, aber der Impuls
bleibt bemerkenswert konstant.
Der Populismus hängt darüber hinaus direkt mit der
Weigerung der amerikanischen Politik zusammen,
entweder der theoretischen Perspektive oder der organisierten Praxis zu folgen, mit der professionelle
Beobachter außerhalb der Vereinigten Staaten vertrautsind. Statt einer klaren Links/Rechts-Ausrichtung
gelten für die amerikanische Politik eher die Begriffe
klein gegen groß. Statt einer versuchten Mobilisierung
der "Arbeiterklasse gegen die Mittelklasse" können
Wahlkampagnen in Amerika leichter im Stil der "Außenseiter gegen die Insider", der "Öffentlichkeit gegen
das Establishment", "wir gegen die" organisiert werden.
Man braucht nicht ausdrücklich zu betonen, daß solch
eine politische Kultur gut zu einer Politik paßt, die um
Vorwahlen herum organisiert ist und zu einer Regierung auf der Basis der Gewaltenteilung. Wenn Durchschnittsbürger eine Beteiligung an der gesamten
Bandbreite ihrer Anliegen sicherstellen möchten, dann
müssen sie Kandidaten für öffentliche Ämter direkt
wählen können, damit diese Kandidaten die komplexen Anliegen ihrer Wählerschaft verinnerlichen können. Wenn die Regierung überdies davon abgehalten
wird, eigene Interessen - oder auch nur Wünsche - zu

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�haben, die sich von denen der Öffentlichkeit unterscheiden, dann ist der konstante innere Konflikt der
Gewaltenteilung - das Ansprechen vielfältiger Probleme, indem man Spannung zwischen den Institutionen
der Regierung schafft - eine ideale Reaktion der Institutionen.

Man möchte das Ausmaß der Kontinuität und der
Veränderungen nicht überbetonen, das die Politik in
Amerika kennzeichnet. Die Skizzen einer kontinuierlichen Außenpolitik können in den letzten vierzig Jahren ausgemacht werden, die Skizze einer anhaltenden
nationalen Politik in den letzten fünfzig Jahren.

Das ist vielleicht eine gute Einführung in das politische
Geflecht, das entsteht, wenn 1. Populismus und eine
grundlegende Einstellung zum politischen Leben 2.
durch Vorwahlen als Mittel der Schaffung von Politikern ermöglicht werden, die dann 3. in einer Regierung
arbeiten, in der die Gewaltenteilung verankert ist.
Tatsächlich entstehen daraus eine Politik mit vielfältigen politischen Themen, zahlreichen, zersplitterten
und kurzlebigen politischen Koalitionen, fortgesetzte
Verhandlungen als zentrale - und kontinuierliche Komponente und eine effektive Vorliebe für eine experimentelle Regierung ohne einen starken Glauben an
den Erfolg des Produkts.

In ihrem Widerstand gegen übergeordnete und stabile
Bedingungen, in ihrem Beharren nicht nur auf einer
großen Zahl von Fragen sondern darauf, daß viele
wichtige Fragen einer großen Anzahl von Bereichen
gleichzeitig auf der politischen Tagesordnung stehen,
und in ihrer Neigung, diese anzupassen und neu zu
ordnen, bis sie die durch Konsens erzielte Präferenz
einer überwältigenden Mehrheit werden, kann die Politik
in Amerika tatsächlich außergewöhnlich sein. Wenn
das der Fall ist, dann sind die Gewaltenteilung, das
Instrument der Vorwahlen und die Ideologie des Populismus ganz sicher Elemente, die eine außergewöhnliche amerikanische Politik am unmittelbarsten hervorbringen.

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�HOCHTECHNOLOGIE

IN

AMERIKA
4. September 1991

DER "ROSTGÜRTEL" WIRD AUFPOLIERT
von Bennett Harrison
BONN - (AD) - Der Autor ist ordentlicher Professor am Institut für Stadtentwicklung und -planung am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Zur Zeit ist er Gastprofessor für politische Ökonomie an der CarnegieMellon School of Urban and Public Affairs in Pittsburgh.
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Technology Review. Copyright (c) 1990.

Seit zehn Jahren verkünden Wirtschaftswissenschaftler und Politiker, die Hochtechnologie würde den traditionellen Industriegebieten Amerikas mit ihren vielen
Schornsteinen Auftrieb geben. Hochtechnologiefirmen sollten eine Art Allheilmittel sein - zusammen mit
Universitäten und Regierungen der Bundestaaten sollten
florierende Unternehmen Arbeitsplätze schaffen und
den Innenstädten zu neuer Blüte verhelfen.
Der Witz dabei ist: manchmal funktioniert es tatsächlich. Das zeigt der folgende Fall aus einer der Hauptstädte des alten verrauchten Amerika. In Pittsburgh
(Pennsylvania) liefert das aufstrebende Unternehmen
RedZone ein anschauliches Beispiel für eine erfolgreiche Neubelebung der Hochtechnologie.
RedZone wurde an einer Universität konzipiert. Infolge der Störfälle in Three Mile Island und Tschernobyl
gelangten mehrere Ingenieure beim Institut für Robotik
an der Carnegie-Mellon University in Pittsburgh zu der
Überzeugung, daß sich die Wartung von Kernkraftwerken und die Entsorgung radioaktiver Abfälle zu einem
wachsenden und lukrativen Markt entwickeln würde.
Das Institut rief das Field Robotics Center ins Leben,
um sich auf diese Technologie zu konzentrieren. 1987
gründete das Field Robotics Center selbst eine Firma,
in der Roboter zum Einsatz in solch gefährlichen
Umgebungen konstruiert werden.
Die Roboter von RedZone können durch die kontaminierten Bereiche navigieren und mit Hilfe von Sensoren Daten sammeln. Während Roboter in Fabriken
normalerweise eine einzige oder mehrere hochspezialisierte Aufgaben erfüllen und in einer ständig überwachten Umgebung fest verankert sind, müssen Roboter
im Außeneinsatz vielseitig und mobil sein.

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Die Robotergeben ihre Messungen in eine Datenbank
ein, bauen Computermodelle der Anlage, erstellen
graphische Darstellungen und übertragen dann die
Daten an Operators, die sicher an einem entfernten
Ort untergebracht sind.
Einige führende US-Unternehmen schließen sich mit
RedZone zusammen. Die Wartungsabteilung für
Atomreaktoren von Westinghouse Electric arbeitet
bereits eng mit der kleinen Firma zusammen, und
Boeing Aerospace und RedZone sondieren die gemeinsame Entwicklung von Robotern für den Weltraum.
RedZone entwickelt ferner ein tragbares Gerät, das
wie eine moderne Wünschelrute über den Boden
bewegt werden kann, um unterirdisch verlegte Rohrleitungen und Kabel aufzuspüren. Mehrere Millionen
Kilometer Gas- und Wasserleitungen sowie elektrische und Kommunikationskabel liegen in den Vereinigten Staaten unter der Erde. Die Wartung dieser
Leitungen ist schwierig, weil häufig niemand genau
weiß, wo man graben muß. Die Karten sind oft
veraltet, und Bodenbewegungen im Untergrund können eine Verschiebung der Rohrleitungen und Kabel
bewirken.
Dieses Projekt veranschaulicht die Art von Partnerschaft zwischen Universitäten, Unternehmen und Staat,
die für die Wiederbelebung der Städte im Rostgürtel so
wichtig ist. Das Gerät zur Vermessung der Rohrleitungen mittels magnetischer Resonanzdarstellungen wurde
im Rahmen eines von Southern California Gas finanzierten Forschungsprojekts am Carnegie-Mellon's
Robotics Institute erfunden. (Die Verluste der amerikanischen Gaswerke belaufen sich auf bis zu 300

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�Millionen DoHar pro Jahr, weil die Leitungen im Boden
nichtrichtiglokalisiert oder beschädigt werden). RedZone
erhält unter anderem Mittel für seine Arbeit von der
Ben Franklin Partnership in Pennsylvania, einem staatlichen Programm, das in Hochtechnologieuntemehmen investiert.

hela River südöstlich von Pittsburgh. Die Steel Valley
Authority, eine quasi öffentliche Institution des Bundesstaates, die hauptsächlich von Aktivisten der Stahlarbeitergewerkschaft geleitet wird, unterstützt RedZone bei der Suche nach Lieferanten in den Städten
des Tals und bei der Finanzierung seiner Projekte.

RedZone ist ein Segen für die Entwicklung der Innenstadt. Die Firma bemüht sich gemeinsam mit der
Stadtentwicklungsbehörde um Erwerb und Renovierung neuer Räume für die Montage und Erprobung
ihrer Roboter. RedZone möchte seine Einrichtungen
im Herzen eines lebhaften Stadtviertels errichten, das
traditionell Zentrum von Nahrungsmittelgroß- und
Einzelhändlern in den Händen der verschiedenen
ethnischen Gemeinden Pittsburghs ist. "Wir möchten
dort sein, wo das Leben pulsiert", stellte einer der
Direktoren kürzlich fest, "nicht weit draußen in irgendeinem vorstädtischen Industriepark."

Die öffentlichen Investitionen in RedZone waren bescheiden - etwa 10.000 bis 12.000 Dollar pro geschaffenem Arbeitsplatz. Die Zukunftsaussichten sind
hervorragend: Die Einnahmen sollen zwischen 1990
und 1992 um 250 Prozent steigen. Da amerikanische
und ausländische Regierungen die Strahlenschutzwerte verschärfen und eine umweltbewußtere Gesellschaft immer häufiger die Entsorgung von Sondermüll
fordert, wird die Nachfrage nach Robotern von RedZone zunehmen.

Am wichtigsten ist jedoch der von RedZone erbrachte
Beweis, daß die Wiederbelebung städtischer InduDer wirtschaftliche Einfluß von RedZone wird über den strien, das Zusammenspiel von Spitzentechnologie
Citybereich hinaus reichen. Die in den Robotern des mit einem ausgereiften Unternehmen sowie BündnisUnternehmens verwendeten Komponenten werden se zwischen Staat, Wirtschaft, Universitäten und
von den gleichen Facharbeitern hergestellt, die einst- Gewerkschaften mehr sind als bloße Rhetorik. Genau
mals in den Stahl- und Atomreaktorfirmen der Region das ist es, was eine gute Technologiepolitik bewirken
tätig waren. Die meisten dieser Maschinenschlosser sollte.
arbeiten in kleinen Werkstätten im Tal des Monongha-

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�SOWJETUNION
4. September 1991

WELTWEIT BEGRÜNDETES INTERESSE AN
EREIGNISSEN IN DER SOWJETUNION
Rede von US-Verteidigungsminister Cheney bei der APSA
WASHINGTON - (AD) - US-Verteidigungsminister Cheney zufolge sieht sich das sowjetische Volk bei der
grundsätzlichen institutionellen Reform großen Herausforderungen gegenüber, wobei die Vereinigten Staaten
und die ganze Welt "begründetes Interesse an den gegenwärtigen Ereignissen in der Sowjetunion" haben.
Cheney erklärte am 29. August 1991 bei der American Political Science Association, amerikanische Regierungsvertreter würden die Reaktion anderer kommunistischer Länder auf die Entwicklungen in der Sowjetunion "sehr
eingehend beobachten". Obwohl er erklärte, keine offene Aggression von den wenigen verbleibenden Regimen
zu erwarten, verwies er darauf, sie könnten nunmehr "innenpolitisch noch grausamere Maßnahmen ergreifen,
um die Macht zu erhalten" und das zu verhindern, was in der Sowjetunion geschehen ist. Das Herz des
Weltkommunismus, das lange in der UdSSR schlug, scheint - so Cheney - jetzt "völlig diskreditiert und zerstört
zu sein".
Nachfolgend veröffentlichen wir Cheneys Rede und die anschließende Diskussion in wesentlichen Auszügen.

Ich möchte auf keinen Fall von dem, was in der
Sowjetunion geleistet worden ist, ablenken oder die
Veränderungen der letzten Woche herabwürdigen.
Aber es ist außerordentlich wichtig, daß wir die Größe
der noch bestehenden Hindernisse nicht unterschätzen.
Meiner Ansicht nach sind unsere Ziele im Hinblick auf
die Sowjetunion klar. Zunächst sind wir eindeutig an
der Schaffung demokratischer Institutionen und Praktiken interessiert - und wir wünschen uns, daß die
Institutionen, die in den letzten Jahren für die Unterdrückung verantwortlich waren, hinweggefegt und durch
neue Institutionen ersetzt werden, wie es jetzt in weiten
Teilen der Sowjetunion der Fall zu sein scheint.
Zweitens sind wir an einer Sowjetunion interessiert, die
im Grunde ein freiwilliger Bund ist, eine Ansammlung
von Ländern, die auf der Basis von Konsens und
demokratischen Verfahren Teil eines kollektiven Ganzen
sind.
Drittens sind wir natürlich an wirtschaftlichen Reformen in der Sowjetunion interessiert, weil wir glauben,
daß sie mit den Aussichten auf Demokratie Hand in
Hand gehen.
Schließlich - und außerordentlich wichtig - sind wir an
etwas interessiert, was ich Entmilitarisierung der
Sowjetunion nenne. Das bedeutet die Abschaffung
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der zentralen Rolle des Militärs in der sowjetischen
Gesellschaft und die Umleitung von Mitteln vom militärischen in den privaten Sektor sowie grundlegende
Veränderungen in der Kultur der Gesellschaft im Hinblick auf die Rolle des Militärs.
Man kann wohl mit Sicherheit sagen, daß die von mir
soeben dargelegten vier Prinzipien - Demokratie, freiwilliger Zusammenschluß, wirtschaftliche Reform und
Entmilitarisierung - die gleichen Grundsätze sind, wie
sie die meisten Reformer in der Sowjetunion heute
hochhalten. Wenn Sie sich Boris Jelzins Programm
ansehen, dann können Sie erkennen, daß es dem von
mir beschriebenen sehr nahe kommt.
Im Hinblick auf die Geschichte hat die Welt ein gesteigertes Interesse an den Ereignissen in der Sowjetunion. Die kommunistischen Herrscher der Sowjetunion
waren in den letzten fünfzig Jahren die Ursache vieler
weltweiter Konflikte. Der Präsident hat bei zahlreichen
Gelegenheiten in der letzten Woche darauf hingewiesen, wir wären nicht daran interessiert, wer Bürgermeister von St. Petersburg oder Leningrad wird. Aber uns
liegt sehr viel an den Prinzipien, mit denen regiert wird.
Wir haben seit langer Zeit erkannt, daß die Art und
Weise, wie die Sowjetunion ihr Volk behandelt, ein
wichtiges Indiz für ihr Verhalten gegenüber dem Rest
der Welt ist.

Seite 1

�In der nächsten Zeit steht sie eindeutig vor wichtigen
Herausforderungen. Es besteht die Notwendigkeit
grundlegender institutioneller Reformen, um diejenigen Institutionen zu kontrollieren und umzuwandeln,
die für über 70 Jahre der Unterdrückung verantwortlich
waren, den Staatsstreich hervorgebracht und fast die
Hoffnungen des sowjetischen Volkes auf echte Freiheit und Demokratie zunichte gemacht haben. Sie
stehen eindeutig im Mittelpunkt, wenn es darum geht,
die Sowjetunion neu zu definieren und zu entscheiden,
wer dazu gehört und wer nicht und zu welchen Bedingungen Mitgliedschaft gewährt wird.

Achtens: Wer wird die sowjetischen Atomwaffenarsenale in fünf Jahren kontrollieren? Wird es immer noch
eine Zentralregierung geben? Oder wird die russische
Republik diese Aufgabe übernommen haben? Oder
werden die vier Republiken, auf deren Territorium sich
gegenwärtig Atomwaffen befinden, in Zukunft jeweils
unabhängig ihre Atomwaffenarsenale kontrollieren?

Natürlich ist das sowjetische Imperium durch Eroberungen entstanden und wurde durch die Gewaltherrschaft des KGB, der kommunistischen Partei und des
sowjetischen Militärs zusammengehalten. Es sollte
nicht überraschen, daß jetzt, da diese Institutionen
aufgrund ihrer Beteiligung am Staatsstreich diskreditiert sind und sich die Bande, die die Sowjetunion fast
siebzig Jahre lang zusammengehalten haben, lokkern, das sowjetische Imperium in seiner uns lange
bekannten Form zusammenbricht. Und natürlich nimmt
das Problem der wirtschaftlichen Reformen auf ihrer
Tagesordnung breiten Raum ein.

Und zuletzt: Wenn die Führung nachgibt und die
Sowjetunion in ihrer uns bekannten Form nicht mehr
existiert, was geschieht dann mit den bestehenden
Verträgen und Rüstungskontrollvereinbarungen, die
mit der Sowjetunion ausgehandelt wurden?

Was bedeutet dies für die Politik der Vereinigten
Staaten? Der einzige Punkt, zu dem totale Übereinstimmung herrscht, lautet, daß wir ganz einfach nicht
wissen, was auf die Sowjetunion zukommt. Wir können raten, aber wir wissen überhaupt nicht, wie die
Sowjetunion in sechs Monaten oder fünf Jahren aussehen wird.
Dazu möchte ich einige Fragen stellen, die meiner
Ansicht nach den Charakter der Schwierigkeiten veranschaulichen, die sich uns Politikern bei Planungen
für die Zukunft stellen.
Erstens: Wird es bei den Entwicklungen stetige Fortschritte in einem friedlichen Umfeld geben? Oder
werden Veränderungen von Ausbrüchen der Gewalt
begleitet?
Zweitens: Wird es unter den Republiken zu Konflikten
kommen? Oder zwischen einzelnen Volksgruppen
innerhalb der Republiken?
Drittens: Wird der Zusammenbruch der sowjetischen
Wirtschaft Bestand haben?
Viertens: Wird die zerrüttete Wirtschaft Arbeitskämpfe
entfachen?
Fünftens: Wird es eine Hungersnot geben?
Sechstens: Werden Nachbarländer massive Flüchtlingsströme aufnehmen müssen, wenn die Menschen
vor der Not fliehen, die der Zusammenbruch der alten
Ordnung mit sich bringen könnte?
Siebentens: Wer wird das sowjetische Militär kontrollieren? Werden die Streitkräfte weiterhin zentral beSeite 2

fehligt werden? Oder wird jede Republik ihre eigenen
Streitkräfte aufstellen?

Neuntens: Taktische Nuklearwaffen sind weiter verbreitet als strategische Systeme. Werden auch diese
noch von der Führung kontrolliert? Oder werden sie
den jeweiligen Regierungen der Republiken unterstehen?

Interessante Fragen.
Es sollte jedem klar sein, daß die Vereinigten Staaten
und tatsächlich die ganze Welt begründetes Interesse
an den gegenwärtigen Ereignissen in der Sowjetunion
haben.
Der Präsident hat wiederholt erklärt, daß wir bereit
sind, mit unseren Verbündeten, den Sowjets und den
Republiken zusammenzuarbeiten, um alles in unserer
Macht Stehende zur Förderung positiver Veränderungen zu tun. Aber wir müssen vorsichtig und vernünftig
vorgehen und sicherstellen, daß alles, was wir tun, im
Einklang mit unseren langfristigen Zielen steht. Ferner
müssen wir die Art törichter Reaktion vermeiden, die
unsere eigene Sicherheit unter dem Vorwand der Hilfe
für die Sowjetunion schädigt.
In den letzten Tagen haben zwei meiner Freunde und
früheren Kollegen im Kongreß vorgeschlagen, das
zentrale Element unserer Politik sollte darin bestehen,
erhebliche Kürzungen in unserem Verteidigungshaushalt vorzunehmen, um Mittel freizusetzen, mit denen
der Sowjetunion in ihrer schwierigen Zeit geholfen
werden kann. Meiner Ansicht nach wäre das ein
schwerer Fehler. Es gibt einige Argumente, die man
gegen diesen Vorschlag anführen kann, einschließlich
zum Beispiel der Tatsache, daß eine solche Maßnahme die Haushaltsvereinbarungen des letzten Jahres
verletzen würde, die noch nicht einmal 12 Monate alt
ist. Wenn wir die Haushaltsvereinbarung verletzen
können, um dringende Bedürfnisse in der Sowjetunion
zu finanzieren, können wir sie auch zugunsten vieler
anderer innenpolitischer Zwecke verletzen. Wenn wir
den Sowjets weiterhin Hilfe leisten wollen - was in den
kommenden Wochen und Monaten nur allzu berechtigt ist - dann gibt es angemessenere Wege als Kürzungen im Verteidigungshaushalt.

AMERIKA DIENST 35

�Wenn es notwendig ist, dringende Mittel zur Linderung
dieser Hungersnot in der Sowjetunion aufzubringen,
dann kann das sicherlich durch das normale Verfahren
im Kongreß geschehen.
Ich finde die Tatsache interessant, daß wir immer
Momente wie diesen erleben, in dem Vorschläge laut
werden, Veränderungen im Umfeld der Weltsicherheit
könnten am besten durch Veränderungen im Verteidigungshaushalt erzielt werden. Man erwartet, daß wir
aufgrund augenblicklicher Ereignisse langfristige Veränderungen unserer nationalen Sicherheit vornehmen. Wenn wir die Zeitspannen bei der Entwicklung
von Verteidigungssystemen in Betracht ziehen, wird
offensichtlich, daß wir bei der Entwicklung der nationalen Sicherheitspolitik einen langfristigen Blickwinkel
haben müssen. Wir dürfen nicht einfach auf Entwicklungen des Augenblicks reagieren.
Man kann nicht einfach die qualitativ hochwertige
militärische Fähigkeit der Vereinigten Staaten in Tagen oder Wochen verändern. Wenn ich diejenigen
betrachte, die in den letzten zehn Jahren die Veränderung unseres Verteidigungskonzepts empfohlen haben, frage ich mich, ob sie verlangen, daß ich unsere
langfristige Strategie für die nächsten 20 oder 30 Jahre
auf die Situation in der Sowjetunion vom 17. August
ausrichte, als Gorbatschow immer noch an der Macht
und alles friedlich war oder auf die Lage am Dienstag,
den 20. August, als die Verschwörer des Staatstreichs
das Heft in der Hand hatten und es so aussah, als
würde Boris Jelzin abgesetzt, oder auf die Situation am
Donnerstag, den 22. August, als die Verschwörer
verhaftet und die Demokratie in Moskau wiederhergestellt war. Wir dürfen unseren langfristigen Verteidigungsbedarf nicht auf diese Art flüchtiger Veränderungen stützen. Wir verfügen über eine ausgezeichnete
Strategie, die wir auch in den kommenden Jahren
beibehalten sollten.
Frage: Was können oder sollten die gegenwärtigen
Führer der Sowjetunion tun, um das Risiko zu vermindern, daß Atomwaffen Teil der Kampfhandlungen in
der Sowjetunion werden? Und was bedeutet es, daß
mehrere der sowjetischen Republiken oder baltischen
Staaten Atomwaffen haben?
Cheney: Dazu möchte ich zunächst sagen, daß die
sowjetische Führung unserer Meinung nach auf allen
Ebenen die Frage der Atomwaffen bis jetzt sehr verantwortungsvoll behandelt hat. Bei meiner Reise in die
Sowjetunion im Oktober vergangenen Jahres hat die
sowjetische Führung nachdrücklich betont, wie ernst
sie die Verantwortung als Atommacht nimmt und daß
sie in der Vergangenheit Maßnahmen ergriffen hätte,
um diese Waffen aus Gebieten abzutransportieren, in
denen es zu Unruhen gekommen war.
Während des Staatsstreichs muß man fairerweise
sagen, daß wir nichts erkennen konnten, was uns
Anlaß zur Sorge bereitet hätte, und unserer Ansicht
nach bestand kein gesteigertes Risiko eines AtomwafAMERIKA DIENST 35

feneinsatzes. In Zukunft werden wir vor dem Problem
stehen, daß wir nicht wissen, wie sich alles aufteilen
wird. Heute ist Präsident Gorbatschow der nationale
Befehlshaber für die Atomwaffen. Andere Beteiligte
sind der Verteidigungsminister und der ranghöchste
miitärische Befehlshaber - der Stabschef.
Aber wir beobachten auch, daß die russische Republik
und die Ukraine einen Vertrag unterzeichnet haben den Text habe ich noch nicht gesehen -, der wirtschaftliche und militärische Dimensionen umfaßt und die
Führung mit keinem Wort erwähnt. Wir wissen nicht,
wie sich das entwickeln wird. Aber angesichts ihrer
Geschichte, ihrer Sorge über ihre Verantwortung in
diesem Bereich und im Hinblick auf Tschernobyl, das
in diesem Zusammenhang von ihnen oft erwähnt wird,
haben wir allen Grund zu der Annahme, daß sich die
Sowjets verantwortungsbewußt verhalten werden. Aber
wir können die Zukunft nicht allzu bestimmt vorhersagen.
Dieser Bereich ist von ganz erheblicher Bedeutung,
und das muß er auch sein. In diesem Bereich haben
wir in der Vergangenheit mit ihnen zusammengearbeitet, und das wollen wir auch in Zukunft tun. Es ist daher
unabdingbar, daß wir sobald wie möglich die Beziehungen zwischen den Militärs, wie sie in der Vergangenheit bestanden, wiederaufnehmen, und daß diese
Frage auf der Tagesordnung steht, nicht nur bei unseren Gesprächen mit der Führung, sondern auch mit
den Republiken.
Frage: Wenn die Sowjetunion - wie Sie es beschrieben haben - tatsächlich abrüstet und ihren Schwerpunkt auf die drängende Innenpolitik legt - wie würden
dann die Vereinigten Staaten reagieren?
Antwort: Meiner Meinung nach haben wir ebenso wie
die Sowjets eindeutig ein Interesse an der Umleitung
der Mittel, die sie gegenwärtig für das Militär aufwenden. Ich weiß nicht, welcher Prozentsatz des BSP
dem Militär zufließt - uns liegen unterschiedliche Schätzungen vor. Die meisten unserer früheren Schätzungen waren erheblich untertrieben. Es sind etwa 25,30
oder 35 Prozent. Ein sowjetischer Journalist hat auch
schon einmal von 50 Prozent gesprochen. Das muß
umgeleitet werden, wenn es auch nur im entferntesten
eine moderne Wirtschaft in der Sowjetunion geben
soll.
Ich erwarte, daß dies im Zuge des gegenwärtigen
Zusammenbruchs der Zentralregierung geschehen wird
und daß sie es zunehmend schwierig finden, die
früheren Instrumente der Unterdrückung zu verwenden, um den besten Teil ihrer Ressourcen für das
Militär abzuschöpfen. Es ist meiner Ansicht nach nur
eine Frage der Zeit, bis dieser Neubeginn Auswirkungen zeitigt.
Unsere gegenwärtige Haltung im Hinblick auf unsere
eigene Verteidigungspolitik, basiert auf der Annahme
kontinuierlicher positiver Veränderungen in der SoSeite 3

�wjetunion. Wenn Sie unseren Sechsjahresplan betrachten, wenn wir die Streitkräfteniveaus bis Mitte der
neunziger Jahre vereinbarungsgemäß abbauen, dann
erhalten wir Basis-Streitkräfte. Das wird eine um 25
Prozent kleinere Truppe sein als heute. Das ist die
Hälfte der B-2, die wir ursprünglich erwerben wollten.
Es sind ferner weniger Trident U-Eoote. Das bedeutet
die Durchführung des START-Abkommens, die sieben Jahre in Anspruch nehmen wird, wenn sich jeder
an den Vertrag hält. Das bedeutet ferner die Durchführung des KSE-Vertrags, den Abzug der Truppen aus
Europa usw. Wir glauben, daß dies ein guter Weg ist.

In Nordkorea muß dies ebenso tiefe Besorgnis auslösen wie in China. Wenn Sie so wollen, scheint das
Zentrum des Weltkommunismus, das in der Sowjetunion lag, des Kommunismus, der dort geboren wurde
und siebzig Jahre überlebte und die Basis für andere
Unternehmen auf der Welt war, völlig diskreditiert und
zerstört zu sein. Es muß den Führern in Kuba aufgegangen sein, daß die Vereinigten Staaten die gegenwärtige Regierung in Moskau, Jelzin und seine Anhänger stärker unterstützt haben als die Kubaner und die
Libyer und ihre anderen Gesprächspartner der Vergangenheit.

Die Entwicklungen der vergangenen Woche sind
ermutigend, denn wenn der Staatstreich erfolgreich
gewesen wäre, hätte ich zum Präsidenten des Kongresses gehen und erklären müssen, daß wir nicht so
optimistisch wie früher sein könnten, als wir diese
kontinuierliche Reduzierung in der Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten konzipierten.

Ich erwarte in keiner Weise offene Aggression von
diesen Regimen. Ich wäre nicht überrascht, wenn
einige von ihnen innenpolitisch noch grausamere
Maßnahmen ergreifen würden, um ihre Macht zu
erhalten, und um die Dinge abzuwenden, die sie
gerade in der Sowjetunion beobachtet haben.

Darüber hinaus wollen wir auch mit den Sowjets an der
industriellen Umwandlung zusammenarbeiten. Mein
Stellvertreter Don Atwood hat vor kurzem mit einer
Gruppe von Industrievertretern eine Reise in drei Länder
Osteuropas unternommen und Gespräche über die
Umwandlung der Rüstungsindustrie in zivile Industriezweige unternommen. Wir haben mit den Sowjets
über ähnliche Maßnahmen in der Sowjetunion gesprochen, und ich erwarte, daß wir ähnliche Gespräche
bald wiederaufnehmen. Wir sind bestrebt, ihnen bei
dieser Umwandlung zu helfen. Meiner Meinung nach
sollten sie verstehen, daß die Vereinigten Staaten
keine Bedrohung für die Sowjetunion darstellen. Wir
waren niemals eine Bedrohung für die Sowjetunion,
und wir haben nichts getan, um von ihren Unruhen und
inneren Kämpfen der letzten Jahre zu profitieren, und
wir sind bestrebt, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um
die Aussichten für Frieden zu verbessern und die
militärischen Belastungen beider Seiten zu verringern.
Meiner Ansicht nach war eine der wirklich positiven
Entwicklungen der letzten 10 Jahre: wenn alles gut
geht, können wir es erwartungsgemäß schaffen.
Frage: Sind wir besorgt oder unter Umständen vorbereitet, wenn andere Mächte wie China, aufgerüttelt von
den Veränderungen in der Sowjetunion und angesichts der Veränderungen im kommunistischen Umfeld der Welt, etwas zu ihrer eigenen Konsolidierung
unternehmen?
Antwort: Die Reaktion der wenigen noch existierenden kommunistischen Regime wird von uns sehr genau
beobachtet. Die Chinesen haben Erklärungen abgegeben, die im Grunde besagen, dies habe keine Bedeutung für den Kommunismus in China, aber sie
müssen sehr nervös sein. Die Ereignisse in der
Sowjetunion müssen ganz einfach die Totenglocke
des Kommunismus in denjenigen Ländern läuten, die
dieser Ideologie immer noch anhängen.

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Ich sehe eindeutig, daß diese Ereignisse noch jahrelang nachwirken werden, und ich hoffe, daß unter den
wahrscheinlichen Ereignissen der kommenden Jahre
das Ende der kommunistischen Regime ist, die in den
wenigen Ländern der Welt fortbestehen, die immer
noch dieser Ideologie anhängen.
Frage: Aus den Presseberichten wird deutlich, daß
der Staatsstreich den KGB zwischen den Funktionären und dem mittleren Management gespalten hat,
wobei die Spitze ihn unterstützt und das mittlere Management sich widersetzt hat. Könnten Sie etwas zu den
Folgen der Spaltung des KGB für die US-Politik und die
Sowjetunion sagen?
Antwort: Meiner Meinung nach wird der KGB grundlegend umgestaltet werden. Ich sehe nicht, wie die
demokratischen Kräfte bestehen können, wenn sie
dem KGB gestatten, in neuem Gewand weiterzuexistieren. Sie vermitteln alle Anzeichen - und ich denke,
das sollten sie auch tun - , daß sie sich weiterhin auf
nachrichtendienstliche Tätigkeit im Ausland konzentrieren werden. Demokratien haben Bedarf an Nachrichtendiensten für das Ausland. Wir haben den CIA.
Aber daß die Polizeifunktionen im Innern abgeschafft
werden, daß Truppen des KGB dem Verteidigungsministerium unterstellt werden, daß er so umgestaltet
wird, daß er niemals die Demokratie in der Sowjetunion
bedrohen kann - das ist meiner Meinung nach das
richtige Ergebnis.
Frage: Wie stellen Sie sich die künftige Rolle der
NATO vor, und welche Position sollen die Vereinigten
Staaten haben?
Antwort: Unserer Meinung nach werden die Vereinigten Staaten bei Sicherheitsfragen in Europa auch
weiterhin eine Rolle spielen, und diese Rolle kann am
besten durch Instrumente, Fora und Organisationen
der NATO gespielt werden, eine Struktur, für die wir
seit vierzig Jahren Ressourcen aufwenden. Die Poli-

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�tiker zu beiden Seiten des Atlantiks haben sich an
dieses Arrangement gewöhnt. Es funktioniert sehr
gut. Unserer Ansicht nach ist es entscheidend, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin bei solchen Fragen
mitreden, aber wir können es auf erheblich geringeren
Streitkräfteniveaus tun als in der Vergangenheit.
Ich erwarte, daß wir unsere Streitkräfteniveaus in
Europa in den nächsten fünf Jahren etwa auf die Hälfte
-150.000 - reduzieren und im Herbst dieses Jahren die
Überarbeitung der NATO-Strategie abschließen, die
nunmehr seit zwei Jahren seit dem Zusammenbruch
des Warschauer Pakts und dem Fall der Berliner
Mauer erfolgt ist. Die neue Strategie wird bei einem
Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der
NATO im November in Rom ratifiziert werden. Unserer Ansicht nach gilt es diese Struktur zu erhalten.
Ich wäre nicht überrascht, wenn wir andere Sicherheitsarrangements beobachten würden, die unter den
Europäern selbst entwickelt werden. Aber wenn das
geschieht, solte es so erfolgen, daß die NATO nicht
unterminiert oder geschwächt wird.
Meiner Meinung nach wird diese Position im allgemeinen von allen unseren europäischen Verbündeten und
insbesondere von den Ländern Osteuropas unterstützt. Wenn Sie einen wirklich starken Verfechter der
NATO finden wollen, sprechen Sie mit dem tschechischen Verteidigungsminister. Man glaubt dort, daß die
anhaltende US-Präsenz in Europa sehr wichtig ist, um
die Aussichten für Stabilität in diesem Teil der Welt zu
erhalten. Man ist über die eigenen Sicherheitsarrangements sehr besorgt. Und obwohl diese Länder nicht
NATO-Mitglieder sind, glauben sie, daß eine starke
NATO für den Westen sehr wichtig ist und ihnen eine
gewisse Garantie gibt, daß auch ihre Sicherheitsanliegen angesprochen werden.
Ich denke also, wir werden in der NATO bleiben, und
als Beweis der Stärke unserer Verpflichtung werden
einige Streitkräfte vorne stationiert bleiben.
Frage: Könnten Sie etwas dazu sagen, ob die Regierung Maßnahmen erwägt, um eine Umgruppierung
sowjetischer strategischer und taktischer Nuklearwaffen in der russischen Föderation zu erleichtern. Ich
denke da etwa an technische Mittel oder wirtschaftliche Maßnahmen.
Antwort: Die Frage, wie das sowjetische Atomwaffenarsenal kontrolliert wird, ist eindeutig ein Punkt auf
der Tagesordnung. Das ist ein Thema, das wir mit
ihnen erörtern wollen, was wir in der Vergangenheit
auch oft getan haben, zuletzt als mein Kollege General
Powell vor einigen Wochen in der Sowjetunion war.
Das war eines der Themen seiner Gespräche mit
General Moissejew. Leider ist General Moissejew
nicht mehr Stabschef, aber das Thema werden wir

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erneut ansprchen.
Der gegenwärtige sowjetische Verteidigungsminister
Schaposchnikow war 1989 hier mit einer Delegation
von Jasow. Er gehörte zu der Gruppe, die ich getroffen
habe, als ich im Oktober in der Sowjetunion war. Wir
verfügen also über etablierte Kontakte, und diesem
Punkt wird sicherlich viel Aufmerksamkeit zuteil werden.
Frage: Einer der größten außenpolitischen Erfolge
der Nachkriegszeit war die Schaffung eines mehr oder
weniger vereinten Europas. Einer der Faktoren, die
dabei eine große Rolle gespielt haben, war, daß wir im
Rahmen des europäischen Wiederaufbauprogramms
eine Organisation zur Verwaltung der Finanzhilfe für
Europa - die OECD - ins Leben gerufen haben, in deren
Rahmen die Europäer zusammenarbeiten mußten,
um die Hilfe zu koordinieren. Besteht die Möglichkeit
für eine ähnliche kooperative Organisation in Osteuropa und vielleicht den unabhängig werdenden Sowjetrepubliken, damit sie eine Struktur erhalten, in der sie
zusammen und mit den westlichen Geberländern
arbeiten können?
Antwort: Meines Erachtens bestehen für sie sehr
starke Anreize, diesen Kurs einzuschlagen. Ich bin
nicht sicher, daß wir eine solche Entwicklung gleich
von Anfang an erwarten können. Aber der Schlüssel
zum Aufbau moderner Volkswirtschaften in den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts sowie in der
Sowjetunion und ihren Republiken liegt in der Schaffung eines Umfelds, in dem private Anreize gedeihen
können, in dem diejenigen, die das Weltkapitalangebot
kontrollieren, zu investieren bereit sind und in dem
Gewinne erzielt werden können. Dies hängt meines
Erachtens von stabilen Verhältnissen, von normalen
Handelsbeziehungen, niedrigen Zollschranken und
Gemeinschaftsprojekten ab, wo immer dies möglich
und sinnvoll ist.
Probleme ergeben sich bisweilen aus dem, was wir im
öffentlichen Sektor tun und was im Privatsektor geschehen könnte. Eines der damit einhergehenden
Probleme stellt sich folgendermaßen dar: Wenn wir
der Sowjetunion humanitäre Hilfe in Form von Nahrungsmittellieferungen gewähren, was geschieht dann
mit den Nahrungsmittelvorräten in Osteuropa? So
werden etwa die Polen, die erhebliche Agrarüberschüsse haben, nicht in der Lage sein, ihre Produkte
dort zu verkaufen, wo dies andernfalls geschehen
könnte.
Wir müssen also sorgfältig klarstellen, daß unsere
Maßnahmen im öffentlichen Sektor keine Probleme in
dieser Hinsicht hervorrufen. Ob wir zur Bewältigung
dieser Probleme irgendeine große übergeordnete
Organisation schaffen möchten oder nicht - ich neige

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�zu der Annahme, daß dies ein schwieriges Unterfangen wäre. Wir koordinieren die Politik mit unseren
Verbündeten über den G-7-Prozeß. Ich weiß nicht, ob
wir alle im Hinblick auf die Schaffung neuer Strukturen
wesentlich darüber hinausgehen werden.
Frage: Es scheint, als ob eine der wesentlichen
Folgerungen Ihrer Ausführungen darin besteht, daß
die Vereinigten Staaten der Sowjetunion langfristig
irgendeine Art von Wirtschaftshilfe gewähren müssen.
Antwort: Im Hinblick auf unseren Umgang mit der
Sowjetunion gibt es unterschiedliche Arten von Wirtschaftshilfe.
Sicherlich haben wir ein Interesse an sowjetischen
Wirtschaftsreformen, ein Interesse daran, eine Umgestaltung ihrer Wirtschaft zu sehen, damit diese in der
Lage ist, die Bedürfnisse ihres Volks zu befriedigen
und in der Weltwirtschaft zu bestehen. Dies wird
voraussichtlich Jahrzehnte erfordern. Ich glaube nicht,
daß dies über Nacht geschehen wird.
Wir sind bereit und jetzt auch begierig, technische Hilfe
zu leisten, und wir haben mit den Sowjets Gespräche
über diese Hilfe geführt, die bereits angelaufen ist. Wir
können eine Menge tun, um ihnen im Hinblick auf
Marktwirtschaft, im Versicherungs- und Bankwesen
sowie bei Verkehrssystemen und beim Aufbau eines
modernen Verteilungssystems für Waren innerhalb
einer modernen Volkswirtschaft zu helfen...
Frage: (unverständlich)
Antwort: Nahrungsmittel - wenn der Winter kommt
und sie mit einer echten Hungersnot konfrontiert werden, dann ist dies meines Erachtens ein Bereich, in
dem die Vereinigten Staaten sicherlich helfen und
dabei gemeinsam mit ihren Verbündeten und der
Sowjetunion zusammenarbeiten würden.
Die Sowjetunion ist potentiell ein sehr reiches Land.
Sie ist der führende Erdölproduzent der Welt, sie
besitzt riesige Reserven an Mineralien und Energie
sowie enormes landwirtschaftliches Potential. Das
Problem besteht natürlich darin, daß das Vermächtnis
von 70 Jahren kommunistischer Herrschaft es ihnen
unmöglich gemacht hat, dieses Potential zu nutzen.
Ein Teil dieser Herausforderung an uns besteht darin,
ihnen dabei zu helfen. Ich glaube selbst nicht, daß dies
große Ausgaben des amerikanischen Steuerzahlers
zugunsten der Sowjetunion bedeutet. Wenn Sie heute
einen Scheck über eine Milliarde Dollar in Moskau
übergeben wollten, so wüßte man dort meiner Ansicht
nach nicht, was man damit anfangen sollte. Ich glaube
man würde Ihnen sagen, man sei sich der Tatsache
bewußt, daß noch ein weiter Weg bis zur Veränderung
der Institutionen zurückzulegen ist, um Denken und
Geschäftsmethoden zu verändern, bevor man in der
Lage sein werde, von modernerer Technologie und

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besserem Zugang zu Kapital zu profitieren.
Unser System funktioniert unter der grundsätzlichen
Voraussetzung, daß die Regierung in unserer Gesellschaft kein Kapital besitzt. Das befindet sich in Privathand. Wenn die Sowjetunion den größtmöglichen
Vorteil aus dem Potential ziehen möchte, das die
Beziehungen mit den Vereinigten Staaten darstellen,
so muß man dort seine Geschäftsmethoden so verändern, daß man einen attraktiven Markt für diese Art von
Investitionen schafft.
In gewissem Maß können wir dabei helfen. Wir sind
bereit, das zu tun. Aber ich kann mir - besonders unter
den jetzigen Umständen, keine Situation vorstellen, in
der wir bereit wären, große Schecks auszustellen oder
der Sowjetunion hohe Geldbeträge zu leihen. Ich
glaube, daß es für uns viele andere Möglichkeiten gibt,
um hilfreich zu sein, und ich gehe davon aus, daß wir
dazu bereit sind.
Frage: Ursprünglich war die Nuklearstreitmacht der
Vereinigten Staaten hauptsächlich konzipiert worden,
um einen sowjetischen konventionellen Angriff oder
einen anderen Angriff gegen unsere Verbündeten in
Westeuropa abzuschrecken. Offenkundig ist dies
heute ein wesentlich weniger schwerwiegendes Problem.
Wenn wir theoretisch nur einen Angriff auf die Vereinigten Staaten abschrecken wollten, benötigen wir
dafür lediglich ein sogenanntes minimales Abschrekkungspotential von wenigen hundert oder vielleicht
1.000 Gefechtsköpfen. Wären Sie bereit, als langfristiges Ziel die Erlangung eines solchen minimalen Abschreckungspotentials für die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion zu unterstützen - hoffentlich bilateral
-, nachdem wir einmal herausgefunden haben, mit
wem wir es auf der anderen Seite zu tun haben? Gibt
es ferner zur Zeit irgendwelche Pläne für Folgeverhandlungen zum START-Vertrag?
Antwort: Ich möchte betonen, daß wir bereits eine
erhebliche Reduzierung von Kernwaffen vornehmen.
Wir haben gerade den START-Vertrag unterzeichnet,
und das wird in den nächsten sieben Jahren eine

einschneidende Reduzierung unserer Streitmacht
bedeuten. Während meiner Amtszeit haben wir alle
unsere strategischen Programme reduziert. Anstatt
der ursprünglich geplanten 23 oder 24 Trident-UBoote werden wir nur 18 bauen. Die Stückzahl für den
B-2-Bomber haben wir von etwa 130 auf 72-75 reduziert. Im Hinblick auf das schienengestützte Peacekeeper-Projekt haben wir uns strikt auf Forschung und
Entwicklung beschränkt. Beim Nachfolgesystem, einer
Midgetman-Rakete, betreiben wir Forschung und
Entwicklung, aber gegenwärtig haben wir keine Pläne
für eine Stationierung.
Wir werden den Umfang unserer landgestützten ICBM-

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�Streitmacht reduzieren, um den Bedingungen des
START-Vertrags gerecht zu werden. Darüber hinaus
haben wir den Umfang unserer Kernwaffen in Europa
in den letzten Jahren erheblich verringert, indem wir
eine große Zahl von Systemen abgezogen haben. Mit
Verwirklichung des KSE-Vertrags erwarte ich ferner
eine endgültige Lösung für das Problem der dortigen
Kurzstreckensysteme.
Wir müssen meines Erachtens jedoch mehr tun als der
Annahme zu folgen, wir wollten nur den amerikanischen Kontinent verteidigen. Die Ausdehnung eines
Schutzschirms, der auch die Anliegen unserer Freunde und Verbündeten in der ganzen Welt, besonders
der Demokratien in der Welt einbezieht, bringt uns
enorme Vorteile.
Wenn ich mir zum Beispiel Deutschland oder Japan

*

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anschaue, so sehe ich dort zwei Länder, die hoffentlich
auch in Zukunft enge Verbündete der Vereinigten
Staaten sein und mit uns sowohl bei konventionellen
als auch nuklearen Strategien zusammenarbeiten
werden. Wenn die Vereinigten Staaten ihr Potential so
stark verringern, daß alles, was wirtun undworüberwir
sprechen können, darin besteht, den amerikanischen
Kontinent zu verteidigen, so werden wir damit anderen
Staaten einen Anreiz bieten, ihre eigenen nuklearen
Arsenale zu entwickeln, die dies heute nicht für notwendig erachten.
Es ist meines Erachtens also wichtig, daß wir nicht so
stark abrüsten, daß wir dort Probleme und Instabilität
für uns selbst schaffen und den Druck zur Weiterverbreitung von Kernwaffen weiter erhöhen. Wir sollten
also ein wenig Vorsicht walten lassen, was den Gesamtumfang unserer Nuklearstreitkräfte angeht.

* * *

*

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                    <text>amerika dienst
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Dokumentation

Tele x: 08-85432

40

4. Oktober 1972

Inhalt
INFORMATION
Amerikanisch-sowjetische Abkommen über Rüstungsbegrenzung in Kraft
- Wortlaut der Ansprachen Nixons und Gromykos Hanois "Deichpropaganda" bricht zusammen
Von unserem Sonderkorrespondenten

DOKUMENTATION
Nixon ruft zu gemeinsamen Maßnahmen gegen den Terror auf
- Wortlaut der Erklärung des Präsidenten -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Verteidigung ist auch mit Freiwilligen gesichert
- Das Ende der Wehrpflicht in den USA in Sicht Von Hubert G. Collins

WIRTSCHAFT
IWF-Tagung bekräftigte Wunsch nach Anpassung unterschiedlicher Standpunkte
Von Eugene Brake

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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40/1972

AMERIKANISCH-SOWJETISCHE ABKOMMEN ÜBER RÜSTUNGSBEGRENZUNG IN KRAFT
- Wortlaut der Ansprachen Nixons und Gromykos -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Nixon und der sowjetische Außenminister
Gromyko haben am 3. Oktober in Washington in einer Feierstunde im Weißen Haus
die Ratifikationsurkunden zu dem amerikanisch-sowjetischen Vertrag über die Begrenzung der ABM-Systeme sowie zu dem amerikanisch-sowjetischen Interimsabkommen über die Begrenzung von Offensivwaffen ausgetauscht. Beide Verträge
treten damit in Kraft. Die von den beiden Staatsmännern aus diesem Anlaß gehaltenen Ansprachen haben folgenden Wortlaut:

Ansprache von Außenminister Gromyko:

"Herr Präsident, Herr Außenminister, meine Damen und Herren:

Der Vertrag und das Interimsabkommen über Fragen der Begrenzung der strategischen Rüstungen, die von Ihnen, Herr Präsident, und von dem Generalsekretär des
Zentralkomitees der kommuni;:_ - &lt;chen Partei der Sowjetunion, Leonid Breschnew,
unterzeichnet worden sind und die heute in Kraft treten, werden in die Geschichte
als ein bedeutsamer Erfolg bei der Einschränkung des Wettrüstens eingehen.

Die öffentliche Meinung der Welt wird die Bedeutung dieses Ereignisses so
bewerten. Die Sowjetunion mißt diesen Verträgen große Bedeutung bei, die eine
Fortsetzung des Prozesses bedeuten, der durch den Abschluß des Atomsperrvertrages
in Moskau, den Vertrag über die Nicht-Weitergabe von Kernwaffen und andere wichtige

�wichtige Abkommen zur Begrenzung des Wettrüstens auf der Welt eingeleitet worden
ist.

Das sowjetische Volk hat den festen Willen, mit der Durchführung des Friedensprogramms fortzufahren, das vom 24. Kongreß der kommunistischen Partei der Sowjetunion gebilligt worden ist. Wir sind überzeugt, daß die Frage der Nicht-Anwendung
von Gewalt in internationalen Beziehungen und das ständige Verbot eines Einsatzes
von Kernwaffen, die wir der gegenwärtigen Sitzung der Vollversammlung der Vereinten Nationen unterbreitet haben, ebenso von entscheidender Bedeutung für die
Sache des Friedens sind.

Der Vertrag und das Interimsabkommen, die heute in Kraft treten, basieren
auf der Anerkennung des Prinzips der gleichen Sicherheit der Partner,und sie
bieten keinem einen einseitigen militärischen Vorteil. Gleichzeitig dienen diese
Verträge nicht nur den Interessen unserer beiden Länder, sondern auch den Interessen der internationalen Sicherheit als Ganzem und den Interessen aller Länder,
weil Sicherheit und Friede ihr gemeinsames Ziel sind.

Praktische Schritte zur Begrenzung der Rüstungen bei Nuklearraketen
nehmen mit Recht einen wichtigen Platz unter den sehr realen politischen Veränderungen ein, die sich in den Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern vollziehen, und dies bedeutet einen Erfolg für die Politik der friedlichen Koexistenz
und übt eine positive Wirkung auf die gesamte internationale Situation aus.

Zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg treten Abkommen in Kraft, die auf
eine Verlangsamung des Wettrüstens bei den destruktivsten Waffenarten abzielen.
Aber jeder Vertrag und jedes Abkommen können nur dann eine echte historische Bedeutung haben, wenn die in ihnen verkündeten Prinzipien und Absichten Inhalt des
praktischen Wirkens der Staaten werden und zu weiteren wichtigen Schritten in
dieser Richtung führen.

Die Sowjetunion für ihren Teil ist fest entschlossen, alles Erforderliche
hierzu zu tun.
Heute

�Heute, wenn diese wichtigen Dokumente in Kraft treten, sollte festgestellt
werden, daß entsprechend dem zwischen unseren beiden Ländern erzielten Einvernehmen, die Verhandlungen fortgesetzt werden mit dem Ziele einer Vertiefung und
Ausweitung der Abkommen über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen.

Wie der Vertrag und des Interimsabkommen zeigen, die heute in Kraft treten,
zeitigen nachdrückliche Anstrengungen zur Beseitigung der Kriegsgefahr und auf
dem Abrüstungssektor konkrete positive Ergebnisse.
Wir sind überzeugt, daß die Interessen des sowjetischen und des amerikanischen
Volkes und die Interessen der Völker aller Länder der Welt es erfordern, daß die
Anstrengungen zur Begrenzung des Wettrüstens uneingeschränkt fortgesetzt werden
sollten.

Die Ansprache Präsident Nixons hat folgenden Wortlaut:
Herr Vizepräsident, Herr Außenminister, Mitglieder des Kabinetts und Mitglieder des Kongresses sowie alle verehrten Gäste:

Wie bereits gesagt worden ist, tritt mit den von uns unterzeichneten Dokumenten die erste Begrenzung offensiver und defensiver Nuklearwaffen in Kraft, die
jemals vorgenommen worden ist; insbesondere ist es bedeutsam, daß diese Begrenzung zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika erfolgt.

Bei dieser besonderen Gelegenheit möchte ich den Mitgliedern des Repräsentantenhauses und des Senats, die in überparteilicher Weise diese historischen
Dokumente billigten und unterstützten, meine persönliche Hochachtung bezeugen und
ihnen den Dank der Nation aussprechen.

Genauso möchte ich den vielen Vertretern beider Regierungen, die hier zwar
nicht mit am Tis .1 sitzen, aber mit den hier Anwesenden bei der Festlegung der
- 3-

�der Einzelheiten dieser Abkommen und ihres Inhaltes fast drei Jahre lang zusammenarbeiteten, meine persönliche Anerkennung aussprechen.
Es wäre nicht angebracht, hier alle oder nur einige Namen zu nennen, aber
ich bin sicher, daß jeder zu würdigen weiß, wenn ich sage, daß ein Name einem
heute besonders vor Augen steht, nämlich der eines ehemaligen Botschafters der
Vereinigten Staaten in der Sowjetunion, der auch zusammen mit Botschafter Smith
der SALT-Delegation der Vereinigten Staaten angehörte: Botschafter Llewellyn
Thompson. Von ihm kann wirklich - wie auch von vielen anderen, die auf diesem Gebiet gewirkt haben - gesagt werden, daß er sein Leben der Sache des Friedens verschrieb.

Bei diesem Anlaß sind wir uns darüber im klaren, daß diese Abkommen den
ersten Schritt bei der Begrenzung der nuklearen Rüstungslasten bedeuten, soweit
dies unsere beiden Länder angeht. Ferner stellen diese Abkommen einen ersten
Schritt beim Abbau der Kriegsgefahr in der Welt und bei der Stärkung der Friedenschancen dar.

Ich habe hier ganz bewußt von einem "ersten Schritt" gesprochen; zwar haben
diese Abkommen eine enorme Bedeutung hinsichtlich des Verbotes defensiver Nuklearwaffen über die in dem Abkommen und dem Vertrag behandelten Punkte hinaus, und sie
haben auch eine enorme Bedeutung in bezug auf die Begrenzung bestimmter Kategorien
von Offensivwaffen, aber dennoch verbleibt eine bedeutsame Anzahl von Kategorien
auf nuklearem Gebiet, die nicht erfaßt worden sind. Deshalb teile ich die Ansicht
von Außenminister Gromyko, daß wir nunmehr von diesem ersten Schritt zu dem
lebenswichtigen zweiten Schritt gelangen müssen, bei dem wir den gesamten Bereich der offensiven Nuklearwaffen erörtern und versuchen müssen, eine Übereinkunft zwischen unseren beiden Ländern auf diesem Gebiet zu finden. Und wenn dann
dieser Schritt erfolgt ist, können wir die Möglichkeit der Reduzierung der Last
der Kernwaffen und schließlich die Möglichkeit von Begrenzungen und Beschränkungen
eines Einsatzes solcher Waffen ins Auge fassen.

Was

- 4 -

�Was wir also heute praktisch miterleben, ist nach unserer Überzeugung der
Beginn eines großen historischen Prozesses, bei dem wir durch die Ausarbeitung
dieser Abkommen, die dem Vertrag über die Nicht-Weitergabe von Kernwaffen und
dem Atomsperrvertrag folgen, gelernt haben, daß wir den Weg zu Fortschritten
auf anderen Gebieten gefunden haben, die schließlich zu dem von uns allen angestrebten Ziel führen können: zu einer Welt, die viel sicherer ist, und insbesondere zu einer Welt, die möglicherweise frei von der großen Gefahr einer nuklearen
Katastrophe ist.

Ich glaube, wir alle sind uns völlig über die Tatsache im klaren, daß die
heutige Unterzeichnung dieser Dokumente sowie die damalige Unterzeichnung der
Dokumente im Kreml die Hoffnungen aller Menschen auf der Welt auf einen Traum
stärken werden, den die Menschheit von Anbeginn der Zivilisation geträumt hat:
auf eine Welt des Friedens, auf eine Welt, in der die Völker mit unterschiedlichen
Regierungen und unterschiedlichen Auffassungen in Frieden miteinander leben
können.

Wir glauben, daß wir einen Beitrag zu dieser Sache und zu der Verwirklichung
dieses Traumes geleistet haben. Und wenn wir nun diesen ersten Schritt tun,
dann blicken wir erwartungsvoll auf die Zusammenarbeit bei den nächsten Schritten;
und wir sind insbesondere darauf bedacht, uns der Hoffnungen der Menschen in aller
Welt würdig zu erweisen. Wir können uns dieser Hoffnungen würdig erweisen, wenn
unsere beiden großen Nationen darangehen können, nicht nur unsere eigenen Rüstungslasten zu begrenzen, sondern auch der Menschheit die Last der Kriegs furcht zu
nehmen.

- 5-

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40/19 72

HANOIS "DEICHPROPAGANDA" BRICHT ZUSAMMEN
Von unserem Sonderkorrespondenten

WASHINTTON - (AD) - Die amerikanische Regierung hat am 28. September einem
Unterausschuß des Senats umfassende Fakten und Zahlen unterbreitet, die eindeutig
zeigen, daß die Beschuldigungen Hanois, die Vereinigten Staaten hätten vorsätzlich und systematisch Bombenangriffe gegen die nordvietnamesische Deiche und
Flußregulierungssysteme geflogen, von Anfang an falsch und verlogen waren.

Der unter dem Vorsitz des demokratischen Senators Edward Kennedy stehende
Unterausschuß hatte den stellvertretenden Unterstaatssekretär für Ostasien und
den Pazifik im amerikanischen Außenministerium, William Sullivan, sowie zahlreiche andere Vertreter der Regierung zu dieser Frage vorgeladen, die alle übereinstimmend die massive nordvietnamesische Propagandakampagne über die angeblichen
amerikanischen Bombenangriffe auf die Deichsysteme Lügen straften und durch die
wirklichen Tatsachen entkräfteten.

In seiner großangelegten intensiven Hetzkampagne hatte Hanoi immer wieder behauptet, die Vereinigten Staaten hätten vorsätzliche Bombenangriffe auf die Deichsysteme geflogen, mit dem Ziele, durch deren Zerstörung eine Überschwemmung weiter
Gebiete auszulösen, was das Leben von vielen Tausenden von Zivilisten gekostet
haben würde. Um den Ernst dieser Situation noch zu unterstreichen, hatte Hanoi
diese falschen Behauptungen immer wieder in die Welt hinausposaunt und ständig
in allen Einzelheiten über solche angeblichen Bombenangriffe und die dabei ver-

�verursachten schweren Schäden berichtet. Westliche Diplomaten, Journalisten und
Kriegsgegner waren immer wieder an solche Stellen geführt worden, wo angeblich
durch amerikanische Bombenangriffe schwere Schäden entstanden sein sollten.

Auf dem Höhepunkt dieser nordvietnamesischen Propagandakampagne hatte im
Juli sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen solche Berichte erwähnt und
seiner ernsten Besorgnis darüber Ausdruck verliehen. Und Senator Kennedy hatte
in einer Rede am 4. August erklärt, wenn diese Deiche nicht halten, kann es zu
einer der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts kommen.

Aber die Regenzeit ist jetzt fast vorbei. Amerikanische Regierungsvertreter
haben dem Kennedy-Ausschuß berichten können, daß die Fluten im Delta des Roten
Flusses um den 1. September ihren Höchststand erreicht hatten

und daß das Hoch-

wasser, falls es nicht noch zu Wirbelstürmen kommen sollte, bereits wieder im
Zurückgehen begriffen sei. Es sei kein großer Deich gebrochen, und es habe in
ganz Nordvietnam dieses Jahr keine größeren Überschwemmungen gegeben. Dagegen
brachten der August und September 1971 riesige Übersc lwemmungen, obwohl es damals
praktisch so gut wie keine Bombenangriffe gegeben hatte. Und an den wenigen
Stellen, an denen es dieses Jahr zu geringfügigen Überschwemmungen kam, ließen
sich diese beim besten Willen nicht mit rein zufällig in der weiteren Umgebung
befindlichen Bombentrichtern in Verbindung bringen.

Aber die Propagandasprecher Hanois haben bei diesen untergeordneten Fällen
noch nicht einmal den Amerikanern die Schuld in die Schuhe geschoben, noch haben
sie den Amerikanern die Verluste von Menschenleben angelastet. Die Deichpropaganda
Hanois hat vielmehr in den letzten Tagen eine völlige Kehrtwendung vollzogen. In
einem Ende August zur Lage in den Deichgebieten veröffentlichten Kommunique wird
nicht mehr von irgend welchen Gefahren in diesem Jahr gesprochen, sondern lediglich erklärt, daß langfristige Schäden aufgetreten seien, die sich erst in späteren
Jahren richtig bemerkbar machen würden.

Die amerikanische Regierung hat immer wieder erklärt, daß sie nicht die
geringste Absicht habe, die Deiche zu zerstören und daß bei den wenigen gelegentlichen Treffern eindeutig militärische Ziele in der Nähe der Deiche oder gar

�gar auf diesen gelegen hätten, wie zum Beispiel wichtige Straßen, Raketen- und
Flak-Stellungen. Auch Präsident Nixon hatte am 28. Juli unterstrichen, daß er
strikte Anweisung gegeben habe, keine Deichanlagen zu bombardieren. Wenn es die
Politik der USA wäre, so fügte der Präsident damals hinzu, die Deiche zu zerstören, so hätte dies praktisch innerhalb einer Woche geschehen können.

Nachdem die Hochwasserzeit fast verstrichen ist, läßt sich nur der Schluß
ziehen, daß es niemals Ziel der amerikanischen Politik gewesen sein kann, die
Deichsysteme zu vernichten. Die Behauptung, daß die amerikanischen Bombenangriffe Verluste unter der Zivilbevölkerung schaffen und Überschwemmungen auslösen
sollten, gehört praktisch in die gleiche Kategorie von

Verleumdungen wie die

Behauptung der Kommunisten, daß die USA im Koreakriege biologische Kampfmittel
angewandt hätten.

Neben Sullivan hatte auch der Stellvertretende Unterstaatssekretär für Ostasien und den Pazifik im Verteidigungsministerium, Dennis Doolin, vor dem Unterausschuß zu den kommunistischen Anschuldigungen Stellung genommen. Doolin unterstrich nachdrücklich, daß das Verteidigungsministerium niemals Anweisungen gegeben habe, die nordvietnamesischen Deiche zu bombardieren.

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40/1972

NIXON RUFT ZU GEMEINSAMEN MASSNAHMEN GEGEN DEN TERROR AUF
- Wortlaut der Erklärung des Präsidenten -

NEW YORK - (AD) - Präsident Nixon hat an alle Länder einen nachdrücklichen
Appell gerichtet, gemeinsame Maßnahmen zu ergreifen, um dem unmenschlichen
Terror Einhalt zu gebieten, der nicht nur unschuldige Menschenleben überall auf
der Welt bedrohe, sondern auch die Prinzipien, auf denen die Vereinten Nationen
begründet wurden, in Frage stelle. Die am 27. September in New York veröffentlichte Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

"Am Montag (den 25. September) hat Außenminister Rogers hier in New York
umgehend dreierlei Maßnahmen der Vereinten Nationen gefordert, um der unmenschlichen Terrorwelle entgegenzutreten, die über die Welt hereingebrochen ist. Ich
bin oefriedigt darüber, daß die Vereinten Nationen beschlossen haben, sich vordringlich mit der Frage des Terrors zu befassen, und ich unterstütze nachdrücklichst den Appell des Außenministers im Namen der Vereinigten Staaten und der
Menschenwürde.

Ebenfalls am Montag habe ich in Washington Anweisung gegeben, einen Kabinettsausschuß zur Bekämpfung des Terrors zu bilden, in dem Außenminister Rogers den
Vorsitz übernehmen wird und der die allen zuständigen Regierungsdienststellen
zur Verfügung stehenden Mittel voll für die Aufgabe einsetzen soll, den Terror,
wo immer er auftritt, wirksam zu bekämpfen. Ich habe den Ausschuß angewiesen,
nachdrückliche und sofortige Maßnahmen hierzu zu ergreifen.
Die

�Die Anwendung von Terror ist nicht zu entschuldigen. Der Terror beseitigt
mit einem Schlag in der zivilisierten Welt jede Sicherheit, die die Menschheit
so mühsam in Jahrhunderten geschaffen hat.
Aber der Terror bedroht nicht nur das Leben Unschuldiger. Er bedroht gerade die Prinzipien, auf denen die Vereinten Nationen gegründet wurden. Jedes
Mitgliedsland der Vereinten Nationen, gleichgültig welche Ideologie es vertritt,
wer immer seine Gegner und wer immer seine Sympathisanten sein mögen, ist sich
mit allen anderen Ländern über die Gefahr einig, die der Terror für die Souveränität aller bedeutet. Wenn die Welt sich nicht in ihrer Ablehnung des Terrors
einig sein kann, wenn wir nicht ganz einfache Grundregeln schaffen können, um
der Gesetzwidrigkeit Einhalt zu gebieten, wenn wir kurz gesagt nicht handeln
können, um in unserem eigenen Interesse die Grundprinzipien der nationalen
Souveränität zu verteidigen, auf welcher Grundlage können wir dann ein gutes
internationales Einvernehmen schaffen?

Da sind jene, die uns erklären, daß Terror

die letzte Zuflucht der Schwachen

und Unterdrückten, ein Produkt der Verzweiflung in einem Zeitalter der Indifferenz
sei, und daß er lediglich politische Gerechtigkeit erreichen wolle. Das ist Unsinn. Der Weg, um Gerechtigkeit zu erlangen, sind Verhandlungen. Wir haben uns
in unseren eigenen Beziehungen zu anderen darum bemüht, an die Stelle von Konfrontation Verhandlungen zu setzen. Wir halten dies für den einzigen Weg, wie
Mißständen in einer Weise abgeholfen werden kann, die zu Frieden und Stabilität
beiträgt.

In den letzten Monaten haben wir erlebt, wie Länder Anpassungen erreichten
und wie sie Meinungsverschiedenheiten beilegten, und wir haben es erlebt, wie
Terroristen mit ihren Aktionen diese Bemühungen vereitelten. Es ist nunmehr an
der Zeit, daß die zivilisierten Nationen gemeinsam handeln, um die Welt von der
Drohung des Terrors zu befreien.

Die Welt sehnt sich nach Frieden. Der Weg dorthin mag vielleicht schwer und
unsicher sein, aber alle vernünftigen und anständigen Menschen sind heute mehr

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mehr denn je zuvor entschlossen, diesen Versuch zu unternehmen. Wir wollen
uns nicht durch jene stören oder davon abbringen lassen, die Anarchie über
die Welt bringen wollen; wir wollen uns nicht mit der Barbarei einlassen,
sondern vielmehr etwas tun, um sie zu beseitigen."

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40/1972

DIE VERTEIDIGUNG IST AUCH MIT FREIWILLIGEN GESICHERT
- Das Ende der Wehrpflicht in den USA in Sicht Von Hubert G. Collins

WASHINGTON - (AD) - Wenn Präsident Nixon in einer Erklärung am 28. August
die Aufhebung der Wehrpflicht in den Vereinigten Staaten bis Juli 1973 angekündigt hat, dann muß man auch seine Erklärung vom 24. August daneben sehen,
daß er es niemals zulassen werde, daß "Amerika die zweitstärkste Nation der Welt"
werden würde.

Bereits am 17. Oktober 1968 hatte der Präsident erklärt, daß in Friedenszeiten die Wehrpflicht in den USA abgeschafft werden sollte, wenn sichergestellt
sei, daß das Land auf anderem Wege eine ausreichende Verteidigung erreichen könne.
Seither hat das amerikanische Verteidigungsministerium in zahlreichen Studien
die Möglichkeit geprüft, die Streitkräfte aus Freiwilligen zu rekrutieren. Der
jetzt vorliegende Bericht des amerikanischen Verteidigungsministers Melvin Laird
vom August 1972 zeigt, daß eine Gesamtstreitmacht von 2,3 Millionen aktiven
Soldaten und einer Million Reservisten aufrechterhalten werden kann, wenn die
notwendigen gesetzlichen Grundlagen für Anwerbung, Besoldung, Unterbringung usw.
gegeben sind.
Jede

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Jede moderne, hochtechnisierte Streitmacht steht heute vor dem Problem,
daß Wehrpflichtige bei immer kürzer werdender Dienstzeit kaum die notwendige
Ausbildung erhalten können. Einzelne Teilstreitkräfte, wie Marine und Luftwaffe
und auch technische Einheiten des Heeres»kommen ohne längerdienende Freiwillige
heute schon nicht mehr aus.

Die Grunderkenntnis in den Vereinigten Staaten war also zunächst, daß der
Beruf des Soldaten so attraktiv gemacht werden muß, daß er mit anderen Berufszweigen echt konkurrieren kann. Eine Streitmacht aus Freiwilligen, die sich im
freien Wettbewerb durchgesetzt hat, wird ohne Frage in jeder Hinsicht leistungsfähiger sein als eine Armee von Wehrpflichtigen.

Die Besorgnis, daß in einer Freiwilligenarmee in den USA Söldner, Schwarze
und 'nterprivi legierte ein Übergewicht haben würden, hat sich nach dem Bericht
von Laird als unbegründet erwiesen. Nach den bisherigen Untersuchungen stellen
die Freiwilligen ein fast genaues prozentuales Spiegelbild der amerikanischen
Gesellschaft dar. So liegen beispielsweise die Freiwilligen zu über 50 Prozent
im Bereich der mittleren Begabung, zu über 30 Prozent sind :ie überdurchschnittlich begabt, und nur knapp 20 Prozent liegen unter dem Durchschnitt.

Eine ganz entscheidende Frage ist natürlich die Bezahlung. So ist der Sold
eines unverheirateten Soldaten von durchschnittlich 149 Dollar im Monat im vorigen
Jahr bereits mit 321 Dollar mehr als verdoppelt worden. Auch moderne Wege der
Unterbringung - bis zum Einzelzimmer - dürften den Soldatenberuf attraktiver
machen. Ein weiterer Anreiz sind Stipendien für Offiziersanwärter an Colleges
und Universitäten.

Ein weiterer Punkt ist die effektivere Ausbildung und Verwendung der Soldaten,
wobei unter Wegfall rein formalistischer Gesichtspunkte die Verbreiterung des
Fachwissens den Vorzug hat.

Die bisherige Entwicklung in den USA hat ergeben, daß mit der V rringerung
der Einberufungen - von fast 300 OOO im Jahre 1968 auf rund 50 OOO im Jahre 1972 die Zahl der Freiwilligen nicht ebenfalls abgenommen, sondern vielmehr zuge- 2-

�(

zugenommen hat. Das Verteidigungsministerium plant, von Januar 1973 bis Juli
1973 - wenn das Wehrpflichtgesetz ausläuft - wenn irgend möglich keine Einberufungen mehr vorzunehmen.

Eine gewisse Rolle spielt auch das Handgeld, das bei besonders knappen
Berufssparten - wie auch Militärärzten - dem Freiwilligen einen zusätzlichen
Anreiz bieten soll. Auch das Problem der späteren Versorgung wird neu durchdacht.

Um darüber hinaus die Verteidigungskapazität sicherzustellen, hat das Verteidigungsministerium die Nationalgarde und die Reserve verstärkt. Die Haushalt: mittel für diese Zwecke wurden von 2,1 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr
1968/69 auf 4,1 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 1972/73 erhöht.
Um die genannten und andere Probleme zu lösen, wird der amerikanische
Kongreß die gesetzlichen Grundlagen für ein modernes Management der Streitkräfte
schaffen müssen.

Nicht zuletzt wird auch der psychologische Aspekt eine Rolle spielen,
wenn junge Menschen den Beruf des Soldaten wählen sollen. Aber auch hier verzeichnet der Bericht des amerikanischen Verteidigungsministeriums eine positive
Entwicklung, denn immerhin ist der Anteil der Freiwilligen bei den amerikanischen
Streitkräften von 59 Prozent im vorigen Jahr auf 75 Prozent in diesem Jahr angestiegen.

Von ganz wesentlicher Bedeutung für die Verbündeten der Vereinigten Staaten
ist die Tatsache, daß keine Pläne bestehen, Verpflichtungen abzubauen und Truppenstärken zu verringern. Präsident Nixon hat versichert, daß er Amerika "stark genug"
erhalten werde, "um eine vernünftige, verantwortungsbewußte Außenpolitik" auch
"glaubwürdig" zu machen.

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IWF-TAGUNG BEKRÄFTIGTE WUNSCH NACH ANPASSUNG UNTERSCHIEDLICHER STANDPUNKTE

Von Eugene Brake

WASHINGTON - (AD) - Die diesjährige Jahrestagung des Internationalen
Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, zu der sich die Finanzminister und Notenbankpräsidenten der Mitgliedstaaten in Washington versammelt hatten, endete
am vergangenen Freitag in einer deutlich optimistischeren Haltung, als sie noch
fünf Tage zuvor bei Beginn der Beratungen bestanden hatte.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Beratungen standen die Aussichten für ein
umfassendes Abkommen über ein neues internationales Währungssystem, das künftig
an Stelle der Abkommen von Bretton Woods als Basis für Welthandel, Auslandsinvestitionen und sonstige zwischenstaatliche Transaktionen dienen soll. Zu Beginn der Tagung, am 25. September, bestand eine so weite Kluft zwischen den verschiedenen nationalen Standpunkten, daß vielfach bezweifelt wurde, ob überhaupt
in absehbarer Zeit Fortschritte möglich sein würden. Als sich die Konferenz am
29. September vertagte, herrschte weitverbreitete Übereinstimmung, daß die Länder
die anstehenden Fragen wirklich in den Griff bekommen und allseits akzeptable
Lösungen finden würden. Es lag so etwas wie eine Atmosphäre der Anpassung in
der Luft.

Der Generaldirektor des IWF, Pierre-Paul Schweitzer, betonte auf einer
Pressekonferenz nach Abschluß der Tagung, er sei nunmehr überzeugt, daß alle
Länder wirklich gewillt seien, sich an ernsthaften Gesprächen und Verhandlungen
über eine Reform des internationalen Währungssystems zu beteiligen.
Einer

�Einer der Höhepunkte der Tagung, von dem wohl der stärkste Impuls in Richtung auf ernsthafte Verhandlungen ausging, war die Ansprache des amerikanischen
Finanzministers Shultz am 26- September, in der dieser mehrere Alternativen für
eine Reform des internationalen WährungsSystems aufzeigte, die für die Vereinigten
Staaten akzeptabel sein würden. Shultz war sorgfältig bedacht, die amerikanischen
Vorschläge lediglich als Vorstellungen, die gemeinsam mit anderen erörtert werden
könnten, und nicht als einen detaillierten Plan hinzustellen, den die USA anderen
Nationen etwa aufzudrängen suchten. Die anderen Teilnehmerstaaten verstanden und
begrüßten dies.
Die optimistische Stimmung wurde noch durch die Haltung des französischen
Finanzministers Valery Giscard D'Estaing bestärkt. Gerade Frankreich und die
Vereinigten Staaten waren in der Vergangenheit in Währungsfragen häufig entschieden anderer Meinung gewesen. In seiner Ansprache am 27. September vermied
der französische Finanzminister jede direkte Konfrontation mit den Vereinigten
Staaten und suchte stattdessen die Gebiete einer Übereinstimmung herauszustellen.

Auch andere Reden, sowohl von Vertretern der Industriestaaten wie der Entwicklungsländer, verfolgten das gleiche Ziel. So konnte IWF-Generaldirektor
Schweitzer mit Recht sagen, daß die auf der Jahrestagung gehaltenen Reden "alle
konstruktiv" waren.

Gerade die Vertreter der Entwicklungsländer beteiligten sich aktiv an der
Aussprache über eine Reform des internationalen Währungssystems. Und in dem neu
gebildeten Zwanziger-Ausschuß sind sie ebenso wie die Industriestaaten vertreten.
Darüber hinaus haben die Entwicklungsländer einen eigenen Vierundzwanziger-Ausschuß gebildet, der Fragen einer internationalen Währungsreform prüfen soll.

Von besonderem Interesse für die Entwicklungsländer ist die Frage, inwieweit
das internationale Währungssystem Gewähr dafür bieten kann, daß die reicheren
Länder ihnen künftig mehr Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen werden. Dies
könnte zum Beispiel auf dem Wege über die Zuteilung von Sonderziehungsrechten
geschehen, bei der Entwicklungsländer künftig mit höheren Zuteilungen bedacht
werden könnten, als ihnen aufgrund ihrer nationalen Quote beim IWF zustehen

�zustehen würden. Von Vertretern der Industriestaaten wurden hierzu unterschiedliche Ansichten geäußert, wobei die Frage aufgeworfen wurde, ob eine solche direkte Verbindung zwischen Sonderziehungsrechten und Entwicklungshilfe wünschenswert sei. Weltbankpräsident Robert McNamara betonte dann auch in seiner Schlußrede, er sei,nachdem er auf der Tagung eine wachsende Unterstützung für eine
derartige Verbindung zwischen Sonderziehungsrechten und finanzieller Hilfe festgestellt habe, zuversichtlich, daß diese Frage in den bevorstehenden Beratungen
über eine Reform des internationalen Währungssystems aktiv und wohlwollend erörtert werden würde.

IWF-Generaldirektor Schweitzer äußerte auf die Frage eines Korrespondenten,
ob er dieser Auffassung McNamaras zustimme, man solle bei der Definierung der
Konzeption "Verbindung" vorsichtig sein, doch glaube er, daß Industriestaaten
wie auch Entwicklungsländer darin übereinstimmten, daß etwas zu Gunsten der Entwicklungsländer getan werden müsse, was über den gegenwärtigen Zustand hinausgehe. Hierzu gebe es allerdings verschiedene Wege. Gerade diese Fragen würden
vom Direktorium des IWF in den kommenden Monaten eingehend geprüft werden und
hätten auf ihrer Tagesordnung wie auch im Zwanziger-Ausschuß Vorrang.

- 3-

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Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

24

4. Oktober 1978

I N H A L T

DOKUMENTATION
Der Briefwechsel von Camp David
Ansprache Carters auf der Jahrestagung der Weltbank und des IWF
- Wortlaut Amerikas neue Exportförderungspolitik
- Präsident Carter kündet Maßnahmen zur Steigerung der Ausfuhren an Rede von Außenminister Vance for der UN-Vollversammlung am 29. Sept. 1978
- Wortlaut WIRTSCHAFT
Der wirtschaftliche Ausblick für die USA und die Welt
- von W. Michael Blumenthal RICHTIGSTELLUNG

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

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Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�1

Dokumentation
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Embassy of the United States of America

4. Oktober 1978

24

DER BRIEFWECHSEL VON CAMP DAVID

WASHINGTON - (AD) - Das Weiße Haus hat am 22. September 1978 den Briefwechsel zwischen den Konferenzteilnehmern von Camp David veröffentlicht.
Nachstehend die Briefe im Wortlaut:

A.

BEGIN AN CARTER, 17. SEPTEMBER 1978

Sehr geehrter Herr Präsident,
ich beehre mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich innerhalb von zwei Wochen
nach meiner Rückkehr im israelischen Parlament (der Knesset) einen Antrag
einbringen werde, folgende Frage zu entscheiden:
Für den Fall, daß im Verlauf der Verhandlungen zum Abschluß eines
Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten eine Einigung über alle

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Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�•A

alle offenen Fragen zustande kommt: "Sind Sie für eine Rückführung der
israelischen Siedler aus den nördlichen und südlichen Sinai-Gebieten oder
sind Sie für die Belassung der genannten Siedler in jenen Gebieten?"
Die Abstimmung über diese Frage, Herr Präsident, wird völlig ohne
den üblichen parlamentarischen Fraktionszwang erfolgen, damit jedes Mitglied
der Knesset trotz der Tatsache, daß die Koalition gegenwärtig von 70 ihrer
120 Mitglieder

unterstützt wird, meines Erachtens sowohl auf den Regierungs-

ais auch auf den Oppositionsbänken in der Lage ist, im Einklang mit seiner
eigenen Gewissensentscheidung zu stimmen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Menachem Begin

B.

CARTER AN SADAT, 22. SEPTEMBER 1978
Sehr geehrter Herr Präsident,

ich übermittele Ihnen hiermit abschriftlich ein an mich gerichtetes
Schreiben von Ministerpräsident Begin, in dem er darlegt, in welcher Weise
er die Frage der Siedlungen im Sinai der Knesset zur Entscheidung zu
unterbreiten gedenkt.
In diesem Zusammenhang entnehme ich Ihrem Schreiben, daß die Zustimmung
der Knesset zum Abzug aller israelischen Siedler aus dem Sinai gemäß einem
Zeitplan innerhalb der für die Durchführung des Friedensvertrages festgesetzten Periode eine Vorbedingung für jedwede Verhandlungen über einen

- 2 -

�einen Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel ist.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Jimmy Carter
Anlage:

C.

Schreiben des Ministerpräsidenten Begin

SADAT AN CARTER, 17. SEPTEMBER 1978
Sehr geehrter Herr Präsident,

im Zusammenhang mit der "Rahmenvereinbarung für eine Regelung im
Sinai", die heute abend unterzeichnet werden soll, möchte ich die Haltung
der Arabischen Republik Ägypten in bezug auf die Siedlungen bekräftigen:
1. Alle israelischen Siedler

müssen aus dem Sinai gemäß einem Zeit-

plan innerhalb der Periode abgezogen werden, die für die Durchführung des
Friedensvertrages festgesetzt wird.
2. Die Zustimmung der israelischen Regierung und der verfassungsmäßigen
Istitutionen zu diesem Grundprinzip ist deshalb eine Vorbedingung für die
Aufnahme von Friedensverhandlungen zum Zwecke des Abschlusses eines Friedensvertrags.
3.

Sollte Israel es verabsäumen,dieser Verpflichtung nachzukommen,

soll die "Rahmenvereinbarung" null und nichtig sein.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Mohamed Anwar El Sadat
- 3 -

�•

D.

CARTER AN BEGIN, 11. SEPTEMBER 1978
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
ich habe Ihr Schreiben vom 17. September 1978 erhalten, das darlegt,

wie Sie die Frage nach der Zukunft der israelischen Siedlungen im Sinai
der Knesset zum Zwecke der Verabschiedung zu unterbreiten gedenken.

In

der Anlage finden Sie eine Abschrift des Schreibens von Präsident Sadat
an mich in bezug auf diese Angelegenheit.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Jimmy Carter
Anlage:

E.

Schreiben von Präsident Sadat

SADAT AN CARTER, 17. SEPTEMBER 1978
Sehr geehrter Herr Präsident,

ich schreibe Ihnen, um die Haltung der
Ägypten in bezug auf Jerusalem zu bekräftigen:

Arabischen Republik

1. Das arabische Jerusalem ist integraler Teil des Westufers.
Juristische und historische Rechte der Araber in der Stadt müssen geachtet
und wiederhergestellt werden.
2.

Das arabische Jerusalem sollte arabischer Souveränität unterliegen.

- 4 -

�»

unterliegen.
3.

Die palästinensischen Bewohner des arabischen Jerusalem haben

Anspruch darauf, ihre legitimen nationalen Rechte auszuüben, da sie Teil
des palästinensischen Volkes auf dem Westufer sind.
4.

Die einschlägigen Entschließungen des Sicherheitsrates, insbesondere

die Entschließungen Nr. 242 und 267, müssen auf Jerusalem angewandt werden.
Alle Maßnahmen, die seitens Israels ergriffen worden sind, um den Status
der Stadt zu verändern, sind null und nichtig und sollten rückgängig gemacht
werden.
5. Alle Völker müssen freien Zugang zu der Stadt haben und sich der
freien Religionsausübung und des Rechtes zum Besuch der Heiligen Stätten
und der Durchreise zu ihnen ohne Unterschied und Diskriminierung erfreuen.
6.

Die Heiligen Stätten jedes Glaubens können der Verwaltung und

Kontrolle von Vertretern desselben unterstellt werden.
7. Die lebenswichtigen Funktionen der Stadt müssen ungeteilt sein,
und ein gemeinsamer Stadtrat aus einer gleichgroßen Zahl von arabischen
und israelischen Mitgliedern kann die Ausübung dieser Funktionen überwachen.
Auf diese Art und Weise soll die Stadt ungeteilt sein.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Mohamed Anwar El Sadat

- 5 -

�•

F.

BEGIN AN CARTER, 17. September 1978
Sehr geehrter Herr Präsident,
ich beehre mich, Ihnen, Herr Präsident,mitzuteilen, daß das israelische

Parlament (die Knesset) am 28. Juni 1967 ein Gesetz verabschiedet und gebilligt hat, das besagt: "Die Regierung ist ermächtigt, durch Erlaß das
Gesetz, die Jurisdiktion und die Verwaltung des Staates auf jeden Teil von
Eretz Israel (Land Israel - Palästina) gemäß jenem Erlaß zur Anwendung zu
bringen."
Auf der Basis dieses Gesetzes verfügte die Regierung von Israel im
Juli 1967, daß Jerusalem eine unteilbare Stadt ist, die Hauptstadt des
Staates Israel.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Menachem Begin

G.

CARTER AN SADAT,

22. SEPTEMBER 1978

Sehr geehrter Herr Präsident,
ich habe Ihr Schreiben vom 17. September 1978 erhalten, in dem Sie
die ägyptische Haltung in bezug auf Jerusalem darlegen. Ich übersende
Ministerpräsident Begin eine Abschrift des Schreibens zu seiner Information.
Die Haltung der Vereinigten Staaten in bezug auf Jerusalem bleibt so,
wie sie von Botschafter Goldberg vor der

- 6 -

Vollversammlung der Vereinten

�t

Vereinten Nationen am 14. Juni 1967 und in der Folge von Botschafter Yost
vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 1. Juli 1969 dargelegt
wurde.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Jimmy Carter

H.

SADAT AN CARTER, 17. SEPTEMBER 1978
Sehr geehrter Herr Präsident,
im Zusammenhang mit der "Rahmenvereinbarung für Frieden im Nahen Osten"

richte ich dieses Schreiben an Sie, um Sie von der Haltung der Arabischen
Republik Ägypten in bezug auf die Verwirklichung der umfassenden Regelung
zu informieren.
Um die Durchführung der das Westufer und Gaza betreffenden Bestimmungen
sicherzustellen und die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes zu gewährleisten, ist Ägypten bereit, nach Konsultationen mit Jordanien und den
Vertretern des palästinensischen Volkes die arabische Rolle zu übernehmen,
die sich aus diesen Bestimmungen ergibt.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Mohamed Anwar El Sadat

- 7 -

�I.

CARTER AN BEGIN, 22. September 1978
Sehr geehrter Ministerpräsident,
ich bestätige hiermit, daß Sie mich über folgendes informiert haben:
(a)

In jedem Absatz des Rahmenvereinbarungsdokuments werden die Be-

zeichnungen "Palästinenser" oder palästinensisches Volk" von Ihnen heute
und in Zukunft als "palästinensische Araber"bedeutend verstanden.
(b)

In jedem Absatz, in dem der Ausdruck "Westufer" erscheint, wird

er von der Regierung von Israel heute und in Zukunft als Judäa und Samaria
bedeutend verstanden.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.)

Jimmy Carter

+ + + + +

- 8-

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. Oktober 1978

24

ANSPRACHE CARTERS AUF DER JAHRESTAGUNG DER WELTBANK UND DES IWF
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 25. September 1978
auf der gemeinsamen Eröffnungssitzung der Jahrestagung der Weltbank und des
Internationalen Währungsfonds (IWF) vor den Vertretern aus 135 Ländern eine
Ansprache gehalten, die folgenden Wortlaut hat:
Herr Vorsitzender, Herr Direktor de Larosiere, Präsident McNamara,
Gouverneure des Fonds und der Weltbank und verehrte Anwesende, im Namen des
amerikanischen Volkes möchte ich Sie hier in Washington anläßlich Ihrer 33.
Jahrestagung erneut begrüßen.

Wir treffen hier als Gruppe zusammen, die sich

der Sache der internationalen Zusammenarbeit verschrieben hat. Auf politischem
Gebiet sind Sie mit mir der Überzeugung, daß die Zusammenarbeit zwischen den
führenden Staatsmännern zum Frieden führen kann.

Wir haben diese Erfahrung

erst wieder in den letzten Tagen gemacht.
Ich weiß, daß Sie sich mir anschließen, wenn wir der staatsmännischen
Führung und dem Mut Präsident Anwar Sadats sowie Ministerpräsident Menachem
Begins unsere Reverenz erweisen.
Der gewaltige

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Der gewaltige Einfluß, den Sie in den führenden Positionen in den
eigenen Ländern ausüben, kann erheblich dazu beitragen, daß die Schwungkraft
zum Frieden sowohl im Nahen Osten wie überall in der Welt erhalten bleibt.
Auch auf wirtschaftlichem Gebiet bringt die Zusammenarbeit den Völkern,
die auf uns als Führer schauen, großen Nutzen.
Drei Jahrzehnte des Bestehens des Fonds und der Weltbank haben den
Menschen in aller Welt großen Fortschritt und ein besseres Leben gebracht.
Wie Sie möchte auch ich diese Bilanz fortsetzen, um noch weitere wirtschaftliche
Zusammenarbeit, weiteren Fortschritt sowie ein besseres Leben zu erreichen.
Seit unserem Treffen im vergangenen Jahr haben unsere zusammenarbeitenden
Länder greifbare Fortschritte bezüglich der wirtschaftlichen Probleme der
Welt gemacht.
Die Fragen, die noch verbleiben, sind - wie Sie und ich wohl wissen -,
sehr schwierig.

Aber wie andere schwierige Fragen sind sie nicht unlösbar.

Sie, die Sie hier in diesem Raum versammelt sind, sind die wirtschaftlichen Führer der Welt.
Die vor Ihnen liegende Aufgabe besteht darin, die Erfolge der Vergangenheit zu konsolidieren und dann mit Energie auf den Wegen voranzuschreiten,
die das wirtschaftliche Wachstum sowohl in den Entwicklungsländern als auch
in den Industriestaaten fördern werden.
Unser Ziel ist es, Fortschritte für alle Völker, nicht nur für einige
wenige, zu erzielen, über die grundlegende Strategie ist bereits Einigung
erzielt worden. In Mexico City, beim IWF-Interims-Ausschuß, wurde Übereinkunft über die allgemeine Richtung erzielt, die die Wirtschaftspolitik einschlagen sollte.
Ein Fortschritt hinsichtlich dieser Absprachen ist bereits zu ver-

�verzeichnen.
nicht zögern.

Die Aussichten für eine Verbesserung sind gut.

Wir dürfen

Jedes einzelne hier vertretene Land muß zu dieser Strategie

einen Beitrag leisten, gleichgültig wie groß oder klein es ist, gleichgültig
wie schwach oder mächtig es ist.
Bei diesen Bemühungen tragen die Vereinigten Staaten wesentliche Verantwortung. Vor zwei Monaten habe ich in Bonn unseren Handelspartnern spezifische
Versprechen hinsichtlich der Maßnahmen gemacht, die mein Land zu diesem
Ziel ergreifen wird. Ich versicherte, daß die Vereinigten Staaten die Inflation
bekämpfen, die öl einfuhren reduzieren und die Exporte erhöhen werden.
Lassen Sie bei sich keinen Zweifel darüber aufkommen, wie ernst ich
diese Zusicherungen nehme, die ich auf mein Ehrenwort genommen und die ich
namens des Volkes der Vereinigten Staaten abgegeben habe. Zusammengenommen
umfassen sie die dringendsten Prioritäten meiner eigenen Regierung; mein Ruf
als Führer steht auf dem Spiel. Und es sind Zusagen, die zu erfüllen ich
fest entschlossen bin.
Ich bin heute hierher gekommen, um diese Entschlossenheit zu unterstreichen und um die nächsten Schritte zu erläutern, die wir ergreifen
werden.
Ich werde in Kürze die erste Phase eines langfristigen Programms zur
Förderung der amerikanischen Exporte verkünden. Die Beseitigung der Exportbehinderungen und die Förderung der Ausfuhren sind überragende Aufgaben
meiner Regierung.
Wie Sie wissen, ist die Ausrichtung auf den Export - verglichen mit
zahlreichen hier vertretenen Ländern - in unserem eigenen Lande nicht so
groß wie vielleicht bei einigen von Ihnen.
Ich habe auch die bereits großen Anstrengungen intensiviert, um
ein Gesetz durchzubringen, das die amerikanischen ölimporte einschränken

- 3 -

�einschränken wird - Einfuhren, die absolut zu hoch sind.
Der Senat der Vereinigten Staaten will noch diese Woche, nämlich übermorgen, über die entscheidende Vorlage, die Absatz- und Preisregulierung bei
Erdgas, abstimmen.
Dies ist eine der kompliziertesten, schwierigsten und herausforderndsten
Aufgaben, vor die sich der Kongreß der Vereinigten Staaten jemals gestellt sah.
Mit dieser besonderen Vorlage sollen bis 1985 täglich 1,4 Millionen
Barrel an Importöl eingespart werden.

Ich bin überzeugt, daß der Senat und

das Repräsentantenhaus ihre Pflicht gegenüber unserer Nation durch die Annahme
dieser Vorlage erfüllen werden.

Ich hoffe, daß weitere Gesetzentwürfe, die

insgesamt ein starkes Paket der Energiegesetzgebung darstellen, durchkommen,
bevor der Kongreß sich vertagt - wahrscheinlich und hoffentlich in weniger als
einem Monat.
Dies ist, wie wir alle wissen, von entscheidender Bedeutung für einen
gesunden amerikanischen Dollar. Ich beabsichtige, schon sehr bald eine weitere
Reihe wichtiger spezifischer und harter Maßnahmen anzukündigen, um unseren
Kampf gegen die Inflation zu verstärken.
Diese Schritte werden sicherlich nicht das Ende unserer Bemühungen
sein, sondern ein erneuter Beginn und eine erneute Verpflichtung - Teil einer
anhaltenden Anstrengung, diese sehr ernsthaften Probleme für unser eigenes
Volk und auch für unsere Beziehungen zu Ihren Ländern unter Kontrolle zu
bringen.
Jede hier vertretene Nation versteht, wie schwierig dieser Kampf
gegen die Inflation ist und welchen kontinuierlichen Einsatz er erfordert.
Meine Regierung wird diesen Kampf auf vielfältiger Front fortsetzen,
bis wir Erfolg haben.

Es wird auf diesem Weg Hindernisse und Einwände

- 4 -

�Einwände spezieller Interessengruppen geben. Aber ich werde vor harten
Entscheidungen und den beharrlichen Anstrengungen, die notwendig sind, nicht
zurückschrecken.
Ich bin entschlossen, einen gesunden Dollar aufrechtzuerhalten.
ist von oberster Bedeutung für uns.

Dies

Ich weiß, dies ist auch von großem

Interesse und von großer Wichtigkeit für Sie. Wir sind uns darüber im
klaren, daß unsere Währung eine internationale Rolle spielt.

Wir akzeptieren

die Verantwortung, die damit verbunden ist. Unsere Länder handeln, um unserer
Verantwortung gerecht

zu werden und zwar in Übereinstimmung mit den Direktiven,

die in dem IWF-Treffen in Mexiko aufgezeigt wurden und wie sie von den sieben
von uns auf der Bonner Gipfelkonferenz erneut bekräftigt wurden.

Die USA

werden gleichermaßen verfahren.
Durch die Programme, die ich soeben dargelegt habe, werden wir eine
starke amerikanische Wirtschaft und ein nicht-inflationäres Wachstum erreichen,
die einem gesunden Dollar sowie einem stabilen internationalen Währungssystem
zjgrunde liegen müssen.
Die Aussichten auf Fortschritte sind gut.

Einige der Ursachen unseres

großen Handelsdefizits sind bereits beseitigt worden.
ausgeräumt.

Andere werden jetzt

Unsere gegenwärtige Leistungsbilanzposition sollte sich im

nächsten Jahr beträchtlich verbessern.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin eine offene und aktive
Volkswirtschaft bleiben und ein Platz, der für Investitionen attraktiv ist.
Andere Schritte sind ebenfalls erforderlich, um den von uns allen
angestrebten Fortschritt zu erreichen. Bei diesen Maßnahmen werden der
Internationale Währungsfond sowie die Weltbank natürlich eine entscheidende
Rolle spielen müssen. Diese beiden Institutionen sind das Kernstück und
das Symbol der Weltwirtschaftsordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde. Sie haben eine große Fähigkeit gezeigt, sich neuen und rasch

- 5 -

�rasch ändernden Erfordernissen anzupassen.

Die Stärkung und Erweiterung

beider Institutionen ist ein Hauptziel der Politik der Vereinigten Staaten.

Die Vereinigten Staaten fühlen sich einem starken Internationalen Währungsfond fest verpflichtet, der eine effektive Überwachung des Systems ausübt und mit angemessenen Ressourcen versehen ist, um den offiziellen Finanzierungserfordernissen nachzukommen.

Die Vereinigten Staaten sind für eine

Aufstockung der IWF-Quoten sowie eine neue Zuteilung der Sonderziehungsrechte eingetreten und werden dies auch weiterhin tun.

Ich freue mich, sagen zu können, daß die legislative Erörterung der
amerikanischen Beteiligung an der zusätzlichen Finanzierungsfazilität sich
ihrem Abschluß nähert.

Ich rechne damit, daß endgültige Maßnahmen in Kürze

getroffen werden.

Ich darf Ihnen auch berichten, daß die Haltung des amerikanischen Kongresses
hinsichtlich der Unterstützung internationaler Finanzinstitutionen und auch
hinsichtlich der Auslandshilfe in diesem Jahr besser ist, als es meines Wissens früher der Fall war.

Ich hoffe, daß unsere europäischen Freunde die vorgeschlagenen europäischen Währungsvorkehrungen, die in Bonn nur oberflächlich erörtert wurden,
in einer Weise gestalten werden, die auch das internationale Währungssystem stärkt
und .

Wachstum, Handel und Investitionen sowie - was ebenfalls sehr wichtig

ist - die kontinuierliche zentrale Rolle des IWF erleichtert.

Die gegenwärtigen europäischen Bemühungen in Richtung auf dieses Ziel
sind ein logischer Schritt zu einer größeren europäischen Integration, die
die Vereinigten Staaten seit langem unterstützt haben.

Wir unterstützen

ebenfalls Vorschläge zur Erweiterung der Ressourcen der Weltbank und ihrer
Tochtergesellschaft für Kredite zu Sonderbedingungen (International Redevelopment
Association - IRA), wie wir das auf der Gipfelkonferenz in Bonn zugesagt haben.

Und
- 6 -

�Und auch hier hat der Kongreß unsere Erwartungen erfüllt.

Eine er-

weiterte Hilfe für die Entwicklungsländer trägt - wie wir alle wissen -, zu
einer gesunden Weltwirtschaft und zu einem gesunden Welthandel bei.

In der vergangenen Woche ist der amerikanische Senat - wie bereits das
Repräsentantenhaus zuvor - den Verpflichtungen unseres Landes für eine multilaterale und bilaterale Hilfe über meine eigenen Erwartungen hinaus - das muß
ich einräumen - nachgekommen.

Ich werde mich im nächsten Jahr darum bemühen, diese Verpflichtung als
Teil einer wachsenden internationalen Anstrengung zur Beseitigung der schlimmsten
Aspekte der menschlichen Armut fortzusetzen.

Der amerikanische Gouverneur

des Fonds und der Weltbank, Finanzminister Michael Blumenthal, wird unsere
Politik und die Aussichten für deren Verwirklichung ausführlicher darlegen,
wenn er morgen hier vor Ihnen spricht.

Sie sind hier in Washington zusammengekommen, um enorme Aufgaben auf
währungspolitischem und entwicklungspolitischem Gebiet anzupacken.

Die Zu-

kunft aller Völker sowohl in der sich entwickelnden Welt als auch der Industrieländer hängt von dem Ergebnis Ihrer Beratungen und der sich daraus
ergebenden Maßnahmen ab.

Ich bekräftige noch einmal die Verpflichtung meines Landes zu den gemeinsamen Anstrengungen, die erforderlich sind.

Ich bin überzeugt, daß diese gemeinsamen Anstrengungen zum Erfolg führen
werden.

Ich danke Ihnen sehr.

+ + + + +

- 7-

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. Oktober 1978

24

AMERIKAS NEUE EXPORTFÖRDERUNGSPOLITIK
Präsident Carter kündet Maßnahmen zur Steigerung der Ausfuhren an

WASHINGTON - (AD) - Präsident Carter gab am 26. September in Washington
im Zusammenhang mit den Vorschlägen seiner Administration zur Steigerung der
amerikanischen Ausfuhren nachstehende Erklärung ab:
Es ist wegen der wirtschaftlichen Stärke unseres Landes wichtig, daß
Privatsektor und Bundesregierung der Ausfuhr größere Dringlichkeit zuerkennen.
Ich kündige heute eine Reihe von Maßnahmen an, die Zeugnis für die starke
Entschlossenheit meiner Administration ablegen, das zu tun.
Die großen Außenhandelsdefizite, die die Vereinigten Staaten in den
letzten Jahren zu verzeichnen hatten, haben den Dollar geschwächt, den
inflationistischen Druck auf unsere eigene Wirtschaft verstärkt und die
Instabilität der Weltwirtschaft vergrößert.
zu nennen.
öleinfuhren.

Als Ursachen sind mehrere Faktoren

Eine der Hauptursachen war unsere übermäßige Abhängigkeit von
Wir können diese Abhängigkeit durch die Verabschiedung eines

vernünftigen Energiesesetzes in diesem Jahr vermindern.

Ein weiterer

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�weiterer Faktor war, daß die Wirtschaft der Vereinigten Staaten in den
letzten Jahren rascher gewachsen ist als die Wirtschaften unserer wichtigsten
Handelspartner.

Das ermöglicht es uns, verhältnismäßig

mehr ausländische

Güter zu kaufen, während unsere Handelspartner nicht in der Lage waren, vergleichsweise mehr amerikanische Ausfuhrgüter zu erwerben.

Dieses Ungleich-

gewicht wird aufhören, wenn unsere Handelspartner die Zusagen erfüllen, die
sie auf dem Gipfeltreffen von Bonn in bezug auf die wirtschaftliche Expansion
gegeben haben.
Die relativ langsame Zunahme der amerikanischen Ausfuhren war ein
weiterer wichtiger Faktor, der unsere Außenhandelsdefizite problematisch werden
ließ.

Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre bezifferten sich unsere Aus-

fuhrwachstumsraten nur auf die Hälfte der anderer Industriestaaten, und der
Anteil der Vereinigten Staaten am Weltmarkt war rückläufig.

Bis zum heutigen

Tage haben Wirtschaft und Staat den Ausfuhren eine verhältnismäßig geringe
Priorität zuerkannt.

Das muß sich ändern.

Bei den Maßnahmen, die ich heute bekanntgebe, handelt es sich um
Schritte, die diese Administration bereits ergriffen hat oder noch ergreifen
wird:
(1)

Erweiterung der Direkthilfe an amerikanische Exporteure;

(2) Abbau heimischer Exportbehinderungen; und
(3) Abbau ausländischer Hindernisse für amerikanische Exporte und
Schaffung eines faireren Welthandelssystems, das allen Exporteuren zugute
kommt.
Diese Maßnahmen werden zur Verwirklichung der Zusagen getroffen, die
ich auf dem Bonner Gipfel bezüglich der Steigerung der amerikanischen Ausfuhren gegeben habe.

- 2 -

�DIREKTHILFE AN AMERIKANISCHE EXPORTEURE
1. Die Export-Import-Bank. Ich trete schon seit langem und beharrlich
für eine Steigerung der Effektivität und der Aktivitäten der Export-ImportBank ein. In den letzten beiden Jahren hat meine Administration die Ausleiheermächtigung der Bank von 700 Millionen Dollar im Haushaltjahr 1977 auf
3,6 Milliarden Dollar im Haushaltjahr 1979 verfünffacht. Ich ersuche den
Kongress um eine Aufstockung um weitere 500 Millionen Dollar im Haushaltjahr
1980, die den Ausleiheplafond der Bank auf 4,1 Milliarden Dollar anheben wird.
Diese Aufstockung wird ihr die Mittel an die Hand geben, derer sie zur
Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und im Hinblick auf unsere internationalen
Verpflichtungen, die erforderliche Flexibilität bei Zinssätzen, Laufzeiten
und den finanzierungsfähigen Prozentanteilen von Transaktionen bedarf. Die
Bank unternimmt ferner Schritte, ihre Gebührensätze zu vereinfachen und auch
kleinere Exportfirmen sowie Exporteure landwirtschaftlicher Produkte verstärkt
in ihre Programme einzubeziehen.
2. Kredite des Bundesamtes für Klein- und Mittelbetriebe an kleine
Exporteure. Das Bundesamt für Klein- und Mittelbetriebe wird bis zu
100 Millionen Dollar aus den ihm für Zwecke der Garantie von Krediten an
kleinere Exportfirmen zugeteilten Mitteln dazu verwenden, diesen Starthilfe
bei der Erschließung ausländischer Märkte zu gewährleisten. Kleine Exportfirmen, die den Kriterien des Amtes genügen, haben fortan Anspruch auf
Übernahme der Garantie für Kredite bis zu 500 000 Dollar, die sie für Zwecke
der Produktionsausweitung, der Finanzierung von Verkäufen in Übersee oder
der Erschließung neuer Märkte benötigen.
3. Exportentwicklungsprogramme. Ich weise das Amt für Planung und
Haushalt an, zusätzliche 20 Millionen Dollar jährlich für die Finanzierung
von Exportförderungsprogrammen des Handels- und des Außenministeriums
einzuplanen, um amerikanische Firmen, insbesondere Klein- und Mittelbetriebe,
beim Absatz ihrer Waren auf ausländischen Märkten zu unterstützen, und zwar
über
- ein

�- ein EDV-Informationssystem, das amerikanischen Exportfirmen prompte
Auskünfte über Absatzmöglichkeiten im Ausland erteilt und ausländischen
Kunden amerikanische Produkte nachweist.
- Risikobeteiligungsprogramme, die Firmenzusammenschlüsse von Kleinund Mittelbetrieben in dem Bemühen unterstützt, die Erschließungskosten
von Exportmärkten aufzubringen; und
- zweckgebundene Hilfe an Firmen und Industrien mit hohem Exportpotential zur Durchführung von kurzfristigen Exportkampagnen auf Märkten
mit potentiellen Absatzchancen.
4. Agrarexporte. Die Ausfuhren landwirtschaftlicher Produkte stellen
einen wichtigen Posten in der amerikanischen Handelsbilanz dar. In den
letzten zehn Jahren haben sich die amerikanischen Agrarausfuhren volumenmäßig
verdoppelt und dem Dollarwert nach nahezu vervierfacht. Für den Außenhandel
mit Agrarprodukten wird im Haushaltjahr 1978 mit einem Nettoüberschuß von
nahezu 13 Milliarden Dollar gerechnet. Die Leistungsstärke der amerikanischen
Landwirtschaft auf dem Exportsektor ist zum Teil der vielschichtigen Agrarausfuhrpolitik dieser Administration zu verdanken, die noch weiter ausgebaut
und ergänzt werden soll durch
- eine Erhöhung der Mittel für kurzfristige Ausfuhrkredite um fast eine
Milliarde Dollar (von 750 Millionen Dollar im Haushaltjahr 1977 auf 1,7
Milliarden Dollar im Haushaltjahr 1978);
- eine nahezu 20-prozentige Erhöhung der Mittel zur Finanzierungshilfe
im Rahmen des äußerst erfolgreichen Programms der Zusammenarbeit von über
60 landwirtschaftlichen Produktegenossenschaften bei der Erschließung neuer
Märkte;
- Bemühungen, im Rahmen der internationalen Handelsverhandlungen die
Gleichbehandlung von Agrar- und Industrieprodukten zu erwirken;

- 4 -

�erwirken;
- die Eröffnung von Außenhandelsbüros in wichtigen Ausfuhrländern,
die bei der Entwicklung dieser Märkte behilflich sein werden;
- aktive Bemühungen um ein Internationales Weizenabkommen, das unseren
Erzeugern einen angemessenen Anteil an dem expandierenden Weltweizenmarkt
sichert; und
- unser Eintreten für ein Gesetz, das die Gewährung von Exportüberbrückungskredite bei gewissen landwirtschaftlichen Produkten ermöglicht.
5. Steuerliche Maßnahmen. Ich hoffe, daß der Kongress mit der
Administration zusammenarbeiten wird, um die Steuerprobleme umgehend zu
bereinigen, die die im Ausland tätigen Amerikaner belasten, von denen
viele direkt an unseren Exportanstrengungen beteiligt sind. Im Februar
habe ich Steuererleichterungen für solche Bürger in Höhe von etwa 250
Millionen Dollar im Jahr vorgeschlagen. Nach meinem Dafürhalten wird dieser
Vorschlag, den der Kongress abgelehnt hat, diesem Problem auf faire und,
in einer Zeit größter Haushaltdisziplin, auf verantwortungsvolle Weise
gerecht. Ich bin nach wie vor bereit, mit dem Kongress bei der Lösung
dieses Problems zusammenzuarbeiten, kann aber Vorschläge, die unserer großen
Besorgnis im Hinblick auf eine kluge Haushaltgestaltung und auf Steuergerechtigkeit zuwiderlaufen, nicht unterstützen.
Ebenso groß wie die Sorge um unsere Ausfuhren ist die Verpflichtung
meiner Administration, sicherzustellen, daß staatlich geförderte Ausfuhrinitiativen eine nützliche Verwendung von Steuergeldern darstellen. Die
steuerlichen Vorschriften in bezug auf Heimische Auslandsabsatzgesellschaften
(Domestic International Sales Corporations - DISCs) werden dieser grundlegenden Forderung nicht gerecht. DISC stellt eine kostspielige ( über
1 Milliarde Dollar im Jahr) und wirkungslose Form des Exportanreizes dar.
Ich ersuche den Kongress deshalb abermals, DISC zu liquidieren oder das

- 5 -

�das Verfahren mindestens einfacher, weniger kostspielig und wirkungsvoller
zu gestalten als bisher; meine Administration ist bereit, zu diesem Zweck
mit dem Kongress zusammenzuarbeiten.

ABBAU INNERER AUSFUHRBEHINDERUNGEN
Die direkte finanzielle und technische Hilfe an amerikanische Firmen
sollte diese dazu ermutigen, sich die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit unserer
Erzeugnisse auf den ausländischen Märkten zunutze zu machen.

Von gleicher

Wichtigkeit ist der Abbau staatlicher Exportdämpfungsmaßnahmen und -hindernisse,
die amerikanische Firmen in ihrer Absatztätigkeit im Ausland unnötigerweise
behindern.

Wir können und werden die Gesetze und die politischen Richtlinien,

die internationale Exporteure berühren, energisch und fair anwenden; wir
können auch dieser Verantwortung jedoch mit mehr Verständnis für die Wichtigkeit von Exporten nachkommen, als dies in der Vergangenheit der Fall war.
1. Auswirkungen amtlicher Vorschriften auf den Export. Ich weise die
Chefs aller Ministerien und Bundesbehörden an, mögliche negative Auswirkungen
exportbezüglicher administrativer und regulatorischer Vorschriften auf
unsere Handelsbilanz in Rechnung zu stellen und abzuwägen. Sie werden mir
über den Fortschritt bei der Feststellung und Verminderung solcher negativen
Auswirkungen auf den Export in allen Fällen, wo dies angebracht ist, gemäß
ihrer gesetzlichen und politischen Verpflichtungen Bericht erstatten. Ähnliche
Forderungen richte ich an alle selbständigen Bundesbehörden. Darüber hinaus
wird der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten die Auswirkungen von Vorschriften
auf den Export als Teil der generellen Analyse der regulatörisehen Befugnisse
durch diese Administration überprüfen.
Es kann durchaus Bereiche geben - beispielsweise die Ausfuhr von Gütern,
die ernste Gesundheits- oder Sicherheitsrisiken aufwerfen -,auf denen neue
Bestimmungen angebracht sind.

Durch die vorstehend genannten Schritte möchte

- 6 -

�möchte ich im gesamten Staatsapparat ein stärkeres Bewußtsein der Auswirkungen
administrativer und regulatorischer Maßnahmen auf die Ausfuhr wecken.
2. Ausfuhrbeschränkungen aus außenpolitischen Gründen. Ich weise das
Handels-, das Außen-, das Verteidigungs- und das Landwirtschaftsministerium
an, die Auswirkungen von Ausfuhrbeschränkungen aus außenpolitischen Gründen
auf die Ausfuhren unter dem Gesichtspunkt neu zu überdenken, ob die fraglichen
Waren auch aus anderen Ländern als den Vereinigten Staaten bezogen werden
können.
3. Gesetz über korrupte Praktiken im Ausland. Auf meine Anweisung hin
wird das Justizministerium die Geschäftswelt über seine Prioritäten bei der
Durchführung des kürzlich erlassenen Gesetzes zur Unterbindung von Bestechungsversuchen im Ausland unterrichten. Dieses Gesetz ist nicht als
ein Hindernis für legitime Geschäftstätigkeiten im Ausland gedacht. Ich
hoffe, daß sich die amerikanische Geschäftswelt angesichts der Ungewißheit
bezüglich seiner Anwendung keine legitime Exportchance entgehen läßt. In
dieser Hinsicht dürfte eine Klarstellung durch das Justizministerium nützlich
sein.
4.

Antitrustgesetze.

Es gibt Fälle, in denen Gemeinschaftsunternehmen

und andere Arten der Zusammenarbeit mit amerikanischen Firmen notwendig oder
wünschenswert sind, um unsere Ausfuhren auszuweiten.

Das Justizministerium

hat mitgeteilt, daß die meisten derartigen Gemeinschaftsvorhaben mit ausländischen Firmen nicht gegen unsere Antitrustgesetze verstoßen und in vielen
Fällen den Wettbewerb stärken.

Das gilt insbesondere für befristete Firmen-

gemeinschaften, die zu dem Zwecke gegründet werden, ein Projekt durchzuziehen wie beispielsweise ein umfangreiches Bauvorhaben.

In der Tat wurde in

den letzten 20 Jahren kein einziges derartigen Vorhaben aufgrund

der Anti-

trustgesetze vor Gericht in Frage gestellt.
Dennoch sind viele Geschäftsleute hinsichtlich dieser Frage verunsichert eine Unsicherheit, die sich als ein Exporthemmnis erweisen könnte.

Ich

habe deshalb das Justizministerium angewiesen, in Zusammenarbeit mit dem
- 7 -

�dem Handelsministerium den Geltungsbereich der Antitrustgesetze

auf diesem

Gebiet unter besonderer Berücksichtigung jener Arten von Gemeinschaftsvorhaben, bei denen eine Klage auf Grund der Antritrustgesetzgebung unwahrscheinlich ist, klarzustellen und zu erläutern.
Ich habe das Justizministerium ferner angewiesen, Unternehmeranfragen
bezüglich von Auskünften über internationale Antitrustfragen im Rahmen des
Wirtschaftsinformationsprogramms des Ministeriums raschestens zu beantworten.
Schließlich werde ich einen Unternehmensberatungsausschuß einsetzen, der mit
der Nationalen Kommission für die Überprüfung der Antitrustgesetzgebung zusammenarbeiten soll.
5. Überprüfung der Umweltschutzerfordernisse. Seit Jahren herrscht
in Exportkreisen Ungewißheit darüber, ob das Gesetz über eine nationale
Umweltpolitik (National Environmental Policy Act - NEPA) im Falle eines
Antrags auf Erteilung einer Ausfuhrlizenzgenehmigung oder Unbedenklichkeitsbescheinigungen durch die Bundesregierung die Abgabe einer Erklärung
über die Auswirkung der fraglichen Güter auf die Umwelt erforderlich macht.
Ich werde umgehend einen Präsidialerlaß unterzeichnen, der die amerikanische Ausfuhr insofern fördern dürfte, als er die Unsicherheit beseitigen
wird, die gegenwärtig hinsichtlich der Überprüfung von Ausfuhren unter Gesichtspunkten des Umweltschutzes und Maßnahmen im Zusammenhang mit der
Bundesregierung in bezug auf die hiervon berührten Ausfuhren herrscht. Der
Erlaß wird folgende exportwichtige Klarstellungen bringen:
- Erklärungen bezüglich der Umweltauswirkungen von Gütern,die
möglicherweise Auswirkungen auf die Umwelt im Ausland zeitigen, sind für
die Erlangung von Ausfuhrlizenzen, Genehmigungen, Unbedenklichkeitsbescheinigungen und anderen exportbezogenen Dokumenten, nicht nötig;
- Ausfuhrlizenzen, die das Handels- und das Finanzministerium ausgeben,
bedürfen nicht der anderweitig durch Präsidial erlaß vorgeschriebenen Überprüfung hinsichtlich der Umweltauswirkungen;
- 8 -

�- kurzgefaßte Übersichten über Umweltauswirkungen werden nur (1) bei
Kernreaktoren, (2) bei der Finanzierung von Produkten und Anlagen, deren
toxische Effekte ernthafte Risiken für die Volksgesundheit beinhalten, und
(3) bei gewissen Maßnahmen des Bundes

verlangt,die erhebliche negative

Auswirkungen auf die Umwelt in unbeteiligten Drittländern

oder auf

natürlichen Hilfsquellen von weltweiter Bedeutung zeitigen können.
Demgemäß wird dieser Erlaß Umweltschutzkriterien lediglich für einen
geringen Teil (weit weniger als 5%) des Dollarvolumens der amerikanischen
Ausfuhren aufstellen. Gleichzeitig wird er Verfahrensweisen zur Identifizierung
und Aussonderung solcher Exporte stipulieren, die wegen erheblicher Auswirkungen auf die Umwelt im Ausland einer besonderen Überprüfung bedürfen.
Dieser Präsidialerlaß wird unsere Besorgnisse über die Umweltverhältnisse
mit unserem Interesse an einer Ausweitung der Exporte in Einklang bringen.

DER ABBAU AUSLÄNDISCHER HANDELSHINDERNISSE UND EXPORTBEIHILFEN.
Wir ergreifen ferner wichtige Initiativen im internationalen Bereich,
um unsere Exporte auszuweiten. Die durch andere Länder verhängten Außenhandel srestriktionen beeinträchtigen unsere Exportfähigkeit. Zölle und
insbesondere auch nicht-tarifäre Handelshindernisse engen unsere Fähigkeit
ein, neue Auslandsmärkte zu erschließen und bestehende auszuweiten. Wir
arbeiten gegenwärtig im Rahmen der multilateralen Handelsverhandlungen in
Genf am Abbau derartiger Handelshindernisse.
Die Exporttätigkeit der Vereinigten Staaten wird auch durch die großzügigen Kredite und Beihilfen negativ beeinträchtigt, die einige unserer
Handelspartner ihren Exporteuren gewähren. Eines unserer wichtigsten Ziele
in den multilateralen Handelsverhandlungen ist es, einen Internationalen
Kodex zustandezubringen, der die Gewährung staatlicher Exportsubsidien
einschränken soll. Darüber hinaus weise ich den Finanzminister an, unver-

�unverzüglich Konsultationen mit unseren Handelspartnern aufzunehmen, um
den Bereich und die Bedingungen bestehender internationaler Exportregelungen
einzuschränken.
Ich hoffe, daß unsere wichtigeren Handelspartner die Bedeutung des
Zustandekommens von umfassenderen Vereinbarungen über die Maßnahmen für
Ausfuhrfinanzierung erkennen, damit wir den kostspieligen Wettbewerb auf
diesem Gebiet vermeiden, der wirtschaftlich ungesund wäre und sich schließlich
für uns alle von selbst verbietet. Diesbezügliche internationale Abmachungen
sind dringend erforderlich, um sicherzustellen, daß die amerikanischen
Exporteure nicht in einen unfairen Wettbewerb verwickelt werden. Diese
Administration ist eifrig bemüht, ihnen diese Sicherheit zu verschaffen.

SCHLUSSBETRACHTUNG
Auch wenn diese Initiativen die private Geschäftswelt in die Lage versetzen, ihre Exporte auszuweiten, sollte man nicht übersehen, daß sich
unser Exportproblem in Jahren aufgebaut hat und daß deshalb nicht mit
einer dramatischen Veränderung von heut auf morgen zu rechnen ist. Die
Steigerung unserer Ausfuhren
wird Zeit in Anspruch nehmen und fortgesetzte
Bemühungen erforderlich machen. Die Bekanntgabe der Exportpolitik meiner
Administration steht keineswegs am Ende sondern am Anfang der Bewältigung
dieser Aufgabe. Um sicherzustellen, daß diese Frage auch weiterhin erstrangig Beachtung findet, fordere ich Handelsministerin Krebs auf, in Zusammenarbeit mit Vertretern anderer einschlägiger Regierungsstellen Sorge
für die Fortsetzung der Bemühungen zu tragen, unser Exportpotential weiter
auszuweiten und unsere Expörtleistuhg weiter zu steigern.
Ich werde in Kürze einen Präsidialerlaß unterzeichnen, um einen erweiterten Exportbeirat des Präsidenten einzusetzen, der einen kontinuierlichen
Strom neuer Ideen in den Prozess der Gestaltung und Formulierung der diesbezüglichen Regierungspolitik einbringen soll.
- 10 -

Ich rechne damit, daß mir

�mir der Exportbeirat jährlich über den Handelsminister Bericht erstatten
wird.
Die Steigerung der amerikanischen Ausfuhren ist eine große Aufgabe für die Wirtschaft, für die Gewerkschaften und für den Staat. Eine Verbesserung der amerikanischen Ausfuhrergebnisse würde dem Wachstum unserer
Wirtschaft neuen Auftrieb geben. Sie würde neue Arbeitsplätze schaffen
helfen. Sie würde den Dollar stärken und zum Kampf gegen die Inflation
beitragen.
Es gibt keine raschen und einfachen Lösungen.

Die Maßnahmen aber,

die ich heute bekanntgegeben habe, spiegeln die Entschlossenheit meiner
Administration wider, dem Handelsdefizit der Vereinigten Staaten die Aufmerksamkeit höchster Stellen zu sichern, die es verdient.

Sie sind ein

erster Schritt in den langfristigen Bemühungen, die Ausfuhrposition unseres
Landes im Welthandel zu stärken.

+ + + + +

- 11 -

�1

Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. Oktober 1978

24

REDE VON AUSSENMINISTER VANCE VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG
AM 29. SEPTEMBER 1978
- Wortlaut -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Der amerikanische Außenminister
Cyrus Vance hat am 29. September 1978 vor der Vollversammlung der Vereinten
Nationen einen überblick über die politischen Aufgaben und Zielsetzungen der
Vereinigten Staaten gegeben.

Die Rede hat folgenden Wortlaut:

Herr Präsident, ich gratuliere Ihnen zur Wahl dieses wichtigen Amtes.
Vor einer Generation wurden die Vereinten Nationen von Männern und Frauen
ins Leben gerufen, die eine gemeinsame Vision hatten.
Sie sahen die Notwendigkeit, Ausgangs des Krieges stärkere internationale
Institutionen zu schaffen, die die Flammen des Konflikts löschen und die Länder
und Völker auf einen neuen Stand des materiellen Wohlergehens heben konnten.
Sie sahen die Notwendigkeit, Millionen von Menschen zur Selbstbestimmung
zu verhelfen.

Und
Postfach 20 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�Und sie sahen die Notwendigkeit, daß sich die Weltgemeinschaft in überzeugender Weise gegen Unterdrückung, Diskriminierung und die Verweigerung
der Menschenrechte zur Wehr setzen mußte.
Die Männer und Frauen, die in San Francisco zusammenkamen, richteten
ihre Blicke über die Meinungsverschiedenheiten und das Trennende des Augenblicks hinaus. Sie wagten den Ausblick auf eine Welt, wie sie sein könnte
- eine Welt, in der die Hungrigen gespeist werden; in der die Armen sich von
der Erniedrigung durch die Armut freigemacht haben; in der die Diplomatie
unter Ländern völlig an die Stelle der Gewalt unter Ländern getreten ist; in
der die vorhandenen Ressourcen der Welt wirksam genutzt und gerecht verteilt
sind.
In den Jahren seither waren die Leistungen der Vereinten Nationen zur
Verwirklichung dieser Vision positiv.

Sie haben eine nicht wegzudenkende

Rolle in dem Prozeß der friedlichen Entkolonialisierung gespielt, bei der
Entschärfung von Spannungen unter Völkern durch ihre friedenserhaltenden
Einsätze und bei der Förderung eines echten wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts.
Heute haben die Mitglieder dieser Körperschaft noch immer die gleiche
Vision. Und wir begreifen heute mehr denn je unser gemeinsames Schicksal
- daß kein Land im Alleingang seiner Bevölkerung Frieden und wirtschaftliche
Sicherheit gewährleisten kann; daß die Zukunft eines jeden unserer Länder
von der Zukunft all unserer Länder abhängt.
Unsere Herausforderung besteht heute darin, den politischen Willen aufzubringen, im Einklang auf die Erreichung unserer gemeinsamen Ziele hinzuarbeiten - über die großen Worte von der Interdependenz hinauszugehen und ihre
unausweichlichen Auswirkungen auf die nationalen Interessen eines jeden von
uns zu erkennen.
Wir müssen in dieser Aufgabe einen neuen Konsens finden: Daß in diesem
neuen Zeitalter jedes Land sorgfältiger als jemals zuvor seine langfristigen
- 2 -

�langfristigen Interessen in einer gesunden Weltgemeinschaft abwägen muß,
wenn es Entscheidungen über seine unmittelbaren Anliegen trifft.

Denn nur

durch Zusammenarbeit und Kompromiß im unmittelbaren Bereich können wir unsere Zukunft längerfristig sichern.

In entscheidenden Fragen werden die kommenden Monate
unabschätzbarer Bedeutung bringen.

Wendepunkte von

In den Verhandlungen über den Nahen

Osten, über das südliche Afrika, über den Handel, über die Rüstungskontrolle
und über viele andere drängende
worden.

Probleme ist ein echter Fortschritt erzielt

Ohne weitere Fortschritte könnten die bereits erzielten Gewinne

wieder verloren gehen.

Das gilt nicht für irgendein einzelnes Land oder eine Gruppe von Ländern,
sondern für alle Länder, einschließlich des meinigen.
Die Beilegung gefährlicher regionaler Streitigkeiten und Fortschritte
in der Begrenzung der Waffen müssen immer an der Spitze der dringlichen internationalen Tagesordnung stehen.
kommen.

Ich werde auf diese Punkte später zurück-

Aber wir können unsere Energien nicht so auf die politische Diplo-

matie des Weltfriedens konzentrieren, so wichtig das ist, daß wir zu spät
entdecken, daß internationale Ungerechtigkeiten und Armut und Ungerechtigkeit innerhalb der Länder den Frieden unter den Völkern unmöglich machen.

Lassen Sie mich heute das Augenmerk auf jene Fragen richten, die das
Leben der Menschen auf dem ganzen Erdball so zentral berühren - wirtschaftliche Sicherheit, gerechte Entwicklung der Ressourcen der Erde und persönliche Freiheit.

Das internationale Wirtschaftssystem

Wirtschaftlicher Fortschritt, an dem alle beteiligt sein sollen, erfordert einen weltweiten Konsens über die Vorteile und die Fruchtbarkeit der

- 3-

�der Zusammenarbeit zwischen den Nationen.
Zusammenarbeit und Kompromisse sind oft schwierig.
- Die wirtschaftlichen Probleme, die gemeinsam für uns bestehen, erfordern Anstrengungen, die auf weitgesteckte Ziele gerichtet sind, aber wir
alle werden durch innenpolitische Anliegen bedrängt, die unmittelbare Beachtung erfordern.
- Die für uns gemeinsam bestehenden Probleme sind in ihrer Auswirkung
so weitverzweigt und vielfältig, daß sie weder von einer einzelnen Nation
noch einer Gruppe von Nationen gelöst werden können.
- Und diese Probleme erfordern mehr als bloße allgemeine Übereinkommen.
Der Einsatz bedeutender technischer und finanzieller Hilfsmittel ist notwendig. Die Debatte über sterile Texte wird weder den Hungernden Nahrung noch
den Arbeitslosen neue Arbeitsplätze verschaffen. Nur eine gemeinsame Aktion
kann wirksam sein. Und hier muß jeder seinen Beitrag leisten, wenn es für
alle von Nutzen sein soll.
Noch vor drei oder vier Jahren bestand zwischen Nord und Süd eine ungewöhnliche Spannung.

Jede Seite war tief mißtrauisch, was die Motive des

anderen betraf. Jede vertrat scharf voneinander abweichende Auffassungen
über die globalen Notwendigkeiten und Prioritäten.
Diese Differenzen haben sich verringert. Seit der Siebten Sondersitzung,
UNCTAD IV, der Konferenz über Internationale Wirtschaftliche Zusammenarbeit
und den Sitzungen dieser Vollversammlung - und durch andere ernsthafte Bemühungen in der OECD und den Wirtschaftsgipfeltreffen - wurde in einer Reihe
von Grundsatzfragen, die sich auf eine neue internationale Wirtschaftsordnung
beziehen, ein übereinkommen erzielt:
- Wir sind uns über die Notwendigkeit einig, auf eine Beseitigung der

- 4 -

�der Armut in allen Ländern hinzuarbeiten.
stärkt.

Die Hilfszuwendungen wurden ver-

Der Nahrungsmittelproduktion wurde größere Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Befriedigung der grundlegenden wirtschaftlichen Ansprüche erhält in der
internationalen Gemeinschaft eine höhere Priorität.
- Wir sind uns über die dringende Notwendigkeit einig, ein angemessenes
und faires, nicht-inflationäres Wachstum zu beschleunigen.

Die Handelsver-

handlungen in Genf stehen in ihrer Abschlußphase. Wir erörtern Leit- und
Richtlinien für internationale Investitionen.
stärkt sich.

Die

Der Fluß von Privatkapital ver-

Fazilitäten des Internationalen Währungsfonds (IWF) wur-

den erweitert und man erörtert die Möglichkeiten zur Ausweitung der Fazilitäten der internationalen Entwicklungsbanken.
- Wir sind uns über die Notwendigkeit einig, die Instabilität und Unsicherheit in der Wirtschaft zu reduzieren. Der Internationale Währungsfond,
stellt jenen Ländern Mittel zur Finanzierung der Zahlungsbilanzen zur Verfügung, die am härtesten von den jüngsten Zerrüttungen im Weltwirtschaftsgefüge betroffen wurden. Wir führen sehr ernsthafte Verhandlungen über eine
Reihe von Rohstoffabkommen, unter anderem über ein System international koordinierter nationaler Getreidereserven..
- Und schließlich sind wir uns über die Notwendigkeit einig, eine reibungslose Anpassung für die Arbeiter und Unternehmer zu erleichtern, die die
Hauptlast der sich verändernden ökonomischen Verhältnisse getragen haben.
Der Bonner Wirtschaftsgipfel machte deutlich, daß wir unsere Anstrengungen
auf diesem Gebiet verstärken müssen.
Obwohl wir ein gutes Stück vorangekommen sind, wird die noch vor uns
liegende Wegstrecke sogar noch höhere Anforderungen stellen, denn die schwierigsten Probleme bleiben noch zu lösen. Um unseren Fortschritt beizubehalten
sollten wir uns bei den Nord-Süd-Gesprächen in den kommenden Monaten von drei
Grundprinzipien leiten lassen:
Erstens,

�Erstens, jede Nation muß der Versuchung widerstehen, ihre eigenen Wirtschaftsprobleme auf Kosten der anderen zu lösen, Wir müssen bei der Gestaltung unserer innenpolitischen Maßnahmen sowohl die globalen wie die nationalen
Bedürfnisse zugrundelegen.
Zweitens, alle Nationen, die ihren fairen Anteil an der Verantwortung
übernommen haben, sollten auch die Früchte einer gesunden Weltwirtschaft
ernten.
Drittens, alle Nationen müssen in internationale Wirtschaftsverhandlungen
mit einem Geist der Anpassungsbereitschaft herangehen.
Diese Prinzipien allein werden die Probleme, denen wir uns gegenübersehen,
nicht lösen. Aber ohne daß sie allgemein akzeptiert werden, kann es einen
wahren Fortschritt nicht geben.

Das Festhalten an diesen Prinzipien aber

wird verhindern, daß kritische Verhandlungen zur Polarisierung und zu selbstzerstörerischen Willensbekundungen führen.
Lassen Sie mich einige wichtige Probleme erörtern, bei denen die Anwendung dieser Prinzipien ausschlaggebend für Erfolg oder Mißerfolg sein kann:

Der Gesamtausschuß
Eine unserer jüngsten kollektiven Bemühungen zur Bewältigung der wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir gemeinsam stehen, war die Gründung des Gesamtausschusses. Dieser Ausschuß hat die Vollmacht, wirtschaftliche
Fragen umfassend zu prüfen und längerfristige Prioritäten festzulegen. Die
Vereinigten Staaten unterstützen dieses Vorhaben nachdrücklich.
Die Sitzung im Mai brachte einigen Fortschritt bei der Identifizierung
bestimmter wichtiger Gebiete des Übereinkommens zwischen Industriestaaten und
Entwicklungsländern.

Die sachlichen Erörterungen im Ausschuß hatten eine wich-

tige Auswirkung auf die Ministerkonferenz der OECD im Juni dieses Jahres und
- 6 -

�und auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Bonn.
Wir teilen selbstverständlich die Enttäuschung anderer Delegierter, daß
ein toter Punkt im Verfahren Anfang dieses Monats die Arbeit des Ausschusses
unterbrochen hat.
Seit der September-Sitzung haben wir die Erklärungen anderer zu dieser
Frage sorgfältig geprüft. Wir haben insbesondere die Erklärungen des Vorsitzenden vor dem Ausschuß am 8. September und vor der Presse am 11. September
zur Kenntnis genommen und haben die anschließenden Konsultationen in Rechnung
gestellt.

Man ist sich jetzt generell darüber einig, daß der Ausschuß keine

spezifischen Lösungen für Probleme bieten solle, die in anderen Gremien anstehen.

Er sollte vielmehr versuchen, zu vereinbarten Schlußfolgerungen über

fundamentale oder entscheidend wichtige grundlegende Fragen zu gelangen, und
zwar nur insoweit als alle Mitglieder bereit sind, eine Entscheidung in diesen
Fragen zu fällen.
Wir sind befriedigt, daß auf der Grundlage dieser Erklärungen heute eine
ausreichende verfahrensmäßige Übereinstimmung besteht, die sachliche Arbeit in
der Weise wieder aufzunehmen, wie sie der Vorsitzende am Ende der informellen
Konsultationen am 6. September vorgeschlagen hat.
Der Geist, der unsere Arbeit in dem Gesamtausschuß leiten muß, sollte
auch für unsere Handelspolitik gelten. Die Entwicklungswelt liegt nicht mehr
an der Peripherie des Welthandels. Das Wachstum in den Entwicklungsländern
ist in zunehmendem Maße für die Gesundheit der Industrieländer wichtig.
Die Verpflichtung zu offenem Handel steht jedoch auf außerordentlich
schwachen Füßen.

Es besteht eine große Versuchung, daß ein Land Handels-

restriktionen benutzt, um seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu exportieren.
Es ist oft leicht, sich vor Anpassungen zu drücken, die langfristig nützlich
wären, die aber kurzfristig schwierige Probleme für Arbeiter und Industrie
mit sich bringen.
Wir
- 7 -

�Wir müssen uns Sorgen machen um zunehmende protektionistische Forderungen,
aber wir sollten auch erkennen, daß der Welthandel sich in den letzten Jahren
bemerkenswert gut ausgedehnt hat.

Trotz einer schweren Rezession Anfang der

siebziger Jahre ist es uns nicht nur gelungen, die Handelskriege der dreißiger
Jahren zu vermeiden, sondern wir haben auch die Verhandlungen fortgesetzt, um
das Welthandelssystem zu liberalisieren und zu verbessern.

Unsere Fähigkeit,

diese Handelsverhandlungen in diesem Jahr erfolgreich abzuschließen, wird eine
entscheidende Bewährungsprobe unserer Verpflichtung zu einem offenen Handelssystem sein.

Ein Abkommen wird die Produktion anregen.

Es wird neue Arbeits-

plätze schaffen, und es wird zum Abbau der Inflation beitragen.
über unsere Anstrengungen zur Ausweitung des Handels hinaus werden die
Vereinigten Staaten ihre Verpflichtung erfüllen, die Entwicklungsländer;, durch
differenzierte Maßnahmen, einschließlich, wo angebracht, durch Sonderbehandlung
und größere Begünstigung, zu unterstützen.

Wir unsererseits erwarten von jenen

Entwicklungsländern, die dazu in der Lage sind, zur Liberalisierung des Handels
beizutragen, indem sie den Zugang zu ihren Märkten erleichtern.

Ein verbesser-

ter Zugang wird nicht nur zum Wohle der Industrieländer sein, sondern er wird
für viele Entwicklungsländer noch wichtiger sein.
Und schließlich sind wir der Überzeugung, daß die Entwicklungsländer im
Handel - wie anderswo - eine Stimme bei der Festlegung der Politiken haben sollten, die sie selbst berühren. Wir haben ihre volle Beteiligung an den Genfer
Verhandlungen gefördert. Wir appelieren an die Entwicklungsländer, vor allem
an jene, die eine große Rolle im internationalen Handel spielen, sich aktiv am
GATT zu beteiligen sowie an den Abkommen, die aus den Genfer Verhandlungen
resultieren, damit ihre Interessen voll repräsentiert sind.

Rohstoffe
Ein wesentliches Element des Handels ist für die meisten Entwicklungsländer
ihr Export an Grundrohstoffen. Auf der UNCTAD IV kamen wir überein, unsere
- 8 -

�unsere kollektiven Bemühungen zur Lösung der Rohstoffprobleme zu intensivieren.

Der Fortschritt war nicht immer so rasch, wie wir es alle gewünscht

hätten, aber darin kam ganz allgemein die technische Komplexität der Rohstoffragen zum Ausdruck und weniger ein Mangel an politischem Willen oder gutem Glauben.

Wir werden weiterhin auf Stabilisierungsabkommen und andere

Maßnahmen hinarbeiten, die die Rohstoffmärkte stärken.
Lassen Sie mich bekräftigen, daß wir auch der Überzeugung sind, daß ein
Gemeinsamer Fonds mit gesunder Grundlage eine nützliche Rolle bei der Lösung
der Rohstoffprobleme spielen könnte. Ein gut aufgebauter Fonds wird den beteiligten Ländern wirtschaftliche Vorteile bringen. Wir sind uns auch darüber
im klaren, daß die Errichtung eines Fonds von großer politischer Bedeutung
für den allgemeinen Nord-Süd-Dialog ist.
Wir werden mit anderen zusammenarbeiten, um die Verhandlungen über einen
Gemeinsamen Fonds zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen.

Die jüngsten

Konsultationen haben in einigen Fragen eine Annäherung der Auffassungen erkennen lassen.

Alle sind sich darüber einig, daß ein Fonds eine nützliche

Rolle beim Abbau der finanziellen Gesamtkosten für unterstützenden Ausgleichsvorräte (buffer Stocks) die die Preise wirksam stabilisieren, spielen könnte.
Darüber hinaus herrscht eine wachsende Erkenntnis, daß es wichtig ist,
eine verbesserte Produktivität und wirksamere Vermarktung vieler Rohstoffe
zu fördern. Ein getrenntes "zweites Fenster" des Gemeinsamen Fonds auf der
Grundlage freiwilliger Beiträge und nach vereinbarten Richtlinien arbeitend
könnte ein geeigneter Mechanismus sein. Wir sind bereit, in dieser Frage, wie
in anderen, flexibel zu verhandeln, wenn alle Seiten mit einer ähnlichen Einstellung an die Dinge herangehen.
Während in einigen Fragen Fortschritte erzielt wurden, bleiben noch wichtige Meinungsverschiedenheiten bestehen. Es wird notwendig sein, daß man sich
von allen Seiten des Konferenztisches entgegenkommt. Wir sind jedoch überzeugt,
daß bei gegenseitiger Annäherung ein funktionierendes Abkommen erreicht werden

�Transfer von Ressourcen
Wie beim Handel, muß ein verstärkter Fluß von Ressourcen nach den Entwicklungsländern Teil eines internationalen Systems gemeinsamer Verantwortung
sein.
Wir dürfen den Transfer von Mitteln nicht als ein Opfer für die Geber oder
als einen einseitigen Nutzen für die Empfänger betrachten.

Er wird zum welt-

weiten wirtschaftlichen Wachstum, verstärktem Handel und einer gesteigerten
Prosperität für uns alle beitragen.
Mein Land hat sich zu einer Erhöhung seiner Beiträge sowohl zu multilateralen wie auch bilateralen Entwicklungsanstrengungen verpflichtet.
ben wir im vorigen Jahr getan:

Das ha-

Unsere multilateralen Verpflichtungen erhöhten

sich um 31 Prozent und unsere bilateralen Programme stiegen um 20 Prozent.

Und

weil wir wollen, daß die Hilfsgelder der Vereinigten Staaten wirksam genutzt
werden, werden wir unsere Anstrengungen auf Länder konzentrieren, wo die Programme am direktesten darauf ausgerichtet sind, die entscheidend wichtigen
Ansprüche der Bevölkerung zu erfüllen.
Die Vereinigten Staaten sind nachdrücklich der Überzeugung, daß ein entscheidendes Ziel der Auslandshilfe darin bestehen muß, dazu beizutragen, die
grundsätzlichen menschlichen Ansprüche zu erfüllen. Wir sind uns darüber im
klaren, daß alle Länder unterschiedliche Prioritäten in der Entwicklung haben
werden, wenn sie auf dieses Ziel hinarbeiten. Ob nun der Nachdruck auf der
Förderung der Produktivität der Armen, der Erhöhung der Nahrungsmittel Produktion, der Verbesserung der Gesundheit, oder auf einer Ausweitung der Industrie,
die neue Arbeitsplätze schafft, liegt.das wesentliche Kriterium für jedes Land
ist, daß all seine Bürger - Männer und Frauen - aktive Teilnehmer und Nutznießer des Wachstums ihres Landes sind.
Und schließlich sind wir uns über die Schuldenprobleme im klaren, vor
denen viele der am wenigsten entwickelten Länder stehen.

Wir werden in Kürze

von unserem Kongreß die Vollniacht für rückwirkende Anpassungen bestimmter Hilfs- 10 -

�Hilfsbestimmungen erhalten, die uns in die Lage versetzen werden, jenen ärmsten
Ländern zu helfen.

Verwaltung der globalen Ressourcen
Wenn wir zusammenarbeiten, um die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern,
dann müssen wir auch eine gerechte Verteilung der Ressourcen der Welt sicherstellen.
Vier Fragen erfordern hier unsere dringende Aufmerksamkeit.
Unsere erste vordringliche Priorität ist die Gewährleistung einer ausreichenden Ernährung und stabiler Agrarpreise für alle Menschen.
Vier Jahre sind seit der Welternährungskonferenz vergangen, auf der wir
Maßnahmen vereinbart haben, die wir für die Zukunft treffen müssen. Aber trotz
unserer Anstrengungen sind die grundlegenden Probleme geblieben.
- Die Nahrungsmittel Produktion hält kaum Schritt mit dem Bevölkerungswachstum.
- Der Mangel an Nahrungsmittel steigt in vielen Ländern.
- Und die Verhandlungen über Getreidereserven haben sich ohne Erfolg hingezogen.
Wir sind der Überzeugung, daß hier ein Fortschritt erzielt werden muß.
Die Vereinigten Staaten haben eine Getreidereserve von 9 Millionen Tonnen
bei den Farmern eingerichtet. Wir haben unserem Kongreß die Einrichtung einer
internationalen Weizenreserve für Notfälle von 6 Millionen Tonnen vorgeschlagen,
um Nahrungsmittel für Notfälle in Entwicklungsländern zur Verfügung zu haben.
Wir haben die Absicht, den Stand unserer Nahrungsmittelhilfe auf einem fairen
Anteil der Ziel Vorstellung zu halten, die die Welternährungskonferenz aufgestellt hat. Wir werden weiterhin die Tätigkeiten internationaler Organisationen
- 11 -

�Organisationen unterstützen, die sich mit der Nahrungsmittelproduktion befassen, wie etwa der Internationale Fonds für Landwirtschaftliche Entwicklung.
Und wir haben die Absicht, die Nahrungsmittelhilfe zu einem wirksameren Instrument zur Förderung der Entwicklung zu machen.
Ich schlage vor, daß diese Versammlung die Ernährungssituation der Welt
überprüft - um die derzeitigen Hindernisse zum Fortschritt aufzuzeigen und ein
Gefühl der Dringlichkeit wieder herzustellen, die unmittelbarsten Ansprüche
der Menschheit zu erfüllen.
Ernten einlullen lassen.

Wir dürfen uns nicht durch gutes Wetter und reiche

Es wird unausweichlich wieder zu einer Tragödie kom-

men, wenn wir jetzt nicht handeln.
Zweitens, wir müssen jetzt handeln, um neue Energiequellen zu entwickeln,
damit wir einen harten Übergang zu Zeiten vermeiden, in denen fossile Brennstoffe nicht mehr in reichem Maße zur Verfügung stehen.

Diese Aufgabe hat meh-

rere Dimensionen:
- Die Erdöl- und Erdgaserzeugung muß ausgeweitet werden, und wir müssen
den sparsamen Umgang mit diesen Energiequellen verbessern, vor allem in den
Vereinigten Staaten. Die Weltbank hat ihre Kredite erhöht, um Entwicklungsländern bei der Steigerung ihrer Versorgung mit fossilen Brennstoffen zu helfen.
Wir begrüßen dies, und wir ermutigen auch die regionalen Entwicklungsbanken
zu weiterer Hilfe.
- Die Entwicklung der Kernenergie wird ebenfalls ein zentrales Problem
für die Zukunft vieler Länder sein. Wir hoffen, daß die Internationale Bewertung des Nuklearen Brennstoffzyklus einen Konsens über nukleare Technologien
bringen wird, die frei sind von den ernsten Risiken einer Ausbreitung von Kernwaffen. Meine Regierung unterstützt die Entwicklung von Kernenergie, deren
Sicherheit gewährleistet werden kann, einschließlich garantierter Lieferungen
von Kernbrennstoff. Die Entwicklungsländer sollten selbstverständlich an dem
Aufbau und dem Management der Institutionen teilnehmen, die die Grundlage für
ein internationales Kernenergieregime bilden.
- Vorrangige
- 12 -

�- Vorrangige Aufmerksamkeit muß der Entwicklung sich erneuernder Energiequellen gelten.

Es existieren bereits viele Technologien zur Nutzung von

Sonnenenergie, Windenergie und Erdwärme. Wir können alle von diesen Technologien profitieren, aber es sollte eine besondere Anstrengung unternommen werden, um den Bedarf der ärmeren Länder zu decken.
- Es gibt heute für die Vereinten Nationen zwei Möglichkeiten, weiterhin
eine wichtige Rolle zu spielen.

Die Vereinigten Staaten unterstützen die vor-

geschlagene UN-Konferenz über neue und sich erneuernde Energien.

Diese Kon-

ferenz könnte zu einer koordinierten Energieanstrengung der Vereinten Nationen
und klareren Prioritäten führen.

Sie könnte auch die Information über die

Technologien sich erneuernder Energien auf den neuesten Stand bringen und die
Rolle des Privatsektors in der Energieentwicklung untersuchen.
- Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen könnte seine Anstrengungen auch darauf ausdehnen, Ländern dabei zu helfen, ihre eigenen Möglichkeiten
auf dem Gebiet sich erneuernder Energie zu erkennen, die Erprobung neuer Technologien zu finanzieren und Ausbildung und technische Unterstützung für ein
wirksames Energiemanagement zu leisten.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, einen Beitrag zu einer großen globalen
Anstrengung zur Entwicklung neuer Energiequellen zu leisten. Wir werden unsere
Hilfsprogramme auf diesem Gebiet verstärken.

Wir werden die Forschung im ei-

genen Lande, von der alle Länder profitieren können, intensivieren.

Und wir

werden kooperative Energieprogramme ausweiten, von denen wir alle Nutzen haben
dürften.
Drittens, wir müssen danach streben, die Seerechtsverhandlungen zu einem
erfolgreichen Abschluß zu bringen.

Hier geht es darum, ob dieses weite Gebiet

des Globus eine Arena des Konflikts oder der Zusammenarbeit sein wird.
In einer ganzen Anzahl von Fragen ist in diesen Verhandlungen ein beträchtlicher Fortschritt erzielt worden.

Diese Erfolge sind jedoch immer wieder da- 13 -

�dadurch getrübt worden, daß ein toter Punkt

über die Frage des Abbaus auf

dem Meeresboden eingetreten ist. Hier besteht bereits die Basis für eine
gerechte Lösung, und sie wird weitgehend akzeptiert.

Sie erlaubt allen Sei-

ten, vollen Nutzen aus dem Abbau aus dem Meeresboden zu ziehen, wobei private
Firmen ebenso wie ein internationales Unternehmen die Erlaubnis erhalten sollen,
auf Wettbewerbsbasis Abbau zu betreiben.

Eine allseits akzeptierte Lösung

ist zwingend notwendig und sie ist möglich.

Die Zeit für eine vereinbarte

Lösung wird knapp. Auch ohne eine solche Lösung wird der Abbau auf dem Meeresboden unausweichlich stattfinden, aber es wird ein international vereinbarter
Rahmen fehlen.

Das wäre weit weniger zufriedenstellend als ein weithin unter-

stütztes Regime.
Viertens und letztlich ist es die kritische Frage schlechthin, wie wir
Technologie und Wissenschaft zum Segen der Menschheit am besten nutzen können.
Wir hoffen, daß die Konferenz der Vereinten Nationen über Wissenschaft
und Technologie ihre Aufmerksamkeit darauf konzentrieren wird, wie alle Länder
ihr Wissen zur weltweiten Entwicklung beitragen können. Es wird besonders
wichtig sein, für die Entwicklungsländer Mittel und Wege zu finden, ihre Fähigkeit zur Schaffung, Auswahl und Anwendung von Technologie für ihre eigenen Entwicklungsprioritäten zu steigern. Wir werden zu der Arbeit der Konferenz beitragen und wir hoffen, von ihr zu profitieren.
Darüber hinaus haben wir die Absicht, um die technischen Talente und das
technische Wissen unseres Landes für die Entwicklung anderer mobilisieren zu
helfen, im kommenden Jahr eine neue Stiftung für Internationale Technologische
Zusammenarbeit einzurichten.

Stärkung der Menschenwürde
Der menschlichen Würde stärkere Geltung zu verschaffen, das ist letztlich
Ziel und Zweck all unserer Politik.

Die Rechte auf Nahrung - auf Wohnung, auf

- 14 -

�auf eine anständige Ausbildung und angemessene Gesundheitsfürsorge - all diese
Rechte, die bei der Art, wie wir an die wirtschaftlichen Probleme herangehen,
ein zentrales Anliegen sind - sind schal und leer ohne die politischen und
bürgerlichen Freiheiten, die Freiheit von Folter und Mißhandlung durch die Regierung, die Freiheit der Religionsausübung, die Freizügigkeit und die Freiheit, ohne Furcht seine Meinung äußern zu können, die Freiheit, an den Angelegenheiten der eigenen Regierung teilnehmen zu können, Es gibt keine Unvereinbarkeit zwischen wirtschaftlichen, politischen und bürgerlichen Rechten, keine
Wahl, die zwischen ihnen getroffen werden müßte.

Sie bestärken einander.

Wir gedenken bei dieser Vollversammlung des 30. Jahrestages der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dag Hammarskjoeld bezeichnete die Deklaration als ein "lebendiges Dokument". Wir haben die unablässige Pflicht, dieses Dokument in unseren eigenen Ländern lebendig zu erhalten. Und als Mitglieder der Vereinten Nationen müssen wir den internationalen Mechanismus stärken, der dazu dient, den ganzen Bereich der Menschenrechte - der politischen
und wirtschaftlichen - zu fördern.
Im vorigen Jahr haben wir einen beachtlichen Fortschritt erzielt. Heute
sind die Menschenrechte in der internationalen Debatte ein weitaus zentraleres
Anliegen als je zuvor. Aber es muß noch mehr getan werden.
- Diese Versammlung sollte die Aktivitäten der verschiedenen Menschenrechts-Institutionen der Vereinten Nationen überprüfen.
- Wir müssen in dieser Versammlung beschließen, die Folter in jedem Land
unmöglich zu machen und zu einem internationalen Abkommen zu ihrer Ächtung zu
kommen.
- Wir müssen gewährleisten, daß wir alles in unserer Macht stehende tun,
um Verhältnisse zu beenden, die mit Völkermord gleichzusetzen sind.
- Und wir müssen an uns die Frage richten, was jeder von uns weiter tun
kann, um die Gewähr zu bieten, daß die Allgemeine Menschenrechtserklärung le- 15 -

�lebendig bleibt - den aus Gewissensgründen Gefangenen Amnestie gewähren,
allen ein angemessenes Gerichtsverfahren zu sichern und die soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung für unsere Menschen zu fordern.
Außerdem erfordert das Geschick einer Menschengruppe - der Flüchtlinge unsere besondere Anteilnahme.

Wir appellieren an alle Nationen, das lebens-

wichtige humanitäre Werk des Hohen Kommissars für die Flüchtlinge stärker zu
unterstützen.
Das Flüchtlingsproblem ist nicht auf einzelne Regionen begrenzt.

Allein

in Afrika leben heute mehr als zwei Millionen Menschen außerhalb ihres Geburts- und Heimatlandes.

Wir müssen mehr tun, um ihnen eine Existenzmöglich-

keit und Sicherheit und eine realistische Hoffnung auf Wiederansiedlung oder
Rückkehr in ihr Heimatland zu bieten.
In Südostasien bringt jeder Tag hunderte neuer Flüchtlinge aus Indochina
- einige, die ihr Leben beim Grenzübertritt riskierten; andere, die in Booten
aller Art die Gefahren des Meeres überstanden. Wir brauchen dringend größere
Anstrengungen, um ihnen eine Zufluchtsstätte zu bieten. Wir hoffen, daß der
Hochkommissar die Einberufung einer internationalen Konferenz in allernächster
Zukunft ins Auge faßt, um eine menschliche Lösung für das verzweifelte Los
dieser Flüchtlinge zu finden.
Wir schlagen vor, daß zu einem späteren Zeitpunkt auch die Einberufung
einer allgemeinen Konferenz über das weltweite Flüchtlingsproblem in Erwägung
gezogen wird.

Internationale Friedensbemühungen
Allzuoft

sind Leid und Not der Entwurzelten ein erschreckendes Zeugnis

für unser kollektives Versagen in den Bemühungen um den Weltfrieden.
und Krieg sind die Feinde der von mir erwähnten fundamentalen Rechte.
Meine
- 16 -

Hader

�Meine Regierung und viele der hier Versammelten sind heute aktiv bemüht,
in den Unruhegebieten der Welt einen Pfad des Friedens einzuschlagen.
Die in Camp David erzielten Abkommen bieten die Hoffnung, daß im Nahen
Osten schließlich doch ein Wendepunkt erreicht wurde. Die zwischen Ägypten
und Israel mit aktiver amerikanischer Beteiligung erzielten Abkommen bilden
einen Rahmen für eine umfassende Friedenslösung. Viel bleibt in den sich
daran anschließenden Verhandlungsstufen noch zu tun, aber ein wichtiger Schritt
nach vorn ist für die Lösung der schwierigen Probleme getan worden, die den
Kern der dreißigjährigen arabisch-israelischen Feindschaft bilden. Im weiteren
Verlauf der auf der Grundlage des Rahmenwerkes von Camp David geführten Verhandlungen wird ein dynamischer Prozeß in Gang gesetzt werden, der die Einstellung zu den Problemen, die noch zu lösen übrig geblieben sind, tiefgreifend verwandeln kann. Dieser Prozeß wird die legitimen arabischen Ziele in
beachtlicher Weise fördern, während er zugleich für die Sicherheit Israels
Schutz bietet. Wir hoffen, daß die Mitglieder dieses Gremiums der Aufgabe,
auf diesem Rahmenwerk einen gerechten und dauerhaften Frieden aufzubauen, ihre
volle Unterstützung erteilen werden.
In seiner jüngsten Ansprache vor dem Kongreß hat Präsident Carter die
Hauptelemente der Abkommen von Camp David aufgezeigt. Wie der Präsident
sagte, ist unsere historische Position gegenüber der Frage von Siedlungen in
besetzten Territorien unverändert geblieben. Wie er weiterhin erklärte, wird
kein Friedensabkommen gerecht oder sicher sein, wenn es nicht das Palästinenserproblem im weitesten Sinne löst. Wir sind der Auffassung, daß der palästinensischen Bevölkerung die Gewähr geboten sein muß, daß sie und ihre Nachfahren in Würde und Freiheit leben können und sie die Chance zu wirtschaftlicher
Entfaltung und politischer Darstellung haben müssen. In den Camp David-Abkommen wird erklärt, daß eine ausgehandelte Lösung die legitimen Rechte des
palästinensischen Volkes anerkennen muß.
Die Abkommen von Camp David sind ein solider Anfang auf dem Wege, diese
Ziele für die Palästinenser in konkreter Form zu erreichen.

- 17 -

Für das Jordan-

�Jordan-Westufer (West Bank) und den Gaza-Streifen sieht das Rahmenwerk vor,
daß die israelische Besatzung beendet und eine Selbstverwaltung geschaffen
wird.

Das läßt sich innerhalb weniger Monate erreichen.

Damit bietet sich

für die Palästinenser zum erstenmal die Aussicht, sich in dem vereinbarten
Rahmen selbst zu regieren.
Das Rahmenwerk von Camp David weist den Palästinensern außerdem eine
entscheidende Rolle bei der Gestaltung ihres künftigen Schicksals zu, indem
es sie als Beteiligte bei allen Aspekten der Verhandlungen anerkennt, die
über ihre Zukunft entscheiden.

Sie werden an den Verhandlungen über die Ein-

setzung einer Selbstverwaltung, sowie an denen, die den endgültigen Status
des Westufers und des Gaza-Streifens und an denen, die zu einem jordanischisraelischen Friedensvertrag führen, teilnehmen.

Und schließlich wird das

Abkommen über den endgültigen Status des Westufers und des Gaza-Streifens
den Vertretern der Einwohner vorgelegt werden, damit sie über seine Ratifizierung oder Ablehnung entscheiden können.
Diese Schritte setzen einen politischen Prozeß in Gang, der für alle
Palästinenser von höchster Bedeutung ist.
Die Übereinkommen von Camp David konzentrieren sich auf die Mittel und
Wege, durch die die Selbstverwaltung für die Palästinenser errichtet werden
kann, die am Westufer und im Gaza-Streifen leben, aber alle drei Führer in
Camp David waren sich ebenso darüber im klaren, daß das Problem der Palästinenser, die außerhalb dieser Gebiete leben, ebenfalls gelöst werden muß.
Wir sind uns bewußt, daß dieses Problem sowohl politischt als auch humanitäre
Dimensionen hat, die als integraler Teil einer dauerhaften Friedensregelung
bewältigt werden müssen.

Wenn die Übereinkommen von Camp David die Lösung

des Palästinenserproblems in allen seinen Aspekten fordern, dann ist das die
Anerkennung und der Einschluß dieser zentralen Tatsache.

So wie die poli-

tischen Institutionen der Selbstverwaltung am Westufer und im Gaza-Streifen
durch Verhandlungen zwischen den Beteiligten Gestalt annehmen, so sollte das
Verhältnis zwischen diesen Institutionen und den außerhalb der Gebiete lebenden
Palästinenser definiert werden, einschließlich der Frage der Aufnahme palästi- 18 -

�palästinensicher Flüchtlinge am Westufer und im Gaza-Streifen.
Der Rahmen sieht die Errichtung eines Ausschusses vor, der über die Modalitäten der Aufnahme von Personen, die im Krieg von 1967 vertrieben wurden,
am Westufer und im Gaza-Streifen entscheiden soll.

Zum ersten Mal sind die

am Konflikt beteiligten Parteien - Ägypten und Israel - übereingekommen, miteinander und mit anderen interessierten Parteien zusammenzuarbeiten, um vereinbarte Verfahren für eine rasche,gerechte und dauerhafte Lösung des Flüchtlingsproblems auszuarbeiten.
Wie Präsident Carter in seiner Ansprache vor dem Kongreß erklärt hat, sind
die Vereinigten Staaten unwiderruflich verpflichtet, eine befriedigende Lösung
des Problems der palästinensischen Flüchtlinge herbeizuführen. Wir werden
bei der Lösung dieses Problems eine aktive Rolle spielen. Wir appellieren an
die internationale Gemeinschaft, Ägypten und Israel bei der Ausarbeitung von
Verfahren für eine rasche Lösung dieser Frage in all ihren Aspekten zu unterstützen, und die internationale Gemeinschaft sollte zu einem Programm zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung am Westufer und im Gaza-Streifen beitragen und auch jene Flüchtlinge unterstützen, die anderswo leben.
Wir sind entschlossen, eine faire und gerechte Lösung der Nahost-Fragen
in all ihren Aspekten zu erreichen, und wir hoffen, daß das palästinensische
Volk diese historische Chance nutzen wird. Wir hoffen, daß die Menschen im
Nahen Osten zustimmen werden, daß eine zwingende Notwendigkeit besteht, den
Verhandlungsprozeß jetzt zu beginnen - und nicht zu warten, bis die letzte Frage
geklärt ist. Wir appellieren an die anderen interessierten Parteien, sich ohne
Verzug den Verhandlungen anzuschließen.
So wie der Friedensprozeß im Nahen Osten voranschreitet, ist es von lebenswichtiger Bedeutung, die Wirksamkeit der friedenserhaltenden Rolle der Vereinten Nationen dort aufrechtzuerhalten.

Es ist unerläßlich, daß die Mandate der

Friedensstreitkräfte der Vereinten Nationen auf den Golanhöhen und im Sinai in
diesem Herbst erneuert werden.

Sie haben bisher allen Seiten geholfen, erneute

- 19 -

�erneute Feindseligkeiten zu vermeiden.

Sie müssen jetzt dort bleiben, um

zur Erreichung eines stabilen Friedens beizutragen.
Lassen Sie mich kurz auf einige andere regionale Streitigkeiten von großer
Bedeutung eingehen:
- Im Libanon halten die Kämpfe und die tragischen Verluste an.

Die Interims-

streitmacht der Vereinten Nationen im südlichen Libanon hat viel getan, um die
Situation in diesem Teil des Landes zu stabilisieren, und wir fordern alle auf,
diese Anstrengung zur Wiederherstellung der libanesischen Autorität zu unterstützen.

In anderen Teilen des Libanon halten die Konfrontationen und die Span-

nungen in einem hohen Maße an.

Präsident Carter hat in seiner Ansprache an die

gemeinsame Sitzung des Kongresses nach dem Gipfeltreffen von Camp David und erneut am gestrigen Tage seine Entschlossenheit zum Ausdruck gebracht, nichts unversucht zu lassen, um bei der Herbeiführung einer Lösung der libanesischen
Tragödie zu helfen.

Wie der Präsident gestern erklärte, ist es jetzt an der

Zeit, daß wir gemeinsam handeln, um eine Konferenz jener einzuberufen, die beteiligt sind, und zu versuchen, zu einer Lösung zu gelangen.

Dazu mag eine

neue Charta für den Libanon gehören.
- In Namibia steht die Weltgemeinschaft vor einer fundamentalen Herausforderung. Ich werde auf dieses Problem heute nachmittag im Sicherheitsrat näher
eingehen. Jetzt möchte ich nur sagen, daß die Vereinigten Staaten entschlossen
sind, daß Namibia seine Unabhängigkeit in Übereinstimmung mit dem Kontaktgruppenvorschlag und der Sicherheitsratsresolution 431 erhält. Wir appellieren an Südafrika, voll mit den Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten, damit diese kritische Chance für eine friedliche Beilegung nicht vertan wird. .
- In Rhodesien könnte die Zeit für die Möglichkeiten einer diplomatischen
Lösung knapp werden.

Aber wir werden weiterhin mit der britischen Regierung,

den Regierungen der Region und den Beteiligten zusammenarbeiten, um zu einer
Lösung auf dem Verhandlungswege zu gelangen.

Wir verurteilen die Mörder un-

schuldiger Zivilisten, sowohl vom Gewissen als von der Vernunft her.

Die Aus-

sichten auf Frieden in Rhodesien werden geringer, wenn die Gewalttätigkeit zunimmt.

- Was
- 20 - .

�- Was Zypern anbetrifft, so bietet sich jetzt eine Chance, den beiden
Gemeinden zu helfen, ihre Meinungsverschiedenheiten einzuengen und eine gerechte und dauerhafte Lösung dieses seit langem anstehenden Problems zu erreichen.

Den Vereinten Nationen ist es in lobenswerter Weise gelungen, eine At-

mosphäre herzustellen, die jetzt produktive Verhandlungen zwischen beiden Gemeinden ermöglichen dürfte.

Um diese Chance zu nutzen, würden wir eine erneute

Anstrengung von Generalsekretär Waldheim begrüßen und aktiv unterstützen, um
den Parteien bei einem Abkommen über eine souveräne, beide Gemeinden einschließende, blockfreie Bundesrepublik Zypern zu helfen, die den Wünschen der Bevölkerung
Zyperns entsprechen würde.
- In der westlichen Hemisphäre müssen wir etwas gegen die Agonie jener
tun, die in Nicaragua in Gewalttätigkeit und Blutvergießen versunken sind.
Die Vereinigten Staaten und mehrere Länder Lateinamerikas haben sich angeboten,
bei der Beilegung der inneren Krise Nicaraguas zu helfen. Wir hoffen und erwarten, daß alle beteiligten Parteien diese Angebote annehmen und einem fairen
Vermittlungsprozeß zustimmen werden, in den alle Vertrauen setzen dürfen.
Nur eine demokratische Lösung - nicht Unterdrückung oder Gewalttätigkeit - kann
in Nicaragua zu einer dauerhaften Stabilität und wahrem Frieden führen.
- Wenn wir zusammenarbeiten, um friedliche Lösungen für die gefährlichsten
regionalen Streitigkeiten zu finden, dann müssen wir auch in dieser Versammlung
danach streben, die friedenserhaltende Fähigkeit der Vereinten Nationen zu
stärken.
- Und während diese Organisation daran arbeitet, der Gewalt unter Nationen
Grenzen zu setzen, dürfen wir das Unglück nicht aus den Augen verlieren das
durch jene hervorgerufen wird, die terroristische Akte gegen unschuldige Personen verüben.
den.

Kein Land kann für sich allein mit diesem Problem fertig wer-

Hier ist kollektives Handeln von entscheidender Bedeutung.

Wir fangen an, Fortschritte zu machen. Im vorigen Jahr hat die Vollversammlung eine bedeutsame Resolution über Flugzeugentführungen verabschiedet.

- 21 -

�verabschiedet.

Die Bonner Deklaration vom Juni dieses Jahres brachte ein

dringend benötigtes Übereinkommen über die Aufnahme von Entführern.

Wir

appellieren nachdrücklich an alle Länder, diese Deklaration zu unterzeichnen.
Das Streben nach Frieden und Sicherheit muß über die Beilegung von Konflikten und die Verhütung von Gewalt hinausgehen.

Die Sicherheit aller wird

gefördert, wenn Länder die Kriegswaffen durch gegenseitig ausgehandelte
Rüstungskontroi labkommen begrenzen.
Wir führen mit der Sowjetunion und anderen Ländern in einem weiten Bereich
Rüstungskontroll Verhandlungen:
- Der Abschluß eines Abkommens über eine Begrenzung der strategischen
Rüstungen mit der Sowjetunion ist ein fundamentales Ziel der Vereinigten Staaten. Wir hoffen, daß wir noch vor Ende dieses Jahres ein SALT II-Abkommen
abschließen können.
- Die Vereinigten Staaten hoffen, daß beim Abschluß eines umfassenden
Abkommens zur Beendigung der Kernwaffenversuche ein rascher Fortschritt erzielt werden kann.
- Es sind unbedingt verstärkte Anstrengungen erforderlich, um die Ausbreitung von Kernwaffen zu verhüten. Es ist wichtig, sich gut auf die Überprüfungskonferenz für den Nichtweiterverbreitungsvertrag im Jahre 1980 vorzubereiten, weiterhin Fortschritte bei der Internationalen Bewertung des Kernbrennstoffzyklus zu erzielen und einen der wichtigen Erfolge der Sondersitzung
über Abrüstung zu erkennen, nämlich die Entscheidung mehrerer Kernwaffenmächte,
sich zu verpflichten unter bestimmten Umständen von der Anwendung von Kernwaffen gegen Nicht-Nuklearstaaten Abstand zu nehmen. Wir möchten bitten, daß
der Sicherheitsrat diese Verpflichtungen zur Kenntnis nimmt.
- Die Vereinigten Staaten werden auch an der Verwirklichung der Forderungen
in der Grundsatzerklärung und im Aktionsprogramm für die Zurückhaltung bei der
- 22 -

�der Weitergabe konventioneller Waffen - wie von der Sondersitzung verabschiedet mitarbeiten.

Wir erörtern aktiv mit der Sowjetunion, wie unsere beiden Länder

eine solche Zurückhaltung im Einklang mit dem legitimen Recht der Selbstverteidigung und den internationalen Verpflichtungen fördern könnten. Wir sind über
die neuen Initiativen ermutigt, die bereits ergriffen werden, um eine solche
Zurückhaltung auf regionaler Basis in Lateinamerika zu fördern, und wir sind
bereit, ähnliche Bemühungen von Ländern in anderen Regionen zu unterstützen.

Zusammenfassung
Lassen Sie mich betonen, daß wir in all den Fragen, die ich heute angesprochen habe, mehr gemeinsam haben als uns trennt.
Wir leben auf dem selben kleinen Planeten.
Wir haben gemeinsamemenschliche Wünsche und Hoffnungen - auf ein besseres
Leben, auf größere Chancen, auf Freiheit und auf Sicherheit.
Und weil wir ein gemeinsames Schicksal teilen, sind wir einfach gezwungen
unsere Differenzen beizulegen.
Wenn wir uns auf diese gemeinsamen Interessen konzentrieren, dann können
wir auch den gemeinsamen Boden für einen weltweiten Fortschritt finden.

Wir

können, wie Jean Monnet gesagt hat, unsere Probleme auf die eine Seite des
Tisches setzen und uns alle auf die andere Seite.
Der Maßstab unseres Fortschritts wird nicht sein, ob wir all unsere Ziele
in dieser Generation erreichen, denn das wird sich sicher als unmöglich erweisen.
Er wird darin bestehen, ob wir jetzt den Willen aufbringen können, zusammen
voranzuschreiten, damit unsere Kinder aus unseren Anstrengungen und unserem Weitblick profitieren mögen.
+ + + + +
- 23 -

�I
I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America
4. Oktober 1978

24

DER WIRTSCHAFTLICHE AUSBLICK FÜR DIE USA UND DIE WELT
- Von W. Michael Blumenthal -

Der amerikanische Finanzminister W. Michael
Blumenthal hat am 26. September 1978 vor
dem Gouverneursrat des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank eine Rede gehalten, in der er sich mit dem Stand
und den Aussichten der amerikanischen und
der internationalen Wirtschaft sowie den Zukunftsaufgaben des IWF, vor allem in den
Entwicklungsländern befaßte.
Die Rede hat folgenden Wortlaut:

WASHINGTON - (AD) - Wir treffen hier zu einem Zeitpunkt zusammen, an dem
das Bild der Weltwirtschaft von der Öffentlichkeit mit Unsicherheit und Sorge
betrachtet wird:

wegen der anhaltenden Inflation; wegen der Arbeitslosigkeit

in aller Welt und der Frage, wie man die Arbeitslosen wieder in den Arbeitsprozeß eingliedern kann; wegen der internationalen Zahlungsbilanz-Ungleichgewichte und der Frage, wie man diese ohne ungebührliche Belastungen des internationalen Währungs- und Handelssystems beseitigen kann.

Sorge macht man sich

auch bezüglich der Aussichten der amerikanischen Wirtschaft.
Was

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Was ich Ihnen heute nahe legen möchte ist, diesen Sorgen nicht zu gestatten, unser Bewußtsein von unseren Zukunftsvorstellungen zu trüben. Sicherlich stellen unerträglich hohe Inflations- und Arbeitslosenraten in mehreren
Ländern ein ernstes Problem dar.

Und in manchem Land, so auch in unserem ei-

genen, sind die Ungleichgewichte im Bereich der Außenwirtschaft zu groß - was
die Überschüsse wie die Defizite angeht.
lösen gilt.

Das sind ernste Probleme, die es zu

Das ist keine leichte Aufgabe. Wir sollten aber die Tatsache

nicht aus den Augen verlieren, daß wir manche Krisenpunkte bereits hinter uns
gebracht haben, daß wir Fortschritte machen und daß weitere Verbesserungen
bereits eingeleitet wurden.

Die Fortschritte, die die hier in diesem Saal

vertretenen Länder gemeinsam und jedes für sich erzielt haben, sind bedeutsam und augenfällig.

Sie zeigen, wie weit wir inzwischen gekommen sind und

daß schwierige Probleme nicht unlösbar und weitere Fortschritte möglich sind.

Die bisherige Erholung der Weltwirtschaft
Vor drei Jahren stand die Welt vor dem, was wie eine schier unüberwindbare Schwierigkeit anmutete: stagnierende Weltproduktion, steigende Arbeitslosigkeit und eine um sich greifende zweistellige Inflation. Es war zu befürchten, daß die stark angeschwollenen Zahlungsungleichgewichte nicht mehr
zu finanzieren seien, und daß Industriestaaten wie Entwicklungsländer ihre
Zuflucht zu scharfen finanziellen Beschränkungen und einem infektiösen Protektionismus nehmen würden.
Das alles ist nicht eingetreten.

Der Fortschritt war viel größer, als

man generell begriffen hat.
- Im Jahre 1974 beliefen sich die Inflationsraten im Weltdurchschnitt
auf 15 und in den OECD-Ländern auf 13 Prozent. Heute liegt der Weltdurchschnitt unter 10 und die OECD-Rate unter 8 Prozent.
- Im Jahre 1975 ging die Wirtschaftstätigkeit in der OECD um 1 Prozent

- 2 -

�1 Prozent zurück; dieses Jahr werden die OECD-Länder ein respektables
durchschnittliches Wachstum von 3,5 Prozent aufweisen.

- Im Jahre 1974 bezifferte sich der Zahlungsbilanzüberschuß der OPECLänder auf 70 Milliarden Dollar; dieses Jahr wird er etwa 16 Milliarden betragen.

- Im Jahr 1975 belief sich das Leistungsbilanzdefizit der Entwicklungsländer insgesamt auf 30 Milliarden Dollar; im Jahre 1978 wird es etwa 16 Milliarden ausmachen.

Die auf Kredite angewiesenen Länder sind heute im allge-

meinen in einer stärkeren Position, was ihre Möglichkeit angeht, Kapital an
sich zu ziehen.

Tatsächlich konnten die Entwicklungsländer insgesamt ihre

amtlichen Währungsreserven während der letzten zweieinhalb Jahre um etwa 30
Milliarden Dollar erhöhen.
- Die meisten Industriestaaten, die 1974 und 1975 größere Zahlungsbilanzdefizite verzeichneten, vermochten diese Defizite beträchtlich zu vermindern,
wenn nicht sogar einen Überschuß zu erwirtschaften.

Offensichtlich hat die Weltwirtschaft das angestrebte Maß an Gesundheit und Stärke noch nicht voll und ganz erreicht.

Sie ist aber auf dem Weg

dahin ein gutes Stück vorangekommen, und wir wissen, was noch getan werden
muß.

Im Interimsausschuß des Internationalen Währungsfonds (IWF) und in der
OECD ergab sich - wie auf dem Bonner Gipfeltreffen der sieben größten Industrienationen - Übereinstimmung über die grundlegende Strategie für weitere
Fortschritte beim Abbau der Arbeitslosigkeit, der Inflation und den Zahlungsungleichgewichten.

Diese Strategie wird nunmehr in die Tat umgesetzt.

Die

japanische Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen bekanntgegeben, die dem
Zweck dienen, die Erreichung der binnenwirtschaftlichen Wachstumsziele sicherzustellen und die Verminderung der Leistungsbilanzüberschüsse zu beschleunigen.
Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland hat dem Bundestag Maßnahmen zuge-

- 3 -

�zugeleitet, die ein rascheres Wirtschaftswachstum gewährleisten sollen.

Und

auch andere Industrie- und Entwicklungsländer konnten die Grundlagen für einen
Aufwärtstrend ihrer wirtschaftlichen Wachstumsraten verbessern.
Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen heute über die derzeitige Wirtschaftslage in den Vereinigten Staaten berichten.

Unsere Volkswirtschaft hat

bemerkenswerte Leistungen erzielt und befindet sich heute in einem weiter fortgeschrittenen Stadium der Erholung als die Wirtschaft in den meisten Industriestaaten.

Seit Oberwindung der Talsohle der Rezession im Jahre 1975 haben wir

10 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen und die Gesamtbeschäftigung um 12
Prozent ausgeweitet.

Die Arbeitslosenrate konnte von über 9 auf weniger als

6 Prozent gesenkt werden.

Die Industrieproduktion wurde um 31 Prozent ge-

steigert und liegt heute lo Prozent über dem Höchststand vor der Rezession
- was eine weit stärkere Expansion als in anderen Industriestaaten bedeutet.
Wir erzielten 1976 ein Wirtschaftswachstum von 5,7 und 1977 von 4,9 Prozent.
Unser reales Bruttosozialprodukt hat seit 1975 um 18 Prozent zugenommen.

Das

ist eine beträchtliche Leistung im Anschluß an die Schocks und Belastungen der
anfänglichen siebziger Jahre.

Die amerikanische Wirtschaft nähert sich dem

Punkt der optimalen Nutzung der Produktionskapazitäten.
Wir rechnen nunmehr mit einem Abflachen der Wachstumsrate auf einen Satz,
der mehr im Einklang mit der Rate der Ausweitung des Produktionspotentials
unserer Wirtschaft steht. Wir werden auf diesem Weg zu weiterem Wachstum voranschreiten und gleichzeitig das Defizit im Bundeshaushalt, die Inflationsrate und das Leistungsbilanzdefizit senken.
Im Jahre 1976 belief sich das Haushaltsdefizit auf über 66 Milliarden
Dollar. Für das Haushaltjahr, das nächste Woche zu Ende geht, wird der erste
von der Carter-Administration eingebrachte Haushalt mit einem Defizit von 50
Milliarden Dollar oder weniger abschließen - d.h. mit rund 16 Milliarden weniger als im Vorjahr. Im kommenden Haushaltjahr rechnen wir mit einer Verringerung um mindestens weitere 10 Milliarden Dollar, und im Haushaltjahr 1980
beabsichtigt der Präsident das Defizit abermals erheblich vermindern zu können.

- 4 -

�können.

Eine zurückhaltende Haushaltpolitik ist dringend erforderlich, um

das binnenwirtschaftliche Ziel der Eindämmung der Inflation zu erreichen
und das Streben nach Ausgleich der Außenwirtschaftsbilanzen zu intensivieren,
das sich in der vom IWF empfohlenen Strategie widerspiegelt.

In bezug auf die amerikanische Zahlungsbilanz treten mehrere Schlüsselfaktoren in Erscheinung, die auf eine Verbesserung der derzeitigen Situation
hinwirken.

Wir machen inzwischen endlich auch Fortschritte auf dem Energiesektor.
Die zuständigen Kongreßausschüsse haben sich auf mehrere Maßnahmen geeinigt,
die die Einsparung von Energie begünstigen und den Wirkungsgrad bei der Verwendung von Energie steigern sollen.

Mit der Verabschiedung dieser Gesetzge-

bungsmaßnahmen ist in Kürze zu rechnen.
Ich bin sehr ermutigt durch die Entscheidung, das Erdgasgesetz in dieser
Woche im Senat zur Abstimmung zu bringen.

Die Annahme dieses Gesetzes allein

wird schon Anfang 1979 eine Verringerung der öl einfuhren um bis zu 500 000
Barrel pro Tag gegenüber den Einfuhrmengen möglich machen, die andernfalls
benötigt würden - was jährlichen Einfuhreinsparungen in Höhe von mehr als
2 Milliarden Dollar entspricht.

Der Kongreß ist sich der großen Wichtigkeit

bewußt, die die ganze Welt dieser Frage wegen ihrer Auswirkungen auf unsere
Zahlungsbilanz und die Stabilität des Dollars beimißt.

Ich bin zuversichtlich,

daß das Abstimmungsergebnis im Senat diese Erkenntnis widerspiegeln wird.

Während wir einerseits unsere Abhängigkeit von üleinfuhren abbauen, unternehmen wir andererseits große Anstrengungen, die amerikanische Ausfuhr auszuweiten.

Der Präsident wird heute nachmittag erste Grundzüge einer nationalen

Ausfuhrpolitik bekanntgeben.

Sie soll unsere Produzenten und Farmer ermutigen,

sich die Exportchancen zu nutze zu machen, die sich ihnen heute bieten.

Die

neue Ausfuhrpolitik ist kein sofort wirksamer Ersatz für unser bisheriges Zaudern; sie wird aber unseren Exportmärkten mehr und mehr jene Dringlichkeit zugestehen, die notwendig ist, wenn wir unser Defizit in der Leistungsbilanz abbauen wollen.

,
Ich

T

- 5 -

�Ich vertraue darauf, daß diese Anstrengungen im Verein mit einer Verlangsamung der amerikanischen Wirtschaft und einem befriedigerenden Wachstum
der übrigen Weltwirtschaft dazu beitragen werden, unser derzeitiges Leistungsbilanzdefizit erheblich zu senken - vielleicht um 30 bis 40 Prozent gegenüber
dem derzeitigen Stand.

Wenn gleichzeitig ein erheblicher Abbau des Leistungs-

bilanzüberschusses Japans und eine weitere Verringerung der Überschüsse Deutschlands und der OPEC-Länder erreicht wird, können wir auf ein neues Muster der
internationalen Zahlungsströme rechnen, das ein zuträglicheres Klima auch auf
den Devisenmärkten schafft.
Entscheidend wichtig für die Erreichung dieses Ziels ist die Senkung
der Inflationsrate in den Vereinigten Staaten,

In der ersten Jahreshälfte

1978 stieg der Lebenshaltungskostenindex mit einer Jahresrate von über 10 Prozent - zum Teil eine Folge schlechter Witterungsverhältnisse und deren Auswirkung auf die Nahrungsmittel preise.

Für die zweite Jahreshälfte rechnen wir mit

einer erheblichen Mäßigung der Inflationsrate, wie sie schon in den Juni- und
Augustziffern zum Ausdruck kommt.

Dennoch ist klar, daß das Ausmaß der In-

flation noch immer zu groß ist und daß weitere Schritte zu ihrer Eindämmung
notwendig sind.
Wie er gestern erklärte, hält der Präsident dies für die dringendste Aufgabe seiner Administration. Er wird demnächst eine Verstärkung unserer Bemühungen bekanntgeben, die darauf abzielen, weitere kontinuierliche Fortschritte
in der Senkung der Inflationsraten zu erzielen.
Diese verstärkten Bemühungen zur Bekämpfung der Inflation werden sich nicht
auf eine einzige Aktion beschränken.

Sie werden genau auf die Währungspolitik

abgestimmt sein, die das Bundeszentralbankensystem betreibt - eine Politik,
die die Absicht verfolgt, die Inflationsrate zu senken und gleichzeitig unserer Wirtschaft die Möglichkeit zu bieten, in einem Ausmaß zu wachsen, das
ihrem eigentlichen Potential entspricht.

Sie werden auch auf die Steuervor-

schläge abgestimmt sein, die der Präsident dem Kongreß vorgelegt hat.

Diese

Vorschläge dienen dem Zweck, zu einer verstärkten Kapitalbildung anzuregen, urn

- 6 -

�um eine Ausweitung unserer Industriekapazität zu ermöglichen.

Diese Facette

unseres Wirtschaftsprogramms ist von entscheidender Bedeutung sowohl für die
Aufrechterhaltung eines nicht-inflatorischen Wachstums als auch für die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie.
Alles in allem ist das Weltwirtschafts- und Finanzsystem weit stärker
und flexibler als man gemeinhin annimmt. Dieses System war in den vergangenen Jahren schweren Belastungen ausgesetzt, hat jedoch dem Sturm standgehalten.
Die privaten Geldmärkte sind der beispiellosen Nachfrage nach Finanzierungsmitteln gerecht geworden. Die Regierungen haben in Ergänzung Aktivitäten der
privaten Kreditwirtschaft in verstärktem Maße Kredite zu Vorzugsbedingungen
zur Verfügung gestellt. Die Weltbank und die regionalen Entwicklungsbanken
haben ihre Ausleihungen für Entwicklungsaufgaben erweitert. Der Internationale
Währungsfond vermochte die Zahlungsbilanzerfordernisse seiner Mitgliedstaaten
erfolgreich zu finanzieren. Das System hat die Fähigkeit bewiesen, sich den
rasch verändernden Bedingungen der Weltwirtschaft anzupassen.

Der Internationale Währungsfond
Der Internationale Währungsfond ist das institutionelle Kernstück unseres Weltwährungssystems. Seit der letzten Tagung erfuhren die Statuten des
Fonds einschneidende Veränderungen und wurde die beschlossene Aufstockung der
Einlagen wirksam. Diese Maßnahmen sind das Ergebnis jahrelanger Verhandlungen
über die künftige Gestalt dieses Systems. Wir müssen unser Augenmerk künftig
auf die Verwirklichung der neuen Bestimmungen, die Unterstützung des Fonds bei
der Verwirklichung seiner größeren Rolle in der Überwachung des Währungssystems
und bei der Befriedigung der Zahluhgsbilahzfinanzierungserfordernisse einer expandierenden Weltwirtschaft richten.
Ich freue mich, Ihnen berichten zu können, daß der Kongreß in das Schlußstadium der Billigung der amerikanischen Beteiligung an der zusätzlichen Finanzierungsfazilität eingetreten ist. Ich bin zuversichtlich, daß diese Arbeiten

- 7 -

�Arbeiten bald zum Abschluß kommen und die Vereinigten Staaten in die Lage
versetzen werden, sich an den kooperativen Anstrengungen zu beteiligen, das
internationale Währungssystem in den vor uns liegenden Jahren weiter zu
stärken.
Gleichzeitig müssen wir aber langfristig planen. Wir müssen sicherstellen,
daß die Finanzressourcen des Fonds stets ausreichend sind, damit er seiner Verantwortung für die Bereitstellung von Mitteln für die Finanzierung der Zahlungsbilanzen und für die Förderung der Stabilität und Anpassung jederzeit
nachkommen kann. Der Interimsausschuß hat Übereinstimmung über Maßnahmen
zur Stärkung der Position des Fonds erreicht.

Die Vereinigten Staaten sind

der Überzeugung, daß eine Erhöhung der Einlagequoten um 50 Prozent innerhalb
eines Zeitraums von 5 Jahren vernünftig und notwendig ist. Eine der wichtigsten
Aufgaben des Internationalen Währungsfonds ist es, staatliche Finanzierungsmittel
unter den Bedingungen bereitzustellen, die sich als entscheidend wichtig für
ein erfolgreiches Arbeiten des Fonds erwiesen haben.

Die Aufstockung der Quo-

ten, über die noch vor Jahresende endgültig entschieden werden soll, wird die
Gewähr schaffen, daß der Fond seine erfolgreiche Arbeit weiterführen kann.
Wir treten ferner für eine Zuteilung von jährlich 4 Milliarden Sonderziehungsrechten innerhalb der nächsten drei Jahre ein. Das steht in Einklang
mit den Liquiditätserfordernissen einer expandierenden Weltwirtschaft und
auch mit der Notwendigkeit, die Sonderziehungsrechte als ein geeignetes und
wichtiges Reserveinstrument zu erhalten. Wir wissen, daß das Problem der Inflation heute Mäßigung in allen amtlichen Entscheidungen gebietet, die Weltwährungsreserven zu erweitern. Die vom Interimsausschuß vorgeschlagene Zuteilung von Sonderziehungsrechten stellt einen klugen Kompromiß dar und wird
unsere Bemühungen um die Eindämmung der Inflation nicht im geringsten beeinträchtigen. Der Interimsausschuß einigte sich ferner auf wichtige neue
Schritte, die Benutzbarkeit und Nützlichkeit der Sonderziehungsrechte zu erhöhen. Wir begrüßen diesen bedeutsamen Fortschritt in der Weiterentwicklung
dieser Reserveeinheit.

Der
- 8 -

�Der Internationale Währungsfond hat mit der Verwirklichung der neuen
Richtlinien und Verfahren bei der Überwachung von Devisenarrangements und
des internationalen Währungssystems im allgemeinen begonnen.

Wir sind der

Auffassung, daß den Kontrollfunktionen des Fonds entscheidendeBedeutung für
die Gestaltung des internationalen Währungssystems in der Zukunft zukommt.
Wir werden ihn in seiner Arbeit rückhaltlos unterstützen und vertrauen darauf,
daß auch andere dies tun werden.

Wir nehmen mit großem Interesse Kenntnis von den Maßnahmen, die seitens
der Mitglieder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft unternommen werden,
um dem Ziel der wirtschaftlichen und währungsmäßigen Integration näher zu
kommen - einem Ziel, das die Vereinigten Staaten schon seit langem befürworten.

Es ist von grundlegender Bedeutung, daß die Währungsarrangements, die

die Europäische Gemeinschaft zu treffen bemüht ist, zur Stärkung und Stabilität des weltweiten Währungssystems und zur zentralen Rolle des IWF innerhalb
desselben beitragen.

Ich bin sicher, daß dies der Fall sein wird.

Die Entwicklungsländer und die Weltbank

Ich wende mich nunmehr dem zweiten Teil unserer Tagesordnung zu: den
Problemen der Entwicklungsländer und den Maßnahmen, die notwendig sind, um
die Weltbank-Gruppe bei der Wahrnehmung ihrer Hauptverantwortung zu unterstützen.

Ich fühle mich sehr ermutigt durch die wirtschaftlichen Fortschritte,

die die Entwicklungsländer seit längerem schon machen.

Ihr wirtschaftliches

Wachstum war angesichts der ernsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den
letzten Jahren beträchtlich.

Der Außenhandel der Entwicklungsländer erwies

sich als stark, und ihre Devisenreserven haben erheblich zugenommen.

Somit

haben die Flexibilität , die Stärke und die Dynamik des Weltwirtschaftssystems
den Interessen der Entwicklungsländer wie denen der Industriestaaten wirkungsvoll gedient.

Das ist alles sehr vielversprechend, aber längst nicht genug.

- 9 -

Weltbank-

�Weltbankpräsident McNamara entwarf gestern ein umfassendes, ausgewogenes und
lebendiges Bild der Lage, über das wir uns alle Gedanken machen sollten.
Der Bericht der Bank über die Entwicklungsarbeit in aller Welt gibt uns eine
Richtschnur von unschätzbarem Wert in bezug auf die vor uns liegenden Aufgaben an die Hand.
Wir stehen vor einer nüchternen Situation.

Selbst wenn die derzeitigen

ermutigenden Trends anhalten, wird es immer noch 600 Millionen Menschen auf
der Erde geben, die sich Ende des Jahrhunderts mit absoluter Armut konfrontiert
sehen werden.

Sollte sich das Wirtschaftstempo verlangsamen oder sollten die

Familienplanungsprogramme nicht weiter ausgebaut werden, könnte
sogar auf 1 Milliarde anwachsen.

Erträgliche Lebensverhältnisse

ihre Zahl
für die

nächste Generation können wir nur schaffen, wenn die Volkswirtschaften der
Entwicklungsländer rascher wachsen und die Segnungen dieses Wachstums weiteren
Kreisen als bisher zugute kommen.

Dies wiederum wird von größeren Anstrengungen

seitens der Industrie- und der Entwicklungsländer auf mehreren Gebieten und von
einer engeren Zusammenarbeit unter ihnen abhängen.
Erstens müssen die Entwicklungsländer die Chance haben, über den Außenhandel wirtschaftlich auf eigene Füße zu kommen. Die Vereinigten Staaten
werden gemeinsam mit anderen Industriestaaten ihr Teil tun, ein offenes Welthandelssystem aufrechtzuerhalten. In den GATT-Verhandlungen treten die Vereinigten Staaten für eine generelle 40prozentige Senkung der bestehenden Zölle
ein und stützen sich hierbei auf das Prinzip der Normalisierung, demzufolge
höhere Zölle um einen höheren Prozentsatz zu senken sind. Sie treten ferner
für die Reduzierung der nicht-tarifären Handelsbeschränkungen ein. Sie werden
sich dem Druck von Industriestaaten widersetzen, über Maßnahmen zum Schutz der
eigenen Volkswirtschaften den Entwicklungsländern den Zugang zu ihren Märkten
zu erschweren.
Die Entwicklungsländer - insbesondere jene, die bereits starke Außenhandelsinteressen vertreten - müssen ihrerseits als Partner an den Bemühungen teilnehmen, anderen Ländern auf der Basis der Reziprozität Handelsvergünstigungen
- 10 -

�Handelsvergünstigungen zu gewähren.

Sie müssen ihr Teil dazu beitragen,

Regelungen zu stützen, die ein offenes Handelssystem möglich machen.

Andern-

falls werden sich die Aussichten auf eine Liberalisierung des Handels vermindern.
Zweitens müssen die Entwicklungsländer Zugang zu einem wachsenden Strom
von ausländischem Kapital zu Normalbedingungen haben.
für Länder mit mittlerem Einkommen.
der Basis der Gegenseitigkeit.

Das gilt insbesondere

Auch hier bestehen Verpflichtungen auf

Die Industriestaaten müssen sicherstellen, daß

die Kapitalmärkte offen bleiben und daß jene Marktmechanismen vorhanden sind,
die ihnen ein reibungsloses Funktionieren ermöglichen.

Um den. Zustrom von Ka-

pital aufrechtzuerhalten, müssen die Kreditnehmerländer unter Beweis stellen,
daß sie dieses Kapital produktiv nutzen können und ein gutes Investitionsklima
gewährleisten.
Drittens muß der Zustrom von Kapital zu Sonderbedingungen real verstärkt
werden.

Er sollte in erster Linie den ärmeren Ländern zugute kommen und greif-

bare Ergebnisse und erweiterte wirtschaftliche Chancen für die Ärmsten in jenen Ländern zeitigen.

Die Vereinigten Staaten schlagen vor, ihre Hilfe zu

Sonderbedingungen in Zukunft zu verstärken und hoffen im Haushaltjahr 1979
insgesamt 6,8 Milliarden Dollar für diese Zwecke bereitstellen zu können.
Viertens machen es die von uns gesteckten Ziele notwendig, den Anstrengungen zur Beseitigung der Armut in Stadt und Land größeres politisches Gewicht beizumessen, um die Produktivität und die Beschäftigungsaussichten der
Armen sowie auch die Nahrungsmittelproduktion steigern zu können.
Der Energiesektor ist ein weiteres Gebiet, dem große Dringlichkeit zukommt.

Die hohen ölkosten verschärfen die Notwendigkeit, neue Energiequellen

in den Entwicklungsländern zu entwickeln.

Die Vereinigten Staaten unterstützen

die diesbezüglichen Initiativen der Weltbank mit Nachdruck und sind bereit, mit
technischer und anderweitiger Hilfe zur Entwicklung auf dem Energiesektor beizutragen.
Die
- 11 -

�Die Weltbank steht im Mittelpunkt dieser Bestrebungen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Sie ist die größte Quelle von Kapital für Entwicklungs-

zwecke und ein Katalysator für die Mobilisierung privaten Auslandskapitals.
Die Vorhaben der Bank konzentrieren sich in steigendem Maße auf die Hebung der
Produktivität der Armen und die Verteilung der Früchte des Wirtschaftswachstums
auf weiteste Kreise. Wegen ihrer langjährigen und eingehenden Erfahrungen auf
dem Gebiet der Wirtschaftsentwicklung ist die Bank fähig, kreditsuchenden Regierungen mit vernünftigem Rat zur Seite zu stehen.

Sie ist dank ihrer Finanz-

struktur in der Lage, ein faires System der Lastenverteilung unter Kreditempfänger- und Kreditnehmerländern sicherzustellen.
Aus diesen Gründen werden die Vereinigten Staaten die Weltbank-Gruppe
und die regionalen Entwicklungsbanken auch weiterhin tatkräftig unterstützen.
- In diesem Jahr hoffen die Vereinigten Staaten 2,6 Milliarden Dollar als
ihren Anteil zur Finanzausstattung der multilateralen Entwicklungsbanken beisteuern zu können.
- Auf dem Bonner Gipfeltreffen verpflichteten sich die Vereinigten Staaten
gemeinsam mit anderen Ländern für eine Erhöhung der realen Ausleihebefugnisse
der International Development Association (IDA) einzutreten. Ich kann Ihnen
versichern, daß meine Regierung eine aktive und konstruktive Rolle in den diesjährigen IDA-Verhandlungen spielen wird. .
Die Vereinigten Staaten sind der Überzeugung, daß die Ausleihebefugnisse
der Weltbank mittelfristig jährlich um rund 5 Prozent ausgeweitet werden
sollten und befürworten eine beträchtliche Aufstockung der Kapitalausstattung
der Weltbank, um dies möglich zu machen.

Ich hoffe, daß die Diskussion über

eine allgemeine Kapitalerhöhung der Weltbank diesen Herbst aufgenommen werden
kann

und daß schon in Kürze eine prinzipielle Einigung erreicht werden wird.
Alles in allem tritt meine Regierung für eine Ausweitung der Tätigkeit

der Weltbank und die Verstärkung ihrer Anstrengungen im Kampf gegen die Armut

- 12 -

�Armut ein.

Das sind unerläßliche Stützen einer gesunden internationalen

wirtschaftlichen und politischen Ordnung.
Herr Vorsitzender, ich bin mir der Tatsache bewußt, daß ich in meiner
Rede vor dieser Tagung dem Brauch folge, Einzelkommentare zu den verschiedenen Tätigkeiten des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank abzugeben.

Das ist ein nützlicher Brauch, der aber doch etwas Artifizielles an

sich hat.

Die Teilnehmer an der Tagung in Bretton Woods waren sich über die

Wechselbeziehungen zwischen den Aktivitäten der beiden Schwesterorganisationen
voll im klaren, die sie in einer Welt schufen, die sich eben erst vom Krieg
zu erholen begann.

Die jüngsten Ereignisse haben einmal mehr gezeigt, daß

die weltweite Inflation, der internatinale Zahlungsverkehr, der Welthandel
und die wirtschaftliche Entwicklung unlösbar miteinander verknüpft sind.
Der Fortschritt, den die Völker seit der weltweiten Rezession an allen
diesen Fronten erzielt haben, ist beträchtlich. Es muß aber noch mehr geschehen. Meine Regierung wird ihr Teil dazu beitragen, diesen Prozeß voranzutreiben, indem sie für eine offene Weltwirtschaft eintritt, indem sie
weiterhin einen freien Strom von Gütern und Kapital sicherstellt, indem sie
den Zustrom von Hilfe steigert und indem sie darauf hinarbeitet, ihre diesbezügliche Politik im eigenen Lande zu festigen.

+ + + + +

- 13 -

�24

4. Oktober 1978

AN ALLE BEZIEHER DES "AMERIKA DIENSTES

Richtigstellung
Im "Amerika Dienst - Information und Dokumentation" Nr. 18 vom
19. Juli 1978 findet sich in dem Beitrag "Town Meeting Präsident Carters
mit Bürgern in der Berliner Kongreßhalle", Seite 10 (oben), die auf einer
Fehldeutung des tatsächlichen Handlungsablaufs beruhende Anmerkung "An
dieser Stelle fragte der Dolmetscher irrtümlich, wieviel Geld Amy von der
Regierung erhält."

Die in der Anmerkung aufgestellte Behauptung entspricht

nicht den Tatsachen.

Der Übersetzer hatte vielmehr in der aus dem Publikum

gestellten Frage nach Amys Taschengeld "Taschengeld" zutreffend mit "pocket
money" übersetzt.

Im selben Augenblick entglitt Präsident Carter jedoch der

Ohrhörer, dessen er sich für das Abhören der gedolmetschten Fragen bediente,
so daß er die Frage mißinterpretierte.
Wir bedauern die fälschliche Feststellung in der besagten Anmerkung
und geben diese Richtigstellung, um jeden Zweifel an der Korrektheit der
Obersetzung zu beseitigen.
Redaktion "Amerika Dienst"
+ + + + +

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Briefwechsel von Camp David&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Carters auf der Jahrstagung der Weltbank und des IWF&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikas neue Exportförderungspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Präsident Carter kündigt Maßnahmen zur Steigerung der Ausfuhren an -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Rede von Außenminister Vance vor der UN-Vollversammlung am 29. Sept. 1978&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der wirtschaftliche Ausblick für die USA und die Welt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Richtigstellung&lt;/strong&gt;</text>
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'VON**

4. Oktober 1989
v

t

DIE SOWJETISCHE MILILTÄRMACHT 1989

- Achte Dokumentation des amerikanischen Verteidigungsminister!ums -

P
-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Verteidigungsministeriuli) hat am 26.
Septemher 1989 eine 53seitige Zusammenfassung der achten Dokumentation über
die sowjetische Militärmacht veröffentlicht.

Im folgenden bringen wir wesentliche Auszüge aus der Zusammenfassung.

Die
sowjetische
Militärmacht
1989
analysiert die Gegebenheiten,
unter denen sich der Wandel in der
Sowjetunion vollzieht sowie die Auswirkungen
dieser Veränderungen auf
die militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion
und
das
militärische
Gleichgewicht zwischen Ost und West.
Generalsekretär Gorbatschow hat weitreichende Initiativen im Bereich der
Innen-, Außen- und Militärpolitik ergriffen, die einen entscheidenden Umschwung in der Strategie und Taktik
zur
Verwirklichung
der
nationalen
Ziele bedeuten.
Obwohl die Vereinigten
Staaten
die Evolution der Sowjetunion zu einer offeneren Gesellschaft und einer
Sowjetunion, die sich offenkundig de-

mokratischen Prinzipien verschreibt,
ermutigen, können sie nicht einseitig
auf sowjetische Initiativen reagieren, die noch in die Tat umgesetzt
werden müssen oder auf Vorschläge,
die - falls realisiert - leicht revidiert werden können.
Trotz Gorbatschows erklärter Verpflichtung zu einer defensiven Militärdoktrin fährt die Sowjetunion beispielsweise mit der Modernisierung
ihrer Streitkräfte und der Verbesserung ihrer Fähigkeiten fort.
Obwohl
einige Einheiten und Gerät aus Osteuropa abgezogen wurden, ist die Sowjetunion tatsächlich nach wie vor
die größte Militärmacht der Welt,
selbst wenn die von Generalsekretär
Gorbatschow versprochenen einseitigen

�Reduzierungen durchgeführt werden.
Generalsekretär Gorbatschow hat
darüber hinaus bekanntgegeben, daß
die Sowjets ihren Verteidigungshaushalt in den nächsten zwei Jahren um
14,2 Prozent kürzen werden.
Seit
1985 wurden die sowjetischen Verteidigungsausgaben jedoch in realen Zahlen um durchschnittlich 3 Prozent pro
Jahr aufgestockt, dagegen nahm der
amerikanische
Verteidigungshaushalt
im gleichen Zeitraum in realen Zahlen
um über 11 Prozent ab. Infolgedessen
sehen sich die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten nach wie vor mit
sehr umfangreichen, modernen konventionellen Land-, See- und Luftstreitkräften
sowie
mit
hervorragenden
strategischen und kriegsschauplatzgebundenen Nuklearstreitkräften der Sowjetunion konfrontiert.
Das herausragendste Merkmal der
sowjetischen Militärmacht heute ist
das außerordentliche Tempo, mit dem
sie ihre offensiven Nuklearstreitkräfte modernisiert.
Die Sowjets
stationieren die neuen silogestützten
schweren ICBMs des Typs SS-18 Mod 5.
Diese SS-18 sind jeweils mit mindestens zehn nuklearen Gefechtsköpfen
bestückt, sie verfügen über größere
Zielgenauigkeit und Nutzlast als frühere Versionen und verbessern die Fähigkeit der strategischen Raketenstreitkräfte zur Zerstörung gehärteter Ziele wie amerikanische ICBM-Silos.
Während die Vereinigten Staaten
noch mit der Entscheidung für eine
mobile Raketenstreitmacht und ihre
Finanzierung kämpfen, setzen die Sowjets die Stationierung der fünften
Generation mobiler ICBMs fort - rund
170 straßenmobile SS-25-Raketen und
etwa 18 schienenmobile SS-24, die mit
zehn Nukleargefechtsköpfen bestückt
sind. Die Stationierung dieser Systeme in großer Zahl hat die Überlebensfähigkeit der strategischen Raketenstreitkräfte der Sowjetunion beträchtlich erhöht.
Im vergangenen Jahr haben die Sowjets ferner die Zahl ihrer atomge-

triebenen BFK-U-boote (SSBN) erhöht,
indem sie die jeweils sechste Einheit
von U-Booten der TYPHOON- und DELTA
IV-Klasse vom Stapel gelassen haben.
Die bemannte
strategische Bomberstreitmacht der Sowjetunion disloziert weiterhin neue operative Einheiten der tfberschallbomber BEAR H
und BLACKJACK als Abschußplattformen
für ihre luftgestützten Marschflugkörper mit 3 000 Kilometern Reichweite.
Obwohl die Sowjets einseitig einige der NATO gegenüberstehende Landstreitkräfte abziehen, setzen sie die
Reorganisation und Modernisierung ihrer
Mehrzweck-Einsatzgruppe
fort,
verbessern die Führungs- und Fernmeldeeinrichtungen für diese Streitkräfte und betreiben Forschung und Entwicklung zukünftiger Generationen von
Waffensystemen.
Die Modernisierung der sowjetischen Landstreitkräfte wird im gleichen Tempo fortgesetzt, wobei die
Panzerproduktion weiterhin an erster
Stile steht.
Moderne sowjetische
Panzer wie der T-64, T-72 und T-80
werden den Streitkräften in solchen
Mengen zur Verfügung gestellt, daß
sie in weniger als zwei Jahren die
von den Sowjets angekündigten Panzerreduzierungen in Osteuropa mehr als
ausgleichen werden. Auch die sowjetischen Luftstreitkräfte werden weiterhin modernisiert, obwohl der Austausch älterer Systeme durch neuere,
leistungsfähigere Flugzeuge wie die
Su-27 FLANKER und Mig-31 FOXHOUND generell im Verhältnis von unter 1 zu 1
stattfindet.
Trotz der Verschrottung einiger
veralteter
Unterseeboote
hat
die
UdSSR eine zweite Fertigungsstraße
für die Produktion des atomgetriebenen und mit Marschflugkörpern bestückten Unterseeboots der AKULAKlasse eingerichtet.
Während das
Tempo
sowjetischer
Stationierungen
außerhalb des BUndnisgebiets abgenommen hat, wurde die sowjetische Flotte
um neue, größere Uberwasserkriegsschiffe - wie die Lenkwaffenzerstörer
der UDALOY- und SOVREMENNYY-Klasse,

- 2 -

�einen nukleargetriebenen Kreuzer der
KIROV-Klasse und einen Flugzeugträger
der KIEV-Klasse - erweitert. Bei den
sowjetischen Initiativen zur Reduzierung der Seestreitkräfte bleiben die
beiden neuen, gegenwärtig in der Ausrüstungsphase befindlichen Flugzeugträger der TBILISI-Klasse mit einer
Wasserverdrängung von 65 000 Tonnen
ebenso unerwähnt wie die Tatsache,
daß in Nikolajew bereits ein weiterer
Flugzeugträger auf Kiel gelegt worden
ist.
Es liegt daher auf der Hand, daß
trotz der dramatischen Veränderungen,
die sich in der Sowjetunion vollziehen und wohlmeinender Absichtserklärungen der sowjetischen Führungsspitze gegenüber den westlichen Demokratien die sowjetischen militärischen
Fähigkeiten nach wie vor eine große
Bedrohung unserer Sicherheit darstellen. Wir sollten Moskau ermutigen,
weiterhin eine Politik zu verfolgen,
die Pluralismus im In- und internationale Stabilität im Ausland fördert. Noch wichtiger sind jedoch unsere
kontinuierliche
Unterstützung
der erfolgreichen Strategie des Bündnisses und unsere gemeinsamen Sicherheitsbestrebungen, die sich auf eine
starke
militärische
Abschreckung
gründen, bis die Sowjets ihre Streitkräfte auf erheblich niedrigere Niveaus reduziert haben. Um die Erklärung der Staats- und Regierungschefs
der NATO beim Gipfeltreffen im Mai
1989 in Brüssel zu zitieren: "Friede
muß geschaffen werden; er ist nicht
selbstverständlich.
Das
erheblich
verbesserte politische Klima zwischen
West und Ost eröffnet Aussichten auf
einen stabilen und dauerhaften Frieden, aber die Erfahrung lehrt uns,
daß wir wachsam bleiben müssen."

Die sowjetische Verteidigungspolitik
- Strategie und Struktur
Militärpolitik
Die
politisch
Verantwortlichen
haben ein neues "vernünftiges und
ausreichendes Niveau" oder "ausrei-

chende Verteidigung" zur Bewertung
der sowjetischen Streitkräfte sowie
die neue Doktrin der "defensiven Verteidigung" für militärische Operationen vorgeschlagen. Die Interpretation dieser Prinzipien bleibt jedoch
umstritten und bietet breiten Raum
für Spekulationen bezüglich der zukünftigen Zusammensetzung der sowjetischen Streitkräfte.
Im Generalstab wird häufig der
Begriff der "ausreichenden Verteidigung" verwendet, um damit die Aufrechterhaltung einer offensiv ausgerichteten Verteidigungsfähigkeit zum
Ausdruck zu bringen, die durch offensive Gegenoperationen in der Tiefe
des gegnerischen Territoriums zu dessen Niederlage führen würden. Im Gegensatz dazu befürworten Gorbatschows
zivile Berater das Prinzip eines
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus", das ihrer Ansicht nach die
Strukturierung der Streitkräfte für
eine defensiv ausgerichtete Verteidigung im strategischen und operativen
Bereich
beinhalten
würde.
Damit
könnten ein Aggressor zurückgeschlagen, aber Offensivoperationen auf
gegnerischem
Gebiet
ausgeschlossen
werden.
Die Debatte wird in Gorbatschows
Einbeziehung des "Konzepts zur Verhinderung eines Krieges" in die sowjetische
Militärdoktrin
ersichtlich. Obwohl die Sowjets erklärt haben, daß sie die Verhinderung eines
Krieges als vorrangig erachten, muß
das Konzept noch im Hinblick auf
Strategie
und
Streitkräftestruktur
definiert werden.
Der Generalstab
hofft, diesen Prozeß mit dem Ziel zu
beeinflussen, die Fähigkeiten für eine offensiv ausgerichtete Verteidigung aufrechtzuerhalten.
Ein weiterer Streitpunkt ist der
Vorschlag, eine parlamentarische Aufsicht über Entscheidungen im militärischen und außenpolitischen Bereich
einzuführen. Bis heute war die Formulierung der nationalen Sicherheitspolitik in höchstem Maße zentralisiert, wobei den Militärexperten Vor-

- 3 -

�schlage zur Mannschaftsstärke und Optionen vorbehalten waren. Der sowjetische
Außenminister
Schewardnadse
hat öffentlich ein Verfahren befürwortet, mit dem die wichtigsten Entscheidungen im Bereich der Sicherheit
(darunter der Einsatz sowjetischer
Kampftruppen im Ausland, die Verteidigungspläne und der Verteidigungshaushalt) vorbehaltlich der Zustimmung durch die Kommissionen des Obersten Sowjets getroffen werden sollen.
Obwohl das Ergebnis von Diskussionen über Militärdoktrin und politische
Verfahrensweisen
letztlich
entscheidende Auswirkungen auf die
sowjetische Militärmacht haben könnte, werden diese Auswirkungen nur
dann ersichtlich, wenn sie Umfang und
Charakter der stationierten sowjetischen Streitkräfte verändern.

Kürzung der Militärausgaben und Verhandlungen
Im vergangenen Jahr kündigten die
sowjetischen Machthaber Kürzungen der
Militärausgaben und bei den stationierten Streitkräften der Sowjetunion
an. Damit sind die Auswirkungen von
Gorbatschows Initiative zur sowjetischen Miitärmacht nicht länger Spekulation, sondern erklärte Politik. Es
handelt sich jedoch noch nicht um eine vollendete Tatsache, und bezüglich
des Art der versprochenen Reduzierungen bleiben etliche Unsicherheitsfaktoren bestehen.
In seiner Rede vor den Vereinten
Nationen im Dezember 1988 gab Gorbatschow bekannt, daß in den kommenden
zwei Jahren Reduzierungen bei mehreren sowjetischen Gerätkategorien und
bei der Gesamtzahl der sowjetischen
Streitkräfte vorgenommen werden, einschließlich des Abzugs von sechs Panzerdivisionen und 5 000 Panzern aus
Osteuropa.
Anfang des Jahres 1989
verkündete Gorbatschow, die sowjetischen
Verteidigungsausgaben
würden
bis 1991 um 14,2 Prozent gekürzt.
Darüber hinaus haben die Sowjets ausgehandelte Reduzierungen bei den kon-

ventionellen Streitkräften in Europa
vorgeschlagen und damit im Prinzip
dem Gedanken eines Gleichstands zwischen den Streitkräften der NATO und
des Warschauer Pakts zugestimmt.

Neues Denken in der Außenpolitik
Auch die sowjetischen Diskussionen über die allgemeinen Ziele und
den bei ihrer Außenpolitik verfolgten
Ansatz waren in den vergangenen Jahren von Innovationen gekennzeichnet.
Die im Westen größte Hoffnungen wekkenden Erklärungen gingen so weit,
den Verzicht auf "jegliche Bedrohung
oder den Einsatz von Macht und Einmischung in die inneren Angelegenheiten
anderer Staaten unter jedem möglichen
Vorwand" anzukündigen. In seiner Rede vor den Vereinten Nationen sprach
Gorbatschow über die "vielfältigen
Optionen gesellschaftlicher Entwicklungen in den einzelnen Ländern" und
erklärte, "der Einsatz von Bedrohung
oder Macht kann und darf nicht länger
ein Instrument der Außenpolitik sein".
Eine Befolgung dieser Prinzipien
würde eine radikale Abkehr von der
bisherigen Politik der Sowjetunion
gegenüber Osteuropa und den anderen
Ländern erforderlich machen. Der sowjetische Rückzug aus Afghanistan,
die Unterzeichnung des INF-Vertrags
sowie die Bereitschaft zu Verhandlungen
über
einen
konventionellen
Gleichstand in Europa berechtigen zu
Hoffnungen, daß die Sowjets tatsächlich ihre Sicherheitspolitik überdacht haben.
Eine Veränderung im Denken an
sich ist nicht zuverlässig nachprüfbar und kann durch noch neueres Denken überholt werden. Darüber hinaus
erfordert es Zeit, bis greifbare Auswirkungen des "neuen Denkens" bei den
sowjetischen
Streitkräften
spürbar
werden. Sollten die Sowjets eine Politik verfolgen, die tatsächlich auf
den Einsatz von Macht außer zur
Selbstverteidigung verzichtet, müßten
sie sehr viel umfangreichere Reduzierungen des sowjetischen Militärs vor-

�nehmen als bisher versprochen.
Die sowjetische Außenpolitik
Unter Gorbatschow hat die UdSSR
eine Außenpolitik verfolgt, die offensichtlich auf eine Erweiterung sowjetischer Kontakte und Einflußnahme
auf eine Vielzahl von Ländern abzielt
und gleichzeitig ihre regionalen Vasallenstaaten von einem Konfrontationskurs entmutigt.
Im Jahr 1989
gaben China und die UdSSR beispielsweise die Normalisierung der chinesisch-sowjetischen Beziehungen sowie
den Abzug des Großteils der sowjetischen Truppen aus der Mongolei bekannt.
Bei demselben Gipfeltreffen
erörterten Funktionäre beider Parteien die beschleunigte Beendigung der
chinesisch-sowjetischen
Grenzstreitigkeiten und der Besetzung Vietnams. In Afrika spielten die Sowjets
eine hilfreiche Rolle bei der erfolgreichen, von den Vereinigten Staaten
vermittelten Schlichtung, die zum Abzug ausländischer Truppen aus Angola
und der Unabhängigkeit von Namibia
führte. In dem Maße, in dem diese
Initiativen eine Umkehr der sowjetischen Außenpolitik in Richtung auf
stille Diplomatie, verbesserte politische Beziehungen und den Abbau regionaler
Spannungen
widerspiegeln,
stehen sie im Einklang mit dem kürzlich von sowjetischen Regierungsvertretern verkündeten "neuen Denken" in
auswärtigen Angelegenheiten.
Obwohl das sowjetische Verhalten
in gewisser Weise eine gemäßigtere
Außenpolitik belegt, müssen Versprechungen eines radikalen Umbruchs in
den Ost-West-Beziehungen mit Vorsicht
genossen werden. Erstens kommen die
neuen sowjetischen Initiativen nicht
der Abkehr vom langfristigen Ziel der
Sowjetunion gleich, "das Streitkräftegleichgewicht" zu ihren Gunsten zu
verlagern.
Die UdSSR wird voraussichtlich weiterhin eine Ausweitung
ihrer Macht und ihres Einflusses auf
Kosten des Westens durch Diplomatie,
Wirtschafts- und Militärhilfe sowie

Unterstützung von den westlichen Interessen feindlich gesonnenen Bewegungen und Regime anstreben.
Beispielsweise hat die UdSSR einheimischen "nationalen Befreiungsbewegungen" ihre Unterstützung nicht versagt, obwohl die Unterstützung linksgerichteter Rebellen weltweit jetzt
indirekter und verdeckter erfolgen
könnte, wobei ein Großteil der Hilfe
über die sowjetischen Vasallenstaaten
geleistet wird. Ferner hat das "neue
Denken" Gorbatschow nicht davon abgehalten, die Militärhilfe an Nicaragua
von 280 Millionen Dollar im Jahr 1985
auf über 500 Millionen im Jahr 1988
aufzustocken. Darüber hinaus werden
Militärhilfe und Waffenverkäufe mit
Blick auf harte Devisen und regionalen politischen Einfluß weiterhin die
sowjetischen Beziehungen zu vielen
Entwicklungsländern beherrschen.
Zweitens zielen die sowjetischen
RUstungskontrollinitiativen zumindest
zum Teil auf eine Schwächung der
NATO, Verschärfung amerikanisch-europäischer Spannungen sowie die Unterhöhlung westlicher Militärprogramme
ab, während sie gleichzeitig die geplante Modernisierung und Entwicklung
der sowjetischen Streitkräfte schützen sollen.
Drittens
hat
der
sowjetische
Wunsch nach Abbau der Handelshemmnisse und größerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Westen teilweise
zum Ziel, den Zugang zu westlicher
Technologie und Finanzkrediten zu sichern, die ihnen bis heute verweigert
wurden.
Viertens sind die von Generalsekretär Gorbatschow angekündigten außenpolitischen Veränderungen Teil eines umfassenderen Programms politischer und wirtschaftlicher Reformen,
deren Erfolg in keiner Weise sichergestellt ist. Praktisch alle politischen Veränderungen könnten rückgängig werden, insbesondere wenn ein
Scheitern
von
Gorbatschows
Wirtschaftspolitik zu einer innenpolitischen Krise für das derzeitige Regime
führen könnte.

�Schließlich
ist es ungeachtet
wohlmeinender sowjetischer Erklärungen praktisch unmöglich, die sowjetischen Absichten auf lange Sicht genau
zu beurteilen. Noch gilt als sicher,
ob und in welchem Umfang die von Gorbatschow eingeleiteten jüngsten außenpolitischen Initiativen von seinen
möglichen Nachfolgern weitergeführt
werden.

Sowjetische Verbündete und Vasallen
Die sowjetische Politik des "neuen Denkens" und der Perestrojka hat
bei einigen osteuropäischen Machthabern und linksgerichteten Vasallenstaaten der Sowjets ein gewisses Unbehagen hervorgerufen, die für sie
ein Hindernis bei der Verwirklichung
ihrer eigenen innenpolitischen und
regionalen Ziele bedeutet.
Einige
osteuropäische
Politiker
sehen in
Gorbatschows Politik eine gefährliche
Freisetzung
latenter
nationalistischer Gefühle und Forderungen nach
größerer Freiheit und Konsumgütern,
während diese Politik für die sowjetischen Verbündeten und Vasallen in
der dritten Welt einer Bedrohung einheimischer Revolutionen, nationalistischer Interpretationen des Marxismus-Leninismus sowie der anhaltenden
politischen und militärischen Unterstützung
durch
die
Sowjetunion
gleichkommt.

Osteuropa
Während einige Formulierungen des
sowjetischen "neuen Denkens" über internationale Beziehungen die bisherige Politik gegenüber Osteuropa offensichtlich in Frage stellen, scheinen
die Sowjets entschlossen, ihre politische Vormachtstellung gegenüber den
Warschauer Pakt-Staaten aufrechtzuerhalten.
Moskau verfolgt im Hinblick auf
Osteuropa mehrere Ziele:
größeren Zusammenhalt und
lebensfähigkeit des Blocks;

Über-

verbesserte wirtschaftliche Integration;
ein akzeptables Niveau der Verteidigungsausgaben
sowie
die
Stärkung des politischen Apparats
des Pakts;
Bewahrung der Machtbefugnis der
kommunistischen Partei in allen
Ländern und
kontinuierliche Unterstützung der
sowjetischen Außenpolitik.
Die UdSSR strebt als Weg zu verbesserten Wirtschaftsleistungen Osteuropas langfristig die Erhöhung der
Sicherheit an. Ungeachtet von Moskaus Wunsch nach Gemeinschaftsunternehmen mit dem Westen und der dringenden Notwendigkeit zur Beschaffung
westlicher Technologie wird Osteuropa
weiterhin der Hauptlieferant für Industrieteile und Konsumgüter bleiben. Tatsächlich versuchen die Sowjets, größere Integration unter den
Mitgliedern des Rats für Gegenseitige
Wirtschaftshilfe zu fördern. Dennoch
machen sich die gleichen in der UdSSR
zu
beobachtenden
Anzeichen
wirtschaftlichen Versagens in nahezu allen Ländern Osteuropas bemerkbar:
lange Schlangen von Verbrauchern stehen an, um schäbige Ausschußware zu
kaufen, die Umweltverschmutzung nimmt
überhand, Fabriken und Fertigungsprozesse sind veraltet, die Grundnahrungsmittel knapp, und all dies wird
noch durch die massive Auslandsverschuldung Polens und Ungarns und die
nur unwesentlich geringere Verschuldung anderer Länder verschärft. Einige Osteuropäer haben seit 40 Jahren
immer wieder versucht, Wirtschaftsreformen durchzuführen - zum Beispiel
Gomulka in Polen im Jahr 1956, Gierek
im Jahr 1970 und Kania im Jahr 1980 mit geringem Erfolg, vor allem da
wirtschaftlicher Wandel für gewöhnlich den sowohl für Moskau als auch
die anderen kommunistischen Machthaber inakzeptablen Versuch zu politischen Veränderungen beinhaltete oder
dazu führte. Dennoch lockern die politisch Verantwortlichen in Polen,

�Ungarn und der Tschechoslowakei die
Wirtschaftskontrollen erneut und gewähren größere politische Freiheit,
obwohl sie bei jedem Schritt Moskaus
Reaktion im Auge behalten. Die Sowjets haben den Osteuropäern jedoch
keinen definitiven Anhaltspunkt gegeben, wie weit sie gehen können.
Die
größtenteils
konservative
Führung in anderen osteuropäischen
Ländern, insbesondere der DDR und Rumänien, wollen wenig oder keine Veränderungen aus Angst, sie würden ihren Sturz bewirken. Die sowjetische
Herausforderung hier wird darin bestehen, wirtschaftliche und politische Reformen ohne eine Gefährdung
der kommunistischen Herrschaft zu ermutigen.
Trotz einiger beachtlicher Veränderungen in den Beziehungen zwischen
der Sowjetunion und ihren osteuropäischen Verbündeten war die durch den
Prager Frühling ausgelöste Invasion
der Tschechoslowakei im Jahr 1968 eine Handlung Breschnews, die Gorbatschow nicht verurteilt hat. Obwohl
die Sowjets versprochen haben, die
"ungeschriebenen Seiten" in der sowjetisch-osteuropäischen
Geschichte
anzusprechen - und sogar indirekt zugegeben haben, daß die sowjetiche Geheimpolizei
für das Massaker an
10 000 polnischen Offizieren in Katyn
verantwortlich war - ist noch keine
Bestandsaufnahme des Prager Frühlings
oder seiner Folgen vorgenommen worden.
Im August 1988 wurden Demonstrationen zum Gedenken an den Prager
Frühling in Moskau und Prag gewaltsam
durch die sowjetische und tschechoslowakische Polizei aufgelöst und die
offizielle Haltung in beiden Ländern
lautet immer noch, der Prager Frühling sei eine durch westliche Provokation angestiftete, außer Kontrolle
geratenene Situation gewesen, die eine Invasion der Pakt-Staaten rechtfertigte. In seiner Rede vor dem Europarat im Juli 1988 erklärte Gorbatschow: "Jegliche Einmischung in innere Angelegenheiten . .. , jeder Versuch die Souveränität von Staaten zu
- 7

begrenzen ..., ist unzulässig." Er
stellte jedoch auch fest, daß "die
Überwindung
der
Teilung
Europas"
nicht als ein Mittel "zur Überwindung
des Sozialismus" verstanden werden
sollte, was "einen Konfrontationskurs, wenn nicht noch Schlimmeres"
bedeuten würde.

Die sowjetische Regionalpolitik
Die Atlantische Gemeinschaft
Für Moskau bestand seit jeher ein
fundamentales strategisches Ziel in
der Abkoppelung der Vereinigten Staaten von ihren westlichen Verbündeten. Trotz der hohen Priorität, die
Gorbatschow den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen beimißt, ist Westeuropa nach wie vor ein Hauptschwerpunkt der sowjetischen Außenpolitik.
Eines der bevorzugten Themen des
Kremls ist die Notwendigkeit, ein
"gemeinsames Haus Europa" zu bauen,
das die Sowjetunion einbezieht. Verweise auf dieses Thema - ein Manöver,
das unter anderem dazu dient, die
Bindungen
innerhalb
der NATO zu
schwächen - zielen darauf ab, die Befürchtungen des Westens bezüglich sowjetischer Aggression zu zerstreuen
und die westeuropäische Unterstützung
für die NATO und für Verteidigungsausgaben zu lähmen.
Wirtschaftlich
hat Gorbatschow das Thema Gemeinsamkeit für Appelle zu erweiterter Zusammenarbeit benutzt und den Wunsch
der UdSSR nach verstärktem Ost-WestHandel, ungebundenen westlichen Krediten sowie der Lockerung von Restriktionen beim Technologietransfer
in den Ostblock unterstrichen.
Die Sowjets nutzen die durch den
INF-Vertrag in Bewegung geratene Situation, um auf weitere Rüstungskontrollmaßnahmen in Westeuropa zu drängen. Während des Besuchs von Bundeskanzler Helmut Kohl in Moskau im Oktober 1988 brachte Gorbatschow seine
Ablehnung gegenüber dem NATO-Plan zur
Modernisierung ihrer in der Bundesrepublik
Deutschland
stationierten

�Kurzstreckensysteme zum Ausruck. Die
sowjetische Ankündigung, 500 taktische Nukleargefechtsköpfe abzuziehen,
wurde zweifelsohne in der Absicht abgegeben, die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der NATO auszunutzen.
Darüber hinaus befürworten die Sowjets die Errichtung eines 300 Kilometer breiten Korridors in Mitteleuropa, der frei von nuklearen oder
chemischen Waffen sein soll und sowohl die Bundesrepublik als auch die
DDR einbezieht.
Während seines Besuchs in Dänemark im September 1988 führte Außenminister Schewardnadse Gorbatschows
Rede in Murmansk vom Oktober 1987
weiter aus, die eine Reihe von Vorschlägen zur nordeuropäischen Sicherheit und wirtschaftlichen Zusammenarbeit enthielt. Er schlug den Austauschbesuch von Kriegschiffen vor,
würdigte die in Dänemark und im übrigen Europa zur "nichtoffensiven Verteidigung" betriebene Forschung und
unterstützte Gorbatschows Konzept eines
"gemeinsamen
Hauses
Europa".
Schewardnadse
forderte
umfassende
wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den nordeuropäischen Staaten, mit allem, was solche
Zusammenarbeit für sowjetischen Zugang zu moderner Technologie bedeutet.
Bei einer Pressekonferenz in
Kopenhagen
stellte
Schewardnadse
fest, die vom Koordinierungsausschuß
für
ost-westliche
Handelspolitik
(COCOM) herausgebene Liste vom Export
in den Ostblock ausgeschlossener Produkte solle gekürzt werden, um den
Geist der Zusammenarbeit zwischen Ost
und West zu fördern.

Zusammenfassung
Die neue öffentliche Betonung von
Zusammenarbeit und Verhandlungen in
der sowjetischen Außenpolitik dient
einer Reihe von Zielen. Die Sowjets
hoffen wahrscheinlich, ihre Interessen und ihren Einfluß zu erweitern
und Unterstützung für Initiativen wie
Rüstungskontrolle und regionale Entnuklearisierung, besseren Zugang zu

modernen Technologien und zusätzliche
Wirtschaftschancen
zu
erhalten.
Schewardnadse hat eingeräumt, daß die
Aktivitäten der Sowjetunion in der
dritten Welt die Ost-West-Beziehungen
beeinflussen (zuvor hatte Moskau dieses "Junktim" zurückgewiesen). Die
wirtschaftlichen Kosten des sowjetischen Engagements in der dritten Welt
könnten auch zugunsten von Verhandlungen oder Zurückhaltung sprechen.
Darüber hinaus könnte eine weniger
provokative sowjetische Politik eine
Atmosphäre schaffen, in der die amerikanischen Verbündeten den Nutzen
der amerikanischen Militärpräsenz in
den jeweiligen Regionen in Frage
stellen.
Trotz des sowjetischen Anliegens,
nicht länger als Bedrohung sondern
als zur Zusammenarbeit bereit angesehen zu werden, hängt die von der Sowjetunion verfolgte Politik in hohem
Maße von den Umständen, Chancen und
der Politik anderer Länder ab.

Mittelvergabe für militärische Zwekke
Die sowjetischen Militärausgaben
Die Fortsetzung der traditionellen Mittelvergabe für militärische
Zwecke spiegelt sich in westlichen
Schätzungen der Militärausgaben unter
Gorbatschow wider, die belegen, daß
der gesamten militärische Kostenapparat seit 1985 in realen Zahlen um etwa 3 Prozent pro Jahr gestiegen ist.
Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung
sowie
RUstungsbeschaffung
haben in erster Linie zu der Kostenexplosion beigetragen.
Diese Zuwachsrate ist etwas höher als Anfang
der achtziger Jahre, obwohl sie offensichtlich keine Veränderung bei
den Verteidigungsausgaben unter Gorbatschow bedeutet. Der Zuwachs ist
vielmehr größtenteils auf die Einführung oder beschleunigte Produktion
einiger neuer Waffensysteme zurückzuführen, die sich bereits im Entwicklungsstadium
befanden, als Gorbatschow sein Amt antrat.
8 -

�Alle wichtigen Waffensysteme erhalten weiterhin umfangreiche Finanzierung.
Historisch gesehen haben
die Sowjets den größten Teil ihres
Beschaffungsetats für die Landstreitkräfte aufgewendet. Die Ausgaben für
diese Rüstungskategorie hielten sich
unter Gorbatschow auf einem relativ
stabilen, wenn auch hohen Niveau und
gestatteten es dem Militär, die umfassende Modernisierung seiner Landstreitkräfte fortzusetzen.
In der
Zwischenzeit sind die Beschaffungskosten der Seestreitkräfte drastisch
gestiegen, insbesondere bei Mehrzweck-U-Booten und größeren Überwasserkampfschiffen.
Die
steigenden
Kosten für neue Kampfflugzeuge spiegeln ihre technische Vervollkommnung
und Fähigkeiten wider, die ein niedrigeres Produktionsniveau gestatteten. Die Beschaffung taktischer und
strategischer Raketen hat zugenommen,
vor allem aufgrund der erhöhten Produktion von Boden-Luft- und ICBM-Raketen nach dem Tiefstand der Jahre
1984 bis 1986.
Die Sowjets haben in den vergangenen Jahren versucht, einige Militärausgaben zu kürzen. Die sowjetische Marine hat beispielsweise
wahrscheinlich als Reaktion auf sowohl wirtschaftliche als auch operative Erfordernisse - Operationen in
entfernt gelegenen Gebieten reduziert
und
die
Verschrottung
veralteter
U-Boote und Uberwasserschiffe beschleunigt. Berichten in der sowjetischen Militärpresse zufolge erhielten einige Landeinheiten konkrete Anweisung, den Verbrauch von Öl und anderen Ressourcen zu senken. Offensichtlich haben die Sowjets ferner
ihre Bemühungen verstärkt, die Lebensdauer einzelner Waffen zu verlängern. Dennoch werden diese Versuche
zu Einsparungen im militärischen Bereich durch die steigenden Kosten der
sowjetischen Waffenprogramme mehr als
wettgemacht.
Infolgedessen stiegen
die Militärausgaben schneller als das
Wirtschaftswachstum
insgesamt, was
einen Anstieg der Verteidigungslast
bedeutet.

Für
die
Zukunft besteht das
Schlüsselproblem des Westens in der
Frage, inwieweit die jüngsten sowjetischen Erklärungen über Kürzungen
der Militärausgaben zu einer echten
Verlagerung der traditionellen Prioritäten bei der Mittelvergabe für militärische
Zwecke
führen
werden.
Oberflächlich betrachtet sind die sowjetischen Erklärungen Anzeichen einer neuen Bereitschaft, bisher als
geheim eingestufte Daten über militärische Aufwendungen freizugeben und
deuten die Aussicht auf drastische
Veränderungen bei den Militärausgaben
an.
Trotz dieser neuen, zur Schau
gestellten Offenheit sind die sowjetischen Erklärungen weit davon entfernt, auf ihre wirklichen Absichten
schließen zu lassen.
Die Eröffnungssitzung des sowjetischen Kongresses der Volksdeputierten Ende Mai, Anfang Juni 1989 erwies
sich als weitere Gelegenheit für Enthüllungen über Militärausgaben. Zum
ersten Mal legte Generalsekretär Gorbatschow den Gesamtumfang des Militäretats offen, der sich seinen Worten zufolge im Jahr 1989 auf 77,3
Milliarden Rubel belaufen wird. Er
behauptete, die Militärausgaben seien
1987-88 "eingefroren" worden, was zu
einer Einsparung von 10 Milliarden
Rubel geführt habe und schlug "bereits für 1990-91" eine Kürzung des
Militäretats um 14 Prozent vor, was
weiteren 10 Milliarden Rubel entsprechen würde. Ministerpräsident Ryschkow legte den Verteidigungshaushalt
vor, der zum ersten Mal nach solchen
Kategorien
wie
Waffenbeschaffung,
Forschung
und
Entwicklung, Mannschaftsstärke, Operationen und Instandhaltung sowie militärisches Bauwesen aufgeschlüsselt war. Ryschkow
zufolge strebt die UdSSR "bis 1995
eine Kürzung von einem Drittel bis
zur Hälfte des Anteils der Verteidigungsausgaben am nationalen Einkommen
an".
Obwohl die Sowjets betonten, sie
hätten den Verteidigungshaushalt "genauestens und im gesamten Umfang" be-

- 9 -

�rechnet, enthalten ihre Erklärungen
beachtliche Unstimmigkeiten und Diskrepanzen. Obwohl entschieden höher
als jeder zuvor verabschiedete Verteidigungshaushalt, erscheint Gorbatschows Zahl von 77,3 Milliarden Rubel unrealistisch niedrig in Anbetracht der zur Ausrüstung, Instandhaltung und Operation erforderlichen
Ressourcen für eine Streitmacht von
der Größe der sowjetischen.
Diese
Zahl entspricht in etwa der Hälfte
der westlichen Schätzungen Ober die
aktuellen sowjetischen Militärausgaben. Sie beläuft sich auf 9 Prozent
des sowjetischen Bruttosozialprodukts
(BSP), im Gegensatz zu den 15 - 17
Prozent des BSP, das der Westen für
die
sowjetische
Verteidigungslast
schätzt.
Für diesen enormen Unterschied
zwischen den von Gorbatschow für den
Verteidigungshaushalt
angegebenen
Zahlen und den westlichen Schätzungen
könnte es mehrere Gründe geben. Die
Schätzungen
des
Westens
könnten
schlicht und einfach zu hoch liegen.
Alle von westlichen Regierungsbehörden, Statistikern und privaten Forschungsinstituten unabhängig voneinander abgegebenen Schätzungen sind
jedoch entschieden höher als 77,3
Milliarden Rubel.
Darüber hinaus
wurde in einem Presseartikel eines
sowjetischen Wirtschaftswissenschaftlers vom Februar 1989 eingeräumt, es
sei "offensichtlich", daß die Verteidigungsausgaben "weit über 100 Milliarden Rubel pro Jahr betragen".
Ministerpräsident
Ryschkow
verwies
auf eine mögliche Quelle der Unstimmigkeiten, als er nach der detaillierten Aufstellung der Aktivitäten,
aus denen sich ihm zufolge der Verteidigungshaushalt zusammensetzt, zusätzliche Ausgaben in Höhe von 3,9
Milliarden Rubel für Weltraumprogramme für militärische Zwecke getrennt
aufführte. Dies könnte als repräsentativ für mehrere Ausgabenkategorien
gelten, die die Sowjets aus einem eng
ausgelegten
Verteidigungshaushalt
ausgenommen haben könnten.
- 10

Die Rüstungsindustrie
Die im Januar 1989 von Gorbatschow abgegebene Erklärung, die Waffenproduktion würde um 19,5 Prozent
gekürzt, ist ein Anzeichen dafür, daß
die sowjetische Führung zu einer Modifizierung der traditionellen Prioritäten bei der Mittelvergabe kommen
könnte und mehr Ressourcen der Verteidigungsindustrie in die Modernisierung der gesamten Wirtschaftsbasis
leitet. Obwohl der Prozeß eines Abbaus der Waffenproduktion sich voraussichtlich bis weit in die neunziger Jahre erstrecken wird, werden die
Sowjets einen tatsächlichen Produktionsrückgang wahrscheinlich relativ
bald publik machen, um dem Westen gegenüber die Ernsthaftigkeit von Gorbatchows Absichten zu beweisen. Im
März 1989 wurde westlichen Journalisten beispielsweise die Besichtigung
einer Flugzeugfabrik in Moskau erlaubt, die Berichten zufolge zumindest teilweise
stillgelegt werden
soll.
Die Auswirkungen der Umrüstung
von militärischer in zivile Produktion bleiben jedoch noch abzuwarten.

Die sowjetische Mannschaftsstärke
Auch menschliche Ressourcen, die
zur Aufrechterhaltung der sowjetischen Macht ebenso wichtig sind wie
industrielle und technologische Ressourcen, bereiten der sowjetischen
Führung zunehmend Sorgen. Die Ankündigung einer Reduzierung der Mannschaftsstärke um 500 000 Mann wird
den Rückgriff auf nichtslawische insbesondere zentralasiatische - Minoritäten einschränken.
Mit diesem
Abbau wird die sowjetische Führung
Zeit gewinnen, um die Rolle anderer
Nationalitäten in den Streitkräften
neu zu bewerten und Methoden zu verbessern, die Moslems in das Militär
zu integrieren. Dies ist jedoch nur
ein zeitweiliger Aufschub. Das Bevölkerungswachstum und die sich ver-

�ändernde
ethnische
Zusammensetzung
stellen in absehbarer Zukunft Herausforderungen für die sowjetische Führung dar.

Perspektiven
Bis über das Jahr 1995 hinaus
werden die längerfristigen sowjetischen Entscheidungen bezüglich der
Mittelvergabe für militärische Zwecke
voraussichtlich
vom
Zusammenwirken
mehrerer Faktoren abhängen:
Fortschritte beim wirtschaftlichen Modernisierungsprogramm während des 13.
Fünfjahresplans, den Prognosen der
Führung bezüglich dem Stand der Modernisierung
ihrer
Streitkräfte,
technologischen Erfordernissen sowie
den militärischen Fähigkeiten des Westens. Wenn bis Mitte der neunziger
Jahre entscheidende Produktivitätsverbesserungen erzielt werden, könnten die Sowjets mit dem militärischen
Modernisierungsprogramm
fortfahren
und es vielleicht sogar beschleunigen, ohne Kompromisse bei der Modernisierung der Wirtschaft machen zu
müssen.
Falls sich die Wirtschaft
jedoch noch immer in einer Übergangsphase befindet - was wahrscheinlicher
ist - werden die Sowjets zwischen
zwei Optionen entscheiden müssen:
Aufschub umfangreicher militärischer
Modernisierungsprogramme durch Konzentration auf Projekte, die mehr
technologische Entwicklung und längere Vorlaufzeit erfordern oder Beschleunigung der militärischen Modernisierungsprogramme trotz der Auswirkungen, die dies auf langfristige
wirtschaftliche
und
militärische
Fortschritte haben würde. Die Antwort der sowjetischen Führung auf
dieses Dilemma wird über den zukünftigen Kurs der sowjetischen Bedrohung
entscheiden.

den kann und die strategischen Waffenarsenale abgebaut werden müssen,
stationieren die Sowjets weiterhin
neue Generationen von Interkontinentalraketen,
unterseebootgestützten
ballistishen Raketen und bemannten
strategischen
Bombern.
Zu diesen
neuen, entschieden fähigeren strategischen Nuklearsystemen gehören:
Die
außerordentlich
zielgenaue
SS-18 Mod 5 ICBM, die straßenmobile SS-25 ICBM und die schienenmobile und silogestützte SS-24
ICBM;
die
strategischen
BFK-U-Boote
(SSBN) der TYPHOON-Klasse mit
SS-N-20 U-Boot-gestützten ballistischen Flugkörpern (SLBMs) und
SSBN der DELTA IV-Klasse mit
SS-N-23 SLBMs;
die mit luftgestützten Marschflugkörpern von 3 000 Kilometern
Reichweite bestückten bemannten
strategischen
Bomber
BLACKJACK
und BEAR H sowie
umgerüstete U-Boote der YANKEEKlasse und andere U-Boote, die
als Plattform für den Angriff von
Landzielen mit U-Boot-gestützten
Marschflugkörpern (SLCMs) dienen.

Verteidigungs- und

Darüber hinaus haben sich die sowjetischen Pläne für den Einsatz
strategischer Nuklearwaffen anscheinend trotz ihrer Behauptung bisher
wenig geändert, eine defensive Doktrin verabschiedet zu haben. Diese
Pläne stützen sich nach wie vor auf
zwei entscheidende Einschätzungen der
Sowjetunion: Erstens, daß sich der
Einsatz strategischer Nuklearwaffen
am ehesten aus einer Eskalation des
Einsatzes von nuklearen Gefechtsfeldwaffen in Europa ergibt und zweitens,
daß der beste Weg zur Schadensbegrenzung in einem Nuklearkrieg darin besteht, selbst zuerst anzugreifen.

Trotz öffentlicher Bekundungen,
daß ein Atomkrieg nicht gewonnen wer-

Im Rahmen der angekündigten defensiven Doktrin scheinen die Sowjets
die NATO betreffend weiterhin ein europäisches kriegsschauplatzgebundenes
Einsatzkonzept anzustreben, das davon

Strategische
Weltraumprogramme
Doktrin

- 11 -

�ausgeht, daß die NATO voraussichtlich
keine
strategischen
Nuklearwaffen
einsetzen wird, wie es in ihrer strategischen Doktrin der flexiblen Reaktion vorgesehen ist.
Eines ihrer
Ziele bei der Unterzeichnung des
INF-Vertrags scheint daher im Abbau
einiger Nuklearwaffen bestanden zu
haben, die - obwohl für den Einsatz
auf dem europäischen Gefechtsfeld bestimmt - ein Ausufern des nuklearen
Schlagabtauschs auf sowjetisches Territorium nicht unbedingt verhindert
hätten. Aus demselben Grund streben
sie weiterhin den Abbau aller nuklearen Kurzstreckensysteme in Europa
an, wie aus Gorbatschows jüngstem
Vorschlag ersichtlich wird, im Gegenzug zur Zustimmung der Vereinigten
Staaten zu Gesprächen über SNF-Kürzungen nukleare Kurzstreckensysteme
einseitig abzubauen.
In dem Versuch, Bedingungen zu
schaffen, unter denen ein Krieg zwischen den Bündnissen auf Europa beschränkt bleibt, betonen die Sowjets
zunehmend den abschreckenden Aspekt
ihrer strategischen Offensiv- und Defensivprogramme.
Diese Verlagerung
der Perspektive hat jedoch lediglich
zu Reduzierungen bei ihren Nuklearwaffenprogrammen geführt wie sie auch
der INF-Vertrag vorsieht. Obwohl die
Sowjets jedoch auf den abschreckenden
Aspekt ihrer Nuklearstreitkräfte verweisen, besteht das Grundkonzept ihrer Doktrin über strategische Nuklearwaffen in einer Fähigkeit zur strategischen Kriegführung, mit der dem
Gegner unter allen Umständen ein verheerender nuklearer Schlag zugefügt
werden kann. Trotz der angekündigten
defensiven Doktrin bleibt unter Bedingungen, bei denen der Einsatz von
Nuklearwaffen durch den Gegner sehr
wahrscheinlich ist, ein Präventivschlag die von den Sowjets bevorzugte
Option beim Einsatz nuklearer Waffen. Diese Angriffsoption bedeutet,
daß die Sowjets Nuklearwaffen in
Stellung bringen, wenn überzeugende
Beweise dafür vorliegen, daß ein Gegner einen nuklearen Angriff gegen die
Sowjetunion vorbereitet. Obwohl die
Sowjets argumentieren, daß ein Prä- 12

ventivschlag lediglich der Selbstverteidigung gegen einen drohenden Angriff dient, sollen damit doch Ziele
strategischer Kriegführung verwirklicht werden, und das heißt auch, daß
die Sowjetunion ihre strategischen
Raketen zuerst abfeuert.
Die Sowjets entwickeln und stationieren auch weiterhin strategische
Offensivstreitkräfte auf der Grundlage von vor zehn bis zwanzig Jahren
getroffenen Entscheidungen über die
Streitkräfteerfordernisse,
und
das
allgemeine Tempo dieser Modernisierung wurde nicht von den gegenwärtig
unter Gorbatschow geführten Diskussionen über nationale Sicherheitspolitik beeinträchtigt. Inwieweit diese Diskussionen
die Streitkräftestruktur der Zukunft beeinflussen,
bleibt abzuwarten. Die heute stationierten Systeme sind zunehmend präziser und überlebensfähiger. Die verbesserte
Uberlebensfähigkeit
zeigt
sich besonders deutlich in der Stationierung der schienenmobilen SS-24
und der straßenmobilen SS-25 ICBMs.
Die mobilen Systeme verbessern die
Fähigkeit zu Abschreckung und Kriegführung der strategischen Offensivstreitkräfte der Sowjets, indem sie
die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß
sowjetische strategische Nuklearwaffen nach einem ersten Schlagabtausch
für Nachfolgeangriffe zur Verfügung
stehen.
Die Sowjets haben bei den STARTVerhandlungen Vorschläge unterbreitet, um die Anzahl der sowohl der Sowjetunion als auch den Vereinigten
Staaten zur Verfügung stehenden strategischen Nuklearsysteme zu reduzieren. Diese Vorschläge bestätigen jedoch nicht zwangsläufig eine Veränderung im sowjetischen Einsatzkonzept
noch beeinflussen sie die Fähigkeit
der Sowjets zur Verwirklichung ihrer
Ziele bei der nuklearen Kriegführung.

Implikationen
Das gesamte Spektrum von Themenkomplexen, die Rüstungskontrollen^

�Wicklungen, die mögliche Stationierung eines amerikanischen Systems zur
strategischen Verteidigung und das
Potential für Vorstöße in neue strategische Waffentechnologien betreffen
- sich aber nicht auf sie beschränken
- wird Einfluß auf Entscheidungen der
sowjetischen Führung zur Gestaltung
des künftigen strategischen Nuklearwaffenarsenals der Sowjets ausüben.
Hierfür lassen sich folgende Beispiele anführen:
START:
Es läge gegenwärtigen
Beurteilungen zufolge im Rahmen
des Möglichen, daß die Sowjets
einen START-Vertrag unterzeichnen
und im wesentlichen die Fähigkeit
aufrechterhalten, Schläge gegen
wichtige nukleare, andere militärische sowie politisch und wirtschaftlich relevante Ziele auszuführen.
Diese Fähigkeit ließe
sich aus verschiedenen Faktoren
herleiten, etwa aus einer möglichen Reduzierung der von den Sowjets anzugreifenden Anzahl amerikanischer gehärteter Ziele, der
verbesserten Fähigkeit neuer sowjetischer Nuklearsysteme wie etwa der SS-18 Mod 5 (auf der die
Anzahl der für jedes Ziel bestimmten Gefechtsköpfe reduziert
wird) und der verbesserten Uberlebensfähigkeit neuer strategischer Systeme der Sowjets.
SDI:
Da die Stationierung eines amerikanischen strategischen
Verteidigungssystems
sogar
mit
begrenzter Effektivität sowjetische Planungen zu einem Einsatz
strategischer Waffen komplizieren
würde, könnte eine solche Entscheidung der Vereinigten Staaten
dazu führen, daß die Sowjets die
Wirksamkeit ihrer Pläne zur strategischen Kriegführung einer Neubewertung unterziehen und möglicherweise
ihre
RUstungskontrollvorschläge
modifizieren.
Sowjetischen Erklärungen zufolge
würde ihre Reaktion sowohl quantitative als auch qualitative
Maßnahmen vorsehen.
Im Extremfall könnten die Sowjets zum Bei-

spiel eine größere Anzahl nuklearer Gefechtsköpfe stationieren,
um mit amerikanischen Verteidigungssystemen gleichzuziehen und
sie zu übertreffen. Darüber hinaus könnten die sogenannten "aktiven Instrumente" der Sowjets
wie Satellitenabwehrwaffen (ASAT)
und die "passiven Instrumente"
wie Köder und andere Mittel zum
Eindringen in der Absicht stationiert werden, die Uberlebensfähigkeit der sowjetischen strategischen
Streitkräfte
sicherzustellen,
die
Nuklearschlage
durchführen.

Kriegsschauplatzgebundene
streitkräfte

Nuklear-

Zielsetzung
Die sowjetischen Nuklearsysteme
mittlerer Reichweite - die straßenmobile SS-4 SANDAL und die SS-20 SABER
- bilden den integralen Bestandteil
der strategischen Nuklearstreitkräfte. Mit diesen Systemen können alle
weichen Ziele und Flächenziele in Europa angegriffen werden.
Entwicklungen bei den Streitkräften
Die SS-20 und die SS-4 zählen zu
den Raketensystemen, die nach den Bestimmungen des INF-Vertrages beseitigt werden. Der im Juni 1988 in
Kraft getretene Vertrag fordert, daß
beide Länder in einem Zeitraum von
drei Jahren alle landgestützten Nuklearraketen (Marschflugkörper eingeschlossen) mit einer Reichweite von
500 bis 5 000 Kilometer abbauen. Der
Vertrag betrifft darüber hinaus zwei
Raketensysteme kürzerer Reichweite,
die SS-12 und die SS-23.
Die Sowjets haben mit der Beseitigung der vom INF-Vertrag erfaßten
Raketen und Abschußvorrichtungen im
Juli 1988 begonnen. Vor den INF-Reduzierungen
umfaßten
die
SS-20
Streitkräfte 48 Stützpunkte, in denen
regulär 405 Raketen und Abschußvor-

- 13 -

�richtungen stationiert waren.
Die
SS-4 Streitkräfte setzten sich aus 96
vorbereiteten Abschußstellungen zur
Unterstützung von 60 stationierten
Raketen zusammen.

Implikationen
Bevor die Sowjets über die Vorschrottung ihrer SS-20 Streitkräfte
und damit über ein System verhandelten, das sie zu Beginn der siebziger
Jahre entwickelt hatten und 1977 zu
stationieren begannen, wogen sie seinen Wert gegen die Fähigkeiten von
Mittelstreckensystemen der Vereinigten Staaten und der NATO ab und
stellten Überlegungen darüber an,
welche Systeme unmittelbar verfügbar
waren, um die Verluste jeder Seite
auszugleichen. Auf der Grundlage ihrer Zielvorgaben und Einsätze der Nuklearstreitkräfte in Eurasien ist es
wahrscheinlich, daß die Sowjets zu
dem Schluß gelangten, die Beseitigung
ihrer
Mittelstreckenraketen
durch
Neuausrichtung anderer strategischer
und taktischer nuklearer Trägersysteme auszugleichen.
Zahlreiche Ziele
der SS-20 können auch von ICBMs und
SLBMs mit Unterstützung anderer Luftwaffenkomponenten getroffen werden.
Die ICBMs der Typen SS-11 und SS-19
werden zusammen mit allen in sowjetischen Bastionen stationierten SLBMs
bis Mitte der neunziger Jahre alle
Ziele abdecken können, wobei dafür
auch potentiell Raketen der Typen
SS-24 und SS-25 zur Verfügung stehen. Auch nach den Reduzierungen im
Rahmen des INF- und START-Vertrags
werden die Sowjets aufgrund der kontinuierlichen
Modernisierung
ihrer
strategischen
Streitkräfte
höchstwahrscheinlich in der Lage sein, ihre
wichtigsten mit taktischen, kriegsschauplatzgebundenen und interkontinentalen Waffen erreichbaren Zielvorgaben ebenso effektiv zu verwirklichen wie mit ihrem gegenwärtigen Arsenal strategischer Waffen. Darüber
hinaus sind sich die Sowjets auch der
Tatsache bewußt, daß der INF-Vertrag
zu Unstimmigkeiten im NATO-Bündnis
geführt hat.

Nuklearstreitkräfte
te

kurzer

Reichwei-

Zielsetzung
Das sowjetische Militär stationiert ein breites Spektrum nuklearer
Trägersysteme mit einer Reichweite
unter 1 000 Kilometern. Dazu zählen
Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite (SRINF), die vom INF-Vertrag
abgedeckt werden. Gegenwärtig werden
insbesondere die SS-12 und SS-23 beseitigt. Der INF-Vertrag erfaßt weder Kurzstreckenraketen
mit einer
Reichweite von unter 500 Kilometern
noch Mehrzweckkampfflugzeuge oder Artilleriegeschütze. Trotz der Tatsache, daß der INF-Vertrag die bedrohlichsten sowjetischen Nuklearsysteme
beseitigt, behalten die Sowjets eine
mehr als angemessene Fähigkeit, ihre
Landstreitkräfte mit taktischen Nuklearwaffen zu unterstützen.
Obwohl sich die Streitkräftemodernisierungen der NATO voll und ganz
im Einklang mit dem INF-Abkommen befinden, hat Generalsekretär Gorbatschow diese Streitkräfteverbesserungen als Unterminierung des Vertrags
bezeichnet. Die Sowjets geben solche
Erklärungen ab, während sie die nach
dem INF-Vertrag abzuziehenden SS-23
durch Raketen des Typs SS-1 SCUD ersetzen, für die keine Beschränkungen
gelten.

Entwicklungen bei den Streitkräften
Das sowjetische Militär hat die
Reichweite und Zielgenauigkeit seiner
Kurzstreckenraketen
kontinuierlich
verbessert. Darüber hinaus hat es in
einigen Fällen SNF-Einheiten neu organisiert, um eine stärker zentralisierte Kontrolle und größere Flexibilität bei ihrem Einsatz zu gewährleisten. Das Militär hat zum Beispiel
Bataillone
von
Kurzstreckenraketen
auf Divisionsebene in dem Heer unterstehende Brigaden umorganisiert.
Darüber hinaus haben die Sowjets
ihre Absicht bekundet, fünf nach dem

- 14 -

�INF-Vertrag frei werdende Raketenstützpunkte in Basen umzuwandeln, auf
denen nach dem INF-Vertrag gestattene
SRBMs disloziert sind. Seitdem wurden BauaktivitMten und die Ausbildung
neuer Raketeneinheiten
auf diesen
Stützpunkten oder in ihrer Umgebung
beobachtet, auch in der DDR. Solche
Aktionen deuten möglicherweise auf
sowjetische Absichten hin, den Verlust ihrer SS-12 und SS-23 auszugleichen, die bis Dezember 1989 vollständig beseitigt sein sollten.

Implikationen
Trotz der von Gorbatschow angekündigten
Streitkräftereduzierungen
wird der Warschauer Pakt gegenüber
der NATO bei den Trägersystemen für
SRBMs einen erheblichen zahlenmäßigen
Vorteil (von 16:1) haben. Das trifft
auch für nukleare Artillerie (4:1) in
der Region vom Atlantik bis zum Ural
zu.
Verbesserungen bei Reichweite
und Zielgenauigkeit dieser Systeme
haben die Qualität sowjetischer Kurzstreckenraketen geteigert.

Technologie für traditionelle und modernste Verteidigung gegen ballistische Raketen fort. Das umfangreiche
sowjetische Programm passiver Verteidigungsmaßnahmen - einschließlich ziviler Verteidigung, Mobilität, Härtung und Redundanz - zielt darauf ab,
die Auswirkungen gegnerischer Nuklearschläge auf sowjetischem Territorium zu begrenzen. Obwohl nicht bei
all diesen Programmen schnelle Fortschritte zu verzeichnen sind, wurden
sie doch in den vergangenen zwanzig
Jahren
kontinuierlich
unterstützt,
was auf ein langfristiges Engagement
für die strategische Verteidigung
schließen läßt.

Luftverteidigungsstreitkräfte
Die Sowjets haben ihre Streitkräfte für die Luftverteidigung erheblich modernisiert und erweitert.
Zusätzlich zur Integration neuer Waffensysteme in diese Streitkräfte war
- nach jüngsten Verletzungen sowjetischen Luftraums - eine stärkere Betonung der Einsatzbereitschaft zu beobachten.

Strategische Verteidigung
Boden-Luft-Raketen
Zielsetzung
Nach Ansicht der Sowjets sind sowohl aktive als auch passive strategische Verteidigung entscheidende Bestandteile einer Militärdoktrin, die
darauf abzielt, im Falle eines Krieges den Schaden für die Sowjetunion
zu begrenzen. Das anhaltend starke
sowjetische Engagement für strategische Verteidigungsprogramme läßt sich
durch die Vielfalt der stationierten
oder im Stadium der Entwicklung befindlichen Defensivwaffen und den Umfang anderer aktiver und passiver
Verteidigungsfähigkeiten
ermessen.
Die Sowjets haben ein umfassendes
Luftverteidigungssystem
in Stellung
gebracht und eine ABM-Verteidigung um
Moskau stationiert.
Darüber hinaus
setzen sie in beeindruckendem Umfang
ihre Forschung und Entwicklung der

Die strategischen Boden-Luft-Raketen (SAMs) der Sowjets - die SA-2,
SA-3, SA-5 und SA-10 leisten die
Sperrpunkt-, Raum- und Objektverteidigung des Gebiets der Sowjetunion.
Seit 1985 ist der Zahl strategischer
SAM-Stellungen und ihrer Trägersysteme vergleichsweise konstant geblieben, dennoch hat ihre Einsatzfähigkeit mit der Stationierung der SA-10
erheblich zugenommen. Mit der Fähigkeit der SA-10, mehrere Ziele gleichzeitig anzufliegen und ihrer verbesserten Feuerkraft (vier Raketen pro
Trägerabschußfahrzeug)
wurde
die
Luftverteidigungsfähigkeit
der
Sowjetunion verbessert. Darüber hinaus
könnte sie eine begrenzte Fähigkeit
zum Abfangen einiger Wiedereintrittsflugkörper und Marschflugkörper besitzen. Gegenwärtig stellt das SA-10

- 15 -

�System etwa 15 Prozent aller strategischen SAM-Abschußvorrichtungen der
Sowjets.

Flugzeuge
Als Ergebnis der Mitte der achtziger Jahre erfolgten Reorganisation
sowjetischer
Luftstreitkräfte
und
Luftverteidigung
wurden
zahlreiche
Abfangjäger erneut den Luftverteidigungsstreitkräften unterstellt und in
sie eingegliedert. Die Sowjets stationieren ihre neueste und ausgereifteste Luftaufklärung und statten
ihre Abfangjäger damit aus. Zum Beispiel wurde im letzten Jahr die Zahl
von Flugzeugen der vierten Generation
mit Lookdown/Shootdown-Radar, wie etwa die MiG-31 FOXHOUND und Su-27
FLANKER durch FOXHOUND- und FLANKERFlugzeuge bei den Luftverteidigungsstreitkräften ergänzt, wobei die Zahl
der Flugzeuge aus der vierten Generation im Vergleich zu den über 2 000
Abfangjägern relativ gering ist. Bis
1994 wird die Hälfte des Luftverteidigungsinventars aus Flugzeugen der
vierten Generation bestehen, bis 1999
werden alle Flugzeuge der vierten
oder einer späteren Generation angehören. Die sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte stationieren auch
weiterhin ihr MAINSTAY AWACS, um die
Auffindungs- und Verfolgungsfähigkeiten zu verbessern. Die Sowjets verfügen gegenwärtig über mindestens 10
einsatzbereite Flugzeuge.

Passive Verteidigung
Das passive Verteidigungsprogramm
der Sowjets bildet einen wichtigen
Bestandteil eines integrierten Systems strategischer Verteidigung, mit
dem die Auswirkungen eines nuklearen
Angriffs gemindert werden sollen.
Die grundlegenden Ziele der passiven
Verteidigungsbestrebungen lauten: im
Krieg Kontinuität der Führung sicherstellen, die Wirtschaft schnell und
effektiv mobilisieren, die Industrieanlagen und die Arbeitskräfte schützen und eine glaubwürdige Wiederaufbaufähigkeit entwickeln.
Eine umfangreiche, redundante Reihe gehärteter Kommandoposten und Fernmeldeeinrichtungen und Ausweichquartiere für
alle wichtigen Kommandoeinheiten des
Militärs und des Partei- und Regierungsapparates
bilden die Grundlage
des passiven Verteidigungsprogramms
der Sowjets.

Implikationen
Nach sowjetischer Auffassung über
den Charakter eines Krieges sind Operationen zur strategischen Verteidigung eine der grundlegendsten Formen
militärischer Aktion, um einen feindlichen Luftangriff abzuwehren und
seinen Schaden zu begrenzen. Obwohl
ein einzelnes Element einer gestaffelten Verteidigung nicht unbedingt
in höchstem Maße effektiv sein muß,
streben die Sowjets durch Staffelung
eine insgesamt
sehr wirkungsvolle
Verteidigung an.

Verteidigung durch Raketenabwehr (ABM)
Seit Beginn der achtziger Jahre
haben die Sowjets das einzige einsatzfähige
Raketenabwehrsystem
der
Welt um Moskau herum stationiert.
Das modernisierte System wird in diesem Jahr teilweise einsatzfä'hig sein
und die Sowjets zum ersten Mal mit
einer doppelt gestaffelten Verteidigung außerordentlich wichtiger Ziele
im Gebiet um Moskau ausstatten.

Obwohl die Sowjets jetzt betonen,
daß ihre Militärdoktrin defensiven
Charakter hat, haben sie keine Erklärungen darüber abgegeben, wie sich
dies mit ihren strategischen Verteidigungsprogrammen vereinbaren läßt.
Der Umfang und Charakter ihrer Programme lassen darauf schließen, daß
die Fähigkeit der sowjetischen strategischen Verteidigung insgesamt weiterhin erheblich zunimmt.

�Weltraumstreitkräfte
Glasnost hat zu einer Vielzahl
neuer Berichte über das sowjetische
Weltraumprogramm geführt. Diese Berichte waren jedoch sehr selektiv und
spielen die vorwiegend militärische
Ausrichtung sowjetischer Weltraumsysteme und Operationen herunter. Der
größte Teil der in der Sowjetunion in
den letzten Jahren veröffentlichten
Informationen stellt das sowjetische
Weltraumprogramm als nichtmilitärisch
dar, rühmt aber gleichzeitig technologische Fortschritte und fördert sowjetische Bestrebungen, in den Markt
für die kommerzielle Nutzung des
Weltraums vorzudringen. Die Sowjets
haben offensichtlich keine Anstrengungen unternommen, um ihre militärischen Ziele im Weltraum zu verändern,
wie sie es bei einigen ihrer anderen
Streitkräfte zu tun vorgeben.
Die
Sowjets streben einerseits eine hinreichende Vormachtstellung an, um im
Weltraum optimale Unterstützung für
die Streitkräfte auf der Erde zu leisten und andererseits die Fähigkeit,
anderen Staaten die Nutzung des Weltraums zu verweigern.

Implikationen
Die Fähigkeit der Sowjets, ihren
Streitkräften auf der Erde militärische Unterstützung aus dem Weltraum
zu leisten, verbessert und erweitert
sich, ebenso wie die Fähigkeit zur
Stationierung von Nutzlasten in der
Erdumlaufbahn stetig. Die Fähigkeit
der Sowjets zur Durchführung von
ASAT- und ABM-Operationen ist nach
wie vor konkurrenzlos, und gleichzeitig werden in sowjetischen Einrichtungen Forschung und Entwicklung noch
fähigerer
Systeme
durchgeführt.
Glasnost muß jedoch noch auf die vielen wichtigen militärischen Aspekte
des
sowjetischen
Weltraumprogramms
eingehen. Sowjetische Dementis, daß
sie
Kosmonauten
für
militärische
Zwecke einsetzen und Systeme zur
Kriegführung im All besitzen, kommen
der Behauptung - vor Gorbatschows
Eingeständnis im November 1987

gleich, die Sowjetunion habe keine
SDI-ähnliche Forschung durchgeführt.
Solche widersprüchlichen Äußerungen
zu militärischen Weltraumprogrammen
und Zielsetzungen lassen Mißtrauen
über Behauptungen einer verteidigungsorientierten Militärdoktrin und
ein vernünftiges und ausreichendes
Niveau aufkommen.

Perspektiven
In der sowjetischen Doktrin wird
die Forderung nach einem strategischen Einsatzkonzept, das einen strategischen Nuklearangriff auf die Sowjetunion abschreckt und gleichzeitig
die
Fähigkeit
zur
strategischen
Kriegführung aufrechterhält, höchstwahrscheinlich
bestehen
bleiben.
Dennoch könnten die Entwicklungen bei
den verschiedenen strategischen Programmen langsamer vorangehen als in
den letzten zehn Jahren. Zum Beispiel werden die Sowjets weiterhin
die Effektivität ihrer strategischen
Waffen steigern und eine große Zahl
landmobiler
Systeme
stationieren,
aber sie scheinen es mit der Reduzierung des Umfangs der Gesamtstreitkräfte durch gemeinsame Abkommen mit
dem Westen ernst zu meinen. Die Reduzierungen stehen erwartungsgemäß im
Einklang mit den reduzierten Zielvorgaben, die mit den ausgehandelten
Veränderungen bei den Streitkräften
des Westens erreicht wurden. Die Sowjets haben eine ähnliche Bereitschaft bekundet, weitere Reduzierungen bei den kriegsschauplatzgebundenen Nukelarwaffen kürzerer Reichweite
vorzunehmen. Im Gegensatz dazu werden künftige Entwicklungen bei den
sowjetischen Streitkräften zur Verteidigung im Weltraum und bei den
Programmen zur passiven Verteidigung
im Einklang mit der bisherigen Praxis
stehen.

Mehrzweckstreitkräfte
Im Dezember 1988 hat die Sowjetunion die einseitige Reduzierung ihrer Soldaten und konventionellen Waf-

- 17 -

�fen im Laufe der nächsten zwei Jahre
angekündigt. Das bedeutet:
Eine Reduzierung der sowjetischen
Mannschaftsstärke um 500 000 Soldaten.
Eine
Reduzierung
sowjetischer
Streitkräfte in Osteuropa und im
europäischen Teil der Sowjetunion
(westlich des Urals) im Umfang
von 10 000 Panzern, 8 500 Artilleriegeschützen und 800 Kampfflugzeugen.
Im Rahmen dessen
werden zusätzlich 50 000 Soldaten
und 5 000 Panzer aus Osteuropa
abgezogen. Dies läßt sich teilweise durch den Abzug und die
Auflösung von sechs gegenwärtig
in der DDR stationierten Panzerdivisionen verwirklichen.
Erhebliche
Reduzierungen
der
Streitkräfte im asiatischen Teil
der Sowjetunion und Abzug sowjetischer Truppen aus der Mongolei.
Am 25. April 1989 haben die Sowjets mit einem Zeremoniell für die
Öffentlichkeit in Ungarn mit dem Abzug einer sowjetichen Panzerdivision
aus diesem Land offiziell ihren Rückzug angetreten.
Gleichzeitig haben
die Sowjets jedoch ihre Mehrzweckstreitkräfte neuorganisiert und modernisiert und treiben die Forschung
und Entwicklung neuer Waffengenerationen für diese Streitkräfte vehement voran. Trotz der von der sowjetischen Führung angekündigten einseitigen Reduzierungen müssen die Auswirkungen solcher Reduzierungen im
Hinblick auf künftige Fähigkeiten der
kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte noch eingehend ausgewertet
werden.
Mit dem Beginn des Truppenabbaus
hat der Warschauer Pakt ein Zeitalter
potentiell weitreichender Veränderungen bei den Mehrzweckstreitkräften
eingeleitet - Veränderungen, die tatsächlich Auswirkungen auf Umfang,
Struktur und grundlegende Einsatzkonzepte
dieser
Streitkräfte
haben.
Traditionell haben die Sowjets ihre

Mehrzweckstreitkräfte
zusammen
mit
denen ihrer Verbündeten im Warschauer
Pakt an den sowjetischen Grenzen auf
Schauplätzen
von
Kriegshandlungen
(TVDs) stationiert und sie so strukturiert, daß sie schnelle Offensivoperationen durchführen können, um in
einem
konventionellen,
chemischen
oder nuklearen Umfeld Ziele in der
Tiefe des Kriegsschauplatzes erobern
zu können.
Seit Mitte des Jahres 1987 haben
die Sowjets jedoch öffentlich erklärt, ihre Streitkräfte seien "defensiv ausgerichtet" und ihre Militärdoktrin basiere auf einem "ausreichenden" und "vernünftigen Niveau
der Verteidigung". Die Sowjets verweisen darauf, daß die jetzt begonnenen Streitkräftreduzierungen den defensiven Chrakter ihrer Militärdoktrin besonders herausstellen.
Seit Ende der sechziger Jahre hat
sich die Struktur der sowjetischen
kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte auf die Schaffung einer Fähigkeit zur Durchführung einer strategischen Operation auf dem Kriegsschauplatz konzentriert - eine massive Offensive mit verbundenen Waffen unter
nuklearen und nichtnuklearen Bedingungen bis in eine Tiefe von 1 500
oder mehr Kilometern. Dieser Schwerpunkt hat zu einer dramatischen Erhöhung des Umfangs der Streitkräfte und
ihrer Kampffähigkeit geführt. Dennoch zwingen bedeutende neue - und
auch die noch anstehenden alten Herausforderungen
die
sowjetische
Führung
zur
Neubewertung
dieser
Struktur im Hinblick auf ihre Pläne
für die neunziger Jahre.
Die traditionellen Probleme mit
der Führung auf mittlerer Ebene, Ausbildung, Disziplin und Moral im allgemeinen bestehen nach wie vor. Im
Feld demonstrieren die sowjetischen
Landstreitkräfte oftmals nur mittelmäßige taktische Leistungen, und bei
den Manövern handelt es sich häufig
um stereotype und schablonenhafte
Übungen.
Der sowjetische Generalleutnant und stellvertretende Leiter

�des Direktorats für die Kampfausbildung der Landstreitkräfte, V.N. Kasikow, beklagte kürzlich, die Leistung
kleiner taktischer Einheiten lasse zu
wünschen übrig. Er stellte darüber
hinaus fest, die Durchführung stereotyper Manöver habe die Ausbildung der
unteren Ränge wertlos gemacht, und
Beschränkungen für den Einsatz von
Gerät verhinderteten den richtigen
Umgang damit.
Ein erhebliches oft
von den Sowjets angeführtes disziplinarisches Problem ergibt sich vor allem durch die nach wie vor "fehlende
Regelung des Umgangs miteinander" ein Euphemismus für ein brutales System der Schikanierung neuer Rekruten
durch ältere Soldaten. Darüber hinaus werden oftmals die Fähigkeiten
und die Routine vieler Offiziere,
insbesondere die mangelnde Initiative
vieler
junger Offiziere, beklagt.
Obwohl diese Probleme zum großen Teil
schon seit langem bestehen, vertreten
die Sowjets im gegenwärtigen Zeitalter zurückgehender Personal- und Materialkapazitäten die Auffassung, daß
diese Umstände korrigiert werden müssen, um die kompetente und modernisierte Armee zu schaffen, die erforderlich ist, um sich den Herausforderungen der neunziger Jahre zu stellen.
Unter der Ägide eines als "militärische
Perestrojka"
bezeichneten
Programms leiten die Sowjets weitreichende Veränderungen zur Verbesserung
der Qualität ihrer Streitkräfte ein.
Die Sowjets erwarten, daß die von ihnen durchgeführten Veränderungen eine
modernisierte, kompetente und professionelle Armee hervorbringt, auch
wenn deren zahlenmäßige Stärke abnimmt.
Der General der Armee und
neue sowjetische Generalstabschef Michail Moisejew hat kürzlich bemerkt,
daß die "nächsten zwei Jahre für die
Streitkräfte und den Generalstab besonders wichtig und spannungsreich
sein werden". In der Zeit wird eine
grundlegende
Umstrukturierung
der
Streitkräfte, eine Umstrukturierung
militärischer
Ausbildungsprogramme
sowie wichtige organisatorische und
technische Veränderungen im Zusammen-

hang mit den angekündigten Streitkräftereduzierungen
stattfinden.
Moisejew wies ferner darauf hin, das
gesamte System der Kampfbereitschaft
müsse analysiert werden. Damit bezog
er sich auf die Auswirkungen, die eine Umstrukturierung auf die Mannschaftsstärke in Friedenszeiten, Mobilisierungsplanung,
Reservistenausbildung und den Umfang und Charakter
der Manöver haben wird. Er erklärte
ferner, das Führungssystem würde neuorganisiert und "auf eine neu automatisierte technische Grundlage" gestellt.
Darüber hinaus werden bei
Strategie, Einsatzführung und Taktik
drastische
Veränderungen
erfolgen.
Moisejew zufolge "wird eine neue
Theorie der Militärkunst ins Leben
gerufen".

Konzepte
zur
Kriegführung
kriegsschauplatzgebundenen Waffen

mit

Die von Gorbatschow und den
nichtsowjetischen
Warschauer
PaktStaaten
angekündigten
einseitigen
Truppenreduzierungen und die Reorganisation der Streitkräfte werden im
Falle ihrer Durchführung zum Teil eine Streitkräftestruktur und Veränderungen bei der Stationierung hervorbringen, die auf eine stärker defensiv ausgerichtete Strategie schließen
lassen. Sie bedeuten eine Reduzierung der militärichen Fähigkeit der
Sowjets, insbesondere im Hinblick auf
ihre nichtverstärkte Angriffsfähigkeit gegen die Region NATO-Mitte.
Dennoch zielen die Erklärungen auch
darauf ab, eines der wichtigsten traditionellen Ziele sowjetischer Außenpolitik zu untermauern: die mögliche
Auflösung der NATO und Beseitigung
von Einfluß und militärischer Macht
der Vereinigten Staaten auf dem Europäischen Kontinent. Moskau hofft daher, daß die Truppenreduzierungen
folgendes bewirken werden:

- 19 -

Im Westen - insbesondere in der
Bundesrepublik Deutschland - öffentlichen Druck für die Verpflichtung zu einem ebensolchen

�Streitkräfteabbau der NATO insgesamt oder einzelner Mitglieder
des Bündnisses in naher Zukunft
hervorzurufen.
Ihre Verhandlungsposition bei den
Gesprächen
über
konventionelle
Waffen zu stärken.
Die öffentliche Unterstützung für
die Entwicklung und Stationierung
technologisch hochwertiger Waffen, die Schläge in die Tiefe des
gegnerischen
Aufmarschgebiets
durchführen können, auszuhöhlen
und die geplante Modernisierung
der atomaren Kurzstreckenraketen
der NATO zu vereiteln.
Nach ihrer Verwirklichung werden
diese Kürzungen die Fähigkeiten der
sowjetischen Streitkräfte zur Durchführung eines Überraschungsangriffs
verringern und die vom Warschauer
Pakt zur Durchführung offensiver Operationen gegen die NATO benötigte
Vorbereitungszeit verlängern. Im Zuge einer erweiterten Aufrüstung wird
den Sowjets jedoch genügend Zeit zur
Verfügung stehen, um die Streitkräftemobilisierung, Vorbereitungen und
Vornestationierung zu einer verstärkten Kräfteverteilung vorzunehmen, von
der aus sie eine andauernde Offensive
durchführen können. Die heute schon
in vorgeschobenen Bereichen existierenden Lagerbestände werden den aus
der UdSSR zur Verstärkung herangeführten Einheiten zur Verfügung stehen.
Gorbatschow hat ferner eine einseitige
Reduzierung
der
atomaren
Kurzstreckensysteme
(SNF) angekündigt. Diese Kürzungen würden jedoch
lediglich zu einer 5prozentigen Verringerung des Gesamtbestandes sowjetischer SNF-Gefechtsköpfe führen und
nicht an die von der NATO seit den
siebziger Jahren vorgenommenen Reduzierungen heranreichen. Das Verhältnis sowjetischer zu amerikanischen
Gefechtsköpfen in Europa würde immer
noch 12 zu 1 betragen. Die von den
Sowjets bisher angekündigten SNF-Verringerungen würden lediglich den Be-

ginn einer Auseinandersetzung mit
denheute bei SNF bestehenden amerikanisch-sowjetischen Asymmetrien bedeuten und sowjetische SNF-Fähigkeiten
nur unwesentlich beeinträchtigen.
Gorbatschow hat außerdem einschneidende Reduzierungen der konventionellen Streitkräfte an der chinesisch-sowjetischen Grenze und in der
Mongolei angekündigt. Diese Reduzierungen haben den Forderungen Pekings
nach einer sowjetischen Truppenreduzierung an der chinesisch-sowjetischen Grenze weitestgehend entsprochen und zur Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern
beim chinesisch-sowjetischen Gipfel
im Mai 1989 - dem ersten seit drei
Jahrzehnten - beigetragen.

Chemische
rung

und

biologische

Kriegfüh-

Die UdSSR besitzt die umfassendsten
Fähigkeiten
zur
chemischen
Kriegführung in der Welt. Als Träger
kann sie nahezu alle konventionellen
Waffensyst eme von Morsern über taktische Langstreckenflugkörper bis zu
den
leistungsfähigsten
Flugzeugen
einsetzen.
Im Jahr 1987 gaben die
Sowjets zum ersten Mal den Besitz eines Arsenals chemischer Waffen zu.
Sie räumten einen Bestand von 50 000
Tonnen Kampfstoffen ein, bei weitem
der größte in der ganzen Welt. Es
wird jedoch angenommen, daß diese
Zahl noch erheblich unter dem Gesamtvorrat der UdSSR an offensiven chemischen Waffen liegt.
Die sowjetischen Fähigkeiten zum
Einsatz chemischer Kampfmittel werden
noch verstärkt durch ihre umfassende
Fähigkeit, sich in einem verseuchten
Umfeld zu schützen.
Dazu benutzen
sie besonders ausgebildete und ausgerüstete Einheiten. Die Sowjets verfügen über mehr als 60 000 Mann, die
auf Unterstützungsoperationen in verseuchten Gebieten spezialisiert sind
sowie über 30 000 Sonderfahrzeuge für
Operationen mit chemischen oder biologischen Waffen. Die Einsatzbereit-

�schaft dieser Truppen wurde durch eine Reorganisation verbessert, mit deren Hilfe offensive Operationen besser unterstützt werden sollen. Weitere Verbesserungen wurden durch ein
verstärktes Augenmerk auf Ausbildung
für Operationen in verseuchten Gebieten erzielt. Der Umfang dieser Fähigkeiten ist weit höher als aufgrund
der begrenzten Fähigkeiten jedes potentiellen Gegners der Sowjetunion im
Bereich der chemischen Kriegführung
notwendig wäre.
Forschung, Entwicklung und Erprobung neuer chemischer Waffensysteme
wurden mit finanzieller und politischer Rückendeckung höchster sowjetischer Stellen weitergeführt. Die Sowjets haben Tausende chemischer Verbindungen zur Nutzung als Wirkstoffe
für chemische Kriegführung ausgewertet und parallel dazu neue Methoden
für ihre Verbreitung und mögliche
Waffen-Konfigurationen
untersucht.
Dieses Forschungsprogramm ist auf die
Überwindung von Schutzmaßnahmen seitens der NATO gerichtet.
Die Sowjets haben versucht, die
Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit
von ihrem enormen Potential zur chemischen Kriegführung abzulenken, indem sie in öffentlichen Erklärungen
besonders auf den Bau ihrer Pilotanlage zur Vernichtung von Chemiewaffen
in Tschapajewsk verwiesen haben. Eine sowjetische Vernichtungsanlage wäre in jedem Fall zur Zerstörung lekker und überflüssiger Munition notwendig geworden, unabhängig von den
Bestimmungen eines Vertrags über Chemiewaffen. Viele von den Sowjets im
Jahr 1987 in Schikany als Teil ihrer
gegenwärtigen Bestände angemeldeten
Munitionsbestände
waren
eindeutig
veraltet und zur Zerstörung vorgesehen.

Bestandes
an
biologischen
nutzbar gemacht.

Waffen

Die Sowjets streiten weiterhin
ab, daß sie ein offensives Programm
zur biologischen Kriegführung unterhalten, aber es wurden Beweise erbracht, die nicht nur die Existenz
von Forschung und Entwicklung sondern
auch von biologischen Waffen untermauern. Der Unfall von Swerdlowsk im
Jahr 1979, der durch die Freisetzung
von Anthrax aus einem Institut für
biologische
Kriegführung
ausgelöst
wurde, lieferte solch einen Beweis
und einen eindeutigen Hinweis darauf,
daß die Sowjets die Konvention über
biologische Waffen aus dem Jahr 1972
verletzt haben.

Die konventionellen Luftstreitkräfte
Die sowjetische Luftwaffe besteht
aus drei Hauptelementen - den Luftarmeen des Obersten Befehlskommandos
(VGK), den Luftstreitkräften der Militärbezirke und Gruppen von Streitkräften
sowie
den
militärischen
Transportfliegern. Die Sowjets verbessern diese konventionellen Luftkomponenten durch Einführung neuester
Flugzeuge und Waffen zur Unterstützung offensiver Operationen. Während
der Ersatz alter Typen durch neue im
allgemeinen nicht im Verhältnis von
eins zu eins durchgeführt wurde und
sich damit der Nettozuwachs in Grenzen hielt, wurde die Qualität erheblich
verbessert.
Nachteile
bei
Reichweite, Waffenlasten und Avionik
werden bei den neuesten Flugzeugtypen
zunehmend wettgemacht.
Ferner verbessern die Sowjets ihre Führung der
Luftstreitkräfte,
insbesondere
auf
Gefechtsfeldebene.

Perspektiven
Die Sowjets verbessern weiterhin
ihre Fähigkeit zum Einsatz biologischer Wirkstoffe.
Neue biologische
Technologien, darunter die Gentechnik, werden zur Erhöhung von toxischer Wirkung, Stabilität und militärischem Potential des sowjetischen

Im Falle seiner Verwirklichung
bedeutet das unlängst von Generalsekretär Gorbatschow abgegebene Versprechen,
die
sowjetischen
Luftstreitkräfte westlich des Urals um
800 Flugzeuge zu verringern und die

- 21 -

�in der Mongolei stationierten sowjetischen Luftstreitkräfte zu "liquidieren", eine bedeutende potentielle
Reduzierung der Kampfkraft. Das Ausmaß der Veränderungen und die Kampfkraft der Luftstreitkräfte nach einer
solchen Reduzierung wird davon abhängen, welche Flugzeuge abgebaut werden
und was mit ihnen geschieht. Wenn
lediglich überschüssige oder ältere
Flugzeuge beseitigt werden, wird dies
nur
minimale
Auswirkungen
haben.
Falls andererseits eine große Zahl
von Langstreckenflugzeugen wie FENCER
und BACKFIRE wirklich aus dem Bestand
genommen, zerstört oder flugunfähig
in Depots gelagert (und nicht nur
verlegt) werden, wird die sowjetische
Fähigkeit zur Durchführung offensiver
Operationen
erheblich
verringert.
Kürzlich abgegebenen Erklärungen hoher sowjetischer Offiziere zufolge
werden einige moderne Flugzeuge beseitigt werden, darunter ein Großteil
Flugzeuge für den Bodenkampf.
Bis
heute wartet der Westen jedoch vergebens auf bedeutende Veränderungen in
Struktur oder operativer Stationierung der sowjetischen Luftstreitkräfte sowie auf bedeutende Veränderungen
bei den Beschaffungstrends.
Es gibt bis heute keinerlei Hinweise auf eine Reduzierung vorgelagerten Nachschubs für die Luftstreitkräfte wie etwa Flugzeugtreibstoff,
Munition und Ersatzteile.
Tatsächlich wurden in den letzten zehn Jahren die Bestände an Flugzeugtreibstoff erheblich aufgestockt. Landebahnen auf den Flugplätzen der Westlichen Gruppe von Truppen wurden verlängert. Die Munitionsbestände wurden ebenfalls, wenn auch nicht in
demselben Umfang, vergrößert. Diese
logistischen
Verbesserungen
werden
das Durchhaltevermögen der sowjetischen Luftstreitkräfte in vorgeschobenen Bereichen auch mit reduziertem
Fluggerät erhöhen.
Die Seestreitkräfte
Zielsetzung
Die mit zahlreichen sowohl kon- 22

ventionell als auch nuklear einsetzbaren Waffensystemen ausgerüstete sowjetische Marine ist ein wichtiges
Element der sowjetischen Streitkräfte.
Eine der höchsten Prioritäten
der sowjetischen Marine im Kriegsfall
besteht darin, die Verfügbarkeit ihrer mit ballistischen Raketen ausgerüsteten U-Boote (SSBNs) für strategische Schläge gegen interkontinentale und Gefechtsfeldziele sicherzustellen. Dies erfordert den Schutz
der SSBNs vor Angriffen durch die
westliche U-Boot-Abwehr. Die moderneren SSBNs der Klassen DELTA und
TYPHOON sind mit weitreichenderen und
zielgenaueren ballistischen Raketen
(SLBMs) bewaffnet und mit einer größeren Zahl von Raketen/Wiedereintrittsflugkörpern
ausgerüstet,
die
von sowjetischen Häfen und Küstengewässern aus Nordamerika erreichen
können. Dies bietet den Sowjets die
Option, solche Plattformen in Seegebieten nahe der sowjetischen Heimat
einzusetzen, in denen Mehrzweckschiffe, U-Boote und Flugzeuge mehr Schutz
bieten können. Für den Fall eines
größeren Konflikts erwartet Moskau
den umfassenden Einsatz der westlichen U-Boot-Abwehr gegen sowjetische
SSBNs. Als Ergebnis dieser Einschätzung werden sowjetische Plattformen
zur Abwehr von U-Booten und Uberwasserschiffen als lebenswichtig für den
Schutz der SSBNs während eines konventionellen oder atomaren Konflikts
betrachtet.
Die sowjetische Marine hat ferner
den Auftrag, die gegnerischen Marinestreitkräfte, die eine Bedrohung der
Sowjetunion, ihrer Verbündeten oder
ihrer
SSBN-Streitmacht
darstellen
können, zu neutralisieren. Um dieser
Aufgabe gerecht zu werden, stützt sie
sich auf einen Mix von Flugzeugen,
Uberwasser-Einheiten
und
U-BootPlattformen. Die Sowjets betrachten
die gegnerischen Flugzeugträgerverbände, amphibischen Streitkräfte und
mit seegestützten Marschflugkörpern
(SLCMs) ausgerüstete Uberwasserschiffe als Hauptbedrohung über Wasser,
während ihr Hauptaugenmerk bei der
U-Boot-Abwehr den westlichen SSBNs,

�mit SLCMs ausgerüsteten SSNs und den
zur U-Boot-Abwehr ausgelegten SSNs
gilt.
Ein weiterer wichtiger Auftrag
ist die Unterstützung der Landstreitkräfte der UdSSR und des Warschauer
Pakts. Dazu gehört die Bereitstellung von Flankenschutz für die Landstreitkräfte gegen einen Angriff gegnerischer Marine- und Amphibienkräfte
sowie Feuer-, logistische und amphibische Unterstützung von Landoperationen.
Die Entwicklung der sowjetischen Seestreitkräfte in der Ära Gorbatschow
In den vergangenen vier Jahren
unterlag die sowjetische Marine Veränderungen in Führung und Struktur.
Obwohl ältere Einheiten nicht im Verhältnis von eins zu eins durch moderne ersetzt werden, haben die qualitativen Verbesserungen bei diesen neuen
Einheiten jedoch eine noch schlagkräftigere Streitmacht zur Folge gehabt, überdies könnte es sich die
sowjetische Marine leisten, selbst
eine größere Anzahl veralteter Plattformen außer Dienst zu stellen ohne
die Kampfkraft erheblich zu beeinträchtigen.
Zusammenfassung
Die sowjetische Marine hat sich
zu einer zunehmend modernen Streitmacht entwickelt, die befähigt ist,
die Erfordernisse eines konventionellen oder nuklearen Krieges auf jedem
Niveau zu erfüllen. Es ist richtig,
daß eine geringere Anzahl von großen
Uberwasserschiffen und U-Booten der
neuesten Generation gebaut wird als
in den vergangenen Jahrzehnten, was
für die neunziger Jahre einen rückläufigen Trend in der Streitkräftestruktur bedeutet. Die verbesserten
Einzelfähigkeiten der neuen Schiffe
werden jedoch die zahlenmäßigen Reduzierungen bei einigen - jedoch nicht
bei allen - Aufträgen mehr als wettmachen.
Diese Reduzierungen beim

Produktionsausstoß
wurden
jedoch
schon vor den von Präsident Gorbatschow verkündeten Initiativen vorgenommen, und die künftigen Produktionszahlen sind ungewiß.

Die Streitkräfte für den
feldeinsatz: Perspektiven

Gefechts-

Die Sowjets besitzen umfangreiche, beeindruckende Streitkräfte zur
allgemeinen Verwendung, die zur Zeit
vornehmlich auf offensive Operationen
ausgerichtet sind. Die Sowjets haben
jedoch ihre Absicht bekundet, weitreichende Veränderungen vorzunehmen,
die
eine
Umstrukturierung
ihrer
Streitkräfte zu einem defensiven Einsatzkonzept vorsehen. Die Einleitung
einseitiger
Truppenreduzierungen
könnte ein erster Schritt in diesem
Prozeß sein.
Gleichzeitig fordern die Sowjets
beiderseitige Reduzierungen des Warschauer Pakts und der NATO durch den
Rüstungskontrollprozeß als Mittel zur
vollständigen
Verwirklichung
ihrer
defensiven Doktrin. Sie haben in der
Öffentlichkeit
einen
schrittweisen
Ansatz vorgeschlagen, der letztlich
zu einer einschneidenden Reduzierung
der Streitkräfte von Warschauer Pakt
und NATO und zu einer Streitkräftestruktur führen wird, die den Sowjets
zufolge keiner Seite die Möglichkeit
läßt, für die Gegenseite eine offensive Bedrohung darzustellen.
Die Sowjets sind der Überzeugung
daß ihre einseitigen Reduzierungen
als Katalysator für die Verringerung
der militärischen Anstrengungen seitens der NATO und die Erlangung des
in ihren Rüstungskontrollvorschlägen
geforderten einschneidenden Streitkräfteabbaus dienen werden. Ob die
Sowjets im Rahmen der KSE-Gespräche
bereit sein werden, stark asymmetrische Reduzierungen zu akzeptieren und
das Ungleichgewicht bei den konventionellen Streitkräften in Europa zu
behandeln, wird ein wichtiger Indikator dafür sein, wie ernst sie es mit
der Umstrukturierung ihrer Streit-

- 23 -

�die meisten um ein Mehrfaches
härter sind als die amerikanischen sowie ihr über die ganze
Sowjetunion
verteiltes
System
tief unter der Erde gelegener
Bunker für das Führungspersonal
und deren Unterstützungskader.

kräfte zu einem defensiven Einsatzkonzept meinen.
Gegenwärtig leiten die Sowjets
Veränderungen ein, die auf eine dem
Umfang nach erheblich reduzierte sowjetische Streitmacht hinauslaufen,
die ihre Kampfkraft jedoch aufrechterhält oder sogar noch verbessert.
Man hofft, dies durch eine fortlaufende Modernisierung der Ausrüstung,
qualitative Verbesserungen bei Ausbildung, Führung, Moral und Disziplin
sowie durch eine Verbesserung der
Führung zu erreichen.

Besteht eine erhebliche Asymmetrie bei der Zahl abzudeckender
Ziele. Die Zahl der Ziele in der
UdSSR liegt etwa doppelt so hoch
wie die Zahl von Zielen in den
Vereinigten Staaten, die von den
sowjetischen
Planern
abgedeckt
werden müssen.
Dies bedeutet,
daß die Sowjetunion mit ungefähr
der gleichen Zahl von Gefechtsköpfen wie die Vereinigten Staaten in ihren Planungen davon ausgehen kann, daß sie nach einem
nuklearen Schlagabtausch mehr Gefechtsköpfe besitzt.

Das militärische Gleichgewicht
Durch statische Berechnungen
erfaßte Asymmetrien

nicht

Der Vergleich von Raketen mit Raketen und Bombern mit Bombern ist für
die
Bewertung
des
strategischen
Gleichgewichts nicht ausreichend. So
werden Bomber nicht gegen andere Bomber eingesetzt sondern gegen die
Luftabwehr, und strategische Streitkräfte bedrohen Ziele und Einrichtungen (zu denen unter anderem auch andere strategische Streitkräfte gehören). Zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bestehen erhebliche Unterschiede bei strategischem Verteidigungspotential und den
Zielen. Zum Beispiel:
Unterhält die Sowjetunion das umfassendste
Luftverteidigungssystem und das einzige Abwehrsystem
gegen ballistische Raketen der
Welt.
Die Luftverteidigung der
Vereinigten Staaten ist dagegen
vergleichsweise
bescheiden
und
hauptsächlich auf Vorwarnung und
Einschätzung eines Angriffs ausgerichtet.
Legt die UdSSR ein Hauptaugenmerk
auf passive Verteidigungssysteme
zum Schutz einer Vielzahl wichtiger Einrichtungen vor amerikanischen Vergeltungsschlägen. Wichtige Beispiele dafür sind die gehärteten Raketensilos, von denen

Schließlich bestehen bei der Doktrin grundsätzliche Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion, und es wäre in diesem
Zusammenhang
gefährlich,
lediglich
spiegelbildliche Vergleiche anzustellen. Während beide Seiten ein militärisches Potential zur Abschreckung
einer
Aggression
aufrechterhalten,
liegt das Hauptaugenmerk der sowjetischen Doktrin und der Streitkräfteplanung seit jeher in der Erlangung
einer möglichst glaubwürdigen Fähigkeit zum Führen eines Atomkriegs im
Falle eines Versagens der Abschrekkung.
Die sowjetische strategische
Nukleardoktrin geht weiterhin davon
aus, daß präventive Schläge durchgeführt werden sollen, wenn dies als
notwendig erachtet wird. Obwohl die
Sowjets behaupten, sie hätten eine
neue defensive Doktrin eingeführt,
wird eine Umstrukturiereung der sowjetischen strategischen Streitkräfte
- unter Einbeziehung bedeutender programmatischer Veränderungen und einer
umfassenden Neuverteilung von Mitteln, die aus strategischen Programmen abgezogen werden - wahrscheinlich
mehrere Jahre in Anspruch nehmen,
wenn
sie
überhaupt
verwirklicht
wird.
Obwohl die Zukunft ungewiß

- 24 -

�ist, scheint es so, als ob die sowjetische Militärführung an ihrer Überzeugung festhält, daß ein "ausreichendes strategisches Niveau" auf der
Ebene der strategischen Atomstreitkräfte auf ihrer Fähigkeit beruht,
einen militärischen Vorteil gegenüber
ihren potentiellen Gegnern aufrechtzuerhalten.
Zusammenfassend lassen sich drei
das Gleichgewicht und die Stabilität
der Abschreckung beeinflussende Faktoren nennen: Erstens die erheblichen Unterschiede innerhalb der von
jeder Seite stationierten Streitkräfte. Zweitens die Verteidigungssysteme und Ziele, gegen die diese eingesetzt würden. Drittens die Militärdoktrinen und Grundsätze, die ihrer
Existenz zugrundeliegen und über ihren Einsatz entscheiden.
Letztlich beruht die Aufrechterhaltung der strategischen Abschrekkung auf der Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die Sowjets davon zu
überzeugen, daß sie sowohl die Mittel
als auch den Willen haben, auf jeden
sowjetischen Angriff gegen die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten
wirksam zu reagieren. Wie die Geschichte der vergangenen beiden Jahrzehnte jedoch beweist, ist Abschrekkung ein dynamisches Konzept. Unter
dem Blickwinkel der langfristigen und
dauerhaften Modernisierung der strategischen Streitkräfte durch Moskau
ist es vernünftig, anzunehmen, daß
die Sowjets weiterhin versuchen werden, das amerikanische nukleare Abschreckungspotential
zu
schwächen.
Deshalb müssen die Vereinigten Staaten bereit sein, mit angemessenen
Programmen zu reagieren und die notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln,
um ihr strategisches Abschreckungspotential aufrechtzuerhalten.

terstützung von Weltraumvorhaben unterhält.
Die von den Vereinigten
Staaten in Umlaufbahnen gebrachten
Systeme bieten im Frieden überlegene
Fähigkeiten. Um jedoch ihre Funktion
während eines Konflikts zu sichern,
müssen sich die Vereinigten Staaten
weiterhin um die Schaffung einer operativen ASAT-Fähigkeit, einer reaktionsfähigeren Fähigkeit zur Wiederherstellung von Weltraumsystemen sowie einer überlebensfähigeren Infrastruktur zur Unterstützung von Weltraumvorhaben bemühen.

Perspektiven
Heute ist die Wahrscheinlichkeit
eines Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
vielleicht geringer als jemals in der
Nachkriegszeit. Es steht ferner außer Frage, daß in der UdSSR bedeutende und in einigen Fällen dramatische
Veränderungen stattfinden. Zum Beispiel :

Das Gleichgewicht im Weltall
Die Sowjetunion ist gegenüber den
Vereinigten Staaten im Vorteil, weil
sie eine einzigartige ASAT-Fähigkeit
und eine solide Infrastruktur zur Un- 25 -

Wirtschaftlich hat die sowjetische Führung mit der Perestrojka
ein Programm in Angriff genommen,
mit dem sie ihre Wirtschaft in
einer Art und Weise umgestalten
möchte, die sich von den Lehren
des Marxismus-Leninismus scharf
abhebt.
Politisch experimentieren die Sowjets durch Glasnost mit bestimmten Elementen einer offenen Gesellschaft, darunter einem gewissen Maß an Redefreiheit und - zum
ersten Mal in 70 Jahren - Wahlen,
die den sowjetischen Bürgern eine
begrenzte Kandidatenauswahl gestatten.
Militärisch hat Generalsekretär
Gorbatschow bedeutende einseitige
Verringerungen bei den sowjetischen konventionellen Streitkräften angekündigt und weitere Kürzungen vorgeschlagen, die ernsthaft berücksichtigt werden sollten.
Er hat ferner erhebliche
Reduzierungen
im
sowjetischen

�Verteidigungshaushalt und bei der
Waffenbeschaffung
angekündigt.
Schließlich behaupten die Sowjets, sie rückten von einer offensiv ausgerichteten Militärdoktrin ab und wendeten sich einem
neuen Konzept zu, das sich auf
das "ausreichende Niveau" gründet.
Gesellschaftlich scheint die sowjetische
Führung
willens
zu
sein, ein größeres Maß an Toleranz gegenüber den zahlreichen
nichtrussischen
Nationalitäten
und Volksgruppen sowie gegenüber
der Religion walten zu lassen.
Diplomatisch
geht
Gorbatschows
Forderung nach einem "neuen Denken" mit einer Abkehr der Sowjets
von der Konfrontation mit dem Westen und der Hinwendung zu einer
Betonung von Verhandlungen als
Mittel
zur
Schlichtung
von
Streitfällen einher. Insbesondere sind der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan und die Bereitschaft Moskaus, den Staaten Osteuropas mehr
Freiheit bei der Lösung ihrer
Probleme
einzuräumen,
positive
Schritte zur Schaffung eines stabileren internationalen Umfelds.
So eindrucksvoll diese Veränderungen auch sein mögen, so ist es
doch nur natürlich, daß wir im Westen
uns fragen, warum sie gerade jetzt,
nach über 40 Jahren der Ost-WestSpannungen und über 70 Jahren kommunistischer Herrschaft in der Sowjetunion stattfinden.
Wir sind der
Überzeugung, daß die sowjetische Führung diese Maßnahmen durchführt, weil
sie mit zwei Grundbedingungen konfrontiert ist, durch die sie sich zu
Veränderungen veranlaßt sieht.
Die erste Bedingung betrifft den
inneren Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus. Dies gilt besonders für die sowjetische Wirtschaft,
in der die Sowjetunion eine Generation nach dem in der Nachkriegszeit
in Westeuropa und Japan vollendeten
Wiederaufbau immer noch unfähig ist,

in einem schnell wachsenden Weltwirtschaftssystem zu konkurrieren, die
Ernährung ihrer Bevölkerung sicherzustellen ohne auf die Einfuhr großer
Mengen von Nahrungsmitteln zurückgreifen zu müssen und aufgrund einer
unzulänglichen technologischen Basis
vollständig an der Revolution des Militärwesens zu partizipieren. Dieses
wirtschaftliche Versagen hat dazu geführt, daß die sowjetische Bevölkerung die ihrem politischen System zugrundeliegenden
Voraussetzungen
in
Frage stellt. Unter Gorbatschow kamen diese Zweifel in der Bereitschaft
der Führung zum Ausdruck, die Situation realistisch einzuschätzen und in
ihrer Entschlossenheit, sich mit der
Unfähigkeit des Kommunismus zur Bewältigung der gegenwärtigen und zukünftigen politischen, militärischen
und wirtschaftlichen Ziele der Sowjetunion auseinanderzusetzen.
Ein zweiter wesentlicher Anreiz
für Veränderungen in der Sowjetunion
ist die über mehr als 40 Jahre hinweg
unter Beweis gestellte Entschlossenheit der westlichen Demokratien, allen sowjetischen Versuchen der Einschüchterung und Subversion zu widerstehen und die sowjetische Führung
davon zu überzeugen, daß jegliche
durch Gewalt möglicherweise errungene
Vorteile den damit einhergehenden
Preis nicht wert wären. Diese Festigkeit gründet sich auf unsere Entschlossenheit,
unsere
gemeinsamen
Werte der Demokratie, der Freiheit
des einzelnen und der wirtschaftlichen Möglichkeiten zu bewahren und
kommt in einem robusten System der
kollektiven Sicherheit, einem starken
militärischen
Abschreckungspotential
sowie der Dynamik eines leistungsfähigen, innovativen Wirtschaftssystems
zum Ausdruck. Die Zeit hat die universelle Macht dieser Werte bewiesen. Heute bringen die Menschen in
den kommunistischen Staaten offen ihren Wunsch zum Ausdruck, an den Vorzügen der Demokratie, der Freiheit
und den wirtschatlichen Möglichkeiten
teilzuhaben.

- 26 -

Insgesamt beruht die gegenwärtige

�Entschlossenheit
der
sowjetischen
Führung, ihre wirtschaftliche Leistungskraft zu stärken, ihre Fähigkeit zu verbessern, in einem raschen
Veränderungen unterworfenen weltwirtschaftlichen Umfeld zu konkurrieren
und die Revolution in der Militärtechnik für ihre eigenen Zwecke auszunutzen, auf dem sowjetischen Eigeninteresse und der Entschlossenheit
westlicher Demokratien, ihre eigenen
Interessen vor sowjetischer Einflußnahme zu schützen.
Einige Fakten zu den jüngsten
wjetischen Maßnahmen sollten uns
Gedächtnis zurückrufen, daß die
wjetische militärische Bedrohung
weiterhin sehr real betrifft:

soins
souns

Selbst wenn die Sowjets die in
der Gorbatschow-Rede vor den Vereinten Nationen am 7. Dezember
1988 erwähnten Streitkräfte vollständig
abbauten,
wären
die
Streitkräfte des Warschauer Pakts
bei Panzern, Artillerie und Divisionen denen der NATO immer noch
2 zu 1 überlegen.
-

Trotz öffentlicher Hinweise auf
reduzierte Militärhaushalte gibt
Moskau immer noch geschätzte 15
bis 17 Prozent seines BSP für die
Verteidigung
aus, während die
Vereinigten Staaten hierfür weniger als 6 Prozent aufwenden.
Trotz
Gorbatschows
Vorschlägen
einer Kürzung des sowjetischen
Verteidigungshaushalts um 14, 2
Prozent sind die Verteidigungsausgaben seit 1985 jährlich real
um durchschnittlich 3 Prozent gestiegen. Im Vergleich dazu sind
die
Verteidigungsausgaben
der
Vereinigten Staaten seit 1985 real um 11,2 Prozent gesunken. Die
Sowjetunion wird also, selbst
wenn Gorbatschow seine Vorschläge
in die Tat umsetzt, nur mit unseren
eigenen
Ausgabenkürzungen
gleichziehen.
Obwohl wir uns darüber im klaren
sind, daß Veränderungen bei der
- 27 -

Herstellung
von
Rüstungsgütern
nur schrittweise erfolgen können,
bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die Rüstungsindustrie in
der Sowjetunion unter Gorbatschow
insgesamt im selben Umfang produziert wie unter seinen unmittelbaren Vorgängern.
Dabei fällt
besonders die anhaltende Modernisierung strategischer Systeme ins
Auge.
Die Sowjets stationieren
zum Beispiel weiterhin mobile
ICBMs der Typen SS-24 und SS-25,
zu denen uns die Entsprechung
fehlt.
Seit mehr als zehn Jahren modernisieren die Sowjets ihre Kurzstreckensysteme.
Sie haben zum
Beispiel die alten und nicht
zielgenauen
FROG-Systeme
durch
die moderne SS-21 ersetzt. Tatsächlich hat sich die Zahl der
Trägersysteme
für SS-21 unter
Gorbatschow mehr als verdoppelt.
Darüber hinaus ersetzt Moskau
seine SS-23 - die bei Einhaltung
des INF-Vertrages eigentlich zerstört werden müßte - durch SCUDRaketen. Als Folge dieser Modernisierung hat der Warschauer Pakt
bei den Kurzstreckenraketen gegenüber der NATO nunmehr einen
Vorteil von 16:1.
Die Sowjets erhielten kürzlich
viel Beifall, als Moskau seine
Absicht bekundete, 500 Nuklearwaffen ersatzlos aus Osteuropa
abzuziehen. Weniger bekannt ist,
daß die NATO in den letzten zehn
Jahren ihren erheblich geringeren
Bestand in Europa einseitig um
2 400
Nuklearwaffen
reduziert
hat. Das heißt, daß die Reduzierungen der Sowjets trotz wortgewaltiger Reden geringer sind und
ihr Restbestand erheblich umfangreicher ist als bei der NATO.
Trotz der Beteuerungen einer neuen Offenheit muß die Sowjetunion
im Hinblick auf Informationen
über Militärausgaben, Waffenbeschaffung,
Streitkräftestruktur
und Stationierung ihrer Streit-

�kräfte noch den westlichen Maßstäben gerecht werden.
Aufgrund
der
kontinuierlichen
Stationierung
enormer
Streitkräfte
und der unsicheren Ergebnisse der Reformpolitik müssen wir in dieser
Ubergangsphase gegenüber der Sowjetunion einen zweiteiligen Ansatz verfolgen. Dabei berücksichtigt der eine Teil die Bedeutung der kontinuierlichen Unterstützung unserer erfolgreichen Bündnisstrategie und kollektiven, auf einer starken militärischen Abschreckung basierenden Sicherheitsbestrebungen, bis wir einen
Abbau sowjetischer Militärmacht auf
ein erheblich niedrigeres Niveau beobachten. Der zweite Teil sieht vor,
daß wir Moskau bei politischen Maßnahmen unterstützen, die den demokratischen Pluralismus in der Sowjetunion und ein stabiles internationales
Umfeld fördern.
Die Vorsicht gemahnt, daß wir in
der Zwischenzeit unsere Verteidigung
beibehalten und abwarten, ob die sowjetischen Fähigkeiten zur Bedrohung
unserer Sicherheit sich mit den von
ihren bekundeten wohlmeinenden Absichten zur Deckung bringen lassen.
Unsere in diesem Jahrhundert insbesondere mit totalitären Staaten gewonnenen Erfahrungen haben immer wieder gezeigt, daß scheinbar freundschaftliche Beziehungen sich aufgrund
von Entscheidungen weniger mächtiger
Politiker blitzschnell ändern können. Dagegen verändern sich militärische Fähigkeiten sehr viel langsamer. Bis wir Klarheit darüber erlangen, in welches Sicherheitsstadium
wir eintreten, ist die Beibehaltung
unserer militärischen Stärke und politischen Entschlossenheit ein vergleichsweise niedriger Preis für die
Aufrechterhaltung unserer Sicherheit
und unserer Freiheiten.

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Wir sind gegen den Atomkrieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Vizepräsidenten vor dem MIT -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brock erläutert die Handelspolitik der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung des US-Sonderbeauftragten für Handelsverhandlungen im Repräsentantenhaus -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eugene V. Rostow zu MBFR, TNF und Rüstungskontrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- USICA-Interview mit dem Direktor des US-Amtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weinberger: USA erstreben ausreichende Stärke zur Abschreckung eines Krieges&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Interview des amerikanischen Verteidigungsministers mit der NBC -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Haig und Gromyko treffen im Januar in Genf zusammen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Realitäten des Ost-West-Verhältnisses&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein Kommentar der Stimme Amerikas -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Mannschaft für den zweiten Testflug von "COLUMBIA"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Pilot Joe Henry Engle - Kopilot Richard H. Truly -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Roboter aus Kanada&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Vielseitiges Arbeitsgerät für die Astronauten der Raumfähre -&lt;/em&gt;</text>
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AMERIKA DIENST

^

#

^7-ioN ^

39

4 . November 1987

I N H A L T

Dokumentation
Gipfeltreffen am 7. Dezember in den Vereinigten Staaten
- Gemeinsame Erklärung der amerikanischen und sowjetischen Seite

Reagan fuhrt INF-Fortschritte auf "Zusammenhalt* des
Bündnisses zurück
- Rede des Präsidenten in West Point -

Wissenschaft und Technik
Drogen:

Der Konsument macht sich strafbar

- Immer mehr US-Bundesstaaten erlassen entsprechende Gesetze

* * * * * *

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Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
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�AMERIKA DIENST
"VON

^

Dokumentation

39

4. November 1987

GIPFELTREFFEN AM 7. DEZEMBER IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Gemeinsame Erklärung der amerikanischen und sowjetischen Seite -

WASHINGTON - (AD) - Einer am 30. Oktober 1987 in Washington veröffentlichten gemeinsamen Erklärung zufolge werden sich Präsident Reagan und der
sowjetische Staatschef Gorbatschow am 7. Dezember in den Vereinigten Staaten
treffen.
Der Erklärung ist zu entnehmen, daß beide Spitzenpolitiker die "gesamte
Bandbreite amerikanisch-sowjetischer Beziehungen" behandeln und "den Vertrag
über die vollständige Abschaffung amerikanischer und sowjetischer Mittel- und
Kurzstreckenraketen unterzeichnen".
Nachfolgend veröffentlichen wir diese Erklärung im Wortlaut:
Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow bauen auf den in
den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
erzielten
Fortschritt, einschließlich des Austauschs auf höchster
Ebene
und
den
Diskussionen
zwischen
den
Außenministern
Schewardnadse
und
Shultz
in
Washington vom 30. Oktober sowie auf
ihre Gespräche in Moskau, und sie haben vereinbart, ab dem 7. Dezember
1987 in Washington zusammenzutreffen.
Der Präsident und der Generalsekretär messen der Abhaltung eines be-

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Embassy of the United States of America

deutsamen Treffens größte Bedeutung
bei, das die gesamte Bandbreite von
den zwischen beiden Ländern bestehenden Problemen behandelt - Rüstungsreduzierungen, Menschenrechte und humanitäre
Angelegenheiten,
Beilegung
regionaler Konflikte und bilaterale
Beziehungen - und beim gesamten Spektrum dieser Probleme Fortschritte erzielt.
Beide Seiten haben sich auf einen
Aktionsplan für die weitere Entwicklung
des
amerikanisch-sowjetischen
Dialogs geeinigt, der die nachfolgend

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�genannten Punkte umfaßt.
Sie haben vereinbart, so bald wie
möglich den Vertrag über die vollständige
Abschaffung
amerikanischer
und
sowjetischer Mittel- und Kurzstreckenraketen zu schließen.
Bei ihrer Zusammenkunft in den
Vereinigten Staaten werden der Präsident und der Generalsekretär zusätzlich zur Überarbeitung der gesamten
Bandbreite
amerikanisch-sowjetischer
Beziehungen, den Vertrag über die
vollständige
Abschaffung
amerikanischer und sowjetischer Mittel- und
Kurzstreckenraketen
unterzeichnen;
das Programm für künftige Kontakte
zwischen den Spitzenpolitikern beider
Länder festlegen und eingehend die
Erarbeitung von Instruktionen an Delegationen erwägen - für einen zukünftigen Vertrag über den 50prozentigen Abbau amerikanischer und sowjetischer Offensivwaffen und die Beachtung und Beibehaltung vom ABM-Vertrages während eines vereinbarten Zeitraums.
Der Präsident und der Generalsekretär planen ein weiteres gemeinsames
Treffen in der ersten Hälfte des Jahres 1988 in der Sowjetunion, bei dem
ebenfalls Fortschritte bei der gesamten
Bandbreite
amerikanisch-sowjetischer
Beziehungen
erzielt
werden
sollen.
Aus diesem Grunde werden
beide Seiten am baldigen Abschluß eines Vertrages arbeiten, der die Vereinbarung
zum
50prozentigen
Abbau
strategischer Offensivwaffen verwirklicht und beim Besuch des Präsidenten
in Moskau unterzeichnet werden könnte.
Die Außenminister
Schewardnadse
und Shultz werden eng zusammenarbeiten, um eingehende und schnelle Vorbereitungen des bevorstehenden Gipfeltreffens in Washington sicherzustellen.
* * * * *
- 2

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'VON**

39

4. November 1987
REAGAN FÜHRT INF-FORTSCHRITTE AUF "ZUSAMMENHALT" DES BÜNDNISSES ZURÜCK
- Rede des Präsidenten in West Point -

WEST POINT - (AD) In einer Ansprache vor Kadetten der amerikanischen Militärakademie in West Point hat Präsident Reagan am 28. Oktober 1987 die "bedeutenden positiven Schritte" in Richtung auf ein amerikanisch-sowjetisches Abkommen über Mittelstreckenwaffen (INF) als unmittelbares Ergebnis des "Zusammenhalts" innerhalb der NATO bezeichnet. Reagan erklärte darüber hinaus, er
sei bereit, die amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen "fortzusetzen und zu
intensivieren", fügte aber gleichzeitig hinzu, ein Gipfeltreffen sei "keine
Voraussetzung für Fortschritte bei der vorliegenden Tagesordnung".
Nachfolgend bringen wir die Ansprache des Präsidenten in ihren wesentlichen Auszügen:

Von Anbeginn hat unsere Administration darauf bestanden, die Beziehungen dieses Landes zur Sowjetunion
auf Realismus, nicht auf Illusionen
zu gründen. Dies mag wie eine Binsenwahrheit klingen, aber bei unserem
Amtsantritt bedurfte der historische
Hintergrund
einer
Neuformulierung.
Und diese Neuformulierung nahmen wir
vor.
Wir sagten die Wahrheit über die
massive sowjetische Aufrüstung.
Wir
sagten die Wahrheit über Afghanistan
und Polen. Wir sagten die Wahrheit

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Embassy of the United States of America

über Wirtschaftswachstum und Lebensstandards - daß nicht die Demokratien
von
rückständigen
Volkswirtschaften
geprägt sind und daß nicht der Westen
tatsächlich von einem Rückgang der
Lebenserwartung betroffen ist.
Wir
sagten die Wahrheit über den moralischen Unterschied zwischen ihrem System und unserem.
Beim Amtsantritt meiner Administration waren die Streitkräfte der
Vereinigten Staaten im Verfall begriffen.
Heute ist die Situation
eine gänzlich andere. Besoldung und

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Ausbildung unserer Streitkräfte sind
beträchtlich verbessert.
Die Marine
wurde ausgebaut. Waffensysteme aller
Art wurden
aufgrund
der
neuesten
technologischen Erkenntnisse modernisiert. Als Ergebnis unserer Bemühungen werden Sie die Einführung von
über
400
neuen
Systemen
erleben.
Außerdem haben wir mit den Arbeiten
für einen dramatischen Neuanfang bei
militärischer
Strategie
wie
auch
Technologie begonnen. Unsere Strategische Verteidigungsinitiative bietet
die Hoffnung, ballistische Raketen
überflüssig zu machen und gleichzeitig die Abschreckung sicherzustellen,
indem sie unser Leben schützt, nicht
bedroht.
Kurz gesagt: wir
haben
Schwäche durch Stärke ersetzt.
Vor diesem Hintergrund möchte ich
mich nun der speziellen Thematik zuwenden. Die Tagesordnung unserer Beziehungen zur Sowjetunion hat sich
auf vier entscheidende Bereiche konzentriert: Erstens, die Menschenrechte, weil wir als Amerikaner uns der
Freiheit verpflichtet fühlen; zweitens, auf dem Verhandlungsweg herbeigeführte Lösungen regionaler Konflikte; drittens, Ausbau der Kontakte
zwischen unseren Völkern und viertens, die Rüstungskontrolle.
In einigen Bereichen dieses vierteiligen Programms haben wir Fortschritte
erzielt.
Auf
kultureller
und wissenschaftlicher Ebene sowie in
anderen Bereichen hat der bilaterale
Austausch seit meinem Genfer Treffen
mit Herrn Gorbatschow im Jahr 1985
einen dramatischen Aufschwung erfahren.
Bei den Menschenrechten waren
ebenfalls
positive
Entwicklungen
wahrzunehmen.
Einige politische Gefangene
sind
freigelassen
worden.
Die Zahl der Ausreisenden ist etwas
angestiegen. Und natürlich redet man
in der Sowjetunion über Reformen über eine zunehmend großzügige Ausle-

gung sowjetischer Gesetze und Wirtschaftsreformen, die der Initiative
des Einzelnen größeren Auftrieb verleihen könnten.
Wir hegen keine Illusionen. obwohl im sowjetischen System ein Wandel
stattgefunden
hat, bleibt das
nicht von demokratischen Institutionen
kontrollierte
Einparteiensystem
intakt. Dennoch begrüßen wir die erfolgten Veränderungen.
Und wir fordern sie auf, noch mehr Veränderungen
vorzunehmen.
Bei den regionalen Konflikten ist
die sowjetische Haltung hingegen besorgniserregend.
Wer nach Beweisen
für den anhaltenden Expansionismus ja Imperialismus - der Sowjets sucht,
braucht nicht weiter als nach Nicaragua oder Afghanistan zu blicken. Wir
verfolgen bei diesen regionalen Konflikten eine gradlinige Politik. Wir
werden weiterhin gemeinsam mit den
Sowjets versuchen, politische Lösungen für regionale Konflikte zu erarbeiten - Lösungen, mit denen ausländische Truppen abgeschafft und das
Schicksal von Nationen in die Hände
ihrer
eigenen Völker
zurückgegeben
wird.
In Nicaragua unterstützen wir
den Friedensplan, wie er im vergangenen August von den Präsidenten Mittelamerikas vereinbart wurde und der
auf der Einführung einer vollständigen und echten Demokratie in Nicaragua besteht.
Darüber hinaus müssen
die Streitkräfte des Ostblocks und
Kubas dieses Land verlassen: das ist
zur Sicherung unserer eigenen Sicherheit unerläßlich.
Was den demokratischen Widerstand
in Nicaragua betrifft, so hat er
jetzt seit sieben Jahren Jahr für
Jahr gekämpft, Opfer gebracht und gelitten. Es sind die Widerstandskämpfer - tapfere, vielfach noch jugendliche Mitglieder des Widerstandes -

- 2 -

�die verhindert haben, daß die kommunistischen
Sandinisten
ihre
Macht
festigen konnten und die sie zum gegenwärtigen
Friedensplan
gezwungen
haben. Es sind, kurz gesagt, die Widerstandskämpfer, die Nicaragua wenigstens eine Chance für echte Freiheit gegeben haben.
Ich weiß, daß Sie, meine Freunde,
mir zustimmen werden, wenn ich sage,
daß wir diese tapferen Männer und
Frauen, diese Soldaten, nicht aufgeben dürfen.
Ich möchte Ihnen versprechen, daß Nicaragua seine Freiheit erhalten wird, und wir werden
dem Widerstand bei der Fortführung
seines tapferen Kampfes helfen, bis
die Freiheit sicher ist.
Damit komme ich zum letzten Punkt
unseres Programms amerikanisch-sowjetischer Beziehungen und Rüstungskontrolle. In diesem Bereich stehen wir
mit unserem Realismus und unserem
Einsatz kurz vor der Hervorbringung
historischer
Ergebnisse.
Im
Jahr
1977 haben die Sowjets zum ersten Mal
ihre SS-20 stationiert.
Die „SS-20
stellte eine qualitativ neue und unprovozierte Bedrohung gegenüber unseren Freunden und Verbündeten dar, sie
ist eine Nuklearrakete mit drei Gefechtsköpfen, die binnen Minuten nach
ihrem Abschuß Westeuropa und einen
Großteil Asiens erreichen kann. Sie
erinnern sich, daß die NATO über keine vergleichbare Waffe in ihrem Arsenal verfügte, mit der dieser neuen
Streitmacht begegnet werden konnte.
Bis 1979 hatten die Sowjets etwa
130 INF-Raketen mit 390 Gefechtsköpfen
stationiert.
Generalsekretär
Breschnew erklärte, "jetzt besteht
ein Gleichgewicht".
Im März 1982
verkündeten sie ein "Moratorium" für
die Stationierung neuer INF-Raketen
in Europa.
Aber dabei handelte es
sich nur um ein Täuschungsmanöver,

und bis August 1982 war die Zahl sowjetischer INF-Raketen auf über 300
mit mehr als 900 Gefechtsköpfen angestiegen.
Wie reagierte nun der Westen darauf?
1977
nahm
Bundeskanzler
Schmidt eine Führungsrolle bei der
Forderung
nach
der
Stationierung
NATO-eigener INF-Raketen ein, um dieser neuerlichen sowjetischen Bedrohung entgegenzutreten. Und im Dezember 1979 traf die NATO ihren Doppelbeschluß.
Erstens würden die Vereinigten Staaten mit den Sowjets verhandeln und versuchen, sie zum Abzug
ihrer SS-20 zu bewegen.
Zweitens würden die Vereinigten
Staaten, solange die Sowjets dies
verweigerten, eine begrenzte Anzahl
ihrer eigenen INF-Raketen - Pershing
II und landgestützte Marschflugkörper
- in Europa stationieren.
Es ist muß betont werden, daß das
Ziel dieser Entscheidung nicht die
Stationierung amerikanischer Raketen
an sich war. Sie war nur ein Mittel
zum Zweck. Um den zur Zeit des NATODoppelbschlusses amtierenden französischen
Präsidenten Valery Giscard
d'Estaing zu zitieren, war " ... die
Stationierung der Pershing II in Europa ... eine taktische Übung mit dem
wünschenswerten Ziel, die Sowjets zum
Abbau ihrer SS-20 zu zwingen".
Ohne Zweifel wollten die Sowjets
die Entschlossenheit der NATO testen.
Und wahrhaftig mußte die Stationierung unserer INF-Raketen trotz scharfer politischer Proteste und sogar
Massendemonstrationen erfolgen.
Ich erinnere mich an meine Bonner
Rede von 1982. Tausende von Demonstranten marschierten mit Sprechchören auf. Und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren: Welche Iro-

- 3 -

�nie.
Dies alles, die Stationierung
der Raketen, gegen die sie demonstrierten, geschah doch zur Sicherung
des Friedens, nach dem sie strebten
und der Freiheit, in der sie lebten.
Dennoch hielt die NATO fest zusammen.
Angesichts der von uns demonstrierten stärke, mit der wir,
wenn dies erforderlich werden sollte,
die Glaubwürdigkeit unserer Abschrekkungshaltung
sichern würden, indem
wir auf Gewalt mit Gewalt reagieren,
kehrten die Sowjets schließlich an
den - zuvor verlassenen - Verhandlungstisch zurück und nahmen ernsthafte Gespräche über die Möglichkeit
des Abzugs ihrer eigenen INF-Raketen
auf.
Ich freue mich, Ihnen mitzuteilen, daß das in greifbare Nähe gerückte Abkommen auf dem Vorschlag basiert, den die Vereinigten Staaten in
Konsultation mit ihren Verbündeten im
Jahr 1981 vorgelegt haben - der NullLösung.
Mit der Null-Lösung wird
ganz einfach die Abschaffung dieser
gesamten Kategorie amerikanischer und
sowjetischer INF-Raketen gefordert.
Diesem
Abkommen zufolge werden
die Sowjets viermal soviele nukleare
Gefechtsköpfe abbauen müssen wie die
Vereinigten Staaten.
Darüber hinaus
müssen die Sowjets nicht nur ihr gesamtes Arsenal an SS-20 und SS-4,
sondern auch ihre Kurzstreckenraketen
der Typen SS-12 und SS-23 verschrotten. Wie ich bereits sagte, werden
all diese Raketen abgeschafft. Aber
wie werden wir wissen, daß die Sowjets ihre Raketen wirklich verschrottet haben? Wie Sie wissen, haben die
Sowjets bereits ein langes Register
von Verletzungen früherer Rüstungskontrollabkommen.
Offen
gesagt,
zweifeln wir an ihren Worten.
Ich stimme zu, daß jeder Vertrag

eine wirksame Verifizierung vorsehen
muß,
einschließlich
Vor-Ort-Inspektionen von Einrichtungen vor und während der Reduzierungen sowie kurzfristig anberaumte Inspektionen im Anschluß daran. Insgesamt gesehen sind
die von uns vorgelegten Verifizierungsmaßnahmen die einschneidendsten
in der Geschichte der Rüstungskontrollverhandlungen.
Ich werde mich
nicht mit weniger zufrieden geben.
Gleichzeitig mit den Fortschritten bei INF haben wir einschneidenden
Reduzierungen bei amerikanischen und
sowjetischen
strategischen
Waffen
höchste
Priorität
beigemessen.
Selbst Herr Gorbatschow hat strategische Waffen als die "Wurzel des Problems"
der
Rüstungskontrolle
beschrieben und wir stimmen mit ihm
überein. Aus diesem Grund haben wir
die Verhandlungen über strategische
Waffen in Genf vorangetrieben.
Bei
unserem Vorschlag, die strategischen
Arsenale um die Hälfte zu reduzieren,
sind große Fortschritte erzielt worden. Die Sowjets müssen jedoch aufhören, Reduzierungen bei den strategischen Offensivwaffen als Faustpfand
für Maßnahmen einzusetzen, die unser
SDI-Programm zunichte machen würden insbesondere, da die Sowjets bereits
Milliarden für ein eigenes strategisches Verteidigungsprogramm ausgeben.
Und das bringt mich zu den Ereignissen der letzten Woche in Moskau.
wie Außenminister shultz berichtete, hat er mit Außenminister Schewardnadse
und
Generalsekretär
Gorbatschow lebhafte, zum Teil sogar
erhitzte Diskussionen geführt.
Das
war keine Überraschung.
Die ganze
Bandbreite der Themen auf unserer Tagesordnung wurde abgedeckt.
Es wurden wichtige Schritte in Richtung auf
ein
INF-Abkommen
unternommen
und
Fortschritte auch in anderen Berei-

- 4 -

'

�chen erzielt, nicht nur bei der Rüstungskontrolle.
Wie ich heute bereits bekanntgegeben habe, wird Aussenminister Schewardnadse am 30. Oktober nach Washington kommen und zur
Fortsetzung dieser Gespräche mit mir
und Außenminister
Shultz zusammentreffen.
Lassen Sie mich wiederholen, was
ich bereits gesagt habe. Für die politisch Verantwortlichen und für Nationen können Gipfeltreffen nützlich
sein - Gelegenheiten zu offenen Gesprächen und eine Brücke für bessere
Beziehungen. Es wäre gut, wenn Herr
Gorbatshow unser Land einmal selbst
sehen könnte. Ich bin zu einer Fortführung
und Intensivierung
unserer
Verhandlungen bereit, aber ein Gipfeltreffen ist nicht die Voraussetzung für Fortschritte bei der vorliegenden Tagesordnung.
Wenn der Generalsekretär zu einem
Besuch der Vereinigten Staaten bereit
ist, werden ich und das amerikanische
Volk ihn willkommen heißen.
Wir dürfen nicht vergessen, daß
wir an diesem Punkt nur als stabiles
Bündnis angelangt sind - ein Bündnis,
das sich aus der NATO, dem Kongreß
und dem amerikanischen Volk zusammensetzt. Wenn wir weiterhin echte Ergebnisse sehen und die Sowjets von
ernsthaften Verhandlungen überzeugen
wollen, muß dieser Zusammenhalt fortbestehen.
Einige haben das Argument vorgebracht, wenn die INF-Raketen abgebaut
sind, hätte sich unsere Verpflichtung
gegenüber Europa abgeschwächt.
Dies
ist jedoch schlicht unrichtig.
Wir halten unsere uneingeschränkte Verpflichtung gegenüber der NATOStrategie aufrecht, Aggressionen auf
jeder Ebene abzublocken.
In Europa

selbst werden wir eine große Anzahl
von Nuklearwaffen unterschiedlichster
Kategorien
stationiert
lassen, bis
hin zu landgestützten Systemen - sowie Flugzeugen
und
Unterseebooten,
die als Trägersysteme für Nuklearwaffen eingesetzt werden können. Und in
Konsultationen mit unseren NATO-Partnern sind wir übereingekommen, daß
weitere Reduzierungen von Nuklearwaffen nur im Zusammenhang mit erheblichen Fortschritten im Kräfteverhältnis bei den chemischen und konventionellen Streitkräften stattfinden können.
Im
Verlauf
dieser
jahrelangen
Verhandlungen
sind neue Realitäten
ins Spiel gekommen - neue Realitäten,
die
neue
Möglichkeiten
eröffnen.
Insbesondere konnten wir in jüngster
Zeit
das
Entstehen
einer
Bereitschaft, ja sogar eines gewissen Eifers unter einigen unserer europäischen Verbündeten beobachten, bei der
Bereitstellung ihrer eigenen Verteidigung eine größere und besser koordinierte Rolle zu spielen. Wir Amerikaner begrüßen dies.
In den vergangenen vier Jahrzehnten hat 3ie NATO in der Tat ein Bündnis zwischen einer Vielzahl von Partnern und einem sehr überlegenen Partner verkörpert.
Heute jedoch haben
unsere europäischen Verbündeten sich
aus den Ruinen des Krieges zu neuer
Lebensfähigkeit, Wohlstand und wachsender Einheit als ein Kontinent erhoben.
Und deswegen möchte ich unterstreichen, daß das Bündnis jetzt
mehr und mehr zu einem Bündnis zwischen gleichen Partnern und tatsächlich
zwischen
Kontinenten
werden
sollte. Um die Worte des ehemaligen
Außenministers Henry Kissinger zu zitieren, ist es an der Zeit für unser
Land, " ... den Gedanken einer europäischen Identität bei der Verteidung
zu begrüßen, der letztlich die atlan-

- 5 -

�tische Zusammenarbeit anspornen muß".
Dies also ist die Abrechnung, die
ich
Ihnen
heute
vorlegen
wollte.
Denn, meine Damen und Herren in West
Point, ich glaube, das ist es - eine
Abrechnung - die wir, die politisch
Verantwortlichen im zivilen Bereich
Ihnen, die die Last unserer Entcheidungen zu tragen haben, von Zeit zu
Zeit schulden.
Aber ich bin nicht nur hierhergekommen, um Ihnen Informationen zu geben. Ich bin auch gekommen, um Hilfe
von Ihnen zu erbitten.
Wenn wir ein INF-Abkommen mit den
Sowjets erzielen, wenn seine Bestimmungen erfüllt und die INF-Raketen
vernichtet worden sind, werden Sie
Ihren Posten als Zugführer und Truppenkommandeure einnehmen - und selbst
dann, wenn ich und die anderen Mitglieder
der Administration
bereits
für einige Jahre ihr Amt niedergelegt
haben werden, steht
Ihre Karriere
erst am Anfang.
ich bitte Sie daher, die Zukunft
der Republik zu bewahren. Setzen Sie
den Mut und die Festigkeit ein, die
diese Akademie Sie beim Umgang mit
Ihren Gegnern lehrt.
Benutzen Sie
all Ihre Gechicklichkeit als Soldaten
und Ihren guten willen als Amerikaner, um die wachsende Beziehung mit
unseren Freunden und Verbündeten zu
erhalten und zu fördern.
Und verleugnen Sie nie - niemals - die Werte, für die diese Akademie und unser
Land stehen: Pflicht. Ehre. Vaterland.
Als Oberbefehlshaber war ich in
den vergangenen sieben Jahren immer
wieder von der hohen beruflichen Qualifikation unserer Offiziere und dem
Pflichtbewußtsein der Soldaten beeindruckt, die ich bei Geländeübungen

getroffen habe. Aber derjenige, der
mich am tiefsten beeindruckt hat, ist
ein
Angehöriger
des
amerikanischen
Heeres, den ich nie persönlich kennengelernt habe.
Er hieß Sean Luketina und war 23
Jahre alt. Er hatte nicht das Privileg, diese Akademie besuchen zu dürfen. Er war ein Feldwebel, ein Soldat, wie diejenigen, über die Sie das
Kommando führen werden.
In diesem Monat, im Oktober vor
vier Jahren, kämpfte Sean Luketina
bei der Invasion von Grenada.
Er
wurde verwundet - schwer verwundet.
Er wurde in ein Krankenhaus in Puerto
Rico evakuiert, wo sein Vater, ein
Heeresoffizier im Ruhestand, ihn besuchte.
Immer wieder verlor er das
Bewußtsein.
In einem Moment, in dem
er bei Bewußtsein war, fragte ihn
sein Vater: "Sean, war es das wert?"
"Ja, Vater," antwortete er.
Und dann fragte sein Vater ihn:
"Würdest Du es wieder tun, mein Sohn?"
Feldwebel Luketina sah seinem Vater in die Augen und sagte nur: "Zum
Teufel, ja, Vater."
Pflicht.
Ehre.
Vaterland.
Sean Luketina starb für die Sache, der die Armee dieser Republik
stets gedient hat, vom Hunger und
blutgetränkten Schnee in Valley Forge
bis hin zu der schweren Bürde der
Wachsamkeit an den Grenzen Deutschlands und Koreas. Es ist die Sache
des Lebens, wie Gott das Leben vor bestimmt hat.
Es ist die Sache der
menschlichen Freiheit.
Und so erklingen noch heute die
stolzen Worte wie vor 25 Jahren,
ebenso wie sie in dieser Akademie
noch in 25 Jahren erklingen werden,

�und 25 Jahre danach.
Vaterland.

Pflicht.

Ehre.

Erlauben sie mir die Bemerkung,
daß ich heute etwas empfinde, das
auch General MacArthur empfunden haben muß. Ihre Jugend, ihr Optimismus
geben mir Stärke. Und wenn ich auf
Ihre jungen Gesichter blicke, fühle
ich mich wie jemand, der von der Bühne abtritt, noch fast bevor Sie Ihren
ersten Auftritt hatten - in meinem
Herzen hege ich großes Vertrauen in
die Zukunft unseres Landes. Denn ich
weiß, daß Sie die Zukunft verteidigen
werden.

* * * * *

- 7 -

�AMERIKA DIENST
%

'"v"

Wissenschaft und Technik

&lt;&amp;

04. November 1987

39

DROGEN:

DER KONSUMENT MACHT SICH STRAFBAR

Immer mehr US-Bundesstaaten erlassen entsprechende Gesetze
WASHINGTON - (AD) - Immer mehr amerikanische Bundesstaaten gehen dazu
über, den Gebrauch von Rauschgiften ebenso unter Strafe zu stellen wie den
Handel mit Drogen. In drei Staaten sind bereits Gesetze in Kraft, denenzufolge z.B. bei Personen unter 21 Jahren der Besitz von Alkohol oder illegalen
Drogen automatisch zum Entzug des Führerscheins für ein Jahr führt. Die Gerichte von New York gehen dazu über, Kraftfahrzeuge von Personen zu beschlagnahmen, die beim Kauf von Kokain in allen seinen Handelsformen erwischt werden.
Aufgrund der bisherigen Erfahrungen müsse in der Öffentlichkeit klipp
und klar gesagt werden, daß die Konsumenten für ihr Handeln selbst verantwortlich seien, erklärte Dr. Ian Macdonald, der Sonderberater Präsident Reagans
für Maßnahmen zur Bekämpfung des Drogenmißbrauchs.
Dr. Macdonald erörterte die erweiterte Offensive der Vereinigten
Staaten im Kampf gegen Rauschgift mit
Experten aus juristischen, medizinischen und sozialen Berufen sowie mit
Journalisten im Rahmen einer Fernsehsatellitenübertragung des USIA-Worldnet-Programms
(Washington).
Angeschlossen waren Stationen in Bogota,
Caracas, Mexico City und Santo Domingo.
Während bei Personen, die keine
Drogen
nehmen, Vorbeugungsund Aufklärungsmaßnahmen am wirksamsten zu
sein
scheinen, dürften Konsumenten

United States Information Service
Embassy of the United States of America

von Rauschgift eher auf persönliche
Verluste, Strafverfolgung und Kritik
im sozialen Umfeld reagieren.
Immer
deutlicher zeige sich, daß "wir es
uns nicht länger leisten können, bei
anderen Drogenkonsum zu dulden", sagte Macdonald.
Und immer mehr setze
sich die Erkenntnis durch, daß man
selbst Verantwortung mittrage, wenn
man einem anderen weiterhin
freie
Hand lasse, durch sein Verhalten sich
selbst oder seine Familie, seine Firma oder sein Land zu gefährden.
Umfragen

aus

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D 5300 Bonn 2

jüngster

Zeit

in

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�amerikanischen Familien und bei Oberschlülern deuten auf eine abflachende
Kurve für Einsteiger in den Kokainkonsum hin. Jedoch gebe es auch Anzeichen dafür, daß unter den schätzungsweise 12 Millionen Menschen, die
innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten Kokain nahmen, mehr als früher
dies regelmäßig und unter Gebrauch
größerer Mengen tun. Auch werde, so
Macdonald, über ernstere Folgen für
die Gesundheit berichtet - Notaufnahmen in Krankenhäuser, Eingliederung
in Therapieprogramme, bis hin zu Todesfällen.

großer Erfolg beschieden sein", meinte Dr. Macdonald.

Aus
dieser
Entwicklung
ergebe
sich - zumindest in den Vereinigten
Staaten - die Botschaft an alle, daß
"Kokain gefährlich ist und süchtig
macht", sagts Macdonald. "Leider machen aber die bereits Abhängigen die
Erfahrung, wie schwer es ist, den
Konsum dieser Droge zu beherrschen und sie sehen sich im Dilemma."
Eine härtere Haltung inbezug auf
Drogenkonsum ist auch aus neuen Gesetzen erkennbar, die im Hinblick auf
die Produktion von Drogen mit ähnlicher chemischer Zusammensetzung wie
illegale
Drogen
erlassen
werden.
Diese Art synthetischer Drogen ("designer drugs") sind mittels legaler
chemischer
Reagenzien
herstellbar.
Wie Macdonald erklärte, werden die
Gesetze so geändert, daß synthetisch
hergestellte Drogen, die verbotenen
Rauschmitteln sehr ähnlich sind, bis
zum Beweis des Gegenteils vom ersten
Tag an als illegal.gelten. Notwendig
sei auf jeden Fall eine umfassende
Strategie, die sowohl den Rechtsvollzug als auch die Drosselung des Konsums einbeziehe. Wenn man die Menschen nicht davon überzeugen könne,
gar nicht erst in den Drogenkonsum
einzusteigen oder die Abhängigen zum
Aussteigen
zu
veranlassen,
dürfte
"unseren anderen Anstrengungen kein
- 2 -

* * * * *

»

I

4

»

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gipfeltreffen am 7. Dezember in den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung der amerikanischen und sowjetischen Seite&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reagan fuhrt INF-Fortschritte auf "Zusammenhalt" des&lt;br /&gt;Bündnisses zurück&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in West Point&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Drogen: Der Konsument macht sich strafbar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Immer mehr US-Bundesstaaten erlassen entsprechende Gesetze &lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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AMERIKA DIENST
Sonderdienst
4. November 1987
DIE WELTWIRTSCHAFT:

PERSPEKTIVEN FÜR EINE GETEILTE VERANTWORTUNG

Ansprache des amerikanischen Botschafters,
Richard R. Burt
vor der
Amerikanischen Handelskammer in der Bundesrepublik,
Atlantik-Brücke,
Industrie- und Handelskammer Mittlerer Neckar
Weißer Saal, Neues Schloß
Stuttgart
am 4. November 1987

Sperrfrist:

Mittwoch, 4. November 1987, 18.00 Uhr (MEZ)

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Herr Ministerpräsident Späth,
Herr Oberbürgermeister Rommel,
Generalbundesanwalt Rebmann,
Herr General Crowell,
General Child,
Herr Leibinger,
Professor Dr. Thümmel,
Herr Dr. Bechtle,
meine Damen und Herren.

Ich danke Herrn Ministerpräsident
Späth für seine freundlichen Begrüssungsworte. Ferner danke ich der Industrie- und Handelskammer Mittlerer
Neckar, der Repräsentanz
Stuttgart
der Amerikanischen Handelskammer in
Deutschland
sowie
der
Außenstelle
Baden-Württemberg der Atlantik-Brücke
für die Möglichkeit, heute abend hier
sein zu können.
Ich freue mich immer wieder über
einen Besuch in dem von Dynamik geprägten
Südwesten Deutschlands und
besonders in dieser schönen Stadt,

die in den deutsch-amerikanischen Beziehungen nach dem Kriege solch einen
besonderen Stellenwert einnimmt. Bei
den Zusammentreffen mit Ihrem tatkräftigen
Ministerpräsidenten
und
zahlreichen
anderen Vertretern
des
politischen, kulturellen
und wirtschaftlichen Lebens in Baden-Württemberg habe ich einen nachhaltigen Eindruck von der Intensität und Ernsthaftigkeit
deutsch-amerikanischer
Partnerschaft in dieser Region gewonnen.
Baden-Württemberg

zählt

zu

den

�wohlhabendsten und produktivsten Regionen der Bundesrepublik und pflegt
im Handels- und
Investitionsbereich
enge Verbindungen mit den Vereinigten
Staaten und vielen anderen Ländern
der Welt.
Der Handel zwischen den
Vereinigten Staaten und dem Südwesten
der Bundesrepublik beläuft sich jährlich auf
mehr
als
20 Milliarden
D-Mark.
Angesichts
einer
solchen
Außenhandelstätigkeit
liegt es auf
der Hand, daß internationale wirtschaftliche Entwicklungen für BadenWürttemberg von existentiellem Interesse sind.
Meine Damen und Herren, die jüngsten Turbulenzen auf den Wertpapiermärkten
hielten die Aufmerksamkeit
der Welt gefangen.
Es ist unerläßlich, daß wir das
Geschehene prüfen und versuchen, unsere Lehren daraus zu ziehen.
Aber
es ist wichtig, daß wir dabei ruhig
und analytisch vorgehen und uns nicht
von Emotionen leiten lassen. Insbesondere aber sollten wir wirtschaftlichen Nationalismus und gegenseitige
Schuldzuweisungen vermeiden.
Die Ereignisse der
vergangenen
drei Wochen haben eindeutig gezeigt,
daß die Weltwirtschaft noch stärker
verflochten ist, als wir dies bisher
angenommen hatten.
Auf sehr plastische Weise sehen wir uns mit den
Konsequenzen
der
Interdependenz in
der Weltwirtschaft konfrontiert.
Es
ist daher an der Zeit, nicht länger
anklagend den Zeigefinger zu erheben.
Statt dessen müssen wir jetzt die
Lehren aus dieser Krise ziehen - nämlich, daß die Weltwirtschaft dringend
ein
System geteilter
Verantwortung
benötigt. Es gibt keinen Ersatz für
die gemeinsame Führungsrolle der maßgeblichen Handelsländer.
Bundesbankpräsident Pohl hat sich zu Beginn
dieser Wochen in New York ähnlich ge-

äußert. Gegenüber dem American Council on Germany erklärte Herr Pohl:
"Es gibt keine Alternative zur engen
Zusammenarbeit von Politikern in einer Welt, in der die Märkte so eng
verflochten
sind
und
Schockwellen
nicht auf ein Land beschränkt werden
können."
Ich stimme voll und ganz
mit ihm überein.
Im Verlauf der letzten 40 Jahre
sind wir Zeugen eines tiefgreifenden
Wandels in der Weltwirtschaft geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis
in die fünfziger und sechziger Jahre,
als Europa und Japan sich allmählich
von der Verwüstung und den Erschütterungen des Krieges erholten, waren
die Vereinigten Staaten dem Rest der
Welt wirtschaftlich überlegen.
Aber
in den vergangenen 15 Jahren hat das
Kräfteverhältnis
in
der
Weltwirtschaft einen bemerkenswerten Wandel
erfahren. Heute treten Japan und Europa, angeführt von der Bundesrepublik Deutschland, als gleichwertige
Wirtschaftspartner
der
Vereinigten
Staaten in Erscheinung.
Japan und
die Bundesrepublik allein sind für
nahezu ein Fünftel des Welthandels
verantwortlich, so daß eine in Tokio
oder Bonn eingeschlagene Politik bedeutende weltweite Auswirkungen hat.
Aber haben sich politische Entscheidungsprozesse in der Weltwirtschaft
diesen Realitäten
angepaßt?
Die effektive Organisation der heutigen mehrpoligen Weltwirtschaft erfordert eine neue Art der Zusammenarbeit. Sie verlangt, daß die Bundesrepublik, Japan und die anderen führenden Industrieländer ihre Rolle und
ihre Verantwortung neu überdenken und
demgemäß handeln.
Es ist ernüchternd, wenn man sich
vor Augen führt, daß die internationale Gemeinschaft sich bereits in der
Vergangenheit dieser Herausforderung

- 2 -

�gegenübersah und an ihr versagte. Im
19. und frühen 20. Jahrhundert hatte
Großbritannien die Vorherrschaft in
der Weltwirtschaft inne.
Der Welthandel wurde von London aus beherrscht, Großbritannien
belieferte
den Markt und stellte die zur Führung
der
Weltwirtschaft
erforderlichen
Mittel bereit. Nach dem Ersten Weltkrieg begann dieses System zu brökkeln. Gegenüber Großbritannien stieg
die
wirtschaftliche
Macht
anderer
Länder - insbesondere der Vereinigten
Staaten - an, und es wurde immer komplizierter, eine Führungsrolle in der
Weltwirtschaft zu übernehmen.
Großbritannien suchte die Unterstützung
und Kooperation der Vereinigten Staaten.
Aber bei uns war die Stimmung
von Isolationismus und die Außenpolitik von Protektionismus geprägt. Der
Kongreß
verfügte
die
berüchtigten
Smoot-Hawley-Zölle,
mit
denen
die
Weltwirtschaft praktisch zum Stillstand kam und die Große Depression
der dreißiger
Jahre noch vertieft
wurde.
In den letzten drei Wochen haben
wir eine dringende Warnung erhalten:
die Weltmärkte erfordern eine koordinierte
und effektive
Führungsrolle
der Regierungen.
Es ist zwingend
notwendig, daß die führenden Industrieländer
die
Bundesrepublik,
Japan und die Vereinigten Staaten bei der Kontrolle der Kräfte auf den
Weltmärkten
zusammenarbeiten.
Und
den geeignetsten Ausgangspunkt hierfür bietet der Handel.

II. Handel
Der Handel bildet den Grundstein
der heutigen integrierten Weltwirtschaft.
Gegenwärtig befinden sich Welthandel und Zahlungsverkehr nicht im

Gleichgewicht. Bei den beiden größten Handelsländern - den Vereinigten
Staaten und der Bundesrepublik - besteht im Handel ein erhebliches Ungleichgewicht. Die Vereinigten Staaten importieren für 150 Milliarden
Dollar mehr im Jahr als sie exportieren.
Bei der Bundesrepublik übertrifft der Export den Import um 110
Milliarden D-Mark.
In einem dynamischen
multilateralen
System
herrscht bei den Handelsbilanzen selten ein vollständiges Gleichgewicht.
Aber das erhebliche Ungleichgewicht
im Handel der Vereinigten Staaten,
der Bundesrepublik, Japans und anderer Haupthandelsländer ist nicht normal, nicht erträglich und kaum vereinbar mit einer langfristigen Stabilität im internationalen Handel und
Zahlungsverkehr.
Ich möchte mich jetzt dem amerikanischen
Handelsdefizit
zuwenden.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist nahezu jeder der Meinung, daß das starke
amerikanische Wachstum die Attraktivität unserer Währung erheblich erhöhte. Das Ergebnis war ein überbewerteter Dollarkurs, der die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Produkte im In- und Ausland
untergraben
hat.
Angegriffen
vom Wechselkurs,
der schwindenden Inlandsnachfrage in
hochverschuldeten Entwicklungsländern
und relativ geringem Wachstum außerhalb der Vereinigten Staaten stagnierten unsere Exporte, während die
Importe
ins Unermeßliche
gestiegen
sind.
Manche behaupten, das Handelsdefizit spiegele die minderwertige Qualität amerikanischer Produkte wider
oder
den Niedergang
amerikanischer
Produktivität oder irgendein anderes
grundsätzliches
Problem der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit.
Aber
die Tatsachen leisten dieser Meinung
keinen Vorschub.

- 3 -

�Bis zum Jahr 1981, das heißt, bis
der Dollar eine Wertsteigerung erfuhr, hatten die Vereinigten Staaten
einen
erheblichen
Handelsüberschuß.
Es scheint schwer vorstellbar, daß
die Qualität amerikanischer Produkte
in so kurzer Zeit so rapide abgenommen haben soll.
Vielmehr hat das
amerikanische
Management
unter dem
Druck preiswerter Importe seine Kosten auf ein Minimum zurückgeschraubt
und somit im Hinblick auf Produktivität und Effizienz erhebliche Verbesserungen erzielt. Das ist nicht ohne
erhebliche Kosten und Anpassungen im
Inland erreicht worden. Der Wert der
Betriebsvermögen
ist gefallen, und
Unternehmen,
Banken
und
landwirtschaftliche
Betriebe
mußten
ihre
Pforten schließen. Aber als Ergebnis
stehen amerikanische Geschäftsbetriebe heute besser da als in vielen Jahren zuvor, um den Herausforderungen
des in- und ausländischen Wettbewerbs
zu begegnen.
Wie die Verbraucher in der Bundesrepublik bevorzugen auch die Amerikaner
Fernsehgeräte,
Fotokopierer
und Videorecorder aus Japan.
Aber
auch wir stellen Produkte her, für
die in der Welt Nachfrage besteht.
Im vergangenen Jahr erreichten die
amerikanischen Exporte in die Bundesrepublik Deutschland einen Gesamtwert
von 27 Milliarden D-Mark.
Für die
Bundesrepublik sind die Vereinigten
Staaten
der
führende
ausländische
Lieferant für Computer-Hardware and
Software. Die amerikanischen Exporte
von Maschinen, Transportausrüstungen
und
Präzisionsinstrumenten
beliefen
sich auf nahezu elf Milliarden D-Mark.
Makroökonomische
Faktoren
haben
heute den größten Einfluß auf den
amerikanischen Handel.
Die Beweise
für diese Behauptung treten gerade
jetzt zutage.
Aufgrund der augenblicklichen
hohen
Dollarabwertung

zeigen die Handelsdaten nach heutigem
Dollarkurs weiterhin ein erhebliches
Defizit der Vereinigten Staaten an.
Zieht man den Schleier des Geldes jedoch einmal beiseite, dann erkennen
wir einen schnellen Anstieg amerikanischer Exporte: im August um 15
Prozent jährlich, während unsere Importe real weder fallen noch steigen.
Dies bedeutet nicht, daß wir unsere Exportleistungen nicht noch verbessern könnten. Die Größe des amerikanischen
Binnenmarktes macht es
vielen Firmen immer noch leicht, die
Komplexität
des
Welthandels
außer
acht zu lassen. In unserem Land bestehen Gesetze und Vorschriften, die
Exporte sogar abschrecken.
Und im
Hinblick auf die für Erfolge auf Auslandsmärkten notwendigen langfristigen und geduldigen Anstrengungen müssen wir noch viel von Europa und
Japan lernen.
Wir müssen Sprachen
lernen und uns mit fremden Kulturen
vertraut machen; wir müssen lernen,
unsere Produkte ausländischen Normen
und Geschmacksrichtungen besser anzupassen.
Was wir jedoch nicht benötigen,
sind die Rezepte der Protektionisten.
Leider ist es für die Befürworter
des Protektionismus nur allzu leicht,
ihre Ansichten zu rechtfertigen. Sie
können anführen, daß amerikanischen
Herstellern ausländische Märkte nicht
in demselben Maß offenstehen, wie der
amerikanische Markt ausländischen Anbietern zugänglich ist. Zu viele europäische Regierungen subventionieren
und schützen zu viele heimische Industrien.
In der Bundesrepublik sind
Subventionen
ein solch
anerkannter
Bestandteil
des
Wirtschaftslebens,
daß man über deren verzerrende Wirkungen erst jetzt ernsthaft zu diskutieren beginnt.

- 4 -

�Allein
in
der
Bundesrepublik
Deutschland sind fast 10 Milliarden
D-Mark an Subventionen in das AirbusProgramm geflossen.
Ein Teil davon
wird zurückgezahlt werden, das meiste
jedoch nicht. Die Schaffung und Erhaltung
einer
Luftfahrtindustrie
durch Subventionen fördert im In- und
Ausland eine ineffiziente internationale Verteilung von Mitteln. Letztlich zahlen die Verbraucher in der
ganzen Welt mehr für weniger. In der
vorigen Woche haben sich amerikanische und europäische Unterhändler
erfolgreich darum bemüht, einen Rahmen zu erstellen, um unsere Meinungsverschiedenheiten in bezug auf den
Airbus beizulegen.
Eine meiner Meinung nach annehmbare Lösung wird jedoch den Abbau von Subventionen und
mehr Transparenz der Unterstützungsprogramme für den Airbus erfordern.
Auch die Politik im Telekommunikationswesen
muß überdacht werden.
Hier erleben wir schnelle Veränderungen sowohl bei den Technologien wie
auch bei den institutionellen Organisationsformen.
Auch in diesem Bereich stellen wir fest, daß der Markt
die treibende Kraft des technologischen Wandels ist.
Der internationale Wettbewerb auf
dem
Telekommunikationssektor
drängt
die Unternehmen nicht nur dazu, in
schnellerem Tempo billigere und bessere Geräte und Dienstleistungen zu
erfinden. Die umfangreiche Einbeziehung von Wettbewerbskräften hat das
Telekommunikationswesen in den Vereinigten
Staaten,
Großbritannien,
Japan und Frankreich gestärkt.
Auch
die Bundesrepublik Deutschland wird
endlich von diesem Wandel erfaßt.
Die von Professor Witte geleitete Regierungskommission für die Neuordnung
des Fernmeldewesens hat vor kurzem
ihren Bericht vorgelegt. Die Kommission hat sorgfältige und durchdachte

Arbeit
geleistet.
Unserer
Meinung
nach
verdienen
ihre
Empfehlungen
ernsthafte, schnelle und wohlwollende
Beachtung, denn auch hier kann eine
ängstliche und starre Haltung uns allen nur Schaden zufügen.
Das
schwerwiegendste
und
vordringlichste
Problem
des
heutigen
Welthandels ist jedoch die Landwirtschaft. Ganz offen gesagt, haben wir
es mit einer Krise zu tun. Die Kosten landwirtschaftlicher Unterstützungsprogramme sind außer Kontrolle
geraten.
Die Steuerzahler in der Europäischen
Gemeinschaft
werden
dieses
Jahr 26 Milliarden Dollar und die
Verbraucher zusätzlich 40 Milliarden
Dollar ausgeben, um die Gemeinsame
Agrarpolitik
zu unterstützen.
Der
Großteil dieser Gelder wird die Bauern noch nicht einmal erreichen! Dem
EG-System zufolge kostet es den Steuerzahler eine Mark fünfzig, um dem
Erzeuger eine Mark zukommen zu lassen. Es wäre sehr viel billiger, dem
Produzenten direkt die eine Mark zu
geben.
Innerhalb von wenigen Jahren ist
die Europäische Gemeinschaft vom Importeur von Agrarprodukten zu einem
Hauptexporteur geworden.
Die EG ist
heute der Welt größter Exporteur von
Butter,
Geflügel,
Rindfleisch
und
raffiniertem Zucker.
Die
Überschüsse
sind
riesig.
Eine Bonner Verbrauchergruppe berichtete kürzlich, daß die Europäische
Gemeinschaft im vergangenen Jahr über
zweieinhalb Millionen Tonnen Früchte
und Gemüse vernichtet hat.
Sie erklärte weiter, daß dieses Vernichtungsprogramm Kosten von 500 Millionen
D-Mark
verschlang, wovon
ein
Drittel auf den deutschen Steuerzahler entfiel. Die Menge vernichteter

- 5 -

�Tomaten, Pfirsiche, Spfel und anderer
Erzeugnisse war so hoch wie die halbe
Jahresproduktion
der
Bundesrepublik
Deutschland.
Aber im Agrarbereich sieht unsere
Bilanz nicht viel besser aus als Ihre. Auch uns bedrücken Subventionen
und Überproduktion.
Auf beiden Seiten des Atlantiks
ruinieren wir nicht nur uns selbst,
sondern wir fügen auch Freunden und
Verbündeten
in Industrie- und Entwicklungsländern Schaden zu.
Zur Bewältigung dieser Krise haben die Vereinigten Staaten bei der
gegenwärtig in Genf tagenden UruguayRunde multilateraler Handelsgespräche
einen
umfassenden
Reformvorschlag
vorgelegt.
Wir schlagen vor, praktisch alle Agrarsubventionen und Handelsschranken innerhalb einer Zehnjahresfrist auslaufen zu lassen.
Kritiker haben unseren Vorschlag
utopisch, naiv oder noch schlimmer
genannt. Aber da so viele unter uns
für eine so geringe Gegenleistung so
viel bezahlen, ist eindeutig die Zeit
des Handelns gekommen. Kein Land allein kann die heutigen Praktiken abschaffen, ohne durch die Maßnahmen
anderer schwer geschädigt zu werden.
Die einzige Hoffnung bietet ein umfassendes
internationales
Abkommen,
mit dem jeder zu einheitlichem Vorgehen und einem einheitlichen Zeitplan
verpflichtet wird.
Wir wissen, daß
dies ein sehr ehrgeiziges Unterfangen
ist und
daß eine
Einigung
nicht
schmerzlos sein wird.
Wenn wir jedoch Erfolg haben, werden die Vorteile für die Landwirtschaft der Welt,
den Welthandel und eine gesunde Weltwirtschaft alle Mühen und Anstrengungen wert sein.

III. Makroökonomische Politik und
Wachstum
Dies sind jedoch Ziele für die
Zukunft. Lassen Sie mich zur Gegenwart zurückkehren.
Heute befürchten
viele eine Rezession. Manchmal vergessen wir, daß sich die führenden
Industrieländer vor sechs Jahren in
einer solchen befanden. Die Arbeitslosigkeit stieg jährlich um fünf Millionen, und die Inflationsrate betrug
nahezu zehn Prozent. Es gab Spekulationen über einen Anstieg des ölpreises auf über 50 Dollar pro Faß und
Sorgen wurden laut, einige der großen
Schuldnerländer der Dritten Welt seien der Zahlungsunfähigkeit nahe.
Heute sind die meisten OECD-Länder
von
Wohlstand
geprägt.
Die
durchschnittliche Inflationsrate ist
noch nicht einmal halb so hoch wie
vor fünf Jahren.
Die Verschuldung
der Dritten Welt ist weiterhin ein
Problem, aber die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit ist erheblich geringer geworden.
Die amerikanische Wirtschaft war
die treibende Kraft hinter dieser bemerkenswerten Kehrtwendung. Wir sind
im Begriff, die längste Periode anhaltenden Wirtschaftswachstums in unserer modernen Geschichte zu verzeichnen. In den letzten drei Jahren
stieg
das Bruttosozialprodukt
real
jährlich
um
durchschnittlich
fast
vier
Prozent.
Die
Inflationsrate
fiel von über zehn Prozent in den
frühen achtziger Jahren auf ein Niveau von nur ein Prozent im vergangenen Jahr, und auch dieses Jahr bleibt
der Preisanstieg
gering.
Fast 14
Millionen neuer Arbeitsplätze wurden
in den vergangenen fünf Jahren in den
Vereinigten Staaten geschaffen.
Professor
Lester
schaftswissenschaftler

- 6

Thurow, Wirtam
Massachu-

�setts Institute of Technology, hat
geschätzt, daß das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten zusätzlich zu neuen Arbeitsplätzen in
der amerikanischen Wirtschaft sechs
Millionen Arbeitsplätze in Europa und
Japan geschaffen hat. Ohne das amerikanische Wirtschaftswachstum in den
achtziger
Jahren wären Europa und
Japan heute damit beschäftigt, sich
von einer Rezession zu erholen, anstatt sie zu verhindern.
Wie Sie sicherlich wissen, hat
das amerikanische Wirtschaftswachstum
der letzten Jahre jedoch auch seinen
Preis
gefordert.
Die
Vereinigten
Staaten verzeichnen heute sehr hohe
Defizite
in Haushalt
und Handel.
Wirtschaftswissenschaftler
sind
bekannt dafür, daß sie über fast alles
unterschiedlicher Meinung sind. Über
einen Punkt sind sich jedoch fast alle einig:
Diese in der Weltwirtschaft
bestehenden
Ungleichgewichte
in Finanzwesen und Handel - einschließlich der amerikanischen Haushalts- und Handelsdefizite - lassen
sich nicht aufrechterhalten.
Langfristig werden die Wirtschaftskräfte
uns wieder ins Gleichgewicht zurückdrängen.
Die Kurseinbrüche an den Aktienmärkten könnten uns jedoch zum Teil
die Botschaft vermitteln, daß langfristige
Perspektiven
ungemütlich
kurz werden. Anpassung - eine Rückkehr zum Gleichgewicht - wird stattfinden, gleichgültig, ob wir uns dagegen wehren oder sie fördern.
Die
Wahl vor der wir stehen - und es ist
unsere einzige Wahl - ist, ob wir uns
auf einem hohen Handelsniveau durch
Wachstum oder auf einem niedrigen
durch Rezession anpassen.

IV.

Anpassung

Welchen Weg könnte die Anpassung
einschlagen?
Einige vertreten die
Auffassung, daß Protektionismus der
Weg zur Wiederherstellung des Gleichgewichts ist. Sie glauben, daß verminderter Zugang ausländischer Produkte zu den amerikanischen Märkten
der einfachste und logischste Weg zur
Verringerung des Handelsdefizits der
Vereinigten Staaten ist.
Eine Verlangsamung
der amerikanischen Konjunktur wäre eine weitere Möglichkeit.
Wenn wir in den Vereinigten
Staaten die Bremse anziehen, würden
sich die Importe verringern und das
Handelsdefizit sinken. Ein Zusammenbruch des Dollar würde ein Gleichgewicht erzwingen, jedoch auf Kosten
höherer
Zinssätze.
Ist
dies
das
Gleichgewicht,
das
wir
anstreben?
Eindeutig nicht.
Dies würde verlangsamtes Weltwirtschaftswachstum, höhere Arbeitslosigkeit und schlechtere Aussichten
für die hochverschuldeten
Entwicklungsländer
zur Folge haben.
Die
Welt würde in eine Rezession gestürzt.
Die Herausforderung, mit der wir
uns konfrontiert sehen, ist der notwendige Abbau der Ungleichgewichte,
während gleichzeitig ein hohes Niveau
der Wirtschafts- und Handelstätigkeit
aufrechterhalten wird. Die Ereignisse der vergangenen drei Wochen bestätigen, daß dies am besten - und in
der Tat ausschließlich - auf gemeinsamer Basis erreicht werden kann.
Die Vereinigten Staaten, die Bundesrepublik Deutschland und andere führende Wirtschaftsnationen müssen gemeinsam einen Prozeß der Anpassung
einleiten, durch den Ungleichgewichte
bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung
einer gesunden Weltwirtschaft verringert werden.

- 7 -

�Die erforderliche Anpassung hat
unterschiedliche, sich jedoch gegenseitig
verstärkende Bemühungen zur
Folge.
Mit anderen Worten, es muß
eine
Arbeitsteilung
zwischen
den
Uberschußländern
und den defizitär
wirtschaftenden
Ländern geben.
Im
Handelsbereich wird von den Vereingten Staaten die Ablehnung protektionistischer Maßnahmen gefordert sowie
die kontinuierliche Anpassung an die
Mechanismen
ausländischen
Wettbewerbs.
Von der Bundesrepublik wird
die Lockerung von Verkrustungen des
Markts durch Deregulierung, Liberalisierung und Kürzung von Subventionen
verlangt.
Bei der Steuer- und Währungspolitik
kommt den Vereinigten
Staaten die Aufgabe zu, weiterhin
energisch eine Politik zu verfolgen,
die auf eine Verringerung des Haushaltsdefizits ausgerichtet ist. Die
Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland
ist
es,
nichtinf lationärr.s
Wachstum im Inland zu fördern.
In den vergangenen Jahren konnte
das
Wirtschaftswachstum
in
Europa
bestenfalls als mäßig bezeichnet werden. In den Ländern der Europäischen
Gemeinschaft sind 16 Millionen Menschen ohne Arbeit und seit den siebziger Jahren wurden unter dem Strich
gesehen so gut wie keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Die Europäer
- einschließlich zahlreicher Bundesbürger - scheinen der Auffassung zu
sein, wenn Europa bereit ist, mit hoher
Arbeitslosigkeit
und
relativer
Stagnation zu leben, so sei dies Europas Sache und zwar ausschließlich.
Heute abend habe ich keine wichtigere
Botschaft zu übermitteln, als ihnen
folgendes zu sagen: Alles, was Europa im Bereich des Wachstums unternimmt, ist entscheidend für die Gesundung der Weltwirtschaft.
Gleichgültigkeit
und
Selbstzufriedenheit
könnten die Welt in eine Rezession
treiben.

Der entscheidende Punkt ist nämlich, daß die Vereinigten Staaten es
sich nicht länger leisten können, für
die Welt der Konsument zu sein, auf
den man in letzter Minute zurückgreift.
Wir können nicht weiterhin
für anhaltendes Weltwirtschaftswachstum sorgen und gleichzeitig unser eigenes Ungleichgewicht beheben.
Angesichts der gegenwärtigen Situation vernimmt man in der Bundesrepublik Deutschland häufig das Argument, eine drohende Inflation verhindere entschiedenere Bestrebungen zur
Stimulierung des Wachstums. Mit einem weit unterhalb seinen Möglichkeiten liegendem Wirtschaftswachstum und
einer - in diesem Jahr - höchstwahrscheinlich weniger als ein Prozent
ausmachenden Inflationsrate erscheint
mir die Furcht vor diesem Gespenst
der Inflation unbegründet.
Die fünf
führenden
deutschen
Wirtschaftsforschungsinstitute scheinen meine Meinung zu teilen und haben in dieser
Woche eine auf größere Expansion ausgerichtete Politik gefordert.
Seien Sie versichert, ich bin mir
des Beitrags voll und ganz bewußt,
den die Vereingten Staaten zu diesem
Anpassungsprozeß leisten müssen. Die
Hand in Hand gehenden Handels- und
Haushaltsdefizite
müssen
verringert
werden.
Und sie verringern sich.
Wie ich bereits erwähnte, steigen die
amerikanischen Exporte drastisch an.
Das Bundeshaushaltsdefizit, das sich
im Fiskaljahr 1986 auf 220 Milliarden
Dollar belief, ging im Jahr 1987 um
70 Milliarden zurück.
Ein weiter Weg liegt noch vor
uns, aber echte Fortschritte sind bereits erzielt worden.
Es mag Sie
überraschen, daß das Haushaltsdefizit
der Vereingten Staaten, wenn die sehr
hohen Haushaltsüberschüsse der Bundesstaaten und Gemeinden hinzugerech-

- 8 -

�net werden, insgesamt gesehen niedriger ist als das der OECD-Länder im
Durchschnitt.
Diskussionen zwischen
dem Präsidenten und dem Kongreß über
eine weitere Reduzierung des Defizits
sind mit erneuter Dringlichkeit aufgenommen worden, und zusätzliche einschneidende Kürzungen stehen in Aussicht. Die Vereinigten Staaten bemühen sich intensiv, die von ihnen geforderten
Anpassungen
vorzunehmen.
Es ist von vorrangiger Bedeutung, daß
sie im Einklang mit den deutschen
stehen.
Lassen Sie mich dies eindeutig
klarstellen:
Ich spreche nicht über
die inzwischen angezweifelte Lokomotiv-Theorie der siebziger Jahre. ich
spreche vielmehr von einer koordinierten
Strategie
des
stabilen,
nichtinflationären Wachstums der führenden Industrienationen.
Nur wenn
die Bundesrepublik bereit ist, eine
Strategie zugunsten des Wachstums zu
verabschieden, wird es möglich sein,
ein hohes Niveau im Welthandel und
bei der Wirtschaftstätigkeit zu erzielen.

V.

Schlußbemerkung

Inmitten der Aufregung über die
jüngsten Ereignisse ist es von vorrangiger Bedeutung, die Dinge in ihrer richtigen Perspektive zu belassen.
Die nach dem Zweiten Weltkrieg
gegründeten
internationalen
Wirtschaftsinstitutionen haben uns gute
Dienste geleistet. Es ist nicht zuviel gesagt, daß sie hervorragend
funktioniert haben.
Sie haben uns
Stabilität
und Wohlstand gebracht,
die in der Geschichte ihresgleichen
suchen.

sich

Vor
25 Jahren stellte mancher
noch ernsthaft die Frage, ob

zentral
gelenkte Wirtschaften
oder
freies
Unternehmertum
größere
Aussichten
für
die
Befriedigung
der
wirtschaftlichen Bedürfnisse der Welt
hätten.
Diese Diskussion ist beendet. Heute sind die Marktkräfte und
Marktinstitutionen weltweit als die
mächtige
Antriebskraft
für
wirtschaftlichen Wohlstand anerkannt, die
sie tatsächlich sind. Diese Tatsache
wird von den Entwicklungen in China
und der Sowjetunion noch untermauert.
Die Vereinigten Staaten spielen
in der Weltwirtschaft immer noch eine
bedeutende Rolle.
Aus gutem Grund
blicken die freien Menschen - ebenso
wie die unfreien - auf die Vereinigten Staaten als politische, wirtschaftliche und moralische Führungskraft.
Und wir sind immer noch bereit und in der Lage, diese Rolle zu
übernehmen.
Aber die Welt kann sich nicht
länger auf die Vereinigten Staaten
allein verlassen, wenn es um die in
der Weltwirtschaft notwendige Führung
geht.
Der beispiellose wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit
war so durchgreifend und so erfolgreich, daß die relative Wirtschaftsmacht anderer - besonders Japans und
der Bundesrepublik - sich erheblich
verbessert hat.
Mit dieser
Macht
entsteht Verantwortung.
Die Wirtschaftsmächte der Welt müssen über
engstirnige
Anliegen
hinausschauen.
Jeder von uns sollte seine Handlungen
in einer weiteren Perspektive betrachten. Wir müssen die Auswirkungen unserer politischen Maßnahmen und
die Untätigkeit der anderen auf das
Wohlergehen und das gesamte Erscheinungsbild der Weltwirtschaft abwägen.
Die Vereinigten Staaten akzeptieren ihre Verantwortung.
Wir müssen
das Handels- und Haushaltsdefizit abbauen und gleichzeitig ein Wachstum

- 9 -

�ohne
Inflation hervorbringen.
Die
Pflicht, die der Bundesrepublik und
ihren europäischen Partnern zukommt,
besteht darin, größere Märkte für ihre eigenen sowie die Produkte der
Welt
bereitzustellen.
Die Bundesrepublik muß das Wirtschaftswachstum
mit einer angemessenen Mischung aus
Währungspolitik, steuerlichen Maßnahmen und Strukturpolitik ankurbeln.
Bei unserem Zusammentreffen heute
abend können wir uns eines Gefühls
der Besorgnis über die Solidität der
Weltwirtschaft nicht erwehren.
Ich
wiederhole nochmals: Die Märkte haben gerade eine ernstliche Warnung
möglicher
Konseguenzen
des
wirtschaftlichen
Nationalismus,
wirtschaftlicher
Engstirnigkeit
und
Selbstzufriedenheit abgegeben.
Gleichzeitig ist dies ein Augenblick
historischer
Chancen.
Mit
Weitblick und politischem Mut können
wir ein System geteilter Verantwortung hervorbringen.
Dies muß unser
Ziel sein.

* * * * * *

�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
— * -

4. November 1992

*£'•

S&gt;~

PRÄSIDENT CLINTON

BILL CLINTON: DER 42. PRÄSIDENT DER
VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
Porträt des neugewählten Präsidenten

VIZEPRÄSIDENT GORE

VIZEPRÄSIDENT AL GORE
Porträt des neugewählten Vizepräsidenten

US-AUSSENPOLITIK

CLINTON VERSPRICHT KONTINUITÄT IN
US-AUSSENPOLITIK
Erklärung in Little Rock am 4. November

GUS-HILFE

NEUE AMERIKANISCHE INITIATIVEN BEI
KONFERENZ IN TOKIO BEKANNTGEGEBEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

RUSSLAND

WARUM DIE VEREINIGTEN STAATEN EIN
STARKES RUSSLAND WOLLEN
von Paul Wolfowitz

START

START-VERTRAGSPARTNER VEREINBAREN
VERFAHRENSREGELN FÜR JCIC
Gemeinsame Presseerklärung

VIETNAM

BUSH: ABKOMMEN ZWISCHEN USA UND
VIETNAM ÜBER VERMISSTE/KRIEGSGEFANGENE "BEDEUTSAM"
Schritte zur Verbesserung der Beziehungen
erwogen

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFT MUSS INTERNATIONAL DENKEN
von Nicholas F. Brady

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�PRÄSIDENT

CLINTON
4. November 1992

BILL CLINTON: DER 42. PRÄSIDENT DER
VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
Porträt des neugewählten Präsidenten
"Meine Vision gilt einer in friedlichem Handel vereinten
Welt. Einer Welt, in der die Nationen zunehmend
wirtschaftlich und immer weniger militärisch miteinander konkurrieren. Einer Welt dynamischen, marktorientierten Wachstums, das die Kluft zwischen arm
und reich verringert. Einer Welt, die sich zunehmend
für Demokratie, Toleranz für die Vielfalt und die Wahrung der Menschenrechte engagiert. Einer Welt, die
sich vereint den gemeinsamen Feinden der Menschheit entgegenstellt: Krieg, Armut, Unwissen, Krankheiten und Umweltzerstörung. Einer Welt, die wir
unseren Kindern und deren Kindern in dem Wissen
übergeben können, daß wir gemeinsam den neuen
Pflichten dieser neuen Welt und dieses neuen Zeitalters gerecht geworden sind."
Bill Clinton ist der 42. Präsident der Vereinigten Staaten. Mit 46 Jahren ist er der jüngste Amtsinhaber seit
John Fitzgerald Kennedy (1961-1963), und er ist der
erste nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Präsident
- eine klare Zäsur zwischen seiner Generation und der
seines Vorgängers George Bush. Als ehemaliger
Gouverneur von Arkansas ist er überdies der fünfte
amtierende Gouverneur, dem in diesem Jahrhundert
der Einzug ins Weiße Haus gelang.

Chancen - Verantwortung
Diese Schlüsselbegriffe zogen sich wie ein roter Faden
durch seine Reden. Der neue Präsident betonte
darüber hinaus die entscheidende Verbindung zwischen Innen- und Außenpolitik in einem veränderten
Zeitalter nach dem Kalten Krieg. "In einer Welt der
Veränderungen", erklärte er in einer Rede vordem Los
Angeles World Affairs Council, "ergibt sich Sicherheit
aus Initiative, nicht aus Nichtstun... In diesem neuen
Zeitalter sind unsere erste außenpolitische Priorität
und unser wichtigstes innenpolitisches Anliegen ein
und dasselbe: die Wiederbelebung unserer Wirtschaft. Amerika muß seine wirtschaftliche Stärke
wiedergewinnen, um seine eigentliche Rolle als führende Kraft der Welt auszufüllen. Die Welt braucht ein
starkes Amerika, und die Stärke Amerikas beginnt hier
im Inland."

Präsident Clinton war 12 Jahre lang Gouverneur des
weitgehend ländlichen Bundesstaates Arkansas. Sein
Ansatz in der Regierung, seine Ideen für neue Maßnahmen und Programme wurden von seinen Bemühungen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen dort geprägt. Er wuchs in einer Kleinstadt in
Arkansas auf, verließ später jedoch den Staat, um eine
erstklassige Ausbildung an der Georgetown University
Ein neues Programm
(Washington D.C.), in Oxford und an der Yale UniverPräsident Clintons Wahlkampf stand unter dem Leit- sity (New Haven, Connecticut) zu absolvieren. Er
gedanken, "den Menschen in den Mittelpunkt zu stel- vergaß jedoch nie seine Herkunft und schlug Möglichlen". Er war der Ansicht, daß die Bundesregierung zur keiten aus, die ihm aufgrund der hervorragenden
Ankurbelung der lahmenden amerikanischen Konjunk- Ausbildung gegeben waren, um nach Arkansas zutur in Aus- und Fortbildung, Entwicklung von Arbeits- rückzukehren und dort am öffentlichen Leben teilzuplätzen, medizinische Versorgung und eine Vielzahl nehmen.
anderer sozialer und wirtschaftlicher Programme investieren müsse, die darauf abzielen, den Menschen die Ein Sohn von Arkansas
Möglichkeit zu geben, produktive Mitbürger zu werden. Gleichzeitig forderte er die Amerikaner auf, mit Präsident Clinton bringt in sein Amt eine starke BodenPflichtbewußtsein der Gesellschaft etwas zurückzu- ständigkeit mit. Er wuchs in bescheidenen Verhältnisgeben, wenn sie Hilfe vom Staat in Anspruch genom- sen auf - eine Tatsache, die den meisten Amerikanern
vor seiner Nominierung beim demokratischen Konvent
men hätten.
im Juli 1992 unbekannt war. Die Öffentlichkeit nahm

AMERIKA DIENST 44

Seite 1

�fälschlicherweise an, seine Ausbildung in Georgetown, Oxford und Yale habe eine privilegierte Kindheit
bedeutet. Privilegiert war sie jedoch nur aufgrund des
reichhaltigen Gemeindelebens, das er in Hope (Arkansas) mit seinen 10.000 Einwohnern erlebte - wo das
größte gesellschaftliche Ereignis das jährliche Wassermelonenfest war und das höchste Gebäude die
baptistische Kirche - und später in dem Urlaubsort Hot
Springs (36.000 Einwohner), in dem er die Oberschule
besuchte.
Bill Clinton kam drei Monate nach dem Tod seines
Vaters durch einen Autounfall als William Jefferson
Blythe IV am 19. August 1946 in Hope zur Welt. Kurz
darauf wurde er den Großeltern zur Betreuung anvertraut, als seine Mutter eine Ausbildung zur Fachkrankenschwester für Anästhesie aufnahm. Die Zeiten
waren hart in Hope. Sein Großvater verdiente sich
mühsam seinen Lebensunterhalt mit einem kleinen
Gemischtwarenladen in einem armen, rassisch gemischten Viertel, und die Familie lebte in einem bescheidenen Haus. Der junge Bill verbrachte Stunden
in dem Geschäft seines Großvaters und lernte dort
eine grundlegende Lektion für den Umgang mit Menschen. "Wissen Sie, woher mein Engagement kommt,
Menschen ohne Ansehen der Rasse zusammenzuführen? Es begann alles mit meinem Großvater."

kandidierte. Clinton warbei den Wahlen so erfolgreich,
daß die Schulverwaltung die Regeln änderte, um die
Zahl der Ämter zu begrenzen, die ein Schüler innehaben konnte. "Bill war die Art von Mensch", sagte einmal
einer seiner Klassenkameraden, "der auf jeden neuen
Schüler zuging und sagte: 'Hallo, wie geht es Dir? Ich
heiße Bill Clinton und kandidiere gerade für etwas',
was auch immer es sein mochte. Wir dachten immer,
Bill werde eines Tages Präsident werden."
Aber trotz Clintons unermüdlicher Aktivität besserte
sich die häusliche Lage nicht. Nach einem besonders
schweren Zwischenfall stellte sich Clinton, der inzwischen zu kräftiger Statur herangewachsen war (er ist
1,88 Meter groß), seinem Stiefvater entgegen und
verbot ihm, seine Mutter je wieder zu schlagen. Selbst
dabei zeigte er noch ein für ihn bezeichnendes Gefühl
des Mitleids für den Benachteiligten. Seine Mutter
erinnerte sich folgendermaßen an diese Szene: "Er
bat seinen Vater, den einzigen Vater, den er kannte,
aufzustehen, denn er müsse ihm etwas sagen. Und
als der dafür ziemlich lange brauchte, sagte er zu ihm:
'Daddy, wenn Du nicht aufstehen kannst, werde ich Dir
helfen, aber aufstehen mußt Du, um anzuhören, was
ich Dir zu sagen habe.'"

"Wenn die Kunden meines Großvaters - ob sie nun
Weiße oder Schwarze waren -, die hart arbeiteten und
ihr Bestes gaben, ohne Geld in den Laden kamen,
dann gab er ihnen auch so etwas zu essen. Er schrieb
nur an", erklärte Clinton. "Ich tat desgleichen. Bevor
ich groß genug war, um über die Ladentheke sehen zu
können, lernte ich von ihm, zu Leuten aufzublicken, auf
die andere herabblickten."

In einer von Alkoholismus zerrissenen Familie zu
leben, hatte grundlegenden Einfluß auf Bill Clinton. Er
wurde zum Versöhner, zum Vermittler. "In einer
Alkoholikerfamilie wuchs ich mit wesentlich größerem
Einfühlungsvermögen für die Probleme anderer Menschen auf als der Durchschnittsbürger", stellte Clinton
fest. "Ich wurde deshalb viel selbständiger und härter
als ich sonst vielleicht geworden wäre. Und ich habe
gute Fähigkeiten entwickelt, um Menschen zusammenzuhalten und zu versuchen, Probleme zu lösen."

1950 heiratete Clintons Mutter Roger Clinton, einen
Autohändler, dessen Namen Clinton später annahm,
und die Familie zog nach Hot Springs, 128 Kilometer
nordöstlich von Hope. Hot Springs war eine größere,
kosmopolitischere Stadt mit einem Heilbad, einer
Rennstrecke und dem größten illegalen Spielbetrieb
des Südens. Von Hot Springs wurde behauptet, es
vereine die baptistische Moral der Kleinstädte von
Arkansas mit weltlicher Toleranz. Die Clintons lebten
in Hot Springs ein für die Mittelschicht typisches
komfortables Leben, aber in der Familie gab es ein
dunkles Geheimnis: Roger Clinton, ansonsten ein
anständiger, liebenswürdiger Mensch, war Alkoholiker
und neigte zu Gewaltausbrüchen.

In der Cbcrsch-j'0 hatte Clinton die für Jugendliche
typischen Zioie. Er wollte Arzt, Journalist oder Musiker
werden. Aber im Sommer 1963 prägte ein Handschlag
sein weiteres Leben. Es geschah in Washington,
wohin er als Vertreter von Arkansas bei Boy's Nation,
einem von der nationalen Veteranenorganisation
American Legion veranstalteten Programm für Schüler zur Vermittlung von Führungsqualitäten entsandt
wurde. Zu dem Programm gehörte auch eine Einladung in den Rosengarten des Weißen Hauses zu
einem Treffen mit dem Präsidenten. Ein Photograph
hielt den Augenblick, in dem der 17jährige Clinton
Präsident John F. Kennedy vorgestellt wurde, im Bild
fest.

Um der Unruhe des Familienlebens zu entfliehen,
widmete sich Clinton voll und ganz der Schule und
Aktivitäten in der Gemeinde. Er war ein Genie in
Mathematik und einer der besten in Latein. Er spielte
Saxophon in der Schulkapelle. Er war ein begeisterter
Pfadfinder. Jeden Sonntag sang er im Kirchenchorder
Baptisten. Zur Kirche ging er allein ohne Begleitung
seiner Eltern, die lieber ausschliefen. Er war ein
geselliger junger Mensch, der gern für Schulämter

"Als er zurückkehrte", berichtete seine Mutter, "war
das erste, was er tat, seine Tasche zu öffnen und mir
sein Bild vom Handschlag mit Präsident Kennedy zu
geben. Etwas stand ihm ins Gesicht geschrieben, und
ich zweifelte nie daran, was er später einmal tun
würde."

Seite 2

Aber wenn auch seine politischen Ambitionen an diesem Tag Gestalt angenommen haben mögen, es
AMERIKA DIENST 44

�lagen noch viele Jahre der Vorbereitung vor ihm, die
mit dem Besuch des Colleges begannen. Clinton
lehnte ein Stipendium für ein Musikstudium an der
Louisiana State University ab und schrieb sich an der
Georgetown University ein. Ihr Standort: die Hauptstadt Washington. Näher konnte ein junger Mann aus
Arkansas dem Regierungssitz nicht kommen.

Bundesstaat aufnehmen? Clintons Charme, seine
Energie und sein gesunder Menschenverstand überbrückten die Kluft. "Ich erinnere mich daran, wie Bill in
der Long Hall Hof hielt, in der wir unser Essen einzunehmen pflegten", erläutert ein Mitstipendiat aus den
Vereinigten Staaten. Die englischen Studenten waren
von Bill überausfasziniert under ebenso von ihnen. Es
war üblich, nicht einfach zu essen und dann rasch
Studienjahre
wieder zu gehen, sondern zu essen und zu reden und
über die Ereignisse des Tages zu diskutieren, bis wir
Clinton traf im Herbst 1964 an der Georgetown Univeraus dem Speisesaal geworfen wurden. Bill war stets
sity ein, und es störte ihn nicht im gerigsten, daß er ein
mitten in diesen Gesprächen, und er war dort unBaptist aus dem Süden war, der sich anschickte, an
schwer der populärste Student."
einer von Jesuiten geleiteten Universität zu studieren.
Mehr noch, der Kontakt mit dem Katholizismus und Die Freunde, die sich Clinton - besonders unter den
anderen Religionen steigerte seine religiöse Sensibili- amerikanischen Studenten - in Oxford erwarb, stehen
tät. Einer seiner Lehrer, Pater Sebes, der ein Seminar ihm nach wie vor zur Seite. So bezieht er viele seiner
in vergleichender Religionswissenschaft abhielt, hin- Ansichten über Wirtschaftsfragen von Robert Reich,
terließ bei Clinton einen besonderen Eindruck. "Pater einem politischen Ökonomen an der Harvard UniversiSebes vermittelte mir ein Gefühl für etwas, das ich als ty. "Wir haben in Oxford ein Gespräch begonnen, das
die natürliche Religiosität des Menschen betrachte", seither fortgesetzt wurde", stellte Reich fest. "Bill
erklärte Clinton. "Wir beschäftigten uns mit all diesen Clinton wurde mit jedem Buch und Papier belastet, das
Kulturen und all ihren Religionen, und ganz gleich, wie ich jemals geschrieben habe. Und zu meinem Erstauverschieden sie auch sein mochten, war es doch nen hat er tatsächlich das meiste davon gelesen und
offensichtlich, daß sie alle danach hungerten, über die aufgenommen."
vergänglichen Dinge hinaus, die die meisten von uns
im Großteil unseres Lebens in Anspruch nehmen, Clinton kehrte im Jahr 1970 in die Vereinigten Staaten
einen Sinn in ihrem Leben auszumachen. Ich entwik- zurück und nahm ein Jurastudium an der Yale Univerkelte ein wirklich tiefes Verständnis für diese Tatsa- sity auf. Dort traf er seine spätere Frau, Hillary
Rodham, die ebenfalls Jura studierte und zu den
che."
besten Studenten ihres Jahrgangs gehörte. Sie heiraWährend des Studiums in Georgetown arbeitete Clin- teten 1975 und haben eine 12jährige Tochter, Chelton zeitweise für Senator J. William Fulbright aus sea.
Arkansas, einen glühenden Internationalisten (und
Begründer des gleichnamigen Austauschprogramms) Während seines Jurastudiums beteiligte sich Clinton
und lautstarken Gegner des Vietnamkrieges. Clinton auch an Wahlkämpfen. Er half Joseph Duffy, einem
selbst lehnte den Krieg aus moralischen Gründen ab. gegen den Krieg eingestellten Demokraten in Connec"Meine Gefühle gegen den Krieg waren für mich zu ticut, bei dessen Wahlkampf für den Senat im Jahr
Beginn besonders schmerzlich, weil ich das Militär 1970. Duffy verlor, aber er gewann den dritten Konniemals grundsätzlich so ablehnte, wie das bei vielen greßwahlkreis, für den Clinton zuständig war. Dann,
anderen der Fall war", so Clinton. (Clinton hat nie beim im Herbst 1972, fuhren Clinton und sein Kommilitone
Militär gedient. Seine heimatliche Einberufungskom- Taylor Branch nach Texas, um dort den Präsidentmission stellte ihn wegen seines Studiums zurück, und schaftswahlkampf von Senator George McGovern zu
später zog er in der Wehrdienstlotterie eine Nummer, leiten, einem weiteren demokratischen Kriegsgegner.
die hoch genug war, um jede Möglichkeit einer Einbe- Es war sein erster Kontakt mit einer politischen Kamrufung auszuschließen.)
pagne, und er war dabei erfolgreich. "Bill war mir
voraus, indem er erkannt hatte, daß Politik viel damit
Nachdem er sein Studium 1968 mit einem Examen in zutun hatte, wie Menschen miteinander umgehen, und
internationalen Angelegenheiten abgeschlossen hat- indem er verstand, wie einzelne Menschen arbeiten",
te, erhielt Clinton ein prestigeträchtiges Rhodes-Sti- erklärte Branch. "Er wußte, wie man Menschen erpendium für einen zweijährigen Studienaufenthalt in reicht, wie man auf ihre Stärken und Schwächen
Oxford. Rhodes-Stipendien wurden an Studenten mit eingeht. Politik ist die Liebe zu den Menschen und zum
"moralischerCharakterstärke, die sie für Führungsauf- Prozeß. Bill war dafür eine Naturbegabung."
gaben befähigt" sowie "literarischen und akademischen Leistungen" vergeben, die aus ehemaligen Clinton beendete 1973 erfolgreich sein Jurastudium
Mitgliedsländern des britischen Weltreiches kommen. und hatte sich damit eine Reihe von BefähigungsnachClinton war einer von 32 Amerikanern, die unter 1.200 weisen erworben - Georgetown, Rhodes-Stipendium,
Bewerbern ausgewählt wurden.
Jurastudium in Yale -, die ihm nahezu uneingeschränkten Zugang zu den höchsten Stellen in Rechtswesen,
Oxford zieht einige der brillantesten Studenten der Wirtschaft oder der Verwaltung der Bundesregierung
Welt an. Wie würden sie diesen großen, ungestümen garantierten. Aber er lehnte alle Angebote ab und
jungen Mann aus einem obskuren amerikanischen
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�strebte nicht nach hochbezahlten Stellungen. "Alles,
was ich tun wollte, war, nach Hause zurückzukehren.
Ich überlegte mir, daß ich in Hot Springs als Rechtsanwalt praktizieren und sehen wollte, ob ich für ein Amt
kandidieren könnte."

schiedet, die eine schwache Staatsregierung vorsah:
eine zweijährige Amtszeit für den Gouverneur, ein
Parlament, das jedes zweite Jahr für neunzig Tage
zusammentritt und keine Erhöhung der Einkommensteuern - in anderen Bundesstaaten eine wichtige
Finanzierungsquelle - ohne Zweidrittelmehrheit im
Gouverneur von Arkansas
Parlament. Diese Regeln konnten einen aktiven
Gouverneur, der Bill Clinton sicherlich sein wollte,
Statt nach Hot Springs ging der 27jährige Clinton nach
ernsthaft behindern.
Fay etteville, wo er eine Assistenzprofessur für Rechtswissenschaft an der University of Arkansas annahm Clinton trat sein Amt mit einem Programm für jedes
und unter anderem Seerecht lehrte. 1974 kandidierte Problem von der Energieversorgung über das Biler zum ersten Mal für ein Wahlamt. In jenem Jahr dungswesen bis zu wirtschaftlicher Entwicklung an.
schien der populäre republikanische Kongreßabge- Eine der wichtigsten Prioritäten Clintons war der Ausordnete, der die Region Fayetteville vertrat, verwund- bau der Autobahnen des Bundesstaates. Um dieses
bar zu sein - zumindest in den Augen Bill Clintons. Programm zu finanzieren, erhöhte er die MineralölRichard Nixon war kurz zuvor wegen des Watergate- steuer und Zulassungsgebühren. In einem BundesSkandals vom Amt des Präsidenten zurückgetreten, staat, in dem viele Menschen alte Autos fahren und
und ein schwerer Rückschlag für die Republikaner deren Ver- oder Ankauf beinahe als Sport betrachten,
schien unvermeidbar. Da kein ortsansässiger Demo- trieben diese Erhöhungen die Wähler auf die Barrikakrat zu einer Kandidatur bereit war, bewarb sich Clin- den. Es gab noch andere Fehltritte: eine Gruppe
ton mit der Hilfe von Dutzenden von Jurastudenten. Er junger, hartgesottener Mitarbeiter des Gouverneurs,
führte einen tatkräftigen Wahlkampf, aber er verlor. deren Verhalten manche der gestandenen Politiker
Trotzdem erhielt er48,5 Prozent der Wählerstimmen - empörte, sowie erfolglose Auseinandersetzungen mit
genug, um ihn als Politiker mit Zukunft auszuweisen. verschiedenen mächtigen Interessenvertretern der
Wirtschaft dieses Bundesstaates.
Zwei Jahre später kandidierte Clinton für das Amt des
Generalstaatsanwalts des Bundesstaates und wurde Das Fazit war, daß Clinton im Kampf um seine Wiederohne republikanischen Gegenkandidaten gewählt. In wahl im Jahr 1980 eine schwere Niederlage erlitt und
diesem Amt erwarb er sich einen Ruf als Verbraucher- damit der jüngste Ex-Governeur in der Geschichte der
anwalt, weil er die Strom- und Telefongebühren nied- Vereinigten Staaten wurde. "Viele Wähler in Arkansas
rig hielt und das Werbeverbot für Produkte wie Brillen verglichen diese Wahl mit einer politischen Ohrfeige",
aufhob, um den Preiswettbewerb anzukurbeln. Dann, meinte ein Beobachter. "Bill war ihr Junge, aber er war
im Jahr 1978, schlug er in einem harten Vorwahlkampf ein wenig zu aufsässig geworden."
vier andere Demokraten und wurde zum Kandidaten
der Demokratischen Partei für den Posten des Gou- Obwohl die Niederlage Clinton erschütterte, tat er
verneurs nominiert. Der Ausgang der Wahl war aus- üiwas, wozu nur wönige Politiker fähig sind. Er reiste
gemachte Sache in einem Bundesstaat, in dem in querdurch den Staat und fragte die Menschen, was er
hundert Jahren nur ein republikanischer Gouverneur falsch gemacht habe, warum sie ihn nicht mehr gegewählt worden war. Der 32jährige Clinton gewann wählt hätten. Hillary Clinton, die damals Sozius in einer
problemlos und wurde der jüngste Gouverneur des Anwaltskanzlei in Arkansas war und sich mit BildungsLandes seit 1938.
themen und Fragen der Fürsorge für Kinder beschäftigt hatte, erinnerte sich an mehrere dieser "SuperArkansas besitzt ein fruchtbares Tiefland am Missis- marktbeichten", wie sie es nannte. "Die Leutetraten an
sippi, Nadelwälder, einen Gebirgszug sowie ein hüge- Bill heran und sagten, sie hätten gegen ihn gestimmt,
liges Plateau, die Ozarks. Bei Clintons Regierungsan- fänden es jedoch schade, daß er verloren habe, und er
tritt als Gouverneur hatte der Staat etwa 2,4 Millionen entgegnete ihnen, daß er dies verstehe und es tue ihm
Einwohner, von denen 83 Prozent Weiße und 13 leid, daß er ihnen nicht besser zugehört habe."
Prozent Schwarze waren (von denen die meisten in
einem südlichen Gürtel lebten, zu dem auch Hope Als geläuterter Mann kandidierte Clinton 1982 für die
gehörte).
Wiederwahl und gewann. "Ich habe schmerzhaft
gelernt", erklärte Clinton, "daß man wirklich Prioritäten
In gewissem Maß wirkt sich der Bürgerkrieg (1861 - 65) setzen und diese den Menschen verdeutlichen muß.
immer noch auf die Politik von Arkansas aus. Arkan- Man muß die Leute für etwas gewinnen. Und um dies
sas kämpfte auf der Seite der Sklavenhalterstaaten zu tun, muß man Zeit opfern, um ihnen zuzuhören."
des Südens. Nach dem Krieg wurde der Staat von den
Truppen der Bundesregierung besetzt, die eine Staats- Als er ins Amt zurückkehrte, war Gouverneur Clintons
regierung von gegen den Süden eingestellten Republi- wichtigste Priorität die Verbesserung des Bildungssykanern unterstützten. Nach dem Abzug der Truppen stems. Bei den Leistungen im Bildungswesen stand
wählte man in Arkansas Demokraten in die Ämter des Arkansas bundesweit an letzter Stelle, und sein StaatsBundesstaats, und es wurde eine Verfassung verab- gerichtshof hatte das System der Schulfinanzierung
Sehe4

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�für verfassungswidrig erklärt. Clinton rief eine Kom- Clinton aufzubringen. "Es war eine von mehreren
mission von Bildungsexperten und betroffenen Bür- Erfahrungen aus dieser Amtszeit, die mir verdeutlichgern ins Leben, die ein Paket zur Verbesserung des ten, wie wichtig es war, gegnerische Parteien zusamBildungssystems erarbeiten sollte. Sie veranstaltete menzuführen, um einen echten Wandel zu bewirken,
in jedem Winkel des Staates Anhörungen und gab anstatt die Menschen zu polarisieren und für die eine
jedem die Gelegenheit, sich zu äußern, wie die Schu- oder andere Seite Stellung zu beziehen, was häufig zu
len von Arkansas verbessert werden sollten.
einer Lähmung von Regierungsprogrammen führt und
nicht zu Fortschritten", stellte Clinton fest.
Das schließlich zusammengestellte Paket beinhaltete
erhebliche Gehaltserhöhungen für die Lehrer, Bera- Unter Clintons Führung haben sich die Bedingungen in
tungsdienste für die Schüler in Grundschulen sowie Arkansas im Lauf des letzten Jahrzehnts langsam
der Unter- und Mittelstufe von Oberschulen (Dienstlei- aber meßbar verbessert. Clinton meinte dazu: "Ich
stungen, die für gewöhnlich nur Oberstufenschülern habe unsere Steuerbelastung in Prozent vom Einkomzuteil wurden), eine Begrenzung der Klassenhöchst- men - bei Staats- und Gemeindesteuern - so niedrig
stärken sowie Prüfungen für Studenten, in denen belassen, daß wir zu den fünf Staaten mit den geringgewisse Mindestanforderungen zu erfüllen waren. Die sten Steuern gehören. Beim Anteil der Mittel, die wir
Lehrervereinigung, eine mächtige politische Kraft, stimm- in die Bildung stecken, stehen wir landesweit an dritter
te dem uneingeschränkt zu.
Stelle, beim Verhältnis Computer pro Kind in den
Schulen stehen wir an fünfter Stelle. Bei der Zahl der
Bei den Anhörungen hatte Clinton jedoch eine ständig Collegestudenten rangieren wir über dem Durchschnitt,
wiederkehrende Klage vernommen. Einige Teilneh- obwohl wir einkommensmäßig an 47. Stelle stehen."
mer brachten den Gedanken zur Sprache, daß einige
Lehrer unfähig seien und schlugen vor, der gesamte Er hat Arkansas nicht regiert, ohne Aufmerksamkeit zu
Lehrkörper des Staates solle überprüft werden, um erregen. In einer Umfragedes Jahres 1991 wurdendie
diese auszusondern. Da dieses bildungspolitische Gouverneure des Landes befragt, welchen Kollegen
Paket der Zustimmung des Parlaments bedurfte und sie als effektivsten einstufen würden. Clinton erhielt
die Erhöhung der Verkaufssteuer um einem Cent mehr Stimmen (39 Prozent) als jeder andere.
erforderte, fügte Clinton eine Vorschrift hinzu, derzufolge Lehrer ihre Befähigung nachweisen mußten. Die Aktivitäten auf nationaler Ebene
Lehrervereinigung lehnte dies ab, konnte aberden von
Clinton im Parlament hergestellten Konsens nicht Clinton gehörte zwei politischen Gruppen außerhalb
aufheben. Die Bildungsreform wurde mit der Rege- von Arkansas an. Als Gouverneur war er Mitglied der
lung zur Überprüfung der Lehrer verabschiedet - das Nationalen Gouverneursvereinigung (National Govererste Programm dieser Art im ganzen Land. Es wird nors' Association), deren Stab in Washington beim
als Clintons hervorragendste gesetzgeberische Lei- Kongreß und der Administration für die Interessen der
stung des Jahrzehnts und nationales Modell für Bil- Bundesstaaten eintritt. Darüber hinaus wirkte er 1985
dungsreformen in anderen Bundesstaaten betrachtet. bei der Gründung des Demokratischen Führungsrats
(Democratic Leadership Council - DLC) mit, einer
Clinton dirigierte noch weitere soziale Programme Gruppe besorgter Demokraten, die sich nach den
durch das Staatsparlament - Initiativen, die das Bil- katastrophalen Wahlniederlagen in den Präsidentendungsniveau, die Qualifikationen und das Wohlerge- wahlen von 1980 und 1984 für die politische Neudefihen der Bürger von Arkansas verbessern sollten, nition der Demokraten als Partei der Mitte beziehungsdamit sie auf dem Markt konkurrieren und einen höhe- weise für eine konservativere politische Ausrichtung
ren Lebensstandard genießen konnten. Debatten engagierten. In jeder dieser Organisationen spielte er
über die Einzelheiten seiner Politik waren seine Stär- eine Führungsrolle und äu ßerte sich dadurch zu natioke, und häufig trat er bei Anhörungen vor Ausschüssen nalen Fragen, was ihn im ganzen Land bekannt machauf oder verwickelte Abgeordnete in den Korridoren in te.
Diskussionen. Häufig vermittelte er zwischen gegenDer DLC erwies sich als besonders hervorragendes
sätzlichen Interessen und versuchte, einen gemeinsaElement. Er unterhielt eine Denkfabrik in Washington,
men Nenner zu finden. Für die Beteiligten war dies
die das Magazin The New Democrat herausgab, und
eine anstrengende Erfahrung. "Wenn man mit Bill
regte ansonsten Diskussionen über die künftige RichClinton verhandelt", so ein Abgeordneter, "dann sollte
tung der Demokratischen Partei an. Viele der von ihm
man seine Hausaufgaben gemacht haben. Sein
befürworteten Maßnahmen deckten sich mit den BilGedächtnis ist phänomenal."
dungs- und Sozialhilfeprogrammen, die Clinton in
Vor allem jedoch erlaubte Clinton seiner Administra- Arkansas verwirklichte. Als Vorsitzender des DLC
tion nie, beim Eintreten für ein Vorhaben eine kontro- bereiste er 1990 monatelang 35 Staaten, unterrichtete
verse Position einzunehmen. Sein junger Mitarbeiter- Demokraten über den DLC und förderte die Gründung
stab hatte dies während seiner ersten Amtszeit gegen- von DLC-Unterorganisationen in den Bundesstaaten.
über der mächtigen Holzindustrie versucht, ohne viel "Diese Reisen waren für seine Entwicklung zum Präsibewirken zu können, außer, diese Branche gegen dentschaftskandidaten sehr wichtig", erklärt der VorAMERIKA DIENST 44

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�Standsvorsitzende des DLC. Im Mai 1991 war er
Hauptredner beim Jahrestreffen des DLC in Cleveland
(Ohio). Wie häufig der Fall bei ihm, benutzte er für
seine Ansprache Aufzeichnungen, die im Rhythmus
baptistischer Predigten des Südens abgefaßt waren er hielt einen Diskurs über Chancen und Pflichten, über
Investitionen in Humankapital, Themen, denen er sich
in Arkansas gewidmet hatte.

Außenpolitik

Was internationale Fragen anbelangt, betont Präsident Clinton oft, daß die Position der Vereinigten
Staaten in der Welt in ihrer Starke zu Hause wurzelt. In
einer maßgeblichen Rede über außenpolitische Fragen im Dezember 1991 vor der Georgetown University
sagte er: "Es besteht kein Zweifel daran, daß in der
heutigen Welt Außen- und Innenpolitik untrennbar
"Meines Erachtens wurde er in Cleveland von der sind. Wenn wir zu Hause nicht stark sind, können wir
politischen Welt entdeckt, als er eine Rede hielt, die nicht führend in der Welt sein, zu der wir doch so viel
allgemein als die beste des Jahres betrachtet wurde", beigetragen haben. Und wenn wir uns aus der Welt
erklärte einer der Zuhörer. "Es wurde sofort offenkun- zurückziehen, dann schadet das unserer Wirtschaft zu
dig, daß Clinton für das Amt des Präsidenten kandidie- Hause."
ren konnte, wenn er dies wollte."
Präsident Clinton wird auch daran arbeiten, die demoClinton selbst hatte 1988 eine Kandidatur erwogen, als kratischen Werte zu fördern. "Die Verteidigung der
der führende demokratische Kandidat ins Straucheln Freiheit und die Unterstützung für die Demokratie auf
kam. Aufgrund der Erinnerung an seine von Unsicher- der ganzen Welt reflektieren nicht nur die tief in uns
heit geprägte Kindheit kam er jedoch zu dem Schluß, verwurzelten Werte," sagte Clinton vor der Georgedie Ablenkungen eines nationalen Wahlkampfs wür- town University. "Sie sind für unsere nationalen Interden seiner siebenjährigen Tochter schaden. "Geistig essen lebenswichtig. Demokratie bedeutet, daß Nawar ich zu 100 Prozent zu einer Bewerbung entschlos- tionen in Frieden miteinander leben, daß sie für die
sen, aber emotional war ich das nicht", stellte er fest. Ideen der anderen und für den Handel mit den anderen
offen sind."
Bis 1992 war Clinton jedoch zu der Überzeugung
gelangt, daß für ihn die einzige Möglichkeit, Arkansas Daher beabsichtigt Präsident Clinton, entstehende
- und anderen unter ungünstigen Wirtschaftsbedin- institutionelle Strukturen zu fördern, die denjenigen
gungen leidenden Bundesstaaten - zu helfen, darin Ländern helfen, die mit dem Übergang zur Demokratie
bestand, zu kandidieren. Nach Konsultationen mit und zu freien Märkten zu kämpfen haben. In einer
seinen Beratern und seiner Frau gab Clinton vor dem Ansprache im Jahr 1992 legte er Einzelheiten seiner
Old State House in Little Rock (Arkansas) am 3. außenpolitischen Ansichten dar:
Oktober 1991 seine Kandidatur für das Präsidenienamt bekannt. Im Juli 1992 wurde er nach dem Sieg "Meine wichtigste Priorität im Bereich der Au ßenpolitik
in einer zermürbenden fünfmonatigen Vorwahlkam- wird darin bestehen, die wirtschaftliche Lebensfähigpagne gegen mächtige Konkurrenz als Präsident- keit Amerikas wiederherzustellen. Ich habe eine Strategie entworfen, um das Ausbildungsniveau unserer
schaftskandidat nominiert.
Bürger zu verbessern, die Produktivität zu erhöhen,
Seine Nominierungsrede umfaßte die Wahlkampfthe- Innovationen und Investitionen zu fördern, die Staatsmen, die er der amerikanischen Öffentlichkeit anbot, verschuldung zu verringern und uns zur stärksten
und deutete auf seine Prioritäten als Präsident hin.
Handelsmacht der Welt zu machen. Ich werde im
Bereich der Au ßenpolitik mehr Gewicht auf wirtschaft"Wir benötigen einen neuen Ansatz für die Regierung", liche Aspekte legen und einen Wirtschaftlichen Sichererklärte er und erläuterte, was er als Präsident anders heitsrat, ähnlich dem Nationalen Sicherheitsrat, schafmachen werde. "Eine Regierung, die mehr Selbstän- fen....
digkeit und weniger Anspruchsberechtigung bietet,
mehr Wahlmöglichkeiten für junge Menschen in den Die zweite Erfordernis einer führenden Rolle des Präöffentlichen Schulen und mehr Wahlmöglichkeiten für sidenten in diesem neuen Zeitalter besteht darin, die
ältere Mitbürger und Menschen mit Behinderungen, mächtige weltweite Bewegung hin zu Demokratie und
die langfristigerer Pflege bedürfen. Eine Regierung, zur Marktwirtschaft zu stärken. Unsere strategischen
die gestrafft ist, aber nicht unfreundlicher. Eine Regie- Interessen und moralischen Werte sind beide in dierung, die die Chancen erhöht und nicht Bürokratie sem Ziel verwurzelt. Wenn wir zur Verbreitung der
verstärkt. Eine Regierung, die versteht, daß Arbeits- Demokratie beitragen, dann erhöht das unsere Sicherplätze aus dem Wachstum eines dynamischen Sy- heit und die unserer Verbündeten. Demokratien fühstems freien Unternehmertums entstehen.
ren nur selten miteinander Krieg oder unterstützen den
Terrorismus. Sie stellen verläßlichere Partner im
Arbeitsplätze, Gesundheitsfürsorge, Bildungswesen. Bereich des Handels und der Diplomatie dar. Eine
Diese Verpflichtungen sind mein Lebenswerk. Unsere wachsende Marktwirtschaft erhöht die Chancen des
Prioritäten sind klar. Wir müssen den Menschen in den Einzelnen und die Toleranz der Gesellschaft....
Mittelpunkt stellen."

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AMERIKA DIENST 44

�"Meine Administration wird sich für die Demokratie
einsetzen. Wir werden die internationale Hilfe an neu
entstehende, schwache Demokratien in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa unterstützen und ein
Demokratie-Corps schaffen, das ihnen hilft, freie Institutionen zu entwickeln. Und wir werden weiterhin
Druck auf Südafrika ausüben, bis der Tag wirklicher
Demokratie anbricht.... Wir werden die demokratischen Kräfte auf Haiti, in Peru und in der ganzen
westlichen Hemisphäre unterstützen. Und wir werden
die Vereinigten Staaten zu einem Katalysator für eine
gemeinsame Ablehnung von Aggression machen."
Zweifellos glaubt Präsident Clinton, daß die Außenpolitik der USA nicht von den moralischen Grundsätzen
getrennt werden kann, die dem Großteil aller Amerikaner gemeinsam sind. "Wir können uns nicht darüber
hinwegsetzen, wie andere Regierungen die Menschen
in ihrem Land behandeln, ob die Institutionen in ihrem
Land demokratischer oder repressiver Natur sind, ob
sie illegales Verhalten jenseits ihrer Grenzen ermuntern oder eindämmen," sagte Clinton im Jahr 1991 vor
der Georgetown University. Das bedeutet nicht, soder
Präsident, daß die Vereinigten Staaten lediglich mit
demokratischen Ländern Beziehungen unterhalten
sollten; vielmehr sollten die Vereinigten Staaten gewillt
sein, ihre diplomatische und wirtschaftliche Macht zu
nutzen, um Anreize zum Aufbau von Demokratien und
zu marktwirtschaftlichen Reformen auf der ganzen
Welt zu geben und sogar Auslandshilfe und Maßnahmen zur Schuldenreduzierung an sichtbaren Fortschritt zu binden.
"Ich habe eine neue Strategie für das amerikanische
Engagement verlangt, im Ausland die Ausbreitung der
Demokratie und ihre Festigung zu fördern," so Clinton.
"Eine solche Strategie kann man nicht nur nach Bedarf
oder halbherzig verfolgen.... Das bedeutet, daß wir
politischer Unterdrückung in ganz Afrika genauso
entschieden Einhalt gebieten wie politischer Unterdrückung in Asien oder im Nahen Osten. Und das
bedeutet auch, daß wir den Opfern des Krieges in
Westafrika und Somalia ebensolche Unterstützung
gewähren, wie wir es bei den Opfern des Krieges im
ehemaligen Jugoslawien tun."

essen zu schützen sowie die überlegene Technologie
und die Streitkräfte bereitzustellen, die der entscheidende Garant für die Freiheit sind."
Der Präsident will verkleinerte, flexiblere Streitkräfte,
die sich auf regionale Bedrohungen konzentrieren. Er
plant, die Produktion des B-2 Bombers anzuhalten und
Geld von der Strategischen Verteidigungsinitiative (oft
"Krieg der Sterne" genannt) abzuziehen und einem
begrenzten Raketenverteidigungsprogramm im Rahmen des ABM-Vertrages zuzuführen. Er möchte die
Atomwaffenarsenale des Landes durch Verhandlungen und andere Aktionen auf der Grundlage der
Gegenseitigkeit reduzieren. "Wir sollten die Programme beenden oder einschränken, die das Ziel haben,
der sowjetischen Bedrohung zu begegnen," sagte
Clinton. Er wird aufbauend auf den im Golfkrieg
gemachten Erfahrungen die Beteiligung Amerikas an
der Schnellen Eingreiftruppe der UNO untersuchen.
Da das Land seine Militäreinrichtungen reduziert, hofft
Präsident Clinton, Offiziere und Soldaten zur Erfüllung
der zahlreichen notwendigen Aufgaben im Land heranziehen zu können. "Unsere Bürger in Uniform
gehören zu den am besten Ausgebildeten in den
Bereichen, die für uns am wichtigsten sind," sagte
Clinton. "Wir müssen dieses Humankapital in unsere
arbeitende Bevölkerung und sogar in unsere Schulen
bringen, vielleicht durch die teilweise Nutzung unserer
Reservistenzentren und geschlossenen Stützpunkte
für auf der Gesellschaft basierende Erziehungs- und
Ausbildungsprogramme."
Innenpolitik

Präsident Clintons immer wiederkehrendes Thema im
Bereich der Innenpolitik war die Notwendigkeit, Amerikas wirtschaftliche Grundlage wieder neu aufzubauen. Im Programm Clintons wird dazu aufgerufen, mehr
Arbeitsplätze für die Amerikaner zu schaffen, indem
die Infrastruktur des Landes (d.h. sein Verkehrs- und
Erziehungssystem) erneuert wird, Gelder aus dem
Verteidigungshaushalt für notwendige Aufgaben im
Inland abgezweigt, die Städte neu belebt, private Investitionen angeregt und die Exporte verstärkt werden.
Es belohnt Arbeit durch eine Reduzierung der Steuerlast
der Mittelschicht und durch Einschnitte im jetzigen
Sicherheit und Verteidigung
Sozialhilfesystem, um die Menschen von Sozialhilfe
Präsident Clinton wird Amerikas militärisches Einsatz- unabhängig zu machen und ihnen Arbeit zu geben.
konzept neu bewerten, um es einer Welt anzupassen, "Wir werden die Aus- und Fortbildung und medizinidie nicht länger durch den Kalten Krieg geteilt ist. "Wir sche Versorgung anbieten, die Sie brauchen," verhaben jetzt nicht länger den Auftrag, eine expansioni- sprach Clinton denen, die von der Sozialhilfe abhängig
stische Sowjetunion einzudämmen," sagte er. "Aber sind, "aber wenn Sie arbeiten können, dann werden
dauerhafte Aufgaben bestehen: Die atomare Ab- Sie arbeiten gehen müssen, denn sie können nicht auf
schreckung beizubehalten, selbst wenn wir unsere ewig von der Sozialhilfe leben." Gemäß seinen VorAtomwaffenarsenale abbauen, unsere Freunde und schlägen würden berufstätige Eltern drei Monate
demokratischen Verbündeten zu ermutigen und mög- unbezahlten Urlaub für die Betreuung ihres Babys
liche Gegner abzuschrecken, unsere Interessen oder die Pflege eines kranken Familienmitglieds nehmöglichst durch gestärkte Institutionen kollektiver men können - "ein Recht, das die Menschen in jedem
Sicherheit zu wahren, die Freiheit auf Hoher See zu anderen fortschrittlichen Industriestaat schon haben,"
erhalten und unsere weltweiten wirtschaftlichen Inter- so Clinton.
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�Aus- und Fortbildung für alle Bürger ist für den Präsidenten Clinton ein ebenso wichtiges Ziel, wie es das für
den Gouverneur Clinton war. Er macht den Vorschlag,
in den Menschen in jeder Lebensphase zu investieren.
Bildungsprogramme der Bundesregierung sollen den
Eltern helfen, ihre Kinder auf die Schule vorzubereiten.
In den Hauptfächern wie Mathematik und den Naturwissenschaften soll ein nationales Prüfungssystem
eingeführt werden. Teenager sollen die Möglichkeit
bekommen, entweder durch Lehrlings-Programme eine
Ausbildung zu machen, oder das College mit Hilfe
eines Darlehens oder durch zwei Jahre Dienst an der
Allgemeinheit zu bezahlen. Clinton sagte den Töchtern und Söhnen der Mittelschicht, deren Eltern es
schwerfällt, das Schulgeld oder die Studiengebühren
zu zahlen: "Wir werden es Ihnen ermöglichen, aufs
College zu gehen, aber wenn Sie diese Hilfe bekommen, dann müssen Sie dem Land auch etwas dafür
zurückgeben."
Präsident Clinton wird sich mit den Sorgen der Amerikaner um ihre Gesundheitsfürsorge befassen. Ungefähr 60 Millionen Amerikaner haben eine unzureichende oder gar keine Krankenversicherung. Er schlägt
vor, eine allgemeine medizinische Versorgung für alle
einzuführen, die durch eine Kontrolle der Kosten im
Gesundheitswesen, eine Reform der Versicherungsprogramme, eine Überarbeitung der Strategien für die
Bereitstellung von medizinischer Versorgung und durch
mehr Betonung von Vorsorge in der Medizin finanziert
werden soll. "Alle Amerikaner werden ein Paket von
Grundleistungen erhalten, und niemand wird davon
ausgenommen oder ausgeschlossen, niemandem wird

das verwehrt und niemand wird gezwungen, minderwertige medizinische Versorgung zu akzeptieren," sagte
Clinton.
Das sind ehrgeizige Programme, die auf seit langem
bestehenden Problemen in der amerikanischen Gesellschaft ausgerichtet sind. Obwohl die Ziele klar sind
und das Ergebnis erwünscht ist, sind Veränderungen
dennoch beunruhigend. Clinton schreckt nicht vor
Veränderungen zurück. Er verweist auf seine Vergangenheft in Arkansas. "Ein Wandel ist nicht leicht," sagte
Clinton, "und der Grund dafür, daß die Leute an mich
glauben sollten, ist der, daß ich in der Vergangenheit
schon 10 Jahre lang Änderungen herbeigeführt habe.
Es geht dabei darum, daß die Dinge wieder funktionieren, daß man den Menschen hilft, ihre Fähigkeiten zu
nutzen, daß die Menschen wettbewerbsfähig werden
- daß Probleme gelöst werden und den Menschen
wieder Auftrieb gegeben wird. Und genau das tue ich.
Darin besteht meine Arbeit. Und das ist der Grund,
warum ich Gouverneur geworden bin, deshalb habe
ich fünfmal kandidiert - eben weil ich die Geduld und die
Entschlossenheit besaß und den Wunsch hatte, Änderungen herbeizuführen. Das ist mein Lebensziel."
In all seinen Reden hat Präsident Clinton das Thema
des Engagements für alle Menschen betont. "Die
Menschen in unserem Land haben immer an zwei
große Ideen geglaubt," sagte er: "Erstens, daß die
Zukunft besser sein kann als die Vergangenheit, und
zweitens, daß jeder von uns eine persönliche, eine
moralische Verantwortung hat, dazu beizutragen."

* * * * *

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�VIZEPRÄSIDENT

GORE
4. November 1992

VIZEPRÄSIDENT AL GORE
Porträt des gewählten Vizepräsidenten
Ebenso wie Bill Clinton ist auch Vizepräsident AI Gore
ein junger Südstaatler: Er ist 44 Jahre alt und stammt
aus dem Bundesstaat Tennessee, der an Clintons
Heimatstaat Arkansas grenzt. Im Gegensatz zu Clinton war er jedoch im gesamten Verlauf seines öffentlichen Lebens im parlamentarischen Bereich tätig.
Seit 1984 war er US-Senator aus Tennessee, davor
acht Jahre Abgeordneter im Repräsentantenhaus.
Bei der Bekanntgabe seiner Entscheidung für Gore als
Vizepräsidentschaftskandidaten würdigte Clinton dessen
von den Kritikern gelobtes Buch über die Umwelt Earth
in the Balance: Ecology and the Human Spirit. "AI
Gore hat mich gebeten, sein Engagement zu teilen,
nicht nurdie Umwelt der Vereinigten Staaten, sondern
der Welt für künftige Generationen zu erhalten", erklärte Clinton.

bracht, die dort zuvor nie erörtert worden waren, wie
etwa die Erwärmung des Erdklimas.
In den vergangenen Jahren gelang Gore die Verabschiedung von Maßnahmen zur Beschleunigung des
stufenweisen Verbots von die Ozonschicht zerstörenden Chemikalien, die Einführung von Gesetzen zur
Beendigung des sogenannten "Umweltrassismus", der
von Minderheiten bewohnte Gemeinden einem größeren Risiko aussetzt sowie die Erarbeitung eines historischen Abkommens, um von den Nachrichtendiensten gesammelte Informationen über die Erde erstmalig im zivilen Bereich tätigen Wissenschaftlern zugänglich zu machen. Aufgewachsen in der nach seinem
Vater, dem 32 Jahre lang als Kongreßabgeordneter
und Senator aus Tennesse tätigen Albert Gore Sr.
benannten Hauptstadt, befand sich der jüngere Gore
von klein auf in der Gesellschaft prominenter Politiker.
Bei seiner Geburt am 31. März 1948 in Washington,
D.C., war sein Vater im 10. Jahr Abgeordneter des
Repräsentantenhauses.

Präsident Clinton zufolge hat Gore "sein ganzes Leben
für das Gesundheitswesen und den Verbraucherschutz
gekämpft und ist wahrscheinlich Amerikas führender
Verfechter der Entwicklung neuer Technologien - wie
Faseroptik und Gentechnologie - zur Schaffung der In seiner Jugend verbrachte Gore die Sommer auf der
hochdotierten Arbeitsplätze, die Amerika beim Über- rund 65 Kilometer östlich von Nashville gelegenen
Familienfarm in Carthage (Tennessee) und das Schulgang ins 21. Jahrhundert benötigt".
jahr in der Bundeshauptstadt, wo er die exklusive
Ein ernsthafter Parlamentarier
Privatschule St. Albans Episcopal School für Jungen
besuchte. Er war einer der besten Schülerund Kapitän
1990 gewann Gore die Wiederwahl in den Senat und
der Footbalmannschaft.
war damit der erste Kandidat - sowohl der Republikaner als auch der Demokraten - der alle 95 Landkreise 1965 schrieb sich Gore an der Harvard University
von Tennessee auf sich vereinigen konnte. Seine (Cambridge, Massachusetts) ein und erwarb 1969 mit
Kollegen beschreiben ihn als intelligent, aufrichtig, hart einer Examensarbeit über "Die Auswirkung des Fernarbeitend, kollegial und auf die etwas altmodische Art sehens auf die Führung der Präsidentschaft, 1947 der Südstaatler höflich.
1969"ein Bakkalaureat in Staatswissenschaften. Kurz
nach seinem Examen heiratete Gore Mary Elizabeth
"Er ist sehr ernsthaft", so ein Senator. "Wenn er sich 'Tipper" Aitcheson, die er am Abend seiner St. Albansmit einem Thema befaßt, ist es seine Art, sich damit Abschlußfeier kennengelernt hatte. Das Ehepaar hat
auseinanderzusetzen, bis er voll und ganz damit ver- vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn.
traut ist."
Als führender Verfechter des Umweltschutzes im Der Vizepräsident diente während des Vietnamkriegs
Kongreß leitete erdie Senatsdelegation beim Erdgipfel zwei Jahre als Heeresreporter beim außerhalb von
in Rio de Janeiro im Juni 1992. Er hat ein breites Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt) stationierten 20. PionierSpektrum von Vorschlägen zum Umweltschutz befür- bataillon der US-Armee. Er sandte Kopien seiner
wortet und häufig Themen in den Kongreß einge- Berichte nach Hause, von denen einige vom Tennes-

AMERIKA DIENST 44

Seite 1

�sean, einer Nashviller Zeitung, veröffentlicht wurden. Sonstige Fachkenntnisse
Nach Beendigung seiner Dienstzeit im Jahr 1971
nahm Gore eine Stelle als Journalist bei dieser Zeitung Zusätzlich zu seinen Anliegen Gesundheitswesen und
Umweltschutz ist Gore für Hochtechnologie und Rüan.
stungskontrolle eingetreten. Die Führungsrolle des
Die Politik ruft
Vizepräsidenten im Hochtechnologiebereich spiegelt
sich in seinen erfolgreichen 12jährigen Bestrebungen
Während Gore beim Tennessean von 1971 bis 1972 zum Aufbau eines neuen, nationalen Hochgeschwinauf Nachtschicht arbeitete, besuchte er die Graduate digkeits-lnformationsnetzes - den "Superhighways" School of Religion der Vanderbilt Universrty. 1974 wider, mit dem die stärksten Computer der Vereinigten
schrieb sich Gore an der juristischen Fakultät der Staaten mit Schulen und Forschungszentren verbunVanderbilt University ein, die er zwei Jahre lang be- den werden, die sonst keinen Zugang zu diesen
suchte, während er gleichzeitig Leitartikel für den mächtigen Maschinen haben würden. Das im DezemTennessean schrieb.
ber 1991 verabschiedete Gesetz über Hochleistungscomputer wurde als wichtigste Einzelmaßnahme beAls der demokratische Abgeordnete aus Tennessees schrieben, die die Vereinigten Staaten unternehmen
viertem Wahlkreis 1976 unerwartet seine Entschei- können, um auf dem internationalen Markt der Zukunft
dung bekanntgab, sich nicht der Wiederwahl zu stel- wettbewerbsfähiger zu sein.
len, entschloß sich Gore, für den Sitz im Repräsentantenhaus zu kandidieren. Er besiegte acht Mitbewerber Im Bereich der Rüstungskontrolle verfolgt Gore die
bei den Vorwahlen der Demokraten und gewann die Verknüpfung von drastischen Reduzierungen der Anzahl
Wahl in Herbst mit einem Wahlprogramm, das höhere von Waffen mit einer Verlagerung zu Raketen mit nur
Steuern für die Wohlhabenden, mehr Arbeitsplätze im einem Gefechtskopf. Der von Gore als einem von 10
öffentlichen Dienst und geringere Verteidigungsaus- Beobachtern des Senats bei den Genfer Abrüstungsgaben forderte.
verhandlungen unterbreitete bahnbrechende Vorschlag
zur Beseitigung landgestützter Raketen mit MehrfachIn den acht folgenden Jahren kandidierte er zweimal
gefechtsköpfen auf beiden Seiten wurde als ein zenfür den Kongreß und schlug seinen einzigen Gegentrales Abkommen zwischen Rußland und den Vereikandidaten mit einem riesigen Vorsprung. Als Howard
nigten Staaten verabschiedet. Obwohl Gore den
Baker Jr., ein republikanischer Senator aus TennesPositionen der Reagan- und Bush-Administrationen
see und Führer der Mehrheit im Senat, 1983 seinen
zur Verteidigung kritisch gegenüberstand, warereiner
Rücktritt ankündigte, war Gore der Spitzenkandidat für
von nur 10 demokratischen Senatoren, die Präsident
seine Nachfolge. Gore schlug seinen republikaniBushs Einsatz von Gewalt 1991 unterstützten, um
schen Gegner mühelos mit über 60 Prozent der StimSaddam Hussein aus Kuwait zu vertreiben.
men.
Präsidentschaftskandidatur und Tragödie
Kongreß
Als Abgeordneter wie auch als Senator charakterisiert
sich Gore als "begeisterten Gemäßigten". Nachdem
er seine erste Kongreßwahl gewonnen hatte, erklärte
er: "Ich glaube, daß die Leute den Liberalismus
teilweise diskreditiert haben, weil sie das Vertrauen in
seine Kompetenz verloren haben. Sie haben den
Konservatismus diskreditiert wegen dessen offensichtlicher Gleichgültigkeit angesichts von Problemen beispiellosen Ausmaßes. Er besteht das Gefühl, es habe
zu viel Philosophie und nicht genug gesunden Menschenverstand gegeben."
Während seiner Jahre im Repräsentantenhaus konzentrierte sich Gore besonders auf Probleme im
Gesundheitswesen. Beispielsweise war er Mitverfasser des von ihm geförderten Gesetzes über Organspenden und Transplantationen von 1984, das den
Ver- oder Ankauf menschlicher Organe zu Transplantationszwecken untersagt und jährlich 2 Millionen Dollar
zum Aufbau einer nationalen Organbank bewilligt, die
Patienten mit den benötigten Organen versorgt.

Seite 2

1988 bewarb Gore sich um die Präsidentschaft, erhielt
jedoch nicht die erforderliche Unterstützung für die
Nominierung durch die Demokraten. Kurz danach
erlebte er ein noch größeres persönliches Trauma, als
sein sechs Jahre alter Sohn Albert IM. von einem Auto
angefahren wurde und beinahe starb. Gore und seine
Frau pflegten Albert während seiner langen Rekonvaleszenz.
Während er im Krankenzimmer seines Sohnes saß
und über sein Leben nachdachte, begann Gore mit
dem Buch Earth in the Balance. In der Einleitung
stellt er fest: "Ich hatte gerade einen Präsidentschaftswahlkampf verloren. Ich war gerade vierzig Jahre alt
geworden. In gewissem Sinne war ich empfänglich für
den Wandel, der mich in der Mitte meines Lebens ereilt
hatte."
Der Wandel in Gores Leben beinhaltete ein noch
größeres Engagement für Umweltprobleme. In seinem Buch erklärt der Vizepräsident, die Welt müsse
"die Rettung der Umwelt zum zentralen Organisations-

AMERIKA DIENST 44

�prinzip der Zivilisation" machen. Er fordert die Ver- "Ich komme aus Carthage in Tennessee", erklärte
pflichtung aller Nationen zur Stabilisierung des Bevöl- Gore dem Publikum, als der Präsident ihn als Vizepräkerungswachstums, die Erarbeitung und Verwendung sidentschaftskandidaten vorstellte. "Ich bin noch nie in
neuer umweltverträglicher Technologien sowie gesell- Hope in Arkansas (der Heimatstadt des Präsidenten)
schaftliche Veränderungen, die den Schutz der Um- gewesen, habe jedoch gehört, sie sei genau wie Carwelt durch Erziehung der Öffentlichkeit und verstärkte thage. Es ist ein Ort, wo man weiß, wann jemand
Rechenschaftspflicht der Verursacher zum Ziel ha- geboren wird und traurig ist, wenn jemand stirbt. Das
ist das Amerika, in dem Bill Clinton und ich aufgewachben.
sen sind. Das ist die Art von Nation, die wir wieder
Ergänzung zu Clinton
werden wollen."
Gore bringt für das Amt des Vizepräsidenten Stärken
mit, die eine Ergänzung zu denen Bill Clintons bilden.
Darüber hinaus haben beide die gleiche Einstellung zu
amerikanischen Werten.
* * * *

AMERIKA DIENST 44

*

Seite 3

�US-AUSSENPOLITIK

CLINTON VERSPRICHT KONTINUITÄT
IN US-AUSSENPOLITIK
Erklärung in Little Rock am 4. November
LITTLE ROCK (ARKANSAS) - (AD) - Der neugewählte Präsident Bill Clinton hat am 4. November 1992 "die
grundsätzliche Kontinuität" der amerikanischen Außenpolitik bekräftigt und für weitweite Zusammenarbeit
während der verbleibenden Amtszeit von Präsident Bush geworben.
In einer kurzen Erklärung in Little Rock keine 24 Stunden nach seinem Wahlsieg stellte Clinton fest, er sehe in
der Übergangszeit zwischen den Administrationen der engen Zusammenarbeit mit Bush erwartungsvoll
entgegen, "um die Kontinuität in der Weltpolitik zu gewährleisten, die für alle Amerikaner von Interesse ist".
Clinton forderte Amerikas "Freunde und Gegner gleichermaßen" auf, anzuerkennen, daß "auch wenn die
Regierungen Amerikas wechseln", seine "fundamentalen Interessen sich nicht verändern". Er erklärte, "der
größte Fehler, den ein Gegner begehen könnte, wäre der, die Entschlossenheit Amerikas in dieser Übergangsperiode anzuzweifeln".
Nachfolgend veröffentlichen wir Clintons vor dem Amtssitz des Gouverneurs von Arkansas abgegebene
Erklärung im Wortlaut.
Heute möchte ich die grundsätzliche Kontinuität der
amerikanischen Außenpolitik und meinen Wunsch
bekräftigen, die Unterstützung beider Parteien für unsere
Rolle in der Welt anzustreben. Während der nun
beginnenden Übergangsphase fordere ich die Freunde und Gegner Amerikas gleichermaßen auf, ebenso
wie ich anzuerkennen, daß Amerika jeweils nur einen
Präsidenten hat, daß die amerikanische Außenpolitik
allein in seinen Händen bleibt, daß auch wenn die
Regierungen Amerikas wechseln, die fundamentalen
Interessen Amerikas sich nicht verändern. Daß die
beste Geste des guten Willens, die jede Nation mir
entgegenbringen kann, deren weitere uneingeschränkte Zusammenarbeit mit unserem einzigen Präsidenten, George Bush, in diesem Zeitraum ist und daß der
größte Fehler, den ein Gegner begehen könnte, der
wäre, die Entschlossenheit Amerikas in dieser Übergangsperiode anzuzweifeln.
Ich sehe der engen Zusammenarbeit mit Präsident
Bush erwartungsvoll entgegen, um die Kontinuität in
der Weltpolitik zu gewährleisten, die für alle Amerikaner von Interesse ist -von anhaltenden Fortschritten in
den Nahost-Friedensgesprächen, der Vollendung der
Verhandlungen über die Einzelheiten des Rüstungskontrollabkommens START II und weiteren Fortschritten in den Welthandelsgesprächen bis zur Stärkung
der beginnenden Demokratie in Rußland, zu den
Bemühungen für eine friedliche Lösung der Konflikte

AMERIKA DIENST 44

in den Republiken des ehemaligen Jugoslawiens und
zur Hilfe für die Opfer der Hungersnot in Somalia.
Darüber hinaus freue ich mich, die schwere und lebenswichtige Aufgabe der Wiedergewinnung unserer wirtschaftlichen Stärke in Angriff zu nehmen. Heute sage
ich zu unseren Entscheidungsträgem in Finanzwelt
und Wirtschaft, daß wir uns trotz des sich am Horizont
abzeichnenden Wandels der Notwendigkeit bewußt
sind, beim Streben nach Wachstum auch Stabilität
anzustreben. Die von mir gewollten Veränderungen
werden die Marktsysteme der Vereinigten Staaten
stärken und nicht schwächen. Und den Bürgern
unserer großen Nation, denen wir versprechen, jeden
Morgen aufzustehen und hart für die wirtschaftlichen
Chancen zu kämpfen, die das Kernstück der ClintonGore-Kampagne bildeten, sage ich, daß die Aufgabe
bereits begonnen hat. Sie wird nicht einfach sein, aber
wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um
Wachstum, Arbeitsplätze und Einkommen des amerikanischen Volkes wiederherzustellen.
Darüber hinaus möchte ich auf die Risiken und Chancen der kommenden Monate und Jahre hinweisen.
Der Kalte Krieg ist gewonnen. Heute haben wir die
Chance, einen neuen Frieden aufzubauen. Wir sind in
eine Weltwirtschaft eingetreten. Heute haben wir die
Möglichkeit, seine auf Wettbewerb beruhenden Herausforderungen zu bewältigen anstatt zu gestatten,

Seite 1

�daß diese Veränderungen unsere Stärke untergraben.
Wir sind ein vielfältiges Volk mit verschiedenen Hautfarben, Sprachen und Überzeugungen geworden. Heute
haben wir die Pflicht zu gewährleisten, daß unsere
Vielfalt für uns alle hier im Inland sowie in der ganzen
Welt eine Quelle der Stärke und des Stolzes ist. Wir
sind zu einer Nation von 250 Millionen Amerikanern
geworden. Heute haben wir die Chance und die Pflicht
zu gewährleisten, daß wir nicht einen unter diesen 250
Millionen zurücklassen, während wir auf das nächste
Jahrhundert zugehen.

nehmer und Unternehmer, die das Lebenselixier
Amerikas sind, des Stolzes für die Männerund Frauen,
die Amerikas Uniform tragen, sowie des Stolzes für die
Völker anderer Länder, die heute in Freiheit oder in
Furcht leben und die aus den Idealen Amerikas Stärke
beziehen und unsere Vision von einer friedlichen und
wohlhabenderen Welt teilen.

Amerika hat mich aufgefordert, unser nächster Präsident zu sein, aber unsere Vorfahren appellieren in
diesem Augenblick an uns alle, ihre Bemühungen, ihre
Opfer, ihre Ideale und ihr Leben zu ehren, indem wir
Wir sind in ein Zeitalter großer Herausforderungen und hart arbeiten, indem wir zusammenarbeiten, um diese
außergewöhnlicher Chancen für unser Land eingetre- gute und große Nation zu verbessern, für unsere
ten. Ich bin zuversichtlich, daß wir es zu einer Zeit des Kinder und deren Kinder in demselben Maß, wie es
Stolzes in unserer Geschichte machen können - des unsere Vorgänger taten. Sie fordern uns auf, unsere
Stolzes für die Familien, die die nächste Generation Träume und unsere Hoffnungen zu verwirklichen.
dieses Landes aufziehen, des Stolzes für die Arbeit-

* * * *

*

•

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AMERIKA DIENST 44

�GUS - HILFE
4. November 1992

NEUE AMERIKANISCHE INITIATIVEN BEI
KONFERENZ IN TOKIO BEKANNTGEGEBEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die Vereinigten Staaten haben bei der Konferenz über Hilfe für die GUS in Tokio am 29. Oktober 1992 sechs neue
Initiativen bekanntgegeben, um die neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu unterstützen.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht des US-Außenministeriums zu diesen Initiativen.
Die Vereinigten Staaten werden eine umfangreiche
humanitäre Initiative durchführen, um bei der Bereitstellung des lebenswichtigen Bedarfs an Nahrungsmitteln und Medikamenten in der GUS in diesem Winterzu helfen. Das Nothilfepaket mit Nahrungsmittelhilfe im Umfang von 260 Millionen Dollar und Medikamenten in Höhe von 14 M illionen Dollar wird den sozial
schwächsten Gruppen in der GUS gewidmet sein.

Aktion Hoffnung III

Obwohl wir der Meinung sind, daß nur umfassende
Reformen das Wirtschaftswachstum garantieren können, das künftiges menschliches Leid verhindern kann,
engagieren wir uns nach wie vor für unverzügliche
Schritte zur Deckung humanitärer Bedürfnisse und zur
Unterstützung von Reformen. Als Beitrag zur multilateralen humanitären Hilfsaktion dieses Winters planen
Wir werden unsere Bemühungen intensivieren, um die Vereinigten Staaten die Vergabe von Nahrungsmitpolitische und wirtschaftliche Reformen in der GUS zu telhilfe und Medikamenten in Höhe von mindestens
unterstützen, indem wir fünf neue Initiativen zur Ge- 260 Millionen Dollar. Die Vereinigten Staaten werden
währung von technischer Hilfe starten. Dazugehören:
- in diesem Winter Nahrungsmittelhilfe für über 260
die Einrichtung eines mit mindestens 65 Millio- Millionen Dollar liefern, die speziellen Bevölkerungsnen Dollar ausgestatteten Unternehmensfonds gruppen in Regionen zugutekommen soll, in denen
in Rußland und der Ukraine.
Grundnahrungsmittel knapp sind oder angesichts
schlechter lokaler Produktionskapazitäten beziehungsein Austauschprogramm im Umfang von 50 weise Störungen bei der Verteilung knapp werden
Millionen Dollar.
dürften. Darüber hinaus wird Nahrungsmittelhilfe für
ausgewählte städtische Gebiete bereitgestellt werein Programm in Höhe von 8 Millionen Dollar,
den, in denen das Potential für steigende Arbeitslosigdas demokratische Regierungsformen auf Gekeit und Inflation sowie die Zahl von Rentnern hoch
meindeebene zum Inhalt hat (Local Democratic sind.
Govemance).
ein Umweltschutzprogramm in Höhe von 35 - Der Großteil der Nahrungsmittelhilfe wird an Städte in
Millionen Dollar (Partnership for the Environ- Nordrußland, dem Fernen Osten sowie Regionen im
Ural und im Kusbas geliefert werden.
ment).
Ein Programm zur Unterstützung der Familien
von Angehörigen der Streitkräfte.
Diese sechs Initiativen zielen ebenso wie bereits laufende Programme darauf ab, unsere Unterstützung
von Reformen und Reformern in der GUS auszubauen. Wir werden weiterhin mit unseren internationalen
Partnern in den neu gebildeten Konsultativgruppen
zusammenarbeiten um zu gewährleisten, daß Demokratisierung und marktwirtschaftliche Reformen in der
GUS Erfolg haben.
AMERIKA DIENST 44

-Mindestens 70 Millionen Dollarwerden durch Verkäufefinanziert. Die auf diese Weise aufgebrachten Mittel
werden für die Unterstützung von Rentnern und anderen Personen mit festem Einkommen eingesetzt, die
unter den gegenwärtig stattfindenden Wirtschaftsreformen besonders leiden.
- Lieferung überschüssiger Bestände des Verteidigungsministeriums. Die Lieferung von 9.000 Tonnen
überschüssiger Militärverpflegung im Wert von 20
Millionen Dollar sowie vier Millionen Fertiggerichten im
Seite 1

�Wert von rund 18 Millionen Dollar wurde bereits aufgenommen.

durch Schuldenaufnahme oder Aktienausgabe
Kapital für kleine und mittlere Privatunternehmen in Rußland und der Ukraine beschaffen;

- Durchführung eines medizinischen Hilfeprogramms.
Die Vereinigten Staaten werden die zweite Tranche
ein besonderes "Fenstei der Rüstungskonvereines zweistufigen medizinischen Hilfsprogramms in
sion" einrichten, um in diesem Schlüsselbereich
Höhe von 20 Millionen Dollar in diesem Winter bereitverstärkt Unterstützung zu gewähren;
stellen. Mit dem Programm sollen kritische Engpässe
bestimmte Formen technischer Hilfe in Rußland
bei grundlegenden Medikamenten und medizinischen
und der Ukraine bereitstellen sowie als Mittler
Bedarfsartikeln gelindert werden. Darin enthalten sind
für finanzielle Hilfe aus Drittländern dienen, wie
Antibiotika zur Behandlung von Atemwegserkrankunbereits im Falle anderer Unternehmensfonds
gen und anderen Infektionskrankheiten, Impfstoffe für
üblich ist.
die Immunisierung von Kindern und alten Menschen
gegen lebensbedrohende Krankheiten, Medikamente
zur Behandlung von Kreislauf erkrankungen und Krebs Die amerikanische Regierung ermutigt die Europäisowie Einweghandschuhe und -spritzen zur Eindäm- sche Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sowie
andere Geberländer und private Investoren zu einer
mung der Verbreitung von Infektionen.
Beteiligung.
- Im Rahmen der ersten Tranche von 6 Millionen Dollar Local Governance Program
haben die Vereinigten Staaten Impfstoffe gegen Masern,
Tetanus, Polio und Diphterie sowie einschlägige Be- Die Vereinigten Staaten werden ein mit 8 Millionen
darfsartikel angekauft, um 520.000 Kleinkinder in Dollar ausgestattetes Programm für die öffentliche
Turkmenistan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbeki- Verwaltung aufnehmen, das auf die Stärkung lokaler
stan sowie weitere 261.000 Kinder in Armenien und Verwaltungen ausgerichtet ist. Mit diesem Programm
der Ukraine zu immunisieren.
werden reformorientierte Oblasts und Gemeinden bei
der Entflechtung öffentlicher und privater Funktionen
- Die verbleibenden 14 Millionen Dollar werden einge- unterstützt, um soziale Dienstleistungen für alle Einsetzt, um diesen Winter dringend benötigte Medika- wohner zu gewährleisten und das Wachstum des
mente und medizinische Bedarfsartikel in alle 12 Privatsektors zu fördern. Verwaltungsbeamte sollen
unabhängigen Staaten zu liefern.
im Einsatz moderner Finanzverwaltungssysteme
geschult
werden, um angesichts der begrenzten Mittel
- Unterstützung der Partnerschaft zwischen öffentlifundierte
Verwaltungsentscheidungen treffen zu könchem und privatem Sektor. Die amerikanische Regie nen.
Darüber
hinaus soll die Ausstattung lokaler
rung wird logistische Unterstützung, Transportmittel
Verwaltungen
verbessert
werden. Im Verein mit
und Fachwissen bereitstellen, um Hilfsbemühungen
Maßnahmen
im
Energiesektor,
bei Wohnungsbau,
der Privatwirtschaft und nichtstaatlicher OrganisatioPrivatisierung
und
Entwicklung
mittelständischer
Unnen für die unabhängigen Staaten in diesem Winter zu
icinenmen
Kann
mec
3s
Programm
dazu
beitragen,
unterstützen.
lokalen Behörden mehr Einfluß zu sichern und die
- Über 5.000 Tonnen Nahrungsmittel im Wert von 24,3 Grundlage für eine effektive Verwaltung legen. Dabei
Millionen Dollar sowie 1.593 Tonnen Medikamente werden die Vereinigten Staaten insbesondere
und medizinische Bedarfsartikel im Wert von 25 MillioBerater vor Ort stationieren. Die Vereinigten
nen Dollar sind seit Januar in Städte in den gesamten
Staaten werden Berater langfristig in ausgeunabhängigen Staaten geliefert worden.
wählte Städte in den neuen unabhängigen Staaten entsenden, um vorwiegend in Bereichen wie
Unternehmensfonds für Rußland und die Ukraine
Finanzverwaltung und städtisches HaushaltsDie Vereinigten Staaten werden russisch-amerikaniwesen Unterstützung zu gewähren.
sche und ukrainisch-amerikanische UnternehmensAusbildung von Verwaltungsbeamten. Amerifonds einrichten. Die Unternehmensfonds werden
kanische Verwaltungsexperten werden Ausbilsich an ähnlichen, von der Administration für mehrere
dungsseminare und Workshops über VerwalStaaten Mittel- und Osteuropas eingerichteten Fonds
tungsfragen für städtische Bedienstete in den
orientieren, die sich als äußerst erfolgreich bei der
neuen unabhängigen Staaten abhalten. Wo
Förderung der Entwicklung des Privatsektors erwiedies als geeignet erscheint, werden wir uns um
sen haben. Die beiden Fonds werden auf drei Jahre
die Stärkung lokaler Institute und neugegründemit mindestens 65 Millionen Dollar jährlich ausgestatter Schulen für öffentliche Verwaltung und Betet. Jeder Unternehmensfonds wird
triebswirtschaft bemühen.
von einem Vorstand aus Bürgern der VereinigBereitstellung von Gerät. In bestimmtem Umten Staaten und Rußland oder der Ukraine
fang werden Gerät und Software bereitgestellt,
geleitet werden;
um die Informationsinfrastruktur auf Gemeindeebene zu verbessern.
Seite 2

AMERIKA DIENST 44

�Austauschprogramme
Eine der besten Hilfsmöglichkeiten für die neuen
unabhängigen Staaten bietet die Plazierung westlicher
Experten vor Ort und die Entsendung von Russen,
Ukrainern, Kasachen, Armeniern und Angehörigen
der anderen Völker der neuen unabhängigen Staaten
in die Industrieländer, um an deren Erfahrungen und
Fachwissen teilzuhaben. Aus diesem Grund werden
die Vereinigten Staaten 1993 50 Millionen Dollar für
Austauschprogramme bereitstellen. Diese Austauschprogramme werden ebenso wie die daraus entstehenden Vorteile in beiden Richtungen wirken.
Das US-Informationsamt (United States Information Agency) wird ein Austauschprogramm
für höhere Schulen im Wert von 20 Millionen
Dollar durchführen, das Aufenthalte zwischen
einem Monat und einem Jahr vorsieht.
Wir erwarten die Ankunft der ersten Teilnehmer
an diesem Programm in den Vereinigten Staaten im Februar.
Die Vereinigten Staaten werden ein Programm
in Höhe von 30 Millionen Dollar durchführen, um
ein breites Spektrum von Austauschmaßnahmen zu unterstützen, das unter anderem College- und Universitätsstudenten, Verwaltungsfachleuten, Führungskräften der Wirtschaft,
Landwirtschaftsfachleuten, Ärzten, Wissenschaftlern, Parlamentariern, Richtern, Diplomaten,
Journalisten und anderen Akademikern zugutekommen wird.
Partnership for the Environment
Um zu gewährleisten, daß Umweltschutz mit den
wirtschaftlichen und demokratischen Reformen Hand
in Hand geht, werden die Vereinigten Staaten eine auf
vier Jahre angelegte Umweltschutzinitiative in Höhe
von 35 Millionen Dollar ins Leben rufen, die sowohl auf
nationaler Entscheidungsebene als auch in sorgfältig
ausgewählten Regionen der GUS durchgeführt werden soll. Diese Initiative wird die drei wichtigsten
Gruppen unterstützen, die Verantwortung für einen
soliden Umgang mit der Umwelt tragen: Regierung,
Privatwirtschaft und verantwortungsbewußte Bürgerorganisationen. Das Programm wird sich drei Bereichen widmen:
Umweltpolitik und Aufbau von Institutionen: In
Zusammenarbeit mit wichtigen Entscheidungsträgern in den Ministerien für Umweltschutz und
Rohstoffe sowie deren Partnern in der Legislative werden vor Ort stationierte sowie reisende
Berater an der Entwicklung neuer Umwertschutzmaßnahmen, -gesetze und -Vorschriften mitwirken und Ausbildungsprogramme organisieren
und durchführen, um im Umweltbereich tätige
Verwaltungsinstitutionen zu stärken.

AMERIKA DIENST 44

Technische Zusammenarbeit: In enger Zusammenarbeit mit Weltbank, EBWE und anderen internationalen Institutionen werden die Vereinigten Staaten Regionen mit erheblichen Umweltproblemen nach Dringlichkeit der erforderlichen
Maßnahmen auswählen. Amerikanisches Knowhow wird bereitgestellt werden, um die medizinischen und ökonomischen Kosten von Umweltbelastungen in ausgewählten Regionen zu
bestimmen und durch Referenztechniken neue
Maßnahmen und Verfahren zur Verbesserung
der Umweltqualität zu entwickeln.
Umweltpolitische Rechenschaftspflicht: Die
Vereinigten Staaten werden Partnerschaften
zwischen privaten amerikanischen Umweltorganisationen und deren Partnern in den neuen
unabhängigen Staaten unterstützen, um ihre
Fähigkeiten im Management zu stärken und das
öffentliche Bewußtsein für Umweltprobleme zu
schärfen.
Unterstützung für die Familien von Angehörigen
der Streitkräfte
Familienangehörige von Offizieren, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und den baltischen Staaten
heimkehren, gehören zu den gefährdeten Gruppen der
Gesellschaft. Für die im aktiven Dienst verbleibenden
Offiziere wird es ebenso wie für die ausscheidenden
eine Übergangsperiode geben, in der ihre sozialen
Stützungssystemeunterdasgewohnte-und in einigen
Fällen - akzeptable Niveau fallen werden. Private
gemeinnützige Organisationen engagieren sich dafür,
den verletzbarsten Familien mit humanitärer Hilfe,
medizinischer Versorgung, Umschulung und Umsiedlung zu helfen. Die Vereinigten Staaten werden
Verbindungen und Partnerschaften zwischen
internationalen gemeinnützigen Privatorganisationen und einheimischen Gruppen in Rußland
fördern, um die Lebensqualität für die Familien
von Soldaten zu verbessern und wertvolle Fortbildung bei sozialen Dienstleistungen gewähren;
russische Privatorganisationen bei der Förderung von Selbsthilfegruppen auf Stützpunkten
und in Gemeinden unterstützen, die von der
Militärpräsenz beeinflußt werden. Diese Selbsthilfegruppen könnten Programme fördern, die
erforderliche soziale Dienstleistungen für Kinder von Zivilpersonen ebenso wie für Kinder von
Militärangehörigen bereitstellen können;
Durchführung von Gemeinschaftsprojekten wie
Kampagnen zur Schutzimpfung von Kindern,
mobile diagnostische Teams, Ausbildungsprogramme für ehrenamtliche Helfer in Sozialarbeit
und Kinderbetreuung, Fähigkeiten für ehrenamtliche Arbeit auf Gemeindeebene, Informations-

Seite 3

�dienste zur Hilfe für Familien, die besondere
BikJungsmaßnahmen oder medizinische Hilfe

* * * *

Seite 4

benötigen sowie Unterstützung für Vermittlungsdienste für ausscheidende Soldaten in den wichtigsten Städten.
*

AMERIKA DIENST 44

�RUSSLAND
4.November 1992

WARUM DIE VEREINIGTEN STAATEN EIN
STARKES RUSSLAND WOLLEN
von Paul Wolfowitz
Der Verfasser ist Staatssekretärfür politische Fragen im amerikanischen Außenministerium. DerfolgendeArtikel
ist ein Auszug aus seiner jüngsten Rede bei der Konferenz des Zentrums für strategische und internationale
Studien in Moskau.
Rußland befindet sich gegenwärtig in einer Zeit großer
Reformen und wachsender Demokratie. Was wir im
letzten Jahr gesehen haben, reflektiert ein beharrliches Verständnis dessen, was eine demokratische
Zukunft bedeuten wird. Die langen Jahre totalitärer
Herrschaft haben den Mut und die Sehnsucht des
russischen Volkes nach Freiheit nicht ausgelöscht.
Und das russische Volk, das so schwer unter dem
Kommunismus gelitten hat, ist jetzt dabei, ein besseres Leben zu schaffen. Es ist ein Leben, das es
verdient.

bevorzuge. Man könnte denken, vor allem das Pentagon würde ein Rußland vorziehen, das seinen Problemen nicht entkommen kann. Das ist nicht der Fall. Ich
möchte ganz deutlich die Gründe hierfür darlegen.

Wie Verteidigungsminister Cheney vor dem amerikanischen Kongreß gesagt hat: "Es steht enorm viel auf
dem Spiel. Wenn Rußland, die Ukraine und die
anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu einem neuen, auf westlichen Werten basierenden Staatsund Wirtschaftsystem übergehen, dann wird meiner
Meinung nach das nächste Jahrhundert wahrscheinlich von Frieden und Wohlstand gekennzeichnet sein.
Gelingt das nicht, dann werden wir uns mit sehr vielen
Problemen für unsere Sicherheit konfrontiert sehen."

In Wahrheit wäre ein starkes, aber undemokratisches
Rußland ein großes Problem für uns und den Westen,
für die Völker Rußlands, Eurasiens und des östlichen
Mitteleuropa wäre es jedoch sicherlich eine Tragödie.
Der Westen wäre vielleicht gezwungen, ähnlich viel für
Verteidigung auszugeben wie während des Kalten
Krieges: Wir würden uns vielleicht wieder einmal
großen Gefahren gegenübersehen. Aber die Hoffnungen der Völker Ru ßlands und in der Tat vielleicht sogar
der Nachbarn Rußlands würden sicherlich enttäuscht
- vielleicht für weitere 70 Jahre.

Erstens ist sogar ein "schwaches" Rußland stark genug,
um eine Gefahr darzustellen - sogar eine tödliche
Gefahr, und es ist viel wahrscheinlicher, daß es auf
gefährliche Art und Weise handelt.

Zweitens - was am wichtigsten ist - ist es langfristig am
wahrscheinlichsten, daß ein starkes Rußland durch
Ich möchte hier unmißverständlich sagen: Wir glau- demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
ben an dieses demokratische Rußland. Wir glauben entsteht - das ist die wichtigste Lektion der letzten 50
daran, daß Rußland als demokratische Nation auf die Jahre, und genau diese Reformen machen es wahrWeltbühne zurückkehrt. Wir wollen kein hohles oder scheinlich, daß Moskaus Stärke die Stärke unserer
von Krisen geschütteltes Rußland. Wir wollen ein demokratischen Verbündeten erhöhen und daher ebenso
wohlhabendes Rußland, einen Handelspartner, einen willkommen sein wird. Damit meinen wir jedoch nicht,
demokratischen Partner, ein Bollwerk der Sicherheit. daß unsere Interessen immer identisch sein, sondern
Ein durch seine demokratische Revolution gewandel- vielmehr, daß sie meistens übereinstimmen und diestes Rußland könnte eine wohltuende Wirkung auf die bezügliche Entscheidungen so getroffen werden, wie
Welt haben und der Sache des Friedens große Kraft es unserem gemeinsamen demokratischen Charakter
entspricht.
verleihen.

Manche stellen in Frage, ob der Westen wirklich
Rußlands Macht wiederhergestellt sehen möchte oder Während die Kosten eines starken, undemokratischen
ob der Westen nicht vielmehr ein schwaches Rußland Rußlands bekannt sind, gibt das Versprechen eines

AMERIKA DIENST 44

Seite 1

�starken, demokratischen Rußlands vier Jahrzehnten
der Opfer eine zusätzliche Bedeutung. Es würde dazu
beitragen, eine bessere, sicherere Welt zu schaffen.
Wir unterstützen also ein starkes Rußland, ein demokratisches Rußland, sowie starke Staaten auf dem
Gebiet des ehemaligen Warschauer Paktes. Wir
begrüßen eine starke, demokratische Ukraine und ein
starkes, demokratisches Polen. Wir schauen auf die
Balten, die Menschen in Belarus, die Tschechen,
Slowaken, Ungarn, Bulgaren und andere, um unsere
demokratische Gemeinschaft zu bereichem und zu
unserer gemeinsamen Sicherheit beizutragen. Jeder
kann einen großen Beitrag leisten.
Der russische Botschafter in den Vereinigten Staaten,
Wladimir Lukin, schrieb kürzlich über die Rolle der
Demokratie bei der Überwindung "der totalen Kontrolle
eines übermächtigen Staates...über die Gesellschaft
und die Mittel des Landes im Namen seiner engstirnig
egoistischen und manchmal expansionistischen Ziele." Die Demokratie ändert die Sichtweise einer Nation
gegenüber ihren nationalen Interessen und die Art und
Weise, sie zu schützen. Ein demokratisches Rußland
wird in der Gemeinschaft der demokratischen Nationen Unterstützung finden. Seine Staats- und Wirtschaftsreformen verbinden es auf natürliche Weise mit
anderen Demokratien.
Niemand bittet Rußland oder irgendeine andere Nation, ihrem einzigartigen Erbe den Rücken zuzukehren. Die demokratische Gemeinschaft ist nicht geschlossen. Sie ist eine Gemeinschaft der Prinzipien der Rechte des einzelnen, der in ihrer Macht beschränkten, parlamentarischen Regierungen und der
freien Märkte. Diese Prinzipien waren die Grundlage
für den Frieden und den Wohlstand, die verschiedene
Nationen auf der ganzen Welt vereinen. Wir begrüßen
Rußland nicht nur auf dem ihm zustehenden Platz am
Tisch, sondern wir glauben, daß der Erfolg Rußlands
für unsere eigenen Interessen wichtig ist.
Beim Aufbau unserer neuen Beziehungen müssen wir
- wie bereits in der Charta von Washington geschehen
- auf unsere gemeinsamen Prinzipien und Interessen
schauen. Einige Interessenkonflikte sind unvermeidlich, sogar zwischen den engsten Verbündeten. Aber
ich glaube, daß unsere beiden Länder möglicherweise
viel mehr vereint als trennt, und es wird, tragisch sein,
wenn das Trennende erneut die Oberhand gewinnt.
Es liegt bei den Russen, ihr eigenes nationales Interesse zu bestimmen. Aber wie sie das tun, wird den
Charakter ihrer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und anderen Demokratien entscheidend bestimmen.
Ein demokratisches Rußland hat mit den Vereinigten
Staaten gemeinsame Interessen und Perspektiven,
die von unseren Beziehungen in der Vergangenheit
verdeckt oder sogar in Gründe für einen Konflikt verkehrt wurden:

Seite2

1. Sogar auf der Höhe des Kalten Krieges hatten wir
ein gemeinsames Interesse an der Verhinderung eines Atomkrieges und trugen eine besondere Verantwortung hierfür. Aber der Wandel in unseren politischen Beziehungen hat den üi .arakter dieses gemeinsamen Interesses verändert und viele der arten Hindemisse bei seiner Wahrung beseitigt:
Wir haben im letzten Jahr mehr Fortschritte
beim Abbau von Atomwaffen gemacht als in
24jährigen Verhandlungen über die Kontrolle
von Atomwaffen. Dieser Abbau war wirklich
atemberaubend. Es wurden ganze Kategorien
von Waffen abgeschafft, die einst für unsere
nationale Sicherheit für unentbehrlich gehalten
wurden.
Nachdem wir von der fast zwanghaften Notwendigkeit befreit waren, uns auf die Möglichkeit
eines atomaren Angriffs vorzubereiten, konnten
wir die Alarmbereitschaft unserer Truppen sicher und auf eine Art und Weise reduzieren, die
die Gefahr von Fehleinschätzungen verringert.
Am wichtigsten ist, daß wir begonnen haben,
über Zusammenarbeit im Bereich der Verteidigung mit ballistischen Raketen zu sprechen,
und damit unser gemeinsames Interesse an
einem Schutz vor begrenzten Angriffen anerkannt haben. Es bleiben zwar noch wichtige
Differenzen im Hinblick auf den ABM-Vertrag,
aber wir glauben, daß eine Einigung möglich
sein sollte.
2. Unsere beiden Länder betrachten die Welt aus
breiter Perspektive. Aufgrund geographischer und
anderer Faktoren haben wir beide ein großes Interesse an kritischen Regionen in der Welt, insbesondere
Europa, das nordöstliche und südwestliche Asien. In
der Vergangenheit standen diese Interessen oft in
Konflikt, aber mit einem demokratischen Rußland
verschwinden viele, wenn nicht alle, diese Konflikte,
und es öffnen sich wichtige Bereiche der Zusammenarbeit.
Wir sind beide pazifische Nationen und wir
haben ein gemeinsames Interesse an der
Wahrung der Stabilität im nordöstlichen Asien.
Unsere politischen Maßnahmen in Korea sind in
zunehmendem Maße darauf gerichtet, gleichzeitig eine friedliche Evolution auf der Halbinsel
zu unterstützen und den Bestrebungen Nordkoreas im Bereich der Atomwaffen Einhalt zu
gebieten. Wir glauben, daß unsere Sicherheitsbeziehung mit Japan die Stütze für Stabilität in
der Region bleibt, und es gibt keinen Grund für
ein demokratisches Rußland, sich davon bedroht zu fühlen. Und wir haben beide ein Interesse an einer Entwicklung Chinas in der Richtung entwickelt, daß seine wachsende Wirtschaftsmacht zum Nutzen des chinesischen
Volkes und nicht für militärische Zwecke einge-

AMERIKA DIENST 44

�setzt wird. Und natürlich teilen wir beide das
Risiko, falls in Asien eine gefährliche Fehlentwicklung eintritt.
Die erste Errungenschaft ist nicht selbstverständlich.
Die Integration der liberalen Demokratien unter der
Führung der Vereinigten Staaten in ein historisch
einmaliges System der kollektiven Verteidigung ist
eine der großen Errungenschaften der letzten 40 Jahre.
Zumindest jetzt ist esuns in Nordamerika, Westeuropa
und Japan gelungen, eine "Zone des Friedens" zu
schaffen, innerhalb derer - so kann man wohl sagen ein Krieg wirklich unvorstellbar ist. Angesichts der
Geschichte des 20. Jahrhunderts ist das eine nicht zu
verachtende Leistung - und sie zu bewahren, ist ein
Ziel von größter Bedeutung.
Wir werden dies tun, weil es in unserem eigenen
Interesse liegt, aber ich glaube, es liegt auch im
Interesse Rußlands und der anderen neuen Demokratien Europas. Es ist eine Ironie des Endes des Kalten
Krieges, daß die NATO und andere integrierende
Institutionen Westeuropas eine Stabilität einbringen,
die auch den Interessen Rußlands dient.
Vielleicht liegt die größte aller Herausforderungen darin,
jene demokratische "Zone des Friedens" so auszuweiten, daß die neuen Demokratien mit einbezogen werden. Wir wollen, daß die gewaltigen Veränderungen in
Europa die Stabilität, den Frieden und den Wohlstand
auf dem gesamten Kontinent fördern. Wir wollen nicht
herausfinden müssen, daß wir eine Mauer abgerissen
haben, nur um eine andere zu errichten, die Europa in
eine stabile und eine instabile Hälfte teilt.

Aber es gibt mehr als genug Probleme, die uns daran
erinnern, wie dünn die Trennlinie zwischen diesen
beiden Situationen sein kann und wie schwierig es ist,
zurückzugehen, wenn man diese Linie einmal überschritten hat.
Einige Nationen sind von einer natürlichen ethnischen
Exklusivität gekennzeichnet, aber viele Staaten, insbesondere im heutigen Europa, sind ethnisch gemischt. In solchen Staaten kann ethnischer Stolz eine
Quelle der Stärke und der Leistung sein, aber von
ethnischer Exklusivität bis zu ethnischem Haß kann es
nur ein kleiner Schritt sein. Ethnischer Haß enthält das
Potential für Gewalt und Tragödie, oder - was am
schlimmsten ist - für entsetzliche Verbrechen, wie die
"ethnischen Säuberungen", die wir heutzutage erleben.
Die Vereinigten Staaten sind in ethnischer Hinsicht
mannigfaltig. Wir halten solche Vielfalt für eine Quelle
großer Stärke im Inland und bei unseren Beziehungen
innerhalb einer immer kleiner werdenden Welt. Zweifellos bringt solche Vielfalt Probleme mit sich, die wir
noch lange nicht völlig gelöst haben, aber wir zählen
ihre Vorzüge zu unseren größten Reichtümern.

Da wir die schwierige Seite von ethnisch begründeten
Problemen kennen, wissen wir, daß es keine einfachen Antworten gibt. Aber es gibt einige klare Lehren.
Regierungen können ethnischem Haß nicht über Nacht
Einhalt gebieten, aber Regierungen müssen die Pflicht
akzeptieren, ihn unter Kontrolle zu bringen, und die
Regierungen, die den Haß schüren, tragen eine Verantwortung, die eine Generation des Blutvergießens
nicht löschen kann. Sind diese Brände einmal entzünRußland knüpft Beziehungen zu einer Reihe von neuen det, kann niemand sagen, wo sie enden oder wen sie
Staaten an, die früher Teil des russischen oder sowje- verbrennen werden.
tischen Imperiums waren. Um das vielleicht wichtigste
Beispiel anzuführen: Rußland und die Ukraine, die Aus diesem Grund haben wir ein gemeinsames Intereine Anzahl von gemeinsamen kulturellen und sprach- esse daran, daß die Menschenrechte aller respektiert
lichen Wurzeln haben, gehen in der Welt verschiedene werden. Der Schutz der Menschenrechtserklärung
Wege. Wir erkennen an, daß zwischen Rußland und der Vereinten Nationen, der Schlußakte von Helsinki
der Ukraine noch viele schwierige und schmerzhafte oder anderer KSZE-Abkommen und internationaler
Angelegenheiten gelöst werden müssen. Aber als Abkommen über Menschenrechte gilt für alle Völker.
außenstehende Beobachter können wir nur die kon- Es gibt wirklich keine zivilisierte Alternative zur Sichestruktive und geschäftsmäßige Art und Weise bewun- rung der fundamentalen Menschenrechte für jeden.
dern, in der die Präsidenten Jelzin und Krawtschuk und
ihre Kollegen bereits an der Lösung von Fragen gear- 3. Schließlich haben wir ein gemeinsames Interesse
beitet haben, bei denen ein Konsens nicht leicht zu am wirtschaftlichen Wohlstand des anderen. Wir
erreichen war. Eine Fortsetzung dieses friedlichen wollen das unsere tun, um Rußland bei dem schwieriAnsatzes zur Lösung von Differenzen wird einen ent- gen Übergang zu einer Marktwirtschaft zu helfen. Bei
scheidenden Einfluß auf die Beziehungen Rußlands den Treffen der G-7-Staaten während der letzten zwei
mit dem Westen haben. Aber sie wird eine noch viel Jahre war man bemüht, Rußland technische Mittel zur
wichtigere Auswirkung auf Rußlands eigene Hoffnun- Gewährleistung weiterer Hilfe für die Übergangszeit
gen auf Wohlstand und demokratischen Fortschritt und ein wichtiges 24-Milliarden-Dollar-Programm für
wirtschaftliche Hilfe zur Verfügung zu stellen. Durch
haben.
das Freedom Support Act haben die Vereinigten StaaEs gibt einen dramatischen Unterschied zwischen der ten Milliarden Dollar an bilateraler Unterstützung und
ethnischen Gewalt, die das ehemalige Jugoslawien Beiträgen zu multilateralen Hilfsinstitutionen bewilligt,
zerreißt, und dem ethnischen Frieden, der großenteils die in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion fließen.
zwischen Rußland und seinen Nachbarn herrscht.

AMERIKA DIENST 44

Seite 3

�Aber die größte Verantwortung für die Zukunft Rußlands liegt bei den Russen. Es ist ein schwieriger
Prozeß, den keine Nation zuvor durchlaufen hat. Der
letzte Fluch einer kommunistischen Wirtschaft, die
Rußland verarmen ließ, ist der Mangel an Mitteln oder
an einem juristischen Rahmen, die den Schmerz des
Übergangs zu einem System der freien Marktwirtschaft lindern könnten, das Rußland verjüngen kann,

Es gibt keine Landkarten, aber es gibt einige grundlegende Wegbeschreibungen als Leitfaden. Letztlich
wird nurderfreie Markt Wohlstand bringen, und nurdie
Kräfte eines freien Marktes in einem geeigneten juristisehen Rahmen werden Rußland weiterbringen. Im
Westen muß man sich davor hüten zu predigen, aber
es liegt in unserem eigenen Interesse, soviel zu helfen
wie wir können.

* * * *

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•

Seite 4

AMERIKA DIENST 44

�START
4. November 1992

START-VERTRAGSPARTNER VEREINBAREN
VERFAHRENSREGELN FÜR JCIC
Gemeinsame Presseerklärung
GENF - (AD) - Die fünf Vertragsparteien des START-Abkommens überdie Reduzierung strategischer Kernwaffen haben am 23. Oktober 1992 in Genf eine Vereinbarung überdie Verfahrensregeln unterzeichnet, die bei der
Führung des Gremiums zur Überwachung der Durchführung des Vertrages - der Gemeinsamen Einhaltungsund Inspektionskommission (Joint Compliance and Inspection Commission - JCIC) - angewandt werden sollen.
"Diese Vereinbarung ist das erste multilaterale Abkommen, das in der JCIC unterzeichnet wird", heißt es
in einer gemeinsamen Presseerklärung zur Unterzeichnung, die in der US-Mission in Genf stattfand. "Es
erlaubt der JCIC, ihr Mandat zur Förderung der Ziele
und der effektiven Durchführung des (START)-Vertrages auszuüben."
Der START-Vertrag war in Genf ausgehandelt und im
Juli 1991 in Moskau von den Vereinigten Staaten und
der damaligen Sowjetunion unterzeichnet worden. Nach
dem Zerfall der Sowjetunion in unabhängige Staaten
arbeiteten die Vereinigten Staaten und Rußland, die
Ukraine, Belarus und Kasachstan - die vier ehemaligen Sowjetrepubliken, auf deren Territorium strategische Waffen stationiert sind - Abmachungen aus, um
die vier neuen Länder zu Vertragsparteien des STARTVertrages zu machen. Ein Protokoll in diesem Sinne
wurde am 23. Mai 1992 in Lissabon unterzeichnet.
Seine Bestimmungen verwiesen auf die Notwendigkeit, daß sich alle fünf Parteien auf Verfahrensregeln
zur Leitung der JCIC verständigen.
"Die heute unterzeichnete Vereinbarung stellt die
Grundlage bereit, auf der sich alle Parteien an der JCIC
beteiligen", heißt es in der Presseerklärung, deren
Text wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen:

Heute haben die Vereinigten Staaten von Amerika, die
Republik Belarus, die Republik Kasachstan, die Russische Föderation und die Ukraine eine Vereinbarung
über die neuen Verfahrensregeln unterzeichnet, die
den Betrieb der Gemeinsamen Einhartungs- und Inspektionskommission (JCIC) regeln.

Die JCIC wurde gemäß dem Vertrag zwischen den
Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Reduzierung und Begrenzung von strategischen Offensivwaffen (START) vom 31. Juli 1991 gegründet. Die JCIC
ist zuständig für die Lösung von Problemen in bezug
auf die Einhaltung der vertraglich eingegangenen
Verpflichtungen, die Vereinbarung zusätzlicher Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensfähigkeit und
Wirksamkeit des Vertrages und die Lösung von Fragen im Hinblick auf die Anwendung der einschlägigen
Bestimmungen des Vertrages.
Die neue Vereinbarung überdie Verfahrensregeln der
JCIC, die von den fünf Parteien bei Treffen in Kiew und
Genf entwickelt wurde, anerkennt und berücksichtigt
die politischen Veränderungen, die mit der Entstehung
neuer unabhängiger Staaten auf dem Territorium der
ehemaligen Sowjetunion einhergingen und liefert den
Mechanismus für die Beteiligung aller fünf Parteien an
der JCIC. Damit wird eine Voraussetzung des Lissaboner Protokolls vom 23. Mai 1992 erfüllt, das die
Beteiligung der Republik Belarus, der Republik Kasachstan, der Russischen Föderation und der Ukraine
an der JCIC als Parteien zum START-Vertrag vorsieht. Die heute unterzeichnete Vereinbarung stellt die
Grundlagebereit, auf der sich alle Parteien an der JCIC
beteiligen.
Diese Vereinbarung ist das erste multilaterale Abkommen, das in der JCIC unterzeichnet wird. Es erlaubt
der JCIC, ihr Mandat zur Förderung der Ziele und der
effektiven Durchführung des Vertrages auszuüben.

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Seite 1

�VIETNAM
4. November 1992

BUSH: ABKOMMEN ZWISCHEN USA UND VIETNAM
ÜBER VERMISSTE/KRIEGSGEFANGENE
"BEDEUTSAM"
Schritte zur Verbesserung der Beziehungen erwogen
WASHINGTON - (AD) - Die Öffnung vietnamesischer
Militärarchive für amerikanische Ermittler markiert einen
"bedeutsamen Anfang" dabei, "das letzte Kapitel des
Vietnamkriegs zu schreiben", erklärte Präsident Bush
am 24. Oktober 1992.
Nach einer Unterrichtung über die jüngsten Bemühungen zur vollständigen Ermittlung der amerikanischen
Opfer des Krieges erklärte der Präsident vor einem im
Rosengarten des Weißen Hauses versammelten
Publikum, er werde Sondierungen darüber aufnehmen, "welche zusätzlichen Schritte" die Vereinigten
Staaten zur Verbesserung der Beziehungen mit Hanoi
unternehmen können.
Als Teil des Prozesses im Hinblick auf bessere Beziehungen in der Zukunft hat Washington dem Präsidenten zufolge "den von Flutkatastrophen betroffenen
Gebieten Vietnams sehr bescheidene Katastrophenhilfe zur Verfügung gestellt" und begonnen, mit den
Vietnamesen "Möglichkeiten zu erarbeiten, um diejenigen zu identifizieren", die von Hanoi als vermißt
gemeldet werden. Die Vereinigten Staaten werden
darüber hinaus weitere Hilfe für Kriegsbeschädigte
bereitstellen.

Vorsitzenden des Ausschusses der sich mit den
Ermittlungen zur Aufklärung des Schicksals von rund
2.265 Amerikanern beschäftigt, begleitet.
Kerry betonte zwar, daß diplomatische Schritte in die
Zuständigkeit des Präsidenten fallen, meinte jedoch,
es sei notwendig, zwischen der Aufhebung des bestehenden Wirtschaftsembargos gegen Hanoi und der
Herstellung normaler diplomatischer Beziehungen zu
unterscheiden. Er kenne niemanden in seinem Ausschuß, der "es befürwortet, morgen oder nächste
Woche (die Beziehungen) automatisch zu normalisieren, was die Vergabe von Krediten, (Aufnahme in) den
Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und so
weiter impliziert. Viele unter uns sind jedoch der
Meinung, daß wir auf Gegenseitigkeit beruhende Schritte
unternehmen müssen, die den von Vietnam unternommenen Schritten Rechnung tragen."
Ohne auf Einzelheiten einzugehen, fügte Kerry hinzu,
es gebe "Dinge, die wir tun können, insbesondere im
Hinblick auf das Embargo, die unsere Beziehungen
sehr verbessern und ... diesen Informationsfluß fördern würden". Er erwarte, daß Bush Schritte unternehmen werde um sich zu revanchieren, bezweifle aber,
daß der Präsident "kurzfristig" eine völlige Normalisierung gestatten werde.

"Ich bin überzeugt", so Bush, "daß wir beginnen können, das letzte Kapitel des Vietnamkrieges zu schreiben. Ich möchte betonen, daß dies nur ein Anfang ist, McCain bezeichnete es als "äußerst voreilig", eine
Aufhebung des Embargos zum jetzigen Zeitpunkt in
aber es ist ein bedeutsamer Anfang."
Betracht zu ziehen. Er gehe davon aus, daß WashingDer Präsident äußerte sich nach einem Treffen mit ton bereit sei, "den Vietnamesen in gewissem Umfang
General a.D. John Vessey, seinem Sonderbeauftrag- Hilfe zu leisten". Er führte die Tatsache an, daß "es
ten zur Aufklärung des Schicksals von Amerikanern, südvietnamesische Soldaten gibt, die immer noch
die in Vietnam, Laos und Kambodscha gefangenge- keine Prothesen (für fehlende Gliedmaßen) haben. In
nommen wurden oder als vermißt gelten. Der General diesem Bereich würden wir gerne helfen. Es gibt
war zu Beginn der Woche von seinem jüngsten Be- immer noch 300.000 vermißte vietnamesische Soldasuch in Hanoi zurückgekehrt und brachte dabei eine ten. Wir würden gerne die erforderliche technische
"symbolische Probe" des neuen Materials mit. Vessey Hilfe bereitstellen, um ihnen bei der Lösung des Verwurde von dem republikanischen Senator John McCain mißtenproblems zu helfen. Meines Erachtens ist es
aus Arizona, einem ehemaligen Marinepiloten und äußerst voreilig, über eine Aufhebung des Embargos
Kriegsgefangenen in Vietnam sowie dem demokrati- zu reden, bevor dieser Prozeß in Gang kommt."
schen Senator John Kerry aus Massachusetts, dem
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Sehe 1

�Vessey forderte beide Seiten auf, einen Prozeß des
"wie Du mir, so ich Dir" zu vermeiden. "Wir sollten den
Vietnamesen humanitäre Unterstützung gewähren,
die der humanitären Unterstützung bedürfen", erklärte
er. "Sie (die Vietnamesen) sollten zur Lösung dieses
Problems als einem humanitären Problem beitragen."
Wenn jede Seite abwarte, wie die andere reagiere,
"werden wir erneut eine Pattsituation haben. Wir
müssen uns beide nach vom bewegen."

Politik (der Bush-Administration) überein, er pflichtet
der Notwendigkeit bei, eine vollständige Aufklärung zu
erhalten und (der Tatsache), daß es sich in der Tat um
überparteiliche Bemühungen ganz Amerikas handelt".

McCain teilte einem Fragesteller mit, seiner Auffassung nach seien die Vietnamesen entgegenkommender geworden, weil sie heute "verzweifelt nach wirtschaftlicher Hilfe" Ausschau hielten und "sich Sorgen
über die Chinesen machen. Ich denke, sie sind zu der
Vessey stellte fest, vietnamesische Regierungsvertre- Überzeugung gelangt, daß Kooperation und Entgeter hätten ihm versichert, daß Hanoi die Vereinbarung genkommen für sie der beste Weg zur Aufhebung des
über die Öffnung seiner Archive als "Wendepunkt" in Embargos sind."
den Bemühungen zur Aufklärung des Schicksals von
Kerry stimmte dem zu und meinte darüber hinaus,
Amerikanern betrachtet.
interne Spannungen in der vietnamesischen RegieDie Ermittler sind Vessey zufolge auf keinen Fall eines rung spielten ebenfalls eine Rolle. Im September
noch lebenden Amerikaners in Vietnam gestoßen. wurde Le Duc Anh, ein General mit einem Ruf als
Das neue Material werde jedoch dazu beitragen die Problemloser, infolge einer Regierungsumbildung
Möglichkeit auszuschließen, daß amerikanische Kriegs- Präsident Vietnams. "Ich habe das Gefühl", erklärte
gefangene immer noch am Leben sind, es werde die Kerry, "daß die Notwendigkeit zur Lösung dieses
Suche nach den sterblichen Überresten gefallener Problems heute höhere Akzeptanz genießt. In gewisSoldaten und Flieger fördern und "uns rascher voran- ser Weise fiel der Zeitpunkt zusammen."
bringen als alles, was wir sonst zur möglichst vollstänAlle drei dementierten, daß der Präsidentschaftswahldigen Aufklärung tun könnten".
kampf bei der Ankündigung oder der Terminierung
Kerry betonte den überparteilichen Charakter dieser eine Rolle gespielt habe. McCain erklärte, das "GeBemühungen und erklärte, er habe mit dem demokra- genteil" sei der Fall - die Vietnamesen befürchteten
tischen Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton über den "Anstrich" der Parteilichkeit. "Deshalb war es
die M ission und seinen eigenen Brief an das vietname- wichtig, daß Senator Kerry ihnen versicherte, eine
sische Außenministerium gesprochen, wobei die Un- etwaige Clinton-Administration oder eine Bush-Admiterstützung republikanischer und demokratischer nistration würden diese Frage identisch behandeln",
Vertreter für die Aufklärung bekräftigt worden sei. stellte McCain fest.
Clinton stimme "dem Ansatz zu, er stimmt mit der

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Seite 2

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AMERIKA DIENST 44

�WIRTSCHAFT
4. November 1992

WIRTSCHAFT MUSS INTERNATIONAL DENKEN
von Nicholas F. Brady
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Beitrag des amerikanischen Finanzministers,
Nicholas F. Brady. Der Artikel ist ohne Einschränkungen für den Nachdruck freigegeben.

Wenn wir die Welt an der Wende zum 21. Jahrhundert
betrachten, haben sich die wirtschaftlichen und politischen Grenzen verwischt. Unsere nationale Volkswirtschaft hat sich von einem autarken und isolierten
Kontinent zu einer Insel in einem Weltarchipel entwikkelt - einer Insel, deren Wohlstand unmittelbar und
dramatisch von der Entwicklung an den gegenüberliegenden Küsten von Ozeanen beeinflußt wird. Es ist
nicht länger sinnvoll, in rein innenpolitischen Kategorien zu denken, es gibt keine klare Trennungslinie
mehr zwischen Innen- und Außenpolitik. Handelsgespräche wirken sich auf die Inlandsbeschäftigung aus,
die Bildungspolitik beeinflußt die künftige Wettbewerbsfähigkeit, Frieden im Nahen Osten bedeutet sichere
Energiequellen, auf denen die Binnenproduktion beruht, und Investitionen des Auslands bedeuten Arbeitsplätze für Amerikaner.
Mit den Veränderungen in der Welt um uns herum
müssen auch wir uns wandeln, und um dies zu tun,
müssen wir den Charakter des tiefgreifenden wirtschaftlichen Übergangs verstehen, den Amerika und
die Welt jetzt erleben. Dabei sind zwei voneinander
getrennte und deutlich umrissene Elemente am Werk:
Eine Reihe bedeutsamer aber vorübergehender Störungen, die das System durchlaufen werden, und-was
wichtiger ist - ein struktureller und dauerhafter Wandel
in der Organisation des weltweiten wirtschaftlichen
Wettbewerbs - der teilweise durchgreifender ist, als
jeder seit der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts verzeichnete.
Beispiele für den bedeutsamen aber vorübergehenden Wandel sind unter anderem:
Der Sieg im Kalten Krieg wird der Weltwirtschaft
unschätzbare Vorteile bringen. Aber auch die
Wohltaten des Friedens hatten ihren Preis: Die
Belastungen, die dadurch verursacht wurden,
daß dieses Land nahezu 50 Jahre lang die
Bürde der Verteidigu ng der freien Welt getragen
AMERIKA DIENST 44

hat, treten heute klar zutage. Allein in diesem
Land hat der Übergang zu einer Friedenswirtschaft Schätzungen des Verteidigungsministeriums zufolge in den vergangenen drei Jahren
über 1,6 Millionen Arbeitsplätze gekostet. Ohne
diesen Arbeitsplatzschwund wäre die Arbeitslosenquote heute über ein Prozent niedriger. Der
Frieden hat seinen Preis.
Auch früher schon haben wir am Kriegsende Anpassungenvorgenommen. Bei Kriegsende im ersten Jahr
der Truman-Administration fiel das Bruttosozialprodukt sogar in einem einzigen Jahr um 19 Prozent.
Damit wird unser heutiges Wirtschaftswachstum von
über 2 Prozent wieder in die Perspektive gerückt. In
Trumans zweiter Amtszeit wuchs die Wirtschaft nach
vollendeter Umstrukturierung um nahezu 25 Prozent
in vier Jahren.
Zweitens hat die Verschuldung quer durch alle
Schichten der amerikanischen Gesellschaft in
den vergangenen vier Jahren historische Höchststände erreicht. Es ist jedoch festzustellen, daß
diese Schulden zu sinken beginnen, da die
Unternehmen ihre Bilanzen verbessern und die
Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge in
den neunziger Jahren selbst Eltern werden, die
auf ihre Budgets achten und für den Ruhestand
und die Ausbildung ihrer Kinder sparen. Der
Abbau der Staatsverschuldung legt langfristig
den Grundstein für neues Wachstum - obwohl
er kurzfristig eine starke Verlangsamung des
Wachstums bedeutet hat.
Drittens wurde das Wirtschaftswachstum durch
ein Bankensystem behindert, dasdurch die Verschuldung der Dritten Welt, den Bankrott von
Spar- und Darlehensbanken sowie sinkende
Immobilienpreise geschwächt wurde. Die Schuldenkrise der Dritten Wert liegt jedoch heute
hinter uns, die Bereinigung des Problems der

Seite 1

�Spar- und Darlehensbanken ist nahezu vollendet, und die Probleme auf dem Immobilienmarkt
nehmen ab. Die Banken sind darüber hinaus
profitabler und liquider als seit Jahrzehnten.
Viertens hat die amerikanische Industrie in den
vergangenen Jahren einen Umstrukturierungsprozeß durchlaufen. Nach der Durchführung
von Maßnahmen zurSteigerung der Produktivität ist die amerikanische Industrie heute konkurrenzfähiger. 1988 betrug unser Handelsbilanzdefizit bei Waren und Dienstleistungen nahezu
l02Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr war
es auf nur noch 11,7 Milliarden Dollargesunken.
Wir gewinnen die Schlacht um Exporte.
Fünftens war die Geldmenge - von der die
Finanzierung des Wachstums eines Landes
abhängt - während des Großteils der vergangenen drei Jahre lediglich ein untergeordnetes Ziel
der Bundesnotenbank. In den vergangenen
Monaten war das M-2-Wachstum negativ oder
gleichbleibend.
Schließlich haben wir ein gebremstes Weltwirtschaftswachstum festgestellt. Wir schneiden
wirtschaftlich besser ab als Deutschland, Japan, Großbritannien und andere Handelspartner. Das verschafft den Amerikanern wenig
Befriedigung - aber es ist eine Tatsache.

Mehr noch, Informationen und geistiges Kapital
sind für den Herstellungsprozeß zunehmend
wichtige Elemente geworden. Neue Unternehmen werden gegründet, die sich weniger auf
materielles Kapital und mehr auf bestimmte
Fähigkeiten und Know-how Nützen. Diese neuen
Unternehmen werden zu den führenden Industrien der neuen Welt: So hat Microsoft einen
Börsenwert von insgesamt 22 Milliarden Dollar;
Amgen, eine führende Biotechnik-Firma, hat
einen Börsenwert von 9 Milliarden Dollar und
McCaw Cellular von 5 Milliarden Dollar. Der
Staat kann solche neuen Unternehmen nicht
schaffen, er besitzt diese Fähigkeit nicht.
Verbesserungen im Verkehrswesen haben
zusammen mit neuen Informations- und Kommunikationssystemen die Transportzeit von
Waren dramatisch verkürzt, was den Unternehmen gestattet, selbst in Zusammenarbeit mit
weit entfernten Lieferanten "Just-in-Time"-Methoden anzuwenden. Eine Flugzeugfabrik in
Kalifornien kann einem Lieferanten in Leeds in
England per Telefax eine Teilebestellung schicken und die Komponenten am nächsten Tag in
Empfang nehmen.
Kapital wird auf Knopfdruck - ohne staatliche
Genehmigung - weltweit an jeden Ort bewegt,
der die höchsten Erträge verspricht, sei dies nun
Frankfort in Indiana oder Frankfurt in Deutschland. Um das Ausmaß dieser Mobilität zu
verdeutlichen: Jeden Tag werden über die
Bundesnotenbank in New York Transaktionen
im Wert von über 1,5 Billionen Dollar getätigt.

Jede dieser sechs Bedingungen hat für sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, aber zusammengenommen ist ihre kombinierte Wirkung größer als die
Summe der Einzelteile. Durch die negative Beeinflussung des Verhaltens von Unternehmern und Verbrauchern bedeuteten sie einen weiteren Hemmschuh für Diese Veränderungen haben die Wirtschaftsordnung
das Wachstum und verstärkten die Besorgnis über die umgestaltet, die während des Großteils unseres Lebens
Zukunftsaussichten dieses Landes.
Böütand hatte. Veis&gt;ieir.d!'cherweise ist dies für uns
Aber selbst bei einer Beseitigung all dieser vorüberge- alle beunruhigend. Der starke internationale Wettbehenden Störungen müssen wir immer noch die langfri- werb hat einige der bekanntesten Firmen unseres
stige Umgestaltung des wirtschaftlichen Wettbewerbs Landes zu Umstrukturierungen veranlaßt, nicht nur
in den Griff bekommen, die von der Technik ermöglicht General Motors, sondern auch Xerox, IBM, AT&amp;T und
wurde. Noch vor zwanzig Jahren konnten die meisten andere.

Unternehmen ihre Kunden mit Hilfe einer Straßenkarte Amerikanische Arbeitnehmer gehen zum Teileregal
ausfindig machen, heute benötigen sie eine Weltkarte. und sehen dort Aufschriften, die ihnen Sorgen maDies hat unsere Unternehmen und die tägliche Arbeit chen. Wie George Shultz kürzlich einmal feststellte:
beeinflußt. Zum Beispiel:
"Ich sah einen Schnappschuß von einem AdressenIn der Welt von heute sind Unternehmen nicht aufkleber für irgendwelche von einer amerikanischen
aufgrund geographischer Gegebenheiten auf Firma hergestellten Schaltkreise. Darauf stand, 'Herein bestimmtes Land beschränkt. Über ein gestellt in einem oder mehreren der folgenden Länder:
elektronisches Datennetz können getrennte Teile Korea, Hongkong, Malaysia, Singapur, Taiwan, Maudes Produktionsprozesses von jedem Ort der ritius, Thailand, Indonesien, Mexiko, Philippinen.
Welt aus geleitet werden. So wird beispielswei- Genaues Ursprungsland unbekannt.'"
se ein Personalcomputer von Hewlett Packard
in Palo Alto geplant und vermarktet, in Grenoble Die Amerikaner sorgen sich darüber, was ein solcher
entwickelt, seine Komponenten werden in Ma- Aufkleber über ihre eigene Zukunft aussagt. Diejenilaysia hergestellt und in Singapore montiert, gen jedoch, die Amerikaner davon zu überzeugen
während 50 Prozent des Umsatzes in den Ver- versuchen, daß sie die neue Wi rt schaftsweit des freien
Handels und Wandels fürchten sollten, haben unrecht.
einigten Staaten getätigt werden.
Seite 2

AMERIKA DIENST 44

�Die meisten der Branchen, die den Vereinigten Staaten
ihre Führungsrolle in dieser neuen Weltwirtschaft verleihen - Sparten wie Pharmazie, Software, Telekommunikation, Luft- und Raumfahrt sowie Computer florieren durch den Handel. Wenn Wettbewerb der
Hebel ist, mit dem ein Land seine Produktivität im 21.
Jahrhundert verbessern wird, dann ist Handel der
Angelpunkt.
Tatsache ist, daß Exporte in den Vereinigten Staaten
Millionen neuer und besserer Arbeitsplätze schaffen
werden - deren Dotierung bisher durchschnittlich 17
Prozent über dem Durchschnittslohn lag. Andere
Länder werden ihren Lebensstandard erhöhen und
infolgedessen mehr hochwertige Produkte von den
Vereinigten Staaten erwerben. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten ihre Ausfuhren nach
Mexiko in den vergangenen vier Jahren von 14 auf 33
Milliarden Dollar gesteigert.

unseren Nachbarn im Norden und Süden verbinden
und einen Binnenmarkt von über 360 Millionen Menschen mit einer Gesamtproduktion von 6,5 Billionen
Dollar schaffen. Der neue Binnenmarkt wird eine
beispiellose Lokomotive für Wachstum und Arbeitsplätze darstellen. Aber ohne die Initiative und das
konstante Drängen Präsident Bushs wäre dieses
Abkommen nie unterzeichnet worden. Nichts könnte
das Verständnis des Präsidenten für die neue Weltwirtschaft besser unter Beweis stellen.
Die Schlüsselfunktion kleiner und mittlerer
Betriebe

Zwei Drittel der in den Vereinigten Staaten geschaffenen Arbeitsplätze entstehen in kleinen und mittleren
Unternehmen. Nur 11 Prozent der Beschäftigten
arbeiten für die fünfhundert größten Unternehmen
(Fortune 500). Wir dürfen den vier Millionen kleineren
Firmen, die in dieser Übergangsphase von den ArbeitTatsache ist, da ß die Amerikaner am besten abschnei- nehmern benötigte Arbeitsplätze schaffen, keine Fesseln
den, wenn die Konkurrenz hart ist - wir leisten das anlegen. Die heute in den Kinderschuhen steckenden
Beste, indem wir kreativer, unternehmerischer und Industrien werden die Arbeitsplätze von morgen schafinnovativer handeln. In der Welt von morgen werden fen.
Innovationen eine Hauptquelle künftiger attraktiver
und hochbezahlter Arbeitsplätze sein. Darin werden Mit diesem Ziel hat Präsident Bush unlängst eine
wir Amerikaner begünstigt. Innovationen und Wandel umfassende, auf fünf Jahre angelegte Initiative im
sind unser Erbe - von jenem Sommertag im Jahr 1776 Umfang von 20 Milliarden Dollar angekündigt, die auch
als wir eine neue Staatstheorie ins Leben riefen bis eine Senkung der Steuern für kleine und mittlere
zum jüngsten Flug der Raumfähre Atlantis. Die Unternehmen vorsieht. Dabei würden bis zu 2.500
Amerikaner sind in einer einzigartig guten Position, um Dollar der Betriebsgründungskosten steuerabzugsfäin der modernen Welt des 21. Jahrhunderts Erfolg zu hig, die Abzüge für Betriebsmittel würden erhöht und
der Papierkrieg, der kleine Unternehmen besonders
haben.
belastet, würde verringert.
Deshalb wird es Ziel der Bush-Administration in den
nächsten vier Jahren - wie schon in der Vergangenheit Bedingungen zur Gewinnung von Investitionen
- sein, den Veränderungen nicht auszuweichen, son- Die Sicherung der wirtschaftlichen Führungsrolle
dern sich ihnen zu stellen, nicht auf der Stelle zu treten, Amerikas wird darüber hinaus die Einführung von
sondern voranzugehen. Unser einhelliges Ziel ist es, Maßnahmen bedeuten, die das Sparen begünstigen
hochwertige Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten und die Kapitalkosten reduzieren, um zu Investitionen
zu schaffen. Um dieses Ziel zu erlangen, sollten wir zu ermutigen. Dies bedeutet eine Regierungsführung,
folgendes tun.
bei der Inflationsrate und Zinssätze niedrig bleiben,
und heute sind die kurzfristigen Zinssätze und die
Inflation auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten.
Wir müssen die spektakulären Erfolge fortsetzen, die Es bedeutet die Reduzierung der Kapitalgewinnsteuwir in den vergangenen vier Jahren bei der Öffnung er, um so die Investitionstätigkeit anzukurbeln. Es
freier und wachsender Märkte für unsere Ausfuhren bedeutet ferner den Abbau unnötiger vorschriftenbehatten. In den achtziger Jahren wurde das Wachstum dingter Beschränkungen und die Korrektur von Exzeshauptsächlich durch Schulden und Verbrauch ange- sen unseres Rechtssystems.
trieben, in den neunziger Jahren muß Wachstum statt
dessen durch Exporte und Investitionen entstehen. Für die Bedeutung eines attraktiven InvestitionsumfelDie amerikanischen Warenexporte sind in den vergan- des möchte ich folgendes Beispiel anführen: BMW,
genen fünf Jahren um rund 195 Milliarden Dollar das die Wahl in der ganzen Welt hatte, beschloß
gestiegen, und jede Milliarde an Ausfuhren stützt etwa kürzlich, sein erstes Werk außerhalb Deutschlands in
20.000 Arbeitsplätze. Eine einfache Multiplikation South Carolina zu errichten. Mit den Worten von BMW
weist darauf hin, daß dieses Exportwachstum nahezu "werden die Exporte, die wir von dem Betrieb in den
USA aus planen, die weltweite Wettbewerbsfähigkeit
vier Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen hat.
von BMW stärken". Stellen Sie sich deutsche AutomoPräsident Bush hat das Nordamerikanische Freihan- bile vor, die von Amerikanern hergestellt und an Eurodelsabkommen gebilligt. Das NAFTA wird uns mit päer und Japaner verkauft werden.
Exporte gleich Arbeitsplätze

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Sehe 3

�Investitionen in die Zukunft Amerikas

sem Grund hat Präsident Bush im Februar einen Plan
für eine umfassende Gesundheitsreform vorgelegt,
Schließlich müssen wir in die Zukunft Amerikas inve- um den Zugang zu medizinischer Versorgung durch
stieren. Investitionen in Ausbildung ebenso wie in eine erschwinglichere Krankenversicherung zu verTechnologie und Forschung sind der Schlüssel zur bessern. Der Plan des Präsidenten wird nicht zu einer
Steigerung der Produktivität unserer Arbeitnehmer. Rationierung medizinischer Leistungen führen und
Noch schwerer wiegt die Tatsache, daß Bildung die beläßt die Wahlfreiheit im Gesundheitswesen in den
Garantie für sichere Arbeitsplätze ist. Unsere Großvä- Händen der Menschen und nicht des Staates.
ter haben vielleicht noch ihr ganzes Leben an einem
Arbeitsplatz verbracht. Der Beschäftigte von heute Diese Ziele tragen der Verflechtung zwischen Außenwird beim Eintritt in den Ruhestand im Durchschnitt und Innenpolitik Rechnung. Sie berücksichtigen die
fünf Berufe ausgeübt haben. Bildung wird der Schlüs- dynamischen Veränderungen in der Weltwirtschaft
sel zu einer produktiven Zukunft sein. Wenn amerika- und betonen die Initiative des einzelnen, anstatt auf die
nische Arbeitnehmer ebenso wie Studenten gelernt Lokomotivfunktion großer staatlicher Programme zu
haben zu lernen, werden sie den Grundstein für ein setzen.
Leben voller neuer Fähigkeiten gelegt haben.
Einige werden sagen, dieses Programm sei falsch.
Die amerikanische Erwerbsbevölkerung muß die am Wettbewerb im In- oder Ausland, so werden sie bebesten ausgebildete sein, um die produktivste Arbeit- haupten, ist destruktiv - Handel kostet Arbeitsplätze,
nehmerschaft zu bleiben. Das bedeutet die Überho- Wahlfreiheit plündert Schulen aus, Investitionsanreize
lung unseres Bildungssystems - durch die Verwirkli- helfen nur den Reichen. Aber sie sind es, die unrecht
chung von Präsident Bushs Plan, der den Schulen haben. Alles, was sie anbieten - gekleidet in die
größere Rechenschaftspflicht abverlangt, die freie neusten Slogans - sind die erschöpften Heilmittel von
Schulwahl ausbaut und die Bundesstaaten ermutigt, Protektionismus, Steuererhöhungen und staatlicher
Bevormundung. Sie sind die neuesten Mitglieder der
sinnvollere Bildungsziele festzulegen.
Bewegung, die meint, die Erde sei eine Scheibe. Sie
Bei der Umgestaltung unserer Wirtschaft werden wir sind unfähig, die Welt um sie herum zu verstehen.
diejenigen nicht vergessen, die infolge des Wechsels
von einem Beruf zu einem anderen im Lauf ihres Wir können nicht an der alten Welt festhalten, und wir
Lebens umgeschult werden müssen. Die Initiativen sollten dies auch nicht wollen. Wir wissen, was wir tun
der Regierung zur Anpassung der Beschäftigten und müssen, um in der neuen Weltwirtschaft zu reüssiezur Verbesserung der Fertigkeiten von Jugendlichen ren. Schließlich befindet sich das Spielfeld auf unsewerden die gegenwärtig für Umschulungsmaßnah- rem angestammten Terrain: Kreativität, Risiko, Wettmen zur Verfügung stehenden Mittel verdreifachen.
bewerb, Leistung. Mit Optimismus, Energie und
Engagement kann Amerika bleiben, was es stets
Investitionen in Amerikas Zukunft bedeuten schließ- gewesen ist: Die Arche für die Freiheit der Welt und die
lich auch die Bereitstellung einer erschwinglichen Lokomotive ihres Wohlstands. Das nächste amerikaKrankenversicherung für alle Amerikaner bei gleich- nische Jahrhundert kann ebenso strahlend und brillant
zeitiger Dämpfung der steigenden Kosten. Aus die- sein wie aas letzte.
* * * *

Seite 4

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AMERIKA DIENST 44

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        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 04.11.1992</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Präsident Clinton&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bill Clinton: der 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neugewählten Präsidenten&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Vizepräsident Gore&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vizepräsident Al Gore &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neugewählten Vizepräsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verspricht Kontinuität in US-Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung in Little Rock am 4. November&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. GUS-Hilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue amerikanische Initiativen bei Konferenz in Tokio bekanntgegeben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warum die Vereinigten Staaten ein starkes Russland wollen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul Wolfowitz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Start&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Start-Vertragspartner vereinbaren Verfahrensregeln für JCIC&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Presseerklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Vietnam&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Abkommen zwischen USA und Vietnam über Vermisste/Kriegsgefangene "bedeutsam"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schritte zur Verbesserung der Beziehungen erwogen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;8. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaft muss international denken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Nicholas F. Brady&lt;/em&gt;</text>
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