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\TZ»

*

*-

dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Juni 1997

11

MARSHALLPLAN

GEIST DES MARSHALLPLAN MUSS FÜR
DIE NÄCHSTEN 50 JAHRE UND DARÜBER
HINAUSWIRKEN
Rede von Präsident Clinton
DIE INTEGRATION EUROPAS HÄNGT VOM
DAYTONER ABKOMMEN AB
Rede von Außenministerin Albright an der
Harvard University

NATO

EINE NEUE NATO MIT NEUEN MISSIONEN,
NEUEN MITGLIEDERN UND NEUEN PARTNERN
Rede des Präsidenten in West Point
GRUNDAKTE BEDEUTET AUFGABE DER
SELBSTISOLIERUNG RUSSLANDS
Rede von Außenministerin Albright
beim Nordatlantikrat

EAPR

ALBRIGHT: ZIEL IST DIE ECHTE
INTEGRATION EUROPAS UND DER
TRANSATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT
Rede der Außenministerin beim EAPR

BOSNIEN

DAYTONER ABKOMMEN MUSS VON ALLEN
PARTEIEN EINGEHALTEN WERDEN
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Geist des Marshallplans muß für die nächsten 50 Jahre
und darüber hinaus wirken
Rede von Präsident Clinton

DEN HAAG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton bei der Feier zum 50.
Jahrestag des Marshallplans in Den Haag am 28. Mai 1997.

Eure Majestät, Herr Premierminister, verehrte Amtskollegen, Minister, Parlamentarier, Kongreßabgeordnete, Jugendvertreter aus Europa und Amerika und
alle, die etwas mit dem Marshallplan zu tun hatten oder
von seinen Auswirkungen berührt wurden. Ich möchte
ein besonderes Wort der Wertschätzung an zwei
herausragende Amerikaner richten - die ehemaligen
Botschafter General Vernon Walters und Arthur
Hartman, die als junge Männer am Marshallplan
mitgearbeitet haben und heute hier unter uns weilen.
Dies ist ein wunderbarer Anlaß. Wir danken der
Königin, der Regierung und dem Volk der Niederlande,
daß sie unser Gastgeber sind und diese Feier zum
Gedenken an diese 50 Jahre veranstalten. Die Worte
von Herrn Sedee erreichen uns über die Generationen
hinweg - unabhängig davon, wo wir herkommen oder
welche Sprache wir sprechen. Sie warnen uns vor
dem, was geschehen kann, wenn Menschen sich
gegeneinander wenden und inspirieren zu dem, was
wir erreichen können, wenn wir alle an einem Strang
ziehen. Das ist eine Botschaft, die wir uns ins Gedächtnis schreiben sollten.
Ebenso wie wir die großen Leistungen von vor 50
Jahren würdigen, müssen wir - wie der Premierminister
es so eloquent formulierte - den Geist des Marshallplans für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus
bewahren, um ein Europa aufzubauen, das demokratisch in Frieden lebt und zum ersten Mal in der Geschichte ungeteilt ist - ein Europa, das nicht die
dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts wiederholt,
sondern stattdessen die Versprechen des 21. Jahrhunderts erfüllt.

AMERIKA DIENST 11

Hier in der Zitadelle einer wohlhabenden, toleranten
holländischen Demokratie können wir uns kaum
vorstellen, wie anders Europa vor nur 50 Jahren war.
Die Bilder, die wir gesehen haben, erinnerten uns
zusammen mit der Musik daran, daß noch immer
ungefähr 30.000 Tote unter den Trümmern in Warschau begraben liegen, 100.000 Häuser in Holland
zerstört wurden, Deutschland in Schutt und Asche lag,

Großbritannien sich mit einem schrecklichen Mangel
an Kohle und Strom konfrontiert sah, die Fabriken in
ganz Europa kaum noch arbeiteten, der Handel
gelähmt war und Millionen den Hungertod fürchteten.
Auf der anderen Seite des Atlantiks waren die Amerikaner begierig, zu dem Leben zurückzukehren, das sie
während des Krieges aufgeben mußten. Aber sie
befolgten den Ruf einer bemerkenswerten Generation
amerikanischer Politiker - General Marshall, Präsident
Truman, Senator Vandenberg - die zusammen mit
gleichgesinnten Politikern in Europa ebenso auf
Europas wirtschaftliche Erholung hinarbeiten wollten
wie sie für sein Überleben gekämpft hatten. Sie
wußten, daß Europas Schicksal und Amerikas Zukunft
wie nie zuvor zusammenhingen.
Der Marshallplan war eine Kur, keine Krücke. Er war
nie ein Almosen, sondern immer eine helfende Hand.
Er sagte den Europäern: Wenn Ihr Eure Trennungen
überwindet, wenn Ihr zusammenarbeitet, um Euch
selbst zu helfen, dann wird Amerika mit Euch zusammenarbeiten.
Der britische Außenminister Ernest Bevin nannte den
Marshallplan "eine Rettungsleine für ertrinkende
Menschen, der Hoffnung dorthin brachte, wo es keine
gab". Vom Nördlichen Eismeer bis zum Mittelmeer

Seite 1

�ergriffen die europäischen Nationen diese Rettungsleine und arbeiteten wie nie zuvor an einem gemeinsamen Programm der wirtschaftlichen Gesundung
zusammen. Die Aufgabe war nicht leicht, aber ihre
gemeinsame Hoffnung war mächtiger als ihre Differenzen.
Das erste Schiff lief von Texas nach Frankreich mit
19.000 Tonnen Weizen aus. Bald nahm an jedem
Tag ein Konvoy der Hoffnung Kurs auf Europa mit
Treibstoff, Rohmaterial und Geräten. Am Ende des
Programms im Jahr 1952 hatte der Marshallplan 13
Milliarden Dollar in Europas verwüstete Volkswirtschaften gepumpt. Das entspricht heute 88 Milliarden
Dollar. Er bot den Menschen in Europa das zum
Wiederaufbau ihres zerstörten Lebens erforderliche
Handwerkszeug. Es gab Netze für norwegische
Fischer, Wolle für österreichische Weber, Traktoren für
französische und italienische Bauern, Maschinen für
holländische Unternehmer.
Für einen Jungen in Deutschland war die Hilfe des
Marshallplans die großzügige Hand, die dazu beitrug,
sein Heimatland aus seiner ruinösen Vergangenheit zu
erheben. Er erinnert sich noch an die amerikanischen
Lastwagen, die auf den Schulhof fuhren und Suppe
brachten, die die Herzen und Hände erwärmte. Dieser
Junge wurde zu einem leidenschaftlichen Verfechter
von Freiheit und Einheit in Europa sowie einem
großartigen und geschätzten Freund Amerikas. Er
wurde der erste Kanzler eines freien und vereinten
Deutschlands. Mit seinem Leben und seiner Arbeit ist
Helmut Kohl zum Symbol für die Substanz und den
Geist des Marshallplans geworden. Ich danke Ihnen.
Heute sehen wir den Erfolg des Marshallplans und die
Nationen, zu deren Wiederaufbau er beitrug. Noch
mehr sehen wir ihn jedoch in den Beziehungen, die er
neu definierte. Der Marshallplan veränderte die
Verbindungen von Amerika zu Europa, und dabei
veränderte er die Verbindungen der europäischen
Nationen untereinander. Er baute die Institutionen auf,
die Westeuropa aneinanderbinden sollten - von der
OECD bis zur Europäischen Union und der NATO. Er
ebnete den Weg für die Aussöhnung jahrhundertealter
Differenzen.
Wie bereits gesagt wurde, umfaßte Marshalls Vision
ganz Europa. Aber die Realität jener Zeit entsprach
dem nicht. Stalin schloß Europas östliche Hälfte darunter einige unserer treuesten Verbündeten im
Zweiten Weltkrieg - davon aus, ihren Platz am Tisch
einzunehmen, an der Erholung Europas teilzuhaben
und verschloß die Tür zu ihrer Freiheit. Die gefesselten Nationen verloren jedoch nie das Vertrauen, und
der Westen akzeptierte nie die Endgültigkeit ihres
Schicksals. Und endlich fielen die Berliner Mauer und
der Eiserne Vorhang dank der tapferen Männer und
Frauen, die entschlossen waren, ein Leben in Freiheit
zu leben.

Seite 2

Heute erleuchten die aufstrebenden neuen Demokratien den Weg zu einem neuen Europa in einem neuen
Jahrhundert - einer Zeit, in der Amerika und Europa die
ruhmreiche Reise beenden müssen, die Marshalls
Generation begann, und dieses Mal wird niemand
zurückgelassen. Ich beglückwünsche Premierminister
Kok zu seiner Führung und der Führungsrolle, die
seine Nation bei der Sicherstellung übernommen hat,
daß niemand zurückgelassen wird.
Das Europa des 21. Jahrhunderts wird ein besseres
Europa sein. Erstens, weil es frei und ungeteilt sein
wird und zweitens, weil es nicht durch die Macht der
Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens
vereinigt sein wird. Wir müssen uns jedoch vor Augen
führen, daß die Möglichkeiten von heute keine Garantien sind. Obwohl Mauern niedergerissen wurden,
bestehen weiterhin Schwierigkeiten: Bei dem andauernden Kampf der seit kurzem freien Nationen
beim Aufbau prosperierender Volkswirtschaften und
widerstandsfähiger Demokratien; bei der Verletzlichkeit
derjenigen, die Wandel fürchten und seine Vorteile
noch nicht kennen; bei der Abwendung von extremem
Nationalismus, Haß und Teilung; bei der verworrenen
Denkweise derjenigen, die die europäische Landschaft
immer noch als Nullsummenspiel im Hinblick auf die
Vergangenheit sehen; und bei den uns konfrontierenden neuen Gefahren, die wir nicht alleine bekämpfen
können - von der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen über Terrorismus und organisiertes
Verbrechen bis zur Umweltzerstörung.
Ebenso wie die Generation vor uns muß unsere
Generation sich entscheiden. Ohne die Bedrohung
des Kalten Krieges, ohne die Schmerzen des wirtschaftlichen Ruins, ohne die frische Erinnerung des
Gemetzels des Zweiten Weltkriegs ist es verlockend,
unsere privaten Interessen zu verfolgen - sich einfach
zurückzulehnen und die Geschichte ihren Lauf nehmen zu lassen. Dieser Versuchung müssen wir
widerstehen. Stattdessen müssen wir uns mit der
Entschlossenheit auf den Weg machen, die Hoffnung
dieses Augenblicks Geschichte werden zu lassen, auf
die wir stolz sein können.
Wir, die wir dem Beispiel der Generation folgen, die wir
heute ehren, müssen genau das tun. Unsere Aufgabe
ist klar: Wir müssen den von dieser Generation
ermöglichten Frieden, die Freiheit und den Wohlstand
für eine gemeinsame Zukunft gestalten, in der alle
Menschen die Sprache der Demokratie sprechen, in
der sie das Recht zur Kontrolle ihres Lebens und eine
Chance zur Verwirklichung ihrer Träume haben, in der
Wohlstand über den ganzen Kontinent hinweg reicht
und Staaten Handel treiben, keine Eroberung vornehmen; in der Sicherheit die Domäne aller freien Nationen ist, die zusammenarbeiten; in der keine Nation
Europas je wieder gegen ihren Willen ausgeschlossen
wird, unserem Wertebündnis beizutreten und wir

AMERIKA DIENST 11

�gemeinsam der übrigen Welt helfen, die von uns so
hoch geschätzten Ziele zu erlangen.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben sich dieser
Mission verschrieben. Wir machen Fortschritte auf
einer Landkarte moderner Wunder. Mit der Unterstützung Amerikas und der Europäischen Union legen die
seit kurzem freien Nationen Europas den Grundstein
der Demokratie. Mit Hilfe der Voice of America des
US-Informationsamts (USIA) kann die heutige Feier
von Menschen überall auf diesem großartigen Kontinent ungehindert gehört werden.
In Prag, wo es früher eine Straftat war, westliche
Sender zu hören, hat Radio Free Europe eine neue
Heimat gefunden, und eine unabhängige Presse
floriert. In Bukarest hat die Demokratie das Mißtrauen
überwunden, während Rumänen und gebürtige
Ungarn zum ersten Mal in einer demokratischen
Koalitionsregierung vereint sind.

Während die neuen Demokratien weiterhin die Berge
der Marktreform erklimmen, besteht unsere Herausforderung darin, ihnen behilflich zu sein, die Vorteile
des Wohlstands besser zu nutzen, auf ein möglichst
stabiles und sicheres Unternehmensklima hinzuarbeiten, in ihre Volkswirtschaften zu investieren, ihnen
unternehmerisches Geschick zu vermitteln und die
Türen von Institutionen zu öffnen, dank denen unsere
Gemeinschaft prosperieren kann.
Ich möchte nochmals wiederholen, daß die Vereinigten
Staaten die Europäische Union zu ihrem Engagement
für die Erweiterung nach Zentral- und Osteuropa
beglückwünschen. Wir unterstützen diesen historischen Prozeß und würden sein schnelles Vorankommen begrüßen. Ein wohlhabenderes Europa wird ein
stärkeres Europa sein und auch ein stärkerer Partner
für Europas nordamerikanische Freunde in Amerika
und Kanada.
Nationen, die schwierige Reformen in Angriff nehmen,

Von Wladiwostok bis Kaliningrad gingen die Menschen

sollten wissen, daß das, was sie in Freiheit aufbauen,

in Rußland im letzten Sommer zu einer für alle von
uns, die sie beobachteten, völlig demokratischen und
offenen Nationalwahl.

in Sicherheit Bestand haben kann. Durch die NATO,
das Kernstück der transatlantischen Sicherheit,
können wir für den Osten Europas das tun, was wir für
den Westen Europas geleistet haben - die Freiheit
verteidigen, Demokratie stärken, alte Rivalitäten
beschwichtigen, Integration beschleunigen und ein
stabiles Klima schaffen, in dem sich Wohlstand
mehren kann.

Wir müssen jetzt die Herausforderung bewältigen
sicherzustellen, daß diese Welle der Demokratie
anhält. Die seit kurzem freien Nationen müssen die
schwierige Arbeit der Reformen fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten und Westeuropa müssen weiterhin konkrete Unterstützung für ihre Fortschritte leisten
und Rechtssysteme zur Bekämpfung von Verbrechen
und Korruption fördern, gegenseitige Kontrolle zur
Verhinderung von Machtmißbrauch einführen, zur
Einrichtung des Apparats freier und fairer Wahlen
beitragen, so daß sie immer wiederholt werden
können; die freien Medien und bürgerliche Gruppen
stärken, um Rechenschaftspflicht zu fördern und damit
eine gute Regierung dem Volk näherzubringen, so daß
es tatsächlich ein Mitspracherecht bei sein Leben
betreffenden Entscheidungen hat.
Wir waren auch den neuen Demokratien behilflich, ihre
am Boden liegenden Volkswirtschaften umzugestalten
und von Hilfe zu Handel und Investitionen überzugehen. In Warschau teilen sich Männer und Frauen,
die einst um Lebensmittel anstanden, die Früchte von
Europas am schnellsten wachsender Volkswirtschaft,
in der fast ein Zehntel der Einzelhandelsunternehmen
in privater Hand sind. Seit dem Fall der Berliner Mauer
haben die internationalen Finanzinstitutionen den
neuen Demokratien rund 50 Milliarden Dollar zur
Stärkung der Grundlagen ihrer Marktwirtschaften
zufließen lassen. Und während neue Märkte auftauchten, flössen weitere 45 Milliarden Dollar an
Privatinvestitionen von Orten wie Boston und London,
um Unternehmen von Budapest bis L'viv zu unterstützen.

AMERIKA DIENST 11

Wir passen die NATO zur Übernahme neuer Aufgaben
an - öffnen ihre Türen für Europas neue Demokratien,
unterstützen ihre Verbindungen zu Nichtmitgliedstaaten durch eine gestärkte Partnerschaft für den Frieden
und schaffen eine praktische, dauerhafte Partnerschaft
zwischen der NATO und einem demokratischen
Rußland - dies alles ist darauf ausgerichtet sicherzustellen, daß die NATO stark bleibt, das Zusammenwachsen Europas unterstützt und bei der Bewältigung
unserer neuen Sicherheitsherausforderungen eine
Führungsrolle übernimmt.
Gestern haben die Staats- und Regierungschefs der
NATO und Rußlands in Paris die historische Grundakte unterzeichnet, die uns alle sicherer machen wird.
Wir werden konsultieren, koordinieren und - wo wir
beide einer Meinung sind - gemeinsam handeln, so
wie wir es jetzt in Bosnien tun.
Überlegen Sie, was dies für ein Meilenstein ist. Seit
Jahrhunderten war die größte sicherheitspolitische
Sorge in Europa die Konfrontation zwischen Ost und
West. Zum ersten Mal haben eine neue NATO und ein
neues Rußland die Zusammenarbeit als Partner bei
der Bewältigung von Herausforderungen für ihre
gemeinsame Sicherheit in einem neuen und ungeteilten Europa vereinbart, in dem keine Nation ihre Größe
im Hinblick auf ihre Fähigkeit definiert, ihre Nachbarn
zu dominieren.

Seite 3

�Wir müssen jetzt die Herausforderung meistern,
Sicherheit über veraltete Trennlinien hinweg zu
fördern, sicherstellen, daß die NATO-Partnerschaft mit
Rußland funktioniert und die historische Umgestaltung
der NATO fortsetzen.
In weniger als sechs Wochen wird die NATO erneut in
Madrid zusammenkommen, um die ersten neuen
Demokratien Europas einzuladen, das Bündnis zu
verstärken. Die Aussicht einer NATO-Mitgliedschaft
hat bereits zu größerer Stabilität geführt, da die eine
Mitgliedschaft anstrebenden Länder die Reformen
verstärken und eben die Meinungsverschiedenheiten
beilegen, die zu künftigen Konflikten führen könnten.
Die ersten neuen Mitglieder werden nicht die letzten
sein. Die Türen der NATO müssen und werden für all
diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft in der Lage sind. Wir
werden die Partnerschaft für den Frieden stärken und
einen neuen euroatlantischen Partnerschaftsrat
gründen, so daß andere Nationen ihre Zusammenarbeit mit der NATO verstärken und die Vorbereitungen für die Mitgliedschaft fortsetzen können.
Wir wollen jedoch eindeutig klarstellen: Es gibt auch
Pflichten. Erweiterung bedeutet die Ausdehnung der
feierlichsten Garantien, die eine Nation geben kann eine Verpflichtung zur Sicherheit des anderen.
Sicherheit und Frieden sind nicht billig. Neue und
derzeitige Verbündete gleichermaßen müssen bereit
sein, die Last unserer Ideale und unserer Interessen
zu tragen.
Unsere kollektiven Bestrebungen in Bosnien spiegeln
sowohl die Dringlichkeit als auch das Versprechen
unserer Mission wider. Wo einst Terror und Tragödien
regierten, stehen NATO-Truppen mit 14 Partnernationen - Amerikanern und Russen, Deutschen und Polen,
Norwegern und Bulgaren - für die gemeinsame Sache
Seite an Seite, Frieden in das Herz Europas zu
bringen. Wir müssen jetzt diesen hart erkämpften
Frieden konsolidieren, politische Aussöhnung und
wirtschaftlichen Wiederaufbau fördern, die Arbeit des
Internationalen Kriegsverbrechertribunals hier in Den
Haag unterstützen und dazu beitragen, daß der
bosnische Frieden die Versprechen des Daytoner
Abkommens Realität werden läßt.
Heute bekräftige ich gegenüber den Menschen in
Europa, was General Marshall vor 50 Jahren sagte:
Die Amerikaner stehen an Ihrer Seite. Wir haben aus
der Geschichte gelernt. Wir werden nicht weggehen.

*

Seite 4

Ebenso wie vor fünf Jahrzehnten sind unsere Schicksale miteinander verknüpft.
Für die Vereinigten
Staaten ist die Verpflichtung zu unserer gemeinsamen
Zukunft keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wir
schließen die Tür zum 20. Jahrhundert - einem
Jahrhundert, das die Menschheit von ihrer schlimmsten und von ihrer besten Seite gesehen hat. Wir
wollen uns heute hier zur Zusammenarbeit verpflichten, um das neue Jahrhundert zu einer Zeit zu
machen, in der die Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa das Leben aller Menschen auf der Welt
verbessert.
Wir wollen den Geist der Hoffnung und Erneuerung
wiederbeleben, für den die Lebensgeschichte von
Gustaaf Sedee steht. Er hat einen Sohn, Bert, der ein
Bankmanager ist. Heute trägt er dazu bei, das Vermächtnis zu verwirklichen, das sein Vater so bewegend beschrieben hat - denn ebenso wie der Marshallplan die Investitionen tätigte, die zur Wiederankurbelung der Industrie Hollands beitrugen, hilft Bert Sedees
Bank holländischen Unternehmen bei der Finanzierung von Investitionen in Zentral- und Osteuropa.
Ebenso wie das amerikanische Volk den Menschen
seines Heimatlandes die Hand reichte, reichen Bert
Sedee und seine Kollegen den Menschen in Slowenien, Lettland, Bosnien und andernorts die Hand.
Unsere Gedanken sind heute auch bei den jüngsten
Mitgliedern der Familie Sedee - Gustaaf Sedees
Enkelkindern Roeland und Sander, neun Monate und
eineinhalb Jahre alt. Ich frage mich, was sie in 50
Jahren sagen werden. Ich hoffe, daß sie und all die
anderen jungen Leute, die zuhören - diejenigen, die
wissen, was vor sich geht, und diejenigen, die noch zu
jung sind, um es zu verstehen - sagen können, wir
vermachen Euch 50 Jahre Frieden, Freiheit und
Wohlstand. Ich hoffe, daß Sie Ihre Söhne und Töchter
in einem Europa großgezogen haben, dessen Horizonte weiter als seine Grenzen sind. Ich hoffe, Sie werden
Ihren Enkelkindern - deren Gesichter die meisten von
uns nicht mehr sehen werden - sagen, daß diese
Generation sich der Herausforderung gestellt hat,
Gestalter des Friedens zu sein.
Ich hoffe, daß wir alle des Vermächtnisses von George
Marshall gedenken werden und uns eine vielversprechendere Zukunft vorstellen als die Menschen je
erlebt haben.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Die Integration Europas hängt vom
Daytoner Abkommen ab
Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University

CAMBRIDGE - (AD) - "Die friedliche Integration Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen
von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist", erklärte Außenministerin Albright am 5. Juni 1997 bei einer
Abschlußfeier der Harvard University.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Außenministerin.

Vielen Dank, Rektor Pforzheimer.
Gouverneur Weld, Rektor Rudenstine, Rektor Wilson,
verehrte Ehrengäste, liebe Harvard-Gemeinde, Gäste
und Freunde - ich danke Ihnen. Ich freue mich, heute
an diesem besonderen Tag hier sein zu können.
Meine herzlichsten Glückwünsche an den Jahrgang
'97 - Sie haben sich vielleicht verschuldet, aber Sie
haben es geschafft.
Als ehemalige Dozentin und als Mutter gestehe ich
Ihnen, daß ich Abschlußfeiern liebe, insbesondere,
wenn sie mit einem ehrenhalber verliehenen akademischen Grad einhergehen. Ich liebe die Zeremonie,
ich liebe die akademische Umgebung und ich sage
ganz ehrlich, ich liebe es - obwohl es heute für mich
schwierig sein wird - während einer Abschlußrede
meinen Tagträumen nachzuhängen.
Abschlußfeiern sind einzigartige Meilensteine in
unserem Leben, weil sie der bisherigen Leistungen
gedenken und gleichzeitig die Zukunft antizipieren.
Das trifft auf jeden der Absolventen von heute zu. Und
es trifft auf die Vereinigten Staaten zu.
Während der vergangenen Jahre scheinen wir den 50.
Jahrestag von allem möglichen gefeiert zu haben.
Dank der Medien und unserer Erinnerung konnten wir
erneut die Fallschirmtruppen am Himmel über der
Normandie, die Befreiung von Buchenwald, den Kuß
eines Seemanns auf dem Times Square, das Her-

AMERIKA DIENST 11

unterlassen des Eisernen Vorhangs und den Baseballspieler Jackie Robinson beobachten, wie er einen
Punkt machte.
Heute erinnern wir uns an einen anderen Wendepunkt
dieser Ära. Denn heute vor 50 Jahren hielt Außenminister George Marshall eine Rede vor den Absolventen dieser Universität. Er sprach zu einem Jahrgang,
der durch viele bereichert wurde, die für die Freiheit
gekämpft hatten und vieler beraubt wurden, die für die
Freiheit ihr Leben ließen.
Die Worte des Außenministers waren klar. Aber seine
Botschaft erreichte mehr Menschen als das auf diesem
Platz versammelte Publikum - ein amerikanisches
Volk, das des Krieges und neuer Versprechungen
müde war und ein Europa, in dem die lebensnotwendigen Verbindungen zwischen Bauernhof und Markt,
Unternehmen und Kapital, Hoffnung und Zukunft
unterbrochen waren.
Außenminister Marshall schmückte seine Rhetorik
nicht mit hochfliegenden Phrasen und sagte nur, es sei
logisch für Amerika, zur Wiederherstellung "des
normalen wirtschaftlichen Zustands der Welt beizutragen, ohne den es keine politische Stabilität und
keinen gesicherten Frieden geben kann".
Er heftete seinem Plan nicht das Etikett "Made in
America" an, sondern war vielmehr für die Ideen der
Europäer offen und forderte von den europäischen

Seite 1

�Ländern, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich
selbst zu helfen.
Seine Vision war umfassend und ließ die Tür zur
Beteiligung aller offen, einschließlich der Sowjetunion
und - damit es keine Wiederholung des bestrafenden
Friedensvertrages von Versailles geben würde - auch
für Deutschland.
Der britische Außenminister Ernest Bevin bezeichnete
den Marshallplan als eine "Rettungsleine für ertrinkende Menschen" - und er war es. Mit dieser
Rettungsleine trugen die Vereinigten Staaten zur
Vereinigung von Westeuropa auf der Grundlage
demokratischer Prinzipien bei und säten die Saat der
transatlantischen Partnerschaft, die bald in Form der
NATO und der kooperativen Institutionen eines neuen
Europas gedeihen sollte.
Ebenso wichtig war die amerikanische Führungsrolle,
die der Marshallplan verkörperte. Nach dem Ersten
Weltkrieg hatten sich die Vereinigten Staaten aus der
Welt zurückgezogen, sich der Verantwortung entzogen
und Risiken vermieden. Andere taten dasselbe. Das
Ergebnis im Herzen Europas war das Entstehen eines
großen Übels. Nach der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und den entsetzlichen Greueln des Holocaust war es nicht genug zu sagen, der Feind sei
besiegt und das, was wir bekämpft hatten, sei gescheitert.
Die Generation von Marshall, Truman und Vandenberg
war zum Aufbau eines dauerhaften Friedens entschlossen. Und die Botschaft, die diese Generation
vom Weißen Haus, von beiden Parteien auf dem
Capitol Hill und vom Volk in unserem ganzen Land
übermittelte, das Millionen an Bargeld, Kleidung und
Nahrungsmitteln spendete, lautete, daß sich Amerika
dieses Mal nicht nach innen wenden, sondern eine
Führungsrolle übernehmen würde.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, ist es nicht
genug, wenn wir sagen, der Kommunismus ist gescheitert. Auch wir müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen, Verantwortung und eine Führungsrolle übernehmen.
Weil wir in ein Jahrhundert eintreten, in dem es viele
miteinander verbundene Zentren der Bevölkerung,
Macht und des Wohlstands gibt, können wir unseren
Blickwinkel nicht ausschließlich - wie Marshall es in
seiner Rede tat - auf das zerstörte Schlachtfeld eines
vorangegangenen Krieges konzentrieren. Unsere
Vision muß nicht nur einen, sondern alle Kontinente
einbeziehen.
Im Gegensatz zu Marshalls Generation sehen wir uns
nicht nur einer einzigen akuten Bedrohung gegenüber.
Die Gefahren, denen wir uns stellen, sind weniger
sichtbar und vielfältiger - einige so alt wie ethnische

Seite 2

Konflikte, einige so neu wie Briefbomben, einige so
schwierig wie der Klimawandel und andere so tödlich
wie Nuklearwaffen, die in die falschen Hände gelangen.
Um uns gegen diese Gefahren zu wappnen, müssen
wir die sich uns jetzt bietende historische Chance
ergreifen, die Welt in einem auf Demokratie, offenen
Märkten, Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu
Frieden gründenden internationalen System zusammenzubringen.
Wir wissen, daß noch nicht jede Nation willens oder in
der Lage ist, ihren Teil in das System einzubringen.
Eine Gruppe befindet sich noch im Übergang von
Planwirtschaft und totalitärer Herrschaft. Eine andere
hat erst mit wirtschaftlichen und politischen Reformen
begonnen. Einige Nationen sind noch zu schwach, um
sich in bedeutsamer Weise zu beteiligen. Und einige
Länder haben Regime, die offen gegen die Prämissen
sind, auf denen dieses System ruht.
Weil die uns heute konfrontierende Situation sich von
der der Generation Marshalls unterscheidet, können
wir nicht immer dieselben Mittel einsetzen. Aber wir
können dieselbe Geisteshaltung bewahren.
Wir können denselben Geist der Überparteilichkeit
anstreben, der Amerika in Marshalls Zeit gestattete,
sowohl den Verbündeten als auch den Gegnern eine
geeinte Front darzubieten.
Wir können die erforderlichen Ressourcen investieren,
um die wirtschaftliche, militärische und diplomatische
Stärke der Vereinigten Staaten zu bewahren in
demselben Bewußtsein wie Marshall, daß diese
jeweiligen Stärken sich gegenseitig untermauern.
Wir können in demselben Wissen handeln, daß in
unserem Zeitalter Sicherheit und Wohlstand der
Vereinigten Staaten an die gesunde wirtschaftliche und
politische Lage im Ausland gebunden sind.
Und während wir die Helden der Geschichte ehren,
können wir uns bewußt machen, daß wir die Pflicht
haben, Autoren der Geschichte zu sein.
Das sollte sich jede Nation eingestehen. Heute bietet
sich allen die Chance, Teil eines auf demokratischen
Prinzipien gegründeten Systems zu sein. Das war vor
50 Jahren nicht der Fall.
Damals wurde dem Chef meines Vaters, Jan Masaryk
- dem Außenminister der damaligen Tschechoslowakei
- von Stalin in Moskau gesagt, sein Land dürfe sich
nicht am Marshallplan beteiligen, obwohl es in seinem
nationalen Interesse läge. Bei seiner Rückkehr nach
Prag erklärte Masaryk, in diesem Augenblick habe er
verstanden, daß er einer Regierung diente, die in
ihrem eigenen Land nicht länger souverän war.

AMERIKA DIENST 11

�Heute gibt es keinen Stalin, der Befehle erteilt. Wenn
jetzt eine Nation von der internationalen Staatengemeinschaft isoliert ist, dann entweder, weil das Land
einfach zu schwach zur Erfüllung der internationalen
Normen ist, oder weil seine Politiker sich absichtlich für
die Mißachtung dieser Normen entschieden haben.
In der vergangenen Woche erklärte Präsident Clinton
in den Niederlanden, daß keine demokratische Nation
in Europa aus der transatlantischen Gemeinschaft
ausgeschlossen würde. Heute sage ich, keine Nation
auf der Welt wird aus dem globalen System ausgeschlossen, das wir aufbauen. Und jede Nation, die
sich beteiligen möchte und alles in ihrer Macht Stehende tut, um sich selbst zu helfen, erhält die Hilfe der
Vereinigten Staaten bei der Suche nach dem richtigen
Weg.

sident Clinton es letzte Woche formulierte, "nicht nur
durch die Macht der Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens".
Wo vor einem halben Jahrhundert die amerikanische
Führungsrolle dazu beitrug, Westeuropa zu Wohlstand
und Demokratie zu verhelfen, hilft heute die gesamte
transatlantische Gemeinschaft Europas den seit
kurzem freien Nationen beim Aufbau ihrer Volkswirtschaften und der Konsolidierung der Rechtsstaatlichkeit.

In Afrika haben Armut, Krankheiten, Unruhe und
schlechte Regierung Millionen Menschen von dem
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist

Im nächsten Monat wird die NATO in Madrid neue
Mitglieder aus den Demokratien Zentral- und Osteuropas einladen und gleichzeitig die Tür der zukünftigen Mitgliedschaft für andere offen halten. Das wird
nicht - wie einige fürchten - eine neue Teilung in
Europa schaffen. Im Gegenteil, es radiert die vor
einem halben Jahrhundert aufgezwungene unfaire und
unnatürliche Trennlinie aus. Und es bietet den
Nationen einen zusätzlichen Anreiz zur Beilegung von

ein an menschlichen und natürlichen

Ressourcen

Gebietsstreitigkeiten, Respektierung von Minderheiten

reicher Kontinent. Und heute führen seine besten
neuen Politiker Reformen durch, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen helfen, Fuß zu
fassen. In Zusammenarbeit mit anderen müssen wir
dieser Entwicklung Auftrieb verleihen, indem wir
unsere Hilfe aufrechterhalten, Investitionen ermutigen,
die Schuldenlast verringern und erfolgreiche Modelle
schaffen, denen andere folgen können.

und Menschenrechten sowie der Vollendung des
Reformprozesses.

In Lateinamerika und der Karibik ist die Integration
sehr viel weiter fortgeschritten. Die Nationen in der
gesamten Hemisphäre erweitern die Wirtschaftsbeziehungen, bekämpfen Verbrechen, arbeiten auf die
Erhöhung des Lebensstandards hin und kooperieren
um sicherzustellen, daß die wirtschaftlichen und
politischen Systeme Bestand haben.
In Asien und dem Pazifik sehen wir eine Region, die
nicht nur dem internationalen System beigetreten,
sondern zu einer treibenden Kraft dahinter geworden
ist - eine Region, die das Zentrum von acht der zehn
am sehne Isten wachsenden Volkswirtschaften der
Welt ist.

Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis ohne territorialen Ehrgeiz. Sie betrachtet keinen Staat als Gegner,
und ganz bestimmt nicht ein demokratisches und
reformfreudiges Rußland, das eine Integration im
Westen anstrebt, mit dem es eine historische Partnerschaft eingegangen ist, die vor nur neun Tagen in
Paris unterzeichnet wurde.
Heute stellen wir von der Ukraine bis zu den Vereinigten Staaten und von Reykjavik bis Ankara unter
Beweis, daß das Streben nach europäischer Sicherheit
kein Nullsummenspiel mehr ist. Die NATO hat neue
Verbündete und Partner. Die Nationen Zentral- und
Osteuropas treten jetzt in der Praxis der Wertegemeinschaft bei, die sie im Geist nie verlassen hatten. Und
das russische Volk bekommt etwas, das es jahrhundertelang nicht hatte - einen echten und dauerhaften Frieden mit den Nationen in seinem Westen.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten arbeiten wir an
der Verringerung der Bedrohung durch das nordkoreanische Nuklearprogramm und haben das Land aufgefordert, seine selbst auferlegte Isolation zu beenden.
Und wir haben China zur Erweiterung seiner Beteiligung an dem internationalen System und zur
Einhaltung internationaler Normen von Menschenrechten bis zum Export von rüstungsbezogenen Technologien ermutigt.

Die Schatten des Kalten Krieges verdunkeln Europa
nicht länger, aber ein Gespenst aus der Vergangenheit
geht noch um. Die Geschichte lehrt uns, daß es
keinen natürlichen geographischen oder politischen
Endpunkt für den Konflikt auf dem Balkan gibt, wo der
Erste Weltkrieg begann und sich in diesem Jahrzehnt
die schlimmsten Gewaltakte Europas der vergangenen 50 Jahre ereigneten. Die friedliche Integration
Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist.

Und schließlich streben wir in Europa die Verwirklichung der von Marshall proklamierten, aber durch den
Kalten Krieg verhinderten Vision an - der Vision eines
ungeteilten und freien Europas, vereinigt, wie Prä-

Als er vor 50 Jahren die kühnen Ideen des Marshallplans verteidigte, äußerte Senator Arthur Vandenberg,
es hätte wenig Sinn, einem in sechs Meter Entfernung
Ertrinkenden eine viereinhalb Meter lange Rettungs-

AMERIKA DIENST 11

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�leine zuzuwerfen. Genausowenig können wir in
Bosnien unsere Ziele erreichen, wenn wir nur gerade
genug unternehmen, um einen unmittelbaren Krieg zu
verhindern. Vielmehr müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, um den Menschen in Bosnien bei
der Schaffung eines dauerhaften Friedens zu helfen.
Vor einigen Tagen hat Präsident Clinton Schritten
zugestimmt, den Friedensprozeß unumkehrbar zu
machen und für jede Partei ein deutliches Interesse an
seinem Erfolg zu wecken.
Vergangenes Wochenende bin ich in die Region
gereist, um den Parteien persönlich folgende Botschaft
zu übermitteln: Wenn sie internationale Anerkennung
oder unsere Hilfe wünschen, müssen sie ihre Verpflichtungen erfüllen, einschließlich der umfassenden
Zusammenarbeit mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal.
Das Tribunal ist nicht nur für Bosnien und Ruanda das
Beste, sondern auch für die Welt. Wir können Greueltaten als unvermeidlich hinnehmen oder einen höheren
Standard anstreben. Wir können so tun als ob nur
Gott und die Opfer vergeben können, oder wir können
die eindrucksvollste Lektion dieses Jahrhunderts
beherzigen, daß nämlich Böses - wenn man ihm nichts
entgegensetzt - noch mehr Böses hervorbringt.
Die Mehrheit der Toten in Bosnien starb nicht auf dem
Schlachtfeld, sondern auf den Märkten, Straßen und
Spielplätzen, wo Männer und Frauen wie Sie und ich,
Mädchen und Jungen wie die, die wir kennen, mißbraucht oder ermordet wurden - nicht weil sie etwas
verbrochen hatten, sondern nur aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Wir alle haben ein Interesse daran, zur Abschreckung
weiterer Greueltaten einen Präzedenzfall zu schaffen,
dem Tribunal durch die Unterscheidung zwischen
Unschuldigen und Schuldigen bei der Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu helfen, die ethnischer Säuberungen Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und
diejenigen, die Vergewaltigung lediglich für eine
weitere Kriegstaktik halten, für ihre Verbrechen büßen
zu lassen.
Seit George Marshalls Zeiten spielen die Vereinigten
Staaten eine führende Rolle im internationalen System,
nicht als alleiniger Richter über Gut und Böse, denn
darüber kann keiner allein entscheiden, sondern als
Wegbereiter - als die Nation, die den Weg weisen
kann, wenn andere dazu nicht in der Lage sind.
In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
hat Amerika nicht nur durch den Marshallplan, sondern
auch durch die Trumandoktrin, die Berliner Luftbrücke
und die Antwort auf die kommunistische Aggression in
Korea diese Führungsrolle unter Beweis gestellt.

Seite 4

In diesem Jahrzehnt war Amerika führend bei der
Niederschlagung von Saddam Hussein, der Ermutigung nuklearer Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der ehemaligen Sowjetunion, der Wiedereinsetzung der gewählten Politiker in Haiti, der Aushandlung des Daytoner Abkommens und der Unterstützung der Friedenswilligen gegenüber den Bombenlegern im Nahen Osten und anderen strategischen
Regionen.
Wir begrüßen diese Führungsrolle, um mit Teddy
Roosevelts Worten zu sprechen, nicht weil wir uns
international überall einmischen möchten, sondern weil
wir aus Erfahrung wissen, daß unsere Interessen und
die unserer Verbündeten von regionalen oder Bürgerkriegen sowie Machtvakuen beeinträchtigt werden
können, die Chancen für Kriminelle und Terroristen
schaffen und die Demokratie bedrohen.
Aber Amerika kann die Arbeit nicht alleine leisten. Wir
können den Weg weisen, aber andere müssen bereit
sein, sich uns anzuschließen und selbst Verantwortung zu übernehmen. Andere müssen bereit sein,
sich uns im Rahmen ihrer eigenen Ressourcen und
Fähigkeiten beim Aufbau einer Welt anzuschließen, in
der gemeinsames Wirtschaftswachstum möglich ist,
gewalttätige Konflikte eingedämmt werden und
diejenigen, die Gesetze befolgen, immer mehr Sicherheit genießen.
Bei meinem Besuch in Sarajevo besuchte ich einen
Spielplatz in einem Gebiet, das früher als "Straße der
Heckenschützen" bezeichnet wurde. Viele Bosnier
wurden dort aufgrund von ethnischem Haß umgebracht. Letztes Wochenende spielten die Kinder dort
jedoch ungeachtet dessen, ob das Kind neben ihnen
Muslim, Serbe oder Kroate ist. Und sie dankten
Amerika für die Hilfe, dank derer ihre Schaukeln
repariert werden konnten, und baten mich, einen Baum
zu pflanzen, den sie zu hegen und pflegen versprachen.
Dabei kam mir der Gedanke, daß dies eine passende
Metapher für die Rolle der Vereinigten Staaten vor 50
Jahren war, als wir die Saat für erneuten Wohlstand
und echte Demokratie in Europa säten. Und auch eine
Metapher für die Rolle Amerikas während der letzten
Jahre dieses Jahrhunderts bis hinein in das nächste.
Durch die ausländischen Studenten, die sie anzieht,
die Forschung, die hier durchgeführt wird, die Kurse,
die sie anbietet und das Feingefühl, das sie übermittelt,
trägt diese großartige Universität der Tatsache Rechnung, daß ihre Absolventen ein globales Leben führen
werden. Sie werden auf einem Weltmarkt konkurrieren, weiter und öfter reisen als alle früheren Generationen, mit ihren Kollegen aus allen Kulturen Ideen,
Vorlieben und Erfahrungen austauschen und erkennen, daß sie sich nach außen öffnen müssen, um eine
erfüllte und lohnenswerte Zukunft zu haben.

AMERIKA DIENST 11

�Während Sie und Ihr Land das tun, müssen wir den
von Marshall gesetzten hohen Standard anstreben,
zeitgemäße Mittel auf der Grundlage von dauerhaften
Werten einsetzen und dürfen nie vergessen, daß
Amerika auf der Seite der Freiheit steht.
Ich sage Ihnen das in meiner Eigenschaft als Außenministerin. Ich sage es auch als einer jener zahllosen
Menschen, deren Leben von den Turbulenzen in
Europa Mitte dieses Jahrhunderts und von der Führungsrolle Amerikas in diesem Jahrhundert beeinflußt
wurde.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich während
des Krieges in England in einem Luftschutzkeller saß,
die Angst mit Singen zu vertreiben suchte und Gott für
die Hilfe der Vereinigten Staaten dankte.
Ich kann mich noch erinnern, wie wir nach dem Krieg
und der Machtergreifung der Kommunisten in Prag hier
in den Vereinigten Staaten ankamen, wo ich nur den
Wunsch hatte, akzeptiert zu werden und wollte, daß
meine Eltern und mein neues Land auf mich stolz sein
können.
Weil meine Eltern rechtzeitig flohen, entkam ich Hitler.
Zu unserem großen und anhaltenden Schmerz gelang
das Millionen Menschen nicht.
Dank der Großzügigkeit Amerikas entkam ich Stalin.
Millionen konnten das nicht.
Aufgrund der Vision der Generation von Truman und
Marshall genoß ich das Privileg, ein Leben in Freiheit
zu führen^ Millionen Menschen hatten nie diese
Chance.
Das mag für diejenigen, die sich nicht an jene Zeit vor
50 Jahren erinnern können, schwer verständlich sein.
Aber Sie rrlüssen versuchen zu verstehen.
Mit den Jahren halten viele den Zweiten Weltkrieg für
den letzten "guten Krieg", denn wenn es je eine
gerechte Sache gegeben hat, dann diese; und wenn
die Zukunft der Menschheit je auf dem Spiel gestanden
hat, dann zu dieser Zeit.
Zwei Generationen von Amerikanern sind seit diesem
Krieg herangewachsen - erst meine, dann Ihre Generation. Zwei Generationen von Jungen und Mädchen,
die die Veteranen bei Picknicks, Paraden und Feuerwerk, salutierend und ordensgeschmückt sehen
konnten. Sie sahen deren Stolz und dachten vielleicht:
"Wie großartig muß das gewesen sein - bei einer
großen Sache auf die Probe gestellt zu werden und
den Sieg davonzutragen."
Aber gerade am heutigen Tag dürfen wir nicht vergessen, daß jede Medaille und jedes Ordensband eine
Geschichte hat - sie erzählen von Heldentaten, aber

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auch von abgrundtiefer Traurigkeit, denn der Zweite
Weltkrieg war kein guter Krieg.
Von Nordafrika bis Salerno, von der Normandie über
die Ardennen bis nach Berlin mußte ein ganzer dem
Faschismus zum Opfer gefallener Kontinent Dorf um
Dorf, Hügel um Hügel zurückgewonnen werden. Und
weiter östlich, von Tarawa bis Okinawa, war der
tödliche Kampf um Asien ein Angriff auf eingegrabene
Stellungen, der nur von unglaublichem Mut zu einem
unerträglich hohen Preis übertroffen wird.
Heute ist die größte Gefahr für Amerika nicht ein
ausländischer Gegner, sondern die Möglichkeit, daß
wir dem Beispiel dieser Generation nicht genug
Beachtung schenken, zulassen, daß die dynamische
Entwicklung zu Demokratie ins Stocken gerät, daß wir
die Institutionen und Prinzipien, auf denen unsere
Freiheit gründet, für selbstverständlich halten und
vergessen, woran uns die Geschichte dieses Jahrhunderts erinnert: Daß Probleme im Ausland allzu oft
auch Amerika heimsuchen, wenn man sich ihnen nicht
stellt.
In einem oder zwei Jahrzehnten werden wir entweder
als die Neoisolationisten bekannt werden, die das
Wiederaufleben von Tyrannei und Gesetzlosigkeit
zuließen, oder als die Generationen, die den globalen
Triumph demokratischer Prinzipien konsolidierten.
Wir werden entweder als die Neoprotektionisten
bekannt, deren Mangel an Vision zum finanziellen Ruin
führte oder als die Generationen, die weltweit die
Grundlagen für wachsenden Wohlstand schufen.
Wir werden entweder als die Zauderer von Weltklasse
bekannt, die dem Säen erneuter globaler Konflikte
tatenlos zuschauten oder als die Generationen, die
entschiedene Maßnahmen ergriffen, um Bündnisse zu
schließen, Aggression abzuschrecken und den
Frieden zu wahren.
Es gibt kein Patentrezept für den Erfolg - weder für
Einzelpersonen, noch für eine Generation. Letztlich ist
es eine Frage des Urteilsvermögens und der eigenen
Entscheidung.
Wenn wir diese Entscheidung treffen, sollten wir uns
daran erinnern, daß es keine Seite im Buch der
amerikanischen Geschichte gibt, auf die wir stolz sind,
die von einem chronischen Nörgler oder Untergangspropheten geschrieben wurde. Wir sind Macher.
Wir haben eine Verpflichtung in unserer Zeit, ebenso
wie andere sie in der ihren hatten, nicht zu Gefangenen der Geschichte zu werden, sondern diese zu
gestalten - die Verpflichtung, die Rolle des Wegbereiters zu übernehmen und zusammen mit anderen
ein globales Netz von Zielen und Gesetzen zu knüpfen, die unsere Bürger schützen, unsere Interessen

Seite 5

�verteidigen, unsere Werte erhalten und zukünftigen
Generationen ein ebenso stolzes Vermächtnis wie das
hinterlassen, dessen wir heute gedenken.

Dafür werde ich mich mit aller Kraft einsetzen und bitte
Sie, dasselbe zu tun. Nochmals ganz herzlichen
Dank.

* * * * *

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�NATO
11. Juni 1997

Eine neue NATO mit neuen Missionen,
neuen Mitgliedern und neuen Partnern
Rede des Präsidenten in West Point

WEST POINT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 31. Mai 1997 bei der
Militärakademie der Vereinigten Staaten in West Point (New York) gehaltene Rede unwesentlich gekürzt.

Liebe Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs
1997, heute treten Sie der langen Reihe der grauuniformierten Heeressoldaten bei, die sich über zwei
Jahrhunderte treuen Dienstes an Amerika und an der
Freiheit erstreckt, die unser kostbarster Schatz ist.
Von der Verteidigung von Fort Erie im Krieg von 1812
bis zur Schlacht am Antietam, von den Schützengräben der Argonne über Okinawa bis zu Heartbreak
Ridge, dem Mekong Delta und der glühend heißen
Wüste des Golfkriegs haben die Offiziere aus West
Point unserer Nation gedient und für sie Opfer gebracht.
In den vier Jahren seit meiner letzten Rede hier vor
Ihnen haben Ihre Absolventen dazu beigetragen, in
Haiti die Demokratie wiederherzustellen, in Ruanda
Hunderttausende von Menschen vor Völkermord und
Hungersnot zu retten und dem Blutvergießen in
Bosnien ein Ende zu setzen. Während unserer
Geschichte haben die Männer und Frauen aus West
Point uns nie im Stich gelassen, wenn die Pflicht rief.
Und ich spreche im Namen aller Amerikaner, wenn ich
sage: Ich weiß, daß Sie es nie tun werden.
Ich möchte West Point meinen besonderen Dank
aussprechen und insbesondere den Absolventen
dieses Jahrgangs gratulieren, die aus dem Ausland
kommen. Wir heißen Sie hier herzlich willkommen und
sind stolz darauf, daß Sie Teil unserer Tradition des
Militärdienstes geworden sind. Und wir wünschen
Ihnen für die Rückkehr in Ihre Heimat alles Gute. Wir
hoffen, daß auch Sie die Sache der Freiheit voranbringen können, denn das ist im 21. Jahrhundert
unsere gemeinsame Aufgabe.

AMERIKA DIENST 11

Vor zwei Tagen kehrte ich von einer Mission aus
Europa zurück, bei der wir auf eines der stolzesten
Kapitel der amerikanischen Geschichte zurückblickten
und in die Zukunft schauten, die wir für unsere Kinder
und Enkel gestalten möchten. Diese Woche feiern wir
den 50. Jahrestag des Marshallplans, den Winston
Churchill als den uneigennützigsten Akt in der Geschichte bezeichnet hat.
1947 wurden die vom Krieg erschöpften Amerikaner,
die zu Hause ihr Leben weiterführen wollten, von einer
Generation bemerkenswerter Politiker - General
George Marshall, Senator Arthur Vandenberg, Präsident Harry Truman - zur erneuten Übernahme einer
Führungsrolle aufgefordert. Diese führenden Politiker
wußten, daß es keinen dauerhaften Frieden und keine
Sicherheit für ein Amerika geben konnte, das sich
hinter seine Grenzen zurückzog und sich von der Welt
und seinen Pflichten distanzierte. Sie boten die
unerläßliche Führung für die Umsetzung des Marshallplans, die Gründung der NATO und der ersten globalen Finanzinstitutionen. Sie versetzten Amerika und
unsere Verbündeten in die Lage, durch Zusammenarbeit innerhalb von Organisationen die Herausforderungen ihrer Zeit zu bewältigen - einzigartigen
Wohlstand zu schaffen und dem sowjetischen Expansionismus die Stirn zu bieten, bis das Licht der Freiheit
ganz Europa erhellte.
Der zweite Grund für meine Reise war untrennbar mit
dem ersten verbunden. Er bestand darin, in die
Zukunft zu schauen, auf die Möglichkeit, das zu
erreichen, wovon Marshalls Generation nur träumen
konnte - ein erstmals in der Geschichte demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa; und die
Notwendigkeit für Amerika und seine Verbündeten, uns

Seite 1

�erneut zur Bewältigung der Herausforderungen
unserer Zeit zusammenzufinden, um Frieden und
Wohlstand für die nächsten 50 Jahre und danach zu
sichern.

Sicherheit gibt. Ich bin der Ansicht, daß es teilweise
deshalb keine starke Bedrohung gibt, weil die NATO
existiert. Und die Erweiterung wird ihre Stärke noch
vergrößern.

Zur Gestaltung und Sicherung eines neuen, friedlichen, demokratischen und endlich ungeteilten Europas
ist eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen
Mitgliedern und neuen Partnern vonnöten.
Wir
schaffen diese Art von NATO seit drei Jahren mit
neuen Partnern im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden und der ersten Out-of-area-Mission in Bosnien. In Paris unternahmen wir letzte Woche einen
weiteren Riesenschritt, als Rußland eine neue Partnerschaft mit der NATO einging und sich für Kooperation
anstelle von Konfrontation entschied, während beide
Seiten bekräftigten, daß sich die Welt verändert hat.
Die europäische Sicherheit ist nicht länger ein Nullsummenwettbewerb zwischen Rußland und der NATO,
sondern ein gemeinsames Ziel, das wir in Ehren
halten.

Meines Erachtens sollten wir aus vier Gründen neue
Mitglieder in das Bündnis aufnehmen. Erstens wird die
NATO dadurch gestärkt, um die sicherheitspolitischen
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sowie die
Konflikte zu bewältigen, die den Frieden aller bedrohen.

In wenig mehr als einem Monat werde ich mit den
anderen Staats- und Regierungschefs der NATO in
Madrid zusammentreffen und dort die ersten neuen
Demokratien Zentraleuropas zum NATO-Beitritt
einladen - mit Zustimmung des Senats im Jahr 1999,
dem 50. Jahrestag der Gründung des Bündnisses.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die NATO-Erweiterung in unserem nationalen Interesse liegt. Da
sie nicht ohne Kosten und Risiken erfolgen kann,
benötigen wir im Vorfeld unserer Maßnahmen eine
offene, umfassende, nationale Diskussion. Ich möchte
diese Diskussion hier in nicht unbeträchtlichem Maße
fördern, da sie insbesondere für die Absolventen
dieses Jahrgangs von Bedeutung ist. Denn als Hüter
unserer Sicherheit in den kommenden Jahren wird Ihre
Arbeit leichter und sicherer, wenn wir das Richtige tun
- und gefährlicher und weitaus schwieriger, wenn wir
das nicht tun.

Betrachten Sie sich Bosnien: Die Tschechische
Republik, Polen, Rumänien, die baltischen Staaten und
andere zentraleuropäische Nationen leisten bereits
einen Beitrag zur Friedenssicherungsmission in
Bosnien in Form von Truppen und Militärstützpunkten.
Wir Amerikaner hätten ohne die Hilfe Ungarns und
ohne unser Sammellager in Taszar, das ich besucht
habe, unsere Truppen nicht so sicher, reibungslos und
schnell in Bosnien stationieren können. Die neuen
Demokratien, die wir zum Beitritt in die NATO einladen,
sind bereit und in der Lage, einen beträchtlichen Teil
der Verteidigungslast zu tragen, denn sie kennen den
Preis des Verlusts der Freiheit.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung dazu beitragen,
die historischen Errungenschaften der Demokratie in
Europa zu sichern. Die NATO kann für Osteuropa
leisten, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg für
Westeuropa getan hat - ein sicheres Umfeld schaffen,
in dem Freiheit, Demokratie und Wohlstand prosperieren können. Der NATO-Beitritt half Italien, Deutschland und Spanien in der Vergangenheit bei der
Konsolidierung ihrer Demokratien. Jetzt hat die
Öffnung der Türen des Bündnisses die zentraleuropäischen Nationen bereits zur Vertiefung ihrer demokratischen Reformen, Stärkung ziviler Kontrolle über das
Militär und Öffnung ihrer Volkswirtschaften veranlaßt.
Die NATO-Mitgliedschaft und ihre Zukunftsaussichten
werden ihnen das Selbstvertrauen geben, den Kurs zu
halten.

Das Schicksal Europas und die Zukunft Amerikas sind
eng miteinander verbunden. Zweimal in einem halben
Jahrhundert haben Amerikaner zur Verteidigung von

Drittens wird die NATO-Erweiterung mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer Differenzen

Freiheit und Frieden ihr Leben in Weltkriegen geopfert,

ermutigen. Auf der ganzen Welt sehen wir zu unserem

die in Europa ihren Ausgang nahmen. Und wir sind
während des gesamten Kalten Krieges in sehr großer
Zahl in Europa geblieben. Wenn wir jetzt, da wir die
Chance haben, kluge Schritte zur Stärkung unserer
gemeinsamen Sicherheit unternehmen, helfen wir bei
der Gestaltung einer Zukunft ohne die Fehler und
Spaltungen der Vergangenheit und können uns auf die
Bewältigung der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen des neuen Jahrhunderts vorbereiten. Bei
dieser Aufgabe sollte die NATO unser schärfstes
Schwert und unser stärkstes Schutzschild sein.

Entsetzen Menschen, die durch ihren eigenen ethnischen, regionalen und nationalistischen Haß gefangen sind und sich und ihre Kinder aufgrund ihrer
primitiven, destruktiven Impulse des Lebens berauben,
das sie führen könnten.

Manche behaupten, wir brauchten die NATO nicht
mehr, weil es jetzt keine starke Bedrohung unserer

Seite 2

Als wir 1949 den Nordatlantikvertrag unterzeichneten,
erklärte Präsident Truman, hätte die NATO bereits
1914 oder 1939 existiert, hätte sie die Weltkriege
verhindert, die die Welt auseinanderrissen.
Die
Erfahrung der letzten 50 Jahre untermauert diese
Sichtweise. Die NATO trug zur Versöhnung jahrhundertealter Gegner wie Frankreich und Deutschland
bei, die jetzt enge Freunde und Verbündete sind. Und

AMERIKA DIENST 11

�sie hat über all diese Jahrzehnte hinweg eindeutig die
Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei
verringert. Die bloße Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft hat bereits Länder in Zentraleuropa davon
überzeugt, mehr als ein halbes Dutzend Grenz- und
ethnische Streitigkeiten beizulegen, die alle zu künftigen Konflikten hätten führen können. Das wiederum
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß Sie je wieder
zum Kampf in einem Krieg auf der anderen Seite des
Atlantiks gerufen werden.
Viertens wird die Erweiterung der NATO zusammen
mit der Partnerschaft für den Frieden mit vielen
anderen Nationen und ihrem speziellen Abkommen mit
Rußland sowie der in Kürze zu unterzeichnenden
Partnerschaft mit der Ukraine die von Stalin gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren und Europa in
Sicherheit zusammenbringen und nicht in Instabilität
auseinanderhalten.
Die NATO-Erweiterung bedeutet nicht ein anders
geteiltes Europa. Sie ist Teil des europäischen
Einigungsprozesses.
Die ersten NATO-Mitglieder
sollten nicht ihre letzten sein. Die Türen der NATO
werden für alle offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft willens und in der Lage
sind, und wir müssen weiterhin unsere Partnerschaften
mit Nichtmitgliedern stärken.
Ich möchte Ihnen gegenüber eindeutig klarstellen, daß
diese Vorteile weder kosten- noch risikofrei sind. Die
Vereinigten Staaten werden im nächsten Jahrzehnt
schätzungsweise 200 Millionen Dollar pro Jahr für die
Erweiterung zahlen müssen. Unsere Verbündeten in
Kanada und Westeuropa sind ebenso wie die neuen
Mitglieder der NATO bereit, ihren Beitrag zu leisten.
Und auch wir müssen das Unsrige tun.
Noch wichtiger ist, die Erweiterung erfordert von uns,
daß wir das feierlichste Sicherheitsgelöbnis des
Bündnisses auf die neuen Mitglieder ausdehnen, einen
Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle anzusehen.
Diesem Gelöbnis haben wir durch die Stationierung
unserer Truppen und die Abschreckung mit unseren
Nuklearwaffen stets Glaubwürdigkeit verliehen. In den
kommenden Jahren bedeutet es, daß Sie gebeten
werden könnten, Ihr Leben für ein neues NATOMitglied aufs Spiel zu setzen, ebenso wie Sie heute
aufgefordert werden können, die Freiheit unserer
Verbündeten in Westeuropa zu verteidigen.
Während ich die NATO in den vergangenen drei
Jahren bei der Öffnung ihrer Türen für die neuen
Demokratien Europas leitete, habe ich diese Kosten
sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen.
Ich
gelangte zu der Schlußfolgerung, daß die Vorteile der
Erweiterung - Stärkung der NATO für die Zukunft,
Konsolidierung der Errungenschaften der Demokratie
in Zentraleuropa, Aufbau von Stabilität über den
Atlantik hinweg, die Vereinigung Deutschlands, nicht

AMERIKA DIENST 11

seine Teilung - daß diese Vorteile die Lasten entschieden aufwiegen. Für mich ist die Sache klar: Die
Erweiterung der NATO wird unsere Sicherheit erhöhen. Sie ist richtig. Wir dürfen die Herausforderung
der Geschichte in diesem Augenblick zum Aufbau
eines friedlichen, demokratischen und ungeteilten, mit
uns bei der Bewältigung der neuen Sicherheitsbedrohungen des neuen Jahrhunderts verbündeten
Europas nicht verpassen. Ein Europa, das die Wiederholung der dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts vermeiden und die brillanten Möglichkeiten
des 21. Jahrhunderts verwirklichen wird.
Diese Vision eines neuen Europas ist von zentraler
Bedeutung für unsere umfassendere Sicherheitsstrategie, zu deren Um- und Durchsetzung Sie aufgefordert werden. Unsere Tagesordnung muß jedoch
darüber hinausgehen, weil wir mit unserer gesamten
Macht und unserem Wohlstand in einer Welt leben, in
der unser Einfluß von unserer Erkenntnis abhängt, daß
unsere Zukunft von der anderer Nationen abhängt und
wir mit ihnen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten
müssen, weil wir sehen, daß die uns morgen konfrontierenden Herausforderungen nationale Grenzen
überschreiten werden. Sie werden durch moderne
Technologie, Kommunikation und Reisen noch
vergrößert. Sie müssen von gleichgesinnten Nationen
durch Zusammenarbeit gemeistert werden - unabhängig davon, ob wir über Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder Umweltzerstörung sprechen.
Aus diesem Grund müssen wir fünf andere Ziele
verfolgen. Erstens müssen wir eine Gemeinschaft
asiatisch-pazifischer Nationen aufbauen, die durch die
gemeinsame Verpflichtung zu Stabilität und Wohlstand
verbunden sind. Wir haben in einem halben Jahrhundert drei Kriege in Asien geführt. Die Stabilität
Asiens beeinflußt unseren Frieden, und das explosionsartige Wachstum Asiens beeinflußt unseren
Wohlstand. Deshalb haben wir unsere Sicherheitsverbindungen zu Japan und Korea verstärkt, deshalb
kommen wir jetzt jedes Jahr mit den Staats- und
Regierungschefs der asiatisch-pazifischen Region
zusammen, und deshalb müssen wir mit China
zusammenarbeiten und dürfen uns nicht von China
isolieren.
Eine die Zukunft Ihrer Generation von Amerikanern
bestimmende große Frage lautet, wie China seine
eigene Größe als Nation definiert. Wir haben mit
China zusammengearbeitet, weil es unseres Erachtens wichtig ist, in einer Art zu kooperieren, die die
Definition dieser großartigen Nation in positiver, nicht
negativer Weise beeinflußt. Wir müssen zur Aufrechterhaltung normaler Handelsbeziehungen nicht
bei allen Fragen mit China übereinstimmen, aber wir
benötigen normale Handelsbeziehungen, um die
Chance zu haben, allmählich Einigung mit China bei

Seite 3

�Fragen von elementarer Bedeutung für die Vereinigten
Staaten und die Welt zu erzielen.
Zweitens bauen wir auf der ganzen Welt Koalitionen
auf, um diese neuen Sicherheitsbedrohungen in Angriff
zu nehmen, die keine Grenzen kennen: Weiterverbreitung von Waffen, Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung. Wir müssen eine Führungsrolle bei
der Erarbeitung globaler Arrangements übernehmen,
die uns die Instrumente zur Bewältigung dieser
gemeinsamen Bedrohungen an die Hand geben: Die
Chemiewaffenkonvention, den Nichtverbreitungsvertrag, den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und unsere Bestrebungen mit Rußland zur
weiteren Verringerung der Nuklearwaffen.
Unsere größte Aufgabe besteht jetzt darin, solche
Arrangements auch für die Bekämpfung von Terrorismus, Drogenhändlern und organisiertem Verbrechen
zu vereinbaren. In drei Wochen werde ich den Gipfel
der acht führenden Industrienationen dazu nutzen,
diese Tagesordnung voranzubringen.
Drittens müssen wir ein offenes Handelssystem
aufbauen. Unsere Sicherheit ist mit dem Interesse
verbunden, das andere Nationen daran haben, frei und
offen zu bleiben sowie mit anderen zusammen, nicht
gegen sie zu arbeiten. Aufgrund der von uns ausgehandelten Handelsvereinbarungen haben wir nicht
zuletzt unsere Position als Exporteur Nummer eins der
Welt wiedererlangt und unseren Einfluß in einer Weise
verbessert, die gut für unsere Sicherheit ist. Um diese
Fortschritte fortzusetzen, müssen wir die Befugnis zum
Abschluß kluger, neuer Marktöffnungsabkommen
haben, die jeder Präsident seit 20 Jahren hatte.
Einige unserer Mitbürger glauben, der Präsident
benötige diese Befugnis nicht länger. Sie glauben, die
globale Wirtschaft stelle irgendwie eine Bedrohung für
uns dar. Meiner Ansicht nach ist es jedoch offensichtlich, daß die Amerikaner nicht nur das stärkste und
beste Militär, sondern auch die beste Volkswirtschaft
der Welt haben - das amerikanische Volk kann jeden
Konkurrenten in den Schatten stellen, wenn es eine
faire Chance hat.

Viertens müssen wir zu unserer Rolle als entscheidende Kraft für Frieden stehen. Sie können und sollten
nicht überall hingehen. Aber wenn unsere Werte und
Interessen auf dem Spiel stehen, ist unsere Mission
kristallklar und möglich - Amerika sollte Seite an Seite
mit seinen Verbündeten auf der Welt stehen, die
Frieden bringen und ein Gemetzel verhindern. Vom
Nahen Osten bis Bosnien, von Haiti bis Nordirland
haben wir zusammengearbeitet, um Konflikte einzudämmen, Frieden zu unterstützen und den Kindern
eine vielversprechendere Zukunft zu geben, und es hat
unsere Sicherheit verbessert.
Wir haben die Instrumente für diese Arbeit: Das
mächtigste und am besten ausgebildete Militär der
Welt und eine vollständig finanzierte Diplomatie zur
Minimierung der Chancen, daß militärische Macht
notwendig wird.
Der von uns gerade abgeschlossene langfristige
Verteidigungsplan wird unsere Bereitschaft, Fähigkeiten und unseren technologischen Vorsprung
verbessern. In einer Welt andauernder Gefahren
müssen und werden Sie in der Lage sein, die Konflikte
der Zukunft zu beherrschen wie Sie es auf den
Schlachtfeldern der Vergangenheit getan haben.
Vor 55 Jahren, in den ersten Tagen des Zweiten
Weltkriegs, sprach der Mann, den wir in dieser Woche
ehrten - General George Marshall - hier bei Ihrer
Abschlußfeier über die Notwendigkeit, unsere Nation
für die schwere Prüfung des Krieges zu organisieren.
Er erklärte, wir seien entschlossen, daß unsere Flagge
einerseits als ein Symbol der Freiheit und andererseits
als Symbol überwältigender Macht anerkannt wird,
bevor die Sonne über diesem schrecklichen Kampf
untergeht.
Heute weht unsere Flagge der Freiheit und Macht
höher als je zuvor, aber weil unsere Nation auf der
Höhe ihrer Macht ist, befindet sie sich auch auf der
Höhe ihrer Verantwortung. Während Sie unsere
Flagge in dieses neue Zeitalter tragen, müssen wir uns
daher organisieren, um den Herausforderungen der
nächsten 50 Jahre zu begegnen.

Hierbei geht es aber um mehr als nur Geld und
Arbeitsplätze. Es geht um die Sicherheit. Die Welt
und insbesondere die demokratischen Nachbarn in
unserem Süden blicken auf uns. Wenn wir keine
wirtschaftlichen Brücken zu ihnen aufbauen, wird es
ein anderer tun. Wir müssen klarstellen, daß die
Vereinigten Staaten freie Menschen und fairen,
offenen Handel unterstützen.

*

Seite 4

Wir müssen den

Frieden für ein bald anbrechendes neues und besseres Jahrhundert gestalten, so daß Sie Ihren Kindern
und Enkelkindern das Amerika und die Welt geben
können, die sie verdienen.
Gott schütze Sie, und Gott schütze Amerika.

*

AMERIKA DIENST 11

�NATO
11. Juni 1997

Grundakte bedeutet Aufgabe der
Selbstisolierung Rußlands
Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Albright beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats am 29. Mai 1997 in Sintra gehaltene Rede.

Herr Generalsekretär, Herr Ehrenpräsident, verehrte
Kollegen. Es ist mir eine Ehre, die Vereinigten Staaten
bei dieser Sitzung des Nordatlantikrats vertreten zu
dürfen.
In den vergangenen Monaten - und insbesondere
während der letzten beiden Wochen - haben wir harte
Arbeit geleistet, die historische Ergebnisse hervorbrachte.
Im Januar bin ich in Brüssel zum ersten Mal mit Ihnen
zusammengekommen und habe versprochen, daß die
Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende zur
Verwirklichung unserer gemeinsamen Vision einer
neuen NATO tun werden. Heute fügen sich alle
Elemente dieser Vision zu einem Ganzen zusammen.
Wir sind bereit für Madrid, und die NATO ist bereit für
die Herausforderungen eines neuen Jahrhunderts.
Wir haben neue Beziehungen zu einem demokratischen Rußland hergestellt. Hier in Sintra werden wir
eine Charta zwischen der NATO und der Ukraine
paraphieren. Wir werden die Partnerschaft für den
Frieden weiter stärken. Wir werden den euroatlantischen Partnerschaftsrat ins Leben rufen. Wir werden
uns auf ein historisches Gipfeltreffen vorbereiten, bei
dem wir neue Partner einladen, dem Bündnis beizutreten.
In den nächsten 40 Tagen werden wir uns auf die
Einzelheiten des Prozesses, Protokolls und der
Planung für den Gipfel konzentrieren. Wir sollten
jedoch unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Das Ziel ist, zum ersten Mal eine friedliche, freie und
ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen

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sowie den Frieden und Wohlstand nach Osten auszudehnen, den Westeuropa seit 50 Jahren genießt. Auf
diese Art und Weise werden wir den Sieg der Freiheit
über die alten Trennlinien Europas sicherstellen. Wir
werden starke neue Partner für Sicherheit und Handel
gewinnen. Und wir werden die Wahrscheinlichkeit
verringern, daß unsere Streitkräfte je zum Kampf auf
dem Boden dieses Kontinents gerufen werden.
Wenn wir in die Zukunft blicken, hoffe ich, daß wir uns
auch einen Augenblick lang an die Geschichte erinnern, die Europa und Amerika jetzt feiern. Nächste
Woche vor genau 50 Jahren schlug George Marshall
den Wiederaufbau dieses Kontinents nach dem Krieg
vor. Das Unternehmen markierte die Geburt der
modernen transatlantischen Partnerschaft.
Wie
Premierminister Kok und Präsident Clinton uns so
eloquent in ihren gestrigen Reden in Den Haag
erinnerten, inspiriert er heute unsere Vision von
Europa.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß der Marshallplan sehr viel mehr war als das Bestreben, den durch
den Zweiten Weltkrieg verursachten physischen
Schaden zu beheben. Sein dauerhaftestes Vermächtnis ist heute nicht so sehr in den Stahlwerken, Eisenbahnschienen und Ländereien unserer reich ausgestatteten Gemeinschaft zu sehen, sondern in den
Institutionen, die Jahrhunderte europäischer Konflikte
überdauerten, über alte Denkweisen hinausgingen und
die Grundlage der westeuropäischen und transatlantischen Einheit bildeten.
Mit seiner Vision eines ungeteilten und freien Kontinents sollte der Marshallplan nicht das alte Europa

Seite 1

�wiederaufbauen.
aufbauen.

Er sollte ein völlig neues Europa

Unbeendet, weil 50 Jahre lang die östlichen Grenzen
der europäischen Integration nicht durch die Entscheidung freier Menschen oder die Interessen freier
Nationen bestimmt wurden, sondern durch die westlichen Grenzen des Vormarsches der Roten Armee im
Jahr 1945.

Rußland hat die Selbstisolierung abgelehnt. Es hat
beschlossen, sich an der europäischen Sicherheitszusammenarbeit zu beteiligen und von ihr zu profitieren während das Land seine Volkswirtschaft und
Gesellschaft in die Europas und der Welt eingliedert.
Die Grundakte ist das sicherste Zeichen, daß Rußland
seine Stärke, Sicherheit und die Beziehungen zu
seinen Nachbarn in einer neuen Weise definieren wird.
Rußland hat erkannt, daß Europa nicht in gegnerische
Blöcke geteilt sein sollte, die durch Pufferzonen
ausgeschlossener Staaten getrennt gehalten werden
müssen.

Vor zwei Tagen haben wir in Paris historische Schritte
über diese unnatürliche Trennlinie getan, als unsere
Staats- und Regierungschefs zusammen mit Präsident
Jelzin die Grundakte über die neuen Beziehungen der
NATO zu Rußland unterzeichneten.

Die Grundakte bedeutet nicht, daß Rußland die NATOErweiterung in irgendeiner Weise befürwortet - und
das haben wir auch nicht angestrebt. Wir wissen, daß
es Zeit erfordert, bis das Vertrauen in unseren Beziehungen den Prozeß des Wandels einholt.

Die NATO und Rußland hätten diesen Punkt nicht
erreicht, wenn es nicht in unserem gemeinsamen
Interesse gelegen hätte. Aber genausowenig würde
es ohne das Geschick von Generalsekretär Solana
eine Grundakte geben. Herr Generalsekretär, ich
gratuliere Ihnen zu einer bemerkenswerten Leistung.
Sie haben diesem Bündnis und unserer gemeinsamen
Zukunft außergewöhnlich gute Dienste geleistet.

Wir haben jedoch bereits demonstriert, daß unser
Streben nach Sicherheit in Europa, wie es Präsident
Clinton in Paris formulierte, "nicht ein Nullsummenspiel
ist, bei dem der Gewinn der NATO der Verlust Rußlands und Rußlands Stärke die Schwäche unseres
Bündnisses ist". Die NATO wird bald neue Verbündete
und stärkere Partner haben. Und das russische Volk
wird etwas haben, das es seit Jahrhunderten nicht
hatte: Einen echten, tragfähigen Frieden mit den
Nationen in seinem Westen.

Wir unternehmen Schritte, um die noch unbeendete
Arbeit heute zu erledigen.

Die Herausforderung für uns - und Rußland - besteht
jetzt darin, das Versprechen der Partnerschaft in eine
alltägliche Realität umzusetzen, indem wir der in der
Grundakte enthaltenen Tagesordnung und den
Mechanismen Leben einhauchen.
Lassen Sie uns kurz überdenken, was das bedeutet.
Es bedeutet, daß wir unser Ziel der Zusammenarbeit
mit Rußland ohne Veränderung der Kernfunktion der
NATO - der kollektiven Verteidigung - oder ihrer
anderen Qualitäten voranbringen, die sie zum erfolgreichsten Bündnis der Geschichte gemacht haben. Es
bedeutet, daß die praktische Zusammenarbeit der
russischen Streitkräfte mit den NATO-Truppen in
Bosnien sowie mit den NATO-Planern in Brüssel und
im Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in
Europa (SHAPE) als Gewohnheit angesehen wird. Es
bedeutet, daß wir zusammen mit Rußland handeln
können, wenn sich unsere Interessen decken und
offen und konstruktiv reden, wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben.
Aber es gibt noch etwas Wichtigeres.
Mit der Unterzeichnung der Grundakte haben Präsident Jelzin und Rußland eine so grundlegende
Entscheidung getroffen wie die Entscheidung für
Demokratie und freie Märkte, die das russische Volk
im Jahr 1991 fällte.

Seite 2

All dies geschah, weil die NATO vor drei Jahren ihre
eigene Entscheidung traf. Wir kleideten diese Entscheidung in eine einfache Frage. Würde unser
Bündnis für immer als eine Organisation von Ländern
bekannt sein, die sich einst gegen ein bedrohliches
Imperium gestellt hatten, das nicht mehr existiert?
Oder würde es als eine Organisation fähiger Demokratien bekannt sein, die sich zur Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft zusammengeschlossen
hatten?
Wir entschieden, wenn die zweite Antwort die richtige
war, dann würden die Missionen der NATO und die
Zahl ihrer Mitglieder wie während des Kalten Krieges
nicht ausreichen. Die NATO mußte ihre inneren
Strukturen anpassen und für neue Mitglieder offen
sein, die in der Lage sind, einen Beitrag erster Klasse
zu leisten.
Bei der inneren Anpassung haben wir große Fortschritte erzielt. Wir schaffen die Mittel, um bündnisintern statt getrennt von der NATO eine europäische
Sicherheits- und Verteidigungsidentität aufzubauen.
Wir setzen das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos um. Wir werden zur Verabschiedung der
wesentlichen Elemente einer neuen Kommandostruktur in Madrid bereit sein. Unsere europäischen
Verbündeten haben jetzt eine Chance, diese Möglichkeiten zu nutzen. Wir hoffen, daß sie es tun werden.

AMERIKA DIENST 11

�Die Partnerschaft für den Frieden gewinnt ebenfalls an
Bedeutung. Wir haben drei Jahre lang hart daran
gearbeitet.
Wir haben Dutzende von Übungen,
Hunderte von Austauschprogrammen durchgeführt.
Und unsere Partner haben hervorragend reagiert. Die
Erweiterungen, denen wir heute zustimmen, werden
bedeuten, daß sie mehr tun können als nur bei von der
NATO geleiteten Operationen zu üben und sich daran
zu beteiligen. Sie werden eine aktive Rolle bei der
Planung der Missionen spielen können, die wir gemeinsam unternehmen.
Wir erfüllen auch unsere Verpflichtung zur Stärkung
unserer Partnerschaft mit der Ukraine. Die von uns
heute paraphierte Charta, die unsere Staats- und
Regierungschefs in Madrid unterzeichnen werden,
trägt der entscheidenden Rolle der Ukraine für die
Zukunft Europas Rechnung. Sie spiegelt unsere
Verpflichtung zur Unterstützung der Souveränität und
Unabhängigkeit einer demokratischen Ukraine und die
Verpflichtung der Ukraine zur Integration in Europa
wider.
Morgen werden alle unsere Partner gemeinsam mit
uns am ersten Treffen des neuen euroatlantischen
Partnerschaftsrats teilnehmen.
Der EAPR bietet
sowohl den Verbündeten als auch den Partnern etwas,
das uns noch fehlt. Er bietet unseren Partnern einen
Platz am Tisch, wenn wir die Zukunft unserer Zusammenarbeit gestalten. Und er bietet uns einen
offiziellen politischen Dialog mit einer Gruppe von
Nationen, die noch enger mit der NATO kooperieren
werden - bei genau den Herausforderungen, mit denen
wir uns in Zukunft am ehesten konfrontiert sehen.
Diese Schritte werden zu der Gewährleistung beitragen, daß der Bereich der Belange der NATO immer
größer sein wird als der Bereich ihrer Mitglieder.
Zusammen mit den von unseren Partnern unternommenen Schritten zur Beilegung ihrer Differenzen
können sie sicherstellen, daß die Regionen Europas
auf der Landkarte nie wieder rot, blau - oder grau markiert sein werden.
Es erübrigt sich jedoch zu sagen, daß immer noch
viele Herausforderungen vor uns liegen.
Von jetzt bis zum Gipfeltreffen in Madrid sollten wir
wenn möglich in Wien Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Rahmenabkommen erzielen, das die
Grundelemente eines angepaßten Vertrags über
konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) enthält.
Die uns leitenden Prinzipien sind klar. Erstens dürfen
wir keine Schritte unternehmen, die die Fähigkeit der
NATO zur Erfüllung ihrer künftigen Verpflichtungen
unterminieren, ihre politische Evolution beeinträchtigen
und zukünftige Mitglieder zu einem Status zweiter
Klasse verurteilen würden. Zweitens muß jedes KSEAbkommen nicht nur den Interessen der 16 NATO-

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Verbündeten oder eines einzelnen Landes Rechnung
tragen, sondern denen aller 30 KSE-Staaten.
Beim Gipfel selbst werden unsere Staats- und Regierungschefs natürlich einige unserer Partner zur
Aufnahme der Beitrittsgespräche einladen. Die NATOErweiterung wird vielen Zwecken dienen. Es gibt
jedoch zwei grundlegende Ziele, die wir berücksichtigen müssen, wenn wir die Entscheidungen über die
Größe und Zusammensetzung der ersten Runde von
jetzt bis Madrid treffen.
Erstens wollen wir die NATO stärker und geschlossener machen, indem wir neue Mitglieder hinzufügen, die
zu einem Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheit
bereit und in der Lage sind. Wir möchten, daß die
erste Runde der Erweiterung als ein solider Erfolg
unter diesen Bedingungen angesehen wird und durch
eine starke Mehrheit in den Parlamenten und der
Öffentlichkeit unterstützt wird.
Zweitens möchten wir den Nationen Zentral- und
Osteuropas einen Anreiz zur richtigen Entscheidung
über ihre Zukunft bieten. Wir möchten sie zur Beilegung ihrer alten Streitigkeiten, Konsolidierung von
Demokratie sowie Respektierung der Menschenrechte
und internationalen Normen ermutigen. Genau das hat
die Aussicht auf Erweiterung bisher getan.
Diese beiden Ziele stellen uns vor eine doppelte
Herausforderung.
Erstens müssen wir weiterhin insistieren, daß die
Kandidaten für eine NATO-Mitgliedschaft möglichst
hohen Standards entsprechen, bevor sie zum Beitritt
eingeladen werden. Das Bündnis sollte nur jene
neuen Demokratien aufnehmen, die eindeutig die
höchsten Reformhindernisse überwunden und unter
Beweis gestellt haben, daß sie alle mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten erfüllen können.
Die NATO-Erweiterung ist kein Förderprogramm. Das
würde unser Bündnis schwächen, unsere Parlamente
in Alarmbereitschaft versetzen und unseren Plan
vereiteln, im Osten weitere Reformen zu ermutigen
und die Versöhnung zu fördern.
Ein zweiter und ebenso wichtiger Punkt: Wir müssen in
Madrid eine klare und glaubwürdige Verpflichtung
gegenüber den Nationen eingehen, die für eine
Mitgliedschaft noch nicht bereit sind. Wir müssen
zusagen, daß die ersten neuen Mitglieder nicht die
letzten sein werden und keine europäische Demokratie
aufgrund ihrer geographischen Lage ausgeschlossen
wird.
Die Nationen Europas, die sich noch um die Überwindung des Vermächtnisses von Diktatur und Konflikten bemühen und sich die NATO-Mitgliedschaft zum
Ziel gesetzt haben, müssen wissen, daß wir ihre

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�Bestrebungen begrüßen. Sie müssen sicher gehen
können, daß vor der von uns versprochenen offenen
Türe keine unsichtbare Schranke steht. Sie benötigen
die Zuversicht, daß das Versprechen der Integration in
Europa real ist und am Ende des Tunnels der Reformen ein helles Licht brennt.
Stellen Sie sich bitte einmal vor, was geschehen
würde, wenn wir den bevorstehenden Gipfel als erste
und letzte Chance für einen NATO-Beitritt deklarieren
würden, als einmaliges Ereignis wie die Ankunft des
Kometen Hale-Bopp. Das würde in Madrid zu einem
wahnsinnigen Streit um eine Aufnahme ins Bündnis
und großer Enttäuschung unter denjenigen führen, die
außen vor bleiben.
Das wäre ein Rückschlag für all unsere Bestrebungen
zur Stärkung der Zusammenarbeit des Bündnisses mit
Nichtmitgliedsländern. Es würde alle positiven Anreize
unterminieren, die die Aussicht auf Kooperation und
letztlich eine NATO-Mitgliedschaft geben - auch auf
dem Balkan. Die dauerhaft Ausgeschlossenen würden
sich gegenseitig fürchten und könnten nicht auf uns
zählen. Dadurch würden sie in Versuchung geraten,
Sicherheit mit anderen Mitteln anzustreben, einschließlich eines Rüstungswettlaufs und anderer
destabilisierender Verhaltensweisen.
Wir können keinem Land versprechen, daß es eines
Tages der NATO beitritt. Wir können jedoch ein
Verfahren anbieten, das den von uns eingegangenen
Verpflichtungen Substanz verleiht und den beitrittswilligen Nationen zeigt, was sie tun und welche Veränderungen sie durchführen müssen, um eine Mitgliedschaft zu ermöglichen.
Mit anderen Worten: Ein Europa ohne Teilungen ist
kein Europa ohne Unterschiede. Diese Unterschiede
müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und
Gegebenheiten, nicht auf alter Geschichte oder
Geographie basieren.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß die NATO nach dem Gipfeltreffen in Madrid eine
neue Phase des Dialogs mit den beitrittswilligen
Ländern einleitet. Ein solcher Dialog wäre das deutlichste Anzeichen für die Erweiterungspläne der NATO
in den kommenden Jahren. Es wäre die wesentliche
Ergänzung zu unserer Entscheidung über die Frage,
wer aufgenommen wird.
Dieser Prozeß sollte genau verdeutlichen, was in
militärischer Hinsicht die Umsetzung unserer Verpflichtungen gemäß Artikel V und in politischer Hinsicht
die Vollmitgliedschaft in der NATO bedeutet, damit die
Kandidaten den Unterschied zwischen dem Status als
Partner und als Mitglied sehen.
Es geht nicht darum, bei unseren Partnern Hoffnungen
zu wecken, sondern sie zu konstruktiver Zusammen-

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arbeit und Fortschritten zu veranlassen. Es geht nicht
darum, den Erweiterungsprozeß zu beschleunigen,
sondern ihn so zu gestalten, daß Effektivität und
Zusammenhalt des Bündnisses gewahrt werden.
Wir alle müssen beim Aufbau einer neuen und erweiterten NATO eine letzte Herausforderung bewältigen: Die Ratifizierung der Aufnahme neuer Mitglieder
durch unsere Parlamente. Das stellt für Präsident
Clinton und mich im kommenden Jahr die wichtigste
Aufgabe dar.
Wir können Verschiedenes unternehmen, um sie zu
vereinfachen.
Wir müssen unsere Gesetzgeber in den Prozeß
einbeziehen und sie bei allen Fragen konsultieren, die
wir diskutieren. Ich freue mich, daß uns eine Delegation von amerikanischen Kongreßabgeordneten unter
Leitung von Senator William Roth - dem Präsidenten
der Nordatlantischen Versammlung - nach Madrid
begleitet.
Wir dürfen auch nichts unternehmen, das darauf
hindeutet, daß wir den Ausgang des Verfahrens in der
Legislative für selbstverständlich halten. Nach Madrid
und insbesondere nach dem Abschluß der Beitrittsprotokolle will die NATO ihre Beziehungen zu den
potentiellen Mitgliedern weiterentwickeln. Das beinhaltet vollständige Transparenz hinsichtlich der Vorgehensweise des Gemeinsamen Rats der NATO und
Rußlands sowie der Arrangements zur Erleichterung
des Übergangs zur Mitgliedschaft. Wir sollten diesen
Nationen jedoch keinen offiziellen Status verleihen, der
die Ratifizierung präjudizieren und möglicherweise
gefährden würde.
Und schließlich müssen wir hinsichtlich der Kosten der
Erweiterung offen und ehrlich sein. Wir alle - alte und
neue Bündnismitglieder gleichermaßen - müssen unter
Beweis stellen, daß wir zur Übernahme unseres
Lastenanteils bereit sind, um die Glaubwürdigkeit der
wichtigsten Aufgabe der NATO - der kollektiven
Verteidigung - zu bewahren.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich noch ein
anderes Thema ansprechen, das für den Erfolg
unseres Bündnisses und unserer Vision von einem
geeinten, demokratischen Europa von elementarer
Bedeutung ist.
Bosnien erinnert uns daran, daß unsere Strategie der
Integration in Europa nur ein Mittel zum Zweck ist.
Was wir gemeinsam tun, ist viel wichtiger als die
Frage, wie wir zusammenkommen.
Unsere anfänglichen Sicherheitsziele in Bosnien sind
erreicht worden. Wir haben die Kämpfe beendet, die
Truppen entflochten und das Vertrauen verbessert.
Die landesweiten Wahlen waren erfolgreich. Es

AMERIKA DIENST 11

�wurden gemeinsame Institutionen ins Leben gerufen.
Der Wiederaufbau hat begonnen und die Wirtschaft
wächst wieder.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht zu
sagen, daß der Krieg vorüber ist. Es bleibt noch zu
viel zu tun. Zu wenige führende Politiker der Region
haben sich echter politischer und sozialer Integration
verschrieben.
Die SFOR hat nur noch ein Jahr vor sich. Wir sollten
nicht vergessen, daß ihre Aufgabe während dieses
Zeitraums nicht in der Bewahrung der Leistungen der
IFOR besteht, sondern in deren Fortsetzung. Unsere
Arbeit kann nicht als Erfolg gewertet werden, wenn wir
lediglich den Status quo sichern; wir müssen ihn
verbessern. Unser Ziel besteht darin zu gewährleisten, daß unsere Truppen Bosnien ohne die Angst
verlassen können, unsere Interessen bedrohende
neue Gewalt könnte sie eines Tages zur Rückkehr
zwingen.
Das setzt gleichzeitige Fortschritte an allen Fronten diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Front voraus. Beispielsweise konzentriert sich die SFOR
zwar weiterhin hauptsächlich auf die Implementierung
der militärischen Aspekte des Daytoner Abkommens,
muß aber auch im Rahmen ihrer Mandate und Fähigkeiten die wesentlichen zivilen Implementierungsaufgaben unterstützen. Sie muß zur Schaffung eines
sicheren Umfelds für die geregelte Rückkehr der
Flüchtlinge, den Einsatz gewählter Beamter in bestimmten Zielgebieten sowie für Wiederaufbauprojekte
- beispielsweise die zivile Luftfahrt und die Wiederherstellung der Kommunikation zwischen den Gebietskörperschaften - beitragen.
Wenn die Parteien ihren Rüstungskontrollverpflichtungen nicht nachkommen, hat der Befehlshaber der
SFOR auch die Option, Bewegungen und Ausbildung
des Militärs zu beschränken.
Die vollständige Einhaltung muß auf jedem Gebiet
unser Ziel sein. Und auch wenn dieses Ziel nicht mit
Gewalt durchgesetzt werden kann, werden wir denjenigen, die sich ihm widersetzen, unsere Hilfe verweigern. Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten
Landes beiträgt, das den Menschen hilft, die zum
Erfolg des Daytoner Abkommens beitragen.
Das beinhaltet die uneingeschränkte Befolgung der
Anordnungen des Kriegsverbrechertribunals. Aus die-

*

AMERIKA DIENST 11

sem Grund bin ich zuversichtlich, daß für die Greueltaten, von denen Bosnien vier Jahre lang heimgesucht
wurde, ein Preis gezahlt wird. Bis er von denen
bezahlt wird, die diese Verbrechen begingen, wird er
von denjenigen gezahlt, die den Verbrechern Schutz
gewähren.
Wir werden das Unsrige tun, um den Menschen im
ehemaligen Jugoslawien die Ziele von Dayton verständlich zu machen. Wir möchten Südosteuropa zu
einem Teil der europäischen Hauptströmung machen.
Wir möchten, daß ein friedliches, geeintes Bosnien
seinen Platz in einem friedlichen, geeinten Europa
einnimmt. Und ich bin überzeugt, daß das eines
Tages der Fall sein wird.
Ich weiß, daß zur Zeit gerne behauptet wird, die
Euphorie, die ganz Europa 1989 erfaßte, sei naiv
gewesen und unsere Ziele seien bescheidener
geworden.
Wenn wir jedoch realistisch hinsichtlich des ruinösen
Vermächtnisses der Teilung Europas im Kalten Krieg
sind, haben wir allen Grund, uns über die bei ihrer
Überwindung gemachten Fortschritte zu freuen.
Die transatlantische Partnerschaft ist stark und für die
Bewältigung neuer Herausforderungen gerüstet.
Unsere europäischen Partner stärken ihre internen
Bande und beziehen den Osten ein. Wirkliche Freiheit
mit all ihren realen Unzulänglichkeiten hat in fast ganz
Zentraleuropa und der ehemaligen Sowjetunion Fuß
gefaßt.
Heute wollen die Menschen in praktisch jeder europäischen Nation - von der aufstrebenden Mittelschicht in
Estland und Polen über die jungen Demonstranten für
die Freiheit in Bulgarien und Serbien - Teil der zu
schaffenden Gemeinschaft sein. Und wir sind bereit,
sie willkommen zu heißen.
Meines Erachtens wird sich der Optimismus des
Jahres 1997 als bedeutungsvoller und dauerhafter
erweisen als die Begeisterung von 1989. Denn er
beruht nicht auf flüchtigen Hoffnungen, sondern auf
soliden Errungenschaften.
Es ist für mich ein großes Privileg, in den kommenden
Monaten und Jahren mit Ihnen an der Konsolidierung
dieser Errungenschaften zusammenzuarbeiten. Ich
freue mich über diese Chance und auf das Wiedersehen mit Ihnen allen in Madrid.

* * *

*

Seite 5

�EAPR
11.Juni 1997

Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft
Rede der Außenministerin beim EAPR

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Albright anläßlich der Gründung
des Euroatlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) am 30. Mai 1997.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen. Wir kommen
heute hier zusammen, um einen weiteren Schritt zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnerländern zu unternehmen. Wir beenden
die Arbeit des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und gründen den Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR).
Ich möchte einige Worte darüber sagen, wie wir an
diesem Punkt angelangt sind und wohin wir meines
Erachtens von hier gehen sollten.
Vor sechs Jahren, als der NAKR gegründet wurde,
waren die Überreste der Berliner Mauer noch sichtbar
und freie Institutionen begannen gerade erst, im Osten
Fuß zu fassen. Alle stimmten überein, daß etwas
getan werden mußte, um das ungeteilte Deutschland
zusammenzubringen.
Aber nicht alle stimmten
überein, was getan werden sollte.
Einige glaubten, daß in der Welt nach dem Kalten
Krieg alle Institutionen, an die wir uns gewöhnt hatten,
abgeschafft würden. Die NATO würde den Weg des
Warschauer Pakts gehen und aussterben, und wir
würden Hand in Hand in ein gemeinsames europäisches Haus gehen - eine Gemeinschaft, die alle
einbezog, aber keinem echte Pflichten auferlegte.
Andere nahmen an, unsere Herausforderung in
Zentral- und Osteuropa bestehe nur in der Bereitstellung von Hilfe und Rat. Sie hatten es nicht eilig,
unsere Institutionen Nationen und Völkern zu öffnen,
die fremd, weit entfernt und unaussprechlich schienen.
Mehr als alles andere lehrte der Krieg im ehemaligen
Jugoslawien uns, daß wir uns bei unserem Verhalten

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gegenüber den neuen Demokratien Europas weder
Unbestimmtheit noch Indifferenz leisten können.
Der Aufbau eines friedlichen, integrierten Europas war
ein vordringliches Ziel, das einen praktischen Plan und
erprobten Ansatz erforderte. Aus diesem Grund
entschieden wir, die Institutionen, die uns so lange so
gut gedient hatten - angefangen mit der NATO und der
EU - anzupassen und zu erweitern.
Der von zweien unserer herausragenden Vorgänger James Baker und Hans-Dietrich Genscher - ins Leben
gerufene NAKR war die erste Brücke, die die NATO
über die Trennlinie in Europa baute. Es war ein guter
Anfang. Unter anderem half er uns bei der ersten
Anpassung des KSE-Vertrags nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber jetzt haben wir sehr viel
mehr getan.
Die NATO beendete den Krieg in Bosnien - und unsere
Partner teilen jetzt mit uns die gleichen Risiken und
Errungenschaften.
Die Partnerschaft für den Frieden hat die Zusammenarbeit zwischen unseren Streitkräften so reibungslos,
kontinuierlich und erfolgreich gemacht, daß sie heute
schon selbstverständlich erscheint.
Und gestern
haben die NATO-Minister neue Maßnahmen verabschiedet, die unseren Partnern die Beteiligung an
der Planung und Umsetzung praktisch jeder von uns
durchgeführten Mission gestatten.
Die NATO und Rußland haben die Grundakte über ihre
neuen Beziehungen unterzeichnet.
Und gestern
haben die NATO und die Ukraine eine Charta para-

Seite 1

�phiert, die ihre spezielle Partnerschaft auf eine neue
Ebene bringt.

der Tagesordnung der NATO sowie der Tagesordnung
des EAPR stehen.

In 40 Tagen werden wir die erste Gruppe von Partnern
einladen, dem Bündnis beizutreten. Gestern habe ich
die NATO vor dem Nordatlantikrat zu einer klaren und
glaubwürdigen Zusage aufgefordert, daß die ersten
neuen Mitglieder nicht die letzten sein werden.

Vor allem unsere gemeinsamen Bestrebungen in
Bosnien erinnern uns daran, daß unsere neue Partnerschaft kein Mittel zum Zweck, sondern ein Aktionsinstrument ist.

Mit anderen Worten: Wir sind weit über den reinen
Dialog und die Zusammenarbeit hinausgegangen.
Heute streben wir die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft an. Wir machen
ein Europa gemeinsamer Ideale zu einem Europa
gemeinsamer Pflichten.
Das ist das Ziel, das der EAPR verkörpern muß.
Wir erarbeiten gemeinsam eine neue Struktur. Der
EAPR wird der Partnerschaft für den Frieden eine
politische Dimension verleihen. Er wird der Ort sein,
an dem die Partner zur Gestaltung von Missionen wie
der IFOR und SFOR beitragen, die wir gemeinsam
durchführen. Er wird unsere Verteidigungsplanung in
Einklang bringen. Dort werden wir Konsultationen
über Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von
Massenvernichtungswaffen,
Terrorismus,
zivile
Notstände und Katastrophenhilfe sowie das gesamte
Spektrum von Friedensunterstützungsoperationen
führen. Er wird zu der Gewährleistung beitragen, daß
die Partner am Verhandlungstisch sind, wenn wir
unsere gemeinsamen Unternehmungen planen - und
auf dem Boden, wenn wir sie umsetzen.
Er wird nicht nur der Ort für diejenigen sein, die eine
Mitgliedschaft in der NATO anstreben, sondern auch
für diejenigen, die sich dagegen entscheiden. Und er
wird unsere gemeinsamen Bestrebungen in der OSZE
ergänzen.
Der EAPR ist Teil einer umfassenderen Struktur, die
wir zur Verhinderung künftiger Konflikte in Europa
aufbauen. Er verkörpert unsere Auffassung, daß wir
mehr tun müssen, als nur auf Krisen zu reagieren daß wir dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub
leisten, wenn wir auf das Entstehen einer Bedrohung
warten.
Gleichzeitig wäre es unverantwortlich, unsere gesamte
Zeit auf einen großartigen Entwurf der Zukunft zu
verwenden, wenn wir die realen Bedrohungen für das
menschliche Leben und die Freiheit ignorieren, mit
denen sich Europa zur Zeit konfrontiert sieht. Heute
müssen viele dieser Bedrohungen in Südosteuropa
angegangen werden. Unser Ziel muß der Aufbau von
Stabilität in dieser Region sein, während wir gleichzeitig Fortschritte bei unseren Bemühungen zur
Anpassung der NATO und Gestaltung eines ungeteilten Europa erzielen. Dieses Ziel sollte weit oben auf

Seite 2

Die SFOR-Mission wird noch ein weiteres Jahr in
Bosnien stationiert bleiben. Wir werden unsere Zeit
nicht aufs Spiel setzen. Wir sind entschlossen, den
Status quo zu verbessern, nicht nur zu bewahren. Wir
werden uns nicht mit weniger zufriedengeben als der
uneingeschränkten Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben die Verantwortung sicherzustellen, daß
unsere Truppen ohne die Furcht abziehen können,
daß die unsere Interessen bedrohende Gewalt wieder
ausbricht. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten eine Wiederbelebung der zivilen Aspekte des
Daytoner Abkommens gefordert. Die Risiken des
Zurückschreckens vor dieser Verantwortung sind sehr
viel größer als die Risiken ihrer Übernahme.
Albanien ist ein weiteres Beispiel der Art von Krise, der
wir uns in den kommenden Jahren in Europa und
darüber hinaus gegenübersehen und der Notwendigkeit der NATO und des EAPR, gemeinsam mit der
OSZE unsere Anstrengungen auf die Verhinderung
von Konflikten zu konzentrieren. Die Zusammensetzung der multinationalen Streitmacht in Albanien
erinnert uns auch daran, daß die Friedensoperationen
in Europa von jetzt an von Verbündeten und Partnern
durchgeführt werden, die zusammenarbeiten.
Ich beglückwünsche Italien, Frankreich, Rumänien und
die anderen Mitglieder der multinationalen Streitmacht
zu ihrer Führungsrolle bei der Reaktion auf diese
Krise. Meines Erachtens sollte die NATO jetzt in
absehbarer Zukunft ein Bewertungsteam des Obersten
Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte in Europa
(SHAPE) nach Albanien entsenden um festzustellen,
wie das Bündnis zu einem funktionierenden, demokratisch kontrollierten Militär in diesem Land beitragen
kann. Die Ergebnisse einer solchen Mission sollten im
EAPR erörtert werden, so daß wir alle effektiv auf die
Wiederherstellung von Stabilität in dieser krisengeschüttelten Region hinarbeiten können.
Die ehemalige Republik Mazedonien ist ein weiteres
Pulverfaß in Südosteuropa. Die Präventiveinsatztruppe der Vereinten Nationen ist seit 1992 stationiert,
und wir begrüßen die gestrige Erneuerung ihres
Mandats. Wenn wir uns zu einem Abzug der UNStreitmacht entscheiden, wird der EAPR der geeignete
Ort für die Diskussion darüber sein, wie wir konstruktiv
engagiert bleiben können.

AMERIKA DIENST 11

�Aus all diesen Gründen bin ich überzeugt, daß der
EAPR unseren Interessen dienen wird, unabhängig
davon, ob die NATO sich für die Aufnahme neuer
Mitglieder entschieden hätte oder nicht. Denn mit
diesem Rat und seinen Mitgliedern werden wir unsere

gemeinsame Reaktion auf die wahrscheinlichsten
Eventualfälle erarbeiten, mit denen wir uns jetzt in
Europa konfrontiert sehen. Ich freue mich, daß wir
heute beginnen können.

* * * * *

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�BOSNIEN
11. Juni 1997

Daytoner Abkommen muß von allen
Parteien eingehalten werden
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Außenministerin Madeleine
Albright am 30. Mai 1997 in Sintra beim Ministertreffen des Rates zur Implementierung des Friedens in Bosnien
hielt.

Verehrte Kollegen, zunächst möchte ich Carl Bildt für
die von ihm während der letzten anderthalb Jahre und
zuvor geleistete ausgezeichnete Arbeit für den Frieden
in Bosnien danken.
Das Amt des Hohen Repräsentanten ist für unsere
Bestrebungen zur Durchsetzung des DaytonerAbkommens von zentraler Bedeutung. Wir begrüßen
die Entscheidung für Carlos Westendorp und sehen
der intensiven Zusammenarbeit mit ihm erwartungsvoll
entgegen. Er wird wahrscheinlich die internationale
Staatengemeinschaft eindringlich um Hilfe bitten.
Wir sind unter anderem hier in Sintra, weil die NATO
an der Spitze gemeinsamer Bestrebungen zum Aufbau
eines vollkommen friedlichen und freien Europas ohne
Mauern steht. Wir nehmen an diesem Ministertreffen
teil, weil wir uns bewußt sind, daß unsere Vision von
Europa erst dann realisiert werden kann, wenn wir das
Daytoner Abkommen über den Frieden in Bosnien
vollständig umsetzen.
Die Implementierung der Vereinbarungen von Dayton
war schon immer ein ehrgeiziges Ziel. Manche sind
der Ansicht, es könne nichts unternommen werden,
um den Haß und die Spaltungen zu überwinden, die
den Frieden in Bosnien immer noch bedrohen ebenso wie früher manche glaubten, es könne nichts
zur Beendigung des Krieges unternommen werden.
Wir sind zur Durchsetzung des Daytoner Abkommens
entschlossen - nicht aus Sturheit, sondern weil wir
Realisten sind.

AMERIKA DIENST 11

Denn es gibt keine Alternative zu Dayton außer dem
Schrecken, dem das Abkommen ein Ende setzte. Es
gibt keine Alternative zu einem geeinten Bosnien außerdem Wiederaufflammen der Gewalt, zu dem ein
Scheitern unweigerlich führen würde.
Dayton war als Abmachung zwischen der internationalen Gemeinschaft einerseits und den Parteien in
Bosnien andererseits konzipiert.
Wir sind entschlossen, unseren Teil dieser Abmachung
einzuhalten.
Unsere ersten Sicherheitsziele sind bereits erreicht
worden. Die Streitkräfte wurden entflochten und
zahlenmäßig verringert; es wurden vertrauensbildende
Maßnahmen ergriffen und alle schweren Waffen in den
Quartieren eingelagert.
Die Vereinigten Staaten
arbeiten im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms mit anderen Ländern an der
Stabilisierung des langfristigen Sicherheitsumfelds
zusammen. Die Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Entschärfung von Landminen
haben möglicherweise mehr Menschenleben gerettet
als uns bewußt ist.
All dies hat in Bosnien den Übergang von einem
Kriegsgebiet zu einem Wirtschaftsgebiet ermöglicht.
Die wichtigsten Straßen, Eisenbahnverbindungen und
Brücken werden wieder aufgebaut. Grundlegende
Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung
werden wieder bereitgestellt. Die Wirtschaft wächst
wieder.

Seite 1

�Auch der politische Wiederaufbau ist im Gange. Es
wurden landesweit friedliche Wahlen veranstaltet. Und
es wurden alle drei Volksgruppen einbeziehende
Institutionen gegründet, die ihre Arbeit aufgenommen
haben.
Heute beglückwünsche ich alle drei Parteien zu einem
entscheidenden Fortschritt bei der Annahme des
letzten Elements eines Startpakets elementarer
Wirtschaftsgesetze. Dies ist ein klares Anzeichen für
die Entschlossenheit der Parteien nach dem Anfang
dieser Woche erzielten Übereinkommen über die
Zentralbank und die Zollgesetze, die beide die Grundlage für eine Vereinbarung mit dem IWF darstellen.
Ich möchte Carl Bildt und Michael Steiner für ihre harte
Arbeit bei der Erlangung dieses Abkommens danken.
Die Vereinigten Staaten waren stolz auf ihre Mitwirkung, die Parteien zu diesem wichtigen Schritt
gedrängt zu haben, wie auch ich es bei meiner
Zusammenkunft mit den drei Präsidenten vor zwei
Stunden tat.
Die internationale Staatengemeinschaft muß noch viel
unternehmen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Vor allem können wir nicht zulassen, daß so
viele unserer obersten Prioritäten in Bosnien keine
Finanzmittel erhalten.
Wenn wir dauerhafte öffentliche Sicherheit in Bosnien
wünschen, müssen wir die Polizei ausbilden und
ausrüsten. Wenn wir möchten, daß das bosnische
Volk die Verantwortung für die Gestaltung seiner
Zukunft übernimmt, müssen wir die bevorstehenden
Kommunalwahlen angemessen unterstützen. Wenn
wir die Rückkehr der Flüchtlinge wünschen, müssen
wir unseren Teil zur Unterstützung der Vermögenskommission beitragen, die über widersprüchliche
Ansprüche entscheidet.
Solange die Parteien ihren Verpflichtungen nachkommen, müssen wir bei der bevorstehenden Konferenz der Geberländer bereit sein, das Ziel von neuen
Zusagen in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar zu erreichen.
Die erzielten Fortschritte reflektieren außengewöhnliche internationale Bestrebungen, die Beiträge von 48
Ländern und Dutzenden multilateraler und privater
Organisationen beinhalten. Dieses Unternehmen bot
eine Chance, die viele Bosnier zum Wiederaufbau
ihres Lebens sowie zur Verbesserung der Zukunftsaussichten für ihre Kinder nutzten.
Wir müssen bei unserer Einschätzung der Leistungen
vieler Politiker dieses Landes, von denen einige heute
hier sind, jedoch offen und ehrlich sein.
Mit wenigen Ausnahmen haben sie keine echte
politische und soziale Integration gefördert. Die

Seite 2

dreigeteilten politischen Institutionen verwirklichen bei
weitem nicht ihr Potential. Die Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre Heimat stößt weiterhin
auf Widerstand. Insbesondere Srpska ist bei der
Erfüllung seiner Rüstungskontrollverpflichtungen weit
in Verzug.
Die grundlegenden Menschenrechte unterliegen
Beschränkungen. Viele Bosnier haben keinen Zugang
zu freien Medien. Die Zusammenarbeit mit dem
Kriegsverbrechertribunal ist mangelhaft.
Die Parteien können nicht auswählen, welchen
Elementen des Daytoner Abkommens sie den Vorzug
geben und welche sie lieber ignorieren. Das Lenkungsgremium spricht mit einer Stimme wenn wir
sagen, daß es kein business as usual für die Politiker
und Militärs in Bosnien geben wird, wenn die wichtigsten Aspekte der Implementierung nicht befolgt
werden.
Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder
unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten Landes
beiträgt oder den Menschen hilft, die zum Erfolg des
Daytoner Abkommens beitragen. Diese Botschaft
werde ich an diesem Wochenende mit nach Bosnien,
Kroatien und Serbien nehmen.
Das beinhaltet beispielsweise, daß wir den Kommunalbehörden keine Wirtschafthilfe gewähren, die die
Rückkehr der Flüchtlinge blockieren - seien es kroatische Behörden, die zulassen, daß in Drvar serbische
Häuser niedergebrannt werden oder serbische
Behörden, die zulassen, daß in Gajevi muslimische
Häuser zerstört werden.
Für die Vereinigten Staaten bedeutet das, daß unser
neues Unterstützungsprojekt Open Cities Support
Project nur die Gemeinden unterstützt, die bereit sind,
den ethnischen Minderheiten angehörenden Flüchtlingen eine sichere Heimkehr zu ermöglichen. Uns
stehen 8,6 Millionen Dollar zur Wiederherstellung von
Gebäuden, Gewährung von landwirtschaftlicher Hilfe
und Geschäftskrediten sowie zur Ausbildung von
Arbeitnehmern in bestimmten Gemeinden zu Verfügung.
Das bedeutet, Beamte, die betrügen oder die bevorstehenden Wahlen fälschen wollen, dürfen nicht
kandidieren.
Das bedeutet, wir engagieren uns dafür sicherzustellen, daß Ende dieses Jahres jede Gemeinde einer
bestimmten Größe in jedem Teil Bosniens Zugang zu
unabhängigen Rundfunk- und Fernsehberichten hat,
die keine Falschinformationen oder Haß verbreiten.
Das bedeutet, daß das Ausmaß unserer Unterstützung
für die beiden Gebietskörperschaften von deren

AMERIKA DIENST 11

�Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal abhängt.
Das bedeutet, wenn die bosnische Regierung nicht bis
Ende dieses Sommers Botschafter nominiert und
bestätigt, die die neuen gemeinsamen Institutionen
vertreten, werden wir nicht mit denen verhandeln, die
über die festgesetzte Zeit hinaus im Amt bleiben.
Das bedeutet, unsere Fähigkeit zur Veranstaltung der
Konferenz der Geberländer hängt von der Bereitschaft
der Parteien zur Durchsetzung des neuen vereinbarten
Pakets elementarer Wirtschaftsgesetze ab.
Und vor allem bedeutet es, daß die Parteien weder der
internationalen Staatengemeinschaft beitreten noch
von der Zugehörigkeit zur europäischen oder globalen
Wirtschaft profitieren können, bis sie bei der Einhaltung des Daytoner Abkommens größere Fortschritte
machen. Das trifft auch auf Kroatien und Serbien zu die ihre in Dayton eingegangenen Verpflichtungen
erfüllen müssen, auch im Hinblick auf Kriegsverbrecher.
Ich möchte nicht die bereits erzielten bemerkenswerten Fortschritte verschweigen.
Der Krieg ist
beendet. Heute sprechen wir über die Bestrafung von
Kriegsverbrechen und brauchen nicht mehr zu bera-

*

AMERIKA DIENST 11

ten, wie wir ihnen ein Ende setzen können.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht aus
zu sagen, daß die Kämpfe beendet wurden. Wir
müssen den Blick auf die Zukunft richten und uns
fragen, wie Bosnien in fünf oder zehn Jahren aussehen wird.
Schließlich sind die wichtigsten Wahlen nicht die von
1996 oder 1997, sondern die von 1998, wenn das
Mandat der SFOR ausgelaufen ist, sowie jede danach
abgehaltene ehrliche Wahl.
Die wichtigsten Kinder sind nicht nur diejenigen, die wir
heute in ihre Heimat zurückbringen können, sondern
diejenigen, die heute geboren werden und nie die
Angst und den Schmerz kennenlernen sollten, die eine
Flucht mit sich bringt.
Die wichtigste Sicherheit ist nicht nur, daß heute in
Sarajevo kein Gewehrfeuer zu hören ist, sondern die
Gewährleistung eines friedlichen Bosnien in einem
friedlichen, geeinten Europa.
Das - und nichts Geringeres - müssen unsere Ziele
sein. Zu ihrer Erlangung verspreche ich, mein Bestes
und das Beste der Vereinigten Staaten zu geben, und
ich erbitte von Ihnen dasselbe.

* * *

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geist des Marshallplan muss für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus wirken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Integration Europas hängt vom Daytoner Abkommen ab&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen Mitgliedern und neuen Partnern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in West Point&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Grundakte bedeutet Aufgabe der Selbstisolierung Russlands&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. EAPR&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und der transatlantischen Gemeinschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin beim EAPR&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Daytoner Abkommen muss von allen Parteien eingehalten werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Madeleine Albright&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

25. Juni 1997

12

G-8

GIPFEL IN DENVER IST VORBEREITUNG
AUF ZUKÜNFTIGE GLOBALE
HERAUSFORDERUNGEN
Radioansprache von Präsident Clinton

GESELLSCHAFT

CLINTON: VIELFALT IST VON
ELEMENTARER BEDEUTUNG
Rede des Präsidenten in San Diego

WIRTSCHAFT

RUBIN FORDERT FORTGESETZTES
INTERNATIONALES ENGAGEMENT
DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Finanzministers

AUSSENPOLITIK

THEMEN DER GESAMTEUROPÄISCHEN
SICHERHEITSPOLITIK
Ansprache von J.D. Bindenagel

TERRORISMUS

TERRORISMUS, DIE MEDIEN UND DAS
21. JAHRHUNDERT
von Raphael F. Perl

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�G-8
25. Juni 1997

Gipfel in Denver ist Vorbereitung
auf zukünftige globale Herausforderungen
Radioansprache von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Radioansprache, die Präsident Clinton im Vorfeld des
vom 20.-22. Juni 1997 in Denver abgehaltenen Wirtschaftsgipfels der Staats- und Regierungschefs der acht
führenden Industriestaaten hielt.

Guten Morgen. Ich spreche heute aus Denver (Colorado) zu Ihnen, wo die Staats- und Regierungschefs
der führenden demokratischen Industriestaaten am
G-8-Gipfel teilnehmen. Während der nächsten zwei
Tage werden die Augen der Weltöffentlichkeit auf
Denver und Amerika ruhen, und wir haben allen
Grund, stolz zu sein.
Unsere Volkswirtschaft ist die gesündeste seit einer
Generation und die stärkste der Welt mit der niedrigsten Arbeitslosenquote seit 24 Jahren, der niedrigsten
Inflationsrate seit 30 Jahren, der größten Verringerung
der Ungleichheit unter unseren Arbeitnehmerfamilien
seit den sechziger Jahren und mehr als 12 Millionen
neuen Arbeitsplätzen. Unsere Exporte befinden sich
auf dem Höchststand. Wir bahnten einen neuen Weg
zu Wohlstand und Sicherheit mit einer Strategie zum
Abbau des Haushaltsdefizits, Investitionen in unsere
Menschen und der Öffnung der Welt für unseren
Handel. Amerika ist bereit zur Übernahme einer
Führungsrolle im 21. Jahrhundert, wie wir sie schon im
zu Ende gehenden 20. Jahrhundert innehatten.
Heute möchte ich darüber sprechen, warum dieser
Gipfel für unsere Nation und unser Volk von Bedeutung ist und was wir dort erreichen wollen. Die
führenden Staats- und Regierungschefs der Vereinigten Staaten, Kanadas, Frankreichs, Deutschlands,
Italiens, Großbritanniens, Japans, der Europäischen
Union und Rußlands werden an einem Tisch sitzen.
Die Tatsache, daß sie zusammenkommen, sagt schon
alles über die Welt von heute aus. Unsere Heimatländer liegen Tausende von Kilometern voneinander
entfernt, aber das durch die Revolution im
Technologie-, Verkehrs- und Kommunikationsbereich

AMERIKA DIENST 12

angekurbelte Wachstum der Weltwirtschaft hat uns alle
einander nähergebracht. Und die Tatsache, daß ein
demokratisch gewählter Regierungschef Rußlands
erstmals einem dieser jährlichen Treffen von Anfang
bis Ende beiwohnt, zeigt, wie weit wir seit den Tagen
des Kalten Krieges gekommen sind.
Dieser Moment der Möglichkeiten bietet enorme
Chancen für all unsere Völker - Ideen, Waren und
Dienstleistungen, Technologie und Kapital überqueren
die Grenzen schneller denn je, bereichern unser
Leben auf vielfältige Weise und erhöhen unseren
Wohlstand. Aber während sich der Fortschritt schnell
auf der Welt verbreitet, kann das bei Problemen
ebenfalls geschehen. Eine Währungskrise in einem
Land kann auch weit über seine Grenzen hinaus
Erschütterungen verursachen, Arbeitsplätze und
Stabilität in einem völlig anderen Teil der Welt gefährden. Moderne Technologien und offenere Grenzen
tragen zum Prosperieren der Unternehmen bei können aber auch Terroristen, Drogenhändlern und
Verbrechern beim Planen und Verwischen ihrer
Spuren behilflich sein.
Vermehrte Reisen und Handel setzen unsere Menschen neuen Kulturen und Chancen aus, aber auch
der Verbreitung gefährlicher Krankheiten, gegen die
keine Nation immun ist. Und die Verschlechterung der
Qualität der Umwelt in einem Land kann zu globalen
Problemen beitragen, die die Lebensqualität aller
verschlechtern.
In den vergangenen vier Jahren haben wir hart
gearbeitet, um gemeinsame Maßnahmen gegen diese
Bedrohungen zu ergreifen und diese gemeinsamen

Seite 1

�Maßnahmen zum zentralen Bestandteil unserer
Gipfeltreffen zu machen. Hier in Denver werde ich
weitere Schritte zum Schutz unserer Bürger vor diesen
Bedrohungen ankündigen. Vor zwei Jahren, als wir in
Halifax zusammenkamen, vereinbarten wir Zusammenarbeit zur Abwendung von Finanzkrisen und deren
Verbreitung im Falle ihres Auftretens. Inzwischen
haben sich unsere Finanzminister auf die Schaffung
eines globalen Netzwerks von Bank- und Marketingvertretern zur Überwachung der Finanzpolitik der
jeweiligen Länder und riskanter Maßnahmen geeinigt.
Unsere Zusammenarbeit wird verhindern, daß ein
Finanzschock im Ausland den Wohlstand hier bei uns
zu Hause bedroht.
Wir arbeiten auch mit den Entwicklungsländern an der
Verabschiedung solider Finanzpraktiken zusammen,
so daß ihre Märkte ungestört funktionieren, sie stabile
Unternehmen aufbauen sowie Handel und Investitionen anziehen können. Diese aufstrebenden Volkswirtschaften sind die am schnellsten wachsenden der
Welt. Ihnen bei der Schaffung von mehr Wohlstand
behilflich zu sein, bedeutet größere Chancen für
amerikanische Exporte und bessere amerikanische
Arbeitsplätze.
Wir werden auch unseren Kampf gegen Grenzen
mißachtende neue Kräfte der Zerstörung fortsetzen.
Als wir im vergangenen Jahr in Lyon zusammenkamen, vereinbarten wir eine Reihe von Maßnahmen zur
Bekämpfung von Terrorismus und organisiertem
Verbrechen. In der Zwischenzeit haben wir konkrete
Schritte durchgeführt, von der Verbesserung der
Flugsicherheit bis zur Verweigerung von Zuflucht für
Verbrecher. Darüber hinaus haben wir beträchtliche
Fortschritte bei der Verbesserung der Sicherheit und
sicheren Lagerung von Nuklearmaterial erzielt - was
ohne Rußland als Partner einfach nicht möglich
gewesen wäre.
Gemeinsam arbeiten die Acht auf die verschärfte
Kontrolle von Plutonium aus zerlegten Gefechtsköpfen

*

Seite 2

hin, damit es nicht in die falschen Hände gerät. Um
Nuklearschmuggel besser zu verhindern und solche
Fälle zu ermitteln, haben wir ein rasches Reaktionsnetz aufgebaut und die Zusammenarbeit zwischen
Strafverfolgungs- und Zollbehörden, den Nachrichtendiensten sowie die Arbeit unserer Gerichte verbessert,
damit wir die Quellen von geschmuggeltem Nuklearmaterial besser ausmachen können. Bald werden sich
uns über 20 zusätzliche Länder in Europa und Zentralasien bei diesen gemeinsamen Unternehmungen
anschließen.
In diesem Jahr werden wir eine weitere globale
Herausforderung in Angriff nehmen: Die Verbreitung
von ansteckenden Krankheiten. Viele glauben, daß
dies eines der gravierendsten Probleme des 21.
Jahrhunderts sein wird. Ich werde auf ein Abkommen
zur gemeinsamen Entwicklung eines globalen Krankheitsüberwachungsnetzes drängen, das frühzeitig über
den Ausbruch einer Krankheit informiert, so daß wir
rasch und effektiv reagieren können. Um diese
Reaktion zu koordinieren, damit wir die richtigen
Medikamente so schnell wie möglich dort zur Verfügung haben, wo sie benötigt werden, und zur Stärkung
des öffentlichen Gesundheitssystems - insbesondere
in den Entwicklungsländern - werde ich ferner die
anderen Staats- und Regierungschefs bitten, sich
Amerika bei der vehementen Suche nach einem
HIV/AIDS-lmpfstoff anzuschließen, wie ich bereits im
vergangenen Monat in meiner Rede vor der Morgan
State University in Maryland gefordert habe.
Das Treffen der Acht ist Teil der von uns unternommenen umfassenderen Bestrebungen zur Gestaltung der
Welt, damit sie die Herausforderungen in dem vor uns
liegenden Jahrhundert meistern kann. Wir wissen,
wenn wir unsere Stärke, unsere Erfahrung und unsere
Ideen koordinieren, haben wir eine sehr viel bessere
Chance auf Erfolg. Und für die amerikanischen
Familien bedeutet dies mehr Wohlstand, mehr Frieden
und mehr Sicherheit für unsere Kinder.

* * *

*

AMERIKA DIENST 12

�GESELLSCHAFT
25. Juni 1997

Clinton: Vielfalt ist von elementarer Bedeutung
Rede des Präsidenten in San Diego

SAN DIEGO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede, die Präsident Clinton am 14.
Juni 1997 im Rahmen einer Abschlußfeier an der University of California in San Diego hielt. Darin konzentriert
sich der Präsident auf die Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten und stellt einen Plan vor, den Dialog
zu fördern und Rassentrennung auf allen Gebieten zu überwinden.

Heute feiern wir Ihre Leistungen in einem für Amerika
wahrhaft glücklichen Moment. Der Kalte Krieg ist
vorüber und überall auf der Welt ist die Freiheit auf
dem Vormarsch. Mehr als die Hälfte der Menschen
weltweit leben erstmals unter einer Regierung ihrer
Wahl.
Unsere Wirtschaft ist die gesündeste seit einer Generation und die stärkste der Welt. Unsere Kultur, unsere
Wissenschaft und unsere Technologie versprechen
unvorstellbare Fortschritte und interessante neue
Berufswege. Dank unserer Bestrebungen bekommen
wir unsere sozialen Probleme - von Kriminalität bis
Armut - endlich in den Griff.
Natürlich liegen vor Ihnen noch Herausforderungen.
Jenseits unserer Grenzen müssen wir Terrorismus,
organisiertes Verbrechen und Drogenhandel, die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
sowie potentielle neue Krankheiten und Umweltkatastrophen bekämpfen.
In unserem Land müssen wir sicherstellen, daß jedes
Kind die Chance zur Entwicklung seiner von Gott
gegebenen Fähigkeiten erhält. Wir dürfen den Kindern
nicht erst Beachtung schenken, wenn sie in Schwierigkeiten sind.
Wir müssen weiterhin die Geißel von Jugendbanden,
Verbrechen und Drogen bekämpfen. Wir müssen uns
darauf vorbereiten, daß die Babyboom-Generation in
Rente geht, damit uns noch Geld für die Bekämpfung
der Armut unter Kindern übrigbleibt. Wir müssen die
Kräfte von Wissenschaft und Technologie zum Wohl
der gesamten amerikanischen Öffentlichkeit einsetzen.

AMERIKA DIENST 12

Aber meines Erachtens ist unsere größte Herausforderung auch unsere größte Chance. Das komplexeste aller unsere Gesellschaft immer noch konfrontierenden Probleme von Diskriminierung und
Vorurteilen ist das älteste und in mancher Hinsicht
auch neueste: das Rassenproblem. Können wir das
Versprechen Amerikas erfüllen und dabei die Bürger
aller Rassen einbeziehen - nicht nur an einer Universität, deren Studenten verständige Dozenten und
die Zeit haben, nachzudenken, sich zu entfalten und
sich im täglichen Leben kennenzulernen? Mit anderen
Worten: Können wir im 21. Jahrhundert zu einem
Amerika werden?
Ich weiß und habe das auch bereits gesagt, daß
dieses Ziel nicht mit Geld erkauft, nicht mit Gewalt
erzwungen und nicht mit Technologie geschaffen
werden kann. Es kann nur vom menschlichen Geist
ausgehen - dem Geist, der sichtbar wurde, als der aus
Angehörigen vieler Rassen bestehende Chor die
Gospels sang.
Heute hat der Bundesstaat Hawaii, der hier durch
einen Senator und eine Kongreßabgeordnete vertreten
ist, keine rassische oder ethnische Mehrheit. Es ist ein
wunderbarer Ort voller Freundschaft und Patriotismus.
Binnen drei Jahren wird hier in Kalifornien keine
rassische oder ethnische Gruppe mehr die Mehrheit
der Bevölkerung des Bundesstaates ausmachen. Fünf
unserer größten Schulbezirke haben bereits Schüler
aus mehr als 100 verschiedenen rassischen und
ethnischen Gruppen. Auf diesem Campus haben 12
Nobelpreisträger aus neun verschiedenen Ländern
gelernt oder gelehrt. In einem halben Jahrhundert,

Seite 1

�wenn unsere Enkel aufs College gehen, wird es in
Amerika keine Rasse geben, die die Mehrheit stellt.
Was für ein Amerika wird das sein? Wird es ein
Amerika sein, das seine Unterschiede nicht nur
respektiert, sondern feiert, und vor allem seine Gemeinsamkeiten betont? Werden wir definieren können, was es bedeutet, ein Amerikaner zu sein, nicht
nur im Zusammenhang mit dem Kompositum, das
unsere ethnische Herkunft angibt, wie zum Beispiel
afroamerikanisch, sondern vor allem im Hinblick auf
unsere Bindung an die Werte, für die Amerika steht
und nach denen wir leben? Unsere Herzen sehnen
sich danach, diese Fragen mit Ja zu beantworten, aber
unsere Geschichte erinnert uns daran, daß das
schwierig ist. Die uns verbindenden Ideale sind so alt
wie unsere Nation, aber dasselbe gilt für die uns
trennenden Kräfte. Unsere Gründerväter wollten eine
perfektere Union bilden: Die in diesem Satz enthaltene
Demut und Hoffnung ist die Geschichte von Amerika
und unsere heutige Mission.
Halten Sie sich folgendes vor Augen: Wir wurden mit
einer Unabhängigkeitserklärung als Staat geboren, die
bekräftigt, daß wir alle gleich geschaffen sind und einer
Verfassung, die die Sklaverei festschrieb. Wir kämpften einen blutigen Bürgerkrieg, um die Sklaverei
abzuschaffen und die Union zu erhalten, blieben
jedoch ein weiteres Jahrhundert lang geteilt und
ungleich vor dem Gesetz. Wir drangen im Namen der
Freiheit auf den gesamten Kontinent vor, vertrieben
dabei aber die Indianer von ihrem Land und vernichteten oftmals ihre Kultur und ihr Leben. Unsere
Freiheitsstatue heißt die armen, müden, gebeutelten
Massen der Einwanderer an unseren Grenzen willkommen, aber jede neue Welle spürte den Stachel der
Diskriminierung.
Im Zweiten Weltkrieg kämpften die Amerikaner
japanischer Herkunft mutig für die Freiheit in Europa
und brachten große Opfer, während ihre Familien zu
Hause in Internierungslager gepfercht wurden. Die
berühmten schwarzen Kampfpiloten aus Tuskegee
verloren während des Krieges keinen ihrer Bomber,
aber ihre afroamerikanische Herkunft beraubte sie
vieler Rechte, als sie in Friedenszeiten nach Hause
zurückkehrten.
Obwohl Angehörige von Minderheiten heute mehr
Chancen denn je haben, sehen wir immer noch
Beweise für Intoleranz: Von der Entweihung von
Gotteshäusern - seien es Kirchen, Synagogen oder
Moscheen - bis zu abfälligen Bemerkungen in Unternehmen. Sie, die Absolventen des Jahrgangs 1997,
haben noch viel Arbeit vor sich. Wer jedoch sagt, wir
könnten das Problem der Vorurteile nicht in das
Versprechen der Einheit umwandeln, vergißt, wie weit
wir schon gekommen sind und hat wahrscheinlich
noch nie einen Jahrgang wie den Ihren gesehen.

Seite 2

Wenn ich Sie betrachte, kann ich mich fast nicht mehr
an mein eigenes Leben erinnern. Ich wuchs während
des höchst dramatischen Kalten Krieges im patriotischen Süden auf. Schwarze und weiße Bürger der
Südstaaten trugen gleichermaßen die nationale
Uniform zur Verteidigung der Freiheit gegen den
Kommunismus. Sie kämpften und starben gemeinsam
- von Korea bis Vietnam. Aber zu Hause ging ich in
nach Rassen getrennte Schulen, schwamm in nach
Rassen getrennten Schwimmbädern, saß im Kino in
dem für Weiße abgetrennten Bereich und reiste in
meinem Heimatstaat durch kleine Städte, in denen
Toiletten und Wasserspender noch nach "Weiß" und
"Farbig" getrennt waren.
Durch die Gnade Gottes hatte ich einen Großvater, der
zwar nur eine Grundschulbildung, dafür aber das Herz
eines wahren Amerikaners hatte. Er brachte mir bei,
daß das falsch ist. Und durch die Gnade Gottes gab
es mutige Afroamerikaner wie den Kongreßabgeordneten John Lewis, die immer wieder ihr Leben aufs
Spiel setzten, um das Unrecht zu beheben. Und es
gab weiße Amerikaner wie den Kongreßabgeordneten
Bob Filner, der gemeinsam mit John Lewis den langen,
edlen Kampf für die staatsbürgerlichen Rechte kämpfte
und wußte, daß es auch ein Kampf zur Befreiung der
Weißen war.
Es gibt zweifellos noch unerledigte Angelegenheiten
zwischen schwarzen und weißen Amerikanern, aber
das klassische amerikanische Dilemma ist jetzt zu
einer Vielzahl von Dilemmas der Rasse und ethnischen Zugehörigkeit geworden. Wir sehen sie an
den Spannungen zwischen schwarzen und hispanischen Kunden und ihren koreanischen oder arabischen Lebensmittelhändlern, an dem wiederauflebenden Antisemitismus sogar auf dem Campus einiger
Colleges, an der Feindseligkeit gegenüber neuen
Einwanderern von Asien über den Nahen Osten und
die ehemals kommunistischen Länder bis nach
Lateinamerika und der Karibik - selbst denen, die
durch harte Arbeit und dank starker Familien Erfolg auf
die amerikanische Art hatten.
Wir beobachten eine beunruhigende Tendenz, das zu
beanstandende Verhalten einiger Mitglieder bestimmter Gruppen, einschließlich der weißen Mehrheit, auf
die ganze Gruppe zu übertragen. Wenn ein farbiger
Amerikaner ein Verbrechen begeht, sollte man dieses
selbst verurteilen - aber dabei nicht vergessen, daß die
meisten Afroamerikaner hart arbeitende, gesetzestreue Bürger sind. Wenn das Mitglied einer Gang von
Latinos Drogen schmuggelt, sollte man das verurteilen
- aber dabei nicht vergessen, daß die große Mehrheit
der Hispanoamerikaner
verantwortungsbewußte
Bürger sind, die ebenfalls die Geißel der Drogen in
unserem Leben beklagen. Wenn weiße Teenager
einen afroamerikanischen Jungen nur wegen seiner
Rasse fast zu Tode prügeln, dann verurteilen Sie das
um Gottes willen - aber vergessen Sie nicht, daß die

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�überwältigende Mehrheit der Weißen das ebenso
verabscheuungswürdig findet. Wenn eine asiatische
Großhändlerin ihre einer anderen Minderheitengruppe
angehörenden Kunden diskriminiert, sollte man sie
darauf ansprechen - aber dabei nicht vergessen, daß
sehr viele Asiaten ebenfalls unter Vorurteilen gelitten
haben und nicht möchten, daß das jemand anderem
passiert.
Vergessen Sie auch nicht, daß wir trotz hartnäckiger
Vorurteile integrierter denn je sind. Es gibt in Wohngegenden, bei der Arbeit, in der Schule und bei
sozialen Aktivitäten, im religiösen Leben und sogar in
der Liebe und Ehe mehr die Rassenschranken
überwindende Verbindungen als je zuvor. Mehr
Amerikaner denn je erfreuen sich der Gesellschaft und
unterschiedlichen Kultur anderer Rassen. Und mehr
denn je erkennen die Vorteile unserer rassischen,
sprachlichen und kulturellen Vielfalt in einer globalen
Gesellschaft, in der Handels- und Kommunikationsverbindungen die Menschen näherbringen und
diejenigen reich belohnen, die das Leben jenseits der
Grenzen ihrer Nation verstehen.
Mit nur einem Zwanzigstel der Weltbevölkerung aber
einem Fünftel des Welteinkommens müssen wir
Amerikaner in den übrigen 95 Prozent der Verbraucher
auf der Welt Abnehmer finden, um unseren Lebensstandard beizubehalten. Da wir aus allen Kulturen der
Erde stammen, sind wir hierzu in einer einzigartigen
Weise befähigt. Über den Handel hinaus können die
unterschiedliche Herkunft und die Begabungen
unserer Bürger Amerika helfen, den Globus zu erhellen und den durch Rasse, Religion und ethnische
Herkunft gespaltenen Ländern zu zeigen, daß es einen
besseren Weg gibt.
Wie Sie uns heute gezeigt haben, bereichert unsere
Vielfalt unser Leben auf immaterielle Weise - sie
vertieft unser Verständnis der menschlichen Natur und
der Unterschiede zwischen den Menschen und macht
unsere Gemeinden interessanter, vergnügter und
sinnvoller. Deshalb bin ich heute hierher gekommen.
Ich möchte das amerikanische Volk bitter), sich mir bei
dem großen nationalen Bestreben anzuschließen, das
Versprechen Amerikas für diese neue Zeit zu vervollkommnen, in der wir den Aufbau einer vollkommeneren Union anstreben.

Teilnahme an diesen Bestrebungen ebenso viel
gewinnen wie alle anderen - sie werden durch ein
Amerika bereichert, in dem wir endlich die Verantwortung für alle unsere Kinder übernehmen, damit sie,
wie Martin Luther King hoffte, "nicht anhand ihrer
Hautfarbe, sondern anhand ihres Charakters" beurteilt
werden.
Was müssen wir tun? Ich arbeite seit viereinhalb
Jahren daran, Amerika auf das 21. Jahrhundert
vorzubereiten - mit Chancen für alle, Pflichten für alle
und einer amerikanischen Gemeinschaft aller Bürger.
Um auf diesen Gebieten Erfolg zu haben, müssen wir
uns mit den Realitäten und Vorstellungen aller Rassen
in Amerika befassen.
Erstens müssen wir weiterhin die Chancen verbessern. Umfassende Beteiligung an einer starken
und wachsenden Wirtschaft ist das beste Mittel gegen
Neid, Verzweiflung und Rassismus. Wir müssen
Fortschritte machen, um Millionen aus Armut und
Sozialhilfe zu retten und ihnen Arbeit zu geben, die
Innenstädte mit Unternehmergeist zu erfüllen und
unsere Bestrebungen zu verdoppeln, die ländlichen
Gebiete zu erreichen, die noch nicht in den Genuß des
Wohlstands gekommen sind. Und am wichtigsten ist,
daß wir unseren jungen Menschen die beste Bildung
der Welt bieten müssen.
Es gibt keine Kinder, die aufgrund ihres ethnischen
oder rassischen Hintergrunds nicht den von uns

gesetzten höchsten akademischen Standards entsprechen können, wenn wir ihnen gut ausgebildete
Lehrer und gut ausgestattete Klassenzimmer geben
und weiterhin vernünftige Reformen zur Förderung
herausragender Leistungen unterstützen, wie beispielsweise die Bewegung zur Gründung von Privatschulen.
Zu einer Zeit, in der eine Collegeausbildung Stabilität,
einen guten Arbeitsplatz und Zugang zur Mittelschicht
bedeutet, müssen wir allen Amerikanern die Tür zum
College öffnen, damit am Vorabend des nächsten
Jahrhunderts ein mindestens zweijähriger Collegebesuch ebenso üblich wird, wie es heute das HighSchool-Diplom ist.

Jetzt, da mehr Grund zur Hoffnung als zur Angst
besteht und wir nicht durch Notfälle oder soziale
Umwälzungen unter Druck stehen, ist der richtige
Zeitpunkt, gemeinsam zu lernen, miteinander zu
sprechen und gemeinsam das eine Amerika aufzubauen.

Bei unseren Bestrebungen zur Ausweitung von
Wirtschafts- und Bildungschancen für alle unsere
Bürger müssen wir die Rolle von Programmen zur
beruflichen Gleichstellung in Betracht ziehen. Ich
weiß, daß diese in Amerika nicht perfekt waren,
weshalb wir vor zwei Jahren Bestrebungen in die
Wege leiteten, die Mängel zu beseitigen. Aber wenn
sie richtig eingesetzt werden, funktionieren sie.

Ich weiß, daß viele Amerikaner weißer Hautfarbe den
Eindruck bekommen können, dieses Gespräch würde
sie ausschließen oder bedrohen. Das darf nicht sein.
Meines Erachtens können die Weißen durch die

Die berufliche Gleichstellung brachte eine ganze
Generation von Führungskräften auf Gebieten hervor,
die früher exklusive Clubs waren - in denen Menschen
wie ich den Vorteil einer 100-prozentigen Gleich-

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Seite 3

�Stellung genossen. Jetzt gibt es mehr Unternehmerinnen denn je. Und es gibt mehr Rechtsanwälte und
Richter, Wissenschaftler und Ingenieure, Wirtschaftsprüfer und Geschäftsführer afrikanischer, hispanischer
und asiatischer Herkunft denn je.

der Ausbildung der Studenten geschehen. Wir dürfen
bei der weiterführenden Bildung nicht wieder die
Rassentrennung einführen oder es den Privatuniversitäten überlassen, die Arbeit der Öffentlichkeit zu
übernehmen.

Das beste Beispiel für berufliche Gleichstellung ist
jedoch unser Militär. Unsere Streitkräfte sind vollkommen vielfältig - vielleicht die integrierteste Institution in unserer Gesellschaft und zweifelsohne das
integrierteste Militär der Welt. Und noch wichtiger ist,
daß niemand in Frage stellt, daß sie die besten der
Welt sind. Soviel zu dem Argument, herausragende
Leistungen und Vielfalt gingen nicht Hand in Hand.

Zu einer Zeit, in der wir daran arbeiten müssen, besser
zusammen zu leben und zu lernen, sollten wir weiterhin versuchen, wirtschaftliche Chancen anzugleichen.
Diejenigen, die Förderprogramme ablehnen, bitte ich,
eine Alternative zu bieten. Ich würde sie akzeptieren,
wenn ich dadurch einen besseren Weg finden könnte.
Und denjenigen unter uns, die sie noch unterstützen,
sage ich, wir sollten uns weiterhin dafür einsetzen, wir
sollten diejenigen einbeziehen, die anderer Meinung
oder unsicher sind, und über die praktischen Auswirkungen dieser Probleme reden, und man sollte nie
von uns denken, daß wir nicht mit denen zusammenarbeiten wollen, die anderer Meinung sind als wir, um
neue Wege zu finden, den Menschen weiterzuhelfen
und die Menschen zusammenzubringen.

Einige argumentieren, daß die bei einheitlichen Tests
erzielten Noten der einzige Qualifikationsmaßstab für
die Zulassung zum College oder zur Universität sein
sollten. Häufig wird jedoch für die Kinder von Ehemaligen oder Studenten mit sportlichen Fähigkeiten nicht
derselbe Maßstab angelegt.
Meines Erachtens haben Studenten, die die herausragenden Leistungen und die Vielfalt der Menschen
verkörpern, mit denen wir leben und arbeiten werden,
einen eigenständigen erzieherischen Wert. Blicken
Sie um sich. Glauben Sie nicht, daß Sie aufgrund der
Sie umgebenden Vielfalt sehr viel mehr gelernt haben
als wenn alle um Sie herum genauso aussehen
würden wie Sie? Ich glaube, Sie haben sehr viel mehr
gelernt.
Und über den erzieherischen Wert hinaus liegt es im
öffentlichen Interesse, weil Sie lernen, in der Welt, in
der Sie besser leben werden, zu leben und zu arbeiten. Wenn junge Menschen Seite an Seite mit Menschen unterschiedlichster Herkunft sitzen, lernen sie
etwas, das sie in die Welt mitnehmen können. Sie
werden bessere Bürger sein.
Viele Studenten, die an einem Förderprogramm
teilgenommen haben, erbringen herausragende
Leistungen. Sie arbeiten hart, sie bestehen die
Prüfungen, sie gehen und dienen den Gemeinden, die
sie wegen ihres Fachwissens und als Vorbild brauchen. Wenn wir ihnen die Tür verschließen, werden
wir unsere großartigsten Universitäten schwächen,
und es wird schwieriger sein, die Gesellschaft aufzubauen, die wir im 21. Jahrhundert benötigen.
Ich weiß, daß die Bürger Kaliforniens ohne böse
Absicht für die Aufhebung der Förderprogramme
gestimmt haben. Die große Mehrheit tat es einfach
aus der Überzeugung heraus, daß Diskriminierung und
Isolierung keine Barrieren für Leistung mehr sind.
Aber betrachten Sie sich die Ergebnisse. Die Immatrikulationszahl der Angehörigen von Minderheiten an
juristischen Fakultäten und anderen Graduiertenprogrammen ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten
gesunken. Stellen Sie sich vor, dasselbe würde bei

Seite 4

Abgesehen von den Chancen müssen wir von jedem
Amerikaner
Verantwortungsbewußtsein
fordern.
Unsere Stärke als Gesellschaft hängt von beidem ab davon, daß die Menschen die Verantwortung für sich
selbst und ihre Familien übernehmen, ihren Kindern
Werte beibringen, hart arbeiten und das Gesetz
befolgen und den anderen etwas zurückgeben. Die
neue Wirtschaft bietet weniger Garantien, enthält mehr
Risiken, aber auch größere Belohnung. Sie fordert von
uns allen, noch mehr Verantwortung für unsere
Ausbildung zu übernehmen als je zuvor.
In dem derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung hat nur
eine rassische oder ethnische Gruppe in den Vereinigten Staaten tatsächlich einen Einkommensrückgang erlebt - die Hispanoamerikaner. Ein Hauptgrund dafür ist, daß die Zahl der Schulabbrecher an
hispanischen High Schools weit über der von Weißen
und Schwarzen liegt. Einige der Abbrecher wollen
unbedingt arbeiten. Wir bewundern die legendäre
Bereitschaft, viele Stunden lang eine harte Arbeit bei
schlechter Bezahlung zu übernehmen. In der alten
Wirtschaft war das vernünftig. Aber in der neuen
Wirtschaft, in der Ausbildung der Schlüssel ist, bedeutet Schulbesuch Verantwortung.
Keine Verantwortung ist grundlegender als das
Befolgen von Gesetzen. Es ist nicht rassistisch, darauf
zu bestehen, daß jeder Amerikaner das tut. Der Kampf
gegen Verbrechen und Drogen ist ein Kampf für die
Freiheit aller unserer Menschen - einschließlich und
vielleicht insbesondere der Minderheiten, die in
unseren ärmsten Vierteln leben. Aber die Respektierung der Gesetze muß in beide Richtungen erfolgen.
Die schockierend unterschiedlichen Auffassungen
über die Fairneß unseres Strafrechtssystems erwachsen aus den realen Erfahrungen, die so viele
Angehörige von Minderheiten mit den Strafverfol-

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�gungsbeamten gemacht haben. Die Antwort besteht
zum Teil darin, daß alle unserer Bürger die Gesetze
befolgen, aber die Grundregel muß lauten, daß das
Gesetz alle unsere Bürger respektiert.
Und das gilt auch für die Durchsetzung unserer
Gesetze über die Bürgerrechte. Die Behörde für die
Gleichberechtigung am Arbeitsplatz hat beispielsweise
einen enormen Überhang an Fällen von Diskriminierungsklagen - obwohl wir diesen in den vergangenen
vier Jahren um 25 Prozent reduziert haben. Ohne
mehr Ressourcen können wir nicht sehr viel mehr tun.
Es ist unerläßlich, daß der Kongreß - insbesondere die
Abgeordneten, die sagen, sie seien für Bürgerrechte
aber gegen Förderprogramme - uns mindestens das
erforderliche Geld für die Umsetzung des Rechts des
Landes geben und zwar bald.

unterrichtet, einen Dialog in jeder Gemeinde des
Landes fördert, um diese Probleme in Angriff zu
nehmen und durchzuarbeiten, Führungspersönlichkeiten auf allen Ebenen anwirbt und ermutigt, Rassentrennung zu überwinden sowie konkrete Lösungen zu
unseren Problemen erarbeitet und umsetzt - Lösungen, die uns alle in der Regierung, den Unternehmen,
Gemeinden und als einzelne Bürger einbeziehen.
Ich werde dem amerikanischen Volk in regelmäßigen
Abständen von unseren Erkenntnissen und Aktionen
berichten, die wir alle durchführen müssen, um
Amerika voranzubringen.
Dieses Gremium wird
Amerikanern aller Rassen und aller Lebensbereiche
zuhören. Sie leisten einen großartigen Dienst am
Bürger, aber beim Aufbau eines Amerikas müssen alle
Bürger dienen.

Unser drittes Gebot ist vielleicht das Schwierigste. Wir
müssen eine auf die Respektierung des anderen und
unsere gemeinsamen Werte gründende amerikanische
Gemeinschaft aufbauen. An der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert müssen wir heute mit einer offenen
Diskussion über den Stand der Rassenbeziehungen
und die Auswirkungen auf Amerikaner so vieler
unterschiedlicher Rassen beginnen, die zusammen
leben und arbeiten. Seit langem reden wir aneinander
vorbei und übereinander. Es ist höchste Zeit, daß wir
alle beginnen, miteinander zu reden.

Wie ich beim Gipfeltreffen des Präsidenten über den
Dienst am Bürger in Philadelphia erklärt habe, sind
solche Akte des Dienstes am Bürger grundlegende
Akte der Staatsbürgerschaft. Die Regierung muß ihre
Rolle spielen, ein Großteil der Arbeit muß jedoch vom
amerikanischen Volk als Dienst am Bürger geleistet
werden. Dieses Unternehmen wird uns stärken und
uns näher zusammenbringen.

Im kommenden Jahr möchte ich mit dem amerikanischen Volk ein großartiges und beispielloses Gespräch über Rassen führen. An den Bestrebungen der
Gemeinden von Lima in Ohio bis zu Billings in Montana, an bemerkenswerten Experimenten rassenübergreifender Kommunikation wie dem einzigartigen
ERACISM habe ich gesehen, was Amerikaner tun
können, wenn sie aufeinander zugehen.

allen anerkannt wird.

Ich habe einen der größten Gelehrten der Vereinigten
Staaten, Dr. John Hope Franklin, gebeten, den Vorsitz
über ein Beratergremium von sieben herausragenden
Amerikanern zu übernehmen, um mir bei diesem
Unternehmen behilflich zu sein. Es sind die ehemaligen Gouverneure Thomas Kean aus New Jersey und
William Winter aus Mississippi - beide vehemente
Bürgerrechtsaktivisten; Linda Chavez-Thompson,
Stellvertretende Vorsitzende des amerikanischen
Gewerkschaftsdachverbands AFL-CIO; Reverend
Suzan Johnson Cook, Pfarrerin aus der Bronx und
ehemaliger Fellow des Weißen Hauses; Angela Oh,
Rechtsanwältin und Gemeindevertreterin von Los
Angeles sowie Robert Thompson, Geschäftsführer von
Nissan USA - alle herausragende Führungspersönlichkeiten und Führungspersönlichkeiten in ihrer Gemeinde.
Ich möchte, daß dieses Gremium die Amerikaner über
die Fakten im Zusammenhang mit Rassenfragen

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Mit anderen Worten: Ich möchte, daß Amerika das
Gefühl und den Geist bewahrt, den Sie alle uns heute
vermittelt haben. Ich möchte, daß das Gremium von
Ich möchte, daß Sie sich die

Freiheit nehmen, im nächsten Jahr mit Dr. Franklin
und den Angehörigen des Gremiums zu sprechen.
Zunächst wird ein ehrlicher Dialog nicht leicht sein.
Wir alle müssen unsere Abwehrhaltung, Furcht,
political correctness und andere Barrieren für Ehrlichkeit aufgeben. Die Emotionen können hohe Wellen
schlagen, aber wir müssen beginnen.
Was werden wir als Land wirklich erreichen? Wenn
wir nicht mehr tun als reden, wird es interessant sein aber nicht genug. Wenn wir nicht mehr tun als voneinander losgelöste Maßnahmen vorzuschlagen, wäre
das hilfreich - aber nicht genug.
Aber wenn die Menschen in zehn Jahren zurückblicken und sehen, daß dieses Jahr des ehrlichen
Dialogs und konzertierter Aktionen dazu beitrug, die
Zukunft unserer Kinder von der schweren Last der
Rassenfrage zu befreien, dann haben wir Amerika ein
wertvolles Geschenk gemacht.
Ich möchte Sie bitten, sich jetzt, nach dem schwierigen
Prozeß über den Bombenanschlag in Oklahoma,
einen Augenblick lang an diesen schrecklichen Tag zu
erinnern, als wir für Amerikaner geweint und einen
Moment lang vergessen haben, daß viele von ihnen
einer anderen Rasse angehörten.

Seite 5

�Erinnern Sie sich an die vielen Gesichter und Rassen
der Amerikaner, die nicht geschlafen und ihr Leben
aufs Spiel gesetzt haben, um zu retten, zu helfen und
Trost zu spenden. Erinnern Sie sich, daß Sie Naturkatastrophen wie hier in Kalifornien gesehen haben. Das
ist das Gesicht des echten Amerikas. Das ist das
Gesicht, das ich immer wieder gesehen habe. Das ist
das Amerika, das wir auf irgendeine Weise im täglichen Leben Amerikas real werden lassen müssen.
Sie als Absolventen werden eine bessere Chance
haben, Ihre Träume auszuleben als jede andere
Generation in unserer Geschichte, wenn wir aus
unseren vielen unterschiedlichen Elementen ein
Amerika machen - eine Nation in Frieden mit sich
selbst, die durch gemeinsame Werte, Wünsche und
Chancen sowie die Respektierung unserer Unterschiede verbunden ist.
Ich bin ein schottisch-irischer Baptist aus dem Süden
der Vereinigten Staaten, und ich bin stolz darauf. Aber
mein Leben wurde in unermeßlicher Weise durch die
Kraft der Thora, die Schönheit des Koran, die eindringlichen Weisheiten der Religionen Ost- und Südasiens
bereichert - die meine amerikanischen Mitbürger
ausüben. Ich habe unbeschreibliche Freude und
Frieden in Kirchen der Schwarzen und Pfingstler
gefühlt. Ich habe die Intensität und Selbstlosigkeit
meiner hispanischen Mitbürger gegenüber der Familie
lieben gelernt. Als Südstaatler bin ich mit Countrymusic und Dorffesten aufgewachsen, und sie
gefallen mir immer noch. Aber ich habe auch die
Feiern und das Essen, die Musik, Kunst und Kultur der
Indianer und Amerikaner aus jeder Region der Welt
genossen.
In jedem Land, das ich als Ihr Präsident besucht habe,
fühlte ich mich wie zu Hause, weil einige Bürger dieser
Länder in Amerika ein Zuhause gefunden haben. Seit
zwei Jahrhunderten ist ein Strom von Einwanderern,
angezogen von dem Versprechen der Freiheit und
fairen Chancen, an unsere Küsten gekommen, um ein
neues Leben aufzubauen. Was immer sie sonst
vorfanden - selbst Intolereanz und Gewalt - sie haben

*

Seite 6

Amerika jedoch nie aufgegeben. Selbst Afroamerikaner, von denen die ersten in Ketten hierhergebracht
wurden, haben Amerika nie aufgegeben.
Es ist an Ihnen zu beweisen, daß sie zu Recht an
Amerika glaubten. Isoliert auf Inseln - einige großartig,
andere armselig - zu leben, ist nicht die amerikanische
Art. Unsere Selbstachtung darauf zu gründen, auf
andere herabzusehen, ist nicht die amerikanische Art.
Zufrieden zu sein, wenn wir haben was wir möchten,
achtlos gegenüber anderen, die noch nicht einmal das
haben, was sie brauchen und verdienen, ist nicht die
amerikanische Art. Wir haben die Schranken in
unseren Gesetzen niedergerissen. Jetzt müssen wir
die Schranken in unserem Leben, in unseren Köpfen
und unseren Herzen niederreißen.
Vor über 30 Jahren, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung, stellte die Kerner-Kommission fest,
wir würden zu zwei Amerikas - einem weißen und
einen schwarzen, getrennt und ungleich. Heute sehen
wir uns mit einer anderen Entscheidung konfrontiert:
Werden wir nicht zwei, sondern viele Amerikas,
getrennt, ungleich und isoliert? Oder werden wir Kraft
aus allen unseren Menschen und unserem althergebrachten Glauben an die Qualität der menschlichen
Würde schöpfen, um die erste wirklich multirassische
Demokratie der Welt zu werden? Das ist die unbeendete Arbeit unserer Zeit - die Last der Rassentrennung
aufzuheben und das Versprechen Amerikas einzulösen.
Liebe Stundenten des Jahrgangs 1997 - ich bin im
Schatten eines nach Rassen getrennten Amerikas
aufgewachsen, aber ich habe den Hoffnungsschimmer
eines einzigen Amerikas gesehen. Sie haben mir
heute einen Hoffnungsschimmer gegeben. Das ist das
Amerika, das Sie schaffen müssen. Es beginnt mit
Ihren Träumen - also hegen Sie große Träume, leben
Sie Ihre Träume, stellen Sie Ihre Eltern vor eine
Herausforderung und erziehen Sie Ihre Kinder gut.
Gott schütze Sie.
Lebensweg.

* * *

Alles Gute für Ihren weiteren

*

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�WIRTSCHAFT
25. Juni 1997

Rubin fordert fortgesetztes internationales
Engagement der Vereinigten Staaten
Rede des Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Finanzminister Robert Rubin zufolge hat sich die Notwendigkeit der Führungsrolle und
des Engagements der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft seit dem Marshallplan nicht verändert.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Rubin bei einer von der George Washington University zum 50.
Jahrestag des Marshallplans veranstalteten Konferenz am 2. Juni 1997 hielt.

Ich freue mich über die Einladung, heute aus Anlaß
des 50. Jahrestages des Marshallplans zu Ihnen
sprechen zu dürfen. Es ist mir eine Ehre, mit denen
zusammenzutreffen, die am Marshallplan mitgewirkt
haben.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich einen
kurzen Rückblick vornehmen und anschließend
erörtern, wie Geist und Vision des Jahres 1947 in der
Welt von heute und morgen bewahrt werden können.
Vor fünfzig Jahren hielt George Marshall eine Rede an
der Harvard University, in der er seinen Hilfsplan für
Europa vorstellte, der nach ihm benannt wurde. Zu
einer Zeit, in der wir vom Krieg erschöpft waren und
die Versuchung groß war, sich von der Weltbühne
zurückzuziehen, griffen wir einem krisengeschüttelten
Europa mit einer dramatischen Hilfsaktion unter die
Arme. Die Kosten des Marshallplans beliefen sich auf
die enorme Summe von 13 Milliarden Dollar für drei
Jahre oder nahezu 10 Prozent des damaligen Bundeshaushalts. Aber der Ertrag unserer Investitionen
war ebenfalls enorm. Der Marshallplan war für den
Wiederaufbau Europas, die Stärke und den Wohlstand
der westlichen Volkswirtschaften entscheidend.
Dieser Plan - sein Geist und seine Vision - markierte
einen der großartigsten Momente Amerikas.
Es besteht kein Zweifel daran, daß der Marshallplan in
moralischer Hinsicht das Richtige war. Der Marshallplan lag jedoch auch in unserem wirtschaftlichen und
nationalen Sicherheitsinteresse. Amerika benötigte und benötigt auch heute noch - eine prosperierende
und erfolgreiche Welt, um selbst zu prosperieren und

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Erfolg zu haben. Visionäre wie George Marshall waren
sich dessen bewußt. Obwohl Marshall dem Militär
angehörte, wußte er, daß Sieg nicht bedeutet, daß die
Waffen beiseite gelegt werden und die Flagge gehißt
wird - es nur dann einen Sieg gibt, wenn die Bedingungen für dauerhaften Frieden und Wohlstand geschaffen sind. Mit anderen Worten: Er wußte, daß Stabilität
von heute morgen zu Konflikten führen kann und
präventive Diplomatie die effektivste Art von Diplomatie
ist.
Heute ist das Vermächtnis des Marshallplans klar. Er
trug zum Aufbau eines prosperierenden und freien
europäischen Kontinents bei, der sich immer stärker
auf eine Integration zubewegt. Er brachte die Vereinigten Staaten entschlossen auf den Kurs einer
Führungsrolle und des Engagements für internationale
Angelegenheiten. Und er zeigte, daß wir aus unserer
nach dem Ersten Weltkrieg getroffenen Entscheidung
zum Rückzug aus globalen Angelegenheiten etwas
gelernt haben.
Die Notwendigkeit der Führungsrolle und des Engagements der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft hat
sich seit dem Marshallplan nicht verändert - obwohl
sich die Umstände offensichtlich geändert haben.
Tatsächlich hat sich diese Notwendigkeit in mancher
Hinsicht verstärkt, ebenso wie die Bedeutung der
Wirtschaft für die Außenpolitik, die schon damals groß
war, in mancher Hinsicht zugenommen hat. 1947
waren 12 Prozent unserer Wirtschaft vom Handel
abhängig. Heute hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt. 1947 sahen sich die meisten führenden amerikanischen Unternehmen als amerikanische Unterneh-

Seite 1

�men mit Auslandsniederlassungen. Heute betrachten
sie sich als globale Unternehmen mit Sitz in den
Vereinigten Staaten. 1947 gab es nationale Kapitalmärkte mit sehr wenig grenzüberschreitendem Kapitalfluß. Heute haben wir einen riesigen integrierten
globalen Kapitalmarkt mit enormen grenzüberschreitenden Investitionen und täglichem Finanzfluß.
Technologie, politischer Wandel und Marktöffnung
haben die Integration unserer Volkswirtschaften
beschleunigt und neue Wachstumsmöglichkeiten, aber
auch neue Risiken geschaffen. Es ist nicht übertrieben
zu sagen, daß unser wirtschaftliches Wohlergehen in
hohem Maße und irreversibel an das der übrigen Welt
gekoppelt ist. Kürzlich las ich eine Kolumne, deren
Verfasser die Globalisierung des Wirtschaftslebens
schlecht machte. Meines Erachtens hätte er sich
ebensogut über die Gezeiten beklagen können.
Meiner Meinung nach steht nicht die Realität zur
Diskussion. Die einzige Frage lautet, ob wir sie uns
zunutze machen - mit den möglicherweise großen,
daraus resultierenden Vorteilen - oder ob wir der
Realität den Rücken zuwenden - mit dem normalerweise daraus resultierenden Ergebnis. Es steht außer
Frage, wofür sich George Marshall entschieden hätte.
Die Förderung einer gesunden Weltwirtschaft liegt
1997 ebenso in unserem Interesse wie 1947. Damals
legte Marshall angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen des Europas nach dem Krieg eine aus
drei Teilen bestehende Strategie vor: Den zerstörten
Nationen das dringend benötigte Kapital für ihren
Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen, diese Hilfe an
wesentliche Wirtschaftsreformen zu binden und
Europa in die internationale Staatengemeinschaft zu
integrieren. Diese Bedingung und diese Vision von
integrierten Volkswirtschaften werden bisweilen
vergessen, aber sie waren integraler Bestandteil des
Marshallplans.
Die Strategie zur Förderung von Wachstum und
wirtschaftlichem Wohlergehen in den Industrie- und
Entwicklungsländern von heute ist sehr ähnlich: Die
Unterstützung einer soliden Wirtschaftspolitik in
Verbindung mit Hilfsleistungen, derzeit großenteils
durch die internationalen Finanzinstitutionen und ihre
an Bedingungen geknüpften Maßnahmen, die Überwindung der Hindernisse für wirtschaftliche Integration,
einschließlich der Bestrebungen des NAFTA, GATT,
APEC und der Freihandelszone auf dem amerikanischen Kontinent zur Liberalisierung des Handels
sowie die Bereitstellung von Kapital, obwohl das in der
heutigen Welt zunehmend durch die Förderung von
Bedingungen geschieht, die Privatkapital anziehen.
Das unterstreicht den grundlegenden Unterschied
zwischen der Herausforderung des Wiederaufbaus
von Europa 1947 und der Herausforderung, heute
Entwicklung und Wachstum weltweit zu fördern. In
den vierziger Jahren gab es keine globalen Kapitalmärkte.
Die im Marshallplan vorgesehenen 13

Seite 2

Milliarden Dollar an direkten zwischenstaatlichen
Krediten waren für den Wiederaufbau Europas von
entscheidender Bedeutung. Jetzt liegt der Schlüssel
für Entwicklung und Wachstum weniger in offizieller
Hilfe, sei es durch bilaterale oder internationale
Finanzinstitutionen, obwohl sie wichtig bleibt, sondern
vielmehr in der Schaffung eines Umfelds, das Anreize
für Privatinvestitionen gibt.
Wesentlich für die Schaffung dieses Umfelds ist ein
anderes Produkt dieser bemerkenswerten Periode
internationaler Vision und Führung in den späten
vierziger Jahren: Die Bretton Woods Institutionen - der
internationale Währungsfonds und die Weltbank sowie ihre jüngeren Begleitinstitutionen, die regionalen
Entwicklungsbanken und das GATT/die WTO.
Betrachten Sie sich die Entwicklungsländer weltweit,
die während der vergangenen 25 Jahre einen außergewöhnlichen Wandel durchgemacht haben. In Asien,
Lateinamerika und Zentraleuropa entsteht in einem
Land nach dem anderen ein fast universeller Konsens,
daß die freie Marktwirtschaft der Schlüssel zu Wohlstand ist, wobei viele Länder in jeder dieser Regionen
während der letzten Jahre - und in einigen Fällen,
insbesondere in Asien, während der letzten Jahrzehnte
- große wirtschaftliche Fortschritte gemacht haben.
Die internationalen Finanzinstitutionen waren hierfür
von zentraler Bedeutung. Sie investieren in Bildung,
Gesundheitsfürsorge und die anderen grundlegenden
Voraussetzungen für eine erfolgreiche, marktorientierte
Wirtschaft und ermutigen solide finanzpolitische und
andere Maßnahmen, indem sie ihre Hilfe an Bedingungen knüpfen - ebenso wie es der Marshallplan vor 50
Jahren tat. Das wiederum ist entscheidend für unser
Land, denn Wohlstand in den Entwicklungsländern und
den ehemals kommunistischen Ländern fördert
politische Stabilität und Demokratie, die wiederum zu
wirtschaftlicher Aktivität in unserem Land beitragen
und unsere nationale Sicherheit erhöhen.
Trotz aller Fortschritte in den Entwicklungsländern und
den im Übergangsstadium befindlichen Staaten bleibt
die Herausforderung bestehen, die gesamte Weltbevölkerung in die wirtschaftliche Hauptströmung
einzubeziehen. Unsere Zukunft - unser wirtschaftliches Wohlergehen, unsere nationale Sicherheit,
unsere Umwelt und unsere öffentliche Gesundheit hängen von der Bewältigung dieser Herausforderung
ab. Schätzungen der Weltbank zufolge leben 1,3
Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro
Tag, und selbst in vielen Ländern, in denen beträchtliche Fortschritte gemacht wurden, sind diese Errungenschaften nicht unumkehrbar.
Viele Teile Asiens haben wirtschaftliche Bedingungen
geschaffen, die vor 30 Jahren unmöglich erschienen
wären, aber eine große Zahl von Asiaten lebt noch in
Armut. Und Afrika ist ein ganzer Kontinent, der in
Armut gefangen ist, obwohl einige Länder Reformen

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�eingeleitet haben und jetzt echte wirtschaftliche
Verbesserungen erleben. Wenn man den Geist und
die Vision des Marshallplans auf Afrika anwendet, ist
es meines Erachtens gar keine Frage, daß ein wirtschaftlich erfolgreiches Afrika nicht nur im Interesse
der Afrikaner liegt, sondern auch in unserem.
Zur Erlangung dieser Ziele arbeitet die Administration
im Kongreß mit einer aus Mitgliedern beider Parteien
bestehenden Gruppe an einer tragfähigen Strategie für
Afrika und mit den internationalen Finanzinstitutionen
an einer signifikanten Erhöhung ihrer Konzentration
auf Afrika. Ein Afrika, das mit seinem Engagement für
Demokratie, Wirtschaftsreformen und nachhaltige
Entwicklung erfolgreich ist, bietet seinen Menschen
einen höheren Lebensstandard und ist in politischer
und sozialer Hinsicht stabiler. Das wiederum wird für
amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer von
Vorteil sein, aber auch unsere nationale Sicherheit
stärken, indem die Notwendigkeit verringert wird, auf
Krisen in Afrika zu reagieren.
Jede Komponente einer zukunftsorientierten internationalen Wirtschaftspolitik ruft jedoch unverzüglich die
Debatte über die Rolle unseres Landes in der Weltwirtschaft und in der Welt generell hervor - ebenso wie der
Marshallplan zu seiner Zeit eine umfassende Debatte
auslöste. Diese Debatte wird an vielen Fronten
deutlich. Eine davon ist der Bereich der Ressourcen.
Wir sind bei weitem die größte und wohlhabendste
Volkswirtschaft der Welt, und dennoch sind wir der
größte Schuldner der Vereinten Nationen, und auf uns
entfällt der Löwenanteil der Rückstände bei der
Weltbank sowie den multilateralen Entwicklungsbanken. Wir waren entscheidend an der Schaffung
dieser Institutionen beteiligt, und jetzt bedrohen wir ihre
Existenz.
Auch der Handelsliberalisierung scheinen die Vereinigten Staaten immer ablehnender gegenüberzustehen, während die Nationen auf der ganzen Welt
sich in vielfältigerweise zusammenschließen wie beim
Europäischen Binnenmarkt in Europa, dem MERCOSUR in Lateinamerika und dem ASEAN in Asien.
Diese Bewegung zu Integration wird andauern - mit
oder ohne uns. Die einzige Frage ist, ob wir dabei sein
und von den Vorteilen profitieren werden, oder sehr zu
unserem Nachteil außen vor bleiben.
Die Sicherung der politischen Unterstützung für die
Aufrechterhaltung unserer Führungsrolle im Ausland
erfordert den Aufbau öffentlicher Unterstützung für
diese zukunftsorientierten Maßnahmen. Auch dies
verstand George Marshall sehr gut. Als er 1947 in
Harvard über seinen Vorschlag, Europa zu helfen,
sprach, war er sich der politischen Herausforderung
bewußt, als er sagte: "Ein unerläßlicher Bestandteil

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jeder erfolgreichen Aktion der Vereinigten Staaten ist
das Verständnis der Menschen in Amerika über den
Charakter des Problems und der anzuwendenden
Mittel. Politische Leidenschaft und Vorurteile sollten
dort keinen Platz haben." Nachdem er den Vorschlag
unterbreitet hatte, leiteten Präsident Truman, der
republikanische Senator Arthur Vandenberg und
Mitglieder beider Parteien eine Kampagne zur Aufklärung der Öffentlichkeit über den Plan und für seine
Unterstützung ein. Der Marshallplan, der anfänglich
auf Skepsis und Ablehnung stieß, wurde schließlich mit
überwältigender Mehrheit von beiden Häusern des
Kongresses verabschiedet.
Heute sehen wir uns mit derselben Herausforderung
beim Aufbau des Verständnisses - um mit Marshalls
Worten zu sprechen - der Menschen in Amerika über
den Charakter des Problems und der anzuwendenden
Mittel konfrontiert. Die Regierungsvertreter, die sich
der Bewältigung dieser Herausforderung verpflichtet
haben, können dies nicht alleine tun. Alle, die verstehen, wie entscheidend unser Wohlergehen mit dem
Wohlergehen der übrigen Welt verbunden ist, müssen
sich beim Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses
aller Amerikaner über diese lebensnotwendige Verbindung zusammenschließen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete sich ein Großteil
der Unterstützung für den Marshallplan aus dem
dringenden Bedarf der Zeit des Kalten Krieges ab.
Heute besteht auch dringender Bedarf für die amerikanische Führungsrolle in der Welt, aber er ist weniger
offensichtlich und schwieriger zu verstehen und macht
die Herausforderung des Aufbaus öffentlicher Unterstützung umso größer. Ich möchte abschließen, indem
ich Sie auffordere, das heutige Programm an der
George Washington University nicht nur mit einem
vertieften Verständnis des Marshallplans und von
General George Marshall zu verlassen, sondern mit
der Verpflichtung, seinen Geist und seine Vision
angesichts der Herausforderungen von heute zu
bewahren - und zum Aufbau dieses gemeinsamen
Verständnisses unter allen unseren Bürgern über
unser gemeinsames Interesse an der übrigen Welt
beizutragen.
Ich habe mich heute Nachmittag primär auf die
wirtschaftliche Interdependenz konzentriert, aber in der
heutigen Welt sind nationale Sicherheit, öffentliche
Gesundheit, Umweltschutz, Verbrechen und Terrorismus zu Problemen geworden, die keine Nation - selbst
die reichste und mächtigste - alleine meistern kann.
Eine der großen Lektionen des 20. Jahrhunderts - eine
Lektion, die George Marshall völlig verstand - lautet
zweifelsohne, daß ein Rückzug aus internationalen
Angelegenheiten nicht funktionieren kann. Wenn wir
uns zurückziehen, leiden wir; wenn wir uns engagieren, prosperieren wir. Ich danke Ihnen.

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�AUSSENPOLITIK
25. Juni 1997

Themen der gesamteuropäischen Sicherheitspolitik
Ansprache von J. D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 18. Juni 1997 beim Außenpolitischen Kongreß der
Sozialdemokratischen Partei hielt.

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, einige der
wichtigsten Themen auf unserer transatlantischen
Sicherheitstagesordnung erörtern zu dürfen, während
wir uns auf das 21. Jahrhundert vorbereiten.
Die Revolution von 1989 hat die Welt grundlegend
verändert. Wenn wir jedoch das gesamte Spektrum
der uns während dieser hektischen Tage des Wandels
konfrontierenden Probleme betrachten, stellen wir fest,
daß einige Themen herausstechen:
Integration,
Konsolidierung der Demokratie,
Erweiterung des Wohlstands und
Stärkung von Stabilität, Sicherheit und Freiheit.
Diese Themen unserer Außenpolitik ermöglichten den
westlichen Nationen die Prosperität während des
vergangenen halben Jahrhunderts. Unser Ziel sollte
darin bestehen, dieses Versprechen den Ländern zu
geben, die gerade erst begonnen haben, sich an der
transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft zu beteiligen. In diesem Kontext versuchen wir, unsere
wichtigsten Institutionen anzupassen.
Als europäische Macht haben sich die Vereinigten
Staaten zutiefst verpflichtet, die Trennlinien in Europa
auszuradieren. Es gibt eine Fehleinschätzung, daß die
NATO-Erweiterung neue Trennlinien in Europa
schaffen wird. Das Gegenteil ist der Fall.
Unsere gesamte Politik zielt auf die Schaffung eines
Europas ab, das frei von den während des Kalten
Krieges gezogenen künstlichen und unrechtmäßigen
Trennlinien ist. Ein Beweis dafür ist die Grundakte

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zwischen der NATO und Rußland über Zusammenarbeit und Sicherheit, die eine einzigartige Gelegenheit
für Kooperation zwischen dem Bündnis und Rußland
bei einem breiten Spektrum sicherheitspolitischer und
militärischer Angelegenheiten bietet. Darüber hinaus
unterstreicht sie, daß die NATO und Rußland grundlegende Prinzipien teilen - die von Demokratie und
Pluralismus bis zu gegenseitiger Transparenz bei der
Verteidigungspolitik und Militärdoktrin reichen. Unser
Engagement für diese Prinzipien wird ein sicheres und
ungeteiltes Europa fördern. Die Grundakte schafft
auch die Grundlage für gemeinsame Entscheidungen
und gemeinsame Aktionen der NATO und Rußlands
bei der Gestaltung der europäischen Sicherheit. Damit
wird offensichtlich, daß es bei unserer Vision der
europäischen Sicherheit nicht um Ausgrenzung,
sondern um Einbeziehung geht. Unsere Zusammenarbeit mit den russischen Streitkräften - und mit den
Streitkräften anderer an der Partnerschaft für den
Frieden beteiligter Länder - in Bosnien demonstriert,
daß dieser Ansatz funktionieren kann.
Aus diesem Grund möchte ich der in jüngster Zeit in
der Presse geäußerten Meinung widersprechen, daß
die Erweiterung die Handlungsfähigkeit der NATO
einschränken wird und die NATO zu einer Art Debattierclub würde - so die Überschrift eines Artikels von
Henri Kissinger in der "Welt am Sonntag" von vergangener Woche (8. Juni). Der Gedanke, die NATO
würde nur noch aus Worten und keinen Taten bestehen, entspricht schlicht und einfach nicht der Realität.
Wir konnten bereits Aktionen vor Ort beobachten reale Zusammenarbeit zwischen den NATO-Verbündeten und Partnerstaaten - die auf das Ende des Konflikts
und die Bewahrung des Friedens in Bosnien sowie die
Schaffung der Bedingungen für die Wiederherstellung

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�von Ordnung und Demokratie in Albanien ausgerichtet
sind.
In diesem Zusammenhang möchte ich die konstruktive
Rolle unterstreichen, die die Partnerstaaten bereits
spielen und in Zukunft durch den Euroatlantischen
Partnerschaftsrat noch effektiver spielen werden. Der
Rat wird dem Bündnis und den Partnern einen politischen Rahmen für ihre kooperativen Beziehungen
bieten. Der EAPR ist Teil einer umfassenderen
Struktur, die wir zur Verhinderung zukünftiger Konflikte
in Europa aufbauen. Er verkörpert unsere Entscheidung, daß wir mehr tun müssen als nur auf Krisen zu
reagieren: Wir werden dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub leisten, wenn wir auf das Entstehen
einer Bedrohung warten.
Der EAPR ist ein lebender Beweis, daß die sich
innerhalb des NATO-Bündnisses vollziehenden
Veränderungen Europa integrieren, dem Kontinent
mehr Sicherheit bieten und ihn nicht teilen oder instabil
machen. Dieses neue Gremium ist nicht nur für
diejenigen ein Forum, die eine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, sondern auch für diejenigen, die sich
dagegen entscheiden.
Fragen bezüglich der Erweiterung der Mitgliedschaft
des Bündnisses stehen an oberster Stelle der Tagesordnung im Vorfeld des Madrider Gipfeltreffens im
kommenden Monat. Es ist der logische nächste Schritt
nach der Entscheidung des Bündnisses zur Erweiterung der Gemeinschaft von NATO-Verbündeten vor
drei Jahren. Durch die Erweiterung des Bündnisses
hofft die NATO, für den Osten Europas das zu tun, was
die NATO einst für den Westen Europas getan hat alten Haß zu überwinden, Integration zu fördern, ein
sicheres Umfeld für Wohlstand zu schaffen und Gewalt
in der Region abzuschrecken, in der zwei Weltkriege
und der Kalte Krieg begannen. Was die Frage neuer
Bündnismitglieder anbelangt, unterstützen die Vereinigten Staaten die Aufnahme einer kleinen Gruppe
von drei Ländern in der ersten Runde und in Zukunft
eine offene Tür für weitere Mitglieder.
Die Anpassung der NATO ist nicht auf neue Mitglieder,

Partner und unsere Charta mit Rußland und die mit der
Ukraine beschränkt. Sie beinhaltet auch die Umstrukturierung der militärischen Führung des Bündnisses, die Entwicklung einer
Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität innerhalb der
NATO sowie die Umsetzung des Konzepts Alliierter
Streitkräftekommandos (CJTF). Wir drängen darauf,
daß der im Juni 1996 in Berlin von den Außenministern
des Bündnisses vereinbarte Zeitplan für die interne
Anpassung eingehalten wird.
Unser Engagement für eine gestärkte OSZE - die
einzige gesamteuropäische Sicherheitsorganisation ist ein zusätzlicher Beweis für unser Vorhaben, die
Trennlinien der Vergangenheit zu beseitigen. Die

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OSZE ist von Natur aus eine Organisation, die ständig
verbessert und umstrukturiert wird. Wir haben zahlreiche Debatten über den richtigen Aufbau der OSZE
geführt, und die Vereinigten Staaten sind weiterhin der
Ansicht, daß die Einzigartigkeit der OSZE eine ihrer
Stärken ist. Sie ist eine werteorientierte politische
Organisation, die stark ist, weil sie keine formalrechtliche Struktur hat. Wir müssen diese Organisation
stark, kreativ und bereit halten, damit sie weiterhin an
vorderster Front der Bestrebungen zur Förderung von
Sicherheit, Demokratie und Wohlstand im gesamten
OSZE-Gebiet steht.
Wir machen Fortschritte mit einer Agenda von Aktivitäten, die unsere Fähigkeit unter Beweis stellt, auf die
neue internationale Situation zu reagieren und uns auf
die Zukunft vorzubereiten. Wir sind von Anzeichen für
Wandel und Anpassung umgeben. Während wir hier
zusammentreffen, nehmen Dänemark, Deutschland,
Estland, Finnland, Großbritannien, Lettland, Litauen,
die Niederlande, Norwegen, Polen, Rußland, Schweden und die Vereinigten Staaten an der 25. jährlichen
amerikanischen Marineübung BALTOPS in der Ostsee
teil (16.-27. Juni). Dieses Manöver zeigt, wie weit wir
gekommen sind.
Wir arbeiten hart daran, Europa zusammenzubringen,
wobei wir, wie Außenministerin Albright es kürzlich
formulierte, folgendes bedenken sollten: "Ein Europa
ohne Teilungen ist kein Europa ohne Unterschiede.
Diese Unterschiede müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und Gegebenheiten, nicht auf alter
Geschichte oder Geographie basieren."
Ich möchte kurz auf die bedeutende Rolle Deutschlands in diesem ständigen Anpassungsprozeß zu
sprechen kommen. Nach dem Ende des Kalten
Krieges und der Vereinigung Deutschlands wurde
immer deutlicher, daß die Bundesrepublik zusammen
mit den anderen Bündnismitgliedern Streitkräfte zu
diesen Krisenreaktions- und Friedenssicherungsbestrebungen beisteuern kann und sollte, wenn die
Stabilität in Europa in Gefahr ist. Das Bundesverfassungsgericht hat klare Richtlinien dafür gegeben, wie
die Bundeswehr in solchen Situationen eingesetzt
werden darf, und wir respektieren die Notwendigkeit,
daß das Militär ein Mandat vom Bundestag erhält. Die
erfolgreiche Beteiligung der Bundeswehr an der IFOR
und der SFOR zeigt, daß Deutschland in diese neue
Rolle hineinwächst.
Wir werden uns alle für die Förderung des Friedens in
Europa einsetzen. Wie die jüngsten Entwicklungen in
Albanien jedoch deutlich machen, ist die Bedrohung
von Gewalt und Instabilität immer noch akut. Aus
diesem Grund soll Deutschland, ebenso wie seine
europäischen Partner und wir bereit sein, einen
militärischen Beitrag zu leisten, wenn Menschenleben
und der Frieden auf dem Spiel stehen. Unsere lange
Partnerschaft mit der Bundesrepublik nach dem Krieg

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�überzeugt uns, daß Deutschland für diese Rolle bereit
ist. Wir begrüßen die führende Rolle Deutschlands
innerhalb des Bündnisses, die Anpassung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa zu
bewirken. Diese Anpassung ist zu einem wichtigen
Aspekt der umfassenderen europäischen Sicherheit
geworden, da sie den Weg für die NATO-Erweiterung
bereitet. Wir konzentrieren uns auf erhöhte Sicherheit
anstatt erhöhte militärische Stärke, und der KSEVertrag ist ein wichtiger Mechanismus für die Erlangung dieses Ziels.

dieser Ziele unterstreichen. Diese Ziele basieren auf
dem gemeinsamen Engagement für Demokratie,
Menschenrechte und Freiheit, die in der Welt nach
dem Krieg im Zentrum der deutsch-amerikanischen
Partnerschaft stehen. Wenn wir unsere Aktionen auf
diese gemeinsamen Verpflichtungen und Prinzipien
gründen, können wir zuversichtlich sein, daß wir
unsere Ziele erreichen. Dann können wir auf das
Ende des 20. Jahrhunderts als eine Zeit zurückblicken,
in der wir die richtigen Entscheidungen trafen und den
Mut hatten, historische Chancen zu ergreifen.

Abschließend möchte ich die Bedeutung der deutschamerikanischen Zusammenarbeit bei der Erlangung

Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�TERRORISMUS
25. Juni 1997

Terrorismus, die Medien und das 21. Jahrhundert
von Raphael F. Perl

(AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels, Raphael F. Perl, ist beim Forschungsteam des Kongresses in
der Library of Congress Experte für internationale Terrorismusfragen.

Bei der Konfrontation von Regierungen mit Terroristen
stellen die Medien weiterhin eine mächtige Kraft dar.
Wenn sie sich an die Öffentlichkeit wenden und diese
beeinflussen, hat das nicht nur Auswirkungen auf die
Aktionen von Regierungen, sondern auch von Terrorgruppen.

erstattung über einen Terroranschlag erwarten.
Anschließend untersucht er drei Trends, die Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Terrorismus
und Medien haben und bietet zum Abschluß einige
Optionen.
Die Erwartungen der Terroristen an die Medien

Aus der Sicht der Terroristen ist die Berichterstattung
in den Medien ein wichtiges Maß für den Erfolg
terroristischer Gewalttaten oder Kampagnen. Im Fall
von Geiselnahmen, bei denen die Medien für den
Terroristen möglicherweise die einzige unabhängige
Quelle für Berichterstattung über den Lauf der Ereignisse sind, kann die Berichterstattung eine Rettungsaktion erschweren.
Regierungen können sich der Medien bedienen, um
die Weltöffentlichkeit gegen ein terroristisches Land
oder eine Terrorgruppe aufzubringen. Öffentlichkeitsarbeit und die Medien können auch eingesetzt werden,
um die Öffentlichkeit in anderen Ländern zu mobilisieren, Druck auf die Regierung auszuüben, damit diese
gegen den Terrorismus vorgeht.
Margaret Thatcher stellte einmal fest, Publicity sei der
Sauerstoff für den Terrorismus. Das unterstreicht, daß
Public Relations eine wichtige Waffe der Terroristen
und die Medien das zentrale Medium für den Einsatz
dieser Waffe sind. Der Terrorismus spielt heute in den
Medien eine Rolle.
Dieser Artikel befaßt sich mit den widersprüchlichen
Ansichten über die wünschenswerte Rolle der Medien
bei der Berichterstattung über terroristische Zwischenfälle sowie den verschiedenen Erwartungen an die
Medien: Was die Terroristen erwarten, was die
Regierung erwartet, was die Medien von der Bericht-

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Terroristen, Regierungen und die Medien sehen
Funktion, Rolle und Pflichten der Medien bei der
Berichterstattung über Terroranschläge aus unterschiedlichen und oftmals scheinbar widersprüchlichen
Blickwinkeln. Diese Einstellungen leisten dem Gruppenverhalten während terroristischer Gewaltakte
Vorschub, was oftmals zu taktischen und strategischen
Vorteilen für die Terroristen und ihre Sache führt. Für
die Regierung und die Medien besteht die Herausforderung darin, die diesen Einstellungen innewohnende Dynamik zu erkennen und politische Optionen zu
entwickeln, die den jeweiligen Interessen dienen.
Terroristen wollen kostenlose Publicity, die
eine Gruppe normalerweise nicht bekommt
oder sich nicht leisten kann. Jegliche Publicity
macht die Welt auf ein existierendes Problem
aufmerksam, das nicht ignoriert werden darf
und angesprochen werden muß. Ein unredigiertes Interview ist ein kostbares Gut, beispielsweise das im Mai 1997 von CNN gesendete Interview mit Mohammad Bin Ladin.
Zugang zu einem Terroristen verspricht eine
heiße Story.
Terroristen wollen Verständnis für Ihre Sache,
wenn nicht sogar für ihre Aktionen. Man mag
ihren Aktionen nicht zustimmen, was jedoch
nicht ausschließt, daß man Teilnahme an

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�ihrem Leiden und ihrer Sache zeigt. Die
Öffentlichkeit braucht Hilfe um zu verstehen,
daß ihre Sache gerecht und terroristische
Gewalt ihr einziges Mittel im Kampf gegen die
überlegenen Kräfte des Bösen ist. Daher sind
gute Beziehungen zur Presse für sie von
großer Bedeutung, weshalb sie oft über Jahre
aufgebaut und weiterentwickelt werden.
Terroristen versuchen unter Umständen, ihren
Anhängern Stellen im Pressebereich zu
vermitteln, insbesondere bei Nachrichtenagenturen, und bemühen sich manchmal
sogar, kleinere Medienorganisationen durch
Finanzhilfe zu kontrollieren. Ein Beispiel ist
Bin Ladin, der angeblich einen islamischen
Nachrichtendienst am Golf finanziert haben
soll, der einen harten Kurs verfolgt.
Sie wollen Legitimität. Die Presse soll das
legitimieren, was oft als eindeutige Spaltung
zwischen bewaffneten Gruppen und politischen Gruppierungen dargestellt wird. Die
IRA und die Hamas sind Beispiele. Musa Abu
Marzuq beispielsweise, dem der politische
Flügel der Hamas unterstand, hat angeblich
bestimmte Bombenanschläge und Morde
befürwortet. Solche Unterscheidungen dienen
oftmals dazu, den Menschen den Beitritt zu
Terrororganisationen zu erleichtern.
Sie wollen, daß die Presse den Erkenntnissen
und Ansichten speziell ins Leben gerufener
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) Legitimation verschafft und prüft, welche Zentren
als Deckmantel für terroristische Finanzierung,
Anwerbung und Reisen von Terroristen ins
Zielland dienen können. Die Finanzierung des
palästinensisch-islamischen Dschihad und
seiner Kontrolle über World and Islam Studies
Enterprise ist nur eins von vielen Beispielen.
Ein zweites ist die von der Hamas finanzierte
Islamic Association for Palestine (IAP) mit Sitz
in Richardson (Texas).
Sie wollen - im Fall von Geiselnahmen Einzelheiten über Identität, Zahl und Wert der
Geiseln, über möglicherweise geplante Rettungsversuche sowie das Ausmaß der öffentlichen Berichterstattung über ihre Operation.
Insbesondere wenn staatliche Sponsoren
betroffen sind, wollen sie Einzelheiten über
Pläne für militärische Vergeltungsmaßnahmen.
Und sie wollen die Hilfe der Medien, um ihrem
Feind Schaden zufügen. Das gilt insbesondere, wenn die Gewalttäter und der Grund für ihr
Handeln anonym bleiben. Sie wollen, daß die
Medien Panik machen, Angst verbreiten,

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wirtschaftliche Verluste wie beispielsweise
beim Tourismus herbeiführen, damit die
Bevölkerung das Vertrauen in die Fähigkeit
ihrer Regierungen verliert, sie zu schützen,
und damit Regierung und Bevölkerung in
bestimmten Situationen und im Hinblick auf
die gesamte Bedrohung durch den Terrorismus überreagieren.

Die Erwartungen der Regierungen an die Medien
Regierungen erwarten von den Medien Verständnis,
Zusammenarbeit, Zurückhaltung und Loyalität bei ihren
Bestrebungen, den durch Terrorismus verursachten
Schaden für die Gesellschaft zu begrenzen und die für
terroristische Gewalttaten Verantwortlichen zu bestrafen oder festzunehmen. Das gilt insbesondere für
folgende Bereiche:
Regierungen wollen Publicity zur Förderung
ihrer Tagesordnung und nicht der terroristischen. Aus ihrer Perspektive sollten die
Medien bei bestimmten Operationen die
Aktionen der Regierung unterstützen und ihr
die benötigten Informationen liefern.
Ein wichtiges Ziel besteht darin, den Terroristen von den Medien abzuschotten - und ihm
so das Forum für Propaganda zu entziehen,
ohne daß dies zu seiner unmittelbaren Niederlage führt.
Ein weiteres Ziel besteht darin, daß die Medien Terroristen als gemeine Verbrecher
brandmarken.
Im Fall von Geiselnahmen ziehen Regierungen es normalerweise vor, die Medien vom
unmittelbaren Vorgehen auszuschließen, aber
sie möchten von den Medien nachrichtendienstliche Informationen erhalten, wenn diese
Zugang zum Ort der Geiselnahme haben.
Sie wollen, daß die Publicity zur Entschärfung
der angespannten Lage beiträgt, nicht umgekehrt. Es ist ein wichtiges Ziel der Politik, die
Nation zu beruhigen.
Bei Zwischenfällen wollen sie den Zugang der
Terroristen zu Daten von außerhalb kontrollieren - Daten über Geiseln zurückhalten,
damit die Medien keine Informationen über
Terrorbekämpfungsaktionen preisgeben oder
die Terroristen mit Informationen versorgen,
die ihnen dienlich sind.
Nach Zwischenfällen wollen sie, daß die
Medien nichts darüber verlauten lassen,
welchen Handel die Regierung eingegangen

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�ist, um die Operation erfolgreich abzuschließen - und nichts über die erfolgreichen oder
erfolglosen Methoden der Terroristen verlauten lassen, damit diese nicht von anderen
Terroristen nachgeahmt werden können.
Sie wollen vermeiden, daß die Medien durch
Desinformationen getäuscht werden. Viele
Gruppen haben ein Motiv, unrichtige oder
falsche Informationen zu verbreiten.
Sie wollen, daß die Medien ein positives Bild
der staatlichen Stellen vermitteln. Die Behörden können gezielt Informationen zu bestimmten Medienvertretern durchsickern lassen, die
wiederum positiv über sie berichten und Kritik
an ihrer Vorgehensweise vermeiden.
Sie möchten, daß die Journalisten sie informieren, wenn sie Grund zu der Annahme
haben, daß ein Terroranschlag geplant oder
eine bestimmte Person an terroristischen
Aktivitäten beteiligt ist.
In extremen Fällen unter den gegebenen
Umständen möchten sie, wenn die nationale
Sicherheit auf dem Spiel steht und die Erfolgschancen groß sind, daß die Medien mit ihnen
zusammenarbeiten und eine Ente verbreiten,
die zur Aufhebung einer unmittelbaren terroristischen Bedrohung beiträgt.
Die Erwartungen der Medien im Falle terroristischer
Berichterstattung
Jeder Journalist wünscht sich die Freiheit, ohne
Einschränkungen - sei es von Seiten seiner Redaktion
oder der Regierung - über ein Ereignis berichten zu
können.
Die Medien wollen eine Story als erste herausbringen. Die Erstmeldung ist das Goldene
Vlies. Alte Neuigkeiten sind keine Neuigkeiten. Im heutigen äußerst konkurrenzfähigen, hochtechnisierten Kommunikationsumfeld ist die Informationsübermittlung in
Realzeit ein ständiges Muß.
Die Medien wollen die Story so früh und so
dramatisch wie möglich herausbringen möglichst in Form eines Interviews. Während
der Entführung der TWA 847 im Juni 1985
sendete ABC ausführliche Interviews mit
Kidnappern und Geiseln gleichermaßen. Es
wurde sogar ein Bild des Piloten mit der
Pistole an der Schläfe gezeigt.
Meistens wollen sie professionell und genau
sein und Desinformationen keinen Glauben

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schenken, so attraktiv sie auch scheinen
mögen.
Sie möchten ihre Fähigkeit bewahren, in der
Gesellschaft so sicher und frei wie möglich zu
agieren. In vielen Fällen geht dies über ihr
Recht zu relativ ungehinderter Berichterstattung hinaus. Es wird in persönliche physische
Sicherheit umgesetzt. Sie wollen sich selbst
schützen - und nicht während Operationen
getötet oder von Terroristen wegen negativer
Berichterstattung ermordet werden.
Sie wollen das Recht auf Information der
Gesellschaft schützen.
Und sie wollen eine konstruktive Rolle bei der
Lösung spezifischer Terrorsituationen spielen,
wenn dies ohne einen übermäßig hohen Preis
im Hinblick auf den Verlust der Story oder
moralische Kompromisse erfolgen kann.
Trends mit Auswirkungen auf den Terrorismus und
die Medien
Es scheinen sich eine Reihe von Trends abzuzeichnen, die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen
den Medien, den Terroristen und der Regierung
haben. Dazu zählen: 1. Ein Trend zu Anonymität bei
Terrorismus. 2. Ein Trend zu gewalttätigeren Terroranschlägen. 3. Ein Trend zu Angriffen auf Medienvertreter und -Institutionen.
Anonymität bei Terrorismus
Heute beobachten wir einen Trend zu anonymem
Terrorismus, bei dem niemand die Verantwortung
übernimmt und keine Forderungen gestellt werden.
Der Anschlag auf das World Trade Center ist nur ein
Beispiel. Diese Praxis räumt den Medien eine größere
Rolle für Spekulationen ein und hilft ihnen bei Behauptungen, sie würden die Forderungen oder Ziele
der Terroristen hochspielen. Dennoch kann die
andauernde aufgebauschte Berichterstattung über
Terrorakte Ziele der Terroristen fördern, wie die
Verbreitung von Angst, Beeinträchtigung des Tourismus und Provokation starker staatlicher Reaktionen,
die letztlich zu Einschränkungen der persönlichen
Freiheit führen.
Gewalttätigerer Terrorismus
In der Welt hochtechnologisierter Informationsgesellschaften von heute ist das Potential für gewalttätigeren
Terrorismus eine Realität, die nicht ignoriert werden
kann. Während der Terrorismus gewalttätiger wird,
könnte sich sehr wohl die Annahme breit machen, daß
die Presse in gewissem Maße für die Begünstigung
von Terrorismus oder das Hochspielen seiner Auswirkungen verantwortlich ist. Zunehmend bedrohte

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�Gesellschaften könnten geneigt sein, angesichts der
Konsequenzen von massenhaften Opfern weniger
Risiken einzugehen und den Medien immer weniger
die Selbstkontrolle zutrauen.
Angriffe auf Medienvertreter und -institutionen
Wir könnten auch einen Trend zu Angriffen auf
Journalisten beobachten, die Terroristen betreffende
Themen offen ansprechen. Solche Aktivitäten gibt es
nicht nur in Algerien, Mexiko, Rußland, Tschetschenien oder London, sondern auch hier in der Bundeshauptstadt Washington im nationalen Pressegebäude und bei den Vereinten Nationen in New York.
Eine private Gruppe hat die 1995 von Terroristen
getöteten Journalisten auf 45 beziffert.

agenturen und Printmedien besteht. Die Fernsehberichterstattung über Zwischenfälle würde dann von
dem Fernsehmitarbeiter in dem Zentrum koordiniert.
Ein solches Zentrum könnte von einem Regierungssprecher (dem Koordinator für terroristische Informationen -TIC) geleitet werden, der unverzüglich versuchen
würde, der speziellen Terrorgruppe die Propaganda zu
entreißen.
Wenn Zwischenfälle in den Vereinigten Staaten
vorkommen, gibt es abgesehen von dem Vorfall selbst
ein Nachrichtenvakuum und bis zu dem Zeitpunkt, zu
dem die Regierungsbehörden sich geeinigt haben, was
gesagt und welche Position bezogen werden kann, ist
die Propagandainitiative der Regierung nur allzu
häufig bereits verloren.

Optionen

Medienpools

Es gibt eine Reihe von Optionen, um die Effektivität der
medienorientierten Reaktionen der Regierung auf
Terrorismus zu verbessern und zu verhindern, daß die
Medien unabsichtlich zur Förderung terroristischer
Ziele manipuliert werden. Dazu zählen: 1. Die
Finanzierung gemeinsamer Übungen der Medien und
der Regierung. 2. Die Einrichtung eines Reaktionszentrums der Regierung auf terroristische Informationen. 3. Verstärkter Einsatz von Medienpools. 4.
Förderung freiwilliger Richtlinien für Presseberichterstattung. 5. Überwachung von gegen Medien
gerichtetem Terrorismus.

Eine andere Option, insbesondere für die Berichterstattung bei Geiselnahmen, wäre der Einsatz eines
Medienpools, von dem die Nachrichten gleichzeitig
gesendet werden. Wenn man sich für diese Option
entscheidet, sollten Mechanismen für die Durchführung eines solchen Konzepts vorhanden sein.

Gemeinsame Übungen der Medien und der Regierung
Öffentlichkeitsarbeit muß vor der Story erfolgen, nicht
als Reaktion darauf. Die Nationen benötigen umfassende Strategien für Öffentlichkeitsarbeit, um von
Terroristen geleitete Initiativen zu bekämpfen, und die
Medien können im Rahmen einer solchen Strategie
eine wichtige Rolle spielen. Übungen sind hier von
entscheidender Bedeutung: Übungen wie die von der
George Washington University und dem Technologieinstitut in Holon (Israel) durchgeführten, die
Regierungs- und Medienvertreter zusammenbringen,
um eine Reaktion der Regierung und die Medienberichterstattung über Scheinangriffe von Terroristen zu
simulieren.
Ein Reaktionszentrum der Regierung auf terroristische Informationen
Eine Option, die Regierungen in Erwägung ziehen
könnten, wäre die Einrichtung eines ständigen Reaktionszentrums der Regierung auf terroristische
Informationen (TIRC). Nach Absprache mit den
Medien könnte ein solches Zentrum eine Gruppe für
rasche Reaktionen auf Terrorismus (über Kommunikationsverbindungen) in Rufbereitschaft haben, die aus
Mitarbeitern der Fernsehanstalten, Nachrichten-

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Freiwillige Richtlinien für die Presseberichterstattung
Eine weitere Option wäre die Einführung eines lockeren freiwilligen Verhaltenskodex oder von Richtlinien,
zu denen die Redakteure und Reporter Zugang haben
sollten. Ein spezieller Mediengipfel - vielleicht unter
der G-7-Rubrik - würde für Geschäftsführer der
Fernsehanstalten und Printmedien einberufen, um
freiwillige Richtlinien für die Berichterstattung über
Terrorismus zu erarbeiten.
Es könnte Richtlinien für folgende Bereiche geben:
Beschränkung von Informationen über die
Geiseln, die ihnen schaden könnten, zum
Beispiel Anzahl der Geiseln, Nationalität,
berufliche Position, finanzielle Verhältnisse
oder wichtige Verwandte.
Beschränkung von Informationen über militärische Bewegungen während Rettungsoperationen.
Beschränkung von unredigierten Liveinterviews mit Terroristen oder die Vereinbarung,
sie nicht zu senden.
Sorgfältige Prüfung der Informationsquellen,
wenn der Druck auf Berichterstattung hoch ist,
die vielleicht nicht genau ist.
Abschwächung von Informationen, die weitverbreitete Panik verursachen könnten.

AMERIKA DIENST 12

�Selbst wenn keine spezifischen Richtlinien verabschiedet werden, würde ein solcher Gipfel das Verständnis
der Öffentlichkeit und der Presse über die Erfordernisse ihrer jeweiligen Institutionen verbessern.
Überwachung' von gegen Medien gerichtetem
Terrorismus
Schließlich könnte sich weltweit ein Trend von vermehrten Terrorangriffen auf Medienvertreter und -Institutionen abzeichnen. Überraschenderweise gibt es
jedoch keine schnell verfügbaren staatlichen Statistiken. Um diese Situation zu beheben, könnten Regierungsberichte über Terrorismus, wie der vom USAußenministerium unter dem Titel Patterns of Global
Terrorism veröffentlichte, weltweite jährliche Statistiken enthalten, die die Anzahl der pro Jahr bei Terroranschlägen getöteten oder verletzten Journalisten
angeben sowie die Anzahl von Terroranschlägen auf
Medienvertreter und -Institutionen pro Jahr.

Schlußbemerkung
Die Medien und die Regierung haben gleichermaßen
ein Interesse daran, daß die Medien nicht unabsichtlich
zur Förderung von Terrorismus oder seinen Methoden
manipuliert werden. Andererseits wollen die Politiker
jedoch nicht, daß der Terrorismus die Pressefreiheit einen Pfeiler demokratischer Gesellschaften - unterhöhlt.
Per definitionem ist dies ein Dilemma, das nicht
vollständig beseitigt werden kann und mit dem die
Gesellschaft ständig kämpfen muß. Die Kommunikation zwischen der Regierung und den Medien ist hier
ein wichtiges Element bei jeder Strategie, die auf die
Verhinderung von Terrorismus und den Erhalt der
Demokratie abzielt.
In der Realität sind Terrorismus und Demokratie nicht
vereinbar, und in von Verbrechern oder radikalen
religiösen Extremisten beherrschten Gesellschaften ist
die freie Presse eine der ersten Institutionen, die
verschwinden muß.

* *

AMERIKA DIENST 12

*

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�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. G-8&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gipfel in Denver ist Vorbereitung auf zukünftige globale Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radioansprache von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Vielfalt ist von elementarer Bedeutung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in San Diego&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rubin fordert fortgesetztes internationales Engagement der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Themen der gesamteuropäischen Sicherheitspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Terrorismus, die Medien und das 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Raphael F. Perl&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SrioN ^

Z12462 C

13

9. Juli 1997

NATO

CLINTON NENNT VIER GRUNDE FÜR DIE
NATO-ERWEITERUNG
Rede des Präsidenten

ELEKTRONISCHER HANDEL

CLINTON FORDERT "GLOBALE
FREIHANDELSZONE" IM INTERNET
Rede des Präsidenten
SCHAFFUNG EINES GUNSTIGEN UMFELDS
FÜR ELEKTRONISCHEN HANDEL
Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers
GLOBALE INFORMATIONSNETZE ALS NEUES
ELEMENT DER WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
Rede von Wirtschaftsminister Daley

MARSHALLPLAN

DIE NEUE ROLLE EUROPAS AUS DER
SICHT DER VEREINIGTEN STAATEN
Rede von J.D. Bindenagel

UMWELT

CLINTON VERSPRICHT FONDS FÜR
ENERGIEPROJEKTE IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN
Rede des Präsidenten beim Erdgipfel

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�4. JULI

BESTE WUNSCHE ZUM
UNABHÄNGIGKEITSTAG
Ansprache des Präsidenten

GESELLSCHAFT

OREGON TRAIL - DER WEG NACH WESTEN
von Brad Knickerbocker

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�NATO
9. Juli 1997

Clinton nennt vier Gründe für die NATO-Erweiterung
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir auszugsweise die Rede, die Präsident Clinton am 3. Juli
1997 vor Veteranen des Zweiten Weltkriegs im Weißen Haus hielt.

In der kommenden Woche werden wir einen historischen Schritt unternehmen um sicherzustellen, daß die
Menschen im In- und Ausland mehr Freiheit als je
zuvor genießen: Wir werden die neuen Demokratien
Zentraleuropas beim NATO-Gipfel in Madrid einladen,
unserem Bündnis beizutreten. Ich danke denjenigen,
die sich bereits vor mir für diese Länder eingesetzt
haben. Parallel zu unseren Bestrebungen zum Aufbau
von Beziehungen der NATO zu Rußland und der
Ukraine und im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden mit so vielen anderen europäischen Demokratien arbeiten wir an der Gestaltung eines Europas, das
erstmals seit der Existenz von Nationalstaaten auf
diesem Kontinent ungeteilt, demokratisch und friedlich
ist.
Unsere Nation hat seit mehr als fünf Jahrzehnten auf
dieses Ziel hingearbeitet und dafür Opfer gebracht.
Jetzt liegt es in unmittelbarer Reichweite. In Europa
haben wir nächste Woche die Chance zur Stärkung
der Werte, die wir alle in Ehren halten - Freiheit,
Demokratie und Sicherheit. Unsere Arbeit in Madrid
wird der krönende Abschluß der Führungsrolle unserer
Nation im 20. Jahrhundert und ein Grundpfeiler für ein
neues Zeitalter der Chancen im 21. Jahrhundert sein.
Ich sah heute in einer Zeitung eine Umfrage, die
besagt, daß nur sechs Prozent der Amerikaner der
Ansicht sind, sie verfolgten die Ereignisse innenhalb
des Bündnisses und wüßten viel über diese Vorgänge.
Das ist in gewisser Weise ein Zeichen gebührender
Anerkennung des Erfolgs der NATO, denn es wurde
noch nie ein Bündnismitglied angegriffen. Wäre das
der Fall gewesen, wüßten die Menschen viel mehr
über die NATO.

Jetzt ist es für uns an der Zeit sicherzustellen, daß
mehr Amerikaner sich der Bedeutung der NATO für
unsere Sicherheit bewußt werden und verstehen,
welche Rolle das Bündnis in Zukunft spielen kann und
warum seine Erweiterung im ureigensten Interesse des
amerikanischen Volkes liegt. Alle mit dieser Frage
beschäftigten Menschen und alle hier Anwesenden
haben einen großen Beitrag hierzu geleistet. Ich hoffe,
daß Sie nach Abschluß dieser Veranstaltung mit Ihren
Freunden und Nachbarn, Mitgliedern Ihrer Organisationen und allen, mit denen Sie Kontakt haben, über
diese Angelegenheit sprechen.
Es gibt vier Gründe, warum die NATO-Erweiterung im
Einklang mit unseren Werten steht und unsere Interessen fördert. Erstens wird unser Bündnis stärker und
kann die Herausforderungen der europäischen
Sicherheit besser bewältigen. Wie bereits gesagt
wurde: Wenn wir aus dem 20. Jahrhundert auch nur
eine Lehre gezogen haben, dann die, daß unsere
Zukunft und die Europas untrennbar verbunden sind.
Eine NATO, die Europas neue Demokratien umfaßt,
wird besser in der Lage sein, ihre Missionen durchzuführen, das Territorium ihrer Mitglieder zu verteidigen und die Konflikte anzusprechen, die unseren
gemeinsamen Frieden bedrohen. Die Tschechen und
Polen haben im Golfkrieg Seite an Seite mit amerikanischen Soldaten gekämpft.
Die Tschechische
Republik, Polen, Ungarn, Rumänien, die baltischen
Staaten und viele andere zentraleuropäische Länder,
die den Beitritt zur NATO anstreben, entsenden bereits
Truppen zur friedenssichernden Mission der NATO in
Bosnien.
In der Tat hätten wir unsere Truppen ohne die entscheidende Hilfe Ungarns und unser Bereitstellungs-

AMERIKA DIENST 13

Seite 1

�gelände in Taszar, das ich kurz nach seiner Einrichtung besucht habe, nicht so komplikationslos und
schnell nach Bosnien entsenden können. Indem wir
die neuen Demokratien in die NATO einbeziehen und
unsere Zusammenarbeit mit anderen, die zur Zeit nicht
Mitglieder aber Teil unserer Partnerschaft für den
Frieden sind, vertiefen, bauen wir ein stärkeres
Bündnis für alle zukünftigen Herausforderungen der
transatlantischen Sicherheit auf.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung offenkundig zur
Sicherung der Errungenschaften der Demokratie in
Europa beitragen. Die NATO kann für den Osten
Europas das tun, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg
für den Westen Europas getan hat - das erforderliche
Klima zu schaffen, damit Freiheit und Wohlstand
überleben, wachsen und prosperieren können.
Drittens wird die NATO-Erweiterung zweifelsohne
mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer
Meinungsverschiedenheiten ermutigen, und das wird
die Möglichkeit weiterer Konflikte in Europa verringern.
Die bloße Aussicht auf die NATO-Mitgliedschaft hat die
Länder in Zentraleuropa bereits zur Verbesserung der
Beziehungen zu ihren Nachbarn und zur Beilegung
von Grenz- und ethnischen Streitigkeiten veranlaßt, die
zu einem anderen Zeitpunkt und unter anderen
Gegebenheiten zu einem Konflikt hätten führen
können.

*

Seite 2

Und schließlich wird die NATO-Erweiterung die von
Stalin am Ende des Zweiten Weltkriegs gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren. Die NATO wird
Europa jetzt helfen, in Sicherheit zusammenzukommen
und nicht in Instabilität auseinandergehalten zu
werden. Die Türen der NATO werden für alle diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der Pflichten der
Mitgliedschaft bereit sind, so daß wir nicht eine alte
Teilung in Europa durch eine neue ersetzen. Die von
den NATO-Verbündeten in Madrid getroffene Entscheidung darf keine einmalige Entscheidung sein.
Einige argumentieren, die zentraleuropäischen Nationen, die zum NATO-Beitritt eingeladen werden, seien
nicht bereit, Seite an Seite mit uns zu stehen. Aber mit allem Respekt - sie haben Unrecht. Die Nationen,
die wir für die Mitgliedschaft in Betracht ziehen, teilen
unsere Werte und Wünsche. Das haben sie immer
wieder unter Beweis gestellt. Sie haben auch die
Fähigkeit, das zu tun, was von NATO-Mitgliedern
erwartet wird.
Wir müssen Europa eine Chance geben, zum ersten
Mal in seiner Geschichte frei und ungeteilt zu sein.
Darauf werden wir in der nächsten Woche und in den
kommenden Monaten und Jahren hinarbeiten, während wir weiterhin mit den Demokratien Europas
zusammenarbeiten, die NATO stärken und sie an die
Missionen des 21. Jahrhunderts anpassen.

* * *

*

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�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Clinton fordert "globale Freihandelszone" im Internet
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Anläßlich der Veröffentlichung des Berichts des Weißen Hauses mit dem Titel "Ein
Rahmen für globalen elektronischen Handel" erklärte Präsident Clinton am 1. Juli 1997, die Vereinigten Staaten
werden mit Hilfe der Welthandelsorganisation "das Internet innerhalb von 12 Monaten zu einer Freihandelszone"
machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten unwesentlich gekürzt.

Vor 139 Jahren feierten die Vereinigten Staaten hier im
Weißen Haus die erste technologische Revolution im
Kommunikationswesen. In diesem Jahr schickte
Königin Victoria das erste Telegramm über den Atlantik
an Präsident Buchanan - genau hier. Und später
befand sich das erste Telefon in der Bundeshauptstadt
Washington in einem Raum im Obergeschoß - dem
gleichen Raum, von dem aus Woodrow Wilson den
amerikanischen Einsatz im Ersten Weltkrieg leitete.
Wir haben also über die Jahre hinweg viele interessante technologische Entwicklungen im Weißen
Haus miterlebt.
Jetzt feiern wir das unglaubliche Potential des Internet
und des World Wide Web. Als ich - vor nicht allzu
langer Zeit - Präsident wurde, nutzten nur Physiker das
Internet. Heute sind ungefähr 50 Millionen Menschen
in 150 Ländern an die Datenautobahn angeschlossen.
Bis zum Jahr 2000 werden es fünfmal - wenn nicht
mehr - sein, die alles Erdenkliche tun. Wir können uns
nicht genau vorstellen, wie das 21. Jahrhundert
aussehen wird, aber wir wissen, daß die Wissenschaft
und Technologie sowie das beispiellose Verschmelzen
von Kulturen und Volkswirtschaften des kommenden
Jahrhunderts in hohem Maße vom Internet beeinflußt
werden.
Der heute veröffentlichte Bericht enthält unsere
Bestrebungen, das Internet für alle Menschen nutzbar
zu machen. Binnen einer Generation soll jedes Kind in
Sekundenschnelle mit der Maus jedes Buch, das je
geschrieben wurde, jede Symphonie, die je komponiert

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wurde, jeden Film, der je gedreht wurde und jedes
Gemälde, das je gemalt wurde, anklicken können.
Dieses Potential kommt einer Revolution gleich. Der
Vizepräsident und ich arbeiten darauf hin, bis zum Jahr
2000 jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek an das
Internet anzuschließen, so daß zum ersten Mal jedes
Kind ohne Rücksicht auf seine persönlichen, wirtschaftlichen oder geographischen Umstände Zugang
zu demselben Wissen in der gleichen Zeit und auf
demselben Qualitätsniveau haben kann. Das könnte
das Bildungswesen in den Vereinigten Staaten
revolutionieren.
Unser neuer Plan für einen ausgeglichenen Haushalt
enthält darüber hinaus 300 Millionen Dollar zur
Entwicklung der nächsten Generation des Internet, so
daß führende Universitäten und nationale Labors mit
einer 1.000 Mal höheren Geschwindigkeit kommunizieren können, um neue medikamentöse Behandlungen,
neue Energiequellen und neue Wege der Zusammenarbeit zu erarbeiten.
Aber wie bereits gesagt wurde, wird das Internet in der
Handelswelt auf revolutionärste Weise angewendet.
Wir können bereits Bücher und Kleidung kaufen,
geschäftliche Ratschläge erhalten und alles von
Gartenwerkzeug über scharfe Soßen bis zu Hightechgeräten über das Internet beschaffen. Und wir wissen,
das ist erst der Anfang. Der Handel über das Internet
verdoppelt oder verdreifacht sich jedes Jahr. In
wenigen Jahren wird er Milliarden von Dollar an Waren
und Dienstleistungen hervorbringen.

Seite 1

�Wenn wir ein Umfeld schaffen, in dem elektronischer
Handel wachsen und prosperieren kann, wird jeder
Computer eine Chance für jedes - kleine und große Unternehmen überall auf der Welt sein. Nicht nur
führende Wirtschaftsunternehmen wie IBM werden in
der Lage sein, neue Märkte zu erschließen; auch die
kleinste neugegründete Firma wird ein unbegrenztes
Verkaufs- und Verteilernetz zur Verfügung haben. Es
wird buchstäblich möglich sein, morgen ein Unternehmen zu gründen und nächste Woche Geschäfte mit
Japan, Deutschland und Chile zu tätigen, ohne zu
reisen - etwas, das man früher über Jahre hinweg
hätte aufbauen müssen. Auf diese Weise kann und
sollte das Internet für Unternehmen jeder Größenordnung eine wirkliche Unterstützung sein.
Heute wissen wir jedoch, daß der elektronische
Handel auch beträchtliche Risiken beinhaltet, die
außerordentliches Wachstum und Fortschritt verhindern könnten. Es gibt praktisch keine internationalen
Übereinkünfte oder Vereinbarungen über elektronischen Handel. Viele grundlegende Prinzipien für
Verbraucherschutz und Urheberrechte sind nicht im
Cyberspace enthalten. Elektronischer Handel ist in
vieler Hinsicht der Wilde Westen der Weltwirtschaft.
Unsere Aufgabe besteht darin sicherzustellen, daß
diejenigen, die darin Handel treiben wollen, ein
sicheres und stabiles Terrain vorfinden.
Dabei
müssen wir jetzt, da sich der elektronische Handel
noch in den Kinderschuhen befindet, mit anderen
Nationen zusammenarbeiten.
Zur Bewältigung dieser Herausforderung freue ich
mich, unseren neuen Bericht über globalen elektronischen Handel vorstellen zu dürfen, in dem unsere
Prinzipien bei unserem Bemühen dargelegt werden,
Grundregeln für den internationalen elektronischen
Handel mit möglichst wenigen Vorschriften und keinen
neuen diskriminierenden Steuern aufzustellen. Da das
Internet ein enormes Wohlstandspotential hat, sollte es
eine globale Freihandelszone sein. Es sollte ein Ort
sein, an dem Regierungen, wie der Vizepräsident
bereits erklärte, als erste die Initiative ergreifen und
nicht die Entwicklung behindern.
Wir wollen den Privatsektor soweit wie möglich zur

freiwilligen Selbstkontrolle ermutigen. Wir wollen alle
Nationen ermutigen, den elektronischen Handel nicht
mit diskriminierenden Steuern, Zöllen, unnötigen
Vorschriften und lästiger Bürokratie zu belasten.
Wo das Engagement der Regierung nötig ist, sollte es
auf die Unterstützung eines kalkulierbaren, beständigen, gesetzlichen Umfelds für Wirtschaft und Handel
abzielen, damit diese unter fairen und verständlichen
Bedingungen prosperieren können. Und wir sollten
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
bestehende Gesetze oder Vorschriften abzuändern,
die den elektronischen Handel behindern könnten. Wir

Seite 2

möchten diese Grundsätze bis zum 1. Januar 2000 in
die Tat umsetzen.
Heute möchte ich drei spezifische Aktionen zur
Erlangung dieses Ziels bekanntgeben und den
Vizepräsidenten bitten, unsere dabei erzielten Fortschritte zu überwachen. Erstens weise ich alle Leiter
der Bundesministerien und -behörden an, ihre den
globalen elektronischen Handel betreffende Politik zu
überprüfen und sicherzustellen, daß sie im Einklang
mit den fünf Grundprinzipien dieses Berichts steht.
Zweitens beauftrage ich die Mitglieder meines Kabinetts, sich für die Erlangung einiger unserer Hauptziele
im nächsten Jahr einzusetzen. Ich beauftrage Finanzminister Robert Rubin, die erforderlichen Abkommen
auszuhandeln, die eine neue diskriminierende Besteuerung des elektronischen Handels verhindern. Ich
weise unsere Handelsbeauftragte, Charlene Barshefsky, an, im Rahmen der Welthandelsorganisation
WTO das Internet innerhalb von 12 Monaten zu einer
Freihandelszone zu machen - auf der Grundlage von
Fortschritten bei unserem bahnbrechenden Informationstechnologieabkommen und unserem Globalen
Telekommunikationsabkommen, das bei Waren und
Dienstleistungen im Wert von mehr als einer Billion
Dollar Zölle abschaffte und Handelshemmnisse
abbaute.
Ich beauftrage Wirtschaftsminister Daley mit der
Entwicklung von grundlegendem Verbraucher- und
Urheberrechtsschutz für das Internet, um das erforderliche kalkulierbare rechtliche Umfeld für den
elektronischen Handel zu schaffen und unsere Einbeziehung des Privatsektors im Rahmen einer entsprechenden Strategie zu koordinieren.
Ich beauftrage die relevanten Behörden, mit dem
Wirtschaftsministerium, der Industrie und den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten und zu
gewährleisten, daß die Amerikaner ihren wirtschaftlichen Aktivitäten in einem sicheren elektronischen
Umfeld nachgehen können, das ihr Vertrauen und ihre
Zuversicht bewahrt. Nächste Woche werden Wirtschaftsminister Daley und Ira Magaziner mit einer
Delegation nach Europa reisen, um unseren europäischen Handelspartnern unsere Vision von elektronischem Handel vorzustellen.
Drittens fordere ich den Privatsektor auf, uns bei der
Bewältigung einer der größten Herausforderungen des
elektronischen Handels zu helfen: Sicherzustellen, daß
wir effektive Methoden für den Schutz der Privatsphäre
jedes Amerikaners entwickeln, insbesondere der
Kinder, die das Internet nutzen. Viele von Ihnen,
meine Damen und Herren, arbeiten bereits im Bundeshandelsausschuß mit dem Vorsitzenden Pitofsky
und Kommissar Varney bei dieser Frage zusammen.
Ich fordere Sie dringend dazu auf, diese Arbeit fortzusetzen und neue Wege zum Schutz unserer grund-

AMERIKA DIENST 13

�legenden Rechte und Freiheiten zu finden, damit wir in
Sicherheit Handel treiben, lernen und kommunizieren
können.
Wie ich bereits letzte Woche sagte, ist es von besonderer Bedeutung, Eltern und Lehrern die notwenigen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie das
Internet für Kinder sicher machen können. Nichteinmischung in den elektronischen Handel darf nicht zu
Gleichgültigkeit im Zusammenhang mit der Erziehung
und dem Schutz von Kindern führen. Ich bitte die
heute hier anwesenden Wirtschaftsvertreter, mit uns
an der Entwicklung einer Lösung für das Internet
zusammenzuarbeiten, die für den Computer ebenso
wirkungsvoll ist wie der V-Chip für das Fernsehen, so
daß Kinder im Einklang mit dem ersten Zusatzartikel
zur Verfassung geschützt werden.
Ende des Monats werde ich ein Treffen mit Vertretern
der Industrie und die Internetnutzer vertretenden
Gruppen, Lehrern, Eltern und Bibliothekaren einberufen, um den Eltern behilflich zu sein, ihre Kinder
vor anstößigem Inhalt im Cyberspace zu schützen.

*

AMERIKA DIENST 13

Heute wollen wir sicherstellen, daß der internationale
Handel im Internet frei von diskriminierenden Steuern,
Zöllen, Bestimmungen und Vorschriften sowie frei von
Produktpiraterie ist.
Im 21. Jahrhundert können wir einen Großteil unseres
Reichtums an Innovationen im Cyberspace schaffen auf Wegen, die sich die meisten von uns nicht einmal
vorstellen können. Diese Vision hat ein Amerika zum
Ziel, in dem jeder Amerikaner - Verbraucher, Kleinunternehmer und Geschäftsführer - unseren Handel in
die entferntesten Winkel der Erde ausdehnen kann.
Wenn wir jetzt das Richtige auf die richtige Weise tun,
können wir unsere Volkswirtschaft in ein neues
Zeitalter führen, in dem unsere Innovation, Flexibilität
und unsere Kreativität für alle unsere Bürger enorme
Vorteile erzielt, in dem wir die Chancen bewahren,
unsere Bürger einander näherbringen und Amerika der
Welt näherbringen.
Ich bin zuversichtlich und kann Ihnen versichern, daß
wir unseren Teil zur Umsetzung der Prinzipien beitragen, für die wir heute eintreten. Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Schaffung eines günstigen Umfelds
für elektronischen Handel
Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Wirtschaftsminister William
Daley bei der europäischen Ministerkonferenz über globale Informationsnetze hielt, die vom 6.-8. Juli 1997 in
Bonn veranstaltet wurde.

Vielen Dank, Herr Minister Wijers, für Ihre freundlichen
Einführungsworte. Ich möchte auch Kommissar Monti
und Staatssekretär Ueno danken, daß sie heute hier
anwesend sind und ihre Gedanken in unsere wichtige
Arbeit einbringen.
Es ist äußerst angebracht, daß wir zu unseren Erörterungen über diesen neuen Handelsbereich in Bonn
zusammenkommen.
Schließlich verkörpert diese
Stadt die Realitäten unserer Zeit und die globalen
Veränderungen, die wir alle erleben. Nach dem
Zweiten Weltkrieg wurde Bonn als temporäre Bundeshauptstadt angesehen - als Sitz der Regierung, bis
Berlin vereinigt sein würde und seinen Platz auf der
internationalen Bühne wieder einnehmen könnte. Die
Jahre verstrichen, Bonn funktionierte weiterhin als
Zentrum der Regierung, und hier wurde in dem festen
Glauben, daß Berlin wartete, wenig gebaut oder
erweitert. Selbst als es schwieriger wurde, Büros zu
finden, selbst als die Nationen der Welt feststellten,
daß ihre Botschaften hier unter Raumnot litten, selbst
als die Erfordernisse eines produktiven und wohlhabenden Deutschlands größere Regierungseinrichtungen notwendig machten, blieb Bonn eine der
kleinsten Städte unter den großen Hauptstädten der
Welt.
Nach ungefähr 40 Jahren sah man schließlich Ende
der achtziger Jahre Baukräne und Baustellen als sich
unter den Politikern die Annahme verbreitete, daß die
Bundeshauptstadt vielleicht für immer Bonn sein
würde. Und gerade als die Bauarbeiten in Bonn
begannen, ging der Kalte Krieg plötzlich zu Ende, die
Berliner Mauer fiel und die Bundeshauptstadt kehrte
nach Hause zurück. Meines Erachtens ist dies eine

AMERIKA DIENST 13

gute Lehre und erinnert uns daran, daß sich unsere
Welt manchmal schneller als erwartet verändert, und
es an uns und den Staats- und Regierungschefs auf
der ganzen Welt ist, vernünftig, einsichtig und klug zu
handeln, während wir auf das nächste Jahrhundert
hinarbeiten.
Betrachten Sie sich die moderne amerikanische
Wirtschaft: Vor nicht allzu langer Zeit hätte niemand
gedacht, daß Hochtechnologie 40 Prozent der jährlichen Zunahme des Bruttoinlandsprodukts der
Vereinigten Staaten ausmachen, oder ein von einem
ungarischen Einwanderer betriebenes neugegründetes
Unternehmen namens Intel so profitabel wie General
Electric sein, oder mehr als ein Viertel der Amerikaner
das Internet nutzen, oder Silicon Valley so lebenswichtig für unsere Volkswirtschaft sein würde wie
Detroit oder New York. Was für die Vereinigten
Staaten zutrifft, gilt auch für die EU, Zentral- und
Osteuropa, Asien und das pazifische Becken, die
westliche Hemisphäre, Afrika und den Nahen Osten und wir befinden uns gemeinsam inmitten dieses
dramatischen und weitreichenden wirtschaftlichen und
sozialen Wandels.
Während wir überlegen, wie die alltäglichen Geschäfte
- Verhandlungen, Vergleiche, Vertragsabschlüsse,
Verkäufe, Ausschreibungen und Käufe - über das
Internet und die Globale Informationsinfrastruktur
abgewickelt werden können, haben wir eine Option:
als Partner vorzugehen. Weniger zu tun, hieße, diese
nächste großartige wirtschaftliche Phase für eine
weitere Trennlinie zwischen Nationen aufs Spiel zu
setzen, wobei uns Sprache, Kultur, Geographie,

Seite 1

�Währung, Geschichte und technologisches Geschick
immer noch von der Zusammenarbeit abhalten.
Wir befinden uns bereits in einer sehr glücklichen
Lage. Die für den elektronischen Handel erforderliche
Technologie existiert schon, wird angewendet und
verbindet heute rund 60 Millionen Menschen auf der
Welt in einem nahtlosen Netz. Jede Transaktion, die
aus der Ferne vorgenommen wird, sei es per Telefon,
Fax oder Post, kann über das Internet billiger, schneller und leichter erfolgen. Und angesichts der Tatsache, daß in weniger als 15 Jahren schätzungsweise 1
Milliarde Menschen auf der Welt - nahezu 20 Prozent
der Weltbevölkerung - durch das Internet verbunden
sein werden, kann man sich der Erkenntnis kaum
entziehen, daß der effektivste Weg, die meisten
Verbraucher in der Weltwirtschaft zu erreichen, der
elektronische Handel sein wird. Wenn wir die Technologie und Infrastruktur zur Verfügung haben, besteht
die uns konfrontierende Herausforderung darin, dieses
Versprechen zu erfüllen.
Ich möchte wiederholen, wir befinden uns in einer sehr
glücklichen Lage, weil die wichtigsten Prinzipien der
Clinton-Administration für den Internetmarkt von
unseren Verbündeten in Europa geteilt werden. Die
Bonner Erklärung hat eine beeindruckende Reihe von
Themen angesprochen und ist eine solide Grundlage,
auf der wir einen florierenden elektronischen Handel
aufbauen können. Wir sind einer Meinung, daß
elektronischer Handel auf vom Privatsektor erarbeiteten Lösungen und vom Markt geschaffenen Möglichkeiten gründen wird. Es wird und sollte nicht ein von
der Regierung betriebener Markt sein. In der Tat sollte
die Rolle der Regierung minimal sein: Übermäßige
Kontrollen sollten vermieden werden; schriftlich
niedergelegte Regeln, die heute veraltet sind oder
elektronischen Handel behindern, sollten überarbeitet
oder abgeschafft werden und Vertragsvereinbarungen,
bei denen Käufer und Verkäufer frei zusammenkommen, sollten an der Tagesordnung sein. Wenn
Regulierung ein Muß ist, dann sollte sie technologieneutral sein, weil neue Technologien die Bestimmungen so schnell veralten lassen wie sie erlassen
werden, und Regulierung sollte einfach nur Wettbewerb fördern, das Recht auf geistiges Eigentum und
die Privatsphäre schützen sowie Betrug verhindern.
Die Geschwindigkeit der technologischen Veränderungen und der Anwendung von elektronischem Handel
erfordert eine neue Art der Problemlösung, bei der
Unternehmens- und Industrievertreter eine Führungsrolle übernehmen. Um ein anschauliches Beispiel zu
nennen: Microsoft und Netscape legten ihre Talente
und Ressourcen zusammen um sicherzustellen, daß
das Internet nicht zu einem Mißbrauch der Privatsphäre einlädt, wie beispielweise dem unbeabsichtigten Zugang zu Dateien oder Netzwerken. So muß
elektronischer Handel sich entwickeln und verwaltet
werden - weil es die Unternehmen sind, die das größte

Seite 2

Interesse am Erfolg von elektronischem Handel haben,
und dieser nur möglich ist, wenn die Unternehmen den
Verbrauchern auf der ganzen Welt das Vertrauen zu
Transaktionen im Internet vermitteln.
Mit dem gemeinsamen Ziel eines prosperierenden,
wachsenden und wohlhabenden Marktes im Internet
stellt sich die Frage, wie man dorthin kommt. Vergangene Woche gab Präsident Clinton neun Empfehlungen bekannt, von denen die amerikanischen
Bestrebungen gemeinsam mit unseren Partnern bei
der Ankurbelung von elektronischem Handel geleitet
sein und die sicherstellen sollten, daß er sich in der für
alle Beteiligten nützlichsten und effizientesten Weise
entwickelt:
Erstens. Das Internet sollte zur Freihandelszone
erklärt werden - zu einem zollfreien Umfeld, wenn es
zur Lieferung von Produkten und Dienstleistungen
genutzt wird. Seit nahezu 50 Jahren haben die
Nationen Zollsenkungen ausgehandelt, weil die
Volkswirtschaften und die Bürger aller Nationen von
freiem Handel profitieren. Weil das Internet ein wirklich
globales Medium ist, ergibt es wenig Sinn, Zölle
einzuführen, die diese Transaktionen einer Menge
marktbeschränkender Hemmnisse aussetzen, die die
Vorteile des Handels auf dem Web unterminieren.
Zweitens. Da elektronische Zahlungssysteme noch
nicht so weit verbreitet sind, wäre es schwierig,
gleichermaßen zeitgemäße und effektive Maßnahmen
zu erarbeiten. Inflexible Vorschriften für den elektronischen Zahlungsverkehr sollten zugunsten einer
stichprobenartigen Kontrolle vermieden werden,
während sich die Zahlungssysteme weiterentwickeln.
Drittens. Geschäftspartner sollten im Internet ungeachtet der von ihnen vereinbarten Bedingungen
miteinander Geschäfte abwickeln können. Kalkulierbare und weithin akzeptierte rechtliche Grundsätze zur
Förderung des elektronischen Handels sind für
Privatunternehmen und freie Märkte von elementarer
Bedeutung. Wir werden uns für einen international
einheitlichen Handelskodex zur Vereinfachung und
Ermutigung von elektronischem Handel mit übereinstimmenden Vorschriften und Rechten einsetzen.
Viertens. Wir müssen das Recht auf geistiges Eigentum schützen, damit Musik, Filme und Kunst verfügbar
sind, sich aber die Produktpiraterie, die sie bereits um
nahezu 11 Milliarden Dollar ihrer Einnahmen beraubt,
nicht auf einem globalen elektronischen Markt explosionsartig verbreitet. Die Anbieter müssen wissen,
daß ihr geistiges Eigentum nicht gestohlen wird, und
die Käufer müssen wissen, daß sie authentische
Produkte bekommen. Internationale Abkommen über
klaren Copyright-, Patent- und Markenschutz zur
Bekämpfung von Produktpiraterie und Betrug sind ein
Muß.

AMERIKA DIENST 13

�Fünftens. Es ist von großer Bedeutung, in dem
vernetzten Umfeld die Privatsphäre zu wahren, damit
die Menschen auf diesem elektronischen Markt
beruhigt Handel treiben können. Wir müssen die
Kinder schützen und gleichzeitig die Rechte der
Unternehmen respektieren. Und wir müssen das
Recht unserer Verbraucher auf Privatsphäre schützen,
damit sie nicht durch vertrauliche Informationen, die für
eine Transaktion erforderlich sind, anderen ausgeliefert werden. Der Privatsektor hat sich stark für einen
sinnvollen, verbraucherfreundlichen, sich selbst
kontrollierenden Umgang mit der Privatsphäre eingesetzt, was unseres Erachtens auf diesem Gebiet der
richtige Weg ist.
Sechstens. Wir müssen Sicherheit durch den Einsatz
von hochentwickelter Kryptographie gewährleisten,
damit Daten wie Kreditkartennummern oder detaillierte
Verträge während Transaktionen nicht gelesen werden
können. Gleichzeitig müssen wir aber auch dafür
sorgen, daß die nationale Sicherheit durch die vernünftige Anwendung dieser Regeln bewahrt wird, damit
potentielle Terroristen oder andere raffinierte Kriminelle
ihre Arbeit nicht hinter Kryptographietechnologie
verstecken können.
Siebtens. Wir müssen weltweit mit unseren Partnern
zusammenarbeiten, um die Einheitlichkeit von Vorschriften und Rechten zu gewährleisten; anderenfalls
droht der elektronische Handel zu wenig mehr als
hochtechnisiertem Isolationismus zu werden. Und wir
müssen gemeinsam am Aufbau eines modernen
globalen Telekommunikationsnetzes arbeiten, das
zugänglich, finanzierbar und dem elektronischen
Handel förderlich ist.
Achtens. Das Internet enthält mehr Informationen und
Inhalte als die herkömmlichen Fernseh- und Radioprogramme je anbieten konnten, bietet seinen Nutzern
aber auch größere Chancen, Inhalt und Zugang zu
kontrollieren. Regeln, die jetzt routinemäßig auf
fragwürdige Inhalte in Rundfunk und Fernsehen
Anwendung finden, werden und sollten nicht auf das
Internet angewendet werden. Vielmehr sollten anstelle
von Inhaltsquoten und lästigen Vorschriften die
freiwillige Selbstkontrolle der Industrie, technische
Lösungen wie Filter und Alterskontrolle sowie Einstufung nach der Eignung für Jugendliche international
zum Schutz der Menschen vor anstößigem Material
eingesetzt werden.
Neuntens. Der Markt sollte die technischen Maßstäbe
setzen: Die Technologie entwickelt sich schneller als
die Gesetzgeber reagieren können, und Bestrebungen
der Regierung zum Betrieb des Internet werden nur die
technologische Innovation behindern.
Wir wissen, daß wir bei einigen Details des elektronischen Handels unterschiedliche Ideen haben.
Diskussionen über nichttarifäre Handelshemmnisse in

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Bezug auf den Inhalt, die Suche nach einem Gleichgewicht in der Kryptographie zwischen privaten Erfordernissen und nationalen Sicherheitsbelangen, mannigfaltige technische Standards und digitale Signaturen
sollten fortgesetzt werden. Die Vereinigten Staaten
vertreten eine klare Position, und wir haben allen
Grund zur Zuversicht, daß wir unsere Meinungsverschiedenheiten überwinden. Da jedoch beim Aufbau
dieses elektronischen Marktes große und andersartige
Gebiete abgedeckt werden müssen, gibt es de facto
mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen
der Bonner Erklärung und den Empfehlungen der
Vereinigten Staaten.
Elektronischer Handel sollte das beste Handels- und
Informationsmedium sein - eine im Wachstum begriffene Wirtschaft, die neugegründeten Unternehmen
Starthilfe geben, zum Wachstum der Unternehmen
beitragen und ihnen Zugang zu neuen, vielversprechenden Märkten geben kann, gleichzeitig aber auch
Bildungs- und Kommunikationsressourcen anbietet.
Und das alles mit wenig bürokratischer Einmischung.
Die Weiterentwicklung des elektronischen Handels,
sein Beitrag zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Verbesserung des Lebensstandards, Unterstützung der
Verbraucher, Ankurbelung von Wirtschaftswachstum
und Überwindung von Entfernungen zwischen den
Menschen wird am besten vom Privatsektor unserer
Länder und durch unsere kooperativen Bestrebungen
geregelt. Wir müssen vermeiden, daß diese neue
elektronische Welt zu einer digitalen Kluft führt elektronischer Handel muß jede Gesellschaft respektieren, allen Gemeinden zugänglich sein und alle
Beteiligten in den Genuß seiner Vorteile bringen. Er
sollte, wie Vizepräsident Gore vorschlug, von einem
digitalen hippokratischen Eid geleitet sein: Erstens, Du
sollst niemandem Schaden zufügen.
Konzepte wie offene Märkte, freier Handel, Privatsphäre und Rechtstaatlichkeit müssen die Grundlage
für elektronischen Handel bilden. Die Akteure auf der
Weltbühne, die sich nicht an diese Grundsätze halten,
sollten den Stachel der Isolation spüren, während der
elektronische Handel sie ausgrenzt und seine konstruktiven Teilnehmer sich des Wohlstands und der
Möglichkeiten erfreuen, die der Markt im Internet bieten
kann. Als Präsident Clinton letzte Woche die Initiative
der Administration für elektronischen Handel bekanntgab, erklärte er: "Unsere Aufgabe besteht darin
sicherzustellen, daß diejenigen, die darin Handel
treiben wollen, ein sicheres und stabiles Terrain
vorfinden. Dabei müssen wir jetzt, da der elektronische Handel noch in den Kinderschuhen steckt, mit
anderen Nationen zusammenarbeiten." Seien Sie
versichert, daß wir partnerschaftlich zusammenarbeiten werden, damit der elektronische Handel
Nationen und Volkswirtschaften leicht und zuverlässig
verbinden kann, während unsere Völker entscheiden,
was er übermittelt und wie er funktioniert.

Seite 3

�Vor ungefähr 30 Jahren teilte Lyndon Johnson Amerika mit: "Wir müssen uns einer der großen unbeendeten Aufgaben unserer Generation widmen - und diese
unbeendete Aufgabe ist, Europa wieder als Ganzes
zusammenzufügen." Die Konferenz in Bonn, der
einstigen Hauptstadt eines geteilten Deutschlands und
dem Symbol eines geteilten Europas, ist die beste
Erinnerung daran, daß diese Aufgabe jetzt erledigt ist.
Unsere neue Aufgabe besteht darin, die Welt auf neue
Weise als Ganzes zusammenzufügen, damit Wohlstand und Chancen, Handel und Ideen ohne Unter-

*

Seite 4

brechung, Einmischung oder Eingriffe zwischen den
Nationen ausgetauscht werden können. Dabei werden
wir uns gegenseitig ebenso bereichern, wie wir selbst
bereichert werden, und für die Menschen auf der Welt
haben wir damit eine andere Möglichkeit geschaffen,
durch mehr Gemeinsamkeiten miteinander verbunden
zu werden und ein reicheres, leichteres und erfüllteres
Leben zu führen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�ELEKTRONISCHER

HANDEL
9. Juli 1997

Globale Informationsnetze als neues
Element der Wirtschaftsbeziehungen
Rede von Wirtschaftsminister Daley

FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Wirtschaftsminister
William Daley am 8. Juli 1997 vor der American Chamber of Commerce in Germany hielt.

Charge Bindenagel, Fred Irwin, meine Damen und
Herren. Es ist mir eine große Ehre, in der größten
American Chamber of Commerce in Europa und der
Zweitältesten American Chamber der Welt zu sein.
Ihre Arbeit hier ist von entscheidender Bedeutung für
den Erfolg der Handelsbeziehungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten sowie der
EU und den Vereinigten Staaten. Ich möchte Ihnen
allen für Ihren Einsatz und Ihr Engagement zur Stärkung unserer Handels- und Investitionsbeziehungen
danken und sehe einem lebhaften und produktiven
Dialog mit Ihnen in den kommenden Jahren erwartungsvoll entgegen.
In meiner erst sechsmonatigen Amtszeit ist dies meine
zweite Europareise, und das nicht nur, weil die Flugpreise günstig sind. Tatsache ist, daß die transatlantische Partnerschaft weltweit das wichtigste
geopolitische Bündnis ist.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben gemeinsam das Funktionieren der modernen Weltwirtschaft
ermöglicht. Unsere unermüdliche Verteidigung freier
Märkte, demokratischer Werte und Rechtsstaatlichkeit
gestattete, daß eben diese Grundsätze weltweit Fuß
fassen. Wir sind in vieler Hinsicht die Architekten einer
Welt, die nie in den Genuß von mehr Sicherheit oder
Wohlstand gekommen ist.
Nach dem Ende der sowjetischen Bedrohung - und
damit auch der drängenden Sicherheitsbelange des
Kalten Krieges - hat die Clinton-Administration ihren
transatlantischen Schwerpunkt auf den Bereich der
Wirtschaft verlagert, damit Europa, um mit den Worten
Präsident Clintons zu sprechen, zu "unserem wertvollsten Partner wird, nicht nur bei Demokratie und

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Freiheit, sondern auch im Hinblick auf Handel und
Investitionen."
Präsident Clinton und seine europäischen Amtskollegen setzen sich für die Stärkung der Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union durch neue Mittel wie die
neue transatlantische Agenda und den transatlantischen Wirtschaftsdialog ein. Nach langen Verhandlungen schlössen wir letzten Monat die Abkommen
über gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition
Agreements - MRAs) ab, die von den Vereinigten
Staaten und der EU die gegenseitige Anerkennung
ihrer Erfordernisse an Zertifizierung und Prüfung für
verschiedene darunter aufgelistete Produkte vorsehen.
Die MRAs werden die lästigen Inspektionskosten
abschaffen und mehr als 50 Milliarden Dollar für den
transatlantischen Handel freisetzen.
Die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Europäischen Union sind stärker denn
je. Die EU ist bei weitem unser größter Handelspartner, der von amerikanischen Unternehmen
angebotene Waren und Dienstleistungen im Wert von
einer Billion Dollar abnimmt. Gut die Hälfte der
internationalen Wirtschaftstätigkeit der Vereinigten
Staaten entfällt auf Europa, das somit ein doppelt so
großer Absatzmarkt ist wie Kanada und Japan zusammengenommen. Ein Zwölftel aller Arbeitsplätze in
der amerikanischen Fertigungsindustrie befindet sich
in einem in europäischem Besitz befindlichen Unternehmen.
Die Handelsbeziehungen zwischen Amerika und
Europa sind ausgewogen. Drei Millionen Amerikaner
arbeiten für in den Vereinigten Staaten ansässige

Seite 1

�europäische Unternehmen, und drei Millionen Europäer sind bei hier angesiedelten amerikanischen Firmen
beschäftigt. Während die Vereinigten Staaten bei
ihrem Handel mit Asien ein Handelsdefizit in Höhe von
1,5 Billionen Dollar zu verzeichnen haben, ist unser
Handel mit Europa in den letzten 25 Jahren fast
ausgeglichen. Das sind nicht nur trockene Statistiken.
Sie schlagen sich in guten Arbeitsplätzen, höheren
Löhnen und Gehältern sowie einem hohen Lebensstandard für Familien und Gemeinden auf beiden
Seiten des Atlantiks nieder.
Und die größte Volkswirtschaft in Europa, Deutschland
- und seine Verbindungen zu Amerika - sind Schlüsselelemente bei den transatlantischen Beziehungen.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland sind die
beiden größten Exporteure der Welt, und unser
bilateraler Handel erreichte im vergangenen Jahr die
Rekordzahl von 62 Milliarden Dollar. Unsere bilateralen Investitionen sind ebenso hoch und belaufen sich
auf mehr als 90 Milliarden Dollar. Keine Nation zieht
mehr deutsches Privatkapital an als die Niederlassungen amerikanischer Unternehmen in Deutschland, und
deutsche Niederlassungen in den Vereinigten Staaten
haben einen jährlichen Absatz von mehr als 150
Milliarden Dollar und stellen über eine halbe Million
Arbeitsplätze bereit.
Die American Chamber of
Commerce in Germany spielt eine unschätzbare Rolle,
indem sie bei den deutschen Entscheidungsträgern
darauf drängt, das wirtschaftliche Umfeld in diesem
Land für amerikanische Unternehmen weiterhin
attraktiv zu gestalten.
Wir arbeiten eng mit der Bundesregierung an einer
Reform der öffentlichen Auftragsvergabe, die für in
Deutschland angesiedelte amerikanische Unternehmen seit langem Anlaß zur Besorgnis über den
Marktzugang gab, insbesondere auf dem Gebiet
schweren elektrischen Geräts. Die jüngsten bilateralen Gespräche in Dresden und Bonn brachten große
Fortschritte bei der Einführung eines effizienten und
nichtdiskriminierenden Ausschreibungssystems für die
Beschaffung. Und die deutschen Behörden haben
viele unserer Sorgen über die Liberalisierung des
deutschen Telekommunikationsmarktes zerstreut. Ich
habe diese Woche in Bonn ein gutes Gespräch mit
Wirtschaftsminister Rexrodt geführt und sehe allen
Grund zu Optimismus hinsichtlich der Zukunft der
deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen.
Beim Aufbau der transatlantischen Partnerschaft
müssen wir auch immer die Auswirkungen jenseits
unserer Grenzen in Betracht ziehen. Sie findet
weltweit Widerhall, denn unsere gemeinsame Arbeit ist
entscheidend für die Entwicklung und Förderung des
gesamten Welthandelssystems. Betrachten Sie sich
unsere gemeinsamen Errungenschaften: Die Uruguayund die Singapur-Runde, die Gründung der Welthandelsorganisation, das Informationstechnologie-

Seite 2

abkommen und das Abkommen über Telekommunikationsdienste. Vor kurzem schlössen wir das OECDAbkommen über das Verbot von Bestechlichkeit ab ein wichtiger Schritt zur Beseitigung einer offensichtlich
korrupten Praxis, die dem internationalen Handel
schadet.
Jeder jüngste Meilenstein bei der Förderung von
wirtschaftlicher Freiheit und offenen Märkten ist das
Ergebnis gemeinsamer amerikanisch-europäischer
Aktionen und Führung. Und wenn wir nicht übereinstimmen - wie es mehrere Jahre während der
Uruguay-Runde im landwirtschaftlichen Bereich der
Fall war - erleidet die Sache des freien Handels
weltweit einen Rückschlag.
Vor diesem Hintergrund der Globalisierung und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit findet eine Revolution im Bereich der Informationstechnologie statt, die
im 21. Jahrhundert enorme Auswirkungen auf uns alle
haben wird - Regierung, Wirtschaft und Verbraucher.
Ich habe gerade in Bonn an der europäischen Ministerkonferenz über globale Informationsnetze teilgenommen und möchte bei meinem Besuch in Europa
insbesondere darüber sprechen, wie wir bei der
Förderung des elektronischen Handels zusammenarbeiten können.
Das Internet verändert das Wirtschaftsverhalten
praktisch vor unseren Augen. Bald werden die
alltäglichen Geschäfte - Verhandlungen, Vergleiche,
Vertragsabschlüsse, Verkäufe, Ausschreibungen und
Käufe - online abgewickelt: schneller, leichter und
billiger als per Post, Telefon oder Fax, wie es heute
geschieht.
Bereits 60 Millionen Menschen weltweit sind durch die
Datenautobahn verbunden. In weniger als 15 Jahren
wird diese Zahl schätzungsweise auf eine Milliarde
angestiegen sein. Zweifelsohne wird der elektronische
Handel die effektivste Möglichkeit sein, die Verbraucher in der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts zu
erreichen.
Betrachten Sie sich die Möglichkeiten: Die Verbraucher können ein Auto kaufen, Rechnungen bezahlen,
Flugtickets reservieren und Investitionen tätigen, ohne
ihren Computer verlassen zu müssen. Der elektronische Handel wird zur Schaffung gleicher Wettbewerbsbedingungen für jeden beitragen und die
Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit für jeden senken vom Jungunternehmer bis zum größten multinationalen Unternehmen.
Der elektronische Handel birgt große Chancen, aber
auch große Herausforderungen. Wir müssen Privatsphäre, Sicherheit und den Schutz des Rechts auf
geistiges Eigentum gewährleisten. Wir müssen jedem
eine Teilnahme ermöglichen. Die Macht des elektro-

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�nischen Handels liegt in seiner Fähigkeit zur Überwindung traditioneller Hindernisse, Überwindung von
Weltmeeren und kulturellen Unterschieden. Wenn nur
eine kleine Elite in diesen Genuß kommt, sind unsere
Bemühungen vergeblich. Wir können uns keine
digitale Kluft leisten, die diejenigen, die im Besitz von
Informationen sind, von denjenigen trennt, die sie nicht
haben.
Wir werden diese Herausforderungen nur bewältigen,
wenn wir dem Privatsektor eine Führungsrolle einräumen und elektronischer Handel sich als vom Markt
getriebenes Phänomen entwickelt. Die Rolle der
Regierung besteht in der Bereitstellung eines einfachen und einheitlichen rechtlichen Rahmens, der als
Katalysator und Partner wirkt, nicht als lästiges
Regulativ. In diesem Geiste legte die Clinton-Administration in der vergangenen Woche den amerikanischen Bericht über globalen elektronischen Handel
(Framework for Global Electronic Commerce) vor, der
neun Empfehlungen enthält:
Erstens. Das Internet sollte zu einer Freihandelszone
erklärt werden - zu einem zollfreien Umfeld, wenn es
zur Lieferung von Produkten und Dienstleistungen
genutzt wird. Marktbeschränkende Hemmnisse für
elektronischen Handel aufzubauen, würde seine
Vorteile völlig unterminieren.
Zweitens. Da elektronische Zahlungssysteme noch
nicht so weit verbreitet sind, sollten wir sie stichprobenartig überprüfen statt unflexible Regeln und Vorschriften einzuführen.
Drittens. Geschäftspartner sollten im Internet gemäß
der von ihnen vereinbarten Bedingungen miteinander
Geschäfte abwickeln können. Wir müssen jedoch auf
einen international einheitlichen Handelskodex
hinarbeiten, der übereinstimmende Vorschriften und
Rechte einführt.
Viertens. Wir müssen das Recht auf geistiges Eigentum schützen. Wir müssen Musik, Filme und Kunst
anbieten während wir gleichzeitig gewährleisten, daß
sich die Produktpiraterie nicht auf einem globalen
elektronischen Markt explosionsartig verbreitet.
Fünftens. Die Wahrung der Privatsphäre ist unerläßlich, damit die Menschen in diesem elektronischen Umfeld beruhigt Handel treiben können.
Sechstens. Wir müssen Sicherheit durch den Einsatz
von hochentwickelter Kryptographie gewährleisten, die
Daten zum Schutz von Kreditkartennummern oder
anderen vertraulichen Informationen zerhackt. Wir
müssen uns auch bewußt sein, daß Kryptographie in
die falschen Hände gelangen kann. Wir müssen diese
Regeln vernünftig anwenden, damit Terroristen und
andere raffinierte Kriminelle ihre Arbeit nicht hinter
Kryptographietechnologie verstecken können.

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Siebtens. Die Nationen der Welt müssen zusammenarbeiten, um die Einheitlichkeit von Vorschriften und
Rechten zu gewährleisten und ein modernes, zugängliches, finanzierbares globales Telekommunikationsnetz aufzubauen, das elektronischen Handel unterstützt.
Achtens. Die freiwillige Selbstkontrolle der Industrie
und technische Lösungen - nicht strenge staatliche
Regeln oder Quoten - sind der beste Weg zum Schutz
der Menschen vor anstößigem Material im Internet.
Neuntens. Der Markt sollte die technischen Maßstäbe
setzen. Die Technologie entwickelt sich schneller als
die Gesetzgeber reagieren können, und Bestrebungen
der Regierung zum Betrieb des Internet werden nur die
technologische Innovation behindern.
Elektronischer Handel hat das Potential, zu unserem
mächtigsten wirtschaftlichen Instrument zu werden. Es
ist an uns in der Öffentlichkeit und im Privatsektor, das
Versprechen des elektronischen Handels einzulösen.
Das machen wir diese Woche in Bonn. Die Bonner
Erklärung enthält eine Reihe von Richtlinien, die die
Vorteile globaler Informationsnetze auf die Europäische Union ausdehnen. Ebenso wie der amerikanische Bericht fordert die Bonner Erklärung, daß dieser
Prozeß von der Industrie angeführt wird. Er fordert von
den Regierungen die Bereitstellung eines zuverlässigen rechtlichen und fiskalischen Rahmens für elektronischen Handel, die Reduzierung von Regulierung auf
ein Minimum und den Einsatz ihrer Kaufkraft zur
Ankurbelung der Entwicklungen des Privatsektors in
Bezug auf Inhalt und Technologie.
Wir wissen, daß wir bei einigen Details des elektronischen Handels unterschiedliche Ideen haben.
Nichttarifäre Handelshemmnisse bezüglich des Inhalts,
die Herstellung eines Gleichgewichts in der Kryptographie zwischen privaten Erfordernissen und nationalen
Sicherheitsbelangen sowie digitale Signaturen - zu all
diesen Themen sollte es andauernde Gespräche
geben.
Die Vereinigten Staaten vertreten klare Positionen, und
wir haben allen Grund zur Zuversicht, daß wir unsere
Meinungsverschiedenheiten überwinden. Angesichts
der Vielzahl komplexer Themen, die vom elektronischen Handel abgedeckt werden, gibt es sehr viel
mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen
der Bonner Erklärung und den Empfehlungen der
Vereinigten Staaten.
Während wir unsere Differenzen über elektronischen
Handel oder andere bilaterale Themen ausräumen,
können wir auf eine Geschichte gemeinsamer Kultur
und gemeinsamer Interessen zurückgreifen. Selbst
während wir geschäftig die Beziehungen zu aufstrebenden Märkten auf der ganzen Welt kultivieren,

Seite 3

�wird die Freundschaft zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa und den Vereinigten Staaten und
Deutschland immer etwas Einzigartiges sein.
Wir sehen diese Verbindung in jedem Aspekt unseres
Lebens. Wir sehen sie in unserer Sprache und
unseren Gesetzen, unseren gemeinsamen Werten und
unserem Geschmack. Wir sehen sie, wenn Frankfurt
Galaxy und Rhine Fire aus der World League vor
deutschen Zuschauern American Football spielen. Wir
sehen sie, wenn amerikanische Soldaten und Soldatinnen in Städten wie Heidelberg Teil der Gemeinde
werden. Wir sehen sie in dem außerordentlichen
Beitrag, den Millionen von Deutsch-Amerikanern in
meiner Heimatstadt Chicago geleistet haben. Um
Präsident Clinton aus seiner Proklamation zum Tag
der Deutsch-Amerikaner am 6. Oktober 1996 zu
zitieren: "Die in der deutschen kulturellen Tradition so
wichtige Charakterstärke und persönliche Ehre haben
auch in die zentralen Werte der amerikanischen
Gesellschaft Eingang gefunden."
Was wir gemeinsam geleistet haben, ist wirklich
außerordentlich. Die Früchte unserer gemeinsam im
Kalten Krieg gebrachten Opfer sind sieht- und greifbar:
Deutschland ist wieder vereinigt, der Eiserne Vorhang
ist gefallen. In dieser Woche in Madrid wird Europa,
wie wir es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
gekannt haben, sich für immer verändern, wenn die
Einladung zum NATO-Beitritt an Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik ausgesprochen wird.

*

Seite 4

Gemeinsam haben wir unter Beweis gestellt, daß wir
den beängstigendsten Herausforderungen widerstehen können. Aber während der Kalte Krieg aus den
täglichen Schlagzeilen in die Geschichtsbücher weicht,
dürfen wir nicht selbstgefällig werden. Das 21.
Jahrhundert hält neue Herausforderungen bereit, vor
denen wir nicht zurückschrecken dürfen.
In einer zunehmend automatisierten und elektronischen Welt müssen wir zusammenarbeiten, um von
der Technologie zu profitieren und sie zu einer Kraft für
Wachstum, Fortschritt und Chancen zu machen. Wir
müssen zusammenarbeiten, um einen grenzenlosen
elektronischen Markt aufzubauen, der jede Gesellschaft respektiert, jede Gemeinde in den Genuß ihrer
Vorteile kommen läßt und jedem Bürger der Welt mehr
Befugnisse verleiht. Wir müssen der Verantwortung
gerecht werden, die mit der Führungsrolle auf einem
globalen Markt einhergeht, dessen Instrumente immer
moderner werden.
In den vergangenen 50 Jahren war die wichtigste
Funktion des westlichen Bündnisses die eines Garants
für Frieden und nationale Sicherheit. Mit demselben
unerschütterlichen Engagement und Geist der Zusammenarbeit wollen wir jetzt zusammenarbeiten, um
im 21. Jahrhundert wirtschaftliche Sicherheit - Arbeitsplätze, Wohlstand und Chancen - in den Vereinigten
Staaten, in Europa und auf der ganzen Welt zu
schaffen. Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 13

�MARSHALLPLAN
9. Juli 1997

Die neue Rolle Europas aus der
Sicht der Vereinigten Staaten
Rede von J. D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires der Botschaft
der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, bei der von der Citibank veranstalteten
internationalen Wirtschaftskonferenz zum 50. Jahrestag des Marshallplans am 27. Juni 1997 in Berlin hielt.

Bundespräsident Herzog, Staatspräsident Kucan,
Bundestagsvizepräsidentin Vollmer, Minister Kuehnl,
Stellvertretender Außenminister Towpik, Dr. Ruding,
Mr. Kennedy, Botschafter Kimmit, meine Damen und
Herren, verehrte Gäste.
Ich freue mich, als höchstrangiger Vertreter der
Vereinigten Staaten in Deutschland eine Rede bei
dieser Gedenkfeier für den Marshallplan halten zu
dürfen. Präsident Clinton ist sich der Bedeutung dieser
von der Citibank veranstalteten Konferenz bewußt und
hat Bundespräsident Herzog seine Gedanken zu
diesem Anlaß in einem Brief übermittelt. Mit der
Zustimmung des Bundespräsidenten möchte ich aus
diesem Brief ein paar Worte Präsident Clintons
zitieren:

mit neuen Missionen, neuen Mitgliedern und neuen Partnern auf. Wir
helfen den neuen Demokratien Europas bei der Konsolidierung ihrer Reformen. Und wir arbeiten auf die
Gewährleistung hin, daß keine Nation
in Europa je wieder gegen ihren Willen daran gehindert wird, unserer
Interessen- und Wertegemeinschaft
beizutreten.
Das ist unsere Verantwortung gegenüber künftigen Generationen - und
der beste Weg, das Vermächtnis des
Marshallplans zu verwirklichen."
Ende des Zitats von Präsident Clinton.

"Heute sehen wir den Erfolg des
Marshallplans nicht nur an der Gesundung der Volkswirtschaften Westeuropas, sondern auch an dem Prozeß der europäischen Integration, den
er ermutigte; der Aussöhnung zwischen alten Gegnern, die er ermöglichte und den unzerreißbaren Banden, die er zwischen Amerika und
Europa schmiedete.
Heute hat unsere Generation die
Chance, die von Marshalls Generation begonnene große Aufgabe zu
vollenden: Zum ersten Mal in der
Geschichte ein demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa zu
schaffen. Wir bauen eine neue NATO

AMERIKA DIENST 13

Meine Damen und Herren, der Ausklang des 20.
Jahrhunderts bietet die Gelegenheit zu einem Rückblick und einer Vorschau. In den letzten Jahren haben
wir auf die vergangenen fünf Jahrzehnte und die
einzelnen Meilensteine dieses Jahrhunderts zurückgeblickt - wie das Ende des Krieges oder die Gründung der Vereinten Nationen. Der 50. Jahrestag des
Marshallplans ist ein weiterer bedeutender Meilenstein.
Er ist in besonderer Weise geeignet für diese Zeit des
Nachdenkens und des Versuchs, aus der Vergangenheit zu lernen, um uns auf eine bessere Zukunft
vorzubereiten.
Es gibt viele wichtige Lehren, die man aus dem
Marshallplan ziehen kann:
daß ein zerstörter Staat, der sich für die

Seite 1

�Demokratie entscheidet, unverzüglich wieder
der internationalen
Staatengemeinschaft
beitreten kann und sollte;
daß Teilungen mit der Bereitschaft zu Zusammenarbeit und einer helfenden Hand
überwunden werden können
und daß wirtschaftliche Gesundung, politische
Stabilität und Sicherheit miteinander verbunden sind.
Der finanzielle Beitrag zum Marshallplan war für die
Vereinigten Staaten zu jener Zeit nicht unerheblich rund 88 Milliarden Dollar am heutigen Wert des Dollar
gemessen. Aber das wahre Versprechen des Plans
lag in der von ihm gepflanzten Saat, die europäischen
Länder zusammenzubringen und sie zu ermutigen,
über das Nullsummendenken und den begrenzten
nationalen Horizont hinauszugehen.
Wie Außenminister Marshall es in seiner berühmten
Rede unter den Ulmen von Harvard formulierte, "muß
es eine Einigung unter den Ländern Europas bezüglich
der Erfordernisse der Situation und des Beitrags
geben, den diese Länder leisten werden". Die Vereinigten Staaten hatten nicht die Absicht zu bestimmen, wie Europa die Hilfe aufteilen sollte. Es war
vielmehr an den Europäern, diese Schritte selbst zu
unternehmen.
Die Art, in der die Hilfe von den Vereinigten Staaten
verwaltet wurde, ermutigte die Europäer zur Zusammenarbeit. Die Programme zur wirtschaftlichen
Erholung aller Länder bedurften der Genehmigung
nicht nur der Vereinigten Staaten, sondern auch der
Organization for European Economic Cooperation oder OEEC -, der 1948 von 16 europäischen Ländern
gegründeten europäischen Institution des Marshallplans.
Die OEEC, der Vorläufer der heutigen OECD und in
vieler Hinsicht der Europäischen Union von heute, war
in vielfältigerweise erfolgreich. Sie bot den Anreiz für:

Gesundung Europas nicht ad hoc erreicht werden
konnte. Ein Rahmenwerk war von entscheidender
Bedeutung. Ein Teil der amerikanischen Hilfe war
bereits zwischen dem Ende des Krieges und dem
Beginn des Marshallplans nach Europa geflossen. Der
vom Marshallplan bewirkte Unterschied lag in der Art,
in der die Hilfe zur Förderung der Zusammenarbeit
eingesetzt wurde.
Das sind wichtige Lektionen für uns, während wir uns
"an die Zukunft erinnern" - wie diese Konferenz es
formulierte - und versuchen, Wege zur Ausdehnung
von Stabilität und Wohlstand Europas zu sondieren.
Ebenso wie vor 50 Jahren spielt das Rahmenwerk
unserer Institutionen heute eine entscheidende Rolle.
In diesem Zusammenhang wird klar, warum die
Anpassung unserer Institutionen heute ein so wichtiges Unterfangen ist. Wie Außenministerin Albright vor
kurzem erklärte, müssen wir Fortschritte erzielen,
indem wir "an unsere Zeit angepaßte und auf den für
alle Zeiten gültigen Werten gründende Mittel anwenden". Das bedeutet die Bewahrung der Institutionen,
die uns so gut gedient haben, aber erfordert auch den
Mut zu ihrer Veränderung, Verbesserung und Öffnung
für neue Mitglieder, die die Werte teilen, die für uns von
größter Bedeutung sind.
Als eine europäische Macht haben sich die Vereinigten
Staaten verpflichtet, die Trennlinien in Europa auszuradieren. Präsident Clinton hat dies vor kurzem beim
Gipfeltreffen der Acht in Denver unter Beweis gestellt,
wo er der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß Rußland
immer weiter in die Arbeit dieser Gruppe einbezogen
werden kann. Es gibt jedoch noch andere Beispiele
eines nach außen gerichteten Ansatzes. Denken Sie
nur an die Erweiterung der OECD mit der Einbeziehung von Polen und Ungarn oder die Aufnahme neuer
Mitglieder in den Europarat.
Diese Institutionen bieten Strukturen für die Zusammenarbeit bei der Lösung - und Verhinderung - von
Problemen. In Anerkennung der Rolle dieser Institutionen haben die Vereinigten Staaten die Erweiterung der NATO befürwortet.

die Aufhebung von Handelsbeschränkungen,
das Teilen knapper Ressourcen,
die Verbesserung der Produktivität durch die
systematische Überwindung von Engpässen
und anderen Mängeln der Volkswirtschaften
Europas,
die Schaffung eines Systems für regelmäßige
Konsultationen über Angelegenheiten von
gemeinsamem wirtschaftlichem Interesse.
Marshall hatte die Gabe zu erkennen, daß die kurzfristige - ganz zu schweigen von der langfristigen -

Seite 2

Unsere gesamte Politik zielt auf die Schaffung eines
Europas ab, das frei von den während des Kalten
Krieges gezogenen künstlichen und unrechtmäßigen
Trennlinien ist. Ein Beweis dafür ist die im Mai dieses
Jahres unterzeichnete Grundakte zwischen der NATO
und Rußland über Zusammenarbeit und Sicherheit.
Sie bietet einzigartige Chancen für Zusammenarbeit
zwischen dem Bündnis und Rußland bei einem breiten
Spektrum von sicherheitspolitischen und militärischen
Angelegenheiten.
Ich möchte auch betonen, welch konstruktive Rolle die
Partnerstaaten der NATO bereits übernehmen und in
Zukunft im Rahmen des Euroatlantischen Partner-

AMERIKA DIENST 13

�schaftsrats, einer neu gegründeten Institution der
NATO, auf noch effektivere Weise spielen können.
Der Rat wird dem Bündnis und seinen Partnerstaaten
einen politischen Rahmen - und eine institutionelle
Grundlage - für ihre kooperativen Beziehungen bieten.
Im Hinblick auf neue NATO-Mitglieder unterstützen die
Vereinigten Staaten die Aufnahme einer kleinen
Gruppe von drei Ländern in der ersten Runde und in
Zukunft eine Politik der offenen Tür für weitere Mitglieder. Während sich das Bündnis auf die Entscheidungsfindung per Konsens in Madrid vorbereitet,
werden nicht geschichtliche oder geographische
Überlegungen die Grundlage für unsere Entscheidungen bilden, sondern die Fähigkeit der Kandidaten,
einen Beitrag zur NATO zu leisten.
Die NATO kann ein bedeutendes Forum für europäische Integration und Stabilität sein, aber sie ist nicht
das einzige Forum. Obwohl die Vereinigten Staaten
kein Mitglied der Europäischen Union sind, haben wir
unser Interesse an deren Entwicklung bereits unter

Beweis gestellt. Die Vereinigten Staaten haben
während der letzten 50 Jahre jede Initiative unterstützt,
die auf größere politische und wirtschaftliche Einheit
unter den europäischen Nationen abzielt. Wir taten
das aus Eigeninteresse: Ein politisch geeintes Europa
wird bei der Erlangung gemeinsamer Ziele ein stärkerer Partner sein, und ein wirtschaftlich geeintes Europa
schafft ein attraktiveres Umfeld für amerikanische
Investitionen.
Der Europäischen Union gebührt Lob für ihre vorausschauenden Entscheidungen, beispielsweise die
Bereitstellung von Hilfsprogrammen in Zentral- und
Osteuropa und ihr Engagement für eine Erweiterung.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß regionale Integration in Europa diesen Ländern bei der
Überwindung von traditionellen Problemen von
Grenzen, Geschichte und Geographie helfen kann.
Mein Land unterstützt Offenheit und Erweiterung und
ermutigt seine europäischen Partner dazu.
Unser Engagement ist jedoch nicht auf Worte beschränkt. Die Vereinigten Staaten und amerikanische
Firmen haben ein lebhaftes Interesse an der wirtschaftlichen Erholung Ost- und Zentraleuropas.
Amerikanische Unternehmen haben sehr früh die
Möglichkeiten in dieser Region erkannt und damit eine
führende Rolle übernommen.
Amerikanische Firmen tätigen auch den Großteil der
ausländischen Investitionen in den neuen Bundesländern. Damit wurden 50.000 Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert. Diese Investitionen, die etwa
8 Milliarden Dollar mobilisiert haben, sind ein wichtiger
Beitrag zum Wachstum Deutschlands und ein Schlüssel für die wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundes-

AMERIKA DIENST 13

länder. In der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges
sind diese Investitionen die wesentlichen Pfeiler der
Brücken über den Atlantik. Unsere Aktivitäten hier sind
jedoch nicht nur wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln
unser Engagement für die Zukunft dieses Kontinents
wider - eine auf den Werten Demokratie und freie
Marktwirtschaft basierende Zukunft.
Ein anderer Aspekt ist ebenfalls von Bedeutung für die
Amerikaner - die Möglichkeit, den kulturellen und
historischen Reichtum in diesen Teilen der Welt
wiederzuentdecken, die so lange abgeschottet waren.
Die Wiederentdeckung und Verbindung der Teile
Europas, die einst voneinander getrennt waren sowie
der Kulturaustausch zwischen Zentral- und Osteuropa
einerseits und Westeuropa andererseits ist eine der
interessantesten derzeitigen Entwicklungen. Europa
und die Welt werden durch diese Erfahrung bereichert.
Meine Damen und Herren, wir befinden uns inmitten
einer Zeit des Wandels - einer Zeit der Revolution,
wenn Sie so wollen. Wir haben eine vielversprechende Vergangenheit, aus der wir lernen und auf der wir
aufbauen können. Wir haben eine interessante und
verheißungsvolle Zukunft, auf die wir uns freuen und
die wir gestalten können. Es ist eine Zeit der Chancen
und Hoffnung. Ich möchte mit einem Zitat des amerikanischen Essayisten und Dichters, Ralph Waldo
Emerson, schließen. Erstellte 1837, sechs Jahrzehnte
nach der amerikanischen Revolution, die Frage:
"Wenn es irgendeine Zeit gibt, zu der
man geboren sein möchte, ist es dann
nicht das Zeitalter der Revolution, in
dem Alt und Neu Seite an Seite stehen, in dem die Energien aller Menschen von Angst und Hoffnung genährt werden, in dem der historische
Ruhm des Alten von den reichhaltigen
Chancen des Neuen kompensiert
werden kann?"
Unsere "reichhaltigen Chancen" können in der Verbreitung von Demokratie, Handel und Kommunikationsmöglichkeiten in den Teilen Europas bestehen,
die früher isoliert waren. Bei den Feiern zum 50.
Jahrestag des Marshallplans können wir stolz auf
unsere Leistungen sein. Abschließend möchte ich im
Hinblick auf die Zukunft betonen, daß Deutschland und
die Vereinigten Staaten nach den jüngsten Revolutionen ein gemeinsames Interesse an der Anpassung
ihrer lebenswichtigen europäischen und transatlantischen Institutionen haben, damit sie uns im 21.
Jahrhundert ebenso dienen wie in der letzten Hälfte
dieses Jahrhunderts.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei dieser Konferenz.
Ich danke Ihnen.

Seite 3

�UMWELT
9. Juli 1997

Clinton verspricht Fonds für Energieprojekte
in Entwicklungsländern
Rede des Präsidenten beim Umweltgipfel

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 26. Juni 1997 beim
Umweltgipfel der Vereinten Nationen gehaltene Rede.

Vor fünf Jahren befürworteten die Nationen der Welt in
Rio de Janeiro eine einfache, aber revolutionäre
Maxime: Daß der Fortschritt von heute nicht auf
Kosten der Zukunft erfolgen darf.
In unserem Zeitalter sind Umweltbelange an die
oberste Stelle der internationalen Tagesordnung
gesetzt worden, denn in welchem Maße eine Nation
Umweltschutz betreibt, wird gute oder schlechte
Auswirkungen haben, die auf der ganzen Welt spürbar
sind. Der Erhalt unserer gemeinsamen Ressourcen ist
nicht nur für die Qualität unserer Umwelt und Gesundheit entscheidend, sondern auch für die Bewahrung
von Stabilität und Frieden innerhalb und zwischen
Nationen. Um den Vater der amerikanischen Umweltbewegung, John Muir, zu zitieren: "Wenn wir
versuchen, etwas isoliert zu betrachten, stellen wir
fest, daß es mit allem anderen im Universum verbunden ist."
In den seit Rio vergangenen Jahren wurden in einigen
Bereichen echte Fortschritte erzielt. Die Nationen
haben die Verklappung von radioaktivem Müll in den
Ozeanen verboten und die Verschmutzung der Meere
vom Land her verringert. Wir arbeiten auf den Schutz
der kostbaren Korallenriffe hin, die Erhaltung bedrohter
Fischarten und die Eindämmung der Versteppung. Bei
der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung bekräftigten wir die entscheidende Bedeutung
kooperativer Bestrebungen zur Familienplanung für die
langfristige nachhaltige Entwicklung.
Hier in den Vereinigten Staaten haben wir eine Rekordzahl von Giftmülldeponien gesäubert und beabsichtigen, in den nächsten vier Jahren weitere 500
zu säubern. Wir haben neue Gesetze zum besseren

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Schutz unserer Gewässer erlassen und neue Nationalparks und Monumente geschaffen. Wir arbeiten auf
die Harmonisierung unserer Bestrebungen für Umweltschutz, Wirtschaftswachstum und soziale Verbesserung hin, wobei uns der herausragende Rat für
nachhaltige Entwicklung zur Seite steht.
Gestern habe ich die weitreichendsten Initiativen zur
Verbesserung der Luftqualität in unserem Land seit 20
Jahren bekanntgegeben, mit denen der Smog drastisch reduziert wird und zum ersten Mal in der
Geschichte Normen zur Verringerung der Anzahl
rußbildender feiner Partikel in der Atmosphäre festgesetzt werden. In den Vereinigten Staaten tritt Asthma
bei Kindern stark vermehrt auf, und diese Krankheit ist
heute der Hauptgrund für den Klinikaufenthalt von
Kindern. Diese Maßnahmen werden dazu beitragen,
das zu ändern, die Gesundheit der Menschen jeglichen Alters verbessern und den frühzeitigen Tod von
bis zu 15.000 Menschen pro Jahr verhindern.
Dennoch müssen wir noch sehr viel mehr tun, insbesondere unseren Anteil am globalen Klimawandel
verringern.
Die wissenschaftlichen Fakten sind klar und überzeugend: Wir Menschen verändern das globale Klima.
Die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre ist seit über 200.000 Jahren am höchsten und
steigt drastisch. Wenn dieser Trend nicht aufgehalten
wird, erwarten die Wissenschaftler einen Anstieg des
Meeresspiegels von bis zu 60 cm oder mehr im
nächsten Jahrhundert. In den Vereinigten Staaten
bedeutet das die Überschwemmung von 23.000 km2 in
Florida, Louisiana und anderen Küstengebieten. In
Asien werden 17 Prozent von Bangladesch - Land, auf

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�dem sechs Millionen Menschen leben - verloren
gehen. Inselketten wie die Malediven werden von der
Landkarte verschwinden.
Klimaveränderungen
werden die Landwirtschaft beeinträchtigen sowie
schwere Dürren, Überschwemmungen und die
Verbreitung von ansteckenden Krankheiten verursachen, darunter 50 Millionen oder mehr Fälle von
Malaria jährlich. Wir müssen mit mehr Todesfällen
aufgrund der Hitze rechnen - vor nur zwei Jahren
erlebten wir in Chicago die Tragödie, daß über 400
unserer Mitbürger während einer großen Hitzewelle
starben.
Keine Nation kann dieser Gefahr entrinnen. Keine
Nation kann sich ihrer Verantwortung zu deren
Bewältigung entziehen. Wir alle müssen unseren
Beitrag leisten - Industrienationen, die die größten
Mengen von Treibhausgasen emittieren und Entwicklungsländer, deren Emissionen rasch zunehmen. Ich
beglückwünsche die Europäische Union zu ihrer
starken Konzentration auf diese Themen und die
Weltbank zur Festsetzung von Umweltnormen für
Projekte, die sie in den Entwicklungsländern finanzieren wird.
Wir in den Vereinigten Staaten müssen bessere
Leistungen erbringen. Mit 4 Prozent der Weltbevölkerung produzieren wir 20 Prozent der Treibhausgase
weltweit. Offen gesagt ist unsere Umweltbilanz seit
Rio nicht ausreichend. Uns werden seit mehreren
Jahren hohe Wachstumsraten beschert, die jedoch
trotz neuer Umweltschutzmaßnahmen zu einer
Erhöhung der Treibhausgasemissionen geführt haben.
Wir müssen unsere Umweltbilanz verbessern, und das
werden wir auch tun.
Die von mir gestern angekündigte Aktion zur Verbesserung der Luftqualität ist ein positiver erster
Schritt, dem jedoch noch viele folgen müssen. Um
eine Verringerung der Treibhausgase und Wirtschaftswachstum zu erzielen, müssen wir stärker in zukunftsträchtige Technologien investieren. Ich werde mein
Kabinett anweisen, darauf hinzuarbeiten. Die Regierung, Universitäten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer
müssen zusammenarbeiten. All diese Bestrebungen
müssen über Jahrzehnte fortgesetzt werden. Vizepräsident Gore erklärte am Montag: "Nachhaltige Entwicklung erfordert nachhaltiges Engagement." Mit diesem
Engagement können wir erfolgreich sein.
Wir müssen neue Technologien schaffen und neue
Strategien wie Vergünstigungen für umweltfreundliche
Unternehmen entwickeln, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren und fortgesetztes Wirtschaftswachstum zu fördern. Viele der Technologien, die zur
Erreichung der neuen Qualitätsstandards der Luft
beitragen, können uns auch beim Umgang mit dem
Klimawandel eine Hilfe sein. Dieser Herausforderung
müssen wir uns sofort stellen, und ich selbst werde
dabei eine wichtige Rolle übernehmen.

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Damit wir in den Vereinigten Staaten das Unsere tun
können, müssen wir zunächst das amerikanische Volk
und den Kongreß davon überzeugen, daß der Klimawandel ein reales und unmittelbares Problem ist. Ich
werde im Weißen Haus eine Konferenz über den
Klimawandel veranstalten, bei der wir die wissenschaftlichen Tatsachen darlegen, damit unser Volk
versteht, warum wir handeln müssen, sowie die
wirtschaftlichen Tatsachen, damit es sich der Kosten
und Nutzen bewußt wird. Mit den besten Ideen und
Strategien, mit neuen Technologien sowie mit erhöhter
Produktivität und Energieeinsparung können wir uns
diese Herausforderung zunutze machen.
Wir werden mit unserer Bevölkerung zusammenarbeiten - und in die für Dezember anberaumte
Konferenz von Kyoto eine entschiedene amerikanische Verpflichtung zu realistischen und bindenden
Obergrenzen einbringen, die zu einer signifikanten
Verringerung unserer Emissionen von Treibhausgasen
führen werden.
Heute möchte ich drei andere Initiativen erörtern, die
wir im Kampf gegen den Klimawandel und zur Förderung nachhaltiger Entwicklung hier und jenseits
unserer Grenzen ergreifen.
Erstens: Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß
die Vereinigten Staaten die Entwicklungsländer bei der
Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen unterstützen, indem sie ihnen während der nächsten fünf
Jahre Hilfe in Höhe von einer Milliarde Dollar zukommen lassen. Aus diesem Fonds fließen Gelder in
Programme zur Förderung von Energieeinsparung,
Entwicklung alternativer Energiequellen und Verbesserung des Ressourcenmanagements mit dem Ziel
der Förderung von Wachstum, das keine schädlichen
Auswirkungen auf das Klima hat.
Zweitens: Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
Privatinvestitionen ermutigen, die den Umweltstandards entsprechen. Beispielsweise fordert die Gesellschaft für Privatinvestitionen in Übersee (OPIC) jetzt,
daß ihre Projekte neuen und strengeren Umweltrichtlinien entsprechen, ebenso wie es bei unserer ExportImport Bank bereits der Fall ist und unsere Freunde
und Verbündeten es hoffentlich ebenfalls durchsetzen
werden. Gemeinsame Richtlinien für verantwortungsbewußte Investitionen können nachhaltiges Wachstum
in den Entwicklungsländern stärken.
Drittens: Zu Hause müssen wir mehr Kreativität
unserer Bevölkerung mobilisieren, damit wir die
Herausforderung des Klimawandels bewältigen
können. Wir arbeiten bereits mit unserer Automobilindustrie an der Herstellung von Fahrzeugen bis
Anfang des nächsten Jahrhunderts, die dreimal soviel
Kraftstoff sparen wie die heutigen Modelle. Aber wir
können mehr tun. Die Sonnenenergie kann unsere
Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern. Wir

AMERIKA DIENST 13

�werden mit Unternehmen und Gemeinden zusammenarbeiten, um bis zum Jahr 2010 auf einer Million
Hausdächern im ganzen Land Sonnenkollektoren zu
installieren. Indem wir die Sonnenwärme sammeln,
können wir zur Verringerung der Temperatur auf der
Erde beitragen.

Verehrte Amtskollegen, in all unseren Kulturen wurde
der Gedanke weitergegeben, der auch in der Bibel
geschrieben steht: "Eine Generation geht, und eine
Generation kommt; aber die Erde besteht sogar auf
unabsehbare Zeit." Wir müssen unsere Rolle als
Hüter der Umwelt stärken, damit eine reiche Erde
bestehen bleibt, wenn diese Generation geht - und die
nächste Generation eine ebenso reiche und gute Welt
vorfindet wie die, die wir kannten.

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�4.

JULI

9. Juli 1997

Beste Wünsche zum Unabhängigkeitstag
Ansprache des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Botschaft von Präsident Clinton zum Unabhängigkeitstag 1997.

Ich freue mich, den Unabhängigkeitstag gemeinsam
mit meinen amerikanischen Mitbürgern im ganzen
Land und auf der Welt feiern zu können.
Wenn wir über zwei Jahrhunderte hinweg zurückblicken, sind wir immer noch erstaunt über den Mut
und die Vision der Gründerväter unserer Nation. Mit
klarem Blick und aus tiefster Überzeugung gestalteten

ren begann, hat uns eine Zeit des Friedens und
Wohlstands beschert, eine Zeit beispielloser Chancen
zur Ausschöpfung des vollen Potentials aller unserer
Bürger. Als Erben der uns in der Unabhängigkeitserklärung vermachten Freiheit und Gleichheit ist es
jetzt unsere Verantwortung - und unser Privileg - auf
diesem Vermächtnis aufzubauen um sicherzustellen,
daß Amerikas Versprechen sich für unser Volk erfüllt.

sie eine neue Form der Regierung für unser neues

Land - eine Regierung, die die menschliche Würde
respektiert und die Rechte des Einzelnen schützt. Sie
entwarfen eine Demokratie, die stark genug war, die
Jahre zu überdauern und dennoch flexibel genug zur
Bewältigung der neuen Herausforderungen und
Verwirklichung neuer Träume. Damit machten sie
Amerika zum Symbol der Hoffnung von Generationen
von Menschen auf der ganzen Welt, die Freiheit und
Gerechtigkeit in Ehren halten.

Während wir mit unseren Familien und Freunden eines
weiteren 4. Juli gedenken, wollen wir uns verpflichten,
Amerika zu einem Land zu machen, in dem Vorurteile
und Diskriminierung keinen Platz haben, anzuerkennen, daß unsere gemeinsamen Werte und Ideale
mächtiger und beständiger sind als jede Kraft, die uns
zu teilen versucht, und das 21. Jahrhundert als die
"perfektere Union" zu beginnen, die unsere Gründerväter vor zwei Jahrhunderten vorhersahen.

An diesem Unabhängigkeitstag haben wir viel zu
feiern. Die Reise, die unsere Nation vor über 220 Jah-

Hillary und ich möchten Ihnen alles Gute für einen
schönen 4. Juli wünschen.

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�GESELLSCHAFT
9. Juli 1997

Oregon Trail - der Weg nach Westen
von Brad Knickerbocker

(AD) - Der nachfolgende Artikel von Brad Knickerbocker erschien erstmals in The Christian Science Monitor.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, Copyright
© 1993, the Christian Science Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.
Der Verfasser, Brad Knickerbocker, ist Journalist beim Christian Science Monitor.

Das Jahr 1993 markierte den 150. Geburtstag des
Oregon Trail - des Wegs nach Westen -, der ein
wesentliches Element in der Geschichte und Folklore
der Vereinigten Staaten darstellt. Der Trail - eigentlich
ein Netz ineinander übergehender Wege, die große
Teile der Route zu den Goldfeldern in Kalifornien und
des Mormonentrecks nach Utah umfassen - erschloß
einen Großteil des amerikanischen Westens für
Einwanderer aus dem Osten. Und er beschleunigte
die Schließung der Grenze um das Siedlungsgebiet von der Historikerin Patricia Nelson Limerick von der
University of Colorado respektlos als der Ort auf der
Landkarte bezeichnet, an dem Europäer "selten
wurden und Angst bekamen".
Es war eine unvermeidliche und in gewisser Weise
tragische Konsequenz, daß die Bewegung in Richtung
Westen entlang des auch als "Overland Trail" bezeichneten Wegs eine offizielle Politik beschleunigte, die
dem Nomadenleben der Indianer ein Ende setzte. Sie
hatten dort mehr als 12.000 Jahre gelebt, und zumindest während der ersten Jahre der Reise nach
Westen waren sie den Siedlern eher eine Hilfe als eine
Behinderung. Meistens wurden sie von den mächtigeren Neuankömmlingen jedoch als unwichtig, wenn
nicht sogar hinderlich für den Fortschritt und das
"Manifest Destiny" angesehen (die im 19. Jahrhundert
vertretene Überzeugung, daß es die Bestimmung der
Vereinigten Staaten ist, sich auf ganz Nordamerika
auszudehnen), denn sie hatten weder Land bestellt
noch Besitzansprüche geltend gemacht.
In den ungefähr drei Jahrzehnten zwischen dem
ersten organisierten Zug von Siedlern nach Oregon

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und dem Abschluß der Bauarbeiten an der Eisenbahnlinie in Richtung Westen legten mehr als 300.000
Menschen etwa 3.200 Kilometer zurück. Die meisten
kamen mit dem Güterzug oder zu Pferd. Einige zogen
Handkarren hinter sich her, andere liefen die ganze
Strecke neben ihren Ochsen und Eseln zu Fuß auf
Wegen, die heute noch sichtbar sind. Bis in die ersten
Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein reisten
diejenigen, die sich kein Auto oder Zugticket leisten
konnten, weiterhin entlang dieses Wegs nach Westen eine Reise, die Lillian Schlissen, Direktorin für Amerikastudien am Brooklyn College, als "eine der großen
Völkerwanderungen der Neuzeit" bezeichnet.
Obwohl es meistens alleinstehende Männer waren, die
sich später auf die Suche nach Glück und Gold
begaben, war die Wanderung nach Oregon großenteils
eine Familienbewegung. Es war nicht außergewöhnlich, mit sechs oder sieben Kindern zu reisen, und
ungefähr 20 Prozent der Frauen waren schwanger.
Die Ehepaare waren oft vollständig aufeinander
angewiesen, aber Frauen und Männer hatten normalerweise sehr unterschiedliche Ansichten über diese in
ihrem Leben einmalige Reise.
Für die Männer war es die Gelegenheit für Abenteuer
und unentgeltliches Land in dem fruchtbaren Flußtal
des Willamette. Aber für die Frauen auf den holpernden, staubigen, von Independence in Missouri aus
aufbrechenden Wagen war es eine weitere Entwurzelung, eine Trennung von der Familie und den
Freunden zu Hause. Viele fühlten sich wie Agnes
Stewart, die 1853 schrieb: "Ich bin dieser Reise müde.

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�Ich sehne mich nach der Ruhe eines Zuhauses, in
dem ich wieder in Frieden leben kann."
Die Reise war für alle gefährlich. Einigen Schätzungen
zufolge kamen 10 Prozent auf dem Weg um - meistens
aufgrund von Unfällen und Krankheiten.
Diese
Sterblichkeitsrate war sehr viel höher als die der
amerikanischen Soldaten in Vietnam.
Obwohl sie auf dem Weg viel erdulden mußten und
ihnen nach ihrer Ankunft harte Arbeit bevorstand,
hatten die meisten Auswanderer auch das Gefühl, daß
sie an einem Ereignis beteiligt waren, das sowohl
historisch als auch persönlich von Bedeutung war.
Tausende ritzten ihre Namen und ein Datum in
Felswände entlang des Wegs. Und am Ende des
Tages machten sie Eintragungen in ihre Tagebücher
oder schrieben Briefe.
"Kein anderes Ereignis in diesem Jahrhundert mit
Ausnahme des Bürgerkriegs brachte so viele persönliche Aufzeichnungen hervor wie diese Reise über
Land", schreibt Dr. Schüssel in ihrem Buch Women's
Diaries of the Westward Journey. Die Aufzeichnungen - einige ungeschliffen, andere eloquent - sind
aufschlußreich und häufig ergreifend. Über 800
wurden Schüssel zufolge veröffentlicht oder katalogisiert, und zahlreiche weitere sind in Familiensammlungen aufbewahrt.
Und was ist heute mit dem Territorium von Oregon,
diesem riesigen Landstrich, der ein Gebiet so groß wie
England, Frankreich und Deutschland zusammen-

*

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genommen umfaßt? Viele Nachfahren dieser in
Oregon Geborenen, die das Manifest Destiny überlebten, leben in Indianerreservaten entlang des Oregon
Trail - Wind River in Wyoming, Fort Hall in Idaho,
Umatilla und Warm Springs in Oregon - und sind oft
ärmer als die Nachkommen der Pioniere.
Obwohl noch ein Gefühl der Weite entlang der Route
vorherrscht (zumindest entfernt von den Städten),
haben die Ansiedlungen bemerkenswerte Veränderungen bewirkt. Die größten Flüsse des Columbia Basin
wurden zur Bewässerung und Stromerzeugung
gedämmt. Ein Großteil der ursprünglichen Wälder
wurde abgeholzt. Bergbau und Viehzucht haben die
Umwelt geschädigt. Überreste des Bombenbaus aus
der Zeit des Kalten Krieges haben ein Gebiet nördlich
des Columbia zur mit den meisten Giftstoffen belasteten Gegend Nordamerikas gemacht.
Solche Veränderungen würden die ersten fleißigen
Siedler von vor anderthalb Jahrhunderten erstaunen.
"Ich würde gerne die Reaktion einiger dieser Leute auf
das sehen, was wir dem Land heute angetan haben",
äußerte Joe Vogel hoch zu Roß, als er 1993 mit einer
Gruppe aus Nebraska nochmals den Trail entlangritt.
"Einiges ist nicht sehr gut." Dennoch herrscht heute
wie damals ein Gefühl der Möglichkeiten und Hoffnung
vor. Tausende Amerikaner (häufig aus dem dicht
bevölkerten Kalifornien) brechen ihre Zelte ab und
ziehen in die kleinen Städte und ländlichen Gebiete
von Oregon, Washington, Idaho, Montana und Wyoming. Sie sind die neuen Einwanderer entlang des
Oregon Trail.

* * *

*

AMERIKA DIENST 13

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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton nennt vier Gründe für die NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Elektronischer Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton fordert "globale Freihandelszone" im Internet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schaffung eines günstigen Umfelds für elektronischen Handel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des amerikanischen Wirtschaftsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Globale Informationsnetze als neues Element der Wirtschaftsbeziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Wirtschaftsminister Daley&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Marshallplan&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue Rolle Europas aus der Sicht der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verspricht Fonds für Energieprojekte in Entwicklungsländern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim Erdgipfel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. 4.Juli&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Beste Wünsche zum Unabhängigkeitstag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesellschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Oregon Trail - der Weg nach Westen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Brad Knickerbocker&lt;/em&gt;</text>
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cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

&lt;o

Z12462 C
14

23. Juli 1997

CLINTON: POLEN WIRD WEGBEREITER
FÜR FREIHEIT UND SICHERHEIT
Rede des Präsidenten in Warschau

NATO

GRUNDE FÜR DIE NATO-ERWEITERUNG
Anhörung von Abteilungsleiter Kornblum

VEREINTE NATIONEN

WICHTIGSTE PUNKTE DES
UNO-REFORMPAKETS
Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO
REFORMPAKET FÜR DIE UNO IST
"BEDEUTSAMER SCHRITT"
Ansprache von Bill Richardson
VEREINIGTE STAATEN UNTERSTÜTZEN
UNO-REFORM
von Princeton Lyman

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND IST DER ANKER
EINES GEEINTEN EUROPAS
Anhörung von John Kornblum

TERRORISMUS

TERRORISMUS BLEIBT GLOBALES THEMA
von Botschafter Philip Wilcox, Jr.

FRAUEN

INTEGRATION DER GESCHLECHTSSPEZIFISCHEN PERSPEKTIVE
Rede von Seth Winnick

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�NATO
23. Juli 1997

Clinton: Polen wird Wegbereiter
für Freiheit und Sicherheit
Rede des Präsidenten in Warschau

WARSCHAU - (AD) - "Vor acht Jahren haben Sie den Weg zur Freiheit angeführt. Jetzt bitten wie Sie, erneut
Wegbereiter zu sein", äußerte Präsident Clinton am 10. Juli 1997 gegenüber den Bürgern von Warschau in einer
Rede, die er zwei Tage nach der Einladung Polens zum NATO-Beitritt hielt. Nachfolgend veröffentlichen wir die
Ansprache Präsident Clintons im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Bürgermeister, Major Kuklelka,
Leutnant Blazeusz, liebe Bürger von Warschau und
Polen. Ich bin stolz darauf, zu Ihnen sprechen zu
dürfen und Sie - gemeinsam mit dem Volk Ungarns
und Tschechiens - als neue Mitglieder der NATO und
neue Verbündete der Vereinigten Staaten von Amerika
willkommen heißen zu dürfen.

wird nichts über Sie entschieden ohne Ihre Zustimmung. Jetzt tritt Polen der NATO bei. Polen nimmt
seinen Platz in der Gemeinschaft demokratischer
Staaten ein. Nie wieder werden andere über Ihr
Schicksal entscheiden. Nie wieder wird Ihnen Ihr
Geburtsrecht auf Freiheit verweigert. Polen kommt
nach Hause.

Mein Dolmetscher möge mir vergeben, wenn ich von
meinem Redetext abweiche und sage, daß die amerikanische Delegation stolz darauf ist, hier sein zu
dürfen. Für zwei unserer Delegationsmitglieder hat
dieser Tag eine besondere Bedeutung, und ich bitte
sie, sich zu erheben. Eines ist unsere Außenministerin, die in der Tschechischen Republik geboren und
von den Unruhen vertrieben wurde, die den Polen
während der letzten 50 Jahre so viele Sorgen bereiteten - Madeleine Albright. Die zweite ist eines der
herausragendsten Mitglieder des amerikanischen
Kongresses, deren beide Großväter polnische Einwanderer waren - Senatorin Barbara Mikulski aus
Maryland.

Vor 200 Jahren brannte in Polen ein helles Licht der
Freiheit. Damals gaben Sie Europa seine erste und
der Welt ihre zweite schriftlich niedergelegte Verfassung - nach der amerikanischen. Dieser feierliche
Pakt gab Ihren Vorfahren Kraft und Hoffnung, selbst
als Polen immer wieder Opfer der Tyrannei wurde.
Aber diese Woche sprechen die in dieser Verfassung
enthaltenen Worte und die derjenigen, die sie befolgten, über Jahrhunderte hinweg zu uns. "Wir schreiben
feierlich diese Verfassung in dem Willen, von der
gegenwärtigen Situation in Europa und dem günstigen
Moment zu profitieren, der uns wieder zu uns selbst
finden läßt." Bürger Polens, dieser günstige Moment
läßt Sie wieder zu sich selbst finden.

Wir kommen heute zusammen, um diesen Moment
erfüllter Versprechen zu feiern. Hier, im Dämmerlicht
des 20. Jahrhunderts, richten wir unseren Blick auf ein
neues Jahrhundert, ein Jahrhundert, in dem Polen
endlich eine freie Nation im Herzen eines freien,
neuen, ungeteilten, demokratischen und friedlichen
Europas wird.

Es ist ein von Ihnen gemachter Moment. Ebenso wie
hier vor 200 Jahren die Freiheit geboren wurde, ist sie
vor acht Jahren wiedergeboren worden, als Sie den
Lauf der Geschichte veränderten. Und jetzt haben wir
Polen wieder zurück nach Europa geführt und zu der
Zukunft, die Sie verdienen. Von diesem Tag an wird
Polen das, was es in Frieden aufbaut, in Sicherheit
bewahren.

Diese Woche vor drei Jahren kam ich in diese großartige Stadt und gab das folgende Versprechen ab: Es

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�Den Bürgern meines eigenen Landes sage ich: Dieses
Land, von dem aus ich spreche, hat die schlimmsten
Kriege des 20. Jahrhunderts erlebt. Durch die Erweiterung der NATO werden wir einen erneuten Krieg
verhindern, in den Polen hineingezogen werden
könnte, einen erneuten Krieg in Europa und einen
erneuten Krieg, der das Leben von Amerikanern
kosten könnte.
Wir sind diesem Augenblick dankbar für seine Segnungen, uns aber auch der großen Verantwortung bewußt,
die er beinhaltet. Durch die Macht seines Beispiels
und das Beispiel seiner Macht hat unser Nordatlantisches Bündnis nahezu ein halbes Jahrhundert die
Sicherheit Westeuropas, Kanadas und der Vereinigten
Staaten gewährleistet. Kein NATO-Mitglied ist je
angegriffen worden. Die NATO hat nie aggressiv
zurückgeschlagen.
Jetzt müssen wir unser Bündnis an eine neue Zeit
anpassen. Unser gemeinsamer Feind - die kommunistische Unterdrückung - ist verschwunden, aber
gemeinsame Gefahren bestehen immer noch. Zu viele
Menschen fürchten immer noch den Wandel, weil sie
seine Vorteile noch nicht spüren. Sie sind immer noch
empfänglich für die zersetzenden Aufrufe extremer
Nationalisten zu ethnischem, rassischem und religiösem Haß. Verbrecherische Staaten versuchen, die
Staatengemeinschaft der Demokratien zu unterminieren. Terroristen, internationale Kriminelle und Drogenhändler respektieren keine Grenzen. Das sind unsere
gemeinsamen Gefahren, die wir gemeinsam bekämpfen müssen.
Die NATO trägt ihren Teil dazu bei - sie nimmt neue
Mitglieder auf, übernimmt neue Aufgaben und arbeitet
mit neuen Partnern zusammen. Ebenso wie Polen
haben wir auch die Ukraine einbezogen, um zur
Konsolidierung der Stabilität in Europa beizutragen,
und wir arbeiten mit einem neuen Rußland als unserem Partner beim Aufbau eines Europas zusammen, in
dem jede Nation frei ist und jede freie Nation zur
Sicherung von Frieden und Stabilität für alle beiträgt.
Jetzt müssen Sie - wie Ihr Präsident es formulierte weiterhin Ihren Beitrag leisten. Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik werden jetzt Vollmitglieder des
Bündnisses mit der vollen Verantwortung der Mitgliedschaft - der Verantwortung, Ihre Demokratien zu
pflegen, zu stärken und zu verteidigen, weil - wie wir in
Amerika wissen - nach über 200 Jahren der Kampf für
Demokratie nie beendet ist und jeden Tag gekämpft
werden muß.
Die Verantwortung zur Fortsetzung der bemerkenswerten Umgestaltung Ihrer Volkswirtschaft, weil Sie,
nachdem Sie die Armut kennengelernt haben, den
echten Wert des Wohlstands zu schätzen wissen, den
Sie gerade angefangen haben zu schaffen. Die Ver-

Seite 2

antwortung zur Einbeziehung all Ihrer Nachbarn im
Osten wie im Westen, einschließlich der Menschen in
Rußland. Sie müssen weiterhin in Toleranz das
aufbauen, was andere im Haß zerstört haben.
Die Verantwortung zur Erfüllung der hohen militärischen Standards der NATO und zur Übernahme der
Kosten, weil echte Sicherheit Stärke und Einsatzbereitschaft erfordert. Wir wissen, daß Sie bereit sind, die
Lasten der Verteidigung der Freiheit zu teilen, weil Sie
den Preis des Verlusts der Freiheit kennen.
Andere Nationen blicken auf Sie, damit Sie ihnen
zeigen, welchen Beitrag neue Mitglieder leisten
können. Sie sind nicht durch die Tür der NATO
getreten, damit sie hinter Ihnen geschlossen wird.
Diese Tür bleibt offen.
Vor acht Jahren haben Sie den Weg zur Freiheit
angeführt. Jetzt bitten wir Sie, erneut Wegbereiter zu
sein. Die Menschen in Warschau, das polnische Volk
und das amerikanische Volk wissen aufgrund der
harten Lektionen dieses Jahrhunderts, daß Ihr Schicksal und unsere Zukunft miteinander verbunden sind.
Nach dem Ersten Weltkrieg haben sich die Vereinigten
Staaten aus der Welt zurückgezogen, und das flakkemde Licht der Freiheitsfackel wurde durch die Nacht
in Europa verdunkelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg
hielten wir und unsere Verbündeten das Symbol der
Freiheit in die Höhe - aber es konnte nur den halben
Kontinent erleuchten.
Heute sind wir hier zusammengekommen, um das
wertvollste Geschenk der Geschichte zu feiern - eine
zweite Chance. Eine zweite Chance, um das Opfer
derjenigen wiedergutzumachen, die von den Küsten
der Normandie bis zu den Straßen von Warschau für
unsere Freiheit kämpften. Eine zweite Chance, um
endlich Europa nicht durch die Gewalt der Waffen,
sondern die Macht des Friedens zu vereinen.
Vor einer Woche haben wir den 4. Juli - den amerikanischen Unabhängigkeitstag - gefeiert. Vor über 200
Jahren haben Sie Ihre Söhne entsandt, um zur
Sicherung unserer Zukunft beizutragen. Das hat
Amerika nie vergessen. Heute werden wir zusammenarbeiten, um die Zukunft eines ungeteilten Europas für
Ihre und unsere Freiheit zu sichern.
Das ist das Versprechen, das uns heute hier zusammenbringt. Das ist das Versprechen, das uns in
einem neuen Europa für ein neues Jahrhundert
verbindet. Das ist unser Versprechen an alle heute
hier versammelten jungen Menschen und an künftige
Generationen: Sicherheit für 100 Jahre. Demokratie
für 100 Jahre. Freiheit für 100 Jahre.
Gott schütze Amerika und Gott schütze Polen. Ich
danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 14

�NATO

23. Juli 1997

Gründe für die NATO-Erweiterung
Anhörung von Abteilungsleiter Kornbium

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Abteilungsleiters für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, John Kornblum, vor dem nationalen Sicherheitsausschuß
des Repräsentantenhauses am 17. Juli 1997.

Einleitung
Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Ich begrüße diese
Gelegenheit, über die historischen Ereignisse der
vergangenen Woche in Madrid und ihre Bedeutung für
das amerikanische Volk sprechen zu können. Während wir unsere Aufmerksamkeit von den Vorbereitungen auf Madrid und zur Erlangung der Ziele des
Gipfeltreffens auf den Beginn der Beitritts- und Ratifizierungsphase verlagern, sehen wir der engen
Zusammenarbeit mit Ihnen erwartungsvoll entgegen
um sicherzustellen, daß die logische Begründung, die
Vorteile und Kosten der Erweiterung und Anpassung
der NATO von diesem Gremium und dem amerikanischen Volk voll und ganz verstanden werden. Ich
hege die Hoffnung, wenn nicht sogar die Erwartung,
daß diese Bestrebungen in ihrem weiteren Verlauf
ebenfalls uneingeschränkt begrüßt und unterstützt
werden.
Wir haben uns sehr gefreut, daß so viele Mitglieder
des Repräsentantenhauses und des Senats, darunter
der Abgeordnete des Repräsentantenhauses Norman
Sisisky, mit uns zusammen am Madrider Gipfel
teilnehmen konnten. Wie Senator Roth vor dem
Nordatlantikrat betonte, war der Gipfel von Madrid eine
historische Wasserscheide in der Entwicklung des
Bündnisses zu einer "neuen NATO" für ein neues
Jahrhundert. Es ist wichtig, daß wir hierbei die enge
Zusammenarbeit zwischen der Administration und dem
Kongreß fortsetzen.
Gründe für die Erweiterung der NATO
Bevor ich die Leistungen des Gipfeltreffens und die
Pläne für das nächste Jahr im einzelnen darlege,

AMERIKA DIENST 14

möchte ich nochmals die Gründe für die Erweiterung
und Anpassung der NATO anführen.
Vor sechs Jahren befand sich die NATO an einem
Scheideweg: Der Kalte Krieg war vorüber und der
Hauptgrund für die Existenz der NATO - die Abwehr
einer möglichen sowjetischen Bedrohung - bestand
nicht mehr. Viele fragten sich, warum wir die NATO
noch benötigen. Das Bündnis selbst stellte sich die
Frage und gelangte zu folgender Antwort: "Weil die
NATO das effektivste Militärbündnis der Geschichte ist
und eine entscheidende Rolle dabei zu spielen hat,
zum ersten Mal in der Geschichte einen ungeteilten,
friedlichen und sicheren Kontinent zu schaffen." Wir
erkannten jedoch, daß sich die NATO verändern
mußte, um dieser Rolle gerecht zu werden. Seit sechs
Jahren paßt sich die NATO an die Realitäten der Zeit
nach dem Kalten Krieg und das neue Sicherheitsumfeld in Europa an. In der vergangenen Woche
haben wir in Madrid die entscheidenden Schritte zu
dieser Anpassung und zur Verwirklichung unseres
Ziels eines geeinten und von Konflikten freien Europas
unternommen.
Die neue NATO ist besser zur Bewältigung der
Herausforderungen unserer Sicherheit in der Zeit nach
dem Kalten Krieg ausgerüstet als jede andere Institution. 50 Jahre lang war die NATO die effektivste
Abschreckung gegen einen Konflikt größeren Ausmaßes. In diesen 50 Jahren wurde kein NATOMitglied angegriffen und kein NATO-Mitglied hat ein
anderes Land angegriffen. Aber stellen Sie sich eine
Welt ohne die NATO vor. Während Institutionen wie
die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die Vereinten Nationen (UNO) und die
Europäische Union (EU) immer noch ihre elementaren
Funktionen ausüben würden, gäbe es keine der NATO

Seite 1

�vergleichbare Organisation. Ohne die NATO würden
wir erneuten Konflikten und der Möglichkeit Tür und
Tor öffnen, daß wiederum amerikanische Soldaten für
den Schutz amerikanischer Interessen und Werte
kämpfen und sterben müßten. Vor seiner Reise nach
Madrid erklärte Präsident Clinton: "Wenn wir aus dem
20. Jahrhundert auch nur eine Lehre gezogen haben,
dann die, daß unsere Zukunft und die Europas untrennbar verbunden sind."
Durch die NATO-Erweiterung stärken wir die NATO
und die Sicherheit und Stabilität in ganz Europa.
Polen, Ungarn und die Tschechische Republik werden
nicht nur Sicherheit in Anspruch nehmen, sondern
auch Sicherheit schaffen. Sie teilen die Verpflichtung
der NATO zu den Prinzipien von Demokratie und
freien Märkten. Sie werden Sicherheit jenseits ihrer
Grenzen verbreiten und mit ihren Nachbarn an der
Konsolidierung der bereits erzielten enormen Fortschritte zusammenarbeiten. Sie werden die Vorteile
genießen, aber sie werden auch die Pflichten und
Kosten der NATO-Mitgliedschaft übernehmen. Durch
die Erweiterung der NATO tragen wir zur Konsolidierung und Fortsetzung der Fortschritte zu Reform und
Demokratie in ganz Europa bei. Und wir löschen für
immer die Trennlinie aus, die Europa 50 Jahre lang
geteilt hat. Die Erweiterung der NATO wird gewährleisten, daß diese neue NATO weiterhin das effektivste
Militärbündnis der Geschichte bleibt. Es ist eine neue
NATO für ein neues Jahrhundert.

chen Erfolg der Partnerschaft für den Frieden hin und
räumten ein, daß die NATO ohne die PfF nicht in der
Lage gewesen wäre, die IFOR und die SFOR so
effektiv und effizient unter Beteiligung so vieler Partner
nach Bosnien zu entsenden. Am zweiten Tag des
Gipfels trafen 28 Staats- und Regierungschefs der
Mitgliedsländer des EAPR beziehungsweise ihre
Stellvertreter erstmals in der Geschichte im Rahmen
der NATO mit ihren Amtskollegen aus dem Bündnis
zusammen.
Die führenden Vertreter des Bündnisses unterzeichneten die Charta zwischen der NATO und der Ukraine,
die dem Bündnis und der Ukraine die Stärkung ihrer
Konsultationen und Kooperation ermöglicht, und sie
erkannten die historische Unterzeichnung der Grundakte zwischen der NATO und Rußland im Mai an. Der
neue Ständige Gemeinsame Rat der NATO und
Rußlands wird der NATO und Rußland erlauben, zu
beratschlagen, zusammenzuarbeiten und - das
möchte ich betonen - "wo es angebracht ist", gemeinsam zur Bewältigung der sicherheitspolitischen
Herausforderungen in Europa zu handeln. Er wird
Rußland kein Vetorecht bei den Entscheidungen des
Bündnisses einräumen - auch das möchte ich betonen,
weil es kürzlich von einigen Kommentatoren mißverstanden wurde. Wo die NATO und Rußland sich auf
gemeinsame Aktionen einigen, werden sie diese auch
durchführen. Wo das nicht geschieht, hat das Bündnis
die Freiheit, ihm angemessen erscheinende Aktionen
durchzuführen.

Die Leistungen von Madrid
Die Einladung an Polen, Ungarn und die Tschechische
Republik zur Aufnahme der Beitrittsverhandlungen war
in keinster Weise die einzige Leistung des Madrider
Gipfels, wenn auch die bemerkenswerteste. Die
Erweiterung kann nicht isoliert betrachtet werden. Sie
ist nur ein Element umfassenderer Bestrebungen zur
Schaffung einer sichereren euroatlantischen Gemeinschaft.
In Madrid haben die Verbündeten klargestellt, daß
diese Erweiterung der NATO nicht die letzte sein wird.
Sie verabschiedenten ein solides Konzept der offenen
Tür, das die Fortsetzung der intensivierten Dialoge der
NATO mit den die Mitgliedschaft anstrebenden
Partnern, eine Verpflichtung zur Überprüfung des
Status dieser Dialoge beim nächsten Gipfeltreffen im
Jahr 1999 sowie stärkere und tiefere kooperative
Beziehungen mit den Partnern durch den neuen
Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR) und einer
erweiterte Partnerschaft für den Frieden (PfF) enthält.
Der Euroatlantische Partnerschaftsrat wird die Konsultationen der NATO mit ihren Partnern stärker in den
Brennpunkt rücken, Umfang und Inhalt unserer
praktischen Zusammenarbeit verbessern sowie
Transparenz und Vertrauen zwischen allen Mitgliedstaaten des EAPR erhöhen. In ähnlicher Weise
wiesen die Bündnismitglieder auf den außerordentli-

Seite 2

Ferner stellten die Verbündeten fest, daß Fortschritte
bei der internen Anpassung der NATO gemacht
wurden und einigten sich darauf, ausstehende Fragen
über die Befehlsstruktur und die Entwicklung einer
gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI) möglichst im Rahmen der NATO
und des Konzepts der Alliierten Streitkräftekommandos
bis zum Ministertreffen des Nordatlantikrats im Dezember zu lösen. Diese Elemente der NATO-Anpassung Erweiterung, das Verhältnis zu Rußland und zur
Ukraine, der EAPR, die erweitere PfF und die interne
Anpassung - werden die laufenden Bestrebungen
anderer euroatlantischer Institutionen wie OSZE, EU,
Europarat und WEU zur Erlangung unseres Ziels eines
sicheren, integrierten Europas ergänzen.
Die nächsten Schritte
Beitrittsgespräche
Im September und Oktober wird die NATO mit den
eingeladenen Ländern Beitrittsgespräche führen. Die
Gespräche werden offiziell die Bereitschaft und
Fähigkeit jedes zum Beitritt eingeladenen Landes
bestätigen, die Verpflichtungen des Nordatlantikvertrags zu erfüllen und die politischen und rechtlichen
Voraussetzungen des Bündnisses zu akzeptieren.
Ferner werden die Gespräche das Verhältnis jedes

AMERIKA DIENST 14

�Landes zum Verteidigungsplanungssystem der NATO
und ihrer integrierten Militärstruktur festlegen. Die
NATO möchte die Gespräche bis zum Ministertreffen
des Nordatlantikrats am 16. und 17. Dezember
abschließen, bei dem die Außenminister der NATOStaaten die Beitrittsprotokolle unterzeichnen werden.

hungen zwischen der NATO und der Ukraine mit Leben zu erfüllen. Wir werden mit unseren Verbündeten
und Partnern an der Entwicklung dieser Foren zusammenarbeiten.

Anschließend beginnt der Ratifizierungsprozeß. Der
Zusatzartikel zum Washingtoner Vertrag über die
Aufnahme von drei Ländern muß von allen 16 NATOMitgliedstaaten ratifiziert werden. In Madrid unterstützten die Verbündeten das Ziel Präsident Clintons,
den Ratifizierungsprozeß rechtzeitig abzuschließen,
damit die drei eingeladenen Länder der NATO offiziell
am 50. Jahrestag des Washingtoner Vertrags im April
1999 beitreten können.

Bei der internen Anpassung der NATO wurden bereits
beträchtliche Fortschritte erzielt, aber die Arbeit muß
noch fertiggestellt werden. Die NATO wird sich darum
bemühen, diese Aufgaben ebenfalls bis zum Ministertreffen im Dezember abzuschließen. Wir werden
weiterhin mit unseren Kollegen in Frankreich und
anderen verbündeten Ländern nach Wegen suchen,
die Kommandofrage bei den Alliierten Streitkräften
Südeuropa zu lösen.

Kosten

Schlußbemerkung

Bis Dezember wird die NATO eine umfassende
Analyse der Kosten der Erweiterung sowie eine
detaillierte Analyse der militärischen Erfordernise im
Zusammenhang mit der Erweiterung um die drei
eingeladenen Länder abschließen. Die Erklärung des
Madrider Gipfels enthält das Eingeständnis, daß die
Erweiterung Auswirkungen auf die der NATO zur
Verfügung stehenden Mittel haben wird sowie die
Verpflichtung, die zur Deckung dieser Kosten notwendigen Mittel aufzubringen.

In den letzten drei Monaten haben wir gemeinsam mit
unseren Verbündeten in der NATO und unseren
Partnern in Europa eine Reihe außergewöhnlicher
Maßnahmen ergriffen, um dem Ziel eines friedlichen,
sicheren und ungeteilten Europas näherzukommen.
Sie und Ihre Kollegen im Kongreß haben uns auf
jedem Schritt dieses Weges begleitet. Nicht alle
stimmten jeder unserer Aktionen zu, und es gibt viele
Fragen. Das sollte auch so sein. Ihre Fragen und
Anliegen haben unsere Entscheidungen besser und
stärker gemacht. In Zusammenarbeit haben wir den

Die Erklärung wurde von allen Bündnismitgliedern
gebilligt. Wir werden darauf bestehen, daß unsere
derzeitigen und zukünftigen Mitglieder ihren gerechten
Teil der Kosten der Mitgliedschaft tragen.
EAPR, PfF, Rußland und die Ukraine
Ein anderes wichtiges Ziel in den kommenden Monaten wird darin bestehen, den EAPR, den Ständigen
Gemeinsamen Rat mit Rußland und die neuen Bezie-

*

AMERIKA DIENST 14

Interne Anpassung

Rahmen für die weitreichendsten Veränderungen in

der europäischen Sicherheitsstruktur seit dem Ende
des Kalten Krieges geschaffen. Jetzt haben wir die
Chance, zusammen unsere gemeinsame Vision von
einer neuen NATO für ein neues Europa und ein
neues Jahrhundert zu realisieren. Meine Kollegen in
der Administration und ich sehen der Zusammenarbeit
mit Ihnen bei diesem Bestreben erwartungsvoll
entgegen.

*

Seite 3

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Wichtigste Punkte des UNO-Reformpakets
Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO

VEREINTE NATIONEN - (AD) - UNO-Generalsekretär Kofi Annan legte der UNO-Generalversammlung am 16.
Juli 1997 einen 95-seitigen Bericht vor, der die Reformen und Reorganisationsmaßnahmen enthält, mit denen der
Generalsekretär die Vereinten Nationen in den kommenden Jahren zu einer effektiveren und effizienteren
Organisation machen möchte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die wichtigsten Punkte des Berichts.

Die in dem vorliegenden Bericht enthaltenen Maßnahmen und Vorschläge umfassen das vom Generalsekretär während der ersten sechs Monate seiner
Amtszeit eingeleitete Reformprogramm. Es sieht
tiefgreifende und weitreichende Veränderungen vor,
um die Organisation entschlossen auf den Weg zu
wichtigen und grundlegenden Reformen zu bringen,
die sie zielgerichteter, kohärenter und flexibler machen
sollen. Einige Maßnahmen wurden bereits durchgeführt, andere erfordern mehr Zeit, und viele benötigen Entscheidungen der Mitgliedstaaten. Reform ist
schließlich ein andauernder Prozeß und nicht ein
einzelnes Ereignis.
Die Aktionen und Empfehlungen konzentrieren sich
vornehmlich auf folgende Bereiche von oberster
Priorität:
Schaffung einer neuen Führungs- und Verwaltungsstruktur, mit der die Fähigkeit des Generalsekretärs zur
Übernahme der Führungsrolle und Sicherstellung der
Rechensschaftspflicht verbessert wird, die die Organisation erfordert, durch:
a.

Einrichtung der Position eines Stellvertretenden Generalsekretärs.

b.

Einrichtung einer hochrangigen Verwaltungsgruppe.

c.

Weiterentwicklung und Stärkung der vom
Generalsekretär im Januar 1997 gegründeten
Exekutivausschüsse der sektoralen Gruppen,

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in denen alle Abteilungen, Fonds und Programme der Vereinten Nationen enthalten
sind.
d.

Dezentralisierung des Entscheidungsprozesses auf Landesebene und Konsolidierung der
Präsenz der Vereinten Nationen unter "einer
Flagge".

e.

Schaffung einer strategischen Planungseinheit.

Gewährleistung finanzieller Solvenz durch die Einrichtung eines Umlauffonds von bis zu 1 Milliarde
Dollar, der aus freiwilligen Beiträgen oder von den
Mitgliedstaaten vorzuschlagenden anderen Mitteln
finanziert wird, abhängig von einer dauerhaften Lösung
der Finanzprobleme der Organisation.
Reduzierung von 12 Sekretariatseinheiten auf fünf und
die vorgeschlagene Konsolidierung von fünf behördenübergreifenden Gremien in zwei.
Eine veränderte Verwaltungsstruktur zusammen mit
Maßnahmen zur Verbesserung der Verwaltung und
Effizienz, durch die mindestens 1.000 Mitarbeiterpositionen abgebaut, die administrativen Kosten um ein
Drittel gesenkt, die Leistungen verbessert und über die
Jahre hinweg zusätzliche Einsparungen bei Personalkosten vorgenommen werden.
Durchführung einer gründlichen Überprüfung der das
Humankapital betreffenden Maßnahmen und Praktiken

Seite 1

�um sicherzustellen, daß alle Mitarbeiter die notwendigen Fertigkeiten haben und die Grundvoraussetzungen für effektiven Dienst mitbringen.
Förderung von andauernder und nachhaltiger Entwicklung als oberste Priorität der Vereinten Nationen durch:
a.

b.

c.

d.

e.

Zusammenlegung der Fonds und Programme
der Vereinten Nationen mit Entwicklungsoperationen in einer Entwicklungsgruppe der
Vereinten Nationen, die Konsolidierung und
Zusammenarbeit unter den Mitgliedstaaten
erleichtert ohne ihre Unterschiedlichkeit oder
Identität aufs Spiel zu setzen.
Vorschlag einer "Entwicklungsdividende", um
Ressourcen von der Verwaltung zu Entwicklungsaktivitäten zu verlagern.
Einrichtung eines neuen Büros zur Finanzierung von Entwicklung mit einem Stellvertretenden Generalsekretär, der die Führungsrolle bei der Einführung innovativer Mittel zur
Mobilisierung neuer Finanzressourcen für
Entwicklung übernimmt.
Vorschläge zur Lastenteilung und besseren
Berechenbarkeit durch mehrjährige ausgehandelte und freiwillige Zusagen zur Finanzierung der Entwicklungsoperationen der Vereinten Nationen.
Stärkung der umweltpolitischen Dimension der
Aktivitäten der Vereinten Nationen, insbesondere des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen (UNEP).

Stärkung und gezielte Ausrichtung der normativen
Politik- und wissensbezogenen Funktionen des
Sekretariats und seiner Fähigkeit, den behördenübergreifenden Gremien der Vereinten Nationen durch die
Einrichtung einer konsolidierten Sektoralgruppe für
wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten zu dienen.
Verbesserung der Fähigkeit der Organisation zur
rascheren Entsendung von friedenssichernden und
anderen Operationen vor Ort, einschließlich der
Erweiterung der schnellen Einsatztruppe der Vereinten
Nationen.
Stärkung der Fähigkeit der Vereinten Nationen zur
Friedensschaffung nach Konflikten mit der Benennung
der Abteilung für politische Angelegenheiten als
Einrichtung vor Ort für diesen Zweck.
Unterstützung internationaler Bestrebungen zur
Bekämpfung von Verbrechen, Drogenhandel und Ter-

Seite 2

rorismus durch die Konsolidierung der Programme und
Aktivitäten der Vereinten Nationen in Wien in einem
Büro für Drogenkontrolle und die Verhinderung von
Verbrechen.
Erweiterung der Menschenrechtsaktivitäten durch die
Reorganisation und Umstrukturierung des Menschenrechtssekretariats und der Integration von Menschenrechten in alle wichtigen Aktivitäten und Programme der Vereinten Nationen.
Förderung der Abrüstungsagenda durch die Einrichtung einer Abteilung für Abrüstung und Rüstungskontrolle zur Inangriffnahme der Reduzierung von
Rüstungen und Massenvernichtungswaffen sowie der
Rüstungskontrolle.
Verbesserung der Reaktion auf humanitäre Bedürfnisse durch die Einrichtung eines neuen Büros zur
Koordinierung von Katastrophenhilfe, das die Abteilung
für humanitäre Angelegenheiten ersetzt und seine
Fähigkeiten auf die effektivere Bewältigung komplexer
Notfälle konzentriert.
Grundlegende Verbesserung der Information der
Öffentlichkeit und Kommunikationsstrategie und
Funktionen der Vereinten Nationen, um die sich
verändernden Erfordernisse der Organisation zu
meistern.
Berücksichtigung der Notwendigkeit zu grundlegenderen Veränderungen durch Empfehlungen des Generalsekretärs an die Mitgliedstaaten, folgendes in
Erwägung zu ziehen:
a.

Konzentration der Arbeit der Generalversammlung auf Probleme von höchster Priorität
und Verkürzung der Sitzungen der Versammlung.

b.

Einrichtung einer Kommission auf Ministerebene zur Prüfung der Notwendigkeit für
grundlegende Veränderungen durch die
Überprüfung der Charta der Vereinten Nationen und der rechtlichen Instrumente, aus
denen die Sonderorganisationen der Vereinten Nationen ihre Satzungen ableiten.

c.

Ernennung der im Jahr 2000 abzuhaltenden
Sitzung der Generalversammlung zur "Jahrtausendversammlung", die sich auf die Vorbereitung der Vereinten Nationen zur Bewältigung der größten Herausforderungen und
Erfordernisse der Völkergemeinschaft im 21.
Jahrhundert konzentrieren soll und mit einer
"Völkerversammlung" einhergeht.

AMERIKA DIENST 14

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Reformpaket für die UNO ist "bedeutsamer Schritt"
Ansprache von Bill Richardson

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Das von UN-Generalsekretär Kofi Annan am 16. Juli 1997 bekanntgegebene
Reformpaket ist dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika bei den Vereinten Nationen, Bill
Richardson, zufolge ein bedeutsamer Schritt. Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die Richardson
kurz nach der Vorlage des 95-seitigen Berichts des Generalsekretärs vor der UN-Generalversammlung hielt.

Herr Präsident, als der Generalsekretär im März den
ersten Entwurf seines Reformplans vorstellte, wurde
dieser von meiner Delegation rückhaltlos begrüßt.
Heute freuen wir uns außerordentlich, daß die sorgfältig erwogenen, überarbeiteten Vorschläge des Generalsekretärs der Generalversammlung vorgestellt
werden. Da wir den vollständigen Bericht erst heute
erhalten haben, müssen wir natürlich ebenso wie
andere Delegationen die Einzelheiten sorgfältig prüfen.

sein, wenn die Bestrebungen zur Stärkung der Vereinten Nationen Früchte tragen sollen.
In diesem Zusammenhang schlägt meine Delegation
vor, daß wir die heutige Chance ergreifen, unserer
kollektiven Entschlossenheit zur Fortsetzung des
Reformweges Ausdruck zu verleihen.

Mit der Unterbreitung dieser Vorschläge unternahm
der Generalsekretär einen bedeutsamen Schritt zu der
Strukturreform, die den Vereinten Nationen heute und
in Zukunft gestatten wird, mehr für die Menschen auf
der Welt zu tun, es besser und billiger zu tun.

Wir fordern die Generalversammlung dringend auf,
noch heute auf den Vorschlag von Präsident Razali zur
Einrichtung eines Ad-hoc-Ausschusses aus dem
gesamten Plenum zur Prüfung der Vorschläge des
Generalsekretärs zu reagieren. Dieser Ausschuß stellt
bei der Fortsetzung des Reformprozesses den nächsten logischen Schritt dar.

Wir beglückwünschen den Generalsekretär zu seinen
bisherigen Initiativen und sagen ihm unsere volle
Unterstützung zu, damit der Reformprozeß bei den
Vereinten Nationen Wirkung zeitigt.

Die heutigen Ankündigungen sind ein greifbarer
Ausdruck der Reformkultur, die sich während der
letzten Jahre hier bei den Vereinten Nationen und in
ihren Mitgliedstaaten kräftig entwickelte.

Wir sind uns bewußt, daß der Generalsekretär nicht
alle vorgeschlagenen Reformen alleine durchführen
kann.
Viele zentrale Elemente des Vorschlags
erfordern Aktionen aller Mitgliedstaaten. Das Sekretariat und die Mitgliedstaaten sind gemeinsam für den
Kurs des Reformprozesses als Ganzes verantwortlich.
Zusammenarbeit wird von elementarer Bedeutung

Wir wollen es zu unserer Priorität machen, auf dem
heutigen guten Anfang aufbauend gemeinsam für eine
Organisation zu arbeiten, die in den kommenden
Jahren besser im Dienst aller Menschen stehen kann.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * * * *

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�VEREINTE

NATIONEN
23. Juli 1997

Vereinigte Staaten unterstützen UNO-Reform
von Princeton Lyman

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Abteilungsleiter für internationale Organisationen im USAußenministerium, Princeton Lyman, verfaßten Artikel über die Notwendigkeit einer Reform der Vereinten
Nationen.

Vor 52 Jahren räumte die Welt die Trümmer des
Zweiten Weltkriegs beiseite und gründete die Vereinten Nationen in der Hoffnung, dadurch ein Wiederaufleben solcher Zerstörung, Greueltaten und solchen
Leids zu verhindern. Die Vereinigten Staaten sind
stolz auf ihre bei der Schaffung dieser Organisation
übernommene Führungsrolle und die einzigartige
Unterstützung, die wir ihr seitdem gewährt haben. Wie
Präsident Clinton wiederholt betonte, ist die Rolle der
UNO als internationaler Treffpunkt und Medium für
kooperative Aktionen heute ebenso bedeutend wie zu
jedem anderen Zeitpunkt in ihrer Geschichte. Die
Anforderungen der Welt haben sich jedoch gewandelt,
und wir müssen sicherstellen, daß die Vereinten
Nationen sich so verändern, daß sie zur Erfüllung der
Bedürfnisse der internationalen Staatengemeinschaft
in der Lage sind.
Erfolgreiche Regierungen und Unternehmen hören nie
mit der Suche nach Wegen zur Verbesserung ihrer
Arbeit auf, und das sollte die UNO auch nicht. Diese
Institution ist viel zu wichtig, um sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. In der Zeit seit dem fünfzigsten Jahr
ihres Bestehens, die von intensiven Debatten und der
Vorlage internationaler Reformvorstellungen geprägt
war, haben die Mitgliedstaaten und die Vertreter der
UNO ein großes gemeinsames Interesse an der
Bewilligung und Durchsetzung konkreter Reformmaßnahmen entwickelt.
Es wurden bereits Bestrebungen eingeleitet, einige der
Mängel der Vereinten Nationen zu beheben. Moderne
Managementpraktiken fassen Fuß. Ein rigoroses
Inspektionssystem wurde eingeführt. Die Erhöhung
der Effektivität gestattet Haushaltskürzungen und
Personalabbau. Die Fähigkeit des Generalsekretärs

AMERIKA DIENST 14

zur Organisation und Leitung von Friedenssicherungsoperationen wurde beträchtlich gestärkt, und der
Sicherheitsrat zeigt jetzt äußerste Disziplin bei der
Bewilligung neuer Missionen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen den Ansatz von
Generalsekretär Annan zur weiteren Stärkung der
UNO durch Reformen. Seine Initiativen zur Zusammenlegung der Abteilungen des Sekretariats,
Ausarbeitung eines Verhaltenskodex für die UNOMitarbeiter und zum Abbau der Bürokratie werden eine
neue Arbeitsweise im UNO-Hauptquartier ermutigen.
Er verdient und erhält von den Mitgliedstaaten starke
Unterstützung für seine Reformbestrebungen. Von
besonderer Bedeutung ist seine Konzentration auf die
Verringerung der Gemeinkosten der Vereinten Nationen von derzeit 38 auf 25 Prozent und die Verwendung
der Ersparnisse für Wirtschafts- und Sozialprogramme.
Alle Mitgliedstaaten sollten sich Versuchen zur Verlangsamung dieser Reformen widersetzen. Es gibt
keine Rechtfertigung für den Erhalt oder Schutz
überflüssiger Arbeitsplätze in den UNO-Sitzen in New
York und Genf auf Kosten der Bedürftigsten der Welt,
denen dann weniger Hilfe gewährt werden kann. Beim
jüngsten G-8-Gipfel in Denver wurde der Generalsekretär entschieden zu der von ihm vorgeschlagenen
Umstrukturierung der Vereinten Nationen ermutigt, und
die Generalversammlung wird die Gelegenheit haben,
diesen Veränderungen in den kommenden Monaten
zuzustimmen.
Vor diesem Hintergrund bekräftigen die Vereinigten
Staaten ihre starke Unterstützung für die UNO und ihr
Engagement für die Bewältigung des ständigen
Problems der amerikanischen Rückstände, die zusammen mit den Rückständen vieler anderer

Seite 1

�zahlen. Das ist eine ungesunde Situation, durch die
die UNO stets den Haushaltsengpässen einiger
weniger Mitglieder aussetzt ist. Obwohl diese Situation
nicht rasch behoben werden kann, weil so viele
Mitgliedstaaten arm sind, sollten die Vereinten Nationen damit beginnen, sich für den Großteil ihrer Finanzierung weniger abhängig von einem Mitgliedstaat
- den Vereinigten Staaten - zu machen. Zweifelsohne
können die kleinen Summen, die durch die amerikanischen Vorschläge umverteilt würden, ohne gleichzeitige Erhöhung ihrer Beiträge von den Mitgliedstaaten übernommen werden, deren Volkswirtschaften in
den vergangenen Jahren schnei! gewachsen sind.

Staaten - zur Finanzkrise der Vereinten Nationen
beigetragen haben. Präsident Clinton arbeitet mit dem
amerikanischen Kongreß an der umfassenden Lösung
dieses Problems. Ein bald vom Kongreß zu billigender
Gesetzentwurf würde den Vereinigten Staaten gestatten, im Verlauf von drei Jahren die meisten ihrer
Rückstände bei der UNO zu bezahlen und in Zukunft
ihre Beiträge ganz zu begleichen. Der Gesetzentwurf
spezifiziert Reformparameter, die zur Leistung dieser
Zahlungen erreicht werden müssen. Wir sind uns
bewußt, daß andere Mitgliedstaaten diesen Ansatz
nicht als völlig zufriedenstellend ansehen werden. In
unserem Regierungssystem ist es jedoch üblich, daß
der Kongreß Bedingungen oder Parameter für die
Durchführung in- und ausländischer Programme durch
den Präsidenten festsetzt. Das Wichtigste ist, ob
andere Mitgliedstaaten der Ansicht sind, daß diese
Parameter gut für die Vereinten Nationen sind.
Unseres Erachtens ist das der Fall.

Der zweite schwierige Parameter besteht darin, die
Vereinten Nationen zu bitten, bis zur endgültigen
Regelung die Rückstände auf ein "umstrittenes" Konto
einzuzahlen, bei denen wir Differenzen mit den
Vereinten Nationen haben. Das ist nicht neu. Es
wurde in der Vergangenheit bereits mehrmals für
andere Mitglieder für die Dauer ihrer Verhandlungen
mit den Vereinten Nationen über die kontroversen
Punkte praktiziert. Darüber hinaus bezieht sich ein
Viertel des umstrittenen Betrags auf ein kompliziertes
Steuererstattungssytem, das nur die amerikanischen
Beschäftigten bei der UNO betrifft.

Erstens wurden die meisten in diesem Gesetzentwurf
enthaltenen Reformen von anderen UNO-Mitgliedern
und dem Generalsekretär selbst befürwortet, wie
beispielsweise Personal- und Haushaltsdisziplin,
verbesserte Rechenschaftspflicht und regelmäßige
Programmauswertungen. Ohne diese Reformen wird
die UNO weder die Glaubwürdigkeit noch die Fähigkeit
zur Ausübung ihrer Funktionen haben.

Die Schlüsselfrage für andere Mitglieder lautet: Was
steht auf dem Spiel? Präsident Clinton hat die amerikanische Verpflichtung gegenüber den Vereinten
Nationen aufs Entschiedenste bekräftigt.

Wir sind uns bewußt, daß die schwierigeren Parameter
die amerikanischen Beiträge und Zahlungsrückstände
betreffen. Die Vereinigten Staaten versuchen, ihre
Beiträge im nächsten Jahr von 25 Prozent auf 22
Prozent und bis zum Jahr 2000 auf 20 Prozent zu
senken. Das scheint nicht ganz im Einklang mit dem
Prinzip der "Zahlungsfähigkeit" zu stehen. Aber die
Vereinigten Staaten haben viele Jahre lang eine
enorme Verantwortung bei der Finanzierung von
Friedens- und Sicherheitsaktivitäten auf der ganzen
Welt übernommen, die weit über die der UNO hinausgehen. Darüber hinaus würden die Vereinigten
Staaten selbst mit diesem reduzierten Beitragssatz die
höchsten Beiträge entrichten - im vergangenen Jahr
zahlten sie 1,5 Milliarden Dollar an das UNO-System.
Am wichtigsten ist jedoch, daß eine Verringerung des
amerikanischen Beitragssatzes ein notwendiger Schritt
zur Übernahme größerer Verantwortung der Vereinten
Nationen ist. Heute zahlen 155 der 185 Mitgliedstaaten zusammen weniger als 13 Prozent der Ausgaben
der UNO, während 14 Mitglieder mehr als 80 Prozent

* *

Seite 2

Als der Senat mit 90 zu 5 Stimmen über die erste
Version dieses Gesetzentwurfs abstimmte, hatte er die
Unterstützung des breitesten Spektrums der amerikanischen Politiker. Welche Probleme das Gesetz auch
enthalten mag - es geht einen großen Schritt über die
Debatten und die an der UNO in den vergangenen
Jahren geübte Kritik hinaus. Und es bietet den
Vereinten Nationen die Chance, die Finanzkrise im
Großen und Ganzen zu bewältigen.
Die Alternative wäre mehr Konfrontation, mehr Krisen und so lange das andauert weniger effektive Vereinte
Nationen. Nur die Gegner der UNO könnten diese
Aussicht gutheißen. Wir benötigen die Unterstützung
der anderen Mitglieder, damit dieser Plan funktioniert.
Wir sind der Auffassung, daß er sich zu unser aller
Vorteil auswirken wird.

*

AMERIKA DIENST 14

�USA-DEUTSCHLAND
23. Juli 1997

Deutschland ist der Anker eines geeinten Europas
Anhörung von John Kornblum

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des designierten Botschafters für Deutschland,
John Kornblum, bei seiner Anhörung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats am 15. Juli 1997.

Ich danke für die Gelegenheit, im Zusammenhang mit
meiner Nominierung zum Botschafter der Vereinigten
Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland eine Rede vor diesem Ausschuß halten zu dürfen.
Ich habe meine Laufbahn im auswärtigen Dienst vor
über 30 Jahren in Deutschland begonnen. Seit damals
haben sich Europa und Deutschland dramatisch
verändert. Ich hatte das Privileg, an vielen der wichtigen Ereignisse auf dem Weg dorthin teilnehmen zu
können. 1970 und 1971 war ich an der Aushandlung
der ersten entscheidenden Öffnung zwischen Ost und
West - dem Viermächteabkommen über Berlin beteiligt. Ich trug zum Entwurf der Schlußakte von
Helsinki bei und war der Vertreter der Vereinigten
Staaten bei der OSZE in Helsinki und Wien. Während
des Zusammenbruchs des Kommunismus in Europa
war ich Stellvertretender Ständiger Vertreter bei der
NATO. Die Grundlagen für die neue NATO von heute
wurden in diesen Jahren geschaffen. Und als Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium konnte ich direkt
an der Entwicklung der amerikanischen Rolle im
Europa der Zeit nach dem Kalten Krieg mitarbeiten.
Deutschland liegt im Zentrum dieses dramatischen
Zeitalters des Wandels. An jedem entscheidenden
Punkt der Nachkriegszeit war Deutschland ein wichtiger Partner der Vereinigten Staaten. Unsere Vision
einer engen und gleichberechtigten atlantischen
Partnerschaft und unsere unermüdlichen Bestrebungen zur Schaffung von Demokratie in ganz Europa
haben wir gemeinsam mit unseren deutschen Verbündeten verfolgt. Während wir in die noch dynamischere
Welt des 21. Jahrhunderts eintreten, wird es praktisch
kein wichtiges amerikanisches Ziel geben, auf das
Deutschland nicht direkt Einfluß hat.

AMERIKA DIENST 14

Es ist mir eine Ehre, von Präsident Clinton zum
Vertreter der Vereinigten Staaten in Deutschland in
dieser Zeit kontinuierlichen Wandels ernannt worden
zu sein. Außenministerin Albright hat ein aktives
amerikanisches Engagement in Deutschland und
Europa zum Kernstück unserer Bestrebungen erklärt.
Unsere engen Verbindungen und gemeinsame Vision
sind ein ausgezeichneter Ausgangspunkt, um die von
der Außenministerin dargelegten Ziele zu erreichen.
Die Herausforderungen schnellen Wandels erfordern
immer engere Konsultationen und Kooperation
zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland.
Im Falle meiner Bestätigung werde ich auf der Grundlage der engen persönlichen Beziehungen zwischen
Präsident Clinton und Bundeskanzler Kohl einen
umfassenden Dialog zwischen den Politikern und
Völkern unserer beiden Länder über die uns konfrontierenden Herausforderungen anregen. Es wird
mein Ziel sein, einen Weg für den Umgang mit Chancen und Problemen zu finden. Gemeinsam sollten wir
über derzeitige Belange hinausschauen und einer
noch umfassenderen Zusammenarbeit in einem neuen
Jahrhundert Impulse geben.
Dabei gehe ich nicht von automatischer Übereinstimmung oder einem leichten Weg zum Konsens in
allen Fragen aus. Wir haben bereits Bereiche ausgemacht, in denen Deutschland und die Vereinigten
Staaten hart arbeiten müssen, um einen gemeinsamen
Ansatz zu neuen und schwierigen Problemen zu
finden. Ich werde jedoch auf meine in Deutschland
und Europa gemachten Erfahrungen und dem auf
beiden Seiten des Atlantiks vorhandenen Goodwill
aufbauen. Ich hoffe, eng mit Ihnen, Herr Vorsitzender,
und den anderen Kongreßabgeordneten zusammenzuarbeiten und die breite Grundlage der Außenpolitik

Seite 1

�der Vereinigten Staaten zu untermauern. Ferner hoffe
ich, Angehörige beider Kammern und ihre Mitarbeiter
regelmäßig in Deutschland begrüßen zu können. Ihr
fortgesetztes Engagement ist integraler Bestandteil
dieser wesentlichen Partnerschaft.
Herr Vorsitzender, Deutschland ist ein sehr wichtiges
Land. Es ist auch ein Land, das unsere Vision und
unsere Ziele für die moderne Welt teilt. Es ist der
Anker eines geeinten Europas und einer der Grundpfeiler für die Brücke über den Atlantik. Unsere Länder
sind eng miteinander verbunden - durch unsere
Menschen und unsere engen Handels- und Investitionsbeziehungen.

Ungefähr ein Viertel der Amerikaner hat Vorfahren aus
Deutschland, etwa 400.000 Deutsche sind bei in

*

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Deutschland
niedergelassenen
amerikanischen
Unternehmen beschäftigt, und rund 500.000 Amerikaner arbeiten bei deutschen Unternehmen in den
Vereinigten Staaten. Unser gemeinsames Engagement in Berlin trug dazu bei, den Geist der Demokratie
in einem geteilten Europa zu definieren. Unsere
Entschlossenheit zur Bewältigung der Herausforderungen im Europa nach dem Kalten Krieg hat bereits
großen Nutzen gebracht.
Die Chancen für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit sind unbegrenzt. Die Herausforderungen sind enorm. Ich verspreche, mit Ihrer Unterstützung die Interessen der Vereinigten Staaten in unseren wichtigen Beziehungen zu Deutschland zu verteidigen und zu fördern.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

�TERRORISMUS
23. Juli 1997

Terrorismus bleibt globales Thema
von Botschafter Philip Wilcox, Jr.

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Koordinators für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium, Botschafter Philip Wilcox, Jr.

Die Welt von heute ist immer noch ein gefährlicher Ort.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion und das Ende
des Kalten Krieges führten weder das "Ende der
Geschichte" noch einen neuen Weltfrieden und
Harmonie herbei. Statt dessen rückten diese Veränderungen die ernsthaften globalen Probleme und
Bedrohungen in den Mittelpunkt.
Sie kennen die Liste bereits: Ethnische Konflikte,
Verbreitung von Waffen, Umweltzerstörung, unhaltbares Bevölkerungswachstum, internationales Verbrechen und Terrorismus. Diese globalen Probleme
betreffen direkt unser Wohlergehen und unsere
Sicherheit. Daher wird ihnen in der außenpolitischen
Tagesordnung der Clinton-Administration hohe
Priorität beigemessen.
Aber keines dieser Probleme hat bei den Amerikanern
mehr Furcht ausgelöst als Terrorismus.
Terrorismus, den wir als politisch motivierte Gewalt
gegen Nichtkombattanten definieren, ist ein altes Übel,
und seit Jahren sind die amerikanischen Interessen
Ziel von Terroristen im Ausland. Heute scheint die
Bedrohung jedoch zuzunehmen - vielleicht weil die
Bedrohung eines konventionellen Krieges gegen die
Vereinigten Staaten abgenommen hat und wir Opfer
von zwei schrecklichen Terroranschlägen bei uns im
Inland wurden - dem Bombenattentat auf das World
Trade Center und das Regierungsgebäude in Oklahoma City. Nicht zu vergessen die beiden Bombenanschläge auf amerikanische Streitkräfte in SaudiArabien und die Rohrbombe bei den Olympischen
Spielen in Atlanta.
Es ist ein Paradoxon, daß wir uns besonders mit
Terrorismus beschäftigen und die Regierungen seiner

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Bekämpfung außerordentliche Aufmerksamkeit zuwenden, obwohl verglichen mit anderen Formen der
Gewalt durch Terrorismus relativ wenige Menschen
ums Leben kommen. Warum?
Erstens ruft Terrorismus tiefsitzende Angst und
Unsicherheit hervor - mehr als andere Formen der
Gewalt.
Terroristen suchen sich - häufig willkürlich und ohne
Warnung - unschuldige Zivilisten als Opfer aus. Wir
denken, wir können uns gegen andere Formen der
Gewalt schützen, aber gegenüber Terroristen fühlen
wir uns hilflos.
Die Terroristen wissen das, und sie versuchen uns
einzuschüchtern, damit sie uns ihren politischen Willen
oder ihre Ideologie aufzwingen können. Töten ist nur
ein Mittel zum Zweck. Indem sie Furcht und Panik
auslösen, versuchen Terroristen Konzessionen zu
erzwingen oder Regierungen zu schwächen und zu
diskreditieren, indem sie deutlich machen, daß diese
zum Schutz ihrer Bürger nicht in der Lage sind.
Terrorismus wird auch als billiges Instrument strategischer Kriegführung genutzt, manchmal von verbrecherischen Staaten unter Einsatz von Helfershelfern und manchmal von durch Ideologie, Religion
oder ethnische Zugehörigkeit motivierten Gruppen, die
Regierungen stürzen und den Lauf der Geschichte
verändern wollen.
Terroristen setzen Gewalt auch weniger zielgerichtet
ein, um Protest und Wut zum Ausdruck zu bringen,
messianische und fanatische religiöse Programme zu
verbreiten sowie aus noch obskureren pathologischen
Gründen.

Seite 1

�Man kann argumentieren, daß Terrorismus als strategische Waffe historisch gescheitert ist. Aber das ist
kein Grund zur Beruhigung. Es besteht kein Zweifel,
daß er den amerikanischen Interessen und denen
unserer Freunde auf der ganzen Welt großen Schaden
zugefügt hat. Terrorismus hat beispielsweise den
israelisch-palästinensischen Konflikt und den Nordirlandkonflikt um Jahre verlängert. Echte Fortschritte
zum Frieden bei diesen Auseinandersetzungen
wurden nur erzielt, wenn die Terroristen aufgaben und
geächtet wurden.
Terrorismus verursacht auch hohe wirtschaftliche
Kosten. Allein die Regierung der Vereinigten Staaten
gibt pro Jahr rund 5 Milliarden Dollar zum Schutz vor
Terrorismus im In- und Ausland aus, und diese Kosten
werden zweifelsohne steigen. Terrorismus kann auch
ganze Volkswirtschaften lahmlegen. In Ägypten haben
Terroristen beispielsweise monatelang fast die gesamte lebenswichtige Tourismusindustrie zum Stillstand gebracht, indem sie sich einige wenige Touristen
zum Ziel nahmen.
Die Technologie hat die terroristische Bedrohung noch
verschärft. Im Jahr 1605 versuchte Guy Fawkes in
einer Verschwörung mit 29 Fässern Sprengstoff König
James und das britische Parlament in die Luft zu
sprengen. Heute könnte ein kleiner Zünder in einer
Handtasche dieselbe Wirkung erzielen. Und Anleitungen zum Bau einer Bombe sind ohne Schwierigkeiten
im Internet zu finden.
Terroristen verwenden Computer, Handys und
Kryptographie-Software, um sich ihrer Entdeckung zu
entziehen, und sie haben moderne Mittel zum Fälschen von Pässen und Dokumenten. Ramzi Ahmed
Yousef und seine Bande, die wegen des Versuchs
verurteilt wurden, 12 amerikanische Flugzeuge über
dem Pazifik in die Luft zu sprengen, benutzten alle
dieses Handwerkszeug.
Noch gefährlicher ist die Aussicht, daß Terroristen
Material der - chemischen, biologischen oder atomaren
- Massenvernichtung einsetzen, um die Zahl der Opfer
weit über das herkömmliche Maß hinaus zu multiplizieren. Der Saringasanschlag in der Tokioter U-Bahn im
Jahr 1995 durch die apokalyptische japanische Aum
Shinrikyo-Sekte zeigte, daß die Bedrohung durch
chemischen Terrorismus jetzt eine Realität ist.
Die Bereitschaft einiger fanatischer oder verrückter
Terroristen zu Kamikazekommandos machen Terroristen, die Massenvernichtungswaffen einsetzen, zu
einer noch unheimlicheren Bedrohung.
Und schließlich hat Terrorismus aufgrund der Massenmedien heute eine sehr viel zerstörerische Wirkung als
in der Vergangenheit. Keine Story hält sich besser
oder länger als ein Terroranschlag. Die Medien von
heute, insbesondere das Fernsehen, multiplizieren die

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durch Terrorismus erzeugte Angst, indem sie seine
Schrecken lebhaft übermitteln. Und das verstärkt in
hohem Maße unserer kollektives Gefühl der Verletzlichkeit. Natürlich wissen die Terroristen das. Und sie
versuchen, die Medienberichterstattung zu nutzen, um
uns und unsere Regierungen psychologisch in die
Defensive zu drängen.
Wie sieht der derzeitige Trend bei Terrorismus aus?
Wer sind die Terroristen von heute? Und was tut die
US-Regierung, um sie zu bekämpfen und in die
Defensive zu drängen, wo sie hingehören?
Erstens der Trend. Es gibt gute und schlechte Nachrichten. Die aktuelle Zahl internationaler Terroranschläge hat in den vergangenen Jahren abgenommen, von einem Höchststand von 665 im Jahr 1987
auf durchschnittlich 300 - 400 in den letzten Jahren.
Es gibt verschiedene Gründe für diesen positiven
Trend:
Die Sowjetunion und nahezu alle der vielen von ihr
unterstützten revolutionären Terrorgruppen sind jetzt
Geschichte.
Nach 50 Jahren des Krieges und Terrorismus kämpfen
die Araber und Palästinenser jetzt für Frieden. Die
PLO verzichtet jetzt auf Terroranschläge, und auch die
meisten arabischen Staaten verurteilen ihn unmißverständlich.
Nur einige wenige verbrecherische Staaten unterstützen weiterhin den Terrorismus.
Heute besteht ein zunehmender internationaler
Konsens, daß Morde an Unschuldigen aus politischen
Gründen absolut inakzeptabel sind, ungeachtet der
Motivation und des Grundes.
Die Mehrheit der Staaten möchte dementsprechend
mit allen vorhandenen Mitteln gegen Terroristen
vorgehen, insbesondere unter Anwendung des
Gesetzes zur Terrorbekämpfung.
Es gibt jedoch auch eine negative Seite:
Ungeachtet des Engagements der palästinensischen
und arabischen Hauptströmung für den Frieden im
Nahen Osten verübten Gruppen wie die Hamas und
der palästinensisch-islamische Dschihad 1995 in Israel
im Rahmen einer bösartigen Verzögerungstaktik
gezielt Bombenanschläge, um den Friedensprozeß zu
stören.
Und ein israelischer Terrorist ermordete Ministerpräsident Rabin aus demselben Grund.
Der Iran setzt ungeachtet der amerikanischen Bestrebungen, das Land durch Sanktionen in Schach zu

AMERIKA DIENST 14

�halten, weiterhin Terrorismus als außenpolitische
Waffe ein, um Dissidenten umzubringen und den
Friedensprozeß zu unterminieren.
Obwohl Libyens terroristische Aktivitäten im Ausland
durch Sanktionen der UNO eingeschränkt wurden,
widersetzt es sich weiterhin der Forderung der UNO,
zwei der des Bombenanschlags auf Pan Am-Flug 103
über Lockerbie Verdächtigte einem britischen oder
amerikanischen Gericht auszuliefern.
Terroristen nutzen in zunehmendem Maße die Religion
für ihre Zwecke aus. Früher waren die meisten
Terrorgruppen weltlich, während heute immer mehr
Terroristen den Anspruch erheben, im Namen der
Religion, insbesondere des Islam, zu handeln. Einige
sind Teil organisierter Gruppen wie der Hamas, der
libanesischen Hisbollah oder der ägyptischen Gamaat.
Andere sind ad hoc gebildete islamische Elemente wie
die Gang von Ramzi Ahmed Yousef, die großenteils in
Afghanistan ausgebildet werden.
Die Ausschlachtung der Religion für politische Zwecke
und Gewaltanwendung ist ein uraltes Phänomen. Man
muß sich vor Augen halten, daß alle Religionen
abweichlerische und gefährliche Randgruppen
hervorgebracht haben und der Islam - ebenso wie
Christentum und Judentum - Frieden und Gewaltlosigkeit predigt. Angeblich im Namen des Islam handelnde
Terroristen mißbrauchen ihren Glauben und werden in
der ganzen islamischen Welt immer stärker verurteilt.
Inländischer Terrorismus - der auf die Bürger oder das
Territorium von nur einem Staat beschränkt ist - hat mit
der Zeit abwechselnd zu- und abgenommen. Heute
scheint er, beispielsweise in Südasien, abzunehmen.
Messianische Kultgruppen, wie die japanische Aum
Shinrikyo, die sich des Terrorismus zur Erfüllung ihrer
Visionen vom letzten Kampf zwischen Gut und Böse
bedienen, könnten ebenfalls eine wachsende Bedrohung darstellen. Sie sind um so gefährlicher, wenn
sie Zugang zu Geld und Technologie haben.
Die Vereinigten Staaten unternehmen viel zur Bekämpfung des Terrorismus:
Unsere Politik besteht darin, alle Terroristen, ungeachtet ihrer Zugehörigkeit, unermüdlich aufzuspüren
und zu bestrafen, wobei wir uns einer Kombination aus
Mitteln der Strafverfolgung, Diplomatie und Nachrichtendienste bedienen. Wir konnten die für den
Anschlag auf das World Trade Center verantwortlichen
Terroristen, die Verschwörer - darunter Scheich Abdul
Rahman -, die den Holland Tunnel in New York, das
Gebäude der Vereinten Nationen und verschiedene
Bundesbehörden in New York in die Luft sprengen
wollten, und die Gang, die Anschläge auf amerikanische Flugzeuge über dem Pazifik plante, ihrer

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gerechten Strafe zuführen, was echte Erfolgsgeschichten sind.
Wir machen Terroristen gegenüber keine Zugeständnisse. Wir weigern uns, den Forderungen nach
politischen Konzessionen oder Lösegeld nachzugeben.
Wir identifizieren Staaten, die den Terrorismus fördern,
verhängen Wirtschaftssanktionen gegen sie und bitten
unsere Freunde, ebenso zu handeln. In einer an
unsere europäischen Verbündeten gerichteten Rede in
Stuttgart äußerte der damalige Außenminister Christopher: "Die Zusammenarbeit gegen dem Terrorismus
Vorschub leistende Staaten ist ein Gebot, keine
Option.... Unser auf Prinzipien gegründetes Engagementfürfreien Handel verpflichtet uns nicht, Geschäfte
mit aggressiven Tyranneien wie Iran und Libyen
abzuschließen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln,
um durch wirksame multilaterale Maßnahmen diesen
verbrecherischen Regimen die Mittel zu verweigern,
nach denen sie streben."
Die Vereinigten Staaten betonen die Rechtsstaatlichkeit beim Umgang mit Terroristen und bestehen
darauf, daß Terrorismus ungeachtet seiner Motive
oder Gründe ein Verbrechen ist, für das es keine
mildernden Umstände gibt. Durch die Stärkung der
amerikanischen Gesetze zur Terrorismusbekämpfung
und die aggressive Förderung internationaler Verträge
und Konventionen gegen den Terrorismus, von denen
es derzeit 10 gibt, führen wir einen weltweiten Trend
zur Anwendung des Gesetzes als unserer effektivsten
Waffe gegen Terroristen an.
Hinzuzufügen ist:
Wir verfügen über herausragende militärische Mittel,
die wir einsetzen können, wenn außergewöhnliche
Situationen das erfordern.
Da Terroristen im Dunkeln operieren, investieren wir in
großem Maße in die Sammlung und Analyse nachrichtendienstlicher Informationen.
Das Büro für diplomatische Sicherheit im Außenministerium bildete im Rahmen des Hilfsprogramms
zur Terrorismusbekämpfung mehr als 18.000 Beamte
aus über 80 Ländern in Terrorismusbekämpfungstechnik und Flugsicherheit aus.
Wir haben ein wirkungsvolles Forschungs- und
Entwicklungsprogramm im Bereich der Technologie für
die Terrorismusbekämpfung, insbesondere für das
Aufspüren von Sprengstoffen.
Und schließlich ist die Zusammenarbeit mit anderen
Staaten unerläßlich, um Terroristen Einhalt zu gebieten, denn der Terrorismus wird ein zunehmend
transnationales Phänomen. Aus diesem Grund hat

Seite 3

�Präsident Clinton der Terrorismusbekämpfung auf
unserer diplomatischen Agenda hohe Priorität eingeräumt. Wir beraten uns jährlich mit Dutzenden von
Regierungen und fördern multilaterale Aktionen wie
den Friedensgipfel von Scharm-el-Scheich, die
Folgetreffen zur Terrorismusbekämpfung in Washington und die G-7-Ministerkonferenz über Terrorismus in
Paris.

*

Seite 4

Wir können stolz auf unsere unter Einsatz dieser
Maßnahmen und Instrumente erzielten Erfolge sein.
Aber wir dürfen nicht selbstgefällig sein, denn der
Terrorismus ist ein bewegliches Ziel.

*

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�FRAUEN
23. Juli 1997

Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive
Rede von Seth Winnick

GENF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Vertreters der Vereinigten Staaten
beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen in Genf vom 9. Juli 1997.

Herr Präsident,
ich danke für diese Gelegenheit, vor dem Wirtschaftsund Sozialrat das wichtige Thema der Integration der
geschlechtsspezifischen Perspektive ansprechen zu
dürfen.
Wir möchten dem Sekretariat für die ausgezeichnete
Dokumentation für diesen Tagesordnungspunkt
danken. Als wir an der Umsetzung der Erklärung von
Peking und der Aktionsplattform arbeiteten, stellten wir
fest, daß wir als ersten Schritt Richtlinien für die
Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive in
alle Maßnahmen und Programme des UNO-Systems
benötigen. Das Papier des Sekretariats enthält mit
seiner klaren Definition der Integration und der nötigen
praktischen Schritte dafür diese ersten Richtlinien.
Die Vereinigten Staaten stimmen mit der Analyse des
Sekretariats überein, daß Integration folgendes
erfordert:
Engagement auf höchster Ebene.
Eine klare politische Aussage begleitet von institutionellen Strategien.
Rechenschaftspflicht oder Anreize zur Verstärkung der
Bedeutung von Integration.
Die Erkenntnis, daß geschlechtsspezifische Themen in
Bereichen angesprochen werden müssen, die traditionell als technisch oder geschlechtsneutral angesehen
werden.

Gruppen, die über die technische Kapazität verfügen,
Anleitung zu geben und die Integration der Geschlechter vehement voranzutreiben.
Es muß dafür gesorgt werden, daß diese Gruppen
oder zentralen Anlaufstellen nicht zum einzigen
Bereich der Organisation werden, der sich mit geschlechtsspezifischen Fragen befaßt. Sollte dies
geschehen, werden die Gruppen selbst zu Instrumenten der Ausgrenzung.
In den Vereinigten Staaten arbeiten wir an der Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive in
der gesamten Bundesregierung. Im August 1995
richtete Präsident Clinton einen interministeriellen Rat
für Frauenfragen ein um sicherzustellen, daß die
Vereinigten Staaten die Erklärung von Peking und die
Aktionsplattform umsetzen. Außenministerin Albright
ist die Vorsitzende des Rats und First Lady Hillary
Rodham Clinton die Ehrenvorsitzende. Gesundheitsministerin Donna Shalala, die erste Vorsitzende des
Rats, beteiligt sich aktiv an seiner Arbeit. Der Rat setzt
sich aus hohen Vertretern aller Bundesbehörden
zusammen.
Der Hauptgrund für den Erfolg des Rats ist wahrscheinlich sein Engagement auf höchster Ebene. Er
sendet die Botschaft an alle Ebenen der Regierung,
daß die Umsetzung der Dokumente von Peking wichtig
ist und nicht ignoriert werden darf.
Während der ersten anderthalb Jahre seines Bestehens konzentrierte sich der Rat auf die Durchführung
von Veränderungen in jeder einzelnen Behörde der
US-Regierung durch folgende Maßnahmen:

Mitarbeiterkapazitäten für die Integration.

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�Analyse der aktuellen und vorgesehenen Projekte und
Programme, um sie gegen die Ziele der Aktionsplattform abzuwägen.
Identifizierung neuer Initiativen, mit deren Hilfe staatliche Behörden das Leben von Frauen und Mädchen
verbessern könnten;
Einführung weitreichender Veränderungen bei ihren
Programmen und Operationen um sicherzustellen, daß
die Ziele von Peking integraler Bestandteil des täglichen Geschäftslebens werden.
Vor kurzem begann der Rat mit der Einrichtung
interministerieller Arbeitsgruppen, damit der Wandel in
der gesamten Bundesregierung wirksam wird. Gestatten Sie mir, hierfür drei Beispiele zu nennen:
Geschlechterfragen und institutioneller Wandel
Das Amt für internationale Entwicklung (AID), das bei
der Durchsetzung eines Aktionsplans für die Gleichstellung der Geschlechter an vorderster Front der
amerikanischen Behörden steht, leitet eine Arbeitsgruppe zur Prüfung der Frage, wie geschlechtsspezifische Perspektiven in seine Arbeit integriert werden
können. Ziel der Arbeitsgruppe ist die Gewährleistung,
daß positive Veränderungen - insbesondere im
Hinblick auf die Integration - zu einem festen Bestandteil der Institution werden und nicht so leicht wieder
zunichte gemacht werden können.
Geschlechtsspezifische Datentrennung
Unter Leitung des Landwirtschaftsministeriums befaßt
sich eine Arbeitsgruppe mit der geschlechtsspezifischen Trennung und Analyse von Daten. Dies
entspricht der Ansicht des Generalsekretärs, daß
Geschlechterfragen in Bereichen untersucht werden
müssen, die traditionell als technisch oder geschlechtsneutral angesehen wurden. Obwohl viele
amerikanische Behörden einige Daten nach Geschlecht trennen, gibt es keine einheitliche Politik der
Regierung. Die Arbeitsgruppe bewertet die derzeitige
Situation und prüft Gesetze oder Vorschriften über die
Sammlung und Analyse von Daten.

*

Seite 2

Mentorenarbeit
Unter Leitung des Bildungsministeriums befaßt sich
eine Arbeitsgruppe mit Mentorenarbeit, um sicherzustellen, daß junge Menschen an der Umsetzung der
Beschlüsse von Peking mitwirken. Diese Arbeitsgruppe soll herausfinden, an welchen Arten von
Mentorenprogrammen sich die einzelnen Behörden
beteiligen, welche nachahmenswert sind, welche
neuen Aktivitäten ermutigt werden sollten und wo es
möglich sein könnte, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen Organisationen Mentorenprogramme zu entwerfen und umzusetzen.
Der interministerielle Rat des Präsidenten für Frauenfragen erwartet die Gründung zusätzlicher Arbeitsgruppen in diesem Jahr.
Vor Peking wurden wir oft daran erinnert, daß die
Vorbereitung der Vierten Weltfrauenkonferenz wichtiger sei als die Konferenz selbst - daß die Überprüfung
und Neubewertung des Status der Frau und die
Verpflichtung zur Erlangung von Gleichberechtigung
bis zum Jahr 2000 auch außerhalb der Konferenz
wertvoll ist. In diesem Tenor ist die Umsetzung der
Erklärung von Peking und der Aktionsplattform von
größter Bedeutung.
Obwohl "Integration der geschlechtsspezifischen
Perspektive" nicht poetisch klingt und wahrscheinlich
auch keine Schlagzeilen machen wird, gehört sie zu
den wesentlichsten und dauerhaftesten Aktionen, die
wir ergreifen können. Durch die Integration der
geschlechtsspezifischen Perspektive im gesamten
UNO-System, allen Maßnahmen und Programmen - ob
sie sich mit Armut, Bildung und Ausbildung, Gesundheit, Gewalt, bewaffneten Konflikten, der Wirtschaft,
Macht und Entscheidungsfindung, Menschenrechten,
der Umwelt oder Kindern befassen - werden wir
sicherstellen, daß jede Politik und jedes Programm auf
eine Art und Weise konzipiert, entwickelt und umgesetzt wird, die für alle Männer und Frauen von Vorteil
ist.
Vielen Dank, Herr Präsident.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Polen wird Wegbereiter für Freiheit und Sicherheit &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in Warschau&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gründe für die NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von Abteilungsleiter Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wichtigste Punkte des UNO-Reformpakets&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schritte zu einer effektiveren, effizienteren UNO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reformpaket für die UNO ist "bedeutsamer Schritt"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Bill Richardson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten unterstützen UNO-Reform&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Princeton Lyman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutschland ist der Anker eines geeinten Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung von John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Terrorismus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Terrorismus bleibt globales Thema&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Philip Wilcox, Jr.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Integration der geschlechtsspezifischen Perspektive&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Seth Winnick&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
6. August 1997

15

USA-DEUTSCHLAND

BESUCH VON BUNDESPRÄSIDENT HERZOG
IN DEN USA
Erklärung des Weißen Hauses

ABSCHIEDSREDE
von J.D. Bindenagel

NATO

COHEN ERÖRTERT GRUNDE FÜR DIE NATOERWEITERUNG
Rede des Verteidigungsministers

BOSNIEN

DIE IMPLEMENTIERUNG DES DAYTONER
ABKOMMENS
Übersicht des US-Außenministeriums

HANDEL

AMERIKANISCH-EUROPAISCHE WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Rede von Jeffrey Lang

UMWELT

ENTWICKLUNGSLÄNDER MÜSSEN EBENFALLS TREIBHAUSGASE REDUZIEREN
Rede von Staatssekretär Timothy Wirth

ZIVILANGELEGENHEITEN

BETRACHTUNGEN DER ZUKUNFT
von H. Allen Holmes

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND
6. August 1997

Besuch von Bundespräsident Herzog in den USA
Erklärung des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Erklärung des Pressesprechers des Weißen
Hauses aus Anlaß des Staatsbesuchs von Bundespräsident Roman Herzog in den Vereinigten Staaten, in
dessen Rahmen er am 24. Juli 1997 mit Präsident Clinton zusammentraf.

Zusammenkunft Präsident Clintons mit Bundespräsident Herzog

in der Ukraine und die Stärkung der Partnerschaft
zwischen der NATO und der Ukraine hin.

Präsident Clinton empfing heute Bundespräsident
Herzog im Weißen Haus. Die beiden Präsidenten
führten im Oval Office ein Gespräch, dem ein Arbeitsessen im Old Family Dining Room folgte.

Die Präsidenten waren sich über die Notwendigkeit
einer beschleunigten Implementierung des Daytoner
Abkommens in Bosnien einig, wobei der Rückkehr der
Flüchtlinge besonderes Gewicht zukommt.
Sie
berieten sich über die Bestrebungen Deutschlands und
der Vereinigten Staaten zur Vergrößerung der Chancen von Minderheiten und zur Förderung ethnischer
Toleranz.

Die beiden Präsidenten stimmten im Hinblick auf die
grundlegende Bedeutung der Partnerschaft zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten überein. Sie
bekräftigten ihr gemeinsames Engagement für die
Erlangung von Demokratie und Freiheit in ganz Europa
sowohl durch die Erweiterung der NATO und der
Europäischen Union um die neuen Demokratien
Zentral- und Osteuropas als auch durch die Förderung
der Demokratie in Rußland. Ferner wiesen sie auf die
Bedeutung der Unterstützung von Wirtschaftsreformen

In Anerkennung der Anwesenheit mehrerer renommierter Privatpersonen in der deutschen Delegation
unterstrichen die Präsidenten auch den Wert von
persönlichen Kontakten, Austauschprogrammen und
Besuchen von Parlamentariern für die Stärkung der
engen Bande der Freundschaft zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.

* * * * *

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�USA-DEUTSCHLAND
6. August 1997

Abschiedsrede
von J.D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 17. Juli 1997 im Gästehaus der Landesvertretung Berlin
gehaltene Abschiedsrede von Charge dAffaires J.D. Bindenagel.

Herr Bundesminister Bohl, Frau Staatssekretärin
Boucsein, liebe Freunde,
mein fünfter Abschied von Deutschland gibt mir die
Gelegenheit, meine letzten drei Jahre in Bonn Revue
passieren zu lassen und - wenn Sie gestatten - ein
paar Worte über die ersten 25 Jahre meiner Tätigkeit
in drei Deutschlands zu sagen.
Als ich vor drei Jahren nach Deutschland kam,
verabschiedeten wir die Berlin Brigade, die nahezu 50
Jahre lang in Berlin Wache gestanden hatte. Die
Europäer arbeiteten an der Wiederherstellung des
Friedens in Bosnien ohne die amerikanischen Streitkräfte oder die Bundeswehr.
Wir unternahmen
Bestrebungen zur Verstärkung der wirtschaftlichen und
kulturellen Präsenz der Vereinigten Staaten in den
neuen Bundesländern und riefen deutsch-amerikanische "Neue Traditionen" in Berlin ins Leben. Wir
hatten gerade mit dem Aufbau einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur mit neuen NATO-Mitgliedern begonnen, ebenso wie dem Entwurf einer
Grundakte zwischen der NATO und Rußland sowie
der NATO und der Ukraine und internen Anpasssungen der Befehlsstruktur des Bündnisses.
Heute, nur wenige Tage nach dem NATO-Gipfel in
Madrid, steht die europäische Sicherheit auf einer
neuen, soliden Grundlage. Auf dem Balkan mag der
Frieden noch nicht Fuß gefaßt haben, aber wenn das
der Fall sein wird, haben die Bundeswehr und die
amerikanischen Streitkräfte dazu beigetragen.
Lassen Sie mich hier noch ein paar Worte über die
bedeutende Rolle Deutschlands in der NATO sagen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges und der Vereinigung Deutschlands wurde immer deutlicher, daß

AMERIKA DIENST 15

die Bundesrepublik zusammen mit den anderen
Bündnismitgliedern Streitkräfte zu diesen Krisenreaktions- und Friedenssicherungsbestrebungen beisteuern kann und sollte, wenn die Stabilität in Europa
in Gefahr ist. Das Bundesverfassungsgericht hat
bewundernswürdig klare Richtlinien dafür gegeben,
wie die Bundeswehr in solchen Situationen eingesetzt
werden darf, und wir respektieren die Notwendigkeit,
daß das Militär ein Mandat vom Bundestag erhält. Die
erfolgreiche Beteiligung der Bundeswehr an der IFOR
und der SFOR zeigt, daß Deutschland in eine neue
Rolle hineinwächst.
Im wirtschaftlichen Bereich der "Neuen Traditionen"
sind die Vereinigten Staaten zum größten ausländischen Investor in den neuen Bundesländern geworden. Die Botschaft hat in enger Zusammenarbeit mit
der American Chamber of Commerce drei amerikanische Wirtschaftskonferenzen in Leipzig, Weimar und
Erfurt sowie Potsdam veranstaltet. Für Oktober ist
eine weitere in Dessau geplant. Wir arbeiten gemeinsam an der Bereitstellung von Chancen für amerikanische und deutsche Unternehmen im Telekommunikations- und Energiesektor,
einschließlich
der
amerikanischen Beteiligung an der BEWAG in
Berlin.
Und da Berlin nicht nur Hauptstadt ist, sondern auch
Sitz der Regierung wird, sehen wir dem Umzug
unserer Botschaft an den Pariser Platz neben dem
Brandenburger Tor erwartungsvoll entgegen. Unser
Umzug nach Berlin symbolisiert unsere Bestrebungen,
die amerikanische Präsenz in Deutschland an neue
Gegebenheiten hier anzupassen. Auf kulturellem
Gebiet werden amerikanische Institutionen wie die
neue Amerikanische Akademie und die Fulbright-

Seite 1

�Kommission neben dem Aspen Institute ihren Sitz in
Berlin haben.
Obwohl Wandel in der Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges zum Schlagwort geworden ist, hat sich die aus
dem Fall des Kommunismus resultierende tiefgreifende
Umgestaltung in Europa und Amerika als ziemlich
beunruhigend erwiesen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Geschichte - die fünf Jahrzehnte
lange Geschichte der deutsch-amerikanischen
Zusammenarbeit - uns eine hervorragende Basis zur
Bewältigung dieser Herausforderungen bietet. Die
Stärke unserer Beziehungen liegt in unserer Verpflichtung zur Demokratie.
Die Bundesrepublik
Deutschland kann mit ihrer Ablehnung von Totalitarismus und Unterstützung der Demokratie voll Stolz
auf ihre Geschichte zurückblicken, während sie sich
den Herausforderungen der Zukunft stellt.

Verpflichtung zu ewiger Wachsamkeit, sie zu schützen,
verbinden Amerikaner und Deutsche jetzt und für
immer.
Als Enkel eines Präriepioniers und ausgewandertem
Pommer, der in mir ein starkes Gefühl für die Werte
der Prärie und ein preußisches Pflichtbewußtsein
weckte, bin ich stolz, diese erste Hälfte meiner Laufbahn an vielen der wichtigsten politischen Entwicklungen in Deutschland beteiligt gewesen zu sein. Mein
Schicksal ist es, ein Amerikaner in Deutschland zu
sein. Ich beklage mich nicht. Es ist ein großartiges
Schicksal, weil ich es mit vielen von Ihnen teilen kann.
Ich habe mein erstes Vierteljahrhundert deutschamerikanischer Tätigkeit sehr genossen:
ob in Bremen, wo meine Frau herausfand, daß
ihr Vorfahr kurz vor dem amerikanischen
Bürgerkrieg bremischer Konsul in Philadelphia
gewesen war und wo die "Grünen" zum ersten
Mal in eine Bürgerschaft gewählt wurden;

Ein geschätzter Freund von mir ließ sich kürzlich auf
eine Auseinandersetzung mit mir über meinen Versuch
ein, die zeitgenössische Geschichte Deutschlands und
die Differenzierung zwischen meinen eigenen Aufgaben in den drei Deutschlands unter dem Begriff
"Berliner Republik" zusammenzufassen. Der Begriff
"Berliner Republik", von meinem Freund Daniel
Hamilton 1994 bei der Carnegie-Stiftung geprägt, wird
sicherlich weiter diskutiert.

oder in Bonn während der unruhigen Zeit der
großen Demonstrationen gegen Bundeskanzler Kohls Entscheidung zur Stationierung von
Pershing-Raketen;
oder in der Studiengruppe "Deutschland und
Amerika" des Aspen Institute, in der ich zahlreiche Freundschaften schloß, darunter die zu
Hildegard Boucsein, Wolfgang Ischinger,
Dieter Spöri und vielen anderen;

Wir haben alle die politischen Debatten der vergangenen drei Jahre beobachtet oder uns daran beteiligt, bei
denen die politischen Entscheidungsträger von
geopolitischen Kräften, der Geschichte und den
demokratischen Prinzipien hin- und hergerissen
wurden, während sie versuchten, dieses neue
Deutschland in einem neuen Europa zu definieren.
Symbolischerweise repräsentiert Berlin alle drei
Elemente dieser dynamischen politischen Diskussion
über Maßnahmen für das neue Europa. Geographisch
liegt Berlin näher an Osteuropa und Rußland. Historisch war es die Hauptstadt der preußischen Hegemonie sowie der Nazi- und SED-Diktatur.
Für Amerikaner ist Berlin das Berlin des Kalten Krieges
und die Verkörperung unseres gemeinsamen Kampfes
für Freiheit. Wir kennen die Geschichte des Kalten
Krieges, weil es unsere gemeinsame Geschichte ist die Luftbrücke, der Aufstand des 17. Juni, die Berliner
Mauer, John Kennedy, das Viermächteabkommen,
Präsident Reagans Appell an Präsident Gorbatschow,
die Berliner Mauer niederzureißen, die demokratische
Revolution von 1989 und die Vereinigung Deutschlands. Aus der Bonner Republik heraus wurde das
vereinte Deutschland in Freiheit geboren. Unser
gemeinsames Engagement für Freiheit und unsere

*

Seite 2

*

oder in Ostberlin, als die Deutschen in der
DDR die Berliner Mauer niederrissen und
meine Teilnahme an den Gesprächen ermöglichten, die zur Vereinigung Deutschlands
führten;
oder wiederum in Bonn als "amtierender"
amerikanischer Botschafter oder Charge
d'Affaires ad infinitum.
Bald ist es an der Zeit für mich, Ihnen und Deutschland
erneut "Auf Wiedersehen" zu sagen. Jean und ich
gehen mit vielen schönen Erinnerungen an unsere Zeit
in allen drei Deutschlands. Und wir ergeben uns
glücklich in unser Schicksal. Mein Wunsch ist: Mögen
diese beruflichen und persönlichen amerikanischen
Verbindungen zu Deutschland immer stark bleiben.
Ihnen möchte ich alles Gute wünschen, und als
geübter Deutschlandwiederkehrer sage ich "Dankeschön und auf Wiedersehen!"

*

*

AMERIKA DIENST 15

�NATO

6. August 1997

Cohen erörtert Gründe für die NATO-Erweiterung
Rede des Verteidigungsministers

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister William Cohen
vor dem Commonwealth Club of California am 21. Juli 1997.

Vor wenigen Jahren, inmitten der Ruinen des sowjetischen Imperiums und der Trümmer der Berliner Mauer
schrieb Francis Fukayama, daß der Lauf der
Geschichte zu Ende gehe und der wirtschaftliche und
politische Liberalismus des Westens die Welt als neue
universelle Kultur erfassen würde. Seine These wurde
von einem südafrikanischen Akademiker namens
Peter Vale etwas umgangssprachlicher aufgegriffen,
der kommentierte: "Freut Euch, meine Freunde, oder
weint aus Trauer. Was Kalifornien heute ist, wird die
Welt morgen sein."

Diese Vision zu untermauern ist die unerläßliche
Voraussetzung für ein weiteres Engagement der
Vereinigten Staaten in internationalen Angelegenheiten
und zur Einflußnahme auf die Aktionen anderer Freunde und Feinde - die unser nationales Wohlergehen beeinflussen können. Heute gibt es einige,
die unseren Rückzug aus der Welt wünschen und die
zentralen Lektionen dieses Jahrhunderts vergessen:
Wenn Amerika die Probleme der Welt vernachlässigt,
legt die Welt häufig ihre Probleme vor Amerikas
Türschwelle.

Obwohl Fukayama Unrecht hatte, trifft es zu, daß wir
heute wirklich an einem Wendepunkt in der Geschichte
stehen. Auf der einen Seite der Welt bieten sich
enorme Chancen mit florierenden Märkten, atemberaubenden Technologien und mutigen neuen Demokratien. Aber auf der anderen Seite der Welt gibt es
beunruhigende neue Gefahren, zunehmende ethnische Konflikte, regionale Aggressoren und Terrorismus. Und wir - die Vereinigten Staaten - stehen vor
der Herausforderung, über die Denkweise der Zeit
nach dem Kalten Krieg hinauszugehen und uns für ein
neues Jahrhundert neu zu orientieren. Wir müssen
Amerikas Vision für dieses neue Jahrhundert artikulieren und dann auf ihre Verwirklichung hinarbeiten - von
den neuen Chancen profitieren und neue Gefahren
vermeiden.

Diese Lektion wurde von der Generation von Amerikanern gut verstanden, die den Zweiten Weltkrieg
gewonnen hatten. Diese Generation artikulierte eine
Vision für Frieden und Stabilität in Europa und der
asiatisch-pazifischen Region. Auf beiden Kontinenten
gründete diese Vision auf der Prämisse, daß Amerika
nicht nur mit starken Streitkräften vorne stationiert,
sondern auch ein Amerika war, das eine helfende
Hand reichte und den Wiederaufbau besiegter Feinde
wie Deutschland und Japan anstrebte.

Als Verteidigungsminister kann ich Ihnen sagen, daß
die Sicherheitsvision der Vereinigten Staaten für
dieses neue Jahrhundert ziemlich einfach ist: Wir
streben eine Welt an, in der es mehr Stabilität in mehr
Regionen, mehr Demokratie und mehr Wohlstand in
mehr Nationen und daher weniger Bedrohungen der
amerikanischen Interessen gibt.

AMERIKA DIENST 15

Heute besteht die beste Art, in der wir diese Generation des Zweiten Weltkriegs ehren können, in der
Vollendung der globalen Vision für Frieden, die sie
artikulierte - sowohl in Europa als auch in der
asiatisch-pazifischen Region. Damit würden wir auch
der ersten Generation des nächsten Jahrhunderts ein
großes Geschenk machen.
Dieser wichtigen Aufgabe wurde durch die Tatsache
noch mehr Bedeutung verliehen, daß die Technologie
die Welt miniaturisiert und die riesigen Ozeane, die an
unsere Küsten schwappen, zu bloßen Teichen gemacht hat. Heute können wir uns nicht einfach in

Seite 1

�einen kontinentalen Kokon einspinnen und die Entfaltung der Welt auf CNN beobachten.
Vor Jahrhunderten entdeckte Archimedes das Geheimnis der Hebelwirkung und erklärte: "Gebt mir
einen Ort, an dem ich stehen kann, und ich werde die
Welt bewegen." Heute hat die Geschichte den
Vereinigten Staaten einen Ort gegeben, an dem sie
stehen können. Wenn wir unsere Ideale, unsere
Diplomatie und unsere militärische Macht als Hebel
einsetzen, haben wir die einzigartige Chance, die Welt
zu bewegen, nicht nur zum Besseren der anderen,
sondern zu unserem eigenen Besseren.
In der Tat ist es unsere Pflicht und unser Schicksal,
diesen Hebel anzusetzen und sowohl die atlantische
als auch die pazifische Region in die Gestaltung eines
neuen Jahrhunderts einzubeziehen.
Ein neues
Jahrhundert, das nicht durch Konflikte, sondern
Zusammenarbeit definiert ist. Nicht durch seine
Gefahren, sondern seine Versprechen.
In der asiatisch-pazifischen Region Archimedes zu
sein, bedeutet eine Stärkung des amerikanischjapanischen Sicherheitsbündnisses - wie wir es mit
unseren andauernden Verhandlungen tun, um es an
die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen - und sicherzustellen, daß es weiterhin eine
beruhigende Kraft für Frieden und Stabilität in der
gesamten Region ist.
Es bedeutet die Bewahrung eines starken Bündnisses
mit der Republik Korea, die Einsatzbereitschaft für
einen Spannungsfall in absehbarer Zukunft und die
Bereitschaft zur Förderung unserer gemeinsamen
Interessen auf lange Sicht, selbst nach Beendigung
der Teilung der Halbinsel.
Es bedeutet die Erweiterung unserer Beziehungen zu
Freunden und Verbündeten in Südostasien - der
Region, die bald anstelle von Europa unser zweitgrößter Exportmarkt sein wird und von wachsender
Bedeutung für die amerikanische Sicherheit ist.

Im Juni 1947, als das vom Krieg zerstörte Europa den
Wiederaufbau versuchte, wagte Marshall, sich Europa
als einen neuen Kontinent vorzustellen - geheilt,
ungeteilt und frei - im Frieden mit sich selbst und der
Welt und mit Amerika über eine Brücke der Hilfe,
Hoffnung und des gemeinsamen Erbes verbunden.
Marshalls Vision wurde zum Marshallplan. Die Hälfte
Europas nahm den Plan an und baute starke Demokratien, starke Volkswirtschaften und ein starkes
Bündnis namens NATO auf. Aber der anderen Hälfte
Europas wurde der Marshallplan verweigert, als
Joseph Stalin den Eisernen Vorhang auf Amerikas
helfende Hand fallen ließ.
Vor zwei Wochen unternahmen die Vereinigten
Staaten und ihre europäischen Verbündeten in Madrid
historische Schritte zur Vollendung von Marshalls
Vision.
Erstens bekräftigte die NATO ihre Verpflichtung zur
Entwicklung echter Zusammenarbeit mit Rußland und
der Ukraine. Die im Mai unterzeichnete Grundakte mit
Rußland und die in Madrid unterzeichnete Charta
zwischen der NATO und der Ukraine werden die
NATO auf einen künftigen Kurs der Konsultationen und
Kooperation mit diesen beiden großartigen europäischen Nationen bringen, Moskau ein Mitspracherecht aber kein Vetorecht und keine Stimme - in Brüssel
einräumen und der NATO engere Beziehungen zu
einer Ukraine ermöglichen, die rasch zu einem Modell
für die Förderung paneuropäischer Zusammenarbeit
wird. Gemeinsam widerlegen diese beiden Dokumente entschieden das Argument, daß die NATO-Erweiterung "neue Trennlinien" in Europa schafft.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, als ich direkt
nach dem Gipfel von Madrid nach Lviv reiste, um an
einer Übung der Partnerschaft für den Frieden mit
Streitkräften der Vereinigten Staaten, der Ukraine und
neun anderen Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts teilzunehmen, die alle zusammenkamen, wo
einstmals das größte sowjetische militärische Übungsgelände war.

In der asiatisch-pazifischen Region Archimedes zu
sein bedeutet auch, eine Strategie des Engagements
für China zu verfolgen: Zusammenarbeit mit China,
wenn möglich, Meinungsverschiedenheiten, wenn
nötig, und alles in unserer Macht Stehende zur
Gewährleistung einer Zukunft zu tun, in der China
einen Beitrag zu wirtschaftlichem Aufschwung, Kooperation und Vertrauen leistet, die sich jetzt im pazifischen Becken abzeichnen.

Sie sollten wissen, daß die amerikanischen Streitkräfte
der kalifornischen Nationalgarde angehörten, die eine
Partnerschaft mit den Streitkräften der Ukraine geschlossen hat. Es war ein wirklich erhebender Anblick.
Auf Boden, der einst unter dem Tritt der Truppen aus
einer Hälfte Europas erbebte, die für einen Krieg mit
der anderen Hälfte übten, kamen Streitkräfte aus ganz
Europa zusammen, um für den Frieden zu üben.

Auf der anderen Seite des Globus - über den Atlantik
hinweg in Europa - bedeutet die Rolle des Archimedes,
daß die Vereinigten Staaten zusammen mit ihren
NATO-Verbündeten den Traum vollenden, von dem
George Marshall als Erster sprach, als er vor 50
Jahren zum Podium in Harvard schritt.

Aber natürlich war der größte von der NATO in Madrid
zur Vollendung von Marshalls Vision unternommene
Schritt die Einladung an drei neue Demokratien Polen, Ungarn und die Tschechische Republik - zur
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, die zur Vollmitgliedschaft in der NATO führen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 15

�Durch die Entscheidung für diese drei Länder erkannte
das Bündnis die enormen Fortschritte an, die diese
beim Aufbau ihrer neuen Demokratien, der Öffnung
ihrer Volkswirtschaften und Modernisierung ihrer
Streitkräfte erzielt haben. Die NATO machte in Madrid
aber auch vollkommen deutlich, daß die ersten neuen
Mitglieder nicht die letzten sein werden. Die Tür zur
NATO-Mitgliedschaft muß und wird für alle offen
bleiben, die zur Übernahme der mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten in der Lage sind.
Als Präsident Clinton, Außenministerin Albright und ich
in den Tagen nach dem Madrider Gipfel den europäischen Kontinent bereisten, überbrachten wir sowohl
den für eine Mitgliedschaft ausgewählten Nationen als
auch den anderen, die noch den Weg vor sich haben,
die Botschaft, daß die mit der NATO-Mitgliedschaft
einhergehenden Pflichten tatsächlich sehr groß sind.
Erweiterung bedeutet die Ausweitung der feierlichsten
Garantien, die eine Nation abgeben kann - die Verpflichtung zur Gewährleistung der Sicherheit eines
anderen Landes. Daher unterstrichen der Präsident,
die Außenministerin und ich in Warschau, Prag und
Budapest, daß der Beitritt zum Bündnis bedeutet,
einen Beitrag zur Sicherheit zu leisten und nicht nur ihr
Nutznießer zu sein. Wir betonten die Notwendigkeit für
diese Länder, die Modernisierung ihrer Streitkräfte
fortzusetzen und sie mit denen der NATO interoperabel zu machen. Ich kann Ihnen versichern: Ich
habe keinen Zweifel, daß zum Zeitpunkt des Beitritts
dieser drei Nationen zum Bündnis im Jahr 1999 die
Hinzufügung ihrer Streitkräfte die NATO nicht nur
größer, sondern auch stärker machen wird.
Die Vorteile einer größeren, stärkeren NATO sind
enorm - sowohl für Europa als auch für Amerika.
Wir brauchen nur in die Geschichtsbücher zu schauen
um zu sehen, daß Amerika sicherer ist, wenn Europa
sicher ist. Und wenn der Frieden in Europa bedroht ist,
dann ist er das auch in Amerika. Präsident Clinton
erklärte bereits im Mai, daß das Schicksal Europas
und die Zukunft Amerikas untrennbar miteinander
verbunden sind.
Zweimal in diesem Jahrhundert haben Tausende von
Amerikanern für die Verteidigung der Freiheit in
Europa gekämpft und sind dafür gestorben. In den
letzten 50 Jahren floß jedoch kein amerikanisches Blut
mehr bei einem Krieg in Europa. Der Grund dafür ist
die NATO. Außenministerin Albright erklärte: "Wir
haben gelernt, daß Bündnisse die Androhung von
Gewalt glaubwürdiger machen und daher der Einsatz
von Gewalt weniger wahrscheinlich ist - daß durch die
Zusage, falls nötig zu kämpfen, es weniger nötig wird,
zu kämpfen."

NATO-Erweiterung wird dazu beitragen, Bedrohungen
dieser Interessen abzuschrecken. Sie beinhaltet das
Wissen, daß eine Ausweitung der Freiheit eine
Gewährleistung der Freiheit ist. Und sie wird die
künstlichen Trennlinien, die den Kontinent teilten,
durch ein größeres Sicherheitsfeld ersetzen, das das
Bündnis stärkt und besser in die Lage versetzt, den
Frieden zu schützen und zukünftige Kriege zu verhindern.
Der zweite Grund für die NATO-Erweiterung besteht in
der Verteidigung der europäischen Errungenschaften
bei Demokratie und Wohlstand. Eine erweiterte NATO
kann für ganz Europa das leisten, was die NATO
bereits für Westeuropa getan hat: Gewährleistung von
Sicherheit und Stabilität, damit die neuen Demokratien
prosperieren können, ebenso wie es früher bei
Deutschland, Italien und Spanien geschah.
Diese Sicherheit und Stabilität sind auch die Schlüsselelemente für die Förderung des Wohlstands in den
Vereinigten Staaten und Europa. Die Europa von der
NATO gebotene Stabilität hilft uns nicht nur bei der
Vermeidung der Kosten zukünftiger Kriege, sondern ist
auch die Grundlage für Investitionen, Handel und
Wirtschaftswachstum, die Amerikanern und Europäern
gleichermaßen zugute kommen - von Berkeley bis
Budapest und darüber hinaus.
Der dritte Grund für die NATO-Erweiterung besteht
darin, auf dem gesamten Kontinent ein Klima des
Friedens zu schaffen, örtliche Rivalitäten zu verhindern, Anreize für einen Rüstungswettlauf zu vermindern und ein Gebiet des Vertrauens und der
Zusammenarbeit zu schaffen, in dem die Mitglieder
ihre Differenzen durch Verhandlungen anstatt durch
Konfrontation lösen können.
Allein die Aussicht auf eine Erweiterung war während
der letzten Jahre eine mächtige Kraft für Frieden und
veranlaßte die Länder zur dramatischen Verbesserung
der Beziehungen zu ihren Nachbarn und Umstrukturierung ihrer Militärs unter demokratischer ziviler Kontrolle. Diese Dynamik bewirkte die Beilegung alter
Streitigkeiten zwischen Polen und Litauen, Polen und
der Ukraine, Ungarn und Rumänien, Italien und
Slowenien sowie Deutschland und der Tschechischen
Republik.
Dies sind dieselben Streitigkeiten, die den Ersten
Weltkrieg auslösten, die Hitler ausnutzte, um den
Zweiten Weltkrieg zu beginnen, und die im ehemaligen
Jugoslawien zu dem schlimmsten Morden seit dem
Zweiten Weltkrieg führten. Heute veranlaßt der
Erweiterungsprozeß die Nationen zur Beilegung dieser
Streitigkeiten, damit sie nicht weiter schwelen oder
durch engstirnige Nationalisten geschürt werden
können.

Niemand bezweifelt, daß Amerika in Zentral- und
Osteuropa wichtige Sicherheitsinteressen hat. Die

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�Schließlich wird die NATO-Erweiterung das Unrecht
der Vergangenheit wiedergutmachen und den Nationen Sicherheit und Stabilität bieten, die fünf Jahrzehnte
lang unter der sowjetischen Unterdrückung gelitten
haben. Die NATO nicht zu erweitern, würde einer
Bestätigung der 1945 von Joseph Stalin gezogenen
Trennlinie gleichkommen, für deren Überwindung zwei
Generationen von Amerikanern und Europäern
gekämpft haben. Dadurch würden - mit den Worten
von Außenministerin Albright - "während eines halben
Jahrhunderts auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gebrachte Opfer zunichte gemacht und es
würde eine ständige Quelle für Spannungen im Herzen
Europas geschaffen."
Manche behaupten, trotz dieser Vorteile einer erweiterten NATO wären die Kosten für Amerika einfach
zu hoch - sowohl in finanzieller Hinsicht als auch im
Hinblick auf mögliche Opfer. Das ist einfach nicht
wahr. Den günstigsten Schätzungen des Verteidigungsministeriums zufolge werden sich die direkten
Grenzkosten für die Vereinigten Staaten für den
Zeitraum von 10 Jahren auf 100 bis 200 Millionen
Dollar belaufen. Diese Zahlen könnten sich ändern,
wenn wir ein besseres Verständnis dafür entwickeln,
was benötigt wird, damit neue Mitglieder besser
gemeinsam mit den Streitkräften der NATO operieren
und diese im Krisenfall besser in ihrem Land tätig
werden können. Tatsächlich sind einige unserer
technischen Experten der Ansicht, daß wir die möglichen Kosten überschätzt haben.
Ich kann Ihnen jedoch versichern, daß eine angemessene Verteidigung zwar immer teuer ist, Bündnisse sie
jedoch billiger machen - weil die Kosten geteilt werden
und weil interoperable Streitkräfte effektiver und
effizienter sind. Und ich kann Ihnen versichern, daß
die Kosten der NATO-Erweiterung im Vergleich zu
unseren finanziellen und menschlichen Opfern eines
möglichen Krieges in Europa lächerlich gering sind ein durch Instabilität verursachter Krieg, den wir nicht
verhinderten, weil wir das Bündnis nicht erweiterten.

*

Seite 4

Die Natur der Amerika konfrontierenden Herausforderung jenseits des Atlantiks und des Pazifiks
wurde in einer auf der anderen Seite der Bucht - in
Berkeley - gehaltenen Rede gut dargelegt. Der
Redner stellte fest, "in Europa, ... im Nahen Osten, in
Indonesien, in China, ... in Japan und Korea sind
Charakter und Stärke der (amerikanischen) Führungsrolle in der gegenwärtigen Situation möglicherweise
entscheidend. Sich der Frage durch Passivität zu
entziehen ... würde unsere dominante Führungsposition aushöhlen und uns damit eine sekundäre
Rolle zuweisen - eine Rolle, die jeden von uns zweifelsohne der amerikanischen Grundsätze von Freiheit
und Gerechtigkeit berauben würde, die wir immer mit
allen Mitteln hochgehalten haben." Und ich möchte
hinzufügen, daß sie uns der Früchte des Wirtschaftswachstums berauben würde.
Diese Rede wurde 1948 bei den Feierlichkeiten aus
Anlaß des Jahrestags der Gründung der University of
California von George Marshall in Berkeley gehalten,
als er das Land bereiste, um Unterstützung für seinen
Plan zu gewinnen. Heute finden Marshalls vorausschauende Worte über die Jahrzehnte hinweg bei uns
ihren Widerhall und unterstreichen die Bedeutung, das
Licht der Geschichte hochzuhalten, damit wir auf dem
Weg in die Zukunft nicht stolpern.
Abschließend möchte ich die Äußerung Winston
Churchills bei einem von ihm vor vielen Jahren zu
Ehren des Journalisten Stuart Alsop gegebenen
Abendessens widergeben. Nach dem Essen, als man
Champagner und etwas Brandy getrunken hatte,
erklärte Churchill: "Amerika. Amerika. Ein großartiges
und mächtiges Land. Wie ein starkes Pferd zieht es
die übrige Welt aus dem Morast der Verzweiflung zu
Frieden und Wohlstand." Dann richtete er seine kalten
blauen Augen anklagend auf Alsop und fragte: "Aber
wird Amerika den Kurs halten?" Nahezu fünfzig Jahre
später können wir seine Frage beantworten. Amerika
hat den Kurs gehalten, weil das unsere Pflicht ist. Wir
werden den Kurs halten, weil das unser Schicksal ist.

* * *

*

AMERIKA DIENST 15

�BOSNIEN
6. August 1997

Die Implementierung des Daytoner Abkommens
Übersicht des US-Außenministeriums

(AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht wurde am 1. August 1997 vom Büro des Sondergesandten von
Präsident Clinton und Außenministerin Albright für die Implementierung des Daytoner Abkommens, Robert S.
Gelbard, herausgegeben.

Wichtige Leistungen
Die Kämpfe wurden eingestellt, die verfeindeten
Streitkräfte entflochten und die schweren Waffen
eingelagert.
Das reale Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1995
nahezu verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit ist von 90 auf
50 Prozent gesunken.
Die internationalen Geber führen ein dreijähriges
vorrangiges Wiederaufbauprogramm in Höhe von 5,1
Milliarden Dollar durch.
Die Infrastruktur wird wiederaufgebaut.
Bei den Wahlen im September 1996 wurden neue
nationale, regionale und kantonale Regierungen
gewählt, die jetzt zu funktionieren beginnen.

Ungefähr 150.000 Flüchtlinge sind aus dem Ausland
nach Bosnien und über 160.000 Vertriebene in ihre
Häuser zurückgekehrt.
Das von den Vereinigten Staaten unterstützte Open
Broadcast Network ist zu einem tragfähigen Fernsehnetz geworden.
Der Schiedsspruch von Brcko wurde friedlich umgesetzt, und der internationale Monitor hat seine Arbeit
aufgenommen.
Militärische Stabilität
Die Kämpfe wurden eingestellt und die verfeindeten
Truppen entflochten.
Schwere Waffen wurden unter internationaler Kontrolle
eingelagert und mehr als 2.000 schwere Waffensysteme zerstört.

Die logistischen Vorbereitungen der OSZE für die
diesjährigen Kommunalwahlen verlaufen nach Plan.
2,5 Millionen Wähler sind registriert, und ungefähr
20.000 Kandidaten stellen sich in 136 Kommunen zur
Wahl.

Zunächst die IFOR und dann die SFOR haben den
Frieden mit nur minimalen Verlusten erhalten. Die
Zusammenarbeit vor Ort mit der IFOR/SFOR war
ausgezeichnet.

In der Föderation werden eine gemeinsame Polizei, ein
gemeinsames Militär, ein gemeinsamer Zoll und
integrierte Finanzinstitutionen geschaffen.

Durch eine Kombination von Rüstungskontrolle mit
dem Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm wurde
ein stabiles militärisches Gleichgewicht geschaffen.

Im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms wurde militärisches Gerät im Wert von
über 300 Millionen Dollar für die Bosnische Föderation
beschafft, und es wurden internationale Ausbildungsbestrebungen koordiniert.

Illegale ausländische Streitkräfte wurden aus dem
Land vertrieben, und Bosnien hat die militärische und
nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit dem Iran
und anderen extremistischen Ländern eingestellt.

AMERIKA DIENST 15

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�Das Gesetz über die Verteidigung der Föderation
wurde im Juli 1996 verabschiedet, es wurden Abkommen über die Truppenstruktur der Föderation und
die gemeinsame Befehlsstruktur geschlossen sowie
vertrauensbildende Maßnahmen, beispielsweise die
Einrichtung einer Hotline in den verschiedenen
militärischen Hauptquartieren, durchgesetzt.
Wirtschaftswachstum
Das reale Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1995
nahezu verdoppelt. Für 1997 wird ein Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts von ungefähr 30 Prozent
erwartet. (Der Großteil des Wirtschaftswachstums
findet in der Föderation statt.)

Das Amt hofft, bis Ende dieses Jahres 10 Millionen
Dollar monatlich als Anleihe zur Verfügung stellen zu
können.
Bis Ende 1997 werden im Rahmen des Programms
von AID für städtische Infrastruktur und Dienstleistungen größere Projekte in mehr als 38 Kommunen
abgeschlossen und über 10.000 neue Arbeitsplätze
geschaffen.
Unter der Führung der Vereinigten Staaten richten sich
nahezu alle Geber nach unseren Bedingungen, denen
zufolge nur denjenigen Hilfe gewährt wird, die das
Daytoner Abkommen einhalten. Infolgedessen gingen
1996 nur drei Prozent der Gelder an die Republika
Srpska.

Die Arbeitslosenquote sank von 90 auf 50 Prozent.
Neue staatliche Institutionen
Die Löhne und Gehälter in der Föderation haben sich
mehr als vervierfacht (von 46 DM monatlich auf 260
DM monatlich).

Bei den Wahlen im September 1996 wurden neue
nationale, regionale und kantonale Regierungen
gewählt.

Die Infrastruktur wird wiederaufgebaut.
Einer Absichtserklärung des IWF wurde zugestimmt,
und die Umschuldung des Londoner Clubs wurde
abgeschlossen.
Internationale Wiederaufbaubestrebungen
Internationale Geber unter Führung der Weltbank
arbeiteten ein dreijähriges vorrangiges Wiederaufbauprogramm in Höhe von 5,1 Milliarden Dollar aus. Seit
Anfang 1996 haben die Geber 3,2 Milliarden Dollar für
dieses Programm zugesagt.
In den ersten beiden Jahren des Programms leisteten
die Vereinigten Staaten einen Beitrag von 524 Millionen Dollar und werden im Haushaltsjahr 1998 weitere
200 Millionen Dollar beisteuern.

Das bosnische Staatspräsidium und der Ministerrat
kommen in regelmäßigen Sitzungen zusammen.
Das Verfassungsgericht hat die Arbeit aufgenommen.
Die parlamentarische Versammlung wurde gebildet
und hat vor kurzem ein Paket von Wirtschaftsgesetzen
erlassen.
Der Ständige Ausschuß für militärische Angelegenheiten hat während des jüngsten Besuchs von Außenministerin Albright in Sarajevo seine Eröffnungssitzung
abgehalten.
Die Zentralbank wurde eingerichtet.
Strukturen der Föderation und Integration

1996 wurden mehr als 320 Kilometer Straße und
15.000 Wohneinheiten erneuert (darunter mehr als
2.500 durch das Amt für internationale Entwicklung -

Auf Föderations- und Kantonsebene wurden Regierungsstrukturen eingeführt.

AID), und in weiteren 32.000 wurde die Heizung

Es werden eine gemeinsame Polizei, ein gemeinsames Militär, ein gemeinsamer Zoll und integrierte
Finanzinstitutionen geschaffen.

wieder instand gesetzt. 400 Schulgebäude wurden
repariert, und in 40 Städten wurde die Wasserversorgung und Kanalisation ausgebessert.
1996 nahmen fünf Kraftwerke ihren Betrieb wieder auf,
und in allen größeren Städten und vielen ländlichen
Gebieten wurde die Stromversorgung wiederhergestellt. Ungefähr 776.000 Menschen (etwa ein Viertel
der Gesamtbevölkerung Bosniens) bekamen dank von
Gebern finanzierter
Energieversorgungsprojekte
wieder Strom.
AID gewährte 95 mittelständischen bosnischen
Unternehmen Kredite in Höhe von 52 Millionen Dollar,
wodurch fast 10.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden.

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Im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms wurde militärisches Gerät im Wert von
über 300 Millionen Dollar für die integrierte Verteidigungsstreitmacht der Bosnischen Föderation beschafft, und es wurden internationale Ausbildungsbestrebungen koordiniert.
Öffentliche Sicherheit
Die Polizei der Föderation wird im Einklang mit internationalen Polizeinormen unter der Aufsicht der interna-

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�tionalen Polizei-Einsatztruppe (IPTF) der Vereinten
Nationen von Grund auf neu aufgebaut.
Zwei der 10 Föderationskantone (Sarajevo und
Gorazde) haben die Anfangsphase der Umstrukturierung abgeschlossen. Erwartungsgemäß wird dies in
den übrigen Kantonen bis September 1997 geschehen.
Die Polizei von Mostar wurde ethnisch integriert, und
im Juli 1997 wurden gemeinsame Patrouillen bosnischer und bosnisch-kroatischer Beamten eingeführt.
Die gute Koordinierung zwischen den Parteien - der
IPTF und der IFOR - bei der Planung der öffentlichen
Sicherheit führte im September 1996 zur sicheren
Durchführung von Wahlen.
In Sarajevo wurden von der US-Regierung geförderte
Ausbildungsprogramme über die Wahrung der
menschlichen Würde und grundlegende Qualifikationen eingeführt. Der IPTF wurde die Befugnis erteilt,
angebliche Menschenrechtsverletzungen durch die
Polizei im Dezember zu überprüfen, und sie arbeitet
mit der örtlichen Polizei bei der Entwicklung eigener
Fähigkeiten zusammen.
Flüchtlinge
Ungefähr 150.000 Flüchtlinge sind aus dem Ausland
nach Bosnien und über 160.000 Vertriebene in ihre
Häuser zurückgekehrt.
Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen und die US-Regierung haben gemeinsam die
ersten drei "offenen Städte" bestimmt, die rückkehrende ethnische Minderheiten aufnehmen. Viele andere
Gemeinden haben ihr Interesse an dem Programm
bekundet.
Seit dem 2. Juli 1997 sind 164 bosnische Familien in
ihre Heimat auf der serbischen Seite der Schutzzone
im Gebiet um Brcko zurückgekehrt. Die ersten 16
bosnischen Familien sind nach Stolac zurückgekommen - einer der vier Föderationsgemeinden, die in
Dayton als "Pilotprojekt" für die Rückkehr bestimmt
wurden und die am widerwilligsten zurückkehrende
Flüchtlinge aufnimmt.
Die Präsidentin der Republika Srpska, Plavsic, hat der
Implementierung von Projekten in Sipovo zugestimmt,
die die Rückkehr der Bosniaken ermöglichen.
Minenräumung
Die Vereinigten Staaten waren bei der Einrichtung
einer effektiven Struktur zur Minenräumung vor Ort
behilflich. Regionale Minenräumtrupps haben im
November 1996 mit der Überwachung und Räumung
von Minen begonnen.

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Demokratisierung
Die nationalen, regionalen und kantonalen Wahlen im
vergangenen Jahr verliefen ohne Zwischenfälle, und
gewählte Regierungsvertreter haben ihr Amt angetreten.
Die logistischen Vorbereitungen der OSZE für die
diesjährigen Kommunalwahlen verlaufen nach Plan.
2,5 Millionen Wähler sind registriert und ungefähr
20.000 Kandidaten stellen sich in 136 Kommunen zur
Wahl.
Verschiedene Geber bieten aufstrebenden politischen
Parteien Unterstützung.
Die finanzielle und personelle Unterstützung für
Anhang 6 des Berichts der Menschenrechtskommission hat die Respektierung der Menschenrechte und
Rechtsstaatlichkeit verbessert.
Medien
Das von den Vereinigten Staaten unterstützte Open
Broadcast Network ist zu einem tragfähigen Fernsehnetz geworden.
Der Betrieb von VOA und RFE sowie von Gebern
geförderte Medienprojekte vor Ort tragen weiterhin zur
Informationsvielfalt in Bosnien bei.
Das Amt für internationale Entwicklung leistet den
kleinen alternativen Rundfunksendern in Banja Luka,
Doboj, Bijeljina und Prijedor lebenswichtige Unterstützung.
Die Vereinigten Staaten und andere Geber haben
Dutzende bosnischer Journalisten in journalistischen
Praktiken und Medienbetrieb des Westens unterrichtet.
Brcko
Der Schiedsspruch wurde friedlich umgesetzt. Der
internationale Monitor und seine Mitarbeiter haben ihre
Arbeit aufgenommen.
Ein IPTF-Kontingent wurde auf volle Stärke aufgestockt und ist vor Ort.
Infrastrukturprojekte wurden eingeleitet und Häuser für
die Flüchtlinge wiederaufgebaut.
Die Rückkehrverfahren für die Flüchtlinge wurden
genehmigt, mit internationaler Finanzhilfe werden neue
Häuser gebaut und viele Flüchtlinge zur Rückkehr
aufgefordert.
Die Häuserkommission hat die Arbeit aufgenommen
und entscheidet über Eigentumsansprüche.

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�HANDEL
6. August 1997

Amerikanisch-europäische
wirtschaftliche Zusammenarbeit
Rede von Jeffrey Lang

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Stellvertretende
US-Handelsbeauftragte Jeffrey Lang am 23. Juli 1997 bei einer Anhörung im Handelsunterausschuß des
Repräsentantenhauses hielt.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
ich freue mich über die Gelegenheit, dem Unterausschuß die Ansichten der US-Handelsbeauftragten über
die Auswirkungen unserer Handelspolitik auf die neue
transatlantische Agenda (New Transatlantic Agenda NTA) und damit in Zusammenhang stehende Initiativen

Handel und Investitionen zwischen den Vereinigten
Staaten und den 15 Mitgliedstaaten der EU übersteigt
eine Billion Dollar. Die EU bildet den größten Absatzmarkt für amerikanische Waren und Dienstleistungen - und umgekehrt. 1996 belief sich der
Handel mit Waren und Dienstleistungen in beide

darzulegen.

Richtungen auf nahezu 400 Milliarden Dollar.

Ich werde mich kurz fassen, damit ich

anschließend noch eventuelle Fragen der Ausschußmitglieder beantworten kann.
Zunächst möchte ich folgende Feststellung machen:
Während die sicherheitspolitische Zusammenarbeit
der Vereinigten Staaten mit Europa die Grundlage des
nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Friedens
war, bildeten die amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen die Verankerung des internationalen
Handelssystems seit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) im Jahr
1947. Die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft - seit dem Vertrag von Maastricht als
Europäische Union bezeichnet - sind die beiden
größten Akteure der Weltwirtschaft und haben beide
von den fortlaufenden Bestrebungen zur Liberalisierung des multilateralen Handels profitiert. Man kann
zweifelsohne behaupten, daß die amerikanischen
Anstrengungen zur weiteren Liberalisierung des
multilateralen Handels ohne die aktive Beteiligung der
EU keine Fortschritte machen können.
Die Richtigkeit dieser Behauptung wird offensichtlich,
wenn man sich die Dimension der transatlantischen
Wirtschaftsbeziehungen betrachtet. Wenn die EU ein
Nationalstaat wäre, würde dieser mit den Vereinigten
Staaten die lebhaftesten Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt unterhalten. Die Zahlen sind auf
jeden Fall beeindruckend. Das Gesamtvolumen von

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Die

amerikanischen Warenexporte in die Europäische
Union betrugen in demselben Jahr 127,5 Milliarden
Dollar - ein Anstieg um 3,9 Milliarden Dollar oder 3,2
Prozent im Vergleich zu 1995. Die Importe aus der
EU beliefen sich 1996 auf 142,7 Milliarden Dollar. Im
Durchschnitt hielt sich in der Nachkriegszeit der
Handel in beide Richtungen ungefähr die Waage. Die
ausländischen Direktinvestitionen der Vereinigten
Staaten in der EU betrugen 1996 315,4 Milliarden
Dollar. Die Vereinigten Staaten und die EU tätigten
1995 jeweils etwa die Hälfte ihrer Auslandsinvestitionen bei dem anderen Wirtschaftspartner. Um dies in
die richtige Perspektive zu rücken, sollte man berücksichtigen, daß 1996 der Handel mit Waren und
Dienstleistungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Kanada in beide Richtungen 327 Milliarden Dollar
und 1995 mit China 62 Milliarden Dollar betrug. Eine
der grundlegenden Botschaften, die ich Ihnen heute
übermitteln möchte, lautet, daß das enorme Ausmaß
der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen ungeachtet anderer sich uns in der Welt eröffnender
Chancen gebietet, daß wir die wirklich vitalen Wirtschaftsinteressen der Vereinigten Staaten bei ihren
Beziehungen zu Europa im Auge behalten müssen.
In Anerkennung der möglicherweise großen Vorteile
einer Ausweitung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Regionen für beide Seiten erklärten
Präsident Clinton und die Staats- und Regierungschefs

Seite 1

�der EU beim amerikanisch-europäischen Gipfel im
Dezember 1995 in Madrid Initiativen im Handels- und
Investitionsbereich zum integralen Bestandteil der
neuen transatlantischen Agenda. Grund für die
^Stellung der neuen transatlantischen Agenda ist der
'unsch fühlender Politiker auf beiden Seiten, die
; iarken historischen Bande zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa zu bekräftigen und ihre Vision von
einem Europa nach dem Ende des Kalten Krieges auf
der Grundlage von Demokratie und freier Marktwirtschaft umzusetzen. Die Wahrung und Förderung des
transatlantischen Wohlstands wurde als Schlüsselelement jeglicher Bestrebungen zur Gestaltung der
transatlantischen Beziehungen im Zeitalter nach dem
Ende des Kalten Krieges und im 21. Jahrhundert
gesehen.
Nach vielen innenpolitischen und transatlantischen
Gesprächen entschieden sich die Vereinigten Staaten
und die EU für einen pragmatischen Ansatz bei der
Aufgabe einer Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen. Da Kooperation das wichtigste Konzept für die
Belebung der neuen transatlantischen Agenda darstellt, arbeiteten wir an einer Reihe multilateraler und
transatlantischer Fragen, bei denen wir positive
gemeinsame Schritte unternehmen können und ließen
dabei das Gezänk und die gegenseitigen Beschuldigungen hinter uns, die oft unsere Handelsbeziehungen
charakterisierten. Das Resultat findet in dem "gemeinsamen Aktionsplan" der neuen transatlantischen
Agenda seinen Niederschlag. Der Wirtschaftsfragen
behandelnde Teil des Plans verleiht der Absicht beider
Seiten Ausdruck, zur Förderung der weiteren Evolution
des multilateralen Handelssystems zusammenzuarbeiten. Ferner führt er die zur Vertiefung der
transatlantischen
Beziehungen
eingegangenen
Verpflichtungen auf - die zusammengenommen als
"Initiative neuer transatlantischer Markt" bezeichnet
werden. Als Ergänzung dieser zwischenstaatlichen
Bestrebungen befürwortete die neue transatlantische
Agenda auch eine größere Rolle der europäischen und
amerikanischen Wirtschaft durch die Mitwirkung am
transatlantischen Wirtschaftsdialog. Obwohl ich die
allgemeine Analyse des Prozesses der neuen transatlantischen Agenda dem Außenministerium überlassen will, möchte ich doch kurz auf jede dieser drei
wichtigen Komponenten zu sprechen kommen.
Der Wirtschaftsteil des gemeinsamen Aktionsplans
beinhaltet multilaterale und transatlantische Bestrebungen der Wirtschaft, von denen viele 1996 eingeleitet
wurden und bis 1997 und darüber hinaus andauern.
Unter anderem werden folgende Aktionen zur Stärkung des multilateralen Handels- und Investitionssystems durchgeführt: Konsolidierung der Welthandelsorganisation, Prüfung von Wegen zum weiteren Abbau der Zölle, einschließlich eines Abkommens
über die Abschaffung von Zöllen auf Informationstechnologieprodukte (das Informationstechnologieabkommen oder ITA), Aufnahme der Arbeit an neuen

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internationalen Richtlinien zum Schutz des Rechts auf
geistiges Eigentum und für die staatliche Auftragsvergabe sowie Einigung auf gemeinsame Bestrebungen im Rahmen der OECD zum Abschluß eines
multilateralen Investitionsabkommens.
Die vor dem Hintergrund des neuen transatlantischen
Marktes ergriffenen Aktionen zur Vergrößerung der
amerikanisch-europäischen wirtschaftlichen Chancen
umfassen eine laufende gemeinsame Untersuchung
der verbleibenden Hemmnisse für transatlantischen
Handel und Investitionen sowie Wege zu ihrem Abbau;
die Umsetzung eines Abkommens über Zusammenarbeit im Zollwesen; die Stärkung der Bestrebungen
zur Beilegung bestehender Handelsstreitigkeiten als
Bestandteil eines vertrauensbildenden Prozesses und
der Abschluß von Abkommen über gegenseitige
Anerkennung (Mutual Recognition Agreements MRAs) zur Verringerung der Belastung der Unternehmen durch Vorschriften. Andere Verpflichtungen im
Zusammenhang mit dem neuen transatlantischen
Markt beinhalten die Ausweitung des derzeitigen
Dialogs über die Informationsgesellschaft (Information
Society Dialogue) zur Ankurbelung von Innovation und
Gewährleistung von gegenseitigen Verbindungen und
Interoperabilität sowie die Gründung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe für Beschäftigung und Arbeitsfragen.
Der transatlantische Wirtschaftsdialog ist ein Forum, in
dem führende amerikanische und europäische Wirtschaftsvertreter zusammentreffen und über Wege zum
Abbau der Hindernisse für amerikanisch-europäischen
Handel und Investitionen sprechen können. Die 1995
in Sevilla veranstaltete Konferenz über den transatlantischen Wirtschaftsdialog leitete einen Prozeß der
Beurteilung von Hindernissen für die Wirtschaft in
Europa und Amerika durch den Privatsektor ein. Das
Ergebnis war eine Reihe von Empfehlungen der
Wirtschaft für staatliche Aktionen zur Beseitigung
dieser Hemmnisse.
Was wurde durch die von mir beschriebenen Initiativen
in den anderthalb Jahren seit der Bekanntgabe der
neuen transatlantischen Agenda erreicht?
Vom
Standpunkt eines US-Handelsbeauftragten aus würde
ich sagen, daß die Ergebnisse gemischt sind, was wir
aber zu diesem Zeitpunkt des Prozesses nicht anders
erwartet hätten. Zweifelsohne profitieren die Vereinigten Staaten von den bemerkenswerten Erfolgen
im multilateralen Kontext. Der Abschluß des Informationstechnologieabkommens und das WTO-Abkommen über Basistelekommunikationsdienste stellen
große Fortschritte für unsere Hochtechnologieunternehmen dar, die zu unseren konkurrenzfähigsten
zählen. Wie ich eben sagte, hätten solche Meilensteine nicht ohne die Beteiligung der EU erreicht
werden können. Beim Ministertreffen der WTO in
Singapur im Dezember vergangenen Jahres schlössen
wir einen meines Erachtens funktionierenden Kompro-

AMERIKA DIENST 15

�miß mit der EU über die Behandlung sogenannter
"neuer Fragen" wie Handel und Umwelt, Handels- und
Arbeitsnormen, Handel und Investitionen sowie Handel
und Wettbewerb durch die WTO.
Unter der Rubrik neuer transatlantischer Markt wurde
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union ein Abkommen über Zusammenarbeit im
Zollwesen geschlossen, das unseren Zollbeamten
durch die Umstrukturierung ihrer Operationen und
Förderung der Bestrebungen zu seiner Durchsetzung
helfen wird. Ferner schlössen wir unter großen
Schwierigkeiten ein Veterinäräquivalenzabkommen,
das zwar nicht so ehrgeizig wie erhofft ist, aber
dennoch viel zur Erleichterung des Handels mit
lebenden Tieren und Tierprodukten beiträgt. Wir
haben eine gemeinsame Studie über Wege zum
Abbau von Hemmnissen für den transatlantischen
Handel initiiert, indem wir uns auf eine ausgewählte
Gruppe von Sektoren für die anfängliche Untersuchung einigten. Natürlich steht die Aktion neuer
transatlantischer Markt, der von Privatsektor und
Regierungen gleichermaßen große Aufmerksamkeit
gewidmet wurde, für das Bestreben, die Verhandlungen über MRAs abzuschließen.
Dieser Versuch wurde von den am transatlantischen
Wirtschaftsdialog beteiligten amerikanischen und
europäischen Unternehmen als oberste Priorität auf
der transatlantischen Agenda und als wichtigstes
Handelsanliegen von Präsident Clinton und den
Staats- und Regierungschefs der EU angesehen. Das
von uns nach drei langen Jahren erst letzten Monat
erzielte Verhandlungsergebnis schafft einen Präzedenzfall in der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit
bei Reformen des Regelwerks, die die Belastung der
Unternehmen maßgeblich erleichtern werden.
So umfangreiche und verzweigte internationale
Wirtschaftsbeziehungen wie die zwischen den Vereinigten Staaten und Europa können nicht ohne
Probleme funktionieren. Die bloße Dynamik, die diese
Maschinerie antreibt, führt unweigerlich zu gewissen
Spannungen, insbesondere da sich das Tempo von
Innovation und Anpassung in der Geschäftswelt
weiterhin beschleunigt. Und in der Tat sehen wir uns
mit einer Vielfalt von Problemen im Hinblick auf unsere
Beziehungen zur EU konfrontiert. Diese Meinungsverschiedenheiten können ernsthafter Natur sein.
Manchmal kann - wie bei der Haltung der EU zur
Regulierung des Handels mit biotechnologisch manipulierten Nahrungsmitteln - Handel im Wert von
Millionen Dollar auf dem Spiel stehen.
Viele unserer Differenzen bestehen seit langem und
stehen auf die eine oder andere Weise in Zusammenhang mit der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU.
Einige Meinungsverschiedenheiten im Agrarbereich
leiten sich auch aus der Haltung der Europäer gegenüber dem Schutz der Umwelt und der menschlichen

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Gesundheit her. Die europäische Einstellung zum
Artenschutz führte zu einer Drohung der EU, amerikanische Pelzexporte zu unterbinden. Wir erhalten
häufig Beschwerden von amerikanischen Unternehmen bezüglich der europäischen Praxis, auf EU- und
Mitgliedstaatenebene Standards einzuführen - daher
das beträchtliche Interesse der Unternehmen an den
MRAs.
Europäische Industriesubventionen, insbesondere für die Flugzeug- und Schiffbauindustrie,
sind seit langem eine Quelle der Frustration für
amerikanische Firmen.
Im multilateralen Bereich sind wir über gewisse
Anzeichen besorgt, daß die EU, die wiederholt ihre
Verpflichtung zur erfolgreichen Umsetzung der
Uruguay-Runde und zum reibungslosen Funktionieren
der WTO zum Ausdruck gebracht hat, durch ihre
Aktionen das internationale Handelssystem unter
Druck setzt, dem dieses System nicht standhalten
könnte. Wir finden jüngste Bestrebungen der EU
besonders beunruhigend, Streitfälle, die mehr politischer als kommerzieller Natur sind, der WTO vorzulegen. Das schafft einen schlechten Präzedenzfall,
der die harte Arbeit unterminieren könnte, die alle
Seiten in die Gestaltung der WTO als objektives, auf
Vorschriften gründendes System zur Verwaltung
globalen Handels einbringen.
Wenn handelsbezogene Meinungsverschiedenheiten
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU andere
heikle Bereiche der Außenpolitik berühren, riskieren
wir eine Verschlechterung des generellen Geschäftsklimas. Glücklicherweise erzielten wir im Frühjahr
Übereinstimmung mit den Europäern bezüglich ihrer
Vorbehalte gegenüber unseren Sanktionen gegen
Kuba, Iran und Libyen - jedoch erst nach Monaten
häufig harter Kritik seitens der EU. Wir hoffen weiterhin, daß die Differenzen über die Fusion von
Boeing/McDonnell-Douglas so rasch wie möglich
beigelegt werden können.
In den kommenden Monaten haben wir viele Chancen,
unsere Fähigkeit zur gemeinsamen Lösung von
Problemen und Förderung der Handelsliberalisierung
unter Beweis zu stellen. Die WTO-Verhandlungen
über Finanzdienstleistungen wurden wieder aufgenommen, und wenn wir zusammenarbeiten, können die
Vereinigten Staaten und die EU im Dezember den bei
den Basistelekommunikationsdiensten erzielten Erfolg
für die Finanzdienstleistungen wiederholen.
Wir
müssen bis zu dem festgesetzten Termin im Frühjahr
gemeinsam auf den Abschluß eines multilateralen
Abkommens über Investitionen in der OECD hinarbeiten. Wir blicken auch auf Europa, damit wir
zusammen Fortschritte bei der vorgeschlagenen
OECD-Konvention über Bestechung und offizielle
Korruption erzielen können. In der WTO gibt es eine
Vielzahl von Bereichen, in denen ein gemeinsamer
amerikanisch-europäischer Ansatz einen Unterschied
bei der Aufnahme neuer Mitglieder bewirken kann -

Seite 3

�von staatlicher Beschaffung über Marktzugangsinitiativen bis zu der unbeendeten Tagesordnung der
Uruguay-Runde. In diesem Zusammenhang möchte
ich die bevorstehende Aufnahme neuer WTO-Agrarhandelsgespräche besonders erwähnen. Wie in der
Vergangenheit wird die Zusammenarbeit der EU im
Agrarbereich eindeutig den Unterschied zwischen
Erfolg und Mißerfolg ausmachen.
Im transatlantischen Kontext können wir die Suche
nach neuen Chancen zur Erweiterung der wirtschaftlichen Wechselbeziehungen fortsetzen. Wir beabsichtigen, die gemeinsame Studie über den Abbau von
Handels- und Investitionshemmnissen aktiv zu verfolgen und erwarten, vorläufige Empfehlungen für
staatliche Aktionen bis Ende dieses Jahres vorliegen
zu haben. Der Erfolg der MRA-Verhandlungen hat
bereits zu der gemeinsamen Verpflichtung geführt,
zusätzliche Sektoren zu prüfen, die von dieser Art
regulierender Zusammenarbeit profitieren könnten.
In hoffe, daß die Vereinigten Staaten und Europa über
ihre Differenzen hinausblicken und das umfassendere
Ziel der Erweiterung transatlantischen und globalen
Wohlstands im Auge behalten können. Europa hat bei
der Bewältigung der internen Angelegenheiten in den
kommenden Jahren über vieles nachzudenken. Unser
aufrichtiger Wunsch ist, daß diese Konzentration auf
innere Angelegenheiten nicht eine konstruktive Rolle
für Europa im transatlantischen und globalen Kontext
ausschließt.
Wir auf der amerikanischen Seite werden weiterhin die
Lösung anhängiger Dispute und wenn möglich die
Entschärfung von Situationen anstreben, bevor sie zu
einer Krise eskalieren. Niemand - am wenigsten
Unternehmen und Arbeitnehmer - profitiert von einer
spannungsgeladenen Atmosphäre.
Wir werden
natürlich versuchen, Meinungsverschiedenheiten in
der WTO auszuräumen - dafür haben wir das WTOSystem geschaffen - und werden alles in unserer
Macht Stehende tun um sicherzustellen, daß es die
ihm zugedachte Aufgabe erfüllt.
Ferner müssen wir weiterhin über diese Meinungsverschiedenheiten hinaus auf die Chancen blicken, die
Europa für unsere Unternehmen bietet. Dies ist
besonders angebracht angesichts der möglichen
Verhandlungen über den Beitritt Zentral- und Osteuropas zur EU und der zur Vervollständigung dieses
Prozesses erforderlichen internen EU-Reformen. Die
Erweiterung der EU um viele der zentral- und osteuropäischen Staaten sollte zu beträchtlichen neuen
Marktchancen für amerikanische Firmen führen.
Man kann andere Möglichkeiten für die Vereinigten
Staaten und die EU in Erwägung ziehen - Zusammenarbeit, um die übrige Welt der Offenheit und Transparenz zu öffnen, die die transatlantischen Geschäfts-

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beziehungen heute generell charakterisieren. Wir
haben in Drittländern beispielsweise viele gemeinsame
Interessen. Ein klarer Fall, bei dem die Vereinigten
Staaten und die EU durch die Einnahme einer gemeinsamen Haltung sehr viel erreichen können, ist die
Aufnahme neuer Mitglieder in die WTO - vor allem
China, Rußland und die Ukraine.
Abschließend möchte ich noch einige Worte zum
transatlantischen Wirtschaftsdialog sagen. Nach
meiner Teilnahme an der ersten Konferenz des
transatlantischen Wirtschaftsdialogs in Sevilla war ich
sehr beeindruckt von diesem Prozeß, Regierungsvertretern auf beiden Seiten des Atlantiks wirtschaftliche
Belange und Ideen zugänglich zu machen. Ich war
besonders beeindruckt von dem Engagement europäischer Unternehmen, die für gewöhnlich nicht die
Möglichkeit hatten, etwas in den offiziellen Entscheidungsprozeß einzubringen, was amerikanische
Unternehmen inzwischen als gegeben ansehen. Der
transatlantische Wirtschaftsdialog stellte unter Beweis,
wie bedeutend Liberalisierung als Kraft im Verlauf der
MRA-Verhandlungen sein kann. Hätte es den guten
Rat und die starke, rechtzeitige Intervention des
transatlantischen Wirtschaftsdialogs nicht gegeben,
hätten die MRA-Gespräche - so kann man fairerweise
sagen - keinen Erfolg haben können.
Der Dialog ist zuallererst ein Forum für Debatten
zwischen Unternehmen. Das ist gut so. Die Regierungen können vielleicht nicht immer alles tun, was der
Dialog möchte. Ich möchte nur auf die kluge Einschätzung der amerikanischen Regierung des großen
Potentials für eine konstruktive Beteiligung des Dialogs
und des Privatsektors beider Kontinente an der
Förderung der transatlantischen und globalen Liberalisierung des Marktes verweisen. An den transatlantischen Wirtschaftsdialog gewandt sage ich: Sie haben
sich als wertvoll erwiesen, und wir hoffen, daß sie
diese gute Arbeit fortsetzen.
Ich möchte den Unterausschuß bitten zu berücksichtigen, daß diese umfassenden und größtenteils äußerst
erfolgreichen Wirtschaftsbeziehungen zu europäischen
Märkten einen enormen Beitrag zu unserem nationalen
Wohlstand leisten und ein großes Potential für künftiges Wachstum bieten. Um dieses Potential vollständig
auszuschöpfen, sollten wir meines Erachtens weiterhin
mit der EU durch den Prozeß der neuen transatlantischen Agenda und andere geeignete Foren zusätzliche multilaterale und transatlantische Ziele bei der
Handelsliberalisierung sondieren. Die Zustimmung
des Kongresses zu einem neuen Fast-track-Mandat
würde natürlich die Bereiche beträchtlich erweitern, in
denen wir gemeinsam tätig werden könnten. Schließlich ist es an den Vereinigten Staaten und Europa, das
Tempo für die internationale Wirtschaft zu bestimmen,
und wir sollten uns dieser Verantwortung nicht entziehen.

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�UMWELT
6. August 1997

Entwicklungsländer müssen ebenfalls
Treibhausgase reduzieren
Rede von Staatssekretär Timothy Wirth

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Eröffnungsansprache von Staatssekretär Timothy
Wirth bei einer Anhörung des Ausschusses für internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses am 24.
Juli 1997.

Ich freue mich, heute mit Ihnen die andauernden
Verhandlungen über die nächsten Schritte gemäß der
UN-Rahmenkonvention über den Klimawandel erörtern
zu können. Diese Verhandlungen wurden im August
1995 aufgenommen und sollen im Dezember bei der
dritten Konferenz der Parteien in Kyoto mit der Verabschiedung eines neuen Protokolls oder anderen
rechtlichen Instruments zu Ende gehen.
In seiner Rede vor der Sondersitzung der UN-Generalversammlung im vergangenen Monat erklärte Präsident Clinton, "die wissenschaftlichen Fakten sind klar
und überzeugend", und verpflichtete die Vereinigten
Staaten zu einer Führungsrolle bei der Bewältigung
der Probleme des Klimawandels. Der Präsident
verpflichtete sich zu einem Dialog mit dem amerikanischen Volk und dem Kongreß zur Erörterung der
realen und drohenden Gefahren des Klimawandels,
der damit einhergehenden wirtschaftlichen Kosten und
Nutzen sowie der Chancen, die amerikanische
Technologie und Innovation bieten können. Der
Präsident verpflichtete sich ferner, "ein starkes amerikanisches Engagement für realistische und bindende
Obergrenzen in die Konferenz von Kyoto einzubringen,
die unsere Treibhausgasemissionen beträchtlich
reduzieren werden".
In den vergangenen Wochen hat sich das Interesse an
den Verhandlungen intensiviert, insbesondere im
Kongreß. Die Administration begrüßt dieses Interesse,
möchte für unsere Arbeit an einem neuen Abkommen
in Kyoto einen möglichst intensiven Dialog ermutigen
und fordert die Vorsitzenden des Senats und des
Repräsentantenhauses zur Einrichtung von Beobachtergruppen auf, mit denen wir in den kommen-

AMERIKA DIENST 15

den Wochen und Monaten noch enger zusammenarbeiten können.
Ich möchte mich heute auf zwei Anliegen konzentrieren - erstens die Berücksichtigung spezifischer
umweltpolitischer Ziele unserer im Rahmen der
Klimakonvention ausgehandelten Aktionen und
zweitens die Notwendigkeit, daß die Entwicklungsländer ihrer Rolle bei der Erlangung dieser Ziele
besser gerecht werden.
Ich möchte mit der Wissenschaft beginnen, weil die
Wissenschaftler diejenigen waren, die als Erste unsere
Aufmerksamkeit auf den Klimawandel gelenkt haben,
und weil wir weiterhin unsere Maßnahmen auf die
besten wissenschaftlichen Beweise und genauesten
Analysen gründen. Obwohl ich weiß, daß vielen von
Ihnen die grundlegenden Fakten bekannt sind, könnte
es meines Erachtens nützlich sein, einige der entscheidendsten Punkte zu wiederholen, die von den
Wissenschaftlern dargelegt wurden.
Der "Treibhauseffekt" wird durch Gase wie Kohlendioxid, Methan und Stickoxid verursacht, die sich in der
Atmosphäre ansammeln und die Rückstrahlung der
Sonnenenergie verhindern, wodurch der Planet sich
mehr als sonst erwärmt. Die natürlichen Konzentrationswerte dieser Treibhausgase in der Atmosphäre
halten die Temperaturen auf einem Niveau, bei dem
Leben gedeihen kann. Ohne den Hintergrundeffekt
der Treibhausgase in unserer Atmosphäre wäre die
Erdtemperatur rund 33° C kälter.
Menschen erhöhen die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre vor allem durch die

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�Verbrennung von fossilen Brennstoffen - Kohle, Öl und
Erdgas - sowie durch eine Reihe anderer industrieller
Prozesse. Veränderte Landnutzuhg, insbesondere
Abholzung und Bodenerosion, spielen ebenfalls eine
Rolle, indem sie die Fähigkeit der natürlichen Umwelt
zur Absorption von Kohle aus der Atmosphäre verringern. Seit der industriellen Revolution Im 18. Jahrhundert ist die Konzentration von Kohlendioxid in der
Atmosphäre um 30 Prozent angestiegen. Während
des gleichen Zeitraums hat sich die Methankonzentration verdoppelt, und die Stickoxidkonzentrationen
haben sich' ÜrH rÜrld 15 Prozeht erhöht.

bis zum Jahr 2100 nahezu verdreifachen und höher
steigen als zu jedem anderen Zeitpunkt in den vergangenen 50 Millionen Jahren. Veränderungen unseres
Klimasystems würden sich auch über die von aktuellen
Studien vorhergesagten Auswirkungen hinaus bemerkbar machen. Die Risiken würden sich dramatisch
vergrößern, während die Konzentrationen weiterhin
ansteigen. Ferner gibt es keinen Grund zu der
Annahme, daß diese zusätzlichen Effekte linear sein
werden. Sie werden höchstwahrscheinlich unberechenbare und äußerst unerfreuliche Wege einschlagen.

Seit der vorindustriellen Zeit hat sich die Erde um rund
0,5° C erwärmt. Wissenschaftler glauben, daß der
beobachtete Anstieg wahrscheinlich nicht ausschließlich auf natürliche Ursachen zurückzuführen ist. In
seiner jüngsten wissenschaftlichen Einschätzung
gelangte der zwischenstaatliche Ausschuß für Klimawandel (lPCC) zu der Schlußfolgerung, daß die
Beweise unter dem Strich auf einen beträchtlichen
menschlichen Einfluß auf das Klimasystem deuten.

Ich möchte jetzt auf die Teilung der Verantwortung
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern eingehen.

Projektionen für künftigen Klimawandel auf der Grundlage von komplexen Klimamodeflen und unserem
besten Verständnis der Physik des Klimasystems
legen bis zum Jahr 2100 einen Anstieg von weiteren 1 °
- 3,5° C mit einer durchschnittlich größeren Zunahme
als in den vergangenen 10.000 Jahren nahe. Die
Erwärmung erfolgt nicht einheitlich - sie wird wahrscheinlich an höheren Breitengraden und an den Polen
größer sein.
Anhand dieser Erwärmungstrends wird der Meeresspiegel aufgrund der thermischen Ausdehnung der
Meere und des Schmelzens von Gletschern und
Eisdecken bis zum Jahr 2100 voraussichtlich um 0,45
cm ansteigen. Dadurch würden ohne Präventivmaßnahmen hier in den Vereinigten Staaten - vor allem in
Florida und Louisiana - 18.500 km2 Küstengebiete
überschwemmt und jedes Jahr ungefähr 100 Millionen
Menschen weltweit Opfer von Stürmen.
Mit anderen Worten gibt der Weg, auf dem wir uns
befinden, Anlaß zu beträchtlicher Sorge. Der Klimawandel wird wahrscheinlich weitreichende und meistenteils negative Auswirkungen auf die menschliche
Gesundheit haben. Sowohl das natürliche als auch
das künstliche Ökosystem sind in Gefahr. Die Lebensfähigkeit und Ansiedelung von Wäldern und landwirtschaftlichen Gebieten wird sich maßgeblich verändern.
Darüber hinaus konzentrieren sich praktisch alle
Studien über die Auswirkungen der Störung des
Klimas auf die prognostizierte Verdoppelung der
atmosphärischen Konzentration von Treibhausgasen.
Aber wenn Anfang des nächsten Jahrhunderts keine
einschneidenden Maßnahmen ergriffen werden, ist es
sehr wahrscheinlich, daß sich die atmosphärischen
Konzentrationen verglichen mit der vorindustriellen Zeit

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Wie ich bereits ausführte, wissen wir, daß die vom
Menschen verursachten Emissionen die Konzentration
um rund 30 Prozent erhöhen - von 280 ppm in vorindustriellen Zeiten auf ungefähr 336 ppm heute. Wir
wissen, daß die Industrieländer das meiste Kohlendioxid in die Atmosphäre emittieren und das C0 2 dort
für 100 bis 150 Jahre verbleibt. Wir wissen, daß die
Vereinigten Staaten die meisten Treibhausgase
emittieren. 4 Prozent der Weltbevölkerung leben in den
Vereinigten Staaten, und auf uns entfallen 22 Prozent
der Kohlendioxidemissionen. Wir wissen auch, daß
die Entwicklungsländer angesichts der derzeitigen
Trends die Industrienationen in rund 30 Jahren als
Emittent überholen werden. (Dann leben ungefähr 70
Prozent der Weltbevölkerung in den Entwicklungsländern). China, mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern,
wird wahrscheinlich die Vereinigten Staaten gegen
Ende des ersten Quartals des neuen Jahrhunderts
überholen.
Daher werden Aktionen der Industrieländer allein uns
nicht auf den Weg zu sicheren Konzentrationen von
Treibhausgasen bringen. Wir benötigen auch Aktionen
der Entwicklungsländer. Aus unseren bisherigen
Diskussionen und Verhandlungen wird jedoch sehr
deutlich, wenn die Industrienationen mit ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Kapazität, ihren technischen
Fähigkeiten und ihrem energieverschwendenden
Lebensstil nicht zuerst handeln - ein Beispiel geben
und die Emissionen verringern - dann werden die
Entwicklungsländer auch nicht handeln. Wir müssen
den Weg anführen. Und wir müssen schnell handeln.
Andernfalls wird eine Verdoppelung der Konzentrationen sicher sein, und wir begeben uns auf den
Weg zu einer Verdreifachung oder noch höheren
Konzentrationswerten - deren Konsequenzen unsicher, wahrscheinlich aber katastrophal sind.
1992 verabschiedete die internationale Staatengemeinschaft die UN-Rahmenkonvention über den
Klimawandel in dem Bestreben, diese Umweltbedrohung in den Griff zu bekommen. In der Konvention
einigten sich die Entwicklungsländer auf eine Reihe

AMERIKA DIENST 15

�von Aktionen zur Abschwächung des Klimawandels
und Erleichterung der Anpassung an seine Auswirkungen. Die Industriestaaten stimmten zu, dieselben Maßnahmen zu ergreifen, wollen jedoch darüber
hinaus Schritte unternehmen, um ihre Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2000 auf den Stand von 1990
zu senken.
1995 beschlossen die Unterzeichnerstaaten der
Klimakonvention, daß die unter dem Vertrag bestehenden Verpflichtungen zur Bewältigung der Bedrohung
nicht ausreichen. Dementsprechend einigten sie sich,
einen Prozeß zur Aushandlung der nächsten Schritte
einzuleiten. Da das für die Industriestaaten gesetzte
"Ziel" nur bis zum Jahr 2000 gültig ist, begannen sie
mit der Erörterung von Zielen, die ihre Bestrebungen
im ersten und eventuell zweiten Jahrzehnt des nächsten Jahrhunderts leiten sollen. Die Industriestaaten
einigten sich auf die Festsetzung quantitativer Ziele für
die Beschränkung und Verringerung von Treibhausgasemissionen bis zu einem noch zu bestimmenden
Zeitpunkt - wie 2005, 2010 oder 2020. Damals
forderten die Entwicklungsländer - von denen viele
gerade erst mit der Umsetzung bestehender Verpflichtungen im Rahmen der Konvention begonnen
hatten - der Verhandlungsprozeß sollte nicht zu neuen
Verpflichtungen für sie führen.
Sie stimmten jedoch der Förderung einer Umsetzung
ihrer bestehenden Verpflichtungen zu.
Die Vorschläge der Vereinigten Staaten bei den
derzeitigen Verhandlungen zielen auf eine Fortsetzung
des Prozesses ab. Der amerikanische Vorschlag
erkennt an, daß die 1992 in Anhang I der Konvention
aufgeführte Liste der "Entwicklungsländer", die
Unterzeichnerstaaten sind, nicht mehr den derzeitigen
Gegebenheiten entspricht. Eine Reihe von Entwicklungsländern gehört bereits durch die Mitgliedschaft in
der OECD und auf andere Weise zur entwickelten
Welt, und andere stehen kurz davor. Unser Vorschlag
zur Ausarbeitung eines "Anhang B" würde solche
Länder auf freiwilliger Basis in die Lage versetzen,
ihren derzeitigen Status - bei dem sie nicht unter.
Anhang I aufgeführt sind - zu überwinden und bindende Verpflichtungen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen einzugehen, was ihren sich
schnell verändernden wirtschaftlichen Status widerspiegelt und ihnen ermöglicht, sich mit den Industriestaaten auf Vergünstigungen für eine Verringerung der
Treibhausgasemissionen zu einigen.
In ähnlicher Weise fordert Artikel 16 des amerikanischen Vorschlags von den Unterzeichnerstaaten aus
dem Kreis der Entwicklungsländer, bis zum Jahr 2005
bindende Verpflichtungen einzugehen, damit alle
Vertragsparteien quantitative Bestimmungen über ihre
Treibhausgasemissionen haben und es einen Mechanismus oder "Auslöser" für die automatische Anwen-

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dung dieser Bestimmungen auf der Grundlage vereinbarter Kriterien gibt.
Indem sie diese "evolutionäre" Politik fordern, sind die
Vereinigten Staaten fast allen Ländern weit voraus und
werden dementsprechend kritisiert. Beispielsweise
sind mehrere Industriestaaten der Ansicht, daß unser
Vorschlag den Entwicklungsländern unfaire Lasten
auferlegt. Die meisten Entwicklungsländer sind der
Ansicht, daß "Evolution" über die Klimakonvention und
das Berliner Mandat hinausgeht. Meines Erachtens
haben wir das richtige Konzept: Niemand sollte
ausgenommen werden; da wir die größten Emissionen
haben, sollten wir als erste handeln, aber andere
müssen sich uns im Laufe der Zeit anschließen.
Die gesamten Verhandlungen über den Klimawandel
sind äußerst kompliziert - die kompliziertesten, die ich
seit 25 Jahren im öffentlichen Leben gesehen habe und der Aspekt der "Evolution" ist vielleicht der
wichtigste von allen. Wir haben - ebenso wie einige
Kongreßabgeordnete - Vorschläge unterbreitet. Jetzt
müssen wir einen endgültigen Vorschlag und eine
Verhandlungsposition ausarbeiten. Wir begrüßen Ihre
Beiträge, Ihre Unterstützung und Kreativität bei der
Lösung dieses Problems. Und ich sehe Ihren Ideen,
Fragen und Kommentaren erwartungsvoll entgegen.
Die Frage ist nicht, ob die Entwicklungsländer, insbesondere die großen und in schnellem Wachstum
begriffenen, eine quantitative Verpflichtung zur Begrenzung oder Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen eingehen sollten - zweifelsohne wird es
unmöglich sein, die Bedrohung des Klimawandels zu
verringern, wenn sie das nicht tun. Die Frage lautet,
wann solche Verpflichtungen gültig werden sollten,
welche Kriterien angelegt werden und auf wen sie
anwendbar sind.
Es gibt signifikante Unterschiede zwischen dem
Volkseinkommen der Industriestaaten und der Entwicklungsländer. Und es gibt enorme Unterschiede
bei der Emission von Treibhausgasen pro Kopf. Einige
Entwicklungsländer argumentieren, diese Kluft müsse
schmaler werden, bevor sie Verpflichtungen zur
quantitativen Emissionsbeschränkung oder -Verringerung akzeptieren.
Obwohl dieses Argument verständlich ist, läßt es zwei
wesentliche Punkte außer Acht. Erstens kann die
durch den globalen Klimawandel hervorgerufene
Bedrohung nicht abgewendet werden, wenn die
Nationen erst handeln, wenn das Volkseinkommen
oder die pro-Kopf-Emissionen irgendwann in der
Zukunft übereinstimmen.
Zweitens werden die
Industrienationen einfach keine signifikanten Bestrebungen zur Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen unternehmen, wenn ihre Anstrengungen durch
den unbegrenzten Anstieg von Emissionen in den
Entwicklungsländern unterminiert werden.

Seite 3

�Die Rahmenkonvention - die von Präsident Bush
unterzeichnet wurde, an der der Senat beratend
mitwirkte und zu der er seine überwältigende Zustimmung gab - stellte den Grundsatz auf, daß die
Nationen der Welt im Hinblick auf den Klimawandel
gemeinsame aber voneinander abgegrenzte Pflichten
und unterschiedliche Fähigkeiten haben. Es ist weder
realistisch noch mit der vom Senat gebilligten Konvention vereinbar, darauf zu bestehen, daß die Entwicklungsländer umgehend bindende Emissionsziele
akzeptieren, die die Industriestaaten aushandeln
wollen. Darauf zu bestehen, daß die Entwicklungsländer, die jetzt in zunehmendem Maße zum globalen
Anstieg von Treibhausgasen beitragen, erst dann
handeln müssen, wenn sie ein bestimmtes Volkseinkommen oder bestimmte pro-Kopf-Emissionen erreichen, ist jedoch ebenso unrealistisch und mit dem
Hauptziel der Konvention nicht vereinbar.

Das Abkommen von Kyoto kann die Nationen mit den
erforderlichen Instrumenten versehen, damit sie
wesentliche, bindende Verpflichtungen zur Beschränkung und Verringerung der Treibhausgasemissionen
eingehen. Dazu zählen über mehrere Jahre gehende
Pläne für Treibhausgasemissionen, die jährliche
Fluktuationen ausgleichen. Das beinhaltet vollständige
nationale Flexibilität bei der Auswahl von Maßnahmen
zur Erlangung solch bindender Emissionspläne.
Ferner zählen dazu Vergünstigungen für Nationen mit
bindenden Emissionsplänen unter Beteiligung des
Privatsektors, um dadurch die Kosten der Umsetzung
zu senken. Und das umfaßt die gemeinsame Durchführung zum Nutzen der Nationen mit bindenden
Emissionsplänen gegenüber denjenigen, die noch
keine solchen Pläne haben - sowohl zur Senkung der
Kosten der Umsetzung als auch zur Förderung von
Wirtschaftsentwicklung und Umweltschutz.

Das in Kyoto zu erzielende Abkommen wird das
Problem des globalen Klimawandels nicht lösen.
Ungeachtet dessen, wie ehrgeizig es ist, wird es nur
ein zweiter Schritt auf einem viel längeren Weg zur
Erreichung des übergeordneten Ziels der Klimakonvention sein. Bei unseren Vorbereitungen auf
Kyoto müssen wir auch weitere, darüber hinausgehende Schritte vorbereiten. Insbesondere müssen wir
gewährleisten, daß alle Nationen, die einen beträchtlichen Teil der Verantwortung für die globalen Treibhausgasemissionen tragen, die Notwendigkeit der
Begrenzung oder Verringerung ihrer Emissionen
akzeptieren und sich in diese Richtung bewegen.

Herr Vorsitzender, wir haben für die nächsten Monate
tatsächlich einen ehrgeizigen Kurs eingeschlagen. Die
enormen Gefahren für unseren Planeten erfordern
nichts Geringeres. Ich bin zuversichtlich, daß wir mit
Ihrer fortgesetzten Unterstützung und der anderer
Kongreßabgeordneter in Kyoto zu Ergebnissen
kommen werden, die auf dem weitaus längeren Weg
zur Rettung des Klimasystems der Erde für gegenwärtige und künftige Generationen einen beträchtlichen
Schritt darstellen. Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

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�ZIVILANGELEGENHEITEN
6. August 1997

Betrachtungen der Zukunft
von H. Allen Holmes

WASHINGTON - (AD) - In einer Welt abnehmender militärischer Konfrontationen widmet das amerikanische
Militär dem Wiederaufbau vom Krieg zerstörter Infrastrukturen wie dem Bau von Brücken und Brunnen sowie der
Räumung von Minen zunehmende Aufmerksamkeit. In einer Rede vor der internationalen Konferenz über
Zivilangelegenheiten 1997 erörtert der Abteilungsleiter für SpezialOperationen und unterschwellige Konflikte im
US-Verteidigungsministerium, H. Allen Holmes, die zivile Dimension heutiger Militäroperationen in vielen Teilen
der Welt.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sehen sich die
Vereinigten Staaten mit einem dynamischen und
instabilen Sicherheitsumfeld konfrontiert. Wir befinden
uns in einer Periode strategischer Chancen. Mit dem
Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des
Warschauer Pakts hat die Bedrohung eines globalen
Krieges abgenommen. Die von uns geschätzten
Werte - Demokratie und Marktwirtschaft - werden in
vielen Teilen der Welt übernommen. Und gleichzeitig
verändern die sich wandelnde Weltwirtschaft und die
Verbreitung
internationaler
Informationssysteme
weiterhin die Kultur, den Handel und globale Interaktionen.

vier Jahren konnten wir die zunehmende Bedeutung
von Zivilangelegenheiten bei militärischen Operationen
- abgesehen von Kriegen - beobachten. In Anerkennung des Werts von Zivilangelegenheiten befassen
sich die Stabsoffiziere und Planer unserer Streitkräfte
darüber hinaus immer mehr mit der Planung der zivilen
Dimension von Militäroperationen. In Bosnien beispielsweise wurde die Planung der militärischen
Unterstützung der Wahlen von Mitarbeitern der
Abteilungen Operationen, Strategie und Politik durchgeführt, während unser Personal für Zivilangelegenheiten das entscheidende Bindeglied zwischen den
militärischen und zivilen Planern darstellte.

Dennoch ist die Welt weiterhin ein äußerst unsicherer
Ort mit immer komplexeren und gefährlicheren Bedrohungen der nationalen Sicherheit. Wir sehen uns
nach wie vor mit einer Vielzahl gravierender regionaler
Gefahren in Südwestasien, im Nahen Osten und
Ostasien konfrontiert. Wie wir in Somalia, im ehemaligen Jugoslawien und vor kurzem an Orten wie Zaire
beobachten konnten, drohen darüber hinaus gescheiterte oder scheiternde Staaten Instabilität, interne
Konflikte und menschliche Krisen hervorzurufen. In
einigen Fällen verlieren die Regierungen ihre Fähigkeit
zur Wahrung der öffentlichen Ordnung und Erfüllung
der Bedürfnisse des Volkes und schaffen die Voraussetzungen für Bürgerunruhen, Hungersnöte, massive
Migrationsströme über internationale Grenzen hinweg
und aggressive Aktionen von Nachbarstaaten.

In den vergangenen Jahren lernten viele Länder
außerhalb der Vereinigten Staaten den Wert amerikanischer Zivilmissionen schätzen und führen solche
Einheiten in ihrem eigenem Militär ein, wobei ihnen
unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten als Modell
dienen. Einige Länder haben die Bedeutung von
Zivilangelegenheiten erkannt und ihr militärisches
Personal an das U.S. Army John F. Kennedy Special
Warfare Center and School geschickt, mobile Übungsteams angefordert und unsere Einheiten für Zivilangelegenheiten besucht um herauszufinden, warum
unsere Zivilangelegenheiten für Befehlshaber so
nützlich sind. Zwei unserer wichtigsten Verbündeten,
Großbritannien und die Republik Korea, sind hier bei
dieser internationalen Konferenz vertreten. Andere,
darunter Frankreich und Deutschland, haben großes
Interesse zum Ausdruck gebracht.

In diesem Kontext wurde die Arbeit unserer Streitkräfte
für Zivilangelegenheiten immer herausragender. In nur

AMERIKA DIENST 15

Seite 1

�Eine unserer künftigen Herausforderungen besteht
darin, unsere Einheiten für Zivilangelegenheiten darauf
vorzubereiten, von einer multinationalen Perspektive
aus zu arbeiten. Unsere Planer für Zivilangelegenheiten müssen Unterschiede in den Doktrinen für Zivilangelegenheiten bei unseren Verbündeten antizipieren
und auf Zusammenarbeit zur Erlangung übergeordneter Ziele vorbereitet sein.
Die vor kurzem abgeschlossene vierteljährliche
Umstrukturierung unserer Verteidigung war eine
umfassende Überarbeitung der amerikanischen
Verteidigungserfordernisse bis zur Jahrhundertwende.
Im Rahmen dieser Überarbeitung formulierte Verteidigungsminister William Cohen eine klare Vision für das
Verteidigungsministerium bis zum Jahr 2015 und
unterbreitete einen Plan für ein strategisch orientiertes,
ausgewogenes und finanzierbares Verteidigungsprogramm. Indem wir eine nationale Sicherheitsstrategie für unser Engagement befolgen, werden wir
weiterhin ein starke Führungsrolle in der internationalen Staatengemeinschaft übernehmen und alle
Dimensionen unserer Fähigkeiten nutzen, um auf das
gesamte Spektrum von Spannungsfällen zu reagieren,
das internationale Sicherheitsumfeld zu gestalten und
uns auf die Bewältigung der Herausforderungen einer
ungewissen Zukunft vorzubereiten. Diese drei Komponenten - Reaktion, Gestaltung und Vorbereitung bilden die strategische Grundlage der vierteljährlichen
Umstrukturierung und unserer künftigen Verteidigungsstrategie.
Reaktion auf Krisen
Jüngste Erfahrungen am Golf, in Haiti und Bosnien
haben das Ausmaß unter Beweis gestellt, in dem
unsere Streitkräfte für SpezialOperationen und insbesondere unser Personal für Zivilangelegenheiten die
Effektivität unserer konventionellen Kampftruppen bei
der Reaktion auf Krisen verbessern und, nachdem die
Krise vorüber ist, unseren Diplomaten bei der Gestaltung des Sicherheitsumfelds behilflich sind.
Während der Operation Wüstensturm unterstützten
unsere Streitkräfte für SpezialOperationen beispielsweise eine größere Kampfoperation der Koalitionsstreitmacht erstmals nach ihrer Wiedereinsetzung.
Unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten waren
während des Stadiums von Wüstensturm nach dem
Konflikt maßgeblich daran beteiligt, der kuwaitischen
Regierung bei der Bereitstellung elementarer Dienstleitungen für das kuwaitische Volk und der Wiederherstellung ihrer Amtsgewalt behilflich zu sein.
Im Anschluß daran waren unsere Streitkräfte für
Zivilangelegenheiten bei der Reaktion auf ein breites
Spektrum humanitärer Krisen behilflich - zum Beispiel
mit der Operation Provide Comfort, bei der unser
Personal für Zivilangelegenheiten bei der Rückführung
der Kurden half, und kleineren Operationen wie Pacific

Seite 2

Heaven, bei denen wir andere Kurden umsiedeln
halfen, die uns nachrichtendienstliche Erkenntnisse
und andere Hilfe für Guam zur Verfügung gestellt
hatten.
In Haiti führten unsere Soldaten für Zivilangelegenheiten Aktivitäten durch, die von der Wiederherstellung
der Elektrizität im ganzen Land bis zur Bereitstellung
von Experten für 12 Ministerien reichten.
In Bosnien-Herzegowina war das amerikanische
Personal für Zivilangelegenheiten unter der Führung
eines britischen Korpskommandeurs während der Zeit
der IFOR bei der Koordinierung des militärischen
Engagements für den Wiederaufbau der zivilen
Infrastruktur und der Bereitstellung von Hilfe für über
500 internationale, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen behilflich.
Während der IFOR lag das Augenmerk der Einheiten
für Zivilangelegenheiten auf friedenssichernden Operationen und kleinen Gemeindeprojekten in Gebieten,
in denen Truppen stationiert waren. Mit der Stationierung der SFOR gab es eine Verlagerung der Aufmerksamkeit zu Zielen auf nationaler Ebene. Aus diesem
Grund nutzt die SFOR die zivil-militärische Einsatztruppe als ihr Verbindungsglied zu zivilen Einrichtungen bei der Förderung der wirtschaftlichen Erholung
und dem Wiederaufbau des Landes, bei der Unterstützung der Rückkehr der Flüchtlinge und dem Aufbau
dauerhafter Institutionen für den Frieden. Die von
einem amerikanischen Kommandeur befehligte
Einsatztruppe war an buchstäblich Hunderten größerer
Projekte zur Unterstützung der SFOR und an der
Förderung der zivilen Implementierung der Abkommen
von Dayton beteiligt.
Unsere jüngsten Erfahrungen verweisen auf die
Möglichkeit, daß das amerikanische Militär zur Beteiligung an komplexeren, nicht herkömmlichen
Operationen aufgefordert wird - die enge Verbindungen zu anderen amerikanischen Regierungsbehörden,
nichtregierungsabhängigen
und
internationalen
Organisationen sowie unseren Verbündeten beinhalten. Damit weist die von uns in der Vergangenheit
geleistete Arbeit eindeutig den Weg zu dem künftigen
Sicherheitsumfeld, mit dem wir uns konfrontiert sehen.
In diesem Zusammenhang haben unsere Einheiten für
Zivilangelegenheiten viel zu bieten. Die Art und Weise,
in der diese Streitkräfte eingesetzt werden, muß jedoch
sehr sorgfältig erwogen werden, bevor wir uns an einer
Operation beteiligen. Dies kann zum Teil in den frühen
Planungsphasen einer Operation durch die Einbeziehung von Mechanismen für die Übergabe der
Verantwortung von unserem Militär an die entsprechenden amerikanischen Regierungsbehörden und
letztlich zurück an den Aufnahmestaat angesprochen
werden. Das bedeutet die Beteiligung der zuständigen

AMERIKA DIENST 15

�Büros im US-Außen-, Justiz- und anderen Ministerien,
wenn wir eine Operation planen.
Gestaltung des internationalen Sicherheitsumfelds
Die Arbeit unserer Einheiten für Zivilangelegenheiten
am Golf, in Haiti und Bosnien-Herzegowina zeigt, wie
gut diese das internationale strategische Umfeld
gestalten können, nachdem upsere traditionellen
Streitkräfte auf eine Krise reagiert haben. Ebenso
wichtig ist die tägliche Arbeit unserer Einheiten für
Zivilangelegenheiten vor Krisenbeginn.
Unsere
weltweiten humanitären Bestrebungen zur Minenräumung sind ein eindrucksvolles Beispiel für den von
unserem Personal für Zivilangelegenheiten geleisteten
signifikanten Beitrag.
Die durch Antipersonenminen ausgelöste Krise hat von
Bevölkerungen und Regierungen auf der ganzen Welt
einen enormen Tribut gefordert. Das Versäumnis oder
die Unfähigkeit eines Landes, sich mit der Weiterverbreitung von Antipersonenminen zu befassen, verursacht ganz offensichtlich nicht nur persönliches Leid,
sondern macht den Landwirten auch die Nutzung ihrer
Felder unmöglich, was die Wiederaufnahme der
landwirtschaftlichen Produktion behindert, den Zugang
zu Märkten verhindert, das Vertrauen der Öffentlichkeit
in neue Regierungen untergräbt und viele andere
Hürden für eine Nation aufbaut, die die Wunden des
Krieges heilen möchte. Zusätzlich zu den Menschen
zugefügten Verletzungen und den daraus entstehenden medizinischen Kosten treiben Minenfelder ganze
Gesellschaften in hilflose Armut, aus der es keinen
Ausweg zu geben scheint.
Die humanitären Bestrebungen zur Minenräumung
sind eine der grundlegendsten Missionen, an denen
sich die Vereinigten Staaten beteiligen können, und
haben für die Clinton-Administration hohe Priorität. Es
ist unser Ziel, die Länder beim Aufbau einer dauerhaften heimischen Infrastruktur zu unterstützen, mit deren
Hilfe die Bevölkerung lernen kann, sich vor Landminen
zu schützen, die Gefahren durch Landminen abzuwehren und in verminten Gebieten den früheren
Zustand wiederherzustellen.

unseren humanitären Minenräumprogrammen zu
spielen. Das Personal für Zivilangelegenheiten dient
als Verbindungsglied zwischen unseren Minenräumteams, der Regierung des Aufnahmestaats und der
US-Botschaft. Darüber hinaus verfügen die Streitkräfte
für Zivilangelegenheiten über die erforderlichen
Fähigkeiten, um Personal des Aufnahmestaats
auszubilden, heimische Minenräumeinheiten aufzustellen und langfristig autonome Programme
aufrechtzuerhalten, was das höchste Ziel dieses
entscheidenden Programms darstellt.
Unser Personal für Zivilangelegenheiten bringt auch
unmittelbare, direkte und greifbare Vorteile für Aufnahmestaaten auf der ganzen Welt: Es werden
Straßen und Schulen gebaut, Brunnen ausgehoben,
Regierungen stabilisiert, Chaos und Verwirrung
beseitigt und die Ordnung wiederhergestellt. Indem sie
für das Leben der Bevölkerung vor Ort wirklich einen
Unterschied bewirken, untermauern die Mitarbeiter
unserer Einheiten für Zivilangelegenheiten den
Goodwill der Vereinigten Staaten in den Augen der
Welt - unsere Streitkräfte für Zivilangelegenheiten
stellen zweifelsohne wertvolle diplomatische Multiplikatoren dar.
Im Hinblick auf die Zukunft ist es von entscheidender
Bedeutung, daß wir unsere Präsenz aufrechterhalten
und in Regionen Beziehungen aufbauen, die für
unsere nationalen Interessen wichtig sind. Unsere
Herausforderung besteht darin, trotz haushaltspolitischer Engpässe weltweit eine effektive militärische Präsenz beizubehalten. Zu diesem Zweck
müssen wir kostenintensive Lösungen vermeiden und
verstärkte internationale Zusammenarbeit anstreben.
Genau das gestattet uns unser Personal für Zivilangelegenheiten.

Das Programm hilft dem Aufnahmestaat bei der
Entwicklung aller Aspekte der Aufklärung der Bevölkerung über Minen und von Minenräumprogrammen
unter dem Vorbehalt, daß kein amerikanisches
Personal Landminen entschärft oder scharfe Minenfelder betritt. Streitkräfte für SpezialOperationen sind
die Hauptquelle des amerikanischen Militärs für die
Ausbildungsprogramme.

Eine Momentaufnahme zeigt, wie das Personal für
Zivilangelegenheiten in Ruanda und Namibia als Teil
humanitärer Minenräumteams tätig ist, im Aufnahmeland Mali als Vermittler bei einer Operation zur Verbesserung der medizinischen Infrastruktur dient, in
Belize an kleinen Bauprojekten wie Brunnenbau und
Straßenausbesserung mitwirkt, an der Wahlvorbereitung in Bosnien beteiligt ist, die Zuweisung
humanitärer Hilfe für Kambodscha koordiniert und der
kambodschanischen Regierung beim Aufbau einer
Infrastruktur behilflich ist, dank derer der Staat den
Menschen die erforderlichen Dienste anbieten kann.
Und sie zeigt, wie das Personal mit nichtstaatlichen
Behörden und privaten Trägern an Zivilprojekten in
Laos zusammenarbeitet, wo vor einem Jahr noch kein
amerikanisches Militär zugelassen war.

Als wir vergangenes Jahr zu diesem Zeitpunkt zusammentrafen, war unser Personal für Zivilangelegenheiten erst vor kurzem in die Minenräumteams einbezogen worden. Jetzt beginnen unsere Soldaten für
Zivilangelegenheiten allmählich eine Schlüsselrolle bei

Die Arbeit unseres Personals für Zivilangelegenheiten
spielt eine entscheidende Rolle bei der Förderung
regionaler Stabilität, Verhinderung oder Entschärfung
von Konflikten und Bedrohungen, Abschreckung von
Aggression und Gewalt weltweit. Die Fähigkeiten der

AMERIKA DIENST 15

Seite 3

�Einheiten für Zivilangelegenheiten wiederum bieten
unseren regionalen Kommandeuren, Botschaftern und
Politikern ein breites Spektrum von Optionen.

partner von der Unterstützung unserer Bestrebungen
abzuhalten oder uns größere Opfer als erwartet zuzufügen, um unsere nationale Entschlossenheit zu
schwächen. In Anbetracht dieser nichtmilitärischen
Bedrohungen gewinnt die Arbeit unserer Streitkräfte für
Zivilangelegenheiten zunehmend an Bedeutung, da ihr
Verständnis für den zivilen Sektor größer ist als das
unserer konventionellen Streitkräfte.

Vorbereitung auf eine ungewisse Zukunft
Ebenso wie die Streitkräfte für SpezialOperationen
früherer Jahre, werden auch die von heute mit ungewöhnlichen Herausforderungen konfrontiert.
Sie
müssen sich auf die heutigen nichttraditionellen
Herausforderungen einstellen und gleichzeitig die
Kampffähigkeit und Reservestruktur der Amerikaner
verändern, damit sie künftigen Herausforderungen
effektiv begegnen können.

Vergangenes Jahr habe ich erwähnt, daß das Personal für Zivilangelegenheiten eine bedeutende Rolle
dabei übernehmen kann, andere Regierungen und ihre
Bürger auf den Umgang mit Terrorangriffen vorzubereiten. Ich fordere Sie dringend auf, weiter nach
Wegen zu suchen, wie Sie auf diesem Gebiet einen
Beitrag leisten können.

Um darauf vorbereitet zu sein, die Kriege unserer
Nation zu führen und zu gewinnen, um eine Reihe
schwieriger Operationen in Spannungsfällen durchzuführen, um zur Unterstützung unserer Freunde und
Verbündeten in der Dritten Welt bei der Schaffung
eines sicheren Umfelds bereit zu sein, müssen wir
ständig neue Taktiken und Ausrüstung entwickeln, die
der Kriegführung des neuen Zeitalters, mit der wir im
21. Jahrhundert konfrontiert sein werden, angemessen
sind.

Ferner fordere ich Sie eindringlich dazu auf, bei dieser
Konferenz den Rednern gut zuzuhören, die zukünftige
Herausforderungen und verfügbare Mittel erörtern,
welche Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen könnten. Ich
möchte Sie ermutigen, Fragen zu stellen, Kommentare
abzugeben, auf Ihren Erfahrungen basierende Vorschläge zu machen und neue Ideen zu unterbreiten.
Dies wird Politikern aller Behörden und den Oberbefehlshabern hilfreiche Anregungen bieten.

Wir müssen damit rechnen, daß unsere Gegner sich in
zunehmendem Maße ungewöhnlicher Mittel oder
unkonventioneller Ansätze bedienen werden, um
unsere Stärken zu umgehen oder zu unterminieren
und unsere Schwächen auszunutzen. Um die direkte
militärische Konfrontation mit den Vereinigten Staaten
zu vermeiden, könnten uns unsere Gegner mit terroristischen Gewalttaten, dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen oder nachrichtendienstlicher Kriegführung zur Erlangung ihrer Ziele drohen. In einem
konventionellen Krieg könnten diese Mittel auch
eingesetzt werden, um unseren Zugang zu entscheidenden Einrichtungen zu verzögern oder zu
verhindern, unsere Kommando- und Kontrollnetze zu
zerstören, Verbündete und potentielle Koalitions-

* *

Seite 4

Die kommenden Jahre werden unsere gesamten
Streitkräfte auf eine harte Probe stellen. Kürzungen im
Verteidigungshaushalt werden den Wert von Anpassungsfähigkeit und unserer Fähigkeit zum Umgang
mit dem Wandel erhöhen. Ich bin zuversichtlich, daß
die heutigen Streitkräfte für Zivilangelegenheiten über
die Kreativität, Flexibilität und Professionalität verfügen, neue unkonventionelle Aufgaben zu bewältigen
und gleichzeitig ihre traditionellen Fähigkeiten zu
bewahren. Und ich bin zuversichtlich, daß die Streitkräfte für Zivilangelegenheiten aus dem nächsten
Jahrzehnt stark und mit einem neuen Zielbewußtsein
in einer geänderten Welt hervorgehen werden.

*

AMERIKA DIENST 15

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Besuch von Bundespräsidenten Herzog in den USA &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abschiedsrede&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Cohen erörtert Gründe für die NATO-Erweiterung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Implementierung des Daytoner Abkommens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Jeffrey Lang&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Entwicklungsländer müssen ebenfalls Treibhausgase reduzieren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Timothy Wirth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Zivilangelegenheiten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Betrachtungen der Zukunft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von H. Allen Holmes&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16

20. August 1997

DAS PROGRAMM DES WEISSEN HAUSES
FÜR DAS NÄCHSTE JAHRTAUSEND
Rede von Präsident Clinton

GESELLSCHAFT

RECHT UND GLAUBEN
von Richter Anthony Kennedy

NAHER OSTEN

ALBRIGHT VERURTEILT GEWALT, TERROR
UND UNILATERALE AKTIONEN
Rede der US-Außenministerin

TELEKOMMUNIKATION

VERBRAUCHER WELTWEIT PROFITIEREN
VON SENKUNG DER TELEFONGEBÜHREN
FÜR AUSLANDSGESPRÄCHE
Rede von Reed Hundt

PORTRAT

JOHN C. KORNBLUM
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

MICHAEL C. POLT
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Das Programm des Weißen Hauses
für das nächste Jahrtausend
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Am 15. August 1997 gaben Präsident Bill Clinton und die First Lady, Hillary Rodham
Clinton, in den National Archives das Programm des Weißen Hauses für das nächste Jahrtausend bekannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Wie die First Lady bereits sagte, haben wir jetzt eine

eine Zeit des Niedergangs oder eine Zeit der Erneuerung einleiten? Ungeachtet der Prophezeiungen und
Voraussagen - von denen es in den nächsten Jahren
noch viele geben wird - ungeachtet der Hoffnungen
und Ängste ist das Jahrtausend nicht länger eine

außergewöhnliche Gelegenheit, die Vergangenheit in

entfernte Möglichkeit. Es rückt näher. Wir werden die

Ehren zu halten, uns die Zukunft vorzustellen und
beide im Geist und für unsere amerikanischen Mitbürger miteinander zu verbinden. Das 20. Jahrhundert
wurde das amerikanische Jahrhundert genannt.
Während Kriegen und der großen Wirtschaftskrise, der
industriellen Revolution und jetzt der Informationsrevolution haben uns der amerikanische Geist der
Entdeckung, Innovation und der Glaube an die Zukunft
angespornt und Milliarden Menschen auf der ganzen
Welt inspiriert.

Zukunft erleben und müssen sie jetzt für uns und
unsere Kinder bestimmen.

Vielen Dank, Gouverneur Carlin, für Ihre Gastfreundschaft an diesem wunderbaren Ort, im Schatten
unserer bedeutendsten historischen Dokumente.

Jetzt sind wir an einem Meilenstein angelangt - dem
Ende eines aufregenden Jahrzehnts, das den Fall des
Kommunismus und den Aufstieg der Demokratie
weltweit gesehen hat, in dem die Geheimnisse des
menschlichen Körpers analysiert und die Beschaffenheit des Mars erforscht wurde sowie neue amerikanische Ideen und Kunst entstanden. Jetzt haben wir
die meines Erachtens wichtigste Erforschung begonnen: Die Wiederentdeckung und Bekräftigung unserer
gemeinsamen Identität als Volk in einer ganz neuen
und anderen Zeit, in der wir als ein Amerika zusammenkommen.
Noch am Anfang unserer Reise stehen wir als Nation
kurz vor der ersten Jahrtausendwende. Seit Jahrhunderten haben sich die Menschen gefragt, was
dieses Jahrtausend bringen würde. Würde es die
Apokalypse bedeuten oder eine neue Welt verkünden,

AMERIKA DIENST 16

Während das Jahr 2000 näher rückt, müssen wir uns
fragen, was wir zur Bewältigung seiner Herausforderungen und zur Definition dieser Zukunft benötigen und müssen uns auf ein neues Jahrhundert und
ein neues Jahrtausend vorbereiten. Wir müssen uns
fragen, welche Werte und welches Erbe wir mitnehmen
und mit welchen Gaben wir die Zukunft beschenken
sollten.
Weltweit bereiten sich Nationen und Gemeinden mit
verschiedenen Bestrebungen auf das neue Jahrtausend vor. Großbritannien baut Brücken, Museen,
neue Parks und eine neue Universität. Deutschland
veranstaltet die Expo 2000, die erste Weltausstellung
zur Feier einer Jahrtausendwende. Ich nehme gerne
die Einladung von Bundeskanzler Kohl an, gemeinsam
mit 143 anderen Organisationen und Nationen an der
Expo 2000 teilzunehmen. Österreich richtet im Jahr
2000 die Sommerolympiade aus. Island feiert den
tausendsten Jahrestag der Reise Leif Eriksons in die
Neue Welt.
Das Programm des Weißen Hauses für die Jahrtausendwende wird Richtschnur für die Feiern Amerikas aus diesem Anlaß, indem es die Leistungen
hervorhebt, die uns als Nation definieren - unsere

Seite 1

�Kultur, unsere Forschung, unsere wissenschaftlichen
Entdeckungen. Ich begrüße das Interesse der First
Lady an diesem Unternehmen und freue mich, daß sie
bei unseren Bestrebungen eine führende Rolle
übernehmen wird. Ferner weiß ich die Arbeit zu
würdigen, die sie und Ihr Stab bereits geleistet haben.
Und ich möchte Ellen McCulloch-Lovell, der ehemaligen Direktorin des Präsidialausschusses für die
Künste und Geisteswissenschaften, danken, daß sie
zugesagt hat, das Büro für das Jahrtausendprogramm
des Weißen Hauses zu leiten. Vielen Dank, Ellen.
Heute möchte ich darlegen, was wir bereits unternehmen, um uns auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten
und uns dieses neue Jahrtausend zu eigen zu machen. An erster und wichtigster Stelle erklären wir die
Erziehung unserer Kinder zu unserer obersten Priorität. Schließlich werden sie den Großteil ihres Lebens
in diesem neuen Jahrtausend und dem neuen Jahrhundert verbringen. Diesen Monat habe ich ein
historisches Gesetz unterzeichnet, das nicht nur einen
ausgeglichenen Haushalt vorsieht, sondern auch
große Investitionen in die Bildung einer Generation von
der frühen Kindheit bis zum College und darüber
hinaus. In den kommenden Monaten werde ich mich
weiterhin dafür einsetzen, hohe und meßbare nationale Maßstäbe für herausragende akademische
Leistungen zu setzen.
Wir haben uns das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2000
jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek in den
Vereinigten Staaten an das Internet anzuschließen.
Ich danke dem Kongreß für die Finanzierung dieses
Unternehmens und dem Privatsektor, daß er uns
bislang geholfen hat, unserem Zeitplan sogar ein
kleines Stück voraus zu sein. Wir müssen unsere
Bestrebungen verdoppeln um sicherzustellen, daß
jeder unserer Mitbürger die Mittel hat, in dem neuen
Jahrhundert erfolgreich zu sein.
Zweitens müssen wir den Weg fortsetzen, der Optimismus und Wachstum unserer Wirtschaft wiederhergestellt hat - jetzt jedoch um sicherzustellen, daß alle
Amerikaner die Möglichkeit erhalten, davon zu profitieren.
Drittens müssen wir sicherstellen, daß unser einzigartiges und pulsierendes kulturelles Leben in dem
neuen Jahrhundert floriert und unsere reiche
Geschichte bewahrt und in Ehren gehalten wird. Ich
freue mich, daß die National Endowment for the
Humanities eine nationale Fernsehserie - Millennium
Minutes - über tausend Jahre mit wichtigen Menschen,
Ereignissen und Errungenschaften sponsert. Das
führende Projekt der National Endowment for the Arts
für die Jahrtausendwende wird über die Kunst die
Geschichten Amerikas erzählen und neue Projekte in
die Wege leiten, beispielsweise neue Knabenchöre
nach dem Modell des berühmten Knabenchors von
Harlem. Die National Endowment for the Arts wird

Seite 2

auch Teams von Fotografen ins ganze Land entsenden, damit sie ihre Vision von Amerika zur Jahrtausendwende festhalten. Und der Präsidialausschuß
für die Künste und Geisteswissenschaften wird sein
Worthy Ancestors-Programm einleiten, in dessen
Rahmen Wirtschaft, Kunst und gemeinnützige Organisationen zusammenkommen, um Kulturgüter aus dem
Bereich folkloristischer, volkstümlicher und klassischer
Tradition zu retten.
Viertens müssen wir Schritte unternehmen um sicherzustellen, daß die Dokumente unserer Demokratie für
die Zukunft sowie die Millionen von Amerikanern,
neuen Einwanderern und ausländischen Besuchern
erhalten werden, die sie jedes Jahr besichtigen. Sie
mögen es vielleicht nicht glauben: Die Dokumente - die
Verfassung, die Bill of Rights und die Unabhängigkeitserklärung - werden von Zeit und Elementen ernsthaft
bedroht, wenn wir nicht innerhalb der nächsten drei
Jahre handeln, um sie zu retten. Aus diesem Grund
freue ich mich sehr, daß die National Archives unter
der Leitung von Gouverneur Carlin einen Dreijahresplan verfolgen um zu gewährleisten, daß diese Papiere
auch den Übergang ins nächste Jahrhundert überleben.
Das wichtigste Projekt der Smithsonian Institution für
die Jahrtausendwende besteht darin, bis zum Jahr
2001 unser Sternenbanner zu retten - die Flagge, die
über Fort McHenry wehte und Francis Scott Key zu
seinem Gedicht inspirierte, das zum Text unserer
Nationalhymne wurde.
Fünftens müssen wir weiterhin die Grenzen von
Wissenschaft und Technologie erweitern und die
Erforschung des Universums fortsetzen. Die Landung
der Marssonde Sojourner am 4. Juli hat die Welt in
Erstaunen versetzt. Sie inspiriert eine neue Generation, und ich habe die Hoffnung, daß sie die Mehrheit
der Amerikaner von der weiteren Unterstützung der
Erforschung des Weltraums überzeugt hat. Die NASA
wird 1998, 2001 und 2003 neue unbemannte Flüge
zum Mars durchführen.
Die National Science Foundation feiert im Jahr 2000
ihr 50-jähriges Bestehen. Aus Anlaß dieses Jahrestages und um junge Menschen zu einer wissenschaftlichen Laufbahn zu ermutigen, wird die Stiftung das
Programm "National Science Foundation 2000" ins
Leben rufen - eine nationale Kampagne über die
Bedeutung von Wissenschaft, Technik und Mathematik.
Wir wissen bereits aus zahllosen Berichten, daß sich
nicht nur das Jahrtausend wendet, sondern auch die
Daten in unseren Computern. Die Experten machen
sich Sorgen, daß viele unserer Informationssysteme
nicht zwischen den Daten im 20. und 21. Jahrhundert
unterscheiden können. Ich möchte dem amerikanischen Volk versichern, daß die Bundesregierung in

AMERIKA DIENST 16

�Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten, den Kommunen und dem Privatsektor Schritte
unternimmt, um Unterbrechungen bei den staatlichen
Dienstleistungen zu vermeiden, die von einem guten
Funktionieren der staatlichen Computersysteme
abhängen. Wir können nicht zulassen, daß das
amerikanische Volk sich auf ein neues Jahrhundert
und ein neues Jahrtausend vorbereitet, während seine
Computer - das Symbol modernen Lebens und des
neuen Zeitalters - es behindern. Wir sind entschlossen, das nicht zuzulassen.
Sechstens müssen wir sicherstellen, daß wir das uns
von Gott gegebene Land für zukünftige Generationen
bewahren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärte
Theodore Roosevelt: "Wir bauen unser Land nicht für
einen Tag auf - es soll die Zeiten überdauern." Am
Vorabend eines neuen Jahrhunderts haben wir eine
moralische Verpflichtung, dieser Forderung weiterhin
gerecht zu werden. Wir haben uns bereits für den
Schutz einiger unserer größten Schätze eingesetzt vom Lake Tahoe über das Grand Staircase-Escalante
National Monument bis zu den Florida Everglades.
Und wir arbeiten daran, das sehr reale Problem des
Klimawandels im kommenden Jahrhundert zu bekämpfen.
Als nächstes müssen wir alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um den Geist des Dienstes an
der Gemeinschaft wiederzubeleben. Jeder Amerikaner sollte die Chance dazu erhalten. Und ich freue
mich sehr, daß AmeriCorps, unser Programm für den
nationalen Sozialdienst, sich zum Ziel gesetzt hat, die
Zahl seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter bis zum Jahr
2000 zu verdoppeln. Ferner freue ich mich, daß das
Peace Corps auf dem Vermächtnis seiner Dienste
aufbauen wird, indem es sich vornimmt, den Umfang
seiner globalen Partnerschaft für das Lernen - World
Wise Schools - bis zur Jahrtausendwende zu verdreifachen. Dieses Programm verbindet die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Peace Corps mit Lehrern
und Schülern hier in Amerika, um internationale und
interkulturelle Verständigung zu fördern.
Und schließlich müssen wir weiterhin als ein Amerika
zusammenkommen. Walt Whitman hat einmal gesagt:
"Wir sind eine Nation der Nationen." Unsere in
unserer Demokratie lebende Vielfalt ist die Quelle
unserer Kreativität, unseres Erfindungsgeistes und
unserer Fähigkeit zu weltweiter Kommunikation. Aus
diesem Grund habe ich im Juni unsere amerikanischen Mitbürger dazu aufgerufen, einen großen
nationalen Dialog über Rasse und Versöhnung zu
beginnen, damit wir gut in das neue Jahrtausend
kommen.
Dies sind nur einige Arten, auf die wir das neue
Jahrtausend feiern und es zu unserem machen.
Letztlich muß jeder Amerikaner entscheiden, welches
Geschenk er der Zukunft machen möchte, aber alle

AMERIKA DIENST 16

haben eine Verantwortung gegenüber unserem
gemeinsamen Schicksal. Daher möchte ich jeden
Bürger, jede Familie und jede Gemeinde auffordern
darüber nachzudenken, auf welche Weise wir das
Jahrtausend feiern und seiner gedenken können - vom
Wiederaufbau und der Verjüngung unserer Gemeindeschulen bis zur Wiederherstellung historischer
Denkmäler und der Aufzeichnung mündlich überlieferter Geschichten von Familienangehörigen.
Die Städte in ganz Amerika planen bereits ihre eigenen
Feiern. In den nächsten drei Jahren werden die First
Lady und ich mit Gouverneuren, Bürgermeistern und
Gemeindevertretern zusammenarbeiten, um dieses
Jahrtausend wirklich zu einer nationalen Feier für die
Zukunft zu machen. Ich lade Sie ein, uns Ihre Gedanken zu übermitteln, indem Sie unsere neue Webseite
über das Jahrtausendprogramm des Weißen Hauses
unter www.whitehouse.gov besuchen.
Ich habe
beschlossen, daß ich eine Zukunft habe, wenn ich 800
Nummern und Webseiten vergebe. Wir können nur
hoffen, daß wir ebenso viele Besucher haben wie die
National Archives Gouverneur Carlin zufolge.
Das ist eine ernsthafte Sache. Wir wollen die besten
Ideen für diese Gedenkfeier und die größtmögliche
Anzahl von Amerikanern zur Zusammenarbeit mobilisieren und motivieren, um einen Beitrag zur Zukunft zu
leisten. Und die Technologie kann uns dabei behilflich
sein. Wir möchten, daß Menschen jeglichen Alters und
aus allen Lebensbereichen uns ihre Ideen über die
Webseite vermitteln. In den nächsten drei Jahren wird
die Webseite uns auch die Chance bieten, dem
amerikanischen Volk unsere Planungen mitzuteilen.
Wir werden die besten örtlichen Projekte mit dem
Ehrentitel "Jahrtausendgemeinde" auszeichnen. Und
wir werden diese Geschichten auf unseren Webseiten
veröffentlichen, damit andere Gemeinden sie lesen
und aus ihnen lernen können. Andere Nationen sind
außerordentlich interessiert an unseren Plänen für das
neue Jahrtausend, und aus diesem Grund überträgt
die Voice of America diese Veranstaltung weltweit. Die
Voice of America hat auch ihr eigenes Projekt - eine
Reihe besonderer Sendungen darüber, wie wir das
Jahrtausend feiern.
Wir markieren unser Leben mit Meilensteinen und
Geburtstagen. Wir markieren die Geschichte unserer
Nation mit Gedenkfeiern - der Zweihundertjahrfeier
unserer Unabhängigkeit, dem 50. Jahrestag der
alliierten Landung in der Normandie, dem 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs im Pazifik und
nächsten Monat mit dem 40. Jahrestag der historischen Entscheidung des Obersten Bundesgerichtshofs
über die Aufhebung der Rassentrennung in der
zentralen High School von Little Rock.
Jeder unserer wichtigsten Wendepunkte war eine
Bekräftigung unserer Werte, und während wir ihrer

Seite 3

�gedenken, erneuern wir diese Werte und gewinnen
neue Energie aus ihnen. Angesichts des neuen
Jahrtausends müssen wir jetzt über unsere Verpflichtung gegenüber der Zukunft entscheiden. Vor
langer Zeit stellte Thomas Paine fest: "Es liegt in
unserer Macht, die Welt von neuem zu beginnen." Wir
haben das immer im Hinblick auf unser Land geglaubt,
und wir müssen jetzt an der Schwelle zu diesem neuen
Jahrtausend Bilanz ziehen und uns verpflichten, die

Welt für unsere Kinder, unsere Kindeskinder und für
die Menschen, die in einem neuen Jahrhundert leben,
neu zu beginnen. Den Menschen dieses neuen
Jahrhunderts müssen wir alle unsere besten Geschenke geben. Für sie werden wir dieses Jahrtausend
feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Recht und Glauben
von Richter Anthony Kennedy

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Richters am Obersten Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten, Anthony Kennedy, die er am 2. August 1997 vor der Jahresversammlung des
amerikanischen Anwaltvereins in San Francisco gehalten hat.

Unser Berufsstand und unser Recht sind ein Spiegelbild der Vereinigten Staaten. Der juristische Beruf ist
ein Spiegelbild des Erbes der Nation, ihres gegenwärtigen Zustands und ihrer Zukunft. Richterin O'Connor
und ich wissen, daß viele von Ihnen keine detaillierte
Kenntnis der Gerichtsbeschlüsse für Ihr spezielles
Fachgebiet benötigen. Wir wissen, daß nicht jeder
Anwalt jeden Tag in die Kanzlei eilt um zu lesen, was
wir in der amtlichen Sammlung der Entscheidungen
des Obersten Bundesgerichts geschrieben haben.
Viele Anwälte erteilen Ratschläge, um die Beziehungen und Transaktionen zu erleichtem, die sich ohne
die Notwendigkeit eines Eingreifens der Regierung
ergeben. In diesen unterschiedlichen Fachbereichen
erfreuen Sie alle sich der Freiheit. Wir wissen auch,
daß es ein spezielles Band zwischen allen Richtern
und Anwälten gibt. Wir sind durch den Beruf verbunden. Von Beginn der Republik drängten Anwälte für
Wirtschaftsrecht Kollegen, die sie besonders bewunderten, zur Tätigkeit in der Judikative, wodurch sie
Vertrauen und Solidarität in allen Bereichen des Berufs
zum Ausdruck brachten. Wir sind durch unser gemeinsames Erbe und unser gemeinsames Jurastudium verbunden, und so sprechen wir dieselbe Sprache
- die Sprache des Gesetzes. Einer von Ihnen kann
den Telefonhörer in die Hand nehmen und mit einem
Juristen sprechen, den er nie getroffen hat und der von
Ihnen durch einen Kontinent und vielleicht eine oder
zwei Generationen getrennt ist. Dennoch kennen Sie
sich in dem Sinne, daß dieses Band sie verbindet und
Sie diese Sprache des Gesetzes sprechen. Die
Sprache unseres Berufs ist eine unserer großartigen
nationalen Ressourcen. Viele andere Menschen und
viele andere Gesellschaften beneiden uns darum.

AMERIKA DIENST 16

Und dennoch sehen sich unser Berufsstand und die
Nation trotz unserer historischen Stärke und unseres
Prestiges mit einer schwierigen und drängenden
Aufgabe konfrontiert. Jeder heute bei dieser Versammlung Anwesende muß ihr Gewicht spüren.
Unsere Aufgabe besteht in der Bestätigung und
Bekräftigung des Glaubens unserer Mitbürger an das
Gesetz. Wenn die Rechtsstaatlichkeit erhalten werden
soll, müssen wir unseren Glauben an ihre einfachsten,
grundlegenden Prinzipien wiederherstellen und
wiederbeleben. Das Recht muß im Bewußtsein eines
Volkes leben. In einer freien Gesellschaft muß das
Recht ein Teil unseres intellektuellen Bewußtseins
sein. Der Glaube muß konstant sein, um dieses
Bewußtsein zu schaffen und dann zu bewahren. Es
wäre eine Übertreibung, wenn ich sagen würde, es
gäbe eine Krise des Unglaubens in unserer Nation,
aber unser erneutes und vertieftes Engagement ist
dennoch vordringlich. Wir dürfen nicht warten, bis wir
am Rande des Abgrunds stehen.
Wir müssen uns verstärkt für das Recht in seinem
grundlegendsten Sinn engagieren, nicht nur für uns
selbst, sondern für die neuen aufstrebenden Demokratien, die von uns den Beweis erwarten, daß die
Rechtsstaatlichkeit funktioniert. Auch an diesen Orten
gibt es oder könnte es bald eine Krise des Unglaubens
geben.
Hier ein Beispiel. Während der letzten Sitzungsperiode des Obersten Bundesgerichts und nach über
einjähriger Planung konnten wir in Washington ein
Treffen der Gerichtsvorsitzenden der Länder der
westlichen Hemisphäre von Kanada bis Argentinien
und Uruguay einberufen. Die Richter führten drei Tage
lang Gespräche. Unser Präsident des Obersten

Seite 1

�Bundesgerichtshofs und die Richter O'Connor, Scalia
und Breyer hielten ebenso wie ich Vorträge über
verschiedene Themen. Mein Vortrag widmete sich
einen ganzen Vormittag lang Fragen juristischer Ethik
und juristischer Unabhängigkeit. Ich erörterte die
theoretischen Grundpfeiler der juristischen Unabhängigkeit sowie einfache Regeln wie die Feststellung der
Nichteignung aufgrund finanzieller Interessen und das
Verbot einseitiger Kontakte zum Gericht. Als ich
geendet hatte, bat einer der Vorsitzenden aus Südafrika - ein äußerst engagierter Jurist - um das Wort.
Er sagte: "Richter Kennedy, ich stimme mit allen Ihren
Ideen, Konzepten und Vorschlägen überein. Das von
Ihnen beschriebene System ist das, was wir anstreben, nach dem wir uns alle sehnen. Und dennoch
können wir es nicht haben. Unsere Juristen und
unsere Bürger würden eine so rigorose Ethik nicht
einhalten können. Unsere Bürger würden nicht
glauben, daß dies möglich ist." Es wurde still im Saal.
Die Stille war quälend, greifbar und schmerzlich. Wir
wußten, daß dies einer der unerwarteten Augenblicke
bei einem Seminar oder Treffen war, der einen Wendepunkt markiert. Ich konnte nur eine Antwort geben.
Ich sagte: "Herr Vorsitzender, Sie müssen diese
Rechtskultur ändern, und Sie müssen heute damit
beginnen. Die Freiheit Ihres Volkes steht auf dem
Spiel."
Die neuen Demokratien in Ost- und Zentraleuropa
sehen sich mit einer ähnlichen Herausforderung
konfrontiert. Sie befinden sich am Scheideweg in der
Geschichte der menschlichen Freiheit. 1848 entschied
sich Deutschland gegen demokratische Institutionen
und leitete so eines der zerstörerischsten Jahrhunderte ein, das die Welt je gesehen hat. Heute hat die
Demokratie Ost- und Zentraleuropa erreicht, aber sie
steht noch auf tönernen Füßen. Die Geschichte wird
noch urteilen müssen, ob die Demokratie dort sicher
ist. Diese Nationen, die so mutig die Einführung der
Rechtsstaatlichkeit versuchen, werden von mächtigen
gegnerischen Kräften bedrängt: Verbrechen, Korruption und der Gefahr eines Demagogen, der die falschen Ideen lehrt. Es wäre tragisch, wenn ehrliche
Menschen, die das Funktionieren der Rechtsstaatlichkeit wollen, nicht mit diesen Kräften ringen könnten.
Die Menschen in Ost- und Zentraleuropa dürfen nicht
denken, sie hätten einfach die Gesetzlosigkeit eines
Diktators gegen die Gesetzlosigkeit des Mob eingetauscht. Sie müssen sicher sein, daß es einen Ort der
Ruhe zwischen der Skylla der Tyrannei und der
Charybdis der Anarchie gibt. Sie blicken auf die
Vereinigten Staaten, um den Stand unserer Gesetze,
den Tenor unserer öffentlichen Debatte und den
Zustand unserer gesamten sozialen Ordnung zu
erfahren. Was sie sehen, kann einen echten Unterschied bei ihrer Entschlossenheit und ihrem Durchhaltevermögen bewirken.
Lassen Sie uns dann die Grundsätze erwägen, an die
unsere eigene Gesellschaft und unser Volk glauben

Seite 2

und die sie bewahren müssen, wenn unsere Rechtsordnung sicher und eine Quelle der Inspiration für uns
und andere sein soll. Am Anfang wissen wir, daß wir
einen gemeinsamen Glauben an einige generelle
Prinzipien teilen, die Staatstreue vorschreiben und
eine Vielfalt von Überzeugungen berücksichtigen.
Freie Institutionen setzen diese Vielfalt voraus. Die
Verfassung der Vereinigten Staaten, die Charta von
1789 mit der Bill of Rights und ihren elementaren
Verfassungszusätzen, ist ein notwendiger Ausgangspunkt. Diese Verfassung ist unsere grundlegende
Charta, das Instrument, das die Gerichte interpretieren,
das Dokument, das weiterhin ein Monument in der
gesamten Geschichte des menschlichen Denkens ist.
Sie kennen diese Verfassung sehr genau, und unser
Volk hält sie in Ehren.
Die Grundsätze, die ich erörtern möchte, beziehen sich
auf Verfassungen im allgemeinen. Verfassungen
beinhalten den Gesamtzustand unserer Gesellschaft
mit allen Konventionen, Sitten, Gebräuchen und
Überzeugungen, die freie Menschen charakterisieren.
Das gilt auch, wenn die Verpflichtungen nicht durch
das Gesetz durchgesetzt werden können und sollten.
Ich meine die Verfassungen, über die Plato und
Aristoteles, Hobbes und Locke sprachen, als sie
untersuchten, ob eine Gesellschaft anständig und
gerecht ist. Verfassungen im allgemeinen setzen
dauerhaften Glauben unsererseits an bestimmte
Regeln voraus, wenn die offizielle Verfassung und die
Rechtsstaatlichkeit gesichert sein sollen. Die Anwaltschaft hat eine besondere Verantwortung zur Wahrung
dieser Grundsätze, von denen ich heute drei ansprechen möchte.
Erstens müssen wir auf der Verantwortung des
Einzelnen bestehen. Jeder muß die Verantwortung für
seine Taten übernehmen. Dieser Grundsatz beinhaltet
die Pflicht zur Umsetzung des Strafrechts und des
bürgerlichen Rechts, erstreckt sich aber auch auf
Bestrebungen der Gesellschaft und die gesellschaftlichen Beziehungen. Persönliche Verantwortung ist für
die Definition von Individualität unerläßlich. Jedes
Mitglied unserer Gesellschaft - auch junge Menschen muß diese Idee verstehen und respektieren. Freiheit
des Einzelnen setzt Verantwortung des Einzelnen
voraus.
Dieses Thema taucht in mehreren Zusammenhängen
auf. Als ein Beispiel möchte ich die Verteidigung mit
dem Argument verminderter Rechtsfähigkeit im
Strafrecht nennen. Wenn dieses im Strafrecht überhaupt anerkannt wird, sollte das nur in den seltensten
Fällen geschehen. James Q. Wilson erzählt von
einem Kriminalfall, bei dem ein Mann eines Verbrechens angeklagt wurde, das er begangen haben
soll, als er sich an einem Aufstand beteiligte. Er
plädierte auf verminderte Rechtsfähigkeit, da er von
der Aufregung und den Emotionen mitgerissen worden
sei. Das ist eine seltsame Verdrehung der Rechts-

AMERIKA DIENST 16

�Staatlichkeit. Unsere Gesellschaft ist mitfühlend und
daher versucht, den Einzelnen aufgrund früherer
Ungerechtigkeit oder hartnäckiger sozialer Mißstände
von der Verantwortung zu entbinden. Wenn wir
unsere Gesellschaft verbessern möchten, müssen wir
uns mit diesen Defiziten befassen, was aber nicht so
weit gehen sollte, daß die Idee persönlicher und
moralischer Verantwortung unterminiert wird. Wir
dürfen das Grundprinzip nicht verdecken.
Wenn unsere Nation sich vor der Geschichte rechtfertigen muß, werden wir nicht verminderte Rechtsfähigkeit zu unserer Verteidigung anführen können.
Und wenn unsere Helden gezählt werden, gehören
dazu diejenigen, die erkannt haben, daß die Verantwortung des Einzelnen die Freiheit fördert, nicht
verweigert.
Der zweite und dritte Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit
sind Vernunft und staatsbürgerliches Verhalten. Diese
Grundsätze gelten ganz allgemein für alle gesellschaftlichen Bestrebungen. Zum Beruf des Juristen
gehört die besondere Verpflichtung zu vernunftbestimmtem und staatsbürgerlichem Verhalten, denn
wir wollen Ordnung in eine andernfalls ungeordnete
Debatte bringen. Vernunftbestimmtes und staatsbürgerliches Verhalten sollten zwei der wichtigsten
Beiträge darstellen, die der juristische Beruf zur
sozialen Ordnung leisten kann.
Die Verpflichtung zur Vernunft ist das eine freie
Gesellschaft untermauernde Grundprinzip. Zweifelsohne impliziert es andere elementare Werte wie
Neutralität, Objektivität und Aufrichtigkeit, die Lincoln
und so viele Juristen in diesem Land unter Beweis
stellten. Die Idee der Vernunft ist, daß eine durch das
Gesetz geeinte Gruppe von Bürgern ein Problem
ausreichend informiert untersuchen und zu einer
vernünftigen, gemeinsamen Schlußfolgerung gelangen
kann. So müssen wir im Rahmen des offiziellen
Rechtssystems, beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen mit Geschworenen, vorgehen. Und so sollten
Bürger, insbesondere Juristen, unsere öffentliche
Debatte führen.
Betrachten Sie sich die Debatten über Vorschläge zur
Verbesserung oder Förderung des Rechtssystems. Es
gibt kaum ein Spektakel, das destruktiver für das
Ansehen unseres Berufs ist, als wenn ein Jurist oder
eine Gruppe von Juristen zu Vorschlägen über
Gesetzesänderungen Stellung nehmen, die nur auf
den finanziellen Eigeninteressen dieser Juristen
basieren. Unser Berufsstand und die Nation verdienen
Ihr objektives Urteil und kein von Eigeninteressen
geleitetes Lobbying. Bisweilen müssen wir als bezahlte Waffe eines anderen agieren; wir brauchen jedoch
keine bezahlte Waffe für uns selbst zu sein.

Bestandteil. Staatsbürgerliches Verhalten ist ein
populärer Ausdruck, weil er nicht politisch belastet ist
und keine parteipolitischen Implikationen hat. Und
genau darum geht es. Daß dieses Konzept akzeptabel
ist, zeigt, daß es grundlegend und nicht belanglos ist.
Es handelt sich nicht um eine zufällige Idee, einen
Ausdruck, vor dem wir uns kurz verneigen, bevor wir
uns in eine erbitterte Debatte stürzen. Es ist kein
Slogan auf irgendeinem Aufkleber wie "Hast Du heute
schon Deinen Feind umarmt?" Staatsbürgerliches
Verhalten ist das Kennzeichen einer erfolgreichen und
herausragenden Persönlichkeit - und mehr. Es ist ein
Selbstzweck. Staatsbürgerliches Verhalten ist tief in
der Idee verwurzelt, den Einzelnen zu respektieren.
Wir behandeln uns mit gegenseitigem Respekt, weil
wir die Bestrebungen anderer Menschen und ihre
Gleichstellung in der demokratischen Gesellschaft
respektieren. Wir müssen Staatsbürgertum in jedem
Teil unseres Rechtssystems und der öffentlichen
Debatte wiederherstellen. Staatsbürgerliches Verhalten definiert unser gemeinsames Anliegen einer
Förderung der Rechtsstaatlichkeit. Unsere ehrlichen
und anständigen Bürger müssen dazu überredet
werden, sich im öffentlichen Leben zu engagieren,
aber sie werden das nur ungern tun, wenn unser
Dialog nicht durch staatsbürgerliches Verhalten
charakterisiert ist. Wenn unsere besten Bürger unsere
Debatte nicht bewundern, werden Angehörige anderer
Nationen das erst recht nicht tun - die Menschen, die
nach den Prinzipien verlangen, die die Grundlage
gemeinsamer Überzeugungen sind und die Rechtsstaatlichkeit in einer Gesellschaft untermauern.
Staatsbürgerliches Verhalten bedeutet nicht, daß die
Argumente eines Juristen nicht überzeugend sein
dürfen. Es übersieht auch nicht die elementare Rolle
des Juristen oder Bürgers, die ihre Stimme aus Protest
gegen die Ungerechtigkeit erheben müssen. Die Idee
des Protests ist in unserer gesetzlichen Tradition von
lebenswichtiger Bedeutung. Protest enthält oft eine
Bitte, die die Gesellschaft lieber nicht hören möchte,
was jedoch nicht heißt, daß sie der Staatsbürgerlichkeit entbehrt. Gezielter Protest ist Protest gegen
Ungerechtigkeit, und Ungerechtigkeit ist grober Mangel
an staatsbürgerlichem Verhalten. Die Geschichte von
Antigone, die ihren Bruder entgegen dem gesetzlosen
Befehl des Tyrannen beerdigt; die Realität von Rosa
Parks würdevoller Weigerung, sich im Bus einen
anderen Sitzplatz zu suchen; das Bild eines jungen
chinesischen Studenten, der kurz vor den tragischen
Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens
einen Panzer stoppt; die von Wel Jingshend in seiner
Zelle in China verfaßte - in sehr höfliche Worte gekleidete - vernichtende Kritik an den Politikern - all diese
Proteste spiegeln den amerikanischen Geist wider.
Wir dürfen jedoch eines nicht vergessen: Freiheit mag
aus Protest geboren werden, sie überlebt jedoch nur in
einem Rechtsstaat.

Staatsbürgerliches Verhalten - der dritte Grundsatz ist eng mit Vernunft verbunden, wenn nicht sogar ihr

AMERIKA DIENST 16

Seite 3

�Das bringt mich zurück an den Anfang meiner Ausführungen. Das Recht kann nicht im Bewußtsein der
Menschen leben, ohne daß diese von den Prinzipien
individueller Verantwortung, Vernunft und Staatsbürgerlichkeit überzeugt sind. Niemand ist stärker an
einem erneuten Engagement für Rechtsstaatlichkeit
und diese Grundsätze interessiert und offener dafür als
die heutige Generation der Jurastudenten und jüngsten Absolventen juristischer Fakultäten. Abschließend möchte ich kurz auf sie zu sprechen kommen.
Ich besuche juristische Fakultäten in verschiedenen
Regionen und sogar verschiedenen Ländern und habe
gerade einen Kurs abgeschlossen, den ich in Europa
gelehrt habe. 120 Studenten von 23 verschiedenen
juristischen Fakultäten aus den Vereinigten Staaten
und anderen Ländern nahmen daran teil. Ich muß
sagen, daß ich in meinen mehr als 33 Jahren Unterrichtserfahrung keine Generation mit so viel Mäßigung,

*

Seite 4

Anstand, Altruismus, Vernunft, staatsbürgerlichem
Verhalten und Sinn für staatsbürgerliche Pflichten
erlebt habe. Viele Professoren der Jurisprudenz und
anderer Disziplinen sowohl hier als auch im Ausland
teilen meine Ansicht. Diese jungen Menschen, die
bald die wichtigsten Treuhänder unserer rechtlichen
Tradition sein werden, möchten hören, daß es eine
Ehre ist, Mitglied der Anwaltschaft und dieses Anwaltsvereins zu sein. Wenn wir uns jetzt erneut dem
Glauben an das Gesetz und seine Grundsätze verschreiben, werden wir sie nicht enttäuschen. Unser
erneutes Engagement und unsere erneute Bekräftigung dieser Grundsätze werden die Grundlage für ein
neues Bündnis mit allen Demokratien bilden - kein
Bündnis der Waffen, sondern des Glaubens an die
Erhöhung der Standards, die das Recht, die Rechtsstaatlichkeit sichern - das Recht, das das einzige Mittel
ist, die Fortschritte der Menschheit zu sichern.

*

AMERIKA DIENST 16

�NAHER

OSTEN
20. August 1997

Albright verurteilt Gewalt, Terror
und unilaterale Aktionen
Rede der US-Außenministerin

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Madeleine Albright am 6. August
1997 vor dem National Press Club gehaltene Rede.

Der israelisch-palästinensische Friedensprozeß
Verehrte Mitglieder des National Press Club, liebe
Gäste, Kollegen und Freunde. Ich freue mich sehr,
daß wir unter der Führung Präsident Clintons während
des ersten halben Jahrs meiner Amtszeit als Außenministerin Fortschritte auf mehreren Gebieten erzielt
haben, die für Sicherheit, Wohlstand und das Wertesystem des amerikanischen Volkes von Bedeutung
sind.
Die Vereinigten Staaten sind der Chemiewaffenkonvention beigetreten.
Die NATO hat drei der neuen zentraleuropäischen
Demokratien zum Beitritt eingeladen und historische
Partnerschaften mit Rußland und der Ukraine begonnen.
Der Kongreß hat einer stärkeren Finanzierung internationaler Angelegenheiten zugestimmt und einen Plan
ausgearbeitet, die UN-Reform anzukurbeln und
gleichzeitig die amerikanischen Zahlungsrückstände
bei dieser Organisation zu begleichen.
Wir machen Fortschritte bei der Implementierung des
Daytoner Abkommens und der Förderung des Kriegsverbrechertribunals.
Wir haben normale Handelsbeziehungen zu China
wiederhergestellt, gleichzeitig aber offen unsere
Besorgnis über die Weiterverbreitung von Waffen
sowie unsere Unterstützung der Menschenrechte
gezeigt.

AMERIKA DIENST 16

Wir haben neue Richtlinien für unsere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Japan entworfen,
Fortschritte auf dem Weg zu Vierparteiengesprächen
in Korea erzielt, unsere Arbeitsbeziehungen zu
Mexiko, Zentralamerika und der Karibik gestärkt und
einen Plan zum Ausbau von Handel und Investitionen
in Afrika bekanntgegeben. Insgesamt war es eine
bemerkenswerte Zeit. Bedauerlicherweise sind die im
Nahen Osten - einem für unsere Interessen wichtigen
Gebiet - erzielten Fortschritte zwischen Israelis und
Palästinensern jetzt in Gefahr.
Heute möchte ich die Gründe für den Stillstand des
Friedensprozesses in dieser Region erörtern und
Vorschläge für die Wiederherstellung der positiven
Dynamik unterbreiten.
Die Dringlichkeit dieses Ziels trat vor einer Woche zu
Tage, als bei dem Bombenanschlag auf den Mahane
Yehuda Markt in Jerusalem 13 Israelis - darunter einer
mit amerikanischem Paß - umkamen und 168 verletzt
wurden. Hinter diesen Zahlen verbergen sich die
Gesichter von Müttern, Vätern, Großeltern und Kindern, die umgebracht wurden - nicht wegen etwas, das
sie getan hatten, sondern nur aus dem Grund, wer und
wo sie waren. Tragischerweise ist das israelische Volk
- nach nahezu 50-jähriger Geschichte seines Staates immer noch die Zielscheibe einer mörderischen
Terrorkampagne.
Kein Volk sollte so leben müssen.
Gleichzeitig sagen solche Vorfälle auch etwas sehr
Positives und Richtiges über das israelische Volk aus:
Daß es sich niemals an derartige Ereignisse gewöh-

Seite 1

�nen und niemals aufhören wird, darauf mit Empörung
und Trauer zu reagieren, die verfrüht beendeten
Menschenleben zu betrauern, die Familien zu trösten
und ein Ende der Terroranschläge zu fordern - und
daß es sich niemals geschlagen geben wird.
Es sagt auch etwas Hoffnungsvolles über die Zukunft
des Nahen Ostens aus, daß diesen Sommer 162
arabische, israelische und palästinensische Teenager
an einem vom Programm "Saat des Friedens" gesponserten Ferienlager in den Wäldern von Maine teilnehmen, und daß dieser tragische Bombenanschlag diese
jungen Menschen durch den Schock, die Trauer und
Entschlossenheit geeint hat, dem Teufelskreis der
Gewalt in ihrer Region ein Ende zu setzen.
Amerikaner nehmen Anteil an allen diesen Gefühlen
und Reaktionen. Unsere Gedanken sind bei den
Familien und Freunden der vergangene Woche
Getöteten oder Verwundeten. Wir stehen Israel bei
seinem Kampf gegen den Terror zur Seite. Wir
bewahren unser unerschütterliches Engagement für
die israelische Sicherheit. Und wir verurteilen gemeinsam mit anderen Regierungen und Völkern aus jedem
Teil der Erde den brutalen Anschlag von letzter
Woche.
Wir haben klare Überzeugungen. Terrorismus ist ein
Übel, für das es keine Rechtfertigung gibt. Er ist ein
Instrument von Feiglingen. Er tötet Unschuldige nicht
zufällig, sondern absichtlich. Und die Absicht im
Nahen Osten ist, den Friedensprozeß zu zerstören,
indem die Sicherheit untergraben und die Hoffnung auf
Frieden vernichtet wird.
Wir wissen noch nicht, wer den Bombenanschlag auf
den Mahane Yehuda Markt verübt hat.
Aber wir können sicher sein, daß dieses Verbrechen
nicht wahllos verübt wurde. Terroristen schlagen oft
zu, wenn sie der Ansicht sind, daß die Parteien
Fortschritte machen. Es mag mehr als nur ein Zufall
sein, daß der jüngste Anschlag kurz nach der Ankündigung verübt wurde, daß die im Rahmen des HebronAbkommens geschaffenen Interimsausschüsse ihre
Verhandlungen wiederaufnehmen würden - und am
Vorabend der amerikanischen Bestrebungen, sich an
der Überwindung der gegenwärtigen Pattsituation zu
beteiligen.
Wir haben im arabisch-israelischen Friedensprozeß zu
viel erreicht um zuzulassen, daß die Aasgeier der
Gewalt die Zukunft der Region bestimmen.
Es steht zu viel auf dem Spiel. In der Vergangenheit
wurden bereits zu große Opfer gebracht.
Und die Menschen in der Region wurden bereits zu
lange durch Blutvergießen und Streit belastet.

Seite 2

Wir müssen denjenigen antworten, die dem Frieden
den Krieg erklärt haben, indem wir dem Terror den
Krieg erklären - in dem Wissen, daß die Schaffung von
Frieden und die Bekämpfung von Terrorismus keine
separaten Kämpfe sind, sondern vielmehr zwei Seiten
ein und desselben Kampfes. Wir können nicht in
einem Kampf erfolgreich sein, wenn wir nicht in beiden
die Oberhand behalten.
Der vor uns liegende Weg ist schwierig, aber dasselbe
gilt auch für den bereits zurückgelegten.
Im Lauf der Jahre war das Streben nach Frieden im
Nahen Osten bereits mehreren Erschütterungen,
Rückschlägen und Traumata ausgesetzt. Wir sahen
mit Entsetzen, wie Bombenanschläge auf Busse und
Märkte verübt, Schulkinder angegriffen, große Staatsmänner wie Präsident Sadat und Ministerpräsident
Rabin ermordet und Unschuldige sogar in Gotteshäusern niedergeschossen wurden.
Trotzdem kamen in Madrid, Oslo, Washington, Kairo
und am Arava historische Feinde zusammen und
sprachen die Sprache des Friedens. Wir waren
Zeuge, wie die Bande zwischen Arabern und Israelis
enger wurden und diese sich im Rahmen eines
Prozesses regionaler Zusammenarbeit schwierigen
Fragen wie Wasserversorgung, Umwelt und Flüchtlingsproblemen widmeten.
Wir haben gesehen, wie arabische und israelische
Geschäftsleute bei einer Reihe von Wirtschaftsgipfeln
Kontakt aufnahmen und die Grundlagen für verstärkten
Handel und Investitionen und erhöhten Wohlstand
legten.
Wir haben gesehen, wie umfassende Fortschritte zur
Beendigung des Sekundär- und Tertiärboykotts Israels
gemacht wurden, wodurch israelische Produkte für die
Welt und die Produkte der Welt für Israel zugänglich
wurden. Wir waren Zeuge substantieller Verhandlungen zur Erlangung einer umfassenden Einigung
zwischen Israel und allen seinen arabischen Nachbarn.
Und wir haben gesehen, wie viele Nationen außerhalb
dieser Region, die jedoch von ihr beeinflußt werden beispielsweise Rußland, Norwegen, Japan und
Mitglieder der EU - dem Frieden diplomatische,
politische und finanzielle Unterstützung gewähren. Wir
müssen uns fragen, warum dieser Prozeß alle Traumata überlebt hat, und wie er trotz Bitterkeit, Trauer,
Leid und Wut Bestand haben konnte.
Die Antwort lautet, daß die überwältigende Mehrheit
der Menschen in der Region - Israelis, Araber und
Palästinenser - zu der Überzeugung gelangt ist, daß
der Status quo inakzeptabel ist, die Kosten des
Konflikts zu hoch sind und das Streben nach Frieden

AMERIKA DIENST 16

�zumindest das Versprechen einer besseren Zukunft
beinhaltet.
Sie wissen, daß ihre Gesellschaften, wenn es keinen
Frieden gibt, weiterhin von den Sorgen der Vergangenheit gebeutelt werden, ihre Region auf dem Weltmarkt
weiter zurückfällt und ihre Kinder in Unsicherheit,
Gefahr und Angst aufwachsen.
Der Wunsch des Volkes nach Frieden ist dauerhaft,
unverwüstlich und stark.
Davor fürchten sich Extremisten und Terroristen am
meisten. Und aus diesem Grund hat der Friedensprozeß trotz des Bombenanschlags von vergangener
Woche und trotz weiterer Gewaltandrohung überlebt
und wird es auch in Zukunft tun.
Als Israelis und Palästinenser 1993 in Oslo zusammenkamen, trat das Bestreben zur Erlangung des
Friedens in eine neue Phase ein. Die Parteien einigten
sich erstmals auf gegenseitige Anerkennung. Und sie
beschlossen, wie die auf kollidierenden Ideologien und
Gewalt basierende ehemals unlösbare Konfrontation in
realisierbare politische Verhandlungen auf der Grundlage gemeinsamer Interessen umgewandelt werden
kann. Die Politiker konnten sich darauf einigen, weil
das israelische und palästinensische Volk die Notwendigkeit verstanden, sich gegenseitig anzuerkennen,
direkt miteinander zu sprechen und die politische
Identität des anderen zu akzeptieren.
Nachdem jetzt die Schwelle zu gegenseitiger Anerkennung überschritten worden ist, gibt es keine
Rückkehr zu gegenseitiger Ablehnung. Keine Partei
kann zu den früheren Zeiten zurückkehren.
Indem sich Israelis und Palästinenser einigten, sich
gegenseitig als Partner zu akzeptieren, unternahmen
sie einen unumkehrbaren Schritt zur Beendigung ihres
Konflikts.
Die Frage lautet heute nicht ob, sondern wann Israelis
und Palästinenser ein für beide Seiten akzeptables
Abkommen erlangen. Die Zeitfrage ist sehr wichtig.
Mit unserer Hilfe können sich Israelis und Palästinenser stetig einer besseren Zukunft nähern oder aber
weiterhin in gegenseitigem Mißtrauen und gegenseitigen Beschuldigungen verhaftet bleiben.
Je länger Entscheidungen hinausgeschoben werden,
desto mehr Konflikt und Leiden werden sich daraus
ergeben.
Ministerpräsident Netanjahu äußerte
kürzlich, an der Spitze Israels sei man wie "auf Rosen
gebettet", jedoch "mit vielen Dornen".
Ich nehme an, daß der PLO-Vorsitzende Arafat seinen
Job mit ähnlichen Worten beschreiben könnte. Man
kann nicht fair über den Nahen Osten sprechen, ohne
die Schwierigkeiten anzuerkennen, mit denen die

AMERIKA DIENST 16

führenden Politiker konfrontiert werden. Man kann
nicht zutreffend über die Region sprechen, ohne
anzuerkennen, wie wichtig der Frieden für das israelische und das palästinensische Volk gleichermaßen
ist und ohne anzuerkennen, daß beide Völker sich für
den Frieden entschieden haben.
In jeder Gesellschaft ist es wichtig, daß das Zentrum
harte Arbeit leistet, um die Oberhand über die Extremisten zu behalten. Und es ist von elementarer
Bedeutung, die Botschaft zu übermitteln, daß es nicht
länger akzeptabel ist, die für die Suche nach dem
Frieden erforderlichen schwierigen Entscheidungen zu
umgehen. Bedauerlicherweise gab es während der
letzten Monate seitdem verheißungsvollen Abkommen
über Hebron keine neuen Fortschritte. Jetzt werden
wir mit einer Vertrauenskrise konfrontiert, die bisherige
Fortschritte in Gefahr bringt, alte Animositäten Wiederaufleben läßt und Israelis und Palästinenser gleichermaßen mit Angst vor der Zukunft zurückläßt.
Um den gegenwärtigen toten Punkt zu überwinden,
müssen Israelis und Palästinenser zu den Grundprinzipien zurückkehren. Diese Prinzipien konzentrieren sich nicht auf den Inhalt der Verhandlungen,
über den die Parteien am Verhandlungstisch sprechen
müssen, sondern auf die viel grundlegendere Frage,
wie die Parteien die Verhandlungen angehen sollten,
um das günstigste Klima für Erfolg zu schaffen.
Welches sind diese Prinzipien? Erstens: Unerläßliche
Bedingung für Fortschritt ist die gegenseitige Verpflichtung zu Sicherheit und Gewaltlosigkeit. Das ist
grundlegend. Das gebietet der gesunde Menschenverstand. Im Friedensprozeß ist kein Platz für Gewalt
oder Terror und kein Platz für den Einsatz von sicherheitspolitischer Zusammenarbeit als Druckmittel
bei Verhandlungen.
Dieser Ansatz zerstört das
Vertrauen, leistet dem Extremismus Vorschub und
unterminiert die Aussichten auf Frieden.
In den letzten Monaten sind viele Israelis zu der
Überzeugung gelangt, daß die palästinensische
Autonomiebehörde ihr Versprechen zur Bekämpfung
des Terrors nicht ernst nimmt, den Worten der Palästinenser keine Taten folgen und die Worte selbst nicht
konsequent oder klar sind. Sie machen sich Sorgen,
daß die Gewalt auf den Straßen inszeniert sein könnte.
Und sie fragen sich, ob die palästinensische Autonomiebehörde alles in ihrer Macht Stehende unternimmt,
um Anstiftung zu Gewalt und Terroranschlägen zu
verhindern.
Sie fürchten, daß die Gewalt grünes Licht bekommt,
während in Oslo rotes Licht gefordert wurde, das für
den Friedensprozeß unerläßlich ist. Wir wollen nicht
das Unmögliche. Bei Selbstmordterroristen gibt es
kein perfektes System, um die Sicherheit zu garantieren. Wir können keinen hundertprozentigen Erfolg
erwarten. Wir müssen jedoch hundertprozentige

Seite 3

�Bestrebungen im Hinblick auf unilaterale Maßnahmen
der palästinensischen Autonomiebehörde zur Bekämpfung des Terrorismus sowie bei der israelisch-palästinensischen Sicherheitszusammenarbeit in die Wege
leiten.
Was bedeutet das im Einzelnen? Es bedeutet Informationsaustausch und die Koordinierung von Maßnahmen im Bereich der Strafverfolgung. Es bedeutet
unermüdliche Bestrebungen zum Aufdecken potentieller terroristischer Gewaltakte und ihrer Abschreckung.
Es bedeutet Aufspüren und Beschlagnahme von
geheimen Waffenlagern, wie es der palästinensischen
Polizei vor zwei Wochen in Beit Sahour gelungen ist.
Es bedeutet die Festnahme und Verfolgung derjenigen, die an der Planung, Finanzierung, Unterstützung
oder Ermutigung des Terrorismus beteiligt sind. Und
es bedeutet, alles in unserer Macht Stehende zur
Schaffung eines moralischen Umfelds zu unternehmen, in dem die Befürwortung von Gewalt und Terror
abnimmt. Die Terroristen geben nicht auf, und deshalb
dürfen wir in unserem Kampf gegen sie ebenfalls nicht
aufgeben. In dieser Sache darf man kein Auge
zudrücken, es darf keine Doppeldeutigkeit oder
Doppelmoral geben - und im Hinblick auf die Gefangennahme von Terroristen keine Drehtüren.
Und das Niveau der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit darf nicht mit den Höhen und Tiefen der Verhandlungen schwanken.
Die Verpflichtung der
Palästinenser
zur
Bekämpfung des Terrors
muß konstant und absolut sein. Das ist von elementarer Bedeutung für Fortschritte beim Friedensprozeß.
Es ist offensichtlich erforderlich, in Israel ein Klima
größerer Sicherheit und größeren Vertrauens zu
schaffen. Aber das ist auch für die Palästinenser
unerläßlich.
Extremistische Gewalt stellt für die
palästinensische Gesellschaft eine große Bedrohung
dar. Palästinenser sind bisweilen direkte Zielscheibe
dieser Gewalt. Und sie leiden unter wirtschaftlichen
und humanitären Härten, wenn Israel die Gebiete
abriegelt.
Obwohl die Israelis zu häufig Opfer des Terrors
geworden sind, muß man fairerweise sagen, daß die
Anschläge durch den Islamischen Heiligen Krieg und
die Hamas auch von den Palästinensern einen
schrecklichen Preis gefordert haben - nicht nur in
ihrem täglichen Wohlergehen, sondern auch im
Hinblick auf ihre langfristigen Hoffnungen und Chancen. Israelis und Palästinenser müssen sich zur
Bekämpfung ihres gemeinsamen Feindes - des
Terrorismus - zusammenschließen. Sie müssen sich
zur Beendigung der Gewalt zusammenschließen, die
dafür Verantwortlichen verhaften und ein Umfeld
schaffen, in dem alle nicht nur überleben, sondern
auch prosperieren und die Aufgabe in Angriff nehmen
können, ein sicheres und produktives Leben auf-

Seite 4

zubauen. Das ist das erste Prinzip von Oslo und der
Eckpfeiler eines dauerhaften Friedens.
Das zweite Prinzip ist, daß beide Seiten die Beilegung
ihrer Streitigkeiten über die Themen am Verhandlungstisch und nirgendwo sonst vereinbart haben. Es liegt
im Interesse beider Parteien, Schritte zu vermeiden,
die das Vertrauen des anderen in den Prozeß unterminieren. In der Praxis bedeutet das die Abkehr von
unilateralen Aktionen, die vorschnelle Entscheidungen
über Themen herbeiführen, die den Verhandlungen
über den endgültigen Status vorbehalten sind.
Ich möchte mich klar ausdrücken. Es gibt kein moralisches Äquivalent zwischen Selbstmordattentätern
und Planierraupen, zwischen der Ermordung unschuldiger Menschen und dem Bau von Häusern. Es
ist einfach nicht möglich, politische Themen ernsthaft in
einem Klima der Einschüchterung und des Terrors
anzusprechen.
Aber das Prinzip, nutzlose unilaterale Aktionen zu
unterlassen, ist entscheidend für die Bewahrung des
gegenseitigen Vertrauens. Insbesondere mit Blick auf
die Verhandlungen über den endgültigen Status ist es
unerläßlich, daß die Parteien überdenken, wie ihre
Aktionen das Umfeld für diese Verhandlungen beeinträchtigen.
Die Palästinenser argumentieren, daß Israel in den
vergangenen Monaten Aktionen unternommen hat, die
eine vorschnelle Entscheidung über Themen bewirken,
die den Verhandlungen über den endgültigen Status
vorbehalten sind. Dazu zählen Siedlungsaktivitäten,
Bauvorhaben in Har Homa und die Beschlagnahme
von Land. Diese Aktionen haben bei vielen Palästinensern Unsicherheit über die Absichten der Israelis
hervorgerufen, die Logik der Verhandlungen für sie
unterminiert und eine Vertrauenskrise gegenüber
ihrem israelischen Partner bewirkt. Die Frage ist
berechtigt: Wie kann man ein glaubwürdiges Umfeld
für Verhandlungen schaffen, wenn Aktionen erfolgen,
die das Ergebnis vorwegzunehmen scheinen?
Um das Vertrauen wiederherzustellen, müssen beide
Seiten ernsthaft und im Vorhinein über die möglichen
Auswirkungen dessen nachdenken, was sie tun und
sagen. Sie müssen mehr tun als zu fragen, ob eine
Aktion technisch legal ist; sie müssen fragen, ob sie
klug ist und im Einklang mit dem Geist ihrer Partnerschaft steht und sie den Zielen ihrer Abkommen
näherbringt.
Die dritte Regel für den Verhandlungsprozeß lautet,
daß beide Seiten mit Worten und Taten demonstrieren
müssen, daß sie Frieden nicht als eine Option von
vielen verstehen, sondern als die einzige Option, die
Sicherheit und Wohlergehen ihres Volkes bietet.

AMERIKA DIENST 16

�Es war diese gegenseitige Anerkennung, die Israel
und die Palästinenser zu Partnern beim Streben nach
Frieden machte. Und es ist die Logik dieser Partnerschaft, die eine Überwindung der Hindernisse und
Rückschläge der Vergangenheit möglich gemacht hat,
wie es das in diesem Jahr abgeschlossene HebronAbkommen demonstriert.
Sowohl die israelischen als auch die palästinensischen
Politiker haben einhellig ihre Verpflichtung zu Frieden
zum Ausdruck gebracht. Aber der Erfolg des Verhandlungsprozesses erfordert mehr. Sie müssen ihre
Verpflichtung zu Partnerschaft und Zusammenarbeit
bei der Lösung von Problemen bekräftigen.
Sie müssen bekräftigen, daß die Zukunft ihrer beiden
Völker kein Nullsummenspiel ist, bei dem eine Partei
gewinnt und die andere verliert, oder bei dem einer mit
einem Vorteil vor dem anderen vom Verhandlungstisch
aufsteht. Wenn zwei Menschen in einem Boot auf eine
Stromschnelle zusteuern, sollten sie nicht darüber
diskutieren, wie sie dorthin gekommen sind - sie
sollten gemeinsam auf das sichere Ufer zurudern.
Die Israelis und Palästinenser werden weiterhin
beträchtliche Differenzen bei ihren Verhandlungen
haben, insbesondere in der noch anzusprechenden
Frage des endgültigen Status. Das Ausmaß dieser
Differenzen macht es umso unerläßlicher, daß die
Parteien nach Wegen zum Wiederaufbau des gegenseitigen Vertrauens und zur Wiederherstellung eines
dynamischen Friedensprozesses suchen.
Der Geist der Partnerschaft muß beide Seiten motivieren. Und eine Anerkennung der legitimen Rechte
des Partners muß das Verhalten beeinflussen. In der
Tat muß die neue Geisteshaltung lauten: "Kein
Problem ist zu groß, als daß wir es nicht gemeinsam
lösen können."
Während Israelis und Palästinenser auf die Wiederbelebung ihrer Verhandlungen hinarbeiten, ist es
unabdingbar, daß die internationale Staatengemeinschaft ihren Teil zur Unterstützung dieser Bestrebungen beiträgt und erkennt, daß Wohlstand ein Vorläufer
des Friedens ist. Jede Nation mit einem Interesse an
der Region - insbesondere Israel - hat ein Interesse an
sozialen und wirtschaftlichen Fortschritten der palästinesischen Autonomiebehörde und sollte einen entsprechenden Beitrag dazu leisten.
Den arabischen Staaten kommt die Verantwortung
zum Aufbau des Friedens durch eine Normalisierung
der Beziehungen in ihrer gesamten Region zu. Dialog,
geschäftliche und persönliche Kontakte sollten an die
Stelle von Boykotten und Feindseligkeit treten. Das ist
die dem im November in Doha geplanten NahostWirtschaftsgipfel zugrundliegende Logik. Die Länder
in der Region werden dem Friedensprozeß und ihrer

AMERIKA DIENST 16

eigenen wirtschaftlichen Zukunft nur schaden, wenn
sie an diesem Gipfel nicht teilnehmen.
In diesem Zusammenhang möchte ich König Hussein
sowohl für seinen direkten Beitrag zu dem Friedensprozeß als auch für die von ihm unternommenen
Anstrengungen danken, die Araber und Israelis
gleichermaßen von den wirtschaftlichen und politischen Vorteilen des Friedens zu überzeugen.
Seit Jahrzehnten haben sich die Vereinigten Staaten
entschieden für einen umfassenden Frieden im Nahen
Osten engagiert. Ebenso wie seine Vorgänger mißt
Präsident Clinton dem oberste Priorität bei und arbeitet
hart an der Unterstützung der Bestrebungen der
Parteien zur Erlangung dieses Ziels.
Seit Jahren gründet die Politik der Vereinigten Staaten
gegenüber dem arabisch-israelischen Friedensprozeß
auf Schlüsselelementen, die unseren Ansatz unterstreichen.
Diese zentralen Elemente besitzen auch heute noch
Gültigkeit. Ich möchte sie nochmals hervorheben:
Wir streben einen gerechten und dauerhaften Frieden
an, der durch direkte Verhandlungen auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats erlangt wird, einschließlich des Prinzips, auf dem
jedes arabisch-israelische Abkommen aufbaut - Land
für Frieden. Unseres Erachtens muß der Frieden mit

wirklichem Schutz Israels und seiner arabischen
Nachbarn vor Bedrohungen von außen und Gewaltakten einhergehen.
Unserer Ansicht nach muß der Frieden gerecht,
dauerhaft, umfassend sein und zu Verträgen führen,
die auf normalen Beziehungen und einem echten
Frieden zwischen zwei Völkern basieren - auch
zwischen Israel und Syrien sowie Israel und dem
Libanon - und wir glauben, daß der Frieden die
legitimen politischen Rechte des palästinensischen
Volkes ansprechen muß. Prinzipien können jedoch
keine Abkommen hervorbringen. Die harte Verhandlungsarbeit tut das. Und die Vereinigten Staaten
haben über eine Vielzahl von Wegen versucht, diesen
Prozeß zu fördern.
Manchmal haben wir auf die Abschirmung und den
Schutz der Verhandlungen hingearbeitet. Wir haben
die Entschärfung von Krisen sowohl an der israelischpalästinensischen als auch an der israelisch-libanesischen Front angestrebt. Wir haben wirtschaftliche und
politische Unterstützung gewährt.
Und wir sind
manchmal sogar über die traditionelle Rolle des
Wegbereiters hinausgegangen und haben die des
Vermittlers gespielt wie bei den israelisch-syrischen
Gesprächen auf der Wye Plantation und während der
Hebron-Verhandlungen.

Seite 5

�Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten keine Partei
in dem arabisch-israelischen Konflikt. Wir übernehmen nicht dieselben Risiken und Pflichten wie die
Parteien, die sich mit den Problemen der politischen
Identität und dem physischen Überleben befassen.
Infolgedessen können, sollten und werden wir keine
Lösungen aufzwingen.
Genausowenig können wir den politischen Willen
bewirken, den Araber und Israelis für die harten
Entscheidungen auf dem Weg zu Frieden benötigen.
Das sind ihre Entscheidungen - nicht unsere. Aber
angesichts unserer unerläßlichen Rolle und dem uns
entgegengebrachten Vertrauen haben wir die Pflicht, in
guten wie in schlechten Zeiten mit ihnen beim Streben
nach Frieden zusammenzuarbeiten.
In der Tat
möchten sie, daß wir diese Rolle spielen. Und das
werden wir weiterhin tun.
Als in den vergangenen Monaten die Verhandlungen
ins Stocken gerieten und sich die gegenseitigen
Beschuldigungen der Israelis und Palästinenser
verschärften, haben wir mehrfach versucht, den
Prozeß wieder auf Kurs zu bringen. In enger Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Präsidenten
Mubarak - unserem strategischen Partner im Frieden versuchten wir, eine Basis zu definieren, auf der sich
die Parteien wieder engagieren könnten. Wir haben
direkte Kontakte gefördert, um praktische Arbeitsbeziehungen zwischen Israelis und Palästinensern
wiederherzustellen.
Wir konzentrierten uns auf parallele Schritte, die jede
Seite unternehmen könnte, um die Anliegen der
anderen Seite anzusprechen. Wir bauten auf diesen
Kontakten auf, um die Diskussion über Probleme des
Interimsabkommens wiederzubeleben und entwickelten Ideen zur Überwindung der Differenzen, die eine
Anberaumung der Gespräche über den endgültigen
Status verhinderten.
Am Abend des Anschlags vom 30. Juli in Jerusalem
hatten der Präsident und ich in der Tat das Gefühl, es
sei an der Zeit, Dennis Ross zur Übermittlung der
amerikanischen Ideen in die Region zu entsenden.
Diese Reise wird er nun Ende dieser Woche antreten.
Botschafter Ross wird sich bei seinem Besuch vornehmlich auf die Sicherheitsdimension der gegenwärtigen Krise konzentrieren. Wenn die richtigen Schritte
zur Verbesserung des Sicherheitsumfelds unternommen werden, haben wir eine Basis für Fortschritte bei
politischen Themen - die wir erzielen müssen -,
angefangen mit der Notwendigkeit der Wiederherstellung des Vertrauens und Fortschritten bei der
Erfüllung der Bedingungen des Interimsabkommens.
Wir müssen jedoch auch bereit sein, mehr zu tun. Die
israelisch-palästinensische Vertrauenskrise hat den
Friedensprozeß sechs Monate gekostet. Verdächti-

Seite 6

gungen und Mißtrauen sind an der Tagesordnung. Die
auf gegenseitiger Anerkennung basierende Logik von
Oslo ist überzeugend, aber der Gesamtansatz des
Interimsabkommens muß mit einem beschleunigten
Ansatz zu den Verhandlungen über den endgültigen
Status einhergehen.
Um wieder an Dynamik zu gewinnen, müssen wir auf
beiden Seiten das Vertrauen in den Verhandlungsprozeß und das mögliche Ergebnis der Gespräche
über den endgültigen Status wiederherstellen. Wenn
beide Parteien ein klares und positives Gefühl bezüglich der endgültigen Richtung der Verhandlungen
haben, wird es leichter für sie, Rückschläge zu
überwinden und Ablenkungen auf dem Weg zu
vermeiden. Das erfordert eine Beschleunigung der
Verhandlungen über den endgültigen Status.
Dieser Schritt ist heute vordringlich und wichtig. Unter
der Voraussetzung von Fortschritten bei den Sicherheitsfragen bin ich daher bereit, Ende dieses
Monats in den Nahen Osten zu reisen. Ich werde
intensive Konsultationen mit den Politikern der Region
und insbesondere mit den israelischen und palästinensischen Politikern führen, um das Klima für Verhandlungen zu verbessern sowie die verfahrenstechnischen und substantiellen Aspekte der Probleme des
endgültigen Status zu erörtern.
Die Wiederbelebung des israelisch-palästinensischen
Friedensprozesses wird nicht über Nacht erfolgen. Sie
erfordert Zeit. Aber Präsident Clinton und ich werden
weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, um den
Parteien zum Erfolg zu verhelfen.
Wir werden auch in Zukunft unsere Rolle als vollwertiger Partner übernehmen. In dieser Partnerschaft
dürfen nur die Parteien die Entscheidungen treffen,
aber wir können sie unterstützen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die Parteien die Verhandlungen
führen, aber wir können mit ihnen am Verhandlungstisch sitzen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die
Parteien die Gestalt bestimmen, die der Frieden
annehmen soll, aber wir können mit ihnen zusammenarbeiten, um diesen Frieden zu erleichtern, zu bewahren und zu erweitern.
Es besteht kein Zweifel daran, daß die Vereinigten
Staaten weiterhin alles zur Förderung des Friedens
zwischen Israelis und Palästinensern und im gesamten
Nahen Osten tun werden. Wir werden alles tun, weil
Fortschritte zu Frieden unseren elementaren Interessen dienen, zum Schutz unserer Freunde beitragen,
unsere Werte reflektieren und weil es richtig ist.
Keine Region der Welt hat größeres Leid oder länger
anhaltende Konflikte gesehen als der Nahe Osten.
Keine Generation hatte eine bessere Chance als die
gegenwärtige, den Teufelskreis des Konflikts zu
durchbrechen.

AMERIKA DIENST 16

�An der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert gibt es
keine Trennlinien des Kalten Krieges, die regionale
Rivalitäten schüren. Und der - einst dunkle - Weg zu
Frieden wurde zuerst in Madrid und dann noch klarer
in Oslo und den inzwischen geschlossenen Abkommen aufgezeichnet.
Israelis und Palästinenser gleichermaßen stehen jetzt
vor der Entscheidung über ihre Zukunft. Sie können
vor den Risiken des Friedens zurückschrecken und
eine Zukunft mit mehr Unsicherheit, Härten und
Kämpfen wählen, oder sie können zur Erneuerung
ihrer Partnerschaft und der Erfüllung der Versprechen
des Friedens zusammenkommen.
Für die Israelis ist dies das Versprechen einer prosperierenden Wirtschaft mit dem Potential des pazifischen
Beckens. Es ist die Gewißheit einer gemeinsamen
Front beim Kampf gegen den Terror, die Gewißheit der
stetigen Zunahme regionaler Zusammenarbeit und der
Fähigkeit, Kinder in Sicherheit und Frieden großzuziehen. Für die Palästinenser ist es das Versprechen des Endes von jahrzehntelangen Konflikten.
Es ist die Chance, ihre Energien und Talente als
vollwertige Partner in einer wachsenden regionalen
Volkswirtschaft einzusetzen, um eine Zukunft von

*

AMERIKA DIENST 16

stetig wachsendem Wohlstand, Würde und Hoffnung
für sich zu schaffen.
Und für alle Menschen in der Region ist es das
Versprechen - wie Präsident Clinton es formulierte "ein Land aufzubauen, das so reich an Schätzen und
friedlich ist wie es heilig ist" und das Angebot des
"Wunders eines normalen Lebens" an Israelis und
Palästinenser gleichermaßen.
Die Vereinigten Staaten können diese Zukunft weder
für Israel noch die Palästinenser entscheiden. Das ist
ihre Entscheidung und ihre Herausforderung. Wir
unterschätzen die Schwierigkeiten nicht. Wir sind uns
der Gefahren bewußt. Aber Amerika gründet auf
Optimismus und dem Glauben, daß die Zukunft besser
als die Vergangenheit sein kann, nicht nur innerhalb
unserer eigenen Grenzen, sondern innerhalb aller
Grenzen auf der Welt.
In diesem Geiste und mit dieser Überzeugung fordern
wir von uns und unseren Partnern erneute und
entschlossene Bestrebungen, um den flüchtigen
Traum eines Nahostfriedens Realität werden zu
lassen.
Ich danke Ihnen.

* * *

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Seite 7

�TELEKOMMUNIKATION
20. August 1997

Verbraucher weltweit profitieren von Senkung
der Telefongebühren für Auslandsgespräche
Rede von Reed Hundt

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 7. August 1997 gehaltene Rede des Leiters der
amerikanischen Fernmeldebehörde FCC, Reed Hundt.

Die heutigen Maßnahmen sind neue Bezugspunkte für
die Festsetzung der Preise, die amerikanische Netzbetreiber zum Endpunkt der Verbindung bei Auslandsgesprächen zahlen. Sie werden zu Einsparungen in
Milliardenhöhe für die Verbraucher in den Vereinigten
Staaten führen und zur Förderung eines wettbewerbsfähigeren, florierenden internationalen Telekommunikationsmarkts beitragen.
Zur Zeit beträgt der Durchschnittspreis eines Auslandsgesprächs 88 Cents pro Minute, verglichen mit 13
Cents pro Minute für ein Inlandsgespräch. Dieser
Unterschied ist vornehmlich auf das monopolistische
Kartell zurückzuführen, das seit langem auf Verrechnungsgebühren bestanden hat, die die Kosten für
die Bereitstellung der Dienstleistung häufig um das
Fünf- bis Zehnfache übersteigen. Dieser Grundsatz
und das Abkommen der Welthandelsorgansation zur
Öffnung der internationalen Telekommunikationsmärkte werden zusammenwirken, um das Wachstum
und die Wettbewerbsfähigkeit der internationalen
Märkte enorm zu steigern, so daß die Verbraucher und
Netzbetreiber weltweit gleichermaßen profitieren
können.
Dieser Grundsatz wird den Verbrauchern hier in den
Vereinigten Staaten und andernorts außerordentliche
Vorteile bringen.
Unseren Schätzungen zufolge
werden die Verbraucher auf der Grundlage der
derzeitigen Markttrends allein in den Vereinigten
Staaten in den nächsten sechs Jahren über 17
Milliarden Dollar einsparen. Zusammen mit unserem
Grundsatz über die Reform des Zugangs von Anfang
dieses Jahres ist dies der größte Vorteil, der amerikanischen Verbrauchern in der Geschichte dieser
Behörde je zuteil wurde.

AMERIKA DIENST 16

Infolge dieses Grundsatzes und des WTO-Abkommens prognostizieren wir, daß der Durchschnittspreis
für ein Auslandsgespräch von heute 88 Cents in fünf
Jahren auf 20 Cents fallen wird - ein Abnahme von
nahezu 80 Prozent.
Und wir sagen vorher, daß sich der amerikanische
Markt für internationale Dienstleistungen in den
nächsten vier Jahren infolge dieses Grundsatzes mehr
als verdoppeln wird. Auf dem Weltmarkt wird wahrscheinlich ein ähnlicher Ansatz erfolgen.
In den vergangenen Jahren wurde ein internationaler
Konsens bezüglich der Notwendigkeit einer Reform
des veralteten Verrechnungssystems erzielt. Dieses
System reicht über 100 Jahre zum Zeitalter des
Telegraphen zurück und diente früher als der Mechanismus für nationale Telekommunikationsbetreibermonopole zur Festsetzung internationaler Verrechnungsgebühren. Die internationale Fernmeldeunion
und andere internationale Organisationen haben
beträchtliche Anstrengungen unternommen, um die
Reform des Verrechnungssystems zu prüfen. Wir
haben bei diesen Bestrebungen eng mit dem Ausland
zusammengearbeitet, und werden das auch in Zukunft
tun. Wir ermutigen unsere Freunde in Übersee zu
gemeinsamen Fortschritten mit uns bei der Reform des
Verrechnungssystems, weil es integraler Bestandteil
eines erfolgreichen Übergangs zur Welt nach der
Welthandelsorganisation ist. Wir sind überzeugt, daß
eine multilaterale Lösung der beste Weg zu einer
Reform ist und haben in dem heute zu verabschiedenden Bericht an die Endstelle (Report &amp; Order) versprochen, diese Bezugspunkte zu überprüfen, sollte
eine zufriedenstellende multilaterale Lösung erzielt
werden.

Seite 1

�Heute vertritt die FCC die Ansicht, daß die Lösung für
die Finanzierung des globalen Kommunikationsnetzes
nicht in immer weiter ansteigenden Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telefongesellschaften liegen kann. Ferner muß unserer
Meinung nach ein globales Netz aufgebaut werden,
und der einzige Weg hierzu besteht darin, dieselben
Gesetze des Wettbewerbs und der Marktfinanzierung
anzuwenden wie auf allen anderen Gebieten. 1996
beliefen sich die gesamten Nettoauszahlungen
amerikanischer Netzbetreiber an ausländische
Netzbetreiber auf 5,4 Milliarden Dollar. Mehr als 70
Prozent dieser Auszahlungen stellen Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telekommunikationsgesellschaften dar.
Ob es um den Endpunkt von Inlands- oder Auslandsverbindungen geht - gewisse Grundsätze bleiben
bestehen. Die Grundsätze des Wettbewerbs im
Telekommunikationswesen sind - ebenso wie die
Gesetze der Physik - in South Dakota dieselben wie in
Südkorea. Im Telekommunikationsgesetz des vergangenen Jahres stellte der Kongreß verschiedene
Grundsätze für die Einführung des Wettbewerbs bei
Ortsgesprächen auf. Dazu zählte die Forderung, daß
die Preise für Wettbewerber für die Schaltverbindung
mit dem örtlichen Netzbetreiber kostenorientiert sein
müssen und niemanden diskriminieren dürfen.
Internationale Verrechnungsgebühren sind nur eine
spezielle Form der Schaltverbindung, die nationale
Grenzen überschreitende Dienste beinhaltet. Die
Bezugsgrößen, auf die wir uns heute einigen, bieten
einen Rahmen zur Förderung des Wettbewerbs bei
internationalen Diensten, indem sie kostenorientierte,
nichtdiskriminierende Preise für internationale Dienst-

*

Seite 2

leistungen bis zum Endpunkt von Verbindungen
fördern. Ferner berücksichtigen sie die Bedürfnisse
der Entwicklungsländer, indem sie den Netzbetreibern
solcher Länder höhere Bezugspunkte und mehr Zeit
zu ihrer Erlangung einräumen.
Verbraucher weltweit werden höherwertige Dienste,
mehr Serviceoptionen und niedrigere Verrechnungsgebühren erhalten, da die Verrechnungsgebühren auf
eine stärker an den Kosten orientierte Ebene gesenkt
werden. Eine Reform der Verrechnungsgebühren wird
auch jedem Netzbetreiber zugute kommen, der
internationale Dienste anbietet, da sie das Wachstum
internationaler Dienste ankurbelt. Das derzeitige
Verrechnungssystem unterdrückt die globale Nachfrage, indem es zu inflationären Preisen für Auslandsgespräche beiträgt. Wenn die Verrechnungsgebühren
und damit wiederum die Telefongebühren gesenkt
werden, wird die Nachfrage nach Auslandsgesprächen
erhöht. Noch wichtiger ist, daß eine Reform des
Verrechnungssystems wesentlich ist, wenn die
Netzbetreiber, die derzeit von künstlich hoch gehaltenen Verrechnungsgebühren profitieren und sich darauf
verlassen, überleben wollen. Ohne eine Reform bei
den Verrechnungsgebühren würden diese Netzbetreiber von einem globalen Telekommunikationsmarkt an den Rand gedrängt, der künstlich teuer
gehaltene Leitungen immer stärker umgeht - entweder
mit Hilfe der preisgünstigsten Praktiken wie Rückruf
oder mit technischen Innovationen wie Telefonieren im
Internet (das nicht den Verrechnungsgebühren
unterliegt). Nur die Disziplin eines wettbewerbsfähigen
Marktes kann das globale Kapital anziehen, das für
den Aufbau einer globalen Informationsinfrastruktur
erforderlich ist.

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AMERIKA DIENST 16

�PORTRAT
20. August 1997

John C. Kornblum
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Botschafter John C. Kornblum, der am
20. August 1997 in der Bundesrepublik Deutschland eintreffen wird.

Am 21. Mai 1997 ernannte Präsident Clinton John C.
Kornblum zum amerikanischen Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland. Er wurde am 31. Juli
vom Senat bestätigt und am 11. August vereidigt. Vor
seiner Ernennung war Botschafter Kornblum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium und Sondergesandter bei den Verhandlungen über das Friedensabkommen von Dayton. Für seine herausragenden
Leistungen während der Krise auf dem Balkan erhielt
er 1996 eine Auszeichnung des amerikanischen
Außenministers.
Botschafter Kornblum begann 1964 eine bemerkenswerte Laufbahn im auswärtigen Dienst der Vereinigten
Staaten.
Erste Stationen waren Hamburg und
Washington. 1969 wurde er in die politische Abteilung
der US-Botschaft nach Bonn entsandt, wo er als
Verbindungsmann für Berlin tätig war und der amerikanischen Delegation bei den Viermächteverhandlungen
angehörte.
1973 kehrte Botschafter Kornblum nach Washington,
D.C., zurück, wo er verschiedene politische Ämter
innehatte - zunächst als Mitglied des politischen
Planungsstabs und später als Direktor der Abteilung
für europäische regionalpolitische Angelegenheiten.
Von 1979 bis 1981 war Botschafter Kornblum Politischer Berater in der US-Mission in Berlin. Im Juli 1981
wurde er zum Leiter der Abteilung für zentraleuropäische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt. Im August 1985 kehrte Botschafter Kornblum
als amerikanischer Gesandter und Stellvertretender

AMERIKA DIENST 16

Kommandant nach Berlin zurück. Nach zweijähriger
Tätigkeit in Berlin wurde er zum Stellvertretenden
Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten bei der
NATO in Brüssel ernannt.
In Anerkennung der herausragenden Leistungen von
John Kornblum ernannte Präsident Bush ihn zum
amerikanischen Botschafter bei der Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Der USSenat bestätigte seine Nominierung am 19. Oktober
1991. In dieser Funktion war Botschafter Kornblum
Leiter der amerikanischen Delegation bei der HelsinkiFolgekonferenz 1992 und übernahm eine führende
Rolle beim Entwurf der Deklaration, die beim Gipfeltreffen von Helsinki im Juli 1992 verabschiedet wurde.
Botschafter Kornblum stellte im August 1992 die neue
amerikanische Delegation bei der KSZE in Wien
zusammen, wo er bis April 1994 tätig war.
Botschafter Kornblum wurde im Juni 1994 zum
Stellvertretenden Abteilungsleiter für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt und hatte diese Position bis zu seiner Nominierung zum Abteilungsleiter im Februar 1996 inne.
Während seiner Tätigkeit im europäischen Büro wirkte
Botschafter Kornblum maßgeblich am Friedensabkommen von Dayton mit und spielte eine zentrale
Rolle bei der Erarbeitung der Strategie der Administration für eine neue Sicherheitsstruktur in Europa.
Botschafter Kornblum ist mit Helen Sen verheiratet und
Vater von zwei Söhnen: Alexander (geboren 1988) und
Stephen (geboren 1990).

Seite 1

�PORTRAT
20. August 1997

Michael C. Polt
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
BONN- (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Michael C. Polt, dem neuen Gesandten der USBotschaft in der Bundesrepublik Deutschland.

Michael C. Polt wurde im August 1997 zum Gesandten
der Amerikanischen Botschaft in Bonn ernannt.
Gesandter Polt ist Berufsdiplomat im höheren auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten mit 20-jähriger
Erfahrung im US-Außenministerium und in diplomatischen Vertretungen in Europa und Lateinamerika. Vor
seiner jetzigen Tätigkeit war er Gesandter und Geschäftsträger der Amerikanischen Botschaft in der
Schweiz.
Nach seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst im
Jahr 1977 wurde Herr Polt an die Amerikanischen
Botschaften in Mexiko City und Kopenhagen entsandt.
Im Anschluß daran war er persönlicher Referent des
amerikanischen Botschafters in Bonn, Leiter des
Amerikanischen Konsulats in Bremen und Botschafts-

rat an der Amerikanischen Botschaft in Panama. In
Washington war Herr Polt Stellvertretender Leiter des
Büros für europäische Sicherheits- und politische
Angelegenheiten und später persönlicher Referent des
Staatssekretärs für internationale Sicherheitsangelegenheiten im US-Außenministerium.
Michael Polt wurde mit dem Superior Honor Award des
US-Außenministeriums und mehreren Meritorious
Honor Awards ausgezeichnet. Er machte seinen
Magister in Verwaltungswissenschaften an der
University of Tennessee. Herr Polt wurde in Österreich geboren. Seine Heimat ist der Bundesstaat
Tennessee. Er spricht Deutsch und Spanisch. Der
Gesandte ist mit Frau Hallie L. Polt, geborene Smith,
verheiratet. Die Familie hat zwei Kinder, Nicholas (16)
und Lindsay (11).

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

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Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten Deichmanns Aue 29 D 53170 Bonn Tel.: 0228-339 2372 Fax: 0228-333 138 e-mail: bbsbonn@usia.gov internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html �WTO 3. September 1997 Entscheidung der WTO über Rindfleischexporte gibt USA Recht Erklärung der US-Handelsbeauftragten WASHINGTON - (AD) - Das Büro der US-Handelsbeauftragten veröffentlichte am 18. August 1997 eine Erklärung über eine Entscheidung der Welthandelsorganisation (WTO) zugunsten der Vereinigten Staaten. Die WTO gab die Ergebnisse ihrer Prüfung des Importverbots der Europäischen Union für mit Wachstumshormonen behandeltes Fleisch am 30. Juni an die betroffenen Regierungen und am 18. August an die Öffentlichkeit weiter. Nachfolgend veröffentlichen wir eine Stellungnahme des Büros der US-Handelsbeauftragten zu der Entscheidung der WTO. WTO-Bericht über Hormone bestätigt Sieg der Vereinigten Staaten Die Welthandelsorganisation (WTO) gab heute den Abschlußbericht des Schlichtungsausschusses über das Importverbot der Europäischen Union für mit Wachstumshormonen behandeltes Fleisch an die Öffentlichkeit. Die Untersuchungsergebnisse des WTO-Ausschusses, die die Forderungen der Vereinigten Staaten unterstützen, wurden am 30. Juni 1997 vertraulich an die betroffenen Regierungen weitergeleitet. Dies war die erste Auseinandersetzung über das Abkommen über sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen (SPS-Abkommen). "Dieser Abschlußbericht bestätigt den Wert des neuen WTO-Abkommens über die Anwendung sanitärer und phytosanitärer Maßnahmen für die Unterscheidung zwischen legitimen Anforderungen an die Nahrungsmittelhygiene und unwissenschaftlichen und ungerechtfertigten Hemmissen für amerikanische Exporte", erklärte die US-Handelsbeauftragte Charlene Barshefsky. "Ich freue mich über die Bestätigung der WTO, daß die EU keine wissenschaftliche Grundlage für die Unterbindung des Verkaufs von amerikanischem Rindfleisch in Europa hat. Das zeigt, daß der Konfliktlösungsmechanismus der WTO komplexe und schwierige Streitigkeiten lösen kann, bei denen ein WTO-Mitglied sich um die Rechtfertigung von Handelhemmnissen bemüht, indem es sie als gesundheitliche AMERIKA DIENST 17 Maßnahmen deklariert. Ich freue mich, daß der Ausschuß die Notwendigkeit bekräftigt hat, Maßnahmen im Bereich der Nahrungsmittelhygiene auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, ebenso wie das in den Vereinigten Staaten geschieht." "Der heute von der WTO herausgegebene Abschlußbericht ist für die amerikanische Rindfleischindustrie eine willkommene Nachricht", erklärte Landwirtschaftsminister Dan Glickman. "Der Schlichtungsausschuß der WTO hat bestätigt, was wir bereits seit mehr als neun Jahren wissen: daß den europäischen Verbrauchern gute Qualität und sichere Produkte aufgrund von Einfuhrbestimmungen verweigert werden, die keinem wissenschaftlichen Test standhalten. Der Ausschuß stützte sich bei seiner Entscheidung über die Unzulässigkeit des Importverbots der EU für amerikanisches Rindfleisch auf die Befunde herausragender Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Ich hoffe, daß die EU jetzt Schritte unternehmen wird, um diese Einfuhrbestimmung in Einklang mit ihren Verpflichtungen im Rahmen der WTO zu bringen und das Verbot für Rindfleisch aus den Vereinigten Staaten, Kanada und anderen betroffenen Ländern aufzuheben. Wir sind zur Zusammenarbeit mit Vertretern der Europäischen Union bereit, um dies so bald wie möglich zu erreichen." Der WTO-Bericht befindet, daß das europäische Verbot des Einsatzes von sechs Hormonen zur Seite 1 �Förderung des Wachstums von Vieh unvereinbar mit den Verpflichtungen der EU unter dem SPS-Abkommen ist. Insbesondere bekräftigt der Bericht des Ausschusses, daß das Verbot der EU einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Es basiert nicht auf einer Risikobeurteilung oder den relevanten internationalen Standards, und die EU nimmt eine willkürliche oder ungerechtfertigte Unterscheidung zwischen ihrer Hormonpolitik und der im Hinblick auf andere Wirkstoffe vor, was zu einer Diskriminierung beziehungsweise versteckten Handelsbeschränkung führt. Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, daß der WTO-Bericht zu einer neuen Politik der EU führen wird, die im Einklang mit den internationalen Handelsverpflichtungen der EU steht. Der Hormonstreit ist der vierte Fall, den die Vereinigten Staaten dem Konfliktschlichtungsmechanismus der WTO erfolgreich vorgelegt haben. (Anmerkung: Der vollständige Text aller Berichte des WTO-Ausschusses ist auf der World Wide Web-Seite der WTO unter http:wto.org. erhältlich.) Vorgeschichte Am 1. Januar 1989 verhängte die EU ein Verbot für Importe von Tieren und Fleischprodukten, die mit Wachstumshormonen behandelt wurden. Die Vereinigten Staaten protestierten bei sechs spezifischen Hormonen gegen dieses Verbot. Diese sechs Hormone wurden von allen Ländern, die sie untersuchten, als sicher für den Einsatz zur Wachstumsförderung erklärt. Darüber hinaus prüften die unabhängigen Experten des Codex Alimentarius-Ausschusses fünf dieser Hormone und befanden sie als sicher (sie wurden nie um die Untersuchung des sechsten gebeten, das nur selten eingesetzt wird). Tatsächlich hat die EU zweimal eine wissenschaftliche Studie über diese fünf Hormone in Auftrag gegeben, und beide Male wurden diese von den Wissenschaftlern als sicher befunden. Drei der fraglichen Hormone sind von Natur aus in jedem Fleisch und in jedem Menschen vorhanden. Der Hormonspiegel im Rindfleisch von Tieren, die zu Wachstumszwecken mit diesen Hormonen behandelt wurden, liegt durchaus im normalen Rahmen. Tatsächlich ist die in Rindfletsch enthaltene Menge beispielsweise viel niedriger als die in einem Ei. (Ein normaler Erwachsener müßte etwa 77 Kilogramm mit diesen Hormonen behandeltes Rindfleisch essen, um die in einem Ei enthaltene Hormonmenge zu sich zu nehmen.) Die Einlassung der Vereinigten Staaten gegen das Importverbot der EU gründete sich primär auf das Argument, daß das Verbot Bestimmungen des WTOAbkommens über die Anwendung von sanitären und Seite 2 phytosanitären Maßnahmen verletzt. Das war die erste Meinungsverschiedenheit über das SPS-Abkommen. Das Abkommen bewahrt eindeutig das Recht der Regierungen zur Anwendung von Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene zum Schutz des menschlichen Lebens und der Gesundheit, aber gleichzeitig fordert es, daß solche Maßnahmen tatsächlich auf diesen Zweck ausgerichtet sind und nicht aus protektionistischen Gründen verhängt werden. Das SPS-Abkommen setzt Regeln für die Entscheidung fest, ob Importverbote und andere den Handel einschränkende Aktionen, die von den Regierungen als Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene bezeichnet werden, die Gesundheit schützen oder für die einheimischen Produzenten einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Das SPS-Abkommen stützt sich insbesondere auf wissenschaftliche Fakten, um legitime Maßnahmen der Nahrungsmittelhygiene von verstecktem Protektionismus zu unterscheiden. Das SPS-Abkommen sieht Ausschüsse zur Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten mit klaren Richtlinien für deren Überwachung vor. Es sieht ferner vor, daß die Maßnahmen auf wissenschaftlichen Prinzipien gründen müssen, nicht ohne ausreichende wissenschaftliche Beweise aufrechterhalten werden dürfen, sich auf eine wissenschaftliche Einschätzung stützen müssen, ob es Risiken für das menschliche Leben oder die Gesundheit gibt, den Handel nicht mehr als notwendig einschränken dürfen, um angemessenen Schutz vor solchen Risiken zu erreichen. Falls vorhanden, müssen sie auf internationalen Normen, Richtlinien oder Empfehlungen basieren, außer es wird ein noch strengerer Standard als angemessen erachtet, um ein anderes Schutzniveau zu erreichen, oder es gibt eine wissenschaftliche Rechtfertigung. Das SPS-Abkommen ermutigt auch die Schlichtungsausschüsse, Experten zu wissenschaftlichen Problemen zu befragen, die von dem Ausschuß in Konsultationen mit den gegnerischen Parteien ausgewählt werden. Um zu der Entscheidung in diesem Streit zu gelangen, holte der Ausschuß den Rat von unabhängigen Wissenschaftlern ein. Es war das erste Mal, daß der WTO-Ausschuß dieses Verfahren anwendete. Der Ausschußbericht faßt die von den Experten erhaltenen Ratschläge zusammen und enthält eine Abschrift der Gespräche des Ausschusses mit den Experten. In diesem Fall ignoriert das Importverbot der EU eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse - einschließlich der in den eigenen Überprüfungen der EU enthaltenen - daß es unbedenklich ist, Fleisch von Tieren zu essen, die im Einklang mit guter Tierhaltung mit diesen Wirkstoffen behandelt wurden. Während des WTO-Gerichtsverfahrens behauptete die EU, das Verbot gründe sich auf Gesundheitsbelange. Als das Verbot verhängt wurde, räumte die EU jedoch AMERIKA DIENST 17 �ein, daß es der Abschaffung von Wettbewerb bei Importen von hormonbehandeltem Rindfleisch auf dem europäischen Markt und der Herbeiführung von gleichberechtigtem Wettbewerb in Europa diente, wo einige Länder vor dem EU-Verbot den Einsatz von Wachstumshormonen für die landwirtschaftliche Tierzucht erlaubten und andere nicht. Die Vereinigten Staaten argumentierten, daß das mit diesen sechs Wachstumshormonen behandelte amerikanische Fleisch sicher ist und der Versuch der EU, die inländische Produktion vor mehr Konkurrenzimporten (auch innerhalb der EU) zu schützen, Handelsprotektionismus und nicht Schutz der Gesundheit und Hygiene ist. Dieser Streit hat eine lange Geschichte. Das EUVerbot von 1989 unterband amerikanische Rindfleischexporte in die EU zum damaligen Wert von ungefähr 100 Millionen Dollar jährlich. Die Vereinigten Staaten versuchten, im Rahmen der damals zur Verfügung stehenden Schlichtungsverfahren eine Einlassung zu machen, aber die EU verweigerte einer Gruppe technischer Experten die Prüfung des Falls. Als Reaktion auf die Blockade von Schlichtungsverfahren durch die EU erhöhten die Vereinigten Staaten die Zölle auf bestimmte Produkte der EU gemäß Paragraph 301 des Handelsgesetzes von 1974. Die erhöhten amerikanischen Zölle blieben wirksam, bis * AMERIKA DIENST 17 die Vereinigten Staaten Erfolg bei der Einrichtung eines WTO-Ausschusses zur Prüfung des Hormonverbots der EU hatten. Nach der Gründung der Welthandelsorganisation beriefen sich die Vereinigten Staaten auf die neuen WTO-Schlichtungsverfahren, um gegen das EU-Verbot vorzugehen. Gemäß der neuen WTO-Verfahren kann die EU den Prozeß nicht blockieren, wie sie es im Rahmen der bisherigen Verfahren konnte. Die Vereinigten Staaten baten Ende Januar 1996 um Konsultationen mit der EU, und im Mai 1996 richtete das WTO-Schlichtungsgremium einen Ausschuß zur Anhörung des Falles ein. Kanada erhob später eine parallele Klage gegen das EU-Verbot, und dieselben Ausschußmitglieder wurden für die Anhörung des kanadischen Falls eingesetzt. Dieser Ausschuß hat seinen Abschlußbericht mit ähnlichen Entscheidungen im Hinblick auf die kanadische Klage veröffentlicht. Die WTO sieht die Möglichkeit einer Berufung gegen die Abschlußberichte des Ausschusses vor. Umfangreichen Presseberichten zufolge beabsichtigt die EU, gegen diesen Ausschußbericht Berufung einzulegen. Die Vereinigten Staaten erwarten, daß der Berufungsausschuß der WTO die Schlußfolgerungen des Ausschusses unterstützen wird. * * * * Seite 3 �ABRÜSTUNG 3. September 1997 Rüstungskontrolle - Ein zentrales Element der amerikanischen Außenpolitik von John D. Holum WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von John D. Holum, dem Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA). Die Rüstungskontrollerfolge der Vereinigten Staaten haben die Welt zu einem sichereren Ort gemacht. Die Realität ist jedoch, daß wir immer noch in einer gefährlichen Welt leben, die immer noch vor Massenvernichtungswaffen starrt und in der die Gefahr der Weiterverbreitung durch verbrecherische Regime, ons Convention - CWC) durch den Senat - ist bereits erreicht worden. Der Präsident forderte auch ein Verbot der ungeschützten Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen oder andere Explosivstoffe, die Stärkung des nuklearen Nichtverbreitungsregimes, Verbesserung der Einhaltung der Konvention über aufflammenden Nationalismus und Terrorismus weiter biologische Waffen (Biological Weapons Convention - besteht. Es ist eine Welt, in der jetzt 40 Länder die technische und materielle Fähigkeit zur Entwicklung von Nuklearwaffen besitzen, sollten sie sich dafür entscheiden. Mehr als 15 Nationen sind mindestens im Besitz von Kurzstreckenraketen - und viele streben den Besitz von Massenvernichtungswaffen an. Rund 20 Länder verfügen über ein Chemiewaffenprogramm. BWC), ein globales Verbot von Antipersonenminen (Anti-Personnel Landmines - APL) und den kontinuierlichen Abbau von Nuklearwaffen. In Anbetracht dieser Gefahren der Zeit nach dem Kalten Krieg müssen die Vereinigten Staaten als die einzige verbliebene Supermacht der Welt weiterhin Rüstungskontrolle zum zentralen Element ihrer Außenpolitik und nationalen Sicherheitsstrategie machen. Im September 1996 hat Präsident Clinton als erster Regierungschef der Welt den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) unterzeichnet - das in der Geschichte der Rüstungskontrolle vielleicht am meisten angestrebte Ziel. Der Vertrag umfaßt jetzt stolze 150 Signatarstaaten. Er wird Atomtestversuche für alle Zeiten beenden. Bei der Unterzeichnung des CTBT legte Präsident Clinton vor der UN-Generalversammlung die sechs Rüstungskontroll- und Nichtverbreitungsziele der Vereinigten Staaten dar. Eines davon - die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention (Chemical Weap- AMERIKA DIENST 17 Die Chemiewaffenkonvention Im April 1997 gab der Senat seine Zustimmung zur Chemiewaffenkonvention als Schutz gegen einen chemischen Angriff von verbrecherischen Staaten und Terroristen. Die Vereinigten Staaten fordern andere Nationen weiterhin zur unverzüglichen Unterzeichnung und Ratifizierung des Vertrags auf. 95 Nationen haben bisher unterzeichnet. Inzwischen zerstören wir unser 30.000 Tonnen umfassendes Chemiewaffenarsenal, und Rußland hat sich zur Zerstörung seines deklarierten Arsenals von 40.000 Tonnen bereit erklärt. Der Vertrag über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material Wir fordern die Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on Disarmament - CD) auf, Verhandlungen über einen Vertrag über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material (Fissile Material Cutoff Treaty FMCT) aufzunehmen, der die Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen für immer einstellen würde. Die Vereinigten Staaten, Rußland, Frankreich und Großbritannien haben bereits die Einstellung der Herstellung von spaltbarem Material für Nuklearwaffen Seite 1 �angekündigt. Ein solcher Vertrag würde ein Verbot der Produktion von Waffen für Nuklearwaffenstaaten und Schwellenländer in die Praxis umsetzen und maßgeblich zum nuklearen Abrüstungsprozeß beitragen. Der Nichtverbreitungsvertrag Die universelle Einhaltung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) und die Stärkung der erforderlichen Instrumente zur Gewährleistung seiner Einhaltung ist ein weiteres vom Präsidenten genanntes Ziel. Dies würde neue Sicherheitsvorschriften der internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) wie Messungen der Umweltbelastung und Zugang zu nicht deklarierten Anlagen beinhalten. Wir fordern alle Nationen, die dem N W noch nicht beigetreten sind, auf, dies unverzüglich zu tun. Sobald Brasilien beitritt, werden nur vier Länder diesem Grundstein von Nichtverbreitungsverträgen nicht beigetreten sein. Die Konvention über biologische Waffen Wir streben ferner nach Mitteln zur Verbesserung der Einhaltung der Konvention über biologische Waffen mit solchen Maßnahmen wie obligatorische Deklarierung und Vor-Ort-Aktivitäten. Die Vereinigten Staaten sind ein aktives Mitglied der Ad-hoc-Gruppe, die auf die Schaffung eines rechtlich bindenden Instruments zur Stärkung der Effektivität und Verbesserung der Umsetzung der BWC hinarbeitet. Antipersonenminen Die Vereinigten Staaten drängen die Genfer Abrüstungskonferenz zur raschen Aushandlung eines globalen Verbots von Einsatz, Lagerung, Produktion und Transfer von Antipersonenminen, durch die jedes Jahr rund 25.000 Menschen verstümmelt oder getötet werden. Das ist eine der obersten Prioritäten der Clinton-Administration in ihrer zweiten Amtszeit. Die Vereinigten Staaten setzen ihr Moratorium über die Produktion und den Transfer von APL fort und fordern andere Nationen auf, es ihnen gleich zu tun. Die Vereinigten Staaten fordern ferner die Staaten zur Ratifizierung des geänderten Landminenprotokolls (Protokoll II) der Konvention über konventionelle Waffen auf, die dies noch nicht getan haben. Abbau von Nuklearwaffen Schließlich drängen die Vereinigten Staaten nach wie vor auf weitere Erfolge bei der Reduzierung des globalen Arsenals von Nuklearwaffen. Die Bestrebungen der Vereinigten Staaten und Rußlands bei der Zerlegung von Trägersystemen für strategische Waffen wie Flugzeuge und Raketen sind dem im ersten Vertrag über die Verringerung strategischer Rüstungen (Strategie Arms Reduction Treaty - START I) festgelegten Zeitplan weit voraus. Die ab dem 5. Dezember 1999 einzuhaltenden Obergrenzen für Seite 2 dislozierte Trägersysteme für strategische Waffen wurden beispielsweise Anfang 1997 erreicht. Darüber hinaus haben die Vereinigten Staaten unabhängig von START I seit 1990 fast 10.000 atomare Gefechtsköpfe beseitigt. Rußland berichtet, daß es ebenfalls nukleare Gefechtsköpfe abbaut. Kasachstan, Belarus und die Ukraine haben die Tausende früher in ihren Ländern gelagerten nuklearen Gefechtsköpfe an Rußland übergeben, und diese Staaten sind jetzt frei von Nuklearwaffen. Der Nachfolgevertrag von START I - der START IIVertrag - sieht einen ordentlichen Mechanismus für die Vereinigten Staaten und Rußland zur drastischen Verringerung der für strategische Offensivwaffen verwendeten Ressourcen und die Verbesserung von Stabilität und Sicherheit vor. Der US-Senat hat über START II beraten und dem Vertrag zugestimmt. Die russische Duma muß den Vertrag jedoch noch verabschieden. Präsident Jelzin hat die Bedeutung der unverzüglichen Ratifizierung des Vertrags unterstrichen, und obwohl wir nicht vorhersagen können, wann die Duma handeln wird, hoffen wir, daß die positive Abstimmung des Senats ebenso wie die eindeutigen Vorteile von START II die russische Duma zu einer ähnlichen Handlungsweise ermutigen. Sobald START II in Kraft tritt, werden die Vereinigten Staaten und Rußland unverzüglich Verhandlungen über ein START Ill-Abkommen aufnehmen, wie von den Präsidenten Clinton und Jelzin beim Gipfeltreffen von Helsinki im März 1997 vereinbart. START III wird Reduzierungen bei dislozierten strategischen Gefechtsköpfen auf 2.000 oder 2.500 bis zum 31. Dezember 2007 beinhalten. Darüber hinaus vereinbarten die Vereinigten Staaten und Rußland sicherzustellen, daß die Vorteile der START-Verträge unumkehrbar sind, indem sie versuchen, Probleme im Zusammenhang mit dem Ziel, den derzeitigen START-Verträgen unbegrenzte Dauer zu verleihen, zu lösen. Das Inkrafttreten und die Umsetzung von START II sowie die Aushandlung von START III werden einen wichtigen Beitrag zum obersten Ziel der Vereinigten Staaten und aller Parteien des Nichtverbreitungsvertrags - einer Welt ohne Nuklearwaffen und ohne die Gefahr eines Krieges - leisten. Dieser Prozeß kann jedoch nicht über Nacht geschehen. Die Vereinigten Staaten vertreten weiterhin die Ansicht, daß Fortschritte im Bereich der Abrüstung nur schrittweise erfolgen können, wobei die legitimen Sicherheitsbelange aller Staaten sorgfältig in Betracht gezogen werden müssen. Ebenfalls in Helsinki bekräftigten die beiden Regierungschefs die Verpflichtung ihrer Nationen zum ABMVertrag und bestätigten, daß beide Seiten die Option der Aufstellung und Dislozierung effektiver schauplatzgebundener Raketenabwehrsysteme haben müssen. AMERIKA DIENST 17 �Kooperative Verringerung der Bedrohung Durch die im Rahmen des Programms zur kooperativen Verringerung der Bedrohung (Cooperative Threat Reduction - CTR; auch als Nunn-Lugar-Programm bekannt, weil es von Senator Richard Lugar und dem ehemaligen Senator Sam Nunn vorgeschlagen wurde) bereitgestellten Gelder waren die Vereinigten Staaten Rußland und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bei Transport, Sicherung und Zerlegung ihrer Nuklearwaffen behilflich. Beispielsweise gewähren die Vereinigten Staaten Rußland derzeit Hilfe beim Entwurf und Bau einer Einrichtung zur sicheren Lagerung spaltbaren Materials, das aus zerlegten Nuklearwaffen aus Mayak stammt. Die Aushandlung und Gewährleistung der Vernichtung nuklearer Gefechtsköpfe und ihres spaltbaren Materials ist eine äußerst komplizierte Aufgabe. Die Bedrohung durch "herrenlose Nuklearwaffen" - nukleare Sprengköpfe oder spaltbares Material, die der Kontrolle der Regierung entgleiten könnten - wurde von zahlreichen Experten zu Recht als eine der größten Gefahren unserer Zeit bezeichnet. Sicherzustellen, daß sie nie zur Realität wird, ist eine der größten uns konfrontierenden Herausforderungen. Der globale Ansatz, diesen Aspekt des Kalten Krieges in den Hintergrund treten zu lassen, enthält vier wesentliche Elemente. Erstens müssen die Staaten kooperativ zusammenarbeiten, um Nuklearschmuggel an der Wurzel zu stoppen und sicherzustellen, daß alles waffenfähige Nuklearmaterial sicher und nachweisbar gelagert wird. Im Juni 1996 einigten sich die Teilnehmerstaaten des Nukleargipfels in Moskau auf ein "Programm zur Verhinderung und Bekämpfung des Schmuggels mit Nuklearmaterial", um verstärkte Zusammenarbeit bei allen Aspekten von Prävention, Aufspüren, Informationsaustausch, Ermittlung und strafrechtlicher Verfolgung sicherzustellen. Beim Moskauer Gipfel wurde auch die grundlegende Verantwortung jedes Landes bekräftigt, die Sicherheit aller in seinem Besitz befindlicher Nuklearmaterialien auf nationaler Ebene zu gewährleisten. Das beinhaltet effektive Systeme für Nachweis und Kontrolle von Nuklearmaterial sowie physischen Schutz. Zweitens müssen die Staaten zusammenarbeiten, um Sicherheit durch Transparenz zu erreichen. Effektive Überwachungs- und Verifizierungsregime beeinflussen die Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen durch alle Parteien. Maßnahmen wie Datenaustausch und gegenseitige Inspektionen bauen Vertrauen in die Stabilität und Unumkehrbarkeit des Abbaus auf und gewährleisten die Kontrolle von Gefechtsköpfen und spaltbarem Material gleichermaßen. Der Austausch solcher Informationen ist kein Altruismus, sondern eine praktische Notwendigkeit, um Doppeldeutigkeit, Unsicherheit und Unwissenheit zu verringern, die eine AMERIKA DIENST 17 zügige Beendigung des Abbaus von Nuklearwaffen behindern. Drittens müssen wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen, damit nicht übermäßig viel spaltbares Material gelagert wird. Wie bereits erwähnt, sollten wir einen FMC-Vertrag anstreben, um die Produktion ungesicherten, hochangereicherten Urans oder Plutoniums zu verhindern und damit die für die Waffenherstellung verfügbare Menge zu begrenzen. Die zunehmende weltweite Anhäuf ung von abgespaltenem Plutonium für zivile Zwecke stellt eine eigene Weiterverbreitungsgefahr dar. Die Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht, daß keine Nation - ungeachtet der Wahl ihres Brennstoffkreislaufs - übermäßig viel Nuklearmaterial lagern darf und alle Nationen mit der Zeit den Abbau dieser Vorräte in die Wege leiten sollten. Das Abkommen von Moskau ist in der Hinsicht ermutigend, daß es zumindest im Kontext des Umgangs mit überschüssigem Nuklearmaterial das Ziel verfolgt, alle Bestände an abgespaltenem Plutonium und hochangereichertem Uran durch die friedliche Nutzung nichtexplosiver, sicherer und endgültiger Entsorgung so bald wie möglich zu verringern. Viertens müssen wir das überschüssige Plutonium und hochangereicherte Uran entsorgen - sowohl um zu bestätigen, daß die Abrüstung nie mehr rückgängig gemacht werden kann, als auch um sicherzustellen, daß dieses Material nie in die falschen Hände gelangt. Die Vereinigten Staaten unterstützen entschieden die beim Moskauer Gipfel getroffene Entscheidung, eine umfassende multilaterale Kooperation zur Entsorgung des überschüssigen spaltbaren Materials in die Wege zu leiten. Optionen zur Langzeitlagerung werden unparteiisch geprüft - wobei Nichtverbreitung, Sicherheit sowie technische, umweltpolitische und wirtschaftliche Faktoren in Betracht gezogen werden. Die Unsicherheit über die Endlagerung des aus zerlegten Waffen stammenden spaltbaren Materials darf nie ein Hindernis für den zügigen Abschluß der nuklearen Abrüstung sein. Konventionelle Rüstungskontrolle Zusätzlich zu diesen Prioritäten der Rüstungskontrolle drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf Maßnahmen im Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle und der Vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen. Der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-Vertrag) hat zur Beseitigung von über 51.300 Panzern, gepanzerten Fahrzeugen, Artilleriegeschützen, Kampfflugzeugen und Angriffshubschraubern sowie zu mehr als 2.700 Inspektionen vor Ort geführt. Der KSE-Vertrag bleibt der Grundstein der europäischen Sicherheit und ein Modell für konventionelle Rüstungskontrolle in anderen Regionen der Welt. Seite 3 �Im Rahmen des Mandats der Überprüfungskonferenz für den KSE-Vertrag von 1996, bei der Wirksamkeit und Umsetzung des Vertrags während der ersten fünf Jahre seiner Laufzeit beurteilt wurden, begannen die 30 Vertragsparteien einen Prozeß der Anpassung des Vertrags an das Zeitalter nach dem Kalten Krieg. Bei diesem Prozeß werden die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten gewährleisten, daß der Vertrag weiterhin Sicherheit und Stabilität in Europa fördert. Ferner werden die Vereinigten Staaten ihre Bestrebungen fortsetzen sicherzustellen, daß die Rüstungskontrolle auf dem Balkan vollständig erfolgt und zu Stabilität in der gesamten Region beiträgt. Wir müssen auch unsere internationalen Bestrebungen zur Erhöhung von Transparenz und Zurückhaltung beim Transfer konventionaller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie verstärken. Afrika. Regionale Rüstungskontrolle gewinnt an Bedeutung in der Welt nach dem Kalten Krieg, in der wir in ein neues Sicherheitsumfeld gelangen, das durch regionale Instabilität und Spannungen charakterisiert ist, die durch politische, militärische, ethnische und religiöse Antagonismen hervorgerufen werden. Eine Möglichkeit zur Verstärkung der nationalen Sicherheit und regionalen Stabilität der Vereinigten Staaten ist die Förderung der weltweiten Verabschiedung von Rüstungskontrollmaßnahmen. Dies ist eine bedeutende Ära zukünftiger Rüstungskontrollbestrebungen der Länder, die von solchen Spannungen betroffen sind. Derartige Anstrengungen werden Spannungen abbauen, den Frieden fördern oder wahren und den Anreiz zu Rüstungswettlauf oder zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme nehmen. Regionale Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen Die Vereinigten Staaten haben eine ehrgeizige Agenda. Angesichts der die Welt konfrontierenden Herausforderungen wäre jede weniger ehrgeizige Tagesordnung unverantwortlich. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende unternehmen um sicherzustellen, daß die Waffen, die früher unser letzter Ausweg waren, zu den am wenigsten zugänglichen Waffen der Welt werden. Schließlich intensivieren die Vereinigten Staaten ihre Bestrebungen zur Entwicklung, Förderung und Unterstützung regionaler Vertrauens- und sicherheitsbildender Maßnahmen in Eurasien, dem Nahen Osten, der asiatisch-pazifischen Region, Lateinamerika und * * Seite 4 * * * AMERIKA DIENST 17 �ABRÜSTUNG 3. September 1997 Nichtverbreitungsstrategie der Vereinigten Staaten hat höchste Priorität von James Steinberg WASHINGTON - (AD) - Ein wesentliches Element der amerikanischen Nichtverbreitungsstrategie ist die Bewältigung der "unterschwelligen Konflikte und Spannungen, die der Weiterverbreitung in drei Schlüsselregionen Vorschub leisten", erklärte der Stellvertretende Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, James Steinberg. Nachfolgend veröffentlichen wir eine überarbeitete Version seiner am 9. Juni 1997 vor der Carnegie Endowment for International Peace in Washington gehaltenen Rede. Zweifelsohne können die heutigen komplexen und vielfältigen Herausforderungen im Bereich der Weiterverbreitung nicht mit einer einfachen Politik bewältigt werden. Präsident Clinton hat jedoch deutlich gemacht, daß es für die Vereinigten Staaten keine höhere Priorität gibt. Die Strategie der Vereinigten Staaten besteht aus drei wesentlichen Elementen. Erstens dem Abschluß und der Stärkung internationaler Vertragsregime; zweitens dem Umgang mit dem Problem von Waffenlieferungen durch multilaterale Mechanismen zur Kontrolle der Verbreitung von Technologie, Gerät und Material, die der Weiterverbreitung Vorschub leisten; und schließlich dem Umgang mit dem Aspekt der Nachfrage durch den Entwurf und die Durchführung regionaler Ansätze, um den Anreiz zur Weiterverbreitung zu verringern. Unsere erste Verteidigungstaktik sind internationale Verträge, die normative und rechtliche Strukturen für den Umgang mit der Bedrohung durch Weiterverbreitung errichten. Die letzten vier Jahre stellten den krönenden Abschluß bemerkenswerter, jahrzehntelanger Bestrebungen dar, die Schlüsselemente eines globalen Rahmens zu schaffen - den Nichtverbreitungsvertrag (NW), die Chemiewaffenkonvention (Chemical Weapons Convention - CWC) und die Konvention über biologische Waffen (Biological Weapons Convention - BWC). Jetzt stehen wir vor einer doppelten Herausforderung: Erstens eine möglichst große Mitgliedschaft bei diesen Regimen zu gewährleisten und zweitens, effektive Verifizierungs- AMERIKA DIENST 17 und Durchsetzungssysteme zu entwickeln und umzusetzen. Das nukleare Regime hat die größten Fortschritte gemacht. Mit Hilfe unserer führenden Politiker ist der N W zu einem dauerhaften Bestandteil der internationalen Politik geworden, dem fast alle Länder angehören. Der UN-Sicherheitsrat hat einmütig einen Präzedenzfall für Aktionen gegen Staaten wie beispielsweise Irak und Nordkorea geschaffen, die den Vertrag verletzen. Der rechtliche Status des N W wird durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und ihre umfassenden Sicherheitsinspektionen gestärkt. Die internationale Staatengemeinschaft wurde auf ernüchternde Weise wachgerüttelt, als wir das geheime Nuklearwaffenprogramms des Irak aufdeckten. Wir reagierten darauf mit der Stärkung von Rolle und Ressourcen der IAEO, die letzten Monat in der Annahme des Protokolls über das neue Modell gipfelte. Das Protokoll wird die Autorität und Fähigkeit der IAEO zur Aufdeckung geheimer Nuklearwaffenaktivitäten der Vertragsparteien des N W beträchtlich stärken. Präsident Clinton möchte dem Senat dieses Protokoll Anfang kommenden Jahres zur Ratifizierung vorlegen. Der Erfolg des globalen NW-Regimes wird durch regionale nuklearwaffenfreie Zonen wie die in Lateinamerika, Afrika und im Südpazifik vergrößert. Die Vereinigten Staaten arbeiten derzeit mit den Parteien der nuklearwaffenfreien Zone in Südostasien an der Lösung von Fragen, die der Einhaltung durch die Vereinigten Staaten noch im Wege stehen, und wir Seite 1 �sehen neuen Informationen über die vorgeschlagene nuklearwaffenfreie Zone in Zentralasien erwartungsvoll entgegen. Ferner hoffen wir, daß die betreffenden Parteien in naher Zukunft Gespräche über die Schaffung nuklearwaffenfreier Zonen in Südasien und im Nahen Osten aufnehmen können. Präsident Clinton hat auch die Aushandlung eines Vertrags über die Einstellung der Produktion von spaltbarem Material (Fissile Material Cutoff Treaty FMCT) gefordert - ein Vertrag, der besonders wertvoll für die Regionen wäre, in denen ein destabilisierender Rüstungswettlauf die Sicherheit gefährdet und die zur Deckung sozialer Bedürfnisse erforderlichen Ressourcen beansprucht. Unseres Erachtens sollten die Verhandlungen über die wesentlichen Gesichtspunkte unverzüglich aufgenommen werden. Obwohl sie theoretisch sehr attraktiv erscheint, ist die Verknüpfung mit einem zeitgebundenen, umfassenden nuklearen Abrüstungsschema einfach nicht zweckmäßig. Und es steht zu viel auf dem Spiel um zuzulassen, daß das Perfekte zu einem Feind des Guten wird. Im Gegensatz zu dem nuklearen Regime sind internationale Bestrebungen zur Verhinderung der Weiterverbreitung chemischer oder biologischer Waffen weniger gut vorangekommen. Nach dem Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention müssen wir jetzt sicherstellen, daß die Organisation für das Verbot chemischer Waffen die zur Umsetzung der CWC erforderlichen Ressourcen und politische Unterstützung erhält. Die Mitglieder der CW-Konvention müssen zusammenarbeiten, um den Kreis der Unterzeichner der Chemiewaffenkonvention auszuweiten. Insbesondere hoffen wir, daß die russische Duma die CW-Konvention so bald wie möglich unterzeichnet. Die Konvention über biologische Waffen stellt in mancher Hinsicht sogar eine noch größere Herausforderung dar. Obwohl dieser Vertrag bereits 1972 in Kraft trat und ihm fast alle Länder beigetreten sind, hat das Regime keine Mechanismen zu seiner Einhaltung oder Durchsetzung. Präsident Clinton rief vergangenes Jahr bei den Vereinten Nationen die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, bis 1998 ein rechtlich bindendes Protokoll zur BWC zu verabschieden, das strenge Vorgehensweisen zu ihrer Einhaltung - unter anderem Inspektionen vor Ort - vorsieht. Wir sehen der Arbeit zur Erlangung dieses Ziels erwartungsvoll entgegen. Unser zweites wesentliches Instrument im Kampf gegen die Weiterverbreitung ist die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Lieferanten von Atommaterial, um den Export von Technologie, Gerät und Material zu kontrollieren, die zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme beitragen können. Das ist ein schwieriges Vorhaben. Die neuen marktwirtschaftlichen Demokratien Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion bemühen Seite 2 sich um die Überwindung ökonomischer Härten und die Einrichtung effektiver Exportkontrollsysteme. Mit Ausnahme einiger äußerst spezialisierter Technologien hat eine langfristige Strategie der Verweigerung von Technologie reale Grenzen. In den heutigen zunehmend offenen Gesellschaften wird es immer schwieriger, den Transfer oder die Entwicklung der für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen erforderlichen grundlegenden industriellen Infrastruktur und des technischen Know-hows im eigenen Land zu verhindern. Trotzdem kann und muß die internationale Staatengemeinschaft - sowohl mit Hilfe nationaler als auch multilateraler Mechanismen - wichtige Schritte zur Bewältigung dieser Herausforderung unternehmen. Die meisten westlichen Lieferanten von Atommaterial haben die einheimischen Kontrollen von Mehrzwecktechnologie verschärft und Informationsaustausch sowie Zusammenarbeit im Bereich der strafrechlichen Verfolgung erhöht, um den Schmuggel mit gefährlichen Technologien zu bekämpfen. Jetzt müssen wir die Zahl der Mitglieder erhöhen und die multilateralen Exportkontrollbestrebungen verbessern - im ZanggerAusschuß, in der Gruppe der Lieferanten von Atommaterial, der Australien-Gruppe sowie beim Raketentechnologie-Kontrollregime (Missile Technology Control Regime - MTCR). Das Wassenaar-Abkommen, dem 33 Staaten angehören, ist ein einzigartiges Instrument zur Stärkung von Verantwortung und Transparenz beim Verkauf von konventionellen Waffen und Mehrzwecktechnologie sowie zur Mobilisierung internationaler Unterstützung für die Einschränkung des Handels mit Pariastaaten. Letztlich hängt die Effektivität dieser multilateralen Bestrebungen von der uneingeschränkten Beteiligung aller potentiellen Lieferanten ab. Insbesondere Rußland und China sind entscheidend bei der Bewältigung der durch Lieferanten dargestellten Herausforderung. Wir haben ein starkes nationales Interesse an der Zusammenarbeit mit Rußland um sicherzustellen, daß die Zukunft des Landes in engeren Beziehungen zum Westen besteht. Die neue Grundakte zwischen der NATO und Rußland ist nur ein Beispiel unserer umfassenderen Strategie zur Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Integration Rußlands. Dennoch gibt es wirtschaftliche und politische Ängste, die aus dem Verlust von Rußlands traditionellen Märkten herrühren und Druck auf die Entwicklung von Beziehungen für die Lieferung von waffenfähigem Material an die Besorgnis erregenden Länder ausüben. Ich möchte hier insbesondere die Frage von atomarer und raketentechnischer Hilfe für den Iran erwähnen. Obwohl wir Präsident Jelzins Zusagen zu schätzen wissen, daß Rußland seine nukleare Hilfe für den Iran einschränken wird, sind wir weiterhin besorgt, daß der Iran sich den Bau von russischen Atom- AMERIKA DIENST 17 �kraftwerken zunutze machen wird, um in den Besitz des Fachwissens und der Infrastruktur zu gelangen, mit denen das Land seine Nuklearwaffenambitionen fördern kann, auch wenn Präsident Jelzin klargestellt hat, daß das nicht die Absicht Rußlands ist. Wir sind auch beunruhigt über jüngste Berichte, daß Rußland Irans Langstrecken-Raketenprogramm unterstützt. Offensichtlich liegt es nicht im langfristigen Interesse Rußlands, eine Raketenstreitmacht zu schaffen, die Rußland selbst bedrohen könnte. Präsident Jelzin hat erklärt, daß Rußland eine solche Hilfe ablehnt, und wir werden weiterhin eng mit der russischen Regierung zusammenarbeiten, um die Umsetzung dieser Politik zu gewährleisten. Auch China bietet ein uneinheitliches Bild. Einerseits hat China eine zunehmend hilfreiche Rolle bei der Unterstützung der internationalen Regime gespielt, einschließlich der Verabschiedung des Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) und der (unbegrenzten) Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags, und arbeitet mit uns an der Lösung spezifischer Nichtverbreitungsbelange wie der nordkoreanischen nuklearen Bedrohung zusammen. Andererseits sind wir nach wie vor zutiefst besorgt über Bestrebungen Chinas, waffenfähiges Material zu liefern sowie über die Defizite seines unangemessenen, wenn auch besser werdenden Systems von Exportkontrollen, um nicht genehmigte Verkäufe zu verhindern. Im vergangenen Jahr haben wir bei der Behandlung dieses Problems Fortschritte erzielt. China hat seine nukleare Zusammenarbeit mit dem Iran eingeschränkt - insbesondere auf Gebieten, die zur Nuklearwaffenfähigkeit des Iran beitragen können - und China unternimmt Schritte zur Einlösung seines Versprechens, ungeschützten Nuklearanlagen keine Hilfe zu gewähren. Wenn China ein effektives Exportkontrollsystem einführt, kann das Land eine Basis für die Aktivierung des Vertrags von 1985 zwischen unseren beiden Nationen über atomare Zusammenarbeit zu friedlichen Zwecken (Peaceful Nuclear Cooperation Agreement - PNCA) schaffen. Gleichzeitig bleiben jedoch Probleme bestehen. Vor kurzem haben wir Sanktionen gegen mehrere Chinesen und chinesische Privatunternehmen verhängt, weil sie zum Chemiewaffenprogramm des Iran beigetragen haben. Wir sind auch besorgt über andauernde Berichte über Exporte von raketenfähigem Material Chinas nach Pakistan und Iran. Wir werden weiterhin alle uns zur Verfügung stehenden Mittel - Zusammenarbeit, kontinuierliche Diplomatie, gezielte Sanktionen, wo angemessen - nutzen, um Verbesserungen bei den Nichtverbreitungsbestrebungen Chinas zu ermutigen. Unseres Erachtens muß China sich bewußt werden, daß es im eigenen Interesse des Landes liegt, nicht AMERIKA DIENST 17 zur Verbreitung von gefährlichen Waffen oder Instabilität in seiner Nachbarschaft beizutragen. Die dritte wichtige Komponente unserer Nichtverbreitungsstrategie besteht in der Bewältigung der unterschwelligen Konflikte und Spannungen, die der Weiterverbreitung in drei Schlüsselregionen Vorschub leisten: der nordkoreanischen Halbinsel, dem Nahen Osten und Südasien. In diesen Regionen können die internationalen Verträge und multilateralen Exportkontrollabkommen zur Verlangsamung der Weiterverbreitung beitragen oder zumindest Hemmnisse schaffen, die Länder von der offenen Verletzung von Nichtverbreitungsnormen abschrecken. Substantielle Erfolge erfordern jedoch eine Veränderung in der Sicherheitsgleichung der fraglichen Staaten. Auf der koreanischen Halbinsel wurde Nordkoreas Program zur Herstellung von Nuklearmaterial mit dem Rahmenabkommen von 1994 eingefroren und ein Plan für die mögliche Einhaltung der lAEO-Sicherheitsvorschriften durch Nordkorea, die Beseitigung von Nuklearmaterial und die Zerlegung der nordkoreanischen Atomanlagen eingeführt. Gleichzeitig ist das Rahmenabkommen jedoch auch anfällig für politischen Druck und regionale Spannungen. Darüber hinaus sind wir weiterhin besorgt über die Chemiewaffenfähigkeiten und das Raketenprogramm Nordkoreas, einschließlich der Exporte. Um diese Bedrohungen zu meistern, beinhaltet unsere Sicherheitsstrategie in der Region die Aufrechterhaltung eines starken Bündnisses mit Südkorea und die Aufnahme der Vierparteiengespräche, um dauerhaften Frieden auf der Halbinsel zu schaffen und direkte Kontakte mit Nordkorea zu Raketen- und Chemiewaffenfragen herzustellen. Im Nahen Osten wird der Weiterverbreitung durch die strategische Rivalität zwischen Iran und Irak um die Vormachtstellung am Golf und das Fehlen eines umfassenden Friedens zwischen Israel und seinen Nachbarn Vorschub geleistet. Unsere Strategie umfaßt drei Hauptelemente: Erstens müssen wir weiterhin die Bestrebungen des Irak zur Wiederbelebung seines Waffenprogramms aufmerksam verfolgen, indem wir die Beschränkungen des UN-Sicherheitsrats für die militärischen Fähigkeiten des Irak aufrechterhalten und die von der UN-Sonderkommission und der IAEO durchgeführten eingehenden Inspektionsregime unterstützen. Zweitens versuchen wir, die internationalen Bestrebungen zu stärken, dem Iran die Mittel zur Entwicklung von Nuklear- und Chemiewaffen sowie ballistischen Raketen zu verweigern. Und schließlich verpflichten wir uns zur Fortsetzung einer aktiven Rolle beim Abbau von Spannungen und der Lösung des arabisch-israelischen Konflikts, die eine Wiederaufnahme der regionalen Rüstungskontroll- und Sicherheitsgespräche ermöglichen und letztlich die Anreize für Weiterverbreitung nehmen würde. Seite 3 �In Südasien haben sich Indien und Pakistan Nuklearund Raketenfähigkeiten beschafft und setzen die Erweiterung ihrer Programme fort, obwohl jede Seite die Bekanntgabe ihrer Fähigkeiten und die Stationierung solcher Waffen vermieden hat. Eine kurzfristige politische Lösung der Weiterverbreitung in Südasien ist unwahrscheinlich. Es gibt jedoch hoffnungsvolle Anzeichen, daß die neuen Regierungen in Neu-Delhi und Islamabad wirklich an einem Dialog und der Verbesserung der bilateralen Beziehungen interessiert sind, die die von beiden Seiten eingehaltenen De-facto-Beschränkungen verstärken können. Die Vereinigten Staaten werden Indien und Pakistan weiterhin zur Beilegung ihrer Differenzen am Verhandlungstisch ermutigen. Wir drängen auch nach wie vor beide Seiten zu Schritten in die richtige Richtung beim CTB- und FMCVertrag, um ihre Arsenale an Nuklear- und Raketenmaterial einzufrieren und letztlich zu beseitigen. * * * * * Seite 4 AMERIKA DIENST 17 �MARSHALLPLAN 3. September 1997 George C. Marshall: Der letzte große Amerikaner? von Lance Morrow WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Lance Morrow, dem Autor von "Heart: A Memoir". Morrow schreibt Essays für die Zeitschrift TIME und ist Professor an der Boston University. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift SMITHSONIAN, August 1997. Copyright© 1997, Smithsonian Institution. Alle Rechte vorbehalten. Meines Erachtens könnte ein Diagramm der amerikanischen Militärgeschichte mit einem Parallelogramm vier Mal George - beginnen: George Washington und George Marshall; George Armstrong Custer und George Patton. Eine Geometrie paarweiser Gegenstücke. In gewisser Weise ist George Marshall der Beste von allen. Custer und Patton sind die Heißsporne, streitbare Kampfhähne, mutig, großspurig und - in Custers Fall auf fatale Weise unachtsam. Der Kavalier George bevorzugte das Extravagante: Custer mit seiner persönlichen Flagge und einer Regimentsband, hoch zu Roß, wie er "Garryowen" über die Ebenen von Montana hinweg spielt. Patton mit elfenbeinverzierten Pistolen und seinem kriegerischen, mystischen Dejävu-Erlebnis - er dachte, er habe in einem anderen Leben mit Alexander dem Großen gekämpft. Nun, wie George Marshall wehmütig sagte, muß ein demokratischer Führer selbst im Krieg die Menschen unterhalten. Custer und Patten waren Unterhaltungskünstler, die die Bühne mit großspurigen Auftritten, Putz und Glanz ausfüllten. Sie dachten, daß die Schlacht im Wesentlichen eine dramatisch vergrößerte Projektion ihrer selbst sei. Patton mit Custer zu vergleichen, ist vielleicht unfair. Custers Schlußszene war ein Akt der Selbstopferung und Torheit. Im Gegensatz dazu war Patton ein brillanter Taktiker und ausgezeichneter Kampfführer, der seine Exzesse wieder gutmachte, als er die 3. Armee der Vereinigten Staaten quer durch Europa trieb, um gegen Hitler loszuschlagen. AMERIKA DIENST 17 Die anderen beiden Seiten des Parallelogramms - die Stoiker - gestalteten die umfassenderen amerikanischen Geschäfte. Washington und Marshall waren Soldaten mit Reife und Gewicht: Vaterfiguren, keine Söhne. Bei beiden Generälen entwickelte sich die Pflicht über das Ego hinaus zu einer Art höherer Selbstauslöschung - einer Identifikation, durch die sie selbst mit den Zielsetzungen des Landes verschmolzen. Die Griechen hätten Patton und Custer vielleicht für verkörperte Hybris gehalten und Washington und Marshall in schwindelnden Höhen oder im Bereich der Tugend angesiedelt - die Selbstverwirklichung in hehrer Erfüllung für den Staat. Washington und Marshall waren nicht nur Krieger, sondern - nach ihren Kriegen - etwas Konstruktiveres. Emerson sagte: "Jeder Held wird schließlich langweilig." Washington und Marshall könnten beide zu gut um wahr gewesen sein. Aber wenn ich Washington und Marshall Seite an Seite stelle und sie vor dem Hintergrund der jetzt amtierenden nationalen Führung betrachte, gelangt man leicht zu der Schlußfolgerung, daß sie die ersten - und letzten - Amerikaner sind, die erwachsen wurden. Wie jeder andere rettete Marshall die weltweite Demokratie in dem Augenblick ihrer größten Gefahr. Er trat seinen Dienst als Inspekteur und Generalstabschef der Armee am 1. September 1939 an, dem Tag, an dem Hitler in Polen einmarschierte. Er begann mit einem absurd schlecht ausgerüsteten Heer von 174.000 Mann, das an 17. Stelle weltweit hinter Nationen wie Bulgarien und Portugal stand, und machte es zu einer globalen Streitmacht von mehr als Seite 1 �acht Millionen Soldaten - einer Armee, ohne die die Alliierten Nazi-Deutschland und Japan nicht hätten besiegen können. Ulysses Grant war der erste Meister der industriellen Kriegführung. Marshall war das erste Genie in bürokratischer Kriegführung - ein Napoleon, der auf einem Schreibtisch ritt. Keine kriegerische Extravaganz, sondern Logistik rettete die Welt in den Jahren von 1939-45, obwohl die Welt vielleicht immer noch nicht reif genug ist, um das zu verstehen. Hätte irgendein anderer die Arbeit so gut wie Marshall machen können? Nein. War Marshall unersetzlich? Es gibt keine Antwort auf diese Frage, außer vielleicht ein Zitat von Tao Te Ching: "Der Meister spricht nicht, er handelt. Wenn seine Arbeit getan ist, sagen die Leute: 'Erstaunlich - das haben wir alles selbst gemacht!'" Ungeachtet des vor kurzem begangenen 50. Jahrestages des Marshallplans ist George Marshall als Soldat heute fast, oder zu vier Fünfteln, vergessen - dessen war er sich wohl bewußt. Das war Teil seiner Tugend. Es gab einen Augenblick in der Zeit von Thanksgiving 1943, der alles verändert und Marshall in einen höheren historischen Orbit katapultiert haben könnte. Franklin Roosevelt mußte sich für den General entscheiden, der die alliierte Invasion in Frankreich und die Rückeroberung Europas leiten sollte. Jeder nahm an, daß der Inspekteur und Generalstabschef des Heeres George Marshall den Posten bekommen würde, den er sich wirklich verdient hatte. Auf seinem Weg zu Gesprächen in Kairo und Teheran erörterte Roosevelt die Frage mit Dwight Eisenhower, dem damaligen Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Nordafrika und am Mittelmeer. Als sie über Tunesien flogen, dachte der Präsident laut: "Ike, Du und ich wissen, wer während der letzten Tage des Bürgerkriegs Generalstabschef war, aber praktisch niemand sonst, obwohl jedes Schulkind die Namen der Generäle im Feld - Grant natürlich und Lee und Jackson, Sherman, Sheridan und die anderen kennt. Ich hasse den Gedanken, daß in 40 Jahren praktisch niemand weiß, wer George Marshall war. Das ist einer der Gründe, warum ich möchte, daß George das große Kommando übernimmt. Es steht ihm zu, seinen Platz in der Geschichte als großartiger General zu etablieren." Eisenhower hörte schweigend zu. Natürlich wollte er den Oberbefehl über die Invasion, dachte aber wie alle anderen, daß Marshall den Posten bekommen würde. Anfang Dezember versuchte Roosevelt in Kairo, Marshall zu einer Äußerung bewegen, was er persönlich bevorzugen würde. Marshall sagte nur, er werde das tun, was der Präsident von ihm wünsche. Tage später traf Roosevelt seine Entscheidung. Er argumentierte, niemand könne mit dem Kongreß so Seite 2 effektiv umgehen wie Marshail - kein anderer Soldat hätte Marshalls enorme moralische Autorität und Glaubwürdigkeit. Kein anderer kenne die militärische Situation so gut. Und als die Kairoer Konferenz endete, sagte Roosevelt zu Marshall: "Ich habe das Gefühl, daß ich nachts nicht schlafen kann, wenn Sie nicht im Land sind." Die Entscheidung war gefallen. Marshall akzeptierte sie ohne Kommentar und ohne sie in Frage zu stellen. Roosevelt und Marshall behielten Recht mit ihrer Vorhersage, daß Marshall die ihm zustehende Ehre in der Geschichte versagt würde, wenn er an seinem Schreibtisch im Kriegsministerium bliebe. Die Geschichte ist nicht fair. Marshall war ein größerer Staatsmann als Dwight Eisenhower, aber es war Ike, der acht Jahre lang im Weißen Haus war. Marshall war ein größerer General und ein besserer Mann als der theatralische und Eigenwerbung betreibende Douglas MacArthur. Dennoch lebt MacArthur lebhafter in der verbliebenen historischen Erinnerung der Vereinigten Staaten fort. Trotz des Angebots siebenstelliger Vorschüsse von Verlegern weigerte sich Marshall, nach dem Krieg seine Memoiren zu Scheiben. Wenn er das täte, erklärte er, müßte er die ganze Geschichte erzählen, und die ganze Wahrheit würde wahrscheinlich manche Kollegen verletzen. Seine Sorge um andere versteckte sich für gewöhnlich hinter einer pflichtbewußten, ernst-forschen Gewohnheit zu befehlen, die selten Wärme oder Vertrautheit durchdringen ließ. Der joviale Franklin Roosevelt nannte ihn bei mehreren Gelegenheiten "George", aber Marshall wies es als für seinen Oberbefehlshaber nicht angemessen zurück. Er hatte Sinn für Humor, den er jedoch so selten zeigte und der so versteckt und trocken war, daß andere ihn oft gar nicht bemerkten. Bei einer Feier anläßlich des Waffenstillstands im Ersten Weltkrieg erörterten ein französischer Attache und ein britischer Beobachter die Verteilung der deutschen Kolonien nach dem Krieg. Als der Franzose großzügig vorschlug, Syrien an die Vereinigten Staaten zu geben, lehnte Marshall ab: "Amerika ist gegen jede Kolonie, die eine Regen- oder Trockenzeit und eine abnormale Anzahl von Insekten hat." Er räumte jedoch ein, daß Bermuda akzeptabel sei. Der Engländer war "not amused". Colin Powell und Norman Schwarzkopf, die Helden eines 42-tägigen Videokrieges, machten Millionen mit ihren Memoiren. Marshall gehörte einer fast plutarchischen Ordnung vor dem Fernsehzeitalter an. In gewisser Weise war die Last, die er trug, größer als die von Churchill oder Roosevelt, weil Marshall der Mann war, der die Politik - bloße Ideen - in Männer und Stahl, in Fakten umsetze. Er wurde gnadenloser als die anderen an den Standards der Realität gemessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sagte Churchill, der eng mit Marshall zusammengearbeitet und häufig mit ihm AMERIKA DIENST 17 �über die Strategie der Alliierten gestritten hatte, über den Generalstabschef: "Nachfolgende Generationen dürfen seine Leistungen und sein Beispiel nicht vergessen." Franklin Roosevelts Karriere als Präsident hatte zwei Akte - die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Marshall spielte seine beiden Akte in umgekehrter Reihenfolge, vom Krieg zum Frieden erst als der Organisator der globalen Schlacht, dann als herausragender Staatsmann der Nachkriegszeit. Während der dreißiger Jahre, als Amerika im Wesentlichen isolationistisch und im Großen und Ganzen pazifistisch war, hatte Marshall zusammen mit einigen anderen die historische Gabe, einen Krieg in einem Umfang zu antizipieren, den die meisten Amerikaner als apokalyptische Phantasie angesehen hätten. Nach dem Krieg war es wiederum er, der Amerika mit dem Marshallplan aus der Isolation herausführte. Marshalls zwei große Akte überschnitten sich an einem Tag im Jahr 1947, im Juni dieses Jahres vor 50 Jahren. Der Präsident der Harvard University, James B. Conant, verlieh George Catlett Marshall die Ehrendoktorwürde der Jurisprudenz. Die Ehre, erzählte Conant den 8.000 Anwesenden im Hof der Universität, ging an "einen Amerikaner, dem die Freiheit andauernde Dankbarkeit schuldet, einen Soldaten und Staatsmann, dessen Fähigkeit und Charakter nur mit einem Mann in der Geschichte dieser Nation vergleichbar ist." Conant verstand die Symmetrie: Mit dem Vergleich war natürlich George Washington gemeint. Im Juni 1947 war die mit dem Sieg einhergehende Erleichterung neuen Ängsten gewichen. Churchill, der als Premierminister abgesetzt worden und Führer der loyalen Opposition war, grollte: "Was ist Europa jetzt? Es ist ein Schutthaufen, ein Leichenhaus, ein Nährboden für Pest und Haß." Das Bündnis aus Kriegszeiten mit der Sowjetunion war völlig aufgelöst; die Bedrohung durch kommunistische Regime in Europa und am Mittelmeer war real. Und jetzt, im Jahr 1947, hatte Marshall einen neuen Posten - den des Außenministers. Marshall mißtraute Eloquenz. Er sagte, er könne schlecht mit Worten umgehen und dachte, ein Offizier solle sich durch seine Taten ausdrücken. Er blickte auf den Hof von Harvard, rückte seine Lesebrille zurecht und begann: "Ich muß Ihnen nicht sagen, daß die Lage der Welt sehr ernst ist..." Damit legte Marshall das europäische Gesundungsprogramm dar, oder - wie alle es bald nannten - den Marshallplan. Als der Kalte Krieg begann, leitete er ein Programm in die Wege, das Westeuropa vor dem wirtschaftlichen und politischen Chaos und dem Totalitarismus retten würde, der China und die Ostblockländer erfaßte. Nachdem Marshall den Plan im Kongreß und in anderen Gremien durchgebracht hatte, wurde er schließlich trotz beträchtlicher Opposition verabschiedet. "Ich habe daran gearbeitet", sagte er AMERIKA DIENST 17 später, "als wenn ich für den Senat oder das Präsidentenamt kandidiert hätte." Er hatte nicht nur eine Anhörung vor dem Kongreß - er reiste durch das Land und erklärte geduldig. Es sei kein kostenloses Programm, sagte er den Geschäftsleuten. Die Länder, die finanzielle Unterstützung wünschten, hatten praktische Vorschläge für die wirtschaftliche Gesundung vorgelegt. Die Hilfe hatte eine zeitliche Begrenzung und eine festgesetzte Obergrenze für die Kosten. Sie würde von einem amerikanischen Geschäftsmann - keinem Bürokraten verwaltet, und die Rechenschaftspflicht war gesichert. Wo würden wir ohne ein prosperierendes Europa kaufen und verkaufen? Welche Chance gab es für dauerhaften Frieden ohne parlamentarische Demokratie auf dem Kontinent? Zweimal in 50 Jahren, erinnerte er die Isolationisten, war Amerika in den Krieg gezogen, um Europa vor der "Beherrschung durch eine einzige Macht" zu bewahren - ein klarer Beweis dafür, wieviel Europa Amerika bedeutete. In einer Vision, die wir heute besser verstehen als damals, stellte er darüber hinaus fest, daß die sich während des Zweiten Weltkriegs rasch verbreitende moderne Kommunikation augenfälliger als in der Vergangenheit gemacht hatte, daß der Unterschied zwischen reichen und armen Nationen zum Auslöser künftiger Probleme werden könnte, wenn nicht etwas getan würde, um das Ungleichgewicht zu beheben. In den vier Jahren zwischen 1948 und 1952 leitete der Marshallplan 16 europäischen Ländern rund 13 Milliarden Dollar an Wiederaufbau- und technischer Hilfe zu. Dafür erhielt Marshall 1953 den Friedensnobelpreis. Ein Junge aus einer kleinen Stadt Als Soldat und Staatsmann diente Marshall in seiner 50-jährigen Laufbahn acht Präsidenten. Er wurde am letzten Tag des Jahres 1880, nur 15 Jahre nach dem Bürgerkrieg in Uniontown (Pennsylvania), in einer vornehmlich landwirtschaftlichen Nation mit 38 Bundesstaaten geboren. Seine Laufbahn - junger Leutnant auf den Philippinen zur Zeit der Jahrhundertwende, General Pershings Stabschef im Ersten Weltkrieg, Organisator des Sieges im Zweiten Weltkrieg, Außenminister, als sich der Kalte Krieg verschärfte - personifizierte die Umgestaltung der Vereinigten Staaten von kleinstädtischer Insellage zu globaler Vorherrschaft. Der Bogen seines Lebens war auch die Trajektorie der Nation. Er gestaltete sein Leben und seine Arbeit entsprechend seiner Pflicht und seiner Nation - und diese vier Dinge wurden Eins. Marshalls Herkunft aus Pennsylvania erinnerte an ein leicht zu handhabendes, unabhängiges und im Wesentlichen unschuldiges, für die Kindheit kongeniales Universum - eine Art Emersonsches Zentrum, von dem aus Tom Sawyer in die große Welt hätte gegan- Seite 3 �gen sein können. Das durch eine solche Kindheit gewonnene Selbstbewußtsein war eine dieser entscheidenden (aber für gewöhnlich dunklen) Quellen der nationalen Energie, als die Vereinigten Staaten für das Amerikanische Jahrhundert hinaus in die Welt gingen. Es war die Art von Kindheit, deren sich ein repräsentativer Amerikaner wie Charles A. Lindbergh erfreute und von der Henry Ft. Luce, der Sohn eines Missionars in China, aus der Ferne träumte und die er nie erlebte. Der Boden einer solchen Kindheit nährte den Mythos der amerikanischen Fülle, Großzügigkeit, Makellosigkeit und Immunität gegenüber dem Bösen in der Welt. Theodore Roosevelt feuerte diese Annahmen auf die Welt, als wären sie Kanonenkugeln. Woodrow Wilson machte sie zu einer Art missionarischer Theologie. George Marshall war der Nachkomme von John Marshall, dem dritten Vorsitzenden des Obersten Bundesgerichts, und von einigen der ältesten aristokratischen Familien Virginias - Catletts, Picketts, Taliaferros. Sein Vater, ein wohlhabender Geschäftsmann aus Uniontown, pflegte mit der Genealogie zu prahlen. Der Sohn reagierte peinlich berührt und irritiert. "Ich hatte das Gefühl, daß die ständige Erwähnung des Namens John Marshall unangebracht war", kommentierte er später. "Es war an der Zeit, daß ein anderer für die Familie schwimmt." In einer Jahre später, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, in Uniontown gehaltenen Rede erklärte Marshall, er habe sich erst nach 1899 für eine militärische Laufbahn entschieden, als er mit 18 Jahren der triumphalen Rückkehr der Kompanie C des 10. Pennsylvanischen Infanterieregiments von den Philippinen zusah: "Kein Mann von Kompanie C konnte in dieser Gemeinde etwas kaufen. Die Stadt gehörte ihm... Es war eine großartige Demonstration des Stolzes in einer kleinen Stadt, die die Einführung der Vereinigten Staaten in die Angelegenheiten der Welt jenseits der Meere widerspiegelte." Dieser vielversprechende Augenblick - Amerikas Abenteuer im Ausland, gefeiert zu den Klängen von Marshalls Vater war ein Demokrat, der William Jennings Bryan unterstützte. Marshall entschied sich für das Virginia Military Institute (VMI) in Lexington (Virginia), das Generationen von Marshalls besucht hatten. Sein älterer Bruder, Stuart, der 1894 am VMI seinen Abschluß machte, war gegen diese Wahl. Die beiden Brüder kamen nicht miteinander aus. Marshall erinnerte sich: "Ich hörte, wie Stuart mit meiner Mutter sprach und sie überreden wollte, mich nicht gehen zu lassen, weil er meinte, ich würde dem Familiennamen Schande bereiten. Das hat mich mehr beeindruckt als alle Lehrer, elterlicher Druck oder anderes. Ich beschloß an Ort und Stelle, ihn auszustechen." Marshall bekam seine Rache. Er erbrachte am VMI nicht nur herausragende Leistungen und wurde in seinem letzten Jahr einstimmig zum ersten Kapitän, dem höchstrangigen Offizier gewählt, sondern machte auch einer Frau aus Lexington, der sechs Jahre älteren Lily Coles, die Stuart als Kadett verehrt hatte, den Hof und heiratete sie nach seinem Abschluß 1901. Aufbruch nach Mindoro Der Spanisch-Amerikanische Krieg war vorüber, Spanien hatte Kuba aufgegeben, Puerto Rico und Guam an die Vereinigten Staaten abgetreten und ihnen die Philippinen für 20 Millionen Dollar verkauft. Der blutige Aufstand auf den Philippinen veranlaßte die Vereinigten Staaten dann jedoch, ihr stehendes Heer auf 100.000 Mann aufzustocken. Marshall, ein großer, schlanker, gutaussehender 20-Jähriger mit stechenden blauen Augen und einer gewissen Zurückhaltung, wurde als Leutnant in das Heer aufgenommen. Anfang des Jahres 1902 verabschiedete er sich von seiner jungen Frau und brach zur Philippineninsel Mindoro auf, wo seine militärische Laufbahn begann. Sie endete 49 Jahre und sieben Monate später mit der Versetzung von Verteidigungsminister George Marshall in den Ruhestand im dauerhaften Rang eines Fünfsternegenerals. John Philip Sousa - würde mehrere Generationen Eine von Marshalls einnehmenden Führungsqualitäten später, an dem dunkleren Ende der Trajektorie wiederkehren, als die Soldaten, einzeln, aus Vietnam zurückkamen und kein "Willkommen zu Hause" sie empfing, sondern nur ein starrer Blick, eine komplizierte Stille, oder das höhnische "Babymörder!" (Ich habe mich manchmal gefragt, was George Marshall getan hätte, wenn er 30 Jahre später geboren worden wäre und sein Generalstabschef ihn gebeten hätte, Westmoreland unter MacNamara im amerikanischen Krieg in Vietnam zu sein. Marshall war schließlich ein in seiner Loyalität untadeliger Soldat und äußerst genau beim Befolgen von Befehlen.) war seine Weigerung, herablassend zu sein oder andere herumzukommandieren, was er vielleicht durch sein Verhältnis zu seinem älteren Bruder gelernt hatte. Eine energische und intelligente Zurückhaltung war elementarer Bestandteil seiner Autorität: Keine Dummheiten, aber auch keine übermäßige Machtdemonstration. Er hatte viel Temperament, das er allmählich zu zügeln lernte. Er verstand sehr gut, wie Disziplin im Kontext der Hierarchie des Heeres auf der demokratischen Grundlage von gegenseitigem Respekt funktionierte. Als Marshall einmal Zeuge wurde, wie einer seiner Offiziere einen Soldaten herunterputzte (der es zweifellos verdient hatte), rief Marshall ihn beiseite und sagte: "Vergessen Sie nicht, Der junge Marshall wollte nach West Point, aber beide Senatoren aus Pennsylvania waren Republikaner und Seite 4 AMERIKA DIENST 17 �daß dieser Mann ebenso ein amerikanischer Staatsbürger ist wie Sie." Auf den Philippinen führte er schnell einen eisernen, aber zurückhaltenden Kommandostil ein. Als er eines Tages seine siebenköpfige Patrouille im Gänsemarsch durch einen Fluß im Dschungel führte, rief einer der Männer: "Krokodile!". Die Patrouille stürmte auf das Ufer zu und überrannte Marshall dabei. "Es war nicht der richtige Zeitpunkt, um sie zu verfluchen", erinnerte er sich Jahre später. Statt dessen stand er auf, watete weiter, befahl den Männern, anzutreten, führte sie dann an der Spitze der Reihe zurück durch den Strom und anschließend wieder ins Wasser - in richtiger militärischer Art und Weise. Anschließend nahm er eine Inspektion der Waffen vor. Im November 1903 wurde Marshall in die Vereinigten Staaten zurückbeordert. Damit begannen lange Jahre harter Arbeit in der Dunkelheit einer Friedensarmee, die sich vorwiegend mit polizeilichen Aufgaben, der Erstellung von Karten und notwendigen theoretischen Militärübungen die Zeit vertrieb. Ein Heer in Friedenszeiten ist wie ein Tier im Winterschlaf; angesichts der Rangfolge nach Dienstalter läßt eine Beförderung auf sich warten. Der Dienst in der Garnison macht die Putz- und Flickstunde - und die Langeweile - zum Ritual. Marshall war eine Zeitlang in Fort Reno in Oklahoma, an der nördlichsten Gabelung des Canadian River stationiert. Das alte Grundprinzip des Heeres für den Dienst in der Prärie war überholt; die Weißen hatten ihre Ansiedlung und die Unterdrückung der Indianer noch nicht beendet. Von Fort Reno aus brach Marshall per Wagen und Esel auf, um den 5.000 km2 großen Südwesten von Texas zu kartographieren eine der rauhesten Landschaften Amerikas. Aufgrund der Rangfolge nach Dienstalter wurde Marshall erst im Spätwinter 1907 Oberleutnant. 1906 wurde er aber in die Infanterie- und Kavallerieschule des Heeres von Fort Leavenworth in Kansas aufgenommen. Solche Schulen sollten zum Schlachtfeld für die Auseinandersetzung zwischen den älteren Konservativen des Heeres und seinen jüngeren Reformern werden, die sahen, daß sich die Natur des Krieges angesichts neuer Waffen, des Verbrennungsmotors und des Telegrafen von Marconi grundlegend geändert hatte. Beweglichkeit, Mobilität, Kommunikation und Feuerkraft waren im Begriff, seine Metaphysik zu verändern. Letztlich war es Marshalls meisterhafter Umgang mit den neuen Gegebenheiten - die Notwendigkeit, schnell zu denken und zu improvisieren, im Feld einen sicheren Schnellschußinstinkt zu haben und von hervorragend organisierter Logistik und Kriegsstärke unterstützt zu werden - der ihn zum letzten beherrschenden Genie des Zweiten Weltkriegs machte. AMERIKA DIENST 17 Marshalls Biograph, Ed Cray, schätzt die historischen Kosten des Übergangs in der militärischen Denkweise und des Widerstands der Alten Garde des Militärs gegen neue Ideen zu Beginn des Jahrhunderts folgendermaßen ein: "Die von völlig überalterten britischen und französischen Generälen zu Beginn des Ersten Weltkriegs blindlings angeordneten sukzessiven Blutbäder sollten den Reformern Recht geben, allerdings auf Kosten einer Generation junger europäischer Männer." Marshall, der in Leavenworth Jahrgangserster war, wurde zum Oberleutnant befördert und besuchte das Army Statt College von Leavenworth. In den darauf folgenden Jahren bis 1917, als er nach Frankreich in den Krieg zog, erbrachte er herausragende Leistungen in einem frustrierend niedrigen Rang. Im Alter von 34 Jahren -1915 - und immer noch Oberleutnant, äußerte er einem Kommandanten am VMI gegenüber: "Die absolute Stagnation bei der Beförderung in der Infanterie hat mich veranlaßt, zaghafte Pläne für meinen Rücktritt zu machen, sobald sich die Wirtschaftbedingungen etwas verbessern." Bald besann er sich eines Besseren. Marshall ragte als Stabsoffizier heraus, der sich bei einer Reihe militärischer Manöver großen Stils - an der Grenze zwischen Texas und Mexiko, in Connecticut, auf den Philippinen - als brillanter Improvisator erwies, der mit bemerkenswertem Geschick ganze Armeen bewegte. Eine Heereslegende besagt, daß nach dem Manöver von Batangas auf den Philippinen im Januar 1914 der kommandierende General seinen Stab zusammenrief, um Marshall als "das größte militärische Genie seit Stonewall Jackson" zu rühmen. In Fort Douglas (Utah) machte der Kommandeur, Oberstleutnant Johnson Hagood, Marshall 1916 ein bemerkenswertes Kompliment in seiner Beurteilung: "Dieser Offizier ist sehr gut qualifiziert, in Kriegszeiten im Rang eines Generalmajors eine Division zu befehligen, und ich würde sehr gerne unter ihm dienen." Woodrow Wilson, der 1916 aufgrund seines Versprechens wiedergewählt wurde, Amerika aus dem Krieg herauszuhalten (wie Franklin Roosevelt 1940 und Lyndon Johnson 1964 versprachen) verwickelte Amerika schließlich im April 1917 in den Krieg und schickte zwei Millionen Amerikaner unter General John J. Pershing, der frisch von der Verfolgung Pancho Villas in Mexiko kam, nach Frankreich. Zu wertvoll für den Kampf 1917 machte sich kein intelligenter Soldat mehr Illusionen über den Grabenkrieg, der Europa seit drei Jahren zerstörte. Innerhalb eines Tages - am 1. Juli 1916, bei der Schlacht an der Somme - verlor England 60.000 Männer - 2.000 mehr, als Amerika in den zwölf Jahren des Indochinakrieges verloren hatte. Seite 5 �Als für den Einsatz der 1. Division verantwortlicher Offizier - ein Posten, der normalerweise einem Oberstleutnant zukam - begann Marshall mit der Ausbildung und Zusammenstellung der unerfahrenen amerikanischen Truppen in Gondrecourt in der Lorraine. Er war kurz als Beobachter an General Henri-Philippe Petains Front von Verdun tätig. (Marshall geriet unter Beschuß, verfing sich im Stacheldraht und ein Stück seiner Hose blieb daran hängen, als er zurück in den Graben krabbelte.) Er wurde amtierender Stabschef der 1. Division und hatte eine denkwürdige Begegnung mit Pershing. Der General platzte vor Wut gegenüber Marshalls Kommandeur, General William L Sibert. Marshall wiederum verlor seine Beherrschung im Namen von Sibert und erging sich Pershing gegenüber in einem wütenden Monolog über den Zustand der Truppen, den unzureichenden Nachschub und Transport. Marshalls Offizierskameraden waren der Überzeugung, Marshall hätte vor ihren Augen beruflichen Selbstmord begangen. Tatsächlich gelangte Pershing jedoch zu der Überzeugung, daß er endlich einen Offizier gefunden hatte, der ihm die Wahrheit sagte. Marshall hoffte auf ein Kommando. Douglas MacArthur, der ungefähr sein Alter hatte, war bereits Oberst und Stabschef der 42. Division. Marshall wurde jedoch als zu wertvoll eingeschätzt, um Stabsoffizier zu werden. Er wurde in Pershings Hauptquartier nach Chaumont versetzt. General Ludendorffs Offensive im Frühjahr 1918 - Deutschlands letzte Hoffnung auf einen Sieg - scheiterte aus Mangel an Treibstoff. Marshall wurde angewiesen, den amerikanischen Teil des Gegenangriffs der Alliierten zu planen. Marshalls weiterer Werdegang im Zweiten Weltkrieg zu wertvoll für den Kampf und gegen seinen Willen dazu verdammt, als eine Art militärisches Schreibtischgenie zu funktionieren - wurde bereits in den Feldzügen von St. Mihiel und Meuse in der Argonne angedeutet. Er stieg schnell auf und organisierte - jetzt in dem vorübergehenden Rang eines Obersten - den Transfer von etwa 600.000 amerikanischen Soldaten und 900.000 Tonnen Nachschub und Munition vom Sektor St. Mihiel zum Schlachtfeld an der Meuse in der Argonne. Das Ganze geschah im Geheimen bei Nacht, und ohne daß die Deutschen es merkten. Es war eine der längsten und kompliziertesten logistischen Unternehmungen des Krieges. Die Operation an der Meuse in der Argonne im Herbst 1918 war eine Art örtlich begrenzte Generalprobe für die globale Aufgabe, die Marshall im Zweiten Weltkrieg bewältigte. Er nutzte seine bemerkenswerte Gabe, sich sachlich und nüchtern auf die vor ihm liegende Aufgabe zu konzentrieren. Seine zweite Frau, Katherine Tupper Marshall - eine Witwe, die Marshall 1930, drei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete beobachtete sein Verhalten während der ersten trostlosen Monate des Jahres 1942, als die Alliierten Seite 6 an fast allen Fronten weltweit zurückgeschlagen wurden. Sie erklärte: "Es war, als würde er außerhalb seines Ich leben und George Marshall wäre jemand, den er ständig beurteilte, beriet und auf die Bewältigung einer Situation vorbereitete." Weder der Feldzug an der Meuse in der Argonne noch die Logistik von Amerikas globalem Krieg waren nur aus dem Grund erfolgreich, weil Marshall Charakter hatte. Er besaß außergewöhnlichen Intellekt, ein erstaunliches Gedächtnis und eine kinetisch zu nennende militärische Vorstellungskraft - eine geniale Gabe, die dynamische Interaktion von Fakten in der schnellen Bewegung durch die Zeit zu sehen. Marshalls konzentrierte analytische Intelligenz kam zu Tage, als er als Inspekteur und Generalstabschef des Heeres Anhörungen vor Kongreßausschüssen hatte oder gelegentlich Pressekonferenzen gab. Während des Zweiten Weltkriegs lud er manchmal 40 oder 50 Berichterstatter in sein Büro ein, hörte sich eine lange Reihe ihrer Fragen an und hielt dann ohne Notizen einen halbstündigen Monolog, in dem er auf jede Frage einging (und sich dem Berichterstatter, dessen Frage er gerade beantwortete, direkt zuwandte). Gleichzeitig verband er alle Antworten zu einem kohärenten Ganzen. Nach dem Ersten Weltkrieg entmobilisierte Amerika, kehrte den Alpträumen im Ausland mit Schrecken und Erleichterung den Rücken und wandte sich einem Isolationismus zu, der sich auf den enormen atlantischen und pazifischen Graben verließ. Marshall kehrte als persönlicher Assistent Pershings nach Amerika zurück. Zusammen mit seinem Kommandeur führte er lange Gespräche mit Präsident Warren G. Harding. Marshall stand über der Parteipolitik, lernte aber den Umgang mit Politikern und Regierungsvertreten - eine Lehre, die sich später auszahlte. Seine Jahre als Assistent des Generalstabschef des Heeres vermittelten Marshall Kenntnisse über die politischen Realitäten des Soldatentums in einer Demokratie. Die "Revolution von Benning" Obwohl Marshall entsetzt genug über das Gemetzel des Krieges war, sah er sich erneut mit der Frustration eines Soldaten in Friedenszeiten konfrontiert. Die Nation baute ihr Heer achtlos auf praktisch symbolische Dimensionen ab, und Marshall wurde der ständige Rang eines Majors verliehen. Nach fünf Jahren mit Pershing und einer Beförderung zum Oberstleutnant wurde er stellvertretender Kommandeur der Infanterieschule von Fort Benning in Georgia. Dort begann er mit der Ausbildung junger Offiziere in Feuerkraft und Manövrierbarkeit, die die Grundlage für das neue Heer bildeten. Die Taktik sollte nicht mehr statisch sein. Marshall bildete die Offiziere im Hinblick darauf aus, was Cray als "jenen ersten aggressiven Vorstoß eines zunehmend motorisierten Feindes" AMERIKA DIENST 17 �beschrieb, "der eher mit Flugzeugen als mit Kavallerie auf Erkundung geht". In einer Vorlesung erklärte Marshall einmal: "Stellen Sie sich den Eröffnungsfeldzug eines Krieges vor. Er ist wie eine Wolke voller Unsicherheiten, Eile, schneller Bewegungen, Staus auf den Straßen, unbekanntem Gebiet, Fehlen von Munition und Nachschub zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, Kommunikationsmängel, entsetzlicher Ausdauertests und Mißverständnisse in direktem Verhältnis zu der Unerfahrenheit der Offiziere und der aggressiven Aktionen des Feindes. Dazu kommen noch die schnellen Flugzeuge, Panzer und gepanzerten Fahrzeuge..." Er beschrieb exakt den von Deutschland 1940 gegen Frankreich geführten Blitzkrieg. In seinen fünf Jahren in Benning - während der vom Heer als "Revolution von Benning" bezeichneten Zeit stellte Marshall in seinem ausgezeichneten Gedächtnis oder seinem sagenhaften "schwarzen Buch", das er nach Meinung seiner Offiziere führte, eine Namensliste auf, mit deren Hilfe er später die militärische Führung Amerikas im Zweiten Weltkrieg zusammenstellte. Oberstleutnant Joseph Stillwell und Major Omar Bradley zählten zu Marshalls Ausbildern in Benning. In Benning erwarb Marshall auch den Ruf, Offiziere skrupellos zu beurteilen und sogar die erfahrensten Männer zugunsten junger Offiziere zu entlassen, die seines Erachtens ein modernes Heer führen konnten. Dieser Ruf wurde später zu einer bisweilen traurigen Heereslegende. Die dreißiger Jahre waren für Marshall schwierig. Er war in seinen Fünfzigern und immer noch Oberst. Das arteriosklerotische System des Heeres hatte sich erneut bestätigt. Er gestand Pershing gegenüber ein: "Ich werde zu alt, um im Heer noch eine bedeutende Zukunft zu haben." Im Oktober 1936 wurde Marshall schließlich Brigadegeneral. Weniger als zwei Jahre später kam er als Stellvertretender Generalstabschef des Heeres unter General Malin Craig nach Washington. Zu diesem Zeitpunkt glich die Geschichte einer Fotomontage dunkler Wolken in einer Zeitlupenaufnahme im Film. Von Tokio bis Berlin, von Moskau bis * AMERIKA DIENST 17 Chunkging, von London über Washington bis New York verschlechterte sich die Weltlage. Stalin, Hitler, Mussolini, Roosevelt, Chiang, Mao und die Japaner unternahmen erste vorbereitende Schritte. Die Invasion der Italiener in Äthiopien machte die Schwäche des Völkerbundes auf dramatische Weise deutlich und bildete die Einleitung zu einer Tragödie größeren Ausmaßes. In der Sowjetunion begann Stalin die Schauprozesse, die zur Inhaftierung oder Exekution von Millionen Parteifunktionären, Beamten, Militäroffizieren, Ärzten und Wissenschaftlern führten - eine gesellschaftliche und kulturelle Apokalypse. Im März 1936 besetzte Hitler das entmilitarisierte Rheinland, ohne auf Widerstand zu stoßen. Deutschland ging Bündnisse mit Italien und Japan ein und half Francisco Franco, in Spanien seine Macht zu festigen. Im März 1939 besetzte Hitler die restliche Tschechoslowakei. Im September war Polen an der Reihe. Aissich Brigadegeneral Marshall im Kriegsministerium in Washington zum Dienst meldete, begrüßte ihn Stabschef Craig, ein alter Freund aus dem Ersten Weltkrieg, mit den Worten: "Gott sei Dank, George, daß Sie gekommen sind, meine zitternden Hände zu halten." Heute erscheinen der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach wie das Zeitalter der Dinosaurier - eine lange zurückliegende Zeit, in der riesige Tiere auf der Erde umherzogen und primitive Dinge taten (Faschismus, globale Eroberung, Völkermord und das nukleare Erwachen, das den letzten Akt des Krieges darstellte). Die Charaktere dieses Schauspiels (Hitler, Stalin, Churchill, Roosevelt, Mussolini, Mao) haben eine welterschütternde, mythische Qualität. Aus dem ursprünglichen Mythos wurde Hitler zum Ursprung des Bösen, wie München zum warnenden Modell des Appeasement wurde. Für mich wird George Marshall zum Paradigma einer bestimmten amerikanischen Tugend, die keinesfalls ausgestorben ist. Marshall ist meines Erachtens im Gedächtnis der Nation immer noch mit nachdenklicher Schärfe präsent - einer Art Vorwurf. * * * * Seite 7 �GESELLSCHAFT 3. September 1997 Der andere Spiegel - die Vereinigten Staaten als multirassische Gesellschaft von Ronald Takaki (AD) - Im nachfolgenden Artikel zeigt Ronald Takaki ein Bild von der Rassensituation in den Vereinigten Staaten, das sich nicht auf die Unterscheidung zwischen Schwarzen und Weißen beschränkt, und stellt fest, daß bei den heutigen Rassenbeziehungen noch viele Fragen offen sind. Professor Ronald Takaki von der University of California in Berkeley ist Verfasser von A Different Mirror: A History of Multicultural America (1993). Sein nächstes Buch A Larger Memory: Voices of Multicultural America wird 1998 von Little, Brown and Company herausgegeben. Als Präsident Clinton in seiner am 14. Juni 1997 in San Diego gehaltenen Rede die amerikanische Gesellschaft als "multirassisch" bezeichnete, beschrieb er nicht nur, wie wir im kommenden Jahrhundert sein werden, sondern auch, wie wir seit unseren Anfängen an den Küsten von Virginia und Massachusetts im 17. Jahrhundert gewesen sind. Der Präsident stellte fest, daß es in 50 Jahren in Amerika keine Rasse mehr geben wird, die "die Mehrheit stellt". Mit anderen Worten: Wir alle werden Minderheiten angehören. Den Prognosen zufolge wird die amerikanische Bevölkerung im Jahr 2050 zur Hälfte aus Weißen bestehen (verglichen mit zur Zeit 73 Prozent); 24 Prozent werden Hispanoamerikaner (mehr als das Doppelte der derzeitigen 11 Prozent), 14 Prozent Afroamerikaner (ein leichter Anstieg gegenüber den heutigen 12 Prozent) und 10 Prozent Amerikaner asiatischer Herkunft (mehr als das Doppelte von gegenwärtig 4 Prozent) sein. Diese demographische Umgestaltung wird in Kalifornien innerhalb weniger Jahre erfolgen und hat in vielen großen Städten des Landes bereits stattgefunden. Man könnte befürchten, dieses sich verändernde Gesicht Amerikas würde unser Land "entzweien". Wir können es aber auch als eine Chance begrüßen, unsere Vielfalt anzuerkennen und eine umfassendere Sicht davon zu bekommen, wer wir als Amerikaner sind. AMERIKA DIENST 17 Die Geschichte unseres Volkes in "einem anderen Spiegel" gesehen zeigt, daß Amerika eine lange Geschichte als multirassische Gesellschaft hat. Weder die monolithische Sicht von Amerikanern als ursprünglich Weiße oder Europäer noch die binäre Sicht von Amerikanern als entweder Weiße oder Schwarze reflektiert akkurat unsere Vielfalt, die wir in Zukunft haben werden oder in der Vergangenheit hatten. Als im 17. Jahrhundert die ersten Engländer an der Ostküste unseres Kontinents ankamen, hatten die Ureinwohner dort schon seit Tausenden von Jahren gelebt. Dann landeten 1619, ein Jahr vor der Ankunft der Mayflower in Massachusetts, Afrikaner in Virginia, die von einem holländischen Sklavenschiff dorthin gebracht worden waren. Die Afrikaner wurden in den nachfolgenden Jahren weiterhin in die Kolonien gebracht, um den Bedarf der Tabakanbauer an Arbeitskräften zu decken. Die Kolonialisten vertraten nach wie vor die Ansicht, diese neue Gesellschaft sollte rassisch homogen sein ein New England und ein Virginia (benannt nach Queen Elizabeth, der "jungfräulichen Königin" - "Virgin Queen"), das die Bevölkerung ihrer alten Heimat widerspiegelte. Bald nachdem durch den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eine unabhängige Republik geschaffen worden war, verabschiedete der US-Kongreß ein Gesetz, dem zufolge nur "Weiße" die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen durften. Mehrere Jahre später, kurz bevor Präsident Thomas Seite 1 �Jefferson den Erwerb von Louisiana aushandelte, äußerte er James Monroe gegenüber, er freue sich auf die Zukunft, wenn es auf diesem Kontinent viele "Menschen" gäbe, die "dieselbe Sprache sprechen, in ähnlicherweise und mit Hilfe ähnlicher Gesetze regiert werden". Die "Menschen", die Jefferson auf dem Kontinent sah, waren jedoch nur "Weiße". Jeffersons Erwerb des Gebiets im Westen ebnete aber den Weg zu einer Expansion, die zur Annektierung des Südwestens, der Einbeziehung der indianischen und mexikanischen Bevölkerung sowie den Wanderbewegungen aus China und Japan ostwärts nach Amerika führte. Am Ende des 19. Jahrhunderts war unsere moderne multirassische Gesellschaft aus der Expansion nach Westen und der Industrialisierung entstanden. Eingewanderte Arbeiter aus China und Irland hatten die transkontinentale Eisenbahn gebaut - das Stahlband quer durch Amerika, das das Verkehrssystem für die Entwicklung der Landwirtschaft sowie der Fertigungsindustrie darstellte und die Städte von Küste zu Küste miteinander verband. Irische Einwanderer arbeiteten in New England in Fabriken, die Textilien aus Baumwolle herstellten, welche von schwarzen Sklaven auf Land angebaut wurde, das den Indianern und Mexikanern genommen worden war. Diese Realität unserer ethnischen und rassischen Vielfalt veranlaßte den amerikanischen Autor Herman Melville im 19. Jahrhundert zu folgender Beobachtung: "Das Blut der Welt fließt durch die Venen der Amerikaner. Wir sind kein begrenzter Stamm." Neben der Wirtschaft, die unsere verschiedenen Gruppen integrierte, gab es etwas Tiefergehendes, Prpfunderes, das uns als Amerikaner einte. Als Jefferson die eindringlichen Worte, daß "alle Menschen gleich geschaffen sind", schrieb, weitete er die "unveräußerlichen Rechte" nicht auf die Schwarzen aus. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung besaß 200 Sklaven. Aber lange danach, während des Amerikanischen Bürgerkriegs, nahm Präsident Abraham Lincoln eine Neudefinition von Gleichheit als dem Recht jedes einzelnen, ungeachtet seiner Rasse vor. Gleichheit sei das zentrale "Vorhaben" unserer Nation, erklärte er, und die Amerikaner hätten die Verpflichtung, diese "unbeendete Arbeit" fortzuführen. In Gettysburg dachte Lincoln über die Bedeutung der großen Krise nach und erkannte auch den Beitrag an, den die 186.000 schwarzen Soldaten zum Erhalt der Union geleistet hatten. Frederick Douglass rief seine schwarzen Mitbürger dringlich zur Teilnahme an den Kämpfen mit dem Hinweis auf, in der Verfassung stehe "Wir, das Volk" und nicht "Wir, die Weißen". Die chinesischen Einwanderer verstanden diese Wahrheit ebenfalls. Sie waren in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts zunächst zu den Goldfeldern geeilt, aber denjenigen, die nach dem "goldenen Amerika" suchten, folgten jene Zehntausenden, die als Landwirte oder Industriearbeiter kamen. 1882 ver- Seite 2 abschiedete der Kongreß jedoch das Gesetz über den Ausschluß der Chinesen, das eine weitere chinesische Einwanderung unterband. Ein Einwanderer protestierte wütend gegen das, was er als eine Verletzung der Gründungsprinzipien Amerikas ansah. "Keine Nation kann es sich leisten, ihre hehren Ideale aufzugeben", schrieb Yan Phou Lee in der North American Review. "Die Gründer der Amerikanischen Republik bekräftigten den Grundsatz, daß alle Menschen gleich geschaffen sind und machten dieses schöne Land zu einem Zufluchtsort für die Welt. Daher ist es seine Bestimmung - sein "Manifest Destiny" - Lehrer und Führer der freien Nationen zu sein... Wie weit diese Republik von ihren hehren Idealen abgewichen ist und ihre traditionelle Politik ins Gegenteil umgekehrt hat, zeigt sich an den gegen die Chinesen verabschiedeten Gesetzen." Lees Protest wurde zweifelsohne von den meisten Amerikanern zurückgewiesen, aber der Kampf, damit diese Republik gemäß ihren Idealen lebte, wurde fortgesetzt, als weitere Einwanderungswellen kamen. Viele dieser Menschen wurden mit Vorurteilen konfrontiert, die auf Vorstellungen von kultureller oder ethnischer Unterlegenheit gründeten, aber die meisten sahen genügend Chancen, den Kampf für eine Gesellschaft mit mehr Gleichberechtigung fortzusetzen. Ein Wendepunkt kam im Zweiten Weltkrieg. Der Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland mit seiner Ideologie arischer Überlegenheit zwang uns als Bürger einer Demokratie, die Unvereinbarkeit unserer Ideale mit unserer Behandlung rassischer und ethnischer Minderheiten zu sehen. Dieser Widerspruch wurde zum konzeptionellen Rahmen für Gunnar Myrdals 1944 veröffentlichtes Buch An American Dilemma: The Negro Problem and Modern Democracy. Während die Amerikaner diesen "ideologischen Krieg" gegen den Nazismus führen, erklärte er, müssen sie das Prinzip der Demokratie expliziter auf die Rasse anwenden. "Faschismus und Nazismus gründen auf einem rassischen Überlegenheitsdogma ... und diese Regierungen kamen durch rassische Verfolgung und Unterdrückung an die Macht." Aus diesem Grund müßten die Amerikaner sich mit ihrer Unterstützung von rassischer Toleranz und Gleichheit vor die gesamte Welt stellen. "Dieses Land", schrieb Myrdal, "hat eine nationale Erfahrung bei der Vereinigung rassischer und kultureller Vielfalt und eine nationale Theorie - wenn nicht sogar eine konsequente Praxis - der Freiheit und Gleichheit für alle. Der Haupttrend der Geschichte (dieses Landes) ist die allmähliche Verwirklichung des amerikanischen Credos." Mit der Bekräftigung dieses Credos trug Franklin D. Roosevelt der Notwendigkeit einer ideologischen Konfrontation mit dem Nazismus Rechnung, um die Amerikaner für den Krieg zu mobilisieren. Wir kämpfen, so Roosevelt, für die "vier Freiheiten" - Redefrei- AMERIKA DIENST 17 �heit, Religionsfreiheit, Freiheit von Not und Freiheit von Angst. Unsere Verpflichtung zu diesen Idealen, erläuterte er, verurteilt Rassismus: "Das Prinzip, auf das dieses Land gegründet und von dem es stets geleitet wurde, lautet, da3 Amerikanismus eine Angelegenheit des Geistes und des Herzens ist. Amerikanismus ist und war nie eine Angelegenheit der Rasse oder Herkunft." Amerikaner aller ethnischen Zugehörigkeit und Rasse kämpften für die Verteidigung dieser Demokratie. Die Schwarzen verließen die Farmen im Süden und die Ghettos im Norden, die Lateinamerikaner ihre Viertel, die Chinesen ihre Chinatowns, die Indianer ihre Reservate und einige Amerikaner japanischer Abstammung verließen sogar die Internierungslager. Alle Angehörigen von Minderheiten erbrachten Opfer für das, was sie als "Krieg für den doppelten Sieg" bezeichneten - den Kampf gegen Faschismus im Ausland und Rassismus im Inland. Was Lincoln als "die mystischen Klänge der Erinnerung" beschrieben hatte, die von den Schlachtfeldern bis zu den Gräbern der Patrioten ertönten, war multirassisch geworden. Diese nationale Bekräftigung unserer Vielfalt und unseres Engagements für das im Zorn des Zweiten Weltkriegs entstandene "Vorhaben" der Gleichheit ebnete der Bürgerrechtsära der sechziger Jahre den Weg. Bei dem Marsch auf Washington im Jahr 1963 vermittelte Martin Luther King seine Vision von Amerikas wirklichem "Manifest Destiny": "Ich sage Ihnen heute, meine Freunde, daß ich trotz der Schwierigkeiten und Frustrationen des Augenblicks immer noch einen Traum habe. Es ist ein Traum, der tief im Amerikanischen Traum verwurzelt ist. Ich träume davon, daß sich diese Nation eines Tages erheben und gemäß der wahren Bedeutung ihres Credos leben wird: 'Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind.'" Die Bürgerrechtsbewegung rüttelte die Nation auf und veranlaßte den Kongreß zur Verabschiedung des Bürgerrechtsgesetzes von 1964. Ein Jahr später ging Präsident Lyndon Johnson mit dem Präsidialerlaß 11246 über sein Diskriminierungsverbot hinaus. Mit dem Ziel "der vollständigen Verwirklichung von gleichen Beschäftigungschancen" verlangte dieses Gesetz von Firmen, die Geschäfte mit der Bundesregierung tätigten, "Gleichstellungmaßnahmen" zu ergreifen. Die Unternehmen mußten "in gutem Glauben Ziele und Zeitpläne" für die Beschäftigung von "nicht ausreichend genutzten", qualifizierten, Minderheiten angehörenden Arbeitnehmern festsetzen. In seiner Rede an der Howard University im Jahr 1966 erklärte Johnson, warum Gleichstellung notwendig sei: "Sie nehmen nicht einen Menschen, der jahrelang mit Ketten gefesselt war und befreien ihn, bringen ihn an die Startlinie eines Wettrennens und sagen dann: 'Du bist frei und kannst mit den anderen konkurrieren' und glauben immer noch, daß Sie völlig AMERIKA DIENST 17 fair gewesen sind... Deshalb ist es nicht genug, die Tore für Chancen zu öffnen. Alle unsere Bürger müssen die Möglichkeit haben, durch diese Tore zu gehen. Das ist das nächste und umfassendere Stadium des Kampfes für Bürgerrechte. Wir streben nicht nur Freiheit, sondern Chancen an - nicht nur rechtliche Gleichheit, sondern menschliche Fähigkeit nicht nur Gleichheit als ein Recht und eine Theorie, sondern Gleichheit als eine Tatsache und Gleichheit als ein Ergebnis." Dreißig Jahre später ist Gleichheit als eine Tatsache jedoch für Millionen von Amerikanern noch ein unverwirklichter Traum. Wir müssen immer noch die übergeordnete Frage ansprechen, die W.E.B. Du Bois ausmachte, als er voraussagte, das Problem des 20. Jahrhunderts werde das Problem der Hautfarbe sein. In der Dämmerung dieses Zeitalters ist dieses Problem immer verwirrender geworden. In ganz Amerika ist Arbeit in den Innenstädten "verschwunden", um die bittere Beschreibung des Wissenschaftlers William Julius Wilson zu verwenden. Die beunruhigend hohe Anzahl junger schwarzer Männer in Gefängnissen bekräftigt die Korrelation zwischen Verbrechen und Armut und zwingt viele Bundesstaaten, mehr Geld für Gefängnisse als für Universitäten auszugeben. Was Myrdal als das "amerikanische Dilemma" bezeichnete, ist in der Tat zu vielen Dilemmas geworden. Die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Rassen beschränken sich nicht mehr nur auf Schwarze und Weiße, sondern beziehen jetzt auch Lateinamerikaner und Asiaten ein. Die Unruhen in Los Angeles von 1992 schienen eine neue Ära multirassischer Konflikte anzukündigen. Im Kontext dieser sich vertiefenden rassischen Kluft und härterer Reaktionen auf Gleichstellungsmaßnahmen und Einwanderer hielt Präsident Clinton am 14. Juni 1997 seine Rede "Vielfalt ist von elementarer Bedeutung" an der University of California, San Diego. In dieser historischen Rede beschrieb Clinton als erster Präsident die amerikanische Gesellschaft als "multirassisch". Er forderte uns auch auf, die "unbeendete Arbeit" unserer Nation fortzuführen - ein impliziter Bezug zu Lincolns Gettysburg Address. Wird es uns gelingen? Werden wir es im 21. Jahrhundert schaffen? Obwohl zu viele der Aussichten nicht vielversprechend erscheinen, haben wir Grund zur Hoffnung. Die Geschichte des multikulturellen Amerika in "einem anderen Spiegel" gesehen, bietet uns Ermutigung: Die Geschichten unserer unterschiedlichen rassischen und ethnischen Gruppen unterscheiden sich, sind jedoch nicht unvereinbar. Im gesamten Verlauf unserer Geschichte waren wir miteinander verbunden wie Walt Whitmans "große, vorwärtsdrängende, hoffnungsvolle Armee von Arbeitern" beim Aufbau der Volkswirtschaft unseres Landes. Seit der Gründung unserer Nation haben wir auch um die Verwirklichung unsere politischen Ideale Seite 3 �von Demokratie und Gleichheit gekämpft. Diese "umfassendere Erinnerung" unseres unterschiedlichen Selbsts fordert uns konstant zur Fortsetzung unserer "unbeendeten Arbeit" zur Erlangung "einer perfekteren Union" auf. * * * * * Seite 4 AMERIKA DIENST 17</text>
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Erklärung der US-Handelsbeauftragten&#13;
2.ABRÜSTUNG RÜSTUNGSKONTROLLE - EIN ZENTRALES ELEMENT DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK&#13;
von John D. Holum&#13;
NICHTVERBREITUNGSSTRATEGIE DER VEREINIGTEN STAATEN HAT HÖCHSTE PRIORITÄT&#13;
von James Steinberg&#13;
3.MARSHALLPLAN GEORGE C. MARSHALL: DER LETZTE GROßE AMERIKANER?&#13;
von Lance Morrow&#13;
4. GESELLSCHAFT DER ANDERE SPIEGEL - DIE VEREINIGTEN&#13;
STAATEN ALS MULTIRASSISCHE GESELLSCHAFT&#13;
von Ronald Takaki </text>
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                    <text>^ e äfv

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

I.Oktober 1997

19

POLITIK

CLINTONS INNEN- UND AUSSENPOLITISCHE
AGENDA
Rede des Präsidenten vor der American University

NAHER OSTEN

ALBRIGHT: ARABISCHE WELT MUSS SICH
GEEINT FÜR FRIEDEN UND SICHERHEIT
EINSETZEN
Rede der US- Außenministerin vor dem GolfKooperationsrat

NATO

ALBRIGHT: WIR WOLLEN, DASS DER FRIEDEN
BESTAND HAT
Rede der Außenministerin vor dem Ständigen
Gemeinsam Rat der NATO

**

DIE NATO-ERWEITERUNG - LEICHTSINN ODER
NOTWENDIGKEIT?
Rede von Botschafter Robert Hunter

USA-EUROPA

DIE NEUE TRANSATLANTISCHE AGENDA
Rede von Staatssekretär Eizenstat

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�POLITIK
I.Oktober 1997

Clintons innen- und außenpolitische Agenda
Rede des Präsidenten vor der American University

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 9. September 1997 vor der
American University gehaltene Rede über die innen- und außenpolitischen Zielsetzungen der Administration.

Vielen Dank. Zuerst möchte ich Ihnen allen für Ihre
herzliche Begrüßung danken. Ich habe Rektor Ladner
bereits gesagt, daß ich nach diesem wunderbaren
Willkommen eigentlich gar keine Rede mehr halten
möchte.
Ich freue mich über die Begrüßung durch den Rektor
und seine profunden Worte. Ich danke Neal Sharma
für seine Einführung und seine Führungsrolle in der
Studentenschaft.
Ich begrüße den Vorsitzenden
Jacobs und Professor Mintz, Minister Dalton und
Gattin, den Stadtverordneten Thomas, alle Treuhänder
und Ehemaligen, die Fakultätsmitglieder, den Lehrkörper, die hier anwesenden Studenten und die Freunde
der American University, die heute gekommen sind.
Viele Mitglieder unserer Administration haben an der
American University ihren Abschluß gemacht oder sind
auf andere Weise mit ihr verbunden. Dazu zählt auch
Ihr ehemaliger Rektor, Joe Duffy. Eines der wichtigsten hat mich heute hierher begleitet - die ehemalige
Dozentin Judy Winston, die Direktorin meiner Rasseninitiative ist, über die ich heute unter anderem sprechen möchte.
Der Beginn eines neuen Studienjahres ist der Zeitpunkt, an dem sich die Studenten und auch wir hier in
Washington nach der Sommerpause des Kongresses
im August wieder an die Arbeit machen. Es ist eine
Zeit echter Hoffnung und des verdienten Optimismus
für Amerika. Und das höre ich heute an Ihren lebhaften Stimmen. Meines Erachtens ist das für mich ein
guter Zeitpunkt, zu Ihnen und unserem Land darüber
zu sprechen, was wir in den verbleibenden Monaten
dieses Jahres tun müssen, um unser Land optimal auf
das 21. Jahrhundert vorzubereiten.

AMERIKA DIENST 19

Ich kann kaum glauben, daß es fast sechs Jahre her
ist, seit ich meine Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekanntgab. Damals - Ende 1991 - schien
Amerika sich dem neuen Jahrhundert mit unsicheren
Schritten zu nähern. Dramatische Veränderungen
unserer Lebens- und Arbeitsweise sowie unserer
Beziehungen untereinander und zu der übrigen Welt
bedrohten die Werte, die unser Leben bestimmen. Wir
waren in Gefahr, genau zu dem Zeitpunkt als Nation
stärker gespalten zu werden, an dem wir energisch
gemeinsame Fortschritte machen sollten.
An dem Tag, an dem ich meine Kandidatur bekanntgab, erklärte ich, unsere Mission als Volk müsse darin
bestehen, den Amerikanischen Traum für alle am
Leben zu erhalten, die dafür arbeiten wollen; Amerika
weiterhin als weltweit stärkste Kraft für Frieden,
Freiheit und Wohlstand zu erhalten und unsere Bürger
über alle uns trennenden Gräben hinweg als ein
Amerika zusammenzubringen.
Die ältesten und
dauerhaftesten Werte Amerikas - Chancen für alle,
Verantwortung aller, eine Gemeinschaft aller - mußten
in einer neuen und anderen Zeit stark und lebendig
bleiben. Das erforderte einen neuen Kurs.
Unsere Nation ist jetzt seit mehr als 220 Jahren jung
und stark geblieben, indem sie stets neue Herausforderungen auf eine Art und Weise bewältigt, die
unsere ältesten Werte erneuert. Das ist die Urquelle
unserer Größe. Unsere Nation wurde nicht auf
Religion, Rasse oder Geografie gegründet, sondern
auf einer Reihe leuchtender Ideale, die zu jedem
entscheidenden Moment unserer Geschichte wiederholt, bekräftigt und befürwortet wurden: Lincoln in
Gettysburg; die Progressiven bei der Schaffung einer
neuen Freiheit für das Industriezeitalter; Franklin
Roosevelt, der Amerika im Namen unserer ältesten

Seite 1

�Ideale aus dem Abgrund rettete; Dr. King, der Amerika
aufforderte, die wahre Bedeutung unseres Credos zu
leben. In jedem Moment der Herausforderung und des
Wandels haben wir Amerikaner einen Weg gefunden,
um diese alten Ideale zu bewahren, so daß sie keine
auf Pergamentpapier geschriebenen abgedroschenen
Worte sind, sondern vielmehr lebende Wegweiser für
eine neue Ära.
Seit viereinhalb Jahren arbeiten die Amerikaner daran,
dies zu einer Zeit des Wandels für unsere Generation
zu machen. Wir haben einen mutigen neuen Wirtschaftskurs eingeschlagen, unser Haushaltsdefizit
noch vor dem jüngsten Abkommen über einen ausgeglichenen Haushalt um mehr als 80 Prozent gesenkt,
Exporte durch mehr als 200 Handelsvereinbarungen
ausgeweitet und in unsere Menschen und ihre Zukunft
investiert. Wir machten uns daran, Amerika in der Zeit
nach dem Ende des Kalten Krieges Glaubwürdigkeit
zu verleihen, neue Bündnisse zu schmieden und uns
von Bosnien bis Haiti für unsere Werte einzusetzen.
Wir befaßten uns mit einer Vielzahl tiefgehender
sozialer Probleme einer Generation; wir gingen die
Herausforderungen von Verbrechen, Sozialhilfe und
Armut mit Arbeit, Verantwortung und Gemeinschaftsaktionen an. Und wir begannen mit der Zusammenstellung einer neuen Regierung, die nicht alles tun will,
sich aber nicht damit zufrieden gibt, nichts zu tun.
Vielmehr ist es eine progressive Regierung, die sich
verpflichtet, den Menschen die erforderlichen Werkzeuge zu geben, damit sie das Meiste aus ihrem
Leben machen können.
Heute sehen wir die Ergebnisse. Die Arbeitslosigkeit
liegt unter 5 Prozent, seit 1993 wurden fast 13 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen, die Inflation ist
niedrig und stabil, das Wachstum von Investitionen
und das Vertrauen der Verbraucher sind größer als
seit einer Generation. Familieneinkommen beginnen
endlich zu steigen, nachdem sie jahrzehntelang niedrig
waren.
Gewaltverbrechen nehmen seit Jahren
dramatisch ab. Wir waren Zeuge der stärksten
Abnahme von Sozialleistungen in der Geschichte.
Und viele unserer ärmsten städtischen und ländlichen
Gemeinden durchleben einen Frühling der Erneuerung.
Ende Juli erreichte Amerika einen neuen Meilenstein,
als ich den ersten ausgeglichenen Haushalt seit einer
Generation unterzeichnete. Dabei ging es um mehr
als nur um Zahlen. Er verkörpert die größte Zunahme
an Unterstützung für das Bildungswesen seit 1965. Er
umfaßt die größte Zunahme an Hilfe, damit die Menschen aufs College, auf Gemeindecolleges und
Graduate Schools gehen können. Das ist der größte
Anstieg seit der Verabschiedung des Gl-Gesetzes vor
50 Jahren - und er wird praktisch jedem die Tür zu
einem Collegebesuch öffnen, der dafür zu arbeiten
bereit ist.

Seite 2

Dieser Haushalt beinhaltet die größte Einzelinvestition
in die Gesundheitsfürsorge seit der Einführung von
Medicaid im Jahr 1965, die vor allem die Versicherung
von fast fünf Millionen Kindern zum Ziel hat, die derzeit
noch nicht krankenversichert sind. Er sieht die
Wiedereinführung gerechter Leistungen für legale
Einwanderer vor und stellt Milliarden Dollar bereit, um
den Menschen noch stärker zu helfen, die von der
Sozialhilfe wieder zur Arbeit zurückfinden wollen.
Nachdem das Haushaltsdefizit jahrelang unsere Politik
behindert und unsere Wirtschaft gelähmt hat, konnte
Amerika endlich die nächste Generation von dieser
Last befreien. Nach Jahren, in denen die beiden
Parteien oft so müde und gefangen erschienen wie
zusammengeschlagene Kämpfer in einem Ring, der
immer kleiner wird, fanden wir endlich einen Weg für
Demokraten und Republikaner, im nationalen Interesse zusammenzuarbeiten. Und damit haben wir uns
selbst bewiesen, daß Amerika noch funktioniert.
Wir dirigieren die sich heute in den Bereichen Technologie, Handel und Soziales stattfindenden Veränderungen - Veränderungen, die einst so viel Zweifel und
Unsicherheit hervorriefen - auf eine Art und Weise, die
sicherstellt, daß sie mächtige Kräfte des Guten
werden. Bei alledem möchte ich betonen, daß wir
nicht nur auf der Welle des letzten Konjunkturaufschwungs reiten. Unser Wirtschaftsplan, in dessen
Mittelpunkt ein ausgeglichener Haushalt steht, ist die
Grundlage, auf der wir die Zukunft Amerikas aufbauen.
Die Amerikaner dieser Generation gestalten und leiten
eine völlig neue Wirtschaft. Heute arbeitet ein größerer Prozentsatz von Amerikanern in der Computerindustrie als auf der Höhe der fünfziger Jahre in der
Automobilindustrie. Und in den Industriezweigen der

Zukunft - Computer, Biotechnologie, Luftfahrt - ist
Amerika weltweit führend. Aber Amerika ist auch
erstmals seit den siebziger Jahren bei Produktion und
Verkauf von Autos wieder führend.
In dieser neuen Volkswirtschaft wird es noch Höhen
und Tiefen geben, es wird Rezessionen und Krisen
geben, die Aktionen erfordern. Aber die Volkswirtschaft hat sich grundlegend verändert. Früher führten
vor allem die Goldvorräte im Boden, unser reichlich
vorhandenes Farmland oder die Kapazität unserer
Fabriken zum Reichtum der Menschen. Heute wissen
Sie ebenso gut wie jeder andere, daß die Fähigkeiten
unserer Menschen und unsere Vorstellungskraft dazu
führen.
Heute haben wir gute Nachrichten. Und angesichts
guter Nachrichten ist es am leichtesten, sich zu
erholen, Urlaub zu machen, zu glauben, daß unsere
Arbeit getan ist und zufrieden zu sein, daß unsere
Herausforderungen bewältigt sind. Aber Selbstgefälligkeit ist keine Option, und Ferien müssen in einer Zeit
voller Herausforderungen und Veränderungen weiterhin kurz sein. In der Tat muß sehr viel mehr getan

AMERIKA DIENST 19

»•

�werden, um unsere Werte zu erneuern, unsere Nation
zu stärken, noch ungelöste Probleme anzugehen,
wenn wir Ihnen wirklich das 21. Jahrhundert geben
sollen, das Sie verdienen. Wir müssen jetzt die
Schritte unternehmen, die klar vor uns liegen. Und die
Zeit für den Beginn ist jetzt - in diesem Herbst - mit
einer Reihe konkreter Aktionen, die den krönenden
Abschluß für ein Jahr echter Fortschritte für Amerika
bilden.
Zuallererst müssen wir Chancen für alle unsere Bürger
bereitstellen. Chancengleichheit ist unser zentraler
Wert, aber ihre wahre Bedeutung hat sich grundlegend
geändert. Im 19. Jahrhundert bedeutete Chancengleichheit beispielsweise die Zuteilung eines kostenlosen Stücks Land. Im 21. Jahrhundert wird es ein PellStipendium an einem Gemeindecollege, einer Handelsschule oder einer Universität sein. Und mehr
Ausbildung ist wichtig. Wir haben enorme Fortschritte
gemacht. Wie ich bereits sagte, enthält dieser Haushaltsentwurf die größte Aufstockung von Mitteln, um
den Menschen in 50 Jahren Zugang zu weiterführender Bildung zu gewähren - nicht nur das höchste PellStipendium unserer Geschichte, sondern auch
300.000 weitere Jobs, mit denen man sich das Geld für
ein Studium verdienen kann, neue Einsparungsmöglichkeiten beim privaten Rentenkonto für die
Collegeausbildung und Steuerfreibeträge, die praktisch
jedem im Land eine zweijährige Collegeausbildung
ermöglichen, der bisher keinen Zugang zum College
hatte, und eine vierjährige Ausbildung sowie den
Besuch der Graduate School gestatten. So etwas hat
es nie zuvor gegeben, und es wird die Chancen
revolutionieren, wenn es um die Möglichkeit einer
Collegeausbildung geht.
Ich möchte erläutern, warum es so wichtig ist, daß wir
uns auf die nächsten drei Monate konzentrieren. Die
Vereinbarung über einen ausgeglichenen Haushalt
enthält einen Fünfjahresplan für den Ausgleich des
Haushalts, und sie enthält Steuersenkungen. Sie
enthält einen Ausgabenplan. Der Ausgabenplan muß
jedoch jedes Jahr erneut umgesetzt werden. Dies wird
der Kongreß in den nächsten drei Monaten mit der
Verabschiedung der Mittelzuweisungen tun. Er muß
das Geld für die Pell-Stipendien genehmigen. Er muß
das Geld für die Jobs genehmigen, mit denen man sich
das Geld für ein Studium verdienen kann. Er muß eine
Verdoppelung der Mittel für Computer in jedem
Klassenzimmer genehmigen, damit wir unser Ziel
verwirklichen können, jedes Klassenzimmer und jede
Bibliothek bis zum Jahr 2000 an das Internet anzuschließen. Er muß die Initiative "Amerika liest"
genehmigen - mit der wir Gemeindemitarbeiter,
jobbende Studenten im ganzen Land und Tausende
von AmeriCorps-Studenten mobilisieren können, die in
unsere Schulen gehen und mit Lehrern und Eltern
zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß jeder
Drittklässler in diesem Land eigenständig lesen kann.
Das müssen wir tun.

AMERIKA DIENST 19

Wir müssen den Prozeß der Mittelbereitstellung
durchlaufen, ohne daß unsere Verpflichtung zu
nationalen Bildungsstandards Schaden nimmt. Wir
wissen zum Beispiel, daß die Vereinigten Staaten das
beste System für weiterführende Bildung der Welt
haben, und die Menschen kommen aus der ganzen
Welt, um hier zu studieren. Darauf bin ich sehr stolz.
Wir wissen jedoch auch, daß wir in der Ausbildung
unserer Kinder vom Kindergarten bis zur 12. Klasse
nicht so gut abschneiden wie wir sollten. Natürlich ist
es in Amerika schwieriger als an vielen anderen Orten
- wir haben mehr Vielfalt. Wir haben mehr rassische
Vielfalt, wir haben mehr sprachliche Vielfalt, wir haben
mehr kulturelle Vielfalt, und wir haben ein größeres
Einkommensgefälle als uns lieb ist. Die andere Vielfalt
ist nur zum Besten, denke ich.
Aber wir machen Fortschritte. Im internationalen
Notenvergleich in Mathematik und Naturwissenschaften lag unsere Nation in diesem Jahr gut über
dem nationalen Durchschnitt - und weit über dem
internationalen Durchschnitt in Mathematik und
Naturwissenschaften bei Viertklässlern. Bei den Noten
der Achtklässler lagen wir jedoch noch weit unter dem
Weltniveau, da unsere Kinder mit dem Erwachsenwerden und all den anderen Schwierigkeiten kämpfen, mit
denen sie sich konfrontiert sehen. Wir müssen besser
werden.
Wir sind die einzige große Nation der Welt, die keine
hohen, klaren, einheitlichen akademischen Standards
für herausragende Leistungen in Grundkursen in
öffentlicher Bildung hat. Wir haben keine. Für die
Ausbildung vom Kindergarten bis zur 12. Klasse sind
verfassungsmäßig die Bundestaaten und die örtlichen
Schulbehörden verantwortlich. Aber der Mathematikunterricht ist in Maine und Montana gleich. Und Kinder
müssen lesen lernen, ob sie in Washington oder an
der Südspitze von Florida leben.
Wir stehen jetzt kurz vor der Gründung einer vom
Kongreß eingerichteten überparteilichen Behörde, die
Prüfungen für Viertklässler im Lesen und für Achtklässler in Mathematik genehmigen soll. Einige denken,
das sollten wir nicht tun. Sie sagen, die Bundesregierung würde damit Macht an sich reißen. Das ist
nicht der Fall. Diese Prüfungen sind freiwillig. Kein
Bundesstaat und keine Schule muß sich daran
beteiligen. Die Bundesregierung hat diese Tests nicht
erarbeitet, wir bezahlen sie nur.
Ich hoffe jedoch, daß alle von Ihnen, die hier an diese
Universität gekommen sind, auf die 52,2 Millionen
Kinder blicken, die heutzutage in Amerika den Kindergarten und die Schule bis zur 12. Klasse besuchen das ist die größte Anzahl von Kindern aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, die es je gab. Wir
berauben sie der Zukunft, die Sie hier für sich in
Anspruch nehmen, wenn wir sie ohne die Grundqualifikationen aus der Schule entlassen, die sie für den

Seite 3

�Erfolg an der Universität benötigen. Und ich hoffe, Sie
werden unsere Bestrebungen bei den nationalen
Standards unterstützen.
Ihr Studentenvertreter hat eine sarkastische Bemerkung über die Sozialversicherung gemacht - und ich
weiß, daß viele von Ihnen denken, daß es sie nicht
geben wird. Aber es wird sie geben. Zweifelsohne
gehört es zu unserer größten Verantwortung sicherzustellen, daß es für die nächste Generation von
Amerikanern eine Sozialversicherung und Medicare
geben wird. Es ist falsch, Menschen in einen Fonds
für Leistungen einzahlen zu lassen, in deren Genuß
sie nie kommen. Das ist falsch.
In den nächsten drei Monaten werden wir auf diesem
Haushaltsabkommen aufbauen, wenn wir uns mit
Medicare befassen. Diese Haushaltsvereinbarung
verlängert die Gültigkeitsdauer des Medicare-Treuhandfonds um ein Jahrzehnt. In der Tat könnte dank
der von uns eingebauten strukturellen Veränderungen
genug Geld gespart werden, um ihn lange darüber
hinaus beizubehalten. Die führenden Kongreßabgeordneten und ich werden jedoch auch eine überparteiliche Kommission ins Leben rufen, die Medicare
prüfen und Empfehlungen abgeben soll, wie die
Krankenversicherung bis weit ins 21. Jahrhundert für
die nächste Generation von Amerikanern erhalten
werden kann.
Wir haben unter Beweis gestellt, daß wir unseren
Haushalt in Ordnung bringen und gleichzeitig die
Leistungen für die älteren Mitbürger verbessern
können. Jetzt müssen wir die Zukunft dieses Programms sicherstellen. Und dann können wir uns auch
mit der Sozialversicherung befassen. Wir können es
tun. Wenn wir den Haushalt ausgleichen können,
können wir ohne Zweifel auch das. Diese Probleme
haben mit den demographischen Veränderungen in
unserer Gesellschaft zu tun, und wir schulden es
Ihnen, nicht mit dieser Last konfrontiert zu werden. Ich
bin zuversichtlich, daß wir unserer Verantwortung
gerecht werden.
Als nächstes müssen wir unsere Bestrebungen zur
Ausdehnung des Handels auf die übrige Welt fortsetzen. Die Vereinigten Staaten sind jetzt wieder der
Exporteur Nummer Eins der Welt. Das müssen wir
aber auch weiterhin sein. Wir müssen es weiterhin
sein - nicht nur, weil es das Richtige für uns ist,
sondern weil es das Richtige für die Welt ist. Ich
möchte Ihnen einige interessante statistische Daten
nennen. In diesem Land leben weniger als fünf
Prozent der Weltbevölkerung; rund 20 Prozent des
Wohlstands der Welt entfällt auf unser Land. Wir
können unseren Wohlstand nicht erhalten, wenn wir
nicht das, was wir haben, an die anderen 95 Prozent
der Menschen in der restlichen Welt verkaufen.

Seite 4

Zweitens werden die wachsenden Volkswirtschaften
der aufstrebenden Länder, vor allem in Asien und
Lateinamerika - aber auch zunehmend in Afrika - in
den nächsten zehn Jahren sehr viel schneller wachsen
als die modernen Volkswirtschaften in Amerika,
Kanada und Europa. Wenn wir uns an diesem
Wachstum beteiligen, können wir eine enorme Zahl
von Ländern, die jetzt als arme Nationen eingestuft
sind, in den Rang von Nationen mit mittlerem Einkommen erheben, in denen Millionen von Kindern eine
würdigere, humanere und erträglichere Zukunft haben;
in denen Demokratie gedeiht; in denen wir gute
Partner nicht nur für die Wirtschaftsbeziehungen,
sondern auch für die Lösung der anderen Probleme
der Welt haben werden, bei denen wir die Verantwortung für sie übernehmen müssen.
Die Vereinigten Staaten haben eine eindeutige Verpflichtung zur weiteren Ausdehnung der Handelsgrenzen. Und morgen werde ich im Ostzimmer des
Weißen Hauses eine Kampagne in die Wege leiten,
um den Kongreß von der Erneuerung der traditionellen
Befugnis zu überzeugen, die Präsidenten jetzt seit
über 20 Jahren haben, ausländische Handelshemmnisse für amerikanische Waren und Dienstleistungen
abzubauen. Das ist für Sie und Ihre Zukunft sehr
wichtig.
Wir brauchen uns vor Handel mit der übrigen Welt
nicht fürchten. Wir sind die produktivste Volkswirtschaft der Welt. Es wird immer Veränderungen in
dieser Volkswirtschaft geben. Es wird immer neue
Arbeitsplätze geben, die geschaffen und abgeschafft
werden. Unter dem Strich haben wir jedoch seit 60
Jahren davon profitiert, daß wir den Weg zur Integration der Volkswirtschaften der Welt angeführt
haben. Das wird Frieden fördern, es wird Freiheit
fördern, es wird Stabilität fördern, es wird den Lebensstandard in anderen Teilen der Welt erhöhen und
gleichzeitig die Vereinigten Staaten als die wohlhabendste Nation der Welt erhalten. Und ich hoffe,
daß Sie auch das unterstützen werden.
Während wir die Chancen erweitern, müssen wir auch
weiterhin Verantwortungsbewußtsein von unseren
Mitbürgern fordern. Unter anderem haben wir die
gemeinsame Verantwortung, alles in unserer Macht
Stehende zu tun, um unsere Familien für das 21.
Jahrhundert zu stärken. Diese neue Volkswirtschaft
setzt die Eltern außerordentlich unter Druck, verlangt
von ihnen mehr Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern
verbringen können, bringt vermehrte Nachfrage nach
finanzierbaren Kindertagesstätten mit sich, bombardiert die Kinder selbst mit Werbung, die es schwieriger denn je macht, sie entsprechend unseren
grundlegenden Werten zu erziehen.
Wir arbeiten an der Verabschiedung eines Jugendstrafgesetzes, um unsere Kinder aus Banden heraus
und von Drogen und Waffen fern zu halten. Wir

AMERIKA DIENST 19

�werden die allererste Konferenz des Weißen Hauses
über Kinderbetreuung veranstalten, um Wege zu
sondieren, wie alle Schichten der Gesellschaft einschließlich der Regierung - das vielleicht größte
Problem angehen können, mit dem sich unsere
arbeitenden Eltern heute konfrontiert sehen. Und wir
müssen diese historische Chance bei unseren Bestrebungen zum Schutz unserer Kinder vor den Gefahren
von Tabak nutzen, indem wir strenge Gesetze erlassen, die sich vor allem darauf konzentrieren, daß junge
Menschen weniger rauchen. Mehr Menschen sterben
durch das Rauchen als aufgrund eines anderen
Problems unserer heutigen Gesellschaft.
Als nächstes müssen wir in den kommenden drei
Monaten die riesige Herausforderung der Umweltzerstörung angehen. Wir werden im Dezember in Kyoto
auf einen weltweiten Vertrag über Klimawandel
hinarbeiten, der die Umwelt schützt und gleichzeitig
globales Wachstum fördert, indem er die Unterzeichnerstaaten zu spezifischen, klaren Richtlinien bei der
Verringerung von Treibhausgasemissionen in die
Atmosphäre verpflichtet. Wir wissen - Sie dürfen
applaudieren - daß es richtig ist.
Hier sind Studenten aus der ganzen Welt, aus dem
ganzen Land versammelt. Viele von Ihnen - und Ihre
Familien - haben im letzten Jahrzehnt in ihrer eigenen
Heimatstadt
beträchtliche
Klimaveränderungen
beobachtet, und es entwickeln sich noch dramatischere klimatische Verhältnisse. Es wird Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs in ganz Amerika, über die
Jahrhundertflut zu sprechen, die wir am Mississippi
hatten. Ein Kongreßabgeordneter, der Mitglied der
anderen Partei ist, sagte mir neulich: "Herr Präsident,
in den vergangenen fünf Jahren hatten wir drei
Jahrhundertfluten in meinem Heimatstaat. Heißt das,
ich muß 500 Jahre warten, bis wir wieder eine schlimme Flut haben?"
Viele von Ihnen, die sich mit diesem Problem befassen, wissen, daß eine Gruppe von über 2.500 Wissenschaftlern zu der Schlußfolgerung gelangt ist, das
Erdklima erwärme sich auf eine Art und Weise, die
nicht genau vorhersagbare, aber mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit zerstörerische Konsequenzen haben wird, wenn wir nicht etwas dagegen
unternehmen.
Das ist etwas, das Menschen aller Einkommensschichten, aller sozialen Schichten, aus allen Teilen
des Landes und in der Tat der ganzen Welt betreffen
wird. Wir benötigen die jungen Menschen Amerikas insbesondere die Studenten, die dieses Problem
studieren können - um es zu einem fesselnden
nationalen Thema zu machen. Und wir benötigen
Menschen, die das Vertrauen in unsere Fähigkeit
haben, neues technologisches und wissenschaftliches
Terrain zu erschließen, sich stark zu machen und zu
sagen: "Sie können mich nicht davon überzeugen, daß

AMERIKA DIENST 19

wir die Treibhausgasemissionen nicht beträchtlich
verringern können und die amerikanische Wirtschaft
dennoch weiterhin wächst."
Mit der bereits zur
Verfügung stehenden Technologie könnten wir sie
ohne irgend welche Kosten morgen reduzieren, wenn
wir nur unsere Vorgehensweise ändern würden.
Das wird eine sehr kontroverse Debatte. Und einige
werden sagen, Präsident Clinton hat sich fünf Jahre
lang überschlagen, um die amerikanische Wirtschaft
wiederzubeleben, und jetzt bringt er sie mit der
Verpflichtung zu Fall, die Treibhausgasemissionen in
Amerika zu reduzieren. Das ist nicht wahr. Aber wenn
Sie zulassen, daß der Meeresspiegel steigt und die
Südküste von Florida und die Südküsten von Louisiana
überflutet werden und auf sonstige Weise das Leben
stören, das es in den Vereinigten Staaten in den
nächsten 50 Jahren geben wird, dann werden unsere
Kinder den Preis für unsere Versäumnisse zahlen. Wir
können dieser Volkswirtschaft zu Wachstum verhelfen
und das Richtige für die Umwelt tun. Ich denke, Sie
glauben das, und ich brauche Sie, um mit mir zusammen das amerikanische Volk zu überzeugen, daß
es getan werden kann.
Und schließlich haben wir die Verantwortung zur
Verbesserung unseres politischen Systems. Das von
beiden Parteien aufgebrachte Geld verdoppelt sich
jetzt alle vier Jahre. Die treibende Kraft ist der Zugang
zu Ihnen - den Wählern. Es ist der Zugang zu Ihnen mit Fernsehsendungen, Radiosendungen, mit der Post
und mit Drucksachen - der uns antreibt. Wir müssen
den Kandidaten, die sich für Ämter zur Wahl stellen,
kostenlose oder verbilligte Sendezeit zur Verfügung
stellen, damit sie nicht mehr so viel Geld brauchen.
Und das wollen wir jetzt tun.
Eine von dem republikanischen Senator John McCain
und dem demokratischen Senator Russ Feingold
unterstützte äußerst wichtige Gesetzesvorlage wird
dem Senat gegen Ende dieses Monats vorgelegt. In
jedem Jahr seit meinem Amtsantritt habe ich einen
guten Gesetzentwurf zur Reform der Wahlkampffinanzierung befürwortet. Und jedes Jahr wurden
diese Gesetzesvorlagen durch Obstruktion im USSenat blockiert. Diejenigen, die das dieses Jahr nicht
wollen, sagen, sie werden wieder ganz von vorne
anfangen. Das können sie tun. Aber wenn sie es in
diesem Jahr tun, werden wir dafür sorgen, daß es im
vollen Rampenlicht der Öffentlichkeit geschieht. Ich
bitte um Ihre Unterstützung für die Reform der Wahlkampffinanzierung in diesem Jahr.
Als Drittes müssen wir in den nächsten drei Monaten
hart an der Förderung unserer Interessen und unserer
Führungsrolle in der Welt arbeiten. Wir leben in einer
Welt, die sich stark von der des Kalten Krieges
unterscheidet, und wir müssen noch viel tun, um sie zu
gestalten. Wir haben die Chance, die Vorteile von
Demokratie, Stabilität und freien Märkten zu konsoli-

Seite 5

�dieren und die Grundlagen für das Jahrhundert zu
schaffen, in dem Sie den Großteil Ihres Lebens leben
werden.
In diesem Jahr haben wir bereits die Chemiewaffenkonvention ratifiziert, so daß unsere Soldaten und
Bürger sicherer vor der Bedrohung durch Giftgas sind.
Wir haben hart am Aufbau eines ungeteilten, demokratischen und friedlichen Europas zum ersten Mal in der
Geschichte gearbeitet - und Polen, Ungarn und die
Tschechische Republik zum NATO-Beitritt eingeladen.
Ich sehe der Zusammenarbeit mit dem Senat bei der
Ratifizierung dieses historischen Schritts im nächsten
Jahr erwartungvoll entgegen und freue mich, daß eine
Gruppe führender Bürgervertreter sie befürwortet.
Wir schmieden neue Partnerschaften mit Rußland, der
Ukraine und den anderen neuen Demokratien Europas
und arbeiten mit allen unseren Freunden in Europa
zusammen, um den Menschen in Bosnien eine
Chance zu geben, sich an der demokratischen Zukunft
Europas zu beteiligen.
Erst haben wir den Krieg beendet und Schlachtfelder
wieder zu Spielfeldern und Luftschutzkeller zu Schulen
gemacht. Jetzt müssen wir unsere Anstrengungen
zum Aufbau eines dauerhaften Friedens verdoppeln.
In den kommenden Monaten werden wir weiterhin
nach Frieden im Nahen Osten und in Nordirland
streben, weiterhin verbrecherische Staaten und
Terroristen bekämpfen, weiterhin sicherstellen, daß
unser Militär und unsere Diplomatie die stärksten der
Welt sind. Aber vor allem werden wir in den verbleibenden Monaten dieses Jahres unsere Hemisphäre und Asien einbeziehen.
Im letzten Jahrzehnt sind auf dem gesamtamerikanischen Kontinent Staatsstreiche, Konflikte und
Planwirtschaften Demokratien und freien Märkten
gewichen. Im nächsten Monat werde ich nach Venezuela, Brasilien und Argentinien reisen, um den Handel
zu erweitern, Drogenhandel zu bekämpfen, die Umwelt
zu schützen und unsere Partnerschaften zu stärken.
Der gesamtamerikanische Kontinent kann zu einem
Bollwerk für unseren Frieden und unsere Sicherheit
werden.
Übrigens entfallen 70 Prozent des gestiegenen
Handels im vergangenen Jahr auf den gesamtamerikanischen Kontinent - er kommt von unseren Nachbarn in unserer Hemisphäre, und wir sollten das
fortsetzen.
Weil ich wollte, daß dies ein wirklich überparteiliches
Unternehmen ist, habe ich den republikanischen
Gouverneur von Massachusetts, Bill Weld, gebeten,
Botschafter in Mexiko zu werden - einem unseren
wichtigsten Verbündeten und Nachbarn. Meines
Erachtens ist er immer noch der beste Kandidat für
den Posten des Botschafters in Mexiko. Und ich

Seite 6

glaube - und das würde ich auch glauben, wenn es um
den Präsidenten einer anderen Partei mit einem
Kandidaten ginge, mit dem ich nicht einverstanden
wäre - wenn ein Präsident jemanden für einen Posten
nominiert, dann steht dieser Person eine Anhörung vor
dem Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten zu,
und ich finde, er sollte diese Anhörung bekommen.
Im Herbst wird der chinesische Staats- und Parteichef
nach Washington kommen. China ist die Heimat von
einem Viertel der Weltbevölkerung. In weniger als
zwei Jahrzehnten könnte die Volkswirtschaft dieses
Landes die größte der Welt sein. Amerika hat ein
profundes Interesse daran, daß China stabil und offen
ist und in Frieden mit seinen Nachbarn lebt. Wir
möchten, daß es sich politischem Pluralismus und den
internationalen Regeln zivilisierter Verhaltensweisen
verschreibt. Wir möchten ein China, das mit uns am
Aufbau einer Zukunft in Sicherheit und Wohlstand
zusammenarbeitet. China wird sein Schicksal selbst in
die Hand nehmen, aber wenn wir uns in China engagieren, statt uns von dem Land zu isolieren, können
wir den von ihm eingeschlagenen Weg beeinflussen.
Der Besuch von Staats- und Parteichef Jiang Zemin ist
eine gute Gelegenheit - nicht so sehr für großartige
Erklärungen und dramatische Gesten, sondern
vielmehr für konstruktive Arbeit an gemeinsamen
Herausforderungen wie der, mit der wir uns auf der
koreanischen Halbinsel konfrontiert sehen oder dem
Schutz der Umwelt, der Eindämmung der Verbreitung
von Nuklearwaffen und der Erweiterung der Grenzen
des freien Handels zwischen uns. Ich sehe auch eine
Chance für uns, unsere Differenzen bei Themen wie
Menschenrechten und Religionsfreiheit offen und von
Angesicht zu Angesicht anzusprechen.
Uns einander gegenüber an einen Tisch zu setzen,
wird wahrscheinlich sehr viel eher Fortschritte hervorbringen als über den Pazifik hinweg mit dem Finger auf
den anderen zu zeigen. Wenn Staats- und Parteichef
Jiang Zemin hierherkommt, hoffe ich, daß das amerikanische Volk ihn willkommen heißt und sagen wird:
"Ja, es gibt Bereiche, in denen wir Meinungsverschiedenheiten haben, aber Sie repräsentieren ein
Viertel der Weltbevölkerung, einen noch größeren Teil

der Zukunft der Welt und Ihrem und unserem Volk wird
es besser gehen, wenn wir einen Weg zur gemeinsamen Gestaltung dieser Zukunft finden."
Und schließlich werden wir in den nächsten drei
Monaten neue Wege sondieren, um den vielleicht
zerbrechlichsten Wert von allen zu erhalten: Die Bande
der Gemeinschaft, die uns als Amerikaner verbinden.
In diesem Jahrhundert haben wir Welle um Welle von
Einwanderern aufgenommen, die von unserer reichlichen Fülle und unseren Idealen angezogen werden.
Dieses Jahrhundert hat beispiellose rassische Fortschritte erlebt und Afroamerikaner und andere Minderheiten schließen sich dem amerikanischen Haupt-

AMERIKA DIENST 19

�Strom an. Dennoch können eben diese Kräfte des
Fortschritts, die uns nach vorne katapultieren, uns
auch auseinander reißen, uns zu isolieren drohen jeden mit seiner eigenen Web-Seite, aber durch
wenige menschliche Bande der Gemeinschaft verbunden.
Das jahrhundertealte Dilemma der rassischen Ungerechtigkeit, rassischen Vorurteile oder nur schlicht der
alten Ängste und des Mißtrauens gegenüber Menschen, die anders sind als wir, wird verschärft durch
die neue Aufgabe, neue Gruppen von Einwanderern in
die bereits vielfältigste Demokratie aufzunehmen.
Binnen eines Jahrzehnts wird unser größter Staat Kalifornien - keine rassische Mehrheit mehr haben. In
nur wenigen Jahrzehnten wird dieses ganze Land
keine rassische Mehrheit mehr haben. Wir können die
demographischen Muster studieren und wissen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert aussehen wird, aber wir
müssen nach innen blicken, um uns vorzustellen, wie
Amerika im 21. Jahrhundert sein wird. Die Antwort
liegt bei uns allen.
Ich habe die Nation gebeten, mit mir gemeinsam eine
eingehende nationale Konversation über das Thema
Rasse zu führen in dem Bestreben, Ungleichgewichte
zu beheben, Haß und Vorurteile abzubauen und sich
mit den realen zugrundliegenden Problemen zu
befassen, die nicht notwendigerweise etwas mit Rasse
zu tun haben, sich aber in rassischer Ungleichgerechtigkeit und Spannungen manifestieren, und - vor
allem - die Amerikaner mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenzubringen, damit sie sich ehrlich über
die uns trennenden Linien gegenübertreten können.
Ihr Rektor stellte fest, daß hier auf diesem Unversitätscampus Menschen aus 140 verschiedenen rassischen
und ethnischen Gruppen vertreten sind. Das ist gut für
Sie. Sie können Amerikas Labor sein. Sie probieren
es aus und lassen uns das Ergebnis wissen.
Diese unsere Vielfalt ist ein Geschenk des Himmels.
Sie ist ein riesiges Geschenk in einer globalen Wirtschaft und einer globalen Gesellschaft. Wenn wir
einen Weg finden können, unsere Unterschiede nicht
nur zu respektieren, sondern uns tatsächlich dazu zu
bekennen und immer noch sagen, was uns verbindet,
ist noch wichtiger - dann werden wir das Problem
gelöst haben, das Bosnien lähmt, das immer noch
dazu führt, daß sich Menschen selbst in die Luft jagen,
um unschuldige Kinder im Nahen Osten zu töten,
wegen dem die Menschen in Irland immer noch über
das argumentieren, was vor 600 Jahren geschah, das
zu gemeinen Stammeskriegen in Afrika geführt hat, bei
denen Hunderttausende Menschen abgeschlachtet
wurden. Und dennoch - blicken Sie sich in diesem
Saal um.
Das ist eine Frage der Vorstellungskraft, der Vision
und des Herzens. Und sie ist auch so wichtig, daß

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man sie nüchtern angehen muß. Bis jeder wirklich
reale wirtschaftliche Chancen, reale Bildungschancen
und sichere Straßen hat, wird es rassische Unterschiede in Amerika geben, die sich in Dingen manifestieren, die wie Rassendiskriminierung aussehen, ob
sie es sind oder nicht. Auch hier müssen wir uns mit
den realen zugrundeliegenden Ursachen befassen.
Aber machen Sie sich nichts vor - die Angst vor
Menschen, die anders sind, ist eine reale zugrundeliegende Ursache. Wie wurden Menschen in Bosnien
Serben, Kroaten oder Muslime? Warum gehörten sie
in Bosnien der orthodoxen Kirche, der katholischen
Kirche oder dem muslimischen Glauben an? Es ist ein
Zufall der Geschichte oder der Jahrhunderte zurückgehenden Geopolitik. Biologisch sind die Menschen
nicht zu unterscheiden. Aber sie waren überglücklich,
Jahrzehnte des Friedens aufzugeben und binnen
Wochen damit zu beginnen, sich mit Hingabe umzubringen und vor nicht allzu langer Zeit gegenseitig
ihre Kinder zu erschießen.
In uns allen ist etwas, das uns in unseren defensivsten
Augenblicken jemanden finden lassen möchte, auf den
wir herabblicken können - das soll heißen, egal, wie
schlecht es mir geht, zumindest bin ich nicht sie oder
er. Stimmt das nicht? Und jeder von uns hat das auf
die eine oder andere Weise einmal an einem Punkt
seines Lebens getan.
Sie sind auf dieses herrliche Universitätsgelände
gekommen, Sie freuen sich mit Ihrem großen Enthusiasmus und Ihrer Hoffnung auf die Zukunft, Sie
sehen einander an, und Sie sind verschieden, und es
gefällt Ihnen. So müssen wir unser tägliches Leben in
Amerika gestalten. Die Menschen müssen am Morgen
aufstehen und sich wegen diesem Land mit all seiner
Vielfalt gut fühlen können, weil wir wissen müssen,
was gut an den Unterschieden zwischen uns ist und
uns zu ihnen bekennen müssen, und wir müssen auch
wissen, was uns verbindet: Was sind die Bedingungen
der Mitgliedschaft in der amerikanischen Gemeinde?
An was muß man glauben, nach welchen Maßstäben
muß man leben und für was muß man einzutreten
bereit sein, um Amerikaner zu sein? Das ist es, was
wir tun werden. Wir müssen uns unsere Zukunft als
eine wirklich multirassische, multiethnische und
multireligiöse Demokratie vorstellen, die immer noch in
einer geraden Linie von hier den ganzen Weg bis zu
George Washington zurückverfolgt werden kann. Ich
bin überzeugt, daß wir es tun können, aber ich bin
auch überzeugt, daß Sie alle den Weg anführen
müssen.
Gestatten Sie mir zu sagen, daß ein Großteil dieser
Arbeit mit dem Kongreß getan werden muß. Und ich
bin sehr erfreut über die Beziehungen, die wir bei der
Arbeit am Haushaltsausgleich hatten. Ich werde mit
dem Kongreß zusammenarbeiten, damit wir alles in
unserer Macht Stehende zur Umsetzung des Haus-

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�halts tun und die Richter und die anderen bestätigen
können, die unser Handeln erwarten. In gewisser
Weise befinden wir uns auf unbekanntem Terrain, aber
wir wissen, daß die Zeiten unser Handeln erfordern,
und ich bin sicher, daß das amerikanische Volk
unabhängig von seiner Parteizugehörigkeit unsere
Zusammenarbeit im Interesse der Öffentlichkeit
wünscht.
Überlegen Sie sich folgendes: Es sind noch 844 Tage
bis zum Jahr 2000 - bis zu einem neuen Jahrhundert,
einem neuen Jahrtausend und einem neuen Zeitalter
menschlicher Unternehmungen.
Wird es neue
Fortschritte, neuen Wohlstand und neue Größe für
Amerika bringen? Es liegt im Wesentlichen an uns.
Vor 34 Jahren hielt Präsident Kennedy hier an der
American University eine Rede, die von vielen als
seine beste angesehen wird. Es war eine Zeit, die vor
der Spannung zwischen den Supermächten knisterte,
aber Präsident Kennedy blickte nach vorn und sah
einen Tag, an dem der Kalte Krieg ein Relikt der
Vergangenheit sein würde. Nach Jahrzehnten der
Arbeit, in denen Amerikaner beider Parteien für unsere
Werte eingetreten sind, leben wir jetzt in der Welt, die
sich John Kennedy vor 34 Jahren an der American
University vorstellte.

*

Seite 8

Mit diesem Gedanken möchte ich mich verabschieden:
Es hängt alles von Ihrer Vorstellungskraft ab. Denken
Sie daran, wievielen Kindern wir in all den Krisenherden der Welt das Leben retten könnten, wenn alle
Menschen mit Macht und die Menschen, die sie
unterstützen sich ihre Zukunft nur in einer anderen
Weise vorstellen könnten - wenn sie nur Mut fassen
und mit einem anderen Bild kommen würden als dem,
das sie jeden Morgen beim Aufstehen vor sich sehen.
Das ist die wichtigste Kraft in der Welt.
Präsident Kennedy stellte sich die Welt, in der wir
heute leben, vor 34 Jahren in der Rede hier an der
American University vor. Jetzt ist es an Ihnen und mir
und unseren Mitbürgern, uns vorzustellen, was das
21. Jahrhundert sein wird, und dann das Erforderliche
zu tun, um diese Vision zur Realität für alle unsere
Menschen werden zu lassen. Aus diesem Grund bin
ich hierher gekommen - um Ihre Hilfe und die jedes
anderen Amerikaners zu erbitten. Für Sie hängt viel
davon ab, und ich setze darauf, daß wir dorthin
kommen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

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�NAHER

OSTEN
I.Oktober 1997

Albright: Arabische Welt muß sich geeint
für Frieden und Sicherheit einsetzen
Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat

ABHA (SAUDI-ARABIEN) - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die USAußenministerin Madeleine Albright am 14. September 1997 beim Ministertreffen des Golf-Kooperationsrats (Gulf
Cooperation Council - GCC) in Abha im Südwesten Saudi-Arabiens hielt.

Vielen Dank. Ich freue mich außerordentlich, hier zu
sein.
Zunächst möchte ich Seiner Majestät, König Fahd,
Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Saud, und der
Regierung von Saudi-Arabien für die Veranstaltung
dieses Treffens danken. Mein Dank gilt ferner Minister
Hamad für die Führungsrolle seines Landes im GolfKooperationsrat in diesem Jahr sowie allen Außenministern, die meine erste gemeinsame Sitzung mit
dem Rat ermöglicht haben.
Diese Gelegenheit ist für mich und meine Pflichten als
Außenministerin sehr wichtig, weil die Vereinigten
Staaten ihrer Freundschaft mit den Mitgliedern des
Kooperationsrats großen Wert beimessen. Ich weiß,
daß unsere Beziehungen für Präsident Clinton hohe
Priorität haben. Und ich freue mich über die Möglichkeit, Ihnen die Ansichten der Vereinigten Staaten
darzulegen und Ihre Meinung über die Themen zu
hören, die für uns alle von Belang sind.
Die Vereinigten Staaten haben grundlegende gemeinsame Interessen mit den Golf Staaten und vielen
anderen Ländern in der arabischen Welt. Wir wollen
alle, daß unsere Völker frei von der Bedrohung des
Krieges in Frieden leben können. Wir sind der Ansicht,
daß die Nationen eine Verantwortung zur Respektierung des Gesetzes in ihren gegenseitigen Beziehungen haben. Wir verabscheuen Extremismus und
verurteilen Terrorismus. Wir haben enge wirtschaftliche Beziehungen und möchten, daß unsere Bürger
zusammenarbeiten und die Gelegenheiten nutzen, die
durch den zunehmend integrierten und dynamischen
globalen Markt geschaffen werden.

AMERIKA DIENST 19

Wie Ihre Exzellenzen wissen, ist dies meine erste
Reise in diese Region in meinem derzeitigen Amt. Ich
komme mit Sorge um die Zukunft in diese altehrwürdigen Länder. Bei meiner Reise hatte ich die Gelegenheit, mit jungen Menschen aus Jerusalem und Ramallah zusammenzutreffen. Und bevor ich Washington
verließ, kam ich mit einer anderen Gruppe junger
Menschen zusammen, darunter einigen aus Ihren
Ländern, die an dem Seeds of Peace-Programm
teilnehmen. Zunächst möchte ich Ihnen gegenüber
äußern, was ich auch schon zu diesen Menschen, zu
Ministerpräsident Netanjahu und dem PLO-Vorsitzenden Arafat gesagt habe.
Für den Nahen Osten ist Frieden die einzige Option.
Der Weg des Konflikts führt nur zu Kummer und Leid.
Für Israelis, Palästinenser und Araber ist das ein
versiegender Brunnen. Er bietet nur eine Zukunft mit
mehr Gewalt, mehr Opfern, mehr Leid und mehr Haß.
Es wäre eine düstere Zukunft, die die Menschen in
dieser Region nicht verdienen und nicht akzeptieren
werden. Obwohl der Weg zum Frieden sehr schwierig
sein kann, bietet er eine andere Zukunft - eine Zukunft,
die reich an gegenseitigem Respekt, verstärkter
Zusammenarbeit und Würde für alle Völker ist.
Aus diesem Grund ist es so wichtig, daß die derzeitige
Vertrauenskrise beendet wird und die Staats- und
Regierungschefs den lähmenden Kreislauf von
gegenseitigen Beschuldigungen durchbrechen und
wieder pragmatische Schritte unternehmen, die für die
Fortsetzung des Friedensprozesses erforderlich sind.
Zu diesem Zweck müssen alle, die ein Interesse am
Frieden haben, ihrer Verantwortung nachkommen.

Seite 1

�Die Palästinensische Autonomiebehörde muß alles in
ihrer Macht Stehende unternehmen, um Terrorismus
zu verhindern und zu bestrafen sowie die in Oslo
eingegangene unumkehrbare Verpflichtung zu vertiefen, Israel nicht wie einen Gegner, sondern wie einen
dauerhaften Partner im Frieden zu behandeln. Wie der
PLO-Vorsitzende Arafat bereits sagte, leidet niemand
stärker unter den Auswirkungen des Terrorismus als
die Palästinenser.
Die israelischen Politiker müssen sich unilateraler
Aktionen enthalten, die das Vertrauen der Palästinenser in ihre Absichten unterminieren, und sollten - selbst
während sie die Wahrung der Sicherheit ihres Volkes
anstreben - nicht vergessen, daß keine Nation ein
größeres Interesse am Wohlstand der Palästinenser
als Israel hat.
Die Vereinigten Staaten haben eine Verantwortung der wir uns bewußt sind -, den Frieden zu unterstützen, ohne ihn aufzuzwingen zu wollen. Präsident
Clinton hat deutlich gemacht, daß wir dieser Verantwortung weiterhin gerecht werden, indem wir im
Einklang mit den Resolutionen 242 und 338 des UNSicherheitsrats, einschließlich des Prinzips Land
gegen Frieden, einen umfassenden Frieden unterstützen.
Schließlich haben die arabischen Staaten eine Verantwortung, der Sie sich ebenfalls bewußt sind: Den
Friedensprozeß zu unterstützen und gegen die Feinde
des Friedens anzugehen. Alles in Ihrer Macht Stehende zu unternehmen, damit extremistische Gewalttäter
wie beispielsweise die Hamas keine Hilfe irgendwelcher Art erhalten. Der Palästinensischen Autonomiebehörde großzügige Hilfe zu gewähren, während diese
sich um den Aufbau ihrer Wirtschaft und die Schaffung
einer auf Rechtsstaatlichkeit basierenden Gesellschaft
bemüht. Mehr zur Überwindung der Hindernisse zu
unternehmen, die zwischen Ihren Gesellschaften und
der Israels - dem Partner der Palästinenser im Frieden
- bestehen. Und sich den Vereinigten Staaten und
anderen beim Erhalt des Trends zu regionaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Wachstum anzuschließen.
Im Hinblick auf diesen letzten Punkt möchte ich
nochmals unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, daß
die Mitglieder des Kooperationsrats am diesjährigen
Nahost-Nordafrika-Gipfel (Middle East North Africa MENA) teilnehmen, den die Regierung von Qatar
großzügigerweise veranstaltet.
Die Bestrebungen zur Verbesserung dieser regionalen
wirtschaftlichen Zusammenarbeit sind keine Konzession an Israel, wie einige nahezulegen scheinen. Sie
sind ein unerläßlicher Stützpfeiler der langfristigen
Aussichten auf Frieden. Gemeinsamer Wohlstand
wird eine gemeinsame Verpflichtung zu Frieden
schaffen und den gewalttätigen Extremisten die

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Grundlage entziehen, die auf Entbehrung setzen.
Vermehrter Handel und Investitionen zwischen den
Völkern der Region werden auch die Beziehungen
stärken, Vertrauen aufbauen und die Überwindung der
Rückschläge für den Frieden erleichtern.
In den vergangenen drei Jahren haben die MENAGipfeltreffen in Casablanca, Amman und Cairn erfolgreich ausländische Investoren in die Region angezogen und das Mißtrauen abgebaut, das die Regierungen so lange gespalten und den Privatsektor von der
Zusammenarbeit zu ihrem gegenseitigen Vorteil und
dem ihrer Gesellschaften abgehalten hat.
Der Doha-Gipfel ist eine weitere Möglichkeit, der Welt
eine Botschaft zu übermitteln, daß der Nahe Osten
eine Quelle für wirtschaftliche Dynamik und Chancen
sein kann und die Golfstaaten aktiv ihre Interessen
diversifizieren und regionalen Wohlstand schaffen.
Und er wird den Gegnern des Friedens eine Botschaft
senden, daß sie weder die Politik diktieren noch
Fortschritte zu einer Region aufhalten können, in der
alle von den Vorteilen größerer Stabilität und zunehmenden Wohlstands profitieren.
Während wir eine vielversprechendere Zukunft durch
unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit anstreben,
müssen wir auch eine sichere Zukunft durch unsere
andauernde diplomatische und sicherheitspolitische
Zusammenarbeit aufbauen.
Das erfordert Zusammenarbeit, um terroristische
Bedrohungen auszumachen und darauf zu reagieren
sowie die für Terrorakte Verantwortlichen vor Gericht
zu bringen.
Und das erfordert unsere weitere gemeinsame
Entschlossenheit zur Sicherung von Frieden und
Stabilität in der gesamten Golfregion.
Die Vereinigten Staaten werden alle Anstrengungen
aller Seiten vereiteln, unsere regionalen Freunde zu
zwingen, einzuschüchtern oder die Navigationsfreiheit
in den internationalen Gewässern des Golfs einzuschränken.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin entschlossen zu
verhindern, daß der Irak je wieder Sie oder andere in
der Region bedroht. Wir bestehen nach wie vor
darauf, daß das Regime in Bagdad seine friedlichen
Absichten unter Beweis stellt und die Rechtsstaatlichkeit respektiert, indem das Land alle entsprechenden
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats einhält. Bedauerlicherweise ist der Irak weiterhin weit von diesem
Standard entfernt. Die Vereinigten Staaten sind jedoch
erfreut, daß der Sicherheitsrat einem Plan zugestimmt
hat, der den Verkauf begrenzter Mengen von irakischem Öl gestattet, um den Kauf von Nahrungsmitteln
und anderen humanitären Hilfsgütern für das irakische
Volk zu finanzieren.

AMERIKA DIENST 19

�Unsere Sicherheitszusammenarbeit erfordert auch,
daß wir die Ereignisse in Teheran sorgfältig im Auge
behalten.
Die Wahl von Seyyed Mohammad Khatami zum neuen
Präsidenten des Iran ist eine interessante und möglicherweise hoffnungsvolle Entwicklung. Das iranische
Volk hat seinen Wunsch nach Wandel zum Ausdruck
gebracht. Unklar ist noch, ob und in welchem Ausmaß
der Wandel tatsächlich stattfinden wird.
In jüngster Zeit hat die Politik des Iran Instabilität
genährt und internationale Normen in drei Bereichen
verletzt: Unterstützung von internationalem Terrorismus und gewalttätigem Widerstand gegen den NahostFriedensprozeß; Bestrebungen zur Beschaffung von
Massenvernichtungswaffen und Bestrebungen zur
Destabilisierung freundlich gesinnter Staaten. Aus
einer internationalen Perspektive gesehen, wird
Präsident Khatamis neue Regierung in diesen Bereichen auf die Probe gestellt.
Obwohl wir auf einen positiven Wandel im Iran hoffen,
können wir nicht damit rechnen. Wir werden ihn nicht
an den Worten, sondern an den Taten messen. Wir
müssen Seite an Seite stehen und auch die Ver-

*

AMERIKA DIENST 19

einigten Arabischen Emirate und Bahrain gegen
iranische Einschüchterungsversuche unterstützen.
Abschließend möchte ich nochmals die Bedeutung
unserer andauernden Partnerschaft betonen, wenn wir
Stabilität bewahren, gemeinsame vitale Interessen
schützen und Frieden mit Sicherheit und Würde für alle
Völker dieser Region fördern wollen. Weil unsere
Partnerschaft vor mehr als fünf Jahrzehnten begann,
wissen wir, daß sie dauerhaft ist. Weil unsere Partnerschaft zur Gewährleistung einer Zukunft in Wohlstand
für unsere Bürger beitragen kann, wissen wir, daß sie
klug ist. Weil unsere Partnerschaft den Gesetzesinteressen dient, wissen wir, daß sie gerecht ist. Und weil
unsere Partnerschaft sich dem Frieden verschrieben
hat, wissen wir, daß sie richtig für unsere Kinder und
unsere Kindeskinder ist.
Nochmals herzlichen Dank, daß ich an dieser Konferenz teilnehmen durfte. Ich weiß Ihre Gastfreundschaft
wirklich zu schätzen. Und ich sehe der Zusammenarbeit mit Ihnen bei der weiteren Stärkung unserer
Partnerschaft in den kommenden Monaten und Jahren
erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 3

�NATO
I.Oktober 1997

Albright: Wir wollen, daß der Frieden Bestand hat
Rede der Außenministerin vor dem
Ständigen Gemeinsamen Rat der NATO

NEW YORK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Madeleine Albright beim
Treffen des Ständigen Gemeinsamen Rats der NATO und Rußlands am 26, September 1997.

Herr Generalsekretär,
verehrte Kollegen,

Außenminister

Primakow,

es ist mir eine große Freude, mit Ihnen gemeinsam
den offiziellen Beginn der neuen und historischen
Partnerschaft zwischen der NATO und Rußland feiern
zu können. Ich möchte nur einige Worte über unsere
Ziele in diesem Ständigen Gemeinsamen Rat und die
vor uns liegende Arbeit sagen. Ich möchte Sie alle
auch in New York - der Stadt, die niemals schläft,
außer vielleicht bei einer Sitzung der UN-Generalversammlung - willkommen heißen.
Wir haben uns hier versammelt, weil jeder von uns
einige unleugbare und hoffnungsvolle Tatsachen
anerkannt hat: Wir wissen, Europa verändert sich,
Rußland verändert sich, die NATO verändert sich.
Wir sind uns bewußt, daß der Integrationsprozeß in
Europa uns so weit bringen sollte, wie die Grenzen der
Freiheit reichen werden. Wir sind der Überzeugung,
daß das Streben nach Sicherheit in Europa kein Spiel
ist und niemals hätte sein sollen, in dem der Gewinn
einer Nation der Verlust der anderen ist.
Vor vier Monaten vereinbarten unsere Staats- und
Regierungschefs in Paris, von diesen Fakten ausgehend grundlegend andere Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland aufzubauen. Heute sind diese
Beziehungen im Entstehen begriffen.
Bei Augenblicken wie diesen greifen wir für gewöhnlich
auf das Cliche zurück, daß Kooperation an die Stelle
von Konfrontation getreten ist, und wir erinnern uns
daran, daß der Kalte Krieg wirklich und vollständig
hinter uns liegt. In der Tat geht die Umgestaltung, die
wir gesehen haben, sehr viel tiefer als das.

AMERIKA DIENST 19

Zum ersten Mal in der Geschichte sehen die großen
europäischen und atlantischen Mächte einander nicht
als potentielle Gegner. Zum ersten Mal in der Geschichte sind die kleinen Mächte sicher und frei genug
zur Gestaltung ihrer Zukunft.
Einige fragen sich, warum wir uns in dieser Zeit
relativen Friedens in Europa so sehr auf die Sicherheit
konzentrieren. Die Antwort lautet, wir wollen, daß der
Frieden Bestand hat. Wir wollen die richtigen Sicherheitsarrangements treffen, damit wir uns in der
Zukunft nicht mehr so viele Gedanken über die
Sicherheit machen müssen - und mit der Aufgabe der
Erweiterung von Chancen und Wohlstand fortfahren
können.
Dieser Rat ist eines der Arrangements, die wir richtig
machen müssen. Wenn wir ihn gut nutzen, werden die
NATO und Rußland eine Partnerschaft haben, dank
derer wir zusammen große Dinge tun können. Und
das liegt sicherlich in unserem gemeinsamen Interesse.
Hier werden wir Konsultationen über unsere Militärstrategien, Verteidigungspolitik und Friedenssicherung
führen, hier werden wir praktische Schritte zur Verhinderung der nuklearen Weiterverbreitung und zur
Verringerung der Bedrohungen durch chemische und
biologische Waffen unternehmen. Hier können wir die
Art und Weise unserer Zusammenarbeit verbessern,
wenn Truppen der NATO und Rußlands bei komplexen
Missionen wie der SFOR dienen.
Natürlich werden wir nicht immer bei allem einer
Meinung sein. Und natürlich gibt es noch einen
weiteren Grund, warum wir diesen Rat gegründet

Seite 1

�haben: Um durch regelmäßige Dialoge und verbesserte Transparenz Vertrauen aufzubauen.

folgreich waren und wir uns über die Notwendigkeit
einig sind, die Bestimmungen von Dayton in den
kommenden Monaten mit erneuter Kraft umzusetzen.

Ich weiß, viele Russen bezweifeln, daß ihr Land
vertrauensvolle Beziehungen zur NATO aufbauen
kann. Gestatten Sie mir zu sagen, ich erwarte nicht,
daß diese Treffen diese Einstellung über Nacht
ändern. Ich erwarte nicht, daß Rußland sich plötzlich
in die NATO verliebt.

Unsere Diskussionen über Bosnien im besonderen
und Friedenssicherung im allgemeinen stehen erst am
Anfang. Wir haben einen Rahmen für Partnerschaft,
jetzt müssen wir ihn mit den Einzelheiten füllen.

Meine einzige, leicht ironische Hoffnung ist, daß
Rußland die NATO irgendwann langweilig wird. Mit
anderen Worten, ich hoffe und erwarte, daß Rußland
die echte NATO als das kennenlernt, was sie ist:
Weder eine Bedrohung für Rußland noch die Antwort
auf die drängendsten Probleme des Landes, sondern
einfach als eine Institution, die Rußland bei der
besseren Integration in den europäischen Hauptstrom
behilflich sein kann.

Dazu zählen die Schritte, die zu unternehmen wir
bereits versprochen haben. Wir sehen der Ankunft
eines russischen militärischen Vertreters bei der NATO
erwartungsvoll entgegen. Wir müssen Verbindungsmissionen bei den wichtigsten Militärkommandos des
jeweils anderen Landes einrichten. Die NATO muß ein
Informationszentrum in Moskau eröffnen. Wir sind
bereit, das alles zu tun. Lassen Sie uns dies bis
Dezember erledigen, damit wir eine ehrgeizigere
Tagesordnung für die Zukunft in Angriff nehmen
können.

Ich glaube, daß wir beim Aufbau dieser Art von
Verständnis in Bosnien große Fortschritte erzielt
haben. Die Geschichte wird belegen, daß die NATO,
als sie das erste Mal in Aktion trat, dies zusammen mit
- nicht gegen Rußland gerichtet - tat.

Ich möchte auch betonen, daß die Grundakte zwischen der NATO und Rußland engere russische
Zusammenarbeit mit der NATO in der Partnerschaft für
den Frieden und im Euroatlantischen Partnerschaftsrat
ermutigt.

Im Namen aller meiner Kollegen in der NATO möchte
ich sagen, daß der Beitrag Rußlands zur SFORMission unerläßlich war.

Die grundlegendsten Entscheidungen, die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Nichtmitgliedstaaten
betreffen, werden im EAPR in Anwesenheit aller
unserer Partner getroffen. Im November wird der
EAPR zur Erörterung der Stabilität im südöstlichen
Europa zusammenkommen, und wir werden eine gute
Gelegenheit haben, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir dieses unerläßliche Forum voll und ganz
nutzen können.

Gleichzeitig sind unsere gemeinsamen Bestrebungen
in Bosnien mehr als ein Test unserer Zusammenarbeit,
mehr als ein Test der Verfahrensweise. Sie sind ein
Test unserer Prinzipien. Unser Ziel ist nicht nur
Zusammenarbeit, sondern Zusammenarbeit der Art,
daß künftige Aggression abgewehrt wird, Gerechtigkeit
geschieht und ein vereintes Bosnien seinen Platz in
einem ungeteilten Europa einnehmen kann. Unsere
Verpflichtung, unparteiisch zu sein, erfordert von uns,
jede Partei in Bosnien an dem gleichen objektiven
Standard zu messen: Wie sie die Ziele des Abkommens von Dayton voranbringt.

Die Vereinigten Staaten sehen der Sondierung all
dieser Möglichkeiten mit Rußland und unseren Verbündeten in der NATO erwartungsvoll entgegen. Wir
sind zufrieden, daß dieser Prozeß begonnen hat, und
ich danke Ihnen für diese Gelegenheit, die Ansichten
meines Landes zum Ausdruck zu bringen und die
Ihren zu hören.

Aus diesem Grund bin ich erfreut, daß unsere Konsultationen in dieser Woche ernsthaft, substantiell und er-

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 19

�NATO
I.Oktober 1997

Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Rede von Botschafter Robert Hunter

CHICAGO - (AD) - Die Erweiterung der NATO ist dem Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika
bei der NATO, Robert Hunter, zufolge "eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter Sicherheit in Europa".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Botschafter Hunter am 16. September 1997
vor dem Chicago Council on Foreign Relations in Chicago hielt.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Es ist mir eine Ehre,
wieder vor dem Chicago Council on Foreign Relations
sprechen zu dürfen - einer zweiten Heimat und
zweifelsohne einem Mekka für diejenigen, die Außenpolitik und die elementare Rolle des amerikanischen
Volkes bei der Erfüllung unserer Verpflichtungen im
Ausland ernst nehmen.
Es ist eine doppelte Ehre, mit Ihrem Präsidenten, John
Rielly, hier zu sein. Seit 30 Jahren darf ich ihn stolz
meinen "Freund und Kollegen" nennen, und seit 25
Jahren steht er dem Chicago Council vor, der dieses
Jahr sein diamantenes Jubiläum feiert und unter Johns
Leitung bei der Förderung des Verständnisses für das
Ausland und Amerikas angemessener Rolle in der
Welt unübertroffen ist.
Somit möchte ich kurz zwei nationale Aktivposten
würdigend hervorheben: den Chicago Council on
Foreign Relations und seinen herausragenden Präsidenten, John Rielly.
Herr Vorsitzender,
dies ist eine außergewöhnliche Zeit für die NATO.
Vor nur wenigen Jahren wurde ein Nachruf auf das
Bündnis geschrieben. Es wurde zusammen mit dem
Warschauer Pakt für Karl Marx' "Aschehaufen der
Geschichte" vorgesehen. Heute freue ich mich jedoch,
berichten zu können, daß die NATO "gesund und
munter" ist und die starke Unterstützung von 16
Verbündeten, drei zum Beitritt eingeladenen Ländern
und 24 Partnern für den Frieden genießt.

AMERIKA DIENST 19

Die NATO ist gesund und munter, weil sie sich erneut
als unverzichtbare Institution für die Erfüllung der
Bedürfnisse und das Ergreifen von Sicherheitschancen
in Europa erwiesen hat - nicht nur heute, sondern bis
hinein ins nächste Jahrhundert.
Alle 16 Verbündeten haben beschlossen, daß sie ihre
Sicherheit gemeinsam - nicht separat - verteidigen
wollen, obwohl der ursprüngliche Grund für ihr Zusammenkommen - der Kalte Krieg und die Sowjetunion
- nicht mehr existieren. Niemand möchte die Verteidigung erneut zur "nationalen Sache" machen; alle
möchten das erprobte und richtige NATO-Bündnis
fortsetzen.
Die NATO ist auch weiterhin die Grundlage für die
einzigartigen Errungenschaften der Geschichte: Die
Tatsache, daß die 15 Mitgliedstaaten der EU nichts
Geringeres erreicht haben, als den Krieg als Instrument ihrer gegenseitigen Beziehungen abzuschaffen. Es ist jetzt undenkbar, daß Deutschland und
seine Nachbarn erneut Krieg führen, und niemand
bezweifelt die Klugheit der zeitlich und territorial
möglichst umfassenden Wahrung und Ausweitung des
"europäischen zivilen Raums".
Wir in der NATO haben jetzt die Chance und die
Ambition, diesen zivilen Raum - Schritt für Schritt nach Osten auszuweiten, um Gesellschaften einzubeziehen, die bislang nicht in der Lage waren, sich
eine Zukunft ohne immer wieder auftretende Konflikte
vorzustellen. Das Bündnis hat sich über seine alten
Grenzen hinaus ausgedehnt - in diesem Sinne haben
wir die "Erweiterung" bereits vollzogen - was das
Versprechen und die Aussicht beinhaltet, Sicherheit
auf dem gesamten Kontinent zu schaffen - die dieses

Seite 1

�Mal Bestand haben wird und alle Länder und Völker
Europas einbeziehen kann, die zur Teilnahme bereit
und willens sind.
Ferner haben wir anerkannt, daß Frieden und Sicherheit in Europa einen revolutionären Ansatz zu
Rußland erfordern - dem Land, dessen Schicksal sich
als entscheidend für die Zukunft Europas erweisen
könnte: Wir dürfen es nicht wie einen Pariahstaat
behandeln, der einen Krieg verloren hat - wie Deutschland nach 1918 behandelt wurde - sondern vielmehr
als großartige Nation mit einem legitimen Recht, Teil
Europas, seiner Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und
Sicherheit zu sein - wie das Deutschland nach 1943,
das sich zu der freien und demokratischen Bundesrepublik entwickelte, wie wir sie heute kennen.
Gleichzeitig hat sich die NATO der Herausforderung
der ernstesten und dauerhaftesten Kämpfe in Europa
seit dem Zweiten Weltkrieg - in Bosnien - gestellt: Eine
Brücke zwischen Sarajevo 1914 und Sarajevo 1997 zu
schlagen. Heute ist der 637. Tag seit die NATOTruppen den Menschen in Bosnien-Herzegowina eine
Chance boten, ihr Leben in Frieden anstatt inmitten der
tragischen Konflikte der letzten Jahre zu gestalten.
Und die NATO stellt erneut unter Beweis, daß sie für
die Vereinigten Staaten in der Welt von entscheidender
Bedeutung ist. Wir sind schon lange eine europäische
Macht, was ein angemessenes Spiegelbild unserer
strategischen, politischen und wirtschaftlichen Interessen ist - sowie unserer demokratischen Werte und
Ziele.
Hierbei sind wir meines Erachtens einer Meinung, und
unser fortgesetztes Engagement für die NATO ist der
wichtigste Ausdruck dieser dauerhaften Interessen und
Werte. Ich bin dankbar, daß jeder Kongreßabgeordnete beider Parteien, der der NATO während
meiner Zeit dort einen Besuch abgestattet hat, seiner
Unterstützung für ein fortgesetztes Engagement der
Vereinigten Staaten für die europäische Sicherheit
Ausdruck verliehen hat. Gleichzeitig wurde dieses
Engagement auf dem Kontinent wieder als wesentlich
anerkannt. Die Verbündeten erwarten erneut von uns
Inspiration, eine Führungsrolle und Engagement.
Dies ist ein ernüchternder Gedanke. Es ist ein Anzeichen für die Pflichten, um deren Übernahme diese
Generation von Amerikanern erneut gebeten wird,
sowie für die schwierigen Verhandlungen und die
wesentlichen Entscheidungen, die wir Amerikaner
gemeinsam treffen müssen. Dies ist ein zusätzlicher
Grund, nach Chicago, ins Herz Amerikas, zu kommen.
Letztlich wird unsere Rolle für die europäische Sicherheit vom amerikanischen Volk entschieden
werden. Das ist richtig, angemessen und notwendig,
denn jede von uns eingegangene Verpflichtung dieser
Größenordnung muß tief in unserer politischen Kultur
verwurzelt sein.

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Herr Vorsitzender,
ist die NATO-Erweiterung Leichtsinn oder Notwendigkeit?
Das ist keine rhetorische Frage und auch keine, die wir
leicht beantworten können. Seien wir ehrlich: Was wir
jetzt tun müssen - Polen, Ungarn und die Tschechische Republik in die NATO aufzunehmen - wird die
Vereinigten Staaten unwiderruflich an die Sicherheit
Europas binden. Das wird zu neuen Ansprüchen und
zu zusätzlichen Kosten führen. Es beinhaltet ein
dauerhaftes Engagement für die Sicherheit und
Stabilität Zentraleuropas. Es bedeutet, die Anliegen
Rußlands ernst zu nehmen und zu versuchen, ihnen
zu entsprechen. Und es verlangt von den NATOVerbündeten, gemeinsam sicherzustellen, daß dies
alles gelingt, damit jedes Land im transatlantischen
Raum - von Nordamerika über ganz Eurasien zumindest in gewissem Umfang ein Interesse am
Erfolg der Verbündeten hat. Wir möchten, daß die
Menschen in Chicago, Frankfurt, Warschau, Prag,
Budapest, Bukarest und den Baltischen Staaten, in
Kiew und Moskau zum gegebenen Zeitpunkt sagen
können, daß die NATO ihnen zu einer sichereren
Zukunft verholten hat.
Und schauen Sie sich die Möglichkeiten an, wenn es
uns gelingt. Wir haben jetzt die Chance, Millionen
Menschen einzubeziehen, die seit langem unter
kommunistischer Tyrannei und sowjetischer Herrschaft
daniederliegen - abgeschnitten von der vollen Blüte
der westlichen Demokratie und den bemerkenswerten
wirtschaftlichen Erfolgen der letzten Jahrzehnte. Wir
haben die Chance, die Wunden zu heilen, die nicht nur
in einem, sondern in allen drei großen europäischen
Kriegen dieses Jahrhunderts geschlagen wurden. Wir
bieten nichts Geringeres als eine einzigartige Chance,
noch einmal die Geschichte beeinflussen zu können:
Die Arbeit des Marshallplans zu beenden und am
Aufbau demokratischer, prosperierender und sicherer
Gesellschaften in ganz Europa teilzunehmen - diesmal
nicht durch einen Eisernen Vorhang getrennt.
Die NATO hat ihre Erneuerung begonnen. Zu diesem
Zweck nahmen dieses Frühjahr führende Politiker des
Bündnisses 44 Tage lang an einer Reihe bemerkenswerter Aktivitäten teil - von der Unterzeichnung der
Grundakte zwischen der NATO und Rußland in Paris
über das Treffen von 43 Staats- und Regierungschefs
beim historischen NATO-Gipfel in Madrid. Und als die
Arbeit erledigt war, hatte sich die NATO grundlegender
gewandelt als zu jedem anderen Moment seit ihrer
Gründung vor nahezu einem halben Jahrhundert.
Dies war eine direkte Reaktion auf Präsident Clintons
Führungsrolle und basierte auf den beim Brüsseler
Gipfel von 1994 getroffenen Entscheidungen. Die
NATO war auf acht verschiedenen Gebieten tätig, die
sich gegenseitig bekräftigten und gemeinsam einen

AMERIKA DIENST 19

�kohärenten und beständigen Rahmen für die europäische Sicherheit schufen.
Im Juli vereinbarten die 16 Staats- und Regierungschefs der NATO in Madrid, die ersten drei Länder zum
NATO-Beitritt einzuladen - und wählten diejenigen aus,
die die Pflichten der Mitgliedschaft am ehesten erfüllen
und die Zustimmung zum Beitritt in den 16 Parlamenten am ehesten erhalten würden. Wir handeln jetzt mit
ihnen die Beitrittsurkunden aus.
Diese werden
nächstes Jahr an die Parlamente weitergeleitet, und im
Falle ihrer Ratifizierung - die zwei Drittel der Stimmen
des US-Senats erfordert - werden die ersten neuen
Mitglieder dem Bündnis bei einem Gipfeltreffen in
Washington am 50. Jahrestag der NATO im April 1999
beitreten.
Gleichzeitig vereinbarten die Verbündeten in Madrid,
die Tür zur Mitgliedschaft offen zu halten. Dies beides
ist miteinander verbunden - Mitgliedschaft und offene
Türen. Das Konzept istTrennlinien in Europa auszuradieren, nicht neue zu ziehen. Aus der Sicht der
Vereinigten Staaten bleibt die Tür zur NATO-Mitgliedschaft so lange offen wie europäische Länder zur
Übernahme der Pflichten einer NATO-Mitgliedschaft
bereit und willens sind. Wer der nächste sein und
wann die Aufnahme erfolgen wird, ist noch nicht
entschieden. Aber die Verpflichtung ist unumstößlich.
Die Staats- und Regierungschefs gingen jedoch noch
weiter. Vor drei Jahren leitete die NATO eines ihrer
erfolgreichsten Projekte in die Wege: Die Partnerschaft
für den Frieden. Diese hat 27 Länder in den Einflußbereich und Aktionsradius der NATO einbezogen, von
Zentraleuropa über die Ukraine und Rußland bis zu
Zentralasien. Für die wenigen Länder, die den NATOBeitritt anstreben, ist die "PfF" - wie wir sie nennen die Zwischenstation für die Mitgliedschaft, das
Übungsgelände für das Bündnis, der Übergang, der
vor dem Beitritt statt hinterher erfolgt - so daß die
Antwort Ja lauten wird, wenn der Senat der Vereinigten
Staaten fragt, ob sie bereit sind. Den Ländern, die der
NATO - zumindest nicht sofort - beitreten, ermöglicht
die PfF permanentes Engagement für das Bündnis,
und sie können buchstäblich alles tun, was ein Bündnispartner tun kann. In der Tat dienen 14 dieser
Partner jetzt bei der SFOR in Bosnien und tragen wie
jedes NATO-Mitglied ihren Teil zur Wahrung des
Friedens bei.
Gleichzeitig hat die NATO der Partnerschaft für den
Frieden durch die Gründung eines neuen Euroatlantischen Partnerschaftsrats größeres politisches
Gewicht verliehen, der seinen 43 Mitgliedern die
Festlegung des Kurses der PfF und das Vorbringen
ihrer Sicherheitsbelange im Zentrum des Bündnisses
gestattet.
Am bemerkenswertesten ist jedoch vielleicht die
Grundakte zwischen der NATO und Rußland. Sie

AMERIKA DIENST 19

bietet Rußland die Chance, eine Hauptrolle in der
europäischen Sicherheit zu spielen - wenn das Land,
wie jedes andere auch, die Spielregeln einhält. Die
Grundakte wahrt uneingeschränkt die Fähigkeit der
NATO, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und
ihre entscheidenden Qualitäten als ein Verteidigungsbündnis zu erhalten, aber sie sieht auch ein breites
Spektrum an Konsultationen, Kooperation und sogar
gemeinsamen Aktionen mit Rußland vor. In der
nächsten Woche wird der neue Ständige Gemeinsame
Rat der NATO und Rußlands bei einem Ministertreffen
in New York zusammenkommen und mit dem Entwurf
eines Arbeitsprogramms beginnen, das sich - unter der
Voraussetzung, daß es auf beiden Seiten Goodwill und
echte Anstrengungen gibt - zu einer strategischen
Partnerschaft entwickeln kann, von der beide Seiten
profitieren, während sie gleichzeitig die Interessen aller
anderen voll wahrt. Es ist immer noch schwierig, sich
vorzustellen, daß heute 1.300 russische Soldaten in
Bosnien im Rahmen der von der NATO angeführten
SFOR dienen - amerikanische und russische Soldaten
patrouillieren zusammen und verstärken sich gegenseitig zum ersten Mal seit der Auflösung der Grand
Alliance nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die NATO hat mit einer Charta, die der elementaren
Bedeutung dieses Landes im Herzen Europas Rechnung trägt, auch eine besondere Partnerschaft mit der
Ukraine besiegelt. Das ist ein entscheidender Test für
alles, was wir zu erreichen versuchen.
Die neue NATO verändert auch in tiefgreifender Art
ihre Arbeitsweise, um die höchst unterschiedlichen
militärischen Anforderungen des neuen Jahrhunderts
zu meistern. Wir werden die Anzahl der Hauptquartiere um zwei Drittel verringern; wir schaffen neue Mittel
für Organisation und Befehlsstruktur der Streitkräfte für
friedenssichernde Missionen und andere Krisen; wir
werden jedoch auch sicherstellen, daß das Bündnis
weiterhin jede mögliche militärische Herausforderung
bewältigen kann - und eine größere NATO ebenso
stark und effektiv ist wie heute.
Und schließlich haben wir bei der NATO auf den
Wunsch unserer europäischen Verbündeten reagiert,
durch eine neue Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität mehr Verantwortung für die Verteidigung und einen größeren Teil der Last zu übernehmen. Zum ersten Mal wird die Europäische Union
unter Zuhilfenahme der NATO eigenständig militärische Operationen durchführen können, während
sie gleichzeitig die Beziehungen über den Atlantik
hinweg verstärkt, statt mit ihnen zu konkurrieren.
Herr Vorsitzender,
vor diesem Hintergrund sollten wir meines Erachtens
die Erweiterung der NATO beurteilen - als einen Schritt
in einer Sicherheitsstruktur, die Bestand haben kann,

Seite 3

�weil sie die legitimen Erfordernisse aller in Europa
engagierten Länder erfüllt.

Das wäre tatsächlich ein Mißerfolg; das wäre tatsächlich Leichtsinn.

Mit der offiziellen Bündnismitgliedschaft wollen wir die
Länder Zentraleuropas aus der Geschichte herauslösen - der Geschichte eines Jahrhunderts, in dem
Unsicherheit und Instabilität sie und so viele andere
wiederholt in Konflikte und Tragödien gestürzt hat. Wir
wollen den Wettlauf um Vorherrschaft und Kontrolle in
dieser Region beenden - so daß diese ewigen Ziele
der Machtpolitik ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen können. Wir wollen diesen Menschen das
Vertrauen geben, ohne Einmischung ihren Wiederanschluß an den Westen zu verfolgen, ihre neuen
Demokratien zu stärken, Marktwirtschaften aufzubauen und ein neues Leben für sich und ihre
Familien zu gestalten. Und damit wollen wir demonstrieren, daß die NATO für niemanden eine Bedrohung
darstellt, sondern vielmehr eine legitime Rolle für alle
bietet, die mit uns arbeiten möchten.

Ich bin jedoch zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
werden - und insbesondere, daß das amerikanische
Volk die vor einem halben Jahrhundert mit dem
Marshallplan und der Gründung der NATO begonnene
Arbeit beenden wird. An dieser Bestrebung beteiligen
wir uns alle; wir alle sind ebenso gefordert wie die
mutigen und visionären führenden Politiker vor einem
halben Jahrhundert. Isaac Newton erklärte einmal, er
stünde "auf den Schultern von Riesen". Und dasselbe
gilt für uns. Ich bin zuversichtlich, daß die Geschichte,
wenn sie uns in einem halben Jahrhundert beurteilt, zu
der Überzeugung gelangen wird, daß wir den Test
bestanden haben.

Die NATO-Erweiterung ist unserer Ansicht nach daher
eine Voraussetzung für die Erlangung dauerhafter
Sicherheit in Europa.
Aber ist sie auch leichtsinnig? Das wäre der Fall,
wenn wir bei dem scheitern würden, was wir jetzt mit
ihren zahlreichen, ineinandergreifenden Aspekten
versuchen; wenn uns bei einem Verbündeten nicht die
Ratifizierung der Beitrittsurkunde gelänge; wenn wir
nicht die Mittel - die bescheidenen Mittel - zum Erhalt
der Stärke der NATO bereitstellen könnten; oder wenn
wir nicht die Vision umsetzen könnten, die den Kern
unserer derzeitigen Bestrebungen darstellt: Die
Schaffung dauerhafter Sicherheit in Europa für das 21.
Jahrhundert, die zur Wiedergutmachung der entsetzlichen Geschichte des 20. Jahrhunderts beitragen kann.

Wenn wir die Zukunft der NATO betrachten, sprechen
wir im Kern über menschliche Werte, den Glauben an
die Freiheit, der dieses Land zu dem gemacht hat, was
es ist. Vor 80 Jahren wurde eine amerikanische
Expeditonstruppe zur Verteidigung dieser Werte nach
Frankreich geschickt und erinnerte sich bei ihrer
Ankunft an einen großen europäischen Patrioten
unseres Unabhängigkeitskrieges mit den bekannten
Worten: "Lafayette, wir sind hier." Während wir uns
heute erneut der Beendigung der Aufgabe widmen, die
wir in Europa vor mehr als einem halben Jahrhundert
begonnen haben, erinnern wir uns an einen anderen
großen europäischen Patrioten, der zur Sicherung
unserer Freiheit beitrug - den Adjutanten von General
Washington, dem vom Kongreß per Gesetz die
amerikanische Staatsbürgerschaft verliehen wurde.
Wir wollen sagen können: "Tadeusz Kosciuszko, wir
sind hier!"
Ich danke Ihnen.

* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 19

�USA-EUROPA
I.Oktober 1997

Die neue transatlantische Agenda
Rede von Staatssekretär Eizenstat

BRÜSSEL - (AD) - Die neue transatantische Agenda (New Transatlantic Agenda - NTA) "ist nicht nur ein Erfolg,
sondern auch zum unschätzbaren Rahmen geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft
weiterentwickeln", erklärte der Staatssekretär für wirtschaftliche und landwirtschaftliche Angelegenheiten, Stuart
Eizenstat, am 11. September 1997 in einer Rede vor der American Chamber of Commerce in Belgium.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Staatssekretär Eizenstat.

Ich muß diesem Publikum die Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
nicht erläutern. Ich möchte nur kurz hervorheben,
warum sie weiterhin so entscheidend sind. Wenn wir
uns auf die Probleme des Tages konzentrieren,
übersehen wir häufig einige der grundlegenden
wirtschaftlichen Tatsachen:
Der Handel zwischen den Vereinigten Staaten
und der EU übersteigt 250 Milliarden Dollar
jährlich.
Die Handelsbilanz ist im Großen und Ganzen
ausgeglichen, was für die Ähnlichkeit unserer
Volkswirtschaften spricht.
Wir sind die größten Investoren auf dem Markt
des jeweils anderen Landes. Die Vereinigten
Staaten haben 325 Milliarden Dollar in Europa
investiert, und europäische Unternehmen sind
der größte Investor in 41 unserer Bundesstaaten und die Nummer Zwei in den übrigen.
Jeder 12. amerikanische Fabrikarbeiter ist bei
einer europäischen Firma tätig.

Menschenrechten auf der ganzen Welt. Und über die
Jahrzehnte hinweg haben wir wiederholt gesehen, daß
wir beträchtliche Fortschritte bei globalen Herausforderungen erzielen können, wenn wir zusammenarbeiten.
Es sind weniger als zwei Jahre seit der Unterzeichnung der NTA in Madrid durch Präsident Clinton,
Präsident Santer und Ministerpräsident Gonzales
vergangen. Zu jener Zeit herrschte auf beiden Seiten
des Atlantiks das Gefühl vor, daß Amerikaner und
Europäer mit dem Ende des Kalten Krieges neue
Wege zur Bekräftigung unserer langen und für beide
Seiten vorteilhaften Beziehungen finden sollten. Die
NTA war das Produkt dieser Gedanken. Sie umriß vier
umfassende Ziele, die die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union zu einer "Straßenkarte" für unsere
Beziehungen im 21. Jahrhundert weiterentwickelten.
Sie enthält folgende Punkte:
1.

Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung.

2.

Reaktion auf globale Herausforderungen.

3.

Weiterentwicklung des Welthandels
engere Wirtschaftbeziehungen.

4.

Herstellung persönlicher Kontakte.

Amerikanische Unternehmen beschäftigen
drei Millionen Arbeitnehmer in Europa.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind jedoch nicht nur Wirtschaftspartner. Unsere enge
politische Zusammenarbeit ist entscheidend für die
Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie und

AMERIKA DIENST 19

und

Ich erinnere mich, daß ich den Madrider Gipfel mit
großen Erwartungen und Stolz auf die Rolle verließ,
die meine Kollegen und ich dabei gespielt hatten, die

Seite 1

�neue transatlantische Agenda zum Leben zu erwecken. Unsere führenden Politiker brachten ihre
eigenen hohen Erwartungen zum Ausdruck. Felipe
Gonzalez bezeichnete die NTA als einen "Quantensprung nach vorne". Jacques Santer erklärte, die
Unterzeichnung sei ein "historischer Augenblick ... der
zeige, daß Europa und Amerika jetzt die Mittel und den
Willen zu der gemeinsamen Führungsrolle haben, die
die Welt so dringend benötigt". Bill Clinton bemerkte:
"Unser Schicksal in Amerika ist immer noch mit Europa
verbunden... Diese Aktionsagenda macht deutlich,
daß unsere Partnerschaft sich entwickelt und wir neue
Herausforderungen ausmachen, die wir jedoch
gemeinsam bewältigen müssen".
Es ist genug Zeit verstrichen, um die NTA jetzt anhand
von realen Erfahrungen auszuwerten.
Ich kann voller Vertrauen sagen, die NTA ist nicht nur
ein Erfolg, sondern auch zum unschätzbaren Rahmen
geworden, in dem wir die transatlantische Partnerschaft weiterentwickeln. Sie wird zum Grundstein der
amerikanischen und der europäischen Außenpolitik.
Das soll nicht heißen, daß wir nicht mehr tun und es
besser tun müssen. Aber Inhalt und Zielrichtung der
NTA hilft uns, greifbare Vorteile für Millionen von
Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.
Ohne den NTA-Prozeß könnten wir nicht auf die im
Juni unterzeichneten Abkommen über gegenseitige
Anerkennung (Mutual Recognition Agreements MRAs) verweisen. Sie werden Handelshemmnisse in
sechs Industriesektoren abbauen, die Handel im Wert
von rund 50 Milliarden Dollar in beide Richtungen
abdecken. Das kann direkt in mehr Arbeitsplätze und
Gewinne auf beiden Seiten des Atlantiks umgesetzt
werden.
Über die NTA haben wir auch ein Zollabkommen
abgeschlossen, das Verfahren standardisieren,
Bürokratie abbauen und zur Aufdeckung von Betrug
beitragen wird. Die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union haben ein Abkommen über die
Kontrolle von chemischen Grundstoffen unterzeichnet,
das eine Verbindung zwischen unseren Strafverfolgungsbehörden herstellt und ihnen beim Aufspüren
von großen Mengen von Chemikalien behilflich sein
kann, die an illegale Drogen produzierende Einrichtungen geliefert werden.
Diese drei Punkte sind unsere jüngsten und vielleicht
greifbarsten Erfolge, aber der NTA-Rahmen und die
"gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit", die er hervorgebracht hat, erleichtern uns die Lösung von Problemen an ihrer Wurzel. In diesem Zusammenhang
denke ich daran, wie die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union bisher kränkende gegenseitige
Beschuldigungen wegen des Libertad-Gesetzes besser bekannt als Helms-Burton-Gesetz - und des
Sanktionsgesetzes zu Iran und Libyen vermeiden
konnten. Die Gefühle bezüglich dieser Themen

Seite 2

schlagen in den Vereinigten Staaten und Europa
weiterhin hohe Wellen. Dank des intensivierten
Dialogs der NTA und ihrer erweiterten Tagesordnung
haben jedoch beide Seiten erkannt, daß nicht einzelne
Differenzen das außerordentlich breite Spektrum
gemeinsamer Interessen in Gefahr bringen dürfen.
Das war uns bei der Bewältigung realer Differenzen über Taktiken, nicht Ziele - im Hinblick auf die Regime
in Kuba, Iran und Libyen behilflich. Durch gewohnheitsmäßige engere Konsultationen haben wir die
schädlichen politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen vermieden, die fundamentale Meinungsverschiedenheiten verursacht hätten und gleichzeitig die
Aufmerksamkeit vermehrt auf grundlegende Prinzipien
gelenkt: Unterstützung von Demokratie, Respektierung
der Menschenrechte und Ablehnung von Terrorismus.
Dir Vereinigten Staaten und die Europäische Union
haben auch in internationalen Foren ausgezeichnete
Zusammenarbeit entwickelt. Wenn wir gemeinsam
handeln, können wir bei der Förderung einer Welt mit
mehr Sicherheit und Frieden etwas bewirken - und wir
arbeiten immer mehr zusammen. Mit der NTA als
Leitfaden koordinieren wir unsere Bestrebungen zur
Förderung von Frieden und Milderung humanitärer
Krisen auf der ganzen Welt. Allein im letzten Jahr
haben die Vereinigten Staaten und die EU über die
Energieentwicklungsorganisation der koreanischen
Halbinsel (KEDO) auf Frieden und Stabilität auf der
koreanischen Halbinsel hingearbeitet, zu der die EU
einen wichtigen finanziellen Beitrag geleistet hat und
bei der sie Vorstandsmitglied sein wird. Wir haben den
Wiederaufbau von Bosnien koordiniert, wo vor kurzem
der schlimmste Konflikt Europas seit dem Zweiten
Weltkrieg ausgetragen wurde, und streben nach
Frieden im Nahen Osten. Die EU leistet den größten
staatlichen Beitrag zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Der Direktor des Amts für internationale
Entwicklung (AID), Brian Atwood, und Kommissarin
Emma Bonino kommen regelmäßig zur Koordinierung
humanitärer Hilfe für Orte zusammen, an denen
unsere Bestrebungen wortwörtlich den Unterschied
zwischen Leben und Tod für Millionen Menschen
bewirkt haben.
Seit der Unterzeichnung der NTA kommen hochrangige Regierungsvertreter aus Washington und Brüssel
vier bis sechs Mal pro Jahr zusammen um zu prüfen,
wo wir neue Bestrebungen in die Wege leiten oder die
Aktivitäten bei laufenden Initiativen verdoppeln müssen. Die Hochrangige Beratergruppe trifft sich während jeder Präsidentschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks und hat dazu beigetragen, die alle sechs
Monate stattfindenden Gipfeltreffen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU aktionsorientierter und
substantieller zu machen. Ich wage zu sagen, daß nur
diese Fähigkeit, ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu
konzentrieren, Realzeit-Fristen zu setzen und spezielle
bürokratische Interessen zu überwinden, ein Abkommen wie die MRAs ermöglicht hat.

AMERIKA DIENST 19

�Wenn ich zu meinem direkten Verantwortungsbereich unserem wirtschaftlichen Wohlergehen - zurückkomme, muß ich dieses Publikum wohl kaum an die
großen Auswirkungen des transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic Business Dialogue TABD) erinnern. Dieses Forum, das auf einzigartige
Weise Geschäftsleute und Regierungsvertreter auf
beiden Seiten des Atlantiks zusammenbringt und die
vielen Bereiche gemeinsamer Interessen hervorhebt,
war die treibende Kraft hinter den MRAs, dem Informationstechnologieabkommen (Information Technology
Agreement - ITA) der WTO, dem Abkommen über
Basistelekommunikationsdienste und Zusammenarbeit
in anderen wichtigen Sektoren wie Autos. Es beeinflußt den Handel und die Investitionsagenda. Wir
erwarten ähnliche Anstöße von dem gerade ins Leben
gerufenen transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD).
Mit Blick auf die Zukunft sehe ich eine NTA, die eine
immer wichtigere Rolle spielt, insbesondere da die EU
ihre Kompetenzen auf neue bedeutende Gebiete
ausweitet und ihre Grenzen erweitert, um zentraleuropäische Mitglieder aufzunehmen. Wir haben
gelernt, daß die Welt aufhorcht, wenn wir bei schwierigen Handelsfragen gemeinsam vorgehen. Bei Handelsfragen besteht meines Erachtens Spielraum für die
Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
zugunsten der derzeit in Genf stattfindenden Gespräche über Finanzdienstleistungen - ebenso wie es bei
dem Informationstechnologieabkommen und dem
Abkommen über Basistelekommunikationsdienste
geschehen ist. Die Uruguay-Runde hat bewiesen, daß
etwas bewegt wird, wenn die Vereinigten Staaten und
die EU sich mit einer koordinierten Haltung an Drittländer wenden.
Im Rahmen der NTA halte ich auch eine engere
Zusammenarbeit bei der dritten Säule (juristische und
innenpolitische Angelegenheiten) für möglich. Die
Vereinigten Staaten sind ein bereitwilliger Partner und
sehen produktiven und kooperativen Beziehungen zur
EU erwartungsvoll entgegen, die auch gegenseitige
Unterstützungsprogramme in der Karibik, Zentraleuropa, Lateinamerika und den neuen unabhängigen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion beinhalten. Wir
verstärken kooperative Initiativen zur Drogenbekämpfung, beispielsweise in der Karibik. Und wir freuen uns
auf eine noch engere Zusammenarbeit, wenn Europol
voll funktionsfähig ist.
Einer der erfolgreichsten Aspekte der NTA, der oft
übersehen wird, war die vierte Säule: persönliche
Kontakte. Der TABD ist ein enormer Erfolg und hat die
transatlantische Wirtschaftsgemeinschaft auf bemerkenswerte Art und Weise in unseren staatlichen
Entscheidungsfindungsprozeß eingebettet. Ebenso
begann eine vergangenen Mai vom US-Außenministerium organisierte große Konferenz, die zahlrei-

AMERIKA DIENST 19

che Nichtregierungsorganisationen anzog, mit der
Ausarbeitung eines innovativen Programms für
persönliche Kontakte im Rahmen des vierten Kapitels
der NTA. Wir erwarten, daß daraus während der
kommenden Monate eine Reihe konkreter Projekte
hervorgeht, einschließlich des kreativen Einsatzes des
Internet für den Austausch transatlantischer Erfahrungen und der Schärfung des Bewußtseins der Generationen, für die Weltkrieg, Wiederaufbau und sogar der
Kalte Krieg nur Geschichte sind.
Haben wir die großen Erwartungen erfüllt, die unsere
Staats- und Regierungschefs an die NTA gestellt
haben? Nein, das haben wir nicht - noch nicht.
Präsident Clinton erklärte vor drei Jahren in Berlin, als
die ersten Pläne für die spätere NTA gemacht wurden,
ein integriertes Europa sei Amerikas bester natürlicher
Partner für das 21. Jahrhundert. Wir haben in kurzer
Zeit viele Fortschritte gemacht, aber es wird wahrscheinlich Jahre dauern, bevor wir hoffen können, das
Potential der NTA zum Aufbau dieser Art von Beziehungen und für die Reaktion darauf zu nutzen.
Im Bereich der Wirtschaft könnten "gewohnheitsmäßige Konsultationen" auf den Gebieten Biotechnologie, öffentliche Gesundheit und Umwelt stärker
eingesetzt werden. Dies sind heikle Themen, die für
das Wohlergehen unserer Familien wichtig sind und
Gebiete, bei denen die Menschen gefühlsbetont
reagieren, wenn sie nicht alle Fakten kennen. Wir
sollten besondere Vorsicht walten lassen, damit die
von uns für die öffentlichen Belange unternommenen
Schritte auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage basieren und nicht dem legitimen Handel mit neuen
Produkten schaden. Wir sind beispielsweise sehr
besorgt über das vorgeschlagene Verbot von spezifizierten Risikomaterialien (Specified Risk Materials SMR), das einer wissenschaftlichen Grundlage
entbehrt und amerikanische Exporte nach Europa in
Milliardenhöhe betreffen könnte. Wenn wir uns einmal
von diesem grundlegenden Prinzip abgewandt haben,
öffnen wir nicht nur allen möglichen protektionistischen
Maßnahmen auf beiden Seiten des Atlantiks Tor und
Tür, sondern laufen auch Gefahr, wissenschaftlichen
Fortschritt zu behindern, der unserer Gesundheit dient,
Kosten verringern und allgemein unsere Lebensqualität verbessern könnte.
Für die EU wird es auch wichtig sein, sich an die
jüngste Entscheidung der WTO gegen das Bananenregime der EU zu halten. Wir können keinen Schadensersatz akzeptieren. Unseres Erachtens können
wir ein im Einklang mit der WTO stehendes Abkommen aushandeln, das auch die Notwendigkeit
eines Marktzugangs der karibischen Länder zum EUMarkt anerkennt. Es ist wichtig, daß die EU den
neuentwickelten
Konfliktschlichtungsmechanismus
respektiert - wie es die Vereinigten Staaten in den von
ihnen verlorenen Fällen getan haben.

Seite 3

�Die NTA vermeidet ehrgeizige langfristige Ziele wie
eine mögliche transatlantische Freihandelszone
zugunsten eines progressiven Abbaus oder einer
Beseitigung von Handelshemmnissen. Auf beiden
Seiten des Ozeans gab es keine angemessene
Unterstützung für mehr. Wir möchten, daß die von der
NTA vorgeschriebene gemeinsame Wirtschaftsstudie
konkrete und ehrgeizige Empfehlungen hervorbringt.
Wir sollten uns jedoch immer wieder fragen, ob wir
unsere Ziele hoch genug gesetzt haben und ob es
auch die richtigen Ziele sind. Ich persönlich bin der
Überzeugung, daß wir ein langfristiges wirtschaftliches
Ziel setzen werden und müssen, das ehrgeiziger ist als
nur die Überwindung einer kleinen Hürde nach der
anderen.
Der umfassenden Nutzung der NTA im Bereich der
Außenpolitik stehen zahlreiche Hindernisse im Weg.
Die EU arbeitet noch hart an der Verbesserung ihrer
internen Mechanismen. Wir sehen den aus der
zwischenstaatlichen Konferenz resultierenden Vorteilen nach der Ratifizierung ihrer Ergebnisse erwartungsvoll entgegen. Diese werden jedoch zweifelsohne nicht die Schwierigkeiten beilegen, denen sich die
EU bei der schnellen und gemeinsamen Reaktion auf
Krisen oft gegenübersieht. Es sollte kein Zweifel daran
bestehen, daß die Vereinigten Staaten eine zusammenhängendere, direktere, einheitlichere Stimme der
EU in der politischen Arena befürworten. Dadurch
würde die EU zu einem noch effektiveren Partner der
Vereinigten Staaten bei internationalen Angelegenheiten.
Wir in den Vereinigten Staaten brauchen noch mehr
Praxis bei der Entwicklung der Instinkte für echte
Konsultationen und echte Partnerschaft mit einer
Körperschaft, mit der die Zusammenarbeit oft frustrierend langsam und kompliziert ist - und die ihre eigenen
Ideen davon hat, was in Situationen getan werden
sollte, in denen sie beträchtliche Hilfe leistet. Bosnien,
der Nahe Osten, die Bestrebungen zur Entschärfung
der Spannungen in der Ägäis, zur Überwindung der
Teilung von Zypern und zur Stärkung der Beziehungen
des Westens zu unserem türkischen Verbündeten sind
nur einige der Themen, die uns alle weiterhin auf die
Probe stellen. Zypern ist ein ausgezeichnetes Beispiel
für die elementare Bedeutung der Zusammenarbeit
zwischen der EU und den Vereinigten Staaten, um
dieser geplagten Insel - einem zukünftigen Mitgliedstaat der EU - Frieden zu bringen. Präsident Clintons
Ernennung von Richard Holbrooke zum Sondergesandten unterstreicht die Bedeutung, die wir diesem
Thema beimessen.
Wir müssen in noch engerem Kontakt bleiben und
offen miteinander sprechen, während in den letzten
Jahren dieses Jahrzehnts und dieses Jahrhunderts
Ereignisse von wahrhaft historischer Bedeutung
stattfinden: Die Erweiterung der EU und der NATO, die
Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) sowie die

Seite 4

Einführung des Euro. Letzteres ist der vielleicht
mutigste Schritt zur politischen und wirtschaftlichen
Integration Europas. Die Vereinigten Staaten, die seit
dem Marshallplan überzeugter Befürworter der
Integration sind, wünschen sich einen Erfolg der
Wirtschafts- und Währungsunion. Die EWWU hat
größere Auswirkungen auf die Gestalt Europas im
neuen Jahrtausend als nahezu alles andere. Die
Vereinigten Staaten und die EU sollten ihre Diskussionen über in Verbindung mit der EWWU stehende Schritte in den nächsten Monaten intensivieren.
Folglich besteht Grund zu Optimismus im Zusammenhang mit der NTA. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich
beiden Seiten eine Zwei-plus geben - eine gute Note
nach nur zwei Jahren. Dennoch haben wir noch einen
langen Weg vor uns, um die Vision vom "besten
Partner" zu realisieren, auf der die NTA gründet.
Die NTA ist ein machtvolles, flexibles, aber auch
zerbrechliches Werkzeug. Unsere führenden Politiker
werden darauf bestehen, daß es noch produktiver
wird, wenn es weiterhin ihr Interesse erregen und ihre
Unterstützung erhalten soll. Das verlangt von denjenigen, die es täglich nutzen, zwei nur bei oberflächlichem Hinsehen gegensätzliche Dinge: Die Routine
fortzusetzen und hart an der Entwicklung gemeinsamer Ansätze bei den 1001 Fragen dieser äußerst
komplexen Beziehungen zu arbeiten, nachdem die
erste Begeisterung und der erste Glamour verflogen
sind. Den Trott bürokratischer Routine zu vermeiden,
uns vor Augen zu führen, daß das Ziel dieses Unterfangens nicht noch mehr Gipfelerklärungen sind,
sondern vielmehr die Stärkung - sogar die Neuerfindung - der transatlantischen Beziehungen, die Umstrukturierung des zentralen Elements der gegenseitigen Sicherheitsbande zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa.
Dieses ehrgeizige Ziel kann nicht von der Regierung
alleine erreicht werden. Ich habe bereits darauf
hingewiesen, in welch hohem Maße die Erfolge der
NTA auf die äußerst effektive Rolle des TABD zurückzuführen sind, die Aufmerksamkeit der Regierung
darauf zu lenken, was für die Verbesserung Ihrer
Fähigkeit zur Abwicklung von Geschäften erforderlich
ist. Wesentlich ist, daß Sie bei diesem Prozeß engagiert bleiben und uns bei der Konzentration auf
Themen behilflich sind, die direkte Auswirkungen auf
Gesundheit, Wohlergehen und Wohlstand unserer
Bürger haben. Ich vertrete zwar gerne die Ansicht,
daß wir Ihre Bedürfnisse antizipieren können, aber nur
Sie können uns sagen, welche Schritte Ihre Fähigkeit
zur Abwicklung von Geschäften verbessern. Wir
müssen weiterhin die Initiative ergreifen, um beiden
Seiten Ihre Ansichten und Empfehlungen deutlich zu
machen.
Ferner müssen Sie auch konsequent
sicherstellen, daß wir Ihre Empfehlungen befolgen.
Letztlich hängen Erfolg und Gesundheit der transatlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischen-

AMERIKA DIENST 19

�atlantischen Beziehungen nicht nur von der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit ab, sondern - viel grundlegender - von Ihnen und den anderen Teilen unserer

Gesellschaften, die eine gemeinsame Vision haben
und zusammen auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 19

Seite 5

�</text>
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                <text>Amerikadienst 01.10.1997</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clintons innen- und außenpolitische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor der American University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: arabische Welt muss sich geeint für Frieden und Sicherheit einsetzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Außenministerin vor dem Golf-Kooperationsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: Wir wollen, dass der Frieden Bestand hat&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin vor dem Ständigen Gemeinsam Rat der NATO&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die NATO-Erweiterung - Leichtsinn oder Notwendigkeit?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Robert Hunter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neue transatlantische Agenda&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Eizenstat&lt;/em&gt;</text>
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omcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20

15. Oktober 1997

DER WEG ZU FORTSCHRITTEN IN BOSNIEN

BOSNIEN

Rede des Nationalen Sicherheitsberaters
Samuel Berger

GLOBALISIERUNG

GLOBALISIERUNG UND DIPLOMATIE
von Strobe Talbott

UMWELT

UNSERE GLOBALE ZUKUNFT: KLIMAWANDEL
von Timothy Wirth

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�BOSNIEN
15. Oktober 1997

Der Weg zu Fortschritten in Bosnien
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor der Georgetown University am 23. September 1997 erörterte der
Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, Samuel Berger, die Richtung der amerikanischen Politik in
Bosnien. Nachfolgend veröffentlichen wir seinen vorbereiteten Redetext.

Ich möchte heute zu Ihnen darüber sprechen, wie weit
wir auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden in
Bosnien gekommen sind und in welche Richtung wir
uns bewegen - über die von uns erzielten Fortschritte
und die uns konfrontierenden Herausforderungen.
Nach einem so tiefgreifenden und bitteren Konflikt wie
dem in Bosnien kann man diese Nation leicht als von
der Geschichte verflucht, in jahrhundertealtem Haß
verhaftet, abschreiben. Die Flüchtlingsströme, die
ausgemergelten Gefangenen, die blutigen Marktplätze
- diese Erinnerungen sind lebhaft und führen leicht zu
Zweifel und Angst.
Einige sagen, Bosnien könne nie den Konflikten seiner
Vergangenheit entrinnen. Aber obwohl wir von der
Vergangenheit informiert werden müssen, dürfen wir
nicht durch sie gefangen genommen werden - wir
dürfen nicht zulassen, daß sie die Gegenwart überschattet oder die Zukunft vorherbestimmt. Bei der
Einschätzung der Aussichten für Bosnien müssen wir
mit einem sich selbst korrigierenden Realismus
vorgehen, nicht mit einem sich selbst zerstörenden
Pessimismus.
Die Vereinigten Staaten haben heute ebenso wie vor
zwei Jahren - als die amerikanische Führungsrolle die
Kämpfe militärisch durch die NATO und diplomatisch
durch die Verhandlungen von Dayton beendete großes und dauerhaftes Interesse an Frieden und
Stabilität in Bosnien.
Wenn wir erörtern, wo wir in Bosnien stehen, müssen
wir mit dem Anfang beginnen. Vor weniger als zwei
Jahren, als die Gespräche in Dayton aufgenommen
wurden, war Bosnien eine vom schlimmsten Konflikt in

AMERIKA DIENST 20

Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zerrissene und in
Trümmern liegende Nation. Gegnerische Armeen
standen sich in einem Land gegenüber, das von
Schützengräben durchzogen und mit Landminen
übersät war. Bosnien war buchstäblich dezimiert
worden: Mehr als jeder Zehnte - 560.000 - waren
getötet oder verwundet worden. Die Hälfte der
Überlebenden - 2,1 Millionen Menschen - wurden aus
ihrer Heimat vertrieben. 80 Prozent waren von
Nahrungsmittellieferungen der Vereinten Nationen
abhängig. 90 Prozent waren arbeitslos. Unter
amerikanischer Führung war ein zerbrechlicher
Waffenstillstand in Kraft getreten, aber die Flammen
des extremen Nationalismus und ethnischen Hasses
loderten immer noch glühend rot.
Unter so verzweifelten Umständen kann keine Nation
sich selbst wiederbeleben und zu einer friedlichen
Aussöhnung gelangen. Zur Zeit des Daytoner Abkommens gab es für ein amerikanisches Engagement
in Bosnien allein aus humanitären Erwägungen
zwingende Gründe. Ohne die Unterstützung der
Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft wäre Bosnien mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlich wieder in Gewalt und Verzweiflung
versunken.
Unser Interesse war jedoch nicht nur humanitärer Art.
Unter diesen Umständen wäre Bosnien auch weiterhin
eine Quelle gefährlicher Instabilität in Europa geblieben. Wir haben aus harter Erfahrung in diesem
blutigen Jahrhundert gelernt, daß Amerikas Sicherheit
und Europas Stabilität eng verbunden sind. Ohne
Brandmauern gegen ethnischen Haß hätte sich der
Krieg in Bosnien leicht zu Brennpunkten wie dem
Kosovo, Albanien und Mazedonien ausweiten können

Seite 1

�und mehrere der neuen Demokratien in Europa in
Gefahr gebracht. Ein größerer Konflikt hätte die vitalen
Interessen Griechenlands und der Türkei bedroht zwei unserer engsten Verbündeten und wichtige
Mitglieder der NATO.
Ein größerer Konflikt hätte in der Tat Zweifel an der
Lebensfähigkeit des Bündnisses selbst aufkommen
lassen. Zuzulassen, daß nationalistische Aggressoren
Bosnien in der Mitte Europas zersplittern, hätte die
Aussichten für den Aufbau eines neuen, demokratischen, ungeteilten und in Frieden lebenden Europas
unterminiert - eines Europas, das die Sicherheit der
Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert stärken kann.
Hätte der Frieden nicht Fuß gefaßt, hätten die Vereinigten Staaten nicht zur Seite stehen können, als die
humanitären friedenssichernden Bemühungen der
Vereinten Nationen scheiterten und Südosteuropa
erneut vor einem Krieg stand.
Aus diesem Grund haben wir und unsere Partner uns
unter Präsident Clintons Führung nicht nur zur Eindämmung des Konflikts, sondern auch dazu verpflichtet, dem bosnischen Volk bei der Schaffung eines
echten Friedens behilflich zu sein. Wir und die
internationale Gemeinschaft taten uns mit den in
Dayton vertretenen Parteien zusammen, um drei Ziele
zu erlangen: Den Waffenstillstand zu sichern und die
Chancen für erneute Kämpfe zu verringern, den
Parteien beim Aufbau einer einzigen Nation mit einem
Gleichgewicht zwischen übergreifender Einheit und
Autonomie für die beiden Gebietskörperschaften zu
helfen und ihnen die Chancen zur Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu bieten.
Dayton hat außerordentlich umfangreiche und komplexe militärische und politische Bestrebungen in Gang
gebracht. Die von der NATO angeführte IFOR übernahm die Verantwortung für die Entflechtung der
gegnerischen Parteien, überwachte den Gebietsaustausch, setzte den Waffenstillstand durch, entmobilisierte die Armeen, überwachte die Verlegung schwerer Waffen in Lagerhallen und schuf das für den
Beginn der politischen und wirtschaftlichen Gesundung
unerläßliche sichere Umfeld. Sie führte ihr Mandat mit
großem Geschick und Entschlossenheit aus. Die
Nachfolgetruppe - SFOR - erhält diesen Standard
heute aufrecht und bewahrt die erforderliche Stabilität,
damit der Dayton-Prozeß täglich Fortschritte erzielen
kann. Bei diesen Missionen hat sich die NATO
erfolgreich der größten Herausforderung gestellt, mit
der sie sich seit dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert sah und - in Zusammenarbeit mit Soldaten aus
Rußland, der Ukraine und den meisten anderen
unserer europäischen Partnerländer - ihre unerläßliche
Rolle bei der Gewährleistung der künftigen Sicherheit
Europas unter Beweis gestellt.
Zusammen mit den militärischen Bestrebungen leitete
die internationale Gemeinschaft auch eine Mission für

Seite 2

die zivile Umsetzung von Dayton in die Wege - um den
ehemaligen Feinden bei den notwendigen Schritten zu
einem sich selbst tragenden Frieden behilflich zu sein.
Wir wußten, daß das bosnische Volk Hilfe benötigte,
um zu reparieren und wieder aufzubauen - nicht nur
seine Häuser und Fabriken, sondern sein Vertrauen
und seine Toleranz. Wir glaubten, daß es möglich ist,
weil dieses Jahrhundert mit all seinem Blutvergießen
gezeigt hat, daß Haß nicht mit eisernen Gesetzen der
Genetik oder Kultur von einer Generation an die
andere weitergegeben wird. Haß kann von zynischen
Politikern geschürt werden, aber die Menschen
können sich selbst mit der Hoffnung auf eine bessere
Zukunft über den Haß erheben.
Aus diesem Grund beinhalten die Ziele, zu deren
Erlangung wir und die internationale Staatengemeinschaft angetreten sind, und zu denen sich die Parteien
verpflichtet haben, folgende Punkte, die alle Bestandteil des Abkommens von Dayton sind:
Schaffung eines stabilen militärischen Gleichgewichts, das erneute Kämpfe verhindern
kann.
Reform der Polizei.
Stärkung demokratischer Institutionen und der
Rechtsstaatlichkeit.
Die sichere Rückkehr der Flüchtlinge.
Wiedereinführung der Bewegungsfreiheit im
Land.
Stärkung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus.
Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen.
Dies war von Anfang an eine ehrgeizige Tagesordnung, und es war klar, daß sie beispiellose zivile
Bestrebungen über mehrere Jahre hinweg erfordert.
In der vergangenen Woche erinnerte uns der schreckliche Hubschrauberabsturz in Bosnien, der das Leben
von fünf amerikanischen Zivilisten und sieben anderen
an dieser Mission Beteiligten forderte, an das Engagement derjenigen, die diese Arbeit in Angriff genommen
haben - und an die Kosten, Risiken und die von ihnen
erbrachten Opfer.
Weniger als zwei Jahre nach Dayton - und nach so viel
Zerstörung - ist die Arbeit noch lange nicht getan. Wir
sind noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Aber
angesichts der Komplexität der Herausforderung
überrascht das kaum. Bosnien begeht immer noch
einen Drahtseilakt, bewegt sich zentimeterweise auf
eine bessere Zukunft zu, ist jedoch immer noch nicht
über den Gefahrenpunkt hinaus. Die große Mehrheit
der Flüchtlinge kann immer noch nicht nach Hause
zurückkehren. Die Republika Srpska befindet sich

AMERIKA DIENST 20

�inmitten eines harten Kampfes - nicht nur um Macht,
sondern um ihre Zukunft und ihre Beziehungen zu dem
Ganzen. Prominente angeklagte Kriegsverbrecher allen voran Radovan Karadzic und Ratko Mladic befinden sich immer noch auf freiem Fuß. Viele der
Medien sind noch nicht unabhängig, und einige von
ihnen verbreiten die ultranationalistischen Beschimpfungen, die zum Ausbruch des Krieges vor sieben
Jahren beitrugen. Die Fortschritte sind an vielen
Fronten unerträglich langsam, auch beim wirtschaftlichen Wiederaufbau.
Ist es also die Mühe wert? Ist es das wert, knappe
Ressourcen auszugeben, unsere Truppen Gefahren
auszusetzen und einige unserer engagiertesten
Diplomaten und Beamten zu verlieren, um ein geeintes, friedliches Bosnien zu erhalten, Grundfreiheiten
wiederherzustellen, einer zerstörten Volkswirtschaft
wieder auf die Beine zu helfen? Einige argumentieren,
die Bilanz zeige, daß wir in Dayton unsere Ziele zu
hoch gesteckt hätten - und nur eine ethnische Teilung
die von uns gewünschte Stabilität hervorbringen
würde, so daß wir uns aus Bosnien zurückziehen
könnten.
Meines Erachtens haben die Anhänger einer Teilung
Unrecht, weil die Teilung zu akzeptieren die Ratifizierung der schlimmsten ethnischen Säuberung in Europa
in über einem halben Jahrhundert bedeuten würde.
Wir dürfen nicht die Gerechtigkeit aufgeben und
Aggression belohnen.
Die Teilung wäre auch falsch, weil sie den ethnischen
Fanatikern überall auf der Welt die Botschaft senden
würde, daß die internationale Gemeinschaft die
Neufestlegung von Grenzen durch Gewalt gestattet.
Indem sie die Art von ethnisch reinen Staaten schafft,
die häufig eine gefährliche Streitlust nähren - Gebietskörperschaften, die inhärent instabil, letztlich nicht
lebensfähig wären und zu expansionistischer Aggression neigen - würde die Aufteilung nicht zu
Frieden, sondern zu Krieg führen. Mit anderen
Worten: Teilung zu befürworten, heißt, die Niederlage
zu akzeptieren.
Wenn Dayton scheitert, wird Bosnien fast sicher in
einen Konflikt zurückfallen, der möglicherweise zu
einem größeren Krieg in Südosteuropa führt. Es
würde die Glaubwürdigkeit der NATO in einem entscheidenden Augenblick unterminieren, in dem sich
das Bündnis auf neue Mitglieder und neue Missionen
vorbereitet. Das würde die amerikanische Führungsrolle in Europa in Frage stellen - mit gravierenden
Konsequenzen für unsere Bürger und andere freiheitsliebende Menschen auf der ganzen Welt.
Ebenso wichtig sind die zunehmenden Beweise, daß
diese Kritiker bei den Fakten Unrecht haben und die in
Dayton getroffenen Entscheidungen echte, positive
Veränderungen in Bosnien bewirken. Dayton hat dazu

AMERIKA DIENST 20

geführt, daß die Waffen still und Bosnien intakt blieb
und die Wiederaufbauarbeit hier und dort Fortschritte
erzielt.
Umfragen des US-Informationsamts zufolge sind
beträchtliche Mehrheiten der bosnischen Muslime,
Kroaten und Serben der Überzeugung, daß die
Bedingungen für einen dauerhaften Frieden geschaffen werden. Und für die meisten Menschen in Bosnien
- vor allem in der Föderation - verbessert sich das
Leben wirklich, wenn auch langsam. Das ist nicht die
Geschichte, die wir für gewöhnlich hören und lesen,
aber der Frieden beginnt Fuß zu fassen. Die Errungenschaften sind nicht unumkehrbar - und um sie zu
konsolidieren, ist das weitere Engagement der internationalen Gemeinschaft in Bosnien in irgend einer Form
auf absehbare Zukunft erforderlich. Aber an nahezu
allen Maßstäben gemessen, ist das Leben für die
Menschen in Bosnien heute besser als vor zwei
Jahren.
Betrachten Sie die Situation mit den Augen eines
bosnischen Kindes, und Sie wissen warum. Stellen
Sie sich einen Moment lang vor, wie es ist, ein 15jähriges Mädchen in einer bosnischen Stadt zu sein.
Es lebte nahezu die Hälfte seines Lebens im tödlichen
Würgegriff des Krieges. Heute besucht es die Schule,
statt sich in einem kalten, matschigen Keller zusammenzukauern, um dem unaufhörlichen Beschuß
durch Granatwerfer zu entfliehen.
Hunderte von durch den Krieg beschädigten oder
zerstörten Schulen wurden mit Hilfe internationaler
Geber wieder aufgebaut, die mehr als 1 Milliarde der
für den zivilen Wiederaufbau zugesagten 3,2 Milliarden
Dollar gespendet haben, darunter 524 Millionen der
Vereinigten Staaten. Nach der Schule verbringt das
Mädchen die Zeit mit Freunden, statt Wasserkannen
nach Hause zu schleppen - wie während des Krieges weil in den meisten Orten die Wasserversorgung
wiederhergestellt worden ist.
Vielleicht lebt es in einer der 24.000 Wohnungen, die
allein im letzten Jahr mit Hilfe der internationalen
Gemeinschaft repariert wurden. Zweifelsohne wird es
zum ersten Mal seit sieben Jahren keine Angst davor
haben, in diesem Winter zu frieren, weil die Heizungen
fast überall im Land wieder funktionieren. Es ißt Obst
und Gemüse, nicht von NATO-Flugzeugen abgeworfene Militärrationen. Es hat ordentliche Kleidung, weil
seine Familie mehr verdient: Seit Beendigung der
Kämpfe haben sich die Durchschnittslöhne in Bosnien
vervierfacht, die Arbeitslosigkeit ist von 90 Prozent auf
50 Prozent gesunken, und die Volkswirtschaft wird von einem immer noch niedrigen Niveau - in diesem
Jahr voraussichtlich um 30 Prozent wachsen.
Vor allem hat das Mädchen jetzt ein neues Gefühl der
Sicherheit. Es kann durch die Straßen gehen in dem
Wissen, daß sich in den Hügeln nicht länger Hecken-

Seite 3

�schützen verstecken, daß es nicht wegen seiner
ethnischen Identität entführt oder vergewaltigt wird,
daß die Granatwerfer nicht länger auf die Spielplätze
gerichtet sind.
Dieser Teenager ist nicht allein in seinem neugefundenen Gefühl der Sicherheit. Aufgrund der Arbeit der
IFOR und der SFOR wurden die gegnerischen Streitkräfte entflochten, über 370.000 Soldaten sind ins
zivile Leben zurückgekehrt und weiteres Blutvergießen
wurde verhindert. Schwere Waffen wurden internationaler Überwachung unterstellt, und mehr als 2000
wurden zerstört.
Gleichzeitig trägt unser Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm für die Streitkräfte der Föderation zu
einem stabileren militärischen Gleichgewicht bei und
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß jemand auf
erneute Kämpfe setzt. Und wir dürfen Folgendes nicht
vergessen: Wir haben es zu einer Bedingung des
Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms gemacht,
daß Bosnien alle militärischen und nachrichtendienstlichen Verbindungen zum Iran abbricht - damit hat eine
Nation, die Radikalismus exportiert und Terrorismus
fördert, die wichtige Basis in Europa verloren, die sie
bei Beginn des Krieges 1992 erhielt.
Die internationale Gemeinschaft ist dem bosnischen
Volk auch bei der Umstrukturierung und Reform der
örtliche Polizei behilflich, so daß sie die Bürger schützt,
statt sie einzuschüchtern. Diese Arbeit ist noch lange
nicht erledigt. Aber die seit kurzem integrierten
Streitkräfte beginnen zum ersten Mal seit dem Krieg in
Sarajevo, sich den Gewaltverbrechern und Selbstgerechten entgegenzustellen und das Recht und die
Sicherheit der Bürger aller ethnischen Gruppen zu
schützen. Diese Schritte sind ein Vorbild für die
Reform der Polizei in anderen Regionen.
Eine der schwierigsten Herausforderungen des
Abkommens von Dayton war die Wiedereinführung der
Bewegungsfreiheit. Zu jener Zeit mußte jeder Bürger,
der zwischen Städten in Bosnien hin- und herreiste,
ein Dutzend oder mehr Polizei-Kontrollpunkte passieren und riskierte dabei alles von Schikanen und
Erpressung bis zu Entführung und Gewaltanwendung.
Heute sind die Kontrollpunkte verschwunden, die
Straßen sind frei. Fahrzeuge jeglicher Herkunft fahren
frei auf den Hauptverkehrsstraßen. Was noch vor
zwei Jahren unvorstellbar gewesen wäre, überrascht
heute nicht mehr: Autos mit Kennzeichen der Republika Srpska in Sarajevo oder der Föderation in den
Straßen von Banja Luka. Und Bauern, Händler und
Familien überqueren die Grenzen der Gebietskörperschaften leicht und regelmäßig zu Fuß, im Auto oder
sogar in dem öffentlichen Bus, der täglich fährt.
Die Menschen in Bosnien haben nicht nur mehr
Freiheit, sich im Land zu bewegen - sie sind generell
einfach freier. In einem größeren Ausmaß als je zuvor

Seite 4

werden die Bosnier von Menschen ihrer eigenen Wahl
regiert. Die nationalen und regionalen Wahlen des
vergangenen Jahres, die von den Niedergangspropheten als zu gefährlich erklärt wurden, brachten
Bosnien auf den schwierigen Weg zur Demokratie. In
der vergangenen Woche unternahm Bosnien einen
weiteren wichtigen Schritt, als über 2 Millionen Wähler
- oder mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten - aus
den über 20.000 Kandidaten, die sich zur Wahl gestellt
hatten, Bürgermeister, Stadträte und andere Gemeindevertreter wählten. Und nächste Woche erwarten wir, daß unter internationaler Aufsicht eine wichtige
Parlamentswahl in der Republika Srpska stattfindet.
Die Selbstverwaltung wird in Bosnien zur Gewohnheit,
und die nationalen Institutionen des Staates wurden
geschaffen. Das Gemeinsame Präsidium, der Ministerrat, das Oberste Bundesgericht und die gemeinsame Militärkommission wurden eingerichtet. Sie sind
noch auf fremde Hilfe angewiesen, und häufig ist
internationaler Druck erforderlich, damit alle Seiten
weiterhin zusammenarbeiten. Aber in diesem Monat
haben die serbischen, kroatischen und muslimischen
Mitglieder des Gemeinsamen Präsidiums ihre Differenzen überwunden, um ein integriertes Telekommunikationssystem einzuführen, das das Land zusammenhalten und den Wiederaufbau beschleunigen soll. Und
der muslimische und der serbische Kovorsitzende des
Ministerrats - des bosnischen Kabinetts - die im
Frühjahr kaum davon überzeugt werden konnten,
gemeinsam mit Regierungsvertretern in Washington
zusammenzukommen, organisierten im letzten Monat
selbst ihre Reise nach Malaysia, um gemeinsam
Lobbying für Investitionen zu betreiben.
Das Versprechen des Friedens wird jedoch nur dann
vollständig verwirklicht, wenn die Vorteile des Friedens
unter allen Menschen in Bosnien verbreitet werden.
Bis heute hat der Großteil des Wirtschaftswachstums
in Bosnien in der Föderation stattgefunden. Im
Gegensatz dazu hat der Widerstand vieler serbischer
Politiker zur Lähmung der Republika Srpska geführt.
Sie haben ihre Pflichten im Rahmen des Daytoner
Abkommens nicht erfüllt und dadurch die internationalen Geber veranlaßt, nahezu die gesamten
Wiederaufbaugelder für Srpska zurückzuhalten. Das
muß nicht sein. Aber die serbischen Anführer in Pale
haben darauf bestanden, am Haß der Vergangenheit
festzuhalten, statt sich den Versprechungen der
Zukunft zuzuwenden. Sie haben den Weg der Selbstisolierung gewählt. Srpskas andauernde Armut wird
nur beendet werden, wenn die Politiker der Republik
ihre Verpflichtungen erfüllen und die Aufbaugelder
wieder fließen können.
Der jetzt in Srpska stattfindende Kampf ist sowohl
hoffnungsvoll als auch unsicher. Er spielt die extremen Sezessionisten und Anhänger der ethnischen
Säuberung in Pale - die das serbische Volk in den
Krieg geführt haben - gegen eine wachsende Bewe-

AMERIKA DIENST 20

�gung der bosnischen Serben aus, die einer Regierung
von Profitmachern überdrüssig sind. Diese Einwohner
von Srpska lehnen die überhandnehmende Korruption
ab, die mit Ausnahme einiger weniger alle zu Armen
macht. Sie haben die Verbesserungen in der Föderation auf der anderen Seite der Grenze gesehen - sie
wollen an den Vorteilen des Friedens teilhaben.
Präsidentin Plavsic und viele ihrer Anhänger treten
immer noch für den serbischen Nationalismus ein.
Aber im Gegensatz zu dem alten Regime sind sie sich
bewußt, daß der einzige Weg zu Fortschritten über
Dayton geht, daß die Republika Srpska in Isolation
nicht prosperieren kann und es im Rahmen von
Dayton Raum für die Erfüllung ihrer legitimen Ansprüche gibt. Sie wollen ein blutiges Kapitel ihrer
Geschichte schließen und ein neues der Hoffnung und
des Wiederaufbaus öffnen.
Wir haben in Srpska nicht "Partei für eine Seite
ergriffen". Die Vereinigten Staaten, die SFOR und die
internationale Gemeinschaft sind weiterhin unparteiisch - unparteiisch bei der Unterstützung von Dayton.
Das bedeutet die Unterstützung derjenigen, die für
Dayton eintreten, und die entschiedene Ablehnung
derjenigen, die es nicht tun. Wir lehnen die falsche
Entscheidung für Kompromisse zwischen denen, die
Dayton behindern, und denen, die zusammenarbeiten
wollen, ab. Ich möchte eindeutig klarstellen, was das
bedeutet: Es bedeutet, die paramilitärische Polizei von
Pale, die es gewohnt ist, Dissidenten zu bedrohen und
zu bestrafen, wie die abtrünnigen Militäreinheiten zu
behandeln, die sie sind; schnell und entschieden zu
handeln, wenn die Medien dazu benutzt werden, zu
bedrohen und aufzustacheln; entschlossen auf
Versuche zu reagieren, die SFOR zu provozieren oder
einzuschüchtern oder das sichere Umfeld aufs Spiel
zu setzen, zu dessen Gewährleistung die SFOR sich
verpflichtet hat. General Clark, der Oberste Alliierte
Befehlshaber in Europa, erklärte vor kurzem: "Wir
lassen uns nicht einschüchtern. Wir lassen uns durch
den Mob nicht abschrecken. Wir werden alle uns zur
Verfügung stehenden Mittel, einschließlich tödlicher
Waffen, zum Schutz unserer Streitkräfte und zur
Fortsetzung unserer Mission einsetzen."
Wir sind ebenso entschlossen, daß diejenigen, die
Dayton unterstützen, in den Genuß der Vorteile ihrer
Entscheidung kommen, wo immer sie leben. Aus
diesem Grund haben wir trotz der Versuche der
Hardliner in Pale den Gemeinden in Srpska Hilfe
geboten, die die Rückkehr der Flüchtlingen akzeptieren. Wir stellen der Polizei von Srpska, die Reformen
zugestimmt hat, technische Unterstützung und Gerät
zur Verfügung, ebenso wie wir es für die Polizei der
Föderation getan haben - und allein in den letzten
beiden Monaten hat sich nahezu ein Viertel der zivilen
Polizei in Srpska an diesem Programm beteiligt. Wir
begrüßen und unterstützen die Zunahme unabhängi-

AMERIKA DIENST 20

ger Medien in Srpska und versorgen sie mit technischer Hilfe und Gerät, so daß ihre Botschaft überall
vernommen werden kann.
In Srpska findet heute ein wichtiger Kampf statt, und
sein Ergebnis ist entscheidend - denn das ist Aufruhr
aus den richtigen Gründen, für Veränderung ohne
Korruption oder ethnischen Krieg.
Wir müssen realistisch sein: Die internationale Gemeinschaft und das bosnische Volk sehen sich mit
vielen realen Herausforderungen konfrontiert, die
Geduld und andauernde Anstrengungen erfordern.
Wir sind beispielsweise nicht mit der Zahl der zurückkehrenden Flüchtlinge zufrieden. Bisher sind nur
ungefähr 150.000 oder 15 Prozent derjenigen, die
Bosnien während des Krieges verlassen haben,
heimgekehrt. Diese Zahl wird sich nur erhöhen, wenn
Stabilität und Sicherheit wiederhergestellt sind.
Wir müssen helfen, die Bosnier in Marktwirtschaft zu
unterrichten. Während die übrigen Länder der ehemals kommunistischen Welt in Zentraleuropa Anfang
der neunziger Jahre einen Schnellkurs in diesem Fach
erhielten, brach Bosnien einfach zusammen. Viele
Gewohnheiten einer Kommandowirtschaft bestehen
noch fort zusammen mit einer Korruption, die zu häufig
die Wiederaufbaubestrebungen unterminiert.
Wir müssen auch unsere Bemühungen zur Entschärfung der Pulverfässer von Gewalt in Bosnien
verdoppeln, die den Erfolg gefährden. In Brcko, einem
schmalen Korridor, der die beiden Hälften von Srpska
und die Föderation mit Europa verbindet, sind die
Spannungen weiterhin groß und die Fortschritte
erfolgen bestenfalls im Schneckentempo. Die Schlichtung, die über die Zukunft dieses Gebiets entscheidet,
erfolgt in sechs Monaten. Wir machen beiden Parteien
gegenüber klar, daß eine Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen inakzeptabel ist und sie bei der endgültigen Entscheidung den Preis für ihr Verhalten zahlen
müssen.
Welchen Schluß können wir also aus unseren bisherigen Erfahrungen in Bosnien ziehen? Nach zwei
Jahren bietet sich ein gemischtes Bild. Wir sehen
anhaltende Schwierigkeiten und Widerstand. Aber wir
sehen auch, daß Fortschritte einen echten Unterschied
im Leben des bosnischen Volkes und für die Stabilität
dieser entscheidenden Region bewirken. Es wurde
gesagt, das Kennzeichen eines Genies sei die Fähigkeit, gleichzeitig offensichtliche Widersprüche im Kopf
zu haben. Wenn wir heute auf Bosnien blicken, sind
einige Genies gefragt. Wir müssen unsere Augen auf
beide Seiten des Bildes richten - und wir dürfen die
wichtigen Interessen nicht vergessen, die uns leiteten:
Nicht nur ein stabileres, friedlicheres Bosnien anzustreben, sondern darauf hinzuarbeiten.

Seite 5

�Wie Präsident Clinton erklärt hat, wird die SFORMission im Juni 1998 enden. Aber das Engagement
der internationalen Gemeinschaft wird fortgesetzt. Ob
eine internationale Sicherheitspräsenz Teil dieses
Engagements sein wird und welche Rolle die Vereinigten Staaten spielen könnten, bleibt abzuwarten.
Diese Entscheidung wird zum Teil davon abhängen,
wie die Lage ist, wenn sich der Zeitpunkt des Abzugs
der SFOR nähert.
Aber eines ist klar: Ebenso wie wir damals, als die
NATO handelte, um das Gemetzel 1995 zu beenden,
zusammen mit unseren Partnern die Gespräche von
Dayton anberaumten, haben die Vereinigten Staaten
heute ein großes Interesse an der Schaffung eines
dauerhaften Friedens in Bosnien. Der beste Weg zur

*

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Förderung dieses Interesses ist über den bei diesen
Verhandlungen vereinbarten Rahmen. Aus diesem
Grund haben die Vereinigten Staaten ein beträchtliches und anhaltendes Interesse am Erfolg von
Dayton.
Dayton kann Erfolg haben. Und Dayton wird Erfolg
haben - wenn die Politiker in Bosnien die Verantwortung für die Zukunft ihres Landes übernehmen und
ihr Volk zum Aufbau des Friedens führen, den es
verdient, wenn die internationale Gemeinschaft nicht
die Geduld oder Entschlossenheit verliert und wenn wir
alle mit klarem Blick auf Bosnien schauen - nicht durch
eine rosarote Brille, aber auch nicht durch ein dunkles
Glas.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�GLOBALISIERUNG
15. Oktober 1997

Globalisierung und Diplomatie
von Strobe Talbott

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott.
Copyright © 1997 Carnegie Endowment for International Peace. Veröffentlichung und Übersetzung mit
freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Foreign Policy, Herbst 1997.

Es war früher Morgen am Montag, dem 4. Oktober
1993, als sich in Moskau neue Probleme zusammenbrauten. Panzer hatten das Weiße Haus umstellt, das
riesige Parlamentsgebäude am Ufer der Moskva, in
dem sich die Abgeordneten des Obersten Sowjet einige schwer bewaffnet - dem Befehl Boris Jelzins
zuwider, die Legislative aufzulösen und Neuwahlen
anzuberaumen, verschanzt hatten. Nur Stunden zuvor
hatten bewaffnete Aufrührer das Büro des Moskauer
Bürgermeisters und die wichtigste Fernsehstation der
Stadt angegriffen.
Ich hatte die Nacht auf dem Sofa in meinem Büro im
siebten Stock des Außenministeriums verbracht. Um
3.00 Uhr ging ich den Gang hinunter zum Lagezentrum
- unserem Kommunikationszentrum - des Ministeriums, wo eine Einsatztruppe rund um die Uhr die sich
anbahnende Krise überwachte.
Von einem der
Telefone im Lagezentrum rief ich den Stellvertretenden
Außenminister Georgi Mamedow an, der in seinem
Büro in dem Stalin-gotischen Wolkenkratzer am
Smolensker Platz war, nur rund anderthalb Kilometer
von dem belagerten Parlament entfernt. Seit Beginn
der Kraftprobe vor 24 Stunden standen wir häufig in
Kontakt.

blutigen Ende kam. Nach gestaffelten Angriffen, die
den im Weißen Haus Verschanzten mehrere Gelegenheiten boten, sich zu ergeben, eroberten die Regierungstruppen das Gebäude zurück und verhafteten die
Oppositionsführer.
Die Vereinigten Staaten und Rußland hatten einen
langen Weg von der Politik des äußersten Risikos
wegen Berlin und Kuba in der Zeit des Kalten Krieges
zurückgelegt. Jetzt war der Krisenherd ein interner
Machtkampf in Rußland, eine Kraftprobe zwischen
einem demokratisch gewählten Machthaber und einer
reaktionären Legislative. Und statt ihn im Geheimen
hinter den Mauern des Kreml zu führen, wurde der
Kampf auch noch weltweit live für Millionen von
Zuschauern übertragen.
Hier war der "CNN-Effekt" am offensichtlichsten.
Ebenso wie der Sender es möglich gemacht hatte, daß
Mamedow und ich sahen, wie sich ein Ereignis in
Realzeit vor unseren Augen entfaltete, während wir die
Auswirkungen über das Telefon diskutierten, hatte die
Kommunikationsrevolution zur Umgestaltung dieses
Landes und unserer Welt beigetragen.
Von Bretton Woods bis Denver

Mitten in unserer Unterhaltung wurden wir beide
plötzlich still. Nach einem lagen Augenblick fragte
Mamedow: "Sehen Sie, was ich sehe?" Ich sah, was
er sah. Wir hatten beide CNN an. Der Sender hatte
mit der Liveübertragung russischer Kommandos
begonnen und zeigte, wie Schützenpanzer in Position
gingen, um das Weiße Haus zu stürmen. In der
nächsten halben Stunde sahen Mamedow und ich
gebannt zu und tauschten gelegentlich Eindrücke aus,
während die Schlacht zu ihrem dramatischen und

AMERIKA DIENST 20

In den achtziger Jahren hatten die sich selbst isolierenden Diktaturen von Chile bis zur Sowjetunion den
Idealen von Demokratie und freien Märkten nachgegeben, die über Radio, Fernsehen, Fax und E-mail
verbreitet wurden. Seit damals haben die mächtigen
technologischen Kräfte des Informationszeitalters abgesehen von der Unterminierung der Berliner Mauer
und der Zerstückelung des Eisernen Vorhangs - dazu
beigetragen, das wirtschaftliche, politische und

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�kulturelle Leben von Nationen zu verknüpfen und die
Grenzen durchlässiger für den Fluß von Menschen,
Produkten und Ideen zu machen. Als Präsident Bill
Clinton im Juli Bukarest besuchte, nahm ihn sein
Gastgeber, Emil Constantinescu, ein demokratischer
Aktivist und Reformer, der sieben Monate zuvor zum
rumänischen Präsidenten gewählt worden war, in sein
Arbeitszimmer mit und zeigte ihm stolz den Computer,
der ihm Zugang zum Cyberspace verschaffte.
Für viele Millionen von Menschen bedeutet die Globalisierung größere Freiheit und größeren Wohlstand.
Aber für Millionen andere bedeutet der gleiche Prozeß
wirtschaftliche Nachteile und soziale Zerrüttung.
Streikende Arbeiter in Südkorea und Argentinien
lehnten Veränderungen ab, auf denen ihre Politiker
bestanden, weil sie zur Erfüllung der Erfordernisse der
Weltwirtschaft nötig waren. Der unerwartete Sieg der
Sozialistischen Partei bei den Parlamentswahlen in
Frankreich im Frühjahr war zum Teil auf die Besorgnis
der Wähler über die Globalisierung zurückzuführen. In
den Vereinigten Staaten haben politische Figuren wie
Ross Perot und Pat Buchanan auf ähnliche Ängste
gesetzt.
Nicht alle, die einen Fernseher in Reichweite haben,
denken, daß es ihnen deshalb besser geht - in der Tat
ist häufig genau das Gegenteil der Fall. In den Slums
der Megastädte der Welt gibt es Satellitenschüsseln,
und die Signale, die sie von Hollywood und der
Madison Avenue empfangen, können Unmut und
Ärger auslösen: Die Kommunikationsrevolution hat das
Potential, Revolutionen anderer Art zu schüren.
Die Globalisierung selbst ist weder gut noch schlecht.
Die Regierungen können ihre Auswirkungen nicht von
ihren Bürgern fernhalten, ohne sie auch vor ihren
Chancen und Vorteilen abzuschotten. Sie können sie
jedoch zu ihrem nationalen und internationalen Vorteil
nutzen.
Diese Aufgabe ist zwar ein zunehmend wichtiges und
explizites Thema der amerikanischen Diplomatie in der
Zeit nach dem Kalten Krieg - sie ist jedoch nicht neu.
Im wirtschaftlichen Bereich geht sie mindestens auf die
unmittelbare Nachkriegszeit sowie die Gründung der
Weltbank und des Internationalen Währungsfonds in
Bretton Woods zurück. Drei Jahrzehnte später - 1975
- unternahmen die Staats- und Regierungschefs von
Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, der Vereinigten Staaten und Westdeutschlands gemeinsam
einen weiteren Schritt nach vorne. Sie kamen in dem
malerischen französischen Dorf Rambouillet zusammen um zu erörtern, wie sie den Handel erweitern, die Währungspolitik koordinieren und ihre
Verletzbarkeit durch steigende Ölpreise verringern
könnten. Es war das erste Treffen dieser Länder, das
im nächsten Jahr in London mit der Aufnahme Kanadas zum jährlichen Treffen der Gruppe der sieben
führenden demokratischen Industrienationen wurde.

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Als die Nachfolger dieser Politiker sich zum 22. Mal im
Juni in Denver trafen, war auch Boris Jelzin dabei. Es
war das erste Mal, daß der Präsident der Russischen
Föderation von Anfang bis Ende an dem Gipfeltreffen
teilnahm. Ebenso wie die Zahl der Darsteller hatte sich
auch die Tagesordnung seit Rambouillet erweitert.
Transnationalen Bedrohungen wie dem Klimawandel,
der Verbreitung ansteckender Krankheiten und dem
internationalem organisierten Verbrechen wurde
ebenso viel Aufmerksamkeit gewidmet wie den
wirtschaftlichen Aspekten der Interdependenz. Muster
im Energieverbrauch, die Zahl der Impfungen von
Kindern und Drogentherapieprogramme - einstmals als
fast ausschließlich innenpolitische Probleme angesehen - waren zu Themen von internationalem Belang
und zum Ziel konzertierter Aktionen geworden.
Obwohl andere Nationen die Geld- und Haushaltspolitik der US-Regierung seit langem aufmerksam
beobachten, haben die innenpolitischen Aktionen der
Vereinigten Staaten inzwischen in zahllosen anderen
Bereichen zunehmende internationale Auswirkungen.
Die Europäische Union war anfänglich gegen die
beabsichtigte Fusion von Boeing und McDonnell
Douglas mit dem Argument, sie würde den Wettbewerb auf dem globalen Flugzeugmarkt unterminieren. Hochrangige mexikanische Regierungsvertreter
haben öffentlich erklärt, daß das Anfang dieses Jahres
in Kraft getretene neue amerikanische Einwanderungsgesetz die Rechte der in den Vereinigten Staaten
lebenden Mexikaner verletzt. Regulierungsbehörden
auf der ganzen Welt richten sich häufig nach der
amerikanischen Nahrungsmittelbehörde bei der
Genehmigung oder dem Verbot von Nahrungsmitteln
und Medikamenten mit Konsequenzen für Tausende
von Unternehmen und Millionen Verbraucher.
Aus dem gleichen Grund hat die Innenpolitik anderer
Nationen zunehmende Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten. Das Ausmaß, in dem Mexiko die
Umweltbestimmungen
des
Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens (NAFTA) umsetzt, wird die
Qualität von Luft und Wasser in Arizona, Kalifornien,
New Mexico und Texas beeinflussen. Das Ausmaß, in
dem China zum Schutz des Rechts auf geistiges
Eigentum bereit ist, wird Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer schaffen oder abschaffen.
Kolumbiens Fähigkeit und Bereitschaft, die Produktion
von Drogen einzustellen, wird das Kräftegleichgewicht
im Krieg gegen illegale Drogen in den Vereinigten
Staaten beeinflussen. Und im Gegenzug werden
Kolumbien und anderen Nationen auf der Angebotsseite des internationalen Drogenhandels nur Erfolg bei
ihrem Teil des Kampfes haben, wenn die Vereinigten
Staaten ihre Nachfrage im Inland reduzieren können.
Die dringende Notwendigkeit von Veränderungen
Globale Interdependenz beeinflußt die Art, in der
praktisch alle Regierungen über internationale Bezie-

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�hungen denken und Diplomatie praktizieren. Je mehr
sie in einem Prozeß engagiert und von ihm betroffen
sind, desto mehr müssen sie sich verändern. Für die
Vereinigten Staaten ist die Notwendigkeit von Veränderungen deshalb besonders zwingend und wird in
dem Gebäude, in dem ich arbeite, besonders akut
gespürt.
Das US-Außenministerium ist eine stolze Institution und sie ist zu Recht stolz. Aber die Empfindlichkeit
einer Institution gegen Reformen ist umgekehrt
proportional zu ihrer Ehrwürdigkeit, und das State
Department ist keine Ausnahme. Das Gebäude steht
in einem Stadtteil von Washington, der Foggy Bottom
(Nebelloch) heißt - ein Name, der zu einem manchmal
liebevollen, manchmal boshaften Spitznamen für das
Ministerium selbst geworden ist, mit nicht gerade
schmeichelhaften Implikationen für die Geistesverfassung der 13.000 Menschen, die dort und in
unseren 249 Vertretungen im Ausland arbeiten.
Während das Außenministerium versucht, die Trägheit
zu überwinden, die einer so großen Organisation mit
einer langen Geschichte inhärent ist, muß es auch mit
weniger finanzieller Unterstützung der Nation, der es
dient, mehr - und besser - arbeiten. Seit 1985 ist der
Etat der Vereinigten Staaten für internationale Angelegenheiten in realen Zahlen um 50 Prozent gesunken.
Er hat auch in relativen Zahlen abgenommen. 1984
betrugen die Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten 2,5 Prozent des Bundeshaushaltes; heute belaufen
sie sich auf ungefähr 1 Prozent. In den vergangenen
vier Jahren mußten wir 32 Botschaften und Konsulate
auf der ganzen Welt schließen. Obwohl die Haushaltsvereinbarung zwischen dem Weißen Haus und dem
Kongreß für 1998 diese nachteiligen Kürzungen zum
Teil wieder aufhebt, werden wir in absehbarer Zukunft
mit gravierenden Einschränkungen operieren. Nur
indem wir unsere Ressourcen sinnvoll einsetzen und
sie klüger verwalten, kann das Außenministerium die
Herausforderungen meistern, die sich der amerikanischen Diplomatie durch Globalisierung und Interdependenz stellen.
Global werden
Der bilaterale Ansatz von Regierung zu Regierung, der
traditionell das Hauptthema der amerikanischen
Diplomatie ist, reicht häufig für die Inangriffnahme von
Bedrohungen wie Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung nicht aus, die fast immer regional und sehr oft global - in ihrem Ausmaß sind. Diese
neuen Herausforderungen werden nur international
koordinierten, langfristigen Bestrebungen weichen.
Als Reaktion auf diese sich verändernden Realitäten
hat Präsident Clinton zu Beginn seiner Amtszeit die
Position eines Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium geschaffen, dem die

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Verantwortung für mehrere Büros des Außenministeriums übertragen wurde, die sich mit "funktionalen"
Querverbindungen befassen: Schutz der Umwelt,
Förderung von Demokratie und Menschenrechten,
Bewältigung der Bevölkerungs- und Migrationsprobleme sowie Strafverfolgung. Das hatte zur Folge,
daß diesen Zielen im politischen Entscheidungsprozeß
und in der Diplomatie erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit gab Vizepräsident
AI Gore einen umfassenderen Plan für Reformen und
die Eingliederung der Behörden für auswärtige Angelegenheiten in das Außenministerium bekannt, der teils
auch eine Reaktion auf die Globalisierung ist. Durch
die Integration des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung und des US-Informationsamts in das
Außenministerium und die Vorbereitung der teilweisen
Konsolidierung des Außenministeriums und des Amts
für internationale Entwicklung werden wir die Hauptaufgaben dieser Behörden besser in das Gefüge der
amerikanische Außenpolitik eingliedern können.
Die Vielfältigkeit, Größenordnung und Komplexität der
transnationalen Probleme und die gemeinsamen
Arrangements, mit denen wir auf ihre Bewältigung
hinarbeiten, erfordern auch ein Umdenken bei der
Einstellung und Ausbildung der Mitarbeiter des
Ministeriums. Wir unternehmen verstärkte Anstrengungen, Leute einzustellen, die bereits über Erfahrung
in Bereichen wie internationales Finanzwesen, Arbeitsfragen, Umweltpolitik und Strafverfolgung verfügen.
Wir erweitern den sogenannten Kernlehrstoff für die
Ausbildung von neu eingestellten Beamten. Das
Foreign Service Institute, das Zentrum des Außenministeriums für den Fremdsprachenunterricht,
Landeskundestudien und die Ausbildung in technischen Fertigkeiten, hat einen Kurs eingeführt, der
sich mit Themen wie Drogenhandel und Flüchtlingsströmen befaßt sowie mit dem sich ausdehnenden
globalen Markt für amerikanische Umwelttechnologien.
In der Zwischenzeit pflegen unsere Diplomaten im
Ausland in größerem Maße als je zuvor regionale und
transnationale Beziehungen, wobei die amerikanischen Beziehungen zu der jeweiligen Gastregierung
immer noch Priorität haben. Unsere Botschaften in
Lima und Quito arbeiten mit den Regierungen von
Argentinien, Brasilien und Chile bei der Lösung der
Grenzstreitigkeiten zwischen Ecuador und Peru
zusammen. Unsere Botschaft in Pretoria widmet einen
Großteil ihrer Energie der Zusammenarbeit mit der
südafrikanischen Regierung für Frieden in Angola und
im Kongo. Und unabhängig von unseren Differenzen
mit Peking engagieren wir uns gemeinsam mit den
Chinesen, Japanern und Südkoreanern für die andauernden Bestrebungen zur Verringerung der
Spannungen auf der koreanischen Halbinsel.

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�Neue Maßnahmen, neue Partner
Die Globalisierung hat auch die Notwendigkeit einer
aktiven Rolle anderer Ministerien und Behörden der
US-Regierung bei der Verfolgung amerikanischer
Interessen im Ausland verstärkt - und der systematischeren Zusammenarbeit des Außenministeriums mit
ihnen. Diese Zusammenarbeit ist besonders eng bei
Wirtschafts-, Verteidigungs- und Strafverfolgungsangelegenheiten.
Wirtschaft. Da Handel und internationale Investitionen für die amerikanische Volkswirtschaft wichtiger
geworden sind, haben das Außenministerium und die
Wirtschaftsbehörden der US-Regierung ihre Zusammenarbeit erweitert und vertieft. Die während der
beiden vergangenen Jahre bei der Welthandelsorganisation erzielten Abkommen zum Abbau von
Zöllen und zur Verstärkung des weltweiten Handels mit
Informationstechnologie
und Telekommunikation
stehen für solche gemeinsamen Anstrengungen. In
Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium, dem
Büro der US-Handelsbeauftragten und der Bundesbehörde für das Fernmeldewesen haben Vertreter des
Außenministeriums im In- und Ausland eine entscheidende Rolle gespielt und sich mit Vertretern
amerikanischer Unternehmen vor Ort getroffen, um
unsere Verhandlungsstrategie zu verfeinern und
ausländische Regierungsvertreter in über 60 Ländern
zur Annahme der amerikanischen Positionen gedrängt.
Während die amerikanischen Diplomaten beim
Verfassen der Vorschriften und dem Aufbau der
Institutionen behilflich sind, die die globale Wirtschaft
leiten, verfechten sie auch aggressiv die Interessen
amerikanischer Unternehmen auf der ganzen Welt.
Das Ministerium arbeitet mit der Export-Import Bank
und anderen Bundesbehörden zusammen um sicherzustellen, daß amerikanische Firmen gleiche Wettbewerbschancen haben. Im Jahr 1995 erhielt NYNEX
dank der Vermittlung unserer Botschaften und des
Wirtschaftsministeriums den Zuschlag für ein
Unterwasser-Fiberoptikkabelprojekt in Höhe von 1,5
Milliarden Dollar, das Länder in Afrika, Asien und
Europa verbinden wird und erwartungsgemäß amerikanische Exporte von nahezu 650 Millionen Dollar und
mehrere Tausend amerikanische Arbeitsplätze
unterstützt.
Verteidigung. Lastwagen, die über den Potomac
hinweg zwischen Foggy Bottom und dem Pentagon
hin- und herfahren, sind nichts Neues. Dennoch hat
das Ende des Kalten Krieges der Zusammenarbeit
zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium eine neue Dimension verliehen. Wir arbeiten sehr
viel enger zusammen, um die Institutionen und Gewohnheiten der Demokratie auf der ganzen Welt zu
fördern. Durch friedenssichernde Operationen in für
amerikanische Interessen entscheidenden Regionen
und neue Sicherheitsarrangements wie der Partner-

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schaft für den Frieden ermutigen wir die Unterstellung
der Streitkräfte unter ein ziviles Kommando, die
Respektierung internationaler Grenzen, den Schutz
der Rechte von Minderheiten und die Bewegungsfreiheit der Menschen.
Als die Vereinigten Staaten 1994 im Rahmen einer
internationalen Koalition Truppen zur Wiederherstellung der Demokratie nach Haiti entsandten,
erarbeitete die US-Regierung einen innovativen,
einheitlichen Plan für politisch-militärische Operationen. Er sollte sicherstellen, daß die zivilen und
militärischen Aspekte der Operation gleichzeitig und
mit der gleichen Präzision umgesetzt werden. Als die
Friedenstruppen die Angehörigen des haitianischen
Militärs entwaffneten, hatte das Amt für internationale
Entwicklung infolgedessen Programme bereit, um den
entmobilisierten Soldaten bei der Erlangung der
Qualifikationen behilflich zu sein, die sie für die
Reintegration in die bürgerliche Gesellschaft benötigten.
Strafverfolgung. Die sich abzeichnenden Bedrohungen durch das internationale organisierte Verbrechen
und Drogenhandel erfordern von unseren Diplomaten
die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden in bisher ungekanntem Ausmaß.
Beamte mit Fachgebiet Politik arbeiten mit Mitarbeitern
des Justizministeriums zusammen, die in entscheidenden regionalen Botschaften wie Moskau und Bangkok
stationiert sind, um bilaterale Ausweisungsverträge
und Abkommen auszuhandeln, mit denen die Regierungen Informationen über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft oder Polizei austauschen können. Und in
jede diplomatische Vertretung der Vereinigten Staaten
entsandte Konsularbeamte kooperieren in persona
und per Computer mit Agenten der Drogenbekämpfungsbehörde (DEA), dem FBI, der Einwanderungsund Einbürgerungsbehörde sowie den Nachrichtendiensten, um verdächtige Drogenschmuggler, Terroristen und Verbrecher aufzuspüren und ihnen die
Einreise in die Vereinigten Staaten zu verweigern.
In Budapest haben wir eine internationale Strafverfolgungsakademie eröffnet, um den neuen Demokratien des ehemaligen Sowjetblocks bei der Einführung der Rechtsstaatlichkeit behilflich zu sein, die
für eine gesunde Demokratie unerläßlich ist. Die vom
Außenministerium finanzierte und verwaltete Akademie
bringt Experten von FBI, DEA, Zollamt, Secret Service,
der Bundessteuerbehörde, dem Büro für Alkohol,
Tabak und Feuerwaffen und dem Energieministerium
zusammen, damit sie mit ihren Kollegen aus Zentraleuropa, den Neuen Unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion und Westeuropa die neuesten Verbrechensbekämpfungstechniken und -technologien austauschen können. In den nächsten Monaten
werden wir eine ähnliche Institution in Zentralamerika
gründen.

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�Zusammengenommen haben diese neuen Formen der
Zusammenarbeit die Zahl der in Übersee stationierten
Mitarbeiter der US-Regierung beträchtlich erhöht, die
nicht bei den herkömmlichen Behörden für auswärtige
Angelegenheiten beschäftigt sind. In der Tat sind 63
Prozent von ihnen, die jetzt unseren Botschaftern und
Gesandten unterstehen, keine Mitarbeiter des USAußenministeriums.
Während die Globalisierung
voranschreitet, wird diese Zahl wahrscheinlich ebenso
zunehmen wie die Herausforderung einer Koordinierung der Präsenz der amerikanischen Regierung im
Ausland.
"Multi-multilaterale" Arbeit
Obwohl die Globalisierung internationalen Zusammenhalt herbeiführt und internationalen Unternehmen
zusätzliche Befugnisse verleiht, hebt sie paradoxerweise auch die Grenzen nationaler Macht hervor.
Regierungen sind häufig zu schwerfällig, um effektiv
auf transnationale Bedrohungen zu reagieren - auch
wenn solche Bedrohungen innerhalb ihrer eigenen
Grenzen offenkundig sind. Teilweise infolgedessen
wird die politische Amtsgewalt von oben nach unten
und vom Zentrum nach außen auf kommunale und
regionale Regierungen und Gemeindeorganisationen
übertragen, die an der Basis arbeiten.
Aus diesem Grund versuchen viele Regierungen,
einschließlich der amerikanischen, knappe Ressourcen sorgfältig einzusetzen und ihre Fähigkeit zur
Inangriffnahme transnationaler Bedrohungen zu
verbessern, indem sie Koalitionen mit "nichtstaatlichen
Akteuren" bilden - multinationalen Unternehmen,
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen,
der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds. Diese Koalitionen gestatten den Vereinigten
Staaten nicht nur auf multilateraler, sondern auf multimultilateraler Ebene über mehrere Organisationen und
Institutionen gleichzeitig zu arbeiten.
In Bosnien arbeiten neun Behörden und Ministerien
der US-Regierung mit über einem Dutzend anderen
Regierungen, sieben internationalen Organisationen
und 13 wichtigen NGOs - vom Roten Kreuz über die
internationale Krisengruppe bis zum amerikanischen
Anwaltsverein - an der Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton.
Im Nahen Osten haben die Vereinigten Staaten den
Vorsitz über eine multilaterale Arbeitsgruppe für
Wasserressourcen - eine Gruppe von 47 Ländern und
internationalen Organisationen, die an der Gewährleistung arbeiten, daß die gemeinsame Abhängigkeit
der Region von knappen Ressourcen nicht zu einer
Bedrohung der politischen Stabilität wird. Die Regierungen von Israel, Japan, Oman, Südkorea und der
Vereinigten Staaten haben das regionale NahostMeerwasserentsalzungszentrum in Maskat gegründet,

AMERIKA DIENST 20

um Forschungen zur Reduzierung der Kosten der
Entsalzung zu unterstützen.
Eine integrierte Arbeitsgruppe für Nahrungsmittelhygiene unter dem gemeinsamen Vorsitz des Außenministeriums, des Landwirtschaftsministeriums und
des Amts für internationale Entwicklung sondiert neue
Wege zur Anwendung von amerikanischem Wissen,
Technologie, Ressourcen und des Einflusses um
sicherzustellen, daß es genug Nahrungsmittel gibt, um
den Bedarf des nächsten Jahrhunderts zu decken.
Unter der Schirmherrschaft dieser Gruppe leitet die
amerikanische nationale Behörde für Ozeane und die
Atmosphäre eine internationale Initiative, die Regierungen, Privatunternehmen und NGOs zusammenbringt,
um die experimentelle Vorhersage saisonaler Klimamuster aufzunehmen, so daß die Aussaat des Getreides an den erwarteten jährlichen Niederschlag
angepaßt wird, wodurch die gravierendste Nahrungsmittelknappheit verringert werden kann.
Das Organigramm dieser Art von kollaborativen
Bestrebungen ist ein Patchwork von Kästchen, die
durch sich überschneidende und sich kreuzende
durchgezogene und gepunktete Linien miteinander
verbunden sind. Es obliegt häufig dem Außenministerium, die Arbeit der anderen Behörden der US-Regierung zu koordinieren und sicherzustellen, daß ihre
Unternehmungen einer übergreifenden und kohärenten Strategie dienen. Das Ministerium arbeit auch an
der Integration der staatlichen Bestrebungen der
Vereinigten Staaten in den Aufgabenbereich anderer
Regierungen - und zunehmend von NGOs und
anderen Organisationen.
Das Ende der Außenpolitik
Im Kontext der vielen globalen Probleme, mit denen
sich die Vereinigten Staaten heute konfrontiert sehen,
und auch im Kontext ihrer Lösung, wird das Wort
"ausländisch" unmodern. Von der Börse in Singapur
bis zum Dach der Welt über Patagonien, wo es ein
Ozonloch gibt, gilt: Was dort geschieht, ist hier von
Bedeutung - und umgekehrt. Das ist nicht nur eine
Tatsache und eine nützliche Kurzdefinition der Globalisierung selbst, es ist auch der ausschlaggebende
Punkt für diejenigen von uns, die inner- und außerhalb
der Regierung versuchen, Außenpolitik für die Amerikaner weniger ausländisch und relevanter zu machen.
Aufgrund des Fehlens einer großen, einigenden
Bedrohung, wie sie die Sowjetunion während des
Kalten Krieges darstellte, scheint die Notwendigkeit
des amerikanischen Engagements in der Welt offenkundig. Größtenteils infolgedessen hat das Interesse
der amerikanischen Öffentlichkeit und der Medien im
letzten Jahrzehnt merklich nachgelassen.
Um diesen Trend umzukehren, hat das Ministerium in
den vergangenen drei Jahren 40 "Gemeindeversamm-

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�lungen" abgehalten, bei denen unsere Diplomaten
Themen vom Nahost-Friedensprozeß bis zur Förderung der Menschenrechte erörterten. In den ersten
20 Wochen ihrer Amtszeit hat Außenministerin Madeleine Albright 15 Reisen in den Vereinigten Staaten
unternommen, um mit den Amerikanern in Schulen,
Bibliotheken und vom Deck eines Flugzeugträgers aus
über Außenpolitik zu reden. Ebenso wie Präsident
Constantinescu von Rumänien hat sie das World Wide
Web benutzt, auf dem die Home Pages der Außenministerin und des Außenministeriums durchschnittlich
1,7 Millionen Zugriffe im Monat verzeichnen.

ternationalen Engagements vergrößern vielmehr
unsere Macht über unser eigenes Schicksal als Nation
- was die treffendste Definition von Souveränität ist.
NATO, NAFTA, die Chemiewaffenkonvention, die
Partnerschaft für den Frieden und unsere Beteiligung
an den Vereinten Nationen - so unterschiedlich sie in
der Zusammensetzung und Funktionsweise auch sind
- haben alle eines gemeinsam: Sie helfen den Vereinigten Staaten, die Kräfte der Interdependenz zu
kanalisieren und sie zum Vorteil unserer Bürger und
dem anderer Nationen zu nutzen, die unsere Interessen und Werte teilen.

Diese Art von "Einbeziehung", wie wir unsere öffentlichen Bildungsprogramme bezeichnen, ist sehr viel
mehr als ein speziellen Plädoyer für das Außenministerium oder seinen Haushalt. Es geht darum, an
der Heimatfront für das amerikanische Engagement
und den Aktivismus im Ausland triftige Gründe vorzubringen.

Wenn wir zustimmen, die allgemeinen Regeln einzuhalten, erhalten wir die Zusage anderer, nach
gegenseitig akzeptablen Standards in Bereichen wie
Arbeitsrecht, Recht auf geistiges Eigentum, Umweltschutz, Luftverkehrssicherheit und öffentlicher Gesundheit zu leben. Dabei schaffen wir auch die
Instrumente, mit denen wir die Einhaltung sinnvoll, fair
und durchsetzbar messen.

Im kommenden Jahr sehen sich die Vereinigten
Staaten einer Reihe wichtiger Entscheidungen gegenüber, von denen jede - im weitesten Sinne - eine
Entscheidung darüber sein wird, wie unser Land auf
die Chancen und Herausforderungen der Globalisierung reagiert. Wir müssen den Kongreß überzeugen,
daß die Erweiterung der NATO um mehrere
der neuen Demokratien in Zentral - und
Osteuropa die Stabilität einer Region erhöht,
in der über 500.000 Amerikaner in diesem
Jahrhundert ihr Leben gelassen haben,
daß die Ausdehnung des NAFTA auf andere
Nationen in Lateinamerika Arbeitsplätze in den
Vereinigten Staaten schaffen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln wird,
daß die Annahme bindender Obergrenzen für
Treibhausgasemissionen bei der Konferenz
über Klimawandel in Japan im Dezember für
die langfristige Fähigkeit des Planeten, die
Umwelt zu erhalten, unerläßlich ist.
Gegner dieser und anderer Initiativen argumentieren
häufig, sie setzten die nationale Sicherheit aufs Spiel
oder würden sie verwässern. In der Tat ist das
Gegenteil der Fall. Gut ausgearbeitete internationale
Verpflichtungen und eine umfassende Strategie des in-

*

Seite 6

Andere Nationen sind zur Einhaltung dieser Standards
bereit, nicht nur weil sie Zugang zum amerikanischen
Markt suchen oder sich mit einer Weltmacht gut
verstehen wollen. Sie tun es, weil sie sich bewußt
sind, daß ein auf diesen Standards gründendes
System der Gleichberechtigung und Offenheit der
Schlüssel zu ihrer eigenen Fähigkeit ist, vom Phänomen der Globalisierung zu profitieren. Und das
bedeutet Zusammenarbeit, um die Evolution des
Phänomens selbst in die Richtung von gerechter
Wirtschaftsentwicklung, eines handhabbaren Bevölkerungswachstums, nachhaltiger Nutzung unserer
natürlichen Ressourcen sowie der Verbreitung und
Konsolidierung der Demokratie zu lenken.
Sechs Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges kann
man sagen, daß wir in gewisser Weise immer noch in
einer bipolaren Welt leben. Aber heute ist die Trennlinie nicht ein Eiserner Vorhang zwischen Ost und
West. Sie verläuft vielmehr zwischen den Kräften von
Stabilität und Instabilität, Integration und Desintegration, Wohlstand und Armut. Die Vereinigten Staaten
müssen bei diesem neuen Kampf eine zentrale Rolle
spielen, ebenso wie sie es in dem alten getan haben.
Und wieder einmal wird der Erfolg den vollen Einsatz
der diplomatischen Ressourcen der Vereinigten
Staaten auf der ganzen Welt - und in Foggy Bottom erfordern.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�UMWELT
15. Oktober 1997

Unsere globale Zukunft: Klimawandel
von Timothy Wirth

LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 15. September 1997 in Kew Gardens gehaltene Rede
des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy Wirth.

Mein zentrales Thema heute ist der Klimawandel. Ich
möchte die Verhandlungsposition der Vereinigten
Staaten zu diesem elementaren Thema im Vorfeld der
für Dezember anberaumten internationalen Konferenz
in Kyoto im Einzelnen erläutern. Ich möchte jedoch
damit beginnen, dieses Thema in einen Kontext zu
stellen, weil es in mehrerer Hinsicht typisch für die Art
von Bedrohungen und Chancen ist, mit denen wir uns
im 21. Jahrhundert konfrontiert sehen.
Überall auf der Welt beginnen die Nationen sich ihrer
Chancen und Verantwortung bewußt zu werden, über
die Krisen des Augenblicks hinaus auf die zugrundeliegenden Ursachen zu blicken, die die Welt immer
komplexer machen und die Prioritäten für die langfristige nationale Sicherheit und globale Stabilität neu
definieren. Sie müssen nur meine Erfahrungen und
die meiner Generation denen meiner Kinder und deren
Kinder gegenüberstellen.
Im August 1961 war ich Gefreiter und erlebte mit, wie
die Berliner Mauer errichtet wurde, und ich erinnere
mich, daß ich dachte, wir könnten zu einem Krieg in
Zentraleuropa verschifft werden. 30 Jahre später
saßen meine Kinder zusammen mit ungefähr 750.000
anderen jungen Leuten auf derselben Mauer, um ein
Pink Floyd-Konzert zu hören.
Für meine Generation war die Ost-West-Konfrontation
sicherlich eine prägende Erfahrung. Sie definierte, wer
wir als Land waren, was wir als wertvoll und was wir
als wichtig erachteten. Für meine Kinder ist der Kalte
Krieg ein sich im Rückspiegel immer weiter entfernender Gegenstand.
Das durch das Ende des Ost-West-Konflikts entstandene Vakuum hat verschiedene Vorschläge über

AMERIKA DIENST 20

unsere nationale Zielsetzung hervorgerufen. Einige
vertreten die Ansicht, die Mission der Vereinigten
Staaten sei nur innenpolitisch, und da sich unsere
Interessen und Pflichten auf der Welt maßgeblich
verringert hätten, sollten wir einfach eine starke
Verteidigung aufrechterhalten, um uns vor militärischen Bedrohungen und traditionellen Sicherheitsbelangen zu schützen. Diese Sichtweise ignoriert sehr
viel mehr als die zunehmende Interdependenz unseres
Planeten. Sie ignoriert das schreckliche Leid und die
verlorenen Chancen der Welt von heute. Und sie
ignoriert unsere Verantwortung, Fortschritte und
Hoffnung für die Zukunft sicherzustellen.
Wir sind es gewohnt, in solchen Faktoren wie Ideologie, Geopolitik, wirtschaftlichem Ungleichgewicht oder
in durch Nationalismus, Rasse und religiösen Fanatismus geschürtem intensivem Haß nach der internationalen Zielsetzung und den Ursachen für internationale Instabilität zu suchen.
Diesen Faktoren
müssen wir jetzt die enormen globalen Faktoren wie
rapides Bevölkerungswachstum, Klimawandel und den
Verlust der Artenvielfalt sowie die drohenden Folgen
hinzufügen:
Bodenerosion,
Luftverschmutzung,
Überweidung, abnehmende Frischwasservorräte,
ansteckende Krankheiten, Abbau der Ozonschicht und
viele andere. Selbst verglichen mit den komplexen
Erwägungen, die unsere nationale Sicherheitspolitik
während des Kalten Krieges bestimmten, sind die
neuen globalen Bedrohungen der internationalen
Stabilität beinahe verwirrend in ihrer Wechselwirkung
mit vom Menschen erzeugten Naturphänomenen. Alle
diese Faktoren sind durch eine komplexe Kette von
Ursache und Wirkung verbunden, die zu Problemen
führen, die selbst die nukleare Abschreckung als ein
einfaches Vorhaben erscheinen lassen. Die Berechnungen der Klimaveränderungen - um nur ein

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�Beispiel zu nennen - stellen sogar die modernsten und
stärksten Computer, die für unsere Waffenprogramme
im Kalten Krieg entworfen worden waren, vor eine
Herausforderung.

Weideland erhalten wir Fleisch, Milch, Leder und
Wolle; Ozeane, Flüsse und Seen bringen Nahrungsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie hervor.

Komplexität muß jedoch nicht der Feind eines kohärenten Konzepts für politisch orientierte globale
Themen sein. Von uns allen erfordert die Einbeziehung globaler Bedrohungen in die Definition globaler
und nationaler Sicherheit der Zeit nach dem Kalten
Krieg den Abbau von Schranken und - mit den Worten
von Abraham Lincoln - uns von alten Ideen und den
Paradigmen von gestern "zu befreien".

In der Sprache der Geschäftswelt könnte man sagen,
die Wirtschaft ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Umwelt. Aber wenn wir dieses ökologische
System verschmutzen, zerstören und unwiederbringlich aufs Spiel setzen, beginnen wir, die Wirtschaft
ernsthaft zu schädigen.

So attraktiv es einigen in unserem Kongreß auch
erscheinen mag - mit passiver Isolation werden wir
diese Pflichten nicht erfüllen können. Statt dessen
müssen wir neue Pflichten und neue Herausforderungen - Themen, die das 21. Jahrhundert definieren
werden - erkennen und uns an sie anpassen. Und
eine der wichtigsten ist nachhaltige Entwicklung - das
zentrale Konzept, das beim Erdgipfel im Jahr 1992
vereinbart wurde.

Das ist in Zentral- und Osteuropa geschehen, wo wir
die tiefgreifende Umweltzerstörung erst jetzt entdecken
und verstehen. In der Tat geschieht es überall auf der
Welt, selbst in vielen der Krisengebiete, die heute in
den Schlagzeilen stehen.

Wie Maurice Strang hier vor vier Jahren so klar
dargelegt hat, bedeutet nachhaltige Entwicklung im
Wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt
versuchen sollten, die Bedürfnisse der heutigen
Generation zu erfüllen, ohne Kompromisse zu machen
oder künftige Generationen zu berauben. Es ist ein in
der Erkenntnis des sich gegenseitig verstärkenden
wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen
Fortschritts wurzelndes Konzept.
Bedauerlicherweise ist das größte Hindernis beim
Streben nach nachhaltiger Entwicklung der Irrglaube,
daß der Schutz der Umwelt im Widerspruch zu
Wirtschaftsinteressen steht. Viel zu viele werden mit
dem Kopf nicken und sagen: "Ja, ich bin für Umweltschutz, solange er keine Arbeitsplätze kostet." Und in
eben dieser schrecklich falschen Analyse treffen wir
auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung für
nachhaltige Entwicklung und das Gebot konzertierter
Aktion. Die Wahrheit ist, daß die Umwelt von grundlegender Bedeutung für die Wirtschaft ist.
Ökologische Systeme sind die entscheidende Grundlage unserer Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft, bei der sozialen und wirtschaftlichen
Planung. Fünf unerläßliche biologische Systeme Felder, Wälder, Weideland, Ozeane sowie Flüsse und
Seen - unterstützen die Weltwirtschaft. Mit Ausnahme
von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle
Rohstoffe für die Industrie und alle unsere Nahrungsmittel: Felder liefern Nahrungsmittel, Tierfutter und die
endlose Vielzahl von Rohstoffen für die Industrie wie
Pflanzenöle; Wälder sind die Quelle für Brennstoff,
Holz, Papier und zahllose andere Produkte und bergen
wertvolle Wasserscheiden, die Trinkwasser für
wachsende städtische Gebiete bereitstellen; durch

Seite 2

Ist das nur ein theoretisches Konzept? Nein.

Zum Beispiel:
In Ruanda geschah das unbeschreiblich brutale
Massaker von 1994 vor dem Hintergrund des explodierenden Bevölkerungswachstums, der Umweltzerstörung und der ungleichen Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate zählt zu den
höchsten der Welt - über acht Kinder pro Frau. Das
einstmals reiche Farmland der Nation ist so stark
ausgebeutet und zerstört, daß zwischen 1980 und
1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungswachstums - die Nahrungsmittelproduktion dramatisch sank.
Im Staat Chiapas in Mexiko haben Jahrzehnte von
Konflikten wegen der Ressourcen zu der Rebellion in
Mexikos krisengeschütteltster Region geführt. Die
ungleiche Verteilung von Land und das rasche Bevölkerungswachstum haben die armen Bauern - meistens
Einheimische - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung von umweltgefährdetem Land auf den
Hochebenen durchzuschlagen. Aber dieser Boden ist
schnell ausgelaugt, wodurch die zunehmende Bevölkerung noch weiter in die Armut gestürzt wird. Ein
ähnlicher Zyklus wurde an so unterschiedlichen Orten
wie den Philippinen, dem Himalaja, der Sahelzone,
Indonesien, Brasilien und El Salvador beobachtet.
In Haiti sind schwindende Ressourcen von noch
zentralerer Bedeutung für den sozialen Kollaps, der die
Insel erfaßte, die einst das Kronjuwel des Französischen Imperiums war. Nahezu völlig entwaldet, der
schlechte Boden mit jeder Generation in kleinere und
weniger produktive Parzellen unterteilt, wurden diese
Probleme verschärft durch eine ausbeuterische
Regierung, die die knappen Ressourcen erschöpfte
und nicht in ihr Volk investierte. Über diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und politischen Kollaps
schwebt drohend die Tatsache, daß Haitis Bevölkerung von sieben Millionen - denen schon jetzt in keiner
Hinsicht Lebensuntererhalt geboten werden kann -

AMERIKA DIENST 20

�sich voraussichtlich in den nächsten 18 Jahren
verdoppelt.

Planeten unter enormem Druck stehen. Wir zerstören
unsere eigenen Überlebenssysteme.

Und in China - wo 20 Prozent der Weltbevölkerung
leben - bedrohen ernsthafter Wassermangel und
Bodenerosion die Fähigkeit des Landes, seine Bevölkerung zu ernähren. Zwischen 1987 und 1990 nahm
Chinas anbaufähiger Boden um rund 50 Millionen
Acker ab - ein Gebiet von der Größe aller Bauernhöfe
in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den
Niederlanden zusammengenommen. Diese Bodenerosion führt zu einem Exodus aus dem verarmten
Inneren des Landes zu den boomenden Küstenstädten. China und die Erfordernisse seiner raschen
Industrialisierung rasen auf einen Umweltabgrund zu,
in den seine Volkswirtschaft bald mit voller Geschwindigkeit stürzen wird. Einige dieser gefährlichen Trends
sind das Produkt der Armut. 1,8 Milliarden Menschen
auf der Welt leben in schrecklicher Armut. Mehr als 2
Milliarden leben ohne Zugang zu angemessenen
Sanitäreinrichtungen.

Die rasche Zerstörung unserer lebenserhaltenden
Systeme illustriert unsere Interdependenz mit der
Natur und unsere sich wandelnden Beziehungen zu
dem Planeten.

Arme Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika
benötigen verzweifelt Brennstoff und bebaubaren
Boden. Ihre Bedürfnisse und ihre Zahl machen sie zu
unwissenden, aber mächtigen Kräften der Zerstörung,
sei es in tropischen Regenwäldern oder auf umweltgefährdeten Hügeln - eine Tragödie für die Umwelt
und ihre eigene Zukunft.
Aber Armut ist nicht die einzige - oder die schlimmste Kraft, die die globale Umwelt vergiftet.
Der Appetit der Wohlhabenden auf Holzprodukte ist für
die Wälder von Malaysia, Indonesien, der Philippinen,
Brasilien und der Vereinigten Staaten eine gleich
große Bedrohung.
Der Großteil des Grundwassers, das unserer Zukunft
entzogen wird, fließt in die erleuchteten Städte derjenigen, die alles haben, nicht auf das ausgedörrte Land
derjenigen, die nichts haben.
Eben diese Städte und wir, die darin leben, heizen die
Erderwärmung an.
Wir lernen auch, daß Umweltkapital nicht einfach
gemessen werden kann, indem man Bäume, Fischbestände oder Kornähren zählt. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Abwässer filtern,
den Boden regenerieren, das Wetter und die klimatischen Bedingungen bestimmen und die Frischwasservorräte auffüllen. Diese Systeme, die jetzt in einem
neuen, aufregenden und fesselnden Gebiet der
ökologischen Wirtschaft als Dienstleistungen im
Umweltbereich bezeichnet werden, erlauben uns das
Leben auf dieser Erde. Der Abbau der Ozonschicht,
der Verlust der Artenvielfalt und der zunehmende
Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre sind Reflexionen der Tatsache, daß die ökologischen Systeme des

AMERIKA DIENST 20

Unsere Sicherheit ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden. Die Sicherheit unserer Welt hängt davon
ab, ob wir ein tragfähiges, ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen und der
Fähigkeit des Planeten zum Erhalt des Lebens
schaffen können.
Warum wurden diese neuen Aspekte der Sicherheit
erst kürzlich erkannt? Zwei Trends sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der Bevölkerung.
Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 verdoppelt und
beläuft sich jetzt auf nahezu sechs Milliarden. Jedes
Jahr nimmt die Welt um weitere 91 Millionen Einwohner zu - das entspricht einem weiteren New York
jeden Monat, einem weiteren Mexiko jedes Jahr, einem
weiteren China jedes Jahrzehnt. 95 Prozent dieses
Wachstums finden in den verarmten Entwicklungsländern statt, die schon jetzt darum kämpfen, Arbeitsplätze und den Lebensunterhalt für ihre Bewohner
bereitzustellen.
Gleichzeitig haben die Industrienationen die Fähigkeit
und das Konsumverhalten entwickelt, in einer Geschwindigkeit Ressourcen zu verbrauchen und Müll zu
produzieren, die in der Menschheitsgeschichte
ihresgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrienationen zwei Drittel aller konsumierten
Ressourcen und produzieren vier Fünftel aller Schadstoffe und Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche Lage die Bevölkerung der Welt nimmt in einem Maße zu,
dem nur unsere wachsende Fähigkeit, Ressourcen zu
konsumieren und Müll zu produzieren, entspricht oder
diese übertrifft. Der Kurs, auf dem wir uns zur Zeit
befinden, ist unhaltbar.
Ein besonderes Anliegen für uns in den Vereinigten
Staaten sind die "Großen Drei": Bevölkerung, Artenvielfalt und Klimawandel. Unseres Erachtens haben
alle drei große Dringlichkeit.
Obwohl es zutrifft, daß das Bevölkerungswachstum
abnimmt, ist die Grundlage, auf der diese Rate angewandt wird, größer als je zuvor in der Weltgeschichte.
Nahezu die Hälfte der heutigen Bevölkerung ist 15
Jahre oder jünger - sie tritt gerade ins geburtenfähige
Alter ein. Ein Großteil der Zukunft der Welt wird davon
abhängen, ob diese neuen jungen Eltern zwei, drei,
vier oder mehr Kinder haben. Aufgrund des Kairoer

Seite 3

�Aktionsprogramms wissen wir, was wir tun müssen.
Wir müssen es jetzt tun.

mit enormen Versprechungen für die Nachwelt verbunden werden können.

Das Zweite der "Großen Drei" ist die Artenvielfalt, das
Hauptthema von Kew Gardens und Ihrer hervorragenden Arbeit auf der ganzen Welt. Wir müssen uns der
Notwendigkeit bewußt werden, über die abstrakten
Worte der Erhaltung und Nutzung unseres biologischen Erbes hinauszugehen. Ich bin immer mehr
davon überzeugt, daß das Thema Artenvielfalt in nicht
allzu ferner Zukunft alle anderen in den Schatten stellt.

Und jetzt zum Dritten der "Großen Drei": Klimawandel.
Die durch unsere jährliche Emission von Milliarden
Tonnen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in die Atmosphäre verursachte Erderwärmung
wird wahrscheinlich enorme Auswirkungen auf jeden
Aspekt der natürlichen Ordnung haben. Wir müssen
über den Klimawandel als Problem der nachhaltigen
Entwicklung und als globales Problem nachdenken.

Das 21. Jahrhundert wird zweifelsohne das Jahrhundert der Biologie. Mehr als 50 Prozent der am
meisten verkauften Pharmazeutika von heute kommen
bereits direkt von pflanzlichen Biochemikalien, und
viele geheime Versprechen erwarten uns: Ein
Immergrün-Betrieb in Madagaskar liefert ein Mittel
gegen bestimmte Formen von Leukämie, Brustkrebs
und Krebsarten, die Kinder befallen. Fingerhut, eine
Pflanze aus der Familie der Löwenmäulchen, auch als
Digitalis bekannt, ist der Grundstoff für ein wichtiges
Medikament, das bei chronischem Herzversagen
eingesetzt wird. Chinin, das aus der Rinde eines
Strauchs aus der Familie der Kaffeepflanzen gewonnen wird, war ein Jahrhundert lang das Hauptmittel
gegen Malaria; und Penizillin, das wichtigste und
berühmteste Antibiotikum, wurde aus gewöhnlichem
Schimmel entwickelt.

Unserer Ansicht nach sind die wissenschaftlichen
Fakten überzeugend:

Die Liste geht immer weiter, bietet unermeßliche Hilfe
und Beruhigung für die Menschheit und schafft
Dollarmärkte in Milliardenhöhe.
Entsprechend entstammt auch unsere Nahrungsmittelbasis dem Reservoir der Natur. Nur drei Arten
von Getreide - Reis, Weizen und Mais - sind beispielsweise die Hauptnahrungsmittel des Menschen,
dennoch ist die Fülle in der Natur viel größer.
Wir können die Entfernung zum Mond auf Zentimeter
genau messen, aber wir haben noch nicht das Wunder
der Arten unserer eigenen Welt erforscht. Gibt es 10
Millionen, 50 Millionen oder 100 Millionen, und welche
genetischen Wunder versprechen sie? Sicherlich ist
das die allerwichtigste Grenze der Zukunft, innerhalb
der wir nach Nahrungsmitteln, Brennstoff, Pharmazeutika oder Fasern suchen können, wie wir einst nach
Gold in Südafrika oder Silber im amerikanischen
Westen gesucht haben. Leider wird das in den
Vereinigten Staaten nicht genug verstanden; es sind
Kräfte in unserem Land im Gange, die eine biologische
Übersicht unserer Nation vereiteln, das Artenschutzgesetz außer Kraft setzen und den internationalen
Vertrag über Artenvielfalt ignorieren wollen. Eine der
größten uns konfrontierenden Herausforderungen ist
die Veränderung der Begriffe der biologischen Debatte, so daß sie als eine phänomenale Zukunft verstanden wird, in der wir beweisen können, daß wirtschaftlicher Wohlstand und die Erhaltung der Umwelt

Seite 4

Die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre
wird durch anthropogene Treibhausgasemissionen
verändert. Die kontinuierliche Ansammlung dieser
Gase wird den natürlichen Treibhauseffekt vergrößern
und eine Veränderung des globalen Klimas bewirken.
Auf der Grundlage dieser und zusätzlicher wissenschaftlicher Fakten wurde in der zweiten globalen
Studie des zwischenstaatlichen Gremiums für den
Klimawandel (IPCC) berichtet, "die vorliegenden
Beweise legen nahe, daß es einen erkennbaren
menschlichen Einfluß auf das globale Klima gibt".
Mit dieser letzten Erkenntnis wurde zum ersten Mal ein
Konsens zwischen führenden Klimaforschern erzielt,
daß die sich verändernden Klimabedingungen der Welt
mehr als die natürlichen Unbeständigkeiten des
Wetters sind. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der
IPCC haben die zwingenden Fakten des wissenschaftlichen Verständnisses dieses Problems noch
unterstrichen.

Dennoch besteht weiterhin Unsicherheit. Die Wissenschaftler können uns noch nicht genau sagen, wie
sehr, wann oder in welcher Geschwindigkeit das Klima
der Erde auf die Ansammlung der Treibhausgase
reagieren wird. Anhand der bestmöglichen Schätzung
auf der Grundlage dessen, was über das komplexe
Klimasystem bekannt ist, vertreten die Wissenschaftler
jedoch die Ansicht, daß die derzeitigen Emissionstrends (die in den nächsten Jahrzehnten die effektive
Verdoppelung von vorindustriellen Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre zur Folge haben
werden) zu globalen Temperaturen führen werden, die
im Durchschnitt 2 bis 6,5 Grad wärmer sind als heute
und in einem Maße steigen, das größer ist als je zuvor
in den vergangenen 10.000 Jahren.
Auf der Grundlage dieser Schätzungen deuten die
besten wissenschaftlichen Beweise darauf hin, daß der
vom Menschen verursachte Klimawandel, wenn er
unvermindert anhält, tiefgreifende Konsequenzen für
die Wirtschaft und die Lebensqualität künftiger Generationen haben könnte:

AMERIKA DIENST 20

�Die menschliche Gesundheit steht durch die projizierte
Zunahme von durch Hitze herbeigeführten Todesfällen
und der Verbreitung von Krankheiten wie Malaria,
Gelbfieber und Cholera auf dem Spiel. In der Tat
sehen die Weltgesundheitsorganisationen die Auswirkung des Klimawandels als eine der größten
Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit im 21.
Jahrhundert.
Die Nahrungsmittelsicherheit könnte durch eine Reihe
von Auswirkungen der Erderwärmung bedroht sein,
wenn die Felder sich nach Norden verlagern und
einige Regionen der Welt sich einer ernsthaften
Nahrungsmittelknappheit ausgesetzt sehen.
Das
macht die Arbeit von Kew Gardens an ihrer Saatenbank außerordentlich relevant und wichtig für dieses
Problem.
Die Wasserressourcen werden erwartungsgemäß
immer mehr beansprucht mit beträchtlichen Kosten für
die Wirtschaft, Gesellschaft und die Umwelt in Regionen, deren Wasservorräte bereits begrenzt sind, und
vielleicht mit politischen Kosten an Orten, wo es bereits
einen Konflikt wegen begrenzter Ressourcen gibt.
Die Küstengebiete - wo ein hoher Prozentsatz der
Weltbevölkerung lebt - sind aufgrund des Anstiegs des
Meeresspiegels in Gefahr. Allein in den Vereinigten
Staaten schätzen unsere Planer die Kosten für den
Schutz der Küsten vor einem Anstieg von einem Meter
auf 100 bis 300 Milliarden Dollar.
Unserer Ansicht nach hat das IPCC den politischen
Entscheidungsträgern gegenüber eindeutig bewiesen,
daß zur Bewältigung diese Herausforderung weitere
Maßnahmen ergriffen werden müssen.
Die Maßnahmen der Vereinigten Staaten zum Klimawandel stützen sich auf diese wissenschaftlichen
Fakten - das Risiko ist zu groß, um ignoriert zu
werden, und wir müssen jetzt handeln.
Unsere Vorschläge enthalten drei zentrale Komponenten:
Wir schlagen vor, daß alle Industrienationen realistische und erreichbare Ziele und Zeitpläne für die
beträchtliche Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen festlegen.
Wir schlagen vor, daß die Entwicklungsländer Fortschritte bei ihren im Rahmen des Vertrags zum
Klimawandel eingegangenen Verpflichtungen erzielen
müssen und darüberhinaus einem Prozeß zustimmen,
der sicherstellt, daß sie eine Verpflichtung zu eigenen
bindenden Emissionsbegrenzungen eingehen.
Und schließlich schlagen wir die Einrichtung eines
Systems handelbarer Emissionszertifikate und andere
Marktmechanismen vor, die die Kosten der Emissions-

AMERIKA DIENST 20

begrenzungen in den Industrie- und Entwicklungsländern senken.
Ich möchte jeden dieser drei Aspekte unseres Vorschlags im Einzelnen ansprechen.
Ich möchte mit unserer Idee eines Systems handelbarer Emissionszertifikate und den Marktmechanismen
beginnen, weil wir sie als unerläßlich für unseren
Vorschlag insgesamt ansehen - sowohl im Hinblick auf
die Umwelt als auch auf die Wirtschaft. Unseres
Erachtens können diese Marktmechanismen die
Kosten der Umsetzung beträchtlich verringern - und
uns dadurch in den Industrie- und Entwicklungsländern
gleichermaßen sehr viel größere Emissionsverringerungen ermöglichen.
In den Vereinigten Staaten wurde das Konzept des
Handels mit Emissionszertifikaten erfolgreich für die
bis zu zehnfache Verringerung der Kosten der Einhaltung der Standards eingesetzt, die für Kraftwerksemissionen von Schwefeldioxid festgesetzt wurden.
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel stellen wir
uns vor, daß die beteiligten Nationen und ihre Privatunternehmen mit den Zertifikaten für Treibhausgasemissionen handeln dürfen und damit dort die Möglichkeit zur Reduzierung von Emissionen schaffen, wo
dies am billigsten ist. Ein solches Programm könnte
die Kosten der Emissionsverringerung um bis zu 50
Prozent senken.
Es muß ein internationales Regime für den Handel mit
Emissionszertifikaten entworfen und umgesetzt
werden. Wir müssen ein zuverlässiges System der
Überwachung und Verifizierung einführen um sicherzustellen, daß jeder die Regeln einhält - das trifft
jedoch auf fast alle internationalen Abkommen zu, von
Rüstungskontrolle bis zum Recht auf geistiges Eigentum.
Ein weiteres Schüsselelement unserer Klimastrategie
ist gemeinsame Umsetzung. Wir schlagen vor, daß
Privatunternehmen in Industrienationen Projekte zur
Emissionsverringerung in Entwicklungsländern einführen und diese Reduzierungen gegen ihre eigenen
Emissionen aufrechnen. Unseres Erachtens kann die
gemeinsame Umsetzung von dem Fachwissen und
Kapital des Privatsektors profitieren, um die globalen
Treibhausgasemissionen in kostengünstiger Weise zu
verringern.
Die Vereinigten Staaten haben bereits viele erfolgreiche Demonstrationsprojekte für gemeinsam durchgeführte Aktivitäten in die Wege geleitet, von Wiederaufforstung bis zu Energieeinsparung, von Costa Rica
bis zur Tschechischen Republik, von Belize über
Bolivien bis Rußland.
Wie diese Projekte bewiesen haben, kann die gemeinsame Umsetzung sehr viel mehr bewirken als nur die

Seite 5

�Kosten verringern. Die Entwicklungsländer müssen
aus einem solchen System durch den Transfer
modernster Technologien und Unternehmenspraktiken
substantielle und langfristige Vorteile ziehen. Wie wir
in Mittelamerika gesehen haben, können Projekte für
die gemeinsame Umsetzung darüber hinaus einen
unschätzbaren Mechanismus zum Schutz der Wälder
und anderer entscheidender Lebensräume auf der
ganzen Welt bieten.
Wir sehen die Kombination des Handel mit Emissionszertifikaten mit gemeinsamer Umsetzung als eine
umfassendere "grünere" Alternative zu der Idee einer
europäischen "bubble" und anderen rein regionalen
Schemata. Klimawandel ist ein globales, kein regionales Problem, und die Mechanismen, die wir zur
Kostenreduzierung einführen, sollten so umfassend
wie möglich sein. Um ganz sicher zu gehen, sollten
wir die europäischen Regierungen und Unternehmen
zur Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und
Australien, Rußland und Japan, China und Indien
ermutigen. Das Leitprinzip sollte die Maximierung der
Vorteile für die Umwelt mit niedrigsten Kosten sein.
Wir sollten die Emissionen reduzieren, wo immer und
wann immer wir können, selbst wenn dies das Überqueren nationaler oder regionaler Grenzen bedeutet.
Geringere Kosten werden uns wiederum in die Lage
versetzen, sehr viel bedeutendere Reduzierungen von
Treibhausgasemissionen anzustreben und dann zu
erlangen.
Gleichzeitig denken wir, daß alle Industrienationen
signifikante Maßnahmen zur Emissionsreduzierung
ergreifen sollten. Das ist ein Problem, das jede Nation
betrifft, und jede Nation muß Teil der Lösung sein.
Aber im Gegensatz zum Handel mit Emissionszertifikaten würde die "EU-bubble" ein System schaffen, in dem Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland wenig oder keinen Anreiz zur Begrenzung
ihrer Emissionen haben - in der Tat würde der aktuelle
Vorschlag der EU diese Länder zu einer Erhöhung
ihrer Emissionen um bis zu 40 Prozent über das
Niveau von 1990 ermutigen. Das ist nicht der beste
Weg zur Verringerung der Emissionen insgesamt, und
es ist nicht das richtige Signal, das wir den seit kurzem
zu den Industrienationen zählenden Ländern wie
Mexiko und Korea senden wollen.
Das bringt mich zu den Zielen und Zeitplänen für die
Emissionsverringerung in Industrienationen.
Präsident Clinton ist sich bewußt, daß die Vereinigten
Staaten als das Land, das die meisten Treibhausgase
emittiert, ein gutes Beispiel für andere Nationen auf der
Welt geben müssen. Aus diesem Grund haben der
Präsident und seine Kabinettsmitglieder jetzt eine
intensive Aufklärungskampagne eingeleitet, um die
Amerikaner und den Kongreß davon zu überzeugen,
daß das Problem des Klimawandels real und drohend
ist. Und aus diesem Grund hat Präsident Clinton

Seite 6

versprochen, daß "wir zu der Konferenz von Kyoto
eine starke Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu
realistischen und bindenden Obergrenzen mitbringen,
die unsere Treibhausgasemissionen beträchtlich
reduzieren werden". Unseres Erachtens werden
Marktmechanismen wie die von mir erörterten die
Erlangung bedeutender Emissionsreduzierungen in
kosteneffektiver Weise ermöglichen.
Aber selbst mit solchen Mechanismen gibt es Grenzen
dessen, was wir in Kyoto vereinbaren können oder
sollten. Man kann sehr wohl sagen, daß jedes unserer
Länder in den nächsten zwei Jahrzehnten die Emissionen um 15 oder 20 Prozent unter das Niveau von 1990
senkt. Wir müssen jedoch ehrlich bezüglich dessen
sein, was realistisch erreicht werden kann, und wir
müssen unsere Versprechen halten. Sonst wird der
gesamte internationale Verhandlungsprozeß über den
Klimawandel zu politischen Positionen verkommen,
und - mit keinem Abkommen in Sicht - werden die
Emissionen weiterhin rasch ansteigen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Großbritannien schwierige und bewundernswürdige Entscheidungen zur
Senkung der Energiesubventionen getroffen. Damit
geben Sie ein gutes Beispiel für andere Nationen auf
der Welt, die in den kommenden Jahren ähnliche
Entscheidungen fällen müssen. Wir beglückwünschen
Premierminister Blair zu seinem enthusiastischen und
öffentlichen Engagement für weitere Emissionsreduzierungen.
Wahrscheinlich werden im Jahr 2000 Großbritannien,
Deutschland und die Nationen der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas die einzigen Industriestaaten
sein, die ihre Emissionen auf dem Stand von 1990
eingefroren haben. Deutschland wird seine Emissionsziele durch die Schließung von Fabriken in der
ehemaligen DDR erreichen, während Rußland und
seine osteuropäischen Nachbarn das nur durch
massive, extrem schmerzhafte wirtschaftliche Umstrukturierungen tun können.
Mit Blick auf das Gesamtbild müssen wir uns auch
bewußt werden, daß Aktionen der Vereinigten Staaten,
Großbritanniens und anderer Industriestaaten allein
nicht ausreichen, um die Welt auf den Weg zu stabilen
Treibhausgaskonzentrationen zu bringen. Wie ich
bereits darlegte, ist Klimawandel eine globale Frage,
die eine weltweite Antwort erfordert. Wir haben nur
eine Atmosphäre - ob sie nun durch amerikanische
Kraftwerke, brasilianische Stahlwerke oder koreanische Verkehrsstaus verschmutzt wird.
Zur Zeit entfallen ungefähr 60 Prozent der globalen
Emissionen auf die Industriestaaten. Aber auch die
Emissionen der Entwicklungsländer steigen schnell an
und werden im Jahr 2020 mehr als die Hälfte der
weltweiten Emissionen ausmachen. China - das im
Hinblick auf Treibhausgasemissionen weltweit bereits

AMERIKA DIENST 20

�an zweiter Stelle steht - wird die Vereinigten Staaten in
den nächsten 15 Jahren übertreffen, weshalb es
dringend geboten ist, daß in Zukunft jeder Schritt
Aktionen von Industriestaaten und Entwicklungsländern gleichermaßen beinhaltet.
Ich sollte noch hinzufügen, der Kongreß der Vereinigten Staaten teilt unsere Ansicht, daß eine Beteiligung der Entwicklungsländer sehr wichtig ist.
Tatsächlich zeigte der Senat vor kurzem durch ein
Votum von 95 zu 0, daß er nur dann einem Abkommen
zum Klimawandel zustimmen wird, wenn es spezifische Bestimmungen zur Bewältigung dieses Problems beinhaltet. Viele meiner früheren Kollegen im
Senat halten das für ein Problem des Wettbewerbs.
Ein großer und steigender Prozentsatz der amerikanischen Exporte geht in die Entwicklungsländer; wir
konkurrieren auf der ganzen Welt mit China, dem
weltweit größten Exporteur von Verbrauchsgütern.
Sehr viele Amerikaner machen sich Sorgen, daß ein in
Kyoto geschlossenes Abkommen zum Export ihrer
Arbeitsplätze ins Ausland führen könnte.
Wir erachten die Beteiligung der Entwicklungsländer
als wesentlichen Bestandteil eines umfassenden
Abkommens von Kyoto - zusammen mit den rechtlich
bindenden Verpflichtungen der Industriestaaten und
der Schaffung eines kostengünstigen Mechanismus zu
seiner Umsetzung. Es gibt mehr als 100 Entwicklungsländer, die sich im Hinblick auf ihre Größe und

Nationen ihre Energieeffizienz verbessern, Subventionen abschaffen, eine marktorientierte Preisfestsetzung
unterstützen, den Einsatz erneuerbarer Energien
verstärken, Investitionen in umweltfreundliche Technologien erleichtern und die Entwicklung und den
umweltfreundlichen Umgang mit den Wäldern und
anderen Kohlenstoffsenken und -reservoiren fördern
sollten. All diese Maßnahmen sind wirtschaftlich
gerechtfertigt und können auch zur Lösung anderer
Umweltprobleme beitragen.
Wie sollten wir die Entwicklungsländer kategorisieren?
Sie sind nicht alle gleich. Einige tragen aufgrund ihrer
großen Volkswirtschaften die Verantwortung für einen
beträchtlichen Teil der globalen Emissionen. Andere
haben ein höheres Pro-Kopf-Einkommen, was sie in
die Lage versetzt, mehr Pflichten zu übernehmen.
Unterscheidungen zwischen den einzelnen Entwicklungsländern sind gerechtfertigt, und unseres Erachtens begründen sie die Schaffung einer besonderen Klasse von Nationen, die um freiwillige Festsetzung von Zielen für ihre Emissionen gebeten würden.
Diese Nationen dürften dann mit ihren Emissionszertifikaten handeln.
Drittens müssen wir uns mit der dringenden Notwendigkeit eines Regimes befassen, innerhalb dessen alle
Nationen - insbesondere die größeren und reicheren gleichberechtigte Partner bei der Reaktion auf die
Bedrohung des Klimawandels werden. Das bedeutet,

ihren Entwicklungsstand stark unterscheiden; aber

daß Kyoto ein erster Schritt in einem Prozeß wird, der

jede dieser Nationen kann und sollte Aktionen ergreifen, die ihren Fähigkeiten und Pflichten entsprechen.

über viele Jahre hinweg fortgesetzt werden muß.
Unsere Arbeit wird in Kyoto nicht beendet, aber es ist
wichtig, daß sie mit einem ernsthaften und engagierten
ersten Schritt beginnt.

Der Vorschlag der Vereinigten Staaten für die Beteiligung der Entwicklungsländer enthält drei Elemente:
Erstens rufen wir alle Nationen - Industriestaaten und
Entwicklungsländer - dazu auf, die Umsetzung ihrer
bestehenden Verpflichtungen zur Ergreifung von
Maßnahmen zum Klimaschutz zu fördern.
Zweitens ersuchen wir die Schwellenländer, insbesondere diejenigen mit einem OECD-Status,
freiwillige Emissionsbeschränkungen vorzunehmen.
Drittens fordern wir eine neue Verhandlungsreihe zur
Ausarbeitung mengenmäßig festgelegter Verpflichtungen für alle Länder und zur Einführung eines "Auslösers" für die automatische Anwendung dieser
Verpflichtungen auf der Grundlage vereinbarter
Kriterien.
Lassen Sie mich noch ein paar Worte über unsere
Strategie für die Entwicklungsländer sagen:
Zunächst geht es hierbei um die Förderung der
Umsetzung bestehender Abkommen im Rahmen der
Klimakonvention. Wir sind der Ansicht, daß alle

AMERIKA DIENST 20

Ich bin im Hinblick auf die logische Grundlage unseres
Vorschlags für Kyoto ziemlich ins Detail gegangen,
weil die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union sich möglichst bald auf eine gemeinsame
Position einigen müssen, damit wir während der
bevorstehenden Verhandlungen zusammenarbeiten
können. Das Bündnis, das unseren gemeinsamen
Interessen während des Ersten Weltkriegs, des
Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs so gut
gedient hat, wird auch hier von elementarer Bedeutung
sein. Aus diesem Grund bin ich heute hier: Um mit
Ihnen zu sprechen und Konsultationen mit Ihrer
Regierung zu führen.
Dies ist eine ehrgeizige, interessante und anstrengende Agenda, die nicht ohne Kosten und Hindernisse ist,
aber bewältigt werden kann. Tatsächlich lautet die
Frage nicht länger, was getan werden muß, sondern
vielmehr wie das, was offensichtlich getan werden
muß, erleichtert werden kann. Vom Erfolg werden
unsere beiden Nationen, unsere beiden Volkswirtschaften und - was am wichtigsten ist - derzeitige und
künftige Generationen profitieren. Meines Erachtens
hängt unser Vermächtnis großenteils von unserer

Seite 7

�Fähigkeit ab, diese neuen Herausforderungen zu
verstehen und darauf zu reagieren. Die zukünftige
Bewohnbarkeit und Stabilität der Welt steht auf
Messers Schneide.
1948, als die Erforschung des Weltraums noch
Sciencefiction war, erklärte der Astronom Fred Hoyle:
"Wenn wir erst einmal eine aus dem Weltraum aufgenommene Fotografie der Erde haben, werden neue
Ideen entwickelt, die mächtiger sind als alle anderen in
der Geschichte."
Zwanzig Jahre später, als die Raumfahrt Realität
wurde, verliehen die Astronauten Hoyles Gefühl für
die Einheit der Welt überzeugend Ausdruck. Ich
möchte eine Äußerung des amerikanischen Astronauten James Irwin zitieren:
"Dieses wunderschöne, warme, lebendige Objekt sah
so zerbrechlich, so zart aus, als würde es bei der
ersten Berührung brechen und zerfallen."

*

Seite 8

Und ein russischer Kosmonaut äußerte: "Nachdem
eine orangefarbene Wolke - die sich als Ergebnis
eines Sandsturms über der Sahara gebildet hatte - die
Philippinen erreicht und dort mit dem Regen zu Boden
fiel, verstand ich, daß wir alle in demselben Boot
sitzen."
In diesem letzten Jahrzehnt des Jahrtausends haben
wir die Macht und die enorme Verantwortung, dieses
Boot vorsichtig zu steuern. Wir haben auch die
Fähigkeit, den Wandel zum Nutzen der gesamten Welt
zu gestalten. Den heute in diesem Raum widergespiegelten Interessen und intellektuellen Fähigkeiten
kommt in diesem Zusammenhang eine besondere
Verantwortung zu. Wenn wir zusammenarbeiten, sind
Ihre Begabungen, Ihre Energie und Ihre Macht den
Herausforderungen und beteiligten Institutionen mehr
als gewachsen. Ich weiß, daß jeder Einzelne von
Ihnen sich an diesem Bestreben beteiligen wird und
wir unsere Energie und Klugheit in den Dienst dieser
Ziele stellen können. Zweifelsohne hängt unsere
Zukunft davon ab.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Weg zu Fortschritten in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Globalisierung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globalisierung und Diplomatie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere globale Zukunft: Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Timothy Wirth&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Oktober 1997

21

PROBLEM DES KLIMAWANDELS REFLEKTIERT
NEUE REALITÄTEN DES 21. JAHRHUNDERTS
Rede von Präsident Clinton

UMWELT

WIRTH: EUROPÄER BEFÜRWORTEN
"UNREALISTISCHE" ZIELE
Rede des Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten

WIRTSCHAFT

DIE AUSWIRKUNGEN DER EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND UND AMERIKA: EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
von Botschafter John Kornblum
JOHN C. KORNBLUM IM SENDER
FREIES BERLIN
Interview mit dem amerikanischen Botschafter

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

29. Oktober 1997

Problem des Klimawandels reflektiert
neue Realitäten des 21. Jahrhunderts
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die US-Präsident Clinton am 22. Oktober 1997
vor der National Geographie Society in der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Vielen Dank Herr Murphy, Herr Vizepräsident. Ich
danke allen, die heute gekommen sind, vor allem den
Kongreßabgeordneten, den Arbeitnehmer- und
Arbeitgebervertretern, allen Mitgliedern der Administration und insbesondere den Mitarbeitern des Weißen
Hauses, die der Vizepräsident erwähnte, dem Energieminister, der Direktorin des Umweltamts (Environmental Protection Agency - EPA) und allen anderen,
die uns unterstützt haben.
Auf dem Weg hierher trafen wir führende Vertreter der
National Geographie Society, denen ich zu ihrer
jüngsten zweiteiligen Serie über das Römische Reich
gratulierte. Es ist faszinierend zu lesen, wie dieses
Imperium aufstieg, wie es sich Hunderte von Jahren
hielt, warum es fiel und welche Spekulationen darüber
angestellt werden, welche Relevanz es - wenn überhaupt - für die Vereinigten Staaten und den Westen
haben könnte.
Einer der Herren sagte: "Wir haben zu diesem Thema
viele interessante Kommentare bekommen, einschließlich eines Briefs, der sich auf eine Büste des
Kaisers Vespasian bezog. Und einer unserer Leser
fragte, warum um Himmels willen wir eine Statue von
Gene Hackman in einem Artikel über das Römische
Reich abbilden. Ich erzähle das vor allem, um folgendes zu zeigen: Je mehr sich die Dinge verändern,
desto mehr bleibt alles beim Alten.
Denn die Grundlage einer Zivilisation - all unserer
Zivilisationen - ist das ständige Streben nach Erneuerung, die Fähigkeit, abschlägige Antworten zu vermeiden und die Zukunft auf realistische und humane, aber
entschlossene Art und Weise anzugehen. Morgen ist
es sechs Jahre her, daß ich - kurz nach Beginn

AMERIKA DIENST 21

meines Präsidentschaftswahlkampfes - in meine Alma
Mater nach Georgetown zurückkehrte und eine
Vorlesungsreihe mit drei Reden hielt, in denen ich
meine Vision von Amerika im 21. Jahrhundert darlegte
- wie wir den Amerikanischen Traum für all unsere
Menschen lebendig halten könnten, wie wir die
Führungsrolle Amerikas für Frieden, Freiheit und
Wohlstand aufrechterhalten könnten, und wie wir die
Trennlinien überwinden könnten, die heute noch
verhindern, daß wir als ein Amerika geeint sind.
Gemeinsam haben wir in den letzten nahezu fünf
Jahren, in denen der Vizepräsident und ich das
Privileg hatten, an dieser Aufgabe zu arbeiten, viele
Fortschritte gemacht. An der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert floriert unsere Wirtschaft, wird
unser soziales Gefüge verbessert, und wir tragen dazu
bei, die Welt zu mehr Frieden und Zusammenarbeit zu
führen.
Meines Erachtens ist das großenteils darauf zurückzuführen, daß wir eine andere Philosophie über die
Rolle der Regierung hatten. Heute ist die Regierung
kleiner, zielorientierter und stärker darauf ausgerichtet,
den Menschen die nötigen Werkzeuge und Bedingungen zu bieten, die sie zur Lösung ihrer Probleme und
zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unseren
Bürgern brauchen. Noch wichtiger ist, daß das meiner
Meinung nach darauf zurückzuführen ist, daß wir
harte, aber keine falschen Entscheidungen getroffen
haben.
Bei der Wirtschaft haben wir die Entscheidung getroffen, den Haushalt auszugleichen und in unsere
Menschen und unsere Zukunft zu investieren. Bei der
Verbrechensbekämpfung haben wir die Entscheidung

Seite 1

�getroffen, entschlossen und klug vorzugehen und das
Umfeld zu verändern, das Kriminalität hervorbringt.
Bei der Sozialhilfe haben wir die Entscheidung getroffen, daß die Menschen arbeiten müssen, wir aber auch
die Kinder von Sozialhilfeempfängern unterstützen.
Bei der Familienpolitik haben wir die Entscheidung
getroffen, Eltern bei der Suche nach mehr und besseren Arbeitsplätzen zu unterstützen und ihnen zu
helfen, ihren Kindern mehr Zeit zu widmen und Mittel
zur Verfügung zu stellen. Und bei der Umwelt haben
wir die Entscheidung getroffen, unsere Luft, unser
Wasser und unseren Boden reinzuhalten, unsere
Nahrungsmittelversorgung zu verbessern und die
Wirtschaft anzukurbeln.
Dieser vernunftbestimmte Ansatz, der in unseren
grundlegendsten Werten und unserem andauernden
Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit freier Menschen
wurzelt, die Herausforderungen jedes Zeitalters zu
meistern, muß in die Arbeit einfließen, die noch zu
leisten ist, um den Menschen und der Welt den Weg in
ein neues Jahrhundert und ein neues Jahrtausend zu
ebnen.
Heute haben wir eine klare Verantwortung und eine
wunderbare Chance zur Bewältigung einer der
wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts der Herausforderung des Klimawandels - durch eine
umweltfreundliche und wirtschaftsfördernde Strategie
zur Erlangung bedeutender Reduktionen von Treibhausgasen in den Vereinigten Staaten und in allen
Industrie- und Entwicklungsländern. Wenn diese
Strategie richtig durchgeführt wird, schafft sie eine
Vielzahl neuer Chancen für Unternehmer im Inland,
erhält unsere Führungsrolle im Ausland aufrecht und
setzt die Macht der freien Märkte zur Befreiung
unseres Planeten von einer inakzeptablen Gefahr ein.
Es ist eine Strategie, die unserer Verpflichtung entspricht, falsche Entscheidungen abzulehnen.
Amerika kann sich für unsere nationalen Interessen
und für die gemeinsamen Interessen der internationalen Staatengemeinschaft einsetzen. Amerika
kann heute auf Wohlstand bauen und gewährleisten,
daß unsere Kinder morgen auf einem gesunden
Planeten leben.
Das Problem des Klimawandels reflektiert in vielerlei
Weise die neuen Realitäten des neuen Jahrhunderts.
Vielen Bedrohungen der Vergangenheit konnten wir
innerhalb unserer eigenen Grenzen begegnen, aber
die Erderwärmung erfordert eine internationale
Lösung. Viele Bedrohungen der Vergangenheit kamen
von einem einzigen Feind, aber die Erderwärmung hat
Millionen Quellen. Viele Bedrohungen der Vergangenheit stellten eine offensichtliche und gegenwärtige
Gefahr dar; die Erderwärmung ist jedoch viel subtiler
und warnt uns nicht mit lärmenden Motoren oder
brennenden Flüssen, sondern mit unsichtbaren
Gasen, langsamen Veränderungen in unserer Umge-

Seite 2

bung und immer gravierenderen Klimaveränderungen,
von denen die meisten Amerikaner Gott sei Dank noch
nicht betroffen sind. Aber irren Sie sich nicht: Das
Problem ist real. Und wenn wir jetzt nicht unseren
Kurs ändern, wird das früher oder später vernichtende
Auswirkungen auf Amerika und die Welt haben.
Die überwältigende Mehrheit der Klimaforscher auf der
Welt ist zu folgender Schlußfolgerung gelangt: Wenn
die Länder der Welt nicht zur Verringerung der Emission von Treibhausgasen zusammenarbeiten, werden
die Temperaturen ansteigen und das Klima stören.
Tatsächlich vertreten die meisten Wissenschaftler die
Ansicht, daß dieser Prozeß bereits begonnen hat. Die
Zahl zerstörerischer meteorologischer Ereignisse wird
größer.
Krankheiten übertragende Insekten kommen in
Gebiete, die früher zu kalt für sie waren. Die Durchschnittstemperaturen steigen an.
Die Gletscher
beginnen zu schmelzen.
Die Wissenschaftler kennen noch nicht die genauen
Auswirkungen dieser Entwicklungen. Wir wissen
jedoch genug, um sagen zu können, daß die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre während des Industriezeitalters dramatisch angestiegen
ist; ihr Abbau wird ein Jahrhundert oder länger dauern.
Wir wissen, daß dieser Prozeß verlangsamt und
schließlich gestoppt werden muß, wenn wir weiterhin
wirtschaftliche Fortschritte machen und die Lebensqualität in den Vereinigten Staaten und auf dem
gesamten Planeten erhalten wollen. Wir wissen, was
getan werden muß.
Die Treibhausgasemissionen sind großenteils auf die
ineffiziente Verbrennung von Kohle oder Öl zur
Energiegewinnung zurückzuführen. Ungefähr ein
Drittel dieser Emissionen stammen aus der Industrie,
ein Drittel aus dem Verkehr und ein Drittel aus Wohnund Bürogebäuden. In jedem Fall ist die Umwandlung
von Brennstoff in Energie extrem ineffizient und könnte
mit Hilfe bereits existierender oder sich abzeichnender
Technologien auf eine viel sauberere Art und Weise
geschehen, die nicht die Wirtschaft schädigt, unsere
neuen Unternehmen und neuen Arbeitsplätze jedoch
stärkt. Wenn wir es richtig machen, werden wir
unseren Wohlstand nicht aufs Spiel setzen, sondern
ihn erhöhen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich bekanntgeben,
welche Anweisungen ich unseren Unterhändlern bei
ihrem Streben nach einem realistischen und effektiven
internationalen Vertrag über den Klimawandel gebe.
Und ich kündige einen weitreichenden Vorschlag an,
der flexible marktorientierte und kostengünstige Wege
zur Erlangung bedeutender Reduktionen hier in
Amerika bietet. Ich möchte betonen, daß wir nicht erst
dann handeln dürfen, wenn der Vertrag ausgehandelt
und ratifiziert ist. In den Vereinigten Staaten wohnen

AMERIKA DIENST 21

�weniger als 5 Prozent der Weltbevölkerung, die 22
Prozent des weltweiten Wohlstands genießen, jedoch
für mehr als 25 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Wir müssen jetzt
anfangen, uns für die Zukunft zu versichern.
Bei den internationalen Klimaverhandlungen werden
die Vereinigten Staaten einen umfassenden Rahmen
mit drei Elementen anstreben, die uns zusammengenommen in die Lage versetzen, ein starkes und
widerstandsfähiges globales Abkommen auszuarbeiten. Erstens werden die Vereinigten Staaten in
Kyoto vorschlagen, daß wir uns dem bindenden und
realistischen Ziel verpflichten, die Emissionen zwischen 2008 und 2012 auf dem Niveau von 1990
einzufrieren. Und dabei sollten wir es nicht belassen.
Wir sollten uns verpflichten, die Emissionen in den
darauf folgenden fünf Jahren auf einen niedrigeren
Stand als den von 1990 zu senken, und später sollten
wir hart an weiteren Reduktionen arbeiten.
Die Industriestaaten haben bereits einmal auf freiwilliger Basis versucht, die Emissionen auf dem Stand
von 1990 einzufrieren, aber bedauerlicherweise ist das
den meisten von uns - einschließlich insbesondere der
Vereinigten Staaten - nicht gelungen. Jetzt müssen wir
uns erneut entschlossen für diese Reduktionen
einsetzen, wozu wir uns bindenden Obergrenzen
verpflichten müssen.
Zweitens werden wir flexible Mechanismen zur
Erlangung dieser Obergrenzen befürworten. Wir
schlagen ein innovatives gemeinsames System zu
ihrer Durchsetzung vor, das einem Unternehmen in
einem Land Investitionen in ein Projekt zur Verringerung von Emissionen in einem anderen Land gestattet,
die ihm im eigenen Land angerechnet werden. Und
wir schlagen ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate vor. Durch diese Innovationen
werden die weltweite Verschmutzung verringert, die
Kosten niedrig gehalten und auch die Entwicklungsländer beim Schutz ihrer Umwelt unterstützt, ohne daß
dies auf Kosten ihres Wirtschaftswachstums ginge.
Drittens müssen Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen an der Bewältigung der Herausforderung des Klimawandels beteiligt sein.
Die
Industriestaaten müssen eine Führungsrolle übernehmen, aber auch die Entwicklungsländer müssen
einbezogen werden. Die Vereinigten Staaten werden
nur dann bindende Verpflichtungen eingehen, wenn
sich die wichtigsten Entwicklungsländer in bedeutendem Ausmaß an diesen Bestrebungen beteiligen.
Präsident Carlos Menem legte letzte Woche bei
meinem Staatsbesuch in Argentinien überzeugend dar,
daß ein globales Problem wie der Klimawandel eine
globale Antwort erfordert. Wenn die gesamte industrialisierte Welt ihre Emissionen während der nächsten Jahrzehnte verringert, die Emissionen der

AMERIKA DIENST 21

Entwicklungsländer jedoch mit der derzeitigen Geschwindigkeit weiter ansteigen, wird die Konzentration
von Treibhausgasen in der Atmosphäre weiterhin
zunehmen. Die Entwicklungsländer haben die Chance, in Zukunft einen anderen energiepolitischen Kurs
einzuschlagen, der ihrem Wachstumspotential und
ihren legitimen wirtschaftlichen Bestrebungen entspricht.
Was Argentinien, dem ein dramatisches Wirtschaftswachstum prognostiziert wird, erkannt hat, gilt auch für
andere Länder: Wir können und müssen bei diesem
Problem auf eine Weise zusammenarbeiten, die für
uns alle von Vorteil ist. In unserem Land müssen wir
Fortschritte machen, indem wir die ganze Macht der
freien Märkte und technologischer Innovationen
freisetzen, um die Herausforderung des Klimawandels
zu bewältigen. Ich schlage einen umfassenden Plan
vor, um Anreize zu bieten und Hindernisse zu beseitigen, damit unsere Unternehmen und unsere Bürger
neue und kreative Wege zur Verringerung der Treibhausgasemissionen finden können.
Erstens müssen wir Steuersenkungen vornehmen und
während der kommenden fünf Jahre 5 Milliarden Dollar
in Forschung und Entwicklung investieren - gezielte
Anreize zur Ermutigung der effizienten Nutzung von
Energie und zum Rückgriff auf sauberere Energiequellen.
Zweitens müssen wir die Unternehmen auffordern,
frühzeitig Aktionen zur Emissionsreduzierung zu
ergreifen und zu gewährleisten, daß sie angemessene
Anerkennung für ihre Wegbereiterfunktion bekommen.
Drittens müssen wir ein Marktsystem für die möglichst
kostengünstige Verringerung von Emissionen hier und
im Ausland schaffen - ein System, das sich unseren
Erfolg und unsere Erfahrung mit handelbaren Zertifikaten für sauren Regen zunutze macht.
Viertens müssen wir den Kauf und Verbrauch von
Energie durch die Bundesregierung, den größten
Energieverbraucher der Nation, umstrukturieren.
Durch neue Technologien, erneuerbare Energiequellen, innovative Partnerschaften mit Unternehmen aus
der Privatwirtschaft und die Bewertung der Treibhausgasemissionen von großen Projekten der Bundesregierung wird die Bundesregierung eine wichtige
Rolle dabei übernehmen, unserer Nation bei der
Erlangung ihres Ziels zu helfen. Heute verpflichte ich
die Bundesregierung als Vorableistung für unsere
Millionen Dollar umfassende Initiative zur Einführung
von Sonnenkollektoren, bis zum Jahr 2010 20.000
dieser Systeme auf den Dächern unserer Bundesgebäude zu installieren.
Fünftens müssen wir Wettbewerb in der Elektrizitätsindustrie zulassen, damit überholte Vorschriften
abgeschafft werden und die Amerikaner Milliarden

Seite 3

�Dollar sparen. Wir müssen das auf eine Art und Weise
tun, die zu noch größeren Fortschritten bei der Reinhaltung unserer Luft führt und eine bedeutende
Vorableistung zur Verringerung von Treibhausgasemissionen darstellt. Heute werden zwei Drittel der
zur Bereitstellung von Elektrizität verwendeten Energie
als Abwärme verschwendet. Das können wir viel
besser machen.
Sechstens müssen wir weiterhin die Schlüsselindustrien ermutigen, eigene Pläne für die Reduktion von
Treibhausgasen auszuarbeiten. Und wir müssen in
Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten und den Kommunalverwaltungen die Hindernisse für größtmögliche Energieeinsparungen beseitigen. Die Bundesregierung kann der Industrie bei
beträchtlichen Verringerungen von Treibhausgasemissionen auf freiwilliger Basis behilflich sein, und wir
werden unsere dementsprechenden Bestrebungen
verdoppeln.
Dieser Plan ist vernünftig und solide. Da es sich um
ein langfristiges Problem handelt, das eine langfristige
Lösung erfordert, wird diese stufenweise eingeführt.
Aber wir wollen jetzt handeln. Wir beginnen mit
unserem Paket von starken marktwirtschaftlichen
Anreizen, Steuersenkungen und gemeinsamen Bestrebungen mit der Industrie. Wir wollen Anreize zu
frühzeitigem Handeln geben und eine Führungsrolle
ermutigen. Und während wir im kommenden Jahrzehnt unsere Emissionen durch diese Bestrebungen
verringern, werden wir regelmäßige Überprüfungen
vornehmen um zu sehen, was für die Umwelt, Wirtschaft und unsere nationale Sicherheit am besten
funktioniert.
Wenn wir auf ein Jahrzehnt an Erfahrungen, Daten
und technologischen Innovationen zurückblicken
können, werden wir eine umfassende Initiative zur
Einführung eines Systems handelbarer Emissionszertifikate einleiten um zu gewährleisten, daß wir
unsere bindenden Ziele erreichen. Falls die veränderten Muster des Energieverbrauchs in Amerika
dann zu Problemen führen, haben wir die moralische

heutigen sind und der die Verschmutzung um 90
Prozent reduziert. Der Durchbruch wurde durch
unsere bahnbrechende Partnerschaft mit der Automobilindustrie zur Entwicklung einer neuen Fahrzeuggeneration ermöglicht. Im Rahmen eines von der
Behörde für moderne Forschungsprodukte (Advanced
Research Products Agency) des Verteidigungsministeriums und des nationalen Instituts für Wissenschaft und Technologie (National Institute of Science
and Technology) des Wirtschaftsministeriums finanzierten Projekts wurde ein anderer Plan ausgearbeitet, der zu ähnlichen Ergebnissen führt.
Die Entdeckung des Energieministeriums hat bemerkenswerte Auswirkungen. Heute wird das Benzin in
den Verbrennungsmotoren äußerst ineffizient genutzt etwa 80 Prozent seiner Energie geht verloren. Im
Rahmen des gestern von A.D. Little and Company
bekanntgegebenen Projekts des Energieministeriums
gehen 84 Prozent des Benzins direkt in die Brennstoffzelle. Dadurch wird die Energieeffizienz gegenüber
dem traditionellen Motor um mehr als das Vierfache
erhöht.
Und ich darf vom Standpunkt all derer, die an dem
gegenwärtigen System beteiligt sind, hinzufügen, daß
der fortgesetzte Einsatz von Benzin bedeutet, daß
keines der derzeitigen Verteilersysteme verändert
werden muß. Das ist eine sehr bedeutende, aber
keinesfalls die einzige Entdeckung, die den Weg in
unsere Zukunft weist.
Ich möchte auch unterstreichen, daß die meisten der
im Rahmen der Marktmechanismen zur Erlangung
dieses Ziels verfügbaren Technologien bereits existieren - wir müssen sie nur nutzen. Beispielsweise
forderte ein Physik- und Chemielehrer namens Hector
Ibarra in West Branch, Iowa, seine Sechstklässler
dazu auf, die Experimente aus dem Klassenzimmer
praktisch anzuwenden, um ihre Schule energieeffizienter zu machen. Die Klasse erhielt ein Darlehen in
Höhe von 14.000 Dollar von einer örtlichen Bank und
ergriff einfache Maßnahmen. Die Schüler senkten den
Energieverbrauch ihrer Schule um 70 Prozent. Ihre

Verpflichtung, den betroffenen Arbeitnehmern und

Einsparungen waren so beeindruckend, daß die Bank

Unternehmen zu helfen - ebenso wie wir es heute bei
allen unseren wirtschaftlichen Veränderungen tun, von
denen die Menschen schuldlos betroffen sind.

beschloß, ihre eigene Energieeffizienz zu verbessern.

Dieser Plan setzt auf unsere Stärken - Innovation,
Kreativität, Unternehmergeist. Unsere Unternehmen
weisen durch die Entwicklung phantastischer Umwelttechnologie und die Umsetzung von Lösungen zum
Schutz der Natur bereits den Weg.

Dem Beispiel dieser Sechstklässler folgend haben
andere größere Unternehmen in Amerika ähnliche
Ergebnisse erzielt. Sie brauchen sich nur die nachweisbaren Ergebnisse von Firmen wie Southwire, Dow
Chemical, Dupont, Kraft, Interface Carpetmakers und
einer Vielzahl anderer in jeder Wirtschaftsbranche
anzuschauen um zu sehen, was getan werden kann.

Erst gestern gab Energieminister Pena einen von
seinem Ministerium finanzierten dramatischen Durchbruch bei der Brennstoffzellentechnologie bekannt ein Durchbruch, der den Weg zur Entwicklung von
Autos bereitet, die doppelt so energiesparend wie die

Unsere Industrien haben effiziente neue Kühlschränke,
Computer, Wasch- und Trockenmaschinen sowie
andere elektrische Geräte hergestellt, die sehr viel
weniger Energie verbrauchen, sparsamer und umweltfreundlicher sind. Allein die Revolution bei Beleuch-

Seite 4

AMERIKA DIENST 21

�tungskörpern ist wirklich verblüffend. Eine kompakte
fluoreszierende Lampe, die von einem Menschen
während seines ganzen Lebens benutzt wird, erspart
der Atmosphäre die Emission von fast einer Tonne
C0 2 und kostet den Verbraucher weniger Geld.
Wenn jeder in den nächsten 15 Jahren nur diese
energiesparenden Produkte kaufen würde, die in den
Geschäften mit dem "Energiestern" des Umweltschutzamtes ausgezeichnet sind, würden unsere Energierechnungen während dieses Zeitraums um ungefähr
100 Milliarden Dollar schrumpfen und unsere Treibhausgasemissionen dramatisch gesenkt.
Trotz dieser Innovationen, die für alle Seiten von
Vorteil sind, und der Verpflichtungen, die buchstäblich
jeden Tag eingegangen werden, bin ich mir sehr wohl
bewußt, daß unsere Ziele und Zeitpläne von manchen
als zu ehrgeizig kritisiert werden. Und natürlich
werden andere behaupten, sie gingen nicht weit
genug. Bevor jedoch die Debatte ernsthaft beginnt,
wollen wir nicht vergessen, daß wir während der
letzten Generation im Bereich der Umwelt, auch bei
der Energieeffizienz, enorme Fortschritte gemacht
haben - zu sehr viel geringeren Kosten als man sich
hätte vorstellen können. Und dabei wurden ganz neue
Industrien aufgebaut.
Während der letzten drei Jahrzehnte, in denen unsere
Wirtschaft gewachsen ist, haben wir die Standards für
das Wasser, das unsere Kinder trinken, nach oben
und nicht nach unten geschraubt. Obwohl unsere
Fabriken ausgebaut werden, verlangen wir von ihnen
die Reinigung ihres Giftmülls. Obwohl eine Rekordzahl neuer Häuser gebaut wurde, sparen unsere
Kühlschränke mehr Energie und damit unsere Verbraucher mehr Geld.
1970, als der Smog unsere Städte erstickte, schlug die
Bundesregierung neue Autoabgasnormen vor. Viele
Umweltschützer behaupten, die Normen würden wenig
zur Verhinderung einer Katastrophe beitragen.
Industrievertreter prognostizierten, die Kosten der
Umsetzung hätten katastrophale Auswirkungen auf die
Industrie. Es stellte sich heraus, daß beide Seiten
Unrecht hatten. Beide unterschätzten die Erfindungsgabe des amerikanischen Volkes. Die Automobilhersteller halten die weitaus strengeren Emissionsvorschriften von heute mit weniger als halb so hohem
Kostenaufwand wie vorhergesagt ein, und die neuen
Kraftfahrzeuge stoßen durchschnittlich nur 5 Prozent
der Schadstoffe der 1970 gebauten Autos aus.
Wir haben dieses Muster immer wieder gesehen. Wir
sahen es, als wir uns in den siebziger Jahren gemeinsam für das Verbot des Karzinogens Vinylchlorid
einsetzten. Vertreter der Kunststoffindustrie sagten
massive Bankrotte voraus, aber die Chemiker entdeckten kostengünstigere Ersatzstoffe, und die Branche
prosperierte. Wir sahen das, als wir die Verwendung

AMERIKA DIENST 21

von bleihaltigem Benzin stufenweise verringerten. Und
wir sehen das bei unserem Programm für handelbare
Zertifikate für sauren Regen - das dem Zeitplan bereits
40 Prozent voraus ist - zu weniger als der Hälfte der in
den optimistischsten Prognosen veranschlagten
Kosten. Wir sehen das, während die Fluorchlorkohlenwasserstoffe praktisch ohne jeden Kostenaufwand auf
eine Art und Weise aus der Atmosphäre entfernt
werden, die anscheinend zu einer erneuten Verdikkung der Ozonschicht führt.
Die Lektion ist einfach: Wenn Umweltinitiativen klug
geplant sind und flexibel durchgeführt werden, kosten
sie weniger als erwartet und bieten unvorhergesehene
wirtschaftliche Chancen. Obwohl wir uns bewußt sind,
daß unsere heutige Herausforderung größer ist als
jede umweltpolitische Aufgabe der Vergangenheit,
kann der Klimawandel uns durch das einen, was
Amerika am besten kann: Wir führen Neuerungen ein,
wir konkurrieren, wir finden Lösungen für Probleme,
und wir tun das auf eine Weise, die unternehmerisches
Denken fördert und die amerikanische Wirtschaft
stärkt.
Wenn wir es richtig anstellen, wird der Klimaschutz
keine Kosten, sondern Gewinne mit sich bringen; keine
Belastungen, sondern Vorteile; keine Opfer, sondern
einen höheren Lebensstandard. Wir haben genug
Beweise dafür, daß Energieeinsparung bessere
Dienstleistungen zu niedrigeren Kosten mit höheren
Gewinnen hervorbringt. Wir müssen die Hindernisse
für das erfolgreiche Funktionieren der Märkte beseitigen und bessere Anreize für ihre Nutzung geben. Ich
fordere die amerikanischen Unternehmen zur Übernahme einer Führungsrolle auf, aber ich rufe auch die
Regierungen - auf nationaler, bundesstaatlicher und
kommunaler Ebene - dazu auf, der Wirtschaft die für
diese Arbeit erforderlichen Werkzeuge zu verschaffen
und auf allen Gebieten ein Beispiel zu geben.
Wir wollen nicht vergessen, daß es bei der uns heute
konfrontierenden Herausforderung nichfnur um Ziele
und Zeitpläne geht. Es geht um unsere grundlegenden
Werte und größten Verpflichtungen.
Ich werde heute noch die Ehre haben, mit dem
ökumenischen Patriarchen Bartholomew zusammenzutreffen - dem geistlichen Führer von 300 Millionen
orthodoxen Christen - einem Mann, der immer wieder
die dem Geschenk Gottes an die Natur innewohnenden großen Verpflichtungen betont. Er erinnert uns
daran, daß sich der erste Teil des Wortes "Ökologie"
vom griechischen Wort für Haus herleitet. Um unser
Verhalten gegenüber dem Haus zu verändern, das wir
alle bewohnen, müssen wir mit den Worten des
Patriarchen die verlorenen spirituellen Verbindungen
wiederentdecken und die menschlichen Werte bekräftigen. Er hat natürlich Recht. Es ist unsere feierliche
Verpflichtung, mit Mut und Weitblick Fortschritte zu

Seite 5

�machen, damit wir unser Haus unseren Kindern und
künftigen Generationen hinterlassen können.
Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß dies
nur eine weitere Herausforderung in Amerikas langer
Geschichte ist - die wir genauso bewältigen können
wie alle früheren Herausforderungen. Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß es eindeutige
Beweise dafür gibt, daß wir das auf eine Weise tun
können, die zu Wirtschaftswachstum führt - nicht durch

abschlägige Antworten, sondern indem wir eine neue
Herausforderung der Erneuerung entschlossen und
freudig begrüßen. Wir sollten froh sein, daß wir in der
heutigen Zeit leben und diese Herausforderung
angehen können, und wir sollten das in dem sicheren
Wissen tun, daß unsere Kinder und Enkel uns dafür
dankbar sein werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 21

�UMWELT
29. Oktober 1997

Wirth: Europäer befürworten "unrealistische" Ziele
Rede des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten

WASHINGTON - (AD) - Nach Ansicht des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium,
Timothy Wirth, befinden sich die Vereinigten Staaten und die Europäische Union im Hinblick auf die Verringerung
der Treibhausgasemissionen in einer Art "Sackgasse", weil die 15 Mitgliedstaaten der EU "unrealistische" Ziele
befürworten. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Timothy Wirth am 9. Oktober
1997 vor einem Ausschuß des Kongresses hielt.

Heute möchte ich nicht nur über den gegenwärtigen
Stand unserer Klimaverhandlungen berichten, sondern
auch drei andere Themenbereiche ansprechen:
Erstens die "bubble" der Europäischen Union, zweitens im Zusammenhang mit der Beteiligung der
Entwicklungsländer stehende Fragen und drittens die
verschiedenen Mechanismen, durch die wir den
Entwicklungsländern die entsprechenden Technologien zukommen lassen können, die ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels helfen.
Zunächst möchte ich Sie auf den neuesten Stand
bringen und mich dabei besonders auf die Entwicklungen seit meinem letzten Erscheinen vor diesem
Ausschuß im Juni dieses Jahres konzentrieren.
Wir nähern uns mit großer Geschwindigkeit dem Ende
der Verhandlungen im Vorfeld der dritten Sitzungsperiode der Konferenz der Parteien, die vom 1.-10.
Dezember in Kyoto anberaumt ist. Von heute an
bleiben nur noch 64 Tage, von denen nur 18 für
offizielle Verhandlungen vorgesehen sind. Bei einigen
wichtigen Fragen wurden Fortschritte erzielt, und es
zeichnet sich eine Übereinkunft ab. Wenn wir Erfolg
haben, wird diese Übereinkunft wahrscheinlich
wesentliche Elemente des von uns unterbreiteten
Vorschlags beinhalten. Dazu zählen:
Ein Emissionsplan, der einen Ausgleich von
Fluktuationen bei meteorologischen und
ökonomischen Variablen gestattet und eine
gewisse Flexibilität bei der zeitlichen Festlegung der Emissionsreduzierungen erlaubt.

AMERIKA DIENST 21

Ein Multigasansatz, der nicht nur Kohlendioxid, sondern alle Treibhausgase beinhaltet
(obwohl es beträchtlichen Widerstand gegen
die Aufnahme von "Senken" gibt).
Ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate und ihre gemeinsame
Umsetzung, die beide auf eine Erhöhung der
Flexibilität abzielen, indem sie den Parteien
gestatten, Emissionen im eigenen Land gegen
Emissionsreduzierungen andernorts auszutauschen.
Mechanismen für die Überwachung und
Verifizierung des Emissionsabbaus, die
gleiche Bedingungen für alle Parteien gewährleisten.
Aktionen der Entwicklungsländer als Ergänzung zu Zielsetzungen und Zeitplänen der
Industrieländer.
Damit will ich nicht sagen, daß der endgültige Text alle
diese Elemente in der Form beinhaltet, in der sie im
Vorschlag der Vereinigten Staaten vom vergangenen
Januar unterbreitet wurden, denn das gestattet der
Verhandlungsprozeß nicht. Die Administration hat
jedoch ein von einem Großteil der Welt akzeptiertes
allgemeines Muster für weitere Fortschritte bei der
Lösung dieses gravierenden Problems vorgeschlagen:
Eine Lösung mit größtmöglicher Flexibilität bei der
Umsetzung und gleichzeitiger Gewährleistung von
Integrität und Umweltschutz bei den Emissionszielen.

Seite 1

�Die Administration hat noch keine endgültige Entscheidung über ein Ziel für die Emissionskontrolle
getroffen. Wir werden Sie über unsere in dieser
Hinsicht gemachten Fortschritte auf dem Laufenden
halten. Wir haben die in diesem Ausschuß geäußerten
Befürchtungen sowie die in der Resolution des Senats
vom Beginn des Sommers enthaltenen Anliegen zur
Kenntnis genommen. Ich möchte an dieser Stelle
nochmals betonen, daß unsere Übereinkunft die
amerikanische Wettbewerbsfähigkeit schützt und im
besten Interesse des amerikanischen Volkes liegt. Der
Präsident hat sich diesen Zielen am Montag bei der
Konferenz im Weißen Haus erneut verpflichtet, und es
sind Ziele, an denen wir während des gesamten
Verhandlungsprozesses konsequent festgehalten
haben.
Bei vielen Aspekten unseres Vorschlags sind wir
jedoch sehr deutlich gewesen, und der Konsens im
eigenen Land unterstützt diesen Ansatz. Die Administration hat diese Elemente unserer Vorschläge in
einer intensiven Runde bilateraler und multilateraler
Verhandlungen aggressiv gefördert. Der Präsident hat
den Klimawandel zu einem Thema seiner Zusammenkünfte mit ausländischen Staats- und Regierungschefs
sowie der Sitzungen am Rande der UN-Generalversammlung gemacht. Auch der Vizepräsident und die
Außenministerin haben den Klimawandel in ihren
Gesprächen zum Thema gemacht. Ich habe an
verschiedenen Treffen in Europa und Saudi-Arabien
sowie mit wichtigen Ministern aus Japan, Australien,
Kanada und Neuseeland teilgenommen und werde
diese Frage auch bei meinen Gesprächen in China
Ende des Monats ansprechen. Hochrangige Regierungsvertreter haben unsere Position in Lateinamerika

über 1990 entschieden. Um die Verhandlungen noch
komplizierter zu gestalten, bestehen die Mitgliedstaaten der Europäischen Union darauf, mit ihren Emissionen zu handeln - die sogenannte "bubble". Das
bedeutet, daß die Gesamtemissionen auf ein festgesetztes Ziel gesenkt werden können, jedes einzelne
Land diese Obergrenze aber nicht unbedingt erreichen
muß. Tatsächlich geht man davon aus, daß ein
signifikanter Anteil der gesamten Emissionsreduzierung der EU auf die Wiedervereinigung Deutschlands
und die Abschaffung von Kohlesubventionen in
Großbritannien sowie die Umstellung auf Erdgas
zurückzuführen sein wird. Obwohl wir die Schließung
ineffektiver und umweltschädigender Fabriken und die
Abschaffung von Subventionen im Energiesektor
zweifellos begrüßen, ist nicht klar, warum solche
Aktionen andere EU-Staaten von der Notwendigkeit
befreien sollen, selbst etwas zu unternehmen. Im
Rahmen des Vorschlags der EU wird von manchen
Ländern jedoch überhaupt keine Verringerung ihrer
Emissionen verlangt - und manchen wird sogar ein
Anstieg gestattet. Portugal beispielsweise wird bis
zum Jahr 2010 ein Emissionsanstieg von 40 Prozent
gegenüber 1990 erlaubt, Spanien darf seinen C0 2 Ausstoß um 17 Prozent erhöhen, und Frankreich muß
seine Emissionen lediglich auf dem Stand von 1990
einfrieren.
Der Kongreß hat umgehend einige der dieser Art von
"Lastenteilung" innewohnenden Probleme aufgezeigt.
Ich möchte mit Ihnen einige der Fragen erörtern, die
wir uns im Zusammenhang mit diesem Thema gestellt
haben:

allmählich aus, da unsere Sichtweise in das Bewußtsein der Menschen eindringt. Wir hegen weiterhin die
Hoffnung, daß unsere fortgesetzten Bestrebungen im
Vorfeld von Kyoto einen Konsens hinsichtlich unseres
Ansatzes hervorrufen werden.

Wir haben uns gefragt, in welcher Beziehung
der Vorschlag der EU zu dem internationalen
System handelbarer
Emissionszertifikate
steht. Wenn es nur ein Vorschlag ist, bei dem
jedes Land einen Einheitssatz hat und dann
auf dem Markt mit Emissionszertifikaten
handeln kann, würden wir diesen Ansatz
unterstützen.

Unsere Verbündeten bei den Verhandlungen gehören
allen Blöcken an: Unter den Industriestaaten besteht
größte Übereinstimmung mit Australien, Kanada,
Japan und Neuseeland. Diese unterstützen unsere
Vorschläge über die Flexibilitätselemente, die in Kyoto
für ein dauerhaftes, erfolgreiches und wirtschaftlich
mögliches Abkommen von großer Bedeutung sind.
Viele Länder der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas unterstützen unsere Vorschläge ebenfalls.
Mit unseren europäischen Kollegen sind wir jedoch in
eine Art Sackgasse geraten.

Uns wurde nicht gesagt, wie die EU die Rechenschaftspflicht sicherstellen will. Welche
Erfüllungsmechanismen gibt es beispielsweise
für den Fall, daß die EU die Obergrenzen
überschreitet? Wird jeder EU-Mitgliedstaat
dieselben Verpflichtungen haben wie die
Länder außerhalb der EU? Ist jedes Land
lediglich für seinen "Anteil" verantwortlich?
Wie wird dieser festgesetzt?

und Asien dargelegt.

Unsere harte Arbeit zahlt sich

Die EU-"bubble"
Wie Sie wahrscheinlich alle wissen, hat sich die EU für
das - von vielen Analysten als unrealistisch und
unerreichbar bezeichnete - Ziel einer Verringerung der
Emissionen bis zum Jahr 2010 um 15 Prozent gegen-

Seite 2

Was für ein Beispiel gibt die EU den Entwicklungsländern? Wenn einigen Industriestaaten
ein 40-prozentiger Anstieg gestattet wird, dann
kann man von den Entwicklungsländern noch
viel weniger verlangen. Um angemessene
Maßstäbe zu setzen, müssen wir von den
Industriestaaten mehr fordern.

AMERIKA DIENST 21

�Wie werden die Mitgliedstaaten der EU einbezogen? Wenn die Zahl der Länder durch
die Aufnahme osteuropäischer Länder mit
niedrigen Emissionen vergrößert wird, wird
dann das Gesamtziel angepaßt?
Dieser Fragenkatalog gibt Ihnen hoffentlich eine Idee
von dem Ausmaß, in dem wir bei der internationalen
Debatte Antworten erwarten.
Klarheit bei diesen
Fragen ist für mögliche Übereinkünfte in Kyoto wesentlich.
Die Entwicklungsländer
Jetzt möchte ich mich einem anderen Thema widmen,
das für die Mitglieder dieses Ausschusses und andere
außerhalb dieses Raums ebenfalls von großer Bedeutung ist: Die Einbeziehung der Entwicklungsländer. Ich
möchte mich deutlich ausdrücken: Die Entwicklungsländer müssen an diesem Vertrag beteiligt sein. Das
Grundprinzip für Aktionen der Entwicklungsländer ist
klar: Obwohl sie derzeit für weniger als die Hälfte der
globalen Emissionen verantwortlich sind, wird ihr Anteil
in den nächsten Jahrzehnten anwachsen, obwohl ihre
Pro-Kopf-Emissionen weiterhin weit unter unseren
liegen. Wir müssen uns mit diesem Trend steigender
Emissionen befassen, wenn wir das Problem langfristig lösen wollen.
Meiner Ansicht nach sollte man jedoch eine andere
Sichtweise dieser Frage besser verstehen - die der
Entwicklungsländer. Betrachten wir einige Zahlen.
Dem zwischenstaatlichen Gremium für den
Klimawandel (IPCC) zufolge werden jährlich
500 Millionen Fälle von Malaria berichtet. Die
Experten sind jedoch der Ansicht, daß sich die
Malaria infolge des Klimawandels weiter
ausbreiten wird. Die meisten Malariatoten
sind Kinder unter fünf Jahren - und nahezu
alle diese Kinder leben in Entwicklungsländern.
Der Weltbank zufolge leben zwei Milliarden
Menschen von weniger als zwei Dollar täglich
und 1,3 Milliarden von weniger als einem
Dollar täglich - und alle leben in den Entwicklungsländern.
Das ist die Sichtweise der Entwicklungsländer, und
das sind die Faktoren, die sie betrachten, wenn sie die
Industriestaaten auffordern, als Erste zu handeln.
Viele nicht informierte Beobachter haben behauptet,
das derzeitige Abkommen enthalte keine Verpflichtungen für die Entwicklungsländer. Das ist nicht richtig.
Tatsächlich werden die Entwicklungsländer unter
anderem aufgefordert, eine Liste ihrer Treibhausgasemissionen aufzustellen, Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels und zur Anpassung daran zu

AMERIKA DIENST 21

ergreifen, an der Entwicklung und dem Transfer von
Technologien mitzuwirken, die Klimaforschung und
entsprechende Bildung und Ausbildung zu fördern und
sich daran zu beteiligen.
Die Entwicklungsländer haben Maßnahmen zur
Erfüllung
ihrer
FCCC-Verpflichtungen
ergriffen.
Ebenso wie wir an der Verringerung unserer Emissionen arbeiten, haben die Entwicklungsländer aggressiv
Programme zur Reduzierung ihrer eigenen Emissionen
eingeleitet. Ein Teil der Bestrebungen der Entwicklungsländer ist das Ergebnis erfolgreicher Programme,
die vom Amt für internationale Entwicklung (AID), vom
U.S. Country Studies Program, von der U.S. Initiative
on Joint Implementation sowie im Zuge bilateraler und
multilateraler Schenkungen von anderen Ländern und
internationalen Organisationen durchgeführt wurden.
Viele der Ressourcen und der Anstoß für Aktionen
haben ihren Ursprung jedoch in diesen Ländern.
Während wir uns auf ein anderes Niveau internationaler Verpflichtungen zubewegen, ist es wichtig zu
verstehen, was bislang erreicht worden ist.
Verschiedene Beispiele für von den Entwicklungsländern unternommene Bestrebungen illustrieren diese
Fortschritte. Der Weltbank zufolge nahmen zwischen
1991 und 1996 die Subventionen für fossile Brennstoffe in 14 Entwicklungsländern, auf die 25 Prozent
der weltweiten Kohlendioxidemissionen entfallen, um
ungefähr 45 Prozent ab - von 60 Milliarden Dollar auf
33 Milliarden Dollar (Zum Vergleich: Die Subventionen
der OECD wurden um ungefähr 20,5 Prozent abgebaut
- von 12,5 Milliarden Dollar auf 9,9 Milliarden Dollar.)
China, das für ungefähr 12 Prozent der weltweiten
C0 2 -Emissionen verantwortlich ist, reformiert aktiv die
Energiepreise und hat die Subventionen von 37
Prozent im Jahr 1984 auf 29 Prozent 1995 gesenkt,
während die Erdölsubventionen von 5 Prozent im Jahr
1990 auf 2 Prozent 1995 gefallen sind. Ferner war
eine Steigerung der chinesischen Effektivität wesentlich: Ohne Interventionen wären die Emissionen 1990
um fast 155 Millionen Tonnen höher gewesen als mit
Hilfe politischer Maßnahmen. Und Ende 1993 wurden
12 Prozent der installierten Elektrizität mit Hilfe von
Kohle und Gas erzeugt. Viele andere Entwicklungsländer fördern ebenfalls aktiv ihre Energieeffizienz.
Beispielsweise wurde in Brasilien durch ein aggressives Programm für den Einsatz von Äthanol aus
Zuckerrohr nahezu die Hälfte des Benzins eingespart,
das ansonsten verbraucht worden wäre.
Was sagt uns das alles? Zweifelsohne sagt es uns,
daß ihre und unsere Erwartungen von unterschiedlichen Annahmen ausgehen. Wir blicken sie an und
verweisen auf die künftige Ursache des Problems; sie
blicken uns an und verweisen auf die jetzige Ursache
des Problems. Wir blicken sie an und machen uns
Sorgen über die Wettbewerbsfähigkeit; sie blicken uns
an und verweisen auf unseren so viel besseren
Lebensstil und unseren Lebensstandard - den die

Seite 3

�meisten von ihnen verzweifelt kopieren wollen, jedoch
zu hören bekommen, daß das aufgrund der Folgen für
die Umwelt für sie nicht in Frage kommt. Wie Präsident Clinton bei der Konferenz im Weißen Haus am
Montag erklärte, ist unser Problem mit China ein
nationales Sicherheitsproblem - es könnte sein, daß
China unserem Emissionsweg folgt und damit eine
Welt schaffen würde, in der wir alle nicht mehr leben
können. Wir blicken auf Kyoto und fordern, daß alle
Länder daran teilnehmen; die Entwicklungsländer
blicken auf Kyoto und stimmen zu, Aktionen durchzuführen - aber erst, wenn die Industrienationen
Schritte unternommen haben.
Historisch sind die Bündnisse der Entwicklungsländer
schwer zu durchbrechen, ungeachtet der häufig
großen Schwierigkeiten innerhalb der Gruppe. Wir
können das Bedürfnis kleiner Inselstaaten nachfühlen,
die sich durch den Anstieg des Meeresspiegels mit
ihrem Untergang konfrontiert sehen, auf aggressiven
Zielen zu bestehen. Wir können zu der Schlußfolgerung gelangen, daß es ein Fehler ist, alle Entwicklungsländer in einen Topf zu werfen - und wir können
vorschlagen, daß arme Länder, die praktisch nichts
emittieren, andere Verpflichtungen haben sollten als
die wohlhabenderen Länder, die einen beträchtlichen
Anteil an dem globalen Ganzen haben.
Wir können die Sorgen der Entwicklungsländer
ausräumen, daß Unterschiede beim Entwicklungsstand real sind, indem wir Flexibilität bei den Verpflichtungen bieten, auf deren Übernahme für sie wir
bestehen. Viele Entwicklungsländer akzeptieren, daß
sie eines Tages größere Verantwortung für den
Umgang mit dem Klimawandel übernehmen müssen sie schlagen jedoch vor, daß der geeignete Zeitpunkt
für solche Aktionen dann wäre, wenn sie eine bestimmte Schwelle der wirtschaftlichen Entwicklung
überschritten haben.
Wir können auch die Sorgen ansprechen, die Entwicklungsländer bezüglich des Ungleichgewichts bei
unseren Erwartungen zum Ausdruck gebracht haben daß von ihnen die Festlegung von Standards erwartet
wird, bevor wir unseren guten Glauben unter Beweis
gestellt haben. Dies wird am besten erreicht, wenn
unsere eigenen Programme voll finanziert werden und
wir aggressiv die Entwicklung der Technologien
anstreben, die für globale Reduzierungen erforderlich
sind.
Wir können durch unsere bestehenden bilateralen und
multilateralen Hilfsprogramme weiterhin aktive Zusammenarbeit zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern fördern. Der Beweis für den Erfolg dieser
Bestrebungen zeichnet sich in vielen Entwicklungsländern mit der Entwicklung erneuerbarer Technologien, dem Abbau von Subventionen, der Verbesserung
der Effizienz und der Umsetzung von Klimaaktionsplänen ab. Mit unserem eigenen Engagement können

Seite 4

wir demonstrieren, daß wir diese Umweltbestrebungen
zu schätzen wissen und die Vereinigten Staaten den
Ländern zur Seite stehen, die in das langfristige und
globale Wohlergehen investieren.
Letztlich sind es die Aktionen selbst, die den internationalen Erfolg bei der Bewältigung des Problems des
Klimawandels ausmachen - nicht das Instrument, das
die Verpflichtungen kodifiziert, oder der Prozeß, durch
den die Aktionen ausgelöst werden können. Echte
Emissionsreduzierungen in allen Ländern der Welt zu
den geringsten Kosten sind unsere Ziele. Es mag
auch andere geben - und wir müssen sie alle zu
unserem Vorteil nutzen.
Ich schlage nicht vor, wir sollen unsere Meinung
ändern: Daß sowohl die Industrie- als auch die Entwicklungsländer handeln müssen, um die andauernde
und potentiell katastrophale globale Erwärmung zu
verhindern. Ich sage vielmehr, wir müssen das, was
wir von den Entwicklungsländern erwarten, mit einer
realistischen und fairen Einschätzung dessen verbinden, wie sie die Welt sehen. Das Ausmaß und der
Zeitpunkt der Verpflichtungen jedes Landes müssen im
Einklang mit seinen nationalen Fähigkeiten und seinem
Entwicklungsstand stehen.
Ausgewogenheit und
Fairneß müssen bewahrt werden. Und jedes Paket,
dem wir in Kyoto zustimmen, wird sicherstellen, daß
dies geschieht.
Unser Vorschlag für die Entwicklungsländer hat drei
Teile:
1.

Erfordert eine Fortsetzung der Förderung der
Umsetzung von Verpflichtungen: Er definiert
im Einzelnen, was das bedeutet und fordert
sie außerdem zur Erhöhung ihrer Energieeffizienz, der Betonung von marktorientierter
Preisfestsetzung, dem vermehrten Einsatz von
emeuerbaren Ressourcen, der Verbesserung
ihres Transportsektors - und im allgemeinen
zu Aktionen zur Bewältigung des Klimawandels auf, die wirtschaftlich für sich allein schon
gerechtfertigt sind.

2.

Er schafft eine neue Kategorie von Ländern
(Annex B), in denen die Entwicklungsländer
freiwillig rechtlich bindende Verpflichtungen zu
Emissionsbegrenzungen oder -reduzierungen
eingehen.

3.

Er sieht vor, daß alle Parteien sich letztlich auf
Bestimmungen einigen, so daß alle Parteien
(einschließlich der Entwicklungsländer) quantitative Treibhausgasemissionsverpflichtungen
haben und es einen Mechanismus für die
automatische Anwendung progressiver Verpflichtungen für Parteien auf der Grundlage
vereinbarter Kriterien gibt.

AMERIKA DIENST 21

�Obwohl wir bei den Verfahren, mit denen jedes dieser
Elemente Teil des Kyoto-Pakets wird, zu Flexibilität
bereit sind, sind wir hinsichtlich der Substanz weiterhin
absolut überzeugt. Die Entwicklungsländer müssen
eindeutig integraler Bestandteil der nächsten Schritte
sein, damit die Vereinigten Staaten in Betracht ziehen
können, Vertragspartei zu werden. Die Vereinigten
Staaten werden keine bindenden Verpflichtungen
eingehen, bis die Entwicklungsländer angemessene
Zusagen im Hinblick auf ihre eigenen Verpflichtungen
machen.
Entwicklung der Infrastruktur
Ich möchte mich nun der umfassenderen Frage
zuwenden, wie wir die Mechanismen entwickeln
wollen, um den Entwicklungsländern die geeigneten
Technologien zu vermitteln, damit wir ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels behilflich sein können.
Wir sind uns alle bewußt, daß die Emissionen der
Entwicklungsländer voraussichtlich im Rahmen ihrer
Wirtschaftsentwicklung steigen werden, wenn wir nicht
Abhilfe schaffen. Meiner Ansicht nach - und ich
glaube, das ist auch die Ansicht der meisten Mitglieder
dieses Komitees - wird es entscheidend sein, Wege
zur Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern bei
der Verringerung der Emissionen zu finden. Das muß
eine Priorität sein, unabhängig von dem Ansatz, den
wir über die Konvention oder irgendein anderes darauf
folgendes rechtliches Instrument wählen.
Was heißt das? Es heißt, wir müssen die nächsten
100 Gigawatt an energieerzeugenden Kapazitäten
aufbauen, um sauberer und effizienter zu sein. Es
heißt, wir müssen die globale Umweltfazilität voll
finanzieren. Es heißt, wir müssen versuchen, unsere
Bestrebungen zur Entwicklung von Initiativen für die
Förderung von Umwelt-Exportkrediten und -initiativen
fortzusetzen. Es heißt, wir müssen unsere Kreditvergabe über die multilateralen Entwicklungsbanken
und unsere bilateralen Hilfsprogramme rationalisieren,
um Umweltbelange abzudecken. Und es heißt, wir
müssen weiterhin Anstrengungen bei der Entwicklung
und Umsetzung der neuen Technologien der Zukunft
unternehmen.
Lassen Sie uns kurz zwei Entwicklungsländer betrachten, die am meisten emittieren: China und Indien.
Selbst nach mehr als einem Jahrzehnt außerordentlich
starken Wirtschaftswachstums ist China immer noch
ein wirklich unterentwickeltes Land. Auf Pro-KopfBasis beträgt das Bruttoinlandsprodukt rund 620
Dollar. Über 100 Millionen Chinesen haben immer
noch keine Elektrizität. In dem Versuch, die Energieknappheit im Inland zu beheben, fordert Chinas
Fünfjahresplan zusätzliche 70 Gigawatt an elektrizitätserzeugenden Kapazitäten vor dem Jahr 2001.
Das heißt, China wird in den nächsten vier Jahren
jeden Monat ein 1.000 Megawatt starkes Elektrizitätswerk hinzufügen müssen. Im Augenblick werden die

AMERIKA DIENST 21

meisten mit Kohle beheizt - die zur Zeit rund 75
Prozent der chinesischen Elektrizität erzeugt. Dennoch gibt es beträchtliche Möglichkeiten, China dabei
behilflich zu sein, mehr Gas und erneuerbare Energien
mit Gewinnchancen für amerikanische Unternehmen
einzusetzen.
Indien befindet sich in einer ähnlichen Kalamität.
Zwischen 1986 und 1995 stiegen die C02-Emissionen
um 40 Prozent, die Industrialisierung erfolgt durch
inländische Kohle. Zur Zeit hat Indien noch geringere
Pro-Kopf-Emissionen als China - und liegt nahezu
fünfmal unter dem Weltdurchschnitt von vier Tonnen
pro Person und ungefähr ein Zwanzigstel unter den
Emissionen der Vereinigten Staaten. Ebenso wie
China installiert auch Indien enorme Quantitäten neuer
energieerzeugender Kapazitäten - Pläne fordern die
Installation von 62 Gigawatt bis 2002. Ineffizienz und
schlechte Technologie beeinträchtigen die derzeitige
Infrastruktur des Landes. Zur Zeit gehen in Indien bis
zu 40 Prozent der erzeugten Elektrizität bei der
Übertragung und Verteilung verloren. Auch hier gibt es
Profitchancen für amerikanische Unternehmen.
Wir müssen Wege sondieren, um diese Länder zum
Aufbau einer klimafreundlicheren Energieinfrastruktur
zu ermutigen. Glücklicherweise stehen Möglichkeiten
zur Verfügung, in eine tragfähigere Richtung zu gehen.
Wir können beispielsweise mit den internationalen
Finanzinstitutionen (einschließlich der Weltbank und
den regionalen Entwicklungsbanken) zusammenarbeiten und von ihnen verlangen, daß sie die Auswirkungen der Finanzierung von Kraftwerken genauer
prüfen. Das könnte bedeuten, daß wir von einigen der
derzeitigen Lösungen abweichen müssen, die von den
internationalen Finanzinstitutionen als kostengünstigste angesehen wurden, weil die Schäden durch den
Klimawandel nicht in frühere Kostenrechnungen
eingegangen sein könnten. Wir würden einen intensiveren Dialog mit dem Kongreß über Wege zur Verbesserung der Kreditvergabestrategien für Energieprojekte begrüßen.
Viele der von den Entwicklungsländern durchzuführenden Aktionen werden gut für die globale Umwelt sein sie werden jedoch Geld kosten. Wir müssen die der
globalen Umweltfazilität zur Verfügung stehenden
Mittel aufstocken, die einen Teil der Kosten übernehmen möchte, um die Vorteile für die globale Umwelt zu
nutzen, die der Planet so dringend benötigt.
Wir müssen Wege sondieren, um auch unseren
Privatsektor in den Dialog einzubeziehen. Kommerzielle Energielieferanten suchen Chancen zur Energieerzeugung in Entwicklungsländern. Um das Meiste
aus diesen Möglichkeiten zu machen, benötigen wir
Mechanismen, die "Emissionsgutschriften" für solche
Investitionen von Firmen und/oder Industriestaaten
vorsehen. Wir benötigen andere Exportfinanzierungsbehörden, die Standards wie die Emissionsrichtlinien

Seite 5

�der Export-Import Bank für die von ihr unterstützten
Projekte einführen und gleichzeitig finanzielle Anreize
für amerikanische Exporteure und ausländische Käufer
bieten, die erneuerbare Energien und Technologieoptionen mit niedrigen Emissionen bei der Erfüllung
ihres Bedarfs an Energieerzeugung wählen. Maßnahmen wie die der Ex-Im Bank müssen mit der
globalen Erkenntnis und Akzeptanz starker Umweltkriterien einhergehen. Sobald unsere Firmen bewiesen haben, daß neue brennstoffeffiziente Technologien und erneuerbare Energiequellen kommerziell
tragfähig sind, können wir davon ausgehen, daß die
Entwicklungsländer diese Technologien schnell
einführen. Wir sollten auch Wege zur Ermutigung von
Forschung und Entwicklung für energieeffiziente und
erneuerbare Energien sondieren - sowohl durch
unseren Privatsektor als auch durch staatliche Finanzierung und Forschung. Die Entwicklung langfristiger Alternativen wird auf dem Weg zu einer

*

Seite 6

tragfähigen Zukunft von entscheidender Bedeutung
sein. Der Kongreß stand an vorderster Front bei der
Förderung von Investitionen des Privatsektors. Wir
würden einen weiteren Dialog darüber begrüßen, wie
unsere Umweltziele durch solche Mechanismen
vorangebracht werden können.
Es ist klar, daß diese Aktionen durchgeführt werden
müssen. Es ist jedoch ebenso klar, daß keiner dieser
wichtigen Schritte von der Administration im Alleingang
unternommen werden kann. Jeder benötigt die
Unterstützung des Kongresses. Die Aufmerksamkeit,
die der Senat dem Klimaproblem widmet, hat die
Bedeutung des Problems und die Notwendigkeit, alle
Länder in die Lösung einzubeziehen, in den Brennpunkt gerückt. Vor diesem Hintergrund müssen wir
jetzt zusammenarbeiten, um diese Lösung zu finden.
Genau das möchte ich jetzt tun.

* * * *

AMERIKA DIENST 21

�WIRTSCHAFT
29. Oktober 1997

Die Auswirkungen der EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Stellvertretenden
US-Finanzministers Lawrence H. Summers vor dem Haushaltsausschuß des Senats vom 21. Oktober 1997.

Guten Morgen. Ich freue mich, hier zu sein. Vor
vierzig Jahren war der Zusammenschluß der europäischen Volkswirtschaften durch die Einführung einer
gemeinsamen Währung das in weiter Ferne liegende
Ziel einige europäischer Denker. Heute scheint dieses
ehrgeizige Projekt kurz vor seiner Realisierung zu
stehen - und erregt hier in den Vereinigten Staaten
große Aufmerksamkeit.
Wie Sie wissen, beschlossen die europäischen Staatsund Regierungschefs 1992 mit der Unterzeichnung
des Maastrichter Vertrags über die Europäische Union
die Einführung einer einheitlichen Währung. Der
Vertrag enthält einen Zeitplan für die Einführung der
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU) bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Seitdem
ist die Umsetzung dieser Pläne ein großes Anliegen
der europäischen Politiker.
In etwas mehr als sechs Monaten kommt das Projekt
mit der Auswahl der ersten Mitglieder der neuen
Währungsunion in sein letztes Stadium. Weitere
knapp sechs Monate später, am 1. Januar 1999,
geben diese Länder die Kontrolle über ihre Währungspolitik und die Umsetzung ihrer Wechselkurspolitik an
die neue europäische Zentralbank ab, und die neue
Währung - der Euro - wird Realität.
Im Jahr 2002 könnte eine Reise durch große Teile
Westeuropas nicht mehr Gänge zum Devisenschalter
einer Bank erfordern als eine Reise quer durch die
Vereinigten Staaten.
Auf den Finanzmärkten herrscht eine wachsende und
weitverbreitete Überzeugung, daß die EWWU eingeführt wird, und daß das pünktlich geschieht. Daher ist
dies für diesen Ausschuß - und für die Vereinigten

AMERIKA DIENST 21

Staaten allgemein - ein äußerst angemessener
Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Dies ist im
Grunde eine europäische Angelegenheit, die von den
Europäern entschieden wird. Die Administration hat es
nie als angemessen für die Vereinigten Staaten
erachtet, sich an Debatten darüber zu beteiligen, ob
eine einheitliche Währung das Richtige für Europa ist,
wie die Struktur einer Währungsunion auszusehen hat
und noch viel weniger, welche Länder ihr angehören
sollten. Ich werde heute nicht von diesem Ansatz
abweichen. Diese Fragen müssen von den Europäern
selbst beantwortet werden. Ich möchte jedoch erörtern, welche Auswirkungen dieses Projekt einer
einheitlichen Währung wahrscheinlich auf die amerikanische Wirtschaft haben wird.
Ich möchte mich bei meinen Ausführungen auf drei
Themenbereiche konzentrieren: Erstens, welche
Auswirkungen die Einführung einer gemeinsamen
Währung auf die Europäische Union als bedeutende
Volkswirtschaft und internationalen Partner der
Vereinigten Staaten haben könnte; zweitens, wie sie
das internationale Finanzsystem als Ganzes beeinflussen könnte und drittens, wie wir uns auf diese
Veränderung vorbereiten.
I.

Die Auswirkungen der EWWU auf Europa und seine Partner

Wie Sie wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu Europa schon seit langem der Grundstein
unserer Wirtschafts- und Außenpolitik. Wir haben das
europäische Streben nach engerer Integration von
Anfang an unterstützt. Die Gründung der Montanunion, des Gemeinsamen Marktes, des Binnenmarktes

Seite 1

�und jetzt die Pläne für eine Erweiterung der EU - all
dies haben wir gefördert, und all dies liegt in unserem
ureigenen Interesse.
Wir haben dasselbe Interesse an der Einführung einer
einheitlichen Währung wie an jeder anderen bedeutenden Entwicklung in Europa. Uns ist damit gedient,
wenn die Wirtschaft dieser Region prosperiert und die
Öffnung von Märkten sowie die Stärkung ihrer Beziehungen zur Weltwirtschaft anstrebt. Europa wird
Vorteile durch eine Wirtschafts- und Währungsunion
haben, die diese Ziele unterstützt - und wenn Europa
prosperiert, erhöht das auch den Wohlstand in den
Vereinigten Staaten.
1.1

Die EWWU und europäisches Wirtschaftswachstum

Ein schnell wachsendes Europa bietet auch einen
dynamischeren Markt für unsere Exporte - und ist
weltweit für uns ein stärkerer Partner. Im vergangenen
Jahr überstieg unser gesamter Warenhandel mit der
EU 270 Milliarden Dollar - womit die EU nur von
Kanada übertroffen wird. Mehr als die Hälfte unserer
ausländischen Direktinvestitionen - nahezu 400
Milliarden Dollar - werden in Europa getätigt. Und wir
verzeichnen dabei einen Aufwärtstrend: Zwischen
1982 und 1995 stieg die Zahl amerikanischer Investitionen in Europa durchschnittlich um ungefähr 11
Prozent - etwas schneller als unsere Investitionen in
der übrigen Welt.
Diese Zahlen zeugen von den zahlreichen Handelsund Investitionsmöglichkeiten, die das Ergebnis der
jüngsten Schritte zu engerer europäischer Integration
sind. Es lohnt sich festzustellen, daß die engere
Abstimmung der Wirtschaftspolitik der einzelnen
Länder und die veränderten Erwartungen an die
Märkte im Zuge der Vorbereitungen auf die EWWU für
viele Länder signifikante wirtschaftliche Vorteile
beinhalten. In Italien sind beispielsweise die langfristigen Zinsen seit Anfang 1993 um 5,5 Prozentpunkte gefallen, da sich das Verhältnis zwischen den
italienischen und deutschen Wertpapierkursen durch

Jahren angestiegen ist. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in der EU betrug letztes Jahr mehr als 11
Prozent - ungefähr das Doppelte von 1979. In manchen Ländern ist jeder vierte Bürger im Alter von
Anfang Zwanzig arbeitslos, während fast die Hälfte der
Arbeitslosen seit mehr als einem Jahr keine Arbeit
mehr hat.
Teilweise als Ergebnis dieser Mängel des Arbeitsmarktes sah sich Europa in den letzten Jahren auch
mit gravierenden haushaltspolitischen Ungleichgewichten konfrontiert. Der Maastrichter Vertrag von 1992
legte Kriterien für den Beitritt zur EWWU fest, die
sicherstellen sollten, daß alle Mitglieder diese Probleme vor ihrem EWWU-Beitritt gelöst haben. Diese
Kriterien haben zahlreiche Regierungen zu beträchtlichen Fortschritten angespornt.
Der von den europäischen Staats- und Regierungschefs vergangenen Dezember in Dublin vereinbarte
Stabilitäts- und Wachstumspakt soll gewährleisten,
daß die Länder ihre Staatsverschuldung weiterhin
streng unter Kontrolle halten, wenn sie der EWWU
angehören. Aber ebenso wie die Vereinigten Staaten
sieht sich jedes europäische Land weiterhin der
Herausforderung der zunehmenden Alterung der
Bevölkerung gegenüber - einer Herausforderung für
die Rentensysteme und das Gesundheitswesen
gleichermaßen.
Die europäischen Regierungen haben wiederholt
darauf hingewiesen, daß sie die notwendigen Strukturreformen durchführen wollen, um die hohe Arbeitslosigkeit und diese drohenden finanziellen Engpässe
anzugehen. Wir haben jedoch gesehen, daß es oft
schwierig war, einen politischen Konsens über diese
Fragen zu erzielen - nicht zuletzt, weil bei vielen die
erforderlichen Reformen den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in Europa treffen, der sich im Laufe
dieses Jahrhunderts entwickelt hat.
Die Einführung der EWWU wird es für die Regierungen
entscheidender machen, diese Strukturreformen in
Europa fortzusetzen, damit dieser Kontinent ein

die erhöhten Erwartungen an einen Beitritt Italiens

stabiles Wachstum genießen kann.

angepaßt hat.
Dieses gestärkte Vertrauen des
Marktes in die italienischen Kapitalanlagen hat die
Darlehenskosten für die Regierung beträchtlich
gesenkt und einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen
Erholung Italiens geleistet.

Schocks für die inländische Nachfrage werden die
einzelnen Mitgliedstaaten der EWWU nicht mehr über
alle Freiheiten verfügen, mit einer Auf- oder Abwertung
ihrer Währungen oder der Senkung beziehungsweise
Erhöhung ihrer Zinssätze zu reagieren. Und angesichts der kombinierten Zwänge des Finanzstabilitätspakts, der bestehenden Schulden und Haushaltsdefizite können sie nicht länger steuerliche Anreize zur
Förderung des Wachstums geben.

Trotz aller positiven Auswirkungen dieser verstärkten
Integration zweifelt niemand daran, daß Europa immer
noch mit ernsthaften wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert ist - die gemeistert werden müssen,
wenn die EWWU erfolgreich sein soll.
An oberster Stelle der Liste steht die hohe Arbeitslosenrate in Europa, die - nur unterbrochen von
gelegentlichen Atempausen - seit den frühen achtziger

Seite 2

Im Falle eines

Sollte der Umgang mit der neuen Währung die Politiker
von der Notwendigkeit der Durchführung grundlegender Reformen ablenken, könnte die verringerte
ökonomische Autonomie der Teilnehmer zu Wachstumsverlusten führen. Das macht es um so ermutigen-

AMERIKA DIENST 21

�der, im gesamten europäischen politischen Spektrum
Stimmen zu hören, die einräumen, daß die EWWU
gelungene Strukturreformen voraussetzt und die Politik
in diese Richtung gehen sollte. Wie wir bei der
jüngsten Flut länderübergreifender Fusionen und
Akquisitionen gesehen haben, reagiert der europäische Privatsektor bereits auf die Erfordernisse der
neuen Situation. Für die Regierungen besteht die
Herausforderung darin, auf dem wachsenden Konsens
zugunsten des Wandels aufzubauen und diesen in zu
echten Strukturreformen führende Bahnen zu lenken.
1.2

Die EWWU und die Rolle Europas in der
Weltwirtschaft

Die EWWU darf die europäischen Politiker ebenso
wenig von ihren innenpolitischen Herausforderungen
ablenken wie von den Europa konfrontierenden
internationalen Herausforderungen. Von besonderer
Bedeutung in diesem Kontext ist die Erweiterung der
EU um verschiedene Länder des ehemaligen sowjetischen Blocks.
Dies ist ein ehrgeiziges Unterfangen, an dessen Erfolg
die US-Regierung interessiert ist. Obwohl die Schwierigkeiten und damit einhergehenden Kosten beträchtlich sein mögen, gilt das ebenso für die potentiellen
Ergebnisse. Die Osterweiterung bietet nicht nur die
Möglichkeit eines Transfers von Technologie und
Kapital, sondern auch von demokratischen und
marktorientierten Institutionen und Kulturen. Sie alle
würden viel dazu beitragen, den Übergang dieser
Länder zu marktwirtschaftlichen Demokratien langfristig zu festigen.
Allgemein wird es in den Jahren nach der Einführung
der EWWU für die Europäische Union sehr wichtig
sein, verbleibende Ängste über die Schaffung einer
"Festung Europa" durch die weitere Öffnung von
Märkten und die Stärkung der Verbindungen zur
Weltwirtschaft zu zerstreuen. Die EWWU wird für die
weitere Entwicklung der G-7 und die Art der Beteiligung Europas an internationalen Organisationen
wie beispielsweise dem Internationalen Währungsfonds bedeutsame Fragen auf werfen. Wir sehen einer
Zusammenarbeit mit der EU bei diesen Fragen im
nächsten Jahr nach der Auswahl der ersten Mitglieder
erwartungsvoll entgegen.
Bestrebungen zur Lösung dieser Fragen müssen ein
übergeordnetes Ziel haben: Daß Europa aus der
EWWU mit der Fähigkeit hervorgeht, bei politischen,
währungspolitischen und anderen Fragen auf der
internationalen Bühne eine aktive, konstruktive Rolle
zu übernehmen. Die logische Schlußfolgerung ist, daß
die europäischen Politiker es vermeiden müssen, sich
zu stark mit dem Aufbau und der Verfeinerung der
Architektur der Währungsunion zu befassen.

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II.

Die zukünftige Rolle des Euro im globalen
Finanzsystem

Die Einführung einer neuen europäischen Währung
am 1. Januar 1999 würde die größte Veränderung im
internationalen Währungssystem seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der
siebziger Jahre darstellen. Es wäre wirklich ein nie
zuvor dagewesenes Ereignis - in der europäischen
Geschichte und in der Weltgeschichte. Zweifelsohne
haben die Vereinigten Staaten großes Interesse an
den Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die
internationalen Finanzmärkte.
In diesem Zusammenhang wurden zwei Themenkomplexe angesprochen: Erstens die Auswirkungen der
EWWU auf die internationale Rolle des Dollar und
zweitens die möglichen Auswirkungen auf den kurzfristigen Handel und die Entwicklung der Wechselkurse. Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im
allgemeinen spekulieren wir nicht über die zukünftigen
Werte existierender Währungen, sei es unsere eigene
oder die anderer Länder. Diese Bescheidenheit
erstreckt sich zweifelsohne auf zukünftige Trends bei
der Bewertung von Währungen, die noch nicht existieren. Nach diesen allgemeinen Einschränkungen
möchte ich jedoch versuchen, ein paar generelle
Beobachtungen zu jedem dieser Themenkomplexe
anzustellen.
11.1

Der Dollar als Reservewährung

Man sollte sich immer wieder vergegenwärtigen, daß
der Stand des Dollar im internationalen Finanzsystem
im Vergleich zu anderen Währungen letztlich immer
stärker von den Entwicklungen in den Vereinigten
Staaten als von denen in anderen Ländern abhängt.
Man könnte sagen, der Schwarze Peter geht von uns
aus und kommt immer wieder zu uns zurück. Wenn
die Vereinigten Staaten entschiedene und glaubwürdige Maßnahmen ergreifen, bleibt der Dollar eine stabile
Währung: Das Schicksal des Dollar liegt großenteils in
unseren Händen.
Obwohl die internationale Verwendung des Dollar in
den siebziger und achtziger Jahren eine leichte
Abnahme verzeichnete, hat sie sich seitdem mehr als
stabilisiert. Im vergangenen Jahr wurden 64 Prozent
der offiziellen ausländischen Währungsreserven in
Dollar gehalten - verglichen mit ungefähr 57 Prozent im
Jahr 1990. Mit Blick auf die Zukunft erscheint der
Dollar einzigartig geeignet, von der charakteristischen
Entwicklung der Weltwirtschaft unserer Zeit und dem
Wachstum entstehender Märkte zu profitieren. Noch
offensichtlicher ist, daß ein sehr großer Teil der
internationalen Währungsreserven in Dollar gehalten
wird und die Mehrheit der grenzüberschreitenden
Transaktionen in Lateinamerika und Asien in dieser
Währung abgewickelt werden.

Seite 3

�Es ist schwierig, mit Sicherheit vorauszusagen, welche
Rolle der neugeschaffene Euro übernehmen wird.
Wer erwartet, daß er schnell an Bedeutung zunimmt,
deutet damit an, daß er die gemeinsame Währung von
Ländern sein wird, die einen beträchtlichen Teil des
globalen Output darstellen. Die Skeptiker weisen
darauf hin, daß die neue Währung keine Leistungen
vorweisen kann und die Investoren zuerst Fortschritte
bei der Preisstabilität sehen wollen, bevor sie eine
Verpflichtung eingehen. Trotz der eindeutigen Unterstützung der Mitgliedstaaten gibt es Zweifel hinsichtlich
des Funktionierens der Währungspolitik innerhalb des
neuen Systems - Zweifel, die letztlich nur von der
Erfahrung ausgeräumt werden.
Wenig Uneinigkeit besteht hinsichtlich der Frage, daß
sich internationale Devisenbestände - politische Fehler
großen Ausmaßes vorbehalten - nicht schnell ändern.
Insbesondere werden sich die europäischen Finanzmärkte nicht über Nacht verändern. Es stimmt, daß
die EWWU nahezu direkt zur Schaffung einer Vielzahl
von Vermögenswerten in Euro führen wird - das
Vielfache der derzeit in D-Mark vorhandenen. Es
erfordert jedoch Zeit, bevor dieses breite Spektrum
dem in den Vereinigten Staaten entspricht oder - vor
dem Hintergrund unterschiedlicher Ansichten über die
Kreditwürdigkeit der einzelnen Staatspapiere - der
Homogenität des amerikanischen Marktes für Staatsschulden.

keine Nation oder Region ihren Weg zu Wohlstand
abwerten kann. Im Verlauf dieses Jahrhunderts haben
wir gelernt, daß konkurrierende Abwertungen angesichts schlechter Bedingungen im Inland ein unzulänglicher Ersatz für konzertierte Anstrengungen zur
Inangriffnahme der innenpolitischen Wurzeln des
Problems sind. Das Gleiche gilt für Europa nach der
EWWU. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig,
daß das Wachstum auf festen Fundamenten steht einschließlich einer soliden und breitgefächerten
Binnennachfrage.
Und schließlich haben viele der Besorgnis Ausdruck
verliehen, daß die Finanzmärkte während der Übergangsphase zur EWWU ungewöhnlich großen
Schwankungen ausgesetzt sein könnten. In Anbetracht der Größenordnung der Veränderungen ist
dies keine unberechtigte Sorge. Wir glauben jedoch
nicht, daß es einen inhärenten Grund gibt, aus dem die
bisher angekündigten Vorbereitungen für eine einheitliche Währung eine beträchtliche Erhöhung der
Schwankungen auslösen könnten. Auf jeden Fall
sollte eine solche Erhöhung mit der Zeit abebben,
während sich die Märkte an das neue Umfeld gewöhnen.

Die wichtigsten europäischen Volkswirtschaften setzen
ihre Wechselkurse seit einiger Zeit untereinander fest,
wobei die Tendenz zu Schwankungen gering ist. In
diesem Sinne haben die Länder Europas bereits seit

Andere haben dargelegt, daß die EWWU langfristig zu
größeren Wechselkursschwankungen führen wird, weil
die Regierungen eine entspanntere Haltung gegenüber
Wechselkursfluktuationen einnehmen könnten. Die
logische Begründung ist, daß Wechselkursstörungen
auf kleine, offene Volkswirtschaften größere Auswirkungen haben. Europa ist aus einzelnen kleineren
Volkswirtschaften mit einem höheren Prozentsatz
zwischen Handel und Bruttoinlandsprodukt zusammengesetzt als die Vereinigten Staaten und ist aus
diesem Grund mehr an einer Dämpfung der Instabilität
des Wechselkursmarkts interessiert. Wenn die EWWU
eingeführt wird, werden die Mitglieder jedoch Teil einer
kollektiven Einheit sein, die ungefähr die Größe der
amerikanischen Volkswirtschaft mit einem ähnlichen
Handelsniveau haben wird. Daher wird argumentiert,
daß die europäischen Regierungen größere Wechselkursfluktuationen zulassen werden - eben weil dies ein

einigen Jahren eine gemeinsame Währungspolitik.

kleineres Problem ist.

Der generelle Ansatz jedes Landes spiegelt die
Erkenntnis wider, daß eine starke Währungspolitik
unerläßlich ist, um ein gesundes Umfeld für Investitionen und Wachstum zu schaffen - Investitionen und
Wachstum, die Europa benötigt, wenn es ernsthaft
gegen die Arbeitslosigkeit vorgehen will. Wir begrüßen
die weitverbreitete Erkenntnis der europäischen
Regierungen, daß eine solide Währungspolitik durch
ein starkes Finanzsystem und eine solide Haushaltspolitik unterstützt werden muß - und starke, unabhängige Zentralbanken voraussetzt.

Man könnte spekulieren, daß dies geschieht, und man
könnte dennoch argumentieren, daß die EWWU die
Wechselkursinstabilität tatsächlich dämpft, indem sie
die Versuchung verringert, kontraproduktive Bestrebungen zur Kontrolle der Wechselkurse zu unternehmen. Die bloße Bandbreite dieser Vorhersagen ist ein
Grund zur Vorsicht.

Selbst wenn es in den Jahren nach der EWWU
Bewegung in diese Richtung gäbe, würden unsere
Finanzmärkte zweifelsohne die liquidesten der Welt
bleiben. Vor diesem Hintergrund ist es sehr unwahrscheinlich, daß die Einführung des Euro in absehbarer
Zukunft bedeutende Auswirkungen auf die Kreditkosten in den Vereinigten Staaten haben wird.
11.2

Handel und Wechselkursschwankungen

Mit Blick auf die Zukunft sollten die Europäer sich
bewußt werden - was viele bereits getan haben - daß

Seite 4

Ich wiederhole - es ist absolut möglich, daß die EWWU
eher eine Kraft der Kontinuität sein wird. Schließlich
wird die externe Wechselkurspolitik der EWWUMitglieder wahrscheinlich der aktuellen deutschen
Politik sehr nahe sein, die auch der Japans und der
Vereinigten Staaten ziemlich ähnlich ist. Unter den

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�führenden Währungen wird es immer noch ein flexibles
Wechselkurssystem geben, das nicht auf bestimmte
Wechselkursniveaus abzielt. Und wir werden immer
noch einen effektiven Prozeß der Zusammenarbeit bei
der Währungs- und Wechselkurspolitik beibehalten,
wenn die Umstände solche Bestrebungen nahelegen.
IM.

Vorbereitungen auf die EWWU
Vereinigten Staaten

in den

Die EWWU ist in vieler Hinsicht ein umfangreiches und
ehrgeiziges Projekt. Allein die Größenordnung der
Veränderungen gibt Grund zur Sorge, daß etwas
falsch laufen könnte, jedoch keinen Grund, daß etwas
falsch laufen wird. Das Finanzministerium, die Bundeszentralbank und andere Behörden beobachten die
Entwicklungen sorgfältig, haben jedoch keinen Anlaß
zu der Vermutung, daß die Ereignisse eine ungewöhnliche Reaktion unsererseits erfordern werden.

Informationsmanagement sehr viel tun - Arbeit, die
angesichts der Nähe der EWWU wahrscheinlich in den
kommenden Monaten beschleunigt werden muß.
Es wurde beispielsweise Besorgnis über die speziellen
Schwierigkeiten bei der Vorbereitung von Computersystemen für die EWWU geäußert - Probleme, die in
vieler Hinsicht denen für das Jahr 2000 vorhergesehenen vergleichbar sind. Diese Probleme und durch die
Einführung einer einheitlichen Währung aufgeworfene
Rechtsfragen könnten erforderlich machen, daß Bankund Wertpapieraufsichtsbeamten die Aufmerksamkeit
auf das Problem lenken und sicherstellen, daß die
Firmen zur Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber Kunden
und Handelspartnern bereit sind. Obwohl ich den
amerikanischen Unternehmen nicht garantieren kann,
daß die EWWU wie versprochen eingeführt wird,
möchte ich ihnen raten, vorbereitet zu sein.
IV.

Die europäischen Regierungen, die Zentralbanken und
der Privatsektor treffen praktisch alle Vorbereitungen
für dieses Projekt. Vertreter des Finanzministeriums
und der Bundeszentralbank kommen mehrere Male
pro Jahr auf vielen Ebenen mit ihren europäischen
Amtskollegen zusammen. Es überrascht nicht, daß die
EWWU im vergangenen Jahr ein wichtiges Thema
dieser Diskussionen war. Ich möchte hinzufügen, daß
die Regierung der Vereinigten Staaten bei den meisten
Vorbereitungen für die EWWU keine direkte Rolle
spielt.
Für Privatunternehmen, die aktiv am internationalen
Handel, an Finanztransaktionen beteiligt oder in
Europa tätig sind, ist es anders. Sie müssen in den
Bereichen Rechnungs- und Finanzwesen sowie

*

AMERIKA DIENST 21

Schlußfolgerung

Ich möchte mit dem Punkt abschließen, mit dem ich
begonnen habe. Die Vereinigten Staaten haben ein
starkes wirtschaftliches und sicherheitspolitisches
Interesse an einem stabilen und wohlhabenden
Europa - das unser Interesse an einer Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion weckt, die der Region
die Stärke und das Vertrauen vermittelt, die sie
benötigt, um die Reformen und die weitere Integration
ihrer Wirtschaft in die der übrigen Welt fortzusetzen.
Ich sage gerne, wenn die EWWU für Europa funktioniert, wird sie auch für die Vereinigten Staaten funktionieren. Je mehr die einheitliche Währung Europa bei
der Entwicklung einer robusten und gesunden, für die
Weltmärkte offenen Wirtschaft behilflich ist, desto
willkommener wird das Projekt sein.

* * *

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

Deutschland und Amerika:
Eine selbstverständliche Partnerschaft
vor neuen Herausforderungen
von Botschafter John Kornblum
DESSAU - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des amerikanischen Botschafters John Kornblum bei
der vierten American Business Conference in Schloß Köthen am 17. Oktober 1997.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
zu unserer vierten American Business Conference
möchte ich Sie herzlich begrüßen. Der Aufbau Ost und
die Förderung amerikanischer Investitionen in den
neuen Bundesländern bleibt uns ein wichtiges
Anliegen. Diese Konferenz soll in Zusammenarbeit mit
unseren deutschen Partnern amerikanischen Firmen
neue attraktive Betätigungsfelder in den neuen
Bundesländern aufzeigen und das schon beträchtliche
amerikanische Engagement im Osten Deutschlands
festigen.
Die Tatsache allein, daß wir uns zum vierten Mal
treffen, zeigt, daß wir nach dem Ende des Kalten
Krieges dabei sind, neue Tradition zu entwickeln. Wir
alle, Sie und ich, wirken an der Neudefinition unserer
Beziehungen mit.
Das Neue stellt sich nicht zufällig und spontan ein. Es
bedarf der Überlegung und Reflexion. Wir müssen die
Richtung angeben, aus der wir kommen und in die wir
gehen möchten.
Natürlich nehmen die Wirtschaftsbeziehungen nach
Ende des Kalten Krieges einen neuen Stellenwert ein.
Diese Konferenz und Ihre Anwesenheit sind der beste
Beleg dafür. Doch werden auch sie nur florieren, wenn
sie in einen Rahmen des historischen Bewußtseins der
politischen
Bedeutung
unserer
Kooperation
eingebunden sind.
Aus diesem Grund möchte ich den Auftakt zur
diesjährigen Konferenz in Sachsen-Anhalt zum Anlaß
nehmen, nicht nur über die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen unseren Nationen, sondern über unser

AMERIKA DIENST 21

Verhältnis in seiner ganzen Breite und in seinem
historischen Kontext zu sprechen.
Ich betrachte Deutschland und Amerika als
selbstverständliche Partner. Das galt für die Zeit des
kalten Krieges und das gilt auch heute.
Darum
entbehrt auch all das Gerede und Geraune um eine
Entfremdung zwischen Deutschland und Amerika nach
Ende des Kalten Krieges jeglicher Grundlage.
Warum sind wir selbstverständliche Partner? Natürlich
spielt hier die Geschichte eine Rolle. Wir waren dies
nicht immer, wie zwei Weltkriege in diesem
Jahrhundert gezeigt haben. Aber der demokratische
Wiederaufbau Deutschlands und das Zusammenstehen während der kommunistischen Bedrohung
haben unsere Nationen sehr nahe gebracht.
Sicherlich hat sich in dieser Zeit die viel beschworene
Wertegemeinschaft gebildet.
Aber was die
Selbstverständlichkeit der Partnerschaft in der
Nachkriegszeit begründet hat, ist - so glaube ich - der
pragmatische Umgang mit diesen Werten im
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Alltag.
Dieser Pragmatismus, der in Amerika vielleicht schon
seit Pioniertagen verankert ist und ja auch in einer
philosophischen Schule Ausdruck gefunden hat, ist
unseren Völkern gemeinsam.
Seit wir ihn in der
Nachkriegszeit als Basis des gemeinsamen Handelns
entdeckt haben, hat er uns erlaubt, ohne ideologische
Grundsatzstreitigkeiten zu tragfähigen Lösungen aller
dringlicher Probleme zu kommen.
Ich kenne jedenfalls keine andere Nation, mit der wir
selbst bei Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen so

Seite 1

�schnell zu tragfähigen und zukunftsweisenden
Lösungen kommen können. Diese Fähigkeit macht
Deutschland und die USA zu selbstverständlichen
Partnern.
Die Liste von Erfolgen, mit der ich diese These
belegen könnte, ist lang. Sie reicht von der Abwehr
kommunistischer Pressionen wie der Berlin-Blockade
in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur
Zusammenarbeit bei der Erweiterung der NATO heute.
Aber der größte Erfolg der pragmatischen
Partnerschaft ist die Wiedervereinigung Deutschlands
gewesen.
Daran müssen wir uns bei dieser
Konferenz erinnern, denn ohne diesen Erfolg wären
wir heute nicht hier. Die deutsche Wiedervereinigung
hat sicherlich viele Väter: Die völlige Diskreditierung
des Totalitarismus, sein wirtschaftlicher Zusammenbruch und der Mut und die Entschlossenheit der ihm
unterworfenen Bürger, ihn mit friedlichen Mitteln zu
beseitigen.
Bundeskanzler Kohls Entschlossenheit, die deutsche
Einheit herbeizuführen und die vorausschauende
Politik von Michael Gorbatschow sind sicherlich
entscheidende Faktoren gewesen.
Aber ohne
amerikanisches Zutun wäre die Vereinigung auch nur
schwer vorstellbar gewesen.
Die Vereinigten Staaten hatten keine Bedenken oder
Furcht vor einem wiedervereinten Deutschland. Ja,
wir Amerikaner waren davon überzeugt, daß die
Wiedervereinigung ein berechtigtes Anliegen ist und
daß sie dem Frieden in Europa dienen würde.
Wir haben den Wiedervereinigungsprozeß deshalb
vorbehaltslos unterstützt. Wir wollten ihn aber auch
steuern und in einem stabilen Rahmen halten, der die
Interessen aller Beteiligten berücksichtigt. Dies haben
wir zuerst durch die Prinzipien getan, die Präsident
Bush Ende 1989 formuliert hat, wozu vor allem das
Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes und
der Vollzug der Vereinigung im Rahmen der deutschen
Mitgliedschaft in der NATO und anderen europäischen
Organisationen gehörten.
Zweitens, haben wir einen Verhandlungsrahmen
vorgeschlagen, die sogenannten Zwei-Plus-VierVerhandlungen, die das internationale Fundament für
den Vereinigungsprozeß legten. Die amerikanische
Präsenz und strategische Partizipation waren damit
gesichert. Und schließlich konnten wir auch Rußland
dafür gewinnen.
Deutsche und Amerikaner zogen hierbei von Anfang
an an einem Strang. Unsere enge Zusammenarbeit
mündete in eine pragmatische Strategie zur
Überwindung der Teilung Deutschlands.

Seite 2

Als jemand, der sein ganzes professionelles Leben an
der Überwindung des europäischen Totalitarismus
gearbeitet hat, erfüllt mich dieser Erfolg mit großer
Genugtuung und Stolz. Die deutsche Vereinigung hat
in eindrucksvoller Weise die Selbstverständlichkeit
unserer Partnerschaft bestätigt.
Ich habe viel Verständnis für die praktischen
Probleme, die das Zusammenwachsen der beiden
Hälften Deutschlands mit sich bringt. Ich habe aber
überhaupt kein Verständnis für Kleinmut und
Wehleidigkeit.
Die Vereinigung hat nämlich das
geschaffen, was Deutsche und Amerikaner als
wesentliche Voraussetzung ihrer Partnerschaft und der
Organisation des gesellschaftlichen Lebens ihrer
Länder ansehen: Freiheit für alle Menschen in
Deutschland und Europa.
Nur in Freiheit sind politische Selbstbestimmung und
sinnvolles Zusammenleben möglich, nur in Freiheit
sind produktive wirtschaftliche Betätigung und
Prosperität möglich, nur in Freiheit kann sich kulturelle
Kreativität entfalten.
Ich werde nicht so schnell vergessen, wie ich in den
achtziger Jahren nach Dessau kam und dort das
Bauhaus suchte.
Kein Hinweisschild machte auf
diese
zentrale
Institution
der
westlichen
Architekturgeschichte aufmerksam. Man mußte sich
mühevoll
durchfragen,
um
das
offizielle
Schweigegebot der kommunistischen Machthaber zu
durchbrechen.
Heute sind Dessau und das Bauhaus wieder Teil der
freien Welt, wie die neuen Bundesländer Teil der
freiheitlichen Demokratien und einer freiheitlichen
Wirtschaftsordnung sind. Möglich wurde dies auch
durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit
zwischen Deutschland und Amerika.
Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir die
deutsche Vereinigung bewältigt haben, müssen wir
auch die zukünftigen Aufgaben anpacken.
Dazu
gehört auch der wirtschaftliche Wiederaufbau in den
neuen Bundesländern, der ja schon in erstaunlichem
Maße fortgeschritten ist.
Ich war letzte Woche mit Kanzler Kohl bei der
Einweihung der Guardian Glas-Fabrik, die viele von
ihnen heute auch besucht haben. Ich denke, daß sie
nicht umhin konnten, von der zukunftsweisenden
Modernität der Anlagen beeindruckt zu sein. Hier in
den neuen Ländern entstehen augenblicklich die
modernsten Industriestrukturen in Europa. Und das
sollte uns Hoffnung geben.
Amerikanische Firmen sind an dem industriellen
Aufbauprozeß als größter ausländischer Investor an
vorderster Front beteiligt. Die Zahlen brauche ich hier
nicht zu wiederholen. Das Opel-Werk ist eines der

AMERIKA DIENST 21

�modernsten in Europa und der ganzen Welt.
Der
Landmaschinenhersteller Case wird in Sachsen sein
Zentrum für die Erschließung des osteuropäischen
Marktes einrichten.
Guardian
und
Case
folgen
dem
Beispiel
herausragender Firmen wie Dow Chemical, Advanced
Micro Devices und Morrison-Knudsen.
Ich bin mir
sicher, daß sie nicht die letzten sein werden.
Wir wissen natürlich alle, daß es noch viel zu tun gibt,
insbesondere was den Arbeitsmarkt und eine
nachhaltige, sich selbst tragende, industrielle Struktur
anbelangt.
Aber die enormen Fortschritte, die der Aufbau Ost
sieben Jahre nach der Vereinigung gebracht hat, sind
unübersehbar: Die neuen Länder bieten eine moderne
Infrastruktur, in einigen Bereichen sogar moderner als
im
Westen,
die
Produktivität
hat
erheblich
zugenommen, und die Qualität der Produkte braucht
keinen Vergleich mehr zu scheuen.
Auch dem
Raubbau an der Umwelt ist ein Ende gesetzt worden.
Das reale Bruttoinlandsprodukt ist seit 1991 um 39
Prozent gestiegen, die Lebensverhältnisse der Bürger
haben sich dem westlichen Niveau stark angenähert.
Die neuen Länder sind ein höchst attraktiver Markt mit
zahlungskräftigen Konsumenten.
Was Investoren vor allem aber anziehen sollte, ist die
Tatsache, daß die neuen Länder in den letzten sieben
Jahren einen grundlegenden und schmerzlichen
Strukturwandel durchgemacht haben. Hier im Osten
war man bereit, Wandel unter großen Opfern zu
akzeptieren, der in den alten Bundesländern auf
großen Widerstand gestoßen wäre.
Darum sind ständiges Klagen, Wehleidigkeit und
Nostalgie völlig fehl am Platz. Hier sind Menschen,
die veränderungsbereit sind, die offen sind für neue
betriebliche Strukturen, neue Vertriebsformen und vor
allem für neue Ideen. Hier gibt es die Bereitschaft,
Risiken und Wagnisse einzugehen. Die neuen Länder
sind nicht die Region der Stagnation in Deutschland,
sondern der Veränderung!
Welche Rolle können die Vereinigten Staaten beim
wirtschaftlichen
Aufbauprozeß
in
den
neuen
Bundesländern spielen? Es dürfte uns allen klar sein,
daß staatliche Hilfe und Staatsinterventionen nicht die
Antwort sein können. Die Hauptlast, aber auch die
Hauptchancen, müssen von privaten Unternehmen
getragen werden. Ich glaube, daß dies auch der
langfristige Trend der deutschen Politik gegenüber den
neuen Bundesländern ist - selbst bei Fortbestand der
effektiven staatlichen Förderungsprogramme.

Dienstleistungsorientierung und eine flexible Mischung
von Vermarktungs- und Herstellungsmethoden. Sie
sind deshalb besonders in der Lage, Anstöße für neue
Strategien zu geben, internationale Märkte zu
erschließen und so die neuen Länder besser in den
globalen Markt zu integrieren.
Einen großen Beitrag zum Wiederaufbau
in
Ostdeutschland
könnten
vor
allem
kreative
Finanzierungsintrumente leisten, insbesondere die
größere Verfügbarkeit von Wagnis- und Risikokapital.
Amerikanische Finanzinstitute und Investitionsbanken
haben große Erfahrung auf diesem zukunftsträchtigen
Gebiet.
In den Vereinigten Staaten gehen etwa 60 Prozent des
Risikokapital in Zukunftindustrien, in den Hightech- und
Biotechbereich. Das heißt, die Verfügbarkeit des
Risikokapitals schafft die Industrien der Zukunft. Da in
den neuen Bundesländern die Verfügbarkeit von
Risikokapital ein besonderes Problem ist, denke ich,
daß amerikanische Bankhäuser und Investoren mit
ihrer Bereitschaft, Risiken einzugehen und ihren
kreativen Finanzierungsmechanismen eine besonders
nützliche Rolle spielen können.
Die Mobilisierung von Risikokapital ist deshalb eines
der wichtigen Themen unserer Konferenz.
Ein
anderes Thema werden Investitionen in den
Umweltschutz sein. Trotz sehr großer Fortschritte
bleibt die Umweltsanierung in Ostdeutschland ein
wichtiger Bestandteil des Aufbau Ost. Beispiele sind
die
vielen
Industriebrachen,
die
enormen
Umweltschäden,
die
die
Besatzungstruppen
hinterlassen haben, und die Konsequenzen der
Braunkohleförderung im Tagebau. Hier geht es nicht
nur darum, die Umweltschäden zu beseitigen, sondern
Gebiete für Neuinvestitionen und Industrieansiedlung
zu erschließen.
Amerikanische Firmen können hier maßgeschneiderte
Lösungspakete anbieten, die sich auf innovative
integrierte
Umwelttechnologie
stützen,
die
Verschmutzung an der Quelle bekämpft, anstatt teure
Nachrüstungsverfahren
zu
benutzen.
Für
amerikanische Firmen bieten sich die neuen
Bundesländer als ein wichtiger Standort an, um auch in
Osteuropa
Fuß zu fassen, wo der
größte
Nachholbedarf an Umwelttechnologie besteht.
Die neuen Bundesländer sind ein attraktiver Standort.
Wie
verträgt
sich
diese
Aussage
mit
der
Standortdebatte? Lassen Sie mich nur soviel hierzu
sagen. Ich habe wenig Anlaß für eine Standortschelte.
Das deutsche Wirtschaftsmodell ist eines der
erfolgreichsten in der modernen Wirtschaftsgeschichte
gewesen. Angesichts des globalen Wettbewerbs sind
Anpassungen sicherlich erforderlich.

Amerikanische Firmen bieten innovative Produktionsund Herstellungsverfahren, eine starke Kunden- und

AMERIKA DIENST 21

Seite 3

�Deutschland ist dabei, eine Vielzahl von Maßnahmen
zur Verbesserung der Standortbedingungen zu
ergreifen. Der Bundeskanzler selbst hat die Initiative
ergriffen, um ein Finanzmarktförderungsgesetz und
eine Aktienrechtsreform auf den Weg zu bringen. Er
war dabei sehr offen für amerikanische Anregungen.
Deutschland wird ein besserer Standort.
Gleichzeitig liegt mir nichts ferner, als ein
amerikanisches Modell zu propagieren oder für alle
gültige Patentlösungen aus Amerika anzubieten. Die
haben wir nicht. Unsere Länder haben alle spezifische
Probleme und ihre eigenen Traditionen und
Erwartungen. In Deutschland etwa ist das Bedürfnis
nach kollektiver sozialer Absicherung höher entwickelt
als in den USA. Das muß man respektieren. Zur
selbstverständlichen Partnerschaft gehört eben auch,
daß jeder seine eigenen Lösungswege bei der
Bekämpfung von wirtschaftlichen Problemen geht.
Wichtig ist nur, daß das endlose Reden und
Debattieren aufhört und Handeln an die Stelle von
Worten tritt. Belastend für unser Verhältnis wäre nur
ein Deutschland, das in politische Lähmung verfällt.
Doch ist diese Gefahr sehr gering. Auf meinen Reisen
und bei meinen Gesprächen in Deutschland treffe ich
nur auf Menschen in der Politik und in der Wirtschaft,
die veränderungswillig sind. Ich habe keine Zweifel
daran, daß Deutschland die Herausforderungen der
Zukunft meistern wird.
Wie sollen sich unsere Beziehungen in der Zukunft
entwickeln? Die Basis ist gelegt und tragfähig, die
Beziehungen, wie ich sie beschreibe, sind
selbstverständlich geworden. Gerade deshalb aber
dürfen sie nicht in Routine erstarren. Sie brauchen
ständig neue Impulse - aus der Politik, aus der
Wirtschaft und aus der Kultur.
Die neuen Länder sind ohne Zweifel eine Tatsache,
die uns veranlassen sollte, ausgetretene Routinepfade
zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. Wenn
es um neue Formen der wirtschaftlichen Kooperation,
des wissenschaftlichen Austauschs oder der
Zusammenarbeit im Umweltschutz geht, dann sollen
die neuen Länder an vorderster Front stehen.
Die Wiedervereinigung hat den Horizont der
deutsch-amerikanischen Beziehungen erweitert und
für neue Handlungsfelder gesorgt. Dies wird sich noch
mehr mit dem Umzug der Regierung und unserer
Mission nach Berlin zeigen, wenn die neuen Länder
praktisch vor unserer Haustür liegen.
Deutschland und Amerika werden weiterhin in
selbstverständlicher Partnerschaft verbunden bleiben,
aus dem einfachen Grund, daß es häufig kein
besseres Tandem bei der Lösung vieler Probleme gibt.
Dies hat sich gerade bei grundlegenden

Seite 4

außenpolitischen
Fragen erwiesen, wie der
Friedenserhaltung in Bosnien, der Erweiterung der
NATO oder der Zusammenarbeit bei der Stabilisierung
der Ukraine.
Das gilt auch für neue Herausforderungen wie den
Klimaschutz, die Bekämpfung des internationalen
Verbrechens, der Bestechung und des Drogenhandels.
Die Aufrechterhaltung eines freien
Welthandelssystems, die Vermeidung von Finanzkrisen im internationalen Weltwährungssystem und die
Förderung von Marktwirtschaft und Demokratie in
Rußland und den anderen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion sehen Deutschland und Amerika als
Projekte von überragendem gemeinsamen Interesse.
Natürlich wird es manchmal
innenpolitische
Widerstände geben.
Die "Innenpolitiker" haben
gelegentlich andere, aber durchaus
legitime
Prioritäten. Das gilt für den amerikanischen Kongreß
wie für den Bundestag und die dort vertretenen
Parteien. Aber seit dem Zweiten Weltkrieg haben die
innenpolitisch orientierten Kräfte verstanden, daß sie
nicht die Agenda in den internationalen Beziehungen
bestimmen können. Ihren Anliegen und Bedenken
muß Rechnung getragen werden, aber sie sind weise
genug, auf beherrschenden Einfluß zu verzichten.
Das gilt für unsere beiden Nationen und sichert unsere
Handlungsfähigkeit.
Die Vereinigten Staaten haben immer den
europäischen Integrationsprozeß unterstützt, weil er
ein unverzichtbarer Garant der Stabilität in Europa ist.
Dazu gehört das Ziel, eine gemeinsame Währung
einzuführen. Wir wünschen, daß Europa enger
zusammenwächst und noch effizientere Märkte
hervorbringt.
Unsere Unternehmen haben vom Binnenmarkt
genauso profitiert wie europäische Unternehmen. Wir
hoffen, daß die Kooperationsfähigkeit in der
internationalen Währungspolitik voll erhalten bleibt.
Auch dies ist ein Gebiet, wo Deutschland und Amerika
identische Interessen haben.
Als größtes und wichtigstes Mitgliedsland in der EU hat
Deutschland so viel Gewicht, daß wir auf einen Dialog
mit Deutschland in EU-Angelegenheiten gar nicht
verzichten können. Starke Beziehungen zwischen den
USA und Deutschland stärken auch die Europäische
Union. Es gibt kein Nullsummenspiel zwischen guten
deutsch-amerikanischen Beziehungen und guten
Beziehungen zwischen der EU und den USA.
Vielmehr sind beide feste Bestandteile eines
lebendigen transatlantischen Verhältnisses.
Vor uns stehen große Aufgaben. Meiner Ansicht nach
können diese Aufgaben nur zu einer Intensivierung der
Beziehungen führen.
Die Agenda wird sich
ausweiten, nicht schrumpfen.
Die Schwerpunkte

AMERIKA DIENST 21

�werden sich dabei möglicherweise etwas verschieben.
Wirtschaftsfragen werden einen größeren Stellenwert
einnehmen. Aber an der Zentralität und an der
Selbstverständlichkeit der Beziehungen wird sich
nichts ändern.
Unsere Beziehungen werden bei sich verändernden
Problemen und Herausforderungen immer wieder
Neudefinitionen unterworfen sein, aber keiner
Grundrevision, sondern einem ständigen Prozeß des

"finetuning". Dieses "finetuning" ist kein natürlicher
Prozeß, dem wir ausgesetzt sind, sondern wir alle
können ihn aktiv gestalten. Diese Konferenz ist eine
von vielen Gelegenheiten, an ihm mitzuwirken, und wir
sollten diese Gelegenheit heute und morgen nicht
verstreichen lassen.
Ich danke Ihnen und wünsche unserer Konferenz den
besten Erfolg.

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

John C. Kornblum im Sender Freies Berlin

Interview mit dem amerikanischen Botschafter

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 30. September 1997 nach seinem
Antrittsbesuch beim Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, im Sender Freies Berlin gab.

Frage: Neuer Amerikanischer Botschafter in Deutschland, John Kornblum. Was macht eine Metropole aus,
und wie weit sind wir hier in Berlin von wahrer Internationalität noch entfernt? Oder sind wir sogar schon
Mittelpunkt für Wissenschaft, Kultur und Ideen Europas?
John Kornblum, der neue Botschafter der Vereinigten
Staaten in Deutschland, Jahrgang 1943, Großeltern
aus Ostpreußen Ende des vorigen Jahrhunderts nach
den Vereinigten Staaten ausgewandert. Europa,
Deutschland und besonders Berlin sind der Dreh- und
Angelpunkt einer Karriere, die Mitte der sechziger
Jahre in Hamburg begonnen hatte als amerikanischer
Vizekonsul. Jetzt muß man ganz lange ausholen:
Mitwirkender sind Sie gewesen beim Aushandeln des
Viermächteabkommens, politischer Chef der Berliner
US-Mission, Amerikas Botschafter bei der NATO,
KSZE, Leiter der Abteilung für europäische und
kanadische Angelegenheiten im State Department,
Chefunterhändler für Bosnien und jetzt in Deutschland.
Herr Kornblum, Peter Ustinov, der Spötter, hat kürzlich
gesagt, Diplomaten sind nichts anderes heutzutage
mehr als Oberkellner, denen es erlaubt ist, sich hin
und wieder zu setzen. Ist das tatsächlich eine stimmende Beschreibung?
Kornblum: Nein, ist es nicht. Bei der Bewirtung von
Gästen haben wir doch viel zu tun. Ich habe das
gerade heute in Berlin noch mal gesehen. Aber ich
behaupte - und ich glaube, ich habe auch Recht Botschafter und Diplomaten sind sogar wichtiger
geworden.

AMERIKA DIENST 21

Frage: Warum?
Kornblum: Weil durch die Medien - durch Fernsehen,
aber auch zunehmend durch das Internet - die Kommunikation zweifellos schneller wird. Aber das heißt,
die Möglichkeiten von Mißverständnissen werden
ebenfalls größer. Man sieht also - und es ist mir auch
bei Bosnien mehrmals passiert - man sieht ein Zweisekundenstück auf CNN und sagt: Aha, da ist etwas
passiert. Und wenn man schnell schaltet und sagt,
dann sagen wir denen die Meinung, ohne einen
Botschafter oder jemand anderen vor Ort, ohne
jemanden, der vielleicht doch Cocktailpartys gegeben
hat oder, wenn er gut ist, Essen gegeben hat oder
Gespräche mit den Menschen geführt hat, ein wenig
Vertrauen gewonnen hat. Wenn man das alles nicht
hat, dann kann man sehr sehr schnell zu Mißverständnissen und teilweise zu großen Konfrontationen
kommen. Also Botschafter sind sehr wichtig, aber sie
müssen natürlich ihre Aufgabe verstehen.
Frage: Heutzutage telefoniert Helmut Kohl mit Bill
Clinton direkt. Sie tauschen sich aus. Was hat der
Botschafter da für eine Rolle?
Kornblum: Der Botschafter hat da folgende Rolle:
Erstens, in diesem Fall, Helmut Kohl gut zu kennen,
die Agenda auch gut zu kennen, Bill Clinton auf diesen
Anruf vorbereitet zu haben. Auch nachher, nachdem
das Gespräch vorbei ist - sie reden sehr selten länger
als fünf oder vielleicht zehn Minuten - die Vereinbarungen durchzuführen oder auch die Differenzen
irgendwie zu glätten. Wie gesagt, die Existenz eines
Telefons bedeutet nur, daß die führenden Staatsleute

Seite 1

�öfter miteinander reden können. Aber es ist auch nicht
ihre Rolle, nachher die Arbeit zu machen.
Frage: Willy Brandt hat 1989 gesagt: "Nichts mehr
wird so sein, wie es war." Das ist eingetreten. Welche
Rolle hat Deutschland unter den neuen Bedingungen
aus der Sicht der Vereinigten Staaten?
Kornblum: Ich glaube, man muß die ganze Sache in
einem möglichst großen Kontext sehen. Man kann
nicht sagen, welche genaue Aufgabe Deutschland jetzt
hat. Das geht nicht. Deutschland ist, wie wir wissen,
in diesem Jahrhundert ein dramatisches Land gewesen, ein Land mit sehr vielen Höhepunkten, aber auch
den wahrscheinlich tiefstmöglichen Tiefpunkten. Und
das ist teilweise auf Entwicklungen innerhalb Deutschlands zurückzuführen, aber auch auf die ganze
europäische Konstruktion. Was ist für Amerika jetzt
am Ende des Jahrhunderts wichtig? Wir wollen
erstens natürlich, daß es Frieden gibt. Wir wollen, daß
es einen demokratischen Frieden gibt. Wir wollen
auch, daß die Völker Europas - nicht nur bis zur Oder,
sondern bis Moskau - in Demokratie, Frieden und
Wohlstand leben. Um all dies zu erreichen, muß es
Zusammenarbeit und Stabilität geben. Und wenn wir
unsere Agenda zusammenstellen, müssen wir fragen,
welche Punkte für uns wichtig sind. In sehr vielen
Fällen - nicht immer, es gibt auch Bereiche, wo
Deutschland nicht so direkt beteiligt ist - in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist Deutschland einer
der wichtigsten Partner, die wir haben.
Frage: Deutschland mußte in der Vergangenheit - die
Bundesrepublik Deutschland, die alte - außenpolitische
Aktionsräume eigentlich nicht durchmessen. Sie war
ein Trittbrettfahrer, nicht zuletzt der Vereinigten
Staaten. Jetzt kommt eine eigene Verantwortung auf
dieses Land zu. Wenn Sie jetzt, der Sie Deutschland
sehr gut kennen, die mentale Situation der Deutschen
heute einschätzen: Sind sie für diese größere Verantwortung, die sie wahrnehmen müssen, gerüstet?
Kornblum: Es wäre auch nicht richtig, wenn Deutschland auf einmal eine andere Verantwortung bekommen
würde.
Deutschland hatte immer eine wichtige
Verantwortung. Sie war nur anders definiert. Die
Tatsache, daß das Land in Demokratie und Freiheit
wiederaufgebaut ist, war auch schon eine wichtige
Aufgabe für Europa. Es ist zehn Jahre her, seit ich
Berlin im Sommer 1987 verlassen habe. Wenn ich
jetzt hierher komme, spüre ich, rieche ich ein Land,
das neu gemacht wird. Hier in Berlin natürlich eine
Stadt, die vor unseren Augen neu gebaut wird. Aber
auch Deutschland wird kräftig durchgeschüttelt. Und
ich glaube, da ist ein Prozeß im Gange, bei dem man
nicht weiß, was am Ende herauskommt. Aber man
kann sehen, daß Deutschland Schritt für Schritt eine
andere Rolle für sich definiert, und daß die Erfüllung
dieser Rolle auch vorangeht, z.B. die Rolle der Bundeswehr in Bosnien. Ein sehr gutes Beispiel.

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Frage: Ist Deutschland heute eine Großmacht?
Kornblum: Nein, Deutschland ist keine Großmacht.
Ich glaube, es gibt - wenn ich das sagen darf und es
sich nicht anmaßend anhört - im Moment nur eine
richtige Großmacht auf der Welt: die Vereinigten
Staaten. Das wird womöglich nicht immer so bleiben.
Aber für diese Phase, nach dem Ende des Kalten
Krieges, gibt es nur ein Land, das selbstbewußt seine
Ressourcen, geografische Position etc. einsetzt, um
eine wichtige Rolle in der Welt zu spielen. Europa
könnte eine Großmacht sein. Deutschland ist ein sehr
wichtiger Bestandteil von Europa.
Frage: Ist der Eindruck richtig, daß die Vereinigten
Staaten darauf aus sind, den ostmitteleuropäischen
Raum besonders der Bundesrepublik zuzuteilen und
allein das Verhältnis zu Rußland zu betreiben?
Kornblum: Nein. Diese These habe ich nie gehört.
Nein. Was wir wollen - und Präsident Clinton hat das
gleich am Anfang seiner Amtszeit gesagt - wir wollen,
daß Europa, und dazu gehört auch Rußland, integriert
wird. Das heißt nicht, daß alles EU wird. Oder alles
NATO wird. Sondern daß Europa ein integriertes
Gefühl von Frieden und Freiheit und auch Wohlstand
hat. Und daß die Beziehungen unter den europäischen Staaten organische und natürlich auch positive
werden. Mitteleuropa - Mittel- und Osteuropa, wie man
öfter sagt - ist sehr wichtig für Deutschland, weil es
natürlich immer dazugehört hat. Und es wurde
künstlich abgeschnitten, wegen der Linien, die am
Ende des Krieges gezogen wurden. Wichtig ist, daß
Ost- und Mitteleuropa jetzt in ein gemeinsames Europa
integriert werden. Und wichtig ist auch, daß Rußland
ein Gefühl der Offenheit hat. Daß Rußland auch sieht,
daß man eine Partnerschaft mit ihm haben möchte und
daß es keine künstlichen Grenzen gibt zwischen
irgendeinem Europa und einem Rußland. Und wir
müssen alle daran arbeiten. Da ist keine Frage von
irgendeiner Reservierung Rußlands für die Vereinigten
Staaten. Ganz im Gegenteil. Wir wollen das zusammen mit unseren europäischen Partnern machen.
Frage: Ist imperiale Bestrebung Rußlands mit Demokratie vereinbar?
Kornblum: Ich würde sagen, daß imperiales Bestreben, wenn es so verstanden wird, wie ich das verstehe, sehr selten mit Demokratie vereinbar sein kann,
weil Demokratie einem solchen Verhalten normale
Grenzen setzt. Aber ich sehe im Moment kein imperiales Bestreben Rußlands. Ich glaube, Rußland ist mit
sich selbst beschäftigt. Rußland muß auch eine sehr
sehr unsichere und teilweise sehr schlimme Vergangenheit überwinden. Wir werden in den nächsten
Jahren, ich weiß nicht wie lange, sehen, daß Rußland
sehr mit sich selbst beschäftigt sein und Partnern auch
etwas mißtrauisch gegenüberstehen wird. Und das ist
auch der Sinn unserer gemeinsamen Beziehungen,

AMERIKA DIENST 21

�zwischen Deutschland, Europa, Amerika und Rußland,
daß wir ihnen ein wenig die Wege glätten. Daß wir
ihnen durch die Grundakte NATO-Rußland nicht nur
schöne Worte, sondern auch eine konkrete Partnerschaft bieten.
Frage: Warum ist eine NATO-Erweiterung aus Sicht
der Vereinigten Staaten nötig?
Kornblum: Die NATO hat immer verschiedene Rollen
gespielt. Eine der wichtigsten Rollen war als Grundlage für die anderen Arten von Integration in Europa.
Durch Sicherheit, durch Partnerschaft und auch durch
Integration. Wenn wir das ernst meinen, wenn wir
sagen, daß die ursprünglichen Ziele der atlantischen
Partnerschaft auch in Europa ausgeweitet werden
müssen, dann ist es auch von Bedeutung, daß die
wichtigsten Institutionen, das heißt NATO und EU in
diesem Sinne, nicht geschlossen bleiben. Daß wir
nicht sagen, hier ist der Westen, hier soll alles Teil des
Westens sein, nur nicht Teil unserer Institutionen
werden. Daß man auch ein dynamisches Gefühl hat.
Daß diese Prinzipien auch dynamisch sind. Und
deshalb ist eine Erweiterung der NATO, aber auch der
EU - diesen Herbst werden wahrscheinlich die ersten
Schritte beschlossen - nicht nur praktisch notwendig
oder gut, sondern auch symbolisch und idealistisch
sehr wichtig. Daß wir zeigen, daß unser Westen keine
künstlichen Grenzen gezogen hat.
Frage: Gehört Rußland zu Europa?
Kornblum: Rußland ist teils europäisch, teils nicht.
Wie die Vereinigten Staaten. Ich finde es sowieso
nicht richtig, hier irgendwelche willkürlichen Grenzen
zu ziehen. Europa hat ein Bewußtsein, und dieses
Bewußtsein wird sich entwickeln.

Kornblum: Sie haben Willy Brandt zitiert: "Nichts wird
mehr so sein, wie es war." Wenn das so ist - und ich
persönlich meine, daß das so ist - dann wird es
natürlich eine längere Phase des Umbruchs geben,
gewaltige Veränderungen geben, neue Beziehungen
geben, und man kann nicht erwarten, daß das sehr
einfach ist. Ich zitiere auch Beispiele aus meiner
eigenen Vergangenheit, aber auch aus der deutschamerikanischen Vergangenheit, um diesen Punkt
teilweise zu unterstreichen. Wenn wir hier vor zehn
Jahren gesessen hätten - was wir beide eigentlich
auch getan haben - wie war die Diskussion in Deutschland über Amerika? Arbeitslosigkeit, Inflation, Kriminalität, Umweltschäden etc. etc. Man hat sogar von
manchen in Europa einen gewissen mitleidenden Ton
gehört, als solche Dinge diskutiert wurden. Ich werde
nie vergessen, wie ich hier in Berlin ein Pressegespräch hatte. Ich sagte, wir sind mitten in einem
Umwälzungsprozeß. Und eine Sache, die bei uns
völlig geändert wird, ist diese bürokratisierte Stadt.
Europa ist sehr bürokratisiert, und Sie werden sehen,
daß das geändert werden muß. Sie haben gelacht. Ich
sage das jetzt sehr offen. Sie haben gelacht. Sie
erwiderten: "Sie meinen, wir sind überbürokratisiert?"
Wir haben den Weg gefunden. Was meine ich damit?
Was ich damit meine ist, wir Amerikaner haben eine
lange, schmerzhafte Phase hinter uns. Mit großen
Konfrontationen. Und jetzt stehen wir am Ende der
neunziger Jahre sehr gut da. Aber es hat uns sehr
sehr viel gekostet. Diese Phase hat, ich würde sagen,
in Europa zehn Jahre später angefangen. Sie sind
noch in der ersten Halbzeit. Und das wird auch enorm
viele Schwierigkeiten bringen, sehr viel Konfrontation,
sehr viel Debatte. Und es bleibt natürlich offen, wie
das am Ende aussehen wird. Aber daß sich hier Dinge
ändern, ist klar. Ist man darauf vorbereitet? Ich würde
sagen, nein. Man ist nie auf solche Umwälzungen
vorbereitet.

Frage: Welches Bewußtsein hat Europa?
Frage: Sind Sie zuversichtlich?
Kornblum: Das werden wir sehen. Europa hat
mindestens ein Bewußtsein als ein Kulturland, als eine
Idee, als eine Geschichte. Rußland ist teils europäisch, teils nicht. Wichtig ist, daß diese Ideale, die auch
sehr stark durch die Vereinigten Staaten vertreten
werden, nicht anderen verschlossen bleiben.
Frage: Was ist Deutschland heute mental für Sie? Ich
komme noch mal darauf zurück, Sie haben vorhin
gesagt, Sie spüren, dieses Land ist in einem Umbruch,
hier verändert sich enorm viel. Hat der Botschafter der
Vereinigten Staaten den Eindruck, daß die Deutschen
auf diese neue Situation eingestellt sind?
Kornblum: Ich würde sagen, wahrscheinlich nein.
Aber das wundert mich auch nicht.
Frage: Warum nicht?

AMERIKA DIENST 21

Kornblum: Im Grunde ja. Wenn ich dieses Land
sehe, wenn ich die Talente und das hier aufgebrachte
Kapital - ich meine jetzt finanziell, aber auch menschlich - sehe, dann glaube ich nicht, daß Deutschland
eine schlechte Zukunft hat. Ich glaube, daß es jetzt
nicht unbedingt klar ist, wie diese Zukunft aussehen
wird und wie erfolgreich sie sein wird. Da ist doch
Arbeit zu leisten, ohne Frage. Ich will das jetzt hier
nicht alles schönmalen. So meine ich das nicht. Ich
meine nur, daß solche Änderungen immer Schweiß
und Blut kosten.
Frage: Wenn die Deutschen unter jetzt normalen
Bedingungen in einer Situation hektischen Stillstands,
wie man ihn vielleicht beschreiben könnte, ihre
Interessen definieren, dann werden sie in Kollision
kommen mit anderen. Und die Gefahr besteht - und
das ist glaube ich auch eine Befürchtung in diesem
Lande - daß sie von der Vergangenheit eingeholt

Seite 3

�werden. Daß ihnen etwas entgegengestellt wird: Da
war doch was, 1933-45, und daß das auch instrumental benutzt werden kann.
Kornblum: Ich würde nicht sagen, daß diese Gefahr
nicht besteht. Aber diese Gefahr besteht seit Anfang
der Bundesrepublik. Und es hat auch Kapitel gegeben, wo diese Gefahr vielleicht stärker gesehen wurde
als andere. Aber bis jetzt hat die Bundesrepublik
dieses Schicksal, wenn Sie wollen, sehr gut gehandhabt. Das war, gebe ich zu, in der meisten Zeit
auf der Basis der alten Bundesrepublik. Jetzt gibt es
das vereinigte Deutschland. Man wird meines Erachtens jetzt sehen müssen, daß es konkrete Probleme gibt, die man anpacken muß. Und diese Probleme
können nur in den seltensten Fällen allein gelöst
werden - vor allem für ein Land wie Deutschland, das
bei seinen 82 Millionen Einwohnern immer noch
verhältnismäßig begrenzt in seinen Möglichkeiten ist
und wo das nur zusammen mit anderen gemacht
werden kann. Und ich sehe keinen Grund zu fürchten,
daß die politische Führung in diesem Land das anders
sieht.
Frage: Sie haben von draußen zugesehen, wie die
Deutschen den Streit um die Hauptstadt ausgefochten
haben. Was war denn Ihre Reaktion auf diesen Streit?
Kornblum: Ich kann Ihnen die amerikanische Reaktion beschreiben. Das ist noch wichtiger als meine.
Man hat es nicht verstanden. Aber ich glaube, daß es
zu verstehen ist, wenn man die Geschichte betrachtet.
Aber für Amerikaner, Engländer, Franzosen, andere wenn man 50 Jahre lang versucht hat, wiedervereinigt
zu sein und die Hauptstadt wieder zu errichten - war
das eine klare Sache. Und es wurde bei uns sehr viel
darüber berichtet und nicht immer ganz verstanden,
worum es sich handelte.
Frage: Was ist diese Stadt heute, wenn sie wieder
politisches Zentrum werden wird in absehbarer Zeit?
Wie wird sich diese Stadt, die Sie ja in- und auswendig
kennen aufgrund Ihrer langjährigen Aufenthalte hier in
Berlin, wie wird sich die Stadt verändern? Gibt es eine
Prognose von Ihnen?

Frage: Berlin war die Grundlage für die deutschamerikanische Freundschaft. Es war auch die Grundlage für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Die Blockade als ein ganz wesentlicher Punkt für
dieses Verhältnis. Ist diese Stadt heute gerüstet für die
neue Zeit, die auf sie zukommt? Ich meine damit, Herr
Kornblum, in der Vergangenheit war diese Stadt - der
Westteil der Stadt - nicht in den Blutkreislauf der alten
Bundesrepublik Deutschland einbezogen. Sehen Sie
hier die Ressourcen für das Bild, was Sie gerade
beschrieben haben?
Kornblum: Ja doch, ich sehe sie. Ich bin völlig Ihrer
Meinung, ich würde das vielleicht sogar noch stärker
sagen. Zwei Ereignisse - die Berliner Wahl im Oktober
1946, die nicht gerade so ein riesiges historisches
Ereignis für viele ist. Aber ich habe mich ziemlich in
die Sache vertieft: Es hat viele beeindruckt in Amerika,
daß alle Berliner so gewählt haben und auch so
demokratisch gewählt haben so kurz nach dem Krieg.
Und zweitens die Blockade und die Reaktion der
Berliner auf die Blockade. Und danach die Luftbrücke.
Das hat mehr als nur Freundschaft zementiert, was es
bestimmt auch getan hat. Es hat für die Vereinigten
Staaten auch eine Grundlage für ein Engagement in
Europa geschaffen. Weil es sehr wichtig war. Und es
hat - wie Sie eben angedeutet haben - zu einer ganz
besonderen Beziehung geführt. Ich bin jetzt einer, der
glaubt, Berlin braucht sich nicht zu rüsten für eine neue
Beziehung zu den USA oder eine neue Rolle in
Europa. Berlin braucht eine neue Rolle nicht einstudieren. Berlin wird einfach Berlin sein. Und, wie
gesagt, eine kritische Größe. Und diese kritische
Größe wird eine Rolle für Berlin definieren. Ich weiß
nicht genau, wie das aussehen wird. Aber es wird da
sein. Und mich interessiert es nicht so sehr, wie diese
Stadt vorbereitet ist. Sie wird einfach da sein und eine
sehr große Rolle spielen.

Was hat sie für Fähigkeiten,

was hat sie für Nachteile?
Kornblum: Es gibt Städte auf der Welt - und interessanterweise teilweise völlig unabhängig von ihrer
geografischen Lage, ihrer Kultur, ihrer Sprache - die
einfach eine Größe erreichen, wo sie sich selbst
produzieren. Wirtschaft, Kultur, Menschen, Ideen,
Streitereien. Sie werden eine Kultur für sich. Wir
haben New York. Ich glaube, Amerika hat mindestens
drei davon. New York, Chicago, und neuerdings Los
Angeles. Berlin ist eine solche Stadt. Daß Berlin jetzt
wieder eine Stadt in einem vereinigten Land ist, mit
den ganzen Potentialen, die hier sind, auch mit offenen
Grenzen nach Osten und Süden - und Westen natürlich - macht sie zu einer sogenannten kritischen Masse

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und einem unheimlichen Anziehungspunkt. Die Stadt
wird Impulse geben und wird mitten in Europa wenn
nicht der einzige Platz, bestimmt der wichtigste Platz,
wo Kultur, Ideen und auch Streitereien produziert
werden.

Frage: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen der
Vergangenheit waren ganz besonders geprägt durch
personale Beziehungen, die bestanden. Von Leuten
hier zu den Vereinigten Staaten dort. Diese personalen Beziehungen lassen sich nicht beliebig konservieren, weil die Umstände sich ändern, auch die Leute
nicht mehr da sind. Gibt es da ein Vakuum?
Kornblum: Vielleicht im Moment, weil wir so zwischen
zwei Phasen sind. Aber die Tatsache, daß die Bundesregierung hier sein wird, die Tatsache, daß Berlin
sich wieder als eine Stadt entwickelt, wird meiner
Meinung nach zu einer neuen Art von persönlichen
Beziehungen führen. Es gibt sie teilweise schon, ich
kenne junge Menschen, oder jüngere Menschen in der

AMERIKA DIENST 21

�Geschäftswelt oder der Kunst oder der Architektur. Ich
kenne zwei junge Architekten in Washington. Sie
haben an sich nichts mit Deutschland zu tun, aber sie
fahren alle zwei Jahre nach Berlin, nur um zu sehen,
was hier passiert. Wie wird diese neue Art von
Beziehungen aussehen? Sie wird wahrscheinlich in
Zukunft nicht mehr so strukturiert sein.
Frage: Auch nicht mehr so gefühlsbetont?
Kornblum: Ja, mag sein. Das kommt darauf an, was
Sie mit gefühlsbetont meinen. Es wird nicht so sehr
gefühlsbetont in dem Sinne, daß man sagt, dies sind
ganz besondere Beziehungen für uns. Es wird aber
vielleicht sogar noch gefühlsbetonter, wenn man sagt,
um das so salopp auszudrücken: "Mensch, das ist ein
toller Platz."
Frage: Die Deutschen haben eine Befürchtung, die in
diesem Land kursiert: Sie sagen, jetzt gibt es nur noch
eine Weltmacht - das sind die Vereinigten Staaten und diese Weltmacht orientiert sich hin in den pazifischen Raum, weg von dem europäischen Kontinent.
Ist der Eindruck stimmend?
Kornblum: Es stimmt, daß Asien wichtiger wird. Es
stimmt auch, daß man an der Westküste eine Orientierung nach diesem neuen Asien spürt. Aber ich glaube,
es handelt sich wieder um die Frage, was gute,
wichtige Beziehungen in dieser neuen Zeit bedeuten.
Vor dem Fall der Mauer waren Beziehungen unter
Staaten, unter Ländern, unter Völkern ein bißchen
stilisiert, wie man sagt. Man interessierte sich für
Europa. Wenn man sich nicht für Europa interessierte,
hatte das - vielleicht nur im Hinterkopf - die Bedeutung,
die ganze Friedensstruktur würde nicht mehr bestehen. Jetzt befinden wir uns in einer ganz offenen,
vielfältigen Welt. Was mich in den letzten Jahren
immer wieder interessiert hat, auch bei meiner Arbeit in
Washington, war, wie unwichtig es war, diese Vision
zu haben, und wie wichtig es war, einfach die Aufgaben zu erfüllen. Und wie ich am Anfang unseres
Gesprächs gesagt habe: Bei den Aufgaben, die wir
uns selber stellen - und mit "wir" meine ich die Vereinigten Staaten - müssen wir uns fragen: Was wollen
wir für die Gesundheit, für die Sicherheit unseres
Volkes erreichen? Die überwiegende Mehrzahl dieser
Interessen fließen durch Europa. Und das wird meiner
Meinung nach auch in Zukunft so sein.
Frage: Es gibt zwei verschiedene Versionen. Die
eine sagt, John Kornblum habe Ronald Reagan 1987
bei seiner Rede vor dem Brandenburger Tor den Satz
"Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"
hineingeschrieben. Andere sagen, nein, das hat er
nicht getan. Welche ist denn richtig?

Frage: Wenn Sie heute zurückschauen: Gab es für Sie
einen Zeitpunkt, oder vielleicht sogar ein dauerndes
Gefühl, diese Situation in diesem Deutschland im
allgemeinen, und in diesem Berlin im besonderen, wird
sich eines Tages ändern, möglicherweise sogar bis hin
zu einer deutschen Wiedervereinigung?
Kornblum: Ja, das ist immer schwierig zu beantworten, ohne dabei zu übertreiben. Aber ich habe
immer daran geglaubt, daß es sich ändern würde, und
zwar aus verschiedenen Gründen. Nicht nur, weil ich
da emotionell engagiert war, sondern weil ich die Lage
doch sehr gut kennengelernt habe und mir irgendwie
klar war, daß diese Teilung, dieser Kalte Krieg sich
nicht ewig halten könnte. Gab es Zeitpunkte? Ich
glaube, es gab zwei für mich. Einmal war Solidarnosc
Anfang der achtziger Jahre, die Gewerkschaftsbewegung in Polen, wo ganz klar war, daß sich das
dortige System nicht halten konnte. Und zweitens
interessanterweise, noch viel subtiler, Sommer 1986.
Damals begann ich, nebenbei gesagt, den ReaganBesuch zu konzipieren. Die Mauer bestand, Sie
erinnern sich, seit 25 Jahren. Und es hat ziemlich viele
Gedenktage und Fernsehsendungen gegeben. Ich
habe mehrere Interviews im Fernsehen gegeben deutsch-amerikanische, englische. Und als man die
Lage dort und auch die Reaktion des Ostens, also der
DDR, betrachtete, war ganz klar - nicht daß da irgendwie Aufruhr gewesen wäre oder Opposition - daß diese
Mauer zunehmend unbedeutend wurde. Und sozusagen der Lage nicht mehr gerecht wurde. Und
irgendwie bekam ich in dem Sommer das Gefühl,
diese Mauer wird sich nicht lange halten.
Frage: Wann zieht der Botschafter John Kornblum in
die neue Botschaft Amerikas am Pariser Platz?
Kornblum: Die Amerikanische Botschaft wird ab
Sommer 1999 in Berlin voll funktionieren. Wir sind
schon hier. Aber ab Sommer 1999 wird es keine
Amerikanische Botschaft Bonn mehr geben. Wann wir
in das neue Haus ziehen, ist noch nicht klar, aber ich
würde sagen, es wird kurz nach der Jahrtausendwende sein.
Frage: Für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
war das Aspen Institute in Berlin eine wichtige Institution. Es gibt es weiterhin. Sein letzter Leiter ist
leider verstorben - ein Kollege von Ihnen. Was wird
aus dem Institut?
Kornblum: Erstens ist es nicht meine Verantwortung.
Aber ich weiß, daß der Vorstand nach einem neuen
Direktor sucht. Und ich glaube, wenn sie diese Person
finden, werden sie die Aktivitäten des Instituts sehr
unterstützen. Ich kann nur sagen, daß ich dieses
Institut weiterhin sehr stark unterstützen werde.

Kornblum: Ich habe versucht, in diese Debatte nicht
hineingezogen zu werden, weil es keinen Sinn hat.
Man weiß, was man gemacht hat.

AMERIKA DIENST 21

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�Frage: Als amerikanischer Botschafter in Deutschland, herzlich willkommen hier in Berlin, in Deutschland. Vielen Dank für das Gespräch.

Kornblum: Herzlichen Dank,

* * * * *

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AMERIKA DIENST 21

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                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Problem des Klimawandels reflektiert neue Realitäten des 21. Jahrhunderts&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wirth: Europäer befürworten "unrealistische" Ziele&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Auswirkungen der EWWU&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Finanzministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Deutschland und Amerika: eine selbstverständliche Partnerschaft vor neuen Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;John C. Kornblum im Sender Freies Berlin&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit dem amerikanischen Botschafter&lt;/em&gt;</text>
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