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                    <text>amcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

13.Januar 1997

01

AUSSENPOLITIK

USA BENOTIGEN "DIPLOMATIE ERSTER
KLASSE"
Anhörung von Madeleine Albright

NATO

DIE NEUE TRANSATLANTISCHE
PARTNERSCHAFT
Rede von Botschafter Hunter

PORTRAT

JANET L. YELLEN
Die designierte Vorsitzende des Rats der
Wirtschaftsberater
ALEXIS M. HERMAN
Die designierte Arbeitsministerin
RODNEY E. SLATER
Der designierte Verkehrsminister
ANDREW CUOMO
Der designierte Minister für Wohnungs- und
Städtebau

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
15.Januar 1997

USA benötigen "Diplomatie erster Klasse"
Anhörung von Madeleine Albright

WASHINGTON - (AD) - Die designierte Außenministerin der Vereinigten Staaten, Madeleine Albright, erklärte bei
ihrer Anhörung im Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten am 8. Januar 1997, im Falle ihrer
Bestätigung werde es eine ihrer wichtigsten Aufgaben sein, eine "Diplomatie erster Klasse" aufzubauen, die nach
dem Zusammenbruch des Kommunismus einen neuen internationalen Rahmen schaffen kann. Nachfolgend
veröffentlichen wir den offiziellen Text der Rede von Madeleine Albright.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
es ist mir eine große Ehre und Freude, heute Morgen
hier zu sein. Zunächst einmal möchte ich dem Präsidenten für sein Vertrauen danken, das er durch die
Nominierung für dieses hohe und eine große Herausforderung darstellende Amt in mich gesetzt hat.
Ich bin Außenminister Christopher sehr dankbar für
seine freundlichen Einleitungsworte und die mir
während der letzten vier Jahre gebotene Gelegenheit
zu beobachten, wie ein geradliniger und entschlossener Diplomat vorgeht.
Und ich weiß sehr zu schätzen, daß dieser Ausschuß
so freundlich war, diese Anhörung umgehend anzuberaumen.
Herr Vorsitzender, wir haben mehr als die Hälfte des
Weges zwischen dem Zerfall der Sowjetunion und dem
Beginn eines neuen Jahrhunderts hinter uns gelegt.
Unsere Nation wird geachtet und lebt in Frieden.
Unsere Bündnisse sind stark. Unsere Wirtschaft
floriert. Und von den entfernten Gegenden Asiens
über die neuentstehenden Demokratien Zentraleuropas und Afrikas bis zur Gemeinschaft der Demokratien in unserer eigenen Hemisphäre - mit einer
vorübergehenden Ausnahme, dem Kuba unter Castro dienen amerikanische Institutionen und Ideale als
Beispiel für diejenigen, die Freiheit genießen oder
danach streben.
Das alles ist kein Zufall, und die weitere Entwicklung ist
keinesfalls unvermeidlich. Demokratische Prozesse
müssen nicht nur aufgebaut, sondern auch erhalten

AMERIKA DIENST 01

werden - durch die Führungsrolle der Vereinigten
Staaten. Und wir müssen unsere Führungsrolle
bewahren, wenn wir unsere Interessen weltweit
schützen wollen.
Täuschen Sie sich nicht - diese Interessen sind keine
geopolitischen Abstraktionen, sondern durchaus real.
Es ist von Bedeutung für unsere Kinder, ob sie in einer
Welt aufwachsen, in der die Gefahr durch Massenvernichtungswaffen auf das Mindestmaß herabgesetzt
wurde oder ob sie außer Kontrolle geraten können.
Es ist von Bedeutung für Millionen berufstätiger,
landwirtschaftlich tätiger oder investierender Amerikaner, ob die Weltwirtschaft weiterhin gute neue Arbeitsplätze und offene neue Märkte schafft, oder ob es
infolge von Fehlkalkulationen oder Protektionismus mit
ihr bergab geht.
Es ist von Bedeutung für unsere Familien, ob aus dem
Ausland weiterhin illegale Drogen in unser Land
gelangen.
Es ist von Bedeutung für ins Ausland reisende und im
Inland tätige Amerikaner, ob die Geißel des internationalen Terrorismus bekämpft wird.
Es ist von Bedeutung für unsere Arbeitnehmer und
Geschäftsleute, ob sie ungerechterweise zum Konkurrenzkampf mit Unternehmen gezwungen werden,
die faire Arbeitsnormen verletzen, die Umwelt zerstören oder durch Korruption anstatt durch Wettbewerb
Vertragsabschlüsse erzielen.

Seite 1

�Und es ist von Bedeutung für uns alle, ob wir - sei es
durch Unachtsamkeit oder Gleichgültigkeit - zulassen,
daß kleine Kriege sich zu großen entwickeln, die
unsere Sicherheit und Freiheit gefährden.
Um die Gefahren zu bekämpfen und die Chancen zu
ergreifen, müssen wir mehr sein als nur Zuschauer
oder Akteure. Wir müssen die Geschichte unseres
Jahrhunderts schreiben.
Vor einem halben Jahrhundert, nach der durch
Weltwirtschaftskrise, Holocaust und Krieg verursachten Zerstörung, reichte es nicht aus festzustellen, daß
das, wogegen wir ankämpften, gescheitert war.
Führende Politiker wie Truman, Marshall und Vandenberg waren zur Schaffung eines dauerhaften Friedens
entschlossen. Zusammen mit unseren Verbündeten
riefen sie verschiedene Institutionen für die Verteidigung der Freiheit, den Wiederaufbau der Volkswirtschaften, die Einhaltung der Gesetze und Wahrung
des Friedens ms Leben.

die Diplomatie verlassen und von unseren Diplomaten
die Vertretung unserer Interessen mit Können, Wissen
und Rückgrat erwarten.
Im Falle meiner Bestätigung wird eine meiner wichtigsten Aufgaben in der Zusammenarbeit mit dem
Kongreß bestehen um zu gewährleisten, daß wir über
die herausragende diplomatische Vertretung verfügen,
die unser Volk verdient und unsere Interessen verlangen. Das gibt es jedoch nicht umsonst. Wir
müssen die für die Aufrechterhaltung der amerikanischen Führungsrolle erforderlichen Investitionen
tätigen. Betrachten Sie sich, was auf dem Spiel steht.
Wir sprechen hier über ein Prozent unseres Bundeshaushalts, aber dieses eine Prozent könnte
entscheidend für 50 Prozent der Geschichte unseres
Zeitalters sein.

Heute reicht es für uns nicht aus festzustellen, daß der
Kommunismus gescheitert ist. Wir müssen weiterhin
an einem neuen - an die Herausforderungen des
neuen Jahrhunderts angepaßten - Rahmen bauen, der
unsere Bürger und Freunde schützt, unsere Werte
bekräftigt und unsere Zukunft sichert.

Bedauerlicherweise sind - wie Senator Lugar vor
kurzem darlegte - "unsere internationalen Operationen
unzureichend finanziert und personell unterbesetzt".
Er wies auch darauf hin, daß nicht nur unsere Interessen, sondern auch unsere Bestrebungen zum
Ausgleich des Haushalts Schaden nehmen würden,
wenn das amerikanische Disengagement zu "nuklearem Terrorismus, einem Handelskrieg, einer Energiekrise, einem größeren regionalen Konflikt... oder einer
anderen abwendbaren Katastrophe führen würde".

Dabei dürfen wir unsere Energien im Gegensatz zu
unseren Vorgängern nicht nur auf die Bekämpfung
einer einzigen bösartigen Ideologie richten. Wir sehen
uns einer Vielzahl von Bedrohungen gegenüber, von
denen einige so alt sind wie ethnische Konflikte,
andere so neu wie Briefbomben, manche so langfristig
wie die Erderwärmung, andere so gefährlich wie
Nuklearwaffen in den falschen Händen.

Herr Vorsitzender, wir sind die reichste, stärkste und
am meisten respektierte Nation der Welt. Wir sind
auch der größte Schuldner bei den Vereinten Nationen
und anderen internationalen Finanzinstitutionen. Wir
wenden einen geringeren Prozentsatz unseres
Wohlstands für die Unterstützung von Demokratie und
Wachstum in den Entwicklungsländern auf als jede
andere Industrienation.

Für den Umgang mit einer solchen Vielfalt von Bedrohungen benötigen wir ein breites Spektrum außenpolitischer Instrumente.

In den letzten vier Jahren hat das Außenministerium
die Zahl seiner Mitarbeiter um mehr als 2.000 verringert, Stellen heruntergestuft, mehr als 30 Botschaften
oder Konsulate geschlossen und die dringend benötigte Modernisierung von Infrastruktur und Kommunikationsdiensten aufgeschoben. Seit 1991 sind unsere
Auslandshilfeprogramme um 30 Prozent gekürzt
worden.

Aus diesem Grund müssen unsere Streitkräfte die am
besten geführten, am besten ausgebildeten, am besten
ausgerüsteten und am meisten respektierten der Welt
sein. Und Präsident Clinton sowie unsere führenden
Militärs haben zugesagt, daß das der Fall sein wird.
Aus diesem Grund benötigen wir eine Diplomatie
erster Klasse. Macht und die glaubwürdige Möglichkeit des Einsatzes von Gewalt sind für die Verteidigung
unserer vitalen Interessen und die Wahrung der
Sicherheit Amerikas unerläßlich. Aber Gewalt allein
kann ein stumpfes Werkzeug sein, das zur Lösung
vieler Probleme nicht in der Lage ist.

Man sagt, wir wären von einem Zeitalter, in dem die
Großen die Kleinen vernichten, zu einem Zeitalter
übergegangen, im dem die Schnellen die Langsamen
vernichten. Wenn das der Fall ist, befindet sich Ihr
Außenministerium mit seiner veralteten Technologie,
seinen ausgesetzten Wartungsarbeiten im Wert von
300 Millionen Dollar und seiner schrumpfenden Basis
an ausgebildetem Personal in Schwierigkeiten.

Um erfolgreich zu sein, müssen Macht und Diplomatie
einander ergänzen und sich gegenseitig verstärken.
Denn es wird viele Gelegenheiten an vielen Orten
geben, wo wir uns zum Schutz unserer Interessen auf

Im Falle meiner Bestätigung werde ich mich für die
Erfüllung meiner Pflicht einsetzen, effektive und
effiziente Außenpolitik zu machen. Ich werde mit
diesem Ausschuß und dem Kongreß daran arbeiten

Seite 2

AMERIKA DIENST 01

�sicherzustellen, daß die amerikanische Öffentlichkeit
den vollen Gegenwert für jeden Dollar an Steuergeldern bekommt. Ich möchte aber auch gewährleisten,
daß unsere Außenpolitik die Interessen des amerikanischen Volkes erfolgreich fördert und schützt.
Zusätzlich möchte ich mit Ihnen an der Fortsetzung
von Reformen sowie der Bezahlung unserer ausstehenden Beiträge an die Vereinten Nationen arbeiten
- einer Organisation, an deren Gründung die Amerikaner mitwirkten, die unsere Ideale widerspiegelt und
den Zielen Stabilität, Recht und Gesetz sowie internationaler Zusammenarbeit dient, die in unserem Interesse liegen.
Die Debatte über die angemessene Finanzierung
unserer Außenpolitik ist in Amerika nichts Neues. Sie
wurde immer wieder geführt - seit der Vorläufer
unseres heutigen Kongresses Ben Franklin nach Paris
schickte, über die Vorschläge zu Lend Lease und den
Marshallplan vor und nach dem Zweiten Weltkrieg bis
zum Beginn des SEED-Programms zur Unterstützung
osteuropäischer Demokratien und des Nunn-LugarProgramms vor wenigen Jahren. In jedem Fall war die
Geschichte eher auf Seiten derjenigen, die sich für ein
amerikanisches Engagement einsetzten als derjenigen, die behaupteten, wir könnten uns eine Führungsrolle nicht leisten.
Herr Vorsitzender, jeder Rahmen für eine amerikanische Führungsrolle muß Maßnahmen zur Kontrolle
der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und
Terror beinhalten, muß die Chancen für die Beilegung
gefährlicher regionaler Konflikte ergreifen, Amerika als
Mittelpunkt der expandierenden Weltwirtschaft erhalten
und die hehren Grundsätze von Demokratie, Recht
und Gesetz bewahren können.
Im Zentrum dieses Rahmens stehen jedoch unsere
wichtigsten Bündnisse und Beziehungen.
Diese
Bande halten nicht nur unsere Außenpolitik, sondern
das gesamte internationale System zusammen. Wenn
wir mit den anderen führenden Nationen kooperativ
zusammenarbeiten können, schaffen wir ein dynamisches Netz von Grundsätzen, Macht und Zielbewußtsein, das hohe Maßstäbe setzt und weltweiten
Fortschritt fördert. Das ist unsere Chance, denn im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg ist große Machtpolitik
kein Nullsummenspiel.
Die transatlantische Partnerschaft
Ein herausragendes Beispiel ist die transatlantische
Partnerschaft.
Es ist eine zentrale Lektion dieses Jahrhunderts, daß
Amerika eine europäische Macht bleiben muß. Wir
haben ein Interesse an der europäischen Sicherheit,
weil wir die Instabilität vermeiden wollen, die fünf
Millionen Amerikaner in zwei Weltkriege auf der

AMERIKA DIENST 01

anderen Seite des Atlantiks hineinzog. Wir haben ein
Interesse an europäischer Demokratie, weil der Kalte
Krieg durch den Triumph der Freiheit beendet wurde.
Wir haben ein Interesse an europäischer Prosperität,
denn unser eigener Wohlstand ist abhängig von
Partnern, die offen für unsere Exporte, Investitionen
und Ideen sind.
Dank der Bestrebungen von Präsident Clinton und
Außenminister Christopher steht heute die amerikanische Führungsrolle in Europa auf solidem Boden.
Die europäischen Institutionen entwickeln sich in
Richtung eines Kontinents, der freier, geeinter und
friedlicher ist als zu jedem anderen Zeitpunkt in der
Geschichte.
Unsere wichtigsten bilateralen Beziehungen sind so
stark und widerstandsfähig wie eh und je, wenn auch
manchmal sehr lebhaft.
Das schreckliche Gemetzel in Bosnien hat geendet.
Die Partnerschaft für den Frieden hat die sicherheitspolitische Zusammenarbeit erweitert.
Und es gibt weitere Fortschritte bei politischen und
marktwirtschaftlichen Reformen in Zentraleuropa und
den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion.
Im Falle meiner Bestätigung werde ich Sie in diesem
Ausschuß oft um Ihre Unterstützung für unsere Vision
eines integrierten, stabilen und demokratischen
Europas bitten.
Beim Madrider NATO-Gipfel im Juli wird das Bündnis
die europäische Sicherheit erörtern, darunter die
Anpassung der NATO an neue Missionen und Strukturen, der Rahmen für verstärkte Konsultation und
Kooperation mit Rußland und die Erweiterung.
Ziel der Erweiterung ist es, für den Osten Europas das
zu tun, was die NATO vor 50 Jahren für den Westen
Europas leistete: Integration neuer Demokratien,
Überwindung alten Hasses, Aufbau von Vertrauen in
die wirtschaftliche Erholung sowie Abschreckung von
Konflikten.
Wer behauptet, es solle erst eine NATO-Erweiterung
geben, wenn eine militärische Bedrohung auftritt, trifft
nicht den Punkt. Die NATO ist nicht das Aufgebot
eines Sheriffs aus dem Wilden Westen, das erst im
Falle drohender Gefahr mobilisiert wird. Sie ist ein
dauerhaftes Bündnis, der Dreh- und Angelpunkt der
Stabilität, das verhindern soll, daß ernsthafte Bedrohungen überhaupt auftreten.
Wer sich Sorgen macht, die Erweiterung könnte
Europa spalten, dem sei gesagt, daß die NATO den

Seite 3

�alten Eisernen Vorhang nicht als seine Ostgrenze
erhalten kann und soll. Das war eine künstliche
Teilung, die stolzen Nationen aufgezwungen wurde,
von denen einige jetzt bereit sind, einen Beitrag zur
Sicherheit des Kontinents zu leisten. Die NATO muß
und will jeder europäischen Nation die Tür zur Mitgliedschaft offenhalten, die im Bündnis Pflichten übernehmen und zu seinen Zielen beitragen kann, während sie
gleichzeitig eine starke und dauerhafte Partnerschaft
mit allen Demokratien Europas aufbaut.

Und schließlich hängt die Zukunft von Stabilität und
Demokratie in Europa auch von der weiteren Umsetzung des Daytoner Abkommens ab.

Der Aufbau eines kooperativeren und integrierteren
Europas ist eines zahlreicher Themen, die Präsident
Clinton mit Präsident Jelzin während dessen Reise in
die Vereinigten Staaten im März erörtern wird. Ein
demokratisches Rußland kann und muß ein starker
Partner bei der Erlangung dieses gemeinsamen Ziels
sein.

Obwohl das Versprechen von Dayton noch nicht
vollständig erfüllt ist, hat sich während der letzten 13
Monate viel geändert. Die Kämpfe wurden eingestellt,
es fanden friedliche Wahlen statt, und nationale
demokratische Institutionen nehmen Gestalt an.

Wir wissen, daß Rußland sich immer noch inmitten
eines einschneidenden Übergangsprozesses befindet,
aber die Errungenschaften der letzten fünf Jahre sind
unumkehrbar. Trotz der Bedrohung durch Korruption
und Verbrechen haben offene Märkte und demokratische Institutionen Fuß gefaßt. Und im letzten Sommer
fanden die ersten wirklich demokratischen Wahlen
nationaler Politiker in Rußlands langer Geschichte
statt.
Präsident Jelzins Herausforderung in seiner zweiten
Amtszeit wird darin bestehen, die hinter den internen
Reformen stehende Dynamik wiederherzustellen und
Rußlands Integration in den Westen zu beschleunigen.
Wir haben großes Interesse an der Ermutigung dieses
großartigen Landes, seinen demokratischen Kurs zu
halten, die Souveränität seiner Nachbarn uneingeschränkt zu respektieren und gemeinsam mit uns das
gesamte Spektrum regionaler und globaler Fragen
anzugehen.
Unsere immer enger werdende Freundschaft mit einer
demokratischen Ukraine ist für die europäische
Integration ebenfalls von grundlegender Bedeutung.
Die Ukraine war der erste der neuen unabhängigen
Staaten, in dem die Machtübergabe von einer demokratisch gewählten Regierung an die nächste stattfand.
Und unter Präsident Kutschma hat sie ehrgeizige
Wirtschaftsreformen eingeleitet, die die Inflationsrate
senkten und den Zusammenbruch der Wirtschaft
verhinderten.
In unseren Beziehungen zu Rußland und zur Ukraine
gleichermaßen wird die binationale Kommission mit
Vizepräsident Gore als dem führenden amerikanischen Vertreter wertvolle Hilfe bei der Festsetzung
der Tagesordnung und der Erleichterung von Zusammenarbeit bei einem breiten Spektrum von
Unternehmungen bieten.

Seite 4

Obwohl die IFOR ihre militärischen Aufgaben in
Bosnien hervorragend erfüllt hat, ist noch mehr Zeit für
den wirtschaftlichen Wiederaufbau und den politischen
Heilungsprozeß erforderlich. Die SFOR verfolgt jetzt
das Ziel, die Zeit zu überbrücken, bis der Frieden
wirklich tragfähig ist.

Das ist großenteils auf die amerikanische Führungsrolle zurückzuführen. Jetzt besteht unser Plan darin, in
Zusammenarbeit mit unseren zahlreichen Partnern
diese Errungenschaften zu konsolidieren und darauf
aufzubauen.
Unsere Strategie besteht in einer
Verringerung der Notwendigkeit einer internationalen
Militärpräsenz, indem wir ein stabiles militärisches
Gleichgewicht herstellen, Rechts- und Gesetzesinstitutionen verbessern, mehr Menschen die sichere
Rückkehr in ihre Heimat ermöglichen und die Festnahme und strafrechtliche Verfolgung weiterer Kriegsverbrecher veranlassen.
Angesichts dieser dauerhaften Herausforderungen ist
es ermutigend zu sehen, daß der durch das Daytoner
Abkommen eingeleitete Prozeß historische Dimensionen hat.
Heute arbeiten in Bosnien praktisch alle europäischen
Nationen zusammen, um einer Region Stabilität zu
bringen, deren Konflikte Anfang dieses Jahrhunderts
den Kontinent zerrissen.
Das reflektiert eine deutliche Abkehr von den Einflußsphären und der Diplomatie des Kräfteausgleichs
der Vergangenheit sowie eine explizite Ablehnung der
auf ethnischer Zugehörigkeit basierenden Politik. Und
es bestätigt die Prämisse der Partnerschaft für den
Frieden, indem es das wachsende gemeinsame
Verständnis in Europa für die Herstellung eines
Gefühls der Sicherheit unter Beweis stellt.
Die mit IFOR und SFOR in Bosnien gewonnene
Erfahrung erhöht das Potential für die sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
nicht der NATO angehörenden Staaten Europas. In
Bosnien verteidigen sich Soldaten aus der NATO,
Rußland, Polen, der Ukraine, Rumänien und vielen
anderen Nationen gegenseitig und sind voneinander
abhängig. Unsere Herausforderung besteht darin,
diesen Geist auf andere gemeinsame Unternehmungen zu übertragen und ihn noch lange nach Abzug der
SFOR lebendig zu erhalten.

AMERIKA DIENST 01

�Die europäische Stabilität hängt großenteils von
fortgesetztem amerikanischen Engagement und der
Führungsrolle unseres Landes ab. Und die Geschichte zeigt, daß die europäische Stabilität auch für unsere
nationalen Interessen von lebenswichtiger Bedeutung
ist. Infolgedessen bleiben wir engagiert, werden
weiterhin führen, unsere Bündnisse stärken und mit
unseren demokratischen Partnern ein Europa aufbauen, in dem jede Nation frei und jede freie Nation
unser Partner ist.
Förderung von gegenseitiger
Wohlstand in Asien

Sicherheit

und

Herr Vorsitzender, Amerika muß eine europäische
Macht bleiben. Und wir müssen und werden auch eine
pazifische Macht bleiben.
Asien ist ein Kontinent, auf dem atemberaubende
wirtschaftliche Expansion und maßvolle, aber stetige
Bewegung in Richtung auf die Demokratie stattfindet.
Seine Wirtschaftskraft stärkt die unsere und ist einer
der Gründe für das vitale Interesse, das wir an seiner
Sicherheit haben. Schließlich handelt es sich hier um
ein Gebiet, in dem Amerika während der letzten sechs
Jahrzehnte drei Kriege führte und in dem 100.000
amerikanische Soldaten stationiert sind.
Präsident Clinton hat diese dynamische Region oben
auf unsere Tagesordnung gesetzt, und ich plane, ihren
Versprechungen und Gefahren einen Großteil meiner
Aufmerksamkeit zu widmen.
Unsere dortigen Prioritäten liegen in der Stärkung
unserer wichtigsten Bündnisse sowie der gleichzeitigen erfolgreichen Pflege unserer facettenreichen
Beziehungen zu China.
Aufgrund unseres Engagements für die regionale
Sicherheit haben wir unsere vornestationierte Militärpräsenz im Westpazifik beibehalten. Wir ermutigen
regionale Bestrebungen zur gewaltlosen Beilegung
territorialer oder anderer Streitigkeiten. Wir arbeiten
hart an der Öffnung von Märkten für amerikanische
Produkte und Dienstleistungen - sowohl bilateral als
auch im Rahmen des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC). Diese Frage
machte Präsident Clinton zu einem Thema der Gipfeltreffen. Wir erweitern unsere diplomatischen und
sicherheitspolitischen Beziehungen zu Südostasien,
der Heimat der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Und wir werden weiterhin die
Achtung der international anerkannten Menschenrechte und die Ausbreitung der Freiheit fördern.
Unsere engsten und weitreichendsten bilateralen
Beziehungen in der Region unterhalten wir zu Japan,
mit dem wir unser Bündnis nachdrücklich bekräftigten.

AMERIKA DIENST 01

Wir halten mit Japan regelmäßige Konsultationen über
ein breites Spektrum außenpolitischer Fragen ab - von
Sicherheit in Asien bis zu Entwicklung in Afrika. Wir
wissen die großzügige finanzielle Unterstützung des
Landes für Friedensbestrebungen von Bosnien bis
zum Nahen Osten zu würdigen. Und wir arbeiten mit
Japan und einem weiteren geschätzten Verbündeten,
der Republik Korea, an der Umsetzung des Rahmenabkommens über das Einfrieren der Entwicklung von
Nuklearwaffen in Nordkorea zusammen. In den letzten
Wochen haben wir mit Seoul erfolgreich am Abbau der
Spannungen, der Bekräftigung des nuklearen Einfrierens und der Verbesserung der Dialogsaussichten
auf der Halbinsel zusammengearbeitet.
Ich würde mich freuen, im Falle meiner Bestätigung
sowohl Japan als auch der Republik Korea möglichst
bald einen Besuch abstatten zu können.
Ferner sehe ich dem bevorstehenden Besuch des
chinesischen Außenministers bei uns erwartungsvoll
entgegen.
Starke bilaterale Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China sind erforderlich, um die
Zusammenarbeit auszuweiten, das Potential für
Mißverständnisse zu verringern und Chinas Entwicklung zu einem verantwortungsbewußten Mitglied der
internationalen Staatengemeinschaft zu ermutigen.
Um Fortschritte zu machen, müssen unsere beiden
Länder auf der Grundlage gegenseitiger Offenheit
miteinander umgehen. Wir haben wichtige Differenzen, insbesondere bei Handel, Waffenlieferungen und
Menschenrechten, einschließlich Tibet.
Wir sind
besorgt über die chinesische Politik gegenüber
Hongkong. Obwohl wir an unserer Politik festhalten,
daß es nur ein China gibt, werden wir starke inoffizielle
Beziehungen zu Taiwan pflegen. Wir haben jedoch
auch viele gemeinsame Interessen, und wir haben bei
mehreren Fragen zusammengearbeitet, einschließlich
der koreanischen Halbinsel, Verbrechensbekämpfung,
Umweltschutz und Nuklearversuchen.
Die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber China
wird im Kongreß und im amerikanischen Volk seit
langem kontrovers diskutiert. Es bestehen Meinungsverschiedenheiten über ein angemessenes Gleichgewicht zwischen verschiedenen Elementen dieser
Politik. Es sollte jedoch kein Zweifel an der Bedeutung
dieser Beziehungen und der Notwendigkeit einer auf
Integration, nicht Isolation Chinas abzielenden Politik
bestehen.
Präventive Verteidigung
tödlicher Waffen

durch

die

Kontrolle

Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber die Bedrohung
unserer Sicherheit durch nukleare und andere Massenvernichtungswaffen ist nur verringert, nicht beendet

Seite 5

�worden. Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung sind
weiterhin ein wesentliches Element unserer Außenpolitik.
Unter unserer Führung ist viel erreicht worden.
Russische Raketen sind nicht länger auf unsere
Häuser gerichtet. Aus Belarus, Kasachstan und der
Ukraine wurden die Nuklearwaffen abgezogen, und die
letzten Raketensilos werden mit Sonnenblumen
bepflanzt. Die Nuklearkapazitäten des Irak wurden
verringert, die Nordkoreas eingefroren. Der Nichtverbreitungsvertrag wurde unbegrenzt und bedingungslos
verlängert. Ein umfassendes Verbot von Atomtests
wurde verabschiedet, und bald wird ein Verbot von
Chemiewaffen in Kraft treten.
Herr Vorsitzender, diese Bestrebungen zur Verringerung der Ausbreitung und Zahl von Massenvernichtungswaffen tragen zu dem bei, was Verteidigungsminister Perry als "präventive Verteidigung"
bezeichnet. Sie zielen auf die Wahrung der Sicherheit
aller Amerikaner ab. Wir wollen damit nicht anderen
einen Gefallen tun, sondern unterstützen unsere
eigenen nationalen Interessen. Aber Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung sind eine noch nicht
beendete Aufgabe, zu deren Fortsetzung wir Ihre Hilfe,
die dieses Ausschusses und des Senats benötigen.
Erstens werden wir Sie um Ihre Zustimmung zur
Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention vor ihrem
Inkrafttreten Ende April ersuchen.
Wie dieser Ausschuß weiß, wurde die CW-Konvention
unter Präsident Reagan in die Wege geleitet und unter
Präsident Bush ausgehandelt. Sie wird von vielen in
beiden Parteien, von Unternehmen und unserem
Militär unterstützt. Die CW-Konvention ist kein Allheilmittel, aber sie wird es verbrecherischen Staaten und
anderen, die unseren Interessen gegenüber feindlich
gesinnt sind, erschweren, Chemiewaffen zu entwickeln
oder zu beschaffen. Herr Vorsitzender, ich hoffe auf
unsere Zusammenarbeit, um diesen Vertrag rechtzeitig
zu verabschieden, damit die Vereinigten Staaten
Gründungsmitglied sein können.
Wir werden auch Ihre baldige Zustimmung zum KSEFlankenabkommen anstreben, das für den KSEVertrag unerläßlich ist, der wiederum in hohem Maße
zur europäischen Sicherheit beiträgt.
In Übersee werden wir mit Rußland zusammenarbeiten, um die unverzügliche Ratifizierung des
START Il-Vertrags durch die Duma sicherzustellen und
dann weitere Reduzierungen und Begrenzungen
strategischer Nuklearwaffen anzustreben.
Wir werden auch die Bestrebungen fortsetzen, um die
Forderung von Präsident Clinton nach Verhandlungen
zu erfüllen, die zu einem weltweiten Verbot des
Einsatzes, der Lagerung, Herstellung und des Trans-

Seite 6

fers von Antipersonenminen führen.
Die durch
Mißbrauch von Landminen verursachten humanitären
Probleme können nur auf globaler Basis bewältigt
werden. Im September erklärte der Präsident vor der
UN-Generalversammlung, "unsere Kinder haben
Anspruch darauf, auf sicherem Boden gehen zu
können". Dies wird in den nächsten vier Jahren ein
wichtiges Rüstungskontrollziel sein.
Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung sind eng mit
unserer Politik gegenüber verbrecherischen Staaten
verbunden. Wir haben großes Interesse zu verhindern, daß Massenvernichtungswaffen von Regimen
mit erwiesener Mißachtung der Rechtsstaatlichkeit
beschafft werden. Entsprechend werden wir weiterhin
auf die Verbesserung der Sicherheit hinarbeiten und
das Abzweigen von spaltbarem Material verhindern.
Wir lehnen den Verkauf oder Transfer von modernen
Waffen oder Technologien an den Iran nach wie vor
vehement ab. Und wir werden auf der Beibehaltung
strenger Sanktionen der Vereinten Nationen gegen
den Irak bestehen, bis das Regime die entsprechenden Resolutionen des Sicherheitsrats erfüllt.
Tatkräftige Diplomatie zur Unterstützung des
Friedens
Herr Vorsitzender, die angemessene Rolle der Vereinigten Staaten bei der Beendigung von Konflikten
und der Reaktion auf Krisen in Übersee ist eingehend
erörtert worden, nicht nur in unserer Zeit, sondern im
gesamten Verlauf der amerikanischen Geschichte.
Weil wir einzigartige Fähigkeiten und beispiellose
Macht haben, ist es natürlich, daß andere sich in
Notfällen an uns wenden. Wir haben zahllose Chancen, auf der ganzen Welt zu handeln. Aber wir haben
weder unbegrenzte Ressourcen noch unbegrenzte
Verantwortung. Wenn wir unsere eigenen Interessen
schützen und unsere Glaubwürdigkeit bewahren
wollen, müssen wir unser jeweiliges Engagement
sorgfältig abwägen und sowohl selektiv als auch
diszipliniert bei unseren vereinbarten Einsätzen
vorgehen.
In Anbetracht dieser Tatsache haben wir einen starken
Anreiz, andere Mechanismen zur Reaktion auf Notfälle
und Konflikte zu stärken, darunter die Vereinten
Nationen und regionale Organisationen. Wir sollten
eng mit dem gesamten Netz öffentlicher und nichtstaatlicher Organisationen zusammenarbeiten, um die
humanitären und anderen Kosten natürlicher und vom
Menschen verursachter Katastrophen vorherzusehen,
zu verhindern, einzudämmen und zu minimieren. Und
wir sollten darauf bestehen, daß andere Nationen, die
dazu in der Lage sind, den ihnen angemessenen
finanziellen, technischen und - wenn nötig - militärischen Beitrag leisten.

AMERIKA DIENST 01

�Die oberste Verpflichtung der Vereinigten Staaten
besteht gegenüber ihren eigenen Bürgern. Wir sind
keine Wohltätigkeitsorganisation oder eine Feuerwehr.
Wir werden entschieden unsere eigenen lebenswichtigen Interessen verteidigen.
Wir sind uns jedoch bewußt, daß unsere Interessen
und die unserer Verbündeten auch durch regionale
oder Bürgerkriege und ein Machtvakuum betroffen sein
könnten - das sich Kriminelle und Terroristen zum Ziel
nehmen - sowie durch entsetzliches menschliches
Leid und Bedrohungen der Demokratie. Präsident
Clinton hat vor kurzem erklärt: "Die Vereinigten
Staaten können und sollten nicht versuchen, jedes
Problem zu lösen, aber wo unsere Interessen klar sind,
unsere Werte auf dem Spiel stehen und wir etwas
bewirken können, müssen wir handeln und eine
Führungsrolle übernehmen."
Während der vergangenen vier Jahre haben die
Vereinigten Staaten unter der Führung von Präsident
Clinton und Außenminister Christopher in historisch
krisengeschüttelten Regionen der Welt unerschütterlich die Friedensstifter gegen die Bombenleger unterstützt. Unser Ziel war die Schaffung eines Umfelds, in
dem Bedrohungen unserer Sicherheit und der unserer
Verbündeten sowie die Wahrscheinlichkeit der Entsendung amerikanischer Streitkräfte in einen Kampf
verringert sind.
Wir sind uns bewußt, daß weder die Vereinigten
Staaten noch irgendeine andere Macht von außen in
den meisten dieser Situationen eine Lösung aufzwingen kann. Aber wir können es den Friedenssuchenden erleichtern, die zur Erlangung dieses Friedens
erforderlichen Risiken zu übernehmen.
Während der Vorbereitung dieser Rede hat die
kontinuierliche Diplomatie der Vereinigten Staaten im
Nahen Osten zu einem neuen Dialog zwischen Israel
und seinen palästinensischen Partnern beigetragen
und bemerkenswerte Fortschritte beim Abzug der
Israelis aus Hebron erzielt.
Obwohl ein Abkommen noch nicht in greifbare Nähe
gerückt ist, haben die von uns während der vergangenen drei Monate geführten intensiven Verhandlungen einschließlich persönlicher Gespräche zwischen
Ministerpräsident Netanjahu und PLO-Führer Arafat eine gewisse Dynamik und größeres Vertrauen
zwischen den beiden Seiten wiederhergestellt. Dieser
Prozeß begann während des von Präsident Clinton im
Oktober letzten Jahres anberaumten Gipfeltreffens in
Washington und wurde durch unser tatkräftiges
diplomatisches Engagement bewahrt und vorangebracht.
Ministerpräsident Netanjahu und PLO-Chef Arafat
haben gegenüber Präsident Clinton ihre Entschlossenheit zur Fortsetzung ihrer gemeinsamen Bestrebungen

AMERIKA DIENST 01

für den Frieden bekräftigt. Die Vereinigten Staaten
werden dabei an ihrer Seite stehen.
Heute gibt es zwei konkurrierende Visionen im Nahen
Osten. Eine konzentriert sich auf das Leid und die
Tragödien der Vergangenheit, die andere auf die
Möglichkeiten der Zukunft. Ein Abkommen über
Hebron würde als Katalysator dienen und die Verfechter des Friedens stärken. Unter der Führung des
Präsidenten beabsichtigen wir, auf allen Ebenen
entschieden vorzugehen, um einen sicheren, umfassenden und dauerhaften Frieden zwischen Israel und
seinen arabischen Nachbarn zu realisieren.
Im gesamten Verlauf dieses Prozesses werden wir
vom unerschütterlichen Engagement der Vereinigten
Staaten für die Sicherheit Israels und unserem Widerstand gegen diejenigen geleitet sein, die diesen
Prozeß durch Terroranschläge und Gewalt stören
wollen.
Außenminister Christopher verläßt sein Amt nach vier
Jahren historischer Fortschritte bei der Erleichterung
des Friedens im Nahen Osten. Er wird vermißt
werden, und ich werde der Verpflichtung des USAußenministeriums zu einer aktiven Rolle der Vereinigten Staaten in diesem seit so langem von Krisen
geschüttelten und strategischen Teil der Welt weiterhin
nachkommen.
Auch in Zypern sind seit langem bestehende Meinungsverschiedenheiten nach wie vor ungelöst. 1996
kamen die Parteien einer endgültigen Entscheidung
über den Status der Insel nicht näher. Darüber hinaus
haben beunruhigende gewalttätige Zwischenfälle das
Klima für Verhandlungen beeinträchtigt und gleichzeitig
ihre Dringlichkeit unterstrichen. Die Kontroverse hier
und ähnliche Differenzen zwischen unsere beiden
NATO-Verbündeten Türkei und Griechenland betreffen
die europäische Stabilität und unsere vitalen Interessen. Entsprechend sind wir in diesem neuen Jahr
bereit, eine größere Rolle bei der Förderung einer
Lösung für Zypern zu übernehmen, aber damit eine
Initiative Früchte tragen kann, müssen die Parteien
Schritten zustimmen, die Spannungen abbauen und
direkte Verhandlungen möglich machen.
In Nordirland fühlen wir uns durch die Aufnahme von
Mehrparteiengesprächen ermutigt, sind jedoch
enttäuscht über den Mangel an Fortschritten und
verurteilen die erneuten Gewaltakte der IRA aufs
Schärfste. Wir werden weiterhin mit der irischen und
der britischen Regierung sowie den betroffenen
Parteien zusammenarbeiten, um zu substantiellen
Fortschritten bei den Gesprächen beizutragen. Wir
stellen fest, daß der ehemalige Senator George
Mitchell, der den Vorsitz der Mehrparteiengespräche
führt, entscheidend an den erzielten Fortschritten
beteiligt war.

Seite 7

�Am Vorabend des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit
von Indien und Pakistan werden wir erneut die Aussichten für einen Abbau der Spannungen prüfen, die
seit langem zwischen diesen beiden Freunden der
Vereinigten Staaten bestehen.
Wir haben eine Fülle von Sachwerten in dieser Region
und sind besonders besorgt über den regionalen
Rüstungswettlauf und die nukleare Weiterverbreitung.
Sowohl Indien als auch Pakistan sollten wissen, daß
wir alles in unserer Macht Stehende unternehmen
werden, um die Beziehungen der beiden Länder zu
uns zu stärken und bessere Beziehungen zwischen
ihnen zu ermutigen. Von beiden Ländern erwarten wir,
daß sie Aktionen vermeiden, die als Provokation des
anderen beabsichtigt sind.
Ein weiterer durch die Geschichte und Geographie
bedingter Disput besteht zwischen Armenien, Aserbaidschan und Nagorny-Karabach. Die gute Nachricht
ist, daß der Waffenstillstand jetzt seit über zwei Jahren
hält. Die schlechte Nachricht ist, daß die Fortschritte
unter dem Minsk-Prozeß der OSZE quälend langsam
erzielt werden. Wir haben sehr beträchtliche wirtschaftliche, politische und humanitäre Interessen in
dieser Region und sind bereit, eine maßgeblichere
Rolle bei einer Lösung zu spielen. Ein Schritt, den der
Kongreß zur Erhöhung unseres Einflusses unternehmen sollte, wäre die Aufhebung der Restriktionen für
nichtmilitärische Hilfe für Aserbaidschan bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Unterstützung unseres
großzügigen Hilfsprogramms in Armenien.
In Zentralafrika versuchen wir mit den regionalen
Politikern und unseren Verbündeten zu verhindern,
daß die immer noch instabile Situation zu einer noch
größeren Tragödie eskaliert.
Wir ermutigen die
Rückführung der restlichen ruandischen Flüchtlinge
und sind bei ihrer Reintegration in die ruandische
Gesellschaft behilflich. Mit den Bestrebungen des
Sondergesandten Howard Wolpe fördern wir einen
Dialog zwischen den gegnerischen Parteien in Burundi. Und wir unterstützen ein Ende des Konflikts in
Zaire auf der Grundlage der Anerkennung der territorialen Integrität Zaires und vollständiger Respektierung
der Menschenrechte.
Herr Vorsitzender, ich habe Afrika im vergangenen
Jahr besucht. In Ruanda, in der wunderschönen
Region, wo der Film "Gorillas im Nebel" gedreht wurde,
gibt es eine alte Steinkirche. Neben dieser Kirche
arbeiten Amerikaner und andere Freiwillige mit kleinen
Bürsten, um die Gebeine der 1994 dort ermordeten
Menschen zu reinigen und zusammenzufügen. Unter
den Hunderten von Skeletten fiel mir eines auf, das nur
ungefähr 50 cm lang war - in etwa die Größe meines
kleinen Enkels.
Man sagt, Außenpolitik sollte nicht von Emotionen
geleitet sein. Das ist richtig. Aber wir sollten uns vor

Seite 8

Augen führen, daß ermordete Kinder keine Emotionen
sind - sie sind menschliche Geschöpfe, deren potentieller Beitrag für immer verloren ist. Amerika hat
ebenso wie alle zivilisierten Menschen ein Interesse,
wo immer möglich zu handeln, um Genozid zu verhindern und abzulehnen.
Ein praktischer Schritt, den wir unternehmen können,
ist die Verbesserung der Fähigkeit der afrikanischen
Länder, sich erfolgreich für friedenssichernde Bestrebungen innerhalb ihrer Region zu engagieren. Das ist
der Zweck der von der Administration im Herbst
vergangenen Jahres vorgeschlagenen Reaktionstruppe auf afrikanische Krisen. Dieser Vorschlag hat
beträchtliches Interesse sowohl innerhalb als auch
außerhalb der Region hervorgerufen. Mit der Unterstützung des Kongresses wird ihm im kommenden
Jahr Priorität eingeräumt.
Führungsrolle für eine globale Wirtschaft
Die Clinton-Administration hat in diesen vergangenen
vier Jahren außergewöhnlichen Erfolg bei der Schaffung von Arbeitsplätzen für Amerikaner im Inland durch
die Öffnung von Märkten im Ausland erzielt. Die über
200 vereinbarten Handelsabkommen haben zu einem
Zuwachs unserer Exporte um 34 Prozent seit 1993
geführt und 1,6 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Durch die Verabschiedung des NAFTA, den
Abschluß der Uruguay-Runde des GATT und das beim
Gipfeltreffen von Miami eingegangene Versprechen,
bis zum Jahr 2005 freien und offenen Handel in
unserer Hemisphäre herbeizuführen, sowie die APECVerpflichtung, bis 2020 dasselbe in der asiatischpazifischen Region zu bewirken, hat der Präsident die
Vereinigten Staaten zu einem noch dynamischeren
Dreh- und Angelpunkt der globalen Wirtschaft im 21.
Jahrhundert gemacht.
Als Außenministerin würde ich alles in meiner Macht
Stehende tun, damit diese Dynamik anhält. Ich habe
bereits mit Finanzminister Rubin, dem designierten
Wirtschaftsminister Bill Daley und der designierten
Handelsbeauftragten Charlene Barshefsky gesprochen. Im Falle unserer Bestätigung beabsichtigen wir
als Team zu arbeiten - Amerikas Team. Und wir
beabsichtigen, ein sehr entschlossenes Team zu sein.
Der Wettbewerb auf den Märkten der Welt ist hart.
Häufig liegen unsere Firmen Kopf an Kopf mit ausländischen Konkurrenten, die von ihren Regierungen aktiv
unterstützt werden. Eine Hauptverantwortung des
Außenministeriums ist darauf zu achten, daß die
Interessen amerikanischer Unternehmen und Arbeitnehmerfair behandelt und ungerechte Hemmnisse für
Wettbewerb überwunden werden.
Entsprechend
stehen die Türen des Außenministeriums und unserer
Botschaften auf der Welt für amerikanische Geschäftsleute offen - und werden offen bleiben -, die ihre Ideen
vermarkten wollen und um unsere Hilfe bitten.

AMERIKA DIENST 01

�In den kommenden Jahren müssen wir weiterhin ein
globales Wirtschaftssystem schaffen, das für Amerika
arbeitet. Weil unsere Menschen so produktiv und
erfindungsreich sind, werden wir bei jedem echten
Wettbewerb Erfolg haben. Die Aufrechterhaltung des
gerechten Systems erfordert jedoch konstante Anstrengungen. Die Erfahrung lehrt uns, daß es immer
einige geben wird, die einen Vorteil erzielen wollen,
indem sie den Zugang zu unseren Produkten verweigern, Produktpiraterie bei unseren urheberrechtlich
geschützten Waren begehen oder uns durch Ausbeutungsbetriebe unterbieten.

Fülle gemeinsamer Anliegen teilen, darunter Kriminalität, Drogen, Einwanderung und die Umwelt.

Aus diesem Grund wird unsere Diplomatie weiterhin
einen hohen Standard bei den Arbeitsbedingungen,
der Umwelt und Unternehmenspraktiken betonen.
Und aus diesem Grund werden wir auf ein Handelssystem hinarbeiten, das faire Regeln einführt und
durchsetzt.

Wir wissen jedoch, daß der Hauptantrieb für die
Entwicklung dort wie überall vom Privatsektor kommen
muß.

Obwohl wir nach wie vor eng mit unseren G-7-Partnern
zusammenarbeiten, sind die Vorteile der wirtschaftlichen Integration und erweiterten Handels nicht auf die
meisten Industrienationen begrenzt und sollten dies
auch nicht sein. Insbesondere heute, da unser
bilaterales Auslandshilfeprogramm gekürzt wird, sind
Wirtschaftsinitiativen des öffentlichen und Privatsektors
überall ein wichtiger Bestandteil unserer Außenpolitik.
Wir können auch Ressourcen effektiv einsetzen,
indem wir mit den internationalen Finanzinstitutionen
zusammenarbeiten und sie unterstützen.
In Lateinamerika, einer Region von Demokratien,
werden wir auf den gesamtamerikanischen Gipfel von
1994 aufbauen, um die Rechts- und andere politische
Institutionen zu stärken sowie einen höheren Lebensstandard durch freien Handel und wirtschaftliche
Integration zu fördern. Ich freue mich, daß wir bei
diesen Bestrebungen die Hilfe des neuen designierten
Sondergesandten für Gesamtamerika, Mack McLarty,
haben.
Obwohl es noch sehr viel Armut gibt, wurden in vielen
Teilen der Hemisphäre durch Wirtschaftsreformen,
verstärkten Handel, niedrige Inflation und höhere
Auslandsinvestitionen substantielle Fortschritte erzielt.
Wir sind der Auffassung, daß durch ein Abkommen
über eine Freihandelszone für Gesamtamerika bis zum
Jahr 2005 weitere Fortschritte erzielt werden können,
die für uns und unsere Partner in der Hemisphäre von
Vorteil sind. Wir räumen auch dem baldigen Beitritt
Chiles zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen unter gleichen Bedingungen sowie der Erweiterung von dem NAFTA entsprechenden Arrangements
auf Zentralamerika und die Karibik hohe Priorität ein.
In unserer unmittelbaren Umgebung ermutigen wir
andauernde wirtschaftliche und politische Reformen in
Mexiko, einem Land, mit dem wir eine gemeinsame
Grenze von 3.400 Kilometern Länge haben und eine

AMERIKA DIENST 01

In Afrika verbessert sich die generelle wirtschaftliche
Perspektive, aber erschreckende Probleme wie
Verschuldung, Streitigkeiten, Umweltzerstörung und
unzureichende Investitionen bestehen weiterhin.
Es liegt in unserem Interesse, den Politikern der
Region bei der Überwindung dieser Probleme behilflich
zu sein und ein Afrika aufzubauen, das wohlhabender,
demokratischer und stabiler ist.

Daher ist es ermutigend, daß viele afrikanische
Regierungen Wachstum durch Maßnahmen erleichtern, die es Privatunternehmen gestatten, das Ruder
zu übernehmen, während sie gleichzeitig klug in
Bildung, Gesundheitswesen und Projekte zur Verbesserung der Chancen für Frauen investieren.
Im Falle meiner Bestätigung werde ich große Betonung
auf die Zusammenarbeit mit den demokratischen
Politikern Afrikas legen, um diese Trends zu erweitern
und zu vertiefen. Insbesondere werden wir auf die
Integration Afrikas in die Weltwirtschaft hinarbeiten,
uns an Bestrebungen zur Erleichterung der Schuldenlast beteiligen und den Ländern, die dafür in Frage
kommen, wo wir können mit gezielten bilateralen
Hilfsprogrammen helfen.
Förderung der Freiheit
Rechtsstaatlichkeit

und Erweiterung der

Herr Vorsitzender, der Vertreter einer ausländischen
Macht hat einmal gesagt, sein Land haben keine
permanenten Verbündeten, nur permanente Interessen.
Von Amerika könnte man sagen, daß das Land keine
permanenten Feinde, sondern nur permanente
Prinzipien hat.
Diese Prinzipien gründen auf der Respektierung der
Gesetze, menschlichen Würde und Freiheit, nicht nur
für einige, sondern für alle Menschen.
Sollte ich bestätigt werden, kann ich Ihnen versichern,
daß die Vereinigten Staaten nicht zögern werden, die
Verletzung international anerkannter Menschenrechte
offen anzusprechen, unabhängig davon, ob sie in
Kuba oder Afghanistan, Burma, Belgrad oder Peking
stattfindet.
Wir werden mit anderen zusammenarbeiten, um die
Kräfte des internationalen Verbrechens zu bekämpfen

Seite 9

�und die Drogenhändler für immer aus dem Geschäft zu
vertreiben.
Wir werden einen harten Kurs gegen internationalen
Terror verfolgen und auf dem Prinzip bestehen, daß es
nicht gerechtfertigt werden kann, Terroristen zu
unterstützen oder ihnen Zuflucht zu gewähren. Es ist
falsch. Und den Schuldigen sollte nicht applaudiert,
sondern sie sollten isoliert und bestraft werden.
Wir werden unsere starke Unterstützung des internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda und den
Balkan fortsetzen, weil wir der Überzeugung sind, daß
die der ethnischen Säuberung Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden sollten, und diejenigen, die
Vergewaltigung nur als eine weitere Kriegstaktik
ansehen, für ihre Verbrechen einstehen müssen.
Und wir werden weiterhin Demokratie fördern und
befürworten, weil wir wissen, daß Demokratie ein Vater
des Friedens und die Amerikanische Verfassung noch
immer die revolutionärste und anregendste Quelle für
Wandel in der Welt ist.

größte Herausforderungen und Chancen erachte, mit
denen wir uns in den nächsten vier Jahren konfrontiert
sehen. Zweifelsohne haben wir viel zu tun.
Ich könnte Ihnen sagen, daß ich immer die Ambition
hatte, Außenministerin der Vereinigten Staaten zu
werden. Aber das stimmt nicht. Offen gesagt, habe
ich nicht gedacht, daß es möglich wäre.
Ich kam mit 11 Jahren nach Amerika. Meine Familie
kam hierher, um dem Kommunismus zu entfliehen und
Freiheit zu finden - und das haben wir. Meine Ambition
zu jener Zeit war nur, gut Englisch zu sprechen, meine
Eltern zu erfreuen, hart zu lernen und aufzuwachsen,
um Amerikanerin zu sein.
Die Zeitung in Denver, wo wir lebten, hatte folgendes
Motto: "Es ist ein Privileg, in Colorado zu leben."
Mein Vater pflegte dieses Motto in regelmäßigen
Abständen zu wiederholen, fügte aber häufig eine
kleine Mahnung hinzu: "Kinder", sagte er, "vergeßt nie,
daß es auch ein Privileg ist, in den Vereinigten Staaten
zu leben."

Die Umwelt
Abschließend, Herr Vorsitzender, möchte ich klarstellen, daß ich im Falle meiner Bestätigung auf
Außenminister Christophers kluge Entscheidung
aufbauen möchte, Umweltbelange in unsere Außenpolitik einzubeziehen.
In den vergangenen Jahren bin ich in nahezu jede
Region der Welt gereist. Ich habe die durch Überentwicklung verursachte drängende Fülle und die
Entwaldung gesehen, die entsteht, wenn zunehmende
Populationen um abnehmende natürliche Ressourcen
kämpfen. Ich habe die Luft smogbelasteter Städte
gerochen, wo die durch moderne Technologien
ermöglichten Umwelttechniken noch nicht angewandt
werden.
Die Bedrohungen, denen wir uns durch Umweltzerstörung gegenübersehen, sind nicht so spektakulär
wie die durch die Bombe eines Terroristen oder eine
gegnerische Rakete. Aber sie betreffen direkt die
Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität von
Familien überall auf der Welt. Wir können wählen, ob
wir bei der Reaktion auf diese Bedrohungen passiv
bleiben und die harte Arbeit unseren Kindern überlassen, oder jetzt aktiv und vorausschauend sind. Ich
habe mich für den letzteren Kurs entschieden, und
werde nicht zögern, die Unterstützung des Kongresses
und der Öffentlichkeit dafür zu gewinnen.
Schlußbemerkung
Verehrte Ausschußmitglieder, ich fühle mich zutiefst
geehrt, heute hier sein zu dürfen. Ich habe einiges,
aber bei weitem nicht alles dargelegt, was ich als

Seite 10

Lange nachdem ich mein Zuhause verlassen hatte, rief
meine Mutter immer am 4. Juli an, um meine Kinder ihre Enkel - zu fragen: "Sagt mir, singt Ihr patriotische
Lieder?"
Senatoren, Sie auf Ihrer Seite des Tisches und ich auf
meiner haben eine einzigartige Chance, Partner bei
der Schaffung eines neuen und dauerhaften Rahmens
für eine amerikanische Führungsrolle zu sein. Einer
meiner Vorgänger, Dean Acheson, schrieb darüber,
bei der Schaffung eines neuen Zeitalters dabei zu sein.
Sie und ich stehen vor der Herausforderung und
haben die Verantwortung, das neueste Kapitel unserer
Geschichte mitzuverfassen.
Dabei sollten wir uns vor Augen führen, daß es keine
Seite im amerikanischen Buch der Geschichte - auf die
wir stolz sind - gibt, die von einem chronischen Nörgler
oder einem Niedergangspropheten geschrieben
wurde.
Wir sind Macher.
Indem wir der Versuchung der Isolation widerstehen
und Seite an Seite mit denen auf der Welt stehen, die
unsere Werte teilen, werden wir unsere eigenen
Interessen voranbringen, unsere besten Traditionen
ehren und versuchen, daß ein Gebet erhört wird, das
viele Jahre lang in zahlreichen Sprachen gesprochen
wurde, entsprechend der unterschiedlichen Sitten, als
Antwort auf ein gemeinsames Streben.
Dieses Gebet ist das Gebet für Frieden, Freiheit,
Essen auf dem Tisch und das, was Präsident Clinton

AMERIKA DIENST 01

�einst so eloquent als "das stille Wunder eines
normalen Lebens" bezeichnet hat.
Wenn ich mit Ihrer Zustimmung als Außenministerin
bestätigt werde, möchte ich Sie bitten, mit mir gemein-

AMERIKA DIENST 01

sam als Vertreter der unerläßlichen Nation und mit der
Hilfe Gottes alles zu tun, damit dieses Gebet erhört
wird.
Ich danke Ihnen.

Seite 11

�NATO
15. Januar 1997

Die neue transatlantische Partnerschaft
Rede von Botschafter Hunter

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Botschafter Robert E. Hunter, Ständiger
Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, am 19. Dezember 1996 anläßlich des ihm vom European
Institute verliehenen Transatlantic Leadership Award gehalten hat.

Was für eine großartige Zeit ist das heute für die
NATO. In genau sieben Stunden und 31 Minuten läuft
das Mandat der Implementation Force (IFOR) in
Bosnien - der Operation Joint Endeavor - aus. Und im
gleichen Augenblick werden wir die Operation Joint
Guard einleiten, die Stabilization Force (SFOR). Das
sind 366 Tage seit der Stunde Null der ersten Mission,
und es ist die Stunde Null der neuen Mission. Das ist
eine beeindruckende Leistung. Alle 16 NATO-Verbündeten waren an der IFOR beteiligt. Das 16. Land ist
Island, das keine Streitkräfte unterhält, aber, um sich
zu beteiligen und Solidarität zu zeigen, einen Arzt und
zwei Krankenschwestern entsandt hat. Auch 13
Mitglieder der Partnerschaft für den Frieden und vier
andere Länder haben sich an der IFOR beteiligt, und
wir haben zusammen das erreicht, was vor noch
einem Jahr unmöglich erschien, jetzt jedoch praktisch
eine Alltäglichkeit ist. Was die NATO sowie ihre
Freunde und Partner geleistet haben, war außergewöhnlich. Ich danke Gott für die unglaubliche Tatsache, daß es bis jetzt kein einziges Todesopfer gegeben hat - das ist beispiellos bei einer Operation dieser
Qualität und Größe, vor allem in der modernen Geschichte.
Was die NATO tut, wird natürlich nicht genug sein, um
den Erfolg des Abkommens von Dayton zu gewährleisten. Was die NATO tut, wird natürlich nicht genug
sein um sicherzustellen, daß sich für die gepeinigten
Menschen in Bosnien die Hoffnungen erfüllen.
Natürlich liegt die Verantwortung bei den Menschen in
Bosnien selbst, bei ihren Nachbarn und bei der
internationalen Staatengemeinschaft.
Sie müssen
dafür sorgen, daß die zivilen Bestrebungen - der
Wiederaufbau - erfolgen und dafür sorgen, daß die
Polizei die notwendigen Funktionen übernimmt, dafür
sorgen, daß die Kriegsverbrecher in Den Haag vor

AMERIKA DIENST 01

Gericht gestellt werden, und dafür sorgen, daß die
Flüchtlinge in ihre oder ähnliche Häuser in ganz
Bosnien zurückkehren können.
Ich möchte jedoch auch eindeutig klarstellen, daß die
NATO definitiv etwas bewirkt hat. Nach drei langen
Jahren des Kampfes im Rat und im Bündnis ist es uns
gelungen, Indifferenz durch Aktionen zu ersetzen, es
ist uns gelungen, eine Periode des Herumprobierens
zu überwinden und, nachdem die Atlantische Allianz
beinahe wegen Bosnien in die Brüche ging, zu den
ersten erfolgreichen Luftangriffen vor nur 16 Monaten
überzugehen, mit denen die Tür zum Abkommen von
Dayton und darüber hinaus geöffnet wurde. Meiner
Ansicht nach ist es bemerkenswert, daß die NATO
überhaupt handeln konnte und nicht, daß sie so lange
brauchte, in Bosnien "einzugreifen", sich dort zu
engagieren und effektiv zu sein. Es ist bemerkenswert, daß die 16 verbündeten Regierungen in der Lage
waren, diesen großen Supertanker eines Bündnisses das allein zum Zweck der Eindämmung der sowjetischen Macht und des Kommunismus gegründet wurde
- um 120 Grad zu wenden, um sich auf einen Ort zu
konzentrieren, der für die meisten Verbündeten von
geringer strategischer, jedoch von großer politischer
und moralischer Bedeutung war, in der Tat ein Ort, der
für die meisten Verbündeten "ein weit entferntes Land
war, über das wir nichts wußten". Aber schließlich
gewannen alle 16 Länder die Erkenntnis, daß wir
dieses wertvolle Bündnis, das uns seit so vielen
Jahren Sicherheit gegeben hatte und das für so viel
mehr Menschen Sicherheit und Frieden in der Zukunft
versprach, nur bewahren und erweitern können, wenn
wir in Bosnien effektiv sind - und die schlimmsten
Kämpfe auf dem europäischen Kontinent seit dem
Zweiten Weltkrieg beenden.

Seite 1

�Ich bin sicher, daß die NATO aufgrund der Überzeugung der 16 Länder begann, die Zukunft in den Griff zu
bekommen - weit über Bosnien hinaus - und Bosnien
in historischer Hinsicht in den Schatten stellte. Und
aufgrund ihrer kollektiven Überzeugung, daß das
Bündnis es wert sei, erhalten zu werden und wir es
uns nicht leisten könnten, es zu verlieren und wegen
des Versprechens gegenüber Bosnien, waren wir
schließlich in der Lage, zusammenzukommen und
etwas zur Beendigung des Krieges zu unternehmen.
Sieben Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sind
wir uns meines Erachtens jetzt dreier Tatsachen
bewußt: Erstens, daß die Geschichte nicht zu Ende
ging, sondern vielmehr einen neuen Anfang hinzugefügt hat, eine Chance, die Prinzipien, Werte und
Gründe zu rechtfertigen, für die wir während des
Kalten Krieges gekämpft hatten. Die Geschichte fügte
auch die Verantwortung hinzu, diese Prinzipien und
Werte sehr viel mehr Völkern als je zuvor in ganz
Europa und sogar darüber hinaus nahezubringen.
Zweitens gelangten wir zu der Überzeugung, daß viele
Institutionen in diesem Prozeß von Bedeutung sein
würden: Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die Europäische
Union (EU), die Westeuropäische Union (WEU) und
der Europarat. Aber eine Institution hat sich wiederum
als unerläßlich und herausragend erwiesen, und das
ist die NATO. Das dritte, das wir gelernt haben, auch
wiederum mit allem nötigen Respekt für die gemeinsamen Bestrebungen am Verhandlungstisch und im
Bündnis, ist, daß die NATO am besten arbeitet, wenn
die Vereinigten Staaten bereit sind, sich zu engagieren
und eine Führungsrolle zu übernehmen. Ich freue
mich sagen zu können, daß diese Verpflichtung auch
heute noch gültig ist - die Vereinigten Staaten sind
engagiert, sie haben eine Führungsrolle übernommen und dies gilt auf überparteilicher Ebene. Was wir
heute tun, begann unter Präsident Bush, wurde unter
Präsident Clinton fortgesetzt und von jedem Kongreßabgeordneten ratifiziert, der uns bei der NATO besucht
hat. Es geht auf die Wurzeln dieses Landes zurück.
Es ist keine Verpflichtung der Republikaner oder der
Demokraten. Meiner Ansicht nach ist es eine Verpflichtung Amerikas.
Wir haben uns bei der NATO auf vier große Ziele
geeinigt, die wir verfolgen - nicht um etwas zu haben,
das das Bündnis um seiner selbst willen erhält,
sondern vielmehr unsere gemeinsamen Interessen
fördert, für die das Bündnis erforderlich ist. Das erste
große Ziel ist natürlich, daß Amerika eine europäische
Macht bleibt, nicht nur heute, sondern auf unbegrenzte
Zukunft hinaus. Mit Ausnahme unseres eigenen
Bürgerkriegs hat unser Land in der Tat mehr Blut
vergossen und Gut geopfert, um Europa frei und
unabhängig zu halten, als für irgend etwas, das wir in
unserer gesamten Geschichte getan haben. Ich habe
keinen Grund zu der Annahme, daß wir diese Verpflichtung in Zukunft nicht wahrnehmen werden.

Seite 2

Die zweite große Aufgabe der NATO, der Europäischen Union und anderer Institutionen besteht in der
Sicherstellung, daß wir das in Zukunft bewahren, was
wir während der vergangenen 50 Jahre erfolgreich
geleistet haben, einschließlich der Verhinderung einer
Renationalisierung der Verteidigung. Noch wichtiger
ist das, was von den Ländern der Europäischen Union
erreicht wurde, das in der Geschichte der Menschheit
seinesgleichen sucht - die Abschaffung des Kriegs an
sich als Mittel der Regulierung der Beziehungen
zwischen diesen Ländern. Wir leben in Brüssel, und in
Brüssel haben wir eine Abkürzung oder einen Namen
für alles. Deshalb nenne ich das den "europäischen
zivilen Raum". Und zur Erhaltung und Erweiterung
dieses europäischen zivilen Raums beizutragen, ist
von fundamentaler Bedeutung für unsere Arbeit bei der
NATO.
Aber das sind alte Aufgaben, kontinuierliche Zielsetzungen. Die neuen Aufgaben und Zielsetzungen - die
Öffnung von Grenzen und ihr Überschreiten - beginnen mit der Übernahme von Verantwortung in der
NATO, in unserem kollektiven Interesse, für Sicherheit
in Zentraleuropa. Die Rolle der NATO für die Sicherheit im umfassendsten Sinne war während des
Kalten Krieges ein elementares Ziel im Westen, war
ein elementares Ziel bei der Bewältigung der bosnischen Herausforderung und ist elementar bei der
Bewältigung anderer potentieller Herausforderungen der Schaffung der Grundlagen für Vertrauen und
Veränderungen, damit die Menschen verstehen, daß
sie eine Zukunft haben können, die nicht von außen
gestört wird, und Vertrauen in Stabilität haben.
Was die Europäische Union und die NATO in Zentraleuropa zu tun versuchen, ist die Vollendung des
Versprechens des Marshallplans, das von Joseph
Stalin vor rund 50 Jahren vereitelt und vom Eisernen
Vorhang ausgegrenzt wurde. Wir haben jetzt endlich
eine Chance, dieses große Unternehmen zu vollenden. Es ist höchst selten - vielleicht einzigartig - in
der Geschichte, daß wir eine zweite Chance erhalten!
Jetzt haben wir die Chance, das Vermächtnis des
Marshallplans zu erfüllen.
Schließlich - und was historisch vielleicht am wichtigsten ist - sind wir bei der NATO dem Ziel des Bündnisses verpflichtet, unseren ehemaligen Gegner
Rußland einzubeziehen und zu versuchen, dem Land
beim Erfolg des Experiments mit Demokratie und
Marktwirtschaft behilflich zu sein. Wir müssen Rußland als nützliches und produktives Mitglied in die Welt
dort draußen einbeziehen. Unter Präsident Bush und
dann unter Präsident Clinton sahen wir uns mit der
Entscheidung zwischen Paradigmen konfrontiert, die
sich aus der Art ableiteten, wie Deutschland 1919 und
danach sowie 1945 und danach behandelt wurde.
Das erste Mal wurde Deutschland getreten, als es am
Boden lag, und wir haben die Ergebnisse im Zweiten
Weltkrieg gesehen. Das zweite Mal versuchten viele

AMERIKA DIENST 01

�mutige Männer und Frauen mit Vision etwas anderes.
Das Ergebnis ist das freie, unabhängige und demokratische Deutschland, das wir heute sehen. Wir haben
jetzt die Entscheidung getroffen, daß wir Rußland
entsprechend dem zweiten Paradigma behandeln
werden - so schwierig diese Herausforderung auch ist
und so schwierig es auch sein wird, Verhaltensweisen
und Denkgewohnheiten zu ändern, damit wir mit
unserem alten Gegner arbeiten können - statt ihn an
den Folgen der Beendigung des Kalten Krieges leiden
zu sehen.
Diese vergangenen anderthalb Wochen waren
entscheidend für die NATO. Ich habe gestern unseren
Verteidigungsministern in Brüssel auf Wiedersehen
gesagt, ebenso wie ich letzte Woche zu unseren
Außenministern auf Wiedersehen gesagt habe. Bei
diesen beiden Treffen haben wir einige grundlegende
Entscheidungen getroffen, die auf den jüngsten,
hoffnungsvollen Entscheidungen vom Gipfeltreffen im
Januar 1994 aufbauen, bei dem Präsident Clinton uns
seine Zukunftsvision darlegte und von den anderen
Staats- und Regierungschefs des Bündnisses die
Zustimmung dazu erhielt. Bei diesen beiden Ministertreffen haben wir den Rubikon für die Zukunft der
NATO überschritten. Das von uns Geleistete wird am
8. und 9. Juli beim nächsten NATO-Gipfel in Madrid
ratifiziert. Wir unternehmen entscheidende Schritte,
um eine neue NATO hervorzubringen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern und das Bündnis
in dreierlei grundlegender Weise anzupassen: Neue
Missionen wie in Bosnien, Einbeziehung des Ostens,
um mehr Länder und Menschen zu umfassen als wir je
für möglich gehalten hätten, und einen Prozeß des
inneren Wandels zu durchlaufen, nach dem die neue
NATO in vieler Hinsicht verglichen mit der Vergangenheit nicht wiederzuerkennen ist.
Ja, beim NATO-Gipfeltreffen im Juli können und
werden wir neue Mitglieder aufnehmen. Wir werden
die Einladungen an eine Reihe neuer Länder aussprechen, die Verhandlungen mit der NATO aufzunehmen und bis 1999 Vollmitglieder des Bündnisses
zu werden. Die Tür für zukünftige Mitglieder wird offen
bleiben. Wie Außenminister Christopher bei einem
anderen historischen Anlaß im September vergangenen Jahres in Stuttgart sagte: "Die Tür zur NATOMitgliedschaft wird offen bleiben, so lange es europäische Länder gibt, die willens und bereit zur Übernahme der Pflichten der Mitgliedschaft sind."
Ja, wir können und werden alles Erforderliche tun um
sicherzustellen, daß die Länder, die nicht als erste zum
NATO-Beitritt eingeladen werden, nicht entmutigt
werden. Wir lehnen das Konzept von Grauzonen,
Pufferstaaten oder Einflußsphären ab und versuchen,
im östlichen Teil des Kontinents das außer Kraft zu
setzen, was wir bereits im Westen außer Kraft gesetzt
haben - das jahrhundertealte gescheiterte Konzept des
Kräftegleichgewichts.

AMERIKA DIENST 01

Die noch keine drei Jahre alte Partnerschaft für den
Frieden hat Wunder bewirkt - und meines Erachtens
wissen das die hier versammelten Vertreter der
Partnerländer - indem sie die Völker, die so lange
hinter dem Eisernen Vorhang litten, in die Lage
versetzte, ihren Platz im Westen einzunehmen und die
Vorteile zu genießen, die wir schon lange als selbstverständlich erachten. Die Partnerschaft für den
Frieden verfolgt zwei große Ziele. Eines besteht darin,
die Länder auf die NATO-Mitgliedschaft vorzubereiten.
Wenn wir den wichtigsten Schritt bei der NATOErweiterung unternehmen - den US-Senat um seine
Zustimmung mit Zweidrittelmehrheit zu bitten - und
wenn die Senatoren uns fragen, ob die von uns
ausgewählten Länder für die Aufnahme bereit sind,
wird die PFF gewährleisten, daß wir eine positive
Antwort erhalten - daß diese Länder zur Sicherheit
beitragen und sich ihrer nicht nur erfreuen. Noch
wichtiger ist, daß die Partnerschaft für den Frieden
eine dauerhafte, enge Verbindung zur NATO darstellt.
Die Partnerländer kommen zu uns nach Brüssel, in
unser Oberstes Hauptquartier (SHAPE), sie übernehmen die Maßstäbe der NATO, werden mit uns zusammen ausgebildet, nehmen mit uns zusammen an
Manövern teil, gehen mit uns zusammen nach Bosnien, tragen dieselben Risiken wie wir, übernehmen
dieselben Pflichten wie alle anderen Bündnismitglieder.
Tatsächlich möchten wir den Unterschied zwischen
einem Partner und einem Bündnismitglied so klein wie
möglich halten. Wir haben eine Reihe neuer Schritte
unternommen, um eine "Super"-PFF zu schaffen und
eine neue Institution ins Leben zu rufen - den Atlantischen Partnerschaftsrat - der den Beziehungen dieser
Länder zum Bündnis neuen Schwung verleihen soll.
Wir werden alles Mögliche unternehmen, um Rußland
einzubeziehen. Vor kurzem fand in Lissabon der
OSZE-Gipfel statt, bei dem der Prozeß der Modernisierung des KSE-Vertrags eingeleitet wurde. Rußland
gehört der Partnerschaft für den Frieden an. Wir
möchten besondere Beziehungen zu Rußland anknüpfen. Im letzten Jahr taten 1.500 der besten
russischen Soldaten im amerikanischen Sektor in
Bosnien Dienst. Und als wir im Herbst mit der Planung
für eine Nachfolgetruppe in Bosnien - eine Stabilisierungstruppe - begannen, erklärten die Russen: "Ihr
könnt mit uns rechnen, auf der Grundlage derselben
Bedingungen wie vorher."
Ferner schlugen wir
Rußland die Formulierung einer Charta vor, um die
besonderen Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland zu kodifizieren, und wir hoffen, daß sie
rechtzeitig vor dem Madrider Gipfel abgeschlossen
werden kann. Wir müssen uns jedoch über eines im
klaren sein: Rußland ist gegen eine NATO-Erweiterung. Als Außenminister Primakow vor einer Woche
mit den Außenministern des Bündnisses zusammentraf, äußerte er jedoch, die Diskussionen und Verhandlungen über die Charta könnten fortgesetzt werden.
Und als Verteidigungsminister Rodionow mit den
Verteidigungsministem der NATO zusammentraf und

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�laut, deutlich und unmißverständlich die russische
Ablehnung einer NATO-Erweiterung erklärte, wurde er
anschließend bei seiner Pressekonferenz gefragt, ob
dies im Falle der Aufnahme neuer Mitglieder das Ende
der militärischen Zusammenarbeit zwischen Rußland
und dem Bündnis bedeuten würde. Tatsächlich
erwiderte er darauf: "Natürlich nicht, denn sie liegt in
unserem Interesse."
Ich erinnere mich, was geschah, als zwei hochrangige
russische Beamte der NATO einen Besuch abstatteten, der mehr über die russische Psychologie aussagt
als über die russischen Überlegungen hinsichtlich der
weiteren Entwicklung der NATO - ein wirkliches
Verständnis, daß die NATO für niemanden eine
Bedrohung darstellt, auch nicht für Rußland. Nachdem
die beiden Herren ein paar Tage unserer Arbeit
zugeschaut hatten, erklärte jeder von ihnen: "Wir
können akzeptieren, was die NATO tut. Wir sehen,
daß sie nicht aggressiv ist und keine Bedrohung
darstellt. Aber eines müssen Sie tun - Sie müssen den
Namen ändern. Wir können das Wort 'NATO' aufgrund seiner Bedeutung während des Kalten Krieges
in Rußland nicht verkaufen. Unter einem anderen
Namen könnte sie jedoch akzeptiert werden." Ich
fürchte jedoch, daß uns dieser Name ans Herz
gewachsen ist!
Wir können und werden das Bündnis, den Kern der
NATO, reformieren, um zu zeigen, daß wir keine
Bedrohung für Rußland darstellen und in der Lage
sind, in Bosnien und auch zukünftig bei ähnlichen
Fällen einzugreifen. Wir werden Veränderungen
durchführen, die die Grundlage für die Aufnahme
neuer Mitglieder darstellen, Ressourcen sparen und
die Unterstützung durch das Volk in jedem unserer
Länder gewährleisten.
Dadurch werden wir auf
zukünftige Herausforderungen vollständig vorbereitet.
Dadurch sowie durch unser neues Konzept alliierter
Streitkräftekommandos (CJTF) wird das Bündnis mit
16 Mitgliedern leistungsfähiger. Ich möchte die Zahl
16 besonders betonen. Vor drei Wochen entschied
sich Spanien für eine volle Mitgliedschaft im Bündnis.
Vor einem Jahr traf Frankreich am 5. Dezember die
mutige Entscheidung für ein umfassendes Engagement in der neuen, umgestalteten NATO. Am heutigen
Abend möchte ich darauf hinweisen, daß das Glas der
neuen Beziehungen Frankreichs zum Bündnis weder
halb voll noch halb leer ist, sondern zu 99 Prozent voll.
Und ich bin zuversichtlich, daß wir es auch noch um
das fehlende eine Prozent auffüllen können.
Die Umgestaltung der NATO steht auch im Zusammenhang mit einem besonderen europäischen Kapitel
- der Europäischen Union, der Westeuropäischen
Union und der europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESDI). Meine Regierung hat zugesagt,
alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um der
WEU erstmals bei der Durchführung wirksamer

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Aktionen zu helfen. Wir verstärken den Einfluß der
Europäer im Befehlssystem des Bündnisses, erhöhen
die Sichtbarkeit des europäischen Teils dieses Befehlssystems und schaffen die Möglichkeit für eine
verstärkte europäische Verantwortung.
Wir, die
Vereinigten Staaten, scheuen uns nicht und flüchten
auch nicht davor. Wir unterstützen und begrüßen sie
und unternehmen zusammen mit den anderen 15
Bündnismitgliedern alles hierzu Erforderliche.
Es gibt jedoch noch eine weitere unerledigte Aufgabe,
die wir in der NATO mit der Europäischen Union
angehen können. Unsere beiden Institutionen befinden sich in derselben Stadt auf zwei verschiedenen
Planeten. Derzeit bestehen praktisch noch keine
Beziehungen zwischen NATO und EU. In Brüssel
bemühen wir uns aber bereits um den Abbau dieser
Mauern. Vor zwei Monaten stattete uns Hans van den
Broek, den man als Außenminister der Europäischen
Union bezeichnen könnte, einen Besuch ab. Er nahm
an einem privaten Mittagessen des NATO-Rates teil.
Viele von uns haben an diesem Problem gearbeitet sehr konstruktiv, aber auch mit vorsichtigem Zögern
und relativ viel gegenseitigem Taxieren zwischen
NATO und EU.
Ich weiß, daß eine Organisation uns beim Knüpfen der
erforderlichen neuen Beziehungen zwischen der
NATO und der Europäischen Union helfen kann: das
European Institute hier in Washington. Jacqueline
Grapin hat bereits sehr viel getan, um die Vereinigten
Staaten und Europa über den Atlantik hinweg einander
näherzubringen. Jetzt arbeiten sie und ihr European
Institute gemeinsam an dieser grundlegenden Zusammenführung von NATO und EU - zwei derselben
Sache verschriebenen Institutionen. Wir setzen uns
dafür ein, innerhalb dieser beiden Institutionen dieselbe Geschichte des Engagements in Westeuropa
und über den Atlantik hinweg wie in Zentaleuropa und
Rußland zu schreiben. Die Ziele des Bündnisses und
der EU - und großenteils auch unsere Methodik ergänzen sich, und meines Erachtens werden wir uns
in Zukunft gegenseitig stärken. Jean Monnet formulierte es vor einigen Jahren am besten, als er sagte: "Das
Ziel besteht darin, alle an eine Seite des Tisches zu
bekommen und das Problem auf die andere." Und
genau das tut Jacqueline.
Ich möchte mit einer Herausforderung schließen und
Sie zur Übernahme einer neuen Aufgabe auffordern.
Meine Arbeit bei der NATO hat viele Aspekte, von
denen einer von herausragender Bedeutung ist.
Meines Erachtens haben wir ein gutes Bündnis für die
Zukunft aufgebaut. Wir haben unserer Meinung nach
einen Cadillac entworfen, fürchten aber, daß wir mit
einem Edsel enden, wenn wir nicht die unvermeidliche
Aufgabe erfüllen, den Menschen in diesem Land und
allen anderen Mitgliedstaaten des Bündnisses zu
erklären, warum und wie wir das tun, zu welchem
Zweck und warum sie uns unterstützen sollten. Es ist

AMERIKA DIENST 01

�eine Ironie, daß wir in einer Zeit nach dem Kalten Krieg
leben, in der leicht so viel zur Verhinderung einer
Wiederholung jedes der drei Kriege getan werden
kann, die Europa in diesem Jahrhundert erlebt hat, wir
aber so große Schwierigkeiten haben, die erforderliche
Aufmerksamkeit zu erhalten. Es werden so wenige
Mittel benötigt, aber es ist so schwierig, sie zu bekommen.
Tom Lantos, ein bekannter Kongreßabgeordneter aus
San Francisco, hat einmal gesagt, wenn man die
westlichen Länder vor zehn Jahren gefragt hätte,
wieviel sie für Ostdeutschland, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und die
Sowjetunion zahlen würden - 100 Milliarden oder 500
Milliarden Dollar? - wäre es kein Problem gewesen,
das Geld aufzubringen. Wieviel würde jetzt gezahlt,
damit diese Länder frei und unabhängig bleiben und
zum Westen gehören? Wieviel würde aufgewendet,
um das Versprechen des Marshallplans zu erfüllen?
Wievel würde man tun um sicherzustellen, daß in
Zukunft in Europa alles gewährleistet ist, was wir im
Kalten Krieg anstrebten? Bedauerlicherweise würde
man jetzt wohl eine andere Antwort bekommen zumindest wenn wir nicht in jeder unserer Nationen

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AMERIKA DIENST 01

und in jedem unserer Parlamente die erforderliche
Unterstützung mobilisieren können.
Und hierfür
benötigen wir Ihre Hilfe - jetzt mehr denn je.
Isaac Newton erklärte, er stünde auf den Schulten von
Riesen. Es ist offensichtlich, daß wir in der NATO
heute auch auf den Schultern von Riesen stehen, von
denen einige heute hier versammelt sind. Teilweise
haben sie viele Jahre daran gearbeitet zu ermöglichen,
daß ich heute hier stehen kann und wir ein European
Institute haben, das so viel bewirkt. Wir blicken zurück
und beurteilen die Errungenschaften der letzten 50
Jahre. Wir sprechen über die Größe von Politikern
und ihre damalige Vision. In 50 Jahren werden die
Menschen auf uns zurückschauen - auf jeden einzelnen hier Anwesenden - mit dieser perfekten nachträglichen Einsicht - und darüber urteilen, ob wir
unserer Verantwortung gerecht geworden sind - dieser
einzigartigen Verantwortung und Chance, die keine
andere Generation in der transatlantischen oder
europäischen Geschichte hatte. Ich bin zuversichtlich,
daß die Geschichte uns milde beurteilen wird, denn ich
weiß um das Format und Engagement jedes einzelnen
hier Anwesenden. Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�PORTRAT
15.Januar 1997

Janet L. Yellen
Die designierte Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater

WASHINGTON - (AD) - Am 20. Dezember 1996 gab Präsident Clinton die Nominierung von Janet L. Yellen als
Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater bekannt. Yellen, die derzeitig dem Rat der Gouverneure des
Federal Reserve System, der amerikanischen Zentralbank, angehört, tritt damit die Nachfolge von Joseph Stiglitz
an.

Janet L. Yellen wurde am 12. August 1994 als Mitglied
des Rats der Gouverneure des Federal Reserve
System vereidigt - ein Posten, der am 31. Januar 2008
ausläuft.
Dr. Yellen wurde am 13. August 1946 in Brooklyn, New
York, geboren. Sie machte 1967 ihren Abschluß in
Wirtschaftswissenschaften summa cum laude an der
Brown University und promovierte 1971 in diesem
Fach an der Yale University.
Dr. Yellen war von 1971-76 Dozentin in Harvard. Von
1977-78 war sie Ökonomin im Rat der Gouverneure
des Federal Reserve System und auf internationale
Handels- und Finanzfragen, einschließlich der Stabilisierung der internationalen Wechselkurse spezialisiert.
Von 1978-80 lehrte Dr. Yellen an der London School of
Economics.
Vor ihrem Beitritt zum Rat der Gouverneure hatte Dr.
Yellen den Bernard T. Rocca, Jr.-Lehrstuhl für interna-

tionale Wirtschaft und Handel der Haas School of
Business an der University of California in Berkeley
inne, wo sie seit 1980 lehrte. Ferner gehörte sie dem
Gremium der Wirtschaftsberater des Haushaltsbüros
des Kongresses an und war hochrangige Beraterin für
Wirtschaftsfragen beim Brookings Panel.
Dr. Yellen schrieb über eine Vielzahl makroökonomischer Fragen, wobei sie sich auf die Ursachen,
Mechanismen und Auswirkungen von Arbeitslosigkeit
spezialisierte. Darüber hinaus ist sie im Bereich der
Volkswirtschaft eine anerkannte Wissenschaftlerin,
wobei sie sich in letzter Zeit auf die Ermittlung der
Handelsbilanz sowie den Verlauf der Wirtschaftsreformen in Osteuropa konzentrierte.
Dr. Yellen ist mit einem anderen Wirtschaftswissenschaftler, Professor George Akerlof, verheiratet, mit
dem zusammen sie mehrere Artikel verfaßte. Die
beiden haben einen Sohn, Robert.

* * * * *

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�PORTRAT
15.Januar 1997

Alexis M. Herman
Die designierte Arbeitsministerin

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton gab am 20. Dezember 1996 die Nominierung von Alexis M. Herman zur
Arbeitsministerin bekannt. Vorbehaltlich ihrer Bestätigung durch den Senat tritt sie im Kabinett die Nachfolge von
Robert Reich an.
Während Präsident Clintons erster Amtszeit war Herman Direktorin des Büros für Öffentlichkeitsarbeit im Weißen
Haus.

Alexis Herman begann ihre berufliche Laufbahn 1969
als Sozialarbeiterin für Catholic Charities und entwikkelte Berufsausbildungsmöglichkeiten für arbeitslose
Jugendliche, ungelernte Arbeitnehmer und neue
Mitarbeiter des Schiffbauunternehmens Ingall's in
Pascagoula (Mississippi). Nach ihrer einstimmigen
Bestätigung durch den Senat im Jahr 1977 war sie
unter der Carter-Administration Direktorin des Büros
für Frauenfragen im US-Arbeitsministerium. Im Januar
1993 wurde Herman zur persönlichen Referentin
Präsident Clintons und Direktorin des Büros für
Öffentlichkeitsarbeit im Weißen Haus ernannt. In
letztgenannter Funktion ist sie dafür zuständig,
Unterstützung für Präsident Clintons Prioritäten zu
gewinnen. In dieses Amt brachte sie mehr als zwei
Jahrzehnte leitender Tätigkeit ein, während der sie
Maßnahmen zum Schutz von Arbeitnehmern, Frauen
und schwer vermittelbaren Arbeitskräften entwickelte,
förderte und umsetzte.
Herman war 1992 stellvertretende Direktorin des
Übergangsteams des Präsidenten. 1991 wurde sie
Leiterin des Komitees für den nationalen Parteitag der
Demokraten und war verantwortlich für die Organisation des Parteitags. Zuvor war sie Stellvertretende
Vorsitzende und Leiterin des nationalen Komitees der
Demokraten.
Als Gründerin und Präsidentin von A.M. Herman &amp;
Associates war Herman in den achtziger Jahren
Beraterin von Regierungen der Bundesstaaten und
Kommunalverwaltungen sowie von Privatunternehmen. Als Expertin für den Abbau und die Beseitigung

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von Hindernissen auf dem Arbeitsmarkt beriet sie
Unternehmen in Personalfragen im Zusammenhang
mit Ausbildung, Mentorentätigkeit sowie Bekämpfung
von Arbeitskräftefluktuation. Ferner half sie den
Regierungen der Bundesstaaten und Kommunalverwaltungen, wirtschaftliche Entwicklungstätigkeit an die
Schaffung von Arbeitsplätzen und Ausbildungsstrategien zu binden.
Als Direktorin des Büros für Frauenfragen im Arbeitsministerium unter der Carter-Administration beriet
Herman die Administration und Arbeitsminister Ray
Marshall über Arbeitsplatzpolitik. Sie rief neue Programme zur Unterstützung junger Frauen mit niedrigem Einkommen und beschäftigungsbezogenen
. Problemen ins Leben und stärkte die Zusammenarbeit
bei Frauenfragen zwischen Privatwirtschaft, Gewerkschaften und Behörden. Sie war die erste Büroleiterin,
die in den Rang einer Stellvertretenden Staatssekretärin erhoben wurde. Vor ihrer Tätigkeit im Arbeitsministerium war Herman bei R-T-P Inc. in Atlanta
nationale Direktorin des Beschäftigungsprogramms für
weibliche Angehörige von Minderheiten. Dort entwikkelte sie Programme, um Frauen aus Minderheitengruppen im Büro und an nichttraditionellen Arbeitsplätzen unterzubringen.
Herman, die seit langem eine Befürworterin starker
Familien ist, kämpft für Beschäftigungsmöglichkeiten
für Männer und Frauen. Die in Mobile (Alabama)
geborene Herman machte 1969 ihren Abschluß an der
Xavier University in New Orleans.

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�PORTRAT

15.Januar 1997

Rodney E. Slater
Der designierte Verkehrsminister

WASHINGTON - (AD) - Am 20. Dezember 1996 gab Präsident Clinton die Nominierung von Rodney E. Slater
zum Verkehrsminister bekannt. Der derzeitige Direktor der Federal Highway Administration tritt damit die
Nachfolge von Federico Pena an.

Als Hauptverantwortlicher für die Highways der Nation
setzt sich der Direktor der Federal Highway Administration, Rodney E. Slater, dafür ein, der Verpflichtung der Clinton-Administration zu strategischen
Investitionen in die Infrastruktur des Landes nachzukommen und sicherzustellen, daß Amerika den
verkehrspolitischen Herausforderungen des 21.
Jahrhunderts gewachsen ist.
Die Federal Highway Administration (FHWA) unterstellt dem amerikanischen Verkehrsministerium. Die
Behörde hat 3.500 Mitarbeiter, ein Jahresbudget von
20 Milliarden Dollar und ein Büro in jedem Bundesstaat. In den letzten vier Jahren erzielte die FHWA
Rekordhöhen mit ihren Investitionen in die nationale
Infrastruktur. Unter Slaters Führung förderte sie
fortschrittliche Initiativen in Bereichen wie Finanzierung
von Highways und Technologie, während sie dazu
beitrug, das Versprechen des Präsidenten zum
Wiederaufbau Amerikas umzusetzen.
Seit seiner Ernennung zum Direktor der Federal
Highway Administration im Jahr 1993 legte Slater auf
seinen Reisen in 40 Bundesstaaten mehr als 450.000
Kilometer zurück. Er traf mit Tausenden von Menschen zusammen - von Vertretern des Verkehrswesens der Bundesstaaten und Kommunen bis zu
normalen Bürgern, die wissen, daß verkehrspolitische
Erfordernisse mehr umfassen als nur Beton, Asphalt
und Stahl. Alle unterstrichen die Bedeutung von
Beförderungsmitteln für die Volkswirtschaft und ihre
wesentliche Rolle im Alltagsleben der Menschen.
Slater hörte sich ihre Anliegen an und bezog sie in den
Entscheidungsfindungsprozeß der FHWA ein.
Slater ist der 13. Direktor der Federal Highway Administration und der 19. Chef der Verwaltungsbehörde

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für die Highways seit ihrer Gründung unter dem
Namen "Office of Road Inquiry" im Jahr 1893. Slater
bringt in dieses Amt seine auf bundesstaatlicher Ebene
gewonnene große Erfahrung ein. Er war 1992-93
Vorsitzender der Highway-Kommission des Bundesstaates Arkansas und 1987-92 einer ihrer Kommissare. Ferner war er 1983-87 hochrangiger Mitarbeiter
des damaligen Gouverneurs Clinton und 1980-82
stellvertretender Justizminister von Arkansas. Darüber
hinaus war er von 1987 bis 1992 an der Arkansas
State University als Direktor des Verbindungsbüros zur
Regierung tätig.
Slater erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen, darunter den "Arkansas Public Transportation
Advocate Award" der Arkansas Transit Association.
Die Arkansas Jaycees ernannten Slater zu einem der
"zehn herausragenden jungen Einwohner von Arkansas", und die Arkansas Times bezeichnete ihn
wegen seines Einsatzes für die Sanierung des Mississippi Delta in Arkansas als "Helden von Arkansas". Er
war Sekretär und Schatzmeister der Arkansas Bar
Association, Mitglied der Arkansas Sesquicentennial
Commission und Verbindungsmann zur Martin Luther
King, Jr. Federal Holiday Commission.
Slater machte 1977 seinen Abschluß an der Eastern
Michigan University und 1980 an der juristischen
Fakultät der University of Arkansas. 1994 erhielt er
den Preis der Eastern Michigan University für herausragende farbige Studenten und bei der Verleihung
akademischer Grade im Wintersemester 1996 die
Ehrendoktorwürde.
Slater wurde in Marianna (Arkansas) geboren. Mit
seiner Frau Cassandra Wilkins hat er eine Tochter,
Bridgette Josette.

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�PORTRAT
15.Januar 1997

Andrew Cuomo
Der designierte Minister für Wohnungs- und Städtebau

WASHINGTON - (AD) - Am 20. Dezember 1996 gab Präsident Clinton die Ernennung von Andrew Cuomo zum
Minister für Wohnungs- und Städtebau bekannt. Der Sohn von Mario Cuomo, dem ehemaligen Gouverneur des
Bundesstaates New York, tritt mit diesem Posten die Nachfolge von Henry Cisneros an.

Während Präsident Clintons erster Amtszeit war
Andrew Cuomo Abteilungsleiter im Ministerium für
Wohnungs- und Städtebau. Während dieser Zeit
wurde er dafür bekannt, daß er den Erfordernissen der
Gemeinden große Beachtung schenkte und innovative
Lösungen auf der Grundlage von Partnerschaften
zwischen örtlichen Gruppen, Wirtschaftsvertretern und
gewählten Beamten fand. Cuomos Tätigkeit im
Wohnungs- und Städtebauministerium wurde von der
John F. Kennedy School of Government der Harvard
University als Beispiel für "effektive Regierungsführung" gewürdigt, die dazu beiträgt, "das Vertrauen
in die Fähigkeit der Regierung zur Lösung schwieriger
Probleme wiederherzustellen".
1986 gründete Cuomo die Organisation H.E.L.P.
(Housing Enterprise for the Less Privileged), die sich
zum größten privaten Anbieter von Übergangswohnungen für Obdachlose und national anerkannten Beispiel
entwickelte. Das Modell von H.E.L.P. bietet sichere,
qualitativ hochwertige Unterbringung und umfassende
Sozialdienste vor Ort unter einem Dach an und schafft
damit eine tragende Gemeinschaft für obdachlose
Familien. H.E.L.P. verhilft derzeit mehr als 4.000
Menschen jährlich zu einer Unterkunft.
Das Projekt Genesis zur Förderung innovativer
Ansätze für Stadtsanierung, Gemeindeentwicklung und
bahnbrechende Verwaltungsmethoden im Bereich der
Wohnungsvermietung geht ebenfalls auf Cuomos
Initiative zurück. Genesis dient als Modell für einen
umfassenden Ansatz, Gemeindeentwicklung mit
erschwinglicher Unterbringung zu verbinden und eine
Partnerschaft zwischen allen Regierungsebenen und
dem Privatsektor zu schaffen. 1993 führte Cuomo das
Modell H.E.L.P. im Bauministerium ein und entwickelte

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den Continuum of Care-Ansatz, der von Hunderten
von Gemeinden im ganzen Land übernommen wurde.
Im Oktober 1991 wurde Cuomo von Bürgermeister
David Dinkins zum Vorsitzenden der Kommission für
die Obdachlosen ernannt und war damit der jüngste
Kommissionsvorsitzende in der Geschichte der Stadt
New York. Die Kommission legte dem Bürgermeister
im Februar 1992 ihren Bericht "Der Weg zum Heim ein neuer Kurs in der Sozialpolitik" vor. Er entwickelt
einen Rahmen für fortgesetzte Betreuung von Obdachlosen in New York und wurde von zahllosen gewählten
Beamten, Organisationen und Zeitungen gewürdigt,
einschließlich des Präsidenten des New Yorker
Stadtrats, der Partnerschaft für die Obdachlosen, der
Koalition für die Obdachlosen sowie der The New
York Times, New York Post und Daily News. Die
Empfehlungen der Kommission wurden vom Bürgermeister angenommen und erhielten nationale Anerkennung als beispielhafter Ansatz zur Lösung von
Problemen der Obdachlosen.
Cuomo ist Verfasser zahlreicher Artikel und hielt
Vorträge an Universitäten im ganzen Land. Für sein
Engagement für Gemeindeentwicklung, erschwingliche
Wohnungen und seine Arbeit im Dienst der Obdachlosen und der Öffentlichkeit erhielt er mehrere Auszeichnungen, darunter 1996 den Preis der Ford Foundation/Kennedy School für innovative Regierungsführung, 1992 für Pionierarbeit im Wohnungsbau vom
American Institute of Architects, ebenfalls 1992 die
Bard-Auszeichnung für herausragende Leistungen im
Bereich von Architektur und städtischem Design für
das Projekt Genesis, 1991 von der New York University die Auszeichnung für herausragende Leistungen im Dienst der Gemeinschaft, 1988 die Auszeich-

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�nung der Fannie Mae Foundation für herausragende
Leistungen sowie den Preis für gute Nachbarschaft
des amerikanischen Roten Kreuzes.
1982, im Alter von 23 Jahren, war Cuomo Wahlkampfmanager für den ersten Wahlkampf von Mario M.
Cuomo für das Gouverneursamt des Bundesstaates
New York und anschließend persönlicher Referent des
Gouverneurs. Danach war Cuomo juristisch tätig - erst
als stellvertretender Staatsanwalt in Manhattan und

dann als Partner in der Anwaltssozietät Blutrich,
Falcone &amp; Miller.
Cuomo machte 1982 seinen juristischen Abschluß an
der Albany Law School und erwarb 1979 seinen
Bachelor of Arts an der Fordham University. Er wurde
am 6. Dezember 1957 in Queens im Bundesstaat New
York geboren. Cuomo ist mit Kerry Kennedy Cuomo
verheiratet und Vater der im Januar 1995 geborenen
Zwillingstöchter Cara und Mariah.

* * * * *

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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

22. Januar 1997

SONDERDIENST

AMTSEINFÜHRUNG

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

EIN NEUES VERANTWORTUNGSBEWUSSTSEIN FÜR EIN NEUES JAHRHUNDERT
Rede des Präsidenten bei der Einführung
in seine zweite Amtszeit

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AMTSEINFÜHRUNG
22.Januar 1996

Ein neues Verantwortungsbewußtsein
für ein neues Jahrhundert
Rede des Präsidenten bei der Einführung in seine zweite Amtszeit

WASHINGTON - (AD) - Präsident William Jefferson Clinton legte am 20. Januar 1997 den Amtseid ab und
begann seine zweite Amtszeit mit der Aufforderung an seine Mitbürger, ihren Blick "auf ein Land neuer
Versprechungen" zu richten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Meine amerikanischen Mitbürger,
bei dieser letzten Amtseinführung eines Präsidenten im
20. Jahrhundert wollen wir unsere Augen auf die
Herausforderungen richten, die uns im nächsten
Jahrhundert erwarten. Es ist unser großes Glück, daß
die Zeit und die Möglichkeiten uns nicht nur an die
Schwelle eines neuen Jahrhunderts und eines neuen
Jahrtausends gebracht haben, sondern auch an die
Schwelle vielversprechender neuer Aussichten für
menschliche Belange. Dies ist ein Augenblick, der
unseren Kurs und unseren Charakter auf Jahre hinaus
bestimmen wird. Wir müssen unsere alte Demokratie
für immer jung erhalten. Geleitet von der jahrtausendealten Vision eines gelobten Landes wollen wir
unseren Blick auf ein Land neuer Versprechungen
richten.

den Globus hinweg Millionen Menschen die Hand, die
sich wie wir nach den Segnungen der Freiheit sehnten.
Auf dem Weg dorthin brachte Amerika eine großartige
Mittelschicht und die Alterssicherung hervor, baute
beispiellose Lerneinrichtungen und öffnete die öffentlichen Schulen für alle, spaltete das Atom und erforschte die Himmel, erfand den Computer und den
Mikrochip, vertiefte den Urquell der Gerechtigkeit
durch eine Revolution der Bürgerrechte für Afroamerikaner und alle Minderheiten und erweiterte den
Kreis der Staatsbürgerschaft, Chancen und Würde auf
die Frauen.

Dann katapultierte sich dieses Versprechen in Aufruhr
und Triumph auf die Weltbühne, um dieses Jahrhundert zum Amerikanischen Jahrhundert zu machen.

Jetzt liegt zum dritten Mal ein neues Jahrhundert vor
uns und wiederum eine Zeit der Entscheidungen. Wir
begannen das 19. Jahrhundert mit der Entscheidung,
unsere Nation von Küste zu Küste auszubreiten. Wir
begannen das 20. Jahrhundert mit der Entscheidung,
die Industrielle Revolution für unsere Werte des freien
Unternehmertums, des Naturschutzes und der Menschenwürde zu nutzen.
Diese Entscheidungen
bewirkten den Unterschied. Beim Anbruch des 21.
Jahrhunderts muß ein freies Volk sich jetzt entscheiden, die Kräfte des Informationszeitalters und der
globalen Gesellschaft zu formen, das unbegrenzte
Potential all unserer Menschen freizusetzen und eine
perfektere Union zu bilden.

Und was für ein Jahrhundert es war. Amerika wurde
zur mächtigsten Industrienation der Welt, rettete in
zwei Weltkriegen und einem langen Kalten Krieg die
Welt vor der Tyrannei und reichte immer wieder über

Als wir das letzte Mal zusammenkamen, schien unser
Marsch in diese neue Zukunft weniger sicher als
heute. Damals haben wir gelobt, einen klaren Kurs zur
Erneuerung unserer Nation zu steuern.

Das Versprechen für Amerika wurde im 18. Jahrhundert aus der stolzen Überzeugung heraus geboren,
daß wir alle gleich geschaffen sind. Es wurde im 19.
Jahrhundert erweitert und erhalten, als unsere Nation
sich auf dem Kontinent ausbreitete, die Union rettete
und die schreckliche Geißel der Sklaverei abschaffte.

AMERIKA DIENST

Seite 1

�In diesen vier Jahren haben uns Tragödien berührt,
Herausforderungen belebt, Leistungen gestärkt.
Amerika steht allein als die unerläßliche Nation der
Welt. Unsere Volkswirtschaft ist wiederum die stärkste
der Welt. Wiederum schaffen wir stärkere Familien,
prosperierende Gemeinden, bessere Bildungschancen
und eine sauberere Umwelt. Probleme, die sich einst
zu verschärfen drohten, weichen jetzt unseren Anstrengungen: Unsere Straßen sind sicherer und eine
Rekordzahl unserer Mitbürger ist nicht mehr von
Sozialhilfe abhängig und hat wieder Arbeit.
Und wiederum haben wir eine umfassende Diskussion
über die Rolle der Regierung für unsere Zeit beendet.
Heute können wir erklären: Die Regierung ist nicht das
Problem, und die Regierung ist nicht die Lösung. Wir das amerikanische Volk - sind die Lösung. Unsere
Gründerväter verstanden dies gut und gaben uns eine
Demokratie, die stark genug war, Jahrhunderte zu
überdauern, die flexibel genug war, um sich unseren
gemeinsamen Herausforderungen zu stellen und
unsere gemeinsamen Träume an jedem neuen Tag zu
verwirklichen.
Ebenso wie sich die Zeiten ändern, muß sich die
Regierung ändern. Wir brauchen eine neue Regierung
für ein neues Jahrhundert - bescheiden genug, um
nicht zu versuchen, alle unsere Probleme für uns zu
lösen, aber stark genug, um uns das Handwerkszeug
zur Lösung unserer Probleme an die Hand zu geben.
Eine Regierung, die schlanker ist, nicht die Ausgaben
überschreitet und mehr mit weniger tut. Doch wo sie
für unsere Werte und Interessen in der Welt eintreten
und wo sie den Amerikanern die Macht geben kann,
einen wirklichen Unterschied in ihrem täglichen Leben
zu bewirken, sollte die Regierung mehr tun, nicht
weniger. Die übergeordnete Aufgabe unserer neuen
Regierung besteht darin, allen Amerikanern eine
Chance zu bieten - keine Garantie, aber eine echte
Chance - ein besseres Leben aufzubauen.

hundert zu entwickeln. Damit jeder von uns Erfolg
haben kann, müssen wir als ein Amerika Erfolg haben.
Die Herausforderung unserer Vergangenheit ist die
Herausforderung unserer Zukunft - werden wir eine
Nation, ein Volk mit einem gemeinsamen Schicksal
sein oder nicht? Werden wir alle zusammenkommen
oder auseinanderdriften?
Die Trennung der Rassen ist der ewige Fluch Amerikas. Und jede neue Welle von Einwanderern ist ein
neues Ziel für alte Vorurteile. Mit dem Vorwand
religiöser oder politischer Überzeugung bemäntelte
Vorurteile und Verachtung unterscheiden sich davon
nicht. Diese Kräfte haben in der Vergangenheit
beinahe unsere Nation zerstört. Sie plagen uns immer
noch. Sie heizen den Fanatismus des Terrors an.
Und sie quälen Millionen Menschen in gespaltenen
Nationen auf der ganzen Welt.
Diese Obsessionen lähmen diejenigen, die hassen
und natürlich diejenigen, die gehaßt werden und
berauben beide dessen, was sie sein könnten. Wir
können und werden den düsteren Impulsen nicht
nachgeben, die überall in den innersten Regionen der
Seele lauern. Wir werden sie überwinden. Und wir
werden sie durch die großzügige Geisteshaltung der
Menschen ersetzen, die sich miteinander wohl fühlen.
Unser Gefüge rassischer, religiöser und politischer
Vielfalt wird im 21. Jahrhundert ein Gottesgeschenk
sein. Diejenigen, die zusammen leben, lernen und
arbeiten sowie neue Bande knüpfen können, die
zusammenschmieden, werden reichhaltig belohnt
werden.

Union von verantwortungsvollen Bürgern abhängt.

Am Vorabend dieses neuen Zeitalters können wir
bereits seine groben Umrisse erkennen. Vor zehn
Jahren war das Internet der mystische Wirkungskreis
von Physikern; heute ist es eine täglich genutzte
Enzyklopädie für Millionen von Schulkindern. Wissenschaftler erforschen jetzt die Grundsteine des menschlichen Lebens. Für die am meisten gefürchteten
Krankheiten scheint Heilung in greifbare Nähre gerückt
zu sein.

Und wir benötigen ein neues Verantwortungsbewußtsein für ein neues Jahrhundert. Es liegt Arbeit vor uns
- Arbeit, die die Regierung alleine nicht leisten kann:
Die Kinder im Lesen zu unterrichten, von der Sozialhilfe abhängigen Menschen Arbeit zu geben, hinter
verschlossenen Türen und verbarrikadierten Fenstern
hervorzukommen, um unsere Straßen von Drogen,
Banden und Verbrechen zu befreien, uns Zeit zu
nehmen, anderen zu helfen.

Die Welt ist nicht länger in zwei feindliche Lager
gespalten. Statt dessen knüpfen wir Beziehungen zu
Nationen an, die einst unsere Gegner waren. Die
wachsende Verbindung von Wirtschaft und Kultur gibt
uns die Chance, den Menschen auf der ganzen Welt
ein besseres Leben zu ermöglichen. Und erstmals in
der Geschichte leben auf diesem Planeten mehr
Menschen in einer Demokratie als in einer Diktatur.

Jeder einzelne von uns muß auf seine Weise persönliche Verantwortung übernehmen - nicht nur für uns und
unsere Familien, sondern für unsere Nachbarn und
unsere Nation. Unsere größte Verantwortung besteht
darin, einen neuen Gemeinsinn für ein neues Jahr-

Meine amerikanischen Mitbürger, im Rückblick auf
dieses bemerkenswerte Jahrhundert fragen wir uns:
Können wir hoffen, die Leistungen des 20. Jahrhunderts in Amerika nicht nur fortzusetzen, sondern
sie noch zu übertreffen und eine Wiederholung des

Davon abgesehen liegt es an uns, liebe Mitbürger, die
Zukunft zu gestalten. Unsere Gründerväter lehrten
uns, daß die Bewahrung unserer Freiheit und unserer

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�schrecklichen Blutvergießens zu vermeiden, das sein
Vermächtnis besudelt? Auf diese Frage muß jeder
hier Anwesende und jeder Amerikaner in unserem
Land mit einem lauten "Ja" antworten.
Das ist der Kern unserer Aufgabe. Mit einer neuen
Vision der Regierung, einem neuen Verantwortungsbewußtsein und neuem Gemeinsinn werden wir die
Reise Amerikas fortsetzten. Wir werden das Versprechen, das wir in einem neuen Land suchten, in
einem Land neuer Versprechungen wiederfinden.
In diesem neuen Land wird Bildung das höchste Gut
jedes Bürgers sein. Unsere Schulen werden die
höchsten Standards der Welt haben und in den Augen
jedes Mädchens und jedes Jungen den Funken der
Chance entzünden. Und die Türen zu weiterführender
Bildung werden für alle offen sein. Das Wissen und
die Macht des Informationszeitalters werden nicht nur
in Reichweite weniger Menschen liegen, sondern in
jedem Klassenzimmer, in jeder Bibliothek, jedem Kind
zur Verfügung stehen. Eltern und Kinder werden nicht
nur arbeiten, sondern auch Zeit zum Lesen und zum
gemeinsamen Spiel haben. Und sie werden am
Küchentisch Pläne für ein schöneres Zuhause, einen
besseren Arbeitsplatz und die sichere Chance für
einen Collegebesuch schmieden.
Auf unseren Straßen werden wir wieder das Lachen
von Kindern hören, weil niemand mehr versuchen wird,
sie zu erschießen oder ihnen Drogen zu verkaufen.
Jeder Arbeitswillige wird Arbeit finden, und die heutige
ewige Unterschicht wird zur wachsenden Mittelschicht
von morgen. Neue Wunder der Medizin werden
endlich nicht nur die erreichen, die schon heute
Anspruch auf Gesundheitsfürsorge haben, sondern
auch die Kinder und hart arbeitenden Familien, denen
sie allzu lange verwehrt war.
Wir werden für Frieden und Freiheit einstehen und
eine starke Verteidigung gegen Terror und Zerstörung
aufrechterhalten. Unsere Kinder werden ohne Furcht
vor der Bedrohung durch atomare, chemische oder
biologische Waffen schlafen können.
Häfen und
Flughäfen, Farmen und Fabriken werden von Handel,
Innovationen und Ideen strotzen. Und die größte
Demokratie der Welt wird eine ganze Welt von Demokratien anführen.
Unser Land neuer Versprechungen wird eine Nation
sein, die ihren Verpflichtungen nachkommt - eine
Nation, die ihren Haushalt ausgleicht, aber deren
Werte nie aus dem Gleichgewicht geraten. Eine
Nation, in der unsere Großeltern im Alter eine sichere
Rente und Gesundheitsfürsorge haben und ihre Enkel
wissen, daß wir die erforderlichen Reformen durchgeführt haben, um auch sie später in den Genuß
dieser Leistungen kommen zu lassen. Eine Nation,
die die weltweit produktivste Volkswirtschaft unterhält,

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während sie gleichzeitig den großen Naturreichtum
von Wasser, Luft und majestätischem Land schützt.
Und in diesem Land neuer Versprechungen werden
wir unsere Politik reformiert haben, so daß die Stimme
des Volkes immer lauter ist als der Lärm kleinlicher
Interessen. Die Bürger werden sich wieder an der
Politik beteiligen, und sie wird das Vertrauen aller
Amerikaner genießen.
Liebe Mitbürger, lassen Sie uns dieses Amerika
bauen, eine Nation, die sich der Realisierung des
vollen Potentials aller ihrer Bürger immer stärker
annähert. Wohlstand und Macht sind wichtig und
müssen bewahrt werden. Aber lassen Sie uns eines
nie vergessen: Der größte von uns erzielte und der
größte noch zu erzielende Fortschritt ist der des
menschlichen Herzens. Letzten Endes sind aller
Wohlstand der Welt und tausend Armeen der Stärke
und dem Anstand des menschlichen Geistes unterlegen.
Vor 34 Jahren hielt der Mann, dessen wir heute
gedenken, am anderen Ende dieser Mall eine Rede,
die die ganze Nation aufrüttelte. Wie ein Prophet aus
alten Zeiten sprach er über seinen Traum, daß sich
Amerika eines Tages erhebt und alle seine Bürger als
gleichberechtigt vor dem Gesetz und im Herzen
behandelt. Martin Luther Kings Traum war der Amerikanische Traum. Sein Streben ist unser Streben: Das
endlose Streben, unseren wahren Glauben zu leben.
Unsere Geschichte wurde auf solchen Träumen und
Mühen aufgebaut. Und mit unseren Träumen und
Mühen werden wir im 2 1 . Jahrhundert das Versprechen Amerikas erfüllen.
Ich verpflichte mich, hierzu meine ganze Energie und
die Kraft meines Amtes einzusetzen. Ich bitte die
Mitglieder des Kongresses, sich mir bei diesem
Bestreben anzuschließen. Das amerikanische Volk
hat den Präsidenten einer Partei und den Kongreß
einer anderen wiedergewählt. Zweifellos tat es das
nicht, um kleinliche Politik und extreme Parteilichkeit
zu fördern, die es ja kritisiert. Vielmehr fordert es uns
auf, den Bruch zu kitten und die Mission Amerikas
fortzusetzen.
Amerika verlangt uns große Dinge ab und verdient sie
auch - und alles Große war einmal klein. Erinnern wir
uns an die zeitlose Weisheit von Kardinal Bernardin,
der am Ende seines Lebens erklärte: "Es ist falsch,
das kostbare Geschenk der Zeit durch Bitterkeit und
Teilung zu vergeuden."
Meine amerikanischen Mitbürger, wir dürfen
kostbare Geschenk dieser Zeit vergeuden.
alle befinden uns auf der Reise des Lebens,
unsere Reise wird einmal beendet sein.
Reise Amerikas muß fortgesetzt werden.

nicht das
Denn wir
und auch
Aber die

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�Daher, liebe Mitbürger, müssen wir stark sein, denn
das Risiko ist groß. Die Herausforderungen unserer
Zeit sind enorm und anders als früher. Wir wollen
ihnen mit Glauben und Mut, mit Geduld und einem
dankbaren, frohen Herzen begegnen. Lassen Sie uns
die Hoffnung dieses Tages in das edelste Kapitel
unserer Geschichte verwandeln. Lassen Sie uns
unsere Brücke bauen. Eine Brücke, die breit und fest
genug ist, damit jeder Amerikaner sie auf dem Weg in
ein gelobtes Land neuer Versprechungen überschreiten kann.

werden, von uns sagen können, daß wir unser geliebtes Land in ein neues Jahrhundert geführt haben, in
dem der Amerikanische Traum für alle Kinder wahr
wird - in dem das amerikanische Versprechen einer
perfekteren Union für alle Menschen Realität ist und
Amerikas helle Flamme der Freiheit auf der ganzen
Welt leuchtet.
Lassen Sie uns von diesem Ort und dem Höhepunkt
dieses Jahrhunderts aus die Reise fortsetzen. Möge
Gott uns für die vor uns liegende Arbeit stärken und
Amerika immer segnen.

Mögen die Generationen, deren Gesichter wir noch
nicht sehen und deren Namen wir vielleicht nie kennen

* * * * *

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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

02

29.Januar 1997

AUSSENPOLITIK

INVESTITIONEN IN DIE AMERIKANISCHE
FÜHRUNGSROLLE
Abschiedsrede von Außenminister Christopher
ENTWURF EINER ÜBERPARTEILICHEN
AUSSENPOLITIK
von Außenministerin Madeleine K. Albright

ABRÜSTUNG

DIE VERRINGERUNG VON BEDROHUNGEN
Rede des designierten Verteidigungsministers

WIRTSCHAFT

AMERIKAS SPITZENPOSITION IN DER
WELTWIRTSCHAFT
Rede des designierten Wirtschaftsministers

PORTRAT

MADELEINE KORBEL ALBRIGHT
Porträt der neuen Außenministerin
WILLIAM S. COHEN
Porträt des neuen Verteidigungsministers

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
29.Januar 1997

Investitionen in die amerikanische Führungsrolle
Abschiedsrede von Außenminister Christopher

WASHINGTON - (AD) - In seiner Abschiedsrede als US-Außenminister unterstrich Warren Christopher am 15.
Januar 1997 an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University in Boston (Massachusetts)
die Notwendigkeit einer besseren Finanzierung der diplomatischen Missionen der Vereinigten Staaten im
Ausland. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Abschiedsrede.

Dies ist das dritte Jahr in Folge, daß ich zu Ihnen
sprechen darf, und ich danke Ihnen für den freundlichen Empfang. Vor einigen Jahren nahm ich mir fest
vor, jeden Januar nach Boston zu kommen, bis die
Patriots in den Super Bowl kommen. Nachdem ich
dieses Versprechen erfüllt habe, kann ich beruhigt
nach Hause gehen. Vorher möchte ich jedoch die
letzten vier Jahre Revue passieren lassen und mich
auf die Investitionen konzentrieren, die wir zur Bewahrung der Führungsrolle und des weltweiten Engagements der Vereinigten Staaten tätigen müssen.
Beim Amtsantritt unserer Administration 1993 konzentrierten wir uns auf eine Vielzahl von Herausforderungen, die dringender Aufmerksamkeit bedurften. In
Rußland befand sich die Demokratie in der Krise und
die Wirtschaft stand kurz vor dem Zusammenbruch.
Das Nuklearwaffenarsenal der ehemaligen Sowjetunion war auf vier neue Länder mit wenigen Sicherheitsvorrichtungen verstreut. Die Krieg in Bosnien
befand sich auf dem Höhepunkt seiner Brutalität und
drohte sich auszuweiten. Nordkorea entwickelte
Nuklearwaffen. Der Friedensprozeß im Nahen Osten
war in eine Sackgasse geraten; die Verhandlungen
kamen nicht voran. Die Unterdrückung in Haiti
verursachte Flüchtlingswellen an unseren Küsten. Die
Annahme des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA war sehr zweifelhaft, was unsere
Beziehungen zur gesamten Hemisphäre gefährdete.
Im Laufe der letzten vier Jahre haben wir diese
drängenden Fragen Schritt für Schritt beantwortet und
eine dauerhafte Grundlage für unser Engagement in
einer Welt mit mehr Sicherheit und größerem Wohlstand gelegt. Tatsächlich begann die Welt des 21.

AMERIKA DIENST 02

Jahrhunderts in diesem Zeitraum unter unserer
Führung Gestalt anzunehmen. Es ist eine Welt, in der
keine Großmacht eine andere für eine unmittelbare
Bedrohung hält, in der die von uns nach dem Zweiten
Weltkrieg gegründeten Institutionen an neue Herausforderungen angepaßt werden, in der offene Gesellschaften und offene Märkte einen Wettbewerbsvorteil
genießen und Amerika eine unerläßliche Nation bleibt.
Ein neues und charakteristisches Element unserer
Strategie war die Priorität, die wir dem Umgang mit
neuen globalen Fragen wie Weiterverbreitung, Terrorismus, internationalem Verbrechen, Drogenhandel
und Umweltzerstörung einräumen. Diese grenzüberschreitenden Fragen können nicht durch die traditionelle nationale Diplomatie und auch nicht auf regionaler Basis gelöst werden. Globale Probleme erfordern
globale Lösungen.
1993 ernannten wir erstmals einen Staatssekretär für
globale Angelegenheiten im Außenministerium, der
sich mit vielen dieser Fragen befassen soll. Meines
Erachtens können die seither gemachten Fortschritte
als Hauptvermächtnis der Präsidentschaft Bill Clintons
und hoffentlich auch meiner Zeit als Außenminister
betrachtet werden.
Ein zentraler Bestandteil unserer globalen Strategie ist
die Gewährleistung, daß das amerikanische Volk nicht
mit Massenvernichtungswaffen bedroht wird. Aus
diesem Grund haben wir so hart an der unbegrenzten
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags und an
der Sicherung des Vertrags über ein umfassendes
Atomtestverbot (CTB-Vertrag) gearbeitet. Aus diesem
Grund haben wir ein Programm eingeleitet, das

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�verhindern soll, daß Nuklearwaffen aus der ehemaligen Sowjetunion in die Hände von Terroristen oder
verbrecherischen Staaten fallen. Aus diesem Grund
habe ich mich für das Einfrieren und letztlich die
Beseitigung des nordkoreanischen Nuklearprogramms
eingesetzt. Aus diesem Grund waren wir so fest zur
Stillegung des irakischen Programms für biologische
Waffen entschlossen, und aus diesem Grund wird der
Präsident in den kommenden Monaten auf die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention drängen.
Ebenso wichtig ist, daß wir die neuen sicherheitspolitischen Bedrohungen angehen, die seit dem Ende
des Kalten Krieges deutlich sichtbar entstanden sind.
Wir haben den Kampf gegen Terror, Drogen und
Verbrechen ganz oben auf die Tagesordnung der G-7
und der Vereinten Nationen gesetzt. Infolgedessen ist
die Zusammenarbeit der Nationen auf dem Gebiet der
strafrechtlichen Verfolgung enger denn je. Wichtige
Terroristen wurden gefaßt, und viele terroristische
Gewaltakte wurden verhindert.
Ich habe die Einbeziehung von Umweltfragen in jeden
Aspekt unserer Diplomatie zu meiner persönlichen
Priorität gemacht. Auf meinen Reisen war ich bestürzt
über die explodierenden, übervölkerten Städte, die ich
in vielen Teilen der Welt sah - Großstädte wie Sao
Paulo, Mexico City, Jakarta, Manila und Kairo - Städte,
in denen Überbevölkerung und Verschmutzung
Gesundheit und Wohlergehen der Nationen und
Regionen bedrohen. Im Nahen Osten habe ich
gesehen, wie Wassermangel Quelle von Konflikten ist.
In den Neuen Unabhängigen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion war ich erschrocken über die ruinösen
Auswirkungen von Verschmutzung auf die Gesundheit
des einzelnen, die Lebenserwartung und die Aussicht
auf wirtschaftliche Erholung. Vor einigen Jahren
standen diese Fragen nur selten auf unserer Tagesordnung. Jetzt stehen sie im Mittelpunkt unserer
Diplomatie und werden meines Erachtens im nächsten
Jahrhundert noch mehr Bedeutung erlangen.
Eine weitere dauerhafte Hinterlassenschaft der ersten
Amtszeit des Präsidenten werden unsere Leistungen

Jenseits des Atlantiks befinden wir uns an der Schwelle zur Schaffung eines stabilen, demokratischen und
ungeteilten Europas. Die amerikanische Führungsrolle
beendete den Krieg in Bosnien und gewinnt den
Frieden. Wir haben die Führungsrolle bei der Stärkung
und Umgestaltung der NATO übernommen. Alle
neuen Demokratien Europas sind der Partnerschaft für
den Frieden beigetreten, und dieses Jahr wird die
NATO mehrere Länder zu Verhandlungen über einen
Beitritt zum Bündnis einladen. In den entscheidenden
Momenten standen wir an der Seite der Demokratie in
Rußland und haben die Tür zur Integration dieses
Landes geöffnet, einschließlich einer neuen Charta mit
der NATO.
Auch Asien geht prosperierend und in Frieden in das
nächste Jahrhundert, und seine neuen Strukturen der
Zusammenarbeit zielen darauf ab, daß das so bleibt.
Wieder war die von uns übernommene Führungsrolle
von elementarer Bedeutung. Wir haben durch die
Aufrechterhaltung unserer militärischen Präsenz
Stabilität geschaffen, unser wichtiges Bündnis mit
Japan gestärkt und gemeinsam mit Südkorea den aus
dem Norden des Landes kommenden Provokationen
die Stirn geboten. Wir haben Weitblick gezeigt, als wir
das Forum für asiatisch-pazifische wirtschaftliche
Zusammenarbeit APEC zu einer Befürwortung offenen
Handels veranlaßten. Wir arbeiten mit China an der
Förderung unserer gemeinsamen vitalen Interessen,
auch wenn wir unsere schwerwiegenden Differenzen
bei Fragen wie den Menschenrechten ebenfalls
ansprechen.
Im Nahen Osten sind wir der Erlangung unseres Ziels
eines umfassenden Friedens nähergekommen.
Unsere Diplomatie war entscheidend, Israel beim
Abschluß von Abkommen mit den Palästinensern
sowie einem Friedensvertrag mit Jordanien zu unterstützen. Wir trugen zur Eröffnung einer neuen Dimension des Friedensprozesses bei, indem wir die Wirtschaftsgipfel von Casablanca, Amman und Kairo zu
bedeutenden Schritten für eine Normalisierung der
Beziehungen zwischen Israel und seinen arabischen
Nachbarn ermutigten. Obwohl der Frieden in den

zur Förderung unserer Wirtschaftsinteressen sein.

letzten Monaten viele harte Proben bestehen mußte,

Dank der Uruguay-Runde und des NAFTA sind die
Zölle auf amerikanische Exporte jetzt niedriger denn je.
Dank der mehr als 200 Abkommen zur Marktöffnung
haben wir 1,6 Millionen amerikanische Arbeitsplätze
geschaffen. Dank der in unserer Hemisphäre und
jenseits des Pazifiks eingegangenen Verpflichtungen
zu Freihandel haben wir die Chance, zum Mittelpunkt
eines dynamischen, offenen Marktes zu werden, der
von Chile bis Kanada und von Australien bis Korea
reicht. Wir dürfen diese Chance nicht ungenutzt
verstreichen lassen.

sind seine Errungenschaften dauerhaft und wir zu
Fortschritten entschlossen.

In jeder Region der Welt war unsere Führungsrolle
entscheidend für die Förderung unserer Interessen
und Ideale.

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Das Hebron-Abkommen und andere gestern abend
erzielte Übereinkünfte stellen eine außerordentliche
Leistung dar. Sie zeigen, daß dem Frieden eine
machtvolle Logik innewohnt - ein Gebot, das mächtig
genug zur Überwindung der Rückschläge und dem
Zögern der letzten Monate ist.
Das Hebron-Protokoll und die von den Vereinigten
Staaten entworfene Note sind ein klarer Kurs für die
Zukunft. Sie setzen Verpflichtungen fest und geben
Israel und den Palästinensern einen Zeitrahmen für die
Umsetzung der bereits erzielten Abkommen. Ferner

AMERIKA DIENST 02

�setzt die Note einen Zeitpunkt für die Aufnahme der
Verhandlungen über den endgültigen Status fest.
Nachdem die Parteien diesen schwierigen Schritt
getan haben, dürfen sie nicht müde werden und die
Hände in den Schoß legen. Sie müssen diese neue
Dynamik nutzen, um bei der Schaffung des Friedens
Fortschritte zu machen, der im Interesse von Israelis
und Palästinensern gleichermaßen liegt. Und wir
müssen daran denken, daß wir den Parteien bei der
Erlangung eines Abkommens aufgrund unserer
Führungsrolle und unseres Engagements helfen
konnten und weil wir über die Mittel zur Unterstützung
derjenigen verfügen, die um des Friedens willen
Risiken eingehen.
In der westlichen Hemisphäre sahen wir eine dramatische Bewegung zu offenen Gesellschaften und
offenen Märkten - in einer Region, die weltweit den am
schnellsten wachsenden Markt für amerikanische
Exporte darstellt. Als der demokratische Trend in der
Hemisphäre durch die verbrecherischen Diktatoren in
Haiti bedroht wurde, handelten die Vereinigten Staaten
entschlossen, um die legitime Regierung wiedereinzusetzen. Als durch die Finanzkrise in Mexiko die
freien Märkte in Gefahr gerieten, war unsere Führungsrolle zur Wiederherstellung des Vertrauens
vonnöten.
In Afrika sind wir auf einem Kontinent engagiert, der
jetzt an einem Scheideweg angelangt ist - einem
Punkt, an dem eine solide Politik und stetiges internationales Engagement den Unterscheid zwischen Krieg
und Frieden, Armut und Wachstum bewirken können.
Aus diesem Grund haben wir entschlossene Bestrebungen zur Ermutigung von Demokratie, Lösung von
Konflikten und Förderung von Handel und Investitionen
unternommen. Aus diesem Grund arbeiten wir an der
Aufstellung einer Krisenreaktionstruppe für Afrika, die
die Länder der Region in die Lage versetzen soll, auf
Notsituationen mit ihren eigenen Soldaten, aber mit
finanzieller und logistischer Unterstützung der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten zu reagieren.
In all diesen Bereichen sind die von uns erzielten
Leistungen das beste Argument für eine prinzipientreue und starke Politik des amerikanischen Engagements in der Welt. Aufgrund unserer militärischen und
wirtschaftlichen Macht und weil man Vertrauen in uns
setzt, daß wir die universellen Werte wahren, gibt es
Zeiten, zu denen nur Amerika eine Führungsrolle
übernehmen kann. Wir müssen führen - nicht weil die
Übernahme einer Führungsrolle ein Selbstzweck ist,
sondern weil sie zur Förderung der Interessen und
Ideale unserer großartigen Nation erforderlich ist.
Das ist die zentrale Lektion unseres Zeitalters. Weil
die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle übernahmen, endet ein Jahrhundert, das nie sicher genug

AMERIKA DIENST 02

für die Demokratie war, mit einer Zunahme von
Frieden und Freiheit. Das Ende des Kalten Krieges
hat die Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle nur noch verstärkt. Wie Präsident Clinton sagte:
"Dies ist das großartigste Zeitalter menschlicher
Möglichkeiten in der Geschichte, das besondere
Chancen, aber auch besondere Pflichten impliziert."
Die Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle
wird in unserem Land selten in Zweifel gezogen.
Heute wird jedoch unsere Fähigkeit zu führen in Frage
gestellt. Lassen Sie mich das erklären: Niemand im
öffentlichen Leben wird aufstehen und sagen "wir
können uns erlauben, uns zurückzuziehen, wir können
unsere Verpflichtungen ignorieren; wir können Amerika
mit einer Mauer umgeben". Die Kongreßabgeordneten
sagen mir nicht: "Schließen Sie einige unserer Botschaften, rollen Sie die Flagge ein und bringen Sie
unsere Diplomaten bis Weihnachten nach Hause
zurück."
Im Gegenteil: Der Kongreß protestiert immer, wenn wir
widerwillig die Schließung einer Mission infolge von
Haushaltskürzungen des Kongresses beschließen
müssen. Darüber hinaus verringert der Kongreß zwar
unser Budget, fordert uns aber regelmäßig auf, unser
globales Engagement zu erhöhen, indem wir die NATO
erweitern, die Unabhängigkeit der russischen Nachbarn unterstützen, Investitionen in Afrika fördern und
die Arbeitnehmerrechte in Asien schützen, um nur
einige Beispiele zu nennen.

Natürlich hat der Kongreß Recht, wenn er sagt, wir
sollten das alles tun. Aber unsere Außenpolitik wird
nicht durch Rhetorik oder Absichtserklärungen unterstützt. Reden ist billig, die Übernahme einer Führungsrolle nicht.
Eine Führungsrolle in der Außenpolitik erfordert
Ressourcen: Genügend Ressourcen, damit unsere
Botschaften geöffnet bleiben und unsere Mitarbeiter
weiterhin gut ausgebildet werden können. Genügend
Ressourcen, um konstruktive Beziehungen zu den
Großmächten der Welt zu unterhalten. Genügend
Ressourcen, um unseren Einfluß durch internationale
Institutionen zu multiplizieren. Genügend Ressourcen,
um aufstrebenden Demokratien, die eines Tages zu
Verbündeten und Exportmärkten werden können,
gezielte Hilfe zu bieten. Genügend Ressourcen, um
neue Bedrohungen wie Terrorismus und internationales Verbrechen zu bekämpfen.
Das größte Problem für unsere Außenpolitik heute ist,
ob wir das ausgeben werden, was wir für eine effektive
Außenpolitik ausgeben müssen. Seit 1985 wurden
unsere Ausgaben für internationale Angelegenheiten in
realen Zahlen um 50 Prozent gekürzt. 50 Prozent.
Unser Haushalt für auswärtige Angelegenheiten
beträgt jetzt nur etwas über ein Prozent des gesamten
Bundeshaushalts.

Seite 3

�Das Erstaunliche daran ist, daß diese Kürzungen nicht
von einer ernsthaften Debatte im Kongreß begleitet
wurden. Sie waren nicht durch eine Neubewertung
unserer Interessen in der Welt motiviert. Wie ich
bereits sagte, ist im Prinzip jeder für die amerikanische
Führungsrolle. Nur denken einige, wir könnten diese
Führungsrolle übernehmen, ohne den Preis dafür zu
bezahlen. Infolgedessen sind wir durch eine neue
Form des Isolationismus gefährdet, der eine amerikanische Führungsrolle erfordert, aber Amerika der
Fähigkeit zu führen beraubt.
Ein Opfer unserer unzulänglichen Ressourcen wird
das Prinzip der Universalität bei unserer Vertretung im
Ausland sein - das Prinzip, daß es in praktisch jedem
Land eine US-Mission geben sollte. Haushaltskürzungen haben uns gezwungen, mehr als zwei Dutzend
Konsulate und mehrere Botschaften zu schließen.
Wenn das Ausbluten andauert, haben wir keine andere
Wahl, als noch mehr Einrichtungen zu schließen.
In einer unberechenbaren Welt benötigen wir eine
Stimme in jeder Nation. In den vergangenen Jahren
haben wir immer wieder gesehen, wie lebenswichtig
unsere Präsenz sein kann, häufig zu ungewöhnlichen
Zeiten an ungewöhnlichen Orten. Über 170 Nationen
hatten das gleiche Mitspracherecht an der Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags und der Verabschiedung des CTB-Vertrags - und den gleichen
Bedarf, von amerikanischer Diplomatie vor Ort überzeugt zu werden. Wir hätten das Friedensabkommen
von Dayton nicht aushandeln können, wenn wir nicht
Botschaften in allen ehemaligen jugoslawischen
Republiken gehabt hätten. Wir brauchten Menschen
vor Ort in jeder Hauptstadt auf dem Balkan, um
Informationen zu sammeln, Verhandlungen zu führen,
Greueltaten aufzudecken, den Weg für unsere Truppen zu ebnen und nicht zuletzt unser Engagement zu
demonstrieren.
Ebenso hätten wir mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit Belarus, Kasachstan und die
Ukraine nicht von der Aufgabe der Nuklearwaffen auf
ihrem Territorium überzeugen können, wenn wir nicht
beschlossen hätten, beim Zusammenbruch der
Sowjetunion Botschaften in allen Neuen Unabhängigen Staaten zu eröffnen. Und dennoch, wenn wir uns
mit einer Situation wie dem Zusammenbruch der
Sowjetunion oder Jugoslawiens konfrontiert sähen,
bezweifle ich, daß wir uns die Eröffnung der erforderlichen neuen Einrichtungen leisten könnten.
Haushaltskürzungen haben auch die Menschen
gezwungen, die für unsere Nation im Ausland tätig
sind, unter unerträglichen Bedingungen zu arbeiten.
Unsere Diplomaten in Peking arbeiten mit veralteter
Technologie in zerfallenden Gebäuden. In unserer
Botschaft in Angola, die der zentrale Ort der Gespräche zur Beendigung des Bürgerkriegs in diesem Land
ist, arbeiten unsere Mitarbeiter behelfsmäßig in

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Wohnwagen. Unsere Botschaft in Tadschikistan
operiert in einem Hotel aus der Sowjetära. Wasser
und Strom werden manchmal tagelang abgeschaltet,
und unsere Diplomaten müssen Krüge mit Wasser
nach oben tragen. Das sind die Menschen, an die wir
uns wenden, wenn Amerikaner in Schwierigkeiten
geraten, wenn unsere Unternehmen Hilfe bei der
Erschließung neuer Märkte benötigen, wenn wir
Terroristen und Drogenbarone verfolgen müssen.
Eines der wichtigsten Instrumente unserer Diplomatie
ist Auslandshilfe. Diese Programme geben uns den für
eine effektive Diplomatie erforderlichen Handlungsspielraum. Sie helfen uns, Konflikte und Katastrophen
zu verhindern. Wie eine Krise nach der anderen
bewiesen hat, sind die Kosten der Verhinderung nie so
hoch wie der Preis der Vernachlässigung. Wie haben
bereits fast ebenso viel Geld nur für die Bewältigung
der kurzfristigen Krisen in Ruanda und Burundi
aufgewandt wie wir letztes Jahr zur Förderung von
Entwicklung und Frieden in ganz Afrika ausgeben
konnten.
Unsere Hilfsprogramme haben in den vergangenen
zehn Jahren in realen Zahlen um 37 Prozent abgenommen. Die Hälfte unserer bilateralen Hilfe wird
heute zur Unterstützung des Nahostfriedensprozesses
aufgewandt. Diese Mittel fördern unsere vitalen
Interessen und müssen in vollem Umfang erhalten
werden. Aber die Hilfe für Israel, Ägypten und Jordanien wird unweigerlich unter Druck - möglicherweise
unwiderstehlichen Druck - geraten, wenn unsere
anderen Hilfsprogramme weiterhin dezimiert werden
und dieses Ungleichgewicht zunimmt.
Unsere Diplomaten tragen auch zur Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft
bei. In der Tat haben wir in den vergangenen vier
Jahren einen tiefgreifenden kulturellen Wandel in
unseren Botschaften vollzogen. Sie unterstützen jetzt
aggressiv amerikanische Unternehmen dabei, Verträge abzuschließen und sie im Ausland durchzuführen. Amerikanische Geschäftsleute haben mir erzählt,
wie sehr ihnen dieser Aspekt unseres "Amerikabüros"
im Außenministerium geholfen hat. Aber jetzt höre ich
eine andere Botschaft. Sie sagen, daß unsere Botschafter enorme Anstrengungen unternehmen, die
Kürzungen die Personaldecke jedoch so dünn gemacht haben, daß sie nicht mehr das tun können, was
sie möchten um zu helfen.
Ein anderes Opfer ist unsere Unterstützung für
internationale Institutionen, einschließlich der internationalen Finanzinstitutionen und der Vereinten Nationen. 50 Jahre lang haben die Vereinigten Staaten in
den Vereinten Nationen eine Führungsrolle übernommen, weil sie ein wertvolles Instrument zur Förderung
unserer Interessen sind. Jetzt sehen wir uns mit
krassen Alternativen konfrontiert. Wir können weiterhin über die Vereinten Nationen globale Heraus-

AMERIKA DIENST 02

�forderungen bewältigen, wo wir die Last mit über 180
Nationen teilen. Oder wir können sie alleine meistern,
unsere Soldaten zwingen, das gesamte Risiko zu
übernehmen und unsere Steuerzahler, die Rechnung
zu begleichen. Das ist unsere Wahl.
Teils aufgrund der Außenstände der Vereinigten
Staaten sind die Vereinten Nationen bei der Ausführung von Ausgaben behindert, die für unsere
Interessen von großer Bedeutung sind - Friedenssicherung, Flüchtlingsoperationen, Menschenrechte,
weltweite Gesundheitsfürsorge - um nur einige Beispiele zu nennen. Wenn wir unsere Beiträge nicht
bezahlen, setzen wir auch unsere Fähigkeit aufs Spiel,
kleinere, abgespeckte Vereinte Nationen zu gestalten.
Aber unsere Reformkampagne hat begonnen, Fortschritte zu zeitigen. Die Vereinten Nationen haben
einen neuen Generalsekretär, eine Führungspersönlichkeit mit der Fähigkeit und Überzeugung, die
Vereinten Nationen zu einer effektiven Institution für
das nächste Jahrhundert zu machen. Die Vereinten
Nationen müssen das Ihre tun. Aber wir auch das
Unsere. Es ist an der Zeit, unsere Beiträge und unsere
Schulden zu bezahlen. Es ist an der Zeit zu erkennen,
daß wir nicht gleichzeitig Reformen durchführen und
uns zurückziehen können.
Im umfassenderen Sinn ist es an der Zeit zu erkennen,
daß wir ein vitales nationales Interesse an der angemessenen Finanzierung unserer internationalen
Bestrebungen haben. Ebenso wie wir unsere militärische Einsatzbereitschaft bewahren müssen, indem
wir Streitkräfte und Stützpunkte auf der ganzen Welt
unterhalten, müssen wir unsere diplomatische Einsatzbereitschaft bewahren, indem wir die Menschen und
Programme unterstützen, die unsere Soldaten aus
einem Krieg heraushalten. In einer Welt realer Gefahren wird die Last der Führung unweigerlich unserem
Militär übertragen, wenn es uns nicht gelingt, unsere
diplomatische Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten.
Die Kosten werden an verpaßten Chancen und
verlorenen Menschenleben gemessen.
Unser Verteidigungsministerium hat eine kluge
Strategie erarbeitet, um zwei nahezu gleichzeitige
größere regionale Konflikte zu bewältigen. Während
unser Verteidigungsministerium die Fähigkeit zur
Bewältigung von zwei Krisen hat, sieht sich das
Außenministerium der Gefahr ausgesetzt, ein Budget
zu haben, mit dem keine einzige Krise bewältigt
werden kann.
Wir können nicht auf eine Krise in einem Teil der Welt
reagieren, ohne Mittel von einem wertvollen Programm
in anderen Regionen abzuziehen. Zur Unterstützung
der Stationierung unserer Truppen in Haiti mußten wir
beispielsweise die Hilfe für die Türkei kürzen. Um den
Waffenstillstand im Nordirak zu überwachen, mußten
wir Mittel für den Friedensprozeß in Guatemala

AMERIKA DIENST 02

abziehen. Wenn heute eine neue Krise entstehen
würde, müßten wir die Wahl treffen: Welches langfristige Interesse - wahrscheinlich ein bereits unzureichend finanziertes langfristiges Interesse - sollte
geopfert werden, um den kurzfristigen Bedarf zu
erfüllen?
Ich fordere den Kongreß zur Überprüfung der Aushöhlung unserer diplomatischen Einsatzbereitschaft und
zur überparteilichen Unterstützung des Haushalts des
Präsidenten für auswärtige Angelegenheiten auf. Das
ist eine Herausforderung, die gemeistert werden muß,
wenn wir unsere Stärke im nächsten Jahrhundert
bewahren wollen.
Während ich aus diesem Amt scheide, habe ich viele
Gründe, optimistisch bezüglich der Zukunft zu sein.
Ich weiß, daß Präsident Clinton immer wieder - von
Haiti bis Bosnien, von Mexiko bis Rußland oder China
- die harten Entscheidungen getroffen hat, die eine
Führungsrolle erfordern, und ich weiß, er wird das
auch in Zukunft tun. Ich weiß, daß auch Botschafterin
Albright eine eloquente und effektive Verfechterin der
amerikanischen Tradition des globalen Engagements
sein wird. Ich weiß, daß die Männer und Frauen in
unserem auswärtigen und öffentlichen Dienst mit
einem vernünftigen Maß an Unterstützung weiterhin
unsere Interessen in jedem Teil der Welt fördern
werden, trotz der Härten und Gefahren, die sie auf sich
nehmen und erdulden.
Ich bin optimistisch, weil ich weiß, daß das amerikanische Volk an unserer Seite steht. Bei meinen Reisen
durch das Land habe ich gesehen: Die Amerikaner
sind stolz, daß wir die führende Nation der Welt sind
und sie wissen, daß mit der Führungsrolle Verantwortung einhergeht. Sie sehen den Beweis, der
Isolationisten entgeht: Daß die Sicherheit unserer
Nation von der Einsatzbereitschaft unserer Diplomaten
als unserer ersten Verteidigungslinie abhängt, daß die
Sicherheit unserer Straßen von unserem Kampf gegen
Drogen und Terror im Ausland abhängt, daß unsere
Arbeitsplätze im Inland von der Gesundheit unserer
Weltwirtschaft abhängen.
Ich bin optimistisch, weil meine eigene Karriere eine
inspirierende Periode in der Geschichte des amerikanischen Engagements in der Welt umspannt. Wenn
wir nicht alle eine große Überraschung erleben, werde
ich der letzte Außenminister sein, der im Zweiten
Weltkrieg gedient hat. Meine Erinnerungen an diese
Zeit und meine Erfahrungen der letzten 50 Jahre
lehren mich, Vertrauen in die Entscheidungen zu
haben, die die Amerikaner treffen werden.
Nach meinem Schulabschluß im Jahr 1949 arbeitete
ich für Richter William O. Douglas. Gegen Ende des
Jahres bei ihm bat ich ihn um einen Rat. Er antwortete: Begib Dich in den Strom der Geschichte und
schwimme so schnell Du kannst. Ich war sehr viel

Seite 5

�länger darin als ich mir je vorgestellt hätte, aber ich
möchte Ihnen erzählen, was ich auf dem Weg gesehen
habe.
Ich sah eine ganze Generation von Politikern beider
Parteien, die unser Interesse erkannten, Deutschland
und Japan wiederaufzubauen, so daß sie unsere
starken Verbündeten und Handelspartner werden
konnten. Ich sah das amerikanische Volk Investitionen
tätigen, die sich in einem halben Jahrhundert des
Friedens und Wohlstands und dem Sieg der Freiheit im
Kalten Krieg auszahlten. Als Außenminister habe ich
ehemalige politische Gefangene wie Havel und
Mandela gesehen, die jetzt die Präsidenten ihrer
Länder sind. Ich habe gesehen, wie frühere Gegner
zu unseren Verbündeten wurden. Ich habe einst

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verarmte Länder gesehen, die unsere führenden
Exportmärkte wurden. Auf der ganzen Welt würdigen
die Menschen die Vereinigten Staaten für ihre Hilfe bei
dieser Umgestaltung und sie blicken auf uns, diese
Führungsrolle fortzusetzen.
Heute wie damals bedeuten Bündnisse Frieden,
bedeutet Engagement größere Sicherheit, bringt
Führung Freunde an unsere Seite. Und Ihre Generation hat eine noch größere Chance als meine: Sie
haben den Schlüssel, der die Tür zu einem weiteren
Amerikanischen Jahrhundert öffnet. Aber Sie haben
auch die Verantwortung, die Investitionen zu tätigen,
die meine Generation vornahm - die Investitionen, die
eine Führungsrolle verlangt, die Investitionen, die
diese Welt noch sicherer, freier und besser machen.

AMERIKA DIENST 02

�AUSSENPOLITIK
29.Januar 1997

Entwurf einer überparteilichen Außenpolitik
von Außenministerin Madeleine K. Albright

WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in der Sunday New York Times vom 26.
Januar 1997.

Vor einem halben Jahrhundert schrieb Dean Acheson,
man müsse bei der Schaffung eines neuen Zeitalters
dabei sein. Auch wir haben heute dieses Privileg und
die Verantwortung, die damit einhergeht.
Damals hatten unsere Politiker den Weitblick, ein
starkes Amerika zu bewahren und gleichzeitig die
demokratischen Kräfte auf der Welt zu stärken und
Institutionen wie die NATO, die Vereinten Nationen und
die Weltbank aufzubauen, um internationale Zusammenarbeit und Wirtschaftswachstum zu fördern.
Sie taten dies auf überparteilicher Ebene.
Heute wird ein neuer Rahmen für die amerikanische
Führungsrolle geschaffen, der an die Erfordernisse
eines neuen Jahrhunderts angepaßt ist. Der Erfolg
dieser neuen Führungsrolle wird in beträchtlichem Maß
davon abhängen, ob der nach dem Zweiten Weltkrieg
entstandene Geist der Überparteilichkeit wiederbelebt
werden kann.
Zyniker könnten argumentieren, daß der Ruf einer
Administration nach Überparteilichkeit weniger durch
Prinzipien als durch eine Fähigkeit zu zählen motiviert
ist. Und wir werden zweifelsohne Stimmen von beiden
Parteien im Kongreß benötigen, um viele unserer
außenpolitischen Initiativen fortzuführen. Aber Überparteilichkeit paßt auch in unsere Zeit.
Jahrzehntelang hat der Kalte Krieg nicht nur Nationen,
sondern alle charakterisiert, die sich mit Außenpolitik
befassten. Heute bedeuten die Etiketten der Vergangenheit - Falke, Taube, liberal, konservativ - wenig.
Die größte Kluft besteht zwischen den Befürwortern
und Gegnern des amerikanischen Engagements, eine
Kluft, die keine Parteigrenzen respektiert.

AMERIKA DIENST 02

Glücklicherweise werden beide Parteien von Menschen angeführt, die die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle verstehen. Das ist wichtig, weil
eine überparteiliche Außenpolitik uns gestattet, mit
größerer Glaubwürdigkeit auf der Weltbühne zu
handeln. Sie fördert das Vertrauen unserer Verbündeten und den Respekt derjenigen, die versucht sind, uns
ablehnend gegenüberzustehen. Sie hilft uns, einen
diplomatischen Part - als Friedensstifter und Problemlöser- zu spielen, den andere Nationen nicht übernehmen können, und hebt damit unser Prestige bei
gleichzeitiger Förderung unserer Interessen. Und sie
verstärkt Amerikas Rolle als Modell für die Stärkung
demokratischer Kräfte.
Ungeachtet der Meinungsverschiedenheiten über
Taktiken werden die Aussichten für Überparteilichkeit
durch die bestehende breite Unterstützung unserer
vorrangigen Ziele verbessert. Es besteht ein Konsens
über die Notwendigkeit, Wohlstand im Inland durch die
Förderung einer offenen und expandierenden Weltwirtschaft zu mehren und über die Zusammenarbeit mit
unseren Verbündeten, um ein zunehmend vereintes,
demokratisches und stabiles Europa zu schaffen.
Beide Parteien sind sich der Bedeutung bewußt, eine
asiatisch-pazifische Gemeinschaft mit gemeinsamen
wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Zielen
aufzubauen und zur Beilegung gefährlicher Dispute im
Nahen Osten und anderen strategischen Regionen
beizutragen. Wir alle wollen die Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen aufhalten und Terrorismus,
Drogenhändler und internationales Verbrechen
bekämpfen. Und es besteht eine Verpflichtung zur
Stärkung der Kräfte auf der ganzen Welt, die sich für
Menschenrechte, Demokratie, Entwicklung, eine
gesunde Umwelt und Rechtsstaatlichkeit einsetzen.

Seite 1

�Natürlich werden die mit diesen Prioritäten einhergehenden Fragen einer eingehenden Prüfung und
Erörterung unterzogen. Das sollte auch so sein.
Während dem Kongreß die Verantwortung zukommt,
eine vernünftige Erwartungshaltung einzunehmen, wird
die Administration die Last der Beweise tragen.
Unsere Aufgabe wird sein, die Verbindung zwischen
unseren umfassenden Zielen und den vor uns liegenden Themen zu schaffen: NATO-Erweiterung, Eindämmung verbrecherischer Regime, Gestaltung
wichtiger bilateraler Beziehungen (einschließlich der
zu China, Rußland und der Ukraine) sowie unsere
Strategien in häufig unbeachteten Regionen von
Lateinamerika, Afrika und Südasien. Die Komplexität
dieser Aufgabe wurde noch in der vergangenen
Woche durch Fragen über die Absichten Pekings in
Hongkong, ein Aufflammen der Spannungen bezüglich
Zyperns und eine neue Runde der Gewalt in Zaire und
Ruanda unterstrichen.
Die Hoffnung, daß Überparteilichkeit den Übergang
von Rhetorik zu Realität bewältigen kann, wird bald auf
die Probe gestellt.
Am 6. Februar wird der Präsident einen Haushalt
vorlegen, der das Defizit weiter verringert, internationale Prioritäten berücksichtig und den Vorschlag
einer Rückzahlung unserer Schulden bei den Vereinten Nationen und multilateralen Banken enthält. Die
Verabschiedung dieses Haushalts ist unerläßlich,
wenn wir die Instrumente haben wollen, um Einfluß auf
die Ereignisse zu nehmen, statt nur auf sie zu reagieren. Zur Bewahrung der Stärke Amerikas benötigen
wir nicht nur ein Militär von Weltklasse, sondern auch
eine Diplomatie von Weltklasse. Dennoch wurden in
den letzten Jahren die Ausgaben für internationale
Angelegenheiten - die normalerweise ein Prozent des
Bundeshaushalts ausmachen - drastisch gekürzt, und
unsere diplomatische Präsenz in Übersee wurde
verringert.
Wenn ich dem Kongreß unseren Haushaltsantrag
vorlege, bin ich mir meiner Pflicht bewußt, unsere
Pläne und Prioritäten mit einer Logik zu erläutern, die
die Amerikaner verstehen. Und ich werde alles in
meiner Macht Stehende tun, damit die Steuerzahler
die volle Dividende ihrer Investition erhalten. Ein wei-

*

Seite 2

terer Test der Überparteilichkeit wird kommen, wenn
die Administration um die baldige Zustimmung des
Senats zur amerikanischen Beteiligung an der unter
den Präsidenten Reagan und Bush ausgehandelten
Chemiewaffenkonvention ersucht. Wenn wir nicht vor
dem 29. April handeln, werden wir keine Gründungspartei des Vertrags sein. Wir würden unseren Interessen schaden, indem wir uns davon abhalten, zur
Formulierung der Regeln beizutragen, nach denen der
Pakt verifiziert wird.
Der Vertrag verkörpert eine Verpflichtung zu unserer
Sicherheit und zum Schutz unserer Streitkräfte. Er
wird von vielen in beiden Parteien, der Geschäftswelt
und dem Militär unterstützt. Aber er hat auch seine
Gegner.
Das amerikanische Volk verdient eine
gesunde Debatte, in der die amerikanischen Interessen abgewogen werden und eine rechtzeitige
Abstimmung stattfindet.
Ich habe einen Großteil meines Lebens im Kongreß
gearbeitet oder ihn studiert. Ich weiß, daß Überparteilichkeit keine Einbahnstraße ist. Ich weiß auch, daß
die Gesetzgeber fast immer das Gefühl haben, sie
seien zu außenpolitischen Fragen nicht ausreichend
konsultiert worden, während die Außenminister
manchmal das Gefühl haben, daß sie nichts anderes
tun, als Konsultationen mit dem Kongreß zu führen.
Die Überbrückung dieser divergierenden Perzeptionen
wird harte Arbeit und guten Willen erfordern.
Als Außenministerin werde ich den Kongreß vor die
Herausforderung stellen, konstruktiv in dem zu sein,
was er von uns fordert, aber meine Tür und auch ich
werden stets offen sein, um möglichst eingehende
Konsultationen sicherzustellen.
In unserer Demokratie ist Überparteilichkeit niemals
absolut. Aber die Geschichte bietet uns die Chance
am Ende des Jahrhunderts, den Geist der Zusammenarbeit wiederzubeleben, der unserer Nation und der
Welt früher gut gedient hat. Indem wir dem Ansatz
unserer gigantischen Vorgänger - Truman, Eisenhower
und Marshall - folgen, können wir ihrer Generation die
Anerkennung zollen, die sie verdient und der nächsten
Generation die Sicherheit geben, die sie verdient.

* * *

*

AMERIKA DIENST 02

�ABRÜSTUNG

29. Januar 1997

Die Verringerung von Bedrohungen
Rede des designierten Verteidigungsministers

WASHINGTON - (AD) - Der designierte Verteidigungsminister William Cohen erklärte in seiner Anhörung vor dem
Streitkräfteausschuß des Senats am 22. Januar 1997, obwohl "die Bedrohung des nuklearen Holocaust
beträchtlich verringert wurde, ist die Welt weiterhin ein krisengeschüttelter und gefährlicher Ort".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des designierten Verteidigungsministers unwesentlich gekürzt.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
ich fühle mich sehr geehrt, heute als von Präsident
Clinton ernannter Verteidigungsminister hier reden zu
dürfen.
Nahezu zwei Jahrzehnte lang hatte ich das Privileg,
mich als Senator und Mitglied Ihres Ausschusses mit
nationalen Sicherheitsangelegenheiten zu befassen
und habe in dieser Zeit mit sechs Verteidigungsministern zusammengearbeitet. Dank dieser Erfahrung habe ich ein Gefühl für die enorme Verantwortung
dieser Position bekommen. Aber seit dem 5. Dezember weiß ich das Gewicht dieser Verantwortung noch
mehr zu würdigen und fühle mich durch das von
Präsident Clinton in mich gesetzte Vertrauen zutiefst
geehrt.
Daß Präsident Clinton mich zum Verteidigungsminister
ernannt hat, ist meines Erachtens ein deutliches Signal
seiner Verpflichtung zu dem Prinzip, daß die Sicherheit
unserer Nation keine parteipolitische Angelegenheit ist
und auch nicht sein sollte - ein Prinzip, das ich während meiner gesamten Karriere im öffentlichen Dienst
aufrechtzuhalten versuchte. Es war für mich eine
äußerst befriedigende Erfahrung als Gesetzgeber,
wenn es mir gelang, einen Konsens für eine starke,
kohärente und tragfähige Verteidigungspolitik zu
erlangen, um Amerikas globale Interessen zu schützen
und zu fördern.
Wie der Präsident in seiner Rede bei der Einführung in
seine zweite Amtszeit betonte, war diese Zusammen-

AMERIKA DIENST 02

arbeit auch entscheidend für die Bewahrung der
amerikanischen Führungsrolle in der Welt.
Die
Schaffung unserer Bündnisse nach dem Zweiten
Weltkrieg wäre ohne überparteiliche Zusammenarbeit
nicht möglich gewesen, und genau das wird von uns
gefordert, wenn wir diese Bündnisse an die Welt nach
dem Kalten Krieg anpassen und andere Maßnahmen
ergreifen, um dieses vor uns liegende neue Zeitalter zu
gestalten.
Obwohl es immer Raum für legitime Diskussionen über
nationale Sicherheitsfragen geben wird, sollten
Parteilichkeit und Kirchturmdenken in unseren Erörterungen fehl am Platz sein - sei es in der Exekutive, den
Teilstreitkräften oder dem Kongreß. Wir müssen uns
vor Augen führen, daß am Ende jeder Debatte die
Soldaten, Seeleute, Flieger und Marineinfanteristen
stehen, die von uns eine Führungsrolle und keine
Tricks, Unterstützung und nicht politischen Zwist
erwarten.
Denn obwohl die Bedrohung des nuklearen Holocaust
beträchtlich verringert wurde, ist die Welt weiterhin ein
krisengeschüttelter und gefährlicher Ort. Feindlich
gesinnte Regime und Instabilität bedrohen unsere
Interessen in Schlüsselregionen wie Südwest- und
Nordostasien. Instabilität, Nationalismus und ethnische Spannungen stellen Gefahren in Europa dar.
Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
bedroht unsere Interessen, unsere Streitkräfte und
sogar unser Heimatland. Und die Bedrohungen durch
Terrorismus, internationales organisiertes Verbrechen
und Drogenhandel bestehen unvermindert weiter.

Seite 1

�Darüber hinaus müssen wir nicht die jahrhundertealte
Geschichte bemühen, um uns daran zu erinnern, daß
gefährliche Bedrohungen plötzlich und unvorhersehbar
entstehen können.
Politisch, wirtschaftlich und technologisch verändert
sich die Welt in einer beispiellosen und manchmal
alarmierenden Geschwindigkeit.
Die Technologie
miniaturisiert die Welt und verbindet unser Schicksal
noch enger mit dem unserer Verbündeten und Wirtschaftspartner auf der Welt.
Das wirkt sich zu unserem Vorteil aus, während wir
freie Märkte und die Prinzipien der Demokratie zu
fördern versuchen. Es erhöht jedoch auch das
Ausmaß, in dem wir von Entwicklungen im Ausland
betroffen sind. Selbst wenn wir wollten, könnten wir
uns nicht von den Kräften isolieren, die die Welt
erfassen.
Genauso wenig wie wir der Weltpolizist sind und
werden, dürfen wir zum Gefangenen der internationalen Ereignisse werden, isoliert und sicher behütet
in einem kontinentalen Kokon.
Vor diesem Hintergrund haben der Präsident und
Verteidigungsminister Perry eine nationale Sicherheitspolitik verfolgt, die nicht nur auf dieses sich wandelnde
Umfeld reagieren, sondern es auch in einer unseren
Interessen dienlichen Weise gestalten soll.
Sie
können auf ihre Leistungen bei der Beseitigung der
Relikte des Kalten Krieges stolz sein - sie verringerten
die nukleare Bedrohung durch die ehemalige Sowjetunion, riefen die Partnerschaft für den Frieden und die
pragmatische Partnerschaft mit Rußland - wie Verteidigungsminister Perry sie bezeichnete - ins Leben,
brachten die NATO auf den Kurs der Erweiterung,
stärkten unser Bündnis mit Japan und entwickelten
Beziehungen zu China auf militärischer Ebene.
Im Falle meiner Bestätigung beabsichtige ich, diese
Bestrebungen fortzusetzen und auf sie aufzubauen,
während wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten,
uns nicht nur mit dem Ende einer Ära, sondern auch
mit der Gestaltung der nächsten zu befassen.
Nach einem Jahrhundert, in dem zwei Weltkriege im
Herzen Europas ausbrachen und ein Kalter Krieg den
Kontinent mehr als vier Jahrzehnte spaltete, stehen wir
an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert mit der
realen Aussicht auf eine endgültige Überwindung der
Teilung Europas. Bevor Präsident Clintons zweite
Amtszeit zu Ende ist, wird die NATO ihre erste Runde
neuer Mitglieder aufgenommen haben, und die
Programme der Partnerschaft für den Frieden werden
erweitert worden sein. Die pragmatische Partnerschaft
mit Rußland wird durch die Verhandlungen über eine
Charta zwischen der NATO und Rußland, verstärkte
amerikanisch-russische Zusammenarbeit auf militärischer Ebene, die Fortsetzung der Aktivitäten zur

Seite 2

kooperativen Verringerung der Bedrohung und
Fortschritte bei unserer Rüstungskontrollagenda weiter
gestärkt.
Die Erlangung des richtigen Gleichgewichts zwischen
Strategie, Programmen und Ressourcen zur Erfüllung
unserer sicherheitspolitischen Erfordernisse der
Gegenwart und Zukunft stellt eine große Herausforderung dar. Dies wird zur Zeit vom Verteidigungsministerium überprüft und ebenfalls vom nationalen
Verteidigungsgremium überarbeitet.
Während wir diesen Prozeß durchlaufen, müssen wir
gewährleisten, daß unsere Streitkräfte die Kriege der
Nation führen und gewinnen können.
Den Präsidenten über den Einsatz von Gewalt zu
beraten, ist die größte Verantwortung, die einem
Verteidigungsminister obliegt. Und als Senator war ich
mir dessen bewußt, als ich in die saudi-arabische
Wüste zu einem Besuch der Truppen reiste, die sich
darauf vorbereiteten, die irakische Invasion in Kuwait
zu bekämpfen, und vor kurzem, als ich unsere tapferen
in Bosnien dienenden Männer und Frauen besuchte
und das Privileg hatte, einem mutigen jungen Soldaten
aus Maine das Purple Heart zu verleihen. Als designierter Verteidigungsminister gelobe ich Ihnen und
unseren Männern und Frauen in Uniform, mein Bestes
zu tun, dieses tiefe Vertrauen zu erfüllen.
Der Präsident hat es bereits gesagt: Wir sollten uns
nicht vor dem klugen Einsatz von Gewalt fürchten, und
hierbei sind der Mut, die Loyalität und die Bereitschaft
unserer Männer und Frauen in Uniform, ihr Leben aufs
Spiel zu setzen, ein nationales Gut, das nie als
selbstverständlich hingenommen werden sollte. Und
wenn unsere Soldaten in den Kampf geschickt werden,
müssen klare Ziele gesetzt werden, denen wir entschlossen verpflichtet bleiben und zu deren Erlangung
wir die Mittel haben. Das sind die Grundvoraussetzungen für humanitäre und andere Operationen mit
Ausnahme eines Krieges sowie für andere Eventualfälle größeren Ausmaßes.
Ich möchte auch darauf hinweisen, daß unsere
Streitkräfte ihre Mission nicht nur erfüllen, wenn sie zur
Beilegung einer Krise intervenieren - sie leisten jeden
Tag wichtige Arbeit.
Wenn unsere Schiffe strategische Gewässer patrouillieren, unsere Flugzeuge in weit entferntem Luftraum
fliegen und unsere Soldaten zu Manövern entsandt
werden, sind sie nicht nur bereit für den Fall, daß sich
etwas ereignet. Durch diese Aktionen ereignet sich
bereits etwas: Sie beeinflussen die Ansichten und
Entscheidungen ausländischer Regierungen - seien es
Freunde, die der Unterstützung bedürfen, oder Feinde,
die abgeschreckt werden müssen. Unsere Streitkräfte
gestalten durch ihre täglichen Operationen die Welt

AMERIKA DIENST 02

�und warten nicht einfach, bis sie auf momentane
Krisen reagieren müssen.

waffenprogramm wurde eingefroren, während es mit
der Wirtschaft weiterhin bergab geht.

Herr Vorsitzender, ich möchte auf zwei Punkte besonders eingehen. Seit meiner Nominierung haben
manche festgestellt, daß ich im Hinblick auf mehrere
Fragen der nationalen Sicherheit nicht mit dem
Präsidenten übereinstimme, und aufgrund dessen die
Frage gestellt, ob ich dem Präsidenten in Zukunft
wirksam dienen kann.

Was den Einsatz von Gewalt betrifft, habe ich mich
zwar für verstärkte Konsultationen mit dem Kongreß
ausgesprochen, mich aber geweigert, einmal vom
Präsidenten getroffene Entscheidungen zu unterlaufen. Beispielsweise gehörte ich zu denen, die sich
mit den Senatoren Dole und McCain für die Resolution
zur Unterstützung unserer in Bosnien stationierten
Streitkräfte einsetzten. Ich bin ein Befürworter echter
und andauernder Konsultationen, was meines Erachtens ein Grund für den Präsidenten war, mich in
sein Kabinett zu nehmen.

Ich habe die letzten 25 Jahre im Kongreß gleichermaßen mit denjenigen, deren Meinung ich teile, und mit
denen, deren Meinung ich nicht teile, zusammengearbeitet und habe versucht, das auf konstruktive Art
zu tun, die zu positiven Ergebnissen führt. Meines
Erachtens ist es mir in der Vergangenheit gelungen,
Differenzen zu überbrücken - sie nicht zu übertünchen,
sondern Konsens zu schaffen und vernünftige,
verantwortungsvolle Kompromisse zu schließen.
Ferner möchte ich darauf hinweisen, daß übereinstimmende Meinungen innerhalb einer Administration
weder ein Gebot noch ein anzustrebendes Ideal sind.
Es ist sehr anerkennenswert, daß der Präsident ein
Team energischer Berater haben möchte, die ihm
gemeinsam die beste Beratung zukommen lassen
können. Ich bin sicher, daß es im Falle meiner
Bestätigung wie in allen Administrationen manchmal
Meinungsverschiedenheiten zwischen uns geben wird,
die hinter verschlossenen Türen beigelegt werden
sollten. Und ich habe keinen Zweifel, daß wir bei
unserer Zusammenarbeit ebenso viel oder sogar noch
mehr Einvernehmen und Kooperationsbereitschaft
zeigen werden wie jede andere Administration der
letzten 25 Jahre.
Was einige der gestellten spezifischen Fragen betrifft,
habe ich keine Bedenken hinsichtlich meiner Fähigkeit
zur effektiven Arbeit innerhalb der Administration.
Was beispielsweise die Raketenverteidigung betrifft,
war ich eines der vier Mitglieder dieses Ausschusses,
die vom Vorsitzenden beauftragt wurden, einen
Konsens zu finden, der vom Kongreß angenommen
und als Gesetz verabschiedet würde. Die Senatoren
Warner, Levin, Nunn und ich haben lange und hart mit
anderen Abgeordneten und der Administration zusammengearbeitet. Uns gelang der Abbau bestehender analytischer und politischer Differenzen, und das
ausgearbeitete Gesetz wurde schließlich von Kongreß
und Administration unterstützt und wird jetzt unter
Berücksichtigung der technischen Aspekte umgesetzt.
In bezug auf das nordkoreanische Nuklearabkommen
war ich in der Tat skeptisch hinsichtlich der Einhaltung
des Rahmenabkommens durch Nordkorea. Es kann
jedoch nicht bestritten werden, daß das Abkommen
tatsächlich funktioniert. Das nordkoreanische Nuklear-

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Ich erwähne das, weil ich davon überzeugt bin, daß
Präsident Clinton zur Überwindung parteipolitischer
Trennlinien bei der Formulierung seiner Sicherheitspolitik entschlossen ist und weiß, wie wichtig es ist,
denjenigen zuzuhören, die anderer Meinung als er
oder seine Berater sind. So kann er sichergehen, daß
seine Aktionen begründet und nicht nur das Produkt
irgendwelcher Trends sind.
Herr Vorsitzender, ich bin es Verteidigungsminister
Perry schuldig, ihm besondere Anerkennung zu zollen.
Meines Erachtens ist er einer der fähigsten Staatsbeamten, die je in einer amerikanischen Regierung
tätig waren. Er verkörperte Unparteilichkeit bei der
Verfolgung unserer nationalen Sicherheitsinteressen.
Seine Integrität und sein Patriotismus, verbunden mit
seiner Brillanz und Ruhe, machten ihn zu einem
Verteidigungsminister, der die zweifelsohne einzigartige Fähigkeit hatte, effektiv und beliebt zu sein. Er
war im Hinblick auf den Einsatz von Gewalt immer
vorsichtig und präzise; er entwickelte pragmatische
Beziehungen zur russischen Regierung, stärkte
unsere Sicherheitspartnerschaft mit Japan und machte
echte Fortschritte beim langen Prozeß der Durchsetzung der Beschaffungsreform. Sein Dienst entspricht
der besten Tradition unseres Landes, und er hat
meiner Meinung nach für alle seine Nachfolger hohe
Maßstäbe gesetzt.
In der Schlußbemerkung seines Buches "On the
Origins of War" stellt der Historiker Donald Kagan fest:
"Ein hartnäckiger und wiederholter
Fehler im gesamten Verlauf der
Geschichte ist der Mangel an Einsicht, daß die Wahrung des Friedens
Mühe, Planung, Mittel und Opfer
verlangt - ebenso wie der Krieg.
Insbesondere in der modernen Welt
hat die Ansicht, der Frieden sei ein
natürlicher Zustand und Krieg ein
Irrweg, dazu geführt, daß in Friedenszeiten die Möglichkeit eines weiteren
Krieges nicht in Betracht gezogen
wurde, was wiederum die Bestrebun-

Seite 3

�gen verhinderte, die zur Wahrung des
Friedens erforderlich sind."
Der Präsident ist sich bewußt, daß die Wahrung des
Friedens aktive Bestrebungen, Planung und Opfer
erfordert. Es ist mir eine große Ehre, daß er mich
gebeten hat, ihn als Verteidigungsminister bei den
erforderlichen Planungen und Bestrebungen zu
unterstützen.

* *

Seite 4

Die von mir umrissenen Ziele stellen beträchtliche
Herausforderungen dar, aber unsere Wirtschaft ist
stark, unsere Nation lebt in Frieden, und das Verteidigungsministerium verfügt bei seinen militärischen und
zivilen Mitarbeitern über ein enormes Reservoir von
Begabungen und Fähigkeiten. Wenn wir zum Nutzen
des amerikanischen Volkes zusammenarbeiten,
können und werden wir diese Herausforderungen
bewältigen.

* *

*

AMERIKA DIENST 02

�WIRTSCHAFT
29. Januar 1997

Amerikas Spitzenposition in der Weltwirtschaft
Rede des designierten Wirtschaftsministers

WASHINGTON - (AD) - Bei seiner Anhörung vor dem Wirtschaftsausschuß des Senats am 22. Januar 1997
sprach sich der von Präsident Clinton zum Wirtschaftsminister ernannte William Daley für die Förderung
amerikanischer Exporte durch die Regierung aus.
Nachfolgend veröffentlichen wir den leicht gekürzten Redetext des designierten Wirtschaftsministers.

Herr Vorsitzender,
es ist mir eine Ehre, heute hier sein zu dürfen. In den
Wochen seit meiner Ernennung zum Wirtschaftsminister habe ich über diese Chance nachgedacht und
es hat mich mit großem Stolz erfüllt, daß meine
Ernennung mir die Möglichkeit bietet, die lange
Tradition meiner Familie im öffentlichen Dienst fortzusetzen. Ich bin dankbar für die Chance, der Nation
zu dienen - den Arbeitnehmern, Unternehmern, den
großen und kleinen Firmen, den einzelnen Gemeinden
und dem Präsidenten.
Auf unserem Weg zur letzten Administration des 20.
Jahrhunderts befinden wir uns auf einer noch nicht
beendeten Reise. Wir gestalten die Welt, in der wir
Geschäfte tätigen, neu und definieren gleichzeitig
unseren Platz in ihr neu. Ich sehe meine Nominierung
für das Wirtschaftsministerium folgendermaßen: In
einer neuen, von neuen Regeln regierten Welt hat
Amerika riesige Schritte zur Bewahrung der Wettbewerbsfähigkeit und des Wohlstands des Landes
unternommen. Aber unsere Arbeit ist noch nicht
beendet, und das Wirtschaftsministerium muß viel
unternehmen, damit wir in der Weltwirtschaft weiterhin
einen Vorsprung haben.
Um sicherzustellen, daß das Wirtschaftsministerium
seine elementare Aufgabe erfüllt, möchte ich, daß Sie
und Ihre Kollegen, die Unternehmer und unsere
Handelspartner auf der ganzen Welt volles Vertrauen
in das Ministerium setzen - und werde garantieren,
daß unsere Rolle unerläßlich ist und unsere Glaubwürdigkeit außer Frage steht. Ebenso sehr wie ich mich

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auf meine Arbeit freue, bin ich beeindruckt von den
Möglichkeiten dieses Ministeriums, rühmliche und
bedeutungsvolle Arbeit für Amerika zu leisten.
Die Annahmen, von denen unser Wachstum und unser
Platz in der Welt nach dem Krieg geleitet waren, gelten
nicht mehr. Es gab eine Zeit, in der wir unser Wachstum und einen besseren Lebensstandard durch unsere
Binnenwirtschaft bewahren konnten, aber heute steht
und fällt unser Wohlstand mit auf lange Sicht getroffenen Entscheidungen. Es ist nicht mehr nur die Börse,
die von Wirtschaftsnachrichten und Entscheidungen
auf der ganzen Welt betroffen ist: Amerikanische
Unternehmen von den größten 500 bis zu den kleinsten Anfängern sehen sich Wettbewerb von Volkswirtschaften in Europa und Asien sowie den aufstrebenden Mächten in Lateinamerika, Afrika und dem Nahen
Osten ausgesetzt, und gleichzeitig bieten sich ihnen
dort neue Chancen.
Nahezu ein Viertel unseres Bruttoinlandsprodukts ist
heute exportabhängig. Über 11 Millionen Arbeitnehmerverdanken ihren Arbeitsplatz den Geschäften, die
ihre Arbeitgeber jenseits unserer Küsten tätigen. Mein
Vorgänger Mickey Kantor erklärte gerne, eine Marktstudie der Vereinigten Staaten heute würde belegen,
daß wir vier Prozent der Weltbevölkerung ausmachen
und eine ziemlich niedrige Geburtenrate haben. Das
heißt, unser zukünftiger Lebensstandard gründet auf
den Verbindungen, die wir mit den anderen 96
Prozent der Welt haben und den Möglichkeiten, die wir
dort schaffen.

Seite 1

�Der Präsident hat einen klaren Plan für den Erfolg der
Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft dargelegt. In
den ersten Wochen seiner Administration erklärte er,
die Vereinigten Staaten würden es begrüßen, wenn
unsere Konkurrenten hier unter fairen und offenen
Bedingungen Geschäfte abwickeln, wir jedoch denselben Zugang zu ihren Märkten erwarten. Die Administration hat über 200 Handelsabkommen mit
Partnern auf der ganzen Welt unterzeichnet, in die
Entwicklung modernster Technologie investiert, auf die
kluge Verwaltung unserer natürlichen Ressourcen
hingearbeitet, die Exporte angekurbelt, bessere und
nützlichere Wirtschaftsinformationen erarbeitet und
unsere städtischen und ländlichen Gemeinden zu
Mitspielern bei unserer wirtschaftlichen Expansion
gemacht.
Aufgrund dieser Entscheidungen und dank der
Zusagen von führenden Unternehmern und Politikern weil wir diese globale Wirtschaft einbeziehen - führen
die Vereinigten Staaten die Weltwirtschaft an. Wir
stehen seit drei aufeinander folgenden Jahren wieder
an oberster Stelle der Liste des Weltwirtschaftsforums
der produktivsten Volkswirtschaften der Welt. Heute
sind wir die größte Wirtschaftsmacht der Welt - der
größte Exporteur, der beste Innovator, der Motor, der
den weltweiten Wohlstand antreibt.
Vor einigen Jahren schien Amerika zu stagnieren.
Unsere Konkurrenten in so unterschiedlichen Industrien wie der Automobil-, Stahl- und Hightechindustrie,
dem Bankwesen sowie der Luft- und Raumfahrt waren
weltweit aktiv und kämpften um Aufträge, Verträge und
Chancen, während wir am Rande standen und
debattierten, ob wir uns in den Kampf begeben sollten.
Industrien in Japan, Taiwan, Deutschland und andernorts investierten in neue Technologien, während wir
den Verlust der amerikanischen Fertigungsindustrie
beklagten und uns fragten, warum andere die von uns
erfundene Technologie besser anwendeten. Ausländische Volkswirtschaften erlebten einen Boom,
während wir diskutierten, ob wachsende Haushaltsdefizite überhaupt wichtig sind oder nicht. Es war eine
Binsenwahrheit, daß unsere asiatischen und europäischen Konkurrenten unser Brot aßen, und ein wichtiges Buch, Der Aufstieg und Fall der Großmächte,
spekulierte, daß Amerika sich im Niedergang befand.
Wir hatten jede Menge Zwangsvollstreckungen und
Konkurse, aber wenig Vertrauen. Aber diese Tage
sind jetzt vorüber.
Heute ist die amerikanische Wirtschaft gesund, vital
und im Wachsen begriffen. Unsere Arbeitslosenquote
ist die niedrigste seit 25 Jahren. Es werden ebenso
viele Geschäfte gegründet und Häuser gekauft wie seit
Anfang der achtziger Jahre. Ein Haushaltsdefizit, das
unsere Ersparnisse aufbrauchte und unser Wachstum
behinderte, wurde in den vergangenen vier Jahren um
die Hälfte reduziert. Und die Produktionskapazität
unserer Volkswirtschaft ist seit 25 Jahren am schnell-

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sten gestiegen. Jetzt sehen wir Forschung und
Entwicklung, Technologie und Bildung als Investitionen
in unsere Zukunft, die sich in Unternehmertum,
Arbeitsplätzen und Gehaltsschecks auszahlen. Und
wir geben das Tempo an, dem die übrige Welt bei
allem folgt - in herkömmlichen Industrien wie der
Automobilbranche und der Landwirtschaft bis zur Luftund Raumfahrt, Telekommunikations- und Hightechindustrie.
Das kommende Jahrhundert - das der Präsident als
"Zeitalter der Chancen" bezeichnet hat - wird auf dem
aufbauen, was die Wirtschaft am besten tut. Ich weiß,
daß einige in der modernen Wirtschaft keinen Platz für
das Ministerium sehen. Dem stimme ich überhaupt
nicht zu. In einer immer stärker konkurrierenden Welt
benötigt unsere Nation kohärente und aufeinander
abgestimmte wirtschaftliche, technologische, handelsund entwicklungspolitische Maßnahmen.
Wir haben zwei Alternativen, wenn wir uns den
Realitäten einer interdependenten Weltwirtschaft
stellen: Wir können am Rand stehen und über die
Rolle der Regierung debattieren, oder wir können
aggressiv, aktiv und ehrgeizig sein. Führen Sie sich
jedoch vor Augen, daß unsere Konkurrenten eifrig
Geschäfte tätigen und wirtschaftliche Verbindungen
um uns herum aufbauen, während wir diskutieren.
Bundeskanzler Helmut Kohl ist vor kurzem nach
Rußland gereist, während der kanadische Ministerpräsident Chretien vergangene Woche eine Handelsdelegation nach Korea anführte. Das sind Mahnungen, daß andere unabhängig von unseren Entscheidungen aktiv Exportchancen suchen.
Im Wirtschaftsministerium kommen Amerikas Potential
und seine Versprechungen zusammen, dort werden
unsere zukünftigen Arbeitsplätze geschaffen und
unser Wirtschaftswachstum genährt. Die ungleichen
Elemente des Handels kommen für eine Aufgabe
zusammen: Amerikas Konkurrenzfähigkeit zu verbessern und zu bewahren.
Die Wirtschaft trägt zur Öffnung von Märkten bei und
stellt sicher, daß unsere Partner das Versprechen
offenen und fairen Handels einhalten, das wir uns
gegeben haben. Und während mehr Mitspieler einen
Platz auf der internationalen Handelsbühne suchen,
wollen wir auch durch das Befürwortungszentrum des
Ministeriums und Handelsmissionen im Namen
amerikanischer Firmen und Arbeitnehmer gewährleisten, daß sie auf den dynamischsten Märkten Fuß
fassen können und an Projekten beteiligt sind. Unsere
Konkurrenten überlassen ihre Unternehmen nicht
ihrem Schicksal in der Welt, und das sollten wir auch
nicht tun. Gleichzeitig sollten wir unsere Arbeitnehmer
keinem Risiko durch unfaire Handelspraktiken aussetzen. Über einem Gebäude des Wirtschaftsministeriums steht Benjamin Franklins Mahnung geschrieben:

AMERIKA DIENST 02

�"Der Handel zwischen Nationen sollte fair und gerecht
sein." Das ist der Standard, den wir halten wollen.

peln, die den Ehrgeiz mitbringen und die Belohnung
dafür erhalten.

Unsere Exporte haben seit 1993 um 34 Prozent
zugenommen und 1,4 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen. Im Rahmen der Aktivitäten der internationalen Handelsverwaltung hat das Wirtschaftsministerium 250 Millionen Dollar für die Exportförderung aufgewandt, die zu überseeischen Umsätzen
von über 40 Milliarden Dollar führten. Darüber hinaus
befreiten wir Hightechexporte in Milliardenhöhe von
veralteten Bestimmungen, ohne unsere nationale
Sicherheit aufs Spiel zu setzen. Auf diesen Leistungen
aufbauend möchte ich sicherstellen, daß die durch
offene Märkte und globalen Wettbewerb versprochenen hochbezahlten Arbeitsplätze Realität werden.

Aber dieses Versprechen kann nur erfüllt werden,
wenn die Vorteile eines wohlhabenden Amerikas
jedem Amerikaner zugute kommen. Wenn einige
Segmente Fortschritte machen, während andere
stagnieren, werden wir unsere Stärke vergeuden und
unsere Wettbewerbsvorteile aufgeben.
Bildung,
Ausbildung, wirtschaftliche Entwicklung, sogar Zugang
zur Datenautobahn sind der Schlüssel zur Verbesserung der Chancen für alle Amerikaner, damit ein
größerer Teil unserer Nation eine produktive Rolle in
unserer Volkswirtschaft übernehmen kann.

Während der Übergang von der Fertigung zu Information und Technologie das Wirtschaftswachstum auf der
Welt weiter ankurbelt, verleiht der Handel dem Wettbewerbsvorteil einen Bonus, den sich unsere Nation
durch modernste Technologien verschafft hat. Wir
müssen weiterhin neue Technologien entwickeln und
Unternehmen sowie die Industrie ermutigen, sie für die
kommerzielle Anwendung anzupassen. Weniger zu
tun - vor allem angesichts der Pläne Japans, sein
Budget für Wissenschaft und Technologie bis zum
Jahr 2000 zu verdoppeln, der Pläne Chinas, seine
Investitionen in Forschung und Technologie in dieser
Zeit zu verdreifachen und der Tatsache, daß die
gesamten Ausgaben der EU für Technologie in fünf
Jahren doppelt so hoch sein werden wie unsere würde einen Rückschritt bei einem Großteil unserer
Wettbewerbs- und Produktivitätsvorteile bedeuten, die
so viel dazu beigetragen haben, unser wirtschaftliches
Haus im letzten Jahrzehnt in Ordnung zu bringen.
Während heute die 50 größten Exporteure der Vereinigten Staaten für 30 Prozent der Warenexporte
unserer Nation verantwortlich sind, exportieren nur 12
Prozent unserer
kleinen und mittelständischen
Unternehmen. Gleichzeitig nehmen 40 Prozent der
amerikanischen Arbeitnehmer an Aus- und Weiterbildungsprogrammen teil, und heute besucht eine
Rekordzahl von Studenten das College. Für mich ist
diese Kombination kein unausgeschöpftes Potential,
sondern eine Chance für Wirtschaftswachstum. Wir
sollten in den kommenden Jahren die Exporte mittelständischer Unternehmen mit diesen gelernten und
ausgebildeten amerikanischen Arbeitnehmern verdop-

AMERIKA DIENST 02

Ich möchte die Wirtschaftsentwicklung an Exporte und
Technologie anpassen, um reale Chancen für jeden
Menschen, jede Familie und jedes Unternehmen im
Land zu schaffen. Zusammen werden diese Fäden
der wirtschaftlichen Sicherheit der Vereinigten Staaten
- Technologie, Handel und Information - zum Geflecht
unserer wohlhabenden Zukunft verwoben, indem sie in
jeder Gemeinde im ganzen Land Entwicklung, Unternehmertum und Wachstum ankurbeln. Darin sehe ich
die Aufgabe des Handels: Den Wohlstand Amerikas zu
bewahren, indem wir weiterhin auf der ganzen Welt
innovativ, wachsam und stark sind.
Letztlich werden die Ergebnisse dieses globalen
Wettbewerbs um Exporte und Marktöffnung entscheiden, wo die Arbeitsplätze im nächsten Jahrhundert sein und welche Nationen prosperieren
werden. Die Entscheidung über die Funktion oder
Vitalität des Wirtschaftsministeriums ist daher keine
akademische Übung oder eine in einem Vakuum
stattfindende politische Debatte.
Ich freue mich auf die Arbeit als 32. Wirtschaftsminister, weil der Erfolg des Ministeriums niemals
wichtiger für unser Land war. Ich bin der festen
Überzeugung, daß der Wirtschaftsminister nie vergessen darf, daß er dem Präsidenten, dem Kongreß und
letztlich dem amerikanischen Volk als Katalysator
dient, damit die Sicherheit und der Wohlstand unserer
Nation uns mit gutem Grund zu Vertrauen und Hoffnung ins 21. Jahrhundert bringen können. Ich sehe
der engen Zusammenarbeit mit Ihnen erwartungsvoll
entgegen, damit das Wirtschaftsministerium wie bisher
zur Stärke Amerikas beitragen kann, während wir an
der Spitze der Weltwirtschaft stehen.

Seite 3

�PORTRAT
29. Januar 1997

Madeleine Korbel Albright
Porträt der neuen Außenministerin

Madeleine Korbel Albright wurde am 23. Januar 1997
als 64. Außenminister vereidigt. Vor ihrer Ernennung
war sie Ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten
bei den Vereinten Nationen (ihre Akkreditierung erfolgte am 6. Februar 1993) sowie Mitglied von Präsident Clintons Kabinett und des Nationalen Sicherheitsrats.
Davor war Botschafterin Albright Präsidentin des
Center for National Policy. Das Center ist eine 1981
von Vertretern der Regierung, Industrie, Gewerkschaften und des Bildungswesens gegründete gemeinnützige Forschungsorganisation. Sein Mandat besteht
in der Förderung von Studien und Diskussionen über
innenpolitische und internationale Themen.
Als Forschungsprofessorin für internationale Angelegenheiten und Direktorin des Programms "Frauen im
auswärtigen Dienst" der Georgetown University's
School of Foreign Service unterrichtete Albright Kurse
in internationalen Angelegenheiten, amerikanischer
Außenpolitik, russischer Außenpolitik sowie zentralund osteuropäischer Politik und war verantwortlich für
die Entwicklung und Umsetzung von Programmen zur
Verbesserung der Berufschancen von Frauen ini
internationalen Angelegenheiten.
Von 1981 bis 1982 erhielt Außenministerin Albright ein
Stipendium am Woodrow Wilson International Center

for Scholars der Smithsonian Institution im Anschluß
an einen internationalen Wettbewerb, bei dem sie über
die Rolle der Presse bei den politischen Veränderungen in Polen Anfang der achtziger Jahre geschrieben
hatte.
Albright war außerdem Senior Fellow für sowjetische
und osteuropäische Angelegenheiten am Center for
Strategie and International Studies, wo sie Forschung
zu Entwicklungen und Trends in der Sowjetunion und
in Osteuropa durchführte.
Von 1978-81 war Außenministerin Albright als Mitarbeiterin des Nationalen Sicherheitsrats und des
Weißen Hauses für die außenpolitische Gesetzgebung
verantwortlich. Von 1976-78 war sie persönliche
Referentin für Gesetzesfragen von Senator Edmund
Muskie.
Botschafterin Albright erwarb ihren Bachelor of Arts in
Politologie am Wellesley College mit Auszeichnung
und studierte an der School of Advanced International
Studies der John Hopkins University, erhielt ein
Zeugnis vom Russischen Institut der Columbia University und legte ihren Master of Arts und ihr Doktorexamen an der Fakultät für Öffentliches Recht und
Staatswissenschaft der Columbia University ab.
Außenministerin Albright hat drei Töchter.

* * * * *

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Seite 1

�PORTRAT
29.Januar 1997

William S. Cohen
Porträt des neuen Verteidigungsministers

Der ehemalige Senator William S. Cohen wurde am
Freitag, dem 24. Januar 1997 bei einer Feier im
Weißen Haus von Vizepräsident AI Gore als 20.
Verteidigungsminister vereidigt.
Präsident Clinton gab Cohens Nominierung am 5.
Dezember 1996 bekannt. Er wurde am 22. Januar
1997 vom Senat mit 99 zu 0 Stimmen bestätigt. Davor
hatte er dem Senat drei Sitzungsperioden für den
Bundestaat Maine (1979-97) und drei dem Repräsentantenhaus als Abgeordneter des zweiten Wahlbezirks
von Maine angehört (1973-79).
Der am 28. August 1940 in Bangor (Maine) geborene
Cohen besuchte die Bangor High School, die er 1958
abschloß. 1962 erwarb er seinen Bachelor of Arts in
Latein am Bowdoin College und 1965 seinen Bachelor
of Laws cum laude an der Boston University Law
School.
Verteidigungsminister Cohen war von 1979-97 Mitglied
des Streitkräfteausschusses des Senats sowie des
Ausschusses für Regierungsangelegenheiten. Von
1983-91 und von 1995-97 war er Mitglied des Sonderausschusses für die Nachrichtendienste und von
1987-91 dessen Stellvertretender Vorsitzender.
Mit seinem Einfluß bei Verteidigungs- und internationalen Sicherheitsfragen spielte Cohen eine führende
Rolle beim Entwurf des Goldwater-Nichols-Gesetzes
über die Umstrukturierung des Verteidigungsapparats
von 1986. Er war der Befürworter des Gl-Gesetzes
von 1984 im Senat sowie der folgenden Zusätze zu
diesem bahnbrechenden Gesetz. Cohens Bemühungen führten zur Gründung der Schnellen Einsatztruppe
(RDF), die später zum US-Zentralkommando wurde,
und des maritimen Voreinlagerungsprogramms, die
beide entscheidend für den Erfolg des Golfkrieges
waren. Darüber hinaus ist er Mitverfasser des Gesetzes über die Reform der Überwachung der Nachrichtendienste von 1991 sowie von Gesetzen über die

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Überarbeitung der amerikanischen Spionageabwehrbestrebungen und Verteidigung gegen ausländische
politische und Industriespionage.
Von dem von ihm verfassten Gesetz über Wettbewerb
bei Vertragsabschlüssen bis zum Erlass des Gesetzes
über die Reform der staatlichen Beschaffung von
1996, bei dessen Entwurf er eine entscheidende Rolle
spielte, stand Cohen an vorderster Front bei der
Reform des Beschaffungsprozesses der Bundesregierung. Aufgrund seines Engagements, Rechenschaftspflicht und die besten Praktiken des Privatsektors bei den Bundesbehörden einzuführen, verfasste
er auch das Gesetz über die Reform der Verwaltung
von Informationstechnologie von 1986 , um die Art und
Weise zu verbessern, in der Bundesbehörden Investitionen in Informationstechnologie verwalten und
den Beschaffungsprozeß zu verschlanken.
Cohen war von 1989-97 Vorstandsmitglied des
Council on Foreign Relations und 1996 Leiter der
Nahoststudiengruppe des Council. Er war ferner Leiter
und Mitglied zahlreicher Studiengruppen und Ausschüsse am Center for Strategie and International
Studies, der School for Advanced International Studies
und der Brookings Institution zu Themen wie der
Umstrukturierung des Verteidigungsministeriums, der
NATO-Erweiterung und der Kontrolle von Chemiewaffen. Seit 1985 war Cohen Leiter der amerikanischen
Delegation hochrangiger Vertreter der Exekutive und
von Abgeordneten des Kongresses bei der Münchner
Konferenz für Sicherheitspolitik, bei der hochrangige
Vertreter der NATO und der Mitgliedsstaaten der
Partnerschaft für den Frieden zusammenkommen. Er
war auch Leiter der amerikanischen Delegationen
beim amerikanisch-arabischen Dialog in Kairo und
dem pazifischen Dialog in Kuala Lumpur - den regionalen Konferenzen über sicherheitspolitische und wirtschaftliche Themen.

Seite 1

�1974 wählte die Zeitschrift TIME Cohen zu einer der
200 künftigen Führungspersönlichkeiten Amerikas.
Die U.S. Junior Chamber of Commerce ernannte ihn
1975 zu einem der zehn herausragenden jungen
Männer in Amerika. Ebenfalls 1975 ehrte die Boston
University Law School Cohen mit ihrem renommierten
"Young Lawyer's Chair" und 1976 verlieh ihm der
Ehemaligenverein der Boston University seine Auszeichnung für hervorragende Dienste zum Wohle der
Allgemeinheit. 1980 erhielt Cohen den "Vanguard"
vom Verband der Unteroffiziere für seine Arbeit für
Angehörige des Militärs und 1983 zeichnete dieselbe
Organisation ihn mit dem L. Mendel Rivers Award aus.
*

Seite 2

1996 wurde ihm die U.S. Special Operations Command Medal verliehen.
Cohen ist Autor oder Mitverfasser von acht Büchern,
darunter zwei Gedichtbänden, drei Romanen und drei
Sachbüchern.
Seine Frau Janet Langhart ist Präsidentin von Langhart Communications. Cohen hat zwei erwachsene
Söhne, Kevin und Chris.

* * *

*

AMERIKA DIENST 02

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Investitionen in die amerikanische Führungsrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Abschiedsrede von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Entwurf einer überparteilichen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Außenministerin Madeleine K. Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Verringerung von Bedrohungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des designierten Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikas Spitzenposition in der Weltwirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des designierten Wirtschaftsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Madeleine Korbel Albright&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt der neuen Außenministerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;William S. Cohen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen Verteidigungsministers&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>^ D S ^

amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

03

12. Februar 1997

LAGE DER NATION

CLINTON: USA BLEIBEN DIE UNERLÄSSLICHE
NATION
Bericht zur Lage der Nation

WIRTSCHAFT

VIER JAHRE WIRTSCHAFTSWACHSTUM
MACHEN DEN AMERIKANISCHEN TRAUM
ZUR REALITÄT
Jahreswirtschaftsbericht des Präsidenten

USA-DEUTSCHLAND

DIE ZUKUNFT DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Abteilungsleiter John Kornblum

ABRÜSTUNG

KREATIVE BESTREBUNGEN ZUR
RÜSTUNGSKONTROLLE UNERLÄSSLICH
Rede von ACDA-Direktor John Holum

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�LAGE

DER

NATION

12. Februar 1997

Clinton: USA bleiben die unerläßliche Nation
Bericht zur Lage der Nation

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den von Präsident Clinton am 4. Februar 1997 vor dem
Kongreß vorgetragenen Bericht zur Lage der Nation im Wortlaut.

Mr. Speaker, Herr Vizepräsident, Abgeordnete des
105. Kongresses, verehrte Gäste, liebe Mitbürger,
ich möchte mich zunächst dafür bedanken, daß Sie
mich wieder eingeladen haben. Heute Abend stehe
ich vor Ihnen mit einer so großen Herausforderung wie
alle Herausforderungen in unserer Geschichte zu
Friedenszeiten und einem Aktionsplan zur Bewältigung
dieser Herausforderung, um unser Volk auf die kühne
neue Welt des 21. Jahrhunderts vorzubereiten.
Wir haben viel, für das wir dankbar sein können. Dank
vier Jahren des Wachstums haben wir die grundlegende Stärke unserer Volkswirtschaft zurückerlangt.
Während die Verbrechensrate und die Zahl der
Sozialhilfeempfänger sinken, kehrt unser Optimismus
zurück - der beständige Glaube, daß wir jede Schwierigkeit meisten können. Der Kalte Krieg gehört
allmählich der Vergangenheit an, der globale Handel
befindet sich auf Rekordhöhe, und wir tragen zu
beispiellosem Frieden und Wohlstand auf der ganzen
Welt bei.
Meine amerikanischen Mitbürger, die Lage unserer
Nation ist sehr gut. Aber jetzt müssen wir den entscheidenden Augenblick nutzen, um eine Nation und
eine Welt zu schaffen, die besser sind als alles, was
wir bisher kannten. Die neuen Verheißungen der
Weltwirtschaft, das Informationszeitalter, unvorstellbare neue Arbeit, lebensverbessernde Technologie all dies müssen wir nutzen. Das ist unsere Pflicht und
unsere Herausforderung. Wir müssen die Ereignisse
gestalten, nicht nur Beobachter sein. Denn wenn wir
nicht handeln, wird der Augenblick verstreichen - und
wir werden die besten Chancen für unsere Zukunft
verpassen.

AMERIKA DIENST 03

Wir sehen uns nicht mit einer unmittelbaren Bedrohung
konfrontiert, aber wir haben einen Feind - der Feind
unserer Zeit ist Inaktivität. Deshalb rufe ich heute
Abend zu Aktivität auf - Aktivität dieses Kongresses,
Aktivität unserer Bundesstaaten, Aktivität unserer
Bürger, um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten. Aktivität, um die Stärke unserer Volkswirtschaft und unserer Demokratie zum Wohle unseres
gesamten Volkes zu bewahren; Aktivität zur Verbesserung des Bildungswesens und zur Nutzung der
Kräfte von Technologie und Wissenschaft; Aktivität
zum Aufbau stärkerer Familien und stärkerer Gemeinden und einer saubereren Umwelt; Aktivität, um
Amerika als die stärkste Kraft für Frieden, Freiheit und
Wohlstand der Welt zu bewahren. Und vor allem,
Aktivität zum Aufbau einer perfekteren Union hier zu
Hause.
Die Geisteshaltung, die wir in unsere Arbeit einbringen,
wird den Unterschied bewirken. Wir müssen uns dem
Streben nach Chancen für alle Amerikaner und der
Verantwortung aller Amerikaner in einer Gemeinschaft
aller Amerikaner verpflichten. Und wir müssen uns zu
einer neuen Art von Regierung verpflichten - die nicht
alle Probleme für uns lösen soll, sondern unserem
Volk die erforderlichen Instrumente an die Hand gibt,
um das beste aus seinem Leben zu machen.
Und wir müssen zusammenarbeiten. Das Volk dieser
Nation hat uns alle gewählt. Es will unser Partner sein,
nicht Parteigänger. Es hat uns alle hier in dasselbe
Boot gesetzt, es hat uns allen Ruder gegeben und uns
gesagt, wir sollen rudern. Hier ist die Richtung, die wir
meines Erachtens einschlagen sollten.
Erstens müssen wir unverzüglich die noch unerledigte
Arbeit unseres Landes in Angriff nehmen - unseren

Seite 1

�Haushalt ausgleichen, unsere Demokratie erneuern
und die Sozialreform abschließen.
In den vergangenen vier Jahren haben wir neues
Wirtschaftswachstum bewirkt, indem wir in unser Volk
investiert, unsere Exporte erweitert, unsere Defizite
verringert und über 11 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen haben - das ist ein vierjähriger Rekord.
Jetzt muß unsere Volkswirtschaft die stärkste der Welt
bleiben. Wir heute Abend hier Anwesenden haben
eine historische Chance. Dieser Kongreß soll der
Kongreß sein, der endlich den Haushalt ausgleicht.
In zwei Tagen werde ich einen detaillierten Plan zum
Ausgleich des Haushalts bis zum Jahr 2002 vorlegen.
Dieser Plan wird den Haushalt ausgleichen und in
unser Volk investieren und gleichzeitig Medicare,
Medicaid, die Bildung und die Umwelt schützen. Er
wird den Haushalt ausgleichen und auf die Bestrebungen des Vizepräsidenten aufbauen, unsere Regierung
bei geringeren Kosten effizienter zu machen. Er wird
den Haushalt ausgleichen und der Mittelschicht
Steuererleichterungen gewähren, damit Bildung und
Gesundheitsfürsorge bezahlt, Kinder aufgezogen und
ein Haus gekauft oder verkauft werden kann.
Der Ausgleich des Haushalts erfordert nur Ihre
Abstimmung und meine Unterschrift. Er erfordert nicht
von uns, unsere Verfassung zu ändern. Meines
Erachtens ist es sowohl unnötig als auch unklug, einen
Zusatz über einen ausgeglichenen Haushalt zu
verabschieden, der unser Land in Krisenzeiten lähmen
und unerwünschte Ergebnisse erzwingen würde, wie
etwa, daß Richter Sozialversicherungsschecks
sperren oder Steuern erhöhen. Lassen Sie uns
zumindest vereinbaren, keine Maßnahmen zu ergreifen, die die Sozialversicherung bedrohen. Was
immer Sie für eine Meinung zu diesem Thema haben,
wir alle müssen eingestehen, daß wir keinen Verfassungszusatz benötigen - wir benötigen Aktivität.
Unabhängig von unseren Differenzen sollten wir den
Haushalt jetzt ausgleichen. Und dann müssen wir für
die langfristige Gesundheit unserer Gesellschaft einem
überparteilichen Prozeß zustimmen, um die Sozialversicherung zu erhalten und Medicare auf lange Sicht
zu reformieren, damit diese grundlegenden Programme für unsere Kinder so solide sind wie für unsere
Eltern.
Ich möchte etwas sagen, das heute Abend nicht in
meiner Rede steht. Ich weiß, daß es nicht leicht sein
wird. Aber ich bin der festen Überzeugung, daß einer
der Gründe, warum das amerikanische Volk mich für
eine zweite Amtszeit gewählt hat, war, daß ich in den
nächsten vier Jahren die harten Entscheidungen treffe,
die unser Land durch die nächsten 50 Jahre bringen
werden. Ich weiß, es ist leichter für mich als für Sie,
das zu sagen oder zu tun. Aber ein weiterer Grund,
warum ich gewählt wurde, ist die Unterstützung für Sie

Seite 2

alle - unabhängig von der Partei - um Ihnen das für die
Mitsprache an diesen Entscheidungen Notwendige zu
geben. Wir schulden es unserem Land und unserer
Zukunft.
Die zweite unerledigte Arbeit erfordert von uns, daß wir
uns heute Abend, vor den Augen Amerikas, endlich
zur Verabschiedung einer Reform der Wahlkampffinanzierung verpflichten.
Die Senatoren McCain und Feingold, die Abgeordneten des Repräsentantenhauses Shays und
Meehan haben über die Parteigrenzen hinweg eine
durchgreifende und faire Reform erarbeitet.
Ihr
Vorschlag würde die Ausgaben begrenzen, die Rolle
der Lobbyisten einschränken, gleiche Chancen für
Kandidaten und Amtsinhaber schaffen und die Beiträge von nichtamerikanischen Staatsbürgern, alle Unternehmenszuwendungen sowie die anderen hohen
Zahlungen verbieten, die beide Parteien erhalten.
Sie und ich wissen, daß man es verschieben kann.
Und Sie und ich wissen, daß die Vertagung den Tod
der Reform bedeuten wird. Lassen Sie uns daher
unsere eigene Frist setzen. Wir wollen zusammenarbeiten, um die überparteiliche Reform der Wahlkampffinanzierung gesetzlich zu verankern und das
McCain-Feingold-Gesetz an dem Tag verabschieden,
an dem wir den Geburtstag unserer Demokratie feiern
- dem 4. Juli.
Es gibt noch ein drittes Stück unerledigter Arbeit. In
den vergangenen vier Jahren ist es uns gelungen, eine
Rekordzahl von 2,25 Millionen Menschen unabhängig
von der Sozialhilfe zu machen. Im letzten Jahr
verabschiedete der Kongreß ein bahnbrechendes
Gesetz zur Sozialhilfereform, das fordert, daß alle
arbeitsfähigen Sozialhilfeempfänger die Verantwortung
übernehmen, arbeiten zu gehen.
Jeder Einzelne von uns muß seiner Verantwortung - in
der Tat unserer moralischen Verpflichtung - gerecht
werden sicherzustellen, daß Menschen, die jetzt
arbeiten müssen, arbeiten können. Wir müssen jetzt
handeln, um ein neues Ziel zu verwirklichen: Weitere
2 Millionen Menschen sollen bis zum Jahr 2000 nicht
mehr von Sozialhilfe abhängig sein.
Hier ist mein Plan: Steuerfreibeträge und andere
Anreize für Unternehmen, die Sozialhilfeempfänger
einstellen; Anreize für Arbeitsvermittlungsfirmen und
Bundesstaaten zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen
für Sozialhilfeempfänger; Ausbildung, Beförderung und
Kindertagesstätten, um den Menschen zu helfen, zur
Arbeit zu gehen.
Ich stelle jeden Bundesstaat vor die Herausforderung:
Verwandeln Sie diesen Sozialhilfescheck in einen
Gehaltsscheck des Privatsektors. Ich stelle jede
Kirchengemeinde, jede gemeinnützige Organisation,

AMERIKA DIENST 03

�jedes Unternehmen vor die Herausforderung, einen
Sozialhilfeempfänger einzustellen. Und ich möchte
insbesondere an jeden Arbeitgeber in unserem Land
gewandt sagen, wer je das alte Sozialhilfesystem
kritisiert hat, kann diesem alten System nicht mehr die
Schuld zuschreiben, weil wir es abgeschafft haben.
Jetzt müssen Sie das Ihre tun. Geben Sie einem
Sozialhilfeempfänger die Chance zu arbeiten.

Lehrplan so gestalten, daß er diese Standards verkörpert und Lehrer ausbilden, damit die Schüler ihnen
gerecht werden. Um den Schulen zu helfen, diese
Standards zu erfüllen und ihre Fortschritte zu beurteilen, werden wir in den nächsten beiden Jahren
Bestrebungen in die Wege leiten, um nationale
Prüfungen für die Leistungen der Schüler beim Lesen
und in der Mathematik zu erarbeiten.

Ich freue mich, heute Abend bekanntgeben zu können,
daß fünf große Firmen - Sprint, Monsanto, UPS,
Burger King und United Airlines - die ersten sein
werden, die sich an neuen nationalen Bestrebungen
zur Schaffung von Arbeitsplätzen in den kleinen und
großen Unternehmen Amerikas beteiligen, damit
Sozialhilfeempfänger arbeiten können.

Heute Abend stelle ich die Nation vor eine Herausforderung: Jeder Bundesstaat sollte hohe nationale
Standards einführen, und bis zum Jahr 1999 sollte
jeder Bundesstaat jeden Viertklässler im Lesen und
jeden Achtklässler in Mathematik prüfen um sicherzustellen, daß sie diese Standards einhalten.

Wir haben die Sozialhilfereform verabschiedet. Und
Sie alle wissen, daß ich der Überzeugung bin, daß wir
das Richtige getan haben. Aber niemand kann diese
Kammer mit einem reinen Gewissen verlassen, wenn
er nicht zur Beendigung der Arbeit bereit ist.
Wir müssen gemeinsam auch noch etwas anderes in
Angriff nehmen - etwas, um das uns sowohl die
republikanischen als auch die demokratischen Gouverneure gebeten haben: Die Wiedereinführung der
grundlegenden Gesundheitsfürsorge und der Invaliditätsrente, wenn ein Unglück Einwanderer ereilt, die
legal in unser Land kamen, die hart arbeiten, Steuern
zahlen und das Gesetz befolgen. Etwas anderes wäre
einer großartigen Nation von Einwanderern einfach
unwürdig.
Mit Blick in die Zukunft ist der größte Schritt von allen die hohe Schwelle der Zukunft, die wir jetzt überqueren
müssen - und meine oberste Priorität für die nächsten
vier Jahre die Sicherstellung, daß alle Amerikaner die
beste Bildung der Welt erhalten.
Lassen Sie uns zusammenarbeiten, um diese drei
Ziele zu verwirklichen: Jeder 8-jährige muß lesen,
jeder 12-jährige muß sich ins Internet einloggen, jeder
18-jährige muß ein College besuchen und jeder
erwachsene Amerikaner muß sein Leben lang lernen
können.
Mein ausgeglichener Haushalt sieht beispiellose
Zuweisungen für diese Ziele vor - 51 Milliarden Dollar
im nächsten Jahr. Aber es ist sehr viel mehr Geld
erforderlich. Ich habe einen Plan - einen Aktionsplan
für die amerikanische Bildung - auf der Grundlage der
folgenden 10 Prinzipien.
Erstens einen nationalen Kreuzzug für Bildungsstandards - nicht Standards der Bundesregierung, sondern
nationale Standards, die für das stehen, was alle
unsere Studenten wissen müssen, um in der Wirtschaft des Wissens des 21. Jahrhunderts Erfolg zu
haben. Jeder Bundestaat und jede Schule muß den

AMERIKA DIENST 03

Die Anhebung der Standards wird nicht leicht sein, und
einige unserer Kinder werden sie zunächst nicht
erfüllen können. Es geht nicht darum, daß unsere
Kinder schlechter werden, sondern besser. Gute
Prüfungen werden uns zeigen, wer Hilfe benötigt,
welche Veränderungen beim Unterricht vorgenommen
und welche Schulen verbessert werden müssen. Sie
können uns helfen, die "soziale" Versetzung zu
beenden. Denn kein Kind sollte von der Grundschule
zur Junior High School, oder von der Junior High
School zur High School gehen, wenn es nicht dazu
bereit ist.
Letzten Monat haben unser Bildungsminister Dick
Riley und ich Northern Illinois besucht, wo Achtklässler
aus 20 Schulbezirken in einem treffenderweise "Die
Ersten der Welt" genannten Projekt den dritten internationalen Mathematik- und Wissenschaftstest ablegten.
Diese Prüfung hat die Weltklassestandards, die unsere
Kinder für das neue Zeitalter einhalten müssen. Und
diese Schüler in Illinois belegten den ersten Platz
weltweit in Wissenschaft und den zweiten in Mathematik. Zwei von ihnen, Kristin Tanner und Chris
Getsla, sind heute Abend hier zusammen mit ihrer
Lehrerin, Sue Winski. Sie sind dort oben bei der First
Lady. Und sie beweisen, daß sie die Besten der Welt
sein werden, wenn wir uns hohe Ziele stecken und
unsere Schüler vor eine Herausforderung stellen. Ich
bitte um etwas Applaus. Stehen Sie bitte auf.
Zweitens müssen wir die besten Lehrer haben, wenn
wir die besten Schulen haben wollen. Die meisten von
uns in dieser Kammer wären ohne die Hilfe dieser
Lehrer heute Abend nicht hier. Ich weiß, daß ich nicht
hier wäre. Jahrelang haben viele unserer Pädagogen
unter der Führung des Gouverneurs von North Carolina, Jim Hunt, und dem nationalen Gremium für
professionelle Unterrichtsstandards sehr hart an der
Einführung national anerkannter Zeugnisse für herausragenden Unterricht gearbeitet.
Nur 500 Lehrer
erhielten seit 1995 diese Bescheinigung.
Mein
Haushalt wird weiteren 100.000 eine nationale Bescheinigung mit dieser besonderen Auszeichnung
ermöglichen.
Wir sollten unsere besten Lehrer

Seite 3

�auszeichnen und anerkennen. Und während wir sie
anerkennen, sollten wir rasch und in fairer Weise die
wenigen ausscheiden lassen, die nicht den Ansprüchen genügen, und wir sollten mehr von unseren
besten jungen Leuten auffordern, Lehren als Beruf in
Betracht zu ziehen.
Drittens müssen wir mehr tun, um allen unseren
Kindern beim Lesen zu helfen. 40 Prozent unserer 8jährigen können nicht alleine lesen. Aus diesem
Grund haben wir gerade die Initiative "Amerika liest"
ins Leben gerufen - um eine Bürgerwehr von einer
Million freiwilligen Tutoren aufzubauen und sicherzustellen, daß jedes Kind bis zum Ende der 3. Klasse
alleine lesen kann. Wir werden Tausende von
AmeriCorps-Freiwilligen zur Mobilisierung dieser
Bürgerwehr einsetzen. Wir möchten die Hilfe von
mindestens 100.000 Collegestudenten. Und heute
Abend freue ich mich, daß 60 Collegedirektoren
meinem Ruf gefolgt sind und zugesagt haben, daß
Tausende ihrer Studenten ein Jahr lang als Lesetutoren arbeiten werden.
Das ist auch eine Herausforderung für jeden Lehrer
und jeden Schuldirektor. Sie müssen diese Tutoren
einsetzen, um den Schülern beim Lesen behilflich zu
sein. Und es ist insbesondere eine Herausforderung
für unsere Eltern. Sie müssen jeden Abend mit Ihren
Kindern lesen.
Das führt zum vierten Prinzip: Das Lernen beginnt in
den ersten Tagen des Lebens. Wissenschaftler
entdecken jetzt, wie Kinder sich von ihren ersten
Tagen an emotional und intellektuell entwickeln und
wie wichtig es für die Eltern ist, sofort mit ihren Kinder
zu sprechen, zu singen und sogar zu lesen. Die First
Lady hat jahrelang über dieses Thema geschrieben
und es studiert. Sie und ich werden im Frühjahr im
Weißen Haus eine Konferenz über frühes Lernen und
das Gehirn einberufen um herauszufinden, wie Eltern
und Pädagogen diese verblüffenden neuen Erkenntnisse am besten nutzen können.
Wir wissen bereits, daß wir Kinder unterrichten sollten,
bevor sie in die Schule kommen. Aus diesem Grund
erweitert dieser ausgeglichene Haushalt Head Start
bis zum Jahr 2002 auf eine Million Kinder. Und aus
diesem Grund wird die jährliche Familienkonferenz von
Vizepräsident und Mrs. Gore im Juni sich damit
befassen, was wir tun können um zu gewährleisten,
daß die Eltern ein aktiver Teil des Lernens ihrer Kinder
während ihrer gesamten Schulzeit sind.
Sie haben sehr viel getan, um die Bedeutung der
Familie in unserem Leben zu unterstreichen und
wenden jetzt ihre Aufmerksamkeit den Eltern zu, damit
sie sich mehr für das Lernen ihrer Kinder während
ihrer Schulzeit engagieren. Ich danke Ihnen, Herr
Vizepräsident, und besonders Tipper für Ihre Arbeit.

Seite 4

Fünftens sollte jeder Bundesstaat den Eltern die
Entscheidung freistellen, die richtige öffentliche Schule
für ihre Kinder auszusuchen. Ihr Recht auf freie
Entscheidung wird Wettbewerb und Innovationen
fördern, die öffentliche Schulen besser machen
können. Wir sollten auch mehr Eltern und Lehrern die
Gründung von Schulen ermöglichen, die die höchsten
Standards setzen und erfüllen und nur solange
bestehen, wie sie dies tun. Unser Plan wird Amerika
helfen, bis zum nächsten Jahrhundert 3.000 dieser
Schulen zu gründen - nahezu siebenmal so viele wie
es heute im Land gibt - so daß die Eltern noch mehr
Wahlmöglichkeiten haben, ihre Kinder in die besten
Schulen zu schicken.
Sechstens muß in unseren Schulen Charakterbildung
gelehrt werden. Wir müssen unseren Kindern beibringen, gute Bürger zu sein. Und wir müssen weiterhin
Ordnung und Disziplin fördern, Gemeinden unterstützen, die Schuluniformen einführen, Ausgangssperren verhängen, Gesetze gegen Schulschwänzerei
durchsetzen, Störenfriede aus den Klassenzimmern
entfernen und Pistolen und Drogen in Schulen null
Toleranz entgegenbringen.
Siebtens können wir nicht erwarten, daß unsere Kinder
sich zu Höchstleistungen in Schulen antreiben, die
buchstäblich zusammenfallen. Mit Rekordschülerzahlen und Rekordzahlen von Schulen, die baufällig
werden, ist dies zu einem ernsthaften nationalen
Problem geworden. Aus diesem Grund enthält mein
Haushalt eine neue Initiative - 5 Milliarden Dollar für
die Gemeinden, um ihnen bei der Finanzierung von
Schulbauten in Höhe von 20 Milliarden Dollar in den
nächsten vier Jahren behilflich zu sein.
Achtens müssen wir das 13. und 14. Schuljahr mindestens zwei Jahre College - bis zum 21. Jahrhundert ebenso universell in Amerika einführen wie die
High School-Ausbildung heute, und wir müssen den
Amerikanern die Türen zum College öffnen.
Um das zu tun, schlage ich Amerikas HOPE-Stipendium auf der Grundlage des Pionierprogramms von
Georgia vor: Einen zweijährigen Steuerfreibetrag in
Höhe von 1.500 Dollar für die Collegegebühren genug, um für das typische Gemeindecollege zu
bezahlen. Ich schlage auch einen steuerlich absetzbaren Betrag von bis zu 10.000 Dollar pro Jahr für alle
Ausbildungsgebühren nach der High School vor, ein
erweitertes privates Rentenkonto, von dem man
steuerfrei Beträge für die Ausbildung abheben kann,
und die größte Erweiterung der Pell Grant-Stipendien
seit 20 Jahren. Dank dieses Plans müssen die
meisten Familien keine Steuern auf Gelder zahlen, die
sie für die Collegegebühren sparen. Ich bitte Sie, ihn
zu verabschieden - und jedem hart arbeitenden
Amerikaner die Chance eines Collegebesuchs zu
geben.

AMERIKA DIENST 03

�Neuntens müssen wir im 21. Jahrhundert die Grenzen
für lebenslangen Lernens erweitern. Alle unsere
Bürger, gleich welchen Alters, müssen eine Chance
haben, neue Fähigkeiten zu erwerben. Die meisten
Amerikaner leben in der Nähe eines Gemeindecollege.
Der Weg dorthin kann der Weg zu einer besseren
Zukunft sein. Mein Gl-Gesetz für die amerikanischen
Arbeitnehmer wird das Gewirr von Bundesausbildungsprogrammen zu einem einfachem Stipendium für
besondere Fähigkeiten machen, das der in Frage
kommende Arbeitnehmer direkt erhält. Dieses Gesetz
lag viel zu lange auf dem Schreibtisch, ohne daß etwas
geschah - ich bitte Sie, es jetzt zu verabschieden. Wir
wollen mehr Arbeitnehmern die Möglichkeit zu lernen
und für lebenslanges Lernen bieten.
Zehntens müssen wir die Macht des Informationszeitalters in alle unsere Schulen bringen. Im vergangenen
Jahr habe ich Amerika aufgefordert, jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek bis zum Jahr 2000 ans
Internet anzuschließen, damit die Kinder in den
isoliertesten Dörfern, den komfortabelsten Vororten
und den Schulen in den ärmsten Innenstädten zum
ersten Mal in unserer Geschichte denselben Zugang
zu demselben Universum des Wissens erhalten. Das
ist mein Plan - ein Aktionsplan für die amerikanische
Bildung. Einige mögen sagen, es sei ungewöhnlich für
einen Präsidenten, der Bildung soviel Aufmerksamkeit
zu widmen. Einige mögen sagen, es sei nur, weil der
Präsident und seine wunderbare Frau seit mehr
Jahren von diesem Thema besessen sind, als sie
erinnern können. Das steht nicht hinter diesen
Vorschlägen.
Wir müssen die Bedeutung dieses Unternehmens
verstehen: Eine der größten Quellen unserer Stärke
während des Kalten Krieges war eine überparteiliche
Außenpolitik. Weil unsere Zukunft auf dem Spiel
stand, machte die Parteipolitik an unseren Grenzen
halt. Nun bitte ich Sie - alle Gouverneure unserer
Nation, die Eltern, Lehrer und Bürger in ganz Amerika um eine neue überparteiliche Verpflichtung zur
Bildung, weil Bildung eine entscheidende nationale
Sicherheitsfrage für unsere Zukunft ist, und Parteipolitik an der Schultür haltmachen muß.
Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir die mächtigen Kräfte der Wissenschaft und
Technologie für alle Amerikaner nutzen. Das ist der
erste Bericht zur Lage der Nation, der auf Video im
Internet übertragen wird. Aber wir haben erst begonnen, die Vorteile einer technologischen Revolution zu
verbreiten, die das moderne Geburtsrecht jedes
Bürgers werden sollten.
Unsere Bestrebungen, jedes Klassenzimmer ans
Internet anzuschließen, sind nur der Anfang. Jetzt
sollten wir jedes Krankenhaus ans Internet anschließen, damit die Ärzte unverzüglich Daten über ihre
Patienten mit den besten Spezialisten austauschen

AMERIKA DIENST 03

können. Und heute Abend fordere ich den Privatsektor
auf, damit zu beginnen, jede Kinderklinik so bald wie
möglich ans Internet anzuschließen, damit ein Kind in
der Klinik in Verbindung mit der Schule, Familie und
den Freunden bleiben kann. Ein krankes Kind muß
nicht länger ein einsames Kind sein.
Wir müssen die zweite Generation des Internet bauen,
damit unsere führenden Universitäten und nationalen
Labors mit tausendmal schnellerer Geschwindigkeit
als heute kommunizieren, neue medizinische Behandlungsmethoden, neue Energiequellen und neue
Wege der Zusammenarbeit entwickeln können.
Aber wir können hier nicht haltmachen. Es wird nicht
länger ein Traum, sondern eine Notwendigkeit sein,
daß das Internet unser neuer Marktplatz wird - ein
Computer in jedem Heim, ein Lehrer aller Fächer, eine
Verbindung zu allen Kulturen. Und im nächsten
Jahrzehnt muß das unser Ziel sein.
Wir müssen weiterhin die Himmel erforschen - Fortschritte bei den Marssonden und der internationalen
Raumstation erzielen, die beide praktische Auswirkungen auf unser tägliches Leben haben.
Wir müssen die bemerkenswerten Fortschritte in der
medizinischen Wissenschaft beschleunigen. Das
Projekt über das menschliche Genom entschlüsselt
jetzt die genetischen Mysterien des Lebens. Amerikanische Wissenschaftler haben Gene entdeckt, die mit
Brust- und Ovarialkrebs in Verbindung stehen sowie
ein Medikament, das einen Schlaganfall stoppt und
seine Auswirkungen umkehrt, und Medikamente, die
das Leben von HIV- und AIDS-Infizierten dramatisch
verlängern.
Seit meinem Amtsantritt sind die Mittel für die AIDSForschung an den nationalen Gesundheitsämtern
drastisch auf 1,5 Milliarden Dollar gestiegen. Mit
neuen Ressourcen werden die nationalen Gesundheitsämter jetzt zum mächtigsten Motor für die Entdekkung eines AIDS-Impfstoffs und arbeiten mit anderen
Wissenschaftlern zusammen, um endlich die Bedrohung durch AIDS zu beseitigen. Führen Sie sich
vor Augen, daß jedes Jahr, in dem wir die Erforschung
eines AIDS-Impfstoffs voranbringen, Millionen von
Leben auf der ganzenWelt gerettet werden. Wir
müssen unser Engagement für die medizinische
Wissenschaft verstärken.
Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir stärkere Familien schaffen.
In den
vergangenen vier Jahren hat der Krankenurlaub aus
familiären Gründen Millionen Amerikanern geholfen
freizunehmen, um bei ihren Familien zu sein. Angesichts des neuen Drucks auf die Menschen in ihrem
Arbeits- und Privatleben müssen wir meines Erachtens
den Krankenurlaub aus familiären Gründen erweitern,
damit die Arbeitnehmer für Lehrerkonferenzen und die

Seite 5

�Vorsorgeuntersuchung eines Kindes freinehmen
können. Wir sollten Gleitzeit einführen, damit die
Arbeitnehmer entscheiden können, ob sie Überstunden mit Geld oder lieber mit Freizeit vergütet
haben wollen, damit sie bei ihrer Familie sein können.
Wir müssen weiterhin Schritt für Schritt mehr Familien
eine finanzierbare, qualitativ hochwertige Gesundheitsfürsorge ermöglichen. 40 Millionen Amerikaner haben
noch immer keine Krankenversicherung. 10 Millionen
Kindern haben noch keine Krankenversicherung - 80
Prozent von ihnen haben arbeitende Eltern, die
Steuern zahlen. Das ist falsch.
Mein ausgeglichener Haushalt wird die Krankenversicherung auf bis zu 5 Millionen dieser Kinder
ausdehnen. Da nahezu die Hälfte aller Kinder ihre
Versicherung verliert, weil ihre Eltern ihren Arbeitsplatz
verlieren oder verändern, wird mein Haushalt auch
sicherstellen, daß sich Menschen, die ihren Arbeitsplatz vorübergehend verlieren, ihre Krankenversicherung immer noch leisten können. Kein Kind sollte nicht
zum Arzt gehen können, weil ein Elternteil keine Arbeit
hat.
Mein Medicare-Plan modernisiert Medicare, verlängert
die Lebensdauer des Trustfonds auf 10 Jahre und
bietet Unterstützung für eine Atempause für die vielen
Familien, deren Angehörige unter Alzheimer leiden.
Und zum ersten Mal würde jährlich eine Mammographie bezahlt.
Ebenso wie wir im vergangenen Jahr den nur 24stündigen Klinikaufenthalt bei einer Entbindung
abgeschafft haben, müssen wir jetzt die gefährliche
und erniedrigende Praxis beenden, Frauen nur
Stunden nach einer Brustamputation aus der Klinik
nach Hause zu schicken. Ich bitte um Ihre Unterstützung für ein überparteiliches Gesetz mit der Garantie,
daß eine Frau nach einer Brustamputation 48 Stunden
in der Klinik bleiben kann. Heute Abend ist Dr. Kristen
Zarfos anwesend, eine Chirurgin aus Connecticut,
deren Empörung über diese Praxis eine nationale
Bewegung auslöste und zu diesem Gesetz führte. Ich
möchte sie bitten aufzustehen, damit wir ihr für ihre
Bemühungen danken können. Vielen Dank, Frau Dr.
Zarfos.
In den vergangenen vier Jahren haben wir den Erhalt
von Unterhaltszahlungen für Kinder um 50 Prozent
erhöht. Jetzt sollten wir einen Schritt weitergehen und
es noch besser machen, indem wir es zum Verbrechen erklären, wenn ein Elternteil die Grenzen
eines Bundesstaates in dem Versuch überquert, sich
seiner heiligsten Pflicht zu entziehen.
Schließlich müssen wir unsere Kinder auch schützen,
indem wir fest zu unserem Entschluß stehen, die
Werbung und Vermarktung von Zigaretten zu verbieten, die ihr Leben gefährden.

Seite 6

Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir stärkere Gemeinden schaffen. Wir sollten
mit sicheren Straßen anfangen. Schwerverbrechen
haben fünf aufeinander folgende Jahre abgenommen.
Der Schlüssel dazu war die bürgernahe Polizei. Wir
müssen die Arbeit beenden, indem wir 100.000
bürgernahe Polizisten auf die Straßen der Vereinigten
Staaten entsenden. Wir sollten einen Verfassungszusatz über die Rechte von Opfern verabschieden.
Und ich bitte Sie, die Verbrechen Jugendlicher umfassend mit einem Gesetz in Angriff zu nehmen, das den
Gangs den Krieg erklärt, mehr Staatsanwälte und
härtere Strafen vorsieht, das Brady-Gesetz erweitert,
damit gewalttätige kriminelle Teenager keine Handfeuerwaffen mehr kaufen können; Kindersicherungen an
Handfeuerwaffen vorschreibt, um die unbefugte
Benutzung zu verhindern, und so dazu beiträgt, daß
unsere Schulen nach Schulschluß, an Wochenenden
und im Sommer offen bleiben können, damit unsere
jungen Leute einen Ort haben, an den sie gehen und
etwas haben, zu dem sie Ja sagen können.
Dieser ausgeglichene Haushalt enthält die umfassendsten Drogenbekämpfungsmaßnahmen der Geschichte:
Um den Drogenhandel bereits im Herkunftsland zu
stoppen, die Händler zu bestrafen und unsere jungen
Menschen zu lehren, daß Drogen falsch und illegal
sind und sie töten werden. Ich hoffe auf Ihre Unterstützung dieser Bestrebungen.
Unsere wachsende Wirtschaft hat dazu beigetragen,
arme städtische und ländliche Gemeinden wiederzubeleben. Wir müssen ihnen jedoch noch mehr
Befugnisse zur Schaffung von Bedingungen verleihen,
unter denen alle Familien prosperieren und Arbeitsplätze durch Investitionen von Unternehmen und
Bankkredite geschaffen werden können.
Wir sollten die Zahl der Wirtschaftsförderungszonen
verdoppeln. Sie haben Gemeinden wie Detroit bereits
soviel Hoffnung gegeben, wo die Arbeitslosenquote in
vier Jahren um die Hälfte abgenommen hat. Wir
sollten kontaminierte städtische Grundstücke und
Gebäude wieder einer produktiven Nutzung zuführen.
Wir sollten das Netz von Gemeindeentwicklungbanken
erweitern. Und gemeinsam müssen wir uns heute
Abend verpflichten, daß wir diesen Wirtschaftsförderungsansatz - einschließlich Steueranreizen für den
Privatsektor - nutzen werden, um unsere Bundeshauptstadt zu erneuern, damit Washington ein hervorragender Ort zum arbeiten und leben und erneut
das stolze Gesicht ist, das Amerika der Welt zeigt.
Wir müssen unsere Umwelt in jeder Gemeinde
schützen. In den vergangenen vier Jahren haben wir
250 Giftmülldeponien gesäubert - das sind so viele wie
in den letzten 12 Jahren zusammengenommen. Jetzt
sollten wir 500 weitere säubern, damit unsere Kinder in
der Nähe von Parks, nicht Gift aufwachsen können.

AMERIKA DIENST 03

�Ich fordere Sie auf, meinem Vorschlag zuzustimmen,
daß die größten Verursacher nach einer einfachen
Regel leben müssen: Wenn Ihr unsere Umwelt
verschmutzt, dann solltet Ihr für ihre Säuberung
bezahlen.
In den letzten vier Jahren haben wir die Gesetze
unserer Nation für sichere Nahrungsmittel und sauberes Trinkwasser verbessert. Wir haben einige der
seltensten, schönsten Landstriche Amerikas in der
Region Red Rocks in Utah unter Naturschutz gestellt,
in der kalifornischen Wüste drei neue Nationalparks
geschaffen und begonnen, die Everglades in Florida
wiederherzustellen. Jetzt müssen wir mit unseren
Flüssen so wachsam sein wie mit unserem Land.
Heute Abend gebe ich bekannt, daß ich in diesem Jahr
10 Flüsse zum amerikanischen Erbe erklären werde,
um den Gemeinden bei der Sanierung ihrer an den
Ufern gelegenen Stadtbezirke und der Säuberung der
Flüsse behilflich zu sein und damit erneut unter Beweis
zu stellen, daß wir unserer Volkswirtschaft zu Wachstum verhelfen und gleichzeitig die Umwelt schützen
können.
Wir müssen auch die globale Umwelt schützen und auf
ein Verbot der schlimmsten toxischen Chemikalien und
die Verringerung der Treibhausgase hinarbeiten, die
unsere Gesundheit bedrohen und unser Klima verändern.
Wir alle wissen, daß es in allen unseren Gemeinden
Kinder gibt, die nicht das Erforderliche zur Verfügung
haben, um aufzuwachsen und bei sich zu Hause, in
der Schule oder der Nachbarschaft zu lernen. Und
das bedeutet, daß wir mehr tun müssen, denn sie sind
auch unsere Kinder. Aus diesem Grund werden
Präsident Bush, General Colin Powell und der ehemalige Wohnungsbauminister Henry Cisneros gemeinsam
mit dem Vizepräsidenten und mir im April das Gipfeltreffen des Präsidenten für Dienste zum Wohle der
Allgemeinheit in Philadelphia veranstalten.
Unser Programm eines nationalen Sozialdienstes,
AmeriCorps, hat bereits 70.000 jungen Menschen
geholfen, sich das Geld für den Collegebesuch durch
einen Dienst an der Gemeinde zu verdienen. Jetzt
beabsichtigen wir, Millionen von Amerikanern zu
mobilisieren, damit sie in tausenderlei Arten ihren
Dienst leisten können. Der karitative Dienst ist eine
amerikanische Verantwortung, die alle Amerikaner
übernehmen sollten, und ich bitte um Ihre Unterstützung für dieses Unternehmen.
Ich möchte noch einen letzten Punkt zu unserer
nationalen Gemeinschaft anführen. Unsere Volkwirtschaft wird in Zahlen und Statistiken gemessen, und
das ist sehr wichtig. Aber der dauerhafte Wert unserer
Nation liegt in unseren gemeinsamen Werten und
unserem hochfliegenden Geist. Statt unsere bescheidenen Bestrebungen zur Unterstützung der Künste

AMERIKA DIENST 03

und Geisteswissenschaften
zurückzuschrauben,
sollten wir sie meiner Ansicht nach fördern und unsere
Künstler, Musiker und Schriftsteller, unsere Museen,
Bibliotheken und Theater und alle in der Kunst oder
den Geisteswissenschaften tätigen Amerikaner
auffordern, gemeinsam mit unseren Mitbürgern das
Jahr 2000 zu einer nationalen Feier des amerikanischen Geistes in jeder Gemeinde zu machen - eine
Feier unserer gemeinsamen Kultur in dem zu Ende
gehenden Jahrhundert sowie in dem neuen Jahrhundert und dem neuen Jahrtausend, damit wir
weiterhin nicht nur das Symbol der Freiheit in der Welt
bleiben, sondern auch der Kreativität, lange nachdem
das Feuerwerk verloschen ist.
Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir die Kräfte des Wandels in der Welt
meistern und eine starke und sichere amerikanische
Führungsrolle für eine unerforschte Zeit bewahren.
Vor fünfzig Jahren übernahm ein weitblickender
Amerikaner die Führungsrolle bei der Gründung der
Institutionen, die zum Sieg im Kalten Krieg führten und
baute eine wachsende Weltwirtschaft auf. Infolgedessen haben sich heute mehr Menschen als je zuvor
unseren Idealen und Interessen verschrieben. Wir
haben bereits viele der Blöcke und Schranken niedergerissen, die die Welt unserer Eltern teilten. Zum
ersten Mal leben mehr Menschen in einer Demokratie
als einer Diktatur, darunter alle Nationen in unserer
Hemisphäre mit Ausnahme einer - und auch deren Tag
wird kommen.
Jetzt stehen wir erneut vor einer Zeit des Wandels und
der Entscheidungen - und wiederum einer Zeit des
Weitblicks, um Amerika weitere 50 Jahre der Sicherheit und des Wohlstands zu bescheren. Bei
diesem Unternehmen besteht unsere wichtigste
Aufgabe im Aufbau eines zum ersten Mal ungeteilten
und demokratischen Europas. Wenn Europa stabil,
wohlhabend und im Frieden ist, ist Amerika sicherer.
Zu diesem Zweck müssen wir die NATO bis 1999
erweitern, damit die Länder, die einst unsere Gegner
waren, unsere Verbündeten werden können. Bei dem
NATO-Gipfeltreffen im Sommer werden wir damit
beginnen. Wir müssen die Partnerschaft für den
Frieden der NATO mit Verbündeten der Nichtmitgliedstaaten stärken. Und wir müssen eine stabile Partnerschaft zwischen der NATO und einem demokratischen
Rußland aufbauen. Eine erweiterte NATO ist gut für
Amerika. Und ein Europa, in dem alle Demokratien
ihre Zukunft nicht im Hinblick darauf definieren, was sie
einander antun können, sondern in Bezug auf das,
was sie gemeinsam zum Wohle aller tun können - ein
solches Europa ist gut für Amerika.
Zweitens muß Amerika ebenso nach Osten blicken,
wie es nach Westen blickt. Unsere Sicherheit erfordert
es. Amerika hat in diesem Jahrhundert drei Kriege in

Seite 7

�Asien geführt. Unser Wohlstand erfordert es. Über
zwei Millionen amerikanischer Arbeitsplätze hängen
vom Handel mit Asien ab.
Auch hier tragen wir dazu bei, eine asiatisch-pazifische
Gemeinschaft der Kooperation, nicht des Konflikts zu
schaffen. Unsere Fortschritte dort dürfen nicht die
verbleibenden Gefahren verschleiern. Gemeinsam mit
Südkorea müssen wir die Friedensgespräche mit
Nordkorea voranbringen und die letzte Trennlinie des
Kalten Krieges überbrücken. Ich fordere den Kongreß
auf, die Mittel für unseren Teil des Abkommens
bereitzustellen, gemäß dem Nordkorea sein Nuklearwaffenprogramm weiterhin einfrieren und dann
beseitigen muß.
Wir müssen einen intensiveren Dialog mit China
verfolgen - um unserer Interessen und Ideale willen.
Ein isoliertes China ist nicht gut für Amerika. Ein
China, das die ihm angemessene Rolle in der Welt
spielt, ist gut für Amerika. Ich werde nach China
reisen, und ich habe den chinesischen Präsidenten zu
einem Besuch hier eingeladen, nicht weil wir in allem
einer Meinung sind, sondern weil die Einbeziehung
Chinas der beste Weg zur Bewältigung unserer
gemeinsamen Herausforderungen wie der Beendigung
der Atomtests und zum offenen Umgang mit unseren
grundlegenden Differenzen bei Menschenrechten ist.
Das amerikanische Volk muß in der Weltwirtschaft
prosperieren. Wir haben hart gearbeitet, um Handelshemmnisse im Ausland abzubauen, damit wir im Inland
gute Arbeitsplätze schaffen können. Ich bin stolz,
sagen zu können, daß Amerika heute erneut die
konkurrenzfähigste Nation und die Nummer eins der
Welt bei Exporten ist.
Wir müssen jetzt handeln, um unsere Exporte zu
erweitern, insbesondere nach Asien und Lateinamerika - den zwei am schnellsten wachsenden
Regionen auf der Welt - oder wir werden hinterherhinken, wenn diese aufstrebenden Volkswirtschaften
neue Bande mit anderen Nationen knüpfen. Aus
diesem Grund benötigen wir jetzt die Befugnis zum
Abschluß neuer Handelsabkommen, die Märkte für
unsere Waren und Dienstleistungen öffnen, während
wir unsere Werte bewahren.
Wir dürfen nicht vor den Herausforderungen der
Weltwirtschaft zurückschrecken. Schließlich haben wir
die besten Arbeitnehmer und die besten Produkte. Auf
einem wirklich offenen Markt können wir jeden überall
auf der Welt ausstechen.
Aber es geht um mehr als um die Wirtschaft. Indem
wir den Handel erweitern, können wir die Sache der
Freiheit und Demokratie auf der ganzen Welt verbreiten. Es gibt kein besseres Beispiel dieser Wahrheit als Lateinamerika, wo Demokratie und offene
Märkte gemeinsam auf dem Vormarsch sind. Aus

Seite 8

diesem Grund werde ich Lateinamerika im Frühjahr
besuchen, um unsere wichtigen Bande zu stärken.
Wir sollten stolz sein, daß Amerika die Bestrebungen
zur Rettung unseres Nachbarn Mexiko aus der
Wirtschaftskrise des Landes angeführt hat. Und wir
sollten alle stolz sein, daß Mexiko im vergangenen
Monat - drei Jahre vor Ablauf der Frist - den Vereinigten Staaten seine Schulden mit einem Gewinn
von einer halben Milliarde Dollar für uns zurückgezahlt
hat.
Amerika muß weiterhin die unerschütterliche Kraft für
Frieden sein - vom Nahen Osten bis nach Haiti, von
Nordirland bis nach Afrika. Weil wir vernünftige
Risiken für Frieden auf uns nehmen, werden wir später
nicht in sehr viel kostspieligere Konflikte hineingezogen. Dank der amerikanischen Führungsrolle wurde
das Töten in Bosnien beendet. Jetzt müssen die
Gewohnheiten des Friedens Fuß fassen. Die neue
NATO-Streitmacht wird den Wiederaufbau und die
Aussöhnung beschleunigen. Heute Abend bitte ich
den Kongreß um die weitere starke Unterstützung
unserer Truppen. Sie leisten dort beachtliche Arbeit
für Amerika, und Amerika muß ihnen fest zur Seite
stehen.
Fünftens müssen wir vehement gegen neue Bedrohungen unserer Sicherheit vorgehen. In den
vergangenen vier Jahren haben wir die Führungsrolle
bei einem weltweiten Abkommen über das Verbot von
Atomtests übernommen. Rußland und Amerika haben
ihre Nukleararsenale drastisch reduziert, und wir
haben aufgehört, unsere Waffen auf die Bürger des
jeweils anderen Landes zu richten. Wir unternehmen
Schritte, damit Nuklearmaterial nicht in die falschen
Hände gelangt und die Welt von Landminen befreit
wird. Wir arbeiten mit neuer Intensität mit anderen
Nationen zusammen, um die Drogenhändler zu
bekämpfen, Anschläge von Terroristen zu vereiteln
und sie zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie einen
Anschlag verüben.
Jetzt müssen wir uns einer neuen Probe unserer
Führungsrolle stellen: Der Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention. Ich möchte eindeutig klarstellen:
Sie wird unsere Truppen sicherer vor einem Angriff mit
Chemiewaffen machen, und sie wird uns bei der
Bekämpfung des Terrorismus helfen. Wir haben keine
wichtigere Pflicht - insbesondere nach dem, was wir
jetzt über den Golfkrieg wissen. Dieser Vertrag war
von Anfang an überparteilich, wurde von republikanischen und demokratischen Administrationen sowie
republikanischen und demokratischen Kongreßabgeordneten unterstützt und bereits von 68 Nationen
verabschiedet.
Aber wenn wir nicht bis zum 29. April handeln - dem
Tag, an dem diese Konvention mit oder ohne uns in
Kraft tritt - werden wir die Chance verpassen, daß

AMERIKA DIENST 03

�Amerikaner eine Führungsrolle dabei übernehmen und
diese Bestrebungen umsetzen. Gemeinsam müssen
wir der Chemiewaffenkonvention Gesetzeskraft verleihen, damit wir endlich damit beginnen können,
Giftgas von der Erde zu verbannen.
Schließlich müssen wir die Instrumente zur Bewältigung all dieser Herausforderungen haben. Wir
müssen ein starkes und einsatzbereites Militär beibehalten. Wir müssen die Finanzierung für die Modernisierung der Waffen bis zum Jahr 2000 aufstocken und
uns gut um unsere Männer und Frauen in Uniform
kümmern. Sie sind die Besten der Welt.
Wir müssen auch unsere Verpflichtung zur Diplomatie
der Vereinigten Staaten erneuern und unsere Schulden und Beiträge zu internationalen Finanzinstitutionen
wie der Weltbank und den sich reformierenden
Vereinten Nationen bezahlen. Jeder Dollar, den wir für
die Verhinderung von Konflikten, Förderung der
Demokratie und zur Bekämpfung von Krankheiten und
Hunger aufwenden, bringt eine sichere Dividende an
Sicherheit und Einsparungen. Dennoch machen die
Ausgaben für internationale Angelegenheiten heute
nur ein Prozent des Bundeshaushalts aus - einen
Bruchteil dessen, was Amerika in die Diplomatie
investiert hat, um sich zu Beginn des Kalten Krieges
für die Führungsrolle statt Eskapismus zu entscheiden.
Wenn Amerika weiterhin die Welt anführen soll,
müssen wir hier, die Amerika anführen, einfach den
Weg finden, die Kosten dafür aufzubringen.
Ein weitblickendes Amerika hat die Welt in diesen
vergangenen 50 Jahren zu einem besseren Ort
gemacht. Und so kann es für weiter 50 Jahre sein.
Aber ein kurzsichtiges Amerika wird schnell feststellen,
daß es überall auf der Welt auf taube Ohren stößt.
Vor fast genau 50 Jahren, im ersten Winter des Kalten
Krieges, stand Präsident Truman vor einem republikanischen Kongreß und forderte unser Land auf, seiner
Verantwortung zu einer Führungsrolle gerecht zu
werden. Seine Warnung lautete: "Wenn wir scheitern,
könnten wir den Weltfrieden gefährden, und wir
werden zweifelsohne den Wohlstand dieser Nation
gefährden." Dieser von Republikanern wie Senator
Arthur Vandenberg angeführte Kongreß antwortete
Präsident Trumans Appell. Gemeinsam gingen sie
Verpflichtungen ein, die unser Land seit 50 Jahren
stärken.
Lassen Sie uns jetzt das Gleiche tun. Lassen Sie uns
das Erforderliche tun, damit wir eine unerläßliche
Nation bleiben - damit Amerika für weitere 50 Jahre
stark, sicher und wohlhabend bleibt.
Schließlich erwächst unsere weltweite Führungsrolle
vor allem aus der Macht unseres Beispiels hier im
Inland und aus unserer Fähigkeit, als ein Amerika
stark zu bleiben.

AMERIKA DIENST 03

Auf der ganzen Welt werden die Menschen durch
rassische, ethnische und religiöse Konflikte auseinandergerissen, die Fanatismus und Terror schüren.
Wir sind die vielfältigste Demokratie der Welt, und die
Welt blickt auf uns für den Beweis, daß es möglich ist,
über diese Differenzen hinweg gemeinsam zu leben
und voranzukommen.
Die Vereinigten Staaten waren immer eine Nation von
Einwanderern. Von Anfang an hat ein stetiger Strom
von Menschen auf der Suche nach Freiheit und
Chancen sein Land verlassen, um dieses Land zu
seiner Heimat zu machen. Wir begannen als ein von
den Europäern inspiriertes Experiment in Demokratie.
Wir sind zu einem durch Offenheit und Versprechen
inspirierten Experiment in demokratischer Vielfalt
geworden.
Meine amerikanischen Mitbürger, wir dürfen niemals
glauben, daß unsere Vielfalt eine Schwäche ist - sie ist
unsere größte Stärke. Die Amerikaner sprechen jede
Sprache, kennen jedes Land. Menschen auf jedem
Kontinent können auf uns blicken und die Widerspiegelung ihres eigenen großen Potentials sehen und sie werden es immer tun, solange wir danach
streben, allen unseren Bürgern, unabhängig von ihrem
Hintergrund, eine Chance zu geben, ihre eigene Größe
zu erlangen.
Wir sind noch nicht da. Wir sehen immer noch
Beispiele von Bigotterie und Intoleranz, in häßlichen
Worten und schrecklicher Gewalt, in niedergebrannten
Kirchen und zerbombten Gebäuden. Wir müssen in
unserem Land und in unseren Herzen dagegen
ankämpfen.
Nur wenige Tage vor meiner zweiten Amtseinführung
schlug einer der bekanntesten Pastoren des Landes,
Reverend Robert Schuller, vor, ich solle Jesaja 58:12
lesen. Der Vers lautet folgendermaßen: "Du wirst die
Fundamente fortdauernder Generationen aufrichten.
Und du wirst tatsächlich der Ausbesserer der Bresche,
der Wiederhersteller von Wegen, an denen man
wohnt, genannt werden." Ich legte meine Hand auf
diesen Vers, als ich im Namen aller Amerikaner den
Amtseid ablegte. Denn unabhängig von unseren
Unterschieden - in unserem Glauben, unserem
Hintergrund, unserer Politik - müssen wir alle Ausbesserer der Bresche sein.
Ich möchte etwas über zwei andere Amerikaner sagen,
die uns zeigen, wie es geht. Der Kongreßabgeordnete
Frank Tejeda wurde gestern beerdigt, ein stolzer
Amerikaner, dessen Familie aus Mexiko kam. Er war
erst 51 Jahre alt. Er wurde mit dem Silver Star, dem
Bronze Star und dem Purple Heart ausgezeichnet, weil
er in Vietnam für sein Land kämpfte. Und er hat weiter
für Texas und Amerika gekämpft - für die Zukunft
dieser Kammer. Wir sind dankbar für seine Dienste
und fühlen uns geehrt, daß seine Mutter, Lillie Tejada,

Seite 9

�und seine Schwester, Mary Alice, von Texas hierhergekommen sind, um heute Abend bei uns zu sein.
Herzlich willkommen!
Gary Locke, der neugewählte Gouverneur des Bundesstaates Washington, ist der erste amerikanische
Gouverneur chinesischer Abstammung in der Geschichte unseres Landes. Er ist der stolze Sohn von
zwei der Millionen Einwanderer asiatischer Herkunft,
die Amerika mit ihrer harten Arbeit, ihren Familienwerten und als gute Staatsbürger gestärkt haben.
Vielen Dank, Herr Gouverneur, daß Sie heute Abend
hier sind.
Reverend Schuller, der Kongreßabgeordnete Tejada
und Gouverneur Locke sind ebenso wie Kristin Tanner
und Chris Getsla, Sue Winski und Dr. Kristen Zarfos
Amerikaner mit unterschiedlichen Wurzeln, deren
Leben das Beste widerspiegelt, was wir werden
können, wenn wir ein Amerika sind. Wir haben
vielleicht keine gemeinsame Vergangenheit, aber wir
haben zweifelsohne eine gemeinsame Zukunft.
Der Aufbau eines Amerika ist unsere wichtigste
Mission - "die Fundamente fortdauernder Generationen" legen, der Stärke, die wir für dieses neue Jahr-

*

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hundert benötigen. Mit Geld kann man sie nicht
kaufen. Mit Macht kann man sie nicht erzwingen. Mit
Technologie kann man sie nicht schaffen. Sie kann
nur aus dem menschlichen Geist erwachsen.
Amerika ist sehr viel mehr als ein Ort. Es ist eine Idee,
die mächtigste Idee in der Geschichte der Nationen.
Und wir alle in dieser Kammer sind jetzt die Träger
dieser Idee, die ein großartiges Volk in eine neue Welt
geleitet. Ein heute Nacht geborenes Kind wird praktisch keine Erinnerung an das 20. Jahrhundert haben.
Alles, was dieses Kind über Amerika weiß, wird es
aufgrund dessen wissen, was wir jetzt für ein neues
Jahrhundert tun.
Wir dürfen keine Minute verschwenden. Morgen sind
es nur noch etwas mehr als 1.000 Tage bis zum Jahr
2000. Tausend Tage, um unser Volk vorzubereiten.
Eintausend Tage, um zusammenzuarbeiten. Eintausend Tage, um eine Brücke zu einem Land neuer
Versprechen zu bauen. Liebe Mitbürger, vor uns liegt
Arbeit. Lassen Sie uns diese Tage und das Jahrhundert nutzen.
Ich danke Ihnen.
Amerika.

* * *

Gott segne Sie, und Gott segne

*

AMERIKA DIENST 03

�WIRTSCHAFT
12. Februar 1997

Vier Jahre Wirtschaftswachstum machen
den Amerikanischen Traum zur Realität
Jahreswirtschaftsbericht des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den am 10. Februar 1997 herausgegebenen Jahreswirtschaftsbericht des Präsidenten für den Kongreß.

Vor vier Jahren traten wir an, den Kurs der amerikanischen Wirtschaft zu ändern. Wir wollten, daß dieses
Land als Nation ins 21. Jahrhundert geht, in der jeder
arbeitswillige Amerikaner eine Chance hat - keine
Garantie, aber eine echte Chance - zur Verwirklichung
des Amerikanischen Traums. Wir haben hart gearbeitet, um dieses Ziel zu erreichen, und heute ist
unsere Wirtschaft stärker als sie es seit Jahrzehnten
war.

größte Senkung innerhalb von zwei Jahren in über 20
Jahren. Die Armutsgrenze unter den Älteren und den
Afroamerikanern ist auf dem niedrigsten Niveau seit
den ersten statistischen Erhebungen im Jahr 1959.
Ein reales mittleres Familieneinkommen ist um 1.600
Dollar gestiegen - das ist die größte Zuwachsrate seit
der Administration von Präsident Johnson.

Die Wirtschaftsbilanz

Unsere umfassende wirtschaftliche Tagesordnung hat
dazu beigetragen, die Wirtschaft der Vereinigten
Staaten wieder auf den richtigen Kurs zu bringen.
Diese Tagesordnung enthält folgende Punkte:

Die Herausforderung des Jahres 1993 bestand darin,
die Wirtschaft auf einen neuen Kurs haushaltspolitischer Verantwortung bei weiteren Investitionen in
unsere Zukunft zu bringen. In den vergangenen vier
Jahren ist die Arbeitslosenquote um nahezu ein Drittel
gesunken: von 7,5 Prozent auf 5,4 Prozent. Die
Volkswirtschaft hat 11,2 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen, und über zwei Drittel des jüngsten Beschäftigungszuwachses entfallen auf die Berufsgruppen in der Industrie mit überdurchschnittlichen
Löhnen und Gehältern. In den letzten vier Jahren
betrug die Inflationsrate im Durchschnitt 2,8 Prozent
und war damit die niedrigste seit der Amtszeit von
Präsident John F. Kennedy. Die Arbeitslosen- und
Inflationsrate zusammengenommen ist die niedrigste
seit drei Jahrzehnten. Und die Unternehmensinvestitionen haben um über 11 Prozent pro Jahr zugenommen - mit dem schnellsten Tempo seit Anfang der
sechziger Jahre.
Mit dem Wirtschaftswachstum werden die Früchte
dieses Wachstums gerechter unter allen Amerikanern
aufgeteilt. Zwischen 1993 und 1995 sank die Armutsgrenze von 15,1 Prozent auf 13,8 Prozent - das ist die

AMERIKA DIENST 03

Die wirtschaftliche Tagesordnung

Historischer Defizitabbau. Seit dem Haushaltsjahr 1992 wurde das Defizit des Bundeshaushalts um 63 Prozent verringert - von
290 Milliarden Dollar auf 107 Milliarden Dollar
im Haushaltsjahr 1996. Als Prozentsatz des
Bruttoinlandsprodukts der Nation ist das
Defizit in demselben Zeitraum von 4,7 Prozent
auf 1,4 Prozent gefallen und jetzt das niedrigste seit über 20 Jahren. 1992 war das Haushaltsdefizit auf allen Ebenen der Regierung
höher im Verhältnis zu unserer Wirtschaft als
das von Japan und Deutschland zu deren
Wirtschaft. Gemessen daran ist dieses Defizit
jetzt geringer als das aller führenden Industrienationen. Und diese Administration hat einen
Plan vorgelegt, der den Haushalt bis zum Jahr
2002 ausgleicht und gleichzeitig entscheidende Investitionen in die Zukunft Amerikas
sichert.

Seite 1

�Investitionen in Bildung und Technologie.
Der Defizitabbau ist weiterhin eine Priorität,
aber kein Selbstzweck. Der Ausgleich des
Haushalts durch die Kürzung von Investitionen
in die Bildung oder mangelnde Unterstützung
für Wissenschaft und Technologie könnten
das Wirtschaftswachstum in der Tat verlangsamen. Um in der neuen Weltwirtschaft Erfolg
zu haben, müssen unsere Kinder eine Bildung
von Weltklasse erhalten. Jedes Kind in
Amerika sollte bis zum Alter von 8 Jahren
lesen, sich bis zum Alter von 12 Jahren ins
Internet einloggen können und mindestens 14
Jahre lang eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten: 2 Jahre College sollten so
universell werden wie es die High School
heute ist. Und wir müssen sicherstellen, daß
jedes Kind, das ein College besuchen möchte,
die erforderlichen Ressourcen dafür hat.
Erweiterung der Märkte. Wir streben aggressiv die Expansion von Exporten und die
Öffnung von Märkten im Ausland an. In den
vergangenen vier Jahren haben wir zwei
wichtige Handelsabkommen abgeschlossen:
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen der Uruguay-Runde, mit dem die
Welthandelsorganisation gegründet wurde.
Die Mitglieder des Forums für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit und die
vorgesehene gesamtamerikanische Freihandelszone haben sich zur Gründung einer
Freihandelszone zwischen ihren Ländern bis
zum Jahr 2020 beziehungsweise 2005 verpflichtet. Und wir haben mit der Unterzeichnung von über 200 weiteren wichtigen Handelsabkommen neue Märkte im Ausland
eröffnet. Infolgedessen konnten die amerikanischen Exporte einen Boom verzeichnen, der
höhere Löhne und Gehälter für amerikanische
Arbeitnehmer in der Exportindustrie bedeutet die häufig 13 bis 16 Prozent höher sind als die
der übrigen Erwerbsbevölkerung.

Umstrukturierung der Regierung.
Die
Stärke der amerikanischen Wirtschaft liegt in
der Energie, Kreativität und Entschlossenheit
unserer Bürger. In den vergangenen vier
Jahren haben wir hart an der Schaffung eines
Umfelds gearbeitet, in dem Unternehmen
prosperieren können. Und während der
Privatsektor expandierte, hat die Bundesregierung ihre Effizienz und Wirtschaftlichkeit
verbessert. Wir haben energisch Bestimmungen in Schlüsselsektoren der Wirtschaft
reformiert, darunter im Telekommunikationsund Elektrizitätssektor, Bankwesen und der
Umwelt. Und wir haben den Umfang der
Bundesregierung als Prozentsatz der Erwerbsbevölkerung reduziert und sie zur
kleinsten seit den dreißiger Jahren gemacht.
Eine Wirtschaft für das 21. Jahrhundert
Die amerikanischen Arbeitnehmer arbeiten wieder und
unsere Fabriken sind in höchstem Maße aktiv. Wieder
einmal führt Amerika die Welt in der Automobilherstellung an. Unsere Hightechindustrien sind die
konkurrenzfähigsten der Welt. Die Armut hat sich
verringert und die Reallöhne beginnen endlich zu
steigen. Und wir haben die Grundlage für künftiges
langfristiges Wirtschaftswachstum durch den Abbau
des Defizits und Investitionen in die Bildung geschaffen.
Während der letzten vier Jahre haben wir darauf
hingearbeitet, alle Amerikaner auf die Herausforderungen und Chancen der neuen Weltwirtschaft des 21.
Jahrhunderts vorzubereiten. Wir streben die Wiederherstellung der haushaltspolitischen Disziplin in
unserer Regierung an, um die Chancen für Bildung
und Ausbildung für unsere Kinder und Arbeitnehmer zu
verbessern, die Sozialhilfe zu reformieren, Arbeit zu
ermutigen und die Grenzen des freien Handels zu
erweitern. Es muß jedoch noch mehr getan werden.
Wir müssen unseren Bürgern weiterhin die Instrumente an die Hand geben, damit sie das Beste aus ihrem
Leben machen können und der Amerikanische Traum
für jeden Amerikaner in greifbare Nähe rückt.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 03

�USA-DEUTSCHLAND
12. Februar 1997

Die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von Abteilungleiter John Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von John Kornblum, dem Abteilungsleiter für europäische
und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, zum 10. Jahrestag der "Initiative Berlin-USA" am 12.
Dezember 1996 im Amerika Haus Berlin gehaltene Rede.

Ich möchte heute Abend über die Zukunft der deutschamerikanischen Beziehungen sprechen.
Unsere
Diskussion sollte mit der Gründung dieser Initiative vor
zehn Jahren beginnen, weil sie uns den Geist vermittelt, der unsere Beziehungen meines Erachtens in
Zukunft leiten sollte. Wir sollten uns jedoch genau an
die Situation erinnern, in der wir zusammenkamen, um
über diese Initiative zu sprechen. Erstens gab es
natürlich eine geteilte Stadt, und es gab die Mauer. Es
waren ungefähr 10.000 britische, französische und
amerikanische alliierte Soldaten in der Stadt - häufig
ziemlich sichtbar. Weniger sichtbar waren die 400.000
sowjetischen Soldaten, die im Umkreis von 100
Kilometern von Berlin stationiert waren.
1986 bestand die Berliner Mauer 25 Jahre, und einige
von Ihnen werden sich daran erinnern, daß es viele
Diskussionsrunden und Fernsehprogramme gab, an
denen ich häufig beteiligt war. Kurze Zeit später
erklärte Erich Honecker, die Mauer würde weitere 100
Jahre oder länger stehen. Wie wir alle wissen, war sie
etwas mehr als drei Jahre später verschwunden. Aber
selbst dann hatten wir hier ein Gefühl der Bedrohung.
In Europa waren massive Armeen stationiert, darunter
200.000 amerikanische Soldaten in Deutschland.
Ich komme gerade aus Brüssel, wo die Außenminister
der NATO mit ihrem russischen Amtskollegen Primakow zusammengekommen sind und die Aufnahme von
Verhandlungen über die besonderen Beziehungen
zwischen Rußland und der NATO vereinbart haben.
Wir einigten uns ferner auf ein NATO-Gipfeltreffen vom
8. bis 9. Juli in Madrid. Zu diesem Zeitpunkt werden
einige ehemalige Mitglieder des Warschauer Pakts
wahrscheinlich zum NATO-Beitritt eingeladen. Und
natürlich wissen wir alle, daß ganz Deutschland und

AMERIKA DIENST 03

Berlin wiedervereinigt sind. Wir stehen jetzt am Beginn
einer Phase, in der wir hoffentlich zum ersten Mal in
der Geschichte eine wirklich demokratische Friedensstruktur in Europa aufbauen können.
Die "Initiative Berlin-USA" wurde von einer Gruppe
weitblickender Menschen ins Leben gerufen. Bedauerlicherweise weilen einige von ihnen nicht mehr unter
uns. Ich kann mich sehr gut an die ersten von uns
geführte Gespräche erinnern und daß jeder glaubte,
die Dinge würden sich in Berlin sehr schnell ändern.
Daß die wirklich besonderen Bande, die zwischen
Amerikanern und Berlinern gewachsen waren, sicherlich fortbestehen würden - was sie taten - jedoch neue
Bestrebungen erforderlich wären um sicherzustellen,
daß diese Beziehungen nicht verschleißen oder
stagnieren.
In jenen Tagen fürchteten wir eine Stagnation der
Beziehungen eben weil sie so sehr auf die militärische
Präsenz der Alliierten konzentriert waren und nicht all
die neuen Ereignisse berücksichtigen würden, die in
der Welt stattfanden. Wir konnten uns nicht vorstellen,
daß die alliierten Streitkräfte 10 Jahre später verschwunden sein und die von uns allen erwarteten
neuen Entwicklungen sich in einem völlig anderen
Berlin vollziehen würden - aber all das geschah.
Es erübrigt sich zu sagen, daß die von der "Initiative
Berlin-USA" geleistete Arbeit heute noch sehr viel
wichtiger ist als damals. Es ist jetzt eine Gruppe wie
diese, die diese umfassenden Kontakte unterhält, wie
ich Ihnen in meinen Ausführungen darlegen möchte.
Sie spiegeln auch das wider, was die deutsch-amerikanischen Beziehungen in Zukunft sein werden.

Seite 1

�Wie wird die Zukunft aussehen? Genau das fragen wir
uns in diesen Tagen und können offensichtlich nicht
klarsehen. Ich möchte Ihnen jedoch meine Eindrücke
von den Dingen wiedergeben, die von Bedeutung sein
werden, ein bißchen darüber reden, was die Vereinigten Staaten in diesem Zusammenhang unternehmen werden, aber Ihnen auch einige Gedanken
darüber vermitteln, was wir alle tun können und wie
sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen entwickeln werden.
Erstens ein vielleicht offensichtlicher Punkt, der jedoch
nützlich ist: Definitionen und Lösungen der Vergangenheit werden in Zukunft nicht sehr viel Gültigkeit besitzen. Selbst Begriffe und Konzepte wie "Westeuropa"
oder "Osteuropa" oder die atlantische Gemeinschaft
an sich beschreiben die Beziehungen nicht mehr
genau genug, die sich über den Atlantik hinweg und in
Europa entwickeln werden. Das Westeuropa der
Nachkriegszeit, das wir alle so gut kannten und zu
dem natürlich Berlin gehörte, existiert beispielsweise
nicht mehr. Die gut definierte Insel demokratischen
Wohlstands wurde durch ein Mosaik von Ländern
ersetzt, die auf verschiedene Weise mit einer unterschiedlichen Geschichte und in verschiedenen
Entwicklungsstadien handeln.
Sie wurde durch
Regionen ersetzt. Manchmal überqueren wir nationale
Grenzen - selbst Grenzen zwischen dem ehemaligen
Osten und Westen - die durch ein weltweites Netz von
Verbindungen ersetzt wurden, die manchmal Tausende von Meilen entfernte Verbindungen, Interessen und
Bande wichtiger machen als die in unmittelbarer Nachbarschaft.
Als die baltischen Staaten und die Ukraine unabhängig
wurden, waren es beispielsweise die "Europäer" in
Nordamerika, auf die sie wegen der ersten Unterstützung blickten. Und es waren diese Europäer, von
denen offensichtlich viele ihren Ursprung in diesen
Ländern haben, die dorthin zogen, die Arbeit aufnahmen und beim Aufbau dieser Gesellschaften
behilflich waren. Es gab übrigens viele Deutsche, die
das gleiche taten. Deutschland hat einen ausgeprägten Sinn für die Unterstützung dieses Teils der Welt.
Aber ohne Namen zu nennen, ist es meiner Ansicht
nach offensichtlich, daß es in Teilen Europas eine
Reihe von Menschen gab, die nicht an dem Geschehen interessiert war.
Und so ist das Europa der Ukraine, Litauens oder
Estlands ein Konglomerat seiner Nachbarn - zweifelsohne Deutschland, aber auch Chicago, Detroit und
Nebraska. Das ist auch für diese Länder Europa. Dort
erhalten sie ihre Unterstützung. Und das gilt übrigens
auch für die baltischen Staaten, deren Kultur während
der über 50-jährigen Besetzung bewahrt wurde.
Die Dinge verändern sich so sehr, daß wir darüber
nachdenken müssen, was wir eigentlich meinen, wenn
wir von Beziehungen über den Atlantik hinweg spre-

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chen. Sie sind völlig anders als noch vor 10 Jahren.
Es ist nicht mehr ein starkes Amerika, das Europa
irgendwie vor den letzten Wellen des Zweiten Weltkriegs schützt. Jetzt ist es eine Reihe integrierter
Gesellschaften, von denen einige mehr integriert sind
als andere, eine Reihe kultureller und psychologischer
Verbindungen, die im Kopf der Menschen ein Bild
dessen formen, wer sie sind und wo sie sind. Dieses
Bild steht jedoch immer weniger in Kontext von
Territorium oder Geographie. Es steht vielmehr im
Kontext einer Reihe von Perzeptionen und Interessen.
Deutschland und die Vereinigten Staaten sind zwei der
fortschrittlichsten Länder im Hinblick auf die Definition
und Handhabung dieser Perzeptionen und Interessen.
Im Flugzeug habe ich heute gelesen, daß man jetzt
sogar die "Tagesschau" auf dem Internet in den
Vereinigten Staaten abrufen kann. Ob die Vereinigten
Staaten allerdings schon bereit für die "Tagesschau"
sind, ist eine andere Frage. Ich habe Jahre gebraucht,
um die Wetterkarte zu verstehen, ganz zu schweigen
von den Nachrichten! Aber ich bin sicher, daß das ein
Schritt nach vorne ist. Ich habe keinen Zweifel. Wenn
also all diese Schranken fallen und all diese Definitionen sich ändern, dann werden neue Gemeinden
und Interessengruppen entstehen mit neuen Verbindungen und neuen Definitionen ihrer selbst.
Wenn wir über die atlantischen Beziehungen sprechen, sind wir in der Vergangenheit häufig von der
Perspektive ausgegangen, "hier ist Nordamerika, hier
ist Europa und hier ist der Atlantik", und wir sollten
Brücken über das bauen, was häufig als Trennlinie
angesehen wurde. Dieses Konzept war meines
Erachtens von Anfang an falsch. Zumindest in der
Geschichte meines Landes war der Atlantik im 18. Und
19. Jahrhundert keine Trennlinie. Wir schöpften
unsere Stärke und unsere intellektuelle Unterstützung,
und in vielen Fällen unsere Universitätsausbildung,
aus Europa. Und es gab kein Gefühl, kulturell irgendwie von Europa getrennt zu sein. Das änderte sich im
20. Jahrhundert vor allem aufgrund von Kriegen, und
wir hatten in der Tat nach dem zweiten Weltkrieg viel
zu tun, Brücken über den Atlantik zu bauen. Und
meiner Ansicht nach hatten wir Erfolg, wie die Geschichte gezeigt hat.
Wenn wir jedoch jetzt über Trennlinien zwischen
Völkern und Gesellschaften sprechen (und sie existieren, wie wir wissen), dann sind diese Trennlinien sehr
viel komplizierter geworden. Und der Atlantik ist nicht
ihre Definition. Manchmal sind diese Trennlinien der
Norden und Süden in Europa, manchmal liegen sie in
den Vereinigten Staaten, wo manche nach Süden
blicken und andere über den Pazifik hinweg. In
Europa selbst gibt es Regionen. Es gibt Wirtschaftsgemeinschaften. Eines der wichtigsten in Europa
erörterten Themen ist, daß es bereits eine um die
Deutsche Mark herum gebildete Gemeinschaft gibt, die
zunehmend in eine subregionale Gemeinschaft inte-

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�griert wird. Eines der Ziele ist natürlich, die subregionale Gemeinschaft zu einer umfassenderen Gemeinschaft zu machen. Aber wenn wir beginnen zu
definieren, wer wir sind und was wir sind, müssen wir
berücksichtigen, daß diese Trennlinien wirklich ganz
andere sind: Die schlichte Trennlinie des Atlantiks hier ist Amerika, hier ist Europa - funktioniert einfach
nicht mehr. In vielen Fällen kann man Asien dieser
Gleichung hinzufügen.
Das führt mich zu meiner nächsten Schlußfolgerung,
die lautet, wenn das alles so ist, dann hat sich die
Rolle der Vereinigten Staaten in dieser neuen atlantischen Gemeinschaft natürlich beträchtlich verändert.
Unsere militärische Stärke ist immer noch wichtig, wie
sich im Falle Bosniens gezeigt hat. Gleichzeitig
müssen wir Europa nicht mehr vor irgendetwas
schützen, und wir sind nicht mehr in irgendeiner Weise
dort, um einer wackeligen Nachkriegsordnung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wir fügen dem Geschehen
Geschicklichkeit und Talent hinzu. Das ist meines
Erachtens eines der faszinierendsten Themen dieses
Zeitalters - wie sich die Rolle der Vereinigten Staaten
langsam (oder vielleicht schnell) von der einer großen,
starken Macht - die wir einige Zeit gewesen sind - zu
einem Land gewandelt hat, das fast der Werkzeugkasten für die übrige Welt ist: Eine Gesellschaft, die
Menschen aufnimmt, ihre Talente nutzt, Lösungen
erarbeitet und die Menschen wieder hinaus in die Welt
schickt. Es ist faszinierend.
Diese Rolle wird nicht von allen positiv gesehen.
Denken Sie beispielsweise an die Klagen, es würde
zuviel amerikanische Popmusik im Radio gesendet
oder die Bestrebungen, den europäischen Anteil am
europäischen Fernsehen zu erhöhen.
Aber zu
anderen Zeiten bieten die Vereinigten Staaten Impulse
und Lösungen, die in der Tat von vielen Menschen als
ihre eigenen adoptiert werden, häufig ohne zu wissen,
daß sie aus den Vereinigten Staaten kamen.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen. Als ich vor 10
Jahren in Berlin lebte, war der amerikanische Kapitalismus für eine bestimmte Bevölkerungsschicht einschließlich der Presse wahrscheinlich der größte
Feind, den es gab. Auch sehr viele populäre Publikationen befaßten sich damit. Ich muß zugeben, daß es
mich heute mit einer gewissen Befriedigung erfüllt,
diese Publikationen aufzuschlagen und festzustellen,
daß sie nur darüber sprechen, wie wichtig amerikanische Lösungen sind. Wie machen die Amerikaner
das? Wie schaffen sie Arbeitsplätze? Wie bewahren
sie den technologischen Aufschwung?
Ich versuche nicht, Ihnen zu sagen, die Vereinigten
Staaten hätten alle Antworten parat oder unsere
Antworten seien die besseren. Aber wir sind zu einer
Art Impuls für die Welt geworden. Und dieser Impuls
unterscheidet sich völlig von der Schutzrolle, die wir
vorher gespielt haben. Das heißt, es ist auch sehr

AMERIKA DIENST 03

wichtig, durch Gruppen wie die "Initiative" nicht nur aus
Spaß (was es häufig ist) Kontakte zu kultivieren.
Indem wir die Rolle Deutschlands gegenüber Amerika
- und Amerikas Rolle gegenüber Deutschland definieren, definieren wir auch das neue Zeitalter, in
das wir eintreten.
Dieses neue Zeitalter wird raschen und manchmal
destabilisierenden Wandel mit sich bringen. Dieser
Wandel wird Deutschland ebenso wie alle anderen
betreffen. Es ist auch ein Wandel, der von großem
Vorteil für Deutschland sein wird, und indem wir in
Kontakt bleiben und einen Dialog aufbauen, werden
wir diesen Wandel besser bewältigen können.
Meine letzte These, die viele von Ihnen überraschen
wird, lautet, daß Deutschland von allen wichtigen
Ländern in Europa das Land ist, das am besten für die
Bewältigung dieses Wandels geeignet ist. Das ist zur
Zeit keine populäre Einstellung, vor allem nicht in der
amerikanischen Presse, und ich weiß, auch in der
deutschen Presse nicht. Wenn wir uns den äußerst
langsamen Prozeß leicht verlängerter Ladenöffnungszeiten betrachten - soweit ich weiß, wurde eine
Stunde auf die Gefahr einer nationalen Revolution
hinzugefügt - könnte man sich fragen, ob diese
Aussage auch nur das kleinste bißchen Logik enthält.
Aber ich glaube immer noch, daß es zutrifft und
Deutschland und Amerika in der Tat bestimmt sind, der
Motor des Wandels in dem neuen Europa zu sein.
Amerika in der gerade von mir beschriebenen Rolle;
aber Deutschland als ein Land im Zentrum des
Kontinents, der mit all seiner bekannten Stabilität und
dem Festhalten an einer bestimmten Art und Weise,
Dinge zu tun, auch eine der offensten, produktivsten
und weitblickendsten Gesellschaften in Europa
entwickelt, die sehr viel weniger Traditionen und der
alten Art, Dinge zu tun, verhaftet ist als nahezu jede
andere Gesellschaft.
Ein Teil dessen ist ein tragischer Unfall der Geschichte
- das heißt, hier hat es im 20. Jahrhundert soviel
Aufruhr gegeben, daß viele alten Muster einfach
zerstört und die Menschen umgesiedelt wurden. In
den vielen Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe,
fand ich es immer interessant, Menschen von überallher zu treffen, oder Menschen zu treffen, deren Eltern
von überallher kamen. Deutschland ist wirklich wie
kein anderes europäisches Land vermischt worden.
Aber Teil dessen ist auch die Tatsache, daß Deutschland ein Land ist, das noch im Werden begriffen ist.
Das heißt, es findet immer noch heraus, was es ist.
Die Definition Deutschlands war - wie ich den meisten
hier Anwesenden nicht sagen muß - stets eine unsichere. Das hat immer Probleme verursacht. Aber ich
glaube, in dem Europa, das wir jetzt mit den starken
institutionellen Verbindungen, mit sehr starker Demokratie sowie Ihrem starken und offenen Wirtschaftssystem haben, wird diese Suche nach einer Definition

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�und Rolle etwas sein, das Deutschland sehr dynamisch macht und nicht zu einem Land, das gegen
Wandel ist.
Man kann es bereits bei einigen Aspekten sehen, aber
während wir vorankommen, wird diese Fähigkeit und
beinahe schon dieser Elan, sich selbst zu definieren
und die noch ungelösten Probleme insbesondere im
Osten zu bewältigen, Deutschland zum wichtigsten
Partner der Vereinigten Staaten für Wandel in Europa
machen. Wenn dies alles zutrifft - und es erübrigt sich
zu sagen, daß man darüber diskutieren kann - dann
gibt es einiges, das wir uns vor Augen halten müssen,
wenn wir in diese Periode eintreten, und ich werde
auch ein bißchen darüber sprechen, was die Vereinigten Staaten denken und zur Bewältigung der
Probleme beizutragen hoffen.
Das erste Korollar folgt aus dem, was ich gerade über
den Wandel gesagt habe. Es ist die Frage der Stabilität. Es mag sich wiederum wie ein Widerspruch
anhören, daß ich nach all den Lobeshymnen über den
Wandel jetzt über Stabilität spreche. Aber hinter all
den in Europa während der ungefähr 75 Jahre erzielten Fortschritten lauert auch ein Gespenst über dem
Kontinent, und das ist die Angst vor Instabilität. Man
kann meines Erachtens argumentieren, daß es seit
1914 kein Jahr gegeben hat, in dem Europa vollständig im Frieden mit sich war. Das Ende des Kalten
Krieges beendete 50 Jahre völlig inakzeptabler
Stabilität - aber es war Stabilität. Dies hat jetzt zum
ersten Mal in der Geschichte Europas die Chance zu
einem wirklich demokratischen Frieden und Stabilität
eröffnet. Ich glaube nicht, daß es eine Zeit gab, in der
Demokratie in der von uns verstandenen Weise als die
Grundlage der Gesellschaft in ganz Europa akzeptiert
wurde. Das bedeutet natürlich nicht, daß sie in ganz
Europa praktiziert wird, aber sie wurde zweifelsohne
als die Grundlage akzeptiert. Das ist eine Chance, die
ergriffen werden muß. In erster Linie entspricht sie der
Bedeutung des Wortes: Demokratie. Der Aufbau von
Demokratie in den seit kurzem freien Teilen Europas
ist die uns alle heute konfrontierende wichtigste
Aufgabe. Sie ist die Grundlage des Friedens.
Zweitens bedeutet es die Suche nach einer Grundlage
für Stabilität, die einerseits praktisch und funktionsfähig, andererseits dynamisch ist. Präsident Clinton
hat von Anfang seiner Amtszeit an eine Vision dieser
Art verfolgt. Die erste detaillierte Definition dieser
Vision gab er in einer Rede, die er im Januar 1994 in
Brüssel gehalten hat, in der er über die Integration
ganz Europas - aller Demokratien in Europa - in eine
demokratische Gemeinschaft des Friedens sprach.
Seit damals haben wir mit unseren Verbündeten, mit
den Zentraleuropäern und auch mit Rußland, auf eine
Definition funktionsfähiger Strukturen für die Schaffung
dieser Art von demokratischer Integration in Europa
hingearbeitet.

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Für die Vereinigten Staaten und für Europa gleichermaßen ist ein zentraler Aspekt dieser Vision die NATO.
Die NATO ist zuallererst die Grundlage für eine starke
und positive Präsenz der Vereinigten Staaten in
Europa. Sie ist auch die fähigste und erfolgreichste
gemeinsame Militärstruktur, die je existiert hat. Sie hat
sich ferner als eine Organisation bewiesen, die im
Gegensatz zu den Erwartungen vieler seit 1990 eine
dramatische Umstrukturierung vollzog und nicht mehr
ein rein defensives Bündnis mit massiven, im Zentrum
Europas stationierten Armeen ist, die gegen massive
russische Armeen gerichtet waren. Sie ist zu einer
flexiblen Plattform für die Schaffung von Frieden in
ganz Europa geworden. Die NATO wird auch zunehmend der Rahmen für die Schaffung von mehr Verantwortung und Fähigkeiten in Europa, und ich bin
glücklich und stolz, daß die Entscheidung hierzu vor
sechs Monaten beim NATO-Ministertreffen im Juni hier
in Berlin getroffen wurde.
Diesen Entscheidungen wurde in der Presse sehr viel
Aufmerksamkeit gewidmet, und sie werden immer
noch erörtert. Es wird jedoch vielleicht immer noch
nicht richtig verstanden, wie weitreichend sie waren.
Sie strebten eine zweite Phase der Umstrukturierung
der NATO auf der Grundlage einer größeren europäischen Rolle im Bündnis an.
Die in dieser Berlin-Entscheidung definierten drei
Bereiche waren: Erstens die innere Umstrukturierung
des Bündnisses, was die Rückkehr Frankreichs in die
integrierte militärische Struktur einbezieht. Zweitens
die externe Projektion des Bündnisses, was die
Aufnahme neuer Mitglieder und auch eine besondere
Beziehung zu Rußland beinhaltet. Und drittens neue
Rollen und Missionen, von denen die dramatischste
die Mission in Bosnien ist. Jeder dieser Bereiche ist
für den Aufbau dieser Stabilität und Berechenbarkeit,
von der ich spreche, gleich wichtig. Durch die innere
Umstrukturierung wird der NATO zum ersten Mal ein
rein europäisches Element hinzugefügt. Es gestattet
der Allianz die Bereitstellung von Ressourcen, Gerät
und auch Personal für Operationen, die ausschließlich
von Europäern auf einer europäischen Grundlage
organisiert werden. In der Tat haben die Vereinigten
Staaten zugestimmt, daß amerikanische Soldaten an
diesen Operationen unter europäischem Kommando
teilnehmen können, wenn dies entschieden werden
sollte. Die externe Projektion wird häufig nur als die
NATO-Erweiterung angesehen - das heißt, welche
Länder der NATO beitreten werden. Das ist sehr
wichtig. Wie ich bereits erwähnte, wird die NATO in
dieser Woche die Entscheidung treffen, das Gipfeltreffen am 8. und 9. Juli in Madrid abzuhalten, und bei
diesem Gipfel werden die Verhandlungen mit einer
Reihe von Ländern aufgenommen - wir wissen noch
nicht, wie vielen - die zum Beitritt in das Bündnis
eingeladen werden.

AMERIKA DIENST 03

�Man muß sich jedoch vor Augen führen, daß die
Projektion der NATO nach Osten nicht nur in der
Aufnahme neuer Mitglieder besteht. Es gibt auch eine
jetzt zwei Jahre alte äußerst wichtige Initiative, genannt
Partnerschaft für den Frieden (PFF), die 26 Mitglieder
hat, von Schweden und Finnland bis zu Aserbaidschan, Kasachstan und Usbekistan. Es ist eine
unglaubliche Vereinigung. Ich war gestern beim
Treffen der Vertreter dieser Länder in Brüssel anwesend, und wenn man sich die Geschichte der NATO
betrachtet, ist es wirklich erstaunlich, in das NATOHauptquartier in Brüssel zu gehen und neben einer
usbekischen Delegation zu sitzen - was der Fall ist. Sie
wissen: "Usbekistan, Vereinigte Staaten". Es ist auch
erstaunlich, in einer anderen Besprechung neben dem
russischen Außenminister zu sitzen und ihn über das
sprechen zu hören, was er mit der NATO zu tun
beabsichtigt. Die Partnerschaft für den Frieden ist also
ein enormer Erfolg. Wir haben vorgeschlagen - und es
wurde gestern bei der NATO vereinbart - daß dies mit
der Gründung des sogenannten Atlantischen Partnerschaftsrats einen Schritt weitergeführt wird, der der
NATO die Arbeit an gemeinsamen Projekten mit
Partnerländern, politische Konsultationen und zunehmend gemeinsame Entscheidungen gestattet.
Wie ich bereits erwähnte, sind ein weiterer Aspekt die
Beziehungen der NATO zu Rußland. Wir beabsichtigen die Erarbeitung einer gemeinsamen Vision und
gemeinsamer Strukturen für eine friedliche Zusammenarbeit mit Rußland. Wir haben bereits damit
begonnen. Ein Kontingent russischer Soldaten ist an
der IFOR-Operation (Implementation Force) in Bosnien
beteiligt. Wir arbeiten auf gemeinsame Übungen und
gemeinsame Verteidigungsgespräche hin. Und jetzt
erzielen wir Fortschritte bei der Charta mit Rußland,
die Konsultationen und Entscheidungsfindung bei
bestimmten Angelegenheiten enthalten wird. Die
NATO wird mit der Ukraine ein ähnliches, etwas
weniger ehrgeiziges Projekt verfolgen, die wiederum
eines der entscheidenden Länder beim Aufbau von
Zusammenarbeit nach Osten ist.
Morgen wird im Bundestag die Abstimmung über ein
Thema stattfinden, das sich aus dem dritten Aspekt der
Veränderung der NATO ergibt, den sogenannten
Rollen und Missionen. Von einer statischen Verteidigungsstreitmacht hat die NATO sich zu einer aktiven
friedenssichernden und konfliktverhütenden Streitmacht umstrukturiert. Das Engagement der NATO in
Bosnien ist das dramatischste Beispiel dafür und war
der Grund für den Frieden in Bosnien - darüber sollte
kein Zweifel bestehen. Nach einer langen Debatte in
Deutschland wurde die Entscheidung getroffen, sich
an der SFOR (Stabilization Force) zu beteiligen, und
das wird ein historischer Schritt - das muß ich niemandem in diesem Raum erzählen. Dies wird meines
Erachtens auch symbolisch für die veränderte Rolle
der Streitkräfte in Europa sein.

AMERIKA DIENST 03

Der Aufbau von Stabilität durch politische Kooperation
und die militärische Vorgehensweise der NATO ist
entscheidend, weil sie Regierungen und Bürgern den
Mut zu Veränderungen gibt. Mehr als andernorts auf
der Welt könnte in Europa die Zukunft ohne diesen Mut
zu Veränderungen in der Tat durch die Furcht vor
Instabilität vereitelt werden. Es gibt jedoch noch einen
anderen wichtigen Aspekt während wir jetzt diese
Veränderungen durchlaufen, und das ist Flexibilität.
Ich habe bereits über einige der seit langem vertretenen Einstellungen gesprochen, die wir meiner
Ansicht nach aufgeben müssen. Wir müssen auch die
Einstellungen zum Leben und den bedeutenden
politischen Ziele aufgeben, die von unseren Gesellschaften vorgegeben werden. Häufig tendiert die
Politik dazu, in vielen Bereichen sozialen Wandel mit
sich zu bringen.
Sowohl in unseren Gesellschaften als auch zwischen
den Ländern basieren unsere Beziehungen jetzt
wieder sehr viel mehr auf dem, was Unternehmen,
Einzelpersonen, Gemeinden, Gruppen wie die "Initiative Berlin-USA" und zwangsläufig Menschen wie ich
tun. Wir haben noch eine gewisse Funktion und
werden vermutlich noch eine Weile da sein. Aber was
die Menschen in einem Zeitalter miteinander machen,
in dem die "Tagesschau" auf dem Internet in Kansas
City empfangen werden kann, wird sehr viel bedeutender und sehr viel weniger kontrollierbar sein als das,
was jede einzelne Regierung tun kann. Das heißt, wir
müssen uns vor Augen führen, daß Stabilität nur eine
Grundlage für Veränderung und nicht die Ausrede
dafür sein kann, neue Herausforderungen zu umgehen.
Wir sind der Garant für Stabilität in Europa, das steht
außer Frage. Unsere Präsenz bietet Deutschland
auch eine glaubwürdige Grundlage für eine stärkere
Rolle in Europa. Wir sind jedoch ebenfalls der wichtige
Motor für Wandel und eine der wichtigsten Rollen
Deutschlands wird - wie ich bereits ausführte - in der
Zusammenarbeit beim Verständnis dessen, was
Wandel ist, beim Verdauen dieser Veränderungen und
ihrer Umsetzung in praktische Lösungen für Europa
bestehen. Offensichtlich bedeutet es nicht, daß alles
in unseren Gesellschaften identisch sein wird. Unsere
Geschäfte werden 24 Stunden lang geöffnet sein,
unabhängig davon, was der Bundestag entscheidet.
Aber die amerikanische Definition des Wandels wird
eine europäische Interpretation benötigen sowie die
Fähigkeit und Stärke zu ihrer Durchführung.
Und hier in Deutschland, einem Land mit einer Tradition des Wandels im 20. Jahrhundert, mit einer starken
bildungs- und industriellen Basis, mit einer nur 80
Kilometer von hier entfernten Grenze nach Polen, mit
einem starken Impuls zu Veränderungen, weil es
Länder an seinen Grenzen hat, die mit dem Status quo
nicht einverstanden sind, die sich rasch entwickeln und
auf Deutschland als Partner bei diesem Wandel

Seite 5

�blicken, wird die Fähigkeit zur Bewältigung dieses
Wandels der Schlüssel sein. Auch bei Ihnen ist
natürlich ein Drittel Ihres Landes, das aus derselben
Geschichte entstanden ist wie diese Länder, nicht
zufrieden mit dem Status quo, und daher wird das
Drängen nach neuen Lösungen in Deutschland größer
sein als andernorts in Europa. Und fügen Sie diesen
starken Banden, die wir bereits haben, sowie unseren
starken kulturellen und familiären Wurzeln die große
Zahl von Menschen in den Vereinigten Staaten hinzu,
die auf eine deutsche Abstammung zurückblicken,
sowie eine große Zahl amerikanischer Soldaten, die
hier gedient haben.
Sie sehen, daß die neue Partnerschaft, die wir haben,
in einer Weise gleichberechtigt ist, die wir noch vor
zehn Jahren nicht vorhersahen, als diese Organisation
gegründet wurde. Sie wird und sollte weder bei
militärischer Stärke gleichberechtigt sein, noch bei
Bevölkerungsdichte oder Gebieten. Sie wird jedoch
gleichberechtigt sein im Hinblick auf den Beitrag, den
jeder von uns zur Definition einer neuen Synthese in
Europa leisten kann, zur Definition, wie Europa und
Nordamerika die uns konfrontierenden dramatischen
Veränderungen bewältigen werden, und letztlich zur
Definition, wie unsere Völker erfolgreich in der neuen
Welt zusammenleben können, an deren Schwelle sie
stehen.

* *

Seite 6

Wenn diese Rede wie eine Werbekampagne für die
"Initiative Berlin-USA" klingt, dann war das natürlich
beabsichtigt. Denn ich strebe genau die grundlegenden, persönlichen Kontakte an der Basis an, die immer
die starken Bande zwischen den Vereinigten Staaten,
Europa und Deutschland ausgemacht haben, von
denen viele jedoch manchmal sagen, sei seien nicht
länger nötig wegen des Internet, wegen der Flugzeuge
und wegen der großen Umwälzungen der Geschichte,
die uns erfassen. Ich glaube, wir alle wissen, daß
große Umwälzungen der Geschichte gut sind. Das
Problem ist, sie erfassen uns und schleudern uns
manchmal durch die Tür, wenn man nicht weiß, was
vor sich geht. Und man weiß nur, was vor sich geht,
wenn man miteinander spricht und zu verstehen
beginnt, wie beispielsweise ethnische Konflikte,
Computer, Viren oder was immer täglich bewältigt
werden. Und das tun Organisationen wie diese.
Wir sollten also beide äußerst optimistisch bezüglich
der Zukunft unserer Partnerschaft und - es erübrigt
sich zu sagen - der "Initiative Berlin-USA" sein. Am
optimistischsten sollten wir jedoch meiner Ansicht nach
- und einige mögen überrascht sein, daß ich das sage
- bezüglich der Fähigkeit unserer beiden Gesellschaften zu Veränderungen sein, um die vor uns
liegenden großen neuen Herausforderungen zu
meistern. Ich danke Ihnen.

* *

*

AMERIKA DIENST 03

�ABRÜSTUNG
12. Februar 1997

Kreative Bestrebungen zur
Rüstungskontrolle unerläßlich
Rede von ACDA-Direktor John Holum

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (U.S. Arms Control and Disarmament Agency - ACDA), John Holum, am 9. Januar 1997 beim Seminar
über Rüstungskontrolle des Forschungsdienstes des Kongresses gehaltene Rede in Auszügen.

Ich sehe Rüstungskontrolle als nationale Sicherheitsangelegenheit. Wichtige Rüstungskontrollverhandlungen mit Rußland über strategische Waffen sind
noch nicht abgeschlossen - dem Land, das, wie Sie
wissen, eine überwältigende nukleare Zerstörung über
die Vereinigten Staaten bringen könnte.
Wir beginnen erst, die Bestimmungen der STARTVerträge zu nutzen, indem wir Tausende von Waffensystemen beseitigen. Das Inkrafttreten von START I
zwang die Ukraine, Kasachstan und Belarus zur
offiziellen Aufgabe ihre nuklearen Option und der nach
den Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem
Territorium verbliebenen Waffen. Das taten sie Ende
1994 - und die letzten Waffen wurden im vergangenen
Monat aus Belarus abgezogen. Vor uns liegen jedoch
noch sechs weitere Jahre harter Arbeit an der Umsetzung von START I - der Verifizierung, daß Raketen
zerlegt und Silos aufgefüllt sowie Verhandlungen über
die Auslegung des Vertrags und seine Einhaltung
geführt werden.
START II - die Beendigung des Abbaus der Arsenale
um zwei Drittel und die Beseitigung der letzten SS-ISRaketen - muß von Rußland noch ratifiziert werden.
Mehrere Duma-Mitglieder beschweren sich, daß der
Vertrag von Rußland die Beseitigung von Raketen mit
Mehrzweckgefechtsköpfen und dann den Bau neuer
Raketen mit einem Gefechtskopf fordert, um die Parität
mit uns zu wahren.
Aber sie müssen die realistischen Optionen Rußlands
berücksichtigen. Ohne START II werden die Vereinigten Staaten 6.000 Waffen im Rahmen von START I

AMERIKA DIENST 03

beibehalten, wobei Rußland nur mit ruinösen Ausgaben gleichziehen könnte - und es gäbe praktisch
keine Aussicht auf Verhandlungen über einschneidendere Reduzierungen. Mit START II wird Rußland eine
tatsächliche Parität mit 3.000 bis 3.500 Gefechtsköpfen
haben und - wie Präsident Clinton erklärte - wir
könnten unverzüglich Verhandlungen über weitere
Begrenzungen und Reduzierungen aufnehmen, die
das Aufrüstungsproblem vermeiden könnten. Wir
haben Rußland gegenüber klargestellt, daß START II
die Tür zu START III ist, und daran geht kein Weg
vorbei.
Gleichzeitig wurde unsere Rüstungskontrollagenda mit
Rußland erweitert und bezieht jetzt das sogenannte
"loose nukes"-Problem mit ein. Führen Sie sich vor
Augen, daß das größte Hindernis für jemanden, der
eine Atomwaffe bauen will, nicht die Technologie,
sondern das Material ist - das hochangereicherte Uran
oder Plutonium.
Dieses entscheidende Material und die damit in
Zusammenhang stehende Intelligenz werden aus dem
Waffenprogramm Rußlands freigesetzt, um vielleicht
über durchlässige Grenzen an den falschen Ort zu
gelangen. Die Antwort besteht offensichtlich nicht in
der Beendigung der Reduzierungen - das hieße,
dieses Material in auf Raketen montierten Waffen zu
belassen, die die Vereinigten Staaten erreichen
könnten - sondern vielmehr im Einsatz aller erforderlichen diplomatischen, technischen, Strafverfolgungsund anderen Ressourcen um sicherzustellen, daß die
Experten anderweitig beschäftigt werden und das

Seite 1

�Material gesichert ist, bis es verbraucht oder unbrauchbar gemacht werden kann.
In der Zwischenzeit werden diese amerikanischrussischen Fragen von einer nicht geringeren Gefahr
überschattet: Der Verbreitung von - nuklearen, chemischen und biologischen - Massenvernichtungswaffen und ihren Trägerraketen an verbrecherische
Staaten und Terroristen auf der ganzen Welt.
Über 40 Länder haben jetzt die technische
und materielle Fähigkeit zur Entwicklung von
Nuklearwaffen, sollten sie sich dafür entscheiden.
Über 15 Nationen haben zumindest Kurzstreckenraketen - und viele von ihnen wollen
Massenvernichtungswaffen beschaffen.
Ungefähr 20 Länder - von denen viele uns
feindlich gesinnt sind - unterhalten Chemiewaffenprogramme, weitere 15 verfügen über
die Fähigkeit und Motivation dazu. Und
chemische Waffen wurden erst kürzlich in
einem Krieg vom Irak und von Terroristen in
der Tokioter U-Bahn eingesetzt.
Der Fall des Irak erinnert uns daran, daß
biologische Waffen auch für geächtete Regierungen und Gruppen attraktiv sind.
Und wenn wir uns an die Bombenanschläge
auf das World Trade Center und in Oklahoma
City erinnern, müssen wir uns fragen, um
wieviel schrecklicher das Leid wäre, wenn
auch nur primitive nukleare, chemische oder
biologische Waffen je in die falschen Hände
geraten würden.
Unser wichtigstes Instrument gegen die Verbreitung
von Nuklearwaffen ist der Nichtverbreitungsvertrag oder N W - gemäß dem Nichtnuklearwaffenstaaten
vollständig auf Atomwaffen verzichten und dies
bestätigen, indem sie ihre Nuklearprogramme zu
friedlichen Zwecken internationalen Sicherheitsvorschriften unterstellen. Der N W war die Grundlage für
mögliche internationale Aktionen gegen das nicht
bekanntgegebene Nuklearprogramm Nordkoreas - und
für andauernde Verifizierungen vor Ort, daß es wie
vereinbart weiter eingefroren ist.
1995 gelang es der Welt, den N W auf unbegrenzte
Zeit zu verlängern. Er nimmt auch an Universalität zu
und hat jetzt 184 Mitgliedstaaten - nur sechs Länder
sind nicht beigetreten. Eine wichtige Priorität - die wir
im März in die Praxis umsetzen wollen - ist jetzt die
weitere Stärkung seiner Sicherheitsbestimmungen. Es
sollen neue Technologien und der Zugang hinzugefügt
werden, wie etwa die Überwachung der Umwelt nicht
nur in unmittelbarer Nähe der bekanntgegebenen

Seite 2

Einrichtungen um sicherzustellen, daß Nuklearprogramme nicht vor den Inspektoren geheimgehalten
werden.
Der Name des Programms hierfür - "93 plus 2" - läßt
erkennen, daß wir nicht im Zeitplan liegen. Die
Entscheidung zur Verbesserung der Sicherheitsbestimmungen wurde 1993 getroffen, nachdem das
geheime Nuklearprogramm des Irak aufgedeckt
worden war. Und "plus 2" bedeutete, daß es bis 1995
abgeschlossen sein sollte. Wir üben weiterhin großen
Druck aus, vor allem gegen den Widerstand einiger
unserer Verbündeten, die anscheinend Probleme
haben, das richtige Gleichgewicht zwischen den durch
die Nuklearwaffen verbrecherischer Staaten entstehenden Gefahren und möglichen Unannehmlichkeiten für ihre Nuklearanlagen zu finden.
Der im vergangenen Jahr abgeschlossene und
demnächst dem Senat vorzulegende Vertrag über ein
umfassendes Verbot von Atomtests (Comprehensive
Test Ban Treaty - CTBT) wird ein weiteres Hindernis
für die Verbreitung von Nuklearwaffen darstellen.
Die Vereinigten Staaten haben weit über 1.000
Kernversuche durchgeführt - Hunderte mehr als jedes
andere Land. Jedes kleine bißchen weiteren Wissens,
das wir durch weitere Tests erlangen könnten, ist sehr
wenig wert verglichen mit dem Wert, den die Verhinderung weiterer Tests durch andere Staaten besitzt,
einschließlich verbrecherischer Staaten, die aus nur
wenigen Explosionen Quantensprünge an Fähigkeiten
erwerben könnten. Je mehr Nationen wir bei der
Lernkurve über Nuklearwaffen verzeichnen können,
desto sicherer sind wir.
Als ein weiteres Hindernis hat Präsident Clinton
angeordnet, daß wir unsere Bestrebungen in diesem
Jahr intensivieren, um die vollständige Einstellung der
Produktion von waffenfähigem spaltbarem Material
auszuhandeln. Diese vollständige Produktionseinstellung ist unsere beste Hoffnung, das Nuklearwaffenpotential von Nichtmitgliedstaaten des N W , einschließlich Indiens und Pakistans, zu beschneiden.
Eine weitere unmittelbare Priorität bei der Nichtverbreitung sind die Chemiewaffenkonvention (Chemical
Weapons Convention - CWC), die noch vom Senat
ratifiziert werden muß, und die Gesetze für ihre
Durchführung, denen beide Kammern zustimmen
müssen.
Die Uhr läuft - die Konvention muß bis zum 29. April
1997 ratifiziert werden, wenn die Vereinigten Staaten
Gründungspartei sein und ihre energische Umsetzung
beeinflussen wollen.
Überlegen Sie sich, warum wir diesen Vertrag benötigen. Mindestens 20 Länder - von denen uns viele
feindlich gesinnt sind - besitzen Chemiewaffen oder

AMERIKA DIENST 03

�streben ihre Beschaffung an. Sie sind auch für
Terroristen attraktiv, wie wir in der Tokioter U-Bahn
gesehen haben. Die Chemiewaffenkonvention wird
uns mehr Informationen über diese Bedrohungen an
die Hand geben - nicht zuletzt durch kurzfristig anberaumte Inspektionen verdächtiger öffentlicher oder
privater Einrichtungen - und sie wird diese Informationer einklagbar machen, weil schon der Besitz von
Chomiewaffen illegal sein wird, wohingegen er heute
völ, g erlaubt ist.
Die chemische Industrie der Vereinigten Staaten, die
die größte Last der routinemäßigen Bekanntgabe und
Inspektionen trägt, befürwortet den Vertrag vehement.
Auch unsere Militärs befürworten ihn in dem Wissen,
daß wir uns in einem Krieg weniger wahrscheinlich mit
Chemiewaffen konfrontiert sehen werden. Unsere
Strafverfolgungsbehörden möchten seine neuen
Instrumente gegen Terroristen im In- und Ausland
einsetzen. Und er verringert unsere eigenen militärischen Optionen nicht maßgeblich, weil wir bereits
ein 10 Jahre altes Gesetz anwenden, das die einseitige Beseitigung unserer Chemiewaffenarsenale
vorschreibt. Die reale Frage lautet also, ob wir die
übrige Welt zwingen sollten, das zu tun, was wir
bereits tun.
Die Chemiewaffenkonvention ist ein wertvolles Werkzeug. Und wenn wir in einer Welt mit vielen gefährlichen Nachbarn leben, sollten wir uns nicht die
vernünftigen Schutzmittel vorenthalten. In der Tat,
wenn die Vereinigten Staaten, die eine Führungsrolle
bei den Verhandlungen über diesen Vertrag übernommen haben, ihn jetzt aufgeben würden, würden wir uns
nicht nur seiner Vorteile berauben, sondern verbrecherischen Staaten Deckung geben und unsere
Führungsrolle bei der Eindämmung der Verbreitung
aller Massenvernichtungswaffen unterminieren gerade dann, wenn sie am meisten benötigt wird.
Diese Führungsrolle ist beispielweise auch bei biologischen Waffen erforderlich. Sie werden für gewöhnlich
in dieselbe Gruppe wie Chemiewaffen eingeordnet.
Gemessen an den potentiellen Auswirkungen auf das
menschliche Leben würden sie besser mit Nuklearwaffen verglichen.
Chemiewaffen werden weniger
todbringend, wenn sie verstreut sind. Aber biologische
Organismen sind lebende Dinge; in der richtigen
Umgebung können sie sich multiplizieren. Sie können
auch mutieren und der Behandlung widerstehen.
Die Konvention über biologische Waffen datiert von
1972. Aber sie hat einen wichtigen Mangel - sie ist
praktisch machtlos im Hinblick auf die Gewährleistung
der Einhaltung. Deshalb verhandeln wir jetzt in Genf,
um die Fortschritte bei der Technologie und den
Rüstungskontrolltechniken zu nutzen, damit auch
dieser Vertrag ein effektives Instrument wird. Präsident Clinton hat das zu einer weiteren Priorität in der
Rüstungskontrolle gemacht.

AMERIKA DIENST 03

Obwohl sie vornehmlich gegen Länder gerichtet sind,
können diese Verträge - und insbesondere die Gesetze zu ihrer Durchführung - einen wichtigen Effekt für
die Terrorismusbekämpfung haben. 1995 bestellte
beispielweise ein Mitglied einer Haßgruppe in Ohio auf
betrügerische Weise den Beulenpestbazillus per Post
von einem spezialisierten Anbieter in Rockville (Maryland). Der Auftrag wurde ausgeführt. Aber der
Anbieter benachrichtigte auch die Strafverfolgungsbeamten, die wiederum die Wohnung des MöchtegernTerroristen durchsuchten und die von ihm ausgebrüteten bösartigen Pläne vereitelten. Das geschah teilweise aufgrund eines Gesetzes - dem Gesetz zur Bekämpfung von Terrorismus mit biologischen Waffen -,
das wegen der Konvention über biologische Waffen in
den Geschäftsbüchern liegen muß.
Abschließend möchte ich kurz auf ein anderes Thema
eingehen. Wenn Sie sich das Potential von Waffen,
Schaden anzurichten, betrachten, denkt man offensichtlich zuerst an Massenvernichtungswaffen, die mit
einem Schlag ganze Städte ausradieren können.
Wenn man sich jedoch die tatsächlichen Auswirkungen betrachtet, muß man an konventionelle Waffen
denken, die routinemäßig ganze Städte ausradieren,
mit einigen wenigen Menschen auf einen Schlag.
Ein Weg, dieses Thema in Angriff zu nehmen, ist,
spezifische Waffen anzusprechen, die außerordentliche Auswirkungen haben - wie die Antipersonenminen,
die auf der ganzen Welt verstreut sind und jedes Jahr
ungefähr 25.000 Zivilisten töten oder zum Krüppel
machen, vor allem spielende Kinder oder Bauern, die
zu ihren Feldern zurückkehren wollen lange nachdem
der Krieg vorüber ist. Im vergangenen Jahr führten die
Vereinigten Staaten erfolgreiche internationale Verhandlungen über die Kontrolle von Minen an, die nicht
aufgespürt werden können oder sich nicht selbstzerlegen oder selbstdeaktivieren. Diese Zusätze zur
Konvention über konventionelle Waffen müssen
ratifiziert werden. Und in diesem Jahr werden wir
Verhandlungen über ein vollständiges Verbot von
Antipersonenminen als weitere wichtige Rüstungskontrollpriorität aufnehmen.
Ein weiteres vorrangiges Instrument - für konventionelle Waffen sowie für Massenvernichtungswaffen - ist die
rigorose Kontrolle der Exporte.
Die Vereinigten
Staaten haben die schärfsten Kontrollen aller Länder
der Welt für konventionelle Waffen - und wir haben
vom Beratungsgremium des Präsidenten für die Politik
zur Verbreitung von Waffen sehr gute Ratschläge
erhalten. In einem der vielen Bereiche, in dem das
Gremium Empfehlungen aussprach, bauen wir zum
ersten Mal - in dem Wassenaar-Abkommen - eine
multilaterale Struktur auf, um konventionelle Waffen
anzusprechen, mit Konzentration auf den Waffentransfer in den Iran, Irak, nach Libyen und Nordkorea.

Seite 3

�Es ist jedoch meine feste Überzeugung, daß wir auf
der Nachfrageseite die größten Fortschritte bei
konventionellen Waffen erzielen. Zwischen 1988 und
1994 sanken die weltweiten Waffenlieferungen um 70
Prozent - von fast 70 Milliarden Dollar auf etwas unter
20 Milliarden Dollar. Das geschah nicht, weil die
Exporteure aufgehört hatten zu verkaufen, sondern
weil die Kunden nicht kauften. Und langfristig besteht
unsere effektivste Arbeit, selbst wenn sie nicht am
dramatischsten ist, in der Verstärkung dieses Trends durch regionale Kontrollregime wie den Vertrag über
konventionelle Streitkräfte in Europa (Conventional
Forces in Europe Treaty - CFE), vertrauensbildende
und Transparenzmaßnahmen, die die von regionalen
Spannungen ausgehende Gefahr eindämmen können.
Die Welt strotzt immer noch von der Überrüstung aus
den Zeiten des Kalten Krieges. Wir können nicht
hoffen, uns von dem leichteren potentiellen Zugang zu
zunehmend mächtigen Waffen isolieren zu können -

*

Seite 4

durch den die kriegerischen Herrscher verbrecherischer Staaten hoffen, dieses Land, unsere Interessen
und unsere Menschen zu gefährden.
Denn so weit wir in die Zukunft blicken können, wird
dies eine einzigartige Verteidigung der Vereinigten
Staaten erfordern. Und aus eben diesen Gründen wird
es beharrliche und kreative Bestrebungen zur Rüstungskontrolle erfordern. Denn wir haben in einem
hart erkämpften Abkommen nach dem anderen
demonstriert, daß wir mit Rüstungskontrolle unser
Schicksal meistern, unsere Freiheit untermauern sowie
unsere Sicherheit und unseren Wohlstand verbessern
können.
Ebenso wie zu jeder Zeit in der Vergangenheit muß
Rüstungskontrolle ein zentrales Element der Art von
Außenpolitik sein, die einer Großmacht in einer
gefährlichen Welt zukommt.

* * *

*

AMERIKA DIENST 03

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Lage der Nation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: USA bleiben die unerlässliche Nation&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht zur Lage der Nation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vier Jahre Wirtschaftswachstum machen den amerikanischen Traum zur Realität&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Jahreswirtschaftsbericht des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Abteilungsleiter John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kreative Bestrebungen zur Rüstungskontrolle unerlässlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor John Holum&lt;/em&gt;</text>
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Vo, ^

amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

04

26. Februar 1997

AUSSENPOLITIK

ALBRIGHT: ZIEL IST EIN INTEGRIERTES,
STABILES UND DEMOKRATISCHES EUROPA
Rede der Außenministerin vor Ausschuß
des Repräsentantenhauses

NATO

NATO-ERWEITERUNG: WARUM GRÖSSER
BESSER IST
von Außenministerin Madeleine Albright
RUSSLAND HAT NICHTS ZU BEFÜRCHTEN
von Strobe Talbott

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFT WIRD ZUM IMMER WICHTIGEREN
INSTRUMENT DER DIPLOMATIE
von Alan P. Larson

TELEKOMMUNIKATION

TELEKOMMUNIKATION: DER MOTOR FÜR
WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG IM
NÄCHSTEN JAHRHUNDERT
von Alan P. Larson

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
26. Februar 1997

Albright: Ziel ist ein integriertes, stabiles
und demokratisches Europa
Rede der Außenministerin vor Ausschuß des Repräsentantenhauses

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Madeleine Albright am 11.
Februar 1997 vor dem Ausschuß für internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses gehaltene Rede.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder,
es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, zum ersten
Mal als Außenministerin eine Rede vor Ihnen halten zu
dürfen. Als Botschafterin bei den Vereinten Nationen
habe ich in hohem Maße von unserem konstruktiven
Dialog während der vergangenen vier Jahre profitiert.
Jetzt sehe ich der Fortsetzung unserer Beziehungen
mit derselben Offenheit und demselben Engagement
erwartungsvoll entgegen - und der Zusammenarbeit
mit Ihnen bei einem noch breiteren Spektrum von
Herausforderungen, mit denen sich unsere Nation und
die Welt konfrontiert sehen.
Herr Vorsitzender, seit dem Fall der Berliner Mauer
sind mehr als sieben Jahre vergangen und fünf seit
dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Heute sind die
Vereinigten Staaten sicher, unsere Volkswirtschaft
floriert, und unsere Ideale im Kommen. Auf der
ganzen Welt ist die Bewegung zu offenen Gesellschaften und offenen Märkten weiter verbreitet und
tiefgreifender als je zuvor. Der Triumph der Demokratie ist weder ein Zufall noch umkehrbar - er ist das
Resultat der dauerhaften amerikanischen Führungsrolle. Er wäre ohne die Macht unseres Beispiels, die
Stärke unseres Militärs oder die Beständigkeit und
Kreativität unserer Diplomatie nicht möglich gewesen.
Das ist die zentrale Lektion des 20. Jahrhunderts - und
diese Lektion muß uns weiterhin leiten, wenn wir
unsere Interessen beim Eintritt in das 21. Jahrhundert
schützen wollen.
Mißverstehen Sie mich nicht: Die Interessen, denen
die amerikanische Außenpolitik dient, sind keine
abstrakten Erfindungen der Planer im Außenministerium. Sie sind die konkrete Realität unseres täglichen

AMERIKA DIENST 04

Lebens. Denken Sie darüber nach. Wäre das amerikanische Volk ebenso sicher, wenn Massenvernichtungswaffen, statt kontrolliert zu werden, in die
falschen Hände gerieten? Genau das wäre geschehen, wenn die Administration und der Kongreß nicht
gehandelt hätten, um die Einstellung des irakischen,
das Einfrieren des nordkoreanischen und die Sicherung des russischen Nuklearwaffenprogramms zu
gewährleisten.
Wären wir so sicher, wenn kleine Konflikte, statt
frühzeitig eingedämmt zu werden, sich über ganze
Regionen hinweg ausbreiten würden? Das wäre
geschehen, wenn wir nicht einen Weg zur Beendigung
des Krieges in Bosnien gefunden und nicht auf
unserem Streben nach einem umfassenden Frieden im
Nahen Osten bestanden hätten.
Wären wir so wohlhabend, wenn sich die Weltwirtschaft, statt offener für unseren Handel und unsere
Investitionen zu werden, abgeschottet und hinter
protektionistische Mauern zurückgezogen hätte? Das
wäre geschehen, wenn wir nicht unerschütterlich auf
den Abschluß des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA und der Abkommen der UruguayRunde des GATT - sowie die Erweiterung des Handels
in unserer gesamten Hemisphäre und über den Pazifik
hinweg - gedrängt hätten.
Die große Kluft in der heutigen Welt besteht nicht
zwischen Ost und West oder Nord und Süd, sie
besteht zwischen denjenigen, die Gefangene der
Geschichte sind und denjenigen, die zur Gestaltung
der Geschichte entschlossen sind. Das ist nicht nur
eine faktische Aussage - sondern eine sachliche
Entscheidung, die wir treffen müssen. Herr Vorsitzen-

Seite 1

�der, es ist dieselbe Entscheidung, mit der sich Amerika
vor 50 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert
sah. Damals war es nicht selbstverständlich, daß wir
die richtige Entscheidung treffen würden. Wir waren
kriegsmüde, und die Weltwirtschaftskrise lag erst
einige Jahre hinter uns. Aber zum Glück für unsere
Generation waren Präsident Truman, Außenminister
Marshall, Senator Vandenberg und andere führende
Kongreßabgeordnete beider Parteien entschlossen,
daß Amerika eher eine Führungsrolle übernehmen
statt sich zurückziehen sollte. In überparteilicher
Weise und zusammen mit unseren Verbündeten
gründeten sie eine Reihe von Institutionen, die ein
halbes Jahrhundert lang erfolgreich die Freiheit
verteidigt, Volkswirtschaften wiederaufgebaut, Gesetze
bewahrt und Krieg verhindert haben.
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben wir uns für
einen ähnlichen Kurs entschieden. Wir haben mit dem
Aufbau eines neuen Rahmens für die amerikanische
Führungsrolle begonnen, der den Herausforderungen
eines neuen Jahrhunderts angemessen ist. Dabei
müssen wir nicht nur eine einzige übergeordnete
Bedrohung wie den sowjetischen Kommunismus
ansprechen, sondern vielmehr eine Vielfalt von
Gefahren - einige so alt wie ethnische Konflikte, einige
so tödlich wie terroristische Bomben, einige so vorherrschend wie illegale Drogen und einige so neu wie die
Erderwärmung.
Um effektiv auf unterschiedliche Bedrohungen reagieren zu können, benötigen wir ein breites Spektrum
außenpolitischer Instrumente. Aus diesem Grund
müssen wir ein Militär beibehalten, das flexibel, mobil,
einsatzbereit und stark ist - und Präsident Clinton hat
dies zugesagt. Aber Gewalt als ein stumpfes Instrument und eines mit manchmal extremen Konsequenzen kann nicht alle unsere Probleme lösen. Es
wird viele Fälle an vielen Orten geben, in denen wir auf
die Diplomatie zum Schutz unserer Interessen zurückgreifen und von unseren Diplomaten erwarten werden,
diese Interessen mit Geschick, Wissen und Rückgrat
zu verteidigen.
Herr Vorsitzender, obwohl unser Militär der oberste
Garant unserer Freiheit ist, sind unsere Diplomaten
unsere erste Verteidigungslinie. Eine meiner wichtigsten Aufgaben als Außenministerin wird in der Zusammenarbeit mit Ihnen und unseren Kollegen im
Kongreß bestehen, um die ausgezeichnete diplomatische Vertretung aufrechtzuerhalten, die unsere Bürger
verdienen und unsere Interessen erfordern. Wie ich in
der Anhörung zu meiner Bestätigung erklärte, können
wir keine Diplomatie erster Klasse haben, die nichts
kostet. Wir müssen die für eine amerikanische
Führungsrolle nötigen Ressourcen investieren.
In den vergangenen Jahren sind diese Ressourcen
geschrumpft. Während der letzten vier Jahre hat das
Außenministerium über 2.000 Positionen gekürzt, mehr

Seite 2

als 30 Botschaften und Konsulate geschlossen und die
dringend erforderliche Modernisierung der Infrastruktur
und Kommunikationsnetze verschoben. Wir haben
tiefe Einschnitte in unsere Auslandshilfeprogramme
vorgenommen und tragen jetzt einen kleineren Prozentsatz unseres Volkseinkommens zu Wachstum und
Demokratie in den Entwicklungsländern bei als jede
andere Industrienation. Wir sind der größte Schuldner
der Vereinten Nationen und der internationalen
Finanzinstitutionen.
Unsere Ausgaben für internationale Angelegenheiten
machen kaum ein Prozent unseres Bundeshaushalts
aus. Würde dieser kleine Betrag noch weiter gekürzt,
würde unser Einfluß in der Welt abnehmen, nicht unser
Defizit. In seinem Bericht zur Lage der Nation hat
Präsident Clinton vergangene Woche erklärt: "Wenn
Amerika weiterhin die Welt anführen soll, müssen wir
hier, die Amerika anführen, einfach den Weg finden,
die Kosten dafür aufzubringen."
Der Antrag des Präsidenten für das Haushaltsjahr
1998, den er dem Kongreß vorgelegt hat, strebt die
Wiederherstellung unserer diplomatischen Einsatzbereitschaft an, einschließlich einer bescheidenen
Aufstockung der Mittel für die Operationen des Außenministeriums. Meiner Ansicht nach sind die gesamten
für internationale Angelegenheiten beantragten 19,45
Milliarden Dollar für die Bewahrung der amerikanischen Führungsrolle erforderlich. Ich bitte um Ihre
Unterstützung für diesen Etat. Dabei verpflichte ich
mich, meinen Beitrag zu leisten und bin zur engeren
Zusammenarbeit mit Ihnen entschlossen um zu
gewährleisten, daß das amerikanische Volk den vollen
Wert jedes für unsere Diplomatie ausgegebenen
Dollars erhält.
Herr Vorsitzender, ich möchte heute mit Ihnen den
entstehenden Rahmen für die dauerhafte amerikanische Führungsrolle in der Welt erörtern und Teile
unseres Haushaltsantrags hervorheben, die diese
Rolle unterstützen werden. Dieser Rahmen enthält
Maßnahmen, Massenvernichtungswaffen zu kontrollieren, gefährliche regionale Konflikte zu verhindern
oder beizulegen, die Vereinigten Staaten als zentralen
Ausgangspunkt einer expandierenden Weltwirtschaft
zu bewahren sowie die grundlegenden Prinzipien der
Demokratie und Respektierung der Rechtsstaatlichkeit
zu fördern. Diese Ziele werden wir jedoch nicht
erlangen, wenn wir nicht auch unsere Bündnisse
stärken können und unsere wichtigsten bilateralen
Beziehungen gut pflegen.
Eine Führungsrolle mit Schlüsselpartnern
Unsere Beziehungen zu den führenden Mächten der
Welt verbinden nicht nur die amerikanische Diplomatie,
sondern auch das gesamte internationale System.
Indem sie zusammen handeln, können die führenden
Nationen den generellen Standard des internationalen

AMERIKA DIENST 04

�Verhaltens anheben, wirtschaftlichen und sozialen
Fortschritt ankurbeln und die Rechtsstaatlichkeit
stärken.
Am Samstag, dem 15. Februar werde ich eine Reise in
einige der wichtigsten Hauptstädte Europas und
Asiens antreten. Der Zweck meiner Besuche besteht
darin, persönliche Kontakte zu den Politikern dieser
Länder zu knüpfen oder zu erneuern und die gesamte
Bandbreite der uns konfrontierenden drängenden
Themen zu erörtern. Ich möchte keine neuen Abkommen abschließen, sondern Gedanken austauschen und eine starke Grundlage für erweiterte
Zusammenarbeit, insbesondere in dem vor uns
liegenden Jahr, schaffen.
Wenn die grundlegende Lektion dieses Jahrhunderts
tatsächlich lautet, daß Amerika eine Führungsrolle
übernehmen muß, dann ist eines der wichtigsten
Korollare, daß wir eine europäische Macht bleiben
müssen. Wir haben ein Interesse an der Sicherheit
Europas, denn seit der Gründung unserer Republik
wissen wir, daß der Atlantische Ozean keine uneinnehmbare Barriere für unsere Verteidigung ist. Wir
haben ein Interesse am Wohlstand Europas, weil
unser eigener Wohlstand schon immer in hohem Maße
von unserem transatlantischen Handel und Investitionen abhing. Und wir haben ein Interesse an der
Freiheit Europas, weil es der Triumph der Demokratie
auf jenem Kontinent war, der den Kalten Krieg beendete.
Heute ist die amerikanische Führungsrolle in Europa
solide. Amerika hat den Weg zur Wiederbelebung der
NATO angeführt, das Blutvergießen in Bosnien
beendet, Unterstützung für die russische Demokratie
mobilisiert und ist für die Unabhängigkeit der neuen
demokratischen Nationen Europas eingetreten. Jetzt
stehen wir kurz vor der Realisierung des am schwersten faßbaren Traums dieses Jahrhunderts - eines
integrierten, stabilen und demokratischen Europas.
Um unser Ziel vollständig zu erreichen, müssen wir
drei Herausforderungen bewältigen: Wir müssen eine
neue und größere NATO schaffen und gleichzeitig die
Integration aller neuen Demokratien des Kontinents
fördern. Wir müssen enge und konstruktive Partnerschaften mit Rußland und der Ukraine aufbauen. Und
wir müssen die Demokratie fördern, die Stabilität
bewahren und die Spannungen in ganz Südosteuropa
entschärfen - insbesondere im ehemaligen Jugoslawien.
1994 schlug Präsident Clinton ein von unseren
Verbündeten angenommenes Programm zur Anpassung der NATO an neue Herausforderungen vor.
Diese Bestrebungen werden beim NATO-Gipfeltreffen
im Juli in Madrid einen neuen Meilenstein setzen. Bei
dem Gipfel wird das Bündnis mehrere Nationen zur
Aufnahme von Verhandlungen über ihren NATOBeitritt einladen und wichtigen Veränderungen der

AMERIKA DIENST 04

inneren Struktur der NATO zustimmen. Die zum
NATO-Gipfel führenden Verhandlungen werden zu den
ehrgeizigsten und komplexesten in der Geschichte des
Bündnisses gehören. In den kommenden Monaten
werden Regierungsvertreter dem Kongreß und dem
amerikanischen Volk darlegen, warum die neue,
größere NATO unsere elementaren Interessen fördern
wird.
Im Grunde ist es folgendermaßen: Vor fünfzig Jahren
vereinte die Gründung der NATO neue Demokratien,
überwand alten Haß, kurbelte den wirtschaftlichen
Wiederaufbau an und verhinderte künftige Konflikte.
Was die NATO damals für den Westen Europas getan
hat, kann sie jetzt für den Osten Europas tun - die
Region, in der die beiden globalen Kriege des Jahrhunderts und der Kalte Krieg begannen. Der Prozeß
der Erweiterung hat bereits die Beilegung historischer
Differenzen zwischen Ungarn und Rumänien,
Deutschland und der Tschechischen Republik sowie
Polen und der Ukraine ermutigt. In der Zukunft kann er
unser Vertrauen vertiefen, daß es kein zweites Bosnien geben wird, die demokratischen Revolutionen von
1989 Bestand haben werden und eine Teilung Europas wie im Kalten Krieg nicht in irgendeiner neuen und
gefährlichen Form wiederauftritt.
Das versuchen wir zu verwirklichen. Ebenso wichtig
ist, was wir zu verhindern versuchen. Denn es gibt nur
zwei reale Alternativen zur Erweiterung. Wir könnten
das Bündnis durch eine NATO mit dem kleinsten
gemeinsamen Nenner ersetzen, die alle einbezieht
und niemandem Verpflichtungen auferlegt. Das würde
die NATO abwerten und degradieren. Oder wir
könnten die Erweiterung auf unbestimmte Zeit verschieben und die NATO-Mitgliedschaft entlang der
Grenze des Kalten Krieges einfrieren. Das würde nicht
nur eine permanente Ungerechtigkeit schaffen,
sondern auch eine permanente Quelle von Spannung
und Unsicherheit im Herzen Europas.
Während wir Fortschritte erzielen, müssen wir natürlich
auch sicherstellen, daß keine neuen Trennlinien durch
Europa gezogen werden. Aus diesem Grund stärken
wir die Partnerschaft für den Frieden der NATO, und
aus diesem Grund ist unsere finanzielle Unterstützung
der Partnerschaft von elementarer Bedeutung. Aus
diesem Grund unterstützen wir die Erweiterung der EU
und die mutige Arbeit, die die OSZE von Tschetschenien bis Bosnien leistet. Aus diesem Grund ist
auch die Finanzierung im Rahmen des Gesetzes für
die Unterstützung der osteuropäischen Demokratien
(SEED Act) weiterhin entscheidend. Unsere Unterstützung hat Nationen von Estland bis zur Tschechischen
Republik geholfen, aufstrebende Demokratien zu
gründen und sich dadurch von unserem Programm
unabhängig zu machen. Aber in den noch instabilen
Demokratien wie Bulgarien und Rumänien wird Hilfe
immer noch dringend benötigt.

Seite 3

�Eine der obersten haushaltspolitischen Prioritäten des
Präsidenten ist die Initiative Partnerschaft für den
Frieden, die eine neue Phase unserer Hilfe für Rußland und die anderen Neuen Unabhängigen Staaten
einleitet. Die erste Phase befaßte sich mit der Einführung der elementaren Institutionen der Demokratie
und der Marktwirtschaft. Insgesamt war diese Hilfe
äußerst erfolgreich - insbesondere bei der Förderung
von Privatisierung, freien Wahlen und einer bürgerlichen Gesellschaft. Unsere Bestrebungen konzentrieren sich jetzt auf die Ankurbelung von Handel und
Investitionen, wodurch das Potential für langfristiges
Wachstum freigesetzt wird, das für die Umgestaltung
dieser Gesellschaften von zentraler Bedeutung ist.
Herr Vorsitzender, Rußland und viele seiner Nachbarländertreffen heute Entscheidungen, die monumentale
Konsequenzen für unsere Sicherheit und die Sache
der menschlichen Freiheit haben werden. Das steht
auf dem Spiel: Werden sie normale Demokratien mit
wachsenden Marktwirtschaften, die uneingeschränkter
Bestandteil der europäischen Hauptströmung sind?
Oder werden sie arme und isolierte, von Instabilität,
Korruption und Verbrechen geplagte Nationen? Das
sind keine Entscheidungen, die wir treffen können.
Aber wir können uns entscheiden, denjenigen in jeder
Gesellschaft zu helfen, die zur richtigen Entscheidung
entschlossen sind.
Zweifelsohne sind unsere Interessen klar: Ein starker
und permanenter demokratischer Prozeß in Rußland
und den anderen Neuen Unabhängigen Staaten wird
unsere Sicherheit erhöhen, beim Kampf gegen die
Weiterverbreitung behilflich sein, zur Bekämpfung des
internationalen Verbrechens beitragen, neue Wirtschaftschancen eröffnen und ein Klima dauerhafter
Stabilität in einer Region schaffen, die so lebenswichtig
für unsere Zukunft ist wie sie zentral für unsere
Vergangenheit war.
Wir verstehen, daß Rußland die NATO-Erweiterung
ablehnt und erwarten nicht, daß sich das ändert. Wir
müssen die legitimen Anliegen Rußlands ansprechen,
aber es liegt nicht in unserem Interesse, einen Prozeß
zu verschieben oder aus dem Gleis zu bringen, der
zum Aufbau eines wiedervereinten Europas beiträgt.
Auf jeden Fall werden die von der NATO in Brüssel
und in den Hauptstädten unserer Verbündeten getroffenen Entscheidungen nicht das Schicksal der russischen Demokratie entscheiden. Das wird von der
Fähigkeit der russischen Politiker abhängen, die realen
Bedürfnisse ihres Volkes zu erfüllen sowie die wirtschaftliche Erholung und Erneuerung Rußlands zu
beschleunigen.
Die NATO kann und möchte Rußland zu unserem
vollwertigen Partner beim Aufbau eines geeinten und
friedlichen Europas machen. Die NATO hat Rußland
eine offizielle Charta vorgeschlagen, die uns gemeinsame Kooperation, Konsultationen, Ausbildung und

Seite 4

Krisenreaktion gestatten wird. Wir haben stetige
Fortschritte zu diesem Ziel gemacht, das Hauptthema
meiner Gespräche in Europa sein wird.
Der Erfolg der neuen ukrainischen Demokratie ist
ebenfalls entscheidend für die Zukunft Europas. Von
den Neuen Unabhängigen Staaten war die Ukraine der
erste, der eine Machtübergabe von einer demokratisch
gewählten Regierung an die nächste erlebte. Vor
kurzem hat Präsident Kutschma ein mutiges Reformprogramm eingeleitet, das die Inflation eindämmte und
einen wirtschaftlichen Zusammenbruch verhinderte.
Unsere Beziehungen zur Ukraine gründen auf einem
soliden Fundament gemeinsamer Interessen, einschließlich dem Streben nach einem sichereren und
integrierteren Europa. Ebenso wie mit Rußland haben
wir eine binationale Kommission gegründet, der auf
unserer Seite Vizepräsident Gore vorsitzt, und eine
Tagesordnung für Zusammenarbeit bei einem breiten
Spektrum wichtiger Themen festgelegt.
Die größte Probe für Europas Fähigkeit, gemeinsam im
Namen der europäischen Sicherheit zu handeln, ist
heute Bosnien, wo die NATO und Nichtmitgliedstaaten
der NATO gleichermaßen das Abkommen von Dayton
umsetzen. Die IFOR hat ihre Mission in Bosnien
brillant ausgeführt, aber für die politische Aussöhnung
und den wirtschaftlichen Wiederaufbau wird noch mehr
Zeit benötigt. Die SFOR wird Bosnien die Chance
geben, den neuen Frieden des Landes tragfähig zu
machen. Unsere Strategie besteht in der weiteren
Verringerung der Notwendigkeit für eine internationale
militärische Präsenz durch die Schaffung eines
stabilen militärischen Gleichgewichts, Verbesserung
der Rechtsinstitutionen, die sichere Rückführung der
Menschen in ihre Heimat und die Sicherstellung, daß
mehr der Kriegsverbrechen Beschuldigte verhaftet und
angeklagt werden.
In Bosnien besteht die unmittelbare Aufgabe in der
Entscheidung über den Status von Brcko und das
Datum für Kommunalwahlen - beides sind Meilensteine
beim Abschluß der Umsetzung des Abkommens von
Dayton. Über Bosnien hinaus werden wir weiterhin
klarstellen, daß die Nationen des ehemaligen Jugoslawiens Europa nur als freie und offene Gesellschaften wieder beitreten können.
In den vergangenen 13 Monaten haben praktisch alle
Nationen in Europa zusammengearbeitet, um der
instabilsten Region des Kontinents Hoffnung zu
bringen. Unsere Herausforderung besteht in der
Ausweitung dieses Geistes der Zusammenarbeit auf
alle Bande, die unsere neue atlantische Gemeinschaft
verknüpfen.
Herr Vorsitzender, dieses Jahrhundert hat uns gelehrt,
daß die elementaren Interessen der Vereinigten
Staaten untrennbar mit denen Europas verbunden
sind, aber es hat uns auch gezeigt, daß unsere

AMERIKA DIENST 04

�Sicherheit und unser Wohlstand ebenso von den
Ereignissen in Asien abhängen. In der Tat sind die
Vereinigten Staaten seit der Jahrhundertwende eine
pazifische Macht. In den vergangenen sechs Jahrzehnten haben wir drei Kriege in Asien geführt. Seit
dem Zweiten Weltkrieg sind wir in der asiatischpazifischen Region aktiv engagiert, und in den letzten
Jahren hat unsere Führungsrolle zum Aufschwung
vieler der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt
beigetragen. Darüber hinaus hat es von Südkorea bis
zu den Philippinen und von der Mongolei bis nach
Thailand und Taiwan stetige Fortschritte bei Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit gegeben
- Entwicklungen, die das universelle Streben nach
Freiheit hervorheben.
Präsident Clinton hat Asien neue Bedeutung in unserer
Außenpolitik eingeräumt. Gemeinsam mit unseren
Partnern haben wir mit dem Aufbau der asiatischpazifischen Gemeinschaft begonnen. Wir öffnen
Märkte für amerikanische Waren, Dienstleistungen und
Kapital - sowohl bilateral als auch durch das Forum für
asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit
(APEC). Wir stärken unsere wichtigsten Bündnisse
und behalten unsere Vornestationierung von 100.000
Soldaten im Westpazifik aufrecht. Wir unterstützen
neue multilaterale Sicherheitsdialoge wie das ASEANRegionalforum. Und wir unterstützen weiterhin neue
Demokratien und unterstreichen die Bedeutung der
Achtung von Menschenrechten.
Unser Bündnis mit einem demokratischen und wohlhabenden Japan ist einer der großen Erfolge der
Nachkriegszeit. Heute arbeiten unsere beiden Nationen bei einer Vielzahl bilateraler, regionaler und
globaler Themen zusammen. Wir haben unsere
militärischen Verbindungen durch die Sicherheitserklärung des vergangenen Jahres untermauert und
durch die seit 1993 ausgehandelten beispiellosen 22
Handelsabkommen größeres Gleichgewicht in unsere
Wirtschaftsbeziehungen gebracht.
Mit unserer
ehrgeizigen Gemeinsamen Tagesordnung sprechen
wir komplexe globale Probleme wie AIDS, Umweltverschmutzung und nicht tragfähiges Bevölkerungswachstum an. Und gemeinsam unterstützen wir die
Demokratie in Haiti und Rußland sowie Frieden in
Bosnien und im Nahen Osten.
Wir kooperieren mit Japan und einem anderen wertvollen Verbündeten, der Republik Korea, bei der Umsetzung des Rahmenabkommens, mit dem Nordkoreas
Nuklearwaffenprogramm eingefroren wird. In den
vergangenen Wochen haben wir eng mit der südkoreanischen Regierung zusammengearbeitet, um die
Spannungen mit dem Norden zu entschärfen und
erneute Dynamik für den Friedensprozeß zu gewinnen. Ich bitte um Ihre Unterstützung für die Finanzierung
der Energieentwicklungsorganisation der koreanischen
Halbinsel (KEDO) im Haushaltsjahr 1998, die für diese
erneute Dynamik entscheidend sein wird. Die Ver-

AMERIKA DIENST 04

einigten Staaten leisten zur Zeit die höchsten Beiträge
für die KEDO. Aber in Zukunft werden Japan und die
Republik Korea uns mit der Finanzierung des Baus
von zwei Leichtwasserreaktoren für Nordkorea bei
weitem in den Schatten stellen. Wir werden auch
weiterhin auf die Verwirklichung des Vorschlags der
Präsidenten Clinton und Kim zu Vierparteiengesprächen über die Herbeiführung eines dauerhaften
Friedens auf der Halbinsel drängen.
Chinas Entwicklung zu einer Weltmacht und die
Evolution seiner Beziehungen zu anderen Nationen
werden großen Einfluß auf die Geschichte unseres
Zeitalters haben. Aus diesem Grund müssen wir
unsere Bande erweitern, und aus diesem Grund
ermutigen wir die aktive und verantwortungsvolle
Beteiligung Chinas an der internationalen Staatengemeinschaft. Unsere beiden Nationen teilen viele
gemeinsame Interessen und haben bereits bei vielen
Themenkomplexen zusammengearbeitet - darunter die
nordkoreanische Halbinsel, internationales Verbrechen, Atomtests und die globale Umwelt. Gleichzeitig haben wir beträchtliche Differenzen bei Handel,
Waffentransfers und Menschenrechten.
Wir haben bedeutende Interessen in Hongkong, das
auf der Liste unserer wichtigsten Handelspartner an
13. Stelle steht. China wird bald die Souveränität über
Hongkong wiedererlangen, aber Hongkong wird seine
Verbindungen zu unserer Nation und der Welt nicht
abbrechen. Wir erwarten von China, daß das Land
den Wortlaut und Geist seines Abkommens mit
Großbritannien über die Rückgabe Hongkongs erfüllt.
In diesem Abkommen hat China sich zur Beibehaltung
von Hongkongs offener Wirtschaft, der demokratischen Regierung, des ausgezeichneten Rechtssystems und der bürgerlichen Freiheiten verpflichtet.
Mit der Erfüllung dieser Verpflichtung wird China nicht
nur zur Sicherstellung der Zukunft Hongkongs beitragen, sondern auch die Position der Volksrepublik
stärken und zum eigenen wachsenden Wohlstand
beitragen. Ich sehe Gesprächen über dieses Thema
während meines bevorstehenden Besuchs in Peking
und anderen Hauptstädten erwartungsvoll entgegen.
Obwohl unsere Interessen erfordern, daß wir weiterhin
starke Beziehungen zu Europa und Asien unterhalten,
sind wir zuallererst eine gesamtamerikanische Nation.
Die westliche Hemisphäre war nie zuvor freier oder
wohlhabender. Und nie zuvor waren unsere Beziehungen zu unseren lateinamerikanischen und karibischen Nachbarn so stark. Als die Demokratiebewegung in Haiti bedroht war, haben wir durch unser
entschlossenes Handeln die legitime Regierung wieder
ins Amt eingeführt. Und als die freien Märkte durch die
Finanzkrise in Mexiko bedroht waren, bedurfte es
unserer Führungsrolle zur Wiederherstellung des
Vertrauens.

Seite 5

�Die Rückzahlung unseres Kredits für Mexiko drei
Jahre vor dem Termin hat Präsident Clintons mutige
Entscheidung gerechtfertigt und uns Vertrauen in die
Fähigkeit unseres Nachbarlandes gegeben, harte,
aber notwendige Maßnahmen zu ergreifen. Wir
ermutigen nach wie vor weitere politische und wirtschaftliche Reformen in Mexiko, einem Land, mit dem
uns eine 2.000 Meilen lange Grenze und viele gemeinsame Interessen verbinden - einschließlich der
Bekämpfung von Verbrechen, Drogenhandel, illegaler
Migration und Umweltzerstörung. Der Präsident und
ich werden auch in Zukunft unsere Verbündeten und
Freunde drängen, gemeinsam mit uns die Diktatur in
Kuba zu isolieren. In Südamerika wurde die Stärke
unserer Beziehungen zu Argentinien, Brasilien und
Chile durch die Zusammenarbeit unserer vier Nationen
zur Beendigung der Grenzstreitigkeiten zwischen
Ecuador und Peru unter Beweis gestellt. In der gesamten Hemisphäre müssen wir weiterhin den Geist
der Zusammenarbeit des historischen gesamtamerikanischen Gipfels in Miami vor zwei Jahren fördern.
Eine Führungsrolle zur Kontrolle todbringender
Waffen
Herr Vorsitzender, dank der amerikanischen Führungsrolle hat die Welt wichtige Fortschritte bei der
Kontrolle von Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen gemacht. Die Zeit bis zum Jüngsten
Tag, die einst so nahe schien, wurde verlängert. Zum
ersten Mal seit dem Beginn des Nuklearzeitalters sind
keine russischen Raketen auf die Vereinigten Staaten
gerichtet und keine amerikanischen Raketen auf
Rußland. Die Nuklearwaffen wurden aus Belarus,
Kasachstan und der Ukraine abgezogen. Die Nuklearfähigkeit des Irak wurde beseitigt und die Nordkoreas
eingefroren.
Der Nichtverbreitungsvertrag wurde
unbegrenzt und bedingungslos verlängert und der
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot verabschiedet.
Trotz dieser Fortschritte ist die Gefahr noch lange nicht
gebannt. Aus diesem Grund bleiben Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung nach wie vor ein grundlegender Bestandteil unseres außenpolitischen Rahmens, und aus diesem Grund ist unsere weitere
Unterstützung des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung sowie der Internationalen AtomenergieOrganisation ein wichtiger Bestandteil unseres Haushalts.
Unser unmittelbarstes Gebot der Rüstungskontrolle ist
die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention, oder
CW-Konvention, vor ihrem Inkrafttreten Ende April.
Wie Sie wissen, wurde die CW-Konvention von den
Reagan- und Bush-Administrationen ausgehandelt und
im Januar 1993 von Außenminister Lawrence Eagleburger unterzeichnet. Sie erfreut sich breiter Unterstützung unserer beiden Parteien, des Militärs und der
Unternehmen. Wie jedes Rüstungskontrollabkommen

Seite 6

ist die CW-Konvention kein Allheilmittel. Aber sie wird
ein mächtiges Instrument sein, die uns feindlich
Gesinnten von der Entwicklung oder Beschaffung von
Chemiewaffen abzuhalten. Die Verabschiedung der
Konvention würde alle unsere Bürger sicherer und es
weniger wahrscheinlich machen, daß unsere Streitkräfte auf dem Gefechtsfeld mit Chemiewaffen konfrontiert werden.
Wir haben auch noch andere Prioritäten. Wir streben
die rasche Verabschiedung des Flankenabkommens
zum Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa
(KSE) an, das den KSE-Vertrag stärken und dadurch
die Sicherheit in Europa verbessern wird. Wir werden
mit Rußland zusammenarbeiten, um die baldige
Ratifizierung des START Il-Vertrags durch die Duma
sicherzustellen und dann Verhandlungen über weitere
Reduzierungen unserer Nukleararsenale aufzunehmen. Und wir werden weiterhin ein globales Abkommen über das Verbot von Einsatz, Lagerung,
Herstellung und Transfer von Antipersonenminen
anstreben.
Schließlich ergreifen wir zusätzlich zur Chemiewaffenkonvention wichtige Schritte, die verhindern sollen,
daß Massenvernichtungswaffen von denjenigen
beschafft werden, die zu ihrem Einsatz versucht sein
könnten. Wir arbeiten darauf hin, die Sicherheit zu
verbessern und das Umleiten von spaltbarem Material
zu verhindern. Wir haben die anderen 32 führenden
Waffenlieferanten im Wassenaar-Abkommen überzeugt, nicht mit Waffen oder anderen sicherheitsempfindlichen Technologien mit dem Iran und anderen
Ländern zu handeln, die erwiesenermaßen internationale Normen mißachten. Und wir bestehen auf der
Beibehaltung harter Sanktionen gegen den Irak, bis er
die entsprechenden Resolutionen des Sicherheitsrats
einhält.
Eine Führungsrolle bei der Unterstützung des
Friedens
Herr Vorsitzender, aufgrund der einzigartigen Fähigkeiten und der beispiellosen Macht der Vereinigten
Staaten blickt die Welt häufig auf uns, um Konflikte zu
beenden und auf Krisen zu reagieren. Unsere oberste
Verpflichtung ist jedoch der Schutz unserer eigenen
Bürger.
Wir haben begrenzte Ressourcen und
umfassende - aber immer noch begrenzte - Interessen.
Um unsere Glaubwürdigkeit zu bewahren und schwierige Situationen zu vermeiden, müssen wir sorgfältig
mit unseren Verpflichtungen und selektiv bei unseren
Aktionen vorgehen.
Dennoch sind wir uns bewußt, daß es Situationen
geben wird, in denen unsere Interessen und die
unserer Verbündeten eine aktive amerikanische Rolle
erfordern. Wir verstehen auch, daß kleine Konflikte,
wenn man sich ihrer nicht annimmt, zu großen eskalieren können, die eine Gefahr für uns darstellen und

AMERIKA DIENST 04

�hätten verhindert werden können. Entsprechend
haben Präsident Clinton und Außenminister Christopher während der letzten vier Jahre unerschütterlich
den Frieden in den Regionen der Welt unterstützt, in
denen wir Interessen haben. Wir sind uns bewußt,
daß wir keine Lösungen aufzwingen, es den Verfechtern des Friedens jedoch erleichtern können, die
erforderlichen Risiken zu seiner Erlangung einzugehen.
Im Nahen Osten war das Abkommen vom vergangenen Monat über den Abzug der israelischen Streitkräfte aus Hebron ein außerordentlicher Erfolg für die
amerikanische Diplomatie. Die intensiven Verhandlungen trugen zu neuem Vertrauen zwischen den
Israelis und den Palästinensern bei. Das Abkommen
sieht nicht nur einen Plan für die Zukunft ihrer Beziehungen vor, sondern verleiht auch dem gesamten
Friedensprozeß neue Dynamik.
Ich beglückwünsche Ministerpräsident Netanjahu und
den PLO-Vorsitzenden Arafat zu ihrem Mut, das
Abkommen persönlich abzuschließen, und ich danke
König Hussein für seine wichtige Rolle dabei, diese
langwierigen Gespräche zu einem erfolgreichen Ende
zu bringen. Der ehemalige Außenminister Christopher
sowie der Sonderbeauftragte Dennis Ross und sein
Team verdienen großes Lob für ihre enormen Anstrengungen nicht nur beim Hebron-Abkommen,
sondern während der gesamten vergangenen vier
Jahre. Seien Sie versichert, daß ich das Engagement
der Vereinigten Staaten für eine aktive amerikanische
Rolle in dieser Region von elementarer Bedeutung für
unsere Interessen uneingeschränkt fortsetzen werde.
Um die durch das Hebron-Abkommen ausgelöste
Dynamik zu bewahren, haben wir eine dreigliedrige
Tagesordnung festgelegt. Erstens werden wir dauerhafte Fortschritte zwischen den Israelis und Palästinensern unterstützen. Zweitens werden wir nach
Wegen suchen, um die Verhandlungen zwischen
Israel und Syrien sowie zwischen Israel und Libanon
voranzubringen. Und drittens werden wir andere
arabische Staaten zur Erweiterung ihrer Verbindungen
zu Israel ermutigen. Um all diese Bestrebungen
unterstützen zu können, müssen wir unser derzeitiges
Niveau bilateraler Hilfe für Israel, Ägypten, Jordanien,
das Westjordanland, Gaza und Libanon aufrechterhalten.
Wie Sie wissen, werden Ministerpräsident Netanjahu
und der PLO-Vorsitzende Arafat Washington in Kürze
besuchen, und Präsident Mubarak und König Hussein
werden nächsten Monat kommen. Unter Präsident
Clintons Führung werden wir weiterhin einen sicheren,
umfassenden und dauerhaften Frieden zwischen Israel
und seinen arabischen Nachbarn anstreben. Bei all
unseren Bestrebungen werden wir von der unerschütterlichen Verpflichtung der Vereinigten Staaten zur
Sicherheit Israels und von unserer ebenso starken

AMERIKA DIENST 04

Ablehnung derjenigen geleitet sein, die Gewalt und
Terror zur Abschreckung des Friedens einsetzen
würden.
In Zypern ist der seit langem bestehende Konflikt
zwischen dem türkischen und griechischen Teil nach
wie vor ungelöst. Die zunehmende Gewalt auf der
Insel im letzten Jahr vereitelte die Versuche zur
Wiederaufnahme der Verhandlungen, beleuchtete
jedoch auch schlaglichtartig die dringende Notwendigkeit einer dauerhaften Lösung. Der Disput teilt natürlich mehr als die beiden zypriotischen Gemeinden - er
wirkt weiterhin als Keil zwischen den NATO-Verbündeten Türkei und Griechenland. Dabei bedroht er die
europäische Sicherheit und unsere elementaren
Interessen. Entsprechend sind die Vereinigten Staaten
bereit, eine größere Rolle bei der Förderung einer
Lösung des Konflikts zu spielen. Damit solche Bestrebungen jedoch Früchte tragen können, müssen die
Parteien konkreten Schritten zustimmen, die die
Spannungen entschärfen, Vertrauen aufbauen und
produktive Verhandlungen möglich machen.
In Nordirland fühlen wir uns durch die Aufnahme der
Mehrparteiengespräche im Juni vergangenen Jahres
ermutigt, sind jedoch über den Mangel an Fortschritten
enttäuscht. Dennoch erkennen wir die historische
Bedeutung der Zusammenkunft von nationalistischen
und unionistischen Vertretern sowie der britischen und
irischen Regierung an einem Verhandlungstisch an.
Wie bedauern den erneuten Einsatz von Gewalt durch
die IRA und unterstützen die Entscheidung, die Sinn
Fein von den Gesprächen auszuschließen, bis die IRA
wieder einen unmißverständlichen und dauerhaften
Waffenstillstand herstellt.
Ich beglückwünsche
Senator Mitchell sowie seinen kanadischen und
finnischen Kollegen zu ihrer entschlossenen Führungsrolle bei den Verhandlungen. Wir werden zweifelsohne hart auf einen Durchbruch in den kommenden
Monaten hinarbeiten.
In Zentralafrika arbeiten wir mit den regionalen Politikern und unseren Verbündeten zusammen, um weitere
Tragödien in diesem von Genozid, Flüchtlingen und
Krieg heimgesuchten Gebiet zu verhindern. In Ruanda
sind die meisten Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt, aber wir werden weiterhin unseren Beitrag zur
Nothilfe leisten, bis die verbliebenen Flüchtlinge
reintegriert sind. In Burundi fordern wir die Regierung
und die Rebellen auf, den Waffenstillstand auszurufen
und ernsthafte Gespräche über die nationale Aussöhnung aufzunehmen. Und in Zaire sind wir zutiefst
besorgt über die jüngsten Anzeichen einer Wiederaufnahme der schweren Kämpfe im östlichen Teil des
Landes. Wir halten unsere Unterstützung für eine
Lösung des Konflikts auf der Grundlage der Anerkennung der territorialen Integrität Zaires und der
uneingeschränkten Respektierung der Menschenrechte aufrecht.

Seite 7

�Angesichts der andauernden Krise in Zentralafrika
werden wir unserem Vorschlag einer afrikanischen
Krisenreaktionstruppe (ACRF) Priorität einräumen.
Die ACRF wäre eine stehende Streitmacht für die
Ausführung friedenssichernder Missionen in Afrika.
Die internationale Staatengemeinschaft würde die
Ausbildung und das Gerät, die afrikanischen Nationen
selbst würden jedoch die Soldaten und Befehlshaber
bereitstellen.

rangen um einen ausgewogenen Ansatz zum Nahen
Osten. Wir verurteilten den Abschuß unbewaffneter
Flugzeuge durch Kuba. Wir genehmigten die friedenssichernden Missionen, die in Angola, Haiti, Ostslavonien, der ehemaligen jugoslawischen Republik
Mazedonien und andernorts gut funktioniert haben.
Wir haben ein Kriegsverbrechertribunal gegründet und
diplomatische Schritte eingeleitet, um einen erneuten
Genozid in Zentralafrika zu verhindern.

Generell verbessern sich in Afrika die Aussichten auf
Demokratie und Wirtschaftswachstum. Viele der
neuen demokratischen Regierungen Afrikas erleichtern Wachstum durch Maßnahmen, die es Privatunternehmen gestatten, Fuß zu fassen, während
gleichzeitig öffentliche Mittel klug in Bildung, Gesundheitsfürsorge und Projekte zur Verbesserung der
Chancen von Frauen investiert werden. Wir werden
mit den demokratischen Politikern Afrikas zusammenarbeiten, um diese Trends zu erweitern und zu vertiefen. Aber erschreckende Probleme wie Verschuldung,
Konflikte, Umweltbelastung und unzureichende
Investitionen bleiben bestehen. Es liegt in unserem
Interesse, den afrikanischen Politikern bei der Überwindung dieser Probleme behilflich zu sein und einen
wohlhabenderen, demokratischen und stabilen
Kontinent aufzubauen. Wir werden die Integration
Afrikas in die Weltwirtschaft fördern und einzelnen
Ländern, wenn wir können, durch gezielte bilaterale
Hilfsprogramme helfen.

In der Generalversammlung und anderen UN-Gremien
sowie ihren Sonderorganisationen wird ein Großteil der
internationalen Verhandlungen geführt. Die Einhaltung
der nuklearen Sicherheitsbestimmungen wird verifiziert; Bestrebungen zur Beendigung der Ausbeutung
von Kindern werden durchgeführt; man kümmert sich
um Flüchtlinge; epidemische Krankheiten werden
eingedämmt und Normen eingeführt, die amerikanischen Unternehmen den Export von Waren in
Milliardenhöhe gestatten. Dies ist nur ein Beispiel. Wir
haben ein enormes Interesse an diesem System einem System, an dessen Gründung die Amerikaner
mehr als jede andere Nation beteiligt waren.

Die Vereinigten Staaten werden in Afrika und andernorts weiterhin eine nachhaltige Entwicklung unterstützen sowie humanitäre und Flüchtlingshilfe bereitstellen, wenn Krisen auftreten. Unsere begrenzten
Ressourcen sind jedoch ein großer Anreiz für uns,
andere Mechanismen zur Reaktion auf Notfälle und
Konflikte zu stärken, einschließlich Friedenssicherung,
Entwicklung und humanitärer Aktivitäten der Vereinten
Nationen. Der Präsident beantragt in diesem Jahr 100
Millionen Dollar und eine Vorschußbewilligung in Höhe
von 921 Millionen Dollar, die nächstes Jahr zur
Verfügung gestellt werden soll, um unsere Außenstände bei den Vereinten Nationen und anderen
internationalen Organisationen zu bezahlen. Unser
Ziel ist die Sicherstellung der kontinuierlichen amerikanischen Führungsrolle in diesen Organisationen und
die Zusammenarbeit mit anderen Mitgliedstaaten - in
Konsultationen mit dem Kongreß - bei weiteren UNReformen.
Herr Vorsitzender, dies ist ein Bereich, in dem es
zwingend geboten ist, gemeinsames Terrain zu
schaffen. Die amerikanische Führungsrolle in den
Vereinten Nationen ist von Bedeutung. Vier Jahre lang
hatte ich das Privileg, im Sicherheitsrat hinter einem
Schild zu sitzen, auf dem schlicht stand "Vereinigte
Staaten", und die amerikanischen Interessen zu
verteidigen. Während dieser Zeit hielten wir die
Sanktionen gegen Libyen und den Irak aufrecht. Wir

Seite 8

Jetzt sind wir an einem kritischen Punkt angelangt.
Wir sind mit unseren Beiträgen, die nach den Regeln
entrichtet werden müssen, denen unsere Nation vor
langer Zeit freiwillig zustimmte, in Milliardenhöhe im
Rückstand. Wir haben eine umfassende Tagesordnung für Reformen, die im Falle ihrer Verabschiedung diese Organisation bestens auf das 21. Jahrhundert vorbereiten würden. Wir haben einen neuen
Generalsekretär, der seine Unterstützung der Reformen eindeutig klargestellt hat, aber auch die Auffassung vertritt - wie es auch unsere Nation stets getan
hat - daß Verpflichtungen eingehalten werden sollten.
In den kommenden Tagen möchte ich mit Ihnen
zusammenarbeiten, um einen Weg zur Umsetzung des
Plans des Präsidenten zu finden. Unsere dauerhafte
Führungsrolle in den Vereinten Nationen hängt davon
ab. Unsere Prinzipien erfordern es. Unser Haushalt
gestattet es. Und unsere Interessen erfordern es.
Mißverstehen Sie mich nicht. Für diejenigen, die
eifersüchtig auf die amerikanische Füjirungsrolle sind
oder ihr feindselig gegenüberstehen, sind diese
Außenstände eine offene Einladung, Amerika zur
Strecke zu bringen. Wir müssen dieses Thema hinter
uns bringen und Fortschritte mit besseren internationalen Organisationen erzielen, die von starken und
respektierten Vereinigten Staaten angeführt werden.
Eine Führungsrolle in der Weltwirtschaft
Herr Vorsitzender, kurz nach seiner Amtsübernahme
1993 erklärte Präsident Clinton, "wir müssen uns dem
Wettbewerb stellen und dürfen uns nicht zurückziehen". Seitdem wurden dank der von ihm übernommenen Führungsrolle bei der Schaffung von Arbeits-

AMERIKA DIENST 04

�platzen für Amerikaner im Inland durch die Öffnung
von Märkten im Ausland spektakuläre Erfolge erzielt.
Wir haben mehr als 200 Handelsvereinbarungen
unterzeichnet und unsere Handelsgesetze entschlossen umgesetzt. Wir haben das NAFTA verabschiedet
und die Uruguay-Runde des GATT zum Abschluß
gebracht. Wir sind beim Gipfel von Miami die Verpflichtung eingegangen, die Verhandlungen über eine
Freihandelszone auf dem amerikanischen Kontinent
bis 2005 abzuschließen, und wir haben die Verpflichtung des APEC zur Erlangung freien und offenen
Handels im asiatisch-pazifischen Raum bis zum Jahr
2020 formuliert.

Auf den heutigen, von hartem Wettbewerb charakterisierten Weltmärkten müssen unsere Firmen oft mit
ausländischen Unternehmen konkurrieren, die aktive
Unterstützung durch ihre Regierung erfahren. Aus
diesem Grund muß und wird das US-Außenministerium alles in seiner Macht Stehende unternehmen um
sicherzustellen, daß amerikanischen Unternehmen
und Arbeitnehmern faire Behandlung widerfährt. Aus
diesem Grund bitte ich Sie um ihre fortgesetzte
Unterstützung für die Programme der Export-Import
Bank, die Gesellschaft für Privatinvestitionen in
Übersee (OPIC) und den Handels- und Entwicklungsrat.

Diese historischen Maßnahmen haben seit Anfang
1993 zu einer Erhöhung unserer Exporte um ein Drittel
sowie zur Schaffung von 1,6 Millionen neuen Arbeitsplätzen beigetragen. Noch wichtiger ist, daß die
Vereinigten Staaten unter dieser Administration zu
einem noch dynamischeren Mittelpunkt der Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert geworden sind.

Neben der Schaffung von Chancen für amerikanische
Unternehmen im Ausland müssen wir auch weiterhin in
den multilateralen Institutionen eine Führungsrolle
übernehmen, die eine Expansion der Weltwirtschaft
fördern. Ich bin zuversichtlich, daß unsere Unternehmen bei einem wirklich fairen Wettbewerb erfolgreich
sein können. Unsere Herausforderung besteht jedoch
darin sicherzustellen, daß das System fair bleibt. Das
erfordert harte Arbeit und Wachsamkeit. In der WTO
müssen wir solide Vorschriften ausarbeiten und ihre
entschlossene Durchsetzung gewährleisten - und wir
müssen weiterhin beharrlich unsere Unterstützung für
hohe Standards bei Arbeitsnormen, Geschäftspraktiken sowie beim Umweltschutz fortsetzen.

Wir dürfen uns jedoch nicht auf dem bisher Erreichten
ausruhen. Wir werden eng mit anderen Bundesbehörden zusammenarbeiten und unsere Dienststellen auf
der ganzen Welt dazu auffordern, bei unserer wirtschaftlichen Tagesordnung Fortschritte zu machen. In
unserer Hemisphäre werden wir den frühzeitigen
Beitritt Chiles zum NAFTA als gleichberechtigter
Partner sowie die Einbeziehung Zentralamerikas und
der Karibik in Vereinbarungen anstreben, die dem
NAFTA ähneln.
Im asiatisch-pazifischen Raum
werden wir sicherstellen, daß unsere Marktzugangsabkommen mit Japan und unsere mit China abgeschlossenen Vereinbarungen über das Recht auf
geistiges Eigentum vollständig umgesetzt werden.
Ferner werden wir größeren Zugang zu Schlüsselsektoren in China anstreben und mit diesem Land zusammenarbeiten, während es die erforderlichen
Veränderungen durchführt, die ihm eine Aufnahme in
die WTO zu ökonomisch vertretbaren Bedingungen
gestatten.
Und wir werden die amerikanische
Handels- und Investitionstätigkeit mit Indien ermutigen,
das seine bahnbrechenden Wirtschaftsreformen
fortsetzt.
In Europa bietet die von uns und unseren EU-Partnern
1995 unterzeichnete neue transatlantische Agenda
einen Plan für noch freieren und ungehinderteren
Handel. Wir werden die gemeinsam mit unseren
OECD-Partnern unternommenen Bestrebungen zur
Bekämpfung korrupter Handelspraktiken fortsetzen,
die einen Betrug an amerikanischen Unternehmen und
Arbeitnehmern darstellen und weltweit die Rechtsstaatlichkeit unterminieren. Und schließlich werden wir
mit unseren Partnern im Nahen Osten weiterhin an der
Stärkung der wirtschaftlichen Dimension des Friedensprozesses arbeiten.

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Wir dürfen nicht vergessen, daß die Entwicklungsländer weltweit die am schnellsten wachsenden Märkte
für amerikanische Unternehmen darstellen.
Wir
müssen diese Länder weiterhin zu einer umfassenden
Teilnahme an der Weltwirtschaft ermutigen. Wo es
möglich ist, sollten wir ihre Reformen durch unsere
bilaterale Entwicklungshilfe und die multilateralen
Entwicklungsbanken unterstützen. Für jeden Dollar,
den die Vereinigten Staaten beisteuern, verleiht die
Interamerikanische Entwicklungsbank 40 Dollar, die
asiatische Entwicklungsbank 80 Dollar und die Weltbank 135 Dollar.
Herr Vorsitzender, eine unserer wichtigsten Möglichkeiten, einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung zu
leisten, ist unsere Unterstützung für internationale
Familienplanung. Durch die Stabilisierung der Wachstumsraten der Bevölkerung können die Entwicklungsländer einen größeren Teil ihrer knappen Ressourcen
für die Deckung der Grundbedürfnisse ihrer Bürger
aufwenden. Zudem dienen unsere freiwilligen Familienplanungsprogramme
unseren
allgemeinen
Interessen, indem sie die Stellung der Frau verbessern, den Flüchtlingsstrom eindämmen, die Umwelt
schützen und Wirtschaftswachstum fördern. Aus
diesem Grund fordere ich den Kongreß zur Annahme
einer gemeinsamen Resolution vor Ende des Monats
auf, um den Bevölkerungsfonds des Amts für internationale Entwicklung (AID) für das Haushaltsjahr 1997
umgehend freizugeben. Wie der Präsident bereits
erklärte, wird eine weitere Verzögerung zu einem

Seite 9

�tragischen Anstieg von ungewollten Schwangerschaften, Schwangerschaftsabbrüchen und der
Sterblichkeitsrate von Müttern und Kindern führen.
Eine Führungsrolle zur Förderung von Freiheit und
Rechtsstaatlichkeit
Die Vereinigten Staaten wurden auf den Prinzipien der
Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und Freiheit nicht
nur für wenige, sondern für alle Menschen gegründet.
Herr Vorsitzender, als vor Tyrannei Geflohene halte ich
diese Prinzipien in Ehren. Ich kann Ihnen versichern,
daß ich mich als Außenministerin klar und deutlich
gegen eine Verletzung der Menschenrechte aussprechen werde, wo immer sie erfolgt. Darüber hinaus
werde ich mich für die Förderung von Demokratie
weltweit einsetzen. Demokratie ist nicht nur die beste
Garantie für Menschenrechte, sondern auch der
Ursprung von Frieden und Wohlstand. Aus diesem
Grund müssen wir die Unterstützung für unsere
Demokratieprogramme fortsetzen, die Wahlen,
politische Parteien, staatliche Institutionen, die bürgerliche Gesellschaft und die Rechtsstaatlichkeit in zahlreichen Entwicklungsländern stärken.
Die Vereinigten Staaten werden auch ihre Bestrebungen in Übersee zur Bekämpfung von internationalem
Verbrechen und Drogenhandel verstärken.
Mit
unserer Hilfe stärken viele Länder, die Drogen herstellen, ihre demokratischen Institutionen zum Schutz
vordem korrupten Einfluß von Kriminellen. Wir haben
wichtige Fortschritte erzielt: Mehr Drogenbarone denn
je befinden sich hinter Gittern; Peru, wo weltweit die
meisten Kokapflanzen angebaut werden, hat den
Anbau auf das niedrigste Niveau seit einem Jahrzehnt
verringert; und wir haben zahlreiche bilaterale Auslieferungsabkommen und Vereinbarungen über
gegenseitigen Rechtsbeistand ausgehandelt.
Bei unseren Bestrebungen zur Bekämpfung des
internationalen Terrorismus werden wir ebenfalls nicht
nachlassen. Unsere Politik ist klar: Wir machen den
Terroristen gegenüber keine Konzessionen; wir üben
Druck auf den Terrorismus fördernde Staaten aus; wir
unternehmen alles in unserer Macht Stehende, um
Terroristen vor den Richter zu bringen. Unter der
Führung Präsident Clintons mobilisieren wir weltweit
Unterstützung zur Bekämpfung der Kräfte des Terrors.
Gemeinsam mit unseren G-7-Partnern und Rußland
haben wir uns auf die Verbesserung der Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung auf vielen
Gebieten geeinigt - einschließlich des Schutzes für
Massenbeförderungsmittel, der Verbesserung der
Strafverfolgung, strengerer Grenzkontrollen, der
Behinderung der Finanzierung terroristischer Aktivitäten und der Ausarbeitung eines internationalen
Vertrags zur Verhinderung von Terroranschlägen.
Wir werden unsere starke Unterstützung für das
Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen für

Seite 10

Ruanda und den Balkan fortsetzen. Nach allen
Schrecken dieses Jahrhunderts wird die Geschichte
uns nicht vergeben, wenn wir nicht versuchen, die für
ethnische Säuberungen, Massenvergewaltigung und
andere Greueltaten Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Zu unseren Vorschlägen für Beiträge
zu den Friedenssicherungsaktivitäten der UNO zählt
die andauernde Unterstützung für diese Tribunale.
Herr Vorsitzender, ich möchte noch einen Punkt
anführen. Ich möchte deutlich machen, daß ich
Außenminister Christophers herausragende Initiative,
Umweltfragen in den Mittelpunkt der Außenpolitik zu
stellen, fortsetzen werde. Die Bedrohungen durch
Erderwärmung, Umweltverschmutzung, Entwaldung
und Verlust der Artenvielfalt mögen nicht so dramatisch sein wie die durch Nuklearwaffen oder die
Bomben von Terroristen. Aber wenn wir sie ignorieren, werden wir zweifellos mit Gesundheitsschäden,
dem Verlust von Arbeitsplätzen und der Verschlechterung unserer Lebensqualität dafür zahlen. Aus diesem
Grund müssen wir weiterhin Bande der Zusammenarbeit zum Schutz der Gesundheit und Produktivität
unseres gemeinsamen Erbes von Luft, Wasser und
Land schmieden.
Dies wird ein entscheidendes Jahr wird für den Schutz
der internationalen Umwelt sein. Unser Hauptziel
besteht im Abschluß eines Abkommens über die
nächsten Schritte im Kampf gegen die Erderwärmung
bis Dezember. Unter den Wissenschaftlern herrscht
Übereinstimmung, daß das Problem real und ernst ist.
Wir müssen schnell handeln, um die katastrophalen
Auswirkungen des Klimawandels zu verhindern einschließlich einem Anstieg des Meeresspiegels,
härteren Wetterbedingungen und der Ausbreitung
ansteckender Krankheiten. Im kommenden Jahr
werden die Vereinigten Staaten eine internationale
Aktion starten, um die Produktion einiger der giftigsten
Chemikalien der Welt zu verbieten. Obwohl sie in
unserem Land bereits verboten sind, werden diese
Chemikalien im Ausland immer noch hergestellt - und
können uns selbst dann schaden, wenn ihre Freisetzung in Luft und Wasser Tausende von Kilometern
entfernt erfolgt.
Schlußbemerkung
Verehrte Ausschußmitglieder, der Erfolg unserer
neuen Außenpolitik wird großenteils davon abhängen,
ob wir den Geist der Überparteilichkeit wiederbeleben
können, der nach dem Zweiten Weltkrieg vorherrschend war. Eine von beiden Parteien getragene
Außenpolitik ist von großer Bedeutung, denn sie
gestattet uns, auf der Weltbühne mit mehr Autorität zu
handeln, weil sie unsere Verbündeten zu größerer
Kooperationsbereitschaft anspornt, die Vorsicht
unserer tatsächlichen und potentiellen Gegner erhöht
und unsere Rolle als Modell für Demokratien und
Demokraten auf der ganzen Welt stärkt.

AMERIKA DIENST 04

�Eine von beiden Parteien getragene Politik ist für
unsere derzeit geteilte Regierung nicht nur geeignet,
sondern auch zeitgemäß. Das Ende des Kalten
Krieges hat bereits die innenpolitischen Aspekte der
amerikanischen Außenpolitik ebenso stark verändert
wie es die Weltpolitik verändert hat. Jetzt besteht in
unserer außenpolitischen Debatte die größte Kluft nicht
zwischen den beiden Parteien, sondern zwischen den
Befürwortern und den Gegnern des amerikanischen
Engagements. Die führenden Köpfe beider Parteien
sind sich der Notwendigkeit einer fortgesetzten
Führungsrolle der Vereinigten Staaten bewußt.

hinsichtlich des Haushalts 1998 für internationale
Angelegenheiten erzielen. Lassen Sie es mich noch
einmal wiederholen: Die Verabschiedung dieses
Haushalts ist von elementarer Bedeutung, wenn wir
die amerikanische Führungsrolle in der Welt aufrechterhalten wollen. Wir müssen der Erosion unserer
diplomatischen Ressourcen Einhalt gebieten, die seit
einigen Jahren unsere Außenpolitik behindert. Dieser
Haushalt gibt uns die Chance, diesen Prozeß einzuleiten. Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, machen wir uns an die Arbeit.
Vielen Dank.

Eine der ersten Bewährungsproben für eine überparteiliche Politik wird die Frage sein, ob wir Einigkeit
*

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�NATO

26. Februar 1997

NATO-Erweiterung: Warum größer besser ist
von Außenministerin Madeleine Albright

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen von US-Außenministerin Madeleine Albright
verfaßten Artikel, der erstmals in der Ausgabe des The Economist vom 15. Februar 1997 erschien.

Es ist eine alte diplomatische Tradition, daß amerikanische Außenminister ihre Amtszeit mit einem Besuch
bei unseren engsten Verbündeten und Partnern
beginnen. Daher werde ich diese Woche mit führenden europäischen und anschließend asiatischen
Politikern zusammentreffen, um eine gemeinsame
Tagesordnung aufzustellen. In praktisch allen diesen
Ländern sind die dominierenden Fragen des Tages ebenso wie in meinem Land - innenpolitischer Natur
und betreffen Kindererziehung, Unternehmensgründungen, Defizitabbau und den Kampf gegen die
Arbeitslosigkeit. In einer Zeit, in der auf unseren
Kontinenten relativer Friede herrscht, besteht die
Gefahr, daß die jahrzehntelange diplomatische Arbeit
und der Aufbau von Institutionen in Vergessenheit
geraten, die es der großen Mehrheit der Menschen
erst ermöglicht haben, sich mit innenpolitischen
Verbesserungen zu befassen anstatt mit dem nationalen Überleben.
Meine Botschaft bei dieser Reise lautet, daß wir zügig
unsere Arbeit tun müssen, wenn diese Ruhe andauern
und sich verbreiten soll, statt als schöne Zeit mit
tragischerweise verpaßten Chancen in die Geschichte
einzugehen. Diese Botschaft gilt in besonderer
Hinsicht für Europa. Heute ist dieser Kontinent nicht
länger zweigeteilt, aber Gefahren bleiben bestehen:
Von Bosnien bis Tschetschenien starben während der
letzten fünf Jahre mehr Europäer eines gewaltsamen
Todes als in den vergangenen 45 Jahren. Von
Serbien bis Belarus werden wir daran erinnert, daß die
demokratische Revolution in Europa noch nicht
abgeschlossen ist.
Dennoch liegt ein Ziel, das vor wenigen Jahren noch
utopisch erschien, in Reichweite: Ein friedliches und
ungeteiltes Europa, das partnerschaftlich mit den

AMERIKA DIENST 04

Vereinigten Staaten zusammenarbeitet und jede neue
Demokratie des Kontinents in unserer transatlantischen Gemeinschaft willkommen heißt.
Das ist zweifellos ein ehrgeiziges Ziel. Wir haben
jedoch zu seiner Erlangung gemeinsam bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Westeuropa steht kurz vor
der Wirtschafts- und Währungsunion. Die meisten der
am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften
Europas liegen östlich der Elbe. Rußland hat sich für
Demokratie und Marktwirtschaft entschieden und den
düsteren Prognosen über seine weitere Entwicklung
getrotzt. Eine unabhängige und auf fester demokratischer Grundlage ruhende Ukraine schließt sich Europa
an. Das entschlossene Vorgehen von Amerikanern
und Europäern hat den Kämpfen in Bosnien ein Ende
gesetzt. Die dortige Militärkoalition setzt sich aus so
vielen ehemaligen Gegnern zusammen, wie kein
Geschichtsstudent in nüchternem Zustand hätte
prognostizieren können: Frankreich und Deutschland,
Polen und Litauen, Türkei und Griechenland, Rußland
und die Vereinigten Staaten.
Viele Institutionen spielen bei diesen Bestrebungen
eine Rolle, und alle werden dieses Jahr auf eine harte
Probe gestellt. Die Europäische Union hat zugesagt,
daß sie sich erneut vergrößert und bald Entscheidungen trifft. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat Polen,
Ungarn und die Tschechische Republik aufgenommen;
jetzt blickt sie auf andere marktwirtschaftliche Demokratien einschließlich Rußlands. Die Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
fördert demokratische Standards, die die europäische
Integration ermöglichen - und sie geht in Bosnien
immer noch einen steinigen Weg.

Seite 1

�Aber es ist die NATO - der Dreh- und Angelpunkt der
europäischen Sicherheit und wichtigste Mechanismus
für das Engagement der Vereinigten Staaten in Europa
- die bei der Integration Europas führend ist. Sie
verändert ihre interne Struktur, um die Rolle Europas
aufzuwerten. Ihre Partnerschaft für den Frieden, in
deren Rahmen andere Länder gemeinsame Übungen
und Manöver mit dem Bündnis durchführen und
gemeinsam mit ihm planen und kooperieren können,
hat alte Gegner und lange Jahre neutrale Länder
zusammengebracht. Nach diesen Veränderungen ist
die Mitwirkung Frankreichs und Spaniens im Bündnis
stärker geworden. Die NATO ist jetzt attraktiver für
mehr Nationen, weil sie neue Herausforderungen in
Europa und darüber hinaus angeht. Die nächsten
sechs Monate werden zu den ehrgeizigsten und
schwierigsten in der Geschichte des Bündnisses
zählen.
Die Chance der NATO
Beim NATO-Gipfel im Juli dieses Jahres in Madrid
werden die führenden Politiker des Bündnisses die
internen Strukturen der NATO reformieren und mehrere Nationen zum Beitritt bis 1999 einladen. Präsident
Clinton und ich haben keine höhere Priorität als die
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten sowie mit
unseren Bürgern und dem Kongreß beim Aufbau
dieser neuen NATO. In Amerika wird es darüber
lebhafte Debatten geben, und das sollte auch so sein.
Aber ich bin zuversichtlich, daß das amerikanische
Volk und seine Vertreter zu der Überzeugung gelangen, daß eine neue und erweiterte NATO unserer
Sicherheit ebenso dient wie der Europas.
In der Debatte über die Zukunft der NATO wird die
Vergangenheit des Bündnisses allzu oft auf eine
eindimensionale Karikatur reduziert, die ihre Bedeutung für die heutigen Herausforderungen in Europa
unterschätzt. Zweifelsohne bestand während des
Kalten Krieges die Aufgabe der NATO in der Eindämmung der sowjetischen Bedrohung. Aber das war
nicht alles. Das Bündnis bot die Zuversicht und
Sicherheit, die zerrüttete Volkswirtschaften für ihren
Wiederaufbau benötigten. Es trug zur deutschfranzösischen Versöhnung bei und ermöglichte damit
die europäische Integration. Gemeinsam mit anderen
Institutionen führte es erst Italien, dann Deutschland
und schließlich Spanien wieder in die Familie europäischer Demokratien zurück. Es nahm der Verteidigungspolitik des Bündnisses den nationalen Charakter. Es stabilisierte die Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei. Und alles, ohne daß ein
Schuß abgegeben wurde.
Jetzt kann die neue NATO für Osteuropa tun, was die
alte NATO für Westeuropa geleistet hat: Überwindung
alten Hasses, Förderung von Integration, Schaffung
eines sicheren Umfelds für Wohlstand, Abschreckung

Seite 2

von Gewalt in der Region, in der zwei Weltkriege und
der Kalte Krieg begannen.
Allein die Aussicht auf eine NATO-Erweiterung verlieh
Zentral- und Osteuropa mehr Stabilität, als die Region
in diesem Jahrhundert erlebt hat. Ungarn löste seine
Grenz- und Minderheitenprobleme mit der Slowakei
und Rumänien. Polen überwand eine alte Kluft und
gründete gemeinsame Friedenssicherungsbataillone
mit der Ukraine und Litauen. In der gesamten Region
mobilisierte die Unterstützung für eine NATO-Mitgliedschaft politische Parteien jeder Couleur, die sich für
einen Beitritt zum Westen aussprachen. Ein Land
nach dem anderen stellte sicher, daß Soldaten von
Zivilisten ihre Befehle erhalten und nicht umgekehrt.
Um sich der NATO anschließen zu können, lösen
diese Staaten Probleme, die zu einem zweiten Bosnien
hätten führen können. Das ist das produktive Paradoxon im Herzen der NATO: Durch die Abgabe feierlicher Sicherheitsgarantien verringern wir tatsächlich die
Möglichkeit, daß unsere Truppen erneut in Kämpfe in
Europa verwickelt werden. Gleichzeitig gewinnen wir
neue Verbündete, die bestrebt und zunehmend fähig
sind, einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheitsagenda zu leisten - vom Kampf gegen den
Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis zur Sicherung von Stabilität in
Krisenregionen wie dem ehemaligen Jugoslawien.
Die NATO-Erweiterung beinhaltet reale Kosten - für die
Vereinigten Staaten, unsere Verbündeten und unsere
Partner. Aber die Kosten sind zumutbar und viele
würden auch unabhängig von einer Erweiterung
entstehen. Die Mitgliedschaft anstrebende Länder
müssen ihre Streitkräfte modernisieren - ungeachtet
dessen, ob sie Bündnismitglied sind oder nicht. In
einem unsicheren Zentraleuropa ohne Bindungen
wären die Militärausgaben wahrscheinlich noch höher.
Die Entscheidung gegen eine Erweiterung würde
ebenfalls Kosten beinhalten: Sie käme der Erklärung
gleich, daß die NATO weder die Herausforderungen
angehen noch die geographischen Gegebenheiten
eines neuen Europas akzeptieren will. Die NATO wäre
der Vergangenheit verhaftet und würde Belanglosigkeit
und sogar Zerfall riskieren. Diese Kosten können wir
nicht tragen.
Reaktion auf die Kritiker
Die NATO und ihre Mitgliedstaaten haben die Gründe
für eine Erweiterung dargelegt. Jetzt ist es für die
Kritiker höchste Zeit, eine vernünftige Begründung
dafür zu geben, warum sie trotz des tiefgreifenden
Wandels in Europa eine Politik versteinerter Unbeweglichkeit befürworten. Nachdem jetzt die Grenze
der Demokratie bis zu den entlegensten Orten Europas verschoben wurde, stellt sich die Frage nach der
Logik, die Ostgrenze der NATO dort einzufrieren, wo
sie gegenwärtig liegt - entlang der Linie, an der die

AMERIKA DIENST 04

�Rote Armee im Frühjahr 1945 Halt machte. Präsident
Clinton erklärte vor zwei Jahren in Prag: "Die Grenzen
der Freiheit sollten jetzt durch neues Verhalten, nicht
durch alte Geschichte definiert werden." Oder in
diesem Fall durch alte Denkweisen. Sie auf andere
Weise zu definieren, würde nicht nur dauerhaftes
Unrecht schaffen und die in diesem Jahrhundert auf
beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gebrachten
Opfer verhöhnen, sondern wäre auch eine ständige
Quelle von Spannungen und Unsicherheit im Herzen
Europas.
Manche Kritiker weisen darauf hin, daß kein potentielles NATO-Mitglied mit einer unmittelbaren militärischen
Bedrohung konfrontiert ist. Das stimmt. Aber dasselbe gilt auch für Italien. Oder Dänemark. Oder Großbritannien. Oder Island. Oder die Vereinigten Staaten.
Wenn die NATO nur für die Länder offenstünde, die
von aggressiven Nachbarn bedroht werden, käme
praktisch keines der derzeitigen Mitglieder für einen
Beitritt in Frage.
Wer die Frage stellt, "wo ist die Bedrohung?", erkennt
nicht den wirklichen Wert der NATO. Das Bündnis ist
kein Aufgebot von Sheriffs aus dem Wilden Westen,
das wir nur bei drohender Gefahr mobilisieren. Es ist
eine ständige Präsenz zur Förderung gemeinsamer
Unternehmungen und zur Verhinderung des Entstehens einer Bedrohung. Aus diesem Grund benötigen die derzeitigen Bündnismitglieder es immer noch,
und aus diesem Grund möchten ihm weitere Länder
beitreten. Die NATO braucht keinen Feind. Sie hat
dauerhafte Ziele.
Andere Kritiker behaupten, die Integration Europas
könne durch die EU erfolgen. Ferner argumentieren
sie, Zentraleuropa brauche Aktien und Wertpapiere,
nicht Waffenlager und Bomben. Sie haben sicherlich
Recht, daß die EU-Erweiterung von elementarer
Bedeutung ist. Obwohl die Vereinigten Staaten bei
diesem Prozeß kein Mitspracherecht besitzen, haben
sie großes Interesse daran, daß sie so schnell und
umfassend wie möglich erfolgt.
Die von der NATO gebotene Sicherheit war für den
Wohlstand, den die EU erwarten läßt, immer entscheidend.
Darüber hinaus verlangt die EU-Erweiterung von den derzeitigen und neuen Mitgliedern
enorme und komplexe Anpassungen von Subventionsschemata und Regelwerk. Wenn die NATO-Erweiterung schneller vonstatten gehen kann, warum
sollten wir dann so lange warten, bis die Tomatenbauern in Zentraleuropa die richtigen Pestizide einsetzen?
Und da die NATO im Unterschied zur EU eine transatlantische Institution ist, kann sie gewährleisten, daß
ein geeintes Europa weiterhin seine stärkste Bindung
zu Nordamerika hat. Die Frage lautet nicht, welcher
Institution starke Demokratien beitreten sollten,
sondern wann und wie sie zum Beitritt bereit sind.

AMERIKA DIENST 04

Ferner behaupten die Kritiker, eine NATO-Erweiterung
werde das nach dem Ende des Kalten Krieges entstandene Europa in gewisser Weise erneut spalten.
Ganz im Gegenteil! Das Bündnis hat eine Vielzahl von
Schritten unternommen um sicherzustellen, daß das
Ausradieren alter Trennlinien keine neuen auf der
Landkarte hinterläßt. Die NATO stärkt die Partnerschaft für den Frieden, bezieht die Ukraine und
Rußland ein und gibt jeder neuen Demokratie unabhängig davon, ob sie dem Bündnis früher oder
später oder überhaupt nicht beitritt - im Rahmen des
dieses Frühjahr zu gründenden Atlantischen Partnerschaftsrats ein Mitspracherecht im Hinblick auf ihre
Zukunft.
Natürlich muß die Erweiterung der NATO mit den
stärksten Kandidaten anfangen; andernfalls wäre sie
gar nicht möglich. Aber wenn wir sagen, daß die
ersten neuen Mitglieder nicht die letzten sind, meinen
wir das auch. Und wir erwarten von den neuen
Mitgliedern, die Stabilität nach Osten zu exportieren
anstatt die Erweiterung als ein Wettrennen anzusehen,
auf Kosten der eigenen Nachbarn nach Westen zu
entkommen.
Der Kern dieser Herausforderung - und eine der
wichtigsten Aufgaben der NATO - besteht im Aufbau
einer engen und konstruktiven Partnerschaft mit
Rußland. Das erfordert Vision und politischen Willen.
Es verlangt, die Klischees aus der Zeit des Kalten
Krieges aufzugeben und die europäische Sicherheit
nicht länger als Nullsummenspiel zu betrachten.
Die NATO-Erweiterung erfolgt nicht als Reaktion auf
eine neue russische Bedrohung. Beweggrund ist das
Gebot der Schaffung eines integrierten Europas - das
Rußland ein- und nicht ausschließt. Das Ziel der
Erweiterung besteht darin, Zentral- und Osteuropa einer Region, deren zukünftige Stabilität der Schlüssel
zur Zukunft Europas als Ganzes ist - dieselbe Art von
Sicherheit zu geben, die in Westeuropa bereits
selbstverständlich geworden ist. Rußland benötigt
ebenso wie alle anderen Länder Stabilität und Wohlstand im Zentrum Europas.
Ich bin mir bewußt, daß viele russische Politiker der
NATO-Erweiterung ablehnend gegenüberstehen.
Dennoch hat die NATO, die Rußland abzulehnen
vorgibt, wenig Ähnlichkeit mit dem Bündnis, das wir
tatsächlich aufbauen.
Die konventionellen und
nuklearen Streitkräfte der NATO sind dramatisch
reduziert worden. Wir haben weder den Plan noch die
Notwendigkeit oder Absicht, Nuklearwaffen auf dem
Territorium neuer Mitgliedstaaten zu stationieren. Die
Aktionen der NATO in den vergangenen sechs Jahren
lassen ein auf den Aufbau von Kooperation und nicht
Konfrontation konzentriertes Bündnis erkennen, ein
Bündnis, das - wie in Bosnien - Seite an Seite mit
Rußland zusammenarbeitet und nicht versucht, das
Land zu isolieren.

Seite 3

�Wir sind uns bewußt, daß Europa erst endgültig
ungeteilt und frei sein kann, wenn ein demokratisches
Rußland uneingeschränkter Bestandteil Europas ist.
Wir hoffen jetzt, die Russen werden erkennen, daß ihr
Mißtrauen gegenüber der NATO und ihrer Erweiterung
ungerechtfertigt ist. Wenn Rußland letztlich Teil eines
ungeteilten Europas sein möchte, dann kann es nicht
auf Länder wie Polen, Estland oder die Ukraine als
Pufferzone hoffen, die Rußland von Europa trennt.
Es ist ein Fehler zu denken, das Schicksal der russischen Demokratie stehe bei der Erweiterungsdebatte
irgendwie auf dem Spiel. Rußlands Zukunft als eine
freie und wohlhabende Nation wird von der Fähigkeit
seiner Politiker und Bürger abhängen, eine offene
Gesellschaft aufzubauen, Verbrechen und Korruption
zu bekämpfen, Wirtschaftswachstum anzukurbeln und
alle an dessen Früchten teilhaben zu lassen. Das
russische Volk weiß, daß seine Zukunft in Moskau, in
Perm, Irkutsk und sicherlich nicht in Brüssel entschieden wird. Zahlreiche Meinungsumfragen haben
ergeben, daß wenige Durchschnittsrussen Besorgnis
über ein Bündnis empfinden, das, wie viele russische
Politiker einräumen, keine akute militärische Gefahr für
Rußland darstellt.
Es läge nicht in unserem Interesse, die Erweiterung als
Reaktion auf die Behauptungen einiger Russen, sie sei
ein offensiver Akt, zu verschieben oder aus dem Gleis
zu bringen. Das würde nur die schlimmsten politischen Tendenzen in Moskau ermutigen. Es würde
eine Botschaft senden, daß sich die Konfrontation mit
dem Westen auszahlt. Mit der Integration der neuen
Demokratien Zentral- und Osteuropas abzuwarten,
würde der russischen Demokratie in keiner Weise
helfen. Es würde schwerer, nicht leichter, die Art von
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland zu
schaffen, die wir heute anstreben.
Wie Rußland einbezogen werden kann
Die NATO hat den Vorschlag unterbreitet, diese
Partnerschaft in einer Charta mit Rußland zu definieren. Die Charta würde klare Prinzipien und
Arrangements für Konsultationen, Kooperation und
gemeinsame Aktionen bei der Friedenssicherung,
Verteidigungs- und Rüstungskontrolle, nuklearen
Sicherheit, Nichtverbreitung und Notfallhilfe festlegen.
Sie würde einen ständigen gemeinsamen NATORußland-Rat gründen. Wir möchten, daß sich Rußland und unsere anderen Partner an den alliierten
Streitkräftekommandos beteiligen, die uns die gemeinsame Reaktion auf Krisen gestatten. Wir möchten,
daß die russischen Offiziere bei der Planung der
Missionen behilflich sind, die wir gemeinsam unternehmen. Als eine nicht durch NATO-Entscheidungen
gebundene Nation hätte Rußland kein Vetorecht. Aber
die Mitsprache des Landes wäre erwünscht.

Seite 4

Wir führen auch Verhandlungen zur Aktualisierung des
Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa
(KSE), der die Stationierung konventioneller Waffen in
ganz Europa begrenzt. Wir laden Moskau zur Beteiligung an einem Abkommen ein, das die Streitkräfteniveaus senken sowie Stabilität und Transparenz
auf dem Kontinent fördern wird. Damit kann Rußland
sicher sein, daß die NATO-Erweiterung nicht zu einem
größeren Aufmarsch von NATO-Streitkräften entlang
seiner Grenzen führen wird. In der Tat kann es
sicherstellen, daß es keine destabilisierende Konzentration militärischen Geräts irgendwo in Europa gibt.
Wir haben gute Chancen, vordem NATO-Gipfeltreffen
im Juli Fortschritte bei diesen Themen zu erzielen. Ich
werde am 20. Februar in Moskau mit russischen
Regierungsvertretern zusammentreffen.
Präsident
Clinton wird Präsident Jelzin im März in Helsinki
treffen. Er wird im Mai für das Gipfeltreffen zwischen
den Vereinigten Staaten und der EU erneut nach
Europa kommen. Die Staats- und Regierungschefs
derG-7 werden im Juni mit Präsident Jelzin in Denver
zusammenkommen. Rußland hat eine strategische
Chance zur Sicherung seiner Interessen in einem
integrierten Europa. Das Land sollte sie jetzt ergreifen.
Ich gehe diese Herausforderung und die uns in Europa
in den nächsten Jahren konfrontierenden Herausforderungen mit Zuversicht an. Und warum auch
nicht? Seit nunmehr einem halben Jahrhundert
arbeiten Europäer und Amerikaner bei der Gestaltung
der Ereignisse zusammen, statt sich von den Ereignissen bestimmen zu lassen.
Das Europa von heute steht in krassem Gegensatz zu
dem Europa, das ich als Kind nach dem Zweiten
Weltkrieg kannte. Für diejenigen, die damals noch
nicht hier waren, muß es schwer sein, sich die Tage
von Franco, Tito und Stalin, die Flüchtlinge, den
Hunger, die konstante Furcht, daß Frieden nur ein
Zwischenspiel sein könnte, das Europa, das Winston
Churchill als "einen Trümmerhaufen, ein Leichenhaus,
einen Nährboden für Pest und Haß" bezeichnete,
vorzustellen.
Gott sei Dank hatten Politiker wie Marshall, Monnet,
Bevin und Adenauer die innere Kraft für die harten und
kontroversen Entscheidungen, die für den Aufbau der
Institutionen erforderlich waren, die uns 50 Jahre des
Friedens und Wohlstands bescherten. Jetzt ist es an
uns zu handeln.
In seinem Bericht zur Lage der Nation stellte Präsident
Clinton fest, daß ein heute geborenes Kind praktisch
keine Erinnerung an das 20. Jahrhundert haben wird.
Gleichermaßen haben die heute geborenen Kinder der
transatlantischen Gemeinschaft die Chance, aufzuwachsen und ein völlig anderes Europa zu kennen.
In diesem neuen Europa werden sie den Checkpoint
Charlie nur als Museum kennen, Jalta nur als Provinz-

AMERIKA DIENST 04

�Stadt in einer souveränen Ukraine, Sarajevo nur als
friedliches Bergdorf im Herzen Europas. Die Kinder
des nächsten Jahrhunderts werden erwachsen und
kennen eine völlig andere NATO - die ihre Energien
zugunsten von Integration massiert statt ihre Streitkräfte entlang der Trennlinien zu massieren.

All dies ist möglich, wenn - und es ist kein sehr großes
wenn - wir jetzt handeln, um die Arrangements zu
stärken, die Europa so lange so gut gedient haben,
und sie auf neue Partner und Verbündete ausdehnen.
Wenn wir einmal zusammengekommen sind, können
wir uns auf das konzentrieren, was wir zusammen tun
müssen. Dieses Ziel ist jedes bißchen unserer
gemeinsamen Bestrebungen wert.

* * * * *

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Seite 5

�NATO
26. Februar 1997

Rußland hat nichts zu befürchten
von Strobe Talbott

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Artikel des Stellvertretenden Außenministers Strobe
Talbott, der erstmals in der The New York Times vom 18. Februar 1997 erschien.

Außenministerin Madeleine Albright und ihr russischer
Amtskollege Jewgenij Primakow werden am Donnerstag in Moskau zusammenkommen, um Wege zur
Stärkung der Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland zu erörtern - trotz der russischen Vorbehalte
gegen die Entscheidung des Bündnisses zur Aufnahme neuer Mitglieder. Die Chancen für Fortschritte
werden größer sein, wenn die Russen nicht nur die
Unvermeidlichkeit der Erweiterung, sondern auch die
Gründe dafür verstehen.
Die Entscheidung zur Erweiterung des Bündnisses
begann mit einer Frage. Sollte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Pakts ein Militärbündnis in der europäischen
Landschaft bestehen bleiben, oder sollte sich die
NATO freiwillig in die Annalen der Geschichte zurückziehen?
Als Präsident Clinton 1993 seine erste Amtszeit antrat,
gelangte er zu der Schlußfolgerung, ein Bündnis sei
immer noch erforderlich, weil es weiterhin Bedrohungen der Sicherheit der Mitgliedstaaten und Europas als
Ganzem geben würde.
Er war über mehrere Eventualfälle besorgt. Einer war
ein aus ethnischen und anderen Spannungen herrührender regionaler Konflikt oder Instabilität, die innerhalb oder zwischen europäischen Staaten entstehen würden. Ein anderer war eine externe Bedrohung vom Süden oder Osten. Solche Möglichkeiten mögen weit hergeholt erscheinen, sind jedoch
besonders in einer Ära nicht undenkbar, in der sich
Raketentechnologie und Massenvernichtungswaffen
weiter verbreiten.
Dann stellte sich eine weitere Frage: Wird die NATO
selbst zu sehr mit dem Kalten Krieg identifiziert, um die

AMERIKA DIENST 04

neuen Herausforderungen zu bewältigen und neue
Chancen zu nutzen?
Sollte ein neues Bündnis
gegründet werden?
Der Präsident entschied sich aus drei Gründen für die
Anpassung des bestehenden Bündnisses. Erstens ist
es leichter und billiger, auf das bereits Bestehende
aufzubauen, statt einen völlig neuen Anfang zu
machen. Zweitens muß die NATO der Dreh- und
Angelpunkt für die amerikanische Verpflichtung zur
Verteidigung Europas bleiben. Drittens ist die NATO
eine bewährte Kraft für die friedliche Integration und
demokratische Entwicklung auf dem Kontinent.
Die NATO war nie ein rein militärisches Instrument sie hatte stets auch eine politische Funktion. Nach
dem Zweiten Weltkrieg trug das Bündnis dazu bei, daß
Italien und Deutschland Teil der transatlantischen
Gemeinschaft wurden. Es förderte die Konsolidierung
einer von Zivilisten geführten Demokratie in Spanien.
Es ebnete den Weg für die Aussöhnung zwischen
Frankreich und Deutschland und für die Europäische
Union. Sein einheitliches Kommando schaffte den
Anreiz für militärischen Wettbewerb unter den westeuropäischen Mächten ab. Es trug zur Sicherung des
Friedens zwischen Griechenland und der Türkei bei.
In der Vergangenheit und besonders im 19. Jahrhundertdienten Bündnisse nicht nur zur Führung oder
Abschreckung von Kriegen, sondern gestalteten auch
die Beziehungen zwischen ihren Mitgliedstaaten.
Insoweit die NATO dieser Tradition folgt, hat das Ende
des Kalten Krieges in der Tat seine logische Begründung untermauert - und sollte es denjenigen erleichtern, die bisher das Bündnis als notwendiges aber
vorübergehendes Übel betrachteten, es statt dessen
als dauerhaft Gutes anzusehen.

Seite 1

�Obwohl die NATO ihre militärische Fähigkeit und ihre
Kernidentität als Verteidigungsvertrag bewahrt, kann
sie sich zunehmend auf ihre politische Funktion
konzentrieren. In der Tat kann sie diese Mission auf
die ehemaligen Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts
ausdehnen.
Diese Erwägung hatte Präsident Clinton im Hinterkopf,
als er die schwierigste Frage - die Erweiterung des
Bündnisses - anging. Es gab nur zwei mögliche
Antworten: Ja oder Nein. "Vielleicht" oder "später,
aber nicht jetzt", würde einem "Nein" entsprechen oder
von den Zentraleuropäern zumindest so aufgefaßt
werden.
Es gab mehrere Gründe, warum die Antwort Ja lauten
mußte. Ein Teil der Mission der NATO nach dem
Kalten Krieg ist die Öffnung ihrer Türen für die neuen
Demokratien, die ihre Souveränität wiedergewonnen
haben. Sie möchten Teil der transatlantischen Gemeinschaft sein und verdienen dies auch. Ganz
Europa wird sicherer und wohlhabender sein, wenn die
postkommunistischen Länder sich weiter zu einer
bürgerlichen Gesellschaft und Marktwirtschaften
entwickeln sowie harmonische Beziehungen zu ihren
Nachbarn unterhalten.
Die bloße Aussicht auf die NATO-Mitgliedschaft
ermutigt diese Trends. Bei der Verfolgung ihres Ziels
eines NATO-Beitritts haben einige zentraleuropäische
Staaten ihre internen Reformen bereits beschleunigt
und die Beziehungen untereinander verbessert.
Umgekehrt würde eine Entscheidung gegen die
NATO-Erweiterung - und damit, die NATO nach dem
Kalten Krieg in ihrer Struktur aus dem Kalten Krieg
einzufrieren - den Zentraleuropäern eine weder
willkommene noch hilfreiche Botschaft senden. Sie
würde implizieren, daß diese in eine permanente
Pufferzone zwischen Ost und West verwiesen würden.
Es wäre höchst ungerecht und ironisch - eine doppelte
Gefahr - wenn diese Länder tatsächlich für die nächsten 50 Jahre bestraft wären, weil sie in den letzten 50
Jahren - gegen den Willen des Volkes - Mitglied des
Warschauer Pakts waren. Das daraus resultierende
Gefühl von Isolation und Verwundbarkeit wäre entmutigend und möglicherweise destabilisierend.
Wir müssen natürlich die Frage des russischen
Widerstands gegen die NATO-Erweiterung klar ins
Auge fassen. Wir sollten sie aber auch als das
erkennen, was sie ist - vornehmlich eine Frage der
Einstellung, politischer Empfindlichkeiten, keine Frage
der militärischen Realität.
Die neue NATO stellt für Rußland keine Bedrohung dar
- genausowenig wie ein demokratisches Rußland eine
Bedrohung für das Bündnis darstellt. Die Erweiterung
ist zur bequemen Zielscheibe russischer Ängste und

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Ressentiments geworden, die in den Unsicherheiten
über die postsowjetische Identität und Rolle in der Welt
wurzeln.
Viele russische Reformer und Demokraten sowie
einige renommierte Experten aus dem Westen warnen, die NATO-Erweiterung würde nationalistische,
antiwestliche und militaristische Kräfte in Rußland
freisetzen.
Diese Gefahr ist zwar real, wird aber übertrieben
dargestellt. Sie ist durchaus zu meistern. Schwarzseherei findet in der politischen Elite Rußlands mehr
Resonanz als in der Gesamtbevölkerung. Meinungsumfragen deuten darauf hin, daß der Durchschnittsrusse sich weitaus mehr Sorgen über innenpolitische
Fragen - Löhne und Gehälter, Renten und Kriminalität macht.
Das heißt nicht, daß die Bedeutung von Einstellungen
als Faktor in Politik und Diplomatie als unwesentlich
abgetan werden sollte. Aber es liegt in der Macht der
Russen, die derzeit scharf gegen ein anachronistisches Klischee der NATO angehen, ihre Einstellungen
stärker der Realität anzupassen.
Anstatt die Erweiterung als Schlag gegen den russischen Stolz und Mißtrauensvotum des Westens gegen
die Zukunft Rußlands zu betrachten, sollten sie diese
als Bestandteil eines größeren Evolutionsprozesses
akzeptieren, der Rußland nutzen kann und sollte.
Schließlich hat auch Rußland ein Interesse an einem
stabilen Zentraleuropa. Das russische Volk wurde
zweimal in diesem Jahrhundert von Kriegen heimgesucht, die in genau dieser Region begannen.
Ein wichtiger Bestandteil der Öffnung der NATO nach
Osten ist ihre Bereitschaft, den legitimen politischen
und Sicherheitsinteressen Rußlands Rechnung zu
tragen. Die Identifizierung von gemeinsamen Interessen, gemeinsamen Aufgaben und Wegen zur
Vertiefung und Erweiterung der Vertrauensbildung
zwischen dem Bündnis und Rußland ist nicht nur ein
übergeordnetes Ziel des Besuchs von Außenministerin
Albright in Moskau diese Woche, sondern auch des für
nächsten Monat in Helsinki anberaumten Gipfeltreffens
zwischen den Präsidenten Clinton und Jelzin. Die
Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland,
wie sie derzeit im ehemaligen Jugoslawien stattfindet,
bietet ein Modell für den Umgang mit einem zweiten
Bosnien. Die amerikanischen Streitkräfte in Europa
verbringen nicht mehr ihre Zeit damit, sich auf den
Kampf gegen russische Truppen in Zentraleuropa
vorzubereiten. Vielmehr üben sie für friedenssichernde Operationen mit NATO-Verbündeten und anderen
Partnern, zu denen manchmal sogar die Russen
zählen.
Heute gibt es im NATO-Hauptquartier in Brüssel ein
russisches Verbindungsbüro. Wir haben eine Aus-

AMERIKA DIENST 04

�weitung dieser Austauschaktivitäten und die Einbeziehung russischer Offiziere auf allen oberen
Ebenen der Befehlsstruktur des Bündnisses vorgeschlagen.
Diese Art von Interaktion mit der NATO kann dem
russischen Militär helfen, seine Schwierigkeiten beim
Versuch einer Modernisierung zu bewältigen.
Manche haben prognostiziert, die Erweiterung werde
die Bedeutung der Nuklearwaffen für die europäische
Sicherheit erhöhen. Ganz im Gegenteil. Nach dem
Ende des Kalten Krieges hat das Bündnis bereits die

*

AMERIKA DIENST 04

*

Zahl der Nuklearwaffen in seinem Arsenal um 90
Prozent verringert. Darüber hinaus bestünde für den
Fall, daß die NATO nicht erweitert wird, die ständige
Gefahr, daß Nationalismus und militärische Rivalität in
Zentraleuropa Wiederaufleben und damit die Möglichkeit einer Weiterverbreitung von Nuklearwaffen
schaffen könnten.
Die NATO hat sich bereits verändert - tiefgreifend,
vorteilhaft und dauerhaft. Ein wesentlicher Bestandteil
der neuen Mission der neuen NATO ist die Zusammenarbeit mit einem neuen Rußland bei der Umgestaltung Europas als Ganzem.

*

*

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�WIRTSCHAFT
26. Februar 1997

Wirtschaft wird immer wichtigeres Instrument
der Diplomatie
von Alan P. Larson

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Artikel des Abteilungsleiters für wirtschaftliche und
unternehmerische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Alan P. Larson.

Zu keinem Zeitpunkt in der Geschichte der Vereinigten
Staaten hat die Wirtschaft eine wichtigere Rolle in der
Außenpolitik gespielt als heute.
Diese zunehmend interdependente Beziehung hat
zwei grundlegende Dimensionen. Die erste ist, daß
die Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Weltwirtschaft heute lebenswichtiger für den Wohlstand im
Inland ist als zu jeder anderen Zeit seit dem Anfang
des 19. Jahrhunderts. Die zweite ist, daß viele der
großen außenpolitischen Herausforderungen von
heute - beispielsweise die Integration Chinas und
Rußlands in die internationale Staatengemeinschaft nur mit dem kreativen und effektiven Einsatz wirtschaftlicher Maßnahmen und Institutionen bewältigt
werden können.
Während des Kalten Krieges, als die Eindämmung der
Sowjetunion das Hauptziel war, waren Sicherheitsbündnisse das vorherrschende politische Instrument.
In der Zeit nach dem Kalten Krieg haben Wirtschaftsbeziehungen eine mindestens ebenso große Bedeutung gewonnen. Der Internationale Währungsfonds
(IWF) und die Weltbank haben Rußland zum Beispiel
außergewöhnlichen Zugang zu Ressourcen gewährt,
um die Wirtschaft des Landes zu stabilisieren und die
Institutionen von einer zentral gelenkten zu einer vom
Privatsektor geleiteten marktorientierten Volkswirtschaft umzugestalten. Wir versuchen, Rußland in die
Weltwirtschaft zu integrieren, indem wir seine effektive
Beteiligung an der Welthandelsorganisation (WTO),
dem Pariser Club der offiziellen Gläubigernationen, der
OECD und dem APEC fördern.
Die Integration Chinas in das internationale politische
und wirtschaftliche System wird eine der großen
außenpolitischen Herausforderungen des nächsten

AMERIKA DIENST 04

Jahrhunderts sein. Wenn die chinesische Volkswirtschaft nur im entferntesten so weiterwächst wie in den
vergangenen Jahren, werden die Auswirkungen auf
die Weltwirtschaft tiefgreifend sein. Wir begrüßen die
wachsende wirtschaftliche Stärke und den wachsenden Wohlstand Chinas. Wir müssen jedoch sicherstellen, daß China im Einklang mit seinem wirtschaftlichen Aufschwung eine verantwortungsvolle Rolle bei
der Formulierung und Einhaltung internationaler
Regeln spielt. Aus diesem Grund unterstützen wir
Chinas Beitritt zur WTO, bestehen jedoch darauf, daß
dieser Beitritt unter wirtschaftlich soliden Bedingungen
erfolgt.
Im Nahen Osten sind die wirtschaftlichen Instrumente
und Institutionen die unerläßliche Grundlage für einen
dauerhaften Frieden. In diesem Zusammenhang spielt
die Weltbank eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung und Koordinierung von Bestrebungen zur
Entwicklung der Infrastruktur im Westjordanland und
Gazastreifen. Wir hoffen, daß die Nahost-Wirtschaftsentwicklungsbank durch die Unterstützung von
grenzüberschreitenden Infrastrukturprojekten, Privatinvestitionen und die Koordinierung der Wirtschaftspolitik mit der Zeit zur Überwindung der wirtschaftlichen Zersplitterung der Region beiträgt.
In Haiti und Bosnien hängen die außenpolitischen Ziele
der Vereinigten Staaten großenteils von den Anstrengungen der Geberländer auf bilateraler Ebene,
multilateraler Entwicklungsbanken und dem IWF beim
Aufbau politischer und wirtschaftlicher Institutionen ab,
die die bürgerliche Gesellschaft und Stabilität untermauern.
Das soll nicht heißen, daß militärische und regionale
Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr so wichtig sind.

Seite 1

�Weit gefehlt! Dennoch kann der effektive Einsatz
wirtschaftlicher Instrumente - insbesondere auf
multilateraler Basis - Krisen verhindern, die später eine
einseitige Intervention der Vereinigten Staaten als der
verbliebenen militärischen Supermacht mit sehr viel
höheren Opfern an Menschenleben und Gut erforderlich machen könnten.
Im innenpolitischen Bereich unternimmt die ClintonAdministration Schritte zum Wiederaufbau einer
überparteilichen Basis für die wirtschaftliche Führungsrolle der Vereinigten Staaten. Der Präsident hat vom
Kongreß das Verhandlungsmandat für den Abschluß
von Handelsabkommen und eine solide Finanzierung
auswärtiger Angelegenheiten erbeten. Das Verhandlungsmandat ist erforderlich, wenn die Vereinigten
Staaten ihre Initiative global aufrechterhalten und in
der westlichen Hemisphäre wiedergewinnen wollen.
Die Administration bittet auch um die Unterstützung
beider Parteien, damit die Außenstände der Vereinigten Staaten bei internationalen Organisationen
und internationalen Finanzinstitutionen ausgeglichen
werden können.
Gleichzeitig unternehmen das Außenministerium und
andere amerikanische Behörden entschiedene Schritte
zur Öffnung von Märkten und Erweiterung der Handelsbeziehungen wo immer möglich.

den. Und in diesem Monat haben wir gerade entsprechende WTO-Verhandlungen abgeschlossen, bei
denen 68 Länder der Öffnung ihrer Märkte für Basistelekommunikationsdienste für Wettbewerb und internationalen Handel zustimmten.
Die Vereinigten Staaten unterstützen auch die OECDVerhandlungen zur Erlangung eines multilateralen
Investitionsabkommens (MAI). Unser Ziel beim MAI ist
die Schaffung neuer Chancen und die Einführung
besserer Schutzmaßnahmen für ausländische Investoren. Wir werden dafür sorgen, daß nicht der
OECD angehörende Länder dem Abkommen beitreten
können, so daß das Abkommen die Investitionsstandards auf der ganzen Welt verbessern könnte.
Schließlich arbeiten die Vereinigten Staaten auf die
Einführung effektiver Disziplinen zur Bekämpfung der
Wirtschaftskorruption in Übersee hin. Die OECDLänder haben vor kurzem ein Abkommen zur Beendigung der Praxis erzielt, daß Unternehmen Bestechungsgelder aus dem Ausland steuerlich absetzen
können. Zur Zeit werden Verhandlungen über eine
ähnliche Vereinbarung geführt, die von amerikanischen Handelspartnern fordert, Bestechung ausländischer Firmen als Straftat einzustufen - ein Schritt,
den die Vereinigten Staaten vor nahezu 20 Jahren mit
der Verabschiedung des Gesetzes über korrupte
Praktiken im Ausland unternahmen.

Die Vereinigten Staaten haben ein Luftfahrtabkommen
über Offene Himmel mit Deutschland, 11 anderen
europäischen Ländern, Jordanien und Singapur
abgeschlossen. Wir streben aktiv ähnliche Abkommen
mit den wichtigsten Volkswirtschaften des Pazifischen
Beckens und den Ländern Zentralamerikas an. Und
schließlich führen wir entscheidende Verhandlungen
über Offene Himmel mit Großbritannien und Japan den Toren zu Europa und Asien.

Insgesamt werden diese Initiativen die Grundlage für
eine neue Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert schaffen die auch demokratische Werte fördert. Die Disziplinen
bezüglich Bestechung werden auch zur Verhinderung
von Korruption in instabilen demokratischen Institutionen beitragen. Offene Himmel und die Datenautobahn
werden die Verbreitung von Ideen und Informationen
sowie von Waren und Dienstleistungen beschleunigen.

Zur Zeit führen wir Verhandlungen mit der Welthandelsorganisation um sicherzustellen, daß die
Datenautobahn auf die ganze Welt ausgedehnt wird.
Die WTO-Verhandlungen in Singapur im Dezember
vergangenen Jahres führten zum Informationstechnologieabkommen, unter dem die Zölle auf Produkte im
Wert von über 500 Milliarden Dollar abgeschafft wer-

Wenn die Vereinigten Staaten und ihre Partner die vor
uns liegenden wirtschaftlichen Herausforderungen mit
Vision und Enthusiasmus angehen, können wir uns
alle an der Schaffung eines neuen internationalen
Wirtschaftssystems beteiligen, das unseren kollektiven
Wohlstand und unsere kollektive Sicherheit bis weit in
die Zukunft sicherstellen wird.

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AMERIKA DIENST 04

�TELEKOMMUNIKATION

26. Februar 1996

Telekommunikation: Der Motor für wirtschaftliche
Entwicklung im nächsten Jahrhundert
von Alan P. Larson

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Artikel des Abteilungsleiters für wirtschaftliche und
unternehmerische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Alan P. Larson.

Die heutige Weltwirtschaft erfordert eine moderne
Informationsinfrastruktur zur Förderung des Wachstums.
Die raschen
Entwicklungen
in der
Telekommunikations- und Informationstechnologie
machen den schnellen und zuverlässigen Austausch
von Daten, Aufträgen und Analysen unerläßlich für das
unternehmerische Umfeld von heute.
Die Informationstechnologie ist zum Motor für Entwicklung in allen Bereichen der Wirtschaft geworden. Vom
Fertigungsbereich bis zur Landwirtschaft, von der
Versicherungsbranche bis zur Unterhaltungsindustrie,
vom Bankwesen bis zum Umweltschutz kurbeln
Computer, Telefon, Fax, Zellularfunk und andere
Telekommunikationswunder
unseres
Zeitalters
internationales Wirtschaftswachstum an.
Beim Ministertreffen der Welthandelsorganisation
(WTO) in Singapur verpflichtete man sich zum Abbau
von Zöllen in Höhe von mehr als 500 Milliarden Dollar
auf Produkte, die für den Bau der Datenautobahn
unerläßlich sind. Ein gutes WTO-Abkommen über
Basistelekommunikationsdienste wird einen Anreiz für
Wettbewerb und Effizienz bei der Entwicklung unseres
Informationszeitalters darstellen und gewährleisten,
daß sich diese Datenautobahn auf alle Nationen
erstreckt.
Fortschritte in der Telekommunikationstechnologie
werden nicht durch staatliche Beratungen über die
Abkommen im Bereich Informationstechnologie oder
Basistelekommunikationsdienste verzögert. Bestenfalls können diese Absprachen nur dazu beitragen,
daß die Länder mit den Veränderungen Schritt halten,
die Technologie und die Industrie uns weiterhin bieten.

AMERIKA DIENST 04

Diese Abkommen helfen den Ländern, ihren Firmen
und Bürgern, vom Fortschritt zu profitieren.
Um in der heutigen Welt konkurrenzfähig zu sein,
fordern unsere Unternehmen Telekommunikationsregelungen, die vernünftig kalkulierte und wettbewerbsfähige Dienste, transparente und konsequente
Lizenzverfahren sowie wettbewerbsfreundliche und
nichtdiskriminierende Bestimmungen enthalten. In
einem Zeitalter unverzüglicher globaler Kommunikation
über eine Vielfalt von Medien sollten sich die Aufsichtsbehörden jetzt vor Augen führen, daß Hemmnisse
"Außenseiter" nicht abhalten, wie sie es einst konnten in der Tat ist das Konzept des "Außenseiters" jetzt ein
Anachronismus. Die Handelschranken schaden am
ehesten und dauerhaftesten der heimischen Industrie
des Landes, die bei den unweigerlichen Fortschritten
der Informationstechnologie hinterherhinkt.
Länder, die sich für die Entwicklung ihrer Telekommunikationsinfrastruktur und damit für den Verkehr auf
dieser Datenautobahn entscheiden, werden Akteure in
der Weltwirtschaft. Länder, die diese Entwicklung
bekämpfen, werden ihren eigenen Industrien, Unternehmern und Bürgern schaden. Selbst Entwicklungsoder einkommensschwache Länder haben die Chance, die industrielle Revolution zu überspringen und
sofort ins Informations- und postindustrielle Zeitalter
einzutreten. Viele haben sich für den Einsatz neuer
Informationstechnologien zur Ankurbelung
ihres
Wachstums im Agrarbereich und in anderen Industrien
oder dafür entschieden, sich selbst zum globalen
Ausgangspunkt der Telekommunikationsindustrie zu
machen, ihren Volkswirtschaften
unverzügliche
ausländische Direktinvestitionen und - was vielleicht

Seite 1

�am wichtigsten ist - Arbeitsplätze und Ausbildung für
ihre Menschen zur Verfügung zu stellen.
Die US-Regierung ist sich einig, daß Entwicklung im
Telekommunikationsbereich erforderlich ist, jedoch
Geld kostet. Die Weltbank hat errechnet, daß in den
nächsten fünf Jahren 60 Milliarden Dollar pro Jahr an
Kapital für den Aufbau der weltweiten Infrastruktur
benötigt werden, um die Vorteile der Informationsrevolution zu nutzen. Die Weltbank hat jedoch die für
diese Aufgabe erforderlichen 60 Milliarden Dollar
jährlich nicht angeboten. Die notwendigen Investitionen müssen vom Privatsektor angezogen werden.
Um Anreize für solche Investitionen zu schaffen, sollte
jedes Land, das möchte, daß seine Bürger mit der Welt
Schritt halten, ein regulierendes Regime im Inland
einführen, das Investitionen und Wettbewerb ermutigt.
Eine Reihe von Ländern wie Mexiko, Chile und
Singapur haben das getan, viele andere auf dem
amerikanischen Kontinent und andernorts widersetzen
sich bedauerlicherweise noch.
Die Länder müssen auch international handeln. Ein
Abkommen über Basistelekommunikationsdienste wird
den Abbau von Handels- und Investitionshemmnissen
im modernen Sektor bedeuten. Ein Abkommen wird
uns allen dienen, indem es einen wettbewerbsfreundlichen Rahmen zum Nutzen unserer besten und effi-

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zientesten Industrien und Dienstleistungen schafft.
Die WTO-Verhandlungen über Basistelekommunikationsdienste sind in die letzte Phase getreten, in der
Nationen "Angebote" zur Ankurbelung von Investitionen machen können. Wir sind optimistisch, daß die
Industrie die Regierungen drängen wird, die besten
Angebote zu unterbreiten. Das Telekommunikationsabkommen muß global sein, um dem Einflußbereich
der Technologie zu entsprechen.
Wir haben den ersten Schritt getan. Unser Markt in
Höhe von 213 Milliarden Dollar ist bereits der offenste,
wettbewerbsfähigste und effizienteste der Welt. Wir
sind jedoch noch weiter gegangen, indem wir bei
Diensten für Orts-, Fern- und internationale Gespräche
unbegrenzten Wettbewerb, 100 Prozent indirekten
ausländischen Besitz und regulative Verpflichtungen
zur Verbesserung des Wettbewerbs zugelassen
haben.
Wir fordern die Industrienationen zu entsprechenden
Angeboten auf und die Entwicklungsländer zu schrittweisen Zusagen für die künftige Liberalisierung.
Unseres Erachtens kann das Wirtschaftswachstum,
das wir am Ende des Jahrhunderts zu sehen begonnen haben, mit dem Abschluß des investitionsfreundlichsten und effizientesten Telekommunikationsabkommens fortgesetzt werden.

* *

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AMERIKA DIENST 04

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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Albright: Ziel ist ein integriertes, stabiles und demokratisches Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin vor Ausschuß des Repräsentantenhauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO-Erweiterung: Warum größer besser ist&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Außenministerin Madeleine Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Russland hat nichts zu befürchten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wirtschaft wird zum immer wichtigeren Instrument der Diplomatie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Alan P. Larson&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Telekommunikation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Telekommunikation: der Motor für wirtschaftliche Entwicklung im nächsten Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Alan P. Larson&lt;/em&gt;</text>
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aniGrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States ot America

S r i G N ^.&lt;?

Z12462 C

05

12. März 1997

U SA-DEUTSCHLAND

DIE JUDISCHE DIMENSION DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

POLITIK

IST DER LIBERALISMUS IN AMERIKA TOT?
von Robert Earle

OSZE

OSZE MUSS ANPASSUNGSFÄHIG UND
KREATIV BLEIBEN
Rede von John Kornblum

UMWELT

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG NUR MIT
AKTIVER BETEILIGUNG DER BEVÖLKERUNG
MÖGLICH
von Botschafter Bill Richardson

DATENAUTOBAHN

DER BAU EINES NEUEN AMERIKA HAUSES
IM WEB
von Robert Earle

TELEKOMMUNIKATION

AUF DER SUCHE NACH EINEM STABILEN
TELEKOMMUNIKATIONSMARKT
von Larry Irving

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-DEUTSCHLAND

12. März 1997

Die jüdische Dimension
der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Der Charge d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, J.D. Bindenagel, hielt am 3. März 1997 vor dem American Jewish Committee im Amerika Haus
Berlin nachfolgende Rede.

Herr Regierender Bürgermeister, Herr Bubis, Herr
Ramer, liebe Freunde.
Herzlich willkommen im
Amerika Haus Berlin.
Die heutigen deutsch-amerikanischen Beziehungen
wurden auf der Grundlage demokratischer Prinzipien
vor dem Hintergrund einer Mischung tragischer und
hoffnungerweckender Ereignisse geknüpft.
Die
verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs
und die Schrecken des Holocaust können nur als
große Tragödie bezeichnet werden.
Vor dem Hintergrund dieser Geschichte weckte unser
Engagement für Demokratie jedoch große Hoffnungen.
Dies fand seinen Niederschlag in George Marshalls
Plan für wirtschaftlichen Wiederaufbau, der Deutschland zu Wohlstand verhalf; in der Berliner Luftbrücke,
die die Sicherheit der Bundesrepublik bewahrte; und in
Präsident Kennedys stolzem Ausruf eines freien
Mannes: "Ich bin ein Berliner." Auf dieser historischen
Grundlage faßte die Demokratie in Deutschland Fuß
und brachte eine der größten friedlichen Revolutionen
in der europäischen Geschichte hervor.
Während der 25 Jahre, die ich beruflich mit drei
Deutschlands zu tun hatte, insbesondere während der
Revolution von 1989, unterstützte die Politik der
Vereinigten Staaten die Vereinigung Deutschlands
uneingeschränkt. Unsere Unterstützung und Ermutigung basierten auf unseren Erfahrungen mit einem
demokratischen Westdeutschland. Und sie fanden
ihre Bestätigung in der demokratischen Revolution in
Ostdeutschland vor acht Jahren.

AMERIKA DIENST 05

Dieser massive und friedliche Ausdruck des Volkswillens demonstrierte, wie berechtigt die Vision der
Hoffnung von US-Außenminister James F. Byrnes war,
über die er 1946 in Stuttgart sprach. Damals verlieh
Byrnes dem Engagement der Vereinigten Staaten für
Deutschland und seine politische und wirtschaftliche
Einigung Ausdruck, und zum damaligen Zeitpunkt bot
Amerika denjenigen seine entschiedene Unterstützung
an, die an eine bessere Zukunft für Deutschland und
Europa glaubten.
Wir Amerikaner wissen, daß der Preis der Freiheit
ständige Wachsamkeit ist. Wir sind jedoch zuversichtlich, daß diese neue Berliner Republik zur Sicherung
von Frieden und Wohlstand in einem ungeteilten
Europa beitragen wird. Anstatt von der Vergangenheit
verfolgt zu werden, kann Deutschland sich seine in
mehr als einem halben Jahrhundert gemachten
Erfahrungen mit der Ablehnung von faschistischem
und kommunistischem Totalitarismus und dem Aufbau
von Demokratie zunutze machen.
Die Demokratie in Deutschland hat ihre eigene
Geschichte. Sie kann bis 1832 zum Hambacher
Schloß oder dem Parlament in der Frankfurter Paulskirche zurückverfolgt werden. Die moderne, neue
Tradition begann 1949 und fand ihre Legitimation in
der Revolution von 1989. Unsere Herausforderung
besteht darin, den Beziehungen Amerikas zu diesem
souveränen Deutschland eine neue Gestalt zu verleihen, während dieses sich an das neue Umfeld in
einem zunehmend integrierten Europa anpaßt.

Seite 1

�Einige sind zu der Schlußfolgerung gelangt, die
amerikanische Präsenz in Europa sei nicht länger von
elementarer Bedeutung für die nationalen amerikanischen Interessen, weil unser großartiges transatlantisches Projekt zur Beendigung des Kalten
Krieges abgeschlossen ist.

Öffentlichkeit zur Nutzung der historischen Chancen
veranlassen, die durch die Revolutionen geschaffen
wurden, die in Europa den Kommunismus beendeten
und den Weg zur Erweiterung von Frieden, Wohlstand
und demokratischen Prinzipien ebneten?
Ich möchte hierzu einige Gedanken anbringen.

Sie haben Unrecht. Amerika bleibt eine europäische
Macht. Zwar haben sich die "alten Hasen" im Kongreß, den Denkfabriken, den Medien und sogar dem
Außenministerium anderen Projekten gewidmet oder
sind im Ruhestand, aber in den deutsch-amerikanischen Beziehungen entstehen neue Institutionen und
neue Gebiete der Zusammenarbeit.
Diese Veränderung hat unserer Außenpolitik eine
andere Betonung gegeben. Viele prägende Erfahrungen renommierter europäischer Experten entstanden
durch die Appeasementpolitik und ihre katastrophalen
Auswirkungen sowie die Konfrontation des Kalten
Krieges. Die Erfahrungen meiner Generation wurden
durch den Vietnamkrieg sowie die Ereignisse von 1972
und 1973 in Europa geprägt. Der Terroranschlag auf
israelische Sportler bei der Münchner Olympiade war
eine dramatische Demonstration der Nähe des
Nahostkonflikts zu Europa. Dieser Vorfall sowie der
Jörn Kippur-Krieg brachten den arabisch-israelischen
Konflikt vor meine Türschwelle. Als Leutnant der
dritten amerikanischen Infanteriedivision half ich bei
der Verteidigung Deutschlands an der zentralen Front
des Kalten Krieges. Plötzlich hörten wir vom Kriegsausbruch in Israel, und das amerikanische Militär
wurde in Alarmbereitschaft versetzt, um zur Verteidigung Israels entsandt zu werden. Wir stellten unsere
Ausrüstung zusammen, bereiteten uns auf den Einsatz
vor und warteten auf den Marschbefehl in den Nahen
Osten. Der Krieg von 1973 war bald beendet, aber
nach diesen intensiven Kriegsvorbereitungen in den
Wäldern von Unterfranken war ich überzeugt, daß
Europa und der Nahe Osten eng mit den Vereinigten
Staaten verbunden sind. Seitdem erachte ich diese
Dimension der deutsch-amerikanischen Beziehungen
als eines der Grundelemente in unserem Verhältnis zu
Deutschland.
Dieser Aspekt unserer gemeinsamen Interessen ist ein
äußerst geeignetes Thema für unsere Konferenz. Sie
trägt zu unserem Verständnis für das Engagement des
American Jewish Committee für Europa und insbesondere Deutschland und Berlin bei. Wir begrüßen
die Initiative des Committee und seinen Wunsch, diese
bedeutende Dimension der Beziehungen Amerikas zu
Deutschland und Europa zu stärken.
Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der ideologische
Konflikte und Gefahren aus der Zeit des Kalten Krieges
politische Leidenschaften für die Mobilisierung nationaler Ressourcen entfachen. Aber wie können wir
an der Schwelle zu dem neuen Jahrhundert unsere

Seite 2

Erstens müssen wir die Erinnerung an die historischen
Ereignisse schützen und bewahren, auf deren Grundlage unsere Beziehungen geknüpft wurden. Daran
kann kein Zweifel bestehen.
Die Tatsache, daß Amerika Europa nach dem Ersten
Weltkrieg im Stich gelassen hat, lehrte uns, daß die
Vereinigten Staaten hier engagiert bleiben müssen.
Tragödien einschließlich des Holocaust hätten vermieden werden können, wenn sich die Vereinigten Staaten
nach dem Ersten Weltkrieg weiterhin engagiert hätten.
Unsere Verpflichtung zu Deutschland und Europa nach
dem Zweiten Weltkrieg lehrt uns, was durch aktives
amerikanisches Engagement erreicht werden kann.
Zweifelsohne kann jeder Besucher im Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn
sehen, wie die Amerikaner der Bundesrepublik beim
Wiederaufbau und der Einführung von Demokratie
geholfen haben.
Zweitens müssen wir unsere politische Analyse
revolutionieren. Wir müssen uns von dem ideologischen Muster des Ost-West-Konflikts befreien, das bis
zum Fall der Berliner Mauer vor acht Jahren unsere
eigenen politischen Erfahrungen maßgeblich beeinflußte. Die Öffnung von Institutionen wie der NATO,
der Europäischen Union und der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa für neue
Mitglieder ist absolut unerläßlich für unseren Erfolg.
Es ist jetzt an der Zeit, den Ländern Freundschaft,
Partnerschaft und Unterstützung anzubieten, die den
Wunsch geäußert haben, dem Westen beizutreten,
ebenso wie es Deutschland vor einem halben Jahrhundert getan hat. In der NATO arbeiten wir hart auf
die Schaffung eines neuen, umgestalteten Bündnisses
hin, das neue Mitglieder aufnehmen, seinen Dialog mit
anderen durch den neuen Atlantischen Partnerschaftsrat stärken und die Prinzipien besonderer Beziehungen
zu Rußland ausarbeiten kann.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen der letzten
Jahrzehnte sind ein praktisches Beispiel für das gute
Funktionieren des Modells der Erweiterung der
Interessengemeinschaft. Trotz der Ängste, die sich vor
einigen Jahren zur Zeit der deutschen Vereinigung
breit machten, daß die tiefgreifenden Veränderungen
eine Katastrophe für Deutschland und Europa bedeuten könnten, hat sich diese nicht ereignet. Trotz der
durch die Vereinigung herbeigeführten manchmal
schmerzlichen Veränderungen hat Deutschland

AMERIKA DIENST 05

�Grund, stolz auf seinen Platz in Europa und der Welt
zu sein. Der Geist der Demokratie hat Fuß gefaßt.
In meinem dritten Gedankengang möchte ich hervorheben, wie wichtig es ist, mehr Deutsche und
Amerikaner zusammenzubringen. Keine MultimediaTechnologie - so modern oder interaktiv sie auch sein
mag - kann persönliche Kontakte, Verbindungen und
Freundschaften ersetzen. Es ist die menschliche
Dimension der Kontakte, die dauerhafte Ergebnisse
zeitigt.
Die erneuerte transatlantische Gemeinschaft wird auf
dem jahrhundertealten Vermächtnis kultureller und
familiärer Bande aufgebaut. Und sie gründet auf der
jüngeren Geschichte. Unser Erbe gibt uns ein Gefühl
für unsere Identität und für unsere gemeinsamen
Wurzeln in der menschlichen Dimension, die uns
verbindet. Wir sollten unser Erbe, unser Selbstverständnis nicht verlieren, es aber auch nicht zur
Verzerrung der historischen Wahrheit einsetzen.
Wir in den Vereinigten Staaten werden unsererseits
getreu unserem Erbe als Einwanderernation handeln
und die Verbindung zu den 60 Millionen Amerikanern
aufrechterhalten, die deutscher Herkunft sind. Ich bin
der Nachfahre eines preußischen Musketiers, der nach
einer in Königgrätz beendeten früheren historischen
Epoche emigrierte.
Ein Punkt, der in unseren heutigen Diskussionen nicht
vergessen werden sollte, ist, daß die deutsch-amerikanischen Beziehungen eine von den Schrecken des
Holocaust beeinflußte, aber auch darüber hinausgehende Dimension haben.
Millionen Amerikaner
jüdischen Glaubens können kulturelle und historische
Verbindungen zu Deutschland entdecken, die tausend
Jahre zurückreichen. Die jüdische Dimension der
deutsch-amerikanischen Beziehungen ist vielleicht
weniger offensichtlich, bleibt aber ein wichtiger Aspekt
der historischen Bande, die unsere Beziehungen
definieren helfen.
Mit anderen Worten - Deutsche und Amerikaner haben
gleichermaßen in den vergangenen Jahren intensive
Bestrebungen in die Wege geleitet, um die Verbindungen zwischen Deutschland und Europa zu erweitern.
Wir haben mit dem amerikanischen Holocaust Memorial, der Gedenkstätte Topographie des Terrors, dem
Alliierten Museum und dem Haus der Geschichte der
Bundesrepublik Deutschland historischer Ereignisse
gedacht.
Es ist jedoch nicht genug, sich auf Geschichte und
Erbe zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten verstärken, die uns zusammenbringen und sich auf
die Zukunft konzentrieren.

AMERIKA DIENST 05

Programme wie der Austausch zwischen dem amerikanischen Kongreß und dem Deutschen Bundestag
haben großes Interesse erweckt. Seit seiner Gründung im Jahr 1983 haben bis heute ungefähr 10.000
Deutsche und Amerikaner am Parlamentarischen
Patenschaftsprogramm
Kongreß/Bundestag
teilgenommen.
Das Aspen Institute Berlin hat eine Generation von
Kontakten hervorgebracht und vertieft seine Bande in
Berlin mit Amerikanern sowie Zentral- und Osteuropäern.
Die 1987 gegründete Studiengruppe Deutschland des
Kongresses unterhält reguläre Kontakte zwischen dem
Kongreß und dem Bundestag.
Von der Bundesregierung eingerichtete Universitätszentren für herausragende Studenten in Harvard,
Georgetown und Berkeley stellen sicher, daß sich die
akademische Dimension weiterentwickelt.
Die RIAS Kommission fördert herausragende Leistungen im journalistischen Bereich zum Gedenken an die
Beiträge des Radiosenders während des Kalten
Krieges.
Kongreßdelegationen und führende Politiker kommen
nach Bonn, um die politischen Verbindungen zwischen
unseren beiden Ländern zu Beginn der zweiten
Amtszeit der Clinton-Administration wiederzubeleben.
Es gibt auch bereits Pläne für die Erweiterung der
Kontakte. Die amerikanische Akademie für Gelehrte
der schönen Künste und Geisteswissenschaften wird
in Berlin gegründet.
Die Besuche von Millionen Beschäftigten und Familienangehörigen amerikanischer und deutscher Unternehmen im jeweils anderen Land sind ein Anreiz für
unsere nächste Generation, neue und gemeinsame
Erfahrungen zu sammeln.
Und schließlich fügt die Entscheidung des American
Jewish Committee zur Öffnung eines ständigen Büros
in Berlin eine wichtige Dimension hinzu. Sie bereichert
die kulturelle, historische und familiäre Tradition.
Wir begrüßen Ihre Entscheidung, Ihren amerikanischen Beitrag in die deutsch-amerikanischen
Beziehungen einzubringen und das zu schaffen, was
wir gerne als "Neue Tradition" in Berlin, Deutschland
und Europa bezeichnen.
Ich danke Ihnen.

Seite 3

�POLITIK
12. März 1997

Ist der Liberalismus in Amerika tot?
von Robert Earle

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen von Robert Earle, dem Gesandten-Botschaftsrat für öffentliche
Angelegenheiten bei der US-Botschaft Bonn, verfaßten Artikel über die Bedeutung des Wortes "liberal" in der
amerikanischen Politik.

Amerika kann nur sich selbst die Schuld geben, wenn
irgend jemand im In- oder Ausland zu der Schlußfolgerung gelangt, der Liberalismus in Amerika sei tot. Das
Wort "liberal" selbst hat in unseren öffentlichen Diskursen ein trauriges Schicksal erlitten. Es ist ein Unwort,
ein Begriff, der besser vermieden wird. Das ist nichts
Neues. Seit 1980 wurden in jedem Jahr von Präsidentschaftswahlkämpfen eindrucksvolle Trauerfeierlichkeiten abgehalten.
Das Problem dabei ist, daß man - wenn man sorgfältig
hinhört - wie in einer Geschichte von Edgar Allen Poe
ein beunruhigendes Klopfen aus dem Sarg vernehmen
kann. Denn vor wenigen Tagen hat die politische
Partei, mit der Liberalismus amerikanischen Stils am
engsten in Verbindung gebracht wird, wieder ihren
Platz im Weißen Haus eingenommen. Das legt die
Vermutung nahe, daß das, was wir als liberal bezeichnen, einer Überprüfung unterzogen oder zumindest in
einen breiteren Kontext gestellt werden sollte, wenn
die Amerikaner die geringste Hoffnung haben wollen,
auf der Welt verstanden zu werden.
Die Herausforderung besteht darin, zwischen amerikanischem Liberalismus, Parteipolitik und -taktik zu
differenzieren und ihn nicht nur als die Grundlage,
sondern den instinktiven Stil amerikanischen politischen Denkens zu sehen. Das geht weit über Demokraten und Republikaner hinaus.
Der Aufstieg des parteipolitischen Liberalismus im 20.
Jahrhundert ist eng mit Franklin D. Roosevelt verknüpft, einem Demokraten, dessen Maßnahmen des
New Deal das Zeitalter eines aufgeblähten Regierungsapparats - 'big government' - und des Sozialstaats einleiteten. Der Niedergang des parteipoliti-

AMERIKA DIENST 05

schen Liberalismus - so mögen einige argumentieren kam an dem Tag, als Präsident Clinton, ebenfalls ein
Demokrat, erklärte: "Das Zeitalter des 'big government'
ist vorüber."
Unter FDR begannen die Amerikaner Liberalismus als
Instrument des Staates zu sehen, auf die Bedürfnisse
der Verarmten und Benachteiligten zu reagieren. In
den dreißiger Jahren trafen diese Begriffe auf viele
Amerikaner zu. Liberalismus ergab Sinn und war gute
Politik. Bis zur Zeit der Präsidentschaft von Lyndon
Johnson, als es uns wirtschaftlich gut ging, war der
Liberalismus des 'big government' zum weitverbreiteten Credo und Markenzeichen der Demokraten
geworden. Sozialstaatsprogramme waren nicht dazu
gedacht, die Mehrheit vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten, sondern vielmehr, eine
Minderheit in das Wirtschaftswachstum einzubeziehen.
In parteipolitischer Hinsicht kümmerten sich die
Demokraten um die Arbeiterklasse und die Armen,
während sich die Republikaner um die Unternehmer
und die Reichen kümmerten.
Bedauerlicherweise verursachten diese spezifischen
taktischen Anwendungen liberaler Ideen und diese
groben parteipolitischen Stereotypen den allmählichen
Tod des "Liberalismus" als bedeutungsvollem Begriff
im amerikanischen politischen Diskurs.
Liberalismus wurde schließlich auf beiden Seiten des
Atlantiks als Mittel geboren, um die Souveränität von
wenigen auf die vielen zu übertragen - vom einzelnen
Souverän auf den souveränen Einzelnen. Das war
eine strategische Verlagerung in der westlichen Politik,
an der sich alle Demokraten beteiligten und stand für
eine enorme Erweiterung der menschlichen Freiheit -

Seite 1

�daher der Begriff Liberalismus. Die amerikanische
Verfassung mit ihrem Schutz des Einzelnen und der
Einschränkung der Regierung ist ein liberales Dokument. Die Vereinigten Staaten waren und sind ein
liberales Land.
Aber lange bevor spezifische politische Anwendungen
und Parteipolitik die Bedeutung von "Liberalismus"
zunichte machten, war ein anderer Faktor - Pragmatismus - der amerikanischen Erfahrung inhärent. Pragmatismus war in praktischer Hinsicht von ebenso
großer Bedeutung wie Liberalismus in konzeptioneller
Hinsicht. Er entwickelte sich als politischer Instinkt,
weil der Triumph des ideologischen Liberalismus im
Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg eine nichtideologische Instrumentalisierung erforderte, wenn eine
funktionelle Republik von dreizehn oder mehr Einzelstaaten gegründet werden sollte. Keiner dieser
Staaten war stark genug, um ein klassisches Kräftegleichgewicht anzustreben, das eine Herausforderung
für die liberalen Prinzipen des Unabhängigkeitskrieges
dargestellt hätte, wenn das möglich gewesen wäre. Im
Gegenteil - die Verteilung amerikanischer Macht und
amerikanischen Einflusses war so unklar (und rangierte vom riesigen New York bis zum winzigen Delaware),
daß ein anderes operatives Prinzip entstehen mußte,
um befriedigende politische Lösungen zu erzielen.
Hundert Jahre nach seiner Geburt wurde dieses
operative Prinzip als Pragmatismus bezeichnet und
von amerikanischen Philosophen wie Charles Pierce,
William James und insbesondere John Dewey studiert.
Pragmatismus ist nicht Opportunismus - weit gefehlt.
Er ist vielmehr ein auf Herumprobieren, Experimente
und Gültigkeit gegründeter politischer (und philosophischer) Ansatz, oder - in weniger erhabenen Formulierungen - eine Einstellung, die besagt: "Laß' es uns
versuchen und sehen, ob er gute Ergebnisse erzielt."
Ironischerweise war es Bertram Russell, ein britischer
Philosoph, nicht ein amerikanischer, der die Verbindung zwischen Liberalismus und Pragmatismus am
präzisesten erfaßte: "Das Wesen der liberalen Sichtweise liegt nicht darin begründet, welche Meinungen
man vertritt, sondern wie man sie vertritt: Statt sie
dogmatisch zu vertreten, werden sie vorläufig vertreten
und mit dem Bewußtsein, daß neue Tatsachen jeden
Augenblick dazu führen können, sie aufzugeben."
Ohne Pragmatismus zu erwähnen, akzeptiert Russell
ihn uneingeschränkt als die Praxis im Ethos des
Liberalismus. Mehr als Liberalismus ist es Pragmatismus, der das Verständnis der amerikanischen Politik
so erschwert, weil Pragmatismus ebenso wie die
Wissenschaft dazu neigt, die operativen Prämissen
des vergangenen Jahres mit den Zeitungen von
gestern auszurangieren.
Stellen Sie sich vor (weil es wahr ist): Trotz der
Weltwirtschaftskrise hatte FDR keine ideologischen
Vorbehalte, zu Beginn seiner Administration einen

Seite 2

ausgeglichenen Bundeshaushalt vorzulegen, und
dennoch endete er als Prototyp des amerikanischen
Liberalen. Bill Clinton hat ebenfalls den Ausgleich des
Bundeshaushalts vorgeschlagen. Dafür wurde er
bezichtigt, letztlich doch kein Liberaler zu sein. Also,
wer ist der wirkliche Liberale? Um diese Frage zu
beantworten, muß man sich eine grundlegende
Tatsache vor Augen führen: Fast alle amerikanischen
Präsidenten tendieren dazu, liberale Pragmatiker zu
sein, unabhängig davon, ob sie in Bürgerkriegen,
Weltkriegen, Wirtschaftskrisen oder Ost-West-Konflikten verhaftet waren. Sie sind liberal in dem Sinne,
daß sie um den Schutz und die Erweiterung demokratischer Freiheiten besorgt sind, und sie sind pragmatisch in dem Sinne, daß die amerikanische Geisteshaltung, die nicht nur während der liberalen, sondern
auch während der wissenschaftlichen Revolution
entstand, eher experimentell als dogmatisch ist. Durch
das verfassungsmäßige Recht der freien Rede
geschützte freie Nachfrage ist der intellektuelle
Wirkstoff, der alle Konzepte von Hegemonie oder
Kräftegleichgewicht in der amerikanischen Politik
verbrennt. Daher stehen amerikanische Politiker
gerne breitbeinig, um ihr eigenes Gleichgewicht in der
sich wandelnden Szene offener demokratischer
Debatte zu bewahren.
Der Republikaner Dwight Eisenhower erklärte einmal:
"Ich bin vermutlich in geschäftlicher Hinsicht ein
Konservativer und im Umgang mit Menschen ein
Liberaler." Welches von beiden war er nun? Der
Präsident, der aufhörte, solche Gedanken zu äußern
und der Liberalismus zu einem Schimpfwort machte,
war natürlich Ronald Reagan. Reagan stellte in der
amerikanischen Politik gerade deswegen eine außerordentliche Kraft dar, weil er die auf breiter Basis
ruhende pragmatische Tradition mit einer auf kleinerer
Basis gestützten moralistischen Tradition herausforderte.
Reagan war der echte Amerikaner des 17. Jahrhunderts, ein Emblem der puritanischen Wurzeln
Amerikas, die in den sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts bereits verdorrten. Er war - zumindest in
rhetorischer Hinsicht - ein Absolutist. Er schuf Einfachheit aus der Komplexität moderner Kommunikation, aber tatsächlich brach er mit dem Pragmatismus,
nicht mit dem Liberalismus. Er war ein absolut verfassungstreuer Liberaler. Und er war der Überzeugung,
daß pragmatische Ansätze zum Liberalismus einen
moralischen Ausverkauf darstellten. Diese Nachricht
wollte er nicht nur den Demokraten, sondern auch den
Anhängern seiner republikanischen Vorgänger Ford
und Nixon übermitteln. Moralischer Liberalismus - ein
Liberalismus, der in das eingebettet war, was von
einigen konservativen Denkern als "gottgegebenes
Naturgesetz" bezeichnet wurde - stellte die Quintessenz des Reaganismus dar.

AMERIKA DIENST 05

�Reagan wurde 1980 in seinem Wahlkampf der moralischen Erneuerung von mächtigen Kräften unterstützt.
Der durch Henry Kissinger verkörperte Pragmatismus
Nixons hatte in gewisser Weise nicht funktioniert.
Trotz Detente stellte die Sowjetunion immer noch eine
Bedrohung dar, China war immer noch kommunistisch,
und dasselbe galt für Vietnam, Kuba und schließlich
Afghanistan. Ferner ging es der unter der Ölkrise
leidenden Wirtschaft unter Carter schlecht, was noch
durch die Nachwirkungen der durch den Vietnamkrieg
hervorgerufenen Inflation verschlimmert wurde.
Amerika erschien Reagan und seinen Anhängern im
Wahlkampf 1980 tatsächlich wie Nixons "bedauernswerter Riese". Und diese Anhänger gehörten zu den
talentiertesten politischen Aktivisten seit den Braintrustern von Franklin D. Roosevelt.
Mitte der achtziger Jahre wurde die Reagan-Revolution schwächer und verlor an Glanz. Vertreter von
Pragmatismus und Skeptizismus in Amerika sahen,
wie bestimmte Dinge im nationalen Leben Amerikas
nicht funktionierten, wobei das explodierende Haushaltsdefizit an erster Stelle stand. Die Republikaner
nahmen schnell eine Kurskorrektur vor. Die folgenden
beiden Präsidentschaftskandidaten der Republikaner
waren dieselbe Art von liberalen Pragmatikern wie es
Ford und Nixon gewesen waren.
Nixon - ein liberaler Pragmatiker? Die nachfolgende
Reagan-Revolution stellte ihn in diesem Licht dar. Es
stimmt, daß Nixon sich zum Zweck der Inflationsbekämpfung weigerte, bestimmte vom Kongreß
bewilligte Gelder auszugeben. Reagan hätte wohl
dasselbe getan, wenn der Kongreß es zugelassen
hätte. Aber Nixon machte Lyndon Johnson's Regierung größer denn je. Unter anderem gründete er das
Umweltschutzamt, weil er die Regierung für ein
legitimes Instrument hielt, das den Interessen der
Öffentlichkeit dienen kann und sollte - wenn es
funktioniert.
Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt: 'Big government' ist nicht der Maßstab für die Lebensfähigkeit
des Liberalismus in Amerika und auch kein Glaube
und keine Ideologie um seiner oder ihrer selbst willen,
nicht einmal für die Demokraten. Ein aufgeblähter
Regierungsapparat, der nicht die gewünschten Ziele
erreicht, ist ein Feind des Liberalismus, nicht sein
Freund.
Es ist extrem schwierig, diese Idee zu vermitteln, weil
wir 'big government' lange Zeit mit Liberalismus
assoziierten und die ganze Frage damit so parteipolitisch wurde. Zudem sind mit der Fortsetzung
spezifischer staatlicher Ansätze und Programme
machtvolle Interessen verbunden. Unter Franklin
Roosevelt waren die Amerikaner verzweifelt. Sie
hätten praktisch alles versucht. Jetzt sind die Amerika-

AMERIKA DIENST 05

ner zwar pragmatisch, aber alles andere als verzweifelt. Sie würden nicht alles versuchen. Wir sahen
das an ihrer Reaktion auf die Debatte über die Gesundheitsreform, die den Demokraten zum Nachteil
gereichte, und wir sahen das an ihren Reaktionen auf
die Vorschläge zu Kürzungen der Sozialleistungen und
auf die Zahlungsunfähigkeit der Regierung, die den
Republikanern zum Nachteil gereichten.
In diesem Sinn ist die amerikanische Wählerschaft bei
ihrem Experiment mit einer geteilten Regierung republikanische Mehrheit im Kongreß, Demokrat im
Weißen Haus - zunehmend aktivistisch geworden.
Nicht Parteizugehörigkeit und Ideologie sind von
Bedeutung, wichtig ist die Mischung politischer Kräfte,
die den Amerikanern bessere Dienstleistungen
bereitstellen - vorzugsweise (aber nicht notwendigerweise) zu geringeren Kosten.
Wir haben es hier keinesfalls mit einem Toten zu tun dieses Geräusch im Sarg ist der amerikanische
Liberalismus, der sich räuspert, um wieder das Wort
ergreifen zu können. Er weiß, daß er sich in einer
engen Kiste befindet. Die pragmatische Frage lautet wie kommt er heraus? Wie benutzt ein liberaler
Präsident aus den Reihen der Demokraten die Regierung nicht nur zur Bereitstellung notwendiger Leistungen und Durchführung von Veränderungen im Dienste
des amerikanischen Volkes, sondern auch für neue
Anreize, die von Unternehmen und nichtstaatlichen
Organisationen finanziert und umgesetzt werden?
Das erfolgt wahrscheinlich nicht durch eine neue
Doktrin oder ein Dogma, obwohl die Fähigkeit des
Reaganismus zu doktrinärer Denkweise Tradition
bleibt. Vielmehr geschieht es wahrscheinlich durch
kunstvoll gestaltete Initiativen, denen man am besten
erst nach ihrer Umsetzung einen Namen gibt. Das
wird in der Innenpolitik und in der Außenpolitik geschehen. Einige werden uns den Vorwurf der Inkonsequenz machen, aber das bleibt unsere größte Stärke,
während wir den liberal-demokratischen Überzeugungen treu bleiben - mit vielen pragmatischen Drehungen
und Wendungen auf dem Weg.
Ein demokratischer Präsident, der behauptet, die
Regierung könne nicht für alles sorgen und das
Zeitalter des 'big government' sei vorüber, mag ein
ungewöhnlicher Demokrat sein, aber er ist ein typischer Amerikaner auf der Suche nach dem, was
funktioniert und was erfüllt. Darüber hinaus verfügt er
über einen Haushalt von 1,6 Billionen Dollar. Als
Vermittler spielt die US-Regierung eine wichtige Rolle
im amerikanischen Leben und auf der internationalen
Bühne - und der Liberalismus bestimmt weiterhin die
nationalen Ziele Amerikas, ebenso wie der Pragmatismus unsere bevorzugte politische Vorgehensweise
definiert.

Seite 3

�OSZE

12. März 1997

OSZE muß anpassungsfähig und kreativ bleiben
Rede von John Kornblum

WIEN - (AD) - Der Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium,
John Kornblum, hielt am 6. März 1997 vor dem Ständigen Rat der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die nachfolgende Rede.

Es ist mir eine große Freude, zu einer Zeit hierher
zurückzukehren, in der die OSZE eine neue Bedeutung erlangt hat. Wer von uns 1992 in Helsinki dabei
war, als wir ein Aktionsprogramm für die OSZE
entwarfen, hätte sich nicht vorstellen können, wieviele
Fortschritte die OSZE in fünf kurzen Jahren machen
würde.

des Gefühls der Instabilität, das für viele Teile Europas
immer noch eine Belastung darstellt. Und im neuen
Zeitalter demokratischer Zusammenarbeit heißt das
vor allem, den Menschen und Nationen unserer
Gemeinschaft die Initiative für die Schaffung von
Sicherheit zu überlassen.
Wenn wir unseren Menschen das Gefühl geben

Die OSZE gewinnt jeden Tag an Glaubwürdigkeit und
Einfluß. Als die einzige Organisation, die sich vollständig der Schaffung von Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und über den Atlantik hinweg widmet,
ist die OSZE prädestiniert, eine zentrale Rolle bei
unseren gemeinsamen Bestrebungen zum Aufbau
einer demokratischen Sicherheitsordnung in Europa zu
übernehmen.
Ich kann Ihnen versichern, daß diese Lektion auch in
den Vereinigten Staaten beherzigt wird. Die Bosnienmission und die Mission von Felipe Gonzalez haben
der OSZE mehr Anerkennung denn je verschafft.
Außenministerin Albright ist eine besonders entschiedene Befürworterin der OSZE, wie viele von
Ihnen in ihrer Anhörung vernommen haben. Wenn wir
in Washington nach Mitteln zur Lösung drängender
Probleme suchen, wenden wir uns in immer stärkerem
Maße der OSZE zu. Die Vereinigten Staaten betrachten die OSZE als elementaren Aspekt unserer Hoffnung auf ein - wie Präsident Clinton es formulierte wahrhaft integriertes Europa.
Integration ist für uns keine spezifische organisatorische Lösung oder ein gut durchdachter Vertrag. Sie
bedeutet Integration aller Aspekte der Zusammenarbeit
innerhalb und zwischen Gesellschaften und Regierungen auf allen Ebenen. Sie beinhaltet die Überwindung

AMERIKA DIENST 05

können, daß wir in unsere gegenseitige Sicherheit
investieren und daß sie offen und positiv miteinander
umgehen können, dann haben wir unser Ziel echter
Integration erreicht.
Die OSZE ist der beste, vielleicht der einzige Ort, an
dem diese komplexen Aspekte debattiert, definiert und
in konkrete Aktionen umgesetzt werden können.
Die OSZE ist von Natur aus ein Organ, das ständig
verbessert und umstrukturiert wird. Wir haben in
diesem Saal und andernorts zahllose Debatten über
die richtige Gestaltung der OSZE geführt. Viele von
Ihnen kennen die Überzeugung der Vereinigten
Staaten, daß die OSZE eine einzigartige Einrichtung
ist. Sie ist eine werteorientierte, politische Organisation, die genau deswegen stark ist, weil sie keine
formalrechtliche Struktur hat.
Diesem Konzept schließen sich nicht alle Mitgliedstaaten an. Es gibt andere legitime Visionen für die Zukunft
der OSZE. Aber es gibt auch Zeiten, in denen wir nicht
zulassen sollten, daß die Debatte über Visionen den
Aktionen im Weg steht - und dies ist eine solche Zeit.
Der Lissabonner Gipfel hat einen wesentlichen Beitrag
zu unserer Arbeit geleistet. Jetzt besteht unsere
Aufgabe darin, den Entscheidungen unserer führenden
Politiker Substanz zu verleihen.

Seite 1

�Es ist offensichtlich, daß wir diese Organisation stark,
kreativ und einsatzbereit halten müssen. Wir haben
mehrere Institutionen ins Leben gerufen, die jetzt als
Modelle für innovative Diplomatie angesehen werden.
Unsere ständigen Implementierungstreffen sind ein
Ausgangspunkt für unsere Aktionen. Die OSZE ist
auch eine der beiden Organisationen, die nach Ansicht
der NATO und der WEU ein Mandat für Operationen
zur Friedenssicherung und Konfliktverhütung haben.
Dies ist ein wichtiger Moment um sicherzustellen, daß
die OSZE weiterhin an vorderster Front der Bestrebungen zur Förderung von Sicherheit, Demokratie und
Wohlstand auf ihrem gesamten Gebiet steht.
Eine andere wichtige Frage für die OSZE lautet, wie
sie zu dem Ort werden kann, an dem wir die Sicherheitsagenda für die ganze Region bestimmen.
Aufgrund ihrer umfassenden Mitgliedschaft können alle
Nationen und Völker in der OSZE das Gefühl haben,
daß sie in der zu schaffenden Sicherheitsgemeinschaft
vertreten sind. Dieser gemeinsame Sicherheitsraum
bietet Platz für viele verschiedene Bestrebungen. Die
NATO wird weiterhin eine wesentliche Rolle spielen ebenso wie die Europäische Union, der Europarat und
die in der Schlußakte von Helsinki enthaltenen zahlreichen regionalen Bestrebungen. Letztlich wird unsere
Zukunft jedoch von den demokratischen Grundlagen
der Sicherheit bestimmt.
Durch die Stärkung der Fähigkeit der OSZE zu
handeln und auf dieser Grundlage unser Sicherheitsmodell für das 21. Jahrhundert zu definieren, können
wir sicherstellen, daß die OSZE wirklich die führende
Institution für Sicherheitszusammenarbeit in dem
neuen Zeitalter ist. Aber Worte sind nicht genug. Es
müssen Taten folgen. Aus diesem Grund möchte ich
heute einen Aktionsplan für das kommende Jahr
vorschlagen, der der wichtigen Arbeit zusätzliche
Substanz verleiht, die wir bereits leisten:
Verstärkte Konzentration auf die andauernde
Instabilität auf dem Balkan. Kritische Themen
müssen bewältigt werden. Darunter natürlich
die aktuelle Krise in Albanien, wo die OSZE in
einer einzigartigen Position ist, einen unverzüglichen und dauerhaften Beitrag zu
leisten. Ich fordere die albanische Regierung
auf, die guten Dienste der OSZE uneingeschränkt zu nutzen, damit sie zur Behebung
der Instabilität beitragen kann, die das Land
bedroht.
Es gibt auch eine Reihe anderer drängender Probleme
auf dem Balkan, die unsere Aufmerksamkeit erfordern.
Die Verstärkung unserer Bestrebungen für Kommunalwahlen müssen eine Priorität sein. Jeder teilnehmende
Bundesstaat muß maximale Anstrengungen unternehmen, damit diese Wahlen ungestört ablaufen.

Seite 2

Darüber hinaus sollten wir unseren Einsatz für Menschenrechte und die Demokratisierung in Bosnien
zielgerichteter gestalten, die Einhaltung von Artikel II
und IV der Rüstungskontrollabkommen prüfen, den
Weg für demokratische Wahlen in Serbien ebnen, den
Dialog im Kosovo fördern, den Konflikt in Albanien
ansprechen und die Rolle der OSZE nach UNTAES in
Ostslavonien festlegen.
Ein ausgezeichnetes Forum für die gründliche
Erörterung dieser Probleme wäre ein Treffen
des Hohen Rats. Wie Sie wissen, haben wir
ein solches, im Budapester Dokument von
1994 vorgeschriebenes Treffen seit nahezu
einem Jahr nicht mehr abgehalten. Ein gut
besuchtes und gut organisiertes Treffen des
Hohen Rats würde nicht nur unsere Arbeit auf
das Ziel ausrichten, sondern auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die entscheidende Rolle lenken, die die OSZE jetzt
bei der Stabilisierung dieser Region spielt.
Wir sollten auch die Zusammenstellung von
"Demokratisierungsteams"
in
Erwägung
ziehen, damit sich die instabilen Demokratien
erfolgreicher entwickeln können.
Diese
Teams wären mehr als die isolierten Konsultationsbesuche hochrangiger OSZE-Vertreter
und etwas weniger als eine Langzeitmission.
Sie könnten aus Experten, Diplomaten und Politikern
bestehen, die eine Reihe von Besuchen machen oder
mehrere Wochen bleiben würden, um den Regierungen bei der Erarbeitung von Strategien zur Bewältigung von Problemen wie wirtschaftlicher oder ethnischer Instabilität, Planung effektiver Wahlen oder
Förderung der zivilen Kontrolle des Militärs behilflich zu
sein. Die Zusammenstellung dieser Teams, möglicherweise unter der Schirmherrschaft des Büros für
demokratische Institutionen und Menschenrechte
(BDIMR) wäre ein weiteres Instrument, das flexibel
zum Abbau von Spannungen eingesetzt werden
könnte.
Wir sollten auch dem Arbeitsprogramm für das
Sicherheitsmodell verstärkte Aufmerksamkeit
widmen. Im Einklang mit unseren Lissabonner Vereinbarungen möchten wir die "neuen
Verpflichtungen" definieren, die wir in diesem
Zusammenhang eingehen können.
Am
wichtigsten wird das Sondieren neuer Wege
für gemeinsame Aktionen sein, damit wir
unverzüglich und effektiv handeln können,
wenn OSZE-Prinzipien und -Verpflichtungen
verletzt werden. Unsere Arbeit an dem Sicherheitsmodell sollte vor allem sehr viel mehr
als eine Maßnahme sein, nur eine weitere
Deklaration zu entwerfen.

AMERIKA DIENST 05

�Meines Erachtens müssen wir auch die Art und Weise
eingehend prüfen, wie wir die uns jetzt zur Verfügung
stehenden Handlungsmechanismen entschiedener
einsetzen können. So aktiv die OSZE ist, können wir
doch noch effektivere Überwacher unserer eigenen
Standards sein. Sobald wir diese praktische Seite des
Programms umgesetzt haben, können wir überlegen,
wie wir am besten damit arbeiten - durch eine Charta
oder andere Mittel.
Wir haben den wichtigen wirtschaftlichen,
umweltpolitischen und wissenschaftlichen
Aspekten der OSZE nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Die wirtschaftliche Dimension
wurde der Schlußakte hinzugefügt, um der
Tatsache Rechnung zu tragen, daß demokratische Institutionen ohne eine solide Grundlage des Wohlstands nicht prosperieren können.
Die Vereinigten Staaten und Rußland haben
Initiativen in die Wege geleitet, um die wirt-

schaftliche Dimension zu beleben. Wie die
dramatischen Ereignisse der vergangenen
Wochen demonstrieren, ist der wirtschaftliche
Aspekt der Sicherheit von zentraler Bedeutung
für uns. Es ist an der Zeit, daß alle Teilnehmerstaaten auch ihrer Verantwortung in
diesem Bereich gerecht werden.
Dies sind nur einige wenige Bereiche, in denen wir
meiner Ansicht nach in den kommenden Wochen und
Monaten Entscheidungen treffen können. Ich möchte
hier die andauernde Notwendigkeit unterstreichen, daß
die OSZE weiterhin anpassungsfähig und kreativ
bleibt. Unsere Standards und Werte sind konstant sie sind die unveränderliche Grundlage unserer
Zusammenarbeit. Aber ihre Umsetzung sollte noch
innovativer sein. Auf diese Weise wird sich die
Einzigartigkeit und Relevanz der OSZE entsprechend
der Ereignisse weiterentwickeln, statt statisch zu
werden.

* * * * *

AMERIKA DIENST 05

Seite 3

�UMWELT
12. März 1997

Nachhaltige Entwicklung nur mit aktiver
Beteiligung der Bevölkerung möglich
von Botschafter Bill Richardson

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Bill Richardsen, dem
Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, über die Überprüfung und Bewertung
der Umsetzung von Agenda 21: Ad-hoc-Arbeitsgruppe der Kommission für nachhaltige Entwicklung bei den
Vereinten Nationen, 24. Februar 1997.

Herr Vorsitzender, es ist mir eine Freude und Ehre, zu
Beginn meiner zweiten Woche als Ständiger Vertreter
der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen
diese Chance zu haben, über ein für uns alle so
wichtiges Thema zu sprechen. Ich möchte auch
unsere Kovorsitzenden zu ihrer Wahl beglückwünschen, die unsere Staatengemeinschaft bei der
Vorbereitung der Sondersitzung der UN-Generalversammlung über die Agenda 21 im Frühjahr leiten.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sind das globale
Jahrhundert, die Deklaration von Rio und das Aktionsprogramm der Agenda 21 für nachhaltige Entwicklung
bahnbrechende Leistungen, die einer einfachen
Wahrheit Rechnung tragen. In der interdependenten
Welt von heute können Probleme und Aktionen überall
auf der Welt die Menschen überall auf der Welt
betreffen. Wir gelangen immer mehr zu der Erkenntnis, daß Armut, die Umwelt, soziale Gerechtigkeit, die
Wirtschaft und Sicherheit auf globaler Ebene untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Faktoren
haben wir in das Zentrum unserer Außenpolitik gestellt,
während wir gleichzeitig diese Herausforderungen hier
in den Vereinigten Staaten in Angriff nehmen.
Bei der Vorbereitung auf die Überprüfung der seit dem
Erdgipfel vergangenen fünf Jahre ist es daher von
Bedeutung, daß das Streben nach nachhaltiger
Entwicklung weiterhin eine der obersten Prioritäten
und gemeinsamen Missionen für alle Nationen im
nächsten Jahrtausend bleibt.

AMERIKA DIENST 05

Meine Regierung vertritt die Ansicht, daß die Ergebnisse der Sondersitzung zur Erlangung unserer Ziele
sowohl zielgerichtet als auch durchführbar sein sollten.
Unser Programm muß eindeutig die Tatsache berücksichtigen, daß nachhaltige Entwicklung über Umweltfragen hinausgeht und wirtschaftliche sowie soziale
Entwicklung umfaßt.
In Kopenhagen haben wir
bekräftigt, daß dies sich gegenseitig verstärkende
Komponenten unserer Bestrebungen sind, allen
Menschen eine höhere Lebensqualität zu bieten. Im
Juni sollten unsere Staats- und Regierungschefs in
New York eine politische Erklärung abgeben, die sich
auf folgendes konzentriert:
Die Umsetzung der Agenda 21 auf nationaler
und lokaler Ebene
Die sektoralen Probleme des Umweltschutzes
und die sektorenübergreifenden Probleme
nachhaltiger Entwicklung
Die erforderlichen Institutionen zur Koordinierung und Durchführung dieser Bestrebungen
bis ins nächste Jahrhundert
Während wir mit der Überprüfung von Agenda 21
beginnen, kann die Sondersitzung unseres Erachtens
die Fortschritte im einzelnen hervorheben und einen
Anreiz für weitere Aktionen zu mehreren entscheidenden Themen bieten. Dazu zählen:

Seite 1

�Der Vertrag über den Klimawandel
Stratosphärisches Ozon und der Prozeß des
Montrealer Protokolls
Schädliche und toxische Substanzen
Internationale Wälder
Die Konvention über Artenvielfalt und das
Protokoll über Biosicherheit
Verschmutzung der Meere
Fischereiwesen
Versteppung
Trinkwasserfragen
Herr Vorsitzender, nachhaltige Entwicklung funktioniert, wenn der Ansatz integriert und die Beteiligung
umfassend ist sowie der Prozeß von unten nach oben
initiiert und weiterentwickelt wird.
In regierungsunabhängigen Foren können wir uns auf
Normen und Standards sowie optimale Praktiken und
Maßnahmen einigen. Die Durchsetzung kann jedoch
nur auf möglichst dezentralisierter Ebene erfolgen - sei
es auf nationaler, subnationaler oder lokaler Ebene.
Durch kollektive zwischenstaatliche Zusammenarbeit
können wir ein unseren Zielen förderliches Umfeld
gestalten. Aber die Schaffung von Arbeitsplätzen und
die Bekämpfung der Armut erfordern umfassendes und
nachhaltiges Wirtschaftswachstum, das auf solider
nationaler Politik basiert. Umweltschutz setzt in
Entwicklungs- und Industrieländern gleichermaßen
eine durchdachte und allgemein umgesetzte Staatspolitik voraus. Und Kindererziehung sowie Gesundheit
und Wohlergehen unserer Menschen hängen von
Humankapital und Einrichtungen auf nationaler Ebene
ab.
Eine der großen Errungenschaften von Rio war die
Partnerschaft zwischen Staaten und der bürgerlichen
Gesellschaft,

die

bestimmte

Interessenvertreter

entsandte.
Ein wesentliches Element in diesem
Prozeß, das wir in der Kommission für nachhaltige
Entwicklung bislang vielleicht vernachlässigt haben
und dem wir bei der Sondersitzung vollständig Rechnung tragen müssen, ist gute Regierungsführung.
Damit meinen wir eine repräsentative, rechenschaftspflichtige, transparente und zurückhaltende Regierung.
Nur eine solche Regierungsführung gestattet die
Einbeziehung aller Elemente der bürgerlichen Gesellschaft in die Politik der Kommunal- und Zentralregierung zur Erlangung nachhaltiger Entwicklung.
Die bürgerliche Gesellschaft ist die Grundlage für
nachhaltige Entwicklung auf kommunaler und na-

Seite 2

tionaler Ebene. Es ist offensichtlich, daß Regierungen
Programme für nachhaltige Entwicklung nicht im
Alleingang erfolgreich durchführen können. Und es ist
selbstverständlich, daß die Regierungen, die sich
keinen Praktiken für gute Regierungsführung verschreiben und sie befolgen, weder wirksam regieren
noch umweltfreundliches, umfassendes und nachhaltiges Wirtschaftswachstum fördern können.
Herr Vorsitzender, bei unserer Arbeit an sektorenübergreifenden Fragen muß die Erklärung der Sondersitzung nicht nur die Fortsetzung und Stärkung der
Agenda 21, sondern auch die Leistungen und Vereinbarungen der in Rio begonnenen Serie großer internationaler Konferenzen hervorheben.
Wir müssen uns sowohl mit der Finanzierung als auch
dem Technologietransfer befassen und in diesem
Zusammenhang unseren Dialog erweitern, damit er
über die Finanzierung des öffentlichen Sektors und die
offizielle Entwicklungshilfe hinausgeht und auch die
Nutzung der enormen Macht von in- und ausländischem Privatkapital und Investitionen einbezieht. Die
Sondersitzungen der Kommission für nachhaltige
Entwicklung haben den Rahmen für Gespräche über
Finanzierungsfragen derart gestaltet, daß folgenden
Tatsachen Rechnung getragen wird: Die private
Finanzierung geht bereits weit über die externe Hilfe
hinaus, und der Schwerpunkt bei den Finanzdiskussionen sollte auf der verbesserten Nutzung bestehender
Ressourcen, der Ermutigung von Privatinvestitionen
zur Förderung nachhaltiger Entwicklung sowie der
Prüfung innovativer Finanzmechanismen liegen.
Bei der Vorbereitung der Sondersitzung müssen wir
auch die Nachhaltigkeit von Produktion und Verbrauch
erneut berücksichtigen. Auf diesem Gebiet sowie bei
sektoralen Umweltfragen besteht eine dringende
Notwendigkeit sicherzustellen, daß die Kosten internalisiert werden, damit der Markt Signale senden und
Anreize für die Förderung von Nachhaltigkeit in allen
Ländern geben kann.
Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten sehen der
Zusammenarbeit mit allen Ländern und den Interessenvertretern der bürgerlichen Gesellschaft erwartungsvoll entgegen um zu gewährleisten, daß unsere
Arbeit in diesem Kreis, bei der fünften Sitzungsperiode
der Kommission für nachhaltige Entwicklung im April
sowie bei der Sondersitzung im Juni erfolgreich und
produktiv wird. Es muß unser Ziel sein, die Agenda 21
und das für Millionen von Menschen daraus resultierende Versprechen im nächsten Jahrhundert fortzuführen. Wir müssen versuchen, uns nicht durch das
wiederholte Lesen und Aushandeln einzelner Zeilen
und Kapitel behindern zu lassen. Vielmehr sollten wir
mit dem lohnenden Ziel im Blick die Foren aufbauen
und die Mechanismen ausfeilen, die für den Erfahrungsaustausch vor Ort sowie auf kommunaler und
nationaler Ebene bei der Erlangung nachhaltiger

AMERIKA DIENST 05

�Entwicklung benötigt werden. In Rio einigten wir uns
darauf, die Bedürfnisse der heute lebenden Menschen
zu decken, ohne das Wohlergehen unserer Kinder und
Enkel aufs Spiel zu setzen. Das ist unsere Heraus-

forderung, und ich sehe unserer Zusammenarbeit in
den kommenden Wochen und Monaten erwartungsvoll
entgegen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 05

Seite 3

�D A T E N A U T O BAHN
12. März 1997

Der Bau eines neuen Amerika Hauses im Web
von Robert Earle

Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Gesandten-Botschaftsrat bei der Amerikanischen Botschaft in
Bonn, Robert Earle.

"The times they are changing" - Bob Dylan

Hamburg auszuziehen und unsere kulturellen und
Informationsprogramme statt dessen von den Konsulaten aus durchzuführen.

Anfang der sechziger Jahre, als Bob Dylan seine
besten Lieder schrieb, geschah etwas, das noch
andauert. Wir alle begannen, unser Leben um das
Konzept des Wandels herum aufzubauen. Unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg wollten viele von uns die
Dinge wieder so handhaben, wie sie es in Friedenszeiten getan hatten. Das war der Geist der fünfziger
Jahre. Aber die sechziger Jahre leiteten radikale
Innovation als den kulturellen Stil der westlichen Welt
ein. Bürgerrechte, Feminismus, Umweltschutz, die
sexuelle Revolution und andere Bewegungen begannen, die jahrhundertealten kulturellen Praktiken zu
verändern. Der Impuls zu Wandel war menschlich.
Die Methode des Wandels nahm gelegentlich technologische und sogar chemische Dimensionen an.

Während wir in den vergangenen Jahren über diese
Entscheidungen berieten, nahmen wir parallel auch
Gespräche über die Entwicklung neuer Dimensionen
in den deutsch-amerikanischen Beziehungen auf.
Eine Frage, die wir uns stellten, war, ob wir eine neue
Art von Amerika Haus im World Wide Web aufbauen
könnten. Wenn die historische Prämisse der Amerika
Häuser lautete, daß die Deutschen ungehindert
Amerika entdecken sollten, indem sie unsere Schwelle
überschritten, könnte dann dieses Ziel in einer anderen, phantasievollen Weise erreicht werden, die von
kulturellem und technologischem Wandel profitierte,
statt sich ihm zu widersetzen?

Heute, in den neunziger Jahren, hat der kulturelle Tanz
der Menschheit und Technologie den hitzigen Rhythmus eines Tangos angenommen. Sogar die seriöse
Diplomatie, von der selbst die Diplomaten manchmal in
Kategorien wie gestärkten Kragen und endlosen
offiziellen Empfängen denken, wurde vom Fieber des
Wandels ergriffen. Aber Fieber kann, wie wir alle
wissen, Anfälle von Delirium, Halluzinationen und
Unsicherheiten bewirken. Werden solche Träume je
Realität?
In Deutschland ist eines unserer erfolgreichsten
diplomatischen Programme - einige würden es als das
erfolgreichste bezeichnen - das Amerika Haus. In den
fünfziger Jahren gab es 50 Amerika Häuser. Verschiedene Faktoren, nicht zuletzt der Haushalt, haben
diese Zahl auf sechs verringert, und wir haben jetzt
Pläne, aus den Amerika Häusern in München und

AMERIKA DIENST 05

Wir glauben, wir haben es jetzt geschafft - nach drei
Jahren Arbeit und sehr hohen Investitionen in Mitarbeiter und Technologie. Noch während wir die
Schmerzen ertrugen, unsere uns lieb gewordenen
Amerika Häuser schließen zu müssen und uns mit
unseren deutschen Freunden sorgten, daß dies als
amerikanisches Disengagement oder ein Zusammenbruch des kulturellen Dialogs angesehen werden
würde, haben wir ein erfolgreiches, voll funktionierendes Amerika Haus im Web aufgebaut, das eine neue
Generation Deutscher offenkundig zu schätzen weiß.
Natürlich hat das World Wide Web keine Fenster,
durch die die Sonne auf Sie scheint, während Sie eine
Ausgabe von Huckleberry Finn in der Hand halten,
aber deutsche Buchgeschäfte haben Fenster, und sie
haben Huckleberry Finn und außerdem Tausende
anderer klassischer und zeitgenössischer amerikanischer Titel. Darüber hinaus benutzen Tausende von

Seite 1

�Deutschen jede Woche unser Amerika Haus im Web
für Zwecke, die weit über Literatur hinausgehen. In der
Tat kommen jetzt jede Woche mehr Deutsche zu
unserem Amerika Haus im Web als je zu einem
unserer Amerika Häuser in Deutschland gekommen
sind, und sie finden Antworten auf ihre dringendsten
Fragen. Die USIS-Germany Homepage (die unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html zu finden ist) hat
über 10.000 Besucher pro Woche. Sie funktioniert
uneingeschränkt, obwohl sie immer noch weiterentwickelt wird, während wir sie verbessern und
erweitern. Beispielsweise lesen 1.500 Menschen
wöchentlich politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche
und kulturelle Texte, die wir auf Deutsch im Amerika
Dienst veröffentlichen - einer teuren Publikation, die
wir bisher nur gedruckt per Post an ein ausgewähltes
Publikum verschickten. Weitere 1.000 Menschen
konsultieren unsere Homepage jede Woche für
detaillierte Informationen über ein Studium in den
Vereinigten Staaten. Und mehrere Hunderte zusätzlich lesen auf der Homepage die U.S. Policy Quotes, in
denen die Aussagen hochrangiger Politiker zu Themen
von NATO bis zu Bevölkerungspolitik wörtlich wiedergegeben sind. Konsularische und Visainformationen sind ein weiteres populäres Element unseres
neuen elektronischen Amerika Hauses. Und 1.000
Deutsche benutzen jede Woche unsere Homepage,
um direkt zur USIA-Homepage in Washington zu
gelangen, die wiederum mit den meisten Ministerien
der US-Regierung verbunden ist, einschließlich des
Weißen Hauses.
Man kann unterschiedlich auf all das reagieren,
angefangen mit: "Es ist nicht dasselbe!" Und man
kann sich fragen, wer diese deutschen Nutzer sind und
was sie davon haben, unser Amerika Haus im Web zu
besuchen. Im Augenblick können wir das nicht in Erfahrung bringen, aber diese Deutschen von heute sind

für uns im modernen Informationszeitalter ebenso
wichtig wie ihre Eltern (und Großeltern!) es in den
vergangenen Jahrzehnten waren. Darüber hinaus
wissen wir, daß die von uns angebotenen Informationen so spezifisch sind, daß nur Leute, die sich wirklich
für den deutsch-amerikanischen Dialog engagieren, sie
nutzen. Amerika D/ensf-Artikel sind keine leichte Kost,
ebensowenig wie U.S. Policy Quotes. Viele Anwender
sind offensichtlich Journalisten, Forscher sowie
Politiker und Regierungsvertreter. Aber auch Studenten kommen. Jeden Monat sehen wir steigende
Zahlen, und wir passen unser Angebot entsprechend
an. Eines unserer nächsten Angebote wird eine
Zeitschrift über die Reform des Energiemarktes sein,
die dem letztes Jahr von uns veröffentlichten erfolgreichen telecommunications newsletter folgt. Solche
elektronischen Publikationen sprechen die drängendsten Probleme an, mit denen sich hochentwickelte
Nationen wie die Vereinigten Staaten und Deutschland
in den neunziger Jahren konfrontiert sehen.
Unser Amerika Haus im Web wird sich weiterentwikkeln. Wir sehen es als eine elektronische Struktur, die
konstant modifiziert werden kann, während ihre Türen
den Deutschen in ganz Deutschland (und der Welt) 24
Stunden lang geöffnet sind. Unserer Ansicht nach wird
diese neue Dimension des deutsch-amerikanischen
Dialogs sich noch vergrößern, und zwar exponentiell.
Das rechtfertigt weitere Investitionen in ein Forschungs-/Technologie-/lnformationsteam, das sich an
den Prozeß des Wandels anpassen und ihn vielleicht
anführen kann. Wenn unsere Aufgabe darin besteht,
Amerika so zu repräsentieren wie wir sind, dann ist
diese Art von Amerika Haus im Web ein unerläßlicher
Bestandteil des Engagements der Vereinigten Staaten
für den deutsch-amerikanischen Dialog in den neunziger Jahren.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 05

•HtfW •

�TELEKOMMUNIKATION
12. März 1997

Auf der Suche nach einem stabilen
Telekommunikationsmarkt
von Larry Irving

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Abteilungsleiter für Kommunikation und Information im USWirtschaftsministerium, Larry Irving, verfaßten Artikel über die Einführung des Wettbewerbs auf dem
Telekommunikationsmarkt.

Wir suchen einen stabilen Markt. Und das wird von
uns jetzt auch erwartet. Auf diesem Markt erfordert der
Übergang von gesetzlich geregelten Monopolen für
viele Telekommunikationsdienste zu uneingeschränktem Wettbewerb Zeit. Wie Vizepräsident Gore erklärte, ist dies "das erste Jahr eines Veränderungsprozesses, der gewisse Zeit benötigt".

Im Hinblick auf die Förderung des Wettbewerbs
zwischen Netzbetreibern müssen wir Vorschriften für
Vernetzung und Anschlußgebühren einführen, die den
richtigen Anreiz bieten und tatsächlich ein Umfeld für
Wettbewerb schaffen, der wiederum die Preise für
Unternehmen und Verbraucher senkt. Wir müssen die
Anschlußgebühren senken, damit wir den Firmen die
richtigen wirtschaftlichen Signale senden, die sich um
den Aufbau neuer Netze und die Bereitstellung neuer
Dienstleistungen bemühen.

Wir befinden uns in einer Übergangszeit und sollten
nicht vergessen, daß ein Übergang normalerweise
nicht einfach ist. Gewöhnlich ist er von einem hohen
Maß an Unsicherheit und Störung gekennzeichnet.
Damit werden wir auch jetzt auf dem Telekommunikationsmarkt konfrontiert.

Die gute Nachricht lautet, daß die amerikanischen
Bundesstaaten bereits Übergangsregelungen getroffen
und in einigen Fällen endgültige Vorschriften für
Vernetzung und Wiederverkaufsrabatte erlassen
haben. Landesweit werden derzeit mehr als 250
Vereinbarungen geprüft.

Es ist, als würde man Schwimmer beobachten, die
vom Meer zur Küste schwimmen. Manche werden von
den tosenden Wellen auf den Strand geworfen, andere
von einem Sog erfaßt; wieder andere überraschen
uns, indem sie auf den Wellen reiten und elegant
angeglitten kommen.

Die Auswirkungen der jüngsten oder geplanten
Fusionen von Telekommunikationsanbietern auf den
Wettbewerb sind unklar. Fusionen waren zweifelsohne die große Neuigkeit des Jahres 1996 - Bell Atlantic
mit Nynex, PacTel mit SBC Corporation, MCI mit
British Telecom. Die Vorteile solcher Fusionen für die
Öffentlichkeit bestehen in der Möglichkeit, daß sie den
jeweiligen Unternehmen gestatten, die durch das
Telekommunikationsgesetz geschaffenen Wettbewerbsherausforderungen anzugehen und den Wettbewerb zu erhöhen. Die Gefahr solcher Fusionen ist,
daß diese Unternehmen ihre neue Größe und ihre
Mittel zum Schutz ihres Marktanteils und zur Behinderung weiteren Wettbewerbs einsetzen. In diesem
Bereich müssen wir wachsam sein und sicherstellen,

Wo stehen wir ein Jahr nach der Verabschiedung des
Telekommunikationsgesetzes von 1996?

Der Telekommunikationsmarkt
Unsere Suche nach einem soliden Markt hat drei
Dimensionen. Erstens möchten wir einen pulsierenden Markt, der uneingeschränkten Wettbewerb unter
den Anbietern von Telekommunikationsdienstleistungen ermöglicht. Der wichtigste Aspekt dieses Ziels
besteht im Ausbau der Kommunikationsnetze.

AMERIKA DIENST 05

Seite 1

�daß Fusionen sich nicht als wettbewerbsschädigend
erweisen.

Markt, deren Besitzer oder Betreiber Angehörige von
Minderheiten und Frauen waren.

Wettbewerb ist nicht vorhersehbar.
Tatsächlich
machen drahtlose Dienstleistungen den Telefongesellschaften einen Großteil der Konkurrenz, den viele eher
von Seiten des Kabelfernsehens erwartet hätten.
Vergangenes Jahr gewannen die drahtlosen Dienste
10 Millionen neue Kunden. Derzeit gibt es in den
Vereinigten Staaten 38 Millionen Kunden drahtloser
Dienste - das sind fast 15 Prozent aller Amerikaner.
Die Arbeitnehmer haben Vorteile durch diesen Wettbewerb: Die Industrie für drahtlose Kommunikationsdienste ist stolz darauf, daß sie jeden Monat 1.000
neue Arbeitnehmer einstellt.

Es war auch in gutes Jahr für Kabelgeschäfte. Die
führende Maklerfirma für Kabelunternehmen berichtete
von 47 kabelbezogenen Transaktionen mit Fusionen
und Firmenübernahmen im Wert von 2,6 Milliarden
Dollar.

Das Aufkommen drahtloser Dienste als lebhafter
Konkurrent wird zu einem weltweiten Phänomen. In
Japan hat ein neuer drahtloser Dienst, genannt
Personal Handyphone System (P.H.S.), in den ersten
anderthalb Jahren nach seiner Einführung 4,3 Millionen Kunden gewonnen. Das enorme Wachstum von
P.H.S. zusammen mit der Deregulierung und der
darauf folgenden Preissenkung für Funktelefone haben
den japanischen Markt zu einem der am schnellsten
wachsenden Märkte der Welt für Mobiltelefone
gemacht. Heute unterschreiben jeden Monat mehr als
eine Million Japaner Verträge für diese Dienstleistung alle zwei Sekunden ein neuer Kunde.
In Finnland besitzt nahezu ein Drittel der fünf Millionen
Einwohner des Landes ein Mobiltelefon, und die Zahl
steigt jährlich um 27 Prozent. Darüber hinaus haben
die Finnen Handys, mit denen man elektronische Post
verschicken und sich ins Internet einloggen kann.

Darüber hinaus schlägt die FCC jetzt eine weitere
Lockerung der Eigentumsbestimmungen vor. Die
Vorschläge der FCC würden den gemeinsamen Besitz
von zwei UHF-Sendern oder eine Kombination von
UHF/UKW-Frequenzen auf einem Markt gestatten.
Meines Erachtens ist das eine äußerst schlechte Idee.
Die Unterscheidung zwischen UHF und UKW ist
praktisch irrelevant. Jetzt ist digitales Fernsehen im
Geschäft. Das bedeutet eine enorme Konzentration an
Eigentum.
Viele dieser Veränderungen ergeben wirtschaftlich
Sinn, aber zu welchen Kosten für die Vielfalt der
Inhaberschaft? Geht es unserer Nation nur um
wirtschaftliche Effizienz? Oder wird der Gewährleistung einer Fülle von Gesichtspunkten für Verbraucher immer noch die Priorität beigemessen, die
sie historisch hatte? Die nächsten Jahre werden
entscheidend für die Lösung dieser Fragen sein.
Verbraucher und der Telekommunikations- und
Informationsmarkt
Die dritte Dimension eines stabilen Marktes ist die
uneingeschränkte Beteiligung der Verbraucher. Der
Schlüssel dazu sind verbesserte Auswahl und verringerte Kosten.

Der Ideenmarkt
Zweitens sucht die Clinton-Administration einen
stabilen Ideenmarkt. Das Telekommunikationsgesetz
führte zur Abschaffung oder zum Abbau vieler Eigentumsbeschränkungen für Sendelizenzen. Als Reaktion
auf das Gesetz schaffte die amerikanische Fernmeldebehörde (Federal Communications Commission FCC) die Obergrenze von 12 für den Besitz von
Fernsehsendern ab und setzte die Begrenzung für
Zuschauerzahlen von 25 auf 35 Prozent der Bevölkerung herauf. Das führte zu einem Kaufrausch Fernsehtransaktionen im Wert von 10 Milliarden Dollar
im Jahr 1996 verglichen mit 4,7 Milliarden Dollar 1995.
Nach der Fusionswelle von 1996 - Aufkauf von
CapCities/ABC durch Walt Disney Co., von CBS durch
Westinghouse sowie der verbliebenen 80 Prozent von
New World Communications Group Inc. durch News
Corp/Fox Television Stations Inc. - ist die ClintonAdministration weiterhin über die Konzentration der
Medien besorgt. Besondere Sorgen machen wir uns
über das potentielle Verschwinden jener Sender vom

Seite 2

Im vergangenen Jahr haben die Verbraucher von der
größeren Auswahl auf dem Telekommunikations- und
Informationsmarkt profitiert. Den Verbrauchern stehen
jetzt neue drahtlose Dienste zur Verfügung.
Zu diesem Zeitpunkt stellt die Frage der Kosten die
große Herausforderung für den Verbraucher dar.
Während die Kosten für Telefondienste mit der Inflation
Schritt hielten, schnellten die Kabelgebühren für
Basisdienstleistungen 1996 um 7,8 Prozent in die
Höhe.
Kostenerwägungen führen auch zu dem wichtigen
Thema universeller Dienstleistungen. Unsere nationalen Fortschritte bei Telefondiensten für 94 Prozent
der Amerikaner und 40 Prozent der Haushalte, die
einen PC besitzen, sind bewundernswert, verschleiern
jedoch gravierende Ungleichgewichte. Heute haben
ungefähr jeder vierte Haushalt der Amerikaner,
Indianer, Eskimos und auf den Aleuten sowie über die
Hälfte - 53 Prozent - der Haushalte von Amerikanern
indianischer Abstammung in Reservaten und 12
Prozent der Afroamerikaner und Hispanier kein

AMERIKA DIENST 05

�Telefon. Verglichen damit haben vier Prozent der
Weißen und zwei Prozent der Inselbewohner im
asiatisch-pazifischen Raum kein Telefon.

sowie Hardware, Software und Ausbildung bereitzustellen, wird dies zur dauerhaften Vernetzung aller
Schulen und Bibliotheken beitragen.

Das Telekommunikationsgesetz enthält eine Bestimmung, die sicherstellt, daß Schulen, Bibliotheken,
Kliniken und ambulante Einrichtungen finanzierbaren
Zugang zu modernen Telekommunikationsdiensten
haben werden. Im Herbst vergangenen Jahres
kündigte Präsident Clinton seine Unterstützung für
einen Vorschlag des Kongresses an, bei Telekommunikationsdiensten in Schulen einen "B-Tarif" genannten
"Bildungstarif" einzuführen.

Schlußbemerkung

Im November letzten Jahres gaben das gemeinsame
Telekommunikationsgremium der bundesstaatlichen
und kommunalen Verwaltungen der FCC der Behörde
ihre Empfehlung zu diesem Thema bekannt, die viele
Vorschläge der Administration enthielt, einschließlich
des Zugangs zum Internet, hoher Rabatte für über
geringste Mittel verfügende Schulen und Bibliotheken,
einer konkurrenzfähigen Ausschreibungsstruktur sowie
eines technologisch neutralen Unterstützungssystems,
das Schulen die Flexibilität des Zugangs zu den von
ihnen benötigten Diensten bietet.
Im Rahmen der Empfehlung des gemeinsamen
Gremiums wird Schulen mit den geringsten Mitteln
unter anderem ein 90-prozentiger Preisnachlaß auf
ihre Monatsrechnung für Verbindungen zu modernen
Netzen, Internet-Zugang und Vernetzung innerhalb
des Schulgebäudes gewährt. Zusammen mit maßgeblichen Bestrebungen des Privatsektors und
anderer Finanzquellen, in Schulen Kabel zu verlegen

*

AMERIKA DIENST 05

*

Es ist leicht, ungeduldig zu werden und zu sagen, das
Telekommunkationsgesetz habe Deregulierung versprochen und zu beklagen, daß sie bisher nicht
eingeführt wurde. Dies ist die Zeit für Fortschritte in die
richtige Richtung mit den richtigen Bestimmungen - zu
uneingeschränktem
und
hartem
Wettbewerb.
Schlimmstenfalls könnten wir unregulierte Monopole
schaffen. Wir müssen uns auf den realen Wert und die
Ziele des Gesetzes konzentrieren - niedrigere Kosten,
größere Auswahl und eine Vielfalt von Gesichtspunkten für die Verbraucher sowie die Ankurbelung
von Innovation.
Das Telekommunikationsgesetz hat den Weg für
große Chancen in diesem Bereich geebnet. Wir alle
müssen die Initiative ergreifen und uns durch die
schwierigen Themen arbeiten.
In seinem Bericht zur Lage der Nation erklärte Präsident Clinton: "Die neuen Verheißungen der Weltwirtschaft, das Informationszeitalter, unvorstellbare neue
Arbeit, lebensverbessernde Technologie - all dies
müssen wir nutzen. Das ist unsere Pflicht und unsere
Herausforderung. Wir müssen die Ereignisse gestalten, nicht nur Beobachter sein. Denn wenn wir nicht
handeln, wird der Augenblick verstreichen - und wir
werden die besten Chancen für unsere Zukunft
verpassen."

*

*

Seite 3

�</text>
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                    <text>^ e äfv

amcrika
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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Priors» ^

Z12462 C

06

26. März 1997
y

USA-RUSSLAND

ZIEL IST EIN STABILES, DEMOKRATISCHES,
GEEINTES EUROPA
Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung

FRAUEN

FÖRDERUNG DES STATUS DER FRAU IST
BESTANDTEIL DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Reden der Außenministerin und der First Lady

USA-EUROPA

DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
Rede von Wirtschaftsminister Daley

USA-DEUTSCHLAND

AKTUELLE THEMEN DER EUROATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel
KULTURBRUCH MIT AMERIKA - NEIN DANKE!
Rede von J.D. Bindenagel

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-RUSSLAND
26. März 1997

Ziel ist ein stabiles, demokratisches, geeintes Europa
Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung

HELSINKI - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die beim Gipfel von Helsinki am 21. März 1997 verabschiedete
gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung zur europäischen Sicherheit.

Die Präsidenten Clinton und Jelzin erörterten die
derzeitige Sicherheitslage im euroatlantischen Raum.
Sie bekräftigten ihr Engagement für das gemeinsame
Ziel, ein stabiles, sicheres, integriertes und ungeteiltes
demokratisches Europa aufzubauen. Die Rolle der
Vereinigten Staaten und Rußlands als Mächte mit
weltweiten Pflichten stellt an diese Länder die besondere Anforderung, zur Erlangung dieses Ziels eng
zusammenzuarbeiten. Die Präsidenten bekräftigten,
daß diese Zusammenarbeit im Geist von Offenheit und
Pragmatismus stattfinden wird, der in den letzten
Jahren charakteristisch für die amerikanisch-russischen Beziehungen gewesen ist.
In Erinnerung an die gemeinsame Erklärung zur
europäischen Sicherheit vom Mai 1995 stellten die
Präsidenten fest, daß ein dauerhafter Friede in Europa
auf der Integration des gesamten Kontinents in eine
Reihe sich gegenseitig unterstützender Institutionen
und Beziehungen gründen sollte, die gewährleisten,
daß es keine erneute Teilung oder Konfrontation
geben wird. Keine Institution kann die Sicherheit
alleine gewährleisten. Die Präsidenten stimmten
überein, daß die Entwicklung von Sicherheitsstrukturen
auf eine Art und Weise stattfinden sollte, die keinen
Staat bedroht und das Ziel des Aufbaus eines stabileren und integrierten Europas fördert. Diese Evolution
soll auf einer umfassenden Verpflichtung zu den
Grundsätzen der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) basieren, wie sie
in der Schlußakte von Helsinki, dem Verhaltenskodex
von Budapest und anderen OSZE-Dokumenten
niedergelegt sind, einschließlich der Respektierung
von Menschenrechten, Demokratie und politischem
Pluralismus, der Souveränität und territorialen Integrität
aller Staaten sowie ihres natürlichen Rechts auf die

AMERIKA DIENST 06

Auswahl der Mittel zur Gewährleistung ihrer eigenen
Sicherheit.
Die Präsidenten sind überzeugt, daß die Stärkung der
OSZE, deren Potential noch voll entfaltet werden muß,
den Interessen der Vereinigten Staaten und Rußlands
dient. Die Präsidenten verliehen ihrer Zufriedenheit
über das Ergebnis des OSZE-Gipfels von Lissabon
Ausdruck und waren sich über die Bedeutung der
Umsetzung der dort getroffenen Entscheidungen einig,
die Ziele der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
genauer zu definieren und weiter nach innovativen
Methoden für die Erfüllung der wachsenden Zahl von
der OSZE übernommener Aufgaben zu suchen.
Sie unterstrichen ihr Engagement für die Förderung
der operativen Fähigkeiten der OSZE als einzigem
Rahmen für die europäische Sicherheitszusammenarbeit, der die umfassende und gleichberechtigte
Beteiligung aller Staaten vorsieht. Die Konsensregelung soll die unantastbare Grundlage für den
Entscheidungsfindungsprozeß der OSZE sein. Die
Präsidenten bekräftigten ihr Engagement für die
Zusammenarbeit bei den laufenden Bestrebungen der
OSZE zur Entwicklung eines Sicherheitsmodells für
Europa, das der drastisch veränderten Situation am
Vorabend des 21. Jahrhunderts und den auf dem
Gipfel von Lissabon getroffenen Entscheidungen über
eine Charta zur europäischen Sicherheit Rechnung
trägt. Die wesentliche Rolle der OSZE in Bosnien und
Herzegowina und ihre Fähigkeit zur Entwicklung neuer
Formen der Friedenssicherung und Konfliktverhütung
sollten ebenfalls aktiv weiterentwickelt werden.
Bei ihren Gesprächen in Helsinki richteten die beiden
Präsidenten ihr besonderes Augenmerk auf die Frage
der Beziehungen zwischen der NATO und der Russi-

Seite 1

�sehen Föderation. Uneinig waren sie sich weiterhin
über die Frage der NATO-Erweiterung. Um die
möglichen Auswirkungen dieser Meinungsverschiedenheiten gering zu halten, einigten sich die Präsidenten, auf bilateraler Ebene und gemeinsam mit
anderen Ländern ein Dokument auszuarbeiten, das
die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland
als wichtiges Element eines neuen umfassenden
europäischen Sicherheitssystems festlegt. Das von
den Staatschefs der NATO-Mitgliedstaaten und
Rußlands unterzeichnete Papier würde eine dauerhafte Verpflichtung auf höchster politischer Ebene
darstellen. Ferner stimmten die Präsidenten darin
überein, daß die in diesem Dokument definierten
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
Konsultationen, Koordination und - soweit möglich und
wo angemessen - gemeinsame Entscheidungsfindung
und Aktionen bei gemeinsame Belange betreffenden
Sicherheitsfragen vorsehen soll.
Die Präsidenten stellten fest, das von der NATO und
Rußland verabschiedete Dokument würde sowohl die
tiefgreifende Umgestaltung der NATO, einschließlich
ihrer politischen und friedenssichernden Dimension,
als auch die neuen Realitäten Rußlands beim Aufbau
einer demokratischen Gesellschaft berücksichtigen
und dazu beitragen.
Das Dokument verkörpert
darüber hinaus das gemeinsame Engagement der
NATO und Rußlands bei der Entwicklung ihrer Beziehungen in einer die gegenseitige Sicherheit verbessernden Weise.
Die Präsidenten erinnerten an die historische Bedeutung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in
Europa bei der Schaffung des erforderlichen Vertrauens für den Aufbau eines gemeinsamen Sicherheitsraums auf dem Kontinent im Interesse aller
Staaten in Europa, ob sie einem militärischen oder
politischen Bündnis angehören oder nicht, und werden
weiterhin jegliche destabilisierende Aufrüstung von
Streitkräften in unterschiedlichen Regionen Europas
verhindern.
Die Präsidenten unterstrichen die Bedeutung einer
Anpassung des KSE-Vertrags. Sie stimmten bezüglich

der Notwendigkeit einer Beschleunigung der Verhandlungen zwischen den KSE-Parteien überein mit dem
Ziel, bis Ende Frühjahr oder Anfang Sommer 1997

ein Rahmenabkommen abzuschließen, das die
grundlegenden Elemente eines angepaßten KSEVertrags enthält, im Einklang mit den Zielen und
Prinzipien des in Lissabon im Dezember 1996 vereinbarten Dokuments über den Umfang und die Parameter.
Präsident Jelzin betonte die Sorge Rußlands, die
NATO-Erweiterung werde zu einer potentiell bedrohlichen Aufrüstung permanent stationierter Streitkräfte der NATO in der Nähe Rußlands führen.
Präsident Clinton unterstrich, daß das Bündnis keine
diesbezüglichen Aktionen in Erwägung zieht.
Präsident Jelzin begrüßte Präsident Clintons Erklärungen und bekräftigte, Rußland würde entsprechende Zurückhaltung bezüglich der Stationierung
seiner konventionellen Streitkräfte in Europa üben.
Präsident Clinton verwies auch auf die Politik der
NATO im Hinblick auf die Stationierung von Nuklearwaffen, wie sie am 10. Dezember 1996 vom Nordatlantikrat formuliert wurde, daß die NATO-Mitglieder
"keine Absicht, keinen Plan und keinen Grund" zur
Stationierung von Nuklearwaffen auf dem Territorium
von Staaten haben, die jetzt Mitglied des Bündnisses
sind, und auch keine zukünftige Notwendigkeit dafür
sehen. Präsident Clinton verwies auf die Bereitschaft
der NATO, einen spezifischen Hinweis auf diese Politik
in das von der NATO und Rußland verabschiedete
Dokument einzubeziehen. Präsident Jelzin sprach
sich für eine Einbeziehung eines solchen Hinweises in
das Dokument aus.
Die Präsidenten waren sich einig, daß sich die Vereinigten Staaten, Rußland und ihre Partner in Europa
mit zahlreichen gemeinsamen Sicherheitsbedrohungen
konfrontiert sehen, die am besten durch Zusammenarbeit zwischen allen Staaten des euroatlantischen
Raums angesprochen werden können. Sie verpflichteten sich zur Intensivierung ihrer Bestrebungen,
auf dem bei ihren Treffen in Helsinki erarbeiteten
gemeinsamen Terrain aufzubauen, um die Effektivität
der europäischen Sicherheitsinstitutionen zu verbessern, einschließlich des in dieser Erklärung
enthaltenen Abschlusses von Abkommen und Vereinbarungen.

* * * *

*

.

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AMERIKA DIENST 06

�FRAUEN
26. März 1997

Förderung des Status der Frau ist
Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik
Reden der Außenministerin und der First Lady

WASHINGTON - (AD) - US-Außenministerin Madeleine Albright erklärte am 12. März 1997 bei einer
Veranstaltung im US-Außenministerium aus Anlaß des internationalen Tags der Frau, die Förderung des Status
der Frau sei nicht nur ein moralisches Gebot, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil der amerikanischen
Außenpolitik.
Auch die First Lady Hillary Rodham Clinton forderte die "vollständige Einbeziehung der Bedürfnisse von Mädchen
und Frauen in die amerikanische Außenpolitik".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Reden von Außenministerin Albright und der First Lady unwesentlich gekürzt.

Madeleine Albright: Zu Beginn meiner Ausführungen
am heutigen Morgen möchte ich eine einfache Feststellung machen. Die Förderung des Status der Frau
ist nicht nur ein moralisches Gebot, sondern sie wird
aktiv in die Außenpolitik der Vereinigten Staaten
integriert. Sie ist unsere Aufgabe. Das ist die richtige und offen gesagt auch eine kluge - Vorgehensweise.

saal des Kriegsverbrechertribunals über die weitreichenden Operationen der UN-Hochkommissarin für
Flüchtlinge bis zur obersten Etage des US-Außenministeriums.

Am Vorabend des neuen Jahrhunderts wissen wir, daß
wir die von uns angestrebte Zukunft nicht ohne den
Beitrag der Frauen gestalten können. Und wir wissen,
daß Frauen weltweit nur dann entsprechend ihren
Begabungen einen vollwertigen Beitrag leisten können,
wenn sie gleichen Zugang, gleiche Rechte, gleichen
Schutz und eine faire Chance an den Hebeln der
wirtschaftlichen und politischen Macht erhalten.

Bei meiner jüngsten Reihe von Staatsbesuchen traf ich
mit sechs Präsidenten, vier Ministerpräsidenten, acht
Außenministern, drei Verteidigungsministern, zwei
Premierministern, einem Kanzler, einem Generalsekretär und einem Handelsminister zusammen. Und wenn
wir alle in einem Raum säßen, sähe man 26 Anzüge
und mein Kostüm.

Wir haben bei der Erlangung dieser Ziele Fortschritte
gemacht. Ich habe einmal gesagt, wenn ich eine oder
zwei Generationen früher geboren worden wäre und
eine definitive Aussage zur amerikanischen Außenpolitik hätte machen wollen, hätte ich nur die Möglichkeit gehabt, Mitglied der Gesellschaft zu werden und
einem Botschafter, der beleidigende Äußerungen
macht, Tee über die Hose zu gießen.
Heute sind Frauen an jeder Facette internationaler
Angelegenheiten beteiligt - vom politischen Entscheidungsfindungsprozeß bis zu Vertragsabschlüssen, von Rüstungskontrolle bis Handel, vom Gerichts-

AMERIKA DIENST 06

Wir haben also allen Grund zu feiern. Aber wir haben
noch einen weiten Weg vor uns.

Dieser Mangel an Frauen in Spitzenpositionen spiegelt
sich in den politischen und ökonomischen Strukturen
der meisten Nationen wider. Ob man gegen eine
unsichtbare Schranke läuft oder schmutzige Arbeit
verrichtet - Gleichberechtigung bleibt für die meisten
von uns eher ein Wunsch als eine Realität.
Es liegt im amerikanischen Interesse, das zu ändern.
Die Förderung des Status der Frau steht in direktem
Zusammenhang mit unseren außenpolitischen Zielen.
Wir wollen Frieden schaffen und den Kreis demokratischer Länder erweitern. Wir möchten eine wachsende
Weltwirtschaft aufbauen, die gute Arbeitsplätze für
Amerikaner schafft. Und wir streben eine Zukunft an,

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�in der unsere Werte von mehr Menschen in Ehren
gehalten werden.
Auf jeden Fall können wir unser Ziel nicht erreichen,
wenn die Frauen ausgegrenzt werden.
Frauen
müssen auf jedem Schritt dieses Weges einbezogen
werden.
Betrachten Sie sich beispielsweise das Streben nach
Frieden.
Ich gehöre nicht zu den Vertretern der Ansicht, wenn
nur Frauen das Sagen auf der Welt hätten, gäbe es
keine Kriege mehr. Die menschliche Neigung zu
Dummheit und Fehlkalkulation ist weit verbreitet. Aber
die Geschichte dieses Jahrhunderts lehrt uns, daß
Demokratie der Vater des Friedens ist. Und der
gesunde Menschenverstand sagt uns, daß echte
Demokratie nicht ohne die vollständige Beteiligung der
Frau möglich ist.
Die Weltfrauenkonferenz in Peking hat den Frauen
neue Impulse gegeben, für ihre Rechte einzutreten,
sich zu engagieren, zu organisieren, zur Wahl zu
gehen und sich zur Wahl zu stellen. Das von Frauen
geschaffene große Netz nichtregierungsabhängiger
Organisationen konzentriert sich auf diese Aufgaben.
Größere Beteiligung führt zu mehr Demokratie und
repräsentativerer Politik. Und in den Regionen, in
denen Demokratie für den Frieden am meisten bewirkt,
arbeiten Frauen hart an der Schaffung und Erweiterung der Institutionen zur Förderung der Freiheit.
Ich war in Bosnien Zeuge der Bestrebungen von
Frauengruppen, die Wunden ethnischer Spaltung zu
heilen. Die Frauen in diesem Land sind entschlossen
zum Aufbau einer Gesellschaft, in der sie - die einen
enormen Preis für in der Vergangenheit getroffene
falsche Entscheidungen zahlen mußten - daran
mitwirken, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft
zu treffen.
Ich habe gesehen, wie in Zentraleuropa und den
Neuen Unabhängigen Staaten Bewegungen entstanden, die Frauen beim Aufbau der neuen Demokratien ein Mitspracherecht geben wollen. Das ist von
entscheidender Bedeutung, denn die Frauen haben
am stärksten unter den wirtschaftlichen und sozialen
Zerrüttungen der letzten Jahre gelitten.
In Burundi sah ich, wie Hunderte von Hutu- und TutsiFrauen Seite an Seite arbeiteten, um zu verhindern,
daß in ihrem Land ein solcher Völkermord stattfindet
wie der, der im benachbarten Ruanda so viel Leid
verursachte.
Während der Weltfrauenkonferenz und danach habe
ich erlebt, wie Vertreter von Gruppen aus der ganzen
Welt - afrikanische, asiatische, lateinamerikanische,

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jüdische, islamische und christliche - sich der gemeinsamen Sache des Erhalts der weltweiten Dynamik zu
offeneren und repräsentativeren politischen Systemen
verschrieben haben.
Das ist ihr Ziel, und es ist das Ziel von uns Amerikanern.
Dasselbe gilt für Wirtschaftswachstum.
Seit 1993 haben wir unter der Führung Präsident
Clintons mehr als 200 Handelsvereinbarungen ausgehandelt, damit dem Welthandel enormen Auftrieb
verliehen und Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen.
Damit die Weltwirtschaft weiterhin wächst, müssen
Frauen überall mehr Zugang zu wirtschaftlichen
Chancen und Macht erhalten.
Wirtschaftswachstum erfordert eine moderne Volkswirtschaft. Und wie Kemal Atatürk vor sieben Jahrzehnten erklärte, kann man nicht mit der modernen
Welt Schritt halten, wenn man nur die halbe Bevölkerung modernisiert.
Trotz der jüngsten Errungenschaften bleiben Frauen
eine unterbewertete und unterentwickelte Ressource
der Menschheit. Das heißt jedoch nicht, daß Frauen
nur schwer Arbeit finden.
In vielen Gesellschaften verrichten Frauen neben der
Geburt und Erziehung von Kindern den Großteil
anderer Arbeiten. Aber oftmals dürfen sie kein Land
besitzen, nicht zur Schule gehen, erhalten weniger
Nahrung und haben in der Regierung nur wenig oder
kein Mitspracherecht.
Es ist kein Zufall, daß weltweit der Großteil der Menschen, die in bitterer Armut leben, Frauen sind. Oft
müssen sie ihre Kinder ohne die Hilfe der Väter
aufziehen. Viele sind bereits in jungen Jahren in
einem Netz von Unwissenheit und Mißbrauch gefangen.
Frauen sind bereit, als vollwertige Partner zu nachhaltiger Entwicklung beizutragen, aber sie benötigen
Bildung, angemessene Gesundheitsfürsorge, Zugang
zu Krediten und Schutz vor Gewalt. Sie benötigen
Wissen und die Macht, eigene Entscheidungen zu
treffen.
Wir wissen aus Erfahrung, daß bei Erfüllung dieser
Voraussetzungen der Teufelskreis der Armut gebrochen und die Geburtenrate stabilisiert werden kann,
das Umweltbewußtsein wächst, die Ausbreitung
sexuell übertragbarer Krankheiten abnimmt und die
Wahrscheinlichkeit der Weitergabe sozial konstruktiver
Werte an die jüngere Generation steigt. Das ist ein

AMERIKA DIENST 06

�unbezahlbares und dauerhaftes Geschenk an die
Nachwelt.

behandelt werden. Das heißt, unsere Welt wird besser
und wir alle werden bereichert.

Wir dienen auch der Zukunft, wenn wir für die grundlegenden Werte der Rechtsstaatlichkeit und Respektierung der Würde jedes menschlichen Wesens eintreten.

Bei den Bestrebungen zur Förderung des Status der
Frau haben die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle
übernommen. Aber eine Führungspersönlichkeit kann
nicht untätig zusehen - und wir sehen nicht untätig zu.
Auf Initiative von Präsident Clinton beziehen wir
Frauen betreffende Anliegen in die amerikanische
Außenpolitik ein. Was heißt das?

Vor einem halben Jahrhundert war eine großartige
First Lady die treibende Kraft bei der Verabschiedung
der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In
Peking bekräftigte eine andere großartige First Lady
eloquent die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu
dieser Erklärung und ihrer Anwendung auf alle Menschen - insbesondere auf Frauen und Kinder.
Ich weiß nicht, ob dies die Folge einer Unterhaltung
zwischen diesen beiden First Ladies war.
Aber ich weiß, daß die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte geistige und moralische Werte
verkörpert, die von zentraler Bedeutung für alle
Kulturen sind und sowohl die uns definierende wunderbare Vielfalt respektieren als auch die uns verbindenden menschlichen Bande.
Die Erklärung verpflichtet alle Regierungen, mit
Gesetzen und in der Praxis den Schutz der Rechte
derjenigen anzustreben, die ihrer Gerichtsbarkeit
unterstehen. Und durch ihr bloßes Vorhandensein
beweist sie, daß die Einhaltung dieser Verpflichtung
durch eine Regierung nicht nur ein innenpolitisches,
sondern ein universelles Anliegen ist.
Bedauerlicherweise werden Frauen heute auf der
ganzen Welt in verabscheuungswürdiger Weise
mißbraucht. Einige sagen, dieser Mißbrauch sei
kulturell bedingt, und wir könnten nichts dagegen tun.
Ich sage, es ist ein Verbrechen, und es ist die Verantwortung jedes Einzelnen von uns, dem Einhalt zu
gebieten.
Es ist ermutigend, daß die Bestrebungen zur Eindämmung der Gewalt gegen Frauen nach der Konferenz von Peking verstärkt wurden. In einem Land
nach dem anderen sehen wir Projekte, mit denen das
Bewußtsein geschärft und den Frauen besserer
Schutz im Rahmen der Gesetze eingeräumt werden
soll.
Das ist wichtig, weil jedes Mal eine spezielle Polizeieinheit gegründet wird, um die unverzügliche Reaktion auf
sexuellen Mißbrauch oder häusliche Gewalt sicherzustellen; jedes Mal werden gemeinsame Anstrengungen unternommen, um die Verstümmelung weiblicher
Genitalien zu beenden; jedes Mal wird ein Programm
in die Wege geleitet, um die Ausbeutung von Frauen
und Kindern zu stoppen; jedes Mal werden Schritte
unternommen, damit Frauen gleichberechtigt als
Einzelpersonen, Familienmitglieder und Bürger

AMERIKA DIENST 06

Zum einen heißt es, daß in diesem Jahr das USAußenministerium den Vorsitz über den letztes Jahr
zur Umsetzung der Aktionsplattform von Peking
gegründeten interministeriellen Rat für Frauen führen
wird.
Es heißt, daß unser Hilfsprogramm für Länder in
Übersee weiterhin die Betonung auf Projekte legen
wird, die die Fähigkeit von Frauen zur wirtschaftlichen
und politischen Beteiligung verbessern, ihnen Zugang
zu Bildung und Gesundheitsfürsorge, einschließlich
reproduktiver Gesundheitsfürsorge, gewähren und sie
selbst gegen Gewalt und Krankheiten schützen.
Es heißt, daß wir uns besonders auf die Institutionen
der bürgerlichen Gesellschaft konzentrieren, die
Frauen und Flüchtlingshilfe einbeziehen und den
Erfordernissen der Frauen gerecht werden.
Es heißt, daß wir weiterhin in ehrlicher und gründlicher
Weise über Menschenrechtsverletzungen berichten,
und wir werden diese Menschenrechtsverletzungen
verurteilen - seien sie Unterlassungssünden derjenigen, die sich weigern, bei häuslicher Gewalt zu
ermitteln oder sie strafrechtlich zu verfolgen, oder
vorsätzliche Vergehen von Diktatoren wie in Burma
oder Extremisten wie in Afghanistan.
Es heißt, daß wir weiterhin das internationale Kriegsverbrechertribunal unterstützen, weil wir die Auffassung vertreten, daß die für ethnische Säuberungen
Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden
sollten und diejenigen, die Vergewaltigung nur als eine
weitere Waffe des Krieges ansehen, für ihre Verbrechen bezahlen sollten.
Es heißt, daß wir uns an globalen Bestrebungen
beteiligen, um scharf gegen den illegalen Menschenhandel mit Frauen und Kindern vorzugehen. Und ich
möchte hinzufügen, daß diejenigen, die mit Drogen
handeln, ebenso schwer bestraft werden sollten wie
die Schlepperbanden.
Und es heißt, ich werde explizit sagen, daß es höchste
Zeit für die Vereinigten Staaten ist, Vertragspartei der
Konvention über die Abschaffung der Diskriminierung
von Frauen zu werden, wenn ich in einigen Wochen in
North Carolina im Jesse Helms Center sprechen
werde.

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�Wie die meisten von Ihnen inzwischen wissen, habe
ich meines Erachtens sehr gute Beziehungen zum
Vorsitzenden des Ausschusses für auswärtige Beziehungen. Wir sind - wenn möglich - einer Meinung und
streiten uns freundschaftlich, wenn wir zu einem
Thema Meinungsverschiedenheiten haben.
Die Integration der Frau in unsere Außenpolitik ist ein
aktiver, kontinuierlicher, weltweiter Prozeß. Er erfordert nicht nur die Zusammenarbeit mit anderen
Regierungen, sondern auch mit Nichtregierungsorganisationen und anderen Befürwortern von Fortschritt. Er betrifft alles - von der Erarbeitung von
Programmen des Amts für internationale Entwicklung
über politische Entscheidungen, die von unseren
Büros hier in Washington getroffen werden, bis zu den
Aktivitäten unserer Botschaften auf der ganzen Welt.
Und er verkörpert unsere Auffassung, daß Fortschritt
nicht nur das Öffnen von Türen erfordert, sondern
auch tatkräftige Anstrengungen, andere einzubeziehen
und die Kunde zu verbreiten, daß das alte Zeitalter der
Ungerechtigkeit und Unterdrückung enden muß, damit
ein neues Zeitalter der Chancen und uneingeschränkten Beteiligung anbrechen kann.
Abschließend möchte ich ein paar Worte über unsere
nächste Rednerin sagen, denn sie ist zweifelsohne
eine der Frauen, die wir in unsere Außenpolitik
einbezogen haben.
In den vergangenen vier Jahren ist Hillary Rodham
Clinton zur am meisten respektierten und geschätzten
- wenn auch inoffiziellen - Botschafterin der Vereinigten
Staaten geworden.
Sie hat Amerikas Tagesordnung für Frieden, Demokratie, Wirtschaftswachstum und Rechtsstaatlichkeit von
Indien bis Indonesien, von China bis Kopenhagen und
von der Ukraine bis zu einer denkwürdigen diplomatischen und kulinarischen Erfahrung in Ulan Bator
vorangebracht.
Sie geht die ihr zugewiesenen Aufgaben mit enormer
Energie, Intelligenz, Engagement und höchster
Eloquenz an.
Diejenigen von Ihnen, die Reden vor der Öffentlichkeit
gehalten haben, wissen, wie schwer es sein kann, ein
Publikum problemlos mitzureißen. Stellen Sie sich vor,
wie schwer es ist, wenn die Zuhörer aus 150 verschiedenen Ländern kommen und die meisten von
ihnen mit Kopfhörern dasitzen, deren Kabel in alle
Richtungen gehen, und einer emotionslosen und nicht
immer akkuraten Übersetzung zuhören.
Und dennoch begeisterte diese Frau, die Ehrenvorsitzende unserer Delegation, in Peking genau diese
Art von Publikum.

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Ihre Botschaft klingt noch nach, ihr Beitrag zur amerikanischen Führungsrolle wird weiter ausgebaut, ihre
Klugheit ist zu einer internationalen Kraft für das Gute
geworden. All dies - und sogar ein Grammy Award.
Als Außenministerin kann ich mir kein größeres
Geschenk vorstellen, als die First Lady an meiner Seite
und an der Seite Amerikas zu haben.
Auf meine Bitte hin wird sie an diesem Wochenende
nach Afrika reisen, einer Region von großer Bedeutung für die Vereinigten Staaten und den Fortschritt der
Frauen.
Ich sehe dem Bericht über ihre Reise erwartungsvoll
entgegen, und ich weiß, wir alle sind jetzt gespannt auf
ihre Ansprache.
Wir begrüßen unsere großartige First Lady, Hillary
Rodham Clinton.
Hillary Clinton: Vielen Dank, Frau Außenministerin.
Ich benutze diese Anrede immer noch gerne. Wir
treffen uns heute aus Anlaß des internationalen Tags
der Frau im Zentrum des Außenministeriums. Wir
Amerikaner haben viel zu feiern, angefangen mit einer
Außenministerin, die aufgrund ihres Geschlechts eine
Schwelle überschritt und - was viel wichtiger ist - sich
nicht nur für die Rechte von Amerikanern einsetzt,
sondern für die Bürger auf der ganzen Welt ungeachtet
ihres Geschlechts.
Madeleine Albright hat nicht nur viele unsichtbare
Schranken durchbrochen, sondern auch oft Frieden
ausgehandelt. Sie hat nicht nur viele Türen geöffnet,
sondern auch den Horizont vieler Menschen erweitert.
Da Frau Albright es ansprach - während meines
letzten Gesprächs mit Frau Roosevelt sagte diese mir,
wie erfreut sie gewesen sei, als ihr Mann die erste
Frau in der Geschichte der Vereinigten Staaten in sein
Kabinett berief, und wie sehr sie sich jetzt freue, daß
mein Mann erstmals eine Frau an die Spitze des
Außenministeriums gestellt hat.
Ich danke Außenministerin Albright für ihre Führung,
ihren Mut und - ganz persönlich - für ihre Freundschaft.
Ich freue mich außerordentlich, daß sie zugestimmt
hat, dem interministeriellen Rat des Präsidenten für
Frauenfragen vorzusitzen, wobei ihr Theresa Loar, Tim
Wirth und andere hilfreich zur Seite stehen werden.
Wir wissen, daß unsere neue Außenministerin und wir
alle mit zahllosen Pflichten konfrontiert sind. Unserer
Außenpolitik mangelt es nicht an Herausforderungen.
Wir müssen den Abbau von Massenvernichtungswaffen fortsetzen. Wir müssen den Traum dieses
Jahrhunderts von einem vollständig geeinten, demokratischen und friedlichen Europa erfüllen.
Wir
müssen uns für die Nutzung neuer Chancen in Asien
einsetzen, die Chancen für Frieden im Nahen Osten

AMERIKA DIENST 06

�und anderen Gebieten nutzen, die nicht nur für die
Vereinigten Staaten, sondern für die ganze Welt von
strategischer Bedeutung sind.
Wir müssen mit unseren Partnern in Lateinamerika,
Afrika und andernorts am Aufbau einer alle einbeziehenden und expandierenden Weltwirtschaft
arbeiten. Wir müssen unsere Menschen vor den
Bedrohungen durch Terrorismus, Extremismus,
internationales Verbrechen, Drogen und Umweltzerstörung retten.
All das verlangt unsere Aufmerksamkeit und unser
Engagement. Heute möchte ich eine einfache Idee
vorbringen:
Die vollständige Einbeziehung der
Bedürfnisse von Mädchen und Frauen in die amerikanische Außenpolitik. Trotz der von ihnen geleisteten
Arbeit bei der Kindererziehung und in der Gemeinde
genießen allzu viele Frauen auf dieser Welt, insbesondere in den Entwicklungsländern, weder Gleichberechtigung noch werden ihnen Chancen eröffnet.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken. Die Herausforderung ist nicht auf die Entwicklungsländer beschränkt. Wir haben hier in den Vereinigten Staaten
und in anderen Industrieländern genug zu tun um
sicherzustellen, daß Frauen an der Demokratie
beteiligt sind. Ein Ziel jedes Landes sollte die Gewährleistung sein, daß alle Bürger ungeachtet ihrer Rasse,
ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder
ihrer Religion ihren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft einnehmen können.
Sie werden mir vergeben, wenn ich kurz abschweife:
Gestern war ich in Arkansas, wo ich die Menschen
besuchte, die morgens von einem schrecklichen
Tornado heimgesucht worden waren. Noch vor dieser
Katastrophe machten diese Menschen bereits Überstunden, um sich das von ihnen angestrebte Leben zu
ermöglichen. Die ganzen Vorteile der amerikanischen
Gesellschaft lagen für sie noch in weiter Ferne. Nach
diesem Tornado schien alles verloren, wofür sie
gearbeitet und was sie sich erhofft hatten.
Später hielt ich eine Rede bei einer Veranstaltung, auf
der Gelder gesammelt wurden, um alleinerziehenden
Eltern, vor allem Frauen, den Besuch eines College
oder einer Berufsschule zu ermöglichen. Ich sprach
mit fünf Frauen, die mir sagten, wie wichtig es für sie
war, daß die Gesellschaft in Form derjenigen, die die
Gelder aufbrachten, sie einbezog und ihnen mitteilte,
daß sie etwas aus ihrem Leben machen könnten, aufs
College gehen und den Lebensunterhalt für sich und
ihre Kinder verdienen könnten.
Sie hatten die in Amerika immer noch viel zu oft
geäußerte Botschaft gehört: Sie seien nichts wert und
niemand hätte Interesse an ihnen. Eine junge Frau
erzählte mir: "Vor fünf Jahren war ich in einem heruntergekommenen Frauenhaus in Fayetteville (Ar-

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kansas). Ich besaß nichts. Nicht nur, daß ich kein
Auto hatte, ich hatte auch keinen Führerschein, und
mein Gesicht sah aus, als wäre ein Lastwagen drübergefahren. Und plötzlich gab es Menschen, die mich
davon überzeugten, daß ich etwas aus mir machen
und auch für meinen neun Monate alten Sohn sorgen
könnte. Ich fragte mich, wieso diese Menschen an
mich glaubten, mir zutrauten, aufs College zu gehen
und mich selbst zu ernähren. Wieso kümmerten sich
diese Menschen um mich, wo sich doch nicht einmal
mein eigener Mann um mich kümmerte."
All dies erinnerte mich an andere Geschichten, die mir
auf der ganzen Welt erzählt wurden, als die Frauen in
Bangladesch, Indien, Nicaragua oder Chile sich
erhoben und mir sagten, was es für sie bedeuten
würde, daß ihnen jemand zutraute, ihre Familien zu
ernähren, ihre Fähigkeiten auf dem Markt Wert hätten,
daß ihre Kinder, insbesondere ihre Töchter, ein
besseres Leben haben könnten.
Den Frauen, mit denen ich gestern abend zusammentraf, wurde die Rückkehr auf die Schulbank ermöglicht,
und heute sind sie Bürgerinnen der Vereinigten
Staaten im wahrsten Sinne des Wortes. Die Einkommensunterschiede in unserem Land und auf der
Welt führen dazu, daß Menschen zurückgelassen
werden, von der Datenautobahn abkommen, nicht die
Chancen der Demokratie nutzen können. Amerika
muß um seiner selbst sowie um seiner Führungsrolle
in der Welt von heute und morgen willen in jeder

Nation Demokratie und eine bürgerliche Gesellschaft
fördern, damit alle Bürger - Männer, Frauen und Kinder
- ihre von Gott gegebenen Begabungen nutzen
können.
Man könnte jetzt natürlich sagen: "Es ist gut, sich um
die Frauen von Arkansas zu kümmern, aber warum
sollten ich oder irgendein anderer Amerikaner sich mit
den Frauen in den Entwicklungsländern und andernorts auf der Welt befassen?" Warum sollten Frauen,
wie Außenministerin Albright gerade eloquent darlegte,
zu einem unserer Belange und einem Bestandteil der
amerikanischen Außenpolitik werden?
Die Außenministerin hat es bereits geäußert und diese
Administration ist davon überzeugt, daß die Hälfte der
Bürger dieser Welt unterbewertet, unterbezahlt, nicht
ausreichend gebildet und vertreten, schlecht ernährt
ist, nicht genug beachtet und gedemütigt wird. In einer
solchen Situation können wir unsere demokratischen
Werte und unsere Lebensweise nicht bewahren.
Wenn die Amerikaner sich als Nation um die Öffnung
ausländischer Märkte für amerikanische Waren und
Dienstleistungen bemühen, wenn wir in Anbetracht
neuer Bedrohungen die Sicherheit unseres Landes
erhöhen wollen, wenn wir Frieden und Wohlstand
ausweiten möchten, dann müssen wir uns mit der
Situation der Frauen auf der Welt befassen.

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�Sie in diesem Saal wissen besser als jeder andere,
daß sich unsere Welt inmitten einer großartigen
Umgestaltung befindet, die mehr Demokratie ankündigt, welche hoffentlich zu mehr Frieden führt. Die
großen Versprechungen dieser Zeit beinhalten jedoch
luch Herausforderungen. Globaler Wettbewerb, die
nformationsrevolution und die hohe Geschwindigkeit
les Wandels üben Druck auf jede Gesellschaft aus 'on der Regierung bis zu den einzelnen Familien.
Diese Zwänge stellen uns an der Schwelle zum 21.
Jahrhundert vor unvermeidliche Fragen. Wie können
-vir Wege finden, um ein Gleichgewicht zwischen den
Rechten und Pflichten des einzelnen und der Gesellschaft zu finden? Wie können Eltern ihre Kinder in
Anbetracht der Einflüsse der Massenmedien und der
Konsumgesellschaft aufziehen? Was machen wir mit
dem scheinbaren Konflikt zwischen persönlicher
Identität und der im Zeitalter der Globalisierung und
Hochtechnologie zur Verfügung stehenden Arbeit?
Was geschieht mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft? Wir werden die Menschen ihren ethnischen
Stolz bewahren und ihre Staatsbürgerschaft schätzen,
und wie werden Nationen ihre Souveränität schützen,
während sie gleichzeitig auf regionaler und globaler
Ebene mit anderen Ländern zusammenarbeiten?
Wenn wir über diese Fragen und die Antwort einer
freien Nation wie der unsrigen nachdenken, dürfen wir
nicht vergessen, daß es bei der Demokratie nicht nur
um gesetzlich geschützte Rechte, Wahlen oder die
freie Marktwirtschaft geht. Es geht um die Verinnerlich ung demokratischer Werte in den Herzen und
Köpfen der Menschen. Es geht darum, wie die
Demokratie im täglichen Leben der Menschen verwurzelt ist, wenn es weder einen heißen noch einen kalten
Krieg gibt.
Angesichts der Veränderungen um uns herum dürfen
wir unsere weltweiten Interessen nicht länger nur mit
Machtblöcken und großen Waffenarsenalen verfolgen.
Weltweit und in unserem eigenen Land wurden wir
nach dem Ende des Kalten Krieges frei, uns auf die
Probleme direkt vor der eigenen Haustür zu konzentrieren. Wie ziehen wir unsere Kinder auf? Wie stellen
wir eine angemessene Krankenversicherung für
unsere Familien sicher?
Wie können wir dafür
sorgen, daß Demokratien und freie Märkte nicht nur
Verbraucher, sondern Staatsbürger hervorbringen?
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir in dieser
Zeit weltweiter Herausforderungen weiterhin mit dem
sogenannten traditionellen Gleichgewicht der Kräfte
konfrontiert sind. Ich möchte aber auch betonen, daß
wir in diese Gleichung, die oft als Realpolitik bezeichnet wird, die Idee einbringen müssen, daß das reale
Leben vielleicht ebenso eng mit der Frage verknüpft
ist, ob Demokratien überleben und prosperieren.
Die heute angesprochenen Fragen sollten nicht nur als
Frauenfragen angesehen werden. Es ist zweifelsohne

Seite 6

fair zu behaupten, daß Frauen oft zwangsläufig zu
Experten für die Gefahren und Wechselfälle des
Lebens werden und daher besser verstehen und
würdigen können, welch ureigenes Interesse sie daran
haben sicherzustellen, daß ihre Gesellschaften und
Regierungen diese Herausforderungen des realen
Lebens angehen.
Ich war Zeuge, wie Frauen auf verschiedenen Kontinenten Lösungen gefunden haben. Junge Mütter in
Jakarta kommen wöchentlich zu Kursen über Familienplanung und bessere Ernährung ihrer Kinder zusammen. Ärzte und Krankenschwestern in Belarus
und der Ukraine kümmern sich um die Kinder von
Tschernobyl. Frauen von Santiago bis San Diego
befassen sich mit so verschiedenen Fragen wie
Bildung, Verbrechen und Umwelt.
Diese Fragen stehen im Zentrum unserer globalen
demokratischen Interessen, denn Demokratie zeichnet
sich durch die faire und echte Beteiligung an jedem
Aspekt des Lebens aus. Leider ist es nötig darauf
hinzuweisen, daß ein größeres Mitspracherecht von
Frauen bei ihre Zukunft betreffenden Fragen in
direktem Zusammenhang mit der Gesundheit von
Demokratien steht, denn Frauen sind in den meisten
Ländern und weltweit in der Mehrheit. Das Credo der
Vereinigten Staaten sollte folgendermaßen lauten: Eine
Demokratie ohne die umfassende Beteiligung der
Frauen ist ein Widerspruch in sich. Um ihr volles
Potential zu erreichen, muß die Demokratie alle Bürger
einbeziehen.
Offensichtlich hat die Frage, ob uns die Stärkung demokratischer Werte auf der Welt gelingt, besondere
Auswirkungen auf Frauen, die in unserem Land und
andernorts immer noch danach streben, ihren rechtmäßigen Platz in Regierung, Wirtschaft und Gesellschaft zu erlangen oder sogar zu bestimmen, und die
ihren rechtmäßigen Anteil an persönlicher, politischer,
wirtschaftlicher und bürgerlicher Macht verlangen. Die
Förderung des Status von Frauen und Mädchen und
Investitionen in ihre Fähigkeiten sollen sicherstellen,
daß sie über die Mittel verfügen, die Chancen eröffnen:
Bildung, Gesundheitsfürsorge, Kreditwürdigkeit und
Arbeit, Rechtsschutz und das Recht auf die umfassende Teilnahme am politischen Leben in ihren Ländern.
Aus diesem Grund müssen die Vereinigten Staaten
ihre überparteiliche Tradition der Unterstützung von
Initiativen fortsetzen, die unsere Welt diesen Zielen
näherbringen.
Heute werden mehr als 600 Millionen Frauen weltweit
Bildungsmöglichkeiten verwehrt. Zwei Drittel aller
Analphabeten sind Frauen. Dabei ist die wichtigste
Investition, die ein Entwicklungsland tätigen kann, die
Ausbildung von Mädchen und Frauen. Wir entdecken,
daß in einem Land nach dem anderen die Vorteile der
Ausbildung von Frauen weit über das Klassenzimmer
und die Schule hinausgehen. Sie bringt stärkere

AMERIKA DIENST 06

�Familien, bessere Gesundheit und Ernährung, höhere
Löhne und Gehälter und verstärkte Beteiligung am
politischen Leben hervor.
Ich habe gesehen, wie die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die weltweite Ausbildung von
Frauen und Mädchen sich auszahlt. Ich habe gesehen, wie ähnliche soziale Investitionen, von denen
ebenfalls viele vc n den Vereinigten Staaten unterstützt
werden, in so un arschiedlichen Ländern wie Brasilien,
den Philippinen, Nepal und Pakistan etwas bewirken.
Da ich - ebenso wie viele von Ihnen - viel reise, habe
ich mit eigenen Augen gesehen, daß Investitionen in
Mädchen und Frauen zur Umgestaltung von Gemeinden beitragen, die wiederum ganze Gesellschaften verändern. Weder Frauen noch die Demokratie können sich voll entfalten, solange Frauen
innerhalb und außerhalb des Hauses unterbewertet
sind.
Viele Experten für Wirtschaftsentwicklung aus der
ganzen Welt haben mir gesagt, die Arbeit der Frau sei
kein Bestandteil der Volkswirtschaften und Frauen
seien kein Akteur auf den Märkten. Und trotzdem
habe ich bei meinen Reisen durch städtische und
entlegende ländliche Gebiete mit eigenen Augen
gesehen, daß Frauen oft den Großteil der Arbeitslast
tragen: Sie säen, ernten und ermöglichen kleinen
Unternehmen das Prosperieren auf den Märkten.
Ich weiß, daß Frauen arbeiten. Ihr Beitrag schlägt sich
vielleicht nicht im Bruttoinlandsprodukt ihrer Gesellschaften nieder, aber er ist wertvoll. Wenn alle Frauen
der Welt morgen aufhören würden, außerhalb des
Hauses zu arbeiten, würden sämtliche Volkswirtschaften zusammenbrechen.
Es ist an der Zeit, den von Frauen innerhalb und
außerhalb des Hauses geleisteten Beitrag zu honorieren und zu würdigen. Investitionen in die Frau beinhalten auch Investitionen in ihre Gesundheit und damit
wiederum in die Gesundheit ihrer Familien. Ich freue
mich ganz besonders, daß die Vereinigten Staaten im
Rahmen des Amts für internationale Entwicklung (AID)
Hilfe gewähren um sicherzustellen, daß Frauen, Kinder
und Familien Zugang zum gesamten Spektrum
kostengünstiger, hochwertiger Gesundheitsdienste
erhalten - von Geburtsvorbereitungskursen für werdende Mütter über Grundimpfungen für Kinder bis zur
Rehydrationstherapie zur Behandlung von unter
Diarrhöe leidenden Kindern.
Ich möchte noch gesondert auf Familienplanung und
ihre Bedeutung in diesem größeren Zusammenhang
eingehen. Familienplanung ist grundlegend dafür, daß
Frauen die Verantwortung für sich und ihre Kinder
übernehmen.
Dennoch haben derzeit etwa 100
Millionen Frauen weltweit keinen Zugang zu Familienplanungsdiensten oder nutzen sie nicht, weil sie arm,
ungebildet und ohne Fürsorge sind. Etwa 20 Millionen

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Frauen lassen einen gefährlichen Schwangerschaftsabbruch vornehmen. Einige dieser Frauen tragen
lebenslängliche Behinderungen davon, einige leiden
unter anderen gesundheitlichen Problemen.
Im Grunde genommen ist die Zahl riskanter Schwangerschaftsabbrüche an sich schon eine Tragödie.
Hohe Raten von Schwangerschaftsabbrüchen sind
kein Anzeichen für die Gleichberechtigung der Frau.
Vielmehr repräsentieren sie ein Versäumnis unsererseits, Frauen bei der Verhinderung ungewollter
Schwangerschaften zu helfen. Wenn wir wirklich die
Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen verringern und
starke Familien fördern wollen, dürfen wir der Verpflichtung Amerikas zu Familienplanungsprojekten in
Übersee nicht den Rücken zuwenden.
Wenn wir die Frauen wirklich in allen Gesellschaften
der Welt zu gleichberechtigten Partnern machen
wollen, müssen wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen
- sei es versteckter häuslicher Mißbrauch oder eine
offenkundige Kriegstaktik. Es gibt keine isolierte
soziale Investition, die als Patentrezept für Frauen oder
Entwicklungsländer dienen kann, und Amerika sollte
sich auch nicht jeder gerechten Sache auf der Welt
verschreiben. Aber ich bin überzeugt, daß eine stabile,
prosperierende Welt außerhalb unserer Reichweite
liegt, solange Frauen in hohem Maße diskriminiert und
ungerecht behandelt werden.
Insgesamt sind unsere Investitionen in soziale Entwicklung wesentlich für die Stärkung freier Märkte, die
Verbreitung unserer demokratischen Ideale und die
Verbesserung unserer Sicherheit. Mit der Zeit hat
Amerika gelernt, daß unsere Ideale und Interessen
nicht von den uns umgebenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strömungen getrennt werden
können.
Wir haben hoffentlich auch gelernt, daß weltweites
Engagement sowohl Chancen im Inland als auch
Verpflichtungen im Ausland beinhaltet.
Ich möchte Ihnen ein kleines Beispiel geben. Kürzlich
hielt ich bei einer von AID veranstalteten Konferenz mit
dem Titel "Lektionen ohne Grenzen" eine Rede. Der
Bürgermeister von Baltimore, Kurt Schmoke, sprach
bei dieser Konferenz darüber, daß Regierungsvertreter
aus dieser Stadt nach Afrika gegangen waren, um
etwas über einfache, kostengünstige Strategien zu
lernen, die auf diesem Kontinent eingesetzt werden,
Eltern zur Impfung ihrer Kinder zu ermutigen. Jetzt
werden in Baltimore ähnliche Programme in Gemeindekliniken, einem Impfmobil und bei Hausbesuchen durchgeführt, wodurch die Impfrate für
Kinder unter drei Jahren anstieg.
Wir können von unseren Nachbarn auf der ganzen
Welt lernen. Wir werden feststellen, daß viele der

Seite 7

�Lektionen, die wir lernen können, mit Hilfe unserer
Außenpolitik gelehrt wurden. Weniger als ein Prozent
unseres Haushalts - und dennoch kann das Leben
zahlloser Menschen verbessert werden, und wir
können die Lebensqualität hier zu Hause verbessern.
abschließend möchte ich einige Worte über meine
evorstehende Afrikareise sagen. Ich fühlte mich sehr
eehrt,
als ich gebeten wurde, diese Reise zu machen,
;
veil meines Erachtens Amerikas Engagement in der
A/elt das Engagement für Afrika südlich der Sahara
oeinhalten muß. Die zeitgenössische Geschichte ist
eine Geschichte, die die Bürger und Länder schreiben,
und es gibt eine neue Geschichte, die erzählt werden
muß. Jede Region trägt ihr eigenes Kapitel bei. Afrika
hat eine bemerkenswerte Geschichte, wenn wir ihr nur
Aufmerksamkeit schenken.
Afrika ist auf dem Weg zu Demokratie. In den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl der Demokratien von
fünf auf 23 gestiegen. Afrika verzeichnet ein Wirtschaftswachstum und geht von erstickenden staatlich
kontrollierten Volkswirtschaften zu offenen Märkten
über, dank denen sich das menschliche Potential voll
entfalten kann. Letztes Jahr hatten 30 Länder positives Wirtschaftswachstum.
Afrika beginnt, neue Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten zu knüpfen. Beziehungen, die nicht nur auf
Hilfe, sondern gemeinsamen Idealen, gegenseitiger
Verantwortung, Integration in die Weltwirtschaft und
Partnerschaften gründen, die Konflikte lösen und
gemeinsame Herausforderungen bewältigen sollen.
Natürlich sind viele der afrikanischen Demokratien neu
und daher noch instabil. Die Hoffnungen sind noch
zaghaft. Ein zu großer Teil des Kontinents wird
weiterhin von Krankheiten, Unterernährung, Armut,
Ungerechtigkeit, Korruption, gefährlichen Konflikten
und ihren schrecklichen Auswirkungen heimgesucht Flüchtlingskrisen, die vor allem Frauen und Kinder zu
einem Leben verurteilen, das immer schlimmer wird.
Und trotz dieser Herausforderungen können wir in
diesem Augenblick der Geschichte zum ersten Mal
sehen, daß es in Afrika Grund zu sehr viel mehr
Hoffnung als Verzweiflung gibt. Mit der Unterstützung
der Vereinigten Staaten können wir diese Hoffnung
stabilisieren.
Ich habe die Ehre, Senegal, Südafrika, Simbabwe,
Tansania, Uganda und Eritrea zu besuchen. Ich freue
mich, daß so viele Botschafter aus diesen Ländern und
anderen Ländern in Afrika heute hier anwesend sind.
Ich hoffe, die Anstrengungen der jeweiligen Länder
beim Aufbau von Demokratie und einer starken
bürgerlichen Gesellschaft aus erster Hand erfahren
und hervorheben zu können. Ich werde mich besonders auf Basisinitiativen und Bestrebungen kon-

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zentrieren, die Frauen und Kinder betreffen. Diese
Reise wird - so hoffe ich - dem amerikanischen Volk
ein erneutes Gefühl für die Bedeutung unseres
Engagements für Afrika vermitteln. Sie soll zeigen,
warum wir alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung von Demokratie und sozialen Investitionen in Afrika sowie zur Stärkung von Afrikas Platz in
der internationalen Staatengemeinschaft tun müssen.
Ich hoffe, diese Reise wird zeigen, daß das amerikanische Engagement nicht nur an Dollars für Hilfsleistungen oder humanitären Bestrebungen nach
Tragödien und Krisen gemessen werden kann,
sondern an den demokratischen Werten, die wir
verstärken, den Menschenrechten, die wir verteidigen,
und den Konflikten, die wir präventiv lösen helfen.
Natürlich steht die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten auf dem Spiel. Instabilität in Afrika - sei sie in
Krieg, Terrorismus, organisiertem Verbrechen, Krankheiten, Umweltzerstörung oder Armut begründet betrifft auch uns. Darüber hinaus steht die Wirtschaft
auf dem Spiel. Zur Zeit halten die Vereinigten Staaten
nur einen Anteil von sieben Prozent des afrikanischen
Marktes von 600 Millionen Menschen. Indem wir
stärkere wirtschaftliche Bande mit Afrika knüpfen,
tragen wir auch in hohem Maße zur Sicherung des
Wohlstands unseres eigenen Volkes bei.
Aber letztlich leiten sich die wichtigsten Gründe
unseres Engagements für Afrika aus einer positiven
Grundlage her. Afrika ist in Bewegung - mit einer
neuen Generation von Politikern, dem frischen Wind
politischer Reformen und prosperierenden multiethnischen Gesellschaften.
Wenn wir uns die Zukunft des amerikanischen Engagements auf der Welt betrachten, stellen wir fest, daß
wir ein Interesse am Erfolg des anderen haben - wo
immer wir dazu beitragen, die Grundlage für Demokratie zu schaffen, wo immer wir aus gegenseitigem
Respekt heraus den Menschen die Hand reichen,
damit sie sich selbst helfen können, wo immer wir klar
verstehen, daß dies eine Zeit der Interdependenz und
Verbindungen ist. Wir werden gemeinsam Fortschritte
erzielen. Wenn wir unseren Freunden in den neuen
Demokratien in Afrika behilflich sind und mit ihnen
zusammenarbeiten oder uns die Bedeutung unseres
Engagements für Frauen und Kinder vor Augen führen
- immer stehen die amerikanischen Interessen auf dem
Spiel.
Aber sehr viel wichtiger ist, daß Amerikas Werte auf
dem Spiel stehen. Wenn wir von diesen Werten
geleitet handeln, werden wir dazu beitragen, die Welt
in die neue Zukunft zu führen, die wir für unsere Kinder
und alle Kinder auf der ganzen Welt für möglich
erachten.

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�USA-EUROPA
26. März 1997

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Europa
Rede von Wirtschaftsminister Daley

WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration begrüßt die jüngsten Aktionen der Europäischen Union zur
Förderung von Demokratie in Kuba, ist jedoch enttäuscht, daß die EU ein Gremium der Welthandelsorganisation
(WTO) um die Überprüfung der amerikanischen Politik gegenüber Kuba gebeten hat, äußerte Wirtschaftsminister
William Daley bei der Konferenz des European Institute in Washington am 14. März 1997.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Wirtschaftsminister Daley im Wortlaut.

Wenn ich mir die Natur der amerikanisch-europäischen Beziehungen betrachte, kommen mir die Worte
von Präsident Clinton bei seinem ersten Besuch in
Brüssel 1994 in den Sinn:
"Europa bleibt von zentralem Interesse für die Vereinigten Staaten ...
unser wertvollster Partner, nicht nur in
der Sache von Demokratie und Freiheit, sondern auch was Handel und
Investitionen betrifft."
Es gab eine Zeit, in der die Vereinigten Staaten Europa
ausschließlich als Sicherheitsanliegen sahen. Die
Eindämmung des Kommunismus und der sowjetischen
Expansion, die Gewährleistung von Frieden und
Stabilität auf dem Kontinent sowie der Aufbau von
Bündnissen gegen auftretende strategische Bedrohungen auf der ganzen Welt waren die treibende
Kraft hinter unseren Beziehungen. Heute - nach dem
Ende des Kalten Krieges und mit einer prosperierenden Weltwirtschaft - haben sich unsere Bande erweitert und vertieft.
Während die Vereinigten Staaten Beziehungen in
anderen Teilen der Welt kultivieren, sind wir uns
bewußt, daß keine andere Beziehung so wichtig ist wie
die zwischen unserem Land und der Europäischen
Union. Wir haben gemeinsame historische und
kulturelle Bande, und noch wichtiger ist, wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Förderung von Frie-

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den, Demokratie und Entwicklung auf der ganzen Welt
sowie eine gemeinsame Verpflichtung dazu. Gemeinsam haben wir den Krieg in Bosnien beendet und mit
dem Aufbau einer Grundlage für Demokratie und
Wohlstand in der Region begonnen. Wir haben den
aufstrebenden Demokratien in Zentral- und Osteuropa
geholfen und eine Partnerschaft für den Frieden
eingeführt, die alte Trennlinien in Europa durch eine
echte militärische Koalition aller europäischen Länder
ersetzt. Und indem wir unsere gemeinsamen diplomatischen, wirtschaftlichen und strategischen Ressourcen
einsetzen, unterstützen wir den Friedensprozeß im
Nahen Osten und stellen uns gemeinsam gegen die
nukleare Weiterverbreitung auf der koreanischen
Halbinsel.
Aus der Verwüstung des Zweiten Weltkriegs und der
Teilung des Kalten Krieges ist eine Partnerschaft
hervorgegangen, die auf globale Herausforderungen
mit den Lektionen der Geschichte und der Kraft der
Einheit reagiert. Am ermutigendsten ist jedoch, daß
diese Partnerschaft nicht nur eine Partnerschaft der
militärischen Macht und des militärischen Einflußbereichs ist. Das gemeinsame Terrain zwischen den
Vereinigten Staaten und Europa ist vielmehr ebenso
stark durch gemeinsame Wirtschafts- und Handelsinteressen definiert. Die EU ist nicht der größte
Exportmarkt der Vereinigten Staaten - das trifft auf
Kanada zu. Aber die EU ist bei weitem unser größter
Handelspartner - ein Markt für Exporte und Verkäufe
amerikanischer Firmen in Höhe von über einer Billion

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�Dollar und steht damit für nahezu die Hälfte des
Weltmarkts für amerikanische Unternehmen. In der
Tat ist Europa ein viermal größerer Markt für amerikanische Firmen als Kanada oder Japan.
Ebenso beeindruckend wie die Größenordnung der
von uns getätigten Geschäfte ist die Tatsache, daß die
Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa ausgeglichen sind. Drei Millionen
Europäer arbeiten für amerikanische Firmen in Europa,
und drei Millionen Amerikaner sind bei europäischen
Unternehmen in Amerika tätig. In der Tat befindet sich
jeder zwölfte Arbeitsplatz in der Fertigungsindustrie in
den Vereinigten Staaten in einer europäischen Fabrik.
Und auch unsere Handelsbilanz ist im Großen und
Ganzen ausgeglichen. In den vergangenen 25 Jahren
beliefen sich die Handelsüberschüsse und -defizite mit
Europa auf plus-minus Null. Im Vergleich dazu erzielte
der Handel der Vereinigten Staaten mit Asien ein
Defizit von 1,5 Billionen Dollar.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Entwicklung und Unterstützung des Welthandelssystems. Die Hälfte des Welthandels entfällt auf die
Vereinigten Staaten und Europa. Wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Öffnung von Weltmärkten und der Förderung von größerer wirtschaftlicher
Freiheit. Und in den vergangenen 50 Jahren waren
alle Fortschritte beim Welthandelssystem die Folge
unserer gemeinsamen Vereinbarungen und Maßnahmen. Wenn wir nicht übereinstimmen - wie es
während der Uruguay-Runde im Agrarbereich eine
Reihe von Jahren der Fall war - macht der offene
Handel wenig Fortschritte.
Wenn wir jedoch gemeinsam auf gemeinsame Ziele
hinarbeiten, ist unsere globale Führungsrolle ein
beeindruckender Katalysator. Betrachten Sie sich,
was wir in jüngster Zeit durch unsere gemeinsamen
Bestrebungen erreicht haben: Den Abschluß der
Uruguay-Runde, die Gründung der WTO, das Informationstechnologieabkommen und das Abkommen über
Telekommunikationsdienste.
Aber unsere beiden Seiten zum Vorteil gereichenden
bilateralen Beziehungen und unsere gemeinsamen
globalen Interessen bedeuten nicht, daß wir ständig
einer Meinung sind. Über die Jahre hinweg waren
Meinungsverschiedenheiten eine Realität, und wir
haben zweifelsohne auch heute einige - wobei die
größte über das Libertad- oder Helms-Burton-Gesetz
besteht.
Um ganz offen zu sein: Die Clinton-Administration ist
enttäuscht, daß die EU ein Gremium der Welthandelsorganisation (WTO) um die Überprüfung der amerikanischen Politik gegenüber Kuba gebeten hat. Die
Förderung eines friedlichen Übergangs zu Demokratie
in Kuba ist seit langem ein wichtiges Element der
überparteilichen amerikanischen Außenpolitik. Und

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das Schlüsselelement dieser Politik - einschließlich
des während der Kennedy-Administration und dem
Libertad-Gesetz von 1996 verhängten Embargos - sind
Jahrzehnte zurückreichende Gesetze und Bestimmungen, die für die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten als grundlegend angesehen werden. Unsere
Aktionen und Maßnahmen gegenüber Kuba waren nie
durch Profitdenken motiviert. In der Tat ist das
Gegenteil der Fall. Wir waren bereit, den wirtschaftlichen Preis für unsere Prinzipien zu bezahlen, selbst
als ausländische Firmen bereitwillig Geschäfte mit
Kuba getätigt haben. Aber die amerikanische Haltung
in dieser Frage ist klar: Die WTO ist nicht das geeignete Forum zur Lösung von Differenzen in der
Außenpolitik.
Vor diesem Hintergrund möchte ich hinzufügen, daß
diese Administration die jüngsten Aktionen der Europäischen Union zur Förderung von Demokratie in
Kuba begrüßt, insbesondere die "gemeinsame Position" der EU zu Kuba. Auch die Vereinigten Staaten
haben im Geist der Zusammenarbeit gehandelt. Im
Januar hat Präsident Clinton angesichts der kooperativen Bestrebungen unserer Partner das Recht, unter
Titel III des Libertad-Gesetzes Klage zu erheben, zum
zweiten Mal ausgesetzt. Der Präsident hat darüber
hinaus seine Absicht bekundet, das auch weiter zu tun,
solange die EU ihre verstärkten Anstrengungen zur
Förderung von Frieden in Kuba aufrechterhält.
Ich hoffe, daß wir in diesem Geist der Zusammenarbeit
fortfahren und stimme mit Sir Leon Brittans Einschätzung überein, daß wir bezüglich unserer Differenzen
über das Libertad-Gesetz gute Fortschritte gemacht haben. Wir werden zusammen mit der EU alles in
unserer Macht Stehende tun, um eine beide Seiten
zufriedenstellende Resolution zu erzielen. Wenn wir
jedoch unsere Meinungsverschiedenheiten nicht
unverzüglich beilegen, werden die Vereinigten Staaten
die WTO offiziell davon in Kenntnis setzen, daß das im
Februar eingerichtete Gremium keine Befugnis für ein
Verfahren hat, weil es sich hierbei um eine die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihre
Außenpolitik betreffende Angelegenheit handelt.
Abgesehen von Kuba gibt es auch eher routinemäßige
Themen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren
Verbündeten in der EU. Im Agrarbereich haben wir ein
besonders ernstes Problem, da der Mangel an Fortschritten seitens der EU beim Abschluß eines
Veterinär-Äquivalenzabkommens die amerikanischen
Fleisch- und Geflügelexporte in Höhe von über 1
Milliarde Dollar zu stören droht. Wenn wir diesen
Disput nicht bis zum 1. April lösen - in nicht einmal
zwei Wochen - wird das nicht nur Auswirkungen auf
die amerikanischen Exporte, sondern auch auf die der
EU haben. Darüber hinaus haben wir seit einiger Zeit
Differenzen bei anderen Themen, wie den audiovisuellen Quoten der EU, dem Verbot der EU für nicht BSEverseuchtes amerikanisches Rindfleisch, Öko-Kenn-

AMERIKA DIENST 06

�Zeichnungsprogrammen, die europäische Produktionsmethoden bevorzugen, handelsrestriktive Zollkategorie-Neuklassifizierungen von bestimmtem Informationstechnologiegerät und Auftragsvergabepraktiken
bei Stromversorgungsunternehmen.
Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese - und
andere in der Zukunft zweifellos auftauchende Probleme unsere Freundschaft, unsere gemeinsamen
Interessen und die Notwendigkeit von Zusammenarbeit überschatten.
In ihren ersten vier Jahren arbeitete die ClintonAdministration mit der Europäischen Union an der
Schaffung eines transatlantischen Kooperationsmechanismus, der umfassender denn je ist - der
neuen transatlantischen Agenda (NTA). Sie ist eine
ehrgeizige Tagesordnung für die Ausweitung der
amerikanisch-europäischen
Zusammenarbeit, die
Förderung von Frieden und Demokratie, die Erweiterung des Handels und die Ermutigung von
Kontakten zwischen jungen Amerikanern und Europäern, die die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten im Zeitalter nach dem Kalten Krieg sind.
Ferner konzentriert sich die NTA auf das, was möglicherweise als die nächste Generation von Sicherheitsbedrohungen bezeichnet werden könnte - Verbrechen,
Drogen, Gesundheitsgefährdungen und Umweltzerstörung.
Der zweite wichtige Mechanismus, der transatlantische
Wirtschaftsdialog, unterstützt unsere Unternehmen bei
ihrer Suche nach Gemeinsamkeiten beim Abbau von
Hindernissen für die Wirtschaft sowie offenem und
fairem Handel. Der transatlantische Wirtschaftsdialog
ist ein weiteres Hilfsmittel bei den Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union und bietet Unternehmen und Regierung
eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Die Einrichtung
dieser neuen transatlantischen Institutionen ist eine
große Leistung der ersten Clinton-Administration. In
ihrer zweiten Amtszeit sollte unsere Aufgabe darin
bestehen, die bilateralen Probleme schneller zu lösen
und eine Agenda für die Zukunft aufzustellen, damit
keine neuen Probleme entstehen.
Die neue transatlantische Agenda und der transatlantische Wirtschaftsdialog sollten ein wertvolle'
Aktivposten bei der Bewältigung von Aufgaben wie der
genaueren Definition von einem neuen transatlantischen Markt ohne Handelsschranken, von Schritten zu
seiner Erlangung sowie von gemeinsamen Bestrebungen zur Öffnung weiterer Märkte auf der ganzen Welt
sein. Die Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten des
Atlantiks haben ihrem Wunsch nach einem offenen
transatlantischen Markt ohne Handelshemmnisse
Ausdruck verliehen, und genau das ist unser Ziel. Wir
haben einen pragmatischen, schrittweisen Ansatz zu
dem neuen transatlantischen Markt gewählt, der
meines Erachtens der richtige Weg ist. Das wichtigste

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ist jetzt, weitere Einzelheiten unserer Bestrebungen zu
beschließen und klare Ziele zu setzen.
Ein wichtiges frühes Element des neuen transatlantischen Marktes ist ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition Agreement MRA) zur Verringerung der Kosten von Produkttests
und Kontrollen im atlantischen Raum. Wir handeln
derzeit mehrere dieser Abkommen über die gegenseitige Anerkennung der Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union aus, die sich auf bilateralen
Handel im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar
beziehen. Beim amerikanisch-europäischen Gipfel im
vergangenen Dezember wurde das Ziel gesetzt, die
Verhandlungen über das MRA bis Ende Januar
abzuschließen. Demnach hätten wir heute den 73.
Januar! Die Uhr tickt also, obwohl wir uns alle Mühe
geben. Die verbleibenden Schwierigkeiten auf dem
Gebiet von Pharmazeutika und medizinischem Gerät
können überwunden werden, und die diese Woche
geführten kleinen Verhandlungsrunden für diese
Sektoren erzielten vielversprechende Ergebnisse. Ich
kann Ihnen versichern, daß beide Seiten äußerst
motiviert sind und wissen, daß die Augen aller im
Weißen Haus und an der Spitze der EU-Kommission
auf ihnen ruhen. Ich möchte keine zeitlichen Prognosen anstellen, aber nach optimistischen Schätzungen
können wir eher früher als später mit einer Einigung
rechnen - zweifellos vor dem nächsten amerikanischeuropäischen Gipfel Ende Mai.
Eine Vielzahl anderer Fragen im Zusammenhang mit
dem transatlantischen Markt erfordern in den kommenden Monaten unsere Aufmerksamkeit:
Abschluß des Prozesses zur Harmonisierung
von Kraftfahrzeugnormen - ein vor einem Jahr
eingeleitetes Projekt.
Fortschritte bei Zollfragen, dem Schutz geistigen Eigentums und auf anderen Gebieten, auf
denen Kostensenkungen möglich sind, in den
Bereichen Biotechnologie, Pharmazie und
chemische Industrie.
Entwicklung einer gemeinsamen Politik zu
Kryptologie und Entschlüsselung.
Lösung globaler Fragen, beispielsweise
Beschleunigung der Umsetzung von Abkommen der Uruguay-Runde, Abschaffung
der Zölle, Zusammenarbeit bei der Suche
nach dem besten Weg für einen WTO-Beitritt
Chinas und Rußlands.
Besondere Aufmerksamkeit möchte ich auch den
gemeinsamen amerikanisch-europäischen Aktionen
beim Kampf gegen Bestechung und Korruption im
Welthandel widmen. Europa könnte weitaus mehr
unternehmen, um die Empfehlungen der OECD zur

Seite 3

�Bestrafung von Bestechung und Beendigung der
Möglichkeit ihrer steuerlichen Absetzung durchzusetzen. Für Bestechung sollte im Welthandel kein
Raum sein, und die Clinton-Administration möchte,
daß Europa uns bei der Abschaffung dieser Abschreckung von fairem, offenem Handel zur Seite
steht.
In dem Bestreben, die führenden amerikanischen
Unternehmen auf der Weltbühne für offene Märkte und
internationalen Handel zu halten, habe ich mein
Ministerium angewiesen, unsere handelspolitischen
Aufgaben möglichst klar und detailliert darzulegen. Es
steht außer Frage, daß Handelsmissionen effektiv und
gleichermaßen im Interesse von Amerikanern und
Europäern sind. Ich wollte zahlreicheren und unterschiedlicheren Unternehmen die Teilnahme daran
ermöglichen und jede Kritik fernhalten, die Unternehmen dabei behindern könnte. Unsere Handelsmissionen werden offene, zugängliche, transparente
und zielgerichtete Bestrebungen sein, und ich sehe der
Aufgabe erwartungsvoll entgegen, sie zu leiten und die
Botschaft offener Märkte an die führenden Politiker von
Entwicklungsländern weiterzugeben, in denen die
Chancen am größten sind und amerikanische sowie
europäische Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermaßen die größten Erfolge erzielen.
Die uns konfrontierenden Fragen - Differenzen über
Kuba, China und Rußland betreffende Angelegenheiten, technische und spezifische Belange des neuen
transatlantischen Marktes - verblassen in Anbetracht

der großen Gemeinsamkeiten zwischen Amerika und
Europa. Unsere gemeinsame Kultur - Millionen von
amerikanischen Familien mit Geschichte und Wurzeln
in Europa -, unsere gemeinsamen Anliegen - Millionen
von Arbeitnehmern, die ihre Familien mit Arbeitsplätzen in amerikanischen und europäischen Unternehmen ernähren -, und unsere gemeinsame Geschichte - von den Einwanderern, die Amerika aufbauten, bis zu den amerikanischen Soldaten, die Seite
an Seite mit unseren Verbündeten die Kräfte des
Nazismus besiegten und den Totalitarismus abwehrten
- sind ein elementarer Bestandteil der amerikanischeuropäischen Beziehungen.
Der Präsident
hat
Amerika aufgefordert, die Tage zu nutzen, in denen wir
Wohlstand im Inland und Frieden mit dem Ausland
genießen. Dasselbe gilt auch für uns, insbesondere
vor dem Hintergrund, daß die amerikanisch-europäischen Beziehungen der Dreh- und Angelpunkt einer
wachsenden Weltwirtschaft voller Chancen sind, in der
das Leben der Menschen mit jedem Tag reicher,
gesünder, sicherer und freier wird.
Es stünde uns gut an, dem Beispiel von George
Marshall zu folgen, dessen Arbeit im Dienste Amerikas
Europa so sehr dabei half, sich von den Folgen des
Krieges zu erholen und wieder seinen Platz unter den
führenden Nationen der Welt einzunehmen: "Kriege
entstehen durch Armut und Unterdrückung", erklärte
Marshall. "Fortgesetzter Friede ist nur in einer relativ
freien und prosperierenden Welt möglich."
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�USA-DEUTSCHLAND
26. März 1997

Aktuelle Themen der euroatlantischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

ERFURT - (AD) - Der Charge d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, J.D. Bindenagel, hielt am 17. März 1997 beim Treffen der Arbeitsgruppe für außenpolitische Fragen
der CDU/CSU Bundestagsfraktion in Erfurt/Thüringen nachfolgende Rede.

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute zu Ihnen
sprechen zu dürfen. Es ist eine Ehre, mit dieser
herausragenden Gruppe Gedanken über die drängendsten Probleme unserer Zeit auszutauschen.
Es ist mir auch eine besondere persönliche Freude,
heute hier in Thüringen sein zu können. Als der
dienstälteste amerikanische Diplomat in Deutschland
bin ich mir unserer gemeinsamen Erfahrungen aus der
Vergangenheit und der Grundlage wohl bewußt, die
diese Geschichte für unsere Zukunft bildet. Das ist
nirgends offenkundiger als hier in Erfurt.
Im Jahr 1945 gab es eine amerikanische Präsenz in
Thüringen. Auch mein Vater war als Infanterist der
104. Infanteriedivision hier stationiert. Nachdem die
letzte große Schlacht in Halle gekämpft war, wurden er
und seine Division von der Mulde für das historische
Treffen mit russischen Streitkräften nach Torgau
verlegt. Aber wenige Monate später zogen die
amerikanischen Truppen ab, und wir kamen rund
siebenundvierzig Jahre lang nicht zurück. In diesen
dazwischenliegenden Jahren spürten wir, wie hoch der
Preis der nicht vorhandenen amerikanischen Präsenz
ist.
Im vergangenen Monat, am 11. und 12. Februar,
waren die amerikanischen Streitkräfte wieder in
Thüringen - dieses Mal, um eine Übung mit Truppen
der 1. Infanteriedivision durchzuführen. Diese Übung
ist nicht nur ein Anzeichen dafür, wie weit wir seit der
Vereinigung Deutschlands gekommen sind, sondern
steht auch als Symbol, wohin wir beim Streben nach
Sicherheit für ganz Europa gehen wollen.

AMERIKA DIENST 06

Die Beseitigung von Trennlinien, die Förderung von
Stabilität und Wohlstand - das sind die Ziele, von
denen unsere Politik geleitet ist - in der NATO und den
transatlantischen
Beziehungen
gleichermaßen.
Während die Clinton-Administration ihre zweite
Amtszeit antritt, sind dies unsere unumstrittenen
Prioritäten.
Seit die neue Administration am 20. Januar ihre
Geschäfte aufnahm, haben bereits Außenministerin
Albright, Finanzminister Rubin und Verteidigungsminister Cohen Deutschland und andere Hauptstädte
unserer Verbündeten besucht, um diese Prioritäten
umzusetzen und unsere gemeinsame Tagesordnung
eines ungeteilten Europas voranzubringen.
Ein entscheidender Schritt in diesem Prozeß wird die
Anpassung der NATO sein - neue Mitglieder, Umstrukturierung und die Charta zwischen der NATO und
Rußland. Ende der Woche werden die Präsidenten
Clinton und Jelzin in Helsinki zusammenkommen, um
dieses vorrangige Thema zu erörtern.
In wenigen Monaten wird das Bündnis ein
außerordentliches Gipfeltreffen abhalten, um
potentielle neue Mitglieder zur Aufnahme von
Verhandlungen über die Mitgliedschaft einzuladen.
Im gesamten Verlauf des Aufnahmeprozesses
- einem offenen Prozeß, der nicht im Juli endet
- müssen wir sicherstellen, daß die Länder, die
nicht in der ersten Verhandlungsrunde über
die NATO-Mitgliedschaft zum Beitritt eingeladen werden, ihre Beteiligung an einer erweiterten Partnerschaft für den Frieden oder

Seite 1

�besonderen Beziehungen zur NATO aufrechterhalten und sogar vertiefen. Wir sehen,
welche positiven, stabilisierenden Auswirkungen dies bereits in der Region gehabt hat.
Die übergeordneten Ziele der Vereinigten Staaten für
die europäische Sicherheit haben sich in der zweiten
Clinton-Administration nicht geändert. Sie sehen
einige neue Gesichter und einen gewissen neuen Stil
in der amerikanischen Diplomatie, aber unser Ziel
bleibt gleich: Der Aufbau eines friedlichen, integrierten
Europas in einer neuen atlantischen Gemeinschaft.
Diese Gemeinschaft muß in der Lage sein, die Sicherheitsherausforderungen des 21. Jahrhunderts
effektiv zu bewältigen.
Amerika hat seinerseits eine Führungsrolle in der sich
verändernden NATO übernommen. Im Frühjahr 1993
formulierte die erste Clinton-Administration ihre Politik
im Hinblick auf den Krieg auf dem Balkan. Wir wurden
daran erinnert, daß Bismarck einmal gesagt hat, der
Balkan sei nicht das Leben eines einzigen pommerischen Grenadiers wert. Diese Debatte über "elementare" nationale Interessen der Vereinigten Staaten in
Europa war eine lebhafte, eindringliche Prüfung der
Rolle Amerikas in Europa.
Im April 1993 wurde das Holocaust Memorial Museum
in Washington eröffnet - ein Ereignis, das uns die
Gelegenheit bot, das amerikanische Engagement in
Europa durch ein neues Prisma zu betrachten. Der
Eröffnung wohnten zahlreiche Politiker aus Zentraleuropa bei, die uns bei diesem Anlaß an die Instabilität
in Europa entlang der alten Trennlinie des Kalten
Krieges erinnerten. Elie Wiesel, ein Überlebender des
Holocaust, verwies auf die besondere Notwendigkeit
einer andauernden amerikanischen Präsenz in Europa
in solchen Zeiten. Es war nicht nur die Geschichte
lange vergangener Zeiten, sondern auch die jüngere
Geschichte, die die Vereinigten Staaten veranlaßte,
ihre Verpflichtung zu Stabilität und Sicherheit in Europa
erneut zu bekräftigen.
Die NATO paßt sich wie alle wichtigen Institutionen
kreativ an die neue Welt an, in der wir uns wiederfinden. Im Hinblick auf die interne Struktur der NATO ist
Frankreich dabei, seine Beziehungen zum Bündnis
neu zu definieren.
Auch wir suchen nach Wegen zur Stärkung des
europäischen Pfeilers, damit wir den sich abzeichnenden Sicherheitsherausforderungen effektiver begegnen können.
Dies ist nirgends offensichtlicher als bei der Stationierung von NATO-Truppen in Bosnien. Die SFOR, und
davor die IFOR, beweisen, daß die NATO die Aufgaben des 21. Jahrhunderts mit Hilfe von Verbündeten
und Nichtverbündeten gleichermaßen angehen kann.

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Auf diese Erfahrung können wir die mögliche CJTFMission der Zukunft aufbauen.
Die Partnerschaft für den Frieden der NATO hat weit
über die anfänglichen Erwartungen hinaus Erfolge
gezeigt. Der bleibende Wert der durch die PfFÜbungen gebotenen konkreten Zusammenarbeit und
persönlichen Erfahrungen ist unermeßlich. Während
wir die PfF erweitern, indem wir mehr gemeinsame
Übungen durchführen und die Ebene unserer bilateralen und multilateralen Kontakte erweitem, wird die PfF
zu einem unerläßlichen Ergänzungsmechanismus für
verstärkte Zusammenarbeit. Aber es gibt noch viele
andere Wege, dies zu erreichen. Die bilateralen
Bestrebungen der Vereinigten Staaten, die wir als den
Aktionsplan für die baltischen Staaten bezeichnen,
sind ein Beispiel.
Und als Teil dieser umfassenden Umgestaltung öffnet
die NATO ihre Türen für neue Mitglieder.
Damit die NATO-Erweiterung Erfolg haben kann, muß
sie in einer Weise vollzogen werden, die Sicherheit
und Stabilität auf dem gesamten Kontinent stärkt - für
Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen. Vor
allem darf sie keine neuen Trennlinien in Europa
schaffen.
Aus diesem Grund ist es entscheidend, daß Rußland
seinen rechtmäßigen Platz in dem neuen Europa
einnimmt. Rußland ist von zentraler Bedeutung bei
unserem Streben nach Stabilität in Europa. Wir
wünschen ein friedliches, stabiles und demokratisches
Rußland, das fest in einen ungeteilten Kontinent
integriert ist.
Ein entscheidendes Element der russischen Integration in europäische Institutionen wird die Entwicklung einer strategischen Partnerschaft zwischen
Rußland und der NATO sein. Diese Partnerschaft
muß auf der Respektierung der legitimen Sicherheitsinteressen der jeweils anderen Seite gründen. Sie
geht von der Überzeugung aus, daß konkrete Zusammenarbeit der Art, wie wir sie zwischen der NATO
und den russischen Bodentruppen in Bosnien gesehen
haben, zum Vorteil aller Parteien ist.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft durch die
Verhandlungen über eine Charta Form und Fokus zu
verleihen. Als Chefunterhändler könnte Generalsekretär Solana später mehr Einzelheiten nennen. Ich
möchte nur sagen, daß wir uns zutiefst zur Entwicklung
dieser Partnerschaft verpflichtet haben und intensiv auf
die Erlangung dieses Ziels hinarbeiten. Gleichzeitig
haben wir uns verpflichtet, mit unserer Tagesordnung
der Erweiterung des Bündnisses fortzufahren. Wie
Außenministerin Albright kürzlich sagte, möchten wir
Rußland ein Mitspracherecht, aber kein Vetorecht
einräumen.

AMERIKA DIENST 06

�Ein anderer wesentlicher Bestandteil unserer Agendafür europäische Stabilität ist die Frage der konventionellen Streitkräfte.
Sie führt die verschiedenen
Elemente - Erweiterung, Partnerschaft mit Rußland
und interne Anpassung - zu einem einheitlichen
Ganzen zusammen. Der KSE-Vertrag bietet die
unerläßliche Grundlage für konventionelle Stabilität auf
dem gesamten europäischen Kontinent. Aber er
wurde zu einer anderen Zeit unter ganz anderen
Umständen konzipiert. Heute arbeiten wir an der
Anpassung des Vertrags an die derzeitigen strategischen Gegebenheiten.
Die NATO unterbreitete in Wien einen weitreichenden
Vorschlag, um die alten Blockstrukturen durch ein
neues System nationaler und territorialer Grenzen zu
ersetzen. Wir möchten die Sicherheit aller Parteien
erhöhen, indem wir die Transparenz auf den niedrigeren Ebenen der Streitkräfte verbessern. Die Verhandlungen über die Anpassung dieses rechtlich bindenden
Vertrags sind ein wichtiger Bestandteil unserer Agenda
für europäische Sicherheit. Diese impliziert auch die
Bestrebung, Stabilität zu einer langfristigen Errungenschaft zu machen, die in einem Vertrag kodifiziert ist.
Unsere neuen Sicherheitsbeziehungen zu Rußland
werden auch durch Wirtschaftsbeziehungen ergänzt.
Die Gore-Tschernomyrdin-Kommission ist zu einem
zentralen Element bei der Gestaltung der Beziehungen
Amerikas und der anderen westlichen Staaten zu
Rußland geworden.
Im Hinblick auf Investitionen, Unterstützung, Beratung
und Goodwill haben wir viel für Rußland - und die
neuen unabhängigen Staaten - erreicht.
Wir reichen Rußland die Hand der Freundschaft, und
Rußland reagiert.
Die russischen Wähler haben in überwältigender Zahl
gezeigt, daß sie zur Bewahrung ihrer neugewonnenen
Freiheiten und zur Fortsetzung des Reformweges
entschlossen sind. Obwohl sie mit großen Schwierigkeiten konfrontiert sind, kämpfen sie darum, über die
sehr realen Härten des Augenblicks hinaus in eine
bessere Zukunft zu blicken.
Unser Ansatz ist umfassend. Er ist nicht auf die
Reform der NATO beschränkt. Vielmehr nutzt er die
bestehenden multilateralen Institutionen wie die
Europäische Union, die Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa und die Welthandelsorganisation. Wir möchten alle verschiedenen Institutionen einbeziehen, weil wir unser Konzept der
neuen atlantischen Gemeinschaft auf eine umfassende
Definition von Sicherheit gründen, die über traditionelle
Militärfragen hinausgeht.
Diese neue Gemeinschaft gründet auf den Idealen, die
Staatsmänner wie George Marshall, Konrad Adenauer

AMERIKA DIENST 06

und Jean Monnet vor nahezu 50 Jahren von einem
wahrhaft integrierten Europa vom Atlantik bis zum Ural
hatten. Sie wird die Partnerschaft der Vereinigten
Staaten nicht nur mit einem integrierteren Europa,
sondern weltweit vertiefen.
Diese Gemeinschaft basiert auf unseren bilateralen
Beziehungen zu allen Ländern Europas sowie auf
unseren Verbindungen im Rahmen multilateraler
Institutionen wie der NATO, der EU und der OSZE.
Durch die Europäische Union, die NATO und die
OSZE haben wir eine historische Chance zur Ausweitung von Frieden und Wohlstand. Durch die
Öffnung demokratischer Institutionen für neue Mitglieder machen wir Gegner zu Freunden und Verbündeten, verbreiten Freiheit und Wirtschaftsreformen und
öffnen unsere Gesellschaften für eine Weltwirtschaft,
die wirklich keine Grenzen kennt. Gemeinsam verfolgen wir eine umfassende Strategie zur Vermeidung
künftiger Konflikte in einem integrierten Europa.
Die ersten Schritte werden nicht allein von der NATO
unternommen.
Die neuen Demokratien Zentraleuropas öffnen sich ebenfalls nach Osten und Westen
um sicherzustellen, daß der Dialog fortgesetzt wird und
fruchtbar ist.
An diesem Punkt möchte ich die positive Rolle Polens
in der Region hervorheben. Polen hat besonderes
Geschick bei der Pflege der Beziehungen zu seinen
Nachbarn im Westen und Osten gleichermaßen
bewiesen und nicht die Tatsache aus den Augen
verloren, daß seine Beziehungen zu diesen Ländern
eine wichtige Priorität bleiben. Polen hat die alte Kluft
überwunden und gemeinsame Friedenssicherungsbataillone mit der Ukraine und Litauen geschaffen.
Polen hat die PfF genutzt, um die Beziehungen zu
seinen Nachbarn im Osten zu verbessern, und nicht
nur, um seine Eignung für einen NATO-Beitritt unter
Beweis zu stellen. Durch diese Bestrebungen hebt
sich Polen als stabilisierender Akteur im neuen
Zentraleuropa ab, dessen Anstrengungen zur Nachahmung empfohlen werden.
Abschließend möchte ich betonen, daß wir uns zwar
einen ehrgeizigen, aber auch den richtigen Zeitplan
gesetzt haben.
Würde der Prozeß langsamer vonstatten gehen,
könnte die politische Unterstützung der NATO in den
Mitgliedstaaten auf unnötige Weise unterminiert
werden. Das Bündnis hat seine ursprüngliche Entscheidung zur Erweiterung vor drei Jahren - 1994 getroffen, und es ist jetzt an der Zeit, Fortschritte zu
machen und die NATO an die derzeitigen Gegebenheiten anzupassen.
Noch länger zu warten, würde einen Aufschub der
vielen mit einer NATO-Erweiterung einhergehenden
Vorteile bedeuten. Madeleine Albright formulierte es

Seite 3

�kürzlich folgendermaßen: "Gleichzeitig gewinnen wir
neue Verbündete, die bestrebt und zunehmend fähig
sind, einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheitsagenda zu leisten - vom Kampf gegen den
Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis zur Sicherung von Stabilität in
Krisenregionen wie dem ehemaligen Jugoslawien."
Allein die Aussicht auf eine NATO-Erweiterung gibt
Zentral- und Osteuropa mehr Sicherheit, als es in
diesem Jahrhundert genossen hat.
Gleichzeitig wollen wir das Tempo nicht forcieren,
denn das könnte - ebenso wie unnötige Verzögerungen - zu Instabilität führen. Wir haben einen überlegten, schrittweisen und transparenten Anpassungsprozeß eingeleitet. Die militärische Effektivität wird
bewahrt. Vor allem werden die 16 Mitgliedstaaten der
NATO während des gesamten Anpassungsprozesses
weiterhin Entscheidungen per Konsens fällen.
Bei unseren Diskussionen über die Zukunft der NATO
sollten wir - und insbesondere diejenigen unter uns,
die an dem politischen Entscheidungsfindungsprozeß
beteiligt sind - nicht vergessen, daß die NATO mehr
bewirkt hat als die Eindämmung der sowjetischen

Bedrohung. Bei ihrer Gründung bot die NATO das
Vertrauen und die Sicherheit, die Europas zerstörte
Volkswirtschaften für ihren Wiederaufbau benötigten.
Sie ermöglichte die europäische Integration, indem sie
die Annäherung von Frankreich und Deutschland
bewirkte. Und sie stabilisierte die Beziehungen
zwischen Griechenland und der Türkei.
Die NATO bot weitaus mehr als die Verteidigung
unserer Lebensweise gegen militärische Aggression.
Sie diente als Forum für Zusammenarbeit bei einer
Vielzahl anderer Fragen. Letztlich wurde sie zu einem
Ort, an dem viele unserer bedeutenden multilateralen
und sogar bilateralen Gespräche stattfanden.
Amerikaner und Europäer können untereinander die
Integration neuer Mitglieder in den Bereichen Politik
und Wirtschaft, Verteidigung und Sicherheit gewährleisten. Wenn wir dieses Ziel erreicht haben, werden
wir auf das Ende des 20. Jahrhunderts als eine Zeit
zurückblicken, in der wir die richtigen Entscheidungen
trafen und den Mut hatten, die historischen Chancen
zu nutzen.
Vielen Dank.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 06

�USA-DEUTSCHLAND
26. März 1997

Kulturbruch mit Amerika - nein danke!
Rede von J.D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 16. März 1997 bei der
Fulbright-Woche in Berlin gehalten hat.

Herr Außenminister, Frau Dr. Ischinger, Mitglieder des
Fulbright-Vereins, liebe Fulbright-Stipendiaten und
Alumni,
vielen Dank für die Gelegenheit, zu Ihnen sprechen zu
dürfen - vor allem hier in Berlin. Immer wenn ich in
diese Stadt komme, denke ich an ihre Geschichte
dramatischer Veränderungen und des Aufruhrs. Man
kann praktisch nicht umhin. Wenn man durch die
Stadt geht und zu der Ruine der Gedächtniskirche
kommt, muß man sich an den Strudel der Gewalt
erinnern, der seine Narben auf diesem Land und der
Welt hinterließ. Der Flughafen Tempelhof erinnert uns
an die 18 Monate der Berliner Luftbrücke und die
Solidarität der Alliierten. Und ein Spaziergang entlang
dem Schöneberger Rathaus ruft die Filme meiner
Jugend und einen jungen amerikanischen Präsidenten
ins Gedächtnis, der uns erklärte, der stolzeste Satz
eines freien Bürgers sei: "Ich bin ein Berliner." Wir
hatten das Glück, diese Stadt ungeteilt und frei zu
erleben, als Symbol nicht nur für ein vereintes
Deutschland, sondern auch für einen Kontinent, der
endlich die letzten Grenzen und Schranken des Kalten
Krieges niederreißt. Sie dürfen nie wieder aufgebaut
werden.
Weswegen wurden diese Schranken überhaupt
errichtet? Wodurch wurden die Kontakte zwischen
West und Ost unterbunden? Ich gebe zu, daß die
Antwort für uns heute von Bedeutung ist, wenn wir die
Reisefreiheit und den Austausch von Gedanken
schützen wollen - die kostbarsten, hart erkämpften
Errungenschaften dieses Jahrhunderts der Konflikte.
Als die Sowjetunion ihre politische Kontrolle über die
Länder Zentral- und Osteuropas konsolidierte, sorgte
Stalin dafür, daß es keine privaten Kontakte zu der
Welt dort draußen gab. Als seine Nachfolger sahen,

AMERIKA DIENST 06

daß die Deutschen aus dem unfreien Teil Deutschlands auf der Suche nach Freiheit und Chancen in den
Westen strebten, errichteten sie Wachposten und die
Berliner Mauer. Als George Marshall vor fünfzig
Jahren Wirtschaftshilfe und Chancen versprach, war
ein Teil Europas, der ebenso zerstört war wie der Rest,
nicht frei, sich daran zu beteiligen. Und als William
Fulbright darauf drängte, daß junge Menschen Studenten - international reisen und zum freien Fluß
von Menschen und Gedanken beitragen, konnte sich
halb Europa nicht daran beteiligen. Wenn uns dieses
zu Ende gehende Jahrhundert nur eines lehrt, dann,
daß Freiheit schnell verloren und massiv, extensiv
unterdrückt werden kann. Diese Unterdrückung kann
letztlich überwunden werden, aber nur nach großem
Leid. Wenn der Staat dem Volk die Kontrolle entzieht
oder die Menschen ihre Freiheit dem Staat abtreten, ist
der freie Fluß der Menschen und Gedanken meistens
das erste Opfer. Robert Frost sagte einmal, etwas in
der menschlichen Natur verabscheue eine Mauer.
Das mag zutreffen, aber wir dürfen nicht untätig
zusehen. Wir benötigen Brücken, die jede Mauer
überspannen können.
Das Fulbright-Austauschprogramm ist eine solche
Brücke - vielleicht unsere wichtigste. Sie ist stabil und
jetzt über fünfzig Jahre alt. Mehr als 20.000 Menschen
haben diese Brücke zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten überquert. Ihre Erfahrungen und
Leistungen im Leben beweisen, daß die Deutschen
und Amerikaner, die diese Brücke überquerten, in
hohem Maße von ihren Studien und Reisen profitiert
haben. Sie haben unsere beiden Länder auch bereichert. Sie sind Minister und Fernsehkommentatoren,
Leiter von Unternehmen und Anwaltskanzleien,
führende Akademiker und Wissenschaftler geworden.
Ein amerikanischer Fulbright-Stipendiat in Deutschland

Seite 1

�wurde ein Astronaut, und einem deutschen FulbrightStipendiaten in den Vereinigten Staaten wurde vor
einigen Jahren der Friedensnobelpreis für Medizin
verliehen. Wie es ein Bundestagsabgeordneter vor
kurzem formulierte, war das deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm in den letzten fünfzig Jahren der
Eckpfeiler der bilateralen kulturellen Beziehungen.
Und Präsident Herzog erklärte in einer Rede hier in
Berlin vor nur einem Jahr, das Fulbright-Programm sei
eine wunderbare Investition in unsere gemeinsame
Zukunft. Präsident Clinton schrieb im vergangenen
Jahr, das Fulbright-Programm sei wichtiger als je zuvor
- ein maßgeblicher Beitrag zur Entwicklung einer auf
Frieden, Wohlstand und Freiheit gegründeten globalen
Staatengemeinschaft.
Diese starken Worte des Lobes und Engagements
sollten uns erfreuen und ermutigen. Austauschschüler, Alumni und alle an der ausgezeichneten
Durchführung des Fulbright-Programms in Deutschland Beteiligten können zu Recht stolz sein. Aber die
durch das Fulbright-Programm gebaute "Brücke"
benötigt noch unsere Unterstützung. Wir leben in
einer Zeit, in der sich die Regierungen unserer beiden
Länder großem Druck ausgesetzt sehen, zu sparen
und die fortgesetzte Notwendigkeit jedes Programms
unter Beweis zu stellen. In meinem Land sieht das
Modell für staatliche Aktivitäten - das von manchen als
Paradigma bezeichnet wird - vor, daß Programme nur
mit staatlichen Geldern gefördert werden, wenn sie
eine Partnerschaft mit dem Privatsektor vorweisen
können. Die Fulbright-Kommission in Deutschland
erfüllt diese Bedingung mit ihrem neuen Verein der
Freunde und Förderer des deutsch-amerikanischen
Fulbright-Programms, der sowohl Praktikantenplätze
als auch Stipendien anbietet. Ich bin überzeugt, wenn
der Privatsektor ein echtes Engagement für staatlich
unterstützte
Austauschprogramme
demonstriert,
werden Regierungen nicht vor ihren Verpflichtungen
zurückschrecken. Sie werden an diesem Erfolg
teilhaben wollen. In diesem Jahr ist der FulbrightFörderverein ebenso gewachsen wie der Beitrag der
amerikanischen und der deutschen Regierung.
Ich möchte eine logische Schlußfolgerung ziehen.
Wer sich die gesamten deutsch-amerikanischen
Austauschprogramme ansieht - berufliche, akademische, Jugendaustausch, Städtepartnerschaften - ist
zweifelsohne verblüfft, wenn er sich die staatlichen
Beiträge ansieht. Die zahlreichen Stiftungen, Berufsgruppen, Privatvereinigungen und Unternehmen fügen
den Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
jedes Jahr im realen Leben und im Cyberspace immer
mehr Brücken hinzu. Sie ersetzen die Rolle der
Regierung nicht, sondern ergänzen sie. Wahrscheinlich kann niemand genau sagen, wieviele private
Übereinkünfte zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen
geschlossen wurden. Wir wissen, daß es viele gibt möglicherweise mehr als je zuvor. Das heißt jedoch

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nicht, daß wir das Fulbright-Programm weniger nötig
hätten.
Wir müssen den Privatsektor, die akademischen
Institutionen und die Medien insgesamt in unsere
Kulturbeziehungen einbeziehen. Allzu viele vertreten
die irrige Annahme, zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten gebe es einen Kulturbruch. Das
Gegenteil ist der Fall. Die Vereinigten Staaten haben
in Europa keinen wichtigeren Austauschpartner auf
kultureller, akademischer und beruflicher Ebene als
Deutschland. Und ich wage zu behaupten, daß es für
Deutschland außerhalb von Europa kein wichtigeres
Tourismus- und Austauschland gibt als die Vereinigten
Staaten. Diese Beziehungen sind zu umfassend, zu
vielfältig und zu dynamisch, um in die enge Schablone
von Beziehungen zwischen spezifischen Institutionen
gepreßt zu werden. Es sind Beziehungen mit vielen
Brücken, nicht nur mit einer.
Die selektive Lektüre einiger Zeitungen mag den
Eindruck erwecken, in Amerika habe sich das Bild von
Deutschland geändert oder Deutschland sei für
Amerika nicht länger einzigartig.
Solche Artikel
erwähnen den Abbau der amerikanischen Streitkräfte
in Deutschland oder die Umstrukturierung einiger
Amerika Häuser. Aber sie begreifen nicht das Wesentliche: Wir leben nicht mehr in einer Zeit der Selbstverständlichkeit oder des automatischen Konsenses,
sondern in einer Zeit der Partnerschaft. Ein amerikanischer Kommentator schrieb letzte Woche in der
Washington Post nachdem er diese Stadt besucht
hatte, in Deutschland sei die größte Story, daß es
keine Story gebe - das heißt, wie er es formulierte, "die
alte Nation scheint vollkommen verschwunden zu
sein".
Glücklicherweise werden wir nicht mehr mit der
Tyrannei konfrontiert, die dieses Jahrhundert in
Aufruhr versetzte. Die Mauern sind gefallen, und auf
den Brücken herrscht mehr Geschäftigkeit denn je.
Dies ist das normale und aufregende Zeitalter der
Vorbereitung auf das neue Jahrhundert in internationaler Partnerschaft. Das Fulbright-Programm ragt
als leuchtendes Beispiel heraus und verbindet unsere
beiden Gesellschaften miteinander. Es gibt keinen
Kulturbruch.
Sie wissen, daß es eine Tradition gibt, die so alt ist wie
das Fulbright-Programm in diesem Land. Jedes Jahr
im Herbst kommen die derzeitigen und ehemaligen
Mitglieder des Fulbright-Programms in Bremen
zusammen, wo die ersten deutschen Fulbright-Stipendiaten in den fünfziger Jahren mit dem Schiff in die
Vereinigten Staaten aufbrachen und die ersten
amerikanischen Austauschschüler in Deutschland
ankamen. Jedes Frühjahr kommen sie hier in Berlin
zusammen. Bei diesen jährlichen Zusammenkünften
sprechen sie über die Geschichte, deren Bestandteil
sie sind und jetzt in Berlin über die Zukunft, in der sie

AMERIKA DIENST 06

�eine wichtige Rolle spielen werden. Ich bin überzeugt,
daß diese Rolle angesichts steigernder Kommunikation und Kontak'e zwischen unseren beiden Ländern
an Bedeutung gewinnen und die Zeit immer weiter
zurück in die Geschichte verweisen wird, in der diese
Kontakte tatsächlich unterbrochen waren. Wenige
Dinge verbinden uns so stark wie das halbe Jahrhundert unseres gemeinsamen Engagements für un-

sere grundlegenden Menschenrechte - Reisefreiheit
und freier Gedankenaustausch. Mit Ihrem persönlichen Engagement und mit Unterstützung unserer
beiden Regierungen wird es nie wieder einen solchen
Bruch geben.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 06

Seite 3

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                    <text>PORTRAT
9. April 1997

George J. Tenet
Der designierte CIA-Direktor

WASHINGTON - (AD) - Am 19. März 1997 nominierte Präsident Clinton George J. Tenet für das Amt des CIADirektors, nachdem Anthony Lake seine Kandidatur zurückgezogen hatte. Nachfolgend veröffentlichen wir das
vom Weißen Haus herausgegebene Porträt von George J. Tenet, der derzeit amtierender Direktor des
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA ist.

George J. Tenet wurde am 3. Juli 1995 als Stellvertretender Direktor des amerikanischen Nachrichtendienstes CIA vereidigt. Als Hauptstellvertreter des
CIA-Direktors umfaßt sein Aufgabenbereich die
Nachrichtendienste sowie die Leitung des CIA.
Zuvor war Tenet Sonderberater des Präsidenten und
ranghöchster Direktor für nachrichtendienstliche
Programme im Nationalen Sicherheitsrat. In dieser
Position war er der wichtigste nachrichtendienstliche
Ratgeber des Nationalen Sicherheitsberaters Anthony
Lake.
Er koordinierte die Präsidialerlässe über
nachrichtendienstliche Prioritäten, sicherheitspolitische
Zusammenarbeit, die Effektivität amerikanischer
Spionageabwehr sowie über die amerikanische Politik
zu weltraumgesteuerten Sensoren. Ferner war er
Koordinator aller behördenübergreifenden Geheimaktionen.
Vor seiner Tätigkeit im Nationalen Sicherheitsrat
gehörte Tenet dem Übergangsteam Präsident Clintons
für nationale Sicherheit an. In dieser Funktion war er
für die Beurteilung der amerikanischen Nachrichtendienste zuständig. Ferner war er mehr als vier Jahre
lang Stabsleiter des nachrichtendienstlichen Sonderausschusses des Senats unter dem Vorsitz von
Senator David C. Boren mit einem Stab von 40
Mitarbeitern aus beiden Parteien. Er war verantwortlich für die Abstimmung der gesamten Kontrolltätigkeit und gesetzgeberischen Aktivitäten des
Ausschusses, einschließlich erhöhter Anforderungen
an die Berichterstattung über Geheimaktionen, der

AMERIKA DIENST 07

Einsetzung eines ordentlichen CIA-Generalinspekteurs
und der Einführung umfassender Gesetze zur Neustrukturierung der amerikanischen Nachrichtendienste.
Vor seiner Arbeit in diesem Ausschuß gehörte George
Tenet als Beauftragter des Vizevorsitzenden Senator
Patrick Leahy bis August 1985 dem Stab von Senator
John Heinz an. Diese Funktion hatte er bis 1986 inne.
Von 1986 bis zu seiner Ernennung zum Stabsleiter war
Tenet für die Überwachung aller Rüstungskontrollverhandlungen zwischen der Sowjetunion und den
Vereinigten Staaten durch den Ausschuß zuständig.
Diese Arbeit gipfelte in der Vorbereitung eines Berichts
an den Senat über die Fähigkeit der amerikanischen
Nachrichtendienste zur Überwachung des INF-Vertrags.
Tenet arbeitete drei Jahre lang für den verstorbenen
Senator John Heinz aus Pennsylvania - sowohl als
Gesetzesberater für nationale Sicherheit und Energiefragen als auch als gesetzgebender Direktor.
1976 erwarb Tenet an der Fakultät für den auswärtigen
Dienst der Georgetown University den Bachelor of
Science und 1978 an der Fakultät für internationale
Angelegenheiten der Columbia University einen
Master of International Affairs.
Tenet ist gebürtiger New Yorker. Er ist mit A. Stephanie Glakas-Tenet verheiratet und wohnt in Potomac
(Maryland). Sie haben einen Sohn, John Michael.

Seite 1

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                <text>&lt;strong&gt;1.Porträt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;George J. Tenet&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;der designierte CIA-Direktor&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SroM 4V

Z12462 C

7. Mai 1997

09

NATO

DIE VORTEILE DER NATO-ERWEITERUNG
Rede von Außenministerin Albright

USA-DEUTSCHLAND

DIE NATO UND DIE NEUEN
TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

NEUE INITIATIVEN ZUR FÖRDERUNG DER
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

EINWANDERUNG

RHETORIK VERSUS REALITÄT - DAS NEUE
AMERIKANISCHE EINWANDERUNGSGESETZ
von Rosemary Jenks

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�NATO
7. Mai 1997

Die Vorteile der NATO-Erweiterung
Rede von Außenministerin Albright

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Außenministerin Madeleine Albright am 23.
April 1997 bei einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des Senats hielt.

Einleitung
Herr Vorsitzender, ich freue mich sehr über diese
Möglichkeit, über die wichtigsten außen- und verteidigungspolitischen Fragen unserer Zeit zu sprechen. Mit
unserem Erscheinen vor diesem Ausschuß leitet die
Administration ernsthafte Bestrebungen ein, bei der
Verwirklichung dieses historischen Unterfangens in
Europa partnerschaftlich mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Meine heutigen Ausführungen über die NATO-Erweiterung sind natürlich vorläufiger Natur. Wir haben
die ersten Beitrittskandidaten noch nicht ausgesucht.
Die Gespräche des Bündnisses mit Rußland und
anderen Nationen sind noch nicht abgeschlossen.
Aber die Grundzüge und der Kurs unserer Politik sind
klar. Im Senat wächst in beiden Parteien das Interesse, wofür die NATO-Beobachtergruppe unter
Leitung von Senator Lott nur ein Beispiel ist.
Es ist an der Zeit, unseren Dialog auf eine andere
Ebene zu verlagern, denn wenn unsere Politik erfolgreich sein soll, benötigen wir Ihre Unterstützung.
Als ich mir überlegte, was ich heute hier sagen will,
war ich zugegebenermaßen versucht, den Rat von
James Reston, dem legendären Reporter und Kolumnisten der New York Times zu befolgen, den dieser
gab, nachdem Außenminister Dean Acheson 1949
dem Senat den NATO-Vertrag vorgelegt hatte.
"Es gibt viele Arten", schrieb Reston, "wie ein Außenminister dem Senat einen Vertrag vorlegen kann, aber
die beste ist, den Senatoren alles zu erzählen. Das
versetzt sie in Erstaunen, langweilt sie schließlich zu
Tode, und mildert letzten Endes die Qual."

AMERIKA DIENST 09

Ungeachtet dieses Ratschlags, Herr Vorsitzender,
werde ich mich kurz fassen.
Zunächst einmal möchte ich das grundlegende Ziel
unserer Politik darlegen. Es besteht darin, erstmals
eine friedliche, demokratische und ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen. Es besteht
darin, Frieden und Wohlstand, deren sich Westeuropa
bereits seit 50 Jahren erfreut, nach Osten auszudehnen. Auf diese Weise wird Amerika starke neue
Partner für Sicherheit und Handel finden. Und wir
werden die Zuversicht gewinnen, daß unsere Streitkräfte nicht wieder zum Kampf auf europäischem
Boden aufgefordert werden.
Viele Organisationen tragen ihren Teil dazu bei,
Wohlstand und Sicherheit in Europa zu gewährleisten.
Die Europäische Union wird erweitert. Die OSZE
fördert Demokratie und hilft bei der Lösung von
Konflikten vom Kaukasus bis zum Balkan. Viele der
neuen marktwirtschaftlichen Demokratien treten der
WTO und der OECD bei.
Die NATO übernimmt jedoch die Führungsrolle,
ebenso wie sie es im vergangenen halben Jahrhundert
getan hat. Sie ist immer noch der Anker unseres
Engagements in Europa, die einzige Organisation in
Europa mit echter militärischer Macht, die einzige, die
Vertrauen und Sicherheit bieten kann, von denen
unsere anderen Ziele abhängen.
Die Debatte über die NATO-Erweiterung ist tatsächlich
eine Debatte über die NATO selbst. Es geht dabei um
den Wert der Bewahrung von Bündnissen in Friedenszeiten und um den Wert unserer Partnerschaft mit
Europa.

Seite 1

�Ich bin Diplomatin. Und ich weiß, daß der beste
Freund der Diplomaten eine effektive Militärmacht und
die glaubwürdige Möglichkeit ihres Einsatzes ist.
Diese Lektion haben wir im Golfkrieg, in Bosnien und
während der gesamten Geschichte gelernt. Und diese
Lektion müssen wir in Europa im Gedächtnis behalten,
wo wir immer noch mit Bedrohungen konfrontiert
werden, die nur eine kollektive Verteidigungsorganisation abschrecken kann.

den anderen wichtigen Staaten auf einem solchen
Kontinent gestaltet würden.

Kein Bündnis war je bei der Abschreckung von
Aggression erfolgreicher als die NATO. Während ihrer
ersten 50 Jahre bot die NATO den zerstörten europäischen Volkswirtschaften die für ihren Wiederaufbau
erforderliche Sicherheit. Sie half bei der Versöhnung
ehemaliger Feinde, wodurch die Einheit Europas
ermöglicht wurde. Sie brachte die ehemals faschistischen Nationen - erst Italien, dann Deutschland, dann
Spanien - wieder in die Familie europäischer Demokratien zurück. Sie entnationalisierte die europäische
Verteidigung.
Sie stabilisierte die Beziehungen
zwischen Griechenland und der Türkei. Und das alles,
ohne daß ein Schuß abgefeuert wurde.

Wie Sie wissen, wird die NATO beim Gipfel im Juli in
Madrid mehrere Nationen zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen einladen. Wir möchten diese Gespräche rechtzeitig abschließen, damit die Beitrittsdokumente im Dezember unterzeichnet werden
können.

Die NATO ist eine Interessengemeinschaft, die schon
vor dem Kalten Krieg bestand und ihn überlebte. Aus
diesem Grund beschlossen die Vereinigten Staaten,
ein vereinigtes Deutschland und unsere anderen
Verbündeten, das Bündnis auch nach dem Fall der
Berliner Mauer zu erhalten. Aus diesem Grund
würden weder wir noch irgendein anderes derzeitiges
Bündnismitglied auch nur daran denken, die NATO zu
verlassen oder sich auf einen verwässerten Ersatz
einzulassen, und aus diesem Grund möchten ihr jetzt
so viele andere Länder beitreten.
Gründe für die NATO-Erweiterung
Wenn eine Einrichtung wie die NATO nicht schon
bestünde, würden wir sie gründen. Wir würden eine
möglichst starke Partnerschaft mit den europäischen
Nationen aufbauen, die unsere Werte und Interessen
teilen.
Ebenso einleuchtend ist, daß ein heute zu schaffendes
neues Bündnis nicht den Eisernen Vorhang als
Ostgrenze hätte. Wir würden kein einziges demokratisches Land ausgrenzen, nur weil es früher gegen
seinen Willen dem Warschauer Pakt angehörte.
Die einzige Frage, die wir erörtern würden, lautet:
Welche demokratischen Nationen in Europa sind
wichtig für unsere Sicherheit und welche sind willens
und in der Lage, einen Beitrag zu unserer Sicherheit
zu leisten? Mit anderen Worten, wir würden nicht
durch alte Denkweisen oder Nullsummenkalkulationen
aus dem Kalten Krieg eingeschränkt. Wir würden auf
völlig neue Weise darüber nachdenken, wie ein
geeinter und freier europäischer Kontinent aussehen
würde und wie unsere Beziehungen zu Rußland und

Seite 2

Genau das geschieht bei unserer Planung für die
Erweiterung der NATO, bei der Stärkung ihrer Partnerschaft für den Frieden, dem Aufbau des neuen Atlantischen Partnerschaftsrats und der Entwicklung der
neuen Partnerschaften der NATO mit Rußland, der
Ukraine und den anderen europäischen Nationen.

1998 werden der Senat und die Parlamente unserer
Verbündeten zur Ratifizierung der Erweiterung aufgefordert. Mit Ihrer Zustimmung werden die ersten
Mitglieder 1999 beitreten.
Die NATO-Erweiterung beinhaltet die feierlichsten
Verpflichtungen, die eine Nation einer anderen gegenüber eingehen kann. Lassen Sie mich genau erklären,
warum dies in unserem Interesse liegt.
Erstens, um Europa vor einem weiteren Krieg zu
schützen.
Dreimal in diesem Jahrhundert mußten amerikanische
Soldaten in Europa - in zwei heißen Kriegen und einem
Kalten Krieg - Konflikte beenden, die ihren Ursprung in
Zentraleuropa nahmen.
Aber während des vergangenen halben Jahrhunderts
wurde Amerika nie aufgefordert, in den Krieg zu
ziehen, um ein anderes Bündnismitglied zu verteidigen. Wir haben gelernt, daß Bündnisse die Androhung
von Gewalt glaubwürdiger und daher den Einsatz von
Gewalt unwahrscheinlicher machen - daß das Versprechen, wenn notwendig zu kämpfen, es weniger
notwendig macht, zu kämpfen.
Die Vereinigten Staaten haben wichtige Sicherheitsinteressen in Zentral- und Osteuropa. Wenn Frieden
und Sicherheit in dieser Region ernsthaft bedroht
wären, wäre die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß wir
uns unabhängig von einer NATO-Erweiterung zum
Handeln entschlössen. Das Hauptargument für die
NATO-Erweiterung ist, das Entstehen einer solchen
Bedrohung abzuschrecken.
Der zweite Grund ist die Verteidigung der Errungenschaften Europas bei Demokratie, Frieden und
Integration.
Allein die Aussicht auf eine Erweiterung hat Zentralund Osteuropa mehr Stabilität verliehen als je zuvor in
diesem Jahrhundert. Alte Streitigkeiten zwischen

AMERIKA DIENST 09

�Polen und Litauen, Polen und der Ukraine, Ungarn und
Rumänien, Italien und Slowenien, Deutschland und der
Tschechischen Republik schwinden, während die
Nationen sich nach der NATO ausrichten. Demokratische Reformen machen Fortschritte. Ein Land nach
dem anderen hat sichergestellt, daß Soldaten ihre
Befehle von Zivilisten entgegennehmen.
Diese
Nationen lösen genau die Probleme, die zu einem
zweiten Bosnien hätten führen können.
Die potentiellen NATO-Mitglieder wissen, daß sie nicht
alleine dastehen, wenn in ihrer Region Frieden und
Sicherheit bedroht sind. Das gibt ihnen einen Grund,
einen destabilisierenden Rüstungswettlauf zu vermeiden. Das bedeutet, daß wir weiterhin in ganz Europa
konventionelle Waffen abbauen können. Es bedeutet,
daß das Vertrauen in der Region wachsen und
gestatten wird, daß sich auch die politischen und
wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland verbessern.

in der SFOR vertreten. Sie beherzigen unseren
Appell, die Beziehungen zu verbrecherischen Staaten
wie Iran und Irak einzustellen. Und sie unterstützen
die Ausdehnung demokratischer Prinzipien und
Achtung der Menschenrechte auf der ganzen Welt.
Unsere zukünftigen Verbündeten werden die Kosten
der Verteidigung der Freiheit tragen, weil sie den Preis
des Verlusts der Freiheit kennen. Jetzt ist es an uns
zu entscheiden, ob die Menschen, die den Totalitarismus in Europa zu Fall brachten und uns behilflich
waren, uns vom Kalten Krieg zu befreien, achtbare
Mitglieder der größten demokratischen Allianz der
Geschichte sind.
Der Präsident und ich sind der Auffassung, daß einige
jetzt bereit, willens und fähig sind, und wir sind zuversichtlich, daß der Senat zustimmen wird.
Antwort auf kritische Stimmen

Herr Vorsitzender, der dritte Grund ist, wie bereits
erwähnt, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen. Wenn wir die NATO nicht erweitern,
werden wir die 1945 von Stalin gezogene Trennlinie
bestätigen, für deren Beseitigung zwei Generationen
von Amerikanern und Europäern gekämpft haben.
Das darf nicht sein. Nach dem Ende des Kalten
Krieges gibt es keine moralische oder strategische
Grundlage dafür, dem amerikanischen Volk zu sagen:
"Wir müssen uns für immer mit den alten Demokratien
Europas zusammenschließen, dürfen das aber
niemals mit den neuen europäischen Demokratien
tun."
Das würde dauerhaftes Unrecht schaffen und während
eines halben Jahrhunderts auf beiden Seiten des
Eisernen Vorhangs gebrachte Opfer verhöhnen. Und
es würde eine ständige Quelle für Spannungen im
Herzen Europas schaffen.
Der letzte Grund für die Erweiterung besteht darin, daß
sie die NATO durch die Aufnahme fähiger neuer
Mitglieder stärkt.
Verteidigungsminister Cohen wird aus erster Hand
über die militärischen Fähigkeiten der potentiellen
NATO-Mitglieder und ihre Fortschritte bei der Erfüllung
der von der NATO gesetzten Maßstäbe berichten. Ich
möchte betonen, daß die Erweiterung den politischen
und militärischen Zusammenhalt des Bündnisses
stärken wird.
Die Nationen, die wir für eine Mitgliedschaft in Erwägung ziehen, teilen unsere grundlegendsten Werte und
Wünsche für Europa und die Welt. Viele von ihnen
teilten im Golfkrieg die Risiken mit unseren Soldaten.
Ohne zu zögern entsandte jedes Land Truppen zur
NATO in Bosnien, Ungarn schuf die Grundlagen, von
denen aus die NATO ihre Mission in die Wege leitete,
und alle diese Nationen sind heute gemeinsam mit uns

AMERIKA DIENST 09

Dennoch weiß ich, daß viele weiterhin skeptisch sind.

Ich möchte ihre Sorgen so offen und direkt ansprechen
wie ich kann.
Einige sagen, die Erweiterung würde nur eine neue
Trennlinie in Europa schaffen und die unsichersten
Länder ausschließen. Wir haben jedoch zahlreiche
Schritte unternommen, um dieses Resultat zu vermeiden.
Wir haben klargestellt, daß die ersten neuen Mitglieder
der NATO nicht die letzten sein werden und die Tür
einer zukünftigen Mitgliedschaft nicht den Ländern vor
der Nase zugeschlagen werden darf, die noch nicht
bereit sind.
Die NATO leitet ferner eine Reihe interner Reformprogramme ein und stärkt ihre Partnerschaft für den
Frieden, so daß unsere Partner gemeinsam mit uns
handeln können, wann immer unsere Verbündeten
handeln. Und wir schaffen den Atlantischen Partnerschaftsrat, der aus den NATO-Verbündeten und den
Mitgliedern der Partnerschaft für den Frieden zusammengesetzt ist, so daß jede neue Demokratie,
unabhängig davon, ob sie der NATO früher, später und
gar nicht beitritt, ein Mitspracherecht an der Zukunft
Europas haben wird. Dieser Ansatz hat die Unterstützung unserer Partner vom Baltikum über Polen bis zur
Ukraine.
Wir unternehmen besondere Anstrengungen zur
Einbeziehung der Ukraine. Wir arbeiten auf die
Unterzeichnung eines Dokuments hin und streben die
Stärkung der praktischen Zusammenarbeit zwischen
der NATO und der Ukraine an, um das neue polnischukrainische Friedenssicherungsbataillon zu unterstützen, die militärischen Reformen zu fördern, die
Interoperabilität mit der NATO zu verbessern und die

Seite 3

�Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und ihren
Nachbarn zu ermutigen.
Es gibt nur zwei mögliche Alternativen zu dieser
Gesamtstrategie. Wir könnten die Teilung Europas wie
im Kalten Krieg einfrieren. Oder wir könnten den
kleinsten gemeinsamen Nenner für die NATO definieren, der alle einbezieht und niemandem Pflichten
auferlegt. Diese beiden Alternativen sind inakzeptabel.
Es ist weitaus besser, die stärksten Kandidaten jetzt
zum Beitritt einzuladen und die Tür für alle Demokratien offenzuhalten, die die Verantwortung der Mitgliedschaft übernehmen können.
Wir sollten uns auch vor Augen halten, daß bei der
Gründung der NATO 1949 wichtige Länder wie
Deutschland, Griechenland und die Türkei nicht
einbezogen wurden. Dennoch ließ die NATO keinen
Zweifel daran, daß sie ein direktes und materielles
Interesse an ihrer Sicherheit hatte - und es war kein
Zufall, daß die Berlin-Blockade nur einen Monat nach
der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags aufgehoben wurde. Der Einflußbereich der NATO war stets
größer als das Gebiet ihrer Mitglieder, und das wird
auch in Zukunft so sein.

Mitgliedschaft vorzubereiten. Der Gedanke, die NATO
könne für immer so bleiben wie sie ist, während die
Zentraleuropäer sich für immer glücklich an der
Partnerschaft für den Frieden ohne die Aussicht auf
einen Beitritt zum Bündnis beteiligen, ist eine Illusion.
Andere kritische Stimmen behaupten häufig, wir
brauchten uns überhaupt nicht um die NATO kümmern, weil es keine militärische Bedrohung in Europa
gibt. Größtenteils wegen Bosnien sind tatsächlich in
den letzten fünf Jahren mehr Europäer in gewalttätigen
Konflikten ums Leben gekommen als in den vergangenen 45. Es besteht also kein Anlaß zur Selbstgefälligkeit.
Gleichzeitig kann ich angesichts unserer starken
Führungsrolle, eines inzwischen stabilisierten Bosniens, des russischen Engagements in der NATO und
der Fortschritte bei der atomaren Abrüstung verstehen,
warum einige im Augenblick keine Bedrohung sehen.
Es it so, weil unsere Politik funktioniert.
Herr Vorsitzender, wenn Sie keinen Rauch sehen, ist
das kein Grund, die Beitragszahlungen für die Feuerversicherung einzustellen.

Andere sagen, wenn wir die neuen Demokratien
Europas integrieren wollen, dann könne die Europäische Union oder die Partnerschaft für den Frieden der
NATO die Arbeit allein erledigen. Offen gesagt finde
ich es etwas herablassend anzunehmen, alle diese
stolzen Nationen würden eine Teilmitgliedschaft in
westlichen Institutionen akzeptieren, nur weil sie sich
zufällig auf der falschen Seite einer veralteten Trennlinie befinden. Warum sollten sie sich mit einer
Mitgliedschaft zweiter Klasse zufriedengeben, wenn
sie bereits einen erstklassigen Beitrag geleistet
haben?

Wie jede gute Versicherungspolice wird die NATOErweiterung sicherlich Kosten mit sich bringen. Diese
Kosten sind in dem Bericht aufgeschlüsselt, den wir
dem Kongreß im Februar vorgelegt haben. Verteidigungsminister Cohen wird näher auf die militärischen
Kosten eingehen, und auch das zivile Budget der
NATO wird einen geringen Betrag übernehmen
müssen, obwohl man die genaue Höhe zu diesem
Zeitpunkt noch nicht einschätzen kann.

Die Erweiterung der EU ist von elementarer Bedeutung. Aber die von der NATO gebotene Sicherheit war
stets entscheidend für den von der EU versprochenen
Wohlstand. Die EU-Erweiterung wird von den neuen
Mitgliedern auch eine umfassende Anpassung ihrer
Vorschriften erfordern. Wenn die NATO jetzt Fortschritte machen kann, warum warten, bis beispielsweise die Tomatenzüchter in Zentraleuropa anfangen,
die richtigen Pestizide zu verwenden? Und während
die EU erweitert wird, kann nur die NATO sicherstellen,
daß ein vereinigtes Europa seine stärkste Verbindung
zu Amerika aufrechterhält.

Die NATO würde ein Relikt der Vergangenheit und
Bedeutungslosigkeit, wenn nicht sogar ihre Auflösung
riskieren. Unsere Führungsrolle in Europa würde aufs
Spiel gesetzt, und unsere Beziehungen zu unseren
traditionellen Verbündeten würden sich verschlechtern.

Die Partnerschaft für den Frieden war wirklich ein
großer Erfolg, und sie wird weiterhin von entscheidender Bedeutung sein. Wir sollten uns jedoch daran
erinnern, daß viele Nationen sich der Partnerschaft
angeschlossen haben, um dauerhafte Beziehungen
zur NATO zu entwickeln und sich auf die mögliche

Seite 4

Als Außenministerin bin ich ebenso besorgt über die
Kosten der Entscheidung gegen die Erweiterung.

Zu Recht oder Unrecht könnte man sagen, wir hätten
die Bestrebungen der Möchtegernverbündeten der
NATO nur abgeblockt, weil Rußland Einwände erhob.
In Zentraleuropa würde das Vertrauen zerstört und zu
einer Suche nach Sicherheit mit anderen Mitteln
führen, darunter Aufrüstung und zunehmende Spannungen zwischen Nachbarn. Die schlimmsten Elemente in Rußland würden ermutigt, sicher in ihrer
Überzeugung, daß Europa in neue Einflußsphären
unterteilt werden kann und sich die Konfrontation mit
dem Westen bezahlt macht. Es gäbe wenig Aussicht
auf den Aufbau einer konstruktiven Partnerschaft
zwischen Rußland und der NATO.

AMERIKA DIENST 09

�Rußland
Herr Vorsitzender, ich bin nicht der Ansicht, daß die
Diskussion über die NATO auf eine Diskussion über
Rußland reduziert werden sollte. Schließlich leben
vom Baltikum bis zum Balkan über 200 Millionen
Menschen in den anderen neuen und aufstrebenden
Demokratien Europas.
Gleichzeitig stimmen alle NATO-Partner und alle
zentraleuropäischen Demokratien zu, daß wir ein
ungeteiltes und freies Europa erst aufbauen können,
wenn ein demokratisches Rußland vollständig in
Europa integriert ist.
Das bedeutet, daß wir die beträchtliche Distanz, die
Rußland seit der Ablehnung des Kommunismus
zurückgelegt hat, sowie unser eigenes Interesse
berücksichtigen müssen, dafür zu sorgen, daß Rußland eine wichtige Rolle in Europa übernimmt - als eine
Großmacht und nicht länger als imperiale Macht. Wir
müssen uns vor Augen führen, daß Rußland sich für
Demokratie und freie Märkte entschieden und den
schlimmsten Voraussagen über seine Evolution die
Stirn geboten hat.
Angesichts der Geschichte lehnen einige den bloßen
Gedanken einer russischen Zusammenarbeit mit dem
Bündnis ab. Wir hingegen sehen Rußlands Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der NATO angesichts
der Geschichte als eine zu ergreifende Chance, nicht
als Grund, das Silber zu verstecken.
Ein Bereich der Zusammenarbeit sind unsere Bestrebungen zur Anpassung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa. Die Vorschläge der NATO
zum KSE-Vertrag sind eine Reaktion auf die bemerkenswerten Veränderungen im europäischen Sicherheitsumfeld seit der Unterzeichnung des Vertrags
im Jahr 1990. Er fordert im Einklang mit den andauernden Sicherheitserfordernissen der NATO
beträchtliche Reduzierungen bei der Anzahl der in der
Region vom Atlantik bis zum Ural erlaubten konventionellen Waffen. Er kann sicherstellen, daß es nirgendwo in Europa eine destabilisierende Konzentration
militärischen Geräts gibt. Und er stellt eindeutig klar,
daß die Idee eines Vorrückens von NATO-Panzern
und Artillerie zu Rußlands Grenzen ein Hirngespinst
ist.
Ein entscheidender Teil unseres Ansatzes zur Anpassung des KSE-Vertrags ist die rechtzeitige Verabschiedung des "Flankendokuments" durch den
Senat, dem alle 30 KSE-Staaten am 31. Mai 1996
zugestimmt haben. Dieses Abkommen spricht die von
Rußland und der Ukraine zum Ausdruck gebrachte
Besorgnis über die Auswirkungen der Obergrenzen
des Vertrags für Gerät in der KSE-"Flankenzone" bei
gleichzeitiger Anwendung neuer Beschränkungen und

AMERIKA DIENST 09

spezieller Transparenzmaßnahmen wie zusätzliche
Versicherung gegen exzessive Truppenkonzentrationen an. Das Flankendokument ist ein ausgewogenes Abkommen, das den amerikanischen Interessen
dient.
Damit es in Kraft treten kann, müssen alle 30 Vertragsparteien dem Flankendokument bis zum 15. Mai 1997
offiziell zustimmen. Wenn es bis dahin nicht in Kraft
tritt, wird diese wertvolle und vernünftige Vereinbarung
aufs Spiel gesetzt, und die Aussichten auf eine
erfolgreiche KSE-Anpassung würden schwinden.
In den vergangenen Monaten hat die NATO auch die
Bedingungen einer Charta erörtert, die ihre praktische
Zusammenarbeit mit Rußland institutionalisieren wird.
Beim Gipfeltreffen von Helsinki haben die Präsidenten
Clinton und Jelzin die Möglichkeiten einer solchen
Partnerschaft umrissen.
Wir werden mit Rußland zusammen handeln können,
um die Weiterverbreitung zu bekämpfen, die Nukleararsenale zu sichern und auf humanitäre Krisen und
Bedrohungen des Friedens zu reagieren. Wir werden
auf die von unseren Truppen in Bosnien geschaffene
Zusammenarbeit aufbauen und sicherstellen, daß sie
weiter andauert, nachdem der letzte ausländische
Soldat das Land verlassen hat. Ein gemeinsamer Rat
der NATO und Rußlands wird Rußland ein Mitspracheaber kein Vetorecht einräumen - eine Chance, in
Partnerschaft mit der NATO, nicht innerhalb der NATO,
zu arbeiten. Beide Seiten werden bei Themen, bei
denen wir nicht übereinstimmen, vollständigen Handlungsspielraum behalten.
Präsident Clinton hat Präsident Jelzin gegenüber die
Grenzen eindeutig klargestellt, die wir nicht überschreiten und die Schranken genannt, die wir beim
Aufbau der Partnerschaft zwischen der NATO und
Rußland nicht errichten werden.
Erstens wird die NATO-Erweiterung ohne Verzögerung
fortgesetzt.
Zweitens wird keine europäische Nation bei den
Erwägungen außer Acht gelassen.
Drittens werden die neuen NATO-Mitglieder die
uneingeschränkten Vorteile der Mitgliedschaft genießen.
Viertens wird der neue Gemeinsame Rat der NATO
und Rußlands ein Forum für Konsultationen, Kooperation und wenn möglich gemeinsame Aktionen. Er hat
weder die Macht, NATO-Entscheidungen zu verwässern, verzögern oder zu blockieren noch den Nordatlantikrat der NATO zu ersetzen. Er wird nur in dem
Maße an Bedeutung gewinnen, in dem Rußland ihn
konstruktiv nutzt.

Seite 5

�Und schließlich wird sich die NATO weiterentwickeln,
aber ihre Kernfunktion der kollektiven Verteidigung
wird erhalten und erweitert, und die Qualitäten, die das
Bündnis zum erfolgreichsten in der Geschichte
gemacht haben, werden bewahrt.
Wie Sie wissen, möchte Rußland, daß wir in der
Charta über die Stationierung nuklearer und konventioneller Streitkräfte auf dem Territorium der neuen
Mitglieder auch definitive Verpflichtungen eingehen.
Aber wir werden bei diesem Thema keine Kompromisse machen.
Alles, was wir getan haben und tun werden, ist die
Wiederholung der unilateral bestehenden NATOPolitik: In dem derzeitigen und absehbaren Sicherheitsumfeld haben wir weder einen Plan, die Notwendigkeit und Absicht zur Stationierung von Nuklearwaffen in den neuen Mitgliedstaaten, noch ziehen wir die
permanente Stationierung substantieller Kampftruppen
in Betracht. Die einzigen bindenden Obergrenzen für
konventionelle Streitkräfte in Europa werden mit den
zentraleuropäischen Ländern und allen anderen am
Verhandlungstisch
vertretenen
Signatarstaaten
während der Anpassung des KSE-Vertrags festgesetzt.
Ich möchte auch hervorheben, daß es bei dem
zwischen der NATO und Rußland geschlossenen
Abkommen nicht darum geht, Rußland zur Zustimmung zu einer NATO-Erweiterung zu überreden. Wir
benötigen nicht die Zustimmung Rußlands zur Erweiterung. Vielmehr geht es um die Förderung eines
Ziels um seiner selbst willen: Unser Interesse an der
Förderung der Integration eines demokratischen
Rußlands und der Zusammenarbeit bei der Bewältigung der Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts.
Ich erwarte nicht, daß die russische Regierung ihre
Meinung über die Pläne des Bündnisses für die
Aufnahme neuer Mitglieder ändert. Wir müssen dieser
Tatsache ins Auge blicken, sollten sie aber auch als
das erkennen, was sie ist: Eine Frage der Auffassung
und nicht der militärischen Realität. Die NATO stellt
keine Gefahr für Rußland dar, ebenso wie Rußland
keine Gefahr für die NATO darstellt. Wir würden den
Demokaten in Rußland keinen Gefallen tun, wenn wir
etwas anderes behaupteten.

Seite 6

Das Schicksal der russischen Demokratie steht bei
den Entscheidungen des Bündnisses über die Erweiterung zweifelsohne nicht auf dem Spiel. Die
Zukunft Rußlands als freie und prosperierende Nation
wird von der Fähigkeit seiner führenden Politiker und
Bürger abhängen, eine offene Gesellschaft aufzubauen, Kriminalität und Korruption zu bekämpfen,
Wirtschaftswachstum anzukurbeln und alle in den
Genuß seiner Vorteile zu bringen. Das russische Volk
weiß, daß seine Zukunft in Moskau, in Irkutsk, in
Nowgorod entschieden wird und nicht im NATOHauptquartier in Brüssel.
Die Wahrheit ist, daß das Streben nach Freiheit und
Sicherheit in Europa kein Nullsummenspiel ist, in dem
Rußland verlieren muß wenn Europa gewinnt und
umgekehrt. Solches Denken hat während der vergangenen 50 Jahre zu enormen menschlichen und
wirtschaftlichen Kosten geführt, und wir haben die
Pflicht und die Chance, es zu überwinden.
In diesem neuen Europa haben die Vereinigten
Staaten und Westeuropa eine Chance, neue Verbündete und Partner zu gewinnen, die zu unserer gemeinsamen Sicherheit beitragen können und wollen. Die
Menschen in Zentraleuropa haben die Chance, Zeuge
der Beseitigung der Trennlinie aus der Zeit des Kalten
Krieges zu werden, die sie von der europäischen
Hauptströmung abschnitt. Die Menschen in Rußland
haben die Chance, die weitreichendste und echteste
Integration in den Westen zu erleben, in deren Genuß
ihre Nation je gekommen ist.
Herr Vorsitzender, zweimal in diesem Jahrhundert
waren wir nach Kriegsende mit der Herausforderung
konfrontiert, diese Art von Europa zu gestalten. Wir
hatten nach dem Ersten Weltkrieg die Chance, aber
allzu vielen - in den Vereinigten Staaten und andernorts - mangelte es an der Vision. Nach dem Zweiten
Weltkrieg fehlte es nicht an Vision, aber halb Europa
wurde der Chance beraubt.
Heute haben wir die Vision und die Chance zum
Aufbau eines Europas, in dem jede Nation frei und jede
freie Nation unser Partner ist. Mit fortgesetzter
überparteilicher Unterstützung durch den Senat und
das amerikanische Volk wird dies, da bin ich zuversichtlich, das Europa sein, das unsere Kinder und
Enkel kennen.

AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Die NATO und die neuen transatlantischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

DÜSSELDORF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 25. April 1997 beim
Jahrestreffen der American Chamber of Commerce in Düsseldorf gehalten hat.

Ich danke Ihnen für die Einladung, über ein Thema zu
sprechen, das uns allen lieb und teuer ist: Die neuen
Realitäten in den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Es ist mir eine besondere Ehre, zu Ihnen als
Ehrenpräsident sprechen und meinen Dank für alles
zum Ausdruck bringen zu dürfen, was Sie im vergangenen Jahr zum Funktionieren unserer Partnerschaft
zwischen der Chamber und der Botschaft beigetragen
haben.
Es ist bemerkenswert, daß Bundeskanzler Kohl, der
historische Entscheidungen von der Stationierung der
Pershing II bis zu den zur Vereinigung führenden Zweiplus-Vier-Gesprächen formuliert und herbeigeführt und
der gesagt hat, "Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist ein sicheres Fundament, auf dem wir auch in
Zukunft aufbauen können", eine Rede vor dieser
herausragenden Gruppe halten wird.
Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet:
Deutschland ist vereinigt, aber was genau sind die
neuen Realitäten und was bedeuten sie für unsere
Beziehungen?
Um die neuen Realitäten zu verstehen, sollte man
tatsächlich mit dem Fall der Berliner Mauer beginnen.
Die Berliner Mauer wurde weder durch die auf beiden
Seiten massierten Armeen niedergerissen, die auf den
Ausbruch des unvermeidlichen Krieges warteten, noch
durch ein mysteriöses, historisches Ende der kommunistischen Idee. Die Berliner Mauer wurde durchbrochen und dann durch den nicht zu unterdrückenden
menschlichen Wunsch nach Freiheit gestürzt.
Auf der Grundlage der Prinzipien der Menschenrechte,
Demokratie und des menschlichen Geistes werden die

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deutsch-amerikanischen Beziehungen gedeihen - nicht
nur auf der Grundlage unseres lobenswerten gemeinsamen Engagements während des Kalten Krieges,
unserer parallelen Handels- und Investitionspolitik oder
des kulturellen Erbes der deutschen Einwanderer in
die Vereinigten Staaten.
Durch die unsere beiden Länder betreffenden Ereignisse - von der Einwanderung seit 1683 bis zum
Kampf für Freiheit im Kalten Krieg und der Vereinigung
Deutschlands - zieht sich eine historische und dauerhafte Verpflichtung zu bestimmten Prinzipien.
Beweise dafür sind überall zu finden:
in dem neuen Alliierten Museum in Berlin mit
der Geschichte der Berliner Luftbrücke und
der Verteidigung Berlins durch die Alliierten,
im Bonner Haus der Geschichte mit Exponaten, die den Aufbau der Demokratie in
Deutschland darstellen,
oder in dem Museum am Checkpoint Charlie
mit seiner Chronik der Heldentaten einzelner
Menschen, die sich von der kommunistischen
Tyrannei befreien wollten.
All dies erinnert uns an Präsident Kennedy, der sagte,
daß die stolzesten Worte eines freien Mannes sind:
"Ich bin ein Berliner."
Aber erst mit der demokratischen Revolution von 1989,
einer Revolution, die die Vereinigung Deutschlands
möglich machte, konnten die Ostberliner ihr Recht auf
Freiheit in Anspruch nehmen. Ich war als Stellver-

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�tretender Botschafter der Vereinigten Staaten in der
DDR dabei.
Die Geschichte ist faszinierend. Am 9. November
1989 eskalierte die lange schwelende Unzufriedenheit
in Ostdeutschland auf den Straßen Berlins, um ihren
Höhepunkt in einer Revolution zu finden - einer
friedlichen Revolution, aber dennoch einer Revolution.
Die Zurückhaltung der Demonstranten unter der
Führung von lutherischen Geistlichen, die äußerst
effektive NATO-Politik der Abschreckung sowie der
Wunsch von Präsident Gorbatschow nach mehr
Freiheit für die sowjetischen Völker wirkten in Deutschland in bemerkenswerter Weise zusammen, um das
klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der 9. November 1989 markierte das Ende der
Berliner Mauer und der Teilung Deutschlands und
brachte den Anfang der neuen Realitäten in Deutschland und Europa. Nur dank des Weitblicks und der
Klugheit der Unterhändler des Zwei-plus-Vier-Vertrags
konnten alle Deutschen an der Freiheit teilhaben. Und
als die Entscheidung über eine Regierung für das neue
Deutschland anstand, war es die Bundesrepublik, die unverändert in ihrer verfassungsmäßigen Form - die
Verantwortung für Deutschlands neue Realität übernahm.
Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, unsere Denkweise
und unsere Institutionen an diese neuen Realitäten
anzupassen. Deutschland und die Vereinigten Staaten
teilen ein lebhaftes Interesse an der Anpassung
unserer lebenswichtigen europäischen und transatlantischen Institutionen, damit sie uns im 21. Jahrhundert so gut dienen wie sie es in diesem getan
haben.
Obwohl die Berliner Mauer keine Konkurrenz für die
atlantische Brücke darstellte, bedarf der Sicherheitspfeiler einer Anpassung, und wir benötigen breiteren
Raum für Wirtschaft und Kultur.
Ich möchte unsere Ziele für das nächste Jahrhundert
ansprechen. Oberste Priorität ist die Schaffung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden neuen Herausforderungen vor. Das
amerikanische Volk weiß, daß die Aufgabe der NATO
im Schutz unserer Werte besteht, und wir alle wissen,
daß der Preis der Freiheit ewige Wachsamkeit ist. Wir
brauchen die NATO.
Wir gestalten die NATO zu dem Zweck um, Frankreich
und Spanien in die integrierte Militärstruktur einzubeziehen, neue Mitglieder aufzunehmen, besondere
Beziehungen zu Rußland aufzubauen und unsere
Verbindungen zu Partnerstaaten zu stärken. Angesichts des herannahenden NATO-Gipfels im Juli in

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Madrid und der kontinuierlichen Arbeit, neue Beziehungen zwischen der NATO und Rußland aufzubauen,
sehen wir uns einer Zeit enormer Herausforderungen
und Chancen gegenüber.
Wir unternehmen große Anstrengungen um sicherzustellen, daß nicht nur potentielle neue Mitglieder
ausgemacht werden, sondern auch parallel dazu neue
Beziehungen zwischen Rußland und der NATO
geknüpft werden, um zur Überwindung der alten
Denkweise, alter Feindseligkeiten und Konflikte
beizutragen. Wir wollen Rußland ein Stimm-, aber kein
Vetorecht einräumen und unter Beweis stellen, daß
Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist.
Ferner haben wir unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine
Verringerung der militärischen Fähigkeiten des
Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt. Die Reise ist jedoch noch
nicht beendet, und wir werden nur dann eine Charta
verabschieden, wenn die Substanz stimmt.
Diese Bestrebungen reichen jedoch noch nicht aus.
Frieden in Europa und unsere neue transatlantische
Sicherheitspartnerschaft sind nicht gesichert ohne
Wohlstand und solide Wirtschaftsbeziehungen.
Wirtschafts- und Handelsfragen erfordern jetzt gleichermaßen unsere Aufmerksamkeit. Das ist nirgendwo deutlicher sichtbar als in der Zusammenarbeit
unserer Botschaft mit der Chamber.
Wenn ich auf meine Amtszeit in Deutschland, dieses
Mal als Stellvertretender und amtierender Botschafter
in der Berliner Republik, zurückblicke, bin ich zutiefst
beeindruckt von der engen Zusammenarbeit zwischen
der Botschaft und der Chamber. Wir haben gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig, Weimar/Erfurt
und Potsdam organisiert, die ein großartiges Beispiel

dafür waren, wie die Partnerschaft zwischen dem
öffentlichen und dem Privatsektor amerikanische
Investitionen fördern und eine starke neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen
kann.
Diese Konferenzen sind zu einer Art Bilanz dessen
geworden, wo wir im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen Bestrebungen beim Wiederaufbau der
Wirtschaft in einem ehemals kommunistischen Land
stehen. Die vierte dieser Konferenzen ist für Oktober
in Dessau geplant, und ich bin zuversichtlich, daß sie
der Investitionstätigkeit und unseren Beziehungen
weiteren Auftrieb verleiht.

AMERIKA DIENST 09

�Während meiner letzten drei Jahre in Deutschland
haben wir in Deutschlands Wirtschaft bemerkenswerte
Veränderungen beobachtet. Unter der Überschrift
"Standortdebatte" hat Deutschland begonnen, sich auf
seine ernsthaftesten wirtschaftlichen Herausforderungen zu konzentrieren und strukturelle Verkrustungen,
inflexible Arbeitsmärkte und nicht wettbewerbsfähige
Praktiken in Angriff zu nehmen.
Die Chamber hat sich aktiv an dieser Debatte beteiligt.
Sie bringen eine einzigartige Perspektive, zwei
unterschiedliche Untemehmenskulturen zu überbrücken, in diese Probleme ein. Wir in der Botschaft
beteiligen uns ebenfalls an dieser Diskussion und
haben ein aktives Interesse an der deutschen Wirtschaftspolitik und ihren Auswirkungen auf amerikanische Unternehmen.
Weil unsere Volkswirtschaften so eng miteinander
verbunden sind, haben wir großes Interesse an der
wirtschaftlichen Umstrukturierung Deutschlands und
seinen Veränderungen. Wir bekräftigen die konstruktiven Äußerungen der Chamber, und meines
Erachtens können wir stolz auf unseren gemeinsamen
Beitrag zu der Standortdebatte sein.
Schließlich ist Deutschland ein besserer Standort
geworden.
Viele Entwicklungen im Bereich der
Privatisierung und Deregulierung wären noch vor zehn
Jahren undenkbar gewesen, insbesondere angesichts
der Tatsache, daß einige der Vereinbarungen im
Grundgesetz verankert und nicht leicht zu ändern
waren. Die Wiedergeburt der Behörden als Unternehmen gestaltet jedoch ebenfalls die Telekommunikations-, Energie- und Transportmärkte um.
Dieser Prozeß der Deregulierung, Privatisierung und
Einführung von Wettbewerb hat neue Chancen für
amerikanische Unternehmen und ihre Tochtergesellschaften in Deutschland geschaffen. Er hat unsere
Länder auch durch zunehmende und intensivere
Geschäftsverbindungen enger zusammengebracht.
Betrachten Sie die Liberalisierung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten.
Das Luftfahrtabkommen "Open Skies" von 1996 hat
nicht nur eine gewinnbringende Partnerschaft zwischen zwei großen Fluggesellschaften gestärkt,
sondern ist auch ein anregendes Beispiel für die
globale Luftfahrtpolitik.
Entsprechend wird die Liberalisierung des Telekommunikationswesens schließlich zu niedrigeren
Gebühren führen, was gut für die Unternehmen und
Verbraucher in Deutschland ist. Das wird eine vermehrte Benutzung des Internet zur Folge haben, die
Türen zu globalem Elektronikhandel öffnen und
Deutschlands Eintritt in das Informationszeitalter des
nächsten Jahrhunderts beschleunigen.
Echter
Wettbewerb wird jedoch nur stattfinden, wenn wir eine

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unabhängige Aufsichtsbehörde haben, die den
Wettbewerb fördert und schützt und gleichberechtigten
Zugang aller interessierten Parteien zum Netz des
führenden Anbieters gewährleistet. Hier hat Deutschland noch eine vorrangige Aufgabe zu bewältigen.
Auch bei der Arbeit an transparenteren Beschaffungspraktiken in Deutschland haben wir große Fortschritte
erzielt. Das Wirtschaftsministerium erarbeitet zur Zeit
einen Gesetzentwurf, der den effektiven rechtlichen
Schutz von Bewerbern um einen Auftrag durch einen
gerichtlichen Überprüfungsprozeß außerordentlich
verbessern wird. Von diesem transparenteren Beschaffungssystem werden aus- und inländische
Bewerber gleichermaßen profitieren.
Dennoch
erfordert dieser sich entwickelnde Prozeß weiterhin
politisches Engagement auf hoher Ebene und die
uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Chamber und
der Botschaft.
Die Deregulierung des Energiesektors ist ein weiteres
aufregendes Feld für Innovationen. Natürlich trifft sie
auf den Widerstand von Gewerkschaften und Unternehmen, die mit dem Status quo zufrieden sind, sowie
auf den von Länder- und Gemeinderegierungen. Wir
in den Vereinigten Staaten sind jedoch überzeugt, daß
die Deregulierung letztlich von Vorteil für die Verbaucher ist und ausländische Investitionen fördert. Wir
haben vor kurzem eine Reise für Vertreter der Länderund Gemeinderegierungen sowie der deutschen
kommunalen Versorgungsunternehmen in die Vereinigten Staaten organisiert, die unseren deutschen
Besuchern demonstrierte, daß Deregulierung kein
lebensbedrohliches Ereignis sein muß.
Es gibt
Anpassungsmechanismen, die neue Chancen für
diejenigen schaffen, die davon ausgingen, daß sie nur
als Monopol prosperieren können. Diese Botschaft der
"Chancen im Wandel" sollte - und wird - von der
Amerikanischen Botschaft und der Chamber verbreitet.
Gleichzeitig weiß ich es zu schätzen, daß wir und die
Chamber uns der ehrlichen Erörterung von Meinungsverschiedenheiten wie über das Helms-Burton-Gesetz
und das Gesetz über Sanktionen gegen Iran und
Libyen nicht verschließen. Wir hatten eindeutig
unterschiedliche Ansichten zur Frage der Sanktionen,
und ich verstehe natürlich den Wunsch der Unternehmer, Geschäfte und Investitionen mit so wenig Beschränkungen wie möglich zu tätigen.
Ebenso bin ich sicher, wir alle begrüßen die jüngste
Ankündigung von Botschafter Eizenstat, daß die
Vereinigten Staaten und die EU im Hinblick auf das
Helms-Burton-Gesetz zu einer vorläufigen Einigung
gekommen sind. Die EU stimmte einer Aussetzung
ihrer Klage bei der WTO zu, was angemessen ist.
Meines Erachtens können wir alle etwas aus diesem
Vorfall lernen, durch den unsere weiterreichenden
Interessen in der WTO und unsere bilateralen Bezie-

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�hungen beinahe Schaden genommen hätten. Wir in
den Vereinigten Staaten vertreten weiterhin die
Ansicht, daß der überlegte Einsatz von Sanktionen ein
angemessenes Mittel zur Förderung grundlegender
außenpolitischer Ziele ist, und wir werden argumentieren, daß unser Ansatz nicht erfolglos war. Wir erachten dies als Verzicht auf bestimmte wirtschaftliche
Vorteile beim Streben nach übergeordneten Zielen, wie
beispielsweise der Eindämmung von Terrorismus und
der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Nichts Geringeres als das erwartet die Weltgemeinschaft von ihren wohlhabendsten Bürgern.
Wir haben den Eindruck, daß die Vereinigten Staaten
und Europa sich für gewöhnlich über die Ziele einig
sind, hinsichtlich der Mittel zu ihrer Erlangung jedoch
häufig nicht einer Meinung sind. Bedauerlicherweise
behindert diese Meinungsverschiedenheit beide Seiten
bei der Verfolgung unserer gemeinsamen Ziele. Die
Frage lautet: Wer sollte bei der Gestaltung einer
gemeinsamen Politik Kompromisse schließen? Bei
Kuba bewegen wir uns bereits auf eine gemeinsame
Politik zu. Um uns einander näher zu bringen, sollten
wir die parlamentarischen Austauschprogramme
intensivieren, um ein größeres Verständnis für die
Interessen des anderen zu entwickeln - und zwar
bevor die Gesetze ausgearbeitet werden.
Im Hinblick auf verbrecherische Staaten wie den Iran
müssen wir noch stärker darauf hinarbeiten, daß
unsere gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten
nicht unsere sehr viel größere grundsätzliche Übereinstimmung überschatten.
Wir sind weiterhin der
Auffassung, daß wir unsere eigenen Wirtschaftsinteressen mit solchen Staaten zurückstellen müssen,
damit sie nicht an die Ressourcen gelangen, die sie
zweifelsohne zur Unterstützung von Terrorismus, der
Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und zur
Destabilisierung ihrer Nachbarn und insbesondere des
Nahost-Friedensprozesses verwenden würden. Das
jüngste Urteil im Mykonos-Prozeß bekräftigt nur
unsere Entschlossenheit in dieser Hinsicht. Wir
begrüßen die Reaktion der europäischen Regierungen, den sogenannten "kritischen Dialog" auszusetzen
und ihre Botschafter zurückzurufen. Wir hoffen, daß
die ernüchternde Wirkung des Mykonos-Urteils nicht

nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Wir haben in
dieser Woche eine hochrangige Delegation in europäische Hauptstädte - auch nach Bonn - entsandt, um
unseren Dialog darüber zu vertiefen, wie das Verhalten
des Iran gemäßigt werden kann. Die Vereinigten
Staaten haben sich verpflichtet, eine verbesserte
Koordinierung der transatlantischen Politik in diese
Schlüsselfrage einzubringen.
Ungeachtet der staatlichen Entscheidungen muß sich
die Wirtschaft bewußt sein, daß Iran und Libyen in
unserem politischen Prozeß weiterhin heikle Themen
sind und den dem Sanktionsgesetz für Iran und Libyen
zugrundeliegenden schwierigen Kompromiß im Auge

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behalten. Wir haben absichtlich versucht, ein Gesetz
mit minimalen - sogar unbedeutenden - Auswirkungen
auf den Handel, selbst mit Iran, zu verabschieden,
während wir gleichzeitig von beträchtlichen Investitionen abraten, die Irans Fähigkeit zu terroristischen
Aktivitäten stärken könnten.
Zu einem damit in Zusammenhang stehenden Punkt:
Es wird manchmal angedeutet, diese Politik zeige, daß
Amerika immer unilateralistischer werde. Es wäre
falsch, unsere Sanktionen als Abkehr vom Multilateralismus in unserer allgemeinen Handelspolitik anzusehen. Multilateralismus wird unser bevorzugter
Kurs bei der Ausübung unserer globalen Führungsrolle
bleiben.
Die Vereinigten Staaten waren weltweit führend bei der
Gründung der WTO, des GATT, der Vereinten Nationen, der Weltbank, des IWF und praktisch jeder
anderen maßgebenden globalen Institution. Wir waren
an vorderster Front der jüngsten erfolgreichen Bestrebungen zur Abschaffung aller Zölle für Informationstechnologieprodukte. Dasselbe gilt für den lebenswichtigen Telekommunikationssektor, wo das Insistieren der Vereinigten Staaten auf offenen Marktzugang
zur Ermöglichung des jüngsten WTO-Abkommens
über Telekommunikationsdienste beitrug.
Jetzt verlassen wir uns auf die verbesserten Regeln
des multilateralen Konfliktschlichtungsmechanismus in
der WTO, den wir in 21 Fällen offiziell angerufen
haben. Wir haben Fälle gewonnen und verloren,
haben aber immer die Entscheidungen der WTO in
Handelsfragen respektiert. Natürlich erwarten wir von
unseren Partnern dasselbe, auch bei so schwierigen
Kontroversen mit der EU wie denen über Bananenimporte und Rinderhormone.
Trotz unserer gelegentlichen Differenzen besteht bei
Handelsfragen innerhalb des multilateralen Rahmens
enge Zusammenarbeit zwischen der EU und den
Vereinigten Staaten sowie zwischen Deutschland und
den Vereinigten Staaten. Die jüngsten WTO-Abkommen über Telekommunikations- und Informationstechnologie waren das Ergebnis gemeinsamer Ansätze der Vereinigten Staaten und der EU bei der Marktöffnung.
Die Grundlage für das Informationstechnologieabkommen wurde eigentlich durch den transatlantischen Wirtschaftsdialog gelegt. Diese Initiative führte
die Wirtschaftssektoren Europas und Amerikas zusammen, um direkten Einfluß auf die Politik auszuüben.
Um auf diesem Erfolg aufzubauen, arbeiten wir jetzt an
einem beeindruckenden Bündel gegenseitiger Anerkennungsabkommen mit der EU zusammen, die die
lästigen und überflüssigen Prüfverfahren in den
wichtigsten Handelssektoren abschaffen.

AMERIKA DIENST 09

�Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand, daß die
Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten eng und
lebhaft sind. Aber wie wir alle wissen, ist eine andere
Säule - die Säule der zwischenmenschlichen Kontakte
- ebenso wichtig.

Der Marshallplan ist jetzt Teil der gemeinsamen
Kulturgeschichte der Vereinigten Staaten und Europas.
Er beeinflußte entscheidend die politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Westeuropas. Und er veranlaßte die deutsche Regierung
zu Investitionen in den German Marshall Fund der
Vereinigten Staaten, eine Stiftung, die das Wachstum
freier Märkte, bilaterale Austauschprogramme und die
demokratische Entwicklung in Osteuropa unterstützt.
Kluge Unternehmen wie solche, die die zahlreichen
Feiern zum Gedenken an den Marshallplan unterstützen, können mit klugen Regierungen zusammenarbeiten, um die politischen, geschäftlichen und
kulturellen Bande zu stärken und diese Bestrebungen
in unsere Beziehungen zu reinvestieren.

Allzu viele vertreten die irrige Idee, es gebe eine Art
von "Kulturbruch" zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten. Das Gegenteil ist der Fall. Für
die Vereinigten Staaten gibt es in ihren kulturellen
Beziehungen zu Europa keinen wichtigeren Partner als

Als Amerikaner sind wir aufgrund unserer Kultur - nicht
so sehr durch unsere Steuern - gezwungen, unserer
Gesellschaft etwas von dem in unserem Leben
gewonnenen Wohlstand zurückzugeben. Ein wunderbares Beispiel für Selbstlosigkeit und Rücksichtnahme

Deutschland.

Für Deutschland gibt es außerhalb

auf die Gesellschaft findet sich auch in Deutschland.

Europas kein wichtigeres Reiseziel für Tourismus oder
Austauschprogramme als die Vereinigten Staaten.

Erich Marx, der vor kurzem seine private Kunstsammlung dem "Museum der Gegenwart" im Hamburger
Bahnhof in Berlin stiftete, verlieh seiner Hoffnung
Ausdruck, daß dieser Geist guter unternehmerischer
Staatsbürgerschaft in Deutschland eine neue Tradition
würde. Ferner forderte er seine Landsleute und
andere Europäer auf, bestehende Einstellungen zu
überdenken, die den Privatsektor und den Einzelnen
von Beiträgen zur Kultur abhalten.

In der OECD streben wir ein Abkommen an, um
Wirtschaftskorruption im Ausland durch Angehörige
der OECD unter Strafe zu stellen und die steuerliche
Abschreibung solcher Schmiergelder abzuschaffen.
Dies sind multilaterale Bestrebungen, denen sich
Deutschland hoffentlich rechtzeitig anschließt, damit
beim OECD-Ministertreffen im nächsten Monat eine
Vereinbarung getroffen werden kann.

Bei der selektiven Lektüre einiger Zeitungen könnte
man den Eindruck gewinnen, "Das Deutschlandbild in
den Vereinigten Staaten hat sich gewandelt" oder
"Deutschland ist für Amerika nicht mehr einzigartig".
Solche Überschriften verkennen das Wesentliche. Wir
leben vielleicht wirklich nicht mehr im Zeitalter der
Selbstverständlichkeit und des automatischen Konsenses, aber wir leben tatsächlich in einem Zeitalter der
Partnerschaft.
Die Kultur ist ein Element von Beziehungen, in denen
es viele Brücken gibt. Die Mauern, die den europäischen Kontinent geteilt haben, sind gefallen, und das
Treiben auf den Brücken über den Atlantik ist geschäftiger denn je. Das Fulbright-Programm mit seinem
privatwirtschaftlichen Förderverein beispielsweise ragt
heraus und verbindet unsere beiden Gesellschaften.
Die amerikanischen Unternehmen in Europa helfen bei
der Stärkung der amerikanischen Tradition von
Kulturförderung durch den Privatsektor. Ein Beispiel
ist der Beitrag der Citibank zu einer Ausstellung aus
Anlaß des 50. Jahrestages des Marshallplans, der
Europa nach dem Krieg zu solchem Wohlstand verhalf.
Kluge Geschäftsleute wußten immer schon, daß sie
sich am öffentlichen Leben beteiligen müssen. Wie
Woodrow Wilson erklärte, ist "jeder große Geschäftsmann in gewissem Maße auch ein Idealist".
Dieser Idealismus kam am 5. Juni vor 50 Jahren zum
Tragen, als Außenminister George Marshall in der
Harvard University seine historische Rede hielt, in der
er einen Hilfsplan für die zerstörten europäischen
Länder forderte.

AMERIKA DIENST 09

Dies ist ein Bereich, in dem die neue Welt mit ihrer
Tradition, das kulturelle Erbe der Gesellschaft durch
Beiträge des Einzelnen zu schützen, Deutschland
etwas bieten kann, insbesondere in einer Zeit, in der
wir alle mit Haushaltskürzungen konfrontiert sind.
Abschließend möchte ich betonen, daß das Ende des
Kalten Krieges uns die historische Chance zum Aufbau
eines neuen, ungeteilten Europas gegeben hat. Es hat
uns die Chance zur Stärkung unserer transatlantischen Partnerschaft gegeben, damit wir ein breiteres
Spektrum globaler Fragen besser angehen können.
Wir erleben eine Zeit der Umgestaltung - in Europa, bei
den transatlantischen Beziehungen und sogar bei den
deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Außenminister Kinkel erklärte vor kurzem: "Die Pflege
der Freundschaft zu den USA ist ein ungeschriebener
Verfassungsartikel der Bundesrepublik Deutschland."
Solche Worte hört man in den Vereinigten Staaten sehr
gern, und sie stoßen bei uns auf Widerhall.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen müssen
gepflegt werden, damit ihr dauerhafter Erfolg gesichert
ist. Wir haben viele wirtschaftliche und kulturelle
Verbindungen, familiäre Bande sowie gemeinsame
Interessen. Deutschland ist zweifelsohne der unerläßliche Partner der Vereinigten Staaten bei der

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�Lösung der wichtigsten globalen Fragen. Wir müssen
im Rahmen unserer neuen gleichberechtigten Partnerschaft zur Wahrung und zum Schutz der Freiheit
zusammenarbeiten, die wir in jenen langen Jahren des
Kalten Krieges und durch die demokratische Revolution von 1989 gewonnen haben.
Manchmal erscheint der Druck des historischen
Moments, in dem wir leben, wie eine Last. Aber wir
sollten uns an die Worte von Harry S. Truman, dem 33.

Präsidenten der Vereinigten Staaten, erinnern: "Der
Mensch gestaltet die Geschichte, nicht umgekehrt...
Fortschritte werden gemacht, wenn mutige, geschickte
Staatsmänner die Chance ergreifen, die Dinge zum
Guten zu wenden." Ich wünsche uns allen in diesem
Zeitalter neuer Realitäten das Beste für die deutschamerikanischen Beziehungen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Neue Initiativen zur Förderung der
deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d' Affaires a.i. bei der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 3. Mai 1997 im Deutsch-Amerikanischen Club in
München hielt.

Da ich sehr viel von der deutsch-amerikanischen
Zusammenarbeit an der Basis halte, freue ich mich
außerordentlich, heute in meiner Eigenschaft als
Charge d'Affaires der US-Botschaft bei der Eröffnung
der 43. Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche
eine Rede halten zu dürfen. Ihre Arbeit ist in vielerlei
Hinsicht eine Verkörperung unserer Beziehungen - der
zwischenmenschlichen Bande, die unsere beiden
Länder in Freundschaft und Einvernehmen verbinden.
Ganz besonders freue ich mich, wieder in Bayern zu
sein, das meine Heimat war, als ich von 1972 bis 1974
als Leutnant der Dritten US-Division in Würzburg
stationiert war. Bayern ist Deutschland in den Herzen
vieler Angehöriger des amerikanischen Militärs, die
hier ihren Dienst tun durften. Ich werde mich immer
gerne an die Schönheit der Landschaft, das gute Bier,
den Frankenwein und vor allem den direkten und
offenen Umgang erinnern, für den die Bayern, ebenso
wie die Amerikaner, bekannt sind.
Ministerpräsident Edmund Stoiber wird für sein
Engagement für die deutsch-amerikanischen Beziehungen die Lucius D. Clay Medal verliehen. Seine
wohlbekannten Ansichten als überzeugter Atlantiker
und Befürworter der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit sind eine mehr als hinlängliche Rechtfertigung für diese herausragende Auszeichnung. Er
hat aus der Geschichte gelernt. Aber wie wir alle
wissen, lehrt er ein Fach mit dem Namen "Zukunft".
Und in dieser Zukunft sieht der Ministerpräsident
Deutschland und Amerika stolz Seite an Seite.
Wir Amerikaner wissen die begeisterte Unterstützung
von Ministerpräsident Stoiber für das amerikanische

AMERIKA DIENST 09

Militär in Bayern ganz besonders zu schätzen. Als
ehemaliger Gl kann ich Ihnen sagen, daß eine solche
Haltung unseren jungen Männern und Frauen in
Uniform bei der Bewältigung ihrer schwierigen Arbeit
und wechselnden Aufgaben eine große Hilfe ist. Die
Anerkennung der äußerst positiven Rolle der in
Deutschland stationierten amerikanischen Streitkräfte
ist eine Tradition, die wenigstens bis zu den Tagen
zurückreicht, als Franz Josef Strauß bayerischer
Landesvater war, und ich freue mich, daß Ministerpräsident Stoiber sie in dem neuen, geeinten Deutschland
fortsetzt. Vielen Dank, Herr Ministerpräsident.
Die bayerische und die amerikanische Regierung
stimmen überein, daß ihre Bürger grundlegende
kulturelle, wirtschaftliche und politische Interessen
gemein haben. Jetzt besteht ihre Herausforderung in
der Anpassung ihrer Zusammenarbeit an neue
Realitäten. Wir müssen uns die Frage stellen: "Wie
können die bayerisch-amerikanische und die deutschamerikanische Zusammenarbeit gestärkt und verbessert werden?"
Wie Sie wissen, beinhalten die neuen Realitäten bei
den bayerisch-amerikanischen Beziehungen die
Entscheidung der Vereinigten Staaten, das USInformationsamt (U.S. Information Service - USIS) aus
dem Amerika Haus - einer historischen Institution von
unschätzbarem Wert, die unsere Freundschaft zu dem
gemacht hat, was sie heute ist - ins Konsulat zu
verlegen. Das war eine schmerzhafte aber unvermeidliche Entscheidung.
Glücklicherweise bietet das
Konsulat USIS ausgezeichnete Möglichkeiten für die
Fortsetzung seiner entscheidenden Mission, Austauschprogramme zu unterstützen, Gespräche auf

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�Expertenebene zu arrangieren und die zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise im Rahmen des Städtepartnerschaftsprogramms, zu fördern.
Wir hätten diesen Schritt jedoch nicht ohne Übereinstimmung und Diskussion auf höchster Regierungsebene im US-Außenministerium und hier über den
Erhalt von Arbeit und Geist des Amerika Hauses
treffen können. Die amerikanische und die bayerische
Regierung haben sich der Einrichtung einer Nachfolgeinstitution auf der soliden Grundlage verpflichtet,
die uns 50 Jahre lang so gut gedient hat. Was können
wir tun, um die Zukunft ebenso interessant zu gestalten wie die Vergangenheit? Ministerpräsident Stoiber,
Abteilungsleiter Kornblum, meine Kollegen und ich
haben dieses Thema während des letzten halben
Jahres ausführlich erörtert.
Das amerikanische Engagement ist umfassend. Die
Regierung stiftet eine vollständige Nachschlagebibliothek mit den modernsten Informationsprodukten, die
heute auf dem Markt sind. Wir werden weiterhin
regelmäßig Vorträge herausragender amerikanischer
Experten anbieten. Wir werden der neuen Institution
unseren gesamten Bestand an Informationsmaterial
über das Studium in den Vereinigten Staaten überlassen. Und wir werden bei der Ausstattung der neuen
Institution helfen. Dies ist die Hauptrichtung des
direkten Engagements unserer Regierung, das sich
auf neue Art und Weise und in neuen Dimensionen
manifestiert.
Die Fulbright-Kommission und das
internationale Besucherprogramm unserer Botschaft
werden unseren Dialog ebenfalls intensivieren und
bereichern.
Das ist jedoch nur ein Teil unserer Bestrebungen. Ein
ebenso wichtiger Bestandteil ist das Engagement für
die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zur Unterstützung eines von den Freunden des Amerika Hauses
organisierten umfassenden Kultur- und Informationsprogramms. Wir werden die Unternehmen einbeziehen, sie zur Mitgliedschaft bei den Freunden des
Amerika Hauses ermutigen und versuchen, die
Zusammenarbeit zwischen der Privatwirtschaft und der
Welt der Kultur zu fördern, ebenso wie wir es in den
Vereinigten Staaten praktizieren. Das ist von elementarer Bedeutung, wenn wir in der Welt nach dem
Kalten Krieg - einer Welt der interdependenten Weltwirtschaft - ein getreues Bild von uns selbst geben
wollen. Unsere Arbeitnehmer, unsere Wissenschaftler
und unsere leitenden Angestellten müssen tief in die
Quellen kultureller Kreativität vordringen, wenn sie die
notwendige Energie und Dynamik finden wollen, damit
wir auf dem Weltmarkt konkurrieren können. Und wir
wollen konkurrenzfähig bleiben.
Die Vergangenheit bietet ein starkes Fundament für
unsere Zukunft. In den langen Jahren des Kalten
Krieges vereinten unsere Länder ihre Kräfte für eine
gemeinsame Sache, und gemeinsam haben wir

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gewonnen. 1989 war ich als Stellvertretender USBotschafter in der DDR in Ostberlin Augenzeuge des
Triumphs des menschlichen Geistes, als sich die
Ostdeutschen erhoben und das kommunistische
Regime absetzten.
Heute ist Deutschland eine
demokratische, prosperierende Gesellschaft, die den
Wandel meistert und in die Zukunft schaut. Und
Präsident Clinton hat bereits 1994 vor dem Brandenburger Tor zugesagt: "Amerika steht an Ihrer Seite jetzt und für immer."
Amerika stand während des jahrzehntelangen Kampfs
gegen den Kommunismus an der Seite Deutschlands.
Wir standen an der Seite derjenigen, die in Ostdeutschland auf Freiheit in einer neuen Welt drängten.
Wir standen an der Seite beider Teile Deutschlands bei
der Vereinigung. Heute stehen wir an der Seite
unseres Verbündeten, Freundes und Partners - des
geeinten Deutschlands.
Jetzt müssen wir unsere Präsenz in Deutschland
umgestalten. Wir werden uns in zunehmendem Maße
auf Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten, Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen, Investoren und Geschäftsleute verlassen. Ihre
individuellen Bestrebungen sind Teil eines noch
engmaschigeren Netzes von Clubs und Organisationen, die die deutsch-amerikanische Freundschaft
fördern und die Beziehungen zwischen unseren
beiden Ländern bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir gedenken historischer
Ereignisse durch das U.S. Holocaust Memorial
Museum, das Alliierte Museum und das Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag sind auf großes Interesse gestoßen. Der
1983 begonnene Austausch zwischen Kongreß und
Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der Studiengruppe Deutschland
des Kongresses, die 1987 gegründet wurde, sind
Beweis für den fortgesetzten begeisterten Einsatz
dieses Gremiums für die Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten.

AMERIKA DIENST 09

�Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und natürlich haben die deutsch-amerikanischen
Clubs die deutsch-amerikanischen Beziehungen
dauerhaft geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte
zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie haben
auch einen Beitrag in ihren Gemeinden geleistet.

ich nur meine Überzeugung wiederholen, daß durch
diese privaten Initiativen sehr viel Gutes getan werden
kann. Wenn man sich betrachtet, daß diese Initiativen
mit einem Minimum an Unterstützung durch die
Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist
das ein überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute
für die Gesellschaft tun können.
Ich freue mich berichten zu können, daß bereits Pläne
für die Ausweitung von Kontakten zwischen Deutschen
und Amerikanern gemacht werden. In Berlin wird die
American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein festes Büro in Berlin. Und
der Austausch zwischen dem amerikanischen Militär
und Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln. Ich

In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere

hoffe, daß die Nachfolgeinstitution in München auf die

die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.

wachsende Liste neuer Initiativen bei den deutschamerikanischen Beziehungen gesetzt wird.

Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein weiterer Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs Sinn dafür,
was durch gemeinsamen Einsatz für eine gute Sache
bewirkt werden kann.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Leistungen des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg in Form von elf Kinderspielplätzen
immer noch einen Beitrag zur Gemeinde leistet. Wenn
ich daran denke, wieviele Generationen von Kindern
durch solche Projekte glücklich gemacht wurden, kann

*

AMERIKA DIENST 09

Jetzt ist es an der Zeit, über neue Aktivitäten zur
Stärkung unserer zwischenmenschlichen Kontakte und
Ausweitung unserer Vereine und Freundschaft
nachzudenken. Insbesondere jetzt, da die Bürger sich
aufgerufen fühlen, ihre Umwelt zu verbessern, anstatt
auf eine Führungsrolle ihrer Regierung zu warten,
nimmt die Rolle von Clubs wie diesem an Bedeutung
zu. Ich rufe Sie - Einzelpersonen und Clubs - auf, Ihre
erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, indem sie neue
Möglichkeiten für die Bereicherung der deutschamerikanischen Freundschaft finden.
Heute ist es am allerwichtigsten, unsere Aufmerksamkeit auf die Zukunft zu richten. Das bedeutet nicht,
unsere Vergangenheit und die erstaunlichen Leistungen in der Basisarbeit bei den deutsch-amerikanischen
Beziehungen zu vergessen. Vielmehr bedeutet es,
sich auf unsere gemeinsamen Interessen und Werte
zu konzentrieren und gleichzeitig neue Wege zu
suchen, sie in der Zukunft zu pflegen.
Ich danke Ihnen.

*

Seite 3

�EINWANDERUNG
7. Mai 1997

Rhetorik versus Realität - das neue
amerikanische Einwanderungsgesetz
von Rosemary Jenks

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Rosemary Jenks über das neue amerikanische
Einwanderungsgesetz. Jenks ist Senior Fellow im Zentrum für Einwanderungsstudien, einer Forschungsgruppe
mit Sitz in Washington.

Die weitverbreitete Panik, die amerikanische Einwanderer und Lateinamerika nach der Verabschiedung
des neuen amerikanischen Einwanderungsgesetzes
erfaßte, ist ein bedauerlicher Beweis für die Macht der
Rhetorik.
In den gesamten Vereinigten Staaten warnten Juristenvereinigungen und Bürgerrechtsgruppen legale und
illegale Einwanderer, das neue Gesetz würde zu
Massenabschiebungen, dem Verlust von Rechten und
drakonischen Strafen führen. Diese Botschaft wurde
von Politikern und Vertretern der Öffentlichkeit in
Lateinamerika aufgegriffen, von denen viele das
Gesetz als rassistisch und ausländerfeindlich bezeichneten.
Die Realität des neuen Gesetzes sieht jedoch weitaus
weniger dramatisch aus. Die Vereinigten Staaten
haben die großzügigste Einwanderungspolitik der Welt
- eine Politik, die im vergangenen Jahr 916.000
Einwanderern ein legales Aufenthaltsrecht in den
Vereinigten Staaten gewährte. Das wird sich unter
dem neuen Einwanderungsgesetz nicht ändern.
Die amerikanischen Politiker verfolgten bei der Verabschiedung dieses Gesetzes zwei Ziele: Erstens eine
deutliche Botschaft zu senden, daß die Vereinigten
Staaten eine Nation der Gesetze sind, die keine
eklatante Mißachtung des Gesetzes toleriert, wie
illegale Einwanderung sie darstellt; und zweitens, die
Hintertürchen zu schließen, die amerikanische Juristen
ausnutzten, um die Durchsetzung bereits existierender
Gesetze gegen illegale Einwanderung zu vereiteln.

AMERIKA DIENST 09

Eine Betrachtung der Bestimmungen des neuen
Gesetzes sollte die leidenschaftliche Rhetorik beenden, die zu Panikmache führte:
Das Gesetz fordert keine Massenabschiebungen. Es
macht die Abschiebung von Einwanderern einfacher
und schneller, die gravierende Verbrechen begangen
haben oder sich illegal im Land aufhalten. Ferner sieht
es Strafen für Einwanderer vor, die sich nach dem 1.
April 1997 illegal sechs Monate oder länger in den
Vereinigten Staaten aufhalten. Einwanderern ohne
Aufenthaltsgenehmigung, die zwischen sechs Monaten
und einem Jahr in den Vereinigten Staaten bleiben,
wird die erneute Einreise drei Jahre lang verboten,
während denjenigen, die ein Jahr oder länger im Land
gelebt haben, die erneute Einreise zehn Jahre lang
verboten wird.
Das neue Gesetz beraubt legale und illegale Einwanderer nicht ihres gesetzlichen Schutzes. Es
beschränkt jedoch die Möglichkeiten für gerichtliche
Überprüfungen einer vorherigen Entscheidung bei im
Abschiebungsprozeß
befindlichen
Einwanderern
sowie bei Einwandereren, die sich ohne gültige
Papiere Zugang zum Land verschaffen wollen. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, nur deswegen
eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, weil es ihnen
mehrere Jahre lang gelungen ist, nicht gefaßt zu
werden. Das neue Gesetz verlangt von solchen
Einwanderern den Beweis, daß sie mindestens zehn
Jahre lang in den Vereinigten Staaten gelebt haben
und ihre Abschiebung eine "außergewöhnliche und
extrem unübliche Härte" für direkte Angehörige
darstellen würde, die US-Bürger oder legale Einwanderer sind.

Seite 1

�Das neue Gesetz weist die Polizei und die
Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization Service - INS) nicht an, in
Wohngegenden und Gemeinden Suchaktionen
durchzuführen, um illegale Einwanderer aufzuspüren.
Es gestattet der Polizei die Zusammenarbeit mit der
INS, wenn sie einen mutmaßlichen Verbrecher
festnimmt, der sich illegal im Land aufhält. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, mit Hilfe gefälschter Papiere Arbeit zu bekommen.
Das neue Gesetz verbietet die Abschiebung von
Ausländern, die Schutz vor echter Verfolgung suchen.
Es verbessert das Asylverfahren und erschwert einen
Mißbrauch des Asylrechts, um eine Arbeitserlaubnis
zu erhalten. Ferner fordert es von illegalen Einwanderern, innerhalb eines Jahres nach Einreise in die
Vereinigten Staaten einen Antrag auf Asyl zu stellen,
damit illegale Einwanderer, die gefaßt werden, ihr
Asylrecht nicht zur Verzögerung oder Vermeidung
ihrer Abschiebung nutzen können.
Schließlich hat das neue Gesetz nicht die Hispanoamerikaner oder irgendeine andere ethnische oder
rassische Gruppe zum Ziel. Es fordert die Gleichbe-

Seite 2

handlung aller Einwanderer. Ein kanadischer oder
deutscher illegaler Einwanderer, der in den Vereinigten
Staaten gefaßt wird, wird ebenso schnell und nach
denselben Vorschriften abgeschoben wie ein mexikanischer oder chinesischer Einwanderer.
Die Vereinigten Staaten haben zweifelsohne das Recht
und die Pflicht gegenüber ihren Bürgern und legal
Ansässigen, die illegale Einwanderung zu kontrollieren, ebenso wie Mexiko das Recht auf die Kontrolle
der illegalen Einwanderung aus Zentralamerika hat.
Tatsächlich ist Mexiko bei der Kontrolle der illegalen
Einwanderung weitaus effektiver als die Vereinigten
Staaten.
Derzeit leben mehr als fünf Millionen Einwanderer
ohne Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten
Staaten, und jedes Jahr kommen 400.000 weitere
dazu. Das neue Einwanderungsgesetz ist eine klare
Erklärung, daß diese Situation nicht akzeptabel ist.
Einwanderer, die legal in die Vereinigten Staaten
einreisen und die amerikanischen Gesetze befolgen,
sind willkommen. Wer das Land auf gesetzeswidrige
Weise betritt oder danach das Gesetz bricht, wird
schnell aber fair nach Hause zurückgeschickt.

AMERIKA DIENST 09

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VON

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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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Z12462 C

10

28. Mai 1997

AUSSENPOLITIK

ALBRIGHT FORDERT FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG INTERNATIONALER PROGRAMME
Rede der Außenministerin in Denver

USA-EUROPA

DIE USA, DIE EU UND UNSERE GEMEINSAMEN
AUFGABEN
Rede von Strobe Talbott

USA-DEUTSCHLAND

NEUE REALITÄTEN DER TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND DER NEUEN
BERLINER REPUBLIK
Rede von J.D. Bindenagel an der
Europa-Universität Viadrina

DIE BEDEUTUNG DER FORSCHUNGSKOOPERATION FÜR DIE DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

WIRTSCHAFT

USA BEZIEHEN KEINE STELLUNG ZUR EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND WÄHRUNGSUNION
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
21. Mai 1997

Albright fordert finanzielle Unterstützung
internationaler Programme
Rede der Außenministerin in Denver

DENVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die US-Außenministerin
Madeleine Albright am 13. Mai 1997 beim Gastgeberkomitee für das G-8-Gipfeltreffen in Denver (Colorado) hielt.

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich. Es ist schön für
mich, wieder zu Hause - in Denver - zu sein.
Ich weiß, daß Präsident Clinton seinem Besuch in
Denver erwartungsvoll entgegensieht, und ich darf
Ihnen seine Grüße sowie die Ihres ehemaligen
Bürgermeisters und meines derzeitigen Kabinettskollegen - Federico Pena - übermitteln.
Es ist wirklich schön, wieder hier zu sein und so viele
alte und neue Freunde zu sehen.
Eben hatte ich die Möglichkeit, meine alte Schule zu
besuchen, wo ich vor vielen Jahren einen Club für
internationale Angelegenheiten gründete und mich
selbst zur Präsidentin ernannte.
Ich hatte schon immer großes Interesse an der
Außenpolitik. Aber ich hätte nie erwartet, daß ich vier
Jahrzehnte, drei Töchter und zwei Enkelkinder später
Außenministerin sein würde. Oder daß ich die Welt
bereisen würde, wie ich es gerade letzte Woche mit
dem Präsidenten der Vereinigten Staaten tat.
Wie Sie vielleicht wissen, besuchte der Präsident
Mexiko, Zentralamerika und die Karibik, um die
amerikanischen Interessen an der Grenze im Süden
unseres Landes zu fördern und zu schützen. Als
ehemalige Professorin hielt ich diese Reise für ein
faszinierendes Beispiel dafür, was ich als das tägliche
Brot der Diplomatie bezeichnen würde. Es gab kein
aufsehenerregendes Abkommen, sondern eine
Vielzahl von Entscheidungen, die die Lebensqualität
der Menschen auf beiden Seiten der Grenze verbessern werden.

AMERIKA DIENST 10

Hierzu zählen die verbesserte Zusammenarbeit im
Kampf gegen den Drogenschmuggel, Übereinkünfte im
Bereich der Luftfahrt und beim Autodiebstahl sowie
eine Vielzahl von Abkommen im Gesundheits-, Arbeits-, Umwelt- und Energiebereich.
Diese mit diesen Ländern getroffenen Maßnahmen
sind Bestandteil eines übergeordneten Integrationsprozesses, den ich heute mit Ihnen erörtern möchte.
Zuvor möchte ich aber die Frage der Finanzmittel
ansprechen.
Dank der Bestrebungen von Administrationen beider
Parteien sowie dem Mut, der Energie und dem Genie
unserer Bevölkerung ist Amerika an der Schwelle zu
einem neuen Jahrhundert ein starkes, prosperierendes, respektiertes und friedliches Land.
Dies ist kein Zufall, und seine Fortdauer ist nicht
unvermeidlich. Der demokratische Fortschritt, ein
steigender Lebensstandard und erhöhte Sicherheit
müssen so erhalten werden, wie sie geschaffen
wurden - mit Hilfe der amerikanischen Führungsrolle.
Aber wir können nicht führen, wenn wir keine Mittel
haben.
Dementsprechend fordere ich Sie - ebenso wie ich das
bei Amerikanern im ganzen Land getan habe - dazu
auf, den Antrag des Präsidenten auf vollständige
Finanzierung unserer Programme für internationale
Angelegenheiten anzunehmen. Dieser Antrag umfaßt
alles - von der Flüchtlingshilfe über die Prüfung von
Visaanträgen bis zu Rüstungskontrollverhandlungen und entspricht etwa einem Prozent unseres Bun-

Seite 1

�deshaushalts. Dieses eine Prozent könnte jedoch 50
Prozent der Geschichte unseres Zeitalters bestimmen
und wird das Leben des amerikanischen Volkes zu
100 Prozent beeinflussen.

Beispielsweise werden Präsident Clinton und die
anderen Regierungschefs kommenden Monat hier in
Denver nach Wegen zur Förderung der Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Bedrohung durch
internationalen Terrorismus suchen.

Mit Ihrer Unterstützung und der des Kongresses haben
wir die einzigartige Chance zur Gestaltung einer
Zukunft, in der die Nationen sich in zunehmendem
Maße auf die Grundprinzipien von Demokratie, offenen
Märkten und Rechtsstaatlichkeit einigen.

Sie werden Strategien zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens erörtern, das weltweit verbreitet ist,
Demokratien korrumpiert, Gewalt fördert und unsere
Kinder mit tödlichen Drogen vergiftet.

Wir verfolgen dieses Ziel durch die Anpassung der
wichtigsten Institutionen und Bündnisse, den Aufbau
starker Beziehungen zu den Großmächten der Welt
und die Ziehung klarer Grenzen zwischen für die
internationale Staatengemeinschaft akzeptablem und
nicht akzeptablem Verhalten.

Sie werden einen Meinungsaustausch darüber führen,
wie die Verbreitung von Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen gestoppt und die Geißel des
wahllosen Einsatzes von Landminen abgeschafft
werden kann, die seit allzu langer Zeit in allzu vielen
Ländern allzu viele Kinder tötet oder verstümmelt.

Aus diesem Grund arbeiten wir mit unseren Verbündeten am Aufbau einer NATO, die durch neue Mitglieder
gestärkt und auf neue Missionen vorbereitet ist.

Und sie werden Möglichkeiten zur fortgesetzten
Ausweitung der Weltwirtschaft erörtern, die eine der
zentralen Ziele der Außenpolitik der Vereinigten
Staaten darstellt.

Aus diesem Grund haben wir mit unseren Freunden in
Asien das nordkoreanische Nuklearprogramm eingefroren und den Weg für einen dauerhaften Frieden auf
der koreanischen Halbinsel geebnet.
Aus diesem Grund stellen wir uns im Nahen Osten, in
Nordirland, Bosnien und anderen Krisenherden der
Welt auf die Seite derjenigen, die Frieden schließen
und gegen diejenigen, die Bomben legen.
Aus diesem Grund räumen wir dem nächsten Monat
hier in Denver anberaumten G-8-Gipfel hohe Priorität
ein.
Ihre Stadt kann stolz darauf sein, daß sie während
dieses Gipfeltreffens Gastgeber eines historischen
Ereignisses sein wird. Erstmals wird Rußland ein
vollwertiges Diskussionsmitglied bei der bislang als
G-7 bekannten Gruppe sein. Das reflektiert den
Prozeß der Einbeziehung, den Präsident Clinton beim
Gipfel von Helsinki im März hervorhob. Und es zeigt,
daß wir wirklich eine neue Zukunft für Europa aufbauen - eine Zukunft, in der jede Demokratie, einschließlich Rußlands, unser Partner ist und jeder
Partner sich am Aufbau des Friedens beteiligt.
Es gibt weltweit zahlreiche internationale Organisationen und Abmachungen, aber die Gruppe der Sieben,
plus Rußland, ragt durch den wirtschaftlichen und
politischen Einfluß seiner Mitglieder heraus. Wenn
diese Länder beschließen, gemeinsam zur Förderung
von Frieden, wirtschaftlicher Sicherheit, Menschenrechten oder anderen Initiativen zu handeln, kann
dadurch wirklich etwas bewirkt, weltweit ein höherer
Maßstab gesetzt und politischer Einfluß ausgeübt
werden.

Seite 2

Während der letzten vier Jahre haben wir unter
Präsident Clinton unsere Diplomatie sehr erfolgreich
zur Schaffung von Wohlstand eingesetzt. Während
dieser Zeit wurden mehr als 200 Handelsvereinbarungen ausgehandelt, wodurch die Exporte in die
Höhe schnellten und schätzungsweise 1,6 Millionen
neuer amerikanischer Arbeitsplätze geschaffen
wurden.
Das ist besonders wichtig für stark exportabhängige
Bundesstaaten wie Colorado. Ihr Hochtechnologiesektor wird beispielsweise vom Zugang zu neuen Märkten
profitieren, die durch das von uns Anfang dieses
Jahres
ausgehandelte
Informationstechnologieabkommen erschlossen wurden. Bei unserer Reise
nach Zentralamerika letzte Woche unterzeichneten wir
Abkommen über "Offene Himmel" ähnlich denen, die
es dem internationalen Flughafen von Denver während
der vergangenen zwei Jahre gestatteten, Nonstopflüge
nach Frankfurt, Amsterdam, Toronto und zu anderen
Zielen in ihr Programm aufzunehmen.
Unsere Geschäftsleute wissen, daß auf den Weltmärkten erbitterter Wettbewerb herrscht. Oft veranstalten
unsere Unternehmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit
ausländischen Konkurrenten, die von ihrer Regierung
aktiv unterstützt werden.
Unser Ziel besteht darin, amerikanischen Unternehmen, Arbeitnehmern und Landwirten gleiche Wettbewerbsbedingungen anzubieten - ob sie nun Erntemaschinen für Weizen verkaufen oder Technologien
zum Aufspüren von Scherwinden wie das System, das
eine von unserem Amt für Handel und Entwicklung
unterstützte Firma aus Boulder derzeit im Fernen
Osten baut.

AMERIKA DIENST 10

�Solange ich Außenministerin bin, wird unsere Diplomatie ein zunehmend offenes und faires globales Wirtschaftssystem anstreben. Unsere Botschaften werden
den amerikanischen Unternehmen angemessene
Hilfestellung leisten. Unsere Unterhändler werden
Handelsvereinbarungen anstreben, die zur Schaffung
neuer amerikanischer Arbeitsplätze beitragen. Und ich
persönlich werde immer wieder betonen - wie ich das
während meiner Besuche bei vielen unserer wichtigsten Handelspartner weltweit getan habe - daß die
Länder, die vor unserer Haustüre Geschäfte machen,
uns gestatten sollten, dasselbe vor ihrer zu tun.

Und gerade letzte Woche habe ich den Präsidenten in
den Regenwald von Costa Rica begleitet, wo wir das
Engagement der Vereinigten Staaten für den Schutz
der natürlichen Ressourcen der Welt unterstrichen und
dieses Engagement unter Beweis stellten, als wir naß
bis auf die Haut wurden.

Unsere Behauptung, die auch Grundlage für den G-8Gipfel ist, lautet, daß wirtschaftlicher Fortschritt kein
Nullsummenspiel ist.
Wenn wir das Wachstum
anderer Nationen fördern, erweitern wir das System
marktwirtschaftlicher Demokratien, an dem unsere
Nation das größte Interesse hat. Und wir schaffen
auch Chancen in unserem Land.

Beim Gipfel in Denver werden wir darüber sprechen,
wie wir diese Verpflichtung als Fortsetzung der
Umweltkonferenz von Rio vor fünf Jahren erfüllen
können. Es gibt kaum einen angemesseneren Ort für
eine solche Diskussion als Colorado, wo die Schönheit
der Natur große wirtschaftliche Vorteile bringt und viele
der modernsten Forschungsarbeiten zum weltweiten
Klimawandel stattfinden.

1995 stellte unser Amt für internationale Entwicklung
(AID) Weizen, Bohnen und Linsen aus Colorado im
Wert von nahezu 17 Millionen Dollar für hungernde
Menschen im Ausland zur Verfügung. Und so unterschiedliche Organisationen aus Colorado wie Global
Steel und Colorado Springs Junior Achievement haben
sich an unseren Hilfsprogrammen beteiligt.

Der Erhalt einer gesunden, vielfältigen globalen
Umwelt ist nicht nur ein außenpolitisches Interesse der
Vereinigten Staaten, sondern eine Verpflichtung
gegenüber zukünftigen Generationen, die jeder
einzelne von uns hat.

Colorado ist auch die Heimat unseres führenden
Umweltexperten im US-Außenministerium, des äußerst
aktiven und erfolgreichen Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten, Timothy Wirth. Und von Dottie
Lamm, die vor anderthalb Jahren ein führendes
Mitglied der amerikanischen Delegation bei der
Weltfrauenkonferenz in Beijing war.

Ich werde dem G-8-Gipfel und der Aufgabe des
Aufbaus starker Volkswirtschaften, der Öffnung neuer

Dottie gründete auch zusammen mit Botschafterin

Märkte und der Schaffung von Arbeitsplätzen viel

Swanee Hunt die Women's Foundation of Colorado.

Aufmerksamkeit widmen. Wir werden aber auch einen
Zusammenhang zwischen diesen und anderen Zielen
herstellen - und das ist die Zukunft unserer globalen
Umwelt.
Die Menschen in Colorado wissen ebenso wie alle
anderen in unserem Land, wie wichtig es ist, daß
unser Wirtschaftswachstum gesund und nachhaltig ist.
In den letzten Jahren habe ich fast jede Region der
Welt bereist.
Ich bin über Bergketten geflogen, auf denen keine
Bäume mehr wuchsen.
Ich habe gesehen, wie sich Bauern in Afrika und Haiti
abmühten, auf viel zu steilen Hängen zu pflanzen, weil
andere Böden ausgelaugt waren.
Ich habe gesehen, wie in für ihre Wirtschaftsstärke
bekannten Gebieten die Lebensqualität durch verschmutzte Luft, verseuchtes Wasser und ein völlig
überlastetes Verkehrssystem beeinträchtigt war.
Ich habe mit Menschen gesprochen, deren Familien
seit Generationen Fischer sind und die verzweifelt
sind, weil die Fischbestände vernichtet wurden.

AMERIKA DIENST 10

Die Bestrebungen dieser Stiftung zur Förderung der
Unabhängigkeit der Frau spiegeln sich in denen
anderer Basisorganisationen auf der ganzen Welt
wider. Sie stellen unter Beweis, daß Frauen - ob sie im
Beruf benachteiligt werden oder schmutzige Arbeit
verrichten, vollwertige Partner bei der Entwicklung
ihrer Gesellschaften sein wollen. Ob sie diese Chance
erhalten, entscheidet über Erfolg oder Scheitern der
Förderung von nachhaltiger Entwicklung auf der
ganzen Welt.
Schließlich wissen wir aus Erfahrung, daß der Teufelskreis der Armut, in dem allzu viele Länder gefangen
sind, durchbrochen werden kann, wenn Frauen über
das Wissen und die Macht verfügen, selbst über ihr
Leben zu entscheiden. Die Geburtenrate sinkt. Das
Umweltbewußtsein steigt. Die Ausbreitung sexuell
übertragbarer Krankheiten verlangsamt sich. Und es
werden mehr positive Werte an die jüngere Generation
weitergegeben.
Eine der ermutigendsten Entwicklungen unseres
Zeitalters ist die weltweite Zusammenführung von
Organisationen und Einzelpersonen, die sich der
Herausforderung der Förderung des Status der Frau
stellen.

Seite 3

�Beispielsweise nahm ich vergangene Woche in
Zentralamerika mit unserer First Lady, Hillary Rodham
Clinton, und Frauen aus jedem Land dieser Region an
einem Zusammentreffen teil.

gemeinsamen Zukunft. Die amerikanischen Werte, die
uns gemein sind, gründen im Engagement für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit - nicht
nur für einige, sondern für alle Menschen.

Dabei war es ermutigend zu erfahren, daß dank der
Bosrebungen von betroffenen Nichtregierungsorganisationen eines der Länder ein Gesetz verabschiedete, das von neuen Kongreßabgeordneten
ausstehende Unterhaltszahlungen für ihre Kinder
verlangt, bevor sie ihr Amt antreten dürfen. In einem
anderen Staat haben die Gerichte erstmals Gesetze
aufgehoben, die Frauen bei der Bestrafung von
Verbrechen nachweislich diskriminieren.

Nur in Freiheit kann das menschliche Potential durch
gleichberechtigte Männer und Frauen voll verwirklicht
werden, die sich ihrer Rechte sicher sind und ihre
Pflichten erfüllen können. Nur wenn unsere Nation
nach außen offen ist, wenn wir verantwortungsbewußt
und unseren Werten getreu handeln, können wir unser
Potential voll realisieren - zu führen und das nächste
amerikanische Jahrhundert zu gestalten.

Den Bestrebungen von Nichtregierungsorganisationen
sollte Beifall gezollt werden, aber auch die Regierungen müssen das Ihre unternehmen.
Als Außenministerin arbeite ich mit anderen Administrationsmitgliedern zusammen, um Fragen im
Zusammenhang mit dem Status der Frau die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Beispielsweise unterstützen unsere Auslandshilfeprogramme Projekte zur Förderung der Möglichkeiten
für Frauen, umfassend am wirtschaftlichen und
politischen Leben ihrer Gesellschaften teilzunehmen.
Wir legen Wert darauf, daß Frauen und Mädchen
Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge erhalten
und richten unsere Flüchtlingshilfe auf die Bedürfnisse
der Frau aus.

Vor nahezu fünfzig Jahren kam meine Familie auf der
Flucht vor dem Kommunismus und auf der Suche nach
Freiheit hierher. Damals hatte die Denver Post den
Slogan "Es ist ein Privileg, in Colorado zu leben." Mein
Vater wiederholte dieses Motto regelmäßig, fügte aber
oft noch eine Ermahnung hinzu: "Kinder", pflegte er zu
sagen, "vergeßt nie, daß es auch ein Privileg ist, in den
Vereinigten Staaten zu leben".
Die Amerikaner in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich der Herausforderung gegenüber,
einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
Ihre Ziele waren unseren heutigen Zielen ähnlich. Sie
wußten, daß Nationen, die beim Handel und als
Partnerin Friedenszeiten zusammenarbeiten, geringere Gefahr liefen, in den Abgrund des Krieges zu fallen.

Wir unterstützen Bestrebungen zur Gewährung von
Darlehen an Kleinunternehmerinnen.

Sie waren der Ansicht, daß das Engagement der
Nationen für hohe Standards bei Gesetz und Menschenrechten die Welt weniger brutal und ungerecht
machen würde.

Wir bemühen uns, daß die Konvention über die
Abschaffung der Diskriminierung der Frau endlich
ratifiziert wird.

Und sie glaubten an menschlichen Fortschritt - denn
sie hatten gerade die größten Feinde des Fortschritts
bekämpft, die es je auf der Erde gegeben hatte.

Wir sind führend bei den globalen Bestrebungen im
Kampf gegen illegalen Frauen- und Mädchenhandel,
weil wir der Ansicht sind, daß nicht nur Drogenhändler,
sondern auch Menschenhändler hart bestraft werden
sollten.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten riefen sie neue
Institutionen ins Leben, um die Freiheit zu bewahren,
Volkswirtschaften wiederaufzubauen, das Gesetz zu
verteidigten und den Frieden zu erhalten.

Wir setzen uns für die Beendigung von Gewalt gegen
Frauen ein. Heute werden weltweit entsetzliche
Greueltaten gegen Frauen verübt - von häuslicher
Gewalt über Mitgiftmorde bis zum Verkauf junger
Mädchen in die Prostitution. Manche sagen, das sei
kulturell bedingt und wir könnten nichts dagegen
unternehmen. Ich halte es für kriminell, und jeder
einzelne von uns hat die Pflicht, dem Einhalt zu
gebieten.
Wenn wir uns für die grundlegenden Werte von Gesetz
und Respektierung der Menschenwürde jedes einzelnen einsetzen, leisten wir einen Dienst an unserer

Seite 4

Heute sehen wir uns der Herausforderung gegenüber,
diese Institutionen zu stärken und an die Gegebenheiten unserer Zeit anzupassen. Es gibt keine Region auf
der Erde, die von den Vorteilen des internationalen
Systems oder seinen Verpflichtungen ausgeschlossen
werden sollte. Und es gibt keinen Amerikaner, der
keine Vorteile durch den Aufbau einer Welt mit mehr
Wohlstand, Sicherheit und Freiheit genießt.
Wie ich bereits sagte, obliegt die Aufgabe der Gestaltung der Zukunft nicht nur den Regierungen. Sie
erfordert stetige Bestrebungen und das unerschütterliche Engagement von Städten wie Denver und Bürgern
wie Ihnen für eine starke Partnerschaft.

AMERIKA DIENST 10

�Der Beschluß der Stadt Denver, Gastgeber des G-8Gipfels zu sein, und der Erfolg der Women's Foundation of Colorado beweisen, daß die Zukunft in guten
Händen liegt.

Ich begrüße alles, was Sie noch leisten werden.
Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und
Gastfreundschaft am heutigen Tag. Ganz herzlichen
Dank.

Ich bewundere Sie für alles, was Sie leisten und
geleistet haben.

* * * *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 5

�USA-EUROPA
28. Mai 1997

Die USA, die EU und unsere gemeinsamen Aufgaben
Rede von Strobe Talbott

WASHINGTON - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott
am 6. Mai 1997 bei der US-EU-Konferenz "Die Brücke über den Atlantik - eine Verbindung von Volk zu Volk"
gehalten hat.

Diese Konferenz ist dem Brückenbau über den Atlantik
gewidmet. Ich arbeite für einen Präsidenten, der eine
Brücke ins nächste Jahrtausend bauen möchte; daher
finde ich den Vergleich durchaus angebracht. Viele
der hier Anwesenden beschäftigen sich mit den
praktischen Einzelheiten der Stärkung der Strukturen
der transatlantischen Zusammenarbeit, beispielsweise
mit Studenten- und Personalaustauschprogrammen,
Städtepartnerschaften,
wirtschaftlichen
Partnerschaften, Internet-Verbindungen und dem ständigen
hin und her der transatlantischen Beziehungen.
Ich möchte hier ganz besonders ein Austauschprogramm erwähnen, das als Vorbild für viele andere
gedient hat.
Vor etwa fünfzig Jahren hatte ein Staatsmann aus
Arkansas namens William Fulbright eine glänzende
Idee, nämlich ein Stipendium zu schaffen, das Amerikanern und anderen die Möglichkeit bot, im Ausland zu
leben und zu studieren. Seither haben Tausende ihr
Fulbright-Erlebnis dazu benützt, immer engere Bande
zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zu
knüpfen.
Es ist mir eine besondere Freude, Frau Harriet Fulbright heute hier begrüßen zu können. Ich möchte
Ihnen sagen, Harriet, daß ein Freund, Bewunderer und
früherer Assistent Ihres Mannes im Senat, Präsident
Clinton, alles in seiner Macht Stehende tun wird, um
dieses bemerkenswerte Programm ebenso wie einige
ähnliche Programme zu stärken und zu verlängern,
wie die Ron-Brown- und Edmund-Muskie-Stipendien,
die es Studenten aus den neuen demokratischen
Ländern Europas ermöglichen, in Amerika zu studieren.

AMERIKA DIENST 10

Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Union über höhere Schulen und
Berufsschulung hat schon zur Einrichtung von Dutzenden von Bildungskonsortien geführt. Die vom früheren
Außenminister Christopher im vergangenen September vorgeschlagene "Fellowship of Hope" ist bereits
eingeführt worden und bietet amerikanischen und
europäischen Beamten eine Chance, in den außenpolitischen Behörden unserer Regierungen Erfahrungen zu sammeln. Ich freue mich auch darüber, daß
ein transatlantischer Dialog im Gewerkschaftsbereich
zu dem transatlantischen Dialog im Geschäftsbereich
hinzugekommen ist, und ich weiß, daß Sie schon an
einer Reihe vielversprechender Vorschläge arbeiten angefangen mit einem transatlantischen AIDSNET bis
zu einer "Telecity" und einem digitalen Bibliothekenprojekt, von neuen Städtepartnerschaften mit Gemeinden in Mittel- und Osteuropa bis zu Austauschprogrammen für Manager und Angestellte.
Wir alle - die Regierungen, der Privatsektor, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen - arbeiten an unserer gemeinsamen Aufgabe eng zusammen.
Ihr Zweck ist nicht nur, bestehende transatlantische
Strukturen zu stärken, sondern auch neue Strukturen
zu schaffen, die auf den Werten gründen, die uns in
einer einzigen transatlantischen Gemeinschaft vereinigen.
Ich möchte heute Morgen zu Ihnen darüber sprechen,
wie sich unsere Gemeinschaft in mehrfacher Weise
verändert. Grundsätzlich verändert sie sich zum
Guten, jedoch in einer Weise, die uns vor neue
Herausforderungen stellt.
Sowohl auf dieser Seite des großen Teichs, in der
westlichen Hemisphäre, als auch auf der anderen

Seite 1

�Seite, in Europa, heißt die Losung unserer Zeit "Integration". Außenministerin Albright, die Sie grüßen
läßt, ist gerade in Mexiko, wo sie sich zusammen mit
Präsident Clinton und mehreren anderen Kabinettsmitgliedern um die Verwirklichung der Integration unserer
Hemisphäre bemüht, die unserer Regierung sehr am
Herzen liegt.

Weltbank und der IWF - machten nicht nur den
Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Volkswirtschaften möglich, sondern auch die Versöhnung und
Integration unter den früheren europäischen Widersachern. Sie trugen letzten Endes wesentlich zur
Schaffung der Grundlage für die Europäische Union
selbst bei.

Aber das Bemühen um Integration ist ebenso ein
transatlantisches Phänomen und ist es seit den
Anfängen unseres Landes gewesen. Im Jahr 1785,
ehe Thomas Jefferson Außenminister wurde, war er
unser Gesandter in Frankreich. Das war eine Zeit
intensiver, häufig buchstäblich halsabschneiderischer
Konkurrenz in Europa. Von seinem Posten in Paris
aus arbeitete Jefferson einen Vorschlag zum Handel
zwischen der Alten und der Neuen Welt sowie zu
einem Übereinkommen über die universalen Rechte
der Staatsbürger aller Nationen aus.

Vor fünfzig Jahren brachen wir gemeinsam in eine
Epoche noch nie dagewesenen Friedens und Wohlstands auf, und zusammen haben wir die dynamischsten Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt
aufgebaut.

Im selben Jahr, als Piraten von der Küste Nordafrikas
die Schiffahrtswege des Mittelmeers und des Atlantiks
bedrohten, schlug Jefferson vor, daß die Vereinigten
Staaten eine multinationale Seemacht zusammenstellen sollten, um dieser Bedrohung zu begegnen.
Man könnte im Rückblick fast sagen, daß einer
unserer Gründerväter einen Plan für einen Prototyp
der NATO erdacht habe. Jedoch wurde er von seinen
Vorgesetzten zurückgepfiffen mit der Begründung, daß
das Projekt für unser junges Land unter anderem
unerschwinglich sei. Wir sehen also, daß die gelegentlichen Schwierigkeiten, den Kongreß dazu zu
überreden, die Mittel für Amerikas außenpolitisches
Engagement zu bewilligen, nichts Neues sind.
Hundertdreißig Jahre später gingen Amerikaner "nach
drüben", nach Europa, um in dem Krieg, der wie
Woodrow Wilson sagte, alle Kriege beenden sollte, zu
kämpfen und die Welt für die Demokratie zu sichern.
Aber natürlich führte all das Blutvergießen zu nichts
dergleichen, zum Teil weil danach Amerika eine
längere Periode des Isolationismus durchmachte.
Erst nach einem zweiten Weltkrieg gelang es Amerika
und Europa endlich, eine dauerhafte Verbindung über
den Atlantik aufzubauen.
Dieses Jahr feiern wir den 50. Jahrestag des Marshallplans, der angemessenerweise zu etwa derselben
Zeit in Kraft trat wie das Fulbright-Austauschprogramm
und der ebenfalls der Förderung des Engagements für
transatlantische Zusammenarbeit diente.
Die langfristigen Auswirkungen des Marshallplans
können noch heute nicht nur in den Stahlwerken,
Eisenbahnnetzen und landwirtschaftlichen Unternehmen Westeuropas gesehen werden, sondern auch in
den Institutionen, welche die zwei Kontinente politisch
und wirtschaftlich näher zusammengebracht haben.
Die OECD und die Bretton-Woods-Institutionen - die

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Aber dies hat auch noch einen anderen entscheidenden Aspekt, sowohl historisch gesehen als auch
zukunftsweisend: Wir, das heißt die Vereinigten
Staaten und Europa, beschränkten unsere gemeinsamen Bemühungen oder ihre Früchte nicht auf uns
allein, sondern wir beziehen auch andere Regionen
und andere Märkte ein. Wir sahen das Muster der
Mosaiksteinchen, die wir zusammensetzten als einen
Teil eines größeren Mosaiks. Dabei handelte es sich
nicht um eine Abstraktion - im Gegenteil, es hätte nicht
praktischer sein können. Mit anderen Worten, es hatte
in erster Linie wirtschaftliche und kommerzieller
Bedeutung. Die USA und die EU bemühten sich
gemeinsam um die Liberalisierung des Welthandels.
Die Uruguay-Runde des GATT war der Höhepunkt
dieser Bemühungen.
Wir können also stolz darauf sein, daß wir uns angewöhnt haben, global zu denken, zu handeln und
Handel zu treiben, während wir regional aktiv waren.
Aber da unser prophetischer Weitblick begrenzt war,
gewöhnten wir uns auch an den Kalten Krieg. Wir
hielten ihn für einen dauerhaften Bestandteil des
menschlichen Lebens, und den Eisernen Vorhang für
eine permanente Einrichtung des europäischen
Kontinents. Unser Mangel an Voraussicht in dieser
Hinsicht erinnert mich an eine Bemerkung von Dan
Quisenberry, einem bekannten Baseball-Spieler der
Kansas City Royais, der sagte: "Ich habe die Zukunft
gesehen, und sie ist genau wie die Gegenwart, bloß
länger."
Dann plötzlich vor acht Jahren, im Jahr 1989, wurde
die Zukunft zur Gegenwart und sah ganz, ganz anders
aus. Die Mauern stürzten ein und enthüllten eine neue
Landschaft, in der die alten Denkweisen und die alten
Grenzen keine Bedeutung mehr hatten. Heute liegen
die Länder mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum
östlich der Elbe. Soldaten aus Rußland und der
Ukraine, Estland und Polen, Großbritannien und
Frankreich, Amerika und Kanada und vielen anderen
Ländern, die vor nur einem Jahrzehnt Mitglieder
feindlicher Blöcke waren, dienen heute Seite an Seite
in Bosnien. Und letzte Woche war ich mit Außenministerin Albright in Moskau, um Verhandlungen über

AMERIKA DIENST 10

�ein kooperatives Verhältnis zwischen Rußland und der
NATO zu führen.
All dies beweist den treffenden Mutterwitz eines
weiteren berühmten philosophierenden Baseballspielers, des unvergleichlichen Yogi Berra, der sagte:
"Die Zukunft ist auch nicht mehr was sie mal war."
Mit dem Ende des Kalten Krieges wurden die Kräfte,
die uns die gemeinsame Verteidigung gekostet hatte,
zunehmend frei und konnten statt dessen zur Stärkung
unserer grundlegenden Institutionen eingesetzt
werden. Eine hiervon ist die EU selbst, über die ich
gerne ein paar Worte sagen möchte.
Aber ich möchte zuerst einen allgemeinen Grundsatz
aufstellen - einen Rahmen für die amerikanische
Unterstützung für die EU und die gelegentliche
Besorgnis über sie: Wir glauben, daß die regionale
Integration in Europa und andernorts den direkt
betroffenen Ländern ermöglichen sollte, die herkömmlichen Unterschiede in Gewohnheiten und Geschichte,
Geographie und Kultur zu überbrücken. Folglich sollte
die Integration eher nach außen als nach innen wirken.
Dies ist unsere beste Rückversicherung gegen die
Möglichkeit, daß die falsche Art von regionalem
Zusammenhalt die schlimmste Art interregionalen
Konflikts zeugen könnte. Diese Sorge hat einige
unserer besten, am weitesten vorausschauenden
Denker schon recht lange bewegt. Direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg schrieb George Orwell seinen
futuristischen Alptraum "1984". Dieser Roman handelt
von einer Welt, die in drei gegeneinander kriegführende Superregionen - Eurasien, Ostasien und Ozeanien aufgeteilt ist. Nun, 1984 liegt jetzt schon 13 Jahre
zurück, und wir sind hoffentlich der Gefahr, vor der
Orwell gewarnt hat, sicher entkommen.
Aber wir dürfen uns nicht in einem falschen Gefühl der
Sicherheit wiegen. Wir müssen weiterhin dafür
sorgen, daß die Zusammenarbeit innerhalb der
Regionen die Zusammenarbeit zwischen den Regionen stützt und verstärkt. Von diesem Grundsatz läßt
sich unsere eigene Regierung in ihrer Haltung gegenüber der NAFTA leiten, wie Präsident Clinton und die
Minister Albright, Rubin und Daley heute in Mexiko
ihren Gastgebern versichern. Er bestimmt auch
unsere Politik gegenüber Südamerika und dem Fernen
Osten - und die Möglichkeiten, Brücken zwischen den
beiden Regionen zu schlagen. Wer hätte vor zehn
Jahren gedacht, daß Chile eines Tages eines der
dynamischsten Mitglieder einer Organisation namens
APEC sein würde - wobei das A und das P "asiatisch-pazifisch" bedeuten?
Und dieselbe Betonung der Weltoffenheit und des
Brückenschlags wird unsere Reaktion auf die EU und
unser Zusammenwirken mit ihr bestimmen.

AMERIKA DIENST 10

Um eine Sprache zu gebrauchen, die den hier vertretenen Europäern besonders geläufig ist: Wenn
unsere Regierung sagt, daß wir die europäische
Integration unterstützen, meinen wir damit sowohl ihre
Vertiefung als auch ihre Ausweitung. Wir meinen die
Konsolidierung internationaler Institutionen und ihre
Erweiterung oder Vergrößerung. Das bedeutet, daß
wir unsere Freunde und Bündnispartner in Europa
ermutigen, sich für die breiteste, umfassendste,
aufgeschlossenste Art der Integration zu engagieren.
Dies soll keine Kritik früherer oder gegenwärtiger
EU-Politik sein. Im Gegenteil, wir sind beeindruckt von
den weitsichtigen Entscheidungen, die die EU schon
getroffen hat, wie zum Beispiel ihre Unterstützungsprogrammefür Mittel- und Osteuropa, ihr Engagement
für die Erweiterung und die Rolle, die sie in der neuen
transatlantischen Tagesordnung spielt.
Andererseits sind wir uns auch bewußt, daß in Europa
gegenwärtig eine Debatte über ein Thema stattfindet,
von dem die Teilnehmer glauben, daß es weitgehend
eine interne europäische Angelegenheit sei. Ich meine
die europäische Währungsunion. Ich möchte einige
wohlüberlegte Worte über unsere Ansichten zu diesem
wichtigen und heiklen Thema sagen. Die Erfahrung
zeigt, daß die Vereinigten Staaten in den letzten fünfzig
Jahren jede frühere Initiative zur größeren politischen
und wirtschaftlichen Einheit der europäischen Völker
unterstützt haben. Dies lag in unserem eigenen
Interesse. Ein politisch geeintes Europa wird ein
stärkerer Partner zur Erreichung unserer gemeinsamen Ziele sein. Ein wirtschaftlich vereinigtes Europa
schafft ein weit attraktiveres Klima für amerikanische
Investitionen.
Was die EWWU betrifft, haben wir uns gehütet, in eine
Debatte einzugreifen, an der sich schon genügend
qualifizierte Parteien beteiligen. Es steht uns nicht an,
zu sagen, wie sich diese Initiative zu entwickeln hat
oder wer daran teilnehmen soll. Aber wir haben
keinen Zweifel und zögern nicht frei heraus zu sagen,
daß eine EWWU, die einen offenen Binnenmarkt festigt
und Wirtschaftswachstum in Europa anregt, gut für die
amerikanische Wirtschaft sein wird. Wenn die EU
dank dieser gewagten Initiative eine noch aktivere und
konstruktivere Rolle auf der Weltbühne spielen kann,
dann wird das auch gut für Amerika sein.
Ich möchte nun ein anderes Thema anschneiden, das
ebenfalls eine heftige Debatte ausgelöst hat, nämlich
die Beziehungen zwischen der EU und den Ländern im
Osten. Mittel- und Osteuropa ist die Region, in der die
beiden heißen Kriege unseres Jahrhunderts sowie der
Kalte Krieg begannen. Neue Gefahren lauern immer
noch dort, wie aus der erschreckenden Tatsache klar
wird, daß in den letzten fünf Jahren in Bosnien,
Kroatien und Albanien auf dem Balkan sowie in
Tschetschenien und Berg-Karabach im Kaukasus
mehr Europäer brutal umgekommen sind als in den

Seite 3

�vorangegangenen fünfundvierzig Jahren. Die Unruhen
in diesen Gebieten bedrohen den Frieden ganz
Europas.
Vaclav Havel hat uns alle daran erinnert - und ich
zitiere: "Ebenso wie es unmöglich ist, daß ein halbes
Zimmer immer warm bleibt und die andere Hälfte kalt,
ist es undenkbar, daß zwei verschiedene Europas auf
die Dauer nebeneinander existieren könnten ohne daß
es beiden schadet - und die stabilere und wohlhabendere Hälfte würde dabei den größeren Schaden
erleiden."
Havel ist einer der mutigen führenden Politiker tapferer
Völker, die seit 1989 die Ketten gesprengt, die Tore
weit geöffnet und die Mauern niedergerissen haben.
Staaten, die vor nur zehn Jahren noch in Knechtschaft
lebten, mit einer Festungsmentalität und Kommandowirtschaften, halten jetzt Wahlen ab, führen den
Rechtsstaat ein, öffnen ihre Märkte, erlauben Pressefreiheit und klopfen an die Türen der verschiedenen
internationalen Verbände und Institutionen unserer
Gemeinschaft.
Wir müssen auf dieses Klopfen hin unsere Türen
öffnen. In der Debatte darüber, ob , wie schnell und zu
welchen Bedingungen wir das tun, sollten wir daran
denken, daß zu der Zeit, zu der George Marshall den
Plan, der seinen Namen trägt, ins Leben rief, Deutschland und Frankreich völlig zerstört waren und es ihnen
in vieler Hinsicht schlechter ging als den mittel- und
osteuropäischen Länder heute. Deutschland, Frankreich und der Rest der EU personifizieren heute den
Triumph der Integration über das, was Marshall 1947
"den Hunger, die Armut, den Despotismus und das
Chaos" Westeuropas nannte.
Daher ist die Erweiterung der Strukturen, welche die
transatlantische Gemeinschaft stützen, kein riskantes
neues Unterfangen, sondern eine logische Fortführung
der Strategie von Marshall, Adenauer und Monnet.
Dies waren auch die Gründe für den Entschluß der
Staats- und Regierungschefs der NATO vor drei
Jahren, das Bündnis auf Mittel- und Osteuropa
auszudehnen. Die NATO hatte auch eine andere
Wahl. Sie hätte sich auf ihre Mitglieder der Zeit des
Kalten Krieges beschränken können. Aber das hätte
bedeutet, daß unsere Interessen und Hoffnungen am
Checkpoint Charlie Halt machen würden, oder, wie
kürzlich gesagt wurde, daß an diesem Punkt die
Geschichte selbst aufhört. Das wäre ein strategischer
Fehler ungeheuren Ausmaßes gewesen und hätte lang
andauernde Folgen gezeitigt.
Ich möchte die Beweggründe unserer Regierung
erklären. Wir - die Vereinigten Staaten - haben eine
Reihe sich gegenseitig verstärkender Gründe für die
NATO-Erweiterung. Wir glauben, daß dies der beste

Seite 4

Weg ist, um die Stabilität Osteuropas zu sichern und
die Demokratie zu stärken.
Aber ich will ganz ehrlich sein: Wir haben auch noch
einen anderen Grund. Wir hoffen nämlich, daß die
Erweiterung der NATO, in der wir auch Mitglied sind,
zu den Bedingungen für eine Erweiterung der EU
beitragen wird, in der wir zwar nicht Mitglied sind, aber
an der wir ein großes und entscheidendes Interesse
haben.
Dabei handelt es sich nicht nur darum, daß die NATO
mit gutem Beispiel vorangeht, sondern auch darum,
daß die NATO-Erweiterung ein Klima schafft, das
dadurch, daß es stabiler und friedlicher ist, die Erweiterung der EU nach Osten erleichtern wird. Viele
der neuen europäischen Demokratien haben große
Fortschritte in bezug auf die Erfüllung der wirtschaftlichen Bedingungen für die EU-Mitgliedschaft gemacht.
Aber die Regierungen der EU-Mitglieder und westliche
Investoren müssen auch darauf vertrauen können, daß
die Region auf die Dauer Sicherheit bieten kann, und
das ist Sache der NATO.
Es wurde auch schon argumentiert, daß das Gegenteil
der Fall sei - daß die NATO-Erweiterung der EU einen
Vorwand biete, keine neuen Mitglieder aufzunehmen.
Die Tatsachen beweisen jedoch das Gegenteil. Je
entschiedener wir uns für die feste Absicht der NATO
eingesetzt haben, neue Mitglieder aufzunehmen, desto
entschiedener ist auch die EU für ihre eigenen Erweiterungspläne eingetreten. Und außerdem muß
man ehrlich zugeben, es ist kaum vorstellbar, daß der
Prozeß der EU-Erweiterung schneller vorangetrieben
werden könnte. Die EU verlangt mit vollem Recht von
den Beitrittskandidaten, daß sie viele komplizierte
Änderungen in ihrer Wirtschafts- und Verwaltungspolitik einführen. Aber wie Außenministerin Albright
bereits sagte, sollte die von der NATO gebotene
Sicherheit nicht warten müssen "bis die Tomatenanbauer in Mitteleuropa die richtigen Schädlingsbekämpfungsmittel anwenden".
Wir betrachten die NATO-Erweiterung und die
EU-Erweiterung als separate aber parallele Prozesse,
die demselben Zweck dienen: Einer erweiterten und
vertieften transatlantischen Gemeinschaft.
Wenden wir uns nun einer dritten schwierigen und
wichtigen Frage zu, der sich die EU gegenübersieht,
wenn sie nach Osten - und Süden blickt. Ich rede von
der Herausforderung an das europäische Selbstverständnis und was ein EU-Beitritt der Türkei für die
Zukunft der EU bedeuten würde. Auch in dieser Frage
haben die Vereinigten Staaten kein offizielles Mitspracherecht, aber sie berührt zweifelsohne auch ihre
Interessen.
Die Türkei macht gegenwärtig die Wehen des Übergangs zur Modernität durch, und das betrifft auch die

AMERIKA DIENST 10

�Bereiche Demokratie und Menschenrechte. Diese
Bereiche
bieten
zusammen
mit
den
türkisch-griechischen
Beziehungen
gerechtfertigte
Gründe zur Besorgnis für die EU. Diese Schwierigkeiten bedeuten jedoch nicht, daß die Türkei deshalb
weniger europäisch ist. Genau genommen haben
viele gegenwärtige EU-Mitglieder in diesem Jahrhundert noch viel schlimmere Traumata überwunden,
um es milde auszudrücken. Und vergessen wir nicht,
daß die Türkei am Anfang dieses Jahrhunderts, nach
dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Osmanischen Reichs, unter der Führung von Kemal Atatürk
eine strategische Wahl in bezug auf ihr Wesen und
ihre Orientierung traf, und zwar eine Wahl, die von
unserem Standpunkt aus gesehen die richtige war.
Wir glauben, daß diese Wahl auch vom türkischen
Standpunkt her die richtige war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Türkei dann der
NATO bei. Das geschah natürlich hauptsächlich weil
die Türkei eine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion hatte und dadurch buchstäblich an vorderster
Front im Kalten Krieg stand. Aber heute steht sie
ebenso an der vordersten Front im Hinblick auf die
vielen Herausforderungen der Epoche nach dem
Kalten Krieg. Die fortgesetzte strategische Bedeutung
der Türkei gründet auf der Tatsache, daß sie an den
Grenzen des Irak, Syriens und des Irans liegt, sowie
auf ihre geographische Nähe und sprachliche Verwandtschaft mit den Ländern des Kaukasus und
Zentralasiens.
Aus diesen Gründen haben wir weiterhin ein Interesse
daran, daß die Türkei sich zu einem starken, wohlhabenden, säkularen und demokratischen Staat
entwickelt, der voll in unsere Gemeinschaft integriert
ist. Nur mit einer solchen Türkei können wir gemeinsam die Oberhand behalten in dem Kampf, der an die
Stelle des Kalten Krieges getreten ist - dem Kampf
zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen
Wohlstand und Armut, kurz gesagt, zwischen den
Kräften der Integration und des Zerfalls.
Wir haben Verständnis dafür, wie schwierig und
vielschichtig das Thema Türkei ist, nicht zuletzt für die
Türkei selbst, aber auch für andere. Wir sind uns
bewußt, daß das Verhältnis der Türkei zu der EU für
mehrere größere EU-Staaten nicht nur ein außenpolitisches Problem darstellt, sondern auch ein
innenpolitisches in Anbetracht der Tatsache, daß eine
EU-Mitgliedschaft auch Freizügigkeit bedeutet.
Hier in den Vereinigten Staaten haben wir einige
Erfahrung mit derartigen Fragen, wie jeder weiß, der
die Debatte über das NAFTA verfolgt oder heute
Morgen die Nachrichten über die Demonstrationen
gehört hat, die Präsident Clinton bei seiner Ankunft in
Mexiko City erwarteten. Ich würde sogar sagen, daß
die Vereinigten Staaten und die EU gemeinsam das
Dilemma haben, wie man einerseits die Notwendig-

AMERIKA DIENST 10

keiten und Vorteile der regionalen Integration und der
offenen Grenzen mit unseren Nachbarn in Einklang
bringen kann und andererseits die Notwendigkeiten
einer vernünftigen und humanen Einwanderungspolitik.
Bei ihrem Besuch in Mexiko werden Präsident Clinton
und seine Minister betonen, daß wir die legale Einwanderung unterstützen wollen, die unsere Kultur und
Wirtschaft bereichert und die Vereinigten Staaten zum
fünftgrößten hispanischen Land der Welt gemacht hat.
Wir wollen legale Einwanderer ermutigen, unsere
Staatsbürgerschaft zu erwerben, während wir gleichzeitig die illegale Einwanderung verhindern wollen, die
nur den Konsens für engere Beziehungen stört.
Wir wissen, daß die EU und die Türkei entschlossen
daran arbeiten, diese komplizierten Probleme gegeneinander abzuwägen und so viele Gemeinsamkeiten
wie möglich zu finden. Seit über einem Jahr hat die
EU ein Zollunionsabkommen mit der Türkei, und letzte
Woche gab die EU bekannt, daß der Beitritt der Türkei
zu denselben Bedingungen, die für andere Beitrittskandidaten gelten, stattfinden kann. Wir begrüßen
auch die Einrichtung einer "Gruppe von Weisen" in der
letzten Woche, um die Probleme zu prüfen, die so
große Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei verursacht haben.
Und doch gibt es noch viele, die sich heftig dem
Gedanken widersetzen, daß Nationen östlich des
Gebiets, das man das "traditionelle Europa" nennen
könnte, je wirklich ein Teil eines größeren Europas des
einundzwanzigsten Jahrhunderts werden könnten. Wir
sind überzeugt, daß diese Haltung ganz und gar falsch
ist - und möglicherweise sehr gefährlich. Über die
Jahrhunderte hat Europa in seiner besten Form - und
in seinen friedlichsten und wohlhabendsten Zeiten sich nicht als durch künstliche Grenzen begrenzt
empfunden, wie einen Fluß hier, eine Bergkette dort,
oder eine Mauer aus Zement und Stacheldraht
woanders. Nein, Europa wurde Europa weil es solche
Grenzen überwand und sich zu einer Völkergemeinschaft mit gemeinsamen Werten, Zielen und Lebensweisen entwickelte.
Die Türkei ist seit dem 16. Jahrhundert ein Teil des
europäischen Systems gewesen. Selbstverständlich
hat sie kulturelle Bindungen an Zentralasien und den
Nahen Osten. Aber dasselbe gilt für Rußland, das
ebenfalls ein Teil des zukünftigen integrierten Europas
sein muß, wenn es so etwas überhaupt geben soll. Es
trifft zwar zu, daß der größte Teil der Türkei von
Europa durch eine schmale Wasserstraße getrennt ist,
aber dasselbe gilt auch für Großbritannien.
Ich möchte nun einige Worte über den Islam sagen. In
der gegenwärtigen Debatte über die Türkei hört man
häufig die Schlagworte "Kultur", oder manchmal auch
"Zivilisation". Diese Worte sind oft Euphemismen für
"Religion". Zur Zeit ist eine Theorie in Mode, nach der
die Rivalität des Kalten Krieges zwischen Kommu-

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�nismus und Kapitalismus von einem "globalen Kampf
der Kulturen" abgelöst worden ist, wie zum Beispiel
dem Kampf zwischen den westlichen und den islamischen Ländern.

Außenministerin Albright ist derselben Meinung, und
sie wird ihre Amtszeit dazu nutzen, Europa zu ermutigen, sich als möglichst umfassend und aufgeschlossen zu definieren.

Diese Vorstellung ignoriert sowohl die großen Unterschiede innerhalb dieser Kulturen als auch ihre
Gemeinsamkeiten. Sie unterschätzt ebenfalls die
ethnische und religiöse Vielfalt in den Vereinigten
Staaten, die auch zunehmend in Westeuropa anzutreffen ist. Und sie unterschätzt die Gefahren,
denen wir in der Zukunft ausgesetzt sein werden,
wenn wir heute künstliche Barrieren errichten gegen
die Bemühungen eines europäischen Landes, das
willens ist, die Normen und Pflichten unserer demokratischen Gemeinschaft zu akzeptieren, oder wenn wir
die Zugehörigkeit eines Dorfes zu Europa danach
bestimmen wollen, ob es von einem Kirchturm oder
einem Minarett überragt wird.

Abschließend möchte ich bemerken, daß die Vereinigten Staaten bezüglich der drei Fragen, die ich
heute Morgen angeschnitten habe - die EWWU, die
Beziehungen zwischen der EU und den früheren
kommunistischen Ländern im Osten sowie die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei - als Leitgedanken für die Europapolitik weiterhin eben diese
Ziele und Werte empfehlen, die Ihrer Arbeit zugrundeliegen, die Sie hier zu dieser Konferenz zusammengeführt hat. Wir werden die EU ermutigen, in Zukunft das
zu tun, was die hier anwesenden Einzelpersonen und
die hier vertretenen Organisationen bereits tun,
nämlich Brücken zu schlagen, das Netzwerk von
Kontakten und Verbänden zu vertiefen und auszubauen sowie Austauschprogramme innerhalb und zwischen den lokalen, nationalen und regionalen Gemeinden zu fördern, die die weltweite Gemeinschaft
ausmachen zu der wir alle gehören.

Wie Warren Christopher im Frühjahr letzten Jahres
erklärte, darf unsere Integrationsstrategie "keine
grundsätzlichen Grenzen zwischen den katholischen,
orthodoxen und islamischen Teilen Europas dulden.
Diese Gegensätze trugen zu dem Krieg im früheren
Jugoslawien bei, und sie dürfen keinerlei Rolle spielen
in dem Europa, das wir jetzt schaffen."

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Neue Realitäten der transatlantischen Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der
neuen Berliner Republik
Rede von J.D. Bindenagel an der Europa-Universität Viadrina

FRANKFURT AN DER ODER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge
d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 13. Mai 1997 an der
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder hielt.

Rektor Weiler, sehr geehrte Fakultätsmitglieder, liebe
Studenten,
vielen Dank für die Einladung, bei dieser einzigartigen,
zukunftsorientierten Institution eine Rede zu halten.
Die Europa-Universität Viadrina mit ihrer Kombination
aus Altem und Neuem, ihrem interkulturellen und
internationalen Charakter und ihrer Lage in der Nähe
des geographischen Herzens von Europa verkörpert
viele der neuen Realitäten, die Deutschland nach der
Revolution von 1989 und der Vereinigung umgeben.
Diese Universität zeigt ihre Anerkennung und Würdigung dieser neuen Realitäten durch die Zusammensetzung ihrer Studentenschaft und ihrer Studienschwerpunkte. Aktivitäten wie die unlängst erfolgte Gründung
des Instituts für Transformationsstudien repräsentieren
das innovative Denken, das von uns allen verlangt
wird - in der akademischen Welt, der Regierung, der
Wirtschaft und bei unseren zwischenmenschlichen
Kontakten.
Ich weiß die Veränderungen zu würdigen, die Deutschland bewältigt hat und gegenwärtig in Angriff nimmt.
Während der Revolution von 1989 in der DDR war ich
in der Amerikanischen Botschaft in Ostberlin Stellvertretender Botschafter und hatte das Privileg, Augenzeuge eines Ereignisses von immenser historischer
Bedeutung zu werden: Die lange schwelende Unzufriedenheit der Menschen gipfelte in einer Revolution, die friedlich genug war, um Blutvergießen zu
verhindern, aber machtvoll genug, die Berliner Mauer
zu Fall zu bringen.

AMERIKA DIENST 10

Es war das Zusammentreffen mehrerer Zufälle - von
der Zurückhaltung der Demonstranten über die von
der NATO verfolgte Politik der Abschreckung bis zur
Bereitschaft des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, den Völkern der Sowjetunion ein gewisses
Maß an Freiheit zu geben - die zusammenwirkten, um
das klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der Zusammenbruch des Systems, das Deutschland
und Europa so viele Jahrzehnte lang geteilt hatte, ist
dem Mut und Optimismus der Menschen aus beiden
Blöcken zu verdanken, die der Überzeugung waren,
daß die Demokratie obsiegen konnte und sollte. Der
Fall der Berliner Mauer wurde weder durch die auf
beiden Seiten des Eisernen Vorhangs massierten
Armeen erreicht, die auf den Beginn des unvermeidlichen Krieges warteten, noch durch ein mysteriöses,
historisches Ende der kommunistischen Idee. Die
Berliner Mauer wurde durch die ununterdrückbare
Sehnsucht der Menschen nach Freiheit durchbrochen
und schließlich zu Fall gebracht.
Vor wenigen Jahren schien dieser grundlegende
Wunsch, der die Menschen im Ostblock aufgrund der
Verweigerung der Reisefreiheit erfaßte, wie ein
unerfüllbarer Traum. Heute ist er eine Realität, die so
tief in unserem Denken verwurzelt ist, daß wir uns
kaum vorstellen können, dieses Recht nicht zu
besitzen.
Wir haben in den letzten acht Jahren einen langen
Weg zurückgelegt. Die Teilung Europas rückt immer

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�mehr in die Ferne, insbesondere da Länder im Osten
und Westen, die so lange als entfremdete Nachbarn
auf einem einzigen Kontinent gelebt hatten, sich jetzt
gegenseitig neu entdecken und den Reichtum der
Kultur und Geschichte des anderen in sich aufnehmen.
Die negative Spannung aus der Zeit des Kalten
Krieges, die einst in Berlin vorherrschend war, ist jetzt
durch die positive Spannung von Aktivität, Umgestaltung und Kreativität ersetzt worden.
Europa setzt seinen Einigungsprozeß fort, und wo
einst Mauern standen, entstehen jetzt Brücken. Die
Brücke, die Sie so passend in das Abzeichen Ihrer
Universität aufgenommen haben, ist das wesentliche
Symbol unserer Zeit. Sie ist das Symbol für Freundschaft und den Weg zu mehr Interaktion und Verständigung.
Deutschland verlegt in Anerkennung seiner Rolle im
Zentrum Europas seinen Regierungssitz in die Hauptstadt Berlin. Bei diesem Umzug können wir eine
Mischung aus Alt und Neu sehen. Die Berliner
Republik repräsentiert die Vermischung der demokratischen Entwicklung Deutschlands mit seiner Ablehnung
des Totalitarismus, seiner Anerkennung historischer
Realitäten und Verantwortung sowie seiner Stärke als
führender Akteur in den wichtigsten europäischen und
transatlantischen Institutionen.

Ebenso wie die Vereinigten Staaten vor 50 Jahren den
Marshallplan entwickelten, um Deutschland und dem
übrigen Westeuropa beim Wiederaufbau nach dem
Zweiten Weltkrieg zu helfen, kann Deutschland als
führendes Mitglied der wichtigsten Institutionen
Europas eine positive Rolle bei der Förderung von
Sicherheit und Wohlstand im Osten übernehmen.
Die Erweiterung der Europäischen Union wird nach
dem Ende des Kalten Krieges eine entscheidende
Entwicklung für Europa darstellen. Die Einbeziehung
aller Länder Zentraleuropas und der baltischen
Staaten in die EU wird äußerst positive Auswirkungen
auf die Region haben. Sie wird diese Länder enger an
den Westen binden, die marktwirtschaftliche Entwicklung stärken, demokratische Institutionen fördern und
einen großen Anreiz für die Weiterentwicklung der
engen gutnachbarschaftlichen Beziehungen geben,
wie wir sie an Orten wie Frankfurt an der Oder sehen.

Deutschland ist ein natürlicher Fürsprecher der
Nationen, die früher in der Tyrannei des Ostblocks
gefangen waren. Das gilt insbesondere für Polen, ein
Land, dessen Geschichte stark von Deutschland
beeinflußt wurde. Von besonderer Bedeutung sind die
Bestrebungen Deutschlands und Polens, neue

Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie multilaterale
Zusammenarbeit in dieser Region zur Bewältigung der
Herausforderungen in einem geeinten Europa funktionieren kann, ist das Border Region Study Project, das
jetzt mit Unterstützung des US-Informationsamts
(USIA) und des German-American Marshall Fund
durchgeführt wird. Diese Initiative vereint die Regierung, den Privatsektor und die akademische Welt. Sie
setzt einen weitreichenden und fruchtbaren Austausch
von Ideen und Erfahrungen bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und Entwicklung zwischen
Frankfurt an der Oder und seinen polnischen und
tschechischen Partnern und Pendants in Yuma
(Arizona) und Sonara (Mexiko) in Gang. Der EuropaUniversität Viadrina kommt bei diesem Prozeß eine

Bindeglieder zu finden.

Schlüsselrolle zu.

Ein Symbol für diese neue

enge Beziehung zwischen Deutschland und Polen ist
die Tatsache, daß der polnische Außenminister
Dariusz Rosati den Nationalfeiertag seines Landes am
3. Mai dieses Jahr nicht in Polen, sondern in Deutschland feierte. Dieses Ereignis zeigt, wie weit Polen und
Deutschland bei der Erneuerung ihrer Beziehungen
und dem Verheilen alter Wunden gekommen sind.
Ein weiteres Beispiel sind persönliche Kontakte. Als
Institution, die sich der multikulturellen Bildung verschrieben hat, kennen Sie die Vorteile, wenn Parlamentsabgeordnete, Geschäftsleute und interessierte
Bürger zusammentreffen, um gemeinsame Probleme
zu erörtern und Ideen auszutauschen. All diese
Bestrebungen leisten einen Beitrag zum Aufbau
dauerhafter Verbindungen, die die polnisch-deutschen
Beziehungen bereichern und stärken.
Multilaterale Bestrebungen wie die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und
Polen sind ein anderer Weg zur Stärkung von Kontakten und dem Auffinden gemeinsamer Interessen.
Derartige Bestrebungen können alte Grenzen abschaffen und die Stabilität Europas stärken.

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Parallel zu dieser Initiative wird eine neue, vielversprechende Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt an
der Oder und Yuma (Arizona) begründet, die beim
bevorstehenden Besuch des Bürgermeisters von
Yuma offiziell ins Leben gerufen wird.
Die Vereinigten Staaten als europäische Macht und als
ein Land mit vielen Bürgern, die Vorfahren in diesem
Teil der Alten Welt haben, sind an der Ausweitung von
Stabilität und Wohlstand in dem neuen, geeinten
Europa interessiert. Ob man sich unsere Bestrebungen in den baltischen Staaten, die Investitionen
amerikanischer Unternehmen in den östlichen Bundesländern, die Bestrebungen zur Entsorgung von
Altlasten auf den ehemaligen Militärstützpunkten oder
die Finanzhilfeprogramme der Vereinigten Staaten
betrachtet - man spürt das aktive Interesse der
Amerikaner an der Anknüpfung neuer Beziehungen
und der Entwicklung engerer Kontakte.
Mit einem Investitionsvolumen von 12 Milliarden Mark
sind die Vereinigten Staaten der größte Investor in den
neuen Ländern. Die jährlichen Steigerungsraten

AMERIKA DIENST 10

�betragen mehr als 20 Prozent. Damit sind 50.000
Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert worden.
Die Investitionen sind ein wichtiger Beitrag zum
Wachstum dieser Region und der Schlüssel für die
wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundesländer.

Bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zählen
jedoch nicht nur Investitionen, sondern auch vertiefte
Information und Kommunikation. So haben wir versucht, unsere Erfahrungen mit neuen Finanzierungskonzepten wie Risikokapital in den neuen Ländern
publik zu machen.

Bundeskanzler Kohl hat kürzlich auf einer Tagung der
American Chamber of Commerce in Germany das
Engagement der USA als führender Investor ausdrücklich gewürdigt. In der Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges sind diese Investitionen die wesentlichen
Pfeiler der Brücken über den Atlantik.

Wirtschaftliches Engagement führt auch zu verstärkten
zwischenmenschlichen Kontakten. Das Engagement
von Dow Chemical hat 40 amerikanische Familien in
den Raum Leipzig gebracht. Es entstand eine internationale Schule mit amerikanischen Lehrplänen, die
auch für deutsche Schüler interessant ist.

Zu den wichtigsten Investitionsprojekten gehören:

Wichtig ist, daß wir das "networking" verstärken. Ich
selbst habe vor kurzem mit dem Vorsitzenden der
Max-Planck-Gesellschaft an einer Konferenz der
Universität Leipzig teilgenommen, um nach Wegen zu
suchen, das "networking" zwischen Wissenschaftlern
in den neuen Ländern und den USA zu beschleunigen.
Eine derartige transatlantische Forschungsinfrastruktur

Die Mehrheitsbeteiligung von Dow Chemical in
Höhe von vier Milliarden DM in der Chemieindustrie der neuen Länder.
Coca Colas Engagement von mehr als einer
Milliarde DM in Abfüllanlagen, Zuteilungs- und
Verkaufszentren.
Die neue Halbleiterfabrik, die der amerikanische Konzern AMD in Dresden baut. Diese
hat ein Volumen von 1,2 Milliarden DM. Damit
faßt einer der zukunftsträchtigsten Industriezweige in den neuen Ländern Fuß, der entscheidend für die Hochtechnologie in den
neuen Ländern wie auch in Osteuropa sein
wird.
Investitionen von mehr als einer Milliarde DM
in das Automobilwerk Opel in Eisenach, wo
das aufgebaut wird, was wir auf amerikanisch
eine state-of-the-art Fabrik nennen. Diese
Fabrik setzt Maßstäbe für den Automobilbau in
ganz Europa.
Aber nicht nur die publizitätsträchtigen großen Projekte
sind wichtig. Über 300 amerikanische Firmen - dazu
zählen das verarbeitende Gewerbe, die Bereiche
Landerschließung und Bau, Unternehmensberatung
und Handel - sind in den neuen Bundesländern aktiv
und agieren im gesamten Spektrum wirtschaftlicher
Aktivitäten durch Errichtung von Niederlassungen,
Firmenvertretungen und Franchise-Unternehmen.
Gleichzeitig pflegen wir eine enge Zusammenarbeit
zwischen der Botschaft und der American Chamber of
Commerce zur Förderung von Investitionen. Wir haben
gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig,
Weimar/Erfurt und Potsdam organisiert, die ein
großartiges Beispiel dafür waren, wie die Partnerschaft
zwischen dem öffentlichen und dem Privatsektor
amerikanische Investitionen fördern und eine starke
neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen kann. Und wir werden diese Tradition
dieses Jahr in Dessau fortsetzen.

AMERIKA DIENST 10

ist unverzichtbar, wenn Technologie und Wissenschaft

eine immer größere Rolle bei Investitionsprojekten
spielen.
Unsere Aktivitäten hierzulande sind jedoch nicht nur
wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln unser Engagement
für die Zukunft dieses Kontinents wider - eine auf den
Werten Demokratie und freie Marktwirtschaft basierende Zukunft. Ein anderer Aspekt ist für die hier lebenden Amerikaner ebenfalls von Bedeutung - die Möglichkeit, den kulturellen und historischen Reichtum in
diesen Teilen der Welt wiederzuentdecken, die so
lange unzugänglich waren. Die Wiederentdeckung
und Verbindung der Teile Europas, die früher getrennt
waren, sowie der Kulturaustausch zwischen Zentralund Osteuropa und Westeuropa ist eine der interessantesten Entwicklungen. Europa und die Welt
werden durch diese Erfahrung reicher. Natürlich ist
das nicht einfach und geschieht auch nicht automatisch. In einigen Teilen Westeuropas akzeptiert man
die Tatsache nur zögernd, daß es einen völlig neuen
wachsenden und dynamischen Teil Europas gibt. Hier
im Zentrum Europas ist noch viel zu entdecken und zu
würdigen.
Häufig haben die Amerikaner einen natürlichen Hang,
diese früher isolierten Teile Europas zu entdecken.
Viele Amerikaner haben hier ihre kulturellen Wurzeln.
Ungefähr 60 Millionen Amerikaner sind deutscher
Herkunft und Millionen andere haben ihre Wurzeln in
der jetzigen Tschechischen Republik, der Slowakei,
Polen, Ungarn und den Baltischen Staaten.
Genau diese prägenden Verbindungen wurden
kürzlich von Vaclav Havel in seiner Rede vor dem
Deutschen Bundestag angesprochen. Präsident Havel
äußerte:

Seite 3

�"Der Mensch, wie bekannt, ist keine
Erscheinung an sich, deren Identität
in keinem Zusammenhang mit ihrer
Umgebung stünde und davon völlig
unabhängig wäre.
Im Gegenteil:
Unsere Identität wird durch zahlreiche
Schichten oder Kreise dessen mitgestaltet, was im allgemeinen als
unser Zuhause bezeichnet werden
kann."
Kontakte sind von lebenswichtiger Bedeutung und
schaffen dauerhafte Verbindungen. Sie reichen jedoch
nicht aus, um dauerhafte Sicherheit und Stabilität in
einer Region zu schaffen, die von so vielen Kriegen
heimgesucht wurde. Das wichtigste multilaterale Ziel
der Vereinigten Staaten besteht im Aufbau von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden Herausforderungen vor.
Mit der Umgestaltung der NATO verfolgen wir folgende
Ziele: Einbeziehung von Frankreich und Spanien in die
integrierte Militärstruktur, Aufnahme neuer Mitglieder,
Aufbau guter Beziehungen zu Rußland, Stärkung
unserer Beziehungen zu den Partnerstaaten. In
Anbetracht des für Juli anberaumten NATO-Gipfels in
Madrid und der laufenden Arbeit am Aufbau neuer
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland stehen
wir vor enormen Herausforderungen aber auch großen
Chancen.
Wir verfolgen nicht nur die Mitgliedschaft von neuen
Staaten, sondern parallel dazu sollen neue Beziehungen zwischen Rußland und der NATO geknüpft
werden, um zur Überwindung der alten Denkweise,
alter Feindseligkeiten und Konflikte beizutragen. Wir
wollen Rußland ein Stimm-, aber kein Vetorecht
einräumen und unter Beweis stellen, daß Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist. Ferner haben wir
unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine Verringerung der
militärischen Fähigkeiten des Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt.
Außenministerin Albright und NATO-Generalsekretär
Solana arbeiten weiterhin mit ihren russischen Amtskollegen an dieser Frage. Wir hoffen, daß wir in den
nächsten Wochen Fortschritte machen können. Die
Arbeit an dieser Charta wird heute und morgen (am 13.

Seite 4

und 14. Mai) in Moskau fortgesetzt. Sie ist jedoch erst
beendet, wenn die Substanz der Charta stimmt.
Die Sicherheitsagenda wird verändert, um den Anforderungen des neuen Jahrhunderts gerecht zu
werden. Dasselbe kann über die kulturelle Präsenz
der Vereinigten Staaten in Europa gesagt werden, die
sich verändert und gleichzeitig stark und lebensfähig
bleibt. Die menschlichen Bande stellen einen der
dauerhaftesten Beiträge zu Verständigung und
Freundschaft zwischen Deutschland, den Vereinigten
Staaten und Zentraleuropa dar. Das ist ein Grund
dafür, daß die Vereinigten Staaten so großes Interesse
an der Erneuerung dieses Pfeilers unserer Beziehungen haben.
Wie Sie in der akademischen Welt wissen, stellen
Austauschprogramme für Studenten ein besonders
lebendiges und ausbaufähiges Gebiet dar. Tausende
von Studenten überqueren jährlich den Atlantik, um
Erfahrungen auszutauschen und - vor Ort - etwas über
Umfeld und Kultur des anderen zu lernen. Es sind
diese intensiven Beziehungen, die ich neben den
zahlreichen kulturellen Kontakten zwischen uns
hervorheben möchte, um die These zurückzuweisen,
es gäbe einen Kulturbruch zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten.
Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Beziehungen sind
zu umfassend, zu vielfältig und zu dynamisch, um nur
in Beschreibungen von Aktivitäten einiger weniger
Institutionen eingefaßt zu werden. Denken Sie an die
Amerikaner deutscher Herkunft, die nicht nur in den
Vereinigten Staaten eine wesentliche Rolle spielten,
sondern auch in der Weltgeschichte - beispielsweise
Albert Einstein und Henry Kissinger. Und Levi Strauss
hat nicht Weltgeschichte gemacht, aber er ist hier
wahrscheinlich gut vertreten.
Unsere Beziehungen bestehen aus vielen Brücken,
nicht nur aus einer. Unsere Kontakte verändern sich
und passen sich an die uns umgebenden neuen
Realitäten an.
Derzeit gestalten wir unsere Präsenz in Deutschland
um. Wir stützen uns dabei in zunehmendem Maße auf
Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten,
Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen,
Investoren und Geschäftsleute. Ihre individuellen
Bestrebungen sind Teil eines noch engmaschigeren
Netzes von Clubs und Organisationen, die die
deutsch-amerikanische Freundschaft fördern und die
Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir werden uns der gemeinsamen historischen Erfahrung bewußt durch das U.S.

AMERIKA DIENST 10

�Holocaust Memorial Museum, das Alliierte Museum
und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag stoßen auf großes Interesse. Der 1983
begonnene Austausch zwischen Kongreß und Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der 1987 gegründeten Studiengruppe Deutschland des Kongresses sind Beweis für
den ungebrochenen Einsatz dieses Gremiums für die
Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.
Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und die deutsch-amerikanischen Clubs haben die
deutsch-amerikanischen
Beziehungen
dauerhaft
geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie sind auch im
Sozialleben ihrer Gemeinden aktiv.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Aktivitäten des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg - die Bereitstellung von elf Kinderspielplätzen - auch heute noch einen Beitrag zur
Gemeinde leistet. Wenn ich daran denke, wieviele
Generationen von Kindern durch solche Projekte gute
Erfahrungen gemacht haben, kann ich nur meine
Überzeugung wiederholen, daß durch diese privaten
Initiativen sehr viel Gutes getan werden kann. Wenn
man sich bewußt macht, daß diese Initiativen mit
einem Minimum an Unterstützung durch die Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist das ein
überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute für die
Gesellschaft tun können.

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In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere
die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.
Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein wichtiger Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs ein Verständnis davon, was durch gemeinsamen Einsatz für
eine gute Sache bewirkt werden kann.
Ich freue mich berichten zu können, daß viele neue
Pläne für die Ausweitung von Kontakten zwischen
Deutschen und Amerikanern bestehen. In Berlin wird
die American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein Büro in Berlin. Und der
Austausch zwischen dem amerikanischen Militär und
Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln.
Aus diesem Grund ist es so wichtig für jeden einzelnen
von uns, zu prüfen, wie wir zur Stärkung der persönlichen Bande zusammenarbeiten können, um neue
Gelegenheiten für den Austausch von Erfahrungen
und ihre künftige Nutzung zu finden.
Wir beginnen unsere Arbeit nicht in einem Vakuum.
Vielmehr stehen wir auf einer soliden Basis gemeinsamer Interessen und Werte - unser wachsamer
Schutz der Freiheit, unser Engagement für Demokratie, unser Streben nach Erhalt von Frieden und
Stabilität in Europa. Diese Prinzipien einen die
Vereinigten Staaten und ihre Partner in Europa seit
Jahrzehnten.
Abschließend möchte ich die in Reichweite von
Studenten wie Ihnen liegenden Chancen hervorheben,
einen Beitrag zur Umgestaltung Europas zu leisten.
Ihr Geist ist nicht von alten Paradigmen und überholter
Denkweise belastet, zu deren Überwindung wir in
älteren Generationen uns immer wieder bewußt
aufrufen müssen. Unmittelbar vor Ihnen liegt die
Chance, die Zukunft zu gestalten.

Seite 5

�Betrachten Sie einen Moment die Worte Victor Hugos,
der sagte: "Die Zukunft hat viele Namen.

Für die Überlegten und Mutigen ist sie das Ideal."

Für die Schwachen ist sie das Unmögliche.

Auch Sie sollten nach dem Ideal streben. Die Chance
liegt direkt vor Ihnen.

Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte.

Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Die Bedeutung der Forschungskooperation
für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

LEIPZIG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 7. Mai 1997 an der Universität
Leipzig hielt.

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, heute hier in
Leipzig zu Ihnen sprechen zu dürfen. Jedes Mal,
wenn ich diese historische Stadt besuche, erinnere ich
mich an die dramatischen Veränderungen, die hier
stattgefunden haben. Vor fünfzig Jahren versprach
George Marshall wirtschaftliche Hilfe und einen neuen
Anfang für Europa. Allerdings konnte ein Teil Europas
- genauso zerstört wie der Rest des Kontinents - sich
nicht daran beteiligen. Und als William Fulbright es
jungen Menschen - Studenten und Wissenschaftlern ermöglichte, ins Ausland zu reisen und sich am freien
Austausch von Menschen und Meinungen zu beteiligen, war die Hälfte Europas davon ausgeschlossen. In dieser Stadt, während der großen Montagsdemonstrationen auf dem Leipziger Ring - nur wenige
Meter von hier entfernt - begann eine Revolution.
Diese Revolution brachte letztlich die SED-Herrschaft
zu Fall und verhalf diesem Teil Deutschlands sowie
den Ländern Osteuropas zur Freiheit.
Im Laufe der letzten vierzig Jahre haben wir oft davon
gesprochen, Brücken über den Atlantik zu bauen. Wir
haben den Meinungsaustausch und den Austausch
von Bürgern unserer Länder gefördert. Dies beinhaltet
politischen Dialog und Beratung ebenso wie wirtschaftliche Zusammenarbeit, kulturelle Kontakte,
Studentenaustausch, Städtepartnerschaften und natürlich - die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Die
Kooperation von Forschern und Studenten ist ein
Grundelement unseres Verständnisses und der
Zusammenarbeit. Die professionelle Zusammenarbeit
und die persönlichen Freundschaften, die daraus
erwachsen sind, gehören zu den Herzstücken unserer
bilateralen Beziehungen.

AMERIKA DIENST 10

Das Symbol der Brücke ist oft eine angemessene
Analogie zur Beschreibung unserer bilateralen Austauschprogramme. Als ich aber meinen heutigen
Redebeitrag vorbereitete, habe ich erkannt, daß dieses
Symbol unsere wissenschaftlichen Beziehungen nicht
länger adäquat wiedergibt. Wir sehen den gegenwärtigen Stand der deutsch-amerikanischen wissenschaftlichen Kooperation mehr als ein dynamisches
Netzwerk. Das Netzwerk hat einen stabilen Kern,
aber außen verändert es sich und wächst unter dem
Einfluß zahlreicher äußerer Faktoren.
Die neuen Technologien üben sicher einen starken
Einfluß auf unsere Forschungsbeziehungen aus, denn
damit ist die Interaktion einfach und effizient geworden:
Delta Airlines fliegt täglich von Berlin nach New York.
Telefon, Faxverbindungen und E-mail ermöglichen uns
den unmittelbaren Kontakt miteinander. Und wenn wir
"online" miteinander kommunizieren, dann sind wir
über das Internet virtuell präsent im "Global Village"
und im "Cyberspace". Es kann Ihnen passieren, daß
Sie gar nicht mehr genau wissen, wo die Person, mit
der Sie Kontakt aufnehmen, sich gerade aufhält. Oder
wo sich der Computer befindet, von dem Sie sich
Informationen herunterladen.
Im globalen Wettstreit um Wissen, Technologie und
Innovation zählt nur noch die verfügbare Information,
das vorhandene Fachwissen. Viele unserer internationalen Firmen nutzen dies zu ihrem Vorteil. Wenn
die Mitarbeiter der deutschen Forschungsabteilung
abends nach Hause gehen, werden die Daten in die
USA überspielt, wo gerade ein neuer Arbeitstag
begonnen hat. Acht Stunden später wird die Arbeit
fortgesetzt von Industrieforschern in Japan oder

Seite 1

�anderen asiatischen Ländern. Was vor nicht allzu
langer Zeit als Zukunftsmusik gegolten hätte, ist heute
Realität. Dies ist einer der Gründe, warum wir für
unsere Konferenz den Titel "Netzwerke" vorgeschlagen haben.
Mit diesem Titel möchten wir jedoch Ihr Augenmerk
auch auf die Komplexität der Bindungen zwischen
deutschen und amerikanischen Forschern lenken.
Die heutigen wissenschaftlichen Verbindungen haben
viele Facetten und Verknüpfungen. Sie existieren auf
verschiedenen Ebenen und nehmen verschiedene,
manchmal sich überlagernde Formen an. Dies reicht
vom einmaligen bilateralen Austausch von Forschungsergebnissen oder Publikationen bis zur
langfristigen, kontinuierlichen Zusammenarbeit in der
Forschung. Sie bestehen auf der Ebene des einzelnen Wissenschaftlers ebenso wie auf regionalem
oder institutionellem Niveau, oder in Kombination aller
Möglichkeiten. Wir haben zwar einen technischen
Begriff gewählt, um den Stand unserer Forschungszusammenarbeit zu beschreiben. Wir sollten aber
bedenken, daß zu einem Netzwerk mehr gehört als
technische Anschlüsse, Gateways und Hochgeschwindigkeitsverbindungen. Im innersten Kern der Partnerschaft finden wir Deutsche und Amerikaner mit dem
gemeinsamen Wunsch zu forschen, zu entdecken und
Erfolg zu haben.
Besonders hervorheben möchte ich, daß ein Netzwerk
integrieren kann und fähig ist, sich an neue und
veränderte Umstände anzupassen. Wir sind nicht nur
daran interessiert, die bestehenden Verbindungen und
Verknüpfungen zu pflegen. Wir möchten vielmehr
auch die Netzwerke erweitern, um immer mehr Partner
aus den neuen Ländern einzubinden.
Später werden einige Wissenschaftler über ihre
persönlichen Erfahrungen in Bereich Austausch und
Zusammenarbeit berichten. Lassen Sie mich Ihnen
einen Überblick geben, wie umfangreich das deutschamerikanische Kooperationsnetzwerk ist. Im Bereich
der Industrieforschung sind unsere beiden Länder eng
verbunden. Deutsche Firmen betreiben mehr als 100
Forschungslabors in den USA. Diese Einrichtungen
sind vor allem in den Sektoren tätig, in denen die
deutsche Wirtschaft besonders stark ist, also im
Automobilbereich, in der Chemie und in der pharmazeutischen Industrie.
Umgekehrt haben amerikanische Firmen erheblich in
ihre deutschen Forschungskapazitäten investiert.
Allein im Jahr 1993 waren dies mehr als 3 Milliarden
Dollar.
Angesichts der jüngsten amerikanischen
Investitionen in den neuen Ländern wird diese Zahl
noch ansteigen. Ich möchte hier Dow-Chemical in
Sachsen-Anhalt, Opel in Thüringen und AMD in
Sachsen nennen. Damit ist Deutschland der bevorzugte ausländische Standort für die Forschung
amerikanischer Firmen.

Seite 2

Es gibt weitere Beispiele für die Internationalisierung
der Forschung. Amerikaner sind die bevorzugten
Partner der meisten deutschen Wissenschaftler. Etwa
ein Viertel aller internationalen Projekte in Deutschland
werden in Verbindung mit einem US-Partner durchgeführt. Zwar sind umgekehrt die USA nicht ganz so
konzentriert auf Deutschland, aber im Hinblick auf
gemeinsame Vorhaben sind die Deutschen immer bei
den drei Besten. Die Zusammenarbeit mit Deutschland macht etwa 10 Prozent aller internationalen
Programme in den Vereinigten Staaten aus. Nur zwei
Länder, beide englischsprachig, erreichen dieses
Niveau: Kanada und Großbritannien.
In unseren beiden Ländern sind die Universitäten
Bastionen der Forschung und der neuen Ideen. Da wir
heute in einem Universitätshörsaal zusammen-gekommen sind, ist der Hinweis angebracht, daß es mehr
als 500 Kooperationsabkommen zwischen deutschen
und amerikanischen Universitäten gibt. Diese Kontakte gehen zurück bis ins Jahr 1954, als die Universität
Bonn ihr Kooperationsprogramm mit der Universität
von Wisconsin in Madison aufnahm. Ein Jahr später
folgte die Verbindung der Universität Köln mit der
Universität von Kalifornien in Berkeley, und die
Partnerschaft der Universität von Minnesota mit der
Freien Universität Berlin.
Heute sind Hunderte von Universitäten auf beiden
Seiten beteiligt, viele auch in den neuen Bundesländern. Allein die Universität von Washington in Seattle
unterhält seit 1975 Kooperationsabkommen mit zehn
deutschen Universitäten, darunter der Hochschule
Weimar. Die Leipziger Universität hat sechs Partnerschaften. Darunter sind nicht nur Programme mit
anderen amerikanischen Universitäten, sondern auch
mit den National Institutes of Health - der führenden
amerikanischen Forschungseinrichtung in der Medizin
und den Biowissenschaften. Die National Institutes of
Health sind heute hier vertreten durch Prof. Henry
Webster, dessen Beteiligung an der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit ich gerne hervorheben
möchte.
Wir haben Sie heute aber nicht eingeladen, um den
beiderseitigen Nutzen unseres wissenschaftlichen
Netzwerkes zu betonen. Ich glaube, daß Sie ohnehin
darin mit mir übereinstimmen. Als wir die Idee für eine
"Netzwerke"-Konferenz entwickelten, hatten wir
mehrere Ziele vor Augen. Als erstes und vielleicht
bescheidenstes Ziel hoffen wir, daß Sie heute Ihr
eigenes Netzwerk erweitern durch das Zusammentreffen und die Interaktion mit Wissenschaftlern aus
anderen Regionen, Instituten und Fachgebieten. Diese
persönlichen Beziehungen sind eine Grundlage für
jedes Netzwerk.
Zweitens möchten wir Ihnen im Workshop heute
nachmittag etwas vermitteln von der Vielfalt der
Möglichkeiten für die deutsch-amerikanische Zu-

AMERIKA DIENST 10

�sammenarbeit. Heute sprechen zu Ihnen Vertreter der
führenden Wissenschafts- und Austauschorganisationen Deutschlands und Amerikas. Zusätzlich bieten wir
eine Informationsbörse - eine Internet "homepage", die
Ihnen helfen soll, Kontakte zu den wesentlichen
amerikanischen Forschungs-instituten und Universitäten zu entwickeln.
Schließlich - und das ist vielleicht unser ehrgeizigstes
Ziel - hoffen wir, daß unsere verehrten Sprecher heute
morgen Sie dazu anregen, den gegenwärtigen Stand
der Forschung und unsere Rolle darin zu bedenken.
Hat sich diese Rolle im neuen Deutschland verändert?
Sind die Netzwerke so schnell gewachsen, wie es
notwendig ist, um die Wissenschaftler der neuen
Länder zu integrieren? Welchen Problemen, die einer
Zusammenarbeit hinderlich sind, stehen die Forscher
gegenüber? Was könnte getan werden, um die
Hindernisse zu überwinden?
Lassen Sie mich kurz einige Felder benennen, auf
denen wir herausgefordert sind. Wir leben in einer
Zeit, in der unsere beiden Regierungen unter enormem
Druck stehen, Gelder einzusparen und die Notwendigkeit jedes einzelnen Programms zu prüfen und zu
rechtfertigen. Nun gibt es eine wohlbekannte Verbindung zwischen wissenschaftlicher Spit-zenleistung und
Wettbewerbsfähigkeit. Wir glauben, daß der wissenschaftliche Austausch ein effizienter Weg ist, Informationen zu übermitteln, unnötige Duplikation wissenschaftlicher Arbeit zu vermeiden und unsere beiderseitige Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.
Manche meinen, der Austausch zwischen unseren
Ländern sei etwas einseitig: Viel mehr Deutsche
gehen zu Forschungs- oder Studienzwecken nach
Amerika als umgekehrt. Wenn man sich die Statistiken
ansieht, gibt es dafür sicher einige Berechtigung.
Professor Berchem, der Präsident des Deutschen
Akademischen Austauschdienstes, hat die Vereinigten
Staaten "die spröde Geliebte" genannt. Amerikanische
Wissenschaftler sind in einem großen Land zu Hause
und mögen manchmal den Blick über die eigenen
Grenzen vernachlässigen.
Oder sie können auf
Angebote für gemeinsame Projekte aus der ganzen
Welt warten. Aber während es sicher viele Länder
gibt, die um die amerikanischen Forscher werben, sind
doch nur wenige so gut wie Deutschland darauf
vorbereitet, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ich
möchte Deutschland ermutigen, auf seine Stärken zu
bauen: seine exzellenten Einrichtungen, sein hohes
akademisches Niveau und seine Nähe zu den europäischen Forschungseinrichtungen.
In der gegenwärtigen Debatte zum Standort Deutschland wird oft gesagt, daß es den Deutschen an
Unternehmergeist fehle. Lothar Späth, der frühere
Ministerpräsident und heutige Vorsitzende von Jenoptik, hat einmal auf den philosophischen Unterschied
zwischen dem englischen Begriff "Venture Capital"

AMERIKA DIENST 10

und dem deutschen "Risikokapital" hingewiesen:
Wenn sie eine Investition erwägen, konzentrieren sich
die Amerikaner auf die Chancen, die Deutschen auf
die Risiken. Ich möchte behaupten, daß die deutschen
Wissenschaftler
grundsätzlich
Unternehmergeist
haben. Schließlich sind Experi-mente auf der Suche
nach Wissen die Basis ihrer Arbeit. Hunderte von
neuen Firmen in der Computerindustrie, in der Biotechnologie und in der Umwelttechnologie belegen,
daß deutsche Wissenschaftler sowohl über innovative
Technologien verfügen als auch über den Unternehmergeist in der Vermarktung.
Derzeit können wir auf dem Gebiet der Gentechnik in
Deutschland - einem Feld intensiver Debatten - viele
Erneuerungen und Veränderungen beobachten. Ich
beziehe mich dabei auf die Gesetzgebung, die als
Reaktion auf die befürchteten Einschränkungen der
Forschungsfreiheit verändert wurde. Das neue deutsche Gentechnikgesetz hat die Genehmigungsverfahren für Genforschung wesentlich vereinfacht.
Die daraus resultierende Zunahme der Forschung in
diesem Bereich kann großen Nutzen in der Medizin
und den Biowissenschaften bringen. Die deutschen
Forscher haben beste Voraussetzungen für den
Wettbewerb mit der Weltspitze. Ich bin fest davon
überzeugt, daß Deutschland auf diesem Gebiet in den
kommenden Jahren eine führende Rolle spielen wird.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich die Bedenken ansprechen, es könnte für die Wissenschaftler in
den neuen Ländern schwierig sein, Zugang zu den
bestehenden wissenschaftlichen Netzwerken zu
finden. Deutsche und amerikanische Institute haben
viele Jahre erfolgreich zu-sammengearbeitet, und
vielleicht wird der Nutzen aus der Integration der
Neueinsteiger nicht immer erkannt. Wir sollten immer
bedenken, daß persönliches Engagement und Initiative
den entscheidenden Unterschied machen können.
Große Fortschritte sind erzielt worden - für manche
mag es jedoch zu langsam gehen.
Zum Abschluß möchte ich sagen, daß die
wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA einen Mikrokosmos
unserer gesamten bilateralen Verbindungen darstellt.
Dieselbe Offenheit und Initiative, die wir in unsere
wirtschaftlichen und politischen Beziehungen einbringen, bereichern auch den wissenschaftlichen
Austausch. Wenn Wissenschaftler und Forscher wie
Sie Ihre Sache weiterhin mit Optimismus und Engagement vorantreiben, sind Ihnen keine Grenzen gesetzt
für das, was Sie erreichen können. Und wir auf der
anderen Seite des Netzwerks freuen uns auf die
Zusammenarbeit mit Ihnen in künftigen Projekten.
Lassen Sie mich in der Hoffnung schließen, daß diese
Konferenz einen weiteren Baustein darstellt für eine
fruchtbare Kooperation auf viele Jahre hinaus. Vielen
Dank.

Seite 3

�WIRTSCHAFT

28. Mai 1997

USA beziehen keine Stellung zur
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

NEW YORK - (AD) - Die Vereinigten Staaten unterstützen seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration, beziehen jedoch keine Stellung zur Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU), erklärte der Stellvertretende Finanzminister Lawrence Summers.
Diesbezügliche Fragen müßten die Europäer selbst beantworten, stellte Summers am 30. April 1997 bei der
Euromoney-Konferenz in New York fest. Er sprach jedoch den Einfluß an, den die Gründung der EWWU auf die
amerikanische Wirtschaft, das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem und die Rolle Europas in der Welt
haben wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Stellvertretenden Finanzministers.

Es ist mir ein Vergnügen, heute bei dieser wichtigen
Konferenz über "Die EWWU und das sich wandelnde
Gesicht Europas" anwesend sein zu dürfen. Wie Sie
wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten Staaten
zu Europa seit langem der Eckpfeiler unserer
Wirtschafts- und Außenpolitik. In der Tat feiern wir in
diesem Jahr den 50. Jahrestag des Marshallplans, der
zusammen mit den Institutionen von Bretton Woods,
der OECD und unserem Militärbündnis NATO zur
Schaffung der Bedingungen für ein halbes Jahrhundert
von Frieden und Wohlstand beigetragen hat. Heute ist
das Schicksal der Vereinigten Staaten weiterhin sehr
eng mit dem Europas verbunden. Natürlich haben wir
ein Sicherheitsinteresse an dem, was auf dem europäischen Kontinent geschieht. Wir haben jedoch auch ein
elementares wirtschaftliches Interesse an dem, was
jenseits des Atlantiks geschieht.
Im Jahr 1995 betrug unser jährlicher Warenhandel mit
der Europäischen Union über 250 Milliarden Dollar,
während unser Handel mit Dienstleistungen 115
Milliarden Dollar erreichte.
Die amerikanischen
Direktinvestitionen in Europa belaufen sich auf 360
Milliarden Dollar - das ist mehr als die Hälfte aller
amerikanischen ausländischen Direktinvestitionen.
Und obwohl viele glauben, Europa sei nichts Neues
und keine wirtschaftliche Grenze, haben die amerika-

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nischen Direktinvestitionen in Europa von 1982 bis
1995 im Durchschnitt jährlich um 11,1 Prozent zugenommen, verglichen mit einer Wachstumsrate von
9,9 Prozent für amerikanische Direktinvestitionen
weltweit.
Die europäische Integration ist ein Schlüsselelement in
diesem Prozeß. Die Vereinigten Staaten unterstützen
seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration und werden dies auch weiterhin tun, obwohl
die Entscheidung über die Fortsetzung dieses Prozesses bei Europa liegt.
Die vorgeschlagene Europäische Wirtschafts- und
Währungsunion ist der letzte Schritt in dem Prozeß der
europäischen Integration und einer der komplexesten.
Er wird einen grundlegenden Wandel in der Finanzstruktur Europas und seiner makroökonomischen
Politik darstellen. Angesichts unseres Interesses an
der Zukunft Europas sollte es nicht überraschen, daß
wir die Entwicklungen an dieser Front genau verfolgen.
Gleichzeitig ist es jedoch eine europäische Angelegenheit, die von den Europäern entschieden werden muß.
Ich möchte mich von Anfang an klar ausdrücken. Ich
werden keine Stellung zu folgenden Fragen beziehen:
"Wird oder soll es eine EWWU geben?", "Wie sollte die

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�EWWU strukturiert sein?" oder "Wer sollte beitreten?".
Diese Fragen müssen die Europäer selbst beantworten.
Ich möchte heute jedoch zu Ihnen darüber sprechen,
wie dieses Projekt wahrscheinlich die amerikanischen
Interessen beeinflussen wird. Heute Nachmittag
werde ich meine Ausführungen auf drei Themen
konzentrieren: Erstens die direkten Auswirkungen der
Einführung einer einheitlichen Währung auf die
amerikanische Wirtschaft; zweitens die Auswirkungen
der EWWU auf das internationale Wirtschafts- und
Finanzsystem als Ganzes; und drittens die Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der EWWU auf
die Vereinigten Staaten
Der Hauptmechanismus, mit dem die EWWU die
amerikanische Wirtschaft beeinflussen kann, ist ihr
Einfluß auf die wirtschaftliche Lebensfähigkeit Europas. Den amerikanischen Wirtschaftsinteressen ist gut
gedient, wenn Europa prosperiert. Ein schneller
wachsender europäischer Markt ist gut für unsere
Exporte, und ein wirtschaftlich stärkeres Europa ist auf
der ganzen Welt ein stärkerer Partner für uns.
Die westeuropäischen Volkswirtschaften haben in
vieler Hinsicht eine beneidenswerte wirtschaftliche
Bilanz erzielt - die Einkommen und der Lebensstandard sind hoch, die Inflationsrate und die Armutsgrenze niedrig. Dennoch sieht sich Europa heute mit
einer Reihe wirtschaftlicher Herausforderungen
konfrontiert. Ich möchte diese kurz erörtern, denn wie
die EWWU diese bewältigt, wird letztlich über ihren
Erfolg und ihre Auswirkungen auf die Vereinigten
Staaten entscheiden.
Hohe Arbeitslosenquoten in einem Großteil Europas
sind das offensichtlichste Symptom der wirtschaftlichen Herausforderungen Europas.
Langfristige
Arbeitslosigkeit hat enorme Kosten an entgangenem
Output und vergeudeten Leben zur Folge. Dies trifft
insbesondere auf die Jugendlichen zu. In mehreren
europäischen Ländern ist jeder Vierte Anfang zwanzig
arbeitslos, 40-50 Prozent der Arbeitslosen sind seit
über einem Jahr ohne Arbeit.
Europäische Beobachter haben auch auf andere
Herausforderungen verwiesen. Die große Zunahme
der Verschuldung des öffentlichen Sektors in vielen
europäischen Ländern in den vergangenen 15 Jahren
erfordert große Aufmerksamkeit. Um die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrags einhalten zu können,
haben viele europäische Regierungen ihre Bestrebungen zur Kontrolle der Haushaltsdefizite erheblich
verstärkt.
Dank dieser Fortschritte konnten die
Zinssätze in den vergangenen Jahren beträchtlich
gesenkt werden, und niedrigere Zinssätze in Europa
halten auch die Zinssätze in den Vereinigten Staaten

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niedrig. Dennoch sehen sich die meisten europäischen Länder ebenso wie die Vereinigten Staaten
aufgrund der Überalterung der Bevölkerung und der
damit einhergehenden Belastung der Renten- und
Krankenkassen dauerhaften
Herausforderungen
gegenüber. Wir alle wissen, wie unpopulär es sein
kann, diese Probleme anzusprechen, insbesondere
wenn sie eine Reform der Versicherungsansprüche
beinhalten.
Die Regierungen in Europa wissen, was getan werden
muß, und sie haben wiederholt angedeutet, daß sie die
Verabschiedung der zur Bewältigung der hohen
Arbeitslosigkeit und der drohenden Haushaltsengpässe erforderlichen langfristigen Strukturreformen
beabsichtigen.
Dennoch hat sich die Erlangung des politischen
Konsenses zur Lösung dieser Probleme als ziemlich
schwierig erwiesen, weil die notwendigen Reformen
den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in
Europa betreffen.
Es ist paradox, daß der Erfolg der EWWU davon
abhängt, Strategien zur Bewältigung dieser Herausforderungen zu finden, die EWWU sie selbst jedoch
nicht direkt anspricht.
Als Mitglieder der Währungsunion werden die Länder
die Fähigkeit zur Verfolgung unabhängiger Interessen
und Wechselkursmaßnahmen verlieren, die den
Freiraum gewähren, auf länderspezifische wirtschaftliche Störungen zu reagieren. Das ist im gegenwärtigen
Kontext von besonderer Bedeutung, weil die Fähigkeit
der Länder zum Einsatz von Haushaltsmaßnahmen als
antizyklisches Instrument gravierend beschränkt wird,

bis die Defizite und der Schuldenbestand auf ein
besser zu bewältigendes Niveau gesenkt werden. In
einem solchen Umfeld macht die EWWU strukturelle
Arbeitsmarkt- und langfristige Etatreformen zur
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Erlangung
soliden Wachstums noch erforderlicher.
Unter dem Aspekt, daß die EWWU einen Anreiz für die
von Europa einzuführenden Wirtschafts- und Strukturreformen bietet, wird sie eindeutig von Vorteil sein.
Wenn jedoch der die Währungsunion umgebende
Prozeß Europa von einigen seiner wirtschaftlichen und
strukturellen Herausforderungen ablenkt, wird er
Opportunitätskosten im Hinblick auf entgangenes
Wirtschaftswachstum mit sich bringen.
Ein erfolgreicher Übergang zur EWWU birgt das
Potential, die Fähigkeit Europas zur Inangriffnahme der
bedeutenden wirtschaftlichen Herausforderungen zu
verbessern, mit denen sich das Land konfrontiert sieht.
Die Vereinigten Staaten würden eine EWWU begrüßen, die einen glaubwürdigen, wachstumsorientierten
politischen Rahmen in Europa schafft, der mit beträcht-

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�liehen Fortschritten bei den mikroökonomischen
Hemmnissen für schnelleres Wachstum einhergeht.
Die EWWU und das globale Währungssystem
Ich möchte mich jetzt der Frage zuwenden, wie die
Europäische Währungsunion das globale Währungssystem beeinflussen würde. Die EWWU verspricht,
die dramatischste Veränderung im internationalen
Währungssystem seit dem Zusammenbruch des
Bretton Woods-Systems vor über 20 Jahren zu
werden. Sie ist ein außergewöhnliches Unterfangen
auf dem Gebiet von Währungsinnovationen. Mit
wenigen Ausnahmen gab es historisch stets ein
Verhältnis von 1:1 zwischen Ländern und Währungen.
Es gibt außergewöhnlich viele Spekulationen über die
Auswirkungen der EWWU auf den Stand des Dollar
und die Rolle des Dollar in dem System. Ich kann
diese Spekulationen für Sie heute nicht aus dem Weg
räumen. Wir spekulieren generell nicht über den
zukünftigen Wert existierender Währungen - seien sie
unsere oder andere. Diese Bescheidenheit erstreckt
sich zweifelsohne auf zukünftige Trends beim Wert
von Währungen, die noch nicht existieren. Mit diesen
generellen Einschränkungen möchte ich einige
generelle Anmerkungen über die möglichen Auswirkungen der EWWU auf das Währungssystem
insgesamt machen.
Grundsätzlich denke ich, daß der Dollar in absehbarer
Zukunft weiterhin die Hauptwährungsreserve bleiben
wird und jede weitere Aushöhlung seiner Stellung in
dem System - wenn sie geschieht - sich nur langsam
vollzieht. Es stimmt, daß die Rolle des Dollar als
Währungsreserve in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwas abgenommen hat. Seit 1973, als der Dollar
ungefähr 76 Prozent der offiziellen Währungsreserven
ausmachte, ist sein Anteil an den Gesamtreserven um
rund zehn Prozentpunkte auf ungefähr 65 Prozent
gefallen. Einigen glauben, daß dieser Prozeß sich
drastisch beschleunigen wird, weil die Investoren den
Euro als attraktiveres Investitionsinstrument ansehen
als die einzelnen Währungen, die er ersetzt.
Meines Erachtens sind die Vorhersagen aus mehreren
Gründen stark übertrieben.
Erstens benötigen die Märkte wahrscheinlich etwas
Zeit, um sich an die neue Währung zu gewöhnen und
ihr zu vertrauen. Es braucht normalerweise Zeit, bis
sich Glaubwürdigkeit einstellt. Und selbst unter den
besten Bedingungen ist es vernünftig, eine gewisse
Unsicherheit zu erwarten, wie das neue währungspolitische Regime in Europa operieren und ob der
politische Kontext, in dem es operiert, zu einer Verpflichtung zu einer so soliden Preisstabilität führen
wird, wie sie die Bundesbank demonstriert.

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Zweitens wird die Revolution auf den europäischen
Finanzmärkten, die viele im Gefolge der EWWU
erwarten, nicht über Nacht stattfinden. Es stimmt, daß
der unmittelbare Effekt der EWWU eine substantielle
Ausweitung der in Euros denominierten Vermögenswerte sein wird - vielleicht ein mehrfaches derjenigen,
die jetzt in der D-Mark denominiert sind. Dennoch wird
es immer noch unterschiedliche Einschätzungen
bezüglich der Kreditrisiken der von den Mitgliedstaaten
ausgegebenen Staatsanleihen geben.
Und die
Bandbreite verfügbarer Instrumente könnte erst in
einiger Zeit denen der amerikanischen Kapitalmärkte
entsprechen.
Und schließlich darf man die Macht der Trägheit nicht
unterbewerten. Märkte können vorausschauend und
viele Teilnehmer zuversichtlich sein, daß sie letztlich
eine dramatische Verlagerung von anderen Währungen zum Euro beobachten können, aber Vorsicht ist
angesichts von Unsicherheit auch eine mächtige Kraft.
Der möglichen Rolle der Zentralbanken in diesem
Prozeß wurde sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet.
Man muß sich jedoch vor Augen führen, daß die
Aktionen der offiziellen Behörden von denen der
Privatinvestoren in den Schatten gestellt werden. Die
gesamten offiziellen Reserven der Vereinigten Staaten,
der Europäischen Union und Japans machen weniger
als fünf Prozent der gesamten ausstehenden Staatsverschuldung und einen etwas geringeren Prozentsatz
der gesamten finanziellen Vermögenswerte aus. Und
es ist zu diesem Zeitpunkt äußerst unklar, wie die
Regierungen - sogar in Europa - auf das Erscheinen
des Euro reagieren werden.
Einige Beobachter in Europa haben den Wunsch zum
Ausdruck gebracht, dem Euro aus Prestigegründen
eine dominante Reserverolle zukommen zu lassen.
Meines Erachtens verwechselt diese Sichtweise
Ursache und Wirkung. Prestige alleine wird kein
erfolgreiches wirtschaftliches Ergebnis bewirken.
Erfolgreiche wirtschaftliche Ergebnisse schaffen
Prestige. Letztlich wird es die Glaubwürdigkeit des
neuen makroökonomischen politischen Regimes in
Europa und sein Erfolg bei der Herbeiführung einer
dynamischeren Volkswirtschaft - nicht der Währungsunion per se - sein, die den Einsatz des Euro als
Währungsreserve entscheidet.
Aus allen diesen Gründen erwarten wir, daß der
Einfluß des Euro auf das Währungssystem anfänglich
ziemlich begrenzt ist und sich nur allmählich bemerkbar macht. Aus der amerikanischen Perspektive wäre
das beste Ergebnis ein solider - von soliden europäischen makroökonomischen Maßnahmen untermauerter - Euro.
Letztlich wird die Stellung des Dollar in dem System
wahrscheinlich mehr von den Entwicklungen in den
Vereinigten Staaten als denen in Europa oder Japan

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�abhängen. Wenn die Vereinigten Staaten einschneidende und glaubwürdige Maßnahmen beibehalten,
wird der Dollar eine solide Währung bleiben. Das
Schicksal des Dollar liegt immer noch im Großen und
Ganzen in unserer Hand.
Europas Rolle in der Welt
Ebenso wichtig für die potentiellen wirtschaftlichen
Auswirkungen der EWWU sind ihre potentiellen
Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt und in
den internationalen Foren.
Dies ist nicht der Ort für Spekulationen über die
spezifischen Veränderungen der Institutionen des
Systems, das die Währungsunion letztlich benötigt. Es
gibt umfassendere Fragen bezüglich der möglichen
Entwicklung der G-7 und der Beteiligung Europas in
internationalen Foren wie den internationalen Finanzinstitutionen.
Diese Fragen müssen nicht unverzüglich angesprochen werden. Und unabhängig von der Art und Weise,
in der sie behandelt werden, ist entscheidend, daß
Europa aus dem Prozeß der EWWU mit der Fähigkeit
zur Übernahme einer aktiven, konstruktiven Rolle auf
der Weltbühne im Hinblick auf politische, währungspolitische und andere Themen hervorgeht.
Würde die EWWU die Politiker vom Handeln bei
innenpolitischen Herausforderungen ablenken, wäre
dies ebenso bedauerlich wie wenn sie Europa von den
das Land konfrontierenden wichtigen internationalen
Herausforderungen ablenken würde.
Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang
sind die Osterweiterung der EU, die europäische
Führungsrolle bei der Förderung der weiteren Integration in die Weltwirtschaft insgesamt und die
Fähigkeit Europas zur effektiven Zusammenarbeit mit
den Vereinigten Staaten und anderen Ländern bei der
Bewältigung anderer besonders besorgniserregender
Herausforderungen in der Weltwirtschaft.

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Die Europäische Union zieht jetzt eine größere
Erweiterung und Integration vieler der ehemaligen
Ostblocknationen in Betracht. Dies ist ein ehrgeiziges
Unterfangen, von dem die US-Regierung hofft, daß es
Erfolg hat. Obwohl die Herausforderungen groß und
die Kosten hoch sind, ist auch die potentielle Belohnung groß. Die EU-Erweiterung würde nicht nur
eine Chance zum Transfer von Technologie und
Kapital darstellen, sondern auch für einen Transfer
demokratischer und marktorientierter Institutionen und
Kulturen. Die Tatsache, daß dies eine europäische
Lösung für ein europäisches Problem wäre, bedeutet,
daß wir auf lange Sicht ihre Tragfähigkeit erwarten
können.
Mit Blick in die Zukunft muß Europa weiterhin seine
Märkte öffnen und seine Verbindungen zur Weltwirtschaft stärken. Das erfordert ein starkes Europa mit
einem EntScheidungsprozeß, der rasches und effektives Handeln auf der internationalen Bühne gestattet.
Und es erfordert, daß Europa nicht über die Maßen
durch die andauernde innenpolitische Beschäftigung
mit den politischen und wirtschaftlichen Dimensionen
des äußeren und inneren Aufbaus der Währungsunion
beschränkt wird.
Ich möchte dort abschließen, wo ich begonnen habe.
Letztlich muß die Entscheidung der Länder Europas,
wie sie diese nächste Phase der Integration angehen,
eine europäische Entscheidung sein.
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an
dem zukünftigen Wachstum und Wohlstand der
Region. Unserer Interesse besteht in der Entwicklung
einer soliden und gesunden europäischen Wirtschaft,
die für die Weltmärkte offen ist.
Die Vereinigten Staaten werden erfolgreiche Bestrebungen uneingeschränkt unterstützen, die Europa die
Stärke und das Vertrauen verleihen, die es für Fortschritte bei den Reformen und der weiteren Integration
seiner Volkswirtschaft in die übrige Welt benötigt.

* * *

*

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