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                    <text>AMERIKA DIENST

4 . Mä'rz 198 7

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan; Austausch von Waffen gegen Geiseln war ein Fehler
- Fernsehansprache Präsident Reagans Hindernis für Fortschritte bei INF beseitigt
- Erklärung Präsident Reagans Freie Kommunikation "mächtige Kraft" für die Demokratie
- Reagan-Botschaft zum Jubiläum der "stimme Amerikas " Glückwünsche zum 45. Jahrestag der "Stimme Amerikas"
- Die Ansprachen von Präsident Reagan, USIA-Direktor Charles Wick und
VOA-Direktor Richard Carlson -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Erkenntnisse und Empfehlungen der Tower-Kommission
- Auszüge aus dem Kommissionsbericht -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Ja zum Leben - Nein zu Drogen
- UN-suchtstoffkommission: Alle Länder sind bedroht

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

"VoN^

4. März 1987

REAGAN: AUSTAUSCH VON WAFFEN GEGEN GEISELN WAR EIN FEHLER
- Fernsehansprache Präsident Reagans -

WASHINGTON - In seiner landesweit übertragenen Ansprache zur Iran/Nicaragua-Affäre erklärte der Präsident am 4. März 1987, "ich übernehme die volle
Verantwortung für meine eigene Handlungsweise und die meiner Administration".
Reagan ging auf den Bericht der Tower-Kommission ein, die diese Angelegenheit
näher untersucht hatte und erläuterte von ihm unternommene korrektive Maßnahmen.
Den Versuch, eine Öffnung mit dem Iran durch einen Austausch von Waffen
gegen Geiseln herbeizuführen, bezeichnete Reagan als "einen Fehler".
Die Erklärung Präsident Reagans hat folgenden Wortlaut:

Meine
amerikanischen
Mitbürger,
ich habe bei zahlreichen Anlässen und
zu vielen Themen von diesem historischen Amtszimmer aus zu ihnen gesprochen. Die Macht des Präsidentenamtes wird oft mit diesem "Oval Office" in Verbindung gebracht.
Sie
liegt aber nicht hier, sondern bei
ihnen, dem amerikanischen Volk, in
Ihrem Vertrauen.
Ihr Vertrauen gibt dem Präsidenten seine Führungskraft wie auch seine persönliche Stärke, und genau darüber möchte ich heute abend zu Ihnen

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Embassy of the United States of America

sprechen.
In den vergangenen drei Monaten
habe ich zu den Enthüllungen über den
Iran geschwiegen.
Sie mögen gedacht
haben: "Warum sagt er uns nicht, was
geschehen
ist?
Warum
spricht er
nicht zu uns, wie er es in der Vergangenheit getan hat, wenn wir uns
Schwierigkeiten oder Tragödien gegenübersahen?" Andere von Ihnen werden
vielleicht gedacht haben: "Warum versteckt er sich im Weißen Haus?"
Der Grund, warum

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ich nicht

eher

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�zu Ihnen gesprochen habe, liegt auf
der Hand: Sie haben die Wahrheit verdient. Und so frustrierend das Warten auch gewesen sein mag, so hätte
ich es unangemessen gefunden, ihnen
mit
unvollständigen Berichten
oder
sogar mit fehlerhaften Erklärungen,
die im Nachhinein einer Korrektur bedürft hätten, entgegenzutreten
und
damit noch mehr Zweifel und Verwirrung zu stiften.
Davon hat es bereits genug gegeben.
Ich habe im Hinblick auf Ihr Vertrauen
und
Ihre
Zuversicht
einen
Preis für mein Schweigen bezahlt.
Aber ich mußte, genau wie sie, auf
die vollständige Geschichte warten.
Aus diesem Grunde habe ich Botschafter David Abshire zu meinen besonderen Berater ernannt, mit dessen Hilfe
Tausende von Dokumenten für die verschiedenen Untersuchungen zur Verfügung gestellt werden. Und ich habe
einen
besonderen
Untersuchungsausschuß, die Tower-Kommission, ernannt,
die es sich zur Aufgabe gemacht hat,
für mich die Wahrheit herauszufinden
und den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihre Ergebnisse sind jetzt veröffentlicht worden.
Ich werde oft als Optimist bezeichnet, und es ist wahr, daß ich
sehr genau nachforschen mußte, um in
dem Bericht der Kommission gute Nachrichten zu finden. Wie sie wissen,
spart er nicht an Kritik, auf die ich
gleich eingehen werde, aber ich war
erleichtert, den Satz zu lesen: "Die
Kommission vom Wunsch des Präsidenten
überzeugt, die Wahrheit ans Licht zu
bringen".
Und
genau
diese
Bitte
richte ich an sie bei der Weiterführung der Untersuchungen.
Ich möchte den Mitgliedern der
Kommission danken - dem früheren Senator John Tower, dem früheren Außenminister Edmund Muskie und dem ehema- 2

ligen Nationalen
Sicherheitsberater
Brent Scowcroft.
Sie haben der Nation wie auch mir persönlich einen
großen Dienst erwiesen, indem sie
einen so ausgewogenen und gründlichen
Bericht vorgelegt haben.
Ihnen gebührt mein aufrichtiger Dank.
Ich habe den Bericht der Kommission geprüft. Seine Ergebnisse sind
aufrichtig,
überzeugend
wie
auch
überaus kritisch, und ich akzeptiere
sie.
Heute abend möchte ich Ihnen
meine Ansichten zu diesen Ergebnissen
mitteilen und ihnen die Maßnahmen bekanntgeben, die ich unternehmen werde, um die Empfehlungen der Kommission durchzuführen.
Lassen Sie mich Ihnen zunächst
sagen, daß ich die volle Verantwortung für meine eigene Handlungsweise
und
für die meiner Administration
übernehmen werde.
So verärgert ich
auch über die ohne mein Wissen unternommenen
Aktivitäten
gewesen
sein
mag, so bin ich doch für diese Aktivitäten verantwortlich.
Und so enttäuscht ich auch sein mag über manche
meiner Mitarbeiter, so bin ich derjenige, der über dieses Verhalten vor
dem amerikanischen Volk Rechenschaft
ablegen muß.
So geschmacklos ich
auch geheime Bankkonten und umgeleitete Gelder finde, so ist dies aber,
wie es bei der Marine heißt, "während
meiner Wache geschehen".
Lassen Sie mich mit dem umstrittensten Teil beginnen. Vor wenigen
Monaten habe ich dem amerikanischen
Volk gegenüber erklärt, daß ich keine
Waffen gegen Geiseln getauscht habe.
Mein Gefühl und meine besten Absichten bedeuten mir immer noch, daß dies
stimmt, aber die Tatsachen und das
Beweismaterial sprechen dagegen.
Dem Bericht der Tower-Kommission
zufolge ist das, was als strategische

�Öffnung
zum
Iran begann, in der
Durchführung zu einem Handel von Waffen gegen Geiseln ausgeartet.
Dies
widerspricht meinen eiqenen Überzeugungen, der Politik der Administration und der ursprünglich von uns geplanten Strategie.
Es gibt Gründe
dafür, warum es so gekommen ist, aber
keine Entschuldigung.
Es war ein
Fehler.

ausschüssen des Kongresses überlassen
bleiben, die Tatsachen festzustellen.
Ich bin zuversichtlich, daß auch in
dieser Angelegenheit die Wahrheit ans
Licht kommen wird. Wie ich schon der
Tower-Kommission
mitgeteilt
habe,
hatte ich keine Kenntnis von einer
Umleitung von Geldern an die Contras.
Als Präsident kann ich jedoch der
Verantwortung nicht entgehen.

Ich habe ursprünglich die IranInitiative unternommen, um Beziehungen zu denjenigen zu entwickeln, die
in einer Regierung nach Khomeini die
Führung übernehmen könnten. Dem Bericht der Kommission ist jedoch eindeutig zu entnehmen, daß ich meine
persönliche Sorge um die Geiseln mit
der geopolitischen
Strategie einer
Annäherung an den Iran vermengt habe.
Ich habe so viele Fragen zum Wohlergehen der Geiseln gestellt, daß ich
nicht genug Fragen zu den Einzelheiten des gesamten Iran-Plans aufgeworfen habe.

Es ist viel über meinen Führungsstil gesagt worden, einen Stil, der
in den acht Jahren meiner Tätigkeit
als Gouverneur von Kalifornien und
während des Großteils meiner Präsidentschaft gut funktioniert hat. Ich
gehe so vor, daß ich das Problem
identifiziere, die richtigen Persönlichkeiten zur Durchführung der Arbeit ausfindig mache und sie dann an
die Arbeit gehen lasse.
Ich habe
herausgefunden, daß dies in den Menschen unweigerlich die besten Qualitäten weckt. Sie scheinen dabei ihre
Fähigkeiten vollständig zu entfalten,
und langfristig wird dadurch mehr geleistet.

Lassen sie mich den Familien der
Geiseln sagen, daß wir nicht aufgegeben haben. Wir werden dies niemals
tun.
Und ich verspreche Ihnen, daß
wir jedes legitime Mitteln benutzen
werden, um Ihre Angehörigen aus der
Gefangenschaft zu befreien. Ich muß
jedoch auch die Warnung aussprechen,
daß diejenigen Amerikaner, die sich
freiwillig in solch gefährlichen Gebieten aufhalten, wissen müssen, daß
sie selbst für ihre Sicherheit verantwortlich sind.
Ein weiterer bedeutender Aspekt
in den Erkenntnissen der Kommission
betrifft die Umleitung von Geldern an
die Contras in Nicaragua. Die TowerKommission war
nicht imstande, zu
klären, was mit diesen Geldern geschah. Deshalb wird es weiterhin dem
gerichtlich
eingesetzten
Sonderermittler und den zwei Untersuchungs-

Was nun die Führung der Mitarbeiter
des Nationalen
Sicherheitsrats
anbelangt, so muß man zugeben, daß
mein Stil nicht meinen Leistungen der
Vergangenheit
entsprach.
Ich habe
schon begonnen, dies zu berichtigen.
Der Anfang wurde gestern gemacht, als
ich mit dem gesamten Arbeitsstab des
Nationalen Sicherheitsrats zusammentraf. Ich habe dabei die Werte erläutert, die ich als Richtlinie für
die Politik der nationalen Sicherheit
dieses Landes angewandt sehen möchte.
Ich habe erklärt, daß ich eine Politik wünsche, die in der Öffentlichkeit genauso vertretbar und vpcständlich ist wie im Geheimen, aaß ich
eine Politik wünsche, die den Willen
des Kongresses wie auch den des Weißen Hauses widerspiegelt.
Und ich
sagte den Mitarbeitern, daß es kei-

- 3 -

�nerlei freie Mitarbeit von Einzelpersonen geben werde, wenn unsere nationale Sicherheit davon betroffen ist.
Sie haben in den vergangenen Monaten eine Menge über die Mitarbeiter
des Nationalen Sicherheitsrats gehört. Ich kann Ihnen mitteilen, daß
sie gute und engagierte Regierungsbeamte sind, die viele Stunden Arbeit
für das Wohl der Nation geleistet haben. Sie sind eifrig bestrebt, ihrem
Land zu dienen.
Etwas, was mich immer noch verstimmt, ist die Tatsache, daß niemand
ordnungsgemäße Aufzeichnungen von Zusammenkünften oder Entscheidungen angefertigt hat.
Dies hat dazu geführt, daß ich mich nicht mehr daran
erinnern konnte, ob ich eine Waffenlieferung vor oder nach bestimmten
Ereignissen genehmigt habe. Ich habe
sie genehmigt, aber ich kann nicht
mehr genau sagen, wann.
Seien Sie
versichert, daß inzwischen an der
Pennsylvania Avenue 1600 eine Menge
Aufzeichnungen gemacht werden.
Fast eine Woche lang habe ich
jetzt den Bericht der Kommission studiert.
Das amerikanische Volk soll
wissen, daß diese schwere Prüfung der
letzten Monate nicht vergebens war.
Ich unterstütze alle von der TowerKommission gemachten Vorschläge. Ich
gehe sogar über diese Empfehlungen
hinaus, um das Haus noch besser in
Ordnung zu bringen.
Ich werde in drei grundlegenden
Bereichen handeln: beim Personalwesen, der nationalen Sicherheitspolitik und den Verfahrensweisen, um sicherzustellen, Haß das System funktioniert.
Erstens zum Personalwesen.
Ich
habe hier im Weißen Haus ein erfahrenes und weithin respektiertes neues

Team
eingeführt.
Diese
Personen
bringen frisches Blut, neue Energie
sowie neue Glaubwürdigkeit und Erfahrung mit.
Mein neuer Stabschef, der ehemalige Senator Howard Baker, verfügt
über außerordentlich großes Geschick
in rechtlichen und auswärtigen Angelegenheiten,
das
seinesgleichen
sucht. Ich bin voller Hoffnung, daß
seine Erfahrung als Anführer der Minderheit und der Mehrheit im Senat dazu beitragen wird, eine neue Partnerschaft mit dem Kongreß zu schaffen,
vor allem auf dem Gebiet der auswärtigen und nationalen Sicherheitspolitik. Ich fühle mich wirklich geehrt,
daß er seine eigene Anwartschaft auf
das Amt des Präsidenten zurückgezogen
hat, um dem Land als mein Stabschef
zu dienen.
Frank Carlucci, mein neuer Nationaler
Sicherheitsberater, ist aufgrund
seiner
Regierungserfahrung
hochgeschätzt und in sein Urteil und
seinen Rat wird großes Vertrauen gesetzt. Unter seiner Leitung wird die
Mitarbeiterstruktur
des
Nationalen
Sicherheitsrates neu und straff organisiert. Bereits jetzt ist die Hälfte der festen Mitarbeiter des Nationalen
Sicherheitsrates
durch
neue
Leute ersetzt worden.
Gestern habe ich William Webster,
einen Mann von integrem Ruf, zum Direktor
der
Central
intelligence
Agency nominiert. Mr. Webster hatte
vorher das Amt als Direktor des FBI
inne und war Richter an einem amerikanischen Bezirksgericht.
Er kennt
die Bedeutung
des Wortes "Rechtsstaatlichkeit" .
Damit mir seine Kenntnisse in Angelegenheiten der nationalen Sicherheit ständig zur Verfügung stehen,
werde ich auch John Tower zum Mitar-

�beiter meiner Beratergruppe für Auswärtige Nachrichtendienste benannt.
Ich erwäge in den kommenden Wochen und Monaten noch weitere, mir
angemessen
erscheinende
personelle
und organisatorische Veränderungen.
Zweitens habe ich im Bereich der
nationalen
Sicherheitspolitik
eine
umfassende Überprüfung aller verdeckter Operationen durch den Nationalen
Sicherheitsrat angeordnet.
Ich habe
weiterhin verfügt, daß alle geheimen
Aktivitäten
eindeutige
politische
Zielsetzungen
unterstützen
und
im
Einklang mit den amerikanischen Wertvorstellungen
stehen
müssen.
Von
einer geheimhaltungsbedürftigen Politik erwarte ich, daß die Amerikaner
im Falle einer Veröffentlichung auf
der Titelseite ihrer Zeitung sagen
würden: "Das ist eine sinnvolle Politik".
Ich habe verfügt, daß den Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsrates selbst geheime Operationen verboten werden - ohne wenn und aber.
Ich habe Vizepräsident Bush gebeten, sein Expertenteam zur Terrorismusbekämpfung einzuberufen, um unsere
Politik der Terrorismusbekämpfung im
Licht
der
jüngsten
Ereignisse
zu
überprüfen.
Was die Entscheidungsfindung im
Bereich der Nationalen Sicherheit anbetrifft, werde ich drittens das im
Tower-Bericht vorgeschlagene Modell,
wie das Verfahren und die Mitarbeiter
des Nationalen Sicherheitsrates arbeiten sollten, insgesamt annehmen.
Ich werde Mr. Carlucci mit der Veranlassung der notwendigen Schritte beauftragen. Er wird mir über weitere,
möglicherweise erforderliche Reformen
Bericht erstatten.

Ich habe die Stelle des Rechtsberaters beim Nationalen Sicherheitsrat
geschaffen, um eine größere Sensibilität gegenüber Rechtsfragen sicherzustellen.
Ich bin weiterhin entschlossen,
das Verfahren, dem zufolge der Kongreß seine Aufsicht ausübt, funktionsfähig zu gestalten. Angemessene Verfahrensweisen für Konsultationen mit
dem Kongreß werden nicht nur theoretisch, sondern praktisch angewandt
werden. Vor Ende März werde ich den
Kongreß von allen Schritten unterrichten, die ich im Zusammenhang mit
den Schlußfolgerungen der Tower-Kommission unternommen habe.
Wenn man einen Fehler begangen
hat, sollte man folgendes tun:
Man
steckt den Tiefschlag ein, bekommt
seine Lektion und macht dann weiter.
Das ist die gesündeste Art und Weise,
um ein Problem anzugehen.
Das verringert nicht die Bedeutung der anderen
laufenden Untersuchungen, aber
das Leben muß für unser Land und unser Volk weitergehen. Dies haben mir
Republikaner und Demokraten im Kongreß wie auch die Verbündeten auf der
ganzen Welt zu verstehen gegeben und wenn wir die Zeichen richtig deuten, auch die Sowjets. Und nun habe
ich natürlich diese Botschaft auch
von Ihnen, dem amerikanischen Volk,
vernommen.
Sie wissen, daß Sie, wenn sie in
mein Alter kommen, viele Fehler gemacht haben werden, wenn Sie Ihr Leben wirklich gelebt haben.
Dadurch
lernt man. Man betrachtet die Dinge
im Zusammenhang.
Man
konzentriert
all seine Energie. Man ändert sich
und man macht weiter.
Meine
amerikanischen
Mitbürger,
es bleibt noch so vieles, was ich mit
Ihnen und für sie in den nächsten

- 5 -

�AMERIKA DIENST
VON

Dokumentation

**

4. März 1987

HINDERNIS FÜR FORTSCHRITTE BEI INF BESEITIGT
- Erklärung Präsident Reagans -

WASHINGTON - (AD) - In seiner am 3. März 1987 im Weißen Haus abgegebenen
Stellungnahme zu den Vorschlägen des sowjetischen Generalsekretärs Gorbatschow
erklärte Präsident Reagan, daß Moskau nicht länger auf einer Verbindung von
Abkommen zu Mittelstreckenwaffen längerer Reichweite (INF) und solchen in anderen Bereichen bestehe und daß dies "ein ernstliches Hindernis für den Fortschritt beseitige".
Reagan wies darauf hin, daß er die amerikanischen Unterhändler bei den Rüstungskontrollverhandlungen in Genf angewiesen habe, mit "der Vorlage unseres
Entwurfs für ein INF-Ankommen" zu beginnen. Er erklärte ferner, daß die Vereinigten Staaten bei INF weiterhin enge Konsultatinoen zu den Verbündeten in
Europa und Asien pflegen werden.
Die Erklärung des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
In enger Zusammenarbeit mit unseren Freunden und Verbündeten in Europa und Asien haben die Vereinigten
Staaten - seit meinem ersten Vorschlag im November 1981 - einschneidende, ausgewogene und verifizierbare
Reduzierungen von landgestützten amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenwaffen
längerer
Reichweite
verfolgt, mit dem Ziel, diese weltweit vollständig abzuschaffen.
In jüngster Zeit haben wir einen
detaillierten
Vertragstext
erarbeitet, um diese vereinbarten Zielset-

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Embassy of the United States of America

zungen anzuwenden und der speziellen
Maßgabe
zu
folgen,
der
Herr
Gorbatschow und ich bei unserem Treffen in Island im vergangenen Oktober
zugestimmt
hatten.
Dies erfordert
Reduzierungen bis zu einer vorläufigen weltweiten Obergrenze von 100 Gefechtsköpfen auf amerikanischen und
sowjetischen INF-Raketen, von denen
sich keine in Europa befinden sollten
sowie Beschränkungen bei den Mittelstreckenraketen
kürzerer
Reichweite
und Bestimmungen für eine wirkungsvolle Verifizierung. Für diese Zielsetzungen setze ich mich weiterhin

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Telex: 8-85432

�voll ein.
Ich habe in diesem Bereich seit
langem Fortschritte
angestrebt
und
begrüße daher die Erklärung des sowjetischen
Generalsekretärs
Gorbatschow vom vergangenen Samstag,
daß die Sowjetunion nicht weiter auf
einer Verbindung
von Reduzierungen
bei INF zu Abkommen in anderen Bereichen
besteht.
Dadurch
wird
ein
ernstliches Hindernis für den Fortschritt beseitigt und ein Einklang
mit der Vereinbarung
erzielt, die
Herr Gorbatschow und ich bei unserem
1985 abgehaltenen Gipfeltreffen
in
Genf getroffen haben - daß wir nach
einem einzelnen Abkommen in diesem
wichtigen
Bereich
streben
würden.
Ich möchte unseren Verbündeten zu ihrer festen Haltung bei dieser Frage
gratulieren.
offensichtlich hat unsere Entschlossenheit zu Fortschritten geführt.
Um diese neue Möglichkeit voll
auszuschöpfen, habe ich unsere Unterhändler angewiesen, morgen mit der
Vorlage unseres Entwurfs zu einem
INF-Abkommen zu beginnen. Ich hoffe,
daß die Sowjets dann gemeinsam mit
uns ernsthafte Diskussionen über die
Einzelheiten
aufnehmen werden, die
unerläßlich
für die Umsetzung der
einzelnen Bereiche einer grundsätzlichen Übereinkunft in ein konkretes
Abkommen sind. Und ich möchte betonen, daß die Frage der Verifizierung
die wichtigste der noch zu lösenden
wichtigen Fragen ist. Weil wir einem
wahren und dauerhaften Rüstungsabbau
verpflicht sind und die völlige Einhaltung sicherstellen wollen, werden
wir weiterhin darauf bestehen, daß
jedes Abkommen wirksam verifizierbar
ist.
Um
die
Implikationern
dieser
jüngsten Entwicklungen eingehender zu
erforschen, habe ich unsere Unter- 2

händler
in Genf, die
Botschafter
Kampelman, Glitman und Lehman gebeten, Ende dieser Woche mit mir in
Washington
zusammenzutreffen.
Nach
diesen Gesprächen in Washington werde
ich eine Gruppe nach Genf zurückschicken, um die eingehenden Verhandlungen für ein Abkommen zum Abbau von
INF wiederaufzunehmen.
Wir
werden gleichzeitig
unsere
engen Konsultationen über INF mit unseren Freunden und Verbündenten in
Europa und Asien fortführen. Es war
schließlich die Festigkeit und Einigkeit der Verbündeten bei der Durchführung
des
NATO-Doppelbeschlusses
von 1979, die dazu beigetragen haben,
die Sowjets wieder an den Verhandlungstisch zurückzubringen und diese
Möglichkeit zu einem Abkommen über
die Reduzierung zu erarbeiten, das
von beiderseitigem Nutzen für Ost und
West ist. Bei unserem weiteren Vorgehen solten wir uns daran erinnern,
daß nichts für die Sache des Friedens
wichtiger ist als die Glaubwürdigkeit
unserer Verpflichtung auf die NATO
und unsere anderen Verbündeten und
nichts ist bedeutsamer für die Lebensfähigkeit dieser Bündnisse freier
Nationen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
4. März 1987

FREIE KOMMUNIKATION "MÄCHTIGE KRAFT" FÜR DIE DEMOKRATIE
- Reagan-Botschaft zum Jubiläum der "Stimme Amerikas"-

WASHINGTON - (AD) - In einer Botschaft aus Anlaß des 45jährigen Bestehens
der "Stimme Amerikas" hat Präsident Reagan am 24. Februar 1987 eine freie
Presse, einen freien Rundfunk und freie, moderne Kommunikationsmittel als
"mächtige Kraft für die Demokratie" bezeichnet. Die "Stimme Amerikas", die im
Namen der Wahrheit sende, müsse "weiterhin denen ein starkes Zeichen geben,
die andernfalls keinen Zugang zu unzensierten Informationen hätten".
Die Botschaft des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:

Erlauben Sie mir, Ihnen allen,
die Sie hier versammelt sind, um 45
Jahre internationaler Sendungen der
"Stimme Amerikas" zu feiern, zu gratulieren. Als früherer Rundfunksprecher habe ich immensen Respekt vor
Ihnen. Ihre täglichen Sendungen werden für eine wachsende Zahl internationaler Zuhörer im Namen des amerikanischen Volkes gemacht - und im Namen der Wahrheit. Das Angebot zuverlässiger, unzensierter Informationen
ist ein wichtiger Bestandteil unserer
Diplomatie.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Als die "Stimme" vor 45 Jahren
zum ersten Mal erklang, sagte der
Sprecher: "Die Nachrichten mögen gut
oder schlecht sein. Wir werden Ihnen
die Wahrheit sagen."
Für Millionen
Menschen, die in geschlossenen Gesellschaftssystemen
leben, bedeuten
Ihre Sendungen genau dies - die Stimme der Wahrheit. Für andere sind Sie
eine
alternative
Nachrichtenquelle,
die zuverlässige Informationen über
amerikanische Ansichten und Institutionen liefert. Und für wieder andere stellen Ihre Sondersendungen in
leicht verständlichem Englisch
ein

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Telex: 8-85432

�Mittel zur Erlernung oder zum besseren Verständnis der englischen Sprache dar.
ihre täglichen Kommentare
bilden außerdem eine wichtige Quelle
für diejenigen, die die Ansichten unserer Regierung verstehen möchten.

tionsmittel - all dies ist auf die
Würde des Menschen und auf das unveräußerliche Recht des Einzelnen auf
Freiheit gegründet; all dies stellt
eine mächtige Kraft für die Demokratie dar.

Wir in Amerika glauben, daß jeder
Mann, jede Frau und jedes Kind das
Recht auf frei zugängliche Informationsquellen
besitzen.
Wir
sind
nicht der Meinung, daß der Geist eingesperrt werden
kann oder sollte.
Leider gibt es Regierungen, denen die
Wahrheit eine Bedrohung ist. sie unternehmen
enorme Anstrengungen, um
ihre Bürger von Informationen fernzuhalten, die nicht der "offiziellen
Parteilinie"
entsprechen.
Während
wir also heute hier feiern, sollten
wir uns auch der vielen Zuhörer erinnern - Zuhörer in diesen geschlossenen Gesellschaftssystemen -, die die
Sendungen der Stimme Amerikas mit
großem persönlichem Risiko einschalten.

Für diese
ich Ihnen.

Vor einigen Jahren habe ich erklärt, daß ich der Modernisierung der
"Stimme" die gleiche Bedeutung beimesse,
die
Präsident
Kennedy
dem
Raumfahrtprogramm
einräumte.
Ich
möchte dieses Versprechen erneuern.
Wir müssen weiterhin denen ein starkes Zeichen geben, die andernfalls
keinen Zugang zu unzensierten Informationen hätten.
Ich denke, Alexander Solschenizyn
hat die Stärke internationaler Sendungen am besten beschrieben.
Er
sagte, sie seien "die mächtige nichtmilitärische Kraft, die den Funkwellen innewohnt und deren erleuchtende
Macht inmitten kommunistischer Dunkelheit man sich im Westen noch nicht
einmal vorstellen kann".
Eine
freie Presse, ein freier
Rundfunk und freie, moderne Komunika- 2 -

wichtige

* * * *

Arbeit

danke

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
4. März 1987

GLÜCKWÜNSCHE ZUM 45. JAHRESTAG DER "STIMME AMERIKAS"
Die Ansprachen von Präsident Reagan, USIA-Direktor Charles Wick
und VOA-Direktor Richard Carlson -

WASHINGTON - (AD) Präsident
Reagan würdigte in einer Rede am 24.
Februar die 45 Sendejahre der "stimme
Amerikas" (Voice of America - VOA)
und wies darauf hin, das "Angebot zuverlässiger, unzensierter Informationen (sei) ein wichtiger Bestandteil
unserer Diplomatie".
Der Präsident
nannte VOA die 'Stimme der Wahrheit'
und wiederholte seine Zusage einer
Modernisierung von VOA.
"Wir müssen weiterhin denen ein
starkes Zeichen geben, die andernfalls keinen Zugang zu unzensierten

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Embassy of the United States of America

Informationen
hätten",
erklärte
Reagan in der Videoaufzeichnung seiner Rede an die Mitarbeiter von VOA,
die in der Zentrale der "Stimme Amerikas" in Washington an der Jubiläumsfeier teilnahmen.
Der Präsident führte weiter aus,
daß eine freie Presse, ein freier
Rundfunk und freie, moderne Kommunikationsmittel alle "auf die Würde des
Menschen und auf das unveräußerliche
Recht des Einzelnen auf Freiheit" gegründet seien und "dies alles eine
mächtige Kraft
für die Demokratie

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�darstelle". Reagan schloß seine Ansprache mit den Worten: "Für diese
wichtige Arbeit danke ich ihnen".
Der Direktor des US-Informationsamtes (USIA) , Charles Z. Wick, erklärte: "Die Welt braucht den Rundfunk, und die Welt braucht die "Stimme Amerikas".
In seiner Ansprache
betonte Wick die Bedeutung, die der
"kreativen
und guten" Nutzung von
amerikanischen
Rundfunkeinrichtungen
im Ausland zukommt. "VOA hat nicht
nur eine stolze Geschichte, sondern
auch
eine
aufregende
Gegenwart".
Wick nannte die "VOA-Gemeinschaft ein
Abbild
der
Vereinigten
Staaten...
eine Art von "Nation in einer Nation"
- Menschen vieler Kulturkreise, die
Seite an Seite arbeiten" und die
durch ihren stolz auf und ihre Liebe
zu den Vereinigten Staaten verbunden
s ind.
"Die ungebrochene Kraft des Rundfunks leitet sich aus seiner einzigartigen Fähigkeit ab, die Phantasie
anzufachen und zu informieren", erklärte Wick.
"Der Rundfunk kann die
menschlichen
Gedanken
und
seinen
Geist beflügeln, solche Orte zu besuchen, von denen das Fernsehen nicht
einmal träumt" und "er kann Ideen
eingehender erforschen, weil er nicht
gezwungen ist, sie in laufenden Bildern abzubilden".
Der Direktor der "stimme Amerikas", Richard Carlson, bezeichnete
das Jubiläum als "eine Zeit, in der
wir alle, die wir den Glauben an die
Bedeutung
der
Sendeleistung
der
"Stimme Amerikas" teilen, die nunmehr
eine der größten und bedeutendsten
Nachrichtenorganisationen
der
Welt
ist, auf die erste 15minütige Sendung
vor 45 Jahren zurückblicken" als sich
die Welt im Krieg befand. Diese Sendung versprach, die Wahrheit zu sagen, so erklärte Carlson in seiner

Rede anläßlich
lichkeiten.

der

Jubiläumsfeier-

Die ersten Sendungen der "Stimme
Amerikas" im Krieg "bewiesen den Hörern auf der ganzen Welt, daß sie dem
vertrauen konnten, was die
'Stimme
Amerikas' ihnen über Amerika berichtete...
Und dieses Vertrauen wie
auch
unsere
Glaubwürdigkeit
haben
sich in den vergangenen 45 Jahren
noch gefestigt".
VOA hat "ihr Bestes getan, um
sich den Herausforderungen
unseres
modernen Zeitalters zu stellen", erklärte Carlson und wies darauf hin,
daß inzwischen mehr als 1 200 stunden
wöchentlich gesendet werden, und dies
in 42 Sprachen an mehr als 130 Millionen Hörer auf fünf Kontinenten.
"Unsere vielen Sprachen und Sendestunden sind meiner Ansicht nach
ein Maßstab für unser Engagement; unsere wachsende Hörerschaft ist ein
Maßstab für den Erfolg der 'Stimme
Amerikas' wie auch gleichzeitig ein
Maß unserer Verantwortung".
Carlson
bemerkte: "Diese Verantwortung
ist
mit jeder neuen Sendestunde und mit
jedem neuen Hörer gewachsen".
Die Zuhörer von VOA hören "die
neuesten
Nachrichten
aus
Amerika,
über Amerika und aus der ganzen Welt:
ausgewogen, ehrlich, genau - was sie
auch bleiben werden, wofür das Gesetz
wie auch unsere Berufsethik sorgen".
"Sie hören die Geschichte Amerikas die Gewohnheiten und die Lebensweise
des
Volkes,
seiner
Institutionen,
seiner Ideen und seiner Auffassungen".
Und sie hören von der "Vielfalt,
die in jeder Demokratie herrscht und
deren Merkmal die Gedankenfreiheit
ist", bemerkte Carlson.
"Die Hörer

der

'Stimme Amerikas'

�schalten uns ein, weil sie nach Informationen dürsten".
"Seit 45 Jahren hat ihnen die 'Stimme Amerikas'
das gegeben, was Amerikaner am meisten schätzen: die Möglichkeit, sich
selbst ihre Meinung zu bilden".

* * * * *

�AMERIKA DIENST
r/

U

^

Hintergrundmaterial

Ä«

4. März 1987

DIE ERKENNTNISSE UND EMPFEHLUNGEN DER TOWER-KOMMISSION
- Auszüge aus dem Kommissionsbericht -

WASHINGTON - (AD) - Die folgenden Auszüge aus dem Bericht der Tower-Kommission, der am 26. Februar 1987 veröffentlicht wurde, beschäftigen sich mit
den in der Iran-Affäre begangenen Fehlern und geben Empfehlungen für die zukünftige Vorgehensweise.

WAS WURDE FALSCH
des Berichts)

GEMACHT

(Teil

IV

Die Iran-Initiative stand der Politik der Administration in bezug auf
den Terrorismus, den Krieg zwischen
Iran und Irak und die militärische
Unterstützung für Iran diametral entgegen. Dieser innere Widerspruch ist
nie gelöst worden. Weder wurden die
Konsequenzen daraus jemals in ihrer
ganzen Tragweite erwogen noch wurde
irgendeine Vorsorge getroffen.
Das
Gesamtergebnis bestand in einer amerikanischen Politik, die gegen sich

United States Information Service
Embassy of the United States of America

selbst gerichtet war.
Die Kommission ist der Überzeugung, daß das Versäumnis einer angemessenen Behandlung dieser Widersprüche größtenteils aus Fehlern im Entscheidungsfindungsprozeß
herrührte.
Die bestehenden Verfahren zur Fällung
nationaler
Sicherheitsentscheidungen
wurden außer acht gelassen. Überprüfungen
der Initiative
durch
alle
ständigen Mitglieder des Nationalen
Sicherheitsrats
fanden
zu
selten
statt. Die Initiativen wurden unterhalb der Kabinettsebene nicht aus-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�reichend geprüft. Nachrichtendienstliche Mittel wurden unzureichend genutzt.
Geltende
rechtliche
Einschränkungen wurden nicht ausreichend
berücksichtigt.
Die gesamte Angelegenheit wurde zu informell und ohne
ausreichende schriftliche Unterlagen
über das, was erwogen, diskutiert und
entschieden worden war, behandelt.
Dieses Muster blieb während der
gesamten Durchführung der Iran-Initiative bestehen. Die Mitglieder des
Nationalen Sicherheitsrats übernahmen
die unmittelbare operative Kontrolle.
Die Initiative fiel traditionell in
den Geschäftsbereich des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des CIA. Diese Dienststellen wurden aber weitgehend ausgeschlossen. Großes Vertrauen wurde in
das Netz aus privaten Handlungsträgern und Mittelsmännern gesetzt. Die
Art und Weise der Durchführung dieser
Initiative erhielt von den ständigen
Mitgliedern
des Nationalen
Sicherheitsrats niemals die gebührende Aufmerksamkeit und wurde niemals auf Arbeitsebene eingehend überprüft. Eine
regelmäßige
Auswertung
der
Fortschritte der Initiative wurde nicht
durchgeführt. Das Ergebnis war eine
unprofessionelle und großenteils unbefriedigende Operation.
Während des gesamten Verfahrens
wurde der Kongreß niemals unterrichtet.
A.

Ein fehlerhaftes Verfahren

1. Es wurde eine widersprüchliche Politik verfolgt.
Die Waffenverkäufe an den Iran und die Unterstützung der Contras durch den Nationalen Sicherheitsrat zeigen die Risiken auf, die dann bestehen, wenn
hochkontroverse Initiativen insgeheim
verfolgt werden.

Waffenlieferungen
an den
Iran.
Die Initiative in Richtung Iran war
eine
verdeckte
Operation, die
zu
wichtigen und öffentlich verbreiteten
politischen Richtlinien der Regierung
unmittelbar
im
Widerspruch
stand.
Aber auch die Initiative selbst beinhaltete
einen grundlegenden Widerspruch. Zwei Ziele waren von Anfang
an offensichtlich: eine strategische
Öffnung zum Iran und die Freilassung
der amerikanischen Geiseln
im Libanon. Der Verkauf von Waffen an den
Iran schien ein Mittel zu sein, um
beide Ziele zu erreichen. Er spielte
aber auch denjenigen in die Hände,
die bei der Verstrickung der Vereinigten
Staaten
in ein Waffengeschäft mit dem Iran andere Interessen
verfolgten
einige
unter
ihnen
strebten nach persönlichem finanziellen Gewinn.
Tatsächlich war der Verkauf von
Waffen nicht beiden Zielen gleichermaßen zuträglich.
Der Iran wollte
Waffen.
Wenn alles, was die Vereinigten
Staaten
anstrebten,
die
Freilassung
der Geiseln war, dann
konnte ein Geschäft, bei dem Waffen
gegen Geiseln
ausgetauscht wurden,
den unmittelbaren Zielen beider Seiten dienen. Wenn aber das amerikanische Ziel in einem breiter angelegten strategischen Verhältnis bestand,
dann hätte der Verkauf von Waffen
erst dann erfolgen dürfen, nachdem
die
Elemente
dieses
Verhältnisses
konsolidiert
waren.
Ein Austausch
von Waffen gegen Geiseln konnte in
diesem Zusammenhang für die Erzielung
dieses
weitergefaßten
strategischen
Ziels kontraproduktiv wirken.
Was auch immer beabsichtigt war,
fast von Anfang an wurde die Initiative zu einer Serie von Tauschgeschäften Waffen gegen Geiseln.
Die
Waffenlieferung an den Iran von November 1985 war unmittelbar mit der

- 2 -

�Freilassung
von Geiseln
verbunden.
Ja, auch die Lieferung von August/September war möglicherweise nichts
anderes als ein Handel von Waffen gegen Geiseln. Bis zum 14. Juli 1985
war ein spezifischer Vorschlag für
den Verkauf von 100 TOW an den Iran
im Austausch gegen iranische Bemühungen zur Sicherstellung der Freilassung aller Geiseln dem Weißen Haus
übermittelt und mit dem Präsidenten
diskutiert worden. Was wirklich geschah, zumindest was die SeptemberLieferung
betraf, beinhaltete
eine
direkte Verbindung zwischen den Waffen und einer Geisel.

heitsrats.
Die
Aktivitäten
von
Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsrats
zur
Unterstützung
der
Contras waren darauf ausgerichtet,
ein wichtiges außenpolitisches Ziel
der Administration zu erreichen. Der
Präsident hatte seiner Unterstützung
des nicaraguanischen Widerstandes öffentlich und nachdrücklich Ausdruck
verliehen. Dies brachte seine Politik in direkten Konflikt mit der des
Kongresses, zumindest in dem Zeitraum, in dem die direkte oder indirekte
Unterstützung
militärischer
Operationen
in Nicaragua
untersagt
war.

Es stimmt, daß, genaugenommen,
keine Waffen gegen die Geiseln getauscht wurden.
Die Waffen wurden
für Geld verkauft, und zwar an den
Iran, und nicht an die Terroristen,
in deren Gewalt sich die Geiseln befanden. Es war jedoch klar, daß der
Iran die Waffen kaufen wollte und daß
die amerikanische Bereitschaft zu ihrem Verkauf
immer wieder von der
Freilassung der Geiseln abhängig gemacht wurde.

Obwohl der Kommission nur beschränktes Beweismaterial zur Verfügung steht, scheinen keinerlei ernsthafte Anstrengungen gemacht worden zu
sein, um die mit einer direkten Unterstützung an die Contras angesichts
dieser Beschränkungen durch den Kongreß für den Präsidenten bestehenden
Risiken in den Griff zu bekommen.
Selbst wenn man argumentieren könnte,
daß diese Beschränkungen
technisch
die Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats nicht betrafen, bedeuteten diese Aktivitäten ein großes
politisches Risiko für den Präsidenten.
Der Anschein, daß die persönlichen Mitarbeiter
des Präsidenten
etwas taten, was der Kongreß anderen
Behörden zu tun verboten hatte, konnte, wenn diese Aktivitäten einmal an
die Öffentlichkeit gelangt waren, im
Kongreß einen Brand entfachen und die
gesamte Politik der Administration in
bezug auf die Contras bedrohen.

Die Kommission ist der Meinung,
daß eine strategische Öffnung zum
Iran möglicherweise im nationalen Interesse lag, daß aber die Vereinigten
Staaten sich niemals an Waffenlieferungen hätten beteiligen dürfen. Als
Tauschhandel
Waffen
gegen
Geiseln
konnten sie nur zur Schaffung eines
Anreizes
für
weitere
Geiselnahmen
beitragen. Als Verletzung des amerikanischen Waffenembargos mußten sie
die Hemmungen anderer Staaten, Waffen
an den Iran zu verkaufen, beseitigen.
Die Geschäfte Waffen gegen Geiseln
belohnten ein Regime, daß eindeutig
den Terrorismus und Geiselnahmen unterstützte.
Unterstützung
Mitarbeiter
des

der Contras durch
Nationalen
Sicher-

2.
Der
EntscheidungsfindungsprozeB war fehlerhaft.
Da die Waffenverkäufe an den Iran und die Unterstützung der Contras durch den Nationalen Sicherheitsrat sich vor einem
solch kontroversen
Hintergrund
abspielten, würde man erwarten, daß
die Entscheidungen zur Durchführung

- 3 -

�dieser Aktivitäten nur nach intensiven und gründlichen Erwägungen getroffen worden wären.
Tatsächlich
sieht das Bild ganz anders aus.
Waffenlieferungen
an den Iran.
Die Iran-Initiative wurde fast beiläufig und über informelle Kanäle behandelt, anscheinend immer mit der
Erwartung, daß das Vefahren durch den
nächsten Austausch von Waffen gegen
Geiseln sein Ende finden würde. Sie
wurde weder den allgemeinen Verfahren
für behördenübergreifende Angelegenheiten und die Überprüfung politischer Fragen noch den in der Nationalen Sicherheitsdirektive 159 enthaltenen restriktiveren Verfahrensweisen
zur Behandlung verdeckter Operationen
unterworfen.
Daraus
resultierten
mehrere Konsequenzen:
(i) Es bestand keine ausreichende Gelegenheit für eine vollständige
Anhörung vor dem Präsidenten.
Bei
jedem für die Iran-Initiative bedeutsamen Schritt hätten Beratungen zwischen den ständigen Mitgliedern des
Nationalen Sicherheitsrats in Anwesenheit des Präsidenten praktisch automatisch
erfolgen
müssen.
Dies
durfte keine formale, gesetzlich vorgeschriebene Bedingung sein. Stattdessen hätte dies von den ständigen
Mitgliedern
des Nationalen Sicherheitsrats erwünscht sein müssen als
ein Mittel, um ein optimales Umfeld
für das Urteil des Präsidenten sicherzustellen.
Den
Zusammenkünften
hätten Treffen der ständigen Mitglieder zur Prüfung von Studien vorausgehen müssen, die von ihren Mitarbeitern gemäß den im Falle von verdeckten Operationen anzuwendenden Verfahren zu erarbeiten waren. Diese Studien hätten die Vorgeschichte dieser
Initiative überprüfen, die anstehenden Probleme analysieren, eine Palette realistischer Optionen entwickeln
und Fragen der Umsetzung und Ausfüh-

rung behandeln sollen. Wäre dies geschehen, dann wären vielleicht die
Ziele
der
Iran-Initiative
klargestellt und Alternativen zum Verkauf
von Waffen erkannt worden.
(ii) Die Initiative wurde niemals einer rigorosen Überprüfung unterhalb der Kabinettsebene unterzogen.
Wegen der Geheimhaltungsbesessenheit wurde die behördenübergreifende Überprüfung der Initiative auf
die Kabinettsebene beschränkt.
Mit
Ausnahme der Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats und, nach dem 17.
Januar 1986, einer Handvoll CIA Mitarbeiter wurden die anderen Regierungsbehörden
großenteils
ausgeschlossen.
Dies führte dazu, daß die Initiative niemals auf der nachgeordneten
Ebene untersucht wurde. Dadurch wurden denjenigen, die für die Operation
verantwortlich
waren,
erhebliche
Sachkenntnis vorenthalten - zur Situation im Iran, zu den Schwierigkeiten von Verhandlungen mit Terroristen, von den Verfahrensweisen bei
der Durchführung einer diplomatischen
Öffnung.
Außerdem
wurde der Plan
deshalb nie einer harten, kritischen
Überprüfung unterzogen.
überdies
fand keine politische
Überprüfung der Initiative unterhalb
der Kabinettsebene statt. Eine sorgfältige Untersuchung auf Staatssekretär/Unter Staats Sekretär ebene
hätte
vielleicht das Durcheinander in den
Zielen der Vereinigten Staaten enthüllen und die Risiken einer Benutzung von Waffen als Instrument der
Politik in diesem Fall verdeutlichen
können.
Die einzige vom Präsidenten im
Zusammenhang mit der Iran-Initiative
offensichlich
eingesehenen
Arbeiten
von Mitarbeitern waren von Mitarbei-

�tern des Nationalen Sicherheitsrats
unter der Leitung des Nationalen Sicherheitsberaters
verfaßt
worden.
Diese waren aber die Hauptverfechter
der Initiative. Ein Teil dieser Studien nachgeordneter Mitarbeiter sind
von dieser Kommission geprüft worden.
Das auffälligste Ergebnis war dabei
das Versäumnis, die Bilanz vergangener Bemühungen zu präsentieren - insbesondere die Bilanz von Fehlschlägen.
Alternativvorschläge
für die
Erreichung der amerikanischen Ziele,
die keine Tauschgeschäfte von Waffen
gegen Geiseln vorsahen, wurden nicht
diskutiert. Oft wurden weder die bei
einer Weiterverfolgung der Initiative
bestehenden Risiken noch die volle
Tragweite abweichender Meinungen von
anderen
ständigen Mitarbeitern des
Nationalen Sicherheitsrats angemessen
vorgetragen.
Insgesamt
wurde
dem
Präsidenten kein guter Dienst erwiesen.
(iii) Das Verfahren war zu informell.
Der gesamte Entscheidungsprozeß war zu informell. Selbst wenn
Zusammenkünfte der ständigen Mitglieder
des Nationalen
Sicherheitsrats
stattfanden, wurde die Tagesordnung
meist nicht vorher
bekanntgegeben.
Anscheinend
wurden
keine
formellen
Sitzungsprotokolle
erstellt.
Vom
Präsidenten
nachfolgend
getroffene
Entscheidungen wurden nicht formell
aufgezeichnet.
Eine Ausnahme bildet
die Entscheidung vom 17. Januar, aber
selbst diese wurde anscheinend nicht
allen
wichtigen
Regierungsbeamten
mitgeteilt.
Das Ergebnis dieser Formlosigkeit
bestand darin, daß es der Initiative
an
formellen
institutionellen Aufzeichnungen mangelte.
Damit wurden
die Beteiligten daran gehindert, die
eingehenderen Analysen und Betrachtungen
durchzuführen,
die
durch
schriftliche
Aufzeichnungen
ermög-

licht werden, anstatt sich auf das
bloße Erinnerungsvermögen zu verlassen.
Es wurde dadurch erschwert,
festzustellen, was die Initiative erreicht hatte und Lektionen aus der
Vergangenheit zu lernen, die künftige
Handlungen
hätten
leiten
können.
Dieses Fehlen formeller Aufzeichnungen führte dazu, daß spezifische Vorschläge für Tauschgeschäfte von Waffen gegen Geiseln in einem Vakuum und
ohne Bezug auf frühere Vorschläge unterbreitet werden konnten. Hätte zur
irghendeinem
Zeitpunkt eine Untersuchung
und eingehende Überprüfung
der
Iran-Initiative
stattgefunden,
dann wäre es sehr schwierig gewesen,
sie durchzuführen.
Die Kommission
kann aus erster Hand bezeugen, wie
schwierig es ist, bei Fehlen solcher
Aufzeichnungen
eine
Überprüfung
durchzuführen.
Unterstützung der Contras durch
Mitarbeiter
des Nationalen
Sicherheitsrats.
Es ist unklar, wie die
Beteiligung von Oberstleutnant North
an Aktivitäten zur direkten Unterstützung der Contras in der Zeit des
vom Kongreß erlassenen Verbots ihren
Anfang nahm.
Zu diesem Punkt stand
der Kommission nur wenig Beweismaterial zur Verfügung.
In dem erhältlichen
Beweismaterial
findet
sich
nirgends eine Andeutung, daß Oberstleutnant Norths Aktivitäten in irgendeinem Forum mit dem Präsidenten
diskutiert worden wären. Es scheint
auch keinerlei behördenübergreifende
Überprüfung
der
Aktivitäten
des
Oberstleutnant North stattgefunden zu
haben.
Wenn diese Aktivitäten ungesetzlich waren, dann hätten sie natürlich
nicht
durchgeführt
werden
dürfen.
Wenn irgendwelche Zweifel dazu bestanden, dann hätte man sich zunächst
systematisch rechtskundig machen sollen.
Die politischen Kosten einer

- 5 -

�ungesetzlichen Handlungsweise des Nationalen Sicherheitsrats für den Präsidenten waren besonders hoch, weil
die Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats sowohl persönliche Mitarbeiter
des Präsidenten sind wie
auch aufgrund der Tatsache, daß in
der Vergangenheit
mit dem Kongreß
ernste Konflikte in bezug auf die Unterstützung
der Contras bestanden.
Aus diesen Gründen hätte man den Präsidenten über eine Untersuchung der
Rechtmäßigkeit
von
Oberstleutnant
Norths Aktivitäten informieren müssen.
3. Die Durchführung war unprofessionell.
Die Art und Weise, in
der die Iran-Initiative durchgeführt
wurde und Oberstleutnant North die
Unterstützung der Contras umsetzte,
glichen sich sehr. Dies rührt weitgehend daher, daß dieselben Personen
daran beteiligt waren.
In beiden
Fällen waren die Operationen unprofessionell, obwohl die Kommission in
bezug auf Oberstleutnant Norths Aktivitäten nur wenig Beweismaterial besitzt.
Waffenlieferungen
an den Iran.
Mit Unter zeichung der Entscheidung
vom 17. Januar wurde die Iran-Initiative eine von Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsrats gesteuerte Operation der Vereinigten Staaten. Die
meisten bedeutsamen operativen Entscheidungen wurden von Oberstleutnant
North getroffen. Er führte die Operation mit Hilfe von Mr. Secord und
dessen Partnern durch, einem Netz von
Privatpersonen, die
schon
an der
Nachschuboperation
für die Contras
beteiligt waren. Dazu kamen noch eine Handvoll ausgewählter Mitarbeiter
des CIA.
Da nur wenige Personen von den
verschiedenen Ministerien und Behörden von der Initiative informiert waren, schottete Oberstleutnant North
- 6

sich von innerhalb der Regierung vorhandenen Ressourcen und Sachkenntnissen ab. Stattdessen verließ er sich
auf eine Reihe privater Mittelsmänner, Geschäftsleute und Finanzmakler,
auf private Handlungsträger und Iraner,
die
den Vereinigten
Staaten
feindlich
gesonnen
waren.
Einige
dieser Personen hatten einen zweifelhaften Ruf und besaßen an den Transaktionen
möglicherweise ein großes
finanzielles Interesse. Dadurch wurden die Transaktionen unnötigerweise
kompliziert und verleiteten zur Zahlung von Schmiergeldern und Provisionen.
Dieses Arrangement führte außerdem zu einem drastischen Anstieg
der Risiken, daß etwas von dieser
Initiative durchsickern könnte. Und
trotzdem wurde für diesen möglichen
Fall keine Vorsorge getroffen.
Die
Benutzung von Mr. Secords privatem
Netz in der Iran-Initiative führte
dazu, daß die daran Beteiligten mit
dem Nachschub für die Contras verbunden wurden und beinhaltete die Drohung einer Preisgabe beider Operationen, falls eine davon an die Öffentlichkeit drang.

Das Ergebnis war eine sehr unprofessionelle Operation.
Die Durchführung der Initiative
wurde niemals einer eingehenden Überprüfung unterzogen.
Anscheinend hat
Oberstleutnant
North
Vize-Admiral
Poindexter
über
seine
Aktivitäten
voll in Kenntnis gesetzt.
Außerdem
scheinen
Vize-Admiral
Poindexter,
Oberstleutnant North und die beteiligten CIA-Mitarbeiter Direktor Casey
über viele der operativen Einzelheiten
informiert
zu
haben.
Aber
Oberstleutnant North und seine Operation scheinen sich weitgehend außerhalb der Kreise der amerikanischen
Regierung bewegt zu haben. Ihre Aktivitäten wurden keinerlei kritischen

�Überprüfungen unterzogen.
Nach der ersten Geiselfreilassung
im September 1985 dauerte es über 10
Monate bis zur Freilassung der nächsten Geisel. Und dies trotz wiederholter Versprechen der
Freilassung
aller Gefangenen und vier dazwischenliegender
Waffenlieferungen.
Seit
der Lieferung vom November bemächtigten sich die Vereinigten Staaten zunehmend der Leitung dieser Operation.
Im Januar 1987 beschlossen sie, Waffen direkt an den Iran zu liefern.
Jede dieser Entwicklungen hätte
ein nützlicher Anlaß sein können, um
die Initiative einer nochmaligen systematischen Prüfung zu unterwerfen.
Zumindest einer der Pläne beinhaltete
eine
Vorkehrung
zur
Überprüfung,
falls sich die anfänglichen Annahmen
als ungültig herausstellen sollten.
Es lag in der Verantwortung des Nationalen Sicherheitsberaters und der
verantwortlichen Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats, eine solche
Überprüfung anzuordnen.
Diese waren
jedoch als Befürworter und Ausführende selbst zu sehr an der Initiative
beteiligt.
Dadurch war es unwahrscheinlich, daß sie die Art von Überprüfung initiieren würden, wie sie
hätte unternommen werden sollen.
Unterstützung der Contras durch
Mitarbeiter
des Nationalen
Sicherheitsrats.
Wie schon
festgestellt
wurde, waren die Aktivitäten des Nationalen Sicherheitsrats zur Unterstützung der Contras und seine Rolle
in der Iran-Initiative eng miteinander verwoben.
Im ersten Fall ergab
sich noch ein zusätzliches Element
durch die Intervention Oberstleutnant
Norths in die zollamtlichen Ermittlungen nach dem Absturz des SAT-Flugzeuges.
Auch in diesem Fall waren
ausgewählte CIA-Mitarbeiter
Oberstleutnant North direkt unterstellt.

Das der Kommission vorgelegte begrenzte Beweismaterial machte deutlich, daß die Maßnahmen zur Unterstützung der Contras nahezu ebenso
unsachgemäß gehandhabt worden waren
wie die Geschäfte mit dem Iran.
(iv)
Der Kongreß wurde überhaupt nicht informiert. - Der Kongreß
wurde weder von der Iran-Initiative
noch von den Aktivitäten der Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats
zur
Unterstützung
der
Contras
in
Kenntnis gesetzt.
Da die Freilassung der Geiseln
unmittelbar nach der Lieferung des
Kriegsgeräts erwartet wurde und die
Informierung der Öffentlichkeit die
Operation gestört und die Geiseln
eventuell gefährdet hätte, konnte man
in der Iran-Affäre dahin gehend argumentieren, daß es gerechtfertigt war,
die Benachrichtigung des Kongresses
bis nach der ersten Waffenlieferung
an den Iran zu verschieben. Es war
offensichtlich geplant, den Kongreß
zu informieren, unmittelbar nachdem
die Geiseln sicher in den Händen der
Amerikaner waren. Nachem jedoch mit
der ersten Lieferung nicht alle Geiseln freigekauft werden konnten und
jeder Plan zur Befreiung der Geiseln
immer wieder durch einen anderen ersetzt wurde, hätte der Kongreß auf
jeden Fall informiert werden müssen.
(v)
Rechtliche Probleme. - Der
Verkauf von Waffen an den Iran, der
im Widerspruch
zu den politischen
Prinzipien
der Vereinigten
Staaten
stand, warf ebenfalls weitreichende
rechtliche Fragen auf. Deren Behandlung ist wesentlich für eine Auswertung der Iran-Initiative.
Waffenlieferungen an den Iran. Die Anfangsphase der Waffenlieferungen in der Iran-Initiative umfaßte

- 7 -

�den Verkauf und die Verschiffung von
Raketen amerikanischer Herkunft durch
Israel.
Eine solche internationale
Weitergabe von Waffen, die nach der
amerikanischen Gesetzgebung genehmigt
werden muß, ist Bestandteil des Gesetzes über die Kontrolle von Waffenexporten.
Dieses Gesetz erfordert
die Zustimmung des Präsidenten zu jedem Transfer von gemäß diesem Gesetz
exportierten Waffen durch ein anderes
Land und legt drei Voraussetzungen
fest, die vor der Zustimmung des Präsidenten erfüllt sein müssen:
a) die Vereinigten Staaten werden
die fraglichen Waffen selbst in das
Empfängerland transferieren;
b) eine schriftliche Verpflichtungserklärung vom Empfängerland gegen die nicht genehmigten Weitergabe
von bedeutenden Waffensystemen, wie
zum Beispiel Raketen, liegt vor; und
c) dem Kongreß wird eine vorherige schriftliche Bestätigung in bezug
auf die Weitergabe vorgelegt, wenn
der Anschaffungswert von Verteidigungsgerät wie Raketen 14 Millionen
Dollar übersteigt.
Das Gesetz erlegt zusätzlich allgemeine
Beschränkungen
bezüglich
der Länder auf, die als Empfänger
amerikanischer Waffen in Frage kommen
sowie über den Zweck der Waffenverkäufe. Ein weiterer möglicher Kanal,
über
den Waffenlieferungen an den
Iran vom Gesetz gedeckt sein könnten,
bestünde im Zusammenhang mit nachrichtendienstlichen
Operationen
im
Rahmen des Gesetzes zur Nationalen
Sicherheit.
Ob die Beteiligung der Vereinigten Staaten an den Waffenlieferungen
durch die Israelis mit dem Gesetz in
Einklang stand, hängt im wesentlichen
davon ab, ob der Präsident seine Zu-

stimmung zu den Transaktionen gegeben
hatte, bevor diese stattfanden. Lag
die Zustimmung des Präsidenten nicht
vor, haben die Vereinigten Staaten
keine Genehmigung zu einer Beteiligung an einem Waffentransfer oder einer
Einwilligung
zu dem
Transfer
durch ein anderes Land gegeben. Die
Waffenlieferungen an den Iran im Jahr
1985 und die daraus resultierende
Iran-Initiative selbst standen damit
im Widerspruch zur Gesetzgebung der
Vereinigten Staaten.
Der Kommission gelang es nicht,
ein schlüssiges Urteil darüber zu
fällen, ob die Waffenlieferungen an
den Iran von 1985 vorher vom Präsidenten genehmigt worden waren. Unter
Berücksichtigung aller Faktoren kam
die Kommission jedoch zu dem Schluß,
daß die vorherige Zustimmung des Präsidenten glaubhaft erscheint.
Selbst wenn der Präsident in gewisser Weise seine Einwilligung oder
Zustimmung zu dem Geschäft gegeben
hat,
bleibt
eine
schwerwiegende
Rechtsfrage noch offen. Es ist nicht
geklärt, ob die Form der Genehmigung
für die Zwecke des Gesetzes über die
Kontrolle von Waffenexporten oder des
Hughes-Ryan Zusatzartikels ausreichte.
Die Einwilligung erfüllte die
Bedingungen
des Gesetzes über die
Kontrolle von Waffenexporten nicht,
insbesondere
angesichts
der
nicht
vorliegenden vorherigen schriftlichen
Verpflichtungserklärung
det
Iraner
über die nicht genehmigte Weitergabe.
Das Gesetz zur Nationalen Sicherheit klärt nicht zweifelsfrei, ob die
nur mündliche Genehmigung des Präsidenten als Entscheidung des Präsidenten dafür angesehen werden darf, daß
die Initiative für die nationalen Sicherheitsinteressen
der
Vereinigten
Staaten unabdingbar war. Die Genehmigung wurde zu keiner Zeit schrift-

�lieh verfügt.
Sie scheint auch nur
an eine Person übermittelt worden zu
sein. Der Präsident selbst kann sich
nicht daran erinnern. Und die Berater des Präsidenten machten widersprüchliche Aussagen über die Reaktion des Präsidenten, als er von den
Waffenlieferungen in Kenntnis gesetzt
wurde, die sich auf diese Genehmigung
stützten.
Darüber hinaus wurde die
erforderliche
Benachrichtigung
des
Kongresses
außer
acht
gelassen.
Selbst wenn der Präsident das Geschäft genehmigt hatte, ist es angesichts dieser Umstände schwierig, zu
der Schlußfolgerung zu kommen, daß
sein
Handeln
eine
entsprechende
Rechtsbefugnis begründete.
In der Entscheidung des Präsidenten vom 17. Januar 1986 wurde die
Iran-Initiative gemäß dem Gesetz zur
Nationalen
Sicherheit
formell
als
eine verdeckte Operation des Nachrichtendienstes
genehmigt.
Damit
wurde
die
Unsicherheit
über
den
Rechtsstatus der Initiative beseitigt
und die Rechtsgrundlage für die Vereinigten Staaten geschaffen, um Waffen direkt an den Iran zu liefern.
Das Gesetz zur Nationalen Sicherheit erfordert auch die Benachrichtigung des Kongresses über verdeckte
nachrichtendienstliche
Aktivitäten.
Erfolgt
die Benachrichtigung
nicht
vorher, dann zumindest "zu einem angemessenen Zeitpunkt".
In der Entscheidung des Präsidenten vom 17. Januar wurde verfügt, daß die Benachrichtigung des Kongresses aufgeschoben werden sollte und diese Entscheidung scheint zu keinem Zeitpunkt neu
überdacht worden zu sein.
Während
die zeitweilige Aufhebung der Benachrichtigung des Kongresses vor besonderen, mit der Befreiung von Geiseln
in Zusammenhang stehenden Verhandlungen
sicherlich
gerechtfertigt war,
sollte das Gesetz jedoch eine Offen-

barung in Fällen vorsehen, bei denen
über einen längeren Zeitraum ein gewisser stillstand der Ereignisse, wie
in der Iran-Affäre, eingetreten ist.
Eine andere Verhaltensweise würde den
Kongreß von der Wahrnehmung seiner
wirklichen Aufsichtsbefugnis abhalten.
Unterstützung der Contras durch
Mitarbeiter
des Nationalen
Sicherheitsrates. - Die Unternehmungen von
Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsrates
zur
Unterstützung
der
Contras waren von derselben Unsicherheit bezüglich der Rechtsbefugnis und
demselben Mangel an Rechtsempfinden
gekennzeichnet, die auch in der IranInitiative vorherrschten.
Die Doppeldeutigkeit der Gesetzgebung, mit
der die Maßnahmen zur Unterstützung
der Contras geregelt wurden, stellten
eine größere Herausforderung dar als
selbst das komplexe Gefüge der Gesetze, die den Waffentransfer regeln.
Umfassende und genaue Überprüfung der
von Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsrates für die Contras vorgenommenen
Unterstützungsmaßnahmen
durch den Kongreß trieben die potentiellen Kosten der Unternehmungen zusätzlich in die Höhe, die bereits die
Schranken des Gesetzes über Gebühr
strapazierten.
Angesichts dieser Umstände hätten
die Angehörigen des nationalen Sicherheitsrates
besonders
vorsichtig
vorgehen sollen, jegliche Operationen
auf
diesem
Gebiet
verhindern
und
Rechtsbeistand
suchen müssen.
Die
Kommission konnte keinerlei Anzeichen
einer solchen zurückhaltenden Vorgehensweise erkennen.
B.
Scheitern der Verantwortung.
Der Führungsstil des Präsidenten
ist dadurch gekennzeichnet, daß er
die Hauptverantwortung für die Überarbeitung und Durchführung der politischen Richtlinien seinen Beratern

- 9 -

�•

überträgt. Angesichts einer so komplexen, mit hohen Risiken verbundenen
Operation, bei der so viel auf dem
Spiel stand, hätte der Präsident jedoch sicherstellen müssen, daß das
System des Nationalen Sicherheitsrates nicht versagte. Er richtete seine Politik nicht darauf aus, die außerordentlich
kritische
Überprüfung
vorzunehmen, zu der die Beteiligten
vom Nationalen Sicherheitsrat und das
Verahren an sich fähig waren. Er bestand zu keinem Zeitpunkt auf einer
Offenlegung der Fakten und einer Leistungsanalyse.
Wäre der Präsident
anhand des Systems des Nationalen Sicherheitsrates vorgegangen, hätte das
Ergebnis sicherlich ganz anders ausgesehen.
So wie die Dinge lagen,
wurden jedoch die bedeutendsten Kriterien des Systems des Nationalen Sicherheitsrates - Erstellen umfassender Analysen, Alternativen und Nachprüfungen - nicht in Anspruch genommen.
Die Kommission stellte die nahezu
einhellige Meinung der Beteiligten
aus
dem
Nationalen
Sicherheitsrat
darüber fest, daß die Priorität des
Präsidenten
in der
Iran-Initiative
auf der Freilassung der amerikanischen Geiseln lag.
Prioritäten zu
setzen ist jedoch nicht genug bei der
Abwicklung
sicherheitsempfindlicher
und
risikoreicher
initiativen, die
unmittelbare Auswirkungen auf die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten haben. Der Präsident muß dafür Sorge tragen, daß Inhalt und Taktik einer Initiative sich mit seinen
Prioritäten und Zielsetzungen decken.
Er muß auf der Offenlegung der Fakten
bestehen. Denn der Präsident muß die
Verantwortung für das System des Nationalen Sicherheitsrates übernehmen
und sich mit den Konsequenzen auseinandersetzen.
Die ständigen Mitglieder

des Na-

tionalen Sicherheitsrates und der Nationale
Sicherheitsberater
müssen
sich zusammen mit dem Präsidenten die
Verantwortung für das System des Nationalen Sicherheitsrates teilen.
Präsident
Reagans
persönlicher
Führungsstil überträgt seinen wichtigsten Beratern eine besonders große
Verantwortung.
Da sie mit seinem
Führungsstil vertraut waren, hätten
sie die Art und Weise, in der sich
die Initiative für den Waffenverkauf
entwickelte und ihren Fortgang nahm,
besonders berücksichtigen und ihr gezielte Aufmerksamkeit widmen müssen.
Bei dieser Angelegenheit haben weder
der Nationale Sicherheitsberater noch
die wichtigsten Beauftragten des Nationalen
Sicherheitsrates
besonders
gut abgeschnitten.
Als Angehörige und Berater des
Rates ist es ihre Aufgabe, sicherzustellen, daß dem Präsidenten diese
Dienste erschöpfend zur Verfügung gestellt werden.
Die wichtigsten Untergebenen
des
Präsidenten
dürfen
nicht davon abgehalten werden, den
Präsidenten zu drängen, einen höchst
fragwürdigen Kurs nicht einzuschlagen, selbst wenn er persönlich absolut vom Gegenteil überzeugt ist.
Im Fall der Iran-Initiative war
das Verahren des Nationalen Sicherheitsrates nicht zum Scheitern verurteilt, sondern er wurde im großen und
ganzen ignoriert. Der Nationale Sicherheitsberater
und die ständigen
Mitglieder
des
Nationalen
Sicherheitsrates hatten gleichermaßen die
Aufgabe, dieses Thema zur Sprache zu
bringen und auf der Anordnung eines
ordentlichen Verfahrens zu bestehen.
Keiner von ihnen tat dies.
Mr. Reagan teilt diese Verantwortung. Mehr als fast jeder Stabschef
in der jüngeren Geschichte, übte er

- 10 -

�persönliche Kontrolle über die Mitarbeiter des Weißen Hauses aus und versuchte, diese Kontrolle auf den Nationalen Sicherheitsberater auszudehnen. Er spielte eine aktive Rolle in
Angelegenheiten
der
nationalen Sicherheit und nahm an fast allen wichtigen Sitzungen über die Iran-initiative teil. Er hätte ebenso wie jeder
andere darauf bestehen müssen, daß
ein
ordentlicher
Verfahrensablauf
eingehalten wird. Vor allem er hätte
darüber hinaus sicherstellen müssen,
daß Pläne für den Fall einer öffentlichen Enthüllung der Initiative gemacht wurden. Er muß die Hauptverantwortung für das im Weißen Haus
durch
diese Enthüllung
entstandene
Chaos übernehmen.
Mr.
McFarlane
schien
zwischen
einem die Initiative unterstützenden
Präsidenten und Kabinettsmitgliedern
zu stehen, die sie energisch ablehnten. Obwohl er versuchte, diese Kabinettsmitglieder auf dem laufenden
zu halten, haben einige davon der
Kommission mitgeteilt, daß ihm dies
nicht immer gelungen sei. Vizeadmiral Poindexter hat bei einigen Gelegenheiten anscheinend versucht, den
ständigen Mitgliedern des Nationalen
Sicherheitsrats,
mit
Ausnahme
des
Präsidenten, Informationen über die
Initiative vorzuenthalten.
In einem
oder mehreren Fällen ist Außenminister shultz von Vizeadmiral Poindexter vielleicht sogar absichtlich in
die Irre geführt worden.
Vizeadmiral Poindexter hat außerdem bei der Umleitung von Geldern an
die Contras gravierende Fehler begangen. Die Beweise deuten darauf hin,
daß Poindexter über die Umleitung Bescheid wußte und trotzdem nicht die
angesichts der schwerwiegenden Natur
dieses Schritts erforderlichen Maßnahmen ergriff.
Offensichtlich hat
er die ernsten rechtlichen und poli-

tischen Risiken nicht berücksichtigt
oder völlig ignoriert. Seine Pflicht
bestand eindeutig darin, die Angelegenheit entweder zu untersuchen oder
sie dem Präsidenten
vorzutragen
oder beides. Er tat nichts dergleichen.
Direktor Casey teilte diese
Pflicht.
Die Beweise deuten darauf
hin, daß er fast einen Monat bevor
die Geschichte an die öffentlichkeit
drang über die mögliche Umleitung von
Geldern an die Contras informiert
wurde. Auch er unternahm nichts, um
den Präsidenten unverzüglich hiervon
in Kenntnis zu setzen. Und doch war
es eindeutig seine Pflicht, dies zu
tun.
Für die ständigen Mitglieder des
Nationalen Sicherheitsrates neben dem
Präsidenten mag man die Entschuldigung gelten lassen, daß der Nationale
Sicherheitsberater der Notwendigkeit
nicht genügend Aufmerksamkeit widmete, alle ständigen Mitglieder in vollem Umfang zu informieren.
Angesichts der Bedeutung dieses Themenkomplexes und der damit verbundenen
eklatanten
politischen
Differenzen,
distanzierten sich jedoch Außenminister shultz und insbesondere Verteidigungsminister Weinberger vom Verlauf der Ereignisse.
Außenminister
Shultz hatte ausdrücklich nur um Informationen gebeten, die für die Ausübung
seiner Tätigkeit
unerläßlich
waren.
Verteidigungsminister
Weinberger hatte über die Informationskanäle der Nachrichtendienste Zugang zu
Einzelheiten über die Operation. Ihre Aufgabe lag in der vollen Unterstützung und ständigen Beratung des
Präsidenten über das Programm oder
darin,
den
Präsidenten
davon
in
Kenntnis zu setzen, wenn sie dies
nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren
konnten.
stattdessen
distanzierten
sie sich schlicht von dem Programm.
Was ihre eigene Position zu diesem
Thema anging, waren sie bestrebt, ihr

- 11 -

�Gesicht zu wahren.
Sie versuchten
nicht energisch, den Präsidenten vor
den Folgen seines persönlichen Engagements zur Befreiung der Geiseln zu
bewahren.
Direktor Casey scheint in beträchtlichem Umfang über die Einzelheiten des Irangeschäftes informiert
gewesen zu sein. Er hat anscheinend
seine Einwilligung zur Ausübung direkter operativer Kontrolle über das
Geschäft
durch
North
gegeben
und
scheint diese noch ermutigt zu haben.
Aufgrund der Nähe der Angehörigen des
Nationalen Sicherheitsrates zum Präsidenten und der absoluten Identifizierung mit ihm, erhöhte sich das Risiko für den Präsidenten, falls die
Initiative öffentlich bekannt oder
das Geschäft scheitern würde.
Es gibt jedoch keinerlei Beweise
dafür, daß Direktor Casey dem Präsidenten dieses Risiko erläuterte oder
ihm verdeutlichte, daß Oberstleutnant
North und nicht der CIA das Geschäft
leitete.
Der Präsident kann sich
nicht erinnern, je über diese Tatsache informiert worden zu sein. Direktor Casey hätte in Wirklichkeit
noch weitergehen und auf der Übergabe
der Verantwortung an den CIA bestehen
müssen.
C.
Die Rolle der Israelis. Selbst wenn die israelische Regierung
aktiv an dem Beginn der Initiative
und deren Fortdauer mitgewirkt hat,
ist die Regierung der Vereinigten
Staaten für ihre eigenen Entscheidungen verantwortlich.
Die wichtigsten
Teilnehmer an den amerikanischen Beratungen führten das Argument an, daß
die israelischen Interessen und Zielsetzungen von denen der Vereinigten
Staaten abwichen und zum Teil im Widerspruch dazu standen.
obwohl Israel mit Angehörigen der amerikanischen Regierung verhandelte, von de-

nen man annehmen konnte, daß sie der
Initiative positiv gegenüberstanden,
beinhaltet diese Tatsache an sich
nichts Ungehöriges.
Die Entscheidungsträger der amerikanischen Politik treffen ihre eigenen Entscheidungen und müssen die Verantwortung für
die Konsequenzen tragen.
D. Das Nachspiel - Die Bemühungen, die Geschichte zu veröffentlichen
Nach den ersten Andeutungen Ende
Oktober 1986 darüber, daß die Reise
von McFarlane bald öffentlich bekannt
würde, überstürzten sich die Informationen in der Presse über die IranInitiative und das Geschäft mit den
Contras. Die verschleierte Andeutung
geheimer
Aktivitäten,
willkürliche
und wahllose Enthüllungen von Informationen aus einer Vielzahl gutunterrichteter und anderer Quellen sowie
die widersprüchlichen Aussagen hochrangiger
Beamter
vermittelten
der
amerikanischen
öffentlichkeit
ein
verwirrendes
Bild.
Die Kommission
erkannte, daß Widersprüche in den aktuellen Dokumenten und Aussagen Beunruhigung daüber hervorrief, wie die
öffentlichen
Darlegung
der
Fakten
über die Iran-Initiative gehandhabt
werden sollte, obwohl die Kommission
einige Beweismittel für die Ereignisse nach deren Bekanntgabe überprüfte,
bleiben unsere Möglichkeiten zur Kommentierung dieser Ereignisse begrenzt.
Die Kommission fand Beweise dafür, daß der Präsident unmittelbar
nach der Veröffentlichung die Bekanntgabe allzu vieler Besonderheiten
oder Einzelheiten aus Sorge um die
noch
im Libanon
gefangengehaltenen
Geiseln und die Iraner, die zur Unterstützung der Initiative beigetragen hatten, verhindern wollte.
Wir
sind der Überzeugung, daß er damit
nicht die Absicht hatte, die amerikanische öffentlichkeit irrezuführen

- 12 -

�oder
gesetzeswidriges Verhalten zu
beschönigen.
Spätestens am 20. November
unternahm
der
Präsident
Schritte, um sicherzustellen, daß alle Pakten bekannt würden. Angefangen
mit dem Auftrag des Präsidenten an
Mr. Meese, den Hintergrund der Initiative zu erforschen bis hin zu der
Benennung der Kommission durch ihn,
seiner Bitte um einen unabhängigen
Berater und seiner Bereitschaft, diese Angelegenheit in vollem Umfang zu
besprechen und seine persönlichen Notizen mit uns durchzusehen, ist die
Kommission davon überzeugt, daß der
Präsident tatsächlich die ganze Geschichte veröffentlicht sehen möchte.
Diejenigen, die das Hintergrundmaterial für den Präsidenten zusammenstellten, schienen, zumindest anfänglich, den höchsten Wunsch des
Präsidenten
nicht
zu teilen.
Mr.
McFarlane beschrieb für die Kommission das von den Angehörigen des Nationalen Sicherheitsrates angewandte
Verfahren, um eine Chronologie zu erstellen, die entscheidenden Tatsachen
verschleierte.
Mr. McFarlane wirkte
an dieser Chronologie mit, die, wie
er sagte, nicht "eine umfassende und
völlig genaue Wiedergabe" der Ereignisse darstellte und die Rolle des
Präsidenten
doppeldeutig
erscheinen
ließ.
Nach den Aussagen von Mr.
McFarlane war dies gemacht worden, um
den Präsidenten von dem Zeitpunkt und
Inhalt der Genehmigung durch den Präsidenten zu distanzieren. Er teilte
der Kommission mit, daß er am 18. November
ein
Memorandum
geschrieben
hatte, das, in seinen Worten, versuchte, "die Motive des Präsidenten
zu beschönigen". Diese Version wurde
in der Chronologie festgehalten. Mr.
McFarlane sagte der Kommission, daß
der Bericht seines Wissens nach "mindestens irreführend und schlimmstenfalls falsch" sei.
Mr. McFarlane
teilte der Kommission weiterhin mit,

daß er dem Justizminister einen genauen Bericht über die Rolle des Präsidenten gegeben hatte.
Die Kommission hatte ausreichend
Grund, die Handlungen von Oberstleutnant North im Anschluß an die Veröffentlichung in Frage zu stellen. Die
Kommission
hat keine bestätigenden
oder widerlegenden Beweismittel, daß
Oberstleutnant North die Dokumente
über die Initiative in dem Bestreben
zerstörte, die Tatsachen vor dem angedrohten
Ermittlungsverfahren
zu
verheimlichen.
Die Kommission fand
Anzeichen dafür, daß Oberstleutnant
North über einen bestimmten Zeitraum
hinweg bestrebt war, wichtige Informationen zu verheimlichen oder vorzuenthalten. Die Akten von Oberstleutnant North enthielten einen Großteil
der historischen Dokumentation, auf
die sich die Darstellung der Kommission
gründet.
Darüberhinaus
war
Oberstleutnant North der wichtigste
Beamte der amerikanischen Regierung,
der mit den Einzelheiten der Operation vertraut war.
Die von ihm erstellte Übersicht
weist zahlreiche Ungenauigkeiten auf.
Diese "Unterlagen" sollten als Grundlage der "ganzen" Geschichte über die
Iran-Initiative dienen. Die Ungenauigkeiten liefern einige Beweise für
die Annahme, daß Oberstleutnant North
entweder von sich aus oder auf Geheiß
anderer Personen aktiv danach strebte, wichtige Informationen zu verbergen.
Aus Sorge um den Schutz vertraulicher Dokumente sollten (CIA-)Direktor Casey und Vizeadmiral Pointdexter
nur
die
Geheimdienstausschüsse
im
Kongreß von der "ganzen" Geschichte
unterrichten; Casey vor den Ausschüssen selbst und Poindexter in Einzelgesprächen mit dem Vorsitzenden und
dem stellvertretenden Vorsitzenden.

- 13 -

�Das geschah am 21. November 1986.
Aus der Kopie der Aussagen Caseys und
der Notizen der Zusammenkünfte Poindexters geht hervor, daß sie nicht
voll und ganz die Ereignisse, so wie
sie abgelaufen sind, wiedergegeben
haben.
Das Ergebnis ist der verständliche Eindruck, daß sie nicht
sehr entgegenkommend waren.
Die Kommission ist ferner über
verschiedene augenscheinlich fehlende
Notizen besorgt. Poindexter war der
offizielle Protokollführer bei Zusammenkünften, denen eine Schlüsselfunktion zukam, und dennoch gibt es von
diesen Treffen
keine Mitschriften.
Wenn sie geschrieben wurden, könnten
sie sehr wichtige Informationen enthalten. Wir können jedoch nicht herausfinden, ob sie existieren.

EMPFEHLUNGEN

(Teil V des Berichts)

Während letztlich die Macht zur
Formulierung
der Innenpolitik
beim
Kongreß liegt, kommt dem Präsidenten
primär die Pflicht der Formulierung
und Anwendung der Politik zur nationalen Sicherheit zu.
Es ist der Präsident, von dem in
diesem Bereich normalerweise Innovationen und Anregungen ausgehen. Die
Ministerien und Behörden - die Bürokratien von Verteidigungsministerium,
Außenminister iura und CIA - neigen dazu, sich einem Wandel in der Politik
entgegenzustellen. Jede hat ihre eigene Sichtweise, die sich auf lange
Erfahrung gründet. Es ist eine Herausforderung
für
den
Präsidenten,
diesen Behörden seine Perspektive näherzubringen, weil sie seine Instrumente zur Durchführung der Politik
zur nationalen Sicherheit sind und er
mit ihnen zusammenarbeiten muß. Er
muß die Führungsrolle übernehmen und
ihnen die Richtung weisen.

Das Gesetz zur nationalen Sicherheit (National Security Act) von 1974
und das unter ihm gewachsene System
geben dem Präsidenten wichtige Instrumente an die Hand, mit deren Hilfe er seine wichtige Rolle wahrnehmen
kann. Diese Instrumente sind der Nationale Sicherheitsrat (NSC), der Nationale
Sicherheitsberater
und die
Mitarbeiter des NSC. Mit deren Hilfe
üben die vom Präsidenten ausgehenden
kreativen Impulse Einfluß auf die Regierung aus. Das Gesetz zur nationalen Sicherheit und das Gewohnheitsrecht geben dem Präsidenten
einen
breiten Spielraum, um zu bestimmen,
wie diese Mittel eingesetzt werden
sollten.
Organisation der nationalen Sicherheit.
Wegen des im Gesetz zur
nationalen Sicherheit gewährten breiten Spielraums trägt der Präsident
eine besondere Verantwortung für die
wirkungsvolle
Leistung
des NSC-Systems.
Der Präsident muß zunächst
einmal für die Mitglieder des Nationalen
Sicherheitsrates, seinen Sicherheitsberater und das Personal des
NSC
Leitlinien
aufstellen.
Diese
Richtlinien müssen, wenn sie wirkungsvoll sein sollen, Einzelheiten
darüber enthalten, in welchem Zusammenhang sie stehen, welche Verfahrensweisen angewandt werden und was
der Präsident von ihnen erwartet.
Wenn seine Berater nicht das leisten,
was von ihnen verlangt wird, kann nur
der Präsident eingreifen.
Die ständigen Mitglieder im Nationalen
Sicherheitsrat
außer
dem
Präsidenten haben im Rat eine einzigartige Funktion.
(N.B.:
Laut Satzung sind die
ständigen Mitglieder des Nationalen
Sicherheitsrates der Präsident, der
Vizepräsident, der Außenminister und

�der Verteidigungsminister.
Mit dem
Terminus "ständige Mitglieder im Nationalen
Sicherheitsrat"
bezeichnet
der Rat in der Regel diese vier satzungsgemäßen
Mitglieder
sowie
den
Direktor des Geheimdienstes und den
Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs.)
Obwohl sie aufgrund ihrer offiziellen Stellung einen sitz in der
Regierung innehaben, sind sie im Rat
nicht
als
Regierungsmitglied
oder
Chef des Ministeriums vertreten, sondern als Berater des Präsidenten.
Sie sollen nicht einfach die jeweilige Haltung ihres Ministeriums oder
ihrer Behörde vorbringen oder verteidigen, sondern dem Präsidenten den
bestmöglichen Rat erteilen.
Es ist
ihre Aufgabe - und ihre Herausforderung - Angelegenheiten aus dieser
Perspektive heraus zu betrachten und
nicht nach der enger gesteckten Interessenlage ihrer jeweiligen Behörde.
Der Nationale Sicherheitsrat hat
lediglich Beraterfunktion.
Der Präsident allein trifft die Entscheidungen.
Wenn die ständigen Mitglieder
des NSC diese Entscheidungen erhalten, dann tun sie das als Chefs ihrer
jeweiligen Ministerien oder Behörden.
Sie sind dann verpflichtet, sich dafür einzusetzen, daß die Entscheidungen des Präsidenten von ihren Organisationen genau und wirksam ausgeführt
werden.
Das
ist ein
wichtiger
Punkt.
Neue Maßnahmen und Kreativität seitens des Präsidenten treffen naturgemäß auf Widerstände der ausführenden
Ministerien.
obwohl dieser Widerstand
für
jeden
Präsidenten
eine
Quelle der Frustration bedeutet, ist
er dennoch in der struktur der Regierung vorgesehen. Es ist Aufgabe der
auf politischem Wege eingesetzten Behördenchefs, sicherzustellen, daß die

Ziele, Pläne und politischer. Maßnahmen des Präsidenten auf diese dauerhaften
strukturen
Einfluß
haben.
Eine Umgehung der Ministerien, zum
Beispiel durch Nutzung des Sicherheitsberaters oder des NSC-Personals
beraubt den Präsidenten der Erfahrung
und Kapazitäten, die den Ministerien
eigen sind. Der Präsident muß weitgehend
mit ihnen
zusammenarbeiten,
aber die Chefs der Behörden müssen
sicherstellen, daß sie die Politik
des Präsidenten auf eine prompte und
wirkungsvolle Art und Weise ausführen. Es ist nicht nur die Verpflichtung des Sicherheitsberaters, sich
darum zu kümmern, daß Vorgehensweisen
im Bereich der der nationalen Sicherheit auch genutzt werden. Alle ständigen Mitglieder des NSC - wie auch
der Präsident - teilen diese Verpflichtung.
Diese Spannung zwischen dem Präsidenten und den ausführenden Behörden kommt in den Methoden, wie sie
eingangs in diesem Bericht behandelt
werden, zum Vorschein.
Durch genau
diesen Prozeß erhält unser Land sowohl die bestmögliche Kreativität des
Präsidenten wie auch die Erfahrung
und Sachkenntnis der an der nationalen Sicherheit beteiligten Ministerien und Behörden.
Der
Nationale
Sicherheitsberater.
Der Sicherheitsberater ist in
erster Linie dafür
verantwortlich,
sich bei diesem Prozeß um die Tagesgeschäfte zu kümmern.
Diese Arbeit
erfordert
Können, Sensibilität
und
Integrität.
Ihm kommt die Pflicht
zu, sicherzustellen, daß alle vom Rat
zur Beurteilung vorgelegten Angelegenheiten die gesamte Bandbreite der
zur Überprüfung anstehenden
Fragen
wiederspiegeln, daß all diese Fragen
umfassend analysiert werden, daß eine
Reihe möglicher Lösungen in Betracht
gezogen wird, die Aussichten und Ri-

- 15 -

�siken jeder einzelnen Möglichkeit näher geprüft werden, daß alle relevanten nachrichtendienstlichen und anderen Informationen den ständigen Mitgliedern zugänglich sind, daß rechtliche Fragen behandelt werden und
Schwierigkeiten der Realisierung angegangen werden.
in der Regel kann
all dies am besten durch eine Beteiligung aller Behörden an der Analyse
der Fragen erzielt werden wie auch
durch eine vorbereitende Bearbeitung
der Maßnahmen auf Abteilungsleiterebene.
Um dem Präsidenten gut zu dienen,
muß der Nationale Sicherheitsberater
seine eigenen Ansichten vortragen,
aber gleichzeitig dem Präsidenten die
Meinungen
anderer
vollständig
und
glaubwürdig vermitteln.
Das System
wird
nicht
wirkungsvoll
arbeiten,
wenn der Sicherheitsberater nicht das
Vertrauen
der
ständigen Mitglieder
des NSC genießt. Er darf daher nicht
seine Nähe zum Präsidenten nutzen, um
ein Verfahren nach seiner
eigenen
Haltung
zu manipulieren.
Er darf
sich nicht zwischen den Präsidenten
und die ständigen Mitglieder des NSC
stellen.
Er darf nicht versuchen,
die ständigen NSC-Mitglieder vom Entscheidungsprozeß auszuschließen. Die
Ausübung
dieser beiden Rollen ist
eine unerläßliche, wenn auch nicht
einfache Aufgabe.
Im Idealfall sollte der Sicherheitsberater nicht allzu sehr die öffentlichkeit suchen. Er sollte nicht
versuchen, mit dem Außenminister oder
dem Verteidigungsminister als Sprachrohr von Politik
zu konkurrieren.
Diese sollten vielmehr zusammen mit
dem Präsidenten die Sprecher für die
Politik der Regierung sein.
Obwohl
"Begeisterung
für
die Anonymität"
hier zu stark formuliert wäre, sollte
sich der Sicherheitsberater doch im
allgemeinen
fernab vom Rampenlicht

bewegen.
Die ständigen Mitglieder des NSC
müssen direkten Zugang zum Präsidenten haben und dies sooft, wie der
Präsident dies als angemessen empfindet.
Aber
diese
Einzelgespräche
sollten nicht von den ständigen Mitgliedern dazu benutzt werden, Entscheidungen
herbeiführen
zu wollen
oder auf anderem Wege das System in
Abwesenheit der anderen Mitglieder zu
umgehen.
Gleichermaßen
sollte der
Sicherheitsberater nicht seine regelmäßigen nachrichtendienstlichen oder
anderen täglichen Vorträge beim Präsidenten benutzen, um bei wichtigen
Fragen eine Entscheidung des Präsidenten herbeiführen zu wollen.
Schließlich sollte sich der Sicherheitsberater auf Beratung und Organisation
konzentrieren
und nicht
auf Anwendung und Durchführung. Anwendung ist die Pflicht und die Stärke der Ministerien und Behörden. Dem
Nationalen Sicherheitsberater und dem
Personal des NSC stehen dazu nicht in
entsprechendem Umfang Mittel für die
Durchführung von Operationen zur Verfügung. Darüber hinaus riskieren sie
mit der Übernahme von Verantwortung
für die Durchführung eine Kompromitierung
ihrer
Zielsetzungen.
Sie
können nicht mehr unparteiische Uberwacher einer Realisierung sein und
sicherstellen, daß die Leitlinien des
Präsidenten befolgt werden, politische Maßnahmen regelmäßig überarbeitet werden und daß die Ergebnisse der
Politik des Präsidenten und dem nationalen Interesse dienen.
Das Personal des Nationalen Sicherheitsrates.
Das
NSC-Personal
sollte gering an Zahl sein, in hohem
Maße kompetent und erfahren in der
Ausarbeitung von Politik. Die Mitarbeiter sollten sowohl von außerhalb
wie auch von innerhalb der Regierung

- 16 -

�stammen.
Diejenigen aus der Regierung solten aus verschiedenen Ministerien und Behörden kommen, die mit
Fragen der nationalen Sicherheit befaßt sind. Kein Ministerium und keine Behörde sollten dabei die Vormachtstellung
innehaben.
Zwischen
Mitarbeitern von innerhalb und außerhalb der Regierung sollte ein angemessenes
Gleichgewicht
beibehalten
werden. Generell sollten die Mitarbeiter nach dem Rotationsprinzip ausgewechselt werden und mehr als vier
Jahre Tätigkeit sollten die Ausnahme
sein.

Die wichtigste Empfehlung
Das von uns hier dargestellte Modell für das System des Nationalen
Sicherheitsrates stellt unsere vordringlichste und wichtigste Empfehlung dar. Es umfaßt Richtlinien, die
praktisch alle Schwächen im Verlauf
und bei der Durchführung der Affäre
Iran/Contras angehen, mit denen sich
der Rat auseinandersetzen mußte wie
auch andere beispielhafte Fälle dieser und früherer Regierungen.
Der Rat empfiehlt, daß das vorgeschlagene Modell von den Präsidenten bei ihrer Leitung des Systems der nationalen Sicherheit
angewandt wird.

Besondere Empfehlungen
Zusätzlich zu seiner wichtigsten
Empfehlung zur Leitung und Funktionsweise des NSC-Systems und der Rolle
der dabei Beteiligten, gibt der Rat
eine Reihe besonderer Empfehlungen.
Generell sollte sich das Personal
des NSC nicht an der Durchführung politischer Maßnahmen oder Operationen
beteiligen. Dadurch wird ihre Rolle

der Beaufsichtigung in Frage gestellt
und der Verantwortungsbereich von Ministerien
und
Behörden
verletzt.
Aber die mangelnde Flexibilität einer
gesetzlichen
Einschränkung
sollte
vermieden werden. Solche Termini wie
"Operation" und "Durchführung" sind
schwer zu definieren und ein gesetzliches Verbot mag einen zukünftigen
Präsidenten davon abhalten, das Personal des NSC konstruktiv einzusetzen.
Die Tendenz beim Umfang des Personals sollte eher ab- als zunehmend
verlaufen. Aber eine gesetzliche Beschränkung kann die Erfordernisse zukünftiger Präsidenten nicht vorhersehen.
Der Personalbestand wird am
besten der Entscheidung des Präsidenten überlassen, mit der Mahnung, daß
es die Rolle des NSC-Personals ist,
die Arbeit der Ministerien und Behörden zu überprüfen, und nicht, ihnen
diese abzunehmen.
Wir empfehlen, daß bei den Bestimmungen des Gesetzes zur Nationalen Sicherheit, die sich mit
der Struktur und den Verfahrensweisen des NSC-Systems befassen,
keine weitreichenden
Änderungen
vorgenommen werden.

Der
Sicherheitsberater
sollte
jetzt und in Zukunft nur einem Herrn
dienen - dem Präsidenten.
Darüber
hinaus ist jegliche Bestätigung nicht
konform der Rolle, die der Sicherheitsberater spielen soll. Er sollte
nicht entscheiden, sondern nur beraten. Er sollte nicht mit der Durchführung oder den Verfahrensweisen von
politischen
Maßnahmen befaßt sein.
Er sollte dem Präsidenten dienen, ohne seine Loyalität möglicherweise auf
andere Dinge zu richten.

- 17 -

Wir
fordern
den
Kongreß
auf,
nicht die Bestätigung des Natio-

�nalen
Sicherheitsberaters
den Senat zu verlangen.

durch

3. Verfahrensweisen zwischen den
Behörden.
Es ist der Nationale Sicherheitsberater, dessen größtes Interesse darin liegt, den Prozeß der
Nationalen Sicherheit in Gang zu setzen, denn durch diesen Prozeß erhält
der Präsident die Informationen, den
Hintergrund und die Analysen, die er
benötigt, um Entscheidungen zu treffen und Unterstützung für seine Programme zu gewinnen.
Unsere Überprüfung der Operation
des bestehenden Systems und desjenigen anderer
Regierungen, in denen
Ausschußvorsitzende aus den Ministerien kamen, hat uns zu der Schlußfolgerung gelangen lassen, daß das System in der Regel besser funktioniert, wenn die Ausschüsse von demjenigen geleitet werden, der das größte
Interesse am Funktionieren des NSCSystems hat.
Wir empfehlen, daß der Nationale
Sicherheitsberater den übergeordneten Ausschüssen des NSC-Systems
vorsitzt.
4. Vedeckte
Aktionen.
Formulierung und Durchführung politischer
Maßnahmen werden in der Regel von Expertengruppen
vorgenommen, die von
politischen Fachleuten geleitet werden. Die Erfordernisse verdeckter Aktionen unterscheiden sich nicht hiervon, aber es besteht die Notwendigkeit, die Anzahl der beteiligten Personen - manchmal drastisch - zu beschränken. Das Leben vieler Menschen
könnte auf dem Spiel stehen, wie es
im Fall des Versuchs einer Rettung
von Geiseln aus dem Iran der Fall
war. Vorzeitige Enthüllungen könnten
das Projekt in seinen Anfängen zunichte machen, wie es im Falle der
Aufnahme von Beziehungen
zu China

hätte geschehen können.
In solchen
Fällen besteht die Tendenz, die Zahl
der Beteiligten auf eine geringe Anzahl hochrangiger Beamter zu begrenzen. Diese Verfahrensweise birgt die
Gefahr in sich, daß die Sachkenntnis
bei der Behandlung von Problemen erheblich eingeschränkt wird und sollte
daher nur sehr vereinzelt angewandt
werden.
Die Besessenheit mit Geheimhaltung und Sorge um Indiskretionen drohen die Regierung bei ihrer Handhabung verdeckter Aktionen zu lähmen.
Leider ist die Sorge nicht unbegründet.
Die gezielte Indiskretion ist
zu einem wichtigen Mittel der bürokratischen
Kriegführung
geworden.
Gegner einer Operation machen sie mit
einer Indiskretion zunichte, Befürworter versuchen, Unterstützung mit
denselben Mitteln herbeizuführen.
Die meisten der jüngeren Regierungen besaßen sorgfältig ausgearbeitete Verfahrensweisen zur Behandlung
verdeckter Aktionen.
Die Reagan-Administration hat solche Verfahrensweisen im Januar 1985 festgelegt und
sie dann bei ihrer Behandlung der
Iran-Initiative bald außer acht gelassen.
Wir empfehlen, daß jede Administration exakte Verfahrensweisen
für die restriktive Behandlung
verdeckter
Aktionen
formuliert
und daß diese einmal formulierten
Verfahrensweisen strikt eingehalten werden.

5. Die Rolle des CIA.
Einige
Aspekte der Waffenverkäufe an den
Iran werfen bei den Mitgliedern des
Rates weitergehende Fragen über die
Rolle des CIA auf. Die erste bezieht
sich auf nachrichtendienstliche Informationen.

- 18 -

�Das Personal des Nationalen Sicherheitsrates war aktiv an der Überarbeitung des Besonderen Berichts des
Nationalen
Nachrichtendienstes
über
Iran beteiligt. Es ist ein Anlaß zur
Besorgnis, wenn diese Beteiligung und
die Meinungen der Mitarbeiter des NSC
in die nachrichtendienstlichen Beurteilungen der überarbeiteten Fassung
eingeflossen wären. Wir sind weiterhin besorgt darüber, daß die überarbeitete Fassung den Hinweis enthielt,
daß die Vereinigten Staaten ihre bestehende Politik ändern und ihre Verbündeten dazu ermutigen sollte, Waffen an den Iran zu liefern. Es ist
wichtig, daß
eine
Linie
zwischen
Nachrichtendienst
und
Befürwortung
einer
bestimmten
Politik
gezogen
bleibt, wenn der
Nachrichtendienst
seine Integrität behalten und seine
angemessene Funktion erfüllen soll.
In diesem Fall ist der CIA dieser Linie nah genug gekommen, um Besorgnis
zu rechtfertigen.
Wir betonen sowohl für die Mitarbeiter des Geheimdienstes wie
auch für Politiker die Bedeutung,
die
bei
nachrichtendienstlichen
Verfahrensweisen der Aufrechterhaltung von Integrität und Objektivität zukommt.

Der Rat empfieht, daß die Stelle
des Rechtsberaters des NSC an
Format wie auch an Bedeutung innerhalb des Mitarbeiterstabs des
NSC gewinnt.

Wir empfehlen, daß der Kongreß in
Betracht zieht, die bestehenden
nachrichtendienstlichen Ausschüsse der jeweiligen Kammer durch
einen neuen gemeinsamen Ausschuß
zu ersetzen,
in dem
ein beschränkter Stab die Mitarbeiter

des
Nachrichtendienstes
überwacht.
Dieser Ausschuß
sollte
dem Muster des Gemeinsamen Atomenergie-Ausschusses
entsprechen,
wie er bis Mitte der siebziger
Jahre bestand.
Wir sprechen uns gegen eine von
Vermittlern
dominierte
Durchführung
und Aufsicht politischer
Maßnahmen
aus.
Wir empfehlen, Privatpersonen
in beschränktem Maße zuzulassen, wenn
es darum geht, die Vereinigten Staaten bei diplomatischen
Initiativen
oder vedeckten Aktionen zu unterstützen.
Wir warnen vor der Verwendung
solcher Personen, außer in sehr beschränktem Umfang und unter genauer
Beobachtung und Aufsicht.

Epilog
Wenn nur einer der hier von uns
untersuchten
wichtigen
politischen
Fehler vermieden worden wäre, trüge
die Geschichte unserer Nation eine
Narbe weniger, gäbe es eine Verlegenheit weniger, eine Möglichkeit weniger für unsere Gegner, die Prinzipien
zu verkehren, die dieses Land in der
Welt erhalten und vorantreiben will.
Zusammengenommen bieten sich diese Empfehlungen für all jene an, die
sich in ähnlichen Situationen befinden wie den von uns untersuchten; unter Druck, vor hohen Ansprüchen, mit
wenig Zeit, unvollständigen Informationen und von vorzeitigen Enthüllungen geplagt.
In einem solchen Zustand könnten bescheidenene Verbesserungen überraschende Gewinne hervorbringen. Darin liegt unsere Hoffnung.

- 19 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik
4. März 1978

JA ZUM LEBEN - NEIN ZU DROGEN
UN-Suchtstoffkommission:

WASHINGTON - (AD) - Trotz erheblicher Meinungsverschiedenheiten unter einigen Delegierten der 40 regulären Mitgliedstaaten gelang es der
UN-Suchtstoffkommission
(UNCND)
am
Ende ihrer achttägigen Februar-Konferenz in Wien, sich auf eine wichtige
Resolution zu einigen.
Diese bestimmt die Einsetzung eines Expertengremiums, das die Details einer Konvention über enge und weltweite Zusammenarbeit im Kampf gegen den Drogenhandel ausarbeiten soll.
Gegenwärtig existieren auf diesem Gebiet
fast nur bilaterale Übereinkünfte.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Alle Länder sind bedroht -

So war es auch von Bedeutung, daß
weitere 40 Länder und Organisationen
Beobachter nach Wien entsandt hatten.
Die amerikanische Chefdelegierte
Ann Wrobleski beschwor die Tagungsteilnehmer, alles zu tun, damit die
neue Konvention 1988 in Kraft gesetzt
werden
und
den
Kampf
gegen
den
Rauschgifthandel
wirksamer
machen
könne.
"Wir müssen gegen ein weltweites
Verbrechernetz
zum
Angriff
übergehen und es besiegen", forderte
sie, "gegen Verbrecher, die rund um
die Erde die Gesundheit von Menschen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�und in einigen Fällen sogar die bare
Existenz
von
Gesellschaften
aufs
schlimmste gefährden".
Die nächste UNCND-Konferenz vom
17. - 26. Juni 1987 in Wien wird unter dem Motto stehen: "Ja zum Leben
- Nein zu Drogen".
Damit ist auch
schon ihr erweiterter Arbeitsbereich
angedeutet.
Tamar oppenheimer, die
Direktorin des Konferenzsekretariats,
bezeichnet als Hauptziel der Tagung,
das Drogenproblem
in allen seinen
Formen auf nationaler, regionaler und
internationaler
Ebene
anzugehen.
Deshalb
solle
die
Konferenz
auch
erstmals auf Ministerebene abgehalten
werden.
Künftige Aktivitäten
wolle man
umfassend und unter Einbeziehung aller einschlägigen Fachgebiete behandeln.
Dazu zählten auch Aufklärung,
vor allem der Jugend, sowie Therapie
und
Rehabilitation
Drogensüchtiger.
Eine Verlagerung
der
gegenwärtigen
Schwerpunkte sei notwendig. Bekämpfung des illegalen Handels und der
illegalen Produktion reiche nicht aus
- jetzt gehe es auch um die Suchtgefährdeten und um die Suchtprobleme.
Nachfrage und Konsum müßten energisch
attackiert werden.
Deshalb sei es
wichtig, daß parallel zur Ministerkonferenz auch nichtstaatliche Organisationen (NGO) der Vereinten Nationen in Wien tagen werden, die sich
jeweils mit ganz speziellen Fragenkomplexen befassen.
Die Verhandlungsführung bei der
UN-Suchtstoffkommission
erfordert
viel diplomatisches Geschick. Leicht
sehen manche Delegierte in dem einen
oder anderen Vorschlag, z.B. zur Aufnahme bestimmter Stoffe in die Verbotsliste, eine Verletzung von Traditionen ihres Kulturkreises. Auch mit
der Definition suchterzeugender Substanzen gibt es noch Schwierigkeiten.
- 2

So betrachten z.B. einige Länder Marihuana und Haschisch, die beide aus
der Cannabis-Pflanze stammen, nicht
als schädlich und dulden sie stillschweigend,
über eine allgemeingültige
internationale
Definition
von
Marihuana
haben
sich
die Wissenschaftler noch nicht einigen können.
Ein ganz anders geartetes und
gleichzeitig noch schwierigeres Problem schaffen die Mixturen der sog.
Designer Drugs.
Diese sind nicht
minder wirksam und gefährlich wie die
mit ihnen eng verwandten Rauschgifte.
Aber weil sie nicht die gleiche chemische
Zusammensetzung
haben, sind
der Polizei und den Gerichten die
Hände gebunden. Gelingt es dennoch,
sie auf die Verbotsliste zu bringen,
ist es den Herstellern ein Leichtes,
die Rezeptur geringfügig zu ändern
und so das Produkt erneut dem Zugriff
der Justiz zu entziehen.
Als eine zweischneidige und politisch heikle Sache erweist sich die
Resolution der UNCND, die die Unterstützung von Ländern der Dritten Welt
mit mehr Geld
zur Bekämpfung der
mächtigen Drogenbosse durch die "Konsumentenländer"
fordert.
Aber
die
Nachricht von der Festnahme des berüchtigten Drogenkönigs Carlos Leder
Rivas in Kolumbien und seiner Auslieferung an die USA stärkte zweifellos
die Entschlossenheit der CND-Delegierten, den Kampf gegen die Rauschgiftkartelle zu koordinieren.

Die Opfer
Rivas und seine Kumpane dürften
für 80 Prozent der Kokainmengen verantwortlich sein, die in der ganzen
Welt konsumiert werden.
Bis zu 15
Tonnen werden Monat für Monat nach
Nordamerika
und
Westeuropa
eingeschleust.
Die Zahl der Verbraucher

�in den Vereinigten Staaten wird auf
mindestens sechs Millionen geschätzt;
in Europa steigt sie sprunghaft an.
Wrobleski zufolge kamen die 1986
in den USA konsumierten Rauschgifte ein
10 0-Milliarden-Dollar-Geschäft
für die Händler - zu 90 Prozent aus
dem Ausland. Es handelte sich um etwa 12 Tonnen Heroin, 65 Tonnen Marihuana, 150 Tonnen Kokain, von suchterzeugenden Aufputschmitteln und Psychopharmaka einmal abgesehen. Kokain
stamme zu 100 Prozent aus den Andenstaaten, Opium (100 Prozent) hauptsächlich
aus
Südost- und
Südwestasien, und zwar aus dem "Goldenen
Dreieck" mit den Ländern Laos, Burma
und Thailand sowie den Ländern des
"Goldenen Halbmonds" mit Afghanistan,
Iran und Pakistan, der Rest aus Mexiko. Das besonders minderwertige mexikanische Heroin habe verheerende
Wirkungen.
Obgleich der Marihuanakonsum unter Schülern merklich zurückgegangen
ist, dürften laut Ann Wrobleski in
den USA ca. 20 Millionen Menschen
diese Rauschdroge regelmäßig nehmen.
Sie als harmlos zu betrachten habe
sich als ganz großer Irrtum erwiesen.
Mit der Zeit führten Marihuana und
Haschisch immer häufiger zu Kreislaufstörungen und anderen physischen,
vor allem aber zu psychischen Schäden, die kaum mehr rückgängig zu machen seien.
Begabungen verkümmern,
weil die Motivation verloren gehe,
etwas zu tun, zu lernen und im Leben
voranzukommen.
Die Betroffenen werden zu Außenseitern der Gesellschaft,
Familien und Freundschaften zerbrechen, Verzweiflung führt zu Selbstmordversuchen und Selbstmord.
Die Zahl der Heroinsüchtigen in
den USA werde, so berichtet Wrobleski, auf 500 000 geschätzt. Die Zahl
der Todesfälle, die Ende der siebzi-

ger Jahre und noch einmal 1982 und 83
rückläufig war, steigt, wie die Unterlagen des Nationalen Instituts zur
Bekämpfung von Drogenmißbrauch (NIDA)
ausweisen, wieder an (1985: 1 263 Tote) . Eine weitere schreckliche Begleiterscheinung der Sucht sei die
Tatsache, daß Heroinabhängige
eine
ziemlich große Gruppe unter Virusträgern der Immunschwächekrankheit AIDS
stellen.
So seien
z.B. von den
30 000 in New York erfaßten AIDS-Virusträgern etwa 25 Prozent heroinsüchtig. Durch die gemeinsame Benutzung von Spritzen werde die Infektion
auch heterosexuell weiterverbreitet ein alarmierendes Problem für die Gesundheitsämter
und das öffentliche
Gesundheitswesen in allen Ländern.
Allmählich rundet sich auch das
Bild
ab von
den
gesundheitlichen
Schäden und Gefahren durch den Konsum
von Kokain in den verschiedenen heute
verfügbaren Formen der Droge.
Die
Todesfälle
steigen
laut NIDA-Statistik rapide an (1975: 42, 1980: 96,
1985: 613). Herzattacken und Herzinfarkt, noch dazu in Verbindung mit
Rauchen
oder anderen Aufputschmitteln, werden bei jungen Menschen immer häufiger beobachtet. Herzrhythmusstörungen, plötzlicher Blutdruckanstieg, Embolien im Gehirn und Lungenfunktionsstörungen sind schon seit
längerem bekannt.
Auf einer von der "Amerikanischen
Gesellschaft
für Pharmakologie und
exper imenteile
Therapiever fahren"
Mitte Januar 1987 in Washington veranstalteten
Konferenz
diskutierten
mehr als 30 Spezialisten - Mediziner,
Biochemiker, Psychiater - zwei Tage
lang wichtige Ergebnisse ihrer Erfahrungen mit kokainsüchtigen Patienten.
Demnach sehe man parallel zu dem
wachsenden Konsum und zu neuen Wegen
zur Aufnahme
der
Droge
(Rauchen,
Schnupfen,
Injektionen)
seit
1981

- 3 -

�e i n e Verdreifachung von medizinischen
Problemen, d i e in einem B e r i c h t zusammengefaßt
wurden.
Dr.
Charles
S c h u s t e r , der Direktor von NIDA, b e r i c h t e t e auf der abschließenden P r e s sekonferenz u . a . von einem a u f f ä l l i gen Ansteigen der Notaufnahmen
in
Krankenhaus-Intensivstationen
im Zusammenhang mit Kokain, mehr Aufnahmen
von Süchtigen in Behandlungszentren,
s t a r k erhöhter z a h l der T o d e s f ä l l e
durch Kokain.

Dr. H e r b e r t Kleber, P r o f . für P s y c h i a t r i e an der Y a l e - U n i v e r s i t ä t ,
berichtete.
Zu
diesen
Medikamenten
zähle z . B . Desipramin, s e i t zehn J a h ren auf dem Markt.
Bei Doppelblinds t u d i e n habe man b e o b a c h t e t , daß d i e
Medikation nach zwei b i s d r e i Wochen
zu einem " r e l a t i v großen Abbau" des
Kokainkonsums f ü h r t e .
Nach der achten Woche s e i e n 70 Prozent der Desip r a m i n - P a t i e n t e n von Kokain f r e i g e wesen (gegenüber 0 b i s 45 Prozent der
P a t i e n t e n der Placebo-Gruppe).
Beide
Gruppen e r h i e l t e n z u s ä t z l i c h e Beratungen.
Kleber warnte jedoch vor
falschen Hoffnungen, denn d i e Ergebnisse
der
noch b i s Ende Februar
durchgeführten Studie s e i e n e r s t v o r läufiger Natur.

Auch habe s i c h der Konsumentenkreis erheblich geändert.
"Personen,
d i e wir früher n i e mit R a u s c h m i t t e l konsum in Zusammenhang g e b r a c h t h ä t t e n , scheinen p l ö t z l i c h zur Szene zu
gehören", s a g t e S c h u s t e r .
Es seien
F a m i l i e n v ä t e r , Ä r z t e , Bank- und Börs e n l e u t e - Personen a l s o , durch deren
drogenbedingte
Fehlhandlungen
sich
schwerwiegende g e s e l l s c h a f t l i c h e Konsequenzen ergeben können.

Generalangriff auf den i l l e g a l e n
Handel
Die Länder der Welt müssen s i c h
auf gemeinsame Linien zur s y s t e m a t i schen Bekämpfung des i l l e g a l e n Drogenhandels e i n i g e n , der a l l e s t u t , um
der krankmachenden und t ö d l i c h e n Ware
immer neue Märkte zu
erschließen.
Das z e i g t s i c h neuerdings in A f r i k a :
In M a u r i t i u s und Nigeria war Heroin
unbekannt. J e t z t benutzen die i n t e r n a t i o n a l e n Händlerringe d i e s e Länder
für den T r a n s i t aus Asien nach Westeuropa und Nordamerika - schon g i b t
e s , wie der j ü n g s t e UNCND-Jahresber i c h t b e s a g t , auch d o r t H e r o i n s ü c h t i ge.
Anderen Durchgangsländern
wie
E l f e n b e i n k ü s t e und Ghana drohe das
gleiche Schicksal.
Auch Kokain b e ginne s i c h e n t l a n g der Schmuggelrouten durch Afrika a u s z u b r e i t e n .
Ähnl i c h e Entwicklungen s e i e n in I n d i e n ,
P a k i s t a n und Osteuropa zubeobachten.

Was noch vor wenigen Jahren abgestritten
wurde,
zeige
sich
immer
deutlicher:
Die Droge b e s i t z t
ein
ungewöhnlich
hohes
Suchtpotential,
weil s i e d i r e k t auf w i c h t i g e H i r n zentren wirke.
Häufiger Konsum und
hohe Dosen könnten zu
zahlreichen
Problemen, u . a . zu Depressionen und
"Kokain-Psychosen" führen.
Weshalb e p i l e p t i s c h e Anfälle und
Herzschäden durch Kokain v e r u r s a c h t
würden,
sei
erst
ungenügend
erforscht;
häufig seien davon j u n g e ,
zuvor
gesunde
Menschen
betroffen.
Kokain während der
Schwangerschaft
schädige den F ö t u s . Frühgeburten mit
den
verschiedensten
Komplikationen
für das Kind - f a l l s es überhaupt l e bensfähig i s t - seien häufig die F o l ge.

Der
Transport
heißer
Drogenschmuggelware auf Schiffen s e i 1986
eskaliert.
Dies a l l e s e r f o r d e r e , so
d i e UN-Suchtstoffkommission, dringend

Bei der Entzugsbehandlung Kokainsüchtiger zeigten einige Antidepress i v a v e r h e i ß u n g s v o l l e E r g e b n i s s e , wie
-

4

�eine "sehr enge Zusammenarbeit aller
Länder".
Nur dann sei eine Lösung
für das Problem Rauschgift denkbar,
wenn sich der Rauschgifthandel nicht
mehr lohne.
Wrobleski forderte als
erste wichtige Maßnahmen:
- gemeinsame Gesetze, um die "Geldwäsche" als Verbrechen zu behandeln;
- mehr Zusammenarbeit von Vollzugsbehörden über Ländergrenzen;
- Verbotsbestimmungen für wichtige
Chemikalien zur Drogenherstellung;
- strengeren Vollzug bei Schmuggel
im internationalen Luftraum und
in internationalen Gewässern;
- wirksame
internationale
Rechtshilfe bei Rauschgiftkriminalität;
- Aufdeckung und Kontrolle der Produktion des Rohmaterials für die
Herstellung bestimmter Suchtstoffe; und
- Ausweitung der Auslieferungsverfahren auf alle Drogenhändler.

* * * * * *
- 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan: Austausch von Waffen gegen Geiseln war ein Fehler&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Fernsehansprache Präsident Reagans -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hindernis für Fortschritte bei INF beseitigt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erklärung Präsident Reagans -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Freie Kommunikation "mächtige Kraft" für die Demokratie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Reagan-Botschaft zum Jubiläum der "Stimme Amerikas" -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Glückwünsche zum 45. Jahrestag der "Stimme Amerikas"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Die Ansprachen von Präsident Reagan, USIA-Direktor Charles Wick und VOA-Direktor Richard Carlson -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Erkenntnisse und Empfehlungen der Tower-Kommission&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus dem Kommissionsbericht -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ja zum Leben - Nein zu Drogen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- UN-Suchtstoffkommission: Alle Länder sind bedroht -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the UnitedStates of America

530°

4. März 1992

29
BöH^ 2 -

HANDEL

HANDELSBEAUFTRAGTE LEGT DREI
HANDELSPRIORITÄTEN FÜR 1992 FEST
Bericht über das handelspolitische
Programm für 1992

GUS-HILFE

AKTION HOFFNUNG BEENDET PARTNERSCHAFT BEGINNT
Luftbrücke durch Lieferungen per
Schiff, Straße und Schiene abgelöst

WAHLEN '92

WICHTIGE ROLLE DES SÜDENS
AM "SUPERDIENSTAG"
Der Einfluß der konservativen Region

UMWELT

USA FORDERN INTEGRIERTE UMWELTSTRATEGIEN
Anhörung vor dem Kongreß
NEUE AMERIKANISCHE MASSNAHMEN ZUR
MILDERUNG DER KLIMAVERÄNDERUNGEN
Eine Übersicht der amerikanischen
Regierung
BÜRGERINITIATIVEN ORGANISIEREN SICH
FÜR UNO-UMWELTKONFERENZ
Konferenzen und Demonstrationen
geplant

PORTRAT

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

PERKINS HAT SICH IN AFRIKA EINEN
NAMEN GEMACHT
Porträt des designierten US-Botschafters
bei den Vereinten Nationen

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�HANDEL
4. März 1992

HANDELSBEAUFTRAGTE LEGT DREI
HANDELSPRIORITÄTEN FÜR 1992 FEST
Bericht über das handelspolitische Programm für 1992
WASHINGTON - (AD) - Dem Büro der US-Handelsbeauftragten zufolge werden 1992 drei umfassende Ziele in
der Handelspolitik verfolgt, die zur Öffnung von Märkten und der Liberalisierung des ausländischen Handels
führen sollen.
In dem am 28. Februar 1992 veröffentlichten Bericht umreißt die Handelsbeauftragte unter anderem folgende
drei Bereiche:
erfolgreicher Abschluß der Uruguay-Runde globaler Handelsgespräche,
regionale und bilaterale Liberalisierung des Handels durch den Abschluß eines Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens, Fortschritte bei der Initiative des Präsidenten zur Förderung der Privatwirtschaft
in den Ländern Amerikas und erweiterter Zugang zu den japanischen Märkten,
Durchsetzung der amerikanischen Handelsvereinbarungen und -gesetze zur Förderung der sektoralen
Öffnung von Märkten für Telekommunikation, Stahl, Schiffbau, Verkehrsflugzeugbau und staatliche Beschaffung.
Dem Bericht zufolge wird die Handelsbeauftragte auch die Arbeit an Umweltschutzmaßnahmen und deren
Verhältnis zur Handelspolitik intensivieren. "Die Vereinigten Staaten müssen nach besseren Mitteln suchen, um
der steigenden Zahl von Beschwerden nachzugehen, die sich aus den unterschiedlichen weltweit gültigen
Hygiene- und Sicherheitsvorschriften ergeben.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text des handelspolitischen Programms für 1992.

Das handelspolitische Programm
Die Erweiterung der Möglichkeiten für amerikanische
Firmen und Personen, Waren und Dienstleistungen im
Ausland anzubieten, ist nach wie vor ein Eckpfeiler der
Handelspolitik der Bush-Administration. Sie ist femer
ein Schlüsselelement unserer langfristigen Wachstumspolitik, da offene Märkte und zunehmende Exporte Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen in den Vereinigten Staaten zur Folge
haben.
Seit 1988 haben die Exporte in der Tat um nahezu 90
Milliarden Dollar zugenommen und schätzungsweise
1,8 Millionen neue exportbezogene Arbeitsplätze
geschaffen. Hätten die Exporte nicht expandiert, wäre
die Wirtschaftsflaute noch gravierender gewesen.
1991 war auch geopolitisch ein bemerkeswertes Jahr.
Die Nationen in Europa, Lateinamerika und Afrika
strebten weiterhin nach einer mehr marktwirtschaftlich
AMERIKA DIENST 9

orientierten Wachstumspolitik und weg von den planwirtschaftlichen, protektionistischen, zum Scheitern
verurteilten Maßnahmen der Vergangenheit.
Die Bush-Administration verfolgt 1992 drei umfassende handelspolitische Ziele:
a)

den Abschlu ß der Uruguay-Runde multilatera'e r Handelsgespräche. Das GATT-System hat
der Welt 40 Jahre lange gute Dienste geleistet,
mL|
ß jedoch überarbeitet werden, wenn es mit
den sich verändernden Handelspraktiken und
-problemen Schritt halten will.

b

Fortsetzung unserer Arbeit zur Förderung der
Liberalisierung des Handels auf bilateraler und
regionaler Ebene. Unsere Ziele sind der baldmögliche Abschluß eines umfassenden Nordamerikanischen Freihandelsabkommens mit
Mexiko und Kanada, weitere Fortschritte bei
anderen regionalen Programmen wie der Intitia-

)

Seite 1

�•

c)

tive zur Förderung der Privatwirtschaft in den
Ländern Amerikas und verbesserter Zugang zu
spezifischen Märkten wie dem japanischen. Die
amerikanischen Exporte nach Japan haben in
den vergangenen 3 Jahren um 30 Prozent
zugenommen und bewiesen, daß Fortschritte
möglich sind, jedoch noch immer zahlreiche
struturelle und sektorale Handelshemmnisse
bestehen.

ten und zu neuen und besser bezahlten Arbeitsplätzen
für amerikanische Arbeitnehmerführen. Schätzungen
von Ökonomen zufolge - denen wir uneingeschränkt
vertrauen - wird ein gutes Abkommen der UruguayRunde in den Vereinigten Staaten und weltweit zu
einem Nettozuwachs bei Arbeitsplätzen und einem
beachtlichen Anstieg des Lebensstandards führen.

Durchsetzung unserer Handelsabkommen und
Ausübung von Druck durch den amerikanischen
Markt und amerikanische Handelsgesetze zur
Förderung der weiteren Öffnung sektoraler Märkte
wie etwa für Telekommunikation, Stahl, Schiffbau, Verkehrsflugzeugbau und staatliche Beschaffung.

Nord- und Lateinamerika

Darüber hinaus werden das Büro der Handelsbeauftragten sowie andere für Umwelt, Hygiene- und Sicherheitsnormen zuständige Behörden 1992 neue
Aufgabenbereiche übernehmen. Während die Welt
immer interdependenter wird, müssen wir Mechanismen finden, mit denen die Nationen Normen zum
Schutz der Öffentlichkeit und des Gemeinwohls unter
angemessener Berücksichtigung der Rechte anderer
Nationen verabschieden können.
Diese Übersicht vermittelt einen besseren Eindruck
von den Handelsprioritäten der Administration im
kommenden Jahr.
A. Erfolgreicher Abschluß der Uruguay-Runde
Unserer Ziele und Ambitionen für die Uruguay-Runde
lauten auch im Jahr 1992 gleich. Wir möchten das
multilaterale Handelssystem besser an die aktuellen
Handelsmuster anpassen, indem wir neue Regeln für
Dienstleistungen, Investitionen, Landwirtschaft und
nichttarifäre Handelshemmnisse - der herkömmlichen
Aufgabe des GATT - einführen.
Am 20. Dezember 1991 veröffentlichte der Generaldirektor des GATT, Arthur Dunkel, einen auf die Erkenntnisse der vergangenen fünf Verhandlungsjahre gegründeten Entwurf für einen endgültigen Vertrag. Obwohl
alle Nationen einschließlich der Vereinigten Staaten
Vorbehalte gegenüber bestimmten Textabschnitten
zum Ausdruck gebracht haben, besteht Konsens, daß
der Vertragsentwurf die Grundlage für den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde bilden kann. Es
muß jedoch noch ein beachtliches Stück Arbeit geleistet werden, nicht zuletzt im Bereich von Verpflichtungen beim Marktzugang, wo die Nationen bestimmte
Verpflichtungen zur Senkung der tarifären und nichttarifären Handelshemmnisse eingehen und den dauerhaften Zugang für ausländische Anbieter von Dienstleistungen sicherstellen müssen.
Ein umfassendes Paket der Uruguay-Runde könnte
für die US-Wirtschaft in den nächsten zehn Jahren
einen Aufschwung in Höhe von 1 Billion Dollar bedeuSeite 2

B. Regionale und bilaterale Initiativen

NAFTA: Die ehrgeizigste in die Wege geleitete regionale Initiative sind unsere Verhandlungen über ein
trilaterales Freihandelsabkommen mit Kanada und
Mexiko. Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) wird 360 Millionen Menschen mit einer
Gesamtproduktion von über 6 Billionen Dollar einbeziehen.
Die Verbesserung des Lebensstandards in Nordamerika gereicht zu unserem Vorteil. Die amerikanischen
Waren machen nicht nur 70 Prozent der Gesamtimporte Mexikos aus, sondern die Mexikaner konsumieren auch mehr amerikanische Produkte pro Person als
die europäischen oder japanischen Verbraucher (1991
im Wert von rund 28 Milliarden Dollar). Je weiter
Mexiko wächst, desto mehr amerikanische Exporte
werden in Mexiko konsumiert und desto mehr exportbezogene Arbeitsplätze werden dort geschaffen.
Ein Freihandelsabkommen wird zur Aufrechterhaltung
und Verbesserung der von Präsident Salinas verabschiedeten wachstumsorientierten Maßnahmen beitragen. Dauerhaftes Wirtschaftswachstum in Mexiko
wird Arbeitsplätze für Mexikaner schaffen und den
Druck zur Auswanderung mildern. Zunehmender
Wohlstand wird auch uns Ressourcen zur Bekämpfung gemeinsamer Probleme wie Umweltverschmutzung und Drogenhandel sowie zur Verbesserung der
gemeinsamen Infrastruktur wie Straßen, Brücken und
Müllentsorgungsanlagen an die Hand geben.
Dank harter Arbeit haben die drei Parteien einen
fundierten, jedoch mit zahlreichen Klammern versehenen Text über ein künftiges NAFTA-Abkommen erarbeitet. In den nächsten Wochen und Monaten werden
wir unsere Arbeit mit dem Kongreß, mit unseren privatwirtschaftlichen Beratern und mit der Öffentlichkeit
fortsetzen, um Problembereiche auszumachen und
Strategien zur Erarbeitung eines endgültigen Abkommens zu entwerfen. Geschwindigkeitsoll einem guten
Abkommen nicht im Wege stehen, aber wir wollen das
Abkommen auch so rasch wie möglich zum Abschluß
bringen, damit wir bald davon profitieren können.
Die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft
in den Ländern Amerikas (EAI): Im Juni 1990 legte
der Präsident seine Vision eines Freihandelsgebiets
von Alaska bis Argentinien dar, mit dem die beiden
Teile Amerikas durch Handel und Wohlstand einander
nähergebracht werden sollen. Die Vision des PräsiAMERIKA DIENST 9

�denten wurde mit Enthusiasmus begrüßt. Seit damals
haben die Vereinigten Staaten Rahmenabkommen zu
Handel und Investitionen (entweder einzeln oder kollektiv) mit 31 ihrer Nachbarstaaten abgeschlossen.
Die EAI zielt darauf ab, den sich in Lateinamerika und
der Karibik vollziehenden dramatischen Umbruch zu
offenen Marktwirtschaften, freiem Handel und begrenzteren staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft zu
fördern. Praktisch jede bedeutende Volkswirtschaft in
der Region hat Handels- und Investitionshemmnisse
beseitigt, und die amerikanischen Exporte in die Region (mit Ausnahme Mexikos) haben sich insgesamt
von 31 Milliarden im Jahr 1986 auf 53 Milliarden 1990
erhöht. Das "verlorene Jahrzehnt" der achtziger Jahre
wird in Lateinamerika und der Karibik vergessen sein,
wenn es uns gelingt, diese neuen Chancen zu ergreifen und ein gesünderes Verhältnis zwischen Handel
und Investitionen aufzubauen. Die EAI hat genau das
zum Ziel, und wir beabsichtigen, im Jahr 1992 auf
dieser Grundlage aufzubauen.
Gesetz über Handelspräferenzen für die
Andenstaaten (ATPA): Eine weitere Initiative des
Präsidenten zur Erweiterung des Handels in der Region ist das ATPA, mit dem Produkten aus den Andenstaaten, die den Drogenhandel bekämpfen, besserer
Zugang zu unseren Märkten gewährleistet wird. Dank
der Mitarbeit des Kongresses wurde die GesetzesvorIage1991 verabschiedet. 1992 werden wir die in Frage
kommenden Andenstaaten ermutigen, die Bedingungen des ATPA zu erfüllen und sich die Chancen des
ATPA zunutze zu machen.
Pazifisches Becken
Japan: Wie schon durch die Reise des Präsidenten
nach Japan im Januar verdeutlicht wurde, wird der
weiteren Erschließung des zweitgrößten Industrielands der Welt von der Administration nach wie vor
höchste Priorität eingeräumt.
Unsere Handelspolitik gegenüber Japan wird auf vier
Ebenen fortgesetzt. Erstens werden wir im Jahr 1992
eine Vereinbarung über die Marktöffnung für Papierprodukte anstreben (ein Markt von 65 Milliarden Dollar). Wir sehen ferner einer kartellrechtlichen Überprüfung in den Bereichen Papier, Flachglas, Automobile
und Autoteile entgegen. In jedem dieser Sektoren
haben amerikanische Erzeugnisse ihre internationale
Wettbewerbsfähigkeit bewiesen, jedoch haben Handelsschranken und die Praxis von Absprachen auf
dem japanischen Markt amerikanische Anbieter behindert oder ausgeschlossen.
Diese Verhandlungen werden andere unter Präsident
Bush ausgehandelte sektorale Vereinbarungen ergänzen, darunter Vereinbarungen über Mobiltelephone, Mobilfunk, Holzprodukte und unlängst das Abkommen über die staatliche Beschaffung von Computern.
Diese Vereinbarungen haben bereits zusätzliche
Umsätze in Millionenhöhe zur Foige gehabt.
AMERIKA DIENST 9

Zweitens werden wir auf den von Premierminister
Miyazawa gegenüber Präsident Bush eingegangenen
Verpflichtungen zur Stärkung und Erweiterung der
Initiative gegen strukturelle Hemmnisse (Structural
Impediments Initiative - SM) aufbauen. Die Sil liefert
einen systematischen Ansatz zur Öffnung des japanischen Marktes. Sie hat der japanischen Kommission
für fairen Handel bereits ein verbessertes Instrumentarium zur Verfügung gestellt, um die japanischen
Gesetze gegen Monopole durchzusetzen, zur Aufhebung von Schranken geführt, die 'Toys R Us" und
andere große Einzelhandelsketten an der Niederlassung in Japan hinderten, und zusätzliche Nischen für
private ausländische Investoren geschaffen.
Drittens werden wir im Rahmen der Uruguay-Runde
weiterhin auf verbesserten Zugang zum japanischen
Markt drängen. Wir fordern Japan auf, sich unseren
Vorschlägen beispielsweise zum Abbau von Zöllen auf
Nichteisenmetalle und Holzprodukte anzuschließen
und streben im Rahmen der Verhandlungen über
Zugang zum Dienstleistungsmarkt verbesserten Zugang zu Finanz- und juristischen Dienstleistungen an.
Der Entwurf der Schlußakte der Uruguay-Runde enthält wichtige Regelungen für amerikanische Interessen, darunter das Recht für Inhaber von Urheberrechten an audio-visuellem Material, den Verleih ihrerTonund Filmaufzeichnungen zu kontrollieren.
Schließlich werden wir mit der japanischen Regierung
bei deren weiteren Bestrebungen zur Öffnung der
verschlossenen Industriemärkte des Landes zusammenarbeiten. Die japanische Regierung hat jahrelang
Importe behindert und Partnerschaften zwischen japanischen Unternehmen und ausländischen Anbietern
entmutigt. Heute muß die Regierung eine Führungsrolle beim Aufbrechen verkrusteter Gewohnheiten und
Praktiken spielen. Ihre neue Initiative "Global Business Partnership" hat zum Beispiel 23 amerikanischen
Gro ßunternehmen konkrete Verpflichtungen zur Erhöhung ihrer Importe um 10 Milliarden Dollar bis zum Jahr
1993 abgerungen. Dieser Ansatz ergänzt die dem
Präsidenten von der japanischen Automobilindustrie
zugestandenen Verpflichtungen, ihre Ankäufe ausländischer Automobile und Autoteile in den nächsten drei
Jahren um 10 Milliarden Dollar zu steigern.
China: Im vergangenen Jahr haben wir gemäß Abschnitt 301 des Handelsgesetzes zwei Überprüfungen
gegen die Volksrepublik China eingeleitet - eine zum
mangelhaften Schutz von Urheberrechten, Patenten
und sonstigen Rechten an geistigem Eigentum, die
andere zu Marktzugangsbeschränkungen, darunter
hohe Zölle, Quoten und mangelnde Transparenz von
Bestimmungen. Die Verhandlungen über geistiges
Eigentum wurden mit einer am 17. Januar 1992 unterzeichneten Regierungsvereinbarung erfolgreich abgeschlossen. Nach ihrer Verwirklichung und Durchsetzung wird diese Vereinbarung den Schutz von Patenten, Urheberrechten und Betriebsgeheimnissen sowie
die rechtliche Durchsetzung von Rechten an geistigem
Seite 3

�Eigentum in China verbessern. Insbesondere die
pharmazeutische und Computerindustrie der Vereinigten Staaten werden von dieser Vereinbarung profitieren.

strument verbesserter wirtschaftlicher Zusammenarbeit im Pazifischen Becken dienen kann, wie etwa der
Prozeß der asiatisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit (APEC).

Die Verhandlungen über Marktzugang müssen spätestens am 10. Oktober 1992 abgeschlossen sein.
Während die chinesische Regierung beim Abbau einiger Handelshemmnisse Fortschritte gemacht hat,
einschließlich des Abbaus von Zöllen auf eine kleine
Kategorie von Waren und der Veröffentlichung einiger
ihrer Handelsgesetze, müssen noch ernsthafte Probleme aus dem Weg geräumt werden. Es bestehen
weiterhin hohe Zölle auf ein breites Spektrum amerikanischer Waren, Importlizenzen und Quoten sind immer
noch gültig, amerikanische Produkte werden weiterhin
diskriminierenden Normen unterworfen, und das chinesische System entbehrt der Transparenz im Hinblick auf die Verkündung und Anwendung von Handelsgesetzen und -Verfügungen. Alle diese Faktoren
müssen angesprochen werden, um die Überprüfung
erfolgreich abzuschließen.

Europa und der Mittelmeerraum

Neben diesen Untersuchungen nach Abschnitt 301
werden US-Zollbehörde und USTR weiter ermitteln
und Maßnahmen ergreifen, um Betrügereien im Textilbereich zu verhindern. Zusammen mit anderen
Behörden werden sie sich bemühen, das Problem der
von Häftlingen produzierten Waren zu behandeln.
Wir werden weiterhin mit unseren Handelspartnern
zusammenarbeiten, um den chinesischen Antrag auf
Mitgliedschaft im GATT zu prüfen.
Asien/Pazifik: Das Handelsprogramm der BushAdministration im Hinblick auf Asien und die Pazifikregion verfolgt zwei Ziele: 1) die Verbesserung des
Marktzugangs für Exporte amerikanischer Waren und
Dienstleistungen, und 2) die Emutigung von Ländern
der Region zur Einhaltung multilateraler Handelsvorschriften und Disziplinen bei der täglichen Abwicklung
ihrer handelspolitischen Maßnahmen und Praktiken.
Für den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde
benötigen wir die aktive Beteiligung Koreas sowie der
sechs Staaten des Verbands südostasiatischer Staaten (ASEAN) - Thailand, Indonesien, Malaysia, die
Philippinen, Brunei und Singapur -, insbesondere bei
den Verhandlungen über Marktzugang. Wir messen
der Verwirklichung unserer Vorschläge zum Abbau
von Zöllen mit ASEAN sowie eines verstärkten Zugangs zu ihren Dienstleistungsmärkten, insbesondere
den Finanzdienstleistungen, große Bedeutung bei.
Zu unseren langfristigen Zielen gehören: Mitgliedschaft Koreas in der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Beteiligung Taiwans am GATT, die Beendigung des Entwicklungslandstatus für die ASEAN-Staaten sowie die
Schaffung einer regionalen Organisation, die als In-

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Die Europäische Gemeinschaft (EG): Die aus zwölf
Ländern bestehende EG bleibt insgesamt unser wichtigster Handelspartner und Standort für den Großteil
unserer Investitionen in Übersee. Seit 1983 erzielen
die Vereinigten Staaten gegenüber der EG einen kleinen aberwachsenden Handelsüberschuß.
Unser wichtigstes Ziel gegenüber der EG wird im Jahr
1992 der angestrebte Abschluß der Uruguay-Runde
sein. Im Gegensatz zum Eindruck der Öffentlichkeit
haben die Vereinigten Staaten und die EG in der
Runde viel gemeinsam, darunter den Wunsch nach
stärkerem Schutz der Rechte an geistigem Eigentum
in den Entwicklungsländern, den Bedarf nach soliden
Verpflichtungen für weltweiten Marktzugang bei Waren und Dienstleistungen sowie den Wunsch zur Aufrechterhaltung strenger Vorschriften gegen Dumping.
Aber wir haben auch Meinungsverschiedenheiten, die
einen Verzögerungseffekt hatten.
Eine Reihe von sektorspezifischen Handelsproblemen
müssen mit Europa dringend behandelt werden. Wir
werden sowohl bilaterale Lösungen als auch Lösungen im Rahmen der Uruguay-Runde anstreben. Zu
unseren Anliegen gehören: staatliche Subventionen
für den Verkehrsflugzeugbau, Stahlproduzenten und
Schiffbauer, unfaire Unterstützung des Ölsaatenbereichs der EG, EG-Quoten, die die Ausstrahlung
amerikanischer Filme durch europäische Fernsehsender beschränken, staatliche Telekommunikations- und
Stromversorgungsunternehmen, die ausländische
Produkte ausgrenzen sowie Schranken gegen amen-1
kanische Lieferanten von Waren und Dienstleistungen
im Telekommunikationswesen.
Der EG-Binnenmarkt soll bis zum 31. Dezember 1992
verwirklicht sein, obwohl einige entscheidende Komponenten bis dahin noch nicht in die Praxis umgesetzt
sein werden. Über unsere normale Überprüfung der
Richtlinien für den EG-Binnenmarkt hinaus werden wir
dieses Jahr der Aushandlung akzeptablen Zugangs zu
den künftigen europäischen Regelungen in bezug auf
Normen, Erprobung und Zulassungsbestimmungen
Priorität einräumen.
Mittel- und Osteuropa: Wir werden uns weiterhin
bemühen, den aufstrebenden Demokratien in Mittelund Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion zu
helfen, indem wir die beiderseitigen Handelsmöglichkeiten erweitern. Der Präsident hat am 30. März 1991
eine Initiative zur Förderung des Handels verkündet.
Eine der darin enthaltenen Maßnahmen ist die zollfreie
Behandlung zusätzlicher Exporte aus diesen Ländern

AMERIKA DIENST 9

�nach dem Allgemeinen Präferenzsystem. Die Überprüfung wird im April beendet und veröffentlicht werden. Unser Ziel besteht darin, diese Staaten in das
offene Welthandelssystem einzugliedern und Wachstum durch Handel zu fördern.
Der Mittelmeerraum: Die Administration verfolgt in
der Region eine Reihe von Prioritäten, darunter die
Stärkung des unzureichenden Schutzes der Rechte
an geistigem Eigentum in der Türkei, die Verbesserung unseres Freihandelsabkommens mit Israel sowie
die Erweiterung unserer Handelsmöglichkeiten mit der
arabischen Welt, indem wir uns das durch Operation
Wüstensturm geschaffene positive Klima zunutze
machen.
Afrika, Vorder- und Mittelasien
Die Administration muß im Rahmen von Abschnitt 301
des Handelsgesetzes bis zum 26. Februar 1992 eine
Überprüfung des fehlenden Schutzes für Rechte an
geistigem Eigentum in Indien durchführen. Zwar wurden

in den Bereichen Urheberrechte und Warenzeichen
Fortschritte erzielt, aber in der Frage des ausreichenden Patentschutzes in der indischen Gesetzgebung
differieren unsere ansichten weiterhin erheblich.
Im Hinblick auf Afrika wünscht die Administration die
Ausweitung von bilateralem Handel und Investitionen.
Die auf dem afrikanischen Kontinent stattfindenden
Veränderungen sind in vielfacher Hinsicht ebenso
tiefgreifend wie die in der ehemaligen Sowjetunion. Im
Jahr 1992 wird die Bush-Administration weiterhin Mittel und Wege suchen, um den Zugang für amerikanische Waren und Dienstleistungen zu verbessern und
die wirtschaftlichen Bindungen zu Ländern zu verstärken, die sich von Jahrzehnten der Mißwirtschaft und
sozialistischen Politik befreien.
C. Sektorale Verhandlungen und die Umwelt
Das Stahlliberalisierungsprogramm des Präsidenten: Die Bush-Administration ist entschlossen, den
Marktkräften im Stahlbereich erneut Geltung zu verschaffen und unfaire Handelspraktiken, wie etwa staatliche Subventionen, abzubauen. Die Selbstbeschränkungsvereinbarungen - die den Handel mit Stahl über
sieben Jahre lang geregelt haben - werden am 31.
März 1992 auslaufen. Bis zu diesem Zeitpunkt hoffen
die Vereinigten Staaten ein Multilaterales Stahlabkommen mit 30 anderen Staaten (die über 90 Prozent des
Stahlhandels repräsentieren) abgeschlossen zu haben, das die meisten Subventionen im Stahlbereich
untersagen, tarifäre und nichttarifäre Handelsschranken beseitigen und einen wirksamen Schlichtungsmechanismus enthalten würde. Ohne ein solches Abkommen werden sich die amerikanischen Firmen zur
Bekämpfung unfairer ausländischer Stahlhandelspraktiken erneut auf die amerikanischen Handelsgesetze
verlassen.

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Verkehrsflugzeug- und Schiffbau: Die Administration möchte so bald wie möglich die Verhandlungen mit
dem Airbus-Konsortium (EG, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Spanien) abschließen, um den
Verkehrsflugzeugsektor den Regeln und Disziplinen
des Markts zu unterwerfen. Unser Ziel ist es, zunächst
- vorzugsweise bis April - ein Abkommen mit den
Airbus-Staaten abzuschließen und die Regeln danach
multilateral auszudehnen. Diese würden Begrenzungen der Subventionen für Forschung und Entwicklung,
ein Verbot von Produktionssubventionen und einen
Schlichtungsmechanismus vorsehen.
Die Administration möchte in der ersten Hälfte 1992
ähnliche Verhandlungen mit den wichtigsten Schiffbaunationen der Welt abschließen.
Textilien und Bekleidung: Die vierte und jüngste
Verlängerung des Mehrfaserabkommens (MFA) - das
etwa 80 Prozent unserer Textil- und Bekleidungsimporte regelt - wird am 31. Dezember 1992 auslaufen.
Bis dahin hoffen wir ein neues System ausgehandelt
zu haben: Im Rahmen der Uruguay-Runde würden die
Vereinigten Staaten einwilligen, das MFA schrittweise
abzubauen und Textilien/Bekleidung den normalen
Regeln des GATT zu unterwerfen.
Die Umwelt und andere neue Fragen: Überschneidungen zwischen umweltpolitischen Aktionen und
Handelsmaßnahmen treten immer häufiger auf. Bestimmte Programme - etwa das amerikanische Einfuhrverbot für Thunfisch, bei dessen Fang auch Delphine getötet werden, oder das EG-Einfuhrverbot für
Pelze von Tieren, die mit Eisenfallen gefangen wurden
- können unerwartete Auswirkungen auf den Handel
haben. Das Einfuhrverbot für Thunfisch wurde bereits
vom GATT angefochten. Darüber hinaus gibt es
verschiedene internationale Umweltabkommen, die
bei Nichteinhaltung handelspolitische Strafmaßnahmen vorsehen.
Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten
und andere Länder die GATT-Arbeitsgruppe zu
Umweltfragen gestärkt. Diese wird die in der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geleistete Arbeit zu Handel und
Umwelt ergänzen. Die Administration hat ferner eine
Reihe von Umweltexperten zu Mitgliedern unserer
Beratungsgremien für Handelsgespräche ernannt.
Im Laufe des Jahres 1992 werden die Vereinigten
Staaten mit ihren Partnern zusammenarbeiten, um zu
gewährleisten, daß Umweltprogramme und Handelspolitik weiterhin in Einklang stehen. Die Arbeit im
GATT wird ebenso weitergeführt wie in den Vereinten
Nationen und gemäß anderen internationalen Konventionen wie dem Montrealer Protokoll über den Abbau
der Ozonschicht und der Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten.

Seite 5

�Die Vereinigten Staaten müssen nach besseren Mitteln suchen, um der steigenden Zahl von Beschwerden nachzugehen, die sich aus den unterschiedlichen
weltweit gültigen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften ergeben. Die Exporte zahlreicher landwirtschaftlicher Produkte der Vereinigten Staaten wurden zum
Beispiel durch variierende, gelegentlich willkürliche
Hygienevorschriften blockiert. Dem steht jedoch die
erforderliche Aufrechterhaltung der Rechte von Bundesregierung und Einzelstaaten entgegen, Hygieneund Sicherheitsvorschriften zu erlassen.
D. Durchführung der US-Handelsgesetze
1992 wird die Regierung mit Hilfe der US-Handelsgesetze ihre bilateralen, regionalen und multilateralen
Initiativen vervollständigen, um Märkte zu öffnen und
fairen Handel zu gewährleisten. Dazu zählt die vollständige Durchführung des Handelsgesetzes von 1988,
einschließlich seiner Bestimmungen zum Schutz der

Rechte an geistigem Eigentum, Telekommunikation
und staatliche Beschaffung auf eine Art, die den handelspolitischen Zielen der Vereinigten Staaten Rechnung trägt.
Femer werden die Vereinigten Staaten Marktöffnungsvereinbarungen eingehend beobachten, die im vergangenen Jahr unter Abschnitt 301 ausgehandelt wurden
und Verhandlungen über Fragen weiterführen, die
gegenwärtig unter Abschnitt 301 beantragt werden.
Unser Handelsprogramm wird weiterhin international
anerkannte Arbeitnehmerrechte auf der ganzen Welt
fördern.
Schließlich werden die Antidumping- und Ausgleichszollvorschriften, die Meistbegünstigungsklausel und
die Handelsgesetzbestimmungen zum Schutz der nationalen Sicherheit nach bestem Wissen und Gewissen angewandt.

* * * * *

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�GUS-HILFE
4. März 1992

AKTION HOFFNUNG BEENDET PARTNERSCHAFT BEGINNT
Luftbrücke durch Lieferungen per Schiff, Straße und Schiene abgelöst
WASHINGTON - (AD) - Die Aktion Hoffnung, eine
amerikanische Luftbrücke, mit der etwa 2.000 Tonnen
humanitärer Hilfsgüter in die ehemalige Sowjetunion
geliefert wurden, hat ihre Mission erfolgreich abgeschlossen und mit den Worten ihres amerikanischen
Koordinators "den Weg für Folgeaktionen massiven
Ausmaßes" bereitet.
Zwei Wochen lang legten Besatzungen der amerikanischen Luftwaffe mit 65 Flugzeugen der Typen C-5 und
C-141 nahezu 640.000 Kilometer zurück, um dringend
benötigte Hilfsgüter - darunter 16 Millionen Mahlzeiten
- aus den Vereinigten Staaten, Deutschland und der
Türkei zu 24 Orten in 11 Mitgliedstaaten der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zu transportieren.
Für US-Botschafter Richard Armitage, den Vor-OrtKoordinator der Aktion, stellt das Ende der Luftbrücke
am 26. Februar 1992 den Beginn einer Partnerschaft
nicht nur zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern, die in diesem Zusammenhang Hilfe leisteten, sondern auch zwischen privaten Hilfsorganisationen und der US-Regierung dar. Eine neue Partnerschaft wurde Armitage zufolge auch zwischen den
Vereinigten Staaten und der GUS eingeleitet, als zwei
riesige russische Transportflugzeuge des Typs Antonow 124 - die größten der Welt - am letzten Tag der
Luftbrücke Paletten mit Hilfsgütern in Frankfurt abholten.
"Wir haben den Menschen in den neuen unabhängigen
Staaten gezeigt, daß sich die Vereinigten Staaten als
Partner voll und ganz an den wirklich internationalen
Bemühungen zur Milderung und Beseitigung der Not
beteiligen", erklärte Armitage. "Wir haben den Weg für
Folgeaktionen massiven Ausmaßes bereitet." So stellte
das Landwirtschaftsministerium beispielsweise große
Mengen an Nahrungsmitteln wie Mehl, Säuglingsnahrung und Reis für den Transport in die ehemaligen
Sowjetrepubliken bereit.

AMERIKA DIENST 9

Die Vereinigten Staaten werden "der Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten weiterhin beim Übergang zu
mehr politischer und wirtschaftlicher Freiheit zur Seite
stehen", so Pentagon-Sprecher Pete Williams, und
"mit anderen Staaten zusammenarbeiten, die zum
Erfolg dieser Aktion beigetragen haben".
Armitage verwies darauf, daß langfristig "Flugzeuge
nicht die Lösung darstellen... weil man so einfach nicht
genug Fracht transportieren kann". In Zukunft werden
die meisten humanitären Hilfsgüter per Schiff, Schiene
oder Straße in die ehemaligen Sowjetrepubliken geliefert werden - ein langsameres, aber preiswerteres
Verfahren als der Lufttransport. 14.000 Tonnen überschüssiger Nahrungsmittelrationen aus Beständen des
US-Verteidigungsministeriums wurden bereits in Pisa
für künftige Lieferungen bereitgestellt, die Anfang Juni
erwartet werden.
Armitage betonte jedoch, er werde die Möglichkeit
gelegentlicher künftiger Lufttransporte verderblicher
Güter, etwa von Medikamenten, nicht ausschließen,
da die medizinische Situation in der GUS "außerordentlich schlecht ist". Bis heute wurden dort medizinische Güter im Wert von 22,9 Millionen Dollar verteilt,
und weitere Lieferungen in Höhe von 17 Millionen
Dollar stehen bereit. Die American Hospital Association (AHA) und die US-Regierung arbeiten bereits
gemeinsam an einem Überprüfungssystem für von
Mitgliedskrankenhäusem der AHA unlängst angebotenen Medikamenten und Materialien.
Am letzten Tag der Luftbrücke dankte die Sozialministerin der Russischen Föderation, Ella Alexandrowna
Pamfilowa, mit folgenden Worten: "Wir wissen die
Hilfe und Sympathie außerordentlich zu schätzen, die
uns von den Bürgern der Vereinigten Staaten, Deutschlands und anderer Länder zuteil wird", erklärte sie. "Wir
sind mit einer Reihe von Problemen konfrontiert, und
wir machen nach wie vor Fehler, weil unser Weg zur
Demokratie sehr schwierig ist. Wir sind jedoch davon

Seite 1

�überzeugt, daß wir mit Ihrer Hilfe und... Sympathie in
der Lage sein werden, diese Schwierigkeiten früher zu
überwinden, als uns dies allein möglich wäre."

Agency, American Orthodox Church, CARE, CitiHope
International, Mercy Corps International, die Heilsarmee und das Rote Kreuz.

Amerikanische Teams, die die am 10. Februar begonnene Hilfsaktion organisierten, fanden rasch heraus,
daß verschiedene Städte gegensätzliche Bedürfnisse
und unterschiedliche Prioritäten hatten. Während zum
Beispiel in St. Petersburg Milch besonders wichtig war,
war in Aschchabad der Bedarf an Medikamenten größer als der an Nahrungsmitteln. Armitage zufolge
waren die Bürger von Aschchabad froh über die Lieferungen und stellten fest, daß bisher immer "Moskau
alles bekommen hat". Die psychologische Wirkung
der Lieferungen war fast ebenso wichtig wie die Güter
selbst, erklärte er.

Während der Luftbrücke brachten die Russen häufig
ihr Erstaunen über so viele amerikanische Frauen in
Uniform zum Ausdruck. Leutnant Stephanie
Hofcombe
erklärte, man habe ihr gesagt, russische Frauen dürften beim Militär Bürotätigkeiten ausüben, aber nicht als
Flugzeugbesatzung arbeiten, wie sie es während der
Luftbrücke beobachten konnten. Sowohl Pilot als auch
Dolmetscher an Bord des Flugzeugs nach Duschanbe
waren Frauen.

Jede Palette wurde mit einer Liste des Inhalts und ins
Russische übersetzten Anweisungen geliefert, um den
Empfängern die beste Verwendung der Güter zu erleichtern. "Eine ganze Reihe von Übersetzern haben
sehr hart gearbeitet, um zu erklären, was genau sich in
jeder dieser Lieferungen befindet", stellte Armitage
fest.
Die Luftbrücke flog folgende Ziele an: Eriwan (Armenien), Baku (Aserbaidschan), Bischkek (Kyrgysstan),
Aschchabad (Turkmenistan), Minsk (Weißrußland),
Taschkent (Usbekistan), Duschanbe (Tadschikistan),
Kischinew (Moldowa), Kiew, Charkow und L'wow
(Ukraine), Alma-Ata und Semipalatinsk (Kasachstan),
Moskau, St. Petersburg, Nowokusnetz, Kemerowo,
Perm, Jekaterinenburg, Tscheljabinsk, Archangelsk,
Ulan-Ude, Tschita und Irkutsk (Rußland). Obwohl
aufgrund der politischen Unruhen in Georgien keine
Hilfsgüter dorthin geliefert wurden, verprach Armitage,
daß dies in Zukunft der Fall sein werde.
Eine Reihe anderer Länder haben Spenden zu der
Hilfsaktion beigetragen, darunter Belgien, das Milch
beisteuerte, und Italien, das Orangen zur Verfügung
stellte. Deutschland, Japan, Katar, die Vereinigten
Arabischen Emirate und Norwegen spendeten Nahrungsmittel und Medikamente, Großbritannien Babynahrung und medizinische Hilfsgüter. Die Türkei,
Kanada, Frankreich, Portugal und Spanien leisteten
unterschiedliche Beiträge.
Zu den an der Verteilung beteiligten privaten Hilfsorganisationen zählen: the Diocese of the Armenian Church
of America, Catholic Relief Services, Worldvision Relief
and Development, Russian Winter Campaign,
Brother's
Brother Foundation, Sister Cities, American Jewish
Joint Development, Adventist Development Relief

* *

Seite 2

Major Susan Ives und Generalleutnant Albert Abramow, die hochrangigsten amerikanischen und russischen Offiziere, die die Lieferungen nach St. Petersburg koordinierten, erörterten die Rolle der russischen
weiblichen Militärs, die für gewöhnlich mit der Krankenfürsorge betraut werden. Ives stellte fest, sie sei
überrascht gewesen, daß sie beide angesichts der
noch vor einem Jahr gültigen militärischen Beschränkungen so ausführlich miteinander sprechen konnten.
Man habe die Möglichkeit gemeinsamer Ausbildungsprogramme für amerikanische und russische Offiziere
erörtert.
In einem kürzlich im Programm Press Conference
USA der Stimme Amerikas ausgestrahlten Interview
erklärte Armitage, die Vereinigten Staaten sähen ihre
Hilfe an die GUS als "Investition" in die Zukunft. Sollten
sich die Vereinigten Staaten je in einer Notlage befinden, hoffe er, die GUS würde ihre Hand in Freundschaft reichen. In seinen Gesprächen mit Ives brachte
Abramow seine Hoffnung zum Ausdruck, daß sich sein
Land eines Tages erkenntlich zeigen und den Vereinigten Staaten behilflich sein könne, sollten sie sich je
in einer Notlage befinden.
Auf lange Sicht, so Armitage, wird der Westen seine
Bestrebungen auf technische Hilfe für die GUS verlagern müssen. Wohin auch immer die amerikanischen
Teams reisten, stellten sie fest, daß "der Hunger und
Durst nach dem Know-how der technischen Hilfe noch
größer war" als der Bedarf an Nahrungsmitteln und
medizinischen Hilfsgütern.
Es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten, des
Weltfriedens und der Stabilität, daß dem Kampf um
Demokratie Erfolg beschieden ist, fuhr Armitage fort.
Die humanitäre Hilfe der Vereinigten Staaten an die
GUS sind keine Almosen, betonte er. "Sie liegt im
nationalen Interesse."

* *

*

AMERIKA DIENST 9

�W A H L E N '9 2
4. März 1992

WICHTIGE ROLLE DES SÜDENS
AM "SUPERDIENSTAG"
Der Einfluß der konservativen Region

WASHINGTON - (AD) - Es ist nicht leicht, den amerikanischen Süden zu charakterisieren. Der sich vom
Atlantik im Westen zu den Bergen des westlichen
Texas erstreckende ungeheuer große Sonnengürtel
ist komplexer und vielschichtiger als der traditionell
ländliche "alte Süden" der Lieder und Legenden.
Es ist immer noch eine Region, in der Religion sehr
ernst genommen wird und das Militär großen Respekt
genießt - und wo man sich schnell und leicht kennenlernt. Aber der Zuzug von oftmals aus dem Norden
stammenden Außenseitern in die Städte, die Zunahme der Büroberufe und das Wachstum der Dienstleistungsindustrie sowie der steigende Einfluß schwarzer Wähler haben die Erwartungen im Süden verändert.
"Der Süden hat sich in den vergangenen 30 Jahren so
stark verändert," erklärt der Dozent an der University of
Mississippi, Charles Wilson Reagan, "daß Politik heute
viel komplizierter ist. Zwischen dem traditionellen
Süden und dem moderneren Süden findet ein Kampf
statt." Deshalb ist es für die amerikanischen Präsidentschaftskandidaten schwierig, in der Region Fuß
zu fassen.
Bei den frühen Vorwahlen und Parteiversammlungen
im letzten Monat haben die Kandidaten in den kleineren nördlichen Bundesstaaten das praktiziert, was
Beobachter "bürgernahe Politik" nennen - von Angesicht zu Angesicht, im direkten Kontakt mit den Wählern. In New Hampshire konnten sie leicht die einzelnen Städte mit dem Bus abfahren und mit vielen
Wählern direkt sprechen.
Aber der Zeitplan der Vorwahlen erfaßt jetzt auch den
Hest des Kontinents, und die "bürgernahe Politik"
weicht der "Politik für die Masse" großangelegter
Werbefeldzüge, Briefsendungen und Marathonflugreisen zwischen vielen Staaten, in denen die Bürger
gleichzeitig wählen. Am vergangenen Wochenende

AMERIKA DIENST 9

haben sich die führenden Präsidentschaftskandidaten
der Demokraten zu drei verschiedenen Debatten getroffen - eine im Westen im gebirgigen Staat Colorado,
eine im Südstaat Georgia und eine im Osten, in Maryland. Politiker wenden einen Begriff ausdernationalen
Basketballliga an, um das Tempo der Kampagne zu
beschreiben - "March madness".
Am 10. März, dem "Superdienstag", werden in Texas,
Florida, Louisiana, Mississippi, Oklahoma, Tennessee, Massachusetts und Rhode Island die Vorwahlen
und in Missouri, Delaware und auf Hawaii die Parteiversammlungen stattfinden. (Sieben dieser 11 Staaten liegen im Süden oder an der Grenze zum Süden).
Davor findet am 3. März der "Juniordienstag" statt, an
dem in Georgia, Maryland und Colorado Vorwahlen
und in Utah und Washington die Parteiversammlungen
sowohl der Demokraten und als auch der Republikaner, in Idaho und Minnesota nur die Versammlungen
der Demokraten, stattfinden (in diesen beiden Bundesstaaten werden die republikanischen Parteiversammlungen zu einem späteren Zeitpunkt abgehalten). Zwischen diesen beiden Terminen führt South
Carolina am 7. März seine Vorwahlen durch, und an
diesem Datum finden in Arizona und Wyoming Parteiversammlungen statt, die in Nevada erst am 8. März
abgehalten werden.
Nach dem Superdienstag werden die beiden wichtigsten politischen Parteien über ein Drittel der Delegierten für ihre nationalen Nominierungskonvente ausgewählt haben.
Der Superdienstag wurde von Politikern im Süden ins
Leben gerufen, die das Konzept des "starken Südens"
wieder einführen wollten, das Mitte des Jahrhunderts
zu bröckeln begann. Die Wähler im Süden erinnerten
sich immer noch daran, daß die republikanische Partei
den Norden im Bürgerkrieg vor 80 Jahren angeführt
hatte und stimmten deshalb für die Demokraten. Aber
obwohl sie in den letzten Jahren auf kommunaler und
Seite 1

�bundesstaatlicher Ebene vorwiegend Demokraten
gewählt haben, entschieden sie sich für republikanische Präsidentschaftskandidaten.
Wenn alle Staaten des Südens sich zusammenschlössen und ihre Vorwahlen am gleichen Tag abhielten,
würden sie den Parteivorsitzenden zufolge einen einzigen demokratischen Kandidaten aus ihrer Region
unterstützen, ihn durch die Partei nominieren lassen
und ins Weiße Haus katapultieren.
1988 hielten die Demokraten am Superdienstag in 20
Bundesstaaten Vorwahlen oder Parteiversammlungen ab. Aber das Ereignis konnte ihre Erwartungen
nicht erfüllen. Der Senator aus Tennessee, Albert
Gore, war ihr Wunschkandidat und siegte mehrmals
im Süden, was jedoch nicht ausreichte und zum Scheitern seiner Kampagne führte. Auf der Seite der
Republikaner gewann Präsident Bush an diesem Tag
soviele Vorwahlen, daß ihm die Nominierung durch
seine Partei sicher war.
In diesem Jahr wurde der Superdienstag in seiner
Bedeutung etwas heruntergeschraubt, und viele Staaten im Süden entschieden gegen eine Teilnahme an
einer regionalen Vorwahl. Georgia verlegte seine
Vorwahl vor, und einige andere Staaten wie Alabama,
Arkansas, Kentucky und North Carolina halten ihre
Vorwahlen später ab. Aber Texas und Florida, zwei
der bevölkerungsreichsten Bundesstaaten des Landes, bleiben beim Superdienstag, der immer noch ein
wichtiges Ereignis des Wahlkampfes ist.
An diesem Tag wird die Stärke aller Kandidaten gemessen, insbesondere die des einzigen Demokraten
aus dem Süden in diesem Jahr, dem Gouverneur von
Arkansas, Bill Clinton. Er ist der angebliche Spitzenreiterunterden demokratischen Kandidaten insbesondere im Süden, aber das muß sich noch bei einer
Vorwahl oder Parteiversammlung erweisen - bis jetzt
war er in Kontroversen über seinen Kriegsdienst und

angebliche Eheprobleme verwickelt. Clinton hat die
Unterstützung vieler Politiker im Süden, aber zum Sieg
benötigt er die Förderung sowohl der schwarzen wie
der weißen Wähler. Die Wahlbeteiligung der Schwarzen wird erwartungsgemäß nicht so hoch sein wie
1988, als für den Bürgerrechtskandidaten Reverend
Jesse Jackson Unterstützung mobilisiert wurde.
Am Superdienstag wird sich auch erweisen, ob der
frühere Gouverneur von Massachusetts, Paul Tsongas, außerhalb seines Heimatstaats Neuengland
gewinnen kann und ob der Sieg des Senators von
Nebraska, Bob Kerrey, bei den Vorwahlen in South
Dakota diesem Auftrieb gegeben hat.
Bei den Republikanern wird Bush seine Beziehung
zum Süden ins Spiel bringen. Er ist zwar in Neuengland geboren und zur Schule gegangen, war aber
Geschäftsmann und Kongreßabgeordneter in Texas
und hat immer noch einen Wohnsitz in Houston. Nach
seinem überwältigenden Sieg am Superdienstag 1988
gibt es keine Anzeichen, daß er in den wohlhabenden
südlichen Vororten an Unterstützung verliert, und Bush
will sich von einer Rebellion der Wähler in dem von der
Rezession betroffenen Hew Hampshire erholen. Der
Süden mit seiner stärkeren Wirtschaft gilt als friedlicheres Territorium für den Präsidenten.
Aber sein konservativer Herausforderer, Patrick Buchanan, rekrutiert andere Wählergruppen. Derfrühere
Ku-Klux-Clan-Führer David Duke ist ein weiterer Stachel in Bushs Fleisch. Sein Name wird bei allen
Vorwahlen am Superdienstag auf dem Stimmzettel
erscheinen. Viele der südlichen Bundesstaaten haben
offene Vorwahlen, das heißt, die Wähler können zwischen einem demokratischen oder republikanischen
Stimmzettel wählen, ohne der betreffenden Partei
angehören zu müssen. Buchanan und Duke hoffen
auf die Unterstützung konservativer Demokraten und
unabhängiger Wähler, die vom Präsidenten desillusioniert sind.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 9

�UMWELT
4. März 1992

USA FORDERN INTEGRIERTE UMWELTSTRATEGIEN
Anhörung vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Die Erarbeitung globaler, regionaler und nationaler Strategien zum Schutz der Umwelt
bei gleichzeitiger Förderung der Wirtschaftsentwicklung ist einem Vertreter des US-Außenministeriums zufolge
das "Hauptziel" der bevorstehenden Umweltkonferenz.
"Durch Zusammenarbeit können die Nationen der Welt grö ßere Fortschritte zur Verwirklichung einer umweltverträglichen Entwicklung machen als wenn jeder einzelne seine Programme durchführt", erklärte der Abteilungsleiter für Ozeane und internationale Umweltfragen, Curtis Bohlen, in einer Anhörung vor dem Kongreß am 26.
Februar 1992. Bohlen sprach in seiner Funktion als Leiter der US-Delegation für die Vorbereitung der UNOKonferenz über Umwelt und Entwicklung, die im Juni in Brasilien stattfinden soll.
Unterhändler aus über 150 Ländern versuchen, eine Vereinbarung über die Grundsätze zu erarbeiten, von denen
die Umwelt- und Wirtschaftsprogramme einzelner Länder und Nationen geleitet sein sollen, zum Beispiel Charta
Erde und Agenda 21 - ein Katalog von Maßnahmen, die jede Nation zur Förderung umweltverträglicher Entwicklung ergreifen würde.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Abteilungsleiter Bohlen im Wortlaut.
Herr Vorsitzender, ich danke für die Gelegenheit, die
Vorbereitungen der amerikanischen Delegation für die
UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung sowie
deren Bedeutung für die Vereinigten Staaten und ihre
Bürger zu erläutern. Die im allgemeinen als UNCED
bezeichnete Konferenz wird vom 1. bis 12. Juni 1992
in Rio de Janeiro stattfinden. Nächste Woche, am 2.
März, beginnt das vierte und letzte Treffen des Vorbereitungskomitees bei der UNO in New York.
Wir sehen uns in New York mit einer schwierigen
Aufgabe konfrontiert. Das Komitee muß alle zur
Verabschiedung in Rio vorgeschlagenen Dokumente
fertigstellen. Dazu zählen ein Aktionsprogramm mit
dem Titel "Agenda 21", ein Leitfaden für die nationalen
und internationalen Umwelt- und Entwicklungsbestrebungen bis zum 21. Jahrhundert, eine Erklärung der
allgemeinen Prinzipien sowie eine Erklärung der Prinzipien zum Schutz der Regenwälder. Diese sollen von
rund 160 Regierungen verhandelt werden. Die Fortschritte waren bisher verständlicherweise gering, da
solche Dokumente normalerweise einstimmig verabschiedet werden müssen. Bis heute wurde der Großteil der Entwürfe vom Sekretariat und nicht von den
Regierungen erstellt.
Darüber hinaus werden globale Konventionen über
Klima und Artenschutz zur Zeit in getrennten UNOKomitees verhandelt mit dem Ziel, sie bis zur Konferenz von Rio unterschriftsreif zu haben.

AMERIKA DIENST 9

Bedeutung der UNCED
Die Leistungen der UNCED können in der Tat etwas
bewirken. Trotz der zunehmenden Umweltschutzbestrebungen in den Vereinigten Staaten und im Ausland
und jahrzehntelanger Konzetration auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer waren die weltweiten Probleme der Armut und Umweltverschmutzung niemals
dringlicher. Das Hauptziel der UNCED besteht darin,
die Entwicklung globaler, regionaler und nationaler
Strategien zu verabschieden oder zu ermutigen, die
gleichzeitig der Umwelt und auch der Entwicklung
Rechnung tragen. Durch Zusammenarbeit können die
Nationen der Welt größere Fortschritte zur Verwirklichung einer umweltverträglichen Entwicklung machen
als wenn jeder einzelne seine Programme durchführt.
Dieser Grundsatz, daß alle Nationen - arm und reich eine dauerhafte Entwicklung anstreben sollten, verspricht mehrere Vorteile: effizientere Nutzung der
Ressourcen einschließlich Energie, wachsender Lebensstandard und die Aussicht, daß dieser Trend andauern
wird, bessere Gesundheit sowie das Aufhalten weiterer Umweltschäden.
Die Vereinigten Staaten werden auch materiell davon
profitieren. Umweltverträgliche Produkte, Dienstleistungen und Technologie werden im kommenden
Jahrhundert einen großen und zunehmenden Teil des
Welthandels ausmachen. Wir haben in dieser Hinsicht

Seite 1

�viel anzubieten und sollten die sich durch den Übergang zu umweltverträglicher Entwicklung bietenden
wirtschaftlichen Chancen nutzen.

andere Länder sind wir der Meinung, daß die Prioritäten für dieses Programm auf nationaler Ebene gesetzt
werden müssen.

Dauerhafte Entwicklung

Die erfolgreiche Verwirklichung der Agenda 21 wird
nach unserer Auffassung einen demokratischen Prozeß erfordern - die Beteiligung der Öffentlichkeit an
politischen Entscheidungen. Ebenso kann eine kontinuierliche Entwicklung nicht ohne die Überzeugung
und Beteiligung des Privatsektors und das Vertrauen
auf Marktmechanismen erzielt werden. Wir arbeiten
daran, daß die UNCED-Dokumente insgesamt diese
Grundsätze widerspiegeln.

Ich möchte kurz erklären, was ich unter dauerhafter
Entwicklung verstehe. Es handelt sich hierbei nicht um
ein weiteres Auslandshilfekonzept, nicht nur eine andere
Variante dessen, wie die reichen Nationen mit den
Entwicklungsländern umgehen. Im Idealfall würde
dadurch sowohl die Planung der Investoren aller Größenordnungen und Nationalitäten beeinflußt, vom
einzelnen Landwirt bis zu multinationalen Unternehmen als auch die Art und Weise, in der Regierungen
auf allen Ebenen Entscheidungen treffen und Ausgaben tätigen.
Eine kontinuierliche Entwicklung erfordert eine langfristige Perspektive: Wo wird Los Angeles in 20 oder 50
Jahren sein Trinkwasser herbekommen? Wie wird die
Welt ihre gegenwärtige Abhängigkeit vom ÖL überwinden und den Energiebedarf einer steigenden und
wohlhabenderen Bevölkerung decken? Wie werden
sich die Menschen in Bangladesh ernähren, wenn sie
keine Almosen entgegennehmen, sondern ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen? Diese Probleme
können nicht allein von der Stadt Los Angeles, der
Ölindustrie oder der Bevölkerung Bangladeshs gelöst
werden. Sie erfordern strategisches Denken, zielgerichtete Investitionen und gemeinsame Anstrengungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
Eine kontinuierliche Entwicklung hei ßt Vorsorge für die
Zukunft, damit unsere Kinder und Enkel dieselben
oder bessere Chancen haben wie wir. Aber das ist nur
ein Teil des Konzepts. Es beinhaltet die vernünftige
Nutzung von Ressourcen, sowohl im Hinblick auf ihre
wirtschaftliche Effektivität als auch in Bezug auf deren
sparsamen Einsatz, damit der gegenwärtige ebenso
wie der zukünftige Bedarf gesichert werden kann. Es
erfordert ferner die Sammlung und Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie umweltverträglicher Technologien. Ebenso ist es entscheidend, daß
der Prozeß der Enscheidungsfindung in der Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik die Sorge für die Umwelt
einschließt.
Wie wird die UNCED dies erreichen? Nicht an einem
Tag durch Regierungserlaß oder als Ergebnis einer
Zusammenkunft hochrangiger Vertreter in Rio de Janeiro.
Die UNCED kann sehr positiven Einfluß auf unsere
Welt nehmen, aber das hängt davon ab, was dort
entschieden wird und wie sehr sich die Regierungen
und internationale Organisationen für die Durchführung der Prinzipien und Programme einsetzen, die sich
in Rio ergeben. Obwohl die Schlußdokumente der
UNCED nicht verbindlich sind, sollten sie einen starken Ausdruck politischen Willens dokumentieren. Die
Agenda 21 wird eine lange Liste von Empfehlungen für
das weitere Vorgehen enthalten. Ebenso wie viele

Seite ?

Prioritäten der Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten haben die Führungsrolle bei
der Erarbeitung realistischer und erfüllbarer Programme übernommen, mit denen vordringliche Umweltund Entwicklungsprobleme gelöst werden sollen. Kein
anderes Land hat soviele konstruktive Vorschläge
unterbreitet.
Die Vereinigten Staaten betrachten die Aushandlung
einer international gültigen Konvention zum Schutz der
Wälder als wichtige Priorität. Zu Beginn des UNCEDProzesses hatten wir gehofft, zur Unterzeichnung bei
der Konferenz in Rio eine Rahmenkonvention konzipieren zu können, aber Juni 1992 war ein zu kurzfristiger Termin, zumal eine beschränkte Mitarbeiterzahl in
vielen Ländern bereits unter Druck stand, in demselben Zeitrahmen Konventionen über Klimaveränderungen und Artenvielfalt aushandeln zu müssen. Wir
konnten breite Unterstützung für die Aushandlung
einer nichtverbindlichen Grundsatzerklärung über die
Erhaltung und Pflege der Wälder verbuchen. Unser
Ziel ist die Verabschiedung der Grundsätze für die
Wälder in Rio, damit sie die Basis für baldige internationale Verhandlungen über eine Konvention zum Schutz
der Wälder bilden können.
Vor dem 3. Vorbereitungskomitee im August letzten
Jahren haben die Vereinigten Staaten einen Vorschlag
über Grundsätze zum Schutz der Wälder unterbreitet,
der die Grundelemente einer weltweit gültigen Konvention umfassen könnte. Er enthielt Grundsätze über
kontinuierliche Pflege, Erhaltung, Wiederaufforstung,
Ureinwohner, Brennholz, Forschung, Aus- und Weiterbildung, internationale Zusammenarbeit und die
Milderung der Auswirkungen von Umweltverschmutzung und Klimaveränderungen. Die 3. Vorbereitungskonferenz legte einen Entwurf vor, der zahlreiche
amerikanische Vorschläge einbezog, enthielt aber auch
problematische Aussagen über Fragen wie Finanzhilfe, Technologietransfer und Handel. In New York
müssen wir diese Meinungsverschiedenheiten ausbügeln.
Zusammenarbeit in der Technologie ist ein Bereich, in
dem die UNCED den Entwicklungsländern besondere
Vorteile bringen kann. Leider haben sich die UNCED-

AMERIKA DIENST 9

�Gespräche vor allem auf Rechte an geistigem Eigentum und das angebliche Bedürfnis der Entwicklungsländer konzentriert, Technologie gegen entsprechende Auflagen zu erhalten. Der größte Teil der umweltverträglichen und angemessenen Technologie ist allgemein zugänglich. Unserer Ansicht nach liegt der
Schutz der Rechte an geistigem Eigentum tatsächlich
im Interesse der Entwicklungsländer, damit Technologie in privatem Besitz zunehmend verfügbar wird.
Wir halten es für notwendig, den Entwicklungsländern
beim Erwerb der Fähigkeit zu helfen, ihren Bedarf an
Technologie festzustellen, sich über deren Verfügbarkeit auf dem laufenden zu halten und sie effektiv zu
nutzen. Die Vereinigten Staaten haben ein Programm
vorgeschlagen, mit dem die Entwicklungsländer besseren Zugang zu Technologie erhalten können. Unter
anderem sieht es Maßnahmen vor, die die Fähigkeit
verbessern, sich an umweltverträgliche Technologien
anzupassen und diese einzusetzen, den Entwicklungsländern die Suche nach der für sie erforderlichen
Technologie erleichtern und ihnen bei der Einschätzung ihrer Ressourcen, Zwänge und Optionen zu
helfen. Wir sind uns bewußt, daß auch das beste
Programm ohne einen politischen Rahmen versagen
wird und sind bereit, auch in diesem Bereich zu helfen.
Die effektive Durchführung der Agenda 21 wird vom
richtigen institutionellen Rahmen abhängen. Unbedingt hingewiesen werden muß auf den Punkt, daß
viele Maßnahmen in der Agenda 21 von nationalen
Regierungen oder kommunalen Verwaltungen durchgeführt werden müssen. Dabei muß jede Regierung
ihre eigenen Prioritäten bestimmen. Das schließt nicht
die Notwendigkeit der Stärkung von Institutionen und
der Zusammenarbeit der UN-Behörden in den Bereichen Umwelt und Entwicklung aus. Die Vereinigten
Staaten haben einen Sechs-Punkte-Vorschlag unterbreitet, der zumindest in einigen Punkten breite Unterstützung findet.
Wir übernehmen die Führungsrolle bei der Konzipierung detaillierter Maßnahmen im Zusammenhang mit
dem Schutz der Meere. Die Vereinigten Staaten
haben dazu vier detallierte Entwürfe über Probleme
der Meere vorgelegt, die den entsprechenden Texten
in der Agenda 21 zugrundeliegen. Wir streben die
Verabschiedung von Prinzipien zur Erhaltung der Meere
an, um menschliches Handeln zu kontrollieren, das ein
Überleben der Arten im Meer bedroht, gefährdete
Arten schützt und ungefährliche Praktiken für die
Hochseefischerei fördert. Wir messen einem Aktionsplan hohe Priorität bei, der die Ursachen der Verschmutzung der Meere auf dem Land beseitigen soll,
die eine Hauptbedrohung für den gesunden Zustand
der Meere darstellen. Andere Vorschläge umfassen
ein größeres Schwergewicht auf der Sammlung von
Daten über die Meere, Beobachtung der Umwelt und
effektivere Kontrolle der Küstenregionen.

AMERIKA DIENST 9

Um das Problem der künstlich verursachten Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen, haben die
Vereinigten Staaten neue internationale Ansätze für
die Probleme mit toxischen Chemikalien, festen Abfällen und Sondermüll vorgeschlagen. Wir standen bei
der UNCED an vorderster Front bei den Bemühungen,
die Harmonisierung der Systeme zur Klassifizierung
und Kennzeichnung chemischer Stoffe zu fördern.
Damit werden der Öffentlichkeit bessere Informationen zum Schutz der Gesundheit übermittelt und ein
freierer Handel ermöglicht. Die Vereinigten Staaten
haben ferner das Informationsrecht von Gemeinden
über chemische Risiken unterstützt. Dieses Programm sowie ein System zur Bestandsaufnahme
toxischer Emissionen haben in den Vereinigten Staaten zur freiwilligen Verringerungen chemischer Emissionen ermutigt.
Schließlich hat die amerikanische Delegation in der
Agenda 21 einen tragfähigen Ansatz zur Bewahrung
der Artenvielfalt betont. Unser Ansatz hebt das Ökosystem-Management und die grundlegende Rolle
wissenschaftlicher Forschung hervor. Darüber hinaus
haben sich die Vereinigten Staaten erfolgreich für
getrennte Programmbereiche zu bevölkerungspolitischen Problemen sowie zur Rolle von Frauen und
Ureinwohnern eingesetzt. Wir haben uns aktiv an der
Debatte über Entwicklungsfragen wie Armut und Siedlungswesen beteiligt.
Die Prioritäten der Entwicklungsländer
Die politischen Differenzen, die Industriestaaten und
Entwicklungsländer voneinander trennen, spiegeln
sowohl Unterschiede in Ansichten und Philosophie als
auch die reale Kluft aufgrund verschiedener Entwicklungsstufen wider. Die Entwicklungsländer sind verständlicherweise bestrebt, ihren ökonomischen Nachteil wettzumachen. Viele lassen sich nicht überzeugen, wenn wir ihnen erklären, daß Entwicklung und
umweltpolitische Ziele miteinander vereinbar sind.
Der Erfolg des Vorbereitungskomitees IV bei der Verabschiedung von Agenda 21 wird wesentlich von der
Fähigkeit der Delegierten abhängen, die Frage zu
beantworten, wie neue Ansätze zu dauerhafter Entwicklung finanziert werden sollen. Die Vereinigten
Staaten sind der Überzeugung, daß die UNCED eine
internationale Partnerschaft zur Förderung dauerhafter Entwicklung schmieden sollte. Dazu gehören eine
Überprüfung dessen, wie alle Regierungen und internationalen Institutionen Entwicklung fördern sowie die
Neuorientierung der Finanzhilfe auf dauerhafte Programme. Das auf lange Sicht wichtigste Ergebnis wird
im Engagement bestehen, sich an einer weltweiten
Anstrengung zu beteiligen. Mittel- bis langfristig werden
dauerhafte Investitionsstrategien in den Entwicklungsländern ein schnelleres Wirtschaftswachstum und
größere finanzielle Fähigkeiten hervorbringen als Ad-

Seite 3

�hoc-Entwicklung, durch die Umwelt zerstört und Ressourcen verschwendet werden. Deshalb wäre nach
unserer Ansicht der wertvollste Konsens, den die
UNCED im Hinblick auf finanzielle Ressourcen hervorbringen könnte, die Aufforderung zu einer Neuorientierung der Entscheidungsfindung im Investitionsbereich
auf dauerhafte Entwicklungsziele.
Die Konventionen
Parallel zum Vorbereitungsprozeß für die UNCEDsind
viele der daran beteiligten Länder auch bei den Verhandlungen über bindende Konventionen zum Klimawandel und zum Artenschutz zugegen. Das amerikanische Ziel ist der Abschluß dieser Verhandlungen,
damit ein solches Abkommen in Rio unterzeichnet
werden kann.
Die Verhandlungen über Klimaveränderungen gehen
in ihr zweites Jahr. Die fünfte Sitzungsrunde findet
gegenwärtig in New York statt, und die letzte wird im
April oder Mai veranstaltet. Verschiedene von den
Vereinigten Staaten eingebrachte oder unterstützte
Konzepte werden heute von den meisten Ländern
allgemein akzeptiert: insbesondere die Berücksichtigung aller Treibhausgase, die Berechnung der gegenwärtigen Emissionen nach einzelnen Ländern, die
Erstellung nationaler Reaktionsstrategien und Berichte sowie die Förderung der technischen Zusammenarbeit, um den Entwicklungsländern bei der Erarbeitung
ihrer nationalen Strategien zu helfen. Andere Fragen
stehen weiter zur Verhandlung, darunter das Ausmaß
der Verpflichtungen zum Abbau von Emissionen sowie
die Art der Finanzhilfe an die Entwicklungsländer.
Im Jahr 1989 hat das Umweltprogramm der Vereinten
Nationen auf Initiative der Vereinigten Staaten Verhandlungen über eine Rahmenkonvention zum Arten-

schutz gefordert. Dieses Konzept wurde bei den
Weltwirtschaftsgipfeln in Houston und London unterstützt. Ein Internationales Verhandlungskomitee hat
bisher vier Verhandlungsrunden abgehalten. Die
Vereinigten Staaten haben die Bedeutung des Artenschutzes im Rahmen der nationalen Gesetze und über
die nationale Rechtsprechung hinaus betont, die Zusammenarbeit bei der Sammlung von Daten und Erforschung von Arten und Lebensräumen sowie den Zugang
zu biologischen Ressourcen auf gleichberechtigter
Basis erweitert. Fortschritte im Bereich Artenschutz
wurden bei wissenschaftlichen und technischen Fragen erzielt. Die Unterhändler suchen weiterhin Mittel
und Wege, um die große Kluft zwischen Nord und Süd
in Fragen der finanziellen Ausstattung und Finanzierungsmechanismen zu überbrücken. Einige Länder
sind bestrebt, die Konvention zur Kontrolle der Biotechnikanzuwenden, eine Position, die von den Vereinigten Staaten nicht akzeptiert werden kann. Die letzte
Verhandlungsrunde vor Rio wird im Mai in Nairobi
zusammentreten.
Schlußbemerkung
Ich möchte nochmals feststellen, wie dankbar ich dafür
bin, mit Ihnen heute die amerikanischen Ziele bei der
UNCED und einige der noch anstehenden Fragen zu
erörtern. Wir begrüßen Ihren Rat zu sämtlichen Aspekten der amerikanischen Vorbereitungen für Vorbereitungskomitee 4 und die Konferenz in Rio, um zur
Verwirklichung der amerikanischen Ziele beizutragen.
Wir sehen der vollen Teilnahme von Beratern aus
Repräsentantenhaus und Senat Anfang Juni in Rio
erwartungsvoll entgegen. Eine effektive Partnerschaft
zwischen der Administration und dem Kongreß wird
einen wichtigen Beitrag zu einem erfolgreichen Ausgang des möglicherweise wichtigsten internationalen
Treffens dieses Jahrzehnts leisten.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 9

�UMWELT
4. März 1992

NEUE AMERIKANISCHE MASSNAHMEN ZUR
MILDERUNG DER KLIMAVERÄNDERUNGEN
Eine Übersicht der amerikanischen Regierung
NEW YORK - (AD) - Die folgende Übersicht wurde am 27. Februar 1992 bei den Vereinten Nationen anläßlich
eines Treffens des mit den Verhandlungen über eine Konvention zur Erderwärmung betrauten Zwischenstaatlichen Komitees übergeben. Sie enthält die von den Vereinigten Staaten zur Reduzierung der Emissionen von
Treibhausgasen ergriffenen Maßnahmen.
Die folgenden Maßnahmen wurden von den Vereinigten Staaten in den Bereichen Energieausnutzung,
Verkehr, Einsatz schadstoffärmerer Versorgungstechnologien, Landwirtschaft und Rohstoffe sowie technische Forschung und Entwicklung eingeleitet. Femer
werden Beispiele für Maßnahmen genannt, die vom
Privatsektor und den 50 Bundesstaaten durchgeführt
werden:

Besondere Erwähnung verdienen darüber hinaus die
vielfältigen Bemühungen von Bundesstaaten und
Energieversorgungsuntemehmen, den Stromverbrauch
durch integrierte Ressourcenplanung und Initiativen
zur Nachfragesteuerung zu senken.
Verbesserungen im Verkehrswesen

verbesserte Energieausnutzung

Um Treibhausgasemissionen im Verkehrswesen zu
verringern, ergreifen wir folgende Maßnahmen:

Um den effizienten Einsatz von Energie in Industrie,
Handel und Wohnungsbau zu fördern, wurden folgende Schritte eingeleitet:

Förderung des Kombination mit mehrerer Verkehrsmittel, beispielsweise durch mehr Mautstellen auf den
Bundesautobahnen.

Verschärfung der Normen für den Wirkungsgrad von
Haushaltsgeräten und Maschinen.

Vermehrte Anschaffung von Bundesfahrzeugen, die
mit alternativen Treibstoffen betrieben werden.

Erweiterte Kennzeichnung von Geräten im Hinblick
auf deren Energieverbrauch.

Forderung an zentral betankte Fahrzeugflotten, Fahrzeuge zu kaufen, die mit alternativen Brennstoffen
betrieben werden können.

Entwicklung und Förderung von Wärmeschutznormen
für Gebäude.
Förderung von Überprüfungen der Privatindustrie im
Hinblick auf deren effizienten Umgang mit Energie.
Gründung von freiwilligen "grünen" Partnerschaften
zwischen Staat und Privatwirtschaft in den Bereichen
Beleuchtung, Verrohrung, Bürohäuser, Computersysteme, Programm für industrielle Motoren und Kühlge'äte. Dadurch soll die Energieausnutzung verbessert
werden. So haben sich zum Beispiel über 300 Großunternehmen und Energieversorger verpflichtet, freiwillig an Programmen zur Modernisierung ihrer Einrichtungen mit energiesparender Beleuchtungstechnik teilzunehmen.

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Verstärkter Einsatz von öffentlichem Personennahverkehr, Fahrgemeinschaften und Mitfahrgelegenheiten durch Anhebung der Steuerfreibeträge für Fahrten
zum und vom Arbeitsplatz.
Beschleunigung der Entwicklung einer neuen Generation von Batterientechnologie für elektrisch betriebene
Fahrzeuge durch öffentliche und private Konsortien
und
Aufstockung der Produktion von wettbewerbsfähigen
flüssigen Brennstoffen wie Äthanol aus nicht für die
Nahrungsmittelproduktion angebauten Pflanzen und
anderen erneuerbaren Biomassen durch den Einsatz
von Pilotprogrammen.

Seite 1

�Angebot von verbesserter Technologien zum Abbau
der Emissionen

sauberere und effizientere Kohletechnologien,
ein zu 60 % von der Industrie finanziertes Programm von Regierung und Industrie;

Zur vermehrten Anwendung von schadstoffärmeren
Versorgungstechnologien unternehmen wir folgende
Schritte:

Entwicklung kosteneffektiver Flüssigtreibstoffe
aus nicht der Nahrungsmittelproduktion dienender Biomasse;

Rationalisierung der Konstruktionsüberprüfung von
Erdgasrohrleitungen, Deregulierung der Verkaufsquoten für Rohrleitungen auf freien Märkten und Verbesserung des Zugangs zu Erdgasrohrleitungen.

Entwicklung von Elektro- und Hybridfahrzeugen;
Technologien auf der Basis von Solar- und
Windenergie und

Rationalisierung der Lizenzvergabe für Atomreaktoren
und Entwicklung standardisierter Konstruktionen für
die nächste Generation von Kraftwerken.
Aufstockung der Steuerfreibeträge für erneuerbare
Energien, Vorschlag einer Solarbank im Wert von 10
Millionen Dollar, die subventionierte Kredite für die
Anwendung von Solarenergie in Wohnungs- und
Bürohausbau liefert, vermehrte Wiederverwertung fester
Abfallstoffe der Gemeinde und
Rationalisierung der Lizenzvergabe für Wasserkraftwerke.
Landwirtschaft und Rohstoffe
Zusätzlich zu den im vergangenen Jahr bekanntgegebenen Bestimmungen für Mülldeponien, die jetzt auch
Methangas einbeziehen, werden die Vereinigten Staaten die vermehrte Gewinnung von Methangas im
Kohlebergbau und aus landwirtschaftlichen Quellen
fördern. Darüber hinaus gibt es ein Programm, das
folgenden Maßnahmen vorsieht:
Der jährliche Getreideanbau auf stark erodiertem Land
wird durch perennierende Pflanzen ersetzt, wodurch
die Kohlenstoffreserven des Bodens erhalten werden
und

aus Abfall gewonnene Treibstoffe.
Der Finanzierungsantrag für das Forschungsprogramm
im Bereich weltweite Klimaveränderungen wurde für
das Haushaltsjahr 1993 um 24% auf fast 1,4 Milliarden
Dollar erhöht.
Industrielle Programme zur Verringerung von Emissionen
Die US-Industrie wendet eine Reihe nationaler und
internationaler Programme zum Abbau von Treibhausgasen an und studiert auch andere Möglichkeiten
des Vorgehens. Nachfolgend Beispiele für nationale
Programme:
Der Nationale Verband der verarbeitenden Industrie,
eine Vereinigung, der 18.000 Fertigungsbetriebe angehören, verfügt über ein Ausbildungs- und Aktionsprogramm, das effektive Energienutzung in alle Bereiche der Produktion einbeziehen will;
Das Programm "Responsible Care" der chemischen
Industrie fördert sowohl die effiziente Nutzung von
Energie als auch Umweltschutzmaßnahmen;

erweiterte Baumpflanzungsprogramme in Wald- und
Stadtgebieten.

Am Programm 33/50 zum Abbau des Einsatzes toxischer Chemikalien sind über 300 Unternehmen beteiligt. Sie erklären sich zu einer Reduzierung des
Gesamtausstoßes von über 225 Millionen Pfund be-

Maßnahmen bei Forschung und Entwicklung

röli.

Damit effizientere und geringere Emissionen begünstigende Technologien langfristig auf dem Markt Fuß
fassen können, verfolgen die Vereinigten Staaten in
den folgenden Technologiebereichen nachdrücklich
Forschungs- und Entwicklungsprogramme:

Zwischen den öffentlichen Versorgungsbetrieben und
der Automobilindustrie wurden Joint ventures geschlossen, um die Entwicklung von Elektrofahrzeugen zu
fördern und

Hochleistungsmotoren für Flugzeuge und Hochgeschwindigkeitszüge;
intelligente Fahrzeuge und Autobahnsysteme;
Baustoff tech nolog ie;
Reduzierung und Recycling von Industrieabfällen;
die nächste Generation passiv sicherer Atomreaktoren;

Seite 2

200 Versorgungsbetriebe geben 2 Milliarden Dollar für
1.300 Umweltschutzprogramme aus.
Beispiele internationaler Zusammenarbeit zwischen
der US-Industrie und Betrieben in anderen Ländern
umfassen Aktivitäten in jedem wichtigen Industriezweig in allen Teilen der Welt. Mit Hilfe von Joint
ventures und gemeinsamer Forschung und Entwicklung fördern die Automobilindustrie, die petrochemische Industrie, die öffentlichen Versorgungsbetriebe,
der Bergbau und die Fertigungsindustrie der Vereinig-

AMERIKA DIENST 9

�ten Staaten die weltweite Verbreitung von Technologien, mit denen sich Treibhausgaskonzentrationen
verringern lassen.

nen. Diese Maßnahmen werden unabhängig von und/
oder zusammen mit der Bundesregierung durchgeführt. Wir haben noch keinen Maßnahmenkatalog für
alle 50 Bundesstaaten erarbeitet, aber eine Bewertung
von Programmen der Bundesstaaten und Kommunen
wird später vorgelegt werden, zusammen mit Schätzungen, welche Auswirkungen diese Programme auf
Treibhausgasemissionen haben.

Maßnahmen der Bundesstaaten und Kommunen
Die Regierungen in Bundesstaaten und die Gemeindeverwaltungen der Vereinigten Staaten ergreifen
Maßnahmen zum Abbau der Treibhausgasemissio*

AMERIKA DIENST 9

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Seite 3

�UMWELT
4. März 1992

BÜRGERINITIATIVEN ORGANISIEREN SICH FÜR
UNO-UMWELTKONFERENZ
Konferenzen und Demonstrationen geplant
WASHINGTON - (AD) - Nach einem Jahr organisatorischer Vorarbeiten werden sich über 1.000 Vertreter von
Hunderten amerikanischer Umwelt-, Kirchen-, Frauen- und Wissenschaftlergruppen im März in New York
einfinden, um zu versuchen, die internationalen Verhandlungen zur Festlegung von Umwelt- und Entwicklungsprinzipien für den Rest dieses Jahrhunderts zu beeinflussen.

Bis zum Beginn der letzten Verhandlungsrunde, die im
Juni in Brasilien stattfinden soll, wird die Zahl der
Vertreter nichtstaatlicher Organisationen in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern voraussichtlich
auf 10.000 oder mehr anschwellen. Darüber hinaus
werden bei der UNO-Konferenz über Umwelt und
Entwicklung im Juni, die von einigen als Earth Summit
bezeichnet wird, weitere etwa 8.000 offizielle Delegierte aus über 150 Ländern erwartet.
"Im Vorfeld dieser Konferenz hat es mehr Aktivitäten
nichtstaatlicher Organisationen gegeben als ich jemals in der Vergangenheit beobachtet habe", meinte
Andrew Rice, der Vorsitzende des Komitees für Öffentlichkeitsarbeit der Dachorganisation U.S. Citizens
Network kürzlich in einem Interview. Der Dachverband
umfaßt über 450 nichtstaatliche Organisationen. Rice
ist ehemaliger Vorsitzender der International Development Conference, einer gemeinnützigen Organisation
in New York.
Der geschäftsführenden Direktorin des Citizens Network, Catherine Porter, zufolge ist diese Institution
bestrebt, "jedermann über die Fragen zu informieren
und auf Teilnahme an der UNO-Konferenz zu drängen". Citizens Network hat Zusammenfassungen zu
den Hunderten von Themen veröffentlicht, die in den
Verhandlungen erörtert wurden, sowie Broschüren, in
denen Möglichkeiten der Einflußnahme auf die amerikanische Politik zu diesen Fragen beschrieben werden.
Ein wichtiger Grund für die breite Beteiligung der
NGOs besteht darin, daß sie sowohl von den Vereinten
Nationen als auch von amerikanischen Regierungs-

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vertretern ermutigt wurden, sich am Verhandlungsprozeß zu beteiligen, so Rice. "Sie haben die Teilnahme
nichtstaatlicher Organisationen sehr aktiv gefördert",
erklärte er.
Die Verhandlungen sollen in Brasilien mit der Unterzeichnung einer "Agenda 21" und einer Erdcharta
abgeschlossen werden, die Vertretern des US-Außenministeriums zufolge eine Präambel der Agenda oder
ein separates Dokument sein wird.
Agenda 21 soll mindestens eine Strategie für den
Schutz der Umwelt bei gleichzeitiger Förderung der
Entwicklung bis zum Jahr 2000 festlegen. Zwischen
Industrie- und Entwicklungsländern sowie zwischen
Ländern innerhalb dieser Gruppierungen haben sich
Meinungsverschiedenheiten darüber ergeben, wie
konkret Agenda 21 diese Strategien beschreiben sollte.
Die Erdcharta wird als Grundsatzerklärung betrachtet,
die einen Rahmen für die Art von Wachstum absteckt,
das in Industrie- und Entwicklungsländern ohne
Umweltschäden stattfinden kann. UNO-Vertreter, die
mit der Organisation der Konferenz in Brasilien betraut
sind, betrachten sie als "moralischen Rahmen".
Zwei weitere Verhandlungsforen bestehen seit über
einem Jahr, und offizielle Vertreter hoffen, daß vor
oder bei der Konferenz in Brasilien Vereinbarungen
getroffen werden können. Das eine beschäftigt sich
mit Tier- und Pflanzenschutz in der ganzen Welt,
insbesondere jedoch in den tropischen Regenwäldern,
da dort die Arten Vielfalt am größten ist. Dieses Forum
sind die Verhandlungen über Artenvielfalt.

Seite 1

�Das andere Verhandlungsforum beschäftigt sich mit
Gasen wie Kohlendioxid, Methan und Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), die in die Atmosphäre aufsteigen, zu einer Erwärmung der Erde führen und
umfassende Klimaveränderungen auslösen könnten.
Amerikanische Industrieverbände sind nicht Teil des
Citizens Network und haben bei den Diskussionen
über Agenda 21 und die Erdcharta keine prominente
Rolle gespielt. Bei den Verhandlungen über die Veränderung des Erdklimas haben sie jedoch eine starke
Position bezogen.
46 Unternehmen und Wirtschaftsvereinioungen sind
der Global Climate Coalition beigetreten, weil sie sicn
Sorgen machen, daß ein Abkommen über ein Einfrieren oder die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen schwerwiegende Auswirkungen für sie haben
könnte. Sie unterstützen die Politik der Bush-Administration zum Abschluß eines Abkommens über alle
Gasemissionen, 1*3 zur Erderwärmung führen könnten. Sie lehnen die Sonderstellung von Kohlendioxid
ab, da diese den Lebensnerv einer industriellen Wirtschaft treffen würde: die Energiegewinnung durch
Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas.

würden auch bei informellen Treffen gerne mit Delegierten zusammentreffen, weil bei diesen Gelegenheiten häufig Vereinbarungen vorbereitet würden.
Sie möchten verstärkten Zugang, weil viele der amerikanischen Haltung zu verschiedenen Themen kritisch gegenüberstehen. Sie erteilen der Bush-Administration beim Schutz der Meere und Wälder gute
Noten, stellen jedoch fest, daß ihr Sträuben gegen
zusätzliche Finanzhilfe für Entwicklungsländer diese
davon abhalten würde, neue Technologien einzuführen, die eine Industrialisierung mit geringen Umweltbelastungen gestattet.
"Ich bin von der Führungsrolle unseres^ Landes tief
enttäuscht", meinte unlängst Frances Spivy-Weber,
die Vorsitzende des Verwaltungsausschusses des
Citizens Network und Leiterin des Bereichs internationale Fragen der National Audubon Society bei einem
Forum. Sie argumentierte, weltweiter Umweltschutz
lasse sich ohne zusätzliche Hilfe für die Entwicklungsländer nicht verwirklichen.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des
Repräsentantenhauses, Dante FasceH, erklärte beim
selben
Forum, auch er wünsche sich, daß Kongreß
Bürgerinitiativen planen während der im März in New
und
Administration
eine stärkere Führungsrolle spieYork stattfindenden Verhandlungen über den Earth
len
würden.
Das
Problem
sei jedoch, die Mittel für
Summit über 20 Aufmärsche, Demonstrationen und
zusätzliche
Hilfe
aufzutreiben,
stellte er fest, ein HinKonferenzen zu einem breiten Themenspektrum. Wie
weis
auf
die
Tatsache,
daß
die
amerikanische Regiebei den vier Verhandlungsrunden des vergangenen
rung
im
vergangenen
Jahrzehnt
mit einem grpßen
Jahres wird es Vertretern der akkreditierten nichtstaatHaushaltsdefizit
gearbeitet
hat.
lichen Organisationen erlaubt sein, mit den Delegierten zu diskutieren und bei einigen Treffen auch Reden "Man ist hier äußerst vorsichtig", so Faecell.
zu halten. Amerikanische Gruppen haben erklärt, sie
* * * * *

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AMERIKA DIENST 9

�PORTRAT
4. März 1992

PERKINS HAT SICH IN AFRIKA EINEN
NAMEN GEMACHT
Porträt des designierten US-Botschafters bei den Vereinten Nationen
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bushs Nominierung von Edward Perkins als nächstem US-Botschafter bei den
Vereinten Nationen bildet den Höhepunkt der erfolgreichen Laufbahn eines der herausragendsten USDiplomaten afrikanischer Abstammung.
Perkins, 63, ein freimütiger Kritiker der Apartheid in
Südafrika, trat 1966 in den diplomatischen Dienst ein.
Seinen Aufstieg verdankt er unbeugsamer Entschlossenheit zum Erfolg, guter Ausbildung und harter Arbeit.
1978 wurde er zum Botschaftsrat für politische Angelegenheiten der Amerikanischen Botschaft in Ghana
und 1983 zum Leiter des Westafrika-Büros im USAußenministerium ernannt. 1985 wurde Perkins USBotschafter in der Republik Liberia, und ein Jahr später
überzeugte ihn George Shultz, US-Botschafter in
Südafrika zu werden. Er zögerte drei Tage und bat vor
seiner Zusage um eine Unterredung mit Präsident
Reagan. Berichten zufolge trug er maßgeblich zur
Formulierung der diplomatischen Zielsetzungen der
Administration für diese Nation bei.
Perkins scheute in Südafrika kein Risiko. Er spielte
eine führende Rolle bei den Bestrebungen der Reagan-Administration zur Liberalisierung der Apartheid.
In einem Artikel für die einflußreiche, 14tägig erscheinende Zeitschrift "Leadership" stellte er fest: "Es wird
mir zunehmend bewußt, daß ein tragfähiges politisches System hier eines sein muß, das der Bevölkerungsstruktur des Landes entspricht - nicht nur Beteiligung der oder Zusammenarbeit mit Schwarzen, sondern
eine Regierung, die die Mehrheit der Südafrikaner
wirklich vertritt."
Obwohl Perkins offiziell gegen den Rückzug amerikanischer Unternehmen aus Südafrika war, stellte er vor
einem amerikanischen Publikum fest, die amerikanischen Wirtschaftssanktionen gegen das Land seien
"Ausdruck des Abscheus des amerikanischen Volkes
gegen ein verhaßtes System".

Dem Time Magazine zufolge wurde seine Berufung
auf den Posten "von vielen Weißen (Südafrikanern) als
symbolischer Affront angesehen. Perkins... reagierte
durch Zurückhaltung, um dann in strategisch günstigen Intervallen gezielt zu kontern." In dem Artikel
wurde der Vorsitzende einer schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Südafrika mit dem Satz zitiert: "Nach
einer Weile waren wir durch sein offensichtliches
Engagement für die südafrikanischen Schwarzen
beeindruckt."
1928 in Sterlington (Louisiana) geboren, verbrachte
Perkins seine Kindheit bei seinen Großeltern in Arkansas, die als Sklaven geboren wurden und Analphabeten waren. Später erklärte er: "Ich habe es (die
Rassentrennung in Arkansas) nicht akzeptiert, und
auch meine Großmutter hat es nicht akzeptiert. Sie
sah meine Frustration. Infolgedessen veranlaßte sie
mich und meine Cousins, uns auf den Erwerb von
Bildung als Rezept gegen die bestehenden Ungerechtigkeiten zu konzentrieren."
Perkins trat nach dem Abschuß der High School in das
US-Heer ein und wurde nach Asien versetzt. Drei
Jahre später schrieb er sich am Lewis and Clark
College in Portland (Oregeon) ein, und kurz danach
ging er zu den Marineinfanteristen.
"Ich war ein bißchen unsicher, welchen Weg ich einschlagen sollte", erklärte er später. "Das Marinekorps
bot Disziplin. Ich glaube, das war eine der besten
Erfahrungen meines Lebens."
Perkins legte 1967 im Alter von 39 Jahren seinen
Bakkalaureus der politischen Wissenschaften an der
University of Maryland ab. Zwei Jahre später trat er ins
US-Außenministerium ein und promovierte 1978 an
der University of Southern California in öffentlicher
Verwaltung.

* * * * *
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                <text>&lt;strong&gt;1. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Handelsbeauftragte legt drei Handelsprioritäten für 1992 fest&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht über das handelspolitische Programm für 1992&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GUS-Hilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aktion Hoffnung beendet - Partnerschaft beginnt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Luftbrücke durch Lieferungen per Schiff, Straße und Schiene abgelöst&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wahlen'92&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wichtige Rolle des Südens am "Superdienstag"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Einfluß der konservativen Region&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern integrierte Umweltstrategien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor dem Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neue amerikanische Maßnahmen zur Milderung der Klimaveränderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht der amerikanischen Regierung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bürgerinitiativen organisieren sich für UNO-Umweltkonferenz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Konferenzen und Demonstrationen geplant&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Perkins hat sich in Afrika einen Namen gemacht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des designierten US-Botschafters bei den Vereinten Nationen&lt;/em&gt;</text>
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Dokumentation

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4. A p r i l 1973

14

Inhalt

DOKUMENTATION:
Rundfunk-und Fernsehansprache Präsident Nixons vom 29, März
-WortlautDas amerikanisch-vietnamesische Kommunique vom 3. April
-Wortlaut-

INFORMATION:
Nixon wünscht Straffung der Anti-Rauschgift-Maßnahmen

WIRTSCHAFT:
Die Atlantische Gemeinschaft im Jahre 1973
Von Botschafter Martin J. Hillenbrand
Internationale Wechselkurse unter neuen Perspektiven
Von Eugene Brake

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
Boten zu fremden Planeten
-PIONIER-Start Auftakt zu neuen Forschungsprojekten der NASANeues Verfahren zur Aluminiumgewinnung
Ausstellungen: Mikrowellen- Bauteile und Geräte

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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14/1973

RUNDFUNK- UND FERNSEHANSPRACHE PRÄSIDENT NIXONS VOM 29. MÄRZ
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Nixon hat am Abend des 29. März in einer
Rundfunk- und Fernsehansprache zu einer Reihe außen- wie innenpolitischer
Fragen Stellung genommen. Insbesondere befaßte er sich mit der Beendigung des
amerikanischen Engagements in Vietnam, mit der Sicherung des Friedens in der
Welt sowie mit der Bekämpfung der Inflation in den USA.

Die Rede Präsident Nixons hat folgenden Wortlaut:

"Als ich vor vier Jahren und zwei Monaten das Amt des Präsidenten übernahm, war das schwierigste Problem, vor dem sich die Nation sah, der scheinbar
endlose Krieg in Vietnam. Damals befanden sich 550 000 amerikanische Soldaten
in Vietnam. Etwa 300 Soldaten fanden wöchentlich im Einsatz den Tod. Hunderte
wurden als Kriegsgefangene in Nordvietnam festgehalten. Bei den Friedensverhandlungen gab es keinen Fortschritt.

Ich leitete sofort ein Programm ein, um den Krieg zu beenden und einen
ehrenhaften Frieden zu erlangen.

Elf Mal habe ich in den vergangenen vier Jahren der Nation aus diesem
Raum über die Fortschritte berichtet, die wir in Richtung auf dieses Ziel erreicht hatten. Heute ist der Tag gekommen, für den wir alle gearbeitet und
gebeten haben.
Zum
- 1 -

�Zum ersten Mal innerhalb von zwölf Jahren sind keine amerikanischen
Streitkräfte mehr in Vietnam stationiert. Alle amerikanischen Kriegsgefangenen
befinden sich jetzt auf ihrem Weg nach Hause. Die 17 Millionen Menschen in
Südvietnam haben das Recht, ohne Einmischung von außen ihre eigene Regierung
zu wählen. Aufgrund unseres Vietnamisierungsprogramms haben sie die Stärke,
dieses Recht zu verteidigen. Wir haben verhindert, daß Südvietnam mit Gewalt
eine kommunistische Regierung aufgezwungen wird.

Es gibt immer noch einige Problemgebiete. Die Bestimmungen des Abkommens,
das Angaben über alle im Einsatz in Indochina Vermißten verlangt, die Bestimmungen in bezug auf Laos und Kambodscha sowie die Bestimmungen, die eine
Infiltration aus Nordvietnam nach Südvietnam untersagen, sind nicht eingehalten
worden. Wir haben das Abkommen eingehalten und werden das auch weiterhin tun.
Wir werden darauf dringen, daß Nordvietnam sich an das Abkommen hält. Die
Führer Nordvietnams sollten sich keinem Zweifel hinsichtlich der Konsequenzen
hingeben, wenn sie sich nicht an das Abkommen halten.

Aber trotz dieser Schwierigkeiten können wir stolz darüber sein, daß wir
unser Ziel erreicht haben, nämlich ein Abkommen, das einen ehrenhaften Frieden
in Vietnam bietet.

Lassen Sie uns an diesem Tag alle diejenigen ehren, die dies möglich
machten, jene, die ihr Leben opferten; jene, die körperliche Schäden davongetragen haben; jene, die alle von uns stolz sein ließen, Amerikaner zu sein,
als sie nach jahrelanger kommunistischer Gefangenschaft zurückkehrten, und
jeden einzelnen der zweieinhalb Millionen Amerikaner, die in dem längsten
Krieg unseres Landes ehrenvoll gedient haben. Niemals zuvor haben Soldaten mit
größerem Einsatz im Ausland mit offenbar weniger Unterstützung in der Heimat
gedient.

Wollen wir dafür sorgen, daß diese Männer die Veteranenvergünstigungen
und die Arbeitsmöglichkeiten erhalten, die sie verdient haben. Laßt uns sie
mit dem Respekt ehren, den sie verdienen. Und ich erkläre heute abend erneut:

- 2-

�erneut: Wir dürfen jene, die ihrem Lande gedient haben, nicht dadurch entehren, daß wir denjenigen Amnestie gewähren, die Amerika im Stich gelassen
haben.

Ich möchte heute abend auch den anderen amerikanischen Bürgern Dank sagen,
die den heutigen Tag ermöglicht haben. Damit meine ich Sie, die große Mehrheit
der Amerikaner, die mir heute zuhören - Sie, die trotz einer noch nie dagewesenen
Welle der Kritik seitens einer kleinen, aber lautstarken Minderheit standhaft
für einen Frieden in Ehren eintraten. Ich weiß, dies war nicht leicht für Sie.

Wir haben gemeinsam einige Schwierigkeiten durchstehen müssen. Ich denke
an die Zeit im November 1969, als hunderttausende von Demonstranten zum Weißen
Haus marschierten; an die Zeit im April 1970, als ich es für notwendig erachtete, Angriffe auf die kommunistischen Stützpunkte in Kambodscha anzuordnen;
an die Zeit im Mai 1972, als ich die Verminung Haiphongs sowie die Luftangriffe
auf militärische Ziele in Nordvietnam befahl, um die massive kommunistische
Invasion nach Südvietnam zu stoppen. Und ich denke an die vielleicht schwerste
Entscheidung, die ich als Präsident am 18. Dezember 1972 zu treffen hatte, als
unsere Hoffnungen auf Frieden so groß waren und die Nordvietnamesen alle Bemühungen am Konferenztisch blockierten. Damals hielt ich es für notwendig,
weitere Luftangriffe auf militärische Ziele in Nordvietnam anzuordnen, um
den toten Punkt zu überwinden.

Bei allen diesen Gelegenheiten waren die Stimmen der Opposition, die wir
hier in Washington hörten, so laut, daß es zeitweise schien, sie repräsentierten
die Mehrheit. Aber überall in Amerika blieb die überwältigende Mehrheit standhaft gegenüber jenen, die den Frieden um jeden Preis wollten - selbst wenn
dieser Preis die Niederlage und die Demütigung der Vereinigten Staaten gewesen
wäre.

Weil sie standhaft für das eintraten, was richtig war, konnte Oberst
McKnight bei seiner Rückkehr im Namen der amerikanischen Gefangenen sagen:
Ich danke Ihnen dafür, daß wir aufrecht, statt auf Knien in die Heimat zurückkehren können.

_ ^,
Inflation

�Inflation

Ich möchte mich jetzt einigen der Probleme im Inland zuwenden. Heute
abend bitte ich Sie um Ihre Unterstützung in einem anderen Kampf. Wir können
dankbar sein, daß es sich hier nicht um einen Kampf in einem Krieg irgendwo
im Ausland handelt; es handelt sich jedoch um einen Kampf, den wir gewinnen
müssen, wenn wir in unserem Lande neuen Wohlstand ohne Krieg und ohne Inflation schaffen wollen.
Was ich hier meine, ist der Kampf

um

den Haushalt; nicht nur den

Kampf um den Bundeshaushalt, sondern es gent, was weit wichtiger ist, um Ihr
Haushaltsgeld - den Familienhaushalt in jedem amerikanischen Heim.

Zu den schlimmsten Kosten dieses Krieges gehören die Preiserhöhungen.
Die Lebenshaltungskosten sind stets in und nach jedem Krieg, an dem wir teilgenommen haben, steil nach oben gestiegen. Wir haben diese Gefahr vor vier
Jahren erkannt und nachdrückliche Maßnahmen zu ihrer Abwehr ergriffen. Aufgrund dieser unserer Politik haben wir die Inflationsrate nach ihrem Höchststand in den Jahren 1969 und 1970 auf die Hälfte herabgedrückt. Heute haben
wir die niedrigste Inflationsrate aller großen Industriestaaten.

Aber solche positiven Statistiken können eine Familie nur wenig beruhigen, die versucht, ihr Budget auszugleichen. Und sie können eine Hausfrau schon gar nicht beruhigen, die jedesmal, wenn sie einkaufen geht, sieht,
wie die Fleischpreise ständig steigen. Den schwächsten Punkt in unserem Kampf
gegen die Inflation bilden die Fleischpreise. Ich habe Maßnahmen zur Steigerung
der Importe aus dem Ausland sowie der Erzeugung im Inland ergriffen. Dies wird
einer Erhöhung des Fleischangebots führen und zu einem Nachgeben der Preise im
weiteren Verlauf des Jahres beitragen.

Was wir jedoch brauchen, sind Maßnahmen, die den Anstieg der Fleischpreise jetzt abstoppen. Aus diesem Grunde habe ich heute den Lebenshaltungskostenrat angewiesen, Höchstpreise für Rind-, Schweine- und Lammfleisch fest-

- 4-

�festzulegen. Diese Höchstpreise werden solange bestehen bleiben, wie dies
notwendig ist, um den beabsichtigten Zweck zu erreichen. Die Fleischpreise
dürfen nicht noch weiter steigen. Mit Hilfe der Hausfrauen und der Farmer
können und sollten sie zurückgehen.

Diese Höchstgrenze wird uns in unserem Kampf gegen die Inflation helfen.
Aber sie stellt keine dauerhafte Lösung dar. Wir müssen auf allen Fronten
handeln, und hier nun greift der Bundeshaushalt ein.

Ich habe dem Kongreß für das kommende Finanzjahr den höchsten Haushalt
in der Geschichte unseres Landes vorgelegt, der sich auf 268 Milliarden Dollar
stellt.

Den von mir in diesem Haushalt für inneramerikanische Programme wie Gesundheitswesen, Wohnungsbau, Erziehungswesen und Hilfe an die Alten, die Körperbehinderten und die Armen angeforderte Betrag ist zweimal so hoch wie in meinem
ersten Haushalt vor vier Jahren. Einige Mitglieder des Kongresses sind jedoch
der Ansicht, daß der Haushalt auf diesen Gebieten noch höher sein sollte.

Würde ich solche Erhöhungen in meinem Haushalt billigen, wie sie im
Kongreß vorgeschlagen worden sind, so würde dies eine 15 prozentige Steuererhöhung oder Preiserhöhungen für jeden einzelnen Amerikaner bedeuten. Aus
diesem Grunde werde ich meine Veto gegen Gesetze einlegen, die den von mir
unterbreiteten Bundeshaushalt durchbrechen würden. Würde ich kein Veto gegen
solche Gesetze einlegen, so würden die höheren Preise oder Steuern das Familienbudget von Millionen Amerikanern über den Haufen werfen.

Hier geht es nicht um einen Kampf zwischen Kongreß und dem Präsidenten.
Dies ist Ihr Kampf. Es ist Ihr Geld, es sind die Preise und die Steuern, die
Sie zahlen müßten, was ich Ihnen ersparen möchte.

Vor 25 Jahren sah ich als junger Abgeordneter Präsident Truman in seinem
Amtszimmer. Ich erinnere mich an das Schild auf seinem Tisch. Auf ihm stand

�stand 'Endstation der Verantwortung1 (The bück stops here). Das bedeutete
natürlich, daß ein Präsident die Verantwortung nicht weitergeben kann, wenn
es um schwierige Entscheidungen geht. Es bedeutet aber auch, daß für die Verantwortung für Ihren Dollar hier Endstation ist. Wenn ich nicht einschreite,
um die Ausgabenerhöhungen abzustoppen, die vom Kongreß auf meinen Schreibtisch
kommen, werden Sie die Rechnung bezahlen müssen.

Bundeshaushalt
Ich gebe zu, daß ehrliche Meinungsverschiedenheiten in der Frage des
Bundeshaushalts bestehen. Wenn Sie bereit sind, höhere Steuern oder Preise
zu zahlen, die die Folge von über meinen Haushalt hinausgehenden Ausgabenerhöhungen wären, wie dies einige im Kongreß vorgeschlagen haben, dann fordern
Sie Ihre Senatoren und Abgeordneten auf, mein Veto zu überstimmen. Aber wenn
Sie ein Ende der Steuer- und Preiserhöhungen wollen, dann habe ich einen Vorschlag zu machen. Ich erinnere mich, daß ich als Abgeordneter und Senator
ständig von denen hörte, die höheren Regierungsausgaben forderten, aber nur
selten von denen, die dafür bezahlen mußten, nämlich von den Steuerzahlern.
Wenn Ihr Abgeordneter oder Senator den Mut hat, gegen höhere Ausgaben zu stimmen, so daß Sie dafür nicht mit höheren Preisen oder Steuern bezahlen müssen,
so lassen Sie ihn wissen, daß Sie ihn unterstützen.

Der Kampf, den Bundeshaushalt niedrig zu halten, muß gewonnen werden,
wenn wir unser Ziel, einen neuen Wohlstand, einen Wohlstand ohne Krieg und
ohne Inflation, erreichen wollen. Ich bitte heute um Ihre Unterstützung, mit
dazu beizutragen, diesen entscheidend wichtigen Kampf zu gewinnen.

Ich möchte mich heute abend schließlich noch einer weiteren großen Aufgabe zuwenden, der wir uns gegenübersehen.

Wenn wir jetzt Amerikas längsten Krieg beenden, wollen wir entschlossen
sein, den Frieden nicht zu verlieren. Während des letzten Jahres haben wir

�wir große Fortschritte in Richtung auf unser Ziel gemacht, eine Generation
des Friedens für Amerika und die Welt aufzubauen. Der Krieg in Vietnam ist
beendet worden. Nach 20 Jahren der Feindschaft und der Konfrontation haben wir
neue konstruktive Beziehungen zu der Volksrepublik China angebahnt - einem
Land, in dem ein Viertel aller Menschen der Welt lebt. Wir haben im vergangenen
Jahr mit der Sowjetunion einige wichtige Abkommen ausgehandelt, darunter ein
Abkommen, das einen wichtigen Schritt zur Begrenzung der nuklearen Rüstungen
bedeutet.

Einige fragen, warum wir angesichts all dieser Fortschritte in Richtung
auf den Frieden nicht unseren Verteidigungshaushalt kürzen sollten? Blicken
wir einmal auf die Tatsachen. Unser Verteidigungshaushalt weist heute den
niedrigsten Prozentsatz unseres Bruttosozialprodukts seit 20 Jahren auf. Nichts
würde ich lieber tun, als ihn weiter zu senken. Aber wir dürfen niemals vergessen, daß wir den von uns im vergangenen Jahr in Richtung auf einen dauerhaften Frieden erzielten Fortschritt nicht gemacht hätten, wenn wir nicht über
die militärische Stärke verfügt hätten, die Respekt abnötigte.

In diesem Jahr haben wir neue Verhandlungen mit der Sowjetunion über eine
weitere Begrenzung der nuklearen Rüstungen aufgenommen. Wir werden uns später
in diesem Jahr an Verhandlungen über eine beiderseitige Reduzierung der Truppen
in Europa beteiligen. Wenn wir vor diesen Verhandlungen einseitig unseren Verteidigungshaushalt

kürzen oder unsere Truppen in Europa verringern, dann wird

jede Chance für erfolgreiche Verhandlungen über eine beiderseitige Reduzierung
der Truppen oder eine Begrenzung der Rüstungen zunichte gemacht werden. Es gibt
eine Regel in der internationalen Diplomatie, die nicht durchbrochen werden
darf: Man kann in Verhandlungen nicht etwas erreichen, wenn man nicht etwas
zu geben hat. Wenn wir vor Beginn der Verhandlungen unsere Verteidigung abbauen, wird anderen Ländern jeder Anreiz genommen, ihre Verteidigung zu kürzen.
Wenn die Vereinigten Staaten ihre Verteidigung abbauen und die anderen nicht, so
erhöht dies die Gefahr eines Krieges. Wir müssen unsere Stärke aufrechterhalten,
bis wir Abkommen erreicht haben, denen zufolge sich andere Länder uns bei der
Verringerung der Rüstungslasten anschließen v/erden.
Es
- 7-

�Es geht darum, ob die Vereinigten Staaten die zweitstärkste Nation in der
Welt werden sollen. Wenn dieser Tag je kommen sollte, dann hätten die Aussichten für die Errichtung eines neuen Gebäudes des Friedens in der Welt einen
irreparablen Schaden erlitten und die freien Nationen überall in der Welt würden
in einer tödlichen Gefahr leben. Starke Vereinigte Staaten sind keine Bedrohung
des Friedens. Sie sind für die freie Welt ein unerläßlicher Hüter des Friedens
und der Freiheit.

Die Erhaltung der Stärke
Ich bitte Sie heute abend um Ihre Unterstützung für die Wahrung der
Stärke, die es uns in diesem letzten Jahr ermöglicht hat, so große Fortschritte
in Richtung auf den Weltfrieden zu machen. Dieser Weltfriede ist unerläßlich,
wenn wir in den kommenden Jahren unsere kühnen neuen Initiativen für den Frieden
fortsetzen wollen.

Wenn wir heute abend einige unserer Probleme erörtern, sollten wir niemals vergessen, wie glücklich wir sein können, daß wir zu diesem Zeitpunkt der
Geschichte in Amerika leben. Wir haben den längsten und schwierigsten Krieg in
unserer Geschichte auf eine Weise beendet, die uns das Vertrauen unserer Verbündeten und die Achtung unserer Gegner erhält. Wir sind die stärkste und
blühendste Nation in der Geschichte der Welt. Aufgrund unserer Stärke hat
Amerika die großartige Möglichkeit, die führende Rolle dabei zu spielen, die

Mauern der Feindschaft einzureißen, die die Völker der Welt trennen; die Rüstungslasten in der Welt abzubauen und das Gebäude eines dauerhaften Friedens in der
Welt zu errichten. Aufgrund unseres Wohlstands verfügen wir über die Mittel, im
eigenen Lande weiter an erregenden neuen Programmen für den Fortschritt zu
arbeiten, die allen Amerikanern eine bessere Umwelt, eine bessere Ausbildung,
bessere Wohnungen und eine bessere Gesundheitsfürsorge bringen und die es uns
ermöglichen werden, den Armen, den Alten, den Körperbehinderten und den Benachteiligten gegenüber großherziger zu verfahren als jede andere Nation in der
Geschichte.
Dies
- 8-

�Dies sind Ziele, die eines großen Volkes würdig sind. Lassen Sie uns
daher diese offenen Meinungsverschiedenheiten über den Krieg überwinden, die
uns getrennt haben, und wollen wir uns den großen Aufgaben verpflichten, die
uns einen können. Wenn wir dies tun, dürfen wir jedoch nicht ein drittes
Element übersehen, das noch wichtiger als militärische Stärke und wirtschaftliche Macht ist und für die Größe einer Nation unerläßlich ist.

Wenn man in den Geschichtsbüchern blättert, so liest man immer wieder von
Zusammenbrüchen von Nationen, die auf der Höhe ihrer Stärke und ihres Wohlstandes strauchelten, nur weil ihre Völker schwach, weich, genußsüchtig wurden
und ihren Charakter

und den Geist verloren hatten, der sie einst groß werden

ließ. Wenn ich heute abend zu Ihnen spreche, habe ich die feste Zuversicht,
daß Amerika dies nicht passieren wird. Meine Zuversicht wird noch durch die
Tatsache bestärkt, daß das Ende eines Krieges, der Amerika so viele Menschenleben, so viel Geld und so viel Spaltung im eigenen Land gekostet hat, nunmehr
Millionen von Amerikanern eine Möglichkeit bietet, erneut Charakter und Geist
zu erkennen, die Amerika zu der großen Nation gemacht haben, die es ist.

Vor einigen Tagen habe ich in diesem Raum mit einem Mann gesprochen, der
fast acht Jahre in einer kommunistischen Gefängniszelle in Nordvietnam verbracht hat. Über vier Jahre lang war er in Einzelhaft. Er sah in dieser Zeit
niemals einen anderen Menschen - mit Ausnahme seiner Wächter. Er lebte von
zwei Mahlzeiten am Tag - gewöhnlich nur ein Stück Brot und Gemüsesuppe. Alles
was er zu lesen erhielt, war ausschließlich kommunistische Propaganda. Alles,
was er im Radio hörte, war ausschließlich kommunistische Propaganda.

Ich fragte ihn, wie er überleben und wie er bei seiner Rückkehr auirecht
und stolz dastehen und die amerikanische Flagge grüßen konnte. Er machte eine
lange Pause, bevor er antwortete. Dann sagte er: 'Es ist nicht einfach für mich,
darauf zu antworten. Ich bin kein Mann großer Worte. Ich kann nur sagen, daß
es der Glaube war - der Glaube an Gott und der Glaube an mein Land.'

Wenn

�Wenn Männer, die so viel für Amerika litten, einen solchen Glauben
haben können, so sollten wir, die wir so viel von Amerika erhalten haben,
unseren Glauben erneuern - den Glauben an Gott, den Glauben an Amerika und
den Glauben an uns selbst.

Wenn wir die vor uns liegenden großen Aufgaben des Friedens in einem
solchen Glauben bewältigen, dann wird eines Tages niedergeschrieben werden,
daß dies Amerikas größte Stunde war."

+ + + + +

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14/1973

DAS AMERIKANISCH-VIETNAMESISCHE KOMMUNIQUE VOM 3 April 1973
- Wortlaut -

San demente, Kalifornien - AD - Das zum Abschluß der zweitägigen
Gespräche zwischen Präsident Nixon und dem südvietnamesischen Präsidenten
Thieu am 3. April herausgegebene amerikanisch-südvietnamesische Kommunique
hat folgenden Wortlaut:
Der Präsident der Vereinigten Staaten, Richard M, Nixon, und der
Präsident der Republik Vietnam, Nguyen van Thieu, sind zu Beginn des
offiziellen Besuches Präsident Thieus in den Vereinigten Staaten zu zweitägigen Gesprächen in San demente zusammengetroffen. Auf amerikanischer
Seite nahmen an diesen Gesprächen Außenminister William P. Rogers, der
Berater des Präsidenten für Nationale Sicherheitsfragen, Henry A. Kissinger,
der amerikanische Botschafter in der Republik Vietnam, Ellsworth Bunker,
der designierte amerikanische Botschafter in der Republik Vietnam, Graham
Martin, sowie andere hohe Beamte teil. Auf vietnamesischer Seite nahmen an
den Gesprächen der Außenminister der Republik Vietnam,Tran van Lam, der
Wirtschaftsminister, Pliam Kim Ngoc, der Finanzminister, Ha Xuan Trung,
der Sonderberater des Präsidenten für außenpolitische Fragen Nguyen Phu
Duc, der vietnamesische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Tran Kim
Phuong, sowie weitere hohe Beamte teil.
Die Gespräche fanden i , einer sehr herzlichen Atmosphäre statt, wie
sie den andauernden freundschaftlichen Beziehungen entsprechen, die
zwischen den Regierungen der Republik Vietnam und der Vereinigten Staaten
- 1 -

�Staaten bestehen. Die beiden Präsidenten erörterten den Verlauf der
amerikanisch-vietnamesischen Beziehungen seit ihrem Treffen auf den
Midway-Inseln am 8. Juni 1969 und die Nachkriegsbeziehungen zwischen den
beiden Ländern. Sie erzielten eine volle Übereinstimmung ihrer Ansichten.
Präsident Nixon und Präsident Thieu überprüften die in Vietnam in wirtschaftlichen, politischen und Verteidigungsfragen seit dem Midway-Treffen
erzielten Fortschritte. Präsident Nixon gab seiner Genugtung über die
Leistungen der südvietnamesischen Streitkräfte Ausdruck und wies auf ihre
Schlagkraft und ihren Mut bei der Abwehr der von Nordvietnam am 30. März
1972 eingeleiteten Invasion hin. Der Präsident zeigte sich ferner befriedigt über die Entwicklung politischer Institutionen und hob die
politische Stabilität hervor, die in Südvietnam während der letzten Jahre
bestanden hat. Präsident Thieu bekräftigte seine Entschlossenheit, soziale
und politische Gerechtigkeit für das südvietnamesische Volk sicherzustellen.
Die beiden Präsidenten gaben ihrer Genugtuung über den Abschluß des
Abkommens zur Beendigung des Krieges und zur Wiederherstellung des Friedens
in Vietnam sowie über die Schlußakte der Internationalen Vietnamkonferenz
Ausdruck, in der dieses Abkommen bekräftigt worden ist. Sie unterstrichen
die Entschlossenheit ihrer beiden Regierungen, die Bestimmungen des Abkommens peinlich genau durchzuführen. Sie gaben ferner ihrer starken Erwartung Ausdruck, daß die übrigen Signatarstaaten des Abkommens das gleiche
tun werden, um einen dauerhaften Frieden in Vietnam zu schaffen. Die beiden
Präsidenten sprachen den anderen Mitgliedern der internationalen Völkergemeinschaft ihren Dank aus, die zur Erreichung des Abkommens beigetragen
haben, und im besonderen den vier Mitgliedsregierungen der Internationalen
Kontroll- und Überwachungskommission, deren Vertreter die Durchführung
des Abkommens beaufsichtigen. Sie betrachten die Internationale Kommission,
die in Zusammenarbeit mit den vier Parteien des Abkommens tätig ist, als
ein wichtiges Element des Mechanismus zur Wiederherstellung des Friedens

- 2-

�Friedens in Vietnam und bekundeten ihre Entschlossenheit, die möglichst
wirksame und objektive Überwachung des Abkommens weiter zu fördern.
Präsident Nixon unterrichtete Präsident Thieu davon, welch großes
Interesse er an den Treffen der Vertreter der beiden südvietnamesischen
Parteien nimmt, die gegenwärtig in Frankreich stattfinden, um eine innenpolitische Lösung in Südvietnam zu erreichen. Präsident Thieu erklärte,
daß seine Regierung entschlossen ist, auf diesen Treffen eine Regelung zu
erreichen, die das Recht des südvietnamesischen Volkes auf Selbstbestimmung
im Einklang mit dem Abkommen über die Beendigung des Krieges voll gewährleistet. Präsident Thieu gab seinem aufrichtigen Wunsch nach Aussöhnung
zwischen den südvietnamesischen Parteien Ausdruck, die die Hoffnungen des
südvietnamesischen Volkes auf Frieden, Unabhängigkeit und Demokratie erfüllen wird.
Beide Präsidenten erkannten zwar an, daß Fortschritte in Richtung
auf militärische und politische Lösungen in Südvietnam erzielt worden
sind, betrachteten aber trotzdem die Infiltration von Menschen und Waffen
mit ernster Besorgnis, die unter Verletzung des Abkommens über die Beendigung des Krieges in beträchtlicher Zahl von Nordvietnam nach Südvietnam gebracht werden. Sie waren der Ansicht, daß diese Aktionen, die
die Basis des Abkommens gefährden, entsprechende nachhaltige Reaktionen
erfordern würden. Sie gaben ihrer Überzeugung Ausdruck, daß alle Bestimmungen des Abkommens, darunter im besonderen die über die militärischen
Streitkräfte und den militärischen Nachschub ehrlich durchgeführt werden
müssen, wenn die Waffenruhe erhalten werden soll und die Aussichten auf
eine friedliche Regelung gewährleistet sein sollen. Präsident Nixon erklärte in diesem Zusammenhang, daß die Vereinigten Staaten die Verletzungen
jeder Bestimmung des Abkommens mit großer und anhaltender Sorge betrachten.
Beide

- 3-

�Beide Präsidenten stimmten weiter darin überein, daß es einen
dauerhaften Frieden in Vietnam nur dann geben könne, wenn auch Friede
in den benachbarten Ländern herrscht. Daher bekundeten sie ihr aufrichtiges Interesse daran, daß eine befriedigende Durchführung des am
21. Februar in Laos erreichten Waffenruheabkommens erzielt wird. Sie
zeigten sich ernsthaft besorgt über die Tatsache, daß Artikel 20 des
Abkommens nicht durchgeführt worden ist, der den bedingungslosen Abzug
aller ausländischen Truppen aus Laos und Kambodscha fordert. Sie
stimmten überein, daß dieser Artikel unverzüglich durchgeführt werden
sollte.
Bei der Beurteilung der Aussichten auf Frieden in ganz Indochina
unterstrichen die beiden Präsidenten die Notwendigkeit für Wachsamkeit
auf Seiten der Regierungen der indochinesischen Staaten gegenüber der
Möglichkeit eines Wiederauflebens der kommunistischen Aggression, nachdem die amerikanischen Landstreitkräfte aus Südvietnam abgezogen wurden.
Sie unterstrichen die Tatsache, daß eine solche Wachsamkeit eine anhaltende politische, wirtschaftliche und militärische Stärke der
Regierungen und Länder erfordern wird, die von einem Wiederaufleben
dieser aggressiven Gefahr bedroht sind. Aufgrund ihrer begrenzten Hilfsquellen werden die Länder dieses Gebietes ausländische Hilfe benötigen,
um die für eine friedliche Entwicklung notwendige soziale und wirtschaftliche Stabilität aufrechtzuerhalten.
In diesem Zusammenhang bekräftigte Präsident Thieu die Entschlossenheit des vietnamesischen Volkes und der vietnamesischen Regierung, mit
Nachdruck die Aufgabe in Angriff zu nehmen, den Opfern des Krieges eine
ausreichende und rechtzeitige Hilfe zukommen zu lassen, die zerstörte
soziale und wirtschaftliche Infrastruktur wiederaufzubauen und eine
starke und lebensfähige Wirtschaft zu errichten, so daß Vietnam allmählich größere Lasten für die Erhaltung des Friedens und die Erzielung

- 4-

�Erzielung eines wirtschaftlichen Fortschrittes für seine Bevölkerung
auf sich nehmen kann. Die beiden Präsidenten stimmten darin überein,
daß die Republik Vietnam, in den ersten Jahren nach dem Kriege größere
Wirtschaftshilfe aus dem Ausland benötigen wird, um die erklärten wirtschaftlichen Ziele so schnell wie möglich zu erreichen.
Präsident Nixon bekräftigte, daß er die Bemühungen um die Wiedereingliederung, den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung der
Republik Vietnam nach dem Kriege voll unterstütze. Er unterrichtete Präsident Thieu von der Absicht der Vereinigten Staaten, der Republik Vietnam
in den restlichen Monaten dieses Jahres ausreichende und beträchtliche
Wirtschaftshilfe zukommen zu lassen und im Kongreß um Bewilligung ausreichender Mittel für das kommende Jahr nachzusuchen, so daß die notwendige
wirtschaftliche Stabilität und der Wiederaufbau

Vietnams gewähr-

leistet ist, wenn es sich jetzt von Krieg auf Frieden umstellt. Er erkannte an, daß die wirtschaftliche Entwicklung und die Selbstversorgung Südvietnams zu einem beträchtlichen Teil davon abhängt, daß es ausländische
Investitionen fördern und anziehen kann.
Er gab ferner seiner Absicht Ausdruck, den Kongreß um Unterstützung
eines längerfristigen Programms zur wirtschaftlichen Entwicklung Südvietnams zu ersuchen, nachdem jetzt der Krieg beendet ist.
Die beiden Präsidenten brachten ihre aufrichtige Hoffnung zum Ausdruck, daß andere Länder wie auch internationale Institutionen umgehend
ein positives und gemeinsames internationales Hilfsprogramm für die Republik Vietnam in Angriff nehmen werden. Sie stimmten ferner darin überein,
daß bald mit allen interessierten Parteien diesbezügliche Konsultationen
durchgeführt werden sollten.
Die beiden Präsidenten äußerten die Hoffnung, daß die Durchführung
des Vietnam-Abkommens eine Normalisierung der Beziehungen zu allen südostasiatischen Ländern gestatten wird. Sie stimmten darin überein, daß ein

-5-

�ein solcher Schritt und ein regionales Wiederaufbauprogramm die Aussichten
auf einen dauerhaften Frieden in diesem Gebiet erhöhen werden.
Präsident Nixon sprach über die künftige Sicherheit Südvietnams im Rahmen der Nixon-Doktrin. Der Präsident verwies darauf, daß es dieser Doktrin
voll und ganz entspreche, wenn die Republik Vietnam den gesamten Streitkräfte
bedarf für ihre eigene Verteidigung stelle. Er bekräftigte, daß die Vereinigten Staaten ihrerseits im Einklang mit ihren verfassungsmäßigen Bestimmungen und gemäß dem Abkommen über die Beendigung des Krieges die Republik
weiterhin
Vietnam/mit den materiellen Mitteln zu ihrer Verteidigung versorgen werden.
Präsident Thieu bat Präsident Nixon, dem amerikanischen Volk und besonders den Familien, die den Verlust von Angehörigen zu betrauern haben, den
tiefen und aufrichtigen Dank des südvietnamesischen Volkes für die Opfer
zu übermitteln, die sie für Vietnam gebracht haben, sowie für die Hilfe, die
sie der Republik Vietnam in ihrem langen Kampf um die Erhaltung der Friheit
und die Wahrung ihres Rechtes auf Selbstbestimmung gewährt haben.
Vor der Abreise Präsident Thieus nach Washington, wo er seinen offiziellen Besuch in den Vereinigten Staaten fortsetzen wird, waren die beiden Präsidenten sich darüber einig, daß durch die schweren Erfahrungen eines tragischen Krieges und die Opfer ihrer beiden Völker eine enge und konstruktive
Beziehung zwischen dem amerikanischen und dem südvietnamesischen Volk entstanden und vertieft worden ist. Sie gaben ihrer festen Zuversicht Ausdruck,
daß diese Verbundenheit als die Grundlage eines ehrenvollen und dauerhaften
Friedens für Südostasien bestehen bleibt.
Präsident Thieu brachte seinen Dank für die herzliche Gastfreundschaft
zum Ausdruck, die ihm und seiner Begleitung von Präsident Nixon entgegengebracht wurde.
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14/1973

NIXON WÜNSCHT STRAFFUNG DER ANTI-RAUSCHGIFT-MASSNAHMEN

--(AD)-- Ein "einheitliches Kommando" für alle Rechtsvollzugsmaßnahmen in
den Vereinigten Staaten zur Rauschgiftbekämpfung, die in den letzten fünf
Jahren um das Siebenfache ausgeweitet wurden, fordert Präsident Nixon in
einem dem Kongreß am 28. März zugeleiteten Reorganisationsplan. Darin
schlägt er vor, die gegenwärtig noch von einer Anzahl von Behörden getrennt wahrgenommenen Funktionen auf diesem Gebiet in einer neuen "Vollzugsbehörde zur Suchtstoffüberwachung" (Drug Enforcement Administration-DEA)
zusammenzufassen, die innerhalb des BundesJustizministeriums geschaffen werden soll.
Die neue Behörde würde die gegenwärtige Zentrale für Narkotika und gefährliche Drogen (BNDD) ablösen und die Aufgaben der Abteilungen für Strafverfolgung von Rauschgiftdelikten und die Bundesnachrichtenzentrale für
Drogen sowie die auf das Gebiet der Rauschgiftbekämpfung entfallenden Funktionen der Einwanderungs-und Naturalisierungsbehörde des Justizministeriums
und der Zollabteilung des Bundesfinanzministeriums übernehmen. Der Direktor
des neuen Amtes wäre dem Justizminister direkt unterstellt. Die Beteiligung
der Vereinigten Staaten an internationalen Aktionen zur Bekämpfung des
illegalen Rauschgifthandels würde unter Einschaltung der US-Botschafter in

-1-

�in allen Ländern, die Anti-Drogen-Programme durchführen, über DEA wahrgenommen.
In den letzten paar Jahren konnten, wie Präsident Nixon betonte,
bemerkenswerte Fortschritte an einer Reihe von Fronten gegen das illegale
Rauschgift erzielt werden. Sowohl der Anteil neuer Fälle von Heroinsucht
als auch die Anzahl der auf Suchtstoffgebrauch zurückzuführenden Todesfälle war im vergangenen Jahr rückläufig. Mehr Suchtige und Drogenabhängige sind in Behandlungs-und Rehabilitationsprogramme aufgenommen als in den
vergangenen Jahren. (Mancherorts machte allerdings die Polizei die Beobachtung, daß mehr als ein Drittel aller Verdächtigen, die wegen Straßenüberfällen und ähnlichen Delikten verhaftet wurden, Rauschgiftsüchtige
oder Drogenabhängige sind.)
Im Vergleich zum Jahre 1971 wurde, weltweit gesehen, mehr als die
doppelte Menge an illegalen Drogen beschlagnahmt. Die Zahl der Verhaftungen von Rauschgifthändlern in den Vereinigten Staaten lag gegenüber 1971
um mehr als ein Drittel höher. Die mit solchen Aktionen verbundenen Maßnahmen sollen im kommenden Jahr mit 257 Millionen Dollar finanziert werden. Damit beantragte Präsident Nixon für das am 1„ Juli beginnende neue
Haushaltsjahr eine Summe, die gegenüber den 36 Millionen von 1969 um
das Siebenfache höher liegt.
Der Präsident verweist jedoch darauf, daß zwar Geld und Personal
jetzt ausreichend vorhanden seien, das Tempo des Aufbaus der Anti-DrogenAktionen jedoch zu organisatorischen Unzulänglichkeiten geführt habe.
Jetzt sei es wichtig, den Vollzug zu straffen, damit den kriminellen
Elementen, die für Rauschgift überall in der Welt Kanäle schaffen, die
Verwirklichung ihrer Absichten noch mehr erschwert werde. Gleichzeitig

-2-

�Gleichzeitig ersuchte der Präsident den Kongreß, das Gesetz über
Mindesthaftstrafen für Suchtstoffvergehen zu verabschieden, das
beispielsweise für einschlägig vorbestrafte Rauschgifthändler, die
als Bosse der Verbrecherringe gelten, lebenslängliche Haft ohne die
Möglichkeit zur Strafmilderung oder Bewährung vorsieht.
In seinem Vorschlag zur Reorganisation und Straffung des gesamten
Rechtsvollzugs bei der Drogenbekämpfung stimmt Präsident Nixon mit den
Empfehlungen der "Nationalen DrogenkommissionM überein. Dieses Gremium,
das beratende Funktion hat, veröffentlichte seinen Bericht eine Woche
zuvor und forderte darin u.a. die Schaffung einer unabhängigen Superbehörde, die allerdings nicht nur für den Rechtsvollzug, sondern auch
für alle Forschungsaufgaben und die Auswertung der Behandlungs- und
Rehabilitationsprogramme zuständig sein solle.

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14/1973
DIE ATLANTISCHE GEMEINSCHAFT IM JAHRE 1973
- Von Botschafter Martin J. Hillenbrand -

Der nachfolgende Beitrag wurde von Botschafter Martin J. Hillenbrand für das
"Handelsblatt" geschrieben. Der Artikel
erschien am 29. März in einer Sonderbeilage der Zeitung, die sich mit den
deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen befaßte.

Für die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den
Vereinigten Staaten während des letzten Viertel Jahrhunderts waren eine
weitgehende Übereinstimmung der Zielsetzungen und eine enge Zusammenarbeit bei ihrer Verwirklichung kennzeichnend. Diese kooperativen Beziehungen bildeten einen entscheidenden Faktor für einige der Meilensteine in
der Entwicklung der atlantischen Beziehungen - die Wiedererholung Westeuropas nach dem Kriege, die Erhaltung seiner Sicherheit durch Gründung
des Nordatlantischen Bündnisses und die anhaltende, bemerkenswerte Zunahme des Wohlstandes und der politischen Stärke in Europa.
Einer

-1-

�Einer der entscheidenden Mechanismen zur Realisierung dieser Erfolge
ist natürlich die Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft. Die Integration
Europas ist ein Prozeß, bei dem die Bundesrepublik Deutschland eine maßgebende Rolle gespielt hat und der von den Vereinigten Staaten beharrlich und
uneingeschränkt unterstützt worden ist. Präsident Nixon hat im Oktober 1972
erklärt: "Es ist - und war immer - meine feste Überzeugung, daß Fortschritte in Richtung auf ein vereintes Europa Frieden, Sicherheit und Prosperität in der Welt fördern."

Die Europäische Gemeinschaft hat durch Auswei-

tung der Gebiete, auf denen diese Länder gemeinsam handeln können, Westeuropa in die Lage versetzt, wirksamer zu diesen gemeinsamen Zielen beizutragen; die amerikanische Unterstützung der Erweiterung der Gemeinschaft
ist ein Beweis für unsere Überzeugung, daß dem so ist.
Der Erfolg der Gemeinschaft bedeutet, daß die Beziehungen zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten in wirtschaftlichen
Fragen zu einem Teil der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Gemeinschaft geworden sind. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft - schon immer ein wichtiges Ziel der amerikanischen Außenpolitik - wird ein entscheidender Faktor
sein, wenn es darum geht, die Aufgaben des Jahres 1973 zu bewältigen.
In einer Weltlage, in der unsere wirtschaftliche Interdependenz immer
vollständiger wird und in der die Volkswirtschaften der einzelnen Länder mehr
und mehr auf jeden internationalen wirtschaftlichen Druck reagieren, werden
Störungen des Gleichgewichts im internationalen Wirtschaftssystem zwangsder
läufig zu einem gemeinsamen Anliegen aller Mitglieder/Welthandelsgemeinschaft.
Die jüngsten Währungskrisen haben die Wichtigkeit einer Reform des Weltwährungssystems nachdrücklich unterstrichen, aber eine Währungsreform wird nur
eine Komponente der internationalen Wirtschaftsreform sein, die im Jahre 1973
in Angriff genommen werden muß.
Auch

-2-

�Auch im internationalen Handelssystem sind Reformen erforderlich. Dies
wird das Ziel der multilateralen Handelsverhandlungen sein, die in diesem
Herbst im Rahmen des GATT beginnen.
Sowohl Präsident Nixon als auch die Führer der erweiterten Europäischen
Gemeinschaft haben zum Ausdruck gebracht, daß sie sich einer Reform des internationalen Wirtschaftssystems verpflichtet fühlen. Die bei den multilateralen Handelsverhandlungen gestellten Aufgaben werden viel weitgehender
und fundamentaler sein als bei der Kennedy-Runde oder bei anderen Handelsliberalisierungen. Die Vorbereitungen für diese Verhandlungen sind noch im
Gange, und wir stehen in enger Konsultation mit der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedern, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland,
um in koordinierter Weise an die Dinge heranzugehen. Die großen Umrisse der
vor uns liegenden Aufgabe nehmen bereits Gestalt an.
Der Abbau der Zölle für industrielle Erzeugnisse wird eine Komponente
der Handelsreform sein. Wir sehen eine mögliche Chance auf uns zukommen,
uns ein weitergestecktes Ziel, nämlich eine Abschaffung der Zölle für industrielle Erzeugnisse, zu setzen. Die Höhe der Industriezölle kann jedoch
nicht das einzige, ja nicht einmal das Hauptanliegen der Verhandlungen sein.
Von vorrangigem Interesse für die Vereinigten Staaten ist eine verstärkte
Liberalisierung des Handels mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die bisher von den Normen fairer Handelspraktiken, wie sie bei früheren Verhandlungen über eine Liberalisierung des Handels aufgestellt wurden, weitgehend ausgenommen worden sind. Für die Vereinigten Staaten, die in den letzten Jahren
fast 20 Prozent ihrer Exporterträge durch die Ausfuhr landwirtschaftlicher
Erzeugnisse verdient haben, ist die Korrektur dieses Mangels am internationalen Wirtschaftssystem eine der dringendsten Aufgaben für die multilateralen Handelsverhandlungen.
Einen

-3-

�Einen wichtigen, wenn auch besonders schwierigen Aspekt der Handelsverhandlungen werden die nicht-tarifären Handelsschranken darstellen. Frühere
Zollsenkungen haben nicht-zollursächliche Verzerrungen des internationalen
Handels bestehen lassen, wie etwa Quoten, Exportsubventionen, restriktive
Praktiken bei Regierungsaufträgen und massive Finanzierung der industriellen Forschung und Entwicklung durch die Regierungen als Mittel der Förderung von Exporten oder der Ersetzung von Importen sowie diskriminierende Normen für Ausführung und Leistung. GATT-Studien haben hunderte solcher Handelshindernisse zutage gebracht. Die Verhandlungen über ihren Abbau werden sehr
kompliziert werden angesichts der Schwierigkeit, hier festzustellen, was
gegenseitig ist, und zwischen Maßnahmen zu unterscheiden,die legitimen Zielsetzungen im eigenen Lande dienen, und solchen, die einen weitgehend protektionistischen Zweck haben. An diese beiden Arten wird man natürlich mit
einer unterschiedlichen Einstellung herangehen müssen. Während nicht-tarifäre Handelsschranken, die protektionistisch sind, so weit wie möglich abgebaut werden sollten, könnte die Antwort auf nicht-diskriminierende Schranken, die legitimen Zwecken, wie etwa dem Umweltschutz dienen, die Harmonisierung sein.
Ein weiteres altes Problem ist die Auswirkung von Marktverzerrungen,
die sich aus ungewöhnlichen, abrupten Verlagerungen der Handelsflüsse ergeben. Einseitige Anstrengungen, die Auswirkungen von Veränderungen dieser Art
in den Griff zu bekommen, wie sie meist unter starkem innenpolitischem Druck
vorgenommen werden müssen, haben sich in der Geschichte als international
unangenehm erwiesen.
Ein multilateral ausgehandeltes Sicherheitssystem dürfte wirkungsvoller sein, um den Schock plötzlicher Handelsveränderungen aufzufangen - ohne
dabei den Anreiz zur Anpassung an die veränderten wirtschaftlichen Realitäten zu zerstören. Sicherheitsbestimmungen werden daher ebenfalls ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung künftiger Verhandlungen sein.
Diese

-4-

�Diese Verhandlungen werden letztlich darauf abzielen müssen, iene Prinzipien des internationalen Handels zu stärken und zu ergänzen, die der internationalen Gemeinschaft seit Abschluß des Allgemeinen Zoll-und Handelsabkommens (GATT) so gute Dienste geleistet haben, wie etwa die "Meistbegünstigtenklausel". Eine erweiterte und gründlichere Anwendung dieser Prinzipien wird zusammen mit e^nem Abbau von Zöllen und anderen Handelsschranken viele der spezifischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft beseitigen oder abschwächen.
Ein besonders unangenehmes Beispiel für dieses Problem sind die Gegenpräferenzvereinbarungen, die die Europäische Gemeinschaft mit einer Reihe von
weniger entwickelten Ländern abgeschlossen hat.
Alle diese Elemente der Handels-und Währungsreform sollten bei der Bewertung der Vorteile der umfassenden Veränderungen, die wir in diesem Jahr
in Gang setzen werden, als Ganzes betrachtet werden. Die erfolgreiche Durchführung dieser Veränderungen wird vielfältige Vorteile bringen - für die
Europäische Gemeinschaft, für die Bundesrepublik Deutschland und andere
EG-Mitgliedsländer und für die Vereinigten Staaten. Eine Handelsliberalisierung wird die klassischen Vorteile einer leistungsfähigeren Erzeugung
von Gütern und Dienstleistungen nach den Regeln des Wettbewerbsvorteils
bieten. Die Schaffung einer gerechten, geregelten und flexiblen Wirtschaftsstruktur wird es den verschiedenen Handelsnationen erlauben, die Vorteile
des internationalen Handels zu verwirklichen, ohne ihre einheimische Wirtschaft den Schwankungen eines unsicheren internationalen Systems auszusetzen. Was jedoch vielleicht noch wichtiger ist, die Bewältigung dieser
wirtschaftlichen Disharmonien würde die Realisierung der politischen Vorteile bedeuten, die aus einer internationalen Wirtschaftsordnung gewonnen werden können, die Stabilität und Sicherheit in der Welt fördert.

Angesichts

-5-

�Angesichts dessen, was auf dem Spiele steht, begrüßten die Vereinigten
Staaten ganz besonders das Angebot der Europäischen Gemeinschaft für einen
verstärkten fortgesetzten Dialog - ein Angebot, bei dem die Bundesrepublik
Deutschland eine konstruktive Rolle gespielt hat. Wir sehen diesem Dialog
mit großer Erwartung entgegen. Ergänzt durch bilaterale Konsultationen,
wie sie zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland
stattfinden, wird ein solcher Dialog von unschätzbarem Wert sein, wenn es
darum geht,die Aufgaben zu lösen, vor denen wir im Jahre 1973 gemeinsam
stehen werden.

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• 14/1973

INTERNATIONALE WECHSELKURSE UNTER NEUEN PERSPEKTIVEN
Von Eugene Brake

WASHINGTON --(AD)-- Die zwischen den großen Handelsnationen am 16. März
in Paris erreichten internationalen Währungsvereinbarungen haben dazu geführt, daß viele die internationalen Wechselkurse unter einer für sie völlig
neuen Perspektive sehen.
Bei dem System von Bretton Woods, das seit dem zweiten Weltkrieg gültig
war, stellte sich die Frage, wann Regierungen Maßnahmen zur Änderung ihrer
Wechselkurse treffen müssen? Nach den jetzt in Paris vereinbarten Abmachungen lautet die Frage anders, nämlich warum und wie weit sollten Regierungen
auf den Devisenmärkten intervenieren und die sich auf die Wechselkurse auswirkenden Marktkräfte beeinflussen? Die neue Form, das sich hier stellende
Problem zu betrachten, hat natürlich wichtige Auswirkungen auf die kommende,
langfristige Reform des internationalen Währungssystems.
Mit ein Grund für die neue Einstellung ist, daß das in Bretton Woods
vereinbarte System fester Wechselkurse praktisch aufgegeben worden ist. Dieses System von Bretton Woods ging davon aus, daß feste Wechselkurse aufrecht-

�aufrechterhalten werden müßten und Paritätsänderungen nur gestattet sind,
wenn sie sich nicht vermeiden lassen. Gerade dieses Festhalten an stabilen
Kursen führte ironischerweise jedoch zu immer neuen Erschütterungen und Spekulationswellen, und im Gefolge davon zu umfassenden Neufestsetzungen der
Wechselkurse, was wiederum für Teile der betroffenen Volkswirtschaften echte
Anpassungsprobleme schuf.
Nach dem Pariser Treffen fühlen sich die Regierungen nicht länger an
die Verpflichtung gebunden,, feste Kurse zwischen ihren Währungen aufrechtzuerhalten. Die meisten Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft, wie auch
einige Nichtmitglieder. sind zwar für relativ kleine Bandbreiten zwischen
ihren eigenen Währungen, doch gibt es keinerlei Vereinbarungen mehr, Kursschwankungen gegenüber anderen großen Währungen bestimmte Grenzen nicht überschreiten zu lassen. Diese Gruppe europäischer Währungen floated also gemeinsam. Aber genauso gibt es keinerlei Verpflichtungen, die gültigen Tageskurse
allein durch die Marktkräfte bestimmen zu lassen. Im Gegenteil können die
Regierungen intervenieren^ wenn sie dies für wünschenswert erachten, vor
allem, um auf den Devisenmärkten "geordnete Verhältnisse" zu schaffen.
Aber unter welchen Bedingungen wäre es für Regierungen wünschenswert
oder angebracht, auf den Devisenmärkten zu intervenieren?

Vor dieser Frage

stehen die einzelnen Regierungen seit der Pariser Konferenz praktisch täglich.
Aber die gleiche Frage ergibt sich auch bei jeder dauerhaften langfristigen
Reform des internationalen Währungssyst.ems, nämlich, ob es für die Regierungen
angebracht ist, zur Erhaltung "geordneter Verhältnisse" auf den Devisenmärkten
ihre eigene Währung zu verkaufen oder anzukaufen?
Dies ist wohl eine der gegenwärtig am stärksten umstrittenen Fragen. Die
meisten Währungs-und Wirtschaftsexperten beantworten sie mit "ja" - solange
es darum geht, starke Kursausschläge nach oben oder unten auszugleichen.
Einzelne Wirtschaftsexperten befürchten allerdings, daß solche begrenzten

-2-

�begrenzten Interventionen sich in der Praxis als einseitig erweisen könnten,
d.h., daß Regierungen der Versuchung erliegen könnten, zu Gunsten ihrer
Exporteure unter dem Vorwand zu intervenieren,"geordnete Verhältnisse"auf
den Devisenmärkten aufrechtzuerhalten.
Und damit ergibt sich gleich die nächste Frage: Darf eine Regierung
auf den Devisenmärkten intervenieren, um ihrer Exportindustrie Vorteile zu
verschaffen? Gerade über diesen Punkt bestehen aber noch die meisten Unstimmigkeiten bei der bevorstehenden Reform des internationalen Währungssystems. Die USA vertreten den Standpunkt, daß die einzelnen Länder die
Wechselkurse nicht als Mittel

zur Erzielung oder Erhaltung hoher Handels-

überschüsse benutzen dürfen. Vielmehr sollte das neue internationale Währungssystem nach Auffassung der USA auf einen Ausgleich der internationalen
Geldflüsse hinarbeiten, wobei alle hierzu beitragenden Faktoren wie Handel,
Touristenverkehr, Investitionsgelder und Erträge, Regierungstransaktionen
usw. erfaßt werden müßten. Allerdings sollten die Wechselkurse beim Auftreten grundlegender Ungleichgewichte umgehend den neuen Gegebenheiten angepaßt
werden. In der Vergangenheit zögerten die Regierungen jedoch stets, Handelsvorteile aufzugeben,die darauf beruhten, daß ihre Währungen unterbewertet
waren.
Seit 1971 hat sich allerdings die Auffassung immer mehr durchgesetzt,
daß unzutreffende Wechselkursrelationen nicht auf die Dauer aufrecht erhalten
werden dürfen. Und die in Paris getroffenen Abmachungen sowie das vorangegangene Floaten zahlreicher wichtiger Währungen scheinen darauf hinzudeuten,
daß das Prinzip nunmehr allgemein anerkannt wird, daß die Wechselkurspolitik auf einen Ausgleich der internationalen Geldflüsse hinarbeiten sollte.
Wenn in dieser Frage wirklich Einvernehmen erzielt worden ist, dann dürfte
eines der Haupthindernisse auf dem Wege zu einer dauerhaften Reform des internationalen Währungssystems überwunden sein.
Aber

-3-

�Aber auch die Frage, ob Regierungen zur Abwehr der Spekulation auf den
Devisenmärkten intervenieren sollten, bedarf einer Klärung. Zu üpekulationswellen kommt es stets, wenn die jeweiligen Wechselkurse nicht mehr den Gegebenheiten entsprechen und Kursänderungen früher oder später unvermeidlich
erscheinen. In bestimmten Fällen können Regierungsinterventionen zur Vermeidung zu starker Wechselkursfluktuationen unerwünschten Spekulationen den
Wind aus den Segeln nehmen. Doch herrscht die Überzeugung vor, daß massive
Interventionen zur Aufrechterhaltung starrer Kurse letztlich die Spekulanten

nur ermutigen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Spekula-

tion bei einer erfolgreichen Verteidigung des Wechselkurses nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen hat, wenn solche Interventionen schließlich
doch fehlschlagen.

Das von den Finanzministern am 16. März in Paris veröf-

fentlichte Kommunique sagt absichtlich nichts darüber aus, welchen Weg Regierungen künftig beschreiten sollen, um der Währungsspekulation zu begegnen,
so daß diesen jede Möglichkeit offen gelassen wird.
Aber noch andere Fragen bedürfen einer Lösung. Sollen Regierungen auf
den Devisenmärkten intervenieren, um massive Flüsse liquiden Privatkapitals
in Länder mit höheren Zinsen zu fördern? Oder sollten die Wechselkurse so
stark schwanken dürfen, daß solche Kapitalflüsse uninteressant werden? Sollten Regierungen durch Interventionen auf den Devisenmärkten zyklischen Faktoren entgegenwirken?
Es ist möglich, daß die Regierungen bei der Suche nach Antworten auf
diese und andere Fragen zunächst noch im Dunkeln tappen und erst die Erfahrungen mit den neuen in Paris getroffenen Vereinbarungen ihnen den richtigen Weg weisen werden. Ihre in Paris gefaßten Beschlüsse könnten aber durchaus auch zu dauerhaften Bestimmungen des neuen internationalen Währungssystems werden. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn das neue System auf
festen Paritäten mit größeren Bandbreiten und mehr Flexibilität oder auf
floatenden Kursen mit einem gewissen Maß an Regierungsinterventionen beruht.

-4-

�beruht. Gleichgültig von welcher Perspektive man diese Fragen betrachtet,
das grundlegende Problem bleibt, wann sollten Regierungen auf den Devisenmärkten intervenieren und wann sollten sie den Marktkräften freien Lauf
lassen?

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14/1973

BOTEN ZU FREMDEN PLANETEN
PIONIER-Start Auftakt zu neuen Forschungsprojekten der NASA

--(AD)-- Der Start der zweiten PIONIER-Sonde zum Planeten Jupiter, der für
den 5. April vorgesehen ist, bildet den Auftakt für eine Anzahl interessanter Raumfahrtprojekte der US-Behörde für Luft-und Raumfahrt (NASA) in diesem Jahr. PIONIER 11, mit 12 Instrumenten für 14 verschiedene Meß-und
Beobachtungsprogramme ausgerüstet, wird knapp zwei Jahre brauchen, bis er
sein Ziel erreicht. Die unbemannte Sonde soll, wie der Anfang März 1972
gestartete PIONIER 10, Nahbeobachtungen am Planeten Jupiter ermöglichen
und weitere Informationen über die Bedingungen im Weltraum bis zu den Großplaneten bringen. Der Jupiter hat mehr Masse als alle acht übrigen Planeten und die 32 Monde im Sonnensystem zusammen.
Nach PIONIER 11 stehen als wichtigste Unternehmen auf dem Programm:
Am 14. Mai Start der SKYLAB-Station, die zunächst unbemannt in eine
kreisförmige Erdumlaufbahn eingesteuert wird. 24 Stunden später folgt
die dreiköpfige Besatzung - Charles Conrad,Jr., als Kommandant, Dr. Joseph
P. Kerwin als Wissenschaftler und Paul J. Weitz als Pilot. Wenn alles
planmäßig verläuft, werden im August und November zwei weitere Gruppen
folgen. Alle drei Mannschaften verbringen mehrere Wochen an Bord der

-l-

�der experimentellen Raumstation^ die erste Gruppe soll sich vier, die zweite und dritte Gruppe jeweils acht Wochen im SKYLAB aufhalten. Die Astronauten haben zahlreiche Meß-und Beobachtungsprogramme zu absolvieren.
Sie gelten der Erde, der Sonne und anderen Gestirnen, in erster Linie
aber dem Menschen unter der Langzeitbelastung in der Schwerelosigkeit und
außerhalb seines gewohnten irdischen Lebensraumes. Die SKYLAB-Astronauten
fungieren als freiwillige Versuchspersonen der Raumflugmedizin.
Im Juni beabsichtigt die NASA den Start eines kleinen Forschungsgerätes, das in eine Mondumlaufbahn eingeschossen wird und als Radioobservatorium jenseits der irdischen Störfelder benutzt werden soll. Der "Radio
Astronomy Explorer" (RAE) wird Radioemissionen von Strahlenquellen innerhalb der Milchstraße empfangen. Er ist mit zwei Spezialantennen ausgerüstet, von denen jede auf eine Länge von 225 m ausgefahren werden kann.
Mit MARINER 10 soll im Oktober eine Forschungssonde den Flug zum Planeten Venus antreten. Im Anschluß an die Beobachtungen des Nachbargestirns
während des Vorbeiflugs im Februar 1974 fliegt die Sonde zum Merkur weiter. MARINER 10 soll den sonnennächsten Planeten erstmals aus der Nähe inspizieren. Das Gerät ist ähnlich gebaut wie MARINER 9, der 1971/72 aus
einer Marsumlaufbahn Tausende von Fernsehbildern von der Oberfläche des
äußeren Nachbarn im Weltraum übermittelte und es auch ermöglichte, einen
Blick auf seine beiden Monde zu werfen.
Für November ist der Start des ersten stationären Wetterbeobachtungssatelliten der USA vorgesehen. Er soll ca. 37 000 km hoch über dem aequatorialen südamerikanischen Kontinent im Weltraum "verankert" werden und run
um die Uhr Wetterdaten von der westlichen Hemisphäre liefern. Das Gerät
wird als "synchroner Meteorologie-Satellit" bezeichnet.

Die

�Die Vorbereitungen für die VIKING-Mission, die die Landung automatischer K l e i n l a b o r s auf dem M a r s zur Untersuchung der Bedingungen am Boden
v o r s i e h t , gehen inzwischen mit c a . 10 0 0 0 Beschäftigten in Laboratorien
und bei der Industrie w e i t e r . Zwei VIKING-Sonden sollen 1975 starten und
nach mehreren Monaten Anflug zum M a r s 1976 auf dem Planeten w e i c h landen.

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14/1973
NEUES VERFAHREN ZUR ALUMINIUMGEWINNUNG
-Weniger Stromverbrauch, umweltfreundlicher-

--(AD)-- Kleinere Schmelzöfen, geringerer Stromverbrauch und weniger Umweltverschmutzung sind die Vorteile eines neuen Verfahrens zur Gewinnung
von Rohaluminium. Nach Ansicht von John Harper, des Präsidenten der
"Aluminum

Company of America" (ALCOA), die diese Methode entwickelte und

inzwischen soweit erprobte, daß sie ab 1975 kommerziell ausgewertet werden
kann, ist sie die attraktivste Alternative zu dem heute gebräuchlichen Verfahren, das in den letzten 15 Jahren vervollkommnet wurde.
Da in den Vereinigten Staaten die Aluminiumhütten zehn Prozent des gesamten Industriestroms verbrauchen, bedeutete schon allein der um ein Drittel
geringere Strombedarf bei Anwendung des neuen Verfahrens einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor. Dazu kommt als weiterer wesentlicher Vorteil, daß es
keine fluorhaltigen Abgase gibt, die trotz kostspieliger Entgiftung noch genug Schäden in der Umgebung von Aluminiumhütten anrichten.
Bei der Aluminiumgewinnung nach dem herkömmlichen Verfahren wird Aluminiumoxyd (reiner, entwässerter Bauxit) in einer Kryolith-Schmelze (Natriumaluminiumfluorid) gelöst. Der fluorhaltige Kryolith ist jedoch immer schwerer zu beschaffen. Für das neue Verfahren wird dieses Mineral überhaupt nicht
benötigt. Vielmehr beruht es auf dem Prinzip, in einem Reaktor Aluminiumoxyd

-l-

�Aluminiumoxyd mit Chlor reagieren zu lassen und Aluminiumchlorid zu erzeugen. Diese Verbindung wird in einer völlig abgeschlossenen Zelle elektrolytisch in geschmolzenes Aluminium und Chlor getrennt. Das Chlor ist wiederverwendbar und wird in einem geschlossenen System dem Reaktor wieder zugeführt.

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AUSSTELLUNGEN
MIKROWELLEN - BAUTEILE UND GERÄTE
-Ausstellung und Fachtagung im US-Handelszentrum Frankfurt-

--(AD)-- Vom 21.bis 25. Mai 1973 zeigen im US-Handelszentrum in Frankfurt
(Main) 30 amerikanische Herstellerfirmen ihre neuesten Entwicklungen an
Bauteilen und Geräten für die Mikrowellentechnik. Rund 30 Prozent der
teilnehmenden Firmen kommen mit ihren Erzeugnissen zum ersten Mal nach
Deutschland und suchen auf diesem Wege Kontakt zu deutschen Unternehmen.
Das Ausstellungsprogramm umfaßt u.a. Antennen, Koaxial-Kabel und
Stecker, Hohlleiter, Filter, Ferrite, Avalanche-,Gunn-und Tunnel-Dioden,
Transistoren, Klystron -Röhren, Wanderfeldröhren, Verstärker, Multiplexer,
Transponder und Wobbeigeneratoren. Im Gerätebereich sind inbesondere Meßplätze, Spektrum-Analysatoren, Sampling-Oszilloskope sowie Meßgeräte für
Impedanz, Frequenz, Leistung etc. hervorzuheben.
Auf der angeschlossenen Fachtagung (22.bis 24.Mai) werden Experten
in 15 Fachvorträgen zu den jüngsten Erfahrungen und Erkenntnissen auf dem
Mikrowellensektor Stellung nehmen. (Anmeldung und Programme durch US-Handelszentrum, 6000 Frankfurt am Main, Bockenheimer Landstraße 2-4, Telefon: 72 08 Ol, Telex: 41 65 35).
-H-t-

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rundfunk- und Fernsehansprache Präsident Nixons vom 29. März&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das amerikanisch-vietnamesische Kommunique vom 3. April&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nixon wünscht Straffung der Anti-Rauschgift vom 3. April&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Atlantische Gemeinschaft im Jahre 1973&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Botschafter Martin J. Hillenbrand&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Internationale Wechselkurse unter neuen Perspektiven&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Eugene Brake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Boten zu fremden Planeten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- PIONIER-Start Auftakt zu neuen Forschungsprojekten der NASA -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neues Verfahren zur Aluminiumgewinnung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ausstellungen: Mikrowellen- Bauteile und Geräte</text>
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a

f^

Information
und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. April 1979

12

INHALT

DOKUMENTATION
Friedensvertrag zwischen der Arabischen Republik Ägypten und dem
Staate Israel
Anhang I zum Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel
Anlage zu Anhang I des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel
Hinweis auf Anhang II zum Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel
Anhang III zum Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel
Vereinbartes Protokoll zu Vertragsartikeln und Anhang I und III
Gemeinsames Schreiben Staatspräsident Sadats und Ministerpräsident Begins
an Präsident Carter
Briefwechsel zur Frage des Botschafteraustauschs zwischen Ägypten und
Israel
Schreiben Präsident Carters an Staatspräsident Sadat und Ministerpräsident
Begin
Ansprache Präsident Carters bei der Vertragsunterzeichnung
- Wortlaut Trinkspruch Carters auf dem Festbankett in Washington
- Wortlaut -

Um Übef/endunQ von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12

4. April 1979

FRIEDENSVERTRAG ZWISCHEN DER ARABISCHEN REPUBLIK ÄGYPTEN
UND DEM STAATE ISRAEL

PRÄAMBEL

Die Regierung der Arabischen Republik Ägypten und die Regierung des Staates
Israel:
Überzeugt von der dringlichen Notwendigkeit der Schaffung eines gerechten
umfassenden und dauerhaften Friedens im Nahen Osten und in Übereinstimmung mit
den Resolutionen 242 und 338 des Weltsicherheitsrates;

versichern erneut ihr Festhalten an dem am 17. September 1978 in Camp David
vereinbarten "Rahmen für einen Frieden im Nahen Osten";

weisen darauf hin, daß der oben genannte Rahmen eine geeignete Basis für
einen Frieden nicht nur zwischen Ägypten und Israel, sondern auch zwischen Israel
und jedem seiner anderen arabischen Nachbarländern schaffen soll, die bereit
sind, mit Israel auf dieser Basis Friedensverhandlungen zu führen;
mit

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�J

mit dem Wunsch nach einer Beendigung des Kriegszustandes zwischen ihnen
und der Schaffung eines Friedens, in dem jeder Staat in diesem Gebiet in Sicherheit leben kann;
in der Überzeugung, daß der Abschluß eines Friedensvertrages zwischen
Ägypten und Israel ein wichtiger Schritt bei der Suche nach einem umfassenden
Frieden in diesem Gebiet sowie für die Beilegung des arabisch-israelischen Konfliktes in al.l seinen Aspekten ist;
laden die anderen an diesem Streitfall beteiligten arabischen Parteien ein,
sich am Friedensprozeß mit Israel zu beteiligen, der an den Grundsätzen des oben
genannten Rahmens orientiert und darauf gegründet ist;
wünschen ebenso gegenseitige Beziehungen und Zusammenarbeit in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen und des Völkerrechts, die die
internationalen Beziehungen in Friedenszeiten regeln;
stimmen in freier Ausübung ihrer Souveränität den folgenden Bestimmungen zu,
um den "Rahmen für den Abschluß eines Friedensvertrages zwischen Ägypten und
Israel" zu erfüllen:

Artikel I
1. Der Kriegszustand zwischen den Vertragsparteien wird beendet, und zwischen ihnen wird nach Austausch der Ratifikationsurkunden dieses Vertrages Frieden geschaffen.
2. Israel wird alle seine Streitkräfte und Zivilisten vom Sinai hinter die
internationale Grenze zwischen Ägypten und Mandatspalästina zurückziehen, wie
es im beigefügten Protokoll (Anhang I) vorgesehen ist, und Ägypten wird die
Ausübung seiner vollen Souveränität über den Sinai wiederaufnehmen.
3. Nach
- 2 -

�3. Nach Ablauf des in Anhang I vorgesehenen Interims-Abzuges werden die
Vertragsparteien in Übereinstimmung mit Artikel III (3) normale und freundschaftliche Beziehungen aufnehmen.

Artikel II
Die ständige Grenze zwischen Ägypten und Israel ist die anerkannte internationale Grenze zwischen Ägypten und dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina,
wie dies auf der Karte von Anhang II dargestellt ist, ohne Präjudizierung der
Frage des Status des Gaza-Streifens. Die Vertragsparteien erkennen diese Grenze
als unverletzlich an. Jede wird die territoriale Integrität der anderen respektieren, einschließlich ihrer Hoheitsgewässer und ihres Luftraums.

Artikel III
1. Die Vertragsparteien werden zwischen sich die Bestimmungen der Charta
der Vereinten Nationen und die Grundsätze des Völkerrechtes hinsichtlich der
Beziehungen zwischen Staaten in Friedenszeiten anwenden.

Insbesondere:

a) Erkennen sie die Souveränität, territoriale Integrität und politische
Unabhängigkeit des anderen an und werden sie respektieren;
b) irkennen sie das Recht des anderen an, innerhalb sicherer und anerkannter
Grenzen in Frieden zu leben, und werden dieses Recht respektieren;
c) werden, sie sich der Drohung oder der Anwendung von Gewalt, direkt oder
indirekt gegen den anderen enthalten und werden alle Streitfragen zwischen sich
auf friedliche Weise regeln.
2. Jede Vertragspartei garantiert, daß keine kriegerischen Handlungen oder
Drohungen, Feindseligkeiten oder Gewalt von ihrem Territorium aus gegen die

�&gt;

die Bevölkerung, die Bürger oder das Eigentum der anderen Vertragspartei verursacht
oder,- bedangen werden, weder von ihrer Kontrolle unterstehenden Streitkräfte
noch von irgendwelchen anderen auf ihrem Territorium stationierten Streitkräften.
Jede Vertragspartei verpflichtet sich außerdem, sich der Organisierung, Anstiftung, Aufwiegelung, Unterstützung

kriegerischer Aktionen oder Drohungen, Feind-

seligkeiten, Subversion oder Gewaltanwendung gegen die andere Vertragspartei
oder der Beteiligung daran überall zu enthalten und garantiert, daß jeder Täter
solcher Handlungen vor Gericht gestellt wird. '
3. Die Vertragsparteien stimmen darin überein, daß normale Beziehungen zwischen ihnen die volle Anerkennung, diplomatische, wirtschaftliche und kulturelle
Beziehungen, die Beendigung des wirtschaftliche Boykotts sowie die Beseitigung
diskriminierender Schranken für den freien Verkehr von Menschen und Waren einschließen werden und garantieren ihren Bürgern den Genuß des rechtlichen Schutzes.
Der Prozeß, mit dessen Hilfe

sie eine solche Beziehung herstellen wollen, pa-

rallel zur Durchführung anderer Bestimmungen dieses Vertrages, ist im beigefügten
Protokoll (Anhang III) niedergelegt.

Artikel IV
1. Um beiden Vertragsparteien ein Maximum an Sicherheit auf der Grundlage
der Gegenseitigkeit zu geben, werden vereinbarte Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, die Zonen mit begrenzter Truppenstärke auf ägyptischem und
israelischem Territorium sowie Streitkräfte und Beobachter der Vereinten Nationen
einschließen. Einzelheiten hinsichtlich der Art und des Zeitpunktes sowie
weitere Sicherheitsvorkehrungen, über die sich die Vertragsparteien vielleicht
noch einigen werden, sind in Anhang I niedergelegt.
2. Die Vertragsparteien stimmen der Stationierung von Personal der Vereinten
Nationen zu, wie dies in Anhang I beschrieben wird. Die Vertragsparteien stimmen ferner darin überein, daß sie keinen Abzug des Personals der Vereinten Nationen fordern und daß dieses Personal nur abgezogen wird, wenn ein solcher Abzug vom Weltsicherheitsrat und mit Zustimmung der fünf ständigen Mitglieder

�Mitglieder gebilligt wird, es sei denn, die Vertragsparteien einigen sich anderweitig.
3. Um die Ausführung des Vertrages zu erleichtern, wird eine Gemeinsame
Kommission gebildet, wie dies in Anhang I vorgesehen ist.
4. Die Sicherheitsvorkehrungen, die in Absatz 1 und 2 dieses Artikels vorgesehen sind, können auf Ersuchen jeder Vertragspartei überprüft und aufgrund
gemeinsamer Zustimmung der Vertragsparteien abgeändert werden.

Artikel V
1. Israelische Schiffe sowie Schiffsladungen von und nach Israel werden
auf der Grundlage des für alle Nationen gültigen Vertrages von Konstantinopel
aus dem Jahre 1888 das Recht der freien Durchfahrt durch den Suez-Kanal und dessen Zufahrten durch den Golf von Suez und das Mittelmeer haben. Israelische
Staatsbürger, Schiffe und Ladungen sowie Personen, Schiffe und Ladungen von und
nach Israel werden bei der Behandlung aller mit der Benutzung des Kanals zusammenhängenden Fragen nicht diskriminiert werden.
2. Die Vertragsparteien betrachten die Straße von Tiran und den Golf von
Aqaba als internationale Wasserwege, die allenNationen zurungehinderten und ununterbrochenen freien Schiffahrt und zum überfliegen offenstehen. Die Vertragsparteien werden das Recht des anderen auf Schiffahrt und überfliegen zum
Zweck des Zugangs zum einen oder anderen Land durch die Straße von Tiran und
den Golf von Aqaba gegenseitig respektieren.

Artikel VI
1. Dieser Vertrag beeinträchtigt in keiner Weise die Rechte und Verpflichtungen
der Vertragsparteien gemäß der Charta der Vereinten Nationen und wird auch nicht
so interpretiert.

9

n.

�2. Die Vertragsparteien verpflichten sich, ihren Verpflichtungen gemäß
diesem Vertrag nach bestem Gewissen nachzukommen, ohne Rücksicht auf das Handeln oder Nichthandeln einer anderen Partei und unabhängig von irgendeinem
Dokument außerhalb dieses Vertrages.
3. Sie verpflichten sich ferner, in ihren Beziehungen alle notwendigen
Maßnahmen für die Anwendung der Bestimmungen der multilateralen Konventionen,
denen sie angehören, zu ergreifen, einschließlich der Hinterlegung einer entsprechenden Mitteilung beim Generalsekretär der Vereinten Nationen und bei anderen Depositarstaaten solcher Konventionen.
4. Die Vertragsparteien verpflichten sich, keine mit dem Vertrag in Konflikt stehenden Verpflichtungen einzugehen.
5. Gemäß Artikel 103 der Charta der Vereinten Nationen werden im Falle
eines Konfliktes zwischen den von den Vertragsparteien nach dem gegenwärtigen
Vertrag übernommenen Verpflichtungen, mit ihren anderen Verpflichtungen die
Verpflichtungen gemäß diesem Vertrag bindend und zu erfüllen sein.

Artikel VII
1. Meinungsverschiedenheiten, die-aus der Anwendung oder Auslegung dieses
Vertrages erwachsen, werden durch Verhandlungen gelöst werden.
2. Alle Meinungsverschiedenheiten dieser Art, die nicht durch Verhandlungen
beigelegt werden können, werden durch Schlichtung gelöst oder einem Schiedsspruch
unterworfen werden.

Artikel VIII
Die Vertragsparteien stimmen darin überein, für die gegenseitige Regelung
aller finanziellen Ansprüche eine entsprechende Kommission (Claims Commission)
einzusetzen.

Artikel IX
- 6 -

'

�Artikel IX
1. Dieser Vertrag wird nach Austausch der Ratifizierungsurkunden in Kraft
treten.
2. Dieser Vertrag ersetzt das Abkommen zwischen Ägypten und Israel vom
September 1975.
3. Alle Protokolle, Anhänge und Karten zu diesem Vertrag werden als integrale Teile dieses Vertrages angesehen.
4. Der Vertrag wird dem Generalsekretär der Vereinten Nationen in Übereinstimmung mit den Bestimmungen von Artikel 102 der Charta der Vereinten Nationen
zur Registrierung unterbreitet.
Gegeben zu Washington,D.C., am 26. Tage des März 1979 in dreifacher Ausfertigung in englischer, arabischer und hebräischer Sprache, wobei jeder Text
in gleicher Weise authentisch ist. Für den Fall unterschiedlicher Auslegung
wird der englische Text gültig sein.
Für die Regierung der Arabischen Republik Ägypten: (gez.) Sadat
Für die Regierung Israels:

(gez.) Begin

Bezeugt durch Jimmy Carter, Präsident der Vereinigten Staaten.

+ + + + +

(Anmerkung des Herausgebers:
englisehen Textes)

Inoffizielle deutsche Übersetzung des amtlichen

- 7 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12

4. April 1979

ANHANG I ZUM FRIEDENSVERTRAG ZWISCHEN ÄGYPTEN UND ISRAEL
ANHANG I

Protokoll bezüglich des israelischen Abzuges und der Sicherheitsabmachungen
Artikel I
Konzeption des Abzuges
1. Israel wird den Abzug all seiner Streitkräfte und Zivilisten vom Sinai
nicht später als drei Jahre nach dem Datum des Austausches der Ratifikationsurkunden dieses Vertrages abschließen.
2. Um die beiderseitige Sicherheit der Vertragsparteien zu gewährleisten,
wird die Durchführung des phasenweisen Abzuges von den militärischen Maßnahmen
und der Schaffung von Zonen begleitet, wie sie in diesem Anhang und in Karte 1
festgelegt sind, im folgenden als "die Zonen" bezeichnet.
3. Der Abzug vom Sinai wird in zwei Phasen erfolgen:
a) Interims-Abzug hinter die Linie von östlich vo" El Arish nach Ras
Muhammed wie in Karte 2 eingezeichnet innerhalb von neun Monaten vom
Datum des Austausches der Ratifikationsurkunden dieses Vertrages an;
b) endgültiger

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D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�b) endgültiger Abzug vom Sinai hinter die internationale Grenze nicht
später als drei Jahre nach dem Datum des Austausches der Ratifikationsurkunden dieses Vertrages.
4. Unmittelbar nach dem Austausch der Ratifikationsurkunden dieses Vertrages wird eine Gemeinsame Kommission geschaffen werden, um während des Abzuges Bewegungen und Zeitpläne zu überwachen und zu koordinieren und Pläne und
Zeitpläne anzupassen, wie sich das innerhalb der in Absatz 3 oben festgelegten
Grenzen als notwendig erweisen sollte.

Einzelheiten bezüglich der Gemeinsamen

Kommission sind in Artikel IV des beigefügten Anhanges festgelegt.

Die Gemein-

same Kommission wird mit Abschluß des endgültigen Abzuges Israels vom Sinai
aufgelöst werden.

Artikel II
Festlegung der endgültigen Linien und Zonen
1. Um eine maximale Sicherheit für beide Vertragsparteien nach dem endgültigen Abzug sicherzustellen, werden die in Karte 1 eingezeichneten Linien
und Zonen wie folgt errichtet und organisiert:
A. Zone A
(1) Zone A wird im Osten durch Linie A (rote Linie) und im Westen durch
den Suezkanal und die Ostküste des Golfs von Suez begrenzt, wie auf Karte 1
gezeigt.
(2) Eine ägyptische Streitmacht von einer motorisierten Infanteriedivision
und ihren militärischen Einrichtungen und Feldbefestigungen wird in dieser Zone
sein.
(3) Die Hauptelemente dieser Division werden bestehen aus:
(a) drei motorisierten Infanteriebrigaden,
(b) einer Panzerbrigade,
(c) sieben
- 2 -

�(c) sieben Feldartilleriebataillonen mit bis zu 126 Geschützen,
(d) sieben Luftabwehr-Geschützbataillone mit Einzel-Boden-Luft-Raketen
und bis zu 126 Luftabwehrgeschützen von 37 mm und darüber,
(e) bis zu 230 Panzern,
(f) bis zu 480 gepanzerten Mannschaftsfahrzeugen aller Typen,
(g) bis zu einer Gesamtzahl von 22 000 Mann.
B. Zone B
(1) Zone B wird begrenzt von Linie B (grüne Linie) im Osten und von Linie A
(rote Linie) im Westen, wie auf Karte 1 ersichtlich.
(2) Ägyptische Grenzeinheiten von vier Bataillonen, ausgerüstet mit leichten Waffen und Radfahrzeugen werden die Sicherheit gewährleisten und die zivile
Polizei bei der Aufrechterhaltung der Ordnung in Zone B unterstützen. Die Hauptelemente der vier Grenzbataillone werden aus einer Gesamtstärke von bis 4000
Mann bestehen.
(3) An der Küste dieser Zone dürfen landgestützte, mit niedriger Kraft
arbeitende Küstenwarnstellen der Grenzpatrouillen-Einheiten mit kurzer Reichweite eingerichtet werden.
(4) In der Zone B wird es Feldbefestigungen und militärische Einrichtungen
für die vier Grenzbataillone geben.
C. Zone C
(1) Zone C wird begrenzt von Linie B (grüne Linie) im Westen und der
internationalen Grenze und dem Golf von Aqaba im Osten, wie auf Karte 1 ersichtlich.
(2) In Zone C werden nur Streitkräfte der Vereinten Nationen und ägyptische
zivile Polizei stationiert sein.
(3) Die
- 3 -

�(3) Die mit leichten Waffen ausgerüstete ägyptische zivile Polizei
wird in dieser Zone normale Polizeifunktionen ausüben. •
(4) Die Streitmacht der Vereinten Nationen wird in der Zone C disloziert
und wird ihre Funktionen wie in Artikel IV dieses Anhangs definiert ausüben.
(5) Die Streitmacht der Vereinten Nationen wird hauptsächlich in Lagern
stationiert sein, die innerhalb der auf Karte 1 eingezeichneten Stationierungsgebiete liegen und wird ihre genauen Standpunkte nach Konsultationen mit
Ägypten festlegen:
(a) in jedem Teil des Gebietes im Sinai, der innerhalb von 20 km von der
Mittelmeerküste und angrenzend an die internationale Grenze liegt;
(b) im Gebiet von Sharm el-Sheik.
D. Zone D
(1) Zone D wird begrenzt von Linie D (blaue Linie) im Osten und der internationalen Grenze im Westen, wie auf Karte 1 ersichtlich.
(2) In dieser Zone wird es eine begrenzte israelische Streitmacht von
vier Infanteriebataillonen, ihren militärischen Einrichtungen und Feldbefestigungen sowie Beobachter der Vereinten Nationen geben.
(3) Zu den israelischen Streitkräften in Zone D werden keine Panzer,
Artillerie und Flugabwehrraketen gehören außer einzelnen Boden-Luft-Raketen.
(4) Die Hauptelemente der vier israelischen Infanteriebataillone werden
aus bis zu 180 gepanzerten Mannschaftsfahrzeugen aller Typen und einer Gesamtstärke von bis zu 4000 Mann bestehen.
2. Der

�2. Der Zugang über die Grenzen hinweg wird nur über Grenzübergänge erlaubt
sein, die jede Vertragspartei festlegt und kontrolliert.

Ein derartiger Grenz-

übergang wird in Übereinstimmung mit den Gesetzen und Bestimmungen jedes Landes
erfolgen.
3. In den Zonen sollen sich nur jene Feldbefestigungen, militärischen
Einrichtungen und Waffen befinden, die in diesem Anhang ausdrücklich erlaubt
werden.

Artikel III
Das militärische Luftregime
1. Flüge von Kampfflugzeugen und Aufklärungsflüge von Ägypten und Israel
werden nur jeweils über den Zonen A und D stattfinden.
2. In den Zonen A und D werden jeweils nur unbewaffnete, nicht für kriegerische Zwecke bestimmte Flugzeuge Ägyptens und Israels stationiert werden.
3. In der Zone B werden nur unbewaffnete ägyptische Transportflugzeuge
starten und landen, und nur bis zu acht solcher Flugzeuge dürfen in Zone B
stationiert werden. Die ägyptischen Grenzeinheiten dürfen mit unbewaffneten
Hubschraubern ausgestattet sein, um ihre Funktionen in Zone B auszuüben.
4. Die ägyptische zivile Polizei darf mit unbewaffneten Polizeihubschraubern
ausgerüstet sein, um normale Polizeifunktionen in Zone C auszuüben.
5. In den Zonen dürfen nur zivile Flugplätze gebaut werden.
6. Ohne Präjudiz zu den Bestimmungen dieses Vertrages werden nur jene
militärischen Tätigkeiten in der Luft in den Zonen und in dem Luftraum über
ihren Hoheitsgewässern erlaubt sein, die ausdrücklich durch diesen Anhang zugelassen werden.
Artikel IV

�Artikel IV
Das militärische Regime zur See
1. Ägypten und Israel darf jeweils Kriegschiffe entlang den Küsten der
Zonen A und D stationieren und von dort aus operieren lassen.
2. Leichtbewaffnete Boote der ägyptischen Küstenwache dürfen in den Hoheitsgewässern der Zone B stationiert werden und von dort aus operieren, um die Grenzeinheiten bei der Ausübung ihrer Funktionen in dieser Zone zu unterstützen.
3. Ägyptische zivile Polizei wird mit leichtbewaffneten leichten Booten
normale Polizeifunktionen in den Hoheitsgewässern der Zone C ausüben. .
4. Nichts in diesem Anhang darf als eine Beeinträchtigung des Rechtes
der freiedlichen Durchfahrt von Kriegschiffen der einen oder anderen Vertragspartei angesehen werden.
5. In den Zonen dürfen nur zivile Seehäfen und Einrichtungen gebaut werden.
6. Ohne Präjudiz zu den Bestimmungen dieses Vertrages werden nur jene
Tätigkeiten der Kriegsmarine in den Zonen und in ihren Hoheitsgewässern erlaubt sein, die durch diesen Anhang ausdrücklich zugelassen werden.

Artikel V
Frühwarnsysteme
Ägypten und Israel dürfen nur jeweils in den Zonen A und D Frühwarnsysteme
errichten und betreiben.

Artikel VI

�Artikel VI
Operationen der Vereinten Nationen
1. Die Vertragsparteien werden die Vereinten Nationen ersuchen, Streitkräfte und Beobachter zu stellen, um die Durchführung (der Bestimmungen) dieses Anhangs zu überwachen und ihre besten Bemühungen einzusetzen, um jede Verletzung seiner Bestimmungen zu verhindern.
2. Bezüglich dieser Streitkräfte und Beobachter der Vereinten Nationen
kommen die Vertragsparteien überein, wie angebracht um die folgenden Vereinbarungen zu ersuchen:
a. Betrieb von Grenzübergängen, Aufklärungspatrouillen und Beobachtungsposten entlang der internationalen Grenze und Linie B und innerhalb der Zone C;
b. die periodische Verifizierung der Durchführung der Bestimmungen dieses
Anhangs wird nicht weniger als zweimal im Monat vorgenommen, es sei denn, die
Vertragsparteien einigten sich anders;
c. zusätzliche Verifizierungen innerhalb von 48 Stunden nach Eingang eines
Ersuchens der einen oder der anderen Vertragspartei;
d. Gewährleistung der Freiheit der Schiffahrt durch die Straße von Tiran
in Obereinstimmung mit Artikel V des Friedensvertrages.
3. Die in diesem Artikel beschriebenen Vereinbarungen für jede Zone werden
in den Zonen A, B und C von den Streitkräften der Vereinten Nationen und in
Zone D von den Beobachtern der Vereinten Nationen durchgeführt.
4. Die Verifizierungsteams der Vereinten Nationen werden von Verbindungsoffizieren der jeweiligen Vertragspartei begleitet.
5. Die Streitmacht und die Beobachter der Vereinten Nationen werden ihre
Feststellungen beiden Vertragsparteien mitteilen.
6. Die

�6. Die Streitmacht und die Beobachter der Vereinten Nationen, die in
den Zonen operieren, werden Bewegungsfreiheit und andere Erleichterungen genießen, die für die Durchführung ihrer Aufgaben notwendig sind.
7. Die Streitmacht und die Beobachter der Vereinten Nationen sind nicht
befugt, das überschreiten der internationalen Grenze zu erlauben.
8. Die Vertragsparteien werden sich über die Länder einigen, aus denen
die Streitmacht und die Beobachter der Vereinten Nationen entsandt werden
sollen.

Sie werden aus Ländern entsandt werden, die keine ständigen Mitglieder

des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen sind.
«

9. Die Vertragsparteien kommen überein, daß die Vereinten Nationen jene
BefehlsVereinbarungen treffen, die die wirksame Durchführung ihrer Verantwortlichkeiten am besten gewährleisten.

Artikel VII
Verbindungssystem
1. Mit Auflösung der Gemeinsamen Kommission wird ein Verbindungssystem
zwischen den Vertragsparteien errichtet werden. Dieses Verbindungssystem ist
dazu gedacht, eine wirksame Methode zu bieten, um den Fortschritt bei der
Durchführung der Verpflichtungen im Rahmen des vorliegenden Anhangs zu begutachten und jedes Problem zu lösen, das im Verlauf der Durchführung auftreten
könnte, sowie um andere ungelöste Angelegenheiten jeweils an die höheren Militärbehörden der beiden Länder zur Erwägung zu verweisen. Es ist ferner dazu
gedacht, Situationen zu verhindern, die sich aus Irrtümern oder Fehl Interpretationen seitens der einen oder der anderen Vertragspartei ergeben.
2. Ein ägyptisches Verbindungsbüro wird in der Stadt El Arish und ein
israelisches Verbindungsbüro wird in der Stadt Beer-Sheba errichtet werden.
Jedes der Büros wird von einem Offizier des jeweiligen Landes geleitet werden,
der von einer Anzahl von Offizieren unterstützt wird.

-, . .
3. Zwischen

0

�3. Zwischen den beiden Büros wird eine direkte Telefonverbindung eingerichtet werden, und beide Büros werden auch direkte Telefonleitungen zum
Kommando der Vereinten Nationen unterhalten.

Artikel VIII
Achtung vor Kriegsgedenkstätten
Jede der Vertragsparteien verpflichtet sich, die Kriegsgedenkstätten, die
zum Andenken an Soldaten der anderen Vertragspartei errichtet wurden, in guter
Verfassung zu erhalten, nämlich jene, die von Israel auf dem Sinai errichtet
wurden, und jene, die von Ägypten in Israel errichtet wurden, und den Zugang
zu solchen Stätten zu gewähren.

Artikel IX
Interims-Abmachungen
Der Abzug der israelischen Streitkräfte und Zivilisten hinter die InterimsRückzugslinie und das Verhalten der Streitkräfte der Vertragsparteien und der
Vereinten Nationen vor dem endgültigen Abzug wird von dem beigefügten Anhang
und den Karten 2 und 3 bestimmt werden.

(Anmerkung des Herausgebers:
englischen Textes)

Inoffizielle deutsche Übersetzung des amtlichen

+ + + + +

- 9 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12

4. April 1979

ANLAGE ZU ANHANG I DES FRIEDENSVERTRAGES ZWISCHEN ÄGYPTEN UND ISRAEL
ANLAGE ZU ANHANG I

Organisation der Bewegungen auf dem Sinai

Artikel I
Prinzipien des Abzuges
1. Der Abzug der israelischen Streitkräfte und Zivilisten vom
Sinai wird in zwei Phasen vollzogen werden, wie in Artikel I von Anhang
I beschrieben. Die Beschreibung und der zeitliche Ablauf des Abzuges
sind in dieser Anlage enthalten. Die Gemeinsame Kommission wird von Chefkoordinator der Streitkräfte der Vereinten Nationen im Nahen Osten die
Einzelheiten dieser Phasen nicht später als einen Monat vor dem Beginn
jeder Phase des Abzuges ausarbeiten und unterbreiten.
2.

Beide Vertragsparteien kommen über die folgenden Prinzipien für

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�für den Ablauf der militärischen Bewegungen überein:
a) Ungeachtet der Bestimmungen von Artikel IX, Absatz 2 dieses
Vertrages werden bis zum vollständigen Abzug der israelischen Streitkräfte von den derzeitigen J und M-Linien, die durch das ägyptischeisraelische Abkommen vom September 1975 errichtet wurden, im folgenden
als Abkommen von 1975 bezeichnet, auf die Interims-Rückzugslinie alle im
Rahmen dieses Abkommens getroffenen militärischen Vereinbarungen in Kraft
bleiben - mit Ausnahme jener militärischen Vereinbarungen, über die in
dieser Anlage anderweitig verfügt wird.
b) So wie die israelischen Streitkräfte abziehen, werden Streitkräfte
der Vereinten

Nationen sofort in die evakuierten Gebiete einrücken, um

zwischenzeitliche und temporäre Pufferzonen zu schaffen, wie jeweils auf
den Karten 2 und 3 ersichtlich, zum Zwecke der Aufrechterhaltung einer
Trennung der Streitkräfte. Die Dislozierung von Streitkräften der Vereinten
Nationen wird der Bewegung jeden anderen Personals in diese Gebiete vorangehen.
c)

Innerhalb einer Periode von sieben Tagen, nachdem israelische

Streitkräfte ein Gebiet in Zone A evakuiert haben, werden Einheiten der
ägyptischen Streitkräfte in Übereinstimmung mit den Bestimmungen von
Artikel II dieser Anlage disloziert werden.
d) Innerhalb einer Periode von sieben Tagen, nachdem israelische
Streitkräfte ein Gebiet in den Zonen A oder B evakuiert haben, werden
ägyptische Grenzeinheiten in Übereinstimmung mit Artikel II dieser Anlage
disloziert werden und in Übereinstimmung mit Artikel II von Anhang I ihre
Funktion übernehmen.
e) Ägyptische zivile Polizei wird unmittelbar nach den Streitkräften der Vereinten Nationen in evakuierte Gebiete einrücken, um normale
Polizeifunktionen zu übernehmen.
Ägyptische

�f) Ägyptische Marineeinheiten werden in Übereinstimmung mit den
Bestimmungen von Artikel II dieser Anlage im Golf von Suez disloziert
werden.
g) Ausgenommen der oben erwähnten Bewegungen werden Dislozierungen
ägyptischer Streitkräfte und die in Anhang I aufgeführten Tätigkeiten in
den evakuierten Gebieten vorgenommen werden, wenn die israelischen Streitkräfte ihren Abzug hinter die Interims-Rückzugslinie beendet haben.

Artikel II
Teilphasen des Abzugs auf die Interims-Rückzugslinie
1. Der Abzug auf die Interims-Rückzugslinie wird in Teilphasen wie in diesem Artikel beschrieben und auf Karte 3 dargestellt - erfolgen.
Jede Teilphase wird innerhalb der angegebenen Zahl von Monaten vom Zeitpunkt des Austauschs der Ratifikationsurkungen dieses Vertrages an abgeschlossen werden.
a)

Erste Teilphase:

Innerhalb von zwei Monaten werden die

israelischen Streitkräfte aus dem Gebiet von El Arish, einschließlich
der Stadt El Arish und ihres Flugplatzes, abziehen;

auf Karte 3 ist

dieses Gebiet als Gebiet I eingezeichnet.
b)

Zweite Teilphase:

innerhalb vom drei Monaten werden die

israelischen Streitkräfte aus dem Gebiet zwischen der Linie M des Abkommens
von 1975 und der Linie A abziehen;

dieses Gebiet ist als Gebiet II auf

Karte 3 eingezeichnet.
c)

Dritte Teilphase:

innerhalb von sieben Monaten werden die

israelischen Streitkräfte aus den Gebieten östlich und westlich vom Gebiet II
abziehen;

dieses Gebiet ist auf Karte 3 als Gebiet III eingezeichnet.
Vierte
- 3 -

�d) Vierte Teilphase:

innerhalb von sieben Monaten werden die

israelischen Streitkräfte aus dem Gebiet von El Tor- Ras el Kenisa abziehen;
auf Karte 3 als Gebiet IV eingezeichnet.
e) Fünfte Teilphase:

innerhalb von neun Monaten werden die

israelischen Streitkräfte aus den übrigen Gebieten westlich der InterimsRückzugslinie abziehen, einschließlich der Gebiete von Santa Katrina und
der Gebiete östlich der Giddi-Mitla-Pässe, auf Karte 3 als Gebiet V eingezeichnet, und damit den Abzug der israelischen Streitkräfte hinter die
Interims-Rückzugslinie zum Abschluß bringen.
2.

Ägyptische Streitkräfte werden in den von israelischen Streit-

kräften evakuierten Gebieten wie folgt disloziert werden:
a)

Bis zum Abschluß des Interims-Rückzuges wird bis zu einem Drittel

der ägyptischen Streitkräfte im Sinai in Einklang mit dem Abkommen von 1975
in den Abschnitten der Zone A, die innerhalb des Gebietes I liegen,
disloziert werden.

Danach werden die ägyptischen Streitkräfte wie in

Artikel II des Anhangs I beschrieben, in der Zone A bis zu den Grenzen
der Interims-Pufferzone disloziert werden.
b) Die Aktivität der ägyptischen Marine wird in Einklang mit Artikel IV
des Anhangs I entlang den Küsten der Gebiete II-III und IV jeweils nach
Abschluß der zweiten, dritten und vierten Teilphasen beginnen.
c) Von den ägyptischen Grenzlinien, wie sie in Artikel II des
Anhangs I beschrieben sind, wird ein Bataillon im Gebiet I nach Abschluß
der ersten Teilphase disloziert werden.

Ein zweites Bataillon wird im

Gebiet II nach Abschluß der zweiten Teilphase disloziert werden.

Ein

drittes Bataillon wird nach Abschluß der dritten Teilphase im Gebiet III
disloziert werden.

Das erwähnte zweite und dritte Bataillon kann auch in

irgendeiner anderen der anschließend evakuierten Gebiete des südlichen

- 4 -

�südlichen Sinai disloziert werden.

3.

Die Streitmacht der Vereinten Nationen in der Pufferzone I des

Abkommens von 1975 wird re-disloziert werden, um die oben beschriebene
Dislozierung der ägyptischen Streitkräfte nach Abschluß der ersten Teilphase zu ermöglichen,wird aber ansonsten weiterhin in Einklang mit den
Bestimmungen jenes Abkommens in dem übrigen Teil dieser Zone bis zum Abschluß des Interims-Rückzugs ihre Funktion ausüben.

4.

Israelische Konvois dürfen die Straßen südlich und östlich der

im Osten von El Arish gelegenen Hauptstraßenkreuzung zur Evakuierung von
israelischen Streitkräften und Gerät bis zum Abschluß des Interim-Rückzugs
benutzen.

Diese Konvois werden bei Tageslicht fahren, nachdem vier Stunden

im voraus die ägyptische Verbindungsgruppe und die UN-Streitmacht davon
unterrichtet wurden, sie werden von der UN-Streitmacht eskortiert werden
und in Einklang mit den von der Gemeinsamen Kommission koordinierten
Plänen stehen.

Ein ägyptischer Verbindungsoffizier wird die Konvois be-

gleiten, um eine reibungslose Fahrt zu gewährleisten.

Die Gemeinsame

Kommission kann andere Arrangements für die Konvois billigen.

Artikel III
1.

Die Vertragsparteien werden darum ersuchen, daß die Streitmacht

der Vereinten Nationen so disloziert wird, wie es notwendig ist, um die
in dieser Anlage beschriebenen Funktionen bis zur Zeit des Abschlusses des
endgültigen israelischen Abzugs auszuüben.

Zu diesem Zweck haben die

Vertragsparteien einer Re-Dislozierung der Streitmacht der Vereinten
Nationen zugestimmt.

2.

Die Streitmacht der Vereinten Nationen wird die Durchführung

- 5-

�Durchführung (der Bestimmungen) dieser Anlage überwachen und ihr Bestes
tun, um eine Verletzung dieser Bestimmungen zu verhindern.
3.

Wenn die Streitmacht der Vereinten Nationen in Einklang mit den

Bestimmungen des Artikels I und II dieser Anlage disloziert ist, wird sie
die Funktion der Verifizierung in begrenzten Streitkräftezonen in Einklang
mit Artikel VI des Anhangs I ausüben und wird Kontrollpunkte, Aufklärungspatrouillen und Beobachtungsposten in den temporären Pufferzonen, wie in
Artikel II oben beschrieben, einrichten. Andere Funktionen der UN-Streitmacht, die die Interims-Pufferzone betreffen, werden in Artikel V dieser
Anlage beschrieben.

Artikel IV
Gemeinsame Kommission und Verbindung
1. Die Gemeinsame Kommission, auf die Artikel IV dieses Vertrages
Bezug nimmt, wird vom Zeitpunkt des Austauschs der Ratifikationsurkunden
dieses Vertrages an arbeiten bis zu dem Zeitpunkt des Abschlusses des endgültigen israelischen Abzuges vom Sinai.
2. Die Gemeinsame Kommission wird sich aus Vertretern jeder Vertragspartei unter der Führung von höheren Offizieren zusammensetzen.
Diese Kommission soll einen Vertreter der Vereinten Nationen einladen,
wenn Themen behandelt werden, die die Vereinten Nationen angehen, oder
wenn die eine oder die andere Vertragspartei um eine Präsenz der Vereinten
Nationen ersucht. Entscheidungen der Gemeinsamen Kommission werden durch
Übereinkunft von Ägypten und Israel getroffen werden.
3.

Die Gemeinsame Kommission wird die Durchführung der Vereinbarungen

überwachen, die in Anhang I und in dieser Anlage beschrieben sind.

Zu

diesem Zweck und durch Übereinkommen zwischen beiden Vertragsparteien

�Vertragsparteien wird sie:
a) militärische Bewegungen, wie in dieser Anlage beschrieben,
koordinieren und ihre Durchführung überwachen;
b) sich allen Problemen zuwenden, die sich aus der Durchführung
von Anhang I und dieser Anlage ergeben könnten, und sie zu lösen versuchen, und alle Verletzungen erörtern, die von den Streitkräften und
den Beobachtern der Vereinten Nationen berichtet werden, sowie alle ungelösten Probleme an die Regierungen von Ägypten und Israel verweisen;
c)
die Streitkräfte und Beobachter der Vereinten Nationen bei der
Erfüllung ihres Mandates unterstützen und sich mit den Zeitplänen der
periodischen Verifizierung befassen, wenn die Vertragsparteien darauf
verweisen, wie dies in Anhang I und in dieser Anlage vorgesehen ist;
d) die Demarkation der internationalen Grenze und aller Linien
und Zonen organisieren, wie sie in Anhang I und in dieser Anlage beschrieben werden;
e) die Übergabe der Hauptinstallationen auf dem Sinai von Israel
an Ägypten überwachen;
f) sich auf notwendige Vereinbarungen einigen, um die Leichname
vermißter ägyptischer und israelischer Soldaten aufzufinden und zurückzugeben;
g) die Einrichtung und den Betrieb der Grenzübergänge entlang der
Linie El Arish - Ras Muhammed in Übereinstimmung mit den Bestimmungen des
Artikels 4 des Anhangs III organisieren;
h)

ihre Aufgaben durch den Einsatz von Gemeinsamen Verbindungs-

�Verbindungsteams erfüllen, die jeweils aus einem israelischen und einem
ägyptischen Vertreter bestehen, die von einer ständigen Verbindungsgruppe
gestellt werden, welche Tätigkeiten nach Anweisung der Gemeinsamen Kommission
ausüben;
i) die Verbindung und Koordinierung zum Kommando der Vereinten
Nationen herstellen, wenn es um die Verwirklichung von Bestimmungen des
Vertrages geht, und über die Gemeinsamen Verbindungsteams am Ort die
Koordination und Zusammenarbeit mit den Streitkräften der Vereinten Nationen
aufrechterhalten, die in spezifischen Gebieten stationiert sind, oder mit
den Beobachtern der Vereinten Nationen, die spezifische Gebiete überwachen,
um ihnen jede notwendige Hilfe zu gewähren;
j) alle anderen Fragen erörtern, die die Vertragsparteien ihr durch
Übereinkunft vorlegen mögen.

4.

Sitzungen der Gemeinsamen Kommission sollen mindestens einmal

im Monat abgehalten werden.

Falls die eine oder die andere Vertragspartei

oder das Kommando der Vereinten Nationen eine Sondersitzung wünschen,
wird diese innerhalb von 24 Stunden einberufen.
5. Die Gemeinsame Kommission wird bis zum Abschluß des InterimsAbzuges in der Pufferzone tagen und danach abwechselnd in El Arish und
Beer-Sheba. Die erste Sitzung wird nicht später als zwei Wochen nach
Inkrafttreten dieses Vertrages stattfinden.

Artikel V
Definition der Interims-Pufferzone und der dortigen Tätigkeiten
1.

Es wird eine Interims-Pufferzone westlich der und anschließend

an die Interims-Rückzugslinie, wie auf Karte 2 ersichtlich, geschaffen
- 8 -

�geschaffen werden, durch die die Streitmacht der Vereinten Nationen eine
Trennung der ägyptischen und israelischen Elemente bewirken wird, nach
der Durchführung des israelischen Abzuges und der Dislozierung hinter der
Interims-Rückzugslinie.

Ägyptische zivile Polizei

mit leichten Waffen

wird in dieser Zone normale Polizeifunktionen ausüben.
2.

Die Streitmacht der Vereinten Nationen wird Grenzübergänge,

Aufklärungspatrouillen und Beobachtungsposten in der Interims-Pufferzone
unterhalten, um die Einhaltung der Bestimmungen dieses Artikels zu gewährleisten.
3.

In Übereinstimmung mit den Vereinbarungen, auf die sich beide

Vertragsparteien geeinigt haben und die von der Gemeinsamen Kommission
koordiniert werden, wird israelisches Personal militärische technische
Einrichtungen an vier bestimmten Orten unterhalten, wie aus

Karte 2

ersichtlich, und die bezeichnet werden als Tl (Zentrale Koordinate 57163940
auf der Karte), T2 (Zentrale Koordinate 59351541 auf der Karte), T3
(Zentrale Koordinate 59331527 auf der Karte) und T4 (Zentrale Koordinate
61130979 auf der Karte), und zwar nach folgenden Prinzipien:
a.

Die technischen Einrichtungen werden von technischem und von

Verwaltungspersonal besetzt, das mit Handfeuerwaffen ausgerüstet ist,
die für seinen Schutz erforderlich sind (Revolver, Gewehre, Maschinenpistolen, leichte Maschinengewehre, Handgranaten und Munition) und zwar
zahlenmäßig wie folgt:
Tl - bis zu 150 Mann
T2 und T3 - bis zu 350 Mann
T4 - bis zu 200 Mann
b) Israelisches Personal wird außerhalb der Anlagen keine Waffen
tragen, mit Ausnahme der Offiziere, die ihre persönliche Waffe tragen

- 9 -

�tragen dürfen.
c)

Den Bereich der technischen Einrichtungen in der Pufferzone

werden nur Dritte betreten und dort Inspektionen durchführen, auf die
sich Ägypten und Israel geeinigt haben.

Die Dritten werden die Inspektionen

stichprobenweise, mindestens jedoch einmal im Monat durchführen.

Die

Inspektionen werden die Art der Operationen der Einrichtungen und der
Waffen und des dort befindlichen Personals verifizieren.

Die Dritten

werden den Vertragsparteien sofort über jede Abweichung von der visuellen
und elektronischen Oberwachungs- oder Fernmelderolle einer Einrichtung
berichten.
d)

Die Versorgung der Einrichtungen, Besuche zu technischen und

administrativen Zwecken und das Auswechseln von Personal und Gerät in
den Anlagen dürfen ununterbrochen von den Grenzübergängen der Vereinten
Nationen zum Bereich der technischen Anlagen stattfinden, nach Oberprüfung
durch die und mit Begleitung nur der Streitkräfte der Vereinten Nationen.
e)

Israel wird es erlaubt sein, technische Einrichtungsgegenstände

einzubringen, die für das vorschriftsmäßige Funktionieren der Einrichtungen
und des Personals erforderlich sind.
f) Wie durch die Gemeinsame Kommission festgelegt,wird es Israel
erlaubt sein:
1)

in seinen Einrichtungen Löschgerät und Gerät für die allgemeine

Wartung sowie Fahrzeuge mit Radantrieb für die Verwaltung und mobiles
technisches Gerät zu unterhalten, das für die Unterhaltung der Anlagen
notwendig ist. Alle Fahrzeuge müssen unbewaffnet sein.
2) innerhalb der Anlagen und in der Pufferzone Straßen, Wasserleitungen und Fernmeldeleitungen zu unterhalten, die den Anlagen dienen.

�dienen.

An jedem der Orte der Einrichtungen (Tl, T2 und T3 und T4) darf

diese Wartung, wenn notwendig, von bis zu zwei Fahrzeugen mit Radantrieb
und bis zu 12 Mann Personal mit Gerät vorgenommen werden.

Diese Wartung

darf dreimal wöchentlich vorgenommen werden, außer wenn besondere Probleme
auftreten, und nur nachdem die Vereinten Nationen vier Stunden vorher
unterrichtet worden sind.

Die Teams werden von Personal der Vereinten

Nationen begleitet.
g) An- und Abmarsch zu und von den technischen Einrichtungen werden
nur während des Tageslichtes stattfinden.

Der Anmarsch zu und der Abmarsch

von den technischen Einrichtungen wird wie folgt stattfinden:
1) Tl: über einen Grenzübergang der Vereinten Nationen und über
die Straße zwischen Abu Aweigila und der Kreuzung der Abu Aweigila-Straße
und der Gebel Libni-Straße (km 161), wie auf Karte 2 ersichtlich;
2) T2 und T3: über einen Grenzübergang der Vereinten Nationen
und über die Straße, die durch die Pufferzone nach Gebel Katrina gebaut
wurde, wie auf Karte 2 ersichtlich;
3) T2, T3 und T4: mit Hubschraubern, die innerhalb eines Korridors
zu Zeiten und nach einer Flugbeschreibung fliegen, die von der Gemeinsamen
Kommission vereinbart worden sind.

Die Hubschrauber werden von der Streit-

macht der Vereinten Nationen an Landungspunkten außerhalb des Bereichs der
Einrichtungen überprüft werden.

h) Israel wird die Streitmacht der Vereinten Nationen zumindest
eine Stunde im voraus über jede beabsichtigte Bewegung auf die Einrichtungen hin oder von ihnen weg unterrichten.
i)

Israel wird berechtigt sein, jederzeit nach unmittelbarer Be-

- 11 -

�Benachrichtigung der Streitmacht der Vereinten Nationen Kranke und Verwundete zu evakuieren und medizinische Experten und medizinische Teams
herbeizurufen.

4.

Die Einzelheiten der oben erwähnten Grundsätze und alle anderen

Angelegenheiten in diesem Artikel, die eine Koordination durch die Vertragsparteien erfordern, werden durch die Gemeinsame Kommission behandelt
werden.
5. Diese technischen Einrichtungen werden zurückgenommen, wenn die
israelischen Streitkräfte von der Interims-Rückzugslinie abziehen, oder zu
einer anderen von den Vertragsparteien vereibarten Zeit.

Artikel VI
Verfügung über die Einrichtungen und militärischen Sperranlagen
Wie über die Einrichtungen und militärischen Sperranlagen verfügt
wird, werden die Vertragsparteien in Einklang mit den folgenden Richtlinien entscheiden:
1. Bis zu drei Wochen vor dem Abzug der Israelis aus dem jeweiligen
Gebiet wird die Gemeinsame Kommission Vorkehrungen treffen, daß ägyptische
und israelische Verbindungs- und technische Teams eine gemeinsame Inspektion
aller betreffenden Einrichtungen durchführen, um sich über den Zustand der
Strukturen und Gegenstände zu einigen, die ägyptischer Kontroll er unterstellt
werden sollen, und um Vorkehrungen für diese Übergabe zu treffen. Israel
wird zu dieser Zeit erklären, wie es über die Installationen und die
Gegenstände in den Installationen zu verfügen gedenkt.
2.

Israel verpflichtet sich, an Ägypten alle vereinbarten Infrastruktur-

- 12 -

�Infrastruktur, Anlagen und Einrichtungen intakt zu übergeben, unter anderem
Flugplätze, Straßen, Pumpstationen und Hafenanlagen.

Israel wird Ägypten

die Informationen geben, die für die Instand- und Inganghaltung dieser
Einrichtungen notwendig sind.

Gruppen ägyptischer Techniker wird es gestattet sein, den Betrieb
dieser Anlagen zu beobachten und sich mit ihnen vertraut zu machen, und
zwar für einen Zeitraum bis zu zwei Wochen vor der Übergabe.
3.

Wenn Israel die militärischen Wasserstellen bei El Arish und

El Tor aufgibt, werden ägyptische Techniker die Kontrolle über diese
Einrichtungen und die Hilfsgeräte übernehmen in Einklang mit einem ordnungsgemäßen Übergabeprozeß, wie er bereits vorher von der Gemeinsamen
kommission arrangiert wurde. Ägypten verpflichtet sich, weiterhin an
allen Wasserstellen die normale Menge von derzeit zur Verfügung stehendem
Wasser verfügbar zu machen bis zu der Zeit, da Israel sich hinter die
internationale Grenze zurückzieht, es sei denn, daß es in der Gemeinsamen
Kommission anders vereinbart wird.
4.

Israel wird nach besten Kräften bemüht sein, alle militärischen

Sperranlagen zu beseitigen und zu zerstören, einschließlich der Hindernisse und Minenfelder in den Gebieten und angrenzenden Gewässern, aus denen
es abzieht, in Einklang mit folgendem Konzept:

a)

Militärische Sperranlangen werden zuerst aus den Gebieten in

der Nähe von Wohnsiedlungen, Straßen und größeren Einrichtungen und Anlagen weggeräumt werden.

b)

Für die Hindernisse und Minenfelder, die nicht vor dem israelischen

Abzug beseitigt oder zerstört werden können, wird Israel für Ägypten und
die Vereinten Nationen über die Gemeinsame Kommission genaue Karten zur
Verfügung stellen, und zwar nicht später als fünfzehn Tage vor dem Ein-

- 13 -

�Einrücken der Streitmacht der Vereinten Nationen in die betreffenden
Gebiete.
c) Ägyptische Pioniere werden nach dem Einrücken der Streitmacht
der Vereinten Nationen in diese Gebiete einrücken, um die zur Beseitigung
der Sperranlagen notwendigen Operationen in Einklang mit den ägyptischen
Plänen durchzuführen, die vor der Durchführung zu unterbreiten sind.

Artikel VII
überwachungstäti gkei ten
1.

Luftüberwachungstätigkeiten während des Abzuges werden folgender-

maßen durchgeführt werden:
a)

beide Vertragsparteien ersuchen die Vereinigten Staaten, ihre

Luftaufklärungsflüge in Übereinstimmung mit früheren Abkommen bis zum
Abschluß des endgültigen Abzugs Israels fortzusetzen.
b) Flugbeschreibungen werden sich auf die Zonen mit begrenzten
Streitkräften erstrecken, um die Begrenzungen von Streitkräften und Waffen
zu überprüfen und um festzustellen, daß israelische Streitkräfte aus den
in Artikel II von Anhang I, Artikel II dieser Anlage und in den Karten 2
und 3 beschriebenen Gebieten abgezogen sind und daß diese Streitkräfte
danach hinter ihren Linien bleiben. Auf Ersuchen der einen oder der anderen
Vertragspartei oder der Vereinten Nationen können Sonderinspektionsflüge
geflogen werden.
c)

Nur über die Hauptelemente der militärischen Organisationen

beider Vertragsparteien, wie in Anhang I und in dieser Anlage beschrieben,
wird berichtet werden.
Beide

�2.

Beide Vertragsparteien ersuchen die von den Vereinigten Staaten

gestellte Sinai-Feldmission, ihre Operationen in Übereinstimmung mit
früheren Abkommen bis zum Abschluß des israelischen Abzuges aus dem Gebiet
östlich der Pässe Giddi und Mitla fortzusetzen.

Danach wird die Mission

beendet.

Artikel VIII
Ausübung der ägyptsichen Souveränität
Ägypten wird die Ausübung seiner vollen Souveränität über die
evakuierten Gebiete des Sinai nach dem israelischen Abzug wieder übernehmen, wie es in Artikel I dieses Vertrages vorgesehen ist.

+ + + + +

- 15 -

�1
I

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. April 1979

12

HINWEIS AUF ANHANG II ZUM FRIEDENSVERTRAG ZWISCHEN ÄGYPTEN UND ISRAEL

Hinweis des Herausgebers: Der Anhang II zum Friedensvertrag zwischen
Ägypten und Israel besteht aus den in Anhang I und in der Anlage zu Angang I
laufend angeführten Landkarten (1, 2 und 3 ) , die jedoch zum Zeitpunkt der
Herausgabe dieses Dienstes leider bei uns noch nicht vorlagen.
Wir planen im Rahmen unserer Reihe "Aus dem Zeitgeschehen" in Kürze
eine Broschüre über die Nahost-Friedensbemühungen Präsident Carters, in
der wir die genannten Landkarten abdrucken werden.
Wir bitten um Ihr Verständnis, daß wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt
den Anhang II nicht wiedergeben können.

+ + + + +

Postfach 20 03 00 Tel: 02221-89 32 40
D5300 Bonn 2
Telex:08-85432

�1

Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12

4. April 1979

ANHANG III ZUM FRIEDENSVERTRAG ZWISCHEN ÄGYPTEN UND ISRAEL
ANHANG III

Protokoll bezüglich der Beziehungen zwischen den Vertragsparteien
Artikel 1
Diplomatische und konsularische Beziehungen
Die Vertragsparteien kommen überein, diplomatische und konsularische
Beziehungen herzustellen und nach Abschluß des Interims-Abzugs Botschafter
auszutauschen.
Artikel 2
Wirtschafts- und Handelsbeziehungen
1. Die Vertragsparteien kommen überein, alle diskriminierenden
Hindernisse für normale Wirtschaftsbeziehungen zu beseitigen und nach
Abschluß des Interims-Abzuges die wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen auf
beiden Seiten zu beenden.
Zum

Postfach 20 03 00 Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432
D5300 Bonn 2

�2.

Zum frühest möglichen Zeitpunkt und nicht später als sechs

Monate nach Abschluß des Interims-Abzugs, werden die Vertragsparteien
in Verhandlungen in der Absicht eintreten, ein Allgemeines Handelsabkommen zum Zwecke der Förderung nützlicher Wirtschaftsbeziehungen abzuschließen.
Artikel 3
Kulturelle Beziehungen
1.

Die Vertragsparteien kommen überein, nach Abschluß der Interims-

Abzuges normale kulturelle Beziehungen herzustellen.
2.

Sie sind sich einig über die Erwünschtheit des Kulturaustausches

in allen Bereichen und werden zum frühest möglichen Zeitpunkt und nicht
später als sechs Monate nach Abschluß des Interims-Abzuges in Verhandlungen
in der Absicht eintreten, zu diesem Zwecke ein Kulturabkommen abzuschließen.
Artikel 4
Freizügigkeit des Verkehrs
1. Nach Abschluß des Interims-Abzuges wird jede der Vertragsparteien
die freie Bewegung von Staatsbürgern und Fahrzeugen der anderen Vertragspartei nach ihrem Territorium und innerhalb desselben gemäß den allgemeinen Regelungen gestatten, die auf Staatsbürger und Fahrzeuge anderer
Länder angewandt werden. Keine der Vertragsparteien wird diskriminierende
Beschränkungen für die freie Bewegung von Personen und Fahrzeugen aus
ihrem Territorium in das Territorium des anderen verfügen.
2.

Der gegenseitige ungehinderte Zugang zu Orten von religiöser

und historischer Bedeutung wird auf der Basis der Nichtdiskriminierung
gewährt werden.
Artikel 5
- 2 -

�Artikel 5
Zusammenarbeit für Zwecke der Entwicklung und gutnachbarschaftliche Beziehungen
1.

Die Vertragsparteien anerkennen die Gegenseitigkeit des Interesses

an gutnachbarschaftlichen Beziehungen und kommen überein, Mittel zur
Förderung solcher Beziehungen zu erwägen.
2.

Die Vertragsparteien werden bei der Förderung von Frieden,

Stabilität und Entwicklung in ihrer Region zusammenarbeiten.

Jede von

ihnen erklärt sich bereit, Vorschläge, die die andere Vertragspartei
zu diesem Zwecke zu machen gedenkt, zu erwägen.
3. Die Vertragsparteien werden darauf bedacht sein, das gegenseitige Verständnis und die gegenseitige Tolerenz zu fördern,und sie
werden sich dementsprechend feindseliger Propaganda gegen einander enthalten.
Artikel 6
Verkehr und Nachrichtenverbindungen
1.

Die Vertragsparteien anerkennen Rechte, Vorrechte und Verpflichtungen,

die in den Luftverkehrsabkommen vorgesehen sind, zu deren Signataren sie
gehören - insbesondere in der Konvention über die Internationale Zivilluftfahrt von 1944 (der Konvention von Chicago) und in dem Internationalen
Luftdienst-Transit-Abkommen von 1944 - als gegenseitig anwendbar.
2.

Nach Abschluß des Interims-Abzuges wird ein

eventueller nationaler

Notstand, der seitens einer der Vertragsparteien gemäß Artikel 89 der
Konvention von Chicago ausgerufen wird, auf die andere Vertragspartei
nicht auf diskriminierender Basis angewandt werden.
Ägypten

�3. Ägypten versichert, daß die Benutzung der von Israel bei El
Arish, Rafah, Ras el Nagb und Sharm el Sheikh verlassenen Flugplätze
nur zu zivilen Zwecken, einschließlich der möglichen kommerziellen Nutzung
seitens aller Länder, erfolgen wird.
4.

Zum frühest möglichen Zeitpunkt und nicht später als sechs

Monate nach Abschluß des Interims-Abzuges werden die Vertragsparteien
in Verhandlungen zum Zweck des Abschlusses eines Zivilluftfahrtsabkommens
eintreten.
5.

Die Vertragsparteien werden die Straßen- und Eisenbahnverbindungen

zwischen ihren Ländern wieder öffnen und unterhalten und die Schaffung
weiterer Straßen- und Bahnverbindungen in Erwägung ziehen.

Die Ver-

tragsparteien kommen ferner überein, daß eine Autobahn zwischen Ägypten,
Israel und Jordanien bis in die Nähe von Eilat mit garantierter freier
und friedlicher Durchfahrt von Personen, Fahrzeugen und Gütern zwischen
Ägypten und Jordanien unbeschadet ihrer Souveränität über jenen Teil der
Autobahn, der in ihr jeweiliges Territorium fällt, gebaut und unterhalten
wi rd.
6. Mit Abschluß des Interims-Abzuges werden normale Post-, Telegraphen-, Telex-, Datenfaksimile-, Funk- und Kabelverbindungen sowie
Fernseh-Relais-Dienste über Kabel, Funk und Satelliten zwischen den
beiden Vertragsparteien in Übereinstimmung mit allen relevanten internationalen Konventionen und Bestimmungen hergestellt werden.
7. Mit Abschluß des Interims-Abzuges wird jede der Vertragsparteien Schiffen und Ladungen der anderen Vertragspartei sowie auch Schiffen
und Ladungen nach oder aus anderen Ländern freien Zugang zu ihren Häfen
gewähren. Ein solcher Zugang wird unter den gleichen Bedingungn gewährt
werden, die generell auf Schiffe und Ladungen anderer Länder anwendbar
sind.

Artikel V des Friedensvertrags wird mit dem Austausch der Ratifizierungs-

- 4 -

�Ratifizierungsurkunden des besagten Vertrags rechtswirksam.
Artikel 7
Genuß der Menschenrechte
Die Vertragsparteien bekräftigen ihre Verpflichtung zur Achtung und
Wahrung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten für alle, und sie
werden diese Rechte und Freiheiten im Einklang mit der Charta der Vereinten
Nationen fördern.
Artikel 8
Territoriaigewässer
Ungeachtet
kennt jeder der
tragspartei auf
Übereinstimmung

der Bestimmungen von Artikel V des Friedensvertrages erVertragsparteien das Recht von Schiffen der anderen Verfriedliche Durchfahrt durch ihre Territoriaigewässer in
mit den völkerrechtlichen Bestimmungen an.

(Anmerkung des Herausgebers:
amtlichen englichen Textes)

Inoffizielle deutsche Übersetzung des

+ + + + +

- 5 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. April 1979

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VEREINBARTES PROTOKOLL ZU VERTRAGSARTIKELN UND ANHANG I UND III

Vereinbartes Protokoll zu den Artikeln I, IV, V und VI und
Anhang I und III des Friedensvertrages

Artikel I
Die Wiederaufnahme der Ausübung der vollen Souveränität über den Sinai
durch Ägypten, wie in Absatz 2 von Artikel I vorgesehen, soll in bezug auf
jedes Gebiet nach dem Abzug Israels aus diesem Gebiet erfolgen.

Artikel IV
Es ist zwischen den Vertragsparteien vereinbart, daß eine Oberprüfung
wie sie Artikel IV (4) vorsieht, unternommen wird, wenn sie von einer der bei
den Vertragsparteien gefordert wird, beginnend innerhalb von drei Monaten
nach einer solchen Forderung, daß aber eine jede Abänderung nur im gegenseiti
gen Einverständnis beider Parteien erfolgen kann.
Artikel V

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�Artikel V
Der zweite Satz von Absatz 2 des Artikels V soll nicht so ausgelegt
werden, als begrenze er den ersten Satz dieses Absatzes.

Das Vorausgehende

ist nicht so zu verstehen, als stehe es im Widerspruch zu dem zweiten Satz
von Absatz 2 des Artikels V, der folgendermaßen lautet:
"Die Vertragsparteien werden das Recht des anderen auf Schiffahrt und
überfliegen zum Zweck des Zugangs zum einen oder anderen Land durch die Straße
von Tiran und den Golf von Aqaba gegenseitig respektieren."

Artikel VI (2)
Die Bestimmungen des Artikels VI sollen nicht den Bestimmungen des in Camp
David vereinbarten Rahmenwerks für den Frieden im Nahen Osten entgegenlaufend
verstanden werden.

Das Vorausgehende ist nicht so zu interpretieren,als liefe

es den Bestimmungen von Artikel VI (2) des Vertrages entgegen, der folgendermaßen lautet:
"Die Vertragsparteien verpflichten sich, ihren Verpflichtungen gemäß diesem Vertrag nach besten Gewissen nachzukommen, ohne Rücksicht auf das Handeln
oder Nichthandeln einer anderen Partei und unabhängig von irgendeinem Dokument
außerhalb dieses Vertrages."

Artikel VI (5)
Die Vertragsparteien sind übereingekommen, daß es keine Zusicherung gibt,
daß dieser Vertrag über anderen Verträgen oder Abkommen steht oder daß andere
Verträge oder Abkommen über diesem Vertrag stehen.

Das Vorausgehende ist

nicht so zu interpretieren, als laufe es den Bestimmungen des Artikels VI (5)
entgegen, der folgendermaßen lautet:
"Gemäß

�"Gemäß Artikel 103 der Charta der Vereinten Nationen werden im Falle
eines Konfliktes zwischen den von den Vertragsparteien nach dem gegenwärtigen
Vertrag übernommenen Verpflichtungen mit ihren anderen Verpflichtungen die
Verpflichtungen gemäß diesem Vertrag bindend und zu erfüllen sein."

Anhang I
Artikel VI, Absatz 8 von Anhang I besagt folgendes:
"Die Vertragsparteien werden sich über die Länder einigen,aus denen die
Streitmacht und die Beobachter der Vereinten Nationen entsandt werden sollen.
Sie werden aus Ländern entsandt werden, die keine ständigen Mitglieder des
Sicherheitsrates der Vereinten Nationen sind."
Die Vertragsparteien haben wie folgt vereinbart:
"Hinsichtlich der Bestimmungen von Absatz 8, Artikel VI von Anhang I
werden die Vertragsparteien, wenn es zwischen ihnen zu keinem Übereinkommen
kommt, einen Vorschlag der Vereinigten Staaten bezüglich der Zusammensetzung
der Streitmacht der Vereinten Nationn und der Beobachter akzeptieren und unterstützen."

Anhang III
Der Friedensvertrag und der dazugehörige Anhang III sehen die Schaffung
normaler wirtschaftlicher Beziehungen zwischen den Vertragsparteien vor.

In

Übereinstimmung damit wurde vereinbart, daß solche Beziehungen normale kommerzielle öl verkaufe von Ägypten an Israel einschließen werden

und daß Israel

voll berechtigt ist, Gebote auf öl ägyptischen Ursprungs, das für den einheimischen ägyptischen Ölverbrauch nicht benötigt wird, zu machen und daß Ägypten
und seine ölkonzessionäre solche von Israel gemachten Gebote auf der gleichen

- 3 -

�gleichen Basis und zu gleichen Bedingungen entgegennehmen werden, wie sie für
andere auf derartiges öl Bietende gelten.
Für die Regierung der Arabischen Republik Ägypten: (gez.) Sadat
Für die Regierung Israels: (gez.) Begin
Bezeugt durch Jimmy Carter, Präsident der Vereinigten Staaten.

(Anmerkung des Herausgebers:
englischen Textes)

Inoffizielle deutsche Übersetzung des amtlichen

�FiTrtlSl "\im

w

WS

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

12

4. April 1979

GEMEINSAMES SCHREIBEN STAATSPRÄSIDENT SADATS UND MINISTERPRÄSIDENT BEGINS
AN PRÄSIDENT CARTER

Das nachstehende gemeinsame Schreiben
an Präsident Carter bezüglich des Westufers und Gaza wurden vom ägyptischen
Staatspräsidenten Anwar el Sadat und
dem israelischen Ministerpräsidenten
Menachem Begin am 26. März 1979 anläßlich
der Unterzeichnung des Friedensvertrages
zwischen Ägypten und Israel im Weißen
Haus in Washington unterzeichnet:
An den Präsidenten
Weißes Haus

26. März 1979

Sehr geehrter Herr Präsident:
Dieses Schreiben dient der Bestätigung, daß Ägypten und Israel wie
folgt übereingekommen sind:
Die Regierungen Ägyptens und Israels erinnern daran, daß sie in Camp

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�Camp David

bezüglich der als Anlage beigefügten Dokumente "Ein Rahmen für

den Frieden im Nahen Osten, vereinbart in Camp David" und "Ein Rahmen für
den Abschluß eines Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel" übereingekommen sind und diese am 17. September 1978 im Weißen Haus unterzeichnet
haben.
Zum Zweck der Erreichung einer umfassenden Friedensregelung gemäß
der vorstehend angeführten Rahmenvereinbarungen werden Ägypten und Israel
mit der Verwirklichung jener Bestimmungen voranschreiten, die das Westufer und den Gaza-Streifen betreffen.

Sie sind übereingekommen, die Ver-

handlungen innerhalb eines Monats nach dem Austausch der Ratifizierungsurkunden des Friedensvertrages aufzunehmen.

In Übereinstimmung mit dem

"Rahmen für den Frieden im Nahen Osten" wird das haschemitische Königreich
Jordanien eingeladen, an diesen Verhandlungen teilzunehmen.

Die Delegationen

Ägyptens und Jordaniens können Palästinenser vom Westufer und aus dem GazaStreifen oder, mit beiderseitiger Zustimmung, auch andere Palästinenser
einschließen.

Zweck dieser Verhandlungen soll es sein, vor den Wahlen eine

Einigung über die Modalitäten der Errichtung einer gewählten Selbstverwaltungskörperschaft (Verwaltungsrat) zustandezubringen, deren

Befugnisse

und Verantwortlichkeiten zu definieren und andere damit zusammenhängenden
Fragen zu regeln.

Für den Fall, daß sich Jordanien dazu entschließt, nicht

an den Verhandlungen teilzunehmen, werden diese von Ägypten und Israel
geführt.
Die beiden Regierungen kommen überein, zügig und in gutem Glauben zu
verhandeln, um diese Verhandlungen zum frühest möglichen Zeitpunkt abzuschließen.

Sie kommen ferner überein, daß das Ziel der Verhandlungen die

Errichtung einer Selbstverwaltungskörperschaft auf dem Westufer und

in

Gaza ist, um den Einwohnern dieser Gebiete die volle Autonomie zu verschaffen.
Ägypten und Israel setzen sich zum Ziel, die Verhandlungen innerhalb

- 2 -

�innerhalb eines Jahres zum Abschluß zu bringen, damit Wahlen so rasch
wie möglich nach Zustandekommen einer Vereinbarung abgehalten werden
können.

Die Selbstverwaltungskörperschaft auf die im Dokument "Rahmen

für den Frieden im Nahen Osten" Bezug genommen ist, wird innerhalb eines
Monats nach ihrer Wahl errichtet werden und ihre Amtsgeschäfte aufnehmen,
womit der Übergangszeitraum fon fUnf Jahren beginnt. Die israelische
Militärregierung und deren Ziviladministration werden abgezogen und durch
die Selbstverwaltungskörperschaft ersetzt, wie dies im Dokument "Rahmen
für den Frieden im Nahen Osten" vorgesehen ist. Daraufhin erfolgt der
Abzug der israelischen Streitkräfte auf genau spezifizierte SicherheitsStandorte.
Dieses Schreiben dient ferner der Bestätigung unserer Auffassung,
daß sich die Regierung der Vereinigten Staaten in allen Phasen der Verhandlungen voll und ganz an diesen beteiligen wird.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Für die Regierung der Arabischen Republik Ägypten
( gez.) Sadat
Für die Regierung Israels
(gez.) Begin

+ + + + +

(Anmerkung des Herausgebers:

Inoffizielle deutsche Übersetzung des

amtlichen englischen Textes)

- 3 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. April 1979

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BRIEFWECHSEL ZUR FRAGE DES BOTSCHAFTERAUSTAUSCHS
ZWISCHEN ÄGYPTEN UND ISRAEL

Nachstehende Schreiben zu dem geplanten
Botschafter-Austausch zwischen Ägypten
und Israel wurdem am 26. März in
Washington durch den amerikanischen
Präsidenten Carter, den ägyptischen
Staatspräsidenten Sadat und den
israelischen Ministerpräsidenten Begin
unterzeichnet und veröffentlicht:

SCHREIBEN MINISTERPRÄSIDENT SADATS AN PRÄSIDENT CARTER
An den Präsidenten

26. März 1979

Weißes Haus
Sehr geehrter Herr Präsident:
In Antwort auf Ihre Anfrage kann ich Ihnen bestätigen, daß Ägypten

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�Ägypten innerhalb eines Monats nach Abschluß des Rückzugs Israels auf die
Interims-Linie, wie im Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel vereinbart, einen Botschafter mit Dienstsitz nach Israel entsenden und einen
israelischen Botschafter mit Dienstsitz in Ägypten aufnehmen wird.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Mohamed Anwar el Sadat

SCHREIBEN PRÄSIDENT CARTERS AN MINISTERPRÄSIDENT BEGIN
Sr. Exzellenz Menachem Begin
Ministerpräsident des Staates Israel

26. März 1979

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident:
Ich habe ein Schreiben von Staatspräsident Sadat erhalten, demzufolge Ägypten innerhalb eines Monats nach Abschluß des Rückzugs Israels
auf die Interims-Linie im Sinai, wie im Friedensvertrag zwischen Ägypten
und Israel vereinbart, einen Botschafter mit Dienstsitz nach Israel entsenden und einen israelischen Botschafter mit Dienstsitz in Ägypten aufnehmen wird.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Jimmy Carter

SCHREIBEN MINISTERPRÄSIDENT BEGINS

�SCHREIBEN MINISTERPRÄSIDENT BEGINS AN PRÄSIDENT CARTER
An den Präsidenten

26. i'arz 1979

Weißes Haus
Sehr geehrter Herr Präsident:
Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß ich mit dem Verfahren
einverstanden bin, das in Ihrem Schreiben vom 26. März 1979 dargelegt ist,
in dem Sie erklären:
"Ich habe ein Schreiben von Staatspräsident Sadat erhalten, demzufolge
Ägypten innerhalb eines Monats nach Abschluß des Rückzugs Israels auf die
Interims-Linie im Sinai, wie im Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel
vereinbart, einen Botschafter mit Dienstsitz nach Israel entsenden und
einen israelischen Botschafter mit Dienstsitz in Ägypten aufnehmen wird."
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Menachem Begin

+ + + + +

(Anmerkung des Herausgebers:

Inoffizielle deutsche Übersetzung der

amtlichen englischen Texte.)

- 3 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

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4. April 1979

SCHREIBEN PRÄSIDENT CARTERS AN STAATSPRÄSIDENT SADAT UND
MINISTERPRÄSIDENT BEGIN

Die nachstehenden Schreiben des
amerikanischen Präsidenten Carter an
den ägyptischen Staatspräsidenten Sadat
und den israelischen Ministerpräsidenten
Begin bezüglich der Durchführung und
Beobachtung des Rückzuges aus dem Sinai
wurden am 26. März 1979 in Washington
unterzeichnet und veröffentlicht.

SCHREIBEN PRÄSIDENT CARTERS AN STAATSPRÄSIDENT SADAT
Sr. Exzellenz
Mohamed Anwar el Sadat
Präsident der Arabischen Republik Ägypten
Sehr geehrter Herr Präsident:
Ich möchte Ihnen bestätigen, daß gemäß den Verfahrensregeln der

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Telex:08-85432

�der Verfassung der Vereinigten Staaten:
diese für den Fall einer tatsächlichen oder drohenden Verletzung
des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel auf Ersuchen einer oder
beider Vertragsparteien mit beiden diesbezügliche Konsultationen aufnehmen
und andere von ihnen als angemessen und hilfreich erachtete anderweitige
Maßnahmen ergreifen werden, um die Erfüllung des Vertrags zu erreichen.
Die Vereinigten Staaten werden Luftaufklärung betreiben, wie von den
Vertragsparteien in Anhang I des Vertrags vereinbart.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die Vertragsbestimmung bezüglich der Stationierung von Personal der Vereinten Nationen
in der bezeichneten Zone begrenzter Truppenstärken vom Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen verwirklicht werden kann und soll.

Die Vereinigten

Staaten werden größte Anstrengungen unternehmen, den erforderlichen
Beschluß des Sicherheitsrates zustandzubringen.
Sollte der Sicherheitsrat die in dem Vertrag erbetenen Vorkehrungen
nicht treffen und weiterführen, ist der Präsident bereit, die erforderlichen
Schritte zu unternehmen, um die Aufstellung und den Unterhalt einer
akzeptablen multinationalen Streitmacht als Alternative sicherzustellen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Jimmy Carter

SCHREIBEN PRÄSIDENT CARTERS AN

�SCHREIBEN PRÄSIDENT CARTERS AN MINISTERPRÄSIDENT BEGIN
Sr. Exzellenz

26. März 1979

Menachem Begin
Ministerpräsident des Staates Israel
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident:
Ich möchte Ihnen bestätigen, daß gemäß den Verfahrensregeln der Verfassung der Vereinigten Staaten:
diese im Falle einer tatsächlichen oder drohenden Verletzung des
Friedensvertrags zwischen Israel und Ägypten auf Ersuchen einer oder beider
Vertragsparteien mit beiden diesbezügliche Konsultationen aufnehmen und
andere von ihnen als angemessen und hilfreich

erachtete anderweitige

Maßnahmen ergreifen werden, um die Erfüllung des Vertrags zu erreichen.
Die Vereinigten Staaten werden Luftaufklärung betreiben, wie von
den Vertragsparteien in Anhang I des Vertrags vereinbart.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die Vertragsbestimmung bezüglich der Stationierung von Personal der Vereinten Nationen
in der bezeichneten Zone begrenzter Truppenstärken vom Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen

verwirklicht werden kann und soll.

Die Vereinigten

Staaten werden größte Anstrengungen unternehmen, den erforderlichen Beschluß des Sicherheitsrates zustandezubringen.
Sollte der Sicherheitsrat die im Vertrag erbetenen Vorkehrungen nicht
treffen und weiterführen, ist der Präsident bereit, die erforderlichen
Schritte zu unternehmen, um die Aufstellung und den Unterhalt einer

�einer akzeptablen multinationalen Streitmacht als Alternative sicherzustellen.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) Jimmy Carter

+ + + +

(Anmerkung des Herausgebers: Inoffizielle deutsche Übersetzung der
amtlichen englischen Texte)

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

4. April 1979

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ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS BEI DER VERTRAGSUNTERZEICHNUNG
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Anläßlich der Unterzeichnung des Friedensvertrages
zwischen Ägypten und Israel am 26. März 1979 hielt Präsident Jimmy Carter folgende Ansprache:
Während der letzten 30 Jahre haben Israel und Ägypten miteinander Krieg
geführt.

Aber seit 16 Monaten haben dieselben beiden großen Nationen den Frie-

den verwirklicht.

Wir feiern heute einen Sieg - nicht den Sieg in einem blu-

tigen militärischen Feldzug, sondern in einem begeisternden Friedensfeldzug.
Zwei Führer - die eine hohe Stellung in der Geschichte der Staaten einnehmen
werden - Präsident Anwar Al-Sadat und Ministerpräsident Menachem Begin - haben
diesen Feldzug mit all dem Mut, all der Ausdauer, all der Brillianz und all
dem Einfallsreichtum geführt,wie sie nur ein General hätte haben können, der
je Menschen und Maschinen auf dem Schlachtfeld geführt hat.
Am Ende dieses Feldzuges ist der Boden der beiden Länder nicht mit dem
Blut junger Menschen getränkt.

Die Landschaft beider Länder ist frei von den

Überresten und dem Gemetzel eines nutzlosen Krieges. Heute brauchen in Ägypten
und Israel keine Mütter um ihre in einem sinnlosen Kriege gefallenen Kinder
zu weinen.

Die Hingabe und die Entschlossenheit dieser beiden Staatsmänner der

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Telex:08-85432

�der Welt haben Früchte getragen.
gekommen.

Der Frieden ist nach Israel und Ägypten
i
j

Ich ehre diese beiden Führer und ihre Regierungsvertreter, die diesen
Friedensvertrag geschmiedet haben, den wir gerade unterzeichnet haben.

Aber

vor allem möchte ich die Völker dieser beiden Länder ehren, deren Friedenssehnsucht die Verhandlungen am Leben erhalten haben, die heute ihren Gipfel
in diesem glorreichen Ereignis finden.
Wir haben endlich den ersten Schritt zum Frieden getan - einen ersten
Schritt auf einem langen und schweren Weg.
vor uns liegen, nicht zu klein ansehen.

Wir dürfen die Hindernisse, die

Noch immer trennen die Signatarstaaten

dieses Vertrages Differenzen voneinander und auch noch von einigen ihrer Nachbarn, die sich vor dem fürchten, was sie gerade getan haben.

Um diese Differen-

zen zu überwinden und diese Befürchtungen zu zerstreuen, müssen wir uns erneut
dem Ziel eines umfassenderen Friedens in Gerechtigkeit für all jene verschreiben, die im Nahen Osten in einem Zustand des Konflikts gelebt haben.
Wir haben keine Illusionen - wir haben Hoffnungen, Träume und Gebete aber keine Illusionen.
Nun verbleibt der Rest der arabischen Welt, deren Unterstützung und deren
Mitarbeit in dem Friedensprozeß notwendig ist und ehrlich gesucht wird. Ich
bin überzeugt, daß andere arabische Völker den Frieden brauchen und wollen,
aber einige ihrer Führer sind noch nicht bereit, diese Erfordernisse und Wünsche nach Frieden zu honorieren. Jetzt müssen wir die Vorteile des Friedens
demonstrieren und seine Segnungen ausweiten, damit sie alle jene einschließen,
die im Nahen Osten so viel gelitten haben.
Es wird offensichtlich der Zeit und des Verständnisses bedürfen, bis die
Völker, die bisher Feinde waren, Nachbarn im besten Sinne des Wortes werden.
Nur weil ein Papier unterzeichnet worden ist, werden nicht alle Probleme automatisch verschwinden.

Künftige Tage werden von uns allen das Beste verlangen,

damit diese hochfliegenden Hoffnungen und Wünsche Wirklichkeit werden.
Mögen

�Mögen jene, die den Frieden erschüttern möchten - die ohne Gefühl Blut
vergießen möchten - sich bewußt sein, daß wir drei und alle anderen, die sich
uns anschließen werden, nachhaltig für den Frieden eintreten werden.

Möge es in die Annalen der Geschichte eingehen, daß tiefe

und alte

Feindseligkeit ohne Blutvergießen und ohne die niederschmetternde Verschwendung kostbaren Lebens, ohne die raubgierige Zerstörung des Landes beigelegt
werden kann.

Es ist gesagt worden:

"Frieden hat eines gemein mit seinem Gegner, mit dem Feind, den er bekämpft, mit dem Krieg Frieden ist aktiv, nicht passiv;
Frieden ist zupackend, nicht abwartend;
Frieden ist aggressiv - angreifend;
Frieden plant seine Strategie und umringt den Feind;
Frieden bietet seine Kräfte auf und stürmt die Tore;
Frieden sammelt seine Waffen und durchdringt die Verteidigung;
Frieden, wird, wie der Krieg, geführt."

Es ist wahr, daß wir Vertrauen und Zusammenarbeit unter Nationen nicht
aufzwingen können, aber wir können all unsere Kraft aufbieten, um dafür zu sorgen, daß Nationen nicht wieder in den Krieg ziehen.

Unsere religiösen Überzeugungen geben uns Hoffnung.

Im Koran lesen wir:

"Aber wenn der Feind dem Frieden zuneigt, dann sollst

auch Du dem Frieden zuneigen und auf Gott vertrauen:

Denn Er ist es, der alles

hört und sieht."
(S.VIII.61)

Und
- 3 -

�Und der Prophet Isaias sagt: "Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzenspitzen zu Winzermessern; kein Volk wird
noch gegen ein anderes Volk das Schwert erheben, und sie werden sich hinfort
nicht mehr auf den Krieg einüben."
(Isaias 2:4)
Laßt uns jetzt die Werke des Krieges ablegen.

Laßt uns jetzt all die

Kinder Abrahams, die nach einem umfassenden Frieden im Nahen Osten hungern,
belohnen.

Laßt uns jetzt freudigen Herzens auf das Wagnis eingehen, ganz

Mensch, ganz Nachbarn, ja Brüder und Schwestern zu werden.

Wir bitten Gott,

wir bitten zusammen Gott, daß sich diese Träume erfüllen werden.
daran.

+ + + + +

Ich glaube

�Dokumentation

I 3

International Communication Agency
Embassy of the United States of America
4. April 1979

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TRINKSPRUCH CARTERS AUF DEM FESTBANKETT IN WASHINGTON
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - Der Trinkspruch, den Präsident Carter am 26. März 1979
auf einem Festbankett anläßlich der Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel ausbrachte, hat folgenden Wortlaut:
Herr Präsident Sadat, Herr Ministerpräsident Begin, ägyptische, israelische
und amerikanische Freunde.
Dies ist einer der Abende, wo es mir schwerfällt, sitzenzubleiben, weil
ich so aufgeregt bin.
Zu den meisten Zeiten der Geschichte gab es, wenn ein Friedensvertrag
unterzeichnet wurde, einen Sieger und einen Besiegten.
wonnen, das andere verloren.

Das eine Land hatte ge-

Heute haben wir einen Friedensvertrag unterzeich-

net, und beide Länder haben gewonnen.
Das ist in der Tat ein erfreulicher Anlaß. Wir haben flir den Frieden gebetet und für den Frieden gearbeitet.

Nun sind wir Gott in aller Demut dankbar

dafür, daß wir den Beginn des Friedens im Nahen Osten feiern können.
Ich

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�Ich habe diese beiden Männer zu meiner Rechten während der letzten 18 Monate gut kennengelernt - manchmal zu gut. Wir haben Tage und Tage, Stunden und
Stunden zusammen verbracht - geplant, argumentiert, debattiert, verhandelt.
Ich habe sie kennen und schätzen gelernt, es hat sich eine Freundschaft herausgebildet, ein Gefühl der Brüderlichkeit und gar der Liebe zu ihnen beiden.
Beide Männer haben großen Mut, sind sehr empfindsam, sehr patriotisch und
verfügen über großes staatsmännisches Können.

Es sind Männer, die sich niemals

davor gefürchtet haben, schwierige Fragen anzugehen und unermüdlich nach den
Antworten zu suchen.
Es sind Männer, die mich inspiriert haben und die ihrerseits von den Menschen in ihren großen Ländern, welche sie hier vertreten, inspiriert worden sind.
Der Friede, der heute geschaffen wurde, hat eine Bedeutung, die uns aus
alten Zeiten überliefert ist.
In alten Tagen hat Gott Abraham versprochen, daß aus seinem Samen viele
Völker entstehen würden, und dieses Versprechen ist erfüllt worden.

Doch

kannten eine zu lange Zeit das Volk Israels und das ägyptische Volk - zwei
der Nationen der Kinder Abrahams, die auf denselben Gott vertrauten und auf
denselben Frieden hofften, nur Feindschaft untereinander.

Diese Zeit ist, Gott

sei Dank, nun zu Ende.
Nach 30 Jahren und vier Kriegen, nach endlosem Töten und furchtbarem
Schmerz sehen wir nunmehr einen neuen Zeitabschnitt vor uns - eine Zeit, so
hoffen wir, in der Gewalt nicht mehr den Nahen Osten beherrscht und in der die
gerechten Anliegen aller eine friedliche Lösung der gemeinsamen Probleme finden können und eine friedliche Verwirklichung der Hoffnungen und Träume der
Menschen, die von uns Führung erwarten.
&gt;

.

-

.

-

•

'

Wir haben auf dem Wege des Friedens in kurzer Zeit große Fortschritte erzielt. Es ist erst 16 Monate her, seit Präsident Sadat seine außergewöhnliche

- 2 -

�außergewöhnliche und historische Reise nach Jerusalem antrat.

Er wurde dort

von Ministerpräsident Begin begrüßt, und seiner Reise folgte der in gleicher
Weise historische Besuch von Ministerpräsident Begin in Ismailia.

Ihr Weit-

blick und ihr Mut erweckten die Hoffnungen in den Herzen der Menschen in aller
Welt.
Was wir inzwischen erreicht haben, grenzt ans Wunderbare. Es gab schwierige Augenblicke, viele schwierige Augenblicke: Zeiten, da es unmöglich
schien, die Meinungsverschiedenheiten zu überwinden. Aber immer dann riefen
uns einige wenige Realitäten zu erneutem Bemühen auf:
- zunächst das Wissen, daß die Menschen - die Menschen Ägyptens und
Israels - was auch immer ihre Führer getan hätten - zutiefst und leidenschaftlich den Frieden wünschten;
- zweitens die Erkenntnis, daß der Prozeß, den wir begonnen hatten, den
einzigen praktischen Weg zum Frieden darstellte;
- drittens die Verpflichtung gegenüber denjenigen, die so sehr gelitten
haben, die Verpflichtung gegenüber der Jugend, den alten Menschen und den
künftigen Generationen;
- und - so meine ich - vor allem unser inständiger Glaube an einen gerechten und barmherzigen Gott.
Diese Dinge hielten uns aufrecht, und sie haben uns heute hierher gebracht.
Ich möchte hier eine einfache Tatsache feststellen:

Immer dann, wenn an-

dere die offenbar endlose Tragödie des Nahen Ostens nicht beenden konnten oder
wollten, wagten, zwei Männer, Präsident Anwar Al-Sadat und Ministerpräsident
Menachem Begin, das Undenkbare zu denken, sie wagten, was andere fürchteten, daß
es nicht getan werden könne, sie wagten, die Geschichte in ihre Hand zu nehmen
und sie dem Frieden zuzuführen.

Und ich danke ihnen beiden.

- 3 -

Sie hatten die

�die Vision des Psalmisten, der da sagte:

"Seht wie schön und. wie lieblich

ist's, wenn Brüder auch (friedlich) beisammen wohnen."
Dieses Ergebnis wurde nicht nur von Staatsmännern, sondern von Völkern
erzielt - von starken und schöpferischen Völkern, die stolz sind auf ihr Erbe
und auf ihre gegenwärtigen Leistungen und klug genug, um zu wissen, daß das
künftige Wohlergehen nur durch Zusammenarbeit und das sehr schwierige Element
des gegenseitigen Vertrauens sichergestellt werden kann.
Heute feiern wir kein Ende, sondern einen Anfang, denn der Vertrag zwischen
Ägypten und Israel ist nur der erste Schritt auf einem langen, harten, engen
und sehr schwierigen Wege.
Wir hoffen, daß die Palästinenser und andere sich uns bald anschließen
werden in unseren Bemühungen, diesen Vertrag zum Grundpfeiler eines umfassenden
Friedens zu machen - eines wahren und dauerhaften Friedens im gesamten Nahen
Osten.

Ich lade jene herzlich ein, die sich - aus welchen Gründen auch immer -

bisher zurückgehalten haben, sich uns in Zukunft anzuschließen.

Der Weg ist

lang und schwierig, aber der Friede ist der einzige Weg.
Wir haben eine Vision gemeinsam - die Vision einer Zeit, da alle Völker
des Nahen Ostens ihre Energien auf die Werke des Lebens verwenden, da junge
Menschen heiraten und Familien in der Hoffnung gründen können, daß sie die
Kinder ihrer Kinder sehen und kennen werden, da die alten Menschen nach einem
erfüllten Leben in Ruhe sterben können. Wir beten darum, daß diese Zeit kommen möge, und wir werden auch weiterhin für diese Zeit arbeiten.
Wir haben jetzt die Zeit der Erneuerung, da die Erde neues Leben hervorbringt.

Der Koran berichtet uns von einem Propheten und König Israels, für den

Gottes Macht "stürmische Winde sanft.wehen ließ."

Das Alte Testament berichtet

uns die Worte desselben Königs, die Worte Salomons: "Jegliches Ding hat seine
Zeit und alles Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde."
Jahrhunderte

- 4 -

�Jahrhunderte lang war das Volk Israels in aller Welt zerstreut, oft verachtet und verfolgt.

Jahrhunderte lang hat das ägyptische Volk unter fremder

Herrschaft gelitten.

Erst in der letzten Generation sind diese beiden stolzen

und alten Völker wieder zu unabhängigen Nationen geworden.

Aber diese Generation - um die Worte König Salomons zu gebrauchen - hat
auch eine Zeit des Sterbens erlebt, eine Zeit, da abgerissen wurde, was gepflanzt war, eine Zeit des Tötens, des Zusammenbrechens, der Trauer, der Tränen,
eine Zeit der Verluste, des Hasses und des Krieges.
Wir beten darum, daß diese Zeit der Tränen vorüber ist

und - um mit den

Worten desselben Königs fortzufahren - daß nun eine Zeit des Heilens kommen
möge, des Pflanzens, des Aufbaus, eine Zeit des Lachens, des Tanzens, der Freude und der Liebe.

Wir beten zu Gott, daß die Kinder Abrahams nun endlich eine

Zeit des Friedens erleben mögen.

Und nun möchte ich diesen Trinkspruch ausbringen:

- auf den Präsidenten der Arabischen Republik Ägypten, Anwar Al-Sadat,
und den Ministerpräsidenten des Staates Israel, Menachem Begin;

- auf die großen Völker, denen sie dienen: das ägyptische Volk und das
israelische Volk, die jetzt in Hoffnung vereint sind;
- und auf die Sache, der wir alle dienen: Salaam, Shalom, auf den Frieden.

- 5 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Friedensvertrag zwischen der Arabischen Republik Ägypten und dem Staat Israel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anhang I zum Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anlage zu Anhang I des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hinweis auf Anhang II zum Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Anhang III zum Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vereinbartes Protokoll zu Vertragsartikeln und Anhang I und III&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gemeinsames Schreiben Staatspräsident Sadats und Ministerpräsident Begins an Präsident Carter&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Briefwechsel zur Frage des Botschafteraustauschs zwischen Ägypten und Israel&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schreiben Präsident Carters an Staatspräsident Sadat und und Ministerpräsident Begin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters bei der Vertragsunterzeichnung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Trinkspruch Carters auf dem Festbankett in Washington&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>und
Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

4. April 1984

14

INHALT

DOKUMENTATION
Das amerikanische Handelsdefizit in der Gesamtsicht
- Von Botschafter Arthur F. Burns HINTERGRUND
Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle
- Von Lawrence Eagleburger, Staatssekretär im US-Außenministerium
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Programm für bevorstehenden CHALLENGER-Flug
Sondierung des Tiefseebodens wird fortgesetzt
- Zehn Länder beteiligen sich an internationalen Programmen -

Um Übcr/cnJung von
DelegeKemploren
w i r d gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 B o n n 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

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14

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

5. April 1984

DAS AMERIKANISCHE HANDELSDEFIZIT IN DER GESAMTSICHT
- von Botschafter Arthur F. Burns Düsseldorf-AD - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik
Deutschland, Arthur F. Burns, sprach am 5. April 1984 vor dem
Industrie-Club in Düsseldorf über das Thema des amerikanischen
Handelsdefizits in seiner Gesamtsicht . Er äusserte sich zu den
finanzpolitischen Themen, die unlängst politische Spannungen
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hervorgerufen haben.
Seine Rede hat folgenden Wortlaut:
Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, heute hier vor Ihnen
sprechen zu dürfen. Das Thema, das ich mit Ihnen erörtern möchte,
ist der Warenhandel der Vereinigten Staaten mit anderen Ländern.
Ich habe dieses Thema nicht aus Engstirnigkeit gewählt. Zunächst
einmal ist es wichtig, daß die Europäer erkennen, daß der starke
Wiederaufschwung in Produktion und Beschäftigung in Amerika von
einem weiteren Rückgang seines Außenhandels begleitet worden ist.
Zweitens ist das schlechte Abschneiden der Vereinigten Staaten im
Außenhandel während der letzten Jahre Ausdruck eines Ungleichgewichts sowohl in der Weltwirtschaft als auch in unserer Binnenwirtschaft. Das hat unausweichlich zu weitverbreiteten politischen

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�weitverbreiteten politischen Belastungen geführt. Die Versprechungen des Wirtschaftsgipfels von Williamsburg im vorigen Jahr
bezüglich des internationalen Handels und der internationalen
Finanzen haben sich nicht erfüllt. Wenn überhaupt, so haben sich
die aus wirtschaftlichen Problemen entstehenden Spannungen im
vergangenen Jahr sogar verstärkt.
Lassen Sie mich damit beginnen, daß ich einige der wesentlichen
Fakten des amerikanischen Außenhandels aufzähle. Bis 1970 erfreute
sich mein Land eines Überschusses im Warenhandel mit der übrigen
Welt. Mit den höheren Ölpreisen und der schärferen Konkurrenz
unserer Handelspartner waren seither Defizite die Regel. Eine
Zeitlang spielte das angesichts der Überschüsse Amerikas in anderen
Bereichen seiner Zahlungsbilanz eine konstruktive internationale
Rolle. Aber das Handelsdefizit machte Ende der siebziger Jahre
einen beträchtlichen Sprung, als es eine Jahresrate von etwa 30
Milliarden Dollar erreichte - eine Rate, die sich bis über die erste
Jahreshälfte 1982 hielt. In jüngerer Zeit ist das Defizit sprunghaft gestiegen. Es erreichte im letzten Quartal 1983 eine Jahresrate von 75 Milliarden Dollar und dürfte in diesem Kalenderjahr 100
Milliarden Dollar übersteigen.
Die Verschlechterung im Warenhandel Amerikas wird sicherlich
noch immer durch unsere traditionellen Überschüsse bei den Dienstleistungen und den Kapitalerträgen aus dem Ausland teilweise aufgefangen. Aber selbst damit erreichte das Defizit in unserer
Leistungsbilanz - die diese Positionen einschließt - im Jahr 1983
eine Höhe von über 40 Milliarden Dollar und hatte im letzten Quartal
dieses Jahres sogar eine noch viel höhere Jahresrate erreicht. Das
Gegenstück zu diesem dramatischen Defizit in der Leistungsbilanz war
ein gewaltiger Zustrom von ausländischem Kapital in die Vereinigten
Staaten, verbunden mit einer scharfen Verringerung unserer traditionellen Kapitalexporte. Das ist für ein Land mit der größten und
reichsten Volkswirtschaft der Welt sicherlich keine begrüßenswerte
Entwicklung.
In amerikanischen

- 2-

�In amerikanischen Kreisen ist die Auffassung verbreitet, daß
viele unserer Industrien nicht mehr mit leistungsfähigeren
japanischen Firmen konkurrieren können. Dann herrscht auch die
Sorge, daß amerikanische Hersteller das Opfer einer unfairen
Konkurrenz von Erzeugern in Entwicklungsländern mit niedrigen Löhnen
und subventionierter Produkte europäischer und anderer ausländischer
Unternehmen werden. Solche Erklärungen für unser Außenhandelsdefizit enthalten ein Körnchen Wahrheit, aber mehr auch kaum. Die
Hauptursachen für die jüngsten Verschlechterungen im amerikanischen
Handel müssen woanders gesucht werden - in dem hohen Wert des Dollar
auf den Devisenmärkten, in der rascheren Erholung von der Rezession
in den Vereinigten Staaten als in Westeuropa oder in Japan und in
der unvermeidlichen Notwendigkeit schuldenbeladener Entwicklungsländer, den Gürtel enger zu schnallen.
Die Stärke des Dollar auf den Devisenmärkten in den letzten
Jahren ist in Europa sehr gut bekannt. Zwischen Ende 1980 und
Anfang dieses Jahres wurde der Dollar gegenüber dem Schweizer
Franken um rund 30 Prozent aufgewertet, gegenüber dem Britischen
Pfund um rund 40 Prozent, gegenüber der D-Mark um rund 50 Prozent
und gegenüber dem Französischen Franc um etwa 100 Prozent. Die Aufwertung des Dollar gegenüber dem Japanischen Yen und der kanadischen
Währung war wesentlich geringer. Wenn man jedoch die Währungen der
zehn wichtigsten Industriestaaten zusammenfaßt, dann erfuhr der
Dollar in dieser Zeitspanne eine durchschnittliche Aufwertung von
rund 50 Prozent. Der hohe Kurs des Dollar hat ganz offensichtlich
amerikanische Güter für ausländische Käufer weniger attraktiv
gemacht, während der niedrige Kurs ausländischer Währungen ausländische Erzeugnisse für Amerikaner attraktiv gemacht hat. Obwohl
der Dollar seit Jahresbeginn nachgegeben hat, behält er doch einen
Großteil seiner nach 1980 eingetretenen Aufwertung gegenüber anderen
Währungen bei.
Eine weitere Hauptursache für die Verschlechterung des amerikanischen Handels ist die Schwierigkeit, die viele Entwicklungsländer in de

- 3-

�länder in den letzten zwei oder drei Jahren erlebt haben, wenn sie
Geld im Ausland aufnehmen wollten. Schon 1982 begann eine wachsende
Zahl von Banken und anderen Kreditgebern zu erkennen, daß sie alles
andere als vorsichtig gewesen waren, als sie dem heftigen Verlangen
der Entwicklungsländer nachkamen, Schulden aufzuhäufen - ja, diese
sogar oft dazu ermutigten. Als die Kreditvergabe an diese Länder
spärlicher wurde, sah sich eines nach dem anderen nicht mehr in der
Lage, seinen Rückzahlungsverpflichtungen, ja selbst seinen Zinsverpflichtungen nachkommen zu können. Um einen völligen Bankrott zu
vermeiden, mußten sich ihre Regierungen um finanzielle Hilfe an den
Internationalen Währungsfonds, an andere Regierungen und an private
Kapitalgeber wenden. Aber solche Hilfe konnte sie nicht der Notwendigkeit entheben, eine energische Sparpolitik zu betreiben - vor
allem die Importe einzuschränken und die Exporte zu steigern. Die
Länder Lateinamerikas, die besonders enge Handelsbeziehungen zu den
Vereinigten Staaten pflegen, litten als erste unter Devisenknappheit. Es ist nicht überraschend, daß der Dollarwert unserer Exporte
nach Lateinamerika zwischen dem ersten Quartal 1981 und dem letzten
Quartal 1983 um fast die Hälfte zurückging.
Ein dritter Grund für die Verschlechterung des amerikanischen
Handels ist die ungleiche konjunkturelle Entwicklung in den
wichtigsten Industriestaaten. Die wirtschaftliche Erholung begann
in den Vereinigten Staaten gegen Ende 1982 und gewann rasch an
Schwung. Die Wirtschaft Kanadas erholte sich fast zur gleichen Zeit
und machte fast ebenso rasche Fortschritte. Andere Industrieländer erholten sich nicht so schnell. Die japanische Wirtschaft
machte Fortschritte, aber in einem langsameren Tempo. Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland erholten sich
langsamer als die Vereinigten Staaten, während das übrige Westeuropa
weiterhin Stagnation oder Rezession erlebte. Wegen des Nachhinkens
des Erholungsprozesses außerhalb der Vereinigten Staaten verlangsamten sich unsere Exporte nach Europa und Japan stark, während
unsere Importe sprunghaft anstiegen - eine Entwicklung, die während
der Expansionsphase eines Konjunkturzyklus immer eintritt.
Neben den

�Neben den Hauptgründen für das amerikanische Handelsdefizit,
über die ich gesprochen habe - der starke Dollar, die Notlage der
Entwicklungsländer und der raschere Aufschwung der amerikanischen
Wirtschaft - haben eine Fülle anderer Faktoren ebenfalls eine
gewisse Rolle gespielt. Zwei davon verdienen besondere Aufmerksamkeit: erstens, der weltweite Rückgang der Nachfrage nach Erdöl,
der die OPEC-Mitglieder zu einer Senkung ihrer Importe zwang; und
zweitens, die jüngsten Entwicklungen auf dem Weltagrarmarkt - ein
Thema, auf das ich noch zurückkommen werde - die ebenfalls zu der
Verschlechterung des amerikanischen Außenhandels beigetragen haben.
Die Anhäufung dieser ungünstigen Handelsentwicklungen hat in den
Vereinigten Staaten weitverbreitete Besorgnisse ausgelöst. Das landwirtschaftliche Einkommen war schon Ende der siebziger Jahre
niedrig, und mit dem Rückgang der Exporte ist es seit 1980
abgesackt. Darüber hinaus führte der Rückgang unserer Fertigwarenexporte zu einer Verringerung der Arbeitsplätze und der Gewinne
in zahlreichen Firmen - vor allem im Maschinenbau, im zivilen Flugzeugbau und bei der Herstellung anderer Investitionsgüter. Die
Zunahme der Importe setzte zusätzliche Arbeitnehmer frei, die in der
Herstellung verschiedener Verbrauchs- und Investitionsgüter
beschäftigt waren.
Wirtschaftsfachleute betrachten solche Wechselfälle des Handels
oft als normale Funktionen der Entwicklungen auf einem Wettbewerbsmarkt, und es fällt ihnen nicht schwer, ihr Vertrauen zum Ausdruck
zu bringen, daß die Schwierigkeiten im Laufe der Zeit durch den
Markt selbst behoben werden. Im Prinzip sind solche Auffassungen
durchaus gerechtfertigt.
Mit der weiteren Expansion der amerikanischen Wirtschaft wird
ihre Wachstumsrate zwangsläufig bescheidener werden. Mittlerweile
dürften sich die Anzeichen eines Wirtschaftsaufschwungs in Westeuropa, die sich langsam gezeigt haben, vervielfachen. Und mit der
Verringerung der Kluft in der Wirtschaftsentwicklung zwischen Europa

- 5-

�zwischen Europa und den Vereinigten Staaten wird auch das Handelsdefizit Amerikas kleiner werden. Alles in allem dürften auch die
Entwicklungen in Lateinamerika weniger schädigend für unseren
Außenhandel werden. Im vergangenen Jahr haben die stark verschuldeten Länder Lateinamerikas eine beträchtliche Verbesserung
ihrer Leistungsbilanz gegenüber der übrigen Welt erlebt. Daher
steht kaum zu erwarten, daß die jüngste starke Einschränkung ihrer
Importe aus den Vereinigten Staaten noch verschärft werden wird. Da
darüber hinaus die reale Kaufkraft des Dollar im Verhältnis zu
anderen Währungen beträchtlich überbewertet zu sein scheint, wäre es
keineswegs überraschend, wenn der Rückgang des Wechselkurses des
Dollar, der seit dem Höchststand im Januar eingetreten ist, sich
während der nächsten ein bis zwei Jahre in gemäßigter Form
fortsetzen würde. Kurz gesagt, man kann vernünftigerweise davon
ausgehen, daß der Markt selbst bereits Kräfte freisetzt, die über
kurz oder lang das amerikanische Handelsdefizit verringern werden.
Aber amerikanische Geschäftsleute, Farmer und Arbeiter, die vom
Außenhandel negativ berührt worden sind, neigen selten dazu, die
Dinge so entspannt zu sehen. Auch Politiker denken, vor allem in
einem Wahljahr, nicht so. In letzter Zeit sind die Verfechter einer
restriktiven Handelspolitik in Amerika kühner geworden, und ihre
Beschwerden über Handelspraktiken anderer Länder werden immer
lauter. Ihre Forderungen nach neuen Einfuhrschranken stoßen auf den
Widerhall ähnlicher Forderungen in Europa. Schließlich haben zahlreiche europäische Industrien in den letzten Jahren ebenfalls einen
wirtschaftlichen Rückschlag erlebt, und überall in Westeuropa
herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Mit der Ausbreitung des Virus
protektionistischen Denkens wird die Notwendigkeit staatsmännischen Denkens in der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und
in Europa dringend.
Das Außenhandelsproblem Amerikas ist auch Europas Problem, und
es ist wichtig, daß Europäer und Amerikaner versuchen, die Handelsund Finanzfragen, die politische Spannungen zwischen uns hervorgerufen haben,

- 6-

�gerufen haben, von einem internationalen Standpunkt aus zu sehen.
Wenn wir das tun, dann werden wir zwangsläufig herausfinden, daß es
bei dem, was Amerikaner als ihr besonderes Problem betrachten, um
ein gemeinsames internationales Anliegen geht, das ein besseres
gegenseitiges Verständnis - und häufig auch korrigierende Maßnahmen
- auf beiden Seiten des Atlantik erfordert.
Eines der Probleme, die in den Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und Westeuropa besonders lästig waren, ist der
Agrarhandel. Amerikaner haben sich seit langem über die protektionistische Zielrichtung der Agrarpolitik der Europäischen
Gemeinschaft beklagt - eine Politik, die sich stark auf Preissubventionen stützt, um das Einkommen der Bauern zu sichern. Jedes
Jahr legen die Mitgliedsregierungen der Gemeinschaft für verschiedene landwirtschaftliche Erzeugnisse Festpreise fest. Diese
Preise liegen über den Weltmarktpreisen. Der Binnenmarkt der
Gemeinschaft wird dann durch variable Abschöpfungen gesichert, die
dazu dienen, billigere Importe abzuhalten. Zum Teil als Ergebnis
dieser Politik neigte der Anteil der Gemeinschaft an den gesamten
amerikanischen Agrarexporten dazu, zurückzugehen.
Der Rückgang wäre noch stärker gewesen, wenn die Gemeinschaft
ihre Restriktionen auch auf Sojabohnen und Erzeugnisse daraus - die
einen großen Teil der amerikanischen Agrarexporte ausmachen - ausgedehnt hätte. Dies wurde durch frühere internationale Abkommen
ausgeschlossen, die erlaubten, daß Sojabohnen und Erzeugnisse daraus
zollfrei in die Länder der Gemeinschaft eingeführt werden können.
Dieser Zugang ist kürzlich durch den Vorschlag der Europäischen
Kommission bedroht worden, pflanzliche Öle mit einer Verbrauchssteuer zu belegen. Eine solche Steuer hätte offensichtlich
praktisch die gleiche Wirkung wie eine ausdrückliche Einfuhrbeschränkung.
Die amerikanische Regierung ist außerdem beunruhigt über den
Vorschlag der Kommission, die Einfuhren von Mais-Kleber - einem
Produkt, das

- 7-

�Produkt, das beim Viehfutter Verwendung findet - zu beschränken, der
derzeit gleichfalls auf der Grundlage früherer Abkommen zollfrei in
die Gemeinschaft gelangt. Da die amerikanischen Farmer bislang noch
nicht an dem jüngsten wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben, sind
die Besorgnisse hinsichtlich der restriktiven Maßnahmen gegen MaisKleber und Sojabohnen in den Vereinigten Staaten akut geworden.
Diese neuen europäischen Vorschläge haben daher die stete Klage
der Vereinigten Staaten noch verstärkt - nämlich, daß unser Markt
für landwirtschaftliche Importe weit offener ist als der Markt der
Gemeinschaft. Es läßt sich jedoch nicht leugnen, daß die Europäer
einige legitime Klagen über die amerikanische Landwirtschaftspolitik
haben. So gibt es beispielsweise in den Vereinigten Staaten seit
langem Importquoten für Milchprodukte - eine protektionistische
Maßnahme, die für europäische Bauern schmerzhaft ist. Und erst
kürzlich haben die amerikanischen Winzer versucht, beim Kongreß eine
Begrenzung von Weinimporten zu erwirken.
Der beklagenswerte Ruf nach verstärktem Protektionismus in der
Landwirtschaft stört nicht nur den effizienten Einsatz von Arbeit
und Kapital. Er könnte auch neuen inflationären Druck auslösen unmittelbar durch die Erhöhung von Lebensmittelpreisen, mittelbar
durch Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt. Aber das ist noch nicht
alles. Die Landwirtschaftspolitik in Europa und in den Vereinigten
Staaten wird zur schweren Belastung der öffentlichen Haushalte.
Programme für die Stützung von Preisen und Einkommen in der Landwirtschaft kosteten die amerikanische Regierung im Haushaltsjahr
1983 28 Milliarden Dollar - gegenüber den vorausgegangenen zwei
Jahren eine gewaltige Steigerung. Die Kosten für die Unterstützung
der Landwirtschaft haben auch in der Europäischen Gemeinschaft rasch
zugenommen und haben 1983 über 13 Milliarden Dollar erreicht. Ja,
die Regierungen der Länder der Gemeinschaft sind derzeit ängstlich
darum bemüht, Wege zu finden, wie die Auswirkungen der Agrarausgaben auf ihre Haushalte begrenzt werden können - ein Bemühen,
das in Europa zu ernsten politischen Spannungen geführt hat.
Der Außenhandel

- 8-

�Der Außenhandel mit landwirtschaftlichen Produkten ist daher
sowohl ein innereuropäisches Problem, als auch ein Problem, das die
Vereinigten Staaten und Westeuropa einbezieht - ja, in dieser
Beziehung einen Großteil der ganzen Welt. Eine der Hauptursachen
für dieses gemeinsame Problem ist die Tendenz zur Überproduktion
verschiedener Agrarerzeugnisse. Hierbei traf die Europäer womöglich noch mehr Schuld als die Amerikaner, denn die Agrarstützungsprogramme der Vereinigten Staaten beinhalten üblicherweise
einige Anreize zur Produktionseinschränkung, während dies bei den
europäischen Programmen nicht der Fall ist. Tatsächlich ist die
Art, wie sich die Gemeinschaft ihrer Überschüsse durch subventionierte Verkäufe auf den Weltmärkten entledigt, eine Quelle
beträchtlicher Reibung zwischen den Vereinigten Staaten und der
Gemeinschaft. ,
Ein Blick in die Zukunft zeigt, daß das Problem des Überangebots
durchaus aufgrund des anhaltenden Fortschritts bei der Agrartechnologie - vor allem im Bereich von Getreide und Milchprodukten noch akuter werden könnte. Dies ist ganz offenkundig ein Problem,
das die Bauern der Gemeinschaft und die amerikanischen Farmer gemein
haben. Obgleich die verschiedenen Regierungen dieses Problem
erkannt haben, sind sie noch nicht gemeinsam die Herausforderung angegangen, die die weltweite Überproduktion darstellt.
Glücklicherweise haben sowohl die amerikanische Regierung als auch
die Gemeinschaft in letzter Zeit ihre Rhetorik bei Themen des
Agrarhandels gemäßigt, sind bei ihren Entscheidungen zurückhaltender geworden und haben versucht, die anstehenden Meinungsverschiedenheiten in Ruhe aus der Welt zu schaffen. So hat insbesondere die Regierung der Bundesrepublik ihren entschlossenen
Widerstand gegen eine europäische Verbrauchersteuer auf Pflanzenöle
zum Ausdruck gebracht. Es sollte für Amerikaner wie für Europäer
ein gewisser Trost sein, daß machtvolle Stimmen der Vernunft zu
einem Zeitpunkt laut werden, da der Druck landwirtschaftlicher
Interessen auf die Regierungen so stark geworden ist.
Der Handel

�Der Handel mit Stahlerzeugnissen ist ein weiterer Stein des
Anstoßes in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Gemeinschaft. Die Probleme in diesem Bereich sind in
jüngster Zeit noch schwieriger geworden - zu einem Großteil als
Folge der sinkenden Nachfrage nach Stahlerzeugnissen während der
Rezession, zum Teil aber auch wegen der stärkeren Produktion und der
höheren Exporte einiger Entwicklungsländer. Angesichts dieser veränderten Marktbedingungen waren Stahlfirmen auf beiden Seiten des
Atlantik gezwungen, ihre Produktion zu beschneiden, manche Produktionsanlage völlig stillzulegen und viele Arbeitskräfte zu entlassen.
Anfang der achtziger Jahre baten die amerikanischen Stahlproduzenten unsere Regierung um Schutz gegen die zunehmenden
Stahlimporte aus der Europäischen Gemeinschaft. Das amerikanische
Argument lautete, die europäischen Firmen zögen unfaire Vorteile aus
Exportsubventionen und einige ihrer Erzeugnisse würden in den
Vereinigten Staaten unter ihrem tatsächlichen Wert verkauft. Wäre
diese Klage den vollen Gang der Dinge gegangen, wie es das
amerikanische Gesetz erlaubt, so wäre das Ergebnis sicherlich eine
scharfe Verringerung der europäischen Exporte von unlegiertem Stahl
gewesen. Glücklicherweise obsiegte beiderseitiger guter Wille über
gesetzlichen Wettstreit. Nach langen und schwierigen Verhandlungen,
an denen Stahlhersteller und Regierungen beteiligt waren, wurde im
Oktober 1982 ein Abkommen erreicht, demzufolge die Gemeinschaft bis
Ende 1985 ihre Exporte bestimmter Stahlerzeugnisse in die
Vereinigten Staaten maßvoll begrenzen wird.
Dieses Abkommen hat bislang recht gut funktioniert, aber es hat
keineswegs die Frage des Stahlhandels beruhigt. Die amerikanische
Edelstahlindustrie, die von dem Abkommen des Jahres 1982 nicht
abgedeckt war, hat gleichfalls in den letzten Jahren unter Gewinnverlusten und Rückgang der Beschäftigung gelitten. Ihr dringender
Appell nach Entlastung gemäß amerikanischer Rechte führte im Juli
1983 dazu, daß der Präsident zeitweiligen Quoten und Sonderzöllen für Edelstahlimporte zustimmte. Dieser Schritt stieß in
Europa auf

- 10 -

�Europa auf heftige Kritik - teilweise zweifellos, weil er so rasch
nach dem Gipfel von Williamsburg erfolgte.

Gleichwohl: Die

Europäische Gemeinschaft reagierte hierauf - wie sie dies nach den
Bestimmungen des GATT auch durfte - mit einer Begrenzung gewisser
Produkte im gleichen Betrag aus den Vereinigten Staaten.

Bisweilen

drohte im vergangenen Jahr das Problem des Edelstahls eine ernste
Verstimmung in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Westeuropa herbeizuführen.

Doch auch hier wurde die Angelegenheit

gütlich aus der Welt geschafft dank der Bereitschaft der betroffenen
Parteien, die notwendigen Kompromisse einzugehen.

Leider kommen

jetzt sowohl von amerikanischen Herstellern als auch von ihren
gewerkschaftlich organisierten Arbeitskräften neue, gemeinsame Rufe
nach einer allgemeinen Begrenzung von Stahlimporten.

Die

Schwierigkeiten mit dem Stahlhandel werden uns also bleiben.
Angesichts der Unruhe, die auch weiterhin im internationalen
Stahlhandel herrscht, kann man sich nicht der Folgerung entziehen,
daß Vereinbarungen, wie sie kürzlich von Amerikanern und Europäern
erfolgreich erzielt wurden, lediglich vorläufige Lösungen sind. Die
entscheidende Tatsache ist, daß sowohl die Vereinigten Staaten als
auch Europa vor dem gemeinsamen Problem der Überkapazität in ihren
jeweiligen Ländern stehen - ein Problem, das durch verstärkte
Importe aus den fortgeschritteneren Entwicklungsländern noch
unterstrichen wird. Nur durch gemeinsames Angehen dieser
umfassenderen Fragestellungen gibt es für uns eine vernünftige
Chance, dauerhafte Lösungen für unsere ständigen Probleme beim
Stahlhandel zu finden.
Weil meine Zeit - wie auch mein eigenes Wissen - begrenzt ist,
will ich zu weiteren spezifischen Handelsfragen - wie etwa zu
Kupfer, Schuhwerk, Werkzeugmaschinen und Wein -, denen in diesem
Wahljahr die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, nichts mehr
sagen.

Aber angesichts meiner früheren Tätigkeit bei der

Zentralbank, möchte ich mich noch zu einigen Finanzfragen äußern,
die mit Amerikas Handelsdefizit zu tun haben und die in weiten
Bereichen Interesse wie auch Kontroverse ausgelöst haben.
Nehmen wir
- 11 -

�Nehmen wir zunächst den Fall der Aufwertung des Dollar. Sie
diente dazu, in den Vereinigten Staaten den Inflationsdruck zu
verringern, hatte aber in Europa die gegenteilige Wirkung - da ein
sehr großer Teil der europäischen Importe in Dollar fakturiert
wird. Auf der anderen Seite hat die Aufwertung des Dollar dem
amerikanischen Außenhandel stark geschadet, während sie dem Handel
anderer Staaten - einschließlich der westeuropäischen - zum Vorteil
gereicht. Einsichtige Europäer erkennen denn auch an, daß das
Handelsdefizit der Vereinigten Staaten letztlich dazu gedient hat,
die Weltwirtschaft voranzubringen. Sie waren jedoch über ihren
Handelsvorteil nicht erfreut, da sie einsehen, daß die Stärke des
Dollar nicht ewig dauern wird und befürchten deshalb, daß die
industrielle Struktur ihrer Länder im Prozeß der Reaktion auf einen
zeitweiligen Handelsvorteil verzerrt werden könnte.
Die Europäer ziehen natürlich einen stabilen Dollar jenem vor,
dessen Kaufkraft hin- und herpendelt; dies tun aus gleichem Grund
auch die Amerikaner. Aber weder die Europäer noch die Amerikaner
haben bislang einen annehmbaren Weg gefunden, wie man zu jener Art
Stabilität der Wechselkurse zurückfinden könnte, die herrschte,
bevor man das System von Bretton Woods aufgab. In einer Welt, in
der die Kapitalströme oft eine größere Bedeutung haben als die
Handelsströme und in der die Inflationsraten der einzelnen Länder
weit auseinanderklaffen, können Interventionen der Zentralbank auf
den Devisenmärkten - ein Heilmittel, das in einigen politischen
Kreisen noch immer populär ist - nichts erreichen, außer die sehr
kurzfristigen Fluktuationen der Wechselkurse etwas zu glätten.
Sicher haben viele Europäer den Eindruck, die Aufwertung des
Dollar komme hauptsächlich von den relativ hohen Zinsen in den
Vereinigten Staaten. Ihr Argument lautet normalerweise so: Erstens
schädigen die amerikanischen Zinssätze die europäischen Volkswirtschaften, weil dadurch Gelder von den Vereinigten Staaten
angezogen werden, die sonst für Anlageinvestitionen im eigenen Land
verwendet würden. Zweitens sind auch die Zinsen in Europa höher als
sie wären,

- 12 -

�sie wären, gäbe es keinen Kapitalabfluß in die Vereinigten Staaten.
Drittens wird die gigantische Schuldenlast der Entwicklungsländer
durch die hohen amerikanischen Zinssätze noch zusätzlich vermehrt.
Viertens könnten die Vereinigten Staaten diese Probleme dadurch in
den Griff bekommen, daß sie ihre Zinsen senken, was wiederum am
ehesten dadurch erreicht werden könnte, daß die gewaltigen Defizite
des amerikanischen Bundeshaushaltes verringert werden. Schließlich
würde die amerikanische Volkswirtschaft - wie die gesamte Weltwirtschaft - daraus Vorteile ziehen.
Diese Argumentationskette blieb nicht auf die Europäer
beschränkt. Viele Amerikaner sind gleicher Ansicht - was nicht
verwunderlich ist, da obiges Argument eine ganze Menge Wahrheit
enthält. Ich muß allerdings darauf hinweisen, daß es unvollständig
ist. So übersieht es die Tatsache, daß der Dollar für Europäer wie
für andere in Zeiten der internationalen politischen Unruhe - wie
wir sie in den letzten Jahren erlebt haben - ein Hafen der Sicherheit ist. Es übersieht die Tatsache, daß es für hohe Zinssätze noch
andere Gründe gibt als allein die Haushaltsdefizite. Es übersieht
die Tatsache, daß die hohen amerikanischen Zinssätze sich nicht als
ein Hindernis für eine robuste Wiederbelebung in den Vereinigten
Staaten erwiesen haben - einschließlich einer Wiederbelebung sowohl
im Wohnungsbau als auch bei Investitionen in der Industrie. Und was
noch wichtiger ist: Die europäische Argumentation übersieht die
Tatsache, daß die Gewinnchancen in den Vereinigten Staaten sich
gegenüber denen in Westeuropa deutlich verbessert haben. Selbst
wenn die amerikanischen Zinssätze blieben, wie sie sind, so bestünde
durchaus die Möglichkeit, daß dem Kapitalstrom in die Vereinigten
Staaten erheblich Einhalt geboten werden könnte, wenn die europäischen Regierungen mit mehr Entschlossenheit daran gingen, die
Aussichten für Unternehmensgewinne in ihren Ländern zu verbessern ja, daß sich dann unter dem Strich sogar amerikanisches Kapital in
Richtung Europa in Bewegung setzen würde.
Sicherlich kann die amerikanische Regierung dadurch der europäischen Wirtschaft wie auch ihrer eigenen eine Hilfe sein, daß sie
sich mit
- 13 -

�sich mit Entschlossenheit daranmacht, ihre projektierten Haushaltsdefizite zu verringern. Dies wird nunmehr sowohl von der
Reagan-Administration als auch vom Kongreß rückhaltlos anerkannt.
Ich hege die volle Zuversicht, daß es in Bälde zu einer deutlichen
budgetären Korrektur kommen wird - vielleicht sogar noch in diesem
Sommer, sicherlich aber nächstes Frühjahr. Da die Kenntnis dieser
anstehenden Entwicklung sich auf den Finanzmärkten verbreitet, wird
der derzeitige Druck auf die Zinssätze abschwächende Tendenz zeigen
und es dann für Ausländer möglicherweise weniger attraktiv sein,
Kapital in den Vereinigten Staaten anzulegen. Aber auch Europa kann
seinen Teil beitragen - indem nämlich das Umfeld für unternehmerische Risikobereitschaft, Innovationen und Kapitalinvestitionen verbessert wird. Kurz, sowohl die europäischen
Regierungen wie auch die amerikanische Regierung könnten Maßnahmen
ergreifen - wie dies einige ja auch schon tun -, um die vielen
Schwierigkeiten abzubauen, die durch die hohen Zinsen und den
starken Dollar hervorgerufen wurden. In einem gewissen Maß könnte da die Gewinnaussichten in Europa sich zu bessern beginnen - ein
heilsamer Prozeß der wirtschaftlichen Neubelebung durchaus schon
eingesetzt haben.
Während die Vereinigten Staaten ihre Betonung auf eine bestimmte
Politik legen müssen, und Europa auf eine andere, wenn es darum
geht, die Stärke des Dollar in den Griff zu bekommen, so kann und
sollte ihre Haltung gleich sein, wenn es sich darum handelt, mit der
Verschuldung der Entwicklungsländer fertigzuwerden - auch dies ein
Problem, das die Vereinigten Staaten und Westeuropa gemein haben.
Glücklicherweise erkennt man dies auf beiden Seiten des Atlantik.
In der Tat haben die raschen Maßnahmen des Internationalen
Währungsfonds und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in
Zusammenarbeit mit den Regierungen der führenden Industriestaaten
wie auch ihren Zentral- und Geschäftsbanken etwas verhindert, was
ansonsten möglicherweise ein internationaler Finanzkollaps gewesen
wäre. Diese konstruktiven Rettungsmissionen haben jedoch nicht das
zugrundeliegende Schuldenproblem der Entwicklungsländer aus der Welt
geschafft, da

- 14 -

�geschafft, da den Schuldnern eine Zinslast aufgebürdet wird, mit der
fertigzuwerden manche - vielleicht viele - von ihnen für unmöglich
halten dürften.
Alle betroffenen Parteien sollten noch zusätzliche Beiträge
leisten. So werden mit dem weiteren Bemühen der Regierungen der
Industriestaaten um die Förderung eines anhaltenden Wachstums ihrer
Volkswirtschaften auch die Entwicklungsländer die Möglichkeit
erhalten, ihre Exporte zu erhöhen. Dies ist - zusammen mit den
Bemühungen, die Zinsen zu senken und protektionistische Impulse zu
zügeln - von grundlegender Bedeutung. Ihrerseits müssen die Banken
- besonders die Großbanken, die im internationalen Finanzgeschäft
eine führende Rolle spielen - aus Eigeninteresse wie auch um der
Stabilität des internationalen Finanzsystems willen mehr tun als
bislang, um die Schuldnerstaaten bei ihren Zahlungsproblemen zu
entlasten.
So ist es ja durchaus die Regel, daß eine Geschäftsbank, steht
sie vor Schuldenproblemen eines ihrer Kunden, Mittel und Wege
findet, um den Umfang der Verbindlichkeiten oder der entsprechenden
Zinsen zu verringern, wobei sie bisweilen sogar Aktien der Schuldnergesellschaft anstelle aller oder eines Teils der ausstehenden
Schulden akzeptiert. Dieses Geschäftsgebaren könnte eine Anregung
für Maßnahmen sein, die möglicherweise zu ergreifen wären, um die
Verschuldung einiger der notleidenderen Entwicklungsländer in den
Griff zu bekommen.
Eine Möglichkeit bestünde auch darin, daß etwa ein Dutzend der
internationalen Großbanken von sich aus darangeht, die Zinssätze
beträchtlich zu senken, die sie jenen weniger entwickelten Staaten
abverlangen, die bei der Erfüllung des für sie vom Internationalen
Währungsfonds ausgearbeiteten Finanzprogramms in unüberwindliche
Schwierigkeiten geraten sind. In der Praxis ließen sich zwar derlei
freiwillige Senkungen der Zinssätze nicht so verallgemeinern, daß
dies für alle Banken gelten würde, da viele der kleineren Banken
sich scheuen

- 15 -

�sich scheuen würden, der Initiative der Großbanken zu folgen. Dies
ist jedoch kein Einwand, der alles zu Fall bringen könnte, da die
durch die internationalen Großbanken gewährte Entlastung selbst
wieder die Finanzlast merklich verringern würde, vor der die
notleidenden Schuldner stehen.
Wie dem auch sei: Eine Führungsrolle der internationalen Großbanken bei der Verringerung der Zinssätze ist nicht der einzig
mögliche Weg zu einer Entlastung. So könnten zum Beispiel kurzfristig zur Zahlung anstehende Zinsen von Ländern, die sich in
wirklich ernsten Schwierigkeiten befinden, in Verbindlichkeiten
umgewandelt werden, die zeitlich ausreichend gestreckt werden, um
den Schuldnern den notwendigen Raum zum Atmen zu belassen.
Darüber hinaus können die Regierungen der Vereinigten Staaten
und der Länder Westeuropas eine direktere Rolle spielen, wenn es
darum geht, den weniger entwickelten Ländern dabei zu helfen, ihre
Kreditwürdigkeit wiederherzustellen und wieder zu einem wirtschaftlichen Wachstum zu kommen. Die jetzt dem amerikanischen
Kongreß vorliegenden Gesetzesvorlagen, die eine Erneuerung unseres
Systems der Handelspräferenzen fordern, sind in dieser Hinsicht
wichtig. Die Europäische Gemeinschaft ist ebenfalls dabei, die
Konvention von Lome neu auszuhandeln, die einen zollfreien Zugang
von Rohstoffen aus Entwicklungsländern erlaubt. Die bestehenden
europäischen und amerikanischen Systeme allgemeiner Handelspräferenzen verdienen ausgeweitet und in gewissem Umfang weiter
liberalisiert zu werden.
Die Entwicklungsländer müssen jedoch trotzdem ständig daran
erinnert werden, daß es entschieden zu ihrem eigenen Wohle ist, wenn
sie ihre Volkswirtschaften in größerem Maße den Kräften des Marktes
aussetzen. Sich auf Dauer auf eine Vorzugsbehandlung zu verlassen,
ist eine Sackgasse und wird von den Industriestaaten nicht auf ewig
akzeptiert werden. Die Entwicklungsländer müssen vor allem ermutigt
werden, eine Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die ausländische
Investoren anzieht

- 16 -

�Investoren anzieht und daneben einiges von dem gewaltigen Kapital
zurückholt, das ihre eigenen verängstigten Bürger und Unternehmen
ins Ausland gebracht haben. So schwierig eine solche Politik auch
sein mag, so gibt es für die Entwicklungsländer doch keinen anderen
Weg, um die volle Partnerschaft zu erreichen, die sie in dem
Investitions- und Handelssystem der modernen Welt anstreben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich Ihnen - selbst auf
Kosten einiger Wiederholungen - einige Grundgedanken ans Herz
legen. Als erstes sollte man nicht vergessen, daß vor dem letzten
Jahr das größte Leistungsbilanzdefizit, das je ein Land in einem
Jahr aufzuweisen hatte, etwa 15 Milliarden Dollar betrug. Das
Defizit von 70 bis 80 Milliarden Dollar, mit dem mein Land in diesem
Jahr rechnen muß, unterscheidet sich in erschreckender Weise von all
dem, was wir bisher erlebt haben. Da das Handelsproblem Amerikas
auch Europa zutiefst berührt, ist es wichtig, daß Europäer und
Amerikaner ein besseres Verständnis ihrer beiderseitigen
wirtschaftlichen Sorgen und Anliegen suchen und zu ihrer Lösung
zusammenarbeiten.
Zweitens können die Vereinigten Staaten, wie bereits gesagt, am
besten zur Linderung der Handels- und Schuldenprobleme, vor denen
die Welt steht, beitragen, wenn sie sich mit Entschiedenheit auf
eine noch stärkere Haushaltsdisziplin zubewegen würden. Dies muß
mit einer geschickten Geldpolitik verbunden werden, die die
Heftigkeit des Wirtschaftswachstums dämpft und so vor inflationärem
Druck schützt. In Europa ist das erste Gebot die Einführung
vertrauensbildender Maßnahmen, die zur Schaffung neuer Arbeitsplätze
anregen, damit Europa stärker zum Aufschwung des Welthandels
beitragen kann.
Drittens ist es, da das Problem der internationalen Verschuldung
beispiellos ist - was sowohl ihren Umfang als auch ihr Störpotential
anbetrifft - außerordentlich wichtig, nach Mitteln und Wegen zu
suchen, um den in der gegenwärtigen Phase der Krisenbewältigung
erreichten Fortschritt

- 17 -

�erreichten Fortschritt weiter auszubauen. Wir brauchen vor allem
konstruktive Initiativen, die die Welt in die Lage versetzen werden,
Schwierigkeiten zu überstehen, selbst wenn sich die wirtschaftlichen Entwicklungen der kommenden Jahre als enttäuschend
erweisen sollten.
Viertens ist die Gefahr des Protektionismus trotz einer gewissen
Verbesserung in der Lage der Weltwirtschaft gewachsen. In dieser
Hinsicht müssen sich Amerikaner und Europäer Sorgen machen über die
Auswirkungen des Protektionismus auf die Entwicklungsländer wie auch
über die Schwächung unserer eigenen Volkswirtschaften durch weitere
protektionistische Maßnahmen. Und was noch wichtiger ist, wir
dürfen nicht vergessen, daß die feindseligen Gefühle, die durch
Handelsbeschränkungen entstehen, manchmal auf den Bereich der
Politik überschwappen und sogar die Fähigkeit der Partner im Nordatlantischen Bündnis berühren könnten, so wirkungsvoll zusammenzuarbeiten, wie sie das zur Begegnung der Herausforderungen ihrer
gemeinsamen Sicherheit tun sollten.
Glücklicherweise werden die Gefahren und Erfordernisse, die ich
aufgezeigt habe, auf beiden Seiten des Atlantik in zunehmendem Maße
erkannt. Einige hat man sogar schon in den Griff bekommen, und
andere werden konstruktiv angegangen. Ich sehe daher eine breite
Basis der Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft, als wir
es in den letzten Jahren erleben mußten.
Ich habe im Laufe meines Lebens viele Krisen kommen und gehen
sehen. Ich habe auch erlebt, daß Krisen, die man in weiten Kreisen
erwartet hat, gar nicht eingetreten sind. Es ist immer unklug, die
Fähigkeit des Einfallsreichtums und des guten Willens des Menschen
zu unterschätzen, wirtschaftliche Probleme zu lösen - seien sie
national oder international. Wollen wir diese Fähigkeit auch heute
nicht unterschätzen. Als Amerikaner und Europäer wissen wir im
Herzen, daß die ethischen, politischen und kulturellen Werte, die
wir gemeinsam haben, weit wichtiger sind als die Handels- und
Finanzfragen, die uns hin und wieder in Aufregung versetzen.
+ + + + +
- 18 -

�United States Information Service
Embassy of the United States of America

14

4. April 1984

SICHERHEITSPOLITIK UND RÜSTUNGSKONTROLLE
- Von Lawrence Eagleburger
Staatssekretär im US-Außenministerium -

- (AD) - Rü'stungskontrollVerhandlungen - ja, der R'üstungsstand selbst sind genau gesehen ein Spiegelbild der gesamten Realität der Beziehungen zwischen
Nationen und nicht so sehr der bestimmende Faktor dieser Beziehungen. Sie
reflektieren sowohl die Art und Weise, in der wir unseren Platz in der Welt
sehen, als auch unsere Vorstellung davon, wie Weltereignisse und Trends heute
oder in Zukunft auf uns einwirken.
Obwohl die Neigung besteht, Rüstungskontrolle in viele Teilgebiete aufzugliedern, und obwohl ihr Nachrichtenwert sie zu einem Hauptobjekt unserer Aufmerksamkeit gemacht hat, dürfen wir nicht den Fehler begehen, sie mit der Gesamtheit unserer Außenpolitik zu verwechseln.

Die Rüstungskontrolle ist vielmehr

nur eine - wenn auch wichtige - Komponente einer auf einer breiten Grundlage
beruhenden Politik, die nicht nur unsere bilateralen Beziehungen zu einer
konkurrierenden Supermacht umfaßt, sondern auch unsere weltweiten Interessen.
Ich möchte die Grundsätze aufzeigen, die unsere Haltung gegenüber der
Frage der Sicherheit bestimmen, und auch darlegen, wie sich diese Grundsätze
in einigen spezifischen Positionen der Reagan-Administration widerspiegeln.
Ich werde mich dabei auf nukleare Fragen konzentrieren, weil sie verständlicherweise

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�sie verständlicherweise die Öffentlichkeit am meisten interessieren und sorgen.
In diesem Zusammenhang kann ich nicht stark genug betonen, daß Rüstungskontrolle
keine Alternative zur Modernisierung unserer nuklearen Streitkräfte ist.

Viel-

mehr: Die Aufrechterhaltung adäquater Nuklearstreitkräfte - und dazu gehört auch
der Ersatz älterer, überholter Technologien - auf der einen Seite und das Erreichen vernünftiger Rüstungskontroi labkommen auf der anderen stellen Politiken
dar, die voneinander abhängen und sich gegenseitig verstärken.
Vernünftige und verifizierbare Rüstungskontrollabkommen können die Streitkräfteplanung besser vorhersagbar machen und uns dadurch in den Stand setzen,
bessere Entscheiduigen über die Art von Waffen zu treffen, die wir benötigen.
Und doch ist eine klare Verpflichtung unsererseits, die sowjetischen Streitkräfteverbesserungen auszugleichen,ein notwendiger Antrieb dafür, daß die Sowjets
mit Ernsthaftigkeit in RüstungskontrollVerhandlungen eintreten.

Die Erfahrung

der massiven sowjetischen Aufrüstung Ende der sechziger und Anfang der siebziger
Jahre, als Amerika sich zurückhielt, macht nur allzu klar, daß Moskau einseitige
Vorteile nutzen wird, wann immer dies möglich ist.
Lassen Sie mich nun auf die Grundsätze eingehen, die ich oben erwähnt habe.
Der erste ist, daß militärische Stärke ein wesentlicher Teil der Diplomatie
ist.

Für Amerikaner ist es immer schwer, einen solchen Grundsatz zu akzeptieren.

Man hört, beispielsweise von Kritikern unserer Nahostpolitik, daß man nach
diplomatischen statt nach militärischen Lösungen internationaler Probleme suchen
solle.

Aber wir müssen uns nun einmal darüber klar werden, daß die Geschichte

uns seit langem gelehrt hat, daß Diplomatie völlig abgesondert von militärischer
Stärke nicht existiert und nicht existieren kann.
Diese Stärke hat natürlich verschiedene Formen - wirtschaftliche, politische, soziale, moralische und militärische - und die Diplomatie im Idealfall
bringt alle diese Faktoren gemeinsam zum Tragen.

Aber die militärische Stärke

ist ein unverzichtbarer Teil in dieser Gleichung.
Für die Vereinigten

�Für die Vereinigten Staaten muß der tatsächliche Einsatz der militärischen
Stärke selbstverständlich die letzte Zuflucht sein, aber alle müssen sich darüber
im klaren sein, daß wir unter bestimmten Umständen bereit sind, diese Stärke
einzusetzen.

Unsere eigene Verwundbarkeit gegenüber nuklearer Erpressung, die

Anfälligkeit unserer Freunde gegenüber politischer Einschüchterung, das Image
der amerikanischen Stärke sowie die Erfüllung der amerikanischen Verpflichtungen all dies ist nicht zuletzt von der Glaubwürdigkeit der amerikanische Streitkräfte
abhängig.
Das ist insbesondere angesichts des Zustandes der Sowjetunion der Fall,
deren Wirtschaft schwach und schwankend ist, deren Gesellschaftsform in unserer
heutigen Welt praktisch für niemanden mehr ein Beispiel ist und deren moralisches
Verhalten nicht mit Friedenspreisen belohnt wird - es sei denn mit den von ihr
erfundenen.
Aufgrund dieser Einschränkungen spielt die militärische Stärke der Sowjetunion, ob sie nun direkt angewandt wird, wie in Afghanistan oder in Osteuropa,
oder anderswo durch Moskaus Stellvertreter oder ob auch nur damit gedroht wird,
eine überragende

Rolle in der sowjetischen Diplomatie.

In einer Welt also, in

der die Sowjetunion eine der beiden mächtigsten Akteure ist, bleibt die militärische Stärke weiterhin ein entscheidend wichtiger Faktor bei der Gestaltung
internationaler Politik.
Der zweite - und für die Amerikaner der fundamentalste - Grundsatz der
Sicherheitspolitik ist das Ziel, einen Krieg, insbesondere einen Atomkrieg, zu
verhindern.

Wie Präsident Reagan immer und immer wieder gesagt hat, kann ein

Atomkrieg nicht gewonnen und darf niemals geführt werden.
Die Verhinderung eines Krieges ist genau so sehr das Ziel unseres Streitkräftemodernisierungsprogramms wie das unserer Rüstungskontroilbemühungen.

Die

Politik der Abschreckung - die Aufrechterhaltung von Streitkräften, die es jedem
potentiellen Angreifer deutlich machen, daß der Preis für den Beginn eines

- 3 -

�Beginn eines Krieges für ihn weitaus größer wäre als alle erhofften Gewinne hat sich in der Zeit nach dem Kriege nicht geändert.

Wie sehr uns dieses Gleich-

gewicht des Schreckens auch ängstigen mag, so sollten wir doch niemals vergessen,
wie gut es funktioniert hat.

Seit 1945 hat die amerikanische nukleare Abschrek-

kung dazu beigetragen, daß ein direkter Konflikt zwischen uns und der Sowjetunion
verhindert wurde, und sie brachte Europa die längste Zeit des Friedens im
zwanzigsten Jahrhundert.
Wenn die Verhinderung eines Atomkrieges ein moralisches Gebot ist und die
Aufrechterhaltung einer nuklearen Abschreckung weitgehend bewirkt hat, daß wir
keinen Atomkrieg erleben mußten, wie ist es dann möglich, daß manche Kreise
argumentieren, die nukleare Abschreckung sei eine unmoralische Politik?
Das bringt mich zu dem dritten Grundsatz, zu einer der großen Ironien der
Sicherheitspolitik: Um den Frieden zu bewahren, müssen wir ständig unsere
Kriegsführungskapazität verbessern.
Es wird heute viel über den atomaren "Overkill" geredet, und man stellt
gehässige Vergleiche an zwischen den stärksten strategischen Kernwaffen, die
vor einem Krieg abschrecken, und kleineren Kernwaffen, mit denen angeblich ein
solcher geführt werden soll. Solche Darlegungen scheinen die Überzeugung zu
reflektieren, daß alles, was wir für die Garantie einer Abschreckung benötigen,
einige wenige Nuklearwaffen seien - vielleicht auf Bombern oder auf Unterseebooten -, die einen sowjetischen Angriff überleben und dann Moskau erreichen können.
Die eindeutige nukleare Überlegenheit der USA in den sechziger Jahren gewährleistete die Glaubwürdigkeit unserer Drohung, auf jegliche Aggression gegen uns
selbst oder unsere Verbündeten mit dem Einsatz unserer strategischen Nuklearwaffen
zu reagieren. Aber nachdem die Sowjetunion nuklearen Gleichstand in allen Bereichen erlangt hatte - und in einigen sogar bedeutsame Vorteile - wurde es Zusehens weniger glaubwürdig, als Antwort auf einen relativ begrenzten sowjetischen

- 4 -

�begrenzten sowjetischen konventionellen oder auch nuklearen Angriff auf die
Streitkräfte der USA oder ihrer Verbündeten irgendwo auf der Welt einen massiven
nuklearen Vergeltungsschlag der USA in Aussicht zu stellen.

Daher erfordert

Abschreckung, d.h., Kriegsverhütung, heute ein Potential - ein Kriegsführungspotential, wenn man so will - das sich aus nuklearen wie konventionellen Streitkräften zusammensetzt und dessen Einsatz in den verschiedenen Situationen, denen
wir uns gegenübersehen könnten, glaubwürdig erscheinen würde.
Der vierte Leitsatz der amerikanischen Sicherheitspolitik besagt, daß der
gegenwärtige Stand der nuklearen Rüstung wie auch ihre prognostizierte Entwicklung völlig unbefriedigend ist. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß es im
Atomzeitalter keine vertretbare Alternative zur Abschreckungspolitik gibt. Wir
können die Erfindung der Kernwaffen nicht mehr ungeschehen machen, und wir können
sie auch nicht einfach wegzaubern. Was wir mit etwas Geduld und Geschick jedoch
tun können, ist, uns in Verhandlungen über eine beiderseitige Verminderung ihrer
Zahl zu einigen und dabei dennoch eine glaubwürdige Abschreckung aufrechtzuerhalten.
Als die Reagan-Administration die Amtsgeschäfte übernahm, war in der
Sowjetunion eine anhaltende und eindrucksvolle Aufrüstung im Gange, die alle
legitimen Sicherheitserfordernisse weit übertraf.

Moskau schien entschlossen

zu sein, es bei einem allgemeinen Kräftegleichstand mit den Vereinigten Staaten
nicht bewenden zu lassen und sich ein gewisses Maß and Überlegenheit zu sichern.
Infolge qualitativer wie quantitativer Verbesserungen des sowjetischen Kernwaffenarsenals entstand die Möglichkeit einer Zerstörung der Masse der landgestützten amerikanischen Interkontinentalraketen durch einen sowjetischen Erstschlag.

Dies war offenkundig völlig unvereinbar mit dem Grundprinzip der Ab-

schreckung, das besagt, daß keine Seite in der Lage sein darf, der anderen die
Fähigkeit zu nehmen, Vergeltung zu üben, wenn sie selbst mit Atomwaffen angegriffen wird.

Was unseren europäischen Verbündeten ebenso viel Sorgen bereitete,

war die Dislozierung der sowjetischen SS-20-Rakete - einer mobilen Waffe mit hoher

- 5 -

�mit hoher Treffsicherheit, die, selbst nahezu unverwundbar in der Tiefe des
sowjetischen Raumes disloziert, jeden Punkt Westeuropas erreichen kann.

Mit

der Aufstellung dieser Waffe bezweckte Moskau eindeutig die Erzeugung transatlantischer Spannungen, denn der Bedrohung, der sich Europa nun ausgesetzt
sah, hätte gegebenenfalls nur durch Einsatz des strategischen Abschreckungspotentials der Vereinigten Staaten begegnet werden können.

Angesichts dieser

sowjetischen Bedrohung mußten die Europäer zwangsläufig die Frage aufwerfen was sie dann auch tatsächlich taten - ob die Vereinigten Staaten tatsächlich
bereit sein würden, in einer derart massiven Weise auf einen begrenzten sowjetischen Angriff in Europa zu reagieren.
Die NATO faßte daher den gemeinsamen Entschluß, auf die Stationierung der
sowjetischen SS-20 in einer einzigartigen Weise zu antworten, nämlich mit einem
Angebot, über beiderseitige Begrenzungen dieser neuen Kategorie von Waffen zu
verhandeln - gleichzeitig aber auch mit dem entschiedenen Vorsatz, im Falle des
Scheiterns der Verhandlungen durch Modernisierung der eigenen nuklearen Mittelstreckenwaffen das durch die sowjetische Vorrüstung entstandene Ungleichgewicht
wettzumachen.

Letzteres war nicht nur eine rhetorische Drohung.

Die Arbeiten

an den Raketen und die Vorbereitungen für die Stationierung in Europa wurden
in Angriff genommen.

Da die NATO-Raketen aber nicht vor Ablauf von vier Jahren

einsatzbereit sein würden, blieb Moskau reichlich Zeit, die Dislozierung auf
dem Verhandlungswege zu verhindern.
Diese Reaktion auf die Bedrohung durch die SS-20 -'stbezeichnend für die
Grundhaltung der Reagan-Administration in der schwierigen Frage der nuklearen
Abschreckung. Die Politik, die sie verfolgt, ist zweigleisig:
— Zum einen unternimmt sie umfassende Anstrengungen, unsere strategischen
Nuklearwaffen - landgestützte Interkontinentalraketen, unterseebootgestützte
Raketen und Bomber - zu modernisieren und den Beschluß der NATO von 1979 auszuführen, der, als Gegengewicht zu Moskaus SS-20, eine Modernisierung der westlichen
Nuklearstreitkräfte vorsah.
— Zum anderen

�— Zum anderen schlägt sie vor, alle Arten von amerikanischen wie sowjetischen Kernwaffen drastisch zu vermindern, besonders aber diejenigen Systeme,
die wegen ihrer Erstschlagsfähigkeit am stärksten destabilisierend wirken.
Mit der Verbesserung unserer Streitkräfte verfolgen wir das doppelte Ziel,
angesichts der wachsenden sowjetischen Bedrohung die Überlebensfähigkeit unseres
nuklearen Abschreckungspotentials zu erhöhen und Moskau klarzumachen, daß wir
ihm keine militärische Überlegenheit zugestehen werden, die es für
zwecke nutzen könnte.

Erpressungs-

Gleichzeitig machen wir Moskau das Angebot, sich der

wirtschaftlichen und anderer Bürden, die der Sowjetunion infolge des Rüstungswettlaufs auferlegt sind,zu entledigen, indem sie beiderseitigen und verifizierbaren Verminderungen aller Arten von Kernwaffen zustimmt, besonders aber der
Verminderung der Waffen, die die Vergeltungsfähigkeit beider Seiten am stärksten
in Frage stellen.
Wir versuchen nicht, die Sowjetunion zu entwaffnen oder Überlegenheit über
sie zu gewinnen. Unsere RüstungskontroiIverschläge nehmen ihr keine der Waffen,
derer sie zu ihrer Verteidigung bedürfen würde, wenn ihre propagandistische
Darstellung der Vereinigten Staaten als aggressiv und kriegslüstern den Tatsachen entspräche. Unsere Vorschläge über eine beiderseitige Beschränkung gerade
der bedrohlichsten Waffen sind im Gegenteil darauf gerichtet, beiden Seiten ein
Gefühl höherer Sicherheit zu verschaffen, indem sie die überlebensfähigkeit des
sowjetischen ebenso wie des amerikanischen Abschreckungspotentials erhöhen.
Wie Sie wissen, sind jedoch die Ergebnisse, die bis zum heutigen Tage bei
den START- und bei den INF-Verhandlungen erzielt werden konnten, enttäuschend.
Was INF angeht, so hat Moskau die vier Jahre vertan, die zwischen der angekündigten Absicht der NATO, ihre Streitkräfte zu modernisieren, wenn eine
Lösung auf dem Verhandlungswege nicht möglich sein sollte, und der Ankunft der
ersten neuen amerikanischen Flugkörper vergangen sind.

Es hat diesen Zeitraum

nicht zu ernsthaften Verhandlungen genutzt, sondern dazu, die öffentliche
Meinung in Westeuropa zu beeinflussen - in der Hoffnung, es könnte die Angst
vor Atomwaffen dazu benutzen, das Bündnis zu spalten und dadurch unsere Dis- 7 -

�dadurch unsere Dislozierungen zu verhindern.
Bei den INF-Verhandlungen selbst war das durchgehende Thema der verschiedenen sowjetischen Vorschläge, daß amerikanische Nuklearraketen nichts in Europa
zu tun hätten - was auch sie selbst, die Sowjets, immer tun mögen.

Das gehört

zu einer langfristigen Anstrengung der Sowjets, die Vereinigten Staaten nicht
nur von der nuklearen Verteidigung Europas auszuschalten, sondern uns auch - da
die meisten unserer Flugzeuge, die Kernwaffen tragen können, ebenfalls eine entscheidend wichtige konventionelle Verteidigungsrolle spielen - überhaupt gänzlich
aus

Europa herauszudrängen.

Der Fehl schlag dieser Bemühung Moskaus führte, wie wir alle wissen, zum
Abbruch der Verhandlungen seitens der Sowjets. Ob sie mit der Zeit wieder einen
klügeren Kurs einschlagen und an den Verhandlungstisch zurückkehren, bleibt
abzuwarten. Aber in der Zwischenzeit ist es wichtig, daß die Öffentlichkeit
im Westen niemals vergißt, daß es die Sowjets waren, die die Verhandlungen abgebrochen haben und ihre völlig unnötige INF-Rüstung fortsetzen, während die Vereinigten Staaten bereit sind, sofort an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Was die Sowjets bei den START-Verhandlungen zu bieten hatten, war eine
Zeitlang etwas besser. Bevor Moskau auch diese Verhandlungen aus Protest gegen
den Beginn der INF-Dislozierungen abbrach, war einiger echter - wenn auch begrenzter - Fortschritt erzielt worden. Die Sowjets hatten die Notwendigkeit von
Verringerungen unter den Stand von SALT II bei Raketen und Bombern eingesehen.
Die Vorschläge Moskaus bei den START-Verhandlungen hätten jedoch den sowjetischen Vorteil hinsichtlich des Wurfgewichtes oder der Zerstörungskraft verewigt
und hätten wahrscheinlich keine Verringerungen der Zahl der sowjetischen Gefechtsköpfe - im Gegensatz zu den Abschußeinrichtungen - notwendig gemacht. Es wäre
sogar eine starke Erhöhung der Zahl der Gefechtsköpfe möglich gewesen. Aber
das sind auf jeden Fall derzeit akademische Fragen. Die Sowjets sind, wie
bekannt, nicht zu den START-Verhandlungen zurückgekehrt, die sie im vorigen Jahr
I
- 8 -

�vorigen Jahr in Genf verlassen haben. Auch hier sind es wieder die Vereinigten
Staaten, die die Verhandlungen fortsetzen möchten.
Lassen Sie mich hier einmal etwas zu den speziellen Enttäuschungen sagen,
die diese Administration in den letzten drei Jahren im Umgang mit den Sowjets
erlebt hat. Während der Präsidentschaft von Ronald Reagan haben wir mit drei
sowjetischen Führern zu tun gehabt.

Dieser ständige Wechsel im Kreml hat das

Geben und Nehmen in der Diplomatie generell schwer behindert, aber besonders
auf dem Gebiet der RüstungskontrollVerhandlungen.
Als diese Administration ihr Amt antrat, fand sie einen alternden und kranken
Breschnew vor.

Breschnew, ein schlauer und berechnender Führer - Eigenschaften,

die für einen Verhandlungsgegner nicht unbedingt negativ sind - stand in den
Jahren 1981 und 1982 längst nicht mehr auf dem Gipfel seiner Macht.

Im übrigen

waren sich seine Kollegen im Politbüro durchaus seiner Sterblichkeit bewußt
und stellten sich bereits für die Nachfolge in Position.
Andropow übernahm niemals die völlige Kontrolle über den Sowjetstaat, und
er war während des größten Teils seiner kurzen Amtszeit ernsthaft krank.
Tschernenko muß sich noch durchsetzen,

und es ist durch-

aus möglich, daß wir zunächst ein Intervall der politischen Konsolidierung erleben, ehe der Kreml bereit ist, seine volle Aufmerksamkeit auf Rüstungskontroi 1verhandlungen zu richten.
Diese längere Zeitspanne, in der es in der sowjetischen Politik um die Nachfolge ging, hatte meiner Meinung nach eine starke Auswirkung auf die Fähigkeit
der Sowjetunion, Entscheidungen zu treffen. Produktive Verhandlungen setzen
Flexibilität voraus, und Flexibilität setzt eine Führung voraus, die gewillt
ist, schwierige Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung für sie zu
übernehmen. Die Sowjetunion besaß in der Zeit der Reagan-Administration keine
solche Führung. Praktisch ausnahmslos haben wir jedesmal, wenn die Sowjets vor
einer schwierigen Entscheidung standen, eine Periode der internen Debatte erlebt.

.9 ..

�Debatte erlebt, auf die unausweichlich harte Entscheidungen folgten, die eindeutig von den konservativsten Elementen des Politbüros diktiert waren.
Zumindest die letzten vier Jahre haben die Vorstellung der Öffentlichkeit
in Frage gestellt, daß wir in Perioden, in denen die politischen Entwicklungen
in der Sowjetunion im Fluß sind, unseren Einfluß wirksam geltend machen könnten.
Die sowjetische Politik wird wahrscheinlich nicht so bald wieder im Fluß sein
wie in den letzten drei Jahren. Und diese Administration hat sich alle Mühe
gegeben, vernünftige Rüstungskontroll vorschlage zu unterbreiten.

Alles, was

wir zumindest derzeit aufzuweisen haben, ist ein sowjetischer Auszug aus den
beiden wichtigsten RüstungskontrollVerhandlungen - START und INF.

Die letzten

drei Jahre haben erkennen lassen, daß der sowjetische Entscheidungsapparat beim Fehlen einer starken Führung, die bereit ist, ihre Autorität in die Waagschale zu werfen - höchstens dazu bereit ist, eine bürokratisch sichere, aber
in der Sache sterile harte Linie zu verfolgen.
Diese Lähmung der Sowjets ist besonders ärgerlich, wenn wir es sind, die
beschuldigt werden, bei den RüstungskontrollVerhandlungen nicht entgegenkommend
zu sein.

Die Tatsachen zeigen, daß wir auf die Herausforderungen der Rüstungs-

kontrolle konstruktiv und einfallsreich reagiert haben. Es sind die Sowjets,
die weder Flexibilität noch eine Neigung zum Abbau der Spannungen gezeigt haben.
Wenn die RüstungskontrollVerhandlungen wieder beginnen, und ich bin überzeugt, daß sie früher oder später wieder beginnen müssen, dann werden wir jeden
ernsthaften sowjetischen Vorschlag sorgfältig prüfen.

Ein herausragendes Merkmal

der Einstellung der Reagan-Administration zur Rüstungskontrolle war gerade die
Flexibilität.

Sowohl unsere START- als auch unsere INF-Vorschläge haben sich

im Laufe der Zeit nach sorgfältigen Überlegungen dessen weiterentwickelt, was
die Sowjets als ihre Sicherheitsvorstel'lungen und-erfordernisse dargelegt haben.
Wenn die Verhandlungen wieder beginnen, werden wir im gleichen Geiste in sie
eintreten.
Es gibt jedoch

- 10 -

�Es gibt jedoch Dinge, in denen wir nicht flexibel sein werden.
mich einige aufzählen:

Lassen Sie

— Das eine ist unsere Verpflichtung, einen Prozeß wesentlicher Verringerungen einzuleiten.

Ich verstehe den Anklang, den die Forderungen finden, erst

einmal die Kernwaffen einzufrieren und sie dann zu verringern.
zutiefst "überzeugt, daß es so nicht funktionieren wird.

Aber ich bin

Ein Einfrieren würde

durch die Festschreibung der bestehenden militärischen Vorteile der Sowjets
und die Verhinderung einer Modernisierung unserer Streitkräfte den Anreiz der
Sowjets zu Verhandlungen verringern, wenn nicht gar völlig beseitigen.

Ein

Einfrieren aller Kernwaffen würde darüber hinaus sowohl die Sowjets als auch
die Vereinigten Staaten daran hindern, sich auf weniger bedrohende, eindeutig
für Vergeltung bestimmte Systeme umzustellen.

Damit würde ein Einfrieren der

Kernwaffen genau dem Ziel zuwiderlaufen, das seine Fürsprecher anstreben nämlich einer Verringerung der Drohung eines Atomkrieges.
— Der zweite Punkt, in dem wir nicht nachgeben werden, ist der, daß wir
uns auf Dinge konzentrieren, die die Stabilität des strategischen Verhältnisses
zur Sowjetunion wirklich verbessern werden. Wir müssen das Schwergewicht weg
von mehr bedrohenden Kernwaffen auf klar erkennbar für die Vergeltung bestimmte
Waffen verlegen.
-- Drittens werden wir auf ausgewogenen Abkommen beharren, die zu einem
substantiellen Gleichgewicht zwischen den Supermächten führen. Bei den STARTVerhandlungen geht es um einen weiten Bereich sehr unterschiedlicher Waffensysteme, und wo jede Seite ihre eigenen historischen Stärken und Schwächen hat,
haben wir immer wieder unsere Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, zwischen
Gebieten amerikanischer Vorteile und sowjetischer Vorteile gegenseitige Zugeständnisse zu machen.

Bei den INF-Verhandlungen, wo es um eher vergleichbare

Waffen geht, haben wir Moskau praktisch angeboten, eine Zahl zu wählen - eine
möglichst niedrige -, die für beide Seiten in gleicher Weise gilt.

Aber das

Prinzip der gleichen Rechte und Begrenzungen steht nicht zu Verhandlung.
— Viertens muß
- 11 -

�— Viertens muß jedes Abkommen, das wir unterzeichnen, verifizierbar sein.
So wif die Kernwaffen immer komplizierter werden, und vor allem weil wir uns
auf den Qualitätsaspekt des Wettrüstens konzentrieren, wird auch die Verifizierung immer schwieriger und komplizierter. Aber Rüstungskontrolle ist eine
viel zu wichtige Sache, als daß man sich auf bloßes Vertrauen stützen dürfte.

- 12 -

�14

4. April 1984

PROGRAMM FÜR BEVORSTEHENDEN CHALLENGER-FLUG

- (AD) - Wenn die Vorbereitungen und der Countdown planmäßig verlaufen,
startet die amerikanische Raumfähre CHALLENGER für den Flug 41-C, wie die NASA
den bevorstehenden Einsatz bezeichnet, am 6. April 1984 um 14:59 MEZ zu ihrer
fünften Mission im Weltraum.

Am 12. April gegen 14:10 MEZ wird sie am Kap

Canaveral zurückerwartet - mit oder ohne SMM-Fracht.

Das hängt davon ab, ob

die Reparatur des Sonnenforschungssatelliten SMM (Abkürzung für "Solar Maximum
Mission") im Orbit gelingt, oder ob sie im Herstellerwerk durchgeführt werden
muß.

SMM umkreist derzeit die Erde in 486 km Höhe, und in diesen Bereich muß

CHALLENGER gebracht werden.

So kommt es, daß beim elften Start eines Raum-

transporters der große Außentank für die zum Aufstieg benötigten Flüssigtreibstoff, der bei Erreichen der Umlaufbahn abgeworfen wird, nicht im Indischen
Ozean, sondern erst im Pazifik, vermutlich ca. 170 km östlich von Hawaii, von
der Bildfläche verschwindet.

Die NASA hofft, mit Radar- und Kamerabeobachtungen

die Rückkehr des Tanks, der beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre sicherlich
in mehrere Teile aufgebrochen wird und teilweise auch verglüht, im Detail verfolgen zu können.

Zum ersten Mal ist die Gelegenheit dafür günstig, weil der

Tank bzw. seine Trümmer in Landnähe niedergehen.
Die fünfköpfige

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die fünfköpfige Besatzung wird bereits am ersten Flugtag die Vorrichtungen
zur Verankerung,zum Drehen und zum Kippen des SMM-Satelliten im Frachtraum der
CHALLENGER, wo die Reparatur vorgesehen ist, gründlich überprüfen.

Eine der

Voraussetzungen dafür, daß sie überhaupt gelingen kann, ist ja die Fixierung
des SOLARMAX in einer Position, in der die schadhaften Teile für die beiden
Missionsspezialisten Nelson und Van Höften gut zugänglich sind.
Der zweite Flugtag ist dem Absetzen der neun Tonnen schweren VielzweckForschungsplattform vorbehalten.

Sie soll, mit zahlreichen Experimenten be-

stückt, in 460 km Höhe ein Jahr lang um die Erde kreisen und dann von einer
Raumfähre zurückgeholt werden.

Am dritten Flugtag beginnt das SMM-Experiment.

Zum Rendezvous mit dem im Februar 1980 gestarteten Sonnenforschungssatelliten
SOLARMAX manövriert Kommandant Crippen den Orbiter auf 502 km Höhe, unterstützt
von

Kopilot Scobee, der auch die für die Reparatur erforderlichen Prozeduren

koordiniert.

Astronaut Hart bedient aus dem Cockpit den mehrgliedrigen, ins-

gesamt 15 m langen ROBOTARM, mit dem SMM nach der Stabilisierung durch George
Nelson eingeholt werden soll.

Die Astronauten Nelson und Van Höften sind bei

diesen Operationen in ihren Weltraumanzügen unabhängig von der Versorgung aus
dem Raumschiff.

Mit Hilfe ihrer angeschnallten Manövriergeräte können sie sich

bis ca. 90 m Abstand von der CHALLENGER im Raum frei bewegen.
Nach Beendigung der Reparatur ist ein achtstündiges Durchprüfen des Sonnenforschungssatelliten* vorgesehen, das Spezialisten der NASA von einer Bodenstation
aus vornehmen, nachdem sie die Bordanlagen des SMM für die Energieversorgung
wieder eingeschaltet haben.

Erst jetzt wird sich herausstellen, ob er einsatz-

fähig ist und erneut abgesetzt werden kann, oder ob er zur Erde zurückgebracht
werden muß.
Der vierte Flugtag steht zwar als Ruhetag auf dem Programm, wird aber zum
überprüfen und für die Wartung der Weltraumanzüge sowie für die Betreuung eines
Studentenexperiments benötigt, nämlich eines Bienenstocks mit 3 300 Bewohnern.

- 2 -

�3 300 Bewohnern.

Zwei Kameras fotografieren kontinuierlich die Bienen beim

Wabenbau, weil Dan Poskevich, Student am Tennessee Technological Institute,
herausfinden will, ob in der Schwerelosigkeit die übliche Wabenform eingehalten
wird.

Zur gleichen Zeit läuft unter gleichen Licht- und Temperaturbedingungen

ein Kontrollexperiment auf der Erde.
Am fünften Flugtag steht eine diffizile Aufgabe auf dem Programm: Auswechseln
der Hauptschaltung für ein wichtiges Instrument (Koronograph-Polarimeter) des
Sonnenforschungssatelliten, wobei u.a. Kabel Verbindungen abgeknipst, neu hergestellt und elektrische Schraubenzieher benutzt werden müssen.

Verläuft alles

nach Plan, greift der Robotarm den Satelliten, hebt ihn aus dem offenen OrbiterFrachtraum und richtet ihn auf die Sonne aus.

Ferngesteuert wird nun die Hoch-

leistungsantenne des SOLARMAX ausgefahren, so daß er Meßdate
mitteln kann.

Bis zum nächsten Tag verbleibt

zur Erde über-

er am "Weltraumkran", um dann,

nach Anheben der Orbiter-Bahn auf 574 km Höhe, wieder abgesetzt zu werden.
CHALLENGER entfernt sich von ihm.

An Bord des Raumschiffs beginnen jetzt die

Vorbereitungen für die Rückkehr zur Erde.

Sollte am 7. Flugtag (12. April),

schlechtes Wetter am Kap Canaveral die Landung dort verbieten, würde Edwards
Air Force Base in Kalifornien angesteuert werden.

- 3 -

�4. April 1984

14

SONDIERUNG DES TIEFSEEBODENS WIRD FORTGESETZT
Zehn Länder beteiligen sich an internationalen Programmen -

- (AD) - Im Oktober 1984 beginnt ein neues internationales Programm
zur Erkundung der Geschichte unserer Erde aus Bohrkernen vom Grund der Meere.
Entsprechende Vereinbarungen wurden von Dr. Edward A. Knapp, Direktor der
Nationalen Forschungsstiftung der USA (NSF), Dr. Dietrich Maronde von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft und Dr. R. Van Lieshout, Vizepräsident des
Konsortiums für die Europäische Wissenschaftsstiftung, in Washington unterzeichnet.

Diesem Konsortium gehören Italien, die Niederlande, Norwegen,

Schweden und die Schweiz an.

Weitere Partnerländer für das Projekt sind

Kanada, Großbritannien und Frankreich.
Mit dem "Ocean Drilling Programm" (ODP) werden wissenschaftliche Aufgaben fortgesetzt oder erweitert,die seit 1968 mit dem Einsatz des PionierFahrzeugs zur Erkundung des Tiefseebodens, GLOMAR CHALLENGER, eine Fülle
neuer wichtiger Erkenntnisse gebracht haben.

Das jetzt vorgesehene Bohr-

schiff wird langfristig von zwei Firmen (Sedco Inc. und British Petroleum)
gechartert und soll nach Abschluß der im Oktober 1984 beginnenden Tests im
Januar 1985 die erste Forschungsfahrt unternehmen.

Die SEDCO/BP 471 ist

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die SEDCO/BP 471 ist 143 • lang, 21,3 m breit und hat eine Wasserverdrängung von fast 17 000 t. Das Bohrger'üst auf dem Schiff hat eine Höhe von 61 m,
die Gewinnung von Bohrkernen aus dem Meeresgrund ist bei Wassertiefen bis
8200 m möglich.

Ein computergesteuertes dynamisches Kontroll System hält die

Position des Schiffes über der jeweiligen Bohrstelle stabil.

Dieses Ver-

fahren wurde mit der GLOMAR CHALLENGER erprobt und verbessert, auch kann eine
bestimmte Bohrstelle jederzeit wieder gefunden werden.

Die SEDCO/BP 471 ist

eines der modernsten und bestausgestatteten Bohrschiffe der Welt.

Sie wurde

1978 in Halifax (Neuschottland) gebaut, hat 52 Mann Besatzung und kann bis
zu 50 Wissenschaftler aufnehmen.
Im Rahmen eines FünfJahresvertrags, den die NSF im Januar 1984 mit
"Joint Oceanographic Institutions Inc. (J0I)" abgeschlossen hat, wird von
dieser Institution das ODP-Programm verwaltet und durchgeführt. Ihr gehören
zehn wichtige Institute für Meeresforschung an. Sie war 1976 zur wissenschaftlichen und organisatorischen Betreuung des Vorläuferprogramms ("Deep Sea
Drilling Porgram" - Bohrprogramm für Tiefseegebiete) ins Leben gerufen worden.
Der Etat beträgt 141 Millionen Dollar für die nächsten fünf Jahre. Die wissenschaftliche Planung für 0DP besorgt J0IDES ("Joint Oceanographic Institutions
for Deep Earth Samplung" - Arbeitsgemeinschaft ozeanographischer Institute
für Tiefenbohrproben). Für 1984 leistet jedes Partnerland einen Beitrag
von 200 000 Dollar, ab 1985 von 2,5 Millionen Dollar pro Jahr. Jedes der
zehn Länder kann JOIDES Projektvorschläge machen, ist in allen Ausschüssen
und Arbeitskreisen der Organisation vertreten und kann jeweils zwei Wissenschaftler zur Teilnahme an einer Forschungsfahrt entsenden. Daten und Bohrkerne sowie die technischen Pläne sind allen Partnerstaaten zugänglich.

- 2-

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das amerikanische Handelsdefizit in der Gesamtsicht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Botschafter Arthur F. Burns -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Lawrence Eagleburger, Staatssekretär im US-Außenministerium -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Programm für bevorstehenden CHALLENGER-Flug&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sondierung des Tiefseebodens wird fortgesetzt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Zehn Länder beteiligen sich an internationalen Programmen -&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Slto^ssy of the United States of America

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•

4. April 1990

DEUTSCHLANDPOLITIK

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB
VON 12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte
NATO-Mitglied bleiben

DEMOKRATISIERUNG

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN
INSTRUMENT DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council

OFFENER HIMMEL

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes

WIRTSCHAFT

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des
Gemeinsamen Wirtschaftsausschusses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
4. April 1990

DEUTSCHE EINHEIT INNERHALB VON
12 BIS 18 MONATEN MÖGLICH
Vereinigtes Deutschland sollte NATO-Mitglied bleiben
WASHINGTON - (AD) - Dem stellvertretenden Leiter der Abteilung für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, James Dobbins, zufolge, könnte die Einheit Deutschlands juristisch innerhalb
von 12 bis 18 Monaten erreicht werden. In einer Anhörung vor dem Kongreßausschuß für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa, die den Beziehungen zwischen dem KSZE-Prozeß und der Vereinigung Deutschlands gewidmet war, erklärte Dobbins am 3. April 1990 jedoch auch, es könne "fünf Jahre oder länger" dauern,
bis die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollständig verwirklicht werden kann. Darüber hinaus betonte
er auf Fragen von Ausschußmitgliedern, daß nach einmütiger Auffassung der Vereinigten Staaten und der
Bundesrepublik Deutschland ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO bleiben sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von James Dobbins im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, an der Erörterung von Fragen der
Vereinigung Deutschlands und der Bedeutung der
KSZE für diesen Prozeß in diesem Ausschuß teilnehmen zu können. Ich möchte zunächst eine Bilanz des
Zwei-plus-Vier-Prozesses ziehenund dann zur Grenzfrage und den Auswirkungen auf die NATO Stellung
nehmen. Zum Schluß möchte ich noch darüber sprechen, wie der KSZE-Prozeß aus unserer Sicht einen
positiven Beitrag zu einem neuen Europa leisten kann.
Zwei plus Vier
Die amerikanische Unterstützung der Einheit Deutschlands war eine der wichtigsten Konstanten der amerikanischen Außenpolitik seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Jeder Präsident seit Truman hat Unterstützung
für dieses Ziel bekundet. Darüber hinaus war die
Vereinigung Deutschlands ein vordringliches Ziel der
NATO. So definierte zum Beispiel der Harmel-Bericht
von 1967 über "Die künftigen Aufgaben des Bündnisses" die Vereinigung Deutschlands als Ziel des Bündnisses und Schlüssel für eine "endgültige und stabile
Regelung in Europa". In der jüngeren Vergangenheit
wurde diese Verpflichtung des Bündnisses in der
Gipfelerklärung der NATO von 1989 mit den Worten
bekräftigt: "Wir streben einen Friedenszustand in
Europa an, in dem das deutsche Volk seine Einheit
wiedergewinnt." In all diesen Jahren haben wir das
Ziel eines in Frieden und Freiheit innerhalb einer
AMERIKA DIENST 13

demokratischen europäischen Staatengemeinschaft
vereinigten Deutschlands verfolgt. Dies ist genau das,
was wir heute verwirklichen.
Als dieses Ziel in den letzten Monaten in greifbare
Nähe rückte, ließen wir uns von zwei Grundsätzen
leiten: Daß die Vereinigung auf der Grundlage der
Selbstbestimmung der Deutschen verwirklicht und die
legitimen Interessen anderer Staaten berücksichtigen
sollte. Das heißt, daß die Vereinigung im Rahmen
eines umfassenderen Konsultationsprozesses stattfinden muß, wobei ein Schlüsselelement die Einbeziehung der vier Mächte mit ihren fortbestehenden Rechten und Pflichten für Berlin und Deutschland als Ganzes sein muß. Im Hinblick auf die Notwendigkeit eines
umfassenderen Konsultationsprozesses haben sich
die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland
und der Deutschen Demokratischen Republik sowie
die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens, der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion im Februar in
Ottawa darauf verständigt, eine Einrichtung ins Leben
zu rufen, die als Zwei-plus-Vier-Forum bezeichnet
wird.
Das erste Zwei-plus-Vier-Treffen am 14. März in Bonn
verlief positiv. Alle Parteien, einschließlich der Sowjetunion, nahmen eine konstruktive Haltung ein. Wie Sie
wissen, wurde dieses Treffen auf "Beamtenebene"

Seite 1

�abgehalten und war Verfahrensfragen gewidmet. Eine
Einigung wurde darüber erzielt, daß Polen bei die
Grenzen dieses Landes betreffenden Fragen beteiligt
würde. Ferner fand ein erster Gedankenaustausch
über die Tagesordnung statt.
Substantielle Gespräche wurden bis nach den DDRWahlen vom 18. März und der Bildung einer neuen,
demokratisch legitimierten Regierung in der DDR vertagt.
Obwohl die DDR noch mit der Bildung einer Regierungskoalition beschäftigt ist, schreitet der Prozeß fort.
Die nächsten Zwei-plus-Vier-Gespräche auf Beamtenebene könnten Ende April stattfinden. Treffen auf
Beamtenebene werden einem Treffen der Minister zu
diesem Thema vorausgehen.
Schon die Übereinkunft zur Schaffung des Zwei-plusVier-Mechanismus an sich war ein positiver Schritt auf
dem Weg zu einer Lösung des deutschen Problems,
mit der die Stabilität und Sicherheit Europas langfristig
verbessert wird. Zwei plus Vier ist ein Forum für
Gespräche überdie Fragen, die sich aus den besonderen Nachkriegsrechten und -pflichten der vier Mächte
für Berlin und Deutschland als Ganzes ergeben. Zur
Einheit Deutschlands gehören Fragen, die die legitimen Interessen der Nachbarn Deutschlands und anderer
europäischer Staaten berühren. Wir sind uns dieser
Tatsache bewußt und gehen davon aus, daß unsere
Partner beim Zwei-plus-Vier-Prozeß unsere Ansicht
teilen. Zwei plus Vier wird eine Aufgabe wahrnehmen,
die nur dieser Mechanismus lösen kann - die Erfüllung
der den vier Mächten vorbehaltenen Rechte und Pflichten und damit gleichzeitig deren Beendigung. Aber
Zwei plus Vier wird keine Beschlüsse für oder über
andere Nationen treffen.
Die Grenzen
Die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze ist
ein gutes Beispiel.
Wie der Präsident klarstellte, erkennen die Vereinigten
Staaten die heutige deutsch-polnische Grenze formell
an und achten die Verfügungen der Schlußakte von
Helsinki über die Unverletzbarkeit der bestehenden
Grenzen in Europa. Als Ergebnis dessen haben die
Zwei-plus-Vier-Teilnehmer vereinbart, Polen zur Teilnahme einzuladen, wenn speziell die Grenzen dieses
Landes betreffende Fragen diskutiert werden. Wir
gehen davon aus, daß diese Regelung sich als befriedigend erweisen wird. Um diesen Prozeß zu fördern,
hat Bundeskanzler Kohl ein Verfahren skizziert, demgemäß das neugewählte Parlament der DDR und der
Bundestag Erklärungen über die Anerkennung der
Grenze abgeben und ein vereinigtes Deutschland einen
neuen Vertrag mit Polen abschließen würde, der die
Anerkennung der bestehenden Grenze bekräftigt. Wir
sind davon überzeugt, daß die beiden deutschen Staaten
diesen Prozeß schon sehr bald in Gang bringen werden.

Seite 2

Auswirkungen auf die NATO
Aufgrund der augenscheinlichen Auflösung des Warschauer Pakts und der sich anbahnenden Einheit
Deutschlands stellt manch einer die Frage, was dies
für die Zukunft der NATO bedeutet. Wir benötigen die
NATO heute aus den gleichen Gründen, aus denen sie
geschaffen wurde. Die NATO bleibt für das Gleichgewicht in Europa unverzichtbar. Trotz der Reduzierungen bleiben die sowjetischen militärischen Fähigkeiten
bei weitem die umfangreichsten in Europa, und diese
Fähigkeiten lassen sich nur durch eine transatlantische Verteidigung ausgleichen. Andererseits erwarten wir, daß aufgrund des nachlassenden Konfliktrisikos die politische Arbeit der NATO an Bedeutung
gewinnt. Die NATO ist grundsätzlich ein politisches
Bündnis, in dem die Risiken und Pflichten für die
Verteidigung gemeinsamer Werte und demokratischer
Institutionen geteilt werden. Viele der positiven Veränderungen in Osteuropa, deren Zeugen wir heute werden, sind bis jetzt weder gesetzlich noch praktisch
verankert. Der Stabilität Europas ist weiterhin durch
die Aufrechterhaltung einer multinationalen Verteidigungsstruktur und ein solides in den westlichen Institutionen verwurzeltes Deutschland am besten gedient
- insbesondere durch seine Vollmitgliedschaft in der
NATO. Die NATO bleibt die wichtigste Komponente
des amerikanischen Engagements in Europa. Ohne
die NATO ließe sich die Unterstützung der amerikanischen Öffentlichkeit und des Kongresses für dieses
Engagement nur schwer aufrechterhalten.
Zunehmend wird uns die Frage gestellt, "Worin besteht die Bedrohung"? Die Antwort darauf lautet, daß
wir mit drei Bedrohungen konfrontiert sind, die wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft Bestand haben
werden: Ungewißheit, Instabilität und Zersplitterung.
Es besteht Ungewißheit, weil die Sowjetunion eine
nukleare Supermacht und Europas stärkste Militärmacht ist und bleibt. Als solche ist sie weiterhin zu
willkürlichen und unberechenbaren Aktionen fähig. Es
herrscht Instabilität aufgrund des Machtvakuums in
Osteuropa, der wiederaufflammenden ethnischen und
nationalen Rivalitäten und einer drohenden Balkanisierung. Und es besteht die Gefahr der Zersplitterung,
weil es ohne die NATO keinen Weg gibt, miteinander
konkurrierende und verschwenderische nationale
Verteidigungspotentiale, das Fehlen eines amerikanischen Gegengewichts und das Risiko wechselnder
Allianzen, die sich in der Vergangenheit als so gefährlich erwiesen haben, auszuschließen.
Aus diesen Gründen sind wir fest davon überzeugt,
daß
ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der
NATO sein sollte,
ein vereinigtes Deutschland vollständig in die
integrierte militärische Struktur der NATO einbezogen sein sollte, und

AMERIKA DIENST 13

�das gesamte Territorium eines vereinigten
Deutschlands von der Sicherheitsgarantie der
NATO abgedeckt sein sollte.
Die Rolle der KSZE
Der KSZE-Prozeß hat bereits einen wesentlichen Beitrag
zu den in Mittel- und Osteuropa stattfindenden Veränderungen, insbesondere zur Demokratisierung der
DDR, geleistet. Der Prozeß der Vereinigung durch
friedlichen und demokratischen Wandel ist vielleicht
die dramatischste Verwirklichung der in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten Prinzipien.
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den richtigen Ansatz zu einer Bereicherung der KSZE zu finden
und den Beitrag zu erweitern, den sie leisten kann. Wir
haben Vorschläge für alle drei "Körbe" der KSZE
unterbreitet. Bei der Bonner Wirtschaftskonferenz
haben wir eine Reihe von Prinzipien zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit als Richtlinien für allseitig vorteilhafte Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den KSZE-Staaten vorgelegt. Bei der bevorstehenden Konferenz über die menschliche Dimension in
Kopenhagen werden die Vereinigten Staaten eine
wichtige Wahlinitiative unterbreiten, die das Recht zur
Bestimmung einer Regierung durch freie und faire
Wahlen kodifizieren und die von den osteuropäischen

* *

AMERIKA DIENST 13

Nationen im Verlauf dieses wichtigen Wahljahres erzielten Fortschritte festschreiben soll. Bis zum Gipfeltreffen Ende 1990 möchten wir eine historische Vereinbarung über die Begrenzung konventioneller Streitkräfte in Europa unterschriftsreif haben. Die Unterzeichnung des KSE-Vertrags bildet den krönenden
Abschluß eines Jahres beachtlicher Fortschritte in
Europa in allen drei Schlüsselbereichen der KSZE:
Sicherheit, Wirtschaft und die menschliche Dimension.
Gemeinsam mit unseren Verbündeten haben wir ein
KSZE-Gipfeltreffen im Jahr 1990 zur Unterzeichnung
eines KSE-Abkommens gefordert, um der Arbeit an
allen Körben des KSZE-Prozesses neuen Auftrieb zu
verleihen und die Aussichten für die Folgekonferenz im
Jahr 1992 weiter zu verbessern. Wir sind der Überzeugung, daß ein kraftvoller und gestärkter KSZE-Prozeß
einen maßgeblichen Beitrag zu einem internationalen
Umfeld leisten kann, in dem die demokratischen Experimente in Mittel- und Osteuropa gedeihen können, in
dem ein vereinigtes Deutschland sich kooperativer
Beziehungen mit seinen Nachbarländern in Ost und
West erfreuen und in dem die Sowjetunion ihre Streitkräfte aus Mittel- und Osteuropa ohne Nachteil für ihre
Sicherheit abziehen kann.

* *

*

Seite 3

�DEMOKRATISIERUNG
4. April 1990

BAKER: DEMOKRATIE IST EIN INSTRUMENT
DER DIPLOMATIE
Rede beim World Affairs Council
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Baker erklärte am 30. März 1990, "Demokratie ist ein praktisches
Instrument der Diplomatie", das die Vereinigten Staaten zur Förderung friedlicher Veränderungen auf der Welt
einsetzen, um eine zunehmend demokratische internationale Gesellschaft zu schaffen.
In seiner Rede beim World Affairs Council in Dallas (Texas) erklärte Baker, es gäbe in einer Zeit, in der die
Diktaturen von rechts und links hinweggefegt und neue Demokratien geboren werden, keine Alternative zur
amerikanischen Führungsrolle.
"Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens",
betonte Baker. "Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und freie Wahlen - die 'Fahrkarte' für die Reise zur
Demokratie - immer wieder bestätigt".
"Merkmale einer demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der
Andersartigkeit - eine Toleranz, die dem Mi ßbrauch der Rechte des einzelnen durch selbsternannte Minderheiten
oder tyrannische Mehrheiten vorbeugt," erklärte Baker und verwies auf die diesbezügliche Äußerung Präsident
Bushs, "unsere neue Mission lautet Förderung und Konsolidierung der Demokratie".
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine große Ehre, hier in Dallas zum World
Äff airs Council sprechen zu dürfen. Diese Vereinigung
ist an zahlreichen Orten vertreten und hat sich überall
in den Vereinigten Staaten ein hehres Ziel gesetzt: die
Information und die Debatte. In unserer sich schnell
verändernden Welt kann dies einen hohen Stellenwert
haben. Denn die Demokratie hier und anderswo hängt
von informierten Bürgern ab, die in der Lage sind, sich
eine Meinung zu bilden und dann den Kurs der internationalen Politik mitzubestimmen.
Heute möchte ich über unsere Welt und wie wir sie
verstehen, sprechen und erörtern, was wir für unsere
Ideale und unsere Interessen tun.
Nach dem Containment - Demokratie
Als der Präsident vor etwas über einem Jahr sein Amt
antrat, sprach er von einem neuen Wind der Freiheit.
Dieser Wind hat sich in einen Sturm von gro ßer Stärke
verwandelt. Auf der ganzen Welt sind die Diktaturen
von rechts und links hinweggefegt und die Menschen
erhört worden. Ihre Wünsche sind grundlegender
Natur: Gedankenfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, freie Wahl des Arbeitsplatzes. Und all ihre Frei-

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heiten äußern sich in der Forderung nach Demokratie,
der Freiheit zur Wahl einer eigenen Regierung.
Wir waren alle überrascht, wie schnell das langgehegte demokratische Ideal in die Realität freier und fairer
Wahlen umgesetzt wurde. Seit dem Zweiten Weltkrieg
sind demokratische Werte von der Bedrohung totalitärer Aggression überschattet worden. Angesichts der
Tatsache, daß die Bedrohung abnimmt und sich der
Schatten lichtet, kommen diese Werte jetzt ans Tageslicht.
Gegenwärtig findet bereits eine große neue - tatsächlich eine große alte - Debatte statt, mit Argumenten, die
so alt sind wie unsere Republik. Jetzt, da die Gegner
der Demokratie geschwächt sind, heißt es, wir sollten
den Rückzug antreten, unsere Mission als beendet
betrachten und uns den Problemen im Inland zuwenden. Das ist nicht meine Meinung. In der neuen Welt,
die jetzt in den Wehen liegt, gibt es - wie auch in der
untergehenden alten Welt - keine Alternative für die
amerikanische Führungsrolle.
Ich möchte es folgendermaßen verdeutlichen: Nach
dem Containment kommt die Demokratie. Die Zeit, in

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�der die alten Diktatoren hinweggefegt werden, geht
schnell vorbei, die Zeit des Aufbaus neuer Demokratien bricht an. Deshalb hat Präsident Bush unsere
neue Mission als Förderung und Konsolidierung der
Demokratie betrachtet. Das ist eine Aufgabe, die
amerikanischen Idealen und Interessen dient.

Mehrheit muß die Rechte der Minderheiten berücksichtigen.

Ich möchte fünf Beobachtungen über Demokratie und
demokratische Außenpolitik machen.

Wir wissen, daß nur allzuoft das Ideal der Demokratie
nicht im Alltag verwirklicht wird. In der Geschichte
unseres eigenen Landes hat das tägliche Leben oftmals nicht den eigenen Maßstäben standgehalten.
Dennoch ist es Realität, daß in einer Demokratie der
Weg zum Fortschritt niemals verschlossen ist. Im
demokratischen Prozeß ist immer die Selbsterneuerung, ein Element zur Korrektur eigener Fehler präsent, das es uns gestattet, Schnitzer wettzumachen
und den Kurs zu korrigieren.

Die Bedeutung der Demokratie heute - die Aufgabe
des einzelnen
Demokratie bedeutet zunächst Rechte und Pflichten
des einzelnen. Bei allem Reden über sich verändernde Systeme, Strukturen und Prozesse wäre es einfach, den einzelnen zu übersehen. Aber der Grundgedanke der Demokratie besagt, daß die Rechte und
Pflichten des einzelnen als zwei Seiten derselben
Münze betrachtet werden müssen. Ebenso wie der
einzelne Ideale und Hoffnungen hegt, hat er auch
seine Grenzen und Unzulänglichkeiten. Dertschechoslowakische Präsident Havel hatinjüngster Zeit darauf
verwiesen, daß Demokratie eine lange Reise zu unseren Idealen ist - eine Reise, bei der wir von der Realität
eingeholt werden, daß das Leben nicht immer so
gerecht ist wie wir es gern hätten.
Vor langer Zeit suchte bereits der Philosoph Plato nach
einer perfekten Ordnung und strebte die Herrschaft
einer Elite - der Wächter - an, die als Weise ausgebildet
werden sollten. Sie sollten nach strengen Grundsätzen öffentliche Angelegenheiten entscheiden und über
die Moral wachen. Die Demokratie bietet Platz für
Weisheit und Ideale, aber dieser Platz ist in den Herzen
und Köpfen und im Charakter der Menschen. Wir alle
sind die Wächter der Demokratie. "Vertraue dem
Volk" ist der Leitspruch der Demokratie und "wir, das
Volk" leben danach. Demokratie ist die Aristokratie
der Vortrefflichkeit des einzelnen, und die Rechte des
einzelnen bleiben die Grundlage für unsere Haltung
gegenüber aufstrebenden Demokratien.
Demokratie und politische Legitimation
Meine zweite Beobachtung über Demokratie gilt ihrer
einzigartigen Legitimation. Das Vertrauen der Demokratie auf den einzelnen wird von der Zustimmung des
einzelnen zur demokratischen Regierung erwidert.
Eine solche Regierung ist deshalb im politischen Sinne
legitim - rechtmäßig und gerechtfertigt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsformen
basiert Demokratie nicht auf einem einmaligen Konsens. Der Konsens wird durch regelmäßige, faire und
freie Wahlen - die "Fahrkarte" für die Reise zur Demokratie - immer wieder bestätigt. Merkmale einer
demokratischen Gesellschaft sind ferner Rechtsstaatlichkeit und Toleranz gegenüber der Andersartigkeit eine Toleranz, die dem Mißbrauch der Rechte des
einzelnen durch selbsternannte Minderheiten oder
tyrannische Mehrheiten vorbeugt. Die Herrschaft der
Seite 2

Es gibt noch einen weiteren Aspekt der Demokratie,
den wir uns vor Augen führen sollten - die Fähigkeit zur
Verbesserung eigener Fehler.

Da Demokratie ihre Legitimität immer wieder unter
Beweis stellen kann, wird sie nicht nur nationale Fortschritte gewährleisten, sondern auch internationale
Harmonie schaffen. Freie Völker mit demokratischen
Werten werden kaum einen Krieg gegeneinander führen.
Demokratie allein genügt nicht
Meine dritte Beobachtung lautet, daß Demokratie allein nicht ausreicht. In der Geometrie lernen wir, daß
ein Dreieck am stabilsten ist. Die politische Geometrie
einer erfolgreichen Demokratie sollte uns lehren, daß
eine freie Gesellschaft auch von wirtschaftlichen Fortschritten und grundlegender Sicherheit getragen werden muß. Krieg und Armut sind die größten Gegner
demokratischer Gesetze, demokratischer Toleranz und
der Rechte des einzelnen.
Viele der jüngsten demokratische Revolutionen in Europa
nahmen ihren Anfang, als die Menschen schließlich
erkannten, daß wirtschaftliche Fortschritte von Freiheit am Arbeitsplatz und Recht auf Privateigentum
abhingen - und daß diese Freiheiten wiederum nur von
einer Regierung gewährleistet werden konnten, die
Verständnis für die Menschen aufbringt. Ideologien,
die freies Unternehmertum abschaffen und die Produktion von Wohlstand lenken wollten, haben weder
Brot noch Freiheit gebracht.
Wir müssen deshalb die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekte der neuen Demokratien bereits fördern, wenn sich die politische Basis formiert.
Ein Volk mit Hoffnung auf ein besseres Leben, das im
Frieden mit sich selbst und seinen Nachbarn lebt, ist
ein Volk, für das Demokratie nicht nur ein Experiment
auf Zeit, sondern ein ständiger Kurs ist. Eine Strategie,
die sich in Beifall für Wahlen und Hoffnung auf das
Beste erschöpft, ignoriert die schmerzlichen Lektionen
der Vergangenheit. Nur eine Strategie, die Demokratie mit wirtschaftlichen Reformen und größerer internationaler Sicherheit untermauert, kann uns die Kraft für
die großen Umstellungen geben, mit denen die Revolutionen von 1989 in die Demokratien der neunziger
Jahren verwandelt werden können.

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�Außenpolitik und demokratische Werte
Meine vierte Beobachtung lautet, daß amerikanische
Außenpolitik demokratische Werte widerspiegeln muß.
Das scheint offensichtlich. Dennoch wollen manche
Amerika im Namen seiner Ideale von einer Welt abkoppeln, die der Demokratie oftmals feindlich gegenübersteht. Und es gibt andere, die sich für eine
Realpolitik aussprechen, bei der nur wirtschaftliche
oder militärische oder politische Interessen und nicht
unsere Werte zählen.

»

Wir können uns in beiden Meinungen wiedererkennen.
Wie oft streben wir nach Idealen, die wir nicht erreichen? Wie oft kommen wir nach der Durchführung
eigennütziger Maßnahmen zu dem Schluß, daß wir
vielleicht nicht ganz richtig gehandelt haben?
Als Individuen haben wir Erfolg, wenn wir uns mit Hilfe
all unserer Eigenschaften für andere einsetzen, wenn
wir auf dieser Welt Dinge nicht nur aus Eigennutz oder
Zufriedenheit mit dem Status quo tun, sondern im
Hinblick auf unsere Ideale etwas verändern.
Meiner Ansicht nach müssen wir in unserer Außenpolitik denselben Ansatz verfolgen. Amerikas Ideale sind
das Gewissen für unser Tun. Unsere Macht ist das
Instrument zur Verwirklichung dieser Ideale. Unsere
Außenpolitik und unser Verständnis gegenüber anderen Ländern sind der Plan für diese Arbeit.

,

&gt;.

Wenn wir in ein neues Zeitalter der Demokratie eintreten, müssen die alten Argumente von Idealismus
gegen Realismus durch Idealismus plus Realismus
ersetzt werden. Wenn wir das nicht erkennen, werden
wir den Verlust der permanenten öffentlichen Unterstützung für unsere Politik riskieren. Meiner Ansicht
nach zeigt die Geschichte, daß das amerikanische
Volk nicht lange eine Politik unterstützen wird, die
seiner Auffassung von humanen Werten widerspricht,
so sehr sie auch als nationales Interesse gerechtfertigt
wird. Darüber hinaus bin ich überzeugt davon, daß die
Amerikaner auch eine Politik abweisen werden, die
primär auf dem moralischen Zeigefinger basiert und
unseren Handlungsspielraum außer acht läßt. Wenn
wir den neuen Demokratisierungstendenzen Beifall
spenden, haben wir ein gutes Gefühl. Aber diese
Tendenzen sind Möglichkeiten und Herausforderungen, keine dauerhaften Tatsachen. Wir dürfen uns
nicht nur gut fühlen, sondern wir müssen Gutes tun.
Demokratie als Instrument der Diplomatie
Meine fünfte Beobachtung ist, daß eine Politik der
Demokratie Kettenreaktionen auslöst und ein mächtiges Instrument zur Mobilisierung internationaler Aktivitäten ist. Eine Politik, die auf unsere nationalen Werte
zurückgreift und sich der Unterstützung des amerikanischen Volkes erfreut, macht unseren Einfluß automatisch effektiver. Eine auf Demokratie konzentrierte
Politik ist jedoch auch in dem Sinne Auslöser einer
Kettenreaktion, weil wir sie einsetzen können, um
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unsere Freunde und Verbündeten für ein gemeinsames Ziel zu gewinnen. Und sie berechtigt zu Hoffnungen der Völker, die immer noch von Diktaturen unterdrückt werden.
Den Vereinigten Staaten schiene es vernünftig, wenn
sie eine Führungsrolle unter den Bündnissen marktwirtschaftlich orientierter Demokratien in Asien, Europa, Nord- und Südamerika bei der Unterstützung von
Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit übernehmen
würden. Wir können unsere gemeinsamen Werte zur
Kombinierung unserer Stärke und Förderung der Interessen aller in einer freien und friedlichen Welt einsetzen. Dies haben wir bei der Organisierung von Hilfe für
die Länder Mittel- und Osteuropas getan. Dies gilt
auch für Mittelamerika, wo wir unsere Freunde und
Verbündeten gedrängt haben, ihre Aktivitäten demokratischen Normen anzupassen und nicht nur ihre
unmittelbaren geopolitiscnen Interessen im Auge zu
behalten. Wir haben so gehandelt, weil wir der Überzeugung sind, daß Demokratie und nationale Interessen der Demokratien sich gegenseitig verstärken.
Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß nicht alle
unsere Ansicht teilen. Einige trauern der Zeit hinterher, als die Vereinigten Staaten alles im Alleingang
machen mußten. Andere scheinen die Auffassung zu
vertreten, wenn wir nicht die größten Beiträge leisten,
wenn wir nicht jedes Hilfsprogramm in allen Eiznelheiten verwalten, dann hätten wir nicht länger Anspruch
auf eine Führungsrolle.
Zweifelsohne ist dies nicht unsere Meinung, und ich
möchte Ihnen erläutern warum.
In den vierziger Jahren war die amerikanische Führungsrolle unbestritten. Wir verfügten über unerschöpfliche Ressourcen, sahen uns mit einer Welt in Trümmern konfrontiert und haben uns der Herausforderung
gestellt. Wir konnten unseren Verbündeten wieder auf
die Beine helfen und unsere ehemaligen Gegner als
Freunde gewinnen. Dank dieser von beiden Parteien
getragenen erfolgreichen Politik erhalten wir bei der
Bewältigung der weltweiten Probleme Hilfe von allen
Seiten. Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten ist
kein Zeichen amerikanischer Schwäche, sondern Beweis
für unsere Stärke. Und diese Stärke sollte von zeitgemäßer Klugheit geleitet sein, ebenso wie die Amerikaner vor 45 Jahren psychische und physische Kraft bei
der Bewältigung völlig anderer Situationen eingesetzt
haben. Heute können wir unserer Führungsrolle noch
sehr viel besser gerecht werden als damals, weil die
Demokratie auf dem Vormarsch ist.
FalM: Mittelamerika
Diese Betrachtungen über Demokratie und unsere
Außenpolitik sind nicht spekulativer Art. Sie sind
vielmehr ein Leitfaden für die Praxis und haben sowohl
bei unserer Denkweise als auch bei einigen unserer
jüngsten außenpolitischen Leistungen eine entscheidende Rolle gespielt.
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�Als erstes Beispiel möchte ich die jüngsten Entwicklungen in Mittelamerika anführen. Bei Amtsantritt des
Präsidenten befand sich die amerikanische Politik
gegenüber dieser wichtigen Region - unserer unmittelbaren Nachbarschaft - in Schwierigkeiten. Es war das
kontroverseste Thema, mit dem wir uns konfrontiert
sahen. Dem Kongreß und der Exekutive war es nicht
gelungen, einen Konsens bezüglich der Bewältigung
des Problems zu erzielen oder, abgesehen davon, es
zunächst einmal überhaupt zu definieren. Auch das
amerikanische Volk war gespalten - was praktisch
unweigerlich zum Scheitern führt.
Der einzige Weg aus diesem Dilemma war die Rückkehr zu amerikanischen Prinzipien. Anfang letzten
Jahres beschloß der Präsident, Demokratie als regionale Zielsetzung und Wahlen als Mittel zur Verwirklichung dieses Ziels zu definieren. Damit wurde der
Schwerpunkt wieder dorthin verlagert, wo er hingehörte. In Nicaragua - einem Au ßenposten der Unterdrükkung in einer Region von Demokratien - wurde das
Verhalten der Sandinisten gegenüber der nicaraguanischen Gesellschaft, nicht der nicaraguanische Widerstand zum Hauptthema. In Panama beraubte General
Noriegas brutale Mißachtung des Votums freier Wahlen ihn seines Anspruchs auf rechtmäßige Herrschaft
und ebnete den schwierigen Weg zur panamaischen
Demokratie. Bei einer weiteren, trotz gewalttätiger
Aktionen in El Salvador durchgeführten freien Wahl
erhielt Präsident Christiani das Mandat, Verhandlungen zur Beendigung des Krieges zu führen und eine
Chance, die ernsthaften Absichten im Bereich der
Menschenrechte unter Beweis zu stellen.
Dank Demokratie gelang es uns, den gordischen Knoten
zu zerschlagen, dereine von beiden Parteien getragenen Politik verhinderte. Am 24. März 1989 wurde im
Weißen Haus eine Vereinbarung zwischen beiden
Parteien unterzeichnet, mit der Republikaner und
Demokraten für ein gemeinsames Anliegen eintreten
können. Auch außerhalb Washingtons konnte die
Unterstützung des amerikanischen Volkes dafür gewonnen werden. Endlich sprachen die Vereingten
Staaten mit einer Stimme. Als unmittelbares Ergebnis
stimmte der Kongre ß für eine Verlängerung humanitärer Hilfe für den Widerstand bis Ende Februar 1990.
Auf der Grundlage dieser überparteilichen Betonung
auf Demokratie wandten wir uns an die mittelamerikanischen Länder. Im Abkommen von Esquipulas fand
ihr Wunsch nach Frieden, Demokratie und dem Ende
der Unterstützung für blutige Revolutionen in anderen
Ländern seinen Niederschlag. Was fehlte, war ein
wirksamer Mechanismus, um diesen Wunsch Realität
werden zu lassen. Als die mittelamerikanischen Präsidenten in Tesoro Beach einen binnen 90 Tagen
festzulegenden gemeinsamen Plan zur Demobilisierung des Widerstands vereinbarten, wurde er damals
weithin als Niederlage für die Vereinigten Staaten
interpretiert. Die Kehrseite des gemeinsamen Plans

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war jedoch die Forderung, daß die Sandinistische
Regierung ein Jahr früher als geplant international
überwachte Wahlen durchführen mußte - am 25. Februar
1990.
Dank dieser Verfügung konnten wir unsere europäischen Verbündeten davon überzeugen, ihre Wirtschaftshilfe an Nicaragua von der Durchführung freier und
fairer Wahlen abhängig zu machen - was sie taten. Im
April 1989 wurde eine von Schweden finanzierte
Konferenz der Geberländer für Nicaragua veranstaltet. Präsident Ortega räumte später ein, er habe nur
einen Bruchteil dessen erhalten, was er sich vor den
Wahlen erhofft hatte.
Schließlich trugen all diese Entwicklungen zu einem
wirksameren Ansatz gegenüber der Sowjetunion bei.
Dank der fortschreitenden Demokratisierung konnten
wir die Sowjets mit einem zunehmenden internationalen Konsens zu Wahlen konfrontieren. Wir brachten
das Argument vor, wenn mit Moskaus Hilfe rechtmäßige Regierungen sabotiert würden - sei es eine frei
gewählte Demokratie in El Salvador oder der Wahlprozeß in Nicaragua - würde dies starke Auswirkungen
auf die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen insgesamt haben. Und wir konnten den Widerspruch
zwischen dem Schüren von Konflikten durch die Sowjets
und ihrem offensichtlichen Wunsch nach kooperativeren Beziehungen bei der Bewältigung regionaler Probleme aufdecken. Infolgedessen stimmte Moskau
noch vor den Wahlen öffentlich zu, sowohl den Wahlprozeß als auch sein Ergebnis zu respektieren.
Wir waren zu der Garantie bereit, daß die Wahlen so
sauber - so frei und fair - wie möglich abgehalten
wurden. Der Kongreß befürwortete den Antrag des
Präsidenten auf finanzielle Unterstützung der Wahlaktivitäten, dank der wir internationale Beobachter nach
Nicaragua entsenden konnten. Zusammen mit den
nicaraguanischen Parteien stellte die National Endowment for Democracy finanzielle Mittel bereit. Wir
maßen dieser Tatsache große Bedeutung bei, weil
damit die demokratische Opposition UNO zumindest
in minimalem Umfang gegen die Sandinistische Partei
antreten konnte, die Ressourcen des gesamten Staates einsetzte.
Schließlich haben wir energisch protestiert und jeden
Fall unfairen und willkürlichen Vorgehens zur Sprache
gebracht. Wir waren uns sicher, daß die Demokratie
rasch zur Blüte gelangen würde, wenn im Scheinwerferlicht der Publizität diejenigen bloßgestellt würden,
die sie im Keim zu ersticken versuchten. Auf die
Sandinisten wurde Druck ausgeübt, damit sie ein
ehrliches Spiel spielten.
Ich zähle all diese Fakten hier auf, weil sie meines
Erachtens ein Umfeld, ein Klima schufen, das der
Demokratie in Nicaragua höchst förderlich war, wie es
in den Wahlen dann zum Ausdruck kam. Der einzelne
Nicaraguaner - jeder einzelne, auf dem die demokra-

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�tischen Hoffnungen ruhten - wußte, daß er nicht allein
war. Die Abstimmung in einer freien und fairen Wahl
war kein einsamer, verzweifelter Akt, sondern ein
Schritt in eine bessere Zukunft.
Nun, da eine demokratische Regierung in Nicaragua
gewählt worden ist, wissen wir, daß Nicaraguas Genesung von den Jahren des Bürgerkriegs und marxistischer Mißwirtschaft teuer und schmerzhaft sein wird.
Dort und in Panama müssen wir Hilfe leisten, um die
neuen Hoffnungen in reale Fortschritte umzusetzen.
Aus diesem Grund hat der Präsident einen neuen 800Millionen-Dollar-Fonds für die Demokratie vorgeschlagen - als unseren Beitrag zu multilateralen Bemühungen , unseren Nachbarn wieder auf die Beine zu helfen.
Das sind keine Almosen. Es ist eine Investition in die
demokratischen Werte, die wir mit unseren Nachbarn
teilen. Denn von Guatemala bis Panama bietet sich
uns eine breite Perspektive neuer Möglichkeiten der
Demokratisierung, Demilitarisierung und Entwicklung,
die allen Menschen der Region eine vielversprechende Zukunft bietet. Mit unserer Hilfe und der Hilfe
anderer demokratischer Länder kann und wird dies
verwirklicht werden.
Fall 2: Mittel- und Osteuropa
Mein zweites Beispiel für das Funktionieren einer
demokratischen Außenpolitik betrifft Mittel- und Osteuropa. Befreit von Furcht und fest entschlossen, ihre
Würde und Hoffnung wiederzugewinnen, haben die
leidgeprüften Völker hinter dem Eisernen Vorhang
diesen schließlich niedergerissen.
Kurz nachdem eine Bresche in die Berliner Mauer
geschlagen worden war, habe ich diese geteilte Stadt
im vergangenen Dezember besucht. Ich schaute
lange durch eines der in jene häßliche Mauer gebrochenen Löcher, und was ich sah war eine großartige
Stadt, die nach Wiedergeburt strebte. Und darüber
hinaus waren alte Nationen mit neuer Hoffnung belebt
worden. All dies ließ sich in einem einfachen Wort
ausdrücken: Demokratie.
Bei meinem Besuch in Prag vor einem Monat sprach
ich von der Konsolidierung der Demokratie in der
gesamten Region. Es war für die Völker Mittel- und
Osteuropas wichtig zu wissen, daß die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert waren, nicht sie
allein betreffen. Auch wir stehen vor einer Herausforderung. Wir werden wegen unserer demokratischen
Werte und des Erfolgs unseres Wirtschaftssystems
bewundert. Die Menschen bitten uns um Hilfe - keine
Almosen -, aber eine Art von Hilfe, die Selbsthilfe
hervorbringt. Ausbildung, Rat und Erfahrungsaustausch zählen mehr als Geld. Wir müssen bereit sein,
dies zu gewähren.
Unser Programm für Kooperation und Hilfe hat drei
Schwerpunkte, die nicht alle wirtschaftlicher Natur
sind. Erstens werden wir uns für das Konzept freier

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und regelmäßiger Wahlen einsetzen. Der Präsident
hat vorgeschlagen, daß dies als Programm der aus 35
Teilnehmerländern bestehenden Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) verabschiedet werden sollte. Wir entsenden ferner Wahlbeobachter in alle Länder Mittel- und Osteuropas, die
ihre ersten Schritte zur Demokratie unternehmen. Das
Ziel dieser Maßnahmen besteht darin, die Demokratie
zum legitimen Prinzip in ganz Europa zu machen.
Zweitens bemühen wir uns mit unseren Verbündeten
und der Sowjetunion darum, Rüstungen und Streitkräfte, die einander in Europa gegenüberstehen, zu reduzieren.
Drittens bieten wir wirtschaftliche Unterstützung für
den schmerzhaften Übergang zu marktwirtschaftlichen Systemen an. In Gesellschaften, die gerade erst
beginnen, die marxistisch-leninistischen Wirtschaftssysteme zu überwinden und häufig die Grundlagen
eines freien Marktes vermissen lassen, ist dies eine
äußerst schwierige Aufgabe. Wir sind jedoch der
Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten, unsere
Verbündeten in Europa und Japan sowie die internationalen Wirtschaftsinstitutionen erfolgreich dabei zusammenarbeiten können, diesen Ländern zu helfen,
den ihnen so lange verwehrten Fortschritt zu erlangen.
Zweck all dieser Anstrengungen sollte die Schaffung
eines gesunden Umfelds für die wirklich treibende
Kraft lang anhaltenden Wachstums sein - umfangreiche Investitionen und Entwicklung des Privatsektors.
Wir verbinden unsere Hilfe mit unseren Werten und
zeigen, wie unsere Werte hilfreich sein können. Unsere Hilfe muß sich an einem einzigen Maßstab messen
lassen: Ob sie Demokratie und wirtschaftliche Freiheit
fördert.
Ich möchte hier kurz auf unsere Politik der Demokratisierung und ihre Auswirkungen auf die Sowjetunion
eingehen. Wir haben ein Interesse an der Perestrojka,
das über die Geopolitik hinausgeht. Wenn die Perestrojka eine demokratischere und offenere sowjetische Gesellschaft mit Rechten für den einzelnen und
wirtschaftlichem Fortschritt zur Folge hat, dann wird
sich dies langfristig sehr vorteilhaft auf die sowjetische
Außenpolitik auswirken. Demokratie in der Sowjetunion ist meines Erachtens die beste Garantie für einen
konstruktiven sowjetischen Ansatz bei internationalen
Problemen.
Fall 3: Die Erschließung neuer Bereiche
Den dritten und letzten Fall praktischer Demokratie
würde ich als "Erschließung neuer Bereiche" bezeichnen. Im Verlauf dieser Rede habe ich stets argumentiert, daß die Demokratie sowohl amerikanischen Idealen als auch amerikanischen Interessen dient. Ferner
ist die Demokratie ein praktisches Instrument der
Diplomatie, nicht das einzige, aber ein besonders
wertvolles, mit dem im In- und Ausland Unterstützung

Seite 5

�für unsere Außenpolitik mobilisiert werden kann.

Schlußbemerkung

Die Demokratie spricht universelle Bestrebungen an um jene berühmten amerikanischen Worten zu zitieren "ohne Ansehen von Rasse, Glauben oder Hautfarbe". Ich lehne die Ansicht ab - und hoffe, daß auch die
Vereinigten Staaten dies stets tun werden -, daß die
Demokratie nur für bestimmte Gesellschaften gilt und
in Afrika, Asien oder Südamerika, ja selbst im Nahen
Osten fehl am Platz ist. Ich setze dem entgegen:
Denkt an das Motto "Vertraut dem Volk".

Ich möchte meine Ausführungen mit folgendem Gedanken beenden. Als ich auf dem College die Klassiker studierte, machte ich die erstaunliche Entdeckung,
daß die meisten antiken Philosophen die Demokratie
fürchteten. Diejenigen, die sich mit den Auseinandersetzungen über unsere Verfassungen im 18. Jahrhundert beschäftigen, werden ebenfalls diese Furcht antreffen. Es bestand ein unterschwelliger Verdacht, der
einzelne werde korrumpiert, einfache Männer und
Frauen wären einer Selbstregierung einfach nicht
gewachsen.

Weil wir nicht nur hier oder in Europa oder Mittelamerika dem Volk vertrauen, sondern überall auf der Welt,
setzen wir Demokratie und Wahlen als wertvolle Instrumente ein, um regionale Konflikte zu beenden und
nationale Aussöhnung zu bewirken. Dazu möchte ich
kurz einige Beispiele nennen:

Unsere Gründerväter überwanden diese Furcht und
hinterließen uns ein Vermächtnis des Vertrauens in
den Bürger, das unsere größte politische und moralische Stärke ausmacht. Unsere Au ßenpolitik war stets
dann am besten, wenn sie aus dieser Stärke schöpfte
und unser Land zu einer treibenden Kraft für das Gute
in der Welt machte. Heute, nach schweren Jahren der
Verteidigung demokratischer Werte, ist unser ursprüngliches Vertrauen erneuert worden.

In Namibia, an dessen Feiern zur Unabhängigkeit ich
kürzlich teilnahm, waren freie und faire Wahlen ein
Schlüsselelement der Regelung, mit der die letzte
Kolonie Afrikas befreit, ein Bürgerkrieg beendet und
eine neue Regierung mit einer demokratischen Verfassung eingesetzt wurden. Wir sind davon überzeugt,
daß freie und faire Wahlen eine ähnliche Rolle bei der
Förderung nationaler Versöhnung in Angola und Südafrika spielen können.

Einfache Menschen sind wahrhaft die Helden unserer
Zeit. Einfache Menschen haben die Mauer zum Einsturz gebracht. Einfache Menschen haben die Diktatoren abgesetzt. Einfache Menschen haben in Mittelamerika für die Demokratie gestimmt.

Im arabisch-israelischen Konflikt betrachten wir Wahlen in den besetzten Gebieten als Katalysator für die
Herbeiführung eines konstruktiven israelisch-palästinensischen Dialogs, der beiden Völkern den so dringend benötigten Frieden bringen könnte.

Wie einst unsere Gründerväter aufgrund ihres Vertrauens in die Bürger eine neue demokratische Gesellschaft aufbauten, so muß sich unsere Außenpolitik
heute auf dasselbe Vertrauen gründen, um eine neue
demokratische Völkergemeinschaft aufzubauen. Das
In Kambodscha betrachten die fünf Ständigen Mitglie- ist unsere Chance und unsere Herausforderung. Ich
der des UN-Sicherheitsrats eine freie und faire Wahl bin sicher, daß wir es mit der Hilfe jedes Amerikaners
als besten Weg, um den Streit über die legitime Regie- schaffen werden.
rung dieses gepeinigten Landes endlich zu beenden,
indem das kambodschanische Volk die langersehnte
Chance erhält, seine politische Führung selbst zu
wählen.

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 13

�OFFENER

HIMMEL
4. April 1990

OFFENER HIMMEL SOLL TAGESORDNUNGSPUNKT
BEI MINISTERTREFFEN SEIN
Erklärung von Botschafter Hawes
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten hoffen, daß Vorschläge in Zusammenhang mit dem Regime
des Offenen Himmels beim Washingtoner Treffen der Außenminister Baker und Schewardnadse vom 4.-6. April
1990 auf der Tagesordnung stehen werden.
Wie der Leiter der amerikanischen Delegation bei der Konferenz über den Offenen Himmel, Botschafter John
Hawes, am 29. März 1990 vor Mitgliedern des Kongresses erklärte, wollen die Vereinigten Staaten das
Programm zur Durchführung unbewaffneter, multilateraler Aufklärungsflüge von Kalifornien im Westen bis
Wladiwostok im Osten "energisch" weiterverfolgen. Ein Regime des Offenen Himmels könne zu den sich
gegenwärtig entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa beitragen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Hawes im Wortlaut.
Ich freue mich sehr über diese Gelegenheit, über Ziele
und Stand der Verhandlungen über den Offenen Himmel
sprechen zu können. Diese im Februar in Ottawa
eröffneten Gespräche sind das Ergebnis des Vorschlags, den Präsident Bush im Mai des vergangenen
Jahres in einer Rede bei der Texas A and M University
vorgebracht hat. Sie sollen am 23. April in Budapest
mit dem Ziel wiederaufgenommen werden, bis zum 12.
Mai, dem Jahrestag der Rede des Präsidenten, eine
Einigung über einen Vertragstext zustande zu bringen.
Zur Zeit ist es noch ungewiß, wann ein Abkommen
über den Offenen Himmel abgeschlossen werden
kann. Als der Gedanke im Jahr 1955 zum ersten Mal
von Präsident Eisenhower ins Spiel gebracht wurde,
war die Aufnahme äußerst frostig. Der radikale Wandel im internationalen Klima läßt uns jedoch heute auf
ein positiveres Ergebnis hoffen. Das Konzept der
Offenheit ist zu einem zentralen Grundsatz der internationalen Beziehungen geworden. Und der Vorschlag des Offenen Himmels selbst wurde von seiner
ursprünglichen bilateralen amerikanisch-sowjetischen
zu einer multilateralen Konzeption erweitert, die dazu
beitragen kann, die sich entwickelnden neuen Sicherheitsstrukturen in Europa zu unterstützen.
Offener Himmel heute
Ein Abkommen über den Offenen Himmel in diesem
Frühjahr käme zur rechten Zeit. Ein Regime mit dem
Ziel umfassenderer und systematischerer Offenheit
könnte im Kontext der dramatischen Beschleunigung

AMERIKA DIENST 13

der Vorgänge in Europa beruhigend und stabilisierend
wirken. Der Offene Himmel ist zunächst eine wichtige
vertrauensbildende Maßnahme, die allen europäischen
Staaten, groß und klein, in Ost und West zugute
kommen würde. Unseren Vorstellungen zufolge wäre
ein Regime des Offenen Himmels nicht an Bündnisstrukturen gebunden. Es würde vielmehr die Souveränität und Unabhängigkeit jedes Teilnehmerstaats
widerspiegeln.
Auf diese Weise würde es ein Maximum an Flexibilität
gewährleisten, insbesondere für die Staaten Osteuropas. Wir gehen davon aus, daß das Konzept des
Offenen Himmels langfristig auch auf andere Länder
und Regionen angewendet werden könnte, obwohl der
ursprüngliche Schwerpunkt notwendigerweise und zu
Recht auf Europa lag.
Neben ihrem vertrauensbildenden Charakter können
die im Rahmen des Offenen Himmels gesammelten
Informationen eine äußerst nützliche Ergänzung zur
Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen sein, auch
wenn der Offene Himmel an sich kein Rüstungskontrollabkommen und keine Verifikationsmaßnahme per
se darstellt. Angesichts der immer umfangreicheren
Tagesordnung in der Rüstungskontrolle wird dieser
ergänzende Beitrag wahrscheinlich für alle Teilnehmer
dauerhafte Bedeutung haben.
Bei der Konzipierung des Regimes des Offenen Himmels hatten wir bereits an dieses Ziel der Ergänzung
anderer Informationsquellen für die Verifizierung von

Seite 1

�Rüstungskontrollvereinbarungen gedacht, darunter
Nationale Technische Mittel und die speziellen Verifizierungsvorschriften bestimmter Rüstungskontrollabkommen. Daher sollten zum Beispiel die im Rahmen eines
Regimes des Offenen Himmels vorgeschlagenen Sensoren die Zählung von militärischem Großgerät ermöglichen. Ebenso sollten die Quoten hoch genug angesetzt sein, um eine effektive Überwachung der größten
Teilnehmerstaaten zu gestatten.
Jede bestehende oder potentielle Informationsquelle,
einschließlich des Offenen Himmels, unterliegt gewissen Merkmalen, die bestimmen, wie sie am effektivsten
genutzt werden kann. Im allgemeinen sollte das Regime
des Offenen Himmels unseres Erachtens bei Einsatz
relativ empfindlicher Sensoren die Erfassung großer
Gebiete sicherstellen. Aufgrund dieser Erfassungsmethode gewonnene Informationen könnten mit bei der genaueren Überprüfung bestimmter Standorte gesammelten Informationen - etwa im Rahmen des für ein KSEAbkommen vorgesehenen Verifikationsregimes - zusammengefaßt werden. Aufgrund seiner umfassenden
geographischen Ausdehnung könnte der Offene Himmel überdies eine wichtige Rolle bei der Aufspürung
möglicher Vertragsverletzungen spielen.
Die Tagesordnung nach Ottawa
Die Konferenz von Ottawa erbrachte keine Ergebnisse.
Die Gespräche waren jedoch in dem Sinn produktiv, daß
es möglich war, Positionen detailliert zu ergründen und
die Fragen zu definieren, bei denen noch Uneinigkeit
herrscht. Das Arbeitsdokument der Konferenz entspricht im Grunde dem von der NATO vorgelegten
Textentwurf. Einige Änderungen wurden in den Sitzungen der multilateralen Arbeitsgruppen vorgeschlagen,
und die Sowjetunion brachte eine Reihe unilateraler
Änderungsvorschläge ein. Es sollte in diesem Zusammenhang nicht außer acht gelassen werden, daß die
osteuropäischen Staaten in Ottawa eine sehr unabhängige und konstruktive Rolle spielten und häufig kreative
Gedanken einbrachten, um die Gespräche voranzubringen.
Gegenwärtig überprüfen wir die in Budapest zu leistende Arbeit und die Wahrscheinlichkeit, daß ein Vertrag
innerhalb der zur Verfügung stehenden Zeit abgeschlossen werden kann. Die Diskussionen in Ottawa enthüllten erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen
der Sowjetunion und den anderen 22 Teilnehmerstaaten
in vier Hauptverhandlungspunkten:
Die meisten Teilnehmer waren sich darin einig,
daß ein effektives Regime des Offenen Himmels
ein breites Spektrum hochmoderner Sensoren
erfordert, darunter solche, die bei jedem Wetter,
bei Tag und bei Nacht einsatzfähig sind. Die
Sowjets setzten sich dagegen für eine Begrenzung der Sensoren auf optische und elektrooptische Kameras ein, die nur bei Tageslicht und
gutem Wetter funktionsfähig sind.

Seite 2

Die meisten Teilnehmer stimmten überein,
daß das gesamte Territorium der Teilnehmerstaaten für Überflüge offen sein muß und
Beschränkungen nur aus Gründen der Flugsicherheit auferlegt werden dürfen. Die Sowjets
befürworteten aus ungenannten Sicherheitsgründen zusätzliche territoriale Beschränkungen.
Die meisten Staaten stimmten in der Zahl der
Flüge über ihrem Staatsgebiet überein, die
eine effektive Erfassung erlauben würde. Die
Sowjets setzten sich für eine niedrige, im
wesentlichen symbolische Zahl ein.
Die meisten Staaten waren darin einig, daß die
Kontrolle der Beobachtungsflugzeuge in den
Händen der beobachtenden Partei oder einer
freiwilligen Gruppe von Parteien liegen sollte.
Die Sowjets schlössen dies nicht aus, gaben
jedoch einem System den Vorzug, bei dem der
beobachtete Staat das Flugzeug zur Verfügung stellen und die Sensoren kontrollieren
würde oder das Recht hätte, das einzusetzende Flugzeug auszuwählen.
Aus unserer Sicht und der Sicht der großen Mehrheit
der Teilnehmerstaaten sind die von uns bei Sensoren, territorialem Zugang, Flugquoten und Flugzeugbetrieb angestrebten Bestimmungen der logische
Weg zur Verwirklichung des Konzepts des Offenen
Himmels. Sie bilden keinerlei Bedrohung der Sicherheit irgendeiner Partei, einschließlich der Sowjetunion. Wir hoffen deshalb, daß es der Sowjetunion nach
reiflicher Überlegung möglich sein wird, sich bei
diesen Fragen der Mehrheit anzuschließen.
Im Verlauf der Diskussionen von Ottawa betonten die
Osteuropäer die Bedeutung, die sie einem gleichen
Zugang aller Teilnehmerstaaten zur Sensortechnologie beimessen. Sie erklärten, während die führenden Mächte hochmoderne Beobachtungssensoren
entwickelt hätten, sei das Niveau der gegenwärtig in
Osteuropa zur Verfügung stehenden Sensoren damit
nicht vergleichbar. Dies, so behaupteten sie, würde
bei einem möglichen Regime des Offenen Himmels
zu Ungleichheit führen.
Wir untersuchen zur Zeit das Spektrum an Sensortechnologie, das für den Offenen Himmel eingesetzt
werden könnte, um zu entscheiden, ob die zum Ausdruck gebrachten Anliegen der Osteuropäer berücksichtigt werden können. Letztlich muß diese Frage
im COCOM behandelt werden, da das Gros der für
den Offenen Himmel in Frage kommenden Technologie den multilateralen Exportkontrollen des COCOM unterliegt.
Zusammenfassung
Die Wiederbelebung des Gedankens des Offenen
Himmels fällt in eine Zeit außerordentlicher internaAMERIKA DIENST 13

�tionaler Herausforderungen und Chancen. Das Tempo des Wandels an sich führt zur Forderung nach
einem besseren Verständnis militärischer Streitkräfte
und Handlungen. Daneben könnten es die entstehenden neuen politischen Realitäten und Haltungen erforderlich machen, einen weitreichenden Ansatz für den

*

AMERIKA DIENST 13

Offenen Himmel zu verwirklichen, um dieser Forderung gerecht zu werden. In den kommenden Wochen
werden wir mit den anderen Teilnehmerstaaten, einschließlich der Sowjets, daran arbeiten, um zu sehen,
ob ein Vertrag über den Offenen Himmel in Budapest
abgeschlossen werden kann.

* * *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
4. April 1990

PROTEKTIONISMUS IST KOSTSPIELIG
UND WIRKUNGSLOS
Auszüge aus dem Jahresbericht des Gemeinsamen
Wirtschaftsausschusses
WASHINGTON - (AD) - Der Gemeinsame Wirtschaftsausschuß des Kongresses (JEC) hat am 3. April 1990
seinen Jahreswirtschaftsbericht veröffentlicht. Diesem überparteilichen Papier zufolge könnten die politisch
Verantwortlichen zwar versucht sein, Handelsschranken zu errichten, um inländische Hersteller vor den Kräften
des Wettbewerbs zu schützen, aber solche Maßnahmen würden den in einer dynamischen Volkswirtschaft
notwendigen Anpassungen nicht förderlich sein. Stattdessen fordert der JEC Vertrauen in die Kräfte des Marktes
sowie in die multilateralen Handelsgespräche, um Handelsprobleme zu lösen, erklärt jedoch auch, daß bilaterale
und regionale Handelsvereinbarungen einer offenen internationalen Handelsordnung nicht unbedingt zuwiderlaufen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Bericht, insbesondere zu internationalen Wirtschaftsfragen,
Umwelt und der aus den Reformen in Osteuropa resultierenden "Friedensdividende".

Die Stärkung unserer Stellung in der Weltwirtschaft
Obwohl die Vereinigten Staaten weiterhin die führende
Weltwirtschaftsmacht sind, haben die Ereignisse der
letzten zehn Jahre manche Fragen im Hinblick auf
unsere Fähigkeit aufgeworfen, diese Führungsposition zu bewahren. Darauf gibt es vielerlei Antworten,
die meist vom Blickwinkel des Betrachters abhängen.
Wir haben die reichste Volkswirtschaft der Welt, aber
die großen amerikanischen Handelsdefizite, eine steigende internationale Verschuldung und harter Wettbewerb mit Japan, Westeuropa und den industriellen
Schwellenländem Asiens sind Herausforderungen für
die Wirtschaftspolitik. Wenn wir jedoch den Willen
haben, so finden wir sicherlich auch den Weg, unsere
Führungsrolle zu bewahren.
Tendenzen im amerikanischen Handel und bei der
internationalen Wettbewerbsfähigkeit
Es gibt sicherlich guten Grund zur Besorgnis über die
amerikanische Stellung in der Weltwirtschaft, aber die
Tatsachen sollten in das rechte Verhältnis gesetzt
werden. In vieler Hinsicht schnitt die amerikanische
Wirtschaftsleistung in den achtziger Jahren im Vergleich mit anderen Industriestaaten vorteilhaft ab.
Trotzdem ist das amerikanische Handelsdefizit hoch,
und ausländischer Besitz an amerikanischen Vermö-

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genswerten stieg zwischen 1979 und 1989 wesentlich
schneller als amerikanische Ansprüche auf Vermögenswerte im Ausland. Natürlich hatte sich die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in der Weltwirtschaft statistisch gesehen schon seit längerer Zeit
abgeschwächt. Dies ging zwangsläufig mit der Erholung der anderen Industrieländer von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs einher. Unmittelbar nach
dem Krieg zum Beispiel erwirtschafteten die Vereinigten Staaten die Hälfte des Bruttosozialprodukts aller
Marktwirtschaften. Im Jahr 1980 erwirtschafteten sie
weniger als ein Drittel. Auch wenn man die Bedeutung
der amerikanischen Exporte im Welthandel nach anderen
Kriterien bewertet, zeigt sich eine ähnliche Tendenz.
Bei der Industrieproduktion nach OECD-Maßstab haben
die Vereinigten Staaten jedoch immer noch den gleichen Anteil wie im Jahr 1973, und unser Anteil am
Weltexport ist größer als der jedes anderen Landes.
Internationale wirtschaftliche Herausforderungen
Ein Großteil der Veränderungen in der relativen wirtschaftlichen Stellung der Vereinigten Staaten in den
vergangenen Jahrzehnten war die Folge des guten
wirtschaftlichen Abschneidens unserer Handelspartner und nicht schlechter wirtschaftlicher Leistungen
unsererseits. Betrachtet man die Kluft, die am Ende
des Zweiten Weltkriegs zwischen ihnen und uns be-

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�stand, so war es unvermeidlich - und sogar wünschenswert -, daß sie diese Kluft verringerten. Und
zum größten Teil haben wir vom wirtschaftlichen Erfolg
unserer Handelspartner profitiert. Als Folge des starken Produktivitätszuwachses im Ausland sind von uns
importierte Waren preiswerter geworden, und unsere
Exportmärkte sind aufgrund des gro ßen Einkommenszuwachses unserer Handelspartner gewachsen.
Natürlich kann amerikanischen Arbeitnehmern, Unternehmen und Gemeinden durch massive, unkontrollierte Importschwemmen und durch ausländische Handelsschranken gegen amerikanische Exporte Schaden zugefügt werden. Insgesamt haben die Vereinigten Staaten jedoch weiterhin ein Interesse an der
Förderung starken Wachstums in der übrigen Welt,
das mit der Öffnung der Weltmärkte für freieren Handel
und Wettbewerb einhergeht.
Wir haben ebenfalls von den internationalen Kapitalflüssen profitiert. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs
bis in die achtziger Jahre waren die Vereinigten Staaten in der Welt ein Nettoinvestor, da unser im Inland
erwirtschaftetes Kapital unsere Inlandsinvestitionen
übertraf. Die Nettogewinne aus unseren Auslandsinvestitionen trugen zu unserem Nationaleinkommen
bei. In den von hohen Haushaltsdefiziten und unzureichender privater Spartätigkeit gekennzeichneten letzten Jahren waren wir in der Lage, einen gleichzeitigen
Rückgang der Investitionstätigkeit zu verhindern, indem wir ausländisches Sparkapital anzogen. Wir
profitieren von der zusätzlichen Kapitalbildung aus
ausländischen Investitionen, aber einige der Gewinne
aus auslandsfinanzierten Investitionen in den Vereinigten Staaten werden ins Ausland abfließen. Einige
Wirtschaftswissenschaftler sind über unsere Stützung
auf ausländisches Sparkapital besorgt, während andere die durch Zuflüsse ausländischen Sparkapitals
erbrachten Investitionen begrüßen, die über die aus
amerikanischem Sparkapital getätigten Investitionen
hinausgehen. Einige Experten äußern sich besorgt
über Konzentrationen von Produktionskapazitäten für
bestimmte Erzeugnisse, die für unsere wirtschaftliche
oder nationale Sicherheit ins Gewicht fallen könnten.
Wenn jedoch amerikanische Tochterfirmen ausländischer Unternehmen die auf amerikanischen Märkten
gültigen Spielregeln einhalten, sind sie kaum von
amerikanischen Firmen zu unterscheiden . Überdies
profitieren wir in den Vereinigten Staaten in dem Maß,
in dem ausländische Firmen neue Produkte oder innovative Produktionsmethoden bei uns einführen.
Trotz der Vorteile des internationalen Handels und
ausländischer Investitionen für die Vereinigten Staaten haben die Entwicklungen in der Weltwirtschaft im
vergangenen Jahrzehnt mehrere Herausforderungen
hervorgebracht. Erstens beruht ein Großteil des
Konkurrenzdrucks, dem amerikanische Firmen ausgesetzt sind, nicht auf unfairen Geschäftspraktiken
oder staatlichen Subventionen im Ausland. Stattdessen erscheinen traditionelle Geschäftsmethoden vieler amerikanischer Unternehmen, die vielleicht angeSeite 2

messen waren, als die Konkurrenten vorwiegend andere
US-Firmen mit ähnlichen Geschäftspraktiken waren,
heute nicht besonders passend für den Umgang mit
aggressiven internationalen Rivalen. So ist zum Beispiel eine MIT-Studie zu dem Schluß gekommen, daß
die traditionelle Geschäftspolitik vieler amerikanischer
Unternehmen wesentlich schlechter war als die besten
Geschäftsmethoden erfolgreicher ausländischer oder
amerikanischer Firmen. Aus diesem Grund steht die
amerikanische Wirtschaft vor der Herausforderung,
sich auf den internationalen Wettbewerb einzustellen,
indem sie sich die heute erfolgreichen Geschäftsmethoden zu eigen macht und neue entwickelt.
Die politisch Verantwortlichen stehen vor der Herausforderung, Alternativen zu Handelsschranken zu finden, um wirtschaftliche Anpassungsprozesse gegen
Erschütterungen abzufedern, die bei verstärktem internationalem Wettbewerb wahrscheinlich unvermeidbar sind. Die Errichtung von Barrieren gegen ausländische Konkurrenz für Industriezweige, die mit einer
Importschwemme konfrontiert sind, kann kurzfristig
Erleichterung verschaffen. Studien haben jedoch
gezeigt, daß Protektionismus mit enormen Kosten
verbunden ist und bei der Förderung der in einer
dynamischen Volkswirtschaft erforderlichen Anpassungen zumeist versagt. In vielen Fällen kann der
Anpassungsprozeß als Teil der normalen Funktionsweise der Märkte ohne größere Störungen stattfinden.
In anderen Fällen können zielgerichtete staatliche
Programme zur Umschulung von Arbeitskräften und
Anpassungshilfe erforderlich sein, um Arbeitnehmern
beim Wechsel zu neuen Arbeitsplätzen zu helfen.
Indem wir unser eigenes Vertrauen auf Handelsschranken zur Bewältigung von Anpassungsproblemen begrenzen, werden wir eher in der Lage sein, andere
Länder zu ermutigen, dasselbe zu tun. Die Vereinigten
Staaten haben ihr Programm zur Öffnung der Weltmärkte traditionell im Rahmen der multilateralen Handelsgespräche des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) verfolgt. Wir sind weiterhin an
einem Abbau der Handelsschranken durch das GATT
interessiert, wobei wir in der gegenwärtigen Runde
besondere Anliegen im Bereich der Landwirtschaft
und des Rechts auf geistiges Eigentum haben. Daneben haben wir ein bilaterales Abkommen mit Kanada
abgeschlossen, und Europa ist auf dem Weg zur
Einrichtung eines Binnenmarkts im Jahr 1992. Die
Entwicklung von Handelsgruppen und Handelsabkommen außerhalb des GATT-Rahmens läuft einer offenen internationalen Handelsordnung, die in unserem
besten Interesse liegt (mit wenigen Ausnahmen vermeidet der für 1992 geplante europäische Binnenmarkt Protektionismus), nicht zwangsläufig zuwider.
Wir müssen jedoch darüber wachen, daß bilaterale
Handelsabkommen und die Organisierung von Handelsgruppen primär auf die Öffnung des Handels und
nicht auf die Errichtung geschützter Enklaven ausgerichtet sind.

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�Die Reformen in Osteuropa und die Schuldenprobleme Lateinamerikas bilden weitere Herausforderungen. Es liegt eindeutig in unserem Interesse, Wirtschaftsreformen zu unterstützen, die Osteuropa auf
dem Weg durch ein sicherlich äußerst schwieriges
Übergangsstadium helfen. Es liegt ebenso in unserem
Interesse, die drückenden wirtschaftlichen und politischen Lasten für die Schuldnerländer in der dritten
Welt zu erleichtern. Gesunde Märkte in Osteuropa
und Lateinamerika bieten den Vereinigten Staaten
ebenso wichtige Handels- und Investitionsmöglichkeiten wie in Westeuropa zu Ende des Zweiten Weltkriegs, als umfangreiche wirtschaftliche Ressourcen in
den Wiederaufbau flössen. Ressourcen allein sind für
Osteuropa und Lateinamerika nicht unbedingt die
Lösung. Dennoch sollten wir uns nicht von den Engpässen unseres Haushalts zu der Auffassung verleiten
lassen, wir könnten es uns nicht leisten, lohnende
Gelegenheiten zu ergreifen, obwohl eine Änderung
der Prioritäten im Haushalt erforderlich sein könnte.
Darüber hinaus sollte für kreditwürdige Aktivitäten
immer privates Kapital zur Verfügung stehen. Aus dem
Vorsprung, den andere Länder bei ihren Überschüssen haben, dürfen wir auch nicht schließen, daß wir
ihnen die Führungsrolle abtreten sollten.
Maßnahmen für den Dollar und das Handelsdefizit
Die auf den Devisenmärkten festgesetzte Bewertung
des Dollars basiert auf der Attraktivität amerikanischer
Waren sowie Sachwerten und Kapital. Wenn amerikanische Unternehmen im Vergleich zu ihren internationalen Konkurrenten bei der Steigerung der Produktivität erfolgreich sind und wenn Anlagen in den Vereinigten Staaten im Vergleich zu Anlagen im Ausland
attraktiv sind, steigt der Dollar - wenn nicht, fällt er.
Keinesfalls können direkte Eingriffe in den Devisenmarkt die Bewertung des Dollars verändern. Interventionen zur Behebung von Wechselkursschwankungen
können gerechtfertigt sein. Aber es ist ein gefährliches
und potentiell kostenträchtiges Spiel, wenn man versucht, den Markt im Hinblick auf die Bewertung des
Dollars beeinflussen zu wollen.
Auch das Handelsdefizit ist in vieler Hinsicht ein künstliches Produkt aus politischen Maßnahmen und wirtschaftlichen Bedingungen und nicht direkt von Politikern beeinflußbar. Zum Beispiel werden Bestrebungen zum Abbau des Handelsdefizits, wie direkte Importbeschränkungen oder Exportsubventionen, durch
Aufwertung des Dollars zunichte gemacht, wenn die
Vereinigten Staaten nicht mehr sparen (oder weniger
investieren). Es gibt jedoch mehrere Möglichkeiten,
wie eine andere Politik oder veränderte wirtschaftliche
Bedingungen zu einem Abbau des Handelsdefizits
führen können. Am wenigsten wünschenswert wäre
ein Vertrauensverlust gegenüber der amerikanischen
Wirtschaftspolitik, der zu einem Versiegen ausländischer Spareinlagen in den Vereinigten Staaten führen
würde. Dabei würden die Zinsen steigen und die
Investitionen sinken. Es wäre ebenso wenig wün-

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schenswert, wenn wir eine starke Rezession hinnehmen mü ßten, auch wenn sich damit das Handelsdefizit
wahrscheinlich abbauen lassen würde. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, die Spartätigkeit im
Inland anzukurbeln, damit wir mehr investieren können
und in geringerem Maße von ausländischen Spareinlagen abhängig sind, so daß sich das Handelsdefizit im
Einklang mit einer gesunden Politik ordnungsgemäß
verbessern kann.
Schlußfolgerungen
Wenn wir uns den in diesem Bericht beschriebenen
Herausforderungen für das Wirtschaftswachstum stellen, und wenn wir den hier angesprochenen Herausforderungen zur Wiederherstellung unserer internationalen wirtschaftlichen Stärke gerecht werden wollen,
sollten wir unsere Position in der Weltwirtschaft stärken. Wenn wir diesen Herausforderungen nicht begegnen, könnten wir wirtschaftliche Einbußen erleiden, und damit würde auch unser Einfluß weltweit
schwinden.
Die Umwelt In den neunziger Jahren
Eine florierende Wirtschaft sollte uns eine saubere
Umwelt bieten können. Dennoch scheinen die Bedürfnisse von Wirtschaft und Umwelt oftmals auseinanderzuklaffen. Eine gesunde Umweltpolitik sollte Bestandteil einer gesunden Wirtschaftspolitik sein und nicht
damit konkurrieren. Die Vorteile des Umweltschutzes
müssen gegen seine Kosten abgewogen werden.
Die Verbraucher messen einer sauberen Umwelt einen hohen Stellenwert bei, aber es ist schwierig, dafür
einen Preis festzulegen. Wir verfügen über wenig
Informationen, was Arbeitnehmer und Verbraucher
dafür zu zahlen bereit sind, weil es natürlich keinen
Markt gibt, auf dem man so etwas kaufen kann. Es gibt
ihn nicht, weil es schwierig ist, die nicht so leicht
faßbaren Vorteile einer sauberen Umwelt zu berechnen.
Wir wissen nicht genau, was Menschen zur Reduzierung der Umweltverschmutzung zu zahlen bereit sind,
können aber abschätzen, welchen Preis sie bereits zur
Bekämpfung ihrer Auswirkungen zahlen. Im Falle der
Luftverschmutzung belaufen sich zum Beispiel die
Kosten für Gesundheitsfürsoge und Schäden an Ernten, Vieh und Gebäuden auf mehrere Milliarden Dollar
jährlich. Kosten wie diese müssen gegen die Kosten
für den Abbau der Umweltverschmutzung abgewogen
werden.
Im Hinblick auf die Prinzipien besteht ein Konsens
unter Wirtschaftswissenschaftlern, eine Einigung
scheitert jedoch oftmals an einzelnen Problemen und
Ansätzen beim Umweltschutz. Umweltprobleme haben
alle ihre ureigenen Merkmale. Was in einem Bereich
funktioniert, kann in einem anderen völlig unangemessen sein.
Darüber hinaus können staatliche Maßnahmen und
Privatmärkte oftmals die sozialen Kosten und Nutzen
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�von Umweltproblemen nicht in Einklang bringen. Die
starke Interdependenz von Umwelt und Wirtschaftssystemen kann leicht zu unbeabsichtigen politischen
Konsequenzen führen. Zum Beispiel wird eine Politik,
die unberechtigterweise die durch neue Autos oder
Kraftwerke verursachte Umweltverschmutzung bekämpft, deren Preis erhöhen und den Einsatz älterer
Technologie mit stärkerem Verschmutzungsgrad fördern. Es gibt fünf allgemeine Ansätze zum Abbau der
Umweltverschmutzung.
Marktabhängige Anreize
Wenn Ursachen für Umweltverschmutzung erkennbar
und die Schadstoffe meßbar sind, sollten Regierungen
versuchen, wirtschaftliche Anreize zu bieten. Wenn
zum Beispiel pro Einheit eines Schadstoffes Geldstrafen erhoben werden, haben die für die höchsten Emissionen Verantwortlichen den größten fianziellen Anreiz zu deren Reduzierung. Darüber hinaus können
diese Geldstrafen die Verursacher veranlassen, ihre
Emissionen so abzubauen, wie es ihnen am besten
nützt. Die Erlaubnis zur Emission einer begrenzten
Schadstoffmenge könnte in derselben Weise erfolgen.
Vorgeschriebene Verhaltensmaßregeln
In einigen Fällen ist es sinnvoll, Verhaltensmaßregeln
für zulässige Umweltverschmutzung aufzustellen.
Solche Regeln können den Verursachern ebenso wie
marktorientierte Anreize erhebliche Flexibilität bei der
Wahl der besten Technologie einräumen.
Strenge Verbote
Einige Schadstoffe sind so gefährlich oder so schwer
meßbar, daß ein strenges Verbot sinnvoll ist. Plutonium ist zum Beispiel so gefährlich, daß wir seine
Freisetzung nicht verantworten können, so hoch die
Summe, die ein potentieller Verwender zu zahlen
bereit wäre, auch sein mag.
Notwendige Technologien und Leistungen der
öffentlichen Hand
Wenn einzigartige Ressourcen, Rohstoffmonopole oder
hohe soziale Risiken auf dem Spiel stehen, kann ein
direkteres Eingreifen der Regierung erforderlich werden. Die meisten Gemeinden vertrauen zum Beispiel
der Regierung oder bestimmten Privatfirmen ihre
Abwasserentsorgung an.
Informationen
Manchmal können Regierungen private Körperschaften zur Lösung ihrer Umweltprobleme ermutigen, indem sie bessere Informationen über das anstehende
Problem bereitstellen.
Unserer Ansicht nach sollte sich die Umweltpolitik
gegebenenfalls finanzielle Eigeninteressen zunutze
machen. Grundsätzlich betont eine solche Politik
flexible Reaktionen und Abstufungen statt Verboten Zuckerbrot statt Peitsche - um angemessene Anreize
zu schaffen. In der Vergangenheit ist es der Umwelt-

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politik oftmals nicht gelungen, die Macht wirtschaftlicher Anreize zu nutzen. Dennoch gebietet die Vielfalt
der Umweltprobleme, daß wir uns nicht eines einzigen
Ansatzes für alle Situationen bedienen.
Die Friedensdividende
Politische Liberalisierung im Ostblock und die nachlassenden Spannungen des kalten Krieges lassen die
Möglichkeit eines erheblichen Abbaus der Verteidigungsausgaben zu. Wir stimmen zu, daß die "Friedensdividende" kurzfristig kleiner ausfallen wird, aber
steigerungsfähig ist und wahrscheinlich keine Rezession nach sich ziehen wird. Es besteht kein Konsens
darüber, wie die Ersparnisse bei den Verteidigungsausgaben genutzt werden sollen.
Die realen Verteidigungsausgaben werden im Haushaltsjahr 1990 um rund 2 Prozent sinken, liegen aber
immer noch nahezu 44 Prozent über dem Niveau von
1980. Wenn die realen Ausgaben weiterhin um 2
Prozent sinken, läge der Verteidigungshaushalt für
1995 13 Prozent unter dem Höchststand vor zwei
Jahren.
Solche Kürzungen erscheinen bescheiden, besonders
verglichen mit den in einigen frühen Pressemeldungen
geschätzten Kürzungen in Höhe von 100 bis 200
Milliarden Dollar. Tatsächlich sind diese hohen geplanten Einsparungen keine Kürzungen der Verteidigungsausgaben zum gegenwärtigen Dollarwert. Sie
sind vielmehr der kumulative Unterschied zwischen
einer relativ flachen Ausgabenkurve zum derzeitigen
Dollarwert und früheren Regierungsprognosen, die
Aufstockungen des Verteidigungsetats zu einem weit
über der Inflationsrate liegenden Prozentsatz forderten.
Das Tempo der internationalen politischen Veränderungen war atemberaubend. Selbst noch vor einem
Jahr sagten nur wenige etwas dem politischen Umbruch von 1989 vergleichbares voraus, und das sollte
als Warnung für jeden dienen, der heute behauptet, die
Zukunft zu kennen. Obwohl einige der jüngsten Entwicklungen (einschließlich der Spannungen in den
baltischen Sowjetrepubliken) Anlaß zu ernsthafter
Besorgnis geben, legen die meisten (einschließlich der
kontinuierlichen Demokratisierung Osteuropas) den
Schluß nahe, daß die jüngsten Veränderungen unumkehrbar sind. In dem Maße, in dem die sich wandelnden Verhältnisse in Osteuropa zu konkreten Reduzierungen in der militärischen Infrastruktur des Warschauer Pakts und einer Erhöhung der Vorwarnzeit
geführt haben, sollten die politischen Veränderungen
zu einem Abbau der Bedrohung und Verteidigungserfordernisse führen.
Kurzfristig werden die Einsparungen bei den Verteidigungsausgaben bescheiden sein, weil die Ausmusterung von Soldaten, Einmottung von Waffen und Schließung von Stützpunkten ebenfalls Geld kosten; weil die
in der Vergangenheit bestellte Hardware heute Vertragskosten nach sich zieht und Kürzungen bei neuen

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�Hardwarebestellungen kurzfristig wenig einsparen, wenn
auch später sehr viel. Die der modernen Verteidigung
zugrundeliegende langfristige Planung macht einen
abrupten Kurswechsel schwierig und teuer. Der außerordentliche Spannungsabbau könnte jedoch umfassende Kürzungen bei langfristigen Verpflichtungen
zulassen, die in einigen Jahren zu einem einschneidenden Kostenrückgang führen werden.
Die Senkung der Verteidigungsausgaben wird wahrscheinlich nicht zu einer Rezession führen, wie es nach
den Kriegen in Vietnam, Korea und dem Zweiten
Weltkrieg der Fall war. Verteidigung nimmt in der
Wirtschaft wesentlich geringeren Raum ein als in früheren Zeiten und beläuft sich auf rund 6 Prozent des
BSP verglichen mit ca. 9 Prozent während des Vietnamkriegs, 13 Prozent während des Koreakriegs und
ungefähr 40 Prozent während des Zweiten Weltkriegs.
Darüber hinaus hat die Finanzpolitik in jedem Fall
einen beträchtlichen Defizitabbau zum Ziel.
Die binnenwirtschaftlichen Konsequenzen werden daher
voraussichtlich unerheblich sein. Einige besonders
betroffene Arbeitnehmer, Industrien und Gemeinden
werden jedoch Auswirkungen spüren, wenn Stützpunkte geschlossen und Produktionsstätten stillgelegt

werden. Wenn die Einsparungen im Verteidigungsbereich in einigen Jahren so groß sind wie das Tempo der
politischen Veränderungen vermuten läßt, könnte dies
schwierige Anpassungen auf lokaler Ebene zur Folge
haben, und es müssen kreative Mittel und Wege
gefunden werden, um die Umstellung auf zivile Arbeitsplätze und Produkte zu beschleunigen.
Trotz dieser Bedenken vertreten zahlreiche Ökonomen die Auffassung, daß geringere Verteidigungsausgaben letztlich der Wirtschaft zugute kommen. Für die
Verteidigung bestimmte Ressourcen könnten für Investitionen verwendet werden, die unmittelbarer zu einer
Erhöhung unseres Lebensstandards beitragen. Die
Wirtsschaftswissenschaftler sind sich jedoch über den
besten Weg, wie dies verwirklicht werden sollte, uneinig. Einige möchten die Friedensdividende zum Abbau des Haushaltsdefizits verwenden und damit die
staatlichen Anleihen reduzieren und Privatinvestitionen ermutigen. Andere möchten das Geld für die
erforderlichen öffentlichen Investitionen in Infrastruktur und Humankapital aufwenden. Und wieder andere
schlagen vor, die Einsparungen im Verteidigungsbereich für Steuersenkungen zu verwenden.

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                <text>&lt;strong&gt;1. Leben in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weltstadt New York schützt ihre Bürger (I)&lt;br /&gt;&lt;em&gt;New York und seine Polizei&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;(Erste Folge einer Serie von vier Artikeln)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Aus der medizinischen Forschung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Krebsforschung ist schwierigste Detektivarbeit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neues aus der Herzfoschung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Jugendforum&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Forum für die Jugend der Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;New York Herald Tribune verwirklichte große Idee&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Erlebnis der Jugend wird Geschichte machen - Tribüne des Verständnisses - Reise in die Südstaaten - Schlussdiskussionen über "die Welt im Wandel" - Zwei sagen im Namen der Gruppe "good bye" -&lt;/em&gt;</text>
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4. Mai 1983

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan fordert Unterstützung seiner Mittelamerikapolitik
- Rede des Präsidenten vor dem US-Kongreß Burt:

Sowjetunion braucht Anreiz für Verhandlungen

- Rede des US-Unterstaatssekretärs in Hamburg -

WIRTSCHAFT
Der Welthandel und die internationalen Finanzen
- Ein Interview mit dem Sonderbeauftragten Präsident Reagans
für Handelsverhandlungen -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Mechanische Ohren lauschen ins All
- Natürliches oder künstliches Radiosignal? Verbesserte
Apparaturen sollen Unterscheidung ermöglichen -

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebelen

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�19

4. Mai 1983

REAGAN FORDERT UNTERSTÜTZUNG SEINER MITTELAMERIKAPOLITIK
- Rede des Präsidenten vor dem US-Kongreß •

WASHINGTON - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat am 27. April 1983 in
einer Ansprache vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses die Unterstützung seiner Mittel amerikapolitik gefordert.

In der Rede, die vom amerika-

nischen Fernsehen übertragen wurde, betonte Reagan, es gehe um die Sicherheit
ganz Amerikas.

Wenn Mittelamerika falle, hätte das ernste Konsequenzen für

die Stellung der Vereinigten Staaten in der Welt.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
In den letzten Jahren sind mehrmals die Mitglieder des Kongresses und
ein Präsident so zusammengekommen, um eine Krise zu lösen. Ich habe um dieses Zusammentreffen heute gebeten in der Hoffnung, daß wir eine Krise verhüten
können.
Es wäre sicherlich schwer, viele Amerikaner zu finden, die sich nicht bewußt sind, um was es im Nahen Osten, im Persischen Golf oder an der NATO-Linie geht, die die freie Welt vom kommunistischen Block trennt.

Und das könnte

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Und das könnte man auch bezüglich Asiens sagen.

Aber obwohl - oder viel-

leicht gerade weil - so viel von Ländern wie Nicaragua und El Salvador die
Rede ist und so konzertierte Propaganda getrieben wird, fällt es vielen von
uns schwer zu glauben, daß uns die Probleme im Zusammenhang mit diesen Ländern
etwas angehen.

Nur zu viele Menschen hier haben geglaubt, Mittelamerika liege

irgendwo weit unten hinter Mexiko und könne doch ganz sicherlich keine Bedrohung unseres eigenen Wohlergehens darstellen.
Darum habe ich um diese Sitzung des Kongresses gebeten.

Die Probleme

Mittelamerikas betreffen direkt die Sicherheit und das Wohlergehen unseres
eigenen Volkes.

Und Mittelamerika liegt viel näher bei den Vereinigten Staa-

ten als viele andere Unruheherde in der Welt, die uns beschäftigen.

Wenn wir

an der Wiederherstellung unserer eigenen Wirtschaft arbeiten, dann können wir
es uns nicht leisten, unsere Nachbarn im Süden aus den Augen zu verlieren.
El Salvador liegt näher bei Texas als Texas bei Massachusetts. Nicaragua
liegt so nahe bei Miami, San Antonio, San Diego und Tucson wie diese Städte
von Washington entfernt sind, wo wir heute zusammengekommen sind.
Aber die Nähe auf der Landkarte sagt überhaupt nichts über die strategische Bedeutung Mittelamerikas, das an die Karibik grenzt, unsere Lebensader zur Außenwelt. Zwei Drittel unseres Außenhandels und unseres Erdöls
passieren den Panamakanal und die Karibik. Im Falle einer Krise in Europa
würde mindestens die Hälfte unseres Nachschubs für die NATO auf dem Seewege
diese Gebiete passieren. Man sollte sich daran erinnern, daß Anfang 1942
eine Handvoll von Hitlers Unterseebooten hier mehr Tonnage versenkt hat als
im ganzen Atlantischen Ozean. Und sie tat das ohne einen einzigen Marinestützpunkt in dem ganzen Gebiet.
Heute ist die Situation anders. Kuba ist Aufnehmerland einer sowjetischen Kampfbrigade, eines Unterseebootstützpunktes, der in der Lage ist,
sowjetische Unterseeboote zu versorgen, und militärischer Luftstützpunkte,
die regelmäßig von sowjetischen Militärflugzeugen angeflogen werden.
Wegen seiner
- 2 -

�Wegen seiner Bedeutung ist das Karibische Becken ein Magnet für Abenteurer.

Wir wissen alle von den libyschen Frachtflugzeugen, die vor einigen

Tagen auf ihrem Flug nach Nicaragua - um medizinische Güter dorthin zu bringen - in Brasilien aufgetankt haben.

Die brasilianischen Behörden entdeck-

ten, daß es sich bei den sogenannten medizinischen Gütern in Wirklichkeit um
Munition handelte, und unterbanden ihre Auslieferung.

Sie mögen sich erin-

nern, daß ich, als ich vorigen Monat im Fernsehen sprach, die Luftaufnahme
eines Flugplatzes zeigte, der auf der Insel Grenada gebaut wird.

Wenn die-

ser Flugplatz fertig gewesen wäre, hätten diese Flugzeuge dort auftanken und
ihre Reise beenden können.
Wenn die Nazis im Zweiten Weltkrieg die Karibik und Mittelamerika als
von lebenswichtiger Bedeutung für unsere Interessen erkennen konnten, und
die Sowjets dies heute können, sollten wir das dann nicht auch erkennen?
Seit einigen Jahren haben die Vereinigten Staaten unter zwei Administrationen ihre Verteidigung der Freiheit im Karibischen Becken verstärkt.

Und

ich kann Ihnen heute abend sagen, daß die Demokratie in El Salvador Wurzeln
zu schlagen beginnt, das noch bis vor kurzem nur Diktatur kannte.

Die neue

Regierung beginnt, ihre Versprechen auf Demokratie, Reformen und freie Wahlen
zu erfüllen.

Es war nicht leicht, und es gab Widerstand gegen viele der ver-

suchten Reformen mit der Ermordung von Reformern.

Guerilla-Banden und Stadt-

terroristen wurden in einer weltweiten Propagandakampagne als Freiheitskämpfer dargestellt, die das Volk verträten.

Zehn Tage bevor ich mein Amt

antrat, startete die Guerilla ihre, wie sie es nannte, "Endoffensive", um
die Regierung zu stürzen.

Ihr Rundfunksender

rahlte, daß unsere neue Ad-

ministration zu spät käme, um ihren Sieg zu verhindern.

Sie haben erfahren,

daß die Demokratie nicht so leicht besiegt werden kann.
Präsident Carter zögerte nicht,
El Salvador.
kas.

Er bewilligte Waffen und Munition für

Die Guerilla-Offensive schlug fehl, nicht aber der Wille Ameri-

Jeder Präsident, der sein Amt ausübte, seit dieses Land globale Ver-

antwortungen übernommen hat, wußte, daß diese Verantwortungen nur erfüllt

- 3 -

�nur erfüllt werden konnten, wenn wir eine überparteiliche Außenpolitik verfolgten.
Wie ich eben gesagt habe, hält die Regierung von El Salvador ihre Versprechen, wie etwa das Landreformprogramm, durch das Tausende von Pächtern
zu Landbesitzern werden.

In etwas über drei Jahren wurden 20 Prozent des

landwirtschaftlich nutzbaren Landes in El Salvador an über 450 000 Menschen umverteilt; d.h. etwa einer von zehn Salvadorianern hat direkt von diesem Programm profitiert.
El Salvador hat seine Bestrebungen um die Schaffung einer geordneten
und demokratischen Gesellschaft fortgesetzt. Die Regierung hat freie Wahlen
zugesagt. Am 28. März 1982, vor etwas über einem Jahr, hat das leidende Volk
von El Salvador nach monatelangerr, Wahlkampf einer Vielfalt von Kandidaten
die Chance gehabt, zu wählen - die Art von Regierung zu wählen, die es wollte. Plötzlich wurden die sogenannten Friedenskämpfer in den Bergen als das
entlarvt, was sie wirklich sind - eine kleine Minderheit, die nach der Macht
für sich und ihre Hintermänner strebt, nicht nach Demokratie für das Volk.
Die Guerilla drohte jedem den Tod an, der zur Wahl ging. Sie zerstörte Hunderte von Bussen und Lastwagen, um die Menschen daran zu hindern, zu den Wahllokalen zu gelangen. Ihre Parole war brutal: "Wähle heute, stirb heute
abend". Aber am Wahltag trotzten überraschenderweise 80 Prozent der Wahlberechtigten allem Hinterhalt und Gewehrfeuer und gingen meilenweit, um die
Freiheit zu wählen.

Dem können wir niemals den Rücken kehren.

Mitglieder dieses Kongresses, die als Beobachter nach El Salvador reisten,
erzählten mir von einer Frau, die auf dem Weg zum Wahllokal durch Gewehrfeuer
verwundet wurde und sich weigerte, aus der wartenden Schlange herauszutreten
und ihre Wunde verbinden zu lassen, bevor sie gewählt hatte. Einer anderen
Frau wurde von Guerilleros gesagt, sie würde getötet, wenn sie von der Wahl
zurückkomme.

Sie sagte darauf zu den Guerilleros:

"Ihr könnt mich töten,

ihr könnt meine Familie töten, ihr könnt meine Nachbarn töten, aber ihr könnt
uns nicht alle töten". Als die wirklichen Friedenskämpfer von El Salvador

- 4 -

�El Salvador erwiesen sich die Menschen jenes Landes - die jungen, die alten
und alle anderen - über eine Million von ihnen aus einer Gesamtbevölkerung
von fünf Millionen.

Die Welt sollte diesen Mut anerkennen und nicht zulas-

sen, daß er geschmälert oder vergessen wird.

Hier kann ich nur noch einmal

guten Gewissens sagen, daß wir dem niemals den Rücken kehren können.
Die demokratischen politischen Parteien und Gruppierungen in El Salvador
kommen in dem gemeinsamen Ziel zusammen, eine politische Losung für die Probleme ihres Landes zu finden.

In diesem Jahr werden neue nationale Wahlen

abgehalten, die für alle politischen Parteien offenstehen.

Die Regierung

hat die Guerilla dazu eingeladen, an diesen Wahlen teilzunehmen und bereitet
derzeit ein Amnestiegesetz

vor.

Das Volk von El Salvador verdient seine

Freiheit, und es verdient zu seinem Schutz unsere moralische und materielle
Unterstützung.
Ja, noch gibt es große Probleme hinsichtlich der Menschenrechte, hinsichtlich des Systems der Rechtsprechung und hinsichtlich der Gewalt gegen
die Zivilbevölkerung.

Und wie das übrige Mittelamerika steht auch El Salvador

vor schwerwiegenden wirtschaftlichen Problemer'. Aber zusätzlich zum Problem
der Preise bei den wichtigsten landwirtschaftlichen Exporten, die durch die
Rezession gedrückt werden, kommt die Tatsache, daß El Salvadors Wirtschaft
mutwillig sabotiert wird.
Heute kann aufgrund der unbarmherzigen Guerillaangriffe in El Salvador
ein großer Teil des nutzbaren Bodens nicht mehr kultiviert werden; nur noch
weniger als die Hälfte der Eisenbahnwaggons kann noch eingesetzt werden;
Brücken, Wasserleitungen, Telefon- und Stromsysteme wurden zerstört oder beschädigt.

In einem Zeitraum von 22 Monaten gab es 5000 Unterbrechungen bei

der Stromversorgung.

Eine Region war vier Monate ohne Elektrizität.

Ich glaube, Außenminister Shultz hat es kürzlich sehr treffend ausgedrückt: "Da sie nicht in der Lage ist, die Loyalität des Volkes von El Salvador
auf freiwilliger Basis zu erringen, entzieht die Guerilla ihm absichtlich und
- 5 -

�absichtlich und systematisch Nahrungsmittel, Wasser, Transport, Elektrizität,
sanitäre Anlagen und Arbeit.

Das sind die Leute, die behaupten, ihr Ziel sei

Hilfe für das Volk."
Sie will keine Wahlen, denn sie weiß, daß sie dabei verlieren würde.
Aber die vorigen Wahlen haben gezeigt, daß der Wunsch des Volkes von El
Salvador nach Demokratie nicht besiegt werden kann.
Die Guerilla:

Das sind keine in Schlachtordnung aufgestellte Bauern,

mit Musketen ausgerüstet.

Es sind professionelle Leute, manchmal mit besserer

Ausbildung und mit besseren Waffen, als die Soldaten der Regierung sie haben.
Die Bataillone von El Salvador, die amerikanische Ausbildung genossen haben,
verhalten sich auf dem Schlachtfeld und im Umgang mit der Zivilbevölkerung
korrekt.

Aber bislang haben wir nur so viel Geld zur Verfügung gestellt, um

jeden zehnten salvadorianischen Soldaten auszubilden - und das sind weniger
als die Zahl der Guerilleros, die von Nicaragua und Kuba ausgebildet werden.
Und lassen Sie mich auch ein klares Wort über Nicaragua sagen - ein Land,
das an El Salvador grenzt. 1979, als die neue Regierung nach einer Revolution
die Geschäfte in Nicaragua übernahm, durch die das autoritäre Regime Somozas
gestürzt wurde, hoffte jedermann auf ein Gedeihen der Demokratie. Auch wir in
den Vereinigten Staaten. Im Januar 1981 beliefen sich unsere Nothilfe und
unsere Mittel für den Wiederaufbau an Nicaragua auf 118 Millionen Dollar mehr, als jedes andere Industrieland zur Verfügung stellte. In der Tat gaben
die Vereinigten Staaten in den ersten beiden Jahren der Sandinisten-Herrschaft
direkt oder indirekt an Nicaragua fünfmal mehr Hilfe, als sie in den beiden
Jahren vor der Revolution gegeben hatten. Kann irgendjemand Zweifel hegen
hinsichtlich der Großzügigkeit und des guten Glaubens des amerikanischen Volkes?
Dies waren kaum Maßnahmen eines Landes, das unversöhnliche Feindschaft
gegen Nicaragua hegt. Und doch behandelt uns die Regierung von Nicaragua wie
einen Feind. Sie weist unsere wiederholten Friedensanstrengungen zurück.
Sie bricht ihre Versprechen gegenüber uns und der Organisation amerikanischer

- 6 -

�Organisation amerikanischer Staaten sowie» was am bedeutsamsten ist, gegenüber dem Volk von Nicaragua.
Kaum war der Sieg errungen, hinderte eine kleine Clique jene anderen,
die gleichfalls an der Revolution teilgenommen hatten, daran, ihre Stimme in
der Regierung zu Gehör zu bringen.

Humberto Ortega, der Verteidigungsminister,

erklärte, daß der Marxismus-Leninismus die Leitlinie sei - und so geschah es.
Die Regierung Nicaraguas hat eine neue Diktatur errichtet; sie weigert
sich, die Wahlen abzuhalten, die sie versprochen hat; sie hat die Kontrolle
über die meisten Medien ergriffen und unterwirft alle Medien einer strengen
Zensur; sie verwehrt den Bischöfen und Priestern der römisch-katholischen
Kirche das Recht, während der heiligen Woche im Radio Messen abzuhalten; sie
beleidigte den Papst und machte sich über ihn lustig; sie hat die Miskito-Indianer aus ihrer Heimat vertrieben, ihre Dörfer niedergebrannt, ihre Ernten
zerstört und sie dazu gezwungen, in Internierungslagern fernab ihrer Heimat
zu leben; sie schreitet gegen den Privatsektor und gegen freie Gewerkschaften
ein; sie hieß Aktionen der Straße gegen die unabhängige Menschenrechtskommission Nicaraguas gut und trieb den Direktor dieser Kommission ins Exil.
Kurz: Ist es nach all diesen Akten der Unterdrückung durch die Regierung ein Wunder, daß sich eine Opposition formiert? Im Gegensatz zur Propaganda sind diejenigen, die sich gegen die Sandinisten wenden, keine hartnäckigen Anhänger des früheren Somoza-Regimes. Vielmehr sind viele von ihnen
Helden, die im Kampf gegen Somoza neben den Sandinisten kämpften, um die Regierung Somozas zu stürzen. Jetzt wird ihnen jede Beteiligung an der neuen
Regierung verweigert, weil sie ernsthaft für Nicaragua Demokratie wollten und dies auch jetzt noch tun. Wieder andere sind Miskito-Indianer, die um
ihre Heimat, ihren Boden und ihr Leben kämpfen.
Aus der sandinistischen Revolution in Nicaragua wurde schließlich nichts
anderes als die Auswechselung eines autokratischen Herrschers durch einen anderen, und noch immer hat das Volk keine Freiheit,

- 7 -

keine demokratischen Rechte

�demokratischen Rechte - aber mehr Armut.

Noch schlimmer als ihr Vor-

gänger hilft diese Regierung Kuba und den Sowjets dabei, unsere Hemisphäre
zu destabilisieren.
Währenddessen sieht sich die Regierung von El Salvador, die alle Anstrengungen unternimmt, um Demokratie, freie Gewerkschaften, Religionsfreiheit und
eine freie Presse zu garantieren, den Angriffen einer Guerilla ausgesetzt,
die derselben Philosophie verpflichtet ist, wie sie in Nicaragua, Kuba und,
ja, auch in der Sowjetunion herrscht.
kel Nicaraguas.

Gewalt ist der wichtigste Exportarti-

Es ist der Gipfel der Heuchelei, wenn die nichtgewählte

nicaraguanische Regierung uns unterstellt, wir strebten ihren Sturz an, während sie gleichzeitig alles in ihrer Macht Stehende tut, um die gewählte Regierung von El Salvador zu stürzen.

Die Guerillaangriffe werden von einem

Hauptquartier in Managua aus gelenkt - der Hauptstadt Nicaraguas.
Aber lassen Sie mich deutlich sein hinsichtlich der amerikanischen Haltung gegenüber der Regierung von Nicaragua. Wir wollen nicht ihren Sturz.
Wir wollen sicherstellen, daß sie ihre Nachbarn nicht durch den Export von
Subversion und Gewalt ansteckt. In Einklang mit amerikanischem und internationalem Recht ist es unsere Absicht, den Waffenstrom nach El Salvador,
Honduras, Guatemala und Costa Rica zu verhindern. Wir haben versucht, mit
der Regierung Nicaraguas ins Gespräch zu kommen, aber sie setzt ihre Anstrengungen fort, Gewalt zu säen.
Wir wollen nicht - und wir werden nicht - die nicaraguanische Regierung
vor dem Zorn ihres eigenen Volkes schützen. Aber wir sollten auf diplomatischem Weg eine Alternative anbieten. Und während Nicaragua sei e Optionen
abwägt, können und werden wir - mit allen Mitteln der Diplomatie
alle Länder Mittelamerikas vor der Gefahr eines Krieges schützen.
Sogar Costa Rica, Mittelamerikas älteste und stärkste Demokratie, mit
seiner Regierung, die so friedfertig ist, daß sie nicht einmal eine Armee
unterhält, ist Ziel der Einschüchterung und der Bedrohung durch Nicaraguas
- 8 -

�durch Nicaraguas Diktatoren.
Die Nachbarn Nicaraguas wissen, daß die Versprechen der Sandinisten
auf Frieden, Bündnisfreiheit und Nichtintervention nicht eingehalten worden
sind.

Rund 36 Militärstützpunkte wurden

errichtet - nur 13 gab es in den

Jahren Somozas.
Die neue Armee Nicaraguas zählt 25 000 Mann, unterstützt durch eine Miliz von 50 000. Es ist dies die größte Armee in Mittelamerika, ergänzt durch
2000 kubanische Militär- und Sicherheitsberater. Sie ist mit den modernsten
Waffen ausgerüstet, mit Dutzenden von sowjetischen Panzern, 800 Lastwagen vom Sowjetblock geliefert - mit sowjetischen 152-mm-Haubitzen, 100 Flugabwehrkanonen sowie Flugzeugen und Hubschraubern. Außerdem gibt es noch Tausende
von zivilen Beratern aus Kuba, der Sowjetunion, aus Ostdeutschland, Libyen
und von der PLO. Und wir werden angegriffen, weil wir 55 Militärausbilder
in El Salvador haben.
Das Ziel der professionellen Guerillabewegungen in Mittelamerika ist
ebenso einfach wie unheilvoll - Destabilisierung der gesamten Region vom
Panamakanal bis Mexiko. Wenn Sie dieses mein Argument bezweifeln, so bedenken Sie doch, was Cayetano Carpio, der jetzt tote salvadorianische Guerillaführer, Anfang des Monats gesagt hat. Carpio sagte, daß nach dem Fall von
El Salvador Nicaragua und El Salvador "Arm in Arm für die völlige Befreiung von Mittelamerika kämpfen werden." Nicaraguas diktatorische Junta, die
selbst den Krieg von Basen in Honduras und Costa Rica aus führte und dadurch
an die Macht kam, behauptet heute gern, sie werde von Kräften angegriffen,
die in Honduras ihre Stellungen hätten. Tatsache ist, daß Nicaraguas Regierung Honduras bedroht - und nicht umgekehrt.
Es ist Nicaragua, das schwere Panzer nahe an die Grenze verlegt hat,
und Nicaragua spricht von Krieg.

Es war der nicaraguanische Rundfunk, der am

8. April die Schaffung eines neuen, vereinten revolutionären Koordinierungsausschusses ankündigte, um den marxistischen Kampf in Honduras voranzutreiben.
Nicaragua, unterstützt
- 9 -

�Nicaragua, unterstützt durch die Waffen und die anderen militärischen
Mittel, die der kommunistische Block bereitstellt, unterdrückt sein eigenes
Volk, weigert sich, Frieden zu schließen und fördert einen Guerillakrieg gegen El Salvador.
Die Worte von Präsident Truman sind heute noch genauso passend wie 1947,
als auch er vor einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses sprach:
"In diesem Augenblick der Weltgeschichte muß fast jedes Land zwischen
alternativen Lebensformen entscheiden.

Und oft genug ist diese Wahl

nicht frei.
Die eine Lebensform gründet sich auf den Willen der Mehrheit und zeichnet sich durch freie Institutionen, repräsentative Regierung, freie
Wahlen, Garantien der Freiheit des einzelnen, Rede- und Religionsfreiheit sowie Freiheit von politischer Unterdrückung aus.
Die zweite Lebensform gründet sich auf den Willen einer Minderheit,
der der Mehrheit gewaltsam aufgezwungen wurde. Sie verläßt sich auf
Terror und Unterdrückung, auf eine kontrollierte Presse und einen
kontrollierten Rundfunk, auf vorbestimmte Wahlen und auf die Unterdrückung der persönlichen Freiheiten.
Ich bin der Meinung, daß es die Politik der Vereinigten Staaten sein

muß, freie Völker zu unterstützen, die den Versuchen der Unterwerfung
durch bewaffnete Minderheiten oder durch Druck von außen widerstehen.
Ich bin der Oberzeugung, daß wir den freien Völkern helfen müssen,
ihr eigenes Geschick auf ihre eigene Weise zu bestimmen.
Ich bin der Oberzeugung, daß unsere Hilfe in erster Linie Wirtschaftsund Finanzhilfe sein sollte, die für die wirtschaftliche Stabilität und
für ordnungsgemäße politische Abläufe von entscheidender Bedeutung sind.
... Der Zusammen_ 10 -

�... Der Zusammenbruch der freien Institutionen und der Verlust der Unabhängigkeit wäre nicht nur für sie katastrophal, sondern für die ganze
Welt.

Entmutigung und mögliches Versagen würde rasch das Los für die

benachbarten Völker sein, die sich darum bemühen, ihre Freiheit und ihre Unabhängigkeit zu bewahren."
Die Staaten Mittelamerikas sind kleiner als die Länder, die Ursache
für diese Botschaft von Präsident Truman waren.

Aber es geht politisch und

strategisch um das gleiche. Wird unsere Reaktion - in wirtschaftlicher, sozialer, militärischer Hinsicht - ebenso angemessen und erfolgreich sein wie
Mr. Trumans mutige Lösungen für die Probleme Europas in der Nachkriegszeit?
Manche Leute haben die Erfolge jener Jahre vergessen - und die Jahrzehnte des Friedens, des Wohlstands und der freiheit, die dadurch möglich
wurden.
Manche Leute reden, als ob die Vereinigten Staaten nicht zu wirkungsvollem Handeln im internationalen Rahmen fähig wären, ohne einen Krieg zu
riskieren oder jenen zu schaden, denen wir helfen wollen.
Sind Demokratien dazu aufgefordert, passiv zu bleiben, während die
Bedrohungen ihrer Sicherheit und ihres Wohlstandes sich häufen?

Müssen wir

die Destabilisierung einer ganzen Region vom Panamakanal bis nach Mexiko
und zu unserer südlichen Grenze einfach hinnehmen?

Müssen wir einfach zu-

sehen, während unabhängige Staaten dieser Hemisphäre in das aggressivste
Imperium einbezogen werden, das die moderne Welt kennt?
Müssen wir einfach abwarten, während Mittelamerikaner aus ihren Häusern
vertrieben werden - wie die über eine Million Menschen, die aus Afghanistan
geflohen sind, oder jene eineinhalb Millionen, die aus Indochina geflohen
sind, oder die mehr als eine Million Kubaner, die aus Castros karibischem
Utopia geflüchtet sind? Müssen wir durch unsere Unterlassung dem Volk von
El Salvador nur die Wahl lassen, aus seiner Heimat zu fliehen und einen

- 11 -

�und einen weiteren, tragischen menschlichen Exodus herbeizuführen?
Ich glaube nicht, daß eine Mehrheit im Kongreß oder im Land zu Passivität, Resignation, Defätismus rät - angesichts dieser Herausforderung für
Frieden und Sicherheit in unserer eigenen Hemisphäre.
Ich glaube nicht, daß eine Mehrheit im Kongreß oder im Land bereit ist,
passiv zuzuschauen, während die Menschen Mittelamerikas dem Totalitarismus
ausgeliefert und wir selbst neuen Gefahren gegenüber verletzlich werden.
Erst letzte Woche wiederholte ein Vertreter der Sowjetunion Breschnews
Drohung, Atomraketen in dieser Hemisphäre zu dislozieren - fünf Minuten von
den Vereinigten Staaten entfernt.

Wie ein Echo bestätigte Nicaraguas

"Commandante", Daniel Ortega, daß sein Land, würde es darum ersucht, überlegen würde, ob es solche Raketen akzeptieren sollte.

Soviel man hört,

überdenken sie das heute vielleicht doch noch einmal.
Bevor ich weitergehe, möchte ich noch zu jenen etwas sagen, die die
Erinnerung an Vietnam wachrufen: Es wird nicht daran gedacht, amerikanische
Kampftruppen nach Mittelamerika zu schicken; sie werden nicht gebraucht ja, man hat von dort keine angefordert. Alles, was unsere Nachbarn von uns
wollen, ist Hilfe bei Ausbildung und bei Waffen, um sich selbst zu schützen,
während sie sich ein besseres, freieres Leben schaffen.
Wir müssen weiterhin zum Frieden unter den Ländern Mittelamerikas ermutigen. Wir müssen die regionalen Bemühungen unterstützen, die jetzt im
Gange sind, um Lösungen regionaler Probleme herbeizuführen.
Wir können nicht sicher sein, ob die marxistisch-leninistischen Gruppen, die glauben, der Krieg sei ein Instrument der Politik, sich so leicht
entmutigen lassen werden. Wichtig ist, daß nicht wir entmutigt werden, bevor sie entmutigt sind. Sonst wird die Freiheit der Region verloren sein
und unsere Sicherheit in einer Weise geschädigt werden, daß es kaum vorstell -

- 12 -

�kaum vorstellbar ist.
Wenn Mittelamerika fällt, was wären dann die Folgen für unsere Stellung in Asien und in Europa und für Bündnisse wie die NATO?

Wenn die Ver-

einigten Staaten nicht in der Lage wären, auf eine Bedrohung nahe ihrer eigenen Grenzen zu reagieren, warum sollten Europäer oder Asiaten glauben,
daß wir uns ernsthafte Gedanken über Bedrohungen machen, die gegen sie gerichtet sind?

Wenn die Sowjets davon ausgehen könnten, daß nichts außer

einem direkten Angriff auf die Vereinigten Staaten eine amerikanische Reaktion auslösen könnte, welcher Verbündete, welcher Freund wird uns dann noch
trauen?
Der Kongreß trägt sowohl die Macht als auch die Verantwortung für unsere Außenpolitik mit.
Heute abend möchte ich Sie, den Kongreß, auffordern, sich mir in einer
kühnen und großzügigen Anstrengung zur Lösung der Probleme von Frieden und
Armut, Demokratie und Diktatur in der Region anzuschließen. Folgen Sie mir
in einem Programm, das auf kurze Sicht einen kommunistischen Sieg verhindert,
aber weit darüber hinausgeht, um für die unterprivilegierten Menschen dieses
Gebietes die Realität des gegenwärtigen Fortschritts und die Aussicht auf
weiteren Fortschritt zu sichern.
Legen wir die Grundlagen für eine überparteiliche Anstrengung, um die
Unabhängigkeit und die Freiheit der Länder Mittelamerikas aufrechtzuerhalten.
Wir werden in Mittelamerika vier Grundziele anstreben:
- Erstens, als Antwort auf Jahrzehnte der Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit werden wir Demokratie, Reform und menschliche Freiheit unterstützen.

Das bedeutet, daß wir unsere Hilfe, unsere Überzeugungskraft

und unsere legitimen "Hebel" einsetzen, um menschliche, demokratische
Systeme zu unterstützen, wo sie bereits bestehen, und Ländern auf ihrem

- 13 -

�auf ihrem Weg zu dem Ziel zu helfen, diesen Prozeß so rasch abzuschließen, wie menschliche Institutionen geändert werden können.

Wahlen - in

El Salvador und auch in Nicaragua - müssen allen offen stehen und fair
und sicher sein.

Hier muß die internationale Gemeinschaft helfen.

Wir

werden an den Menschenrechtsproblemen arbeiten, nicht vor ihnen davonlaufen.
- Zweitens, als Antwort auf die Herausforderung der weltweiten Rezession
und im Fall von El Salvador auf die nicht nachlassende Kampagne der
wirtschaftlichen Sabotage durch die Guerilla werden wir die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen. Das Verhältnis unserer Wirtschaftshilfe zur Militärhilfe ist zwei zu eins. Rund 77 Cent von jedem Dollar,
den wir dieses Jahr in dem Gebiet ausgeben, werden für Nahrungsmittel,
Düngemittel und andere wichtige Dinge für das wirtschaftliche Wachstum
und die Entwicklung ausgegeben werden. Und unser Wirtschaftsprogramm
geht über die traditionelle Hilfe hinaus: Die bereits im Repräsentantenhaus eingebrachte Initiative für das Karibische Becken sieht mächtige
Handels- und Investitionsanreize vor, um diesen Ländern dabei zu helfen,
ein sich selbst tragendes wirtschaftliches Wachstum ohne den Export amerikanischer Arbeitsplätze zu erreichen. Unser Ziel muß es sein, sich
auf unsere gewaltige und wachsende Technologie zu konzentrieren, um Gesundheitsfürsorge, Landwirtschaft und Industrie zu fördern, um sicherzustellen, daß wir, die wir diese voneinander abhängige Region bewohnen,
uns besser kennen- und verstehenlernen, ohne unsere unterschiedlichen
Identitäten aufzugeben und unter Achtung unserer unterschiedlichen Traditionen und Institutionen.

- Drittens, als Antwort auf die militärische Herausforderung aus Kuba
und Nicaragua - auf ihren bewußten Einsatz von Gewalt zur Ausbreitung
der Tyrannei - werden wir die Sicherheit der bedrohten Länder der Region unterstützen. Wir betrachten Sicherheitshilfe nicht als Selbstzweck, sondern als einen Schutzschild für Demokratisierung, wirtschaftliche Entwicklung und Diplomatie. Noch so viele Reformen werden keinen

- 14 -

�werden keinen Frieden bringen, solange die Guerilla glaubt, mit Gewalt
siegen zu können.

Noch so viel Wirtschaftshilfe wird nicht ausreichen,

wenn Guerillaeinheiten immer wieder ungestraft Straßen, Brücken, Kraftwerke und Ernten zerstören.

Aber mit besserer Ausbildung und materieller

Unterstützung können sich unsere Nachbarn der Guerilla erwehren und der
demokratischen Reform genug Zeit geben, Wurzeln zu schlagen.
- Viertens, wir werden Dialog und Verhandlungen unterstützen - sowohl
unter den Ländern der Region als auch innerhalb jedes Landes, über Bedingungen für die Teilnahme an Wahlen kann man reden.
ein leuchtendes Beispiel der Demokratie.

Costa Rica ist

Honduras hat den Schritt von

der Militä'rherrschaft zu einer demokratischen Regierung getan.
hat sich dem gleichen Weg verschrieben.

Guatemala

Die Vereinigten Staaten werden

auf eine politische Lösung in Mittelamerika hinarbeiten, die den Interessen des demokratischen Prozesses dient.
Um diese diplomatischen Ziele zu unterstützen, biete ich folgende Zusagen:
- Die Vereinigten Staaten werden jedes Abkommen unter mittel amerikanischen
Ländern über den Abzug aller ausländischen Militär- und Sicherheitsberater und Truppen - unter voll verifizierbaren Bedingungen und auf der
Basis der Gegenseitigkeit - unterstützen,
- Wir wollen oppositionellen Gruppen helfen, sich in allen Ländern in
den politischen Prozeß einzureihen und mit Wahlzetteln statt mit Kugeln
zu konkurrieren.
- Wir werden jedes verifizierbare: auf der Basis der Gegenseitigkeit
beruhende Abkommen unter mittelamerikanischen Ländern über den Verzicht
der Unterstützung von Aufständischen auf Nachbarterritorien unterstützen.
- Und schließlich

- 15 -

�- Und schließlich wollen wir Mittelamerika dabei helfen, sein kostspieliges Wettrüsten zu beenden, und werden jedes verifizierbare, auf der
Basis der Gegenseitigkeit beruhende Abkommen darüber unterstützen, keine
Offensivwaffen einzuführen.
Um uns auf dem Weg zu diesen Zielen rascher voranzubringen, gebe ich
heute abend meine Absicht bekannt, einen Sonderbotschafter als meinen persönlichen Vertreter für Mittelamerika zu ernennen.
den Außenminister Bericht erstatten.

Er oder sie wird mir durch

Die Aufgabe des Botschafters wird es

sein, den Bemühungen von Regierungen der Region, dem unruhigen Gebiet Frieden
zu bringen, die Unterstützung der Vereinigten Staaten zu verleihen und eng
mit dem Kongreß zusammenzuarbeiten, um die engstmögliche, überparteiliche Koordination unserer Politik gegenüber der Region zu gewährleisten.
Um was ich bitte, ist die rasche Billigung der vollen Wiedereinsetzung
von Mitteln für entscheidend wichtige laufende Wirtschafts- und Sicherheitshilfeprogramme durch den Kongreß, damit die Völker Mittelamerikas der von
außen unterstützten Aggression paroli bieten können. Darüber hinaus ersuche
ich um eine rasche Behandlung des zusätzlichen Antrages für diese gleichen
Gebiete, um uns über das laufende Haushaltsjahr hinwegzuhelfen und um eine
baldige und günstige Behandlung meiner Anträge für das Haushaltsjahr 1984
durch den Kongreß. Und schließlich möchte ich darum ersuchen, daß der überparteiliche Konsens, der im vorigen Jahr hinsichtlich der Handels- und Steuerbestimmungen der Initiative für das Karibische Becken im Repräsentantenhaus
bestand, wieder zustandekommt, um diesen lebenswichtigen Vorschlag vor das
Plenum beider Häuser zu bringen. Und, wie ich bereits sagte, der größte
Teil dieser beantragten Mittel, ist für wirtschaftliche und humanitäre Hilfe
vorgesehen, nicht für Militärhilfe.
Was die Administration im Namen der Freiheit Mittelamerikas fordert,
ist im Verhältnis zu dem,was auf dem Spiele steht, ganz wenig, ja minimal.
Der Gesamtbetrag der beantragten Hilfe für ganz Mittelamerika beträgt für
1984 rund 600 Millionen Dollar; das ist weniger als ein Zehntel dessen,

- 16 -

�Zehntel dessen, was Amerikaner in diesem Jahr für Mlinzvideospiele ausgeben
werden.
Zusammenfassend möchte ich Ihnen heute abend sagen, daß außer Frage
steht:

In Mittelamerika geht es um die nationale Sicherheit aller amerika-

nischen Staaten. Wenn wir uns dort nicht verteidigen können, können wir
nicht erwarten, uns anderswo durchzusetzen.

Unsere Glaubwürdigkeit würde

zusammenbrechen, unsere Bündnisse würden einstürzen und die Sicherheit unseres Heimatlandes würde gefährdet.
Wir haben ein lebenswichtiges Interesse, eine moralische Pflicht und
eine feierliche Verpflichtung.
Das ist keine Frage der Parteipolitik. Das ist die Frage, ob wir unserer moralischen Verpflichtung gegenüber uns selbst, unseren Freunden und
der Nachwelt nachkommen. Diese Pflicht ist uns allen auferlegt - dem Präsidenten, dem Kongreß und dem Volke. Wir müssen sie gemeinsam erfüllen.
Wer unter uns möchte die Verantwortung dafür tragen müssen, daß wir unserer
gemeinsamen Verpflichtung nicht nachgekommen sind?

+ + + + +

- 17 -

�i mE

1DlEl B
1J

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

19

4. Mai 1983

BURT: SOWJETUNION BRAUCHT ANREIZ FÜR VERHANDLUNGEN
- Rede des US-Unterstaatssekretärs in Hamburg -

HAMBURG - (AD) - Der Unterstaatssekretä'r für europäische Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, Richard Burt, erklärte am 25. April 1983 in Hamburg, die Dislozierung neuer amerikanischer Raketen in Europa
sei "der beste und einzige Weg", um die Sowjets dazu zu bewegen, in gutem
Glauben über Rüstungskontrolle zu verhandeln. Auf einer von der amerikanischen Zeitschrift Time Magazine veranstalteten Konferenz über das Atlantische Bündnis hob Burt hervor, daß die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten an beiden Teilen des NATO-Doppelbeschlusses festhalten würden.
Die Ausführungen des amerikanischen Unterstaatssekretärs haben folgenden Wortlaut:
Diese Konferenz könnte zu keiner passenderen Zeit stattfinden.

Und die

Notwendigkeit, die transatlantischen Entwicklungen mit Sorgfalt zu betrachten, könnte nicht größer sein. Als ehemaliger Journalist bin ich mir darüber
im klaren, daß jene außerhalb der Regierung eine einmalige Möglichkeit haben,
die Ebbe und Flut der laufenden Entwicklungen zu beobachten.

Als Regierungs-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Als Regierungsvertreter bin ich mir jedoch auch darüber im klaren, daß diese
Gelegenheit nicht immer so genutzt wird, wie sie genutzt werden könnte. Aus
diesem Grunde verdienen das Time Magazine und die Organisatoren dieser Konferenz unseren aufrichtigen Dank und unsere höchste Wertschätzung.

Jene von

uns, die mitten im täglichen Getriebe des politischen EntScheidungsprozesses
stecken, brauchen die Kritik und die Vision von Menschen wie Ihnen und solche
Zusammenkünfte.

Wenn die Dinge nicht in das richtige Licht gerückt werden,

dann sind wir wahrscheinlich weniger in der Lage, geschichtliche Kräfte zu
gestalten, als durch sie gestaltet zu werden.
Ich glaube, wir sind an einem kritischen Scheideweg in den Annalen des
Atlantischen Bündnisses angelangt.

Lassen Sie mich ganz rasch hinzufügen, daß

das nicht daher kommt, daß wir etwa in einer tiefen Krise steckten, wie manche uns glauben machen wollen., Wir stehen vielmehr inmitten einer großen Debatte, wie man es nennen könnte.

Es ist eine Debatte, bei der es um das ei-

gentliche Wesen des Atlantischen Bündnisses geht - um seine Zielsetzung, seine Gestalt und seine Zukunft.
Es ist wohl kaum das erstemal, daß sich das Bündnis in den schmerzlichen Zuckungen der Selbstprüfung und der Selbstkritik befindet.
nis ist sogar mitten aus der Kontroverse entstanden.

Das Bünd-

Die ganze Vorstellung

eines Engagements in den Angelegenheiten Europas in Friedenszeiten ging gegen den Strich der amerikanischen Geschichte,

Dem Nachkriegsamerika lag al-

les daran, seine Jungs wieder nach Hause zu holen und sich einen bequemen
Frieden in Wohlstand zu schaffen.
Aber die Gründungsjahre des Bündnisses waren auch für die Europäer nicht
leicht. An erster Stelle im Denken eines jeden standen Wiederaufbau und Wiederaufschwungt

Die Bewaffnung zur Verhütung eines weiteren Krieges forderte

Mittel, die nur zu knapp waren.

Bande des Vertrauens mit Feinden von gestern

zu schaffen, forderte den geistigen Mut, nach vorn zu blicken statt zurück.
Aber auf beiden Seiten des Atlantik trafen die ungewöhnlichen Männer der unmittelbaren Nachkriegsperiode schwere und manchmal unpopuläre Entscheidungen.

- 2 -

�unpopuläre Entscheidungen.

In den Vereinigten Staaten hatten zwei Welt-

kriege nur zu deutlich die Torheit des Isolationismus gezeigt. Man begriff,
daß George Washingtons berühmte Verfügung gegen den Abschluß "verstrickender
Bündnisse" keinen Ewigkeitswert hatte.

In Europa begriff man, daß die Sicher-

heit des Kontinents vor der entstehenden sowjetischen Bedrohung einen ständigen Zusammenschluß mit einer außerhalb des Kontinents liegenden Macht erforderte. Aus dieser doppelten Einsicht entstand das Bündnis. Die erste
Debatte war entschieden.
Das Bündnis der fünfziger Jahre war ein überwältigend von den Vereinigten Staaten beherrschtes Bündnis. Die Abschreckung hing von der nuklearen
Überlegenheit der Vereinigten Staaten ab, um ein Gegengewicht gegen die Rote
Armee zu bieten, die niemals demobilisiert wurde.

Die Entscheidungen wurden

meist in Washington getroffen und durch die NATO in Paris weitergegeben.
Meist war es so, daß wir sprachen und die Europäer zuhörten; wir führten,
Europa folgte.
In den sechziger Jahren wurde immer deutlicher, daß eine solche Formel
nicht mehr paßte.

Europa lag nicht mehr am Boden. Der wirtschaftliche

Wiederaufschwung war gelungen.

Das Bündnis beruhte nicht länger auf einer

einfachen Sicherheitsgarantie, sondern hatte sich zu einer echten militärischen Koalition mit integrierten nationalen Streitkräften entwickelt.
Und die Europäer waren immer weniger bereit, die amerikanische Führung fraglos hinzunehmen.

Die Bedingungen für eine zweite große Debatte waren ent-

standen.
Viele der Belastungen, die diese Entwicklungen mit sich brachten,
traten

im

nuklearen Bereich auf.

Damals wie heute traf die Nuklearpolitik

den Kern des Bündnisses.
In der Nukleardebatte der sechziger Jahre ging es um zwei Hauptfragen.
Das Problem war einmal ein militärisches.

Die amerikanische Garantie war

nicht mehr so überzeugend angesichts der großen Schritte, die die Sowjets

- 3 -

�die Sowjets zum Ausbau ihres nuklearen Arsenals unternahmen.

Wie konnte die

strategische Abschreckung der Vereinigten Staaten einen Ausgleich für konventionelle Schwäche bieten und gleichzeitig vor den strategischen Streitkräften
der Sowjets abschrecken?

Und das Problem war auch ein politisches.

Die Euro-

päer wollten ein Mitspracherecht bei den Entscheidungen hinsichtlich der Kernwaffen, bei denen es um Leben und Tod ging.
Was Washington zur Lösung dieser Probleme vorschlug - die Multilaterale
Nuklearstreitmacht der NATO, kurz MLF - trug nur zur Verschärfung der Spannungen bei.
fekt.

Glücklicherweise hatte die letztliche Lösung den gegenteiligen Ef-

Die 1967 vom Bündnis formell eingeführte Doktrin der flexiblen Ant-

wort (flexible response) sah ein Kontinuum an - konventionellen, taktisch
nuklearen und strategisch nuklearen - Streitkräften vor, durch das die Abschreckung auf allen Ebenen aufrechterhalten werden konnte, und es wurde eine
neue Einrichtung, die Nukleare Planungsgruppe, geschaffen.

An der Gestal-

tung der Nuklearpolitik sollte es nun eine verantwortliche Mitwirkung geben.
Die grundlegende atlantische Solidarität wurde aufrechterhalten.
Aber nach bester Tradition Hegelscher Logik hat die Synthese von gestern
der Antithese von heute Raum gegeben. Darin liegt eine gewisse Ironie. In
den siebziger Jahren ließen die Besorgnisse der Europäer erkennen, daß man
ein Nachlassen der Verpflichtung der Vereinigten Staaten sah, die amerikanische
Nukleargarantie aufrechtzuerhalten. In den achtziger Jahren betrachten die
sich am lautesten artikulierenden Elemente in Europa mit Alarm die Bemühungen der Vereinigten Staaten, die Glaubwürdigkeit eben dieser Nukleargarantie
zu gewährleisten. Also hören wir 1983 wieder einmal von vielen Seiten, daß
das Bündnis nicht länger relevant oder lebensfähig oder gar beides sei; daß
nur eine Radikal Operation das Leben des Patienten retten könne. Wenn ich die
Zeichen der Zeit richtig erkenne, dann ist eine dritte große Debatte im Gange.
Die Gründe dafür, daß dies gerade jetzt geschieht, sind vielfältig:
Erstens, der Lauf der Zeit hat den ersten atlantischen Impuls gedämpft; das
Bündnis scheint bezüglich der Anliegen junger Menschen mit Vorstellungen, die

- 4 -

�Vorstellungen, die durch die Erfahrungen geprägt sind, welche sich grundsätzlich von denen der Nachkriegszeit unterscheiden, nicht mehr so relevant.
Zweitens, die europäischen Staaten und Institutionen haben in Kapazität,
Wohlstand und Unabhängigkeit Fortschritte gemacht.

Es gibt viele Leute auf

beiden Seiten des Atlantik, die das Bündnis als einen Anachronismus betrachten - als Produkt einer Ära amerikanischer Stärke und europäischer Schwäche,
die nicht länger existiert.
Drittens, amerikanische und europäische Interessen sind nicht immer identisch, ja, sie ergänzen sich manchmal nicht einmal. Häufig sind wir wirtschaftliche Konkurrenten. Wir haben oft unterschiedliche Auffassungen über
die Dritte Welt oder regionale Krisen. Gelegentlich beurteilen wir die Sowjetunion, die Bedrohung, die sie darstellt, und wie wir die Ost-West-Beziehungen
am besten in den Griff bekommen körnen, unterschiedlich.
Viertens, eine sich hinziehende Periode wirtschaftlicher Rezession verstärkte die Konkurrenz um Haushaltszuteilungen.

Der Anspruch auf höhere Ver-

teidigungsmittel und die Entscheidung, wieviel jedes Mitglied des Bündnisses
aufbringen sollte, sind zunehmend umstritten.
Und fünftens, die Verlagerung im militärischen Gleichgewicht und das Entstehen einer strategischen Parität zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion haben vor allem erneut die Frage der amerikanischen Zuverlässigkeit aufgeworfen.

Die Glaubwürdigkeit der strategischen Abschreckung der

Vereinigten Staaten wird manchmal bezweifelt.

Das Entstehen der sowjetischen

Überlegenheit auf dem Gebiet der nuklearen Mittel Streckensysteme hat neue
Fragen bezüglich der Verkopplung der Verteidigung Europas und der strategischen Abschreckung der Vereinigten Staaten aufgeworfen.

Daß aus solchen

Umständen eine große Debatte über die Zukunft des atlantischen Bündnisses entsteht, sollte eigentlich nicht verwunderlich sein; es wäre sogar verwunderlicher, wenn sie nicht stattfände.

Es ist nicht überraschend, daß wir oft

die Herausforderungen für das atlantische Grundmodell von allen Seiten des

- 5 -

�Seiten des politischen Spektrums kommen sehen.

Vertreter auf beiden Seiten

des Atlantik nehmen teil, und ich möchte gerne meinen bescheidenen Beitrag zu
dieser Debatte leisten.
In den Vereinigten Staaten ist es wichtig, daß wir kein Wiederauferstehen des traditionellen Isolationismus erleben.
Amerika

Der Begriff der Festung

wird nicht als ein Modell amerikanischen Wohlergehens herausgehoben.

Diese Vorstellung ist vielleicht einfach zu sehr in Mißkredit geraten, um
noch eine große Anziehungskraft zu haben.

Wahrscheinlich haben die meisten

von uns einfach die Erkenntnis akzeptiert, daß die Vereinigten Staaten von der
übrigen Welt zu abhängig und in einer gegenseitigen Abhängigkeit sind, um diese vereinfachte und gefährliche Option zu verfolgen.

Aber es gibt noch andere

Herausforderungen für die atlantische Verbindung.
So gibt es beispielsweise eine amerikanische Lehrmeinung, die als "globaler Unilateralismus" bekanntgeworden ist. Anhänger dieser Lehre beginnen mit
einer Hervorhebung des globalen Ausmaßes der amerikanischen Interessen. Sie
weisen auf den weiten Bereich möglicher Bedrohungen der Vereinigten Staaten
hin. Und sie wollen die amerikanische Verpflichtung gegenüber Europa abbauen,
damit unsere Flexibilität, anderswo zu handeln, größer würde.
Diese Einstellung ist voller Fehler. Nicht alle Interessen sind lebenswichtig und nicht alle Interessen sind gleich. Das Gleichgewicht der Macht
in Europa ist von zentraler Bedeutung für die Stabilität in der Welt, und das
amerikanische Engagement in Europa ist von zentraler Bedeutung für das dortige
Gleichgewicht. Darüber hinaus kann der ganze Bereich unserer kommerziellen
und kulturellen Bindungen nicht durch andere ersetzt werden, und wir können
auch nicht darauf verzichten. Die Wirklichkeit ist, daß es keinen billigen
Weg gibt, diese Interessen zu schützen. Wenn die Abschreckung glaubwürdig
sein soll, dann erfordert dies eine starke kontinentale Verpflichtung der Vereinigten Staaten, und es erfordert auch, daß wir gemeinsam in einer echten Koalition handeln. Eine zweite Herausforderung ist Ihnen vielleicht bekannter.
Weil es keinen besseren Ausdruck dafür gibt, nenne ich sie "atlantische Rekon-

- 6 -

�"atlantische Rekonstruktion".
Sie

manifestiert sich an verschiedenen Orten - vor allem im Kongreß

und in den Medien - und auf verschiedene Weise, indem beispielsweise angedroht wird, Truppen abzuziehen oder keine Mittel für Verteidigungsprogramme
bereitzustellen, die von entscheidender Bedeutung für die Verteidigung Europas
sind.
Die Wurzeln dieser amerikanischen Bewegung finden sich in dem Boden der
Verärgerung und des Ressentiments.

In den Vereinigten Staaten wächst

die Überzeugung, daß die Europäer nicht ihren Anteil leisten, sei es
sich selbst zu verteidigen oder die gemeinsamen Interessen in der ganzen Welt
zu verteidigen.

Mit dieser Auffassung ist gelegentlich die Überzeugung ver-

bunden, daß die Verpflichtung Europas zur Entspannung seine Verpflichtungen
gegenüber dem Bündnis bei weitem überwiegt; daß sich Europa mehr Sorgen um
sein wirtschaftliches Wohlergehen als um die westliche Verteidigung macht.
Die Rekonstruktionisten wollen diesem angeblichen "Trittbrettfahren"
ein Ende bereiten.

Sie wollen Europa ein Signal geben, sich um eine größere

europäische Verteidigungsanstrengung zu bemühen.
Wie es oft der Fall ist, stimmen weder die Analysen noch die Rezepte.
Daß wir alle mehr tun müssen, um die Abschreckung zu stärken, liegt auf der
Hand.

Es muß mehr getan werden, und die Reagan-Administration hat schwer ge-

arbeitet, um die Verteidigungsausgaben auf beiden Seiten des Atlantik zu erhöhen.

Gleichzeitig haben wir versucht, falschen Vorstellungen bezüglich der

Beiträge der Bündnispartner zur gemeinsamen Verteidigung zu begegnen.

So ist

beispielsweise nicht genügend bekannt, daß im Falle eines Konfliktes in Europa
90 Prozent der Landstreitkräfte der NATO und 75 Prozent ihrer See- und Luftstreitkräfte europäische Streitkräfte wären.
Und dann gibt es jene, die behaupten, daß wir die Situation verbessern
könnten, indem wir die amerikanischen Anstrengungen beschneiden.

Ich hege

keinen Zweifel, daß die Vereinigten Staaten, wenn sie in Europa weniger täten,
- 7 -

�weniger täten, tatsächlich "ein Signal setzen" würden.
falsche Signal, das zum falschen Ergebnis führen würde.

Leider wäre es das
Im Namen der Erhö-

hung der Abschreckung und der Verteidigung könnten jene, die den Beitrag
Amerikas beschneiden möchten, genau das Gegenteil erreichen.

Ein Abbau der

amerikanischen Stärke und die Infragestellung der amerikanischen Verpflichtung
sind wohl kaum die richtigen Mittel und Wege, um Frieden und Stabilität zu fördern.

Auf dieser Seite des Atlantik findet eine noch größere Debatte statt.

Damit mußte man rechnen, wenn man bedenkt, wie die Menschen hier unmittelbar
von den Fragen berührtwerden.

Lassen Sie mich kurz darauf eingehen, was ich

als die Hauptalternativei betrachte, die geboten werden.
Drei Lehrmeinungen scheinen zu dominieren.
mit der Neutralität vertauschen.

Die erste würde das Bündnis

Menche gehen sogar so weit, daß sie glauben,

dieser Neutralismus könne ganz Europa - West und Ost - einschließen.

Es wird

argumentiert, daß ein Europa ohne Zugehörigkeit zum einen oder anderen Block
und ohne bedeutsame Streitkräfte ein sichererer Hafen werde und weniger wahrscheinlich in eine Konfrontation zwischen den beiden Supermächten hineingezogen würde»

Etwas unterschiedlich wird behauptet, daß Europa - und vor al-

lem Deutschland - seinen wichtigsten Beitrag zum Frieden leisten könnte, wenn
es als Brücke zwischen den beiden Supermächten diene und der einen über die
andere Aufschluß gäbe.
Das sind romantische Vorstellungen. Ein schwaches und neutrales Westeuropa würde mit oder ohne seine östlichen Nachbarn in den Bann der stärksten
europäischen Kontinentalmacht, der Sowjetunion, geraten. Was wir für den Frieden brauchen, ist weniger eine Brücke als ein Bollwerk. Unsere Probleme mit
der UdSSR werden nicht durch einen Mangel an Kommunikation verursacht, obwohl
Kommunikation natürlich wichtig ist. Unsere Probleme mit der UdSSR werden
durch einen Mangel an sowjetischer Zurückhaltung, Achtung und Respekt vor
den Interessen und dem Wohlergehen anderer hervorgerufen.
In Anerkennung dieser Realitäten argumentieren andere wiederum für ein
starkes und von den Vereinigten Staaten unabhängiges Europa, das in der Lage

- 8 -

�der Lage wäre, selbst voll für seine eigene Sicherheit zu sorgen.

Es wird

ein Bild der militärischen Einheit Europas projiziert, das sich an die politische Zusammenarbeit und wirtschaftliche Integration Europas anlehnt.

Bei

diesem Modell wäre Europa in der Lage, aus einer Position der Stärke heraus
zwischen den beiden Großmächten zu vermitteln und die eine abzuschrecken, ohne
an die andere gebunden zu sein.
Interessen nützen würde.

Uns wird gesagt, daß dies den europäischen

Ich kann diese Denkrichtung nicht besser beschrei-

ben als mit einem Zitat von Hedley Bull von der Universität Oxford.

Er sagt:

"Der Kurs, den die westeuropäischen Staaten jetzt erforschen sollten, könnte
'europaistisch' genannt werden.

Dabei müßten die Staaten Westeuropas sich

enger aneinander schließen, ihre Verteidigungsanstrengungen erhöhen und Schritte in Richtung auf eine Verringerung ihrer militärischen Abhängigkeit von
Amerika unternehmen."
Aber auch Professor Bulls Vorstellung mangelt es an Realismus.

Dem der-

zeitigen Europa fehlt die erforderliche politische Grundlage für die Erstellung eines solchen kollektiven Managements seiner Sicherheit.

Unklar ist,

ob die europäischen Staaten bereit wären, die notwendigen politischen Verpflichtungen einzugehen und die notwendigen wirtschaftlichen Investitionen
zu tätigen.

Und es ist überhaupt nicht sicher, ob das Auftauchen eines unab-

hängigen, bewaffneten Europas - bewaffnet mit konventionellen wie mit nuklearen Waffen - ohne Krise oder gar Konflikt vor sich gehen könnte.
Tatsächlich könnten die Sicherheit und die Stabilität, die wir alle
kennen und derer wir uns derzeit alle erfreuen, durch eine solche Entwicklung
gefährdet werden.
Eine dritte Variante ist in den Vorschlägen enthalten, die derzeit von
den Oppositionsparteien in Nordeuropa ausgehen.

In vieler Hinsicht sind die-

se Ideen Spiegelbild der Vorschläge, die von den amerikanischen Rekonstruktionisten angeboten wurden.
Die europäischen

- 9 -

�Die europäischen Rekonstruktionsten haben mehrere Ziele: Verminderung
des Einflusses der Vereinigten Staaten, Verringerung der Möglichkeit eines
Atomkrieges in Europa, Betreiben einer unabhängigeren Politik gegenüber Moskau
und Förderung der europäischen Interessen in der ganzen Welt nach eigenem Gutdünken.

Ihr Ziel ist nicht, das Bündnis zu verlassen, sondern vielmehr, es von

innen heraus zu verändern.
Aber sogar eine solche "reformistische" Politik hat ihre großen Schwierigkeiten, ja, sie stützt sich auf einige der schlechtesten Aspekte der eben besprochenen beiden Alternativen.

Wir sollten uns hier nicht täuschen.

konventionelle Verteidigung bedarf der Stärkung.

Die

Aber kraftvollere Anstren-

gungen bei der konventionellen Verteidigung machen die Atomwaffen weder irreievant noch überflüssig.

Die sowjetischen Vorteile bei den konventionellen

wie bei den nuklearen Waffen müssen ausgeglichen werden - bei Dislozierungen,
bei Rl'stungsverringerungen oder bei beidem.

Die Verbindung zwischen den Streit-

kräften in Europa und der strategischen Abschreckung der Vereinigten Staaten
muß aufrechterhalten werden.

Gleichzeitig werden sich Verbesserungen bei den

konventionellen Streitkräften als kostspielig erweisen, Obereinstimmung hinsichtlich eines größeren Anstiegs der Verteidigungsanstrengungen muß erst noch
erreicht werden.

Und eine stärkere europäische Unabhängigkeit von den Ver-

einigten Staaten birgt Risiken; die Europäer können nicht wählen, wann sie
sich der Früchte des Bündnisses erfreuen wollen und wann nicht.

Es gibt Raum

für Meinungsverschiedenheiten und für unterschiedliche Ansichten innerhalb
des Bündnisses, aber nicht für selektive Verpflichtung.
Neutralismus, bewaffnete Unabhängigkeit, Rekonstruktion - dies sind
grundsätzlich die drei europäischen Alternativen zum derzeitigen "atlantischen"
Rahmenwerk der westlichen Sicherheit.

Alle drei Varianten durchziehen ver-

schiedene Themenkreise, die gleichfalls die derzeitige atlantische Brücke in
entscheidender Weise verändern würden.
Die Antiatomströmung ist ein solcher Gedanke. Ziel ist eine Verringerung
oder, wenn möglich, eine Beseitigung der Atomwaffen in Europa und damit der Gefahr eines Atomkrieges. Die glühendsten Verfechter dieser Position würden dies
- 10 -

�würden dies auch einseitig tun in der Hoffnung, eine ähnliche sowjetische Zurückhaltung zu bewirken und Waffen zu beseitigen, die abgeschossen werden
könnten oder gegen die wiederum andere abgeschossen werden könnten.
Aber ich stimme den Beobachtungen von Harold Brown über den amerikanischsowjetischen Rüstungswettbewerb zu:
Sowjetunion.

"Wenn wir etwas bauen, baut es auch die

Aber wenn wir nichts bauen, baut die Sowjetunion trotzdem."

Zu-

dem würden einseitige Maßnahmen des Westens unsere besten Möglichkeiten für
sinnvolle RüstungskontrollVerhandlungen untergraben.
der:

Und noch schwerwiegen-

Einseitige atomare Abrüstung würde die Abschreckung gefährden und zu-

gleich die Verletzbarkeit des Westens erhöhen.
Es kann auch keine Politik des "Nichtersteinsatzes" von Kernwaffen geben.
Folge wäre auch hier die Abkopplung und dadurch eine Untergrabung, nicht eine
Erhöhung, der Abschreckung.

Es ist die Aussicht auf den Einsatz von Kernwaf-

fen und auf das volle Gewicht der amerikanischen Macht, die zur Wahrung des
Friedens in Europa beitragen.
Wunschdenken hinsichtlich des Nichteinsatzes von Atomwaffen ist nicht genug. Deklarationen sind lediglich Worte. Dagegen sind die konventionellen,
die chemischen und die atomaren Kapazitäten der Sowjets real und nehmen zu.
Würde das Bündnis eine Politik des Nichtersteinsatzes von Atomwaffen betreiben, so würde sich die Gefahr eines konventionellen Krieges - der in unserem
Zeitalter unglaublich zerstörerisch wäre - erhöhen - und damit zugleich die
Möglichkeit einer nuklearen Tragödie. Im Zweiten Weltkrieg kamen über 50 Millionen Menschen um; wir können keine Politik betreiben, die die Gefahr eines
konventionellen Krieges in Europa - von einem Atomkrieg ganz zu schweigen vergrößern würde.
Schließlich gibt es diejenigen, die innerhalb des Bündnisses oder des
"Atlantischen Hauses" bleiben wollen und all ihre Hoffnungen auf die Rüstungskontrolle setzen - sei das Allheilmittel für Europas Dilemma nun irgendeine
Version des Einfrierens von Kernwaffen oder breiter angelegte Verhandlungen.

- 11 -

�angelegte Verhandlungen.

Nur die Rüstungskontrolle, so wird gesagt, bietet

die Möglichkeit, die Bedrohung zu begrenzen, den Waffenumfang und die damit
verbundenen Ausgaben zu verringern und eine erneuerliche Entspannung zu fördern.
Aber solche Hoffnungen können nicht in der Isolation gedeihen.

Die

Rüstungskontrolle wird nur dann vorangehen, wenn die Sowjets einen Anreiz
zu Verhandlungen haben; hierzu ist auf unserer Seite eine solide militärische
Grundlage erforderlich.

Man kann von der Rüstungskontrolle auch nicht erwar-

ten, daß sie die sowjetische Führung dazu bringt, die Anwendung von Gewalt
aufzugeben:

Die sowjetische Politik im Innern wie im Ausland hängt zu sehr

von ihr ab.

Die Rüstungskontrolle bietet die Möglichkeit, unsere Sicherheit

und die Abschreckung zu stärken; sie kann jedoch nicht an die Stelle unserer
kollektiven Anstrengungen treten, eben dieses zu tun.
In normaleren Zeiten wären Debatten über verschiedene Konzeptionen der
Sicherheit des Bündnisses willkommen, über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg
könnten wir vielleicht einen neuen Konsens finden. Aber 1983 ist keine normale Zeit, Ganz im Gegenteil: 1983 könnte sich als das wichtigste Jahr in
der Geschichte des Atlantischen Bündnisses seit seiner Gründung erweisen.
Der Grund hierfür liegt auf der Hand. Die Entschlossenheit und die
Glaubwürdigkeit des Bündnisses werden in einem Maße auf die Probe gestellt,
wie dies in keinem anderen Jahr seit 1949 der Fall war. Die Art und Weise,
wie wir den Beschluß vom Dezember 1979 über die nuklearen Mittel Streckenwaffen
durchführen, wird große Auswirkungen auf unsere Zukunft haben. Diejenigen,
die ihre abstrakten oder idealisierten Vorstellungen darüber anbringen, wie die
atlantischen Beziehungen am besten strukturiert sein sollten, um das Ergebnis
der INF-Debatte zu bestimmen, sollten dies nur in voller Erkenntnis dessen
tun, was auf dem Spiel steht. Es ist nicht überraschend, daß eine gewisse
Versuchung besteht. Es gibt Kreise in den Vereinigten Staaten, die sich fragen, warum wir uns so sehr darum bemühen sollten, zur Durchführung dieses Beschlusses zu kommen. Sie sind unglücklich darüber, daß so viele Aspekte der
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen zur Geisel der INF-Entscheidung gemacht
- 12 -

�INF-Entscheidung gemacht werden, und erwähnen die Möglichkeit, daß die Dislozierung der amerikanischen Raketen in Europa die Gefahr eines direkten sowjetischen Atomangriffs auf ihre Heimat Amerika vergrößern könnte,
Auf dieser Seite des Atlantik gibt es jene •• besonders die neuen Neutralisten -die genau das Gegenteil behaupten.

Ihrem Argument zufolge würden die

neuen, auf dem Kontinent stationierten amerikanischen Waffen die Vereinigten
Staaten in die Lage versetzen, einen nuklearen Schlagabtausch zwischen Ost
und West auf Europa zu lokalisieren oder zu begrenzen.

Andere argumentieren

lediglich, daß die neuen Raketen nicht notwendig sind, weil die Sowjetunion
nicht beabsichtige, ihr derzeitiges INF-Monopol auszunützen; eine weitere Variante bilden jene, die bereit sind, unbegrenzt lange auf Rüstungskontrolle
zu warten, um die Sicherheitsprobleme zu lösen, die durch die Dislozierung
der SS-20 aufgetreten sind.

In jedem Fall ist man bestrebt, sich von der

Durchführung des Beschlusses von 1979 zurückzuziehen.
Einstellungen ist offenkundig.

Das Trügerische dieser

Die Vereinigten Staaten können nicht mehr lan-

ge in einer Welt sicher sein, in der

Westeuropa es nicht ist. Jene Amerika-

ner, die die amerikanische Nukleargarantie schwächen oder beseitigen wollen,
würden die Aussicht auf Stabilität und Frieden überall gefährden.

Um das

Risiko für sich selbst zu verringern, hätten sie es für alle erhöht.
Auch die europäischen Gegner der Dislozierung haben unrecht.

Nicht die

Begrenzung oder die Lokalisierung eines nuklearen Schlagabtausches auf Europa
wäre die Folge der amerikanischen Raketen, sondern vielmehr seine Verhinderung.
Denn tatsächlich tragen wir doch zu einem Teil durch die Drohung mit einer Eskalation und umfassender amerikanischer Einbeziehung dazu bei, Stabilität und
Abschreckung in Europa zu fördern.

Es gibt keinen besseren Beweis für diese

Tatsache als den jüngsten Kommentar von Verteidigungsminister Ustinow, daß
die Sowjetunion auf einen Schlag seitens amerikanischer Systeme in Europa mit
einem unmittelbaren Angriff auf die Vereinigten Staaten reagieren würde.
dies nicht Ankopplung ist, dann weiß ich nicht, was es überhaupt ist.
Diejenigen, die

- 13 -

Wenn

�Diejenigen, die behaupten, man brauche keine neuen Dislozierungen - sei
es, weil sie sich auf den guten Willen der Sowjets oder auf die Aussichten
der Rüstungskontrolle verlassen -, täuschen sich ganz einfach selbst.

Es ist

vielleicht wahr, daß Westeuropa mit einem Übergewicht an sowjetischer Macht
leben könnte; aber zu erwarten, daß die Sowjets nicht jeden Vorteil für ihre
eigenen paranoischen politischen Zwecke ausnützen, bedeutet, alle Lektionen
der Geschichte zu ignorieren.

In ähnlicher Weise kann man von der UdSSR nicht

erwarten, beim Fehlen aller Anreize ernsthaft zu verhandeln.

Die Dislozierung

- als Absicht oder als Tatsache - bleibt für uns der beste und einzige Weg,
die Sowjets dazu zu bringen, in gutem Glauben an Verhandlungen teilzunehmen.
Kurz gesagt:

Die Durchführung des INF-Doppelbeschlusses ist zum Eckstein

der westlichen Sicherheit in den achtziger Jahren geworden.

Dieser Beschluß

hat auch weiterhin eine solide politische und eine solide militärische Begründung.

Er wurde in Reaktion auf eine nichtprovozierte sowjetische Aufrüstung

gefaßt, die noch immer unvermindert anhält.

Er stellt die fortdauernde Ver-

pflichtung des Bündnisses zu einem Konzept der Abschreckung dar, gegründet
auf der Vorstellung, daß amerikanische Macht - mit Europa verknüpft - der
beste Weg ist, um Stabilität und Frieden Europas zu fördern.

Die Verpflich-

tung der Reagan-Administration und der Regierungen des Bündnisses zur Durchführung beider Teile des Doppelbeschlusses von 1979 - Rüstungskontrolle und,
falls nötig, Dislozierung - ist nunmehr unerschütterlich.
Meine Unterstützung für Entscheidungen, die vor rund dreieinhalb Jahren
gefällt wurden, sowie meine Kritik der verschiedenen Alternativen innerhalb
des Bündnisses sollten nicht als Selbstgefälligkeit ausgelegt werden. Die
Brüchigkeit der verschiedenen von mir beschriebenen Alternativen sollte nicht
als totale Ablehnung ihrer Gültigkeit betrachtet werden, genauso wenig, wie
es als völlige Bekräftigung des Status quo angesehen werden sollte. Wenn ich
ein altes amerikanisches Sprichwort für meine heutigen Zwecke hier modifizieren darf, so möchte ich lediglich davon abraten, das Bündnis stärker zu
reparieren, als es geschädigt ist, oder, um ein anderes Bild zu wählen, ich
dränge Sie darauf, keine Medikamente zu verwenden, die gefährlicher sind als
die Krankheit.
Dies soll
- 14 -

�Dies soll nicht heißen, daß wir auf der Stelle stehenbleiben.
darf der Reform.

Und es bedarf der engen Konsultationen.

Es be-

Wir müssen nicht

nur unsere nukleare Abschreckung verbessern, sondern auch unsere konventionellen Streitkräfte.

Es muß mehr dafür getan werden, die gemeinsamen Inter-

essen außerhalb des formellen Vertragsgebietes zu sichern.

Wir müssen sicher-

stellen, daß unsere Handelsbeziehungen mit dem Osten in Einklang mit unseren
politischen und sicherheitspolitischen Erfordernissen stehen.

Und wir müssen

auch weiterhin einfallsreich und beweglich sein bei unserer Suche nach sinnvollen Rüstungskontrollabkommen.
Aber wir müssen vorsichtig dabei sein, wie wir vorgehen. Europa ist in
den 30 Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg ein bewaffneter Konflikt erspart
geblieben. Wir haben ein Maß an Wohlstand und an Freiheit erlangt, wie es in
der Geschichte ohne Beispiel ist. Es steht zu viel auf dem Spiel, um übereilt oder unbesonnen vorzugehen. Das Bündnis und das zugrundeliegende atlantische Modell bzw. seine Struktur bleibt relevant und lebensfähig. Nur
innerhalb seines Rahmens können wir die Kräfte des Westens in einer Weise
nutzbar machen, die die Wirksamkeit so groß und die Last unserer freien Gesellschaft und ihrer angespannten Volkswirtschaften so gering wie möglich sein
läßt.
Es gibt einen schönen

Satz in dem Roman "Der Leopard" des italienischen

Autors Giuseppe di Lampedusa.

"Wenn wir wollen, daß die Dinge so bleiben,

wie sie sind, dann müssen sich die Dinge ändern."

Das ist recht wahr.

In

der Tat besteht die Geschichte des Bündnisses aus einer Reihe von Anpassungen
an sich entwickelnde

Umstände.

Das Bündnis des Jahres 1983 ist nicht das

Bündnis von 1949.
Aber es muß auch Grenzen für unsere anderen Wege geben.

Das Wesentliche

des atlantischen Modells, welches das Bündnis darstellt, hat uns gut gedient
und sollte erhalten bleiben.

Das Bündnis kann auch weiterhin unsere Inter-

essen schützen, wenn wir hinsichtlich dessen, was wir bewahren, ebenso klug
sind wie hinsichtlich dessen, was wir verändern.
+ + + + +

- 15 -

�19

4. Mai 1983

DER WELTHANDEL UND DIE INTERNATIONALEN FINANZEN
Ein Interview mit dem Sonderbeauftragten Präsident Reagans
für Handelsverhandlungen -

WASHINGTON - (AD) - In einem Interview, das
der Sonderbeauftragte Präsident Reagans für
Handelsverhandlungen, William E. Brock, unserem Washingtoner Korrespondenten Jon
Schaffer gegeben hat, verwies er auf die Notwendigkeit, den Welthandel und die internationalen Finanzen stärker als bisher miteinander
zu verknüpfen und den Handlungsspielraum des
GATT auszuweiten. Den Ausführungen Brocks
kommt angesichts der Tagung der Wirtschaftsund Finanzminister von sieben großen Exportländern in Paris am 11. und 12. Mai und dem
Weltwirtschaftsgipfel in Williamsburg vom
28. bis 30. Mai besonderes Gewicht zu. Durch
Stärkung des -institutionellen Rahmens für den
Welthandel und die internationalen Finanzströme, des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) U nd des Internationalen Währungsfonds (IWF) sollte in der ganzen Welt
ein besseres allgemeines Wirtschaftsklima geschaffen werden, das den Warenaustausch zwischen
den Völkern begünstigt und damit die unerläßliche Voraussetzung für die Beseitigung der
weltweiten Arbeitslosigkeit schafft.
Das Interview Brocks hat, um einige weniger
bedeutende Fragen und Antworten gekürzt, folgenden Wortlaut:

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�FRAGE: Vor einigen Monaten erklärte Präsident Reagan, protektionistische
Maßnahmen gefährdeten die wirtschaftliche Erholung in aller Welt und den Weltfrieden.

Wieviel politisches Kapital würde die Regierung Reagan aufwenden,

um den Kongreß am Erlaß protektionistischer Gesetze zu hindern?
ANTWORT: Meinem Dafürhalten nach

sind wir bereit, so gut wie alles

politische Kapital aufzuwenden, über das wir verfügen, um nicht nur unser Land,
sondern die ganze Welt auf dem Weg zu wirtschaftlicher Erholung zu halten.
Der Protektionismus kann unsere Bemühungen, die Beschäftigung ohne
Inflation wieder auf den früheren Stand zu bringen, sowohl in unserem Lande
als auch in der ganzen Welt mit einem Schlag zunichtemachen.

Deshalb werden

wir jede nur erdenkliche Anstrengung unternehmen, um sicherzustellen, daß der
Kongreß keine aggressiven protektionistischen Gesetze erläßt, die unseren
Handelspartnern - und offen gesagt - langfristig auch den Vereinigten Staaten
Schaden zufügen.
FRAGE: Einschließlich der Einlegung des Vetos durch den Präsidenten?
ANTWORT: Ja, wenn es notwendig werden sollte. Meiner Meinung nach hat
der Präsident dies bereits demonstriert: Vor genau einem Jahr hat er ein
anderes protektionistisches Gesetz mit seinem Veto belegt.
FRAGE: Beamtete und auch private Handelsanalytiker sind übereinstimmend
der Auffassung, daß kurzfristig die größten Gewinne aus der Liberalisierung
des internationalen Handelssystems über bilaterale - nicht multilaterale Anstrengungen zu erreichen sind. Trifft dies Ihrer Auffassung zu? Besteht
nach Auffassung der Administration die Notwendigkeit einer Alternative zum
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT)?
ANTWORT: Das GATT hat mehr als jede andere Institution dazu beigetragen,
eine explosionsartige Expansion des Welthandels herbeizuführen.

Das war

�Das war nachgerade fantastisch.

Die Wachstumsraten des Welthandels waren weit

höher als die der Weltproduktion, und das hat sehr zum Wohlergehen dieses
Landes und vieler anderer Länder beigetragen.
Somit geht unsere Ansicht über das GATT dahin, daß wir im gegenwärtigen
Augenblick jeden Versuch unterlassen sollten, eine Ersatz-Institution zu schaffen,
sondern dafür sorgen müssen, daß GATT besser- funktioniert.

Was immer wir tun

können, um das GATT zu unterstützen und zu stärken, wird getan; und wir werden
unsere Handelspartner ermutigen, sich uns hierin anzuschließen.
Sicherlich wird man Handelsproblemen in der Größenordnung der Schwierigkeiten, die wir gegenwärtig mit unseren Freunden in Europa im Agrarhandel haben,
kurzfristig am ehesten durch ein bilaterales Vorgehen bereinigen können einfach weil in den multilateralen Institutionen keine ausreichenden Verfahrensregeln hierfür bestehen.
Das aber macht es erforderlich, daß wir zwei Dinge allen anderen voran
tun: Erstens, kurzfristige Probleme in bilateralen Konsultationen auf dem
Verhandlungswege lösen, und zweitens gleichzeitig auf eine Stärkung der
Verfahrensregeln hinarbeiten, damit derartige Probleme erst gar nicht mehr
auftreten oder raschestens auf multilateralem Wege gelöst werden können.
FRAGE: Können Sie uns Ergänzendes zu Berichten von Gesprächen zwischen
unserem Land und seinen Verbündeten über Vorschläge für ein "GATT-Plus" oder
"Super-GATT" sagen oder diese richtigstellen?
ANTWORT: Gewiß, man wirft heute mit solchen Worten herum.

Wir haben den

Hang, allen Dingen ein Etikett anzuhängen: "Super-GATT", "GATT-Plus",
"Tagung gleichgesonnener Länder" - und anderes mehr.

Die Gefahr besteht meiner

Meinung nach darin, daß die Völker solchen Worten letztlich mehr Bedeutung
beimessen als den Zielen.
Im Grunde

- 3 -

�Im Grunde genommen sind sich die Vereinigten Staaten wohl darüber im
klaren, daß die internationalen Strukturen und Institutionen des Handels und
der Finanzen gestärkt und verbessert werden müssen.

Wir führen intern viele

Gespräche über die Frage, wie sich das bewerkstelligen läßt. Wir sind noch
nicht sicher, ob wir eine einfache und klare Antwort finden werden. Wir haben
auch diesbezüglich Gespräche mit einigen unserer Handelspartner eingeleitet.
Diese Gesprächsrunden werden in den nächsten Monaten an Intensität gewinnen,
wenn die unterschiedlichen Methoden zur Behandlung dieses Problemkreises zur
Sprache kommen.
Das besagt nicht, wir hätten uns bereits für die Schaffung eines "SuperGATT" oder eine Art "GATT-Plus" entschieden. Wichtiger scheint mir zu sein,
daß wir uns intern verpflichtet fühlen, das GATT, den Internationalen Währungsfonds sowie das Verhältnis zwischen beiden und die Einsicht seitens der internationalen Handelswelt zu stärken, daß wir alle mehr leisten müssen als in der
Vergangenheit, wenn wir sicherstellen wollen, daß die Welt mit der Liberalisierung des Handels fortfährt. Nur so können wir neue wirtschaftliche Möglichkeiten und neue Arbeitsplätze schaffen und mit den Schuldenproblemen fertig
werden, unter denen die Entwicklungsländer leiden. Wir müssen das alles zudem
möglichst rasch tun.
FRAGE: Sind dies die Probleme, über die die Wirtschafts- und Finanzminister
der sieben Gipfelländer auf ihrer Tagung in Paris vom 11. bis 12. Mai sprechen
werden.
ANTWORT: Das sind ihrem Wesen nach vorbereitende Gespräche, Sondierungen:
Wir werden eine Menge Fragen stellen. Wir haben auch eigene Vorstellungen
entwickelt, glauben aber nicht, daß der Zeitpunkt für unser Land gekommen ist,
konkrete Vorschläge vorzulegen.
Wir möchten Verständnis für das Ausmaß der Probleme wecken, vor die sich
andere Länder gestellt sehen; wir wollen herausfinden, wie wir uns gegenseitig

- 4 -

�uns gegenseitig multilateral in dem Wissen um den grundlegenden Zweck einer
Ausweitung des Handels bestärken können.
Wir alle sehen uns im eigenen Land mit dem Protektionismus konfrontiert.
Es gibt kein Land, das frei von protektionistischen Pressionen ist. Wie
können wir diese gemeinsam verringern?

Und sollten nicht die Finanz-, die

Wirtschafts- und die Außenminister sämtlich letztlich in diese Art von Unternehmen involviert werden, wenn es darum geht, uns gegenseitig in dem Willen
zu bestärken, negativen Pressionen zu widerstehen?
Die Art von Fragen, die wir einander zu stellen beabsichtigen,und die
Gebiete, auf denen wir nach Fortschritten streben werden, sind ziemlich
offenkundig.
Erstens - und damit möchte ich keinerlei Priorität zum Ausdruck bringen wie steht es um die offensichtlich ständig an Bedeutung zunehmenden Beziehungen
zwischen Handel, Finanzen und Währung. Die Schuldenkrise der weniger entwickelten
Länder rückte, wenn nichts anderes, so doch mindestens dieses Faktum in den
Blickpunkt des Interesses.
Sind unsere internationalen Institutionen hinreichend etabliert und koordiniert, um mit Problemen dieser Art fertig zu
werden?
Zweitens müssen wir unser Augenmerk meiner Auffassung nach auf den multinationalen Entscheidungsprozeß innerhalb des GATT konzentrieren.

Zwischen dem

GATT und der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) besteht ein ständiger
Spannungszustand.

Sollten sich diese beiden Instutionen nicht gegenseitig

stärken, statt miteinander in Konkurrenz zu treten?

Können wir eine Methode

entwickeln, um den Entscheidungsprozeß in Institutionen wie dem GATT generell
zu verbessern?
Das sind grundlegende Fragen, auf die sich keine sehr leichten Antworten
finden lassen dürften.
FRAGE: In den letzten
- 5 -

�FRAGE:

In den letzten Wochen haben mehrere hohe amerikanische Regierungs-

beamte erklärt, die von einem GATT-Gremium getroffene Weizenmehl-Entscheidung,
die gegen die Vereinigten Staaten ergangen ist, bedeute, daß im Handel mit
Agrarerzeugnissen "das Gesetz des Dschungels" herrsche. Werden Agrarsubventionen zur Alltagspraxis auch in den Vereinigten Staaten, oder gibt es eine
andere Methode zur Lösung dieses Problems, die bisher noch nicht ausprobiert
wurde?
ANTWORT:

Sie werden bemerkt haben, daß ich sehr lange pausierte, um

diese Fragen zu beantworten.

Ich glaube nicht, daß es eine ausgemachte Sache

ist, daß wir uns umfassender Agrarsubventionen bedienen werden. Aber unsere
Optionen sind gegenwärtig äußerst begrenzt.

Es wächst in diesem Land das Ge-

fühl, daß wir mehr und mehr benachteiligt werden und daß wir uns im Wettbewerb
immer stärker anstrengen müssen.
Es gibt zwei Auswege aus dieser Lage. Wir können entweder der Praxis
anderer Länder folgend unsere Zuflucht zu umfangreichen aktiven und unverblühmten staatlichen Interventionen in Gestalt von Prämien und Beihilfen nehmen oder kurzfristig einen vorübergehenden Waffenstillstand vereinbaren, in
dem beide Seiten gewisse Konzessionen machen, um einen Handelskrieg zu vermeiden. Und wir können uns mit unseren Handelspartnern darauf einigen, in
vernünftiger Zeit bessere internationale Regeln zustandezubringen, um zu verhindern, daß sich dergleichen jemals wiederholt.
Ich halte die letzte Methode - bilaterale Verhandlungen und multilaterale
Verbesserungen der Regeln - für die bessere.
Ich bin nicht sicher, ob es dazu kommen wird. Es könnte sein, daß einige
Länder ihren eigenen Vorstellungen so stark verhaftet sind, daß sie auf ihnen
bestehen und wir deshalb zu keiner Lösung gelangen können. Wir werden uns sehr
anstrengen, das Problem zu lösen. Wenn es uns nicht gelingt, haben wir, die
Vereinigten Staaten, meines Erachtens wenigstens hinreichend klar gemacht, daß
wir unsere Lebensinteressen verteidigen, ja verteidigen müssen.
FRAGE:
- 6 -

Die

�FRAGE:

Die Vereinigten Staaten führen Klage darüber, daß die Subven-

tionierung der Landwirtschaft in der Europäischen Gemeinschaft aufgrund der
"gemeinsamen Agrarpolitik" den Vereinigten Staaten auf ihren traditionellen
Märkten erhebliche Marktanteile gekostet hat. Würden sich die Vereinigten
Staaten damit zufrieden geben, wenn sich die Europäische Gemeinschaft bereit
erklärte, ihre Beihilfe so weit zu begrenzen, daß die Amerikaner ihre durchschnittlichen Marktanteile aus der Vergangenheit erfolgreich behaupten könnten.
ANTWORT: Da wir zur Zeit sehr intensive und, wie ich meine, auch sehr
konstruktive Gespräche führen, zögere ich etwas, hier zu erklären, was, kurzfristig gesehen, ausreichend sein mag oder nicht.
Es besteht kein Zweifel an der Geschlossenheit der amerikanischen Haltung hierzu - offen gesprochen, besteht kein Zweifel an unserer Entschlossenheit, dieses Problem zu lösen. Weil wir aber dieserhalb in reichlich delikate Erörterungen verwickelt sind, möchte ich hier lieber nicht allzu deutlich werden, sondern lieber auf den grundlegenden Punkt zurückkommen, daß
wir seit einiger Zeit schon das Gefühl haben, es gäbe überhaupt keine Entschuldigung für die seit 30 Jahren geübte Praxis, die Landwirtschaft insoweit als Stiefkind des Welthandels zu behandeln, als man den Agrarhandel
überall ausklammert und keinerlei wirksame Regeln für ihn aufstellt.
Wenn wir jüngst so verärgert über die Weizenmehlentscheidungen des GATT
waren, so deshalb, weil das GATT-Gremium

effektiv feststellte, die Vereinig-

ten Staaten wären im Recht, sich dann aber weigerte, für Abhilfe zu sorgen.
Das aber läßt es zweifelhaft erscheinen, ob das GATT der Verantwortung nachzukommen bereit ist, die ihm von den 85 Signatarstaaten des GATT-Vertrages
auferlegt wurde, oder nicht.
Es kann in dem bisherigen Rahmen so nicht weitergehen.
geschehen.

Es muß etwas

Entweder müssen wir bessere Regeln aufstellen oder der Apparat

wird aus den Fugen geraten.
FRAGE:

Wollen

�FRAGE:

Wollen Sie damit sagen, daß wir auf andere kurzfristige Lösun-

gen in dem Gedanken eingehen werden, wir müßten uns mit einer kurzfristigen
Lösung als Schritt in Richtung auf eine langfristige Bereinigung des Problems
abfinden?
ANTWORT:
FRAGE:

Ja, das trifft weitgehend zu.
Könnte die Lösung in einer Aufteilung von Märkten bestehen?

ANTWORT:

Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Vereinigten Staaten -

sei es auch nur auf Zeit - einer Aufteilung von Märkten zustimmen, die besagt, auf diesen Gebieten dürfen wir mit anderen in Wettbewerb treten und auf
anderen nicht.

Ich würde jedenfalls zaudern, das zu tun.

FRAGE: Die amerikanische Regierung hat in den letzten Monaten heftige
verbale Attacken gegen das Herauspicken einzelner Industrien als Angriffsziele geführt, wie es insbesondere von der japanischen Industrie praktiziert
wird.
Gegen welche industrielle Zielpraktiken wendet sich die Administration
speziell, und was sollten andere Länder nach Ansicht der Vereinigten Staaten
dagegen unternehmen?
ANTWORT:

Wir sorgen uns, daß der Begriff "industrielle Zielpraktiken"

dahingehend ausgelegt wird, die Regierungen seien ermächtigt, auf den internationalen Märkten so zu intervenieren, daß andere Handelspartner benachteiligt werden. Ein Beispiel wäre die Gewährung beträchtlicher staatlicher Zuschüsse, selbst auf den Gebieten der Forschung und Entwicklung. Die Bildung
von Kartellen kann manchmal ernste Handelsverzerrungen hervorrufen. In diese
Reihe gehören Verstaatlichungen, wenn sie den Zweck verfolgen, einen Deckmantel für die Einschleusung massiver staatlicher Mittel abzugeben, um einen
andernfalls unwirtschaftlichen Anteil von Auslandsmärkten für sich zu gewinnen.
Diese industriellen
- 8-

�Diese industriellen Zielpraktiken sind eine neue Taktik, die immer
stärker in den Vordergrund tritt - eine Taktik, die hinreichend kompliziert
ist und zahlreiche Überlegungen und Gespräche erforderlich macht.

Wir haben

noch keine gute Abwehr dagegen entwickelt - und machen uns dieserhalb Sorgen.
Es ist nach unserem Dafürhalten an der Zeit, die gelbe Warnflagge zu hissen
und darauf hinzuweisen, daß hier Vorsicht geboten ist, weil es sonst zu
unnötigen Spannungen kommen wird.
FRAGE:

OECD-Generalsekretär Van Lennep sprach von der Bedrohung durch

eine "Kettenreaktion von Abwehrmaßnahmen" in den Handelsbeziehungen.

Halten

Sie das für wahrscheinlich?
ANTWORT:

Diese Möglichkeit besteht immer.

Noch haben wir den kritischen

Punkt nicht erreicht; unser vielleicht größtes Ziel ist es, sicherzustellen,
daß es eben nicht dazu kommt...
FRAGE: Können Sie angesichts der anhaltenden Arbeitslosigkeit in Europa
und in den Vereinigten Staaten und der starken protektionistischen Pressionen
einen Grund anführen, der die Entwicklungsländer zur Erwartung besserer Märkte
für ihre Produkte in den Industriestaaten als in den letzten Jahren berechtigt?
ANTWORT: Ja. Es wäre äußerster Wahnsinn seitens der industrialisierten
Welt, ihre Märkte für die Produkte der Entwicklungsländer zu sperren. Die
sich hieraus ergebende Bedrohung unseres Wohlergehens wäre schrecklich. Die
Vereinigten Staaten verkaufen heute mehr in die Entwicklungsländer und tätigen
mehr Handel mit Entwicklungsländern als mit Europa und Japan zusammen; 39
Prozent unserer Ausfuhren gehen in Entwicklungsländer.
Unser Finanzsystem wird durch die Verschuldung der Dritten Welt stärkstens
belastet.

Zu glauben, daß die einzelnen Länder ihre Schulden bezahlen können,

wenn sie keine Absatzmärkte für ihre eigenen Produkte finden, ist unrealistisch
und deshalb einfach falsch.
Wir müssen
- 9 -

�Wir müssen nicht nur einige unserer Handelspartner, sondern auch gewisse Leute im eigenen Land davon überzeugen, daß jeder Versuch, die Absatzmöglichkeiten für Entwicklungsländer zu beschneiden, uns größeren Schaden
zufügt als ihnen.
Es gibt nur eine Methode, aus der Rezession herauszukommen:
zu treiben.

mehr Handel

Und es gibt nur eine Methode, die Schuldenkrise zu lösen:

mehr

Handel zu treiben.
Die Alternative dazu wäre, was 1930 geschah:

Wachsender Protektionismus

und anschließende weltweite Depression.
FRAGE:

Die Administration wird dieses Jahr, so weit ich weiß, eine

Erneuerung der amerikanischen Handelspräferenzen für Entwicklungsländer
unter dem GSP-Programm (Generalized System of Preferences) und einige Änderungen desselben fordern.

Können Sie uns sagen, um welche Änderungen es

sich handeln soll?
ANTWORT:

Wir stehen noch mitten in den internen Erörterungen der Frage,

wie wir das am besten vertreten können, was meiner Auffassung nach ein wohlbegründetes Ziel der Administration darstellt, nämlich die Ausweitung des GSPSystems.
Wir meinen, dieses Programm käme den Entwicklungsländern ebenso zugute
wie uns:

Keiner wäre der Verlierer.

Es bestehen jedoch schwere Pressionen in diesem Land, einfach jede Art
von Präferenzen abzuschaffen, und wir müssen uns über diese Pressionen klar
werden und eine Methode finden, ihnen wirksam entgegenzutreten.
Kurzfristig unterliegen wir hierin politisch der Hitze des Augenblicks,
dem Druck der Arbeitslosigkeit.

Das trifft für alle Länder der Erde zu.
Unsere Einstellung
- 10 -

�Unsere Einstellung zu GSP basiert in erster Linie auf der Überzeugung,
daß es in unserem nationalen Interesse liegt, das GSP-System auszuweiten.
Wir müssen es aber in gewisser Hinsicht modifizieren.

Wir hoffen, daß wir

nicht nur einen Wandel herbeiführen, sondern einen positiven oder progressiven Wandel, der sich nicht für irgendwelche Entwicklungsländer als eine Art
Strafmaßnahme
FRAGE:

auswirkt...
Werden Sie auf die Idee von Nord-Süd-Handelsverhandlungen zurück-

kommen, die wir auf der GATT-Ministertagung im November vergangenen Jahres
präsentiert haben?
ANTWORT:

Sicherlich.

FRAGE: Ist dies heute noch eine lebenskräftige Idee? Meines Wissens
haben die Entwicklungsländer den amerikanischen Vorschlag zurückgewiesen.
ANTWORT: Während die meisten Entwicklungsländer auf der Ministertagung
unseren Vorschlag zu begrüßen schienen, weil sie größtenteils von ihm profitiert hätten, reagierten einige wenige unter ihnen nervös, weil er ihrer Meinung nach irgendwelche Gefahren für sie mit sich bringe. Deshalb hinderten
sie das GATT daran, wirksame Schritte zu unternehmen. Natürlich haben sie
die Möglichkeit, das GATT zu blockieren, wenn sie dies wünschen. Das ändert
aber nichts an der amerikanischen Politik. Wir können diesen Kurs auch aus
eigener Kraft verfolgen.
FRAGE:
ANTWORT:
tun sollten.

Auf bilateraler Basis statt in einem multilateralen Rahmen?
Durchaus möglich.

Ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht

Letzten Endes können wir, falls wir diesen Kurs einschlagen,

auch dessen Richtigkeit beweisen.

Er könnte auch auf multilateraler Basis

größere Unterstützung finden.
Bedenken Sie:

- 11 -

�Bedenken Sie:

Es gab in den GATT-Gesprächen in Genf auf Seiten der

meisten Länder sehr wenig Widerstand gegen diese Idee.

Die Mehrheit von

ihnen schien diesen Vorschlag für sehr ansprechend zu halten, würde er doch
zu einer beträchtlichen Steigerung des Welthandels führen.

Genau das glau-

ben wir auch.
Es trifft zu, daß das GATT als Organisation auf einen allgemeinen Konsens
angewiesen ist:

Deshalb können zwei oder drei Länder das GATT daran hindern,

eine positive Entscheidung zu fällen, besitzen sie doch eine wirksame VetoGewalt.
FRAGE:

Die Industrieländer drängen die Entwicklungsländer auf eine

weitere Liberalisierung des Handels - auch wenn sie gleichzeitig anerkennen,
daß die Schuldensituation der weniger entwickelten unter ihnen eine Einschränkung der Einfuhren erforderlich macht.

Reicht der bestehende insti-

tutionelle Apparat aus, um mit diesen Problemen fertigzuwerden?
ANTWORT: Nein. Ich habe schon auf den Zusammenhang zwischen Handel
und Finanzen hingewiesen. Nach meinem Dafürhalten müssen wir uns ernsthaft
um eine Methode bemühen, diese beiden noch enger miteinander zu verknüpfen.
Wenn beispielsweise Restriktionen des Internationalen Währungsfonds gegen
ein Land verhängt werden, um den Ausgleich seiner Zahlungsbilanz zu erzwingen, sollte das GATT meines Erachtens in irgendeiner Form hinzugezogen werden, um sicherzustellen, daß die von dem besagten Land zu unternehmenden
Schritte die geringstmöglichen - und nicht die größtmöglichen - Handelsverzerrungen hervorrufen...
FRAGE:

Halten Sie den Rückgang des Welthandels vom vergangenen Jahr

für eine Folge der weltweiten Rezession, oder war er auf die Zunahme der protektionistisehen Pressionen in den letzten Jahren zurückzuführen?
ANTWORT: Er war eindeutig eine Folge der Rezession. Es ist äußerst
gefährlich, das Ausmaß des Rückgangs des Welthandels einem Phänomen wie dem

- 12 -

�wie dem Protektionismus anzulasten.

Noch schlimmer aber ist es, daß der

Rückgang des Welthandels den Grad der Verschuldung der Entwicklungsländer
verschärfte.

FRAGE:

Die Ursache hierfür aber war er nicht.

Welche Vorhersage würden Sie angesichts der derzeitigen Schulden-

probleme der Entwicklungsländer und der nur langsamen Verbesserung der Konjunktur in Europa für die Entwicklung des Welthandels im Jahr 1983 treffen?

ANTWORT:

Er wird wahrscheinlich ziemlich stabil sein.

Der amerikanische

Aufschwung kommt ziemlich gut voran und scheint sich über 1983 hinaus auch
im Jahr 1984 fortzusetzen.

Das ist gut, weil unser Aufschwung doch zur Wiederbelebung des Wachstums
auch in jenen Ländern beitragen wird.

Unsere Volkswirtschaft ist die größte

und auch die kräftigste, und sie übt auf alle anderen Länder Einflüsse aus,
die sehr,sehr beträchtlich sind.

Aber die Entwicklung verläuft nur langsam und schmerzlich, weil einige
Länder rascher aus der Misere herauskommen werden als andere.
zerrungen geben.

Es wird Ver-

Das Schuldenproblem verschärft die Schwierigkeiten einiger

Entwicklungsländer erheblich und erlegt ihrer Fähigkeit, einen raschen Wandel
herbeizuführen, enge Grenzen auf.

Wenn wir aber vorsichtig vorgehen und

internationale Institutionen wie den Weltwährungsfonds mit ausreichenden
Mitteln ausstatten, dann werden wir die Schuldensituation einigermaßen bewältigen - so wie wir sie im vergangenen Jahr bewältigt haben.

So können wir aus

der derzeitigen Misere herauskommen und in zwei Jahren in weit gesünderen
Verhältnissen leben.

+ + + + +

- 13 -

�Wi//cn/chaft
und Technik

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

19

4. Mai 1983

MECHANISCHE OHREN LAUSCHEN INS ALL
Natürliches oder künstliches Radiosignal? Verbesserte Apparaturen
sollen Unterscheidung ermöglichen -

- (AD) - Die Suche nach Signalen außerirdischer Zivilisationen, von der
in den letzten Jahren kaum mehr die Rede war, hat durch die Bewilligung für
das NASA-Budget von jährlich mindestens 1,5 Millionen Dollar in den kommenden
fünf Jahren zur Weiterführung von Experimenten neue Publizität erlangt.
Inzwischen setzten sich prominente Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern
für ein systematisches, weltweit abgestimmtes Programm ein. Der hohe Stand
der Technologie, Radiosignale aus dem Kosmos zu empfangen - selbst wenn die
Quelle Tausende von Lichtjahren entfernt sei -, rechtfertige den Versuch.
Ein derartiges Programm sei außerdem geeignet, der Computertechnik neue Fortschritte zu bringen.
Das vor mehr als zwei Jahrzehnten begonnene Experiment SETI ("Search for
Extraterrestrial Intelligence" - Suche nach außerirdischen Zivilisationen)
wird nun mit verbesserten Apparaturen fortgesetzt.

Seit dem 2. März 1983

lauscht ein Radioteleskop des Oak Ridge-Observatoriums der Harvard-Universität,
30 km nordwestlich von Boston im US-Bundesstaat Massachusetts, auf Signale aus
dem All.

Die Leitung dieses auf vier Jahre angesetzten Projekts, das zunächst

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 22 40
Telex: Ö-85432

�das zunächst mit privaten Geldern, u.a. von der Internationalen Planetaren
Gesellschaft, finanziert wird, haben der Physiker Paul Horowitz (HarvardUniversität) und der Astrophysiker Carl Sagan (Cornell-Universität, New York)
übernommen.
Am "mechanischen Ohr", einer Parabolantenne von 25 m Durchmesser, wurde
ein von Horowitz konstruierter koffergroßer Empfänger installiert, der mit
einem Computersystem verbunden ist. Er vermag Signale auf 128 000 schmalen
Frequenzbändern gleichzeitig aufzunehmen, wobei das Firmament abschnittweise
beobachtet wird.

Vorgesehen ist, mit dem "Ohr" in Richtung von zwei Milliarden

der etwa drei Milliarden Sterne unserer Milchstraße zu lauschen.

Falls irgend-

wo auf deren Planeten intelligente Lebewesen existieren, wäre es denkbar, daß
sie künstlich erzeugte Radiosignale senden.

Die an SETI interessierten

Wissenschaftler sind sich jedenfalls darüber einig, daß Funksignale am ehesten
von der Existenz außerirdischer Zivilisationen Kunde geben könnten.

Horowitz

will sich dabei auf "magische Frequenzen", zu denen beispielsweise die
natürliche Abstrahlung von Radiosignalen durch angeregte Wasserstoffatome zählen,
konzentrieren.

Er ist überzeugt, daß eine hochentwickelte außerirdische

Zivilisation vermutlich solche Frequenzen benutzen würde, weil es in diesem
Teil des Radiospektrums wenig Interferenzen gebe.
Es sei jedoch ungemein schwierig, so Dr. Stuart Bowyer von der Universität
Berkeley (Kalifornien) auf der Dezember-Tagung der Amerikanischen Astronomischen Gesellschaft in Boston, aus dem Wust von kosmischen Radiosignalen von Signalen aus irdischen Störquellen einmal ganz abgesehen - solche herauszufinden, die zumindest "verdächtig" sind, künstlich erzeugt worden zu sein.
Am universitätseigenen Hat Creek-Radioobservatorium habe man bei den regulären
Messungen 35 Tage lang eine automatische Aufzeichnungsapparatur zugeschaltet.
Von zehn Millionen Radiosignalen erschienen jedoch nur zehn Signale einer
näheren Analyse wert. Sie könnten aber nur dann als möglicher Indikator für
eine Botschaft aus fremden Welten angesehen werden, wenn sie an dem gleichen
Punkt, wo man sie entdeckte, wiederholt zu beobachten seien. Die Widrigkeiten

- 2 -

�Die Widrigkeiten, eine "Funkbotschaft" überhaupt zu erfassen, seien im
wahrsten Sinn des Wortes astronomisch.

Denn diese müßte auf der richtigen

Frequenz zum richtigen Zeitpunkt in ganz bestimmter Richtung ausgeschickt
werden, um auf der Erde empfangen werden zu können.
Laut Donald Devincenti, Direktor für Forschung und Technologie der
NASA-Abteilung für Biologie und Medizin, befindet sich das SETI-Projekt des
US-Amtes für Luft- und Raumfahrt gegenwärtig in der Forschungs- und Entwicklungsphase.

Innerhalb weniger Monate könne der Prototyp für ein SETI-System

mit einem Radioteleskop kombiniert werden. Jedoch sei wohl erst in etwa
fünf Jahren mit zuverlässigen Angaben zu rechnen, ob man es mit natürlichen
oder künstlichen Signalen zu tun habe.

In Zusammenarbeit mit dem Ames-Labo-

ratorium der NASA (Mountain View, Kalifornien) entwickelt z.Zt. eine Forschergruppe der Stanford-Universität unter der Leitung von Prof. Alan Peterson
einen "Vielkanal-Analysator" für Radiowellen mit dem bis zu 74 000 Kanäle
voneinader getrennt und die Signale untersucht werden sollen.

Das Prototyp-

Gerät wird zunächst am Goldstone-Observatorium der NASA (Kalifornien), einer
Station des "Deep Space Network" der Vereinigten Staaten, erprobt, und dann
am größten Radioteleskop der Welt (Arecibo in Puerto Rico) getestet.

In

etwa fünf Jahren könnten sechs solcher Maschinen mit Kapazitäten von zehn
bis hundert Millionen Kanälen zur Verfügung stehen.
- "Leben im Universum" "Leben im Universum" wurde an der Stanford-Universität im Februar 1983
sogar in den jährlich abgehaltenen naturwissenschaftlichen Grundkurs für
Kliniker einbezogen.

Er umfasste Themen wie "Die biogenen Elemente von Ver-

bindungen: Vom Sternenstaub zu den Planeten", "Suche nach anderen Planetensystemen", "Chemische Evolution und der Ursprung des Lebens", "Entstehung
und Evolution molekularer Asymmetrie", "Biologie im Präkambrium: Evolution
komplexer Lebensprozesse", "Suche nach außerirdischer Intelligenz".
Aus Entwicklungen

- 3 -

�Aus Entwicklungen von Kollegen des Nobelpreisträters Joshua Lederberg,
der in den fünfziger Jahren den Begriff "Exobiologie" prägte, gingen Roboter
für die Erforschung von Planeten unseres Sonnensystems wie des Planeten Mars
(Projekt VI KING) hervor. Einige dieser Instrumente werden heute in Biologie
und Medizin eingesetzt und leisten wertvolle Dienste.
Dr. Edward Rubenstein, zuständig für die Weiterbildung graduierter
Mediziner, und Dr, John Billingham, Leiter der Abteilung "Extraterrestrische
Forschung" am Ames-Laboratorium, erläuterten den Hörern die Gründe für die
Präsentation der Themen, die auch für Spezialisten auf medizinischen Fachgebieten Bedeutung haben: Die Erde sei nichts Außergewöhnliches, ein kleiner
Planet eines unter dem Durchschnitt rangierenden Sterns in unserem Milchstraßensystem.

In wissenschaftlicher Sicht sei Leben das Endergebnis von

Reaktionen chemischer Stoffe, angeregt durch die Energie eines Sterns, in
bestimmter Art und Weise gemischt.
sei dies auch andernorts denkbar.

Wenn Leben auf der Erde existieren könne,
"Ein Lehrgang für Kliniker sollte die

Diskussion nicht auf neueste wissenschaftliche Fortschritte in Bezug auf
jene Probleme beschränken, die zur Medizin direkte Verbindung haben", erklärte
Rubenstein.

Arzte seien vor allem dann an Forschungsgebieten außerhalb der

Medizin interessiert, wenn diese einen tiefgreifenden Bezug zur Biologie hätten.
Dr. Billingham erklärte u.a. die technischen Aufgaben des "VielkanalAnalysators" (MultiChannel Spectrum Analyzer). "Wir wissen nicht, auf welchen
Frequenzen wir suchen sollen - aber wir kennen den Spektralbereich, der am
besten geeignet wäre: Es ist das Mikrowellenfenster", meinte er. Dies sei
ein sehr weiter Bereich mit etwa 10 Milliarden Kanälen. Keine Maschine der
Welt sei in der Lage, auf so vielen Kanälen gleichzeitig zu "lauschen".
Deshalb solle das Prototyp-Gerät von Dr. Peterson in Verbindung mit einem
ausgeklügelten Datenverarbeitungssystem zunächst einmal dazu beitragen,
natürliche von möglicherweise künstlich erzeugten Radiosignalen aus unserem
Milchstraßensystem unterscheiden zu helfen.

+ + + + +

- 4-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan fordert Unterstützung seiner Mittelamerikapolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des Präsidenten vor dem US-Kongress -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Burt: Sowjetunion braucht Anreiz für Verhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Unterstaatssekretärs in Hamburg -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Welthandel und die internationalen Finanzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Ein Interview mit dem Sonderbeauftragten Präsident Reagans für Handelsverhandlungen -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mechanische Ohren lauschen ins All&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Natürliches oder künstliches Radiosignal? Verbesserte Apparaturen sollen Unterscheidung ermöglichen -&lt;/em&gt;</text>
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VON

AMERIKA DIENST
Sonderdienst

^

4. Mai 1988

DIE SOWJETISCHE MILITÄRMACHT 1988
Siebte Dokumentation des amerikanischen Verteidigungsministeriums -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Verteidigungsministerium hat am 29.
April 1988 die siebte, 175seitige Dokumentation über die sowjetische Militärmacht mit dem Untertitel "Eine Einschätzung der Bedrohung" veröffentlicht.
Die Broschüre gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt neun Kapiteln.
Teil 1:

Der Charakter der sowjetischen Bedrohung

Kapitel I:

Die sowjetische nationale Sicherheitspolitik

Kapitel II: Die sowjetische Außenpolitik unter Gorbatschow
Kapitel III: Die Zuweisung militärischer Mittel
Kapitel IV: Sowjetische strategische Programme und Weltraumstreitkräfte
Kapitel V:

Die sowjetischen konventionellen Streitkräfte

Teil 2: Eine Einschätzung der Bedrohung
Kapitel VI: Das strategische Gleichgewicht
Kapitel VII: Regionale und funktionale Gleichgewichte
Kapitel VIII:

Forschung und Entwicklung:

Kapitel IX: Kollektive Sicherheit:

Der technologische Wettbewerb

Unsere Risiken und Verpflichtungen

Im folgenden bringen wir das Vorwort von Verteidigungsminister Frank
Carlucci im Wortlaut sowie eine Zusammenfassung der Broschüre nach Kapiteln.

Vorwort
Seit 1981 veröffentlicht das Verteidigungsministerium eine Einschätzung der militärischen Stärke der Sowjetunion. Diese Publikation mit dem
Titel Die sowjetische Militärmacht
hat dem amerikanischen Volk, unseren
Freunden und Verbündeten in der gesamten Welt und anderen eine klare,
prägnante Beschreibung
der sowjetischen militärischen Fähigkeiten geliefert.
Dieses Jahr haben wir einen etwas
anderen Ansatz gewählt und uns eine
umfassendere Betrachtungsweise der im
Zusammenhang mit der sowjetischen militärischen Stärke seit 1981 beobachteten Tendenzen und Auswirkungen zu
eigen gemacht. Teil 1 des vorliegen-

den Dokuments beschreibt die traditionellen
Komponenten
sowjetischer
Militärmacht. Kapitel I liefert einen Überblick über die sowjetische
militärische
Strategie,
Politik,
Struktur sowie Einsatz- und FUhrungsgrundsätze.
Kapitel II analysiert
die sowjetische Außenpolitik unter
Generalsekretär Gorbatschow. Kapitel
III befaßt sich mit der materiellen
Grundlage der militärischen Stärke
der Sowjets. Kapitel IV analysiert
die sowjetischen strategischen Offensiv- und
Verteidigungsstreitkräfte
sowie die Weltraumstreitkräfte. Kapitel V liefert eine Übersicht über
die konventionelle Militärmacht der
Sowjets.
Um die möglichen Auswirkungen der
sowjetischen
militärischen
Stärke

�vollständig zu begreifen, ist es jedoch notwendig, die militärischen Fähigkeiten der Sowjets im Verhältnis
zu denen der Vereinigten Staaten und
ihrer Verbündeten zu untersuchen.
Teil 2 von Die sowjetische Militärmacht 1988 stellt diese sowjetische
Stärke in einen Zusammenhang, indem
er eine Einschätzung des militärischen Gleichgewichtes in allen relevanten Bereichen vornimmt. Kapitel
VI behandelt die Geschichte und den
heutigen Zustand des Gleichgewichts
zwischen
unseren
strategischen
Streitkräften und denen der Sowjetunion.
Kapitel VII enthält unsere
Einschätzung des militärischen Kräfteverhältnisses in Europa, Südwestasien und dem Fernen Osten sowie des
Kräfteverhältnisses zur See und unsere vergleichbaren Fähigkeiten zur
Verlagerung militärischer Macht. Da
sowohl die Vereinigten Staaten als
auch die UdSSR sich zur Verbesserung
ihrer jeweiligen militärischen Fähigkeiten in starkem Maße auf Technologie stützen, liefert Kapitel VIII
eine vergleichende Einschätzung darüber, wie neue Technologien unsere
Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft beeinflussen werden.
Kapitel
IX schließt mit einer Betrachtung
darüber, wie wir unsere kollektive
Sicherheit angesichts der von der Sowjetunion ausgehenden Bedrohung am
besten stärken und Mittel zur Verfügung stellen können, um dieser Bedrohung wirksam entgegenzutreten.
Wie in den früheren Ausgaben
lenkt die diesjährige Ausgabe von
Die
sowjetische
Militärmacht
die
Aufmerksamkeit auf einige der seit
Veröffentlichung von Die sowjetische
Militärmacht 1987 beobachteten bedeutenderen Entwicklungen in der sowjetischen militärischen Stärke, darunter:
- Das seit langem bestehende Programm der Sowjets zum Bau tief
unter der Erde gelegener Einrichtungen zum Schutz ihrer Führung
während eines Atomkrieges wird
detailliert zum ersten Mal in der
diesjährigen Ausgabe behandelt.
- 2

- Die Erststationierung der schienengest Utzten Interkontinentalrakete (ICBM) SS-24.
- Der Raumtransporter für mittlere
Nutzlasten (SL-16) wurde einsatzreif.
- Der erste Einsatz des Raumtransporters für schwere Nutzlasten
(SL-X-17) wurde beobachtet.
- Der seegestützte Marschflugkörper
SS-N-21 wurde einsatzreif.
- Ein vierter Flugzeugträger der
KIEW-Klasse wurde einsatzreif.
- Ein drittes atomgetriebenes Angriffs-U-Boot
der
AKULA-Klasse
lief vom Stapel und
- das luftgestUtzte Frühwarn- und
FUhrungssystem
I1-76/MAINSTAY
wurde einsatzbereit.
Dies sind lediglich die jüngsten
Beispiele für den anhaltenden Ausbau
der sowjetischen nuklearen und konventionellen Fähigkeiten. Seit 1981
wurde praktisch jede Komponente der
sowjetischen Militärmacht erweitert
und modernisiert:
- Die
sowjetischen
strategischen
atomaren
Offensivstreitkräfte
werden weiter verbessert. Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurde die
Stationierung der vierten Generation von ICBMs abgeschlossen der SS-17, SS-18 und SS-19. Im
Jahr 1985 leiteten die Sowjets
mit der straßenmobilen SS-25 die
Einführung der fünften Generation
von ICBMs ein.
- Das mit 20 ballistischen Raketen
vom
Typ
SS-N-20
ausgerüstete
Atom-U-Boot (SSBN) TYPHOON wurde
eingeführt und kurz darauf auch
das mit SS-N-23 Raketen bewaffnete SSBN vom Typ DELTA IV.
- Der mit dem atomar bestückten
Marschflugkörper längerer Reichweite vom Typ AS-15 bewaffnete

�Bomber BEAR H wurde eingeführt,
und die Stationierung des neuen
strategischen Bombers BLACKJACK
steht kurz bevor.
- Die Sowjets fahren mit der Modernisierung ihres Verteidigungssystems gegen ballistische Raketen
um Moskau fort, indem sie es zu
einem zweischichtig angelegten,
aus silogestlitzten, weitreichenden und modifizierten Abwehrflugkörpern vom Typ GALOSH, silogestlitzten schnell-beschleunigenden
endoatmosphärischen
Abwehrflugkörpern vom Typ GAZELLE sowie damit verbundenen Gefechts-, Leitund
Kampfführungsradarsystemen,
einschließlich des neuen phasengesteuerten Großradars vom Typ
PILL BOX in Puschkino, bestehenden Verteidigungssystem umrüsten.
- Die umfassende Modernisierung der
sowjetischen
konventionellen
Streitkräfte
in den achtziger
Jahren, darunter Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge sowie Uberund
Unterwasserschiffe
stellt
eine bedeutende Verbesserung sowjetischer militärischer Fähigkeiten
dar.
Der
Kampfpanzer
T-80, der Schützenpanzer BTR-80,
die Luftabwehrkanone SPAA-M-1986,
die Boden-Luft-Rakete SA-12 und
die ballistische Kurzstreckenrakete SS-23 sind seit 1981 einsatzreif geworden.
- Das Flugzeug Su-25/FR0GF00T sowie
die
Flugzeuge
Su-27/FLANKER,
MiG-29/FULCRUM und MiG/FOXHOUND,
alle modernster Bauart, sind heute einsatzreif und in großen Zahlen stationiert.
- In der sowjetischen Marine ist
ein mit Startrampen ausgerüsteter
Flugzeugträger von 65 000 Tonnen
im Bau. Zusätzlich stellten die
Sowjets vier neue Klassen von
übe rwasserschiffen, zwei Klassen
von Angriffs-U-Booten, sechs neue
Uberwasserwaffensysteme
sowie
sechs neue Klassen von AllzweckU-Booten in Dienst.

Die sowjetische Militärmacht und
die von ihr verkörperte Bedrohung
sind also keine abstrakten Begriffe.
Die Bereitschaft der Sowjets zum Einsatz militärische Macht, um Willfähigkeit durch Drohungen oder sogar
die
Überschreitung
internationaler
Grenzen in einer bewaffneten Aggression - wie in Afghanistan - zu erpressen, ist unbestreitbar.
Die Sowjets vermitteln jedoch
heutzutage international ein völlig
neues Bild und rufen dadurch die
Hoffnung eines grundlegenden Wandels
in ihrem internationalen Verhalten
hervor.
Ob diese Veränderungen
falls sie sich durchsetzen - eine
echte Chance für grundlegendere Verbesserungen in unseren Beziehungen
mit der Sowjetunion bedeuten, bleibt
abzuwarten. Obwohl wir den auf Konkurrenz und vorwiegend auf Gegnerschaft beruhenden Charakter unseres
Verhältnisses mit der Sowjetunion anerkennen, ist es unsere Politik, den
Dialog mit ihr zu fördern, um Chancen
für konstruktivere Beziehungen zu
nutzen. Im Geist dieser Politik traf
ich mich kürzlich mit dem Verteidigungsminister der Sowjetunion, General Dimitri Jasow. Ich verfolgte dabei die Absicht, eine Vielzahl von
Sicherheitsfragen
zu
diskutieren,
darunter die Verhinderung gefährlicher Unfälle. Ich wollte außerdem
ein besseres Verständnis öffentlicher
Erklärungen der Sowjets über eine
"defensive Doktrin" und ihres Konzepts des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" gewinnen.
Unsere
Gespräche erbrachten, wenn überhaupt,
nur wenige Informationen über die
Frage, ob es tatsächlich eine neue
sowjetische Doktrin gibt und, falls
es sie gibt, ob diese substantielle
Veränderungen
in der sowjetischen
Streitkräftestruktur und bei den Militärausgaben nach sich ziehen wird.
Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, welche Veränderungen im sowjetischen
Einsatzkonzept
definitiv
stattfinden könnten, falls eine wahrhaft "defensive" Doktrin auf der
Grundlage des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" umgesetzt würde.

- 3-

�Während wir weiterhin auf bedeutsame Veränderungen bei den Sowjets in
bezug auf weniger aggressive und gefährliche Maßnahmen und Einsatzkonzepte hoffen, haben wir bis heute
keine Beweise gesehen, die auf eine
Veränderung des offensiven Charakters
der Streitkräftestruktur und des Stationierungsmusters der UdSSR hindeuten.
Weder die Produktion militärischer Ausrüstung noch die Militärausgaben wurden reduziert. Im Gegenteil, der sowjetische Militärhaushalt, der sich auf 15 bis 17 Prozent
des
Bruttosozialproduktes
beläuft,
wächst auch unter Generalsekretär
Gorbatschow weiter jährlich um drei
Prozent. Noch wichtiger: Das in der
vorliegenden Broschüre dargestellte
Einsatzkonzept und die militärischen
Fähigkeiten der Sowjets, sind mit
einem defensiven Einsatzkonzept nicht
zu vereinbaren.
Wir alle würden
ernsthafte Bemühungen der Sowjets zur
Veränderung ihres militärischen Einsatzkonzepts begrüßen, insbesondere,
wenn diese mit sichtbaren Reduzierungen bei Streitkräften und Ausgaben
einhergehen. Wir werden dies weiterhin beobachten, ohne in unserer Wachsamkeit nachzulassen.
Ich hoffe, daß dieses realistische Porträt der militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion und der von
diesen für die freie Welt verkörperten militärischen Bedrohung allen
Amerikanern, unseren Freunden und
Verbündeten eine Hilfe sein wird, um
das enorme Ausmaß und den Umfang der
vor uns liegenden Herausforderungen
im Bereich der Sicherheit zu erfassen. Wir dürfen uns von den sowjetischen
militärischen
Fähigkeiten
nicht einschüchtern lassen, obwohl
diese
sicherlich
gewaltig
sind.
Stattdessen müssen wir unsere Entschlossenheit zur Bewahrung unserer
Freiheiten und unserer nationalen Sicherheit stärken und ein dauerhaftes
Programm für unsere kollektive Sicherheit entwerfen.
Nur so können
wir, unsere Verbündeten und unsere
Freunde die Vorzüge der Freiheit für
uns und unsere Nachwelt sichern.

KAPITEL I

DIE SOWJETISCHE NATIONALE SICHERHEITSPOLITIK
In der sowjetischen nationalen
Sicherheitspolitik
werden
folgende
Prioritäten gesetzt:
- Stärkung des sowjetischen politischen Systems und Erhaltung der
Herrschaft der KPdSU.
- Ausdehnung und Stärkung des sowjetischen Einflusses weltweit.
- Verteidigung
der
sowjetischen
Heimat und des Staates gegen eine
mögliche Aggression.
- Aufrechterhaltung
der
Vorherrschaft
über
den
sowjetischen
Grenzen
benachbarte
Land- und
Seegebiete.
Obwohl die Sowjets den Frieden
dem Krieg vorziehen, sind sie durchaus willens, ihre Interessen durch
Einschüchterung,
Ausübung
diplomatischen Drucks oder direkte Gewaltanwendung - wie in Ungarn, der Tschechoslowakei und Afghanistan - durchzusetzen.

Tendenzen innerhalb des Systems
Obwohl sich die sowjetischen Ziele nicht geändert haben, erkannten
Gorbatschow und seine Verbündeten,
daß zur Umstrukturierung des sowjetischen Systems neue politische Maßnahmen angezeigt waren.
Sie waren
entschlossen,
das
politische
und
wirtschaftliche System neu zu beleben
und das Image der Parteiführung im
In- und Ausland dadurch zu erneuern,
daß sie sich als Vertreter einer neuen, jüngeren, dynamischeren und fähigeren Generation sowjetischer Politiker darstellten.
Sie präsentierten
ihren Entwurf eines umstrukturierten
sowjetischen Systems unter dem Namen
"Perestrojka".

Frank C. Carlucci
Verteidigungsminister
- 4 -

�Was sich nicht verändert hat, ist
die Tatsache, daß die Sowjetunion
sich auch weiterhin auf militärische
Macht stützt, um ihre politischen
Maßnahmen zu unterstreichen sowie auf
die anhaltende Bereitschaft der sowjetischen Führung, die für die Aufrechterhaltung
ihrer
militärischen
Macht benötigten Mittel zur Verfügung
zu stellen.

Krieges - in bestimmten Bereichen eines Kriegsschauplatzes möglicherweise
auch defensive Operationen durchführen müssen. Ihre Zielsetzung in der
Ausbildung besteht jedoch darin, so
schnell wie möglich zur Gegenoffensive überzugehen.

Sowjetische Militärdoktrin und Strategie

In seiner Rede auf dem 27. Parteitag der KPdSU im Februar 1986 erwähnte Gorbatschow das Konzept des
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus", ohne dies näher zu erklären.
Seit jener Rede gab es zahlreiche Erwähnungen eines "Gleichstandes auf
niedrigerer Ebene" sowie weitere Erklärungen der Führung über ein ausreichendes Niveau.

Die
sowjetische
Militärdoktrin
betrachtet Krieg als eine Fortsetzung
der Politik und betont offensive Operationen.
Die sowjetische Militärführung hat diese Prinzipien als
grundlegend erkannt, wenn ein bewaffneter Konflikt zu ihren Gunsten entschieden werden soll.
Für die Sowjets würde ein Sieg in einem konventionellen oder nuklearen Krieg die
Niederwerfung
oder
Neutralisierung
der Vereinigten Staaten und der NATO
sowie das Überleben der von der Partei
beherrschten
politisch-ökonomischen Struktur in der Heimat beinhalten.
Die
sowjetische
Militärdoktrin
erkennt heute an, daß weder strategische Nuklear- noch konventionelle
Streitkräfte
allein
"entscheidend"
sind, sondern daß sie ihre beste Wirkung nur zusammen entfalten. Die Sowjets haben enorme Mittel ausgegeben,
um ihre konventionellen Streitkräfte
zu modernisieren und auszubauen, während sie gleichzeitig mit dem Ausbau
ihrer strategischen nuklearen Offensiv- und Defensivstreitkräfte fortfuhren und damit ihre Fähigkeit unterstrichen haben, sowohl unter nuklearen wie unter konventionellen Bedingungen zu kämpfen.
In den achtziger Jahren haben die
Sowjets außerdem damit begonnen, defensive Operationen in eine generell
offensive Strategie einzubauen. Die
Sowjets haben immer den Gedanken akzeptiert, daß sie - für einen begrenzten Zeitraum
eines künftigen

Der Einfluß Gorbatschows auf die
Militärdoktrin

Bis heute gibt es jedoch keinen
Grund zu dem Schluß, daß das Konzept
des "vernünftigen und ausreichenden
Niveaus" eine Aufgabe oder auch nur
eine Modifizierung der charakteristischen offensiven militärischen Strategie
der
Sowjets
bedeutet.
Gorbatschow und
seine Verbündeten
sind sich genau wie ihre Vorgänger
der Tatsache voll bewußt, daß sich
der Status der Sowjetunion als Supermacht sowie ihre Fähigkeit zur Erlangung ihrer strategischen Ziele aus
ihrer militärischen Macht ableiten.
Falls
bedeutende
Veränderungen
stattfinden, dann könnten sie den Bereitschaf tsgrad,
Streitkräftestruktur, Durchhaltevermögen, Ausbildung
und Operationen betreffen.
Sollten
solche Veränderungen eingeleitet werden, könnte das Ergebnis ebenso gut
eine weniger umfangreiche und trotzdem
schlagkräftigere
offensive
Streitkräftestruktur
sein
eine
Struktur, die auf jeden Fall ausreichend wäre, um die sowjetischen
politischen und militärischen Ziele
zu verfolgen, die sich nicht wirklich
verändert haben.
Das Konzept des
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus" steht außerdem im Einklang mit
den seit langem existierenden sowje-

- 5 -

�tischen Zielen, die NATO zu spalten,
die
Streitkräftemodernisierung
der
USA und der NATO zu verlangsamen, das
SDI-Programm durch Rüstungskontrolle
zu Fall zu bringen und den Sowjets
Zeitgewinn zu verschaffen, um ihren
wirtschaftlichen, technologischen und
industriellen Initiativen zum Durchbruch zu verhelfen.

Weitere Aussichten
Die aktive Öffentlichkeitsarbeit
der Sowjets, mit der das im Westen
bestehende Bild der UdSSR verändert
werden soll, hat gezeigt, daß man
sich des Einflusses der westlichen
Massenmedien sehr wohl bewußt ist.
Die Sowjets haben wohl kaum ihre seit
langem bestehenden Ambitionen aufgegeben, dominierende Weltmacht zu werden.
Für die nächsten zehn Jahre
kann man davon ausgehen, daß die Sowjets mit Hochdruck innenpolitische
Initiativen
zur Neubelebung ihrer
Wirtschaft, Modernisierung ihrer industriellen Basis und Beschaffung der
zur Aufrechterhaltung einer mächtigen
Militärstreitmacht
auf allen Konfliktebenen notwendigen Technologien
verfolgen werden.
Die Sowjets werden an dem Konzept
festhalten, daß die Verteidigung der
UdSSR auf einer Streitmacht beruhen
muß, die zur Ergreifung der Offensive
und Zerstörung der Kriegführungsmittel des Gegners in der Lage ist.
Diesem Konzept zufolge müssen ihre
Streitkräfte vorbereitet sein, auf
allen Konfliktebenen zu kämpfen und
die Oberhand zu gewinnen.

KAPITEL II

DIE SOWJETISCHE AUSSENPOLITIK UNTER
GORBATSCHOW
Die sowjetische Außenpolitik hat
ihr traditionelles langfristiges Ziel
einer Veränderung im "Kräfteverhältnis" zu ihren Gunsten nicht aufgegeben. Unter Gorbatschow beabsichtigen
die Sowjets, in der Vergangenheit erzielte Vorteile dadurch zu bewahren,
daß sie kreativer mit der Weltpolitik
und der Weltwirtschaft umgehen. Es
kann erwartet werden, daß die UdSSR
weiterhin westliche Interessen durch
Diplomatie, Militär- und Wirtschaftshilfe sowie die Unterstützung von dem
Westen feindlich gesonnenen Stellvertretern, Regimen und Bewegungen herausfordern wird. Die Sowjets werden
auch weiterhin ihre eigenen mächtigen
Streitkräfte entwickeln und stationieren.
Generalsekretär
Gorbatschow
strebt danach, die UdSSR durch Erhöhung der Wirtschaftsleistung im Inund Ausland sowie durch den Ausbau
der Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt, die vormals als zum "westlichen Lager" zugehörig eingestuft
wurden, international zu einem geschickteren Konkurrenten zu machen.
Diese Bestrebungen sind Teil einer
langfristig angelegten Strategie mit
dem Ziel, Chancen auszunutzen, die
den Sowjets unter der früheren, starreren Außenpolitik entgangen wären.
Gorbatschows Außenpolitik wird danach
trachten, die Sowjetunion als eine
Macht darzustellen, deren Ziel die
Förderung politischer und wirtschaftlicher Lösungen für regionale und
weltweite Probleme ist.
Die sowjetische Führung hat begonnen, die Notwendigkeit eines "neuen Denkens" in der Weltpolitik zu betonen, insbesondere in den Fragen von
Krieg und Frieden sowie bei Konzepten
der internationalen Sicherheit. Die
erklärten Ziele der sowjetischen Aussenpolitik enthüllen jedoch die Tatsache, daß "neues Denken" die Dogmen

�des Kommunismus nicht verändert hat.
Der Unterschied zwischen dem "neuen
Denken" und gegenwärtigen Handlungen
findet seinen Niederschlag auch in
der sowjetischen Politik gegenüber
der Dritten Welt.
Unter Gorbatschow wurde in der
sowjetischen Außenpolitik damit begonnen, ein subtileres Verständnis
des
sowjetisch-amerikanischen
Verhältnisses zu betonen.
Ihre Ziele
sind jedoch weiterhin:
- Der Versuch, den Rüstungskontrollprozeß zu benutzen, um die
geplante Modernisierung und Entwicklung der sowjetischen Streitkräfte zu schützen;
-

die NATO zu spalten und die Vereinigten Staaten von Europa abzukoppeln;

- den weiteren Zugan zu westlicher
Technologie und Westkrediten zu
sichern;
- die Aushöhlung westlicher RUstungsprogramme, insbesondere von
SDI sowie der Streitkräftemodernisierung der USA und der NATO.

wjetischen Zugang zu westeuropäischen
Krediten, Technologie und Handel auszuweiten und neutralistische Elemente
in Westeuropa durch eine selektive
Politik der Unterstützung und Manipulierung "progressiver" Elemente zu
ermutigen, wobei das Hauptaugenmerk
den antinuklear eingestellten Arbeiterund sozialistischen Parteien
sowie den verschiedenen Friedensbewegungen gilt.
Mit der Unterzeichnung des INFVertrages im Dezember 1987 hielt die
Sowjetunion weiterhin an ihrer Ansicht fest, daß ihre Politik gegenüber Westeuropa traditionellen sowjetischen Zielen dienen und den sowjetischen Einfluß in dieser Region verstärken wird. Zum Beispiel versuchen
die Sowjets weiterhin, kriegsschauplatzgebundene nukleare Plattformen
in die neuen Verhandlungen über die
konventionellen Streitkräfte einzubinden. Außerdem haben sie Begrenzungen von Aktivitäten auf See vorgeschlagen, mit denen die Stationierung
amerikanischer Marinesysteme zur Unterstützung der Nord- und Südregionen
der NATO beschnitten würde.
Diese
Vorschläge zeigen, daß die politischen Ziele der Sowjets im Hinblick
auf Westeuropa fortbestehen.

Sowjetische Regionalpolitik
Die weiteren Aussichten
Westeuropa
Unter Gorbatschow wurde das traditionelle Ziel der UdSSR mit neuem
Elan angegangen, einen Keil zwischen
die Vereinigten Staaten und die NATO
zu treiben, indem u. a. innerhalb
Westeuropas die Besorgnis über amerikanische Verteidigungsprogramme geschürt wird. Das grundsätzliche sowjetische Ziel bleibt die Veränderung
des politischen Status quo in Europa
zu Gunsten der UdSSR. Um dies zu erreichen, versuchen die Sowjets: ihren erheblichen Vorteil bei konventionellen und nuklearen Gefechtsfeldwaffen gegenüber der NATO zu wahren,
die amerikanischen politischen und
militärischen Bindungen mit Westeuropa zu schwächen oder aufzulösen, so-

Gorbatschows "neues Denken" spiegelt in erster Linie einen Stilwandel
wider, während seine diplomatischen
Initiativen neue Taktiken beinhalten.
Durch die Kultivierung eines weniger
bedrohlichen internationalen Images
zielt Moskau darauf ab, die Aufmerksamkeit vom sowjetischen Militarismus
und Abenteurertum in der Außenpolitik
abzulenken.
Aus der Sicht Moskaus
wird das sich daraus ergebende internationale Klima die sowjetischen Aussichten zur Aufrechterhaltung einer
weltweiten vorteilhaften "Kräfteverhältnisses" verbessern, insbesondere
in einer Zeit wirtschaftlicher Stagnation. Gleichzeitig wird Moskau das
Ziel verfolgen, seine Macht und seinen Einfluß auszudehnen, den äußeren

- 7 -

�Druck auf seine Vasallenstaaten zu
mildern, die Chancen des Ost-WestHandels zu erweitern, sich westliche
Technologie zu verschaffen und die
sowjetische Wirtschaft zu verjüngen.
Insgesamt wäre es verfrüht, zu entscheiden, ob Veränderungen im Stil
der
sowjetischen
Außenpolitik
schließlich die grundsätzlichen Ziele
Moskaus beeinflussen werden. Letztlich könnte die UdSSR beabsichtigen,
die verbesserte Position, die sie
sich als Ergebnis innerer Reformen zu
erringen hofft, zu benutzen, um wirkungsvoller mit dem Westen im politischen,
militärischen
und
wirtschaftlichen Bereich zu konkurrieren.

KAPITEL III

DIE ZUWEISUNG MILITÄRISCHER MITTEL
Die sowjetische Verteidigungslast
ist von 14 bis 16 Prozent des sowjetischen Bruttosozialprodukts im Jahr
1980 auf etwa 15 bis 17 Prozent im
Jahr 1987 gestiegen - ungefähr das
Zweieinhalbfache der amerikanischen.
Noch aufschlußreicher ist die Tatsache, daß die sowjetischen Ministerien für Verteidigungsindustrien heute etwa 60 Prozent des lebenswichtigen Industriezweiges für Maschinenbau/Metallverarbeitung ausmachen.
Die sowjetische Führung ist offensichtlich besorgt über den gegenwärtigen Zustand der Wirtschaft, der
zukünftige militärische Erfordernisse
zu gefährden droht. Die Führung betrachtet das heutige Wirtschaftswachstum als unzureichend, um die militärischen Fähigkeiten und den Lebensstandard auf dem gewünschten Niveau
zu halten und gleichzeitig genügend
Mittel bereitzustellen, um in das'
künftige wirtschaftliche und militärische Wachstum zu investieren.
Um der Sowjetunion einen Spitzenplatz in militärischer und ziviler
Technologie
zu
verschaffen,
hat
Gorbatschow ein Wirtschaftsprogramm
zur schnellen Modernisierung der Maschinenproduktion des Landes vorgeschlagen. Durch enorme Investitionen
beabsichtigt Moskau, die Produktion
neuer und moderner Maschinen und Ausrüstung zu beschleunigen, mit denen
die ausgediente industrielle Basis
des Landes erneuert werden soll.
Priorität wird in der Hochtechnologie
den Bereichen Mikroelektronik, Computerwesen, Automation moderner Werkzeugmaschinen, Instrumenten und Biotechnologie zugeschrieben.
Innerhalb der Führung scheint ein
Konsens
über
die
Notwendigkeit
wirtschaftlicher Reformen, aber ein
Dissens
über
die
Geschwindigkeit
und die Art des Wandels zu bestehen insbesondere in empfindlichen poli-

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�tischen Bereichen.
Gorbatschow hat verdeutlicht, daß
die wirtschaftliche Erneuerung ein
langfristiges Projekt ist, das mindestens zehn bis 15 Jahre in Anspruch
nehmen wird, wenn nicht eine ganze
Generation. Sie wird unzählige kurzfristige Anpassungen erfordern, von
denen viele zerstörerisch und verwirrend sein können.
Kurzfristig ist es unwahrscheinlich, daß wirtschaftliche Reformen
und industrielle Modernisierung die
militärische Produktion beeinflussen
werden. Aufgrund hoher Investitionen
der Vergangenheit ist die Rüstungsindustrie sehr wohl in der Lage, die
gegenwärtige Generation von Waffensystemen zu produzieren. Im 12. Fünfjahresplan (1986-1990) wurde der Rüstungsindustrie weiteres Wachstum zugesichert. In dem Maß, in dem die
neuen wirtschaftlichen Reformen erfolgreich sind, werden sie langfristig dem Militär zugute kommen, indem
sie eine modernisierte Produktionskapazität und einen verläßlichen Nachschub an Rohstoffen, Subkomponenten
und anderen Produkten hoher Qualität
bereitstellen, die für modernste Waffensysteme benötigt werden.

fast die Hälfte des weltweiten Ausstoßes militärischen Materials und
produziert drei Viertel der ballistischen und Boden-Luft-Raketen der
Welt, über die Hälfte der Kampfpanzer
und Bomber sowie über ein Drittel der
Artillerie, U-Boote, Kampfflugzeuge,
Marschflugkörper,
leichten
Panzerfahrzeuge und Militärhelikopter. Obwohl diese führende Stellung durch
die verstärkte Waffenproduktion der
Vereinigten Staaten leicht reduziert
wurde, produzieren die Sowjets bei
den meisten Typen im Vergleich zum
Westen immer noch mit einer Rate von
über zwei zu eins.

Produktion für die Landstreitkräfte
Die vier wichtigsten Panzerhersteller der Sowjetunion haben mehr
als 40 000 moderne Panzer - einschließlich des T-64, T-72 und T-80 für die sowjetische Armee, den Warschauer Pakt und die Armeen ihrer Vasallenstaaten produziert.
Der T-80
und einige der T-64 und T-72 sind
jetzt mit neuer Technologie ausgestattet, wie etwa reaktive Panzerung,
Laser-Entfernungsmesser und verbesserte Panzergeschütze, die ihre Fähigkeiten erheblich erhöht haben.

Militärische Produktion

Produktion für die Seestreitkräfte

Bis 1982 hatte die sowjetische
Rüstungsindustrie ein Jahrzehnt des
Ausbaus erfahren und war nun besser
ausgerüstet, größere Mengen modernen
Geräts zu produzieren als jemals zuvor.
Heute konzentrieren sich die
Sowjets auf die Herstellung technologisch ausgereifter Waffen und darauf,
ihrem Militär neue Systeme zur Verfügung zu stellen, die den Westen in
anderen Bereichen, wie etwa im Weltraum, herausfordern.
Währenddessen
wurde die Fähigkeit zur Produktion
großer Mengen an Gerät beibehalten.

Die Sowjets bauen zwei Klassen
von nukleargetriebenen Raketenunterseebooten (SSBN) - die THPHOON und
die DELTA IV. Ferner wird die OSCAR
II-Klasse nukleargetriebener und mit
Marschflugkörpern
bestückter
Angriff sunterseeboote
(SSGN) gebaut,
drei Klassen nukleargetriebener UBoote (SSN) - SIERRA, AKULA und
VICTOR III - und die KILO-Klasse dieselgetriebener
Angriffsunterseeboote
(SS).

Insgesamt befindet sich die sowjetische
Produktion
militärischer
Ausrüstung seit 1980 auf einem hohen
Niveau.
Die Sowjetunion steht für

Sowjetische Werften bauen acht
Klassen von Überwasserkriegschiffen
in Serie. Die erste Einheit einer
neuen Klasee von Flugzeugträgern mit
einer Verdrängung von 65 000 Tonnen die
Größenordnung
amerikanischer

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�Flugzeugträger - wird zur Erprobung
auf See vorbereitet.
Ein zweiter
Flugzeugträger dieser Klasse wird zur
Zeit bei Nikolajew gebaut.

Flugzeugproduktion
Die Sowjets unternehmen erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung
der Qualität ihrer Flugzeuge und konzentrieren sich vor allem auf modernste Modelle. Obwohl ihre neuen
Modelle kostspieliger und schwieriger
zu entwickeln sind sowie eine längere
Konstruktionsphase erfordern werden
als die anderen Modelle, wird ihre
höhere Qualität die sowjetische Luftwaffe
und
die
Luftverteidigungsstreitkräfte in die Lage versetzen,
ihren Anforderungen besser gerecht zu
werden, obwohl sie unter Umständen
die eingesetzten Flugzeuge in einem
geringeren Verhältnis als eins zu
eins ersetzen könnten.
Mittelfristig werden sich die Sowjets wahrscheinlich auf die Herstellung von Kampfflugzeugen für ihre
strategische Verteidigung und taktische Einsätze konzentrieren.
Mit
hoher Wahrscheinlichkeit werden weitere Produktionsstätten die Herstellung dieser modernen Flugzeuge aufnehmen.

Raketenproduktion
Seit 1981 hat die Sowjetunion die
Serienproduktion der vierten Generation ihrer ICBMs abgeschlossen und
eine große Zahl von Systemen der
fünften Generation hergestellt. Gegenwärtig werden Nachfolgemodelle für
Raketen der vierten und fünften Generation entwickelt, deren Produktion
wahrscheinlich in Kürze aufgenommen
wird. Der Schwerpunkt liegt hierbei
auf der Entwicklung von ICBM-Streitkräften mit erheblich größerer Flexibilität, Uberlebensfähigkeit und Wirkung.
Das Nachfolgemodell der ICBM des
Typs SS-18 wird bald in Serie gehen;

die Serienproduktion der schienengesttitzten mit festem Treibstoff angetriebenen ICBM des Typs SS-24 ist bereits aufgenommen worden. Die experimentelle Flugerprobung neuer SLBMs
könnte noch vor 1990 aufgenommen werden.
Als Ergebnis ihrer Expansion
bei für den Weltraum produzierenden
Industrieanlagen und Abschußvorrichtungen werden die Sowjets bald ihre
Fähigkeit bei Abschüssen im Weltraum
um ein Drittel steigern können. Mit
der Produktion von SL-16 und SLVs vom
Typ SL-X-17 der Saturn V-Klasse (mit
einer Nutzlastkapazität von jeweils
über 15 000 und über 100 000 Kilo)
werden die Sowjets ihre Nutzlastkapazität in den kommenden Jahren verdoppeln.

Demographie und das sowjetische
Militär
Die militärischen Fähigkeiten der
Sowjets wurden sowohl durch das langsame Bevölkerungswachstum in den europäischen Republiken als auch durch
die damit verbundenen Veränderungen
in der ethnischen Zusammensetzung der
Bevölkerung beeinflußt. Der wichtigste Einzelfaktor mit Auswirkungen auf
die Truppenstärke des sowjetischen
Militärs ist die Zahl der verfügbaren
Wehrpflichtigen.
Die Zahl der Wehrpflichtigen in
der Sowjetunion sank zu Beginn der
achtziger Jahre rapide und erreichte
im Jahr 1987 ihren Tiefstand. Die
seit 1981 bei der Geburt von Kindern
gewährten Vergünstigungen werden bis
1999 die Zahl der verfügbaren Wehrpflichtigen leicht ansteigen lassen.
Darüber hinaus wird sich auch durch
strikte Kriterien bei der Zurückstellung vom Wehrdienst die Zahl der
Wehrpflichtigen leicht erhöhen.

Weitere Aussichten
Obwohl die Sowjets zugeben, daß
die Supermächte der Zukunft tragfähige Volkswirtschaften und Industrien
haben müssen, die technisch auf dem

- 10 -

�neuesten Stand sind, werden sie keineswegs das opfern, was sie als Sicherheitserfordernisse erachten. Obwohl das Militär angewiesen ist, den
zivilen Sektor bei seinen Umstrukturierungsbemühungen zu unterstützen,
besteht der vordringliche Auftrag des
militärischen Sektors weiterhin darin, das sowjetische Heer mit dem modernsten Waffensystemen auszurüsten.
Auch wenn Gorbatschows Modernisierungsprogramm
scheitern
sollte,
wird die nationale Sicherheit wichtigstes Ziel bleiben, und die Sowjets
werden bei Bedarf neue militärische
Programme auf Kosten der zivilen
Wirtschaft
verfolgen.
Sollten
Gorbatschows Programme jedoch Erfolg
zeitigen, wird sich der Westen im 21.
Jahrhundert einer wirtschaftlich, politisch, technologisch und militärisch erheblich stärkeren Sowjetunion
gegenübersehen.

KAPITEL IV

SOWJETISCHE STRATEGISCHE PROGRAMME
UND WELTRAUMSTREITKRAFTE
In den vergangenen zehn Jahren
haben die Sowjets für ihre offensiven
und defensiven strategischen Programme zu etwa gleichen Teilen Mittel im
Gegenwert von ca. 400 Milliarden Dollar bereitgestellt - für jedes Programm etwa 20 Milliarden Dollar pro
Jahr.
Für Weltraumprogramme belief
sich die Summe im gleichen Zeitraum
auf 80 Milliarden Dollar.
Seit 1981 wurden die sowjetischen
strategischen
Offensivstreitkräfte
kontinuierlich aufgestockt, nachdem
die Stationierung einer vierten Generation
von
Interkontinentalraketen
(ICBMs) (der SS-17, SS-18 und SS-19)
abgeschlossen war. Im Jahr 1987 wurde mit der Stationierung der schienengestutzten ICBMs vom Typ SS-24 begonnen.
Bei der sowjetischen, mit
ballistischen Raketen bestückten UBootflotte wurden die TYPHOON eingeführt, die mit 20 Raketen vom Typ
SS-N-20 (mit jeweils 20 Mehrfachgefechtsköpfen) ausgerüstet sind, unmittelbar gefolgt von der neuen DELTA
IV mit den noch moderneren SS-N-23.
Die Fähigkeiten sowjetischer Langstreckenbomber wurden durch die Einführung des - mit dem atomaren
Marschflugkörper AS-15 ausgestatteten
- Bombers vom Typ BEAR H verbessert.
Die Stationierung des neuen strategischen Langstreckenbombers BLACKJACK
steht unmittelbar bevor.
Im Bereich der strategischen Verteidigung modernisieren die Sowjets
ihr Raketenabwehrsystem um Moskau und
ersetzen 64 alte, nachladbare und
landgestützte
Abschußvorrichtungen
des Typs GAL0SH mit einer zweischichtigen Verteidigung, die sich aus silogestützten Abwehrflugkörpern längerer Reichweite - modifizierten GALOSH
-, silogestützten, schnell-beschleunigenden endoatmosphärisehen Abwehrflugkörpern des Typs GAZELLE und dem
neuen phasengesteuerten Radar vom Typ

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�PILL BOX bei Puschkino in der Nähe
von Moskau zusammensetzt. Diese Phase des Modernisierungsprogramms könnte Ende der achtziger Jahre abgeschlossen sein.
Im Weltraum haben die Sowjets ihre MIR-Weltraumstation in Umlauf gebracht, einen neuen Rekord beim bemannten Raumflug aufgestellt, die
Flugtauglichkeit eines Objekts erprobt, das wahrscheinlich ihr Weltraumflugzeug werden wird und einen
neuen Raumtransporter für mittlere
Nutzlasten vom Typ SL-16 disloziert.
Darüber hinaus haben die Sowjets ihr
Raumfahrzeug mit großer Trägerkapazität vom Typ SL-X-17 stationiert, das
eine Nutzlast von über 100 000 Kilo
transportieren kann. Vom SL-X-17 aus
kann eine sowjetische Raumfähre starten, die den Sowjets zufolge bereits
im Flug erprobt wurde.

Strategische Streitkräfte
Die Strategischen Raketenstreitkräfte (SRF) spielen bei den sowjetischen Streitkräften die wichtigste
Rolle. Zu ihnen zählen über 6 000
der insgesamt 10 000 nuklearen Gefechtsköpfe auf sowjetischen strategischen Waffen.

den das Kernstück des gegenwärtigen
strategischen Arsenals der Sowjets.
Sie können gehärtete Ziele wie etwa
ICBM-Silos
und
Kommandostützpunkte
zerstören. Diese Rakete - die größer
ist als das amerikanische Modell
PEACEKEEPER - ist im Laufe der letzten sieben Jahre modernisiert worden.
Der größte Teil der gegenwärtigen
Streitkräfte besteht aus SS-18 Mod 4
mit 10 MIRVs. Die SS-18 allein könnten mit zwei Gefechtsköpfen pro Ziel
65 bis 80 Prozent aller amerikanischen ICBM-Silos zerstören und dennoch 1 000 Gefechtsköpfe übrig behalten. Die SS-18 haben zusammengenommen etwa 3 000 Gefechtsköpfe.
Die Sowjets haben ferner ihre
beiden anderen ICBMs der vierten Generation, die SS-17 und SS-19, modernisiert.
Die SS-19 Mod 3 ist mit
sechs MIRVs ausgerüstet und der Größe
nach der amerikanischen Rakete vom
Typ PEACEKEEPER vergleichbar.
Die
SS-17 Mod 3 ist weniger zielgenau als
die SS-18, trägt vier Gefechtsköpfe
und kann ungehärtete Ziele treffen.
Sowohl die SS-17 als auch die SS-19
sind in der Wahl ihrer Ziele flexibel
- sie können mit insgesamt 2 700 Gefechtsköpfen sowohl eurasische als
auch Ziele in Übersee treffen und ermöglichen es damit den Sowjets, sich
der Situation anzupassen, die mit dem
INF-Vertrag geschaffen worden ist.

Entwicklung der ICBM-Streitkräfte
Von 1980 bis 1988 fand eine
schnelle Modernisierung und Weiterentwicklung des sowjetischen ICBM-Arsenals statt. Das sowjetische Arsenal ist aufgestockt, und einzelne Raketen sind durch neue Modelle mit
größerer Zielgenauigkeit und Überlebensfähigkeit ersetzt worden. Ständige Verbesserungen sind im Gange.
Bis Mitte der neunziger Jahre werden
die Sowjets eine völlig neue Generation zunehmend zielgenauer und vielfach mobiler Raketen disloziert haben, die eine größere Bedrohung für
die strategischen Streitkräfte der
Vereinigten Staaten bieten.
Schwere ICBMs vom Typ SS-18 bil-

Die Sowjets haben mit der Einführung einer fünften Generation von
ICBMs mit hohem Wurfgewicht und grosser Zielgenauigkeit begonnen.
Sie
benutzen Feststoff-Treibmittel (die
länger haltbar sind und eine geringere Wartung erfordern), sind vollständig mobil und damit sehr Uberlebensfähig. Die gegenwärtig in einer frühen
Entwicklungsphase
befindliche
SS-24 ist mit der amerikanischen
PEACEKEEPER
zu
vergleichen.
Sie
trägt zehn Gefechtsköpfe und ist sowohl auf der Schiene wie auch in Silos stationierbar.
Bis 1990 werden die Sowjets, wenn
sie ihre Modernisierungen im gegenwärtigen Tempo fortführen, in der La-

- 12 -

�ge sein, 15 000 Gefechtsköpfe zu stationieren.
Darüber hinaus könnten
diese Waffen in den nächsten zehn
Jahren auf moderneren, fähigeren und
überlebensfähigeren
strategischen
Trägersystemen
montiert
werden.
Wahrscheinlich werden die Sowjets bis
Mitte der neunziger Jahre die dritte
Generation ihrer Raketen stufenweise
vollständig abgezogen haben, während
die vierte Generation durch gegenwärtig in der Entwicklung und Erprobung
befindliche Systeme ersetzt werden
wird. Das Nachfolgemodell der SS-18,
eine zielgenauere Version als das
Vorläufermodell, ist gerade erprobt
worden; Vorbereitungen für die Stationierung dieser Rakete sind im Gange.
Im Oktober 1987 protestierten
die Vereinigten Staaten gegen die offensichtliche Absicht der Sowjets,
das SS-18 Nachfolgemodell so zu erproben, daß seine Wiedereintrittsflugkörper in der Nähe der stark bevölkerten Insel Hawaii landen. Mobile SS-24 und SS-25 mit FeststoffTreibmittel sind voll einsatzfähig
und werden ihrerseits in den nächsten
zehn Jahren durch Nachfolgemodelle
ersetzt werden. Diese Modernisierung
wird sicherstellen, daß die sowjetischen ICBM-Streitkräfte die größte
und modernste strategische Streitmacht der Welt bleiben.

Entwicklungen bei den U-Boot-gestUtzten Raketen
In den vergangenen Jahren haben
die sowjetischen Seestreitkräfte zunehmendes Interesse am Nordpol als
militärisches Einsatzgebiet für ihre
nukleargetriebenen U-Boote (SSBN) gezeigt, mit denen die Sowjets die
Uberlebensfähigkeit
ihrer
U-Boot
Flotte verbessern wollen.
In jüngster Zeit haben die Sowjets die FUhrungs- und Kommunikationseinrichtungen ihrer Seestreitkräfte verbessert und ein Kommunikationsystem mit extrem niedrigen Frequenzen (ELF) disloziert, um die Kommunikation mit ihren SSBN zu gewährleisten. Neu stationierte Flugzeuge

vom Typ BEAR J sind ein zusätzliches
Mittel effektiver Kommunikation, da
sie Kommunikation auf sehr niedrigen
Frequenzen (VLF) mit kreuzenden SSBNs
bieten.
Die Sowjets könnten noch in diesem Jahr mit der Flugerprobung einer
modifizierten Version der Rakete des
Typs SS-N-20 auf See beginnen. Die
Erprobung einer modifizerten Version
der SS-N-23 wird möglicherweise im
Jahr 1988 abgeschlossen werden. Verbesserte Zielgenauigkeit der neuesten
sowjetischen
SLBM-Systeme
zusammen
mit möglichen Anstrengungen zur Vergrößerung des Wiedereintrittsflugkörpers der SLBM und Erhöhung der
Sprengkraft des Gefechtskopfs wären
eine Bestätigung für Moskaus Pläne
zum Ausbau seiner Fähigkeiten zur
Zerstörung gehärteter Ziele bei den
SLBM-Streitkräften. Die neue U-BootKlasse ALEXANDER BRYKIN wird diese
modernen Raketen auf SSBNs nachladen
können. Mit dieser Fähigkeit können
die sowjetischen SSBNs zusätzliche
Ziele gefährden.

Entwicklungen bei der strategischen
Luftfahrt
Jüngste sowjetische Anstrengungen
im Bereich der strategischen Luftfahrt, insbesondere bei den Langstreckenbombern der Typen BEAR H und
BLACKJACK, signalisieren ihr gesteigertes Interesse an einer Angriffsflotte bemannter Bomber, mit denen
ihre strategischen Streitkräfte vielfältigere Aufgaben wahrnehmen könnten.
Insgesamt sind elf Bomber des
Typs BLACKJACK gebaut worden, und das
erste BLACKJACK Regiment sollte sich
in diesem Jahr zu formieren beginnen.
Das Rückgrat der modernen sowjetischen Streitmacht von Interkontinentalbombern der achtziger Jahre
wird jedoch der mit luftgestützten
Marschflugkörpern des Typs AS-15/KENT
ausgerüstete BEAR H-Bomber bleiben.
Die Sowjets haben in ihrem Arsenal
100 weitere BEAR-Bomber und Transportflugzeuge für Luft-Boden-Raketen.

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�BEAR H-Bomber werden regelmäßig bei
simulierten Angriffen auf Nordamerika
beobachtet. Wenn der BLACKJACK-Bomber einsatzbereit ist, kann er ähnliche Einsätze fliegen.
Der gegenwärtige sowjetische Verband interkontinentaler Bomber ist
flexibler und überlebensfähiger als
je zuvor. Vor der jüngst erfolgten
Einführung der Marschflugkörper längerer Reichweite hätten sowjetische
Bomber zur Durchführung ihrer Angriffe in kanadischen oder amerikanischen
Luftraum eindringen müssen.
Jetzt
kann der BEAR H-Bomber seine AS-15
weit vor der Küste in Stellung bringen und dennoch Ziele in Nordamerika
treffen. Der BLACKJACK wird in der
Lage sein, Angriffe aus der Ferne und
im Luftraum selbst mit einer Vielfalt
von Nuklearraketen und Bomben durchzuführen.

Entwicklungen bei den Marschflugkörpern

Mittelstreckenraketen
Die Rolle sowjetischer Mittelstreckenraketen wird wahrscheinlich
angesichts des INF-Vertrages von anderen Systemen übernommen werden.
Der Vertrag verlangt die ersatzlose
Vernichtung aller existierenden Raketen und Abschußvorrichtungen in einem
Zeitraum von drei Jahren, einschließlich der ballistischen Raketen der
Typen SS-20, SS-4 und SS-5, ferner
der erprobten, aber nicht stationierten
Marschflugkörper
des
Typs
SSC-X-4. Nach Inkrafttreten des Abkommens könnten sich die Sowjets jedoch anderen strategischen ballistischen Raketen (ICBMs und SLBMs) sowie Flugzeugen und möglicherweise
seegestützten Marschflugkörpern zuwenden, um ihre strategischen Voraussetzungen
für
eurasische
Kriegsschauplätze zu schaffen.

Kurzstreckenraketen

Die Sowjets stehen kurz vor der
Entwicklung einer Reihe von modernen
Marschflugkörpersystemen.
Auf
See
haben sie die seegestützten Marschflugkörper (SLCM) des Typs SS-N-21
erprobt.
Eine Reihe sowjetischer
vielseitig einsetzbarer Angriffs-UBoote der Typen VICTOR, AKULA oder
SIERRA könnten die SS-N-21 transportieren und abschießen. Darüber hinaus ist ein mit Atomraketen bestücktes U-Boot der YANKEE-Klasse für den
Transport
von
Raketen
des
Typs
SS-N-21 umgerüstet worden. Mit diesen zielgenauen Raketen, die nukleare
Gefechtsköpfe tragen, könnten sowohl
Ziele auf eurasischen als auch auf
nordamerikanischen Kriegsschauplätzen
angegriffen werden. Die größere Rakete des Typs SS-NX-24, die von besonderen U-Boot-Plattformen wie etwa
einem U-Boot der YANKEE-Klasse transportiert werden könnten, wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren
einsatzfähig.

Nukleare Kurzstreckenraketen mit
einer Reichweite von weniger als
1 000 Kilometern (SRINF) werden ebenfalls vom INF-Vertrag erfaßt. Insbesondere die Raketen der Typen SCALEBOARD und SS-23/SPIDER werden innerhalb von achtzehn Monaten nach Inkrafttreten des Vertrages abgebaut
sein. Obwohl der INF-Vertrag damit
die bedrohlichsten sowjetischen Nuklearwaffensysteme beseitigt, werden
die Sowjets eine mehr als ausreichende Fähigkeit erhalten, um ihren Landstreitkräften Unterstützung mit taktischen Nuklearwaffen zu leisten.

Strategische Verteidigung
In einer dramatischen Abkehr von
früheren Behauptungen, lediglich die
Vereinigten Staaten "militarisierten"
den Weltraum, räumte Generalsekretär
Gorbatschow am 30. November 1987 ein,
daß auch die Sowjetunion Forschungsvorhaben zur strategischen Verteidigung durchführt. Er erklärte: "Die
Sowjetunion tut dasselbe, was die
Vereinigten Staaten tun, und ich den-

- 14 -

�ke, wir führen eine Grundlagenforschung durch, die sich mit den Aspekten beschäftigt, die in den Vereinigten Staaten von SDI abgedeckt werden."

Radaranlagen (LPARs) zum Beispiel in
Krasnojarsk deuten darauf hin, daß
die Sowjets möglicherweise eine ABMVerteidigung ihres nationalen Territoriums vorbereiten.

Verteidigung mit ballistischen Raketen

Am 5. September 1987 erhielt eine
Delegation des amerikanischen Kongresses erstmalig die Gelegenheit zum
Besuch der Einrichtungen in Krasnojarsk, die den ABM-Vertrag verletzen.
Die Gruppe konnte bestimmte Bereiche
der Sende- und Empfangsstation besichtigen. Die bei diesem Besuch gewonnenen Erkenntnisse erhärteten die
Meinung, daß das Radar zur Erfassung
und Verfolgung ballistischer Raketen
bestimmt ist.

Die Sowjets haben das einzige
einsatzbereite
Raketenabwehr- oder
ABM-System der Welt, und ein im Jahre
1980 begonnenes und nun nahezu abgeschlossenes
Konstruktionsprogramm
wird ein erweitertes und modernisiertes System einer zweischichtigen Verteidigung mit 100 Abschußvorrichtungen hervorbringen. Wenn das System
im Jahr 1989 einsatzbereit wird, können mit seiner Hilfe bestimmte Führungskader und strategisch wichtige
Einrichtungen in der Umgebung Moskaus
geschützt werden.
Zum neuen ABM-System um Moskau
gehören zwei Abwehrflugkörper, eine
modifizierte
Abwehrrakete
längerer
Reichweite vom Typ GALOSH, mit der
Wiedereintrittsflugkörper (RVs) ausserhalb der Atmosphäre abgelenkt werden sollen und die hoch beschleunigende Rakete kürzerer Reichweite vom
Typ GAZELLE, mit der RVs nach ihrem
Wiedereintritt in die Erdatmosphäre
abgelenkt werden sollen.
Für die
neuen Abwehrflugkörper sind neue gehärtete Silos gebaut worden. Die modifizierten Raketen der Typen GALOSH
und GAZELLE werden wahrscheinlich im
Jahr 1988 oder 1989 einsatzbereit
sein.
Das große vielseitige phasengesteuerte Radar von Puschkino steht
kurz vor seiner Vollendung und ist
ebenfalls integraler Bestandteil des
neuen ABM-Systems um Moskau. Das Radar wird mit seinem Auffaßbereich von
360 Grad die neuen Abwehrflugkörper
unterstützen. Es soll etwa im Jahr
1989 voll einsatzfähig sein.
All diese Aktivitäten, wie auch
die um die Mitte der neunziger Jahre
erwartete Vollendung
des gesamten
Netzes der großen phasengesteuerten

Moderne Technologien für die strategische Verteidigung
Moskau hofft, daß die erheblichen
Investitionen in den Entwurf und Bau
von Hoch-Energielasern Lasersysteme
für die strategische Luftverteidigung, weltraumgestutzte Satellitenabwehr und möglicherweise Raketenabwehr
hervorbringen werden.
Die ersten
Prototypen-Systeme, von denen einige
nur eine begrenzte Einsatzfähigkeit
haben, könnten noch vor Ende des
Jahrzehnts
fertiggestellt
werden,
aber außer im Bereich der Luftverteidigung werden voll einsatzfähige Verteidigungssysteme auf keinen Fall vor
Ende der neunziger Jahre erwartet.
Die Sowjets könnten zu Beginn der
neunziger Jahre ebenfalls bodengestützte Laser für die Raketenabwehr
haben und gegen Ende der neunziger
Jahre mit der Erprobung eines Stationierungssystems in beschränktem Umfang beginnen.
Obwohl die Sowjets gegen Mitte
oder Ende der neunziger Jahre den
Prototyp
einer
Teilchenstrahlwaffe
erproben könnten, wird es einsatzfähige Systeme zur Zerstörung von Satelliten oder Raketen im Anflug nicht
vor dem 21. Jahrhundert geben.

- 15 -

Die

Sowjetunion

hat

ebenfalls

�Forschung für den Einsatz von Radiofrequenzwaffen
durchgeführt,
die
elektronische
Komponenten von Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen oder Satelliten abfangen oder
zerstören können. Eine landgestützte
Version einer solchen Waffe könnte in
den neunziger Jahren erprobt werden.

Passive Verteidigung
Die Hauptzielsetzungen des heute
bestehenden Programms zur passiven
Verteidigung sind:
Kontinuität und
gesichertes
überleben
der
sowjetischen Führungsspitze, Planungen für
eine wirkungsvolle Mobilisierung von
Arbeitskräften
und
Wirtschaft
im
Kriegsfall, Schutz der Industrieanlagen und der unerläßlichen Arbeitskräfte sowie Schaffung einer glaubwürdigen Fähigkeit zum Wiederaufbau.
Integraler Bestandteil sowjetischer
Programme zur passiven Verteidigung
sind Tausende von gehärteten Einrichtungen.
Eine besondere Rolle spielen dabei unterirdische Einrichtungen, in
denen die sowjetische Führungsspitze
vor den Auswirkungen eines Nuklearkrieges geschützt werden soll. Weder
Veränderungen in der sowjetischen
Führung noch die Umstrukturierung des
strategischen Gleichgewichts und die
mit diesem Wandel einhergehende Ausarbeitung der militärischen Doktrin
haben das Engagement für dieses Programm erschüttern können. Die Einrichtungen werden von einem sehr leistungsfähigen
Kommunikationssystem
unterstützt, das sich aus Geräten vor
Ort und ferngesteuerten Anlagen zusammensetzt und es der Führung gestattet, Befehle zu senden und Berichte zu empfangen.
Diese
Einrichtungen
verfügen
ebenfalls über sehr leistungsfähige
Überlebenssysteme, mit denen sich die
Insassen gegen chemische und biologische Angriffe schützen können. Die
Sowjets bereiten den Schutz ihrer
Führungsspitze besonders intensiv um
Moskau vor wegen dessen entscheiden-

der Rolle bei der Organisation im
Kriegsfall; ähnliche Programme gibt
es jedoch auch in anderen wichtigen
Städten.
Die immensen und anhaltenden Investitionen der Sowjets in Einrichtungen zum Schutz ihrer Führungsspitze deuten auf die Überzeugung der Sowjets hin, daß die Vorteile diese erheblichen Kosten aufwiegen.

Streitkräfte im Weltraum
Das anhaltende sowjetische Engagement im Weltraum wurde im Mai 1987
von Generalsekretär Gorbatschow bekräftigt: "Wir werden in unseren Bemühungen nicht nachlassen und unsere
Vormachtstellung bei der Eroberung
des Weltraums nicht aufgeben."
Die Sowjets haben gegenwärtig etwa 50 verschiedene Weltraumsysteme
für militärische und zivile Einsätze.
Dazu zählen bemannte Raumstationen
(MIR) und Satelliten zur Aufklärung,
Erfassung von Abschüssen, Navigation,
für metereologische Zwecke und zur
Kommunikation. Bei einigen Satellitensystemen haben die Sowjets eine
Monopolstellung, etwa bei RORSAT,
ELINT und EORSAT.
Um ihre eindrucksvolle Zahl von
100 Abschüssen pro Jahr aufrechtzuerhalten, verfügen die Sowjets über etwa zwanzig Abschußrampen und verwenden acht einsatzfähige Trägersysteme
für Nutzlasten. Ein neuntes Trägersystem vom Typ SL-X-17 befindet sich
in der Entwicklung und Erprobung.
Die hohe Abschußquote gestattet es
den Sowjets, eine zunehmende Zahl aktiver Satelliten in der Erdumlaufbahn
zu halten - im Jahr 1987 waren es 150
gegenüber 120 im Jahr 1982. Mindestens neunzig Prozent der sowjetischen Satelliten in der Erdumlaufbahn befinden sich dort zu militärischen Zwecken und unterstützen offensive oder defensive Einsätze.

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�Neue Abschußsysteme für den Weltraum
Der Erfolg des sowjetischen Weltraumprogramms läßt sich weitgehend
auf den vielfältigen und zuverlässigen Bestand an Abschußvorrichtungen
für Weltraumträgersysteme (SLVs) und
die dazu gehörigen Einrichtungen zurückführen.
Ca. jeden dritten Tag
schießen die Sowjets einen Satelliten
ab und bedienen sich dabei eines der
acht Typen einsatzfähiger SLVs. Die
beeindruckende Fähigkeit der UdSSR,
verschiedene
Trägerraketen
abzuschießen und Nutzlasten in die Erdumlaufbahn zu bringen, würde den Sowjets im Krisenfall einen Vorteil
beim Einsatz militärischer Mittel
verschaffen.
Trotz ihrer gegenwärtigen Abschußfähigkeit erweitern die Sowjets
das Arsenal ihrer SLVs mit neuen erweiterungsfähigen
Abschußvorrichtungen und wiederverwendbaren bemannten
Raumfahrzeugen.
Die
Stationierung
der SL-16 aus der TITAN-IIlC-Klasse
mit mittlerer Trägerkapazität und der
schweren SL-X-17 der SATURN-V-Klasse
wird die Nutzlastkapazität der Satelliten erhöhen, die von den Sowjets
in Erdumlaufbahnen gebracht werden
können.

Die SL-16 kann eine Nutzlast von
mehr als 15 000 Kilogramm in eine
erdnahe Umlaufbahn bringen.
Mit der Einführung der SL-16 und
SL-X-17 und dem erwarteten verstärkten Einsatz der SLV vom Typ SL-12 und
SL-13 können die Sowjets die von ihnen in den Weltraum transportierten
Nutzlasten erheblich erhöhen.

Weitere Aussichten
Auch wenn ein Vertrag zum Abbau
der strategischen Waffen unterzeichnet und ratifiziert wird, werden die
Sowjets weiterhin ihre strategischen
Nuklearwaffen, insbesondere im Hinblick auf Zielgenauigkeit, Mobilität
und Überlebensfähigkeit, verbessern.
Bestrebungen
in den Bereichen
Forschung und Entwicklung deuten darauf hin, daß die Sowjets den Weltraum
für offensive und defensive Zwecke zu
nutzen beabsichtigen. Wenn sich die
gegenwärtigen Tendenzen fortsetzen,
sind es militärische Voraussetzungen,
die das Weltraumprogramm

steuern.

Am 15. Mai 1987 haben die Sowjets
die erste Flugerprobung der SL-X-17
durchgeführt, der
sie den Namen
"Energiya" gaben.
Sie haben offen
erklärt, daß "Militärexperten an der
Herstellung und Erprobung der neuen
Abschußvorrichtung mitgewirkt haben."
Die SL-X-17 wird benutzt, um die
sowjetische Raumfähre als eine ihrer
Nutzlasten
abzuschießen.
Mögliche
Nutzlasten der SL-X-17 wären Module
für eine große Weltraumstation, Komponenten für bemannte und unbemannte
interplanetarische Missionen und möglicherweise ASAT und Waffen zur Verteidigung gegen ballistische Raketen
sowie andere Komponenten des strategischen
Verteidigungsprogramms
der
Sowjets.
- 17 -

der

Sowjets

�- Mehr als 20 Kriegschiffe (von
Flugzeugträgern bis zu Zerstörern),
einschließlich
zweier
Flugzeugträger der KIEV-Klasse,
ergänzen den Bestand.

KAPITEL V
DIE SOWJETISCHEN KONVENTIONELLEN
STREITKRÄFTE

In diesem Jahrzehnt sind bei
keinem Teil der sowjetischen Militärmacht tiefgreifendere Verbesserungen
vorgenommen worden als bei den konventionellen
Streitkräften.
Die
nachfolgend aufgeführten Modernisierungen sind für die allgemeine Aufrüstung bei der konventionellen Streitkräften repräsentativ:
- Die Anzahl der wichtigsten Kampfpanzer der Typen T-64 und T-72
ist stetig gestiegen, und der Bestand ist um den neuen T-80 und
in den letzten Jahren um ein
Nachfolgemodell des T-72 erweitert worden.
- Gezogene Artillerie und Granatwerfer werden zunehmend durch Artillerie auf Selbstfahrlafetten
ersetzt, von denen alle auch für
chemische Salven geeignet sind,
während solche mit 152 mm oder
mehr nukleare Salven feuern können.
- Die Anzahl der Kampfflugzeuge und
Kampfbomber, zu denen jetzt die
modernen MiG-29/FULCRUM und die
MiG 31/FOXHOUND sowie die Su27/FLANKER und die S-24/FENCER
zählen, hat sich um 38 Prozent
erhöht.
- Der Aufklärer I1-76/MAINSTAY ist
jetzt einsatzfähig und verbessert
die sowjetische Frühwarnfähigkeit
und KampffUhrung.
- Verschiedene
Waffensysteme
für
die Luftverteidigung sind disloziert worden, einschließlich der
in jeder Höhe fliegenden BodenLuft-Raketen der Typen SA-10 und
SA-12. Beide sind mobil und haben die Fähigkeit zur Abwehr von
Raketen
(Marschflugkörpern
und
einigen ballistischen Raketen).

- Sieben neue Klassen vielseitig
einsetzbarer U-Boote sind hinzugekommen.
Wichtige Entwicklungen bei den
sowjetischen konventionellen Streitkräften betreffen:
-

Kriegschauplatzgebundene
strategische Einsätze sowie die nuklearen und nichtnuklearen Streitkräfte, die im Verbund operieren
können,

- Landstreitkräfte, zu denen jetzt
211 aktive Divisionen und Tausende von verbesserten Waffensystemen zählen,
- Konventionelle
Luftstreitkräfte,
die umstrukturiert und mit verschiedenen Modellen moderner neuer Flugzeuge ausgestattet worden
sind,
- Seestreitkräfte und Marineflieger, die verschiedene neue Waffensysteme eingeführt und damit
die Feuerkraft auf jedem Schiff
und jedem U-Boot erheblich erhöht
haben,
- Tendenzen bei allen Streitkräften, zu denen ein gewaltiges Netz
von Führungs- und Kommunikationseinrichtungen zählt, eine hohe
Einsatzbereitschaft, ein umfassendes System zur Mobilisierung
von Soldaten und Gerät und eine
Infrastruktur für die Logistik
und Durchhaltefähigkeit, mit denen
mannigfaltige
strategische
Offensiven
unterstützt
werden
können.

�Krlegschauplatzgebundene strategische Einsätze
Ein wichtiger Teil der sowjetischen Reaktion auf Veränderungen
bestand in der Entwicklung kriegsschauplatzgebundener
strategischer
Einsätze. Dieses Konzept liefert einen Rahmen für die Integration von
Streitkräften und für eine Strategie,
die darauf abzielt, einen schnellen
nichtnuklearen, oder - falls vom
Feind erzwungen - einen Einsatz mit
verbundenen Waffen auf einem Kriegsschauplatz (TVD) zu führen.
Trotz der seit 1980 vorgenommenen
Verbesserungen ihrer Doktrin, Organisation und dem Gerät wird in jüngsten
sowjetischen Veröffentlichungen die
Sorge deutlich, daß man nicht in der
Lage sein könnte, unmittelbar offensive Einsätze zu beginnen. Der in
diesem Zusammenhang betonte Faktor
ist die zunehmende Bedeutung eines zu
Beginn ausgeführten Verteidigungseinsatzes.
Eine hiermit in Zusammenhang stehende Veränderung der Doktrin liegt
in der zunehmenden Besorgnis der Sowjets, sie könnten einen Gegner nicht
mehr in einem kurzen, schnellen offensiven Einsatz von einigen Wochen
Dauer
besiegen.
Ein
zukünftiger
Krieg könnte vielmehr eine Folge von
Einsätzen sein, die über einen längeren Zeitraum erfolgen, was teilweise
auf die gewaltigen Ressourcen der
heute bestehenden Bündnisse zurückzuführen ist. Die jüngsten Konflikte
im Nahen Osten und im SUdatlantik
deuten auf die zu erwartenden enormen
Verluste an Soldaten und Gerät hin
und betonen die zunehmende Bedeutung
strategischer Reserven.

Landstreitkräfte
Die sowjetischen Landstreitkräfte
halten den größten Anteil bei den gesamten
sowjetischen
Streitkräften.
Beim Gerät verfügen die sowjetischen
Landstreitkräfte
zum
gegenwärtigen
Zeitpunkt über 53 000 Kampfpanzer,

60 000
Panzerfahrzeuge
(APC/IFV),
48 000 Artilleriegeschütze, Granatwerfer
und
Mehrfachraketenwerfer
(MRL), 4 600 Abschußvorrichtungen für
Boden-Luft-Raketen (SAM) (ausschließlich Tausender tragbarer Systeme),
7 000
Teile
Flugabwehr-Artillerie
(AAA), 1 600 Abschußvorrichtungen für
Boden-Boden-Raketen (SSM), 4 500 Hubschrauber und mehr als 1 900 000 Soldaten.
Die Zahl der bei den sowjetischen
Landstreitkräften vorhandenen neueren
Kampfpanzer der Typen T-64, T-72 und
T-80 steigt ständig und die bei den
Einheiten an der Front eingesetzten
älteren Typen T-54/55 und T-62 werden
zunehmend ersetzt.
Zusätzlich wird
jetzt ein neuer sowjetischer Panzer
auf der Basis des T-72 mit besserem
Schutz, verbesserter Mobilität und
mehr Feuerkraft eingesetzt. Moderne
Panzer umfassen jetzt etwa 40 Prozent
der Streitkräfte. Gleichzeitig führen die Sowjetunion und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt Programme
durch, im Rahmen derer ältere Panzer
etwa mit neuen Waffen aufgerüstet
werden und eine neue Panzerung erhalten, um ihren Schutz gegen neue Präzisionswaffen des Westens zu verbessern.
Zusätzlich zu diesen Modernisierungen wird jetzt von den Sowjets die
neue tragbare, von der Schulter aus
abzufeuernde SAM vom Typ SA-16 eingesetzt, die ältere SA-7 und SA-14 ergänzt oder ersetzt. Die Einführung
zweier neuer Angriffshubschrauber der
Typen HAVOC und HORKUM wird in Kürze
erwartet.
Konventionelle Luftstreitkräfte
Die wichtigste Entwicklung im Bereich der SAM war in diesem Jahrzehnt
die Stationierung der SA-10, die ihre
Einsatzfähigkeit
erstmals
in Jahr
1980 erlangte. Die noch fähigere für
jede Höhe geeignete SA-X-12B/GIANT
wird bald einsatzbereit sein und damit die sowjetische strategische Verteidigung zusätzlich stärken.

- 19 -

�Es wird erwartet, daß die Sowjets
Mitte der neunziger Jahre zwei neue
Jäger produzieren werden - einen offensiven Luftabwehr-Jäger, den LuftUberlegenheitsjäger (ASF) und einen
defensiven Abfangjäger (CAF). Beide
Flugzeuge sollen bis 1990 einsatzbereit sein.
Die sowjetischen Luftstreitkräfte
sind mit einer zunehmenden Zahl von
Frühwarnsystemen des Typs MAINSTAY
ausgerüstet worden, und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden mehr als
ein Dutzend produziert. Das MAINSTAY
hat sowohl eine luftgestützte Radarplattform zur Auffindung von Zielen
auf niedriger Höhe als auch die Fähigkeit, bei der Luftabwehr eingesetzte Abwehrraketen auf Ziele außerhalb der Reichweite landgestützter
Systeme zu lenken. Die Kombination
von MAINSTAY und Abwehrraketen längerer Reichweite wie etwa der F0XH0UND
geben den Sowjets erstmals die Fähigkeit, ihre strategische Luftverteidigung weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus einzusetzen.
Mit
dem MAINSTAY sind die Sowjets ferner
in der Lage, über dem TVD eine
Schlacht in der Luft zu führen.

Seestreitkräfte
Ein wichtiger Bestandteil der sowjetischen Stärke auf See sind die
vieseitig einsetzbaren U-Boot-Streitkräfte - die größten der Welt. Heute
zählen dazu etwa 300 aktive Einheiten, von denen etwa die Hälfte nukleargetrieben ist. Die jüngsten sowjetischen Konstruktionspläne betonen
die

Verbesserung

des Geräuschpegels,

der Geschwindigkeit, Waffenvielfalt
und den Einsatz modernster Technologie. Im Jahr 1984 wurde die Spitzeneinheit einer zweiten Klasse von
VICTOR III Verfolgungsschiffen, die
SSN der AKULA-Klasse eingeführt. Die
mit erheblich verbesserter Technologie zur Geräuschdämpfung ausgerüstete
AKULA gilt als das fähigste AngriffsU-Boot der sowjetischen Marine.
Die

sowjetische

Marine

ist um-

fangreicher, besser ausgerüstet und
in bezug auf ihre Struktur und Fähigkeiten ausgewogener als jemals zuvor,
wenn es darum geht, den Anforderungen
eines konventionellen oder nuklearen
Krieges auf nahezu jeder Ebene gerecht zu werden. Es Ist zu erwarten,
daß die Sowjets die zunehmende Fähigkeit ihrer vielseitig einsetzbaren
Marine stärker betonen und weiterhin
die traditionelle Vorherrschaft des
Westens auf den offenen Meeren herausfordern werden.

Aussichten für die vielseitig einsetzbaren sowjetischen Streitkräfte
Die konventionellen Streitkräfte
der Sowjets werden im Hinblick auf
ihren Umfang, ihre Fähigkeiten und
ihre Mobilität weiterhin wachsen.
Trotz ihrer erklärten Politik eines
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus" werden die Sowjets ihre konventionellen und taktischen Streitkräfte weiterentwickeln, um bei einem
weltweiten Konflikt in höchstem Maße
offensive Strategien anwenden zu können.
Ihrer Auffassung zufolge könnten anhaltende Entwicklungen bei den
NATO-Streitkräften ihre Fähigkeit zur
Durchführung einer Offensive herausfordern. Die anhaltenden, komplexen
und todbringenden Einsätze bei einer
schauplatzgebundenen Kriegführung erfordern ihrer Meinung nach verbesserte Durchhaltefähigkeit, umfangreiche
Streitkräfte und leistungsfähige Führungs- und
Kommunikationseinrichtungen. Die Sowjets werden alle notwendigen Entwicklungen bei der Streitkräftestruktur und Innovationen für
Taktik und Einsatz vornehmen, um sicherzustellen, daß sie ihre Ziele im
strategischen Bereich erreichen.

Allgemeine Tendenzen bei den Streitkräften
Die Sowjets richten ihre Aufmerksamkeit in verstärktem Maße auf funkelektronische
Kampfführung
(REC),
Einsatzbereitschaft, ein System zur
Mobilisierung, Logistik und Durchhal-

- 20 -

�tefähigkeit, insbesondere die Logistik bei den Land-, Luft- und Seestreitkräften, Mobilität und den Ausbau ihrer Luftbrücke, wobei der im
Jahr 1987 erfolgte erstmalige Einsatz
des Transportflugzeuges CONDOR hervorzuheben ist.

Weitere Aussichten
Die in den achtziger Jahren auf
allen Ebenen erfolgte Modernisierung
der
sowjetischen
konventionellen
Streitkräfte, einschließlich Panzern,
Artillerie,
Kampfflugzeugen
sowie
Oberwasser- und Unterseekampfschiffen
stellt eine echte Revolution der militärischen Fähigkeiten der Sowjets
dar.
Der Umfang und die Bedeutung
dieser Programme wird noch in den
nächsten zehn Jahren Auswirkungen
zeitigen. Mit der zunehmenden Genauigkeit der Trägersysteme und der
größeren
Sprengkraft
verbesserter
konventioneller Munition werden auch
die taktischen und strategischen Einsätze auf konventioneller Ebene an
Bedeutung gewinnen.

KAPITEL VI

DAS STRATEGISCHE GLEICHGEWICHT
Ein klares Bild des strategischen
Gleichgewichts ergibt sich nicht allein durch Auszählen der Systeme der
jeweiligen Seite, sondern eher durch
eine Auswertung der kompensatorischen
Reaktion. Unter bestimmten Umständen
kann eine Seite der destabilisierenden offensiven Stationierung eines
Gegners eigene Dislozierungen entgegenstellen - offensive, defensive
oder eine Kombination von beidem.
Das Strategische Modernisierungsprogramm der Vereinigten Staaten und die
Strategische
Verteidigungsinitiative
(SDI) sind die Antwort auf die Herausforderung durch massive und anhaltende atomare Aufrüstung der Sowjetunion in den siebziger Jahren. Es
erscheint daher angebracht, diese
Programme als Reaktion auf sowjetische Initiativen zu betrachten, die
auf eine Aushöhlung der amerikanischen nuklearen Abschreckung abzielen. Ein solcher Ansatz führt zu einer realistischeren Bestandsaufnahme
der strategischen Modernisierung bis
hin zur Wiederherstellung und Wahrung
des
strategischen
Gleichgewichts.
Nachfolgend einige Beispiele der derzeitigen und vorgesehenen amerikanischen Programme:
- Das als Reaktion auf die sowjetischen Vorteile verbesserte Potential
amerikanischer
Raketen
zur schnellen Zerstörung gehärteter Ziele wird durch die erhöhte
Zielgenauigkeit und Eindringfähigkeit der amerikanischen Systeme mit Luftstrahltriebwerk, insbesondere der luftgestUtzten und
fortschrittlichen
Marschflugkörper des Typs B-1B, ergänzt. Mit
Hilfe dieser Verbesserungen läßt
sich eine wirksame Vergeltung gegen sowjetische Silos unter allen
Kriegsbedingungen und angesichts
technologischer Innovationen führen.
Die sowjetische Führung
mißt den Interkontinentalraketen
(ICBM) bei der Verwirklichung ih-

- 21 -

�rer strategischen Ziele beträchtliche Bedeutung bei. Wenn die
Vereinigten Staaten diesen Systeme keine glaubwürdige Vergeltungsdrohung
entgegenstellen,
würde die amerikanische Abschrekkung unterminiert und das Vertrauen der sowjetischen Führung
verstärkt, ihr Ziele erreichen zu
können.
Die Sowjets versuchen, die ICBMUberlebensfähigkeit
durch
die
Stationierung von straßenmobilen
SS-25 und schienengestutzten, mit
Mehrfachgefechtsköpfen bestückten
SS-24 sicherzustellen. Die Pläne
der Vereinigten Staaten zur kompensatorischen Reaktion erstrekken sich auf verbesserte Sensoren
und Fähigkeiten zur Neufestlegung
von Zielen zum Auffinden und Angriff mobiler sowjetischer Ziele.
Der B-2 ATB und andere in der
Entwicklung
befindliche
System
sollen bei dieser Aufgabe eine
entscheidende Rolle spielen.
Die Flotte der sowjetischen nukleargetriebenen
Unterseeboote
(SSBN) wird durch die Stationierung der zielgenaueren SS-N-20
mit großer Reichweite und von unterseebootgestutzten
ballistischen Raketen (SLBM) des Typs
SS-N-23 sowie durch die ausgereifteren und geräuschärmeren Unterseeboote
der
DELTA
IVund
TYPOON-Klasse
verstärkt.
Eine
verbesserte Version der SS-20-N
befindet sich wahrscheinlich im
Entwicklungsstadium.
Der
SLCM
längerer Reichweite vom Typ SSN-21 ist bereits einsatzreif, und
die Sowjets erproben einen weiteren neuen Marschflugkörper längerer Reichweite, den SS-NX-24.
Die kompensatorischen Reaktionen
der Vereinigten Staaten beinhalten nicht nur ein wirksames Programm zur U-Boot-Bekämpfung, mit
dem das Aufspüren und Ausschalten
sowjetischer U-Boote verbessert
wird sowie ausgereiftere Sensoren
zum Auffinden der SLBM-Abschußvorrichtungen, sondern auch die

vorgesehene Stärkung der amerikanischen Luftverteidigung.
- Die Sowjets setzen die Stationierung des neuen, mit modernen
ALCMs bestückten BEAR H-Bomber
fort und entwickeln einen anderen
Interkontinentalbomber,
den
BLACKJACK. Die Vereinigten Staaten reagieren darauf mit der Verbesserung ihrer Luftverteidigung
durch die Stationierung von überhorizontalen Zielerfassungssystemen mit Rückstreuung (OTH-B) und
Modernisierung der Frühwarnsysteme großer Reichweite mit dem
Nordwarnsystem (NWS). Die Kombination von OTH-B und NWS stellt
das Ausmachen sowjetischer ALCMs
und
ihres Trägerflugzeugs bei
Reichweiten sicher, die der Nationalen Kommandostelle (NCA) genügend Zeit zur Entscheidungsfindung und den amerikanischen Offensivstreitkräften Zeit zu Uberlebensaktionen läßt. Das Technologieprogramm der Luftverteidigungs-Initiative ist der Schlüssel zur Entwicklung von Technologien zur Bekämpfung zukünftiger
Generationen
der
sowjetichen
Luftbedrohung.
- Die Bekämpfung der sowjetischen
Überlegenheit bei der Luftverteidigung stellt eine besondere Herausforderung dar.
Die Reaktion
der Vereinigten Staaten erstreckt
sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt
auf die durch den ALCM und den
B-1B erreichte verbesserte Eindringfähigkeit sowie auf die vorgesehene Stationierung der Angriffsrakete
kurzer
Reichweite
(SRAM II), den ACM und B-2.
Für die unmittelbare Zukunft erscheint die vorgesehene Modernisierung amerikanischer Offensivstreitkräfte und Uberwachungssysteme ausreichend zur Aufrechterhaltung einer
starken Abschreckung gegen einen sowjetischen Nuklearangriff auf die
Vereinigen Staaten und ihre Verbündeten. Die Sowjets streben die Fähigkeit an, Offensivschläge mit Vertei-

- 22 -

�digungsvorbereitungen zu verbinden,
um so den Schaden erheblich zu begrenzen, den ein amerikanischer Vergeltungsschlag
verursachen
könnte.
Um zu gewährleisten, daß die Sowjets
dieses Ziel in absehbarer Zukunft
nicht verwirklichen, ist es unabdingbar, daß das Strategische Modernisierungsprogramm bis zu seiner logischen
Vollendung fortgesetzt wird. Man muß
sich vor Augen zu führen, daß die
einzelnen Bestandteile dieses Programms
darauf
ausgerichtet
sind,
nicht nur vergangene und gegenwärtige
Mängel zu beheben, sondern auch die
vorgesehenen sowjetischen Pläne der
Unterminierung
des
strategischen
Gleichgewichts zu vereiteln.
Die Sowjets besitzen zur strategischen Verteidigung ca. 2 000 Abfangjäger (die Vereinigten Staaten
dagegen 300), 7 000 Radars zur strategischen Luftverteidigung (die Vereinigten Staaten 118) und über 9 000
Abschußvorrichtungen für Boden-LuftRaketen ebenfalls zur strategischen
Luftverteidigung
(die
Vereinigten
Staaten besitzen keine solche). Mitte der siebziger Jahre bauten die
Vereinigten Staaten den einen im Rahmen des ABM-Vertrages erlaubten Stationierungsort für ABM-Systeme ab;
die Sowjetunion hat ihren Stationierungsort beibehalten und Ausbau und
Modernisierung dieses Geländes nahezu
beendet.
Das amerikanische SDI-System ist die unerläßliche Reaktion
auf diese aktiven sowjetischen Bestrebungen im Bereich der strategischen Verteidigung; von noch größerer Bedeutung ist jedoch, daß SDI
langfristig gesehen eine stabilere
und sicherere Basis der Abschreckung
verspricht.
Das SDI-Programm macht beträchtliche Fortschritte bei der Entwicklung von Technologien, die eine Verteidigung gegen ballistische Raketen
ermöglicht.
Wenn diese Bemühungen
Erfolg haben, brauchen die Vereinigten Staaten sich nicht mehr ausschließlich auf strategische Offensivkräfte verlassen. In dem Maße, in
dem diese Art von Verteidigung bal-

listische Raketenstreitkräfte außer
Gefecht setzt, würde ein jeglicher
Versuch der sowjetischen Führung zum
Einsatz
ihrer
Offensivstreitkräfte
vereitelt, nicht nur aufgrund ihrer
Berechnungen über Aussichten und Wirkung der amerikanischen Vergeltung,
sondern aufgrund der Annahme, daß ihr
Angriff das militärische Ziel nicht
erreichen würde.
Ziel der Sowjets ist eine modernisierte Verteidigung bis hin zur Erforschung einer Vielzahl von Technologien, die bereits im Rahmen des
amerikanischen SDI-Programms entwikkelt werden.
Ihr auf ballistische
Raketen gestütztes Verteidigungsprogramm hat gegenüber SDI gewisse Vorteile. Erstens war die sowjetische
Führung lange Zeit von der Bedeutung
defensiver Streitkräfte für ein ausgewogenes militärisches Einsatzkonzept überzeugt und die sowjetische
Militärdoktrin mißt der strategischen
Verteidigung eine Schlüsselrolle bei.
Zweitens haben die Sowjets durch
die Modernisierung des Moskauer ABMSystems eine hervorragende Infrastruktur zur Abwehr ballistischer Raketen erhalten. Dank dieser Infrastruktur verfügt die Sowjetunion über
aktive Raketenabfangjäger und RadarProduktionsstätten, operative Erfahrung mit ABM-Systemen und deren wechselseitigen Einsatz mit strategischen
Offensivstreitkräften,
sowie
einen
Kader von ABM-Personal.
Drittens gestatten raumgreifende
sowjetische
Verteidigungsbemühungen
umfassende und intensive Programme
mit einer Vielzahl konkurrierender
Technologien.
Mit diesen entscheidenden Bestrebungen erzielen die Sowjets beträchtliche Vorteile bei der
Erforschung von Verteidigungsoptionen
der Zukunft.
Diese Vorteile sowie
die ihnen zugrundeliegenden Programme
werfen das SDI-Programm der Vereingten Staaten um Jahre zurück.
Das
amerikanische
Strategische
Modernisierungsprogramm wird zusammen
mit SDI die Fähigkeit zur Abwehr von

- 23 -

�Angriffen stärken, die Krisenstabilität verbessern und einen Anreiz für
die Sowjets darstellen, einen entsprechenden Rüstungsabbau vorzunehmen
und dadurch die Sicherheit der Vereinigen Staaten und ihrer Verbündeten
erhöhen.
Die truppenübergreifenden
Verbesserungen der amerikanischen nuklearen Abschreckung haben die Chancen für gerechte und verifizierbare
Rüstungsbegrenzungen erhöht, da sie
Zeichen amerikanischer Entschlossenheit sind und den Vereinigten Staaten
gestatten, aus einer Position der
Stärke heraus zu verhandeln. Die eskalierende Natur der sowjetischen Bedrohung und die Auswirkungen der sowjetichen Aktionen auf das strategische Gleichgewicht erfordern jedoch
die Aufrechterhaltung von Fähigkeiten
und Glaubwürdigkeit der strategischen
Abschreckung der Vereinigten Staaten.

KAPITEL VII

REGIONALE UND FUNKTIONALE GLEICHGEWICHTE
Eine umfassende Bestandsaufnahme
des
Kräfteverhältnisses
erfordert
eine vergleichende Analyse amerikanischer und sowjetischer Fähigkeiten
über das gesamte Spektrum eines Konflikts hinweg. Hierbei werden entsprechende Streitkräfte wie Panzer
und Panzerabwehr, Flugzeuge und Flugzeugzabwehr verglichen, um die relativen Stärken und Schwächen auszumachen. Die Strategien, Einsatzkonzepte, Einsatzbereitschaft sowie eine
Fülle nicht quantifizierbarer Faktoren betreffen die zukünftigen Komponenten des Kräfteverhältnisses.

Nichtstrategische Nuklearstreitkräfte
Nuklearwaffen mit einer Reichweite von weniger als 5 500 Kilometern
werden häufig als Nichtstrategische
Nuklearstreitkräfte
(NSNF) bezeichnet.
In der Regel werden sie auf
oder um das ihnen zugewiesene Gefechtsfeld stationiert. In der NATO
bilden die NSNF das Bindeglied zwischen den konventionellen Streitkräften und der nuklearen Abschreckung
des Bündnisses.
Seit 1981 sind fünf einschneidende Veränderungen bei den NSNF zu beobachten. Erstens die Stationierung
von Pershing II und GLCMs durch die
NATO als Reaktion auf die sowjetische
Dislozierung von SS-20-Mittelstrekkenraketen. Gleichzeitig wurden die
Verhandlungen über den Abbau dieser
und
anderer
Mittelstreckensysteme
fortgesetzt.
Zweitens begannen die Sowjets mit
der Modernisierung anderer Raketensysteme und ersetzten den SCUD durch
die SS-23, ein moderneres System längerer Reichweite und größerer Zielgenauigkeit.
- 24 -

�Drittens faßten die Außenminister
der NATO im Jahr 1983 in Montebello
den Beschluß, den nuklearen Bestand
der NATO um 1 400 Gefechtsköpfe zu
reduzieren.
Gleichzeitig
wurden
Schritte zur Modernisierung und Verbesserung
der
Uberlebensfähigkeit
verbleibender Trägersysteme unternommen.
Die Verwirklichung der Verpflichtung von Montebello zur Modernisierung der genannten Systeme muß
weiterhin vorrangiges Ziel des Bündnisses bleiben.
Die vierte größere Veränderung
betrifft die erhöhte Zahl von Nachladeflugkörpern, die von den Sowjets
anstelle ihrer Abschußvorrichtungen
für Raketen kürzerer Reichweite (weniger als 500 Kilometer) an der vorderen Front stationiert wurden. Diese Raketensysteme sind nicht vom INFVertrag betroffen.
Die fünfte entscheidende Veränderung der NSNF-Kategorie ist die Nuklearfähigkeit der sowjetischen Artillerie. Die allgemeine Tendenz bei
NSNF ging dahin, die gefechtsfeldgebundene Nuklearfähigkeit
des Warschauer Pakts soweit aufzustocken,
daß er heute über eine beträchtlich
größere Fähigkeit in dieser Kategorie
verfügt als die NATO, unabhängig von
den asymmetrischen Reduzierungen, die
sich aus dem Abbau der INF-Waffenkategorie ergeben werden.

Luftstreitkräfte
In den vergangenen Jahren haben
die Sowjets durch die Modernisierung
ihrer Luftstreitkräfte mit Bombern,
Jagdbombern, Kampfflugzeugen und Abfangjägern, die über ebensolche Fähigkeiten verfügen wie die FrontLuftstreitkräfte der NATO die Bestrebungen der NATO in diesem Bereich zunichte gemacht. Eine Übersicht über
die Modernisierung der sowjetischen
Luftstreitkräfte zeigt ferner, daß
die Sowjets bis weit in die neunziger
Jahre Flugzeuge wie die MiG-29 und
Su-27 mit denselben Fähigkeiten wie
die Front-Kampflugzeuge der NATO dis-

lozieren werden.
Aller Voraussicht
nach werden sie ihre Luftrauraüberwachung-Abfangfähigkeit durch die Stationierung einer größeren Zahl ihrer
Version des AWACS, des MAINSTAY, verbessern. Ferner zeigt Moskau zunehmend Interesse an Luftbetankungsfähigkeiten, einschließlich der Entwicklung des neuen MIDAS-Panzerflugzeugs, das den Kampfradius ihrer
Luftstreitkräfte potentiell erhöht.
Während die Tendenzen beim Kräfteverhältnis in der Luft nicht so ungünstig erscheinen wie an Land, stellen sie doch eine ernsthafte Bedrohung der NATO durch den Warschauer
Pakt dar, deren Ausmaß noch zunehmen
kann.

Landstreitkräfte
An Land befindet sich die NATO
nach wie vor im Nachteil. Die Modernisierungsbestrebungen des Bündnisses
in den vergangenen sieben Jahren haben jedoch vor allem bei Panzern,
Schützenpanzern und Artillerie den
Warschauer
Pakt davon abgehalten,
seinen Vorteil beim Streitkräftepotential an unmittelbar verfügbaren am
Kriegsschauplatz
stationierten
und
mobilen Streitkräften beträchtlich zu
vergrößern. Die Situation eines annähernden Gleichgewichts bei anderen
Kategorien wie kriegsschauplatzgebundenen Nuklear- und Luftstreitkräften
verschärft den Nachteil der NATO bei
den Landstreitkräften erheblich und
macht ihn damit zum vorrangigen Problem für den Westen.

Durchhaltefähigkeit
Die Durchhaltefähigkeit der Truppen im Kampf ist für das militärische
Gleichgewicht von ebenso großer Bedeutung wie deren Struktur, Ausbildung und Stationierung.
In dieser
komplexen Kategorie sind zwei Bereiche von besonderer Bedeutung: Munitionsbestand und Unterstützungsinfrastruktur. Im Hinblick auf den Munitionsbestand hat die NATO seit den

- 25 -

�siebziger Jahren einige Fortschritte
erzielt.
Auch der Warschauer Pakt
hat die Durchhaltefähigkeit verbessert, wie durch die erhöhte Munitlonslagerungsfä'higkeit nicht nur in
Osteuropa, sondern auch in den rückwärtigen westlichen Militärdistrikten
der Sowjetunion belegt wird. Als Ergebnis hätten die Streitkräfte des
Warschauer Pakts auf den westlichen
TVDs derzeit ausreichend Munition, um
60 oder 90 Tage währende Offensivoperationen zu unterstützen.

Einsatzkonzepte
Die achtziger Jahre waren sowohl
für die NATO als auch den Warschauer
Pakt eine Phase der Neubewertung von
Doktrin und Einsatzkonzepten.
Die
NATO machte sich die Strategie des
Angriffs der nachfolgenden Streitkräfte (FOFA) als Teil einer Verteidigungsstrategie zu eigen, die der
Bedeutung einer zweiten Staffel für
den Angriffsplan des Warschauer Pakts
Rechnung trägt. FOFA ist auf einen
Angriff gegen die Streitkräfte des
Warschauer
Pakts mit Luftsystemen
ausgerichtet, noch bevor sie den
Kriegsschauplatz erreichen, und darauf, diese Truppen aufzuhalten, zu
zerschlagen und in gewissem Umfang zu
zerstören.
Die derzeit erforderlichen Fähigkeiten zur Durchführung von
FOFA hängen von der Bereitschaft der
NATO zur Verwirklichung der notwendigen Programme zur Verbesserung der
Streitkräfte ab.
Der Warschauer Pakt scheint dieses neue NATO-Konzept ernst genommen
zu haben und nimmt bei Streitkräften
und Ausbildung die entsprechenden
Veränderungen vor, um der Aufgabe defensiver Operationen Rechnung zu tragen. Im Gegensatz zu der bisherigen
ausschließlichen Betonung offensiver
Operationen scheint der Warschauer
Pakt jetzt gleichzeitigen Defensivoperationen mehr Aufmerksamkeit zu
widmen als zuvor. Dennoch ist er
weiterhin davon überzeugt, daß Defensivoperationen
allein
nicht
ausreichen.

Abschreckung
Der Versuch, die sowjetische Bewertung des militärischen Gleichgewichts zu verstehen, ist für eine genaue Bestandsaufnahme der Abschrekkungsqualität der NATO-Streitkräfte
unerläßlich.
Die Sowjets scheinen durch die
Nuklearstreitkräfte der NATO in hohem
Maße abgeschreckt zu werden, was zum
Teil auf die Eskalationswirkung der
Verbindung von nuklearen und konventionellen Waffen zurückzuführen ist,
die der Strategie der flexiblen Reaktion zugrundeliegt und ferner auf das
mangelnde Vertrauen der Sowjets in
ihre Fähigkeit, jeden Konflikt auf
konventioneller Ebene zu halten und
eine Eskalation zu kontrollieren,
falls Nuklearwaffen zum Einsatz kommen.
Auf konventioneller Ebene könnten
die Sowjets trotz ihrer Vorteile zu
dem Schluß kommen, daß ihnen im Falle
eines Krieges in Europa nicht in ausreichendem Maße Streitkräfte zur Verfügung stehen, um ihnen den Erfolg
mit großer Wahrscheinlichkeit zu garantieren. Angesichts der FOFA-Strategie der NATO werden sie den Gedanken einer Vornestationierung ihrer
Reservetruppen
wenig
abgewinnen.
Schließlich ist es die sowjetische
Bewertung des relativen Stands der
Truppenvorbereitungen von NATO und
Warschauer Pakt, zusammen mit der Beurteilung der Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes von Nuklearwaffen durch
die NATO, die das entscheidende Kriterium für jede Entscheidung der Sowjets bilden, einen konventionellen
Konflikt auszulösen.
Während die Sowjets die Fähigkeit
anstreben, die NATO vom Einsatz nuklearer Waffen abzuhalten, haben sie
zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit, dies
tatsächlich zu tun. Trotz der ungünstigen Bedingungen bei den konventionellen Land- und Luftstreitkräften,
mit denen sich die NATO konfrontiert
sieht und angesichts der Verbesserun-

- 26 -

�gen bei den taktischen Nuklearwaffen
der Sowjetunion ist es unwahrscheinlich, daß die Sowjets großes Vertrauen in ihren derzeitigen Truppenvorteil setzen, um ihre politisch-militärischen Ziele in der erforderlichen
Zeit zu verwirklichen.

Verteidigungsstrategie
Obwohl
die
Nuklearstreitkräfte
der NATO für die Abschreckung unabdingbar sind, hat der Warschauer Pakt
jetzt und in Zukunft einen Vorteil
bei
Quantität,
Uberlebensfähigkeit
und
Flexibilität
seiner
Nuklearstreitkräfte. Aufgrund dieser Situation wird der effektive Beitrag verringert, den Nuklearwaffen zur Fähigkeit der NATO leisten könnten, sich
selbst im Falle eines Scheiterns der
Abschreckung erfolgreich zu verteidigen.
Ferner hat der Warschauer Pakt
zur Zeit bei den chemischen Offensiv- und
Defensivfähigkeiten
einen
enormen Vorteil vor der NATO, obwohl
die Sowjets zum Teil aufgrund eines
möglichen
Vergeltungsschlages
der
NATO abgeneigt sein könnten, chemische Kriegführung einzuleiten.
Das operative, gefechtsfeidgebundene strategische Konzept des Warschauer Pakts zielt immer noch auf
einen raschen, konventionellen Sieg
über die NATO ab, während gleichzeitig in zunehmendem Maße Defensivoperationen in die offensive Gesamtstrategie aufgenommen werden. Das vorrangige Ziel dieses Einsatzkonzepts
liegt darin, die nukleare Überlebensfähigkeiten der NATO zu zerstören,
große Verbände der Landstreitkräfte
der NATO zu vernichten und rasch die
Häfen am Ärmelkanal zu erreichen, um
Verstärkung und Nachschub zu unterbinden.
Die oben genannten Fakten lassen
unter anderem den Schluß zu, daß die
NATO im Falle eines Krieges in Europa
binnen Tagen oder Wochen bei der Verteidigung gegen einen konventionellen

Angriff - insbesondere in der Zentralregion - zum Einsatz von Nuklearwaffen gezwungen sein könnte.
Abschreckung nach dem INF-Vertrag
Mit der Unterzeichnung des INFVerträges wurde das Augenmerk der
westlichen Öffentlichkeit auf anhaltende Ungleichgewichte und Mängel bei
bestimmten entscheidenden Kategorien
der konventionellen NATO-Streitkräfte
gelenkt. Der Vertrag beleuchtet auch
gefährliche Tendenzen des Einsatzkonzepts der Sowjetunion und die relativen Vorteile, über die sie im Bereich
der Kommunikationswege sowie bei deren Verstärkung und Nachschub verfügt.
Die NATO muß weiterhin ein breites Spektrum konventioneller und nuklearer Fähigkeiten aufrechterhalten,
um über die zur Abschreckung von Aggression erforderliche Flexibilität
zu verfügen. Das Bündnis muß gleichzeitig die Verbesserung seiner konventionellen Streitkräfte nachhaltig
betreiben.
Trotz des INF-Vertrags bleibt die
Notwendigkeit der Abschreckung bestehen, einschließlich
des nuklearen
Elements der Abschreckungsgleichung
insgesamt, dank derer die Bündnispartner in den vergangenen vierzig
Jahren in Freiheit leben konnten.
Das amerikanische Engagement für ein
freies Europa bleibt unvermindert bestehen und sollte von der Sowjetunion
nicht falsch eingeschätzt werden.
Während die strategischen Nuklearstreitkräfte weiterhin das Fundament
der Abschreckung bilden, tragen auch
die Dislozierung der amerikanischen
gefechtsfeldgebundenen nuklearen und
konventionellen Streitkräfte in Europa sowie die vorne stationierten
Mehrzweck-Marineeinheiten
zur
Abschreckung bei und sind somit das
Mittel zur Durchführung unserer Strategie der flexiblen Reaktion, sollte
die Abschreckung scheitern. Um weiterhin sowjetische Aggression abschrecken und damit den Frieden in
Europa bewahren zu können, müssen die

- 27 -

�Pläne des Bündnisses zur Modernisierung der nuklearen und konventionellen Streitkräfte verwirklicht werden.

KAPITEL VIII

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG;
DER TECHNOLOGISCHE WETTBEWERB
Im Rahmen ihrer Abschreckungsstrategie stutzen sich die Vereinigten Staaten sehr stark auf ihre technologische, nicht so sehr auf die
rein zahlenmäßige Überlegenheit. Ihre gefestigte Position in der Technologie hat die rein numerischen Vorteile der Sowjetunion stets ausgeglichen und somit der Abschreckung
Vorschub geleistet.
Die Sowjets haben es sich eindeutig zum Ziel gesetzt, die zur Verbesserung ihrer Waffen notwendigen FuEMittel bereitzustellen. Der derzeit
vom Westen bei den militärischen Fähigkeiten
gehaltene
technologische
Vorsprung ist gefährdet, wenn nicht
sogar ausgehöhlt. Um seine Führungsposition zu behaupten, muß der Westen
seine technologischen Vorteile voll
ausschöpfen. Doch diese Vorteile haben lediglich temporären Charakter
und können schnell ausgeglichen oder
aufgehoben werden. Wenn die Sowjets
ihre umfassenden Anstrengungen fortsetzen, werden sie schließlich Hochtechnologiewaffen in Bereichen besitzen, wo wir über solche nicht verfügen. Wenn sie die Initiative ergreifen und auch weiter den technologischen Vorsprung des Westens mindern, werden die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten dazu gezwungen
sein, sogar noch mehr Mittel aufzuwenden oder größere Risiken für die
gemeinsame Sicherheit hinzunehmen.
Aufgrund der Entschlossenheit der
Reagan-Administration, die militärischen Fähigkeiten der Vereinigten
Staaten wiederherzustellen, lagen die
amerikanischen
Beschaffungsausgaben
für 1987 ungefähr 32 Prozent über den
vergleichbaren Ausgaben der Sowjetunion.
Die kumulativen Verteidigungsausgaben der Sowjetunion im Bereich FuE haben jedoch die der Vereinigten Staaten überstiegen, und
aufgrund der Engpässe im amerika28 -

�nischen Haushalt ist davon auszugehen, daß die Zuwachsraten zukünftiger
FuE-Investitionen
der
Sowjetunion
über den amerikanischen FuE-VerteidigungsInvestitionen liegen werden.
Daher ist es dringend erforderlich, daß die Vereinigten Staaten zur
Aufrechterhaltung
ihres
technologischen Vorsprungs wohlüberlegte Investitionen vornehmen. Dabei streben
sie als Teil ihrer Bemühungen die
Einführung von Wettbewerbsstrategien
in Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten an, was zu einer Überwindung der
zahlenmäßigen Überlegenheit der Sowjets beitragen und die sowjetischen
Initiativen im technologischen Wettbewerb verteuern wird.

Die sowjetische Herausforderung
Obwohl die sowjetischen FuE-Verteidigungsinvestitionen die der Vereinigten Staaten übertrafen, konnten
die Sowjets aufgrund ihrer Produktivitätsprobleme die Vereinigten Staaten nicht überrunden. Die intensiven
sowjetischen Bemühungen zur Verbesserung von Qualität und Produktivität
ihrer jetzt schon breiten wissenschaftlichen und technologischen Basis ist ein ernstzunehmendes Problem
zukünftiger
amerikanischer
Sicherheitspolitik.
Neben der beindruckenden Entwicklung eigener Hochtechnologien arbeitet die Sowjetunion an der Verbesserung zahlreicher militärischer Projekte mit im Westen erworbener moderner Technologie. Obwohl viele dieser
westlichen Technologien auf ganz legalem Wege in die Sowjetunion gelangt
sind, haben sich die Sowjets eine
Fülle von Information auf betrügerische und illegale Weise verschafft.
Dadurch sind sie in der Lage, die
ganz erheblichen bei der Grundlagenund angewandte Forschung und Entwicklung anfallenden Kosten zu umgehen.

Tendenzen bei Schlüsseltechnologien
Nachstehend
einige
ausgewählte
Tendenzen in der Grundlagentechnologie, wo es In den kommenden 20 Jahren
infolge von Fortschritten zu ganz erheblichen Veränderungen bei den sowjetischen und amerikanischen Fähigkeiten zur Kriegführung kommen kann:
Aerodynamik:
Umfangreiche
Investionen in der Erforschung der Aerodynamik in Verbindung mit einem der
größten Windkanäle der Welt haben die
Sowjets in die Lage versetzt, Weltraumsysteme zu entwickeln, die in zunehmendem Maße mit ihren westlichen
Konkurrenzmodellen gleichziehen können.
Infolgedessen sind die neuen
sowjetischen Flugzeuge erheblich leistungsfähiger und mit viel ausgerelfteren elektronischen Teilsystemen und
Bewaffnungen ausgerüstet
als ihre
Vorgänger.
Die Vereinigten Staaten
halten jedoch den Vorsprung bei Berechnungsfähigkeiten
in der Aerodynamik.
Biochemische
Technologie:
Die
Sowjetunion hat bemerkenswerte Fortschritte bei biologischen Technologien, wie beispielsweise der Genmanipulation erzielt.
Es könnte sein,
daß sie derzeit mit Hilfe dieser
Technologie eine neue Generation chemischer und biologischer Kampfstoffe
entwickelt.
Auf
dem Gebiet der
Grundlagenforschung liegen die Vereinigten Staaten in der biochemischen
Technologie derzeit gegenüber den Sowjets deutlich in Führung.
Computer/Software:
Die
vordringlichste technologische Notwendigkeit in der Sowjetunion bleibt die
Verbesserung der Datenverarbeitung.
Die Sowjets führen in ihren Schulen
im ganzen Land das Fach Informatik
ein, um eine "Armee von Programmierern" hervorzubringen.
In den Vereinigten Staaten wird die Anwendung
von Technologien zur Daten- und Informationsverarbeitung
auch
weiter
eine Schlüsselrolle bei der qualitativen Verbesserung von militärischem
Gerät spielen.

- 29 -

�Gerichtete Energie: Der Westen
ist im Besitz eines vielschichtigen
Programms Gerichteter Energie, zu dem
Laser, Mikrowellen und Teilchenstrahlen für strategische und taktische
Zwecke gehören. Während der Westen
bei
Dauerstrichlasern
mit
hoher
Durchschnittsleistung an der Spitze
liegt, führen die Sowjets bei den Impulslasern,
Radiofrequenzen
und
Strahlenwaffen mit geladenen Teilchen.
Laser:
Die Lasertechnologie in
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ist generell auf vergleichbarem Niveau. Die Vereinigten Staaten legen jedoch den Schwerpunkt auf
die Entwicklung moderner Lasertypen
zur Anwendung im Bereich der strategischen Verteidigung.
Einsatzfähige
sowjetische bodengestutzte Laser zur
Verteidigung gegen ballistische Raketen werden voraussichtlich nicht vor
dem Jahr 2000 stationiert werden.
Teilchenstrahlen:
Die
Sowjetunion betreibt eine umfangreiche Erforschung von Technologien zur Anwendung von Teilchenstrahlwaffen, und
ein großer Teil der Technologien für
Teilchenbeschleuniger ist von den Sowjets erfunden worden.
Radiofrequenzen:
Zahlreiche
Energieträger der Hochleistungsradiofrequenz (RF) und der Hochleistungsmikrowellen (HPM) wurden von den Sowjets entwickelt. Sie sind gegenüber
dem Westen auf diesem Gebiet führend.
Der Westen will jedoch mit den Fähigkeiten der Sowjets gleichziehen und
macht bei vielen neuen Arten von RFund HPM-Energieträgern Fortschritte.
Elektronische
Materialien
und
Produktion mit integrierten Schaltkreisen:
Insgesamt ist der Westen
auf diesem Gebiet klar in Führung.
Jüngste Fortschritte bei supraleitfähigen Materialien eröffnen die Möglichkeit einer revolutionierten Anwendung von Sensoren, Signalverarbeitung, magnetischer Energiespeicherung
und anderen Vorrichtungen. Die Vereinigten Staaten sind aufgrund ihrer
langen Tradition der Forschungsför-

derung in einer hervorragenden Position, um diese jüngsten Entdeckungen
voll auszuschöpfen.
Elektrooptik (einschließlich Infrarot): Infolge erheblicher sowjetischer Aufwendungen für elektrooptische (EO) Technologien in zahlreichen Anwendungsgebieten, wie etwa
Aufklärung, Kommunikation, Navigation
und Zielerfassung hat der Westen nur
noch einen ganz geringen Vorsprung
auf diesem Gebiet.
Sprengstoffe:
Bei
konventionellen Sprengstoffen haben die Sowjets erhebliche Fortschritte erzielt. Ihre Produktionsquote ist bei
den meisten Kategorien hochexplosiver
konventioneller
Sprengstoffe
höher
als die des Westens. Die Sowjetunion
ist jedoch bei der Großserienproduktion moderner hochexplosiver konventioneller Sprengstoffe (HMX) etwas im
Rückstand.
Chemische Waffen:
Obwohl die
Vereinigten Staaten Im Hinblick auf
Quantität keineswegs mit den Sowjets
gleichziehen wollen, ist die amerikanische chemische Waffentechnologie
vergleichbar oder besser.
Amerikanische binäre Waffentechnologie symbolisiert den Stand der Technik.
Materialien:
Auf
bestimmten
Gebieten sind sowjetische Materialien
für FuE und Verarbeitungstechniken
weltweit führend. Im Bereich der Metallverarbeitung liegen die Sowjets
ebenfalls vorn.
Produktion/Herstellung:
Die
Sowjets sind im Besitz ausgezeichneter technischer Möglichkeiten zur
Verarbeitung von Rohmaterialien in
militärische Endprodukte. Sie haben
beispielsweise die größte Schmiedeund Strangpresse der Welt gebaut.
Die Vereinigten Staaten führen auf
den Gebieten der modernen Produktionstechnik, die sich auf Computertechnologie wie Automation, computerentworfenes Design und computergestützte Produktion sowie weitere vergleichbare Grundlagentechnologien beruhen .

- 30 -

�Automation und künstliche Intelligenz:
Die
Vereinigten
Staaten
sind in der Automations-Grundlagentechnologie gegenüber der Sowjetunion
hauptsächlich wegen ihrer Stärken bei
der Computerisierung und Software
führend. Man muß jedoch davon ausgehen, daß die Sowjets sich auf die zügige Einführung einer Art von Automation konzentrieren, die kein hohes
Maß technischer Perfektion verlangt.
Sensoren:
Die
Sowjets
haben
sich - angesichts westlicher Gegenmaßnahmen - nachdrücklich auf die
Entwicklung einer großen Zahl von
Sensoren verschiedenster Art und Frequenz auf einer hohen Entwicklungsstufe verlegt. Die Vereinigten Staaten haben den Gesamtumfang der verfügbaren technischen Gegenmaßnahmen
nur
zögerlich
ausgenutzt.
Daher
könnte es sein, daß amerikanische
Sensoren unnötigerweise gegenüber dem
wirkungsvollen sowjetischen Programm
aus einsatzfähigen elektronischen Gegenmaßnahmen (ECM) verwundbar sind.
Radarmerkmalreduzierung
(Tarnkappentechnologie):
Die
Sowjets
entwickeln Technologien zur Radarmerkmalreduzierung, und es könnte
sein, daß sie diese Techniken in
Flugzeugen und anderen militärischen
Waffensystemen erproben. Schon bald
könnten Sie mit der begrenzt einsatzfähigen
Stationierung
einiger
"Tarnkappen"-Technologien
beginnen.
Die Vereinigten Staaten haben wahrscheinlich einen erheblichen Vorsprung gegenüber den Sowjets bei der
praktischen Anwendung der Radarmerkmalreduzierung bei militärischen Systemen.

KAPITEL IX
KOLLEKTIVE SICHERHEIT:
UNSERE RISIKEN UND VERPFLICHTUNGEN
Wie die vorliegende Publikation
"Sowjetische Militärmacht 1988" beweist, haben sich das sowjetische
Verhalten und die Art der militärischen Aufrüstung in den achtziger
Jahren nur wenig verändert, wohingegen Amerikas Reaktion auf dieses Verhalten einen ganz erheblichen Wandel
erfahren hat. Die Nachhaltigkeit unserer umfassenden Reaktion hat dazu
geführt, daß die Sowjets zu ernsthaften und realistischen Verhandlungen
zurückgekehrt sind.
isin Schwerpunkt im Hinblick auf
unsere Position gegenüber der Sowjetunion muß jedoch hervorgehoben werden. Er betrifft die durch erhebliche Kürzungen unserer Verteidigungsausgaben entstandenen Anforderungen. Die im Jahr 1985 eingeleitete Tendenz des Abbaus von Verteidigungsaufwendungen ähnelt immer mehr
den ruinösen siebziger Jahren, und es
besteht kein Grund zu der Annahme,
daß die aus der Sicht unserer Gegner
mit einem Rückzug Amerikas von seinen
weltweiten Verpflichtungen verbundenen Konsequenzen sich in irgendeiner
Weise von den damaligen unterscheiden.
Wir wissen, daß Generalsekretär
Gorbatschow mit der Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft unzufrieden ist. Die Mittel zum Wiederaufbau und zur neuerlichen Ankurbelung der zivilen Wirtschaft werden
jedoch nicht zu Lasten der militärischen Fähigkeiten gehen.
Vielmehr
gehen wir von einem anhaltenden Wachstum in diesem Bereich aus. Während
ein Ziel der Reformen Generalsekretär
Gorbatschows das Wachstum der inländischen Wirtschaft ist, trifft es
ebenso zu, daß eine Hauptmotivation
für diese Reformen in der Entwicklung
einer
langfristig
wirkungsvolleren
Konkurrenzfähigkeit auf militärischem
Gebiet besteht.

- 31 -

�Daher werden - ungeachtet der
weit
verbreiteten
Reformvorschläge
des Generalsekretärs und der Möglichkeiten bedeutungsvoller Veränderungen
- die tatsächlichen sowjetischen militärischen Fähigkeiten auch weiterhin verbessert und ausgeweitet. Unsere Verteidigungspolitik kann nicht
auf öffentlichen sowjetischen Erklä- rungen oder Hoffnungen auf ein gemäßigtes Verhaltens im Kreml beruhen.
Wir müssen vielmehr sicherstellen,
daß wir die Mittel zur Handhabung der
sowjetischen Bedrohung besitzen, die
sich in ihrem Verhalten und ihren Fähigkeiten, nicht in ihren Worten offenbart.
Wir gehen davon aus, daß das
strategische Gleichgewicht heute weitestgehend stabil ist. Doch angesichts der anhaltenden sowjetischen
Anstrengungen zur Modernisierung ihrer strategischen Offensivstreitkräfte ist es auch weiter unsere Verpflichtung, unsere offensiven und defensiven
strategischen
Fähigkeiten
fortlaufend zu modernisieren, um den
Sowjets zu zeigen, daß sie keinen militärisch nutzbaren Vorteil auf dem
Gebiet der strategischen Nuklearwaffen besitzen.

Verringerung der Streitkräftestruktur.
Welche Auswirkungen Glasnost oder
die Hoffnung auf einen bedeutungsvollen Wandel in der Sowjetunion auch
haben mögen, die Verpflichtung für
die Sicherheit des Westens liegt wie
immer in unserer Hand. Unsere 40jährige Erfahrung hat es bewiesen: wenn
wir das Erforderliche zum Bau und zur
Modernisierung der notwenigen Verteidigungsstreitkräfte tun und der Welt
eine politische und moralische Führungsrolle anbieten, können wir unsere Gegner von der Versuchung gefährlicher Abenteuer abhalten, während
wir gleichzeitig denjenigen Hoffnung
bieten, die für ihre Befreiung von
den Fesseln der Tyrannei und der Unterdrückung kämpfen.

Gorbatschows
Bestrebungen
zur
Einführung
von
Glasnost
und
Perestrojka sind deutlich sichtbare
Zeichen wesentlicher neuer Anstrengungen zur Wiederbelebung der sowjetischen Wirtschaft - Anstrengungen,
die zur Unterstützung langfristiger
Ziele als lebenswichtig betrachtet
werden.
Gorbatschows Bemühungen sind jedoch nicht einfach und mit einigen
Risiken behaftet. Wenn er zu vorsichtig vorgeht, wird es vielleicht
keine Verbesserung der Wirtschaft geben. Wenn Gorbatschow seine Reform
zu ehrgeizig durchsetzt, könnte eine
Gegenbewegung unvorhergesehene politische und soziale Folgen haben. Aus
streng militärischer Sicht ist der
letztlich gültige Maßstab für eine
echte Reform die nachprüfbare Reduzierung der Militärausgaben und eine

- 32 -

* * * * *

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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Inforsnation Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

4. Mal 1994

17

SÜDAFRIKA

VERSTÄRKTE AMERIKANISCHE HILFE FÜR
SÜDAFRIKA
Radioansprache des Präsidenten

UMWELT

LEITERIN DES
UMWELTSCHUTZAMTS
FORDERT MEHR "UMWELTDEMOKRATIE"
Rede von Carol Browner

AIDS

AIDS-KRISE HAT WEITREICHENDE IMPLIKATIONEN FÜR AMERIKANISCHE POLITIK
Rede von Timothy Wirth

FILM

AUSLANDISCHE FILME IN DEN USA
Marketing und Verleih

FUSSBALL

FUSSBALL IN DEN USA
von Mike Woitalla

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�SU D A F R I K A
4. Mal 1994

VERSTÄRKTE AMERIKANISCHE HILFE FÜR SÜDAFRIKA
Radioansprache des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - US-Präsident Bill Clinton begrüßte "das Wunder der Wiedergeburt Südafrikas als
nichtrassische Demokratie" und erklärte, er werde diese Woche "eine beträchtliche Erhöhung" der
amerikanischen Hilfe bekanntgeben, die dieses Land bei der Verfolgung eines neuen Kurses für alle seine
Bürger unterstützen werde.
Diese Art von wirksamem Engagement und einer Führungsrolle der Vereinigten Staaten bleibe von
entscheidender Bedeutung, nicht nur in Südafrika, sondern in Bosnien, Nordkorea und auf der ganzen Welt,
erklärte der Präsident in seiner Radioansprache vom 30. April 1994 an die Nation.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.
Diese Woche waren wir alle staunende Zeugen der
Wiedergeburt Südafrikas. Junge Männer trugen ihre
alten Väter auf dem Rücken zu den Wahlurnen,
Schwarze kamen auf Krücken und in Rollstühlen,
reisten viele Kilometer und warteten stundenlang auf
diesem großartigen Marsch in die Freiheit.
Das Wunder der Wiedergeburt Südafrikas als
nichtrassische Demokratie ist ein anregender Beweis
für den Mut und die Vision der Bürger dieses Landes. Ich bin stolz auf die von den Vereinigten
Staaten gespielte Rolle, dieses Wunder wahr werden
zu lassen.
Privatpersonen, Vertreter der Religionsgemeinschaften und Kongreßabgeordnete haben jahrelang
daran gearbeitet, die Öffentlichkeit zu mobilisieren
und Wirtschaftssanktionen gegen Johannisburg zu
verhängen. Als Nelson Mandela und F.W. de Klerk
ihr Abkommen über die Beendigung der Apartheid
erzielten, waren wir eines der ersten Länder, die die
Sanktionen aufhoben, um zur Schaffung eines
neuen Südafrika beizutragen.
Im vergangenen Jahr haben wir eine einmalige
Wählererziehung und Ausbildungsprogramme für
Wahlbeobachter gefördert. Diese Woche werde ich
eine beträchtliche Erhöhung unserer Hilfe für Südafrika bekanntgeben, die dieses Land bei der Verfolgung eines neuen Kurses für alle seine Bürger
unterstützen wird.

rungsrolle der Vereinigten Staaten von entscheidender Bedeutung bleibt, nicht nur für Südafrika, sondern
weltweit. Denken Sie an das ehemalige Jugoslawien,
wo das amerikanische Engagement heute unentbehrlich ist. Der Zusammenbruch dieses Landes, der
durch serbische Aggression entfacht wurde, hat zu
einem bereits drei Jahre andauernden Blutvergießen
und ethnischen Säuberungen in Bosnien und andernorts geführt.
Wir haben ein eindeutiges Interesse an einer friedlichen Beilegung des bosnischen Konflikts, ein Interesse an der Verhinderung eines größeren Krieges in
Europa, ein Interesse an der Verhütung eines Flüchtlingsstroms, ein Interesse an der Aufrechterhaltung
der Glaubwürdigkeit und Effektivität der NATO als
Kraft für den Frieden in dem neuen Zeitalter nach
dem Kalten Krieg - und eindeutig ein Interesse an der
Beendigung des Niedermetzeins unschuldiger Zivilisten. Aus diesem Grund haben wir uns um die
Förderung von Verhandlungen zwischen den kriegführenden Parteien bemüht. Und aus diesem Grund
haben wir die Macht der NATO in den Dienst der
Diplomatie gestellt.
Im Februar hat die NATO auf Initiative der Vereinigten Staaten den bosnischen Serben ein Ultimatum
gestellt, die fortgesetzten Granatenangriffe auf die
bosnische Hauptstadt Sarajevo zu beenden. Heute
ist die Lage in Sarajevo relativ ruhig. Die Bürger der
Stadt kommen aus den Ruinen hervor und bauen ihr
Leben wieder auf.

Heute morgen möchte ich darüber sprechen, warum
diese Art von wirksamem Engagement und Füh-

AMERIKA DIENST 17

Seite 1

�In der vergangenen Woche haben wir gemeinsam
mit unseren NATO-Verbündeten ein ähnliches
Ultimatum für das belagerte Gorazde und fünf
andere, von den Vereinten Nationen zu Schutzzonen
erklärte mehrheitlich muslimische Städte gestellt.
Nach wochenlangem, ununterbrochenem Beschuß
haben die Serben eingelenkt und ihre Waffen aus
dem Gebiet um Gorazde abgezogen. Obwohl wir in
Bosnien mit neuen Herausforderungen konfrontiert
sind, hat unsere Entschlossenheit, gemeinsam mit
unseren NATO-Verbündeten die dortige UNOMission zu unterstützen, eindeutig zu neuen Fortschritten für den Frieden geführt.
Im März unterzeichneten die Führer der Bosnier und
Kroaten im Weißen Haus ein Friedensabkommen.
Seitdem haben wir unsere diplomatischen Bestrebungen verstärkt, um auch die Serben einzubeziehen. Wenn die Parteien in Bosnien eine tragfähige
Lösung aushandeln können, werde ich - wie ich
bereits sagte - mit Hilfe des Kongresses auf die
Stationierung amerikanischer Truppen im Rahmen
der NATO hinarbeiten, um diesen Frieden durchzusetzen.
Es bestehen zur Zeit auch andere Bedrohungen, die
ebenfalls unser aktives Engagement erfordern, vom
Kernwaffenprogramm Nordkoreas bis zu den Bestrebungen des Iran und anderer reaktionärer Staaten
zur Förderung des Terrorismus. Wir begegnen
diesen Gefahren mit Festigkeit und Entschlossenheit.
Gleichzeitig sind wir uns bewußt, daß wir in ein
Zeitalter historischer Chancen eingetreten sind. Die
Wahlen in Südafrika sind hierfür ein anschaulicher
Beweis. Im Nahen Osten haben sich Erzfeinde die
Hand gereicht. In der ehemaligen Sowjetunion
leisten wir Beistand beim Abbau von Atomwaffen,
die einst auf uns gerichtet waren. Und gerade am
heutigen Tag haben Rußland und Lettland ein
historisches Abkommen über den Abzug der verbleibenden russischen Streitkräfte von lettischem
Gebiet bis Ende August unterzeichnet. Diese und
andere vielversprechende Entwicklungen wurden
zum Teil durch die Unterstützung und Entschlossenheit der Vereinigten Staaten ermöglicht.

Seite 2

Ein derartiges Engagement erfordert jedoch Ressourcen, die unseren Herausforderungen entsprechen. Nach dem Ende des Kalten Krieges sind wir in
der Lage, unsere Ausgaben für Verteidigung und
auswärtige Angelegenheiten zu senken. Wir haben
diese Programme starken Kürzungen unterzogen.
Wir stehen derzeit mit unseren Ressourcen auf des
Messers Schneide. Wir können uns keine Unzulänglichkeiten bei unserer nationalen Sicherheit leisten.
Aus diesem Grund setze ich mich gegen weitere
Kürzungen unseres Verteidigungshaushalts ein, und
aus diesem Grund arbeite ich mit dem Kongreß
zusammen, um eine angemessene Finanzierung von
Friedenssicherungsoperationen und anderen internationalen Bestrebungen sicherzustellen, die Sicherheit und Wohlstand unseres Volkes fördern.
Am Vorabend des 50. Jahrestages der Invasion in
der Normandie im Juni dieses Jahres sollten wir uns
an den Opfergeist und den Einsatz für die gemeinsame Sache erinnern, die diesen großen Kreuzzug für
die Freiheit im Zweiten Weltkrieg charakterisierten.
In fünf Wochen werde ich aus Anlaß der Feierlichkeiten zum Gedenken an diesen Jahrestag und zu
Ehren derjenigen nach Europa reisen, die im Zweiten
Weltkrieg unsere demokratische Lebensweise verteidigten. Die Welt hat sich verändert - sie ist besser
geworden durch den von ihnen gezeigten Mut. Wir
schulden ihnen den Aufbau einer besseren Zukunft
für die nächste Generation.
Währen wir die Kriegsveteranen grüßen, die im Juni
zu Tausenden in der Normandie landen werden,
während wir die heutigen Wahlen in Südafrika feiern,
sollten wir daran denken, daß die Führungsrolle der
Vereinigten Staaten in einer sich wandelnden Welt
dauerhaftes Engagement verlangt. Wir wollen diese
neue Welt gemeinsam zum Nutzen aller gestalten.

AMERIKA DIENST 17

�UMWELT
4. Mal 1994

LEITERIN DES UMWELTSCHUTZAMTS
FORDERT MEHR "UMWELTDEMOKRATIE"
Rede von Carol Browner
WASHINGTON - (AD) - Der Leiterin des Umweltschutzamts (Environmental Protection Agency - EPA), Carol
Browner, zufolge möchte die Clinton-Administration, daß die von Bestimmungen zum Umweltschutz betroffenen
lokalen Interessengruppen ein größeres Mitspracherecht bei der Gestaltung und Umsetzung dieser
Maßnahmen haben.
In einer Rede vor der Liga der Umweltschützer am 22. April 1994, dem Tag, der von den Umweltschützern als
Tag der Erde gefeiert wird, verwies Browner auf eine Reihe spezifischer Vorschläge der Clinton-Administration
zur Verbesserung der Beteiligung vor Ort an Bestrebungen zur Kontrolle der Wasserverschmutzung und
Entsorgung von Giftmülldeponien.
"Jede dieser Initiativen", so Browner, "ist eine Abkehr von der Bundesbürokratie, die machtlosen Gemeinden
und nichtsahnenden Unternehmen willkürliche Einheitsvorschriften aufzwingt - die nicht die erforderlichen
Resultate erzielen."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Carol Browner.

Der Tag der Erde ist der geeignete Zeitpunkt, um
Bilanz unserer Bestrebungen zum Schutz der
Umwelt zu ziehen. Zweifelsohne haben wir in den
vergangenen 20 Jahren viel geleistet. Praktisch aus
dem Nichts haben wir eine umweltpolitische Infrastruktur von Gesetzen, Vorschriften und Behörden
auf allen Regierungsebenen geschaffen. Flüsse
geraten nicht mehr aufgrund ihrer Verschmutzung in
Brand. Unsere Luft ist sauberer.
Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben,
daß die letzten 20 Jahre des Umweltschutzes auch
von ernsthaften Versäumnissen gekennzeichnet
waren. Wenn wir ehrlich sein wollen, müssen wir
zugeben, daß wir in vielfältiger Weise die Warnungen um uns herum ignoriert haben.
Dreißig Jahre nachdem Rachel Carson in Sllent
Spring warnte, unsere Abhängigkeit von Pestiziden
zu verringern, haben wir unseren Einsatz von
Schädlingsbekämpfungsmitteln verdoppelt. Unsere
Pestizid-Gesetze konzentrieren sich ausschließlich
auf Krebs und ignorieren zunehmende Beweise, daß
Chemikalien negative Auswirkungen auf Schwangerschaften haben, Geburtsfehler verursachen und
unser Immunsystem schädigen können. 25 Jahre
nachdem der mit Abfällen überhäufte Cuyahoga
plötzlich Feuer fing, eignen sich 40 Prozent unserer

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Flüsse und Seen nicht zum Fischen oder Schwimmen. Der einzige Unterschied bei der heutigen
Umweltverschmutzung besteht darin, daß wir sie nicht
sehen können. Im vergangenen Jahr wurde die
Bevölkerung von Milwaukee, New York und Washington angewiesen, ihr Wasser abzukochen. In Milwaukee wurden einige Einwohner krank, andere starben.
20 Jahre nach der Verabschiedung des Gesetzes zur
Reinhaltung der Luft lebt ein Fünftel der Amerikaner 54 Millionen Menschen - in Gegenden mit so hoher
Smogkonzentration, daß die Luft nicht die staatlichen
Qualitätsnormen erfüllt. 14 Jahre nach Love Canal
lebt ein Viertel der Amerikaner vier Meilen von einer
Giftmülldeponie entfernt.
Während meines Lebens hat sich die Weltbevölkerung fast verdoppelt. Bis zu meinem Ruhestand wird
sie von 5,5 Milliarden auf 9 Milliarden ansteigen.
Allein im vergangenen Jahr nahm die Weltbevölkerung um 87 Millionen zu - das entspricht der Gesamtbevölkerung von Mexiko. Um Lester Brown aus
State of the World 1994 zu zitieren: "Wir haben den
ökologischen Raum des Planeten erschöpft."
80 Prozent der Amerikaner bezeichnen sich als
Umweltschützer. Das amerikanische Volk hat durch
die Wahl von Präsident Clinton eine eindeutige
Botschaft pro Umweltschutz ausgesandt. Aber wie

Seite 1

�Sie alle nur zu gut wissen, beobachten wir auch eine
gut organisierte Hintertreibung des Umweltschutzes.

Ferne operierende Bürokratie.
Umweltdemokratie aufbauen.

Einige prangern "unbegründete Vorschriften" an,
andere fordern weniger umweltpolitische Bestimmungen. Aber wer kann besser als unsere Regierung
unsere Luft, unser Wasser, unser Land und die
Ressourcen schützen, die wir alle teilen müssen?
Wir haben dem Kongreß Vorschläge unterbreitet,
mehr Geld für die Gemeinden zur Verfügung zu
stellen. Wir sind zu mehr Flexibilität bereit. Aber wir
werden keine Abstriche beim Schutz der öffentlichen
Gesundheit machen.

Wir im Umweltschutzamt ändern die Art und Weise,
in der wir die Öffentlichkeit informieren und beteiligen,
um die Mitsprache der Gemeinden zu stärken und
den Menschen die Umweltpolitik näher zu bringen.

Wir hören Proteste gegen sogenannte "Eingriffe" die Macht der Regierung zu Einschränkungen, was
Eigentümer mit ihrem Land machen können. Natürlich unterstützen wir das Recht auf Privateigentum,
vertreten jedoch auch die Auffassung, daß die
Menschen das Recht auf sauberes Wasser, saubere
Luft und eine gesunde Umgebung haben. Diese
Rechte müssen wir schützen. Wir müssen das Gut
des Privateigentums schützen.
Wir vernehmen den Appell des Umweltschutzamts,
mehr "Risikoanalysen", mehr Kosten-Nutzen-Analysen vorzunehmen. Natürlich sind das wertvolle
Instrumente. Natürlich nutzen wir sie. Aber diese
Worte sind zu Codeworten für diejenigen geworden,
die den Umweltschutz schwächen wollen.
Als Antwort auf diese Kritik - und zur Lösung der
verbleibenden Umweltprobleme - benötigen wir
Veränderungen. Die Regierung muß sich verändern.
Und, offen gesagt, muß sich die Umweltbewegung
als Ganzes verändern. Wir müssen eine Umweltdemokratie aufbauen. Wir müssen sicherstellen, daß
jeder ein größeres Mitspracherecht in der Umweltpolitik hat - Gemeindemitglieder, Unternehmer und
Umweltaktivisten gleichermaßen.
Die Clinton-Administration stellt gegenüber der
vorigen Administration eine bedeutende Veränderung dar - eine neue Generation von Umweltschützern. Diese Administration setzt sich entschlossen
für die Ziele im Bereich des Umweltschutzes ein, wie
vom amerikanischen Volk gefordert. Wir sind bei
der Verfolgung dieser Ziele aber auch zu Flexibilität,
Neuerungen und gesundem Menschenverstand
verpflichtet.
Wir müssen uns von umweltpolitischen Vorschriften
auf wirklichen Umweltschutz hinbewegen, der auf
der verstärkten Beteiligung amerikanischer Bürger
an der Erhaltung unserer Erde basiert. Meines
Erachtens leistet eine informierte Gemeinde einen
größeren Beitrag zum Umweltschutz als eine in der

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Wir müssen eine

Unsere "Initiative gesunder Menschenverstand" stellt
einen neuen Ansatz im Bereich der Vorschriften dar,
um den uns Umweltschützer und Industrielle seit
Jahren gebeten haben. Wir sehen die Industrie als
Ganzes - eine beeindruckende Verbesserung gegenüber den stückweisen Ansätzen der Vergangenheit.
Wir räumen Unternehmen und Industriezweigen ein
größeres Mitspracherecht bei der Erreichung umweltpolitischer Ziele ein.
Unsere Gesetze zielen ebenfalls auf den Aufbau
einer Umweltdemokratie ab. Wir erkennen die
Notwendigkeit, unsere Gesetze zu ändern und hohe
Umweltnormen zu setzen - und uns die Energien der
Menschen außerhalb Washingtons zunutze zu
machen, um diese Standards zu erreichen.
Wir schlagen eine Änderung des Gesetzes zur
Reinhaltung des Wassers vor, um Gemeinden vor Ort
an der Kontrolle Tausender verseuchter Abflüsse
sowie der Planung zur Verhinderung der Verschmutzung ganzer Wassereinzugsgebiete zu beteiligen.
Wir schlagen eine Änderung des Gesetzes zur
Reinhaltung des Trinkwassers vor, um Gemeinden
vor Ort nicht nur mehr Geld bereitzustellen, sondern
auch Anreize zu verhindern, daß das Trinkwasser
überhaupt verschmutzt wird. Ein neues Gesetz zur
Reinhaltung des Trinkwassers wird zur Verhütung
von Krisen - wie die Verseuchung von Milwaukees
Trinkwasser - beitragen und sicherstellen, daß der
ganzen Nation sauberes Trinkwasser zur Verfügung
steht.
Wir schlagen eine Änderung des Gesetzes über
umfassende Reaktion, Schadenersatz und Haftung
bei Umweltschäden, auch "Superfund" genannt, vor,
um die Gemeinden von Anfang an in den Entscheidungsprozeß über die Entsorgung von Giftmülldeponien einzubeziehen. Wir streben eine schnellere,
fairere und effizientere Gesetzgebung an, um verseuchte Müllhalden einer produktiven Nutzung durch
die Gemeinden zuzuführen.
Jede dieser Initiativen stellt eine Antwort auf Kritik
dar. Jede dieser Initiativen ist eine Abkehr von der
Bundesbürokratie, die machtlosen Gemeinden und
nichtsahnenden Unternehmen willkürliche Einheitsvorschriften aufzwingt - die nicht die erforderlichen
Resultate erzielen. Jede dieser Initiativen wird durch

AMERIKA DIENST 17

�stärkere Beteiligung der Bevölkerung vor Ort zu
besserem Schutz führen.
All das funktioniert jedoch nur, wenn auch die Umweitbewegung als Ganzes ihre Vorgehensweise
ändert - und dessen sind auch Sie sich bewußt. Wir
müssen die Umweitbewegung an der Basis wiederbeleben. Die Schlacht wird außerhalb Washingtons, nicht nur innerhalb der Bundeshauptstadt
geschlagen.
Wir müssen sicherstellen, daß die Mitglieder der
Administration und des Kongresses nicht nur mit
Washingtoner Lobbyisten sprechen, sondern mit
Amerikanern aus allen Lebensbereichen - der Mehrheit der Amerikaner, die sich um ihre Gemeinden
sorgen und einen starken, wirksamen Umweltschutz
wünschen. Wir müssen hart daran arbeiten, die
Kommunikationswege offenzuhalten.
*

AMERIKA DIENST 17

Die Kongreßabgeordneten müssen die Menschen in
ihren Heimatgemeinden anhören, die ihre Gesundheit
schützen und Giftmülldeponien entsorgen möchten Menschen, die Fische aus den Flüssen essen und
sichergehen wollen, daß ihre Kinder das ihnen
vorgesetzte Essen unbedenklich verzehren können.
Und diese Kongreßabgeordneten müssen auch
lernen, daß sie es bei den Wahlergebnissen spüren
werden, wenn sie sich nicht für einen starken Umweltschutz mit Bürgerbeteiligung einsetzen.
Am Tag der Erde wollen wir uns erneut einer Stärkung der Umweitbewegung verschreiben, dem
Aufbau einer neuen Generation von Umweltschützern
- einer neuen Umweltdemokratie.

* * * *

Seite 3

�AIDS
4. Mai 1994

AIDS-KRISE HAT WEITREICHENDE IMPLIKATIONEN
FÜR AMERIKANISCHE POLITIK
Rede von Timothy Wirth
WASHINGTON - (AD) - Die internationale AIDS-Epidemie - früher lediglich als Problem der öffentlichen
Gesundheit betrachtet - hat sich jetzt zu einer Krise mit tiefgreifenden Folgen für die amerikanische
Außenpolitik und die weltweite Zusammenarbeit entwickelt, warnte Timothy Wirth, hochrangiger Berater des
US-Außenministeriums.
"Bis zum Jahr 2000", erklärte er vor einem Unterausschuß des Kongresses am 28. April 1994, "werden 30 bis
40 Millionen Menschen infiziert sein, und die Krankheit wird sich mit einer Quote von zwei bis drei Millionen
neuen Fallen jährlich verbreiten, wodurch sich die Zahl der Infizierten innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt."
Ein Grund zur Besorgnis sei insbesondere die "immer offensichtlicher werdende" negative Auswirkung der
Krankheit auf Frauen und Kinder. In vielen Entwicklungsländern seien vor allem die Frauen für den
landwirtschaftlichen Ertrag und die Ernährung der wachsenden Bevölkerung verantwortlich.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede Timothy Wirths vor dem Bewilligungsunterausschuß des Repräsentantenhauses für auswärtige Angelegenheiten, Exportfinanzierung und damit in
Zusammenhang stehenden Programmen.
Herr Vorsitzender, sehr geehrte Mitglieder des
Unterausschusses, ich danke Ihnen für die Einladung, heute über die besorgniserregende und
tragische Ausbreitung von HIV und AIDS zu sprechen. Präsident Clinton hat sie zu Recht als die
"Gesundheitskrise dieses Jahrhunderts" bezeichnet,
und aufgrund des uns jetzt zur Verfügung stehenden
Wissens wird sie in internationalen Angelegenheiten
auch im kommenden Jahrhundert wachsenden
Anlaß zur Sorge bereiten.
Zur Zeit sind mehr als 15 Millionen Erwachsene und
Kinder auf der ganzen Welt mit dem HI-Virus infiziert. Keine Region der Welt wurde von der stetigen, heimtückischen Ausbreitung des mit dieser
Krankheit einhergehenden menschlichen Leidens
verschont, die ärmsten Regionen der Welt waren
jedoch am stärksten betroffen. Mehr als 60 Prozent
(oder 8 Millionen) der HIV-Infektionen fanden im
Afrika südlich der Sahara statt, jeweils 1,5 Millionen
in Südamerika und Südostasien, während in Nordamerika eine Million mit dem Virus Infizierte leben.
Unglücklicherweise setzt die Krankheit ihren Vormarsch mit raschem Tempo stetig fort. Bis zum Jahr
2000 werden 30 bis 40 Millionen Menschen infiziert
sein, und die Krankheit wird sich mit einer Quote von

AMERIKA DIENST 17

zwei bis drei Millionen neuen Fällen jährlich verbreiten, wodurch sich die Zahl der Infizierten innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt.
Mit diesen Tendenzen gehen enorme Herausforderungen einher. Unsere erste Hürde ist das Verständnis: AIDS ist nicht länger nur eine Krise der
öffentlichen Gesundheit und des menschlichen
Leidens. Jetzt, und vor allem in der Zukunft, stellt
AIDS ein politisches, soziales, wirtschaftliches,
gesundheits- und sicherheitspolitisches Problem dar,
das tiefgreifende Auswirkungen auf die Außenpolitik
und Führungsrolle der Vereinigten Staaten sowie die
internationale Zusammenarbeit hat.
Im umfassenden Sinn macht die AIDS-Krise harterkämpfte soziale und wirtschaftliche Vorteile zunichte
und zerstört Entwicklungsmöglichkeiten gerade in den
Ländern, die es sich am wenigsten leisten können.
Ich weiß, daß Dr. Helene Gayle sich eingehend damit
befassen wird, die innerhalb und außerhalb der
Administration äußerst wichtige Arbeit bei den amerikanischen und weltweiten Bestrebungen zur Bekämpfung der Ausbreitung von AIDS leistet. Ich möchte
nur darauf hinweisen, daß AIDS die Entwicklung auf
vielen Ebenen und in vielfältiger Weise unterhöhlt von seinen nachteiligen Auswirkungen auf die Er-

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�werbsbevölkerung bis zu vergeudeten Bildungsmöglichkeiten und Auswirkungen auf spezifische
Industriezweige wie die Tourismusbranche. In
einigen der am härtesten betroffenen Regionen
erwarten Experten Verluste des Bruttoinlandsprodukts von fünf Prozent oder mehr.
Besondere Sorge bereiten die immer offensichtlicher
werdenden Auswirkungen der Krankheit auf Frauen
und Kinder. Der Anteil der HlV-infizierten Frauen
steigt rapide an, was bedeutende Implikationen für
Entwicklungsbestrebungen auf allen Ebenen hat,
insbesondere für die Landwirtschaft, wo Frauen das
Rückgrat der Bestrebungen sind, in vielen Entwicklungsländern eine immer stärker anwachsende
Bevölkerung zu ernähren. Die Krankheit fordert
auch unter den Kindern der Welt ihren Zoll. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
zufolge werden zu Beginn des 21. Jahrhunderts
zwischen 10 und 15 Millionen Kinder infolge dieser
Krankheit zu Waisen, werden entscheidender
Dienstleistungen (Bildung und Ausbildung sowie
Gesundheitsfürsorge) und der stabilen Familienstruktur beraubt, die sie für ihre Zukunft benötigen.
Für die Amerikaner bedeuten diese Tendenzen noch
mehr quälende Bilder auf den Fernsehschirmen. Die
AIDS-Krise stellt eine zunehmende Herausforderung
für unser Interesse am Aufbau einer wachsenden
Weltwirtschaft sowie für unsere Wettbewerbsfähigkeit
dar. Jeden Tag verstehen wir etwas besser, daß die
Welt unerbittlich immer interdependenter wird und
Amerikas Zukunft untrennbar verbunden ist mit der
gemeinsamen internationalen Priorität, eine Welt
wachsender Chancen und steigenden Wohlstands zu
schaffen.
Das Interesse der Vereinigten Staaten an einer
friedlicheren Welt ist ein zweiter Bereich, der durch
die Ausbreitung von HIV/AIDS beeinträchtigt wird.
Indem sie den Verlust von Entwicklungsmöglichkeiten verschärfen, wirken mit AIDS in Zusammenhang
stehende Tendenzen unserer Priorität entgegen,
demokratische Institutionen und politische Reform,
Rechststaatlichkeit und soziale Stabilität auf der
ganzen Welt zu stärken. In mehreren Ländern sind
die HlV-Infektionsraten unter den Streitkräften
beunruhigend hoch, was Anlaß zur Sorge bereitet die sich unter anderem auch auf die Durchführung
multilateraler Friedenssicherungsoperationen weltweit bezieht.
Tatsächlich bleibt kein Teil unserer Gesellschaft von
HIV/AIDS unberührt: Die Krankheit dringt in verarmte Gemeinden vor sowie in die vergleichsweise
dünne Schicht der sozialen, wirtschaftlichen und
politischen Führungsriege. Wir stellen zunehmend
fest, daß in vielen Gesellschaften die höchsten

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Risikogruppen aus den Reihen der Besten und
Klügsten stammen. Und ebenso wie sie ist auch die
Stabilität der politischen Institutionen gefährdet, von
denen Fortschritte für unsere gemeinsame Zukunft
abhängen.
Drittens bestehen, während sich die Krankheit
ausbreitet und wir ihre Verhütung anstreben, eine
ganze Reihe von Befürchtungen im Bereich der
Menschenrechte, mit denen wir uns befassen müssen. Mindestens 50 Länder verlangen von ausländischen Besuchern explizit einen AIDS-Test.
Zukünftige verstärkte Beschränkungen der Bewegungsfreiheit könnten nicht nur die grundlegenden
Menschenrechte untergraben, sondern auch den
freien Fluß von Arbeitskräften und Kapital behindern.
Wir haben bereits gesehen, wie weit Nationen, die
keine Grundsätze haben, gehen können: Kuba
machte einen äußerst beunruhigenden Vorschlag den es wieder zurückzog - alle HIV/AIDS-positiven
Personen lebenslang unter Quarantäne zu stellen.
Umgekehrt enthalten unsere Bestrebungen zur
Verhinderung weiterer Infektionen eine starke Komponente im Zusammenhang mit der Übertragung von
Rechten und Pflichten an ausgegrenzte und benachteiligte Mitglieder der menschlichen Familie - vor
allem Frauen. Es besteht eine enge Wechselbeziehung zwischen bildungspolitischen und wirtschaftlichen Chancen sowie der Realisierung von Zielen im
Bereich der Gesundheit.
Herr Vorsitzender, dies sind nur einige der bedeutsamen außenpolitischen Aspekte dieser Krankheit.
Mit der Zeit verstehen wir sie immer besser. Es
sollte festgestellt werden, daß in den zehn Jahren, in
denen AIDS sich in unser nationales Bewußtsein
katapultiert hat, die internationalen Aspekte der
Krankheit nur wenig anerkannt und behandelt wurden.
In diesem Sinne ist es auch wichtig, die Leistungen
der amerikanischen Führung auf internationaler
Ebene anzuerkennen. Mit der führenden Rolle
dieses Unterausschusses und des Senats standen
die Vereinigten Staaten an der Spitze der internationalen Bestrebungen zur Bewältigung der fortschreitenden weltweiten Krise.
Die Bemühungen der Vereinigten Staaten im In- und
Ausland werden von drei übergeordneten Zielen
geleitet: 1. Forschung, 2. Prävention und 3. mitfühlende Pflege von HlV-Infizierten. All diese Bestrebungen werden durch eine zunehmende Konzentration der Außenpolitik auf HIV/AIDS gefördert.
Unsere im Bereich der Forschung unternommenen
Anstrengungen stellen die weltweite Norm dar sowie

AMERIKA DIENST 17

�die Hoffnung auf besseres Verständnis der Krankheit
sowie die Entwicklung von Impfstoffen und Therapien zur Milderung des Leidens und Bekämpfung
des Todes aufgrund von HIV/AIDS. Unser Forschungsetat für biomedizinische und sozialwissenschaftliche Initiativen zusammengenommen beläuft
sich auf nahezu 2 Milliarden Dollar. Und obwohl ich
hier unterstreichen muß, daß wir in absehbarer
Zukunft keine dramatischen bahnbrechenden Erkenntnisse erwarten können, ist es von Bedeutung,
daß wir unsere Bestrebungen zur Verbesserung der
Behandlung und Suche nach einem Impfstoff gegen
die Krankheit fortsetzen, selbst während wir ihre
Ausweitung zu verhindern trachten.
Die Verhütung einer weltweiten Verbreitung dieser
Infektionskrankheit ist eine vordringliche Aufgabe.
Die Gefahr für die Stabilität einzelner Nationen sowie
die Sicherheit und den Wohlstand der Weltgemeinschaft ist einfach zu groß, als daß wir unsere Hoffnungen einzig und allein auf die Wunder der Wissenschaft setzen könnten.
Prävention ist keine einfache Angelegenheit - sie
umfaßt grundlegende Verhaltensänderungen, die
Bereitstellung sicherer Blutkonserven und ein weltweites Angebot von Artikeln wie Kondomen. Dennoch muß es dringende Prioritäten für alle Aspekte
der Außenpolitik geben - insbesondere den Entwicklungsbereich, der zunehmend die entscheidenden
Beziehungen zwischen Investitionen in den sozialen
Sektor (insbesondere das Gesundheitswesen) und
dem Streben nach umweltverträglicher Entwicklung
anerkennt.
Neben der Entwicklung können andere Aspekte
unserer Außenpolitik sowie der zu ihrer Umsetzung
bestimmte Apparat zur Förderung einer internationalen Reaktion auf HIV/AIDS eingesetzt werden. Vor
diesem Hintergrund haben wir im Außenministerium
umfassende, behördenübergreifende Bestrebungen
zur Entwicklung einer koordinierten internationalen
Strategie für die Bekämpfung von HIV/AIDS eingeleitet. Obwohl wir unsere Arbeit noch nicht beendet
haben, kommt eine Reihe wichtiger Themen zum
Vorschein.
Erstens die Notwendigkeit einer weiteren Verbesserung der Verbindungen zwischen unseren innenpolitischen und internationalen Bestrebungen. Im
Forschungsbereich versprechen - wie Dr. Satcher
vom Zentrum für Seuchenbekämpfung im einzelnen
darlegen wird - Informationsaustausch und internationale Zusammenarbeit eine Verbesserung des
Verständnisses des einzelnen von der Krankheit
sowie die Suche nach Impfstoffen und neuen,
verbesserten Behandlungsmethoden. Durch verstärkte internationale Zusammenarbeit an Präven-

AMERIKA DIENST 17

tionsstrategien können wir von unseren Partnern aus
der ganzen Welt mehr über erfolgreiche Strategien
lernen. Auch bleibt im Bereich der Erarbeitung von
Hilfsprogrammen für Entwicklungsländer viel Raum
für Zusammenarbeit. Die Programme des Amts für
internationale Entwicklung (Agency for International
Development - AID) sind weltweit nicht nur die
besten, sondern auch die größten. Unser Jahresetat
in Höhe von ungefähr 120 Millionen Dollar macht
mehr als 50 Prozent der gesamten Hilfe für Entwicklungsländer zur Verhütung von AIDS aus.
Um mit der Größenordnung dieser Bedrohung Schritt
halten zu können, sollten die hervorragenden AIDProgramme uneingeschränkt unterstützt werden. In
gleicher Weise können wir mehr tun, um andere zur
Übernahme ihrer Verantwortung bei der Bewältigung
dieser und anderer globaler Probleme zu ermutigen.
Anfang dieses Jahres trugen unsere Bestrebungen
zur Mobilisierung von Ressourcen Früchte, als Japan
seine Absicht zur Aufstockung der nominalen Investitionen zur Bekämpfung der Bevölkerungsexplosion und AIDS mit Aufwendungen in Höhe von 3
Milliarden Dollar über die nächsten sieben Jahre
hinweg bekanntgab. Die Mobilisierung von Ressourcen sollte unsere höchste internationale Priorität sein.
Multilateral unterstützen wir das gemeinsame und von
den Vereinten Nationen mitfinanzierte HIV/AIDSProgramm, das verspricht, als Modell dafür zu
dienen, was die Vereinten Nationen durch enge,
systematische Koordinierung ihrer Behörden erreichen können. So müssen wir auch die von der
Weltbank übernommene, zunehmend wichtige Rolle
bei der Bereitstellung von Krediten für dringend
benötigte Güter und Investitionen in das Gesundheitswesen unterstützen.
Zweitens, Herr Vorsitzender, müssen unsere diplomatischen Bestrebungen die hohe Priorität eindeutig
unterstreichen, die wir dieser Krise beimessen, sowie
unserer Erwartung, daß unsere internationalen
Partner und Verbündeten die entsprechende Entschlossenheit an den Tag legen. Es gibt keinen
Ersatz für den konkreten Ausdruck der nationalen
Verpflichtung zur Bekämpfung dieser Krankheit. Seit
einiger Zeit in Uganda und seit kurzem in Thailand in
die Wege geleitete erfolgreiche Bemühungen sprechen für die starke und ausdrückliche Unterstützung
von oberster Regierungsebene. Wir können mit den
von uns ausgesandten Signalen höchste Aufmerksamkeit für HIV/AIDS ermutigen, und das werden wir
tun.
Drittens müssen wir in Anerkennung der multisektoralen Art der Reaktionsstrategien sich gegenseitig
verstärkende Verbindungen bei der Bekämpfung der
AIDS-Krise und der Verwirklichung anderer außen-

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�politischer Ziele unterstreichen und fördern - beim
Bevölkerungswachstum, bei Menschenrechten,
Umwelt, Gleichstellung von Frauen und Bekämpfung
des Drogenmißbrauchs.
Viertens müssen wir die Achtung für die grundlegenden persönlichen und politischen Freiheiten fördern,
die durch die Ausbreitung der Epidemie gefährdet
werden könnten. Wir können nicht zulassen, daß
die Opfer zum Sündenbock dieses Problems gemacht werden. Diese Tragödie wird maßgeblich
verschärft, wenn diejenigen, die den schmerzlichen
Zoll von AIDS erleiden müssen, weiter durch ungerechte Bestrafung oder Diskriminierung schikaniert
werden.
Fünftens müssen wir die militärischen Implikationen
dieser Krankheit weiter erforschen. Als einen ersten
Schritt ist verstärkte Zusammenarbeit unter Verteidigungsexperten erforderlich, um die Auswirkungen dieser Krankheit besser zu verstehen und
Strategien zur Verhinderung ihrer Ausbreitung unter
den Soldaten zu erarbeiten. Darüber hinaus müssen
wir auch die Auswirkungen von HIV/AIDS auf internationale Friedenssicherungsoperationen sowie auf
Kampfsituationen sondieren.
Schließlich sind wir uns der Notwendigkeit von
Zusammenarbeit mit dem Privatsektor bewußt, um
die Auswirkungen von HIV/AIDS auf amerikanische
Unternehmen besser verstehen zu können und an
deren lobenswerten Bestrebungen zur Reaktion auf
die sich abzeichnende Krise mitzuwirken.

Herr Vorsitzender, HIV/AIDS ist Teil eines Korbs
globaler Probleme, die so wenig greifbar wie komplex
sind. Zusammengenommen untenminieren diese
Trends meines Erachtens die kollektiven Bestrebungen der Welt nach umweltverträglicher Entwicklung
und das öffentliche Vertrauen in die Fähigkeit der
Welt, sich mit den langfristigen Geboten der Zeit nach
dem Kalten Krieg auseinanderzusetzen. Ich bin
ferner der Ansicht, daß diese Situation sich verschlechtert, bevor sie besser wird. Man muß nur die
jüngste Titelgeschichte von Robert Kaplan im Atlantic Monthly lesen, um eine anschauliche Darstellung
dessen zu erhalten, was für eine düstere Zukunft
diese Trends prophezeien.
Unser Erfolg bei der Bewältigung dieser neuen
Bedrohungen der nationalen Sicherheit und des
globalen Wohlstands werden in nicht unerheblicher
Weise die Welt beeinflussen, die wir unseren Kindern
und Enkeln hinterlassen. Die Geschichte wird uns
nicht wohlgesonnen sein, wenn wir beim Ausmachen
dieser Probleme und der Reaktion darauf nachlässig
sind. Die HIV/AIDS-Pandemie fällt in diese Kategorie. Glücklicherweise haben wir in weniger als zehn
Jahren wichtige Strategien zur Verhinderung ihrer
Verbreitung und der Bewältigung ihrer Konsequenzen
entwickelt. Zwangsläufig müssen wir diese Bestrebungen fortsetzen und vertiefen. Die Clinton-Administration sieht der Zusammenarbeit mit Ihnen bei
unserer gemeinsamen Sache erwartungsvoll entgegen.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 17

�FILM
4. Mal 1994

AUSLÄNDISCHE FILME IN DEN USA
Marketing und Verleih
WASHINGTON - (AD) - Ausländische Filme waren
in den Vereinigten Staaten schon immer ein Problem
- zu esoterisch, zu wortreich, zu prosaisch, zu viele
unbekannte Schauspieler und vor allem zu ablenkend wegen dieser lästigen Untertitel oder schlechten Synchronisation, an die sich die Amerikaner nie
ganz gewöhnt haben. Ausländische Filme mögen
Campus-Intellektuellen und anderen mit einem
außergewöhnlichen Geschmack attraktiv erscheinen,
aber der durchschnittliche amerikanische Kinogänger
sagt: "Für mich nur Hollywood".
Die Kinokassen sprechen für sich. 1992 wurden
beispielsweise mit ausländischen Filmen nur 22
Millionen Dollar auf dem amerikanischen Markt
erzielt - dem Varlety Magazine zufolge nur ein
Bruchteil der Gesamteinnahmen.
Amerikanische Filmverleiher und Filmexperten
stellen jedoch fest, daß die Amerikaner ausländische
Filme in viel größerer Zahl akzeptieren würden,
wenn diese unter Berücksichtigung des amerikanischen Markts gemacht und effizient an eine Zielgruppe vermarktet werden.
Ein gutes Beispiel ist der jüngste Kinoerfolg Belle
Epoque, eine Anfang der dreißiger Jahre vor Ausbruch des Bürgerkrieges in Spanien spielende
knisternde Sexkomödie. Der Film gewann den
diesjährigen Oscar als bester ausländischer Film,
und zur Zeit sind die Kinos landesweit ausverkauft nicht nur die auf ausländische Filme spezialisierten.
"Wir stehen diese Woche an 20. Stelle im Hinblick
auf Zuschauerzahlen - und das bei 200 derzeit
laufenden Filmen", stellt Tom Bernard, Stellvertretender Vorsitzender von Sony Classics Pictures
fest, die den Film in den Vereinigten Staaten verleihen.
Auf die Frage, welchen Rat er ausländischen Produzenten erteilen würde, die einen Kassenschlager bei
den Filmpremieren landen wollen, erklärt Bernard:
"Dem Marketing und Verleih sowie der Größe und
Vielfalt dieses Landes mehr Aufmerksamkeit zu
widmen", und fügt hinzu, "ein Grund für den großen
Erfolg von Belle Epoque ist die Tatsache, daß ein

AMERIKA DIENST 17

gutes Unternehmen wie das unsere, das den Markt
gut kennt, angeheuert wurde."
"Das Geheimnis des Erfolgs eines Films besteht in
der ausgezeichneten Planung und Finanzierung Ihrer
Marketingkampagne, sie flexibel zu gestalten und
genau auf Ihr Ziel zuzuschneiden", erläutert Bernard.
Er stellt fest: "Wenn Ihr Film in einer Stadt gute
Kritiken erhält, muß man sofort daraus Kapital
schlagen, indem man Werbespots in örtlichen Rundfunksendern ausstrahlt, Zeitungsanzeigen plaziert und
so weiter. Wenn der Film von einer Oper handelt,
muß man Listen von Opernfans beschaffen, in
klassischen Musiksendungen Reklame machen etc."
Bernard zufolge ist "ein häufig begangener Fehler,
daß besonders europäische Produzenten große
Summen für Rechte in den Vereinigten Staaten
verlangen. Oft sind wir über das Potential eines
Films geteilter Meinung."
Jack Valenti, Präsident des amerikanischen Filmverbands, stellt fest, ebenso wichtig wie Vermarktung
und Verleih sei die Art des gedrehten Films. In
einem Interview mit Associated Press im vergangenen Jahr führte Valenti aus: "Die Kinos werden keine
Filme zeigen, bei denen sie denken, sie würden Geld
verlieren. Die Anziehungskraft eines Stars ist wichtig.
Jeder kennt Tom Selleck", äußert er mit dem Hinweis
auf Seilecks Rolle in Drei Männer und ein Baby,
dem amerikanischen Remake des französischen
Knüllers mit dem gleichen Titel. "Wenn ich drei
obskure internationale Schauspieler habe, von denen
noch nie jemand etwas gehört hat, ist es schwer,
diesen Film zu verkaufen", fügt er hinzu.
Robert Kolker, Professor an der University of Maryland und Autor von Bestsellern über Filme, vor allem
The Clnema of Lonellness, stimmt zu.
Kolker stellt fest, daß ausländische Produzenten im
wesentlichen zwei Wege zum Erfolg in den Vereinigten Staaten haben: "Entweder müssen sie einen
Film machen, der möglichst wie ein amerikanischer
Film aussieht, oder sie müssen einen Film machen,
der besonders ist und herausragt."

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�"Historisch gesehen war die Zielgruppe für europäische Filme in Amerika ganz anders als die für
amerikanische Filme - zum Beispiel angefangen mit
den italienischen Filmen der frühen fünfziger Jahre
über die französische nouvelle vague Ende der
fünfziger und Anfang der sechziger Jahre bis zum
Wiederauftauchen des deutschen Films Ende der
siebziger und Anfang der achtziger Jahre", erklärt
Kolker. "Aber seit Mitte der achtziger Jahre hat es
in Europa wenig phantasievolle Filme gegeben, was
auf den Rückgang an Subventionen zurückzuführen
sein mag, an die europäische Filmemacher gewöhnt
waren."
Gleichzeitig, so Kolker, sehen die in Europa gedrehten Filme für gewöhnlich "nicht genug wie amerikanische Filme aus, um hier Erfolg zu haben". Europäische Produzenten "müssen anpassungsfähiger
sein", um dies auszugleichen, stellt er fest. Kolker
zufolge haben die Produzenten des holländischen
Films Spurlos den Film praktisch völlig neu auf
englisch gedreht und einige der Darsteller durch
bekannte amerikanische Schaupieler ersetzt, um ihn
für den amerikanischen Markt attraktiv zu gestalten.
Bernard erklärt, die amerikanischen Produktionsstandards und -techniken seien wichtig, betont
jedoch, daß es nicht ein bestimmter Typ europäischer oder ausländischer Filme sei, der in den
Vereinigten Staaten Erfolg hat. "Betrachtet man sich
die Filme, die als beste ausländische Filme ausgezeichnet wurden, so sind sie inhaltlich höchst unterschiedlich."
Douglas Gomery, ein Wirtschaftsfachmann der
Filmindustrie, dessen jüngstes Buch Shared Pleasures von der Geschichte des Kinos handelt,
bemerkt, auch der Zeitpunkt sei wichtig. "Hollywood
plant seine Kassenschlager für den Sommer und
Weihnachten, also sind Frühjahr und Herbst gute
Zeiten für die Vermarktung eines ausländischen
Films in den Vereinigten Staaten."
Gomery rät ausländischen Filmproduzenten jedoch
auch, in anderen Größenordnungen zu denken. "Es
gibt sechs große Hollywood-Studios, die nicht nur in
den Vereinigten Staaten, sondern auch weltweit
Büros unterhalten. Sie verleihen und vermarkten in
allen wichtigen Ländern, nicht nur den Vereinigten
Staaten, und besitzen in vielen Ländern Theaterketten. Die größte Theaterkette in Großbritannien und
Kanada gehört einer Hollywood-Gesellschaft."
"Wenn ausländische Unternehmen und Produzenten
wirklich in den Vereinigten Staaten Erfolg haben
wollen, haben sie zwei Alternativen", erläutert Gomery. "Sie könnten ihre Kräfte bündeln, um ein siebtes

großes Hollywood-Unternehmen aufzubauen, oder sie
könnten sich in die bestehenden Hollywood-Firmen
einkaufen."
"Genau das ist übrigens geschehen", fährt er fort.
"Hollywood ist nicht mehr Hollywood. Zwei der
großen sechs - Universal und Sony, eine Tochtergesellschaft von Columbia Pictures, sind in japanischem
Besitz. Fox gehört Rupert Murdoch, einem Zeitungstycoon mit Sitz in Großbritannien und Australien",
äußert Gomery. "Disney, Time-Warner und Paramount sind in amerikanischer Hand. Zur Zeit gibt es
ein siebtes Unternehmen, MGM-UA, das im wesentlichen von einer französischen Bank finanziert wird.
Aber die Firma befindet sich am Rande des Bankrotts", erklärt Gomery.
"Die Bedeutung dieser Wirtschaftsstruktur besteht
darin, daß derzeit nur die großen sechs - drei in
amerikanischer, drei in ausländischer Hand - Ihnen
die entsprechende Publicity für Ihren ausländischen
Film in den Vereinigten Staaten garantieren können.
Wenn Erfolg beim ausländischen Verleih der Schlüssel für Hollywood im Ausland ist - und das ist der Fall
- müssen die Ausländer beim Verleih in den Vereinigten Staaten Erfolg haben, um ihren Film hier publik
zu machen", stellt er fest. "Und das heißt, hier einen
neuen Giganten zu schaffen, sich in die großen
seschs einzukaufen, oder zumindest ein gutes
Geschäft mit einem der Giganten abzuschließen, wie
es den Produzenten von Belle Epoque gelungen ist."
Auf die Frage, ob es hilft, wenn ein ausländischer
Film eine Koproduktion ist, vorzugweise mit einem
Hollywood-Studio, antwortet Gomery: "Natürlich hilft
das. Dies hat eine lange Tradition, die bis in die
zwanziger Jahre zurückreicht, als MGM in das
Koproduktionsgeschäft im Ausland einstieg. Der
Schlüssel ist jedoch Marketing und Verleih. Der
Punkt ist, daß die Koproduktion, an die Sie denken,
Ihnen Zugang zum Vertriebsnetz verschafft oder ihn
zumindest erleichtert", fügt er abschließend hinzu.
Wenn all das gesagt und getan ist, muß das Produkt
aber auch richtig für den amerikanischen Markt sein.
Alle für diesen Bericht befragten Experten stimmten
überein, daß sich die meisten Amerikaner an Actionfilme in Englisch - ohne lästige Synchronisierung - mit
bekannten Stars gewöhnt haben. Diese Gewohnheit
wird schwer zu durchbrechen sein. Ausländische
Produzenten müssen also bereit sein, die Art von
Film zu produzieren, den anzusehen die Amerikaner
bereit sind, und müssen Geschick bei der Werbekampagne und beim Verleih haben, der ihr Produkt auf
den konkurrenzfähigsten Markt der Welt bringen
kann.
* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 17

�FUSSBALL
4. Mai 1994

FUSSBALL IN DEN USA
von Mike Woitalla
In Anbetracht der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA planen wir in den folgenden
Ausgaben von Amerika Dienst eine Artikelserie über Fußball.
Der Verfasser ist langjähriger Redakteur von Soccer America.

Pnin entered a sport Shop in Waindell's Main
Street and asked for a football. The request was
unseasonable but he was offered one.
"No, no," said Pnin, "I do not wish an egg or, for
example, a torpedo. I want a simple football.
Round!"
And with his wrists and palms he outlined a
portable world. It was the same gesture he used
in class when speaking of the "harmonical wholeness" of Pushkin.
The salesman lifted a finger and silently fetched
a soccer ball. "Yes, this I will buy," said Pnin
with dignified satisfaction.
Aus Vladimir Nabokov's Roman Pnin, 1953.

Pnin, ein in die Vereinigten Staaten eingewandeter
russischer Professor, schenkt seinem in Amerika
geborenen Sohn den Fußball als Geburtstagsgeschenk, nur um die Abneigung seines Sohnes gegen
diesen Sport zu hören zu bekommen. Der Ball wird
aus dem Fenster geworfen und schwimmt in einem
Bach davon.
Vierzig Jahre später geben die Amerikaner rund 50
Millionen Dollar pro Jahr für Fußbälle aus, die von
ihren Kindern gerne angenommen werden, und
Fußball ist zum am schnellsten wachsenden Mannschaftssport geworden.

AMERIKA DIENST 17

Dennoch ist Fußball in den Vereinigten Staaten
irgendwie ein Paradoxon. Die Anzahl der Spieler
nimmt insbesondere unter den Jugendlichen jedes
Jahr zu, unter den älteren Durchschnittsamerikanern
herrscht jedoch eine generelle Gleichgültigkeit
gegenüber diesem Sport vor. Selbst im Jahr 1993
würde Pnins Wunsch einen verwirrten Blick hervorrufen.
Fußballfans verweisen auf den Erfolg des Sports auf
Amateurebene unter den Jugendlichen. Fußball ist
heute nach Basketball der populärste Mannschaftssport im Land. Dem Soccer Industry Council of
America zufolge spielten 1992 nahezu 15 Millionen
Amerikaner das Spiel mindestens einmal, und fünfeinhalb Millionen spielten mehr als 25 Mal.
Innerhalb einer Generation erlebte der Jugendfußball
eine dramatische Zunahme. Drei Viertel der amerikanischen Spieler sind unter 18. Im Jahr 1974 hatte die
amerikanische Fußball-Jugendliga 100.000 eingetragene Spieler. Heute zählt sie über 100.000 Mannschaften und 1,9 Millionen eingetragene Spieler - und
das beinhaltet nicht die High School- oder CollegeMannschaften.
Vertretern der Organisation zufolge hat die Anzahl
der in der Jugendliga eingetragenen Spieler seit 1974
jede Saison zugenommen. Unter den Mädchen ist
der Trend noch deutlicher, die jetzt mindestens 30
Prozent der jungen Spieler des Landes ausmachen.
In den weiterführenden Schulen zeichnet sich dasselbe Bild ab. 1972 gab es 2.290 High School-Jungenmannschaften in den Vereinigten Staaten. Heute
sind es 7.025, und die Zahl der Mädchenmannschaften beläuft sich inzwischen auf 4.665.

Seite 1

�Obwohl dies offensichtlich ein Ergebnis der von
Tausenden Kindern in der Jugendriege geschaffenen
Nachfrage ist, begrüßen auch Schulen mit finanziellen Engpässen den Sport. Für die zur Ausrüstung
eines einzigen amerikanischen Football-Spielers
erforderlichen Summe kann eine Schule eine ganze
Fußballmannschaft ausrüsten.
Auch die Eltern loben Fußball als idealen Jugendsport im Gegensatz zu Baseball und Football, bei
denen Verletzungen relativ häufig sind. Die Spieler
sind weder wie bei Football und Baseball auf bestimmte Positionen beschränkt, noch ist die Körpergröße so entscheidend wie bei Basket- und Football.
Amerikanische Mannschaften Im internationalen
Wettbewerb
Wie durch die Erfolge der amerikanischen Nationalmannschaften in jüngster Vergangenheit unter
Beweis gestellt, ist Qualität in der Tat mit Quantität
einhergegangen. Zum ersten Mal seit 40 Jahren
qualifizierte sich das amerikanische Team 1990 für
den World Cup. Bei der Juniorenweltmeisterschaft
1989 belegten die USA bei den Männern den vierten
Platz und erreichten bei der alle zwei Jahre stattfindenden Austragung im Jahr 1993 wieder die
zweite Runde.
Die Vereinigten Staaten gewannen 1991 bei der
ersten je in diesem Sport ausgetragenen FrauenWeltmeisterschaft. Während auf hoher Ebene
organisierter Frauenfußball jedoch weltweit ein
relativ neues Phänomen ist, sehen sich die amerikanischen Männer immer noch einem mühsamen
Kampf auf der internationalen Bühne ausgesetzt.
"Unser größtes Problem ist, daß wir keine Profi-Liga s
haben", erklärt Trainer Bora Milutinovic, der Serbe,
der Mexiko für die Weltmeisterschaft 1986 und Costa
Rica für 1990 trainierte, bevor er 1991 das amerikanische Team übernahm. "Unsere Spieler sehen sich
nicht mit den wöchentlichen, das ganze Jahr über
stattfindenden Wettkämpfen konfrontiert wie die
Spieler der übrigen Welt."
Kurz nach seiner Übernahme führte Milutinovic die
Vereinigten Staaten zu den regionalen Meisterschaften, dem CONCACAF (Confederation of
Central and North America and the Caribbean) Gold
Cup. Daß Milutinovic sein Team wahrscheinlich in
die zweite Runde der Weltmeisterschaft 1994
bringen wird, spricht für die großen Fortschritte, die
das amerikanische Spiel gemacht hat.
1985 wurden die Vereinigten Staaten von Costa
Rica, einem Land mit zwei Millionen Einwohnern, in
der Weltmeisterschafts-Qualif ikationsrunde aus dem

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Wettbewerb geworfen. Acht Jahre später könnten die
Vereinigten Staaten kurz davor stehen, ein legitimer
Konkurrent der führenden Fußballnationen der Welt
zu werden. Jüngste Siege über Mannschaften aus
Irland, Mexiko und Portugal sowie ein Unentschieden
gegen Italien, Rußland und Dänemark geben den
amerikanischen Fans Grund zu Optimismus, obwohl
diese Spiele reine Freundschaftsspiele waren.
Milutinovic wird sich auf amerikanische "Legionäre"
stützen wie Dänemark, als es 1992 die Europameisterschaft gewann, obwohl es keine eigene Profi-Liga
hat. Eine Reihe von Spielern in der amerikanischen
World Cup-Gruppe zeichnen sich jetzt in England
(Kasey Keller, John Harkes), Deutschland (Eric
Wynalda, Brent Goulet) und Spanien (Tab Ramos)
aus.
Der Kalifomier Wynalda wurde in Deutschland sofort
zum Star, nachdem er von den Bay Blackhawks in
San Francisco zum FC Saarbrücken gewechselt
hatte. "In San Francisco dauerte es drei Jahre, bevor
mich jemand auf der Straße erkannte", erzählt er. "In
Saarbrücken dauerte es zwei Wochen."
Den amerikanischen Hoffnungen weiteren Auftrieb
verleihen Spieler mit lockeren Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten. Der Bundesligastar Tom Dooley
begann 1991 für die Vereinigten Staaten zu spielen,
nachdem sich herausstellte, daß sein Vater ein in
Deutschland stationierter amerikanischer Soldat war.
Dooley betrat zum ersten Mal amerikanischen Boden,
um für die Nationalmannschaft zu spielen.
Stürmer Roy Wegerle aus Coventry in Großbritannien
ist in Südafrika geboren, aber amerikanischer Staatsbürger mit einer amerikanischen Frau und kann so im
amerikanischen Team spielen. Er besuchte die
University of South Florida.
Die Mehrzahl der Spieler in Milutinovics Mannschaft
hat eine Collegeausbildung durchlaufen - ein weiterer
außergewöhnlicher Aspekt des amerikanischen
Sports. Collegesport ist in den Vereinigten Staaten
so ausgezeichnet, daß das wichtigste College-Basketballturnier - das NCAA - zu den Fernsehübertragungen mit den höchsten Einschaltquoten zählt.
Während College-Fußball äußerst sielten im Fernsehen gesendet wird und nur eine Handvoll Mannschaften regelmäßig mehr als 2.000 Zuschauer
anlocken, bietet es den Spielern Stipendien. Die
Kosten für Ausbildung, Unterkunft und Verpflegung rund 20.000 Dollar pro Jahr in einer Privatuniversität stellen einen attraktiven Anreiz für die jungen Spieler
dar.

AMERIKA DIENST 17

�Spieler, die einen Collegeabschluß anstreben,
kommen für gewöhnlich aus der Mittelschicht. Die
zahlreichen hispanischen Talente - die hispanische
Bevölkerung in den Vereinigten Staaten zählt über
20 Millionen und viele haben Wurzeln in Ländern, in
denen Fußball gespielt wird - könnten übersehen
werden, wenn die Colleges weiterhin das Hauptrekrutierungsfeld der Nationalmannschaft bleiben.

Eine Erklärung ist, daß den Zuschauern sehr wenig
Fußballspiele angeboten werden. Das von dem
amerikanischen Fernsehsender ABC am 13. Juni
1993 übertragene Spiel zwischen den Vereinigten
Staaten und Deutschland war das erste Mal seit dem
Endspiel der Weltmeisterschaft 1986, daß ein internationales Spiel von einem größeren amerikanischen
Fernsehsender ausgestrahlt wurde.

Langsam werden Schritte unternommen, um Fußball
in den Städten populär zu machen, und in der
amerikanischen Nationalmannschaft sieht man
zunehmend hispanische Spieler. 1992 könnte durch
den College-Meister, die University of Virginia, ein
Trend eingeleitet worden sein, als eine Mischung
weißer, hispanischer und schwarzer Spieler beeindruckenden Fußball bot und alle Gegner beherrschte. Die Spieler verkörperten die Vielfalt der amerikanischen Bevölkerung besser als jeder andere College-Meister je zuvor.

Der größte Test wird natürlich die Weltmeisterschaft
1994 sein, wenn den Amerikanern mehr Fußball als
je zuvor geboten wird. Die Spiele um den World Cup
werden in neun Städten ausgetragen. Zum ersten
Mal werden alle 52 Spiele live in den Vereinigten
Staaten übertragen.

Der Journalist Paul Gardner, der seit den sechziger
Jahren über amerikanischen Fußball berichtet,
vertritt die Auffassung, wenn lateinamerikanische
Talente aktiver in das Spiel integriert würden, ergäbe
sich im amerikanischen Fußball ein Stil, der dem
brasilianischen Fußballspiel ähnelt. Diese Art von
Fußball, meint er, wird die Menschen in die Stadien
locken.
"Wenn wir über die Gründung einer Profi-Liga
sprechen, müssen wir auch an das Produkt selbst
denken: den Sport", erklärt Gardner. "Denken Sie
an die Spiele: Baseball, Basketball, Football. In
diesem Land muß Fußball auf höchstem Niveau
geboten werden, um auf Profi-Ebene Erfolg zu
haben."

Skeptische Medien
Trotz der wachsenden Zahl von Spielern und der
bevorstehenden Weltmeisterschaft läßt der kommerzielle Erfolg des Fußballs in den Vereinigten
Staaten noch auf sich warten. Dies könnte auf die
demographische Zusammensetzung der amerikanischen Fernsehzuschauer zurückzuführen sein. Als
Sports lllustrated, die am meisten gelesene Sportzeitschrift Amerikas, 1991 eine Umfrage unter 2.320
Erwachsenen durchführte, äußerten nur neun
Prozent der Befragten Interesse an dem Spiel und
setzten es auf Platz 25 von 28 Angaben.
Der deutsche Fußballstar Jürgen Klinsmann, bekannt
für seine Publicityscheu, erklärt, er mache immer in
den Vereinigten Staaten Urlaub, "um dem Fußball zu
entfliehen".

AMERIKA DIENST 17

Optimisten sind der Auffassung, diese spektakuläre
Austragung werde schließlich die Amerikaner überzeugen, daß Fußballspiele es wert sind, gesehen zu
werden. Viel wird davon abhängen, wie die Vereinigten Staaten gegen die besten Spieler der Welt
abschneiden.
Ein weiterer Test besteht in der Reaktion der Medien.
Obwohl das Spiel unter Sportreportern einige Freunde gefunden hat - wie bei George Vecsey von der
New York Times - ist es für die meisten Kolumnisten
immer noch nicht der Rede wert. Als die Vereinigten
Staaten 1988 zum Gastgeber der Weltmeisterschaft
1994 nominiert wurden, brachten Massen von Reportern ihre Verachtung zum Ausdruck. Ein beliebter
Ausspruch war, bei dem Spiel gebe es so wenig
Tore, daß es "so spannend sei wie Farbe trocknen zu
sehen".
Der Sportjournalist Brian Lincicome von der Chicago
Tribüne schrieb, die Ankündigung der Weltmeisterschaft war "nicht überraschender als die Erklärung,
der nächste Weltkrieg werde ausschließlich in der
Schweiz geführt".
Massive Ausschreitungen bei Spielen im Ausland
wurden ein bevorzugtes Argument, auch wenn sie
gar nichts mit dem Sport selbst zu tun hatten. Der
Pulitzerpreis-Gewinner Mike Royko von der Chicago
Tribüne erklärte das schlechte Benehmen von Fans
folgendermaßen: "Vielleicht weil es das einzige Spiel
ist, bei dem die Spieler ihren Kopf zum Schießen des
Balles benutzen. Angenommen die Fußballfans
spielen selbst Fußball, könnten all die Kopfbälle ihr
Gehirn zermatschen."
Daß solche Gefühle nicht repräsentativ für die Nation
sind, wurde deutlich, als sich die Rekordzahl von 27
Städten als Austragungsorte von Weltmeisterschaftsspielen bewarb.

Seite 3

�Darüber hinaus tritt eine neue Generation von Sportjournalisten auf. Während der Tage der Nordamerikanischen Fußball-Liga (North American Soccer
League - NASL) schickten die Zeitungen Reporter
ohne Fußballerfahrung zur Berichterstattung über die
Spiele. Heute sind in den Nachrichtenagenturen
Männer und Frauen, die an dem Mitte der siebziger
Jahre begonnenen Jugendfußballboom teilhatten. In
Städten, in denen Weltmeisterschaftsspiele ausgetragen werden, haben die dortigen Zeitungen - wie die
Chicago Sun Times, Washington Post und Dallas
Morning News - wöchentliche Fußballbeilagen
eingeführt.
Das federführenden internationale Gremium der
Spiele, die FIFA (Federation Internationale de Football Associaton), wählte die Vereinigten Staaten als
Austragungsland der Weltmeisterschaft in dem
Versuch, die letzten Schranken einzureißen. Seine
Absichten waren nicht rein altruistisch. Amerikanische Unternehmen, die als Sponsoren Millionen für
Reklame auszugeben haben, machen die Nation
attraktiv für große Sportveranstaltungen. Firmen wie
Coca-Cola, General Motors, McDonalds und Gillette
geben im Ausland als Sponsoren von Weltmeisterschaften jeweils 15 bis 20 Millionen Dollar aus.
Die Probleme der Profi-Ligen
Als die Vereinigten Staaten 1988 die Ausschreibung
gewannen, ging die FIFA davon aus, daß es bis
1992 eine Profi-Liga geben würde. Dies ist jetzt auf
1995 verschoben worden.
FIFA-Generalsekretär Joseph Blatter stellt fest: "Als
wir die Entscheidung trafen, den Vereinigten Staaten
die Ausrichtung der Spiele zu gestatten, hatten wir
zwei Ziele. Wir wollten das Spiel in diesem riesigen
Land bekannt machen, und wir wollten es in den
Vereinigten Staaten auf die Profi-Ebene bringen."
Eine Profi-Fußball-Liga wird jedoch nicht nur um die
Dollar der Fans, sondern auch um Femsehübertragungszeit mit dem amerikanischen Football,
Baseball, Basketball und Hockey konkurrieren
müssen.
Der Präsident des amerikanischen Fußballbundes
(U.S. Soccer Federation - USSF) Alan Rothenberg
erklärt: "Im Augenblick entwerfen wir einen Arbeitsplan... Die Profi-Liga ist nicht leicht zu machen - es
gibt kein Allheilmittel. Sie benötigt beträchtliches
Investitionskapital über einen langen Zeitraum
hinweg und vielleicht eine robustere Volkswirtschaft."
Der nordamerikanische Fußballbund (North American Soccer League -NASL) wurde 1968 gegründet.
Während seines 16jährigen Bestehens machte er die

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Amerikaner mit Weltklassespielern bekannt und trug
zweifelsohne zur Verbreitung der Jugend-Ligen bei.
1975 landete New York Cosmos einen Coup, indem
man Pele, den größten Spieler aller Zeiten, mit einem
Dreijahresvertrag über 4,5 Millionen Dollar aus dem
Ruhestand lockte. Die Zukunft sah vielversprechend
aus. Der hervorragende Brasilianer spielte häufig vor
über 50.000 Zuschauern. Mehrere Mannschaften
konnten Zuschauerquoten von über 30.000 pro Spiel
verzeichnen. Berauscht vom Erfolg holte Cosmos
weitere Stars wie Franz Beckenbauer im Jahr 1977.
Das Spiel Beckenbauers und von Stars wie Johan
Cruyff, Carlos Alberto und Johan Neeskens begann
die Amerikaner zu begeistern. 1977 kam der Höhepunkt, als 78.000 Fans das Entscheidungsspiel im
Giants Stadium in New Jersey sahen. Im Moment
war Fußball schick, und in den Umkleideräumen
waren nach dem Spiel Berühmtheiten wie Robert
Redford, Mick Jagger, Rod Stewart und Henry Kissinger zu finden.
Aber die NASL-Clubs wurden zu optimistisch und
kauften immer mehr Topspieler, deren Ablösesummen und Gehälter die Mannschaftskassen leerten.
Zwischen 1977 und 1978 stieg die Zahl der LigaMannschaften von 18 auf 24 - ein Zuwachs, den sie
nicht verkraften konnte.
Am Ende konnte der NASL seine Jugendsünden und
die Fehler seiner Besitzer nicht ausmerzen. Der
Cosmos-Geschäftsführer Clive Toye sagte von den
neuen Besitzern, die nach 1977 in die Liga kamen:
"Viele der neuen Clubs gehörten arroganten Männern, die sich weigerten, in Jugendzentren und der
Gemeinde zu werben - wo in der Vergangenheit die
Wurzeln unseres Erfolges lagen." Die Liga gab 1984
auf.
Aber in demselben Jahr war Fußball der größte
Magnet bei der Olympiade von Los Angeles. 1,4
Millionen Fans besuchten Fußballspiele und über
100.000 das Endspiel.
Für die Weltmeisterschaft 1994 verkaufen sich die
Eintrittskarten so schnell - 600.000 im ersten Monat daß der Ausverkauf der 3,6 Millionen Plätze möglich
erscheint. Aber wird der gleiche Enthusiasmus einer
amerikanischen Profi-Liga zuteil, die nicht von dem
Fieber einer Weltmeisterschaft begleitet wird?
Hallenspiele
Der Profi-Hallenfußball hat sich in den Vereinigten
Staaten auf einzigartige Weise entwickelt. Während
das Spiel für gewöhnlich außerhalb der Saison in der
Halle gespielt wird, damit die Spieler fit bleiben,

AMERIKA DIENST 17

�machte die führende Hallenfußball-Liga (Major
Indoor Soccer League - MISL) es zur Alternative zu
den Spielen im Freien und übernahm in den letzten
Jahren der nordamerikanischen Fußball-Liga sogar
einige NASL-Spieler.
Häufig wird gesagt, dem Fußball gelänge es nicht,
den Appetit der amerikanischen Sportfans und
Journalisten auf Statistiken zu befriedigen. Die
Architekten der amerikanischen Hallenspiele gaben
sich große Mühe, ihrem Hunger nach Statistiken
gerecht zu werden. Die Fähigkeit des Torwarts zur
Verteidigung des Tors wurde nicht nur in eintausendstel Prozentpunkten umschrieben, sondern den
Abwehrspielern, die die meisten Schüsse verhinderten, wurden auch Auszeichnungen verliehen.
Verglichen mit dem populären amerikanischen Sport
bot Fußball dem amerikanischen Publikum nicht
genügend Unterbrechungen. Einem Sportereignis
beizuwohnen und dem Feld 45 Minuten lang ununterbrochen ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen,
eine 10minütige Pause in der Halbzeit zu haben,
und dann weitere 45 Minuten zuzusehen, war vor
Bekanntwerden des Fußballs in der Tat unerhört.
Der amerikanische Sportfan beobachtet natürlich die
Aktionen auf dem Spielfeld, nutzt aber die Chance
der häufigen Auszeiten um zu essen, zu trinken und
sich an sonstigen Unterhaltungen wie den Einpeitschern, einer Tombola oder der Aufzeichnung des
Spielstands zu erfreuen.
Der Hallenfußball versuchte wiederum, den Sport zu
amerikanisieren. Das Spiel wurde in Viertel- statt
Halbzeiten unterteilt und Auszeiten wurden eingeführt. Tänzer, Jongleure und andere Unterhaltungskünstler übernahmen während der Pausen das
Spielfeld, und selbst im Verlauf des Spiels ertönte
Musik aus den Lautsprechern.
Während des 12jährigen Bestehens der MISL spielten zu unterschiedlichen Zeiten 32 Mannschaften,
aber als sie aufgab, waren es nur sieben. Pro Spiel
sahen durchschnittlich 8.000 Fans zu, aber durch
Fernsehübertragungen konnte kein Geld eingenommen werden.
Im Juni 1993 riefen die Besitzer der nationalen
Basketball-Liga (National Basketball League - NBA)
eine neue Hallenfußball-Liga ins Leben. Sie sehen
sie als Chance, um ihre Stadien und Mitarbeiter
außerhalb der Basketballsaison zu nutzen. Die acht
Mannschaften wollen den Spielern während der
dreimonatigen Saison zwischen 6.000 und 9.000
Dollar bezahlen.
Jerry Buss, der Besitzer des Los Angeles Lakers
Basketballteams mußte zusehen, wie seine letzte

AMERIKA DIENST 17

Hallenfußball-Mannschaft Millionen Dollar vor leeren
Rängen verlor. Er bezweifelt, daß die Amerikaner
ihre Sommerabende in der Halle verbringen wollen.
"Ich weiß nicht, ob Hallenfußball im Sommer gut
geht", stellt er fest. "Aber ich weiß, daß es im Winter
nicht funktioniert."
Die nationale Profi-Fußball-Liga (National Professional Soccer League - NPSL) mit ihren 13 Mannschaften besteht seit 1984 und führte solche Tricks ein wie
drei Punkte für ein aus über 15 Metern erzieltes Tor,
zwei Punkte für reguläre Tore und einen Punkt für ein
beim sogenannten Elfmeterschießen errungenes Tor.
Damit erhält das Spiel nicht nur mehr Statistiken,
sondern auch mehr Tore.
Trotz ihres Durchhaltevermögens hat die NPSL
mehrere Clubs, die am Rande des Konkurses operieren, und es ist keine Saison vergangen, ohne daß ein
Club schließen mußte. Ihre gewöhnlichen Spieler
erhalten kein volles Gehalt.
Was immer die Zukunft des Hallenfußball sein mag,
sein Beitrag zur Popularität des Fußball in den
Vereinigten Staaten ist fraglich. Paul Gardner, der für
die Puristen unter den Fußballfans sprach, schrieb
zum Ende der MISL: "Von Anfang an war die MISL
ein Parasit im wirklichen Fußball. Sie zog Energie,
Geld und Talent vom Fußball im Stadion ab." Obwohl der Hallenfußball dem Sport einige neue Fans
eingebracht haben mag, könnte er den Durchschnittsamerikaner über die wahre Natur des Sports verwirrt
haben.

Jetzt ein amerikanisches Spiel
Seit dem Ende der NASL sind eine Reihe von
Fußball-Ligen in der amerikanischen Sportszene
aufgetaucht, aber mit Ausnahme der führenden
Hallenfußball-Liga (MISL), die 1992 nach 12 Jahren
ein Ende nahm, waren alle bestenfalls Halbprofis.
Die amerikanische Profi-Fußball-Liga (American
Professional Soccer League - APSL) beendete die
Saison 1993 mit fünf Mannschaften, 1993 kamen drei
kanadische Teams hinzu. Durchschnittlich verdienten
die Spieler, was im amerikanischen Profisport einem
Almosen gleichkommt - rund 10.000 Dollar für die
fünfmonatige Saison. (Das Durchschnittsgehait eines
Spielers in der führenden Baseball-Liga beträgt in
den Vereinigten Staaten 1 Million Dollar).
Die APSL wird vom amerikanischen Fußballbund als
Profi-Liga angesehen, aber im Plan des Fußballbundes für eine Profi-Liga nimmt die APSL einen von
vier Zweitligistenplätzen ein. Die anderen drei

Seite 5

�Zweitligistenplätze sind ebenso wie die erste Division
unbesetzt.
Die überregionale Fußball-Liga der Vereinigten
Staaten (United States Inter-regional SoccerLeague
- USISL) ist ein landesweiter Zusammenschluß von
40 Clubs in fünf Regional-Ligen. Sie hat keinen
Ehrgeiz, eine führende Liga zu werden und beschreibt sich selbst als zwischen der zweiten und
dritten Division liegend.
Fußball hat über die Jahre Interesse bei kleineren
Ligen wie dieser erweckt, und keine ist je zur führenden Liga aufgestiegen. Wenn eine nationale ProfiLiga entsteht, kommt sie von oben wie die NASL.

Toye ist der Ansicht, daß Investoren für eine neue
Liga gefunden werden können, wenn ein solider Plan
vorgelegt wird, der erläutert, wie in der Vergangenheit
begangene Fehler nicht wiederholt werden.
"Die NASL hat ein Erbe hinterlassen", so Toye.
"Fußball ist nicht länger ein komisches, von Ausländern gespieltes Spiel. Es ist jetzt ein amerikanisches Spiel, und die Söhne und Töchter von Abteilungsleitern großer Unternehmen spielen es."
In der Tat. Und auch die Kinder von Präsident
Clinton und Vizepräsident AI Gore spielen Fußball.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 17

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Südafrika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verstärkte amerikanische Hilfe für Südafrika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Radioansprache des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Leiterin des Umweltschutzamts fordert mehr "Umweltdemokratie"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Carol Browner&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. AIDS&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;AIDS-Krise hat weitreichende Implikationen für amerikanische Politik &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Timothy Wirth&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Film&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ausländische Filme in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Marketing und Verleih&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Fußball&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fußball in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Mike Woitalla&lt;/em&gt;</text>
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