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17. April 1991

15

NEUE WELTORDNUNG

BUSH: NEUES EUROPA MIT NEUEN ROLLEN
UND INSTITUTIONEN
Rede zur "Neuen Weltordnung"

NAHER OSTEN

US-TRUPPEN HELFEN BEI EINRICHTUNG VON
FLÜCHTLINGSLAGERN IM IRAK
Pressekonferenz von Präsident Bush

KOORDINIERTE BESTREBUNGEN ZUR
UNTERSTÜTZUNG DER IRAKISCHEN
FLÜCHTLINGE IN DIE WEGE GELEITET
Darstellung der internationalen Zusammenarbeit
HUMANITÄRE US-HILFE FÜR IRAKISCHE
FLÜCHTLINGE
Eine Übersicht des Weißen Hauses

NICHTVERBREITUNG

DIE NICHTVERBREITUNGSPOLITIK DER
VEREINIGTEN STAATEN
von Ronald F. Lehman II

WIRTSCHAFT

DAS PROGRAMM DES PRÄSIDENTEN ZUR
FÖRDERUNG DES WIRTSCHAFTSWACHSTUMS
Übersicht des Weißen Hauses vom 9. April 1991

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NEUE

WELTORDNUNG
17. April 1991

BUSH: NEUES EUROPA MIT NEUEN ROLLEN
UND INSTITUTIONEN
Rede zur "Neuen Weltordnung"
MONTGOMERY (ALABAMA) - (AD) - In einer Rede an der Air University auf dem Luftwaffenstützpunkt Maxwell - die erste in einer Reihe von Reden des Präsidenten zur "Neuen Weltordnung" - erklärte Präsident Bush
am 13. April 1991, die Vereinigten Staaten seien sich bewußt, "daß neue Rollen und selbst neue Institutionen
natürliche Folgen des neuen Europas sind". Die Vereinigten Staaten erwarteten von Europa "als Stabilitätsfaktor
außerhalb seiner Grenzen zu wirken".
Zu den Hilfsmaßnahmen fürdie Kurden stellte der Präsident fest, daß die Vereinigten Staaten "keine Störungen"
der massiven Hilfsbemühungen der internationalen Staatengemeinschaft für die "Hunderttausenden von Flüchtlingen" seitens des irakischen Präsidenten Saddam Hussein tolerieren werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush in wesentlichen Auszügen.

Über vier Jahrzehnte haben wir in einer geteilten Welt
gelebt, einer Welt, die auf einen Konflikt der Rüstungen
und Ideen fixiert war, den wir als kalten Krieg bezeichnen, - zwischen Ost und West, zwischen zwei Supermächten, die durch Mißtrauen und ständige Feindschaft getrennt waren. Über vier Jahrzehnte konzentrierten die Vereinigten Staaten ihre Energien auf die
Eindämmung der Bedrohung für die freie Welt durch
die Kräfte des Kommunismus. Dieser Krieg ist vorbei.
Die DDR ist völlig von der Landkarte verschwunden.
Heute ist die Berliner Mauer, die einst einen Kontinent
zerschnitt und die Welt in zwei Teile spaltete, zu Staub
zerfallen und existiert nur noch in Form von Souvenirs.
Ihre übriggebliebenen Teile haben nur noch Museumswert.
Der Warschauer Pakt ist vergangene Woche Geschichte geworden, und dies vollzog sich nicht mit
einem Knall, sondern mit einem letzten Aufseufzen,
und sein Hinscheiden war der Washington Post nur
einen Artikel auf Seite A-16 wert.
In den kommenden Wochen werde ich im einzelnen
auf die Möglichkeit einer Neuen Weltordnung nach
dem kalten Krieg eingehen. In den vergangenen
Wochen habe ich mich nicht nur auf den Golf, sondern
auch auf den freien Handel, das Nordamerikanische

AMERIKA DIENST 15

Freihandelsabkommen, die Uruguay-Runde, Handelsgespräche und die Notwendigkeit konzentriert, vom
Kongreß der Vereinigten Staaten eine Verlängerung
des "Fast-Track"-Mandats zu erhalten, um unser Ziel
zu erreichen.
Heute möchte ich jedoch einen anderen Aspekt dieser
Ordnung erörtern, und zwar unsere Beziehungen zu
Europa und zur Sowjetunion.
Zweimal in diesem Jahrhundert wurde ein auf den
Schlachtfeldern Europas geborener Traum nach der
Einstellung des Feuers zunichte gemacht - der Traum
von einer Welt, in der führende Mächte zusammenarbeiten, um den Frieden zu sichern, um ihre Streitigkeiten durch Kooperation und nicht Konfrontation beizulegen. Heute ist ein umgestaltetes Europa seiner
freien und demokratischen Bestimmung näher gerückt
als je zuvor. Endlich macht Europa Fortschritte und
geht einer neuen Welt der Hoffnung entgegen.
Gleichzeitig sind unsere europäischen Verbündeten
und wir von der Politik des Containment zu einer Politik
des aktiven Engagements in einer Welt übergegangen, die nicht mehr von den Spannungen und Animositäten des kalten Krieges geprägt ist. Als nämlich der
kalte Krieg zu Ende ging, erkannten wir die Möglichkei-

Seite 1

�ten einer neuen Weltordnung, in der die Nationen
zusammenarbeiten, um Frieden und Wohlstand zu
fördern. Ich spreche hier nicht über einen Plan, der das
Verhalten der Nationen bestimmen wird, oder über
eine Art von supranationaler Struktur oder Institution.
Die Neue Weltordnung bedeutet nicht, auf unsere
nationale Souveränität zu verzichten oder unsere Interessen preiszugeben. Sie bezeichnet eigentlich eine
Verantwortung, die uns durch unsere Erfolge auferlegt
ist. Sie bezieht sich auf neue Wege der Zusammenarbeit mit anderen Nationen, um Aggression abzuschrekken und Stabilität zu erlangen, um Wohlstand und vor
allem Frieden zu schaffen. Sie erwächst aus Hoffnungen auf eine Welt, die auf einem von kleinen und
großen Nationen geteilten Engagement für eine Reihe
von Prinzipien gründen, die unsere Beziehungen untermauern - friedliche Beilegung von Konflikten, Solidarität gegen Aggression, reduzierte und kontrollierte
Waffenarsenale und gerechte Behandlung aller Völker.
Diese Ordnung, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit,
mußte im Golf krieg ihre erste Prüfung bestehen. Zum
ersten Mal wurde ein regionaler Konflikt - die Aggression gegen Kuwait - nicht zum Stellvertreterkrieg für
die Konfrontation der Supermächte. Zum ersten Mal
funktionierte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen - befreit von dem Zusammenprall der Ideologien
des kalten Krieges - so, wie von seinen Begründern
beabsichtigt - als Kraft für die Lösung von Konflikten
und kollektive Sicherheit.
Am Golf schlössen sich Staaten aus Europa und
Nordamerika, Asien und Afrika sowie der arabischen
Welt zusammen, um der Aggression Einhalt zu gebieten und für andere mögliche Tyrannen in der ganzen
Welt ein Zeichen zu setzen. Indem wir gemeinsam zur
Verteidigung einer kleinen Nation handelten, zeigten
wir, daß wir bei der Verteidigung von Prinzipien gegen
Aggressoren zusammenarbeiten konnten.
Darüber hinaus haben wir erkannt, daß das Ende des
kalten Krieges uns kein Zeitalter des ewigen Friedens
bescherte. Mit dem allmählichen Verschwinden alter
Bedrohungen treten neue auf den Plan. Die Suche
nach einer Neuen Weltordnung ist teilweise eine Herausforderung, um die Gefahren der Unordnung zu
zügeln. Heute ist Kuwait - Gott sei Dank - frei.
Der Aufruhr in jener krisengeschüttelten Region hält
jedoch an. Saddams andauernde Barbarei hat sein
Regime außerhalb der internationalen Ordnung gestellt. Wir werden uns nicht in den Bürgerkrieg im Irak
einmischen. Das irakische Volk mu ß selbst über seine
politische Zukunft bestimmen.
Wenn ich Sie hier sehe und dabei an Ihre Familien
denke, möchte ich dies noch ein wenig eingehender
erläutern. Wir haben unsere Ziele definiert. Diese
durch das Völkerrecht gedeckten Ziele wurden er-

Seite 2

reicht. Ich habe eindeutig klargestellt, daß unsere
Truppen nach Hause kommen werden, sobald unsere
Ziele verwirklicht sind. Trotzdem wolten wir, daß die
Leiden dieser Flüchtlinge beendet werden, und im
Einklang mit dem Mitgefühl und der Anteilnahme unserer
Nation helfen wir in massivem Umfang. Aber ich
möchte unsere Truppen sobald wie möglich aus dem
Irak abziehen und zurück nach Hause holen.
Seit vielen Jahren ist der Irak Schauplatz innerer
Konflikte. Wir stellen Hüte zur Verfügung, und wir
werden diesen Flüchtlingen auch weiterhin helfen. Ich
möchte jedoch nicht, daß ein einziger Soldat in diesen
Bürgerkrieg im Irak gestürzt wird, der seit vielen Jahren
tobt. Und ich werde dies nicht zulassen.
Ich weiß, daß durch die historischen Bemühungen der
Koalition die Fähigkeit Saddam Husseins zu Aggressionen gegen seine Nachbarn zerstört wurde. Sie
haben diese Arbeit geleistet. Aber heute wird die
internationale Staatengemeinschaft darüber hinaus
gewährleisten, daß Saddams Fähigkeit zur Bedrohung seiner Nachbarn völlig beseitigt wird, indem die
Massenvernichtungswaffen des Irak zerstört werden.
Und wie ich bereits erwähnte, werden wir den irakischen Flüchtlingen, den Hunderttausenden von Opfern dieses Mannes - der Brutalität Saddam Husseins
- weiterhin helfen, um ihnen Nahrung und Obdach
sowie Sicherheit und die Möglichkeit zu bieten, unbeschadet in ihre Heimat zurückzukehren. Wir werden
keine Störungen dieser internationalen Hilfsmaßnahmen tolerieren.
Der Irak kann erst dann in die Staatengemeinschaft
zurückkehren, wenn seine politisch Verantwortlichen
die Brutalität und Unterdrückung beenden, die ihr Land
zerstören. Mit Saddam an der Macht wird der Irak ein
Ausgestoßener bleiben, und seiner Bevölkerung wird
die moralische Verbindung mit dem Großteil der
Außenwelt verwehrt bleiben. Wir müssen auf dem
Erfolg von Wüstensturm aufbauen, um dieser neuen
Weltordnung neue Konturen und neuen Auftrieb zu
verleihen, um Macht klug einzusetzen und die Hand
der Anteilnahme auszustrecken, wo immer wir können.
Heute begrüßen wir die Bereitschaft Europas, einen
Gro ßteil dieser Verantwortung übernehmen zu wollen.
Dieses neue Verantwortungsbewußtsein seitens unserer europäischen Verbündeten wird im östlichen Teil
Europas besonders deutlich und ist dort am entscheidendsten. Die Nationen Osteuropas - die so lange Zeit
das andere Europa waren - müssen jetzt ihren Platz
neben ihren Nachbarnim Westen einnehmen. Ebenso
wie wir die politische Teilung Europas überwunden
haben, müssen wir jetzt den Übergang von Anmut zu
Wohlstand erleichtern.
Die Vereinigten Staaten werden wie bisher ihren Teil
dazu beitragen, und wir haben bereits Polens Schulden gegenüber den Vereinigten Staaten um 70 Pro-

AMERIKA DIENST 15

�zent erlassen und unsere Hilfe an Osteuropa in diesem
Jahr um 50 Prozent erhöht. Aber der Schlüssel zur
Entwicklung dieser neuen Demokratien sind Handel
und Investititonen. Die neuen Unternehmer in der
Tschechoslowakei, Polen und Ungarn erwarten weder
von ihren eigenen noch von anderen Regierungen,
daß sie mit Reichtümern überschüttet werden. Sie
erwarten neue Möglichkeiten, neue Freiheiten für den
produktiven Erfindergeist, der 40 Jahre durch staatliche Kontrolle erstickt wurde.
Gestern hat mich mein geschätzter Freund, ein Mann,
den wir alle ehren und zu schätzen wissen - der
tschechische Präsident Vaclav Havel - angerufen und
um Rat und Hilfe des Westens gebeten. Er sieht sich
enormen Problemen gegenüber. Wie Sie wissen,
möchte die Tschechoslowakei demokratisch werden.
Dieser Mann führt sein Volk zur Perfektionierung seiner aufstrebenden Demokratie. Die tschechische
Wirtschaft befindet sich auf dem Weg von einem
gescheiterten sozialistischen Modell zu einer Marktwirtschaft. Wir alle müssen helfen.
Es ist nicht leicht, staatseigene und staatlich betriebene Waffenschmieden in marktorientierte Unternehmen zur Produktion von Konsumgütern umzuwandeln.
Aber^diese neuen Demokratien können mit dem richtigen Rat und der Hilfe des Westens genau das erreichen.
Es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten von
Amerika, daß die Tschechoslowakei, Polen und Ungarn diese aufstrebenden Demokratien und ihre im
Entstehen begriffene Marktwirtschaft stärken.
Wir sind uns bewußt, daß neue Rollen und selbst neue
Institutionen natürliche Folgen des neuen Europas
sein werden. Sei es die Europäische Gemeinschaft
oder ein erweitertes Mandat der KSZE - die Vereinigten Staaten unterstützen alle Bestrebungen, um einen
europäischen Ansatz zu der gemeinsamen Herausforderung auf dem Kontinent und der Welt darüber hinaus
in der Erkenntnis zu erarbeiten, daß die langfristige
Sicherheit Europas mit der Amerikas verknüpft und die
NATO nach wie vor das beste Instrument zu ihrer
Gewährleistung ist.
Darüber hinaus erwarten wir von Europa als Stabilitätsfaktor außerhalb seiner Grenzen zu wirken. In
einer so interdependenten Welt kann keine Industrienation ihre Mitgliedschaft in der internationalen Staatengemeinschaft einnehmen, ohne ihren fairen Teil an
Verantwortung für Frieden und Sicherheit zu übernehmen.
Aber selbst angesichts solcher begrüßenswerten
Veränderungen werden die Amerikaner zur Unterstützung des erfolgreichsten Bündnisses der Geschichte
- der NATO - in Europa bleiben. Das amerikanische
Engagement ist der beste Garant für ein sicheres
Europa und ein sicheres Europa ist unabdingbar für die

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amerikanischen Interessen und entscheidend für den
Weltfrieden.
Das ist die grundlegende Logik des atlantischen Bündnisses, die Amerika in Europa verankert. Die Geschichte dieses Jahrhunderts lehrt, daß das Schicksal
und die Interessen der Vereinigten Staaten nicht von
denen Europas getrennt werden können. Im Verlauf
der langen Jahre des kalten Kriegs und Konflikts haben
sich die Vereinigten Staaten unerschütterlich für Freiheit in Europa eingesetzt. Und heute, da Osteuropa
sich den demokratischen Idealen öffnet, werden echte
Fortschritte möglich.
Die Sowjetunion ist mit ihrer tiefgreifenden Umgestaltung befaßt. Die Politik der Konfrontation in Übersee
ruht ebenso wie das diskreditierte Dogma des Kommunismus, dem diese Politik entsprang, und hat vielleicht
sogar ihren Todesstoß erhalten. Vieles hat sich verändert. Der von Präsident Gorbatschow eingeschlagene
und am Persischen Golf am deutlichsten zutage getretene Weg internationaler Zusammenarbeit markiert
einen radikalen Wandel im sowjetischen Verhalten.
Dennoch ist der Kurs der Veränderungen innerhalb der
Sowjetunion entschieden weniger deutlich. Die wirtschaftlichen und politischen Reformen stehen dort vor
einer ernsthaften Herausforderung. Die sowjetischen
Bürger sehen sich angesichts des Zusammenbruchs
der alten Ordnung mit erschreckenden Wirtschaftsbedingungen konfrontiert, während die neue Ordnung
noch in den Geburtswehen liegt. Ihre hart erkämpften
Freiheiten sind durch althergebrachte Nationalitätenkonflikte, Konflikte zwischen den Republiken und zwischen den Republiken und der Zentralregierung gefährdet und kommen zu den monumentalen Herausforderungen hinzu, denen sie sich gegenübersehen.
Die Politik der Vereinigten Staaten gegenüber der
Sowjetunion in diesen schwierigen Zeiten besteht vor
allem darin, die Bestrebungen zum Aufbau kooperativer Beziehungen fortzusetzen, die es unseren beiden
und vielen anderen Nationen ermöglicht haben, den
internationalen Frieden und Stabilität zu stärken.
Gleichzeitig werden wir weiterhin den Reformprozeß in
der Sowjetunion unterstützen, der politische und wirtschaftliche Freiheit zum Ziel hat - einen Prozeß, der
unseres Erachtens auf friedlichen Dialog und Verhandlungen aufbauen muß. Diese Politik verfolgen wir
unerschütterlich sowohl in unseren Gesprächen mit
der sowjetischen Zentralregierung als auch mit allen
im politischen Leben der Sowjetunion engagierten
Elementen.
Lassen Sie mich eines eindeutig klarstellen. Der vor
der Sowjetunion liegende Weg wird schwierig und
gelegentlich außerordentlich schmerzlich sein. Die
Geschichte wiegt schwer auf allen Völkern in der
Sowjetunion - die Befreiung von 70 Jahren kommunistischer Herrschaft, von tausend Jahren der Autokratie. Dieser Prozeß wird sich langsam vollziehen. Es

Seite 3

�wird Rückschläge geben. Aber dieser Reformprozeß,
dieser Umbruch von innen muß weitergehen. Wenn
die Zusammenarbeit mit anderen Ländern und unsere
Fortschritte zu echtem internationalem Frieden von
Dauer sein sollen, muß ihm Erfolg beschieden sein.
Nur wenn diese Umgestaltung vollzogen sein wird,
können wir die sich durch diese neue und umfassende
Weltordnung bietenden Möglichkeiten voll und ganz
ausschöpfen.

Was aber diese Nation definiert, was dieses Amerika
ausmacht, sind nicht unsere Bindungen an ein Stück
Land oder unsere Blutsbande. Was uns Amerikaner
ausmacht, ist unser Glaube an die Idee, daß alle
Völker überall auf der Welt frei sein müssen. Diese
Idee ist so alt und so beständig wie diese Nation selbst.
Sie ist in dem, was wir sind, als implizites Versprechen
an die ganze Welt in den Worten unserer Unabhängigkeitserklärung enthalten.

Die neue Weltordnung ist in der Tat ein Instrument zur
Bewältigung der neuen Welt der Möglichkeiten. Diese
Ordnung erhält ihre Aufgabe und Gestalt nicht nur aus
gemeinsamen Interessen sondern auch aus gemeinsamen Idealen. Und die Ideale, die neue Freiheiten auf
der ganzen Welt hervorgebracht haben, fanden ihren
kühnsten und deutlichsten Ausruckin unserem großen
Land, den Vereinigten Staaten.

Die vor uns liegende neue Welt - und ich wünschte, ich
hätte Ihr Alter - ist eine wundervolle Welt der Entdekkung, eine Welt, die sich der Freisetzung der Versprechungen der Freiheit verschrieben hat. Sie ist genausowenig gegliedert wie ein Traum, genausowenig
reglementiert wie der Geniestreich eines Erfinders.
Wenn wir uns selbst und unseren Werten vertrauen,
wenn wir unseren Pioniergeist zur Erforschung der
Welt jenseits unserer Ufer beibehalten, wenn wir das
Engagement für die Welt anstreben, die uns ruft, dann
und nur dann wird Amerika dem besten in uns gerecht.

Niemals zuvor hat die Welt so sehr auf die Vereinigten
Staaten als Vorbild geblickt wie heute. Nie zuvor
haben so viele Millionen Menschen Hoffnung aus der
amerikanischen Idee geschöpft. Und der Grund dafür
liegt auf der Hand. Im Gegensatz zu allen anderen
Nationen der Welt erfreuen wir Amerikaner uns der
tiefen und geheimnisvollen Bande der Zuneigung und
des Idealismus. Wir fühlen unsere tiefe Verbundenheit
zu Gemeinschaft, Familie und unseren Überzeugungen.

*

Seite 4

Möge Gott unsere große Nation, die Vereinigten Staaten von Amerika, schützen. Ich danke Ihnen allen für
das, was Sie für die Freiheit und unsere grundlegenden Werte getan haben.
Vielen Dank.

* * *

*

AMERIKA DIENST 15

�NAHER

OSTEN
17. April 1991

US-TRUPPEN HELFEN BEI EINRICHTUNG VON
FLÜCHTLINGSLAGERN IM IRAK
Pressekonferenz von Präsident Bush
WASHINGTON - (AD) - Bei einer Pressekonferenz hat Präsident Bush am 16. April 1991 erklärt, er werde als
Teil "erheblich erweiterter und ehrgeizigerer Hilfsbemühungen" amerikanische Truppen in den Nordirak
entsenden, um bei der Einrichtung vorübergehender Flüchtlingslager zu helfen, die den Vereinten Nationen
übergeben würden.
"Wenn wir den in den Gebirgen entlang der türkisch-irakischen Grenze lebenden Kurden keine ausreichende
Nahrung, Kleidung, Medikamente und Unterkünfte liefern können, müssen wir die Kurden ermutigen, in Gebiete
im Nordirak zu gehen, in denen die geographischen Voraussetzungen solch umfangreiche Hilfsmaßnahmen
erleichtern, anstatt sie zunichte zu machen", stellte Bush fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

Bush: Ich werde zunächst eine kurze Erklärung
abgeben und danach gern einige Fragen beantworten.
Vor elf Tagen, am 5. April 1991, habe ich angekündigt,
daß die Vereinigten Staaten Maßnahmen einleiten
würden, die sich bald zur größten amerikanischen
Hilfsaktion der modernen Militärgeschichte entwickelten. Dieses Vorgehen wurde durch die schreckliche
menschliche Tragödie erforderlich, die sich infolge von
Saddam Husseins brutaler Behandlung irakischer Bürger
im und um den Irak ergab.
Innerhalb von 48 Stunden stellte unsere Operation
viele Tonnen Nahrungsmittel, Wasser, Mäntel, Zelte,
Decken und Medikamente für die irakischen Kurden im
Nordirak und in der Südtürkei bereit. Der Umfang
dieser Bemühungen ist wirklich einmalig, und doch
bleibt die Tatsache bestehen, daß das Ausmaß des
Problems noch größer ist. Hunderttausende irakischer Kurden befinden sich in schwer zugänglichen
Bergregionen in der Südtürkei und entlang der türkisch-irakischen Grenze.
Die Regierung der Türkei hat zusammen mit amerikanischen, britischen und französischen Militäreinheiten
und zahlreichen internationalen Organisationen eine
massive Hilfsaktion eingeleitet. Aber trotz dieser
Bemühungen fordern Hunger, Unterernährung, Krankheiten und das Klima ihren grausamen Tribut. Nie-

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mand kann die Bilder sehen oder die Berichte über das
menschliche Leid anhören - von Männern, Frauen und,
was am schmerzlichsten ist, von unschuldigen Kindern -, ohne davon tief betroffen zu sein.
Aus diesem Grund kündige ich heute nachmittag nach
Konsultationen mit Premierminister Major, Präsident
Mitterrand, Präsident özal, Bundeskanzler Kohl und
UN-Generalsekretär Perez de Cuellar erheblich erweiterte und ehrgeizigere Hilfsbemühungen an. Der Ansatz
ist ziemlich einfach: Wenn wir den in den Gebirgen
entlang der türkisch-irakischen Grenze lebenden Kurden keine ausreichende Nahrung, Kleidung, Medikamente und Unterkünfte liefern können, müssen wir die
Kurden ermutigen, in Gebiete im Nordirak zu gehen, in
denen die geographischen Voraussetzungen solch
umfangreiche Hilfmaßnahmen erleichtern, anstatt sie
zunichte zu machen.
Im Einklang mit der Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats und in enger Abstimmung mit den Vereinten
Nationen und anderen internationalen Hilfsorganisationen sowie unseren europäischen Partnern habe ich
das amerikanische Militär angewiesen, unverzüglich
damit zu beginnen, mehrere Lager im Nordirak einzurichten, in denen für diese Flüchtlinge Hilfsgüter in
großem Umfang zur Verfügung gestellt und ordnungsgemäß verteilt werden.

Seite 1

�Ich kann gut nachempfinden, daß viele Kurden Grund
haben, bei einer Rückkehr in den Irak um ihre Sicherheit zu fürchten, und ich möchte ihnen hiermit versichern, daß in diesen Übergangslagem ausreichende
Sicherheit durch amerikanische, britische und französische Truppen gewährleistet ist. Auch dies steht im
Einklang mit Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats.
Wir hoffen, daß sich auch andere Mitglieder der Koalition an diesen Bemühungen beteiligen werden.
Ich möchte unterstreichen, daß alles, was wir tun, aus
humanitären Gründen geschieht. Wir erwarten weiterhin, daß die Regierung des Irak diese neuesten Hilfsbemühungen in keiner Weise stört. Das Verbot von
Flügen irakischer Starr- und Drehflügler nördlich des
36. Breitengrads bleibt bestehen.
Ich möchte ferner betonen, daß diese neuen Bemühungen trotz ihres Ausmaßes und Umfangs nicht als
Dauerlösung für die Notlage der Kurden gedacht sind.
Im Gegenteil, sie stellen eine vorübergehende Maßnahme dar, um unmittelbare und tiefgreifende menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Unser langfristiges Ziel
bleibt bestehen: daß die irakischen Kurden und alle
anderen irakischen Flüchtlinge, wo immer sie sich
aufhalten, nach Hause zurückkehren und dort in Frieden, ohne Unterdrückung und in Freiheit leben können.
Ich möchte darüber hinaus darauf verweisen, daß wir
uns auch über die irakischen Flüchtlinge entlang der
irakisch-iranischen Grenze und im Iran akute Sorgen
machen. Ich möchte die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft für ihre Bemühungen loben, die
Not in diesem Gebiet zu lindern. Auch wir haben
angeboten, zu den internationalen Bemühungen zur
Bewältigung dieser humanitären Herausforderung einen
Beitrag zu leisten.
Wie ich bereits ausgeführt habe, stellen die heute
angekündigten Hilfsmaßnahmen ihrem Ausmaß und
Ansatz nach ein grundverschiedenes Unterfangen dar.
Was sich jedoch nicht verändert hat, ist die zugrundeliegende Politik. Ich habe stets erklärt, daß sich die
Vereinigten Staaten nicht militärisch in die inneren
Angelegenheiten des Irak einmischen und riskieren
werden, sich in einen Sumpf ziehen zu lassen wie in
Vietnam. Das ist auch weiterhin der Fall. Wir werden
auch keine Besatzungsmacht mit amerikanischen
Truppen werden, die auf den Straßen Bagdads patrouillieren.
Wir möchten die Verwaltung sowie die Sicherheit
dieser Orte sobald wie möglich den Vereinten Nationen anvertrauen, so wie wir unsere Verpflichtung
erfüllen, unsere Truppen entlang der Südgrenze des
Irak mit Kuwait abzuziehen und die Verantwortung den
UNO-Truppen zu übergeben.

Seite 2

Wir müssen jedoch alles in unserer Macht Stehende
tun, um das Leben unschuldiger Menschen zu retten.
Das entspricht der amerikanischen Tradition, und wir
werden dieser Tradition weiterhin gerecht werden.
Frage: Herr Präsident, Schätzungen Ihrer Regierung
zufolge sterben täglich bis zu tausend Kurden. Was
entgegnen Sie den Kritikern, die behaupten, Sie hätten
zu wenig und zu spät gehandelt und Sie hätten gerade
den Menschen den Rücken zugekehrt, die Sie zum
Aufstand gegen Saddam Hussein ermutigt haben?
Antwort: Ich bin nicht der Meinung, wir hätten zu
wenig und zu spät reagiert. Es handelt sich hier um ein
äußerst schwieriges logistisches Problem. Und wie ich
in meiner Erklärung feststellte, haben wir große Mengen an Hilfsgütern dorthin geschickt, und zwar nicht
nur die Vereinigten Staaten, sondern auch andere
Länder und zahlreiche private Hilfsorganisationen leisten dort Unterstützung. Dies ist unsere Politik. Ich
glaube jedoch, daß wir heute eine bessere Chance
haben, um die Hilfsmaßnahmen zu erleichtern und die
Kurden durch dieses von mir heute verkündete Programm in eine bessere Lage zu bringen. Es haben
sehr umfangreiche Konsultationen mit den Türken und
anderen stattgefunden, die sich hieran beteiligen. Aber,
das andere von Ihnen Vorgebrachte kann ich einfach
nicht akzeptieren.
Frage: Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern,
bis die UNO-Truppen von den Amerikanern und anderen Verbündeten die Verantwortung übernehmen
können?
Antwort: Das wissen wir nicht. Natürlich je eher,
desto besser. Die UNO-Truppen werden in den Süden
einrücken - die Blauhelme -, und wir hoffen und erwarten, daß dies in wenigen Tagen geschehen sein wird.
Aber mit diesem Unternehmen beginnen wir gerade
erst, und wir müssen zunächst feststellen, was zu tun
ist. Es könnte eine UNO-Friedenstruppe oder Blauhelme der Vereinten Nationen dort erforderlich werden,
eine neue Resolution des Sicherheitsrats. Dabei geht
es um ein kompliziertes Problem angesichts der Tatsache, daß einige der Mitglieder, die im Rahmen der
Koalition voll und ganz hinter uns standen, mit einem
solchen Vorgehen Probleme haben könnten.
Frage: Herr Präsident, Sie sprechen sich von jeder
Verantwortung frei, und doch haben Sie erwiesenermaßen wiederholt die Iraker aufgefordert, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen, und Sie haben
nie gesagt: Nicht ihr, die Kurden oder nicht ihr, die
Schiiten. Wie können Sie dies dann weiterhin sich
selbst gegenüber rechtfertigen, wenn das Gewissen
der Welt dadurch geweckt wurde und wir die Bilder
dieser schrecklichen Leiden sehen...

AMERIKA DIENST 15

�Antwort: Nun, ich denke, daß alle Amerikaner...
Frage: Natürlich wurden Sie davon überrascht, und
Sie hatten keine langfristige Politik für das, was letztlich geschehen würde. Werden sie für den Rest ihres
Lebens Flüchtlinge bleiben?
Antwort: Ich hoffe nicht. Es gibt bereits genug
Dauerflüchtlinge, und wir versuchen, in verschiedenen
Gebieten etwas dagegen zu unternehmen. Die Ziele
waren von Anfang an sehr klar definiert, und zu diesen
Zielen gehörte nie die Eroberung von Bagdad oder der
Tod und die persönliche Vernichtung Saddam Husseins. Es gab viele Leute, die mir von Anfang an
erklärten, ich solle die Sanktionen greifen lassen. Laß
die Sanktionen wirken. Unternimm nichts gegen die
Aggression. Wir haben eine internationale Koalition
historisch einmaligen Ausmaßes angeführt und die
Ziele verwirklicht.
Sie fragen mich, ob ich das Kurdenproblem in diesem
Umfang vorhergesehen habe? Die Antwort lautet:
Nein, das habe ich nicht. Aber müssen sich die
Vereinigten Staaten schuldig fühlen, weil sie den Vorschlag gemacht haben, die Iraker sollten ihr Schicksal
in ihre eigenen Hände nehmen, wobei einige dies wohl
so verstanden haben, die Vereinigten Staaten würden
sie dann militärisch unterstützen? Das stimmte nicht.
Das wollten wir damit nicht sagen.
Glaube ich, Saddam Hussein sollte jetzt abgesetzt
werden? Natürlich, weil es keine normalisierten Beziehungen mit den Vereinigten Staaten und wohl auch
nicht mit den Koalitionspartnern geben wird, bis Saddam Hussein aufgibt. Wir werden die Wirtschaftssanktionen fortführen.
Frage: Geben Sie zu, den Aufstand und den Exodus
gefördert zu haben?
Antwort: Ich gebe nicht zu, den Exodus gefördert zu
haben. Ich habe vorgeschlagen - und darüber gibt es
Unterlagen -, das irakische Volk sollte sein Schicksal in
seine eigenen Hände nehmen und Saddam Hussein
hinauswerfen. Das denke ich immer noch, und ich
hoffe, daß es dazu kommt.
Frage: Es gibt Hunderttausende von Flüchtlingen.
Dazu werden viele Soldaten nötig sein. Wieviele
alliierte und US-Truppen greifen im Norden des Iraks
ein?
Antwort: Ich denke, nur relativ wenige, weil meiner
Ansicht nach Saddam Hussein nicht wagen würde,
Gewalt einzusetzen - wenn man seinen heutigen
Zusagen - denen seiner Vertreter - in den Vereinten
Nationen Glauben schenken darf. Aber das Problem
stellt sich anders dar, als wir glauben. Es lautet, was
denken diese kurdischen Flüchtlinge, denen von diesem Mann Gewalt angetan wurde? Sie denken: wir
können ihn nicht beim Wort nehmen. Wir brauchen
eine gewisse Sicherheit.

AMERIKA DIENST 15

Frage: Sie haben bereits erklärt, die Idee einer Schutzzone im Irak selbst nicht zu mögen, aber wird damit
nicht für Monate absehbar, daß US-Truppen kurdische
Flüchtlinge in dieser Region schützen müssen? Wollen Sie es weiterhin im Dunklen lassen, was die Vereinigten Staten unternehmen würden, wenn die Iraker
gegen die kurdischen (unverständlich)...
Antwort: Ich hoffe, wir sprechen nicht von einer
langfristigen Aktion. Wir arbeiten mit den Franzosen
zusammen, die eine Führungsrolle bei den Maßnahmen übernommen haben, die Kurden zur Rückkehr in
ihre Städte zu bewegen. Eine mögliche Präsenz der
UNO auf den Stationen ihres Rückwegs ist im Gespräch. Das wäre eine gute Idee. Ich habe Herrn
Mitterand erklärt, daß er dabei auf meine Unterstützung rechnen kann.
Aber hierbei sollte man nicht langfristig planen. Der
Hauptpunkt, langfristig oder kurzfristig, war von Anfang an, das Leben der Männer, Frauen und Kinder zu
retten, und dies ist jetzt ein logischer nächster Schritt,
um es zu auf sichere und einfühlsame Weise zu
leisten. Manche mögen dies als Intervention in die
inneren Angelegenheiten des Irak betrachten, aber
meiner Ansicht nach ist das humanitäre Problem der
Flüchtlinge so gravierend, daß man auf Verständnis
zählen kann.
Frage: Werden die US-Streitkräfte diese Gebiete
militärisch schützen, und was werden Sie tun, wenn
die Flüchtlinge angegriffen werden?
Antwort: Diese Art Frage wurde mir vor Beginn des
Kriegs gestellt - was werden Sie tun? Wie werden Sie
darauf reagieren? Ich werde Ihnen keine Einzelheiten
mitteilen, sondern nur erklären, daß diese Menschen
geschützt werden. Wir werden ihnen nicht sagen:
kommen Sie von den Bergen, wir werden Sie schützen, und dann schützen wir sie doch nicht.
Frage: Herr Präsident, wieviele Soldaten werden
voraussichtlich daran beteiligt sein? Und wie sehr
können Sie Ihre Sicherheit garantieren?
Antwort: Eine relativ kleine Zahl, und ich bin im
Hinblick auf ihre Sicherheit sehr zuversichtlich. Wir
haben Luftstreitkräfte dort, falls das erforderlich werden sollte. Wir sind in der Lage, nicht nur unsere
eigenen Leute zu schützen, sondern auch die Menschen, zu deren Schutz wir angetreten sind - in diesem
Falle die Flüchtlinge.
Frage: Können Sie dazu noch etwas sagen? Können
Sie ihre Sicherheit wirklich garantieren, und steht das
Ihrer Meinung nach nicht im Widerspruch zu Ihren
früheren Erklärungen, das Leben von US-Soldaten
nicht aufs Spiel setzen zu wollen?
Antwort: Ja, das kann ich. Ich denke, das ist etwas
ganz anderes, und meiner Ansicht nach ist es genau
das, was erforderlich ist, um diesen Menschen zu

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�helfen. Manche mögen es so interpretieren, ich tue
das nicht. Ich denke, es geht nur um humanitäre
Gründe. Meiner Ansicht nach sind heute bereits
Ausführungen gemacht worden, daß diese Menschen
sicher sein würden. Ich hoffe, es wird sich als richtig
erweisen.
Frage: Herr Präsident, Sie haben noch nichts zur Lage
im Süden gesagt, wo es Tausende von Schiiten gibt,
die gleichermaßen besorgt sind, wenn die Amerikaner
abziehen. Geben Sie ihnen die gleichen Zusagen, daß
sie nicht angegriffen werden?
Antwort: Genau dieselben. Die Vereinten Nationen
werden bald dort sein, und meiner Meinung nach ist
das eine gute Versicherung, daß sie nicht angegriffen
werden. Die Menschen vergessen, daß die Vereinigten Staaten lange Zeit gute Arbeit geleistet haben.
Unsere Truppen kann man nicht genug loben, daß sie
diese Arbeit mit großem Einsatz und Mitgefühl verrichtet haben. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet.
Ich möchte erleben, daß in dieser - neutralen - Region
die Blauhelme einziehen, und dann möchte ich, daß
unsere Soldaten so schnell wie möglich dort abziehen.
Ich möchte sie nach Hause bringen.
Frage: Ihre Frau hat gestern erklärt, Saddam Hussein
könnte für seine Kriegsverbrechen verurteilt und gehängt werden. Teilen Sie diese Meinung?
Antwort: Ich bin selten anderer Meinung als meine
Frau, und das gilt auch in diesem Punkt. Das wichtigste ist jedoch, Saddam Hussein zu bewegen, dort
aufzugeben. Wenn Sie als Vermittler zu mir kämen
und sagten: "Ich kann ihn dort herausbringen, unter
der Bedingung, daß er in einem anderen Land unbehelligt weiterleben kann. Dann würde er niemals
zurückkehren und sein Volk terrorisieren", müßte ich
zwar darüber nachdenken, aber ich wäre unter Umständen bereit zu sagen, wir werden ihn dort herausbringen. Wir wollen so sehr, daß er das Land verläßt,
und es ist meiner Meinung nach so wichtig für die Ruhe
im Land, daß wir die Bedingungen unter Umständen
akzeptieren könnten.
Ob ich ihn der Kriegsverbrechen für schuldig befinde?
Der Umweltterror, die Vergewaltigung und Plünderung
Kuwaits, was er seinem eigenen Volk angetan hat - es
gibt wohl genug Gründe, aufgrund derer er für Kriegsverbrechen verurteilt werden könnte.
Frage: Herr Präsident, Sie sprechen hier davon,
Saddam Hussein loszuwerden und zusätzliche USTruppen in den Irak schicken zu wollen. Wie können
Sie sicher sein, daß die Vereinigten Staaten nicht in die
inneren Angelegenheiten hineingezogen werden - in
den Bürgerkrieg, den Sie so sehr vermeiden wollen.
Antwort: Ich denke positiv, und so beurteilen das
auch die Menschen, die den Krieg so gut überstanden
haben. Ich denke, er würde das nicht riskieren. Saddam

Seite 4

Hussein wird sich nicht wieder so engagieren wollen.
Wir müssen abwarten. Aber ganz sicher werden alle
US-Truppen - wir sprechen nicht über eine große Zahl,
und ich weiß auch nicht, wieviele es genau sind geschützt. Sie werden gut geschützt. Aber ich nehme
das nicht an. Ich erwarte es nicht und meiner Meinung
nach auch nicht der französische Präsident, der britische Premierminister, der UN-Generalsekretär oder
der türkische Präsident - es gibt viele Leute, die an
diesem Problem arbeiten.
Die Lage wird allgemein so beurteilt - und damit lag
man bisher eher richtig als falsch - daß es soweit nicht
kommen wird. Aber wir sind bereit, wenn Gewalt
gegen diese hilflosen Menschen in den Flüchtlingslagern eingesetzt wird.
Frage: Herr Präsident, einige Abgeordnete, die im
Kongreß zunächst gegen die Resolution zum Krieg
gestimmt hatten, erklären heute, Sie hätten die Aufgabe nicht bewältigt und in der Tat ein zweites Vietnam
geschaffen. Wie lautet Ihre Reaktion darauf?
Antwort: Ich muß mich mit meiner Reaktion zurückhalten - auf wen beziehen Sie sich? Auf diejenigen, die
Sanktionen befürworteten oder diejenigen, die den
Einsatz militärischer Gewalt unter allen Umständen
ablehnten?
Frage: Zum Beispiel hat Senator Kennedy gestern
öffentlich erklärt, Sie seien nicht weit genug gegangen,
um die Aufgabe zu Ende zu bringen.
Antwort: Nun, er kann diese Meinung gerne vertreten. Meines Erachtens haben wir die von uns gesteckten Ziele erreicht. Und ich glaube, die ganze Welt wei ß
das. Jetzt sehen wir uns mit einem anderen Problem
konfrontiert- einem immer wiederkehrenden Problem.
Dieser Mann ist schon früher brutal gegen sein Volk
vorgegangen und tut es jetzt wieder.
Ich möchte die Aufmerksamkeit der Kritiker auf unsere
ursprünglichen Ziele lenken - auf die Forderungen der
Vereinten Nationen. Und meines Erachtens wurden
diese Ziele voll und ganz verwirklicht. Ich bin überrascht über diejenigen, die den Einsatz von Gewalt so
vehement ablehnten und jetzt den Einsatz von Gewalt
zur Lösung der Probleme in Bagdad befürworten - aber
das werden wir nicht tun. Und wenn wir Gewalt
einsetzen würden, müßten wir zweifelsohne einen
diplomatischen Ansatz wählen, und das würde ich
ohne die Unterstützung des Kongresses nicht wünschen.
Ich glaube jedoch nicht, daß das erforderlich ist, und so
sollten wir auch nicht vorgehen. Meiner Ansicht nach
wünscht das amerikanische Volk die Heimkehr seiner
Söhne und Töchter - und sie werden nach Hause
zurückkehren. Die einzige Schwierigkeit bei der Rückkehr besteht darin, daß wir die Verantwortung tragen,
alles in unserer Macht Stehende für diese Flüchtlinge
zutun. Das haben wir vom ersten Tag an getan. Und
AMERIKA DIENST 15

�jetzt, angesichts der Verschärfung des Problems und
der Furcht in den Herzen dieser Menschen, in die Täler
hinabzusteigen, unternehmen wir den nächsten Schritt.

ten gehört, daß einige von ihnen Richter und Ärzte
sind, die ein ziemlich angenehmes Leben in den Städten aufgeben mußten.

Das Entscheidende ist jedoch, unsere Männer und
Frauen nach Hause zurückzubringen, und genau das
tun wir im Süden. Jerry hat die richtige Frage gestellt
- welche Garantie haben wir? Die Garantie besteht in
dem Abkommen der Vereinten Nationen, dem der Irak
zugestimmt hat und der Präsenz der Blauhelme der
UN-Friedenstruppe.

Ich hoffe, es kommt zu einer Aussöhnung. Der leichteste Weg zur Versöhnung in diesem Land wäre eine
neue Führung. Daran besteht kein Zweifel.

Frage: Herr Präsident, die Kurden sagen, sie wollen
ein unabhängiges Kurdistan. Das wurde ihnen nach
dem Zweiten Weltkrieg versprochen. Warum sollen
sie es nicht bekommen?

Antwort: Nein, nicht daß ich wüßte.

Antwort: Wie ich bereits gesagt habe, bestand das
Ziel der Vereinigten Staaten nicht in einem zersplitterten, destabilisierten Irak. Das ist die Position unserer
Regierung und der Koalitionsstreitmacht. Das ist die
Antwort.
Frage: Entschuldigen Sie, es war nach dem Ersten
Weltkrieg, daß ihnen ein eigener Staat versprochen
wurde. Ist das für Sie von Bedeutung?
Antwort:
krieg?

Ein Versprechen aus dem Ersten Welt-

Frage: Ja.
Antwort: Nein. Ich sage nein, weil der Irak meines
Erachtens in Frieden und Aussöhung mit den jeweiligen Minderheiten im Irak leben sollte. Im Süden gibt
es Schiiten, in der Landesmitte die Sunniten und die
Anhänger der Baath-Partei und im Norden die Kurden.
Sie sollten ihre Differenzen beilegen und dieses Land
und seine stolze Tradition intakt halten.
Wir werden jedoch nicht den Vorschlag unterbreiten,
daß das Land aufgeteilt werden soll - falls Ihre Frage
darauf abzielte. Ich hoffe, ich habe das von Anfang an
klargestellt.
Frage: Aber können sie je in ihre Heimat zurückkehren, solange Saddam Hussein an der Macht ist?
Antwort: Ja, ich hoffe sehr. Das ist eine gute Frage.
Sie haben Todesangst, in die Täler hinabzusteigen.
Sie müssen jedoch eine Entscheidung treffen. Ich
hoffe, daß der Plan von Francois Mitterrand zum
Tragen kommt - der Vorschlag, Wegestationen einzurichten, damit die Menschen zurückkehren können.
Saddam Hussein hat ihnen gesagt, sie könnten zurückkommen - aber sie schenken seinen Worten keinen Glauben. Sie sind von ihm getäuscht worden. Ich
hoffe sehr, daß sie eines Tages nach Hause zurückkehren können. Viele von ihnen gehören nicht zur
Landbevölkerung. Gestern habe ich in den Nachrich-

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Frage: Herr Präsident, gibt es Verhandlungen hinter
verschlossenen Türen über Saddam Husseins Zukunft? Kommen Unterhändler zu Ihnen?

Frage: Ist er jetzt eher zur Machtaufgabe bereit?
Antwort: Ich denke ja, aber ich kann es nicht beweisen.
Frage: Und niemand ist zu Ihnen gekommen, um zu
vermitteln?
Antwort: Nun, es gibt zahlreiche Widerstandsgruppen und viele Menschen, die seinen Abgang begrüßen
würden. Aber sie sind nicht an mich herangetreten. Es
besteht jedoch kein Zweifel daran, daß viele Iraker für
seinen Abgang sind. Wenn Ihre Frage jedoch darauf
abzielt, ob sie ins Weiße Haus gekommen sind oder
Vorschläge dieser Art unterbreitet haben - meines
Wissens nicht.
Frage: Herr Präsident, Sie haben erwähnt, die Lage
im Iran sei ebenso schwierig. Ihr Plan scheint sich
jedoch nur mit der Situation im Irak zu befassen, und
vielleicht Ihrem Freund, Präsident Özal, zu helfen.
Warum enthält er keine Vorschläge zu den Flüchtlingen im Iran, die noch zahlreicher sind?
Antwort: Wir haben dem Iran Hilfe angeboten. Wie
Sie wissen, unterhalten wir andere Beziehungen mit
dem Staat Iran. Die Deutschen haben mehrere Hundert Millionen...
Scowcroft: 250 Millionen D-Mark.
Antwort: 250 Millionen D-Mark an Hilfe für die Flüchtlinge im Iran bereitgestellt. Verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen haben Hilfsprogramme in die Wege
geleitet - Americare hat bereits Arzneimittel geschickt.
Wir wollen dort helfen. Aber wir müssen realistisch
sein. Der Iran unterhält immer noch gespannte Beziehungen mit den Vereinigten Staaten. Und das wurde
verschiedenen Besuchern gegenüber eindeutig klargestellt. Aber andere springen in die Bresche und
helfen ebenso wie wir den Schiiten im Süden. Bis zu
30.000 Flüchtlingen wurde dank des amerikanischen
Einsatzes geholfen.
Frage: Besteht die Möglichkeit zu einer Verbesserung
unserer Beziehungen zum Iran?

Seite 5

�Antwort: Das hoffe ich. Ich habe immer wieder
gesagt, daß ich verbesserte Beziehungen zum Iran
begrüßen würde. Sie wissen, worum es in unseren
Gesprächen geht - um die Geiseln. Ich werde die als
Geiseln festgehaltenen Amerikaner nicht vergessen.
Ich möchte damit nicht sagen, daß der Iran sie festhält,
aber der Iran könnte großen Einfluß auf ihre Freilassung haben.
Ja, ich hoffe, unsere Beziehungen verbessern sich. Im
Hinblick auf den Iran muß man sich eines vor Augen
führen. Vom ersten Tag an war der Iran besorgt über
die amerikanische Militärpräsenz am Golf. Vom ersten
Tag an bestand sein ganzes Problem darin, daß man
nicht glaubte, wir würden vom Golf abziehen, obwohl
unser Militär schließlich gegen den größten Feind des
Iran eingestzt wurde. Ich hoffe, mit dem Abzug unserer Truppen - und mehrere Hunderttausend sind bereits nach Hause zurückgekehrt und weitere folgen so
rasch wie möglich nach - wird die Furcht, die Iran und
die Vereinigten Staaten getrennt hat, beseitigt.

Frage:
nach?

Wie stehen die Aussichten Ihrer Meinung

Antwort: Ziemlich gut, würde ich sagen. Es gibt zwei
Problembereiche, die wir teilen. Wir beide wünschen
die vollständige Verwirklichung eines KSE-Abkommens. Es gibt ein Abkommen, aber aus unserer Sicht
haben sie einen kleinen Rückzieher gemacht, und wir
versuchen, diese Differenzen beizulegen.
Zweitens haben wir dieses spezielle Gipfeltreffen von
einem START-Abkommen abhängig gemacht. Wir
arbeiten daran. Ich habe mit Richard Burt gesprochen,
der bisher Unterhändler in dieser Angelegenheit war,
und er ist nicht allzu pessimistisch. Aber wir haben die
ganze Zeit gesagt, worauf es ankommt.

Frage: Herr Präsident, was können Sie uns über
Fortschritte im Hinblick auf ein Gipfeltreffen sagen?
Haben Sie und Präsident Gorbatschow Gespräche
geführt?

Das soll jedoch nicht heißen, daß wir uns überhaupt
nicht mit Präsident Gorbatschow zusammensetzen,
wenn diese beiden Probleme nicht gelöst werden. Wir
haben viele gemeinsame Probleme und Anliegen.
Eines davon ist der gesamte Nahe Osten und das
Problem der Flüchtlinge. Wir sollten uns jedoch auf
diesen Gipfel konzentrieren, aber die Möglichkeit haben,
sagen zu können, KSE steht nicht allzu schlecht da,
und ein START-Abkommen wird unterzeichnet.

Antwort: Nicht in jüngster Zeit.

Dies ist meine Position in dieser Angelegenheit.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 15

�NAHER

OSTEN
17. April 1991

KOORDINIERTE BESTREBUNGEN ZUR
UNTERSTÜTZUNG DER IRAKISCHEN FLÜCHTLINGE
IN DIE WEGE GELEITET
Darstellung der internationalen Zusammenarbeit

WASHINGTON - (AD) - "Die Welt reagiert rasch und
entschlossen, um Saddam Husseins Einsatz von Gewalt
gegen sein eigenes Volk zu bekämpfen", erklärte der
Pressesprecher des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater, am 9. April 1991, und es werden koordinierte internationale Bestrebungen in die Wege geleitet, um den
Hunderttausenden irakischen Flüchtlingen Unterstützung zu gewähren.
"Die internationale Staatengemeinschaft hat erneut
die Reihen geschlossen und besteht darauf, daß der
Irak die Repression beendet und den unverzüglichen
und ungehinderten Zugang internationaler Organisation zu allen Hilfsbedürftigen im Land gestattet", so der
Sprecher des Wei ßen Hauses vor Vertretern der Presse.
Fitzwater stellte fest, daß der Generalsekretär der
Vereinten Nationen, Perez de Cuellar, den ehemaligen
Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen
gebeten hat, die Verantwortung für den Schutz und die
Versorgung der Flüchtlinge und Vertriebenen in den
Gebieten im Süden Iraks zu übernehmen, die jetzt von
den Koalitionsstreitkräften besetzt sind.
Die Vertreter des Flüchtlingskommissars sind Fitzwater zufolge angewiesen, "soviel Hilfe wie möglich und
so schnell wie möglich bereitzustellen und ein Team in
den südlichen Irak zu entsenden, um die Bedürfnisse
der vertriebenen Zivilisten festzustellen."
Um die hohen Summen zur Finanzierung dieser
Operation aufzubringen, so Fitzwater, arbeiten die
Vereinigten Staaten eng mit der Europäischen Gemeinschaft und dem UN-Generalsekretär zusammen.
Er erklärte, die in Europa gelagerten Hilfssendungen

AMERIKA DIENST 15

der Vereinigten Staaten würden unverzüglich in die
Türkei transportiert, wo Schätzungen der Vereinten
Nationen zufolge über 270.000 irakische Kurden die
Grenze überquert haben und sich weitere 250.000 in
unmittelbarer Nähe der Grenze im Irak aufhalten.
"Wir legen einen weltweiten Bestand an Hilfsgütern
an, so daß wir andere Regierungen so bald wie möglich
um die Hilfsgüter bitten können, die von den Flüchtlingen besonders benötigt werden", erklärte Fitzwater.
Beim Aufbringen der Mittel, so der Sprecher, prüfen
amerikanische RegierungsVertreter bestehende Konten auf mögliche Quellen und haben das Problem
Vertretern der Koordinierungsgruppe Golfhilfe vorgetragen, die sich bisher mit der Unterstützung im Golfkrieg befaßt hatten.
Fitzwater erinnerte daran, daß die Vereinigten Staaten
seit Beginn der Krise am 2. August vergangenen
Jahres, als der Irak in Kuwait einfiel, an UN-Behörden
und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz 35
Millionen Dollar an Bargeld, Zuschüssen und Sachgütern geleistet haben. Er fügte hinzu, am 5. April hätten
die Vereinigten Staaten erklärt, zusätzlich würden
durch das Rote Kreuz und UNICEF 11 Millionen Dollar
an humanitärer Hilfe bereitgestellt.
Der Sprecher verwies ferner darauf, daß die Europäische Gemeinschaft einen Beitrag von 180 Millionen
Dollar für die Nothilfe zugesagt hat.
Fitzwater erklärte, im Gebiet des von US-Truppen
besetzten südlichen Irak stellten die Streitkräfte den
etwa 40 000 Flüchtlingen und Vertriebenen weiterhin
medizinische Versorgung, Lebensmittel, Wasser und

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�Obdach zur Verfügung. In den ersten zwei Tagen
wurden im Rahmen der Operation Provide Comfort der Abwurf von Hilfsgütern aus Militärflugzeugen für
die Flüchtlinge im Norden -18 Einsätze geflogen und
über 80 Tonnen Hilfsgüter für die Bedürftigen abgeworfen.
Im Außenministerium beschrieb der stellvertretende
Sprecher Richard Boucher den Flüchtlingsstrom aus
dem Irak als "massives" humanitäres Problem, das
nach einer "massiven" internationalen Reaktion verlangt. Er erläuterte, daß die Vereinten Nationen befugt
sind, den Flüchtlingen auf beiden Seiten der irakischen
Grenze zu helfen.
Boucher erklärte gegenüber Journalisten, Regierungsvertreter glaubten, die Weltorganisation müsse eine
"zentrale Rolle" bei der Katastrophenhilfe spielen und
sicherstellen, daß die irakische Regierung im Einklang
mit den am 5. April verabschiedeten Bestimmungen
der Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats kooperiert.
"Unserer Meinung nach gewährt Resolution 688 das
Recht, den Flüchtlingen grenzüberschreitend zu helfen," erklärte Boucher. "Wenn der Irak eine Kooperation mit dieser internationalen Bestrebung verweigern
würde, müßten wir andere Optionen erwägen, einschließlich weiterer Maßnahmen der Vereinten Nationen." Er fügte hinzu, daß die Vereinigten Staaten der
Meinung seien, die Resolution "bietet die Befugnis,
diese Arbeit zu leisten".
Resolution 688 verurteilt die Unterdrückung der irakischen Zivilbevölkerung durch die Regierung und bezeichnet die Konsequenzen dieser Unterdrückung als
Bedrohung für den Weltfrieden und die Sicherheit in
der Region. Sie fordert, daß der Irak diese Unterdrükkung unverzüglich aufgibt.
Boucher erklärte, der Sicherheitsrat "untersucht eine
Reihe von Vorschlägen zur Notfallhilfe" für die Vertriebenen.
Auf die Frage nach dem Vorschlag der Europäischen
Gemeinschaft, im Norden und Süden Iraks Schutzzonen für die Flüchtlinge zu schaffen, erklärte der stellvertretende Sprecher, dieser Vorschlag werde zusammen mit anderen Erwägungen gegenwärtig in den
Vereinten Nationen erörtert.
Boucher erinnerte daran, "die Idee eines Refugiums,
einer Enklave, einer Pufferzone, ist bei verschiedenen
Gelegenheiten immer wieder diskutiert worden. Darüber sprechen wir mit unseren Verbündeten in New
York."
Er betonte, die grenzüberschreitende Flüchtlingshilfe
beeinträchtige nicht die territoriale Integrität des Irak,
die von den Vereinigten Staaten weiterhin respektiert
wird. "Wir stehen hier vor einem internationalen Problem, einem humanitären Problem", wie diesen Flüchtlingen geholfen werden kann.

Seite 2

Boucher teilte mit, daß Unterorganisationen der UNO
der Türkei Hilfsgüter für 20.000 Menschen und medizinische Ausrüstung für 110.000 Menschen geliefert
hätten. Das US-Amt für Internationale Entwicklung
habe in den vergangenen Tagen 275.000 Dollar für
den Ankauf von Wasser, Decken, Kleidung und Säuglingsnahrung vor Ort zur Verfügung gestellt.
Das US-Verteidigungsministerium habe mitgeteilt, daß
mit 12 militärischen Hilfsflügen - neun amerikanischen,
zwei britischen und einem französischen - am 8. April
57,6 Tonnen Hilfsgüter für Flüchtlinge abgeworfen
wurden. Weitere 17 Hilfsflüge waren für den 9. April
vorgesehen.
Im Hinblick auf die Lage an der irakisch-iranischen
Grenze erklärte der stellvertretende Sprecher, daß
zwischen 400.000 und 700.000 irakische Zivilisten zumeist Kurden - Zuflucht im Iran suchten und möglicherweise 500.000 bis 700.000 weitere die Grenze
bereits überschritten hätten. Das Internationale Rote
Kreuz bemühe sich in Zusammenarbeit mit dem Roten
Halbmond darum, diesen Flüchtlingen zu helfen.
Boucher zufolge sind die Vereinigten Staaten auch
weiterhin bestrebt, den Flüchtlingen im irakisch-iranischen Grenzgebiet über die multilateralen Hilfsorganisationen Hilfsgüter zu liefern.
Im Weißen Haus teilte Fitzwater mit, daß täglich etwa
5.000 amerikanische Soldaten aus dem Golfgebiet
abgezogen werden. Zur Zeit stünden dort noch etwa
350.000 Soldaten, gegenüber 540.000 bei Kriegsende, erklärte er.
Im Hinblick auf die noch im Südirak stehenden Truppen stellte derSprecherdes Präsidenten fest: "Sobald
die UNO-Beobachter ihre Stellungen dort einnehmen,
werden wir unseren Rückzug beschleunigen, bis alle
unsere Truppen das Land verlassen haben. Wir
können nicht genau sagen, wann alle unsere Truppen
dort abgezogen sein werden, aber wir nehmen an, daß
dies eine Frage von Tagen, nicht von Monaten, sein
wird."
"Wir werden während dieses Zeitraums unsere Überwachungsflüge im Land fortsetzen, um zu gewährleisten, daß die Waffenstillstandsresolution der UNO
fristgemäß durchgeführt wird", fügte Fitzwater hinzu.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen beabsichtigt, bis Ende der Woche eine Beobachtertruppe
im Irak zu stationieren. Diese Stationierung solle bis
Ende nächster Woche abgeschlossen sein, erklärte
Fitzwater vor Journalisten. Die Beobachtermission
solle bewaffnetes und unbewaffnetes Militärpersonal
aus Mitgliedstaaten der UNO umfassen und ihre Waffen
nur zur Selbstverteidigung benutzen dürfen.
Fitzwater stellte fest, die Mission, die die entmilitarisierte Zone zwischen dem Irak und Kuwait überwachen wird, werde insgesamt aus 1.400 Personen

AMERIKA DIENST 15

�bestehen, darunter300 Militärbeobachter, eine Einheit
mit Starrflüglem und leichten Hubschraubern sowie
eine Logistikeinheit. Fünf von in der Region stationierten Friedenstruppen ausgeliehene Kompanien würden in den ersten vier Wochen die Sicherheit der
Beobachter gewährleisten.
"Der Generalsekretär geht davon aus, daß die Regierungen von Kuwait und Irak alle Aspekte der zivilen
Verwaltung in den jeweiligen Teilen der entmilitarisierten Zone wahrnehmen werden, einschließlich der
Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung", erklärte
Fitzwater. Die UNO schätzt die Kosten für die Operationen im Rahmen dieser Mission auf 83 Millionen
Dollar in den ersten sechs Monaten und 40 Millionen in
den darauffolgenden sechs Monaten, erklärte der
Präsidentensprecher.

abwarten, nach welchen Gesichtspunkten der Generalsekretär diese Truppe zusammenstellt... Wir solltern sehr bald darüber Bescheid wissen."
Bis zum 3. April 1991 hatten 26 Staaten und internationale Organisationen nahezu 137 Millionen Dollar an
Bargeld, Nahrungsmitteln, Hilfsgütern und Gerät für
die Menschen bereitgestellt, die durch die irakische
Invasion Kuwaits und deren Folgen zu Flüchtlingen
wurden.
Der amerikanische Beitrag zu diesen Bemühungen
setzt sich folgendermaßen zusammen (in Dollar):

1.000.000

UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen)

Das Hauptquartier der Mission wird sich Fitzwater
zufolge in der entmilitarisierten Zone befinden, es wird
jedoch auch eine logistische Basis und Verbindungsbüros in Kuwait City und Bagdad unterhalten. Darüber
hinaus werde es anfänglich auch ein Verbindungsbüro
zu den Koalitionsstreitkräften im Südirak geben.

1.000.000

IKRK (Internationales Komitee
vom Roten Kreuz

750.000

IOM (Internationale Organisation
für Migration)

250.000

"Über die Frage der amerikanischen Beteiligung wurde noch nicht entschieden", erklärte Fitzwater. "Wie
der Präsident am Wochenende feststellte, wären wir
bereit (teilzunehmen), aber wir müssen zunächst

Türkischer Roter Halbmond
(UNDRO)

4.600.000

Nahrungsmittelhilfe
Welternährungsprogramm

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�NAHER

OSTEN
17. April 1991

HUMANITÄRE US-HILFE FÜR IRAKISCHE
FLÜCHTLINGE
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Übersicht über Bestrebungen der Vereinigten Staaten,
den irakischen Flüchtlingen zu helfen, wurde am 11. April 1991 vom Weißen Haus herausgegeben.

I. Frühe Reaktionen und Planungen zum
Flüchtlingsproblem
Die Vereinigten Staaten leisteten für die nach der
irakischen Invasion Kuwaits in Jordanien eintreffenden Flüchtlinge einen Beitrag von 28 Millionen Dollar.
Wir haben uns aktiv an der Organisation internationaler Maßnahmen zur Bewältigung der Krise beteiligt,
insbesondere der Rückführung von Bürgern aus Drittländern.
Später haben die Vereinigten Staaten die Vorbereitungen der Vereinten Nationen für 400.000 potentielle
Flüchtlinge mitorganisiert und dafür 7,6 Millionen Dollar bereitgestellt. Wir erhielten Zusagen in Höhe von
38 Millionen Dollar, und in der Türkei, Jordanien,
Syrien und dem Iran wurden für jeweils 100.000 Flüchtlinge vier Einheiten mit Nachschub für die Flüchtlingshilfe geschaffen.
II. Katastrophenhilfe im besetzten Südirak
Die Vereinigten Staaten leisten seit dem 28. Februar
im Süden des Irak humanitäre Hilfe. Bis heute haben
die CENTCOM-Streitkräfte über 500.000 Mahlzeiten
und 3,8 Millionen Liter Wasser verteilt, mehr als 5.000
kranke Iraker behandelt und über 350 irakische Zivilisten evakuiert, damit sie in amerikanischen oder saudiarabischen Krankenhäusern behandelt werden können. Darüber hinaus haben US-Truppen in Safwan
einen Brunnen für die Zivilbevölkerung gebohrt, der
täglich 110.000 Liter Wasser spendet. Ferner hat man
in Amerika bisher nur einen Bruchteil der guten Taten
von US-Soldaten gesehen, die den irakischen Flüchtlingen Nahrungsmittel und Wasser geben.

AMERIKA DIENST 15

Täglich leistet CENTCOM folgendes:
die klinische Behandlung von über 150 Irakern
täglich, wobei der Schwerpunkt auf der Behandlung von Kindern liegt,
600 Patienten werden täglich ambulant behandelt,
27.000 bis 30.000 Iraker werden täglich mit
Lebensmitteln versorgt,
die Iraker erhalten Material, um selbst Unterstände zu bauen,
südlich von Safwan gibt es ein Lager für 6.000
Flüchtlinge und
Schutz für die irakischen Flüchtlinge
III. Hilfsbestrebungen für die irakischen Kurden
Das dramatische Ausmaß des kurdischen Flüchtlingsproblems wurde in der ersten Aprilwoche deutlich. Bis
zum 4. April waren alternative Vorgehensweisen erarbeitetworden, um auf dem Luftweg massive Unterstützung bereitzustellen und der Präsident traf am Morgen
des 5. April die Entscheidung, dies in die Wege zu
leiten. Die Vereinigten Staaten haben sich ernsthaft
bemüht, den größtmöglichen internationalen Beitrag
zu diesen Bestrebungen zu erhalten.
Dem amerikanischen Militär wurde die Aufgabe übertragen, den Flüchtlingen im Nordirak und der südlichen
Türkei humanitäre Hilfsgüter wie Nahrungsmittel,
Wasser, Zelte und medizinische Notversorgung zu-

Seite 1

�kommen zu lassen, bis internationale Hilfsorganisationen diese Aufgabe übernehmen können. Das Ziel ist,
die 700.000 Flüchtlinge für 30 Tage mit dem Notwendigsten zu versorgen - Nahrungsmitteln, Kleidung und
Schutz für mehr Menschen als die Einwohnerzahl von
Richmond (Virgina) beträgt.
Die Operation Provide Comfort ist die umfassendste
Hilfsbestrebung, die in der modernen Militärgeschichte in die Wege geleitet wurde. In weniger als einer
Woche übertraf sie die massiven Lufttransporte an
Hilfsgütern, die von den Vereinigten Staaten im Dezember 1988 nach Armenien geschafft wurden.
Schlechtes Wetter in dem Gebiet und mangelnde
Navigationshilfen sowie die praktisch nicht existierende Infrastruktur in der Südosttürkei erschweren diese
Operation. Die örtlichen Straßen sind in einem desolaten Zustand, und aus diesem Grund entschied man
sich für das Abwerfen der Güter als schnellste Reaktion.
Dieses außerordentliche Hilfsunternehmen der Vereinigten Staaten vollzieht sich in vier Phasen:
Phase I - Unmittelbare Hilfe. Diese Phase
begann am Sonntagmorgen, dem 7. April, mit
sechs Abwürfen von rund 30 Tonnen Nothilfegütern. Wir gehen davon aus, daß diese Phase
bis etwa zum 17. April dauern wird. Nahrungsmittel, Mäntel, Zelte und Decken werden während dieser Phase zusammen mit ersten medizinischen Versorgungsteams bereitgestellt, die
Vorbereitungen für einen längeren Aufenthalt
treffen.
Phase II - Organisierter Aufenthalt. Gleichzeitig
bereiten wir den Übergang zu einem längeren
Aufenthalt vor. In der Türkei werden vorgezogene Stützpunkte aufgebaut und die Flug- und
Seehäfen vorbereitet. Die amerikanische Regierung hat Aufträge für den Überlandtransport
eines Großteils der Nahrungsmittel vergeben.
Der Übergang von Abwürfen aus den C-130Flugzeugen zu Überlandtransporten wird den
Fluß der Hilfgüter außerordentlich verbessern.
Phase III - Gewährleistung maximaler Hilfslieferungen. Dank der geplanten Hilfsbestrebungen
sollen die 700.000 Flüchtlinge mit einer Mahlzeit
pro Tag versorgt werden. Während dieser
Phase wird das amerikanische Militär seine
gesamte Logistik zur Verfügung stellen, um
kontinuierliche Nachschuboperationen großen
Umfangs zu gewährleisten und die Übertragung
der Verantwortung auf internationale Organisationen vorzubereiten, wenn das amerikanische
Militär abgezogen wird.
Phase IV - Übergabe. Wir hoffen, den internationalen Hilfsorganisationen bis Ende dieses

Monats die logistische Infrastruktur übergeben
zu können, damit sie die HilfsbeströbÜngen
fortsetzen können.
Bis jetzt wurden bei 41 amerikanischen Hilfsflügen mit
C-130-Maschinen 136 Tonnen Fertiggerichte, 45.000
1,5-Liter Flaschen Wasser, 35 Tonnen Decken und
400 Fallschirme (als Zelte zu benutzen) abgeworfen.
Gegenwärtig werden 3.500 Tonnen Nahrungsmittel
für die Flüchtlinge zum türkischen Hafen Iskenderun
transportiert, die mit der USS San Diego am 12. April
und der USNS Sirius am 16. April dort eintreffen
werden. Container und Fracht werden darin auf Lastwagen umgeladen und nach Incirlik zum Weitertransport per Luft oder direkt zu Stützpunkten für die
humanitäre Unterstützung transportiert, von wo aus
sie auf die verschiedenen Punkte an der Grenze
verteilt werden.
Darüber hinaus werden in den nächsten fünf Tagen die
folgenden Hilfsgüter in der Türkei eintreffen, die dann
aus der Luft abgeworfen oder per Lastwagen zu den
Flüchtlingen transportiert werden sollen:
588.000 Decken,
2.800 Zelte,
80.000 Feldjacken.
Die Vereinigten Staaten liefern Hilfsgüter so schnell
wie es die logistische Infrastruktur zuläßt.
Wir haben der irakischen Regierung mitgeteilt, sie
solle diese Hilfsoperationen nicht behindern und in
diesem Zusammenhang weder Starr- noch Drehflügler nördlich des 36. Breitengrads einsetzen. Großbritannien und Frankreich haben sich an unseren Lufttransportmaßnahmen beteiligt, und eine wachsende
Zahl von Staaten leistet Beiträge zur Luftbrücke oder
liefert Hilfsgüter in die Türkei.
In enger Abstimmung mit der türkischen Regierung
und unserem Amt für Internationale Entwicklung sowie
dem Büro für Katastrophenhilfe im Ausland hat das
amerikanische Militär seit Beginn dieser schrecklichen
menschlichen Tragödie die Führung bei der Organisation und Koordinierung dieser historisch einmaligen
Hilfsaktion mit anderen Ländern übernommen.
Wir werden diese Flüchtlinge nicht im Stich lassen und
Saddam Hussein nicht gestatten, die Hilfsoperationen
in den sicheren Gebieten, in denen sie Zuflucht gesucht haben, zu behindern. Darüber hinaus hat der
Präsident angeordnet, daß nichts unversucht gelassen wird, um den Flüchtlingen zu helfen. Er hat
deshalb alle benötigten Mittel bewilligt, um dieser
Verpflichtung gerecht zu werden, bis die internationalen Hilfsorganisationen diese Aufgabe übernehmen
können.

* * * *
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*
AMERIKA DIENST 15

�NICHTVERBREITUNG
17. April 1991

DIE NICHTVERBREITUNGSPOLITIK DER
VEREINIGTEN STAATEN
von Ronald F. Lehman II
WASHINGTON - (AD) - Ronald F. Lehman II ist Leiter des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung. Der
nachstehende Überblick über den gegenwärtigen Stand der Bemühungen zur Verhinderung der Verbreitung von
- atomaren, chemischen und biologischen - Massenvernichtungswaffen sowie Kontrolle der Raketen, die als
Trägersysteme verwendet werden können, wurde im März 1991 in Form eines Vortrags vor dem World Affairs
Council in Riverside (Kalifornien) veröffentlicht. Er behandelt die derzeitige Verbreitung dieser Waffen, die
Bereiche, in denen es Fortschritte bei der Eindämmung dieser Verbreitung gibt, die Probleme beim Umgang mit
der Verbreitung der unterschiedlichen Arten von Waffen, die internationalen Abkommen und Institutionen, die
zu ihrer Kontrolle ins Leben gerufen wurden, deren Fortschritte und Leistungen sowie die amerikanische Politik
zur Unterstützung der Nichtverbreitung.

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Das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung beschäftigt sich intensiv mit den Verhandlungen über Rüstungskontrolle, und zwar sowohl bilateral mit der
Sowjetunion als auch multilateral, etwa im Hinblick auf
das Abkommen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa oder die Genfer Verhandlungen über ein weltweites Verbot chemischer Waffen. Heute möchte ich
jedoch einen anderen Aspekt der Rüstungskontrolle
ansprechen: die Eindämmung der Verbreitung von atomaren, chemischen und biologischen - Massenvernichtungswaffen und Raketensystemen, die als deren
Trägersysteme dienen können. Außenminister Baker
bezeichnete die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen unlängst als "die vielleicht größte Herausforderung der Sicherheit in den neunziger Jahren".
Es ist in der Tat eine Ironie - vielleicht der Gipfel der
Ironie unserer Zeit -, daß in dem Moment, in dem sich
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ernsthaft
anschicken, ihre Waffenarsenale zu reduzieren und zu
kontrollieren, andere Staaten, von denen zahlreiche in
Spannungsgebieten liegen, sich genau in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Die Vereinigten Staaten
sind seit langem bestrebt, einseitige und multilaterale
Mechanismen zu entwickeln, um dieser Verbreitung
Einhalt zu gebieten. Ich möchte heute sowohl den
Charakter des Problems als auch die sehr ernsthaften
Bemühungen der Bush-Administration zu dessen
Bewältigung erörtern.
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Nichts hat unsere gemeinsame Aufmerksamkeit vielleicht so sehr auf das Problem der Verbreitung gelenkt
wie die gegenwärtige Lage im Irak.
Der Irak hat acht Jahre lang einen blutigen Krieg gegen
den Iran geführt, der eine Million Opfer gefordert hat.
Kaum eine Familie im Irak blieb von den Auswirkungen
dieses Krieges verschont. Der Irak hat chemische
Waffen eingesetzt, zuerst gegen den Iran und dann
gegen seine eigenen unschuldigen Bürger und damit
alle internationalen Normen verletzt. Am Ende dieses
Konflikts, während des "Kriegs der Städte", feuerten
der Irak und der Iran Hunderte von Raketen gegen die
Bevölkerungszentren des jeweiligen Gegners ab. Es
gab einen Zeitpunkt, an dem die Hälfte der Bevölkerung Teherans dadurch aus der Stadt vertrieben wurde.
Man hätte annehmen können, daß eine erschöpfte,
verausgabte Nation eine Atempause angestrebt hätte,
eine Zeit zum Wiederaufbau. Statt dessen bemühte
sich der Irak mit einer Armee von einer Million Mann
unverzüglich darum, zur regionalen Supermacht aufzusteigen und forderte bei seinem Streben nach Vorherrschaft in der arabischen Welt sowohl Ägypten als
auch Syrien heraus. Und dann marschierte er in
Kuwait ein. Diese Handlungsweise entbehrte nicht der
Ironie, denn ohne die Hilfe Kuwaits im Krieg gegen den
Iran hätte der Irak diesen Krieg verloren. Ein großer
Seite 1

�Teil des militärischen und anderen Nachschubs für
den Irak wurde über Kuwait abgewickelt. Es war
Kuwait, das einen großen Beitrag zur Vermarktung
des irakischen Öls leistete und sogar eigenes Öl für
den Irak verkaufte, und es war Kuwait, das eine
führende Rolle bei der Vergabe von Krediten spielte,
mit denen die Kriegführung des Irak finanziert wurde.
Es wird angenommen, daß der Irak neben seiner
Chemiewaffenfähigkeit auch biologische Waffen entwickelt. Auch sein Atomprogramm gab Anlaß zu
großer Besorgnis.
Obwohl es den Vertrag über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen unterzeichnete, hat Bagdad raffinierte und
umfassende verdeckte Bemühungen durchgeführt, um
mehrfach nutzbare Ausrüstung zum Aufbau einer Infrastruktur für die Waffenproduktion einzusetzen. Wie
auch immer, so war zumindest ein Ergebnis des Golfkrieges ein erheblicher Rückschlag für das Programm
des Irak.
Die irakischen Aktivitäten stellen jedoch nicht unsere
einzige Herausforderung im Bereich der Nichtverbreitung dar und noch nicht einmal die einzige in der
gesamten Region des Nahen/Mittleren Ostens und
Südasiens. Auch andernorts in der Region haben
andere, darunter der Iran, Libyen und Syrien, chemische Waffen beschafft oder schicken sich an, dies zu
tun. Wir alle wissen, daß Israel nichtkontrollierte
nukleare Einrichtungen besitzt. Israel hat darüber
hinaus seine eigene hochentwickelte militärische Infrastruktur. Als Konfliktregion bedeutet der Nahe
Osten für uns eine der größten Herausforderungen im
Bereich der Nichtverbreitung, insbesondere angesichts
von Ausmaß und Entwicklungsstand der Rüstungen.
Weiter im Osten werden die Probleme auch nicht
unkomplizierter. Die keiner internationalen Kontrolle
unterliegenden atomaren Aktivitäten Pakistans und
Indiens geben Anlaß zu tiefer Sorge. Im Jahr 1974
zündete Indien einen nuklearen Sprengsatz und deutete damit seine Fähigkeiten an. Pakistan hat sich um
eine ähnliche Fähigkeit bemüht. Während der gesamten achtziger Jahre war Pakistan ein Hauptempfänger
amerikanischer Auslandshilfe, teilweise aufgrund seiner Unterstützung der internationalen Bemühungen
zur Beendigung der sowjetischen Besetzung Afghanistans.
Seit 1985 ist die Gewährung amerikanischer Hilfe an
Pakistan jedoch von einer Bescheinigung des Präsidenten an den Kongre ß abhängig, derzufolge Pakistan
keine atomaren Sprengsätze besitzt. In den letzten
Jahren ist es immer schwieriger geworden, diese
Bescheinigung auszustellen. Im Jahr 1988 informierte
Präsident Reagan den Kongreß, daß dieser "sich
bewußt sein sollte, daß mit der Zunahme der nuklearen Fähigkeiten Pakistans und bei Anhäufung weiterer
Beweise über dessen Aktivitäten dieses Verfahren der
jährlichen Bescheinigung vom Präsidenten Einschät-

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zungen zum Stand der pakistanischen atomaren Aktivitäten erfordern wird, die nur sehr schwer oder unmöglich mit einiger Sicherheit zu erlangen sind".
Präsident Bush hat diese Besorgnis im Jahr 1989
bekräftigt. Die im Oktober 1990 fällige Bescheinigung
für das Haushaltsjahr 1991 wurde noch nicht ausgestellt, und die Angelegenheit wird weiter geprüft. Infolgedessen haben die Vereinigten Staaten Pakistan seit
Oktober 1990 keinerlei neue Wirtschafts- oder Militärhilfe gewährt - diese Hilfe beläuft sich auf 600 Millionen
Dollar jährlich.
Noch weiter im Osten sind die Vereinigten Staaten
besorgt über die anhaltende Weigerung Nordkoreas,
seine Verpflichtungen gemäß dem Vertrag über die
Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT) zu erfüllen.
Nach seinem Beitritt im Jahr 1985 hätte das Land
aufgrund dieses Vertrags innerhalb von 18 Monaten
eine umfassende Kontrollvereinbarung durchführen
müssen - also alle seine nuklearen Einrichtungen der
internationalen Inspektion durch die Internationale
Atomenergieorganisation (IAEO) unterstellen müssen.
Fünf Jahre danach hat Nordkorea trotz zunehmender
internationaler Bestürzung diese Kontrollvereinbarung
immer noch nicht unterzeichnet, gleichzeitig jedoch
weiter an der Entwicklung seines Atomprogramms
gearbeitet. Ich möchte hier eindeutig feststellen:
Nordkoreas Verpflichtung gemäß diesem Vertrag, zu
dessen Beitritt es sich freiwillig entschlossen hat,
besteht ohne Einschränkung. Es gibt keine Sonderbedingungen oder Begrenzungen. Meines Erachtens ist
es unerläßlich, daß Nordkorea sein Engagement für
den Vertrag und das Nichtverbreitungsregime insgesamt beweist, indem es sein umfassendes Kontrollabkommen unterzeichnet und in Zukunft anwendet.
Stellen Sie sich einen Moment die Folgen für die
Sicherheit Ostasiens vor, wenn sich Nordkorea Kernwaffen beschaffen würde. Seine bisherige Handlungsweise, darunter Planung und Ausführung eines terroristischen Bombenanschlags, bei dem nahezu das
gesamte südkoreanische Kabinett ums Leben kam,
läßt uns ob dieser Aussicht erschauern. Wir alle sind
uns durchaus der Tatsache bewußt, wie viel komplizierter unsere Bemühungen am Persischen Golf
gewesen wären, wenn der Irak seine atomaren Ambitionen verwirklicht hätte. Unsere Verbündeten in
Ostasien, einschlie ßlich Südkorea und Japan, sind tief
besorgt über die mangelnde Bereitschaft Nordkoreas,
die Überprüfung seiner atomaren Einrichtungen zu
gestatten, und beide haben der Erfüllung dieser Verpflichtung durch Nordkorea Priorität eingeräumt, da
Nordkorea sich anschickt, seine diplomatische Isolierung zu durchbrechen.
Andernorts besteht im Bereich der Verbreitung von
Kernwaffen meines Erachtens Grund zu Optimismus.
In den vergangenen drei Jahren hat Südafrika, ein
weiteres Land mit nichtkontrollierten atomaren Einrichtungen, eine Annäherung an den NPT vollzogen.

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Wir hegten sogar die begründete Hoffnung, daß Südafrika im letzten Sommer, als eine der regelmäßigen
Überprüfungskonferenzen zum NPT stattfand, dem
Vertrag beigetreten wäre. Zusammen mit Großbritannien und der UdSSR haben wir alles in unserer Macht
Stehende unternommen, um es dazu zu ermutigen.
Zu unserem Bedauern hat es das nicht getan. Trotzdem hat Südafrika unlängst Vertreter zur IAEO entsandt, um ein Kontrollabkommen auszuhandeln, das
all sein nukleares Material internationalen Inspektionen unterwerfen würde, und ich hoffe weiterhin, daß
Südafrika davon überzeugt werden kann, dem NPT
beizutreten. Obwohl die südafrikanische Regierung
mit einer Vielzahl innenpolitischer Probleme konfrontiert ist, sind die südafrikanischen Stellungnahmen,
wie ich feststellen möchte, weiterhin positiv. Es ist
ferner ermutigend, daß mit Mosambik im vergangenen
Sommer ein Frontstaat dem Vertrag beigetreten ist.
In Südamerika vollziehen sich echte Fortschritte. Die
beiden Länder mit fortgeschrittenen Nuklearprogrammen - Brasilien und Argentinien - haben kürzlich ein
bilaterales Abkommen geschlossen, um alle ihre kerntechnischen Einrichtungen der lAEO-Kontrolle zu
unterstellen. Ihre Vertreter befinden sich heute in
Wien, um dieses Abkommen auszuhandeln, und es
besteht berechtigte Hoffnung, daß die Verhandlungen
vor dem Jahresende abgeschlossen werden. Brasilien und Argentinien haben sich ferner dazu verpflichtet, den Vertrag von Tlatelolco in Kraft zu setzen.
Tlatelolco schafft eine kernwaffenfreie Zone in Südamerika, und es ist deshalb lebenswichtig, daß Argentinien und Brasilien dem Vertrag beitreten.
Ich möchte mich nun unseren nichtnuklearen Anliegen
widmen: chemischen und biologischen Waffen sowie
Raketensystemen. Zunächst zu den chemischen
Waffen. Vor zwanzig Jahren wurde nur von fünf
Staaten angenommen, daß sie chemische Waffen
besaßen. Heute schätzt der Direktor des Nachrichtendienstes CIA vor dem Kongreß, daß diese Zahl auf
etwa 20 gestiegen ist und andere möglicherweise
versuchen, sie zu beschaffen. Die Produktion chemischer Waffen ist relativ preiswert, und ihre Herstellung
erfordert keine hochentwickelte Technik.

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In fast allen Fällen gibt es für die zur Herstellung
chemischer Waffen erforderlichen Chemikalien und
Apparate berechtigte Anwendungen in der Industrie,
und sie sind freier erhältlich, weil Raffinerien, Düngemittel- und Pestizidfabriken sowie die Pharmaindustrie expandiert haben. Dazu einige Beispiele: Phosphoroxid wird etwa bei der Herstellung von Kunststoffund Gummizusätzen, Pestiziden und Hydraulikölen
eingesetzt. Es kann aber auch zur Produktion des
Nervengases Tabun eingesetzt werden. Phosgen
wird bei der Herstellung von Kunststoffen und Lacken
verwendet, ist aber auch ein Stickgas, das erstmalig im
Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde. In ähnlicher Weise
kann ein Großteil der heute produzierten Chemikalien

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und der Produktionsanlagen auch zur Herstellung von
Stoffen zur chemischen Kriegführung eingesetzt werden. Die Leichtigkeit und die Geschwindigkeit, mit der
chemische Waffen verdeckt hergestellt werden können, tragen eindeutig zu ihrer Attraktivität bei - und
erhöhen bei manchen Ländern die Versuchung, damit
die konventionellen Fähigkeiten eines Gegners zu
kompensieren.
Zusätzlich zur Weiterverbreitung chemischer Waffen
findet eine beängstigende Verbreitung biologischer
Waffen statt, obowohl sie durch eine Konvention verboten sind. Biologische Waffen sind potenter als die
schrecklichsten Kampfstoffe zur chemischen Kriegführung. Im vergangenen Jahr erklärte der Direktor
des US-Nachrichtendienstes CIA bei einer öffentlichen Anhörung im Kongreß, daß "sich mindestens
zehn Länder darum bemühen, bereits bekannte und
neue biologische Waffen herzustellen".
Biologische Waffen und ihre Produktionsanlagen sind
in jedem Falle vielseitig verwendbar. Es gibt keine
Substanzen oder Anlagen, die allein zur Herstellung
biologischer Waffen eingesetzt werden können - dieselben Materialien spielen eine entscheidende Rolle in
der medizinischen Forschung. Zahlreiche Substanzen biologischer Waffen kommen in der Natur vor.
Tatsächlich kann jedes Land mit einer halbwegs entwickelten pharmazeutischen Industrie biologische
Waffen herstellen, wenn es das will.
Wenn Länder diese Massenvernichtungswaffen herstellen können, dann benötigen sie dafür auch Trägersysteme.
Ballistische Raketen sind solche Instrumente, und sie
stellen daher eine besonders destabilisierende Waffenkategorie dar. Sie können eine Vielzahl von nuklearen, konventionellen und nichtkonventionellen Waffen mit großer Geschwindigkeit zum Einsatz bringen. Gegenwärtig gibt es gegen viele ballistische
Raketen keine Verteidigung. Darüber hinaus können
sie nach ihrem Abschuß nicht zurückgeholt werden.
Selbst bei Raketen wie der relativ altmodischen SCUD,
die abgeschossen werden kann, funktioniert das nur
auf geringe Distanz. In einer solchen Situation könnten zum Beispiel immer noch giftige Chemikalien auf
das Territorium dessen gelangen, der sich verteidigt.
Daraus folgt, daß ihr Vorhandensein einen Erst- oder
Präventivschlag provozieren und damit in Zeiten einer
Krise oder zunehmender Spannungen weiter zur regionalen Instabilität beitragen könnte.
Es gibt einen starken internationalen Druck gegen den
Einsatz nuklearer und chemischer Waffen, aber im
Hinblick auf Raketen besteht kein solcher internationaler Konsens. In den letzten Jahren haben einige
Länder Mittelstreckenraketen selbst entwickelt oder
stehen kurz vor deren Entwicklung. Andere haben sie
erworben. Wieder andere behaupten, sie würden nur
ihre eigene Raumfahrt entwickeln. Dennoch ist diese

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�zivile Technologie identisch mit der Technik für ballistische Raketen. Unglücklicherweise befinden sich viele
Länder mit der Fähigkeit zur Herstellung von Raketen
in spannungsreichen Regionen, insbesondere im Nahen
Osten und Südasien, wo der Einsatz solcher Raketen
bei künftigen Konflikten ihr destruktives Potential erheblich steigern wird.
Sie sehen, die Probleme sind ernst, in gewisser Weise
verzahnt und werden durch das rapide Wachstum und
die Verbreitung von Hochtechnologie noch komplizierter. Der Umgang damit ist ein wichtiges politisches
Anliegen geworden. Eine der vier ACDA-Abteilungen
beschäftigt sich ausschließlich mit der Politik der Nichtverbreitung. Die US-Regierung richtet ihr Augenmerk
auf die gesamte Bandbreite dieser Probleme und
versucht damit, die Verbreitung dieser gefährlichen
Waffen aufzuhalten. In jedem Problemfeld, bei nuklearen, chemisch-biologischen Waffen und Raketen
als deren Trägern üben die Vereinigten Staaten an
vorderster Front Druck aus, um dem System der
Nichtverbreitung Vorschub zu leisten.
Jede US-Regierung hat sich seit Ende des Zweiten
Weltkriegs darauf konzentriert, die Verbreitung nuklearer Waffen zu verhindern. Die Bush-Administration bildet da keine Ausnahme.
Die Institutionen zur Unterstützung des internationalen
Systems der Nichtverbreitung sind die ältesten und
erfahrensten, um die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen zu stoppen. Ihr Eckpfeiler ist der Vertrag
über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NPT), dem
140 Staaten zugestimmt haben und der damit eines
der am meisten akzeptierten Rüstungskontrollvereinbarungen in der Geschichte ist. Er wurde in den
sechziger Jahren ausgehandelt und trat 1970 in Kraft.
Vor seiner Verabschiedung wurde allgemein erwartet,
daß es bis 1990 über 20 Atomwaffenstaaten auf der
Welt geben würde. Durch den NPT haben jedoch 137
Länder gelobt, keine Kernwaffen zu erwerben und ihr
Kernspaltungsmaterial internationaler Kontrolle unterstellt, die von der Internationalen Atomenergieorganisation ausgeübt wird.
Mit seinen vielen Mitgliedstaaten hat der NPT einen
Maßstab gesetzt, der auch nicht daran beteiligten
Ländern Hindernisse bei der Verbreitung von Kernwaffen in den Weg legt. Seit Inkrafttreten hat sich kein
einziges Land zum Atomwaffenstaat erklärt. Lediglich
ein Land - Indien - hat einen Atomtest durchgeführt.
Seit diesem Test vor 16 Jahren hat kein anderer
Nichtatomwaffenstaat einen Atomtest durchgeführt.
Der NPT soll 1995 verlängert werden. Die Vereinigten
Staaten setzen sich für eine bessere Unterstützung
des Vertrags und für eine unbefristete Verlängerung
ein. In den nächsten vier Jahren werden wir seiner
allgemeinen Einhaltung den Weg bereiten. Bei der
vierten Folgekonferenz des NPT im Sommer vergangenen Jahres haben Frankreich und China als die zwei

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Atomwaffenstaaten, die nicht Vertragsparteien sind,
erstmals Beobachterdelegationen entsandt. Diese
Entwicklung war begrüßenswert, und wir hoffen, daß
beide Länder unter Umständen dem Vertrag vor 1995
beitreten.
Im Rahmen des NPT existiert der Ausschu ß der Atomexporteure, der auch - nach seinem ersten Vorsitzenden-als Zangger-Ausschuß bekannt ist. Artikel III des
NPT verbietet jeder Partei, Spaltmaterial oder Anlagen
zur Herstellung von Kernwaffen an Nichtatomwaffenstaaten zu liefern, ohne bestimmte Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Obwohl alle Atomanlagen von
NPT-Parteien gemäß dem NPT geschützt sind, war
die Vereinbarung einer Liste erforderlich, um darzulegen, welche Nuklearexporte Kontrollmaßnahmen für
Nicht-NPT-Parteien umgehen würden. Die Ausschußmitglieder aus 23 Ländern treffen sich zweimal im Jahr
zur Überprüfung und Aktualisierung der Liste im Sinne
der neuesten Technologie.
Darüber hinaus wurde Mitte der siebziger Jahre eine
weitere Gruppe der Lieferanten von Atommaterial
gegründet. Damit wurden Nicht-NPT-Parteien und
Lieferanten von Atommaterial - hauptsächlich Frankreich - in ein System eingebunden, das im wesentlichen dieselbe Art von eindeutig einsetzbarer Nukleartechnologie kontrolliert wie der Zangger-Ausschuß.
Seit der Irak und andere Länder jedoch versucht
haben, verdeckt Mehrzweckmaterial zu erwerben, um
ihre Kernwaffenprogramme zu modernisieren - das
heißt, Gerät zu erwerben, das nicht einzig und allein
bei der Entwicklung von Kernwaffen eingesetzt werden kann - sind wir zu dem Schluß gekommen, daß
diese Mehrzweckgeräte ebenfalls multilateral kontrolliert werden müssen. Die Vereinigten Staaten führen
diese Kontrollen seit langem durch und fordern in den
meisten Fällen Einzelgenehmigungen, bevor sie exportiert werden dürfen. Unserer Ansicht nach liefert
uns die internationale Sorge über irakische Versuche
zum Erwerb solcher Geräte eine ausgezeichnete
Gelegenheit, auf multilateraler Ebene rigorosere Exportkontrollen zu verhängen. Dieses Ziel verfolgen wir
mit allem Nachdruck.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin aus rechtlichen und politischen Gründen ihre Zusammenarbeit
mit solchen Ländern nicht verstärken, die keine umfangreichen Kontrollen durchführen. Diese Sicherheitsmaßnahmen unterstellen alle zivilen Atomkraftwerke der internationalen Kontrolle, um sicherzustellen, daß kein Spaltmaterial für ein Kemwaffenprogramm abgezweigt wird. Wir haben andere Lieferanten von Atommaterial aufgefordert, dieselben Maßnahmen zu ergreifen.
In jüngster Zeit teilen Japan, Deutschland und die
Niederlande das Konzept der Vereinigten Staaten,
nicht dagegen Großbritannien, Frankreich und die
Sowjetunion. Frankreich verhandelt zum Beispiel
gegenwärtig mit Pakistan über den Verkauf eines
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�Atomreaktors. Der Reaktor selbst wird internationaler
Kontrolle unterstellt, aber Frankreich fordert nicht, daß
alle anderen Atomkraftwerke Pakistans ebenso gesichert sind. Unserer Ansicht nach erhält Pakistan damit
den Vorteil der nuklearen Zusammenarbeit, ohne sich
selbst der nuklearen Nichtverbreitung unterwerfen zu
müssen. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin
alles tun, damit alle Lieferanten von Atommaterial
umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen als Bedingung
der nuklearen Zusammenarbeit ergreifen.
Ich möchte ferner insbesondere auf die Bedeutung der
Internationalen Atomenergieorganisation, der IAEO,
hinweisen. Wie ich bereits erläutert habe, hat jeder
Nichtatomwaffenstaat, der dem NPT angehört, umfangreiche Kontrollmaßnahmen verabschiedet. Die
IAEO handelt als internationale Organisation Kontrollabkommen aus und inspiziert Atomanlagen, um sicherzustellen, daß kein nukleares Material für andere
Zwecke abgezweigt wird. Durch die IAEO werden die
meisten Programme der nuklearen Kooperation zu
friedlichen Zwecken durchgeführt. Die Vereinigten
Staaten betrachten die IAEO als unerläßlichen und
wesentlichen Eckpfeiler des Systems der Nichtverbreitung von Kernwaffen. Wir sind bei weitem ihre
wichtigste Finanzierungsquelle, stellen jedes Jahr etwa
25 Prozent ihres Haushalts zur Verfügung und leisten
den größten Beitrag zu ihrem Programm derfreiweilligen nuklearen Kooperation.
Präsident Bush hat auf die Notwendigkeit einer Förderung der IAEO verwiesen. Die Regierung erkennt,
wie wichtig es ist, zu gewährleisten, daß sie über die erforderlichen Ressourcen verfügt, um ihre Kontrollmaßnahmen aufrechtzuerhalten und gegebenenfalls
auszubauen. Bei der NPT-Folgekonferenz im Sommer vergangenen Jahres wurde die IAEO aufgefordert
zu prüfen, wie sie ihrem Recht nachkommen kann,
"Sonderinspektionen" durchzuführen, die über normale routinemäßige Prüfungen von Atomanlagen hinausgehen. Das irakische Atomprogramm deutet klar
darauf hin, daß solche "Sonderinspektionen" manchmal erforderlich sind. Die IAEO untersucht gegenwärtig die Kriterien, nach denen sie durchgeführt werden
könnten.
Die wesentlichen Elemente des nuklearen Nichtverbreitungsregimes sind also in die Praxis umgesetzt.
Wie ich jedoch bereits ausgeführt habe, vertreten die
Vereinigten Staaten die Auffassung, das Regime müsse
verbessert werden. Die Einhaltung des NPT muß
universeller, Exportkontrollen müssen strenger gehandhabt und die Schutzmaßnahmen erweitert werden.
Ich möchte mich nun unserer Politik zu chemischen
und biologischen Waffen zuwenden.
Die erste Priorität der amerikanischen Außenpolitik ist
nach wie vor ein weltweites Verbot der Entwicklung,
Herstellung und Lagerung chemischer Waffen. Das

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beste Kontrollregime für chemische Waffen ist und
bleibt ein weltweites Verbot. Wir verfolgen dieses Ziel
seit einer Reihe von Jahren bei der Genfer Abrüstungskonferenz, in den Rahmen die Verhandlungen
stattfinden. Unser Ziel für eine solche Rüstungskontrollvereinbarung lautet, daß sie wirklich weltweit gelten und verifizierbar sein muß.
Bis zur Verwirklichung eines solchen Verbots unternehmen wir sowohl einseitige als auch gemeinsame
Schritte zur Unterstützung der Genfer Verhandlungen
und zur Verhinderung des Einsatzes und der Verbreitung chemischer Waffen. Im vergangenen Jahr haben
wir mit der UdSSR ein bilaterales Abkommen unterzeichnet, in dem beide Seiten vereinbarten, die Produktion chemischer Waffen einzustellen und mit der
Zerstörung der Arsenale zu beginnen. Im Verlauf der
kommenden Jahre werden beide Seiten 98 Prozent
ihrer chemischen Waffenbestände bis zu einem vollständigen Verbot vernichten.
Als weitere Übergangsmaßnahme arbeiten die Vereinigten Staaten aktiv in der "Australiengruppe" mit,
einem Zusammenschluß von 20 westlichen Nationen,
die untereinander Mittel und Wege zur Eindämmung
der Verbreitung chemischer Waffen erörtern. Die
Gruppe wurde im Jahr 1984 als Reaktion auf den
Einsatz dieser Waffen im iranisch-irakischen Krieg
gegründet. Alle Mitglieder der Gruppe haben unverzüglich eine "Schwarze Liste" mit 11 Chemikalien
erstellt, die nationalen Exportkontrollen mit einer kritischen Überprüfung unterliegen, bevor die Exportlizenz erteilt wird. Darüber hinaus hat die Gruppe eine
inoffizielle "Warnliste" mit weiteren 39 chemischen
Substanzen zum Mehrzweckeinsatz verabschiedet.
Die Mitglieder haben die Liste den chemischen Industrieunternehmen in ihren jeweiligen Ländern zukommen lassen und sie aufgefordert, alle verdächtigen
Transaktionen zu melden. Die Gruppe hat ferner
"Richtlinien" veröffentlicht, um die chemische Industrie für Transaktionen von Anlagen zur Herstellung
chemischer Waffen zu sensibilisieren, das zur Verbreitung dieser Waffen beitragen könnte. Darüber hinaus
hat die Gruppe ein Dokument herausgegeben, um
Industrie, Wissenschaftler und andere betroffene
Gruppen vor den Risiken der unbewußten Hilfe bei der
Verbreitung biologischer Waffen zu warnen.
Ich möchte betonen, daß die Zusammenarbeit der
amerikanischen Chemieindustrie mit der Regierung
ausgezeichnet war. Der Verband der chemischen
Industrie hat dem vorgesehenen Vertrag über chemische Waffen zugestimmt, einen Mechanismus zur
Selbstkontrolle eingeführt und der amerikanischen
Verhandlungsdelegation in Genf unschätzbare Hilfe
bei unseren Bestrebungen geleistet, die Konvention
über das Verbot chemischer Waffen zu einem praktikablen und durchführbaren Vertrag zu machen.
Vor kurzem haben die Mitglieder der Australiengruppe
entschieden, die 39 chemischen Substanzen, die auf
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�der inoffiziellen Warnliste gestanden hatten, denselben restriktiven Exportkontrollen zu unterwerfen wie
die 11 Chemikalien auf der ursprünglichen Schwarzen
Liste. Im vergangenen November hat der Präsident
mit einer Durchführungsverordnung eine Erweiterte
Initiative zur Kontrolle der Verbreitung (Enhanced
Proliferation Control Initiative - EPCI) ins Leben gerufen. Im Rahmen von EPCI fordern die Vereinigten
Staaten jetzt Kontrollen durch Exportlizenzen für alle
50 von der Austaliengruppe genannten chemischen
Substanzen. Ferner schreiben wir Exportlizenzen für
Chemieanlagen und deren Entwurf vor. Darüber hinaus verschärfen wir die Kontrollen und die Rechenschaftspflicht für den Transfer von Anlagen und Technologie, bei dem der Exporteur weiß oder von der USRegierung darüber informiert wurde, daß der Export
für Entwurf, Entwicklung oder Herstellung von Raketen, chemischen oder biologischen Waffen verwendet
werden kann. Und schließlich werden amerikanische
Staatsbürger strafrechtlich verfolgt, die wissentlich bei
nicht genehmigten ausländischen C-Waffen- oder
Raketenprogrammen mitwirken.
Darüber hinaus versuchen wir, den Vertrag über biologische Waffen zu verbessern - es handelt sich hierbei
um einen internationalen Vertrag, der 1975 in Kraft trat.
Die Unterzeichnerstaaten dieses Vertrags haben sich
verpflichtet, niemals "biologische Waffen oder ihre
Trägersysteme zu entwickeln, herzustellen, zu lagern
oder anderweitig für feindselige Zwecke in einem
bewaffneten Konflikt zu beschaffen". (In Klammern
möchte ich hinzufügen, daß der Irak nicht Unterzeichner des Vertrags über biologische Waffen ist). Anfang
dieses Jahres haben der Kongreß und die Administration ferner die Beteiligung amerikanischer Staatsbürger an allen biologischen Waffenprogrammen zur Straftat
erklärt.
Zusätzlich zu den von uns zur Kontrolle der Verbreitung von Raketen im Rahmen von EPCI ergriffenen
Initiativen lag der Schwerpunkt unserer Bestrebungen
zur Begrenzung der Verbreitung von Raketensystemen in der aktiven Beteiligung an und der Erweiterung
des Kontrollregimes für Raketentechnologie (Missile
Technology Control Regime - MTCR). Das MTCR ist
eine gegenseitige Absichtserklärung seiner Unterzeichnerstaaten, ein Bündel von Exportkontrollen für Raketen und Raketentechnologie anzuwenden. Im wesentlichen kontrolliert MTCR den Export unbemannter
Trägersysteme einschließlich Marschflugkörpern und
ferngelenkten Trägersystemen (remotely piloted vehicle Systems - RPVS), die eine Nutzlast von 500 kg
300 km weit transportieren können sowie das Material
und die Technologie für solche Raketen.
Seit seiner Gründung im Jahr 1987 hat sich die Teilnehmerzahl am MTCR verdoppelt. Heute zählen
folgende 15 Länder dazu: Australien, Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, Neuseeland, die

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Niederlande, Norwegen, Spanien und die Vereinigten
Staaten.
Die Vereinigten Staaten haben sich um die ernsthafte
Mitarbeit der führenden Technologielieferanten in Ostund Westeuropa sowie die Zurückhaltung der wachsenden Zahl von Entwicklungsländern bemüht - und
MTCR trägt das seine dazu bei. Die Mitarbeit der
westlichen Industrienationen an dem Regime war bei
der Verzögerung einer Reihe von Raketenprojekten
der dritten Welt entscheidend.
Ein Schwerpunkt des Regimes wird nach wie vor darin
bestehen, die Ueferanten aus Nichtunterzeichnerstaaten davon zu überzeugen, Technologieexporte zu
vermeiden, die Kontrollen zur Nichtverbreitung unterlaufen.
Die UdSSR hat sich öffentlich zur Einhaltung der
MTCR-Richtlinien zur Nichtverbreitung verpflichtet.
Obwohl noch einige wichtige Fragen gelöst werden
müssen - einschließlich der festen Zusage der Sowjetunion, die Lieferung von SCUD-Raketen nach Afghanistan einzustellen - hoffen wir, daß der Beitritt der
Sowjetunion zum MTCR in nicht allzu ferner Zukunft
erfolgen wird.
Obwohl China den Beitritt zum MTCR abgelehnt hat,
wurde doch die Bereitschaft angedeutet, eine Politik
der Zurückhaltung bei zukünftigen Raketentransfers
auszuüben. Dennoch sind wir weiterhin besorgt über
die Möglichkeit, daß die Chinesen eine neue Generation von Raketen auf den Markt bringen werden,
darunter die M-9/M-11, die in mindestens einer öffentlichen Rüstungsausstellung vorgeführt wurde. Wir
haben China wiederholt ermutigt, seine zukünftigen
Exporte in Einklang mit den Nichtverbreitungsnormen

des MTCR zu bringen.
Ein Großteil des von mir bisher Ausgeführten behandelt die sogenannte "Angebotsseite" des Problems.
Wir müssen uns daher mit der "Nachfrageseite" befassen, das heißt, den Motivationen, die Nationen zur
Beschaffung von Massenvernichtungswaffen bewegen. Unsere Hauptsorge über diese Verbreitung
konzentriert sich auf regionale Spannungsherde wie
den Nahen Osten und Südasien, und der Wunsch,
moderne, todbringende Waffenarsenale zu beschaffen, ist zum gro ßen Teil eine Manifestation der zugrundeliegenden politischen Spannungen.
Natürlich versuchen wir, ein nukleares Wettrüsten auf
dem indischen Subkontinent zu verhindern. Indien
und Pakistan haben drei Kriege geführt. Beide beobachten sich mit gegenseitigem Mißtrauen, und im
vergangenen Jahr kam es über den schwelenden
Konflikt in Kaschmir beinahe zum Eklat. Die Vereinigten Staaten sind der festen Überzeugung, daß die
Sicherheit keines Landes durch den Besitz von Kernwaffen verbessert wird, aber wir müssen die zugrundeliegenden, beiden Seiten bewußten politischen Pro-

AMERIKA DIENST 15

�bleme ansprechen, und dies erfordert einen regionalen Ansatz. Zur Zeit führen wir einen Dialog mit beiden
Ländern über die Möglichkeiten einer regionalen Lösung der Probleme, und meines Erachtens sind die
Interessen und Belange der UdSSR und Chinas direkt
betroffen.
Ich möchte mich nun dem Nahen Osten zuwenden.
Die Invasion des Irak in Kuwait, sein bisheriger Einsatz
chemischer Waffen und seine unprovozierten Raketenangriffe auf Israel haben ein Schlaglicht auf die Gefahren der Verbreitung nuklearer, chemischer und
biologischer Waffen und Raketen für Aggressoren
geworfen. Wenn der Golfkrieg beendet ist, muß die
internationale Staatengemeinschaft ihre Bestrebungen zur Begrenzung der Verbreitung dieser Waffen im
Nahen Osten verdoppeln. Vor allem müssen wir
versuchen, den Irak in jedem Fall daran zu hindern,
seine Fähigkeiten zum Erwerb von Massenvernichtungswaffen wiederzuerlangen. Die internationale
Staatengemeinschaft muß wirksame Wege zur Verwirklichung dieses Ziels in Erwägung ziehen, einschließlich der strikten Unterbindung jeglicher Auslandshilfe für solche Aktivitäten.
Falls es je Anlaß zu Hoffnung auf langfristige Sicherheit und Stabilität im Nahen Osten gibt, müssen die
Vereinigten Staaten und andere Nationen darüber
hinaus Nichtverbreitungsmaßnahmen für die gesamte
Region ermutigen. Dabei müssen die Staaten in der
Region sicherlich ihre Tendenz überdenken, sich bei

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AMERIKA DIENST 15

* *

der Beschaffung von Raketen und anderen nichtkonventionellen Waffen gegenseitig übertrumpfen zu wollen.
Einige politisch Verantwortliche im Nahen Osten, wie
der ägyptische Präsident Mubarak, haben bereits ihrer
Überzeugung Ausdruck verliehen, daß alle Länder in
der Region sicherer wären, wenn keiner von ihnen
Massenvernichtungswaffen besäße. Ich möchte hinzufügen, daß auch einige israelische Politiker diese
Meinung teilen.
Zusammen mit unserer Hoffnung auf Fortschritte in
der Nachkriegszeit bei der Lösung seit jeher schwelender territorialer Konflikte zwischen den Ländern des
Nahen Ostens erwarte ich, daß diese Länder Wege
zum Abbau der Gefahren eines regionalen Wettrüstens im konventionellen und nichtkonventionellen
Bereich suchen. Die Vereinigten Staaten werden
dieses enorm wünschenswerte Ziel fördern und unterstützen.
Ich hoffe, diese Übersicht vermittelt Ihnen einen gewissen Einblick in die ernsthaften Probleme, mit denen wir
uns bei der Verbreitung dieser Waffen konfrontiert
sehen und in den aktiven Ansatz, den die Vereinigten
Staaten bei ihrer Bewältigung verfolgen. Zweifelsohne liegt eine schwere Aufgabe vor uns, und sie wird uns
nicht immer mit sofortigem Erfolg beschieden sein. Ich
bin jedoch zuversichtlich, daß wir echte Fortschritte bei
der Milderung der gefährlichen Bedrohung erzielen
können, der sich die internationale Staatengemeinschaft durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen gegenübersieht.

*

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Seite 7

�WIRTSCHAFT
17. April 1991

DAS PROGRAMM DES PRÄSIDENTEN ZUR
FÖRDERUNG DES WIRTSCHAFTSWACHSTUMS
Übersicht des Weißen Hauses vom 9. April 1991

Der Präsident geht davon aus, daß eine starke, wachsende und dynamische Wirtschaft die Schaffung von
Arbeitsplätzen und Chancen für alle Amerikaner unterstützt. Die Administration verfolgt ein Programm zur
Förderung des Wirtschaftswachstums, das auf vier
Prinzipien aufbaut:
Ermutigung der Spar- und Investitionstätigkeit,
Eröffnung neuer Chancen auf den Weltmärkten,
Förderung einer qualifizierten und dynamischen
Erwerbsbevölkerung,
Abbau bürokratischer Hemmnisse.
I. ERMUTIGUNG DER SPAR- UND
IN VESTITIONSTÄTIG KEIT
Der Präsident engagiert sich für die Schaffung von
Bedingungen, die langfristigem, von den Marktkräften
bestimmtem Wirtschaftswachstum Vorschub leisten.
Die Administration unternimmt wichtige Schritte, um
die Kapitalkosten zu senken und unternehmerische
Initiative, die Spar- und Investitionstätigkeit sowie
Innovationen zu fördern. Der Präsident strebt Maßnahmen an, mit denen Hemmnisses für die Bildung
von Produktivkapital abgebaut werden und die gewährleisten, daß unsere physische, humane und technologische Infrastruktur die beste der Welt bleibt.

Abkommen gesetzten Ausgabenobergrenzen beschränken die Ausgaben zur freien Verfügung, während
neue, zwingend erforderliche Ausgaben durch Steuererhöhungen oder Reduzierungen in anderen Programmen gedeckt werden müssen.
Stärkung der privaten Spar- und Investitionstätigkeit
Der Präsident hat wiederholt eine Reduzierung der
Kapitalertragssteuer gefordert und den Vorsitzenden
der Bundeszentralbank, Alan Greenspan, gebeten,
eine technische Studie zu den wirtschaftlichen Auswirkungen eines Abbaus der Kapitalertragsteuer zu erstellen.
Der Bundeshaushalt für das Haushaltsjahr 1992 beinhaltet ferner Vorschläge für Familiensparkonten, mit
denen notwendige Anreize zum Sparen geschaffen
werden sowie für steuerfreie Abhebungen von privaten
Rentenkonten für Ersterwerber von Wohneigentum.
Förderung eines innovativen und soliden Finanzsystems
Die von der Administration in Angriff genommene
Reform der Finanzwirtschaft wird dazu beitragen, die
anhaltende Stärke unseres Finanzsystems zu sichern.
Eine umfassende Reform des Bankwesens wird unsere überholten Bankgesetze modernisieren, Steuerzahlerund Einleger schützen, zur Erleichterung harter
Kreditbedingungen beitragen und unsere Finanzinstitutionen im In- und Ausland wettbewerbsfähiger machen.

A. Reduzierung der Kapitalkosten
Kontrolle der Staatsverschuldung
Der Präsident bemüht sich energisch um die Kontrolle
der Bundesausgaben. Das Haushaltsabkommen des
vergangenen Jahres wird die Kreditaufnahme der
Bundesregierung in den kommenden fünf Jahren um
nahezu 500 Milliarden Dollar verringern. Die durch das
AMERIKA DIENST 15

B. Investitionen in Infrastruktur, Forschung und
Entwicklung
Erneuerung unserer Verkehrsinfrastruktur
Die Regierung schlägt eine erhebliche Aufstockung
der Mittel für den Fernstraßenbau von 14,6 Milliarden
Seite 1

�Dollar im Haushaltsjahr 1991 auf 20,3 Milliarden im
Jahr 1996 vor. Insgesamt werden in den nächsten fünf
Jahren nahezu 88 Milliarden Dollar für Bau und Unterhaltung von Fernstraßen bereitgestellt. Die Administration schlägt femer einen 17prozentigen Zuwachs
der Mittel für das Luftverkehrswesen vor.
Erweiterung von Forschung und Entwicklung
Der vom Präsident vorgelegte Haushalt 1992 beinhaltet 76 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung,
also eine Zunahme um 8,4 Milliarden (13 Prozent)
gegenüber 1991. Um Forschung und Entwicklung
seitens des Privatsektors zu ermutigen, unterstützt der
Präsident die zeitlich unbegrenzte Verlängerung der
Steuerererleichterungen für Forschung und Entwicklung.
Durchführung der Nationalen Energiestrategie
Der Präsident hat dem Kongreß im Februar seine
Nationale Energiestrategie zugeleitet. Die Strategie
ist ein umfassender und ausgewogener Plan für eine
sichere, effiziente und umweltfreundliche künftige
Energieversorgung. In den kommenden zwei Jahrzehnten werden mit dieser Strategie unnötige Hemmnisse für die Marktkräfte beseitigt, damit das Wirtschaftswachstum weiterhin durch ausreichend verfügbare kostengünstige Energie gefördert wird.
II. ERÖFFNUNG NEUER CHANCEN AUF DEN
WELTMÄRKTEN
Im gesamten Verlauf der Nachkriegszeit haben die
Vereinigten Staaten eine Führungsrolle dabei übernommen, die Welt zu einem neuen System des freien
Handels und offener Märkte zu führen. Die Vorteile
weltweiter Integration und erweiterten internationalen
Handels waren im In- und Ausland enorm. Der Präsident und die Administration arbeiten eng mit dem
Kongreß zusammen, um die noch bestehenden
Hemmnisse gegen internationalen Handel und Investitionen auf unserem Kontinent und weltweit abzubauen. Heute befinden sich die Vereinigten Staaten in
einem Exportboom. Die Warenexporte sind in den
vergangenen vier Jahren um 55 Prozent gestiegen doppelt so schnell wie die Importe. Die Fortführung
des "Fast-track-Mandats" zur Zustimmung des Kongresses zu Handelsabkommen ist für die Handelsstrategie des Präsidenten unabdingbar.
A. Erfolgreicher Abschluß der Verhandlungen der
Uruguay-Runde
Die erste Priorität des Präsidenten im Bereich des
Handels sind nach wie vor die Verhandlungen der
Uruguay-Runde im Rahmen des Allgemeinen Zollund Handelsabkommens (GATT). Ein erfolgreicher
Abschluß der Uruguay-Runde wird die Öffnung von
Agrarmärkten, den Abbau oder die Beseitigung von
Zöllen auf zahlreiche Produkte, die Stärkung des GATTSystems und seine Ausdehnung auf wichtige neue
Seite 2

Bereiche - wie Dienstleistungen, Investitionen und
geisitges Eigentum - zur Folge haben, die für die
Tragfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft entscheidend sind. Ein starkes multilaterales Handelssystem
ist für die wirtschaftliche Zukunft der Vereinigten Staaten unabdingbar, da es den Zugang unserer Unternehmen zu Wachstumsmärkten in Europa und Asien
gewährleistet.
B. Das Nordamerikanische
Freihandelsabkommen
Der Präsident hat sich zusammen mit dem mexikanischen Präsidenten Salinas und dem kanadischen
Premierminister Mulroney zur Aushandlung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA)
verpflichtet. Die Schaffung des NAFTA mit einem
Markt von rund 360 Millionen Verbrauchern und einer
Gesamtproduktion von 6 Billionen Dollar würde als
Katalysator für Wirtschaftswachstum und Entwicklung
in allen drei Ländern wirken.
Das amerikanisch-kanadische Freihandelsabkommen
hat in den ersten beiden Jahren seines Bestehens zum
Wachstum beider Volkswirtschaften beigetragen. Der
bilaterale Handel nahm trotz des schwächeren Wachstums beider Volkswirtschaften von 1988 bis 1989 um
rund 9 Prozent und von 1989 bis 1990 um 4,2 Prozent
zu.
C. Weiterführung der Initiative zur Förderung der
Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas
Die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen
Ländern Amerikas verspricht, Wachstum und Wohlstand auf dem gesamten Kontinent durch den Abbau
von Handels- und Investitionsschranken anzukurbeln.
Diese Initiative zielt ferner auf den offiziellen Schuldenabbau der Länder ab, die sich zu tiefgreifenden Wirtschaftsreformen verpflichtet haben und sich dabei auf
die anhaltende Unterstützung der Administration zum
Abbau der Verschuldung im Handelsbereich stützen.
Die Wiederherstellung des Wirtschaftswachstums in
Lateinamerika wird den amerikanischen Handel abkurbeln, da diese Region ein natürlicher Markt für
amerikanische Waren, Dienstleistungen und Investitionen ist.
D. Abbau unfairer Handelsschranken
Die Administration verfolgt zahlreiche bilaterale Initiativen mit dem Ziel, ausländische Regierungen von der
Öffnung ihrer Märkte und dem Abbau unfairer Hemmnisse für amerikanische Waren, Dienstleistungen und
Investitionen zu überzeugen. Darüber hinaus führt die
Administration bilaterale Verhandlungen mit Japan,
um strukturelle Faktoren auszumachen und abzubauen, die einen Ausgleich der Zahlungsbilanz und wirksame Muster des Welthandels verhindern. Unsere
Politik besteht in der Bewältigung von Handelsproblemen durch die Öffnung ausländischer Märkte und nicht
durch deren Schließung.
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�E. Förderung der amerikanischen Exporte
Der Präsident hat sich verpflichtet, auf diese Initiativen
zur Öffnung der Märkte durch eine Aufstockung amerikanischer Exporte - einer Hauptwachstumsquelle in
den vergangenen Jahren - aufzubauen. Der Koordinierungsausschuß zur Förderung des Handels hat
erstmalig die Ressourcen von 18 Bundesbehörden
gebündelt, damit amerikanische Unternehmen, die
Exporthilfe benötigen, alles unter einem Dach vorfinden. Als Teil dieser Bestrebungen fördert das Handelsministerium landesweit eine Reihe von Seminaren, um möglichen Exporteuren bei der Aufstockung
der Verkäufe ins Ausland behilflich zu sein.
III. FÖRDERUNG EINER QUALIFIZIERTEN UND
DYNAMISCHEN ERWERBSBEVÖLKERUNG
Der Präsident vertritt die Auffassung, daß langfristiges
Wirtschaftswachstum qualifizierte und anpassungsfähige Arbeitnehmer ebenso wie Kapital und neue Technologien erfordert. Die Administration unternimmt
entscheidende Schritte, um sicherzustellen, daß
amerikanische Arbeitnehmer gut ausgebildet und
hochqualifiziert sind und der amerikanische Arbeitsmarkt der dynamischste und flexibelste der Welt bleibt.
A. Umstrukturierung des Bildungswesens
Der Präsident hat sich herausragender Schulbildung
für alle Amerikaner verschrieben. Er befürwortet freie
Schulwahl, größere Flexibilität bei der Finanzierung
des Bildungswesens im Gegenzug zu verbesserter
Rechenschaftspflicht, geänderte Zulassungsbestimmungen für Lehrer und Schulleiter, Auszeichnungen
für hervorragende Lehrer und Schulen, die die Leistungen ihrer Schüler verbessern sowie innovative Ansätze in der naturwissenschaftlichen Ausbildung. In
Zusammenarbeit mit den Gouverneuren des Landes
versucht die Administration festzustellen, wie die Fortschritte bei der Verwirklichung der Bildungsziele des
Landes am besten gemessen und überprüft werden
können. Der Präsident wird in Kürze ein neues Gesetz
über die Verbesserung des Bildungswesens vorlegen.
B. Aufrechterhaltung flexibler Arbeitsmärkte
Der Präsident hat eine Reihe von Schritten unternommen, um die Dynamik zu erhalten, die den Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten kennzeichnet. Er
widersetzt sich nach wie vor obligatorischen Arbeitgeberanteilen zu den Sozialleistungen, mit denen die
Optionen für Arbeitnehmer eingeschränkt und die
Zunahme an Arbeitsplätzen in der Wirtschaft verlangsamt wird. Der Präsident unterstützt flexible Sozialleistungspakete, die zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ausgehandelt werden.
Der Präsident bekämpft jüngste Bestrebungen, das
über 50 Jahre bestehende Gleichgewicht in den Arbeitsbeziehungen zu unterminieren. Er widersetzt
sich den gegenwärtigen Gesetzen über Vertretungen

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für Streikende, das den Arbeitgebern verbieten würde,
bei Arbeitskämpfen ihren normalen Betrieb aufrechtzuerhalten, indem sie Zeitarbeitskräfte einstellen.
Zusammenarbeit, nicht Konfrontation, ist der Schlüssel zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Das Einwanderungsgesetz von 1990, die erste wichtige Reform der legalen Einwanderung seit 25 Jahren,
wird die Gesamtzahl der Einwanderer und insbesondere der Facharbeiter erheblich erhöhen. Diese neuen
Arbeitskräfte werden ihren Beitrag zum Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten leisten.
C. Verbesserung unserer Bestrebungen zur
Berufsbildung
Der Präsident hat Zusatzartikel zum Berufsbildungsgesetz (Job Training Partnership Act - JTPA) vorgeschlagen, das Verbesserungen der Berufsbildung insbesondere für stark benachteiligte erwachsene und
jugendliche Arbeitskräfte zum Ziel hat. Um Jugendliche in armen Stadt- und Landbezirken zu erreichen,
wurde für bestimmte Gebiete, in denen große Armut
herrscht, ein neues Programm für bessere Chancen
von Jugendlichen (Youth Opportunities Unlimited YOU) vorgelegt. Darüber hinaus gestattet das Programm für die Gewährung von Arbeitsmöglichkeiten
und Grundfertigkeiten (Job Opportunities and Basic
Skills Program - JOBS) den Bundesstaaten Flexibilität, um Empfängern von Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern (Families with Dependent
Children - AFDC) beim Erwerb dringend erforderlicher
Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt zu helfen. Die Regierung bereitet gegenwärtig ein JTPA-Gesetz zur Vorlage im 102. Kongreß vor.

IV. ABBAU BÜROKRATISCHER HEMMNISSE
Die bemerkenswerte Flexibilität der US-Wirtschaft, die
auf dem Vertrauen in freie Märkte basiert, ist ein
wichtiges nationales Gut. Staatliche Vorschriften
reduzieren in der Regel die wirtschaftliche Flexibilität
und sollten daher eine sehr beschränkte Rolle spielen.
Wo Vorschriften erforderlich sind, sollten entsprechende Programme strengen Rentabilitätsanalysen
unterzogen werden, die Macht von Marktkräften im
öffentlichen Interesse nutzen und solche Kräfte nicht
verzerren oder reduzieren.
A. Arbeitsgruppe zur Deregulierung im Rat für
Wettbewerbsfähigkeit
Der dem Vizepräsidenten unterstehende Rat für Wettbewerbsfähigkeit hat eine Arbeitsgruppe gebildet, um
die Auswirkungen der Deregulierung auf die US-Wirtschaft zu prüfen. Diese Arbeitsgruppe wird die Rolle
der Bundesregierung auf dem Markt untersuchen,
indem sie die Geschichte sowie die Kosten und Nutzen
der Deregulierung für zahlreiche Industriezweige Transport und Verkehr, Kommunikation, Energie und
Finanzdienste - prüft.

Seite 3

�B. Ergonomie

D. Arbeitsgruppe über die Zulassung von
Arzneimitteln

Der Rat des Vizepräsidenten über Wettbewerbsfähigkeit hat vor kurzem den Bericht über die nationale
Politik zur Ergonomie veröffentlicht, in dem das Engagement der Regierung für die Entwicklung ergonomischer Produkte nach Marktkriterien dargelegt wird.
Der Bericht gibt 15 Empfehlungen für drei politische
Bereiche: Investitionen in Wissenschaft und Technik,
risikoabhängige Regulierung und ein marktwirtschaftliches Umfeld mit Kapital und Finanzdienstleistungen
und dem Schutz der Rechte auf geistiges Eigentum.

Die Arbeitsgruppe ist einberufen worden, um den
Zulassungsprozeß der FDA zu prüfen und Veränderungen bei Verfahren und Aufbau vorzuschlagen. Mit
dieser Bestrebung soll der Prozeß beschleunigt und
effizienter werden, insbesondere im Hinblick auf neue
Arzneimittel und ohne zusätzliche Risiken. Darüber
hinaus wird die Gruppe den Zustand der US-Pharmakonzerne prüfen und Möglichkeiten zur Beibehaltung
ihrer Stellung im Wettbewerb vorschlagen.

C. Joint Ventures in der Produktion

E. telekommunikation

Der Rat für Wirtschaftspolitik hat einen Vorschlag
erarbeitet, der Konsortien in der Fertigungsindustrie
und Joint Ventures unter Konkurrenten in der Industrie
zuläßt. Gegenwärtig sind solche Gemeinschaftsunternehmen aufgrund der Unsicherheit im Hinblick auf
das Risiko von Strafverfolgung und privatrechtlichen
Gerichtsverfahren nach dem Kartellgesetz verboten.
Den gegenwärtigen Vorschlägen zufolge müßten das
Justizministerium und die Gerichte den weltweiten
Wettbewerb berücksichtigen, wenn es um Kartellfragen geht.

Schätzungen zufolge wird die Deregulierung in der
Telekommunikation der US-Wirtschaft jährlich 45 Milliarden Dollar einsparen. Trotz der höchst dynamischen Struktur werden Verhalten und Leistungen dieser Industrie immer noch größtenteils von rechtlichen
und regulatorischen Entscheidungen und Beschränkungen bestimmt. Telekommunikation ist für die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes entscheidend.
Unnötige Hindernisse und Vorschriften müssen beseitigt werden, und unsere Politik der Regulierung muß
ausgewogen und marktwirtschaftlich orientiert sein.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 15

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                <text>&lt;strong&gt;1. Neue Weltordnung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: neues Europa mit neuen Rollen und Institutionen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede zur "Neuen Weltordnung"&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Truppen helfen bei Einrichtung von Flüchtlingslagern im Irak&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Präsident Bush&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Koordinierte Bestrebungen zur Unterstützung der irakischen Flüchtlinge in die Wege geleitet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Darstellung der internationalen Zusammenarbeit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Humanitäre US-Hilfe für irakische Flüchtlinge &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nichtverbreitung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Nichtverbreitungspolitik der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Ronald F. Lehmann II&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Programm des Präsidenten zur Förderung des Wirtschaftswachstums&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des Weißen Hauses vom 9. April 1991&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

4 ; • .&lt;

24. April 1990

16

GOLFKRISE

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse
vom 1. bis 15. April 1991

BILDUNGSWESEN

AMERIKA 2000: DAS BILDUNGSPROGRAMM
DES PRÄSIDENTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

US - REGIERUNGSSYSTEM

PRÄSIDENT UND KONGRESS:
KONTROLLE UND AUSGLEICH DER KRÄFTE
von Marie D. Natoli

STIPENDIEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

FULBRIGHT-STIPENDIEN ZUM STUDIUM
IN DEN USA IM STUDIENJAHR 1992/93
Erstmals auch in den neuen Bundesländern

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�GOLFKRISE
24. April 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom 1. bis 15. April 1991
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend führen wir die Chronologie der Ereignisse am Golf für den Zeitraum vom
1. bis 15. April 1991 fort.

1. April
Der Führer der kurdischen Guerilla, Barsani, fordert
die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich auf, Saddam Husseins "Völkermord und Folter
unseres Volkes" zu stoppen.

Wenn der Irak alle Bedingungen erfüllt, wird im Gegenzug das Embargo schrittweise aufgehoben. Das Verbot
von Rüstungsexporten in den Irak wird bestehen bleiben.

Berichten des US-Verteidigungsministeriums zufolge
hat das irakische Militär die meisten wichtigen Städte
im Norden des Irak zurückerobert.

Resolution 687 stellt für jede Bedingung einen Zeitplan
auf, dessen erster Schritt die Entsendung einer UNBeobachtertruppe in eine 15 Kilometer breite entmilitarisierte Zone -10 Kilometer auf irakischem Gebiet und
5 Kilometer auf kuwaitischer Seite - entlang der irakisch-kuwaitischen Grenze ist.

3. April

5. April

Der französische Präsident Mitterand erklärt, der UNSicherheitsrat müsse den Irak für seine repressiven
Maßnahmen gegen die kurdische Minderheit verurteilen, wenn er nicht seine politische und moralische
Autorität verlieren wolle. Durch seinen Sprecher ließ
der französische Präsident übermitteln, das UN-Embargo
über Handel mit dem Irak solle solange beibehalten
werden, wie die Unterdrückung anhält.

Der NATO zufolge begeht die irakische Regierung
"massive Menschenrechtsverletzungen", und sie warnt
Bagdad, seine Angriffe auf das kurdische Volk zu
stoppen. Die Erklärung wird nach einem Treffen von
16 Nato-Botschaftern veröffentlicht. Einem Sprecher
zufolge "verurteilen die NATO-Mitgliedstaaten einhellig die brutale Unterdrückung ... und machen die irakische Regierung für diese massiven Menschenrechtsverletzungen verantwortlich".

2. April

Mit 12 Stimmen zu 1 Gegenstimme Kubas und 2
Enthaltungen von Jemen und Ecuador verabschiedet
der UN-Sicherheitsrat Resolution 687, in der die Bedingungen für den Waffenstillstand am Golf dargelegt
werden.
Die Resolution bestätigt unter anderem die irakischkuwaitische Grenze, wie sie 1963 festgelegt wurde,
verfügt die Zerstörung der chemischen und biologischen Waffen des Irak und ruft einen Ausschuß ins
Leben, der feststellen soll, wie aus irakischen Öleinnahmen Reparationen gezahlt werden können.
Der Irak muß den Tenorismus aufgeben und geloben,
keiner terroristischen Vereinigung zu gestatten, von
seinem Territorium aus zu operieren.

AMERIKA DIENST 16

Mit 10 zu 3 Stimmen verabschiedet der UN-Sicherheitsrat Resolution 688, in der die "Unterdrückung"
des irakischen Volkes durch die Regierung "in jüngster
Zeit in von Kurden besiedelten Gebieten" verurteilt
wird. Der Irak wird aufgefordert, die durch die Unterdrückung verursachte "Bedrohung für den Weltfrieden
und die Sicherheit in der Region zu beseitigen". Kuba,
der Jemen und Zimbabwe stimmen gegen die Resolution, China und Indien enthalten sich.
Durch Schüsse aus dem irakischen Generalkonsulat
in Istanbul werden bei einer Demonstration vor dem
Gebäude eine Person getötet und zwei verletzt. Türkische Beamte erklären, einige Personen seien im
Zusammenhang mit dem Zwischenfall festgenommen
und Ermittlungen eingeleitet worden.
Seite 1

�6. April
Die irakische Nationalversammlung nimmt mit 160 zu
31 Stimmen die Bedingungen der Resolution 687 des
UN-Sicherheitsrats für einen Waffenstillstand am Golf
an.
Der UN-Generalsekretär Javier Perez de Cuellar unterbreitet dem Sicherheitsrat Pläne, als ersten Schritt
zur Durchführung der Waffenstillstandsresolution zum
Golf krieg zunächst 300 militärische Beobachter in die
irakisch-kuwaitische entmilitarisierte Zone zu entsenden. Der Plan sieht vor, daß nach Entsendung der in
der Resolution 687 vorgeschriebenen UN-Friedenstruppe UNIKOM - der Irakisch-Kuwaitischen Beobachtermission - alliierte Streitkräfte, die den Süden des
Irak besetzt halten, ihren Rückzug antreten.
Irakische Diplomaten in Washington und bei den Vereinten Nationen werden vom US-Außenministerium
erneut darüber informiert, daß mit Beginn der humanitären Hilfsaktionen "irakische Truppen keine Einsätze
in irgendeinem Teil des Landes (einschließlich dem
Norden und Süden des Irak) durchführen, die Leistungen humanitärer Hilfe an irakische Bürger behindern
könnten".
7. April
In einem 23seitigen Brief an Generalsekretär Javier
Perez des Cuellar erklärt der Irak, die Bedingungen
des UN-Sicherheitsrats zur Beendigung des Golfkriegs
zu akzeptieren, wie sie in Resolution 687 dargelegt
sind. In dem Brief führt der Irak Beschwerde darüber,
daß die Bedingungen unfair und ungesetzlich sind, gibt
jedoch zu, keine andere Alternative zu haben als die
Resolution zu akzeptieren. Der Irak stimmt zu, alle
Massenvernichtungswaffen aufzugeben und für seine
siebenmonatige Besetzung Kuwaits Schadenersatz
zu leisten.
Der türkische Außenminister Ahmet Kurtecebe Alptemocin erklärt in Ankara, über 1.500 irakische Kurden
seien auf der Flucht vor den Nachstellungen des
irakischen Militärs an Hunger, Krankheiten und Kälte
gestorben.
Die Polizeiverwaltung von Prag leitet im Zusammenhang mit einer Demonstration kurdischer Studenten
am 5. April vor der irakischen Botschaft ein Strafverfahren ein. Dabei wollten kurdische Studenten der
irakischen Botschaft eine Liste mit Forderungen übergeben, woraufhin sie von Botschaftspersonal mit
Schlagstöcken, Pistolen und einer Maschinenpistole
angegriffen wurden. Insgesamt wurden acht Schüsse
abgegeben.
Der Emir von Kuwait, Scheich Dschabir al-Ahmad AlSabah erklärt, gemäß der kuwaitischen Verfassung
würden im nächsten Jahr in Kuwait Wahlen stattfinden. Dabei würden auch die politischen Rechte von
Frauen neu überdacht.

Seite 2

US-Transportflugzeuge beginnen mit der Lieferung
von Hilfsgütern an die kurdischen Flüchtlinge im Norden des Irak. Verteidigungsminister Cheney erklärt,
eine UN-Friedenstruppe könnte eingesetzt werden,
um zum Schutz der Flüchtlinge Pufferzonen im Irak zu
errichten.
8. April
Außenminister Baker besucht ein kurdisches Flüchtlingslager an der türkisch-irakischen Grenze und verspricht zusätzliche Hilfe. Baker fordert die internationale Staatengemeinschaft auf, "schnell und effektiv"
auf die steigenden humanitären Bedürfnisse Tausender irakischer Flüchtlinge zu reagieren, die sich an der
türkisch-irakischen Grenze konzentrieren.
Die Europäische Gemeinschaft schließt sich einem
britischen Vorschlag an, eine kurdische Schutzzone
im Norden des Irak zu schaffen.
9. April
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschließt
die Stationierung einer 1440-Mann starken UNIKOMBeobachtertruppe zur Überwachung der demilitarisierten Zone entlang der irakisch-kuwaitischen Grenze.
Der schwedische stellvertretende Au ßenminister Pierre Schor bestellt den irakischen Geschäftsträger ins
Außenministerium ein und trägt einen scharfen Protest
der schwedischen Regierung gegen das Abfeuern
einer automatischen Waffe aus der irakischen Botschaft während einer gewalttätigen Protestkundgebung von Kurden am 7. April vor. Der schwedischen
Polizei zufolge haben die Ermittlungen ergeben, daß
30 Schüsse aus einer automatischen Waffe wie der
sowjetischen AK-47 abgegeben wurden. Ausländische Diplomaten können in Schweden keinen Waffenschein für solche Waffen erhalten.
10. April
Etwa 250 Millionen Dollar an Geld- und Sachspenden
für irakische Flüchtlinge wurden bis heute von 45
Geberländern zugesagt, erklärt ein Sprecher des USAußenministeriums. Vertretern internationaler Flüchtlingshilfeorganisationen zufolge hätten sich bereits
771.000 irakische Zivilisten, zumeist Kurden, in den
Iran begeben, und möglicherweise warteten 500.000
bis 700.000 weitere im Irak darauf, die Grenze zu
überschreiten.
Das US-Außenministerium erklärt, der Iran habe der
Annahme amerikanischer Hilfe für die Flüchtlinge
zugestimmt, nachdem die US-Administration verkündet hatte, sie sei zur Lieferung von Hilfsgütern in dieses
Land über multilaterale Hilfskanäle bereit.
Irakische Diplomaten in Washington und bei den Vereinten Nationen werden erneut vom US-Außenministerium gewarnt, daß mit Anlaufen der humanitären
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�Hilfsoperationen "irakische Truppen keine Maßnahmen in irgendeinem Teil des Landes (einschließlich
des Nord- oder Südirak) ergreifen sollten, die die
Bereitstellung humanitärer Notfallhilfe für irakische
Bürger stören könnten".
11. April

Die Vereinigten Staaten haben 215 Tonnen an Nahrungsmitteln, einschließlich Milch, Zucker, Mehl, Salz
und Tee sowie Wasser, Zelten, Decken und Schlafsäcken bereitgestellt, seit die Vereinigten Staaten am
7. April damit begonnen haben, Hilfsgüter im türkischirakischen Grenzgebiet abzuwerfen, erklärt der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Pete Williams.

Der Präsident des UN-Sicherheitsrats überreicht dem
irakischen UN-Botschafter ein Schreiben, in dem offiziell mitgeteilt wird, daß der Waffenstillstand im Golfkrieg in Kraft getreten ist. Das Schreiben war eine
Antwort auf die irakische Annahme der UN-Waffenstillstandsresolution 687, die dem Sicherheitsrat und
Generalsekretär Javier Perez de Cuellar übermittelt
worden war.

Nach Gesprächen mit dem luxemburgischen Premierminister und Präsidenten des Europäischen Rats,
Jacques Santer, sowie dem Präsidenten der Europäischen Kommission, Jacques Delors, im Weißen Haus
erklärt Präsident Bush, Europa und die Vereinigten
Staaten "haben ein enormes, auf Zusammenarbeit
gegründetes Flüchtlingsprogramm aufgenommen", um
den kurdischen Flüchtlingen zu helfen.

Der irakische UN-Botschafter Abdul Amir Al-Anbari
erklärt, der Waffenstillstand sei technisch in Kraft
getreten, als der Irak die Bedingungen der Resolution
687 angenommen habe. Der Sicherheitsrat war am 8.
April zusammengetreten, um die irakische Annahme
zu prüfen. Einige Mitgliedstaaten baten jedoch um
eine Verschiebung der Absendung des Bestätigungsschreibens, um das von der irakischen Nationalversammlung im Hinblick auf den Waffenstillstand beschlossene Dokument zu untersuchen. Den Medien
zufolge hatte das irakische Parlament trotz der Annahme der Resolution gegen die Bedingungen protestiert,
woraus sich die Notwendigkeit ergab, den genauen
Wortlaut der formellen irakischen Annahme zu prüfen.
Die Antwort der irakischen Nationalversammlung, die
in Arabisch abgefaßt war, wurde deshalb von der UNO
in die anderen fünf offiziellen U NO-Sprachen übersetzt und dann den 15 Mitgliedstaaten des Sicherheitsrats übermittelt.

Humanitäre Organisationen der UNO, die sich um den
massiven irakischen Flüchtlingsstrom in die Türkei
und den Iran kümmern, berichten, daß viele der 1,3
Millionen Menschen "in einem verzweifelten Zustand
sind". Der Exodus veranlaßt internationale Hilfsorganisationen dazu, nahezu über Nacht Programme bereitzustellen, um den Regierungen der Türkei und des
Iran zu helfen.

Die Regierung Schwedens verkündet die Ausweisung
des irakischen Diplomaten Fadhil S. Hassan wegen
der Schüsse aus einer automatischen Waffe bei einer
Kurdendemonstration vor der irakischen Botschaft in
Stockholm am 7. April. Hassan erhält 48 Stunden Zeit,
um Schweden zu verlassen. Die schwedische Regierung setzt eine Frist von 24 Stunden, innerhalb derer
die Botschaft die illegale automatische Waffe übergeben oder die weiteren Folgen tragen muß.
Amerikanische Regierungsvertreter kündigen eine
massive Hilfsoperation an, um ein Massensterben
unter den mehr als 500.000 irakischen Kurden abzuwenden, die sich in den eiskalten Gebirgsregionen
entlang der türkisch-irakischen Grenze befinden. Sie
erklären darüber hinaus die Bereitschaft, dem Iran zu
helfen, die über eine Million Flüchtlinge an seiner
Grenze mit dem Irak zu versorgen.
Das Verteidigungsministerium teilt mit, die Koalitionsstreitkräfte setzten ihre Luftbrücke zum Transport von
Hilfsgütern für irakische Flüchtlinge mit dem Ziel fort,
den Fluß an Gütern "auf das größtmögliche Maß zu
erhöhen".

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Das Büro des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen sowie die UN-Organisation für Katastrophenhilfe in Genf teilen mit, daß schätzungsweise
800.000 irakische Zivilisten in den Grenzprovinzen des
Iran Zuflucht gesucht haben, die meisten in den Provinzen Bachtaran und West-Aserbeidschan. Daneben
befinden sich 500.000 Iraker entweder in der Türkei
oder an deren Grenze, erklären UNO-Vertreter.
12. April
Der UN-Sicherheitsrat billigt die Empfehlung des
Generalsekretärs, derzufolge 34 Staaten Personal für
die UNIKOM entsenden: Argentinien, Bangladesh,
Chile, China, Dänemark, die Fidschi-Inseln, Finnland,
Frankreich, Ghana, Griechenland, Großbritannien,
Indien, Indonesien, Irland, Italien, Kanada, Kenia,
Malaysia, Nigeria, Norwegen, Österreich, Pakistan,
Polen, Rumänien, Senegal, Schweden, Singapur,
Thailand, die Türkei, die UdSSR, Ungarn, Uruguay,
Venezuela, und die Vereinigten Staaten. Die Stationierung der Friedenstruppe beginnt.
13. April
Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher erklärt,
der irakische Präsident Saddam Hussein solle nach
dem Muster der Nürnberger Prozesse gegen führende
Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg vor einem internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen abgeurteilt werden. Genscher stellte fest, ein solcher Prozeß
wegen "Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte" sollte unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen erfolgen.

Seite 3

�14. April
Die Vereinigten Staaten entsenden Tausende zusätzlicher Soldaten mit Schiffen und Hubschraubern, um
die massiven Hilfsbemühungen im Rahmen der
"Operation Provide Comfort" für Iraker zu unterstützen, die in Todesangst vor den Streitkräften Saddam
Husseins fliehen, verkündet das Verteidigungsministerium. Vertreter der Bush-Administration beschreiben die Hilfsoperation als die größte in der modernen
Militärgeschichte.
15. April
Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Margaret
Tutwiler, erklärt, daß sich schätzungsweise 400.000
irakische Flüchtlinge - zumeist Kurden - bereits in der

*

Seite 4

Türkei befinden und weitere 400.000 auf der anderen
Seite der Grenze im Irak stehen. Helfer an der
türkischen Grenze schätzten, daß dort täglich 400 bis
1.000 Menschen sterben. Tutwiler erklärt, daß Nachschub und medizinische Unterstützung so schnell dorthin
geliefert würden, "wie dies menschenmöglich ist".
Sprecher des Weißen Hauses teilen mit, daß die AntiIrak-Koalition weiterhin ausreichende Truppen in der
Golfregion stationieren werde, um die Sicherheit der
Flüchtlingslager zu gewährleisten. Die Vereinigten
Staaten haben Bagdad vor Angriffen auf die Flüchtlinge gewarnt. Diese Warnungen "werden durch die
offensichtliche Androhung einer militärischen Intervention unterstrichen, sollte dies notwendig sein",
erklärt ein Sprecher.

*

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�BILDUNGSWESEN
24. April 1991

AMERIKA 2000: NEUE STRATEGIE
IM BILDUNGSWESEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Die nachfolgende Übersicht über Präsident Bushs Strategie im Bildungswesen wurde am 18. April 1991 vom
Weißen Haus veröffentlicht.

Präsident Bush hat heute sein Programm zur Verwirklichung der nationalen Ziele im Bildungswesen und
Verbesserung der Ausbildung für alle Amerikaner
dargelegt. Der Präsident vertritt die Auffassung, das
Bildungssystem der Vereinigten Staaten müsse bis
zum Jahr 200 umstrukturiert und belebt werden.
Der Präsident betonte, daß es sich bei diesen Bestrebungen um eine nationale Herausforderung handelt,
und forderte alle Amerikaner auf, sich an "diesem
entscheidenden Kreuzzug zu beteiligen - dem Kreuzzug, unsere Kinder und uns auf die vor uns liegende
aufregende Zukunft vorzubereiten."

Nachbarschaftsorganisationen und andere Bürgerinitiativen - zur Zusammenarbeit mit den Schulen, um ein
besseres Bildungswesen für die Nation zu schaffen.
A.

Dem Präsidenten zufolge ist es an der Zeit, Weltklassestandards für die Lernziele unserer Kinder in fünf
Basisfächern einzuführen: Englisch, Mathematik,
Naturwissenschaften, Geschichte und Geographie.
Mit Hilfe des National Education Goals Panel
(Nationales Gremium für Lernziele) und in Zusammenarbeit mit Interessenten im ganzen Land
werden der Präsident und die Gouverneure
einen Zeitplan für die Erarbeitung nationaler
Standards in diesen fünf Fächern festlegen. Im
September 1991 und in allen darauffolgenden
Jahren wird das Gremium der Nation über die
Fortschritte im Bildungswesen des Landes Bericht
erstatten.

AMERIKA 2000 stützt sich auf vier zusammenhängende Komplexe:
Aufbau besserer Schulen mit größerer Verantwortung für die Schüler von heute,
Schaffung einer neuen Generation amerikanischer Schulen für die Schüler von morgen,

Die Standards zielen darauf ab, das gesamte
Bildungssystem aufzuwerten und die Leistungen aller Schüler zu verbessern. Der Präsident
und die Gouverneure sind gegen ein einheitliches nationales Curriculum oder eine Zentralisierung des Bildungswesens.

Umwandlung der Vereinigten Staaten in eine
Nation von Lernenden, und
die Gemeinden sollen zu Orten des Lernens
werden.
I.

Aufbau besserer Schulen mit größerer
Verantwortung für die Schüler von heute

Der Präsident hat alle Amerikaner aufgefordert, zum
Aufbau besserer Schulen mit größerer Verantwortung
beizutragen, in denen Weltklassestandard und das
Prinzip der Verantwortung eine Rolle spielen. Er
ermutigte alle Mitglieder unserer Gemeinden - Familien, Unternehmer, Gewerkschaften, Gotteshäuser,
AMERIKA DIENST 16

Weltklassestandard in fünf Basisfächern

B.

Ein System freiwilliger nationaler
Prüfungen

Mit Hilfe des National Education Goals Panel wird ein
System freiwilliger Prüfungen entwickelt, denen sich
alle Schüler der 4., 8. und 12. Klasse in den fünf
Fächern unterziehen können.

Seite 1

�Diese American Achievement Tests (amerikanische Leistungstests) sind eine Herausforderung für alle Schüler, Weltklassestandard zu
erreichen und sicherzustellen, daß sie nach der
Schule auf das Studium und Arbeitsleben vorbereitet sind. Die Tests stellen höhere Anforderungen (das heißt, es wird nicht nur im Multiple
choice-Verfahren geprüft).

40 Millionen Dollar an neuen Fördermitteln für
Schul bezirke vor, die beachtliche Fortschritte
bei den Schulleistungen erzielt haben. Auszeichnungen werden für kontinuierliche Verbesserungen in diesen entscheidenden Fächern
vergeben.
Das Gesetz "AMERICA 2000" über die Verbesserung des Bildungswesens von 1991 sieht
ferner Mittel für förderungswürdige Schulprogramme (Merit Schools Program) vor, mit denen die Bundesstaaten einzelne Schulen auszeichnen können, die beachtliche Fortschritte
bei den nationalen Bildungszielen machen. Die
Bundesstaaten können die Mittel über mehrere
Jahre hinweg "auflaufen lassen", um noch größere Anreize für erfolgreiche Schulen zu schaffen.

In Zusammenarbeit mit den Gouverneuren des
Landes ersucht der Präsident um die Ermächtigung des Kongresses zu einer nationalen
Bewertung der Fortschritte im Bildungswesen
und die freiwillige Anwendung dieser Bewertung
auf Bezirks- und Schulebene.
Schüler, die bei den American Achievement
Tests herausragende Leistungen erzielen, erhalten eine Auszeichnung des Präsidenten für
herausragende Schulbildung in Anerkennung
ihrer ausgezeichneten Leistungen.

C.

D.

Bereitstellung und Förderung freier
Schulwahl

Der Präsident ersucht um die Ermächtigung für
Förderstipendien des Präsidenten, um herausragende wissenschaftliche Leistungen von einkommensschwachen Studenten zu würdigen,
die ein Hochschulstudium aufnehmen wollen.
Diese Preise werden für ausgezeichnete Leistungen in der High School und im College
vergeben.

Der Präsident vertritt die Auffassung, daß freie Schulwahl für Eltern und Schüler entscheidend für die Verbesserung unserer Schulen ist.

Schulen als Reformstätten

Im Rahmen des Education Certificate Program Support Fund in Höhe von 200 Millionen Dollar werden
Fördermittel an Schulbezirke vergeben, die freie Schulwahl der Eltern fördern.

Die Administration wird den Grund- und weiterführenen Schulen helfen, ihre Möglichkeiten besser auszuschöpfen, um die Ergebnisse zu verbessern und neue
zu erzielen, indem sie bei der Entscheidungsfindung
auf der Ebene der Bundesstaaten, Bezirke und Schulen mehr Flexibilität zuläßt und Leistungsnachweise
fördert.
Zusätzlich zu einem jährlichen nationalen Leistungsnachweis wird der Präsident die Schulen,
Schulbezirke und Bundesstaaten ermutigen,
reguläre Leistungsnachweise auszustellen.
Anhand dieser Leistungsnachweise werden die
Ergebnisse und Fortschritte bei der Verwirklichung der nationalen Bildungsziele gemessen.
Im Rahmen des neuen Gesetzes "AMERICA
2000" über die Verbesserung des Bildungswesens (AMERICA 2000 Excellence in Education
Act) von 1991 strebt der Präsident Gesetze an,
die größere Flexibilität beim Einsatz von Bundesmitteln für Bildung im Gegenzug zu verbesserter Rechenschaftspflicht über Ergebnisse
gestatten.
Um eine Reform der mathematischen und naturwissenschaftlichen Ausbildung zu ermutigen,
sieht das Gesetz "AMERICA 2000" über die
Verbesserung des Bildungswesens von 1991

Seite 2

Der Präsident wird im Rahmen des Gesetzes
"AMERICA 2000" über die Verbesserung des
Bildungswesens von 1991 Auswahlprogramme
der Bundesstaaten und Gemeinden fördern.

Die Vorführung von Pilotprogrammen der Schulen wird
mit Mitteln in Höhe von 30 Millionen Dollar unterstützt.
Darüber hinaus will die Administration sicherstellen, daß die Bundesbildungsprogramme die
freie Schulwahl besser unterstützen.
E.

Lehrer und Schulleiter

Amerikas Lehrer und Schulleiter stehen bei der Umgestaltung unserer Schulen an vorderster Front. Als Teil
des neuen Gesetzes "AMERICA 2000" über die Verbesserung des Bildungswesens wird der Präsident
Initiativen vorschlagen, um hervorragende Führungsqualitäten in unseren Schulen zu fördern.
Mit Preisen des Präsidenten für hervorragende
Leistungen in der Ausbildung werden ausgezeichnete Lehrer in ganz Amerika anerkannt
und belohnt.
Der Präsident wird die Bundesstaaten und Städte ermutigen, alternative Formen der Zulassung
von Lehrern zu fördern, indem er den Einzelstaaten einmalige Zuschüsse gewährt, um solche alternativen Zulassungen zu erleichtern.

AMERIKA DIENST 16

�Zur Verbesserung der Ausbildung von Schulleitern und anderen Pädagogen wird der Präsident
in jedem Staat die Gründung von Lehrerfortbildungsstätten mit Hilfe von Bundesmitteln vorschlagen, um die Fortbildung der Schulleiter
durch Schulungen und Mentorenprogramme zu
verbessern.
Der Präsident wird diese Fortbildungsstätten für
amerikanische Lehrer mit Mitteln der Bundesregierung gründen, um fortschrittliche Schulungen anbieten zu können, die sich auf die fünf
Basisfächer konzentrieren.
•

*

Der Präsident ermutigt die Bundesstaaten ferner,
gestaffelte Gehälter sowie finanzielle und andere Anreize
für diejenigen in Erwägung zu ziehen, die ausgezeichnet unterrichten, Basisfächer lehren, unter extremen
Bedingungen arbeiten und Mentoren für Referendare
sind.
II.

Eine neue Generation von Schulen für die
Studenten von morgen

Der Präsident hat heute die fähigsten Köpfe in Amerika
aufgefordert, die besten Schulen der Welt zu schaffen
und auch den Städten dabei zu helfen.
A.

die Form gegenwärtiger Schulsysteme sprengen.
Aus diesem Fonds werden jeder neuen Schule bis zu
eine Million Dollar gewährt, um besondere Fortbildungsmaßnahmen, Lehrmittel oder andere Bedürfnisse der Schule zu finanzieren. Ziel ist, daß es in jedem
Kongreßbezirk bis September 1996 mindestens eine
Schule neuen Zuschnitts gibt.
Wenn die Schulen einmal eingerichtet sind, werden die
laufenden Kosten genauso hoch sein wie bei den
herkömmlichen Schulen.
Darüber hinaus wird der Präsident den Kongreß um
Starthilfe bitten, damit modernste Technik entwickelt
werden kann, die den neuen Schulen angemessen ist.
Eine neue Schule bedeutet nicht notwendigerweise
ein neues Gebäude. Sie stützt sich auch nicht ausschlie ßlich auf Technologie - es zählt allein die Qualität
des Lernens.
C.

Der Präsident hat jede Gemeinde im Land aufgefordert, vier Dinge zu tun:
die sechs nationalen Bildungsziele zu verwirklichen,

Forschung und Entwicklung

eine Gemeindestrategie zur Realisierung dieser
Ziele zu entwickeln,

Eine Reihe von teilweise mit Hilfe der Industrie geförderten Forschungs- und Entwicklungsgruppen wird
eine neue Generation von Schulen in Amerika erarbeiten.
Amerikas Industrievertreter werden für den Verband
zur Entwicklung neuer Schulen in Amerika (American
Schools Development Corporation) private Ressourcen aufbringen und mobilisieren. Diese neue gemeinnützige Organisation wird 1992 Verträge mit drei bis
sieben Forschungs- und Entwicklungsgruppen abschließen. Diese Gruppen setzen sich aus Unternehmen,
Universitäten, Denkfabriken, Schulplanern und anderen zusammen. Die Ergebnisse der Gruppe werden
dem amerikanischen Volk zugute kommen.
t

Die Aufgabe dieser Gruppen besteht darin, Städten bei
der Schaffung von Schulen zu helfen, in denen unsere
nationalen Bildungsziele verwirklicht werden - auch ein
Weltklassestandard in den fünf Basisfächern für alle
Schüler, wie sie unter anderem die American Achievement Tests ermitteln.

Der Präsident wird seinen Ausschuß aus Beratern zur
Bildungspolitik und das Bildungsministerium bitten, die
Arbeit dieser Forschungs- und Entwicklungsgruppen
zu prüfen und über ihre Fortschritte zu berichten.
B.

Neue Schulen in Amerika

Der Präsident wird den Kongreß bitten, 550 Millionen
Dollar als einmalige Starthilfe breitzustellen, um mindestens 535 amerikanische Schulen zu schaffen, die

AMERIKA DIENST 16

AMERICA 2000-Gemeinden

einen Nachweis über Fortschritte zu führen und
ihre Bereitschaft zu demonstrieren, die Neue
Amerikanische Schule in Amerika zu schaffen
und zu fördern.
Gemeinden, die diese Herausforderung akzeptieren,
werden von den Gouverneuren ihres Bundesstaats
zur "AMERICA 2000-Gemeinde" ernannt.
In Zusammenarbeit mit dem Bildungsminister werden
die Gouverneure die Pläne der Gemeinden mit Hilfe
eines hochrangigen Beratergremiums prüfen und
bestimmen, welche AMERICA 2000-Gemeinden in
jedem Staat Bundesmittel erhalten, um neue Schulen
zu gründen.
Die Gouverneure und der Minister werden sicherstellen, daß viele Gemeinden mit Kindern aus sozialen
Brennpunkten solche Schulen schaffen.
D.

Eine Führungsrolle auf allen Ebenen

Die Umgestaltung des amerikanischen Bildungswesens und Schaffung einer neuen Generation von Schulen
in Amerika wird auf allen Ebenen den Einsatz von
Amerikas Politikern erfordern.
Der Präsident begrüßt das Engagement der US-Wirtschaft, Beiträge im Umfang von 150 bis 200 Millionen
Dollar zur Förderung der Forschung und Entwicklung
zu leisten.
Seite 3

�Der Präsident fordert die Gouverneure des Landes
auf, sich an die Spitze der Bestrebungen um die Neue
Schule in Amerika zu stellen.

Der Präsident wird auf die Übernahme größerer
Verantwortung und Wahlmöglichkeiten im Erwachsenenbildungsgesetz drängen und diese
beiden Hand in Hand gehenden Prinzipien in
den neuen Maßnahmen zur Erwachsenenbildung fördern, die im Rahmen des neuen Gesetzes "AMERICA 2000" zur Verbesserung des
Bildungswesens von 1991 vorgeschlagen werden.

Der Präsident fordert die Legislative der Bundesstaaten auf, die Gründung und den Betrieb neuer Schulen
in Amerika zu fördern, Weltklassestandards anzustreben und American Achievement Tests durchzuführen
sowie Leistungsnachweise auf allen Ebenen zu führen.
Der Präsident ermutigt einflußreiche Bürger, in den
Gemeinden im ganzen Land mitzuarbeiten, damit eine
Gemeinde den Status "AMERICA 2000-Gemeinde"
erhält und sich an der Planung und Realisierung der
neuen Schulen zu beteiligen. Die Industrie kann
städtische Schulen ermutigen, sich für den Weltklassestandard und den American Achievement Test zu
bewerben und Schulen ermutigen, Leistungsnachweise zu führen.
Der Präsident hat die Pädagogen aufgefordert, neue
Rollen zu übernehmen und Risiken einzugehen. Lehrer,
Schulleiter und andere Pädagogen sind aufgerufen,
einen Konsens über die Weltklassestandards zu erarbeiten und Bedingungen für die Schaffung neuer Schulen
in jeder Gemeinde zu erforschen.
E.

Engagement von Familien und Kindern für
das Lernen

Der Präsident hat an die Eltern appelliert, auf Weltklassestandards, American Achievement Tests und Leistungsnachweise an den örtlichen Schulen zu drängen. Die Eltern müssen eine Schlüsselrolle bei der
Schaffung der Neuen Amerikanischen Schule in ihren
Gemeinden und Stadtvierteln spielen und zu Hause

mit den Kindern an der Verbesserung ihrer schulischen Leistungen arbeiten.
III.

B.

Stärkung der Aus- und Fortbildung für die
Schüler von gestern und die Arbeitnehmer
von heute

Festsetzung von Normen für
Arbeitsqualifikationen und Kenntnisse

Der Präsident hat Unternehmer und Gewerkschaften
aufgefordert, in Zusammenarbeit für jede Branche
Weltklassestandards und unerlä ßliche Qualifikationen
zu erarbeiten und anzuwenden. Bundesmittel zur
Unterstützung der Anlaufphase dieses Projekts werden beantragt.
C.

Einrichtung von Industrie- und Gemeinde
Zentren zur Vermittlung von Qualifikationen

Die Arbeitnehmer von heute werden durch Qualifizierungszentren (Skill Clinics) unterstützt - in Unternehmen, Stadtteilen und Gemeinden in den gesamten
Vereinigten Staaten angesiedelte Dienstleistungszentren, in denen Erwachsene unter einem Dach eine
Einschätzung ihrer Arbeitsqualifikationen und weiterführende Informationen erhalten können.
Die Administration wird die Unternehmen auffordern, ihren Beschäftigten den Zugang zu
solchen Qualifizierungszentren zu ermöglichen
und "AMERICA 2000"-Gemeinden und Stadtteile ermutigen, gemeindeeigene Qualifizierungszentren einzurichten.

Die Umgestaltung Amerikas zu einer
"Nation von Lernenden"

Der Präsident geht davon aus, daß Lernen eine lebenslange Herausforderung darstellt. Annähernd 85 Prozent der amerikanischen Erwerbsbevölkerung des Jahrs
2000 stehen heute bereits im Berufsleben. Die Verbesserung der Schulen für die Schüler von heute und
morgen allein reicht nicht aus, um die Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten im Jahr 2000 und
danach zu sichern. Der Präsident hat die Amerikaner
dazu aufgerufen, sich von "einer Nation in Gefahr" zu
einer "Nation von Lernenden" zu entwickeln, indem
Wissen und Qualifikationen aller Amerikaner ständig
verbessert werden.
A.

Das Bildungsministerium wird regelmäßige, rechtzeitige und verläßliche Informationen zur Verfügung stellen, indem die Nationale Statistik über die Lese- und
Schreibfähigkeit von Erwachsenen erweitert und regelmäßig Daten über die Bemühungen zur Verbesserungs dieser Fähigkeiten erhoben werden.

Bundesministerien und -ämter werden ermutigt, solche Qualifizierungszentren einzurichten
und in Zusammenarbeit mit dem Amt für Personalwesen Maßnahmen einzuleiten, um die
Qualifikationen ihrer Beschäftigten zu erhöhen.
D.

Verbesserung von Möglichkeiten der
beruflichen Bildung

Die Arbeitsgruppe zur beruflichen Bildung 2000 des
Rats für Innenpolitik (Domestic Policy Council Job
Training 2000 Working Group) wird die gegenwärtigen
Bundesprogramme zur beruflichen Bildung überprüfen und erfolgversprechende Wege zur Motivierung
und Befähigung des einzelnen feststellen, damit sie

Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeit aller
Amerikaner:

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�zur Erlangung wirtschaftlicher Unabhängigkeit die
erforderlichen umfassenden Dienstleistungen, Ausbildung und berufliche Qualifikation erhalten.

die Bildung ihrer Kinder und die Arbeit in der Neuen
Amerikanischen Schule zu engagieren.
Eltern und Lehrer sollten die Kinder dazu anhalten, mehr zu lernen und nach höheren akademischen Leistungen zu streben.

E. Mobilisierung einer "Nation von Lernenden"
Der Präsident wird sich dafür einsetzen, die "Nation in
Gefahr" zu einer "Nation von Lernenden" zu machen.
Der Präsident hat den Bildungs- und den Arbeitsminister aufgefordert, führende Unternehmer und Gewerkschafter, Fachleute für Bildung
und Ausbildung sowie Bundes-, Staats- und
Gemeindevertreter zu einer nationalen Konferenz über Erwachsenenbildung einzuladen, um
ein nationales Programm einzuleiten, mit dem
die erwachsenen Amerikaner zu einer "Nation
von Lernenden" werden.
IV.

Der Präsident hat die Eltern dazu ermutigt, ihren
Kindern - insbesondere den jüngeren - jeden
Tag laut vorzulesen.
B.

Der Präsident engagiert sich dafür, die Regierungsarbeit effektiver zu gestalten, um die Programme für
Kinder und Gemeinden in den Vereinigten Staaten zu
verbessern.

Die Gemeinden sollen zu Orten des Lernens
werden

Der Präsident hat die Gemeinden dazu aufgerufen,
sich die sechs nationalen Bildungsziele zu eigen zu
machen, eine Strategie zu deren Verwirklichung zu
entwerfen, einen Leistungsnachweis zur Bewertung
der Ergebnisse zu erarbeiten und sich bereitzuerklären, die Neue Amerikanische Schule zu schaffen und
unterstützen.
Dem Präsident zufolge ist es unerläßlich, Grundwerte
wie persönliche Verantwortung, Eigeninitiative und
andere wichtige Prinzipien zu bekräftigen, die dem
Leben in einem demokratischen Gemeinwesen zugrundeliegen. Das Ziel der Gemeindekampagne
"AMERICA 2000" besteht darin, unsere Gemeinden
zu Orten des Lernens zu machen.
A.

Verbesserte Programmeffektivität für
Kinder und Gemeinden

Verstärktes Engagement der Eltern

Durch die Arbeitsgruppe zur Verbesserung der
wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Rats für Innenpolitik (Domestic Policy Council Economic
Empowerment Task Force) und in Zusammenarbeit mit den Gouverneuren und anderen Vertretern der Bundesstaaten wird die Administration eine verbesserte Koordinierung der bestehenden Bundesprogramme mit den entsprechenden Maßnahmen auf Bundesstaats- und
Gemeindeebene in Angriff nehmen.
Als Teil dieser Bemühungen werden die bestehenden Bestimmungen für die Inanspruchnahme solcher Programme überprüft, um sie zu
straffen und das Dickicht der Bundesvorschriften zu lichten. Wo immer dies möglich ist, wird
den Bundesstaaten ein Maxium an Flexibilität
eingeräumt, um die Integration von Bundes-,
Staats- und Gemeindeprogrammen zu planen
und durchzuführen.

Der Präsident hat an die Eltern appelliert, sich mehrfür

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 5

�US-REGIERUNGSSYSTEM
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24. April 1991

PRÄSIDENT UND KONGRESS:
KONTROLLE UND AUSGLEICH DER KRÄFTE
von Marie D. Natoli
Der folgende Artikel ist im Januar 1990 in der Zeitschrift American Studies Newsletter erschienen. Die Autorin ist Professorin für politische Wissenschaften am Emmanuel College in Boston, Massachusetts.

"Die Macht des Präsidenten besteht darin, zu überzeugen, nicht, zu befehlen" und "der Präsident schlägt
vor, der Kongreß entscheidet" sind zwei häufig geäußerte Meinungen über das Verhältnis zwischen dem
Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem amerikanischen Kongreß. Das Verständnis der Beziehung
zwischen diesen beiden Bereichen der Regierung ist
entscheidend, denn nahezu alles, was der Präsident
unternehmen möchte - dies gilt für die Innen- wie für
die Außenpolitik - wird auf die eine oder andere Weise
auch den Kongreß einbeziehen.

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Aus einer Reihe von Gründen ist das Amt des Präsidenten im 20. Jahrhundert zunehmend in den Vordergrund getreten. Dazu zählen: technischer Fortschritte
bei den Massenmedien, die erweiterte Rolle der Bundesregierung, die Abkehr von einer isolationistischen
Außenpolitik, die "Abdankung" des Kongresses, der
die Initiative zur Problemlösung und Entwicklung von
Programmen weitgehend dem Präsidenten überließ,
was auf die Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre und
die Erwartung der Öffentlichkeit zurückgeht, daß der
Präsident für die Lösung der Probleme "verantwortlich" ist.
Man könnte aus dieser verstärkten Exponierung schließen, die Väter der amerikanischen Verfassung hätten
beabsichtigt, den Präsidenten zur ersten und wichtigsten Institution der Regierung zu machen. Tatsächlich
ist der durch Artikel I der Verfassung geschaffene
Kongreß die erste Institution der Regierung, während
die Exekutive in Artikel II beschrieben wird. Und die in
der Verfassung umrissenen Vollmachten des Präsidenten sind ziemlich knapp und vieldeutig gehalten,
vergleicht man sie mit den Befugnissen des Kongresses.

AMERIKA DIENST 16

Nur ein Verständnis der "Arbeits-Verfassung", wie sie
sich in über 200 Jahren der praktischen Anwendung
und Präzedenzfälle entwickelt hat, kann die Interaktion
zwischen Kongreß und Präsidentschaft erklären. Diese
"Arbeits-Verfassung" bezieht zahlreiche "außerkonstitutionelle" Kräfte ein - die sich außerhalb des Dokuments entwickelt haben, jedoch nicht verfassungsfeindlich sind -, die tiefgreifenden Einfluß auf das
amerikanische politische und Regierungssystem haben, obwohl sie in dem geschriebenen Dokument nicht
eigens erwähnt werden. Zu diesen Kräften gehören
die politischen Parteien, Interessengruppen, die öffentliche Meinung und die Medien. Politische Ereignisse und interne Veränderungen im Kongreß haben
ebenfalls das Verhältnis der Legislative zur Exekutive
verändert.
Eine Liste der Befugnisse von Präsident und Kongreß
würde nur ein nacktes Gerippe dessen liefern, was
sich als umfassendes Geflecht von Wechselwirkungen zwischen Exekutive und Legislative darstellt. Denn
die Verfassung, die keineswegs eine völlige Trennung
der Macht von Exekutive und Legislative beabsichtigt,
sieht eine Teilung der Macht vor. Während der
Kongreß beispielsweise "alle Gesetze macht", tritt ein
Gesetz nicht ohne die Unterschrift des Präsidenten in
Kraft. Aber Kontrolle und Ausgleich ("checking and
balancing") hören damit nicht auf. Weigert sich ein
Präsident, ein Gesetz zu unterzeichnen (durch ein
Veto), so hat der Kongreß immer noch eine Möglichkeit, das Gesetz gegen dieses Veto des Präsidenten in
Kraft zu setzen. Dazu müssen beide Häuser des
Kongresses das Gesetz erneut verabschieden, dieses
Mal jedoch mit einer Zweidrittelmehrheit, im Gegensatz zur einfachen Mehrheit bei derersten Verabschiedung des Gesetzes. Sollte diese geschehen, über-

Seite 1

�stimmt der Kongreß das Veto des Präsidenten. (Die
diesem Verfahren zugrundeliegende Theorie geht davon
aus, daß sich, wenn die Bürger die Verabschiedung
eines bestimmten Gesetzes so sehr wünschen, dieser
Wunsch auch bei den Vertretern des Volkes im Kongreß widerspiegelt.)
Im Lauf der Jahre hat die Präsidentschaft solide Verbindungen zum Kongreß entwickelt, so daß sie effektiver mit der Legislative daran arbeiten kann, ihr Programm bis zur Verabschiedung zu steuern. Nahezu 90
Prozent aller vom Kongre ß behandelten Gesetzesvorlagen werden von der Exekutive eingebracht. Dies ist
darauf zurückzuführen, daß der Kongreß selbst mit
dem Haushaltsgesetz (Budget and Accounting Act)
von 1921 die Verantwortung für die Haushaltsplanung
der Exekutive übertragen hat. Der Haushalt setzt sich
aus einer Reihe von Gesetzesvorlagen an den Kongreß zusammen. In dieser Hinsicht kann mit Fug und
Recht gesagt werden, "der Präsident schlägt vor, der
Kongreß entscheidet". Eine wichtige Entwicklung in
den Beziehungen zwischen Exekutive und Legislative
bestand darin, daß der Präsident zwar häufig die dem
Kongreß fehlende Initiative besitzt, der Kongreß hingegen außergewöhnliche Macht hat, Vorschläge des
Präsidenten drastisch zu modifizieren oder abzulehnen. Trotz des Gesetzes über den Kongreßhaushalt
(Congressional Budget Act) von 1974, dessen Zweck
teilweise darin bestand, den Einfluß von Kongreßausschüssen auf die Haushaltsbewilligungen in ihren
Zuständigkeitsbereichen zu begrenzen, behält der
Kongreß die Fähigkeit, Ersuchen des Präsidenten
nicht zu berücksichtigen.
Diese Macht, auf die Richtung der öffentlichen Politik
Einfluß zu nehmen, wird dadurch noch verstärkt, daß

der amerikanische Präsident kein selektives Vetorecht
(line item veto) besitzt (wie es die Gouverneure von 43
Bundesstaaten haben), das es ihm gestatten würde,
Teile von Gesetzesvorlagen abzulehnen. Gegenwärtig muß der Präsident ein Gesetz insgesamt annehmen oder ablehnen. Abgeordnete und Senatoren
benutzen dies häufig als Mittel, um Gesetzesvorlagen
mit Zusätzen zu versehen, die für sich vom Präsidenten nicht akzeptiert würden.

entscheidend für die Macht des Kongresses im amerikanischen Regierungssystem. Der Kongreß übt
darüber hinaus eine AufSichtsfunktion aus, indem er
sicherstellt, daß die Exekutivbehörden vernünftig arbeiten. Zusammen mit seinem Recht, Haushaltsmittel
zu bewilligen, machen seine umfassenden Ermittlungsbefugnisse den Kongreß zu einer unerläßlichen
Kraft im amerikanischen Regierungssystem.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten
Der Kongreß ist die Legislative der nationalen Regierung. Er besteht aus zwei Kammern: Repräsentantenhaus und Senat.
Das Repräsentantenhaus
435 Abgeordnete (je nach Bevölkerungszahl
auf die einzelnen Bundesstaaten verteilt)
Alle zwei Jahre für eine zweijährige Amtsperiode gewählt
Wiederwahl möglich
Der Senat
100 Senatoren (zwei pro Bundesstaat)
Ein Drittel wird alle zwei Jahre für eine
sechsjährige Amtsperiode gewählt
Wiederwahl möglich
Darüber hinaus verleiht die Verfassung dem Kongreß
- über den Senat - eine Schlüsselrolle bei der Ernennung von Kabinettsmitgliedern, Botschaftern und Richtern. Obwohl der Präsident die Kandidaten für die
jeweiligen Ämter vorschlägt, müssen alle Nominierungen vom Senat ratifiziert werden. Und obwohl der
Präsident Verträge mit anderen Nationen formuliert
und aushandelt, kann der Vertrag erst mit Genehmigung des Senats in Kraft treten. Die Ratifizierungsbefugnis wird vom amerikanischen Senat äußerst ernst
genommen, wie Präsident Jimmy Carter beispielsweise erfahren mußte, als der Senat sich weigerte, den
SALT II-Vertrag zu ratifizieren oder der Vertrag über
die Rückgabe des Panamakanals auf anfänglichen

Widerstand des Senats stieß.
Der Präsident erstattet dem Kongreß regelmäßig Bericht.
Die Verfassung schreibt vor, daß der Präsident einen
jährlichen "Bericht zur Lage der Nation" (State of the
Union Address) erstattet. Diese Pflicht wird vom
Präsidenten vor beiden Häusern des Kongresses im
Januar jedes Jahres erfüllt. Im Beschäftigungsgesetz
(Employment Act) von 1946 verlangte der Kongreß
vom Präsidenten, dem Kongreß jedes Jahr einen
Jahreswirtschaftsbericht vorzulegen.
Neben seiner Interaktion mit dem Präsidenten selbst
spielt der Kongre ß eine Schlüsselrolle für die Arbeit der
Regierungsbehörden. Diese Behörden müssen sich
an den Kongreß wenden, um Gelder bewilligt zu bekommen - in der Tat ist die "Macht des Geldbeutels"
Seite 2

Verfassungsmäßige und struktureile Einflüsse
Das amerikanische Regierungssystem ist eher ein
präsidiales als ein parlamentarisches System. Im
Gegensatz zum parlamentarischen System, in dem
Legislative und Exekutive vereinigt sind, wobei die
gesetzgebende Gewalt die Exekutive aus ihren Mitgliedern wählt, sieht das Präsidialsystem eine getrennt
gewählte Legislative und Exekutive vor - die jeweils
von verschiedenen Wählerschaften und für eine unterschiedliche (und festgesetzte) Amtszeit gewählt werden. Die Amtszeit des Präsidenten beträgt vier Jahre.
Was den Kongreß anbetrifft, so werden die Mitglieder
des Repräsentantenhauses für zwei Jahre und die

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�Mitglieder des Senats für eine sechsjährige Amtszeit
gewählt. Während der 22. Zusatzartikel zur Verfassung die Präsidentschaft auf zwei Amtsperioden begrenzt, bestehen für die Kongreßmitglieder keine solchen Einschränkungen. Präsident und Kongreß werden von einer ganz unterschiedlichen Wählerschaft
gewählt. Nur der Präsident und der Vizepräsident
werden von der Nationalversammlung gewählt, wohingegen die Vertreter der Legislative in den örtlichen
Wahlkreisen gewählt (und wieder- oder abgewählt)
werden.
Zusätzlich zur Festlegung verschiedener Wahlkreise
und unterschiedlicher Amtszeiten für Präsident und
Kongreß sieht die Verfassung ein System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung
von Kongreß und Regierung vor, um sicherzustellen,
daß keine Abteilung oder Ebene der Regierung zu
mächtig oder despotisch werden kann. Dieses System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen
Verantwortung besteht aus zwei Bereichen, die beide
(sowohl direkt als auch indirekt) enorme Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Präsident und Kongreß haben. Diese beiden Bereiche sind:
1. Föderalismus - ein breites Spektrum von
Regierungsebenen.
Die Verfassung sieht sowohl eine Bundesregierung als
auch Regierungen der Bundesstaaten vor, die jeweils
mit eigener Machtbefugnis und Verantwortung ausgestattet sind. (Da alle Macht der Verfassung übertragen
ist, obliegt es der Verfassung, der Bundesregierung
und den Regierungen der Staaten die Machtbefugnis
und Verantwortung zu verleihen). Eine Machtbefugnis
der Bundesstaaten - die Befugnis zur Durchführung
von Wahlen - hat das Verhältnis zwischen Präsident
und Kongreß indirekt aber drastisch beeinflußt, weil sie
Auswirkungen auf die Entwicklung und Orientierung
politischer Parteien in den Vereinigten Staaten hatte
(wie im folgenden erläutert).
2. Die Gewaltenteilung.
Auf der Bundesebene der Regierung sieht die Verfassung die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative vor. Obwohl diese Gewaltenteilung als "Trennung der Macht" bezeichnet wird, handelt es sich in Wirklichkeit um "geteilte Verantwortung".
Außerkonstitutionelle Einflüsse
Politische Parteien, die aufgrund der Abneigung der
Gründerväter nirgendwo in der Verfassung erwähnt
sind, begannen sich dennoch bereits unter Präsident
George Washingtons erster Amtszeit Ende des 18.
Jahrhunderts zu entwickeln. Da politische Parteien
nicht verfassungsmäßig verankert sind, gibt es keine
Richtlinien für ihre Entwicklung, Organisationsstruktur, Merkmale oder Einstellung. Ein Abschnitt der

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Verfassung hat jedoch indirekt die Entwicklung und
Merkmale des Parteiensystems in den Vereinigten
Staaten beeinflußt. Artikel I, Abschnitt 4 verleiht den
einzelnen Staaten die Machtbefugnis, "Zeit, Ort und
Art der Durchführung von Wahlen" zu bestimmen
(jedoch mit dem Zusatz, daß der Kongreß per Gesetz
zu Änderungen befugt ist). Im wesentlichen ermächtigt die Verfassung die Bundesstaaten, die Regeln des
"Wahlspiels" festzulegen. Mit der Entwicklung der
politischen Parteien wurden sie zu den "Schlüsselfiguren" dieses Spiels, und es war nur logisch, daß sie sich
auf Bundesstaatenebene entwickelten, wo die Spielregeln definiert wurden. Die politischen Parteien wurden
bald zum Organisator der Kongreßmaschinerie, da die
Verfassung wenig darüber aussagte, wie die interne
Kongreßmaschinerie ablaufen sollte.
Die politischen Parteien in den Vereinigten Staaten
existierten nie als zentralisierte, geschlossene nationale Struktur mit einer eindeutigen, von oben nach
unten gegliederten Führung, Ideologie und Politik. Sie
sind auf den Bundesstaat orientierte Organisationen. Obwohl wir von der "Demokratischen" und
"Republikanischen " Partei sprechen, stehen diese
Bezeichnungen nichtfüreine konsequente, eindeutige
Definition der Parteiideologie. Beide Parteien tendieren dazu, wie eine Art "Schirm" zu fungieren und
versuchen, eine große Vielfalt mächtiger Interessengruppen anzuziehen. Parteinamen haben abhängig
von den örtlichen Wahlkreisen in den jeweiligen Staaten und Regionen des Landes unterschiedliche Bedeutung. Ideologisch gesehen könnte man sowohl die
Mitglieder der Demokratischen als auch der Republikanischen Partei in einem Spektrum ansiedeln. Daher
kann es liberale, konservative und gemäßigte Demokraten sowie liberale, konservative und gemäßigte
Republikaner geben, und es gibt sie auch. Darüber
hinaus ist es für gewöhnlich nicht klar, wer für die
jeweilige Partei als Ganzes "spricht".
Das Verständnis dieser Merkmale politischer Parteien
- dezentralisiert, staatlich und kommunal orientiert,
individualistisch und auf den Wahlkreis konzentriert ist entscheidend, um das Verhältnis zwischen Präsident und Kongreß zu verstehen, da sich diese parteipolitischen Kriterien im Kongreß widerspiegeln. Ein
Präsident, der dem Namen nach "Führer" seiner Partei ist, kann unter Umständen mit Mitgliedern seiner
eigenen Partei im Kongreß "auf Kriegsfuß stehen" und
muß auf die Unterstützung der anderen Partei bauen,
damit seine Gesetze verabschiedet werden. Im Gegensatz zu Parteien in anderen parlamentarischen
Systemen zeichnen sich die politischen Parteien in
Amerika in gewisser Weise durch fehlende Disziplin
und Verantwortung aus - es gibt keine "automatische"
Beziehung zwischen einem Präsidenten und seiner
Partei im Kongreß oder zwischen dem Präsidenten
und der Oppositionspartei.

Seite 3

�Eine andere Entwicklung der jüngsten Zeit ist die
schwindende Macht der Parteien. Bisher mußte ein
Präsidentschaftskandidat über örtliche Parteivorsitzende arbeiten, um Erfolg zu haben. Jetzt ist die
frühere Macht der örtlichen Parteivorsitzenden erheblich gesunken. Der Tod der politischen "Maschinerie"
alten Stils - die früher die wichtige Aufgabe erfüllte,
Wähler zu mobilisieren -, die zunehmende Nutzung
der direkten Vorwahl (in den Bundesstaaten) zur Nominierung von Kandidaten für kommunale und nationale Ämter und die stärkere Rolle der Medien bei den
Wahlen haben dazu beigetragen, daß die Rolle der
politischen Parteien geschrumpft ist und lassen gleichzeitig das Image von Kandidaten und Amtsträgern
stärker in den Vordergrund rücken. Diese Imagepflege kann das schwierige Verhältnis zwischen Exekutive und Legislative unabhängig von Parteizugehörigkeiten entweder verbessern oder verschärfen.
Während die größere Rolle der Medien in der Wahlarena zu einem Niedergang der politischen Parteien
beigetragen hat und damit einem Präsidenten das
Verhältnis zu seiner Partei erschwert, gibt dieselbe
Rolle der Medien dem Präsidenten einen "Bonus".
Präsidenten, die Erfolg haben wollen, haben gelernt,
daß die kluge Nutzung der Medien zur Beeinflussung
der öffentlichen Meinung entscheidend ist. In diesem
Sinne hat Präsident Franklin D. Roosevelt geschickt
das Radio genutzt, um sich über den Kongreß hinwegzusetzen, John F. Kennedy hat Fernsehansprachen
über Bürgerrechte gehalten ebenso wie Ronald Reagan, der versuchte, die öffentliche Meinung für verschiedene innen- und außenpolitische Gesetzesvorlagen zu gewinnen. Angesichts der verfassungsrechtlichen Orientierung des Kongresses ist die öffentliche
Meinung zum entscheidenden Faktor im Verhältnis
zwischen Exekutive und Legislative geworden. Vielleicht hat Abraham Lincoln, der als Präsident des 19.
Jahrhunderts nicht den Einfluß von Rundfunk und
Fernsehen kannte, diesen Einfluß am besten beschrieben: "Wenn er die öffentliche Meinung hinter
sich hat, kann ein Präsident alles tun. Ohne sie kann
er nichts tun."
Infolge eines Parteiensystems, das ideologisch nicht
festgelegt ist und dessen Parteien es an Disziplin und
Verantwortung fehlt, gerät der Präsident einer Partei
nicht unbedingt in eine Pattsituation, wenn er es mit
einem Kongre ß zu tun hat, der ganz oder teilweise von
der anderen Partei kontrolliert wird. In dieser Situation
befindet sich Präsident George Bush. Darüber hinaus
gewährleistet zahlenmäßige Kontrolle von Weißem
Haus und Kongreß durch eine Partei nicht die absolute
Herrschaft, da Parteimitglieder im Kongreß nicht automatisch ihren Präsidenten oder ihre Parteiführer im
Kongreß unterstützen. Das bekamen die Präsidenten
John F. Kennedy und Jimmy Carter zu spüren - beide
Demokraten in einem mehrheitlich demokratischen
Kongreß.

Seite 4

Einige Präsidenten fanden die Zusammenarbeit mit
der anderen Partei relativ leicht. Auf Präsident Dwight
D. Eisenhower, der den Großteil seiner achtjährigen
Amtszeit mit einem mehrheitlich demokratischen
Kongreß zu tun hatte, trifft dies zu. Präsident Ronald
Reagan, der sechs Jahre lang einen mehrheitlich
republikanischen Senat, aber während seiner gesamten Amtszeit ein mehrheitlich demokratisches Repräsentantenhaus hatte, erzielte mit seinen Gesetzesvorlagen viele Erfolge. Ein großer Teil der Arbeitsbeziehungen zwischen Präsident und Kongre ß wird weniger
von der Parteizugehörigkeit bestimmt als von der
ideologischen Richtung des einzelnen und der Haltung
bestimmter Wählergruppen, wie sie sich in der öffentlichen Meinung widerspiegelt.
Veränderungen im Kongreß
In den letzten 15 Jahren hat sich die Macht im Kongreß
stärker verteilt oder dezentralisiert. Davor lag die
Macht bei wenigen einflußreichen Kongreßabgeordneten - in den Führungspositionen und bei den Ausschuß Vorsitzenden. Wenn der Präsident positive,
dauerhafte Beziehungen und ein harmonisches Verhältnis mit diesen Schlüsselfiguren aufbauen konnte,
erleichterte das die Arbeit mit der Legislative. Aber in
den siebziger Jahren wollte sich der Kongreß durch
gleichmäßigere Verteilung von Macht und Einfluß
"demokratisieren". Der Präsident muß jetzt viele
einzelne Personen berücksichtigen, wenn er bei Gesetzesvorlagen seinen Willen durchsetzen will.
Auch andere Ereignisse beeinflussen das Machtverhältnis zwischen Präsident und Kongreß. Nach der
Kontroverse über das Verhalten des Präsidenten und
die Eskalation des Vietnamkrieges, Präsident Nixons
Versuch, vom Kongreß bewilligte Mittel zu "beschlagnahmen" (und das Geld nicht auszugeben) und der
Schwächung der Präsidentschaft angesichts des
Watergateskandals hat der Kongreß mehrere Gesetze verabschiedet, um seine eigene Macht zu verbesssern und die Exekutive an die Kandare zu nehmen. Nach dem War Powers Act von 1973 darf der
Präsident Streitkräfte entsenden, ohne daß eine Kriegserklärung des Kongresses vorliegt. Es verfügt aber,
daß der Kongreß innerhalb von 48 Stunden von dieser
Maßnahme in Kenntnis gesetzt wird und ermächtigt
den Kongreß, einen Abzug dieser Truppen anzuordnen. Nach den Bestimmungen dieses Gesetzes ist der
Einsatz von Truppen auf einen Zeitraum von 60 Tagen
beschränkt, wenn der Kongreß noch keine Kriegserklärung abgegeben oder die Frist um weitere 30 Tage
verlängert hat, um den sicheren Abzug der Truppen zu
garantieren.
Infolge von Präsident Nixons Beschlagnahme von
Mitteln hat der Kongreß 1974 das Gesetz über die
Beschlagnahme von Mitteln (Congressional Budget
Impoundment Act) verabschiedet, demzufolge der
Präsident alle vom Kongreß bewilligten Mittel ausgeben muß, wenn er nicht die Genehmigung erhält,
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�bestimmte Mittel nicht ausgeben zu müssen oder die
Ausgabe bestimmter Gelder hinauszuzögern. Damit
verfügt der Kongreß über mehr Macht zur Beeinflussung der nationalen Politik.

,

Zusammenfassend läßt sich ein grundlegender Unterschied im Verhältnis zwischen dem amerikanischen
Präsidenten und dem Kongreß und den Beziehungen
zwischen Exekutive und Legislative in einer parlamentarischen Regierungsform feststellen. Sowohl der
Präsident als auch der Kongreß haben nach der Verfassung bestimmte Rechte, jeder Teil der Regierung
repräsentiert Wähler, jeder muß ausgleichend mit dem
anderen zusammenarbeiten und ein großer Teil ihrer
Beziehungen wird von "außerverfassungsmäßigen"
Faktoren bestimmt.
Die Vollmachten von Kongreß und Präsident nach
der Verfassung
Der Kongreß

die ausschließliche Gesetzgebung über den
Regierungssitz (der District of Columbia) und
Grundstücke auszuüben, die zum Zwecke der
Errichtung nationaler Einrichtungen erworben
werden (Befestigungen, Hafenanlagen und
andere notwendige Bauwerke).
alle zur Ausübung der vorstehenden Befugnisse und aller anderen Rechte, die der Regierung
der Vereinigten Staaten aufgrund dieser Verfassung übertragen sind, notwendigen Gesetze zu
erlassen.

Artikel II der Verfassung räumt dem Präsidenten folgende Befugnisse ein:

Steuern, Zölle, Abgaben und Akzisen aufzuerlegen und einzuziehen,

er ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte,

Kredite aufzunehmen,

ernennt die Offiziere der Streitkräfte,

den Handel mit fremden Ländern und zwischen
den Einzelstaaten zu regeln,

hat das Recht, Strafaufschub und Begnadigungen für Straftaten gegen die Vereinigten Staaten zu verhängen (außer in Amtsanklagefällen),

eine Einbürgerungsordnung und ein Konkursrecht zu schaffen,

er kann den Kongreß zu Sondersitzungen einberufen,

Münzen zu prägen, ihren Wert zu bestimmen
und Fälschungen zu bestrafen,

Botschafter ernennen,

Maße und Gewichte zu normen,

er hat Sorge zu tragen, daß das Gesetz gewissenhaft vollzogen wird,

Postämter und Postwege einzurichten,

er übt die "vollziehende Gewalt" aus,

Erfindern und Autoren Patente und Urheberrechte auszustellen,

\

Vorkehrungen für das Aufgebot der Miliz zu
treffen (wobei den Einzelstaaten die Ernennung
von Offizieren zufällt und die Aufsicht über die
Ausbildung dem Kongreß vorbehalten bleibt),

Der Präsident

Artikel I, Abschnitt 8 der US-Verfassung überträgt dem
Kongreß folgende Vollmachten:

i

Armeen aufzustellen, eine Flotte zu bauen und
Vorschriften für deren Leitung zu erlassen,

dem Obersten Bundesgericht nachgeordnete
Gerichte zu bilden,
Seeräuberei und andere Kapitalverbrechen auf
hoher See sowie Verletzungen des Völkerrechts
begrifflich zu bestimmen und zu ahnden,

ernennt Beamte für bestimmte Ämter,
schließt Verträge (zusammen mit dem Senat),
nominiert Botschafter, Richter und hochrangige
Beamte,
genehmigt Gesetze (mit beiden Häusern des
Kongresses).

Krieg zu erklären,
*

AMERIKA DIENST 16

*

Seite 5

�STIPENDIEN
24. April 1991

FULBRIGHT-STIPENDIEN ZUM STUDIUM IN DEN USA
IM STUDIENJAHR 1992/93
Erstmals auch in den neuen Bundesländern

Bonn - (AD) - Für das Studienjahr 1992/93 kann die
deutsche Fulbright-Kommission kombinierte Reiseund Aufenthaltsstipendien zum Studium an amerikanischen Hochschulen an deutsche Studenten vergeben. Neben Vollstipendien werden auch Teilstipendien vergeben. Die Bewerbungsbedingungen sehen
vor. daß die Bewerber ihren ständigen Wohnsitz in
Deutschland und mindestens zwei Fachsemester an
einer deutschen Universität oder Technischen Hochschule studiert haben.

Unterschieden in den traditionellen elf Bundesländern
(Bewerbungsschluß: 31. Mai 1991, Bewerbung über
die Universitäten) und erstmals in den fünf neuen
Bundesländern (Bewerbungsschluß: 5. August 1991,
Bewerbung direkt bei der Fulbright-Kommission, Postfach 200555, 5300 Bonn 2).
Weitere Auskünfte erteilen die akademischen Auslandsämter der deutschen Hochschulen sowie die
Fulbright-Kommission selbst.

Die Fulbright-Kommission veranstaltet das ausgeschriebene Stipendienprogramm mit geringen technischen

* * * *

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Seite 1

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                <text>[Anmerkung: Datumangabe auf Inhaltsverzeichnis der PDF fehlerhaft. korrektes Datum lautet: 24.04.1991]&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;1. Golfkrise&lt;/strong&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;Die Golfkrise &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Ereignisse vom 1. bis 15. April 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bildungswesen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika 2000: das Bildungsprogramm des Präsidenten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Regierungssystem&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident und Kongress: Kontrolle und Ausgleich der Kräfte &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Marie D. Natoli&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Stipendien&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Fulbright-Stipendium zum Studium in den USA im Studienjahr 1992/93&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erstmals auch in den neuen Bundesländern&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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0

1. Mai 1990

o^

USA - DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN UND DIE NEUEN
BUNDESLÄNDER
Rede von Botschafter Walters

OSTEUROPA

ANHÖRUNG IM KONGRESS ÜBER HILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede von Botschafter Barry

HINTERGRUND

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

IKE UND DIE SOGENANNTEN
GREUELTATEN
von Stephen E. Ambrose

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�U S A - DEUTSCHLAND
1. Mail991

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
UND DIE NEUEN BUNDESLÄNDER
Rede von Botschafter Walters
DRESDEN - (AD) - Bei einer Ansprache vor der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland am 25. April
1991 in Dresden verlieh Botschafter Walters seiner Überzeugung Ausdruck, "daß die neuen Bundesländer bald
Anschluß an das wirtschaftliche Niveau der früheren Bundesrepublik finden werden". Die Überwindung der
Teilung Deutschlands und Europas sei stets ein vorrangiges Ziel amerikanischer Außenpolitik der vergangenen
Jahrzehnte gewesen, und konsequenterweise hätten die Vereinigten Staaten die Vereinigung der beiden
deutschen Staaten vorbehaltlos unterstützt. "Wir sind glücklich, daß wir dieses Ziel erreicht haben", so der
Botschafter.
Um die Zusammenarbeit mit den neuen Bürgern der Bundesrepublik Deutschland zu erleichtern, habe die
Amerikanische Botschaft eine Art Arbeitsprogramm erstellt. Dazu zählten verschiedenartige Programme zur
Förderung des Austauschs von Schülern, jungen politischen Führungskräften, Journalisten und Vertretern des
kulturellen Lebens.
Botschafter Walters zufolge besteht eine "unserer Hauptaufgaben darin, amerikanischen Firmen ihre unternehmerische Tätigkeit in Ostdeutschland zu erleichtern." Darüber hinaus liege der amerikanischen Regierung viel
daran, ihre "Beziehungen zu den neuen Bundesländern genauso fruchtbar zu gestalten wie unser langjähriges
Verhältnis zu den Ländern der früheren Bundesrepublik." Der Botschafter unterstrich, auch die Vereinigten
Staaten seien an einem schnellen wirtschaftliche Aufschwung in der ehemaligen DDR interessiert und verlieh
seiner Hoffnung Ausdruck, daß "die Probleme, die wohl bei einer Umstrukturierung von solch historischem
Ausmaß nicht ausbleiben, bald der Vergangenenheit angehören."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von Botschafter Walters im Wortlaut (es gilt das gesprochene
Wort).

Sehr geehrter Herr Präsident,
Herr Minister,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
sollte noch jemand einen Beweis dafür benötigen, wie
sehr sich die Welt in den letzten zwei Jahren verändert
hat, dann müßte die Tatsache, daß die diesjährige
Jahresversammlung der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland in Dresden stattfindet, eigentlich
ausreichen. Vor zwei Jahren noch war Dresden eine
Stadt jenseits des Eisernen Vorhangs, in einem Staat,
von dessen Politik und Wirtschaft die meisten Bürger
hier genug hatten. Vor anderthalb Jahren haben die
Menschen in dieser Stadt, in Leipzig und andernorts
unter schwierigsten und gefährlichsten Umständen
Freiheit und Demokratie erkämpft. Heute ist Dresden
AMERIKA DIENST 17

wieder die Hauptstadt des Freistaates Sachsen in
einem vereinten Deutschland. Dresden ist wieder eine
Kulturmetropole in einem ungeteilten Europa, in dem
politische und wirtschaftliche Kooperation an die Stelle
der Konfrontation des kalten Krieges getreten ist.
Der Warschauer Pakt hat vor wenigen Wochen aufgehört zu existieren, und die Welt nahm kaum mehr Notiz
davon. Ein Ereignis, das vor zwei Jahren noch unvorstellbar war, fand in der Washington Post nur noch auf
Seite 16 Beachtung. Es ist unglaublich viel geschehen
und erreicht worden. Freiheit und Demokratie in einem
Teil derWelt, der über vierzig Jahrelang unter kommunistischen Diktaturen litt, sind für viele heute schon zu
einer Selbstverständlichkeit geworden.
Dieser Teil Deutschlands genießt nun alle politischen
und wirtschaftlichen Freiheiten, wie sie im Westen
Seite 1

�schon lange bestehen. Allerdings wissen wir alle um
die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Umstellung einer kommunistischen Planwirtschaft auf ein
marktwirtschaftliches System. Hohe Investitionen
müssen getätigt werden, um Arbeit und Wohlstand zu
schaffen. Ich verstehe die Ungeduld vieler Menschen
in den neuen Bundesländern- wenn sie heute ihre
wirtschaftliche Lage mit dem Wohlstand im westlichen
Teil Deutschlands vergleichen.

nen, und wir möchten gerne mit den Menschen dieses
Landesteils zusammenarbeiten und Gedanken austauschen. Ich glaube, daß dies auch im Interesse der
amerikanischen Unternehmen ist, die hier investieren
oder neue Absatzmärkte erschließen.

Nach einem Jahr frustrierender Verzögerungen wird
demnächst unser Generakonsulat in Leipzig zum ersten
Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder seine Tore
öffnen. In einer Zeit des haushaltspolitisch begründeAber ich habe Deutschland noch in ganz anderer ten Abbaus diplomatischer Vertretungen in anderen
Erinnerung. Ich habe bei meinem Aufenthalt in den Teilen der Welt ist die Einrichtung einer neuen Dienstwestlichen Zonen im Jahre 1948 völlig zerbombte stelle ein Signal unserer Solidarität mit den Menschen
Städte gesehen. Angesichts der Verwüstung hatte ich in der ehemaligen DDR und unseres Respekts für ihre
damals nicht geglaubt, daß Deutschland noch zu meinen Entschlossenheit, frei zu sein und die Früchte der
Lebzeiten wiederaufgebaut werden könnte. Heute Freiheit zu genießen.
zählen diese Städte zu den wohlhabensten WirtschaftsZusammen mit dem Generalkonsulat eröffnen wir in
regionen dieser Welt.
Leipzig ein Amerika Haus. Wie unsere Amerika HäuAuch in diesem Teil Deutschlands haben die Men- ser im westlichen Teil Deutschlands wird dieses Haus
schen in Anbetracht der Unzulänglichkeit der kommu- eine umfassende Bibliothek mit amerikanischen Bünistischen Wirtschaft Erstaunliches geleistet. Es gab chern und Zeitschriften haben, und seine Programme
nur einen Unterschied: die Bürger in den heutigen werden als Fenster zu zeitgenössischen kulturellen
westlichen Bundesländern konnten sich in einem frei- und sonstigen Ereignissen in den Vereinigten Staaten
en Wirtschaftssystem entfalten; die Wirtschaftstätig- dienen.
keit in derfrüheren DDR wurde von staatlicher Planung
Wir haben bereits damit begonnen, auf die Schulen in
gehemmt und behindert.
den neuen Bundesländern zuzugehen. Bereits kurz
Ich bin überzeugt, daß die neuen Bundesländer bald nach der Vereinigung haben wir Programme zur LehAnschluß an das wirtschaftliche Niveau der früheren rerfortbildung in allen neuen Bundesländern veranstalBundesrepublik finden werden. Es wäre wünschens- tet. Jahrzehntelang wurden Lehrkräfte und ihre Stuwert, dieser Prozeß ginge schneller. Aber was die denten nur mit Propaganda und Fehlinformationen
soziale Marktwirtschaft nach dem Krieg im Westen zu gefüttert. Die Nachfrage nach Informationen über die
leisten vermocht hat, wird sie in dieser Zeit in diesem Vereinigten Staaten ist riesig, und wir tun unser Bestes, ihr nachzukommen.
Landesteil schon allemal vermögen.
Die Vereinigten Staaten haben die Vereinigung der
beiden deutschen Staaten vorbehaltlos unterstützt.
Die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas war ein vorrangiges Ziel amerikanischer Au ßenpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Wir sind glücklich,
daß wir gemeinsam dieses Ziel erreicht haben.

Seit langem unterhalten wir ein Programm, um junge
deutsche politische Führungskräfte, Journalisten und
Vertreter des kulturellen Lebens in die Vereinigten
Staaten einzuladen, damit sie unser Land kennenlernen und mit ihren amerikanischen Kollegen zusammentreffen können. Dieses Programm ist auf die
neuen Bundesländer ausgeweitet worden. In diesem
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutsch- Jahr erwarten wir mindestens 50 junge Führungskräfte
land sind durch eine gemeinsame Verteidigungsalli- zu einmonatigen Besuchen in den Vereinigten Staaanz und durch eine Vielzahl von Kontakten auf allen ten. Im nächsten Jahr werden es hoffentlich noch
möglichen Ebenen verbunden. Über Jahrzehnte hin- mehr sein.
weg hatten Amerikaner und Deutsche aus West-Berlin
und den westlichen Bundesländern die Möglichkeit, Das Fulbright-Programm erfreut sich weltweit eines
einander zu begegnen und sich kennenzulernen. Mauer beispiellosen Rufs für den akademischen Austausch.
und Stacheldraht hatten in der Vergangenheit verhin- Die Programme der deutsch-amerikanischen Fulbrightdert, daß Sachsen und Thüringer, Mecklenburger und Kommission haben das Leben und die Studien TauBrandenburger uns kennenlernen konnten - und wir sender deutscher und amerikanischer Wissenschaftsie. Au ßerdem hat die kommunistische Propaganda in ler in den vergangenen vierzig Jahren bereichert.
der DDR vier Jahrzehnte lang ein verzerrtes Bild von Heute konzentriert sich die Aufmerksamkeit der
Amerika verbreitet.
Kommission auf die neuen Bundesländer, da sich
Universitäten mit langer Tradition erneut als Zentren
Die amerikanische Botschaft in Bonn hat deshalb eine für Forschung und Lehre in einer Atmosphäre akadeArt Arbeitsprogramm erstellt, um den neuen Bürgern mischer Freiheit herausbilden.
der Bundesrepublik Deutschland die Hand zur Freundschaft und Zusammenarbeit zu reichen. Sie sollen die Im Jahr 1983riefender Deutsche Bundestag und der
Möglichkeit haben, uns und unser Land kennenzuler- amerikanische Kongreß ein Progamm ins Leben, um
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AMERIKA DIENST 17

�jungen Deutschen und Amerikanern einen einjährigen
Aufenthält mit Unterbringung bei Gastfamilien, Schulbesuchen und dem Aufbau dauerhafter Freundschaften im jeweils anderen Land zu ermöglichen. Im
nächsten Schuljahr soll das Programm auch Schülern
aus den neuen Bundesländern diese Möglichkeit einräumen. Gleichzeitig werderj. amerikanische Studenten bei Gastfamilien in den neuen Bundesländern
untergebracht.
Einige der militärischen Stützpunkte, die wir in Deutschland schließen, verfügen über ausgezeichnete Bibliotheken. Der US-Informationsdienst hat Vorkehrungen
getroffen, um diese Bibliotheken Universitäten und
anderen Institutionen in den neuen Bundesländern zu
übergeben. In der ersten Juniwoche wird die erste
dieser Sammlungen mit 25.000 Bänden aus der Bibliothek der US-Luftwaffe in Westdeutschland an die
Sächsische Landesbibliothek in Dresden gehen.
Die Außenhandelsabteilung der amerikanischen Botschaft berät amerikanische Unternehmen bei Investitionen in den neuen Bundesländern. Die Mitarbeiter
dieser Abteilung sind vor Ort mit Rat und Tat behilflich,
machen aber auch Unternehmen in den Vereinigten
Staaten auf spezifische Investitionsmöglichkeiten
aufmerksam. Sie helfen interessierten Unternehmen
dabei, die richtigen Kontakte mit der Treuhandanstalt,
den Länderregierungen, den Kommunalbehörden und
ostdeutschen Firmen zu knüpfen. Darüber hinaus
bemühen wir uns um ein Abkommen, mit dem das
Programm zur Versicherung von Investitionen im
Ausland amerikanischen Firmen zugänglich gemacht
wird, die in der früheren DDR investieren wollen. Wir
erwarten, daß diese Versicherungen der Overseas
Private Investment Corporation (OPIC) in unmittelbarer Zukunft verfügbar werden.
Wir sehen eine unserer Hauptaufgaben darin, amerikanischen Firmen ihre unternehmerische Tätigkeit in
Ostdeutschland zu erleichtern. Unser Schwerpunkt
liegt dabei auf der Förderung amerikanischer Ausfuhren. In diesem Rahmen ergeben sich Tausende von
Geschäftskontakten. Ich freue mich, Ihnen mitteilen
zu können, daß die Zahl der Mitarbeiter unserer Handelsabteilung in Berlin erhöht wird. Auch wird bald ein
Vertreter des amerikanischen Handelsministeriums in
Leipzig seinen Dienst antreten. Wir haben bereits
Geschäftspartner bei "Trade Days" in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammengeführt, und
ähnliche Ereignisse werden kommenden Monat im
Norden stattfinden. Wir planen Seminare über USExportkontrollen sowie eine Reihe von Vorträgen, um
US-Umwelttechnologie in Osteuropa einzuführen.
Wir nutzen aktiv die Handelsmessen, um Kontakte
zwischen ostdeutschen und amerikanischen Geschäftsleuten zu knüpfen. Wir arbeiten mit der Berliner
Messegesellschaft zusammen, um eine stärkere
amerikanische Beteiligung an Messen im Osten zu
erzielen und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit
AMERIKA DIENST 17

Berlin, Leipzig und anderen Städten bei der Entwicklung neuer Konzepte für Messen.
Darüber hinaus arbeiten wir mit deutschen Umweltexperten bei Fragen der Beseitigung von Altlasten in der
früheren DDR zusammen. Durch unsere eigenen
Umweltprogramme haben die Vereinigten Staaten große
Erfahrung bei der Aufbereitung von verseuchtem Land
und Grundwasser gewonnen. Darüber hinaus sind wir
an einer Zusammenarbeit zur Verbesserung der Luft
im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Polen und der
Tschechoslowakei interessiert. Ferner wollen wir
Austauschprogramme mit Umweltwissenschaftlern aus
den neuen Bundesländern fördern.
Der amerikanischen Regierung liegt viel daran, unsere
Beziehungen zu den neuen Bundesländern genauso
fruchtbar zu gestalten wie unser langjähriges Verhältnis zu den Ländern in der früheren Bundesrepublik.
Wir sind auch an einem schnellen wirtschaftlichen
Aufschwung in der ehemaligen DDR interessiert. Die
anderen früheren kommunistischen Staaten Mittelund Osteuropas sehen in der ehemaligen DDR sozusagen einen Vorreiter im Hinblick auf die Umstrukturierung ihrer Wirtschaft. Sie alle wissen, daß es sehr
schwierig ist, das Erbe von vierzig Jahren Planwirtschaft wegzuräumen und eine funktionierende Marktwirtschaft einzuführen. Gelingt dies in den neuen
deutschen Bundesländern, so können auch die Nachbarländer im Osten und Südosten Hoffnung und Zuversicht schöpfen.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten lassen Resignation und Unruhe in den mittel- und osteuropäischen
Reformstaaten aufkommen. Es ist in unser aller
Interesse, die Demokratie im Osten und Südosten
Europas zu festigen. Ebensogilt eszu verhindern, daß
ein krasses Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West
diesen Kontinent erneut teilt. Sie wissen, große Unterschiede im Lebensstandard und mangelnde wirtschaftliche Perspektiven im internationalen Vergleich sind
potentielle Ursachen für innere wie äußere Spannungen.
Aber Sie wissen, die Regierungen allein können diesen gewaltigen wirtschaftlichen Strukturwandel nicht
allein bewerkstelligen. In erster Linie schaffen private
Investitionen Arbeitsplätze und Wohlstand. Die Bundesregierung unternimmt große Anstrengungen zum
Neuaufbau dieses Landesteiles. Aber es besteht im
wesentlichen Übereinstimmung, daß der Schlüssel zu
einer modernen, zukunftsorientierten Wirtschaft bei
den privaten Investoren liegt.
Die Bundesregierung und die Regierungen der neuen
Länder und ihre Institutionen haben wiederholt um
ausländische Investoren in der ehemaligen DDR
geworben. Wir tragen unseren Teil dazu bei, damit in
den Vereinigten Staaten bekannt wird, welche wirtschaftlichen Chancen sich für amerikanische Firmen
hier bieten. Einige von Ihnen werden möglicherweise

Seite 3

�bereits in den neuen Bundesländern sehr aktiv sein.
Ich war gestern in Erfurt bei der Eröffnung einer Filiale
einer amerikanischen Einzelhandelskette. Im benachbarten Eisenach wird der größte amerikanische Automobilhersteller hohe Investitionen tätigen.

Platz auf einem Ihrer Messestände. Laden Sie den
Neuling zur Teilnahme an einer der Messen ein. Helfen Sie ihnen, und Sie werden wahrscheinlich selbst
einen Nutzen davon haben.

Weisen Sie Ihre Partner in den Vereinigten Staaten auf
die Bedeutung der deutschen Messen hin. Ich habe
einige dieser Messen besucht und habe gesehen, wie
Geschäfte zustande kommen und abgeschlossen
werden. Sie wissen, eine deutsche Messe ist nicht mit
amerikanischen Ausstellungen vergleichbar, mit denen die meisten unserer Firmen vertraut sind. Viele
amerikanische Unternehmer erschauem bei dem
Gedanken an eine zusätzliche Ausstellung und nehmen einfach an, daß meistens sowieso nur wenig
dabei herauskommt. Sie glauben, daß es sich bei den
Allerdings erfuhren wir auch von Fällen, in denen Ausstellungen lediglich um eine andere Form von
amerikanischen Unternehmen nicht die gleichen Werbung handelt. Es wäre wichtig, daß Sie erfahren,
Chancen bei Geschäftsvorhaben wie deutschen Fir- daß man auf einer Messe mit Käufern aus aller Welt in
men eingeräumt wurden. Amerika ist grundsätzlich an Kontakt kommt und dabei beträchtliche Verkäufe getäeinem wirtschaftlichen Engagement in den neuen tigt werden können.
Bundesländern interessiert. Aber es wäre letzlich
schädlich für beide Seiten, wenn bei der Vergabe von Die Ergebnisse der CeBIT '91 werden zur Zeit immer
Aufträgen oder bei unternehmerischen Vorhaben nicht noch ausgewertet. Aber im letzten Jahr wurden in den
verschiedenen US-Pavillons, die ungefähr 400 kleineder beste Anbieter zum Zuge käme.
re und mittlere Firmen beherbergten, Verträge abgeLassen Sie mich zum Schluß noch Werbung in eigener schlossen, die zwischen einer halben und dreiviertel
Sache machen. Die amerikanische Regierung unter- Milliarde US-Dollar einbrachten! In dieser Zahl sind
nimmt große Anstrengungen, faire Wettbewerbsbe- natürlich die Verkäufe unserer größten Firmen nicht
dingung und offene Märkte weltweit zu schaffen. Seit enthalten. Die meisten dieser Firmen waren über ihre
Jahren bemühen wir uns darum bei der Uruguay- deutschen Töchter registriert und werden deshalb
Runde des GATT. Unser Ziel ist es, Handelsbarrieren auch als deutsche Firmen in den Statistiken geführt.
abzubauen und allen Anbietern gleiche Chancen auf Wir haben Käufer aus aller Herren Länder an den USinternationalen Märkten einzuräumen.
Ständen gesehen. Helfen Sie uns, den amerikanischen Firmen klarzumachen, daß der Verkauf auf
Meiner Regierung liegt auch viel daran, amerikanische einer deutschen Messe nicht auf Deutschland beExporteure mit Rat und Tat zu unterstützen. Es geht grenzt ist.
um die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen
ebenso wie um die Verbesserung unserer Handelsbi- Als Vertreter amerikanischer Unternehmen in Deutschlanz. Unser Foreign Commercial Service hilft amerika- land sind Sie in der Position, Chancen für amerikaninischen Exporteuren auf ausländischen Märkten, ver- sche Produkte auf diesem Markt frühzeitig zu erkenmittelt Geschäftskontakte, macht sie mit den Eigenhei- nen. Geben Sie Ihr Wissen über Märkte, Käufer und
ten des Importlandes vertraut und vieles mehr. In Vertriebsmöglichkeiten an Ihre Partnerfirmen in den
unserer Botschaft ist es die Aufgabe meines Kollegen USA weiter. Ich glaube, erweiterte und verbesserte
Jack Bligh, der heute abend hier anwesend ist, US- Geschäftsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Firmen bei der Anbahnung und Abwicklung von Ge- Staaten und Deutschland sind für uns alle ein Gewinn.
schäften behilflich zu sein. Aber Jack Bligh und seine
Mitarbeiter können nicht alle potentiellen Exporteure in Meine Damen und Herren, es ist für mich wirklich ein
den Vereinigten Staaten auf ihre Chancen und Mög- großer Tag, als Botschafter der Vereinigten Staaten
lichkeiten in Deutschland aufmerksam machen. Des- von Amerika im vereinten Deutschland zu Ihnen heute
halb wende ich mich an Sie.
in Dresden sprechen zu können. Ich spreche hier auch
als Ehrenpräsident der Amerikanischen HandelskamSie kennen wahrscheinlich alle eine kleine Firma in den mer in Deutschland. Es ist ein zentrales Anliegen
Vereinigten Staaten, die noch nicht hier auf dem Markt amerikanischer Außenpolitik, unsere Beziehungen zu
ist, die aber über ein vermarktungsfähiges Produkt Deutschland auf allen Ebenen zu festigen und zu
verfügt. Diese Firma mag zu klein sein, um über erweitern. Die Amerikanische Handelskammer in
Überseemärkte informiert zu sein. Vielleicht könnten Deutschland leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.
Sie den Kontakt zu einem ausländischen Händler oder Dafür danke ich Ihnen. Vielen Dank.
Importeur herstellen. Oder vielleicht haben Sie noch
Die vielen Anfragen interessierter amerikanischer Firmen bei unserer Botschaft in"Bonn lassen schließen,
daß sich die Zahl der Investitionen in der Zukunft
sicherlich beträchtlich erhöhen wird. Aber nicht nur
amerikanische Investoren klagen über Schwierigkeiten bei der Verwirklichung von Vorhaben. Wir hoffen,
daß diese Probleme, die wohl bei einer Umstrukturierung von solch historischem Ausmaß nicht ausbleiben,
bald der Vergangenheit angehören.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 17

�OSTEU ROPA
1. Mai 1991

ANHÖRUNG IM KONGRESS ÜBER HILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede von Botschafter Barry
WASHINGTON - (AD) - Hochrangige Regierungsbeamte forderten den Kongreß am 24. April 1991 zur
Verabschiedung von Gesetzen auf, denen zufolge im Haushaltsjahr 1992 Hilfe für Osteuropa im Umfang von 470
Millionen Dollar bewilligt werden kann. Sie argumentierten, eine Steigerung gegenüber dem laufenden
Haushaltsjahr sei entscheidend, damit die Länder in der Region ihren Vormarsch zu Demokratie und freier
Marktwirtschaft weiterführen können.
Bei einer Anhörung vor dem Unterausschuß für Europa des Auswärtigen Ausschusses im Senat erklärte der
Sonderberater des stellvertretenden Außenministers für Osteuropahilfe, Botschafter Robert Barry, die Mittel
könnten in drei Hauptbereichen eingesetzt werden: für demokratische Initiativen, Förderung von Wirtschaftsreformen und Verbesserung der Lebensqualität.
Barry bezeichnete die Einführung von Demokratie und freier Marktwirtschaft in Mittel- und Osteuropa als
"strategische Priorität" der Regierung. "Im Laufe des letzten Jahres hat unsere Hilfe den Ländern der Region
in unterschiedlichem Umfang zu Fortschritten zu diesem Ziel verholten," erklärte Barry.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Barrys Rede im Wortlaut.

In meiner heutigen Rede möchte ich die allgemeine
strategische Richtung unseres Hilfsprogramms für Mittelund Osteuropa beschreiben. Welche Prioritäten haben
wir, und wie setzen wir sie? Wie verändern sie sich mit
der Zeit? Welche unvorhergesehenen Probleme haben
sich ergeben, und wie versuchen wir damit fertigzuwerden? Wie ergänzen US-Programme die anderer
Spender? Welche Rolle spielt der Privatsektor? Welche
Merkmale charakterisieren die Programme für Osteuropa, und wie funktionieren diese "Experimente"? Ich
spreche hierfür den Stellvertretenden Außenminister
Lawrence Eagleburger, der für die gesamte Koordination der US-Hilfe - sei sie durch das Bewilligungsgesetz
über Auslandshilfe oder anderweitig finanziert - in der
Region verantwortlich ist.
Zuerst möchte ich darauf eingehen, wie Herr Eagleburger und die stellvertretenden Koordinatoren - der
Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater, Boskin,
und der Stellvertretende Finanzminister John Robson
ihre Rolle gegenüber dem Amt für Internationale Entwicklung (AID) abstecken. Als ihr hochrangiger Förderer würde ich die Rolle des Koordinators als Garanten
AMERIKA DIENST 17

dafür beschreiben, daß AID-Programme, Handelsfragen, wirtschafts- und sicherheitspolitische Themen sich
wechselseitig ergänzen und zusammenwirken und die
Koordinierung mit anderen Geberländern und multilateralen Institutionen wie dem IWF, der IBWE, EBWE
und der EG-Kommission stattfindet. Viele der wichtigsten US-Beiträge zur Osteuropahiife sind das Ergebnis des Koordinierungsprozesses - die Gründung des
Stabilisierungsfonds für Polen, der Unternehmensfonds für Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei,
neuer OECD-Programme und die Lasten Verteilung.
Ziele und Prioritäten der Vereinigten Staaten
Die Ziele der US-Hilfe sind konstant, und aufgrund der
von den Ländern in der Region erzielten Fortschritte
haben sie Anspruch auf diese Hilfe. Ähnliche Kriterien
legen die 24 Geberländer an, die ihre Hilfe durch den
Mechanismus der G-24 unter dem Vorsitz der Kommission der Europäischen Gemeinschaften in Brüssel
koordinieren. Wir sind bestrebt um
demokratische, pluralistische Gesellschaften auf
der Grundlage der Rechtsstaatlichkeit und
Seite 1

�Achtung von Menschenrechten und Freiheiten
des einzelnen,
die Einführung freier Marktwirtschaften mit starken Privatsektoren,
die Wiedereingliederung dieser Länder in die
wirtschaftliche und politische Struktur des
Westens, wie es ihrer Geschichte und ihren
Werten nach sein sollte sowie an der Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zu den
Vereinigten Staaten.
Aufgrund dieser Kriterien konzentrierten sich unsere
Länderprioritäten zunächst auf Polen und Ungarn, die
auf dem Weg wirtschaftlicher und politischer Reformen am weitesten fortgeschritten waren. Im Jahr 1990
wurde auch die Tschechoslowakei auf die Prioritätenliste gesetzt. 1991 rechtfertigt das von Präsident
Schelew in Bulgarien in die Wege geleitete mutige
Reformprogramm unsere zunehmende Unterstützung,
insbesondere da die bulgarischen Erfolge eine stabilisierende Wirkung auf dem Balkan haben könnten.
Darüber hinaus gewähren wir Jugoslawien weiterhin
begrenzte Hilfe, mit besonderer Betonung der Unterstützung demokratischer Institutionen und der Ausbildung in den für eine freie Marktwirtschaft erforderlichen Qualifikationen und an Rumänien unter besonderer Berücksichtigung humanitärer Hilfe und des Aufbaus der Demokratie.
Zweckorientierte Prioritäten
Die Art der von uns entwickelten Hilfsprogramme ist
auf diese Ziele zugeschnitten. In jedem dieser zwekkorientierten Bereiche haben wir eine Vielzahl von Programmen entwickelt, bei denen die Vereinigten Staaten unseres Erachtens einen vergleichsweisen Vorteil
vor anderen potentiellen Gebern haben. Daher haben
wir mit den Ländern in der Region einen umfassenen
Dialog geführt, um ihre Prioritäten festzustellen und in
die Praxis zu umzusetzen. Gleichzeitig können der
Koordinierungsmechanismus der G-24 in Brüssel und
der zunehmend wichtige Dialog zwischen den Gebern
in jedem Land gewährleisten, daß unsere Programme
die der anderen Geber ergänzen.
Im Rahmen dieses Prozesses versuchen wir zur Zeit,
diegrößten Hindemisse für politische und Wirtschaftsreformen herauszufinden, damit wir unsere Prioritäten
anpassen und gegebenenfalls neue Mittel bereitstellen können. Ich möchte Ihnen jetzt kurz erläutern, wo
unserer Meinung nach gegenwärtig die Hauptproblembereiche liegen, auf die sich unsere Aufmerksamkeit konzentrieren sollte.
Hindernisse für Reformen
Erstens verschärft sich das Problem der politischen
Instabilität in einigen Ländern der Region. Wir hatten
erwartet, daß die Wirtschaftsprobleme der Übergangs-

Seite 2

phase eine Herausforderung für die aufstrebenden
Institutionen der neuen Demokratien darstellen würden, aber die Bürde wurde durch den Golf krieg und
den Zusammenbruch des Handels mit der Sowjetunion noch schwerer. Die durch Nationalitätenkonflikte
verursachten Unruhen waren größer und andauernder
als wir gehofft hatten.
Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssen wir
besondere Betonung auf den Aufbau der Demokratie
und Programme zur Verbesserung der Lebensqualität
legen. Von der Unterstützung der Tschechoslowakei
bei der Erarbeitung einer Verfassung, in derdie Rechte
des einzelnen geschützt werden, bis zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge in Bulgarien kann unser
Engagement einen Unterschied bewirken.
Zweitens stellte die Kluft zwischen makro- und mikroökonomischen Reformen ein größeres Problem dar
als wir vor einem Jahr erwartet hatten. Das im Jahr
1990 von Polen durchgeführte mutige Stabilisierungprogramm produzierte nicht die gewünschte Reaktion
der Angebotsseite, weil die Privatisierung hinterherhinkte und die Staatsbetriebe vom Markt und den
Wettbewerbskräften abgeschnitten waren. Polen hat
jetzt ein umfassendes Dreijahresprogramm verabschiedet, und wir drängen alle Länder der Region, das
Tempo der Privatisierung und die Schaffung wirklich
wettbewerbsfähiger Marktbedingungen zu beschleunigen. Wie Sie ausgeführt haben, werden Erfolg oder
Scheitern des polnischen Programms von den anderen Ländern in der Region, insbesondere der UdSSR
genau beobachtet.
Zur Unterstützung mikroökonomischer Reformen stehen den Vereinigten Staaten eine Reihe von Instrumenten zur Verfügung, die wir verstärkt anwenden
werden. Unsere Unternehmensfonds stimulieren den
Privatsektor in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die polnisch-amerikanischen und ungarischamerikanischen Fonds haben bereits 26 Millionen
Dollar ausgeschüttet und können 90 Millionen oder
mehr Dollar bereitstellen, wenn die von ihnen ausgearbeiteten Projekte Erfolge zeitigen. Wir beschleunigen
die Ausbildung von Führungskräften in Wirtschaft und
Bankwesen und die Unterstützung des Privatisierungsprozesses in Industrie und Landwirtschaft. Wir sind bei
der Erarbeitung von Gesetzen behilflich, die Wettbewerbsfähigkeit zu einer Realität werden lassen und bei
der Bereitstellung finanzieller Vermittler, die den Privatisierungsprozeß unterstützen werden. Im Hinblick auf
die Ressourcen der US-Regierung liegt hierin unsere
größte Verpflichtung für die Haushaltjahre 1992 und
1991. Gleichzeitig müssen wir unsere Aktivitäten auf
andere wichtige Geber konzentrieren - insbesondere
die Internationale Bankfür Wiederaufbau und Entwicklung IBWE und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBWE - um die Engpässe beim
Wachstum des Privatsektors zu beheben.

AMERIKA DIENST 17

�Drittens erweitert sich die Handelskluft, und die Investitionsströme aus dem Westen waren entmutigend.
Der Zusammenbruch des Handels mit der UdSSR
vollzog sich rascher als prognostiziert, und zusammen
mit dem Verlust der ehemaligen DDR als Markt hat
dies eine umfassende Neuorientierung des Handels
erforderlich gemacht. Gleichzeitig waren amerikanische und westliche Investoren vorsichtiger als wir
gedacht hätten. Bis zum Vorabend von Präsident
Walesas Besuch in den Vereinigten Staaten hatten
amerikanische Firmen nur 30 Millionen Dollar in Polen
investiert.
Die Verbesserung des Klimas für Handel und Investitionen ist unsere wichtigste neue Priorität für den Rest
des Jahres 1991. Der Schuldenabbau Polens sollte
einen entscheidenden Beitrag dazu leisten. Infolge
der von den Vereinigten Staaten in die Wege geleiteten
Initiative sind Kreditinstitutionen wie die Export Import
Bank in Polen wieder aktiv. Die während des Walesa
Besuchs angekündigte Amerikanische Unternehmensinitiative und die Initiativie zur Erweiterung des Handels sollten ferner dazu dienen, das Klima für amerikanischen Handel und Investitionen in der gesamten
Region zu verbessern. Die anderen müssen ihren Teil
dazu beitragen. Die Länder Mittel- und Osteuropas
müssen weitere Schritte unternehmen, um ihre gegenseitigen Handelsschranken abzubauen und insbesondere das Klima für westliche Investoren attraktiver zu
machen, um das Privatkapital anzuziehen, das auf
lange Sicht sehr viel mehr für ihre Volkswirtschaften
leisten wird als jegliche westliche Regierungshilfe.
Unsere europäischen Verbündeten müssen verbesserten Marktzugang für Exporte aus der Region schaffen. Vor einem Jahr haben wir alle gesagt, erweiterter
Handel und Investitionen wären die Triebfeder für
Wachstum und Reformen in Mittel- und Osteuropa.
Dies müssen wir im Jahr 1991 in die Tat umsetzen.
Im Haushalt 1992 beantragte Mittel
Aufgrund der obengenannten Prioritäten hat die
Administration 470 Millionen Dollar für die Unterstützung Osteuropas beantragt, was im Vergleich zum
Haushaltsjahr 1991 einen erheblichen Zuwachs darstellt. Davon sind 70 Millionen Dollar für die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung vorgesehen. Die restlichen 400 Millionen Dollar verteilen
sich folgendermaßen:
29 Millionen für die Entwicklung demokratischer
Institutionen,
305 Millionen für die Förderung wirtschaftlicher
Umstrukturierungsmaßnahmen,
61 Millionen für Projekte zur Verbesserung der
Lebensqualität und
5 Millionen für Rechnungsprüfung, Auswertung
und Programmunterstützung.

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Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, würden die
von uns im Haushaltsjahr 1992 beantragten 400 Millionen Dollar etwa folgendermaßen eingesetzt:
190 Millionen für Projekte im Rahmen des
Gesetzes zur Unterstützung der Osteuropäischen Demokratien (SEEDI), davon 164 Millionen für die Unternehmensfonds.
55 Millionen für andere Programme, die nicht
von AID, sondern von anderen Behörden durchgeführt werden (USIA, EPA, Energie-, ArbeitsWirtschafts- oder Justizministerium und so
weiter).
60 Millionen für die Fortschreibung einiger wichtiger im Jahr 1991 aufgenommener Projekte,
wie etwa die Ausbildung von Führungskräften
oder Privatisierung.
Die restlichen Mittel würden im großen und ganzen für
kleinere Projekte (unter 10 Millionen Dollar) ausgegeben, die von 1991 übernommen werden, oder sie
würden für die Erweiterung von Großprojekten verwendet, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben. Wir möchten die uns vom Kongreß gewährte
Flexibilität nutzen, um Programme aufzustocken, die
bereits erfolgreich zu sein scheinen, oder um die
Verluste bei nicht funktionierenden Experimenten zu
verringern. Wir haben im laufenden Jahr bereits die
Mittel für zwei Programme verdoppelt, bei denen ein
qualitativ gutes Ergebnis mit gleichzeitigem Interesse
seitens der Empfängerstaaten einherging. Aus denselben Gründen haben wir andere Programme beschnitten.
Aufbau von Länderprogrammen
Neben unseren übergreifenden regionalen Prioritäten
passen wir unsere Programme den Bedürfnissen der
einzelnen Länder an und stimmen uns mit anderen
Gebern ab, die sich mit denselben Problemen auseinandersetzen. Dies erfordert einen anhaltenden Dialog
mit dem jeweiligen Empfängerland, den wichtigsten
bilateralen und multilateralen Gebern und zwischen
den etwa 20 an den Hilfsmaßnahmen beteiligten USRegierungsbehörden. In jedem Land der Region
bemühen wir uns, ein amerikanisches Hilfsprogramm
zusammenzustellen, das sichtbar, zielgerichtet und
leicht zu verwalten ist. Gleichzeitig muß der Umfang
dieses Programms den Grad an Fortschritten widerspiegeln, die von dem entsprechenden Land unter
Berücksichtigung der von unseren Verbündeten und
uns gesetzten Kriterien gemacht werden.
Für Staaten, die auf dem Weg zu demokratischen
Reformen hinterherhinken, haben wir nur sehr wenige
Programme eingeleitet. So führen wir etwa in Rumänien sechs begrenzte Programme durch: humanitäre
Hilfe (darunter Unterstützung rumänischer Kinder),
Nahrungsmittelhilfe, Hilfe bei der Familienplanung,
Unterstützung von unabhängigen Medien und RechtsSeite 3

�Staatlichkeit, Ausbildung von Führungskräften sowie
Notprogramme zur Verbesserung der Energieversorgung. Dagegen führen wir in Polen zwei Dutzend
Programme durch. Aber auch hier möchten wir uns auf
wenige Schlüsselbereiche konzentrieren, in denen
umfangreichere Mittel bereitgestellt werden können,
um neuen Prioritäten gerecht zu werden. Unterstützung für den Privatisierungsprozeß und die Ausweitung von Handel und Investitionstätigkeit sind zwei
dieser zweckgebundenen Schwerpunkte für Polen.
Landwirtschaft und der Agrarindustrie gilt unser Hauptaugenmerk in Bulgarien. In Ungarn betrachten wir die
Reform des Bankwesens als vordringliche Aufgabe,
zu deren Lösung amerikanische Hilfe beitragen kann.
Ein zweiter Weg zur Verstärkung des Synergieeffekts
unserer Hilfe besteht darin, sich auf kleinere Programme in einer einzelnen Stadt oder Region zu konzentrieren. Krakau ist zum Schwerpunkt amerikanischer
Programme in Polen geworden, dasselbe gilt für den
Landkreis Baranya in Ungarn. Das Peace Corps, das
Arbeitsministerium, das Amt für Umweltschutz, das
Energieministerium und andere an der amerikanischen
Hilfe beteiligten Behörden können mehr leisten, indem
sich ihre Programme an einem einzelnen Ort wechselseitig verstärken, anstatt daß ihre Prioritäten getrennt
voneinander verfolgt werden.

Schlußfolgerung
Zum Abschluß möchte ich Sie bitten, nicht an die
gewaltigen Hindernisse für wirtschaftliche und politische Reformen zu denken, sondern an die im vergangenen Jahr erzielten bemerkenswerten Fortschritte.
Wer hätte im Jahr 1988 erwartet, daß Lech Walesa die
Vereinigten Staaten als Präsident eines demokratischen Polens besuchen würde, um über den Zeitplan
für den vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen
aus seinem Land zu sprechen? Wer hätte erwartet,
daß Bulgarien bei politischen und wirtschaftlichen
Reformen an vorderster Front stehen würde? Wer
hätte demokratische Wahlen in Albanien erwartet, so
mangelhaft sie auch gewesen sein mögen? Und vor
allem, wer hätte die Entwicklung eines machtvollen
Konsenses in der ganzen Region erwartet, daß ein
rascher, umfassenden Übergang zu demokratischer
Herrschaft und Marktwirtschaft die einzige Lösung für
die Probleme der Region darstellt? Die Unterstützung
dieses Übergangs ist für diese Administration ebenso
eine strategische Priorität wie vor zwei Jahren, als die
Bilder der Revolution unsere Vorstellungskraft so sehr
beflügelten.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 17

�HINTERGRUND
1. Mai 1991

IKE UND DIE SOGENANNTEN GREUELTATEN
von Stephen E. Ambrose
Der folgende Artikel von Stephen E. Ambrose, dem Direktor des Eisenhower Center an der University of New
Orleans, ist am 24. Februar 1991 unter dem Titel "Ike and the Disappearing Atrocities" in The New York Times
Book Review erschienen. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der New York Times Company, Copyright
(c)1991.

Selten hat die Veröffentlichung einer historischen
Monographie zu einem Thema - der Behandlung von
Kriegsgefangenen -, das normalerweise nur für wenige Spezialisten von Interesse ist, solches Aufsehen
oder so viel Ärger erregt, wie James Bacques Werk
"Der geplante Tod". Das im Jahr 1989 in Kanada
veröffentlichte Buch wurde zum Gegenstand einer
Titelstory des populären kanadischen Magazins Saturday Night, eines Dokumentarfilms der BBC sowie
zweier Dokumentationen im deutschen Fernsehen
und eines angekündigten Dokumentarfilms der Canadian Broadcasting Corporation. (Auf dem Umschlag
der kanadischen Ausgabe, so möchte ich gleich betonen, ist ein Zitat von mir abgedruckt, das aus dem
Zusammenhang gerissen und ohne meine Zustimmung verwendet wurde.) Das Buch wurde im amerikanischen Fernsehen, im Magazin Time und zahlreichen anderen Medien besprochen. Seine deutsche
Ausgabe wurde sofort zum Bestseller. Die britische
Ausgabe zog Buchbesprechungen in The Times Literary Supplement und in anderen Zeitschriften nach
sich. Der kalifornische Verlag Prima Publishing plant
des Buch im Mai zu veröffentlichen, was auch in den
Vereinigten Staaten Öl ins Feuer gießen könnte.
Der Grund für die traurige Berühmtheit ist die Schlußfolgerung des Autors, daß General Dwight D. Eisenhower als Chef der amerikanischen Besatzungstruppen
im Deutschland des Jahres 1945 eine erschreckende
Zahl deutscher Kriegsgefangener mit voller Absicht
dem Hungertod preisgab. Bacque behauptet: "Die
Zahl der Opfer liegt zweifellos bei mehr als 800 000,
heinahe mit Sicherheit bei mehr als 900 000 und
durchaus wahrscheinlich bei mehr als einer Million.
Die Ursachen ihres Todes wurden wissentlich ge-

AMERIKA DIENST 17

schaffen von Armee-Offizieren, die über genügend
Lebensmittel und andere Hilfsmittel verfügten, um die
Gefangenen am Leben zu erhalten."
Bacque zufolge benutzte Eisenhower eine einfache
Methode: er änderte Bezeichnung der Gefangenen
von Prisoners of War (POW), die nach der Genfer
Konvention Anspruch auf dieselben Rationen wie die
amerikanischen Gls hatten, in Disarmed Enemy Forces (DEF), was ihm gestattete, sie auf Hungerrationen
zu setzen. Bacque stellt fest, den DEF seien außerdem Medikamente und Obdach verweigert worden.
Sie seien zu Hunderttausenden gestorben. Diese
Todesfälle seien in den Armeeunterlagen vertuscht
worden, indem man sie in Tabellen, in denen wöchentlich die Gesamtzahl der Gefangenen, der aus Gefangenschaft Entlassenen und so weiter erfaßt wurde, als
"sonstige Verluste" ausgewiesen habe.
Bacque ist über seine Aufdeckung dieses scheußlichen Verbrechens so empört, daß er in einem Interview mit einer Nachrichtenagentur mit den Worten
zitiert wird, die Amerikaner "sollten alle Standbilder
von Eisenhower abbauen, alle Photos von ihm von der
Wand nehmen und so gut sie können sein Andenken
aus der amerikanischen Geschichte tilgen, au ßer dem
Satz 'Hier gab es einen Mann, der grauenhafte Dinge
getan hat, derer wir uns schämen'". Daraus ergeben
sich zwangsläufig Fragen. Wenn es eine Million Tote
gab, wo sind deren Leichen? Besaß Eisenhower solch
ungeheure Macht, daß erden massenweisen Hungertod anordnen und als Geheimnins bewahren konnte?
War das zweifellos vorhandene Leid in den Lagern,
insbesondere in den Durchgangslagern am Rhein, das
Ergebnis Eisenhowerscher Politik oder Resultat der

Seite 1

�chaotischen Zustände, die im Frühjahr und Sommer
des Jahres 1945 in Europa herrschten?
Bacque, ein kanadischer Romanautor ohne Erfahrung
in historischer Forschung oder Geschichtsschreibung,
stellt in der Einleitung seines Buches fest: "Zweifellos
werden viele Gelehrte Fehler in diesem Buch finden;
es sind ausschließlich meine. Ich begrüße ihre Kritik
und ihre künftigen Forschungen, die dazu beitragen
mögen, die Wahrheit für uns wiederherzustellen nach
einer langen Nacht der Lügen." Im vergangenen
Dezember lud das Eisenhower Center an der University of New Orleans einige führende Experten dieser
Epoche ein, um die Behauptungen zu untersuchen.
Die Teilnehmer an der Konferenz, mich eingeschlossen, planen, die Beiträge in Buchform zu veröffentlichen.
(Anm. d. Red.: An der Konferenz nahmen neben
Professor Ambrose teil:
Thomas Barker von der State University of New
York (Albany), Spezialist für mitteleuropäische
Militärgeschichte;
Guenter Bischof vom Eisenhower Center, Spezialist für Österreich während der Besatzungszeit;
Neil Cameron, Produzent der BBC-Dokumentation zu "Der geplante Tod";
Albert Cowdrey vom Center of Military History
des US-Heeresministeriums;
Alex Frohn vom Deutschen Historischen Institut;
Rüdiger Overmans vom Militärgeschichtlichen
Forschungsamt im Freiburg;
Professor Rolf Steininger von der Universität
Innsbruck, Autor einer zweibändigen Geschichte der Besatzungszeit in Deutschland;
James Tent von der University of AlabamaBirmingham, Autor von "Mission on the Rhine";
Brian Villa von der Universität Ottawa, Autor von
"Unauthorized Action: Mountbatten and the
Dieppe Raid.")
Unsere erste Schlußfolgerung war, daß Bacque eine
wichtige historische Entdeckung gemacht hatte. In der
Tat waren im Frühjahr und Sommer des Jahres 1945
Mißhandlungen an deutschen Gefangenen weitverbreitet. Männer wurden geschlagen, bekamen kein
Trinkwasser, sie wurden gezwungen, in offenen Lagern ohne ein Dach über dem Kopf, mit unzureichenden Nahrungsmittelrationen und ungenügender medizinischer Versorgung zu leben. Ihre Post wurde ihnen
vorenthalten. In einigen Fällen bereiteten Gefangene
eine "Suppe" aus Wasser und Gras, um ihren Hunger

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zu stillen. Männer starben einen sinnlosen und unentschuldbaren Tod. Damit muß man sich auseinandersetzen, und Bacque gebührt das Verdienst, daß er uns
dazu gezwungen hat.
Unsere zweite Schlußfolgerung bestand darin, daß
Wissenschaftler, wenn sie die notwendigen Forschungen betreiben, Bacques Buch mehr als wertlos finden
werden. Es ist in seinen grundlegendsten Aspekten
mit ernsten - nein, spektakulären - Mängeln behaftet.
Bacque mißbraucht Dokumente. Er mißdeutet Dokumente. Er ignoriert gegenteilige Sachverhalte. Seine
statistischen Methoden sind hoffnungslos ungenau.
Er unternimmt keinen Versuch, die von ihm zusammengetragenen Beweise in Bezug zur Gesamtsituation zu setzen. Er unternimmt keinen Versuch, vergleichbare Zusammenhänge zu prüfen. Er legt seiner
Hauptquelle Worte in den Mund. Er ignoriert eine
allgemein zugängliche und absolut kritische Quelle,
die sich maßgeblich mit seiner zentralen Anschuldigung beschäftigt, und - infolge dieser und anderer
Mängel - kommt er zu Schlußfolgerungen und Beschuldigungen, die erwiesenermaßen absurd sind.
Abgesehen von ihrer Einschätzung der Bacqueschen
Behauptungen brachte die Konferenz in Zusammenhang mit dem Buch selbst jedoch eine umfassendere
Frage zur Sprache: Wie soll ein Leser, der kein
Experte ist, über ein Buch urteilen, das neue, überraschende und in der Tat empörende Behauptungen
aufstellt? Ohne das Wissen oder die Zeit zur Aufklärung des Sachverhalts, wie soll er wissen, ob ein Autor
"nach einer Langen Nacht der Lügen" endlich die
Wahrheit aufgedeckt hat, oder ob er eine unvorsichtige
Öffentlichkeit schlicht in die Irre führt?
Im Hinblick auf Bacques Behauptungen ist die zwingendste Frage die nach Eisenhowers Motiv: warum
um alles in der Welt würde Ike so etwas tun? Bacque
antwortet, daß Eisenhower die Deutschen haßte. Es
ist unbedingt zutreffend, daß Eisenhowers Zorn über
die Deutschen im Frühjahr 1945 groß war. Er hat nie
versucht, diese Gefühle zu verheimlichen. So schrieb
er in seinem 1948 veröffentlichten Buch "Crusade in
Europe": "Mit jedem Monat, den der Konflikt andauerte, wurden meine persönlichen Gefühle gegenüber
den Deutschen bitterer." Er teilt mit, daß er tausende
von Kondolenzschreiben an Witwen und Mütter seiner
gefallenen Soldaten unterzeichnete und schrieb: "Ich
kenne kein wirksameres Mittel, einen unauslöschlichen Haß auf diejenigen zu entwickeln, die für einen
Aggressionskrieg verantwortlich sind, als die Pflicht,
den dadurch Beraubten sein Beileid auszusprechen."
Die Entdeckung der Konzentrationslager trug zu diesem Gefühl noch bei.
Eisenhower war ein begeisterter Befürworter der Entnazifizierung, aber nicht, weil er die Deutschen haßte
oder an eine Kollektivschuld glaubte. Im Gegenteil, er
glaubte, daß es Deutsche gab, die sich für die Demokratie einsetzten und es Sache der Besatzungsmacht

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�sei, sie zu finden und ihnen Verantwortung zu übertragen. In einer in Frankfurt gehaltenen Rede erklärte er
1945:" Erfolg oder Fehlschlag dieser Besatzung werden am Charakter der Deutschen in 50 Jahren gemessen werden. Der Beweis wird erbracht sein, wenn sie
beginnen, ihre Demokratie selbst zu gestalten, und mit
der Zeit werden wir den Deutschen die Chance geben,
das zu tun." Das klingt nicht nach einem Mann, der zur
gleichen Zeit den Hungertod einer Million junger Deutscher anordnete.
Bacque mißversteht Eisenhowers Haltung und sein
Vorgehen bei der Besatzung völlig. Für jede politische
Entscheidung schiebt er Eisenhower die volle Verantwortung zu, erkennt aber niemals an, daß dieser
Vorgesetzte hatte, von denen er politische Direktiven
und Anordnungen entgegennahm - insbesondere den
Stabschef des Heeres, die im Namen und mit Genehmigung der britischen, sowjetischen und amerikanischen Regierungen handelnde European Advisory
Commission, die Vereinigten Stabschefs, das Gremium der Vereinigten Stabschefs aus Amerika und der
britischen Stabschefs (Combined Chiefs of Statt) sowie
die amerikanischen und britischen Regierungschefs.
Der Bericht von Brian Villa von der Universität Ottawa
bei der Konferenz in New Orleans über den diplomatischen Hintergrund weist darauf hin, die Politik von
Eisenhowers Vorgesetzten habe darin bestanden, den
Deutschen die Tatsache ihrer Niederlage bewußt zu
machen, die letztere selbst zu verantworten hätten und
sie auf jeden Fall "hart anzupacken". Entnazifizierung
war ein Element dieser Politik. Sie zeigte sich ferner
darin, daß deutsche Gefangene nicht mehr zu essen
bekamen als die deutsche Zivilbevölkerung, die Zivilisten der befreiten Länder oder die Displaced Persons
(DPs).
Eine zentrale Behauptung in Bacques Anklage lautet,
es habe 1945 in Europa keine Lebensmittelknappheit
gegeben. Er verweist dabei auf volle Lebensmittellager in Deutschland. Er erklärt, dem Roten Kreuz
hätten Nahrungsmittel zur Verfügung gestanden. Als
erdrückendsten Beweis führt er an, daß ein Zug, den
das Rote Kreuz in Genf mit Lebensmittelpaketen für
deutsche Gefangene beladen hatte, zur Rückkehr
gezwungen wurde.
Das ist schockierend - es gab Lebensmittel, die Männer hatten Hunger, und die amerikanischen Offizieren
schickten den Zug zurück nach Genf. Aber das hatte
einen Grund: die Regierungen der Alliierten hatten
verfügt, daß die Lebensmittelpakete des Roten Kreuzes für die Displaced Persons bestimmt sein sollten,
von denen es in Deutschland über zwei Millionen gab,
und Eisenhower hatte zu dieser Politik eindeutige
Befehle erhalten. Also bekamen die DPs diese Lebensmittelpakete. Es entzieht sich jeglicher Vorstellungskraft, in einer Welt voller Hunger Prioritäten bei den
Lebensmitteln setzen zu müssen, aber es mußte sein,
und wer hätte die Entscheidung anfechten können?

AMERIKA DIENST 17

In seinem Konferenzbericht über die Lebensmittelsituation in Deutschland erklärte James Tent von der
University of Alabama in Birmingham, es stehe außer
Zweifel, daß es ernste Engpässe gegeben habe.
Dennoch waren Tent zufolge Lebensmittel eingelagert, die nicht an Gefangene - deren tägliche Ration sie
nur knapp vor dem Verhungern bewahrte - verteilt
wurden. Auch dies ist haarsträubend, bis man sich den
Grund vor Augen führt. Die Regierungen der Alliierten
fürchteten im Winter 1945-46 eine Hungersnot und
horteten deshalb Lebensmittel. Sogar mit ihren Reserven kamen sie kaum durch den Winter, und es dauerte
drei Jahre, bis die Lebensmittelknappheit in Europa
überwunden war.
Bacques Mythos war Eisenhowers Alptraum. Keine
Lebensmittelknappheit? Eisenhower schrieb im Februar 1945 an den Stabschef George C. Marshall: "Ich
bin sehr besorgt über die Situation bei den Lebensmitteln ... Wir verfügen auf dem Kontinent über keine
Reserven für die Versorgung der Zivilbevölkerung."
Und dazu existiert auch ein Schreiben von Eisenhower
an die Combined Chiefs of Statt vom 25. April 1945:
"Wenn nicht unverzüglich Schritte eingeleitet werden,
um in jedem erdenklichen Umfang Lebensmittelvorräte anzulegen, mit denen die minimalen Bedürfnisse
der deutschen Bevölkerung gedeckt werden können,
wird es im kommenden Winter unausweichlich zu
allgemeinem Chaos, Hungertod und Krankheiten
kommen."
Diese - und viele, viele ähnliche Botschaften - wurden
vor der Kapitulation geschickt. Nach der ersten Maiwoche erwiesen sich alle Berechnungen Eisenhowers,
wieviele Menschen im besetzten Deutschland verpflegt werden müßten, als jämmerlich unzureichend.
Er hatte die Situation aus zwei Gründen erheblich
unterschätzt. Erstens überstieg die Zahl der sich den
westlichen Alliierten ergebenden deutschen Soldaten
bei weitem alle Erwartungen (über fünf Millionen statt
der erwarteten drei Millionen), weil deutsche Soldaten
auf der Flucht vor den Russen im Sturm die Elbe
überquerten. Dasselbe galt für deutsche Zivilisten insgesamt 13 Millionen flohen von Ost nach West, und
damit war Eisenhower für sie verantwortlich. Zweitens
war die Zahl der befreiten Zwangsarbeiter viel höher um zwei Millionen - als erwartet. Kurz, Eisenhower sah
sich Engpässen gegenüber, noch bevor er erfuhr, daß
in Deutschland über 17 Millionen Menschen mehr zu
verpflegen waren als er erwartet hatte.
Keine Lebensmittelknappheit? Dazu der Bericht des
Militärgouverneurs für Deutschland im Juli 1945: "Die
Lebensmittelsituation in ganz Westdeutschland ist
vielleicht das gravierenste Problem der Besatzung.
Der durchschnittliche Lebensmittelverbrauch in den
Westzonen liegt ein Drittel unter dem allgemeingültigen Existenzminimum." Der Bericht vom September
erklärt: "Es sind keine Lebensmittel hiesiger Prove-

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�nienz verfügbar, um die gegenwärtig bewilligte Tagesration für den Normalverbraucher von 1.550 Kalorien
abzudecken."
Bacque erklärt, die Gefangenen hätten 1.550 Kalorien
pro Tag erhalten, und er behauptet, eine solche Ration
bedeute den langsamen Hungertod. Er hat offensichtlich nie berücksichtigt, was die Zivilbevölkerung in
Deutschland oder den befreiten Ländern bekam. 1945
erhielt die Zivilbevölkerung in Paris 1.550 Kalorien.
Etwas mehr gab es in Großbritannien, wo die Lebensmittel immernoch rationiert waren. Viel weniger gab es
in Rußland, wo ebenfalls die Lebensmittel rationiert
waren. Wie gesagt, lag die offizielle Ration für die
Zivilbevölkerung in Deutschland bei 1.550 Kalorien,
was aber nicht die Regel war. Im Sommer 1945 fiel in
Wien die offzielle Ration mitunter auf 500 Kalorien.
Es gibt so etwas wie den gesunden Menschenverstand. Jeden, der im Sommer 1945 in Europa war,
hätte die Aussage verblüfft, es gebe keine Lebensmittelmittelknappheit.
Bacque zufolge hat Eisenhower persönlich, heimlich
und böswillig den Status der deutschen Soldaten, die
sich ergeben hatten, von Kriegsgefangenen in Disarmed Enemy Forces geändert. Tatsächlich war die
Änderung der Bezeichnung politisch motiviert. Die
Entscheidung wurde aber nicht von Eisenhower, sondern von seinen Vorgesetzten getroffen, insbesondere
von der European Advisory Commission. Es wurde
auch kein Versuch einer Geheimhaltung unternommen. Alle Beteiligten handelten mit Genehmigung der
britischen, russischen und amerikanischen Regierungen und sprachen die Gründe dieser Statusänderung
freimütig aus.
Was geschehen ist.liegt auf der Hand: Die Alliierten
konnten es sich nicht leisten, die Millionen deutscher
Gefangener genauso zu verpflegen wie ihre eigenen
Truppen, wie es die Genfer Konvention erfordert.
Auch wenn die Lebensmittel verfügbar gewesen wären, hätten die Allierten die deutschen Gefangenen
nicht besser versorgt äs die Zivilbevölkerung in Deutschland, ganz zu schweigen von den Zivilisten der befreiten Länder Westeuropas und auch ganz zu schweigen
von den Displaced Persons. Aber die Vereinigten
Staaten und andere Allieirte hatten die Genfer Konvention unterzeichnet, die gleichbedeutend mit einem
Vertrag ist. Sie wollten sie nicht verletzen und schafften daher die neue Bezeichnung Dlsarmed Enemy
Forces. Die Befehle an die Kommandeure waren
eindeutig: Versorgt die DEFs nicht besser als die
deutsche Zivilbevölkerung.
Bei einer anderen Schlußfolgerung kommt Bacque mit
Hilfe eines Rechenexempels - das bei jedem, derseine
Statistiken und Methoden nachzuvollziehen versucht
hat, Verwirrung stiftet - zu der sensationellen Zahl von
einer Million Toten. Aufgrund eines Tippfehlers beging
er jedoch einen Irrtum. Er sah die Zahl von 70.000

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Gefangenen in einem medizinischen Bericht des Heeres
und berechnete dann die Gesamtzahl aller verstorbenen Gefangenen in amerikanischer Hand nach dieser
Zahl und nach den ebenfalls in diesem Bericht genannten 21.000 Toten. Das heißt, er gelangte zu einer
seiner grundlegendsten Schlußfolgerungen, einer
30prozentigen Sterblichkeitsrate in allen Lagern, indem er die 70.000 Gefangenen durch die 21.000 Toten
teilte. Allerdings hätte die Zahl von 70.000 eigentlich
das Zehnfache betragen müssen. Alle anderen Zahlen in dem Dokument weisen eindeutig darauf hin, daß
die korrekte Zahl der Gefangenen 700.000 betrug.
Damit läge der Anteil der Toten nicht bei 30, sondern
nur bei 3 Prozent.
Dem Bericht von Albert Cowdrey vom Center of Military History des US-Heeresministeriums zufolge lag die
Sterblichkeitsrate der deutschen Gefangenen tatsächlich bei 1 Prozent.
Die von Major Rüdiger Overmans vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg (der den letzten
Band der offiziellen deutschen Kriegsgeschichte schreibt)
voll und ganz unterstützte Schlußfolgerung von Cowdrey lautet, daß die Gesamtzahl der Todesfälle deutscher Gefangener in amerikanischem Gewahrsam
nicht mehr als 56.000 betragen haben kann.
Und schlie ßlich gibt es noch die Spalte in den Wochenberichten des Kommandeurs der Militärpolizei der USArmee mit dem Titel "Sonstige Verluste". Ihr entnimmt
Bacque seine "fehlende Million".
Was waren "sonstige Verluste"? Bacque interviewte
Philip S. Lauben, einen Oberst der US-Armee im
Ruhestand, der im Jahr 1945 Angehöriger der Abteilung für Deutsche Angelegenheiten in Eisenhowers
Hauptquartier war. Er schreibt, Oberst Lauben habe
ihm gesagt, "sonstige Verluste" bedeuten "Todesfälle
und Fälle von Flucht".
"Wie viele Fälle von Flucht?", fragte Bacque.
"Sehr, sehr wenige", erwiederte Oberst Lauben. Bacque
stellte fest, die Fälle von Flucht hätten weniger als 0,1
Prozent ausgemacht, ohne zu erklären, wie er zu
dieser Zahl gelangte.
Neil Cameron, der Produzent einer BBC-Dokumentation über "Sonstige Verluste" stellte bei der Konferenz
fest, er habe das Tonband des Interviews von Bacque
erhalten. Cameron gewann den Eindruck, daß Bacque einen alten Mann dazu gebracht hatte, Worten
zuzustimmen, die Bacque verwendete und ihm dann in
den Mund legte. Cameron machte ein Fernsehinterview mit Oberst Lauben. Darin erklärte Lauben, er sei
von Bacque getäuscht worden und habe sich in der
Bedeutung des Begriffs "sonstige Verluste" geirrt.
David Hawkins von CNN wollte ein Interview mit Oberst
Lauben machen. Oberst Lauben lehnte jedoch ab und
erklärte in einem Brief: "Ich will keine Schwierigkeiten

AMERIKA DIENST 17

�Kurzum: Bacque irrt sich bei jeder entscheidenden
Behauptung und praktisch bei allen weniger entscheidenden. Eisenhower war kein Hitler, er leitete keine
Todescamps, deutsche Gefangene starben nicht zu
Hunderttausenden, im Jahr 1945 gab es eine ernsthafte Lebensmittelknappheit, es lag kein dunkles Geheimnis über dem Bestimmungsort der Disarmed
Enemy Forces oder über der Spalte "sonstige Verluste". Bacques "fehlende Million" waren alte Männer
und junge Burschen des Volkssturms.

machen. Aber ich bin 91 Jahre alt, blind und mein
Gedächtnis hat in einem Maße nachgelassen, daß es
ziemlich unzuverlässig ist. Darüberhinaus befinde ich
mich in regelmäßiger ärztlicher Behandlung. Während
meines Gesprächs mit Bacque habe ich ihn des öfteren daran erinnert, daß sich mein Gedächtnis in den
rund vierzig Jahren seit 1945 extrem verschlechtert
hat.
Bacque hat mir Zahlen vorgelesen... Mir schien, nach
Abzug der Verlegungen und Entlassungen blieb nichts
übrig als Todesfälle und Fälle von Flucht, um die
Gesamtzahl zu erklären - das heißt, den Begriff "sonstige Verluste". Ich habe mich geirrt."

Dennoch bringt Bacque ein unwiderlegbares Argument vor: einige amerikanische Gls und ihre Offiziere
waren fähig, sich fast so brutal wie die Nazis aufzuführen. Wir hatten kein Monopol für Tugend. Er hat uns
aufgefordert, die Fragen wieder auf den Tisch zu
legen, die erforderliche Forschung zu betreiben, und
die volle Wahrheit aufzudecken. Für diesen Beitrag
gebührt ihm Dank. Im Hinblick darauf, wie er seine
Erkenntnisse jedoch präsentierte, möchte ich nochmals Albert Cowdrey zitieren: "Zweifelsohne hat der
Autor Grund zur Zufriedenheit mit seiner Leistung. Er
hat keinen Ruf als Historiker zu verlieren, und "Der
geplante Tod" kann nur sein Renommee als Romanschriftsteller verbessern."

Bacques einziger Zeuge für die Behauptung, "sonstige Verluste" seien eine Bezeichnung zur Vertuschung
der Todesfälle gewesen, hat also zweimal widerrufen,
was er Bacque zufolge gesagt haben soll.
Was waren dann "sonstige Verluste"? In vielen Fällen
waren es Verlegungen von einer Zone in eine andere
- etwas, das aus vielerlei Gründen, keiner davon
böswillig, regelmäßig erfolgte und stets genau in
Fußnoten der Wochenberichte vermerkt wurde.
Die größte Zahl "sonstiger Verluste" wird jedoch im
Bericht des Militärgouverneurs vom August 1945 aufgedeckt. (Diese Monatsberichte befinden sich in der
Eisenhower Bilbliothek in Abilene, Kansas, im Staatsarchiv in Washington und an anderen Orten. Sie sind
die Hauptquelle für alle Aspekte der Besatzung, bis hin
zu dem Mangel an Nahrungsmitteln und den Gefangenen. Sie werden von Bacque nicht zitiert, und es gibt
keine Anzeichen, daß er sie geprüft hat). Der Bericht
vom August führt die Zahl der von den amerikanischen
Streitkräften entlassenen und der zu Zwangsarbeit zu
den britischen und französischen Streitkräften verlegten
Disarmed Enemy Forces auf.

Schließlich kommen wir zum größten Problem. Es
bedurfte einer Konferenz von Fachleuten, um Bacques Behauptungen zu widerlegen. Einzelne Wissenschaftler haben gezögert, es mit ihm aufzunehmen,
denn das hätte bedeutet, seine Forschungen nachzuprüfen - in Wirklichkeit, sein Buch neu zu schreiben.
Statt dessen haben viele von ihnen in ihren Rezensionen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und
Kanada erklärt, sie könnten nicht glauben, daß Bacques Aussagen über Eisenhower der Wahrheit entsprechen, aber sie können das Gegenteil nicht beweisen. Bacque hat das Rüstzeug eines Wissenschaftlers - es ist beeindruckend genug, um selbst Wissenschaftler hinters Licht zu führen.

Der Bericht fährt fort: "Eine weitere Gruppe von
663.576 Personen wird als "sonstige Verluste" geführt, die vor allen aus Mitgliedern des Volkssturms
besteht, die ohne offizielle Entlassungspapiere freigelassen wurde.

Was kann der Leser als Laie unter solchen Umständen
tun? Ich schlage vor, er verläßt sich auf seinen
gesunden Menschenverstand. Stellen Sie die auf der
Hand liegenden Fragen, als wenn Sie sich mit der
These, der Holocaust habe nie stattgefunden, auseinandersetzen müßten. Wenn die Antworten nicht eindeutig sind, wurden die Behauptungen nicht bewiesen.
In Bacques Fall lauten zwei dieser Fragen: Wo sind die
Leichen? und, Deckt sich dieses Buch mit unserem
Bild von Eisenhowers Charakter, wie wir ihn aus zahllosen anderen Quellen kennen? In Fällen wie diesem
sind es häufig die naheliegenden Fragen, die uns der
Wahrheit am nächsten bringen.

Man braucht nicht viel Phantasie, um zu verstehen,
was hier geschehen ist. Zum Volkssturm gehörten
ältere Männer (bis zu 60 Jahre alt, vor allem Veteranen
des Ersten Weltkriegs) und junge Burschen unter 16
oder gelegentlich noch jünger. Die amerikanischen
Wachposten und Lagerverwalter sagten den alten
Männern, sie sollten nach Hause zurückkehren und
sich um ihre Enkelkinder kümmern, den Jungen, wieder zur Schule zu gehen. Zusammen mit den Verlegungen in andere Zonen, die Bacque ignoriert, stehen
diese Menschen für die "fehlende Million".

* *

AMERIKA DIENST 17

*

Seite 5

�</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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1

15. Mai 1991

CHEMISCHE WAFFEN

PRÄSIDENT BUSHS INITIATIVE ZU
CHEMISCHEN WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

NEUE WELTORDNUNG

USA WEITERHIN ENGAGIERT FÜR
NEUE WELTORDUNG
Rede von Robert Gates

INSTITUTIONEN IN AMERIKA

AMERIKAS EINZIGARTIGES
OBERSTES BUNDESGERICHT
von Barrett McGurn

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�CHEMISCHE

WAFFEN
15. Mai 1991

PRÄSIDENT BUSHS INITIATIVE ZU
CHEMISCHEN WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht über Präsident Bushs Initiative zu chemischen Waffen
wurde am 13. Mai 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht

Mit der Feststellung, daß der jüngste Konflikt am
Persischen Golf erneut das Gespenst des Einsatzes
chemischer Waffen gegen unschuldige Menschen
heraufbeschworen habe, gab der Präsident eine Reihe
neuer Maßnahmen im Rahmen seines langfristigen
Ziels bekannt, diese Waffen des Terrors für immer von
der Welt zu verbannen. Präsident Bush bekräftigte
seine Überzeugung, die beste Hoffnung zur Verwirklichung dieses Ziels sei die Konvention über chemische
Waffen (CWC) - ein multilateraler Vertrag, der Herstellung, Besitz, Transfer und Einsatz chemischer Waffen
vollständig verbieten würde -, die im Rahmen der
Genfer Abrüstungskonferenz (CD) ausgehandelt wird.
Vorrangiges Ziel dieser Initiative ist, die Aussichten für
einen baldigen Abschlu ß dieser Konvention zu verbessern, das Engagement der Vereinigten Staaten unter
Beweis zu stellen, so bald wie möglich ein wirksames
Verbot chemischer Waffen zu erzielen und anderen
Nationen einen Anreiz zu bieten, sich ebenfalls diesem
wichtigen Ziel zu verschreiben. Aus diesem Grund
erklärte der Präsident, daß die amerikanische Delegation bei der Genfer Abrüstungskonferenz mit Wiederaufnahme der Gespräche am 14. Mai 1991 folgende
Maßnahmen ergreifen wird:
1. Die Vereinigten Staaten fordern die Lösung aller
wesentlichen noch ausstehenden Fragen zu C-Waffen
bei der Genfer Abrüstungskonferenz bis Ende 1991
sowie den Abschlu ß einer Konvention über chemische
Waffen binnen 12 Monaten.

AMERIKA DIENST 19

2. Um diese Ziele zu verwirklichen und sicherzustellen, daß keine Zeit verschwendet und keine Chance
vertan wird, um die Verhandlungen bald zu einem
erfolgreichen Abschluß zu bringen, werden die Vereinigten Staaten den Vorschlag unterbreiten, daß mit
Beginn der Mai-Sitzungsperiode ein C-Waffen Adhoc-Ausschuß der Genfer Abrüstungskonferenz ständig in Genf tagen soll. Die Vereinigten Staaten sind
bereit, ihren Botschafter am Verhandlungstisch zu
belassen und ihre Delegation zur Unterstützung dieses Zeitplans entsprechend zu verstärken.
3. Die Vereinigten Staaten werden formell ihre Absicht
bekunden, erster Unterzeichner des Vertrags über
chemische Waffen zu sein und werden alle anderen
Staaten öffentlich auffordern, ebenfalls Erstunterzeichner des Vertrags zu werden sowie ihre C-Waffenbestände offenzulegen.
4. Die Vereinigten Staaten werden ihre Position aufgeben, daß Staaten das Recht zu einem C-WaffenVergeltungsschlag haben, solange sie über C-Waffenbestände verfügen, wenn C-Waffen zuerst gegen sie
eingesetzt werden. Die Vereinigten Staaten werden
offiziell dem Einsatz chemischer Waffen aus jedwedem Grund abschwören, einschließlich der gleichartigen Vergeltung mit chemischen Waffen gegen jeden
Staat. Diese Klausel wird mit Inkrafttreten der CWC
wirksam. Darüber hinaus werden die Vereinigten
Staaten eine Klausel vorschlagen, damit die CWC den
Einsatz von C-Waffen aus jedem erdenklichen Grund
verbietet.

Seite 1

�5. Die Vereinigten Staten werden von ihrer Position
abrücken, daß es ihnen gestattet werden müßte, 2
Prozent ihres C-Waffenbestands (500 Tonnen) beizubehalten, bis alle C-waffenfähigen Staaten dem Vertrag beigetreten sind. Die Vereinigten Staaten werden
sich bedingungslos der Zerstörung ihres gesamten CWaffenbestands und ehemaliger Produktionseinrichtungen binnen 10 Jahren nach Inkrafttreten der CWC
verschreiben. Sie werden alle Staaten auffordern,
dem amerikanischen Vorbild zu folgen und mit der
Vernichtung ihrer C-Waffenbestände und Produktionseinrichtungen so bald wie möglich zu beginnen. Sie
werden Klauseln für die Konvention über chemische
Waffen vorschlagen, die für alle Vertragsparteien die
bedingungslose Zerstörung ihrer C-Waffenbestände
und Produktionseinrichtungen vorschreiben, sobald
die CWC in Kraft tritt. Diese Beseitigung muß binnen
10 Jahren nach diesem Datum abgeschlossen sein.

7. Die Vereinigten Staaten werden anderen Staaten
umfassendes Informationsmaterial über die amerikanischen Exportkontrollen für alle chemiewaffenrelevanten Materialien und Technologien ihre unsere zu
deren Durchsetzung getroffenen gesetzlichen Maßnahmen liefern. Sie werden alle Staaten auffordern,
ähnliche Kontrollen einzuführen und damit die Kontrolle der Verbreitung chemischer Waffen zu verbessern,
während sie ein vollständiges und offizielles Verbot
anstreben.

8. Neben den bedeutenden unmittelbaren Vorteilen,
die allen Parteien durch ein vollständiges Verbot chemischer Waffen zuteil werden, sollten die Staaten, die
sich der Konvention anschließen und diese stärken,
greifbare Vorteile daraus ziehen. Andererseits sollten
genau definierte Strafen gegen die Staaten verhängt
werden, die durch ihren Nichtbeitritt eindeutig demonstrieren, daß sie ein solches Verbot nicht unterstützen.
6. Die Vereinigten Staaten werden anderen Staaten Aus diesem Grund werden die Vereinigten Staaten für
praktische und wirksame Hilfe zur Verfügung stellen, die Konvention über chemische Waffen Bestimmunum zur raschen, sicheren und umweltverträglichen gen vorschlagen, die es den Vertragsparteien untersaZerstörung von Chemiewaffen beizutragen, wo immer gen, zur Herstellung von Chemiewaffen verwendbares
Material an solche Staaten zu liefern, die der Konvendiese vorgefunden werden.
tion nicht innerhalb eines angemessenen Zeitraums
Dazu gehören folgende Maßnahmen:
nach deren Inkrafttreten beigetreten sind.
Schaffung einer aus Vertretern der amerikanischen Regierung und Privatindustrie zusammengesetzten Expertengruppe, die Vorschläge
entwickeln soll, wie die Vereinigten Staaten
anderen Ländern bei der Zerstörung chemischer Waffen mit Rat und Tat zur Seite stehen
können.

9. Die Vereinigten Staaten werden ihre Position bekräftigen, derzufolge Sanktionen gegen die Staaten
verhängt werden sollten, die die Konvention über
chemische Waffen verletzen sowie besonders einschneidende Sanktionen gegen solche Staaten, die
den Einsatz chemischer Waffen vorbereiten. Die
Vereinigten Staaten erklären, daß sie Verletzungen
der Konvention über chemische Waffen, insbesondere
Bereitstellung technischer Hilfe bei der Zerstödie Vorbereitung des Einsatzes chemischer Waffen,
rung (etwa Besuche bei amerikanischen Zerstöals äu ßerst schweren Bruch des Völkerrechts betrachrungseinrichtungen, Pläne und technische Beten und daß sie in solchen Fällen alle geeigneten
ratung) für solche Staaten, auf deren HoheitsSanktionen verhängen werden.
gebiet sich chemische Waffen befinden.
Der Vorschlag zur Schaffung einer Arbeitsgrup- 10. Die Vereinigten Staaten werden ihr Engagement
pe zur Zerstörung chemischer Waffen im Rah- für ein solides und offenes Verifikationsregime bekräfmen der Genfer Abrüstungskonferenz sowie tigen. Sie werden zusätzliche konkrete Vorschläge
unterbreiten, um das zentrale Problem der Inspektion
das Angebot, zu diesem Zweck amerikanische
verdächtiger Einrichtungen zu behandeln. Sie werden
Experten zu delegieren.
die Genfer Abrüstungskonferenz auffordern, sich die
Position der Vereinigten Staaten zu Ad-hoc-Inspektionen solcher Einrichtungen zu eigen zu machen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 19

�NEUE

WELTORDNUNG
15. M a i l 991

USA WEITERHIN ENGAGIERT FÜR
NEUE WELTORDNUNG
Rede von Robert Gates
VANCOUVER - (AD) - Mit dem Hinweis auf die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten keinen Niedergang erleben
und heute die einzige wirkliche Supermacht sind, hat der stellvertretende nationale Sicherheitsberater Robert
Gates die Notwendigkeit bekräftigt, sein Land müsse sich weiterhin weltweit engagieren und der Versuchung
eines Rückzugs aus der Weltpolitik widerstehen.
In einer Rede vor dem Verband Amerikanischer Zeitungsverleger (American Newspaper Publisher's Association) erklärte Gates, "sicherlich sind weder Isolationismus noch nationale Alleingänge die Antwort" für eine
Nation, die im vergangenen Jahr Waren im Wert von über 637 Milliarden Dollar exportiert hat.
Gates erläuterte die amerikanische Vision der Neuen Weltordnung und der Probleme, die es zu lösen gelte.
Insbesondere betonte er in diesem Zusammenhang den Aufbau der Demokratie in Osteuropa und der
Sowjetunion. Ferner behandelte er die amerikanische Politik gegenüber Irak und die Nachkriegssituation am
Persischen Golf.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gates im Wortlaut.

Lord Salisbury hat vor vielen Jahren einmal gesagt:
"Keine Lehre scheint von der Lebenserfahrung so sehr
bestätigt zu werden wie die, daß man Experten niemals trauen sollte. Glaubt man den Ärzten, so ist
nichts gesund. Glaubt man den Theologen, so ist
nichts unschuldig. Glaubt man den Soldaten, so ist
nichts sicher." Dem möchteich hinzufügen: Glaubte
man vielen Kommentatoren, Analysten und Gelehrten
der letzten Jahre, so ist die Zukunft vom Niedergang
der Vereinigten Staaten gekennzeichnet - einer ungeliebten Führung und schwindendem Einfluß, einer
undisziplinierten und phantasielosen Politik ohne Vision und einer Wirtschaft, deren Wettbewerbsfähigkeit
ständig nachläßt.
In einer Atmosphäre solch kritischen Pessimismus'
besteht ein Bedürfnis innezuhalten, einen neuen Standpunkt einzunehmen und darüber nachzudenken, wie
außergewöhnlich doch die Zeiten sind, in denen wir
leben und warum so viele Experten und Beobachter es
versäumt haben, Umfang und Macht der sich vollziehenden Veränderungen vorherzusehen (oder später
zu erkennen) - oder die amerikanische Rolle bei diesen
Veränderungen zu würdigen.

AMERIKA DIENST 19

Wieviele haben vor neun Monaten geglaubt,
daß Kuwait vor Ende des Winters befreit würde
und sich unsere Truppen im Frühjahr auf dem
Heimweg befänden?
Wer hat vor einem Jahr die Vereinigung Deutschlands innerhalb der NATO mit sowjetischer
Duldung vorhergesehen?
Wieviele Beobachter haben vor zwei Jahren
den vollständigen Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, den Abzug der sowjetischen Truppen, den Fall der Berliner Mauer
und die Auflösung des Warschauer Pakts vorhergesehen (der der Washington Post lediglich einen Artikel auf Seite 16 wert war)?
Wer hat vor zwei Jahren den Abbau grundlegender Elemente der Apartheid in Südafrika vorhergesagt?
Wer hätte vor vier Jahren darauf gewettet, daß
sowjetische Truppen aus Afghanistan, vietnamesische Truppen aus Kambodscha, kubanische Truppen aus Angola abgezogen würden,

Seite 1

�Noriega aus Panama vertrieben und freie Wahlen
in Nicaragua abgehalten - und von der Opposition gewonnen würden?
Vor 10 Jahren lebten 10 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas in demokratischen Staaten. Wer hätte vorhergesagt, daß heute 90
Prozent demokratisch regiert werden?
Was wir am Ende des Jahrtausends erleben, ist eine
neue Dämmerung der Freiheit für lang unterdrückte
Völker - eine neue Dämmerung am Ende des Jahrhunderts, das trotz seines materiellen und technischen
Fortschritts vielleicht das am meisten durch Gewalt,
Krieg und Unterdrückung verdunkelte in der Geschichte war.
Heute, nahezu am Ende des Jahrhunderts sind die
alten Imperien und die neuen totalitären "ismen" tot
oder im Absterben begriffen. In der ganzen Welt ist die
alte Weltordnung entweder zusammengebrochen, oder
sie liegt in den letzten Zügen. Die Ereignisse haben die
Experten in Regierung, Universitäten und Medien
erschlagen. Ihre vorsichtigen, konventionellen Prognosen und pessimistischen Vorhersagen wurden von
der ungeheuren Macht mutiger Völker zunichte gemacht, die frei sein wollten; von despotischen Regierungen, deren wirtschaftlicher, politischer und moralischer Bankrott allzu häufig nicht erkannt oder ignoriert
wurde; von den vereinten Demokratien, deren Standhaftigkeit, vertrauensvolle Unterstützung und Führungskraft über Jahrzehnte hinweg diese dramatischen
Veränderungen möglich machten.
Neue Ansätze für eine neue Welt
Heute müssen wir die Welt und unsere Rolle darin mit
neuen Augen betrachten. Im Gegensatz zur Vorliebe
einiger auf der Linken und auf der Rechten, die Lasten
der internationalen Führung an andere weiterzugeben,
ist eine Rückkehr zum Isolationismus nicht möglich nicht für ein Land, das im vergangenen Jahr Waren im
Wert von über 673 Milliarden Dollar exportierte und
dessen Kultur und politischer Einfluß so weitverbreitet
sind. Trotzdem müssen wir uns auch der Tatsache
bewußt sein, daß die Art und Weise unserer Reaktion
auf unseren alleinigen Supermachtstatus und unsere
Übermacht vielen Ländern Sorge bereitet, und zwar
sowohl den mit uns befreundeten als auch den uns
weniger freundlich gesonnenen. Sicherlich sind weder
Isolationismus noch nationale Alleingänge die Antwort. Wir haben keine Wahl als uns weiterhin zu
engagieren, aber wir müssen aufs Neue überlegen,
wie wir uns engagieren und die Führungsrolle ausüben.
Die uns durch die gegenwärtig in der ganzen Welt
stattfindenden Veränderungen gegebenen Chancen
zu ergreifen, stellt uns vor eine zweifache Herausforderung: erstens, aufbauend auf unseren Erfahrungen
am Golf die Schaffung eines dauerhaften internationalen Engagements zur friedlichen Beilegung von StreitSeite 2

fällen und Solidarität gegen Aggression. Zweitens, die
Ermutigung und Unterstützung der Staaten, die gerade ihre Freiheit gewonnen haben, bei der Stärkung
ihrer Demokratie und dem Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaften und Gesellschaften.
Bereits zweimal in diesem Jahrhundert haben amerikanische Präsidenten nach Weltkriegen die Bemühungen angeführt, einen internationalen Mechanismus für
den kollektiven Widerstand gegen Aggression ins Leben
zu rufen - zuerst Präsident Wilson und der Völkerbund,
später dann Präsident Roosevelt und die Vereinten
Nationen. Doch erst heute, am Ende des kalten
Krieges hat am Persischen Golf zum ersten Mal ein
internationales Gremium - die Vereinten Nationen - die
von ihren Begründern vorgesehene Rolle gespielt Organisierung und Sanktionierung kollektiven Widerstands gegen einen Aggressor. Das Potential der
UNO, diese Rolle auch weiterhin auszufüllen und die
neue Bereitschaft zahlreicher Staaten, Geld und militärische Einheiten dafür zur Verfügung zu stellen, sind
die Grundsteine eines neuen Zeitalters der internationalen Sicherheit - einer neuen Weltordnung, die durch
den wachsenden Konsens gekennzeichnet ist, daß
Gewalt nicht angewendet werden darf, um Streitfälle
zu regeln und bei einem Bruch dieses Konsenses die
Lasten und Verantwortlichkeiten von vielen Nationen
geteilt werden.
Die Neue Weltordnung ist weder eine Pax Americana
noch ein Euphemismus für die Vereinigten Staaten als
Weltpolizist. Sie ist einfach ein Versuch, Aggression
abzuschrecken und ihr gegebenenfalls durch kollektive und freiwillige Maßnahmen der internationalen
Staatengemeinschaft entgegenzutreten.
Wirtschaftliche Probleme bedrohen in vielen Ländern
Bestrebungen zu Aufbau und Förderung der Demokratie. Ungeachtet der vielfältigen Ursachen dieser
Probleme - der wirtschaftlichen Hinterlassenschaften
des Kommunismus oder der Konsequenzen massiver
Verschuldung - muß die Initiative und Opferbereitschaft aus dem Land selbst und von seiner Bevölkerungkommen. Aberwirund andere können und sollten
helfen, und wir müssen - im Bewußtsein, daß eine
Wirtschaftskrise die Demokratie unterminieren kann kreativ und aggressiv sein, wenn wir neue Instrumente
amerikanischer Außenpolitik entwerfen.
Ein solches Instrument besteht in der Förderung einer
erweiterten Partnerschaft zwischen Privatsektor und
Regierung. Die Grundbedürfnisse vieler neuer Demokratien sind wirtschaftlicher Art- Investitionen, Märkte,
technische Beratung und Know-how. Wir müssen
neue Mechanismen finden, um private Führungskraft
und Initiative partnerschaftlich mit den aufstrebenden
Demokratien zu fördern.
Unsere Hilfsprogramme sollten darauf abzielen, das
Wachstum eines Privatsektors in den Empfängerländem zu fördern und sie auf eigene Füße zu stellen.
Unsere traditionelle Förderung des freien Handels
AMERIKA DIENST 19

�kann für ihr Wirtschaftswachstum ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Indem wir ihnen Zugang zu den
Weltmärkten verschaffen, können wir den Handel und
die Investitionen fördern, von denen unwirtschaftlicher
Erfolg abhängt. Kurzum, unsere Regierung muß erkennen, daß den neuen Demokratien in vielen Fällen
unser - von der Regierung geförderter und gestärkter
- Privatsektor besser helfen kann als traditionelle
Programme.
Die Gestaltung der Zukunft: Historische Chancen
Wir befinden uns in einer Zeit der Entscheidung. Dank
der zwei Generationen dauernden Bemühungen von
Demokratien und dank jüngster Ereignisse ist die
Zukunft offen und bietet eine reale Möglichkeit zur
Stärkung von Weltfrieden und Stabilität und zur Verbreitung von Freiheit und wirtschaftlicher Vitalität oder
die gleichermaßen reale Möglichkeit des Rückschritts
- zurück zu Spannungen, heißen und kalten Kriegen,
autoritärer Regierung und Entbehrung. Wir haben
historisch einmalige Chancen, die nicht verschenkt
werden dürfen. Ich möchte lediglich drei davon ansprechen: Osteuropa, die Sowjetunion und den Nahen
Osten.
Osteuropas langer totalitärer Alptraum ist vorbei. Wir
sehen jetzt ein Mittel- und Osteuropa, das nichtkommunistisch ist und dessen sowjetische Truppen nach
Hause zurückgekehrt sind. Wir müssen den Osteuropäern auf eine Weise helfen, die ihre langfristigen
Aussichten auf einen erfolgreichen Übergang zu einer
stabilen demokratischen Regierung und zu Marktwirtschaft verbessert.
Es besteht kein Zweifel, daß die neuen Demokratien in
Osteuropa sich gravierenden wirtschaftlichen Problemen gegenübersehen. Trotz dieser Herausforderungen sollten wir über die Zukunft Osteuropas und sein
reiches menschliches Potential optimistisch sein. Die
Unterstützung und Führungsrolle der Vereinigten Staaten
wurden früh sichtbar. Im April 1989 bot der Präsident
Hilfe für echte Fortschritte bei politischen und wirtschaftlichen Reformen in Osteuropa an. Er übernahm
beim Weltwirtschaftsgipfel in Paris im Sommer 1989
die Führung bei der Mobilisierung internationaler Unterstützung für Polen und Ungarn, eine Maßnahme,
die allein im ersten Jahr zu Zusagen an diese Länder
im Umfang von 14 Milliarden Dollar führte. Darüber
hinaus bewilligte das Gesetz zur Förderung der Demokratie in Osteuropa nahezu eine weitere Milliarde
Dollar zur Förderung von politischem Pluralismus und
wirtschaftlichem Wiederaufbau. Ferner gab es andere
wichtige Initiativen wie die Unternehmensfonds für
Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei, mit dem
Ziel einer echten Lösung für Osteuropa - ausländische
Investitionen, Aufbau von Privatunternehmen und
Öffnung unserer Märkte für ihre Waren.

AMERIKA DIENST 19

Das Leben ist heute in Osteuropa sehr hart. Nur Mut
und Entschlossenheit sind im Überfluß vorhanden.
Der Westen darf diese Menschen nicht im Stich lasen.
In der Zwischenzeit bleibt die Aufmerksamkeit der
Welt auf die Sowjetunion gerichtet, wo die kommunistische Herrschaft zerfällt und politische Dynamik ebenso freisetzt wie gesellschaftliche Spannungen und
wirtschaftlichen Druck, die einerseits die Sowjetunion
zu Pluralismus und wirtschaftlicher Vernunft führen
und andererseits erhebliche Instabilität, Repression
und vielleicht noch größere Härten und Bürgerkrieg mit
sich bringen können.
Die Reformen in der Sowjetunion müssen vier Hindernisse überwinden:
Erstens haben sich die politischen Veränderungen wesentlich schneller vollzogen als die wirtschaftlichen Reformen, und die Wirtschaft ist in
einer ausweglosen Lage. Infolgedessen können die Menschen jetzt ihre Beschwerden leichter zum Ausdruck bringen, aber zu einer Zeit, da
die Regierung über keine Mittel verfügt, um auf
sie einzugehen. Damit sind erhebliche Schwierigkeiten vorprogrammiert.
Zweitens dauert das Nationalitätenproblem in
beunruhigender Weise an, als Vermächtnis eines
mannigfaltigen Reiches, das durch jahrhundertelange Eroberungen zustande kam. Dieses
Vermächtnis zeigt sich in unterschiedlicher Weise:

in alten Feindschaften zwischen Minderheiten,
dem Kampf der Minderheiten gegen das Zentrum und dem Kampf der Millionen von Russen
in nichtrussischen Gebieten für ihren Schutz
und die Sicherung ihres weiteren politischen
Einflusses.
Drittens wurde das alte System aufgelöst und
zerstört, bevor ein neues geschaffen wurde, das
Ordnung und die Bedingungen für Reformen
und Wachstum in der Wirtschaft schafft. Das
Ergebnis waren Aufruhr, Verbrechen, eine zusammenbrechende Wirtschaft, Versorgungsengpässe und ein allgemeines Gefühl sozialer
Hoffnungslosigkeit.
Viertens und letztens ist die russische Geschichte selbst eine große Last. Die Reformer müssen
nicht nur 70 Jahre kommunistischer Geschichte, sondern tausend Jahre russischer Geschichte bewältigen, eine Geschichte, die niemals eine
andere Regierungsform gekannt hat als Diktatur und niemals ein anderes Wirtschaftsleben
als das staatlich kontrollierte und dominierte.
Der Schwerpunkt unseres Ansatzes für die Sowjetunion hat sich von der Eindämmung eines Feindes zu
konstruktiver weltweiter Zusammenarbeit, Unterstüt-

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�zung demokratischer Tendenzen und verzweifelt
benötigter Wirtschaftsreformen in der UdSSR verlagert. Wir sind uns der Realität voll und ganz bewußt sowohl im Hinblick auf die fortgesetzte große Militärmacht der Sowjetunion und die zeitweise Unvermeidbarkeit von Gegensätzen als auch im Hinblick auf den
langen Weg der Reformen und Veränderungen, den
die Menschen in der Sowjetunion noch gehen müssen.
Dies ist ein Ansatz, der uns Ausdauer und Beharrlichkeit abfordert.
Wir haben es nach wie vor mit dem sowjetischen
Politiker an der Spitze zu tun, der diese Veränderungen freigesetzt und sich in Europa, am Persischen Golf
und zum gro ßen Teil auch in Angola, Kambodscha und
in der Rüstungskontrolle als konstruktiver Partner
erwiesen hat. Gleichzeitig müssen wir unsere Kontakte mit demokratischen Reformern in den Republiken
und Kommunen ausbauen, um sicherzustellen, daß
die sowjetische Gesellschaft unsere Unterstützung
der Reformpolitik wahrnimmt. Aber unser Ansatz bei
allen Problemen in der Sowjetunion muß auf der
unerschütterlichen Botschaft basieren, daß die einzige
Zukunft der Sowjetunion in dem Weg zu Demokratie
und weitreichenden wirtschaftlichen Reformen besteht.
Ob sich die Sowjetunion tatsächlich auf friedlichem
Wege in eine politisch pluralistische, marktorientierte
Gesellschaft mit internationaler Verantwortung entwickelnkann, bleibt offen. Dies ist eine historische Zeit
der Entscheidung für die Sowjetunion. Wird ihr - wie
wir hoffen - der Aufbruch in eine andere, bessere
Zukunft gelingen oder wird sie in eine bewährte aber
unglückliche Vergangenheit zurückfallen? Im Augenblick und wahrscheinlich noch in den kommenden
Jahren müssen wir auf beide Eventualitäten gefaßt
sein.
Der Persische Golf und der Nahe Osten sind eine
weitere Herausforderung. Am Golf versuchen wir
sicherzustellen, daß wir nie wieder mit einer solchen
Herausforderung konfrontiert werden wie am 2. August. Es wurden Sanktionen verhängt, damit der Irak
seine Nachbarn nicht bedrohen kann. Gleichzeitig
bauen wir zusammen mit unseren Freunden neue
Verteidigungsarrangements auf, die weiter zur Stabilität der Region beitragen. Wie Sie wissen, stellen die
Vereinigten Staaten darüber hinaus beträchtliche Mittel zur Milderung des massiven menschlichen Elends
bereit, das auf Saddam Husseins Unterdrückung seines eigenen Volkes zurückzuführen ist.
Unsere Politik gegenüber Saddam Hussein und dem
Irak ist, solange er an der Macht bleibt, entschlossen
und unerschütterlich:
Die Vereinigten Staaten und die internationale
Staatengemeinschaft unterstützen nach wie vor
die Souveränität und territoriale Integrität des
Irak, wünschen jedoch eine neue irakische
Führung, die auf die Bedürfnisse des irakischen

Seite 4

Volkes eingeht und bereit ist, in Frieden mit
seinen Nachbarn zu leben. Eine neue politische
Führung sollte durch Verhandlungen zwischen
den Irakern und nicht durch Gewalt herbeigeführt werden.
Aufgrund der Invasion und Besetzung Kuwaits
sowie der brutalen Unterdrückung seines eigenen Volkes hat sich Saddam Hussein in nicht
wiedergutzumachender Weise diskreditiert. Seine
Führung wird niemals von der internationalen
Staatengemeinschaft akzeptiert werden, und
deshalb werden die Iraker den Preis dafür bezahlen, solange er an der Macht ist.
Alle nur möglichen Sanktionen werden aufrechterhalten, bis er aufgibt. Eine Lockerung der
Sanktionen wird nur in Erwägung gezogen, wenn
eine neue Regierung eingesetzt ist.
Die Zeit arbeitet gegen den Irak, solange Saddam Hussein an der Macht festhält. Der Irak ist
nichts anderes als der Staat eines Parias, solange er im Amt ist. Die Iraker werden nicht an den
nach der Krise abgehaltenen wirtschaftlichen
und sicherheitspolitischen Gesprächen teilnehmen, bis ein Regierungswechsel stattgefunden
hat.
Wir hatten und haben keine Probleme mit dem
irakischen Volk, sondern mit seiner Führung
und vor allem mit Saddam Hussein. Er ist nach
wie vor das Problem.
Im Nahen Osten hoffen wir, daß sich nach dem Krieg
neue Chancen für Frieden ergeben werden. Der
gefährlichste Gegner Israels ist besiegt worden. Unseres
Erachtens sind die arabischen Mitglieder der Koalition
bereit, mit Israel in Frieden zu leben. Und es wurde
krass demonstriert, daß in modernen Zeiten Städte zu
militärischen Grenzgebieten gemacht werden und
Zivilisten sich an der Frontlinie finden können. Die
Herausforderung besteht darin, diese Erkenntnis in
Diplomatie umzusetzen.
Niemand sollte an unserer Fähigkeit zweifeln, unseren
Freunden zu helfen - sei es in Zeiten des Krieges oder
Friedens. Außenminister Baker hat in den vergangenen zwei Monaten drei anstrengende Reisen in die
Region unternommen, um eine regionale Friedenskonferenz herbeizuführen, bei der direkte Verhandlungen zwischen den einzelnen Parteien in die Wege
geleitet werden könnten. Wir müssen alte Tabus
brechen und die Ursachen an der Wurzel angehen, die
Israelis und Palästinenser und Israel von den arabischen Staaten trennen.
Die uns leitenden Prinzipien sind kein Geheimnis: Wir
streben einen umfassenden Frieden an, der auf die
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats und
das Prinzip Land für Frieden gegründet ist. Wir wollen
einen wahren Frieden für alle Staaten in der Region
AMERIKA DIENST 19

�einschließlich Israels. Aber als Gegenleistung müssen wir bereit sein, den legitimen politischen Rechten
des palästinensischen Volkes gerecht zu werden und
eine Lösung für die Fragen bezüglich Land, Wasser
und Sicherheit finden, die für die Zukunft der Region
von so zentraler Bedeutung sind.

Das 20. Jahrhundert geht seinem Ende entgegen,
beherrscht von zwei Weltkriegen, zahllosen anderen
Konflikten, mehr Leiden als Worte zu beschreiben
vermögen und einem langen und feindseligen kalten
Krieg, der die Menschheit selbst als Geisel gefangenhielt. Wie befinden uns an der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend, hoffen
auf einen klareren und ruhigeren Himmel und darauf,
daß wir auf den Ruinen großer despotischer Imperien
und diskreditierter Ideologien jetzt ein neues Zeitalter
des Friedens aufbauen und weitere Fortschritte der
Freiheit sicherstellen können. Dies könnte in greifbare
Nähe rücken, wenn wir vertrauensvoll und mutig sind,
unseren internationalen Verpflichtungen nachkommen
und unerschütterlich in unserer Führungsrolle sind. Es
ist eine Rolle, die von der Welt begrü ßt wird und die wir
- wie uns die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts lehrt - nicht aufgeben dürfen.

Es gibt kein Patentrezept "Made in America" für den
Frieden - nur Verhandlungen können ihn herbeiführen.
Wir wissen, daß allen Kompromisse abverlangt werden. Wir sind nicht naiv - die Bitterkeit und das Erbe
von Haß und Gewalt sind uns bestens bekannt. Wir
lassen uns jedoch nicht von Schwierigkeiten abschrekken. Wir sind entschlossen, voranzugehen - wie
schwierig der Weg auch sein mag. Amerikanische
Bestrebungen können den Nahostkonflikt nicht lösen nur die Völker und Regierungen des Nahen Ostens
können das - aber ein Engagement der Vereinigten
Staaten kann als Triebfeder und notwendiger Katalysator wirken. Es ist höchste Zeit zusammenzukommen, zu sprechen und um der Sache des Friedens
willen dieselben Risiken einzugehen wie für den Krieg.
Schlußbemerkung:
Wunschdenken

Entschlossenheit,

Und damit ende ich, wo ich angefangen habe - bei den
von den Revolutionen unserer Zeit verwirrten Experten und Insidern. Zu viele haben den Anschluß verpaßt, weil sie die Auswirkungen der amerikanischen
Führungsrolle, Macht, des vertrauenswürdigen Engagements, nationalen Willens und demokratischen
Vorbilds vom Persischen Golf über ein vereinigtes
Deutschland bis zu Osteuropa und Lateinamerika
unterschätzten.

nicht

Noch vor einem Jahr waren Theorien des Niedergangs
und kritischer Pessimismus in Washington sehr in
Mode. Heute sind sie vielleicht etwas weniger aktuell,
aber deshalb noch lange nicht verschwunden. Dennoch stellt heute niemand die Realität nur einer Supermacht und ihrer Führungsrolle in Frage. Bei all den
herkömmlichen Mitteln nationaler Macht - wirtschaftlich, militärisch, kulturell, politisch und selbst philosophisch - haben wir keine Herausforderer.

Vielleicht haben sie auch den Anschluß verpaßt, weil
sie den menschlichen Geist unterschätzten. Um Churchill
zu zitieren: "Fachwissen, so unerläßlich es auch sein
mag, ist kein Ersatz für einen großzügigen und umfassenden Ausblick auf die Geschichte der Menschheit
mit all ihrer Traurigkeit aber - vor allem - mit ihrer
untilgbaren Hoffnung." Was zu viele Experten (und
andere) anscheinend übersehen haben, hat Dostojewski als "das Feuer im Geiste des Menschen" bezeichnet - das Feuer der Freiheit. Es ist zweifelsohne
ein großes Wunder, daß dieses Feuer an so vielen
Orten nach Generationen der Unterdrückung noch
immer so hell leuchtet und so viele Menschen noch
immer glauben, daß die Amerikaner die Fackel tragen,
die dieses Feuer entflammt. Wir können und dürfen sie
nicht enttäuschen.

Was wir haben - um Joseph Nye von der Universität
Harvard zu zitieren - sind Herausforderungen. Bildung, Produktivität und handwerkliches Können,
Haushaltsvorschriften und die Bereitschaft, den Preis
der weltweiten Führungsrolle zu bezahlen: kontinuierliches, vertrauenswürdiges Engagement und Führung,
Aufrechterhaltung eines starken und fähigen Militärs,
Unterstützung der neuen Demokratien.

Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 19

*

*

Seite 5

�INSTITUTIONEN

IN

AMERIKA
15. Mal 1991

AMERIKAS EINZIGARTIGES
OBERSTES BUNDESGERICHT
von Barrett McGurn
BONN - (AD) - Vor etwa 200 Jahren - genau am 1. Februar 1790 - kam das Oberste Bundesgericht der Vereinigten
Staaten zu seiner ersten Sitzung zusammen. Der nachfolgend veröffentlichte Artikel erschien erstmals im
September 1990 in der Zeitschrift American Studles Newsletter. Er beschreibt die dritte "Gewalt" in der
Regierung und ihre Funktion in der amerikanischen Gesellschaft. Der Autor Barrett McGurn war von 1973 bis
1982 Pressesprecher des Obersten Bundesgerichts. Er ist darüber hinaus Verfasser mehrerer politischer
Bücher.

Ein dramatischer Augenblick in der zweihundertjährigen Geschichte des Obersten Bundesgerichts der
Vereinigten Staaten war in den siebziger Jahren erreicht, als die neun Richter den aufsehenerregenden
Fall "Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen
Richard M. Nixon, Präsident der Vereinigten Staaten"
zu verhandeln hatten.
Für die Journalisten war das eine Sternstunde der
Berichterstattung, und die Richter übertrugen mir die
Verantwortung, das Pressekorps zu betreuen. In
Washington gibt es 3.000 hauptamtlich akkreditierte
Journalisten, dazu Reporter aus den meisten Ländern
der Welt. Alle 3.000 schienen entschlossen, sich in
den kleinen Gerichtssaal zu zwängen, um der Verhandlung des Falls beizuwohnen. Dafür Journalisten
nur 19 Plätze vorgesehen waren, gab es ein Problem.
Den Verhandlungen des Obersten Bundesgerichtes von denen die erste am 1. Februar 1790 stattfand - liegt
die Idee zugrunde, daß die Verfahren eine öffentliche
Angelegenheit sind und auch der letzte Bürger zumindest Gelegenheit haben sollte, die Richter in ihren
schwarzen Roben auf ihren hohen Richterbänken zu
sehen, wenn sie Fälle verhandeln, die noch viele
Generationen nach uns betreffen können. Deshalb
sind mehrere Dutzend der 300 Plätze im Gerichtssaal
bei jeder Verhandlungen für die Öffentlichkeit reserviert.

AMERIKA DIENST 19

Mein erster Gedanke war zu empfehlen, daß die
Presse alle Plätze im Gerichtssaal einnehmen sollte,
auch die für die Öffentlichkeit reservierten. Die Richter
legten Einspruch ein. Ich erhielt jedoch die Genehmigung, zusätzlich 80 Stühle aufzustellen, womit ich nun
für das potentielle Publikum von 3.000 Journalisten
100 Plätze hatte. Während der dreitägigen Verhandlung mußten sich fünf Journalisten einen Platz teilen,
und es wurde jeweils nur ein Platz an jedes Medium
(Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Radio- und Fernsehstationen sowie Zeitschriften) vergeben, und so
kam ich mit relativ wenigen Protesten durch die hektischen Tage.
Die paar Dutzend Plätze für die Öffentlichkeit waren
ebenfalls immer besetzt. Mitglieder der 60 Mann
starken Polizeitruppe des Bundesgerichts hatten damit
zu tun, eine Gruppe nach der anderen hereinzuführen,
damit sie wechselweise drei Minuten lang einen Blick
auf die Verhandlung erhaschen konnten. Dasselbe
Verfahren wird bei jeder Verhandlung des Obersten
Bundesgerichts durchgeführt, aber dieses Mal nahm
die lange Warteschlange fast kein Ende. Einige hatten
die ganze Nacht gewartet, um einen schnellen Blick
auf Wirklichkeit werdende Geschichte werfen zu können.
Wie alle Verhandlungen des Obersten Bundesgerichts
endete auch diese ohne eine unmittelbare Entschei-

Seite 1

�düng. Die Richter zogen sich hinter die schweren
Vorhänge im rückwärtigen Gerichtssaal in einen separaten Raum zurück. Dort erörterten sie das weitere
Vorgehen. Wie gewöhnlich waren sie allein. Keiner
ihrer 300 Mitarbeiter war bei ihnen. An den Wänden
standen in Hunderten von Bänden die Entscheidungen, die 100 Richter seit Ende des 18. Jahrhunderts
gefällt haben. Wie immer ergriff der Vorsitzende
Oberste Bundesrichter, damals Warren E. Burger, das
Wort. Auf dem Spiel stand die Präsidentschaft von
Richard Nixon. Kein anderer Präsident war der Amtsenthebung jemals so nahe.
Zur Debatte stand ein technisches Problem. Kongreßabgeordnete sprachen von einer möglichen Anklageerhebung gegen den Präsidenten wegen Behinderung der Justiz in einem Fall von Politik und Diebstahl
und verlangten, Tonbänder von Gesprächen des Präsidenten im Weißen Haus zu hören. Der Präsident
hatte dies abgelehnt. Mitarbeiter des Präsidenten
wurden im Zusammenhang mit demselben Fall angeklagt. Sie baten um eine Freigabe der Bänder des
Präsidenten, weil sie sich damit Hilfe bei ihrer eigenen
Verteidigung gegen die Anklage erhofften. Die Richter
hatten die Frage zu prüfen, ob der Präsident gezwungen werden sollte, die möglicherweise belastenden
Aufzeichnungen zu übergeben.
Der Vorsitzende Oberste Bundesrichter arbeitete
wochenlang von morgens früh bis abends spät und traf
schließlich eine Entscheidung auf der Basis dessen,
was sein großer Vorgänger im 19. Jahrhundert, John
Marshall, in einem ähnlichen Konflikt um einen Präsidenten getan hatte. Bei diesem frühen Fall ging es um
Thomas Jefferson, den ehrenwerten Verfasser der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Aaron Burr,
einer der wichtigsten Politiker seiner Zeit, war des
Landesverrats angeklagt. Jefferson versicherte Marshall, ihm lägen Beweise für Burrs Schuld vor.
"Zeigen Sie uns die Beweise," forderte Marshall.
"Nur Auszüge," antwortete Jefferson. Andere Teile
des Dokuments sollten nicht enthüllt werden.
"Alle Beweise oder keinen," forderte Marshall. Wenn
jemand unter Anklage steht, kann er in Wahrnehmung
des Rechts auf Selbstverteidigung die Vorlage aller
Beweise verlangen, die für seinen Fall hilfreich sind.
Kein Bürger, nicht einmal der Präsident, kann sich
dieser Bürgerpflicht der Kooperation entziehen. Jefferson blieb hart und und Burr kam frei.
Nixon mußte seine Bänder herausgeben. Es wurde
einstimmig abgestimmt. Innerhalb weniger Tage trat
Nixon von seinem Amt zurück.
Kein anderes Gericht der Welt hat die Macht des
Obersten Bundesgerichts des Vereinigten Staaten,
auch wenn das Gericht über keine Armee zur Durchsetzung seiner Entscheidungen verfügt. Die Macht
des Gerichts wird allgemein akzeptiert, auf der GrundSeite 2

läge der Vereinbarung, mit der das Land nach dem
Revolutionskrieg im 18. Jahrhundert gegründet wurde.
Die Gründerväter wollten ein System der gegenseitigen Kontrolle und geteilten Verantwortung schaffen,
das der Regierung ausreichend Macht zugesteht, aber
sie trotzdem teilt, um die Art der Tyrannei zu vermeiden, gegen die sie rebelliert hatten.
Mit diesem Gedanken wurde die Regierung dreigeteilt:
Der Kongreß soll die Gesetze schreiben, die Exekutive
sie durchführen, und eine separate Judikative unter
dem Vorsitz des Obersten Bundesgerichts sollte die
Aufsicht haben.
Um den Menschen gerecht zu werden und gleichzeitig
angesichts wechselnder Moden Kontinuität zu sichern,
verfügten die Gründerväter, daß Mitglieder des Unterhauses der Legislative, die Kongreßabgeordneten oder
Volksvertreter, sich alle zwei Jahre zur Wahl stellen
sollten, der Präsident sollte vier Jahre im Amt bleiben,
die Senatoren (im Oberhaus der Legislative) sollten
alle sechs Jahre wiedergewählt werden, und die Bundesrichter als Bewahrer der Kontinuität sollten solange
dienen, wie sie "gutes Verhalten" an den Tag legen.
Damit wurde den Obersten Bundesrichtern als den
einzigen Mitgliedern der Regierung eine lebenslange
Amtszeit zugebilligt.
Die grundlegende Vereinbarung zwischen den erfolgreichen Revolutionären des 18. Jahrhunderts war die
Verfassung der Vereinigten Staaten, ein knapp formuliertes Dokument mit einer starken Bill of Rights zum
Schutz der Freiheiten des einzelnen.
Die neue Nation war erst einige Jahre alt, als es zu
Debatten kam, wie die knappe Sprache der Verfassung zu interpretieren sei. John Marshall, der kühne
Gegner von Präsident Jefferson, legte den Fall ein für
allemal bei. Er erklärte, in Zweifelsfällen sollte der
Oberste Gerichtshof sagen, was die Verfassung bestimmt. Das Wort Marshalls galt und hat seitdem das
Leben der Nation bestimmt.
Jedes Jahr werden dem Obersten Gerichtshof 5.000
Fälle vorlegt. Das bedeutet, an einem Arbeitstag
müßte in 90 Minuten ein Fall verhandelt werden. Die
erste Aufgabe der Richter besteht also darin, aus
dieser Vielzahl etwa 150 Fälle herauszugreifen, über
die "aufgrund der ihnen innenwohnenden Umstände"
entschieden werden soll, um Präzedenzfälle zu schaffen, die Tausenden anderer Richter und den Hunderttausenden Anwälten im Land als Entscheidungsgrundlage dienen.
Jeder Oberste Richter hat das Recht auf die Hilfe von
vier Mitarbeitern, jungen Männern und Frauen, die
unter den absolut besten Universitätsabsolventen
ausgewählt werden. Die meisten Richter bitten diese
brillianten jungen Mitarbeiter, die eingehenden Fälle zu
prüfen und wichtige Fragen im Hinblick auf die Bundesgesetzgebung zu finden, die für die anderen Gerichtssäle des Landes entschieden werden sollten. Das ist
AMERIKA DIENST 19

�eine große Verantwortung, und ein Oberster Richter,
der 83jährige William Brennan, hat den Ruf, die enorme Papierflut, die 5.000 Fälle mit sich bringen, selbst
zu lesen.
Einer Schätzung zufolge wendet ein Oberster Richter
etwa ein Sechstel seiner Zeit für die erste Phase, die
Auswahl der zu verhandelnden Fälle, auf.
Die Sitzungsperiode - der Zeitraum, in dem die Obersten Bundesrichter Fälle verhandeln und beraten dauert neun Monate jährlich. An drei Tagen im Monat
versammeln sich die Richter in ihrem Konferenzzimmer, um darüber abzustimmen, welche Fälle zur Verhandlung kommen. Bei dieser Abstimmung kann auch
eine Minorität gewinnen. Sprechen sich mindestens
vier Richter dafür aus, über einen Fall zu verhandeln,
so wird er als einer von jährlich 150 Fällen zur Verhandlung zugelassen.
Neunzehn von 20 Fällen werden ohne Verfahren
abgewiesen. In diesen Fällen bleibt die Entscheidung
der Vorinstanz bestehen, die aber keinen landesweit
gültigen Präzedenzfall darstellt. Dahinter steht die
Haltung, daß dem Grundsatz, demzufolge jedem
Prozeßführer sein "Tag vor Gericht" zusteht, dadurch
Genüge getan wurde, daß bereits mindestens zwei
Vorinstanzen über den abschlägig beschiedenen Fall
verhandelt haben.
Die Tätigkeit als Oberster Bundesrichter verlangt ein
besonderes Temperament. Vor einigen Jahrzehnten
gab es einmal einen Richter, der mehr als gewissenhaft war und an den sich noch manch ein heutiger
Mitarbeiter des Obersten Bundesgerichts erinnert. Dank
seines großen Erfahrungsschatzes konnte er bei jeder
Frage zumindest zwei Seiten erkennen. Jede Entscheidung stürzte ihn in Gewissenskonflikte. Häufig
besteht im Gericht ein Patt von vier zu vier Stimmen,
so daß die Stimme eines einzelnen Richters einen
bindenden, landesweit gültigen Präzedenzfall schaffen kann. Von der Not getrieben, fällte dieser Richter
zwar letztlich seine Entscheidung und stimmte ab,
beschäftigte sich wenig später jedoch erneut mit den
Gegenargumenten und kam zu dem Schluß, er habe
sich geirrt. Der Richter verlie ß schlie ßlich das Oberste
Bundesgericht mit einem Nervenzusammenbruch.
Gerichtsbeobachter - und davon gibt es unter amerikanischen Juristen eine ganze Menge - zerbrechen sich
häufig den Kopf über die Motive des einzelnen Richters. Ein Richter unterhielt sich einmal mit mir über
diese Frage. Er erklärte:
"Ich bin sicher, daß einige meiner alten Freunde von
meinem Stimmverhalten enttäuscht sind. Und sicherlich ist es so, daß ich anders abstimmen würde, wenn
ich Mitglied im Kongreß wäre. Aber ich bin nicht
Mitglied im Kongreß. Ich bin nicht dafür zuständig, die
Gesetze abzufassen. Meine Tätigkeit besteht darin,
die von Kongreßabgeordneten geschriebenen Gesetze anzuwenden."
AMERIKA DIENST 19

Er und die anderen Richter prüfen die eingehenden
Fälle, untersuchen die anzuwendenden Gesetze und
vergleichen dann diese Gesetze mit dem Wortlaut der
Verfassung. Wenn die Gesetze die verfassungsmäßige Überprüfung bestehen, werden sie angewandt, und
der Fall wird entschieden.
Entscheiden ist das Schlüsselwort, wie mir ein anderer
Richter einmal erklärte. Jemand muß entscheiden,
und in den Vereinigten Staaten ist diese Person häufig
der Oberste Bundesrichter. Das Gericht orientiert sich
gerne an Präzedenzfällen. Es folgt der Doktrin des
stare decisis, d.h. bereits getroffene Entscheidungen
aufrechtzuerhalten. Bisweilen hat das Gericht jedoch
- wenn auch widerstrebend und trotz der verwirrenden
Folgen für nachgeordnete Gerichtsinstanzen - von ihm
selbst gesprochene Urteile wieder rückgängig gemacht.
Der ehemalige Vorsitzende Oberste Bundesrichter
Burger drückte es einmal folgendermaßen aus: "Wir
Richter sind unfehlbar! Denn wir sitzen hier im Gericht.
Wir sind jedoch nicht hier im Gericht, weil wir unfehlbar
sind!"
Ein häufig beim Gericht diskutiertes Thema ist die
Frage, ob die Richter überarbeitet sind. Verlangt man
nicht zuviel von Menschen aus Fleisch und Blut, so
gesetzeskundig sie auch sein mögen? Burger und der
verstorbene William O. Douglas vertraten dazu unterschiedliche Ansichten. Der ehemalige Vorsitzende
Oberste Bundesrichter erinnerte sich daran, daß die
Obersten Bundesrichter, als das Oberste Bundesgericht gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch seinen
Sitz im Wall-Street-Viertel von New York hatte, Fälle
von der ersten Instanz bis zum Ende verhandelten.
Damit aber waren die ursprünglich fünf Obersten
Bundesrichter eindeutig überlastet, und deshalb wurde das Oberste Bundesgericht erweitert. Eine neue
gerichtliche Instanz wurde eingeführt, die Bundesbezirksgerichte (Federal District Courts). Letztere führten die ersten und häufig endgültigen Verfahren durch.
Eine Zeitlang reichte dies aus, aber am Ende des 19.
Jahrhunderts war eine neue Instanz erforderlich geworden, die Bundesberufungsgerichte (Federal Courts
of Appeal). Vielleicht war es sogar an der Zeit, noch
eine weitere Instanz zwischen den Berufungsgerichten und dem Obersten Bundesgericht zu schaffen.
Dieser neue Gerichtshof könnte die eingereichten
5.000 neuen Fälle durchforsten, etwa 500 davon an
das Oberste Bundesgericht weiterleiten und vielleicht
100 bis 200 selbst "aufgrund der besonderen Umstände" entscheiden und damit Präzedenzfälle schaffen.
Viele Juristen sind sich darin einig, daß mehr als 150
Präzedenzfälle schaffende Urteile notwendig sind, um
den juristischen Interessen des Landes gerecht zu
werden.
Einer Lösung für die Probleme des Obersten Bundesgerichts widersetzte sich Burger jedoch: der Erweiterun des Gerichts, zum Beispiel auf 15 Oberste Bundesrichter. Es war bereits äußerst schwierig, fünf
Seite 3

�Richter zu einer gemeinsamen Meinung zu bewegen.
Es wäre noch wesentlich schwieriger, acht Übereinstimmungen herzustellen. Das Oberste Bundesgericht kennt keine verschiedenen Senate. Alle neun
Richter stimmen über jeden Fall ab.

jemandem zusammen gedient, den ich nicht leiden
konnte."

Der überhebliche William O. Douglas vertrat eine
abweichende Auffassung. Als Mann mit blitzschneller
Urteilsgabe und einer tiefverwurzelten Leidenschaft
für die Sache des "kleinen Mannes" war er der Meinung, die Arbeit des Gerichts ließe sich in der Hälfte
der Zeit bewältigen, die von anderen Richtern für
notwendig erachtet wurde. Um sein Argument zu
untermauern, daß jedes Jahr viel Zeit übrigbleibt,
schrieb er über 30 Bücher.

"Aber", drängte der Reporter, "meinen Sie nicht auch,
daß jeder Präsident die Richter aussucht, die seinem
eigenen Bild entsprechen?" Mit anderen Worten:
würde ein Nixon nicht auch Nixons auswählen, und wie
könnte ein Liberaler wie Douglas das gutheißen?

Wenn einige Beobachter darüber erstaunt waren, daß
der "Nixon-Gerichtshof" Warren Burgers beim Tonbandfall einstimmig gegen Präsident Nixon votierte,
so lag dies nur daran, daß sie eine Binsenweisheit im
Hinblick auf das Oberste Bundesgericht vergessen
hatten: Der Präsident ernennt die Richter, nach seiner
Ernennung ist der Richter jedoch auf sich allein gestellt
und trägt niemandes Farben.
Dies wurde mir in den siebziger Jahren verdeutlicht, als
Richter Douglas mit über 34 Jahren den Rekord für die
längste Amtszeit beim Obersten Bundesgericht brach.
Das Oberste Bundesgericht veranstaltet keine Pressekonferenzen, aber ich diskutierte mit Richter Douglas darüber, daß wir in einem solch historischen
Augenblick eine Ausnahme machen sollten. Er stimmte widerstrebend zu, und acht Fernsehteams versammelten sich in unseren Marmorhallen. Ich warnte den
Richter davor, daß Journalisten ihn wahrscheinlich
dazu bringen wollten, seine neuen konservativen, von
Nixon ernannten Kollegen anzugreifen. Ich war der
Meinung, daß solch öffentlich zur Schau getragene
Uneinigkeit im Zentrum des Justizwesens nur nachteilig sein konnte. Der Richter versicherte mir, daß er
solchen Rates nicht bedürfe.
"Ich bin schon länger hier tätig als Sie", versicherte er
mir.
Welche

Meinungsverschiedenheiten

auch

"Ja", erwiderte der Richter. "Jeder Präsident versucht, das zu tun. Und wäre ich Präsident, würde ich
das auch versuchen. Aber wie Sie wissen, liegen die
Fragen, mit denen sich ein Präsident beschäftigt, für
uns als Nation bereits in der Vergangenheit. Die
Fragen, die ein neuer Richter zu behandeln hat, liegen
vor uns in der Zukunft, und ein Präsident kann diese
ebenso wenig wie wir alle vorhersehen!"
Was der Richter damit ausdrückte, entsprach sicherlich der Wirklichkeit. Auch wenn sie es noch so sehr
versuchen, können Präsidenten das künftige Stimmverhalten der von ihnen ernannten Richter nicht vorhersagen. So ernannte der konservative Dwight Eisenhower William Brennan, der konsequent die Sache
der Liberalen unterstützte. Dagegen war der einzige
von dem Liberalen John Kennedy ernannte Oberste
Bundesrichter, Byron White, ein Mann der Mitte, der
häufig der konservativen Mehrheit half.
Zwischen den Richtern besteht ein Altersunterschied
von einem Vierteljahrhundert, wobei die einzige Frau,
Sandra Day O'Connor, mit 59 Jahren zu den jüngsten
zählt und mehrere, darunter der einzige Schwarze,
bereits das Alter von achtzig überschritten haben oder
kurz davor stehen. Darin liegt eines der ungelösten
Probleme des Obersten Bundesgerichts. Indem sie
eine praktisch lebenslange Amtszeit der Bundesrichter vorsahen, um damit den Zufällen von Modeerscheinungen vorzubeugen, versäumten es die Gründerväter, eine Regelung für ein angemessenes Pensionierungsalter zu treffen. Jeder Richter entscheidet selbst,
wann er sich von diesem aufreibenden aber faszinierenden Lebenswerk zurückziehen möchte.

immer

bestehen werden - und davon gibt es eine Menge,
wenn die acht Männer und eine Frau sich mit den
schwierigsten nationalen Fragen auseinandersetzen so besteht doch eine Ergebenheit für die Institution
selbst, die alle Obersten Bundesrichter vereint. Kein
Mitglied des Gerichts würde sie vorsätzlich beschädigen.
Als die historisch einmalige Pressekonferenz begann,
stellte einer der Journalisten die erwartete Frage:
"Was halten Sie von der gegenwärtigen Zusammensetzung des Gerichtshofs?"
"Ich diene seit 34 Jahren", erwiderte Richter Douglas
kühl. "Und in all den Jahren habe ich niemals mit

Seite 4

Politische Meinungsverschiedenheiten seien eine Sache.
Menschlicher Respekt und Freundschaft eine andere.

Der Kongreß hat Anreize bereitgestellt, um alte Richter
zum Rücktritt zu veranlassen. Jeder Richter, der
mindestens 10 Jahre an einem Bundesgericht gedient
und das 70. Lebensjahr vollendet hat, kann bei vollem
Gehalt auf Lebenszeit in den Ruhestand treten und
behält gleichzeitig bei Gericht ein Büro mit einer Sekretärin, einem Sachbearbeiter und einem Boten. Darüber hinaus kann der pensionierte Richter auf seinen
Wunsch von Zeit zu Zeit bei einem Bundesberufungsgericht Dienst tun. Nur wenige Richter nehmen dieses
Angebot an. Richter Oliver Wendell Holmes, eine der
hervorstechendsten Persönlichkeiten des Obersten
Bundesgerichts in diesem Jahrhundert, tat auch noch
mit über 90 Jahren seinen Dienst.

AMERIKA DIENST 19

�Das nach einem erfolgreichen nationalen Befreiungskrieg im 18. Jahrhundert geschaffene Oberste Bundesgericht tritt in das dritte Jahrhundert seines Beste-

*

hens ein. Dieses Herzstück des amerikanischen
Rechtssystems ist dabei immer noch äußerst lebendig
und erfreut sich bester Gesundheit.

* * *

*

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AMERIKA DIENST 19

Seite 5

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                <text>&lt;strong&gt;1. Chemische Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Bushs Initiative zu chemischen Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Neue Weltordnung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA weiterhin engagiert für neue Weltordnung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Robert Gates&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Institutionen in Amerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikas einzigartiges oberstes Bundesgericht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Barrett McGurn&lt;/em&gt;</text>
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Embassy of the United States ot America

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5. Juni 1991

22

NAHER OSTEN

DIE RUSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
FÜR DEN NAHEN OSTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

KSE

BUSH WÜRDIGT
AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
ÜBEREINKUNFT BEI KSE
Rede des Präsidenten in West Point

BILDUNGSWESEN

IM VERGLEICH: WEITERFUHRENDE
SCHULEN IN EUROPA UND AMERIKA
von Edward M. White und Rüdiger Ahrens

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHER

OSTEN
5. Juni 1991

DIE RÜSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
FÜR DEN NAHEN OSTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Die folgende Übersicht zu den Initiativen Präsident Bushs für die Rüstungskontrolle im Nahen Osten wurde am
29. Mai 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht.

Um das in seiner Rede vor beiden Häusern des Kongresses am 6. März 1991 gegebene Versprechen
einzulösen, hat der Präsident heute eine Reihe von
Vorschlägen verkündet, mit denen der Verbreitung
nuklearer, chemischer und biologischer Waffen sowie
der dazugehörigen Trägersysteme im Nahen Osten
Einhalt geboten werden soll. Diese Vorschläge zielen

darüber hinaus auf die Eindämmung des destabilisierenden konventionellen Rüstungswettlaufs in der Region
ab.
Die Vorschläge würden den gesamten Nahen Osten,
insbesondere Irak, Iran, Libyen, Syrien, Ägypten, Libanon, Israel, Jordanien, Saudi-Arabien sowiedie Maghreb-Staaten und die Mitglieder des Golf-Kooperationsrates umfassen. In ihnen finden unsere Konsultationen mit Verbündeten, Regierungen in der Region und
wichtigen Lieferanten von Waffen und Technologie
ihren Niederschlag.
Die Unterstützung von Waffenexporteuren und -Importeuren wird für den Erfolg der Initiative unerläßlich
sein. Da die Weiterverbreitung ein weltweites Problem
ist, muß dafür eine weltweit gültige Lösung gefunden
werden. Gleichzeitig bietet die gegenwärtige Lage im
Nahen Osten einmalige Gefahren und Chancen. Aus
diesem Grund konzentriert sich der Vorschlag des
Präsidenten auf den Nahen Osten als Ausgangspunkt.
Er ergänzt darüber hinaus andere Initiativen, insbesondere die von den Premierministem John Major und
Brian Mulroney eingeleiteten. Der Vorschlag umfaßt
folgende Elemente:
Zurückhaltung der Lieferstaaten
Die Initiative fordert die wichtigsten fünf Lieferstaaten
für konventionelle Waffen auf, sich in naher Zukunft
AMERIKA DIENST 22

auf hoher Ebene zu treffen, um über die Erstellung von
Richtlinien zur Eindämmung destabilisierender Lieferungen von konventionellen Waffen sowie Massenvernichtungswaffen und ihrer Technologie zu sprechen.
Frankreich hat sich bereiterklärt, das erste Treffen
dieser Art zu veranstalten. (Großbritannien, Frankreich, die Sowjetunion, China und die Vereinigten
Staaten waren im vergangenen Jahrzehnt die Hauptlieferanten konventioneller Waffen für den Nahen Osten.)
Gleichzeitig werden diese Richtlinien es den Staaten in
der Region gestatten, die von ihnen berechtigterweise
zur Abschreckung und Verteidigung gegen militärische Aggression benötigten konventionellen Fähigkeiten zu erwerben.
Diese Gespräche werden erweitert, um auch andere
Lieferanten einzuschließen und damit eine Zusammenarbeit auf möglichst breiter Basis herzustellen.
Das im Juli 1991 stattfindende Londoner Gipfeltreffen
der G-7 wird eine frühzeitige Gelegenheit bieten, andere
Regierungen in diesen Prozeß einzubinden.
Um diese Regelungen zu verwirklichen, würden sich
die Lieferanten zu folgenden Maßnahmen verpflichten:
1. Achtung eines allgemeinen Verhaltenskodex
für verantwortungsbewu ßte Waffenlieferungen.
2. Vermeidung destabilisierender Lieferungen.
3. Aufstellung effektiver eigener Exportkontrollen zu Endverbleib von Waffen oder anderen gelieferten Ausrüstungskomponenten.
Die Richtlinien werden einen Mechanismus für Konsultationen zwischen den Lieferanten umfassen. Letztere würden
Seite 1

�weiterhin die mögliche Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in der Region zu unterstützen.

1. Einander im voraus über gewisse Waffenverkäufe informieren.
2. Regelmäßig zusammentreffen, um über
Waffenlieferungen zu beraten.

Chemische Waffen

3. Einander ad hoc konsultieren, wenn ein Lieferant der Meinung ist, die Richtlinien würden
nicht beachtet.

Der Vorschlag wird auf der jüngsten Initiative des
Präsidenten aufbauen, baldmöglichst eine weltweite
C-Waffenkonvention abzuschließen.

4. Untereinander Jahresberichte über Waffenlieferungen austauschen.

Die Initiative fordert alle Länder in der Region
auf, sich dafür einzusetzen, daß sie sofort der
Konvention beitreten.

Raketen

Angesichts der Vorgeschichte des Besitzes und
der Nutzung chemischer Waffen in der Region
fordert die Initiative die Länder dort auf, vertrauensbildende Maßnahmen zu verhängen, indem
sie sich für die Durchführung angemessener
Bestimmungen der C-Waffenkonvention noch
vor Unterzeichnung einsetzt.

Die Initiative schlägt ein Einfrieren der Beschaffung,
Produktion und Erprobung von Boden-Boden-Raketen durch die Staaten der Region vor. Endziel sollte
dabei die Beseitigung solcher Raketen aus ihren Arsenalen sein.
Lieferanten würden darüber hinaus Bestrebungen zur
Koordinierung von Exportlizenzen für Maschinen,
Technologie und Dienstleistungen verstärken, mit denen
Boden-Boden-Raketen hergestellt werden könnten.
Exportlizenzen würden nur für die Nutzung zu friedlichen Zwecken erteilt.

Biologische Waffen
Ebenso wie der Ansatz zur Kontrolle von C-Waffen
bauen auch diese Vorschläge auf einem bestehenden
weltweiten Ansatz auf. Die Initiative würde
eine Stärkung der Konvention über biologische
Waffen (BWC) von 1972 fordern, und zwar
durch vollständige Durchführung bestehender
BWC-Bestimmungen und einen verbesserten
Mechanismus zum Informationsaustausch. Diese
Maßnahmen werden bei der Fünf-Jahres-Folgekonferenz der Konvention im September
dieses Jahres angesprochen werden.

Nuklearwaffen
Die Initiative baut auf bestehenden Institutionen auf
und konzentriert sich auf Aktivitäten, die direkt mit der
Fähigkeit zur Herstellung von Nuklearwaffen zu tun
haben. Die Initiative würde:
Staaten in der Region auffordern, ein verifizierbares Verbot für Herstellung und Erwerb von
spaltbarem Material (angereichertem Uran oder
geschiedenem Plutonium) zur Herstellung von
Waffen zu erlassen,
unseren Aufruf an alle Länder in der Region
wiederholen, die das noch nicht getan haben,
dem Nichtverbreitungsvertrag beizutreten,
unseren Aufruf wiederholen, alle Atomkraftwerke in der Region den Sicherheitsbestimmungen
der Internationalen Atomenergie-Organisation
(IAEO) zu unterwerfen, und

Länder in der Region auffordern, vertrauensbildende Maßnahmen über biologische Waffen zu
verabschieden.
Diese Initiative vervollständigt unsere kontinuierliche
Unterstützung für die Fortsetzung des Embargos vom
UN-Sicherheitsrat über Waffenlieferungen an den Irak
ebenso wie die Bestrebungen der UN-Sonderkommission zur Beseitigung der noch bestehenden Fähigkeiten des Irak zum Einsatz oder zur Herstellung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen und ihrer
Trägerraketen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 22

�KSE
5. Juni 1991

BUSH WÜRDIGT AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
ÜBEREINKUNFT BEI KSE
Rede des Präsidenten in West Point
WEST POINT (NEW YORK) - (AD) - Präsident Bush zufolge hat die amerikanisch-sowjetische Übereinkunft zu
Fragen der konventionellen Abrüstung in Europa (KSE) den Weg "für einen wichtigen Schritt zu einem Gipfel der
Supermächte freigemacht". Dies sei wichtig für den Weltfrieden, erklärte der Präsident am 1. Juni 1991 in einer
Ansprache bei der US-Militärakademie in West Point.
Dabei beglückwünschte der Präsident die Außenminister Baker und Bessmertnych für ihren Beitrag zur Lösung
bilateraler Meinungsverschiedenheiten bei ihren Gesprächen über den KSE-Vertrag in Lissabon.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in West Point in wesentlichen Auszügen.

Bevor ich mich nun an den Abschlußjahrgang wende,
möchte ich eine Ankündigung machen, die für Sie alle
hier und für alle Menschen auf der Welt von Interesse
ist. Vor wenigen Stunden haben die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion ihre Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf den KSE-Vertrag beigelegt
und damit den Weg für einen wichtigen Schritt zu
einem Gipfel der Supermächte freigemacht. Ich beglückwünsche unseren Außenminister, den Außenminister der Sowjetunion und alle Beteiligten. Dies ist
wichtig für den Weltfrieden, und ich freue mich, diese
Ankündigung gerade hier in West Point machen zu
können.
Wie Sie wissen, treffen wir an diesem Morgen nicht als
Mitglieder gegnerischer Mannschaften zusammen,
sondern als ein Volk, das Amerikaner genannt wird.
Amerikaner, die wissen, daß - wie das Ehrenmal in
Pearl Harbor oder die Kapelle an der Luftwaffenakademie, deren Silhouette zum Himmel strebt - dieser
Boden hier in West Point unsere tiefsten Werte und
Prinzipien verkörpert.
Schauen Sie sich um - die majestätische Kapelle der
Kadetten, die vier Statuen in der Messe, auf einem
Boden, der von Generationen militärischer Helden
geehrt wurde. Militärisch und kulturell, moralisch und
geistig ist West Point stets eine Metapher für den
amerikanischen Charakter gewesen.
Der amerikanische Charakter hat Generationen von
Einwanderern inspiriert, die Wildnis zurückzudrängen,
AMERIKA DIENST 22

Siedlungen zu gründen und die Unabhängigkeit zu
sichern. Eine Generation hat die Union bewahrt. Eine
andere kämpfte "den Krieg, der alle Kriege beenden
sollte". Die Generation Ihrer Eltern und Großeltern
zeigte, daß der Eiserne Vorhang die Werte und Hoffnungen sowie das Beispiel Amerikas nicht aufhalten
konnte.
Heute möchte ich über den amerikanischen Charakter
sprechen sowie darüber, wie wir unser Land zur größten Nation der Welt machen. Dieser Charakter umfaßt
viele Elemente, von denen das wichtigste unsere
Treue zur Freiheit ist. Die Liebe zur Freiheit treibt
unseren nationalen Herzschlag. Und hier möchte ich
einfügen, daß dieser Herzschlag regelmäßig geht und
nicht flimmert. Ein zentraler Grundsatz dieser Treue die Religionsfreiheit - schafft einen besonderen Platz
für Werte, Moral, Überzeugungen und Anliegen, die
größer sind als wir.
Unser Charakter sprüht vor Selbstsicherheit und Kreativität - zwei Qualitäten, die uns von den Zeichenbrettern von heute zu den Startrampen von morgen bringen. In der Tat stammen bis heute die einzigen
Fußspuren auf dem Mond von Amerikanern, und die
einzige Flagge dort ist das Sternenbanner.
Schließlich definieren wir unseren Charakter durch
den Dienst, den wir an anderen tun, indem wir Verantwortung für das Wohlergehen unserer Heimat, unserer
Familien und Gemeinden übernehmen. Wir müssen

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�denen dienen, für die der amerikanische Traum immer
noch als unmöglicher Traum erscheint.
Sie in West Point haben dem Rest der Nation ein
Beispiel gegeben. Hier messen die Menschen einander im Hinblick auf Verdienste, Herz und Willen - nicht
an Glauben, Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft.
Schauen Sie nach links oder nach rechts, was sehen
Sie dort? Menschen, die durch Rasse oder Religion
getrenntsind? Nein. Sie sehen Ihre Freunde-und Ihre
Zukunft. Unsere Streitkräfte haben gezeigt, was
Amerikaner leisten können, wenn sie selbst nicht als
wei ß, schwarz, rot oder braun betrachten, sondern als
ein für ein gemeinsames Ziel vereintes Volk- indem sie
einander unterstützen, einander beistehen und sich
auf einander verlassen - und damit ihre Aufgabe erledigen.
Vor über drei Jahrzehnten hat die Bürgerrechtsbewegung eine Nation umgestaltet, indem sie an diesen
amerikanischen Charakter appellierte. Sie forderte die
Menschen auf, für ein gemeinsames Anliegen gegen
das Böse einander die Hand zu reichen, um eine
Gesellschaft aufzubauen, die auf allgemeinem Anstand und gegenseitigem Respekt gegründet ist. Martin
Luther King träumte von einem Amerika, in dem eines
Tages unsere Kinder - ich zitiere - "nicht nach ihrer
Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt
werden". In der Armee, ebenso wie hier in West Point,
ist jener Tag eingetreten.
Wie der Vorsitzende Oberste Bundesrichter Earl Warren
in der Begründung des Urteils im Fall Brown gegen die
Schulbehörde schrieb: "Der Weg zum Fortschritt für
die Opfer vergangener Diskriminierung besteht in gleicher
und hervorragender Ausbildung." In den Jahren, seit
die Armee zu einer Streitmacht von Freiwilligen wurde,
hat sie gleiche und hervorragende Ausbildung geboten. Als Ergebnis besitzen wir das bestausgebildete
Militär unserer Geschichte. Der Prozentsatz der
Angehörigen von Minderheiten in unseren Streitkräften hat sich nahezu verdoppelt - ebenso wie die Zahl
der Unteroffiziere, die Minderheiten angehören. Die
Zahl der Offiziere aus Minderheiten hat sich fast verdreifacht.
Sie mögen sich daran erinnern, daß zu Beginn des
Golfkriegs - denken Sie zurück - einige sich darüber
beschwerten, wir hätten zuviele Angehörige von Minderheiten in den Streitkräften. Meine Ablehnung dieser Meinung könnte nicht größer sein. Das Militär ist
der größte Arbeitgeber überhaupt, bei dem absolute
Chancengleichheit herrscht. Und wie Ihr hervorragender Vorsitzender Colin Powell damals erklärte, gibt es
nichts, dessen wir uns schämen müßten. In West
Point, und gerade in West Point gibt es vieles, auf das
wir stolz sein können.
Zu Ihrem Jahrgang gehört der tausendste schwarze
Absolvent dieser Institution, ein großer Führer, wie

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jeder, der diesen Ort kennengelernt hat, weiß und ein
großartiger Athlet. Die tausendste Absolventin, ebenso eine umfassende Führungspersönlichkeit und eine
gute Soldatin. Zu Ihrem Jahrgang zählt darüber hinaus
der erste Absolvent aus dem Volk der Hmong in Laos.
Und doch rekrutieren die Armee und West Point keine
Angehörigen von Minderheiten. Sie rekrutieren Soldaten - die besten Söhne und Töchter, die unser Land
überhaupt haben kann.
Die Aufgabe unsere Landes, die Aufgabe Amerikas,
besteht also darin, auf nationaler Ebene zu erreichen,
was wir heute in West Point feierlich würdigen. Wir
müssen uns nicht als Farben oder Zahlen, sondern als
Amerikaner, als Träger geheiligter Werte betrachten.
Um dieses Ziel zu verwirklichen, müssen wir das
rassisch begründete Mißtrauen beseitigen, das unser
nationales Wohlergehen ebenso bedroht wie Gewalt,
Drogen oder Armut. Wir alle haben Bilder von Gewalttätigkeit zwischen den Rassen gesehen - lebhafte
Bilder von Feuer und Zerstörung, von Blaulicht und
Gummiknüppeln. Aber wir haben auch geringfügige
Episoden des Mißtrauens erlebt - kleine, häßliche
Beispiele, etwa von Menschen, die die Straßenseite
wechselten, um jemandem mit anderer Hautfarbe aus
dem Weg zu gehen, oder Menschen, die sich im
Fahrstuhl ängstlich in eine Ecke drängen. Das Verhalten, Fremden aufgrund ihrer Rasse oder Nationalität
zu mißtrauen. Die Gewohnheit, herablassende oder
entwürdigende Klischees zu verwenden.
Wir sollten uns nichts vormachen. Leider gibt es in
unserem großartigen Land immer noch Rassismus
und Bigotterie. Aber niemand sollte daran zweifeln,
daß dieser Präsident und diese Regierung Diskriminierung überall bekämpfen, wo wir sie antreffen. Denn
Vorurteile und Haß haben in diesem Land keinen Platz
Punkt. Die wahre Frage, die sich uns stellt, lautet nicht,
ob wir diese Übel bekämpfen, sondern wie.
Ob schwarz oder weiß, die großen führenden Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung der fünfziger
und sechziger Jahre wandten sich gegen Intoleranz
und verlangten Chancengleichheit und Gleichheit vor
dem Gesetz. Die Pflicht des Staates besteht darin,
Chancen zu fördern und nicht umzuverteilen, damit
alle eine faire Chance erhalten, ihre Träume zu verwirklichen.
Heute sprechen manche nicht von Chancen, sondern
von der Umverteilung von Rechten. Sie möchten eine
Gruppe gegen die andere ausspielen, die Menschen
ermutigen, einander als Konkurrenten zu betrachten,
nicht als Kollegen. Das ist nicht der Weg, um hier in
den Vereinigten Staaten Gerechtigkeit und Gleichheit
herzustellen. Wir müssen einen einheitlicheren, moralischen und großzügigeren Ansatz wählen.
Ich habe vor langer Zeit gelernt, daß, wenn man etwas
getan haben möchte, man jemandem einen Grund
geben muß, um es zu tun. Treiben Sie sie nicht in die

AMERIKA DIENST 22

�Defensive, schüchtern Sie sie nicht ein - appellieren
Sie an die guten Seiten ihrer Charakters.
Meines Erachtens ist dies das Konzept, das Gleichstellungsprogrammen zugrundeliegt. Für mich bedeutet echte Gleichstellungspolitik eine Bürgerpflicht - gut
gemeinte Bemühungen, um dem einzelnen aufgrund
seiner Verdienste eine Chance zu geben - die Hand
auszustrecken und wirklich gleiche Chancen für diejenigen zu bieten, die zurückgelassen wurden, die ausgeschlossen wurden.
Einige sind der Meinung, die Gleichstellung sollte
einen magischen Würfel von Arbeitsplatzgarantien
enthalten. Und ich bin der Ansicht, daß sie die Menschen aller Rassen dazu inspirieren sollte, positive
Werte und eine positive Einstellung zu sich selbst zu
nähren - ein positives Leben.
Und deshalb engagiert sich unsere Administration für
die Probleme benachteiligter Amerikaner. Mit unserer
Strategie America 2000 haben wir eine Revolution im
Bildungswesen gefordert. Wir haben den öffentlichen
Wohnungsbau mit einem Programm zu reformieren
versucht, das wir H.O.P.E. nennen. Damit soll Eigentum geschaffen werden. Und wir haben Gewerbegebiete gefordert, um Samen des Wachstums zwischen
die Ruinen der verfallenden Städte und schäbigen
ländlichen Gebiete zu säen. Darüber hinaus haben wir
strenge Gesetze zur Verbrechensbekämpfung eingebracht, weil kein Amerikaner frei sein kann, wenn ihn
die Furcht vor Verbrechen gefangenhält. Femer haben
wir Chancenverbesserung innerhalb von Gemeinden
verfochten, um die Macht von der schwerfälligen Hand
des Staates in die Hände derer zu legen, die den
Haushalt führen und die Familie ernähren. Gott segne
die Stärke der amerikanischen Familie. Wir müssen
mehr tun, um sie zu fördern.
Diese Politik gibt dem Volk die Macht zurück und bringt
uns unserem Ziel der Chancengleichheit ein Stück
näher. Sie gewährleistet nicht allen den Erfolg - das
kann sie nicht leisten.
In diesem Sinne sollten Sie unser Paket der Bürgerrechte betrachten. Das Bürgerrechtsgesetz S-1991
unserer Regierung würde die Berücksichtigung von
Faktoren wie Rasse oder Geschlecht bei Bewerbungen für Arbeitsplätze verbieten. Es wird sicherstellen,
daß der Kongreß sich an dieselben Regeln hält, die er
für andere verfügt. Und es wird Arbeitgeber nicht
zwingen, zwischen Quoten oder dem Risiko kostenträchtiger Prozesse zu entscheiden.
Ich weiß, daß es noch ein anderes sogenanntes Bürgerrechtsgesetz gibt, aber hierbei handelt es sich um
ein Quotengesetz, egal wie seine Verfasser es verbrämen mögen. Es fördert Streitigkeiten, keine Zusammenarbeit. Und dies ist nicht der Weg, um in unserem
Land Harmonie zu fördern.

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Wir sollten also die PolitikderTeilung abschütteln. Wir
sollten eine Gesellschaft aufbauen, in der die Menschen sich gegenseitig respektieren, zusammen nicht gegeneinander - arbeiten und bestrebt sind, dem
amerikanischen Charakter Glanz zu verleihen.
Morgen wird unser Gesundheitsminister, mein Kollege
in unserem Kabinett, Dr. Lou Sullivan, an der High
School seiner Heimatstadt Blakely in Georgia sprechen. Ungewöhnlich daran ist, daß dieser heute
bekannte Doktor in seiner Jugend diese Schule nicht
besuchen konnte, weil sie keine schwarzen Kinder
zuließ. Er hat die Last der Vorurteile abgeschüttelt, um
ein eloquenter Verfechter guter Bildung und gesunder
Werte zu werden. Lou hat vergeben, aber er und wir
dürfen nicht die schrecklichen Dinge vergessen, die
Rassismus und Vorurteile einem Land antun können.
Hier in West Point haben Sie das Wesentliche des
amerikanischen Charakters bewiesen - Chancen auf
der Grundlage von Leistungen. Lassen Sie uns eine
Generation aufbauen, in der das "Wir" und nicht das
"Ich" regiert, indem wir die Ideale dieser Schule in
unser Land und die ganze Welt tragen.
Wie Sie wissen, sind viele Soldaten, die bei den
Operationen Wüstenschild und Wüstensturm Großes
geleistet haben, zu "Punkten des Lichts" in ihrem Land
geworden. Sie sind in ihre Gemeinden zurückgekehrt
und haben junge Menschen aufgefordert, es ihnen
gleichzutun und hart zu arbeiten, die Schule zu beenden und keine Drogen zu nehmen.
Und so wollen wir all jenen danken, die die Botschaft in
den Schulen und Gemeinden unseres Landes verbreitet haben. Wir wollen geloben, noch mehr zu tun. Ich
möchte Sie alle - die Sie jetzt in Ihren Gemeinden
respektiert werden - ermutigen, auch "Punkte des
Lichts" zu werden. Besuchen Sie eine Schule, ein
Freizeitzentrum oder ein Gotteshaus und erzählen Sie
von Ihrem Leben und Ihren Erfahrungen. Ich fordere
Gemeinden auf, diese hervorragenden Männer und
Frauen in die Schulen und andere Foren einzuladen.
Sie als Mitglied des Jahrgangs 1991 können zeigen,
daß die Geschichte vom barmherzigen Samariter mehr
ist als lediglich ein Lehrinhalt - sie ist Bestandteil des
amerikanischen Charakters.
Der Absolvent von West Point, Douglas MacArthur,
hat einmal gesagt: "Der Soldat betet mehr als alle
anderen Menschen um den Frieden, denn er muß
leiden und die tiefsten Wunden und Narben des Krieges
ertragen." Amerikas hervorragendes Militär hat den
Frieden auf der Welt sichern geholfen. Jetzt stehen wir
vor der Herausforderung, die Wunden und Narben in
unserem Land zu heilen. Unsere ausgestreckte Hand
soll Harmonie und Brüderlichkeit bringen, nicht Zwietracht und Mißtrauen.

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�Lassen Sie uns also die wahre Größe Amerikas ehren Möge Gott die Abschlußklasse von 1991 segnen, da
- die Würde des einzelnen. Sie hier in West Point Sie ihren Dienstfür dasgrößteLandderWeltantreten.
übernehmen die Führungsrolle.
Und Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�HOCHSCHULWESEN
5. Juni 1991

IM VERGLEICH: WEITERFÜHRENDE SCHULEN IN
EUROPA UND AMERIKA
von Edward M. White und Rüdiger Ahrens
BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Artikel ist der Zeitschrift Change entnommen und erschien
erstmalig in der Ausgabe September/Oktober 1989. Die Zeitschrift wird von Heldref Publications, 4000
Albemarle St. N.W., Washington D.C. herausgegeben. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung
der Helen Dwight Reid Educational Foundation.
Edward M. White ist Professor für Anglistik an der California State University (San Bernardino), Professor
Rüdiger Ahrens lehrt Anglistik an der Universität Würzburg.

Oftmals können wir uns besser im Vergleich als isoliert
beurteilen. Jüngste Untersuchungen mit alarmierenden Ergebnissen über die weiterführende Bildung in
Amerika sollten Versuche in anderen Ländern eingehender betrachten, mit den Problemen umzugehen,
die sie so sehr beklagen. Im internationalen Vergleich
zeigen amerikanische Universitäten trotz ihrer offensichtlichen Probleme eindeutig Stärken, die dort leicht
übersehen werden.

.

•

Wenn wir die Versuche amerikanischer und europäischer Universitäten zur Lösung zentraler Probleme
des Bildungswesens miteinander vergleichen, scheint
die kreative Gelassenheit der amerikanischen Lösungen eindeutig den Sieg davonzutragen. Nehmen wir
zum Beispiel die beiden Bereiche Massenbildung und
Allgemeinbildung. Obwohl dies keinesfalls die einzigen wichtigen Probleme im Bildungswesen sind, denen wir uns widmen müssen, sind sie doch von zentraler Bedeutung und lassen aufschluPreiche Vergleiche
zu.
Massenbildung
In der Regel besuchen sechs von zehn Schulabgängern in Amerika weiterführende Schulen. Ein vielfältiges System von Institutionen - öffentliche und private,
selektive und allen offenstehende, berufsbildende,
akademische oder allgemeine - ist entstanden, um
große Studentenzahlen aufzunehmen. Natürlich stehen sie nicht allen offen, da finanzielle Barrieren und
schulische Voraussetzungen vielen - insbesondere

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Minderheiten - echte Steine in den Weg legen. Aber so
unvollkommen es auch sein mag, so werden die vielfältigen Möglichkeiten für Schüler der meisten Altersgruppen und fast aller Ausbildungsgänge doch in der
ganzen Welt beneidet.
In Europa hat die Nachfrage nach Bildung für alle in
den letzten Jahren drastisch zugenommen. Infolgedessen haben die meisten Länder große Studentenzahlen an die bestehenden Universitäten zugelassen,
ohne die Struktur dieser Institutionen zu verändern.
Im Hinblick auf die Perspektive gibt es in den meisten
westlichen Ländern einen Ausleseprozeß, bei dem
Schüler bereits im Alter von 10 oder 12 Jahren selektiert werden. Nur ein kleiner Prozentsatz darf eine
weiterführende Schule besuchen (das Gymnasium in
Deutschland, das lycee in Frankreich und die grammarschool in England), die Schüler auf die Zulassung
zur Universität vorbereitet. Dieser Auswahlproze ß hat
seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, als eine dominante Bürgerschicht ihre Vormachtstellung in der Klassengesellschaft sichern wollte. Noch 1960 besuchten
in der Bundesrepublik nur 5 Prozent eines Jahrgangs
die Universität. Hierbei handelte es sich um die
wenigen Glücklichen, die harte Jahre bis zum hochgeachteten Abitur überstanden hatten. Heute hat sich
dieser Prozentsatz mit 28 Prozent verfünffacht, was in
Zahlen für die Bundesrepublik eine Steigerung von
300.000 auf 1,3 Millionen Studenten - bei einer Bevölkerung von 60 Millionen - bedeutet. In den letzten
zwanzig Jahren hat in Italien und Frankreich ein ähn-

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�licher Aufschwung stattgefunden, während Großbritannien aufgrund des traditionellen Auswahlverfahrens seine Schülerzahl auf "nur" 600.000 gehalten hat.
Welche Art Institution besucht diese neue Flut von
Studenten nun? In der Regel ist sie alt und historisch
nicht auf die Bedürfnisse der Studenten zugeschnitten, sondern auf die Vorrechte der Professoren. Der
europäische Professor ist im wesentlichen Staatsbediensteter, nicht Angestellter seiner Institution wie sein
amerikanischer Kollege. Dies gestattet es ihm, seine
Studenten als lästige Pflicht zu betrachten, die ihn
potentiell von seinem Hauptwerk, der Forschung, abhält.
Eine ähnlich gelagerte Situation ist natürlich an amerikanischen Forschungseinrichtungen nicht unbekannt,
aber der amerikanische Professor ist in mancher Hinsicht von der "Kundschaft" abhängig und fühlt sich
verpflichtet, den Studenten seinen Stoff in leicht verdaulichen Portionen zu vermitteln. Der Student in
Amerika kann sich auf eine gut gegliederte Studienordnung verlassen, die in Seminaren vermittelt wird, deren Material und Lernziele vorab zugänglich sind. Der
Student in Europa kann sich auf wenig verlassen, weil
Professoren die Freiheit genießen, zu lehren, was und
wie sie wollen.
Der europäische Professor profitiert von dem traditionellen und (seit Humboldts Reform von 1810) verbindlichen System der Einheit von Forschung und Lehre.
In der Praxis unterstützt dieses Prinzip die vorrangige
Verantwortung der Professoren - nicht gegenüber den
Studenten sondern gegenüber dem Staat als Erben
der Privilegien der Herrscher des 18. Jahrhunderts, die
"ihre" Universitäten in "ihren" Hoheitsgebieten gründeten.
Die Grundstruktur ist in Europa trotz der Tatsache
erhalten geblieben, daß sie für eine kleine Elite konzipiert war, die allein lernen konnte und ihre Professoren
nicht weiter stören mußte. Unter den neuen - sehr
neuen - demokratischen Bedingungen haben die europäischen Länder eine Politik ohne Zulassungsbeschränkungen mit Studentenfluten, die jetzt die kaum noch
aufnahmefähigen Universitäten zu überschwemmen
drohen. Universitäten wie Padua (gegründet 1222),
Paris (1257) oder Würzburg (1402), die genau so viele
immatrikulierte Studenten haben wie zwei Universitäten im Staat Ohio, sind nichts Ungewöhnliches. Wenn
jeder an dieser Universität immatrikulierte Student selbst wenn ein Viertel dieser Studenten gleichzeitig zu Vorlesungen erscheinen würde, gäbe es Chaos. Es
wäre einfach kein Platz da.
Aber niemand glaubt ernsthaft an eine solche Situation, da Vorlesungen in der Regel für das Examen
eines europäischen Studenten kaum keine Rolle spielen. Was zählt, sind bestandene Prüfungen, und viele
Studenten unterbrechen nicht ihre Examensvorbereitungen (ihre Reisen oder andere Aktivitäten), um
Vorlesungen an der Universität zu besuchen.

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Europäische Studenten werden in jeder Hinsicht "allein" gelassen. Sie sollen unabhängig arbeiten. Sie
leben nur selten in Wohnheimen, sondern meist in
"Buden" in der Stadt, getrennt von Familie und Elternhaus. Im günstigsten Fall beteiligen sie sich in irgendeiner Form am Gemeinschaftsleben durch Mitgliedschaft in Verbindungen oder anderen sozialen Gruppen. An europäischen Universitäten gibt es keinerlei
ständige Leistungskontrolle. Das gesellschaftliche
Leben an europäischen Universitäten ist gegenüber
den mannigfaltigen, amerikanischen Studenten offenstehenden Möglichkeiten eher bescheiden zu nennen.
Wenn er Glück hat, wird der europäische Student
seine Examensarbeit unter der Aufsicht eines engagierten Professors schreiben. Aber nur wenige haben
dieses Glück. Aus diesem Grund ist die Quote der
Studienabbrecher an europäischen Universitäten sehr
hoch.
Die Einbettung einer Massenbildung in eine Struktur,
die für eine Elite ausgelegt war, hat zur Vorspiegelung
einer Offenheit geführt, die in der Praxis jedoch relativ
wenigen zu einer Ausbildung verhilft. Sicherlich, die
Chance existiert, aber es bestehen noch nicht einmal
rudimentäre Unterstützungssysteme. Diejenigen, die
dabei durch ihre Universitätsabschlüsse gewinnen,
sind zweifellos gut ausgebildet und auf das Leben
vorbereitet, da sie sich großenteils aus eigener Kraft
weitergebildet haben. Für den Rest jedoch versagt
dieses System zumeist. Ihre Länder waren einfach
nicht bereit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was
erforderlich ist, um das Versprechen der Massenbildung zu verwirklichen.
Allgemeinbildung
Obwohl es unmöglich ist, den amerikanischen Ansatz
zur Vermittlung von Allgemeinbildung zusammenzufassen, können wir mit Sicherheit feststellen, daß das
amerikanische weiterführende Bildungssystem praktisch uneingeschränkt von der Prämisse ausgeht, daß
Allgemeinbildung in den Verantwortungsbereich der
Universitäten fällt. In den Vereinigten Staaten wird
über die Inhalte der Allgemeinbildung und darüber
diskutiert, wie man mehr hochkarätige Gelehrte dazu
bringen könnte, an diesem wichtigen Unterfangen
mitzuwirken. Wir erwarten von der High School keinen
wesentlichen Beitrag zur Allgemeinbildung. Tatsächlich schätzen sich die meisten von uns glücklich, wenn
unsere Erstsemester Lesen, Schreiben und Trigonometrie beherrschen. Wir erwarten also im allgemeinen, daß unsere Studenten im Laufe ihrer weiterführenden Ausbildung etwa die Hälfte ihrer Studienzeit
auf Nebenfächer verwenden, häufig auf Kurse, die
dazu dienen, ihre schulische Bildung zu erweitern.
Europäische Universitäten gehen von einer anderen
Prämisse aus, nämlich, daß die Vermittlung von Allgemeinbildung nicht ihre Aufgabe sei. Natürlich nehmen
die Studenten dort ihr Studium zwei Jahre später auf,

AMERIKA DIENST 22

�nachdem sie ihre Allgemeinbildung an einem lycee
oder Gymnasium erworben haben sollen. Das Reifezeugnis, das ihnen die Aufnahme eines Universitätsstudiums gestattet, bestätigt, daß der Student seine
allgemeine Ausbildung abgeschlossen und mit Erfolg
eine Reihe von Prüfungen vor strengen Lehrern abgelegt hat. Die Universität kann deshalb mit der weiterführenden Ausbildung fortfahren und sich dabei in der
Erwartung wiegen, daß ihre Studenten dem "Kinderkram" entwachsen sind.
,

&gt;

Europäische Studenten nehmen ihr Studium mit 19
oder 20 Jahren auf, nachdem sie sich durch die
Fallstricke des baccalaureat, des Abiturs oder der ALevels gekämpft und - bei vielen Männern - ihren
Wehrdienst abgeleistet haben. Sie sollen sich nicht mit
neuen Fächern beschäftigen oder der Allgemeinbildung widmen, sondern sich über ihren künftigen Beruf
im klaren sein und die einschlägige Ausbildung anstreben. Ihre geistige Reife wird einer ersten Prüfung
unterworfen, wenn sie die Entscheidung zwischen
verschiedenen Studiengängen treffen. Diese Wahl ist
sehr spezialisiert und meist unwiderruflich. Die Immatrikulation entscheidet über ihr künftiges Leben, denn
ein Sinneswandel oder Entschlußlosigkeit bedeuten
wichtigen Zeitverlust. Es gibt an europäischen Universitäten keine Möglichkeit, ohne Festlegung des Hauptfachs zu studieren oder Wahlfächer außerhalb des
gewählten Studienganges zu belegen.
Natürlich haben die wirklich reifen Studenten den
Vorteil, daß sie ihr spezialisiertes Studium - Jura,
Medizin, Naturwissenschaften oder Philologie - unverzüglich aufnehmen können ohne bis zum Hauptstudium warten zu müssen. Unglücklicherweise kann die
Bürde der "Reife" jedoch ebenso häufig auf schwachen Schultern lasten.

t

Das einzige Überbleibsel des mittelalterlichen Konzepts einer jedermann offenstehenden Allgemeinbildung sind universitäre Vorlesungen für die allgemeine
Öffentlichkeit, das Studium Universale. Das Hauptaugenmerk gilt jedoch der Ausbildung von Spezialisten, und diese Konzentration hat es der europäischen
Universität gestattet, für ihre besten Studenten, interessierte und begabte Adepten, die sich um herausragende Dozenten scharen, "klein" zu bleiben.

&gt;
Studenten, die sich über ihre Berufsziele im unklaren
sind, die daran interessiert sind, Wahlfächer neben
ihren Spezialgebieten zu wählen oder eine fachüber-

*

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greifende intellektuelle Neugier besitzen, sind an europäischen Universitäten in einer schwierigen Position.
Man findet solche Studenten überall in Europa. Sie
bilden sich in den Straßencafes und hervorragenden
Buchläden, die selbst in kleinen Städten anzutreffen
sind. Bisweilen besuchen sie sogar die Universität, an
der sie pro forma eingeschrieben sind und legen ein
paar Prüfungen ab. Aber die Universitäten sind für
Spezialisten konzipiert.
Natürlich würden die meisten amerikanischen Universitäten gerade ohne solche Studenten eingehen. Für
uns ist die Universität ein allgemeines geistiges Zentrum - in vielen Teilen des Landes weit und breit das
einzige. Das Engagement der Universität für die
Allgemeinbildung bedeutet ein Engagement für den
ganzen Menschen (daher auch die außerplanmäßigen
und sportlichen Programme, die zahlreichen europäischen Professoren nur ein müdes Lächeln entlocken)
und für eine Zukunft, in der die Spezialisten wahrscheinlich zu der Erkenntnis gelangen, daß ihre Fachkenntnisse weniger zählen als ihre allgemeine Fähigkeit, zu lernen und sich anzupassen. Bei uns setzt die
Spezialisierung im europäischen Sinne erst im Hauptstudium nach dem College oder in Doktorandenprogrammen ein. Doch trotz - oder gerade wegen - dieser
verzögerten Spezialisierung erscheint uns die amerikanische Sichtweise als der demokratischen politischen Theorie weit angemessener als die europäische.
Niemand sollte die bildungsmäßige Qualität des europäischen Systems unterschätzen. Diejenigen, die zur
Hochschulreife gelangen, besitzen eine hochentwikkelte Fähigkeit, akademische Fragen zu verstehen
und darüber zu schreiben. Diejenigen, die sich an der
Universität durchsetzen und das anspruchsvolle Hauptstudium erreichen, sind in der Tat eine Elite - hochgebildet und daran gewöhnt, strengen Kriterien zu genügen. Dieses System besitzt eine Klarheit und Begrenztheit, die vielen in der Verwaltung des amerikanischen Bildungswesens Tätigen als wünschenswert
erscheinen muß, die von dem hin und her einer sich in
alle Richtungen auf einmal entwickelnden plumpen
Institution erschöpft sind.
Aber selbst wenn wir uns unserem nationalen Zeitvertreib widmen, uns wegen unserer Fehler selbst zu
schelten, besteht nach einem Blick über den Atlantik
Grund zur Befriedigung.

* * *

*

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�</text>
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Embassy of the United States of America

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23

NATO

12. Juni 1991

NATO UND GIPFELTREFFEN BEIM
TREFFEN DES NORDATLANTIKRATS
ERÖRTERT
Pressekonferenz von
Außenminister Baker

NATO BESITZT SCHLUSSELFUNKTION FÜR
EINIGUNG EUROPAS
Außenminister Baker bei der
NATO-Au ßenministerkonferenz

GOLFKRISE

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse
vom 16. bis 31. Mai 1991

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL

HILLS FORDERT AKTIONSPLAN
BIS ZUM 31. JULI 1991
Rede der US-Handelsbeauftragten
beim OECD-Ministertreffen

USA-EUROPA

DIE POLITISCHEN BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN DEN USA UND EUROPA
von Robert E. Hunter

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�NATO
12. Juni 1991

NATO UND GIPFELTREFFEN BEIM TREFFEN DES
NORDATLANTIKRATS ERÖRTERT
Pressekonferenz von Außenminister Baker
KOPENHAGEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die nach Abschluß des Ministertreffens beim Nordatlantikrat von Außenminister Baker am 7. Juni 1991 in Kopenhagen abgehaltene Pressekonferenz.

Außenminister Baker: Meine Damen und Herren, ich
möchte eine kurze Erklärung abgeben und werde danach gern auf Ihre Fragen eingehen.
Zunächst möchte ich Außenminister Ellemann-Jengen und unseren dänischen Gastgebern für ihre großzügige Gastfreundschaft hier in Kopenhagen danken.
Vergangene Woche haben die Verteidigungsminister
der NATO erhebliche Fortschritte gemacht, um die
militärische Anpassung der NATO voranzutreiben.
Unsere Arbeit hier vervollständigt und fördert diese Bestrebungen, indem sie - jetzt, da nach London Rom
bevorsteht - substantielle Fortschritte bei der politischen Anpassungsfähigkeit der NATO erzielt.
Erstens hat sich das Bündnis auf die wichtigsten Sicherheitsfunktionen geeinigt, die seine Arbeit beim
Aufbau eines neuen Europas und eines neuen Atlantizismus leiten. Sie repräsentieren unsere Vereinbarung über die Ziele, den Charakter und die grundsätzlichen Aufgaben der NATO in Zukunft. Diese wichtigsten Funktionen zeigen, daß wir das Versprechen der
Londoner Erklärung vom Juli letzten Jahres einlösen
und die NATO neuen Realitäten anpassen. Wir ändern unsere militärische Strategie. Wir betonen die
politische Rolle der NATO als ein Bündnis gemeinsamer Werte.

stäbe von diesem Bündnis angenommen worden sind.
Wir sind der Ansicht, daß diese Prinzipien den Sowjets
und den Menschen in Mittel- und Osteuropa verdeutlichen, wie ernst es der NATO damit ist, früheren
Gegnern ihre Hand auszustrecken, um eine Atmosphäre des Vertrauens und der Zusammenarbeit in
ganz Europa aufzubauen.
Viertens hatten wir bei der Frage der Förderung sowjetischer Reformen einen sehr fruchtbaren Gedankenaustausch. In meiner veröffentlichten Einlassung habe
ich betont, daß unserer Meinung nach die Perestrojka
eine Möglichkeit für "neues Denken" in vielen Bereichen bietet - natürlich in der Außen-, aber auch in der
Verteidigungspolitik, der Wirtschaft, der Politik allgemein und in den Beziehungen zwischen der Führung
und den Republiken. Wir haben diese Revolution
begonnen und glauben, daß Präsident Gorbatschow
bei der Perestrojka "den Kurs halten wird", wie er in
Oslo erklärt hat.
Aber er hat in Oslo auch darauf verwiesen, daß "die
Perestrojka jetzt in ihre dramatischste Phase eingetreten ist". Jetzt ist es wichtiger als jemals zuvor, daß die
sowjetische Führung die Gelegenheit ergreift, um mit
Traditionen zu brechen, die sich als nicht durchführbar
erwiesen haben.

Zweitens haben wir unsere Arbeit an vielen Fronten
verbessert, auch beim Verhältnis der sich entwickelnden europäischen Sicherheitsdentität zur NATO sowie
bei den Beziehungen der NATO zur KSZE.

Bei diesem Unternehmen müssen die Sowjets natürlich sich selbst helfen, aber auch wir im Westen können
und werden helfen. Die Vereinigten Staaten werden
mit ihren Verbündeten zusammenarbeiten, um genau
das zu tun.

Drittens freue ich mich, daß viele Initiativen im Hinblick
auf die von Bundesaußenminister Genscher und mir
vorgeschlagenen Beziehungen der NATO-Verbindungs-

Insgesamt hatten wir im Nordatlantikrat ein außerordentlich produktives Treffen. Wir haben dabei das
Versprechen der Londoner Erklärung eingelöst und

AMERIKA DIENST 23

Seite 1

�sehen im Herbst einem Gipfeltreffen in Rom entgegen. wir die politische Dimension des NATO-Bündnisses
Jetzt möchte ich gern Ihre Fragen beantworten.
erweitern wollten. Schließlich ist es nicht nur ein
Sicherheits- und Verteidigungsbündnis, sondern auch
Frage: Herr Außenminister, die Ost-West-Erklärung ein politisches Bündnis, und dies erklärt den Wunsch
spricht von Übergriffen und sichert Ost- und Mitteleu- der NATO-Mitglieder nach politischen Auseinanderropa zu, sie würden vor diesen Übergriffen abge- setzungen, auch wenn solche Gespräche Fragen
schirmt und geschützt. Dennoch bieten Sie der So- behandeln, die bündnisfremde Gebiete betreffen.
wjetunion ein neues freundschaftliches Verhältnis an.
Wer ist also der potentielle Aggressor, oder woran Frage: Sind Sie nach diesem Treffen zufrieden mit
denkt die NATO, wenn sie die Möglichkeit eines Über- den Entwicklungen in der europäischen Gemeinschaft,
griffs in Erwägung zieht? An einen Übergriff im Inland und würden die Vereinigten Staaten die Schaffung
oder an Übergriffe von außen?
einer unabhängigen Sicherheits- und Verteidigungsidentität akzeptieren?
Antwort: Ich denke, Generalsekretär Wörner hat
Ihnen den Abschnitt vorgelesen. Er richtet sich nicht Antwort: Was immer auch geschieht - solange es sich
gegen irgendein Land. Er spiegelt vielmehr die Tatsa- im Einklang mit den bei diesem Treffen getroffenen
che wider, daß die Sicherheit Europas unteilbar ist und Vereinbarungen befindet, sind wir zufrieden. Sie müssen
alle KSZE-Staaten einbezieht - Abschnitt drei spricht bedenken, daß elf von zwölf Mitgliedern der Europäiausdrücklich von der Einbeziehung aller KSZE-Staa- schen Gemeinschaft hier mit am Tisch gesessen haben.
ten, zu denen natürlich auch die Sowjetunion zählt. Die
hier verwendeten Formulierungen ähneln den Worten, Ich möchte Ihr Augenmerk auf das Papier über wichdie in der Pariser KSZE-Charta verwendet wurden. tige Funktionen lenken. Sie werden sehen, daß dieses
Und abgesehen davon wird uns hier eine Lektion in Papier zusammen mit dem Kommunique die von uns
Geschichte erteilt. Wir haben in diesem Jahrhundert vorgetragenen Prinzipien umfaßt, die befolgt werden
zwei heiße und einen kalten Krieg geführt. Der Ge- sollen, wenn wir das Streben Europas nach einer
rechtigkeit halber muß man erwähnen, daß alle in gemeinsamen europäischen Sicherheits- und VerteiOsteuropa anfingen. Daher ist es nur allzu verständ- digungspolitik unterstützen. Dieses Streben unterstütlich, daß wir darüber sprechen wollen, wie wichtig es zen wir in der Tat. Wir wollen ganz einfach sicherstelist, Instabilität zu vermeiden und den Gefahren der len, daß es im Einklang mit dem Bündnis steht und ihm
mangelnden Berechenbarkeit vorzubeugen. Aber Sie keinen Abbruch tut. Sie werden bei dem Papier über
sollten den Abschnitt ganz lesen, nicht nur in Teilsät- wichtige Funktionen sehen, daß es Hinweise darauf
gibt, wie wichtig die Erhaltung einer integrierten militäzen.
rischen Struktur ist.
Frage: Wieviel Zeit bleibt noch, bis die sowjetische
Es wird auf die Tatsache hingewiesen, das wichtigste
Wirtschaft vollständig außer Kontrolle gerät?
Forum für Konsultationen über Angelegenheiten im
Antwort: Ich glaube, Sie können nicht davon ausge- Zusammenhang mit dem Vertrag solle das Bündnis
hen, daß dies zwangsläufig passiert. Dennnoch haben sein, und Sie werden Hinweise erkennen, daß in
die Sowjets selbst sehr offen und ehrlich zugegeben, diesem Bündnis Vereinbarungen oder Entscheidundaß sie schwerwiegende wirtschaftliche Probleme gen getroffen werden sollten. Die Antwort auf Ihre
überwinden müssen. Meiner Meinung nach ist es Frage lautet also Ja.
wichtig, dieses Thema zu erörtern und nach möglichen
Lösungen zu suchen. Wir alle verstehen, daß dies eine Frage: Gesetzt den Fall, daß die als Motor für die
unglaublich schwierige Aufgabe ist, die sie lösen müssen. europäische Identität vorgeschlagene WesteuropäiSie versuchen eine Wirtschaft, die 70 Jahre lang einem sche Union in einigen Jahren in der Europäischen
bestimmten Schema gefolgt ist, in ein vollkommen Gemeinschaft aufgeht, wie es einige Regierungen
entgegengesetztes Modell umzuwandeln, und das wird vorgeschlagen haben. Stünde dies im Einklang mit
nicht einfach sein, insbesondere angesichts der Tatsa- den von Ihnen soeben beschriebenen Grundsätzen?
che, daß es gleichzeitig mit der Umwandlung eines 70
Antwort: Ich kann Ihre Frage im Augenblick nicht
Jahre bestehenden politischen Systems erfolgen muß.
beantworten, da sie erstens hypothetisch ist und ich
Frage: Herr Außenminister, kann die Spannung zweitens nicht weiß, was Sie unter "dann aufgegan(unverständlich), öffnetsichdie NATOjetzt für andere gen" verstehen. Ich möchte nur sagen, daß die von
uns im vergangenen Dezember und erneut bei einem
Aktivitäten in bündnisfremden Gebieten?
regulären Treffen zwischen den Vereinigten Staaten
Antwort: Nein, sie öffnet sich nicht für Aktivitäten in und den Zwölf formulierten Prinzipien in diesen Dokubündnisfremden Gebieten, aber Sie müssen meiner menten enthalten und wir alle äußerst zufrieden sind.
Ansicht nach zwischen den sicherheitspolitischen und Wir sind sehr erfreut über diese au ßergewöhnlich gute
militärischen Verpflichtungen und Funktionen des Zusammenarbeit und das Fehlen jeglicher MeinungsBündnisses und seiner politischen Dimension differen- verschiedenheiten, wenn Sie so wollen, während diezieren. Beim Londoner Gipfel haben wir erklärt, daß ses Ministertreffens.

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�Offen gestanden liegt das Stadium der Fragen, die
man in der Vergangenheit hätte stellen können, hinter
uns. Und entsprechend unserem ersten Prinzip werden wir - die Vereinigten Staaten - nach wie vor die
Vereinbarungen unterstützen, die unsere europäischen
Verbündeten zur Formulierung der gemeinsamen
europäischen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik für
notwendig erachten.
Frage: Welche Fragen hätten gestellt werden können,
die jetzt hinter uns liegen?
*

A

Antwort: Ich werde hier nicht auf Fragen eingehen,
die man zu von uns bereits gelösten Themen hätte
aufwerfen können. Ich weiß, daß es mehr Spaß
macht, über Meinungsverschiedenheiten statt Übereinstimmung zu berichten, aber wir haben hier ein
ziemlich hohes Maß an Übereinstimmung erzielt, und
ich hoffe, Sie werden darüber berichten.
Frage: Herr Außenminister, was können Sie zum
gegenwärtigen Zeitpunkt über die Art Ihrer für heute im
Lauf des Tages anberaumten Gespräche mit Außenminister Bessmertnych sagen? Haben Sie jetzt spezifische Vorschläge zu solchen Themen wie etwa Geheimhaltung von Daten und Herunterfahren der Bestände, die Sie voraussichtlich mit ihm erörtern werden? Und hegen Sie jetzt größere Hoffnung, daß der
START-Vertrag nächste Woche unterschriftsreif sein
wird?
Antwort: Ich möchte die letzte Frage lieber beantworten, nachdem ich heute nachmittag in Genf die Gelegenheit zu einem Treffen mit dem sowjetischen Außenminister gehabt habe. Wie ich jedoch bereits
gestern gesagt habe, lagen die Gespräche über stragische Waffen praktisch auf Eis, bis wir die ausstehenden Probleme und Fragen bezüglich des Vertrags über
Konventionelle Streitkräfte lösen konnten. Unseres
Erachtens haben wir sie zufriedenstellend so gelöst,
daß die Glaubwürdigkeit des Vertrags gewahrt und die
von den einzelnen Staats- und Regierungschefs vereinbarten Obergrenzen eingehalten werden. Es ist
daher an der Zeit, unsere Gespräche über den STARTVertrag zu intensivieren. Dies kann nicht ohne Anweisung von den Hauptstädten an die Unterhändler erfolgen. Es steht also zu erwarten, daß wir Anweisungen
und Vorschläge bezüglich der ausstehenden Themen
erhalten. Sonst wäre ein Treffen mit dem sowjetischen
Außenminister aus meiner Sicht wenig nützlich.
Frage: Herr Außenminister, ist für Sie ein STARTVertrag denkbar, bei dem noch verbleibende Fragen
nach der Unterschrift gelöst werden, wie es bei einigen
bisherigen Verträgen der Fall war?
Antwort: Es wäre möglich - Sie sollten jedoch, wenn
Sie dies hören, nicht schlußfolgern, daß wir die bisher
als ausstehende Fragen erörterten Themen dadurch
lösen, indem wir sie schlicht und einfach auf die
Folgeverhandlungen verschieben. Das ist nicht unse-

AMERIKA DIENST 23

re Absicht. Während ich hier sitze, kann ich Ihnen nicht
versprechen, daß es nicht einige Probleme geben
wird, die erst in Folgeverhandlungn beigelegt werden.
Es ist in der Vergangenheit geschehen und ich vermute, es kann wieder geschehen - wir beabsichtigen es
jedoch nicht.
Frage: Können Sie uns sagen, ob Sie an einen
bestimmten Termin für den möglichen Abzug amerikanischer Streitkräfte aus dem Irak denken? Werden Sie
heute nachmittag mit Außenminister Bessmertnych
das nächste Gipfeltreffen der Supermächte erörtern,
und können Sie uns ein mögliches Datum dafür nennen?
Antwort: Natürlich werden wir über die Möglichkeit
eines Gipfeltreffens zwischen den Präsidenten Bush
und Gorbatschow sprechen. Beide haben ihre Bereitschaft zu einem Gipfeltreffen zum Ausdruck gebracht.
Man hatte gehofft, es würde in der ersten Jahreshälfte
stattfinden. Wir haben vor kurzem gesagt, dieser
Zeitrahmen sei schwer einzuhalten. Darüber hinaus
haben beide Präsidenten den Wunsch geäußert, bei
einem solchen Gipfel das START-Abkommen vorliegen zu haben. Ich erwarte daher nicht, daß wir über
bestimmte Termine sprechen werden - hoffen Sie nicht
auf die Bekanntgabe eines Datums nach dem Treffen
heute abend. Wir werden über einen Zeitrahmen
sprechen.
Im Hinblick auf Ihre erste Frage zu Irak gibt es kein
festgelegtes Datum. Wir haben erklärt - der Präsident
hat dies eindeutig klargestellt-, daß unsere Streitkräfte
zum frühestmöglichen Termin im Einklang mit der
Erfüllung der Mission, zu der sie entsandt wurden und
im Einklang mit unserem Wunsch abgezogen werden,
Sicherheit und Stabilität für die Bevölkerung im nördlichen Teil des Irak zu gewährleisten und wir Garantien
gegen ihre weitere Verfolgung erhalten.
Frage: Herr Außenminister, kann ein Land des Warschauer Pakts davon ausgehen, von der NATO im
Falle eines Angriffs von irgendeiner Seite verteidigt zu
werden?
Antwort: Das ist eine viel zu hypothetische und
umfassende Frage, als daß ich sie beantworten könnte. Ich haben Ihnen bereits gesagt, worauf sich der
Absatz, auf den Sie sich konzentrieren, meines Erachtens bezieht und was er bedeutet, aber wir haben hier
nichts unternommen, das den Anwendungsbereich
des Nordatlantikvertrags erweitem würde und was
bisher bündnisfremdes Gebiet war, wird, soweit es die
militärischen und sicherheitspolitischen Aspekte dieses Bündnisses betrifft, bündnisfremdes Gebiet bleiben.
Frage: Herr Außenminister, einer der Gründe, warum
sich die Unterzeichnung des START-Vertrags verzögert hat, bestand nicht nur darin, daß Sie die Arbeit an
KSE verschoben haben. Es gab auch Meinungsver-

Seite 3

�schiedenheiten - Ambivalenzen - innerhalb der Administration bezüglich bestimmter Aspekte des Vertrags.

Antwort: Sagten Sie die Rechnung, die er vorlegen
wird?

Antwort: Nein, das ist nicht der Grund, warum sich die
Unterschrift verzögert hat. Wir haben ihn absichtlich
wegen der Probleme beim Vertrag über Konventionelle Streitkräfte bis Ende des Jahres auf Eis gelegt. Das
soll nicht heißen, daß es keine unterschiedlichen
Ansichten im Hinblick auf einige Themen bei den
Verhandlungen über strategische Waffen gibt - ebenso wie bei allen Verhandlungen. Aber es ist uns bisher
immer gelungen, sie zufriedenstellend zu lösen und
beizulegen und diejenigen, die noch ausstehen, sind
meines Erachtens nicht von großer Bedeutung und
werden bis zum Ende der Verhandlungsrunde ebenfalls zufriedenstellend gelöst werden.

Frage: Nun, die Bitte um Unterstützung.

Antwort: Wir wissen nicht, wie sie im einzelnen lauten
wird, und deshalb müssen wir abwarten und es herausfinden. Ich möchte nur sagen, wir müssen uns meines
Erachtens vor Augen führen, daß es sich bei Perstrojka ungeachtet der spezifischen vorgebrachten Vorschläge, über die spekuliert wurde, um eine tiefgreifende politische und wirtschaftliche Reform handelt. Ich
habe dies bereits bei der Beantwortung einer früheren
Frage erwähnt. Diese fundamentalen Veränderungen
werden nicht über Nacht stattfinden. Und während die
Sowjets an dieser Entwicklung arbeiten, sollten wir im
Westen ihnen bei dem schrittweisen Übergang behilfDies ist nicht der wahre Grund, warum er auf Eis gelegt lich sein. Ich denke hierbei an ernsthafte, echte und
wurde. Der wahre Grund ist, daß wir nicht bereit wirksame Bestrebungen zu ihrer Unterstützung. Es
waren, am Vertrag über strategische Waffen ange- liegt stark im Interesse des Westens - Ich glaube, wir
sichts der Meinungsverschiedenheiten weiterzuarbei- haben das bereits zum Ausdruck gebracht und zwar
ten, die wir mit der Sowjetunion beim Vertrag über schon lange bevor viele andere dies gesagt haben -,
Konventionelle Streitkräfte hatten.
daß Perstrojka und den Reformbestrebungen in der
Sowjetunion Erfolg beschieden ist. Aus diesem Grund
Frage: Herr Baker, wie werden Sie die enorme Kluft ist es unsere Pflicht, Hilfe zu leisten. Und wie ich
zwischen der Rechnung überbrücken, mit der Präsi- bereits angedeutet habe, sind wir bereit, dies zu tun.
dent Gorbatschow nach London kommen wird und der
Vorsicht, mit der Ihr Land und die anderen westlichen
G-7 das Thema der Unterstützung für die Sowjetunion
angehen.

*

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* * *

*

AMERIKA DIENST 23

�NATO
12. Juni 1991

NATO BESITZT SCHLÜSSELFUNKTION
FÜR EINIGUNG EUROPAS
Außenminister Baker bei der NATO-Außenministerkonferenz
KOPENHAGEN - (AD) -Außenminister Baker zufolge muß die NATO "eine Schlüsselfunktion bei der Schaffung
eines Europas und einer transatlantischen Gemeinschaft übernehmen, die auch die Sowjetunion einbezieht und
die wirklich ungeteilt und frei ist".
In einer Rede beim Außenministertreffen der NATO in Kopenhagen betonte Baker am 6. Juni 1991 die Notwendigkeit, die Verbindungen zur Sowjetunion zu verstärken. "Verbindungen sind ein Weg, um den sowjetischen
Verteidigungssektor in den Abbau von Mi ßtrauen und Furcht einzubinden und gegenseitige Zusammenarbeit zu
fördern."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Bakers in Auszügen.

Als wir im vergangenen Dezember zusammentrafen,
wurden unsere Gespräche von der Gefahr eines Krieges
gegen den Irak überschattet. Bevor ich mit meinen
Ausführungen beginne, möchte ich sagen, daß wir
meines Erachtens stolz auf die Entschlossenheit sein
können, die wir alle bewiesen haben, als wir uns zur
Niederwerfung der Aggression Saddam Husseins zusammenschlössen.

Kurzum: die Krise am Golf hat unserem Bündnis
gezeigt, wie neue Realitäten bewältigt und neue Herausforderungen erfolgreich gemeistert werden können. Ich möchte heute auf vier Fragen eingehen, an
deren Lösung wir im Rahmen des Anpassungsprozesses der NATO in den kommenden Monaten arbeiten
müssen.
Umstrukturierung des Bündnisses

Das Bündnis spielte eine lebenswichtige Rolle bei der
Operation Wüstensturm, und es leistet dasselbe bei
der Bewältigung der humanitären Herausforderungen,
die sich danach ergaben. Die NATO hat dazu beigetragen, die politische Einheit des Westens herzustellen, die so ausschlaggebend für die Sicherung dieses
entscheidenden Sieges des Völkerrechts war. Der
Wert unserer andauernden Investitionen in gemeinsame Ausbildung, Logistik und Infrastruktur spiegelte
sich in der Art und Weise wider, in der unsere Streitkräfte beim Transport der Truppen zum Golf und der
Durchführung des Feldzugs zusammenarbeiteten. Wir
können uns in Zukunft auf den Erfahrungsschatz des
Golfkriegs stützen - insbesondere auf die völlig neue
Realität, daß "nichttraditionelle" Herausforderungen
die vitalen Interessen des Bündnisses und seiner
Mitglieder unmittelbar bedrohen können. Dies war am
deutlichsten im Hinblick auf die potentielle militärische
Bedrohung für die Türkei der Fall, aber es galt auch für
andere.

AMERIKA DIENST 23

Ich möchte mit der Überarbeitung der Strategie beginnen.
Beim Londoner Gipfeltreffen haben unsere Staatsund Regierungschefs grundlegende Veränderungen
im Bündnis gefordert - Anpassungen, die dem Umbruch in der Sowjetunion, den neuen Demokratien in
Mittel- und Osteuropa und den politischen Strukturen
Westeuropas gerecht werden. Der Appell des Gipfels
bestand darin, unsere transatlantische Partnerschaft
zu stärken, um die entstehenden Herausforderungen
- politisch, wirtschaftlich und militärisch - der Welt nach
dem kalten Krieg zu bewältigen.
Die Überprüfung der NATO-Strategie ist ein äußerst
wichtiger Mechanismus für die Anpassung des Bündnisses. Wir begrüßen die bereits erzielten Fortschritte
und erwarten, daß rechtzeitig zu dem für November in
Rom geplanten Gipfeltreffen ein Endergebnis vorliegt.

Seite 1

�Seit dem Londoner Gipfel haben wir mit Erfolg die
unerläßlichen Sicherheitsfunktionen definiert, die das
Bündnis im neuen Europa weiterhin erfüllen muß. Wir
haben bedeutende Fortschritte bei der Erarbeitung
einer neuen militärischen Strategie der NATO erzielt,
die die wichtigen Rollen der NATO im Frieden, in
Krisenzeiten und gegebenenfalls im Krieg umreißt.

liehst gering zu haiten, ermutigen wir die europäischen
Verbündeten, ihre Diskussionen über ihre gemeinsame Verteidigungspolitik allen europäischen Mitgliedern der NATO zu öffnen.

Im Vorgriff auf diese neue Strategie haben sich die
Verteidigungsminister der NATO vergangene Woche
auf neue Streitkräftestrukturen geeinigt - und damit die
Verpflichtung des Londoner Gipfels erfüllt, die Streitkräfte der NATO flexibler, mobiler und multinationaler
zu gestalten. Darüber hinaus erleben wir eine Stärkung des europäischen Pfeilers des Bündnisses durch
die Entwicklung einer europäischen Sicherheitsidentität.

Parallel zu diesen Bemühungen sind unsere Staatsund Regierungschefs in London übereingekommen,
daß das Bündnis auf die Veränderungen in Mittel- und
Osteuropa und in der Sowjetunion reagieren muß,
indem es sich formelleren Kontakten mit den ehemaligen Gegnern öffnet. Das Londoner Mandat hat
seinen konkreten Ausdruck in der Einrichtung diplomatischer Verbindungsmissionen mit diesen Ländern
gefunden.

Diese Veränderungen werden das Bündnis erneuem und es auf Jahrzehnte hinaus anpassen.

Unser Ziel ist es, der Sowjetunion und den aufstrebenden Demokratien Mittel- und Osteuropas die Hand zu
reichen - das echte Verständnis der NATO für ihre
legitimen Sicherheitsinteressen, die Umstrukturierung
ihrer Volkswirtschaften im Sinne von Marktprinzipien
und das Wachsen von Freiheit und Demokratie zu
demonstrieren. Als Ergänzung zu unseren Aktivitäten
in anderen Foren, insbesondere der KSZE, werden die
Verbindungsstäbe der NATO dazu beitragen, das
Geflecht von Bindungen aufzubauen, das die Sowjetunion sowie Mittel- und Osteuropa enger mit dem
Westen verbinden wird.

In diesem umfassenderen Zusammenhang unterstützen die Vereinigten Staaten voll und ganz das Konzept
der europäischen Integration, wie sie es immer getan
haben. Wir stehen bereit, die Arrangements zu unterstützen, die Sie, unsere europäischen Verbündeten,
für notwendig halten, um eine neue europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität zum Ausdruck
zu bringen - Arrangements, die das Bündnis stärken
können und müssen. In unseren Gesprächen hier, und
im Rahmen der zwischenstaatlichen Kommission muß
Transparenz herrschen, unsere Schlußfolgerungen
müssen einander ergänzen.
Das grundlegende Prinzip, das unsere Bemühungen
in jedem dieser Foren leiten sollte, ist, daß die Sicherheit Europas untrennbar mit der Sicherheit der Vereinigten Staaten und Kanadas verbunden ist. Der
Golfkrieg ist lediglich der jüngste Beweis, wie eng
unsere Sicherheitsbedürfnisse miteinander verknüpft
sind. In diesem Jahrhundert wurde dies durch zwei
heiße und einen kalten Krieg bewiesen.
Aus diesen Gründen leuchtet es uns ein, daß eines
unserer Hauptziele darin bestehen muß .sicherzustellen, daß die NATO der wichtigste Ort für unsere
Konsultationen und das Forum für Übereinkünfte zu
allen politischen Maßnahmen ist, die Auswirkungen
auf die Sicherheits- und Verteidigungsverpflichtungen
ihrer Mitglieder gemäß dem Nordatlantikvertrag haben.
Natürlich müssen wir eine wirksam integrierte Militärstruktur beibehalten. Ebenso leuchtet es ein, daß jede
potentielle neue Struktur die des Bündnisses ergänzen
und nicht mit ihnen konkurieren muß.
Wir begrüßen die Bereitschaft der europäischen Verbündeten, die Fähigkeit Europas zum Schutz vitaler
Interessen und Aufrechterhaltung der Herrschaft des
Gesetzes über Europa hinaus zu verbesserrn. Um das
Potential für Gegensätze innerhalb der NATO mögSeite 2

Die diplomatischen Verbindungen der NATO Leitlinien

Dies ist eine historische Aufgabe, die voll und ganz mit
der grundlegenden Mission des Bündnisses in Einklang steht.
Ich möchte hier fünf Prinzipien anbieten, die künftige
Verbindungsbemühungen leiten können.
Erstens sollten unsere Verbindungsbemühungen vertrauensbildend wirken, indemsie unseren ehemaligen Gegnern ein besseres Verständnis von Charakter, Politik und Funktion der
NATO sowie der politischen Werte liefern, die
bei ihrer Gründung Pate standen.
Zweitens sollten die Verbindungsstäbe ein
besseres Verständnis der Sicherheitsanliegen

und -maßnahmen der beteiligten Staaten fördern.
Drittens sollten diese Bemühungen in solchen
Bereichen besonders energisch verfolgt werden, in denen die NATO und ihre Mitglieder
technische Spezialkenntnisse zur Lösung
gemeinsamer Probleme besitzen.
Viertens sollten wir flexibel sein, um auf auftretende Bedürfnisse reagieren zu können.
Fünftens sollten die Verbindungsaktivitäten der
NATO die Maßnahmen der EG, der KSZE, des
Europarats, der OECD und der WEU ergänzen.

AMERIKA DIENST23

�Diese Prinzipien untermauern viele der Initiativen, die
Hans-Dietrich Genscher und ich bei seinem jüngsten
Besuch in Washington vorgelegt haben.
Einfach gesagt, zielen unsere Initiativen darauf ab, den
Osteuropäern und den Sowjets einen Eindruck von der
Substanz unserer Vorstellungen zu vermitteln. Wir
möchten ihnen zeigen, daß wir es mit unseren Verbindungsmissionen ernst meinen. Insbesondere können
wir meines Erachtens Präsident Gorbatschow und den
Reformkurs in der Sowjetunion unterstützen, wenn wir
auch einigen Traditionalisten die Hand reichen, um
ihnen dabei zu helfen, den Übergang zu einer demokratischen, marktorientierten Gesellschaft zu vollziehen.

Instrument machen, mit dem die Sicherheitsanliegen
der KSZE-Länder und insbesondere die Anliegen der
Länder Osteuropas und die Interessen der Sowjetunion berücksichtigt werden.
Wir betrachten den Prozeß politischer Konsultationen
bei der KSZE als Schlüsselelement einer neuen KSZE.
Unsere Treffen in Berlin werden eine Nagelprobe für
diesen Prozeß sein. Die Vereinigten Staaten werden
ihre Bereitschaft dokumentieren, einen angemessen
strukturierten Mechanismus zu vereinbaren, mit dem
offizielle Treffen der KSZE in Notfällen anberaumt
werden können.

Ich möchte nun auf die KSZE eingehen.

Darüber hinaus schlage ich vor, daß wir die Möglichkeit
untersuchen, die ein Untersuchungsausschuß in der
KSZE leisten und wie er unter Umständen ihre Rolle
bei der friedlichen Beilegung von Konflikten stärken
kann.

Seit sechzehn Jahren fördert die KSZE demokratische
Werte in Europa. In der KSZE wie in anderen Gremien
müssen wir die Sowjetunion und die neuen Demokratien Osteuropas fester in einem sicheren und stabilen
Umfeld verankern.

Ich denke, wir sind uns über das Ziel einer Nutzung des
Berliner KSZE-Ministertreffens einig. Dort sollte mit 34
Stimmen Einigung über die Verfahrensweisen für
Sicherheitsverhandlungen nach Helsinki erzielt werden.

Für den Westen stand die KSZE stets für die Wahrung
der fundamentalen Menschenrechte, für Offenheit und
Freiheiten, die unsere Länder als Gemeinschaft vereinen. Dieses Konzept muß unsere Haltung zur KSZE
weiterhin leiten.

Obwohl dieser Prozeß wichtig ist, sollte er uns nicht
vom Grundsätzlichen ablenken.

Die Vorbereitung von Berlin

Daneben müssen wir zeigen, daß die KSZE nicht nur
Katalysator des Wandels ist, sondern daß sie sich
selbst verändern kann, um die Forderungen eines sich
weiterentwickelnden Europas widerzuspiegeln. Die
von uns beim Pariser Gipfel geschaffenen Institutionen der KSZE haben auf diese Forderungen reagiert.
Das Büro für freie Wahlen in Warschau und das
Sekretariat der KSZE in Prag stärken die Fähigkeit der
KSZE, die Demokratie zu fördern und den besonderen
Erfordernissen einer erweiterten Koordinierung auf
politischer Ebene unter den Signatarstaaten gerecht
zu werden.
Wir wollen den Aufgabenbereich des Zentrums für
Konfliktverhütung ausbauen. Dazu zählen: eine Vereinbarung, um den Mechanismus zur friedlichen Beilegung von Konflikten von La Valletta in diesem Zentrum
zu verankern, ein beschleunigter Zeitplan für Treffen
des Konsultativausschusses dieses Zentrums, die
Vereinbarung über ein weiteres Seminar über Militärdoktrinen und eine Vereinbarung zur Überprüfung der
Kommunikationsmittel des Zentrums und ihrer Nutzung als "heißer Draht" bei Notfällen.
Jeder dieser Punkte ist ein eigenständiger Schritt.
Aber zusammengenommen können sie mit der Zeit
aus dem Zentrum für Konfliktverhütung ein wichtiges

AMERIKA DIENST 23

Wir müssen unsere Ziele für neue Sicherheitsverhandlungen in Europa präziser definieren. Wir müssen
einen Ansatz für konventionelle Rüstungskontrolle in
Europa entwickeln, mit dem wir das neue Sicherheitsprogramm nach der Durchführung des KSE-Vertrags,
den Abzug sowjetischer Truppen aus Osteuropa und
den Abschluß der Überprüfung der NATO-Strategie
behandeln können.
Um diese Debatte anzufachen, möchte ich vorschlagen, daß sich die Sicherheitsgespräche nach Helsinki
auf die folgenden Aufgaben konzentrieren:
Verbesserung der Offenheit und des Verständnisses über militärische Aktivitäten in Europa
durch Ausweitung regelmäßiger Dialoge über
Streitkräfte, Streitkräfteplanungen, Verteidigungshaushalte und Militärdoktrin.
Förderung von Stabilität und Sicherheit in Europa durch Entwicklung von Mechanismen zur
Konfliktverhütung und deren Lösung. Dazu
zählen Maßnahmen, denen zwar alle KSZEStaaten zustimmen, von denen aber unter
Umständen nicht alle Mitglieder betroffen sind.
Entwicklung von Maßnahmen zur Verbesserung der Transparenz und Vorhersehbarkeit militärischer Aktivitäten mit besonderer Aufmerksamkeit auf der Neugestaltung und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte in Europa und

Seite 3

�Stärkere Beteiligung an bestehenden Regimen
zur Nichtverbreitung durch Kooperation bei der
Entwicklung nationaler Maßnahmen, um Geschäfte mit konventionellen Waffen zu beschränken und dadurch die Verbreitung chemischer
und biologischer Waffen und der Raketentechnologie einzudämmen und die Umwandlung der
Rüstungsindustrie zu unterstützen.
Ein solcher Ansatz stünde im Einklang mit unserer
Arbeit an anderen Fronten der Rüstungskontrolle. In
diesem Zusammenhang möchte ich auf die von uns
bereits geleistete intensive Arbeit hinweisen, um den
START-Vertrag zum Abschluß zu bringen und einem
Gipfel in Moskau den Weg zu bereiten. Ferner möchte
ich auf das persönliche Engagement des Präsidenten
für unsere Nichtverbreitungsinitiative im Nahen Osten
verweisen - ein Aktionsplan, der unserer Meinung
nach auch die Sicherheit der Länder außerhalb des
Nahen Ostens verbessern wird.
Die Unterstützung der Reformen in der Sowjetunion
Jetzt möchte ich mich einer heute zentralen Frage
zuwenden - der Revolution in der Sowjetunion und der
Reaktion des Westens.
Ich beginne mit zwei deutlichen Trends, die wir im
vergangenen Jahr - wenn nicht seit längerer Zeit - in
der Sowjetunion beobachten konnten.
Erstens haben wir einen Zusammenbruch der alten
Quellen der Legitimität beobachtet. Politisch zeigte
sich dieser Zusammenbruch in dem Krieg der Gesetze
zwischen der Führung und den Republiken. Er zeigte
sich ebenfalls in der Zerstörung der kommunistischen
Partei als dem einzigen Machtzentrum in der politischen Kultur der Sowjetunion. Wirtschaftlich wurde
die Legitimität des Systems zerschlagen, als die alte
Kommandowirtschaft zerstört wurde, ohne daß sie
von neuen Gesetzen einer aufstrebenden Marktwirtschaft gefolgt worden wäre. Zusammengenommen
haben die politischen Probleme der Abspaltungen und
die wirtschaftlichen Probleme des Gefangenseins
zwischen Kommando- und Marktwirtschaft die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Führung in Moskau
unterhöhlt. Die Führung mußte erkennen, daß ihre
außergewöhnliche Rolle bei der Zerstörung des alten
Systems ihr nicht automatisch eine politische Legitimation im neuen System übertrug.
Der zweite Trend hat sich aus diesem Zusammenbruch traditioneller Strukturen ergeben: wir wurden
Zeuge eines neuen Pluralismus und vielleicht einer
neuen Legitimation in der Sowjetunion. An der Basis
gibt es erstmals politische und wirtschaftliche Reformen trotz der widersprüchlichen Signale von oben.
Dieser Pluralismus, in manchen Fällen eine Zersplitterung, tritt nicht nur in der nationalen Politik oder in den
Republiken sondern in vielen sozialen Gruppen auf.

Seite 4

Zum Beispiel sind die Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes keineswegs einer Meinung, sondern
dort gibt es sowohl traditionelle als auch reformistische
Elemente.
Im letzten Winter kam es zu einem Zusammenstoß
zwischen diesen beiden widersprüchlichen Trends.
Traditionalistische und dirigistisch orientierte Auffassungen erhielten im vergangenen Herbst und im Frühjahr Auftrieb. Aber die traditionalistischen Lösungen
für die Probleme der Legitimität scheiterten. Das
politische Durchgreifen im Baltikum und die Versuche
zur Einschüchterung der politischen Opposition in
Moskau brachten nur noch mehr Menschen auf die
Straße und unterhöhlten die Legitimation der Führung
noch weiter.
Eine Wirtschaft, der Umtausch von Banknoten per
Dekret und Angriffe auf angebliche Komplotte ausländischer Banken haben es nicht geschafft, das Abgleiten der Wirtschaft zu verhindern. Entsprechend schwand
der Einfluß der nationalen Führung.
Der Bergarbeiterstreik war möglicherweise die größte
Herausforderung für die Legitimation des Regimes,
denn er war sowohl politisch als auch wirtschaftlich
eine Herausforderung für Moskau und ein offener
Angriff auf die Legitimation der Führung. Paradoxerweise markierte er den Anfang eines Wendepunkts in
der sowjetischen Politik.
Denn die Atmosphäre des Bergarbeiterstreiks brachte
am 23. April die Vereinbarung "Eins plus Neun" hervor
- möglicherweise der erste Schritt zur Lösung des
Problems zwischen dem Zentrum und den Republiken. Das Abkommen selbst enthält die nächsten
Schritte - einen neuen Unionsvertrag, eine neue Verfassung und dann Wahlen, die - wenn sie durchgeführt
werden - möglicherweise eine neue politische Legitimität in der Sowjetunion schaffen können.
Aber dies wäre immer noch lediglich eine Rechtsordnung. Sie mü ßte durch eine Struktur von Organisationen vervollständigt werden, ähnlich dem Abkommen
zwischen der Führung und den Republiken über Haushalte und Entscheidungsbefugnis zum Beispiel bei
Eigentumsfragen.
Damit müssen auch politische Reformen einhergehen.
Und auch diese sind mitreißend. Zum Beispiel werden
neue marktwirtschaftliche Programme von Leuten wie
Jawlinsky erwogen. Der Erfolg dieser reformorientierten Politik hängt vollständig von der kontinuierlichen
politischen Wiederannäherung innerhalb der Sowjetunion ab. Und natürlich werden der Erfolg von Perestrojka und Präsident Gorbatschows davon abhängen,
ob sich diese neuen Tendenzen der letzten sechs
Wochen durchsetzen können.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich verpflichtet, sie zu
unterstützen.

AMERIKA DIENST23

�Niemand kann in die Zukunft schauen und uns den
Erfolg sichern. Aber wir vertreten die Auffassung, daß
es sich bei der Sowjetunion um ein Land handelt, das
reich an Bodenschätzen und talentierten Menschen
ist, ein Land, das sich selbst in eine demokratische und
wohlhabende Gesellschaft verwandeln könnte.
Um dieses Potential zu nutzen, müssen die Sowjets
etwas unternehmen, um eine echte Marktwirtschaft
mit Privateigentum, Anreizen, allgemeingültigen Gesetzen über Handel und Wettbewerb, ein gesundes
Währungssystem und reelle Preisen zu schaffen.
Um im In- und Ausland einen angemessenen politischen Kontext zu schaffen, sollten die Sowjets ihre
Bestrebungen fortsetzen, einen Staat auf der Basis
von Rechtstaatlichkeit aufzubauen und freie und faire
Wahlen anstreben.
Moskau muß auf friedlichem Wege, durch Dialog und
Verhandlungen dem Wunsch der Baltenstaaten gerecht werden und einen Unionsvertrag abschließen,
dem zufolge die Republiken die von ihnen angestrebte
Autonomie erhalten.
Moskau sollte seine positive Orientierung in der Außenpolitik beibehalten und die deutlichsten Relikte des
Zeitalters der Stagnation beseitigen, indem es Regimen die Unterstützung aufkündigt, die im Inland Zuflucht zu Repressalien nehmen und im Ausland Subversion betreiben.
Darüber hinaus müssen die Sowjets ihre Bemühungen
zur Umwandlung ihrer Verteidigung beschleunigen
und sich dazu verpflichten, einmal ihren Verteidigungshaushalt offenzulegen und zum anderen den Anteil
ihres BSP für Verteidigungsausgaben erheblich zu
senken. Die Sowjets müssen den Willen entwickeln,

*

AMERIKA DIENST 23

einer neuen Zukunft den Weg zu bereiten - sie müssen
zur Selbsthilfe greifen.
Wenn sie das tun, werden wir sie unterstützen. Wir
können als Katalysator für politische und wirtschaftliche Reformen dienen. Tatsächlich entwickeln wir ein
Paket von Hilfsmaßnahmen, von dem wir hoffen, es
mit Ihnen und anderen koordinieren zu können. Aber
ich glaube nicht im Ernst daran, daß wir Reformen in
der Sowjetunion mit einem Schlag auf den Weg bringen können. Wir müssen uns bewußt sein, daß diese
Veränderungen Arbeit für lange Zeit bedeuten. Bei
unserer täglichen Arbeit wird der Prozeß - mit seinem
gro ßen Ziel - eher Schritt für Schritt erfolgen, aber das
ist ein realistischer und durchführbarer Ansatz.
Darüber hinaus müssen wir diese neue, pluralistische
sowjetische Gesellschaft dafür gewinnen, Reformen
zu unterstützen, wo immer sie sich ankündigen. Deshalb
müssen wir die Beziehungen verbessern. Zusammenarbeit ist ein Weg, wie wir den sowjetischen Militärund Verteidigungssektor einbinden können, um Mißtrauen und Angst abzubauen und die Zusammenarbeit
auf beiden Seiten zu fördern.
Wir sind uns der schwierigen Wahl bewu ßt, vor der die
Sowjetunion steht. Darüber hinaus sind wir uns bewußt, wie schwer sich der Übergang zur Marktwirtschaft gestalten wird. Aber wir werden nicht untätig
zusehen, wie die Sowjets mit diesen Fragen politischer
und wirtschaftlicher Legitimität fertigwerden. Perestrojka könnte die wichtigste Revolution dieses Jahrhunderts sein. Für uns alle steht hier viel auf dem
Spiel. Und die NATO muß eine Schlüsselfunktion bei
der Schaffung eines Europas und einer transatlantischen Gemeinschaft übernehmen, die auch die Sowjetunion einbezieht und die wirklich ungeteilt und frei
ist.

* * *

*

Seite 5

�GOLFKRISE
12. Juni 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom 16. bis 31. Mai 1991
Nachfolgend veröffentlichen wir die letzte Chronologie zu den Ereignissen am Golf.

17. Mai
Der Irak stimmt einem rigorosen System von UNInspektionen seiner militärischen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu. Diese sollen von einer internationalen Kommission durchgeführt werden, die beauftragt wird, die gefährlichsten Waffen des Iraks zu
lokalisieren und zu zerstören. Die Durchführungsbestimmungen, denen der Irak zugestimmt hat, werden
für künftige Inspektionsteams einen Präzedenzfall
schaffen.
Der Schwede Rolf Ekeus als Leiter der vom Sicherheitsrat zur Überwachung der Zerstörung irakischer
Waffen eingesetzten Kommission erklärt, Bagdad habe
alle seine Forderungen angenommen und damit die
fortgesetzte Arbeit seiner Kommission gestattet. Durch
eine Aussetzung der Inspektionen hätte sich der Irak
einer Verletzung der Resolution 678 des Sicherheitsrats schuldig gemacht, in der die Bedingungen der
Alliierten für eine Aufhebung der Wirtschaftssanktionen enthalten sind und die Bagdad im Gegenzug für
einen Waffenstillstand im Golfkrieg akzeptiert hatte.
21. Mai
Botschafter Thomas Pickering fordert den Irak auf,
"die allgemeinen Normen zivilisierten Verhaltens einzuhalten und jedem seiner Bürger die volle Achtung
der Menschenrechte und Grundfreiheiten zu garantieren", insbesondere der kurdischen Minderheit.
In einer Rede vor dem Wirtschafts- und Sozialrat der
Vereinten Nationen (ECOSOC) erklärt Pickering, die
irakische Unterdrückung der Kurden beweise die
Verachtung der irakischen Regierung für die Appelle
der internationalen Staatengemeinschaft zur Beendigung willkürlicher Verhaftungen und Exekutionen von

AMERIKA DIENST 23

politischen und religiösen Regimegegnern und vollen
Einhaltung der Menschenrechte aller Bürger.
Die von den Vereinten Nationen und anderen gewährte Interimshilfe für die Kurden sei keine Lösung, erklärt
Pickering.
22. Mai
Der Kongreß verabschiedet ein Gesetz, das 571 Millionen Dollar an Hilfe für Flüchtlinge im Irak und seinem
Grenzgebiet vorsieht.
Nach seiner Unterzeichnung durch den Präsidenten
würden im Rahmen dieses Gesetzes 320,5 Millionen
Dollar aus dem Regionalen Verteidigungsfonds für
den Persischen Golf überwiesen, um die Ausgaben
des Verteidigungsministeriums zu decken. Die amerikanischen Streitkräfte haben nach der Niederlage der
irakischen Armee gegen die Koalitionsstreitkräfte Hilfe
für Menschen bereitgestellt, die durch Saddam Husseins Truppen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Das Gesetz sieht darüber hinaus die Bereitstellung
von 16 Millionen Dollar für militärische Hilfsorganisationen vor. Ferner werden 67 Millionen Dollar an
internationaler Katastrophenhilfe, 75 Millionen Dollar
an Migrations- und Flüchtlingshilfe, 68 Millionen für
den amerikanischen Flüchtlings- und Migrationshilfefonds sowie 25,5 Millionen Dollar für die internationalen Maßnahmen zur Friedensbewahrung in und um
den Irak bewilligt.
24. Mai
Aufgrund eines Abkommens mit der irakischen Regierung treffen alliierte Truppen in Begleitung eines irakischen Generals in Dahuk ein, um die Grundversorgung wiederherzustellen und etwa 200.000 Flüchtlin-

Seite 1

�ge zur Heimkehr zu ermutigen. Ferner sollen sie mit
der Beseitigung von Minen und Blindgängern beginnen, Stromversorgungs- und Sanitäreinrichtungen
wiederherstellen und "Aufnahmezentren" für heimkehrende kurdische Flüchtlinge aufbauen.
UN-Vertreter in Dahuk erklären, daß von den ehemaligen 250.000 bis 270.000 Einwohnern Dahuks etwa
45.000 zurückgekehrt seien, darunter 12.000 allein in
den letzten drei Tagen.

29. Mai
Vor einer Abschlußklasse der US Air Force Academy
in Colorado Springs schlägt Präsident Bush einen
Abbau von Massenvernichtungswaffen sowie eine
Verringerung der konventionellen Rüstungen im Nahen Osten vor.

Die amerikanische Rüstungskontrollinitiative fordert
alle Staaten, die Waffen an Länder des Nahen Ostens
liefern, dazu auf, Richtlinien für Lieferanten zu erarbeiten. Der Präsident fordert das sofortige Einfrieren
28. Mai
sowie ein späteres Verbot der Boden-Boden-Raketen
Dem Sprecherdes Verteidigungsministeriums, Robert in der Region. Darüber hinaus verlangt er ein Verbot
Hall, zufolge haben insgesamt464.000 amerikanische der Herstellung von Material für Kernwaffen, wie etwa
Soldaten, die an der Operation Wüstensturm teilnah- angereichertem Uran oder geschiedenem Plutonium.
men, inzwischen die Region am Persischen Golf verlassen. 76.000 Soldaten, 14 Prozent der ursprünglich Bush erklärt, er werde sich für die Verwirklichung
entsandten Streitmacht, sind noch in diesem Gebiet dieser Ziele einsetzen, gleichzeitig aber "das legitime
stationiert. Etwa die Hälfte der verbleibenden Truppen Recht jedes Staats auf Selbstverteidigung unterstütsind Reservisten.
zen".

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AMERIKA DIENST 23

�WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
12. Juni 1991

HILLS FORDERT AKTIONSPLAN BIS ZUM 31. JUL11991
Rede der US-Handelsbeauftragten beim OECD-Ministertreffen
PARIS - (AD) - Die US-Handelsbeauftragte Carla Hills hat die Unterhändler bei den Handelsgesprächen
aufgefordert, sich bis zum 31. Juli 1991 auf einen Aktionsplan zu einigen, um Versprechen für den Abbau von
handelsverzerrenden Subventionen einzulösen.
Beim jährlichen OECD-Ministertreffen am 4. Juni erklärte sie, die Teilnehmer der Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche sollten ebenfalls bis zum 31. Juli übereinkommen, bilaterale Verhandlungen über Dienstleistungen und Marktzugang zu beschleunigen.
"Wir brauchen keinen Termin, der unzureichende Ergebnisse hervorbringt wir brauchen vielmehr angemessene Ergebnisse, die einen Termin zulassen," betonte Hills.
Als ersten in einer Reihe von Beiträgen zum bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel veröffentlichen wir nachfolgend Botschafter Hills' Rede im Wortlaut.

Wie können wir die Uruguay-Runde erfolgreich zum
Abschluß bringen?
Manche haben den Schluß gezogen, wir sollten als
Ergebnis von Brüssel unsere Erwartungen herunterschrauben. Aber Brüssel hat uns gelehrt, daß ein
Minimalpaket in der Uruguay-Runde nicht möglich ist:
die Entwicklungsländer werden der Öffnung ihrer Märkte
für Waren und Dienstleistungen der OECD-Länder nur
zustimmen, wenn es in den Bereichen Landwirtschaft
und Textilien zu akzeptablen Vereinbarungen kommt.
Eine ähnlich wichtige Lektion haben wir in der jüngsten
Debatte um die Verlängerung unseres Fast-trackVerhandlungsmandatsgelernt: Kongreßabgeordnete
werden ein Paket der Uruguay-Runde nur akzeptieren,
wenn es die Weltmärkte für alle Betroffenen in erheblichem Maße öffnet: Landwirte, Industriebetriebe,
Dienstleistungsuntemehmen und Investoren.
Wenn wir die Runde also erfolgreich abschließen
wollen, müssen wir uns heute auf einen Aktionsplan
einigen, um in jedem wichtigen Verhandlungsbereich
den größtmöglichen Zugang zu erlangen.
In der Landwirtschaft bleiben die Öffnung der Märkte
und der Abbau von Subventionen der Schlüssel für den
Erfolg der Runde. Wir müssen nicht nur die Gespräche
an sich vorantreiben, sondern auf der politischen Ebene
Grundsatzentscheidungen treffen.

AMERIKA DIENST 23

Beim Marktzugang wird die Verringerung und der
Abbau von Hemmnissen in Schlüsselbereichen der
Industrie dem gesamten Paket der Uruguay-Runde
Unterstützung sichern. Für uns bedeutet das, wir
müssen substantielle Forschritte bei der Initiative erzielen, mit der in Schlüsselsektoren Zölle auf der Basis
der Gegenseitigkeit ("zero for zero") abgeschafft werden.
Dies wird den Handel fördern und den OECD-Mitgliedern jährlich Milliarden Dollar an Zollabgaben einsparen. Die OECD-Länder müssen dabei die Führungsrolle übernehmen und ein umfassendes Paket schnüren, das im Sinne ihrer Geschäftsinteressen liegt und
die Beteiligung der Entwicklungsländer gewährleistet.
Bei den Dienstleistungen ist ein besserer Zugang
entscheidend, wenn wir die Unterstützung unserer
Dienstleistungsunternehmen erhalten wollen. Gegenwärtig finden 31 bilaterale Verhandlungen zwischen
den Vereinigten Staaten und anderen Ländern statt,
um die Märkte für Dienstleistungen zu öffnen, aber
unter diesen 31 Ländern finden keine Verhandlungen
statt. Wenn wir die Märkte für Dienstleistungen weltweit öffnen wollen, muß die OECD energisch und
unverzüglich Verhandlungen mitsovielen Ländern wie
möglich aufnehmen.
Im Bereich der staatlichen Beschaffung müssen wir
die ungeheuren Märkte öffnen, die durch staatliche
Monopole abgeschottet sind, insbesondere in den
Bereichen Telekommunikation und Stromversorgung.
Seite 1

�Darüber hinaus waren wir zu Beginn der UruguayRunde bestrebt, das Niveau beim internationalen Schutz
geistigen Eigentums für die Ideen und Produkte unserer Erfinder zu heben. Heute sind jedoch einige
Teilnehmer bereit, geringe Schutzmaßstäbe in Kauf zu
nehmen, nur um ein Abkommen zu erzielen. Wir sind
gegen diesen Ansatz. Ein GATT-Abkommen über
handelsbezogenes geistiges Eigentum (TRIPs) ist nur
von Wert, wenn es Weltklassestandard garantiert und
von allen Ländern befolgt wird. Die OECD-Länder
müssen die Führung übernehmen, um ein solches
Ergebnis zu gewährleisten.
Daraus folgt, daß ein Minimalpaket bei der UruguayRunde nicht geeignet ist. Aber die Vereinbarung eines
Abkommens zu einem umfassenden Paket erfordert
jetzt sowohl im politischen als auch im technischen
Bereich große Anstrengungen. Wenn wir auf den
erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde hoffen,
müssen wir uns auf einen Aktionsplan mit Bezugsgrößen in wichtigen Bereichen einigen. Bis zum 31. Juli
sollten wir die folgenden Schritte vereinbart haben:
In der Landwirtschaft müssen wir uns auf Mechanismen einigen, um die Versprechen in je-

dem der drei Verhandlungsbereiche, zum Umfang jährlicher Reduzierungen, dem Zeitraum
des Beginns der Reduzierungen und einem
Text über Gesundheit und Sicherheit einzulösen.
Bei den Dienstleistungen müssen wir uns auf
mehr Engangement bei bilateralen Gesprächen
über Zugang verständigen und ein Rahmenwerk vereinbaren.
Beim Marktzugang müssen wir vereinbaren,
unsere bilateralen und multilateralen Verhandlungen zu beschleunigen, die Fragen der Zollhöchstsätze und der Aufhebung von Zöllen auf
der Basis der Gegenseitigkeit sowie einen multilateralen Text über Stahl auszuhandeln, der
eine Zero-Zollkomponente enthält.
Dies sind Schlüsselbereiche, in denen wir das Tempo
der Verhandlungen beschleunigen müssen, aber auf
der ganzen Linie besteht Handlungsbedarf. Wir brauchen keinen Termin, der unzureichende Ergebnisse
hervorbringt wir brauchen vielmehr angemessene
Ergebnisse, die einen Termin zulassen.

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Seite 2

*

AMERIKA DIENST 23

�USA

-

EUROPA
12. Juni 1991

DIE POLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN
DEN USA UND EUROPA
von Robert E. Hunter
WASHINGTON (AD) - Der Autor ist Vizepräsident der Abteilung regionale Programme und leitet die Unterabteilung Europastudien beim Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington.

Seit über 40 Jahren sind die Vereinigten Staaten
aktiver Verfechter der europäischen Bewegung, aus
der die Europäische Gemeinschaft hervorgegangen
ist. Heute stellen sich jedoch neue Fragen über die
Zukunft dieser einzigartigen transatlatnischen Beziehungen. Diese Fragen erlangen zum gegenwärtigen
Zeitpunkt besondere Bedeutung, da der kalte Krieg
beendet ist und Institutionen für die gemeinsame Sicherheit des Westens zunehmend unwichtiger werden.
Die meisten Analysen zur Europäischen Gemeinschaft
und ihren Beziehungen zu den Vereinigten Staaten
konzentrieren sich auf den Bereich der Wirtschaft.
Dieser Schwerpunkt gewinnt aus zwei Gründen mehr
Nachdruck: durch die Einheitliche Europäische Akte
und den Aufstieg der Geoökonomie. Die erstere
verspricht, die EG in einen echten Binnenmarkt zu
verwandeln, in dem Waren, Dienstleistungen, Kapital
und Arbeitskraft frei zirkulieren. Damit wird die Gemeinschaft sowohl ein besserer Konkurrent in der
Wirtschaft als auch ein Partner der Vereinigten Staaten. Die letztere Entwicklung - der Aufstieg der Geoökonomie - ist weniger offensichtlich und ohne genaue
Definition. Trotzdem ist sie zwingend, da der kalte
Krieg und die Beschäftigung mit einer Konfrontation
durch die Sowjetunion einer größeren Rolle der Wirtschaft Platz gemacht hat, um die Weltpolitik und damit
die transatlantischen Beziehungen zu gestalten.
Beide Phänomene - die Einheitliche Europäische Akte
und Geoökonomie - werden im Hinblick darauf erörtert,
welche wirtschaftlichen Auswirkungen sie auf die
Beziehungen zwischen der EG und den Vereinigten
Staaten haben. Weniger bewußt sind einige der
wichtigen politischen Entwicklungen in den BeziehunAMERIKA DIENST 23

gen zwischen diesen beiden wirtschaftlichen Riesen.
Dennoch werden sie für die Bestimmung der Zukunft
der transatlantischen Beziehungen genauso wichtig
sein.
Die Geschichte zuerst. Ebenso wie ihre europäischen
Partner hatten die Vereinigten Staaten politische Gründe für die Unterstützung der Bestrebungen, die zur
Schaffung der Europäischen Gemeinschaft führten.
Auf dem Kontinent war die ursprüngliche Triebfeder für
die Montanunion, die Europäische Gemeinschaft und
Euratom größtenteils der Wunsch, einen Krieg zwischen Deutschland und seinen Nachbarn fortan auszuschließen. Man wollte die Kluft beseitigen, die
zwischen 1870 und 1945 zu drei Kriegen in Europa
geführt hatte. Die europäische Integration im Bereich
der Wirtschaft war ein funktionales Mittel für dieses
politische Ziel, indem sie Schritt für Schritt die souveränen Rechte jedes Mitgliedstaates im Rahmen eines
größeren Vorhabens unterdrückt. Der Erfolg dieser
Maßnahme läßt sich mit der relativen Leichtigkeit vergleichen, mit der sich die Länder Westeuropas an die
deutsche Einheit angepaßt haben.
Die Vereinigten Staaten hatten ein ähnliches Motiv für
die Unterstützung der europäischen Integration, haben
aber den Wert des wirtschaftlichen Fortschritts betont,
mit dessen Hilfe europäische Gesellschaften den
Übergriffen der Sowjetunion widerstehen und sich an
der westlichen Sicherheit beteiligen sollten.
Dennoch bestand immer ein grundlegendes Problem
im Hinblick auf die jeweiligen Motive der Europäer und
Amerikaner für die Unterstützung der europäischen
Integration und der Gemeinschaft. Eine Reihe von USRegierungen hat die Idee eines starken Westeuropas
Seite 1

�auch verbal unterstützt, das - um einen bekannten
Satz zu zitieren - damit zu einem zweiten "Eckpfeiler"
innerhalb der NATO werden könnte. In Washington
bestand jedoch auch der Wunsch, eine Führungsrolle
im Bündnis und erheblichen Einfluß auf seine Entwicklung und seine Maßnahmen beizubehalten. Deshalb
haben die Vereinigten Staaten in der Praxis nicht
immer Schritte in Richtung auf die europäische Einheit
unterstützt, auch wenn sie das Konzept theoretisch
billigten. Dieser Konflikt zwischen Theorie und Praxis
beschränkte sich nicht nur auf die Wirtschaft - wäre
eine starke, einheitlichere EG nicht auch ein stärkerer
Konkurrent? -, er hat auch die transatlantischen politischen Beziehungen beeinflußt.
Über all die Jahre lieferte die Europäische Politische
Zusammenarbeit (EPZ), die Bestrebung der Gemeinschaft um eine gemeinsame Außenpolitik, das anschaulichste Beispiel für dieses Problem der Motive.
Theoretisch haben die Vereinigten Staaten diesem
Mechanismus zugestimmt. Man war mit den Leistungen der EPZ zur Koordinierung der Ansichten von
Mitgliedstaaten für die KSZE-Folgekonferenzen zufrieden. Aber die Vereinigten Staaten waren weniger
zufrieden mit verschiedenen EPZ-Erklärungen über
arabisch-israelische Friedensbestrebungen, wo die
Vereinigten Staaten als au ßenstehender Unterhändler
große Verantwortung übernehmen mußten. Bei einer
Gelegenheit, der Erklärung der Staats- und Regierungschefs der EG 1980 in Venedig, waren die Vereinigten Staaten ziemlich unzufrieden mit dem, was sie
als europäische Einmischung in Verhandlungen über
die West Bank und den Gazastreifen betrachteten, die
sich damals an einem kritischen Punkt befanden.
Im allgemeinen war den Vereinigten Staaten die von
ihnen wahrgenommene übertriebene Geheimniskrämerei der europäischen Länder bei ihrer Arbeit in der
EPZ egal. Natürlich war ein Motiv der EPZ die Entwicklung einer gemeinsamen Außenpolitik unter den Ländern der Gemeinschaft, die sich von der Außenpolitik
der Vereinigten Staaten unterscheiden würde. Die
EPZ würde die europäische Integration fördern und
darüber hinaus symbolisieren, daß die Europäische
Gemeinschaft unabhängig von der NATO eine eigene
Organisation ist.
Diese unterschiedlichen Ansichten über den Prozeß
der Europäischen Politischen Zusammenarbeit wurden teilweise mit der Verabschiedung des sogenannten Troika-Prinzips gelöst: Es sollte Gespräche mit
den Vereinigten Staaten über Fragen innerhalb der
Kompetenz der EPZ geben, aber nur mit anerkannten
Politikern der Gemeinschaft. Damit waren der gegenwärtige Präsident des Europarats sowie seine unmittelbaren Vorgänger oder Nachfolger gemeint.
Das Ende des kalten Krieges hat all die Fragen einer
europäischen Außenpolitik und der politischen Beziehungen der Europäischen Gemeinschaft zu den Vereinigten Staaten wieder in den Vordergrund treten lasSeite 2

sen. Natürlich erfüllt die NATO weiterhin ihre Aufgabe
als wichtige Sicherheitsinstitution des Westens. Diese
Rolle ist soeben durch die Erklärung bekräftigt worden,
daß die NATO einen multinationalen Schnellen Eingreifverband gründen will und US-Streitkräfte weiterhin auf dem Kontinent stationiert sind.
Ein Gesichtspunkt der Nachkriegszeit ist für die transatlantischen Beziehungen von besonderer Bedeutung.
Die beherrschenden Themen von Diskussionen und
Debatten über den Atlantik hinweg - und diese werden
in Zukunft auch die politischen Beziehungen gestalten
- werden nicht die Sicherheit sondern die Wirtschaft
betreffen. Aus diesem Grund wird es für die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner nicht ausreichen, enge Bindungen sowie aktive und regelmäßige Konsultationen zu politischen Fragen innerhalb der
NATO zu haben. Es müssen darüber hinaus grundlegende, direkte institutionelle Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft entwickelt werden. Andernfalls werden
beide Seiten Gefahr laufen, aneinander vorbeizureden, einander mißzuverstehen und vielleicht sogar
Interessenkonflikten zu unterliegen, die sich aus Fehlurteilen im Hinblick auf das Zentrum politischer und
institutioneller Macht auf dem Kontinent ergeben. Mit
anderen Worten: das militärische Gewicht der Vereinigten Staaten auf dem Kontinent wird abnehmen.
Deshalb werden sie politischen Einfluß dadurch geltend machen müssen, daß sie stärker mit der Europäischen Gemeinschaft und ihren Institutionen zusammenarbeiten, anstatt sich hauptsächlich auf die NATO
zu stützen.
Vor diesem Hintergrund war es logisch, daß die Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft
den Wert einer formellen institutionellen Basis ihrer
Beziehungen erkannten. Dies sollte mit der Erklärung
über die Beziehungen zwischen EG und Vereinigten
Staaten erreicht werden, die beim Pariser Gipfel am
20. November 1990 verabschiedet wurde. Diese
Erklärung umreißt die gemeinsamen Interessen und
Ziele, enthält einige allgemeine Prinzipien der Beziehungen zwischen USA und EG, betont die Notwendigkeit wirtschaftlicher, bildungspolitischer, wissenschaftlicher und kultureller Zusammenarbeit, trägt einigen
weitgespannten gemeinsamen Interessen wie Bekämpfung des Terrorismus und Verhinderung der Verbreitung von Kernwaffen Rechnung und definiert einen
institutionellen Rahmen für die Beziehungen.
Trotzdem haben nur wenige auf beiden Seiten des
Atlantiks das Dokument gelesen, und bisher hat es
nahezu keine Auswirkungen gehabt. Dies läßt sich
teilweise darauf zurückführen, daß die Erklärung wenig
Neues enthält. Selbst der institutionelle Rahmen ist
auf verschiedene Treffen und Konsultationen zwischen den Vereinigten Staaten und Vertretern der EG
begrenzt, von denen die meisten bereits früher existierten. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß die
Erklärung keinerlei gegenseitige Verpflichtungen im
AMERIKA DIENST 23

�Hinblick auf die Substanz der transatlantischen Beziehungen enthält, außer in sehr allgemeinen und ungenauen Formulierungen. Das Dokument beinhaltet
darüber hinaus nur wenig, was für die Beziehungen
zwischen USA und EG richtungweisend sein könnte.

,

i

Die relative Schwäche der Erklärung zu den Beziehungen zwischen USA und EG läßt sich darüber hinaus
mit dem ehernen Gesetz der Institutionen erklären:
Sie können nur dann funktionieren, wenn sie einen
echten Bedarf erfüllen. Sowohl die NATO als auch die
EG werden diesem Kriterium gerecht - besonders
letztere, da sie sich mit der Zeit fortentwickelt hat,
indem sie überarbeitet wurde, wann immer sich neue
Möglichkeiten der Integration ergaben. Unter diesem
Gesichtspunkt befinden sich die Beziehungen zwischen EG und Vereinigten Staaten immer noch in
einem Übergangsstadium und entziehen sich deshalb
Bemühungen, sie auf einen formellen Verfahrensrahmen zu reduzieren. Im Zeitalter nach dem kalten Krieg
muß noch mehrZeit vergehen, bis die politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten des Atlantiks die neuen
Imperative einer besser definierten und institutionalisierten Beziehung über den Atlantik hinweg deutlicher
erkennen können. Darüber hinaus haben sich die
Vereinigten Staaten noch nicht damit abgefunden, daß
sich ihr politischer Einfluß im militärischen Bereich
verringert hat. Es wird noch nicht akzeptiert, daß die
Europäische Gemeinschaft mit der Zeit ihr wichtigster
Partner in Europa werden muß.
Dieser Prozeß einer Anpassung des Charakters der
amerikanischen Beziehungen mit den europäischen
Partnern kommt heute sehr lebendig in der Debatte
über die europäische Sicherheit zum Ausdruck. Die
Vereinigten Staaten gehen weiterhin vom Primat der
NATO als westlicher Sicherheitsinstitution aus. Einige
amerikanische Vertreter sind sogar der Ansicht, sie
solle exklusiv diese Rolle spielen. In Westeuropa
besteht hingegen erhebliche Unterstützung für andere
Ideen, sei es als Ergänzung zur NATO oder in Form
von Alternativen. Im Hinblick auf Sicherheitsfragen,
die auf den westlichen Teil des Kontinents begrenzt
sind, geht ein Gedanke davon aus, die Entwicklung
einer europäischen außen- und verteidigungspolitischen Identität voranzutreiben. Dabei gehen konkrete
Vorschläge aus den Diskussionen der Zwischenstaatlichen Konferenz II hervor, deren Arbeit dieses Jahr
abgeschlossen werden soll. Eine weitere wichtige
Idee besteht darin, die Westeuropäische Union (WEU),

*

AMERIKA DIENST 23

* *

zu der neun von zwölf EG-Staaten gehören, als stillschweigende Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft zu benutzen, um die Sicherheit im Westen des
Kontinents zu organisieren.
Gegenwärtig lehnen die Vereinigten Staaten jedoch
beide Vorschläge deshalb ab, weil sie die Rolle der
NATO reduzieren würden. Das amerikanische Argument wird meistens in Hinweise auf Effizienz, Wirksamkeit, Glaubwürdigkeit und die Forderung gekleidet, die Unterstützung der amerikanischen Bevölkerung für eine amerikanische Truppenpräsenz in Europa zu erhalten. Es besteht aber daneben auch die
Besorgnis, daß etwa eine gestärkte WEU den amerikanischen Einfluß bei den Partnern verringern könnte.
Dies wird jedoch so oder so geschehen, insbesondere
da sich die wichtigsten, die Verbündeten betreffenden
Fragen vom Bereich der Ost-West-Sicherheit zur
Wirtschaft verlagern. Diese Abnahme des amerikanischen Einflusses wird sich noch beschleunigen, wenn
die Vereinigten Staaten weiterhin nur eine bescheidene Rolle in dem Bereich spielen, der von den Westeuropäern als primäre "Sicherheits"-Frage betrachtet
wird: der Notwendigkeit, den osteuropäischen Staaten beim Aufbau neuer Demokratien und der Entwicklung von Marktwirtschaften zu helfen.
Es wäre für die Amerikaner wesentlich besser, wenn
sie die Idee paralleler Strukturen unterstützen würden
- die NATO und irgendeine westeuropäische Sicherheitsinstitution. Wenn sich die Sowjetunion weiterhin
strategisch aus Europa zurückzieht und die EG an
Stärke und Geschlossenheit zunimmt, könnte die
europäische Sicherheitsinstitution - die WEU oder ein
Gebilde, das direkter in die EG integriert ist - natürlich
an Bedeutung gewinnen und gleichzeitig Vebindungen
zu den Vereinigten Staaten beibehalten.
Obwohl dies gegenwärtig eine heikle Frage ist, nimmt
sie sich doch im Vergleich zu den Krisen, die im
Atlantischen Bündnis während des kalten Kriegs auftraten, ziemlich geringfügig aus. Es gibt kaum Zweifel
daran, daß bei gutem Willen und geistiger Flexibilität
auf beiden Seiten des Atlantiks ein relativ glatter
Übergang zu einem Zeitalter möglich ist, in dem die
transatlantischen Beziehungen nicht von der NATO,
sondern von Bindungen - formeller und informeller
Natur - zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Gemeinschaft bestimmt werden.

*

*

Seite 3

�</text>
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                <text>Amerikadienst 12.06.1991</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO und Gipfeltreffen beim Treffen des Nordatlantikrats erörtert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Außenminister Baker&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;NATO besitzt Schlüsselfunktion für Einigung Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Außenminister Baker bei der NATO-Außenministerkonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Golfkrise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Ereignisse vom 16. bis 31. Mai 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Weltwirtschaftsgipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hills fordert Aktionsplan bis zum 31. Juli 1991&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Handelsbeauftragten beim OECD-Ministertreffen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die politischen Beziehungen zwischen den USA und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert E. Hunter&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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24

19. Juni 1991

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USA-EUROPA

DIE EURO-ATLANTISCHE ARCHITEKTUR:
VON WEST BIS OST
Rede von Außenminister Baker
in Berlin

SOWJETUNION

USA UNTERSTUTZEN SOWJETISCHE
REFORMEN POLITISCH UND
WIRTSCHAFTLICH
Baker vor Unterausschuß des Senats

NACH DEM GOLFKRIEG

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN
NACH DEM GOLFKRIEG
von Jeffrey Alderman

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN
NACH DEM GOLFKRIEG
Interview mit Richard Wirthlin
AMERIKANISCHE POLITIK NACH DEM
GOLFKRIEG: DIE SICHT DER
DEMOKRATEN
Interview mit Geoffrey Garin

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA - E U R O P A
19. Juni 1991

DIE EURO-ATLANTISCHE ARCHITEKTUR:
VON WEST BIS OST
Rede von Außenminister Baker in Berlin
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Au ßenminister Baker beim Aspen-Institut in Berlin
vom 18. Juni 1991 im Wortlaut.

Ich freue mich, wieder in Berlin zu sein. Bei meinem
Besuch im Jahr 1989 war die Mauer gerade zu einem
Tor geworden. Als ich im Jahr 1990 zurückkehrte,
nahm ich an den Verhandlungen zur Überwindung der
Teilung dieser Stadt, dieser Nation, dieses Kontinents
teil. Und heute, im Jahr 1991, habe ich die Ehre, an
einem Treffen in der Hauptstadt des vereinigten Deutschlands teilzunehmen.

stützung, um dauerhafte Demokratien hervorzubringen. Die Perestrojka bedarf unserer Ermutigung, um
weiter in Richtung auf eine freie Gesellschaft und freie
Märkte voranzuschreiten.

So bedeutend diese Fortschritte auch waren: An diesem Ort haben wir noch etwas anderes von dauerhafter Lebensfähigkeit geschaffen. Für Amerikaner ist
Berlin weit mehr als eine Stadt. Berlin ist Geburtsort
eines besonders engen Verhältnisses zwischen Deutschen und Amerikanern. Hier an diesem Ort haben
Deutsche und Amerikaner, die einstmals Gegner waren,
einander beigestanden. An diesem Ort haben wir
gelitten, geteilt und für die Freiheit gestritten.

Präsident Bush hat in Prag über einen "neuen Staatenbund der Freiheit... beruhend auf gemeinsamen Prinzipien ... die unsere gemeinsamen Werte verkörpern"
gesprochen.

Hier begründeten wir die transatlantische Gemeinschaft. Und von hier aus müssen wir sie weiter
ausbauen.
Als ich im Dezember 1989 in Berlin sprach, legte ich
unsere Gedanken über die Architektur eines neuen
Europas und eines neuen Atlantizismus dar. Im Hinblick auf diese Architektur für die Zeit nach dem kalten
Krieg haben wir bemerkenswerte Fortschritte erzielt.
Doch unsere Vision muß darüber hinausgehen.
Wir müssen beginnen, die transatlantische Gemeinschaft auf Mittel- und Osteuropa und die Sowjetunion
auszudehnen. Dies sind noch unvollständige Teile
unserer Architektur. Die Revolutionen der Freiheit in
Mittel- und Osteuropa erfordern unsere weitere Unter-

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Unser Ziel ist ein ungeteiltes und freies Europa sowie
eine Euro-Atlantische Gemeinschaft, die von Vancouver bis Wladiwostok reicht.

Hier, in den östlichen Ländern Deutschlands, beginnen wir, diese umfassendere Euro-Atlantische Gemeinschaft aufzubauen.
Das Engagement der Vereinigten Staaten für die
Vereinigung Deutschlands endete nicht mit der Ratifizierung des Zwei-plus-Vier-Vertrags. Aus diesem
Grund wollte ich heute selbst einigen Menschen in
Ostdeutschland zuhören und ihre Heimat mit eigenen
Augen sehen. Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten ein umfassendes Programm eingeleitet,
um allen Deutschen die Hand zu reichen.
Ich zweifle nicht daran, daß dieser Teil Deutschlands
in nicht allzu ferner Zukunft eines der wirtschaftlichen
Zugpferde Europas sein wird. An diesem Tag, so
glaube ich, werden Amerikaner und Deutsche gemeinsam an diesem Werk beteiligt sein.
Wir können uns jedoch nicht mit der Integration des
ganzen Deutschlands begnügen.

Seite 1

�Die Atlantische Gemeinschaft: Eine Wertegemeinschaft

Auflösung und Evolution des europäischen Nationalstaats

Für mich verkörpert das transatlantische Verhältnis
bestimmte allgemeingültige Ideale der Aufklärung. Diese
Werte gründen sich auf das Konzept der politischen
Rechte und wirtschaftlichen Freiheiten des einzelnen,
die in den europäischen Ideen des 17. und 18. Jahrhunderts wurzeln und zum ersten Mal in der neuen
amerikanischen Nation auf fruchtbaren Boden fielen.

Das vielleicht augenfälligste Phänomen in ganz Europa ist heute die Hand in Hand gehende Auflösung und
Evolution des Nationalstaats. Obwohl der Nationalstaat bei weitem die wichtigste politische Einheit bleibt,
wird seine politische Rolle zunehmend von supranationalen und subnationalen Einheiten ersetzt. Mit anderen Worten: Einige Funktionen des Nationalstaats
werden "nach oben" delegiert und andere "nach unten".

Obwohl diese Werte ursprünglich mit Westeuropa und
den Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht wurden, überschreiten sie nationale Grenzen. Diese
Ideale stehen in krassem Gegensatz zu einigen im
ausgehenden 19. Jahrhundert vertretenen Auffassungen über die wahren Qualitäten von Gesellschaften
und Völkern auf der Grundlage von Geschichte und
Erbgut, die angeblich ihren höchsten Ausdruck im
Staat finden konnten.
Es mag eine Ironie sein, daß der engstirnige europäische Nationalismus des 19. Jahrhunderts einer völlig
anderen, rationalistischen und universalistischen Ideologie weichen sollte, die ebenfalls nationale Grenzen
mißachtete: dem Marxismus. In der Sowjetunion
vermischten die Bolschewiki diese Ideologie mit einer
slawophilen Bewegung, die selbst eine Reaktion auf
angeblich fremde westliche Werte darstellte. Stalin
zwang halb Europa diese Ideologie auf. Heute sind
ihre Mißerfolge und ihr Zerstörungswerk jedermann
offensichtlich.
Als die Fesseln dieser gescheiterten Ideologie beseitigt oder zerschnitten waren-in Mittel- und Osteuropa,
der Sowjetunion selbst und in anderen Teilen der Welt
-, kehrten die alten Nationalismen und Animositäten
des 19. Jahrhunderts zurück. Diese Kräfte überschatten die neuen Demokratien, insbesondere diejenigen,
die danach trachten, in Vielvölkerstaaten Wurzeln zu
schlagen. Sie bringen Besorgnis über politische, wirtschaftliche und militärische Sicherheit zum Vorschein.
Sie riskieren neue Spaltungen in Europa.
Wir müssen diesen Völkern, die neue Werte wiederentdecken, auf denen sie pluralistische, demokratische und marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaften aufbauen können, eine Inspiration oder sogar ein
Ziel anbieten. Wir müssen ihren Platz in der neuen
Architektur definieren.
Unsere Architektur muß das seit langem bestehende,
im Harmel-Bericht von 1967 niedergelegte Ziel der
NATO - die Schaffung "einer gerechten und dauerhaften Friedensordnung in Europa" - verwirklichen. Um
dies zu leisten, müssen unsere Strukturen euro-atlantische politische und wirtschaftliche Werte sowie die
Ideale der Aufklärung fördern. Sie müssen die Komponenten eines ungeteilten und freien Europas festlegen.
Darüber hinaus müssen wir zeigen, wie die Integration
die neuen, aus alten Feindschaften herrührenden
Gefahren bewältigen kann.
Seite 2

In Westeuropa war dieser evolutionäre Prozeß eindrucksvoll. In den vergangenen vierzig Jahren haben
die Westeuropäer immer mehr Funktionen von der
nationalen auf die supranationale Ebene verlagert. Die
Europäische Gemeinschaft hat die historisch intensivste und umfassendste freiwillige Evolution der Regierungsgewalt über die nationale Ebene hinaus verwirklicht. Das Atlantische Bündnis hat seinerseits die
vielleicht grundlegendste zwischenstaatliche Zusammenarbeit zustande gebracht, denn es ist die NATO,
der Europäer wie Nordamerikaner nicht nur ihren
Wohlstand, sondern ihre persönliche und nationale
Existenz anvertraut haben.
In Westeuropa wurde die Evolution von der Auflösung
der Macht von Staats- und Gemeindeverwaltungen
zugunsten bisweilen grenzüberschreitender Regtonen
und des Privatsektors begleitet.
Dagegen ist die Auflösung staatlicher Macht in Mittelund Osteuropa ein wesentlich augenfälligeres Phänomen. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus
trat die Volkszugehörigkeit erneut als mächtige politische Kraft auf, die neue Trennungslinien zwischen
Ländern und - was noch akuter ist - innerhalb von
Vielvölkerstaaten aufzuwerfen droht.
Aber sogar im Osten findet gleichzeitig ein Prozeß der
Evolution statt. Wir erleben die Anfänge eines Europas der Regionen, die einander sehr gut überschneiden können. Die Zusammenarbeit zwischen Polen,
Ungarn und der Tschechoslowakei, die Pentagonale
sowie die Sondierungen im Hinblick auf eine Zusammenarbeit der Ostseestaaten sowie der Länder am
Schwarzen Meer sind Beispiele frühzeitiger Bemühungen. Auch das Neun-plus-Eins-Abkommen in der
Sowjetunion ist ein erster Schritt, um die Legitimität
des multinationalen Staats auf der Grundlage des
freiwilligen Zusammenschlusses der einzelnen Teile
wiederherzustellen. Ferner ist das Interesse dieser
Staaten an einem Beitritt zu westlichem Institutionen
wie IWF, EG und OECD ebenfalls ein Beweis dieser
evolutionären Tendenz.
Evolution und Auflösung sind keine Alternativen sondern einander ergänzende und in der Tat von einander
abhängige Entwicklungen. Der Aufbau einer EuroAtlantischen Gemeinschaft kann nur dann auf demo-

AMERIKA DIENST 24

�kratischer Grundlage verwirklicht werden, wenn die
Basis an diesem Prozeß beteiligt wird. Aus diesem
Grund haben sich die Architekten des vereinten Europas das Prinzip der "Subsidiarität", in etwa vergleichbar mit dem amerikanischen "Federalism" - also der
Abtretung von Verantwortung auf die unterste Stufe
der Regierung, die in der Lage ist, diese Verantwortung
effektiv auszufüllen - zu eigen gemacht. Andererseits
wird der Prozeß der Auflösung von Macht im Osten zu
Zersplitterung und Konflikten führen und letztlich die
Demokratie bedrohen, wenn sie nicht mit der freiwilligen Delegierung von Macht auf nationale und sogar
supranationale Ebenen einhergeht - in solch grundsätzlichen Bereichen wie Verteidigung, Handel, Währung und Schutz grundlegender Menschenrechte,
insbesondere der von Minderheiten.
Die Vereinigten Staaten sind eine Nation der Ideen,
nicht der Abstammung, Herkunft oder Konfessionen.
Die Amerikaner wissen, daß viele Ebenen der Regierung effektiv koexistieren und kooperieren können und
deshalb der Aufbau einer starken Nation aus der
Vielfalt heraus möglich ist. In der gesamten EuroAtlantischen Gemeinschaft und tatsächlich auf der
ganzen Welt muß die grundlegende Aufgabe der
Demokratie ethnische Bande auf der Basis gemeinsamer - und viel stärker noch universeller Werte - umfassen und repräsentieren, aber auch überwinden.
Die Integration Westeuropas innerhalb der EG und der
NATO hat in der Tat all die alten territorialen Streitigkeiten, Gebietsansprüche und Minderheitenprobleme unter
den und innerhalb der Mitgliedstaaten überwunden.
Mit der euro-atlantischen Integration ist es wirklich
unvorstellbar geworden, daß regionale Streitigkeiten
eine Quelle ernsthafter Konflikte zwischen diesen
Ländern werden könnten. Die Anreize für eine Zusammenarbeit in diesem multi- und supranationalen Rahmen sind im Vergleich zu den noch verbleibenden
strittigen Bereichen unvergleichlich hoch. Wenn wir
vergleichbare Maßgaben für Frieden und Stabilität in
ganz Europa erreichen wollen, sollten vergleichbare
Strukturen eingeführt werden, um unter diesen Ländern eine Interdependenz zu gestalten und zu entwickeln.
Insgesamt müssen in Ost und West die Prozesse der
Entwicklung und Auflösung in einem konstruktiven
Gleichgewicht gehalten werden. Nur wenn in beide
Richtungen ausgewogene Fortschritte erzielt werden,
kann der einzelne eine Stimme bei der Führung einer
noch stärker voneinander abhängigen Welt bekommen.
Ich möchte mich nun den wesentlichen Strukturen
dieser Architektur zuwenden - NATO, EG und KSZE.
Ich möchte untersuchen, wie sie sich seit Dezember
1989 entwickelt haben und erörtern, wie sie zu einer
euro-atlantischen Architektur beitragen können, die
sich von Nordamerika über Europa bis zur Sowjetunion erstreckt.

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Die neuen Aufgaben der NATO
Bis jetzt hat die Anpassungsfähigkeit der NATO ihre
Lebensfähigkeit bewiesen. Sie ist in der Tat sowohl ein
solider Eckpfeiler als auch Initiator kooperativer Strukturen für ein ungeteiltes und freies Europa.
Zuerst hat unsere Erklärung vom Londoner Gipfel der
friedlichen Vereinigung eines demokratischen Deutschlands den Weg bereitet.
Dann hat unsere gemeinsame Entschlossenheit bei
den KSE-Verhandlungen zu einem bahnbrechenden
Abkommen geführt, das die militärische Landkarte
Europas neu gestalten wird. In den vergangenen zwei
Wochen haben die Au ßenminister des Bündnisses die
wichtigsten Sicherheitsfunktionen der NATO im neuen
Europa vereinbart. Wir sind übereingekommen, daß
dieses Bündnis eine der unabdingbaren Grundlagen
für ein stabiles Sicherheitsumfeld in Europa liefert. Es
dient als transatlantisches Forum für Konsultationen
und Zusammenarbeit der Verbündeten in Bereichen,
die allen ein Anliegen sind. Es leistet Abschreckung
und Verteidigung gegen jede Bedrohung durch eine
Aggression gegen das Territorium eines jeden Mitgliedstaats. Und es erhält das strategische Gleichgewicht innerhalb Europas.
Darüber hinaus haben wir vereinbart, daß die Entwicklung einer europäischen Sicherheitsidentität das Bündnis weiter stärken und seine Fähigkeiten zur Erfüllung
dieser Aufgaben in Zukunft verbessern würde. Gleichzeitig würde es eine noch herausragendere Rolle
Europas in diesem Prozeß fördern. Die Vereinigten
Staaten fordern, daß unsere europäischen Verbündeten bei der Entwicklung dieser Identiät unterstützt
werden und wir mit ihnen zusammenarbeiten, um die
Kooperation zwischen europäischen und atlantischen
Institutionen im Bereich der Verteidigung und Sicherheit zu fördern.
Das neue Programm des Bündnisses, insbesondere
seine politische Rolle, zeigt sich auch in unseren
Plänen zum Aufbau von Partnerschaften mit Ländern
Mittel- und Osteuropas und der Sowjetunion. Wir
haben Initiativen vorgeschlagen, mit denen Kontakte
unter hochrangigen Sicherheitsbeamten, Militärbehörden, Parlamentariern, Führungskräften, Wissenschaftlern und Umweltexperten intensiviert werden sollen.
Die neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas engagieren sich bereits für unsere gemeinsamen Werte jetzt müssen wir uns auf die praktische Seite der
Beziehungen konzentrieren, um sie zu fördern und zu
sichern.
Diese Kontakte des Bündnisses sind auch so angelegt, da ß sie die Sowjetunion in die neue Architektur mit
einbeziehen. Wenn Reformen in einer zunehmend
pluralistischen Sowjetunion Erfolg haben sollen, müssen wir Kontakte zum sowjetischen militärisch-industriellen Komplex und zu Reformern knüpfen. Wir
Seite 3

�wollen sie über die NATO-Strategie, ihre Doktrin und
ihren defensiven Charakter informieren. Sie können
unter Umständen von unseren Erfahrungen mit Beziehungen zwischen zivilem und militärischem Bereich
profitieren. Darüber hinaus wollen wir Bestrebungen
unterstützen, Rüstungsindustrien in zivile Produktionsstätten umzuwandeln, zum Wohle der dort beschäftigten Männer und Frauen.
Die Europäische Gemeinschaft - Kontinuierliche
Integration und Unterstützung für ein Programm
im Osten
Aufgrund der erfolgreichen Integration der Europäischen Gemeinschaft können ihre Mitgliedstaaten von
der gemeinsamen Politik profitieren, ihre unterschiedlichen nationalen Attribute beibehalten und die Autorität Kommunalregierungen übertragen, die dem Volk
näherstehen. Die Gemeinschaft befindet sich gegenwärtig mitten in zwei regierungsübergreifenden Konferenzen, die ihre politische und wirtschaftliche Integration vertiefen wird. 1989 habe ich bereits in Berlin
erklärt, daß dieses Ziel in den Vereinigten Staaten
schon von Marshall und Acheson unterstützt wurde.
Und wir unterstützen es auch heute.
Natürlich tun wir das in der Erwartung, daß eine
europäische Union einen Platz als verantwortungsbewu ßter Führer einnehmen wird, der zur Stärkung einer
Struktur globaler und kontinentaler Interdependenz
beiträgt. Unser Staatenbund der Freiheit muß sich
weiter ausbreiten - nach Japan und Asien, Lateinamerika und Afrika.
Es ist dieser globale Kontext, der dem energischen
Einsatz der EG für eine erfolgreiche Uruguay-Runde
hohen Stellenwert verschafft. Leider gibt die Agrarpolitik der EG Anlaß zur Besorgnis. Obwohl wir die
wichtige Rolle anerkennen, die die Gemeinsame Agrarpolitik für die Integration Europas spielt, hoffen wir, die
Europäer erkennen jetzt, daß deren Fortsetzung in
ihrer gegenwärtigen Form den Entwicklungsländern
und dem GATT-System Schaden zufügt. Es wäre
tragisch, wenn die Gemeinschaft genau in dem Jahr,
in dem bei der europäischen Integration neue Wege
beschritten wurden, das Signal einer isolierten Stellung in der Welt aussenden würde.
Die Stärke der Euro-Atlantischen Gemeinschaft hängt
von der Zusammenarbeit in der Gemeinschaft und
davon ab, daß die Vereinigten Staaten mit der europäischen Integration und der Entwicklung von Institutionen Schritt halten. Unsere im letzten Jahr abgeschlossene US-EG-Erklärung ist das Zeichen für einen ersten Schritt auf diesem Weg. Unter Luxemburgs
starker Führung haben sich unsere Kontakte mit dem
Ratspräsidenten und der Troika schnell und fruchtbar
entwickelt. In ähnlicher Weise knüpfen wir neue
Kontakte mit der Kommission in Bereichen wie Energie, Wettbewerbspolitik und Privatsphäre.

Seite 4

Ich hege die Hoffnung, daß die Gemeinschaft mit den
Entscheidungen für ihre eigene Zukunft weiterhin die
Möglichkeiten für eine effektive Interaktion mit den
Vereinigten Staaten und anderen in Form einer Partnerschaft in der Welt entwickeln wird. Die erfolgreiche
Schaffung einer geschlossenen internen Struktur für
die Gemeinschaft sollte auch ihre Fähigkeit zu effektiven auswärtigen Beziehungen und Verpflichtungen
stärken.
In naher Zukunft besteht die vielleicht größte Herausforderung für die EG in ihrer Hinwendung zum Osten.
Der politische und wirtschaftliche Erfolg der EG war
bereits ein Magnet, der die Länder Osteuropas zu
Demokratie und Marktwirtschaft gezogen hat.
Die Kommission hat diese Bitte durch ihre Koordination bei der Arbeit der Gruppe der 24 für die neuen
marktwirtschaftlich orientierten Demokratien Mittel- und
Osteuropas ergänzt. Wir hoffen, daß dies der erste
von vielen Schritten ist, mit denen die wirtschaftlichen
Hindernisse für diese Länder in Europa ausgeräumt
werden. Die Absicht der Gemeinschaft zur Aushandlung erweiterter Beitrittsverträge im Einklang mit dem
GATT ist eine weitere Phase.
Es leuchtet ein, daß die neuen marktorientierten
Demokratien keine ausländischen Investitionen anziehen, keine Privatisierung vornehmen oder wettbewerbsfähige Unternehmen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze gründen können, wenn sie nicht die Möglichkeit des fairen Wettbewerbs um Märkte haben.
Ich bin optimistisch, daß die Europäische Gemeinschaft diese Herausforderung der Ausweitung der
Euro-Atlantischen Gemeinschaft nach Osten annimmt.
Durch Vorbild, Fördermaßnahmen, Beitritte, Verbindungen zu anderen regionalen Gruppen oder sogar wenn die Europäer dies eines Tages entscheiden durch weitere Integration, kann die EG diesen marktwirtschaftlich orientierten Demokratien eine Heimat in
unserer größeren Gemeinschaft gemeinsamer Werte
bieten.
Die KSZE: Ein umfassender Rahmen für den
Aufbau einer Euro-Atlantischen Gemeinschaft
Die in Helsinki ins Leben gerufene KSZE bleibt die
Gruppe, die alle Länder Europas und Nordamerikas
auf der Basis eines gemeinsamen Engagements für
Menschenrechte und demokratische Grundsätze vereint. Diese Rechte und Prinzipien bilden das Fundament für eine Euro-Atlantische Gemeinschaft, die sich
bereits von Berlin nach Osten erstreckt.
Wir müssen eine praktische Erfolgsbilanz für die KSZE
schaffen, mit einander ergänzenden Fähigkeiten in
allen drei Körben und damit den Reformprozeß unterstützen, mit dessen Hilfe die KSZE eine echte Wertegemeinschaft werden kann.

AMERIKA DIENST 24

�Morgen werden sich die Außenminister der KSZE zum
ersten Mal als Ministerrat treffen, wie er in der Charta
von Paris eingeführt wurde. Ich hoffe, daß meine
Kollegen und ich in den nächsten zwei Tagen in der
Lage sein werden, weitere Schritte zu unternehmen,
um die KSZE gemäß den von Außenminister Genscher und mir im Mai unterbreiteten Vorschlägen zu
bereichern. Wir sollten ein Verfahren einführen, um
Notstandssitzungen von KSZE-Vertretern unterhalb
der Minister abzuhalten. Wir können das Konfiktverhütungszentrum fördern. Und ich hoffe, wir können
darüber hinaus Verfahren entwickeln, mit denen Minister die Einführung von Untersuchungskommissionen
anordnen können.
Wir müssen auch andere Ideen in Erwägung ziehen.
Außenminister Bessmertnych hat einen Vorschlag für
eine ständige KSZE-Menschenrechtskommission unterbreitet. Dies verdient ernsthafte Beachtung. Es
könnte durch die Hinzufügung von Untersuchungskommissionen als fünftem Schritt im Mechanismus
der Menschlichen Dimension ergänzt werden.
Ich schlage vor, wir erwägen die Einberufung eines
KSZE-Sondertreffens zur Unterstützung der freien
Medien. Wir könnten auch das Mandat des Büros für
Freie Wahlen auf ein Büro Demokratischer Institutionen erweitem, so daß der Wahltag nur einer von 364
Tagen im Jahr ist, an denen Freiheit gilt.
Im wirtschaftlichen Bereich schlage ich die Schaffung
neuer KSZE-Handelskammern in den Ländern auf
dem Weg zur Marktwirtschaft vor, um die Interessen
der Privatindustrie zu organisieren und artikulieren.
Darüber hinaus könnten wir ein Seminar über die
sozialen und finanziellen Auswirkungen der Umrüstung von militärischem Gerät und Haushaltsengpässe veranstalten.
Die KSZE ist auch das geeignete Forum, um die
Probleme der Migration in Europa anzusprechen. Auf
einem Expertentreffen könnten humanitäre Prinzipien
zur Bewältigung der massiven Immigration und Flüchtlingsströme in den KSZE-Ländern sowie kooperative
Vereinbarungen zur Ursachenforschung solcher Völkerwanderungen entwickelt werden.
Mit anderen Worten, aus meiner Sicht wird die KSZE
eine Tagesordnung erarbeiten, die dem Gedankenaustausch und der Zusammenarbeit bei Problemen
von gemeinsamem Interesse förderlich ist. Dies ist die
Voraussetzung für bessere Integration.
Darüber hinaus ist es von Bedeutung, die KSZE als
Rahmen und nicht als zentralistisches Gremium für
das euro-atlantische Programm zu sehen. Wenn wir
die euro-atlantische Architektur nach Osten ausdehnen, müssen wir bei der Anwendung vielfältiger Methoden und Institutionen - einschließlich NATO, EG, OECD,
Europarat und anderen - kreativ vorgehen, um die
gemeinsamen Belange anzusprechen.

AMERIKA DIENST 24

Zum Beispiel das Thema Sicherheit. Wir haben in der
Tat Vereinbarungen für die gemeinsame Sicherheit
entwickelt, um den Bedürfnissen der aufstrebenden
Demokratien Rechnung zu tragen und eine reformierte
Sowjetunion einzubeziehen.
Erstens wird die KSE zur Schaffung der sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen beitragen,
die Konflikte entschärfen könnten. Die KSZE wird
ferner Warnsysteme für potentielle Gefahren, Mechanismen für deren Abschwächung sowie Wege zur
Einbeziehung anderer bei ihrer Lösung erarbeiten. Auf
diese Weise würde die Struktur dazu beitragen, die
Bedingungen und die Neigung zu Eskalation zu verhindern, die Europa im August 1914 charakterisierten.
Zweitens könnte die NATO eine ergänzende Rolle
spielen. Ein starkes Verteidigungsbündnis gestattet
niedrigere Streitkräfteniveaus und bietet die Grundlage für Stabilität in ganz Europa. Die von der NATO
verfolgten Rüstungskontrollprogramme werden diese
Sicherheit erhöhen. Die Verbindungsstäbe der NATO
werden die friedlichen Absichten des Bündnisses
übermitteln, Beziehungen zwischen zivilen und militärischen Einrichtungen fördern und zu einem Klima
beitragen, das Einschüchterung und Aggression nicht
zuläßt.
Drittens schaffen die integrierenden Institutionen der
Euro-Atlantischen Gemeinschaft wie EG, Europarat
und OECD ein Netz politischer und wirtschaftlicher
Unterstützung. Diese Unterstützung wird die neuen
Marktwirtschaften im Inland stärken und einer möglichen Bedrohung signalisieren, daß diese Nationen
Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die Interesse
an ihrem Erfolg haben.
Schließlich ist es auch unabdingbar, die zukünftige
sicherheitspolitische Tagesordnung in Europa zu erarbeiten, um den sich wandelnden Herausforderungen
Rechnung zu tragen, einschließlich der besonderen
Bedürfnisse des Ostens. Es ist an der Zeit, neue Ziele
zu setzen, die über das Konzept des Gleichgewichts
hinausgehen, und damit zu beginnen, die Grundlage
für wirklich kooperative Sicherheit zu schaffen. Zu
diesem Zweck schlage ich eine dreistufige Tagesordnung für zukünftige KSZE-Aktivitäten bei der Rüstungskontrolle und im Sicherheitsbereich vor.
Erstens müssen wir Offenheit und Transparenz bei
unseren militärischen Angelegenheiten institutionell
verankern. Wir sollten unsere Bestrebungen zur Erlangung eines Vertrags über Offene Himmel verstärken und einen regelmäßigen Dialog über Streitkräfte,
Etats, Verteidigungspläne und Doktrinen in die Wege
leiten.
Um die mögliche Umstrukturierung der Streitkräfte in
der Region vom Atlantik bis zum Ural anzusprechen,
sollten wir Maßnahmen in Erwägung ziehen, die frühzeitige und eindeutige Anzeichen für Umgestaltungs-

Seite 5

�bestrebungen liefern - nicht nur, um Überraschungen
zu vermeiden, sondern auch, um solche Ansätze zu
vereiteln.
Der zweite Teil unserer Tagesordnung befaßt sich mit
Konfliktverhütung. Meilensteine wie der KSE-Vertrag
und das VSBM-Abkommen werden die Bedrohung
eines massiven Kriegs mit kurzer Vorwarnzeit in Europa vollständig beseitigen. Wir müssen jedoch auch
geringfügigere lokale Probleme im KSZE-Gebiet ansprechen, die möglicherweise zu Konflikten zwischen
den KSZE-Mitgliedstaaten führen könnten.
Dies könnte neue Maßnahmen zur Bewältigung einiger sicherheitspolitischer Sorgen bestimmter Regionen umfassen. Es könnte neue Maßnahmen zur
Lösung der Probleme auf dem Balkan oder anderen
Gebieten beinhalten, in denen die Stabilität auf dem
Spiel stehen könnte. Einige dieser Maßnahmen könnten den Rüstungskontroll- und vertrauensbildenden
Maßnahmen entsprechen. Sie könnten auch einen
umfassenderen politischen Ansatz beinhalten, wie etwa
den unmittelbar betroffenen Nationen auf deren Bitte
die Untersuchungs-, Schlichtungs- und friedensbewahrenden Fähigkeiten der KSZE zur Verfügung zu
stellen.
Der dritte Punkt ist der Angriff auf die Weiterverbreitung: Beendigung der Verbreitung chemischer, biologischer und atomarer Waffen - und ihrer Trägerraketen
- sowie Zusammenarbeit bei der Entwicklung nationaler Maßnahmen, um Zurückhaltung beim Verkauf
konventioneller Waffen zu üben. Präsident Bush hat
zu konzentrierten weltweiten Bestrebungen zur Bewältigung dieser Herausforderung aufgerufen. Wir in
der KSZE können dazu beitragen, indem wir eine
Partnerschaft der Verantwortung und Zurückhaltung
aufbauen.
Die KSZE-Mitgliedstaaten zählen zu den wichtigsten
Rüstungslieferanten der Welt. Im Gefolge der OstWest-Konfrontation sind einige KSZE-Volkswirtschaften stark vom Export von Rüstungsgütern abhängig
geworden. Dies ist ein Problem, das wir gemeinsam
angehen müssen, um innovative Ansätze zum Problem der Umrüstung der Verteidigungsindustrie zu
erarbeiten.
Mit dem KSE-Vertrag und den in KSEIA ausgehandelten Erklärungen zum Abbau der Personalstärken, KSZE
- einschließlich dieser neuen Tagesordnung für Rüstungskontrolle -, der dauerhaften Tragfähigkeit der
NATO - einschließlich ihrer Verbindungsstäbe -, der
EG und anderen europäischen Institutionen zusammengenommen, schaffen wir die Grundlage für kooperative Sicherheit in Europa.

Seite 6

Ausweitung der transatlantischen Gemeinschaft
auf die Sowjetunion
Unsere größte Herausforderung wird darin bestehen,
die transatlantische Gemeinschaft auf die Sowjetunion
auszuweiten. Während die neue Architektur dieses
Ziel praktisch verwirklichen kann, wird sie, solange die
Sowjetunion außenpolitisch zögert, unvollständig bleiben.
Perestrojka bietet eine Chance für "neues Denken" in
zahlreichen Bereichen - nicht nur der Außenpolitik, in
der wir gemeinsam viel erreicht haben, sondern auch
der Verteidigungspolitik, Wirtschaft, Demokratisierung,
den Beziehungen zwischen zentraler Führung und den
Republiken sowie Menschenrechten.
Die Revolution der Perestrojka hat einen neuen Pluralismusfreigesetzt. Die alten politischen und wirtschaftlichen Strukturen sind zusammengebrochen. Und es
kostet Zeit, auf dem Willen des Volkes neue aufzubauen.
Die Wahlen in Rußland und anderen Gebieten sind ein
guter Anfang. Wir müssen die unterschiedlichen
Gruppen - Reformer und Traditionalisten - unter Berücksichtigung der Tatsache einbeziehen, daß sich
Koalitionen bilden, auseinanderbrechen und neu bilden werden. Die Umgestaltung der Sowjetunion wird
unweigerlich ihre Höhen und Tiefen haben.
Es sollte jedoch unser kontinuierliches Ziel sein, die
von innen kommenden Bestrebungen in der Sowjetunion zu bekräftigen und sogar zu verstärken. Perestrojka ist ein von der Erkenntnis geleitetes sowjetisches Konzept und Ziel, daß der Wandel unabdingbar
ist, um Stagnation und Verschlechterung aufzuheben.
Es liegt im Interesse der sowjetischen Völker, echte
Marktwirtschaft, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
zu verwirklichen. Es liegt in unserem Interesse, sie zu
unterstützen.
In den vergangenen Wochen habe ich von dem politischen, wirtschaftlichen, ethnischen, außen- und verteidigungspolitischen Konzept gesprochen, das es der
Sowjetunion gestatten könnte, die Hoffnungen der
Perestrojka zu erfüllen.

Heute habe ich eine Reihe von Wegen angesprochen,
mit denen die NATO, EG, KSZE und andere euroatlantische Strukturen als Modell für die innenpolitische Reform der Sowjetunion und internationale Zusammenarbeit dienen können.
Ich bin mir jedoch auch der Tatsache bewußt, daß die
Vereinigten Staaten aus historischen Gründen eine
besondere Rolle bei der Unterstützung dieses Umge-

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�staltungsprozesses in der Sowjetunion spielen müssen. Während die Sowjets den Willen zur Selbsthilfe
demonstrieren und Präsident Gorbatschows Aufruf in
Oslo, bei Perestrojka und neuem Denken "auf Kurs zu
bleiben", folgen, können und sollten wir ihnen Schritt
für Schritt zur Seite stehen.

Ich hoffe, Präsident Gorbatschow unternimmt nun
neue Bestrebungen zu ernsthaften marktwirtschaftlichen Reformen, die uns gestatten, Perestrojka - ein
sowjetisches Programm mit sowjetischen Zielen voranzubringen. Die Tür zur Euro-Atlantischen Gemeinschaft steht offen. Aber nur die Sowjets können
die Entscheidung treffen, die Schwelle zu übertreten.

Vergangene Woche habe ich vor dem amerikanischen
Senat erklärt: "Wir sind dabei, ein Paket unterstützen- Die euro-atlantische Perspektive
der Maßnahmen zu entwickeln, die wir mit anderen
Vor fünfzig Jahren wäre es undenkbar gewesen, daß
westlichen Ländern koordinieren möchten."
ein amerikanischer Außenminister in Berlin vor DeutNatürlich steht es dem Präsidenten zu, das vollständi- schen und Amerikanern über die Werte der Euroge Paket bekanntzugeben. Wie wir in den vergange- Atlantischen Gemeinschaft spricht. Vor allem, daß er
nen Wochen jedoch ausgeführt haben, könnten einzel- Gedanken über die Sicherstellung dieser Werte in den
ne Bestandteile eine besondere Verbindung mit IWF neuen marktwirtschaftlichen Demokratien Mittel- und
und Weltbank enthalten, um zur Erarbeitung und Osteuropas umreißen würde, sie auf die in den GeDurchführung ernsthafter Wirtschaftsreformen beizu- burtswehen der Reform liegende Sowjetunion ausdehtragen, ein Projekt zwischen öffentlichem und Privat- nen und diese Werte weltweit propagieren würde.
sektor zu entwickeln, um die Hindernisse für Privatin- Unsere Vorgänger haben jedoch das Unmögliche
vestitionen bei der Energieentwicklung zu beseitigen, möglich gemacht. Nun ist es an unserer Generation,
mit denen Devisen ins Land kommen und das ein davon zu profitieren und dann den Geist der AufkläBeispiel für den erfolgreichen Betrieb dieses Sektors rung aufrechtzuerhalten. Um dies zu verwirklichen,
mit Eigentums- und Vertragsrechten liefert; gemein- müssen wir Idealisten und Realisten sein, ein Ziel
same Bestrebungen zur Belebung des Nahrungsmit- setzen und dann unsere erfolgreiche, funktionstüchtitelvertriebssektors, um baldige Verbesserungen für ge transatlantische Architektur anpassen, um den
die Konsumenten durch die Schaffung von Marktinitia- neuen Herausforderungen der Ära nach dem kalten
tiven herbeizuführen; die Umrüstung des Verteidi- Krieg zu begegnen.
gungssektors zu unterstützen, technische Zusammenarbeit zu verbessern, einschließlich Ausbildung im Es ist äußerst angemessen, daß wir diesen Kurs in
wirtschaftlichen Bereich, offeneren Handel sowie Berlin - der Stadt der Freiheit - entwerfen.
zusätzliche 1,5 Milliarden an Kreditbürgschaften, die
der Präsident vergangene Woche für den Kauf von
Getreide bewilligt hat.

*

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*

Seite 7

�SOWJETUNION
19. Juni 1991

USA UNTERSTÜTZEN SOWJETISCHE REFORMEN
POLITISCH UND WIRTSCHAFTLICH
Baker vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge "fühlen sich die Vereinigten Staaten nach wie vor
verpflichtet, den Erfolg der wirtschaftlichen und politischen Reformen in der Sowjetunion zu fördern".
"Niemand kann die Zukunft vorhersagen und uns den Erfolg der sowjetischen Reformen garantieren. Unseres
Erachtens ist die Sowjetunion jedoch ein ... Land, das sich zu einer demokratischen und wohlhabenden
Gesellschaft wandeln könnte", erklärte Baker vor dem Unterausschuß des Senats zur Bewilligung der Mittel für
das Handels-, Justiz- und Außenministerium sowie die Gerichte am 12. Juni 1991.
"Wenn die Sowjets sich selbst zu einer neuen Zukunft verhelfen", so Baker, "werden wir ihnen behilflich sein.
Wir sind dabei, ein Paket unterstützender Maßnahmen zu entwickeln, die wir mit anderen westlichen Ländern
koordinieren möchten."
Baker fügte hinzu, er werde bald erneut mit Außenminister Bessmertnych zusammentreffen, um dem Abschluß
des START-Vertrags (den Gesprächen über den Abbau strategischer Rüstungen) "weiteren Auftrieb zu
verleihen". In der vergangenen Woche hatte in Genf ein Treffen zwischen Baker und Bessmertnych
stattgefunden.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Eröffnungsansprache in Auszügen.

Es ist mir eine Ehre, diesem Unterausschuß die Vorschläge des Au ßenministeriums für das Haushaltsjahr
1992 unterbreiten zu dürfen. Ich möchte diesem
Unterausschuß meinen Dank für die Bereitstellung
zusätzlicher Mittel für das Außenministerium aussprechen. Es war unabdingbar, sowohl die durch die
Golfkrise entstandenen Kosten abzudecken als auch
die äußerst schwierigen Auswirkungen der Haushaltsengpässe zu überwinden. Wie Sie wissen, Herr Vorsitzender, sind wir für die Bemühungen dieses Unterausschusses dankbar, die Bereitstellung angemessener Mittel zu gewährleisten, um die Interessen der Vereinigten Staaten im Ausland zu vertreten. Mit Ihrer
Erlaubnis bitte ich, meine schriftlichen Ausführungen
ins Protokoll aufzunehmen. Zunächst möchte ich
einige kurze Anmerkungen zu meiner jüngsten Reise
nach Kopenhagen und Genf machen.
Erstens kamen die Außenminister der NATO vergangene Woche in Kopenhagen zusammen, um den
politischen Anpassungsprozeß der NATO voranzubringen, da nun nach dem Londoner Gipfel vom Juli
vergangenen Jahres im November das Gipfeltreffen in

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Rom bevorsteht. In Kopenhagen einigte sich das
Bündnis auf wesentliche Sicherheitsfunktionen, die
seine Arbeit beim Aufbau eines neuen Europas und
eines neuen Atlantizismus' leiten werden. Sie stehen
für unsere Übereinstimmung zu Zweck, Charakter und
grundlegenden Aufgaben der NATO in der Zukunft.
Kurzum, wir erfüllen die Versprechungen der Londoner Erklärung vom vergangenen Juli: die NATO an
neue Realitäten anzupassen, unsere militärische Strategie zu ändern und die politische Rolle der NATO als
Bündnis gemeinsamer Werte zu unterstreichen.
Zweitens haben wir unsere Arbeit in Kopenhagen an
zahlreichen anderen Fronten vorangebracht, einschließlich dem Verhältnis der entstehenden europäischen
Sicherheitsidentität zur NATO. Während wir die Erörterung einer europäischen Sicherheitsidentität in Europa begrüßen, haben wir Fortschritte erzielt, damit
eine solche Sicherheitsidentität die NATO ergänzen
und nicht mit ihr konkurrieren wird.
Darüber hinaus haben wir drittens Fortschritte dabei
gemacht, die Beziehungen des Bündnisses zu unseren ehemaligen Gegnern im Osten zu verbessern.

Seite 1

�Unsere Gespräche über die KSZE werden meines
Erachtens ein produktives KSZE-Ministertreffen nächste Woche in Berlin und ein ungeteiltes und freies
Europa fördern.
Es war mir eine Ehre, daß zahlreiche der von Außenminister Genscher und mir vorgeschlagenen Initiativen bezüglich der NATO-Verbindungsstäbe vom
Bündnis angenommen wurden. Unseres Erachtens
werden die von uns bekanntgegebenen Prinzipien den
Sowjets und den Mittel- und Osteuropäern eindeutig
klarmachen, daß die NATO es ernst damit meint,
unseren ehemaligen Gegnern die Hand zu reichen, um
ein Klima des Vertrauens und der Zusammenarbeit in
ganz Europa aufzubauen.
Darüber hinaus sind wir über die Erklärung des Bündnisses zu Mittel- und Osteuropa sehr erfreut. Während diese neuen Demokratien ihren schwierigen
Übergang zu politischer und wirtschaftlicher Freiheit
fortsetzen, hoffen wir, auch diese Erklärung führt ihnen
vor Augen, daß wir im Westen sie weiterhin unterstützen werden.
Viertens hatte ich bei meinem Treffen mit Außenminister Bessmertnych in Genf einen ausführlichen Gedankenaustausch über die noch ausstehenden Themen bei START. Wir kamen überein, daß die verbleibenden Fragen trotz ihrer Schwierigkeit durch harte
Arbeit beider Seiten gelöst werden können. Wir haben
Experten nach Genf entsandt, um die Arbeit an den
eher technischen Problemen zu beschleunigen, und
es ist wahrscheinlich, daß Außenminister Bessmertnych und ich bald erneut zusammentreffen, um dem
Abschluß eines Vertrags weiteren Auftrieb zu verleihen.
Fünftens, bezüglich der Unterstützung des sowjetischen Reformprozesses habe ich meinen Kollegen in
Kopenhagen - ebenso wie kürzlich mehreren sowjetischen Regierungsvertretern - erklärt, daß aus unserer
Sicht Perestrojka in vielen Bereichen eine Chance für
"neues Denken" bietet. Perestrojka birgt die Chance
für neues Denken nicht nur in der Außen- sondern
auch in der Verteidigungspolitik, der Wirtschaft, Innenpolitik und den Beziehungen der Führung zu den
Republiken. Nachdem er diese Revolution in die Wege
geleitet hat, hoffen wir, daß Präsident Gorbatschow wie er in Oslo erklärt hat - bei der Perestrojka "den Kurs
halten" wird.
Er hat in Oslo jedoch auch erklärt, daß die "Perestrojka
jetzt in ihre dramatischste Phase eingetreten ist".
Heute ist es mehr als je zuvor entscheidend, daß die
sowjetische Führung die Gelegenheit ergreift, um mit
den Traditionen zu brechen, die sich als funktionsuntüchtig erwiesen haben. Sie dürfen diese Chance zu
einem Umbruch nicht verpassen.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich nach wie vor
verpflichtet, den Erfolg der wirtschaftlichen und politischen Reformen in der Sowjetunion zu fördern.

Seite 2

Niemand kann die Zukunft vorhersagen und uns den
Erfolg der sowjetischen Reformen garantieren. Unseres Erachtens ist die Sowjetunion jedoch ein mit Rohstoffen und talentierten Menschen gesegnetes Land,
das sich zu einer demokratischen und wohlhabenden
Gesellschaft wandeln könnte.
Der Impuls zur Umgestaltung der Sowjetunion ist von
den Sowjets ausgegangen. Die Perestrojka ist hausgemacht. Sie wurde von der Erkenntnis geleitet, daß
Wandel in der Sowjetunion zur Abwendung von Verschlechterung und Niedergang unabdingbar ist. In
dieser Hinsicht bezieht sich die Perestrojka - wie
Präsident Gorbatschow ausreichend klargestellt hat auf sehr viel mehr als die Wirtschaft. Sie ist eine
tiefgreifende Revolution - in der Politik, den Beziehungen der Führung zu den Republiken, der Außen- und
Verteidigungspolitik. In diesen Bereichen sollte die
Perestrojka ebenso wie in der Wirtschaft auf dem Weg
grö ßtmöglicher politischer und wirtschaftlicher Freiheit
und internationaler Kooperation fortschreiten.
Um also die sowjetischen Ziele zu erreichen, die
Hoffnungen der Perestrojka zu verwirklichen und das
reiche Potential der Sowjetunion anzuzapfen, liegt es
im sowjetischen Interesse, sich eine echte Marktwirtschaft mit Privateigentum, Anreizen, Gesetzen über
Verträge, Wettbewerb, einer gesunden Währung und
realen Preisen zu eigen zu machen. Es liegt im
sowjetischen Interesse, die Bemühungen zum Aufbau
eines Staates fortzusetzen, der sich auf Rechtsstaatlichkeit gründet und auf freie und faire Wahlen zusteuert. Es liegt im sowjetischen Interesse, durch Dialog
und Verhandlungen den Bestrebungen der baltischen
Staaten auf friedlichem Wege entgegenzukommen
und einen Unionsvertrag zu vollenden, der den Republiken die von ihnen gewünschte Autonomie gewährt.
Es liegt im sowjetischen Interesse, die positive außenpolitische Orientierung fortzusetzen und gleichzeitig
die augenfälligsten Relikte des Zeitalters der Stagnation zu beseitigen, indem die Unterstützung für solche
Regime beendet wird, die sich innenpolitisch der Unterdrückung und außenpolitisch der Subversion verschrieben haben. Und es liegt im sowjetischen Interesse, die Bemühungen zur Umrüstung von Militärgerät
zu beschleunigen und sich gleichzeitig sowohl zur

Offenlegung des Verteidigungshaushalts als auch zur
erheblichen Reduzierung des Anteils der Verteidigungsausgaben am BSP zu verpflichten.
Kurzum: Die Fortsetzung der Perestrojka liegt vor
allem im Interesse der Völker der Sowjetunion. Deshalb müssen die Sowjets selbst den Willen aufbringen,
den Weg zu einer neuen Zukunft zu öffnen. Und sie
müssen beginnen, sich selbst zu helfen.
Wenn sie dies tun, werden wir sie dabei unterstützen.
Wir können als Katalysator für politische und wirtschaftliche Reformen dienen. Wir sind dabei, ein
Paket unterstützender Maßnahmen zu entwickeln,
das wir mit anderen westlichen Regierungen koordinieren möchten.
AMERIKA DIENST 24

�Wir müssen jedoch berücksichtigen, daß diese Veränderungen nur langfristig wirksam werden. In der
Tagespolitik werden unsere Bemühungen höchstwahrscheinlich einen stufenweisen Prozeß hervorbringen mit einem großen Ziel, aber stets mit einem realistischen und praktikablen Ansatz.
Wir wissen um die schwierigen Entscheidungen, die
von den Sowjets zu treffen sind. Vor allem sind wir uns
der Tatsache bewußt, wie schwierig es sein wird, eine
echte Marktwirtschaft einzuführen. Wir haben jedoch
unsererseits nicht vor, untätig zuzuschauen, wenn die
Sowjets diese Fragen politischer und ökonomischer
Legitimität in den Griff bekommen. Die Perestrojka
könnte die wichtigste Revolution dieses Jahrhunderts
werden. Wir alle haben ein grundlegendes Interesse
an ihrem Ergebnis.
In dieser Hinsicht, Herr Vorsitzender, möchte ich betonen, wie wichtig es ist, daß wir das Problem mit unserer
Botschaft in Moskau lösen. Das Feuer hat die schwierige Lage erheblich verschärft. Wir stehen schlicht und
einfach an einem Punkt, an dem es für unsere Leute in
Moskau äußerst schwierig ist, dem von ihnen heute zu
erfüllenden Auftrag gerecht zu werden, ganz zu schweigen von der zusätzlichen Arbeitsbelastung, die wahrscheinlich dann entstehen wird, wenn die Sowjets die
Reformen fortsetzen. Mit der Ernennung eines neuen
Botschafters ist es an der Zeit, dieses Problem zu
lösen und der Botschaft der Vereinigten Staaten in
Moskau den angemessenen Stellenwert für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in unserer Außenpolitik einzuräumen.
Die Administration würde jeden der von Senat und
Repräsentantenhaus verabschiedeten Ansätze "abreißen und neu bauen" oder "Aufstockung" umgehend verwirklichen. Entscheidend ist jedoch,
daß der Kongreß einen Weg findet, um eine Einigung
zwischen Repräsentantenhaus und Senat zu erzielen.
Die Pattsituation bei diesem Problem steht unseren
nationalen Interessen diametral entgegen.
Bevor ich auf Ihre Fragen eingehe, Herr Vorsitzender,
möchte ich noch kurz den Meistbegünstigungsstatus
für China erörtern. Ich möchte dabei eine einfache
Feststellung treffen: wenn wir irgend etwas aus den
vergangenen zwei Jahren gelernt haben, dann dies,
daß ein amerikanisches Engagement für die Förderung demokratischer Werte unerläßlich ist. Wir stimmen natürlich zu, daß China in den Bereichen Menschenrechte, Nichtverbreitung und Handel Verbesserungen durchführen muß - und wir werden die bestehenden Gesetze im Hinblick auf diese Bereiche peinlich genau anwenden. Der Versuch, eine Regierung
durch den Abbruch von Beziehungen mit der Bevölkerung zu isolieren, stellt jedoch eine kontraproduktive
Politik dar, und genau dies würde von chinaspezifischen Bedingungen für den Meistbegünstigungsstatus erreicht werden. Der Meistbegünstigungsstatus ist
ein grundlegendes Element, um die chinesische Gesellschaft weiterhin für den Westen offen zu halten und

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seine Beibehaltung ist der sicherste Weg, um wirtschaftliche Reformen und letztlich das Wachsen
demokratischer Werte in dieser Gesellschaft zu fördern.
Der Haushaltsantrag
Um unserem gesamten Haushaltsantrag für internationale Angelegenheiten im Haushaltsjahr 1992 einen
Rahmen zu geben, möchte ich fünf weitgefaßte politische Ziele ansprechen, die sich auf die von mir im
vergangenen Jahr vor dem Kongreß erörterten fünf
außenpolitischen Herausforderungen gründen.
Erstens die Förderung und Konsolidierung demokratischer Werte, einschließlich freier und fairer Wahlen
und Achtung der Menschenrechte. Wie der Präsident
in seinem Bericht zur Lage der Nation ausführte, war
dieses amerikanische Grundprinzip seit über zwei
Jahrhunderten ein Symbol für die Völker der Welt.
Zweitens die Förderung der freien Marktwirtschaft und
Stärkung der amerikanischen Konkurrenzfähigkeit.
Dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung ist untrennbar
mit dem Streben nach gesunden, wachstumsorientierten Maßnahmen verbunden. Zusammen können beide Elemente die amerikanischen Wirtschaftsinteressen im Ausland fördern.
Drittens die Förderung des Friedens durch Hilfe bei der
Entschärfung regionaler Konflikte, Stärkung der Sicherheit unserer regionalen Partner und Streben nach
Rüstungskontrolle sowie Bemühungen um die Nichtverbreitung.
Viertens der Schutz gegen grenzüberschreitende
Bedrohungen, insbesondere für die Umwelt und durch
Drogen und Terrorismus.
Schließlich die Erfüllung dringender humanitärer Bedürfnisse durch rechtzeitige Entwicklungs-, Nahrungsmittel, Katastrophen- und Flüchtlingshilfe.
Herr Vorsitzender, in Zusammenarbeit mit Ihnen im
Kongreß und unseren Partnern in der Welt streben wir
zur Förderung dieses weltweiten Programms die Nutzung der folgenden fünf Hauptmechanismen an:
Erstens flexiblere und integrierte Behörden für bilaterale Hilfe. In dem von uns kürzlich im Kongreß
eingebrachten Bewilligungsgesetz streben wir eine
flexiblere Struktur für die Verwaltung der Auslandshilfemittel sowie eine bessere Fähigkeit an, Mittel sowohl
innerhalb wie zwischen verschiedenen Einzeletats
umzuschichten, um dringende, unerwartete Bedürfnisse zu erfüllen.
Zweitens die kreativere Anwendung multilateraler
Mechanismen zur Förderung unserer Ziele durch die
internationalen Finanzinstitutionen und die Vereinten
Nationen, deren Mittel in den Verantwortungsbereich
dieses Unterausschusses fallen.
Die Vereinten Nationen haben in der Golfkrise eine
historische Rolle gespielt, die der Vision ihrer Begründer nahekommt. Die 14 Resolutionen des SicherheitsSeite 3

�rats, mit denen die Grundlage für die Beendigung der
Krise geschaffen wurde, verkörpern die Einheit der
internationalen Staatengemeinschaft gegen die Aggression des Irak und verankerten das Prinzip der
kollektiven Sicherheit als Eckstein des Zeitalters nach
dem kalten Krieg.
Gleichzeitig koordinieren die humanitären UN-Organisationen zusammen mit dem Internationalen Komitee
vom Roten Kreuz und der Internationalen Organisation für Migration umfassende internationale Bestrebungen, um den Tausenden von Flüchtlingen zu helfen, die die irakische Aggression hervorgebracht hat.
Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse an
der Stärkung dieser neubelebten Vereinten Nationen
als einem vollwertigen Partner beim Aufbau einer Welt
nach dem kalten Krieg, in der Frieden, Stabilität und
Wohlstand vorherrschen. In der Tat spielt unser
Antrag bei diesem Unterausschuß eine wichtige Rolle
bei der Verwirklichung dieser Zielsetzung: wir streben
die vollständige Finanzierung aller gegenwärtigen UNAktivitäten an und wollen, daß der Plan des Präsidenten zur Zahlung unserer Rückstände finanziert wird.
Drittens prognostizieren wir größeres Vertrauen auf
kreative Teilung der Verantwortung, wenn wir unsere
Partnerschaften weltweit, insbesondere mit der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedern sowie
mit Japan stärken. Viele Kongreßabgeordnete sind
sich darüber im klaren, daß unsere eigene angespannte Haushaltslage solche Bestrebungen noch wichtiger
werden läßt, um ein gemeinsames Programm mit
Partnern voranzutreiben, die unsere Werte und Interessen teilen.
Keine Maßnahme dokumentiert die kollektive Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft zur Verteidigung des Friedens so anschaulich wie unsere
erfolgreichen Maßnahmen zur Sicherung weltweiter
Unterstützung für die Operationen Wüstenschild und
Wüstensturm und für die Frontstaaten, deren Volkswirtschaften durch die Aggression Saddam Hussein
Rückschläge erlitten haben. Eine starke Führung der
Vereinigten Staaten und gemeinsame Werte und Interessen waren unabdingbar, um die umfassende
weltweite Reaktion zu katalysieren, wie wir sie erfahren haben.
Viertens halten wir den kreativeren Einsatz von Handels- und Investitionsmaßnahmen als Mittel zur Förderung amerikanischer Interessen am Weltwirtschaftswachstum und zur Verbesserung unserer eigenen
wirtschaftlichen Stärke für möglich.
Schließlich sind wir herausgefordert, zur Förderung
unserer Ziele eine aktivere Diplomatie zu verfolgen,
und ich bitte um Ihre Unterstützung für einen Haushalt
des Außenministeriums, der Ressourcen und Flexibilität bietet, um der gro ßen Bandbreite vor uns liegender
diplomatischer Herausforderungen gerecht zu werden.

Seite 4

Meiner Ansicht nach kommt die Golf krise zeitlich sehr
gelegen, um an die Rolle des Außenministeriums an
den "Frontlinien", beim Schutz amerikanischer Bürger
und der Verteidigung amerikanischer Interessen zu
erinnern. Im In- und Ausland haben unsere Mitarbeiter - Diplomaten und Beamte - wertvolle Beiträge
geleistet, um die Politik des Präsidenten durchzuführen. Dazu einige Beispiele:
Die Mitarbeiter unserer Botschaft in Kuwait haben in
den ersten Monaten der irakischen Besetzung dem
kuwaitischen Volk ein Zeichen gesetzt, daß wir die
Vereinnahmung ihres Landes durch einen machthungrigen Nachbarn nicht dulden würden.
Die effektive Führungskraft in Washington, New York
und in unseren ausländischen Vertretungen hat zur
Mobilisierung der internationalen Unterstützung für die
diplomatische Isolierung des Irak und damit zur erfolgreichen Neubelebung der UN-Prinzipien beigetragen.
Unsere Vertretungen im Nahen Osten - viele mit
reduziertem Personal - haben professionell auf die
außergewöhnliche Flut offizieller Besuche vor, während und nach dem Krieg reagiert.
Wie Sie wissen, Herr Vorsitzender, ist die Förderung
von US-Interessen im Ausland eine zunehmend kostspielige Pflicht, umso mehr durch die Anforderungen
an das Außenministerium, seine Arbeit zu erweitern,
um neue politische und wirtschaftlichen Chancen auf
der ganzen Welt ergreifen zu können. Wechselkursschwankungen, höhere Inflationsraten im Ausland und
die kontinuierliche Notwendigkeit zur Verbesserung
der Sicherheit unserer Vertretungen und unserer Mitarbeiter im Ausland tragen noch zur weiteren Verschärfung des Problems bei. Heute sehen wir uns
einer potentiellen und beunruhigenden Schwächung
unserer Infrastruktur bei den auswärtigen Angelegenheiten gegenüber, und dies zu einer Zeit, da wir
aufgefordert sind, uns außergewöhnlichen neuen
Herausforderungen zu stellen.
Internationale Organisationen
Der Präsident hat die Dringlichkeit der Wiederherstellung finanzieller Lebensfähigkeit der Vereinten Nationen und anderer internationaler Organisationen betont. Nach mehrjährigen Bestrebungen des Kongresses und der Regierung freuen wir uns, eine greifbare
Bewegung bei den Reformen des Haushalts und der
Verwaltung innerhalb der Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen feststellen zu können. Niemand, der die Reaktion des UN-Sicherheitsrats auf die
jüngsten Ereignisse am Persischen Golf beobachtet
hat, könnte die Bedeutung eines amerikanischen Interesses an finanziell gesunden Vereinten Nationen
leugnen.
Wir setzen uns für die vollständige Finanzierung der
amerikanischen Beiträge im Rahmen bestehender
Gesetze ein, und wir wollen unsere Rückstände aus

AMERIKA DIENST 24

�den vergangenen Jahren in den nächsten vier Jahren
abzahlen. Wir danken für die vollständige Finanzierung im Haushaltsjahr 1991, die erste Mittel für den
notwendigen Prozeß der Abzahlung von Rückständen
beinhaltete. Für das Haushaltsjahr 1992 fordern wir
die Ausgabeermächtigung für 750 Millionen Dollar, um
unsere gegenwärtigen Beiträge an internationale
Organisationen zahlen zu können, plus 371 Millionen
Dollar zur Abzahlung der Rückstände, die in den
kommenden vier Jahren gezahlt werden sollen. Für
Maßnahmen zur weltweiten Friedenssicherung fordern wir 69 Millionen Dollar, um unsere finanziellen
Verpflichtungen voll und ganz erfüllen zu können, plus
132 Millionen Dollar für Rückstände, die ebenfalls
innerhalb von vier Jahren gezahlt werden sollen.
Von diesen drei Initiativen abgesehen, werden unsere
wichtigsten Programme Minimalanforderungen gerecht.

Öffentlichkeitsarbeit
Öffentlichkeitsarbeit wird eines unserer wichtigsten
Instrumente sein, wenn wir die weltweite Hinwendung
zu Demokratie und politischem Pluralismus fördern
wollen. Für die wertvolle Arbeit des US-Informationsamtes und die Behörde für den Internationalen Rundfunk beantragen wir aus dem Haushalt für 1992 1,3
Milliarden Dollar, eine geringfügige Erhöhung gegenüber dem Vorjahr. In diesem Rahmen werden neue
Schwerpunkte bei Informations- und Kulturprogrammen in Osteuropa, der Sowjetunion und der islamischen Welt liegen.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen nochmals für diese
Gelegenheit, unseren Finanzierungsvorschlag für das
Außenministerium im Haushaltsjahr 1992 hier erläutern zu dürfen. Wirfreuen uns auf die Zusammenarbeit
mit Ihnen, um zu gewährleisten, daß wir weiterhin über
angemessene Mittel zur Förderung amerikanischer
Interessen im Ausland verfügen.

* *

AMERIKA DIENST 24

*

Seite 5

�NACH

DEM

GOLFKRIEG
19. Juni 1991

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN NACH DEM
GOLFKRIEG
von Jeffrey Alderman
Der folgende Beitrag von Jeffrey Alderman, dem Leiter der Abteilung Meinungsumfragen bei ABC News, ist Teil
einer Serie von mehreren Artikeln. Sie behandeln George Bushs Position als Präsident und die Stärke der beiden
großen Parteien an dieser Wegscheide nach Beendigung des Krieges gegen den Irak und vor der hei ßen Phase
der Wahlkämpfe des Jahres 1992. Der Beitrag ist zuerst in der Ausgabe Mai/Juni 1991 von The Public
Perspective erschienen, einem zweimonatlich erscheinenden Magazin, das vom Roper Center for Public
Opinion Research an der University of Connecticut herausgegeben wird. Nachdruck und Übersetzung mit
Genehmigung.

Hätten die Wahlen des Jahres 1992 im März dieses
Jahres stattgefunden, dann hätte Präsident Bush einen Erdrutschsieg davongetragen, dessen Schwungkraft gro ß genug gewesen wäre, um den Senat zurückzuerobern und die demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus deutlich zu schmälern.
Der Grund: Der Krieg hat Bush zu einem der populärsten Präsidenten der neueren Geschichte gemacht.
Seine Zustimmungsquote lag Anfang März höher als
die aller Präsidenten seit Franklin D. Roosevelt. Obwohl
sie inzwischen etwas zurückgegangen ist, bleibt das
Ansehen des Präsidenten außergewöhnlich hoch. Bushs
Popularität hat zudem auf die Republikanische Partei
abgefärbt, die heute zumindest ebenso viele Anhänger
zählt wie die Demokraten. Jüngste Umfragen von
ABC/Washington Post deuten an, daß die Wahlen des
Jahres 1992 sogar einen bedeutenden politischen
Umbruch herbeiführen könnten, wenn Bush und die
Republikaner es schaffen, ihre Gewinne in den nächsten 18 Monaten zu konservieren und in dieser Zeit
glaubwürdige Kandidaten für den Kongreß aufzustellen.
Zum Glück für die Demokraten bedeuten eineinhalb
Jahre in der Politik eine Ewigkeit. Die Rezession,
andere Punkte auf der innenpolitischen Tagesordnung
sowie der Amtsbonus der heutigen Senatoren und
Abgeordneten könnten ihnen noch einen Umschwung
bringen. Die gegenwärtigen Zahlen liegen jedoch für
die Republikaner sehr hoch, und wenn sich die Demokraten lediglich auf zufällige Ereignisse und den Amtsbonus verlassen, um ihre politischen Kastanien aus
AMERIKA DIENST 24

dem Feuer zu holen, könnten sie am 3. November
1992 wesentlich mehr verlieren als die Präsidentschaft.
Sie haben es nicht nur mit einem populären Präsidenten zu tun. Ihnen steht vielmehr ein populärer Präsident gegenüber, dessen Zustimmungsrate einen Trend
zu seiner Partei beschleunigen könnte, der im großen
und ganzen zumindest seit der ersten Amtszeit Ronald
Reagans stetig zugenommen hat. Zur Zeit sehen sich
die Demokraten mit einer Öffentlichkeit konfrontiert,
die nicht nur einen populären republikanischen Präsidenten wiederwählen möchte, sondern auch noch
erwägt, ihm einen republikanischeren Kongreß zur
Seite zu stellen. Und sie erwägt dies sogar mitten in
einer Rezession, in der die Republikaner das Weiße
Haus kontrollieren. Man stelle sich ihre Präferenzen
erst vor, wenn wirtschaftlich bessere Zeiten anbrechen!
Parteienloyalität
Über die durch den Kriegsenthusiasmus begründeten
Beurteilungen des Präsidenten hinaus sehen die Zahlen
für die Republikaner seit langem sehr viel vielversprechender aus. Im Hinblick auf die Partei Präferenz gibt
es in der Tat ebensoviele Republikaner wie Demokraten. Bei einer vom 1. bis 4. März durchgeführten
Umfrage zur Bevorzugung der jeweiligen Partei gaben
31 Prozent der Erwachsenen die Demokraten und 31
Prozent die Republikaner an. Als die 37 Prozent, die
den Begriff "unabhängig" bevorzugten, gefragt wurden, zu welcher Partei sie neigen, wählten 15 Prozent
Seite 1

�die Demokraten, wohingegen sich 17 Prozent für die
Republikaner entschieden. Diese starke Tendenz zu
den Republikanern ist nur zum Teil ein Phänomen des
außerordentlich positiven Abschneidens des Präsidenten bei den Umfragen. Selbst ohne solch hohe
Prozentzahlen zugunsten des Präsidenten hat sich
der durchschnittliche Punktvortefl der Demokraten bei
der Parteiidentifizierung gegenüber den Republikanern in den vergangenen 12 Jahren ständig verringert
- von über 20 Punkten Ende der siebziger Jahre auf
nahezu einen Gleichstand heute. Bevor der Abstieg
begann, konnten die Demokraten bei der Identifizierung mit der Partei praktisch 50 Jahre lang einen
Vorsprung von 15 bis 20 Punkten verzeichnen. Diese
Verlagerung in der Bevölkerung fand ihren Niederschlag bei der Parteiidentifizierung der Wähler in jeder
seit den achtziger Jahren nach Verlassen des Wahllokals durchgeführten Umfrage. Es war weder ein
kontinuierlicher noch jäher Abstieg für die Demokraten. Er war jedoch beachtlich genug, um den Punkt zu
erreichen, an dem die Demokraten nicht länger den
Anspruch erheben können, die Mehrheitspartei zu
sein. Obwohl die Republikaner ihren Anteil bei der
Parteizugehörigkeit in den vergangenen 12 Jahren um
rund 10 Prozentpunkte verbessern konnten, können
auch sie nicht die Mehrheit beanspruchen. Eine von
ABC im Frühjahr durchgeführte Meinungsumfrage
belegte, daß die Zuwächse der Republikaner bei der
Identifizierung zusammen mit Bushs Popularität wieder etwas abnahmen.

Die Demokraten verfügen nur in einem Teil des Landes
- dem Osten, der 20 Prozent des Landes ausmacht über eine knappe Mehrheit. Und der Volkszählung von
1990 zufolge verliert diese Region Wählerstimmen.
Die Republikaner hingegen können 52 Prozent im
Westen auf sich vereinigen -19 Prozent des Landes.
Auch im Mittelwesten, wo 24 Prozent der Bevölkerung
leben, haben sie einen Vorsprung von 49 zu 39 gegenüber den Demokraten.

Liberale

15

Die Demographie von heute

61 Jahre oder älter

12

Die Zahlen im Hinblick auf Identifizierung mit der Partei
in einer politisch detaillierteren Umfrage vom März
zeigen, daß der Großteil der die Demokratische Partei
unterstützenden Gruppen älter, ärmer und weniger
gebildet ist als die meisten Amerikaner. Betrachtet
man die "Neigung" bei der Parteiidentifizerung - einschließlich derjenigen, die sich zunächst als unabhängig bezeichnen, bei einer Folgefrage jedoch angeben,
sie tendierten entweder zu den Demokraten oder Republikanern, so setzt sich die Liste von Gruppen, bei
denen die Mehrheit die Demokraten bevorzugen, folgendermaßen zusammen: Schwarze, Liberale, ältere
Mitbürger, High School-Abbrecher, Gewerkschaftsmitglieder, die Armen und Katholiken. Im Gegensatz
dazu befinden sich auf der Liste zugunsten der Republikaner Weiße, Konservative, Jugendliche, Collegeabsolventen, die Mittelklasse, die Reichen und weiße
Protestanten.

Keine High School-Ausbildung

13

Gewerkschaftsmitglieder

10

Auf den ersten Blick enthalten beide Listen keine
großen Überraschungen. Einige Berechnungen im
Hinblick auf die Auswirkungen des Wahlverhaltens
ergeben jedoch, daß die republikanische Liste entschieden mächtiger istt und zwar, weil die Republikaner mehr große Gruppen als die Demokraten für sieh
gewinnen. Zum Beispiel: 75 Prozent der Schwarzen
bevorzugen die Demokraten, wohingegen nur 51 Prozent

Seite 2

der Weißen für die Republikaner sind. Aber diese
schwarzen Demokraten entsprechen nur 8 Prozent
der Gesamtbevölkerung, während die weißen Republikaner 41 Prozent ausmachen. Tabelle 1 zeigt die
stärksten Gruppen und ihren Anteil an der Bevölkerung. Mit anderen Worten: Die größeren demographischen Gruppen tendieren zu den Republikanern und
die kleineren zu den Demokraten.
Regionale Stärke

Tabelle 1
Gruppen, bei denen sich die absolute Mehrheit (einschließlich Tendenzen) als republikanisch oder demokratisch identifizieren und Anteil an der Bevölkerung
Demokraten
Schwarze

Einkommen unter 12.000 Dollar
Katholiken

8

Prozent

9
15

Tabelle 2
Republikaner
Weiße

41

Konservative

22

18-30 Jahre

14

Collegeabsolventen

21

Mittelschicht

23

Prozent

Einkommen
über 50.000 Dollar

12

Weiße Protestanten

28

Im Süden (wo 37 Prozent der Bevölkerung leben)
haben beide Parteien den gleichen Zulauf - 47 Prozent
bekennen sich zu den Demokraten und 47 Prozent zu

AMERIKA DIENST 24

�den Republikanern. Wenn eine Zahl jemals belegt hat,
daß die alte demokratische Präsidentschaftskoalition
von Nord und Süd tot und begraben ist, dann diese.
Der immense Vorsprung, den die Demokraten im
Laufe der Geschichte im Süden innehatten, existiert
nicht mehr.
Die katholischen Wähler
Einer der wichtigsten Gründe, warum die Demokraten
immer noch einen Vorsprung im Osten haben, besteht
darin, daß weiße Katholiken sich nach wie vor - zum
Teil aufgrund ihrer Familientradition - als Demokraten
betrachten. Aber die Katholiken fühlen sich seit langem bei den Präsidentschaftswahlen zu den Republikanern hingezogen und könnten Ihnen auch im Repräsentantenhaus eine Chance geben.
Die vom 1. bis 4. März von ABC News und der
Washington Post durchgeführte Umfrage zeigte, daß
eine klare Mehrheit aller Katholiken immer noch den
Mitgliedsausweis der Demokraten vorziehen, aber
gespalten waren, welche Partei die Probleme des
Landes oder die Wirtschaft besser in den Griff bekommen kann. Gegenwärtig erklären 70 Prozent aller
Katholiken, sie würden Bush zum Präsidenten wählen.
Noch wichtiger ist vielleicht die Tatsasche, daß sie im
Hinblick auf ihre Wahlentscheidung für das Repräsentantenhaus 1992 in zwei gleich große Lager gespalten
sind. Das bedeutet, die Katholiken als größte und
treueste Wählergruppe der Demokraten - die 3 von 10
Wählern stellt - denken daran, schon an der Basis
abzuspringen.
Andere starke Gruppen bei den Demokraten planen,
1992 Demokraten in das Repräsentantenhaus zu
wählen, aber wie die Übersicht der Wähler bei der
Präsidentschaftswahl 1988 zeigt, stehen sie damit
ziemlich allein da (siehe Tabelle 2). Befragt zu ihrer
Entscheidung bei der Präsidentschaftswahl 1992, stimmen alle Stammwähler der Demokraten - auch die
Schwarzen - für Bush.
Die Stärken der Demokraten
Die Demokraten sind gegenwärtig eine demoralisierte
Gruppe, aber nicht ohne Hoffnung, gegenüber der
"Grand Old Party" wieder an Boden zu gewinnen, und
diese Hoffnung erfordert keine anhaltende, einschnei-

*

AMERIKA DIENST 24

*

dende Rezession (obwohl sie helfen würde). Bei der
Parteidentifizierung liegen Demokraten und Republikaner gleichauf, diese Zahlen variieren jedoch je nach
den Umständen kräftig. Es ist noch zu früh, um zu
erkennen, ob sich die jüngsten Zugewinne der Republikaner als dauerhaft erweisen werden. Und es ist
ganz sicher noch zu früh, um die Verluste der Demokraten im Repräsentantenhaus und Senat oder für
1992 einen Wahlsieg von Präsident Bush vorherzusagen.
Die Öffentlichkeit hat keine klare Vorstellung, wohin
Bush die Nation innenpolitisch führen wird. Nur 22
Prozent aller Amerikaner behaupten, sie wüßten genau, wohin er das Land in den kommenden zwei
Jahren lenken will. 37 Prozent haben "ungefähr eine
Vorstellung" und 40 Prozent "kaum eine Vorstellung".
Vielleicht können die Demokraten der Öffentlichkeit
eine bessere Idee davon vermitteln, wohin das Land
ihrer Meinung nach geführt werden sollte. Es gibt
zahlreiche innenpolitische Probleme au ßer der Rezession, bei denen sie die Regierung herausfordern könnten. Die Öffentlichkeit glaubt, bei einer Reihe von
Themen würden nicht genug Fortschritte erzielt - von
Drogen und Verbrechen bis zu Bildung und Umwelt.
Die Demokratische Partei hat die "Grand Old Party"
erfolgreich als Partei der Reichen und sich selbst als
die Partei der Armen dargestellt. Natürlich sind es die
Menschen in der Mitte, die über die meisten Stimmen
verfügen, aber ein etwas größerer Anteil der Bevölkerung hält die Demokraten für bessere Vertreter der
Mittelschicht als die Republikaner (44 zu 37 Prozent).
Auf die Frage, welche Partei am besten in der Lage sei,
"etwas für die Mittelschicht zu tun", liegen die Demokraten mit 48 zu 34 Prozent der Stimmen klar vorn.
Das ist eine Basis, auf der neue Wähler gewonnen
werden können.
Zum Nachteil gereicht den Demokraten, daß Wähler,
die sich der Mittelschicht zuordnen, bei den Wahlen für
das Repräsentantenhaus mit 54 zu 35 Prozent für die
Republikaner und mit 72 zu 16 Prozent für Bush
stimmen wollen. Wenn die Demokraten weiterhin
zulassen, daß der Präsident und seine Partei das
innenpolitische Programm bestimmen, dann könnte
dies das Ergebnis der nächsten Wahlen werden.

*

*

Seite 3

�NACH

DEM

GOLFKRIEG
19. Juni 1991

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN
NACH DEM GOLFKRIEG
Interview mit Richard Wirthlin
Das folgende Interview mit dem Vorsitzenden der Wirthlin Group und Republikaner Richard Wirthlin ist Teil einer
Serie von mehreren Artikeln über George Bushs Position als Präsident und die Stärke der beiden großen Parteien
an diesem Wendepunkt nach Beendigung des Krieges gegen den Irak und vor der hei ßen Phase der Wahikämpf e
des Jahres 1992.
Der Beitrag ist erstmals unter dem Titel "The Bush Presidency and the Political Parties after the Gulf War" in der
Ausgabe Mai/Juni 1991 der Zeitschrift The Public Perspective erschienen, die alle zwei Monate vom Roper
Center for Public Opinion Research an der University of Connecticut herausgegeben wird. Der Nachdruck erfolgt
mit freundlicher Genehmigung dieser Institution.

Erfolgreiche Kriege treiben die Bewertung des Präsidenten höher als alle anderen Ereignisse. Das gilt
insbesondere, wenn die Öffentlichkeit einen Krieg für
notwendig und erfolgreich erachtet. Solche Kriege
müssen heute 1. gegen einen Feind ausgefochten
werden, der eindeutig internationale Normen und
Maßstäbe verletzt hat, 2. gegen einen Schurken in
Person gekämpft werden - eine Rolle, die Saddam
Hussein sehr gut ausfüllen kann und 3. in einer eindeutigen Lösung des Konflitks münden. All dies wirkte sich
im Golfkonflikt zum Vorteil von Präsident Bush aus.
Die Leiden der Kurden nach dem Krieg haben das
Ansehen von Präsident Bush bei den Amerikanern
nicht geschmälert. Dennoch ist es ziemlich bemerkenswert, daß er so gut bewertet wird, insbesondere,
daß ihm in unserer nationalen Untersuchung vom
März 1991, als die Zustimmung für ihn 82 Prozent
betrug, ganze 56 Prozent der Befragten ihre einhellige
Unterstützung für sein Vorgehen aussprachen. Das ist
tatsächlich eine sehr große Zahl.
Frage: Wie verhalten sich die 56 Prozent der Befürworter zu den besten Ergebnissen für Ronald Reagan?
Antwort: Zwei von Reagans besten Ergebnissen
zeigten sich in unseren Untersuchungen im November
1985 mit 75 Prozent und im April 1986 mit ebenfalls 75
Prozent. Ich erinnere mich, daß unmittelbar nach dem
Genfer Gipfeltreffen bei unseren Folgeuntersuchungen noch eine höhere Zahl erreicht wurde. Zu diesem

AMERIKA DIENST 24

Zeitpunkt waren jedoch nur 40 bis 42 Prozent starke
Befürworter. Damit ist Bush mit seinen 56 Prozent
ungewöhnlich stark. Die Frage lautet jedoch nach wie
vor: "Wie fest ist Bushs gegenwärtige Position?"
Bewertungen von 70 Prozent und mehr sind "stratosphärisch" - es ist auch für eine populären Präsidenten
schwierig, in dieser Höhe noch Sauerstoff zu atmen.
Wenn der Präsident als wichtiger Motor positiver Veränderungen betrachtet wird, wenn er Veränderungen
auf eine Weise zu kontrollieren scheint, die mit den
Erwartungen und Werten der Amerikaner im Einklang
steht, dann gehen seine Bewertungen steil nach oben.
Aber wie alle Sterblichen bewirken Präsidenten nicht
nur positive Veränderungen: manchmal fallen sie
selbst Veränderungen zum Opfer. Wenn Sie sich zum
Beispiel Roosevelts Beliebtheit Mitte der vierziger Jahre
vor Augen führen, so verlor er zwischen Mai und
September 18 Prozent auf seiner Beliebtheitsskala.
Obwohl während des Krieges nicht viele Meinungsumfragen veröffentlicht wurden, sank seine Beliebtheit
von Anfang bis Ende des Jahres 1942 um 15 bis 16
Prozentpunkte. Ein anderer beliebter Präsident, Dwight
Eisenhower, unterlag Ereignissen, die er nicht kontrollieren konnte. Seine Beliebtheitsrate lag Ende des
Jahres 1956 bei ewa 78 Prozent. Dann wurde er in den
Kampf um den Haushalt verwickelt, schickte Truppen
nach Little Rock und sein Stern sank - seine Beliebtheitsskala erholte sich nicht, bis er Marineinfanteristen
in den Libanon entsandte. Sie sank wiederum Ende
des Jahres 1959 und Anfang des Jahres 1960, nach
Seite 1

�dem Zwischenfall mit der U-2 und der Absage einer
Japanreise. Von allen Präsidenten seit Roosevelt sind
Eisenhowers Beurteilungen möglicherweise die stabilsten - dennoch sank seine Beliebtheit von Ende des
Jahres 1959 bis Mitte 1960 von 75 auf 50 Prozent.
Dies zeigt, daß kein Präsident seine Beliebtheit als
"sichere Bank" verbuchen kann.
Ich muß jedoch sagen, daß gegenwärtig alles sehr gut
für George Bush aussieht. Erstes ist es unwahrscheilich, daß er noch einmal als schwach oder - umgangssprachlich - als "Niete" dargestellt wird. Diesen Vorwurf hat er ein für allemal begraben. Ein anderer
Faktor zu seinen Gunsten ist die Verlagerung in der
Identifizierung mit der Partei zugunsten der Republikaner. Als ich im Frühjahr des Jahres 1980 die Strategie
für die Reagan-Kampagne entwarf, bezeichneten sich
51 Prozent aller Amerikaner als Demokraten und nur
28 Prozent als Republikaner. In den Jahren unter
Reagan sank dieser Vorsprung der Demokraten erheblich bis auf eine einstellige Zahl. Dieser Trend hält
an: unsere Untersuchung vom Januar 1991 zeigte
einen 3prozentigen Vorsprung der Republikaner, und
andere Untersuchungen zeigen einen Gleichstand der
Parteien. Wir sollten jedoch den Übergang ins nächste
Jahr genau beobachten und abwarten, ob die Republikaner ihre gegenwärtige Position beibehalten können.
Wenn die Republikaner in einem Jahr auch nur einen
geringen Vorsprung von ewa 3 oder 4 Prozent haben,
wird dieser geringfügige Vorsprung bei der Parteiidentifizierung George Bush einen starken politischen Puffer
liefern, über den er 1989 noch nicht verfügte und den
Ronald Reagan 1980 ganz sicher nicht hatte.
Eine weitere positive Komponente von Bushs heutiger
Stellung ist die Wahrscheinlichkeit, daß uns keine
einschneidende Rezession bevorsteht. Obwohl das
Vertrauen der Verbraucher nicht immer ein zuverlässiges Instrument ist, um die künftige Wirtschaftslage
vorherzusagen, ist es in Zusammenhang mit anderen
Maßnahmen kein schlechter Indikator. Wir haben
gerade eine beispiellose Zunahme des Verbrauchervertrauens festgestellt. Das gleiche kommt meines
Erachtens auch in den Zahlen von Conference Board
und Michigan Survey Research Center zum Ausdruck.
Und die Entwicklung der verfügbaren Realeinkommen
von November dieses Jahres bis Oktober des nächsten Jahres wird schließlich der wichtigste Indikator für
die Wiederwahlchancen des Präsidenten sein. Zur
Zeit scheint es, als ob es um die Wirtschaft bis Ende
des Jahres besser bestellt sein wird.
Einen letzten Faktor, den ich als für Präsident George
Bush günstiges Element anführen möchte, ist das
Fehlen starker demokratischer Herausforderer. Von
allen politischen Vorteilen, die Bush in den vergangenen zwei bis drei Monaten errungen hat, würde ich
diesen ziemlich weit oben ansiedeln. Die Demokraten
müssen bald einen Herausforderer für Bush finden,
jemanden, der ihre Sache eloquent verfechten und
natürlich damit beginnen kann, die organisatorischen
Seite 2

Voraussetzungen für einen Präsidentschaftswahlkampf
zu schaffen. Obwohl sie alle gute Leute sein mögen,
stellt von den Demokraten, die heute aktiv die Nominierung anstreben, keiner für den Präsidenten eine
ernsthafte Herausforderung dar.
Trotzdem besitzen die Demokraten bei einigen politischen Fragen Vorteile. Meines Erachtens muß Präsident Bush zur Zeit in der Innenpolitik mit Vorsicht zu
Werke gehen. Ich glaube nicht, daß er davon ungestraft Abstand nehmen kann. Ich war erfreut, als er
kürzlich eine starke Haltung zu Bildungsfragen einnahm. Wenn sich jedoch die Wirtschaft erholt, wird es
für die Demokraten sehr schwierig, bei irgendeinem
Problem den Hebel anzusetzen.
Frage: Noch eine Frage zu Bush persönlich. Über
seine Präsidentschaft wurde schon unzählige Male
gesagt, er genieße zwar gute Zustimmungszahlen,
aber seine Popularität sei "eine Meile breit und einen
Inch tief". Sie sind darauf eingegangen, indem Sie
feststellten, daß heute ein sehr hoher Anteil erklärt, sie
seien sehr zufrieden mit seiner Amtsführung. Trotzdem besteht immer noch der Eindruck, Reagan habe
eine "Armee" hinter sich gehabt, die Bush fehle. Wie
erscheint diese Beurteilung in Ihren Augen?
Antwort: Gezeiten und Abfolge politischer Veränderungen stellen sich heute anders dar als zu Reagans
Zeiten. Grundsätzlich trifft meines Erachtens die
Einschätzung zu, derzufolge er keine "politische Armee"
in dem Sinne hinter sich hat, daß es wesentlich mehr
"wahre Gläubige" gab, die für Reagan durchs Feuer
gegangen wären - er besaß diese Art von Armee. Sein
Wahlkampf war ein Kreuzzug. Es bestand das Gefühl,
einen echten historischen Einschnitt zu bewirken, das
die Reihen konservativer Republikaner in den Jahren
1979,1980 und 1981 ergriffen hatte. Und es gab in der
Tat eine wichtige Änderung der politischen Tagesordnung. Solche Augenblicke der politischen Geschichte
rufen eine Art ungeteilter Begeisterung für einen nationalen politischen Führer hervor. Das gleiche haben wir
mit Franklin D. Roosevelt erlebt.
Dagegen bleibt die internationale und innenpolitische
Tagesordnung bei Bush im wesentlichen dieselbe wie
bei Reagan. Es findet kein tiefgreifender historischer
Wandel statt. Während dies bedeutet, daß Bush keine
Armee gläubiger Anhänger besitzt wie Reagan, heißt
es jedoch auch, daß eine solche Armee in Wahrheit
überhaupt nicht benötigt wird für das, was Präsident
Bush vielleicht leisten möchte. Auf vielfältige Art und
Weise verfolgt er das gleiche Programm wie sein
Vorgänger, vielleicht mit weicherer, sanfterer Hand.
Was Bush natürlich braucht, ist eine starke öffentliche
Zustimmung, auf der er bauen kann, um von ihm
verfolgte gesetzgeberische Ziele zu verwirklichen. Die
öffentliche Zustimmung zu Bushs Amtsführung ist
zweifellos immer stabiler geworden. Sie hat sich
infolge der vergangenen drei bis vier Monate positiver
entwickelt.

AMERIKA DIENST 24

�Ob sich dies in bedeutende Zuwächse für die Republikaner bei den Kongreß- und Gouverneurswahlen des
Jahres 1992 ummünzen läßt, ist eine offene Frage.
Hätten Sie mich vor sechs Monaten nach den Chancen
für erhebliche Gewinne der Republikaner in Repräsentantenhaus und Senat im nächsten Jahr gefragt, so
hätte ich sie als mager eingeschätzt - obwohl ich zu
jener Zeit davon ausging, daß Bushs Position stark
war. Heute besteht meiner Meinung nach die Möglichkeit, daß wir bei der Stellung der Parteien in beiden
Häusern im Jahr 1992 zum ersten Mal seit längerer
Zeit einen größeren Wandel erleben. Warum? Aufgrund eines erheblichen Wandels in der Parteiidentifikation. Die Entwicklung von einem 23-Punkte-Rückstand zu einem Vorsprung von sechs oder sieben
Punkten ist eine Verschiebung, die Sie und ich wahrscheinlich nur einmal in unserem Leben beobachten
können.
Natürlich lautet die wichtigste Frage, ob dieser Vorsprung gehalten werden kann. Die von uns geleistete
Arbeit weist eindeutig darauf hin, daß die Parteiidentifikation nicht so stabil ist, wie dies früher der Fall war
oder zumindest angenommen wurde. Sie ist mehr
oder weniger im Flu ß. Wenn die Republikaner jedoch
mit einem Vorsprung von beispielsweise 6 Punkten in
die Wahlen vom Herbst 1992 gehen sollten, dann
kämen damit eine Menge demokratischer Sitze in
Reichweite, die vor vier Monaten niemand als wackelig
eingestuft hätte.

&gt;

Dies bringt uns direkt zur Frage der Neuorientierung.
Meines Erachtens gab es eine "gezielte" Neuorientierung - gezielt in dem Sinne, daß sie eindeutig in eine
Richtung ging und nicht stagniert. Sie ist weder
eingebettet noch stabil. Neuorientierung bedeutet für
micht erstens eine grundlegende Änderung des innenpolitischen Programms - die 1979 und 1980 tatsächlich
stattfand. Zweitens bedarf es eines charismatischen
Führers um sicherzustellen, daß viele dieser tagespolitischen Änderungen ihren Niederschlag in der Gesetzgebung des Landes finden - das ist Ronald Reagan gelungen. Drittens fordert es eine umfassende
Verlagerung der Parteiidentifizierung - die wir beobachten konnten. Die vierte Komponente einer dauerhaften Neuorientierung hat jedoch noch nicht stattgefunden und wird meines Erachtens auch in absehbarer
Zukunft nicht verwirklicht werden. Um den ersten drei
Komponenten Dauerhaftigkeit zu verleihen, müssen
sie durch Umstrukturierung der Gesetzgebung der
Bundesstaaten institutionell verankert werden. Die
Partei, die die Gesetzgebung der Staaten kontrolliert,
hat die Macht, die Zusammensetzung jedes Wahlbezirks zu bestimmen und kontrolliert dadurch den wichtigsten politischen Hebel. Obwohl die Republikaner
weiterhin in anderen Bereichen Vorteile erlangen
könnten, setzt ihre Unfähigkeit, die Vorherrschaft der
Demokraten in den gesetzgebebenden Körperschaften zu beenden, ihren anderen parteibedingten Zuwächsen Grenzen.

AMERIKA DIENST 24

Frage: Wenn Sie die Zuwächse der Republikaner bei
der Parteiidentifikation betrachten - sie dominieren die
Präsidentschaftswahlen, während die Demokraten die
Gesetzgebung des Landes und der Bundesstaaten
kontrollieren - wie lautet ihre wichtigste Interpretation?
In welchem Maße reflektiert diese Spaltung die ambivalenten Gefühle der Öffentlichkeit bezüglich des richtigen Kurses der öffentlichen Politik - die Bevölkerung
mag die Republikaner in einer Weise und die Demokraten in anderer und splittet daher ihre Stimmen, um
divergierende Ziele zu erreichen? Oder umgekehrt,
steht eine geteilte Regierung statt dessen nur für die
Trennung der Gesetzgebung von Partei und Politik was Vorteile bei der Amtsführung zur Folge haben
könnte? Wünscht die Öffentlichkeit tatsächlich eine
republikanische Präsidentschaft zusammen mit einem
demokratisch dominierten Kongreß, oder handelt es
sich hierbei nur um das unbeabsichtigte Nebenprodukt
anderer Faktoren?
Antwort: Meines Erachtens besteht der Hauptgrund
für die parteiliche Spaltung zwischen Legislative und
Präsidentschaftsebene vornehmlich in der Macht von
Amtsinhabem in Kongreß und Legislative. Amtsinhaber können unter Beweis stellen, daß sie ihren Wahlbezirken in dieser oder jener Weise dienen, und dies
hat sie vor ansonsten sehr viel häufigeren politischen
Veränderungen geschützt. Darüber hinaus haben wir
festgestellt, daß die Amerikaner mit der geteilten
Regierung von heute ganz zufrieden sind - dem einzigartigen Ausdruck der Gewaltenteilung. Anfang der
achtziger Jahre versuchten die Republikaner die Frage auszuloten, ob Präsident Reagan mehr vollbringen
könnte, wenn er ein republikanisches Repräsentantenhaus und einen republikanischen Senat hinter sich
hätte. Sie stellten fest, daß ihre Argumentation auf
taube Ohren stieß. Viele der Befragten gaben an,
dieses Argument zähle nicht viel, da sie die Meinung
vertraten, es sei "eine gute Sache", daß die Demokraten den Kongreß kontrollierten und die Republikaner
das Weiße Haus. Praktisch gesehen glaube ich jedoch nicht, daß viele Amerikaner derlei Erwägungen
anstellen und zu dem Schluß gelangen, wir benötigten
ein Gleichgewicht, deshalb ihre Erststimme den Republikanern geben aber gleichzeitig einen demokratischen Kongreß wählen. Die Wahl eines Kongreßabgeordneten ist eine sehr viel pragmatischere Angelegenheit - wen kennt man, und was sind die Belange des
Wahlkreises?
Frage: Aber selbst angesichts dieser Vorteile im
Amtsbereich und den Wahlkreisthemen, die die gesetzgeberische Position der Demokraten gestärkt haben,
gibt es doch genug Anzeichen für Präsident Bushs
Status einerseits und den Zulauf bei der Parteiidentifizierung der Republikaner andererseits, um zu der
Schlußfolgerung zu gelangen, daß es Aussichten für
eine beachtliche Verlagerung der Parteienzusammensetzung des Kongresses im Jahr 1992 geben wird?

Seite 3

�Antwort: Das ist richtig. Und ich würde mich sehr viel
wohler fühlen, wenn die Republikaner in einem Jahr
immer noch einen Vorsprung bei der Parteiidentifizierung hätten. Nach dem Wahlkampf von 1988 haben
wir eine Analyse vorgenommen, welche Faktoren das
Wahlverhalten bei einer Vielzahl von Ämtern einschließlieh der Präsidentschaft bestimmen. Obwohl nicht die
einzige und in mancher Hinsicht auch nicht die bedeutendste Variable, "erklärt" die Parteienloyalität, warum

bestimmte Kandidaten gewählt werden. Die Herausforderung für die Republikanische Partei besteht darin,
einen Vorsprung bei der Parteiidentifizierung insbesondere bei den Jungwählern zu bewirken. Eine hohe
Wahlbeteiligung wird der Partei eindeutig helfen. Vor
nicht allzu langer Zeit hofften die Republikaner auf
Regen, Schnee und Graupelschauer am Wahltag im
November. Heute sollten sie sich warmes Wetter und
Sonnenschein wünschen.

* * * *

*
V

Seite 4

AMERIKA DIENST 24

�NACH

DEM

GOLFKRIEG
19. Juni 1991

AMERIKANISCHE POLITIK NACH DEM GOLFKRIEG:
DIE SICHT DER DEMOKRATEN
Interview mit Geoffrey Garin
WASHINGTON - (AD) - Das folgende Interview mit dem Präsidenten der Garin-Hart Strategie Research Group
und Demokraten Geoffrey Garin ist Teil einer Serie von mehreren Artikeln über George Bushs Position als
Präsident und die Stärke der beiden großen Parteien an diesem Wendepunkt nach Beendigung des Krieges
gegen den Irak und vor der heißen Phase der Wahlkämpfe des Jahres 1992.
Der Beitrag ist erstmals unter dem Titel "The Bush Presidency and the Political Parties after the Gulf War" in der
Ausgabe Mai/Juni 1991 der Zeitschrift The Public Perspective erschienen, die alle zwei Monate vom Roper
Center for Public Opinion Research an der University of Connecticut herausgegeben wird. Der Nachdruck erfolgt
mit freundlicher Genehmigung dieser Institution.

Die Bewältigung der Golfkrise hat George Bush und
seiner politischen Position eindeutig zum Vorteil gereicht. Ich hege jedoch ernsthafte Zweifel bezüglich
der Nachhaltigkeit und Tiefe dieser Veränderung. In
mehreren von mir in den Bundesstaaten durchgeführten Meinungsumfragen, in denen im Jahr 1992 Senatswahlen stattfinden werden, stellte ich die Frage
nach der Wiederwahl von Präsident Bush und der
amtierenden demokratischen Senatoren. Die Frage
bezüglich des Präsidenten lautete folgendermaßen:
"George Bush wird sich als republikanischer Kandidat
der Wiederwahl als Präsident stellen. Würden Sie
definitiv für Bush stimmen, wahrscheinlich für Bush
stimmen, wahrscheinlich oder definitiv für den Demokraten stimmen?" Wie ich bereits sagte, stellen wir die
Parallelfrage bezüglich der amtierenden demokratischen Senatoren - zumindest einem, von dem die
Republikaner behaupten würden, er habe eine knappe
Stimmenmehrheit. In allen Fällen lag Bush genau oder
gerade unter 50 Prozent und - was noch wichtiger ist
- hinter den amtierenden Senatoren, einschließlich der
umstrittenen. Während also George Bush von den
Wählern hoher persönlicher Respekt gezollt wird, ist
die Tiefe der politischen Loyalität ihm gegenüber noch
nicht ausgelotet.
Frage: Würden sich die typischen von Ihnen erwähnten Antworten in der Größenordnung von 48 Prozent
für die Wiederwahl von Bush, 35 Prozent für den
Demokraten bewegen?

AMERIKA DIENST 24

Antwort: "Der Demokrat" läge immer noch beträchtlich hinter Bush - wahrscheinlich eher am oberen Ende
der 20 Prozentmarke, mit einer großen Gruppe Unentschiedener. Aber ich wiederhole - ich hätte eine
entschieden höhere Zahl für den Präsidenten erwartet.
Und im Hinblick auf seine Zustimmungsrate stellten wir
fest, daß sie selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität zu gleichen Teilen zwischen denen gespalten ist,
die uneingeschränkt zustimmen und denjenigen, die
seinen Leistungen nur in Maßen zustimmen. Er hat
einen Sockel von der Mitte der 30- bis zum oberen
Ende der 40 Prozentmarke unter denjenigen, die entschiedene Bush-Anhänger sind, darüber hinaus ist
alles eher schwammig. Ein weiterer entscheidender
Maßstab ergibt sich aus einer gerade von mir fertiggestellten nationalen Umfrage, bei der drei Viertel der
Wähler angaben, sie seien unzufrieden über die wirtschaftlichen Gegebenheiten. Auf die Frage nach der
Bewertung der Leistung des Präsidenten bei Wirtschaftsproblemen waren die Angaben zu gleichen
Teilen in Zustimmung und Ablehnung gespalten. Dies
alles ergibt etwas weniger als den Status eines Superhelden.
Frage: Ist die Wirtschaft für die Wahlen von 1992
Bushs Achillesferse?
Antwort: Sie ist ein wirklich schwacher Punkt - und
zwar über die herkömmlichen Statistiken zur Gesamtwirtschaftsleistung hinaus. Aus politischer Sicht heißt
das eine ungewöhnliche Rezession, bei der die ArSeite 1

�beitslosigkeit keinen Anlaß zur Sorge bereitet. Die
Menschen sind vielmehr besorgt über die steigenden
Preise der Grundbedürfnisse, sei es Gesundheitsfürsorge, Wohnung, weiterführende Bildung und so weiter. Selbst wenn sich die Arbeitslosenzahlen verbessern, fühlen sich die Menschen noch weit bis in das
politische Jahr 1992 unter Druck. Innerhalb der Mittelschicht herrscht die Ansicht vor, daß Präsident Bush
an ihren Wirtschaftsproblemen nicht besonders interessiert ist, geschweige denn, eine Patentlösung bereitthält.
Frage: Vergleichen Sie ihre Zahlen zur Wiederwahl
mit den Vorentscheidungen der Meinungsumfragen.
Zum Beispiel belegt die von NBC News und dem Wall
Street Journal vom 15. bis 19. März durchgeführte
Umfrage, 67 Prozent würden Bush wählen, nur 22
Prozent Mario Cuomo. Finden Sie diese Ergebnisse
irreführend?
Antwort: In der Tat. Sie deuten überhaupt nicht
darauf hin, wie es 1992 aussehen wird. Wenn unter
Umständen potentielle demokratische Kandidaten diese
Zahlen ernst nehmen und infolgedessen nicht kandidieren, wird es ihnen noch leid tun.
Frage: Gegenwärtig werden vielfach die Verpflichtungen der Demokraten im Hinblick auf die Präsidentschaft 1992 erörtert. Wie beurteilen Sie die Vorzüge
der Partei beispielsweise nach Ihren Untersuchungen?
Antwort: Der wichtigste Vorteil liegt im wirtschaftlichen Bereich, wo die Demokraten viel mehr als Partei
der Mittelschicht betrachtet werden als die Republikaner. Angesichts der dynamischen politischen Entwicklung der Jahre 1991 und 1992 ist dies von entscheidender Bedeutung. Unter den Vertretern der Mittelschicht
herrscht ein starkes Gefühl wirtschaftlicher Zerrüttung
und Frustration. 1990 habe ich an einer Reihe von
Kampagnen für Senat und Repräsentantenhaus mitgearbeitet, die wir aus mancherlei Gründen nicht hätten gewinnen können. Aber wo wir nahe daran waren
und in manchen Fällen sogar gewonnen haben, war
genau dieses Gefühl im Hinblick auf die Wirtschaft
dafür verantwortlich. Der neue Kongreßabgeordnete
aus Indiana, Tim Roemer, ist ein gutes Beispiel für
jemanden, der dieses Thema sehr gut eingesetzt hat.
Harvey Sloane aus Kentucky, der wider Erwarten 48
Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, hat
vor allem ein so gutes Ergebnis erzielt, weil diese
wirtschaftlichen Frustrationen so stark waren und die
Demokraten vornehmlich als Partei der Mittelschicht
betrachtet wurden. Darüber hinaus haben die Demokraten auch bei vielen anstehenden Themen, etwa
Gesundheitsfürsorge und Arbeitsplätzen einen erheblichen Vorteil.
Frage: Bei allgemeinen Erhebungen zu Fragen, welche Partei mehr für Leute wie Sie tut, welche für die
Mittelschicht besser ist, liegen die Demokraten vorn.

Seite 2

Andererseits werden auf die Frage, welche Partei die
Interessen der Reichen am besten vertritt, eher die
Republikaner genannt. Und dennoch, wenn wir die
Präsidentschaftswahlen über den langen Zeitraum
seit 1968 betrachten, waren die Republikaner die
Gewinner. Natürlich berücksichtigen die Leute bei der
Wahl des Präsidenten viele Dinge, aber wenn die
Demokraten als Partei der einfachen Leute betrachtet
werden, warum bringen sie dann nicht mehr einfache
Leute dazu, sie zu wählen?
Antwort: Nun, auch die Partei der gewöhnlichen
Menschen braucht außergewöhnliche Kandidaten. 1980
und 1984 waren die Entscheidungen der Wähler in
ihrem zeitlichen Kontext logisch, auch wenn ich nicht
damit übereinstimme. Die Menschen waren mit den
Zuständen 1980 enorm unzufrieden und stimmten für
Veränderungen. Bis 1984 wurden sie zufriedener und
glaubten, das Land habe sich positiv verändert - der
neuerliche Einsatz für Reagan ergibt in diesem Zusammenhang Sinn. Aber 1988 habe ich von Anfang an
geglaubt, daß die Demokraten gewinnen könnten, und
heute glaube ich, daß die Demokraten aufgrund der
von mir beschriebenen wirtschaftlichen Probleme die
Wahl hätten gewinnen sollen. Die Geschichte von
1988 handelt nicht vom Fehlschlag dieser wirtschaftlichen Fragen, sondern vom Fehlschlag einer bestimmten Kampagne der Demokraten, die dazu hätte beitragen sollen, daß der Wähler mit seinem Kandidaten
zufrieden ist und die sich die Gelegenheit zunutze
macht. Michael Dukakis wollte 1988 nicht der Kandidat des wirtschaftlichen Untergangs sein und ging bis
zum Ende der Kampagne kaum auf wirtschaftliche
Schwierigkeiten ein. Die Demokraten können es sich
wirklich nicht leisten, diesen Fehler 1992 zu wiederholen.
Frage: Soeben haben Sie gesagt, wenn ein Demokrat
die Vorentscheidungen betrachtet, Bush vorn sieht
und deshalb nicht kandidiert, mache er einen Fehler.
Wenn Sie sich im Land umschauen, scheuen dann
Demokraten die Kandidatur für den Kongreß unmittelbar nach dem Golfkrieg?
Antwort: Nein. Es ist blanke Ironie, daß wir vier
Monate vor dem offiziellen Beginn der Wahlen 1992
bereits eine erfolgreichere Kandidatur für den Senat
hatten als bei der gesamten Kampagne 1990. Bei den
Rennen um die demokratische Herausforderung konnten wir kein einziges Mitglied des Repräsentantenhauses davon überzeugen, einen republikanischen Senator herauszufordern. Es war das erste Mal seit den
Tagen des New Deal, wo es keinen einzigen demokratischen Gouverneur oder Kongreßabgeordneten gab,
der für den Senat kandidierte. Jetzt scheint es, daß
Richard Stallings in Idaho - einem sehr konservativen
Staat - gegen Steve Symms antreten wird. In Oregon
werden Les AuCoin oder Peter DeFazio Bob Packwood herausfordern. Es ist wahrscheinlich, daß in
Kansas Dan Glickman gegen Bob Dole und in New

AMERIKA DIENST 24

�York Bon Mrazek gegen AI D'Amato antreten wird. Es
sieht also so aus, daß die Demokraten jetzt eher bereit
sind, Druck auszuüben als vor zwei Jahren. Das
spiegelt die Tatsache wider, daß diese Demokraten
zuHause eher von den von mir beschriebenen wirtschaftlichen und sozialen Problemen hören als vom
Krieg. Die Wähler sagen ganz klar, daß sie sich im
Hinblick auf unsere Wirtschaftspolitik in Washington
eine Veränderung wünschen, die den Bedürfnissen
der Mittelschicht stärker entgegenkommt.
Frage: Wenn man die Bandbreite der Umfrageergebnisse zur Parteiindentifizierung von 1980 bis heute
betrachtet, weichen die Umfrageinstitute zwar in den
von ihnen gelieferten Meinungsbildem stark ab und die
Zahlen variieren erheblich, aber dennoch sind die
Republikaner allen Meinungsforschungsinstituten zufolge im letzten Teil dieses Zeitraums - von 1989 bis
1991 - stärker als im ersten Teil.
Antwort: Das stimmt wohl.
Frage: Warum, was hat diese bescheidene Neuorientierung bewirkt?
Antwort: "Bescheiden" haben Sie gesagt. Ich würde
wahrscheinlich eher "vorübergehend" sagen. Die
jüngsten Zahlen sind vorwiegend eine Reaktion auf
den Krieg. In den vergangenen Monaten wurden
relativ wenige positive Artikel über die Demokraten
geschrieben. Eine weitere Binsenwahrheit der amerikanischen Politik ist, daß nichts so erfolgreich ist wie
der Erfolg. Die Republikaner hatten in jüngster Zeit
eine solche Phase und haben davon profitiert, aber das
Pendel wird auch wieder zur anderen Seite ausschlagen. Seit einigen Jahren sind die Zahlen zur Parteiidentifikation nicht von Dauerhaftigkeit geprägt. Ihre
Betonung ist zur Torheit geworden, weil für viele
Menschen eine ausdrückliche Identifikation mit einer
Partei sehr oberflächlich ist, eine Reaktion auf bestimmte Ereignisse. Wenn ich am Ende eines Fragebogens einer Umfrage zu Wirtschaftsthemen die Frage nach der Parteiidentifikation stelle, werde ich eine
höhere Zahl für die Demokraten erhalten. Wenn es bei
der Umfrage hauptsächlich um Außenpolitik geht, dann
- welche Überraschung - werde ich einen höheren
Anteil für die Republikaner feststellen. Der Wähler
investiert nicht viel, wenn er eine Präferenz für eine
bestimmte Partei verkündet. Für die Analysten hat die
Frage nach der Parteiidentifikation immer noch den
gleichen Stellenwert wie die Frage nach Alter oder
Geschlecht der Interviewpartner. Genau dies trifft
überhaupt nicht zu. Sie liegt analytisch viel näher an
der Frage: "Was halten Sie von der gegenwärtigen
Entwicklung im Land?" Das ist ein sehr flüssiger
Prozeß. Natürlich war dies nicht immer so. Früher

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AMERIKA DIENST 24

bedeutete eine Partei den Leuten wesentlich mehr als
heute.
Frage: Die ganze Idee der Parteiidentifikation so wie
Gallup sie in seinen Umfragen in den dreißiger Jahren
einführte und wie zahlreiche Wissenschaftler sie verwendet haben, sollte also heute ad acta gelegt werden?
Antwort: Sie ist sicherlich viel weniger bedeutsam.
Die Erfahrung lehrt uns, daß es selbst in den meisten
von Demokraten beherrschten Staaten genug Leute
gibt, die geistig so offen sind, daß sie auch einen
Republikaner wählen würden. Und selbst im republikanischsten und konservativsten Staat gibt es genug
Menschen, die auch einem Demokraten ihre Stimme
geben würden.
Frage: Wenn wir 100 der politisch informiertesten
Personen privat über das voraussichtliche Ergebnis
der Wahlen von 1992 befragen würden, so würde eine
ziemlich große Mehrheit sagen, sie erwarteten einen
Sieg der Demokraten in beiden Häusern des Kongresses und der Republikaner im Weißen Haus. Ob dies
im Jahr 1992 wirklich geschehen wird, bleibt abzuwarten, aber diese Spaltung der Macht besteht bereits
lange Zeit. Was würden Sie bei der Erklärung dieses
Phänomens betonen ? Spiegelt sich darin eine bewu fite Wahl wider?
Antwort: Obwohl der Wähler seiner Frustration über
das Patt in Washington Ausdruck verleiht, die aus
einer solchen Spaltung in Washington hervorgeht,
findet er die Idee gut, daß Exekutive und Legislative
von verschiedenen Parteien kontrolliert werden. Der
Wähler von heute macht sich mehr Sorgen über Exzesse der Regierung als über deren Unzulänglichkeiten. Dieses Gefühl schlug besonders während der
Reagan-Administration Wurzeln. Die Wähler waren
bei innenpolitischen Fragen häufig nicht mit Reagan
einverstanden und begrüßten die Tatsache außerordentlich, daß die Demokraten dawaren, um Exzessen
Einhalt zu gebieten. Sie waren jedoch mit einem
Gro ßteil von Reagans Au ßenpolitik sehr zufrieden und
freuten sich, daß er die Demokraten auch bei einigen
Steuer- und Ausgabenfragen bremsen konnte. Grundsätzlich ist es also der Fall, daß der Wähler sich mit
einer gespaltenen Regierung wohl fühlt. Gegenwärtig
jedoch gilt der Druck in einer gespaltenen Regierung
weniger den Demokraten, weil sie George Bush blokkieren würden - was sie ja eindeutig nicht tun -, sondern
George Bush, weil er die Verwirklichung von Maßnahmen behindert, die auf der innenpolitischen sozialen
Tagesordnung stehen. Der Druck liegt mehr auf dem
Präsidenten als auf dem Kongreß.

* * *

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Euro-atlantische Architektur: von West bis Ost &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Sowjetunion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA unterstützen sowjetische Reformen politisch und wirtschaftlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Baker vor Unterausschuß des Senats&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nach dem Golfkrieg&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Präsident und die Parteien nach dem Golfkrieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jeffrey Alderman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Präsident und die Parteien nach dem Golfkrieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Richard Wirthlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Politik nach dem Golfkrieg: die Sicht der Demokraten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Geoffrey Garin&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

26. Juni 1991

25
-

KSZE

PUNKTE ZUM WIRTSCHAFTLICHEN
ÜBERGANG
Außenminister Baker bei der KSZE

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL

WIRTSCHAFTSEXPERTEN EINIG ÜBER
NOTWENDIGKEIT DURCHGREIFENDER
SOWJETISCHER REFORMEN
Hintergrundartikel zum
Weltwirtschaftsgipfel in London

UMWELT

REILLY: OSTEUROPAS UMWELTPROBLEME
ÄUSSERST DRINGLICH
Rede des Leiters des US-Umweltamts in Prag

DAS MEINUNGSBILD
IN AMERIKA

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfrage zur Wirtschaft und Politik
des Präsidenten

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1991

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�KSZE
26. Juni 1991

PUNKTE ZUM WIRTSCHAFTLICHEN ÜBERGANG
Außenminister Baker bei der KSZE
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Außenminister Baker beim Ministertreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) am 19. Juni 1991 in wesentlichen
Auszügen.

Bei unseren Bestrebungen zur Schaffung eines ungeteilten und freien Europas muß die KSZE auch die
wirtschaftlichen Bedürfnisse eines neuen Europas
ansprechen und wirtschaftlichen Wohlstand auf den
gesamten Kontinent ausweiten und vertiefen. Dies ist
unabdingbar für den Aufbau dauerhafter demokratischer Institutionen - ein Ziel, dem wir uns alle beim
Pariser Gipfeltreffen verschrieben haben.
Die Verwirklichung dieses Ziels erfordert nicht zwangsläufig die Schaffung neuer Institutionen oder Mechanismen durch die KSZE. Wir sollten vielmehr versuchen, eine starke Partnerschaft mit den Institutionen
zu schmieden, die Kompetenz im wirtschaftlichen Bereich
haben. EG, OECD, Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), Weltbank, IWF und
andere könnten dazu beitragen, den Herausforderungen des wirtschaftlichen Übergangs in Mittel- und
Osteuropa und der Sowjetunion zu begegnen.
Zusätzlich zur Gewährleistung der engen Zusammenarbeit zwischen KSZE und multilateralen Institutionen
zur Erfüllung der Bedürfnisse unserer Mitgliedstaaten
muß jeder von uns individuell prüfen, wie er zu einem
erfolgreichen wirtschaftlichen Übergang in Mittel- und
Osteuropa beitragen kann. Ich mache drei Bereiche
aus, in denen individuelle Beiträge geleistet werden
können.
Erstens müssen wir unsere Märkte für freien Handel
öffnen. Die wirtschaftliche Umgestaltung Mittel- und
Osteuropas sowie der Sowjetunion macht den Zugang
dieser Länder zu regionalen und globalen Märkten
erforderlich. In diesem Zusammenhang ist der erfolgreiche Abschluß der Uruguay-Runde der wichtigste
Einzelschritt, den wir unternehmen können. Wenn wir
AMERIKA DIENST 25

uns zunächst auf die Lösung einiger Kernbereiche
konzentrieren - Landwirtschaft, Dienstleistungen, staatliche Beschaffung, geistiges Eigentum und Marktzugang - können wir einen Durchbruch erzielen, der zu
einem umfassenden Abkommen führen wird.
Zusätzlich zum baldigen Abschluß der Urugay-Runde
müssen wir daran arbeiten, bestimmte Schranken für
Exporte aus Mittel- und Osteuropa abzubauen. Makroökonomische Stabilisierung ist nicht genug. Wir
müssen auch die mikroökonomische Basis für Wohlstand schaffen. Denn es ist schlicht und einfach eine
Tatsache, daß die neuen marktwirtschaftlich orientierten Demokratien nicht in der Lage sein werden, ausländische Investitionen anzuziehen, zu privatisieren oder
wettbewerbsfähige Unternehmen aufzubauen, die
Arbeitsplätze schaffen - wenn ihnen nicht gestattet
wird, fair um Märkte zu konkurrieren.
Als Teil dessen ist es unabdingbar, daß wir unsere
Märkte für die Güter öffnen, bei denen die reformwilligen Volkswirtschaften am wettbewerbsfähigsten sind.
Zugang zu 90 Prozent unserer Märkte ist von begrenztem Wert, wenn die verbleibenden 10 Prozent sich auf
die Industrien erstrecken, in denen Mittel- und Osteuropäer eine vergleichsweise bessere Ausgangsstellung haben. Das bedeutet insbesondere, daß wir uns
mit Restriktionen bei Stahl, Textilien und Agrarprodukten befassen müssen.
Die Vereinigten Staaten haben sich ihrerseits verpflichtet, den Marktzugang für die Mittel- und Osteuropäer zu verbessern. Die von Präsident Bush am 20.
März 1991 bekanntgegebene Initiative zur Aufstokkung des Handels legt fünf Bereiche fest, in denen wir
Fortschritte zur Verbesserung des Marktzugangs
Seite 1

�machen können. Eine Gruppe hochrangiger amerikanischer Regierungsvertreter hat vor kurzem die Region besucht, um Gespräche über Handelsschranken
zu führen und wird Schritte empfehlen, die von den
Vereinigten Staaten zur Öffnung ihrer Märkte unternommen werden können.
Zweitens können die jeweiligen KSZE-Mitgliedstaaten
angemessene direkte finanzielle Unterstützung an die
Länder der Region leisten, um deren wirtschaftlichen
Übergang zu beschleunigen. Wir müssen weiterhin
der Einführung handelsverzerrender gebundener
Unterstützungkredite widerstehen, die in die Hinwendung zu freien und offenen Märkten in der Region
eingreifen könnten. Statt dessen sollte die finanzielle
Unterstützung die Entwicklung eines stabilen, wettbewerbsfähigen Privatsektors fördern.
Ein dritter Bereich für individuelle Beiträge ist die
Verdoppelung der Bestrebungen zur Bereitstellung
technischer Hilfe für alle Sektoren dieser Volkswirtschaften. Wir haben viel zu bieten - von der Weitergabe von Know-how in Landwirtschaft und Industrie über
Ausbildung von Führungskräften und Rechnungsprüfern bis zur Unterstützung der Parlamente und Regierungsbehörden bei der Neufassung von Gesetzen und
Bestimmungen zur Erleichterung des Wachstums neuer
Privatunternehmen. Sowohl bilateral als multilateral einschließlich zukünftiger KSZE-Expertentreffen - sollten
wir unsere Bestrebungen darauf konzentrieren, die
Hilfe auf die bedürftigsten und am meisten betroffenen
Bereiche auszurichten.
Aus diesem Grund habe ich ein Seminar über die
sozialen und finanziellen Auswirkungen der Umrüstung der Verteidigungsindustrie und Haushaltsengpässe vorgeschlagen. Wenn die Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas und der Sowjetunion sich
umgestalten wollen, müssen sie die für die Rüstungs-

industrie bestimmten enormen Ressourcen für zivile
Zwecke aufwenden. Bei diesem Unterfangen können
wir im Westen technische Hilfe und Rat zur Verfügung
stellen.
Darüber hinaus könnten wir die Schaffung von Handelskammern für die reformwilligen Volkswirtschaften
im Osten in Erwägung ziehen, um zur Förderung von
Investitionen, Handel und Privatuntemehmen beizutragen, die für die Umgestaltung und dauerhaftes
Wachstum erforderlich sind. Dies wird das Gewicht
des Privatsektors in den neuen Demokratien stärken
und Netze für Wirtschaftswachstum schaffen.
Durch all diese Maßnahmen können wir zur der elementaren Aufgabe beitragen, das Gefüge wirtschaftlicher Zusammenarbeit über alle KSZE-Mitgliedstaaten
hinweg zu verbessern. Unsere Bestrebungen können
jedoch nur eine unterstützende Rolle bei dem stattfindenden Übergang spielen. Selbsthilfe bleibt die unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Reformen.
Echte Veränderungen müssen aus dem politischen
und wirtschaftlichen System Mittel- und Osteuropas
und der Sowjetunion selbst kommen, vom Abbau der
Hemmnisse für die Wirtschaftstätigkeit, der Entwicklung und Kodifizierung eines Rahmens für Privatunternehmen und von der Durchführung solider makoökonomischer Maßnahmen, die für das Wirtschaftswachstum unerläßlich sind.
All dies sind wichtige Bereiche, die von der KSZE
angesprochen werden müssen, während wir versuchen, auf der Bonner Konferenz des vergangenen
Jahres aufzubauen, die einen Meilenstein in der Geschichte darstellte. Als Gemeinschaft haben wir die
Verantwortung gegenüber der Sowjetunion und den
Ländern Mittel- und Osteuropas, zur Verwirklichung
des wirtschaftlichen Übergangs in diesen Ländern
beizutragen.

* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 25

�WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
26. Juni 1991

WIRTSCHAFTSEXPERTEN EINIG ÜBER
NOTWENDIGKEIT DURCHGREIFENDER
SOWJETISCHER REFORMEN
Hintergrundartikel zum Weltwirtschaftsgipfel in London

Während Wirtschaftswissenschaftler und Regierungen über das Ausmaß der zur Unterstützung der
Sowjetunion beim Übergang zur Marktwirtschaft benötigten Hilfe unterschiedlicher Meinung sind, herrscht
wesentlich größere Einigkeit im Hinblick auf die Art der
wirtschaftlichen und institutionellen Reformen, die
durchgeführt werden müssen, bevor diese Hilfe bereitgestellt wird.
Mehrere Gremien führender amerikanischer Experten
für die Volkswirtschaften Osteuropas und der Sowjetunion haben dem Kongreß am 19. Juni 1991 mitgeteilt,
daß die sowjetische Wirtschaft ohne rasche Verwirklichung umfassender Reformen Gefahr läuft, zusammenzubrechen.
"Wenn die Sowjetunion auf dem gegenwärtigen Weg
halbherziger Wirtschaftsreformen weitermacht, dann
wird der Abschwung von heute zum freien Fall von
morgen werden", so der Wirtschaftswissenschaftler
Graham Allison von der Harvard University vor einem
Unterausschuß des Senats. "Der wirtschaftliche
Zusammenbruch wird nicht nur den gegenwärtigen
Prozeß demokratischer Reformen aushöhlen, sondern er wird wahrscheinlich auch zur Auflösung der
Sowjetunion - möglicherweise mit Gewalt - führen."
Neben Allison nahmen Professor Jeffey Sachs von der
Harvard University und der frühere Chef-Volkswirt der
Weltbank und heutige Professor am Massachusetts
Institute of Technology, Stanley Fischer, Stellung. Die
drei gehören zu den wichtigsten Architekten des sogenannten "Grand Bargain", eines an der Harvard University entwickelten Plans zur Unterstützung der Reformen in der Sowjetunion.

AMERIKA DIENST 25

Bei der Anhörung erläuterte Allison diesen Plan, der
massive Hilfe des Westens fordert, um eine vierstufige
Wirtschaftsreform in der Sowjetunion zu fördern.
Die erste, in diesem Jahr durchzuführende Stufe erfordert die Privatisierung von Kleinuntemehmen, Liberalisierung der Preise, Konvertierbarkeit des Rubel,
Beseitigung von Beschränkungen für private Wirtschaftstätigkeit, Liberalisierung der Bestimmungen für
ausländische Investitionen, Reduzierung von Industriesubventionen, eine Landreform und ein Einfrieren
neuer Sozialausgaben.
Im Jahr 1992 sollte die Sowjetunion der HarvardGruppe zufolge ihr Haushalsdefizit abbauen und insbesondere die Ausgaben für Subventionen, Auslandshilfe und das Militär reduzieren. Die meisten Preiskontrollen sollten beseitigt, eine unabhängige Zentralbank
geschaffen und die Privatisierung von Kleinindustrien
beschleunigt werden. Darüber hinaus sollte ein Nahrungsmittelhilfeprogramm eingeführt werden, um denen
zu helfen, die am meisten von der Freigabe der Preise
betroffen sind.
Die im Jahr 1993 beginnende dritte Stufe sieht die
Privatisierung von Großunternehmen, eine anhaltende Landreform, die Durchführung von Infrastrukturprojekten - insbesondere im Transport- und Kommunikationsbereich - und die Beibehaltung streng makroökonomischer Kontrollen vor.
In der letzten Phase von 1994 bis 1997 würde die
Privatisierung von Großbetrieben sowie von Wohnungseigentum, Steuerreform, Liberalisierung des
Arbeitsmarkts sowie die Expansion internationaler
Privatinvestitionen intensiviert.

Seite 1

�In einer Erklärung vor dem Senat hatte US-Außenminister Baker einige Tage zuvor erklärt, die Industriestaaten des Westens "können als Katalysator politischer und wirtschaftlicher Reformen" in der Sowjetunion wirken. Baker fuhr fort: "Wir sind dabei, ein Paket
unterstützender Maßnahmen zu entwickeln, die wir mit
anderen westlichen Ländern koordinieren möchten."
Vizepräsident Quayle und andere Sprecher der Administration haben jedoch erhebliche Zweifel daran zum
Ausdruck gebracht, daß die im Harvard-Plan vorgesehenen massiven Summen an Hilfsgeldern bewilligt
werden.
In einer Rede in Berlin weigerte sich Baker am 18. Juni,
Einzelheiten des von den Vereinigten Staaten erwogenen Pakets bekanntzugeben.
"Wie wir in den vergangenen Wochen jedoch ausgeführt haben", stellte Baker fest, "könnte das Paket
eine besondere Verbindung mit IWF und Weltbank
enthalten, um zur Erarbeitung und Durchführung ernsthafter Wirtschaftsreformen beizutragen. Ferner könnte ein Projekt zwischen öffentlichem und Privatsektor
entwickelt werden, um die Hindernisse für Privatinvestitionen bei der Energieentwicklung zu beseitigen, mit
denen Devisen ins Land kommen und das ein Beispiel
für den erfolgreichen Betrieb dieses Sektors mit Eigentums- und Vertragsrechten liefert.
Gemeinsame
Bestrebungen zur Belebung des Nahrungsmittelvertriebssektors könnten durch die Schaffung von Marktinitiativen baldige Verbesserungen für die Konsumenten herbeiführen. Darüber hinaus könnte die Umrüstung des Verteidigungssektors unterstützt und technische Zusammenarbeit verbessert werden, einschließlich Ausbildung im wirtschaftlichen Bereich. Offenerer
Handel sowie zusätzliche 1,5 Milliarden an Kreditbürgschaften, die der Präsident vergangene Woche für den
Kauf von Getreide bewilligt hat, sind weitere Elemente
des Pakets".
Dieses Paket von Maßnahmen wurde von Sachs als
unzureichend kritisiert.
Sachs erklärte, zur Unterstützung der sowjetischen
Hinwendung zu einer Marktwirtschaft seien große
Summen - mindestens 3 Milliarden Dollar jährlich von

den Vereinigten Staaten und noch wesentlich mehr
von anderen Ländern und internationalen Institutionen
- erforderlich.
"Kleine Reformschritte ergeben keine große Reform,
sie führen vielmehr ins Chaos", stellte Sachs fest. Und
seiner Meinung nach können kleine Summen nur
kleine Reformen unterstützen.
Sachs ging in seiner Stellungnahme davon aus, daß
kleine Summen eher kontraproduktiv sein könnten. Es
seien die Erzkonservativen in der Sowjetunion, die nur
gerinfügige Hilfsgelder anstrebten, weil sie wüßten,

Seite 2

daß große Hilfssummen zu Wirtschaftsbedingungen
führen, die eine fundamentale Veränderung im Hinblick auf Privateigentum erforderten.
Fischer fügte hinzu, daß der langsame Reformansatz
- Ausgleich des Haushalts und langsame Öffnung der
Waren- und Arbeitsmärkte über drei bis fünf Jahre
hinweg - in einer Marktwirtschaft, in der sich Besitz und
Produktion weitgehend in Privathand befinden, schlüssig sei, für die Sowjetunion jedoch einen fehlerhaften
Ansatz bedeute.
"Jeder Versuch, zu Beginn für makroökonmische
Ordnung zu sorgen und gleichzeitig die fundamentalen
mikroökonomischen Reformen" - etwa Steuer- und
Preisreformen sowie Liberalisierung des Handels "hinauszuschieben, würde das Produktivsystem zum
Scheitern bringen", erklärte Fischer.
Der Vorsitzende des Unterausschusses, Joseph Biden, stellte fest, es gebe zwar "praktisch einen Konsens" im Kongreß, die technische Hilfe für die Sowjetunion zu unterstützen, aber er hafte es für nahezu
unwahrscheinlich, daß der Kongreß der Bewilligung
großer Summen zustimme, bevor das Land seine
Eigentumsgesetze und die Behandlung von Privatunternehmen reformiert, die Staatsmonopole aufgelöst,
die Preise freigegeben und die Konvertibilität des
Rubels hergestellt habe.
Der ehemalige Abteilungsleiter im US-Außenministerium und heutige stellvertretende Vorsitzende der
Investmentfirma Goldman Sachs International, Robert
Hormats, erklärte, der Londoner Weltwirtschaftsgipfel
von 15.-17. Juli biete den politisch Verantwortlichen
der wichtigsten Industrieländer eine gute Gelegenheit,
um Einigung über die bestmögliche Unterstützung der
Sowjetunion zu erzielen.
"Das Londoner Gipfeltreffen sollte keine Runde für
Zusagen sein", meint Hormats. "Es sollte vielmehr für
die führenden Politiker des Westens ein Forum sein,
um mit Gorbatschow Fragen in bezug auf seine politischen Ziele, das Ausmaß der in den wichtigsten
Machtzentren und Institutionen der UdSSR vorhandenen politischen Unterstützung für kühne Reformen,
seine und seines Landes Fähigkeit zurechten Verwirklichung der Reformen und die Schritte zu erörtern, die
er zu ergreifen gedenkt, um die aus der sowjetischen
Unterstützung Kubas und den hohen sowjetischen
Verteidigungsausgaben resultierende Verschwendung
von Ressourcen in den Griff zu bekommen."
Hormats warnte die Gipfelteilnehmer, sich von ihrem
bevorstehenden Treffen mit Gorbatschow - am 17. Juli
unmittelbar im Anschluß an den Londoner Gipfel - so
stark ablenken zu lassen, daß sie das zentrale Thema
des Gipfels aus den Augen verlieren, nämlich die
Verbesserung des Welthandelssystems durch den
erfolgreichen Abschluß der Welthandelsgespräche im
Rahmen der Uruguay-Runde.

AMERIKA DIENST 25

�Marshall Goldman, Mitdirektor des Russian Research
Center der Harvard University, bewertete die von
"Grand Bargain" geforderten Reformen wesentlich
zurückhaltender als die anderen an der Anhörung
teilnehmenden Wirtschaftswissenschaftler.
Goldman zufolge kann die Sowjetunion den Umfang
der von der Harvard-Gruppe geforderten Hilfsgelder
nicht verwerten. Die Hilfe solle zunächst dafür eingesetzt werden, landwirtschaftliche Familienbetriebe mit

*

AMERIKA DIENST 25

*

Kleintraktoren, Lieferwagen, Lagermöglichkeiten und
Kleingeräten zur Nahrungsmittelverarbeitung auszustatten.
"Auf diese Weise könnte es der Sowjetunion gelingen,
eine Wiederkehr des letztjährigen Skandals zu verhindern, als Kollektive und Staatsfarmen sowie das staatliche Verteilungssystem trotz einer Rekordernte nicht
in der Lage waren, die Moskauer Geschäfte mit Brot zu
beliefern", stellte Goldman fest.

*

*

Seite 3

�UMWELT
26. Juni 1991

REILLY: OSTEUROPAS UMWELTPROBLEME
ÄUSSERST DRINGLICH
Rede des Leiters des US-Umweltamts in Prag
PRAG - (AD) - Osteuropa darf mit der Beseitigung seiner ungeheuren Umweltschäden nicht bis zur völligen
Gesundung seiner Volkswirtschaften warten. Dieses Fazit zog der Leiter des US-Umweltamts (EPA), William
Reilly, am 21. Juni 1991 in einer Rede bei der Prager Konferenz über die Umwelt in Europa.
"Die Größenordnung dieser Sanierungsmaßnahmen ist einzigartig", erklärte Reilly. Die begrenzten Mittel
Osteuropas erforderten "schwierige Entscheidungen", wobei die Beseitigung weniger bedrohlicher Schäden
bisweilen zugunsten wirklich schwerwiegender Altlasten aufgeschoben werden müsse.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen Reillys im Wortlaut.

Die elegante Pracht des Schlosses Dobris und die
schöne tschechische Landschaft verleihen unserer
Zusammenkunft Würde und erinnern uns, daß Schönheit, Kunst und Schutz der Natur in dieser Kultur fest
verankert sind. Sie weisen auf das gestalterische
Potential menschlichen Strebens zugunsten der Umwelt
hin und geben uns selbst dann Hoffnung und Vertrauen, während wir uns der schlimmen umweltpolitischen
Hinterlassenschaft der jüngsten Geschichte in dieser
Region zuwenden. Wenn ich zu den sich auftürmenden Wolken hinaufschaue, die die Decke über mir
schmücken, könnte ich einen Moment lang die Schwefelwolken vergessen, die schwer über den städtischen
und industriellen Zentren Mitteleuropas hängen und
dieser Zusammenkunft eine besondere Dringlichkeit
verleihen.
Als Amerikaner betrachte ich es als besonderen Vorzug, zu dieser Konferenz über die Umwelt in Europa
eingeladen zu sein. Ein großer Franzose hat Amerika
einmal als "die Tochter Europas" bezeichnet. Wir
Amerikaner erkennen, daß wir mit den Europäern eine
gemeinsame Kultur und - global betrachtet - eine
gemeinsame Umwelt teilen. Darüber hinaus erkennen
wir zunehmend gleichartige wirtschaftliche Interessen
an harmonischen und miteinander vereinbaren Umweltbestimmungen für Maßnahmen, die sich auf Handel
und Investitionen auswirken. Ferner gibt es bei uns
eine lange Tradition der Kontakte und Freundschaft
mit dem Volk der Tschechischen und Slowakischen
AMERIKA DIENST 25

Föderativen Republik sowie größte Bewunderung für
die von Ihnen kürzlich errungene Freiheit. Ich erinnere
an den tiefen Respekt und Goodwill, die unser Kongreß und das amerikanische Volk Präsident Vaclav
Havel bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten
vor etwas über einem Jahr entgegenbrachten, als er so
bewegend von "einer weltweiten Revolution des
menschlichen Bewußtseins" sprach, die eine Überwindung engstirniger Interessen in Aussicht stelle.
Ich erinnere mich auch an Präsident Havels wunderbare Antwort auf die Frage, wie ein Dramatiker und
andere Nicht-Politiker erwarten könnten, die Regierungsgeschäfte zu führen. Er erwiderte, er und seine
Minister hätten einen Vorteil, den nur wenige Kabinette
für sich in Anspruch nehmen könnten und der ihnen bei
der Bewältigung des schwierigen Koordinierungsproblems dienlich sei: Sie hätten endlose Stunden in der
erzwungenen Intimität gemeinsamer Gefängniszellen
verbracht. (Wenn Regierungsvertreter vor ihrem Eintritt in die Regierung Gefängniszellen teilen, ist dies
sicherlich weit produktiver als wenn Regierungsvertreter nach ihrer Amtszeit Gefängniszellen teilen, eine
Verfahrensweise, die uns in den Vereinigten Staaten
geläufiger ist.)
Präsident Havel hat darüber hinaus im Hinblick auf die
Umwelt gesagt, daß "wir immer noch dem destruktiven
Glauben anhängen, der Mensch sei die Krone der
Schöpfung und nicht ein Teil davon und daß deshalb
Seite 1

�alles erlaubt sei.... Wir zerstören weiterhin den Planeten, der uns anvertraut wurde und seine Umwelt."
Es ist angemessen, daß wir uns in Mitteleuropa versammelt haben, um eine für die Zukunft der Menschheit so entscheidende Frage zu erörtern. Hier sind wir
alle mit der Hinterlassenschaft der vergangenen 45
Jahre konfrontiert. Wir erkennen diese Hinterlassenschaft in den säureentstellten, gesichtslosen Statuen
Krakaus. Wir erkennen sie im schwefelhaltigen Himmel über Ostrau. Wir erkennen sie in den verseuchten
Wassern von Donau, Weichsel und Oder. Wir sehen
das Werk der Zerstörung, verursacht von einem System, das die Menschen ihrer Eigenverantwortung
entfremdete und die rücksichtlose Mißachtung der
Umwelt förderte. Heute wie niemals zuvor erkennen
wir das lebenswichtige Bindeglied zwischen einer
prosperierenden Wirtschaft und einer gesunden Umwelt.
Dies ist die Hinterlassenschaft. Dies ist die Vergangenheit. Die Zeit fließt wie die großen Ströme nach
vorn. Heute ist es mehr als je zuvor an der Zeit, die
Dinge in Ordnung zu bringen. Es ist Zeit für Zusammenarbeit und Partnerschaft, Zeit für den Übergang zu
neuen Verhaltensweisen. Wir in den Vereinigten Staaten
reichen unsere Hand zu diesem Unterfangen.
Zuerst kommt der gewaltige Prozeß der Altlastenbeseitigung nach Jahren der Vernachlässigung. Die
Größenordnung dieser Sanierungsmaßnahmen ist
einzigartig. Sie müssen sich von Beginn an in ihren
Zielen auf die schwerwiegendsten Risiken für die
menschliche Gesundheit und die Umwelt konzentrieren. Wir müssen neue, angemessene und preisgünstige Technologien in Erwägung ziehen. Um angesichts
begrenzter Mittel schwierige Entscheidungen zu treffen, wobei die Beseitigung weniger bedrohlicher Schäden bisweilen zugunsten wirklich schwerwiegender
Altlasten aufgeschoben werden müssen. Die Umwelt
kann jedenfalls nicht warten bis die Volkswirtschaft
vollständig wiederhergestellt ist: es ist diese Art zu
denken, die Osteuropa umweltpolitisch ins Unglück
gestürzt hat.
In den vergangenen Jahren sind wir in den Vereinigten
Staaten zunehmend vom Erfolg der Risikobewertung
und Wirtschaftsanalyse als Instrumente zur Beeinflussung von Management- und Geschäftsprioritäten
überzeugt worden. Mit Risikobewertung meine ich den
vernünftigen Einsatz aller zur Verfügung stehenden
Informationen über die Auswirkungen von Schadstoffen auf die menschliche Gesundheit und das Ökosystem. Sie trägt dazu bei, die sporadisch auftretenden
alarmierenden Ereignisse in einen Zusammenhang zu
stellen, die eine Grundlage für die Unterscheidung
zwischen den schwerwiegendsten Problemen und
solchen liefern, die weniger einschneidend sind, zwischen gebrochenen Knochen und einfachen Beulen
und Hautabschürfungen.

Seite 2

Zweitens müssen Länder am Scheideweg der Einführung eines freien Markts mit neuen Verpflichtungen für
die Umwelt eindeutige Signale setzen und der Industrie die richtigen Anreize schaffen. Ich empfehle die
Einführung von Vorbeugemaßnahmen zum Umweltschutz. Die Industrie in den Vereinigten Staaten lernt,
daß eine Verhinderung der Umweltverschmutzung
noch vor ihrem Auftreten - durch Einführung neuer
Technologien und Prozesse, Wiederverwendung und
Aufbereitung von Chemikalien und gefährlichen Stoffen, zum Beispiel durch das Ersetzen von Lösungsmitteln auf Ölbasis durch solche auf Wasserbasis - nicht
nur der Umwelt nützt, weil man Material spart, sondern
oftmals auch Geld spart, weil man die potentielle
Haftung reduziert und Vorschriften vermeidet. In der
Regierung müssen wir folgende Tendenz unterstützen: wir müssen zuverlässige Maßstäbe setzen, die
Verpflichtungen der Industrie darlegen und gegebenenfalls mit Hilfe des Markts Anreize für den Umweltschutz bieten.
Unser Gesetz zur Luftreinhaltung von 1990 auf der
Basis von Präsident Bushs Vorschlag gewährt Industrieunternehmen bis zu sechs Jahren Befreiung von
neuen Luftreinhaltungsvorschriften, wenn sie sich
bereiterklären, ihre Schadstoffemissionen freiwillig um
90 Prozent zu reduzieren. Das Gesetz sieht darüber
hinaus ein neues System vor, im Rahmen dessen
Schwefeldioxidemissionen dauerhaft 50 Prozent unter
den gegenwärtigen Stand gebracht werden sollen. Die
in den Vereinigten Staaten wirksamen Marktmechanismen sind unter Umständen nicht auf die Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas anwendbar. Dennoch glaube ich, daß wirtschaftliche Instrumente und
Analysen für die Entwicklung einer gesunden Umweltpolitik unabdingbar sind.
Denjenigen, die davon überzeugt sind, wir hätten im
Hinblick auf die Umwelt keine Fortschritte erzielt, kann
ich sagen, daß die Vereinigten Staaten im Rahmen
ihres früheren Gesetzes zur Luftreinhaltung die Emission von Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid um 30
Prozent, den Partikelausstoß um 64 Prozent und bleihaltige Emissionen um 97 Prozent verringert hat. Im
gleichen Zeitraum stieg das Bruttosozialprodukt in den
Vereinigten Staaten um 60 Prozent. Das Wirtschaftswachstum hat Fortschritte im Umweltschutz ermöglicht und sie finanziert. Das daraus entstandene
Wachstum hat die Natur besser erhalten und geschützt. Es ist dieser Fortschritt sowohl in der Wirtschaft als auch beim Umweltschutz, der uns auf unsere Fähigkeit zur Verwirklichung neuer und ehrgeiziger
Ziele vertrauen läßt. Diejenigen, die noch ehrgeizigere
umweltpolitische Ziele verfechten, täten gut daran,
sich die bisherigen Fortschritte vor Augen zu führen,
auch wenn wie in unserem Fall noch nicht genug getan
worden ist. Die Menschen, die aufgefordert werden,
mehr für den Umweltschutz zu zahlen, müssen daran
erinnert werden, daß mit den bisher für die Umwelt
gezahlten Steuern tatsächlich Gutes geleistet wurde.

AMERIKA DIENST 25

�Drittens fordere ich die neuen Demokratien dieser
Region auf, die Bedeutung des freien Informationsflusses zu erkennen. In den Vereinigten Staaten sehen die
Gesetze eine jährliche Liste der Schadstoffemissionen
vor, und unsere Gesetze über die Rechenschaftspflicht gegenüber Gemeinden fordern, daßjede Fabrik
die zulässigen Emissionen von etwa 200 Schadstoffen
mißt und veröffentlicht. In jedem Jahr berichtet die
Lokalpresse ausführlich über die Schadstoffemissionen der Fabriken am Ort. Anwohner der Fabriken,
Arbeiter, Aktionäre - alle werden von der Berichterstattung aufgerüttelt. Ein Geschäftsführer einer großen
Chemiefabrik erklärte mir, daß er keine Ahnung von
den Werten hatte, die seine Firma durch den Schornstein schickt, bevor er die Liste der Schadstoffemissionen seiner Firma sah. Dieses Gesetz sieht zwar keine
Strafen vor, hat aber trotzdem das Verhalten der
Unternehmen positiv beeinflußt und dazu geführt, daß
die Fabriken ihre Schadstoffemissionen drastisch unter
das von den Reinhaltungsgesetzen gesetzte Niveau
reduzieren. Diese Art von Informationen fördert Fortschritte und stimuliert Volkswirtschaften. Im November dieses Jahres wird das EPA in Zusammenarbeit
mit der OECD eine internationale Konferenz in Wien
über "Informationen zur Schadstoffemission" organisieren. Ich hoffe, daß Vertreter Ihrer Ministerien und
Organisaitonen daran teilnehmen können.
Viertens ergibt sich noch ein anderer Vorteil aus dem
ungehinderten Informationsfluß, der Fortschritte auf
den Weg bringt. Private, nichtstaatliche Organisationen haben besseren Zugang zu Informationen über
das Verhalten der Industrie zur Umwelt und werden
Fragen zur Gesundheit des Menschen und zum
Umweltschutz in die Öffentlichtkeit tragen. Damit
erlangen sie einen hohen politischen Stellenwert. Diese
Offenheit, diese Vitalität für private Gruppen ist für
umweltpolitische Reformen und Fortschritte unabdingbar, auch wenn, wie hier, die Regierung viele Leiter
nichtstaatlicher Umweltgruppen umfaßt.
Schließlich können Fortschritte im Hinblick auf die
Umwelt nur durch Kooperation, durch regionale und
sogar globale Beteiligung und Partnerschaft, erzielt
werden. Dennoch fürchte ich trotz unserer guten
Absichten und unseres Enthusiasmus - oder vielleicht
gerade deswegen -, daß wir doppelte Arbeit leisten und
infolgedessen Ressourcen verschwendet haben. Wenn
sie zusammenarbeiten, müssen die Regierungen Ostund Westeuropas, Japans, Kanadas und der Vereinigten Staaten eine Strategie für kurzfristige Hilfe
vereinbaren, die sich unsere Informationen, unsere
Ressourcen und den Wunsch nach Verbesserung der
Umweltqualität in dieser Region zunutze macht.
Ich möchte mich nunmehr einem schwierigen Punkt
zuwenden. Umweltschutz erfordert eine ungeheure
Bandbreite analytischer Instrumente, ist aber nicht
allein eine technische Angelegenheit. Rentabilität und
Risikoanalysen sind zwar sehr wichtig, aber es gibt

AMERIKA DIENST 25

noch etwas Grundsätzlicheres: eine ethische Verpflichtung zur Wiederherstellung und Konservierung
der Ordnung in der Natur. Die Revolutionen in der
tschechischen und slowakischen Republik - und auch
in den anderen Ländern Mitteleuropas - sind nicht
allein politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen
entsprungen. Die Legitimität dieser Revolutionen basiert
auf Werten wie der Würde des Menschen und seiner
unantastbaren Privatsphäre und Freiheit, seinem
Verhältnis zu Religion, Arbeit, Lohn und Eigentum. Wir
dringen hier in den Bereich der Moral vor, einer Moral,
die Politik beeinflußt und über der Wirtschaft steht.
Eines der ersten Anliegen einer moralischen Ordnung
muß es sein, Verhaltensmaßregeln aufzustellen und
hochzuhalten, die das Überleben und die Verwirklichung der Spezies fördern. Das zwingt uns, das
Mißverhältnis zwischen Natur und Mensch zu erkennen und zu korrigieren, nicht nur im diskreditierten
kommunistischen System, sondern auch - wenn auch
in geringerem Maße - in unseren eigenen Systemen.
Schließlich müssen wir die Notwendigkeit erkennen,
sowohl die Effizienz als auch die Qualität unserer
Bestrebungen zur Förderung regionaler Zusammenarbeit bei der Umwelt zu verbessern. Dieses Ziel stand
hinter Präsident Bushs Vorschlag zur Einrichtung eines Regionalen Umweltzentrums für Mittel- und Osteuropa. Zusammen mit vielen von Ihnen hier habe ich
an der Eröffnung im September vergangenen Jahres
teilgenommen. In weniger als einem Jahr ist das
Zentrum zu einem Treffpunkt von Umweltgruppen in
ganz Mitteleuropa geworden. Es unterstützt wichtige
Arbeit bei der Informationsbeschaffung und Verteilung, Aufbau von Institutionen, Ernstfallbereitschaft,
Erziehung zum Umweltschutz, zur Gesundheit der
Umwelt, Energieausnutzung, Vorbeugung und den
Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Umwelt. Noch
wichtiger ist, daß das Zentrum neue Verbindungen
herstellt und bestehende Brücken zwischen Regierungen, Unternehmen und Umweltschutzgruppen ausbaut.
Ein Beispiel eines praktischen Ansatzes regionaler
Zusammenarbeit - und ein mögliches Zukunftsmodell
- ist der jüngste Abschluß einer gemeinsamen Umweltstudie mit der Tschechoslowakei. Diese Studie erforderte die aktive Beteiligung der Europäischen Gemeinschaft, von Vertretern der Regierung und der Republiken in der Tschechoslowakei, der Weltbank und der
US-Regierung und deren enge Zusammenarbeit.
Die gemeinsame Studie hat die bestehenden Bedrohungen für die Umwelt in allen Bereichen analysiert Luft, Wasser, Boden und Grundwasser und kurz- und
langfristige umweltpolitische, wirtschaftliche und sektorale Maßnahmen zur Förderung des Umweltschutzes empfohlen. Die Studie hat wichtige Bedrohungen
für die Umwelt erforscht und einen Aktionsplan entworfen, in dem eine große Bandbreite von Projekten für
das Gastgeberland in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern beschrieben werden.
Seite 3

�Die Studie ist ein effektives, innovatives Modell der
Kooperation, mit dessen Hilfe Ressourcen besser den
umweltpolitischen Prioritäten zugeordnet werden
können. Tatsächlich freue ich mich berichten zu
können, daß sich Anfang des Monats Vertreter von
Organisationen, die an der ersten Studie beteiligt
waren, in Sofia trafen, um die erste Phase ähnlich
kooperativer Bestrebungen mit der Regierung Bulgariens durchzuführen.

nicht vor Grenzen halt." Ohne die Vergangenheit
vergessen zu wollen, sollten wir in die Zukunft blicken,
um für noch ungeborene Generationen diesen Planeten zu schützen, den wir verwalten, der so abhängig
wie nie vor diesem Jahrhundert von der Pflege des
Menschen ist, eben weil die Menschheit weiterhin von
der Gesundheit der Natur abhängt, die alles Leben
erhält.
Ich danke Ihnen.

Präsident Bush hat erklärt: "Unser gemeinsames
Erbe ist die Erde, und das Schicksal der Erde macht

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 25

�DAS

MEINUNGSBILD

IN

AMERIKA
26. Juni 1991

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfrage zur Wirtschaft und Politik des Präsidenten
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ergebnisse einiger vom Roper Center for Public Opinion an
der University of Connecticut durchgeführten Meinungsumfragen.

Unsicherheit über wirtschaftliche Perspektiven
Obwohl viele Experten der Meinung sind, die gegenwärtige Rezession in den Vereinigten Staaten habe
ihren Tiefstand erreicht, belegen zwei jüngste landesweite Meinungsumfragen - eine von ABC News mit der
Washington Post durchgeführt, die andere von CBS
News und der New York Times -, daß die Amerikaner
im allgemeinen nicht besonders optimistisch in die
Zukunft blicken.
Auf die Frage von ABC/Post: "Würden Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage als ausgezeichnet, gut, nicht
so gut oder schlecht bezeichnen?" antwortete ein
repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung (alle
Angaben in Prozent):
Ausgezeichnet

1

Gut

22

Nicht so gut

47

Schlecht

30

Weiß nicht/keine Angabe
* = unter 0,5 Prozent
Auf dieselbe Frage, aber mit anderen Antwortmöglichkeiten, erhielt CBS/Times das folgende Ergebnis:
Sehr gut

1

Ziemlich gut

41

Ziemlich schlecht

40

Sehr schlecht

17

Weiß nicht/Keine Angabe

1

AMERIKA DIENST 25

Auf die Frage, ob sich die Wirtschaftslage bessern,
verschlechtern oder ob sie unverändert bleiben würde,
wurden bei einer Meinungsumfrage folgende Antworten gegeben:
Wird besser

20

Wird schlechter

44

Bleibt unverändert

35

Weiß nicht/Keine Angabe

1

Bei einer anderen Umfrage lauteten die Antworten:
Besser

23

Schlechter

29

Unverändert

47

Weiß nicht/Keine Angabe

1

Die Frage, "Wer ist Ihrer Meinung nach für die Wirtschaftslage eher verantwortlich - Bush, die Demokraten im Kongreß oder die Republikaner im Kongreß?"
wurde von den Befragten folgendermaßen beantwortet:
Bush

20

Demokraten im Kongreß

24

Republikaner im Kongreß

23

Keiner

3

Alle zusammen

21

Weiß nicht/Keine Angabe

9

Zweifel über den Kongreß wurde noch bei einer anderen Frage laut: "Sind Sie mit der Art und Weise, wie der

Seite 1

�Kongreß die Wirtschaft lenkt, einverstanden oder nicht
einverstanden?" Die Antworten:
Einverstanden
Nicht einverstanden
Weiß nicht/Keine Angabe
Darüber hinaus zeigten sich die Befragten pessimistisch über den Zustand der US-Regierung. Auf die
Frage: "Wie würden Sie die finanzielle Lage der
Bundesregierung beschreiben - ausgezeichnet, gut,
weniger gut oder schlecht?" wurde folgendermaßen
geantwortet:
Ausgezeichnet
Gut

2

16

Unzufriedenheit mit der Wirtschaft und den Finanzen
der Regierung haben unter Umständen eine der zur
Politik des Präsidenten gesteJIte Frage beeinflu ßt. Die
Befragten wurden aufgefordert, im Hinblick auf die
Präsidentschaftswahl 1992 zu überlegen, ob sie Präsident Bush oder einem potentiellen demokratischen
Kandidaten ihre Stimme geben würden.
George Bush

54

Dem Demokraten

29

Keinem von beiden

4

Weiß nicht/Keine Angabe

13

Schlecht

36

Eine andere Frage zur Politik bat die Befragten, ihre
Eindrücke der 11 potentiellen demokratischen Kandidaten für die Präsidentschftswahl 1992 wiederzugeben. Hier die Ergebnisse:

Weiß nicht/Keine Angabe

2

Douglas Wilder, Gouverneur von Virginia

Weniger gut

Diejenigen, die die finanzielle Lage der Bundesregierung als weniger gut oder schlecht bezeichnet hatten,
wurden gefragt, wer ihrer Meiung nach dafür verantwortlich sei. Hier die Antworten:

Gut

14

Nicht gut

5

Weiß nicht

81

Bush

16

Demokraten im Kongreß

25

Gut

8

Republikaner im Kongreß

22

Nicht gut

6

Keiner

3

Weiß nicht

Alle

26

Weiß nicht/Keine Angabe

8

Diejenigen, die die finanzielle Lage der Bundesregierung als ausgezeichnet oder gut eingestuft hatten,
lobten dafür:
Bush

42

Demokraten im Kongreß

15

Republikaner im Kongreß

20

Keinen
Alle

12

Weiß nicht

11

Demokraten

Paul Tsongas, Politiker aus Massachusetts

86

Jay Rockefeller, Senator aus West Virginia
Gut

35

Nicht gut

14

Weiß nicht

51

Sam Nunn, Senator aus Georgia
Gut

29

Nicht gut

M

Weiß nicht

60

1

In einer der Meinungsumfragen wurde gefragt: "Welcher Partei - Demokraten oder Republikanern - trauen
Sie es eher zu, die wichtigsten Probleme des Landes
in den nächsten Jahren zu lösen?" Die Antworten
lauteten:
37

Republikaner

Bob Kerrey, Senator aus Nebraska
Gut

11

Nicht gut

5

Weiß nicht

§4

Edward Kennedy, Senator aus Massachusetts
Gut

37

Nicht gut

48

Weiß nicht

15

Jesse Jackson, schwarzer Politiker

Keinem von beiden

5
10

Gut

47

Weiß nicht/Keine Angabe

6

Nicht gut

40

Weiß nicht

13

Beiden gleich

Seite 2

Unsicherheit über Namen in der Politik

AMERIKA DIENST 25

�Mario Cuomo, Gouverneur von New York

Albert Gore, Senator aus Tennessee
Gut

29

Gut

28

Nicht gut

9

Nicht gut

21

Weiß nicht

62

Weiß nicht

51

Richard Gephardt, Senator aus Missouri

Lloyd Bentsen, Senator aus Texas

Gut

32

Gut

31

Nicht gut

14

Nicht gut

17

Weiß nicht

54

Weiß nicht

52

*

AMERIKA DIENST 25

* * *

*

Seite 3

�THEMENINDEX
26. Juni 1991

DER AMERIKA DIENST
I.Halbjahr 1991
Nachstehend eine Liste der Themen, die im Amerika Dienst (1. Halbjahr 1991) erschienen sind. Angegeben
ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

NUMMER DER AUSGABEN

Abrüstung

11

Airbus

7

Amerika heute

13

Amerikanisch-Sowjetische Beziehungen

9

Auslandshilfe

9

Baltikum

4

Bericht zur Lage der Nation

4

Bildungswesen

16,22

Chemieexporte

10

Chemische Waffen

19,20,21

Deutsch-Amerikanische Beziehungen

8

Einwanderung

20

Europa/NATO

6

GATT

13

Golfkrieg

5,6,7,8,9,10

Golfkrise

1,2,3,4, 12, 14,16, 18,20,23

Golfkrise/KSZE

4

Handel

12

Haushalt

5

Hintergrund

17

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�Institutionen in Amerika
KSE

12,22

KSZE

2S

Meinungsbild in Amerika

25

Menschenrechte

9

NATO

21,23

Nach dem Golfkrieg

24

Naher Osten

10,11,14,15,21,22

Neue Weltordnung

15, t 9

Neuer Landwirtschaftsminister

10

Nichtverbreitung

15

Osteuropa

17,20

Osteuropahilfe

11

Parteien in Amerika

18

Sowjetunion

24

Stipendien

16

Terrorismus

18

US-Regierungssystem

16

US-Entwicklungshilfe

1

USA-Deutschland

17

USA-Europa

23,24

Umwelt

8, 20, 25

Weltwirtschaftsgipfel

23,25

Wirtschaft

1,4,7,9,15

Seite 2

AMERIKA DIENST 36

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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29

5300 Bonn

2

24. Juli 1991

NATO

NATO BLEIBT ENTSCHEIDENDES
SICHERHEITSINSTRUMENT
Rede von Botschafter Taft bei NATO-Workshop

GATT

DIE URUGUAY-RUNDE:
DER STAND IM JUL11991
Eine Übersicht des US-Wirtschaftsministeriums

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL

BILATERALE WIRTSCHAFTSHILFE
FÜR SOWJETUNION IN AUSSICHT GESTELLT
Interview mit Finanzminister Brady

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NATO
24. Juli 1991

NATO BLEIBT ENTSCHEIDENDES
SICHERHEITSINSTRUMENT
Rede von Botschafter Taft bei NATO-Workshop
BRÜSSEL- (AD) - Die NATO ist nach wie vor zur Aufrechterhaltung der Sicherheit in Europa notwendig, erklärte
der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, Botschafer William H. Taft IV, am 19. Juli 1991 bei
einem NATO-Workshop für Journalisten und Wissenschaftler aus Mittel- und Osteuropa.
Taft stellte fest, die Vereinigten Staaten blieben trotz der Pläne zum Abbau der amerikanischen Streitkräfte in
Europa der Beibehaltung ihrer Präsenz in Europa verpflichtet. "Die Vereinigten Staaten werden bleiben - nicht
nur um die Freiheit in Europa zu erhalten, nicht nur, um der Freiheit in Osteuropa eine Chance zu geben, nicht
nur, um ein neues Verhältnis zur Sowjetunion zu begründen - sondern auch, weil wir keinen besseren Weg zur
Bewahrung der Freiheit im Westen kennen", räumte Taft ein.
Die NATO kann die Stabilität Europas nicht mit dem Einsatz von Waffen sondern durch Dialog aufrechterhalten, so Taft. "Es reicht nicht aus, daß wir uns versammeln, um die Ergebnisse von Beratungen der NATO einer
Überprüfung zu unterziehen sondern wir müssen uns vielmehr zusammensetzen und die Probleme erörtern,
bevor Entscheidungen getroffen werden."
Taft fügte hinzu, die NATO sei in der Vergangenheit wie in der Gegenwart ein Instrument des Wandels gewesen
und werde auch in Zukunft Veränderungen bewirken.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Taft im Wortlaut.

Vor fast zwei Jahren kam ich zur NATO - zu einer Zeit,
in der Europa noch geteilt war, Sie im Osten nach
Freiheit strebten und wir im Westen versuchten, die
Konfrontation der Vergangenheit zu überwinden.
Während dieser zwei Jahre hat sich der Kontinent
gewandelt. Auch die NATO hat sich verändert. Ich
würde gerne glauben, daß diese Veränderungen
unumkehrbar sind. Mit Verständnis, Geduld und Toleranz, mit Hoffnung, Phantasie und Wagemut kann das,
was wir in Bewegung gebracht haben, in der Tat nicht
mehr aufgehalten werden.
Ich möchte heute über die Rolle der Vereinigten Staaten in Europa unter besonderer Berücksichtigung der
amerikanischen Rolle in der NATO sprechen. Zunächst möchte ich jedoch kurz auf die Bedeutung
einiger der jüngsten Veränderungen einschließlich des
Londoner Gipfeltreffens und der beiden Ministertreffen
der NATO vom Frühjahr eingehen.

AMERIKA DIENST 29

Das Londoner Gipfeltrefen: Die umgewandelte
NATO
Im vergangenen Juli kamen die Staats- und Regierungschefs in London zusammen, um die Umgestaltung des nordatlantischen Bündnisses in die Wege zu
leiten. Dies ist ihnen in beachtlichem Maße gelungen.
Sie kamen überein, daß sowohl die politische Strategie
der NATO als auch ihre Militärdoktrin geändert werden
müsse. Die NATO-Streitkräfte würden nicht länger an
der innerdeutschen Grenze massiert, um einen blitzkriegartigen Angriff des Warschauer Pakts abzuwehren.
Die Staats- und Regierungschefs der NATO stimmten
überein, daß die ehemalige Bedrohung eines Angriffs
vom Osten im großen und ganzen beseitigt sei. Heute
sehen wir uns mit der Bedrohung von Instabilität und
Unsicherheit - der Bedrohung durch Nationalitätenkonflikte, wirtschaftliches Versagen, Aggression sei-

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�tens der dritten Welt - konfrontiert. Dies würde bedeuten, daß sich das Bündnis, um seinen historischen
Prinzipien gerecht zu werden, für das 21. Jahrhundert
umorganisieren müßte. Es würde die Vorneverteidigung modifizieren, seine Truppenstationierung und
Kommandostruktur ändern, eine Änderung seiner
Haltung zu Nuklearwaffen bekanngeben und versuchen, die Konfrontation, die Europa seit vier Jahrzehnten charakterisierte, durch einen neuen Geist der
Kooperation zu ersetzen.
Das Bündnis hat daher beim Londoner Gipfel die
Sowjetunion und ihre ehemaligen Verbündeten im
Warschauer Pakt eingeladen, diplomatische Beziehungen zur NATO aufzunehmen. Einen Monat später
traf Außenminister Baker mit dem ersten von der
Sowjetunion zur NATO entsandten Botschafter zusammen.
Im vergangenen September hatte ich Gelegenheit, vor
einer Gruppe von Wissenschaftlern, Journalisten und
Diplomaten zu sprechen, die die Mitgliedstaaten des
Bündnisses und die Länder Mittel- und Osteuropas
vertraten. Um zu bewerten, wie weit wir gekommen
waren und um vielleicht beurteilen zu können, wie weit
wir noch zu gehen haben, möchte ich meine Worte zu
der damals entstandenen Verbindung wiederholen:
Wir erwarten von der NATO in Zukunft eine
Erweiterung ihrer Kontakte, obwohl wir zum
jetzigen Zeitpunkt nicht sicher sind, wie weit und
wie schnell wir vorankommen. Das wird zum
Teil von unseren Gesprächspartnern abhängen.
Ich hoffe jedoch, daß wir zumindest weit über
den Gedanken hinausgehen, diese neuen Freunde nur dann über die wichtigsten Entwicklungen
zu unterrichten, wenn sie stattfinden. Das Kernstück dieser Verbindung ist sicherlich etwas
wichtigeres - tatsächlich in Kontakt zu sein,
bevor entscheidende Schritte unternommen und
von den Konsultationen mit unseren Gesprächspartnern zu profitieren, bevor Entscheidungen
getroffen werden.
Dies scheint mir der Zweck der Verbindung zu
sein - die Entwicklung eines neuen zweibahnigen Dialogs zu Sicherheitsproblemen in Europa, die uns nicht weniger und nicht mehr betreffen als die Staaten, mit denen wir nun zu kooperieren versuchen statt Gegner zu sein. In diesem Geiste möchte ich betonen, daß wir die
Beiträge der heute hier anwesenden osteuropäischen und sowjetischen Teilnehmer sehr begrüßen. Ihre Beteiligung wird dazu beitragen,
eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.
Auch das Tempo der Ereignisse hat uns natürlich geholfen, diese Zukunft zu gestalten. Als
Saddam Hussein den Vereinten Nationen im

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Herbst die Stirn bot und die aufstrebenden
Demokratien im Osten die wirtschaftlichen
Konsequenzen seiner Aggression zu spüren
begannen, wurden Treffen zwischen der NATO
und osteuropäischen Diplomaten häufiger. Ende
des Jahres waren die Treffen zur Routine geworden. Wir haben die Hand der Freundschaft
ausgestreckt - und stellten fest, daß Sie nicht
zögerten, sie zu ergreifen.
Der tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel
und der polnische Präsident Lech Walesa sind
inzwischen zur NATO gekommen und haben
vor den Außenministem und den Ständigen
Vertretern des Nordatlantikrats gesprochen.
Beide haben um engere Zusammenarbeit in
Zukunft gebeten. Im Herbst erwarten wir den
ungarischen Ministerpräsidenten Anfall undden
Präsidenten von Bulgarien. Und wir haben
gehört, daß auch Präsident Gorbatschow vor
dem Nordatlantikrat sprechen wird.
Der Verteidigungs-Planungsausschuß: Abbau der
NATO-Streitkräfte
Jeden Herbst versammeln sich die Verteidigungsminister der NATO zu einem Treffen des VerteidigungsPlanungsausschusses (DPC) und der Nuklearen Planungsgruppe (NPG). Dieses Frühjahr war ein Meilenstein in der Geschichte des Bündnisses - als die
Minister ihre Zustimmung zu beträchtlichen Reduzierungen der NATO-Streitkräfte gaben, einer Streitmacht,
die vornehmlich aus multinationalen Korps zusammengesetzt ist. Zu ihnen wird eine Schnelle Eingreiftruppe zählen, einschließlich einer multinationalen
Division von der nördlichen Flanke der NATO undeiner
zweiten multinationalen Division von ihrer Südflanke.
Dieses Korps kann binnen 72 Stunden überall auf
NATO-Territorium stationiert werden. Daher können
wir unsere derzeit stationierten aktiven Streitkräfte
umfassend reduzieren.
Zusammengenommen symbolisieren die Entscheidungen der Verteidigungsminister die beachtlichsten
Veränderungen der NATO-Streitkräftestruktur seit über
20 Jahren. Die Konsequenzen für die amerikanischen
Streitkräfte sind tiefgreifend: Wir werden ungefähr die
Hälfte der 300.000 Mann umfassenden jetzt in Europa
stationierten Truppen abziehen. Für die europäischen
Verbündeten sind die Konsequenzen ebenso umfassend - da sie proportional mehr Verantwortung für die
Stabilität und Sicherheit Europas übernehmen. Die
Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten stimmen überein, daß der europäische Pfeiler der
NATO gestärkt werden muß.
Während die Truppenniveaus insgesamt beträchtlich
abgebaut werden, wird die NATO die Fähigkeit zur
Verstärkung dieser Truppen beibehalten und die
Fähigkeit zur raschen Verlegung in Krisengebiete
entwickeln. Heißt das, wie einige sich gefragt haben,

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�daß sich die NATO vorbereitet, in Konflikte außerhalb
des NATO-Territoriums einzugreifen? Die Antwort
lautet Nein. Darauf bereiten wir uns nicht vor. Die
NATO ist ein Verteidigungsbündnis. Als solches gewährt
es seinen Mitgliedstaaten Sicherheit und Stabilität in
ganz Europa. Sie macht jedoch keine Pläne, außerhalb ihres Territoriums zu intervenieren. Sollte eines
oder mehrere seiner Mitglieder sich für die Verteidigung der westlichen Interessen entscheiden - wie
einige es bei der Golf krise getan haben - so ist dies eine
völlig andere Angelegenheit. Die Rasche Eingreiftruppe der NATO ist beispielsweise nicht darauf ausgerichtet, außerhalb des NATO-Gebiets stationiert zu werden.
Der Nordatlantikrat: Eine neue Partnerschaft
Anfang Juni kamen die NATO-Außenminister in Kopenhagen zu einer Überprüfung der Fortschritte bei
der neuen politischen Strategie der NATO zusammen.
Sie verabschiedeten eine Erklärung zu den Kernfunktionen der NATO und reichten der Sowjetunion und
Osteuropa die Hand der Freundschaft.
In einem weitreichenden Papier mit dem Titel Partnerschaft mit den Ländern Mittel- und Osteuropas
erklärten die NATO-Außenminister, daß Schutz vor
Zwang und Einschüchterung "ein direktes und materielles Anliegen für uns" ist und gaben eine Reihe
weiterer auf Bulgarien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Rumänien und die Sowjetunion ausgerichteter Initiativen bekannt. Dazu zählen politische
Konsultationen, militärische Kontakte, wissenschaftliche Zusammenarbeit, Informationsvermittlung und
parlamentarischer Austausch.
Sie haben unsere Erklärung gesehen. Sie haben
unsere Erklärung zweifellos genau studiert. Ich nehme
an, Sie haben darin die Dynamik einer Allianz erkannt,
die einen grundlegenden Wandel durchläuft. Während
wir - als Strategen, Planer und Diplomaten - 40 Jahre
lang zur Aufrechterhaltung des Friedens die Logik der
Abschreckung betonen mußten, appellieren wir heute
aus vollem Herzen dafür, die Teilung Europas zu
überwinden.
Daß unsere Kopenhagener Erklärung eine "Partnerschaft" forderte, war keine bloße Rhetorik. Sie wurde
von dem gleichen Geist inspiriert, der die Verfasser
des Nordatlantikvertrags im Jahr 1949 zu schreiben
veranlaßte, daß die Parteien "entschlossen [seien],
die Freiheit, das gemeinsame Erbe und die Zivilisation
ihrer Völker, die auf den Grundsätzen von Demokratie,
Freiheit des einzelnen und der Rechtsstaatlichkeit
beruhen, zu gewährleisten".
Der Vertrag stellt fest, daß wir bestrebt sind, "den
Zusammenhalt und das Wohlergehen im nordatlantischen Gebiet zu fördern". Heute stellen wir fest, daß
wir nach Zusammenhalt und Wohlergehen in den
Ländern Mittel- und Osteuropas streben. Präsident

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Havel hat im März an diesem Ort erklärt, daß "das
Schicksal des Ostens keine Sache der Gleichgültigkeit" für den Westen sein kann. Wir hoffen, Sie
entnehmen unserer Kopenhagener Erklärung, daß
dies nicht der Fall ist.
Der Nordatlantikrat: Die wichtigsten Sicherheitsfunktionen
Die Minister haben in Kopenhagen femer Einigung
über die Zukunft des Bündnisses signalisiert, indem
sie eine Erklärung über die sicherheitspolitischen
Kernfunktionen der NATO beschlossen. Dabei handelt es sich um vier Funktionen:
eines der unverzichtbaren Fundamente für ein
stabiles sicherheitspolitisches Umfeld in Europa
zu liefern,
als ein transatlantisches Forum für Konsultationen unter den Verbündeten über Fragen zu
dienen, die ihre vitalen Interessen berühren,
vor Aggressionen abzuschrecken und diese
abzuwehren und
das strategische Gleichgewicht in Europa zu
wahren.
Mit diesem Schlüsseldokument haben die Verbündeten ihre Übereinstimmung zur neuen Rolle der NATO
in Europa kundgetan. Sie haben sich darüber geeinigt,
für was sie das Bündnis in Zukunft einsetzen wollen.
Sie werden diese Übereinkunft beim NATO-Gipfel in
Rom festigen, wenn die Staats- und Regierungschefs
zusammentreffen, um die neue Strategie der NATO zu
verabschieden und damit den Abschluß der Umwandlung der NATO zu signalisieren.
Die umgewandelte NATO: Die Vereinigten Staaten
und Europa
In dieser Zeit der Umgestaltung werden wir häufig von
der Öffentlichkeit aufgefordert, einige grundsätzliche
Fragen zu beantworten. Als Journalisten und Wissenschaftler sind ja auch Sie den gleichen Fragen ausgesetzt. Wenn Konfrontation von Kooperation abgelöst
wurde, warum schließt die NATO dann nicht ihre
Türen? Wenn sie ihren Zweck erfüllt hat, warum gehen
die Soldaten und Diplomaten der NATO dann nicht
nach Hause? Einige fragen, warum die EG oder die
KSZE nicht die Funktionen der NATO übernehmen.
Die Antwort lautet, daß weiterhin viel Arbeit und alle
bestehenden Institutionen, einschließlich der NATO,
erforderlich sind, um die Stabilität in Europa zu bewahren.
Vor diesem Publikum brauche ich nicht eigens zu
betonen, daß es auch heute noch zahlreiche Quellen
der Instabilität in Europa gibt. Die religiösen und
ethnischen Unterschiede, die in der Vergangenheit zu
Kriegen geführt haben, sind nicht verschwunden. Der

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�Nationalismus bleibt eine mächtige Kraft. Sprachliche
und kulturelle Unterschiede können ernste Mißverständnisse hervorrufen. Darüber hinaus bestehen
auch wirtschaftliche und politische Divergenzen. Diese Unterschiede sind Faktoren, die historisch betrachtet allzu häufig Menschen und Regierungen dazu
veranlassen, ihr Heil in Gewalt zu suchen. Sie haben
dies in der Vergangenheit in Europa getan und, wie wir
heute in Jugoslawien feststellen können - wo alle diese
Faktoren vorhanden sind - sie könnten es erneut tun.
Ich frage mich, ob man da nicht eine Parallele zum
Betrieb der F-16, eines der modernsten Kampfflugzeuge, ziehen kann. Als ich noch im Pentagon arbeitete,
wurde mir gesagt, die Maschine sei aerodynamisch
instabil. Ohne einen hochmodernen Computer könne
kein Mensch diese Maschine fliegen, da sie sich nur in
der Luft halten könne, wenn man sie abwechselnd
nach oben und nach unten steuere. Für dieses hervorragende Flugzeug könne es keinen ruhigen Flug geben.
Wie die Geschichte uns lehrt, kann sich auch Europa
nicht auf einen ruhigen Flug verlassen. Ohne einen
hochmodernen Computer zur Bewahrung seiner Stabilität haben wir stabilisierende Institutionen erfunden
- die NATO und die EG sind die bekanntesten, und die
KSZE wird immer wichtiger.
Die Vereinigten Staaten werden sich weiterhin in NATO
und KSZE sowie auch bei der EG engagieren, um ihren
stabilisierenden Einfluß so stark wie möglich zur Geltung zu bringen. Man neigt dazu, sich auf die amerikanischen Truppen in Europa zu konzentrieren, aber
ebenso wichtig sind die weniger greifbaren Beiträge:
die Größe der Vereinigten Staaten, ihre Entfernung
von Europa, ihre Führungskraft, Werte und Technologie. Ich spreche nicht nur von den Institutionen, die uns
in der Vergangenheit solch gute Dienste geleistet
haben, sondern von der Dynamik dieser Institutionen,
die heute einen solch bemerkenswerten Wandel durchlaufen.
Wir müssen aktive Partner in (und bei) diesen Institutionen bleiben, um die Stabilität sicherzustellen, die
Europa in der Vergangenheit so häufig entbehren
mußte. Natürlich hängt die Sicherheit der Vereinigten
Staaten selbst von der Sicherheit Europas ab, und aus
diesem Grund sind und bleiben wir in Europa. Zweimal
in diesem Jahrhundert war nach dem Beginn von
Konflikten unser Engagement in Europa erforderlich,
um unsere eigene Sicherheit zu schützen.
Um zu meinem Grundthema, der amerikanischen Rolle
in der NATO zurückzukehren, möchte ich zusammenfassend die Frage beantworten, warum die NATO im
Jahr 1991 notwendig ist.
Erstens ist sie notwendig, um das Gleichgewicht auf
diesem Kontinent aufrechtzuerhalten - das Gleichgewicht mit der Sowjetunion und das Gleichgewicht unter

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den größeren europäischen westeuropäischen Staaten selbst. Trotz der kooperativen Beziehungen, die
wir gegenwärtig mit der Sowjetunion entwickeln, bleibt
sie das mächtigste Land in Europa. Sie besitzt die
größte militärische Streitmacht. Sie besitzt ein strategisches Atomwaffenarsenal, das von niemandem erreicht wird, außer von den Vereinigten Staaten. Die
europäischen Staaten können der Sowjetunion nur
dann von gleich zu gleich begegnen, wenn sie mit
einem Land verbündet sind, das die sowjetische Macht
ausbalancieren kann - nur, wenn sie mit den Vereinigten Staaten verbündet sind.
Zweitens wird die NATO benötigt, um als Anker der
Sicherheit in Westeuropa zu dienen, damit Osteuropa
sein Potential mit der geringsten möglichen Bedrohung durch Instabilität, Unordnung und Einschüchterung entwickeln kann. Die NATO kann die Sicherheit
Osteuropas nicht garantieren, aber ihre Abwesenheit
würde extrem destabilisierend wirken.
Drittens liefert die NATO ein Forum, in dem Europäer
und Amerikaner zusammensitzen können, um sich zu
beraten und zu Angelegenheiten von gemeinsamem
sicherheitspolitischem Interesse Maßnahmen zu ergreifen. Es gibt kein alternatives Forum. Die UNO
umfaßt kein nordatlantisches Forum für kollektive
Sicherheit. Das gilt auch für die KSZE, die EG, die
G-7 oder andere internationale Institutionen. Wie ich
bereits erwähnte, kamen die Amerikaner zweimal in
diesem Jahrhundert nach Europa, um die Freiheit zu
bewahren. Dieses Mal werden die Amerikaner auf
Bitten der Europäer bleiben - nicht nur, um die Freiheit
in Europa zu erhalten, nicht nur, um der Freiheit in
Osteuropa eine Chance zu geben, nicht nur, um ein
neues Verhältnis zur Sowjetunion zu begründen sondern auch, weil wir keinen besseren Weg zur
Bewahrung der Freiheit im Westen kennen. Die Welt
ist zu klein, als daß die Vereinigten Staaten eine
Rückkehr zum Isolationismus erwägen könnten.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich Ihnen ein paar persönliche
Gedanken zu den Verbindungsmaßnahmen der NATO
mit Ihren Ländern mitteilen. Wenig über ein Jahr ist

vergangen, seit die Außenminister der NATO in Turnberry die Hand der Freundschaft ausgestreckt haben.
Über die Ergebnisse bin ich außerordentlich erfreut.
Wir haben in einem Jahr mehr Fortschritte erzielt als
ich zu hoffen gewagt hätte. Daß Sie heute hier
anwesend sind, ist ein Beweis der neuen Beziehungen, die wir heute unterhalten.
Aber wir müssen noch weiter gehen. Wir dürfen uns
mit der Offenheit, die unsere Beziehungen heute
charakterisiert, nicht zufrieden geben. Wir dürfen nicht
damit zufrieden sein, einfach nur unsere Ansichten
auszutauschen. Wir müssen die Partnerschaft, die
von uns in Kopenhagen gefordert wurde, entwickeln,
indem wir unsere Konsultationen vertiefen und die

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�Verbindungsmaßnahmen zu einer Zweibahnstraße
machen. Ihre Bürger und Ihre Regierungen müssen
anerkennen lernen, daß die NATO die Stabilität in
Europa nicht mit Waffengewalt sondern durch Dialog
bewahren kann. Es reicht nicht aus, daß wir uns
versammeln, um die Ergebnisse von Beratungen der
NATO einer Überprüfung zu unterziehen, sondern wir
müssen uns vielmehr zusammensetzen und die Probleme erörtern, bevor Entscheidungen getroffen werden. Dies ist das Wesen der Partnerschaft, die die
Vereinigten Staaten für das Bündnis und die hier
vertretenen Staaten anstreben.
Die NATO war in der Vergangeneheit ein Instrument
des Wandels, sie ist selbst den heutigen Veränderungen unterworfen und wird in Zukunft als Urheber des
Wandels wirken - insbesondere, da sich die Nationen

*

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Mittel- und Osteuropas, einschließlich der Sowjetunion, unseren Prinzipien der Demokratie, Freiheit und
Rechtsstaat! ichkeit verschrei ben.
Wie Außenminister Baker im vergangenen Monat in
Berlin feststellte, müssen wir, wenn wir den Geist der
Aufklärung in der euro-atlantischen Gemeinschaft
wachhalten wollen, sowohl Idealisten als auch Realisten sein. Ich fühle mich von unseren gemeinsamen
Pflichten ernüchtert und bin gleichzeitig von den erzielten Fortschritten begeistert. Indem wir das Nordatlantische Bündnis umwandeln, schaffen wirein Umfeld, in
dem Freiheit und Demokratie gedeihen werden, und
zwar nicht nur innerhalb der Allianz, sondern auch im
ganzen ungeteilten, freien Europa. Ihr Engagement in
diesem Prozeß ist äußerst willkommen.

* * *

*

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�GATT
24. Juli 1991

DIE URUGUAY-RUNDE: DER STAND IM JULI 1991
Eine Übersicht des US-Wirtschaftsministeriums
Die folgende Übersicht zum Stand der Uruguay-Runde wurde vom Büro für multilaterale Angelegenheiten im
amerikanischen Wirtschaftsministerium herausgegeben.

Verlängerung des Fast-Track-Mandats: Ende Mai
stimmte der Kongreß dem Antrag der Administration
auf zweijährige Verlängerung der Fast-Track-Verhandlungsvollmachtfürdie Uruguay-Runde und andere anstehende Handelsabkommen zu. Die Fast-TrackRegelung sichert den Verhandlungspartnern der Vereinigten Staaten zu, daß das von ihnen vereinbarte
Abkommen dem Abkommen entspricht, das im Kongreß zur Abstimmung gelangt. Dem Fast-Track-Verfahren zufolge wird garantiert, daß über ein Abkommen im Rahmen der Uruguay-Runde im Kongreß
innerhalb eines festgelegten Zeitraums und ohne Zusätze
abgestimmt wird. Das Fast-Track-Mandat gibt anderen GATT-Mitgliedern die nötige Sicherheit, um mit
den Vereinigten Staaten zu verhandeln und die für
einen erfolgreichen Abschluß der Runde erforderlichen einschneidenden Zugeständnisse zu machen.
Seit Ende Februar, als die beim Brüsseler Ministertreffen im Dezember ausgesetzte Runde wiederaufgenommen wurde, hat GATT-Direktor Arthur Dunkel in
jedem Verhandlungsbereich der Uruguay-Runde
zumindest ein Konsultationstreffen angesetzt, um den
Teilnehmern eine Entscheidung darüber zu ermöglichen, welche Fragen technischer Natur sind und deshalb unmittelbar behandelt werden können und welche
an Fortschritte in anderen Bereichen der Runde, insbesondere der Landwirtschaft, gekoppelt sind. Mit der
Verlängerung des Fast track haben die Vereinigten
Staaten ihr Engagement für den Erfolg der Verhandlungen unterstrichen. Die Vereinigten Staaten gehen
davon aus, daß ihre Handelspartner bereit sein müssen, der Leistung der US-Administration im Hinblick
auf das Fast-Track-Verfahren zu entsprechen, indem
sie über politische und technische Fragen gleichermaßen konstruktiv verhandeln.
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Vereinigte Staaten fordern Verständigung auf Aktionsplan: Beim kürzlich beendeten Treffen der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (OECD) in Paris forderten die Vereinigten
Staaten die Verständigung auf einen Aktionsplan, um
bis zum 31. Juli 1991 den andauernden Verhandlungen der Uruguay-Runde neue Impulse zu verleihen.
Landwirtschaft, Dienstleistungen und Marktzugang
wurden als die Bereiche gekennzeichnet, in denen in
diesem Sommer noch intensive Arbeit geleistet werden muß.
Im Hinblick auf die Landwirtschaft haben die Vereinigten Staaten die Teilnehmer gedrängt, Mechanismen
zur Verwirklichung von Verpflichtungen in allen drei
Verhandlungsbereichen zu unterstützen - Stützungsmaßnahmen im Inland, Marktzugang und Exportsubventionen. Bei den Dienstleistungen sollten die Regierungen bis Ende Juli übereinkommen, zusätzliche
bilaterale Treffen über Marktzugang abzuhalten und
an einem Rahmenabkommen zu arbeiten. Beim
Marktzugang sollten die Regierungen Einigung erzielen, die bilateralen und multilateralen Gespräche zu
beschleunigen, eine auf Gegenseitigkeit beruhende
Initiative "zero for zero" auszuhandeln, um Zölle in
Schlüsselbereichen zu beseitigen und ein multilaterales Stahlabkommen abzuschließen.
Zusammenfassung: Ende Februar wurden die Verhandlungen der Uruguay-Runde nach nahezu dreimonatiger Pause offiziell wiederaufgenommen. Die Unterbrechung gestattete es den Ländern, ihre Haltung
zur Landwirtschaft zu überprüfen - dem entscheidenden Thema der Runde und der Frage, die im Dezember 1990 beim Brüsseler Ministertreffen zur Aussetzung der Verhandlungen führte. Nach einer Serie von

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�Konsultationsgesprächen mit den Delegationen bestätigte der Generaldirektor des GATT, Dunkel, daß
33 wichtige Teilnehmer an den Landwirtschaftsverhandlungen (darunter die Europäische Gemeinschaft,
Korea und Japan, die im Dezember nicht bereit gewesen waren, bestimmte Verpflichtungen in jedem Bereich auszuhandeln) übereingekommen seien, "Verhandlungen zur Erlangung bestimmter, bindender
Verpflichtungen in jedem der folgenden Bereiche
abzuhalten: Stützungsmaßnahmen im Inland, Marktzugang, Exportwettbewerb (Exportsubventionen) und
ein Abkommen zu gesundheits- und lebensmittelrechtliche Fragen zu erarbeiten". Dies war der erforderliche
Durchbruch, um die Verhandlungsteilnehmer an den
Verhandlungstisch zurückzuholen.
In seinem Plan zur Wiederaufnahme der Runde verwirklichte Dunkel eine neue Verhandlungsstruktur, mit
der die Anzahl der Verhandlungsrunden reduziert wurde.
Seit Wiederaufnahme der Verhandlungen leitete Dunkel
mindestens ein Treffen in jedem der sieben Bereiche:
Landwirtschaft, Textilien, Dienstleistungen, GATTRegeln (Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen,
Importschutz, GATT-Artikel, Normen, Antidumping,
Importlizenzen, staatliche Beschaffung, Zollbewertung,
Inspektionen vor der Verschiffung, Herkunftsregeln,
handelsbezogene Investitionsmaßnahmen [TRIMs]),
handelsbezogene Aspekte von Rechten an geistigem
Eigentum (TRIPs), Beilegung von Streitfällen/Funktionsweise des GATT-Systems (FOGS) sowie Marktzugang (Zölle, nichttarifäre Maßnahmen, auf natürlichen Ressourcen beruhende Produkte und tropische
Produkte).
Dank der anfänglichen Konsultationen konnten die
Teilnehmer entscheiden, welche Fragen technischer
Natur sind und deshalb unverzüglich behandelt werden können und welche politischer Natur sind und
daher in Zusammenhang mit Fortschritten in anderen
Verhandlungsbereichen gesehen werden müssen. Die
nachfolgenden Konsultationen haben den Teilnehmern die Möglichkeit eingeräumt, die technischen
Fragen zu behandeln. Aufgrund der noch in allen
Beratungsgruppen zu leistenden intensiven Arbeit setzte
Dunkel unlängst neue Vorsitzende für fünf der sieben
Beratungsgruppen ein. Er selbst wird den Vorsitz der
Gruppen für Landwirtschaft und Textilien behalten.

Es folgen kurze Überblicke über die Konsultationen in
jeder der sieben Gruppen:
Landwirtschaft: Seit Wiederaufnahme der Verhandlungen Ende Februar hat Dunkel drei informelle Konsultationen über Landwirtschaft geleitet. Dem in Dunkels
Plan zur Wiederaufnahme der Verhandlungen enthaltenen Arbeitsplan zur Landwirtschaft zufolge haben
sich die Teilnehmerstaaten darauf verständigt, bestimmte bindende Verpflichtungen im Hinblick auf
Stützungsmaßnahmen im Inland, Marktzugang und
Exportwettbewerb (Exportsubventionen) auszuhandeln.
Dunkel hat darüber hinaus "Checklisten" ungelöster
Fragen in jedem dieser Bereiche formuliert. Das erste
Treffen der Beratungsgruppe am 11. März 1991 konzentrierte sich auf technische Probleme in Zusammenhang mit internen Stützungsmaßnahmen. Es wurde
allgemein anerkannt, daß ein vorrangiges Ziel der
Agrarreform darin bestehen sollte, die nichthandelsverzerrenden Formen der Stützung zu behandeln.
In der Woche vom 15. April setzte die Beratungsgruppe ihre Gespräche über interne Stützungsmaßnahmen fort. Die Teilnehmer begannen darüber hinaus,
Fragen in Zusammenhang mit Marktzugang zu behandeln, einschließlich der Frage, wie mengenmäßige
Beschränkungen in Zölle umgewandelt werden können. Am 15. Mai trafen sich die Teilnehmer erneut, um
ihre Diskussion über Fragen des Marktzugangs fortzusetzen. Weitere Themen waren Minimalverpflichtungen zum Marktzugang, besondere Schutzmaßnahmen für die Landwirtschaft sowie Regeln zu mengenmäßigen Beschränkungen. Die technischen Gespräche sollten im Juni mit der Erörterung von Exportsubventionen abgeschlossen werden.
Auf der Grundlage dieser Konsultationen möchte Dunkel
ein Optionspapier zur Landwirtschaft erstellen, das auf
den Antworten auf seine Checklisten basiert. Alle
Teilnehmer sind sich bewußt, daß die technischen
Gespräche den Weg für politische Entscheidungen
über die wichtigsten Parameter der Reformmechanismen bereiten.

Neben den von Dunkel organisierten Treffen haben die
Länder bilaterale oder multilaterale Gespräche veranstaltet, um Angebote zum Marktzugang für Waren und
Dienstleistungen zu erörtern.

Textilien: Nach dem Brüsseler Ministertreffen blieben
mehrere Probleme bestehen. Dazu gehören die
Übergangsperiode für die Einbeziehung des Textilsektors in das gestärkte GATT, auf bestehende und neue
Quoten anzuwendende Zuwachsraten, der während
der Übergangsperiode anzuwendende Schutzmechanismus und das Verhältnis des Übergangsmechanismus zu den gestärkten GATT-Regeln.

Für den Abschluß der Verhandlungen wurde keine
Frist festsetzt. Bei den Teilnehmern scheint jedoch
Übereinstimmung zu herrschen, daß die UruguayRunde so schnell wie möglich beendet werden sollte.
Die intensiven Verhandlungen in den Monaten Juni
und Juli sollten ein eindeutigeres Bild des noch zu
Leistenden hervorbringen.

Die im März und April durchgeführten Konsultationen
konzentrierten sich auf technische Fragen. Die Teilnehmer erörterten, wie sich der Gesamtbereich von
zur Verhandlung stehenden Textilprodukten definieren läßt. Die GATT-Mitglieder untersuchten ferner
mögliche Techniken, um relative Integrationsniveaus
in einer Übergangszeit miteinander zu vergleichen. In

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AMERIKA DIENST 29

�Beantwortung eines Antrags der Entwicklungsländer
lieferten Importländer von Textilien Daten, die das
Ausmaß des betreffenden Handels im Jahr 1990 belegten.
Auf einer getrennten aber mit diesem Thema verwandten Schiene erörtern die Mitglieder des GATT-Textilausschusses weiterhin eine Verlängerung des Mehrfaser-Abkommens, das den Löwenanteil des Welthandels mit Textilien regelt, von seinem Auslaufen am 31.
Juli 1991 bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Ergebnisse
der Uruguay-Runde verwirklicht werden können. Das
Treffen des Textilausschusses am 16. Mai verlief
ergebnislos. Die Gespräche werden informell weitergeführt.
Beilegung von Streitfällen/Funktionsweise des
GATT-Systems (FOGS): Der letzte Vertragsentwurf
zur Beilegung von Streitfällen beinhaltet Verfahrensweisen, die zur automatischen Annahme von Ausschußberichten mit dem Recht zur Anrufung eines
ständigen Tribunals führen könnten. Darüber hinaus
schafft er einen Prozeß, mit dem das Recht zur Vergeltung automatisch gewährt werden könnte, wenn eine
unterlegene Partei einer Entscheidung des Ausschusses innerhalb eines bestimmten Zeitraums nicht nachkommt (oder keine Ausgleichszahlungen leistet). Die
Vereinigten Staaten haben diesen Ansatz unter der
Voraussetzung unterstützt, daß in allen Bereichen der
GATT-Verhandlungen durchgreifende Regeln vorhanden sind. Eine solche Automatik würde im Falle ihrer
Verabschiedung die Durchsetzung der neuen GATTRegeln enorm verbessern, und die glaubwürdige
Androhung von Vergeltung würde zu unverzüglicher
Erfüllung der Entscheidungen des Schlichtungsausschusses führen.
Seit Brüssel fand eine Runde von Konsultationen über
die Beilegung von Streitfällen statt. Bei den Konsultationen am 18. März erklärte sich das Sekretariat bereit,
einen revidierten Entwurf für das GATT-Verfahren zur
Beilegung von Streitfällen sowie überarbeitete Bestimmungen zur Definition der Schlichtung in allen anderen
Verhandlungstexten als informelle, technische Papiere zu erstellen und in Umlauf zu bringen.
Ein Hauptziel bei den Verhandlungen über FOGS
bestand darin, den Status des GATT zu verbessern
und die GATT-Prinzipien bei der Entwicklung der internationalen Handelspolitik durch alle GATT-Mitglieder
zu stärken. Als Ergebnis der bei der Zwischenüberprüfung der Runde (Mid-Term Review) erlangten Übereinkunft verständigten sich die Teilnehmer auf einen
substantiell neuen Mechanismus zur Überprüfung der
Handelspolitik mit dem Ziel, die Überwachung der
Handelspolitik der einzelnen Länder durch das GATT
zu verbessern. Ferner herrschte Übereinstimmung
zur Verbesserung der institutionellen Effektivität durch
größeres ministerielles Engagement bei den GATTMaßnahmen sowie darüber, den Beitrag des GATT
zur Geschlossenheit in der weltwirtschaftlichen Ent-

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scheidungsfindung zu verstärken. Dazu gehören auch
engere Beziehungen zwischen dem GATT und den
internationalen Finanzinstitutionen.
Bei GATT-Beratungen zu FOGS unter dem Vorsitz
von Dunkel einigten sich die Teilnehmer, die Erörterungen über die Schlußakte (mit der die während der
Runde ausgehandelten Abkommen im GATT festgeschrieben werden) zu vertagen. Auch die Probleme
der Geschlossenheit (von Handel, Geld- und Finanzwesen) bei der wirtschaftlichen Entscheidungsfindung
werden zu einem späteren Zeitpunkt angesprochen.
Marktzugang: In den Wochen vom 18. März bis 22.
April wurden multilaterale Treffen der Beratungsgruppe Marktzugang abgehalten. Die Vereinigten Staaten
haben diese Gelegenheit ergriffen, um die gegenseitigen Vorschläge zum Abbau von Zöllen ("zero for
zero") und andere bilaterale Probleme beim Marktzugang voranzubringen. Zu den während der multilateralen Sitzungen behandelten Sektoren zählen Pharmazeutika, Holzprodukte (Holz und Papier), Fischereiwesen, Stahl, nichteisenhaltige Metalle sowie Baugerät. Die von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen
verbleibenden Bereiche Elektronik und Bier werden
bei späteren Sitzungen erörtert. Die Europäische
Gemeinschaft hat mehrere Treffen zur Förderung der
Angleichung von Zöllen bei Petrochemikalien und
Textilien veranstaltet. Abgesehen von den Bestrebungen zu "zero for zero" hielt die amerikanische Delegation bilaterale Treffen mit ungefähr 20 Ländern ab, bei
denen Sorgen über tarifäre und nichttarifäre Maßnahmen angesprochen wurden.
Pharmazeutika sind nach wie vor der Bereich, in dem
die Gruppenberatungen am weitesten fortgeschritten
sind. Die Vereinigten Staaten haben zwei multilaterale
Treffen anberaumt, um die Teilnehmerstaaten im Hinblick
auf die Abdeckung der Produkte im Falle eines "zero
for zero-Abkommens" in diesem Bereich über die
neuesten Aktivitäten des Privatsektors zu informieren
und die mit der Durchführung zusammenhängenden
technischen Probleme anzusprechen.
Die Delegationen scheinen bereit, die praktische Arbeit bei den Marktzugangsverhandlungen während
der kommenden Monate bei allen Aspekten der Verhandlungen voranzubringen.
Dienstleistungen: Bei den Verhandlungen über
Dienstleistungen verfolgen die Vereinigten Staaten
zwei Ziele: 1. bis Ende Juli einen Rahmen allgemeiner
Regeln für den Handel mit Dienstleistungen sowie
sektorspezifische Zusätze zu entwickeln und 2. mit
ihren Handelspartnern ein Paket spezifischer Liberalisierungsverpflichtungen auszuhandeln.
In Brüssel lenkten die Vereinigten Staaten die Aufmerksamkeit erneut auf die Liberalisierungsverpflichtungen, indem sie eindeutig klarstellten, daß sie den
Meistbegünstigungsstatus für Dienstleistungen nur dann

Seite 3

�einräumen werden, wenn ein maßgebliches Paket
solcher Verpflichtungen ausgehandelt wird. Die Meistbegünstigungsklausel fordert, daß von zwei beliebigen
GATT-Signatarstaaten ausgehandelte Handelsvorteile unverzüglich allen anderen Unterzeichnern des
Abkommens zugänglich gemacht werden.
Im Anschlu ß an Brüssel konzentrierten die Vereinigten
Staaten ihre Bemühungen auf die Verhandlung von
Marktzugangsverpflichtungen, indem sie bilaterale
Angebots-/Nachfragesitzungen mit über 30 Ländern
anberaumten. Die amerikanischen Unterhändler haben
sich mindestens einmal mit nahezu allen Vertretern
der führenden Handelspartner der Vereinigten Staaten in Europa, Asien und Lateinamerika getroffen, um
erste Verpflichtungen zu erörtern.
22 Länder haben jetzt "Angebote" (obwohl nicht alle
offiziell vorgelegt wurden) über Verpflichtungen zum
Marktzugang für Dienstleistungen unterbreitet. Kanada und drei osteuropäische Länder sind allgemeine
politische Verflichtungen eingegangen. Die Vereinigten Staaten erwarten noch Angebote von 18 Ländern.
Im März und April wurden multilaterale Verhandlungen
zu Dienstleistungen unter dem Vorsitz von Dunkel
abgehalten. Die Teilnehmer einigten sich, die Verhandlungsgruppe Dienstleistungen (Group of Negotiations on Services - GNS) mit einem Mandat zum
Abschluß des Rahmenabkommens und zur Erleichterung der Angebots-/Nachfrageverhandlungen auszustatten. Die GNS kam Ende Mai und im Juni zur
Erörterung mehrerer Themen zusammen, unter anderem Verbesserungen bei der Klassifizierung der Sektoren und Themen in Zusammenhang mit der Fristsetzung für Verpflichtungen sowie der Überprüfung der
bisher unterbreiteten Angebote. Darüber hinaus traf
sich die GNS in der ersten Juniwoche, um Rahmenvereinbarungen zur Schlichtung von Streitigkeiten, Binnenregulierung und Definition der Bedingungen sowie
Verfahren und Richtlinien für die Durchführung der
Angebots-/Nachfrageverhandlungen zu erörtern.
GATT-Regeln: Die Beratungsgruppe GATT-Regeln
befaßt sich mit Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen, Importlizenzen, staatlicher Beschaffung sowie
Zollbewertung. Darüber hinaus fallen zwei mit den
multilateralen Verhandlungen über Marktzugang zusammenhängende Themen - Inspektion vor der Verschiffung und Herkunftsregeln - in den Kompetenzbereich dieser Gruppe. Kürzlich wurden auch handelsbezogene Investitionsmaßnahmen (TRIMs) dieser
Gruppe zugeordnet.
Bei einer am 25. März abgehaltenen Sitzung überprüften die Teilnehmer die in allen Bereichen erzielten
Fortschritte. Es wurde beschlossen, daß die ungelösten Fragen zu Importschutz und Antidumping eine
politische Entscheidung der Teilnehmer erfordern. Aus
diesem Grund wird die Lösung dieser Probleme an
Fortschritte in anderen Verhandlungsbereichen gekoppelt.
Seite 4

Die Teilnehmerstaaten haben den Verhandlungstext
ad referendum verabschiedet (die Unterhändler haben
einem Wortlaut zugestimmt, der vorbehaltlich des
endgültigen Ergebnisses der Verhandlungen der Uruguay-Runde nicht geändert wird). Dies gilt für Inspektionen vor der Verschiff ung, Herkunftsregeln, Importlizenzen, Zollbewertung, staatliche Beschaffung (Zugang weiterer Länder), GATT-Artikel (zu staatlichem
Handel, Neuverhandung von Zollvergünstigungen sowie
der Festschreibung anderer ZöHe und Abgaben im
Zollsystem). Im Hinblick auf Importlizenzen schlug
Indien mit Unterstützung einiger GATT-Mitglieder die
Aufnahme der Arbeit an Exportlizenzierungsverfahren
vor - die Vereinigten Staaten und andere Ländern
erachten dies jedoch derzeit als nicht verhandlungsreif.
Im Bereich der GATT-Regeln gibt es mehrere anstehende Themen:
GATT-Artikel: Die von den Vereinigten Staaten als
Schlüsselthemen bei den Verhandlungen zu GATTArtikeln und der Zahlungsbilanzreform angesehenen
Probleme werden in den kommenden Monaten intensive Arbeit erfordern. Bisher haben die Entwicklungsländer eine ernsthafte Erörterung dieser Themen
abgeblockt, und es liegt kein Verhandlungstext vor.
Die Vereinigten Staaten haben die Priorität klargestellt, die sie der Zahlungsbilanzreform bei den Verhandlungen zu den GATT-Artikeln beimessen.
Andere von der Beratungsgruppe GATT-Artikel entwickelte Entscheidungen wie etwa der Entwurf eines
Abkommens zu regionalen Vereinbarungen und die
Nichtanwendung des GATT für beitretende Länder
sind noch nicht vollständig: die Länder haben sich das
Recht vorbehalten, sie zu kommentieren.
Subventionen: Im Hinblick auf Subventionen wurde
vorgeschlagen, daß im Zusammenhang mit folgenden
Themen weiter praktische Arbeit geleistet werden soll:
1. die Behandlung von Ländern, deren Volkswirtschaften sich im Übergang zu Marktwirtschaften befinden
und 2. die Anwendung von "Spezifikationen" und
Bewertungsregeln bei staatlichen Programmen im
Rohstoffsektor. Dunkel schlug ferner vor, daß die mit
der Definition der Regeln befaßte Gruppe zu einem
späteren Zeitpunkt die vorgeschlagenen Bestimmungen zur Behandlung der Entwicklungsländer weiter
erörtert.
Normen: Bei der Diskussion über den Entwurf eines
Abkommens zu technischen Handelsschranken (Normen) haben die Vereinigten Staaten verschärfte Verpflichtungen für staatliche und kommunale Körperschaften weiterhin abgelehnt. Bei zukünftigen Gesprächen werden die Vereinigten Staaten mögliche
Modifizierungen des Kodex der guten Praxis anstreben, mit denen ein freiwilliger Kodex für die Entwicklung von Normen für den Privatsektor geschaffen
würde, der Themen wie Notifizierung und Transparenz
bei der Entwicklung von Normen berücksichtigt. DarAMERIKA DIENST 29

�über hinaus streben die Vereinigten Staaten die Klärung der vorläufigen Sprachregelung für "unnötige
Handelshemmnisse" an, die als Kriterium für die
Schlichtung von Streitigkeiten in dem Abkommen dient
sowie die Verbesserung der Verfahren zur Beilegung
von Meinungsverschiedenheiten.
Staatliche Beschaffung: Im Zusammenhang mit
staatlicher Beschaffung wird das Schlüsselthema- die
Erweiterung des Anwendungsbereichs des Kodex ausgiebig erörtert und im Sommer in Genf bei multilateralen Verhandlungen wiederaufgenommen. Bei den
bisherigen Verhandlungen in diesem Jahr einigten sich
die Unterhändler der Vereinigten Staaten und der EG
auf Dezember 1991 als den Termin für die praktische
Beendigung der Kodex-Verhandlungen.
Handelsbezogene Investitionsmaßnahmen (TRIMs):
Bei den Diskussionen über TRIMs hatten die Entwicklungs- und einige Industrieländer weiterhin Meinungsverschiedenheiten über geeignete Disziplinen für TRIMs.
Vor dem Brüsseler Ministertreffen hatten diese Entwicklungsländer einen vom Vorsitzenden vorgelegten
Textentwurf abgelehnt, der das Verbot einiger TRIMs
enthielt. Sie bevorzugen eine Prüfung des "Gegenstands" statt eines vollständigen Verbots. Während
der Erörterungen zu TRIMs schlug Dunkel vor, daß der
nächste Schritt bei dem Verfahren die Diskussion der
"technischen Fragen" sein sollte, wie etwa die Art
eines solchen Tests. Die Unterhändler müssen in
anderen Bereichen weit genug vorangekommen sein,
bevor Fortschritte zu so wichtigen Themen wie einem
Verbot erzielt werden können.
Handelsbezogene Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum (TRIPs): Die TRIPs-Unterhändler
befassen sich mit den handelsverzerrenden Wirkungen unangemessener internationaler Normen für den
Schutz von solchen Eigentümerrechten wie Patenten,

*

AMERIKA DIENST 29

Warenzeichen und Urheberrechten und haben femer
zum Ziel, wirksame Mechanismen zur Schlichtung von
Streitigkeiten bei der Behandlung von Rechten an
geistigem Eigentum zu entwickeln, da derzeit keine
solchen international anwendbaren Mechanismen
bestehen. Bis heute haben die Verhandlungen zu
einem Text mit zahlreichen Klammern geführt, der die
von den gegnerischen Gruppen bevorzugten Optionen zur Behandlung der anstehenden Themen festhält.
Am 18. März leitete GATT-Direktor Dunkel Beratungen zu TRIPs. Alle Teilnehmer waren sich einig, daß
die TRIPs-Gruppe bei den technischen Fragen so
große Fortschritte wie zur Zeit möglich gemacht hat.
Die GATT-Mitglieder stimmten überein, daß diese
Fragen nicht gelöst werden können, bis die Verhandlungen in anderen Bereichen, insbesondere Landwirtschaft, weiter Fortschritte machen.
Die Teilnehmer an den TRIPs-Verhandlungen haben
zu zahlreichen Themen noch Meinungsverschiedenheiten - vor allem dahingehend, ob moralische Rechte
(das Rechteines Künstlers, die künstlerische Kontrolle
über seine Arbeit zu behalten) zusammen mit den
wirtschaftlichen Rechten von den Urheberrechtsnormen abgedeckt werden, ob die Patentnormen alle
Gegenstände schützen und welche Disziplinen auf
obligatorische Patente angewendet werden, ob Nachbarschaftsrechte (die Rechte von Herstellern von
Tonaufzeichnungen, Sendern und Darstellern) von
dem Abkommen abgedeckt werden und die Art der
Bestimmungen bei der Bezeichnung des Herkunftslandes (Behandlung geographischer Bezeichnungen).
Diese Themen werden jedoch von Dunkel und allen
Teilnehmern als politischer Natur angesehen und werden
aus diesem Grund nicht in den Beratungen angesprochen.

*

Seite 5

�WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
24. Juli 1991

BILATERALE WIRTSCHAFTSHILFE FÜR
SOWJETUNION IN AUSSICHT GESTELLT
Interview mit Finanzminister Brady
WASHINGTON - (AD) - Obwohl die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden westlichen Industrieländer bei ihrem soeben abgeschlossenen Londoner Wirtschaftsgipfel die multilaterale technische Hilfe für die
Sowjetunion betont haben, "wurde... sicherlich nichts gesagt, was bilaterale Hilfe ausschließen würde", erklärte
Finanzminister Nicholas Brady in einem Interview mit dem Fernsehsender PBS am 17. Juli 1991. Es wäre
"hervorragend", wenn einzelne Staaten und Unternehmen sich entscheiden würden, Hilfsprojekte zu unterstützen, erklärte der Minister in diesem Zusammenhang.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text des Interviews mit Finanzminister Brady im Wortlaut.

Frage: Hat Gorbatschow die G-7 überzeugt, daß er
sich jetzt für eine freie Marktwirtschaft engagiert?
Antwort: Meines Erachtens waren sie bereits davon
überzeugt, daß er sich für eine freie Marktwirtschaft
engagiert, und das heutige Mittagessen mit Präsident
Bush war gewiß eine Gelegenheit, bei der ein kompetenter Mann überzeugend erläuterte, was er sich für
sein Land erhofft. Ich gehe davon aus, daß er es sehr
ernst meinte.
Frage: Wird die heute beschlossene technische und
anderweitige Hilfe als erster Schritt angesehen, dem
andere folgen werden, wenn er die Reformen vorantreibt?
Antwort: Nun, ich glaube, es handelt sich dabei nicht
um Bedingungen. Aber sicherlich ist die sofortige
Einbeziehung des Internationalen Währungsfonds (IWF)
und die Bereitstellung aller verfügbaren technischen
Hilfe und des Fachwissens, das sie für die Eingliederung von Volkswirtschaften wie der sowjetischen in die
Sphäre der westlichen Demokratien besitzen, ermutigend, und meines Erachtens wird das auch von den
Sowjets so gesehen.
Frage: Auch wenn es sich dabei nicht um Bedingungen im eigentlichen Sinne handelt, geht die G-7 davon
aus, daß im Zuge der Privatisierung der Volkswirtschaft, mit Privateigentum und so weiter greifbarere
Hilfe folgen wird?

AMERIKA DIENST 29

Antwort: Nun, dieser Prozeß wird in den internationalen Institutionen, dem IWF und der Weltbank weitergeführt. Wenn man Mitglied dieser Institutionen wird,
qualifiziert man sich für deren Mittelvergabe, aber um
diesen Prozeß in Gang zu bringen, muß man einem
Reformprogramm zustimmen, und das ist der erste
Schritt.
Das war im Falle Polens so, und ebenfalls bei Ungarn
und der Tschechoslowakei. Es liegt dem enormen
Erfolg in Mexiko zugrunde. Das ist der Entwurf und der
Weg. Es ist ein Plan zur Durchführung dieser Dinge.
Frage: Könnte die volle Mitgliedschaft in IWF und
Weltbank für die Sowjetunion schon frühzeitig realisiert werden?
Antwort: Das ist wirklich eine Frage, die sich erst mit
der Zeit beantworten läßt. Aber offengestanden, die
besondere Assoziierung, die die Staats- und Regierungschefs heute der Sowjetunion gewährt haben, ist
ein Weg, um diesen Prozeß beschleunigt einzuleiten.
Man sollte sich nicht auf all diese theoretischen Argumente einlassen, die mit einer Mitgliedschaft in den
internationalen Finanzinstitutionen einhergehen, Fragen der Definition, ob man eine freie Wirtschaft hat
oder nicht. All diese Dinge müssen nicht qualifiziert
werden. Man muß lediglich umgehend mit der Arbeit
beginnen. Das sollte getan werden, und das wird hier
gefordert.

Seite 1

�Frage: Aber er kann mit diesem assoziierten Status
kein Geld leihen oder Kredite erhalten.

rung der Verteilung von Nahrungsmitteln materielle
Hilfe in diesen Bereichen oder nur Beratung?

Antwort: Nicht vom IWF und der Weltbank, aber Sie
müssen berücksichtigen, daß es zwei oder drei Jahre
dauern könnte, bevor etwas geschieht, wenn man
abwartet und sich auf die enorm komplizierte Diskussion darüber einläßt, was ein Land zum Mitglied des
IWF oder der Weltbank qualifiziert. In der Zwischenzeit würde die technische Analyse kaum eine Rolle
spielen.

Antwort: Wenn Sie über Bargeld sprechen, so bedeutet es das nicht. Wenn Sie darüber sprechen, Menschen zur Verfügung zu stellen, die wissen, wie ein
System zur Verteilung von Nahrungsmitteln funktioniert, die wissen, wie ein Verkehrssystem funktioniert,
die wissen, wie Energieunternehmen in den westlichen Industriestaaten operieren, ein Produkt liefern
und dafür bezahlt werden, dann bedeutet es genau
dies.

Man sollte also die Arbeit leisten, um sicherzustellen,
daß die notwendigen Reformen in der Sowjetunion
geplant und eingeleitet werden. Ich möchte damit nur
erklären, daß das System der besonderen Assoziierung ein schneller Weg ist, um die Arbeit zu leisten.
Frage: Sie meinen also, daß es Gorbatschow dazu
zwingt, eher detaillierte Pläne zu entwickeln, wie er
dies bewerkstelligen will? Ist das der Fall?
Antwort: Ich würde natürlich nicht von zwingen sprechen. Es schafft eine Grundlage, auf der die internationalen Institutionen und daran anschließend private
Quellen Geld in eine Gesellschaft wie die sowjetische
investieren, eine Kommandowirtschaft, die sich marktorientierten Kräften zuwendet.
Genau dies geschah in Polen. In Polen gab es zwei
oder drei Jahre lang eine Zusammenarbeit mit IWF
und Weltbank, die letztlich zur Vergabe von Geld
führte.
Wirsagen lediglich: Laßt uns anfangen. Laßtunsnicht
auf die Mitgliedschaft warten. Laßt uns so schnell
beginnen, wie die Leute dorthin reisen können.
Frage: Verschafft diese assoziierte Mitgliedschaft
Gorbatschow und seiner Volkswirtschaft sogleich mehr
Glaubwürdigkeit bei privaten Investoren und Bankiers?
Antwort: Das würde ich mit Beginn dieses Prozesses
annehmen. Ich habe "assoziierte Mitgliedschaff' gesagt.
Ich hätte "besondere Assoziierung" sagen sollen.
Frage: Genau das meine ich.

Dabei handelt es sich um ein kostspieliges Vorhaben,
denn man muß ja kompetente Leute dorthin entsenden. Ich nehme an, daß in Moskau Büros eröffnet
werden und diese Projekte ins Rollen kommen.
Frage: Nun, ich weiß nicht, ob Sie das noch mitbekommen haben, aber der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Horst Schulmann hat gerade vor Ihnen
erklärt, die sowjetische Ölindustrie befinde sich in
Schwierigkeiten. Sie benötige dringend Investitionen,
neue Pipelines.
Wenn nun also die Deutschen, zum Beispiel, unter der
Überschrift technische Hilfe irgendeine Pipeline oder
anderes Material zur Verbesserung der sowjetischen
Ölindustrie beisteuern würden, fiele das dann in diese
Rubrik?
Antwort: Es wurde heute sicherlich nichts gesagt,
was bilaterale Hilfe ausschließen würde. Wie Sie
wissen, haben wir in den Vereinigten Staaten der
Sowjetunion einen Landwirtschaftskredit von 1,5 Milliarden Dollar gewährt. Wenn man Ihr Beispiel zugrundelegt, wäre es völlig in Ordnung, wenn die Deutschen
dort auf bilateraler Grundlage eine Pipeline bauen und
finanzieren wollten. Sie sollten es tun.
Das amerikanische Unternehmen Chevron steht kurz
vor dem Abschluß einer Transaktion mit der Republik
Kasachstan, um bei der Erdölförderung in dieser Republik
zu helfen. Das ist eine gute Idee. Wenn sie (die
Bundesrepublik) das tun möchte, wäre es eine großartige Idee. Das ist eine bilaterale Angelegenheit.

Antwort: Und das ist der Terminus, der gebraucht
wird, um den Prozeß zu beschreiben.

Frage: Ich verstehe. Gorbatschow hat besonders auf
die Konvertierbarkeit des Rubels hingewiesen. Er
erwähnte sie als eines der Hindernisse auf dem Weg
zu einer vollen Partnerschaft in der Weltwirtschaft.

Meines Erachtens muß demonstriert werden, daß die
in der Sowjetunion erörterten Reformen wirklich stattfinden. Man redet über Privateigentum. Wie viele
Menschen besitzen wirklich Privateigentum?

Was hat ihm die G-7 angeboten, um zur Konvertierbarkeit des Rubels beizutragen?

Wie steht es um das Banksystem?
Revisionsfirmen und dergleichen?

Was ist mit

Frage: Bedeutet die heute beschlossene technische
Hilfe zur Entwicklung der Energievorkommen, zur
Umgestaltung der Rüstungsindustrie, zur Verbesse-

Seite 2

Antwort: Ich war natürlich nicht bei dem Treffen der
Staats- und Regierungschefs anwesend, aber bei dem
Treffen des Präsidenten, Außenminister Bakers und
mir mit diesen Vertretern wurde das Thema nicht
besonders erörtert.

AMERIKA DIENST 29

�Vor diesem Treffen hat es jedoch breite Diskussionen
in dieser Angelegenheit gegeben, und meines Erachtens waren sich alle - einschließlich der Russen, die
heute nicht hier aufgetreten sind und gesagt haben,
"Gebt uns einen Rubel-Stabilisierungsfonds" - ziemlich einig. Diese Diskussionen haben ergeben, daß die
in der Sowjetunion zur Durchführung eines solchen
Programms erforderlichen Reformen noch nicht verwirklicht wurden. Wenn wir sie jetzt einführen würden,
würde dies zu einer Einbahnstraße für alle Rubel aus
der Sowjetunion führen und nicht einmal einen Monat
überdauern.

Antwort: Ich bin nicht sicher, ob ich Ihnen die Antwort
geben kann, weil die Treffen gerade erst zu Ende
gegangen sind. Es scheint jedoch notwendig zu sein,
daß die Finanzministernach Moskau reisen und versuchen, einige dieser Probleme zu lösen.

Frage: Welchen Eindruck haben die sowjetischen
Reformpläne auf Sie gemacht? Hatten Sie einen
guten Eindruck? Würden sie weit genug gehen? Wie
haben Sie darauf reagiert?

Es handelt sich nicht nur um IWF und Weltbank. Die
neue Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung kann in Form von technischer Beratung Hilfe
leisten. Die OECD (Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung) hat Geld. Die EG
hat Geld. Es handelt sich also darum, all diese Dinge
zu koordinieren und ihnen bei den beteiligten Personen einen hohen Stellenwert zu verschaffen.

Antwort: Meines Erachtens muß man zunächst feststellen, daß hier enorm viel guter Wille besteht. Die
russischen Vertreter, mit denen wir zusammengetroffen sind, sind im Bilde. Sie verstehen, was aus
politischer Sicht zu tun ist.
Es besteht allerdings ein geringeres Verständnis der
zu treffenden Einzelmaßnahmen. Wenn Sie mich
jedoch fragen würden, ob ich überzeugt davon bin, daß
sie sich wirklich einer Marktwirtschaft mit so viel
Demokratie wie möglich annähern wollen, so würde ich
darauf mit Ja antworten. Ich bin davon überzeugt.
Sie fragten, wie weit sie dabei gekommen sind. Ich
muß dazu sagen, es wäre außergewöhnlich, wenn sie
sehr weit gekommen wären. Ihre ganze Geschichte
steht dem entgegen.
Frage: Was ist nun der nächste Schritt, Herr Minister?
Der britische Premierminister, der Sie alle vertritt, wird
nach Moskau reisen, und Bundeskanzler Kohl wird
dorthin reisen, nachdem er den Vorsitz der G-7 übernommen hat. Was sehen Sie als den nächsten Schritt
an?

*

AMERIKA DIENST 29

Wie Sie wissen, haben die Finanzminister ein sehr
enges Verhältnis zum IWF und zur Weltbank, und der
nächste Schritt wird wahrscheinlich die Integration
dieses Prozesses sein, seine Einleitung und die Planung, wie die technische Hilfe umgesetzt und funktionsfähig gemacht werden könnte.

Frage: Leslie Gelb, ein hiesiger Kommentator, beschrieb das, was Gorbatschow zu erwarten habe als
"einen Vorgeschmack von Wurst und ein Pflaster".
Wie reagieren Sie darauf?
Antwort: Ich halte ihn für einen Zyniker. Er sollte hier
an die vorderste Front kommen und sehen, was hier
vorgeht. Er wäre sehr beeindruckt von der Ernsthaftigkeit der sowjetischen Bitten und dem wirklich enormen
guten Willen, den die westlichen Staats- und Regierungschefs für die Einleitung dieses Prozesses gezeigt haben.
Es ist nicht leicht. Man stellt nicht einfach einen
Scheck aus. Ich wette mit Ihnen, daß Leslie Gelb keine
Schecks für die Sowjetunion ausstellt.

*

Seite 3

�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

30

Deichmanns Aue 29

31. Juli 1991

5300 Bonn 2

MOSKAUER GIPFEL

BUSH: UMFASSENDE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN MIT SOWJETUNION IN
GREIFBARER NÄHE
Rede beim Moskauer Staatsinstitut
für internationale Beziehungen

START

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER DIE
VERRINGERUNG STRATEGISCHER
RÜSTUNGEN
Eine Übersicht des ACDA

NAHER OSTEN

PARISER TREFFEN ERSTER SCHRITT
ZUR BEGRENZUNG VON
WAFFENLIEFERUNGEN IN
DEN NAHEN OSTEN
Bartholomew vor Unterausschuß des Senats

UMWELT

PRÄSIDENT ERNENNT KOMMISSION
FÜR UMWELTQUALITÄT
Eine Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�MOSKAUER

GIPFEL
31. Juli 1991

BUSH: UMFASSENDE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN
MIT SOWJETUNION IN GREIFBARER NÄHE
Rede beim Moskauer Staatsinstitut für internationale Beziehungen
MOSKAU - (AD) - Mit dem Ziel der vollständigen Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion
wird Präsident Bush dem amerikanischen Kongreß ein Handelsabkommen vorlegen, das der UdSSR den
Meistbegünstigungsstatus einräumt.
In einer Rede beim Moskauer Staatsinstitut für internationale Beziehungen am 30. Juli 1991 erklärte Bush
darüber hinaus, er werde die Aufhebung gesetzlicher Beschränkungen anstreben, mit denen den Sowjets der
Zugang zu staatlichen Krediten und Kreditbürgschaften der Vereinigten Staaten versperrt werde. Bush zufolge
bemühen sich die Vereinigten Staaten "die Türen für den sowjetischen Eintritt in die Weltwirtschaft zu öffnen".
Sie würden die Vollmitgliedschaft der UdSSR im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen unterstützen,
nachdem die Sowjetunion die notwendigen Wirtschaftsreformen durchgeführt hat.
Nachfolgend veröffentlichen wir die unwesentlich gekürzte Rede des US-Präsidenten im Wortlaut.

Über vier Jahrzehnte hinweg waren unsere beiden
Staaten in einem Konflikt verhaftet, als der kalte Krieg
seine Schatten auf einen bewaffneten und unsicheren
Frieden warf. Dieser Gipfel markiert einen neuen
Anfang, die Aussicht, daß wir einem langen Zeitalter
der Gegnerschaft ein Ende bereiten, ein neues Kapitel
in der Geschichte unserer beiden Staaten schreiben,
eine neue Partnerschaft und einen soliden Frieden
schmieden können.
Wir haben Grund zur Hoffnung. Ja, wir haben sogar
guten Grund zur Hoffnung. Eine nach der anderen
treten die grausamen Realitäten des kalten Krieges in
den Hintergrund, und eine neue Welt der Möglichkeiten ruft uns auf, vorwärts zu schreiten. In Europa, das
40 Jahre lang die Trennungslinie im Ost-West-Konflikt
bildete, finden die Nationen Mitteleuropas heute ein
gemeinsames Haus in der Demokratie vor. Weit über
die Grenzen dieses Kontinents hinaus, von Afghanistan bis zum Hörn von Afrika, von Angola bis Mittelamerika drohen regionale Konflikte nicht länger zu
Auslösern einer Konfrontation zwischen den Supermächten zu werden. Weltweit ist das Risiko eines den
Globus umspannenden Krieges heute niedriger als
jemals in der Nachkriegszeit.

AMERIKA DIENST 30

Die Herausforderung, der wir bei diesem Gipfeltreffen
gegenüberstehen, die Herausforderung, mit der Sie
als gegenwärtige und künftige Führungskräfte dieser
großen Nation konfrontiert sind, lautet schlicht und
einfach folgendermaßen: gemeinsam müssen unsere
beiden Nationen ein halbes Jahrhundert des Mißtrauens überwinden, um diese Gelegenheit zu ergreifen
und einen dauerhaften Frieden aufzubauen.
In den vergangenen zwei Jahren haben Präsident
Gorbatschow und ich substantielle Fortschritte beim
Aufbau dieses neuen Verhältnisses erzielt. Gemeinsam haben wir - die sowjetische Seite und die amerikanische Seite - der Rüstungskontrolle neue Chancen
eröffnet. Im vergangenen Herbst haben wir in Paris
epochemachende Reduzierungen der in Europa stationierten konventionellen Streitkräfte vereinbart. Morgen
werden wir im Kreml den historischen START-Vertrag
unterzeichnen, den ersten Vertrag, der die gefährlichsten und destäbilisierendsten atomaren Waffen erheblich reduziert.
Die Abnahme von Spannungen hat es ferner unseren
beiden Staaten ermöglicht, die Wirtschaftsbeziehungen zu normalisieren. Präsident Gorbatschow und ich

Seite 1

�haben dies beim Gipfeltreffen in Malta zur Priorität
erklärt, und ich freue mich heute berichten zu können,
daß dieser Prozeß der Normalisierung jetzt nahezu
abgeschlossen ist. Im Mai hat der Oberste Sowjet das
Haupthindernis für den Ausbau des Handels beseitigt:
die sowjetischen Beschränkungen für freie Auswanderung. Das neue sowjetische Auswanderungsgesetz
bedeutet einen wichtigen Schritt nach vom, einen Sieg
für alle, die den Menschenrechten einen hohen Wert
beimessen.
Als Folge dieses Prozesses werde ich nach meiner
Rückkehr nach Washington dem Kongreß der Vereinigten Staaten das von uns vor einem Jahr unterzeichnete amerikanisch-sowjetische Handelsabkommen
vorlegen. Danach können wir der Sowjetunion den
Meistbegünstigungsstatus einräumen.
Ich werde den Kongreß auffordern, die Byrd- und
Stevenson-Zusätze aufzuheben, Beschränkungen, mit
denen die Kreditvergabe eingeschränkt und der Handel behindert wird. Darüber hinaus werden wir unsere
Bemühungen beschleunigen, ein Steuerabkommen
und ein bilaterales Investitionsabkommen abzuschließen.
Einen Großteil dieses Jahrhunderts stand die Sowjetunion au ßerhalb des Weltmarkts. Sie stand abseits als
die Kräfte des freien Markts im Westen einzigartigen
Wohlstand schufen. Die Ergebnisse dieser selbstgewählten Isolation von der Weltwirtschaft erwiesen sich
als äußerst kostspielig.
Aber nun haben Veränderungen eingesetzt. Beim
Londoner Gipfeltreffen diesen Monat sprach Präsident
Gorbatschow vom Interesse der Sowjetunion an einer
vollständigen Integration in die Weltwirtschaft.
Die Sowjetunion sollte vollständig an der Weltwirtschaft teilhaben, und die Vereinigten Staaten werden
Sie bei diesen Bemühungen unterstützen. Über den
beiderseitigen Handel hinaus bemühen sich die Vereinigten Staaten, die Türen für den sowjetischen Eintritt
in die Weltwirtschaft zu öffnen. Und deshalb haben die
Vereinigten Staaten den sowjetischen Beobachterstatus beim GATT unterstützt - und die Vollmitgliedschaft,
wenn die UdSSR die notwendigen Reformen vollendet, die sie in Angriff genommen hat. Aus diesem
Grund habe ich ferner im vergangenen Dezember
vorgeschlagen - und die G-7 hat dem soeben zugestimmt -, daß die UdSSR eine besondere Assoziierung
mit IWF und Weltbank eingeht. Die Sowjetunion hat
unlängst ihr massives Wiederaufbauprogramm einer
Wirtschaftsreform in Angriff genommen. Ihre Bedeutung und ihre schiere Grö ße berechtigen sie zu diesem
Sonderstatus, der schneller zu dem Tag hinführen
wird, an dem sie sich vollständig für die Leistungen der
internationalen Finanzinstitutionen qualifiziert.
Mit diesen Maßnahmen werden der Sowjetunion Hilfe
und Fachwissen zur Verfügung gestellt, die dazu bei-

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tragen können, den schwierigen Übergang zu einer
Marktwirtschaft zu erleichtern und den Lebensstandard des sowjetischen Volks zu verbessern.
Der krönende Beweis dafür, daß wir die Animositäten
des kalten Kriegs überwinden, bleibt jedoch unsere
Zusammenarbeit am Persischen Golf. Auf dem Höhepunkt des kalten Krieges hätte die irakische Aggression gegen einen kleinen Nachbarstaat unsere beiden
Nationen und sogar die ganze Welt sehr wohl an den
Rand eines Konflikts bringen können. Statt dessen hat
unsere Zusammenarbeit die internationale Isolierung
Saddam Husseins sichergestellt. Und wenn Saddam
Hussein gedacht hat, er könne unsere Differenzen zu
seinem eigenen Vorteil ausbeuten, so hat er sich total
verrechnet. An jedem entscheidenden Punkt der Krise
arbeiteten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zusammen, um Saddam ein starkes und anhaltendes Signal zu senden, daß diese Aggression nicht
Bestand haben würde.
Und heute gibt unsere Zusammenarbeit am Golf Anlaß
zu der Hoffnung, daß wir zusammen auf einen gerechten und dauerhaften Frieden in Weltregionen hinarbeiten können, die heute im Nahen Osten, Kambodscha
und Afghanistan von Konflikten geschüttelt werden, so
wie wir zusammengearbeitet haben, um Frieden und
freie Wahlen nach Namibia, Angola und - ja - Nicaragua zu bringen.
Bei jedem Aspekt unserer Beziehungen - militärisch,
politisch, wirtschaftlich - sehen wir positive Anzeichen
einer neuen Partnerschaft. Aber trotz aller von uns
erzielten Fortschritte - darüber sollten wir uns nicht
hinwegtäuschen - bleiben Hindemisse bestehen. Unsere
Fähigkeit, sie zu überwinden, wird die entscheidende
Probe für die Stärke dieser neuen Beziehung sein, von
der ich spreche.
In vielen Fällen sind wir mit Konflikten und Streitigkeiten konfrontiert, die ihren Ursprung in dem Weltkrieg
haben, der vor 50 Jahren gekämpft wurde und die
durch den darauf folgenden langen kalten Krieg in
ihrem damaligen Zustand eingefroren wurden. Dazu
gehören Auseinandersetzungen wie der von uns unterstützte japanische Anspruch auf seine nördlichen
Territorien. Dieser Streitfall könnte Ihre Integration in
die Weltwirtschaft behindern, und wir möchten alles in
unserer Macht Stehende tun, um beiden Seiten bei
seiner Lösung zu helfen.
Auch die Fragen im Hinblick auf die Zukunft der
baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind
schwierig. Heute bittet eine neue demokratisch gewählte und den Willen der baltischen Völker widerspiegelnde Generation politisch Verantwortlicher im Baltikum eine neue Generation sowjetischer Politiker, eines der dunkelsten Kapitel der Stalin-Ära zu schlie ßen.
Zweifelsohne können vernunftbegabte und von gutem
Willen geleitete Männer und Frauen einen Weg finden,
um den baltischen Völkern Frieden zu geben.

AMERIKA DIENST 30

�Nur aufrichtig geführte Verhandlungen mit den baltischen Regierungen können das Streben ihrer Völker
nach Freiheit erfüllen. Wir dürfen die positiven Fortschritte, die wir erzielt haben, nicht Gefahren ausgesetzt oder in Zweifel gezogen sehen. Vor allem
benötigen wir eine eindeutige und uneingeschränkte
Verpflichtung zu friedlichem Wandel.
Ein weiteres Hindernis liegt unmittelbar vor der Türschwelle der Vereinigten Staaten. Ich bin sicher, Sie
alle wissen, wovon ich spreche. Neunzig Meilen vor
der Küste Floridas befindet sich noch immer dieses
Hindernis - Kuba. Die Vereinigten Staaten stellen
keine Bedrohung für Kuba dar und aus diesem Grund
besteht für die Sowjetunion keine Notwendigkeit, Millionen von Dollar an Militärhilfe nach Kuba zu pumpen,
insbesondere da der uneinsichtige, durch seinen eigenen veralteten Totalitarismus isolierte Castro seinem
Volk jeden Schritt zur Demokratie verweigert. Castro
teilt weder Ihr Vertrauen in Glasnost noch Ihr Vertrauen in Perestrojka.
Schlie ßlich ist es an der Zeit, daß Ihr Militärapparat den
Friedenszeiten angepaßt wird. Es ist Zeit, die Militärausgaben zu reduzieren. In den Vereinigten Staaten
tun wir das bereits. Die Welt hat sich verändert.
Während Sie darum kämpfen, Teil der Weltwirtschaft
zu werden, bieten wir unsere Hilfe bei der Umrüstung
Ihres militärisch-industriellen Potentials zu produktiven, friedlichen Zwecken an. Wir sind uns der Schwierigkeiten der Militärreform und der konkurrierenden
Bedürfnisse des Volkes bewußt, das sich in einem
Vakuum befindet, wenn das Ende des kalten Krieges
den Weg zu einer neuen Weltordnung freimacht, aber
wir wissen auch: die Entmilitarisierung Ihrer Volkswirtschaft ist der Schlüssel zu wirtschaftlichem Umbruch.
Er wird Sie in die Lage vesetzen, mehr Ressourcen für
Wirtschaftswachstum aufzuwenden und die Regale in
Ihren Läden füllen.
Die größte Herausforderung - der einzelne, wesentlichste Faktor beim Schmieden einer neuen Partnerschaft zwischen unseren beiden Nationen - ist nach
wie vor das Ergebnis des Experiments der Umgestaltung der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft.
Führen Sie sich die Sowjetunion von heute vor Augen
- die Tage, an denen ein kleiner, hinter den hohen
Mauern des Kreml versteckter Kader die Hebel der
Macht bewegte, sind vorüber. Die Tage eines Parlaments der Ja-Sager und des Einparteienmonopols,
das eine Meinung durchsetzte, gehören der Vergangenheit an.
Statt dessen sehen wir unverkennbare Zeichen der
neuen Sowjetunion. Einstmals in der Verbannung
schmachtende Dissidenten sind heute Abgeordnete
im Volkskongreß. Samisdat wurde von offen auf der
Straßen geäußerter Kritik abgelöst. Eine neue sowjetische Revolution hat begonnen - eine vom Auftreten
vieler Meinungen innerhalb und außerhalb der Regierung und der Bildung zahlreicher politischer Parteien

AMERIKA DIENST 30

hier in Moskau und allen Teilen der unendlichen Weite
dieses großen und wundervollen Landes gekennzeichnete Revolution.
Die Kräfte des reaktionären Widerstands haben noch
immer große Macht, aber jeder Tag schafft neue
Bündnisse, ein neues Manifest für Wandel, einen
neuen Ruf nach Aktion. Inmitten dieses sich verändernden Szenariums stellen einige die Frage: "Was
für eine Politik vertreten wir gegenüber all diesen
Gruppen? Wen und was unterstützen wir?" Und
meine Antwort ist klar. Die Vereinigten Staaten stehen
zu den Kräften der Freiheit und Reform, wo immer sie
anzutreffen sind.
Mein Land ist bereit, dieser neuen sowjetischen Revolution zu helfen. Im wirtschaftlichen Bereich muß die
Umgestaltung von innen kommen. Weder der Mangel
an ausländischem Kapital hat Ihre Wirtschaft in die
Krise gestürzt, noch können Ihre wirtschaftlichen
Schwächen mit einer simplen Kapitalspritze kuriert
werden. Nur durch echte Reformen kann die Sowjetunion die kontraproduktive Kommandowirtschaft abschaffen, nur durch echte Reformen kann sie die
Talente, Energie und das unternehmerische Potential
ihres Volkes freisetzen.
Während die Marktreformen Fortschritte machen, sind
die Vereinigten Staaten zur Unterstützung Ihrer Bestrebungen bereit. Der nächste Schritt ist meines
Erachtens jetzt, eine Wirtschaftsstrategie mit dem IWF
und der Weltbank zu erarbeiten, eine Strategie, die
sich der Unterstützung der internationalen Investoren
erfreut. Es sollte sich um ein Programm handeln, das
Prioritäten festsetzt und Ihre enormen natürlichen
Schätze sinnvoll nutzt. Vor allem aber muß es ein Plan
sein, der Ihr großes menschliches Potental - das
sowjetische Volk - freisetzt. Der Fortschritt hängt vom
Tempo Ihrer Reformen ab - der Geschwindigkeit, mit
der Sie von einem auf Kommando und Kontrolle gegründeten zu einem auf Angebot und Nachfrage basierenden System übergehen. Ebenso wie in Osteuropa
wird unsere Hilfe mit dem Tempo Ihrer Reformen
Schritt halten.
Unsere neue Partnerschaft muß jedoch über die
Regierungsstellen in Washington und Moskau und den
Hauptstädten Westeuropas hinausgehen. Angesichts
ihrer knappen Ressourcen haben die westlichen
Regierungen nicht viel Handlungsspielraum. Aus diesem
Grund müssen wir die Geschäftsleute aus Europa und
Amerika und ihre Partner in der gesamten Sowjetunion
zusammenbringen.
Unsere neue Partnerschaft muß die Tausenden von
Meilen zwischen amerikanischen Kleinstädten und
Städten in der Sowjetunion überbrücken. Das bedeutet, den Austausch von Wissenschaftlern, Künstlern
und Technikern zu erweitern. Und von den großen
Städten Moskau und Kiew, den Ebenen Zentralasiens
und den Dörfern in Sibirien bis zum Hafen von Wladi-

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�wostok und für alle dazwischenliegenden Orte heißt
dies, daß Schüler an amerikanischen Schulen lernen
und bei amerikanischen Familien leben werden, weitere Tausende amerikanischer Studenten in die Sowjetunion kommen, um Ihre Vergangenheit zu erforschen und aus erster Hand die Zukunft zu erleben, die
Sie schaffen.
Vier lange Jahrzehnte war Zusammenarbeit dieser Art
Opfer des kalten Krieges. Lassen Sie also diesen
Moskauer Gipfel als eindeutiges Symbol für das Ende
dessen stehen, das - und darin sind wir uns wohl alle
einig - ein Zeitalter des Mi ßtrauens war, und lassen Sie

ihn ein Symbol für den Neuanfang zwischen unseren
beiden Nationen sein. Ein Zeitalter des Fortschritts zu
einer neuen Welt des Friedens und der Partnerschaft.
Ich danke Ihnen nochmals für die Gelegenheit, vor
diesem Institut sprechen zu dürfen. Ich möchte Ihnen
versichern, daß die Beziehugnen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten gut sind und
besser werden, und es ist mein Ziel als Präsident der
Vereinigten Staaten, danach zu trachten, daß sie noch
besser werden. Ich danke Ihnen. Gott schütze das
Volk der Sowjetunion.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 30

�START
31. Juli 1991

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER DIE VERRINGERUNG
STRATEGISCHER RÜSTUNGEN
Eine Übersicht des ACDA
WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht über die START-Verhandlungen wurde am 29. Juli 1991 vom
Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.

Der START-Vertrag - Was er umfaßt

Regierungsvereinbarung zu Daten

Der Vertrag über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) enthält den grundlegenden Vertragstext sowie eine Reihe von Begleitdokumenten.
Darüber hinaus umfaßt er mehrere Protokolle, die
Durchführungsverfahren vorsehen, mit denen die Verpflichtungen des Vertrags unterstützt werden und die
integraler Bestandteil des Vertrags sind.

enthält die Bezugsdaten und Kategorien des Vertrags,
die regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht
werden.

Das Vertragsdokument
Die 17 Artikel, in denen die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion sich auf die Verringerung und Begrenzung ihrer strategischen Offensivwaffen einigen, umfassen Rüstungsbegrenzungen, Zählregeln, Umrüstung
oder Beseitigung von Waffensystemen, Verifizierung
und Inspektionen, kooperative Maßnahmen, die Gründung einer Gemeinsamen Einhaltungs- und Inspektionskommission (Joint Compliance and Inspection
Commission - JCIC) sowie Verfahrensweisen für Inkrafttreten, Änderung, Gültigkeitsdauer und Abzug.
Anhang zu vereinbarten Erklärungen
beinhaltet vereinbarte Erklärungen zur Erweiterung
der grundlegenden Vertragsbestimmungen.
Anhang zu Definitionen und Terminologie
enthält die Defintion der durchgängig im Vertrag verwendeten Termini.
Protokoll zu Umrüstung oder Beseitigung
legt die Verfahren zur Umrüstung oder Beseitigung
von vertraglich begrenzten Gegenständen fest.

AMERIKA DIENST 30

Protokoll zur Inspektion
enthält detaillierte Bestimmungen über die Vertragsverpflichtungen zu Vor-Ort-Inspektionen und kontinuierlicher Überwachung. Legt die Verfahren zur Durchführung der Inspektionsbestimmungen fest.
Protokoll zur Notifizierung
unterstützt die Verifizierungsbestimmungen, indem die
erforderlichen Notifizierungen über den Stand derstrategischen Atomwaffen festgelegt werden.
Protokoll zum Wurfgewicht
legt die Verfahrensweisen für Feststellung und Offenlegungspflicht der Wurfgewichte von ICBMs und SLBMs
fest.
Protokoll über die Gemeinsame Einhaltungs- und
Inspektionskommission (JCIC)
legt die Verfahren für Aktivitäten und Vorgehensweise
der JCIC fest.
Protokoll zu Telemetrie
legt die Bestimmungen für den Austausch telemetrischer Bänder, Ausnahmen, interpretierbare Daten und
Beschleunigungsprofile fest.
Übersicht: START - die grundlegenden Bestimmungen des Vertrags.

Seite 1

�START-Reduzierungen
Verringerungen auf gleiche Niveaus strategischer
Offensivwaffen, ausgeführt in drei Phasen binnen sieben
Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags.
Spezifische, gleiche Zwischenniveaus für vereinbarte
Kategorien strategischer Offensivwaffen bis zum Ende
jeder Phase.
Die zentralen Begrenzungen umfassen:
1.600 strategische Trägersysteme (SNDVs)
6.000 anrechenbare Gefechtsköpfe
4.900 Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
1.540 Gefechtsköpfe auf 154 schweren Interkontinentalraketen (ICBMs) für die sowjetische
Seite. Die Sowjets haben ferner in einem Begleitschreiben den Abbau von 22 SS-18-Trägersystemen pro Jahr für die Dauer von sieben
Jahren vereinbart, um dieses Ziel zu verwirklichen.
1.100 Gefechtsköpfe auf stationierten mobilen
ICBMs
Obergrenze des Wurfgewichts von 3.600 Tonnen
Trägersysteme
Eine Obergrenze von 1.600 für die Anzahl der SNDVs,
die stationierte ICBMs und ihre Trägersysteme, dislozierte unterseebootgestützte ballistische Raketen
(SLBMs) und ihre Trägersysteme sowie schwere Bomber
umfaßt.
Gefechtsköpfe
Eine Obergrenze von 6.000 anrechenbaren Gefechtsköpfen umfaßt die auf die Anzahl der stationierten
ICBMs und SLBMs angerechneten Gefechtsköpfe, die
Anzahl der für LRNA ausgerüsteten schweren Bombern angerechneten nuklearbestückten luftgestützten
Marschflugkörper längerer Reichweite (LRNA) sowie
einen Gefechtskopf, der auf jeden nur für nuklear
bestückte Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer
Reichweite (SRAMs) ausgerüsteten schweren Bomber angerechnet wird.
Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
Jeder Gefechtskopf auf ballistischen Raketen, der
einer Rakete zugerechnet wird, zählt als ein Gefechtskopf innerhalb der Obergrenze von 6.000 Gefechtsköpfen.
Keine Flugerprobung von Raketen mit Wiedereintrittsflugkörpern (RVs) über die angerechnete Anzahl hinaus.
Eine Quote von Vor-Ort-Inspektionen zur Verifizierung, daß dislozierte ballistische Raketen nicht mehr
RVs enthalten als die Anzahl der ihnen angerechneten
Gefechtsköpfe.

Seite 2

Verbot neuer Typen von ICBMs und SLBMs mit mehr
als 10 Gefechtsköpfen.
Verbot der Aufstockung der angerechneten Gefechtsköpfe bei zukünftigen Typen von ICBMs und SLBMs.
"Downloading"
Die Anzahl der Gefechtsköpfe auf bis zu drei Typen
von ballistischen Raketen und ihre Anrechnung im
Rahmen von START kann bis auf eine Gesamtzahl
von 1.250 RVs reduziert werden ("downloading").
Jede sowjetische SS-N-18 kann mit 3 RVs angerechnet werden; insgesamt 896 SS-N-18-Gefechtsköpfe
fallen unter die Obergrenze für "downloading".
Amerikanische Minuteman III können um 1 oder 2 RVs
reduziert werden.
Soweit innerhalb der Obergrenze von 1.250 gestattet,
können bis zu 500 RVs auf zwei anderen bestehenden
Typen ballistischer Raketen reduziert werden (bis zu 4
RVs pro Rakete).
Verbot des "downloading" neuer Typen. Verbot der
Stationierung neuer Typen mit mehr Gefechtsköpfen
als der reduzierte Typ (mit Ausnahme der Minuteman
III und der SS-N-18). Verbot des "downloading" schwerer ICBMs.
Wenn eine ICBM um mehr als 2 RVs reduziert wird,
muß sie mit einer neuen Steuer- und Kontrolleinheit in
der Raketenspitze ausgerüstet werden, und alle alten
Einheiten sind zu zerstören.
Schwere Bomber
Zusätzlich zu der erforderlichen Reduzierung stationierter schwerer ICBMs und ihrer Gefechtsköpfe um
50 Prozent beinhalten weitere Einschränkungen bei
schweren Raketen folgendes: kein "downloading",
keine Erhöhung des Abschuß- oder Wurfgewichts,
keine mobilen Abschuß Vorrichtungen für schwere
ICBMs, Verbot neuer Typen schwerer Raketen. Die
Konstruktion neuer Silos für schwere ICBMs ist gestattet, jedoch nur in Ausnahmefällen für die Verlegung
und nur als Ersatz für beseitigte schwere ICBM-Silos
unter außergewöhnlichen Umständen. Es sind maximal 154 solcher Silos gestattet. Die Modernisierung
und Erprobung der bestehenden schweren ICBMs
kann fortgesetzt werden.
Neue Typen von ICBMs und SLBMs
Eine ICBM oder SLBM wird als neuer Typ einer ICBM
oder SLBM angesehen, wenn sie eines der folgenden
Kriterien erfüllt: Geänderte Anzahl der Stufen, Veränderungen beim Typ des Treibmittels, 10prozentige
Veränderung der Länge der Rakete oder ihrer ersten
Stufe, 10prozentige Veränderung des Abschußgewichts der Rakete, 5prozentige Veränderung des
Durchmessers, Sprozentige Veränderung der Länge
der ersten Stufe mit 21 prozentiger Erhöhung des
Wurfgewichts.

AMERIKA DIENST 30

�Eine Obergrenze von 21 Prozent bei erlaubten Erhöhungen des Wurfgewichts bestehender Typen von
ICBMs und SLBMs.
Die Anrechnung von Gefechtsköpfen auf zukünftige
Typen von ICBMs und SLBMs entspricht der Höchstzahl erprobter und simulierter RVs, jedoch nicht weniger als die Anzahl, die man erhält, indem man 40
Prozent des Raketenwurfgewichts durch das Gewicht
der leichtesten erprobten RVs auf diesem Typ von
ICBM oder SLBM dividiert. Die Anwendung der 40Prozentregel auf neue Systeme mit nichtkonventioneller Raketenspitze wird in der JCIC erörtert.
Schwere Bomber
Jeder schwere Bomber zählt als ein strategisches
Trägersystem (SNDV). Jeder für Atomwaffen außer
atomaren luftgestützten Marschflugkörpern längerer
Reichweite (d.h. nur für Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite - SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber wird als ein Gefechtskopf auf die Obergrenze von 6.000 angerechnet. Eine vereinbarte Zahl von
schweren Bombern könnte durch Umrüstung zu rein
konventionellen Systemen von der SNDV-Obergrenze von 1.600 ausgenommen werden. Für atomare
ALCMs längerer Reichweite (LRNA) ausgerüstete
schwere Bomber werden von anderen schweren
Bombern zu unterscheiden sein.
Im Gegenzug für die Ausklammerung des Tupolew22-M-Bombers (Backfire) aus dem START-Vertrag
wird die Sowjetunion eine politisch bindende Erklärung
abgeben, derzufolge sie nicht mehrals 300 Backfire für
die Luftwaffe und nicht mehr als 200 Maschinen dieses
Typs für die Marine stationieren wird und diese Bomber keine interkontinentale Fähigkeit erhalten.
Atomare luftgestützte Marschflugkörper längerer
Reichweite (LRNA)
Atomar bestückte ALCMs mit einer Reichweite von
über 600 Kilometern (LRNA) werden vom STARTVertrag betroffen sein. Neue weitreichende, konventionell bestückte ALCMs, die sich von nuklear bestückten ALCMs unterscheiden lassen, werden von START
nicht begrenzt und können auf jedem beliebigen Flugzeug stationiert werden.
Für die Anrechnung auf die Obergrenze von 6.000
Gefechtsköpfen werden die betreffenden Gefechtsköpfe folgendermaßen den für LRNA ausgerüsteten
schweren Bombern zugerechnet: jeder bestehende
und zukünftige für LRNA ausgerüstete schwere Bomber der Vereinigten Staaten zählt soviel wie 10 Gefechtsköpfe, darf jedoch maximal mit 20 LRNA ausgerüstet werden (Ausnahme siehe unten). Jeder bestehende und zukünftige für LRNA ausgerüstete schwere
Bomber der UdSSR zählt soviel wie 8 Gefechtsköpfe,
darf jfidoch mit maximal 16 LRNA bestückt werden
(Ausnahme siehe unten).

AMERIKA DIENST 30

Die Vereinigten Staaten dürfen die obengenannte
Zählregel auf bis zu 150 für LRNA ausgerüstete schwere Bomber anwenden; die Sowjetunion kann die obengenannte Zählregel für bis zu 180 für LRNA ausgerüstete schwere Bomber anwenden. Für alle über diese
Obergrenzen hinausgehenden für LRNA ausgerüsteten schweren Bomber gilt, daß die Zahl der anrechenbaren Gefechtsköpfe der Zahl von LRNA entspricht,
für die die Bomber tatsächlich ausgerüstet sind.
Atomare ALCMs längerer Reichweite mit Mehrfachgefechtsköpfen sind verboten.
Mobile ICBMs
Im großen und ganzen wurde Übereinstimmung über
zulässige Bewegungen und damit einhergehende
Notifizierungsverfahren erzielt.
Nichtstationierte mobile ICBMs und Abschuß Vorrichtungen werden zahlenmäßig und geographisch begrenzt (siehe unten Nichtstationierte Raketen).
Sowjetische mobile Systeme: SS-24, SS-25. Aufgrund des Prinzips der Gegenseitigkeit wird das
amerikanische Peacekeeper-System als mobil eingestuft, obwohl es nie als mobile ICBM getestet wurde.
Nichtstationierte Raketen
Bei nichtstationierten ballistischen Raketen wird für
alle ICBMs eines Typs, der bereits von einer mobilen
Abschußrampe im Flug erprobt wurde, eine zahlenmäßige Obergrenze von 250 eingeführt; von diesen dürfen höchstens 125 nichtstationierte Raketen schienengestützt sein. Darüberhinaus werden nichtstationierte
Abschußvorrichtungen für mobile Raketen auf 110
begrenzt. Davon dürfen höchstens 18 nichtstationierte Abschußvorrichtungen für schienengestützte ICBMs
sein.
Andere nichtstationierte ballistische Raketen werden
keinen zahlenmäßigen Begrenzungen unterliegen. Es
wird jedoch Beschränkungen im Hinblick auf Standort
und Bewegungen geben, und sie werden in den erforderlichen Datenaustausch einbezogen.
Ferner werden verschiedene andere Bestimmungen
vereinbart, um das rasche Nachladen von ICBMAbschußrampen zu verhindern.
Beide Seiten haben ferner vereinbart, daß die Zahl der
Marschflugkörper und anderer Waffen für schwere
Bomber keinerlei Begrenzung unterworfen wird. Die
Stationierungsorte der LRNA werden teilweise begrenzt.
Ausnahmen von den vertraglichen Obergrenzen
75 nichtmoderne für nichtnukleare Waffen ausgerüstete schwere Bomber, ehemalige schwere Bomber
und schwere Bomber für Schulungszwecke.
20 schwere Bomber zu Testzwecken.

Seite 3

�25 Siloabschußvorichtungen zu Testzwecken sowie
20 mobile Abschuß Vorrichtungen zu Testzwecken in
Erprobungsstellen.
SLCMs
Seegestützte Marschflugkörper (SLCMs) werden vom
START-Vertrag nicht begrenzt. Jede Seite wird jedoch der jeweils anderen eine politisch bindende
Deklaration über die atomaren SLCMs längerer Reichweite, also atomare SLCMs mit einer Reichweite von
über 600 Kilometern, zukommen lassen. In jährlichen
Deklarationen wird die geplante Höchstzahl dieser
stationierten atomaren SLCMs für jedes der folgenden
fünf Vertragsjahre präzisiert werden. Die geplante
Höchstzahl wird 880 atomare SLCMs längerer Reichweite nicht überschreiten. Nuklear bestückte SLCMs
mit einer Reichweite von 300 - 600 Kilometern werden
einem vertraulichen jährlichen Datenaustausch unterworfen. Die Seiten werden keine atomaren SLCMs mit
Mehrfachgefechtsköpfen produzieren oder stationieren.
Verifizierung
Die Verifizierung spielte bei der Konzeption des Vertrags über die Verringerung strategischer Rüstungen
(START) eine große Rolle, und Verifizierungsmaßnahmen wurden parallel zu anderen Aspekten ausgehandelt. Deshalb ist die Grundstruktur des Vertrags
darauf ausgelegt, die Verifizierung durch nationale
technische Mittel (NTM) zu erleichtem. Der STARTVertrag enthält detaillierte, ineinander übergreifende
und sich wechselseitig verstärkende Bestimmungen
zur Ergänzung nationaler technischer Mittel, um ein
wirksames Verifizierungsregime zu schaffen. Dieses
Regime sieht den Austausch von Daten sowie Notifizierung im Hinblick auf vertraglich erfaßte strategische
Systeme und Einrichtungen, ein Verbot der Verweigerung telemetrischer Daten, zwölf Arten von Vor-OrtInspektionen und Vorführungen, die kontinuierliche
Überwachung von Einrichtungen zur Endmontage
mobiler ICBMs sowie kooperative Maßnahmen vor.
Diese Elemente werden nachfolgend dargestellt.
Nationale technische Mittel (NTM)
Der START-Vertrag sieht die Anwendung und Nicht-

behinderung nationaler technischer Mittel zur Verifizierung - also Satelliten - vor. Er enthält ausdrückliche
Bestimmungen zum Verbot der Behinderung von NTM
oder von Maßnahmen zur Geheimhaltung, die einer
Verifizierung durch NTM im Wege stehen würden.
Telemetrie
Den Parteien ist jegliche Aktivität untersagt, die den
vollständigen Zugang zu telemetrischen Informationen während der Flugerprobung von Raketen verweigert, wobei gewisse begrenzte Ausnahmen zulässig
sind. Darüber hinaus sind die Parteien verpflichtet,
telemetrische Bänder, interpretierbare Daten und
Beschleunigungsprofile für jeden Testflug auszutauschen.

Seite 4

Datenaustausch und Notifizierung
Vor Unterzeichnung des Vertrags werden beide Seiten
Daten überzahlen, Standorte und technische Charakteristika von START-spezifischen Waffensystemen
und Einrichtungen austauschen. Danach werden sie
einander regelmäßig notifizieren und fortgeschriebene
Daten liefern.
Kooperative Maßnahmen
Siebenmal pro Jahr kann jede Partei von der anderen
die offene Vorführung von straßengestützten mobilen
Abschußvorrichtungen, schienengestützten mobilen
Abschußvorrichtungen und schweren Bombern auf
von der inspizierenden Partei zu bestimmenden Stützpunkten verlangen. Zusätzliche kooperative Maßnahmen können nach einer operativen Auflockerung
beantragt werden.
Kontinuierliche Beobachtungsaktivitäten
Der START-Vertrag schafft eine kontinuierliche Überwachung von Umfeld sowie Ein- und Ausgängen der
mobilen ICBM-Montageeinrichtungen beider Seiten.
Die Vereinigten Staaten hätten demnach das Recht
zur Etablierung eines Beobachtungspostens in Wotkinsk, wo sich die Endmontageeinrichtung für die SS25 befindet, sowie in Pawlograd, der Endmontageeinrichtung für die SS-24. Die sowjetische Seite hätte das
Recht zur Beobachtung von Thiokol Strategie Operations in Promontory (Utah), der Endmontageeinrichtung für die anrechenbare Stufe der PeacekeeperRakete. Eine solche Beobachtung würde auch für jede
künftige Einrichtung zur Montage mobiler ICBMs eingeführt.
Vor-Ort-Inspektionen
Es gibt zwölf Arten von Vor-Ort-Inspektionen und
Vorführungen. Dies sind: Inspektionen zur Verifizierung von Ausgangsdaten, Inspektionen zur Überprüfung neuer Daten, Inspektionen neuer Einrichtungen,
Inspektionen mutmaßlicher Standorte, Inspektionen
von Wiedereintrittsflugkörpern, Inspektionen zur Überwachung der Auflockerung nach Übungen, Inspektionen zur Überprüfung der Umrüstung oder Beseitigung
von Systemen, Abschlußinspektionen nach Schließung von Standorten, Inspektionen zur Überprüfung
ehemals gemeldeter Einrichtungen, Vorführungen
technischer Charakteristika, Unterscheidbarkeitsvorführungen sowie Vorführungen der Grundausführungen schwerer Bomber.
Einhaltung
Anliegen im Hinblick auf die Einhaltung des Vertrags
können von jeder Seite in der Gemeinsamen Einhaltungs- und Inspektionskommission (JCIC) oder bei
jedem anderen geeigneten Forum vorgebracht werden.
Verweigerung von Daten
Vereinbarung zur Übertragung aller telemetrischen

AMERIKA DIENST 30

�Informationen von Erprobungsflügen von ICBMs und
SLBMs und zum Verbot sämtlicher Maßnahmen
(darunter Verschlüsselung, Verkapselung und Störung), die den vollständigen Zugang zu telemetrischen
Informationen verhindern. Begrenzte Ausnahmen sind
zulässig.
Pflicht zur Bereitstellung vollständiger telemetrischer
Bänder, Beschleunigungsprofile sowie gewisser besonders aufgeführter interpretierbarer Informationen
nach jedem Erprobungsflug eines ICBM oder SLBM.
Als Geste des guten Willens kamen die Seiten überein,
120 Tage nach der Unterzeichnung des Vertrags auf
Verschlüsselung oder Störung des Funkverkehrs zu
verzichten.
Vertragsdauer

nicht vorher durch ein Folgeabkommen abgelöst wird.
Mit Zustimmung beider Seiten kann der Vertrag für
weitere Zeiträume von jeweils fünf Jahren verlängert
werden.
Nichtumgehung/Drittlandsfragen
Kein Transfer strategischer Offensivwaffen an Drittländer, es sei denn, bestehende Strukturen der Zusammenarbeit werden nicht berührt.
Es wird keine dauernde Stationierung strategischer
Offensivwaffen und keine Inspektionen au ßerhalb des
jeweiligen nationalen Territoriums geben. Eine vorübergehende Stationierung schwerer Bomber in Übersee ist gestattet, aber dafür gelten gewisse Notifizierungspflichten. Anlegen von SSBNs in Häfen ist
gestattet.

Der Vertrag hat eine Laufzeit von 15 Jahren, sofern er

* * * *

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Seite 5

�NAHER

OSTEN
31. Juli 1991

PARISER TREFFEN ERSTER SCHRITT ZUR
BEGRENZUNG VON WAFFENLIEFERUNGEN
IN DEN NAHEN OSTEN
Bartholomew vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - Das Treffen der fünf führenden Waffenlieferanten in den Nahen Osten - Vereinigte
Staaten, Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien und China - Anfang dieses Monats in Paris markierte den
"ersten wichtigen Schritt zur Begrenzung destabilisierender Waffenlieferungen in den Nahen Osten", erklärte der
Staatssekretär für internationale Sicherheitsbelange, Reginald Bartholomew, am 25. Juli 1991.
In einer Rede vor den Unterausschüssen des Repräsentantenhauses für Europa, den Nahen Osten und
Rüstungskontrolle, internationale Sicherheit und Wissenschaft verwies Bartholomew auf die von den fünf
Nationen in Paris bei der "Entwicklung eines pragmatischen Verhaltenskodex für Waffenlieferungen" erzielten
Fortschritte. Ein solcher Kodex sollte den Standard setzen, an dem das Verhalten anderer waffenexportierender Nationen gemessen wird, fügte er hinzu.
Bartholomew, der Leiter der US-Delegation bei den Pariser Gesprächen war, betonte, daß jeder Versuch zur
Verhängung eines Moratoriums auf legale Rüstungsverkäufe der Vereinigten Staaten an verbündete Nationen
im Nahen Osten jedoch zum Scheitern verurteilt wäre.
"Ein Moratorium würde unsere Bestrebungen zum Aufbau eines effektiven internationalen Systems für die
Selbstbeschränkung der Lieferanten vereiteln, die anderen führenden Lieferanten von der Zusammenarbeit mit
uns abschrecken und 'Renegaten' einfach gestatten, unseren Platz einzunehmen", führte er aus.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bartholomews Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, vor diesen
beiden Unterausschüssen meine Sicht des vor kurzem
beendeten Treffens von Rüstungslieferanten in Paris
sowie unsere kontinuierlichen Bestrebungen zur Förderung der Stabilität im Nahen Osten darzulegen. Ich
weiß Ihr anhaltendes Interesse an der Rüstungskontrollpolitik der Administration und die ermutigenden
Worte von Ihnen und Ihren Kollegen zu den Ergebnissen des Pariser Treffens zu schätzen. Ich möchte mit
einem Abriß der Ereignisse beginnen, die zu dem
Pariser Treffen geführt haben.
In seiner Rüstungskontrollinitiative für den Nahen Osten
vom 29. Mai 1991 schlug der Präsident ein Treffen der
fünf wichtigsten Rüstungslieferanten für den Nahen
Osten - Vereinigte Staaten, Großbritannien, Frankreich, China und die Sowjetunion - vor, um die Trans-

AMERIKA DIENST 30

parenz im Prozeß der Rüstungslieferungen zu erhöhen. Der Präsident unterbreitete den Vorschlag zu
ersten Gesprächen zwischen diesen fünf Ländern, die
in den vergangenen Jahren eine beachtliche Menge
von Waffen in die Region geliefert haben.
Bei dem Treffen sollten sich die Gespräche auf die
Schaffung eines Regimes zur Verhinderung destabilisierender Exporte konventioneller Waffen und das
Verbot des Transfers von Massenvernichtungswaffen
sowie verwandter Technologien konzentrieren. Die
Fünf kamen vom 8. bis 9. Juli 1991 in Paris zusammen,
um Gespräche dieses Inhalts aufzunehmen.
Bei dem Pariser Treffen strebten die Vereinigten Staaten die Zustimmung der anderen Teilnehmer zu drei
grundlegenden Elementen von Präsident Bushs Vor-

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�schlag an. Erstens die Entwicklung einer Reihe von
Richtlinien zu konventionellen Rüstungslieferungen
und einen Mechanismus für Konsultationen, Notifizierung und Informationsaustausch zu ihrer Unterstützung. Zweitens die Entwicklung von Richtlinien zur
Verhinderung des Transfers von Massenvernichtungswaffen, Boden-Boden-Raketen und verwandter Technologien. Drittens, eine Reihe spezifischer Rüstungskontrollvorschläge für die Region mit Unterstützung
der fünf Teilnehmerstaaten durchzuführen. Nach
anderthalbtägigen Gesprächen verabschiedete die
Gruppe diese grundlegenden Prinzipien. In dem von
den Fünf herausgegebenen Kommunique fanden diese Prinzipien und die Tatsache ihren Niederschlag,
daß die von Präsident Bush vorgebrachten Ideen als
Grundlage der Gespräche dienten.
Die Fünf einigten sich, erstmalig Regeln der Selbstbeschränkung in Form von Richtlinien beim Transfer
konventioneller Waffen in den Nahen Osten einzuhalten. Diese Richtlinien bilden das Kernstück eines
anhaltenden Prozesses, der Konsultationen und Informationsaustausch zu Rüstungslieferungen in die Region
beinhaltet.
Die Fünf vereinbarten darüber hinaus, strikte nationale
und so weit wie möglich harmonisierte Kontrollen zur
Eindämmung des Transfers von Massenvernichtungswaffen und verwandtem Material zu entwickeln und
aufrechtzuerhalten.
Die Fünf unterstützen die Initiative des Präsidenten für
ein umfassendes Programm zur Rüstungskontrolle im
Nahen Osten uneingeschränkt:
Sie verabschiedeten das Einfrieren der Erprobung und Beschaffung von Boden-Boden-Raketen mit dem Ziel ihrer endgültigen Beseitigung.
Sie vereinbarten, daß alle nuklearen Aktivitäten
in der Region unter die Sicherheitsbestimmungen der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) fallen sollen.
Sie unterstützen ein Verbot der Einfuhr und
Herstellung von nuklearfähigem Material und
sie erzielten Einigung, daß alle Staaten in der
Region Unterzeichner der Konvention zum Verbot
chemischer Waffen werden sollten, sobald diese (im Jahr 1992) abgeschlossen wird.
Die Gruppe vereinbarte, die in Paris begonnene Arbeit
mit der nächsten Plenarsitzung kommenden Oktober
in London fortzusetzen. In der Zwischenzeit wird im
September in London ein Treffen auf Expertenebene
abgehalten, um die im Kommunique geforderten
Konsultationsmechanismen und Richtlinien zu erörtern.

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Das Pariser Treffen ist der Anfang einer neuen Form
der Zusammenarbeit zwischen ä&amp;n fünf führenden
Rüstungslieferanten in den Nahen Osten. Wir haben
von den Fünf die gegenseitige Verpflichtung erhalten,
die Konzepte von Transparenz und Selbstbeschränkung der Lieferanten bei Rüstungstransfers beschleunigt zu entwickeln. Kurzum: Wir haben in Paris ein
höheres Maß an Einigung zur Quintessenz des Ansatzes von Präsident Bush zu einem früheren Zeitpunkt
erzielt als viele Beobachter dies für möglich gehalten
hätten.
Wir fühlten uns durch die positive Reaktion ermutigt,
die die internationale Staatengemeinschaft den Ergebnissen des Pariser Treffens entgegenbrachte. Beim
jüngsten Gipfeltreffen der G-7 haben Deutschland,
Italien, Japan und Kanada gemeinsam mit Großbritannien und Frankreich die Notwendigkeit für Transparenz und Konsultatioen im Rüstungstransferprozeß
hervorgehoben.
In ihrer Gipfelerklärung betonten die G-7 den internationalen Charakter dieses Problems. Dem können wir
nur zustimmen. Ein Teil unserer Diskussionen in Paris
konzentrierte sich auf die Notwendigkeit, wirksame
Maßnahmen auf internationaler Ebene zu erarbeiten.
Die Vorschläge von Premierminister Major und Präsident Mitterrand tragen diesem Punkt Rechnung. Nichtverbreitung ist ein internationales Problem und die
Administration nimmt es als solches in Angriff. Aber
selbst wenn wir unsere Arbeit bei bestehenden Nichtverbreitungsregimen intensivieren und bilaterale Bestrebungen zu Themen von weltweitem Interesse
verfolgen, müssen die Fünf vordringlich das Problem
der Weiterverbreitung im Nahen Osten - dem Gebiet,
das uns die größten Sorgen bereitet - ansprechen. Ich
denke, wir sind uns alle einig, daß der Golfkrieg diesen
Punkt in sehr drastischer Art und Weise illustriert hat.
Herr Vorsitzender, gerade die Tatsache, daß die Fünf
überhaupt zusammentrafen, um das sensible Thema
Waffenlieferungen zu erörtern, ist eine bedeutende
Leistung an sich. Daß sie darüber hinaus übereinkamen, destabilisierende Lieferungen zu begrenzen,
beweist die Stärke des Ansatzes des Präsidenten zu
dieser äußerst schwierigen Frage.
Wir sind zwar mit dem Ausmaß des in Paris erzielten
Erfolgs sehr zufrieden, geben uns im Hinblick auf die
noch vor uns liegenden Herausforderungen jedoch
keinen Illusionen hin. Obwohl alle dem Konzept der
Zurückhaltung zustimmten, wird es sehr schwierig
werden, die Fünf zu einer Einigung auf bestimmte
Maßnahmen zur Begrenzung von Waffenlieferungen
zu bewegen. Dies wird ein beispielloses Ausmaß an
multilateraler Zusammenarbeit erfordern. Wir müssen
gewisse Lieferanten, die für gewöhnlich heimlich Waffen
exportieren, dazu bringen, diesen Prozeß für Konsultationen, Notifizierung und Informationsaustausch transparent zu machen.

AMERIKA DIENST 30

�Durch die Initiative des Präsidenten führen wir gleichzeitig im Nahen Osten Konzepte ein, die dort bisher
praktisch unbekannt waren. Wir fordern Staaten in
dieser Region, die normalerweise ihre nationale Sicherheit auf Geheimhaltung und Anhäufung von Waffen aufbauen, dazu auf, einen Ansatz zu akzeptieren,
der Transparenz und Rüstungsbegrenzung verlangt.
Auch dies wird nicht einfach sein. Aber wie der
Präsident bei der Ankündigung der Initiative im Mai
erklärte, ist der Weg zum Frieden niemals leicht.
Trotzdem hoffen wir, daß der Erfolg des Pariser Treffens bei den Staaten der Region einen neuen Realismus im Hinblick auf ihre Sicherheitsbedürfnisse hervorrufen wird. Wir haben bereits Anzeichen in diese
Richtung festgestellt. Saudi Arabien hat seine Führungsrolle unterstrichen, indem es mutig seine Bereitschaft erklärte, sich an alle Beschränkungen für Massenvernichtungswaffen zu halten und zu den ersten
Nationen zu gehören, die von diesen Beschränkungen
erfaßte Waffen vernichten. Wie in der MubarakInitiative zum Ausdruck kommt, unterstützt Ägypten
weiterhin unsere Bemühungen und teilt unsere Ziele
für Rüstungskontrolle im Nahen Osten. Die Administration begrüßt diese Schritte wärmstens und ermutigt andere Staaten in der Region zu ähnlichen Gesten.
Solche Schritte werden der Zurückhaltung seitens der
Lieferländer eindeutig Vorschub leisten und der Rüstungskontrolle im Nahen Osten mehr Legitimität verleihen.
Unsere Rüstungskontrollverhandlungen mit den Sowjets haben uns eine sehr wichtige Lektion gelehrt.
Selbst in Zeiten tiefer Feindschaft und starken Mißtrauens kann Rüstungskontrolle dem Abbau des militärischen Wettbewerbs und der Einbeziehung eines
Elements der Berechenbarkeit und Stabilität in die
politische Gleichung förderlich sein.
Mit zunehmendem Auftrieb des arabisch-israelischen
Friedensprozesses werden wir unsere Bemühungen
zur Eindämmung des regionalen Rüstungswettlaufs
intensivieren. Rüstungskontrolle und der Friedensprozeß sind keine aufeinanderfolgenden Ereignisse. Sie
verstärken sich wechselseitig. Sie sind Teil unseres
umfassenden Gesamtkonzepts zur Vertrauensbildung
und Behandlung der Probleme in der Region.
Eine wichtige Komponente bei diesem Prozeß der
Vertrauensbildung ist die Stärkung der Sicherheit unserer
Freunde und Verbündeten in der Region. Unsere
Waffenlieferungspolitik dient einzig und allein dem
friedlichen Zweck, ihnen die Mittel bereitzustellen, um
Aggression abzuschrecken und sich gegebenenfalls
dagegen zu verteidigen. Wie die fünf wichtigsten
Waffenexporteure in Paris bekräftigten, garantiert die
Charta der Vereinten Nationen jedem Staat das Recht
auf Selbstverteidigung sowie das Recht, die Mittel zu
seiner Verteidigung zu erwerben.

AMERIKA DIENST 30

Wir sind uns jedoch der Tatsache bewußt, daß Selbstverteidigung durch die verantwortungsvolle Lieferung
konventioneller Waffen gewährleistet werden sollte,
die legitimen Verteidigungszwecken dienen und keine
destabilisierenden konventionellen Ungleichgewichte
hervorrufen. Dies war stets eine Komponente unserer
Politik und ist eines unserer Ziele bei der Entwicklung
von Beschränkungen seitens der Lieferanten.
Herr Vorsitzender, ich bin mir der Sorgen voll und ganz
bewußt, die Sie und Ihre Kollegen über eine Rückkehr
zu "business as usual" im Nahen Osten empfinden.
Dazu möchte ich folgende Anmerkungen machen.
Erstens möchte ich Ihnen versichern, daß die Vereinigten Staaten im Hinblick auf ihre Militärhilfeprogramme niemals eine Haltung des "business as usual"
eingenommen haben. Wir genehmigen nur solche
Waffenlieferungen, die im Einklang mit unseren Exportgenehmigungsverfahren stehen, zur regionalen
Verteidigungsfähigkeit beitragen und damit die Stabilität stärken sowie die amerikanische militärische
Zusammenarbeit mit der Region verbessern. Wir
werden weiterhin eine kluge Militärhilfepolitik verfolgen, mit der die defensiven Erfordernisse verantwortungsbewußter, befreundeter und friedliebender Regierungen gestärkt werden.
Erinnern Sie sich bitte an einen sehr wichtigen Punkt:
Es waren nicht von den Vereinigten Staaten gelieferte
Waffen, die zur Krise am Golf führten. Glaubt irgendein verantwortlicher Experte wirklich, daß der Verkauf
von Waffen an Israel, Ägypten und Saudi-Arabien die
brutale Invasion Kuwaits heraufbeschworen hat? Femer
liefern wir auch keine Waffen an solche Staaten des
Nahen Ostens, die eine ständige Quelle aggressiven
Verhaltens und unverantwortlicher Aktionen sind. Wir
sind nicht die Quelle übertriebener Arsenale im Nahen
Osten. Unsere Bilanz verantwortungsbewußter Waffenlieferungen kann sich sehen lassen und spricht für
sich.
Zweitens haben wir eine einzigartige Chance, in dieser
Angelegenheit die Führungsrolle zu übernehmen. In
der Tat tun wir mit der Initiative des Präsidenten genau
dies. Wir bringen andere Lieferanten dazu, die Art von
Zurückhaltung bei Waffenlieferungen zu übernehmen,
die stets integraler Bestandteil der amerikanischen
Rüstungsexportpolitik gewesen ist. Wir haben den
fünf führenden Lieferanten ein Forum geboten, um die
Probleme zu erörtern, bevor sie gefährlich außer Kontrolle
geraten. Wir entwickeln einen pragmatischen Verhaltenskodex für Waffenlieferungen, der Normen dafür
schaffen wird, wie die Aktionen der anderen waffenexportierenden Staaten bewertet werden. Die Bemühungen der fünf wichtigsten Lieferanten in Paris zeugen von diesem Ziel.
Vor dem Golfkrieg existierte weder ein Überwachungssystem, um die Aufrüstung des Irak zu verhindern,

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�noch gab es irgendeine Vereinbarung, um destabilisierende Waffenlieferungen zu erörtern. Genau das
wollen wir ändern, und das ist die Richtung, in die
unsere Führungsrolle weist.
Schließlich müssen wiruns vor Augenführen, daß jede
einseitige Maßnahme der Vereinigten Staaten beim
Streben nach einer Veränderung des weltweiten
Waffenhandels, wie etwa die Verhängung eines Moratoriums, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.
Wird die einseitige Einstellung amerikanischer Waffenlieferungen in den Nahen Osten unsere Chancen
verbessern, andere Waffenlieferanten dazu zu veranlassen, unserem Beispiel zu folgen? Die Administration geht davon aus, daß genau das Gegenteil der Fall
wäre.
Es ist mehr als wahrscheinlich, daß ein Moratorium
unsere Bestrebungen zum Aufbau eines effektiven
internationales Systems für die Selbstbeschränkung
der Lieferanten vereiteln, die anderen führenden Lieferanten von der Zusammenarbeit mit uns abschrecken
und "Renegaten" einfach gestatten würde, unseren
Platz einzunehmen.

*

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Noch schwerer wiegt die Tatsache, daß damit unseren
regionalen Verbündeten demonstriert würde, daß die
Vereinigten Staaten kein verläßlicher Unterstützer ihrer
legitimen Verteidigungsbedürfnisse sind. Es bestehen
kaum Zweifel daran, daß diese sich dann an andere
wenden werden, um ihre Verteidigungsbedürfnisse zu
befriedigen, wenn wirnicht bereit sind, dies zu tun. Das
einzige greifbare Ergebnis eines Moratoriums wäre
also eine Verringerung der amerikanischen Fähigkeit,
das von uns angestrebte Resultat zu beeinflussen.
Herr Vorsitzender, das Pariser Treffen war der erste
wichtige Schritt zur Begrenzung destabilisierender
Waffenlieferungen in den Nahen Osten. Wir fühlen
uns durch die Bereitschaft der Fünf ermutigt, bei der
Sondierung des ungewohnten Terrains der Selbstbeschränkung seitens der Lieferanten zusammenzuarbeiten. Während wir die Initiative des Präsidenten
weiterverfolgen, hoffe ich mit Ihrer anhaltenden Unterstützung und der des Ausschusses rechnen zu können, um ein von uns allen geteiltes Ziel zu erreichen:
die Stärkung der Stabilität im Nahen Osten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 30

�UMWELT
31. Juli 1991

PRÄSIDENT ERNENNT KOMMISSION
FÜR UMWELTQUALITÄT
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine am 23. Juli 1991 vom Weißen Haus herausgegebene Übersicht zu Organisation und Aufgabe der von Präsident Bush ernannten Kommission für Umweltqualität.

Präsident Bush hat heute 25 führende Vertreter von
Umweltorganisationen, Wirtschaft, Wissenschaft und
Stiftungen als Mitglieder seiner Kommission für
Umweltqualität benannt.
Zweck dieser Kommission ist die Bewertung von
Möglichkeiten, um wichtige umweltpolitische Herausforderungen der neunziger Jahre durch Vernetzung
der Ziele Umweltqualität, Wirtschaftswachstum und
Lebensqualität in Angriff zu nehmen. Die Kommission
wird Bündnisse und Partnerschaften fördern, die innovativen Umweltprogrammen Schwungkraft verleihen.
Diese Aktivitäten werden über bestehende gesetzliche
und behördliche Auflagen zur Verbesserung der
Umweltqualität hinausgehen.
In den vergangenen 20 Jahren haben behördliche und
gesetzliche Maßnahmen zum Schutz der Umwelt
beigetragen. Der Präsident beabsichtigt, diese Bemühungen zu ergänzen, indem die Aufmerksamkeit auf
Möglichkeiten gelenkt wird, den Wirkungsgrad der
Marktkräfte schöpferisch zur Verbesserung der
Umweltqualität zu nutzen.
Organisation
Die Kommission wird regelmäßig zusammentreten
und dem Präsidenten über Fortschritte Bericht erstatten. Der Vorsitzende des Rats für Umweltqualität im
Leitungsbüro des Präsidenten wird der Kommission
als Vorsitzender dienen. Ein Direktor wird die Maßnahmen der Kommission leiten. Besondere Expertengruppen, die sich auf das Fachwissen des Privatsektors stützen, werden mögliche Maßnahmen identifizieren und Modellprogramme zur Behandlung dieser
Bereiche fördern. Die Arbeit der Kommission ist auf
zwei Jahre begrenzt. Eine Verlängerung ist möglich.
AMERIKA DIENST 30

Leitlinien

Die Leitlinien der Kommission beinhalten eine innovative umweltpolitische Tagesordnung. Sie stellen sich
wie folgt dar:
Nutzung der Marktkräfte - ihrer Vitalität, Flexibilität und Effizienz.
Befähigung der Bürger, freiwillige Maßnahmen
zu ergreifen, durch Verstärkung des Informationsflusses in alle gesellschaftlichen Bereiche.
Förderung der Prävention von Umweltverschmutzung, die sich als Synergie umweltpolitischer
und wirtschaftlicher Ziele darstellt, anstatt Mittel
auszugeben, um nach erfolgter Verschmutzung
Altlasten zu beseitigen.
Förderung der Umweltqualität durch einen
ganzheitlichen Ansatz zu Umweltfragen, indem
Ressourcen so effizient wie möglich genutzt
werden und Umweltqualität zu einem wichtigen
Bestandteil der wirtschaftlichen Grundlagen
gemacht wird.
Förderung kooperativer Partnerschaften zwischen unterschiedlichen Gruppen und Interessen.
Die Tagesordnung der Umweltqualität
In den vergangenen 20 Jahren hat das Land bemerkenswerte Fortschritte bei der Behandlung vieler
Umweltprobleme gemacht. Die Kosten des traditionellen, auf behördlichen Anordnungen und Vorschriften
beruhenden Regimes sind jedoch erheblich, und viele
Fragen lassen sich nicht administrativ lösen. Für die
Seite 1

�Arbeit der Kommission wurden vier Themenkomplexe
identifiziert, in denen sich die neue umweltpolitische
Tagesordnung widerspiegelt und die Chancen für
meßbare Fortschritte bieten. Dies sind:
Verhinderung von Umweltverschmutzung
und Management der Umweltqualität: Solide Managementpraktiken resultieren aus der
Einbeziehung umweltpolitischer Gedanken in
die tägliche Entscheidungsfindung. Die Verlagerung des Schwerpunkts von nachträglichen
Gegenmaßnahmen zur Verhinderung der
Umweltverschmutzung von Beginn an ist eine
der aussichtsreichsten Methoden zum Umgang
mit einem Spektrum von Umweltproblemen.
Diese Strategien vereinen für gewöhnlich Kosteneinsparungen, Effizienz und Wettbewerb
mit der Forderung deröffenlichkeit nach Schutz
der Umwelt sowie der öffentlichen Gesundheit
und Sicherheit.

in positive Maßnahmen für die Umwelt umzusetzen. Über die Studien, Debatten und institutionellen Maßnahmen hinaus ist letzlich der
einzelne die treibende Kraft beim Schutz der
Umwelt. Bürger, Konsumenten, Arbeitnehmer,
leitende Angestellte und Entscheidungsträger
können über die Medien, Berufsverbände, Marketjngkanäle und besonders durch das Bildungswesen erreicht werden - wo unsere Schulen die
Bewahrer der Erde von morgen ausbilden.
Durchführung des Programms
Die Arbeit der Kommission wird durch Erreichen folgender Ziele verwirklicht:
Schaffung eines Führungsnetzes von Einzelpersonen, die dem Präsidenten bei der Förderung einer gesunden Umwelt und starken Wirtschaft helfen werden, indem sie Zeit und Mittel
für die Förderung von Maßnahmen und Bildungsprogrammen auf freiwilliger Basis einsetzen.

Umgang mit natürlichen Ressourcen: Der
vernünftige Umgang mit unseren natürlichen
Ressourcen wird durch kooperative Managementpläne sowie Partnerschaften zwischen
öffentlichem und privatem Sektor gestärkt, der
traditionelle Praktiken der Bewirtschaftung von
Boden und Wasser übersteigt.
Innovative
Bündnisse stellen die Vorteile umweltpolitischer
Partnerschaften unter Beweis und führen Behörden, Ressourcen Verwalter, Partner aus der
Industrie, Bürgervertreter und Freiwillige zusammen.
Internationale Zusammenarbeit: Die Förderung umweltpolitisch sensibler wirtschaftlicher
Entwicklung und technologischer Zusammenarbeit bietet Möglichkeiten, um die Bedingungen nicht nur im In- sondern auch im Ausland zu
verbessern. Die Verflechtung der Umweltqualität über nationale Grenzen hinweg ist mit dem
Auftreten globaler Umweltfragen immer stärker
in Erscheinung getreten. Die internationale
Zusammenarbeit ist für unsere Zukunft von entscheidender Bedeutung, wenn wir die von weltweiter Umweltverschmutzung ausgehenden
Bedrohungen abbauen, dauerhafte Entwicklung
fördern und die internationalen Beziehungen
verbessern wollen.
Bildung und Kommunikation: Durch breite
Unterrichtung der Öffentlichkeit kann die Kommission den Bürgern dabei helfen, ihre Sorgen

Identifizierung erfolgreicher Modelle dafür, was
der Privatsektor auf kooperativer freiwilliger
Grundlage leisten kann, indem er seine eigenen
Ressourcen und schöpferischen Fähigkeiten
nutzt.
Anregung weiterer Maßnahmen durch Informationsprogramme, die öffentliche Nachfrage und
Unterstützung dieser Bemühungen verstärken
sowie Schaffung einer Infrastruktur für technische Hilfe.
Verbesserung durch Resonanz, Betonung einer
Überprüfung der Effektivität von Aktionen, die
den bestmöglichen Einsatz von Ressourcen zur
Bewältigung umweltpolitischer Herausforderungen fördern.
Durch diese zu verwirklichenden Ziele wird die Kommission einen Rahmen für Maßnahmen verfechten,
der Einzelpersonen und Organisationen dazu veranlassen wird, sich für ein gesundes ökonomisches und
wirtschaftliches Umweld der Vereinigten Staaten einzusetzen.
Weitere Informationen sind erhältlich bei: Patricia
Kearney, Director, President's Commission on Environmental Quality, 722 Jackson Place, Washington
DC., 20503.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 30

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