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25. April 1990

START

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR FÜR
OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt
zur Abrüstung

NST

DER STAND DER VERHANDLUNGEN
ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer
Abrüstungskonferenz

VERTEIDIGUNG

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat

UMWELT

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG
WELTWEITER KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�START
25. April 1990

ERWEITERTE ABSCHRECKUNG
STABILISIERUNGSFAKTOR
FÜR OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Burt zur Abrüstung
GENF - (AD) - Dem Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen (NST), Botschafter Richard Burt, zufolge wäre es ein "gravierender Fehler" anzunehmen, die Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) seien von den Ereignissen in Osteuropa eingeholt
worden.
"Es steht eindeutig fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung eine stabilisierende Wirkung auf die OstWest-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat", erklärte Burt vor der Genfer Abrüstungskonferenz am 19.
April 1990.
"Der Umbruch in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne entscheidende neue Möglichkeiten zum
Abbau des Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen", stellte Burt fest.
Burt zufolge seien mit den Sowjets bedeutende Fortschritte in wesentlichen Punkten der Verhandlungen über
Kern- und Weltraumwaffen erzielt worden.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Burt im Wortlaut.

Vor acht Monaten habe ich hier gesprochen, um die
amerikanischen Ziele bei den START-Verhandlungen
zu erörtern - die Fertigstellung eines Vertrags, der den
Abbau strategischer Offensivwaffen und verbesserte
Stabilität vorsieht und damit das Risiko eines Kriegs
verringert. Damals habe ich gesagt, für Präsident
Bush stehe die Erlangung eines fairen und weitreichenden Abkommens, das den Frieden fördert, an
oberster Stelle der Prioritätenliste.
Seitdem hat sich vieles ereignet, mit dem diese Aussage untermauert werden kann:
Erstens sind die Präsidenten Bush und Gorbatschow in Malta zusammengekommen und
haben sich der Lösung vordringlicher Probleme
bei START bis zum nächsten Gipfeltreffen verpflichtet, das am 30. Mai in Washington eröffnet
wird.
Zweitens fand im Februar ein Treffen zwischen
Außenminister Baker und seinem sowjetischen
Amtskollegen in Moskau statt, um die in Malta
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definierten Ziele und Prioritäten voranzubringen. Im Hinblick auf START hat dieses Treffen
nicht nur zu einem detaillierten Gedankenaustausch, sondern auch zu Übereinstimmung in
einigen entscheidenden Bereichen geführt, auf
die ich in Kürze eingehen möchte.
Drittens haben wir mit den Sowjets Einigung
bezüglich einiger versuchsweise eingeführter
Verifizierungsmaßnahmen erzielt, die von Präsident Bush erstmals im vergangenen Juni vorgeschlagen worden waren. Sie werden sich
vielleicht erinnern, daß Präsident Bush im letzten Juni den Vorschlag unterbreitet hat, die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sollten
besondere Anstrengungen unternehmen, um
sich auf eine Reihe praktischer Verifizierungsmaßnahmen zu einigen und diese durchzuführen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die
Verifizierung eines START-Vertrags zu verbessern und zur strategischen Stabilität beizutragen. Mit diesen Maßnahmen wird beiden Seiten
Seite 1

�praktische Erfahrung in Verifizierungsverfahren
vermittelt.
Und viertens sind die Außenminister Baker und
Schewardnadse vor zwei Wochen erneut in Washington zusammengetroffen.
Obwohl die
Gespräche nicht zur vollständigen Zufriedenheit verlaufen sind, haben sich die Außenminister auf eine beeindruckende Tagesordnung mit
dem Ziel geeinigt, die umfangreiche Themenliste bis zum amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen zu bewältigen.
Als Ergebnis all dieser Einzelfaktoren sind bei den
Schlüsselproblemen bedeutende Fortschritte erzielt
worden, und die Verhandlungen haben eine ungeahnte Dynamik entwickelt. Als Beispiel für das Tempo
unserer Gespräche steht die Tatsache, daß ich seit
meiner Rückkehr aus Washington am Montag, dem
16. April bei sieben verschiedenen Gelegenheiten mit
meinem verehrten sowjetischen Amtskollegen, Juri
Nazarkin, zusammengetroffen bin.
Ich möchte nun kurz einige Bereiche erläutern, in
denen Fortschritte erzielt wurden sowie einige der
zusätzlich in Genf erörterten Themen aufgreifen.
Botschafter Smith wird den Stand der Verhandlungen
über Kern- und Weltraumwaffen im einzelnen erläutern. Ich möchte nur kurz erwähnen, daß die Sowjets
beim Ministertreffen in Wyoming zum Junktim einen
entscheidenden, positiven Schritt nach vorne gemacht
haben. Beim Moskauer Ministertreffen im Februar
haben die Sowjets ihre Position mit der Aussage
erläutert, auch wenn sie die Einbeziehung vereinbarter
Erklärungen über einen Abzug für den Fall, daß eine
Vertragspartei den ABM-Vertrag löst oder von ihm
zurücktritt, in den START-Vertrag bevorzugen würden, sei dies keine Voraussetzung für den STARTVertrag. Damit wird ein wesentliches Hindernis für ein
START-Abkommen aus dem Weg geräumt.
Die Frage von Verhandlungen nach START war für
Botschafter Nazarkin und mich ebenfalls ein vorrangiges Thema. Bei den Moskauer Gesprächen haben die
Außenminister Baker und Schewardnadse uns angewiesen, einen solchen Dialog in die Wege zu leiten.
Die Sowjets haben Vorschläge für diese Gespräche
unterbreitet - die von einigen bereits als NST II bezeichnet werden - obwohl die von solchen Verhandlungen erfaßten Einzelheiten bis zum jetzigen Zeitpunkt
noch unklar sind.
Die Frage der Marschflugkörper hat sich als äußerst
schwieriges und kontroverses Thema erwiesen. Beide Seiten haben beim Moskauer Ministertreffen große
Anstrengungen zur Lösung des Problems luft- und
seegestützter Marschflugkörper (ALCMs und SLCMs)
unternommen. Die Gespräche wurden in Genf und bei
den Washingtoner Gesprächen vergangene Woche
fortgesetzt. Obwohl neue Probleme aufgetreten sind,

Seite 2

hoffe ich, daß die noch bestehenden verfahrenstechnischen Meinungsverschiedenheiten beigelegt werden können.
Bei ALCMs ist die Einigung auf ein Ansatzpaket in
greifbare Nähe gerückt, das Bestimmungen und Verfügungen zur Unterscheidung nuklearer und konventioneller ALCMs enthält. Die Frage der Obergrenze für
ALCM-Reichweiten steht an oberster Stelle der Problemliste, an deren Lösung wir arbeiten.
Darüber hinaus konnten mit der Einigung auf politisch
verbindliche Absichtserklärungen auch wichtige Einzelheiten für SLCMs geklärt werden. Solche Themen
wie SLCM-Reichweiten und ob sich die Erklärungen
nur auf nukleare oder auch konventionelle SLCMs
erstrecken, sind jedoch unter anderem noch offene
Fragen.
Bei zahlenmäßigen Obergrenzen für nichtstationierte
ballistische Raketen und den ihnen zugeordneten
Gefechtsköpfen haben sich beide Seiten in Moskau
darauf geeinigt, solche Obergrenzen nur bei mobilen
ICBMs einzuführen. Daher werden nichtstationierte,
silogestützte ballistische Raketen, nichtstationierte
Marschflugkörper und nichtstationierte schwere Bomber nicht zahlenmäßig begrenzt. Darüber hinaus
haben sich die Vertragsparteien auf ein Regime über
den Standort und die Verlagerung aller nichtstationierten ballistischen Raketen geeinigt. Die Einzelheiten
dieses Abkommens werden ebenfalls in Genf verhandelt.
Botschafter Nazarkin und ich haben dem Thema der
Offenlegung telemetrischer Daten während der Flugerprobung der von START erfaßten ballistischen
Raketen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hierbei handelt es sich um den Verifizierungsbereich, der
bestimmen wird, ob ein START-Vertrag unsere Sicherheit und strategische Stabilität verbessert, indem
er Transparenz auf beiden Seiten fördert. Obwohl
noch einige entscheidende Fragen geklärt werden
müssen, haben wir uns auf die wesentlichen Elemente
eines Regimes zur Offenlegung solcher Daten geeinigt. Diese Bestimmungen werden in den STARTVertrag einbezogen und treten bei Vertragsunterzeichnung durch einen Briefwechsel in Kraft.
Beide Seiten haben auch in der Frage der Vertragsdauer beachtliche Fortschritte erzielt. Bei den Washingtoner Gesprächen haben sich die Vertragsparteien grundsätzlich darauf geeinigt, daß der STARTVertrag 15 Jahre lang in Kraft bleiben wird, es sei denn,
er wird durch ein späteres Abkommen ersetzt oder in
beiderseitigem Einvernehmen erweitert. Wir sind derzeit
in Genf mit der Ausarbeitung der weiteren Einzelheiten
befaßt.
Darüber hinaus arbeiten die Delegationen in Genf an
einer Reihe zusätzlicher, entscheidender Themen eher
technischer Art. Beispielsweise führen beide Seiten

AMERIKA DIENST 16

�intensive Gespräche über die Verifizierung mobiler
ICBMs, den Zeitplan der Reduzierungen sowie die
Zuordnung von Gefechtsköpfen für zukünftige Typen
ballistischer Raketen.
Seit der Eröffnung von Runde XIII Ende Januar haben
Botschafter Nazarkin und ich sowie unsere jeweiligen
Delegationen hart an der Vervollständigung des Vertragstexts und der Entwicklung konstruktiver Ideen
gearbeitet, die dem Wunsch unserer beiden Länder
nach Lösung der wesentlichen Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni Rechnung zu tragen.
Beim Ministertreffen in Washington haben Außenminister Baker und sein sowjetischer Amtskollege Schewardnadse sich auf einen Themenkatalog geeinigt und
ihre Genfer Delegationen angewiesen, diesen nach
Möglichkeit bis zum Gipfeltreffen zu bewältigen. Es
steht wohl außer Frage, daß die wichtigsten zwei
dieser Themen die Nichtumgehung des Vertrags und
die Einzelheiten solider Verifizierungsregime sind, deren
Kernstück Vor-Ort-Inspektionen bilden.
Zum Thema Nichtumgehung führen Botschafter Nazarkin und ich derzeit die mit unseren Ministern in
Washington vergangene Woche aufgenommenen
Gespräche fort. Beide Seiten haben beachtliche Fortschritte in dieser Frage erzielt und Flexibilität an den
Tag gelegt.
Ein zweiter Problemkreis ist das Verifizierungsregime,
das beiderseitigem Einvernehmen zufolge einzigartige Inspektionsregelungen umfassen wird, die in der
Geschichte ihresgleichen suchen. Wenn Historiker
diesen Vertrag eines Tages analysieren werden, könnte der herausragendste Aspekt von START sehr wohl
in den bemerkenswerten Inspektionsverfahren bestehen, die wir eingeführt haben. Die Inspektoren werden
praktisch jede wichtige strategische Einrichtung der
anderen Seite besichtigen. Die Auswirkungen von
START auf Vertrauensbildung und militärische Transparenz zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion könnten tiefgreifend sein. Dieser vertrauensbildende und Transparenz schaffende Effekt von
START wird meines Erachtens die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern verbessern. Bis heute
sind etwa 13 verschiedene Arten von Inspektionen in
den Vertrag eingearbeitet worden.
In einigen Fällen haben Präsident Bushs versuchsweise eingeführte Verifizierungsmaßnahmen und entsprechende sowjetische Vorschläge mehrere Hindernisse aus dem Weg geräumt, insbesondere diejenigen, die Einigung aufgrund von Mißverständnissen
bezüglich Operationen und Verfahren verhinderten.
Im vergangenen September haben die Außenminister
Baker und Schewardnadse die erste dieser Maßnahmen verabschiedet - ein Abkommen über die Benachrichtigung größerer strategischer Übungen. Darüber
hinaus haben wir Einigung bezüglich anderer Maßnahmen erzielt. Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen

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für frühzeitige Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern und die Vorführung schwerer Bomber sind zwei
dieser Schritte. Im Rahmen unseres Vorschlags zu
Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern war beispielsweise vorgesehen, daß jede Seite die von ihr
vorgeschlagenen Inspektionsverfahren demonstriert,
um zu verifizieren, daß bestimmte Typen von ICBMs
und SLBMs nicht über mehr Wiedereintrittsflugkörper
verfügen, als die ihnen zugeordnete Zahl von Gefechtsköpfen. Die erste dieser versuchsweise eingeführten Inspektionen wird nächste Woche stattfinden,
wenn amerikanische und sowjetische Regierungsvertreter den Luftwaffenstützpunkt F.E. Warren in den
Vereinigten Staaten besichtigen werden, um die Zählverfahren für Gefechtsköpfe auf der PEACEKEEPERRakete in die Praxis umzusetzen.
Schließlich haben wir der jeweils anderen Seite Techniken zur eindeutigen Identifizierung von ballistischen
Raketen vorgeführt, das als "Tagging" bezeichnete
Verfahren. Experten aus beiden Ländern kommen
hier zusammen, um an dieser Übung teilzunehmen.
Kurz gesagt ist das "Tag" auf einer Rakete einem
Fingerabdruck vergleichbar, mit dem sichergestellt
wird, daß jede Rakete eindeutig identifiziert werden
kann.
Wie Sie sehen, haben die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion bereits eine ganze Reihe von Maßnahmen verwirklicht. Sie tragen zu einer maßgeblichen
Verbesserung von Transparenz und Berechenbarkeit
im Rüstungskontrollprozeß bei und sind wichtige Schritte
zur Vertrauensbildung.
Bei der Annäherung an unser gemeinsames Ziel haben
beide Seiten in den vergangenen Monaten große
Aktivität an den Tag gelegt. Abschließend möchte ich
auf die Bedeutung des START-Vertrags eingehen.
Wir befinden uns in einer Zeit tiefgreifender politischer
Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen. Aufgrund der Auswirkungen dieses Wandels tendieren
einige zu der Annahme, ein START-Vertrag sei von
den Ereignissen überholt worden. Eine solche Denkweise ist ein gravierender Fehler. Es steht eindeutig
fest, daß die Strategie der erweiterten Abschreckung
eine stabilisierende Wirkung auf die Ost-West-Beziehungen und den Weltfrieden gehabt hat. Der Umbruch
in der Sowjetunion und Osteuropa bietet zweifelsohne
entscheidende neue Möglichkeiten zum Abbau des
Risikos eines Nuklearkriegs, aber wir müssen jede
Modifizierung unserer bestehenden Strategie mit
konstruktiver Vorsicht angehen. Wir vertreten die
Ansicht, daß willkürliche Veränderungen der amerikanischen Sicherheitsstrategie und der Doktrin erweiterter Abschreckung zu einem Abbau der Stabilität in
Zeiten tiefgreifender politischer Veränderungen führen
könnten.
Der START-Vertrag wird das erste Rüstungskontrollabkommen der Geschichte sein, das die Anzahl stra-

Seite 3

�tegischer Nuklearwaffen tatsächlich verringert. Gleichzeitig gestatten die Bestimmungen dieses Vertrags
einen strukturierten Ansatz zu diesen die Stabilität
fördernden Reduzierungen. Angesichts der raschen
Veränderungen auf der Welt ist es unabdingbar, unse-

re Errungenschaften und die durch sie geschaffene
Stabilität zu kodifizieren. Vor diesem Hintergrund
sehen die Vereinigten Staaten dem bevorstehenden
Gipfel mit großem Optimismus und einem Gefühl
historischer Leistung entgegen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�NST
25. April 1990

DER STAND DER VERHANDLUNGEN ÜBER
KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
Botschafter Smith vor der Genfer Abrüstungskonferenz
GENF - (AD) -

Botschafter David J. Smith zufolge bestand das Hauptziel der Vereinigten Staaten in der

fünfjährigen Geschichte der Gespräche über Kern- und Weltraumwaffen darin, "einen kooperativen Übergang
zu einer stabileren Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf nichtnukleare Verteidigungssysteme
gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar erweist". Vor der Genfer Abrüstungskonferenz erklärte Smith am 19. April 1990 ferner, das heutige strategische Gleichgewicht beruhe "nahezu
ausschließlich auf offensiven Kernwaffen". Durch die bei nichtnuklearen Technologien erzielten Fortschritte sei
es jedoch wahrscheinlich, "daß eine verstärkte Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko weiter zu
verringern".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Smith im Wortlaut.

Herr Präsident, ich freue mich über diese Gelegenheit,
der Abrüstungskonferenz unsere Sichtweise zu den
Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen vortragen zu können. Mein Vorgänger, Botschafter Cooper,
sprach im August letzten Jahres an dieser Stelle.
Seither haben sich mehrere positive Entwicklungen
vollzogen, obwohl in wichtigen Bereichen weiterhin
Meinungsverschiedenheiten bestehen.
Im Verlauf der fünfjährigen Geschichte der Gespräche
über Kern- und Weltraumwaffen haben die Vereinigten Staaten konsequent ein Ziel verfolgt. Wir bemühen
uns, einen kooperativen Übergang zu einer stabileren
Abschreckung zu gewährleisten, die sich verstärkt auf
nichtnukleare Verteidigungssysteme gegen strategische Raketen stützt, falls sich dies als durchführbar
erweist. Das heutige strategische Gleichgewicht beruht nahezu ausschließlich auf offensiven Kernwaffen.
Fortschritte bei nichtnuklearen Technologien machen
es jetzt jedoch wahrscheinlich, daß eine verstärkte
Stützung auf moderne Verteidigungssysteme mit stabilisierenden Reduzierungen strategischer Offensivsysteme gekoppelt werden kann, um das Kriegsrisiko
weiter zu verringern.

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Um diese Ziele zu erlangen, ist die Haltung der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Kern- und
Weltraumwaffen zukunftsorientiert. Wir bemühen uns,
uneingeschränkte Erprobungsrechte für moderne
Defensivtechnologien festzuschreiben, wie sie nach
dem ABM-Vertrag von 1972 gestattet sind. Wir streben an, weltraumgestützte ABM-Radarsysteme und
damit vergleichbare Sensoren von den überholten
Fesseln des ABM-Vertrags zu befreien. Die amerikanischen Vorschläge würden ernsthafte und gründliche
Gespräche mit der Sowjetunion über spezielle Maßnahmen für einen kooperativen Übergang erfordern,
bevor eine der Seiten moderne Verteidigungssysteme
stationiert, die den gegenwärtigen Rahmen des ABMVertrags sprengen. Die amerikanischen Vorschläge
würden darüber hinaus nach diesen Gesprächen das
Recht zur Stationierung gewährleisten. Schließlich
bemühen sich die Vereinigten Staaten darum, durch
Berechenbarkeit - darunter verstehen wir vertrauensbildende Maßnahmen - zukünftige technologische
Überraschungen zu vermeiden, indem wir zu mehr
Offenheit bei den Vorhaben beider Seiten im Bereich
der Verteidigung gegen strategische Raketen ermutigen.

Seite 1

�Kernstück des amerikanischen Ansatzes ist der von
uns vorgeschlagene Vertrag über Weltraumverteidigung, der die Erleichterung eines kooperativen Übergangs zum Ziel hat. Der im vergangenen Dezember
ergänzte amerikanische Vertragsentwurf enthält wichtige gemeinsame Elemente, die beim Washingtoner
Gipfel von 1987 erzielt wurden und berücksichtigt das
Ergebnis des Treffens zwischen den Außenministern
Baker und Schewardnadse in Wyoming im September
1989. Bei letzterem ließen die Sowjets ihre Forderung
nach einer Vereinbarung über eine Frist für den Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallen. Die Sowjetunion
verwarf überdies ihr Junktim zwischen Unterzeichnung und Durchführung eines START-Vertrags und
einer Vereinbarung über Weltraumverteidigung. Die
Vereinigten Staaten begrüßten diesen Schritt.
Der amerikanische Vertragsentwurf sieht ein Verfahren vor, demzufolge jede Partei ihre Absicht erklären
kann, strategische Verteidigungssysteme zu dislozieren, indem sie dies ankündigt und besondere Maßnahmen vorschlägt, um einen kooperativen Übergang zu
gewährleisten. Die Parteien wären dann verpflichtet,
dreijährige intensive Gespräche über die vorgeschlagenen Maßnahmen und deren Auswirkungen auf die
strategische Stabilität zu führen. Falls keine anderen
Vereinbarungen getroffen werden, müßte eine Partei
nach diesem Zeitraum - wenn sie die Begrenzungen
des ABM-Vertrags überschreitende Stationierungen
durchführen möchte - dies sechs Monate im voraus
ankündigen.
Dieser vorgeschlagene Mechanismus bietet einen
stabileren Weg für die Stationierung moderner Verteidigungssysteme als die gegenwärtige Alternative, die
darin besteht, die Bestimmung des ABM-Vertrags
über eine Vertragskündigung aufgrund höherer Interessen auszuüben. Der ABM-Vertrag gestattet es jeder
Partei, nach einer Kündigungsfrist von nur sechs Monaten
zu stationieren. Der von uns vorgeschlagene neue
Mechanismus würde dazu beitragen, einen vernünftigen und zeitgerechten Dialog darüber zu führen, wie
ein stabiler und kooperativer Übergang verwirklicht
werden kann.
Der überarbeitete amerikanische Vertragsentwurf
spiegelt darüber hinaus die dem ABM-Vertrag zufolge
uneingeschränkten Rechte der Parteien wider, moderne weltraumgestützte ABM-Systeme und deren Komponenten zu entwickeln und erproben. Um Vertrauen
zu bilden und Fehleinschätzungen solcher Versuche
zu vermeiden, haben die Vereinigten Staaten im Oktober 1988 eine Zusicherung im Hinblick auf Weltraumversuche angeboten. Damit wird der Sowjetunion
zugesichert, daß bei weltraumgestützten amerikanischen ABM-Versuchen, die im Rahmen des ABMVertrags zulässig sind, eine verbotene Stationierung
von Verteidigungssystemen ausgeschlossen würde.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich, nur von
einer begrenzten Anzahl von ABM-Testsatelliten die

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Erprobung einer ABM-Komponente durchzuführen,
die auf anderen physikalischen Prinzipien beruht und
als Ersatz für einen ABM-Abfangflugkörper dienen
könnte. Solche Versuche würden das Ziel verfolgen,
eine strategische Rakete oder deren Elemente im Flug
zu vernichten.
Die Zahl der gleichzeitig in einer
Umlaufbahn befindlichen amerikanischen ABM-Testsatelliten wird wesentlich geringer sein als die für eine
realistische ABM-Fähigkeit erforderliche Zahl. Um
weiteres Vertrauen zu bilden, haben die Vereinigten
Staaten als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit die Benachrichtigung über Abschüsse, Tests,
Veränderungen der Umlaufbahnen und die Rückführung von ABM-Testsatelliten vorgeschlagen.
Die Vereinigten Staaten haben ferner angeregt, daß
beiden Seiten die Entwicklung, Erprobung oder Stationierung von weltraumgestützten ABM-Radars und damit
vergleichbaren Sensoren uneingeschränkt gestattet
werden sollte. Damit würden künftige Definitions- und
Verifizierungsprobleme vermieden, die voraussichtlich aufgrund der Modernisierung weltraumgestützter
Technologie entstehen würden. Daneben würde die
Entwicklung stabilisierender weltraumgestützter Sensoren gefördert.
Ein weiterer wichtiger Gedanke des amerikanischen
Vertragsentwurfs besteht darin, Berechenbarkeit bei
der Entwicklung des amerikanisch-sowjetischen strategischen Verhältnisses sicherzustellen, um das Kriegsrisiko zu mindern. Dieses Ziel wurde beim Washingtoner Gipfel von 1987 vereinbart. Um dieses Ziel zu
verwirklichen, schlugen die Vereinigten Staaten im
Jahr 1988 Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit vor. Zu diesen Maßnahmen gehören ein
jährlicher Austausch von Programmdaten, Expertentreffen, Informationsgespräche, Besuche in Labors
und die Beobachtung von Versuchen im Bereich der
Verteidigung gegen strategische Raketen. Diese
Maßnahmen würden auf freiwilliger, gegenseitiger und
vergleichbarer Grundlage durchgeführt. Ihr Zweck ist
die Schaffung eines besseren Verständnisses von den
Vorhaben beider Seiten im Hinblick auf solche Verteidigungssysteme bereits im Forschungsstadium - Jahre
bevor moderne Verteidigungssysteme in der Praxis
auftauchen.
Beim Gipfeltreffen in Wyoming leitete Außenminister
Baker Bemühungen ein, um festzustellen, ob die
Bereiche der Übereinstimmung über Maßnahmen zur
Berechenbarkeit zu einem Bereich beiderseitigen Vorteils
ausgebaut werden können. Um das Verständnis unserer
sowjetischen Kollegen von der amerikanischen Maßnahme "Besuche in Labors" zu fördern, bot Außenminister Baker eine praktische Demonstration aus erster
Hand an. Er lud eine Gruppe sowjetischer Experten
ein, zwei mit SDI-Forschungsarbeiten befaßte amerikanische Labors zu besuchen. Der Besuch fand im
vergangenen Dezember statt und war ein großer Erfolg. Der Leiter der Delegation, Botschafter Juri Nazar-

AMERIKA DIENST 16

�kin, bezeichnete den Besuch als nützliche vertrauensbildende Maßnahme. Die sowjetischen Experten
nahmen an Vorträgen teil, sie konnten Hardware selbst
in Augenschein nehmen und hatten die Gelegenheit,
den mit den Forschungsarbeiten betrauten amerikanischen Wissenschaftlern zahlreiche Fragen zu stellen.
Der Besuch diente dazu, sowohl die Transparenz zu
fördern als auch den Verhandlungen über Maßnahmen zur Berechenbarkeit neue Impulse zu verleihen.
Wir waren sehr erfreut, als die Sowjetunion nach
diesem Besuch dem Konzept von Besuchen in Labors
als Maßnahme zur Erhöhung der Berechenbarkeit
zustimmte.
Beim Treffen der Außenminister Bakerund Schewardnadse in Washington zu Beginn dieses Monats schlugen die Vereinigten Staaten vor, daß sich beide Seiten
in Form eines selbständigen Abkommens - unabhängig vom ABM-Vertrag - über Maßnahmen zur Berechenbarkeit einigen sollten. Der amerikanische Entwurf fordert die Parteien auf, die obengenannten
Maßnahmen zur Erhöhung der Berechenbarkeit zu
verwirklichen.
Um die Funktionsweise eines solchen Abkommens zu
veranschaulichen und unsere Verhandlungsdelegationen zu unterrichten, haben die Vereinigten Staaten
im vergangenen Monat in Genf die Einrichtung eines
auf Gegenseitigkeit beruhenden Pilotprogramms zur
Anwendung der amerikanischen Maßnahmen zur
Berechenbarkeit auf jeweils ein einzelnes Projekt jeder
Seite vorgeschlagen. Die Vereinigten Staaten haben
als ihr Projekt das "Infrared Background Signature
Survey" ausgewählt. Wir haben die Sowjetunion aufgefordert, ein sowjetisches Projekt auszuwählen. Die
Idee der Vereinigten Staaten besteht darin, daß beide
Seiten vor Verwirklichung eines selbständigen Berechenbarkeitsabkommens einen "Probelauf" durchführen sollten. In dieser Hinsicht sind diese Initiativen mit
"Probeläufen" bei anderen Verhandlungen vergleichbar - dem Gemeinsamen Verifizierungsexperiment bei
den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über
Atomversuche, den Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen bei START sowie dem bilateralen Datenaustausch- und Verifizierungsexperiment in den amerikanisch-sowjetischen Gesprächen über chemische
Waffen.
Bei den Maßnahmen zur Berechenbarkeit wurden in
jüngster Zeit bedeutende Fortschritte erzielt. Beide
Seiten sind sich einig, daß sie ausgebaut und gestärkt
werden sollten. Bei den verbleibenden Fragen in
unseren Verhandlungen bleibt noch viel zu tun, um
einen Vertrag über Weltraumverteidigung zu erlangen,
der in den kommenden Jahren, wenn uns neue Technologien Wege zur Verringerung der von den ballistischen Raketen ausgehenden Bedrohung eröffnen,
größere Stabilität ermöglicht. Die Verwirklichung dieses Ziels würde für die gesamte internationale Staatengemeinschaft mehr Sicherheit bedeuten und den

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ersten kooperativen Übergang in der Geschichte der
strategischen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion darstellen.
Nachdem ich über unsere diplomatischen Bemühungen zur Erreichung eines kooperativen Übergangs zu
Verteidigungssystemen gegen strategische ballistische
Raketen gesprochen habe, möchte ich auch kurz zum
amerikanischen Engagement für solche Verteidigungssysteme und zum Beitrag, der von ihnen geleistet
werden könnte, Stellung nehmen. Am 7. Februar 1990
erklärte Präsident Bush im Lawrence Livermore National Laboratory: "In den neunziger Jahren sind strategische Verteidigungssysteme sinnvoller denn je...
Dieses rein defensive Konzept bedroht niemanden auf
der Welt. Wenn es, was Gott verhüten möge, jemals
eingesetzt werden müßte, dann gegen Raketen und
nicht gegen Menschen."
Die Betonung des Werts von Verteidigungssystemen
durch den Präsidenten läßt sich am besten durch die
Tatsache verstehen, wie sie zur internationalen Sicherheit und zum Gleichgewicht in diesem und im
nächsten Jahrhundert beitragen können. Es gibt vier
Hauptgründe dafür, warum effektive Verteidigungssysteme eine sicherere Welt bewirken können.
Erstens, die Verhinderung eines Atomkriegs muß ein
grundsätzliches Ziel bleiben. Überlebensfähige und
effektive strategische Verteidigungssysteme würden
die Abschreckung stärken und das Kriegsrisiko verringern, indem sie die Planung und Ausführung eines
Erstschlages mit strategischen Offensivstreitkräften
erheblich komplizierter machen würden.
Zweitens können moderne Verteidigungssysteme im
Zuge einer einschneidenden Reduzierung strategischer Offensivwaffen durch die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion eine wachsende Rolle bei der
Absicherung gegen die Folgen potentieller Vertragsverletzungen, Vertragsbrüche und Betrugsmanöver in
Zusammenhang mit solchen Reduzierungen spielen.
Drittens entwickeln sich neue Bedrohungen, gegen die
effektive nichtnukleare Verteidigungssysteme erheblichen Schutz bieten können. Indem eine steigende
Zahl von Ländern ballistische Raketen und damit einhergehend chemische, biologische und nukleare Waffen
entwickeln, wird sich die Bedrohung für die internationale Staatengemeinschaft verstärken.
Viertens können effektive Verteidigungssysteme Schutz
gegen den versehentlichen oder unbefugten Abschuß
von ballistischen Raketen bieten. Fände eine solch
unwahrscheinliche Katastrophe jemals statt, wäre der
in geretteten Menschenleben ausgedrückte Wert von
Verteidigungssystemen unschätzbar.
Unter Berücksichtigung dieser Ziele und deren Bedeutung sind die Vereinigten Staaten entschlossen, sich
die Option zur Entwicklung und Stationierung effekti-

Seite 3

�ver, moderner Verteidigungssysteme in angemessenem Zeitrahmen und in kooperativer Art und Weise
offenzuhalten. Dies ist unser Ziel in den Gesprächen
über Kern- und Weltraumwaffen.

sche Ihnen einen erfolgreichen Abschluß der Frühjahrssitzung und hoffe, auch in Zukunft wieder die
Gelegenheit zu einer Rede vor diesem Gremium zu
erhalten.

Herr Präsident, es war mir eine Ehre, heute vor der
Abrüstungskonferenz sprechen zu dürfen. Ich wün-

Vielen Dank.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�VERTEIDIGUNG
25. April 1990

NUNN BEFÜRWORTET NEUE
MILITÄRISCHE STRATEGIE
Erklärung im Senat
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede im Senat hat der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Senat, der
demokratische Senator Sam Nunn, seine Gedanken einer neuen amerikanischen Militärstrategie vorgetragen,
die sich auf die verringerte sowjetische Bedrohung und den "unvermeidlichen" Rückgang der amerikanischen
Militärausgaben gründet.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Senators im Wortlaut.

Herr Präsident, in den letzten Wochen habe ich zwei
Reden über unsere nationale Sicherheit und Haushaltsprobleme gehalten. In der ersten habe ich die
Probleme erörtert, die sich für unseren Ausschuß und
den gesamten Kongreß aus den Lücken in dem vom
Verteidigungsministerium vorgelegten unvollständigen
Fünfjahresverteidigungsplan und im Ergänzungshaushalt für das Haushaltsjahr 1991 ergeben. In der
zweiten gab ich eine Einschätzung der jüngsten Veränderungen in der Welt und ihrer Auswirkungen auf
das Bedrohungsumfeld in den neunziger Jahren. In
meiner heutigen Erklärung möchte ich die wichtigen
Veränderungen erörtern, die im Lichte dieses Wandels
der äußeren Bedrohung und der haushaltspolitischen
Realitäten in unserem Land bei unserer Militärstrategie vorgenommen werden sollten.
Anfang der achtziger Jahre hatte ich auf Bitte des
ehemaligen Botschafters David Abshire die Ehre,
zusammen mit dem damaligen Kongreßabgeordneten
Dick Cheney Vorsitzender einer Studiengruppe des
Zentrums für strategische und internationale Studien
(CSIS) über "Große Strategie" zu sein. Aufgrund
dieser Erfahrung verstehen Dick und ich sehr gut, wie
schwierig es ist, eine zusammenhängende Strategie
zu formulieren - selbst wenn in der Welt nicht das
Unterste zuoberst gekehrt wird. In einer Rede im
Zusammenhang mit dem CSIS-Projekt habe ich festgestellt, daß militärische Strategie folgendermaßen
definiert wird: "Die Kunst, nach Gefahr Ausschau zu
halten, sie überall zu finden, sie unzutreffend zu diagnostizieren und das falsche Gegenmittel zu ver-

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schreiben." Wenn ich heute wiederum über Strategie
spreche, werde ich diese Definition im Gedächtnis
behalten.
Ich hoffe, mit meinen Ausführungen zur sehr notwendigen und überfälligen Strategiedebatte und zum Dialog beizutragen. Wie ich bereits in meiner Rede vor
dem Senat am 29. März erklärt habe, hat sich die
Bedrohung im letzten Jahr erheblich verändert, und
viele dieser Veränderungen bieten Chancen zu einschneidenden Reduzierungen der amerikanischen
Militärausgaben in den kommenden Jahren. Die Frage lautet heute nicht, ob wir die Militärausgaben reduzieren. Das ist unvermeidlich. Die Frage lautet vielmehr, ob wir die Militärausgaben im Rahmen einer
vernünftigen militärischen Strategie reduzieren, mit
der sich die Bedrohungen von heute und von morgen
bewältigen lassen.
Zu Beginn ist es meines Erachtens wichtig, zwischen
nationaler Sicherheitsstrategie und militärischer Strategie zu unterscheiden. Die nationale Sicherheitsstrategie ist darauf ausgerichtet, umfassende und dauerhafte nationale Interessen und Ziele zu schützen und
bewahren. Sie soll ein breites Spektrum von Mitteln in
sich vereinigen, um diese Ziele zu erreichen, darunter
politische, diplomatische, sicherheitspolitische, wirtschaftliche und militärische Instrumente. Die militärische Strategie ist eine enger gefaßte Komponente der
nationalen Sicherheitsstrategie. Sie beschreibt auf
der Grundlage der Bedrohung und der zur Verfügung
stehenden Ressourcen, wie wir unsere Streitkräfte

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�strukturieren und einsetzen, um unsere Interessen
und Ziele zu unterstützen.

Bedrohung durch eine gemeinsame Gefahr
nachläßt?

Vergangenen Monat legte Präsident Bush dem Kongreß den Bericht seiner Administration über die Nationale Sicherheitsstrategie für 1990 vor. In seinem
Bericht faßt der Präsident die allgemeinen nationalen
Interessen und Ziele unseres Landes wie folgt zusammen:

Wie wird die Struktur des neuen Europas politisch, wirtschaftlich und militärisch - beschaffen sein, wenn die Staaten des Ostens demokratisch werden und die Einheit Deutschlands
Gestalt annimmt?

Überleben der Vereinigten Staaten als freie und
unabhängige Nation, deren Grundwerte intakt
und deren Institutionen und Bevölkerung sicher
sind.

Wie werden wir die anderen Instrumente der
Politik zur Förderung unserer Interessen und
Ziele einsetzen, wenn in einer Welt mit einem
sichereren Ost-West-Gleichgewicht militärische
Faktoren eine geringere Rolle spielen?

Eine gesunde und wachsende amerikanische
Wirtschaft, um Chancen für individuellen Wohlstand und eine materielle Grundlage für nationale Vorhaben im In- und Ausland sicherzustellen.

Präsident Bushs Strategiebericht stellt die richtigen
Fragen zu den die Vereinigten Staaten betreffenden
Sicherheitsproblemen. Bei der Beschäftigung mit dem
Verteidigungshaushalt 1991 müssen wir beginnen,
diese Fragen zu beantworten.

Eine stabile und sichere Welt, die politische
Freiheit, Menschenrechte und demokratische
Institutionen fördert.

In ihrer hervorragenden neuen Studie über die amerikanische Militärstrategie für die neunziger Jahre forderten die Senatoren Bill Cohen und John McCain zu
Recht eine vorsichtige Haltung zu Veränderungen in
unserem militärischen Einsatzkonzept. Sie machten
jedoch auch zwei wichtige Beobachtungen, die wir in
der andauernden Debatte über unsere nationale Sicherheitspolitik im Gedächtnis behalten sollten.

Solide, kooperative und politisch gefestigte
Beziehungen mit Verbündeten und befreundeten Nationen.
Der Präsident stellte sodann eine Reihe von Fragen für
die Zukunft:
Wie können wir dauerhafte internationale Stabilität sicherstellen, wenn die amerikanisch-sowjetische Bipolarität gegenüber einer weltweiten Interdependenz und Multipolarität in den
Hintergrund tritt?
Wie wird sich die andauernde Führungsrolle der
Vereinigten Staaten darstellen - und wie werden
die von unseren Verbündeten übernommenen
neuen Führungsrollen beschaffen sein?
Wie hoch sind die Risiken, daß die positiven
strategischen Tendenzen von heute rückgängig
gemacht werden, und wie berücksichtigen wir
diese Risiken in unserer Langzeitplanung?
Wieviel Risiko können wir uns in einem Zeitalter
strategischer Veränderungen, haushaltspolitischer Zwänge und großer Ungewißheit leisten?
Wie passen wir unsere Streitkräfte der anhaltenden Herausforderung möglicher Einsatzerfordemisse in anderen Teilen der Welt an, während
wir ein Machtgleichgewicht mit der Sowjetunion
als unabdingbare Priorität amerikanischer Politik aufrechterhalten?
Wie bewahren wir die Geschlossenheit unter
Verbündeten und Freunden, die für die gemeinsame Sicherheit und den gemeinsamen Wohlstand unerläßlich ist, wenn die empfundene

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Erstens stellten sie fest, daß "das Gespenst einer
möglichen Rückkehr des kalten Kriegs... nicht benutzt
werden kann, um eine Überprüfung der Verteidigungspolitik zu vertagen, die sogar schon vor den Ereignissen der letzten sechs Monate erforderlich war."
Zweitens erklärten sie, daß "unseres Erachtens das
amerikanische Volk das erforderliche Haushaltsniveau
nur dann unterstützen wird, wenn es der Meinung ist,
daß unsere Verteidigungspolitik mit der sich verändernden Weltlage im Einklang steht."
Herr Präsident, ich stimme mit den Senatoren Cohen
und McCain überein. Wir müssen jetzt handeln, um
eine neue militärische Strategie zu entwickeln, mit der
die veränderte Bedrohung bewältigt und ein Beitrag
zur Festlegung unserer Haushaltsprioritäten geleistet
werden kann.
Mit Blick auf die jüngsten Veränderungen in der Welt
und künftige Verteidigungsbudgets möchte ich die
folgenden wichtigen Aufgaben vorschlagen, die wir
von unseren Streitkräften verlangen und deren Durchführung wir erwarten können:
Abschreckung eines Angriffs auf das Territorium der Vereinigten Staaten.
Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen
durch die Sowjetunion oder andere nuklear
bewaffnete Gegner gegen unser Territorium,
gegen unsere Verbündeten oder unsere irgend-

AMERIKA DIENST 16

�wo auf der Welt stationierten Streitkräfte.
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten bei
der Abschreckung konventioneller sowjetischer
Aggressionen in Europa, wobei der Umfang der
Streitkräfte der abnehmenden Bedrohung angepaßt wird und die Möglichkeit bestehen bleiben muß, innerhalb eines ausreichenden Zeitraums auf ein höheres Niveau aufzurüsten,
wenn die Sowjets versuchen sollten, erneut eine
glaubwürdige Invasionsfähigkeit aufzubauen.
Unterstützung unserer Freunde und Verbündeten in Korea, im Fernen Osten, im Nahen Osten,
in Südwestasien und Lateinamerika mit amerikanischen militärischen Fähigkeiten, die auf eine
Ergänzung - nicht auf den Ersatz oder die Verdoppelung - ihrer eigenen militärischen Fähigkeiten zugeschnitten sind.
Bereitschaft zu gewaltsamen Interventionen in
geringem bis mittlerem Ausmaß.
Sicherung der Seewege.
Bekämpfung von Drogenhandel, Terrorismus
und anderen unkonventionellen militärischen
Bedrohungen.
Bereitstellung genauer, rechtzeitiger und bedarfsgerechter nachrichtendienstlicher Erkenntnisse in Verbindung mit anderen nachrichtendienstlichen Elementen bezüglich der Veränderungen im globalen Bedrohungsumfeld.
Wenn wir eine neue Militärstrategie entwickeln wollen,
die unsere Mittel effektiv mit den soeben umrissenen
Zielen in Einklang bringen soll, dann sollten wir uns
meines Erachtens von den folgenden fünf Komponenten leiten lassen.
I. Obwohl die nukleare Abschreckung gegenwärtig
und auf absehbare Zukunft entscheidende Grundlage
unserer militärischen Strategie bleibt, sollte sie auf
wesentlich geringerem Rüstungsniveau und mit wesentlich höherer Stabilität (mit geringerem Anreiz für
einen Erstschlag mit strategischen Nuklearwaffen auf
beiden Seiten) gewährleistet werden können.
II. Unsere vorne stationierten Streitkräfte sollten im
Einklang mit der veränderten Bedrohung reduziert
werden. Es sollte eine verstärkte Spezialisierung der
einzelnen verbündeten Staaten erfolgen. Das Vertrauen auf Verstärkung unserer Verbündeten durch
herangeführte amerikanische Kampftruppen sollte erhöht
werden.
III. Eine größere Anzahl unserer Truppen sollte in
Reserven konzentriert werden, die insbesondere auf
Verstärkungsoperationen zugeschnitten sind.

AMERIKA DIENST 16

IV. Wir sollten ein Konzept flexibler Bereitschaft, hoher
Bereitschaft für bestimmte Truppen und anzupassender Bereitschaft anwenden.
V. Unser Verteidigungsmanagement und unsere Mittelstrategie sollten von dem Satz des ehemaligen
Botschafters David Abshire geleitet werden, der lautet:
"Think smarter not richer." Diesem Ansatz zufolge
würde ich das Fliegen vor die Beschaffung setzen, die
Kosten für Beschaffung und Instandhaltung von Waffen reduzieren, bestehende Plattformen verbessern
und neue Vorhaben reduzieren. Dazu gehört innovative Forschung zur Erhaltung unserer technologischen
Überlegenheit und die Aufrechterhaltung einer lebensfähigen Rüstungsindustrie.
Diese fünf Elemente bilden den Rahmen, den ich für
eine überarbeitete militärische Strategie vorschlage.
Ich möchte auf jedes dieser fünf Elemente kurz etwas
detaillierter eingehen.
Das erste grundlegende Element einer neuen Militärstrategie ist die Abschreckung eines Atomkriegs auf
niedrigerem nuklearem Rüstungsniveau bei gleichzeitig erheblich verbesserter Stabilität. Dieses Element
beinhaltet zwei Komponenten: Abschreckung eines
direkten sowjetischen Atomschlags gegen die Vereinigten Staaten und Abschreckung des Einsatzes von
Atomwaffen im Rahmen einer sowjetischen Aggression gegen einen Verbündeten der Vereinigten Staaten. Daneben müssen wir zusammen mit unseren
Verbündeten und anderen Staaten, darunter auch der
Sowjetunion und China, dafür Sorge tragen, die Verbreitung von Atomwaffen und Raketentechnologie zu
begrenzen. Wir müssen überdies zusammen mit
anderen Staaten unsere Bemühungen intensivieren,
um den generellen Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch andere Staaten oder terroristische Gruppierungen zu verhindern.
In meiner Rede vor dem Senat habe ich am 29. März
in bezug auf die Bedrohungsanalyse erklärt: "Im
Gegensatz zu den bedeutenden Reduzierungen der
sowjetischen konventionellen Bedrohung hat die
sowjetische Modernisierung der strategischen Atomstreitkräfte im großen und ganzen unverändert angehalten." Aus diesem Grund bleiben die amerikanischen Nuklearstreitkräfte das Fundament der Abschrekkung. Die Modernisierung unserer Nuklearstreitkräfte
wird auch weiterhin erforderlich sein.
Gleichzeitig hat der Rückgang der sowjetischen konventionellen Bedrohung bedeutende Auswirkungen
auf die sowjetische nukleare Bedrohung. Wie ich
bereits letzten Monat festgestellt habe: "Mit der geringeren Wahrscheinlichkeit eines konventionellen Krieges
in Europa hat die Möglichkeit, daß ein Atomkrieg aus
der Eskalation eines europäischen Konflikts entsteht,
ebenfalls stark abgenommen." Ich möchte im folgen-

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�den meine Ansichten über die Auswirkungen dieser
Entwicklung auf unser strategisches Einsatzkonzept,
unsere Ziele in der Rüstungskontrolle und die geeignete Rolle strategischer Verteidigungssysteme darlegen.

neuen Strategie noch Platz ist. Landgestützte Atomraketen und nukleare Artillerie in Europa sollten abgezogen werden, am besten im Rahmen von Gesprächen und Vereinbarungen zwischen NATO und Warschauer Pakt.

Die Entwicklung neuer, demokratischer Regierungen
in Osteuropa, der vorgesehene Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Ungarn und der Tschechoslowakei sowie die wahrscheinliche Festsetzung gleicher
Obergrenzen für Panzer, Artillerie, Flugzeuge und
andere Kategorien militärischer Ausrüstung in einem
Vertrag über die konventionellen Streitkräfte (KSE)
haben ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf die
nuklearen Kurstreckenwaffen (SNF) und luftgestützten taktischen Nuklearwaffen des Bündnisses.

Aber selbst wenn dies erreicht ist, besteht die Notwendigkeit zur Abschreckung des Einsatzes von Atomwaffen in Europa durch die Sowjets. Auf europäischem
Territorium stationierte Atomwaffen, einschließlich der
britischen und französischen Nuklearstreitkräfte, bilden eine glaubwürdige Androhung von Vergeltung.
Luftgestützte Systeme bieten den Militärplanern erheblich größere Flexibilität, sie erlauben die Stationierung nuklearer Fähigkeiten in mehreren NATO-Ländern und schaffen nicht die einschneidenden politischen und Sicherheitsprobleme, die Systemen mit
erheblich begrenzterer Reichweite innewohnen.

Gegenwärtig stellen die Vereinigten Staaten mehrere
tausend Atombomben und Atomwaffen zur Verfügung, die von Artillerie, der Kurzstreckenrakete Lance
und taktischen Flugzeugen aus zum Einsatz kommen
können. Ferner wurde eine Reihe amerikanischer UBoot-gestützter ballistischer Raketen (SLBMs) der
NATO zugeordnet, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa (SACEUR) hat die Option, weitere strategische und nichtstrategische amerikanische Nuklearstreitkräfte anzufordern.
Der NATO-Doktrin zufolge sollen Atomwaffen drei
entscheidende Funktionen erfüllen:
Erstens sollen sie Abschreckung gegen einen
sowjetischen Ersteinsatz von Atomwaffen in
Europa bewirken.
Zweitens sollen sie jeden massierten Aufmarsch
von Panzerarmeen des Gegners abschrecken
und damit einen Beitrag zur gesamten Abschrekkung der NATO gegen einen konventionellen
Angriff leisten.
Drittens sollen sie im Falle eines Versagens der
Abschreckung konventionelle Unzulänglichkeiten wettmachen. Im Einklang mit ihrer Doktrin
der flexiblen Reaktion ist die NATO davon ausgegangen, daß jeder Angriff des Warschauer
Pakts und alle Feindseligkeiten frühzeitig gestoppt werden könnten, weil das Bündnis bereit
war, einen Atomkrieg zu führen, um seine Freiheit zu verteidigen.
Nach einem KSE-Abkommen mit konventionellem
Gleichstand (einem Zustand, in dem insbesondere die
sowjetischen Panzerarmeen aus Osteuropa abgezogen worden sind) ist ein Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit einem frühzeitigen Ersteinsatz atomarer
Kurzstreckenraketen zur Abschreckung eines konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig. Ich
glaube nicht, daß für landgestützte Atomwaffen, deren
Reichweite so begrenzt ist, daß sie nur auf dem
Territorium unserer Verbündeten oder der neuen
Demokratien Osteuropas zum Einsatz kämen, in einer
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Aufgrund dieser Erwägungen schlage ich vor, daß sich
die NATO auf taktische luftgestützte Atombomben
und -raketen konzentriert, darunter die TASM und ihre
Planung für Modernisierung und Rüstungskontrolle
entsprechend anpaßt. Aus Gründen der Risikoteilung
und Überlebensfähigkeit sollten die taktischen luftgestützten Raketen der NATO auf Luftstützpunkte in
allen NATO-Staaten, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, verteilt werden.
Das zweite Element einer neuen amerikanischen Militärstrategie besteht darin, die vornestationierten USStreitkräfte zu reduzieren, die Spezialisierung unter
den verbündeten Staaten zu erhöhen und die Verstärkungsfähigkeit auszubauen, einschließlich des Einsatzes von Reserven zur Auffüllung der verbleibenden
vornestationierten amerikanischen Streitkräfte. Dieses Element betrifft besonders Europa und in gewissem Maß auch Korea.
In meiner Senatsrede habe ich im vergangenen Monat
zwei wichtige Schlußfolgerungen im Hinblick auf die
jüngsten Veränderungen der Bedrohungslage vorgetragen:
Erstens ist die Drohung eines Großangriffs des
Warschauer Pakts auf Westeuropa praktisch
beseitigt worden, und ein Angriff der Sowjetunion allein ist sehr unwahrscheinlich...
Zweitens wären jegliche sowjetischen Bemühungen, erneut eine umfassende, glaubwürdige
konventionelle Angriffsfähigkeit gegen die NATO
zu schaffen, äußerst schwierig. Sie würden eine
enorm umfangreiche Mobilisierung erfordern und
damit der NATO viele Monate Vorwarnzeit verschaffen.
In meiner Erklärung habe ich auf die tiefgreifenden
Auswirkungen dieser Entwicklung für die Militärstrategie der NATO hingewiesen:
Der entscheidende Punkt lautet: Selbst wenn man es

AMERIKA DIENST 16

�als notwendig erachtet, sich gegen die auch noch so
entfernte Möglichkeit einer Wiederherstellung der
sowjetischen Invasionsfähigkeit gegen Westeuropa
zu wappnen, bedeutet dies nicht zwingend auch, daß
die geeignete Vorsichtsmaßnahme darin besteht, riesenhafte stehende Heere der Vereinigten Staaten in
Europa zu unterhalten. ... Für die NATO sollte das
Kriterium vielmehr sein, ob das Bündnis in der Lage ist,
die Abschreckung auf niedrigeren Niveaus aufrechtzuerhalten und in Zeiten einer sowjetischen Wiederaufrüstung mobilisieren und auf höhere Niveaus aufrüsten
zu können.
Die NATO spielt weiterhin eine wichtige Rolle bei der
Gewährleistung der Sicherheit Westeuropas - militärisch, politisch und diplomatisch. Unter diesen veränderten Bedingungen mu ß jedoch die NATO der Öffentlichkeit gegenüber ihre Daseinsberechtigung unter
Beweis stellen. Der ehemalige NATO-Botschafter
David Abshire hat einmal gesagt: "Die NATO sollte und zwar politisch für jedermann sichtbar - eine zweifache Studie erarbeiten, um ihre politische und ihre
militärische Strategie auf den neuesten Stand zu bringen." Eine Studie durch eine anerkannte Gruppe von
Fachleuten, ähnlich dem Harmel-Bericht von 1967,
könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, einen neuen
transatlantischen Konsens im Hinblick auf die Verteidigungserfordernisse und das künftige Einsatzkonzept
des Bündnisses zu bilden.
Meines Erachtens muß diese Studie drei Realitäten
berücksichtigen:
Erstens ist der Rückgriff der NATO auf die
Drohung mit dem Ersteinsatz von nuklearen
Kurzstreckenwaffen zur Abschreckung eines
konventionellen Angriffs nicht mehr glaubwürdig.
Zweitens ist die Annahme der NATO, daß die
Vereinigten Staaten auf Dauer 195 000 Mann in
Mitteleuropa stationieren, nicht mehr realistisch.
Drittens ist die gegenwärtige NATO-Strategie
der Vorneverteidigung an der innerdeutschen
Grenze nicht mehr lebensfähig.
Angesichts künftiger Instabilität in Europa, die wahrscheinlich, wenn nicht sogar unvermeidlich ist, sind
Vorsicht und Vernunft am Platze, wenn wir unsere
Streitkräfte in der NATO verringern. Amerikanische
Truppen in Europa können und sollten während dieser
Übergangsperiode eine stabilisierende Rolle spielen.
Trotzdem erlaubt es die erheblich verlängerte Vorwarnzeit vor einem glaubwürdigen sowjetischen Angriff auf die NATO den Vereinigten Staaten, den Umfang
unserer vornestationierten stehenden Heere zu reduzieren und sich statt dessen auf Verstärkungsfähigkeit
zu konzentrieren.
Entgegen der Ansicht der Administration, daß 195 000
amerikanische Soldaten in Mitteleuropa eine MindestAMERIKA DIENST 16

stärke darstellen, die von den Vereinigten Staaten
nicht unterschritten werden darf, müssen wir meines
Erachtens damit beginnen, für die kommenden Jahre
ein erheblich geringeres Niveau einzuplanen. Ich
stimme dem früheren Verteidigungsminister James
Schlesinger zu, daß wir eine in Europa verbleibende
Streitmacht in der Größenordnung von 75 000 bis
100 000 Soldaten innerhalb der nächsten fünf Jahre
planen sollten.
Diese Reduzierungen gehen nicht nur Hand in Hand
mit der Abnahme der Bedrohung, sondern sie werden
auch durch eine sich wandelnde Haltung der Deutschen gegenüber fundamentalen Fragen von Souveränität und Nationalismus erforderlich. Die Opposition
gegen eine umfangreiche amerikanische Militärpräsenz in Deutschland wird immer mehr durch den
wachsenden Verdruß über Ausbildung, Übungen,
Manöver und Tiefflüge motiviert. Daneben verstärkt
der erhebliche Fehlbestand an Wohnungen, Krankenhäusern, Schulen und Freiflächen deutsche Wünsche
nach Rückgabe amerikanischer Militäreinrichtungen
und Liegenschaften, um sie dem deutschen Zivilsektor
nutzbar zu machen.
Kürzlich erhielt ich ein Schreiben eines deutschen
Bundestagsabgeordneten, der Mitglied im Verteidigungsausschuß und ein überzeugter Befürworter der
NATO ist. Erwies darauf hin, daß in seinem Wahlkreis
über 4 000 deutsche Familien auf Wartelisten für
Wohnungen stünden und die Krankenhäuser überbelegt seien. Dann führte er die verschiedenen amerikanischen Stützpunkte, Kasernen und medizinischen
Einrichtungen in seinem Wahlkreis mitsamt der von
ihnen belegten Fläche und ihrem möglichen Freizeitwert auf. Er bat mich, dafür zu sorgen, daß der erste
von Deutschland abgezogene amerikanische Soldat
aus seinem Wahlkreis kommen sollte.
Der ehemalige Verteidigungsminister James Schlesinger erklärte vor unserem Ausschuß: "Was auch
immer ihre gegenwärtigen Präferenzen sein mögen,
eine deutsche Regierung wird nicht umhin kommen,
die öffentliche Meinung zu berücksichtigen. Wir sollten
damit beginnen, uns jetzt schon auf diese absehbare
Entwicklung vorzubereiten."
Viele Jahre lang war die Strategie der NATO in der
Region Europa Mitte darauf ausgerichtet, sich weit
vorne zu verteidigen, an den Grenzen der Bundesrepublik Deutschland zur DDR und zur Tschechoslowakei. Diese Grenze wurde in acht Korps-Sektoren
aufgeteilt, und die Landverteidigung jedes Sektors
wurde den nationalen Streitkräften eines einzelnen
Landes zugewiesen. Innerhalb jedes Korps-Sektors
fallen auch Logistik und Unterstützungsmaßnahmen
in die alleinige Verantwortung des Landes, das für die
Verteidigung des Sektors zuständig ist. Dies ist natürlich das genaue Gegenteil von "Spezialisierung" denn innerhalb ihres Verantwortungsbereichs setzt
jede Nation eigene militärische Fähigkeiten ein, die

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�auch in den anderen nationalen Sektoren vorhanden
sind. Darüber hinaus wird die traditionelle Strategie
der Vorneverteidigung gegenwärtig durch die Vereinigung der beiden deutschen Staaten überholt.
Unter der Voraussetzung, daß einseitige und von der
KSE ausgehandelte sowjetische Reduzierungen durchgeführt werden, bieten die Veränderungen in der
Bedrohung und in der Bündnisgeographie die Chance,
das traditionelle Konzept der Korps-Verantwortungsbereiche durchgreifend umzugestalten. Die NATO
muß eine neue Strategie haben, die vom Bündnis als
Ganzes entwickelt werden mu ß. Meine Vorstellungen
im Hinblick auf die Rolle unseres Landes in einer neuen
NATO-Strategie lauten folgendermaßen:
Wir müssen auf spezialisierterer Aufgabenverteilung unter den NATO-Partnern bestehen. Die
europäischen NATO-Mitglieder sollten primär
für die erste Phase der Vorneverteidigung zu
Lande - Bekämpfung der Panzertruppen - verantwortlich sein und sich nicht auf umfangreiche
vornestationierte US-Landstreitkräfte stützen.
Der Einsatz der US-Landstreitkräfte für die NATO
sollte neu strukturiert werden, um statt der NATOVorneverteidigung die mobilen strategischen
Reserven der NATO zu aktivieren.
Die Präsenz der US-Landstreitkräfte in Friedenszeiten sollte vor allem aus Kampftruppen
und Unterstützungseinheiten bestehen. Zu diesen
Unterstützungseinheiten sollten Elemente taktischer Planung zählen, ferner Aufklärungs- und
Überwachungseinheiten, Führungs- und Kommunikationseinheiten und "Empfangs"-Truppen
nach dem Muster, wie es der ehemalige Stabschef des Heeres, General Meyer, vorgeschlagen hat.
Die Vereinigten Staaten sollten weiterhin umfangreiche bereits bestehende Lagerbestände
von Kampf- und Unterstützungsgerät in Europa
unterhalten. Damit könnte eine erste Verstärkung der NATO durch die Vereinigten Staaten
erzielt werden, indem Einheiten des Heeres aus
den Vereinigten Staaten nach Europa transportiert werden, wo sie ihr bereits eingelagertes
Gerät in Empfang nehmen und die Landstreitkräfte der NATO verstärken.
Die Vereinigten Staaten sollten einige Geschwader taktischer Kampfflugzeuge für konventionelle wie nukleare Missionen in Europa beibehalten und sich verpflichten, zur Verstärkung
eine größere Zahl taktischer Kampfflugzeuge
aus den Vereinigten Staaten nach Europa zu
bringen. Diese Zusage wird davon abhängen,
ob die NATO eine angemessene Zahl gehärteter Flugzeughangars, Treibstoff- und Munitionslager und Wartungsbereiche auf gemeinsamen
Einsatzflugplätzen (COB) in Europa zur Verfü-

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gung stellen kann.
Da amerikanische Landstreitkräfte in Europa
zahlenmäßig verringert würden und vor allem
aus Einheiten zur Kampfunterstützung bestünden, sollte es möglich sein, die Einsatzzeiten
und die Zahl der mitreisenden Familienangehörigen zu verringern.
Die Vereinigten Staaten sollten sich entschlossen um die Erlaubnis Frankreichs bemühen, im
Notfall französischer Häfen, Flughäfen und Stützpunkte durch amerikanische Verstärkungseinheiten zu nutzen. Dabei müßten in Friedenszeiten keine US-Streitkräfte in Frankreich stationiert werden, aber gelegentliche gemeinsame
Übungen zur Wiederzuführungsfähigkeit würden das Abschreckungskonzept der NATO
erheblich stärken.
In meiner Beurteilung der Bedrohung vom 29. März
habe ich darauf verwiesen, daß von Nordkorea weiterhin eine Invasionsbedrohung für unseren Verbündeten
Südkorea ausgeht. Meiner Ansicht nach ist eine
andauernde Präsenz von US-Streitkräften auf der
Halbinsel Korea erforderlich, um Nordkorea zu verdeutlichen, daß ein Angriff auf den Süden einen Angriff
auf uns darstellen wird. Die amerikanischen Fähigkeiten, Korea mit taktischem Gerät, Marineeinheiten und
Luftstreitkräften auszurüsten, sind beträchtlich. Die
Vereinigten Staaten müssen Korea weiterhin Unterstützung in anderer Form gewähren - bei den Nachrichtendiensten, Führungs- und Kommunikationseinrichtungen sowie den Aufklärungs- und Beobachtungsfähigkeiten.
Da die Grenze zu Nordkorea nur wenige Kilometer von
der südkoreanischen Hauptstadt Seoul entfernt ist,
zielen Militärberater Südkoreas und der Vereinigten
Staten der Not gehorchend darauf ab, weit vorn zu
verteidigen und einen massiven Angriff Nordkoreas
ohne Verlust von Territorium abzuwehren. Das kann
nur erreicht werden, indem sofort massive Feuerkraft
gegen die angreifenden Feindtruppen eingesetzt wird.
Taktische Kampfflugzeuge stellen dabei eine Möglichkeit dar, die erforderliche Feuerkraft zu gewährleisten,
und diese Aufgabe fällt auch der US-Luftwaffe in der
Region zu. Das US-Heer besteht jedoch zum größten
Teil aus motorisierten Infanterieeinheiten, die keine
umfangreiche, dauerhafte Feuerkraft leisten können.
Den Südkoreanern mangelt es nicht an Infanterie.
Angesichts des Konzepts der Aufgabenverteilung
vertrete ich die Auffassung, daß sich die US-Landkampftruppen in Korea auf Artillerie längerer Reichweite wie etwa Mehrfachraketenwerfersysteme (MLRS)
konzentrieren sollten. Unsere Aufgabe sollte darin
bestehen, der koreanischen Vorneverteidigung stärkere Feuerunterstützung zu leisten, wobei jeweils USEinheiten bestimmte südkoreanische Einheiten unterstützen sollen. Diese Methode erhöhter Feuerkraft

AMERIKA DIENST 16

�sollte mit der Zeit eine erhebliche Verminderung in
Korea stationierter US-Streitkräfte gestatten.
An Orten, wo die Vereinigten Staaten kein Gerät oder
Truppen stationiert haben, gibt es eine Reihe von
Fällen, bei denen sie auf eine Entsendung von USTruppen vorbereitet sein und auf die sie glaubwürdig
reagieren müssen.
Bei den meisten Fällen würde es sich um Bedrohungen
amerikanischer Interessen handeln. Wo unsere vordringlichen Interessen bedroht sind, müssen wir militärisch intervenieren können. Aberwirsollten, wo immer
die Möglichkeit dazu besteht, der Bedrohung durch
diplomatische, wirtschaftliche oder nichtmilitärische
Maßnahmen Herr zu werden suchen, mit der Option
einer steigenden - oder stärker wahrnehmbaren Truppenpräsenz in der Region.
Die Vereinigten Staaten müssen mit ihren Truppen
vielfältige Missionen erfüllen können:
Am unteren Ende der Skala möglicher Einsätze
stehen Missionen, bei denen eine "Präsenz"
der Vereinigten Staaten der Abschreckung
überstürzter Aktionen und Stabilisierung bei
potentiellen Krisen dienen soll. In diese Kategorie fielen auch Aufbauhilfe für einzelne Länder
und Ausbildung ausländischer Streitkräfte.
Die nächste Stufe der Unterstützung bestünde
für die Vereinigten Staaten in der Bereitstellung
indirekter militärischer Unterstützung - wie nachrichtendienstliche Informationen, Überwachung
und Warnung, logistische Unterstützung und
Sicherung in der rückwärtigen Region.
Kampfhandlungen unter Beteiligung von USStreitkräften könnten von Feuerunterstützung
für die einheimischen Streitkräfte von Flugzeugen oder Schiffen aus bis zur Intervention einer
aus den Vereinigten Staaten entsandten Truppe reichen.
Die Ereignisse in und um den Persischen Golf, auf der
Arabischen Halbinsel und in Südwestasien stellen die
amerikanischen Militärplaner vor Herausforderungen
und werfen schwerwiegende Probleme auf. Vor garnicht allzulanger Zeit gab es Konflikte zwischen Israel
und mehreren arabischen Staaten, Nord- und Südjemen und Iran und Irak, femer andauernde Kämpfe im
Libanon. Die Vereinigten Staaten haben in Israel,
Ägypten, Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten
wichtige Sicherheitsinteressen. Darüber hinaus sind
die Volkswirtschaften der westlichen Welt stark vom
freien Öltransport aus den Förderländern des Mittleren
Ostens abhängig. Auch unsere eigene Wirtschaft wird
stärker von Öl aus dem Mittleren Osten abhängig, da
die Förderung im Inland wie auch in anderen wichtigen
Staaten der Hemisphäre zurückgegangen ist.

AMERIKA DIENST 16

Die Golfregion gilt darüber hinaus als eine der am
schwersten bewaffneten Regionen der Welt. Man
verfügt dort über unzählige Panzer, manche Länder
über modernste taktische Kampfflugzeuge, ferner
werden ballistische Raketen weiterverbreitet, sowohl
Boden-Boden-Raketen als auch Raketen zum Einsatz
gegen Schiffe. Jegliche Interventionen der Vereinigten Staaten zur Unterstützung einer freundlich gesinnten Regierung müssen mit einem Umfeld großer
Bedrohungen rechnen. Unsere Fähigkeit zur Gewährleistung dieser Unterstützung wird eine umfangreiche
logistische Infrastruktur in der Region erfordern, auch
Arsenale an Nachschub und Gerät.
Die gegenwärtigen Fähigkeiten der Vereinigten Staaten für Interventionen an Orten, wo nur wenige Stützpunkte und eine beschränkte Infrastruktur zur Verfügung stehen, entsprechen nicht in vollem Maße unseren Bedürfnissen. Die Vereinigten Staaten verfügen
heute über die beste Fähigkeit zur Entsendung von
Streitkräften auf der ganzen Welt. Dennoch sind im
allgemeinen die leichten Truppen des Heeres zwar
schnell stationierbar, verfügen aber nicht über ausreichende Feuerkraft, Durchhaltefähigkeit und Mobilität
zu Lande. Die schweren Truppen des Heeres sind zu
schwerfällig und zu schwer stationierbar, und in den
letzten Jahren sind bei den Marineinfanteristen die
Zuwachsraten bei Gerät viel größer als bei den bereits
unzulänglichen amphibischen Einsatzfähigkeiten. Um
potentielle Interventionen durchführen zu können,
müssen wir unsere Streitkräfte neu strukturieren und
dabei folgende Prioritäten setzen:
Wir müssen uns auf Streitkräfte konzentrieren,
die ihrem Charakter nach mobil und schnell stationierbar sind - seegestützte Expeditionsstreitkräfte, taktische Luftstreitkräfte, auch längerer
Reichweite und leichte Kampftruppen, die mittels amphibischer Fahrzeuge, zur See und in
der Luft transportiert werden können.
Technologien müssen so angewandt werden,
daß unsere Sondereinsatztruppen weniger
Gewicht und mehr Mobilität haben, aber dennoch ihre Feuerkraft und Durchhaltefähigkeit
verbessern.
Besondere Aufmerksamkeit muß der angemessenen Mischung aus Luft- ,See- und amphibischem Transport gewidmet werden, ferner dem
schnellen Transport auf See. Damit soll Abschreckung durch einsatzbereite Fähigkeit zur
Reaktion auf besondere Ereignisse gewährleistet werden.
Wir sollten die Fähigkeiten für Sondereinsätze
weiter verbessern.
Das dritte Schlüsselelement unserer neuen militärischen Strategie ist die stärkere Nutzung der Reserve.
Aufgrund der heute bestehenden längeren Vorwarn-

Seite 7

�zeit und Engpässe im Haushalt müssen wir eine grundlegende Neuüberprüfung des Einsatzes der Reservestreitkräfte vornehmen. Das wird eine schwierige
Herausforderung für die Streitkräfte sein, die aber
bewältigt werden muß.
Es gibt einige Bereiche, in denen ganze Missionen
unseren Reserveeinheiten übertragen werden können. Dabei muß auch aktives Personal bei den Reservestreitkräften eingesetzt werden. Ferner müssen wir
bereit sein, die bestehenden besser zu nutzen, um
Reserveeinheiten in frühen Stadien eines potentiellen
Konflikts zu mobilisieren, wenn dieses strategische
Element Erfolg haben soll.
Als in jüngster Zeit umgef laggte Tanker im Persischen
Golf eskortiert werden mußten, gehörten fast alle
Minensuchboote der Reserve an. Als die Stationierung von Minensuchbooten im Persischen Golf erforderlich wurde, zog die Marine die aus Reservisten
bestehenden Mannschaften ab und ersetzte sie durch
aktive Soldaten. Damit wurde die Stationierung der
Schiffe verzögert. Darüber hinaus übermittelte sie den
aktiven und den Reservestreitkräften eine falsche
Botschaft. Die Marine erklärte den Reserveeinheiten,
mit ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten sei ein
Einsatz im Notfall nicht möglich und den Aktiven wurde
mitgeteilt, "wir können es uns nicht leisten, auf die
Reserve zu bauen". Wenn wir auf die Reserve bauen
wollen - was wir müssen - und eine echte Politik mit den
Gesamtstreitkräften machen wollen, müssen wir bereit sein, in Zukunft auch Reservestreitkräfte einzusetzen.
Die erheblich gestiegene Vorwarnzeit eines konventionellen Konflikts in Europa erlaubt eine stärkere Verlagerung der schweren Panzertruppen zu den Reservestreitkräften. Wachpersonal und Reserveeinheiten
sollten so strukturiert sein, daß sie innerhalb eines
bestimmten Zeitraums - Wochen oder Monaten - nach
der Entscheidung zur Mobilisierung völlige Kampfbereitschaft erlangen können. Dies alles soll in der
verfügbaren Vorwarnzeit geschehen, die zur Verfügung stehende Transportfähigkeit und das Ausmaß
der sowjetischen Aufrüstung berücksichtigen.
Im Verteidigungsministerium hatte die Luftwaffe beim
effektiven Einsatz ihrer Reserve stets eine Führungsrolle inne. Die Air National Guard und die Reserve der
Luftwaffe haben bereits einen erheblichen Beitrag zu
den Missionen der Luftwaffe insgesamt geleistet. Die
Reserveeinheiten der Luftwaffe könnten in den Bereichen strategischer und taktischer Lufttransport, Luftunterstützung und der Orientierung der Luftwaffe auf
einen Ernstfall in Europa noch stärker zum Einsatz
kommen. Das könnte eine stärkere Versetzung aktiver Piloten zu erweiterten Reservegeschwadern erforderlich machen.
Mit der Abnahme von sowjetischen Operationen in
bündnisfremden Gebieten und anderen Veränderun-

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gen der Bedrohung wird die Politik der US-Marine, daß
sich praktisch alle stationierbaren Schiffe auf See
befinden oder innerhalb weniger Tage einsatzbereit
sein müssen, zunehmend unnötig und finanziell weniger tragbar. Die Marine muß den Einsatz von Reservestreitkräften ernsthaft erwägen, die einen Teil der
Flotte übernehmen. Für die aktive Marine darf das
Wort "Reserve" nicht mehr Synonym für "Mottenkugeln" sein.
In Zukunft werden kaum mehr Mittel zur Verfügung
stehen, um die gesamte Flotte der Marine in dem
Umfang zu finanzieren wie zur Zeit des kalten Kriegs.
Die Marine wird somit die Wahl haben zwischen einem
Abbau der operativen Schnelligkeit und vielen Schiffen
im Status der Reserve oder einer kleineren, insgesamt
aktiven Marine. Der stärkste Befürworter der 600
Schiffe umfassenden Marine, der frühere Marineminister John Lehman, hat in jüngster Zeit empfohlen, daß
die meisten Schiffe der Marine den Reserveeinheiten
überstellt werden sollten. Die Marine wird neue Wege
finden müssen, um einen größeren Teil ihrer Flotte auf
Reserveoperationen zu orientieren.
Ich vertrete nicht die Ansicht, daß alle Kategorien von
Schiffen und Flugzeugen der Marine der Reserve
überstellt werden sollen, Flugzeugträger und Unterseeboote wären zum Beispiel für Reserveeinsätze
kaum geeignet. Dennoch bieten sich Schiffe oder
Flugzeuge, die Seetransporte, U-Bootbekämpfung oder
Schutz der Seewege für die NATO leisten, für Reserveeinsätze an.
Darüberhinaus müssen unsere Befehlshaber regionaler Kampftruppen ihre Aufmerksamkeit den Bedingungen für die Flugzeugträgerverbände zuwenden, um
nicht auf See zu große Anforderungen an die aktiven
NATO-Streitkräfte zu stellen. Es liegt auf der Hand,
daß wir in vielen Fällen keine ganzen Flugzeugträgerverbände brauchen, um "Flagge zu zeigen". Andere
Schiffe und ihre Eskorten können diese Mission ausführen. Deshalb muß eine Überprüfung der gegenwärtigen Missionen stattfinden, gegebenenfalls eine
Neubewertung des Umfangs eines Verbands und eine
Betonung des Konzepts, demzufolge Schiffe unabhängig von einem Verband operieren können.
Wenn diese Anpassungen vorgenommen und der
Einsatz der Reserve erweitert wird, kann meiner Ansicht nach die Marine den Erfordernissen der Zukunft
mit 10 bis 12 Flugzeugträgerverbänden gerecht werden.
Mein viertes wichtiges Element ist die sogenannte
"flexible Einsatzbereitschaft", die ich als Anpassung
an den Bereitschaftsstatus unterschiedlicher Streitkräfte an die jeweilige Bedrohung definieren würde, die
Länge der Vorwarnzeit, die Wahrscheinlichkeit, mit der
diese Streitkräfte kämpfen müssen und die Fähigkeit,
sie zum Ort der Kampfhandlungen zu transportieren.
Praktisch wenden die Ministerien für die Teilstreitkräf-

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�te gegenwärtig eine Form der flexiblen Einsatzbereitschaft an. Einheiten, die "als erste kämpfen", werden
als erste mit neuestem Gerät ausgerüstet und am
stärksten bemannt. Andere Einheiten, die nicht für
eine baldige Stationierung vorgesehen sind, haben
älteres Gerät und weniger Personal.
Die Reduzierung der konventionellen Bedrohung und
die starken Engpässe im Haushalt bedeuten, daß der
Umfang aller Streitkräfte verringert werden muß. Aber
die Teilstreitkräfte sind vor die wichtige Wahl gestellt,
in welchem Umfang ihre Streitkräfte verringert werden:
1.
Wir können eine vergleichsweise größere Streitkräftestruktur haben, aber die Bereitschaft dieser Streitkräfte muß auf der Bedrohung, der Vorwarnzeit, der
Wahrscheinlichkeit des Einsatzes und der Fähigkeit,
das Gefechtsfeld zu erreichen, basieren.
2.
Wenn die Streitkräfte diesen Kurs nur zögernd
einzuschlagen bereit sind, werden sie eine erhebliche
geringere Streitkräftestruktur haben als gegenwärtig
im Pentagon erörtert wird.
Der von mir bevorzugten Alternative der flexiblen Einsatzbereitschaft zufolge behielten die Teilstreitkräfte
bestimmte Truppenteile mit hoher Priorität auf hohem
Bereitschaftsniveau bei - die strategischen Streitkräfte, Expeditionsstreitkräfte, vorne stationierte Streitkräfte, Streitkräfte für Sondereinsätze und besondere
nachrichtendienstliche Einheiten. Streitkräfte, die nicht
in diese Kategorie hoher Einsatzbereitschaft fallen,
könnten auf einem angepaßten Bereitschaftsniveau
beibehalten werden. Noch wichtiger ist, daß sie aufrechterhalten werden sollten, damit ihre Einsatzbereitschaft schnell erhöht werden kann, wenn wir gravierende Veränderungen in der Bedrohung feststellen.
Diejenigen Streitkräfte, mit denen wir den in den nächsten Jahren anstehenden Bedrohungen am besten
gerecht werden können, sollen auf hohem Bereitschaftsniveau beibehalten werden. Streitkräfte zur
Bekämpfung weniger wahrscheinlicher Bedrohungen
- wie etwa eine große konventionelle Schlacht gegen
sowjetische Streitkräfte auf dem europäischen Festland - sollten in der Streitkräftestruktur erhalten bleiben, aber auf einem Bereitschaftsniveau, das auf die
erheblich längere Vorwarnzeit bei jeder Steigerung der
Bedrohung zugeschnitten ist.
Ein sorgfältig geplanter Ansatz der flexiblen Einsatzbereitschaft wird kein Militär auf tönernen Füßen hervorbringen. In den siebziger Jahren hatten wir ernsthafte Probleme mit der Moral, weil vielen Einheiten
erklärt worden war, sie müßten innerhalb weniger
Tage in der Lage sein können, ihre Mission auszuführen, aber diese wußten, daß sie dazu nicht die personelle Ausstattung, das Gerät oder die Ausbildung
hatten. Wir hätten keine Probleme mit der Moral, wenn
unsere Soldaten in ausgewählten Einheiten wüßten,
daß ihre Mission darin besteht, mobilisieren und ihre

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Kampffähigkeit schnell erhöhen zu können und nicht
auf der Stelle eingesetzt zu werden. Mit anderen
Worten besteht ihre Aufgabe darin, "bereit werden zu
können".
Die Streitkräfte und das Verteidigungsministerium
müssen dem Kongreß bald einen Plan über den künftigen Kurs vorlegen. Möchte das Heer zum Beispiel
noch mehr schrumpfen, um alle aktiven Divisionen auf
hohem Bereitschaftsniveau zu halten, oder möchte es
lieber etwas umfangreichere Streitkräfte mit einigen
Einheiten auf hohem Bereitschaftsniveau und andere
auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Marine erheblich weiter schrumpfen und
alle Schiffe auf hohem Bereitschaftsniveau halten oder
möchte sie lieber eine größere Marine mit wichtigen
Elementen auf hohem Bereitschaftsniveau und anderen auf niedrigerem Niveau?
Möchte die Luftwaffe die Zahl ihrer taktischen Kampfgeschwader erheblich verringern, um alle verbleibenden Geschwader sofort in den Kampf schicken zu
können, oder möchte sie lieber eine etwas größere
Truppe mit einigen Einheiten, die in stärkeren Maße
einsatzbereit sind und anderen, bei denen Anpassungen vorgenommen wurden?
Ich ziehe grö ßere Streitkräfte gemäß dem Konzept der
flexiblen Einsatzbereitschaft vor. Meiner Ansicht nach
wird diese Option unserer Streitkräftestruktur und den
potentiellen Bedrohungen am ehesten gerecht und
berücksichtigt die verfügbaren Ressourcen.
Das fünfte und letzte Element einer neuen Militärstrategie betrifft tiefgreifende Veränderungen der Art und
Weise, wie wir unsere Verteidigungsausgaben handhaben - "thinking smarter, not richer". Ich möchte
dieses Konzept in absehbarer Zukunft eingehender
erörtern, möchte aber heute darauf hinweisen, daß
keine Debatte über eine neue Militärstrategie die wichtigen Veränderungen außer acht lassen kann, die in
Verteidigungsmanagement und Mittelplanung erforderlich werden.
Zum Beispiel müssen wir zum Prinzip der Probe vor
dem Kauf zurückkehren. In allzuvielen Fällen haben
sich Entwicklung, Erprobung und Herstellung von
Waffensystemen überschnitten, und wir mußten viel
Geld ausgeben, um bereits stationierten Waffen funktionsfähig zu machen. Die unnötige Verdopplung bei
einer Reihe von Waffenkäufen - Forschung und Entwicklung für viele bereits bestehende Waffensysteme
- geben Anlaß zu echter Besorgnis. Mit der veränderten Bedrohung müssen wir dies zurechtrücken.
Wir müssen die Kosten der Betreiber für Wartung,
Logistik, Personal und Unterstützung bei der Herstellung neuer Waffensysteme reduzieren helfen. Wir
müssen uns nicht die Frage stellen, ob neue Technologien zu nutzen seien, sondern wir müssen sie einset-

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�zen. Die echte Herausforderung besteht darin, unsere
Technologie nicht nur einzusetzen, damit wir an erster
Stelle stehen, sondern um Rentabilität und beste Nutzung
zu gewährleisten. Darüber hinaus müssen wir bestehende Konzepte und Systeme verbessern, weil wir in
Zukunft weniger neue Systeme einführen können.
Wir müssen den Schwerpunkt auf innovativere Konzepte bei Forschung und Entwicklung zur Erhaltung
unserer technologischen Vormachtstellung legen. Das
trifft insbesondere für Systeme und Fähigkeiten zu, die
Aussichten auf "bahnbrechende" Fähigkeiten bergen.
Schließlich müssen wir aggressiv darauf hinarbeiten,
um unsere Rüstungsindustrie lebensfähig zu halten.
Dies wird angesichts der in den nächsten fünf Jahren
vorzunehmenden Anpassungen bei den Verteidigungsausgaben - und künftiger Investitionen in die Verteidigung - umso wichtiger und schwieriger.
Herr Präsident, schließlich möchte ich betonen, daß
die von mir vorgestellte Militärstrategie Teil unserer
nationalen Sicherheitsstrategie ist, die ihrerseits auf
das sich wandelnde internationale Umfeld der neunziger Jahre reagieren muß. Präsident Bush hat darauf
verwiesen, daß Entwicklungen in der kommunistischen Welt auf die Möglichkeit hindeuten, daß wir uns
über das Containment hinaus zu kooperativeren Beziehungen zur Sowjetunion hinbewegen. Wenn man
davon ausgeht, daß die UdSSR ihre angekündigten
einseitigen Reduzierungen in Europa durchführt und
sowjetische Streitkräfte aus der Tschechoslowakei
und Ungarn abgezogen werden, der KSE-Vertrag
geschlossen wird, Demokratie in Osteuropa Fuß faßt
und der Reformprozeß in der Sowjetunion von Dauer
ist, sollten wir tatsächlich in der Lage sein, uns einer
neuen Politik zuzuwenden. Diese Politik muß jedoch
flexibel sein und der Möglichkeit von Rückschritten
Rechnung tragen.
Vor etwa neunzig Jahren schrieb Lenin ein Pamphlet
über Reformen im zaristischen Ru Bland jener Tage mit
dem Titel "Ein Schritt nach vorn, zwei zurück". Die
Entwicklungen in Litauen und anderswo in der Sowjetunion verdeutlichen, daß der Reformprozeß im heutigen Ru ßland ebenfalls sehr uneinheitlich ist, unabhängig davon, ob Gorbatschow an der Macht ist. Im
günstigsten Fall werden wir Zeuge von "zwei Schritten
nach vom und einem Schritt zurück" werden.

*

Seite 10

Es ist keineswegs verfrüht, zu erwägen, welches Konzept
wir angesichts der fortschreitenden internationalen
Veränderungen verfolgen sollten. Mein Vorschlag
wäre eine Politik der "maßvollen Kooperation", einer
Kooperation, bei der unsere Kooperationsbereitschaft
gegenüber der Sowjetunion und anderen Ländern im
Einklang mit dem dortigen Engagement für Menschenrechte, Demokratie und Marktwirtschaft steht.
Ich hoffe, daß Entwicklungen innerhalb der Sowjetunion und anderer kommunistischer Länder eine "maßvolle Kooperation" gestatten, damit Containment an
breiter Front überwunden werden kann. Wir müssen
eine kooperativere Weltordnung fördern helfen und
potentielle Risiken abfangen, bevor sie sich in direkte
Bedrohungen verwandeln.
Wenn wir in der Lage sind, Containment gegen maßvolle Kooperation einzutauschen, müssen wir weitere
Anpassungen bei unserer Militärstrategie vornehmen,
so daß sie ein echtes Spiegelbild einer sich wandelnden nationalen Sicherheitsstrategie wird. Aus diesem
Grund müssen wir unsere nationale Sicherheitsstrategie und unsere Militärstrategie einer kontinuierlichen
und sorgfältigen Überprüfung unterziehen.
Herr Präsident, der plötzliche Zusammenbruch des
kommunistischen Weltreichs im letzten Jahr hat neue
Bedingungen geschaffen und bieten eine neue Gelegenheit für eine Verteidigungsstrategie, die der veränderten Bedrohung gerecht wird und unsere Mittel
realistisch unseren Zielen anpaßt. Unsere Demobilisierungen in der Vergangenheit - nach beiden Weltkriegen, nach Korea und Vietnam - haben zu größeren
Verteidigungshaushalten geführt, um die Fehler unserer Rückzüge wettzumachen. Mit einer neuen Militärstrategie als Leitlinie für unsere Entscheidungen über
die Streitkräftestruktur und unsere Haushaltsmaßnahmen können wir vermeiden, wieder in diese Falle zu
gehen.
Herr Präsident, in den nächsten Tagen werde ich dem
Senat meine Gedanken dazu vorlegen, wie sich die Art
der Militärstrategie, wie ich Sie ihnen vorgestellt habe,
am besten durchführen lassen wird und welche Verteidigungsausgaben dieser Strategie zufolge im Haushaltsjahr 1991 und den kommenden fünf Jahren erforderlich werden.

* * *

*

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�UMWELT
25. April 1990

US-INITIATIVEN ZUR BEKÄMPFUNG WELTWEITER
KLIMAVERÄNDERUNGEN
Übersicht des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht wurde am 18. April 1990 vom Weißen Hausveröffentlicht.

Im ersten Jahr seiner Amtszeit hat Präsident Bush
zahlreiche Initiativen zur Verbesserung der Umweltqualität verabschiedet. Einige dieser Initiativen werden nach ihrer endgültigen Durchführung maßgeblich
zum Abbau der Treibhausgasemissionen in den Vereinigten Staaten beitragen - bis zum Jahr 2000 um mindestens 15 Prozent, und in den darauffolgenden Jahren zu einem noch höheren Prozentsatz. Die einzelnen Maßnahmen werden im folgenden erläutert.

versorgungsbereich. Der Vorschlag des Präsidenten
zum Emissionsschutz befürwortet darüber hinaus die
Verwendung alternativer Brennstoffe und enthält
Maßnahmen zum Abbau von Kohlenmonoxid, Stickoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen. Diese
beiden Initiativen tragen maßgeblich zur Verringerung
der Treibhausgasemissionen bei.

Vollständiges Verbot von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW)

Im Budget des Präsidenten für das Haushaltsjahr 1991
sind Mittel in Höhe von 175 Millionen Dollar für das
erste Jahr eines mehrjährigen Programms veranschlagt,
das in den nächsten 10 Jahren die Anpflanzung von 1
Milliarde Bäumen vorsieht. Bei einer 20jährigen Laufzeit könnten durch dieses Programm bis zu 5 Prozent
des Jahresausstoßes von Kohlendioxid in den Vereinigten Staaten aufgefangen werden.

Der Präsident hat die Vereinigten Staaten zum Abschluß eines internationalen Abkommens über ein
weltweites Verbot von Produktion und Einsatz von
FCKW bis zum Jahr 2000 verpflichtet. Als weiteren
Schritt hat Präsident Bush ein Gesetz unterzeichnet,
mit dem eine einseitige Abgabe der Vereinigten Staaten auf die Produktion von FCKW erhoben wird. Damit
sollen die FCKW-Emissionen der Vereinigten Staaten
unter die von internationalen Protokollen erlaubte
Höchstgrenze gesenkt werden.

Wiederaufforstung

Aufstockung der Mittel für solare und erneuerbare
Energien sowie für Energieeinsparung

Abbau der Schwefeldioxidemissionen um 10
Millionen Tonnen der im Jahr 1980 freigesetzten
Menge, und

Der Haushaltsplan des Präsidenten für 1991 beinhaltet etwa 360 Millionen Dollar für Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten zu solaren und erneuerbaren
Energien sowie Energieeinsparung. Dies bedeutet
einen 75prozentigen Anstieg gegenüber den im vergangenen Jahr beantragten Mitteln und einen Zuwachs von 10 Prozent verglichen mit den für das
Haushaltsjahr 1990 bewilligten Sätzen. Diese Forschungsarbeiten werden entscheidend zur Entwicklung von Technologien beitragen, mit denen wir unseren Energiebedarf auf umweltverträgliche Art und Weise
decken können.

Festschreibung dieses drastisch reduzierten
Höchstwertes auf unbegrenzte Dauer.

Neue Normen für energiesparende Haushaltsgeräte

Zusammengenommen bilden diese Maßnahmen einen starken Anreiz zur Energieeinsparung im Energie-

Das Energieministerium hat kürzlich neue Normen für
Haushaltsgeräte erlassen, die zu verstärkten Energie-

Emissionsschutzgesetz
Die vom Präsidenten vorgeschlagenen Änderungen
des Emissionsschutzgesetzes fordern zwei Maßnahmen, mit denen die Kohlendioxidemissionen maßgeblich reduziert werden sollen:

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

�einsparungen und reduzierter Energienachfrage für
den Einsatz der benutzten Produkte führen werden.
Mit diesen Normen sollen die Kohlendioxidemissionen
in den Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 um bis
zu 1 Prozent gesenkt werden.
Verpflichtung zu weiterer Forschung
Neben diesen Maßnahmen zur Reduzierung der
Emission von Treibhausgasen hat sich der Präsident
weiterhin zu umfangreichen Forschungsmaßnahmen

verpflichtet. In seinem Haushaltsplan für 1991 werden
über 1 Milliarde Dollar für Forschungsmaßnahmen zur
Veränderung des Erdklimas veranschlagt. Diese
Forschungsarbeiten haben die Erforschung der Ursachen, Auswirkungen und Folgen der globalen Umweltveränderungen zum Ziel. Diese Mittel werden zusätzlich zu den bereits im Haushaltsjahr 1990 bewilligten
660 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.

* * * *

Seite 2

*

AMIIRIKA DIENST 16

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I

5300 Bonn 2

2. Mal 1990

VSBM

MARESCA: KSZE-GIPFEL NOCH
DIESES JAHR MÖGLICH
Erklärung von Botschafter Maresca

WELTWIRTSCHAFT

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN
ZIELE FÜR UNO-GENERALVERSAMMLUNG VOR
Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit

TERRORISMUS

1989 STARKER RUCKGANG
DES TERRORISMUS
Bericht des US-Außenministeriums

I

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�VSBM
2. Mai 1990

MARESCA: KSZE-GIPFEL NOCH DIESES
JAHR MÖGLICH
Erklärung von Botschafter Maresca
WIEN - (AD) - Der Leiter der amerikanischen Delegation bei den Verhandlungen über Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM), Botschafter John Maresca, hat am 27. April 1990 in einer zum
Abschluß der Sitzungsrunde vor dem Plenum gehaltenen Rede erklärt, das Interesse am KSZE-Prozeß habe
"infolge der Entwicklung in Osteuropa in den vergangenen Monaten erheblich zugenommen. Deshalb erwarten
die politisch Verantwortlichen jetzt einen KSZE-Gipfel noch vor Jahresende, unter der Voraussetzung, daß bis
dahin ein KSE-Vertrag unterschriftsreif ist."
Darüber hinaus stellte Maresca fest, daß trotz "wichtiger Meinungsverschiedenheiten bei einigen Schlüsselfragen" in den Gesprächen die konsensfähigen Bereiche "heute erheblich größer sind". Man könne nun "die
Anfänge eines umfassenden neuen Interesses an substantiellen Fortschritten erkennen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Botschafter Marescas im Wortlaut.

Am Ende dieser Verhandlungsrunde könnte es nützlich sein, eine Bilanz zum Stand unserer Arbeit zu
ziehen. Immerhin tagen wir hier nun schon seit über
einem Jahr. Meines Erachtens haben wir gerade in
dieser Runde einige nützliche Lektionen gelernt, und
sie hat uns dem von uns allen erhofften Ergebnis
wiederum ein paar Schritte nähergebracht.
Der politische Hintergrund war natürlich für unsere
Arbeit hier von Bedeutung. Das Interesse am KSZEProzeß hat infolge der Entwicklung in Osteuropa in den
vergangenen Monaten erheblich zugenommen. Deshalb erwarten die politisch Verantwortlichen jetzt einen
KSZE-Gipfel noch vordem Jahresende, unter der Voraussetzung, daß bis dahin ein KSE-Vertrag unterschriftsreif ist. Dieselben Ereignisse haben der Rüstungskontrolle, einschließlich der VSBM-Verhandlungen, neue Perspektiven eröffnet.
Im Rückblick erscheint das Seminar über Militärdoktrinen als ein Wendepunkt. Bei dieser Gelegenheit
versuchten unsere führenden Offiziere zum ersten
Mal, über die Annahmen der Vergangenheit hinauszudenken. Zumindest zwei Vorschläge berücksichtigten
unmittelbar die Erfahrung dieses Seminars, um den
Horizont dieser Verhandlungen zu erweitern und ihnen
für die Zukunft regulären Charakter zu verleihen. Dies
waren die Vorschläge für einen Austausch der militärischen Haushaltszahlen und für die jährliche Abhaltung von Überprüfungstreffen, die gegenwärtig in unseren
Arbeitsgruppen aktiv untersucht werden. Ein interesAMERIKA DIENST 17

santes Papier über ein Kommunikationssystem stützte sich ebenfalls auf die bei diesem Seminar gewonnenen Erfahrungen.
Welches waren also die bemerkenswerten Leistungen
dieser Verhandlungsrunde über VSBM? Erstens sind
die konsensfähigen Bereiche meines Erachtens heute
erheblich größer. In der Vergangenheit betrachtete
meine Delegation einen Konsens über einen jährlichen
Informationsaustausch, darunter auch Informationen
über die Stationierung wichtiger neuer Waffensysteme, ein System der Überprüfung der gelieferten Informationen nach dem Zufallsprinzip und Verbesserungen der Stockholmer Vereinbarungen als die großen
Bereiche, in denen ein Konsens wahrscheinlich war.
Neben diesen Bereichen zeichnet sich unserer Ansicht
nach ein Konsens über den jährlichen Austausch von
militärischen Haushaltszahlen, über ein alle 35 Hauptstädte einbeziehendes Kommunikationssystem, verstärkte militärische Kontakte und die jährliche Veranstaltung eines Überprüfungstreffens ab. Das ist eindeutig eine erhebliche Erweiterung des Horizonts und
der Komplexität dieser Verhandlungen, verspricht jedoch
darüber hinaus bedeutendere Ergebnisse, als wir uns
noch vor wenigen Monaten vorstellen konnten.
Ein zweites Ergebnis ist der sich abzeichnende und
allseits anerkannte Konsens über die Notwendigkeit,
ein gemeinsames Dokuments zu erarbeiten, das bei
einem möglicherweise Ende des Jahres stattfinden-

Seite 1

�den KSZE-Gipfel verabschiedet werden kann. Ich
akzeptiere die in der Plenarsitzung der letzten Woche
von den Vertretern Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland abgegebenen Erklärungen, ein solches Dokument solle aussagekräftig sein. Es scheint
sich darüber hinaus ein Konsens darüber zu bilden,
daß diese Verhandlungen nach einem möglichen Gipfel
fortgeführt werden sollen. Das ist ebenfalls ein wichtiges Kriterium für die Planung unserer Arbeit.

Möglichkeiten noch nicht akzeptiert haben, und ihr
mangelnder Enthusiasmus für baldige Fortschritte wird
in scharfem Gegensatz zur großen Mehrheit der Teilnehmer stehen.

Dies sind unserer Ansicht nach die wichtigsten Ergebnisse der soeben beendeten Runde. Aber wir sind
auch auf einige möglicherweise schwierige Probleme
gestoßen. Es bestehen weiterhin größere Meinungsverschiedenheiten bei Grundsatzfragen, undwirbeobachten eine Tendenz, Fortschritte in Bereichen, in
denen bereits ein Konsens erzielt wurde, von Zustimmung zu politischen Positionen abhängig zu machen,
bei denen auch nicht nur annähernd Konsens besteht.
Dies ist gegenwärtig ein unerfreulicher Punkt unserer
Arbeit, der sich bald ändern und in den traditionellen
konsensbildenden Ansatz verwandeln muß, den wir
bei KSZE immer verfolgt haben und der aller Wahrscheinlichkeit nach Ergebnisse hervorbringen wird.

Um unsere Arbeit weiterhin effektiv leisten zu können,
müssen wir innovative Arbeitsmethoden einführen, die
der neuen politischen Situation in Europa gerecht
werden. Wir sollten uns mit der größtmöglichen Flexibilität, die sich mit unseren nationalen Sicherheitsinteressen vereinbaren läßt, an den Verhandlungstisch
setzen, und wir sollten uns alle verantwortungsbewußt
für ein Ergebnis einsetzen, das dem KSZE-Prozeß
zum Vorteil gereicht. Wenn unsere Spitzenpolitiker zu
einem KSZE-Gipfel zusammentreten, dann weil sie
ihrem gemeinsamen Interesse Ausdruck verleihen
wollen, KSZE zu einem echten Rahmen für die Zukunft
Europas zu machen. Unsere Herausforderung wird
darin bestehen, daß dieses Forum aus 35 unterschiedlichen, unabhängigen Ländern einen ernsthaften Beitrag zur Rüstungskontrolle leisten kann, der den heute
in Europa stattfindenden historischen Veränderungen
Rechnung trägt.

Drittens wäre ich nachlässig, würde ich nicht darauf
hinweisen, daß es über den Rahmen dieses KSZEForums hinausgehende übergreifende politische Probleme gibt, die als Damoklesschwert über uns schweben. Diese Probleme könnten einen dunklen Schatten
Sicherlich stellen die ersten vereinbarten Textentwürfe auf die Zukunft dieser Verhandlungen und alle anderen
ein weiteres Ergebnis dar, und unsere Kollegen in den Aspekte der Ost-West-Beziehungen in Europa werArbeitsgruppen - denen die Hauptlast dieser Verhand- fen. Wir hoffen, daß diese Probleme durch friedliche
lungen aufgebürdet wird - verdienen Anerkennung für Verhandlungen und ohne Einsatz von Gewalt gelöst
ihre großen Anstrengungen. Die bis jetzt erarbeiteten werden können, um diese möglichen negativen ImpliTexte gehen natürlich noch nicht auf die schwierigsten kationen zu vermeiden.
Probleme ein, aber diese Konferenz, bei der Entwürfe
auf den Weg gebracht wurden, hat bemerkenswerte Herr Vorsitzender, aus meinen Ausführungen sollte
Erfolge erzielt, und wir sollten in dieser Richtung wei- klar geworden sein, daß meine Delegation ein Arbeitsprogramm für unsere Verhandlungen prognostiziert,
termachen.
das die Vorbereitung eines aussagekräftigen DokuSchließlich bin ich der Meinung, wir können jetzt ein ments zur Verabschiedung vor einem möglicherweise
neuerwachtes Interesse an solch echten Fortschritten dieses Jahr stattfindenden KSZE-Gipfel vorsieht. Wir
erkennen. Dies trägt der Tatsache Rechnung, daß es erwarten ebenfalls die Fortführung dieser Verhandlunnunmehr unsere Pflicht ist, ein aussagekräftiges gen, damit ein zweites VSBM-Dokument vor dem
Dokument für einen möglichen Gipfel zu erarbeiten, Folgetreffen in Helsinki 1992 erarbeitet werden kann.
und wir sollten uns der Tatsache bewußt werden, daß Das ist ein ehrgeiziges Programm, das in den komdie uns zur Verfügung stehende Zeit jeden Tag kürzer menden Monaten unsere gebündelte Energie verlangt.
wird.

Zweitens sind wir uns bewußt, daß der Wunsch nach
Fortschritten zu einem aussagekräftigen gemeinsamen Dokument noch vor einem möglichen KSZEGipfel zwar weitverbreitet, aber nicht überall vorhanden ist. Es scheint Delegationen zu geben, die diese

* *

Seite 2

* *

AMERIKA DIENST 17

�WELTWIRTSCHAFT
2. Mal 1990

VEREINIGTE STAATEN SCHLAGEN ZIELE FÜR
UNO-GENERALVERSAMMLUNG VOR
Botschafter Pickering über wirtschaftliche Zusammenarbeit
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Dem US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, Thomas Pickering, zufolge
engagieren sich die Vereinigten Staaten "stark für die Förderung marktwirtschaftlicher Reformen auf der ganzen
Welt", weil sich diese bei der Steigerung von Wachstum und Entwicklung als nützlich erwiesen haben.
Pickering erklärte am 25. April 1990 vor der Sondersitzung der Generalversammlng über internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, als ersten Schritt in Richtung auf eine schnellere Wirtschaftsentwicklung müßten
die Regierungen der Entwicklungsländer eine angemessene Wirtschaftspolitik verfolgen. Er verwies jedoch auch
darauf, daß die Industrieländer zu dieser Entwicklung beitragen müssen, indem sie das Weltwirtschaftswachstum ankurbeln, den Handel ausbauen, die Bedürfnisse der Entwicklungsländer berücksichtigen und sich an
Bestrebungen beteiligen, um "mittels eines vernünftigen und verantwortungsbewußten Dialogs Vorteile für beide
Seiten zu erzielen".
Die Vereinigten Staaten müssen ihm zufolge bei der Sondersitzung "drei konkrete Ziele" verfolgen - aus den
Veränderungen und Lektionen der jüngsten Vergangenheit die richtigen Schlußfolgerungen für die unmittelbare
Zukunft ziehen, eine Reihe von Themen formulieren, die den Vereinten Nationen bei der Förderung von
Wirtschaftswachstum und Entwicklung in den Entwicklungsländern als Leitlinie dienen können undeine Erklärung
verabschieden, die als Richtlinie für eine Reihe von bevorstehenden UNO-Konferenzen über Entwicklungspolitik
dient.
Nachfolgend veröffentlichen wir Pickerings Rede im Wortlaut:

Herr Präsident, "Manchmal muß man wie ein Ökonom
denken".
Mit diesen Worten hat uns ein renommierter amerikanischer Politiker daran erinnert, daß Wunschvorstellungen kein Ersatz für Entscheidungen sein können,
und daß Wünschen Taten folgen müssen, wenn sie
verwirklicht werden sollen.
Es klingt etwas abgedroschen, wenn jetzt noch darauf
verwiesen wird, daß wir uns an einem Wendepunkt der
Geschichte befinden. Wir sind uns der überwältigenden und dramatischen Veränderungen bewußt, die
überall auf der Welt erfolgen. Diese Umwälzungen
beschränken sich nicht auf Osteuropa. Sie betreffen
sowohl die Neubelebung der Volkswirtschaften als
auch die Umgestaltung der politischen Systeme. Die
Veränderungen werden von dem Grundgedanken
geleitet, daß das bisherige Machtmonopol einer regierenden Elite jetzt einem bescheideneren Konzept von
Zielen und Aufgaben des Staates weichen mu ß. Infolge dessen dürfen Einzelpersonen und private Grup-

AMERIKA DIENST 17

pen nunmehr Eigeninititive entwickeln und erhalten die
Gelegenheit zu Vorschlägen, Kreativität, Innovationen
und Führungsaufgaben.
Diese Veränderungen und die damit einhergehenden
Tendenzen und Kräfte haben uns an einem entscheidenden Wendepunkt zusammengeführt. Wenn wir die
jüngsten Entwicklungen aufgreifen, können wir eine
sehr viel produktivere Tagesordnung für kontinuierliches und dauerhaftes Wirtschaftswachstum ausarbeiten. Diese einmalige Gelegenheit hat auch Bedeutung
für die Vereinten Nationen. Sie liefert den Grund für die
heutige aktive und starke Beteilung der amerikanischen Delegation.
Im Laufe dieser Sondersitzung hat die Generalversammlung Gelegenheit, allgemeine Themen der internationalen wirtschaftlichen Zusmmenarbeit in den
neunziger Jahren aufzugreifen. Diese Themen können der Arbeit der Vereinten Nationen als Leitlinie
dienen und insbesondere die Bestrebungen der Zweiten UNO-Konferenz über die ärmsten Entwicklungs-

Seite 1

�länder, die Vorbereitung einer Internationalen Entwicklungshilfestrategie und die Arbeit von UNCTAD
VIII unterstützen.

men auf der ganzen Welt, weil diese Reformen bei der
Steigerung von Wachstum und Entwicklung funktioniert haben und ihren Wert behalten werden.

Die grundlegenden Punkte des Gesamtkonzepts liegen bereits fest:

Nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen

1.

Eine von vielen Parteien getragene Demokratie
auf der Basis freier, regelmäßiger und fairer
Wahlen.

2.

Rechtsstaatlichkeit und Beachtung der Gesetze
bei gleichzeitiger Wahrung der Menschenrechte und einem effektiven, allgemeingültigen und
fairen Rechtssystem.

3.

Wirtschaftliche Aktivitäten, die das Recht des
Arbeitnehmers auf Gründung und Beteiligung
an Gewerkschaften berücksichtigen und weder
Zwangsarbeit gestatten noch Diskriminierung
von Arbeitnehmern aufgrund ihres Geschlechts,
ihrer Herkunft, Religion oder politischen Anschauung zulassen.

4.

Freie, offene und wettbewerbsfähige Marktwirtschaften, in denen sich Preise durch Angebot
und Nachfrage regeln.

5.

Unbehinderter Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Einzelpersonen und Unternehmen auf den Binnen- und Auslandsmärkten, wobei direkte Kontakte zwischen Verbraucher und Händler erwünscht sind und ermutigt
werden.

6.

Volle Anerkennung und Schutz der Rechte des
Bürgers auf den Erwerb und Besitz von Eigentum, auch geistigem Eigentum.

7.

Nationale wirtschaftliche Ziele, die sich auf
Produktivität statt auf Produktion als Selbstzweck stützen.

8.

Eine gesunde und durchdachte nationale Finanz- und Währungspolitik.

9.

Internationale und innenpolitische Verfahren zur
Erweiterung des freien und offenen Handels,
des freien Flusses von Investitionsfonds und
anderem Kapital und der uneingeschränkten
Fähigkeit zum Transfer von Kapital und Gewinnen mit konvertierbaren Währungen.

Der Lauf der Ereignisse in den vergangenen Jahren
hat uns vor Augen geführt, daß es diese Ideen sind, die
eine wertvolle und nützliche Leitlinie für die Zukunft
bieten. Und es ist kein Zufall, daß diese Ideen wiederum eng mit grundlegenden Werten wie Menschenrechten, menschlicher Vielfalt und Hoffnungen des
einzelnen verknüpft sind.
Aus diesen Gründen engagiert sich die US-Regierung
stark für die Förderung marktwirtschaftlicher Refor-

Seite 2

Wir sind der Ansicht, daß Volk und Regierung jedes
Landes große Verantwortung für eine erfolgreiche
Entwicklung tragen. Entwicklung hängt zum Großteil
von nationalen Entscheidungen und innenpolitischen
Bemühungen ab - dem Wunsch und der Fähigkeit,
Reformen und andere Maßnahmen durchzuführen,
die zur Förderung ausgewogenen und dauerhaften
Wachstums nötig sind.
Der erste Schritt zur Ankurbelung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung besteht darin, daß jedes
Land geeignete wirtschaftspolitische Maßnahmen
einführt. Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß
Bemühungen dieser Art in vielen Fällen erhebliche
Anpassungen und Reformen erfordern werden. Diese
Veränderungen sind in der Tat die Grundvoraussetzung für die Wiederbelebung der Volkswirtschaften
und die Verbesserung des Lebensstandards in den
Entwicklungsländern. Daneben bekommen sie aufgrund der weltweiten Konkurrenz der Entwicklungsländer um die Vergabe öffentlicher und privater ausländischer Ressourcen einen zunehmend wichtigen
Stellenwert.

4

j

Für diejenigen Entwicklungsländer, die mit binnenwirtschaftlichen Problemen und einer hohen Außenverschuldung zu kämpfen haben, werden makroökonomische Reformen - insbesondere eine solide HaushaltsGeld- und Währungspolitik - weiterhin von entscheidender Bedeutung sein.
Dies allein reicht jedoch nicht aus. Maßnahmen auf
der Angebotsseite, die den Abbau von Verkrustungen
zum Ziel haben, funktionierende Märkte bewirken und
die Produktion steigern ,sind unerläßlich, um Anpassung mit Wachstum zu verbinden. Eine Politik der
Liberalisierung des Handels, Reformierung der Arbeitsmärkte, Entwicklung der Finanzmärkte und Privatisierung von Staatsunternehmen gestattet es dem
Privatsektor, zur Erhöhung von Beschäftigungsstand
und Effizienz beizutragen. Mit Maßnahmen, die zur
Mobilisierung von Ersparnissen und zur Ermutigung
neuer Investitionen beitragen und die Rückkehr von
Fluchtkapital fördern, können die erforderlichen Mittel
aufgebracht werden, um Wirtschaftswachstum anzukurbeln und aufrechtzuerhalten.
Die Vereinigten Staaten tragen der Tatsache Rechnung, daß nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen
allein nicht ausreichend sind. Ebenso wichtig ist das
internationale ökonomische Umfeld. In dieser Hinsicht
tragen die entwickelten Staaten eine besondere Verantwortung. Insbesondere die führenden Industriestaaten müssen dauerhaftes weltweites Wirtschaftswachstum und den Ausbau des Welthandels fördern.

AMERIKA DIENST 17

1

�Dabei müssen sie auf die Bedürfnisse der Entwicklungsländer eingehen und eine aktive Partnerschaft in
einem internationalen Klima bewahren, das auf allseitige Vorteile durch einen vernünftigen und verantwortungsvollen Dialog ausgerichtet ist.
Sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern ist die Aufgabe, geeignete nationale wirtschaftspolitische Maßnahmen zu formulieren und zu
verwirklichen, heute schwieriger und komplexer als in
der Vergangenheit. Grenzüberschreitende Probleme
wie Terrorismus und Drogenhandel sind negative
Erscheinungen, die Wirtschaftswachstum und -entwicklung belasten. Die Notwendigkeit von Schutz und
Wiederherstellung unserer gefährdeten Umwelt bedeutet weitere Kosten und Einschränkungen. Die
internationale Staatengemeinschaft muß sich ferner
Fragen in Zusammenhang mit dem Technologietransferwidmen, darunter dem Schutz von Urheberrechten,
Warenzeichen und anderen Formen geistigen Eigentums. Neue Methoden der regionalen politischen und
wirtschaftlichen Zusammenarbeit können der Behandlung dieser Probleme förderlich sein.
Dieses Geflecht von Wachstum und Wandel gibt zu
komplexen Besorgnissen Anlaß, zu deren Ausräumung wir beitragen wollen. Die Vereinigten Staaten
streben die Zusammenarbeit mit anderen Regierungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Vereinten Nationen an. Wir sind uns bewußt, daß alle
Regierungen - und hier spielen die Vereinigten Staaten
eine herausragende Rolle - für die dauerhafte internationale Wirtschafsentwicklung Verantwortung tragen.
Wir nehmen diese Verantwortung ernst und sind bestrebt, ihr gerecht zu werden.
Die äußere Verschuldung
Unsere anhaltenden Bemühungen zur Bewältigung
des Schuldenproblems der Entwicklungsländer spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Auf
Initiative der Vereinigten Staaten hat die internationale
Staatengemeinschaft unlängst die Schuldenstrategie
verstärkt, die sich besonders auf die Reduzierung von
Schulden und Schuldendienst durch die Geschäftsbanken stützt, um den finanzpolitischen Bedürfnissen
der Länder gerecht zu werden.
Letztlich besteht unser Ziel darin, Wirtschaftswachstum und -entwicklung auf Dauer zu unterstützen und
den Zugang zu den privaten Kapitalmärkten wiederherzustellen. Die verstärkte Schuldenstrategie hat
folgende Hauptziele:
Wiederbelebung der Hoffnung in den verschuldeten Ländern und Stärkung ihres Engagements für Wirtschaftsreformen.
Ermutigung der Geschäftsbanken zur Reduzierung von Schulden und Schuldendienst als ein
Mittel, um diese Reformbestrebungen zu unterstützen.
AMERIKA DIENST 17

Vertrauensbildung in den verschuldeten Ländern, um auf diesem Weg Investitionen und die
Rückkehr von Fluchtkapital zu ermutigen.
In Zusammenhang mit diesem Ansatz haben die
Regierungen der Gläubigerstaaten ihr Engagement
erneuert, um die Bemühungen der Schuldnerländer
durch Beiträge von IWF und Weltbank, anhaltende
Exportfinanzierung und den Abbau bilateraler Schuldenverpflichtungen durch Umschuldungsmaßnahmen
des Pariser Clubs zu unterstützen.
Mexiko, Chile, die Philippinen, Costa Rica, Venezuela
und Marokko haben sich die Vorteile dieser Strategie
bereits zunutze gemacht. Wir erwarten, daß andere
Länder denselben Weg beschreiten werden. Die bis
zum jetzigen Zeitpunkt zwischen Schuldnerländern
und Geschäftsbanken erzielten Vereinbarungen verdeutlichen, wie flexibel diese Strategie auf die Erfordernisse eines breiten Spektrums von Schuldnerländern eingeht. Darüber hinaus weisen sie auf erhebliche potentielle Vorteile sowohl bei der Reduzierung
der Schuldenlast als auch bei der wirtschaftlichen
Wiederbelebung der Schuldnerländer hin.
Ferner wurde eine Reihe von Schritten in die Wege
geleitet, um die Schuldenlast für diejenigen der ärmsten Staaten zu verringern, die solide wirtschaftliche
Reformprogramme eingeführt haben. Dazu gehören
besondere Umschuldungsprogramme des Pariser Clubs
und bilaterale Vereinbarungen über den Erlaß von
Schulden. Als Teil dieser Bemühungen sind die Vereinigten Staaten im Begriff, Kredite im Gesamtumfang
von 850 Millionen Dollar abzuschreiben, die als Wirtschaftshilfe an 14 afrikanische Staaten südlich der
Sahara vergeben wurden, da in diesen Ländern Wirtschaftsreformen durchgeführt werden. Schließlich
stellt auch die Internationale Entwicklungsorganisation heute Mittel zur Verfügung, um die Verschuldung
dieser Länder gegenüber Geschäftsbanken in den
Griff zu bekommen.
Wir gehen davon aus, daß diese Bemühungen zur
Bewältigung des Schuldenproblems vernünftige Ergebnisse und weitere Fortschritte zeitigen werden.
Parallel zu unseren Anstrengungen im Bereich der
Verschuldung stützen wir uns weiterhin auf unser
Entwicklungshilfeprogramm, um Wachstum und Entwicklung wiederzubeleben.
Entwicklungshilfe
Die Bilanz der langfristigen Bereitstellung öffentlicher
und privater Hilfe durch die Vereinigten Staaten und
andere Industriestaaten kann sich sehen lassen. Mit
Beiträgen in Höhe von 212 Milliarden Dollar von 1945
bis 1988 standen wir bei der Vergabe von Wirtschaftshilfe weltweit an erster Stelle.
Die amerikanische Entwicklungshilfe verfolgt drei
grundsätzliche Ziele:

Seite 3

�1.

Beitrag zu dauerhaftem Wirtschaftswachstum
in den Entwicklungsländern auf breiter Grundlage.

2.

Hilfe bei der Entwicklung von Humanressourcen mit Schwerpunkt auf Schaffung eines Gesundheits- und Bildungsniveaus, das es den
Bürgern erlaubt, zum wirtschaftlichen Fortschritt
beizutragen und davon zu profitieren.

3.

Ermutigung pluralistischer Werte, darunter die
Förderung von Wettbewerb, Freiheit und Demokratie in den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Institutionen eines Landes.

Im bilateralen Bereich ist die amerikanische Hilfe auf
die Bedürfnisse und Bedingungen jedes einzelnen
Landes zugeschnitten. Sie bedient sich dabei eines
breiten Spektrums praktischer Ansätze und spezifischer Maßnahmen. Das ist deshalb der Fall, weil die
generelle Notwendigkeit solider wirtschaftspolitischer
Maßnahmen uns kein detailliertes, weltweites Patentrezept für Entwicklung liefert. Erfolg läßt sich aber
auch nicht anhand von global formulierten, begrenzten
Zielen messen.
Neben dem regulären amerikanischen Wirtschaftshilfeprogramm werden die Bemühungen meiner Regierung von einer Reihe äußerst wichtiger Hilfsmaßnahmen für sich entwickelnde Volkswirtschaften ergänzt:
das Bilaterale Investitionsvertragsprogramm, die Initiative für das Karibische Becken, die Private Entwicklungsgesellschaft (OPIC), um nur einige Beispiele zu
nennen. Im Rahmen der Uruguay-Runde streben wir
eine Ausweitung des Welthandels und seiner Vorteile
auf die Entwicklungsländer an. Mit unseren Beiträgen
zu IWF, Weltbank und regionalen Entwicklungsbanken erweitern wir unser Engagement für die Entwicklungshilfe, indem wir uns mit anderen Ländern auf der
ganzen Welt zur Förderung von Wachstum und Entwicklung zusammenschließen.
Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß trotz
der in einzelnen Ländern erzielten wichtigen Erfolge
nicht überall Fortschritte stattgefunden haben oder
vollzogen sind. Dennoch vertreten wir die Meinung,
eine Fortsetzung der entwicklungspolitischen Debatten der vergangenen dreißig Jahren wäre nicht konstruktiv.
Die Vorteile der effektiven Kanalisierung von Marktkräften sollten für uns ebenso auf der Hand liegen wie
die Vorzüge von Demokratie und freier Marktwirtschaft. Die Vereinigten Staaten setzen sich für die
aktive Beteiligung an dem Dialog ein, mit dem diese
zusammenhängenden Konzepte gefördert werden
sollen, und das ist ein wichtiger Grund für die heutige
Teilnahme meiner Delegation.
*

Seite 4

*

Die Vereinigten Staaten haben drei Zielsetzungen für
diese Sondersitzung der Generalversammlung:
Erstens sollte die Sondersitzung auf die Veränderungen und Lektionen der jüngsten Vergangenheit eingehen und daraus angemessene
Schlußfolgerungen für die unmittelbare Zukunft
ziehen.
Zweitens sollte die Sondersitzung eine Reihe
von Zielsetzungen formulieren, die den Vereinten Nationen bei der Förderung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung in der dritten Welt
als Leitlinie dienen können.
Drittens sollte die Sondersitzung eine Erklärung
verabschieden, die als Richtlinie für eine Reihe
anstehender UNO-Konferenzen über Entwicklungspolitik dient.
Diese Ziele können die Initiative freier Völker auf der
ganzen Welt fördern und inspirieren. Wir wollen eine
beschleunigte und dauerhafte Entwicklung aller Länder im Kontext einer stabilen Weltwirtschaft. Wir
wollen nicht, daß politische Rechte und soziale Errungenschaften einer Theorie zum Opfer fallen müssen,
die dafür fälschlicherweise materiellen Ausgleich verspricht. Es wäre grundfalsch, einen solchen Handel zu
befürworten. Bestrebungen zur Verbesserung des
materiellen Wohlstands können nicht zum Erfolg führen, wenn sie politische Rechte und soziale Errungenschaften mißachten.
Unserer Ansicht nach kann die Sondersitzung diese
Ziele erreichen, indem sie Lehren aus den Erfahrungen der Vergangenheit zieht, ihre Wahl zwischen
funktionierenden und unbrauchbaren Ideen trifft und
an die Fähigkeit des Menschen als Individuum und
Mitglied freier Gesellschaften appelliert, sein Leben
und seine Taten zum Vorteil aller einzusetzen.
In dieser Woche haben wir Ihre Meinungen gehört und
davon profitiert. Dies ist eine Welt, in der die nationalen
Volkswirtschaften zunehmend interdependent sind.
Auf der ganzen Welt hegen immer mehr Menschen die
gleichen Hoffnungen. Das Problem der internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Neubelebung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung in
der dritten Welt sind viel zu wichtig, als daß man sie mit
Ideologien befrachten oder mit Rhetorik zuschütten
könnte. Unserem gemeinsamen Einsatz für die Wirtschaftsentwicklung ist am besten gedient, wenn wir
unsere jeweiligen Meinungen respektieren und gemeinsam verantwortungsbewußte und konsensfähige
Lösungen erarbeiten. Dies ist sicherlich das Ziel
meiner Delegation und meiner Ansicht nach ein Ziel,
dem wir uns alle verschreiben müssen.

*

*

AMERIKA DIENST 17

�TERRORISMUS
2. Mal 1990

1989 STARKER RÜCKGANG DES TERRORISMUS
Bericht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Dem Jahresbericht des US-Außenministeriums an den Kongreß zufolge hat sich die
Zahl der internationalen Terroranschläge 1989 erheblich vermindert.
Der am 30. April 1990 veröffentlichte Bericht "Patterns of Global Terrorism" verweist darauf, daß die Anzahl der
von Terroristen verübten Attentate von 856 im Jahr 1988 auf 528 im vergangenen Jahr abgenommen hat.
Trotz des Rückgangs der Anschläge um nahezu 38 Prozent hat der Terrorismus im Nahen Osten um 45 Prozent
zugenommen.
Obwohl die Zahl der Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten und der Todesfälle 1989 abgenommen hat,
"waren amerikanische Interessen weiterhin häufigste Zielscheibe des internationalen Terrorismus", heißt es in
dem Bericht.
Der Bericht führt aus, daß die Zahl der von bestimmten Länder gesteuerten terroristischen Übergriffe 1989 stark
abgenommen hat. Den größten Anteil (dieser Kategorie) hat dabei Kabul, das seine Bombenanschläge in
Pakistan nach dem Abzug der sowjetischen Truppen offensichtlich verringert hat.
"Trotz des Rückgangs internationaler Terroranschläge im Jahr 1989 können Terroristen Gewaltanwendung,
insbesondere gegenüber den Vereinigten Staaten, potentiell steigern," schreibt der Bericht.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Kapitel "Das Jahr im Rückblick" (The Year in Review) im Wortlaut.

Der Umfang des internationalen Terrorismus ist gegenüber 1988 im Jahr 1989 weltweit stark zurückgegangen, was mit 856 Anschlägen im Jahr 1988 gegenüber 528 (1989) einer Verringerung der Anschläge um
38 Prozent entspricht. Die meisten terroristischen
Übergriffe finden nach wie vor im Nahen Osten statt,
das heißt insgesamt 193 Anschläge, 37 Prozent aller
Übergriffe weltweit. Der Anteil der dem Nahen Osten
zugeschriebenen Aktionen erhöht sich allerdings auf
45 Prozent, wenn man die von dort gesteuerten Anschläge in anderen Regionen hinzurechnet. Die Zahlen betragen für 1988 jeweils 36 Prozent und 41
Prozent. Lateinamerika nimmt mit 131 Anschlägen
oder 25 Prozent den zweiten Platz ein. Westeuropa
steht mit 96 Anschlägen an dritter Stelle. Angesichts
des Rückgangs der von Afghanistan gesteuerten
Übergriffe auf Pakistan fiel Asien mit 55 Anschlägen
auf den vierten Platz. Afrika stand mit 48 Fällen an
fünfter Stelle. Vier Anschläge internationaler Terroristen fanden in Nordamerika statt.
In den vergangenen Jahren wurden die Gewalttaten
der Palästinenser gegen ihre Landsleute in den besetzten Gebieten in die Statistik des internationalen
Terrorismus einbezogen, weil Palästinenser als staaAMERIKA DIENST 17

tenlos gelten. Das führte dazu, daß solche Zwischenfälle anders bewertet wurden als Konflikte innerhalb
einzelner Volksgruppen in anderen Teilen der Welt.
Infolge einer eingehenden Prüfung der Kämpfe unter
Palästinensern werden diese in der Statistik der USRegierung über internationalen Terrorismus nicht mehr
berücksichtigt. Dieses neue Konzept der Statistiken
von 1989 gewährleistet ihre Präzision und Zuverlässigkeit. Gewalt unter Palästinensern bleibt jedoch ein
ernstliches Problem.
Ein Anschlag wurde im Laufe des Jahres aus Osteuropa gemeldet, sowjetische und osteuropäische Interessen wurden jedoch auch in anderen Teilen der Welt
angegriffen.
Mehrere Faktoren führten zum Rückgang des internationalen Terrorismus:
Die afghanische Regierung reduzierte ihre terroristischen Übergriffe auf Pakistan nach dem
Abzug der sowjetischen Truppen.
Jassir Arafats Absage an den Terrorismus führte zu einem starken Rückgang der Operationen
von Sympathisanten der PLO.
Seite 1

�Differenzen innerhalb der Gruppe Abu Nidal
(ANO) - früher eine der aktivsten terroristischen
Vereinigungen - und ihre Konzentration auf Auseinandersetzungen zwischen Milizen im Libanon führten zu einem Rückgang der Operationen dieser Gruppe.
Eine Reihe von Ländern, die in den Terrorismus
verwickelt waren, wie etwa Libyen und Syrien,
wollten nicht mehr fortwährend als Sponsoren
des Terrorismus betrachtet werden und haben
ihre Unterstützung eingeschränkt. Einzig der
Iran bildete bei dieser Tendenz die Ausnahme.
Zum Teil infolge innenpolitischer Probleme und
verbesserter Methoden der Terrorismusbekämpfung konzentrierten sich viele terroristische
Vereinigungen auf den Aufbau ihrer weltweiten
Infrastruktur, um in Zukunft Anschläge ausführen zu können.
Die Fähigkeiten zur Terrorismusbekämpfung
sind in den meisten Teilen der Welt verbessert
und die Kooperation zwischen den Regierungen
ist verstärkt worden.
Es gab lediglich einen "spektakulären" internationalen
Terroranschlag im Jahr 1989 - der Bombenanschlag
auf eine Maschine der UTA über Niger am 19. September. Bei diesem Anschlag kamen 171 Menschen ums
Leben, und es gab damit die meisten Toten bei einem
einzigen Anschlag in diesem Jahr. Die Verantwortlichen konnten bis heute nicht ermittelt werden. "Spektakuläre" Terroranschläge werden wohl seltener werden, da Terroristen zunehmend einzusehen scheinen,
daß sie ihre Ziele nicht mit Flugzeugentführungen
erreichen können und daß solche Anschläge immer
schwieriger werden. Darüber hinaus konzentrieren
Gruppen, die zu solchen Operationen am ehesten in
der Lage waren, ihre Energie auf andere Dinge.
Die Schilderung der angeblichen Exekution vom Oberst
der US-Marineinfanterie, William R. Higgins, machte
am 31. Juli Schlagzeilen und führte zur weltweiten
Verurteilung der verantwortlichen Terroristen, hinter
denen der Iran stand. In anderen Teilen der Welt sind
die kolumbianischen Drogenhändler wahrscheinlich
für verschiedene Terroranschläge verantwortlich, um
ihre kriminellen Ziele zu erreichen. Dafür ist der
Bombenanschlag auf einen Avianca-Flug aus Bogota,
bei dem alle 111 Passagiere ums Leben kamen,
möglicherweise ein Beispiel.
Bei den im Jahr 1989 verzeichneten 528 terroristischen Anschlägen wurden 390 Menschen getötet und
397 verletzt. 14 Terroristen wurden getötet und 23
verwundet. Der Unterschied zum Jahr 1988, als 638
Menschen getötet und 1 125 verletzt wurden, ergibt
sich aus diesem Rückgang in der Zahl der Anschläge.
Im Jahr 1988 waren 22 Terroristen getötet und sechs
verletzt worden. Der Anschlag auf Flug 772 der

Seite 2

französischen Gesellschaft UTA war ein Beispiel für
die steigende Zahl von Opfern in Afrika, wo die Gesamtzahl von 125 Toten und 130 Verletzten im Jahr
1988 auf 269 Tote und 39 Verletzte im Jahr 1989 stieg.
Infolge des reduzierten afghanischen Engagements in
Pakistan wurde in Asien der stärkste Rückgang der
Opferzahl verzeichnet. Im Vergleich zu 1988, als die
Zahl der Toten 156 und die der Verwundeten 599
erreichte, wurden im Jahr 1989 57 Personen getötet
und 153 verletzt. Im Jahr 1989 wurden im Nahen
Osten 29 Personen von Terroristen getötet und 111
verletzt. In Lateinamerika wurden 21 Personen getötet
und 73 verletzt. Die Zahl der Toten und Verletzten in
Westeuropa betrug 14, beziehungsweise 21.
Die Zahl der gegen die Vereinigten Staaten gerichteten terroristischen Anschläge ging im Jahr 1989 im
Vergleich zu 1988 zurück. Dennoch waren amerikanische Interessen weiterhin häufigste Zielscheibe des
internationalen Terrorismus. Im Jahr 1988 waren 193
Anschläge gegen die Vereinigten Staaten verübt worden, während diese Zahl im Jahr 1989 um 15 Prozent
auf 165 zurückging. Auch die Zahl amerikanischer
Opfer ging von 192 Toten und 40 Verletzten im Jahr
1988 auf 16 Tote und 19 Verletzte im Jahr 1989 zurück.
Diese Abnahme ist vornehmlich darauf zurückzuführen, daß kein Anschlag mit einer großen Zahl von
Opfern verübt wurde, wie dies im Jahr 1988 beim
Bombenanschlag auf Flug 103 der Pan Am geschehen
war. Die größte Zahl von Anschlägen - etwa 64
Prozent - fand in Lateinamerika statt, wo die meisten
Vorfälle in Bombenanschlägen gegen teilweise in
amerikanischem Besitz befindliche Öl-Pipelines bestanden. Nahezu 14 Prozent der antiamerikanischen
Anschläge fanden in Asien, 13 Prozent in Westeuropa,
5 Prozent im Nahen Osten und 1 Prozent in Afrika statt.

International operierende Terroristen führten in 60
Ländern Anschläge auf Personen und Sachwerte von
74 Staaten aus. Die Vereinigten Staaten waren häufigste Zielscheibe dieser Anschläge, gefolgt von Israel.
Da die Sicherheitsmaßnahmen für staatliche Einrichtungen und Personen ständig verstärkt werden, wurden die meisten terroristischen Anschläge - 75 Prozent
der weltweiten Gesamtzahl - auf Unternehmen, Touristen und andere nichtstaatliche Ziele verübt. Anschläge auf internationale Organisationen und staatliche
Ziele gingen auf einen Anteil von 19 Prozent an der
Gesamtzahl zurück. Anschläge auf unbeteiligte militärische Ziele nahmen geringfügig zu, auf 41 von 38 im
Jahr 1988, während im Jahr 1987 noch 88 Anschläge
dieser Art verübt worden waren.
Nach Anschlagtyp aufgegliedert, trat wiederum das
bekannte Muster an den Tag. Terroristen verübten am
häufigsten Bombenanschläge (44 Prozent), gefolgt
von Brandanschlägen (28 Prozent). Bei 14 Prozent
der Anschläge wurden Handfeuerwaffen benutzt. Die
Zahl der Entführungen ging geringfügig zurück und
betrug anteilmäßig etwa 5 Prozent. Ungefähr 44

AMERIKA DIENST 17

�Prozent der Entführungen fanden in Lateinamerika
statt, 19 Prozent im Nahen Osten.
Die Zahl der wahrscheinlich staatlich geförderten terroristischen Anschläge nahm 1989 ab. Es gab Beweise für 58 von staatlichen Stellen unterstützte Anschläge im Jahr 1989. Dies bedeutet gegenüber 1988 mit
176 Anschlägen dieser Art einen Rückgang von 67
Prozent. Diese Abnahme läßt sich teilweise darauf
zurückführen, daß eine Reihe von Staaten, die in der
Vergangenheit terroristische Gruppen unterstützten,
in der Lage waren, ihr Engagement wirksam zu verschleiern. Der Rückgang kam zum größten Teil dadurch zustande, daß Kabul nach dem Abzug der
sowjetischen Truppen offensichtlich seine Kampagne
von Bombenanschlägen in Pakistan einschränkte. Eine
iranische Beteiligung an Terroranschlägen wurde im
Jahr 1989 nicht mehr so häufig festgestellt. Es ist
jedoch zu vermuten, daß der Anstieg der Unterstützung terroristischer Aktivitäten in der zweiten Jahreshälfte eine Rückkehr zu einem verstärkten Engagement in dieser Hinsicht bedeutet. Libyen und Syrien
waren im Jahr 1989 nicht direkt in Anschläge verwikkelt, unterstützten jedoch weiterhin auf vielfältige Art
und Weise terroristischen Gruppen Unterstützung zur
Verfügung.
Im Jahr 1989 fanden 43 Aktionen nahöstlicher Terroristen außerhalb der Region statt, 1988 betrug diese
Zahl 45. Infolge dieser Anschläge wurden 1989 181
Personen getötet und 15 verletzt. 31 Anschläge
fanden in Westeuropa statt. Zehn Aktionen wurden in
Großbritannien verübt, zumeist Anschläge auf Buchläden und Unternehmen in Zusammenhang mit Salman
Rushdies Buch "Satanische Verse". Von den verbleibenden wurden sechs Anschläge in der Türkei, je vier
in Pakistan und Belgien und drei in den Vereinigten
Staaten verübt. Je 2 fanden in Österreich, Frankreich
und den Niederlanden statt, je einer in Afghanistan,
Kanada, Zypern, Griechenland, Italien, Niger, Senegal, Schweden, Thailand und der Bundesrepublik
Deutschland.

dung, insbesondere gegen die Vereinigten Staaten,
potentiell steigern. Auf den Philippinen scheinen Terroristen bereit zu sein, ihre Anschläge auf amerikanische Bürger auszuweiten, um den Druck auf die Vereinigten Staaten zu verstärken, ihre Truppen aus dem
Land abzuziehen. Abtrünnige Soldaten könnten aufgrund der amerikanischen Unterstützung für die Regierung Aquino während des fehlgeschlagenen Putschversuchs vom Dezember Vergeltung üben. In Lateinamerika könnten amerikanische Interessen in Panama
Ziel von unverbesserlichen Anhängern General Noriegas sein, und Radikale in der Region und anderen
Teilen der Welt könnten das militärische Eingreifen
Washingtons in Panama als Vorwand für neue Anschläge benutzen. Andere Entwicklungen in der Welt
könnten zu verstärkten terroristischen Operationen
führen. Rivalitäten zwischen Regierungen im Nahen
Osten - insbesondere zwischen Iran und Saudi-Arabien, was bereits zu einer Kampagne der Gewalt durch
den Iran geführt hat - und sich entwickelnde Bündnisse
zwischen nahöstlichen Unterstützern und Gruppen,
etwa zwischen dem Iran und der Volksfront für die
Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC)
und anderen radikalen Palästinensergruppen geben
besonders zu Besorgnis Anlaß. Ethnische Gruppen
im Kaukasus, Moldawien und anderen Gebieten der
Sowjetunion könnten zur Erreichung ihrer Ziele terroristische Methoden einsetzen. Dasselbe könnte auch
bei vielen Gruppierungen in ganz Osteuropa der Fall
sein. Exilgemeinden in Westeuropa und den Vereinigten Staaten könnten in die Unterstützung von Gewalttaten hineingezogen werden. Westeuropäische terroristische Gruppen bilden weiterhin eine starke Bedrohung. Baskische und nordirische Terroristen werden
ihre Operationsfrequenz kaum verringern, und andere
Gruppen, etwa die Rote Armee Fraktion (RAF) in der
Bundesrepublik Deutschland und die Revolutionäre
Organisation 17. November in Griechenland haben
ihre technischen Fähigkeiten ausgebaut. In der Türkei
scheinen innenpolitische Probleme eine Zunahme von
Gewalttaten durch Gruppen zu fördern, die über längere Zeit nicht in Erscheinung getreten sind.

Trotz des Rückgangs internationaler Terroranschläge
im Jahr 1989 können Terroristen die Gewaltanwen-

AMERIKA DIENST 17

Seite 3

�</text>
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U.S. Information Service
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9. Mai 1990

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ZWEI-PLUS-VIER-GESPRACHE

BAKER:VIERMACHTESTATUS FÜR BERLIN
SOLLTE BEENDET WERDEN
Erklärung des Außenministers bei
Zwei-plus-Vier-Gesprächen

NATO

BUSH:VEREINIGTES DEUTSCHLAND SOLL
MITGLIED DER NATO SEIN
Rede bei der Examensfeier der
Oklahoma State University

US-AUSSENPOLITIK

USA UNTERSTUTZEN SELBSTBESTIMMUNGSRECHT FÜR LITAUEN
Rede von Außenminister Baker vor
dem Senat

COCOM

UMFASSENDER US-VORSCHLAG ZUR
NEUGESTALTUNG DES COCOM
Eine Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�ZWEI-PLUS-VIER-GESPRACHE
9. Mai 1990

BAKER: VIERMÄCHTESTATUS FÜR BERLIN
SOLLTE BEENDET WERDEN
Erklärung des Außenministers bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen
BONN - (AD) - In seiner Erklärung zur Eröffnung der Zwei-plus-Vier-Gespräche in Bonn hat der amerikanische
Außenminister Baker am 5. Mai 1990 seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, daß nach einer Vereinigung
beider deutscher Staaten in allseitig anerkannten Grenzen "die vier Mächte ihre Pflichten voll und ganz erfüllt
haben werden". Es sei deshalb "für diese Gruppe eine primäre Aufgabe, eine Formel zu erarbeiten, mit der alle
verbleibenden Rechte und Pflichten der vier Mächte beendet und auf ein völlig souveränes Deutschland
übertragen werden - ein Deutschland, das auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen
Demokratischen Republik und Berlins vereinigt ist".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Außenministers im Wortlaut.

Wir alle haben das Glück, in diesem Zeitalter großer
Ereignisse zu leben. Und heute haben wir sechs durch
unsere Zusammenarbeit eine Aufgabe zu lösen, die
einen der großartigsten Vorgänge in dieser außergewöhnlichen Zeit betrifft.
Als Staatsdiener ruhen auf uns nicht nur die Hoffnungen und Erwartungen unserer Regierungen, sondern
auch der Bürger Europas und Amerikas - vergangener,
heutiger und künftiger Generationen. Wir stehen vor
der Herausforderung, über die Vergangenheit herauszuwachsen.
Denn wir treffen uns heute, weil ein historischer Prozeß stattfindet: die Vereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit. Heute vollziehen wir einen Akt der
Anerkennung - eines zu lange getrennten Volkes,
eines zu lange geteilten Kontinents.
Wenn sie die Erlangung der Freiheit und Einheit Deutschlands unterstützen, können meiner Überzeugung nach
alle Staaten und Völker Europas die Gewinner sein.
Dies sollte unser Ziel sein. Das ist die Vision, die
zukunftsgerichtet ist und nicht vergangenheitsorientiert.
Die Vereinigten Staaten betrachten dies als Verwirklichung eines Zieles, das sie seit über vierzig Jahren mit
dem deutschen Volk gemeinsam verfolgt haben. Wir
gehen davon aus, daß das wichtigste Ziel dieses Zwei-

AMERIKA DIENST 18

plus-Vier-Prozesses darin besteht, die Vereinigung
der beiden deutschen Staaten zu erleichtern, während
das deutsche Volk auf der Grundlage freier und demokratischer Selbstbestimmung über seine Zukunft entscheidet. Wir streben ein vereinigtes, souveränes
Deutschland an, das auf der festen Grundlage universeller demokratischer Werte aufgebaut ist und in seinem Handeln die Interessen anderer Mitglieder der
europäischen und weltweiten Staatengemeinschaft
angemessen berücksichtigt. Wir sind diesem Ziel
verpflichtet - rechtlich und moralisch.
Wir sind davon überzeugt, daß ein vereinigtes Deutschland uns allen beim Aufbau eines ungeteilten, freien
Europas ein vollwertiger und konstruktiver Partner
sein wird. Die Geschichte der Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland an der Weltpolitik der vergangenen vierzig Jahre bietet uns das sicherste Anzeichen
für das Engagement der Deutschen für Frieden und
internationale Zusammenarbeit. Und die Erklärung
der ersten demokratisch gewählten Regierung der
Deutschen Demokratischen Republik ist der Beweis,
daß diese Bestrebungen vom Volk der DDR voll und
ganz geteilt werden.
Als Ergebnis der demokratisch zustandegekommenen Entscheidungen in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik
ist der Vereinigungsprozeß bereits erheblich vorangeschritten. Über Zeitpunkt und Form dieser VereiniSeite 1

�gung mu ß noch entschieden werden. Unserer Ansicht
nach und auch der Erklärung zufolge, auf die sich die
Sechs in Ottawa geeinigt haben, sollen diese inneren
Fragen von den Deutschen selbst durch ihre demokratisch gewählten Vertreter entschieden werden.
Wenn ein vereinigtes und demokratisches Deutschland in allseitig anerkannten Grenzen gebildet ist,
werden die Vier Mächte ihre Pflicht voll und ganz erfüllt
haben. Für ein Weiterbestehen von Sonderrechten
wird keine Grundlage mehr bestehen. Es wird deshalb
für diese Gruppe eine primäre Aufgabe sein, eine
Formel zu erarbeiten, mit der alle verbleibenden Rechte und Pflichten der vier Mächte beendet und auf ein
völlig souveränes Deutschland übertragen werden ein Deutschland, das auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen
Republik und Berlins vereinigt ist. Wir müssen unsere
Bemühungen auf die Substanz einer abschließenden
Regelung konzentrieren, nicht auf Symbole der Vergangenheit.

die am besten andernorts gelöst werden - etwa in den
KSE- oder VSBM-Gesprächen, den bevorstehenden
Gesprächen über nukleare Kurzstreckenwaffen oder
der KSZE. Dieser Ansatz kann die betroffenen europäischen Staaten einschalten und Maßnahmen zu
wichtigen äußeren Fragen sicherstellen, ohne Deutschland auszuschließen und damit eine Saat zukünftiger
Instabilität zu säen.
Die Vereinigung Deutschlands sollte ein Anreiz sein,
umfassendere kooperative Strukturen der Zusammenarbeit zwischen Ost und West zu stärken und institutionalisieren. Wie die gestrige Rede von Präsident
Bush erneut bewiesen hat, sind wir bereit, uns für
diesen Prozeß zu engagieren. Unser Erfolg hier wird
ein wichtiger Schritt nach vorn sein und unseren
gemeinsamen Bemühungen in anderen Foren starke
Impulse verleihen.
Wir haben uns auf vier Tagesordnungspunkte verständigt. Ich möchte auf jeden kurz eingehen.

Indem wir dies tun, sollten wir uns alle darum bemühen, vollständige, gleiche und kooperative Beziehungen zwischen einem vereinigten Deutschland und den
Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft
zu fördern. Es sollte nicht versucht werden, Deutschland zu singularisieren. Einem souveränen Staat
diskriminierende Beschränkungen aufzuerlegen, kann
nur zu Ressentiments, Instabilität und Konflikten führen. Gleichermaßen würden Versuche, die Selbstbestimmung zu hemmen, der Entwicklung einer rechtmäßigen und harmonischen Weltordnung Schaden zufügen.

Zu den Grenzen haben die beiden deutschen Staaten
und Polen bereits die Zusammenarbeit aufgenommen, um jeden Rest von Zweifeln an ihrer gegenseitigen Verpflichtung auf die heutige Grenze auszuräumen. Unsere Position ist eindeutig. Wir respektieren
die Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki - daß
die bestehenden Grenzen zwischen den Unterzeichnern der Akte unantastbar sind und sich nur friedlich
verändern lassen. Wir gehen ferner davon aus, daß
wir uns alle darauf verständigen können, daß ein
vereinigtes Deutschland das heutige Territorium der
Bundesrepublik, der DDR und Berlins umfassen sollte
- nicht mehr und nicht weniger.

Die Vereinigung wird für jeden von uns wichtige Auswirkungen auf seine Beziehungen zu Deutschland und
auch auf die Stellung Deutschlands in der neu entstehenden europäischen Ordnung haben. Die Vereinigten Staaten erkennen an, daß andere unter den Vier
legitime Interessen haben, die als Teil dieses Zweiplus-Vier-Prozesses der Klärung bedürfen. Wir gehen
davon aus, daß dieses Forum der geeignete Ort für
solche Gespräche sein könnte, aber wir sind auch der
Ansicht, daß dieses Forum nur zu solchen Fragen
Beschlüsse fassen sollte, die sich auf die Rechte und
Pflichten der Vier Mächte beziehen.

Zu den sicherheitspolitischen Fragen sind wir der Auffassung, daß die Sechs zwar zahlreiche Themen
erörtern können, wir aber primär als "Lenkungsgruppe" handeln sollten. Die meisten dieser Fragen haben
Auswirkungen auf andere Staaten als die Sechs.
Aufgrund dessen sollten sie in breiter angelegten
Foren behandelt werden, insbesondere in den KSEund VSBM-Gesprächen. Auf diese Weise können
sowohl die Souveränität Deutschlands als auch gesamteuropäische Interessen anerkannt und gesichert
werden.

Natürlich sind wir mit Blick auf umfassendere europäische Interessen zu diesem Treffen gekommen. Aber
wir - die Sechs - haben von anderen Nationen kein
Mandat zur Vertretung ihrer Interessen erhalten. Aus
diesem Grund werden zahlreiche Fragen, die für uns
von besonderem Interesse sind, Konsultationen und
Entscheidungen im Rahmen anderer, breiter angelegter Foren erfordern.

Im Hinblick auf Berlin erwarten wir die Beendigung des
Viermächtestatus in geordneter Weise. Schließlich
müssen wir eine endgültige Regelung gemäß dem
Völkerrecht vorbereiten und die Rechte und Pflichten
der Vier Mächte beenden. Diese Bemühungen müssen zukunftsgerichtet sein und sich nicht vom Vermächtnis der Vergangenheit fesseln lassen. Wir sollten diese Rechte und Pflichten rasch, aufrichtig und
rechtlich bindend auflösen.

Unseres Erachtens sollten die Zwei-plus-Vier im allgemeinen als "Lenkungsgruppe" handeln, die solche
äußeren Fragen im Hinblick auf die Einheit Deutschlands an die geeigneten europäischen Foren verweist,

Lassen Sie mich mit einem Punkt zum Schluß kommen, der einen treffenden Satz meines Freundes,
Außenminister Genscher, zur Grundlage hat: Wir

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AMERIKA DIENST 18

�wollen ein europäisches Deutschland. Als die Berliner
Mauer am 9. November des vergangenen Jahres
zusammenbrach, sahen wir, wie Deutschland wieder
zu einem Ganzen gemacht wurde. Wir sahen jedoch
auch, wie Europa vereinigt wurde. Denn es ist unmöglich, ein ungeteiltes und freies Europa zu haben oder
ein Gemeinsames Europäisches Haus zu bauen, wenn
Deutschland nicht ungeteilt und frei ist. Indem sie die
Mauer niederrissen, trugen die Bürger Berlins dazu
bei, Deutschland zu einigen, und sie trugen ebenfalls
dazu bei, Europa zu einen.

AMERIKA DIENST 18

Die Unvermeidlichkeit und Erwünschtheit der Vereinigung Deutschlands sind eine Tatsache. Das gleiche
gilt für die Unvermeidlichkeit und Erwünschtheit der
europäischen Aussöhnung und Integration. Heute
unternehmen wir hier gemeinsame Schritte für Europa
und für Deutschland, wie die Bürger Berlins es am 9.
November des letzten Jahres taten.
Dies ist unser Auftrag. Es ist eine ehrenvolle Pflicht,
und ich bin glücklich, daß wir die Chance haben
werden, sie gemeinsam zu erfüllen.

Seite 3

�NATO
9. Mai 1990

BUSH: VEREINIGTES DEUTSCHLAND SOLL
MITGLIED DER NATO SEIN
Rede bei der Examensfeier der Oklahoma State University
STILLWATER (Oklahoma) - (AD) - Präsident Bush zufolge soll der bevorstehende NATO-Gipfel "erneut
bekräftigen, wie wichtig es ist, daß ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der NATO ist.
Bei der Examensfeier der Oklahoma State University (OSU) am 4. Mai 1990 erklärte Bush, die künftige politische
Mission des Bündnisses sei "die vordringlichste Aufgabe, der sich der NATO-Gipfel verschreiben sollte".
Der Präsident erläuterte ferner: "Angesichts der schwindenden militärischen Bedrohung kommt der politischen
Dimension der Arbeit der NATO - die stets vorhanden ist, aber kaum beachtet wird - grö ßere Bedeutung zu. Beim
NATO-Gipfel sollten wir Wege aufzeigen, um unseren deutschen Freunden bei der Bewahrung der Freiheit und
Wiederherstellung der Einheit behilflich zu sein."
In seiner Rede vor der OSU schlug Bush vor, der Gipfel sollte bei seiner anstehenden Überprüfung der NATOStrategie auf vier wichtige Punkte eingehen:
Die politische Rolle der NATO in einem neuen Europa.
Die konventionellen Streitkräfte, die das Bündnis in Zukunft benötigt und die Ziele der NATO bei der
konventionellen Rüstungskontrolle.
Die Rolle der in Europa stationierten Atomwaffen und die westlichen Ziele bei den neuen Verhandlungen
über Nuklearstreitkräfte zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.
Die Stärkung der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), zur Unterstützung
der NATO und zum Schutz demokratischer Werte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Im Amerika der Nachkriegszeit konnten Frieden und
Wohlstand entstehen. Aber während sich die freie
Welt erholte, waren die Länder Osteuropas hinter
einem Eisernen Vorhang "isoliert". So begannen
vierzig Jahre Teilung Europas - und vierzig lange Jahre
des Mißtrauens zwischen den Supermächten.
Sie beenden heute ebenfalls eine Zeit vieler Konflikte
- einen Kampf anderer Art - einen kalten und abstrakten Kampf der Worte und Mauern. Jetzt treten auch
Europa und die ganze Welt in ein neues Zeitalter ein das Zeitalter der Freiheit.
Ich hoffe, Sie werden mir vergeben, daß ich dieses
Forum hier an ihrer berühmten Universität dazu nutze,
um ein sehr ernstes Thema abzuhandeln.

AMERIKA DIENST 18

Ich möchte bei jeder Examensfeier, zu deren Anlaß ich
in diesem Jahr eine Rede halte, von der Macht und den
Möglichkeiten demokratischer Veränderungen sprechen. Heute werde ich den Anfang machen, indem ich
auf Amerikas Stellung im neuen Europa eingehe.
Manche von Ihnen mögen sich fragen, was uns ein
Kontinent, der 4 000 Meilen entfernt ist, kümmert.
Durch große Umwälzungen in Europa wurden die
Amerikaner im Laufe ihrer Geschichte gezwungen, zu
reagieren und tiefgreifende Entscheidungen über die
Rolle zu treffen, die sie in der Politik Europas spielen
wollten. Das trifft auf die Zeit der Französischen
Revolution und die nachfolgenden Kriege ebenso zu
wie auf den Ersten Weltkrieg mit seinem zweifelhaften
Frieden und den Zweiten Weltkrieg und die Weltord-

Seite 1

�nung der Nachkriegszeit. Meiner Ansicht nach stehen
wir wieder vor großen Entscheidungen - und einem
wichtigen Zeitpunkt für unser strategisches Verhältnis
mit unseren Partnern auf der anderen Seite des Atlantiks.
Viele amerikanische Hochschulabsolventen des Jahres 1916 wunderten sich möglicherweise, warum der
weit entfernte Krieg, der in ihren Zeitungen Schlagzeilen machte, etwas mit ihnen zu tun haben sollte.
Vielleicht vertraten sie auch die Auffassung von Präsident Wilson, der damals erklärte: "Wir sind nicht
interessiert" an den Ursachen des Krieges, an "den
dunklen Tiefen, aus denen diese Flut entsprungen ist".
Aber nur ein Jahr später wurden die jungen Menschen
und ihr Land von der Flut mitgerissen, die sie in die
Schützengräben Frankreichs trieb.
Nach dem Krieg gaben wir die aktive Beteiligung an der
europäischen Politik auf. Statt dessen bemühten wir
uns um einen Vertrag, der den Krieg ächtete, und als
diese Ächtungen sich verfestigten, verabschiedeten
die Vereinigten Staaten neue Neutralitätsgesetze. Eine
neue Generation von Amerikanern nahm jetzt überall
an den Abschlußfeiern der Universitäten in dem Bewußtsein teil, der Krieg würde sie verschonen. Aber
als der Krieg ausbrach, mußten sie einen hohen Preis
für die Isolation Amerikas zahlen.
Bei Kriegsende stellten diese Studenten unsere Rolle
bei der Zukunft Europas nicht mehr in Frage. Sie
fragten nicht mehr, was Europa mit ihnen zu tun habe,
weil sie die Antwort bereits kannten.
Vor etwa einem Jahr habe ich in Deutschland das
Europa definiert, für das sich unser Land einsetzt: ein
friedliches, stabiles Europa - ein ungeteiltes und freies
Europa. Heute ist dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt.
In einer Zeit der Unsicherheit, aber großer Hoffnungen
treten wir in ein neues Zeitalter der Freiheit ein. In den
aufstrebenden Demokratien Osteuropas finden soziale, politische und wirtschaftliche Umwälzungen statt,
die verkrustete, zentralisierte Bürokratien aufbrechen,
von denen die Initiative vieler Generationen erstickt
wurde.
In dieser Zeit der Veränderungen, in der die Nachkriegszeit und das Containment überwunden werden,
können wir nicht wissen, welche Wahl die Menschen in
Osteuropa im Hinblick auf ihre Zukunft treffen werden.
Der Prozeß der Veränderungen in der Sowjetunion
befindet sich ebenfalls noch in der Schwebe. Es bleibt
zum Beispiel abzuwarten, ob Moskau sich bei seiner
Reaktion auf die Hoffnungen des litauischen Volkes
und der Volksgruppen in der Sowjetunion des Zwangs
oder des friedlichen Dialogs bedient. Die einzig richtige Antwort wäre ein Dialog, der zur unbelasteten
Selbstbestimmung Litauens führt.

Seite 2

Präsident Gorbatschow hat in seinem Land tiefgreifende Fortschritte erzielt. Die Reformen sind so grundlegender Art, daß die Uhr nicht zurückgedreht werden
kann. Aber wir können die Uhr auch nicht vorstellen,
um zu erfahren, was für ein Land die Sowjetunion in
den nächsten Jahren sein wird.
Um der gemeinsamen Zukunft mit Europa willen müssen
unsere Politik und Präsenz dieser Übergangszeit
angemessen sein - und eine Kontinuität und Verläßlichkeit aufweisen, die unseren alten und neuen Freunden Sicherheit gibt.
Meine europäischen Amtskollegen wollen, daß die
Vereinigten Staaten Teil der Zukunft Europas werden.
Meiner Ansicht nach haben sie Recht. Die Vereinigten
Staaten sollten im weitesten Sinne - politisch, militärisch und wirtschaftlich - eine europäische Macht bleiben. Und als Teil unserer weltweiten Verpflichtung ist
und bleibt die NATO Grundlage des friedlichen amerikanischen Engagements in Europa.
Aus den Lektionen des Krieges haben wir für den
Frieden gelernt und gemeinsam mit den freien Ländern Europas eine Atlantische Gemeinschaft - ein
dauerhaftes politisches Bündnis - gebildet. Unser
Engagement in Europa hat bedeutet, daß die Europäer
Amerika als Teil der Zukunft ihres Kontinents akzeptieren und unsere Interessen insgesamt berücksichtigen.
Unser Engagement betrifft nicht nur Verteidigung,
sondern es muß eine wohldosierte Beteiligung an allen
Bereichen europäischer Politik beinhalten.
Aufgrund unseres politischen Engagements für den
Frieden in Europa hat es auf diesem Kontinent 45
Jahre lang keinen Krieg gegeben. Dieser "lange
Frieden" sollte durch das Weitwinkelobjektiv der
Geschichte betrachtet werden: Europa hat jetzt den
längsten Friedenszeitraum in der Geschichte des
Kontinents erlebt. Das Bündnis ist jetzt bereit, auf
diesen historischen Leistungen aufzubauen und seine
Zielsetzungen für das nächste Jahrhundert zu definieren. Das Bündnis muß also gemeinsam eine neue
Strategie des Westens für die neuen wechselvollen
Zeiten entwerfen.
Nach eingehenden Konsultationen mit Premierministerin Thatcher in Bermuda, Präsident Mitterrand in
Florida, Bundeskanzler Kohl in Camp David und telephonisch oder telegraphisch mit NATO-Generalsekretär Wörner und allen anderen Staats- und Regierungschefs des Bündnisses schlage ich einen baldigen
Gipfel aller NATO-Politiker vor. Eine der vehementesten Verfechterinnen der Freiheit in den letzten zehn
Jahren, Margaret Thatcher, hat mir gesagt, daß wir
trotz der großartigen Erfolge der NATO bereit sein
sollten, uns neuen Herausforderungen zu stellen. Für
das Bündnis ist der Zeitpunkt zum Handeln gekommen.

AMERIKA DIENST 18

�Der Hauptzveck dieses Gipfeltreffens sollte darin
bestehen, eine umfassende Überprüfung der NATOStrategie für das umgestaltete Europa der neunziger
Jahre vorzunehmen. An die Adresse meiner NATOKollegen gewandt, schlage ich vor, daß die Überprüfung beim Gipfeltreffen anhand folgender vier Kriterien
erfolgen sollte:
Erstens der politischen Rolle, die die NATO in einem
neuen Europa spielen kann.
Zweitens der konventionellen Streitkräfte, die das
Bündnis in der Zunkunft benötigt sowie den Zielen der
NATO bei konventioneller Rüstungskontrolle.
Drittens der Rolle der in Europa stationierten Nuklearwaffen - und der Ziele des Westens bei den neuen
Verhandlungen über nukleare Rüstungskontrolle zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion.
Viertens der Stärkung der Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa - KSZE - zur Unterstützung der NATO und zum Schutz demokratischer
Werte in einem ungeteilten und freien Europa.
Die erste Aufgabe, die beim NATO-Gipfel erörtert
werden sollte, besteht in der zukünftigen politischen
Funktion des Bündnisses. Angesichts der schwindenden militärischen Bedrohung kommt der politischen
Dimension der Arbeit der NATO - die stets vorhanden
ist, aber kaum beachtet wird - größere Bedeutung zu.
Beim NATO-Gipfel sollten wir Wege aufzeigen, um
unseren deutschen Freunden bei der Bewahrung der
Freiheit und Wiederherstellung der Einheit behilflich zu
sein - ein Ziel, das wir und unsere Verbündeten seit
über 40 Jahren unterstützt haben. Und wir sollten
erneut bekräftigen, wie wichtig es ist, daß ein vereinigtes Deutschland Vollmitglied der NATO ist.
Das Bündnis muß Wege zur engeren Zusammenarbeit mit einer starken Europäischen Gemeinschaft
aufzeigen, die zu Recht ihre eigene Meinung artikuliert. Und in Osteuropa sind die Regierungen, die
einstmals unsere Gegner waren, heute unsere Partner
beim Aufbau eines neuen Kontinents. Wir müssen
ferner darüber sprechen, wie wir den demokratischen
Wandel in Osteuropa und der Sowjetunion weiter
ermutigen können.
Aber selbst wenn die NATO ihrer politischen Aufgabe
größere Bedeutung verleiht, muß sie weiterhin unerschütterlicher Garant der europäischen Sicherheit sein.
Unsere Gegner von heute sind Unsicherheit und Instabilität. Daher muß das Bündnis eine solide kollektive
militärische Struktur mit einsatzbereiten Streitkräften
aufrechterhalten, die von umfangreicheren, in Krisenzeiten einberufen Streitkräften unterstützt werden.
Damit komme ich zur zweiten Aufgabe des NATOGipfels - einer Überprüfung der konventionellen Streitkräfteplanung des Bündnisses. Obwohl wir uns vor

AMERIKA DIENST 18

Augen führen müssen, daß es einige Zeit dauern wird,
bevor die sowjetische Militärpräsenz in Osteuropa
beendet ist - und bevor die von beiden Seiten erwogenen einschneidenden Reduzierungen durchgeführt
werden können - müssen wir eine Strategie für die Welt
von heute entwickeln.
Es liegt auf der Hand, daß dem sowjetischen Vorgehen
entscheidende Bedeutung zukommt. Aber selbst wenn
alle vorgesehenen Reduzierungen der sowjetischen
Streitkräfte abgeschlossen sind und selbst wenn unsere aktuellen Rüstungskontrollvorschläge Zustimmung
finden und verwirklicht werden, stationiert die Sowjetunion immer noch Streitkräfte, die diejenigen aller
anderen europäischen Staaten weit in den Schatten
stellen - und mit Tausenden von Nuklearwaffen ausgerüstet sind. Militärisch bedeutende amerikanische
Streitkräfte müssen so lange auf der anderen Seite des
Atlantiks stationiert bleiben, wie unsere Verbündeten
dies wünschen und benötigen. Diese Streitkräfte
demonstrieren deutlicher als alle Worte das dauerhafte politische Gefüge, das Amerikas Zukunft mit den
Demokratien Europas verbindet.
Wenn der sowjetische Truppenabzug fortgesetzt wird
und unsere Rüstungskontrollbestrebungen erfolgreich
sind, müssen wir Planungen für eine andere militärische Präsenz vornehmen, die sich weniger auf die
Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden Kriegsausbruchs konzentriert. Wir müssen langfristige Stabilität
fördern und eine Eskalation von Krisen verhindern,
indem wir uns auf reduzierte Streitkräfte verlassen, die
unsere Fähigkeit - und Einsatzbereitschaft - demonstrieren, auf jede mögliche Gefahr zu reagieren.
Der von uns unterbreitete Vertrag über Konventionelle
Streitkräfte in Europa wäre das ehrgeizigste Abkommen über konventionelle Rüstungskontrolle, das je
geschlossen wurde.
Wir müssen diesen Vertrag unverzüglich zum Abschluß bringen und beabsichtigen, ihn beim KSZEGipfeltreffen im Herbst zu unterzeichnen. Beim NATOGipfel müssen wir jedoch weiter in die Zukunft planen
und die Verhandlungen nach Abschluß eines KSEVertrags vorbereiten. Beim NATO-Gipfel müssen die
Zielsetzungen des Bündnisses für diese Gespräche
entwickelt werden.
Drittens sollte beim NATO-Gipfeltreffen die Zukunft
der amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Europa
analysiert werden. Während die Demokratien in Osteuropa aufstreben, sowjetische Truppen abgezogen
und Panzer verschrottet werden, besteht weniger
Notwenigkeit für Nuklearsysteme kürzerer Reichweite. Beim NATO-Gipfel sollte die Arbeit im Bündnis an
der Festsetzung einer Mindestzahl von Waffen und
Waffentypen beschleunigt werden, die zur Abschrekkung eines Kriegs erforderlich sind - und zwar glaubwürdig und effektiv.

Seite 3

�In Lichte dieser neuen politischen Gegebenheiten und
der begrenzten Reichweite und Flexibilität der in Europa stationierten Nuklearraketen kürzerer Reichweite
habe ich unseren Plan zu Herstellung neuer, modernerer nuklearer Kurzstreckenraketen als Nachtolgemodell für die heute in Europa stationierte LANCE-Rakete
überprüft. Forschung und Entwicklung dieser neuen
Raketen sind praktisch abgeschlossen. Dennoch habe
ich nach Konsultationen mit unseren Verbündeten
beschlossen, vom LANCE-Nachfolgeprogramm Abstand zu nehmen. Darüber hinaus habe ich mich
gegen die weitere Modernisierung der in Europa stationierten amerikanischen nuklearen Artilleriegranaten
entschieden.
Es sind immer noch amerikanische - und sehr viel mehr
sowjetische - nukleare Kurzstreckensysteme in Europa stationiert. Wir sind bereit, auch über den Abbau
dieser Streitkräfte in einer jetzt festgelegten Reihe von
Rüstungskontrollgesprächen zu verhandeln.
Beim NATO-Gipfeltreffen werde ich meine Kollegen
auffordern, sich auf einen Rahmen für diese zukünftigen amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen zu
einigen und diese Gespräche im Bündnis vorzubereiten. Ferner schlage ich vor, da ß diese neuen amerikanisch-sowjetischen Gespräche unmittelbar nach Unterzeichnung eines KSE-Vertrags über Konventionelle
Streitkräfte aufgenommen werden.
Mit diesen Schritten wollen die Vereinigten Staaten
verhindern, daß Europa eher zum Schauplatz eines
konventionellen Kriegs wird. Wenige Lektionen der
Geschichte sind so eindeutig wie diese: Nur die
Kombination von konventionellen und Nuklearstreitkräften hat den Frieden in Europa gesichert.
Alle Aspekte des amerikanischen Engagements in
Europa - die militärischen, politischen und wirtschaftlichen - müssen sich jedoch ergänzen. Und sie alle
laufen an einem Ort zusammen - der Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - einer
Organisation mit 35 Teilnehmerstaaten aus Europa
und Nordamerika. Die KSZE steht bereits als Symbol
für Menschenrechte und Freiheit des einzelnen. Jetzt
muß sie eine erweiterte Rolle übernehmen.
Die vierte Aufgabe des NATO-Gipfels besteht also
darin, gemeinsame Ziele des Bündnisses für die Zukunft der KSZE zu erarbeiten. Sie kann den erfolgreichen demokratischen Kräften in Osteuropa beistehen,
ihre Revolution zu vollenden und ihnen - wenn sie der
internationalen freien Staatengemeinschaft beitreten ein Mitspracherecht in dem neuen Europa einräumen.
Die KSZE sollte neue Richtlinien für den Aufbau freier
Gesellschaften anbieten - einschließlich der Festsetzung von Normen für wirklich freie Wahlen, Verabschiedung von Maßnahmen zur Festigung der Rechtsstaatlichkeit und Hilfestellung bei dem notwendigen,

Seite 4

aber schwierigen Übergang von Plan- zu freien Marktwirtschaften.
Darüber hinaus kann die KSZE ein Forum für politischen Dialog in einem geeinten Europa bieten. Ich
stimme denjenigen zu, die regelmäßige Konsultationen zwischen hochrangigen Vertretern der KSZEMitgliedstaaten gefordert haben. Wir sollten erwägen,
ob neue KSZE-Mechanismen dazu beitragen können,
Kontroversen in Europa abzuschwächen und zu schlichten. Meines Erachtens sollten meine Amtskollegen im
Bündnis und ich uns dahingehend einigen, diese neuen
Ideen beim KSZE-Gipfeltreffen Ende dieses Jahres im
Zusammenhang mit der Unterzeichnung eines KSEVertrags aufzugreifen.
In Osteuropa - auf dem gesamten Kontinent - hat der
Triumph der Demokratie das Anlitz der Welt in sein
warmes Licht getaucht. Aber das Ergebnis dieses
Kampfes um Freiheit ist nicht vorbestimmt und ist nicht
Wundern zu verdanken.
Alle von Ihnen, die heute von dieser Universität abgehen, sind Zeugen einer historischen Entscheidung für
das Engagement der Vereinigten Staaten an der Zukunft
Europas. Ich bin überzeugt, daß unsere Arbeit am
Schutz der Freiheit und dem Aufbau freier Gesellschaften unseren Frieden und Wohlstand gewährleisten wird.
Die Sicherheit Europas und der Welt ist in diesem
Jahrhundert sehr komplex geworden. Aber die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu Stabilität und
Frieden liegt klar auf der Hand. Ihre Motivation leitet
sich aus der Stärke unserer Vorväter ab - aus dem Blut
derjenigen, die für die Freiheit ihr Leben gelassen
haben - und zum Wohle aller, die in Frieden leben
wollen.
Jede Stimme, die Verpflichtung jedes einzelnen zu
Freiheit, ist von unschätzbarem Wert. Ich möchte
Ihnen hier die Geschichte von einem Mann erzählen,
der versucht, seinen Sohn davon zu überzeugen, daß
im Kampf für Freiheit jede Stimme zählt.
Sie standen in einem Tal und sahen, wie der Schnee
auf einen entfernten Berg fiel.
"Wieviel wiegt eine Schneeflocke?", fragte der Mann.
"Praktisch nichts", antwortete der Junge.
In dem sie umgebenden Schneetreiben sahen sie, wie
sich oben am Berg eine Lawine löste und donnernd zu
Tal stürzte. "Weißt du, welche Schneeflocke das
verursacht hat?", fragte der alte Mann. "Nein", antwortete der Junge.
"Vielleicht macht eine einzige Stimme im Kampf für
Freiheit einen ebenso himmelweiten Unterschied wie
die letzte Schneeflocke, die einen Berg erschüttert",
sagte der Mann.

AMERIKA DIENST 18

�Die Aufgabe der Vereinigten Staaten in Europa kann
ebenso wie Millionen für Freiheit getroffene Einzelentscheidungen einen himmelweiten Unterschied machen. Der Ruf nach Freiheit - in Osteuropa, Südafrika,

AMERIKA DIENST 18

auf diesem Kontinent - wurde mit der Revolution von
1989 auf der ganzen Welt vernommen. Stimmen Sie
heute, in diesem neuen Zeitalter der Freiheit, in diesen
donnernden Chor ein.

Seite 5

�US-AUSSENPOLITIK
9. Mal 1990

USA UNTERSTÜTZEN SELBSTBESTIMMUNGSRECHT
FÜR LITAUEN
Rede von Außenminister Baker im Senat
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge beziehen die Vereinigten Staaten "eine eindeutige und
unerschütterliche Position im Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht des litauischen Volkes".
In einer Rede im Senat verwies Baker am 1. Mai 1990 darauf, daß die von den Vereinigten Staaten verfolgte
Politik zu Freiheit und Demokratie für die Bevölkerung der DDR und Ungarns sowie zum Abzug sowjetischer
Truppen aus diesen Ländern geführt hat.
Auf die Frage, ob die Vereinigten Staaten der Sowjetunion Meistbegünstigungsstatus einräumen würden, ohne
daß der Oberste Sowjet ein neues Gesetz über die Aufhebung der Auswanderungsrestriktionen verabschiedet,
erklärte Baker, "die Antwort lautet nein", und fügte hinzu, "wenn die Sowjetunion Fortschritte bei Reformen,
Demokratisierung, Freiheit und freier Marktwirtschaft machen soll, müssen wir sie weiterhin mit praktischer
Wirtschaftshilfe unterstützen. Wenn wir Fortschritte der Sowjetunion in diese Richtung befürworten, sollten wir
Schritte bezüglich der anderen von Präsident Bush in Malta erwähnten Maßnahmen in die Wege leiten, und
natürlich ist der Meistbegünstigungsstatus eine dieser Maßnahmen", fügte er hinzu.
Außenminister Baker verwies darauf, daß er Ende der Woche am ersten Zwei-plus-Vier-Treffen zur Vereinigung
der beiden deutschen Staaten teilnehmen wird. "Dabei kommt den Sowjets eine führende Rolle zu und sie haben
ein Mitspracherecht bei der Handhabung der äußeren Aspekte.",
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Mitglieder des Unterausschusses,
ich begrüße diese Gelegenheit zu einer Bilanz der
außenpolitischen Prioritäten der Bush-Administration
und unserer Etatanforderungen für Auslandshilfe im
Haushaltsjahr 1991.
Als ich im vergangenen Jahr diesem Unterausschuß
Rede und Antwort stand, verwies ich darauf, daß
unsere beste Richtlinie in der sich rasch wandelnden
Welt von heute in grundlegenden amerikanischen
Prinzipien zu finden sei: Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, Achtung der menschlichen Würde und
Fairneß. Im vergangenen Jahr wurden diese Werte
und die Notwendigkeit einer amerikanischen Führungsrolle deutlich unter Beweis gestellt. Und ich möchte
meine Worte von damals wiederholen - es besteht eine
ebensolche Notwendigkeit für Überparteilichkeit.
Präsident Bush und ich waren über die produktive
Zusammenarbeit mit Ihnen, Herr Vorsitzender, den
Mitgliedern dieses Unterausschusses und anderen

AMERIKA DIENST 18

Kongreßabgeordneten sehr erfreut, der wir bei der
Bewältigung der vor uns liegenden Tagesordnung
gleichermaßen entgegensehen.
Bevor ich die Punkte des Haushalts im einzelnen
darlege, möchte ich zunächst unsere jüngsten Bestrebungen in drei Bereichen erörtern, die für diesen
Unterausschuß von besonderem Interesse sind: Mittelamerika, Osteuropa und Drogenbekämpfung.
Mittelamerika
Noch vor einem Jahr hätte sich kaum jemand träumen
lassen, daß Violeta Chamorro als demokratisch gewählte Präsidentin von Nicaragua vereidigt werden
würde. Kaum jemand hätte angenommen, daß die
gnadenlose Diktatur von General Noriega gestürzt und
trotz seiner Einwände die demokratisch gewählte
Regierung von Präsident Endara ins Amt eingeführt
werden konnte.
Die traditioneilen Lehren über Mittelamerika haben
sich als falsch erwiesen. Daher bietet sich uns heute

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�eine historische Chance, dazu beizutragen, das Ziel
des mittelamerikanischen Friedensprozesses zu konsolidieren: Frieden und Freiheit für die gesamte Region.
Um diese Errungenschaften zu verankern, benötigen
wir Ihre - unverzügliche, großzügige und wirksame Reaktion auf das dem Senat vorliegende zusätzliche
Hilfspaket in Höhe von 800 Millionen Dollar. Die
Bevölkerung von Panama und Nicaragua erwartet von
diesen Mitteln einen reibungsloseren Übergang zu
einer demokratischen Regierung und die Behebung
der verheerenden Auswirkungen von jahrzehntelangem wirtschaftlichem Mißmanagement. Wir sehen in
diesen Mitteln die unabdingbare Versicherung gegen
erneute Diktatur auf diesem Kontinent. Es steht außer
Frage, daß sich dem mittelamerikanischen Volk eine
einmalige Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit den
Vereinigten Staaten und anderen Ländern des Westens bietet, um ein demokratisches Regierungssystem gesetzlich zu verankern und Wirtschaftswachstum durch freien Handel und offene Märkte zu fördern.
Präsident Bush und ich zählen auf Ihre überparteiliche
Unterstützung dieses Hilfspakets.
Die kürzlich abgehaltenen Wahlen in Nicaragua machen die Einbeziehung von El Salvador in den Friedensprozeß zu einem noch zentraleren Anliegen für
die Zukunft der Region. Wir unterstützen den Friedensprozeß in Mittelamerika und den Ruf der mittelamerikanischen Präsidenten nach Einstellung der FMLNAngriffe auf unschuldige Bürger sowie die Aufnahme
von Verhandlungen mit der demokratisch gewählten
Regierung von Präsident Cristiani unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen uneingeschränkt.
Wir fühlen uns durch den im vergangenen Monat in
Genf angekündigten Dialog zwischen der salvadorianischen Regierung und der FMLN ermutigt und hoffen,
beide Seiten erfüllen ihre Verpflichtung zur Aufnahme
offizieller Verhandlungen. In diesem Jahr muß der
Krieg in El Salvador beendet werden. Die Aussichten
sind heute vielversprechender denn je. Ich sehe der
Zusammenarbeit mit beiden Häusern des Kongresses
in den kommenden Wochen bei unserer Zielsetzung
erwartungsvoll entgegen, Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine politische Lösung des
schwelenden Konflikts zu verwirklichen.
Mittel- und Osteuropa
Die jüngsten Ereignisse in Mittel- und Osteuropa belegen, daß wir uns in der Tat am Wendepunkt zu einer
neuen Welt der Demokratie befinden. In Prag habe ich
vor drei Monaten festgestellt, daß die historische
demokratische Bewegung, deren Zeuge wir in ganz
Europa werden, eine einmalige Chance bietet. Die
anfänglichen Impulse für Demokratie könnten sich
jedoch als unzulänglich erweisen. Wenn 1989 das
Jahr des Umbruchs war, so muß 1990 zum Jahr des
Neubeginns werden.

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Eine der schwierigsten Herausforderungen, mit der
sich die Übergangsregierungen in Osteuropa konfrontiert sehen, ist die Notwendigkeit, faire und freie Wahlen
vorzubereiten und durchzuführen, mit denen ein Parlament - mit Raum für Opposition - geschaffen wird. In
Prag habe ich ferner die Notwendigkeit für die neuen
Demokratien hervorgehoben, Rechtsstaatlichkeit,
grundlegende Rechte und Freiheiten des einzelnen
und die Rechte der Minderheiten zu wahren.
In den vergangenen zwei Monaten wurden in der DDR,
Ungarn und der jugoslawischen Republik Slowenien
freie und faire Wahlen abgehalten. In der DDR wurde
eine nichtkommunistische Koalitionsregierung gebildet, und in Ungarn erwartet man im Anschluß an die
beiden Runden von Stimmabgaben für Parlamentssitze eine nichtkommunistische Koalitionsregierung. Im
Verlauf der nächsten zwei Monate sind in Rumänien,
der Tschechoslowakei und Bulgarien Parlamentswahlen mit mehreren Parteien geplant. Am 27. Mai werden
in Polen Kommunalwahlen für rund 50 000 Positionen
abgehalten. Wahlbeobachter aus den Vereinigten
Staaten und anderen KSZE-Teilnehmerstaaten werden die Stimmabgabe in den jeweiligen Ländern verfolgen und für den korrekten Ablauf des Wahlverfahrens
bürgen.
Die Regierungen in Osteuropa, die alle tiefgreifende
Reformen durchführen, stellen ihre Absicht zu Fortschritten in Richtung auf demokratische Regierungen
und Markt- statt Planwirtschaften deutlich unter Beweis. Dieser Proze ß ist noch weit davon entfernt, stabil
zu sein, und Fortschritte im politischen Bereich müssen durch Fortschritte in der Wirtschaft konsolidiert
werden. Damit Demokratie in Osteuropa Erfolge zeitigen kann, muß sie die Hoffnung auf ein besseres
Leben für die Völker dieser Region bergen. Wirtschaftliche Lebensfähigkeit ist in diesen aufkeimenden
Demokratien für die Aufrechterhaltung langfristiger
Stabilität in Europa unabdingbar. Wir stehen gerne mit
Rat und Tat bei politischen Maßnahmen und deren
Durchführung zur Seite.
Die jüngsten Anzeichen für die Verabschiedung marktorientierter Wirtschaftsreformen in Osteuropa sind
vielversprechend. Die von der Solidarität geführte
Regierung in Polen hat trotz der erforderlichen Opfer
erfolgreich ein umfassendes Wirtschaftsprogramm in
die Wege geleitet, das sich in der Öffentlichkeit breiter
Unterstützung erfreut. Dieses Programm stellt einen
drastischen Versuch dar, die hohe Inflation einzudämmen, das Haushaltsdefizit abzubauen, Subventionen
zu kürzen, Staatsbetriebe wettbewerbsfähig zu machen, eine konvertible Währung einzuführen, die
Handels- und Investitionsrestriktionen zu lockern sowie
ein soziales Netz einzuführen - und das alles in relativ
kurzer Zeit.
In Ungarn steht die vom Ungarischen Demokratischen
Forum gebildete Koalitionsregierung vor der Herausforderung, das von der Übergangsregierung unter

AMERIKA DIENST 18

�Ministerpräs.dent Nemeth entworfene Wirtschaftsreformprogramm durchzuführen und voranzutreiben.
Unter anderem sieht das Programm drastische Haushaltskürzungen durch Abbau von Subventionen für
Produzenten und Konsumenten, Reduzierung der
Verteidigungsausgaben und Erhöhung von Mieten und
Steuern vor.
Während meines Besuchs in Prag im Februar konnte
ich Fortschritte zu Demokratie und Wirtschaftsreformen in der Tschechoslowakei beobachten. Die von
Vaclav Havel geführte "Regierung des Verstehens"
hat ein ehrgeiziges Programm politischer und wirtschaftlicher Reformen angekündigt, um günstige
Bedingungen für die am 8. Juni anberaumten Wahlen
zu schaffen. Präsident Havel hat persönlich eine
Schlüsselrolle bei der Förderung von Dialog und Konsultationen zwischen Ost- und Mitteleuropäern zu einer
Reihe von Themen übernommen, die für die aufstrebenden Demokratien von Belang sind.
Wir beabsichtigen, diese aufstrebenden Demokratien
in folgender Weise zu unterstützen:

und Kapitalflucht vermeidet. Erfolgreiche Wirtschaftsreformen müssen die Beteiligung von ausländischen
Privatinvestitionen und einen konkurrenzfähigen heimischen Privatsektor umfassen, damit die durch Integration in die Weltwirtschaft gebotenen Vorteile zum
Tragen kommen.
Es steht außer Frage, daß die Vereinigten Staaten bei
der Erfüllung der Versprechungen dieses neuen Zeitalters eine Führungsrolle übernehmen müssen. Sicherheitspolitische und wirtschaftliche Herausforderungen müssen überwunden und neue Zusammenschlüsse in Erwägung gezogen werden. Die Botschaft, die ich bei meinem letzten Besuch vermittelt
habe, war die Botschaft, die alle vernehmen wollten:
Auf dem Weg zur Demokratie und bei der Bewältigung
dieser Herausforderungen sind Sie nicht allein - das
amerikanische Volk steht Ihnen zur Seite. Unser
Engagement erstreckt sich nicht nur auf den Beginn
der Reise, sondern bis zu dem Punkt, an dem wir
gemeinsam eine neue Welt des Friedens und der
Freiheit hervorbringen werden.
Drogen bekämpf u ng

Erstens sind wir bereit, ein auf die Bedürfnisse ausgerichtetes kurzfristiges Nothilfeprogramm bereitzustellen. Wir werden da sein, um jeden Sturz aufzufangen.
Aber so, daß die Wiederbelebung von national gewachsenen Lösungen nicht gefährdet ist. Wir haben
solche Hilfsleistungen bereits in Form von Nahrungsmittelhilfe an Polen und Rumänien zur Verfügung
gestellt, wo die ersten freien Wahlen für den 20. Mai
anberaumt sind.
Zweitens sind wir bereit, diesen Ländern beim Übergang von stalinistischen Planwirtschaften zu von Privatunternehmen getragenen Marktwirtschaften zu
helfen. Wir müssen uns vor Augen führen, daß die
Länder Osteuropas in diesem Bereich Neuland betreten. Aus diesem Grund ist technische und finanzielle
Hilfe erforderlich.
Drittens müssen wir diese neuen Marktwirtschaften in
das internationale Wirtschaftssystem integrieren. Auch
sie selbst brennen angesichts der Erkenntnis, daß
Disziplin ebensosehr erforderlich sein wird wie durch
regionale und globale Finanz- und Wirtschaftsinstitutionen gebotene Chancen darauf, ihre wirtschaftliche
Isolation zu beenden. Wir im Westen müssen mit
diesen Ländern zusammenarbeiten, damit sie multilateralen Wirtschaftsinstitutionen wie IWF, Weltbank
und GATT beitreten können, sobald sie in der Lage
sind, die Mitgliedsbedingungen zu erfüllen. Darüber
hinaus müssen wir sowohl auf bilateraler Ebene als
auch im GATT den Abbau von Handelshemmnissen
anstreben.
Ebenso wie im Fall der Sowjetunion liegt die Hauptverantwortung jedoch in den Händen der Osteuropäer
selbst - ein rechtliches und wirtschaftliches Umfeld zu
schaffen, das Privatinvestitionen und Ersparnisse anzieht

AMERIKA DIENST 18

Der internationale Drogenhandel stellt eine Bedrohung
unserer nationalen Sicherheit dar, und aus diesem
Grund haben Präsident Bush und ich das Drogenproblem zur ersten Priorität unserer Außenpolitik erklärt.
Letzten Endes raubt der internationale Drogenhandel
nicht nur dem einzelnen Verbraucher, sondern der
gesamten Nation die Freiheit. Die Drogenbarone und
Schieber greifen das zentrale Nervensystem und die
lebenswichtigen Organe der Regierung an: die Justizverwaltung, die Integrität der Regierung und das Recht
auf freie Meinungsäußerung. Das ist es, was in
Panama unter Noriega geschah und was die Drogenbarone in Kolumbien beabsichtigen.
Unsere Administration hat eine ehrgeizige, umfassende Strategie zur Bekämpfung des Kokainproblems
verabschiedet, von dem unser Kontinent bedroht ist.
Sie zielt auf eine Erweiterung der aktuellen internationalen Bestrebungen zur Unterstützung der Regierungen der Andenstaaten bei ihrem Kampf gegen Kokaanbau und -handel ab.
In diesem Bereich sind entscheidende Fortschritte
erzielt worden. Beim Gipfeltreffen von Cartagena sind
wir gemeinsam mit den Andenstaaten im Kampf gegen
Drogen ein gutes Stück vorangekommen. Herstellerund Verbraucherländer schieben sich nicht länger
gegenseitig die Schuld zu bei der Frage, wer für das
Drogenproblem verantwortlich ist. Wir haben uns bei
der Befreiung unseres Kontinents von dieser Bedrohung zusammengeschlossen. In Cartagena haben
sich die Konferenzteilnehmer verpflichtet, die Händler
von Drogen und Tod auf allen Ebenen anzugreifen - bei
Produktion, Verteilung, Finanzierung und Konsum.
Präsident Bushs Verpflichtung zur Reduzierung der
Drogennachfrage in den Vereinigten Staaten ist uner-

Seite 3

�schütterlich. Alle Teilnehmer der Gipfelkonferenz und
auch wir sind entschlossen, der Drogenindustrie das
Rückgrat zu brechen und die illegalen Drogenkartelle
aus dem Geschäft zu vertreiben.
Mit der Teilnahme an der Drogenkonferenz in Cartagena hat Präsident Bush die felsenfeste Entschlossenheit unseres Landes zur Drogenbekämpfung unter
Beweis gestellt. Diese Verpflichtung gilt, solange der
Kampf dauert. Wir haben unsere Partner unserer
Unterstützung bei der Drogenbekämpfung versichert.
Heute haben wir laut Präsident Bush das erste Drogenbekämpfungskartell. Mit der Verabschiedung der
Erklärung von Cartagena haben wir eine einheitliche
Strategie formuliert, die unseren gemeinsamen Angriff
auf alle Facetten des Drogenproblems koordiniert.
In Cartagena haben wir gemeinsam die Notwendigkeit
für Entwicklung, Handel und Investitionen zur Verbesserung von wachstumsorientierten wirtschaftspolitischen Maßnahmen bekräftigt, um die immensen Kosten
für Drogenbekämpfungsprogramme und den Aufbau
alternativer Industriezweige zu kompensieren. Wir
haben uns auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt,
um das Bewußtsein der Öffentlichkeit für die Beeinträchtigungen zu schärfen, die Drogenproduktion, handel und -mißbrauch für unsere Länder mit sich
bringen. Wir kamen überein, zur Stärkung der legitimen Volkswirtschaften der Andenstaaten Wirtschaftshilfe bereitzustellen. Und wir haben uns auf die Verbesserung der Polizeibehörden unserer Länder geeinigt, damit die Drogenhändler ihrer gerechten Strafe
nicht entgehen.
Präsident Bush hat seinen Amtskollegen aus den
Andenstaaten versichert, dieses Thema beim Gipfeltreffen der G-7 in Houston und bei anderen Industrienationen zur Sprache zu bringen. Die Vereinigten
Staaten arbeiten an der Verbesserung und Intensivierung von Konsultationen zur Drogenthematik und
Kooperation mit anderen Industrienationen, um die
internationale Unterstützung der Drogenbekämpfungsmaßnahmen von Herstellerländern zu verstärken.
Litauen
Herr Vorsitzender, bevor ich mich der Erörterung der
Haushaltsvorlage zuwende, möchte ich zunächst einige Bemerkungen zur Lage in Litauen machen.
Erstens haben Präsident Bush und ich wiederholt sowohl öffentlich als auch unter vier Augen - erklärt,
daß dem litauischen Volk seine Rechte nicht verweigert werden dürfen. Wir unterstützen das Streben des
litauischen Volkes nach Freiheit und Selbstbestimmung, und wir haben die erzwungene Eingliederung
von Litauen, Lettland und Estland nie formell anerkannt. Der Oberste Sowjet selbst hat den MolotowRibbentrop-Pakt von 1939 und seine geheimen Zusatzprotokolle als unrechtmäßig bezeichnet, womit die
Eingliederung de facto illegal ist.

Seite 4

Unsere Position ist eindeutig, und Präsident Gorbatschow und die übrige sowjetische Führung wissen,
was für ein großes Anliegen es für uns ist, daß die
Bestrebungen des litauischen Volkes verwirklicht
werden.
Zweitens sind wir über die Eskalation der Spannungen
zwischen den beiden Seiten zutiefst besorgt. Wie
Präsident Bush letzte Woche bekräftigt hat, ermutigen
wir sowohl die Sowjets als auch die Litauer, zum
jetzigen Zeitpunkt den Dialog voranzubringen. In der
vergangenen Woche haben beide Seiten in der Presse
verschiedene Möglichkeiten für einen Kompromiß
erörtert. Wir hoffen, daß beide Seiten jetzt die Gespräche aufnehmen können. Aus unserer Sicht birgt dies
das größte Potential für die Freiheit, die wir für die
Litauer anstreben. Wie Präsident Bush ebenfalls
eindeutig klargestellt hat, engagieren wir uns mit stiller
Diplomatie für die Förderung eines solchen Dialogs der einzig richtigen Antwort zur wirksamen Lösung
dieses Konflikts.
Da beide Seiten nun beginnen, von Kompromiß zu
reden, möchten wir drittens ihre Bemühungen um
einen Dialog durch keinerlei Komplikationen gefährdet
sehen. Zwischenzeitlich hat Präsident Bush erklärt,
falls die Vereinigten Staaten handeln würden, dann in
der Wirtschaft.
Schließlich sind wir weiterhin davon überzeugt, daß
Perestrojka, Glasnost und Demokratisierung die größten Hoffnungen für eine langfristige und dauerhafte
Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen bergen. Perestrojka, Glasnost und insbesondere Demokratisierung sind jedoch untrennbar. Der
Reformprozeß wird nicht vorankommen und Erfolg
haben, wenn er in einigen Republiken verwirklicht und
in anderen nicht durchgeführt wird. Und er wird
scheitern, wenn Dialog unmöglich wird.
Die Notwendigkeit der amerikanischen Führungsrolle
In den vergangenen Monaten konnten große Fortschritte in der Außenpolitik des Präsidenten verzeichnet werden. Zu den herausragendsten Leistungen
zählen: Ein ungeteiltes und freies Europa, in dem wir
in Frieden und Sicherheit leben können, ist tatsächlich
in greifbare Nähe gerückt. Die schwierige Aufgabe,
Demokratie in Mittelamerika und Osteuropa aufzubauen, hat begonnen, wobei Nicaragua mit den besonders
vielversprechenden Wahlen Wegbereiter war. Und in
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten erzielen
wir auch im Kampf gegen Drogen Fortschritte.
Dies sind die positiven, die sehr ermutigenden Seiten.
Ich würde jedoch meine Pflichten vernachlässigen,
lie ße ich die negativen Seiten au ßer acht. Nach vierzig
Jahren Kommunismus sehen sich die neu entstehenden oder wiedergeborenen Demokratien in Europa mit
äu ßerst schwierigen Aufgaben konfrontiert. Die Verei-

AMERIKA DIENST 18

�nigung Deufechlands wird zwangsläufig Geduld, Standfestigkeit, Kreativität und den guten Willen erfordern,
nicht nur den kalten Krieg, sondern auch die an Konflikten reiche Geschichte, die ihm vorausging, zu überwinden. Und natürlich ist der Krieg gegen Drogen noch
lange nicht gewonnen.
Ein umsichtiges Engagement amerikanischer Ressourcen wird unerläßlich sein, um die bevorstehenden
vielversprechenden Veränderungen zu katalysieren.
In meiner Erklärung vor dem Auswärtigen Ausschuß
des Senats habe ich dieses Jahr bereits die fünf
Herausforderungen benannt, mit denen die Vereinigten Staaten in den neunziger Jahren konfrontiert sein
werden: Konsolidierung der Demokratie, Ausbau der
freien Märkte, Hilfe für die Kräfte des Friedens, Schutz
der Welt vor transnationalen Gefahren und Erneuerung unserer Bündnisse. Die effektive Bewältigung
dieser Herausforderungen wird darüber entscheiden,
ob wir bei der Förderung grundlegender amerikanischer Werte und Interessen in der Welt Erfolg haben
oder nicht. Diese Fragen betreffen nicht nur Washington oder politische Insider. Sie haben Auswirkungen
auf die Lebensqualität aller Amerikaner.
Ich bitte um Ihre überparteiliche Unterstützung für die
amerikanische Führung, um die Veränderungen so zu
gestalten, daß unsere grundlegenden Werte und Interessen geschützt werden. Darüber hinaus bitte ich Sie
als Mitglieder des Bewilligungsausschusses darum,
uns das Mindestniveau an Mitteln zu gewähren, um die
Effektivität dieser Führungsrolle zu gewährleisten.
Übersicht über unseren Haushaltsansatz
Auswärtige Angelegenheiten und die nationale Verteidigung zusammen bilden das Rückgrat unserer nationalen Sicherheit. Der Haushalt des Präsidenten umreißt eine Szenerie, in deren Rahmen - vorausgesetzt,
die gegenwärtigen weltweiten Trends halten an - unsere
grundlegenden Sicherheitsbedürfnisse im Kontext eines
stufenweisen Abbaus unserer Ausgaben für die nationale Verteidigung gewährleistet werden können. In
diesem dynamischen weltweiten Umfeld müssen wir
jedoch weiterhin vernünftige Investitionen in ausgewählte auswärtige Initiativen vornehmen, um sicherzustellen, daß unsere Interessen und Werte bis ins
nächste Jahrzehnt geschützt werden.
Wir betrachten die Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten deshalb nicht als Ersatz für Verteidigung,
sondern als Ergänzung, mit der die positiven Entwicklungen in der Welt gestärkt werden, die zu einem
weiteren Abbau der Verteidigungsausgaben führen
können. Wir schlagen nicht vor, die "Friedensdividende" auszugeben, bevor sie ausgezahlt wird. Stattdessen streben wir danach, eine Welt verringerter Spannungen zu gestalten, in der mit der Zeit unsere Sicherheit zu geringeren Kosten gewährleistet werden kann.
Angesichts der angespannten Haushaltslage beantragt die Administration deshalb 21 Milliarden Dollar an
AMERIKA DIENST 18

frei verfügbaren Mitteln für den Haushalt für internationale Angelegenheiten im Haushaltsjahr 1991. Dies
bedeutet einen Anstieg um 1,9 Milliarden Dollar oder
9,2 Prozent im Vergleich zu dem beim Haushaltsgipfel
des vergangenen Jahres vereinbarten Haushalt für
1990. Die Ausgaben für das Haushaltsjahr 1991
werden auf 18,3 Milliarden Dollar - gegenüber 14,6
Milliarden Dollar im vergangenen Jahr - geschätzt,
eine Zahl, die jedoch durch besondere Einnahmen
künstlich verringert wurde.
Herr Vorsitzender, wir bitten diesen Unterausschuß
um die Bewilligung von 14,8 Milliarden Dollar an frei
verfügbaren Haushaltsmitteln für Auslandshilfe.
Gegenüber dem Ansatz für 1990 bedeutet dies einen
Anstieg um 7,1 Prozent.
Angesichts des für uns auf dem Spiel stehenden
Einsatzes oder der Führungsposition, die das amerikanische Volk von uns auf der Weltbühne erwartet,
sind dies keine großen Summen. Tatsächlich beträgt
der gesamte von uns für auswärtige Angelegenheiten
beantragte Haushalt weniger als 2 Prozent des gesamten Bundeshaushalts. Er repräsentiert einen Anteil
von lediglich 0,4 Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Und sowohl nominell als auch real liegen unsere
Ansätze heute wesentlich unter denen der Jahre 198587.
In der bilateralen und multilateralen Diplomatie übertraf die Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die weltpolitische Szenerie zu gestalten und beeinflussen, in den
meisten Fällen bei weitem unsere relativ bescheidenen Haushaltsbeiträge.
Der Gegenwert für unsere bescheidenen außenpolitischen Ausgaben in der Nachkriegszeit war beeindrukkend - vierzig Jahre Frieden und Wirtschaftswachstum
und - besonders vielversprechend - die neue Welle der
Demokratie, die sich am Horizont abzeichnet. Wir
sollten unsere Ausgaben nicht beschneiden, wenn
unsere seit langem bestehenden Engagements sich
gerade auszuzahlen beginnen.
Unser Haushaltsantrag für die Auslandshilfe im Jahr
1991 läßt sich in zwei Teile untergliedern:
Teil eins besteht aus fünf Finanzierungsinitiativen, um
auf einige der dringendsten Erfordernisse in der Welt
zu reagieren.
Teil zwei sind unsere grundlegenden Auslandshilfeprogramme, die zur Bewahrung der Fortschritte unerläßlich sind, die gegenwärtig mit dem Aufschwung von
Demokratie und freien Märkten in der ganzen Welt
Früchte tragen.
Finanzierungsinitiativen
Wir schlagen für die Haushaltsjahre 1990 und 1991
fünf neue Finanzierungsinitiativen vor, einschließlich
des dem Senat vorliegenden Ergänzungshaushalts

Seite 5

�1990 für Panama, Nicaragua und Flüchtlingshilfe. Sie
alle sind integraler Bestandteil unserer Fähigkeit,
amerikanische Werte und Interessen bis ins nächste
Jahrzehnt zu schützen.
Erstens beantragen wir zur Unterstützung der in Osteuropa stattfindenden dramatischen Veränderungen
300 Millionen Dollar, mit denen demokratische Institutionen und Umweltinitiativen gefördert, Ausbildungsund technische Hilfe geleistet sowie wirtschaftliche
Unterstützung für die Übergangsperiode bereitgestellt
werden sollen.
Unsere gesamte Unterstützung wäre davon abhängig,
ob der Präsident zu dem Schluß kommt, daß ein
betimmtes Empfängerland positive Schritte in Richtung auf politischen Pluralismus, Wirtschaftsreformen
und Achtung der Menschenrechte unternimmt und
darüber hinaus Bereitschaft zeigt, freundschaftliche
Beziehungen mit den Vereinigten Staaten aufzubauen. Am 7. Februar haben wir dem Kongreß einen
Gesetzentwurf zugeleitet, um diesen Bedingungen
zufolge Hilfe für Osteuropa und Jugoslawien zu leisten.
Wir stellen uns die Verwendung dieser Mittel folgendermaßen vor:
Unterstützung demokratischer Institutionen würde auch
Weiterbildungsmaßnahmen für neugewählte Abgeordnete, Unterstützung unabhängiger Medien und
Förderung rechtsstaatlicher Verhältnisse in der Region beinhalten.
Ausbildungs- und technische Hilfe würde Aus- und
Fortbildung in den Bereichen Finanzdienstleistungen,
Unternehmensführung und Marketing, Landwirtschaft
und landwirtschaftliche Betriebsführung sowie Überwachung und Eindämmung der Umweltverschmutzung umfassen.
Wirtschaftshilfe in der Übergangsperiode würde diejenigen Länder unterstützen, die sich im schwierigen
Übergang zu marktorientierten Volkswirtschaften mit
einem aktiven Privatsektor befinden. Dazu würde die
finanzielle Unterstützung glaubwürdiger Stabilisierungsund struktureller Anpassungsprogramme gehören.
Zusätzliche Unterstützung für diesen Prozeß soll über
das amerikanische Engagement für die Europäische
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE)
gewährt werden. Die Vereinigten Staaten haben im
Grundsatz beschlossen, sich daran zu beteiligen. Die
Administration wird dem Kongreß eine Gesetzesvorlage zuleiten, um die Beteiligung an der EBWE zu regeln.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß die Vereinigten
Staaten bei diesem Vorhaben nicht alleine stehen. Auf
Initiative von Präsident Bush hat der Pariser Gipfel die
Europäische Gemeinschaft aufgefordert, die westliche Förderung politischer und wirtschaftlicher Reformen in Polen und Ungarn zu koordinieren. Der G-24-

Seite 6

Mechanismus, der sich daraus ergeben hat, erwies
sich als äußerst effektiv. Insgesamt haben die G-24Länder - alle Mitglieder der OECD - über 14 Milliarden
Dollar an Fördermitteln, Krediten, Kreditbürgschaften,
Nahrungsmittelhilfe und technische Hilfe für Polen und
Ungarn zugesagt. Daneben haben die G-24-Mitgliedstaaten, einschließlich der Vereinigten Staaten und
der EG, den Zugang Polens und Ungarns zu westlichen Märkten verbessert. Die Vereinigten Staaten
möchten, daß die G-24 noch mehr tut. Wir werden mit
der G-24 zusammenarbeiten, um die Koordinierung
zwischen den Geberländern auszubauen. So hat sich
die EG zum Beispiel mit uns zusammengeschlossen,
um das Regionale Entwicklungszentrum in Budapest
zu unterstützen.
Wir erwarten, auch in Zukunft bei anderen gemeinsamen Projekten mit der EG zusammenzuarbeiten.
Zweitens beantragen wir 800 Millionen Dollar als Ergänzung zum Haushalt 1990, um den wirtschaftlichen
Wiederaufbau Panamas und Nicaraguas zu unterstützen. Wir hoffen, daß der Senat unseren Antrag
möglichst schnell behandelt. Wie ich bereits sagte,
tragen die Vereinigten Staaten die historische Verantwortung, auf die wichtigsten Erfordernisse dieser mittelamerikanischen Demokratien zu reagieren.
Panama wird eine ergänzende einmalige Finanzhilfe
benötigen, um die finanzielle Stabilität wiederherzustellen und die Wiederbelebung des Privatsektors zu
unterstützen, der traditionell einen starken und wichtigen Beitrag zum Wachstum leistet. Unsere Mittel zur
Unterstützung der Wirtschaft werden eingesetzt, um
Panama zu helfen, nach mehreren Jahren der Mißwirtschaft unter Noriega seinen wirtschaftlichen Elan
wiederzugewinnen. Zusammen mit unseren Freunden, einschließlich der Japaner, organisieren wir multilaterale Bemühungen, um Panama beizustehen, seine
Beziehungen zur internationalen Finanzwelt zu normalisieren. Die von uns für bilaterale Hilfe beantragten
500 Millionen Dollar würden für vier Hauptzwecke
eingesetzt: Wiederbelebung des Privatsektors, Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur, Erneuerung
des Zugangs Panamas zu den Weltfinanzmärkten
sowie Umstrukturierung des öffentlichen Sektors und
Stärkung der Demokratie.
In Nicaragua bilden die von uns beantragten 300
Millionen Dollar die erste Rate unseres Hilfspakets für
die neue Regierung Chamorro, das ihr helfen soll, die
nicaraguanische Wirtschaft nach einem Jahrzehnt der
Mißwirtschaft unter dem vergangenen Regime wiederzubeleben. Die Bedürfnisse Nicaraguas sind breitgefächert und lassen sich nicht alle mit Auslandshilfe
erfüllen. Trotzdem ist es erforderlich, Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit in Nicaragua mit rechtzeitig bereitgestellten Hilfsmitteln zu stärken. Unser Hilfspaket für
das Haushaltsjahr 1990 verfolgt drei grundsätzliche
Ziele: Wiederaufbau des Produktionssektors der nicaraguanischen Volkswirtschaft - hauptsächlich durch

AMERIKA DIENST 18

�Bereitstellun j wichtiger Importgüter für Landwirtschaft
und Industrie -, Beistand bei der Repatriierung von
Mitgliedern des Widerstands und Flüchtlingen sowie
erste Maßnahmen zur Bewältigung der tiefgreifenden
Probleme für Wirtschaftswachstum und Entwicklung
durch Infrastruktur, technische Hilfe und Programme
zur Verankerung der nicaraguanischen Demokratie.
Um unsere Partner in der ganzen Welt zur Beteiligung
an der Hilfe für diesen Prozeß der wirtschaftlichen
Erholung und Demokratisierung in Mittelamerika und
der Karibik zu ermutigen, untersuchen wir die Möglichkeit der Schaffung eines internationalen Mechanismus, vielleicht ähnlich dem für Osteuropa existierenden G-24-Prozeß.
Drittens beantragen wir 441 Millionen Dollar Militärund Wirtschaftshilfe sowie Mittel zur Bekämpfung des
Drogenhandels, um die Andenstaaten bei ihrem Kampf
gegen Anbau und Schmuggel von Drogen zu unterstützen. Diese Initiative ist eine zentrale Säule der
Anti-Drogenstrategie des Präsidenten. Sie widmet
sich einem Problem, das auf unserer Liste transnationaler Herausforderungen im nächsten Jahrzehnt ganz
oben steht. Als Folge des Gipfels von Cartagena
verlassen sich die politisch Verantwortlichen in den
Andenstaaten auf diese Mittel zur Unterstützung unseres gemeinsamen wirtschaftlichen, polizeilichen und
politischen Kampfs gegen den Drogenhandel.
Unsere Vorlage beinhaltet 137 Millionen Dollar militärische Finanzhilfe, um die Regierungen der Andenländer bei ihren Bemühungen zu stärken, wirksame militärische und Lufteinsatzfähigkeiten zu entwickeln, mit
denen Drogenhändler abgefangen werden können.
Die wirtschaftliche Komponente unseres Ansatzes 214 Millionen Dollar - wird unseren Freunden dabei
helfen, legale Alternativen für die Drogenindustrie zu
entwickeln und andere strukturelle Anpassungen vorzunehmen, die für dauerhaftes Wirtschaftswachstum
erforderlich sind.
Viertens bitten wir um Ihre Unterstützung bei der
Bewilligung von 268 Millionen Dollar, um ausstehende
amerikanische Zahlungen an die multilateralen Entwicklungsbanken zu leisten. Dies ist eine Komponente
der Initiative des Präsidenten zur Begleichung der
ausstehenden Beiträge an die Vereinten Nationen,
andere internationale Organisationen, multilaterale
Entwicklungsbanken und für UNO-Friedensmissionen.
Der Präsident ist überzeugt davon, daß eine ausgewogene Initiative zu den ausstehenden Beiträgen unerläßlich ist, um die führende Rolle der Vereinigten
Staaten in diesen multilateralen Organisationen zu
sichern. Wir erwarten, daß die Weltbank und die
regionalen Entwicklungsbanken im nächsten Jahrzehnt eine entscheidende Rolle bei der Mobilisierung
von Mitteln spielen, um wachstumsorientierte Anpassung in den Entwicklungsländern zu unterstützen. Zur
Wahrung ihrer Glaubwürdigkeit und ihres Einflusses

AMERIKA DIENST 18

bei diesen multilateralen Organisationen müssen die
Vereinigten Staaten ihren Verpflichtungen nachkommen.
Fünftens beantragen wir schließlich für den Ergänzungshaushalt 1990 70 Millionen Dollar für dringende
Erfordernisse in bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen. Ich hatte bereits im vergangenen Jahr angedeutet, daß wir eventuell unseren Haushaltsansatz
1990 für Flüchtlinge überarbeiten müßten und versprochen, mit Ihnen über diese Frage zu beraten.
Primär als Folge der liberalisierten sowjetischen Auswanderungspolitik werden wir dieses Jahr 27 000
Flüchtlingen mehr die Einwanderung gestatten als wir
in unserem ursprünglichen Ansatz angenommen hatten. Wir begrüßen die von diesem Unterausschuß in
der Flüchtlingsfrage zum Ausdruck gebrachte Unterstützung und hoffen, daß der ganze Senat unsere
Vorlage zügig bearbeiten wird.
Das Auslandshilfebudget
Die von mir bereits angeführten Finanzierungsinitiativen beziehen sich auf einige unserer dringendsten
Herausforderungen beim Eintritt in ein neues Jahrzehnt. Wir sollten jedoch nicht die Tatsache aus den
Augen verlieren, daß unsere grundlegenden Auslandshilfeprogramme - die unseren engsten Freunden und
Verbündeten und westlichen Institutionen wichtige Hilfe
zur Verfügung stellen - eine wichtige Rolle bei der
Sicherung eines stabilen globalen Umfelds gespielt
haben, das den Weg für jene dramatischen Veränderungen geebnet hat, auf die wir heute reagieren. Unsere
traditionellen bilateralen und institutionellen Beziehungen haben den Vereinigten Staaten und den Demokratien des Westens in den vergangenen vierzig Jahren
gute Dienste geleistet. Die von uns heute beantragten
relativ bescheidenen Investitionen in diese grundlegenden Programme sind auf die wichtigsten Anliegen
des nächsten Jahrzehnts zugeschnitten - Förderung
von Demokratie und freien Märkten, Unterstützung
von friedensbewahrenden Kräften, Schutz vor transnationalen Bedrohungen und Stärkung von Bündnissen. Ebenso wichtig sind sie für unsere Fähigkeit, zu
gewährleisten, daß amerikanische Werte und Interessen auch weiterhin erfolgreich in der Welt gefördert
werden.
Militärhilfe
Für das Haushaltsjahr 1991 beantragen wir insgesamt
8,7 Milliarden Dollar an frei verfügbaren Mitteln für
unsere Militärhilfeprogramme (FMF, ESF, IMET und
Friedensbewahrung). Dies bedeutet einen Zuwachs
um 6,8 Prozent gegenüber den vom Kongreß in jedem
der drei vergangenen Haushaltsjahre bewilligten 8,1
Milliarden Dollar. Unser Ansatz für das Haushaltsjahr
1991 liegt jedoch noch unter den in den Jahren 1985
bis 1987 bewilligten Summen.
Für unseren Posten Militärische Finanzhilfe (FMF)

Seite 7

�beantragen wir 5 Milliarden Dollar an Haushaltsmitteln
für unsere militärischen Zuschußprogramme. Im
Haushaltsjahr 1990 lag dieser Ansatz bei 4,8 Milliarden
Dollar. Für unsere kleine aber wichtige Internationale
Militärische Ausbildungshilfe (IMET) beläuft sich unser
Ansatz auf 50,5 Millionen Dollar gegenüber 47,2 Millionen Dollar im laufenden Jahr. Für den Wirtschaftshilfefonds (ESF) liegt unser Ansatz bei 3,5 Milliarden
Dollar gegenüber 3,1 Milliarden im laufenden Jahr. Bei
diesen Ansatzniveaus lassen sich nur besonders wichtige Programme durchführen.
Unsere Mittel für Militärhilfe bleiben zur Ergänzung
unserer diplomatischen Initiativen zur Friedensförderung in einigen Spannungsgebieten der Welt unerläßlich.
Unsere diplomatischen Initiativen waren nirgendwo so
intensiv wie bei unserem Engagement für eine Verhandlungslösung des arabisch-israelischen Konflikts. Im
vergangenen Jahr haben wir uns bemüht, einen Prozeß in Gang zu setzen, der die jahrzehntealte Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern durchbrechen und diese Bemühungen sodann in einen dauerhaften Frieden zwischen Israel und der gesamten
arabischen Welt umsetzen würde. Dabei haben wir
Ergebnisse erzielt. In enger Zusammenarbeit mit
Israel und Ägypten haben wir einen Rahmen für einen
israelisch-palästinensischen Dialog in Kairo geschaffen, innerhalb dessen über Wahlen für die Palästinenser im Westjordanland und im Gaza-Streifen gesprochen werden soll. Wahlen sind ein praktischer Schritt,
um einen Verhandlungsprozeß einzuleiten, der zu
einem umfassenden Frieden führen könnte - auf der
Grundlage der UNO-Resolutionen 242 und 333, der
Sicherheit für Israel und alle Staaten in der Region und
der Erfüllung der legitimen politischen Rechte des
palästinensischen Volkes. Wir warten nun auf die
Klärung der politischen Lage in Israel. Wir hoffen, daß
die neue israelische Regierung die notwendigen Entscheidungen treffen kann, um den Friedensprozeß
voranzutreiben. Wenn alle Parteien bereit sind, diesen
Prozeß in einer praktischen und unvoreingenommenen Weise in Angriff zu nehmen, können wir Fortschritte machen.
Um den friedenstiftenden Kräften bei der Ausweitung
und Stärkung ihrer lebenswichtigen und andauernden
Bemühungen zu helfen, beantragen wir wiederum 5,1
Milliarden Dollar an gemeinsamer Militärhilfe für die
beiden Friedenspartner im Nahen Osten. Das sind 59
Prozent unseres Gesamtansatzes für Militärhilfe. Mit
diesen Mitteln wird Erfordernissen der militärischen
Modernisierung Rechnung getragen und ein Beitrag
zu den Zielen der Wirtschaftsstabilität und Entwicklung
geleistet.
Die Vereinigten Staaten und Pakistan unterhalten seit
über vierzig Jahren enge bilaterale Beziehungen. Für
das Haushaltsjahr 1991 beantragen wir insgesamt 573
Millionen Dollar für bilaterale Hilfe, geringfügig weniger

Seite 8

als die im Jahr 1990 bewilligten 588 Millionen. Dieser
Ansatz spiegelt die anhaltende Bedeutung wider, die
wir dieser Beziehung und der Schlüsselrolle Pakistans
bei der Unterstützung des afghanischen Volkes in
seinem Kampf für Selbstbestimmung beimessen. Unser
Ansatz unterstützt die Rückkehr Pakistans zur Demokratie, ermutigt wirtschaftliche Entwicklung, trägt zur
militärischen Modernisierung bei und fördert die allgemeine regionale Stabilität.
Die NATO ist entscheidender Bestandteil unseres
Strebens nach Sicherung von Frieden und Demokratie
in Europa. Wie der Präsident kürzlich in Brüssel
erklärte, bedeutet das Ende des kalten Krieges nicht
die Auflösung des erfolgreichsten Bündnisses der
Neuzeit. Wir erwarten, daß die lebenswichtige militärische Mission der NATO von einer Reihe zusätzlicher
Maßnahmen ergänzt wird, die auf der Stärke des
Bündnisses beim Schutz westlicher Interessen aufbauen. Dazu gehören die Verringerung der konventionellen Streitkräfte, Verifizierung und Zusammenarbeit
gegen Bedrohungen der gemeinsamen Sicherheit, die
sich aus neuen tödlichen Technologien und schwelenden regionalen Konflikten ergeben.
Für unsere Verbündeten an der Südflanke der NATO
- Portugal, Griechenland und Türkei - beantragen wir
insgesamt 1,1 Milliarden Dollar an Militär- und Wirtschaftshilfe oder 13 Prozent unseres Gesamtansatzes
für Militärhilfe. Im Haushaltsjahr 1990 betrug diese
Summe 992 Millionen Dollar. Griechenland, die Türkei
und Portugal sind für den südlichen Abschnitt der
NATO unerläßlich. Wenn die NATO im Verlauf des
nächsten Jahrzehnts neue Missionen entwickelt, werden wir unsere Programme den sich wandelnden
Erfordernissen anpassen müssen.
Der Unterstützung von Streitkräften unserer Stationierungsländer wird weiterhin entscheidende Bedeutung
zukommen, weil wir damit unter anderem unseren
kontinuierlichen Zugang zu wichtigen Einrichtungen
sicherstellen, wie etwa dem Luftstützpunkt Lajes auf
den Azoren und militärischen und nachrichtendienstlichen Einrichtungen in Griechenland und der Türkei.
Zur Konsolidierung der Demokratie und Förderung der
wirtschaftlichen Entwicklung in Mittelamerika fordern
wir insgesamt 939 Millionen Dollar für die Demokratien
in Mittelamerika, darunter in einem Nachtragshaushalt
200 Millionen Dollar für Nicaragua. Dem stehen 655
Millionen Dollar aus dem regulären Bewilligungsprozeß des Haushaltsjahrs 1990 plus weitere 800 Millionen Dollar zusätzlicher Hilfe für Panama und Nicaragua gegenüber, die wir mit Ihrer Hilfe bereitstellen
wollen. Wie bereits in den vergangenen Jahren sind
über vier Fünftel unseres Antrags für Wirtschaftshilfe
bestimmt, um den Lebensstandard zu erhöhen, marktorientierte Wachstumsstrategien zu fördern und ein
Klima fürdie Verbreitung des Friedens in der Region zu
schaffen.

AMERIKA DIENST 18

�Bei den Demokratien Mittelamerikas könnte zum ersten Mal seit zehn Jahren das Pendel zugunsten einer
Wiederbelebung von Wirtschaftswachstum, politischer
Stabilität und Frieden in der Region ausschlagen. Die
Expansion der Demokratie im gesamten Isthmus, die
geringere militärische Bedrohung durch die Sandinisten und einhellige Unterstützung für eine marktorientierte Wirtschaftspolitik haben die Aussichten für Frieden und Wohlstand gesteigert. Damit verbessert sich
auch die Möglichkeit, daß unsere bilaterale Hilfe entsprechend auf politische Reformen in den Stationierungsländern abgestimmt - direkt zu einem wirtschaftlichen Wiederaufbau auf breiter Basis beitragen
kann.
Zur Stützung einer weiteren fragilen Demokratie - den
Philippinen - beantragen wir insgesamt 450 Millionen
Dollar bilaterale Hilfe, plus eine zweite Rate von 200
Millionen Dollar für die Multilaterale Förderinitiative
(Multilateral Assistance Initiative - MAI). Dem steht im
Haushaltsjahr 1990 bilaterale Hilfe im Umfang von 341
Millionen Dollar und von 160 Millionen Dollar für MAI
gegenüber. Präsidentin Aquino braucht unsere Hilfe,
um die erforderlichen wirtschaftlichen und militärischen Reformen durchzuführen, mit denen die Grundlagen für die Stabilität ihrer demokratischen Regierungen ausgebaut werden können. Darüber hinaus werden in Kürze Gespräche über die Erneuerung unseres
Stationierungsabkommen mit den Philippinen aufgenommen werden. Wir hoffen, daß wir Einigung über
die weitere Nutzung dieser wertvollen Einrichtungen
erzielen werden.
Die oben dargelegten wichtigen Interessen machen zusammen mit der Komponente Sicherheitshilfe im
Rahmen unserer Drogeninitiative- 94 Prozent unseres
Antrags für weltweite Sicherheitshilfe aus. Aufgrund
beschränkter Haushaltsmittel verfügen wir lediglich
über 511 Millionen Dollar, um wichtigen Sicherheitsinteressen unter anderem in Afrika, dem Nahen Osten,
der Karibik und Thailand Rechnung zu tragen.
Wir müssen uns gemeinsam der Aussicht stellen,
zumindest in den kommenden Jahren mit einer angespannten Haushaltslage in der Außenpolitik fertigwerden zu müssen. Wenn die Mittel knapp werden, sollten
wir uns auf Instrumente einigen, damit weniger augenfällige, aber doch sehr wichtige Sicherheitsinteressen
nicht aus dem Blickfeld geraten. Wir sollten zusammen Möglichkeiten eruieren, wie wir auf die sich verändernden Umstände flexibler reagieren können.
Wir möchten zusammenarbeiten, um die schwierigen
Entscheidungen zu vermeiden, zu denen die Regierung im Haushaltsjahr 1990 bei der Zuwendung der
Mittel für die Sicherheitshilfe gezwungen war. Im
Haushaltsjahr 1990 waren 82 Prozent unseres Wirtschaftshilfefonds (Economic Support Funds - ESF)
und 92 Prozent unserer Finanzierung des Verkaufs
von Rüstungsgütem ins Ausland (Foreign Military Sales
- FMS) an bestimmte Länder oder regionale ProgramAMERIKA DIENST 18

me gebunden. Da der Gesamtumfang der Mittel
daraufhin gekürzt wurde, konnten wir unseren außenpolitischen Erfordernissen insgesamt mit den restlichen Mitteln nicht gerecht werden, nachdem die zweckgebundenen Gelder vergeben waren.
Beim ESF blieben uns noch 570 Millionen Dollar nicht
zweckgebundene Mittel, die gestreckt werden mußten, um gerechtfertigten Erfordernissen im Umfang
von 950 Millionen Dollar Rechnung zu tragen. Beim
FMS standen uns noch 396 Millionen Dollar zur Verfügung, um den Bedarf von 659 Millionen Dollar abzudecken. Damit hatten wir von einem Dollar noch 60
Cents, um den Bedarf der nicht zweckgebundenden
Programme insgesamt abzudecken. Die schwierige
Wahl, wie die Defizite verteilt werden sollten, hat
konkrete außenpolitische Auswirkungen:
In Mittelamerika, wo die wirtschaftlichen Kosten
der regionalen Instabilität durch die Unsicherheit auf wichtigen Exportmärkten - insbesondere Kaffee - verschärft wurden, ist der Umfang
unserer Wirtschaftshilfe an die dortigen Demokratien im Vergleich zum Haushaltsjahr 1989
um fast 30 Prozent zurückgegangen.
Auf den Philippinen, wo die von Präsident Reagan
gegenüber der Regierung Aquino eingegangene Verpflichtung von 1988 erfüllt werden muß,
fehlen uns 96 Millionen Dollar und damit mehr
als ein Viertel des gesamten ESF/FMS-Bedarfs.
In der NATO, der entscheidende Bedeutung im
Hinblick auf die Sicherheitsgarantie eines vereinten Europas zukommt, konnten wir zwei
wichtigen Freunden nicht entgegenkommen.
Unsere ESF/FMS-Hilfe für Portugal sank um
fast 30 Prozent unter unseren Antrag, und unsere
Wirtschaftshilfe für die Türkei lag 75 Prozent
unter der Forderung.
In Afrika und der Karibik war der Wirtschafthilfefonds fast nicht verfügbar, um die wichtigen Bestrebungen in Sicherheitspolitik und Drogenbekämpfung treurer Freunde wie Kenia, Jamaika
und der Länder in der östlichen Karibik zu unterstützen.
Internationale Entwicklungshilfe und humanitäre
Hilfe
Um den Bedürfnissen der Menschen auf der ganzen
Welt gerecht zu werden und stärkeres Vertrauen auf
die Kräfte des Marktes zu fördern, spielen internationale Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe weiterhin
eine wichtige Rolle. Die Vereinigten Staaten sind in
diesem Bereich weltweit führend - durch unsere direkte Gewährung bilateraler Hilfe, humanitärer Notfallhilfe, die wir in Krisenzeiten leisten und die Führungsrolle,
die wir bei Flüchtlingsprogrammen und in internationalen Finanzinstitutionen übernehmen. Tatsächlich ist
Seite 9

�es der Führungsrolle der Vereinigten Staaten zu verdanken, daß die Länder auf der Welt, die Entwicklungshilfe leisten, so wichtige humanitäre Hilfe wie
Asyl für Flüchtlinge gewähren. Und unsere Führungsrolle hat ebenfalls dazu geführt, daß diese Länder
zunehmend die traditionellen staatlich gelenkten Entwicklungsstrategien aufgeben.
Für das Haushaltsjahr 1991 fordern wir6 600 Millionen
Dollar Haushaltsmittel für internationale Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe, verglichen mit den tatsächlich für das laufende Jahr bewilligten 6 100 Millionen
Dollar. Dieser Zuwachs wird unsere neue Initiative für
Osteuropa fördern und uns gestatten, Rückstände bei
den multilateralen Entwicklungsbanken zu tilgen.
Für die multilateralen Entwicklungsbanken beantragen wir 1 740 Millionen Dollar im Haushalt, eine Steigerung gegenüber 1 470 Millionen Dollar im Haushaltsjahr 1990. Mit diesen zusätzlichen Mitteln können
wir die Rückstände bei der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank tilgen. Unser Antrag umfaßt
1 060 Millionen Dollar für den amerikanischen Anteil
bei der neunten Auffüllung von Mitteln der Internationalen Entwicklungsorganisation (IDA). Diese zinsgünstigen Kredite bieten den ärmsten Ländern eine preiswertere Weltbank-Finanzierung.
Angesichts der
gemeinsam getragenen Verantwortung sind wir übereingekommen, 21,6 Prozent dieser Ergänzung für IDA
beizutragen, beim vorigen Mal betrug unser Anteil
noch 25 Prozent. Bis zu 50 Prozent der IDA-Mittel sind
für den dringlichsten Bedarf an Entwicklung und wirtschaftlicher Umstrukturierung in Afrika südlich der
Sahara vorgesehen.
Für unsere bilateralen Entwicklungshilfeprogramme die vom Amt für Internationale Entwicklung verwaltet
werden - beantragen wir im Haushaltsjahr 1991 2,8
Millionen Dollar. Damit sollen folgende Programme
finanziert werden:
1,2 Millionen Dollar für das Entwicklungshilfeprogramm, mit dem der Grundbedarf in den
Bereichen Landwirtschaft, Bevölkerung, Gesundheitswesen, Energie, Umwelt und Bildungswesen sichergestellt werden soll.
561 Millionen Dollar für den Entwicklungshilfefonds für Afrika.
500 Millionen Dollar für die obengenannten
Soforthilfe-Initiativen für die Philippinen (200
Millionen Dollar) und Osteuropa (300 Millionen
Dollar).
145 Millionen Dollar für kleinere A.I.D.-Programme, die bestimmte Sonderbereiche abdecken unter anderem humanitäre Katastrophenhilfe,
Unterstützung der amerikanischen Schulen,
Krankenhäuser und Wohnungsprogramme im
Ausland.

Seite 10

Angesichts der Kürzungen des Sicherheitshilfefonds
bleiben multilaterale und bilaterale Entwicklungshilfeprogramme weiterhin unser wichtigstes Instrument zur
Förderung des Wirtschaftswachstums nach marktwirtschaftlichen Kriterien in den afrikanischen Ländern.
Unser bilateraler Entwicklungshilfefonds für Afrika leitet diese Mittel in Länder, die bereit sind, als Grundlage
für dauerhaftes Wachstum Anpassungsmaßnahmen
zu ergreifen. Gegenwärtig führen 28 afrikanische
Länder in enger Abstimmung mit IWF und Weltbank
offizielle Maßnahmen zur strukturellen Anpassung durch.
Die Vereinigten Staaten spielen hauptsächlich durch
Hilfsmaßnahmen und Einwanderungserleichterungen
nach wie vor eine wichtige Rolle, um die Not der
Flüchtlinge auf der Welt zu lindern. Wir erzielen große
Fortschritte in folgenden Bereichen:
Wir haben unsere Hilfe an die sowjetischen
Flüchtlinge verbessert, indem wir unsere Organisationszentren von Rom und Wien nach Moskau
verlegt haben.
Wir arbeiten eng mit dem Kongreß an einer
besonderen Einwanderungsgesetzgebung zusammen, mit der unsere Flüchtlingsprogramme
ergänzt werden sollen.
Wir haben erfolgreich ein Abkommen mit Vietnam ausgehandelt, um in Umerziehungslagern
Inhaftierte in die Vereinigten Staaten umzusiedeln. Vor kurzem haben die ersten 750 ehemaligen Häftlinge und ihre Familienangehörigen
Vietnam im Rahmen dieses Programms verlassen.
Wir arbeiten auf multilateraler Ebene hart an der
Einhaltung des Prinzips der Gewährung von Asyl für
vietnamesische Boat People und am Erfolg des freiwilligen Repatriierungsprogramm für Hongkong.
Für das Haushaltsjahr 1991 beantragen wir 476 Millionen Dollar an Mitteln für Flüchtlingsprogramme. Im
gesamten Haushaltsjahr 1990 waren dafür 438 Millionen Dollar veranschlagt, einschließlich der obengenannten zusätzlichen Finanzierungsanträge. Diese
Mittel werden die Aufnahme von 95 000 Flüchtlingen
und 15 000 amerasischen Einwanderern - derselben
Zahl wie vergangenes Jahr - fördern, und wir werden
die unmittelbarsten Bedürfnisse von Millionen zusätzlicher Flüchtlinge und Zwangsumsiedlern weltweit
abdecken können.
Andere wichtige Komponenten unseres Antrags auf
Internationale Entwicklungshilfe betreffen:
898 Millionen Dollar an Mitteln für Nahrungsmittelhilfe PL-480, um ein Programm im Gesamtumfang von 1 500 Millionen Dollar zu unterstützen,

AMERIKA DIENST 18

�181 M'llionen Dollar zur Abdeckung der laufenden Kosten des Friedenskorps und
225 Millionen Dollar an freiwilligen Beiträgen zu
internationalen Organisationen wie dem Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen (109 Millionen Dollar) und UNICEF (50
Millionen Dollar).
Für Programme zur internationalen Drogenbekämpfung, die vom Außenministerium verwaltet werden,
beantragen wir im Haushaltsjahr 1991 insgesamt 150
Millionen Dollar - verglichen mit den 113 Millionen
Dollar im laufenden Haushaltsjahr. Alle zusätzlich
beantragten Mittel sollen in die Bekämpfung des Kokaanbaus in den Anden fließen, wobei die länderspezifischen Programme für Lateinamerika von 57 Millionen auf 87 Millionen aufgestockt werden. Unsererseits
bereitgestellte Geräte und Ausbildung sind unerläßlich
bei der Unterbindung des Nachschubs und strafrechtlichen Maßnahmen gegen die wichtigsten Drogenkartelle.
Sparsamer Umgang mit Geldern
Die Regierung bedient sich einer Reihe von Instrumenten, um ein günstiges Klima für weltweites Wirtschaftswachstum zu fördern und zu gewährleisten, daß unsere Entwicklungshilfegelder angemessen ausgegeben
werden, um größtmögliche Wirkung zu erzielen. In
den vergangenen Jahren haben wir gemeinsam mit
unseren Freunden an einer Reihe von Programmen
gearbeitet, um den Grundstein für dauerhaftes Wachstum in den Entwicklungsländern zu legen.
Unsere bilateralen Entwicklungshilfeprogramme zielen weltweit zunehmend auf Länder ab, die zu wachstumsorientierten Maßnahmen für strukturelle Anpassung bereit sind.
Unsere Hilfsprogramme für Osteuropa sind größtenteils auf die Stimulierung der Entwicklung des Privatsektors durch Unternehmensfonds ausgerichtet, mit
denen unternehmerische Fähigkeiten katalysiert werden sollen. Wir wollen sicherstellen, daß die neue Entwicklungsbank für Osteuropa - die EBWE - eine ähnliche Haltung gegenüber dem Privatsektor einnimmt.
Unsere eigene dynamische Wirtschaftsentwicklung nunmehr im achten Jahr - hat sowohl für amerikanische Exporteure als auch für solche aus Entwicklungsländern Handelschancen geschaffen.

und die Philippinen haben bereits von diesen Optionen
Gebrauch gemacht. Wir erwarten, daß in diesem Jahr
auch eine Reihe anderer Länder diesen Weg gehen.
Unser Engagement zur Förderung starker, angemessen finanzierter multilateraler Wirtschaftsinstitutionen
trägt zu marktorientierten Strukturveränderungen in
den Entwicklungsländern bei. Der Internationale
Währungsfonds und die Weltbank werden zusätzliche
Verantwortung tragen, wenn die Länder Osteuropas
bei ihrer Anpassung an Marktmechanismen Hilfe suchen. Lateinamerikanische Länder mit strukturellen
Wirtschaftsproblemen werden den Rat dieser Institutionen bei den Stabilisierungsprogrammen suchen, die
zur Erhaltung ihrer politischen Stabilität unabdingbar
sind.
Unser Engagement für einen erfolgreichen Abschluß
der Uruguay-Runde des GATT im Dezember 1990 ist
von entscheidender Bedeutung für die anhaltende
Expansion von Handel und Wirtschaftswachstum in
den nächsten zehn Jahren und im kommenden Jahrhundert. In Genf nehmen wir eine Reihe schwieriger
Fragen in Angriff - entwerfen Handelsregeln und
Maßstäbe für neue Bereiche wie Dienstleistungen,
geistiges Eigentum, Investitionen im Handel und Weltagrarproduktion. Die GATT-Verhandlungen haben
weiterhin höchste Priorität. Wir arbeiten hart mit
unseren Handelspartnern - aus Industrie- und Entwicklungsländern - um aussagekräftige Abkommen zu
gewährleisten, von denen alle Ländern profitieren
können.
Auf bilateraler Ebene verfestigen wir unsere Handesbeziehungen mit den nächsten Nachbarn und engsten
Freunden - Kanada und Mexiko - um gemeinsam den
wichtigsten Herausforderungen der nächsten zehn
Jahre gerecht zu werden. In Mexiko arbeiten wir
partnerschaftlich mit Präsident Salinas an der Erweiterung unserer gemeinsamen Tagesordnung. Durch
unser Rahmenabkommen über Handel und Investitionen ermutigen wir Mexiko weiterhin, die gegenwärtig
erfolgende starke Liberalisierung seiner Handels- und
Investitionspolitik zu vertiefen.
Der Präsident hat eine Handelsinitiative für die Andenstaaten angekündigt, um Wirtschaftswachstum durch
den Ausbau legitimer Handelsmöglichkeiten zu fördern.

Unser Engagement für ein offenes System weltweiter
Investitionen zieht zusätzliches Privatkapital in Kapitalmärkte der Entwicklungsländer.

Gegenwärtig errichten wir eine neue regionale Gruppe
im Pazifischen Becken, die Hindernisse für freien Handel, Kapitalfluß und Technologietransfer ausmachen
und überwinden und damit zu verbessertem Weltwirtschaftswachstum beitragen soll.

Unsere verbesserte Schuldenstrategie umfaßt nunmehr Schulden und Optionen zur Reduzierung des
Schuldendienstes. Damit wird Ländern, die wirtschaftliche Reformprogramme durchführen, eine solidere
Basis geboten. Mexiko, Costa Rica, Venezuela, Chile

Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten
eine aktive Tagesordnung verfolgt, um sicherzustellen, daß die Früchte eines offenen Welthandels- und
Wirtschaftssystems den Ländern zufallen, die am freien Wettbewerb teilnehmen wollen. Wir werden weiter-

AMERIKA DIENST 18

Seite 11

�hin auf Amerikas Engagement für freies Unternehmertum, Initiative des einzelnen und Pioniergeist bauen,
um marktorientiertes Wachstum in den Entwicklungsländern zu fördern.

men. Diese Regierung ist der Ansicht, daß amerikanische Werte und Interessen eine positive Reaktion auf
diese Veränderungen erfordern. Der vorliegende
Haushaltsantrag ist für diese Aufgabe unerläßlich.

Schlußbemerkung

Abschließend möchte ich folgendes feststellen. In der
dynamischen Welt von heute müssen wir flexibel sein,
Die vergangenen sechs Monate haben eindeutig wenn wir mit den Veränderungen erfolgreich umgehen
bewiesen, daß wir in ein neues Zeitalter der Demokra- wollen. Wir in der Exekutive sind uns bewußt, daß
tie eintreten. Freie Wahlen verändern die Welt von Rechenschaftspflicht und gutes Management für eine
Nicaragua über Panama bis zu Polen und - in abseh- effektive Außenpolitik unabdingbar sind. Ich möchte
barer Zukunft - den Rest Mittel- und Osteuropas. Die deshalb eine Art neuen Verhaltenskodex bei der Ausprimäre Verantwortung wird in den Händen der neuen landshilfe vorschlagen.
Führung dieser Länder liegen - politische und wirtschaftliche Strukturen zu schaffen, die den Willen des Wir sollten konstruktive Konsultationen als wichtigstes
Volkes berücksichtigen. Aber sie werden Hilfe brau- Instrument der Konsensbildung bei programmatischen
chen, um die gegenwärtig stattfindenden demokrati- Zielen betrachten. Wir sollten gemeinsam Möglichkeischen Prozesse zu verfestigen, freie Marktwirtschaft ten zu größerer Flexibilität erforschen, die in diesen
zu kanalisieren oder ganz einfach, um mit ihren Nach- außergewöhnlichen Zeiten und angesichts der veränbarn in Frieden zu leben. Viele unserer alten Freunde derten Prioritäten den Interessen aller dienen.
und Verbündeten sehen sich ähnlichen, wenn auch
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen und
weniger dramatischen Veränderungen gegenüber.
den Mitgliedern ihres Unterausschusses bei der EntUnsere Reaktion auf diese drastischen Veränderun- wicklung neuer Beziehungen zwischen Exekutive und
gen wird unser Verhalten bei der Bewältigung der Legislative in diesem wichtigen Bereich.
Herausforderungen der nächsten zehn Jahre bestim-

* *

Seite 12

* *

AMERIKA DIENST 18

�COCOM
9. Mai 1990

UMFASSENDER US-VORSCHLAG ZUR
NEUGESTALTUNG DES COCOM
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Text einer am 2. Mai 1990 vom Weißen Haus
herausgegebenen Übersicht, in der die amerikanischen Vorschläge zur Neugestaltung der Exportkontrollen des
Koordinationsausschusses für multilaterale Exportkontrollen (COCOM) erläutert werden.

Die amerikanische Regierung hat eine gründliche
Überprüfung der Exportkontrollen für sowohl zivil als
auch militärisch nutzbare Technologien und Güter
abgeschlossen. Diese Artikel unterliegen gemäß den
Vereinbarungen mit anderen Mitgliedern des Koordinationsausschusses für multilaterale Exportkontrollen
(COCOM) Beschränkungen.
Als Ergebnis dieser Überprüfung haben die Vereinigten Staaten ihren Verbündeten im COCOM die Erstellung einer Liste von Schlüsseltechnologien vorgeschlagen, die kontrolliert werden müssen, um den
strategischen Technologievorsprung zu bewahren, der
Kernstück unserer militärischen Stärke ist. Neben
dem Vorschlag zur Erstellung dieser Liste haben die
Vereinigten Staatern angeregt, daß der COCOM
unverzüglich bestimmte kontrollierte Artikel ausklammert, die schon vor Erstellung der Liste von Schlüsseltechnologien entfallen können.
Auf einer gründlichen Analyse der Ministerien für
Auswärtige Angelegenheiten, Verteidigung, Wirtschaft
und Energie beruhend, spiegeln die Vorschläge die
Veränderungen in der strategischen Bedrohung wider
und erlauben den erweiterten Zugang zu moderner
Technologie, insbesondere für die in Osteuropa entstehenden Demokratien.
Die Liste von Schlüsseltechnologien
Mit dem amerikanischen Vorschlag einer Liste von
Schlüsseltechnologien, der einem britischen Vorschlag
entspricht, würden die gegenwärtigen Exportkontrollen durch eine völlig neu strukturierte Liste von Schlüsseltechnologien und -gutem ersetzt. Diese neue Liste
würde "ganz von vorn" aufgebaut. Die in der Analyse
des Verteidigungsministeriums benannten militärischen

AMERIKA DIENST 18

Prioritäten wären für die Identifizierung derjenigen
Technologien und Güter richtungsweisend, die militärisch für unseren technologischen Vorsprung von
entscheidender Bedeutung sind. Die Vereinigten Staaten
schlagen vor, daß die regulären COCOM-Listen bis
Ende 1990 durch die neue Liste ersetzt werden sollen.
Der amerikanische Vorschlag würde eine stufenweise
oder vollständige Durchführung gestatten, solange
strategisch entscheidende Artikel voll und ganz in die
neue Liste einbezogen werden.
Ausklammerung bestimmter Industriegüter
Die gegenwärtig angewendeten Kontrollisten sind zu
lang, überflüssig oder enthalten Artikel, die keine strategischen Interessen der Vereinigten Staaten berühren. Anhand der vom Verteidigungsministerium erstellten Analyse militärisch wichtiger Technologien
wurden über 40 von 120 Kategorien identifiziert, die
vollständig oder teilweise aus den gegenwärtigen
COCOM-Listen herausgenommen werden können.
Davon sollen mindestens 30 völlig entfallen. Der
unverzügliche Abbau dieser Kontrollen würde den
Übergang zu der neuen Liste von Schlüsseltechnologien erleichtern.
Abbau der Kontrollen wie im Falle Chinas
Sorgfältige Untersuchungen haben darüber hinaus
ergeben, daß die meisten Güter und Technologien, die
für Abnehmer in Osteuropa und der Sowjetunion einer
Kontrolle unterliegen, jedoch für die Volksrepublik China
freigegeben sind (dieses Verfahren wird als China
Green Line bezeichnet), von geringem strategischem
Wert sind und deshalb von der Liste gestrichen werden.

Seite 1

�Abbau der Kontrollen in vordringlichen Bereichen

C. Werkzeugmaschinen

Der COCOM plant den unverzüglichen oder teilweisen
Abbau von Kontrollen in drei vordringlichen Bereichen:
Computer, Telekommunikationsausrüstung und Werkzeugmaschinen. Auf diese Bereiche entfällt ein Großteil aller Anträge auf Ausfuhrgenehmigung. Sie haben
entscheidende Bedeutung für die Verbesserung der
Infrastruktur in Osteuropa. Die Vereinigten Staaten
haben folgenden erheblichen Abbau von Kontrollen in
diesen Kategorien vorgeschlagen:

Mit geringfügigen Veränderungen wird die US-Regierung einen COCOM-Vorschlag unterstützen, der einen erheblichen Abbau der Kontrollen für Werkzeugmaschinen und ihre numerischen Controller vorsieht.
Damit entfallen die Kontrollen für zahlreiche Werkzeugmaschinen mit einer Positionierungsgenauigkeit
bis zu plus 2 oder 3 Mikron je nach Typ.

A. Computer

Die Vereinigten Staaten werden dem COCOM vorschlagen, den Ländern günstigere Lizenzbedingungen zu gewähren, die vom COCOM genehmigte Sicherheitsvorkehrungen gegen die Umleitung kontrollierter Güter und Technologien an unzulässige Bestimmungsorte oder nicht autorisierte Endverbraucher
einführen. Solchen Ländern würde in einem Übergangsstadium der Status eines zulässigen Bestimmungsorts gemäß den im COCOM vereinbarten
Bedingungen eingeräumt. Der COCOM würde aufgefordert, eine Liste von Technologien und Gütern zu
erarbeiten, bei denen solchen Staaten eine bevorzugte Behandlung zuteil würde.

Dem amerikanischen Vorschlag zufolge würden die
Kontrollen für die Lieferung von Computern mit einer
Datenverarbeitungsrate (PDR) von 275 Megabit pro
Sekunde (mps) beseitigt.
Dies entspricht einer
50prozentigen Annäherung an die China Green Line.
Ausfuhrgenehmigungen für alle zivilen Endverbraucher würden bis zur China Green Line (einer PDR von
550 mps) wohlwollend bearbeitet. Diese Maßnahme
würde zum Abbau der Kontrollen für die meisten
handelsüblichen Personalcomputer führen und Zugang zu einigen Mainframe-Computern für Bankwesen, Flugreservierungen etc. ermöglichen.

Differenzierung

Anwendung der Exportkontrollen
B. Telekommunikationsausrüstung
Die Vereinigten Staaten schlagen eine Lockerung von
Kontrollen vor, zum Beispiel für einige Zellenkommunikationssysteme und bestimmte Satellitenbodenstationen, und zwar für alle Zielorte. Für Osteuropa
schlagen wir einen verbesserten Zugang zu modernen
faseroptischen Systemen (bis zu einer Ubertragungsrate von 156 Megabit) und zu Mikrowellen-Telekommunikationssystemen vor. Der Zugang zu dieser
hochmodernen Technologie ist jedoch von der Einführung von Sicherheitsvorkehrungen gegen Mißbrauch
abhängig.

*

Seite 2

Die Regierung der Vereinigten Staaten ermutigt ihre
Verbündeten weiterhin zur Anwendung der Kontrollen.
Es ist unerläßlich, unsere Verbündeten im COCOM
um ihre Zustimmung zu einer erneuerten Verpflichtung
auf verbesserte Einhaltung der COCOM-Bestimmungen zu bitten, um auf diese Weise die neu erstellte
Liste von Schlüsseltechnologien zu schützen. Die
Vereinigten Staaten werden sich um die Einhaltung
der bisherigen Normen zum Schutz vor Umleitung
oder illegalem Erwerb kontrollierter Güter und Technologien bemühen.

*

AMERIKA DIENST 18

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Zwei-plus-Vier-Gespräche&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Viermächtestatus für Berlin sollte beendet werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Außenministers bei Zwei-plus-Vier-Gesprächen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Vereinigtes Deutschland soll Mitglied der NATO sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der Examensfeier der Oklahoma State University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA unterstützen Selbstbestimmungsrecht für Litauen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker vor dem Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Cocom&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Umfassender US-Vorschlag zur Neugestaltung des COCOM &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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O

OSTEUROPA
/

/

16. Mal 1990

BUSH NENNT WEGE ZUR FÖRDERUNG DER
DEMOKRATIE IN OSTEUROPA
Rede bei der University of South Carolina

DEUTSCHLANDPOLITIK

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DAS
BÜNDNIS UND DIE NEUE GESTALT
EUROPAS
Rede von Botschafter Walters bei AP

EUROPA

DEUTSCHE EINHEIT SCHLÜSSEL FÜR
EUROPAS ZUKUNFT
Rede von Außenminister Baker in New York

AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
BEZIEHUNGEN

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER
RÜSTUNGSKONTROLLE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
ÜBERREGIONALE PROBLEME
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

NATO

UMFASSENDE ÜBERPRÜFUNG DER
NATO-STRATEGIE ERWARTET
Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz

WIRTSCHAFT

AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTS- UND
HANDELSPOLITIK IM VERÄNDERTEN
OST-WEST-VERHÄLTNIS
Rede von Botschafter Walters in Frankfurt

WELTBANK

USA FÜR VERSTÄRKTES ENGAGEMENT
DER WELTBANK IM PRIVATSEKTOR
Erklärung von Unterstaatssekretär
Mulford vor Entwicklungsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�OSTEUROPA
16. Mai 1990

BUSH NENNT WEGE ZUR FÖRDERUNG DER
DEMOKRATIE IN OSTEUROPA
Rede bei der University of South Carolina
COLUMBIA (South Carolina) - (AD) - In einer Rede bei der Examensfeier der University of South Carolina
erläuterte Präsident Bush am 12. Mai 1990 vier Schritte, mit deren Hilfe die demokratischen Entwicklungen in
Osteuropa - unter anderem mit der Bildung eines "Bürger-Korps Demokratie", das von amerikanischer Seite den
Privatsektor unterstützt und ehrenamtliche Tätigkeit fördert - vorangetrieben werden sollen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede in Auszügen.

Meine Damen und Herren, wir leben in aufregenden
Zeiten. Im vergangenen Jahr haben viele Länder dem
Kommunismus entsagt und befinden sich jetzt an der
Schwelle zur Demokratie. Dabei hat jedes Land viel
erlitten und schwere wirtschaftliche Schäden davongetragen. Wir haben alle die Bilder der langen Käuferschlangen und leeren Regale gesehen. Aber was
unter der Oberfläche liegt, wird nicht so unmittelbar
wahrgenommen, ist aber dennoch nicht weniger real es sind der moralische Schaden, die tiefen Narben im
Bewußtsein, die vierzig Jahre kommunistische Herrschaft hinterlassen haben.
Unter diesen Regimen war der Geist des Menschen
systematischen Angriffen ausgesetzt. Religion, Moral, Gut und Böse - jede Herausforderung der Herrschaft des Staates wurde zum Staatsfeind erklärt.
Gläubige wurden verfolgt, Kirchen und Friedhöfe zerstört. Bürger wurden gegeneinander aufgebracht und
als Informanten des Regimes eingesetzt. Nichts war
vor dem Zugriff des Regimes sicher - nicht einmal die
Vergangenheit. Die Geschichte wurde neu geschrieben, um den Bedürfnissen der Gegenwart gerecht zu
werden - die Helden von gestern wurden aus den
Büchern der Geschichte gestrichen. Dertschechische
Schriftsteller Milan Kundera hat dies als "organisiertes
Vergessen" bezeichnet.
Natürlich gab es in diesen Ländern Gesetze. Es gab
auch Gerichte. Und Verfassungen. Alles zum Wohle
des Staates. Sie hatten - zumindest auf dem Papier Rechte und Freiheiten. In Wirklichkeit war ihre Freiheit
eine leere Hülse.
AMERIKA DIENST 19

Es regierte nicht das Gesetz, sondern dessen pervertierte Form. Die Gesetze folgten nicht dem Willen des
Volkes, sondern dem Gutdünken der Partei. Und das
führte dann dazu, daß es in Rumänien drei oder mehr
Menschen verboten war, sich auf der Straße zusammen zu unterhalten. Und in einem anderen Land
wurde ein Mann, der das "Verbrechen" begangen
hatte, anderen Religionsunterricht zu erteilen, sechs
Monate ins Gefängnis gesteckt. Die vorgeschobene
Anklage lautete: Unerlaubtes Betreten von Blumenbeeten. Wir werden niemals erfahren, wieviele Dissidenten als "Verbecher" bestraft worden sind - und
wieviele andere sich starr vor Angst zum Schweigen
und zur Unterwerfung zwingen ließen.
Das ist das Vermächtnis - eine Landschaft moralischer
Zerstörung. Die tragische Konsequenz vierzigjähriger
kommunistischer Herrschaft - der Zusammenbruch
des Vertrauens. Bereits in grauer Vorzeit haben große
Denker den Zusammenhang zwischen Gesetz und
Vertrauen erkannt. Und Aristoteles schrieb: "Das
Gesetz ist die Forderung, daß die Bürger eines Staates gerecht zueinander sind." Das ist das Band, das
einzelne Menschen zu einer Gemeinschaft - einer
Nation - zusammenschmiedet.
Gottseidank konnte die moralische Zerstörung Osteuropas nicht zuende geführt werden. Die Menschen
haben es geschafft, ihre innere Stärke zu bewahren einen Kompaß für ihre Moral. Sie haben sich den
Willen erhalten, die Wände der Lügen des Regimes zu
durchbrechen. Vaclav Havel zufolge haben sie dies

Seite 1

�getan, indem sie ganz einfach "wahrhaftig lebten". Sie
riefen "fliegende Universitäten" ins Leben, wo Dozenten in Privathäusern lehrten. Sie bildeten Verlage im
Untergrund und Beobachtergruppen für Menschenrechte - eine echte "bürgerliche Gesellschaft", die sich
dem Zugriff der herrschenden Klasse entzog.
Heute möchte ich vor allem darauf eingehen, wie die
Vereinigten Staaten diesen Ländern helfen können,
ihre Freiheiten zu sichern und Teil eines ungeteilten
und freien Europas zu werden. Anfang des Jahres
habe ich in meinem Bericht zur Lage der Nation über
die Rolle der Vereinigten Staaten als leuchtendes
Beispiel gesprochen. Über die Bedeutung der Vereinigten Staaten nicht als Land, sondern als Idee, die in
den Köpfen aller Menschen auf der ganzen Welt
präsent ist. Diese Idee war zweifellos eine treibende
Kraft der Revolution von 1989.
Ich möchte Ihnen die Geschichte einer amerikanischen Besucherin in Rumänien erzählen, die Leute
nach den Dingen gefragt hat, die für sie am wichtigsten
sind und danach, was sie am nötigsten brauchen. Auf
diese einfache Frage erhielte sie unerwartete Antworten. In Temeschwarzog eine Frau ein altes Exemplar
der Fernsehzeitschrift TV-Guide vom Juli 1987 aus
ihrer Tasche mit einer Beilage über die Zweihundertjahrfeier der amerikanischen Verfassung, die sie der
amerikanischen Besucherin zeigte. "Was wir brauchen, sind mehr davon", sagte sie dazu.
Auf den Straßen von Temeschwar - in einem Land, wo
Lebensmitel knapp, Häuser ohne Heizung und Straßen nachts dunkel sind - gibt es also eine Frau, die ihre
Hoffnungen auf unsere Verfassung setzt. Was diese
Rumänin wollte - und was alle Länder Osteuropas für
sich erhoffen - ist ein Leben in Demokratie, auf der
Basis von Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit.
Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn stehen im
Frühjahr 1990 genau da, wo Amerika im Sommer des
Jahres 1787 stand. Wer werden ihre Franklins, Washingtons, Hamiltons und Madisons - ihre genialen
Köpfe sein? Die Staatsmänner, die ein solides Fundament für die Herrschaft des Volkes legen?
Einige von ihnen kennen wir mit Namen - die Helden
der Revolution von 1989. Aber für die Gestalter der
Verfassungen in Osteuropa fängt die Arbeit jetzt erst
an. Weil das Schicksal der Freiheit nicht nur vom
Charakter der Regierenden anhängt, sondern davon,
ob sie selbst von Rechtsstaatlichkeit regiert werden.
Und ebenso wie die Väter unserer Verfassung Lektionen ihrer Vergangenheit gelernt haben, werden die
aufstrebenden Demokratien Osteuropas auf ihre eigene demokratische Vergangenheit, das Beispiel Europa und natürlich die amerikanische Verfassung blikken. Und deshalb müssen wir unsere Erfahrungen
weitergeben - unser in zwei Jahrhunderten erworbenes Wissen über die Arbeit freier Regierungen.

Seite 2

Wir unterhalten bereits eine Reihe aktiver Austauschprogramme mit Osteuropa und der Sowjetunion, in
deren Rahmen Juristen, Parlamentarier und führende
Politiker die Vereinigten Staaten besuchen und dort
Kollegen treffen. Ich freue mich, heute vier weitere
neue Initiativen ankündigen zu können - vier Schritte,
mit denen die Vereinigten Staaten die demokratische
Entwicklung in Osteuropa unterstützen möchten.
Erstens werden die Vereinigten Staaten weiterhin die
ökonomische Freiheit fördern. Im vergangenen Jahr
haben wir über eine Milliarde Dollar an direkter Wirtschaftshilfe für Osteuropa bereitgestellt. Wir haben
Kredite vergeben, unsere Märkte durch die Meistbegünstigungsklausel geöffnet und amerikanische Investitionen gefördert. Ich freue mich, heute eine weitere
wirtschaftspolitische Initiative verkünden zu können die Export-Import-Bank wird Polen einen neuen Rahmen für mittelfristige Exportkredite und Kreditbürgschaften gewähren, um Maschinen, Technologie und
Dienstleistungen amerikanischer Anbieter zu erwerben.
Zweitens werden sich die Vereinigten Staaten bemühen, zur Gewährleistung freier und fairer Wahlen in
Osteuropa beizutragen. Nächste Woche werden wir
eine Delegation entsenden, um die Wahlen in Rumänien zu beobachten. Zu demselben Zweck wird im
nächsten Monat eine weitere Delegation nach Bulgarien reisen.
Drittens werden die Vereinigten Staaten dafür eintreten, das Mandat der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zu erweitem. In
weniger als einem Monat werden die Vereinigten Staaten
als einer der 35 KSZE-Staaten an einer Konferenz
über Menschenrechte, einschließlich freier Wahlen,
politischem Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit, teilnehmen. Ich habe den Leiter unserer Delegation,
Botschafter Max Kampelman, angewiesen, einen neuen
Konsens über diese Eckpfeiler Freiheit, Rechte und
Demokratie anzustreben. Wie ich bereits vergangene
Woche an der Oklahoma State University erklärt habe,
müssen wir uns im Rahmen der KSZE darum bemühen, die neuen Demokratien Osteuropas in diesen
Bund freier Nationen einzugliedern.
Viertens werden wir schließlich daran arbeiten, die
Grundlagen einer freiheitlichen Gesellschaft in Osteuropa zu stärken. Ich freue mich deshalb heute besonders, die Schaffung eines 'Bürger-Korps Demokratie'
verkünden zu können. Seine erste Aufgabe wird die
Einrichtung eines Zentrums und Clearinghauses für
Hilfsmaßnahmen des amerikanischen Privatsektors
und freiwillige Einsätze in Osteuropa sein. Wir wissen,
daß die wahre Stärke unserer Demokratie in unseren
Bürgern ruht, in der kollektiven Stärke der einzelnen
Amerikaner. Wir werden uns auf diese Stärke dort
konzentrieren, wo sie am meisten leisten kann.

AMERIKA DIENST 19

�Die Vereinigten Staaten können viel beitragen, um
diesen Nationen zu Fortschritten auf dem Weg zur
Demokratie zu verhelfen. Wir können ihnen helfen,
politische Systeme aufzubauen, die auf folgenden
Grundlagen beruhen:

mung in Litauen, Lettland und Estland verpflichtet.
Letztlich wird auch die Sowjetunion, die heute für
Offenheit und Reformen eintritt, von einem ungeteilten, freien Europa profitieren. Demokratie und Freiheit
bedrohen niemanden.

Achtung der Rechte des einzelnen. Für das Recht,
unsere Meinung frei zu äußern, so zu leben, wie wir
wollen und Gott so zu verehren, wie uns unser Gewissen dies vorschreibt. Systeme, die Privateigentum
und die Unverletzlichkeit von Verträgen achten. Gesetze,
die nicht notwendig sind, um Reichtum anzuhäufen
oder Türme aus Gold und Gier zu bauen, sondern um
ausreichend für uns und unsere Familien zu sorgen.
Systeme, die freie Zusammenschlüsse erlauben Gewerkschaften, Berufsverbände, politische Parteien, Grundsteine einer freien Gesellschaft. Wir müssen den sich entwickelnden Demokratien beim Aufbau
von Rechtssystemen helfen, in denen die Verfahrensregeln garantiert sind, die Freiheit sicherstellen. Vor
allem ein System, das strikte Gleichberechtigung unterstützt, das garantiert, daß Männer und Frauen
unabhängig von Rasse oder Herkunft vor dem Gesetz
gleich sind.

Bisweilen hören wir, daß mit dem großartigen Triumph
der Freiheit die Vereinigten Staaten ihren Auftrag
erfüllt haben. Nichts könnte der Wahrheit weniger
entsprechen. Ich möchte mit einer Geschichte über
die weiterbestehende Macht der amerikanischen Idee
und die unvollendeten Aufgaben schließen, die vor der
von Ihnen so stolz vertretenen Generation liegen.

Wir haben in diesem Jahrhundert eine schmerzliche
Wahrheit erfahren - über das ungeheure Unheil, das im
Namen der Menschlichkeit begangen werden kann.
Wir haben gelernt, wie eine Utopie für Millionen von
Menschen zur Hölle auf Erden werden kann. Wir
haben leidvoll erfahren, daß die einzige Alternative zur
Tyrannei des Menschen die Rechtsstaatlichkeit ist.
Das ist die Quintessenz unserer Vision für Europa. Ein
Europa, in dem nicht nur die Dikatoren verjagt sind,
sondern wo durch Rechtsstaatlichkeit - die den Willen
des Volkes widerspiegelt - die Freiheiten gesichert
sind, für die Millionen so hart gekämpft haben.
Es bleibt noch manches zu tun. Im Baltikum, wo die
Menschen für das Recht auf Selbstbestimmung eintreten, identifizieren wir Amerikaner - die wir frei sind,
unseren Weg selbst zu wählen - uns mit diesen Hoffnungen und Bestrebungen. Wir sind der Selbstbestim-

Sie handelt von der Stadt Pilsen in der Tschechoslowakei, einer Stadt, die in der vergangenen Woche den
Tag feierte, an dem sie vor 45 Jahren durch amerikanische Truppen befreit wurde. Aber schon nach wenigen
Jahren war der Traum Pilsens von der Freiheit und mit
ihr die Wahrheit über jenen Tag vor 45 Jahren hinter
dem Eisernen Vorhang verschwunden. Eine Generation wuchs heran, der man in der Schule beibrachte,
Pilsen sei nicht von Ihren Vätern und Großvätern in der
amerikanischen Armee befreit worden, sondern von
sowjetischen Soldaten in amerikanischen Uniformen.
Aber die Bevölkerung - die Bevölkerung Pilsens wußte
es besser. Sie hat nie vergessen. Und heute, nachdem die Wahrheit endlich frei ausgesprochen werden
darf, lud die Stadt ihre wahren Befreier zu sich ein.
Nach 45 langen Jahren kehrten diese alten amerikanischen Soldaten auf die Straßen Pilsens zurück, zu den
Klängen der amerikanischen Nationalhymne - und sie
wurden empfangen wie Helden.
Diese Gls, meine Generation, waren im Jahr 1945 so
alt wie Sie heute. Und jetzt fällt Ihnen, dem Abschlußjahrgang dieser großen Universität, die Aufgabe zu,
unsere amerikanischen Ideale hochzuhalten. Gottseidank geschieht dies nicht in Kriegszeiten, sondern in
einer Zeit von enormem Enthusiasmus - um diesen
Nationen zu helfen, die Freiheit zu sichern, für die Ihre
Väter und Großväter gekämpft haben. Freiheiten, von
denen Millionen bis heute nur zu träumen wagten.

*

AMERIKA DIENST 19

*

Seite 3

�DEUTSCHLANDPOLITIK
16. M a i l 990

DIE VEREINIGTEN STAATEN, DAS BÜNDNIS
UND DIE NEUE GESTALT EUROPAS
Rede von Botschafter Walters bei AP
FRANKFURT - (AD) - Dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Vernon A. Walters, zufolge neigt sich "die Zeit der Sonderrechte und -Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte für Berlin und Deutschland als Ganzes ihrem Ende zu." Vor allem wollten die Vereinigten Staaten, daß
"auch ein vereinigtes Deutschland politisch und militärisch in vollem Umfang Mitglied des Atlantischen
Bündnisses ist". Diese Auffassung, die zugleich erklärte Politik der amerikanischen Regierung sei, bekräftigte
Walters am 8. Mai 1990 in einer Ansprache vor dem Redaktionskomitee von Associated Press in Frankfurt und
fügte hinzu, ein vereintes Deutschland solle die volle Kontrolle über sein gesamtes Staatsgebiet ohne jedwede
neue diskriminierende Einschränkungen der deutschen Souveränität besitzen. Die gelassene amerikanische
Sichtweise des deutschen Einigungsprozesses beruhe maßgeblich auf der Tatsache, daß sich die Vereinigten
Staaten in der Frage der Bündnismitgliedschaft in Übereinstimmung mit der Bundesregierung wissen.
Unter Betonung der uneingeschränkten politischen und militärischen Bedeutung der NATO in der heutigen Zeit
und der Leitbildfunktion, die das demokratische Gesellschaftsmodell des Westens für die Länder Osteuropas
habe, verwies Botschafter Walters abschließend auf den maßgeblichen Beitrag, den die EG zur Aufhebung der
Teilung und zum Zusammenwachsen eines wirtschaftlich starken Europas leisten könne, das den Unternehmen
gewinnbringende Geschäftsbeziehungen und offene Märkte biete. "Wir wollen, daß die jungen Demokratien
Osteuropas politisch, kulturell und wirtschaftlich in Europa integriert werden."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr
Renz,
ich danke Ihnen für die Einladung zu Ihrer Tagung, und
ich freue mich auf einen interessanten Meinungsaustausch mit Ihnen. Angesichts der weltpolitischen
Umwälzungen, deren Zeugen wir heute werden, besteht an Themen sicherlich kein Mangel.
Ich las kürzlich, daß in den 20er Jahren eine deutsche
Tageszeitung ein Preisausschreiben veranstaltet habe,
bei dem es darum ging, möglichst unwahrscheinliche
Sensationsschlagzeilen zu erfinden. Die Siegerschlagzeile lautete: "Erzherzog Franz Ferdinand lebend
aufgefunden. Weltkrieg war Irrtum."
Manchmal holt die Wirklichkeit auch gewagte Phantasien ein. "Die Mauer fällt." "Pfarrer wird Verteidigungsminister der DDR." "Kohl führt Wahlkampf in der
DDR." Noch vor fünf Jahren hätten diese Schlagzeilen
bei einer Wiederholung des Preisausschreibens SieAMERIKA DIENST 19

geschancen gehabt. Heute wirken sie fast schon
alltäglich. Die Welt, in der wir alle hier unser gesamtes
politisch bewußtes Leben verbracht haben, gibt es
bereits nicht mehr. Das Tempo des Wandels ist
atemberaubend.
Journalismus ist ein schnellebiges Geschäft, das sich
an der Tagesaktualität orientiert. Für Nachrichtenagenturen gilt dies in erhöhtem Maße. Daß diese
Veranstaltung gerade heute stattfindet, beweist jedoch, daß man sich bei AP ein Gespür für Geschichte
bewahrt hat.
Am 8. Mai 1945 ging in Europa der 2. Weltkrieg zu
Ende. Deutschland lag in Trümmern, und damals hat
wohl kaum jemand zu hoffen gewagt, daß diesem
verwüsteten Land eine Zukunft in Wohlstand und
Freiheit beschieden sei. Und doch kam es so. Der
materielle Wiederaufbau vollzog sich, nicht zuletzt
dank dem Marshallplan, erstaunlich rasch. Noch

Seite 1

�bemerkenswerter aber erscheint mir die politische und
staatsbürgerliche Aufbauleistung, die die Bundesrepublik zu einer der stabilsten und vertrauenswürdigsten Demokratien der Welt gemacht hat. Die Deutschen dürfen hierauf mit Recht stolz sein.
Heute, 45 Jahre später, schicken sie sich an, den
letzten Schutt dieses unseligen Krieges zu beseitigen,
nämlich die Teilung ihres Landes. Ein ungeteiltes
Deutschland unter einer demokratischen Regierung
war stets das Ziel amerikanischer Politik. So ist es in
Artikel 7 des Deutschlandvertrags von 1954 niedergelegt. Man kann sogar noch weiter zurückgreifen.
Wenn Sie die Rede lesen, die US-Außenminister Byrnes
am 6. September 1946 in Stuttgart hielt, so werden sie
feststellen, daß die Absage an eine Teilung Deutschlands schon ein Jahr nach Kriegsende amerikanische
Politik war.
Wir Amerikaner waren stets für die deutsche Einheit,
und die derzeitigen Bemühungen beider deutscher
Staaten um ihre praktische Verwirklichung finden unsere
volle Unterstützung. Die Vorgehensweise der Deutschen zeugt von Verantwortungsbewußtsein und gibt
keinen Anlaß zu irgendwelchen Befürchtungen.
Nach Auffassung der Vereinigten Staaten sollte ein
vereintes Deutschland die volle Kontrolle über sein
gesamtes Staatsgebiet ohne jedwede neue diskriminierende Einschränkungen der deutschen Souveränität besitzen. Die Zeit der Sonderrechte und -Verantwortlichkeiten der vier Siegermächte für Berlin und
Deutschland als Ganzes neigt sich ihrem Ende zu.
Vor allem aber wollen wir, daß auch ein vereinigtes
Deutschland politisch und militärisch in vollem Umfang
Mitglied des Atlantischen Bündnisses ist. Dies ist die
erklärte Politik meiner Regierung. Das Wort "Bedingung" höre ich in diesem Zusammenhang nicht gern,
denn Freunde und Verbündete stellen einander keine
Bedingungen. Aber sie haben eine Politik, und diese
Politik hat Ziele. Unser Ziel ist die Fortdauer der
deutschen Westintegration, und die deutsche NATOMitgliedschaft bildet deren Kern. Unsere gelassene
Sichtweise des deutschen Einungsprozesses beruht
maßgeblich auf der Tatsache, daß wir uns in der Frage
der Bündnismitgliedschaft in Übereinstimmung mit der
Bundesregierung wissen.
Die Haltung der Sowjetunion ist noch schwankend.
Stellungnahmen aus Moskau sind uneinheitlich. Ich
meine aber, daß eine rationale Lageanalyse die Sowjets letztlich zu dem Schluß führen muß, daß die
deutsche Einheit im Rahmen der europäischen und
atlantischen Integration ihren Interessen nicht widerspricht. Das Bündnis ist bereit, legitimen sowjetischen
Sicherheitsinteressen Rechnung zu tragen. Niemand
besteht darauf, NATO-Truppen auf das Gebiet der
heutigen DDR vorzuschieben. Für Nordnorwegen
besteht übrigens seit langem eine entsprechende
Sonderregelung. Sie könnte als Modell dienen.

Seite 2

Man könnte nun einwenden, daß Diskussionen über
eine fortdauernde NATO-Mitgliedschaft der Deutschen
insofern überflüssig seien, als die sicherheitspolitischen Veränderungen in Europa die Existenzberechtigung des Bündnisses insgesamt in Frage stellen. Ein
solcher Standpunkt ist schlicht paradox, denn diese
Veränderungen sind ja gerade das Ergebnis von 40
Jahren erfolgreicher Bündnispolitik. Dennoch gibt es
Leute, nach deren Auffassung die NATO nur noch ein
müder alter Wachhund ist, den man allmählich einschläfern sollte.
Ich teile eine solche Sichtweise nicht und bin davon
überzeugt, daß das Atlantische Bündnis nichts von
seiner Bedeutung eingebüßt hat. Das demokratische
Gesellschaftsmodell des Westens ist heute das Leitbild, an dem sich alle Länder Osteuropas orientieren,
während der Kommunismus hoffungslos diskreditiert
ist. Dies ist vielleicht der friedlichste Sieg, den je ein
politisches System über ein anderes errungen hat, und
es ist ein Sieg der NATO. In ihrem Schutz konnten die
Freiheit und der Wohlstand gedeihen, die heute eine
so enorme Ausstrahlungskraft beweisen. Dank der
beharrlichen Verteidigungsanstrengungen der NATO
konnte das gewaltige Militärpotential der Sowjetunion
niemals im Sinne hegemonialer Ziele wirksam werden.
Kein NATO-Staat konnte je durch Drohgebärden gefügig gemacht oder zu einer Gefälligkeitspolitik gegenüber der Sowjetunion genötigt werden.
Vier Jahrzehnte lang konnte sich die Demokratie im
Schutze des Bündnisses behaupten, und heute dürfen
wir ihren Siegeszug durch ganz Osteuropa erleben.
Erfolgreicher kann eine Politik nicht sein. Wir befinden
uns in der Situation einer Fußballmannschaft, die in
der Halbzeit 10:0 führt. Warum also sollten wir unser
Spielkonzept radikal ändern?
Die militärische Abwehrbereitschaft der NATO bleibt
ein wichtiger Faktor westlicher Sicherheitspolitik. Am
15. Februar wurde Präsident Bush während seiner
Pressekonferenz mit Bundeskanzler Kohl gefragt, wer
denn heute eigentlich noch der Gegner des Bündnisses sei. Seine Antwort lautete: "Der Gegner ist die
Unvoraussagbarkeit. Der Gegner ist die Instabilität."
Genauso ist es. Welchen Weg die Sowjetunion schließlich gehen wird, ist heute noch nicht abzusehen. Ihr
militärisches Potential ist immer noch immens, und
seine Modernisierung wurde keineswegs ausgesetzt.
Die militärische Abwehrbereitschaft der NATO bildet
unsere Versicherungspolice für den Fall von Rückschlägen für die demokratischen Reformen im Osten.
Die NATO ist ein Zusammenschluß freier Staaten, die
eine gemeinsame Wertordnung teilen. Die NATO
unterscheidet sich damit fundamental vom Warschauer Pakt, der nur ein einziges freiwilliges Mitglied hat nämlich die Sowjetunion - und der nie etwas anderes
als ein sowjetisches Führungsinstrument war. Die
NATO hingegen war stets nicht nur eine militärische,
sondern auch eine politische Institution.
AMERIKA DIENST 19

�Wir sind woiterhin optimistisch, daß wir bei den Rüstungskontrollverhandlungen in Wien und Genf die
Ziele erreichen können, die wir uns gesteckt haben.
Dies würde tiefe Einschnitte bei den konventionellen
Streitkräften wie bei den strategischen Waffen ermöglichen und in Europa eine neue sicherheitspolitische
Lage schaffen. Wenn dies gelingt, werden sich auch
bei den Aufgaben der NATO Gewichte verschieben.
Das Bündnis wird dann seine politischen Wesenszüge
stärker in den Vordergrund rücken können, ohne allerdings die militärischen völlig aufzugeben.
Eine wichtige Funktion der NATO wird dann die Planung und Koordination des Rüstungskontrollprozesses einschließlich der Verifikation geschlossener Verträge sein. Die ständigen Gremien und regelmäßigen
Ratstagungen der NATO gewährleisten einen umfassenden und stetigen Informationsfluß sowie eine Institutionalisierung des Dialogs der Bündnispartner. Das
Atlantische Bündnis wird daher eine bedeutsame Rolle
bei der Konzipierung und Abstimmung der Ost- und
Sicherheitspolitik des Westens zu spielen haben.
Vor allem aber bildet die NATO das stärkste Bindeglied
zwischen Nordamerika und Europa und ist in ihrer
transatlantischen Klammerfunktion nicht zu ersetzen.
Keine andere Institution bietet ein so umfassendes
Netz eingespielter Informationskanäle. Für keine andere
Institution ist die transatlantische Zusammenarbeit in
so hohem Maße Routine. Keine andere Institution
verfügt über Gremien, die den Europäern derart direkte, wenn auch begrenzte Möglichkeiten zur Einflußnahme auf den politischen EntScheidungsprozeß in
den Vereinigten Staaten bieten.
Das Atlantische Bündnis bildet auch die Grundlage für
die Stationierung amerikanischer Streitkräfte in Europa. Ich kann mir nicht vorstellen, daß der amerikanische Kongreß einer Truppenstationierung auf einer
anderen Vertragsgrundlage zustimmen würde.
Sicherlich ist die Gefahr eines militärischen Konflikts
zwischen Ost und West heute geringer als zu jedem
anderen Zeitpunkt der Nachkriegsgeschichte. Dennoch bleibt die Anwesenheit amerikanischer Truppenverbände in Europa politisch wichtig und eine Angelegenheit im Interesse der Europäer.
Die Sowjetunion ist ein riesiges Land mit einer Vielzahl
kaum entfalteter Ressourcen. Seine Größe und
Machtfülle werden immer auch ein Faktor seiner Politik
sein, ganz gleich, ob es sich in die staatliche Form
einer Republik, eines Kaiserreichs oder einer kommunistischen Diktatur kleidet. Europa hingegen bildet nur
einen schmalen Gebietsstreifen an der Westküste der
eurasischen Landmasse.
Gorbatschow zählt zweifellos zu den eindrucksvollsten politischen Gestalten der Gegenwart, aber er ist
weder ein demokratischer Idealist noch ein sentimentaler Apostel der Völkerverbrüderung. Er ist ein Vir-

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tuose der Machtpolitik mit dem Ehrgeiz, seinem Land
den Anschluß an die moderne Welt zu sichern. Die
treibende Kraft der Reformpolitik Gorbatschows ist
nicht die Liebe zur Demokratie, sondern der Ehrgeiz,
sein Land aus seiner Rückständigkeit herauszurei ßen.
Das dumpfe und geistfeindliche Ideologentum des
Kommunismus mag in der Sowjetunion seinem überfälligen Ende entgegengehen. Aber dies ist nicht
gleichbedeutend mit dem Ende sowjetischer Machtpolitik, und die Sowjetunion bleibt eine Supermacht.
Darum wäre es vielleicht keine schlechte Idee, wenn
die Europäer ein Gegengewicht in Form amerikanischer Streitkräfte auf ihrem Kontinent behielten. Wenn
diese Truppen gehen, ist es schwer, sie zurückzubringen. Die Geographie ändert sich nicht, und es wird
immer schwieriger sein, den Atlantik zu überqueren als
die Weichsel.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits haben nicht die
Absicht, sich zurückzuziehen. Wir werden in Europa
bleiben, solange wir hier willkommen sind. Die Kosten
hierfür sind erheblich. Von den Verteidigungsausgaben des Bündnisses tragen die Vereinigten Staaten
64 Prozent. Unsere Truppenstationierung in Deutschland kostet uns jährlich 90 Milliarden Dollar. Der Abzug
dieser Truppen würde uns der Sorge um unser Haushaltsdefizit schlagartig entheben. Aber wir werden
bleiben.
Die industrielle Infrastruktur Europas ist hochentwikkelt. Die technische Bildung seiner Bevölkerung im
allgemeinen und seiner Industriearbeiterschaft im
besonderen liegen weit über dem internationalen Standard. All dies macht Europa zu einer tragenden Säule
der Weltwirtschaft und gibt ihm damit ein weltpolitisches Gewicht, das die Vereinigten Staaten nicht
ignorieren können. Es kann uns nicht gleichgültig sein,
was in Europa geschieht. Neoisolationismus können
wir uns nicht leisten.
Abgesehen von solch eher realpolitischen Überlegungen sind die Europäer einschlie ßlich der Deutschen für
uns Amerikaner nicht einfach nur Verbündete und
Geschäftspartner, sondern Mitglieder der gleichen
demokratischen Wertegemeinschaft, der wir uns selbst
zugehörig fühlen. Ein reines Zweckbündnis kann man
auch mit einem kulturell völlig andersgearteten Partner
eingehen. Es kann bestehen, solange es im beiderseitigen Interesse liegt. Eine Verbindung mit Menschen
von verwandter Lebensart und politischer Kultur ist
jedoch mehr als eine Frage der politischen Opportunität. Dies wiegt schwerer und ist stabiler, trotz aller
möglichen Meinungsverschiedenheiten. Von solchen
Partnern wendet man sich nicht ab. Gestatten Sie mir
einen Augenblick der Sentimentalität, und lassen Sie
mich sagen, daß für uns das Bündnis mit Europa auch
eine Herzensangelegenheit ist.
Die innere Beziehung Amerikas zu Europa spiegelt
sich auch in der Entwicklung der Besucherströme

Seite 3

�wider. Beispielsweise haben im vergangenen Jahr
mehr als eine Million deutscher Touristen die Vereinigten Staaten bereist. Addiert man die Statistiken der
offiziell aktenkundigen Austauschprogramme, so ergibt sich, daß sich 1989 rund 18,000 junge Deutsche
im Rahmen solcher Programme in den USA aufhielten.
Diese Zahlen erfassen Schüler, Studenten, junge
Berufstätige und Au Pairs. Außerdem kamen rund
11,000 junge Amerikaner nach Deutschland. Dies
sind erfreuliche Zahlen, wenn man bedenkt, wie teuer
solche Programme schon wegen der hohen Reisekosten sind. Ich meine, man darf aus diesen Besucherzahlen folgern, daß sich die Deutschen bei uns in
Amerika unter Freunden und daher wohl fühlen.
In diesen Jahren erleben wir mit, wie eine der großen
Wegmarken der Weltgeschichte gesetzt wird. Die
Welle der Veränderungen, die die Staaten des ehemaligen Ostblocks erfaßt haben, erfüllt das Kriterium für
eine Einordnung unter die Kerndaten der Weltgeschichte: Diese Veränderungen sind im Begriff, die
völlige Umgestaltung eines großflächigen Kulturraumes herbeizuführen. Ich bin optimistisch genug, um zu
prophezeien, daß dies eine Umgestaltung im Sinne
von Demokratie und Marktwirtschaft sein wird.
Niemand vermag vorherzusagen, wieviele Rückschläge und Anfechtungen diese Entwicklung erleiden wird.
Die gesamte Tradition Rußlands ist despotisch, und
die Demokratie wird es schwer haben, in einem solchen Lande Wurzeln zu schlagen. Die Wirtschaftsprobleme haben ungeheuere Dimensionen. Außerdem
haben Stalins Imperialismus und der zaristische Kolonialismus des 19. Jahrhunderts der Sowjetunion ein
schweres Erbe in Form zahlreicher gewaltsam angegliederter Länder und Nationen hinterlassen. Es wird
Zeiten geben, wo es den geistigen Nachfahren Breschnews leichtfallen wird, Gorbatschow als Abenteuerer zu denunzieren. Selbst mancher Reformer wird
wohl angesichts der massiven Probleme zuweilen
einen sehnsuchtsvollen Blick auf die Rumpelkammer
stalinistischer Unterdrückungsinstrumente werfen.
In Osteuropa findet die Demokratie einen besser bereiteten Boden, aber auch in diesen Ländern mangelt es
nicht an Konfliktstoff. So zeigen sich heute auf dem

Balkan wieder Ansätze zu genau der Form von aggressivem Nationalismus und ethnischer Intoleranz, die
der Halbinsel vor dem 1. Weltkrieg den Ruf eines
Pulverfaßes eingetragen hatten.
Die Anfechtungen des Demokratisierungsprozesses
sind mannigfaltig, aber ich glaube an seinen schließlichen Erfolg. Der Niedergang des Kommunismus und
das Aufbrechen der Blockstruktur Europas sind Entwicklungen von historischer Tragweite. Natürlich können
wir dies nicht ignorieren und unser bündnispolitisches
*

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Tagesgeschäft betreiben, als ob im Kreml immer noch
Leonid Breschnew regiere. Aber wir müssen auch
nicht alles ganz anders machen, denn die Verheißungen der Gegenwart sind die Früchte unserer erfolgreichen Politik in der Vergangenheit.
US-Außenminister Baker hat für Europa und die transatlantischen Beziehungen eine "new architecture",
d.h., eine Neuordung und Neugestaltung gefordert.
Dies muß sich jedoch nicht voraussetzungslos und
quasi im luftleeren Raum vollziehen. Wir können und
sollten uns vielmehr der bewährten Institutionen bedienen, die an der Herbeiführung des Wandels im Osten
ihren Anteil haben, die eingespielte Gremien und
Verfahrensweisen besitzen und die deshalb in der
Lage sind, einer positiven, aber instabilen Entwicklung
eine solide Grundlage zu schaffen.
Wir wollen, daß die westlichen Sicherheitsinteressen
auch bei Rückschlägen für die Demokratie im Osten
gewahrt bleiben. Wir wollen einen tiefgreifenden und
geordneten Abrüstungsprozeß. Wir wollen, daß die
enge Verzahnung der transatlantischen Meinungsbildungs- und EntScheidungsprozesse erhalten bleibt.
Wir wollen einen verläßlichen Rahmen für das amerikanische Engagement in Europa. Für all dies haben
wir die NATO.
Wir wollen, daß politischer Pluralismus, demokratische Verfahrensweisen einschließlich freier Wahlen,
Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte und
wirtschaftliche Freiheiten in Osteuropa und in der
Sowjetunion durchgesetzt und fest verankert werden.
Wir wollen, daß dort all dies geschriebenes und einklagbares Recht wird, nicht nur Ermessenssache von
Regierungen. Dafür haben wir den KSZE-Prozeß, der
sich als effektives Forum des Ost-West-Dialogs bewährt hat.
Wir wollen, daß die Teilung Europas vollständig aufgehoben wird. Wir wollen, daß Europa zusammenwächst. Wir wollen, daß es wirtschaftlich stark ist und
unseren Unternehmen gewinnbringende Geschäftsbeziehungen und offene Märkte bietet. Wir wollen,
daß die jungen Demokratien Osteuropas politisch,
kulturell und wirtschaftlich in Europa integriert werden.
All dies sollte die Aufgabe der EG sein.
Dies ist die "new architecture", die uns vorschwebt.
Dies ist unsere Vorstellung von dem Weg, der Europa
und Amerika ins dritte Jahrtausend führen soll. Er wird
ereignisreich sein und deshalb auch Ihnen, den Chronisten und Kommentatoren des Zeitgeschehens, durchaus befriedigende berufliche Perspektiven bieten.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 19

�EUROPA
16. Mai 1990

DEUTSCHE EINHEIT SCHLÜSSEL FÜR
EUROPAS ZUKUNFT
Rede von Außenminister Baker in New York
NEW YORK - (AD) - Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist in den Worten Außenminister Bakers
der Schlüssel zu "Frieden und Freiheit" im Europa von morgen. "Ein vereinigtes Deutschland und der Prozeß,
mit dem dieses Ziel erreicht wird, werden unsere Hoffnungen für die Zukunft entscheidend prägen", erklärte
Baker am 14. Mai anläßlich der Entgegennahme des Hans J. Morgenthau-Preises für Verdienste um die
auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten, der vom gemeinnützigen, privaten Nationalen Komitee für
Amerikanische Außenpolitik verliehen wird.
Baker zufolge gehören zu den neuen diplomatischen Aufgaben und zur Rolle der Vereinigten Staaten in Europa
folgende Elemente: politische Legitimität, wirtschaftlicher Wohlstand und militärische Sicherheit. Diese
"gemeinsamen Interessen" werden von der Vereinigung der beiden deutschen Staaten überlagert.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Ich freue mich, den Hans J. Morgenthau-Preis entgegennehmen und mich in die prestigeträchtige Gesellschaft der sechs früheren Preisträger einreihen zu
können. Ich habe mich den größten Teil meines
Lebens mit juristischen Fragen beschäftigt, die meisten der vergangenen 20 Jahre im öffentlichen Dienst
gestanden und mich während eines Großteils dieser
Zeit innenpolitischen Fragen gewidmet. Es ist deshalb
eine große Ehre, heute abend für Verdienste um die
auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten
von Amerika ausgezeichnet zu werden.
Vor allem ist es eine Ehre, einen Preis verliehen zu
bekommen, der an einen Mann vom Format Hans
Morgenthaus erinnert. Von Hitler aus Europa vertrieben, verbrachte Hans Morgenthau den Rest seines
Lebens damit, den Vereinigten Staaten die Welt jenseits ihrer Küsten näherzubringen. Es war eine Welt,
die sich Hals über Kopf von der Zivilisation zu entfernen schien. Als Anwalt für Völkerrecht erlebte Hans
Morgenthau den Zusammenbruch des Völkerbundes.
Als politischer Philosoph wurde er Zeuge der Tragödien von Faschismus und Stalinismus. Als Fachmann
für die Geschichte der Diplomatie erlebte er zwei hei ße
Kriege und das Auf und Ab eines kalten Krieges. Als
persönliches Opfer unglückseliger Politik fühlte er sich
veranlaßt, die Vereinigten Staaten aus ihrem traditionellen isolationistischen Schlummer zu wecken. Um
AMERIKA DIENST 19

dies zu erreichen, nutzte er häufig historische Beispiele, die oftmals bitteren Realitäten der internationalen
Politik und vor allen Dingen die Raison nationaler
Interessen.
Nirgends war Hans Morgenthau effektiver oder eloquenter als in seinem klassischen Werk von 1946 mit
dem Titel Scientific Man versus Power Politics.
Darin schrieb er: "Die Zeit ist stets auf der Suche nach
dem Stein des Weisen, der magischen Formel, die,
mechanisch angewandt, ... die Ungewißheiten und
Risiken politischen Handelns durch die Gewißheit
rationaler Berechnung ersetzen wird." Er fuhr fort:
"Da jedoch das, was die Sucher der magischen Formel
wollen, einfach, rational, mechanisch ist und das,
womit sie sich befassen müssen, kompliziert, irrational, unberechenbar, sind sie gezwungen... die Realität
der internationalen Politik zu vereinfachen und das zu
entwickeln, was man als 'Methode der einen Ursache'
bezeichnen könnte."
Hans Morgenthau war der Überzeugung, daß es keine
einzelne Ursache des Krieges und keine einzelne
Lösung der Probleme von Macht und Frieden geben
könne. Er verbrachte den überwiegenden Teil seines
Schaffens damit, diejenigen zu entlarven, die der
"Methode der einen Ursache" anhingen.

Seite 1

�Heute abend möchte ich mich Hans Morgenthau anschließen. Ich möchte gegen die "Methode der einen
Ursache" im Kontext der dramatischsten Ereignisse
unserer Zeit argumentieren: Europas jüngste Morgendämmerung von Freiheit und Einheit.
Der sichtbare Abbau der sowjetischen Bedrohung hat
manch einen zu der Annahme veranlaßt, der einzige
Grund für unsere Präsenz in Europa in den vergangenen 40 Jahren sei die Eindämmung dieser Bedrohung
gewesen. Jenseits des Containments, so meinen sie,
spielten die Vereinigten Staaten keine Rolle mehr.
Wenn also die "eine Ursache" des amerikanischen
Engagements - die Furcht vor einer sowjetischen
Aggression - schwindet, sollte damit auch die Stellung
der Vereinigten Staaten in Europa abgebaut werden.
Das wäre der gründlichste strategische Fehler dieser
Generation. Wir müssen nicht nur den kalten Krieg
überwinden, sondern auch die Konflikte, die dem kalten Krieg vorausgingen. Der Abbau der sowjetischen
Bedrohung darf Europa nicht dazu verleiten, zu einem
unsteten Gleichgewicht der Kräfte oder einem neuen
Ausbruch nationaler Rivalitäten uncLethnischer Spannungen zurückzukehren.
Die Perestrojka in der Sowjetunion, die demokratischen Revolutionen Mittel- und Osteuropas und die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten geben
Europa und den Vereinigten Staaten eine neue Chance: Unsere Vision für die Verhinderung von Krieg... auf
den praktischen Aufbau des Friedens auszudehnen..
Um Krieg zu verhindern, müssen wir weiterhin Aggressionen abschrecken und die verbleibende Bedrohung
in die Schranken weisen. Um jedoch den Frieden
aufzubauen, muß die Rolle der Vereinigten Staaten
über ein bloßes Ausgleichen der verbleibenden sowjetischen Militärmacht hinausgehen.
Das amerikanische Engagement muß neu gestaltet
werden, um den neuen Umständen gerecht zu werden. Durch einen Ozean getrennt, doch historisch,
politisch, wirtschaftlich und strategisch mit Europa
verbunden, können wir eine Führungsrolle auf dem
Weg des gemeinsamen Interesses spielen. Die Förderung des gemeinsamen Interesses in Europa kann
eine unserer wichtigsten nationalen Interessen bilden.
Wie Professor Morgenthau vor Jahren schrieb: "Die
Diplomatie hat hier die neue Aufgabe, neue Institutionen und Verfahren zu schaffen und zu bewahren, mit
denen das neue gemeinsame Interesse der Nationen
verfolgt werden kann."
Ich möchte Ihnen also heute abend die neuen diplomatischen Aufgaben der Vereinigten Staaten erläutern
und mit Ihnen diese gemeinsamen Interessen Revue
passieren lassen: politische Legitimität, wirtschaftlicher Wohlstand und militärische Sicherheit. Ich möchte über die Rolle der Vereinigten Staaten bei der
Erlangung dieser Interessen sowohl für uns selbst als
auch für Europa sprechen.
Seite 2

Das erste gemeinsame Interesse: Politische Legitimität
Unsere erste Aufgabe wird die Förderung politischer
Legitimität sein - oder, um es klarer auszudrücken,
vom Volk gewählter und diesem verantwortlicher
Regierungen.
Nachdem die Diktatoren der Vergangenheit verjagt
wurden, bemühen sich die Völker Mittel- und Osteuropas um den Aufbau legitimer politischer Ordnungen,
die von Dauer sind. Die Vereinigten Staaten müssen
weiterhin an ihrer Seite stehen und ihr Engagement für
die neuen Demokratien bekräftigen.
Der sicherste Eckpfeiler sind freie und faire Wahlen.
Im vergangenen Mai hat der Präsident in Mainz einen
Vorschlag in bezug auf freie Wahlen für die 35 Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) gemacht. Vor zwei
Tagen bekräftigte er diesen Vorschlag, indem er bei
seiner Rede an der University of South Carolina die
KSZE aufforderte, einen Konsens auf der Grundlage
freier Wahlen, von politischem Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit zu schaffen. Wir hoffen, daß die KSZE
nächsten Monat in Kopenhagen Fortschritte bei diesen Ideen erzielen wird.
Um zu gewährleisten, daß die in diesem Frühjahr in
Mittel- und Osteuropa stattfindenden Wahlen frei und
fair sind, habe ich im Februar in Prag vorgeschlagen,
daß die KSZE-Mitgliedstaaten Beobachterdelegationen zu diesen Wahlen entsenden. Die Vereinigten
Staaten haben Beobachter zu den bereits abgehaltenen Wahlen entsandt, und der Präsident wird Delegationen zu den kommenden Wahlen in Rumänien und
Bulgarien entsenden. Ich freue mich darüber hinaus,
berichten zu können, daß sich uns viele Staaten bei
diesen Bemühungen angeschlossen haben.
In einigen Fällen werden Beobachter jedoch nicht
ausreichen. Wir sind besorgt darüber, daß ein wiederkehrendes Muster von Einschüchterung und Gewalt
den Wahlkampf in Rumänien aushöhlen könnte.
Bei der Suche nach Institutionen, die zur Förderung
politischer Legitimität in ganz Europa fähig sind, kann
die KSZE eine wichtige Rolle spielen. Sie bleibt die
einzige europäische Organisation, die nahezu alle
europäische Staaten sowie die Vereinigten Staaten
und Kanada umfaßt. Sie ist in einer guten Position, um
den europäischen Konsens über politische und ökonomische Werte zu fördern, die uns als Leitlinien dienen
sollten. Wenn Sie so wollen, kann sie zum "Gewissen
des Kontinents" werden. Um die KSZE zu stärken,
müssen wir ihre Treffen regelmäßiger abhalten, neue
Richtlinien für freie Gesellschaften entwickeln und sie
als ein Forum des politischen Dialogs im neuen Europa
unterstützen. Auf diese Weise kann den neuen
Demokratien des Ostens eine Stimme im neuen Europa verschafft werden.

AMERIKA DIENST 19

�Obwohl in den zehn Prinzipien der KSZE westliche
Werte zum Ausdruck kommen, sollte die NATO die
Organisation bleiben, in der sich die westlichen Demokratien zusammenfinden, um den neuen Frieden in
Europa zu garantieren. Neben ihrer Rolle als militärisches Bündnis war die NATO 40 Jahre lang ein wichtiges politisches Forum, in dem sich demokratische
Vertreter trafen und für die Zukunft planten. Das
Bündnis wird ein zentrales Forum für politische Konsultationen über die Zukunft Europas bleiben. Der
Präsident hat deshalb klargestellt, daß die NATO
unserer Ansicht nach das Gipfeltreffen im Sommer
nutzen sollte, um ihre Anpassung an die neuen politischen Realitäten in Europa zu beschleunigen.
Dieser Prozeß hat bereits begonnen. Das Bündnis hat
sich energisch für die Verwirklichung unseres Vorschlags zur Einsetzung eines NATO-Stabs zur Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen eingesetzt,
seit wir diesen Vorschlag im vergangenen Dezember
in Berlin gemacht haben. Seither wurden auch die
politischen Konsultationen im Bündnis intensiviert. Dazu
gehörte auch ein vor 11 Tagen abgehaltenes Sondertreffen der Außenminister, um die-Entwicklungen in
der Sowjetunion, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und Wege zur Stärkung der KSZE zu
besprechen.
In dieser Hinsicht möchte ich einen Gedanken vortragen, der es wert sein könnte, weiterentwickelt zu
werden. Die Nordatlantische Versammlung hat bereits osteuropäische Parlamentarier zu einigen ihrer
Treffen eingeladen. Die Westeuropäische Union (WEU)
und die NATO müssen überlegen, wie sie ihre Hand
ausstrecken und die Völker und Regierungen Osteuropas beruhigen können. Diese Institutionen sollten zum
Beispiel die Entwicklung eines soliden politischen und
militärischen Dialogs mit den Mittel- und Osteuropäern sowie mit den Sowjets in Erwägung ziehen. Auf
diese Weise könnten wir vielleicht das Verständnis in
bezug auf das Engagement des Westens für Legitimität und Stabilität schärfen.
Langfristig werden die Vereinigten Staaten mit dem
Wachsen der Demokratie in Mittel- und Osteuropa
ihre bilateralen Beziehungen zu den neuen Demokratien ausweiten und ihre diplomatischen Ressourcen
und Einrichtungen in der Region ausbauen.
Wir werden in ganz Osteuropa neue Kulturzentren
eröffnen und wesentlich mehr tun, um die starke
Nachfrage nach Englischunterricht zu befriedigen. Wir
haben bereits einen Fonds für Unabhängigen Rundfunk und eine Freie Presse vorgeschlagen.
Die Demokratie kann nur mit der breiten Beteiligung
der Bürger gedeihen. Aus diesem Grund hat der
Präsident ein Bürger-Korps Demokratie angeregt. Indem
sich amerikanische Bürger zusammen mit privaten
Bürgern und Gruppen in Osteuropa und später vielleicht auch in der Sowjetunion engagieren, kann das

AMERIKA DIENST 19

Geben und Nehmen der Demokratie auch über den
Atlantik hinweg florieren.
Das zweite gemeinsame Interesse
Wirtschaftliche Freiheit und Wohlstand bilden das zweite
gemeinsame Interesse, auf dessen Grundlage sich
alle Europäer vereinen können. Politisch und ökonomisch muß Europa ein umfassendes, integriertes
Ganzes werden, das der Welt offen gegenübersteht.
Unsere bilateralen ökonomischen Bemühungen betreffen drei Bereiche. Erstens stehen wir denjenigen
unter den neuen Demokratien bei, die sich in Krisensituationen befinden, indem wir ihnen verzweifelt benötigte Soforthilfe gewähren. Zweitens unterstützen wir
aktiv solche Bemühungen, deren Ziel die Erleichterung
des Übergangs von stalinistischen Kommandowirtschaften zu privatwirtschaftlich orientierten Marktwirtschaften ist. Drittens bemühen wir uns um die Integration der neuen marktwirtschaftlich orientierten Demokratien in die Weltwirtschaft.
Die Vereinigten Staaten haben bei mehreren wichtigen
Hilfsmaßnahmen die führende Rolle gespielt, etwa bei
der Schaffung des polnischen Stabilitätsfonds zur
Unterstützung der mutigen Reformen in Polen. Wir
haben innovative Untemehmensfonds für Polen und
Ungarn ins Leben gerufen, um das Wachstum des
Privatsektors in diesen Ländern zu fördern. Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin ihre Handelsund Hilfsprogramme für die neuen Demokratien ausbauen - und je marktorientierter diese Volkswirtschaften werden, desto umfassender werden unsere Wirtschaftsbeziehungen.
Eine Europäische Gemeinschaft liegt als Institution,
die den Vereinigten Staaten eng verbunden ist und
Verbindungen mit Osteuropa offen gegenübersteht,
im allseitigen Interesse. Für die Westeuropäer kann
sie größere und freiere Märkte bedeuten. Für Amerikaner kann sie Tor zum gesamten Europa sein.
Und für die Osteuropäer kann sie die sich entwickelnden Privatsektoren gegenüber Westeuropa und den
Vereinigten Staaten öffnen und ihnen Märkte für die
Produkte ihrer umgestalteten Wirtschaftssysteme
sichern.
Wir haben viele Schritte unternommen, um unsere
Konsultationen mit der EG in Wirtschaft und Politik
auszubauen. Zum Beispiel konnten durch unsere
Arbeit im Bereich der Normen unbeabsichtigte Handelsschranken abgebaut werden. Wir haben jetzt
sowohl Ministertreffen als auch Präsidentengespräche geplant. Im Rahmen des Prozesses der Europäischen Politischen Zusammenarbeit (EPZ) streben wir
eine Intensivierung unseres politischen Dialogs, auch
über Osteuropa und regionale Konflikte an.
Mit ihrer Zusammenarbeit können ein engagiertes
Amerika, die EG, das OECD-Zentrum für Europäische

Seite 3

�Volkswirtschaften im Aufbau und die neue Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ein
wirtschaftliches Klima schaffen, das von Kooperation,
nicht von Abschottung geprägt ist.
Das dritte gemeinsame Interesse:
Sicherheit

Militärische

Politische Legitimität und wirtschaftlicher Wohlstand
müssen durch militärische Sicherheit untermauert
werden. Angesichts der sich verändernden Gegebenheiten hat der Präsident erklärt, daß wir nunmehr eine
Strategie für den Umgang mit einem neuen strategischen Umfeld in Europa entwickeln müssen. Der
Abzug sowjetischer Truppen aus Mittel- und Osteuropa und Moskaus Fortschritte bei der Reduzierung
seiner Streitkräfte versetzen uns in die Lage, nicht
mehr auf die Strategie und Streitkräfte der NATO in
dem Umfang bauen zu müssen, den wir in der Vergangenheit kannten, sondern daß wir diesen jetzt drastisch ändern können.
Wenn man die konventionelle militärische Präsenz der
Vereinigten Staaten in Europa bedenkt, kommt der
sowjetischen Handlungsweise weiterhin entscheidende Bedeutung zu. Wenn das "neue Denken" in eine
neue sowjetische Streitkräftestruktur umgesetzt wird,
können wir auch unser Einsatzkonzept ändern. Tatsächlich ist die Möglichkeit zur Reduzierung unserer
Streitkräfte in gewissem Maße auf Präsident Gorbatschows Abzug sowjetischer Truppen und die Neudefinition realistischerer sowjetischer Sicherheitsinteressen in Europa zurückzuführen.
Aber auch wenn alle sowjetischen Streitkräfte in die
UdSSR zurückkehren und konventionelle Rüstungskontrolle Fortschritte macht, verfügen die Sowjets
noch über Streitkräfte, die um ein Vielfaches umfangreicher sind als die jedes anderen einzelnen Landes.
Deshalb müssen US-Streitkräfte, solange sie erwünscht
sind, in Europa bleiben. Aber die Art und der Umfang
der US-Präsenz in Europa sollte sich mit der Bedrohung verändern. Wenn wir die politischen Veränderungen durch demokratische Regierungen und die
militärischen Veränderungen durch ein KSE-Abkommen festschreiben, müssen wir anders planen. Aus

diesem Grund könnten wir uns in naher Zukunft weniger auf den unmittelbaren Ausbruch eines Krieges
vorbereiten und mehr zur Förderung langfristiger militärischer Stabilität in Europa tun.
Der Präsident hat darüber hinaus die Notwendigkeit
eines NATO-Gipfels betont, bei dem die Zukunft
amerikanischer Nuklearstreitkräfte in Europa bewertet
werden soll. Auch hier muß die militärische Strategie
die politische Realität widerspiegeln. Situationen und
Bedingungen verändern sich. Wir müssen der Anzahl,
Art und den Abschreckungsmissionen unserer Nuklearwaffen in Europa größere Aufmerksamkeit zuwenden. Als Teil dieser Neubewertung hat der Präsi-

Seite 4

dent das Bündnis aufgefordert, Zielsetzungen für künftige
amerikanisch-sowjetische Verhandlungen über Kurzstreckenraketen in Europa zu vereinbaren.
Konventionelle und nukleare Rüstungskontrolle müssen zentraler Bestandteil unserer Planung sein. Ich
habe bereits im Oktober vergangenen Jahres in San
Francisco erklärt, daß Rüstungskontrolle positive
Veränderungen festschreiben, die Sowjets zur Zerstörung ihrer Waffen auf wirksam verifizierbare Art und
Weise verpflichten und die Veränderungen vornehmen kann, die nur schwierig und kostenträchtig rückgängig zu machen sind. Wir sollten nicht nur noch in
diesem Jahr einen Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) unterzeichnen, sondern wir
müssen Folgeverhandlungen beschleunigen, um die
bei einigen Ländern auch nach KSE möglicherweise
noch bestehenden sicherheitspolitischen Fragen zu
lösen.
Darüber hinaus müssen wir größere Anstrengungen
unternehmen, um die strategische Berechenbarkeit
bei den Wiener Verhandlungen über Vertrauens- und
Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) zu fördern.
Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs ist um
stärkeren Austausch mit militärischen Vertretern sowohl
der Sowjets als auch der Osteuropäer bestrebt. Im
zivilen Bereich sollten wir einen ähnlichen Dialog mit
unseren Amtskollegen führen, der nicht nur Tagesereignisse, sondern vielmehr Doktrinen und Konzepte
zum Inhalt hat, derer wir uns beim Nachdenken über
Krieg und Frieden bedienen.
Zur Anpassung an die veränderten Bedingungen möchte
ich noch auf einen Punkt hinweisen: Wir können es
uns nicht leisten, daß in Europa irgendeine Art von
Krieg leichter führbar sein wird. Abschreckung muß

durch einen angemessenen und verläßlichen Mix
konventioneller und nuklearer Streitkräfte sichergestellt werden.
Längerfristig sind wir daran interessiert, Möglichkeiten
für einen KSZE-Mechanismus zu erforschen, mit dem
Streitigkeiten auf friedlichem Wege gelöst werden
können. Wir fördern solche Bestrebungen, wenn sie
bestehende Institutionen wie die NATO und die WEU
ergänzen und nicht ersetzen. Alt und Neu können sich
ergänzen, und die so geschaffenen Institutionen können die anstehenden Probleme lösen.
Neue Institutionen und das gemeinsame Interesse: Zwei-plus-Vier
Aus meinen Ausführungen zu unseren drei gemeinsamen Interessen ist hoffentlich ein Punkt klar geworden:
So wie es keinen einzelnen Grund für Amerikas Engagement in Europa gibt, gibt es auch kein einzelnes
Band, das uns zusammenschmiedet. Darüber hinaus
kann auch keine einzelne Institution unser vielfältiges
transatlantisches Engagement leisten. Deshalb sind
wir an den Beziehungen zu den wichtigsten europäi-

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�sehen Institutionen interessiert - der NATO, der EG
und der KSZE.
Aber ich habe bereits im Winter vergangenen Jahres in
Berlin und Prag darauf verwiesen, daß unter Umständen neue Institutionen und Mechanismen geschaffen
werden müssen. Im Prag habe ich zum Beispiel die
Rolle betont, die regionale oder freiwillige Zusammenschlüsse bei der Förderung der gemeinsamen Interessen von Mittel- und Osteuropäern spielen können.
Mit der Aussöhnung und Integration Europas verbinden sich die gemeinsamen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen zu einem
gemeinsamen Projekt: der Vereinigung beider deutscher Staaten in Frieden und Freiheit. Ein vereinigtes
Deutschland und der Prozeß, mit dem dieses Ziel
erreicht wird, werden unsere Hoffnungen für die Zukunft entscheidend prägen.
Der Zwei-plus-Vier-Prozeß für die Vereinigung beider
deutscher Staaten ist ein wichtiges Beispiel, wie - auch
vorläufige - Mechanismen geschaffen werden können,
mit deren Hilfe gemeinsame Interessen artikuliert und
die kontinuierliche Arbeit bereits bestehender Institutionen gefördert werden.
Zwei-plus-Vier ist aber nicht etwa als Versuch eines
Diktats über die Zukunft Deutschlands oder Europas
zu betrachten, sondern dient einem anderen Ziel: er
ratifiziert den bereits klar bekundeten Willen des deutschen Volkes auf Vereinigung in Freiheit und Selbstbestimmung und bietet gleichzeitig ein Forum zur Erörterung außenpolitischer Folgen der Vereinigung.
Eine vordringliche Aufgabe von Zwei-plus-Vier besteht
darin, eine Formel zu entwerfen, derzufolge alle Rechte und Pflichten der Vier Mächte auch über Berlin
aufgegeben und einem vollständig souveränen Deutschland übertragen werden - einem innerhalb des Territoriums der Bundesrepublik, der DDR und Berlins vereinigten Deutschland.
Im allgemeinen sollte Zwei-plus-Vier als "Lenkungsgruppe" fungieren, die solche die Vereinigung beider
deutscher Staaten betreffende außenpolitische Fragen - die am besten woanders entschieden werden
können, an die entsprechenden europäischen Foren,
etwa zu den KSE- und VSBM-Verhandlungen, den
anstehenden SNF-Gesprächen oder KSZE, weiterleitet. Bei diesem Ansatz werden die betroffenen europäischen Länder beteiligt und ihr Engagement bei
wichtigen außenpolitischen Fragen gewährleistet, ohne
daß Deutschland ausgegrenzt und damit der Samen
künftiger Instabilität gesät würde. Auf diese Weise
können Entscheidungen in Foren getroffen werden,
deren Aufgabe bereits in der Förderung gemeinsamer
Interessen besteht.

AMERIKA DIENST 19

Die neue Politik unter den Nationen
Es gibt keine einzelne Ursache für die Freiheit, die im
vergangenen Jahr Europa im Sturm erobert hat. Und
deshalb kann es auch keine einzelne Lösung geben,
die gewährleisten könnte, daß Europa ungeteilt und
frei wird und bleibt.
Wirkungsvolle Lösungen werden die vielfältigen Talente erfordern, die Amerikaner ihren Nachbarn auf der
anderen Seite des Atlantiks anzubieten haben. Wenn
sowjetische Truppen nach Hause zurückkehren, können unsere militärischen Erfordernisse für die Verteidigung Europas umgestaltet werden und viele - wenn
auch nicht alle - Soldaten wieder in die Vereinigten
Staaten zurückkehren. Mit gültigen und effektiv verifizierbaren Rüstungskontrollabkommen kann unsere
militärische Last insgesamt verringert werden.
Es wird viel über eine "Friedensdividende" gesprochen. Wenn der Frieden, den wir jetzt in Europa
aufbauen, solide und dauerhaft sein kann, wird sich
das auszahlen. Er wird nicht nur finanzieller Art sein
und über eine maßvolle, schrittweise Kürzung des
Verteidigungshaushalts hinausgehen. Ebenso wichtig
ist die Tatsache, daß er in neuen Austauschmöglichkeiten für unsere Studenten, gemeinsamen Projekten
unserer Wissenschaftler, besseren wirtschaftlichen
Möglichkeiten für unsere Unternehmer und größerem
politischem Verständnis unter unseren Völkern Gestalt annehmen wird.
Aber diese Gewinne erfordern Investitionen neuer Art.
Genau aus diesem Grund - um den Frieden zu sichern
und seine Vorzüge greifbar zu machen - sollten zu dem
Zeitpunkt, an dem ein Teil unserer Soldaten Europa
verläßt, unsere Studenten, Unternehmer und Diplomaten dort eintreffen. Und sie sollten den Atlantik in
nie gekannter Zahl überqueren. Aber wenn sie das
tun, müssen sie die Ziele der Vereinigten Staaten im
neuen Europa kennen und verstehen.
Die wichtigsten Aufgaben der neunziger Jahren bestehen darin, gemeinsame Interessen in einem ungeteilten und freien Europa und entsprechende Verfahrensweisen dazu zu artikulieren. Die Alternative würde für
Europa darin bestehen, in die bekannte Politik zurückzufallen, die Hans Morgenthau beschrieben und gefürchtet hat.
Meiner Ansicht nach kann niemand heute in Europa
oder anderswo zur "alten Tagesordnung" zurückkehren.
Die Geschichte unseres Jahrhunderts ist leider voll
von wohlmeinenden, aber gescheiterten Experimenten kollektiver Sicherheit. Sie sind gescheitert, weil die
Länder entweder gemeinsame Interessen aus den

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�Augen verloren oder es an Klugkeit und Mut fehlen
ließen, um sie in den Mittelpunkt zu stellen. Als größte
Demokratie der Welt haben in unserem Land zwei
Generationen Opfer gebracht, damit Europas Traum
von Einigkeit und Freiheit in Erfüllung gehen kann.
Jetzt sind die letzten Hindernisse für diesen Traum
beseitigt. Oder wie es der Präsident formuliert hat, ein
neuer Staatenbund ist in greifbare Nähe gerückt.

Familien überschattet und unser Denken beeinflußt
hat.
Dieser Kampf geht jetzt zuende.

Die Lektion, die Hans Morgenthau gelehrt hat, über
Amerikas notwendiges Engagement in den Reihen
derer, die nach Demokratie und Frieden streben, ist
eine Lektion, die den kalten Krieg überlebt. Wir müsDie durch die schweren Erfahrungen des Zweiten sen uns deshalb neu für die Sicherung der wichtigen
Weltkriegs gereiften großen Amerikaner, die das gemeinsamen Interessen in Europa und anderen
Schicksal unseres Landes mit dem Europas verknüpft Ländern verpflichten, mit denen die Opfer des 20.
haben, müssen Nachfolger in der heutigen Generation Jahrhunderts in Frieden und Freiheit münden.
finden. Auch wir sind durch den Krieg gereift - einen Kurz, wir müssen den Frieden gestalten.
Krieg, dessen Verluste sich in den zerstörten Gesellschaften ausdrücken, die jetzt auf der anderen Seite Dann werden wir tatsächlich eine neue Politik unter
der durchbrochenen Berliner Mauer neu entstehen. den Nationen hervorbringen.
Das war ein Kampf, der unser Leben und das unserer

* * * * *

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AMERIKA DIENST 19

�AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
B E Z I E H U N G EN
16. Mali990

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER RÜSTUNGSKONTROLLE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die folgende Übersicht wurde am 15. Mai 1990 anläßlich der vom 15. -19. Mai 1990 in Moskau stattfindenden
Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Shewardnadse vom USAußenministerium veröffentlicht.

Die Gespräche über konventionelle Rüstungskontrolle in Wien

begrenzen. Beide Seiten hoffen, daß ein KSE-Vertrag
im Lauf des Jahres 1990 unterzeichnungsreif wird.

Dies ist eine der höchsten Prioritäten der Bush-Administration und der NATO. Im Jahr 1986 entwickelte die
aus 35 Mitgliedstaaten bestehende Konferenz über
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein
innovatives Programm vertrauensbildender Maßnahmen, um Offenheit und Berechenbarkeit bei militärischen Aktivitäten zu fördern. Die Ziele des Westens
bei den fortdauernden Gesprächen über vertrauensund sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) beinhalten einen umfassenden Informationsaustausch
über die Stationierung von Truppen und Waffensystemen in Europa sowie strengere Bestimmungen für die
Beobachtung und Inspektion militärischer Übungen,
einen Ausbau von Kontakten und verbesserte Kommunikation.

Amerikanischer Vertreter - Botschafter R. James
Woolsey.

Amerikanischer Vertreter- Botschafter John J. Maresca.

Gespräche über die Reduzierung strategischer
Waffen (START) in Genf

Die 23 Mitgliedstaaten von NATO und Warschauer
Pakt nahmen im Jahr 1989 Gespräche über die konventionellen Streitkräfte in Europa (KSE) auf, um die
massive konventionelle Überlegenheit des Warschauer Pakts abzubauen. Ziel dieser Gespräche ist die
Verbesserung von Sicherheit und Stabilität vom Atlantik bis zum Ural auf verringerten konventionellen Streitkräfteniveaus.

Das amerikanische Ziel bei START ist die Reduzierung des Kriegsrisikos durch Schaffung eines stabileren nuklearen Gleichgewichts auf erheblich geringeren Niveaus.

NATO und Warschauer Pakt haben im vergangenen
Jahr große Fortschritte erzielt. Im Februar kamen sie
beispielsweise in Ottawa überein, die in Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen Truppen zu

AMERIKA DIENST 19

Gespräche über Kern- und Weltraumwaffen (NST)
in Genf
Diese Verhandlungen wurden im Jahr 1985 aufgenommen und betreffen drei wichtige Bereiche: Offensive strategische Kernwaffen, Waffen für Verteidigung
im Weltraum sowie nukleare Mittelstreckenwaffen.
Leiter der amerikanischen Delegation - Botschafter
Richard R. Burt.
Leiter der sowjetischen Delegation - Botschafter Jurij
K. Nasarkin.

Beide Seiten haben sich auf wichtige Elemente eines
Vertragsentwurfs geeinigt, aber es bleiben noch eine
Reihe wichtiger Fragen zu lösen.
Beide Seiten sind übereingekommen, sich zu bemühen, alle noch ausstehenden substantiellen Probleme
bis zum Juni-Gipfel zu lösen. Ein Vertrag soll bis Ende
des Jahres unterschriftsreif sein.

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�Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter
Richard R. Burt.

Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter David
J. Smith.

Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter L. A.
Masterkow.

Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter Jurij J.
Kusnezow.

Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen
(NST) in Genf

Nukleare Mittelstreckenwaffen (INF)

Die Vereinigten Staaten erforschen gegenwärtig, ob
wirksame Verteidigungssysteme eines Tages zur
Sicherung eines stabileren Kräftegleichgewichts zwischen beiden Seiten beitragen könnten.
Die amerikanischen Ziele bei NST sind:
Bewahrung des Rechts der Vereinigten Staaten, die Arbeiten an der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) m Rahmen des ABM-Vertrags fortzusetzen.
Gemeinsam mit den Sowjets zu einer verstärkten Stützung auf Verteidigungssysteme anstatt
auf offensive Waffensysteme zu gelangen, falls
die andauernden Forschungsarbeiten beider
Seiten zu dem Ergebnis kommen, daß solche
Verteidigungssysteme machbar sind.

*

Seite 2

*

Dem INF-Vertrag von Dezember 1987 zufolge sind die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zur Zeit
damit beschäftigt, diese gesamte Kategorie von Kernwaffen zu zerstören.
Gespräche über Atomtests (NTT) in Genf
Zur Zeit finden Verhandlungen über Protokolle für
Verifizierungsverfahren statt, damit der Vertrag über
Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken (PNET) aus
dem Jahr 1976 und der Schwellenvertrag (TTBT) aus
dem Jahr 1974 dem Senat zur Ratifizierung vorgelegt
werden können. Diese Protokolle sollten beim Gipfeltreffen im Juni unterschriftsreif sein.
Amerikanischer Verhandlungsführer - Botschafter C.
Paul Robinson.
Sowjetischer Verhandlungsführer - Botschafter Igor
M. Palenich.

* *

AMERIKA DIENST 19

�AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
BEZIEHUNGEN
16. Mai 199

ÜBERREGIONALE PROBLEME
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Das US-Außenministerium hat am 15. Mai 1990 anläßlich der vom 15. bis 19. Mai in
Moskau stattfindenden Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse die nachstehende Übersicht veröffentlicht.

Außenminister Baker legt den Schwerpunkt auf überregionale Fragen als Teilbereich der amerikanischsowjetischen Beziehungen insgesamt. Das Arbeitsprogramm über internationale Probleme markiert den
Anfang eines wichtigen neuen Aspekts unserer Beziehungen.

Naturkatastrophen und ihre Schadensbegrenzung
Beide Seiten haben eine engere Zusammenarbeit im
Rahmen bestehender Abkommen vereinbart, um auf
multilateraler und bilateraler Ebene die Bekämpfung
von Naturkatastrophen zu verbessern.

Bei den Moskauer Ministertreffen im Mai 1989 wurde
eine Arbeitsgruppe zur Bewertung der bereits bestehenden Kooperation in diesen Fragen gebildet und
eine erste Tagesordnung für künftige Zusammenarbeit aufgestellt.

Amerikanische und sowjetische Expertentreffen finden kontinuierlich in den Bereichen Rettungsdienst,
Gesundheitswesen, Technik und Erdbebenforschung
statt.

Das Arbeitsprogramm umfaßt gegenwärtig Umwelt,
Weltraum, Vorhersage von Naturkatastrophen und
deren Schadensbegrenzung, Terrorismusbekämpfung
und den Kampf gegen den internationalen Drogenhandel.

Beide Seiten haben die Notwendigkeit zur Ausbau von
Gemeinsamkeiten bei der Bekämpfung des Terrorismus erkannt.

Umwelt

Beide Seiten haben ihre Absicht bekundet, die Regierungsvereinbarung vom Januar 1989 über Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des illegalen Drogenhandels durchzuführen.

Beim Ministertreffen im Mai haben beide Seiten die
Intensivierung der bilateralen und multilateralen Kooperation vereinbart, um wirksame Maßnahmen für
weltweite Umweltprobleme einschließlich der Klimaveränderungen auf der Erde zu entwickeln.
Dabei wurde ein neues Kooperationsabkommen unterzeichnet, um die Verschmutzung der Bering- und
Tschuktschensee in Notfällen bekämpfen zu können.
Die Unterzeichnung eines Soforthilfeplans steht unmittelbar bevor.

Terrorismusbekämpfung

Drogen

Arbeitsgruppen für das Ministertreffen
Arbeitsgruppen decken eine große Bandbreite von
Fragen der fünf Punkte umfassenden amerikanischsowjetischen Tagesordnung ab.
1.

Rüstungskontrolle - Die Arbeitsgruppe überprüft den Status der bilateralen amerikanischsowjetischen Gespräche (zum Beispiel über die
Verringerung strategischer Rüstungen, Atomtests) und anderer Verhandlungen.

2.

Regionale Fragen - Es findet ein Austausch
über regionale Fragen wie etwa Mittelamerika,
Afghanistan, den Mittleren Osten, Afrika und
Ostafrika/Pazifik statt.

Weltraum
Beim Ministertreffen im Mai wurde das Arbeitsprogramm für überregionale Probleme erweitert, und es
umfaßt nunmehr die Untersuchung von Möglichkeiten
zur Intensivierung der Zusammenarbeit bei Forschungsprojekten im Weltraum.

AMERIKA DIENST 19

Seite 1

�3.

Menschenrechte - Der Austausch erfolgt über
Menschenrechte und humanitäre Fragen.

4.

Überregionale Probleme - In diesem Bereich
werden Terrorismusbekämpfung, Bekämpfung
des Drogenhandels und Umwelt behandelt.

* * *

Seite 2

5.

Bilaterale Beziehungen - Dieses Thema deckt
ein breites Spektrum von Problemen von amerikanisch-sowjetischen Austauschprogrammen
über Zivilluftfahrt bis zur Arbeit der Botschaften
ab.

*

AMERIKA DIENST 19

�NATO
16. Mai 1990

UMFASSENDE ÜBERPRÜFUNG DER
NATO-STRATEGIE ERWARTET
Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz
WASHINGTON - (AD) - Staatssekretär Paul Wolfowitz vom US-Verteidigungsministerium erwartet trotz der
jüngsten Verzögerungen bei den KSE-Verhandlungen in Wien die Unterzeichnung eines KSE-Abkommens noch
in diesem Jahr. Vor dem Unterausschuß für Europäische Angelegenheiten des Auswärtigen Senatsausschusses erklärte Wolfowitz am 9. Mai 1990, daß auch im Rahmen der von Präsident Bush vorgeschlagenen
umfassenden Überprüfung der NATO-Strategie die Präsenz amerikanischer Truppen in Europa nicht zur
Diskussion stehe. Zu einer Reduzierung dieser Truppen unter die für KSE vorgeschlagenen 195 000 Mann
meinte Wolfowitz, es sei jetzt nicht der Zeitpunkt, über eine neue Obergrenze zu sprechen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder,
ich freue mich über diese Gelegenheit, vor diesem
Ausschuß zu den amerikanischen Sicherheitsbeziehungen mit Europa Stellung nehmen zu können.
Wir befinden uns inmitten historischer Veränderungen, die eine Gelegenheit bieten, die Vereinigten Staaten
und Europa in ein neues Zeitalter von Freiheit und
Frieden zu führen - ein Europa, das mit den Worten des
Präsidenten 'ungeteilt und frei' ist.
Wie Sie wissen, hat der Präsident erst vor wenigen
Tagen eine historische NATO-Initiative verkündet, die
nicht nur unmittelbar auf die einschneidenden Veränderungen im europäischen sicherheitspolitjschen Umfeld
eingeht, sondern darüber hinaus die NATO in die Lage
versetzt, in den kommenden Monaten und Jahren
wichtige Anpassungen bei ihrer Rolle und Strategie
vorzunehmen.
Die Initiative des Präsidenten sieht einen NATO-Gipfel
vor, der eine umfassende Überprüfung der Strategie
einleiten soll. Der Gipfel würde diese Überprüfung
durch die Behandlung Verfolgenden vier entscheidenden Punkte lenken:

AMERIKA DIENST 19

Erstens sollte die NATO ihre künftige politische Mission überdenken.
Die zweite Aufgabe des Gipfels ist die Überprüfung der
künftigen konventionellen Verteidigungsanforderungen
für das Bündnis sowie der nächsten Schritte in der
konventionellen Rüstungskontrolle. Die Vereinigten
Staaten gehen davon aus, daß die NATO weiterhin
eine solide, geschlossene und effektive militärische
Fähigkeit benötigt, deren genauer Umfang jedoch
noch analysiert werden muß.
Drittens sollte der Gipfel die Zukunft der amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Europa einschätzen und
sich auf umfassende Ziele für künftige Verhandlungen
mit der Sowjetunion über nukleare Kurzstreckenwaffen verständigen. In dieser Hinsicht hat der Präsident
seine Entscheidung bekanntgegeben, auf ein LANCEFolgesystem zu verzichten und die weitere Modernisierung der in Europa stationierten nuklearen Artillerie
einzustellen.
Schließlich forderte der Präsident die NATO auf,
gemeinsame Ziele für die künftigen Beratungen der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) zu erarbeiten. Die Vereinigten Staaten

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�sind der Ansicht, daß die KSZE eine besonders konstruktive Rolle bei der Anbindung der Staaten des
Warschauer Pakts an den Westen spielen kann.
Ich möchte anmerken, daß die Vereinigten Staaten
unabhängig von den vorgenommenen Veränderungen
davon ausgehen, daß die NATO unser wichtigstes
sicherheitspolitisches Bindeglied mit Europa darstellt.
Ich möchte nun kurz auf die jüngsten Veränderungen
in Europa und die Reaktionen eingehen, die wir umgesetzt haben oder die in Zukunft erforderlich werden
könnten.
Veränderungen in Osteuropa und der
Sowjetunion
In den letzten Monaten haben spektakuläre Veränderungen stattgefunden, die ein grundlegend neues
Zeitalter in Europa versprechen. Das Ziel der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten, ein "ungeteiltes
und freies" Europa und insbesondere ein Osteuropa
hervorzubringen, das unabhängig und demokratisch
ist, liegt jetzt in Reichweite.
Wie sie wissen, haben in jüngster Zeit folgende Veränderungen in Ost- und Mitteleuropa stattgefunden:
der Niedergang sowjetisch gesteuerter Regime,
Schritte der Demokratisierung, einschließlich
freier Wahlen,
gestiegene Achtung grundsätzlicher Menschenrechte,
Hinwendung zur freien Marktwirtschaft und
sowjetische Übereinstimmung mit der Tschechoslowakei und Ungarn über einen vollständigen Truppenabzug bis Ende Juni 1991.
Eine weitere spektakuläre Veränderung, von der man
noch vor einem Jahr kaum zu träumen wagte, ist die
Aussicht der Vereinigung beider deutscher Staaten in
naher Zukunft. Bei ihren Wahlen im März haben die
DDR-Bürger sich eindeutig für einen baldigen Zusammenschluß mit dem Westen ausgesprochen. Wir
haben die Vereinigung beider deutscher Staaten seit
langem unterstützt und arbeiten jetzt bei den Zweiplus-Vier-Gesprächen an ihrer Verwirklichung. Ferner
hat auch der Präsident auf unsere Position - und die
aller NATO-Regierungen - verwiesen, Deutschlands
Wunsch nach Vollmitgliedschaft in der NATO zu unterstützen. Wenn das der Fall ist - wovon ich überzeugt
bin -, wird die Vereinigung beider deutscher Staaten
ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung auf unser
Endziel eines ungeteilten und freien Europas sein.
Gleichzeitig haben alle nichtsowjetischen Länder des
Warschauer Pakts außer Rumänien die Absicht zur
Reduzierung ihrer Streitkräfte und Militärausgaben

Seite 2

bekundet, und einige Streitkräftereduzierungen haben
bereits stattgefunden. Grundsätzlich scheint der
Warschauer Pakt einen großen Teil seiner Bedeutung
als Militärbündnis verloren zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß Länder Osteuropas sich freiwillig an einer
sowjetischen Offensive auf die NATO beteiligen könnten, scheint jetzt verschwindend gering.
Auch in der Sowjetunion selbst finden bemerkenswerte Veränderungen statt. Politisch scheint Gorbatschow einen positiven Weg einzuschlagen, obwohl
Rückschritte nicht ausgeschlossen werden können.
Es bleibt zum Beispiel abzuwarten, ob die UdSSR bei
ihrer Reaktion auf die Unabhängigkeitsabsichten des
litauischen Volkes auf Gewalt oder friedlichen Dialog
setzen wird.
Im Bereich der Verteidigung führt die Sowjetunion
einseitig bei ihren Streitkräfte Umstrukturierungen und
Reduzierungen durch, die zwar in gewissem Maße
durch die kontinuierliche Modernisierung abgeschwächt
werden, aber dennoch zum ersten Abbau des konventionellen Ungleichgewichts beigetragen haben.
Von einem Abkommen bei den Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erwarten
wir eine weitere starke Reduzierung der Streitkräfte.
Trotz des eher schleppenden Verhandlungsverlaufs in
den letzten Wochen gehen wir davon aus, daß es noch
in diesem Jahr zur Unterzeichnung eines KSE-Abkommens kommt. Die vorgesehenen Reduzierungen hat
es in diesem Umfang noch nie gegeben: zum Beispiel
würden 15 000 sowjetische Panzer, 12 500 Artilleriegeschütze und 21 000 gepanzerte Fahrzeuge zerstört. Angesichts dieser bemerkenswerten Ereignisse
wird es einige grundlegende Veränderungen geben,
die wir nach eingehenden Überlegungen für die nächsten Jahre prognostizieren:
den Abschluß öffentlich angekündigter einseitiger Streitkräftereduzierungen und -Umstrukturierungen bei den Sowjets,
die vollständige Durchführung des gegenwärtig
ausgehandelten KSE-Abkommens,
das Ende des Warschauer Pakts als Militärbündnis,
Abzug der Sowjets aus Osteuropa und
die Entstehung demokratischer und pluralistischer Staats- und Wirtschaftssysteme in ganz
Osteuropa.
In Anbetracht dieser wichtigen gegenwärtigen und
erwarteten Veränderungen sollten wir uns auch vor
Augen führen, daß noch dunkle Wolken über uns
schweben. Die amerikanischen und westlichen Vorbereitungen im Bereich der Sicherheit müssen diese
Realitäten ebenso berücksichtigen wie die positiven
Entwicklungen, von denen wir gerne hören.

AMERIKA DIENST 19

�Es darf jedoch nicht außer acht gelassen werden, daß
die Sowjetunion in absehbarer Zukunft eine militärische Supermacht bleiben dürfte. Wir sollten immer
daran denken, daß die jüngsten Reduzierungen ihrer
militärischen Fähigkeiten von dem Rekordniveau einer
25jährigen Aufrüstung aus erfolgt ist. Im strategischen
Bereich erörtern wir einschneidende Reduzierungen
bei unseren Programmen, während bei den Sowjets
die Produktion kontinuierlich fortgesetzt wird. Tatsächlich produzieren die Sowjets weiterhin drei neue
Interkontinentalraketen (die SS-18 MOD5, SS-24 und
SS-25), drei Bomber (BLACKJACK, BACKFIRE und
BEAR H) und ein nukleargetriebenes Raketenunterseeboot (DELTA IV). Wir haben im vergangenen Jahr
12 ICBMs (aller Typen) hergestellt, die Sowjets hingegen 140. Und dies in dem Jahr, in dem auch Verteidigungsminister Cheney zufolge viele sagten, es gebe
angeblich keine Bedrohung mehr.
Sogar im konventionellen Bereich, in dem wir erst vor
kurzem den Rückgang der sowjetischen Panzerproduktion begrüßt haben, sollten wir uns vor Augen
führen, daß die Sowjetunion genau seit Gorbatschows
Amtsantritt im Jahr 1985 mehr Panzer und Artillerie
produziert hat als in den Arsenalen Frankreichs, Großbritanniens und der Bundesrepublik Deutschland insgesamt vorhanden sind. Darüber hinaus deutet der
anhaltend hohe Stand der Produktion von Rüstungsgütern - trotz der erdrückenden wirtschaftlichen Probleme - darauf hin, daß hochmoderne konventionelle
Streitkräfte bei den Sowjets immer noch eine hohe
nationale Priorität haben. Obwohl 1989 bei der Herstellung von Panzern und Artilleriegeschützen ein
erheblicher Rückgang zu verzeichnen war, ist die
Produktion anderer Panzerfahrzeuge, Granatwerfer,
Kurzstreckenraketen und Luftabwehrgeschütze gestiegen. Die Herstellung von Militärhubschraubern
und Kampfflugzeugen wird in unverändertem Umfang
fortgesetzt. Darüber hinaus liegt die Produktion auch
in den Bereichen, wo Reduzierungen vorgenommen
wurden, immer noch im Vergleich zur NATO doppelt so
hoch bei Panzern und zehnmal so hoch bei Artillerie.
Dabei muß man jedoch einen Punkt bedenken. Der
Prozeß, bei dem Demokratie institutionalisiert und
erwartete Veränderungen bei der Militärdoktrin und
Streitkräftestruktur dauerhaft durchgeführt werden, hat
in Osteuropa - von der Sowjetunion ganz zu schweigen
- gerade erst begonnen. Obwohl die Bedrohung
drastisch abgenommen hat und wichtige Veränderungen bei der Vorwarnzeit und den nichtsowjetischen
Streitkräften des Warschauer Pakts stattgefunden
haben, verfügen die Sowjets immer noch über ungeheure militärische Fähigkeiten. Wir erwarten keine
Großoffensive mit kurzer Vorwarnzeit an drei Fronten
in Europa mehr, können aber die Wiederherstellung
einer solchen Fähigkeit der Sowjets nach einer gewissen Zeit nicht völlig ausschließen. Kurzfristig sind wir
auch besorgt über die anhaltenden nachrichtendienstlichen Verbindungen zwischen den Regierungen des
Warschauer Pakts und der Sowjetunion.
AMERIKA DIENST 19

Darüber hinaus besteht eindeutig die Möglichkeit der
Instabilität in Osteuropa und - wie der Fall Litauen zeigt
- in der Sowjetunion. Bisher ist nie der Versuch einer
wirtschaftlichen und politischen Umwandlung von totalitärem Marxismus-Leninismus in eine freie Gesellschaft unternommen worden.
Dramatische und tiefgreifende Veränderungen sind
oftmals unberechenbar und könnten unbeabsichtigte
Konsequenzen nach sich ziehen. Der dramatische
Schritt der Veränderung birgt zusammen mit ethnischen Konflikten und schwelendem Territorialstreit
das Potential für Instabilität. Ferner besteht das Problem großer Erwartungen, die kurzfristig kaum zu
befriedigen sein dürften. Wir dürfen nicht vergessen,
daß die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts mit
dem Machthunger großer Mächte gegenüber Osteuropabegannen. Präsident Bush hat dazu erklärt: "Der
Gegner ist die Unberechenbarkeit. Der Gegner ist die
Instabilität.
Die Reaktion der NATO
Insgesamt ergibt sich für die NATO ein Bild aus
vielversprechenden Veränderungen und anhaltenden
Herausforderungen an die Sicherheit. Angesichts des
vom Präsidenten eingeleiteten Überprüfungsprozesses muß die NATO meiner Ansicht nach drei Dinge
gleichzeitig tun - in einer Zeit der Unsicherheit und
potentiellen Instabilität die erforderlichen Fähigkeiten
beibehalten, auf bereits erfolgte Veränderungen reagieren und sich überlegen, wo die NATO stehen soll,
wenn die erwarteten tiefgreifenden Veränderungen
erfolgen.
Angesichts dieses komplexen Prozesses sollte unsere
Politik einige Grundsätze befolgen. Der erste ist die
anhaltende Bedeutung der Präsenz von US-Streitkräften in Europa. Der Präsident hat erklärt, daß wir dort
militärisch wichtige US-Truppen beibehalten, solange
unsere Verbündeten dies wünschen und benötigen.
Für uns ist diese Präsenz erforderlich, um ein Gegengewicht zur Sowjetunion bilden und zur Stabilität in
Europa beitragen zu können. Das erste und vordringlichste Ziel besteht im Schutz unserer eigenen nationalen Sicherheitsinteressen. Wir haben aus den beiden
Kriegen dieses Jahrhunderts gelernt, daß die Sicherheit der Vereinigten Staaten und Europas untrennbar
miteinander verknüpft ist.
Ein weiterhin gültiges Prinzip, das auf der Hand liegen
sollte - insbesondere angesichts des sowjetischen
strategischen Modernisierungsprogramms - ist die
anhaltende Notwendigkeit einer modernen nuklearen
Abschreckung der Vereinigten Staaten. Die amerikanischen strategischen Nuklearstreitkräfte bilden das
Rückgrat der Abschreckungsstrategie der NATO. Die
Beibehaltung einer effektiven Triade ist notwendig,
damit die kontinuierliche Glaubwürdigkeit dieser Streitkräfte gewährleistet werden kann, und darüber hinaus
ist es an der Zeit, die Triade um die strategische

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�Verteidigung zu erweitem. Die heute von uns entwikkelten Systeme werden die Streitkräftestruktur schaffen, die bis ins nächste Jahrhundert hinein Gültigkeit
haben wird. Nuklearstreitkräfte sichern uns gegen unvorhergesehene Veränderungen oder eine Umkehrung der heutigen positiven Tendenzen ab.
Ein weiterer Grundsatz ist die Notwendigkeit, die NATO
aufrechtzuerhalten. Die NATO war und ist wichtigstes
Instrument für die transatlantischen Sicherheitsbeziehungen und ein Mittel, um unsere nukleare Abschrekkung in die Verteidigung unserer Verbündeten zu
integrieren. Deshalb messen wir der Mitgliedschaft
eines vereinigten Deutschlands in der NATO so große
Bedeutung bei. Keine andere Organisation in Europa
kann die NATO ersetzen. Obwohl wir eine größere
Rolle anderer europäischer Institutionen fördern, sind
wir gegen Vorschläge für eine neue Sicherheitsstruktur als Ersatz für die NATO. Unserer Meinung nach
kann der KSZE-Prozeß nur dann künftig einen Beitrag
zur Stärkung der europäischen Sicherheit leisten, wenn
es ein effektives atlantisches Bündnis gibt, das diesen
Prozeß fördert. Eine stärkere KSZE sollte nicht die
NATO ersetzen wollen, sondern - wie Präsident Bush
erklärt hat, "die NATO stärken und demokratische
Werte in einem ungeteilten und freien Europa fördern
helfen".
Kurzfristige Anpassung an Veränderungen
Innerhalb dieses Rahmens von Grundsätzen wird bereits
im Bündnis daran gearbeitet, sich der veränderten
Situation in Europa anzupassen. In den Vereinigten
Staaten hat der Verteidigungsminister die Streitkräfte
angewiesen, sich darauf einzustellen, daß Mitte der
neunziger Jahre unsere vorgeschlagenen KSE-Reduzierungen verwirklicht sein werden. Das bedeutet die
Planung eines erheblichen Abbaus von US-Streitkräften nicht nur in Europa, sondern auch bei den Streitkräften, die Europa Verstärkung leisten sollen.
Ähnliche Bemühungen sind innerhalb der NATO im
Gange. So entwickeln die militärischen Stellen der
NATO zur Zeit eine neue Bedrohungsanalyse. Sie
haben bereits verschiedene Veränderungen ins Kalkül
gezogen: Eine Reduzierung der Manöver, überarbeitete Ausbildungsprogramme und neue Einsatzkonzepte. Die Auswirkungen der KSE-Gespräche werden
ein wichtiges Thema bei den Ministertagungen im
Frühjahr sein, von denen eine - das Treffen der Nuklearen Planungsgruppe - gerade heute in Kananaskis in
Kanada stattfindet.
Die Entscheidungen, auf ein LANCE-Nachfolgesystem zu verzichten, Verhandlungen über die atomaren
Kurzstreckenwaffen anzustreben und eine umfassende Überprüfung der NATO-Strategie einzuleiten, sind
ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie wir unsere
Verteidigungsplanung an das neue sicherheitspolitische Umfeld anpassen. Ich möchte hier anmerken,
daß die NATO stets bestrebt war, lediglich das für die

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Gewährleistung von Abschreckung und Stabilität erforderliche Minimum an nuklearen Streitkräften zu
unterhalten. Die NATO hat bereits erhebliche einseitige Reduzierungen ihrer kriegsschauplatzgebundenen Kernwaffen vorgenommen. Sollten sich die gegenwärtigen günstigen Tendenzen fortsetzen, wird die
NATO im Konfliktfall weniger schnell auf den frühzeitigen Einsatz von Kernwaffen angewiesen sein. Sie
wird dann ihren Kernwaffenbestand weiter reduzieren
können. Aber unsere kriegsschauplatzgebundenen
Kernwaffen werden weiterhin von entscheidender
Bedeutung sein, um jede Form der Aggression, ob
konventionell oder nuklear, abzuschrecken. Um erneut den Präsidenten zu zitieren: "Die Vereinigten
Staaten werden nicht zulassen, daß Europa eher zum
Schauplatz eines konventionellen Krieges wird."
Im Hinblick auf die atomaren Kurzstreckenwaffen wird
deren Rolle durch die erhöhte Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen konventionellen Verteidigung durch
die NATO deutlich reduziert. Unter den neuen Bedingungen von heute wäre ein stärkerer Rückgriff auf
Mehrzweckflugzeuge und seegestützte Systeme zusammen mit Maßnahmen zur Erhöhung ihrer Überlebensfähigkeit und Effektivität angemessen.
Ich möchte femer anmerken, daß die dramatischen
Veränderungen in Osteuropa, der faktische Zerfall des
Warschauer Pakts und Reduzierungen der sowjetischen Streitkräfte in Zusammenhang mit KSE und
START voraussichtlich auch andere militärische Erfordernisse herunterschrauben werden. So haben bei
der kürzlich abgeschlossenen Überprüfung unserer
Luftstreitkräfte die grundlegenden Umwälzungen in
Osteuropa den Entschluß des Verteidigungsministers
beeinflußt, die geplante Beschaffung von B-2-Bombern zu reduzieren. Die Veränderungen bei der Vorwarnzeit haben femer zu den einschneidenden Kürzungen in unserem C-17-Programm beigetragen.
Allerdings ist es bei niedrigeren Streitkräfteniveaus
umso wichtiger, daß die verbleibenden Systeme effektiv und überlebensfähig sind, was deren kontinuierliche Modernisierung voraussetzt. Überdies könnten
strategische Verteidigungssysteme erforderlich sein,
um die Stabilität auf niedrigeren Niveaus der Offensivstreitkräfte sicherzustellen und eine Rückversicherung gegen Vertragsbrüche zu gewährleisten.
Unsere langfristige Vision für die NATO
Die größte Herausforderung für die NATO ist vielleicht
die Frage, wo wir einmal stehen wollen, wenn die
gegenwärtig stattfindenden fundamentalen Veränderungen in Osteuropa vollendet sind. Selbstverständlich müssen wir sicherstellen, daß die Veränderungen
im Bündnis nicht dem Wandel in Osteuropa und der
Sowjetunion vorauseilen. Auch hier bemühen wir uns
sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in der
NATO, dieser Herausforderung gerecht zu werden.
Unsere Bemühungen werden durch die Initiative des
Präsidenten gestärkt und systematisiert. Notwendi-

AMERIKA DIENST 19

�gerweise haben unsere Überlegungen im gegenwärtigen Stadium nur vorläufigen Charakter. Im folgenden
möchte ich zum Einstieg einige persönliche Bemerkungen machen, erstens zur militärischen Strategie
der NATO und zweitens zu den operativen Konzepten
und Fähigkeiten, mit denen diese Strategie umgesetzt
werden soll.
Der Präsident hat angeregt, daß im Rahmen eines
NATO-Gipfels im Frühsommer eine umfassende
Überprüfung der NATO-Strategie eingeleitet werden
sollte. Diese wichtige Initiative hat zum Ziel, die Rolle
des Bündnisses in den neunziger Jahren und danach
zu definieren. Sie wird die bereits in Washington und
den anderen NATO-Hauptstädten angestellten Überlegungen zusammenfassen. Wir müssen jedoch bei
Veränderungen der Strategie umsichtig vorgehen, bis
die von uns in Europa angestrebten Veränderungen
verwirklicht sind. Selbst dann werden sich bestimmte
Schlüsselprinzipien der militärischen NATO-Strategie
als äußerst zeitgemäß erweisen. Zu diesen Prinzipien
zählen:
Verteidigung so weit vorne wie möglich, um die
territoriale Integrität der NATO zu bewahren.
Beantwortung jeden Angriffs mit einem geeigneten Mix und Niveau konventioneller und, falls
erforderlich, nuklearer Streitkräfte.
Eine wesentliche Präsenz amerikanischer Streitkräfte in Europa.
Im Hinblick auf die Frage der operativen Konzepte und
Fähigkeiten habe ich bereits auf einige Möglichkeiten
für Veränderungen bei unseren atomaren Streitkräften
hingewiesen. Ich möchte mich nun unseren vorläufigen Überlegungen über die zu erwartenden Erfordernisse im konventionellen Bereich zuwenden.
Die operativen Konzepte nach einem KSE-Abkommen
werden von den geringeren Streitkräfteniveaus beider
Seiten und der Abwesenheit sowjetischer Truppen in
Osteuropa beeinflußt werden. Diese Niveaus und
Stationierungsgebiete werden im allgemeinen bedeuten, da ß die Vorwarnzeit erheblich verlängert wird. Ein
kurzfristiger Angriff, wenn er überhaupt eine sowjetische Option bleibt, könnte nur an einem oder wenigen
Abschnitten stattfinden. Damit würde die Bedeutung
effektiver Überwachungsfähigkeiten sowie der Führungs- und Kommunikationsmittel erhöht. Darüber
hinaus würde eine verstärkte Betonung von Mobilität
und Manövrierfähigkeit erforderlich, einschließlich
größerer Konzentration auf operative Reserven und
flexible logistische Unterstützung.
Gleichzeitig sollten wir unsere Planung nicht nur auf
einen kurzfristigen Angriff mit notwendigerweise begrenzten Zielen einstellen. Wir müssen ferner darauf
vorbereitet sein, über eine längere Vorwarnzeit hinweg
auf alle künftigen Versuche der Sowjets zu reagieren,

AMERIKA DIENST 19

ihre strategischen kriegsschauplatzgebundenen Fähigkeiten wiederherzustellen. Unter Berücksichtigung
dieser Tatsache werden die Fähigkeiten zum Krisenmanagement und zur stufenweisen Mobilisierung - um
die Erhaltung der Abschreckung zu gewährleisten - im
Vergleich zu heute an Bedeutung zunehmen. Verstärkungsfähigkeiten, darunter Luft- und Seetransport sowie
Aufnahmefähigkeiten werden wichtig bleiben, obwohl
es dabei weniger auf Geschwindigkeit ankommen
wird. Eine damit einhergehende Notwendigkeit ist die
Aufrechterhaltung der Überlegenheit zur See, um den
kontinuierlichen Zugang zu lebenswichtigen Seewegen zu gewährleisten.
Insgesamt werden die NATO-Streitkräfte kleiner sein,
aber sie werden gleichzeitig mobil, flexibel, überlebensfähig und technisch überlegen sein müssen. Wir
untersuchen gegenwärtig Möglichkeiten einer stärkeren Betonung multinationaler Streitkräfte - zum Beispiel multinationaler Korps -, um die Geschlossenheit
des Bündnisses zu demonstrieren und jede Form
eines Angriffs, einschließlich eines begrenzten Angriffs auf die Flanken der NATO abzuschrecken. Bei
solchen Streitkräften wird das Schwergewicht auf Interoperabilität und Standardisierung liegen. Wir erwarten darüber hinaus, daß unsere Verbündeten mehr
Verantwortung bei der routinemäßigen Abschreckung
und im Anfangsstadium der Verteidigung übernehmen. Es wird weniger ständig vorne stationierte
amerikanische Truppen und mehr vorübergehende
Stationierungen von Land-, Luft- und Seestreitkräften
unterschiedlicher Dauer geben. Ich möchte die weiterbestehende Notwendigkeit für das Bündnis betonen,
seinen technologischen Vorsprung zu bewahren. Im
Zuge unserer reduzierten Rüstungsproduktion werden
besondere Bemühungen nötig sein, um unsere industrielle Basis zu schützen und ein hohes Niveau in
Forschung und Entwicklung beizubehalten.
Zusammenfassung
Kurz gesagt: Die NATO blickt nach vorn und schreitet
voran. Das Bündnis paßt sich mit kurzfristigen Maßnahmen und umfassenden Überprüfungen ihrer Ziele,
getragen von den Initiativen des Präsidenten, der
neuen Lage an. Im Verteidigungsbereich planen wir
und unsere Verbündeten eine Überprüfung der militärischen Strategie der NATO und sind bereits im Begriff,
neue operative Konzepte und Fähigkeiten zu entwickeln.
Insgesamt besteht unsere Aufgabe darin, den Erfordernissen eines veränderten sicherheitspolitischen
Umfelds auf eine Art und Weise gerecht zu werden, die
von der Öffentlichkeit und den Parlamenten der NATOMitgliedstaaten unterstützt wird und gleichzeitig die
anhaltenden Realitäten und sicherheitspolitischen Herausforderungen für die NATO nicht zu vergessen. Am
wichtigsten ist die enge Zusammenarbeit mit unseren
Verbündeten und die Herstellung eines sorgfältig

Seite 5

�abgestimmten Gleichgewichts - Anpassung an den
Wandel und Vorbereitetsein auf noch größere Veränderungen in der Zukunft, ohne über das hinauszugehen, was die militärische Klugheit gebietet. Die NATO
steht heute an einem historischen Wendepunkt und
hat eine einzigartige Chance, ihr traditionelles Ziel, die

Überwindung der Teilung Europas, zu erlangen. Obwohl
dies eine enorme Aufgabe ist, haben wir es meines
Erachtens in der Hand. Wenn wir und unsere Verbündeten weiterhin eine ausgewogene Haltung einnehmen, so bin ich zuversichtlich, daß wir Erfolg haben
können.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 19

�WIRTSCHAFT
16. MaM 990

AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTS- UND
HANDELSPOLITIK
IM VERÄNDERTEN OST-WEST-VERHÄLTNIS
Rede von Botschafter Walters in Frankfurt

FRANKFURT - (AD) - Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland,
Vernon A. Walters, hat am 25. April 1990 in einer Ansprache vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie
und Wissenschaft erklärt, die Vereinigten Staaten unterstützten die Staaten Osteuropas in ihrem Bemühen, "ihre
Wirtschaft enger an den Westen zu koppeln. Unsere neue Politik der 'demokratischen Differenzierung' hat zum
Ziel, den Entwicklungsprozessen in den einzelnen Ländern Mittel- und Osteuropas entsprechend Rechnung zu
tragen und diese zu würdigen." Dabei hänge der Umfang der Unterstützung "von dem Grad der politischen und
wirtschaftlichen Reformen ebenso ab wie von der Menschenrechtspolitik..."
Darüber hinaus hätten die Vereinigten Staaten bereits Maßnahmen getroffen, um die Wirtschaftsstruktur in
diesen Ländern zu verbessern und die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auf eine solide Grundlage zu stellen.
Nach amerikanischer Überzeugung würden insbesondere "private Investitionen und höherer Außenhandel die
Voraussetzung für mehr Wachstum und besseren Lebensstandard im Osten sein". Ferner kündigte der
Botschafter für die im Juni anstehende COCOM-Konferenz einen "umfassenden und weitreichenden" amerikanischen Vorschlag für eine Neugestaltung der multilateralen Exportkontrollen an.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Ich freue mich sehr, heute abend vor den Mitgliedern
und Gästen der Frankfurter Gesellschaft für Handel,
Industrie und Wissenschaft sprechen zu können. Mir
wurde gesagt, daß fast alle amerikanischen Botschafter in Bonn vor diesem hochangesehenen Forum
gesprochen haben. Es ist mir daher eine besondere
Ehre, diese Tradition fortzusetzen. Ich habe auch
erfahren, daß in diesem Club so herausragende Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Gustav Stresemann,
Theodor Heuss und Ludwig Erhard eine Rede hielten.
Ich danke Ihnen, daß Sie auch mirdiese Auszeichnung
zukommen lassen.
Es ist wirklich ein Erlebnis, in einer so bewegten und
faszinierenden Zeit in Europa zu sein. Insbesondere
1989 war ein aufregendes und außergewöhnliches
Jahr. Noch vor einem Jahr regierten in Osteuropa
kommunistische Regime, die im wesentlichen sowjetischen Machtinteressen gehorchten. Vor ungefähr

AMERIKA DIENST 19

einem Jahr begann Lech Walesa den Dialog mit den
regierenden Kommunisten in Polen; im Sommer letzten Jahres fanden freie und geheime Wahlen in jenem
Land statt. Solidarnosz wurde praktisch über Nacht
von einer verfolgten Oppositionsgewerkschaft zur
staatstragenden Macht in Polen.
Noch vor einem Jahr war Vaclav Havel ein politischer
Gefangener in der Tschechoslowakei; heute ist dieser
bewundernswerte Mann Staatspräsident seines Landes. Vor einem Jahr sprach Erich Honecker davon, die
Mauer würde noch in hundert Jahren stehen; heute
sind die Mauer und Erich Honecker Geschichte. In der
DDR haben wir seit kurzem ein frei gewähltes Parlament und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist nur noch eine Frage der Zeit. Und vor einigen
Wochen schließlich mündete in Ungarn der bereits seit
einiger Zeit voranschreitende Reformprozeß in freien
Wahlen.

Seite 1

�In diesen und anderen Staaten Mittel- und Osteuropas
haben die Kommunisten ihr Machtmonopol aufgegeben. Mehrparteiensysteme haben sich bereits etabliert oder sind im Aufbau begriffen. Sogar die Sowjetunion ist sich der offensichtlichen Nachteile der Herrschaft einer Partei bewußt. Die Sowjets haben nun
damit begonnen, den Weg zu mehr politischer und
gesellschaftlicher Selbstbestimmung einzuschlagen
und marktwirtschaftliche Prinzipien einzuführen.
Präsident Bush hat angesichts dieser Entwicklungen
treffend festgestellt, daß 1989 das Jahr 1945 als
historischen Bezugspunkt für Europa abgelöst hat.
Diese Feststellung trifft auch für die Rolle der Vereinigten Staaten auf diesem Kontinent zu.
Ich persönlich bin wirklich sehr dankbar zu sehen, wie
sich der Kreis der Geschichte schließt. Ich habe immer
gehofft, daß die Entwicklungen, die ich seit jungen
Jahren mitverfolgt habe, ein positives Ende finden.
Aber ehrlich gesagt, ich hatte es nicht erwartet. Ich
schätze mich wirklich glücklich, Zeuge einer erstaunlichen Zeit zu sein. Und ich wünschte mir, daß alle
Männer und Frauen, die nach dem. Kriege zu dieser
Entwicklung beigetragen haben, den Erfolg ihres Wirkens miterleben könnten.
Die historischen Ereignisse des Jahres 1989 sind nach
unserer Überzeugung eine Bestätigung für die Nachkriegspolitik des Westens. Ein starkes Verteidigungsbündnis, pluralistische Gesellschaftsordnungen und
Marktwirtschaft, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung
der Menschen- und Bürgerrechte haben uns innere
Stabilität und äußere Sicherheit gegeben. Diese Elemente waren gleichzeitig ein Zeichen der Hoffnung
und ein Vorbild für die Völker Mittel- und Osteuropas.
Wir waren stets überzeugt, daß die Nationen jenseits
des Eisernen Vorhangs - wenn sie die Gelegenheit
haben - ihre Freiheit wieder erkämpfen und ihre historischen Bindungen zum Westen wiederherstellen
würden. Unsere Hoffnungen haben sich nun erfüllt.
Natürlich war Gorbatschow derjenige, der den osteuropäischen Ländern die Möglichkeit zu Veränderungen gab. Er hob die Breschnew-Doktrin auf und
verzichtete auf die Stützung der abgewirtschafteten
kommunistischen Regime in Osteuropa durch die
sowjetische Militärmacht. In diesem Zusammenhang
muß aber auch deutlich gesagt werden, daß die entschlossene und beharrliche Politik der Vereinigten
Staaten und der NATO dem sowjetischen Präsidenten
keine andere Wahl ließ.
Wir sollten uns im klaren sein, daß die Demokratisierungswelle in Osteuropa ein großer Erfolg für den
Westen ist. Wir haben den kalten Krieg sozusagen
gewonnen. Aber es gibt noch viel zu tun. Wie 1945
stehen wir auch heute vor der enormen Aufgabe, die
politische und wirtschaftliche Architektur Europas neu
zu bestimmen. Die Herausforderung heute ist nicht
weniger groß als damals, aber ich freue mich, daß mit

Seite 2

größerer Einigkeit und Solidarität an diese Aufgabe
herangegangen wird.
Alle demokratischen Nationen haben ein enormes
Interesse am Erfolg der Reformen in Mittel- und Osteuropa. Die Vereinigten Staaten standen diesen Völkern
in der Vergangenheit zur Seite. Sie haben natürlich
auch unsere Unterstützung sozusagen auf dem letzten Stück ihres Weges.
Wir wissen, daß Veränderungen nicht nur auf einer
Seite stattfinden können. Auch wir müssen unsere
gewohnten Denkweisen in Frage stellen. Auch wir
müssen die Art, wie wir die Welt in den letzten vierzig
Jahren gesehen haben, verändern. Um es kurz zu
sagen, auch für uns muß das Jahr 1989 zum neuen
Bezugspunkt werden.
Unsere Aufgabe ist es nun, eine neue Politik zu entwerfen, um die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit meistern zu können. Wir müssen
die Nachkriegsordnung durch neue Formen des Zusammenlebens der Völker ersetzen. Im folgenden
möchte ich ein paar Überlegungen zur künftigen Politik
meiner Regierung darlegen. Dabei werde ich zunächst
kurz auf die politische Situation und auf Sicherheitsfragen eingehen. Anschließend möchte ich mich etwas
ausführlicher mit Fragen zur wirtschaftlichen Lage in
den Ländern Mittel- und Osteuropas befassen. In
diesem Zusammenhang geht es auch um die Maßnahmen, die die Vereinigten Staaten zur Unterstützung
des Reformprozesses ergreifen.
Diejenigen, die die Nachkriegsordnung gestaltet haben, waren stets der Ansicht, daß mit dem Ende der
Teilung Europas auch die Teilung Deutschlands beendet ist. Dieser Zusammenhang fand wiederholt in
NATO-Kommuniques seinen Ausdruck. Ja, bei allen
großen Anlässen im Rahmen der transatlantischen
und westeuropäischen Zusammenarbeit wurde diese
Verbindung betont. Die Deutschen in der DDR haben
in den Wahlen am 18. März ihren Willen zur Vereinigung deutlich bekundet.
Mein Land setzt sich heute wie in der Vergangenheit
für die Einheit Deutschlands ein. Wir sehen in der
Erlangung der Einheit Ihres Landes einen großen

Erfolg unserer gemeinsamen Nachkriegspolitik. Wie
Sie wissen, spielen wir eine zentrale Rolle in den Zweiplus-Vier-Verhandlungen. Unser Ziel ist dabei ganz
einfach: Wir wollen, daß ein falscher Zustand endlich
aufgehoben und zurechtgerückt wird.
Auch in einem neuen Europa werden Sicherheitsfragen eine wichtige, wenn auch andersartige Rolle spielen. Wir werden uns möglicherweise weniger um die
gegenseitige nukleare Bedrohung der Supermächte
sorgen müssen. Dafür geben aber neue Nuklearstaaten Anlaß zu Sorge. Wir werden uns weniger Gedanken um einen Angriff des Warschauer Pakts in Europa
machen müssen. Aber es besteht die Gefahr, daß

AMERIKA DIENST 19

�Minderheitenprobleme und regionale Spannungen zu
offenen Auseinandersetzungen führen.
Es stellt sich nun die Frage, haben wir die richtigen
Einrichtungen und Mittel, um solchen Problemen zu
begegnen? Ich glaube ja. Ich denke, die Atlantische
Allianz und ihre Institutionen haben sich in der Vergangenheit bewährt und werden auch die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft meistern. In
diesem Zusammenhang bietet sich das Beispiel einer
Fußballmannschaft an, die zur Halbzeit 10:0 führt.
Wer möchte bei einem solchen Ergebnis die Spieler
auswechseln?
In den vergangenen Monaten wurde viel über die
Zukunft der NATO gesprochen. Manche meinen, die
NATO solle eine politische Organisation werden. Ich
sage, die NATO ist stets eine politische Organisation
gewesen. Und sie hat den Frieden sowohl durch
Abschreckung als auch durch den Dialog gesichert.
Die Vereinigten Staaten sehen verschiedene Möglichkeiten, wie die NATO ihre traditionelle Rolle weiterhin
einnehmen und neue Aufgaben übernehmen könnte.
Lassen Sie mich hierzu einige Beispiele anführen:
Erstens: Außenminister Baker hat den verbündeten
Regierungen vorgeschlagen, einen NATO-Stab zur
Verifikation von Rüstungskontrollmaßnahmen einzurichten. Zwar sollte die Verifikation in nationaler Verantwortung bleiben, aber ein solcher Stab könnte die
Verbündeten bei der Überwachung von Rüstungskontrollvereinbarungen unterstützen.
Zweitens: Regionale Konflikte sowohl innerhalb als
auch außerhalb Europas könnten zu einer ernsten
Herausforderung für europäische und atlantische Sicherheitsinteressen werden. Der Terrorismus ist eine
Bedrohung für uns alle, und ihm muß mit gemeinsamen Kräften begegnet werden. Die Weiterverbreitung
von atomaren, chemischen und biologischen Waffen
und von Raketentechnologie stellt eine neue und sehr
ernsthafte Gefahr dar. In all diesen Bereichen könnte
die NATO eine wichtige Rolle spielen.
Drittens: Die NATO sollte auch Überlegungen anstellen im Hinblick auf weitere Initiativen des Westens
gegenüber Mittel- und Osteuropa. Dazu gehören der
Aufbau und die Verbesserung politischer und wirtschaftlicher Bindungen ebenso wie die Propagierung
der Menschenrechte. Dazu gehören ferner die Schaffung eines offeneren Ost-West-Handels und eines
besseren Investitionsklimas bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen des Westens.
Ich möchte nun aber zum Hauptthema dieses Abends
kommen: Es geht darum, wie die Vereinigten Staaten
die wirtschaftliche Lage und Entwicklung in Mittel- und
Osteuropa einschätzen und welche Politik wir in diesem Zusammenhang verfolgen.
Wir alle sind glücklich und erleichtert über die politischen Veränderungen in diesen Ländern. Aber gleichAMERIKA DIENST 19

zeitig wissen wir, daß diese Staaten noch enorme
Herausforderungen auf wirtschaftlichem Gebiet zu
bestehen haben. In der Geschichte gibt es bisher kein
Beispiel für den Umbau einer Planwirtschaft zu einem
marktwirtschaftlichen System. Dabei dürfen wir nicht
außer acht lassen, daß die Sowjetunion und die anderen COMECON-Staaten gegenwärtig sozusagen aus
einer Zeitkapsel heraustreten. Diese Länder müssen
gegenüber dem Westen über vierzig Jahre, im Falle
der Sowjetunion über siebzig Jahre, an Erfahrung mit
der Marktwirtschaft aufholen.
Wie Sie wissen, hängt der Erfolg von umfassenden
Wirtschaftsreformen ab. Bis Wirtschaftswachstum
und Lebensstandard zunehmen, muß eine schwierige
Übergangsphase bewältigt werden. Selbst ein erfolgreiches Wirtschaftsprogramm kann die Auswirkungen
von vier Jahrzehnten Planwirtschaft nicht über Nacht
beseitigen. Viele Reformmaßnahmen werden erst in
einigen Jahren greifen.
Die Unzulänglichkeit der Planwirtschaft ist bekannt,
und ich glaube, auch ein sogenannter dritter Weg
würde nicht zum Erfolg führen. Über die zentral
gelenkte Wirtschaft erzählt man sich folgenden Witz,
der mir nicht weit von der Realität entfernt zu sein
scheint: Der Direktor einer Nagelfabrik ließ einen
einzigen großen Nagel herstellen. Er erfüllte das
Plansoll der Produktion gemessen an Tonnen und
damit war die Sache erledigt.
Eine Realität aber ist, daß es ganze Lagerhäuser mit
Schuhen gibt, die keiner kaufen will, weil entweder die
Qualität so schlecht ist oder es für die Fabrik leichter
war, nur Schuhe einer bestimmten Größe herzustellen. Man konnte lesen, daß in der Sowjetunion Getreide in Lagerhäusern verdirbt, weil keine Waggons für
den Transport verfügbar sind. Sie alle kennen Beispiele dieser Art.
Nun freue ich mich zu sehen, daß in all diesen Ländern
eine Auflösung der unwirtschaftlichen und verkrusteten Bürokratien im Gange ist. In einigen Ländern
schreitet dieser Prozeß schneller voran als in anderen,
aber überall wird es in der Zukunft ein marktwirtschaftliches System in irgendeiner Form geben. Ich weiß,
dies wird nicht von heute auf morgen geschehen. Aber
die Völker Osteuropas wissen, daß sie keine andere
Wahl haben und nur dieser Weg nach vorne führt.
Polen verfolgt eine sehr mutige Wirtschaftspolitik. Mit
einer Währungs- und Preisreform, mit Maßnahmen
zur Privatisierung und mit einem Ende der Subventionen für unwirtschaftliche Staatsbetriebe hat dieses
Land entscheidende Schritte unternommen. Obwohl
diese Maßnahmen die Preise in die Höhe trieben und
die Reallöhne sinken ließen, genießt die polnische
Regierung weiterhin das Vertrauen der Bevölkerung.
Die Polen wissen, daß vom Erfolg dieser Reformen
ihre Zukunft abhängt.

Seite 3

�Noch vor den Wahlen vor einigen Wochen hat die
ungarische Regierung Wirtschaftsreformen eingeleitet und das Investitionsklima beträchtlich verbessert.
Reformen im Steuer- und Bankwesen sowie im Investitions- und Außenhandelsbereich haben im letzten
Jahr zu einer Steigerung der amerikanischen Investitionen um das Fünffache beigetragen. Kein anderes
osteuropäisches Land kann so viele Joint Ventures mit
westlichen Partnern aufweisen wie Ungarn.
Wegen ihrer enormen Größe wird sich der Reformprozeß in der Sowjetunion wohl am schwierigsten gestalten. Dieses Land hat bisher im Vergleich zu anderen
Comecon-Staaten nur relativ geringfügige Wirtschaftsreformen unternommen. Es gibt aber ermutigende
Anzeichen, daß auch die Sowjetunion ernsthaft Marktprinzipien einführt.
Die Vereinigten Staaten sind sich der Schwierigkeiten
der mittel- und osteuropäischen Staaten auf wirtschaftlichem Gebiet bewußt. Der bisherige Fortschritt verdient jedoch unsere volle Anerkennung. Und ich
möchte ausdrücklich hervorheben, meine Regierung
sieht sich verpflichtet, diesen Staaten beim Übergang
von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft zu helfen.
Wie Außenminister Baker im Dezember in Berlin sagte,
müssen wir diesen Staaten Hoffnung geben und ihnen
Chancen einräumen, die sie auf dem Weg zu Demokratie und Freiheit ergreifen können.
Mein Land unterstützt diese Staaten in ihrem Bemühen, ihre Wirtschaft enger an den Westen zu koppeln.
Unsere neue Politik der "demokratischen Differenzierung" hat zum Ziel, den Entwicklungsprozessen in den
einzelnen Ländern Mittel- und Osteuropas entsprechend Rechnung zu tragen und diese zu würdigen.
Gemäß dieser Politik hängt der Umfang unserer UnterStützung von dem Grad der politischen und wirtschaftlichen Reformen ebenso ab, wie von der Menschenrechtspolitik in diesen Ländern und deren Haltung
gegenüber den Vereinigten Staaten. Natürlich wird
humanitäre Hilfe von diesen Faktoren unabhängig
bleiben.
Wie ich bereits sagte, ist unser neuer Bezugspunkt das
Jahr 1989. Den Problemen heute kann deshalb nicht
mit den Lösungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begegnet werden. Was Osteuropa heute braucht,
unterscheidet sich von den Erfordernissen der Nachkriegsjahre im Westen. Damals bestand unsere Aufgabe darin, die wirtschaftliche Infrastruktur und die
demokratischen Institutionen wiederherzustellen, die
für eine relativ kurze Zeit zerschlagen waren. Im
heutigen Mittel- und Osteuropa stehen wir vor dem
Problem, daß diese Institutionen schon seit Jahrzehnten nicht mehr bestehen und darüber hinaus ganze
Generationen ohne demokratische Tradition und
marktwirtschaftliches Denken herangewachsen sind.
Unsere erste Aufgabe muß es sein, einen Rahmen zu
schaffen, in dem unsere Wirtschaftshilfe den größten

Seite 4

Nutzen bringt. Wir wollen keinen neuen Wein in alten
Schläuchen, denn für den neuen Wein brauchen wir
erst die neuen Schläuche. Vor diesem Hintergrund hat
meine Regierung auf unterschiedlichen Ebenen Maßnahmen zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in
diesen Ländern ergriffen.
Als erstes haben wir uns bemüht, die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auf eine solide Grundlage zu stellen.
Nach unserer Überzeugung werden private Investitionen und höherer Außenhandel die Voraussetzung für
mehr Wachstum und besseren Lebensstandard im
Osten sein. Um keine Zeit zu verlieren, wollten wir
sicherstellen, daß amerikanische Investoren bald die
entsprechenden Rahmenbedingungen und den erforderlichen Schutz in diesen Ländern vorfinden. Wir
haben mit einer Reihe von osteuropäischen Staaten
bereits Handels- und Wirtschaftsabkommen abgeschlossen, oder es sind Verhandlungen darüber im
Gange. Gleiches gilt für Investitionsschutzabkommen
oder die Gewährung des Status der Meistbegünstigung. Ich möchte nicht im einzelnen den Stand der
Verhandlungen aufführen, aber doch erwähnen, daß
wir mit großem Engagement dabei sind.
Lassen Sie mich nun auf ein Thema eingehen, das
sicherlich für Sie von großem Interesse ist. Ich spreche von der Exportkontrolle im Rahmen von COCOM,
und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir
auch auf diesem Gebiet in ein neues Zeitalter eintreten. Wir wissen, daß viel von dem technischen Knowhow, das dem Osten bisher vorenthalten wurde, der
Schlüssel zum Aufbau jener Volkswirtschaften ist.
Dies trifft insbesondere für die Bereiche Telekommunikation, Werkzeugmaschinen und Computer zu.
Im Juni wird bei einer COCOM-Konferenz auf hoher

Ebene jedes Mitgliedsland Vorschläge zur Reform der
COCOM-Liste unterbreiten. Ich versichere Ihnen, der
amerikanische Vorschlag wird umfassend und weitreichend sein. Als Ausgleich fordern wir allerdings entsprechende Sicherheiten hinsichtlich einer illegalen
Weitergabe militärisch nutzbarer Technologien. Diese
Sicherheiten und natürlich die positiven Entwicklungen
in Osteuropa geben uns einen gewissen Spielraum,
innerhalb dessen sich der Export von potentiell strategischer Technologie rechtfertigen läßt.
Unsere Finanzhilfe für Mittel- und Osteuropa steht im
Einklang mit unserem Gesamtkonzept für diese Region. Wir möchten uns auf ein paar Schlüsselgebiete
konzentrieren, in denen unsere Wirtschaftshilfe größtmöglichen Nutzen bringt. Mit Geld allein kann man die
Wirtschaftsprobleme im Osten nicht lösen. Die Milliardenkredite in den siebziger Jahren haben uns dies klar
vor Augen geführt.
Das heißt allerdings nicht, daß wir den osteuropäischen Staaten nicht beträchtliche Summen an Finanzhilfe zur Verfügung stellen. Unser Stellvertretender Außenminister Eagleburger hat kürzlich auf fol-

AMERIKA DIENST 19

�gende TaHache hingewiesen: Würden wir die gleichen Rechenmethoden wie andere anwenden, also
beispielsweise Darlehen und Umschuldungsmaßnahmen einbeziehen, so stünden wir an erster Stelle der
Geberländer für Wirtschaftshilfe für Osteuropa.
Unser Erfolg wird schließlich daran gemessen, ob wir
einen Beitrag zur Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen für private Investoren und Unternehmer
leisten. Denn der private Sektor wird in erster Linie
zukunftsträchtige Arbeitsplätze schaffen und zur Erhöhung des Lebensstandards beitragen. Wir sind der
Meinung, daß nur die Privatwirtschaft diesen Ländern
das für eine erfolgreiche Zukunft erforderliche Kapital
und Know-how zur Verfügung stellen kann.
Das wirtschaftliche Interesse an Osteuropa ist überwältigend. Die Aussicht auf neue Märkte, die seit
vielen Jahren mit Waren und Dienstleistungen unterversorgt waren, ist für viele Unternehmer sehr verlokkend. Manche bezeichnen diese Region als die
"Wachstumsindustrie" der nächsten Dekade und darüber hinaus. Das amerikanische Handelsministerium
hat seit Januar über 5000 Anfragen von amerikanischen Geschäftsleuten zu Osteuropa erhalten. Wir
sind also zuversichtlich, daß die Kräfte des Marktes
bald ihre Wirkung zeigen und Osteuropa in die Weltwirtschaft einbezogen wird.
Auf internationaler Ebene sind eine Vielzahl multilateraler Organisationen tätig, die auch in den Reformländern des Ostens eine bedeutende Rolle spielen könnten. Ich denke hierbei an den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank, die OECD und schließlich
die Europäische Gemeinschaft und die Europäische
Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Jede dieser
Einrichtungen kann auf ihre Art wirtschaftliche Unterstützung leisten. Meine Regierung befürwortet grundsätzlich die Mitgliedschaft der osteuropäischen Länder
in diesen Organisationen, vorausgesetzt sie erfüllen
die Beitrittsbedingungen.
Auf dem Pariser Weltwirtschaftsgipfel im Juli letzten
Jahres vereinbarten die Staats- und Regierungschefs
der Teilnehmerstaaten, die Wirtschaftshilfe für Osteuropa zu koordinieren. Insgesamt 24 Industrieländer
haben sich zu dieser sogenannten G-24-lnitiative zusammengefunden, und die Europäische Gemeinschaft
erfüllt mit Erfolg die ihr aufgetragene Koordinierungsaufgabe.

*

AMERIKA DIENST 19

Wir gehen davon aus, daß die Europäische Gemeinschaft eine Schlüsselrolle bei der Schaffung einer
neuen europäischen Architektur einnehmen wird. Die
EG steht gegenwärtig vor zwei wichtigen Herausforderungen: Erstens, die Vollendung des Binnenmarktes
bis Ende 1992; und zweitens, die Einbeziehung der
anderen europäischen Staaten in seine politischen
und wirtschaftlichen Strukturen. Die Vereinigten Staaten haben stets eine gewichtigere Rolle der Europäischen Gemeinschaft befürwortet. In diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, daß wir größten
Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit der EG in
allen Bereichen legen.
Die vor kurzem in Bonn zu Ende gegangene Konferenz
über wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa hat
der ökonomischen Seite des KSZE-Prozesses neue
Impulse gegeben. Auf dieser Konferenz haben die 35
Mitgliedstaaten sich mit den praktischen Problemen
befaßt, die sich bei der Umwandlung einer Planwirtschaft in ein marktwirtschaftliches System ergeben.
Die Teilnehmer fanden einen breiten Konsens und
vereinbarten eine enge Zusammenarbeit. Das Ergebnis ging weit über unsere Erwartungen von vor sechs
Monaten hinaus.
Lassen Sie mich mit ein paar Gedanken über die Welt
von morgen schließen. Ich stelle mir eine Staatengemeinschaft vor, in der alle gemeinsam für eine bessere
Zukunft arbeiten. Wir stehen heute vor Aufgaben, die
die ganze Menschheit angehen und die eine Nation
allein nicht lösen kann. Ich denke dabei an Umweltprobleme wie den Treibhauseffekt oder den internationalen Terrorismus und Drogenhandel. Wir wissen, die
internationale Zusammenarbeit gestaltet sich in vieler
Hinsicht als schwierig. Konkrete Ergebnisse lassen
sich kaum über Nacht erzielen. Aber im letzten Jahr
haben wir gesehen, wie atemberaubende Ereignisse
uns in wenigen Tagen in eine neue Zeit versetzen
können. Ich glaube, noch nie in diesem Jahrhundert
bestand eine so günstige Gelegenheit, gemeinsam
eine bessere Welt zu schaffen. Wir sollten diese
Chance nutzen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

Seite 5

�WELTBANK
16. Mai 1990

USA FÜR VERSTÄRKTES ENGAGEMENT DER
WELTBANK IM PRIVATSEKTOR
Erklärung von Staatssekretär Mulford vor Entwicklungsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Die Weltbank sollte bei all ihren Maßnahmen der Entwicklung des Privatsektors höhere
Priorität einräumen. Dies erklärte der Staatssekretär im US-Finanzministerium, David Mulford, vor dem
Entwicklungsausschuß der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds am 8.Mai 1990 im Rahmen der
Frühjahrstagung der beiden Institutionen in Washington.
In der Erklärung, die Mulford stellvertretend für den amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady vortrug,
wurde darüber hinaus kritisiert, daß sich ein für dieses Treffen erstellter Umweltbericht primär auf den Vorschlag
zur Einrichtung eines neuen Umweltfonds konzentriert und eine Reihe wichtiger Fragen in bezug auf die
bestehenden Umweltprogramme der Bank außer acht läßt. Der zuerst von Frankreich angeregte Fonds würde
zinsgünstige Kredite für Umweltschutzprojekte mit weltweiten Auswirkungen anbieten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die amerikanische Erklärung im Wortlaut.

Heute morgen möchte ich auf drei Themen eingehen:
1.

Die Fortschritte aufgrund der verbesserte Schuldenstrategie, einschließlich der Bedeutung ausländischer Investitionen und der Rückkehr von
Fluchtkapital.

2.

Die Rolle des Privatsektors bei der Entwicklung.

3.

Die Behandlung von Umweltfragen in der Weltbank.

Die verbesserte Schuldenstrategie
Ich begrüße die im Rahmen der verbesserten Schuldenstrategie erzielten Fortschritte. Sechs hochverschuldete Länder haben Vereinbarungen mit den
Geschäftsbanken abgeschlossen. Die internationalen
Institutionen, die Regierungen der Gläubigerstaaten
und die Geschäftsbanken haben alle dazu beigetragen, die Reformbemühungen der Schuldner auf der
Grundlage des neuen Ansatzes zu unterstützen.

tisierung öffentlicher Unternehmen und die Entwicklung konkurrenzfähiger Volkswirtschaften sind ein
unerläßlicher Teil dieser Reformen.
Die Schuldner müssen die Investitionsbestimmungen
liberalisieren und funktionierende Kapitalmärkte im
Inland schaffen, um konkurrenzfähige Volkswirtschaften zu entwickeln und ausländisches Kapital anzuziehen. Die internationalen Finanzinstitutionen sollten
diese Bestrebungen ergänzen und eine aktivere Rolle
bei der Reform der Investitionsbestimmungen übernehmen. Sie sollten beispielsweise sektorgebundene
Anleihen für den Investitionsbereich entwickeln und
Maßnahmen zur Liberalisierung direkter Investitionsmaßnahmen bei kurzfristigen strukturellen und sektoralen Krediten einbeziehen. Die Programme zur
Umwandlung von Schuldtiteln in Beteiligungskapital
können ebenfalls ein wichtiges Element der Anpassungsprogramme darstellen und zum generellen
Schuldenabbau beitragen.
Die Rolle des Privatsektors

Die Schuldnerländer profitieren bereits davon. Die
Schuldenlast wurde reduziert, Fluchtkapital kehrt zurück und das Vertrauen der Investoren wächst. Um
jedoch sicherzustellen, daß diese Vorteile von Dauer
sind, müssen die Reformbemühungen weitergeführt
werden. Maßnahmen zur Förderung ausländischer
Investitionen und Rückführung von Kapital, die PrivaAMERIKA DIENST 19

Ein damit in Zusammenhang stehendes umfassenderes Thema ist die Bedeutung, die dem erweiterten
Beitrag des Privatsektors zur Entwicklung zukommt.
Die Entwicklungsländer haben allmählich erkannt, daß
ein dynamischer Privatsektor der Schlüssel zu kontinuierlicher Entwicklung und wirtschaftlichem WohlSeite 1

�stand ist. Die Vereinigten Staaten begrüßen diese
Veränderung und unterstützen und ermutigen sie auf
vielfältige Weise.
Die Weltbankgruppe kann das Wachstum des Privatsektors in den Schuldnerländern sehr gut fördern. Die
Weltbank sollte der Rolle des Privatsektors im Entwicklungsprozeß größere Bedeutung beimessen.
Da die Weltbank die Hauptquelle für die Vergabe von
kurzfristigen Krediten ist, kann sie den Entwicklungsländern bei der Einführung der erforderlichen makroökonomischen strukturellen und institutionellen Veränderungen behilflich sein. Die Bank sollte der Entwicklung des Privatsektors höhere Priorität beimessen
und sie über das gesamte Spektrum der Banktransaktionen hinweg institutionell verankern. Mangelnde Anreize für das Wachstum des Privatsektors und die Mobilisierung von Privatkapital könnten dauerhaftes Wachstum unterminieren.
Dieses Thema wird heute nachmittag erörtert. Angesichts der entscheidenden Bedeutung dieses Themas
und der Vielzahl anderer Tagesordnungspunkte fürdie
Nachmittagssitzung schlage ich jedoch vor, daß der
Ausschuß die Entwicklung des Privatsektors einschließlich der Mobilisierung von Privatkapital als erstes Diskussionsthema bei der nächsten Sitzung im September wiederaufgreift.
Die Umwelt
Abschließend möchte ich einige Bemerkungen zur
Umwelt machen. Die Vereinigten Staaten messen
diesem Problem große Bedeutung bei. Beim letzten
Jahrestreffen der Weltbank im September hat Präsident Bush eine größere Betonung der Umweltproblematik im nationalen Entscheidungsfindungsprozeß
gefordert, und zwar vor allem im Hinblick auf die

*

Seite 2

*

bessere Nutzung von Energie, Energiesparmaßnahmen und umfassenderen Schutz der tropischen Regenwälder. Die Vereinigten Staaten sind bestrebt, daß
die Weltbank ökologische Erwägungen in ihre Kredite
einbezieht und fördern den Einsatz von Mitteln mit
positiven Auswirkungen auf die Umwelt und entsprechende Aktionspläne.
Die Vereinigten Staaten haben die Methode des Schuldenerlasses im Austausch gegen Maßnahmen für die
Umwelt unterstützt, um Wälder und Feuchtgebiete zu
erhalten. Erst vor kurzem sind in einer Reihe von
Ländern entsprechende Verträge unterzeichnet worden. Obwohl es hier um vergleichsweise geringe
Beträge ging, ist ein wichtiger Präzedenzfall geschaffen worden. Unserer Ansicht nach kann dieser Mecha
nismus noch innovativer verwendet werden und wir
ermutigen die Weltbank, eine noch aktivere Rolle bei
seiner Durchführung zu spielen. Zum Beispiel könnten
projektgebundene oder sektorale Kredite von der Bank
teilweise benutzt werden, um Schuldenerlaß gegen
Umweltmaßnahmen finanzieren zu helfen.
Die Bank hat für unser heutiges Treffen einen Umweltbericht vorbereitet. Dieser beschäftigt sich jedoch
vordringlich mit dem Green Fund und geht nicht auf
eine Reihe wichtiger Fragen im Zusammenhang mit
den bestehenden Umweltprogrammen der Weltbank
ein, wie es beim Treffen dieses Ausschusses im
September vergangenen Jahres gefordert worden war.
Die Weltbank hat im Bereich Umwelt große Fortschritte erzielt, es bleibt jedoch noch viel zu tun. Wir
schlagen vor, daß die im Herbst letzten Jahres angeforderten Informationen dem Ausschuß für sein nächstes Treffen im September zur Verfügung gestellt
werden, so daß eine Bilanz der Fortschritte der Weltbank gezogen wird und weitere Fortschritte auf den
Weg gebracht werden können.

*

*

AMERIKA DIENST 19

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 16.05.1990</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Osteuropa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush nennt Wege zur Förderung der Demokratie in Osteuropa &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der University of South Carolina&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Deutschlandpolitik&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Vereinigten Staaten, das Bündnis und die neue Gestalt Europas &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters bei AP&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Deutsche Einheit Schlüssel für Europas Zukunft &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker in New York&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Amerikanisch-sowjetische Beziehungen&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Verhandlungen über Rüstungskontrolle &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;Überregionale Probleme &lt;em&gt;&lt;br /&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. NATO&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Umfassende Überprüfung der NATO-Strategie erwartet &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Staatssekretär Wolfowitz&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Wirtschaft&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Amerikanische Wirtschafts- und Handelspolitik im veränderten Ost-West-Verhältnis &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters in Frankfurt&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Weltbank&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA für verstärktes Engagement der Weltbank im Privatsektor &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Unterstaatssekretär Mulford vor Entwicklungsausschuß&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
&gt;&lt;*

23. Mai 1990

20

AUSSENPOLITIK

BUSH: DIE ZEIT DER DIKTATOREN
IST ABGELAUFEN
Auszüge aus einer Rede an der
University of Texas

USA - UDSSR

BAKER ERWARTET PRODUKTIVEN
GIPFEL BUSH-GORBATSCHOW
Erklärung in Moskau

VSBM

VSBM: NEUE VORSCHLAGE DES WESTENS
Rede des US-Delegationsleiters
John Maresca

OSTEUROPA

MOSBACHER: VIELVERSPRECHENDE AUSSICHTEN FÜR HANDEL MIT OSTEUROPA
Rede des US-Wirtschaftsministers

COCOM

MOSBACHER BEFÜRWORTET VORSICHTIGE
LOCKERUNG VON EXPORTKONTROLLEN
Rede des Wirtschaftsministers
im Kongreß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2366
Telex: 8-85432

�AUSSENPOLITIK
23. Mai 1990

BUSH: DIE ZEIT DER DIKTATOREN IST ABGELAUFEN
Auszüge aus einer Rede an der University of Texas

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede anläßlich der Abschlußfeier an der University of Texas erklärte Präsident
Bush am 19. Mai 1990 unter Verweis auf die Leistungen großer Persönlichkeiten in Osteuropa, die ihre Länder
zum Triumph der Freiheit über den Kommunismus geführt hätten, daß "die Zeit der Diktatoren abgelaufen ist".
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede des Präsidenten, die außenpolitische Aspekte betreffen.

Außerhalb der Vereinigten Staaten schrumpfte damals (vor 42 Jahren) die Zahl der freien Staaten, und
Winston Churchills Prophezeiung, daß ein Eiserner
Vorhang Europa in zwei Lager spalten werde, wurde
schon bald wahr. Ein Eiserner Vorhang schnitt Osteuropa vom Westen ab und trennte die beiden Teile
Deutschlands voneinander. Und als jeder Mauerstein,
jeder Wachturm und jeder Meter Stacheldraht an
seinem Platz war, existierten zwei Welten. Eine Welt
freier Menschen mit der Freiheit der Wahl und eine
Welt der Tyrannei und Unterdrückung.
In der Folgezeit wurde Millionen von Männern und
Frauen gesagt, was sie zu denken und zu lernen,
welchen Arbeitsplatz sie anzunehmen und wo sie zu
leben hatten. Stellen Sie sich all diesen Mi ßbrauch und
diese Verschwendung von Elan, Talent und Phantasie
vor. Und doch hielten viele immer noch an ihren
Überzeugungen fest. Selbst im Angesicht des Todes
leisteten sie Widerstand.
Das war die Überzeugung des Andrej Sacharow, der,
wie Sie sich erinnern werden, Chruschtschow mit der
Wahrheit über überirdische Atomversuche konfrontierte. Das ist ein Grund, warum das sowjetische Volk
heute sein Andenken verehrt.
Das ist die Überzeugung eines Elektrikers aus Gdansk,
auf dessen Bekanntschaft ich stolz bin - Lech Walesa,
der das polnische Volk in die Freiheit führte.
Und das ist die Überzeugung von Vaclav Havel aus der
Tschechoslowakei, des inhaftierten Dramatikers, der
heute an der Spitze einer großen Nation steht.

AMERIKA DIENST 20

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte über Präsident Havel und einige andere mutige Persönlichkeiten
aus Osteuropa erzählen. Erst kürzlich hatte ich die
Ehre, diesen Mann in das Weiße Hause einzuladen
und ihm bei dieser Gelegenheit das Lincoln-Zimmer zu
zeigen. Präsident Havel war voller Ehrfurcht, denn er
wußte, daß dieses Zimmer wirklich das Arbeitszimmer
von Präsident Lincoln gewesen war. Es war die Stätte
gewesen, an der Lincoln arbeitete, diskutierte und
einen schrecklichen Krieg durchlitt. Aber Präsident
Havel wußte auch, daß dieses Zimmer aus einem
überragenden Grund ein heiliger Ort ist - es war der
Ort, an dem Präsident Lincoln die Emanzipationsproklamation unterzeichnete. In diesem Zimmer befreite
er ein Volk. Und in diesem Zimmer bemerkte ich, wie
Präsident Havel zu Tränen gerührt war in dem Wissen,
daß die Glocke der Freiheit endlich auch für seine
geliebte Tschechoslowakei erklungen war.
Was für den einen die Geschichte, ist für den anderen
die Musik. Präsident Landsbergis von Litauen, der
Beethovens Neunte zur Hymne der Bewegung seines
Volkes erklärte, wurde einmal gefragt, warum Beethovens Klänge in den Straßen und auf den Plätzen von
Wilna erklingen sollten. Er antwortete, der Grund sei,
daß die Neunte eine "Symphonie der Freiheit und des
Sieges über Sklaverei, Heimtücke und tiefsten Haß
ist".
Und was für den einen die Musik, ist für den anderen
das Wort. Betrachten Sie einmal den Fall eines
Mannes mit Namen Cestimir Suchy, eines tschechischen Journalisten, der sich weigerte, den sowjetischen Einmarsch von 1968 als Akt brüderlicher Liebe

Seite 1

�zu beschreiben. Suchy wurde wegen seiner Ehrlichkeit entlassen. Aber es wurde ihm gestattet, sich
seinen Lebensunterhalt in einem neuen Beruf zu verdienen - als Fensterputzer. Wenn man ihn heute um
seine Visitenkarte bittet, dann steht darauf immer
noch: Suchy, Fensterputzer. Das ist ein Beispiel für
den unerschütterlichen Humor dieses Mannes, der
heute einen anderen Arbeitsplatz mit einem neuen
Titel hat. Er ist der Dekan der Journalistenschule an
der Prager Karls-Universität.
An allen Universitäten des Ostens sind es heute die
Exponenten marxistischer Dogmen, für die es keine
Arbeit mehr gibt.
Ich möchte Ihnen noch eine letzte Geschichte erzählen - über Arpad Goncz aus Ungarn, der mich gestern
im Oval Office besuchte. Wie Präsident Havel ist auch
Präsident Goncz ein Dramatiker. Ich weiß nicht, wie es
kommt, daß Dramatiker Präsidenten großer Länder in
Osteuropa werden. Aber als ehemaliger Antifaschist
und Zeitungsredakteur wurde er während des Aufstands von 1956 zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach
seiner Freilassung blieb er ein Dissident, und heute
steht er als amtierender Präsident an der Spitze des
ungarischen Volkes.
Die Entschlossenheit von freiheitsliebenden Männern
und Frauen erweist sich als härter als die Mauern, die
sie umgeben. Aufgrund ihres Mutes ist die freie Welt
heute größer als wir alle uns vorzustellen wagten.
Dies ist unsere erstaunliche neue Welt der Freiheit.
Größere Freiheit bedeutet aber auch größere Chancen - in Ost und West. Ob Sie nun Laufbahnen in
Geisteswissenschaften, Wirtschaft, Recht oder Naturwissenschaften einschlagen, dies kannfür Sie nureine
frohe Kunde sein.
Erst heute morgen habe ich in Houston die Stätte
unseres nächsten Weltwirtschaftsgipfels besichtigt,
an dem Kanada, Frankreich, Großbritannien, Italien,
Japan und die Bundesrepublik Deutschland teilnehmen werden. Bei unserem Treffen werden wir mehr
tun, als unsere Bilanzen zu vergleichen. Es wird ein
Akt der Zusammengehörigkeit freier Nationen sein.

*

Seite 2

Diese Nationen haben uns in diesem langen Kampf zur
Seite gestanden, beim Aufbau solider Bündnisse und
den endlosen Vorbereitungen auf einen Krieg, der nie
stattfinden darf. Mit großen Anstrengungen und großen Opfern. Materiellen Opfern, die für schönere Ziele
hätten verwendet werden können. Und das ist der
Preis, den der kalte Krieg von Westeuropa und den
Vereinigten Staaten gefordert hat.
Dieses Opfer wurde jedoch mit der kostbarsten Gabe
von allen belohnt - der Morgendämmerung neuer
Freiheit und neuer Hoffnung für Millionen.
Heute beobachten wir an vielen wichtigen Fronten
Fortschritte. Wie Sie wissen, hat sich Außenminister
Baker diese Woche mit der sowjetischen Führung
getroffen, um das am 31. Mai beginnende Gipfeltreffen
zwischen mir und Präsident Gorbatschow vorzubereiten. Obwohl weitere Arbeit erforderlich ist, bedeuten
Bakers Treffen meines Erachtens einen Schritt nach
vorn. Dieser Durchbruch sollte es uns gestatten, das
von uns in Malta gesetzte wichtige Ziel zu erlangen die Einigung über wichtige, substantielle Elemente
eines historischen Vertrags zur Reduzierung strategischer Waffen.
Darüber hinaus werden wir mit den Sowjets andere
wichtige Rüstungskontrollmaßnahmen abschließen
können, darunter eine Vereinbarung über drastische
Reduzierungen der chemischen Waffen sowie technische und wirtschaftliche Vereinbarungen. Ich bin
zuversichtlich, daß die von uns erzielten Fortschritte
dazu beitragen werden, daß dieses Gipfeltreffen ein
weiterer solider Schritt nach vorn in dem entscheidend
wichtigen amerikanisch-sowjetischen Verhältnis sein
wird.
Heute, wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte, setzt
sich die Freiheit in der ganzen Welt durch, weil die
Freiheit funktioniert. Freiheit ist nicht nur richtig, sie ist
praktisch. Sie ist nicht nur gut, sie ist besser. Und es
ist auf den unbezähmbaren Geist des Menschen zurückzuführen, daß die Zeit der Diktatoren abgelaufen
ist.

*

AMERIKA DIENST 20

�USA-UDSSR
23. Mai 1990

BAKER ERWARTET PRODUKTIVEN GIPFEL
BUSH-GORBATSCHOW
Erklärung in Moskau
MOSKAU - (AD) - Zum Abschluß viertägiger Gespräche mit Präsident Gorbatschow und anderen hochrangigen sowjetischen Vertretern hat Außenminister Baker am 19. Mai 1990 in Moskau erklärt, er erwarte ein
"produktives" Gipteltreffen zwischen den Präsidenten Bush und Gorbatschow in Washington. Vor Journalisten
verwies Baker darauf, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion "einige echte Leistungen" für die
Vollendung eines Vertrages über den Abbau strategischer Waffen (START) erzielt hätten, mit dem die nuklearen
Langstreckenraketen beider Seiten'um 30 Prozent reduziert würden.
Die Erklärung von Au ßenminister Baker, die er zu Beginn einer Pressekonferenz abgab, hat folgenden Wortlaut.

Wir haben soeben viertägige, lange und detaillierte
Gespräche mit Präsident Gorbatschow, Außenminister Schewardnadse und ihren Mitarbeitern beendet.
Dies waren einige der intensivsten Gespräche, die wir
in der Amtszeit dieser Administration mit unseren
sowjetischen Partnern geführt haben. Im Endstadium
von Verhandlungen ist es nur vernünftig, eine Zunahme von Intensität und Schwierigkeit der Arbeit zu
erwarten. Um es griffig zu formulieren: Wir haben
Schwerarbeit geleistet, um bis zum Gipfel zwischen
Präsident Bush und Präsident Gorbatschow Abkommen zu fixieren.
Unsere Gespräche haben einige echte Leistungen
hervorgebracht, und diese von uns erzielten Fortschritte stimmen mich optimistisch, daß wir in weniger
als zwei Wochen Zeugen eines produktiven Gipfels in
Washington werden.
In dem fünfstündigen Treffen mit Präsident Gorbatschowkamen eine Reihe von Bereichen zur Sprache,
darunter Rüstungskontrolle, die Lage im Baltikum,
insbesondere der Wunsch Litauens nach Unabhängigkeit, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten
und die sowjetische Wirtschaft. Wir hatten einen
umfassenden Meinungsaustausch zu diesen Themen.
Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, daß in meinen
Gesprächen über Litauen beide Parteien den Wunsch
zum Ausdruck brachten, einen Weg zum friedlichen
Dialog zu finden. Ich kann an dieser Stelle nicht sagen,
daß Sowjets und Litauer bereits eine gemeinsame
AMERIKA DIENST 20

Grundlage für das weitere Vorgehen gefunden haben.
Ich denke aber, daß sie sich jetzt aktiver darum bemühen, diese Basis zu entwickeln, aber sie haben sie
noch nicht gefunden.
Ich möchte nun kurz auf die Ergebnisse unserer
Gespräche eingehen und zum Stand unserer Beziehungen kurz vor dem Gipfel Stellung nehmen.
Bei START war unser Ziel, bis zum Gipfel Einigung
über die wichtigsten substantiellen Fragen zu erzielen,
und wir sind jetzt in der Lage, dies zu tun. Obwohl noch
einige Probleme gelöst werden müssen, haben wir uns
bei diesem Ministertreffen über die beiden komplexesten Fragen der START-Verhandlungen geeinigt: luftund seegestützte Marschflugkörper. Bei den ALCMs
haben wir eine komplizierte Formel vereinbart, die den
Bedürfnissen beider Seiten gleichermaßen gerecht
wird.
Bei den seegestützten ballistischen Raketen (SLCMs)
haben wir uns auf eine politisch bindende Erklärung
geeinigt, die unabhängig vom START-Vertrag ist. Die
Erklärung wird sowohl die strategische Stabilität als
auch die Berechenbarkeit verbessern, ohne daß dabei
einer der beiden Seiten Verifizierungsschwierigkeiten
entstünden.
Wir haben eine Reihe anderer Probleme bei START
gelöst und die Aufnahme der Arbeit an den Zielen von
Folgeverhandlungen über START vereinbart.

Seite 1

�Bei den chemischen Waffen haben wir uns auf ein
beispielhaftes Abkommen geeinigt. Meiner Ansicht
nach ist dieses Abkommen von großer Bedeutung, vor
allem, da es einen echten Weg für ein weltweites
Verbot dieser schrecklichen Waffen aufzeigt, die - wie
wir aus bitterer Erfahrung wissen - tatsächlich eingesetzt werden. Einfach ausgedrückt, ist dieses amerikanisch-sowjetische Abkommen eine bahnbrechende
Vereinbarung, mit der die Initiative des Präsidenten
über chemische Waffen verwirklicht wird.
Bei den Atomtests haben wir die Arbeit zu den Protokollen der Atomtestverträge beendet. Diese sind jetzt
soweit, daß sie beim Gipfel unterzeichnet werden
können.
Darüber hinaus haben wir uns auf eine gemeinsame
Gipfelerklärung über die Nichtweitergabe von Kernund chemischen Waffen sowie Raketentechnik geeinigt.
Ein Bereich der Rüstungskontrolle, bei dem wir weniger Fortschritte erzielt haben als wir erhofft hatten, ist
KSE. Wir hatten Ideen unterbreitet, mit denen dieser
Prozeß gefördert werden sollte, aber unsere Gesprächspartner waren offensichtlich nicht in der Lage, darauf
zum gegenwärtigen Zeitpunkt entsprechend zu reagieren.
Bei den regionalen Fragen haben wir eingehende
Gespräche über Afghanistan geführt. Meiner Ansicht
nach sind wir nahe daran, eine gemeinsame Basis zu
entwickeln, auf derfreie und faire Wahlen durchgeführt
werden können - der sicherste Weg zu Aussöhnung,
Frieden und rechtlich einwandfreien Verhältnissen in
diesem vom Krieg zerrütteten Land.

*

Seite 2

*

Bei Mittelamerika haben unsere Gespräche die Bedeutung der anhaltenden Befolgung des Abkommens
von Esquipulas und die Notwendigkeit erneut hervorgehoben, den Untergrundkampf in El Salvador zu
beenden und einen politischen Dialog auf den Weg zu
bringen.
Bei Menschenrechten und Demokratisierung haben
wir unsere anhaltende Sorge über die noch nicht
gelösten Auswanderungsfälle in der Sowjetunion und
die Notwendigkeit betont, diese sobald wie möglich zu
lösen. Darüber hinaus habe ich meiner Besorgnis über
Antisemitismus Ausdruck verliehen und der sowjetischen Führung nahegelegt, sich dagegen energisch
auszusprechen.
Es hat ein Austausch über Wirtschaft, grenzübergreifende und bilaterale Fragen stattgefunden. Wir haben
mehrere amerikanisch-sowjetische Wirtschaftsabkommen für die Unterzeichnung beim Gipfel vorbereitet,
einschließlich des langfristigen Getreideabkommens
und des Schiffahrtsabkommens.
Im Hinblick auf grenzübergreifende und bilaterale Fragen
sind wir bereit, Abkommen über Seegrenzen, ozeanographische Forschung sowie über die Eröffnung von
Kultur- und Informationszentren in Moskau und Washington sowie möglicherweise andere Abkommen zu
unterzeichnen. Femerwerden wir das Abkommen der
tausend Studenten - einen Austausch von tausend
Studienanfängern zwischen unseren Ländern - unterzeichnen.
Insgesamt haben wir den Weg bereitet, so daß unsere
Präsidenten Punkte beiderseitigen Vorteils festschreiben und institutionalisieren können.

*

*

AMERIKA DIENST 20

�VSBM
23. Mai 1990

VSBM: NEUE VORSCHLÄGE DES WESTENS
Rede des US-Delegationsleiters John Maresca
WIEN - (AD) - Bei der Plenarsitzung der VSBM-Gespräche am 18. Mai 1990 hat der Westen eine Reihe neuer
Vorschläge unterbreitet, die dem Leiter der amerikanischen Delegation, Botschafter John Maresca, zufolge, die
Arbeit und den Kurs der Verhandlungen um eine wichtige neue Dimension bereichern sollte. Maresca zufolge
hoffen die Vereinigten Staaten, daß die neuen Vorschläge "ohne Verzug in die Programme der einzelnen
Arbeitsgruppen aufgenommen werden können".
Botschafter Maresca verwies ferner auf die Möglichkeit eines Gipfeltreffens der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa Ende des Jahres und erklärte, "es könnte jetzt an der Zeit sein, eine Bestandsaufnahme des vorliegenden Materials vorzunehmen", damit im Falle eines Gipfels ein Dokument über vertrauensbildende Maßnahmen erarbeitet werden kann.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Marescas Rede im Wortlaut:

Ich möchte heute morgen das Wort ergreifen, um Sie
der Unterstützung meiner Regierung für die von meinem norwegischen Amtskollegen unterbreiteten Vorschläge zu versichern, die auch wir von Anfang an
gefördert haben.
Mit diesen neuen Vorschlägen haben wir die gegenwärtigen Maßnahmen des Westens zu Kommunikation, Zugang zu Informationen und militärischen Kontakten überarbeitet. Mit dieser Bilanz wird unser
Denken weiterentwickelt, und sie basiert auf der von
anderer Seite bereits geleisteten wertvollen Arbeit.
Meine Delegation sieht der Zusammenarbeit mit allen
Delegation entgegen, im Rahmen derer wir in den
nächsten Wochen gemeinsame Dokumente für den
Bereich Kommunikation und Kontakte erarbeiten werden.
Wir haben zusammen mit Gleichgesinnten vier völlig
neue Maßnahmen unterbreitet, die ich Ihnen im folgenden vorstellen möchte.
Maßnahme 16 betrifft zwei Bereiche der Vertrauensbildung, die meiner Ansicht nach etwas vernachlässigt
worden sind: erstens die Sicherheit des Personals bei
Ereignissen im Zusammenhang mit der Konferenz
über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa (KVAE) und zweitens
die Benachrichtung über gefährliche Zwischenfälle wie etwa erst vor kurzem mit dem führerlosen Flugzeug. Dies sind vernünftige Ideen zur Verhinderung
von Unfällen, die wir alle vermeiden wollen.

AMERIKA DIENST 20

Im Rahmen von Maßnahme 17 könnten offizielle
Beobachter die militärischen Stützpunkte der Teilnehmerstaaten besuchen. Das wäre das erste Mal in der
Geschichte der europäischen Rüstungskontrolle, und
damit könnte Vertrauen in einem Bereich geschaffen
werden, der bisher nicht in unsere Bestrebungen einbezogen worden ist. Mit Maßnahme 18 würden sich
einzelne Länder verpflichten, jährlich Informationen
über geplante Veränderungen ihrer militärischen Infrastruktur auszutauschen. Zusammen mit den bereits
vorliegenden Vorschlägen über Streitkräfte, Waffen
und neue Stationierungen und dem Vorschlag für den
Informationsaustausch über Militärausgaben könnte
die Infrastrukturmaßnahme dazu beitragen, eine nie
dagewesene Offenheit bei der militärischen Planung
aller Länder hervorzubringen.
Herr Vorsitzender, ich möchte mich nunmehr Maßnahme 15 zuwenden, die ich absichtlich als letzte anspreche, weil sie meiner Ansicht nach besondere Aufmerksamkeit verdient. Wir haben zusammen mit anderen
Teilnehmern heute die Einführung eines "Diskussionsmechanismus" für ungewöhnliche militärische Aktivitäten vorgeschlagen. Diejenigen von Ihnen, die das
Wiener Schlußdokument kennen, werden bemerken,
daß dieser "Mechanismus" dem Muster der damals
vereinbarten Verfahrensweisen bei der menschlichen
Dimension folgt. Wir hoffen, daß dieser Präzedenzfall
allen hier vertretenen Ländern die Zustimmung zu
unserem neuen Vorschlag erleichtert.

Seite 1

�Dieser neue Vorschlag hat für uns besondere Bedeutung. Im Februar vergangenen Jahres hat Präsident
Bush bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit
Bundeskanzler Kohl potentielle Instabilität als mögliche neue Bedrohung der Sicherheit in Europa bezeichnet. Auf der Grundlage dieser Einschätzung haben wir
gemeinsam mit unseren Verbündeten Konzepte erarbeitet, mit deren Hilfe wir Mi ßverständnisse vermeiden
können, die zu einer solchen Instabilität beitragen.
Bei einer Pressekonferenz in Brüssel hat Außenminister Baker am 3. Mai 1990 erklärt, daß wir die Möglichkeit eines Mechanismus' erwägen, mit dem wir um
Klärung ungewöhnlicher militärischer Aktivitäten bitten, um damit den KSZE-Proze ß insgesamt zu stärken
und ihn besser an die heutige Situation in Europa
anzupassen.
Unserer Ansicht nach reagieren wir mit der Maßnahme
zu ungewöhnlichen militärischen Aktivitäten auf die
Notwendigkeit, Stabilität in einem Europa dramatischer Entwicklungen zu fördern und auch auf unseren
gemeinsamen Wunsch, die Institution der KSZE weiterzuentwickeln und zu stärken. Qiese Maßnahme
wird keine negativen Auswirkungen auf die Interessen
irgendeines Teilnehmerstaats haben. Sie wird im
Gegenteil einen Beitrag zur Sicherheit eines jeden
Landes leisten.
Herr Vorsitzender, meine Delegation hegt die Hoffnung, daß das von den sechzehn Ländern heute
angebotene Material ohne Verzug in die Programme
der einzelnen Arbeitsgruppen aufgenommen werden
kann. Angesichts der Möglichkeit eines in diesem Jahr
bevorstehenden KSZE-Gipfels könnte es jetzt an der
Zeit sein, eine Bestandsaufnahme des vorliegenden
Materials vorzunehmen, damit noch vor dem Gipfel
eine Übereinkunft erzielt werden kann. Wenn sich die
an diesen Verhandlungen teilnehmenden Länder auf
einen KSE-Vertrag einigen können, wird der Gipfel
zustande kommen, und in diesem Falle werden wir uns
wünschen, ein VSBM-Abkommen in Händen zu halten.
Wenn wir ein solches Abkommen erzielen wollen,
müssen wir in der uns zur Verfügung stehenden Zeit

*

Seite 2

effektiv und flexibel arbeiten. Unsere Zeit ist knapp
und die für jeden einzelnen Punkt zur Verfügung
stehende Zeit äußerst begrenzt. Deshalb müssen wir
uns neue zusätzliche Arbeitsmethoden überlegen, wenn
wir unser gemeinsames Ziel erreichen wollen.
Herr Vorsitzender, die Regierung der Vereinigten Staaten
gibt sich keinen Illusionen darüber hin, was der KSZEProzeß leisten kann und was nicht. Es ist wichtig, sich
vor Augen zu führen, daß er - unserer Ansicht nach in einem Europa, wie es sich gegenwärtig darstellt,
kein System kollektiver Sicherheit liefern kann. Aber er
kann einen Beitrag für unsere Sicherheit, unser gegenseitiges Verständnis und unsere Fähigkeit leisten,
gemeinsam in Frieden und Freiheit zu leben.
Aus diesem Grund war und ist es eines unserer Ziele,
Wege zufinden,wie der KSZE-Prozeß effektiver werden,
besser auf die anstehenden Probleme reagieren und in
Situationen nützlicher sein kann, die wir uns vorstellen
können. Wir möchten dies auf eine Weise tun, die
einfach, praktikabel und funktionsfähig ist und in keiner
Weise die Sicherheit irgendeines Teilnehmerstaats
bedroht.
Mit der schnellen Entwicklung der Ereignisse in Europa gewinnen diese Anstrengungen größere Bedeutung als jemals zuvor. Und diese Entwicklung hat
Möglichkeiten für beherzte Schritte nach vorn eröffnet.
Wir sind bereit, Schritte zu erwägen, die wir verantwortungsbewußt unternehmen können. Gleichzeitig erkennen wir, daß die Stärke des KSZE-Prozesses darin
liegt, daß er Stein für Stein - und von Grund auf aufgebaut wurde.
Unserer Ansicht nach enthalten die heute von uns
unterbreiteten Vorschläge mutige neue Ideen, die einen
wichtigen und vernünftigen Beitrag zur KSZE-Struktur
leisten und uns positiven Abkommen einen Schritt
näherbringen können. Wir empfehlen all unseren
Kollegen, sie zu überdenken und hoffen, daß sie die
Basis für baldige Abkommen in diesen Bereichen
bilden können.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 20

�OSTEU ROPA
23. Mai 1990

MOSBACHER: VIELVERSPRECHENDE AUSSICHTEN
FÜR HANDEL MIT OSTEUROPA
Rede des US-Wirtschaftsministers
WASHINGTON - (AD) - Wie der amerikanische Wirtschaftsminister Robert Mosbacher bei einer Konferenz über
Ost-West-Handel am 21. Mai 1990 erklärte, sind die Aussichten für den Handel mit Osteuropa jetzt "günstiger
als je zuvor".
Die "Christoph Kolumbusse der Weltwirtschaft entdecken - endlich - Osteuropa", so Mosbacher. Im vergangenen Jahr hat der amerikanische Privatsektor zum Beispiel mehr als 500 Millionen Dollar in der Region investiert,
und die Geschäfte im Verhandlungsstadium versprechen "noch viele Millionen mehr". Mosbacher verwies in
diesem Zusammenhang auf sechs Prinzipien, von denen sich die Vereinigten Staaten bei ihrer Osteuropapolitik
leiten lassen.
Im Hinblick auf den Technologietransfer erklärte der Wirtschaftsminister, er vertrete ganz klar die Auffassung,
daß die Sowjetunion noch nicht denselben Zugang zu Hochtechnologieexporten aus den Vereinigten Staaten
haben sollte wie Osteuropa. Die Vereinigten Staaten werden insbesondere den Export in solche Länder
Osteuropas fördern, die zusichern können, daß die Technologie nicht an die UdSSR weitergegeben wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des US-Wirtschaftministers im Wortlaut.

Ich freue mich, in diesem Kreis über eine aufregende
und herausfordernde Region - über Osteuropa und die
Sowjetunion - sprechen zu können und möchte in
diesem Zusammenhang den Senatoren Gorton und
Daschle und den Abgeordneten AuCoin und Frenzel
für Ihre Arbeit am Zustandekommen dieser Konferenz,
die zum richtigen Zeitpunkt stattfindet, danken.
Ihr Engagement ist sicherlich im Sinne der Woche der
Welthandels, die Präsident Bush diese Woche ausgerufen hat, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
auf die entscheidende Rolle zu lenken, die der Handel
in unserer interdependenten Weltwirtschaft spielt.
Ebenso wie der erste Handeltreibende in Amerika,
Christoph Kolumbus, müssen wir mutig und phantasievoll ins 21 . Jahrhundert segeln. Ein wettbewerbsfähiges Amerika muß Wert auf Qualität seiner Waren
und Dienstleistungen, auf die Qualität der Investitionen und Qualität im Bildungswesen legen - und muß
durch aggressive Verhandlungen, altmodische harte
Arbeit und Erfindungsreichtum Märkte öffnen.
Im Jahr 1990 entdecken die Christoph Kolumbusse
der Weltwirtschaft - endlich - Osteuropa. Die Aussichten für den Osthandel sind günstiger als je zuvor. Was

AMERIKA DIENST 20

für eine bemerkenswerte Wende im Vergleich zur
Situation vor einigen Jahren.
Als Lech Walesa im November vergangenen Jahres
eine Rede im Kongreß der Vereinigten Staaten hielt,
rüttelte er das amerikanische Volk mit den Worten auf:
"Wir bitten nicht um Almosen, wir erwarten keine Akte
der Nächstenliebe... wir möchten, daß die Amerikaner
mit Vorschlägen der Zusammenarbeit zu uns kommen, die beiden Seiten Vorteile bringen."
Die Menschen in den Vereinigten Staaten zeigten sich
im Hinblick auf die Bedürfnisse Osteuropas großzügig.
Unser Privatsektor hat 1989 mehr als 500 Millionen
Dollar in Osteuropa investiert - wogegen sich die
Beträge der Vergangenheit verschwindend gering
ausnehmen - und bei den gegenwärtig ausgehandelten Geschäften könnten noch viele Millionen mehr
erzielt werden. Auf Wunsch von Präsident Bush
verabschiedete der Kongreß im vergangenen Jahrein
938 Millionen-Dollar-Paket zur Förderung von Wirtschaftswachstum und politischen Reformen in Polen
und Ungarn.

Seite 1

�Wir haben einen umfassenden Handels- und Wirtschaftsvertrag mit der polnischen Regierung - und ein
Handelsabkommen mit der Tschechoslowakei - unterzeichnet. Erst vor einer Woche hat der Präsident die
Gründung des Bürgerkorps Demokratie verkündet das Ressourcen des Privatsektors mobilisieren soll,
um die Entwicklung in Osteuropa zu fördern.
In seiner Rede hat Lech Walesa einen wichtigen Punkt
angesprochen: nur die Völker Osteuropas selbst können die Schäden beseitigen, die vierzig Jahre kommunistischer Mißwirtschaft verursacht haben.
Der Westen kann dem Osten keinen Plan für den
Fortschritt aufzwingen. Zur Modernisierung der Volkswirtschaften Osteuropas sind Millionen von Plänen
erforderlich, die von den mächtigsten Vertretern des
Fortschritts selbst konzipiert werden müssen - den
Verbrauchern und den Unternehmen.
Um ihre Bestrebungen zu unterstützen, müssen wir
alles in unserer Macht Stehende tun, um die Märkte in Ost und West - offenzuhalten. Westliches Knowhow und Investitionen können alle Ecken und Winkel
Osteuropas erreichen - wie Wasser, das sich seinen
Weg bahnt. Andersherum müssen auch Waren und
Dienstleistungen aus dem Osten freien Zugang zu
westlichen Märkten haben.
Unsere Osteuropapolitik gründet sich auf sechs Grundprinzipien:

Staaten können den Regierungen Osteuropas technische Hilfe anbieten - so daß termingerechte Statistiken
über Verbraucherpreise, Handel und Arbeitslosenquoten erstellt werden können.
Fünftens: Unser Engagement bei den Menschenrechten ist integraler Bestandteil unserer Handelspolitik.
Politische Freiheit und wirtschaftliche Freiheit gehen
Hand in Hand, und grundlegende Fortschritte im OstWest-Handel werden sich parallel zu Fortschritten bei
den Menschenrechten entwickeln.
Sechstens: Trotz der Priorität nationaler Sicherheitserfordernisse macht das neue Zeitalter die Lockerung
von Kontrollen bei Hochtechnologieexporten möglich insbesondere in die Länder Osteuropas, die mit den
Vereinigten Staaten beim Schutz westlicherTechnologie zusammenarbeiten. Präsident Bush und die
amerikanischen Verbündeten unternehmen Schritte,
um die Liste verbotener Güter und Technologien noch
im Sommer dieses Jahres zu straffen.
Diese - auf freier Marktwirtschaft und einer eingeschränkten staatlichen Rolle basierenden - Prinzipien
liegen unseren Handelsbeziehungen zugrunde. Natürlich sind die Bedingungen in den einzelnen Ländern
unterschiedlich. Erwartungsgemäß wird sich der Handel
in den fortschrittlicheren Ländern Osteuropas - wie
Polen - schneller entwickeln, da sich dort politische
Freiheit und wirtschaftliche Reformen schneller verbreiten.

Erstens: Der Ost-West-Handel muß auf gesunden
wirtschaftlichen Entscheidungen basieren. Wir können amerikanische Firmen nicht zur Geschäftstätigkeit in Osteuropa zwingen - und es ist an den dortigen
Regierungen, ein attraktives und profitables wirtschaftliches Umfeld zu schaffen. Bei dieser Art der Förderung können Realinvestitionen vorgenommen, Arbeitsplätze geschaffen, Gerechtigkeit hergestellt und der
Lebensstandard angehoben werden.

In einigen Regionen sind die Volkswirtschaften zentralisierter, und der Lebensstandard hinkt hinterher. Wir
beobachten die Entwicklungen in diesen Ländern
aufmerksam, um sicherzustellen, daß politische Freiheit und Handelsmöglichkeiten wachsen.

Zweitens: Investitionen, einschließlich Joint Ventures,
müssen bei der Entwicklung von Wirtschaftsbeziehungen eine zentrale Rolle spielen. Die effektivste langfristige Hilfe, die die Vereinigten Staaten anbieten können, sind Direktinvestitionen amerikanischer Firmen.

Der Devisenvorrat ist immer noch knapp bemessen und in einigen Ländern ist die Auslandsverschuldung
hoch. Wenn die Reformer Staatsbetriebe privatisieren
und Subventionen kürzen, könnte dies kurzfristig
Arbeitslosigkeit, neue politische Unzufriedenheit und
Schwierigkeiten auf dem Weg der Liberalisierung
verursachen.

Drittens: Um Investitionen zu ermutigen, müssen die
Länder Osteuropas ihr Rechts-, Rechnungs- und
Bankenwesen modernisieren. Gegenwärtig sind polnische Banken zum Beispiel nicht in der Lage, schnelle
Auslandstransfers für Unternehmen durchzuführen.
Geschäftsbanken, wie wir sie kennen, existieren nicht,
und das Rechnungswesen ist unvereinbar mit dem
internationalen System, wie es alle Industrieländer
anwenden. Die US-Regierung leistet in diesen Bereichen technische, wirtschaftliche und praktische Hilfe.
Viertens: Wenn Märkte aufgebaut werden sollen,
müssen Käufer und Verkäufer Zugang zu präzisen
Informationen und Statistiken haben. Die Vereinigten

Seite 2

Die Herausforderungen an die Wirtschaft Osteuropas
sind enorm. Insgesamt beträgt ihr Bruttosozialprodukt
nur ein Viertel dessen der Vereinigten Staaten.

Im großen und ganzen jedoch engagieren sich die
Staaten Osteuropas bemerkenswert stark für den
Wandel. In all diesen Ländern sind die Lohnkosten
sehr niedrig, und in den meisten gibt es ein großes und
gut ausgebildetes Arbeitskräftepotential. Dies sind
einmalige Chancen für das Wachstum in Osteuropa und für die Vereinigten Staaten.
Polen ist vielleicht von allen das ehrgeizigste Land. Es
stellt heute bereits den größten Markt für amerikanische Waren in Osteuropa dar. Unsere Exporte nach
Polen stiegen von 304 Millionen Dollar im Jahr 1988

AMERIKA DIENST 20

�auf 414 Millionen Dollar im Jahr 1989 - ein 36prozentiger Zuwachs. Im Dezember 1989 initiierte die von
Vertretern der Gewerkschaft Solidarität geführte
Regierung ihren berühmten "Big Bang" - ein tiefgreifendes Reformprogramm, das die überwältigende
Unterstützung der polnischen Bevölkerung genießt.
Ziel ist die Senkung der Inflation, der Abbau staatlicher
Subventionen und die Einführung eines freien Markts.
Die Inflation ging bereits von 80 Prozent im Januar auf
5 Prozent im März zurück. Der Preis dafür war hoch steigende Arbeitslosigkeit und ein Rückgang der Produktion. Aber sie müssen ihren Kurs beibehalten, und
ich bin sicher, daß sie es tun und noch rascher dazu
übergehen werden, Hindernisse für die private Unternehmenstätigkeit aus dem Weg zu räumen.
Auch Ungarn bietet gute Aussichten für den Handel mit
den Vereinigten Staaten. Die Ungarn haben heute mit
einer hohen Auslandsverschuldung und niedrigem
Wirtschaftswachstum zu kämpfen - aber ihre relativ
moderne Volkswirtschaft hat eine glänzende Zukunft
vor sich. Ungarn hat im Jahr 1989 seine Wirtschaft
erheblich liberalisiert und beispielsweise den 100prozentigen Besitz ungarischer Unternehmen durch
Ausländer zugelassen. Ein Ergebnis war der Zufluß
ausländischer Investitionen - darunter allein über 100
Joint Ventures mit amerikanischen Unternehmen.
General Electric investierte 150 Millionen Dollar in ein
Geschäft mit dem Lampenhersteller Tungsram, und
General Motors engagierte sich in der Automobilproduktion. Im Jahr 1989 stiegen die amerikanischen
Exporte nach Ungarn gegenüber 1988 um 56 Prozent
an.
Auch in der Tschechoslowakei werden Fortschritte
gemacht. Das Land beendete im vergangenen Jahr
die zentrale Planwirtschaft und wird - vorbehaltlich der
Zustimmung des Kongresses - von den Vereinigten
Staaten den Meistbegünstigungsstatus erhalten.
Das größte Potential für den Handel liegt jedoch in der
Sowjetunion. Hier kann es nur bergauf gehen. Unsere
beiden Länder erzielen zusammengenommen etwa
ein Drittel des Weltbruttosozialprodukts, und doch liegt
unser Jahreshandelsvolumen nur bei 4 oder maximal
5 Milliarden Dollar - bei nur 0,2 Prozent des gesamten
Welthandels.
Viel hängt von der Perestrojka des Präsidenten Gorbatschow ab - der Umgestaltung der sowjetischen
Wirtschaft, die bis jetzt unterschiedliche Resultate
erbracht hat. Einigen neueren Schätzungen zufolge
liegt das sowjetische BSP in Wahrheit wesentlich
niedriger als bisher angenommen - und es geht weiter
zurück.

*

AMERIKA DIENST 20

Andererseits scheint das Engagement Präsident
Gorbatschows für Wirtschaftsreformen von Dauer zu
sein - und die Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung
hat eindeutig den Glauben an den Kommunismus
verloren. Die Sowjets sind unlängst der internationalen Staatengemeinschaft nähergerückt, indem ihnen
Beobachterstatus beim GATT eingeräumt wurde. Die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verhandeln
außerdem über Möglichkeiten zur Ausweitung von
Handel und Investitionen - darunter den Meistbegünstigungsstatus für unsere beiden Länder.
Ich möchte meine Ausführungen mit einem Zitat eines
scharfsinnigen Beobachters der internationalen Szene beenden - Dr. Zbigniew Brzezinski, der als einer der
ersten Experten den dramatischen Umbruch in Osteuropa vorhersagte.
In der letzten Ausgabe des Magazins International
Economy sagte Brzezinski: "Ich bin ziemlich überrascht, wie relativ schleppend sich die amerikanische
Wirtschaft diese Chance zunutze macht. Ich denke,
diese Chance ist teilweise der Situation vergleichbar,
mit der die internationale Geschäftswelt vor 20 Jahren
in Spanien und Portugal konfrontiert war."
Ich unterstütze Brzezinskis Erklärung. Spanien und
Portugal haben in den letzten 20 Jahren große Fortschritte gemacht - und dasselbe gilt für die amerikanischen Unternehmen, die sich frühzeitig in diesen Ländern
engagiert haben.
Im Jahr 1990 steht die amerikanische Wirtschaft an
der Schwelle einer weiteren historischen Gelegenheit
- und wir haben einen wahrhaft einzigartigen Vorteil.
Unsere Nation war seit langem ein Symbol der Hoffnung in Osteuropa - nicht nur als Führungsmacht der
freien Welt in den vergangenen 45 Jahren, sondern
seit Jahrhunderten. Wellen von Einwanderern aus
dem Osten zogen nach Westen - von Polen nach
Pittsburgh, aus der Tschechoslowakei nach Chicago.
Sie haben starke ethnische Bindungen zwischen unseren
Ländern geschaffen.
Jetzt ist es für unsere Nationen an der Zeit, diese
besonderen Bindungen zu erneuern. Die amerikanische Geschäftswelt kann bei der Suche nach Möglichkeiten den Weg weisen - zur Schaffung einer neuen
Partnerschaft zwischen Ost und West, um eine bessere Welt hervorzubringen.
Mehr Chancen und eine bessere Welt. Haben unsere
Vorfahren nicht vor Jahrhunderten um dieser Ziele
willen den Ozean überquert - als sie kamen und diese
große Nation aufbauten?
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�COCOM
23. Mai 1990

MOSBACHER BEFÜRWORTET VORSICHTIGE
LOCKERUNG VON EXPORTKONTROLLEN
Rede des US-Wirtschaftsministers im Kongreß
WASHINGTON - (AD) - In seiner Rede vor dem Unterausschuß für Telekommunikation und Finanzen
bezeichnete US-Wirtschaftsminister Robert Mosbacher am 17. Mai 1990 "unsere Beteiligung am Wiederaufbau
Osteuropas als absolut unerläßlich". Mosbacher würdigte Präsident Bushs Vorschlag für "erhebliche Veränderungen" bei den Exportbeschränkungen, wie sie die COCOM-üste für den Handel mit Telekommunikation und
anderen Geräten vorsieht. Er trennte jedoch scharf zwischen den aufstrebenden Demokratien Osteuropas und
der Sowjetunion. Dem Wirtschaftsminister zufolge sollte der Handel mit Telekommunikationseinrichtungen in
die Sowjetunion nicht so stark gelockert werden wie mit Osteuropa. "Wir müssen hier differenzieren," erklärte
Mosbacher.
Trotz der Tatsache, daß die Regierung eine Lockerung der Exportbeschränkungen befürwortet, betonte
Mosbacher die Notwendigkeit von Sicherheitsmaßnahmen, "insbesondere das Recht auf Inspektionen". Er
erklärte, die Länder Osteuropas hätten im Gegensatz zur Sowjetunion solche Sicherheitsmaßnahmen akzeptiert.
Mosbacher wies den Vorwurf zurück, die Regierung unternehme nicht genug, um Osteuropa zu helfen. Ihm
zufolge leistet die Regierung nicht nur Finanzhilfe, sondern stellt auch eine Reihe von Ausbildungsprogrammen
für Osteuropäer bereit. Er verwies ferner auf einen Informationsdienst des Wirtschaftsministeriums, der
amerikanische Unternehmen über neue Märkte unterrichtet.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Wirtschaftsministers im Wortlaut:

Ich freue mich, Ihnen heute die gegenwärtigen Aktivitäten und Pläne des Wirtschaftsministeriums für den
Ausbau des Telekommunikationssektors in Osteuropa und der Sowjetunion darzulegen. Ich möchte dabei
auf den Bedarf dieser Länder im Telekommunikationswesen eingehen und Ihnen die Maßnahmen des Wirtschaftsministeriums und die Exportkontrollinitiative des
Präsidenten, insbesondere im Hinblick auf Telekommunikation, erläutern.
Hintergrund
Nach den dramatischen Ereignissen, die Osteuropa
verändert haben, gehen die politisch Verantwortlichen
dieser Länder jetzt pragmatisch daran, zu erörtern,
was in Vorbereitung auf die neue politische und wirtschaftliche Ordnung für die Infrastruktur ihres Landes
getan werden muß. Reformer in Osteuropa und der
Sowjetunion sind sich bewußt, daß ihre Infrastruktur
und insbesondere ihre Telekommunikationssysteme

AMERIKA DIENST 20

überaus unzureichend sind und im Hinblick auf ihre
Rentabilität modernisiert werden müssen.
Es besteht kein Mangel an Anekdoten und Statistiken,
die den beklagenswerten Zustand des osteuropäischen Telefonsystems belegen. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt beträgt die durchschnittliche Wartezeit für
den Anschluß eines Telefons 13 Jahre. In diesem
Augenblick liegen der dortigen Telefongesellschaft
über zwei Millionen Anträge auf einen Anschluß vor.
Und wenn ein Telefon angeschlossen wird, besagt das
noch nichts über seine Funktionsfähigkeit - weniger als
ein Drittel aller Telefongespräche können nicht zuende
geführt werden. Ein Regierungsvertreter aus Osteuropa hat es so formuliert: "Die Hälfte unseres Landes
wartet auf einen Telefonanschluß, die andere Hälfte
auf ein Freizeichen."
Natürlich beeinträchtigt das die Wirtschaft des Landes.
Heute kann man keine Geschäftsbeziehungen aufSeite 1

�rechterhalten, wenn sich die Kontaktaufnahme mit
potentiellen Kunden oder Lieferanten so schwierig
gestaltet. Westliche Firmen sind kaum daran interessiert, eine Filiale in einem Land zu eröffnen, wo es
lediglich 15 Telefone auf hundert Einwohner gibt, die
Anmeldung eines Auslandsgesprächs Stunden dauert
und Nebengeräusche eine Datenübermittlung unmöglich machen. Die Entwicklung einer ausgereiften und
funktionsfähigen Infrastruktur auf dem Telekommunikationssektor hat daher absolute Priorität und ist ein
wichtiger Schritt, um die effiziente Entwicklung einer
Marktwirtschaft zu gewährleisten. Und sie sollte eine
Kettenreaktion in allen Volkswirtschaften Osteuropas
auslösen.

reagieren. Prioritäten und Aufgaben mußten erarbeitet und Notwendigkeiten und beabsichtigte Maßnahmen abgeschätzt werden. Wir haben außergewöhnlich viele qualifizierte Helfer im Ministerium und im
Privatsektor zusammengerufen, um den dringenden
Bedarf und die Erwartungen der Region abzudecken all dies in einem Umfeld anhaltender Unsicherheit und
gelegentlicher Instabilität. Ganz Osteuropa wird erwartungsgemäß weiterhin dringend die besten Köpfe
aus Regierung und Privatsektor brauchen.

Zur Veränderung dieser Situation sind umfangreiche
Anstrengungen und Investitionen erforderlich. Sowohl
technisches und organisatorisches Know-how als auch
Kapitalinvestitionen werden dazu benötigt. Die Finanzierung dieser Entwicklung wird von einzelnen Unternehmen, durch Einnahmen und Auslandskapital sowie
internationale Kreditgeber geleistet. Die Weltbank
erarbeitet zum Beispiel gegenwärtig einen 120 bis 150
Millionen Dollar-Soforthilfekredit für Polen, mit dem die
Telekommunikation ausgebaut werden soll. Ein entsprechendes Programm für Ungarn ist in der Planung.

Bereits im September letzten Jahres habe ich mit einer
Gruppe amerikanischer Vertreter aus Regierung und
Industrie Polen besucht. Bei diesem Besuch bin ich
mit dem Postminister Kucharski und anderen Vertretern aus dem Telekommunikationssektor zusammengetroffen, um den dortigen Bedarf zu ermitteln.

Einige Länder der Region verfolgen ehrgeizige Pläne
zum Ausbau der Telekommunikation. Polen will zum
Beispiel die Zahl der verfügbaren Telefonanschlüsse
bis 1995 verdoppeln, und das wird schätzungsweise in
den nächsten zehn Jahren 10 Milliarden Dollar kosten,
während das Entwicklungsprogramm in Ungarn bis
zum Jahr 2000 wahrscheinlich einen Umfang von 5
Milliarden Dollar haben wird.
Positiv an dieser Situation sind natürlich die nunmehr
bestehenden Marktchancen. Da große Projekte zum
Aufbau der Telekommunikation gegenwärtig hohe
Priorität in Osteuropa haben, bemüht man sich auf
dem Sektor um westliche Erzeugnisse, Dienstleistungen und technische Hilfe. Möglichkeiten bestehen bei
Mobilfunk, Satelliten, Übertragungsgeräten, Teilnehmereinrichtungen und Datenübermittlung. Zahlreiche
amerikanische Telekommunikationsfirmen nehmen
bereits an aktiv an Ausschreibungen dort teil, und
einige haben auch bereits Zuschläge erhalten. AT&amp;T
gewann eine Ausschreibung in Polen für die Lieferung
einer Vermittlungsstelle für Auslandsgespräche. U.S.
West Cellular hatte Erfolg bei einer Ausschreibung der
ungarischen Regierung für ein Joint Venture, im Rahmen dessen ein Mobilfunksystem in Budapest eingerichtet werden soll. U.S. Sprint International unterzeichnete gerade einen Vorvertrag mit zwei sowjetischen Unternehmen für ein Joint Venture im Bereich
Telekommunikation mit der Sowjetunion.
Initiativen des Wirtschaftsministeriums
Das Wirtschaftsministerium mußte nahezu über Nacht
auf die dramatischen Veränderungen in Osteuropa

Seite 2

Im folgenden möchte ich Ihnen die Aktivitäten des
Wirtschaftsministeriums erläutern und das von uns
erarbeitete Programm vorstellen.

Bei meinem zweiten Besuch im November war ich
einer der Leiter der Polen-Delegation des Präsidenten,
die sich über wirtschaftliche Aussichten und initiativen
informieren sollten. Bei diesem Besuch haben wir ein
Abkommen geschlossen, in dem einzelne Schritte für
die Kooperation in der Telekommunikation dargelegt
sind. Dieses Abkommen hat eine Reihe von Entwicklungen und Initiativen im Wirtschaftsministerium eingeleitet.
Erstens haben im Februar dieses Jahres in Polen
Folgetreffen zwischen dem polnischen Postministerium und der nationalen Behörde für Telekommunikation und Information (National Telecommunications
and Information Administration - NTIA) stattgefunden.
Dabei wurden Pläne erarbeitet, um polnische Mitarbeiter an der US-Ausbildungungsstätte für Telekommunikation (United States Telecommunication Training
Institute - USSTI) auszubilden - einer privaten Organisation, die von amerikanischen Telekommunikationsfirmen sowie Rundfunk und Fernsehen gefördert wird
und an der die NTIA beteiligt ist. Zusätzlich zur finanziellen Förderung durch den Privatsektor haben wir
etwa 350 000 Dollar von anderen Bundesbehörden
zur Verfügung, um Personal aus Polen und anderen
Ländern Osteuropas am USSTI auszubilden.
Sowohl Polen als auch Ungarn haben bereits Kandidaten für USSTI-Ausbildungsprogramme nominiert, und
die ersten haben letzten Monat ihre Ausbildung in den
Vereinigten Staaten begonnen. Der Lehrplan umfaßt
technische und organisatorische Aspekte von Rundfunk und Fernsehen sowie Telekommunikation. Allein
für Teilnehmer aus Osteuropa sind in diesem Jahr elf
Kurse vorgesehen.
NTIA erörtert ferner mit Polen die Ausbildung für eine
Verwaltung von Rundfunkfrequenzen, die modernen
Ansprüchen genügen. Der Zustand des RundfunksyAMERIKA DIENST 20

�stems und die Verwaltung des Radiofrequenzspektrums in Polen und anderen Ländern Osteuropas
bedarf radikaler Reformen. Ein nicht unerheblicher
Teil der Frequenzen ist dem Militär und den Sicherheitsdiensten vorbehalten. Da nunmehr die zivile
Nutzung in den Vordergrund tritt, gewinnen die zeitgemäße Nutzung des Spektrums und Programme zur
Planung des Spektrums entscheidende Bedeutung.
Das Spektrum muß so gewählt werden, daß Mobilfunknetze eingerichtet werden und neue private Rundfunkkanäle demokratische Alternativen zu den bestehenden staatlichen Einrichtungen werden können.
Um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, planen
die NTIA und die Bundeskommission für Kommunikation, eine gemeinsame aus Teilnehmern des öffentlichen und privaten Sektors bestehende Delegation
nach Polen und in andere osteuropäische Staaten zu
entsenden, um die Regierungen bei der Verwaltung
des Rundfunkspektrums zu unterstützen. Wir erwarten eine fortgesetzte Koordinierung im Bereich der
Spektrumverwaltung zwischen den Vereinigten Staaten und Osteuropa und werden weiterhin die in diesem
Bereich erzielten Fortschritte beobachten.
Die NTIA und das polnische Postministerium sprechen
ferner über ein gemeinsames Programm zur Entwicklung des Telekommunikationssektors in den ländlichen Gebieten Polens. In dieser Hinsicht wird die
Telefonvereinigung der Vereinigten Staaten mehrere
Mitglieder nach Polen entsenden, um privaten Telefongesellschaften im ländlichen Bereich Orientierungshilfen zu geben.
Weitere Hilfe des Privatsektors wird von Bell Communications Research, auch als BELLCORE bekannt,
gewährt. BELLCORE hat sich bereiterklärt, eine gründliche Untersuchung von Bedari und Optionen im polnischen Kommunikationssektor durchzuführen. BELLCORE will Polen sodann helfen, Verbesserungen bei
der Netzplanung und Betriebsführung einzuleiten.
BELLCORE stellt diese Leistungen zur Verfügung,
ohne daß den Vereinigten Staaten oder Polen Kosten
entstünden.
Bestimmte Aspekte dieser Initiativen stehen unter
dem Vorbehalt der Verabschiedung des neuen Telekommunikationsgesetzes in Polen. Wir sind jedoch
zuversichtlich, daß die Richtung stimmt und wir in der
richtigen Position sind, um eine angemessene Entwicklung der Telekommunikations-Infrastruktur in Polen
und anderen osteuropäischen Ländern zu fördern.
Zweitens hat die Administration eine umfassende
Überprüfung der von den Vereinigten Staaten und dem
COCOM verhängten Beschränkungen für Exporte von
Spitzentechnologie nach Osteuropa und in die Sowjetunion durchgeführt.
Bis vor kurzem sträubten sich die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten im COCOM dagegen, das Telekommunikationswesen in den Staaten des WarschauAMERIKA DIENST 20

er Pakts zu modernisieren. Unserer Ansicht nach war
es aufgrund strategischer Sorgen im Hinblick auf die
potentielle militärische Bedrohung unklug, die Schaffung robuster Kommunikationssysteme zu erleichtern.
Der plötzliche Umbruch in Osteuropa hat uns und
unsere Verbündeten jedoch dazu veranlaßt, diese
Haltung zu überdenken.
Bei einer Zusammenkunft im Februar verständigten
sich die COCOM-Staaten auf eine beschleunigte
Überprüfung der Exportkontrollen fürTelekommunikationsausrüstung, Computer und Werkzeugmaschinen.
Diese technologischen Schlüsselbereiche wurden als
besonders wichtig für die Entwicklung der wirtschaftlichen und politischen Infrastruktur der sich neu formierenden Demokratien Osteuropas angesehen.
Seither hat der Präsident die Ministerien für Wirtschaft,
Äußeres, Verteidigung und Energie angewiesen, über
diese drei Schlüsselbereiche hinauszugehen, dabei
aber stets unsere strategischen Interessen zu berücksichtigen. Die Ergebnisse dieser Bemühungen wurden vor zwei Wochen vom Weißen Haus bekanntgegeben. Zur Zeit beraten wir mit unseren Verbündeten
im COCOM über die vorgeschlagenen Veränderungen.
Im Telekommunikationsbereich haben wir die Abschaffung der Kontrollen für Mobilfunkgeräte vorgeschlagen, einschließlich der analogen Zellenkommunikationssysteme, wie sie im zivilen Bereich in den gesamten Vereinigten Staaten eingesetzt werden. Einige
Funksysteme sowie sämtliche Mobilfunksysteme unterliegen gegenwärtig Exportkontrollen. Deren Abbau
würde Systeme etwa für Funkruf und Funktelefon
betreffen. Mobilfunksysteme werden es den osteuropäischen Ländern und der Sowjetunion gestatten, auf
einfache Weise und rasch einen effektiven, normalen
Telefondienst anzubieten. Sie werden nicht den langen, schwierigen und teuren Prozeß durchmachen
müssen, Leitungen zu verlegen, Pole und Kabel zu
installieren, bevor Anschlüsse bereitgestellt werden
können.
Um in der Region die Effizienz der Linientechnik für
Teilnehmerleitungen sowie der Querverbindungsleitungen - die zwischen den Büros der wichtigsten
Telefongesellschaften bestehenden Hauptleitungen zu steigern, haben wir die Abschaffung der Kontrollen
für faseroptische Kabel vorgeschlagen, die im normalen Telekommunikationsnetz eingesetzt werden. Damit
würden die osteuropäischen Länder in die Lage versetzt, ihr völlig unzureichendes Netz von Teilnehmerleitungen, das zur Zeit keinerlei freie Kapazitäten für
zusätzliche Teilnehmer hat, schnell und vollständig zu
erneuern.
Darüber hinaus schlagen wir die Abschaffung der
Kontrollen für Satellitenbodenstationen vor, die für die
zivile Fernseh- und Rundfunkübertragung und den
Femmeldeverkehr sowie für Wetter- und Erdbeobach-

Seite 3

�tungssysteme eingesetzt werden. Damit wird der
weltweite Informationsfluß nach Osteuropa erleichtert.
Des weiteren schlagen wir die Liberalisierung bei
Datenübertragungsgeräten vor, um die Kommunikation zwischen Computersystemen von Banken, Großhandel, Transportwesen und anderen zivilen Gewerbezweigen zu ermöglichen. Diese Liberalisierung
würde die Lizenzvergabe in diesem Bereich in das
Ermessen jedes COCOM-Mitglieds stellen, ohne das
zuvor ein Konsens im COCOM hergestellt werden
müßte.
Schließlich schlagen wir Veränderungen zur Vorzugsbehandlung solcher osteuropäischer Staaten vor, die
Sicherheitsvorkehrungen gegen die Umleitung von
Importen kontrollierter Güter getroffen haben. Aus
strategischen Gründen ist die Differenzierung zwischen Osteuropa und der Sowjetunion ein wichtiges
Element unserer Vorschläge für das Telekommunikationswesen. Wir haben eine Liberalisierung der Kontrollen für moderne Telefonübertragungsausrüstung sowohl faseroptische als auch Mikrpwellensysteme für diejenigen Länder Osteuropas vorgeschlagen, die
solche Sicherheitsvorkehrungen treffen. Damit könnten in allen osteuropäischen Ländern bedeutende
Verbesserungen im Fernsprechverkehr erzielt werden.
Die von uns erwarteten Sicherheitsmaßnahmen sollten eine nationale Verpflichtung beinhalten, wonach
strategische Güter und Technologie ausschließlich für
den zivilen Gebrauch und zivile Endverbraucher bestimmt sind. Ferner würden wir staatliche Endverbrauchsgarantien, die Erlaubnis zur Durchführung von
Vor-Ort-Inspektionen und andere Sicherheitsvorkehrungen erwarten.
Drittens reagiert das Wirtschaftsministerium auf den
ständig zunehmenden Informationsbedarf der amerikanischen Telekommunikationsindustrie im Hinblick
auf die aufstrebenden Märkte in Osteuropa und der
Sowjetunion. Die verantwortlichen Planer der USTelekommunikationswirtschaft möchten zutreffende,
zuverlässige und sachdienliche Informationen, um die
Chancen und Hindernisse besser verstehen zu können, die berücksichtigt werden müssen, wenn sie ihre
Geschäftsentwicklungspläne für die Region erarbeiten. Die Zahl der in den vergangenen Monaten beim
Ministerium eingegangenen Anfragen nach Information und Hilfe ist erheblich gestiegen. Die Zahl der an
die Telekommunikationsstelle der Internationalen
Handelsadministration gerichteten Anfragen zu wichtigen Telekommunikationsprojekten in Osteuropa liegt
heute dreimal so hoch wie für alle anderen Regionen.
Amerikanische Unternehmen möchten darüberhinaus
Hilfe bei der Herstellung von Kontakten mit den neuen

für das Telekommunikationswesen in diesen Ländern
verantwortlichen Kräften.
Seit Jahresbeginn hat das Wirtschaftsministerium der
Geschäftswelt eine Reihe von Gelegenheiten zur
Handelsförderung angeboten. Die Telekommunikationsstelle der Internationalen Handelsadministration
hat im Februar eine äu ßerst erfolgreiche Handels- und
Investitionsmission in Warschau durchgeführt. Dabei
wurde 16 amerikanischen Unternehmen der Telekommunikationsbranche die Gelegenheit geboten, mit
Entscheidungsträgern des polnischen Telekommunikationssektors zusammenzutreffen, darunter auch
neuemannte Mitglieder der polnischen Regierung. Eine
ähnliche Mission soll im Juni 1990 in der Tschechoslowakei und in Ungarn stattfinden.
Das Wirtschaftsministerium führt darüber hinaus selbst
oder in Zusammenarbeit mit anderen Stellen zahlreiche Marktstudien durch. Wir beobachten eingehend
das Telekommunikationswesen betreffende Entwicklungen in der Region, sammeln Informationen über
neue Pläne zur Entwicklung des Telekommunikationssektors, sich verändernde Organisationsstrukturen,
neue Gesetze und Vorschriften sowie über aussichtsreiche neue Projekte. Marketing-Berichte für das
Telekommunikationswesen sowie Sektorstudien für
die Region werden zusammengestellt. Ferner stellen
wir der amerikanischen Geschäftswelt Informationen
über amerikanische staatlich finanzierte Programme
zur Verfügung. Dazu gehören die Initiativen gemäß
dem Gesetz über die Unterstützung der Demokratie in
Osteuropa, wie etwa der Unternehmensfonds und
Exportfinanzierungsmöglichkeiten sowie das Ergebnis der vorläufigen Durchführbarkeitsstudien über das
Telekommunikationswesen in Polen und Ungarn im
Rahmen des amerikanischen Handelsentwicklungsprogramms.
Wir berücksichtigen bei unseren Verhandlungen über
Handelsabkommen die Belange der amerikanischen
Telekommunikationsindustrie. Der unlängst unterzeichnete amerikanisch-polnische Vertrag über unternehmerische und wirtschaftliche Zusammenarbeit stellt
einen Rahmen für die langfristige Entwicklung und
Zusammenarbeit zwischen den Unternehmern in beiden Ländern bereit. Der Vertrag fördert Kontakte
zwischen der privaten Wirtschaft in Polen und den
Vereinigten Staaten und enthält Leitlinien für Investitionen amerikanischer Firmen.
Wir planen eine Verstärkung dieser Bemühungen, um
zutreffende Informationen über die Entwicklung im
Telekommunikationssektor dieser Region zu sammeln
und zu verbreiten sowie um der amerikanischen Geschäftswelt bei ihren Vermarktungsbemühungen Foren und Hilfe anbieten zu können.

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 20

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: die Zeit der Diktatoren ist abgelaufen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus einer Rede an der University of Texas&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-UDSSR&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker erwartet produktiven Gipfel Bush-Gorbatschow&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung in Moskau&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. VSBM&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;VSBM: neue Vorschläge des Westens &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Delegationsleiters John Maresca&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher: vielversprechende Aussichten für Handel mit Osteuropa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Wirtschaftsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. COCOM&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mosbacher befürwortet vorsichtige Lockerung von Exportkontrollen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Wirtschaftministers im Kongreß&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

21

Embassy o.moun
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DJchmatW Aue 29
5300 Bonn 2

30. Mai 1990

GIPFELTREFFEN

BUSH: NATO-MITGLIEDSCHAFT EINES
VEREINIGTEN DEUTSCHLANDS KEINE
BEDROHUNG FÜR DIE SOWJETUNION
Interview des Präsidenten mit
dem sowjetischen Fernsehen

OST-WEST-BEZIEHUNGEN

ERFOLGREICHE STARTHILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede des stellvertretenden
US-Außenministers Eagleburger

GEMEINSAME WERTE ALS BINDEGLIED
DER OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Walters
bei der University of Maryland

LATEINAMERIKA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

FREIHEIT AUCH AUF DEM
AMERIKANISCHEN KONTINENT
AUF DEM VORMARSCH
Rede von Präsident Bush beim
Council of the Americas

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�GIPFELTREFFEN
30. Mai 1990

BUSH: NATO-MITGLIEDSCHAFT EINES
VEREINIGTEN DEUTSCHLANDS
KEINE BEDROHUNG FÜR DIE SOWJETUNION
Interview des Präsidenten mit dem sowjetischen Fernsehen
WASHINGTON - (AD) - In einem am 24. Mai 1990 mit Valentin Zorin vom sowjetischen Fernsehen geführten
Interview erklärte Präsident Bush, ein vereinigtes Deutschland würde "ein stabiles Europa erhalten, wie es auch
die Sowjets begrüßen sollten". Bush erklärte ferner, die NATO-Mitgliedschaft eines vereinigten Deutschlands
stelle keine Bedrohung für das sowjetische Volk dar.
"Es bestehen bei dieser Frage Meinungsverschiedenheiten mit den Sowjets", erklärte Bush, "aber ich spreche
mir aus der Seele, weil ich meine feste Meinung zu dem Thema habe. Und er wird seine Meinung dazu vertreten.
Aber ich möchte die Meinungsverschiedenheiten beilegen. Das sind meine Erwartungen."
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview im Wortlaut.

Frage: Herr Präsident, die amerikanisch-sowjetischen
Gipfeltreffen haben dazu beigetragen, daß sich die
politische Lage der Welt drastisch verändert hat.
Wodurch werden Ihrer Ansicht nach Ihre bevorstehenden Gespräche mit Präsident Gorbatschow gekennzeichnet, und was erwarten Sie von dieser Zusammenkunft?
Bush: Eine Besonderheit besteht darin, daß die
beiden Länder, die für den Weltfrieden besonders
hohe Verantwortung tragen, in einem günstigen Klima
zusammentreffen, um weltpolitische Probleme zu
besprechen. Ich erhoffe mir Fortschritte bei den
strategischen Waffen. Ich wünsche mit größere Fortschritte bei konventionellen Waffen. Ich bin überzeugt
davon, daß wir etwas erreichen werden, das die Welt
als Durchbruch bei chemischen Waffen betrachten
wird.
Ich wünsche mir für den Gipfel, mich mit Herrn Gorbatschow zusammensetzen und mit ihm meine Wünsche
und die Wünsche der Vereinigten Staaten im Hinblick
auf ein Europa nach einer Wiedervereinigung beider
deutscher Staaten erörtern zu können. Ich möchte
Herrn Gorbatschow - mit dem ich offen reden kann,
weil er ein Mann ist, mit dem man das kann - davon
überzeugen, daß eine Präsenz der Vereinigten Staa-

AMERIKA DIENST 21

ten in Europa, ein vereinigtes Deutschland, ein Deutschland in der NATO nicht nur keine Bedrohung für die
Sowjetunion darstellen, sondern ein stabiles Europa
erhalten, wie es auch die Sowjets begrüßen sollten.
Es bestehen bei dieser Frage Meinungsverschiedenheiten mit den Sowjets, aber ich spreche mir aus der
Seele, weil ich meine feste Meinung zu dem Thema
habe. Und er wird seine Meinung dazu vertreten. Aber
ich möchte die Meinungsverschiedenheiten beilegen.
Das sind meine Erwartungen.
Dann gibt es noch eine Reihe regionaler Fragen und
viele ökonomische Probleme zu lösen. Und dann gibt
es noch eine schwierige Frage, die ich nicht unter den
Teppich kehren möchte - das Problem der baltischen
Staaten und die Schwierigkeiten mit Litauen. Er muß
verstehen, unter welchem Druck sich ein amerikanicher Präsident befindet, bis Selbstbestimmung dort
sichtbar wird und sich entwickelt.
Das ist eine umfangreiche Tagesordnung, und ich
freue mich auf unsere Zusammenkunft.
Frage: Bestimmte Kreise in den Vereinigten Staaten
behaupten, die Schwierigkeiten in der Sowjetunion
machen eine Gesprächsführung aus einer Position der
Stärke heraus möglich. Teilen Sie diese Auffassung?
Seite 1

�Antwort: Wenn Sie mit einem der wichtigsten Politiker
der Welt zusammentreffen, stellt sich nicht die Frage,
wer stärker oder schwächer ist, wer die größeren oder
kleineren Probleme hat. Es stellt sich die Frage nach
der Pflicht - und ich spreche hier von mir -, all diese
Punkte anzusprechen und ihn in strittigen Punkten
davon zu überzeugen, daß unsere Haltung richtig ist.
Genau das wird er auch versuchen.
Dazu möchte ich ein Beispiel anführen. Wenn ich mit
dem Spitzenpolitiker eines kleinen Landes der dritten
Welt zusammentreffe, hat es keinen Sinn, erklären zu
wollen, wer größer oder stärker, Gewinner oder Verlierer ist. Im Umgang mit ihm geht es um Respekt. Und
im Hinblick auf die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten, die traditionell als die beiden Supermächte
gelten, wird diesem Treffen besondere Bedeutung
beigemessen. Dabei möchte ich nichts anders tun, als
das sowjetische Volk und seinen Präsidenten mit dem
ihnen gebührenden Respekt behandeln.
Bei einigen Fragen bestehen große Meinungsverschiedenheiten. Aber wir sind vernünftig. Wir streben
lediglich nach Frieden und Wohlstand für die Menschen in der Sowjetunion. Und davon möchte ich
Herrn Gorbatschow überzeugen.
Frage: Hen Präsident, wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Präsident Gorbatschow, und in welcher Weise
werden Ihre Gespräche davon geprägt?
Antwort: Ich gehe davon aus, daß sie Erfolg haben
werden. Warten Sie, bis ich ihn treffe, weil ich es Ihnen
dann sagen kann. Es kann sehr wohl zu Auseinandersetzungen kommen, weil Meinungsverschiedenheiten
bestehen. Aber ich habe dem amerikanischen Volk
erklärt, daß ich respektiere, was Herr Gorbatschow
getan hat - seine Art und Weise, mit den dramatischen
Veränderungen in Osteuropa umzugehen. Ich respektiere, was er im Hinblick auf Perestrojka und Glasnost
versucht hat - eine einmalige Offenheit, von der niemand vor ein paar Jahren auch nur zu träumen gewagt
hätte.
Es gibt einige Kritiker in diesem Land, denen zufolge
ich Herrn Gorbatschow zuviel Bedeutung beimesse.
Aber ich kenne ihn. Ich bin zuversichtlich, daß wir
offene Gespräche führen können. Er verdient Lob für
das, was er getan hat. Und wo Meinungsverschiedenheiten bestehen, werden wir versuchen, diese auszubügeln.
Von unserem Standpunkt aus betrachtet, haben wir
also ein gutes persönliches Verhältnis.
Aber Gorbatschow kann die außenpolitischen Initiativen der Sowjetunion nicht darauf gründen, daß ich
Präsident bin, und ich kann die außenpolitischen Initiativen der Vereinigten Staaten nicht darauf ausrichten,
daß er dort dieses Amt innehat. Hier geht es um
prinzipielle Fragen. Es trifft jedoch zu, daß wir dort
einen Mann haben, mit dem ich in neuer Offenheit,
Seite 2

sozusagen Glasnost zwischen uns, sprechen kann.
Das verbessert meines Erachtens die Situation. Ich
freue mich also darauf, ihn zu treffen, und ich werde
ihm sagen, wo es zwischen uns unterschiedliche
Meinungen gibt.
Frage: Sie sprechen von Perestrojka. Sie haben
häufig ihre Unterstützung der Perestrojka in der Sowjetunion bekundet. Von welchen Vorstellungen lassen Sie sich dabei leiten?
Antwort: Meines Erachtens werden Wirtschaftsreformen und das gesamte Spektrum der von Gorbatschow
beabsichtigten Reformen eine wohlhabendere Sowjetunion und eine friedlichere Welt hervorbringen. Wir
gehen davon aus, daß Marktwirtschaften sowie freie
Märkte und Wahlmöglichkeiten im ökonomischen
Bereich den Menschen zum Vorteil gereichen. Und
von einem Erfolg der Perestrojka erwarte ich Vorteile
für mein Land. Je mehr Handel wir haben, desto
besser.
Es gibt einige Probleme. Es bestehen Probleme im
Baltikum, die eine völlige Offenheit verhindern. Es gibt
Probleme, weil unserer Meinung nach zunächst Reformen in die Tat umgesetzt werden müssen, bevor wir
einen vollständigen Austausch ökonomischer Interessen haben können.
Wenn ich also an Perestrojka denke, so an dramatische Reformen und Veränderungen, die wir begrüßen
und fortgesetzt sehen möchten. Und ich möchte Ihren
Zuschauern gegenüber wiederholen, was ich bereits
dem amerikanischen Volk gesagt habe, daß wir ein
Interesse am Erfolg der Perestrojka haben. Sie liegt in
unserem Interesse. Wir tun dies nicht, weil wir plötzlich
nur an jemand anderen denken. Meines Erachtens
liegt sie auch im Interesse des sowjetischen Volkes.
Meine Aufgabe besteht zuerst darin, für die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten und das Wohlergehen des Volkes draußen vor diesem Fenster zu sorgen. Und der Erfolg der Perestrojka würde dem auf
vielfältige Weise nützen. Darüber hinaus tragen wir
beide - Gorbatschow und ich - Verantwortung für ein
breites Spektrum von Tagesordnungspunkten, einschließlich des Weltfriedens.
Ich habe Enkel, und er hat Familie, und wir können uns
darüber auf menschlicher Ebene unterhalten. Was
sollen wir tun, um die Welt etwas sicherer zu machen?
Wenn wir streiten, dann in freundlicher Atmosphäre.
Er ist ein harter Bursche. Ich kenne ihn lange genug,
um zu wissen, daß er seine Vorstellungen überzeugend darlegt. Nun, ich kann dasselbe tun. Und es ist
wichtig, daß ich ihm gegenüber offen sein kann - ich
lege meine Gedanken und unsere Politik dar. Ich
möchte, daß Sie das verstehen. Ich möchte, daß Sie
verstehen, daß diese Politik nicht darauf ausgerichtet
ist, die Lage für die Sowjetunion zu verschlimmern.
Wenn Sie meinen Rat annehmen, Sir, wird sich die
Lage der Sowjetunion wesentlich verbessern.

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»
*

�Frage: Vielen Dank, Herr Präsident. Ich weiß, wie
beschäftigt Sie sind und danke Ihnen vielmals dafür.

vor seinem führenden Vertreter an diesen Gipfel herangehen werde und dabei in dem Bewußtsein handele, daß wir in diesen Gesprächen Erfolg haben müsAntwort: Ich danke Ihnen. Sie können Ihren Zu- sen, um die Rüstungskontrolle voranzubringen, um
schauern in der Sowjetunion versichern, daß ich voller zwischen uns die bestmögliche Formel nicht nur für die
Respekt für das sowjetische Volk, voller Achtung vor Stabilität Europas, sondern der ganzen Welt auszuarden durchgeführten Veränderungen und mit Respekt beiten. Ich freue mich auf diesen Besuch.

* * * * *

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�OST-WEST-BEZIEHUNGEN
30. Mai 1990

ERFOLGREICHE STARTHILFE FÜR OSTEUROPA
Rede des Stellvertretenden US-Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Bei einem Seminar des Bretton Woods-Komitees zum Thema "Der Finanzbedarf
Osteuropas - Die Rolle des Westens" erklärte der Stellvertretende US-Außenminister Lawrence S. Eagleburger
am 23. Mai 1990 den anwesenden Wirtschaftswissenschaftlern und Vertretern aus Industrie und Finanzwelt, die
westlichen Länder hätten den aufstrebenden Demokratien Osteuropas "erfolgreiche Starthilfe" geleistet.
Eagleburger zufolge ist dies in der Geschichte des Industriezeitalters eine "einmalige Chance". "Wir können
entweder den Übergang zu freien Märkten und Demokratie in Osteuropa und anderen Ländern zum Erfolg führen
oder die Möglichkeit in Kauf nehmen, daß die heutigen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen
wieder in ihren alten Zustand der sicherheitspolitischen Herausforderung zurückfallen."
Der Stellvertretende Außenminister stellte die Prognose auf, diese Art des Übergangs sei für viele Jahre
"vorrangiges Ziel der amerikanischen Außenpolitik weltweit".
Eagleburger erläuterte in diesem Zusammenhang den dreistufigen Ansatz der Vereinigten Staaten zu den
"revolutionären Umständen" in Osteuropa:
kurzfristig - humanitäre Soforthilfe,
mittelfristig - Förderung von politischem Pluralismus und marktorientierten Volkswirtschaften,
langfristig - mehr Wirtschaftshilfe für diejenigen Länder, die zur Umwandlung in eine freie
Marktwirtschaft bereit sind.

Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut:

Vor ein paar Tagen hat mich mein Freund Henry Owen
gebeten, bei diesem wichtigen Seminar eine 15minütige Rede über die Osteuropa-Hilfe der Vereinigten
Staaten zu halten. Diejenigen, die der Regierung den
Vorwurf machen, sie täte zuwenig für Osteuropa,
werden denken, 15 Minuten seien zu lang für das, was
ich zu sagen hätte. Sie werden mich - heute auf
Krücken - vielleicht sogar als Sinnbild für unsere Politik
betrachten. Aber ich bin auf dem Wege der Besserung, und was den Vergleich betrifft, so lernen wir
gerade zusammen mit den Osteuropäern bei dieser
einmaligen Gelegenheit, einen Schritt nach dem anderen zu setzen.
Tatsache ist, daß alles, was wir jetzt in Osteuropa
unternehmen, nie zuvor versucht oder geleistet wor-

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den ist - nie zuvor sind zentralisierte Kommandowirtschaften in freie Marktwirtschaften und totalitäre Willkürregime in demokratische Staaten mit rechtsstaatlichen Prinzipien verwandelt worden. Infolgedessen
haben wir - offen gesagt - ebenso wie unsere Freunde
und Partner in Ost- und Westeuropa viele Hindernisse
überwinden müssen. Unweigerlich haben wir Fehler
gemacht - zuviel an einer Stelle ausgegeben - zuwenig
an anderer, unnötig doppelte Arbeit geleistet und es an
Koordination fehlen lassen.
Ich möchte Ihnen kurz einige der Lektionen darlegen,
die wir bereits gelernt haben, vertrete aber grundsätzlich die Auffassung, daß wir uns im Hinblick auf unsere
Bestrebungen, in Osteuropa einen 50jährigen Zeitrückstand aufzuholen, noch in einem frühen, experi-

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�mentellen Stadium befinden. Aber es sollte kein
Zweifel daran bestehen, daß wir sehr großes Interesse
an einem erfolgreichen Ergebnis dieser Bemühungen
haben. Wir wollen in der Tat dasselbe Ziel erreichen,
das wir in zwei Weltkriegen in Europa und währenddes
von John F. Kennedy so bezeichneten "langen Kampfes im Zwielicht" des kalten Krieges verfolgt haben: ein
demokratisches und stabiles Europa, das mit sich
selbst und mit der Außenwelt in Frieden lebt.
Der Unterschied besteht heute natürlich darin, daß
sich unsere Mittel zur Erlangung dieses Ziels plötzlich
gewandelt haben. Dank der Beharrlichkeit westlicher
Demokratien in den vergangenen 45 Jahren konnten
wir an den Punkt gelangen, an dem tiefgreifende und
schwierige Herausforderungen an die Sicherheit nunmehr einzig politischen oder wirtschaftlichen Herausforderungen gewichen sind. Das trifft nicht nur für
Europa, sondern auch für einen großen Teil der Welt
zu, wo der ideologische Kampf des letzten Jahrhunderts zugunsten von Demokratie und freiem Unternehmertum aufgegeben wurde.
Kurz, wir befinden uns an einem Zeitpunkt einmaliger
Chancen in der Geschichte des Industriezeitalters.
Wir können entweder den Übergang zu freien Märkten
und Demokratie in Osteuropa und anderen Ländern
zum Erfolg führen oder die Möglichkeit in Kauf nehmen, daß die heutigen politischen und wirtschaftlichen
Herausforderungen wieder in ihren alten Zustand als
sicherheitspolitische Herausforderung zurückfallen.
Das ist Neuland, und die vor uns liegenden Aufgaben
sind keineswegs einfach. Es ist wichtig und ernüchternd, sich zu vergegenwärtigen, daß wir den ideologischen Kampf weltweit teilweise aufgrund des eindeutigen Scheiterns der Systeme unserer Gegner gewonnen haben. Unsere Aufgabe wird ungeheuer kompliziert durch das Vermächtnis, das diese gescheiterten
Systeme ihren Nachfolgern hinterlassen haben: massive
Schulden, eine veraltete industrielle Basis, die geschädigte Umwelt sowie politischen Dogmatismus und
Intoleranz. Das schlimmste Vermächtnis ist jedoch
möglicherweise psychologischer Art - eine Abhängigkeit von staatlich vergebenen oder subventionierten
Arbeitsplätzen, Waren und Dienstleistungen und das
damit einhergehende Fehlen unternehmerischer Fähigkeiten.
Wenn man diesem Vermächtnis im Falle der Länder
der dritten Welt noch die Last der Überbevölkerung
und die massiven Einkommensunterschiede hinzufügt, ergibt sich ein besseres Bild vom Umfang der
Herausforderung, der sich der Westen in den nächsten
zehn Jahren und darüber hinaus gegenübersehen
wird. Was wir heute in Osteuropa beobachten, ist
lediglich eine erste Vorahnung von einem außenpolitischen Ansatz, wie wir ihn im 21. Jahrhundert benötigen werden.

Seite 2

Wir im Westen müssen uns als Regierung und Öffentlichkeit der Tatsache bewußt sein, daß ein Scheitern
der weltweiten Hinwendung zu Demokratie und freien
Märkten unseren Interessen einen ernsthaften und
nicht akzeptablen Schlag versetzen würde. In Europa
würden erneut die Tage des Taktierens mit dem Gleichgewicht der Kräfte im Umfeld eines schwachen und
instabilen osteuropäischen Ländergefüges heraufbeschworen und lang unterdrückte ethnische Konflikte
im Kontext wirtschaftlichen Niedergangs verschärft. In
den Industrieländern wären die Auswirkungen eines
gescheiterten Übergangs mindestens ebenso gravierend und könnten ernsthafte Implikationen haben,
wenn man die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Möglichkeit grenzenloser Einwanderungswellen bedenkt.
Mit anderen Worten, wir müssen die Übergangsphase
meistern, denn die erfolgreiche Abwicklung des Übergangs wird viele Jahre lang vorrangiges außenpolitisches Ziel der Vereinigten Staaten weltweit sein. Meiner
Ansicht nach haben wir Osteuropa erfolgreiche Starthilfe geleistet. Obwohl die bisherigen Leistungen sich
angesichts dessen, was für uns auf dem Spiel steht,
relativ bescheiden ausnehmen, möchte ich nochmals
auf das zurückkommen, was ich eingangs erklärt
habe: wir müssen einen Schritt nach dem anderen
setzen, und wir können die vielschichtigen und vielfältigen Probleme des Übergangs zur Marktwirtschaft in
Osteuropa - ganz zu schweigen vom Rest der Welt nicht mit einem Schlag lösen.
Zunächst müssen wir Amerikaner uns selbst ein Bild
von dem grundlegend anderen, aber nicht minder
schwierigen Charakter der Lasten und Pflichten machen, die wir in der neuen Welt übernehmen müssen.
Als nächstes gilt es - nicht etwa über Nacht - unsere
Mittel so einzusetzen, daß wir unseren Prioritäten
gerecht werden .Und drittens - das betrifft insbesondere den Kongreß - müssen wir bei der Durchführung
der Au ßenpolitk für unsere Nation ein verfassungsmäßiges Gleichgewicht herstellen, damit die Exekutive
über die erforderliche Flexibilität verfügt, um Ressourcen den sich schnell verändernden Anforderungen
und Bedingungen anpassen zu können.
Unser Ansatz für die sich nunmehr in Osteuropa
vollziehenden revolutionären Veränderungen deckt drei
Bereiche ab. Erstens sind wir kurzfristig bereit, humanitäre Soforthilfe zu leisten, um dem Mangel am Notwendigsten, wie Nahrungs- und Arzneimitteln, abzuhelfen.
Zweitens wollen wir mittelfristig eine Reihe von Schritten zur Förderung von politischem Pluralismus und
freier Marktwirtschaft unternehmen. Wir sind bereit,
allen Ländern der Region, die beim Übergang zu
Demokratie, freien Märkten und einer sauberen Umwelt

AMERIKA DIENST 21

�Unterstützung brauchen, praktische Hilfe zu leisten.
Darüber wollen wir unbedingt unsere bilateralen Handels- und Investitionsbeziehungen mit denjenigen
Ländern, die die Bestimmungen der amerikanischen
Gesetzgebung erfüllen, normalisieren.
Und drittens wollen wir langfristig unsere Wirtschaftshilfe in der Übergangsphase auf diejenigen Länder
erweitern, die bereit sind, den hohen und schmerzlichen Preis für eine echte freie Marktwirtschaft zu
zahlen. Dies umfaßt finanzielle Hilfe für glaubwürdige
Programme der Stabilisierung und strukturellen Anpassung, im Sinne der von uns eingerichteten Unternehmensfonds für Polen und Ungarn. Darüber hinaus
wollen wir die Europäische Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung unterstützen. Und wir vertreten die Auffassung, daß internationale Finanzinstitutionen wie
IWF und Weltbank wichtige Hilfestellung bei der Integration der osteuropäischen Länder in die Weltwirtschaftsgemeinschaft leisten können.
Vielfach ist Kritik laut geworden, daß die Regierung
keine Pläne für Osteuropa hat. Diesen Vorwurf nehme
ich an. Tatsächlich möchte ich darauf hinweisen, daß
wir keinen sorgfältig ausgearbeiteten Plan haben dürfen und können, der einzelne Entwicklungen in jedem
Land antizipieren würde. Die Zeit der Pläne und
grandiosen Planspiele ist vorbei. Jeder, der im letzten
Jahr Pläne für die Region gehabt hätte, hätte sie
inzwischen viele Male ändern müssen. Was wir vor
allem benötigen, ist eine Vorstellung vom einzuschlagenden Kurs und eine gute Übersicht, wie wir dorthin
kommen. Die haben wir meiner Ansicht nach. Darüber
hinaus müssen wir flexibel - und fähig genug - sein, um
auf neue Ereignisse zu reagieren.
Das soll nicht heißen, unser Ansatz ist perfekt. Ich
habe bereits darauf verwiesen, daß wir uns in einer
experimentellen Phase befinden. Wenn Sie über den
Weg nachdenken, den wir in Zukunft - nicht nur in
Osteuropa, sondern auch in Lateinamerika und andernorts - einschlagen müssen, befinden wir uns noch
immer im Trainingslager - um einen Begriff aus dem
Sport zu verwenden. Aber wir sind weit genug, um
einige erste Beobachtungen gemacht zu haben. Dabei
ist mir insbesondere ein Bereich aufgefallen, in dem wir
etwas verbessern können - bei der Koordination unserer Osteuropahilfe.
Ich denke dabei zunächst an die Probleme der Koordination innerhalb der US-Regierung, ein Bereich, für
den ich mitverantwortlich bin. Mehr als 25 Regierungsbehöiden sind in der einen oder anderen Form an der
Hilfe für die Länder Mittel- und Osteuropa beteiligt.
Einige dieser Behörden beschäftigen sich auch sonst
mit Außenpolitik und sind daher mit einem internationalen Umfeld vertraut. Dennoch sind es in den meisten
Fällen innenpolitische Behörden, die an der Hilfe beteiligt werden. Sie spielen eine wichtige Rolle, die inter-

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ministerielle Koordination ist jedoch schwierig, zumal
alle um beschränkte Ressourcen konkurrieren. Ich
denke, meine Kollegen aus Westeuropa verfügen da
über ähnliche Erfahrungen.
Noch schwieriger ist die Koordination von Aktivitäten
auf dem Privatsektor, zu denen gewinnorientierte
Geschäfte gehören, Vorschläge für praktische Hilfe
mit staatlicher Förderung und der Einsatz freiwilliger
Helfer. Im Hinblick auf gewinnorienierte Geschäfte
können wir Beistand leisten, weil solche Unternehmen
für erfolgreiche Reformen in Mittel- und Osteuropa
unabdingbar sind. Aber es ist nicht Aufgabe der
Regierung, ein Unternehmen einem anderen vorzuziehen und zu subventionieren.
Um staatliche Finanzierung nachsuchende Gruppen
des Privatsektors sind in der Regel die schwierigste
Kategorie, mit der wir umgehen. Sowohl wir als auch
die Regierungen Mittel- und Osteuropas sind mit einer
Vielzahl von Vorschlägen des Privatsektors überzogen worden, technische Hilfe zu leisten. Diese Vorschläge sind von höchst unterschiedlicher Güte, und
wir müssen Mittel und Wege finden, die guten von den
schlechten zu trennen.
Schließlich stellen die freiwilligen Helfer ein großes
ungenutztes Potential dar. Wir sind jetzt bestrebt, im
Rahmen des kürzlich vom Präsidenten ins Leben
gerufenen Bürgerkorps Demokratie in den Vereinigten
Staaten eine Freiwilligenhilfe zu organisieren. Wir
wollen ein Zentrum schaffen, in dem alle technischen
Fähigkeiten und Dienstleistungen verzeichnet werden, die der amerikanische Privatsektor leisten kann.
Dann werden wir in der Lage sein, diese Fähigkeiten
und Dienstleistungen mit den Bedürfnissen der Länder
Mittel- und Osteuropas in Einklang zu bringen.
Angesichts der Koordinationsschwierigkeiten zwischen
US-Regierung und Privatsektor möchte ich noch auf
einen Faktor hinweisen, der uns nicht beschämen
sollte. Freie Marktwirtschaften wie unsere sind einfach
nicht vereinbar mit der Gewährung zentralisierter,
koordinierter Hilfe. Die Tugend, die wir in Osteuropa zu
fördern suchen - einen Privatsektor mit freier Marktwirtschaft - bringt es mit sich, daß eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppen innerhalb und außerhalb der
Regierung um die beschränkten Ressourcen kämpft.
Wir müssen mit diesen Problemen fertigwerden und
die Hilfe so gut wie möglich zu lenken suchen, indem
wir bei wichtigen Initiativen politische Prioritäten setzen und eine Führungsrolle übernehmen. Wir können
den Prozeß jedoch nicht streng kontrollieren und sollten das auch nicht tun.
Bei all diesen nationalen Koordinierungsproblemen
denken wir manchmal - zu Unrecht -, internationale
Koordination sei faktisch unmöglich. Sicherlich war es
für die G-24 nicht leicht, Hilfsprogramme zu koordinie-

Seite 3

�ren. Tatsächlich ist es unmöglich, einer Gruppe in
einem Land erklären zu wollen, sie dürfe sich an
landwirtschaftlichen, nicht aber an ökologischen Programmen beteiligen. Jedes Geberland hat ein großes
Spektrum von Interessengruppen, die in Mittel- und
Osteuropa beteiligt werden wollen, und es ist - obgleich
wünschenswert - nicht praktikabel, Verantwortungsbereiche aufzuteilen. Das hei ßt nicht, daß wir es unter
bestimmten Umständen nicht doch versuchen sollten,
es wird nur schwierig sein.
Die G-24 hat jedoch als Schnittstelle für Informationen
eine wichtige Rolle gespielt. Darüber hinaus war sie
bei Projekten hilfreich, die ein Land allein nicht bewältigen konnte. Zum Beispiel war unsere Zusammenarbeit beim polnischen Stabilisierungsfonds sehr erfolgreich. Meiner Ansicht nach könnten wir ebenfalls ein
größeres gemeinsames internationales Projekt in den
Bereichen Umwelt oder Gesundheitswesen auf regionaler Ebene in Angriff nehmen.
Zum Schluß möchte ich noch zwei Punkte ansprechen. Erstens ist es wichtig, daß wir soviel Hilfe wie
möglich in Form von Zuschüssen und nicht als Kredite
vergeben. Kredite erhöhen lediglich die bereits große
Schuldenlast der Länder Mittel- und Osteuropas.
Zweitens müssen Mittel- und Osteuropa selbst nach
der Bildung neuer Regierungen ihre eigenen Prioritäten aufstellen und den Geberländern den Kurs mitteilen, den sie einschlagen wollen.
Um dem Charakter dieser Zusammenkunft und den
Diskussionsthemen Rechnung zu tragen, habe ich
meine Rede auf einige allgemeine Beobachtungen
über die Bestrebungen des Westens beschränkt, den

Seite 4

wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Konsolidierung
der Demokratie in Osteuropa zu fördern. Ich möchte
meine Ausführungen jedoch nicht beenden, ohne
nochmals meine Meinung zum Ausdruck zu bringen,
daß der westliche Privatsektor direkt an dieser großen
Reformbewegung teilhaben muß, wenn diese Erfolg
zeitigen soll. Aber Privatuntemehmen wollen mehr als
die Überzeugung, Almosen zu geben oder ein Abenteuer zu bestehen. Westliche Unternehmer werden
sich davon überzeugen wollen, daß in Osteuropa
echte Gewinnmöglichkeiten bestehen. Wir in der
Regierung müssen unsererseits alles in unserer Macht
Stehende tun, um Ost- und Mitteleuropäer davon zu
überzeugen, daß sie in der gesamten Region ein
gerechtes Umfeld und ein attraktives Investitionsklima
schaffen müssen. Letztlich werden die Mittel der
Region Vorteile bringen, die aus Privatinvestitionen
stammen, und mit ihnen werden die unternehmerischen Fähigkeiten und die Marktpsychologie den
Übergang zum Erfolg führen.
Ich habe eingangs bereits darauf verwiesen, daß die
Herausforderung der Förderung des Übergangs von
einer konfliktreichen Welt in eine Welt, die sich der
Förderung der Demokratie und dem Erfolg der freien
Marktwirtschaft verschrieben hat, für uns und unsere
Außenpolitik der kommenden Jahre höchste Priorität
hat. Wenn wir in Osteuropa die Übergangsphase
meistern, dann ist das nicht nur als Einzelfall wichtig
sondern auch im Hinblick auf die Veränderungen in
anderen Ländern - und für alle bevorstehenden Veränderungen.

AMERIKA DIENST 21

�OST-WEST-BEZIEHUNGEN
30. Mai 1990

GEMEINSAME WERTE ALS BINDEGLIED DER
OST-WEST-BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Walters bei der University of Maryland
HEIDELBERG - (AD) - In seiner Rede anläßlich der Examensfeier bei der University of Maryland in Heidelberg
erläuterte Botschafter Walters am 27. Mai 1990 drei Bereiche, denen in der Wertegemeinschaft von Amerikanern
und Westdeutschen große Bedeutung zukommt - eine demokratische Regierung, ein föderales System und der
tiefe Glaube an den Wert des einzelnen.
Botschafter Walters erklärte, "je mehr gemeinsame Werte wir entdecken und je mehr Elemente wir in unserem
Erbe und unserer Zivilisation als gleich oder miteinander vereinbar identifizieren, desto aussichtsreicher
erscheint auf lange Sicht die Aufrechterhaltung gemeinsamer Interessen und einer starken Beziehung." Wenn
diese Beziehung erhalten werden soll, müssen Walters zufolge "künftige Generationen in Amerika und Deutschland gleichermaßen diese Werte und ihren Stellenwert in den deutsch-amerikanischen Beziehungen verstehen,
pflegen und schützen".
Diese Herausforderung gab er den Absolventen der University of Maryland mit auf den Weg.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Walters' Rede im Wortlaut:

Ich betrachte es als großes Privileg, diesen wichtigen
Tag in Ihrem Leben mit Ihnen hier in Heidelberg
begehen zu können. Ich bin hocherfreut und fühle
mich geehrt, gemeinsam mit Au ßenminister Genscher
den Titel eines Doktors der Rechte von der University
of Maryland verliehen zu bekommen.
Die University of Maryland kann stolz auf den Beitrag
sein, den sie in über 35 Jahren für das amerikanische
Bildungswesen erbracht hat. Daß sie Zehntausenden
von Amerikanern, die in Übersee ihrem Land dienten,
Weiterbildungsmöglichkeiten bot, macht ihren Beitrag
so einzigartig. Arnold Toynbee würdigte einst das
Überseeprogramm der University of Maryland als
"amerikanische Leistung, von der der Rest der Welt
viel lernen kann".
Sie, die Absolventen des Jahrgangs 1990, können
stolz darauf sein, diese Tradition fortzuführen, ebenso
wie ich stolz darauf bin, zu der langen Reihe prominenter Persönlichkeiten zu gehören, die hierher eingeladen wurden. Seinen Namen auf einer Liste zu sehen,
die mit Konrad Adenauer beginnt - er sprach zum
ersten Abschlußjahrgang der University of Maryland
im Jahr 1951 - und die auch John J. McCIoy, Arnold

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Toynbee, Margaret Mead, Ludwig Erhard, Helmut
Kohl und Hans-Dietrich Genscher umfaßt, ist eine
große Ehre.
Sie als Absolventen haben wie wir alle das Glück, in
einer Zeit historischen Wandels in Europa zu sein.
Dieser Satz ist gewiß nichts Neues, und er ist ja in der
Tat schon zu einer stereotypen Redewendung geworden. Wir stoßen nahezu jeden Tag in den Medien
darauf. Aber ich war bereits 1945 und in den folgenden
äußerst schwierigen Jahren hier. Damals diente ich
meinem Land, wie die meisten von Ihnen heute, in
Uniform. Ich sah die Zerstörungen und bewegte mich
zwischen den Trümmern. Das Ausmaß der Zerstörung spottet jeder Beschreibung. Ganze Städte, in
denen einst Hunderttausende gelebt, gearbeitet und
ihre Kinder aufgezogen hatten, lagen in Schutt und
Asche. Es gab keine Gebäude oder Bäume mehr und
kaum noch Lebenszeichen. Stattdessen glichen viele
der großen städtischen und industriellen Zentren
Deutschlands einer Mondlandschaft. Ich besuchte die
Überlebenden, von denen viele in schuttbedeckten
Kellern lebten und mutig versuchten, sich eine neue
Existenz aufzubauen.

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�Damals in diesen ersten Nachkriegsjahren war es mir
offengestanden unmöglich, zu glauben, daß Deutschland zeit meines Lebens wiederaufgebaut würde.
Aber, wie Sie sehen, geschah genau das - zumindest
im Westen. Die westliche Hälfte - die Bundesrepublik
Deutschland - wurde nicht nur wiederaufgebaut, sondern sie stieg aus den Ruinen zur viertstärksten Volkswirtschaft der Welt, zu einer Spitzenstellung in der
Technologie und einer Demokratie auf der Basis von
Freiheit und Werten des einzelnen auf. Es war ein
Wunder. Mit Hilfe des Marshallplans und hinter dem
Schild der NATO blühte die Bundesrepublik Deutschland auf, und ein neues Kapitel der Geschichte begann. Die Bundesrepublik Deutschland wurde für den
Rest der Welt zu einem Modell für Freiheit und Wohlstand, ein Licht der Hoffnung fürdiejenigen Deutschen
und Osteuropäer, die weit weniger Glück hatten. Dieses
Licht leuchtete während des gesamten kalten Krieges,
in jenen langen, spannungsgeladenen Monaten der
Berlin-Blockade und durch nahezu drei Jahrzehnte
hindurch, in denen die Berliner Mauer wie eine häßliche Narbe die grausame und künstliche Teilung Deutschlands und ganz Europas symbolisierte.
Heute wird Europa vom Gefühl des Optimismus und
der Hoffnung bestimmt. Dagegen wurden vergangene
Abschlußfeiern in Deutschland durch Bilder von Wachtürmen, Wachhunden und Maschinengewehren überschattet. Viele von Ihnen waren beim Bau der Berliner
Mauer im August 1961 noch nicht geboren. Jene
häßliche Narbe, die das Gesicht Europas verunzierte,
war ein Götzenbild staatlich verhängter Tyrannei.
Und heute hat die Welt in nur wenigen Monaten ein
neues Gesicht bekommen, in dem sich eine neue
Realität widerspiegelt - von Deutschen in Ost und
West, die einander auf die Krone der Mauer halfen,
dem neuen Symbol einer menschlichen Brücke zwischen den Nationen. Die Botschaft dieses Ereignisses, die über Satellit Zuschauer in der ganzen Welt
erreichte, hatte einen eindeutigen Symbolgehalt und
rührte an verschüttete Emotionen. Die Freiheit hatte
gewonnen, jenes Licht der Hoffnung war nicht ausgelöscht worden.
Nirgends in der Welt von heute - oder selbst in der
Geschichte der Menschheit - haben die Bestrebungen
der Menschen so rasch und so sicher über kalten
Beton triumphiert wie in Berlin. Ich war stolzer Zeuge,
als Außenminister Genscher Präsident Bush im vergangenen November ein Stück der Berliner Mauer
überreichte, das an die Macht der Freiheit erinnert, daß
die Freiheit die Macht besitzt, Mauern zwischen den
Menschen zum Einsturz zu bringen.
Ebenso anrührend wie die Szenen beim Fall der Berliner Mauer war es für mich persönlich im vergangenen
November, zu beobachten, wie DDR-Bewohner die
Glienicker Brücke überquerten. Es ist der Ort, an dem
zahlreiche treue Diener der Vereinigten Staaten, die in

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den Jahren des kalten Krieges schon für tot erklärt
worden waren, den Weg in die Freiheit gingen. Es war
äußerst bewegend, zu sehen, wie Westdeutsche ihre
Landsleute auf dem Weg über diese Brücke umarmten.
Wir stehen an der Schwelle eines neuen Zeitalters in
den deutsch-amerikanischen Beziehungen, und ich
möchte Ihnen kurz erläutern, welches meines Erachtens die grundlegendsten Elemente dieses neuen
Verhältnisses sein werden.
Ich erwähnte bereits Konrad Adenauer, den ersten
Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er war
zweifellos einer der größten Staatsmänner aller Zeiten. Vor 34 Jahren gab Bundeskanzler Adenauer in
einer Rede an der Yale-Universität eine Erklärung über
die Rolle der NATO ab, die sich als prophetisch erwiesen hat. Er sagte:
"Höchste Wachsamkeit und berechtigtes Mißtrauen gegenüber der Politik der Sowjetunion
schließen jedoch nicht aus, daß der Westen
bereit sein muß, seine Politik laufend daraufhin
zu überprüfen, ob sie den weltpolitischen Entwicklungen angepaßt ist."
Ich spreche häufig über die politischen, ökonomischen
und militärischen Aspekte der deutsch-amerikanischen
Beziehungen und darüber, wie sie sich im Hinblick auf
die von Adenauer prognostizierten neuen Entwicklungen entfalten sollten. Ich möchte jedoch nun über
etwas wesentlich Grundlegenderes sprechen als über
politische, wirtschaftliche und militärische Maßnahmen. Ich möchte über gemeinsame Werte unserer
beiden Nationen sprechen und über die zentrale Rolle
dieser gemeinsamen Werte für die Zukunft.
Es waren in der Tat die NATO und 40 Jahre des
Weitblicks, Mutes und der Beharrlichkeit ihrer Mitgliedstaaten, die die Idee des freien Europas von heute erst
möglich machten.
Und es war der Erfolg der Marktwirtschaften, der
letzlich die Völker der ganzen Welt überzeugte, dem
Marxismus-Leninismus eine Absage zu erteilen. Der
Marxismus-Leninismus, was immer er auch bezweckte, ist tot. Es waren aber die auf Freiheit und Individualismus basierenden gemeinsamen Ideale der freien
Gesellschaften, die den Anstoß zu der heute so bezeichneten "friedlichen Revolution" in Osteuropa gaben.
Zu Beginn der neunziger Jahre liegt die Zukunft der
deutsch-amerikanischen Beziehungen in jenen gemeinsamen Idealen und Werten. Während meine
Generation, die die Zerstörung und den Wiederaufbau
Deutschlands erlebte, von Ihrer abgelöst wird, besteht
die Herausforderung für Ihre Generation - und mein
Appell an Sie, den Abschlußjahrgang 1990 - darin,
diese gemeinsamen Ideale und Werte, die unsere
beiden großen Nationen miteinander verbinden, zu
verstehen und zu stärken.

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�Bei der Diskussion über die Zukunft der deutschamerikanischen Beziehungen können wir eine Prämisse aufstellen. Je mehr gemeinsame Werte wir entdekken und je mehr Elemente wir in unserem Erbe und
unserer Zivilisation als gleich oder miteinander vereinbar identifizieren, desto aussichtsreicher erscheint auf
lange Sicht die Aufrechterhaltung gemeinsamer Interessen und einer starken Beziehung. Lassen Sie uns
also einige der wichtigsten Elemente unseres gemeinsamen Erbes untersuchen.
Wenn wir mit der Geographie und den geschichtlichen
Ursprüngen unserer beiden Nationen beginnen, könnten wir sehr leicht versucht sein, danach zu fragen, was
wir überhaupt gemeinsam haben. Die Vereinigten
Staaten sind ein Land, das sich zwischen zwei Weltmeeren erstreckt, die unsere natürlichen Grenzen
bilden und uns Schutz gewähren. Deutschland ist
relativ klein - etwa von der Größe Oregons -, befindet
sich in der Mitte Europas und hat keinerlei natürliche
Grenzen, die es oder - das muß auch gesagt werden
- seine Nachbarn schützen. Die Unterschiede könnten
nicht größer sein, und diese Unterschiede haben sicherlich unsere historische Entwicklung beeinflußt.
Die frühe amerikanische Geschichte zeichnete sich
durch ein ausgeprägtes Gefühl der Abgeschiedenheit
von der alten Welt im Hinblick auf politische und
religiöse Überzeugungen aus. Es gab - und viele
fürchten, es bestünde immer noch - eine amerikanische Option des Isolationismus und Unilateralismus,
die seit George Washingtons Warnung vor "verstrik-

kenden Allianzen" und James Monroes Erklärung der
westlichen Hemisphäre zum "Sperrgebiet", für künftige europäische Eroberungen fester Bestandteil amerikanischen politischen Denkens war. Für Deutschland gab es in seiner ganzen Geschichte nie einen
Moment der "splendid Isolation". Die Einheit war
zerbrechlich. Seine Nachbarn hatten ein starkes Interesse daran, was sich in der Mitte Europas abspielte.
Bündnisse wurden geschmiedet, in denen ein deutscher Staat gegen den anderen stand. In Zeiten der
Schwäche war Deutschland Ziel ausländischer Interventionen, und in Zeiten der Stärke war es eine Bedrohung für seine Nachbarn.
Was haben wir gemeinsam? Was verbindet uns
miteinander und wird in den kommenden Jahren eine
solch große Bedeutung haben? Welche Traditionen
werden von Amerikanern und Westdeutschen geteilt?
Ich meine, es gibt drei von entscheidender Bedeutung:
eine demokratische Regierung, ein föderales System
und einen tiefen Glauben an den Wert des einzelnen.
Das Jahr 1776 war ein wichtiges Jahr in der Geschichte, nicht nur, weil es die erste Erklärung der Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft hervorbrachte, sondern
weil es - mit der Niederschrift der amerikanischen
Verfassung ein Jahrzehnt später - der modernen
Demokratie und dem Rechtsstaat den Weg bereitete.
Obwohl Deutschland im 19. Jahrhundert weiterhin von

AMERIKA DIENST 21

Königen und Fürsten regiert wurde, entwickelte sich
eine Bewegung von Anhängern einer verfassungsmäßigen Ordnung, die in der Revolution von 1848 und
schließlich in der Weimarer Verfassung von 1919zum
Ausdruck kam. Als im Jahr 1948 die Begründer der
Bundesrepublik das Grundgesetz entwarfen, konnten
sie sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in
Deutschland auf einen großen Schatz an Erfahrungen
mit Verfassungen zurückgreifen.
Dabei stand den Politikern von 1948 das Beispiel der
Vereinigten Staaten am deutlichsten vor Augen. Sie
wollten einen föderativen deutschen Staat, der die
Regierung mit der notwendigen innen- und außenpolitischen Macht ausstattete, aber auch ein System der
"checks and balances" zwischen einzelnen Regierungsstellen sowie der Regierung und den Ländern,
um die Auferstehung der Diktatur zu verhindern. Sie
hatten Erfolg. Heute funktioniert in der Bundesrepublik
die Symbiose zwischen Bundesregierung und Landesregierungen. Ebenso wie die Deutschen vertreten
auch wir Amerikaner die Auffassung, daß eine weit
oben angesiedelte Autorität nicht viel für eine Regierung des Volkes und für das Volk tun kann. Vielmehr
müssen die Menschen selbst dem Staat Autorität
verleihen - in ihren Familien, Gemeinden, Landkreisen
und Ländern. Dieser gemeinsame Glaube an den
Förderalismus ist einer unserer wichtigsten Werte.
Eine andere Dimension dieser Philosophie - und der
wichtigste unserer gemeinsamen Werte - ist der Glaube an den Menschen selbst. An Menschenrechte und
die politische Reife des einzelnen. Die ersten zehn
Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung und die
ersten 17 Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland stellen diesen Glauben unter den
Schutz der Verfassung. Diese Überzeugung ist tief in
der Geschichte verwurzelt, von den griechischen Philosophen über frühchristliche Theologen und Kants
kategorischem Imperativ bis zur amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung, die das Recht des einzelnen auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück proklamiert. Ein wichtiger Faktor des Individualismus,
dem wir unseren heutigen Wohlstand verdanken, ist
unser Glaube an die Kreativität des Menschen. Die
Pioniere, die völlig auf sich selbst gestellt, den amerikanischen Westen erforschten, gehören dazu. Ebenso die Entdecker des Atoms, die lange Nächte in ihren
Labors verbrachten und die Pioniere von heute, die
dem Weltall seine Geheimnisse zu entreißen suchen.
Beide Gesellschaften wurden in dem Glauben gegründet, daß der schöpferische Mensch Lösungen für alle
Probleme - heute und morgen - finden wird.
Die Macht dieser gemeinsamen Werte und der Mut, sie
zu schützen, hat Westeuropa 45 Jahre Frieden und
Wohlstand gesichert, den längsten konfliktfreien Zeitraum in der neueren Geschichte dieses Kontinents.
Bei dieser langen Friedenszeit können Sie sich als
Universitätsabsolventen heute vielleicht keinen ande-

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�ren Zustand vorstellen. Natürlich kann man von Ihrer
und auch von den nächsten Generationen kaum erwarten, daß sie die Ängste meiner Altersgenossen
nachvollziehen können. Aber unsere Erwartungen an
diesen sich schnell verändernden Teil der Welt dürfen
nicht so hochgeschraubt werden, daß wir vergessen,
wie es dazu kam und was auf dem Spiel steht.
Ebenso wie sich die 1945 entstandene Nachkriegsordnung schnell zu einem neuen und anderen System
veränderte, werden sich auch die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, wie
sie sich nach dem Krieg entwickelten, höchstwahrscheinlich wandeln. Natürlich müssen bestimmte
wichtige Punkte beibehalten werden, wenn sich die
Beziehungen positiv entwickeln sollen. Denn unsere
Beziehungen zu Deutschland unterscheiden sich grundlegend von den zynischen Machtbündnissen der Vergangenheit. Sie basieren auf etwas anderem als der
Wahrnehmung einer gemeinsamen Bedrohung - sie
sind ein Band der Verwandtschaft, die sich aus gemeinsamen Werten ergibt.

Wenn wir ins 21. Jahrhundert blicken, müssen sich
Amerikaner und Deutsche gleichermaßen vergegenwärtigen, daß unsere wichtigsten Bande nicht die
militärischen, politischen oder wirtschaftlichen Bündnisse selbst sind, sondern gemeinsame Werte auf der
Basis von Demokratie, Wahlfreiheit und dem Wert des
einzelnen. Wenn diese Beziehungen erhalten werden
sollen, müssen künftige Generationen in Amerika und
Deutschland gleichermaßen diese Werte und ihren
Stellenwert in den deutsch-amerikanischen Beziehungen verstehen, pflegen und schützen.
Diese Herausforderung stelle ich Ihnen als Absolventen der University of Maryland. Diese Werte sind unser
gemeinsames Erbe. Sie sind es, die wir schützen und
fördern müssen. Diesen Schatz müssen wir für unsere
Kinder, die Amerikaner und Deutschen künftiger
Generationen hüten.
Ich möchte nochmals darauf verweisen, wie stolz ich
auf den von Ihnen verliehenen Titel bin und auch
darauf, diese Ehre mit Herrn Genscher teilen zu dürfen.
Ich danke Ihnen. Gott segne Sie.

* *

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*

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�LATEINAMERIKA
30. Mal 1990

FREIHEIT AUCH AUF DEM AMERIKANISCHEN
KONTINENT AUF DEM VORMARSCH
- Rede von Präsident Bush beim Council of the Americas WASHINGTON - (AD) - In seiner Rede beim Council of the Americas erklärte Präsident Bush am 22. Mai 1990,
das "große Drama Demokratie" vollziehe sich dem auf Osteuropa gerichteten Blick der Weltöffentlichkeit zum
Trotz auch in der westlichen Hemisphäre.
Bush erläuterte ferner, seit dem vergangenen Jahr habe Freiheit auf dem Kontinent "ungeheuren Einfluß"
gewonnen, da die Diktaturen in Panama, Nicaragua, Paraguay und Chile von frei gewählten Regierungen
abgelöst worden sind.
"In allen Ländern Amerikas", erklärte der Präsident, "leben jetzt mehr Menschen unter frei gewählten
Regierungen als je zuvor - und wir sind dem Tag näher denn je, an dem alle Menschen in Amerika, im Norden
wie im Süden, in Freiheit leben werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Ich freue mich über die Gelegenheit, vor diesem einllu ßreichen Gremium zu sprechen - das Pionierleistungen im Privatsektor vollbracht hat, um Handel und
Investitionen zwischen den Vereinigten Staaten und
Lateinamerika anzukurbeln. Und ich freue mich über
dieses Treffen insbesondere nach diesem Jahr beeindruckender Veränderungen.

t

i

In den letzten zwölf Monaten schienen bisweilen die
Augen der Welt ausschließlich auf Osteuropazu ruhen
- auf den fast unglaublichen Veränderungen, die dort
stattgefunden haben. Unsere Freunde in Lateinamerika haben die Entwicklung dieser historischen Ereignisse voller Aufmerksamkeit und Ehrfurcht verfolgt.
Aber - wie ich weiß - auch mit einer gewissen Sorge,
daß mit dem aktiven Einsatz in Osteuropa das Interesse der Vereinigten Staaten an Lateinamerika schwinden könnte.
Ich bin heute hierhergekommen, um Ihnen - wie auch
den vielen politisch Verantwortlichen in Lateinamerika,
mit denen ich zusammengetroffen bin - zu versichern,
daß durch die Ereignisse des letzten Jahres das
Interesse der Vereinigten Staaten an dieser Region
gestiegen und unser Wunsch stärker geworden ist,
eine neue Partnerschaft mit den aufstrebenden Kräften der Freiheit aufzubauen.

AMERIKA DIENST 21

Tatsache ist, daß sich das große Drama Demokratie
auf unserem eigenen Kontinent vollzieht.
Denken Sie nur an den ungeheuren Einfluß, den die
Freiheit in diesem Jahr gewonnen hat. Als ich im Mai
letzten Jahres an dieser Stelle eine Rede hielt, bereitete sich das panamaische Volk gerade auf die Wahlen
vor - trotz der Tatsache, daß der Diktator Panamas
diese zu verhindern suchte. In Nicaragua tobte der
Bürgerkrieg, die Sandinisten regierten, und die tapferen Mitglieder der nicaraguanischen Opposition standen erst am Anfang ihres langen Weges, der in diesem
Jahr zum überwältigenden Sieg der Demokratie führte.
In Mittelamerika sind es Nicaragua und Panama. In
Südamerika Paraguay und Chile. Und in ganz Amerika
leben heute mehr Menschen unter frei gewählten
Regierungen als je zuvor - und wir sind dem Tag näher
denn je, an dem alle Menschen in Amerika, im Norden
wie im Süden, in Freiheit leben werden.
Sogar in Haiti, wo es soviel Leid und soviele Unruhen
gab, hat die provisorische Regierung ihre Absicht
bekundet, freie Wahlen durchzuführen. Am Donnerstag (24. Mai 1990) werde ich im Weißen Haus die
Präsidentin Ertha Trouillot treffen, und sicherlich wird
in der Diskussion zur Sprache kommen, wie wir die

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�Demokratie in Haiti fördern können. In ganz Lateinamerika gibt es nur noch Kuba - Castros Inselgefängnis, das völlig isoliert ist und nicht mit der demokratischen Entwicklung Schritt halten kann. Aber heute dem Tag, an dem wir des Jahrestags der Unabhängigkeit Kubas gedenken - glaube ich mit Sicherheit sagen
zu können, daß auch in Kuba der Traum der Demokratie nur aufgeschoben - aber niemals zerstört - werden
kann.

Tausenden unabhängiger und unternehmerisch begabter Menschen, die ohne Zustimmung des Staates
Geschäfte machen.

Wenn wir in den Vereinigten Staaten unsere mittelund südamerikanischen Nachbarn in der Reihe der
Demokratien wilkommen heißen, müssen wir ihnen
unsere Hilfe - und noch mehr - anbieten. Wir müssen
ihnen den Respekt zollen, den sich freie Länder entgegenbringen und Ihnen partnerschaftlich die Hand reichen.

Lateinamerika schlägt bereits diesen Weg ein. In
Brasilien und Bolivien, Argentinien, Venezuela, Mexiko, Costa Rica und Jamaica macht die freie Marktwirtschaft Fortschritte und schafft Raum, damit Privatinitiative Fuß fassen und sich verbreiten kann. Wenn sie
Erfolg haben und nach einer möglicherweise schwierigen Übergangszeit die Früchte ernten können, werden
andere Länder nachfolgen.

Ich habe mich für die Intensivierung unserer Verbindungen eingesetzt. Allein in diesem Jahr bin ich beim
Drogengipfel der Andenstaaten in Cartagena mit den
Präsidenten Barco, Paz und Garcia zusammengetroffen. In Washington waren die Präsidenten Perez und
Paz, Cristiani und Endara, Collar de Mello, Calderon
und Callejas sowie Premierminister Manley meine
Gäste. In jedem Fall habe ich die Gespräche sehr
optimistisch beendet. Und meiner Ansicht nach hat
jeder dieser Staatsmänner das Weiße Haus in dem
Bewußtsein verlassen, daß sich die Vereinigten Staaten in nie dagewesenem Umfang für die Zukunft des
Kontinents engagieren.
Trotz der unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Ländern wissen wir, daß unsere Herausforderungen Konsolidierung der Demokratie und Beschleunigung der Entwicklung heißen.
Das heißt, wir müssen die geistige Revolution fördern,
die jetzt über Lateinamerika hinwegfegt - eine Abkehr
von den überkommenen stalinistischen Doktrinen. Weg
von den Diktaturen der Rechten und Linken. Hin zur
Demokratie - einer gewählten Regierung, freiem Unternehmertun. Hin zur echten politischen und wirtschaftlichen Macht des Volkes.
Das bedeutet, wir müssen - in vielen Fällen zum ersten
Mal - Reformen für echte freie Marktwirtschaft fördern.
Auch in Ländern ohne kommunistische Herrschaft gab
es kein freies Unternehmertum. Die Realität sah so
aus, daß Volkswirtschaften oftmals so organisiert waren,
daß sie den Wohlstand der Machtelite sicherten und es
keine Aufstiegsmöglichkeiten für diejenigen gab, die
bereit waren, hart zu arbeiten.
Der peruanische Wirtschaftswissenschaftler Hernando de Soto beschreibt das Labyrinth bürokratischer
Hindernisse, die sich dem Unternehmer in den Weg
stellten und das Wirtschaftswachstum in seinem Land
lähmten. De Soto verweist ferner darauf, wie sehr die
Hauptstadt Lima ihre wirtschaftliche Vitalität dem von
ihm sc genannten 'informellen Sektor' verdankt - den

Seile :i

De Sotos Rezept - und meines - heißt Befreiung dieser
wirtschaftlichen Kräfte. Freisetzung der Millionen Funken
Energie und Unternehmergeist. Durch Anreize sollten
die Erwerbstätigen zur Arbeit beflügelt werden, damit
sie und ihre Familien es besser haben.

Wir in den Vereinigten Staaten müssen alles in unserer
Macht Stehende tun, um die Zukunft freier Märkte auf
dem amerikanischen Kontinent zu gewährleisten - weil
unser Land ein Interesse an der wirtschaftlichen Stabilität dieser Region hat. Wir wissen, daß Lateinamerikas Anteil am gesamtamerikanischen Handel seit
Ende der siebziger Jahre von 10 Prozent aller USExporte auf 7 Prozent sank. Dennoch belief sich im
vergangenen Jahr der bilateralen Handel zwischen
den Vereinigten Staten und Lateinamerika auf über
100 Milliarden Dollar. Wenn dieser Handel zunimmt,
wird auch die Verbindung zwischen unserem Wohlstand und dem Wohlstand unserer lateinamerikanischen Partner enger werden.
Zur Verdeutlichung dieses Punkts möchte ich ein paar
Zahlen nennen. Im vergangenen Jahr verzeichnete
die kolumbianische Wirtschaft ein Wachstum von 3
Prozent. Amerikanische Exporte nach Kolumbien
stiegen um 9 Prozent. Mexikos Wirtschaft verzeichnete Zuwachsraten von 3 Prozent, und US-Exporte stiegen um 21 Prozent. In Chile, wo die Wachstumsrate
sich insgesamt auf 10 Prozent beläuft, stiegen die USExporte um das Dreifache dieses Prozentsatzes - um
mehr als 30 Prozentpunkte.
Der wirkungsvollste Weg zur Gewährleistung des
erweiterten Handels zwischen den Vereinigten Staaten und Lateinamerika besteht für alle Länder der
Hemisphäre in der Förderung einer erfolgreichen
Uruguay-Runde. Unsere lateinamerikanischen Handelspartner werden von der ehrgeizigen Tagesordnung der Runde, unter anderem den Vorschlägen für
deutliche multilaterale Zollsenkungen, profitieren. Wir
engagieren uns für den Ausbau des Handels und die
Liberalisierung von Investitionen und bemühen uns um
die Unterstützung Lateinamerikas für diese wichtigen
Zielsetzungen.
Darüber hinaus hat die im Frühjahr vergangenen Jahres
ausgebaute Schuldenstrategie marktorientierte Wirt
schaftsreformen in Lateinamerika bestärkt. Mit Markt-

AMERIKA DIENST 21

�wirtschaften läßt sich die notwendige Grundlage für
eine Demokratie schaffen.
Aus diesem Grund bin ich so erfreut, über die von uns
im vergangenen Jahr mit dem Brady-Plan erzielten
Fortschritte zu berichten. Mexiko, Venezuela und
Costa Rica haben sich mit ihren Gläubigern auf Wege
zum Schuldenabbau geeinigt - damit ihre Bestrebungen zur Umstrukturierung ihrer Volkswirtschaften in
freie Marktwirtschaften zum Erfolg geführt werden.
Nur der freie Markt führt langfristig zu dauerhaftem
Wachstum.
Wir alle wissen, daß der Privatsektor eine entscheidende Rolle spielt. Die Nutzung neuer Investitionschancen ist gut für die Wirtschaft - aber zu diesem
kritischen Zeitpunkt gibt es noch etwas, das darüber
hinausgeht. Etwas, das sich nicht einfach an der Höhe
des BSP messen läßt. Die Rolle, die der Council of the
Americas spielen kann - beim Ausbau des Handels
und der Stärkung des Privatsektors - leistet nicht nur
einen Beitrag zum Wirtschaftswachstum, sondern auch
zum Gedeihen der Demokratie.
Auch der Staat hat eine wichtige Rolle zu spielen insbesondere in den schwierigen Tagen des Übergangs von der Diktatur zur Demokratie. Aus diesem
Grund habe ich den Kongreß aufgefordert, 800 Millionen Dollar Soforthilfe für Panama und Nicaragua zur
Verfügung zu stellen. Diese Hilfe ist von entscheidender Bedeutung. Vor über einer Woche erhielt ich ein
Schreiben von Präsidentin Chamorro, die zu diesem
Zeitpunkt gerade drei Wochen im Amt war, in dem sie
mir mitteilte, daß Nicaragua bankrott ist. Und trotzdem
sitzt diese Soforthilfe jetzt schon seit über zwei Monaten in den Mühlen des Kongresses fest. Um Ihnen eine
Idee vom Umfang dieses Problems zu geben: Im März
beantragte ich beim Kongreß 800 Millionen Dollar für
Panama und Nicaragua und bat dabei, diese Vorlage
bis zum 5. April abschließend zu behandeln. Heute
schreiben wir den 22. Mai, und die Mittel für Panama
und Nicaragua sind um 80 Millionen Dollar reduziert
worden - und dies, obwohl der Etat um 1,4 Milliarden
Dollar zusätzlich aufgestockt wurde. Es scheint so, als
ob der Kongreß diese Woche endlich diese äußerst
wichtige Maßnahme behandeln wird.
Für das Volk von Nicaragua und Panama hängt die
Demokratie in der Schwebe. Deshalb möchte ich dem
Kongreß sagen: Das Schicksal der Freiheit liegt in
Ihren Händen. Tun Sie ein Werk der Demokratie - und
verabschieden Sie dieses Soforthilfepaket jetzt.

*

AMERIKA DIENST 21

Ich begann meine heutigen Ausführungen mit den
Veränderungen, die die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Europa lenkten. Die Anziehungskraft
dieser Vorgänge beruht teilweise darauf, das sie in
eindringlichen persönlichen Schicksalen zum Ausdruck
kommen - wie die Geschichte des Dramatikers und
Dissidenten, der heute Staatspräsident ist. Des Elektrikers, der zum Symbol der Hoffnungen seines Volkes
auf Freiheit wurde. Der Vormarsch der Demokratie hat
auch in Lateinamerika Helden hervorgebracht - und
heute möchte ich mit dreien dieser Helden aus einem
einzigen Land schließen - aus Lateinamerikas jüngster
Demokratie: Nicaragua.
Vier Jahre lang - von 1979 an, dem Jahr, in dem die
Sandinisten an die Macht kamen - war Enrique Dreyf us
Vorsitzender des Obersten Rats für Privatwirtschaft
Nicaraguas - eine private Gruppe, die in vielen Punkten
dieser hier vergleichbar ist. Seine Kritik an der sandinistischen Herrschaft brachte ihn auf die schwarze
Liste der Sandinisten, und schließlich landete er im
Gefängnis. Heute, nachdem die Sandinisten von der
Macht vertrieben wurden, ist er nicht nur ein freier
Mann - er ist der neue Außenminister Nicaraguas.
Im Jahr 1985 wurde Sofonias Cisneros von Angehörigen der sandinistischen Sicherheitskräfte zusammengeschlagen, weil er die Politisierung der Schulen durch
die Sandinisten kritisiert hatte. Heute ist er Bildungsminister.
Am 10. Juli 1988 wurde die Oppositionsführerin Myriam Arguello geschlagen und mitten in der Nacht von
der sandinistischen Polizei aus ihrem Haus geholt - ihr
wurde der Prozeß gemacht, und sie wurde zu sechs
Monaten Gefängnis verurteilt. Heute ist Myriam Arguello Präsidentin der frei gewählten Nationalversammlung.
Dies sind drei Geschichten, die auf sehr persönliche
Weise den wahrhaft revolutionären Wandel unterstreichen, der sich nicht nur in Nicaragua, sondern in ganz
Lateinamerika vollzogen hat. Ein Wandel, der ohne
jeden Zweifel beweist, daß die Zeit der Diktatoren
abgelaufen und der Tag der Demokratie gekommen
ist.
Wir in den Vereinigten Staaten müssen alles in unserer
Macht Stehende tun, um dazu beizutragen, die Freiheit, den Frieden und den Wohlstand, die wir genießen, auf dem gesamten amerikanischen Kontinent
sicherzustellen.

* * *

*

Seite 3

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                <text>Amerikadienst 30.05.1990</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Gipfeltreffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: NATO-Mitgliedschaft eines Vereinigten Deutschlands keine Bedrohung für die Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview des Präsidenten mit dem sowjetischen Fernsehen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Ost-West-Beziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erfolgreiche Starthilfe für Osteuropa &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des stellvertretenden US-Außenministers Eagleburger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gemeinsame Werte als Bindeglied der Ost-West-Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters bei der University of Maryland&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Lateinamerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Freiheit auch auf dem amerikanischen Kontinent auf dem Vormarsch&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Präsident Bush beim Council of the Americas&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

22

6. Juni 1990

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1^

GIPFEL

BUSH UND GORBATSCHOW ZUFRIEDEN
MIT FORTSCHRITTEN BEI START
Gemeinsame Erklärung

WELTMACHTE UNTERZEICHNEN VERPFLICHTUNG GEGEN VERBREITUNG VON WAFFEN
Gemeinsame Gipfelerklärung

BAKER: GESAMTDEUTSCHE NATO-MITGLIEDSCHAFT ERFORDERT GARANTIEN
Fernsehinterview des Außenministers

WIRTSCHAFT

BRADY WARNT VOR ÜBERTRIEBENEN
INFLATIONSÄNGSTEN
Erklärung bei der OECD

URUGUAY-RUNDE

LANDWIRTSCHAFT SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG
DER URUGUAY-RUNDE
Rede der US-Handelsbeauftragten
Hills bei der OECD

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�GIPFEL
6. Juni 1990

BUSH UND GORBATSCHOW ZUFRIEDEN MIT
FORTSCHRITTEN BEI START
Gemeinsame Erklärung
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush und sein sowjetischer Amtskollege Gorbatschow äußerten sich am 1.
Juni 1990 befriedigt über die bisher erzielten "großen Fortschritte" auf dem Weg zu einem Vertrag über die
Reduzierung strategischer Waffen. Darüber hinaus bekräftigten sie ihr Ziel, das Dokument "bis zum Ende dieses
Jahres unterschriftsreif" zu haben.
In einer gemeinsamen Erklärung am zweiten Tag ihres Gipfeltreffens gaben sich beide Präsidenten zuversichtlich, daß START "ein Meilenstein sowohl für die Rüstungskontrolle als auch für das Verhältnis" zwischen den
beiden Weltmächten sein werde.
Nachfolgend veröffentlichen wir die gemeinsame Erklärung im Wortlaut.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
George Bush, und der Präsident der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Michail S. Gorbatschow,
sprachen über den Status des Vertrags zur Begrenzung und Reduzierung strategischer Offensivwaffen.
Die beiden Präsidenten äußerten sich befriedigt über
die großen Fortschritte, die bisher in den Verhandlungen über diesen Vertrag erzielt wurden. Insbesondere
begrüßten sie die beiderseitig akzeptablen Lösungen,
die bei wichtigen Fragen dieser Gespräche gefunden
wurden und bekräftigten ihre Entschlossenheit, den
Vertrag bis Ende dieses Jahres fertigzustellen und
unterschriftsreif zu haben. Sie wiesen ihre Verhandlungsdelegationen in Genf an, die Arbeit zur Fertigstellung des gemeinsamen Vertragsentwurfs, der die
Einzelheiten dieser Lösungen enthält, zu beschleunigen, um diesem Ziel gerecht zu werden.
Der START-Vertrag wird ein Meilenstein sowohl für die
Rüstungskontrolle als auch für das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken sein. Er ist
das Ergebnis der Erkenntnis, daß beide Seiten eine
besondere Verpflichtung für die Reduzierung des Kriegsrisikos, die Verbesserung der strategischen Stabilität
und die Stärkung des Friedens und der internationalen
Sicherheit tragen. Damit wird der START-Vertrag
einen Wendepunkt in den sowjetisch-amerikanischen
Rüstungskontrollbemühungen zur Herstellung eines
rationaleren, offeneren, kooperativeren, berechenba-

AMERIKA DIENST 22

reren und stabileren Verhältnisses signalisieren. In
bemerkenswertem Maße wird der Vertrag die bedeutenden politischen Veränderungen ergänzen, die in
jüngster Zeit zum Abbau von Feindschaft und Mißtrauen beigetragen haben, und er wird die Reduzierung der
gegenwärtig vorhandenen umfangreichen Bestände
an strategischen Offensivwaffen erleichtern.
Dieser Vertrag bietet zahlreiche Vorteile. Zum ersten
Mal in der Geschichte werden beide Seiten bedeutende Reduzierungen ihrer strategischen Offensivwaffen
vornehmen - um bis zu 50 Prozent bei bestimmten
Kategorien. Noch wichtiger ist, daß diese Reduzierungen dazu dienen, einen Erstschlag weniger wahrscheinlich zu machen. Das Ergebnis werden größere
Stabilität und ein geringeres Kriegsrisiko sein.
Wichtige Vertragsvereinbarungen sind:
Die Gesamtzahl stationierter ICBMs und der zugehörigen Abschußvorrichtungen, der stationierten SLBMs
und der zugehörigen Abschuß Vorrichtungen und der
schweren Bomber wird auf maximal 1 600 begrenzt.
Innerhalb dieser Höchstzahl wird die Zahl der stationierten schweren ICBMs und der zugehörigen Abschußvorrichtungen auf höchstens 154 begrenzt.
Die Gesamtzahl der stationierten ICBMs, stationierten
SLBMs und schweren Bombern zugeschriebenen
Gefechtsköpfe wird auf maximal 6 000 begrenzt. Von
diesen werden höchstens 4 900 Gefechtsköpfe den

Seite 1

�stationierten ICBMs und SLBMs, höchstens 1 540
Gefechtsköpfe den schweren ICBMs und höchstens
1 100 Gefechtsköpfe den mobilen ICBMs zugeordnet.
Die Wurf gewichte der stationierten ICBMs und SLBMs
beider Seiten insgesamt werden auf ein vereinbartes
Niveau reduziert, das annähernd 50 Prozent unter den
gesamten bestehenden Wurf gewichten der stationierten ICBMs und SLBMs der Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken an einem noch festzulegenden Zeitpunkt liegt. Diese Grenze wird während der Vertragsdauer nicht überschritten.
Als Träger von weitreichenden, luftgestützten und
nuklear bestückten Marschflugkörpern (ALCMs) ausgerüstete schwere Bomber werden von anderen schweren Bombern zu unterscheiden sein. Für andere
Nuklearwaffen als weitreichende, nuklear bestückte
ALCMs ausgerüstete schwere Bomber werden als ein
strategisches Trägersystem auf die Obergrenze von
1 600 und als ein Gefechtskopf auf die Obergrenze
von 6 000 angerechnet.
Als Träger von weitreichenden, nuklear bestückten
ALCMs ausgerüstete schwere Bomberwerden als ein
Trägersystem auf die Obergrenze von 1 600 und mit
einer vereinbarten Anzahl von Gefechtsköpfen auf die
Obergrenze von 6 000 angerechnet. Bestehende und
zukünftige amerikanische schwere Bomber, die als
Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs
ausgerüstet sind, werden mit je 10 Gefechtsköpfen
angerechnet. Bestehende und zukünftige sowjetische
schwere Bomber, die als Träger von weitreichenden,
nuklear bestückten ALCMs ausgerüstet sind, werden
mit je 8 Gefechtsköpfen angerechnet.
Innerhalb der Obergrenze von 1 600 Trägersystemen
dürfen die Vereinigten Staaten von Amerika maximal
150 als Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs ausgerüstete schwere Bomber besitzen,
die mit je 10 Gefechtsköpfen angerechnet werden. Die
Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken kann diese Anzahl schwerer Bomber um maximal 40 Prozent
überschreiten. Falls die Vereinigten Staaten die Zahl
von 150 überschreiten wird jeder zusätzliche, als Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs
ausgerüstete schwere Bomber mit der Anzahl weitreichender, nuklear bestückter ALCMs angerechnet, für
die er tatsächlich ausgerüstet ist. Falls die Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken die Zahl von 210 als
Träger von weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs
ausgerüsteten schweren Bombern überschreitet, so
wird jeder dieser schweren Bomber mit der Anzahl von
weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs angerechnet, für die er tatsächlich ausgerüstet ist.
Bestehende und zukünftige amerikanische schwere
Bomber dürfen für maximal 20 weitreichende, nuklear
bestückte ALCMs ausgerüstet sein. Bestehende und
zukünftige sowjetische schwere Bomber dürfen für
maximal 12 weitreichende, nuklear bestückte ALCMs
ausgerüstet sein.
Seite 2

ALCMs gelten als weitreichend, wenn ihre Reichweite
600 Kilometer überschreitet. Zukünftige weitreichende, nichtnukleare ALCMs werden den nuklearen nicht
zugerechnet, wenn sie von den weitreichenden, nuklear bestückten ALCMs zu unterscheiden sind. Es
wird keinerlei Begrenzungen für die Stationierung solcher ALCMs auf nicht vertraglich begrenzten Flugzeugen geben.
Die Reduzierungen werden in drei Phasen innerhalb
von sieben Jahren durchgeführt. Besondere, gleiche
Zwischengrenzen für vereinbarte Kategorien strategischer Offensivwaffen werden am Ende jeder Reduzierungsphase erzielt werden.
Die vertraglich geregelten zahlenmäßigen Begrenzungen werden durch Umbau oder Vernichtung im Einklang mit den vereinbarten Verfahrensweisen erzielt
und erfüllt werden.
Seegestützte Marschflugkörper (SLCMs) werden durch
den START-Vertrag nicht begrenzt. Jede Seite wird
der anderen eine einseitige Erklärung ihrer Politik im
Hinblick auf nukleare SLCMs sowie - jährlich während
der Vertragsdauer - unilaterale Erklärungen im Hinblick auf geplante Stationierungen weitreichender,
nuklearer SLCMs, also derjenigen mit einer Reichweite von über 600 Kilometern, zukommen lassen. Diese
Erklärungen werden politisch bindend sein. In den
jährlichen Erklärungen wird die Höchstzahl der stationierten nuklearen SLCMs für jedes der fünf folgenden
Vertragsjahre spezifiziert, vorausgesetzt, die erklärte
Zahl liegt nicht höher als 880. In den politischen
Erklärungen wird im einzelnen dargelegt werden, daß
die Vereinigten Staaten von Amerika und die Union
Sozialistischer Sowjetrepubliken keine seegestützten
atomaren Marschflugkörper mit Mehrfachgefechtsköpfen herstellen oder stationieren werden. Beide Seiten
bekräftigen ihre Gemeinsame Washingtoner Gipfelerklärung von 1987, weiterhin "beiderseitig akzeptable
und effektive Verfizierungsmethoden" anzustreben.
Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die mögliche
Durchführung verbotener Modernisierung und Ersetzung strategischer Offensivwaffen.
Der START-Vertrag wird besondere Verbote bestimmter Kategorien strategischer Offensivwaffen, Stationierungsarten und -aktivitäten umfassen. Gemäß dem
START-Vertrag werden folgende Verbote ausgesprochen:
neue Typen schwerer ICBMs,
schwere SLBMs und Abschußvorrichtungen
schwerer SLBMs,
mobile Abschußvorrichtungen schwerer ICBMs,
neue Typen von ICBMs und SLBMs mit mehr
als 10 Wiedereintrittsflugkörpern,

AMERIKA DIENST 22

�Flugerprobung und Stationierung bestehender
Typen von ICBMs oder SLBMs, deren Zahl von
Wiedereintrittsflugkörpern größer ist als in der
Gemeinsamen Washingtoner Gipfelerklärung
vom Dezember 1987 festgelegt,

bote zur Beeinträchtigung des Einsatzes solcher Mittel:
Ein Verbot über die Verweigerung telemetrischer Information: beide Seiten haben vereinbart, technische Messungen an Bord von ICBMs
und SLBMs vorzunehmen und alle aus solchen
Messungen gewonnenen telemetrischen Informationen zu übermitteln. Außer für streng definierte Ausnahmen wird es ein Verbot aller
Maßnahmen - einschließlich der Verwendung
von Verschlüsselung, Verkapselung oder Störung - geben, die den vollständigen Zugang zu
telemetrischen Informationen verwehrt.

schnelles Nachladen der ICBM-Abschußvorrichtungen,
mit Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüstete weitreichende nukleare ALCMs.
Die im Vertrag enthaltenen weitreichenden Reduzierungen und anderen Einschränkungen werden von
den gründlichsten und innovativsten Verifizierungsbestimmungen, die jemals ausgehandelt wurden, ergänzt.

Informationsaustausch: Vor Unterzeichnung
des Vertrags werden beide Seiten Daten über
die Anzahl, Standorte und technischen Merkmale ihrer strategischen Offensivwaffen austauschen. Diese Daten werden während der
gesamten Vertragsdauer regelmäßig auf den
neuesten Stand gebracht.

Insgesamt wird das umfassende Verifizierungssystem
des START-Vertrags Transparenz im militärischen
Bereich in einem Umfang gewährleisten, der noch vor
sehr kurzer Zeit undenkbar gewesen wäre. Es wird
nicht nur die effektive Verifizierung der Vertragsbestimmungen sicherstellen, sondern darüber hinaus
das für ein gesundes strategisches Verhältnis unabdingbare gegenseitige Vertrauen erheblich stärken.
Darüber hinaus kann dieses Verifizierungssystem
Vorbildcharakter für künftige Abkommen haben. Das
gegenwärtig erarbeitete Verifizierungssystem sieht vor:
Inspektionen vor Ort: Damit die Verifizierung
der Vertragseinhaltung gewährleistet werden
kann, wird jede Seite auf der Basis der Gegenseitigkeit 12 Arten von Vor-Ort- Inspektionen
durchführen, femer ist die kontinuierliche Beobachtung der Produktionsstätten mobiler ICBMs
im Einklang mit den vereinbarten Verfahrensweisen vorgesehen.
Gemeinsam wird jede Seite kurzfristige Inspektionen von Einrichtungen durchführen, die mit
strategischen Offensivwaffen in Zusammenhang
stehen. Dazu zählen Inspektionen zur Verifizierung der Anzahl von Wiedereintrittsflugkörpern
auf stationierten ballistischen Raketen, Inspektionen zur Verifizierung der Zerstörung strategischer Offensivwaffen und mit ihnen in Zusammenhang stehender Einrichtungen, die Verifizierung von Verdachtsmomenten bei Inspektionen und Vorführungen.
Nationale Technische Mittel zur Verifizierung.
Um die Verifizierung zu gewährleisten, wird jede
Seite im Einklang mit den allgemein anerkannten Völkerrechtsprinzipien die ihr zur Verfügung
stehenden technischen Mittel zur Verifizierung
einsetzen. Der Vertrag wird eine Reihe kooperativer Maßnahmen enthalten, um die Effektivität der nationalen technischen Mittel zur Verifizierung zu steigern. Es ergehen folgende Ver-

Ein umfassendes Abkommen über die Art und
Weise der Stationierung mobiler ICBM-Abschußvorrichtungen und die mit ihnen in Zusammenhang stehenden Raketen und angemessene
Beschränkungen über ihre Standortwechsel,
damit die effektive Verifizierung der Einhaltung
von zahlenmäßigen Beschränkungen gewährleistet ist, wie sie der Vertrag vorschreibt. Darüber hinaus wird die Zahl der nichtstationierten
ICBMs für mobile Abschußvorrichtungen beschränkt, und mobile ICBMs müssen durch Verwendung einzigartiger Erkennungsmarken
("Tags") gekennzeichnet werden.
Zur Einhaltung der Zielsetzungen des Vertrags rufen
beiden Seiten die Gemeinsame Kommission für Einhaltung und Inspektion ins Leben.
Beide Seiten haben eine Vertragsdauer von 15 Jahren
vereinbart, wenn nicht vorher ein weiteres Abkommen
geschlossen wird. Vorbehaltlich der Zustimmung beider
Seiten kann der Vertrag um jeweils fünf Jahre verlängert werden, bis ein neues Abkommen ihn außer Kraft
setzt.
Die oben beschriebenen Fortschritte erfüllen das Ziel,
das sich die Präsidenten der Vereinigten Staaten von
Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken bei ihrer Zusammenkunft in Malta gesteckt
hatten - die Vereinbarung grundlegender Bestimmungen des Vertrags über stratergische Offensivwaffen
bis zum Gipfeltreffen in Washington. Beide Präsidenten bekundeten ihre Zuversicht, daß die Außenminister und die Delegationen beider Länder bei den Genfer
Verhandlungen in den kommenden Monaten Übereinkunft über die gegenwärtig noch auszuhandelnden
Verwendungszwecke erzielen können.

* * * * *
AMERIKA DIENST 22

Seite 3

�GIPFEL
6. Juni 1990

WELTMÄCHTE UNTERZEICHNEN VERPFLICHTUNG
GEGEN VERBREITUNG VON WAFFEN
Gemeinsame Gipfelerklärung
WASHINGTON - (AD) - Die Weiterverbreitung von atomaren und chemischen Waffen sowie von Raketen
"bedroht die Menschheit mit Kriegführung von beispielloser Vernichtungskraft". Dies ist der Tenor einer
gemeinsamen Erklärung der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion beim Washingtoner Gipfel. Die beiden
Weltmächte verpflichten sich darin zur Zusammenarbeit "untereinander und mit anderen Mitgliedern der
internationalen Staatengemeinschaft", um die Verbreitung dieser Waffen einzudämmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die gemeinsame Gipfelerklärung über die Weiterverbreitung von Waffen im
Wortlaut.

Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Union
der Sozialistischen Sowjetrepubliken lehnen die Weiterverbreitung von Kernwaffen, chemischen Waffen,
Raketen, die als Träger solcher Waffen in Frage kommen
sowie von anderen Raketen und Raketentechnologien
ab. Je mehr Staaten solche Waffen besitzen, desto
schwieriger wird es sein, dem Wunsch der Menschen
überall gerecht zu werden, effektive Rüstungskontrolle
und Abrüstungsmaßnahmen zu erlangen und das
Kriegsrisiko zu reduzieren. Die Verbreitung von Waffen kann Unsicherheit und Feindschaft zwischen Staaten hervorrufen und verstärken und bedroht die Menschheit mit Kriegführung von beispielloser Vernichtungskraft.
Unsere Gespräche in den vergangenen Monaten weisen
den Weg in ein neues Zeitalter der Beziehungen
zwischen unseren Ländern. Wir haben wichtige Schritte zum Abschluß von Abkommen unternommen, um
unsere strategischen Atomwaffenarsenale zu reduzieren, eine Begrenzung der Atomtests in Kraft zu setzen
und ein weltweites Verbot chemischer Waffen zu erreichen. Zusammen mit den Staaten Europas unternehmen wir beispiellose Schritte zur Reduzierung des
bestehenden Arsenals an konventionellen Waffen als
Teil des Prozesses zum Aufbau einer dauerhaften
Struktur der europäischen Sicherheit. Die von uns
erzielten Fortschritte und die Verpflichtungen, die wir in
diesen bilateralen und multilateralen Rüstungskontrollbemühungen eingegangenen sind, zeigen eindeutig, daß eine Reduzierung von Waffen zu erhöhter

AMERIKA DIENST 22

Sicherheit beitragen kann, selbst wenn zwischen den
Ländern seit langem tiefsitzende Meinungsverschiedenheiten bestanden haben.
Die von uns zur Verbesserung der amerikanischsowjetischen Beziehungen und zur Zusammenarbeit
im Interesse der internationalen Stabilität unternommenen Schritte schaffen die Möglichkeit zu einer noch
engeren und konkreteren Zusammenarbeit in den Bereichen der Nichtverbreitung nuklearer und chemischer Waffen sowie Raketen.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eingedenk dieser Erwägungen,
erklären ihre Verpflichtung, die Weiterverbreitung von Kernwaffen, chemischen Waffen und
Raketen, die als Träger solcher Waffen in Frage
kommen sowie gewisser anderer Raketen und
Raketentechnologien zu verhindern, insbesondere solcher, die den Verfügungen des Regimes zur Kontrolle von Raketentechnologie
(MTCR) unterliegen;
vereinbaren, eng miteinander und mit anderen
Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft zusammenzuarbeiten, um konkrete
Maßnahmen gegen die Verbreitung dieser Waffen
zu entwickeln und zu verwirklichen und
fordern andere Staaten dazu auf, sich mit einer
erneuerten Verpflichtung an effektiven Maß-

Seite 1

�nahmen für die Nichtverbreitung als Mittel zur
Sicherung des Weltfriedens und der Stabilität
sowie als Schritt zur effektiven weltweiten Begrenzung von Kernwaffen, chemischen Waffen,
Raketen und Raketentechnologie zu beteiligen.

Sie fordern alle Nichtkernwaffenstaaten, deren
Maßnahmen im Nuklearbereich nicht diesen Sicherheitsrichtlinien unterstehen, auf, diese
Maßnahmen den internationalen Sicherheitsvorkehrungen zu unterwerfen.

Beide Seiten haben besondere Maßnahmen zur Förderung dieser Verpflichtungen in Angriff genommen.

Sie stimmen darin überein, daß strenge Kontrollen für Exporte von kerntechnischem Material,
Ausrüstung und Technologie erforderlich sind,
um zu gewährleisten, daß sie nicht für die Herstellung nuklearer Sprengsätze mißbraucht
werden und fordern alle anderen Staaten, die
zum Export von kerntechnischer Technologie in
der Lage sind, auf ebenso strenge Kontrollen
anzuwenden.

Die Nichtverbreitung von Kernwaffen
Um die Verbreitung von Kernwaffen zu verhindern,
unternehmen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion folgende Schritte:
Sie bekräftigen ihre unerschütterliche und seit
langem bestehende Verpflichtung, der Verbreitung von Kernwaffen Einhalt zu gebieten und
das internationale Regime über die Nichtverbreitung von Kernwaffen zu stärken.
Sie bekräftigen ihre energische Unterstützung
für den Vertrag über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen (NPT) und stimmen darin überein,
daß dieser weiterhin einen unschätzbaren Beitrag zu weltweiter und regionaler Sicherheit und
Stabilität leistet;
Sie drängen alle Staaten, die dies bisher versäumt haben, den NPT einzuhalten.
Sie drängen alle Vertragsparteien des NPT, ihre
gemäß dem Vertrag bestehenden Sicherheitsverpflichtungen gegenüber der Internationalen
Atomenergieorganisation (IAEO) peinlich genau einzuhalten.
Sie bekräftigen ihre Absicht, miteinander und
mit anderen Vertragsparteien zusammenzuarbeiten, um im Jahr 1990 eine erfolgreiche Überprüfungskonferenz zum Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen sicherzustellen, mit
der die Unterstützung der Ziele des Vertrags
sowie seine Bedeutung für die internationale
Sicherheit und Stabilität erneuert würden.
Sie unterstützen den Vertrag zum Verbot von
Kernwaffen in Lateinamerika (Vertrag von Tlatelolco) und fordern alle Staaten der Region auf,
ihn frühzeitig in Kraft zu setzen.
Sie bekräftigen ihr fortgesetztes Engagement
zur Stärkung der IAEO, deren einzigartiges Sicherheitssystem zur weitverbreiteten friedlichen
Nutzung der Kernenergie für die soziale und
wirtschaftliche Entwicklung beigetragen hat.
Sie unterstützen eine verstärkte internationale
Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung
der Kernenergie gemäß den Sicherheitsrichtlinien der IAEO.

Seite 2

Sie unterstützen weiterhin Bemühungen, um
das internationale Regime zur Kontrolle von Nuklearexporten zu verbessern und zu stärken.
Sie unterstützen Gespräche zwischen Staaten
in solchen Regionen, in denen Besorgnis über
die Verbreitung von Kernwaffen besteht, um
konkrete Maßnahmen zur Reduzierung des
Risikos der Verbreitung von Kernwaffen vorzunehmen und schließen sich insbesondere den
Appellen an die Staaten des Nahen Ostens, des
südlichen Afrikas und Südasiens an, solche
Gespräche aufzunehmen und zu führen.
Sie vereinbaren, ihre regelmäßigen, konstruktiven bilateralen Konsultationen über die Nichtverbreitung von Kernwaffen fortzusetzen.
Die Nichtverbreitung von Raketen und Raketentechnologie
Um der Verbreitung von Raketen und Raketentechnologie Einhalt zu gebieten, haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion folgende Maßnahmen getroffen:
Sie haben den Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Beseitigung ihrer Raketen mittlerer und kürzerer Reichweite unterzeichnet und damit gezeigt, daß
Kontrollen - und sogar die Vernichtung - solcher
Raketen der nationalen Sicherheit förderlich
sein können.
Sie bekräftigen erneut ihre Absicht, den STARTVertrag noch vor Ablauf des Jahres zu unterzeichnen.
Sie bestätigen ihre Unterstützung für die Zielsetzungen des Regimes zur Kontrolle von Raketentechnologie, das Raketen, bestimmte
Geräte und Technologie für Raketen umfaßt,
die eine Nutzlast von mindestens 500 Kilo-

AMERIKA DIENST 22

�gramm über eine Strecke von mindestens 300
Kilometern transportieren können, und sie fordern alle Länder auf, die das bisher nicht getan
haben, den Geist und die Richtlinien dieses
Regimes zu beachten.
Sie treffen Maßnahmen zur Beschränkung der
Weiterverbreitung von Raketen weltweit, einschließlich Exportkontrollen und anderer nationaler Verfahren.
Sie haben bilaterale Konsultationen aufgenommen, um Informationen über solche Kontrollen
und Verfahrensweisen auszutauschen und
Maßnahmen zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Raketen zu erarbeiten.
Sie sind übereingekommen, sich für die Unterbindung der Verbreitung von Raketen, insbesondere in Konfliktregionen, wie etwa dem Mittleren Osten, einzusetzen.
Sie bestätigen in diesem Bereich ihre Absicht
zur Sondierung regionaler Initiativen, um die Bedrohung der Verbreitung von Raketen zu vermindern, einschließlich der Möglichkeit, ihre guten
Dienste anzubieten, um diese Initiativen zu fördern.
Sie erinnern daran, daß sie internationale Wirtschaftskooperation fördern einschließlich der
Zusammenarbeit zur friedlichen Erforschung
des Weltraums, solange eine solche Kooperation nicht zur Verbreitung von Raketen beiträgt.
Sie fordern alle Länder - Exporteure von Raketen und Raketentechnologie wie auch Käufer auf, sich Beschränkungen aufzuerlegen und
bekunden ihre Bereitschaft, ihren jeweiligen Dialog
mit anderen Ländern über die Nichtverbreitung
von Raketen und Raketentechnologie fortzusetzen.
Sie sind ihrerseits entschlossen, weiterhin an
der Stärkung internationaler Beschränkungen
im Hinblick auf die Verbreitung von Raketen und
Raketentechnologie zu arbeiten.
Nichtverbreitung chemischer Waffen
Um den Einsatz und die Verbreitung chemischer Waffen
einzudämmen, ergreifen die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion folgende Maßnahmen:
Sie erklären, daß eine multilaterale, effektiv
verifizierbare Konvention über chemische Waffen mit einem Verbot von Entwicklung, Herstellung und Einsatz chemischer Waffen und Zerstörung aller Arsenale weltweit langfristig die
beste Lösung ist, um der Bedrohung der internationalen Sicherheit gerecht zu werden, die sich
mit dem Einsatz und der Verbreitung chemi-

AMERIKA DIENST 22

scher Waffen stellt und daß Maßnahmen zur
Nichtverbreitung als Schritt zur Erlangung einer
solchen Konvention betrachtet werden.
Sie werden ihre Zusammenarbeit intensivieren,
um die Verhandlungen in Genf zu beschleunigen, damit noch ausstehende Fragen so schnell
wie möglich gelöst werden und die Konvention
im Entwurf sobald wie möglich abgeschlossen
werden kann.
Sie haben bilaterale vertrauensbildende Maßnahmen eingeführt, einschließlich des Datenaustausche bei chemischen Waffen und gegenseitiger Inspektionen.
Sie haben gerade ein bahnbrechendes Abkommen über die Zerstörung und Einstellung der
Produktion chemischer Waffen sowie über
Maßnahmen zur Förderung der Konvention über
chemische Waffen unterzeichnet.
Sie verpflichten sich in diesem Abkommen zu
praktischen Maßnahmen, mit denen alle Länder, die chemische Waffen herstellen, der multilateralen Konvention beitreten.
Nachdem sie den Besitz chemischer Waffen
zugegeben haben, fordern sie andere Länder
auf, dies auch zu tun, sich nunmehr zu deren
Zerstörung zu verpflichten und unmittelbar damit
zu beginnen, mittels Forschung und Kooperation der Notwendigkeit einer Fähigkeit zur Zerstörung chemischer Waffen gerecht zu werden.
Sie erklären, selbst keine chemischen Waffen
zu verbreiten.
Sie haben Exportkontrollen geschaffen, um die
Verbreitung chemischer Waffen einzudämmen.
Diese Maßnahmen sollen keinesfalls berechtigte chemische Aktivitäten behindern oder in Zweifel
ziehen.
Sie sind übereingekommen, bilaterale Gespräche zu führen, um die Effektivität ihrer jeweiligen
Exportkontrollen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen zu steigern.
Sie führen regelmäßig bilaterale Konsultationen
durch, um die bilaterale Zusammenarbeit zu
verbessern, einschließlich des Informationsaustauschs über Probleme der Verbreitung chemischer Waffen.
Sie bestätigen ihre Absicht zur Durchführung
politischer und diplomatischer Aktionen in Fällen, in denen es Anlaß zu Besorgnis über die
Herstellung, den Einsatz oder die Verbreitung
chemischer Waffen gibt.
Sie unternehmen gemeinsam mit anderen
Ländern multilaterale Bestrebungen zur KoordiSeite 3

�nierung von Exportkontrollen, zum Austausch
von Informationen und Erweiterung der internationalen Zusammenarbeit bei der Eindämmung
der Verbreitung chemischer Waffen.
Sie bestätigen ihre Unterstützung des Genfer
Protokolls von 1925, das den Einsatz chemischer Waffen als Verletzung des Völkerrechts
verbietet.
Sie unternehmen Schritte zur Stärkung des
Genfer Protokolls von 1925, indem sie:
Staaten, die nicht Mitglieder sind, zur Teilnahme
ermutigen,
ihre Absicht bestätigen, dem UN-Generalsekretär aktive
Hilfe bei der Durchführung von Untersuchungen über
angebliche Verletzungen des Protokolls zu leisten,
ihre Absicht bestätigen, die Verhängung von Sanktionen gegen Verletzer des Protokolls in Erwägung zu
ziehen, auch solche gemäß Kapitel VII der Charta der
Vereinten Nationen,
übereinkommen, im Falle einer Verletzung des Protokolls prompt Konsultationen aufzunehmen, um mögliche bilaterale und multilaterale Aktionen gegen den
Verursacher zu erörtern und den Opfern solcher Verletzungen angemessene Hilfe zu leisten.

Seite 4

sie kommen überein, daß die Präsenz und weitere
Verbreitung chemischer Waffen in Konfliktregionen wie etwa dem Mittleren Osten besonders gefährlich sind. Beide Länder bekunden
daher ihre Absicht, regionale Initiativen im Mittleren Osten und anderen Regionen zu sondieren, einschließlich der Möglichkeit, ihre guten
Dienste zur Förderung von Initiativen anzubieten wie etwa:
Bestrebungen zur Förderung des Bewußtseins über
die Gefahren der Verbreitung chemischer Waffen und
ihrer negativen Auswirkungen auf die Durchführung
der multilateralen Konventionen über chemische Waffen,
bilaterale oder multilaterale Bestrebungen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen, einschließlich der Absage an die Herstellung dieser Waffen,
Bestrebungen zur Zerstörung chemischer Waffen noch
vor Inkrafttreten der multilateralen Konvention, wie es
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion tun.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion fordern
alle Länder der Welt, die das noch nicht getan haben,
auf, gemeinsam mit ihnen vergleichbare, effektive
Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen zu ergreifen.

AMERIKA DIENST 22

�GIPFEL
6. Juni 1990

BAKER: GESAMTDEUTSCHE NATO-MITGLIEDSCHAFT
ERFORDERT GARANTIEN
Fernsehinterview des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - In einem Interview in der Fernsehsendung "Meet the Press" erklärte Außenminister
Baker am 3. Juni 1990, wenn ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO würde, müsse es "angemessene
Sicherheitsgarantien für Deutschlands Nachbarn im Osten geben". Baker zufolge wird der Gedanke einer
andauernden amerikanischen Präsenz in Europa von den NATO-Verbündeten und von drei Mitgliedern des
Warschauer Pakts unterstützt. Sogar die Sowjetunion, so Baker, unterstützt "den Gedanken einer fortgesetzten
US-Präsenz in Europa als stabilisierenden Faktor".
Der Au ßenminister erklärte ferner, er werde die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten und Rüstungskontrollfragen am 5. Juni mit Außenminister Schewardnadse und am 6. Juni mit den NATO-Verbündeten erörtern.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit Außenminister Baker in leicht gekürzter Fassung.

Frage: Sie kommen gerade von der Abschiedszeremonie für Präsident Gorbatschow. Wir möchten Ihre
Meinung zu den Ereignissen der vergangenen Tage
hören. Unmittelbar vor dem Gipfel haben viele Regierungsvertreter, unter ihnen der Nationale Sicherheitsberater Brent Scowcroft, erklärt: "Thema war eigentlich nicht die Rüstungskontrolle - bei diesem Gipfel
sollte vielmehr die politische Landkarte Europas, insbesondere Deutschlands, neu gestaltet werden."
Und dennoch scheinen dabei keine Fortschritte erzielt
worden zu sein. Wo stehen wir jetzt? Sind Sie darüber
ein bißchen enttäuscht?
Antwort: Ich denke, niemand hat erwartet, daß wir
hier die Frage der Vereinigung beider deutscher Staaten oder die Frage der Bündniszugehörigkleit eines
vereinigten Deutschlands lösen würden, weil daran wie auch beide Präsidenten in ihrer Pressekonferenz
betonten - auch eine Reihe anderer Länder beteiligt
sind, obwohl natürlich Deutschland in erster Linie
betroffen ist.
Das stand also bei diesem Gipfel nicht zur Debatte.
Auf der anderen Seite war es ein geeignetes Thema für
ernsthafte und eingehende Gespräche, die auch stattgefunden haben.
Es hat natürlich einige konkrete Ergebnisse gegeben.
Im Bereich der Rüstungskontrolle vor allem im Hinblick

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auf chemische Waffen und die möglicherweise erstmalige Reduzierung strategischer Nuklearwaffen.
Frage: Herr Außenminister, auf die Rüstungskontrolle
werden wir später noch zurückkommen, während ich
zu Deutschland und Europa noch Fragen habe. Welche Richtung schlagen wir von diesem Ausgangspunkt
ein? Sie werden mit Au ßenminister Schewardnadse in
Kopenhagen über dieses Thema sprechen ...
Antwort: Ich werde morgen nachmittag nach Kopenhagen reisen, um dort am Dienstag (5. Juni) Außenminister Schewardnadse zu treffen. Am Mittwoch (6.
Juni) werde ich dann zum NATO-Ministertreffen nach
Brüssel aufbrechen, um unsere NATO-Verbündeten
über die Ergebnisse dieses Gipfels zu informieren und
mit ihnen Fragen insbesondere zur Wiedervereinigung
beider deutscher Staaten, aber auch zur konventionellen Rüstungskontrolle, zu erörtern.
Frage: Haben Sie bereits Vorschläge oder Ideen, um
dieser Sackgasse zu entrinnen?
Antwort: Es gibt natürlich Ideen. Sie kennen die
Haltung beider Seiten. Wir haben zum Beispiel bei den
Gipfelgesprächen auf die neun Punkte verwiesen, und
in den Gesprächen mit den Sowjets hat sich erwiesen,
daß wir ihren berechtigten Sicherheitsanliegen Rechnung tragen. Unsererseits steht weiterhin die Entscheidung im Raum, daß ein vereinigtes Deutschland

Seite 1

�Vollmitglied im NATO-Bündnis sein soll, aber wenn
dies verwirklicht wird, dann muß es angemessene
Sicherheitsgarantien für Deutschlands Nachbarn im
Osten geben.
Wir versuchen also, mit diesen Problemen fertigzuwerden. Und dazu haben wir und auch unsere Verbündeten einige Ideen. Wir bleiben am Ball.
Frage: Herr Außenminister, bei Verhandlungen wie
diesen hängt oftmals viel von den Instruktionen ab, die
Sie von Ihren Vorgesetzten bekommen, in diesem Fall
George Bush und Michail Gorbatschow. Haben Sie
neue Instruktionen erhalten, wie bei den Einzelheiten
eines Abkommens vorzugehen sei?
Antwort: Was das Außenministerium betrifft, so
kennen wir die neun Punkte, über die ich hier spreche
- die Idee einer Institutionalisierung des KSZE-Prozesses. Wir könnten bei der Rolle der NATO eine Verlagerung zu einer politischeren Rolle beobachten. Dem
liegt die Idee zugrunde, daß es niemals - zumindest
nicht in absehbarer Zeit - eine Ausweitung von NATOStreitkräften auf das Territorium geben wird, das heute
DDR heißt.
Ein bei diesem Gipfel unterbreiteter Vorschlag, der es
unserer Ansicht nach wert ist, zumindest in Erwägung
gezogen zu werden, war die Möglichkeit eines Abkommens zwischen der NATO und dem Warschauer Pakt.
Das ist etwas, das wir, offen gesagt, noch nicht im
einzelnen mit unseren Verbündeten erörtert haben.
Der Vorschlag kam erst hier auf. Er wird hier nicht
weiter verfolgt, weil wird darüber erst mit den Verbündeten sprechen müssen. Es könnte möglicherweise
ein politisches Abkommen geben, das den Ländern
Mittel- und Osteuropas die Unterstützung der Idee

einer gesamtdeutschen Vollmitgliedschaft in der NATO
erleichtern und der Sowjetunion helfen könnte, dieser
Idee zuzustimmen. Einzelheiten müssen aber noch
erarbeitet werden, wenn wir auch nur einen Schritt in
diese Richtung unternehmen.
Ich sage damit nur, daß dieser Vorschlag hier unterbreitet wurde, und daß er unserer Ansicht nach zumindest erwägenswert ist. Bis das Abkommen Gestalt
annehmen kann, mu ß es im Hinblick auf die Einzelheiten noch mit Substanz gefüllt werden. Das könnten
vertrauensbildende Maßnahmen sein. Werweiß. Wir
wissen es noch nicht. Aber wir gehen dem nach und
werden es solange tun, bis wir das Problem gelöst
haben.
Frage: Könnte die gegenwärtige Kontrolle der vier
Mächte über Berlin dafür Modellcharakter haben?
Wäre das ein möglicher Rahmen?
Antwort: Nein, das glaube ich nicht. Der Vorschlag
war wirklich nur ganz allgemein und sehr vage.

Antwort: Das habe ich gerade getan. Es wurde die
Frage gestellt: "Wir erkennen diese neun Dinge, mit
denen sie uns gewisse Sicherheiten gegeben haben,
auf die wir bauen und auf die wir auch das sowjetische
Volk hinweisen können. In gewisser Weise reichen
diese Sicherheiten auch aus, aber nicht ganz. Was
können wir noch tun?" Nun, wir könnten zum Beispiel
die Möglichkeit eines Abkommen zwischen der NATO
und dem Warschauer Pakt erwägen. Vielleicht wird es
auch nur ein sich abzeichnender Dialog oder eine
vertrauensbildende Maßnahme. Ich weiß es nicht. Es
ist ein sehr frühes Stadium des Vorschlags, und wir
müssen ihn noch im einzelnen erörtern. Experten
müssen sich damit befassen, und es könnte sich in der
Analyse herausstellen, daß er auf beiden Seiten auf
nur geringe Unterstützung stößt. Aber er ist es wert,
berücksichtigt zu werden.
Frage: Herr Minister, Präsident Bush hat heute erneut
gesagt, die Vereinigten Staaten müßten eine Präsenz
in Europa aufrechterhalten, um Stabilität und Berechenbarkeit in diesem Teil der Welt zu gewährleisten.
Spricht er dabei nicht in Wahrheit unsere eigenen
unterschwelligen Ängste an, so gering sie zur Zeit
auch sein mögen, über ein vereinigtes Deutschland mit
einem militärischen Potential, wenn man daran denkt,
was auch unserem Land im 20. Jahrhundert zugefügt
wurde?
Antwort: Ich glaube nicht, daß er dies meint, obwohl
es stimmt, daß die Vereinigten Staaten in diesem
Jahrhundert zweimal in Europa gekämpft haben. Ein
stabiles Europa liegt in unserem Interesse.
Ich möchte dem noch hinzufügen, daß alle westlichen
Staaten, all unsere Verbündeten in der NATO, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland, den
Gedanken einer fortgesetzten US-Präsenz in Europa
unterstützen, und interessanterweise wird dieses
Konzept auch von drei Staaten des Warschauer Pakts
unterstützt. Die Sowjetunion hat uns gegenüber erklärt, daß sie die Idee einer fortgesetzten US-Präsenz
in Europa als stabilisierenden Faktor unterstützt.
Frage: Herr Minister, ich möchte an die von Ihnen
soeben vorgebrachten Gedanken anknüpfen - diese
Möglichkeit eines erweiterten Dialogs oder Verhältnisses zwischen NATO und Warschauer Pakt. Heute
morgen hat Jewgenij Primakow, ein enger Berater von
Präsident Gorbatschow, in der Sendung Sunday Today erklärt, und er sagte ausdrücklich, dies sei kein
Scherz: "Nun, vielleicht sollte die Sowjetunion der
NATO beitreten." Vielleicht übertreibt er, aber steckt
in seiner Erklärung nicht auch ein Kömchen Wahrheit?
Sie liegt nicht weit entfernt von dem, was sie gerade
beschrieben haben - daß es eine Art von neuem
Bündnis geben muß, das sowohl die Vereinigten Staaten als auch Mitteleuropa und die Sowjetunion umfassen würde.

Frage: Könnten Sie ihn noch einmal für uns umreißen?

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AMERIKA DIENST 22

�Antwort: Ich möchte zunächst klarstellen, daß ich
nichts vorschlage, das in irgendeiner Weise die Sicherheitsrolle und Verantwortung der NATO ersetzen würde.
Wir haben zum Beispiel festgestellt, daß vielleicht eine
Institutionalisierung des KSZE-Prozesses stattfinden
sollte und daß dieser dann auch eine Sicherheitskomponente haben könnte, aber nur, wenn er die Rolle der
NATO ergänzt und nicht ersetzt.
Jede Art von Vereinbarung, die man zwischen der
NATO und dem Warschauer Pakt erörtern könnte,
müßte - zumindest von unserem Standpunkt - eindeutig so beschaffen sein, daß die Sicherheitsverantwortung der NATO in keiner Weise verringert würde.
Was Primakows Vorschlag eines NATO-Beitritts der
Sowjetunion angeht, so wurde diese Frage zuerst bei
den Zwei-plus-Vier-Gesprächen in Bonn vor einigen
Wochen zur Sprache gebracht. Die Sowjetunion hat
noch keinen Antrag auf Beitritt zur NATO gestellt.
Wenn sie dies tun würde, so müßten wir meines
Erachtens zunächst einmal auf die Atlantik-Charta
zurückgreifen, eine Charta, die die Schaffung des
Nordatlantikvertrags geleitet hat und, soweit ich mich
erinnern kann, von demokratischen Nationen ausgeht.
Die Sowjetunion, so scheint mir, bewegt sich zwar in
Richtung auf Demokratie und Offenheit, aber sie hat
meines Erachtens noch eine Wegstrecke zu überbrükken, bis sie diesem Anspruch gerecht wird.
Ich möchte dazu noch erklären, daß der Oberste
Alliierte Befehlshaber Europa der NATO stets ein
Amerikaner war, und das ist Tradition und Brauch. Ich
kann mit Ihnen nur darüber spekulieren, ob die Sowjets
dies berücksichtigen, wenn sie den Vorschlag machen, daß sie vielleicht der NATO beitreten möchten.
Frage: Herr Minister, ich möchte Sie etwas über
Rüstungskontrolle fragen - eine technische Frage zur
SS-18-Rakete, einer ihrer schwersten und modernsten. Sie haben versucht, die Sowjets zu einer Begrenzung der Zahl von Flugerprobungen zu bewegen,
die sie jedes Jahr mit der SS-18 durchführten, um eine
Modernisierung dieser Rakete zu verhindern. Werden
Sie durch die Tatsache, daß sie einer Begrenzung der
Flugerprobung der SS-18 nicht zustimmen wollen,
nicht davon überzeugt, daß sie in der Tat die Modernisierung der SS-18 betreiben, um einen Vorteil zu
erringen?
Antwort: Ich glaube, die Tatsache kann nicht bestritten werden, daß sie modernisiert haben oder ihr nukleares Abschreckungspotential weiter modernisieren, wie wir das ja auch tun. Lange Zeit bestand die
Verhandlungsposition der Vereinigten Staaten darin,
daß wir ein ausdrückliches Verbot der Modernisierung
gefordert haben. Als sie jedoch die gleiche Frage an
uns richteten, "seid ihr bereit, mit uns zu vereinbaren,
daß ihr euer nukleares Abschreckungspotential nicht
weiter modernisiert?", haben wir sehr rasch das Interesse an einem solchen Ansatz verloren.

AMERIKA DIENST 22

Wir haben also versucht, sie zu einer Begrenzung der
Flugerprobung dieser schweren Raketen zu bewegen.
Das ist eine der Fragen, die noch auf dem Verhandlungstisch liegen und die wir noch nicht lösen konnten.
Das ist eines der drei Probleme, die noch gelöst
werden müssen, bevor ein START-Vertrag unterzeichnet werden kann.
Frage: Der ehemalige Abteilungsleiter im Verteidigungsministerium Richard Perle hat behauptet, daß
sie trotz ihrer Bereitschaft zur Halbierung der Anzahl
ihrer SS-18 die noch verbleibenden durch Modernisierung doppelt so effektiv machen können, und Sie dann
am Ende einen Gewinn von Null haben. Welchen
Gewinn erzielen Sie denn dabei?
Antwort: Wir haben meines Erachtens daraus mehr
gewonnen als wir vielleicht während der vergangenen
Administration gewonnen haben, als andere über diese Vereinbarungen verhandelten, und meines Erachtens läuft alles auf diesen Punkt hinaus: Wollen Sie
308 schwere Raketen auf die Vereinigten Staaten und
unser strategisches Abschreckungspotential gerichtet
wissen? Und daß sie diese 308 womöglich noch
modernisieren? Oder wollen Sie, daß sie nur 154
besitzen und 154 modernisieren, insbesondere, wenn
die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, Begrenzungen für die Modernisierung ihres eigenen nuklearen
Abschreckungspotentials zu akzeptieren?
Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. Wir
verhandeln weiterhin über die Frage von Begrenzungen der Flugerprobung, und wir werden dieses Problem weiterverfolgen.
Frage: Herr Minister, in diesen informellen Gesprächen, die Sie gestern mit der sowjetischen Delegation,
darunter auch Präsident Gorbatschow, in Camp David
geführt haben, konnten Sie ihn da auch unmittelbar
und persönlich fragen, "Michail, was werden Sie mit
dem Brotpreis in der Sowjetunion am 1. Juli machen,
und wie in aller Welt werden Sie diese wirtschaftlichen
Probleme lösen, die ja auch ein integraler Bestandteil
des Verhältnisses zwischen unserem Land und der
Sowjetunion sind?"
Antwort: Wir haben schon im vergangenen Jahr
Gespräche mit ihnen über einige der Wirtschaftsprobleme geführt. Wir bemühen uns auf vielfältige Weise,
mit ihnen auf technischem und wirtschaftlichem Gebiet
zusammenzuarbeiten. Sie haben uns um Rat gebeten, sie haben unsere Experten um Rat gefragt, und
eine Reihe von Experten sind ja schon in die Sowjetunion gereist.
Im Hinblick auf die Frage nach dem Brot, ist dies
meines Erachtens ein Bereich, den sie in ihrem wirtschaftlichen Reformprogramm vielleicht ein wenig anders
behandeln müssen. Und während sie die Preise
steigen lassen, so werden sie wahrscheinlich die wirklich Bedürftigen in ihrer Gesellschaft vor diesen Preis-

Seite 3

�erhöhungen zu schützen versuchen, indem sie ein
Netz der sozialen Sicherheit flechten.
Der Brotpreis hat einen solch starken Symbolcharakter, daß sie dieses Problem wahrscheinlich etwas
anders behandeln werden. Vielleicht finden sie einen
Weg, damit niemand durch die Erhöhung des Brotpreises geschädigt wird.
Frage: Wird es dieses Jahr einen weiteren Gipfel
Bush-Gorbatschow in Moskau geben?
Antwort: Nun, Sie haben gehört, daß der Präsident
erklärt hat, wir sollten regelmäßige Gipfeltreffen ha-

ben, und diese sollten häufiger stattfinden. Es wurde
aber noch kein Datum für das nächste Treffen vereinbart.
Frage: Das wäre dann aber im November. Dezember? Können wir davon ausgehen?
Antwort: Nein, ich würde noch nichts überstürzen. Es
ist noch nichts entschieden worden. Es wird aber mehr
geben, wenn die Wünsche der beiden Präsidenten
erfüllt werden, und ich gehe davon aus, daß sie erfüllt
werden.

* * * *

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*

AMERIKA DIENST 22

�WIRTSCHAFT
6. Juni 1990

BRADY WARNT VOR ÜBERTRIEBENEN
INFLATIONSÄNGSTEN
Erklärung bei der OECD
PARIS - (AD) - Dem amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady zufolge sollten sich die Staaten nicht durch
eine übertriebene Furcht vor Inflationsgefahren davon abhalten lassen, Maßnahmen für die weitere Expansion
der Wirtschaft zu verfolgen.
Beim Ministertreffen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris
erklärte Brady am 30. Mai 1990, die Inflationsprobleme einiger Länder seien wahrscheinlich vorübergehender
Natur. Allerdings sollten die Inflation und auch die Entwicklungen auf den Finanzmärkten aufmerksam
beobachtet werden.
Zum Thema der internationalen Zahlungsbilanzen müssen die Vereinigten Staaten, so der Minister, als
Defizitland ihre Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zugunsten einer erhöhten Sparquote einschränken, während die Überschußländer Japan und die Bundesrepublik Deutschland das Gegenteil tun sollten, also
die Nachfrage ankurbeln und die Investitionstätigkeit erhöhen.
Während Osteuropa und die Entwicklungsländer große Summen aus den weltweit angehäuften Ersparnissen
zur Stimulierung von Investitionen benötigten, sollten Japan und die Bundesrepublik Deutschland dies nicht als
Vorwand benutzen, um ihre Sparquote übermäßig anwachsen zu lassen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bradys Erklärung im Wortlaut:

Die makroökonomische Situation
Das seit unserem letzten Treffen vergangene Jahr war
sowohl von bemerkenswerter Kontinuität als auch
tiefgreifenden Veränderungen in der Weltwirtschaft
gekennzeichnet:
Kontinuität, da sich der weltweite Aufschwung
mit einer dauerhaften Zuwachsrate im achten
Jahr in Folge fortsetzte;
Veränderungen, da Menschen in der ganzen
Welt - besonders in Osteuropa - einen Weg zum
Wohlstand eingeschlagen haben, der auf Marktkräften und politischer Rechenschaftspflicht
basiert.
Als Ergebnis dessen stehen wir heute vor Herausforderungen - einigen alten, einigen neuen -, die uns in
den kommenden Jahren auf die Probe stellen werden,
uns aber gleichzeitig Chancen eröffnen, um dauerhafte Fortschritte bei einigen seit langem bestehenden
Zielen zu erlangen.
AMERIKA DIENST 22

Unsere Hauptaufgabe zu Beginn der neunziger Jahre
besteht in der Förderung gesunder Volkswirtschaften
als Voraussetzung für Erfolge in vielen Bereichen. Wir
teilen das allgemeine Gefühl des Optimismus im Hinblick auf die kurzfristigen Aussichten für die OECDLänder.
Ein reales Wachstum von 3 Prozent erscheint bis Ende
1991 in derOECD als haltbar. Das moderate amerikanische Wirtschaftswachstum in diesem Jahr dürfte im
Jahr 1991 einem etwas stärkeren Zuwachs Platz
machen. Das Wachstum in Japan dürfte weiterhin weit
überdurchschnittlich ausfallen, und die Aussichten für
Europa sind erheblich verbessert worden. In einigen
Landern hat die Inflationsentwicklung Besorgnis hervorgerufen, sie sollte allerding nach Abschwächung
einiger vorübergehender Faktoren unter Kontrolle
bleiben.
Trotzdem ist in wichtigen Bereichen noch manches zu
tun. Die Entwicklungen auf den Finanzmärkten müssen aufmerksam beobachtet werden, und auch die
Seite 1

�Inflation wird weitere Wachsamkeit erfordern. Gleichzeitig müssen wir eine ausgewogene Sichtweise zu
den Inflationsrisiken beibehalten und dürfen nicht zulassen, daß übertriebene Ängste die Aussichten auf
anhaltendes Wirtschaftswachstum schmälern.
Obwohl beim Abbau der Handels- und Leistungsbilanzdefizite begrüßenswerte Fortschritte erzielt wurden, waren diese doch weniger umfassend als erhofft,
und weitere Fortschritte sind erforderlich.
Länder mit Haushalts- und Außendefiziten, wie etwa
die Vereinigten Staaten, sollten ein gemäßigtes Wachstum der Binnennachfrage und einen Zuwachs der
Spar- gegenüber der Investitionstätigkeit anstreben,
um zum Abbau ihres Leistungsbilanzdefizits beizutragen. Länder in einer starken haushaltspolitischen
Situation im Verein mit außenwirtschaftlichen Überschüssen, wie etwa Japan und die Bundesrepublik
Deutschland, sollten die Binnennachfrage ankurbeln
und danach streben, die Investitions- gegenüber der
Spartätigkeit zu erhöhen. In diesem Zusammenhang
möchte ich die Bedeutung eines weiteren Abbaus der
jeweiligen Ungleichgewichte sowohl in Überschuß als
auch Defizitländern unterstreichen. Zunehmende
Aufmerksamkeit wurde dem wachsenden weltweiten
Bedarf an Ersparnissen und Investitionen in Osteuropa und andernorts zuteil. Dies sollte nicht mit der für
die Überschußländer bestehenden Notwendigkeit
verwechselt werden, ihre außenwirtschaftlichen Überschüsse durch eine Erhöhung der Investitionstätigkeit
gegenüber der Spartätigkeit zu reduzieren. Dies bleibt
für eine ausgewogene außenwirtschaftliche Anpassung ebenso unerlä ßlich wie die Erhöhung der Spartätigkeit gegenüber der Investitionstätigkeit in den Defizitländern.
Ich bin mir bewußt, daß ein Interesse an den jüngsten
haushaltspolitischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten besteht. Ich versichere Ihnen, daß die
Administration entschlossen ist, dieses Problem in den
Griff zu bekommen. Zu diesem Zweck hat Präsident
Bush überparteiliche Gespräche mit dem amerikanischen Kongreß eingeleitet, die auf eine Wiederherstellung des Schwungs zum Defizitabbau im Bundeshaushalt abzielen.
Strukturelle Reformen
Die bestmögliche langfristige Förderung unserer
gemeinsamen Interessen erfordert es, daß wir gesunde und koordinierte makroökonomische Maßnahmen
mit grundlegenden strukturellen Reformen ergänzen.
Wir teilen die Einschätzung des Sekretariats, daß
wesentlich mehr getan werden könnte, um die strukturellen Hemmnisse für Wachstum, internationalen Handel
und die Schaffung neuer Arbeitsplätze abzubauen. So
würde zum Beispiel die Beseitigung restriktiver Vor-

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schriften im Hinblick auf Distribution, Verkehrswesen
und Telekommunikationssysteme binnenwirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Fairneß fördern und neue
Chancen für Handel und Investitionen eröffnen. In
vielen Ländern haben arbeitsrechtliche Vorschriften
und Praktiken zusammen mit gut gemeinten sozialen
Leistungsprogrammen zu erheblichen Verkrustungen
auf den Arbeitsmärkten mit sehr hoher Langzeitarbeitslosigkeit und einem schlechten Abschneiden bei
derSchaffung neuer Arbeitsplätze geführt. Subventionen für Industrie und Landwirtschaft sind weiterhin
übermäßig hoch, verschwenden Ressourcen, die
anderswo effektiver eingesetzt werden könnten und
verzerren die internationalen Investitions- und Handelsflüsse.
Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß die Lösung für
diese Art von Problemen hauptsächlich binnenwirtschaftlicher Natur. Es ist jedoch unerläßlich, daß wir
zu der Erkenntnis gelangen, daß strukturelle Verkrustungen bedeutende internationale Auswirkungen
haben. Weil ihre Kosten von vielen getragen werden
- wie ja auch die Vorteile von Reformen vielen zugute
kommen würden -, sind diese Maßnahmen ein geeignetes Thema für internationale Gespräche.
Das Sekretariat der OECD verdient ein besonderes
Lob für die intensive Arbeit, die es im Bereich struktureller Reformen geleistet hat. Indem es die notwendigen Reformen in den einzelnen Ländern identifiziert
und spezifische Empfehlungen für die zu treffenden
Maßnahmen unterbreitet hat, konnte das Sekretariat
einen wichtigen Beitrag zum Entscheidungsfindungsprozeß leisten.
Die OECD bleibt das wichtigste Forum für multilaterale
Gespräche über strukturelle Fragen. Wir unterstützen
voll und ganz die Arbeit, die sie bis heute geleistet hat
und ermutigen sie energisch, auf dem von ihr gelegten
Fundamentweiteraufzubauen. So betrachten wir zum
Beispiel die internationalen Vergleiche von Verkrustungen sowie deren Kosten und die systematischen
Untersuchungen im Hinblick auf die erforderlichen
Reformen als äußerst nützlich.
Ich möchte in diesem Zusammenhang bemerken, daß
die Notwendigkeit struktureller Reformen aufgrund der
Entwicklungen in Osteuropa eine neue Dimension
erhalten hat. Wir begrü ßen die Rolle der OECD bei der
Förderung marktorientierter struktureller Reformen in
diesen Ländern, insbesondere die Einrichtung des
Zentrums für Kooperation mit den europäischen Volkswirtschaften im Übergang. Wir fordern, daß dieses
Zentrum mit angemessenen Mitteln und Unterstützung ausgestattet wird, damit es seinen beabsichtigten Aufgaben gerecht wird und die OECD eine entscheidende Rolle bei der Erleichterung der Umgestaltung zu marktorientierten Volkswirtschaften spielen
kann, die sich gegenwärtig in Osteuropa vollzieht.

AMERIKA DIENST 22

�Umwelt
Wir gehen ferner davon aus, daß die OECD einen
wertvollen Beitrag für die Umwelt leisten kann, indem
sie ökonomische Dimensionen internationaler Umweltfragen untersucht und uns dadurch hilft, umweit und
wirtschaftspolitische Erwägungen besser in den Entscheidungsfindungsprozeß zu integrieren.

*

Unsere Haltung zu Umweltfragen gründet sich auf
einige allgemeine Vorschläge. Erstens können die
Staaten nicht auf die endgültige Klärung noch bestehender wissenschaftlicher Unsicherheiten warten, bevor
sie handeln. Zweitens sollten die Staaten heute schon
solche Maßnahmen durchführen, die bereits durch
ökonomische und andere Gründe gerechtfertigt sind.
Drittens sollte sich jede erwogene Maßnahme auf ein
bestimmtes Ziel konzentrieren und kostenwirksam sein.
Viertens werden die wirksamsten Maßnahmen diejeni-

gen sein, die sowohl die Umwelt schützen als auch die
weitere wirtschaftliche Entwicklung gestatten.
Die bereits in der OECD veranlaßten Maßnahmen darunter beispielsweise die Entwicklung spezifischer
umweit- und wirtschaftspolitischer Indikatoren - werden uns helfen, diese Leitlinien in solide politische
Beschlüsse umzusetzen. Arbeiten wie diese werden
uns allen dabei helfen, einen Ansatz zum Umweltschutz zu formulieren, der nicht einfach auf der Begrenzung des Wachstums basiert, sondern auf der
Gewährleistung eines effizienteren, umweltverträglichen Wachstums.
Wir stehen vor großen Herausforderungen. Aber wir
sind davon überzeugt, daß ein kluger und flexibler
Ansatz, der Kosten und Vorteile berücksichtigt, langfristig die klügste Investition ist.

* *

AMERIKA DIENST 22

*

Seite 3

�URUGUAY-RUNDE
6. Juni 1990

LANDWIRTSCHAFT SCHLÜSSEL ZUM ERFOLG DER
URUGUAY-RUNDE
Rede der US-Handelsbeauftragten Hills bei der OECD
PARIS - (AD) - In ihrer Rede beim jährlichen Ministertreffen der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erklärte die US-Handelsbeauftragte Carla Hills, Reformen in der Landwirtschaft
seien für den Erfolg der voraussichtlich im Dezember endenden Uruguay-Runde multilateraler Handelsverhandlungen unabdingbar. Hills zufolge müssen die Teilnehmerländer noch vor der Zusammenkunft im Juli Richtlinien
für Reformen beim Zugang zu Agrarmärkten, Stützung der Inlandsmärkte und Exportsubventionen erarbeiten.
Beim im Juli stattfindenden Treffen des Ausschusses für die Handelsverhandlungen (Trade Negotiating
Committee - TNC) beim Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) soll der Kurs für die Arbeit der 15
Arbeitsgruppen der Uruguay-Runde bestimmt werden.
Die US-Handelsbeauftragte erklärte femer, den im Juli aufgestellten Richtlinien müßten politische Verpflichtungen zum Abbau von Schranken in jedem Bereich der Agrarverhandlungen folgen.
Hills appellierte darüber hinaus an die OECD-Mitglieder, die Beteiligung der Entwicklungsländer an allen Teilen
der Uruguay-Runde sicherzustellen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Hills' Rede im Wortlaut.

Ich habe kürzlich ein großes Schild bestellt, um es gut
sichtbar vor dem Büro des US-Handelsauftragten
aufzustellen. Die Aufschrift wird täglich geändert.
Heute ist darauf zu lesen: 187 Tage bis Brüssel. Das
bedeutet, bis zum TNC-Treffen im Juli sind es nur noch
53 Tage. Und bis dahin müssen wir in allen Bereichen
der Uruguay-Runde über Entwürfe für Abkommen
oder Arbeitspapiere verfügen.
1

Daher müssen wir jetzt - ganz entschieden - handeln,
wenn wir vorzeigbare Ergebnisse vorweisen wollen.
Die Vereinigten Staatne werden kein Abkommen unterstützen, -das nur marginale Veränderungen im
Handelssystem hervorbringt. Präsident Bush hat letzte Woche in einer Grundsatzrede zur Handelspolitik
erklärt: Kein Abkommen ist besser als ein schlechtes
Abkommen.
Daher mu ß dieses Gremium seine Anstrengungen auf
Fragen konzentrieren, die im Hinblick auf gute Fortschritte beim TNC-Treffen im Juli Hindernisse aufwerfen und damit den Erfolg der Runde gefährden. Ich
spreche hier von Landwirtschaft, Subventionen und
der Frage des Gleichgewichts bei den Verhandlungen.
AMERIKA DIENST 22

Landwirtschaft
Landwirtschaft ist der Eckpfeiler der Verhandlungen.
Wir haben in Puerto Vallarta deutlich vernommen, daß
sie für einige Länder das einzige Problem ist.
Wenn wir grundlegende Reformen erreichen wollen,
müssen wir bis zum TNC-Treffen im Juli folgendes
erarbeiten: Ein Rahmenwerk zur Erlangung erheblicher, schrittweiser Reduzierungen in jedem Bereich
der Verhandlungen - Marktzugang, Stützung des Binnenmarkts und Exportsubventionen, und wir müssen
uns auf einen Text einigen, der sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen regelt. Danach müssen harte
Verhandlungen darüber aufgenommen werden, wie
weit Reduzierungen in jedem Bereich gehen und wie
schnell sie erfolgen sollen. Die Ergebnisse müssen
dann in bindende Länderprogramme umgesetzt werden, die eine nachweisliche Marktliberalisierung hervorbringen.
Um dies zu erreichen, müssen sich unsere Unterhändler auf Mechanismen konzentrieren, mit denen in jedem Bereich der Agrarverhandlungen greifbare ReduSeite 1

�zierungen hervorgebracht werden können. Solche
Reduzierungen können nicht durch Anwendung einer
einzelnen Maßnahme erlangt werden. Grundlegende
Reformen werden uns vielmehr besondere politische
Verpflichtungen in jedem Bereich abverlangen. Wir
müssen uns zum Beispiel auf folgendes einigen:
wie Schranken zum Marktzugang abzubauen
sind, damit Marktsignale die Agrarproduktion
steuern können,
wie Exportsubventionen nach und nach abgeschafft werden können,
welche Stützungen des Binnenmarktes gestattet werden und welche bestimmten Regeln unterworfen werden sollen,
auf Regeln, mit denen sich sanitäre und phytosanitäre Maßnahmen steuern lassen.
Ich weiß, daß Landwirtschaftsminister Yeutter zu diesem Thema viel beitragen kann. Ich möchte jedoch
wiederholen, was Präsident Bush in seiner Rede zur
Handelspolitik erklärt hat: "Ohne grundlegende Reformen in der Landwirtschaft kann die Uruguay-Runde
nicht erfolgreich abgeschlossen werden."
Subventionen für die Industrie
Wir wollen den Staat nicht nur aus den landwirtschaftlichen Betrieben, sondern auch aus den Stahlwerken,
Werften und Fabriken auf der ganzen Welt heraushalten. Das heißt, wir müssen uns dafür engagieren, den
Einsatz handelsverzerrender Subventionen zu drosseln.
Die bestehenden Regeln haben uns im Stich gelassen.
Sie haben es den Regierungen gestattet, den Markt
mit massiven Subventionen auf dem Binnenmarkt zu
bestechen. Damit waren die betroffenen Industriezweige nicht in der Lage, zu handeln, bis die sogenannten internationalen "Effekte" aufgetreten sind. Dann
war es natürlich zu spät, um bleibende Schäden abzuwenden.
Wir sollten uns darauf einigen, daß unsere Industrie
von nun an einzig auf der Basis von Preis und Qualität
konkurrieren soll und nicht auf der Basis des Finanzrahmens unserer Regierungen. Dies kann nur erzielt
werden, wenn das bestehende Verbot von Exportsubventionen auf handelsverzerrende Subventionen im
Inland ausgeweitet wird.
Staatliche Subventionen können natürlich eine gewisse Rolle spielen, wenn es darum geht, bestimmte
sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen zu verwirklichen. Die Vereinigten Staaten sind sich bewußt,
daß viele Länder eine sogenannte "grüne" Kategorie
zulässiger Subventionen schaffen wollen. Darüber
hinaus wollen viele Länder Veränderungen bei den
Gesetzen über Ausgleichszölle.

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Die Vereinigten Staaten räumen diesen Vorschlägen
jedoch keine Chance ein, wenn Subventionen im Inland nicht gedrosselt werden. Unsere Unterhändler
kommen morgen in Genf zusammen, um den Entwurf
des Vorsitzenden über Subventionen zu erörtern. Sie
müssen neue Vorschriften für Subventionen im Inland
erarbeiten wie auch für deren Verbot unter bestimmten
Bedingungen.
Integration der Entwicklungsländer
Zum Schluß möchte ich mich einem Bereich zuwenden, der allgemein Anlaß zur Sorge bietet - die Integration der Entwicklungsländer. Es liegt an den Ländern
an diesem Verhandlungstisch, sicherzustellen, daß
Entwicklungsländer alle Vorteile des GATT-Systems
abschöpfen können. Der Vorsitzende hat dazu in
Puerto Vallarta erklärt: "Diese Verhandlungen sollten
mit dem bestehenden Ungleichgewicht im Hinblick auf
die GATT-Verpflichtungen zwischen neuen und alten
Vertragspartnern fertigwerden. Der beste, dem Handel förderliche Weg, auf dem dies zu erreichen ist,
besteht darin, zu gewährleisten, daß sich alle Länder
an den laufenden Verhandlungen beteiligen."
In dieser Hinsicht ist der von mir bereits angesprochene Fortschritt bei den Agrarverhandlungen von entscheidender Bedeutung. Abgesehen von der Landwirtschaft müssen wir handeln, um die Teilnahme der
Entwicklungsländer an den Verhandlungen über Marktzugang, Gatt-Regeln und neue Probleme sicherzustellen.
An den Verhandlungen über Marktzugang nehmen die
Entwicklungsländer noch nicht in ausreichendem Maße
teil. Ich schlage vor, daß wir uns darauf einigen, mit
gutem Beispiel voranzugehen und unter uns bilaterale
Verhandlungen planen, damit wir den Zielsetzungen
von Montreal gerecht werden. Die Vereinigten Staaten
engagieren sich weiterhin für ausgehandelte Ergebnisse in allen Bereichen - von Textilien bis zu tropischen Produkten. Bei Textilien dürfen wir nicht länger
mit Firmennamen und Slogans handeln, sondern müssen
grundsätzliche Fragen ansprechen, wie etwa Verbreitung, Zuwachsraten und Sicherheitsmaßnahmen. Nur
auf diesem Wege werden wir bis Juli erfolgreich ein
Rahmenwerk ausgearbeitet haben.

Bei den Vorschriften sollten die Verhandlungen ausgewogene und effektive Richtlinien zu allen Ausnahmen
von den GATT-Regeln hervorbringen, einschließlich
der Maßnahmen über Zahlungsbilanzen. Die Vereinigten Staaten, Kanada und die Europäische Gemeinschaft haben Vorschläge dazu unterbreitet. Dennoch
müssen sich noch manche an diesem Tisch uns anschließen. Viele Entwicklungsländer müssen sich
noch darauf einigen, derartige Reformen überhaupt
anzusprechen. Diese Situation ist nicht akzeptabel
und kann kein ausgewogenes Ergebnis hervorbringen. Deshalb möchte ich Sie alle bitten, ihre Positio-

AMERIKA DIENST 22

�nen zu überdenken und sich dazu zu äu ßern, damit wir
die erforderlichen Fortschritte bei Zahlungsbilanzreformen machen können.

,

:

Schließlich müssen wir die angemessene Teilnahme
der Entwicklungsländer an umfassenden Abkommen
über neue Probleme sicherstellen. Diese Verhandlungern sollten nicht im Kontext des Nord/Südgefälles
betrachtet werden. Wenn die Märke für den freien Flu ß
von Dienstleistungen und Investitionen geöffnet werden und geistiges Eigentum geschützt wird, werden
damit die Technologie und das Wachstum geschaffen,
nach denen die Entwicklungsländer verlangen. Daher
können wir es uns weder leisten, die Entwicklungsländer von diesen Abkommen auszuschließen noch können
wir für sie nachteilige Regeln aufstellen.

AMERIKA DIENST 22

Zusammenfassung
Wir haben heute die Chance, ein neues Kapitel in der
Geschichte der Wirtschaftsbeziehungen zu schreiben.
Eine erfolgreiche Uruguay-Runde kann das Wachstum im 21. Jahrhundert ankurbeln. Sie kann einigende, nicht entzweiende Wirkung auf den Handel haben
und von Brasilien bis Budapest ein offenes internationales Handelssystem schaffen.
Kurzum: die Runde bietet letztmalig der Welt die beste
Gelegenheit, mit freiem und fairem Handel für alle ins
nächste Jahrhundert einzutreten.
Die Zeit ist kurz, die Aufgabe schwer. Ich möchte mit
den Worten schließen, daß morgen, zum Zeitpunkt
der Veröffentlichung unseres Kommuniques nur noch
186 Tage bleiben, um einen Erfolg zu sichern.

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Gipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush und Gorbatschow zufrieden mit Fortschritten bei START&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Weltmächte unterzeichnen Verpflichtung gegen Verbreitung von Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Gipfelerklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker: gesamtdeutsche NATO-Mitgliedschaft erfordert Garantien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fernsehinterview des Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brady warnt vor übertriebenen Inflationsängsten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung bei der OECD&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Uruguay-Runde&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Landwirtschaft Schlüssel zum Erfolg der Uruguay-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Handelsbeauftragten Hills bei der OECD&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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...3V'

13. Juni 1990

BAKER: UNGETEILTES UND FREIES
EUROPA IN GREIFBAR NÄHE GERÜCKT
Rede des US-Außenministers bei
der KSZE

^

NATO

BAKER: NEUN ZUSICHERUNGEN AN
DIE SOWJETS
Rede des US-Außenministers beim
Nordatlantikrat

VSBM

NATO SCHLÄGT NEUEN SICHERHEITSMECHANISMUS VOR
Von Botschafter John J. Maresca
US-Delegationsleiter bei den
VSBM-Gesprächen in Wien

ILO

ILO ERHALT AMERIKANISCHE ZUSCHUSSE
FÜR ARBEIT IN OSTEUROPA
Rede von Arbeitsministerin
Elizabeth Dole

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�KSZE
13. Juni 1990

BAKER: UNGETEILTES UND FREIES EUROPA IN
GREIFBARE NÄHE GERÜCKT
Rede des US-Außenministers bei der KSZE
KOPENHAGEN - (AD) - In seiner Rede bei der KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension erklärte USAußenminister James Baker am 6. Juni 1990: "Wir sind der Verwirklichung der langgehegten Vision eines
ungeteilten und freien Europas näher als je zuvor." Baker zufolge waren die Aussichten für die Achtung und den
Schutz der Menschenrechte "niemals besser", und seiner Ansicht nach ist es an der Zeit, daß die KSZE
zusätzliche Aufgaben übernimmt, um die "Freiheit aller Menschen" sichern zu helfen.
Damit die KSZE ihre Aufgabe erfüllen kann, unterbreitete Baker eine Reihe von Vorschlägen zur Stärkung des
KSZE-Prozesses: regelmäßige Konsultationen von Ministern und hochrangigen Regierungsvertretern, häufiger
stattfindende Folgekonferenzen, in Kopenhagen die Verabschiedung und beim KSZE-Gipfel die Bestätigung des
Grundsatzes von freien und fairen Wahlen, politischem Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit.
Bei diesem Ministerireffen werden Vorbereitungen für einen KSZE-Gipfel Ende des Jahres getroffen, wo die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion erwartungsgemäß ein Abkommen über Konventionelle Streitkräfte in
Europa (KSE) unterzeichnen werden. Baker erklärte dazu, "Präsident Gorbatschow hat vergangene Woche
angedeutet, daß er diese Auffassung teilt," und verwies darauf, gerade die KSZE sei das Forum, indem die
Vereinigten Staaten, Kanada und alle Länder Europas eine gemeinsame Basis finden können, um diesen
Herausforderungen gerecht zu werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede "Die KSZE: Das Gewissen des Kontinents" im Wortlaut:

Wir werden gegenwärtig Zeuge der Entstehung eines
neuen Zeitalters in Europa.

Deshalb sind wir hier.

Wir leben in einer Zeit der Gespräche über neue
Strukturen, Gremien, Ausschüsse, Bündnisse und
gemeinsame Häuser.

Der Begriff Menschenrechte ist ein moderner Begriff.
Aber er geht auf die Worte - und das Bewußtsein engagierter Menschen in der langen Geschichte Europas zurück.

Dies sind zweifellos gewichtige Themen.

Auf die Kodizes von König Knut.

Aber all diese Überlegungen der Politiker und Diplomaten, Wissenschaftler und Gesetzgeber werden zu nichts
führen, wenn man eine Grundannahme außer acht
läßt.

Die Magna Carta.

Diese Prämisse lautet, daß "alle Menschen gleich
geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit
gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind;
daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück
gehören".
"Zur Sicherung dieser Rechte (müssen) Regierungen
unter den Menschen eingesetzt werden, die ihre i echtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten
ableiten."
AMERIKA DIENST 23

Die Bill of Rights.
Die Erklärung über die Rechte des Menschen.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
Die Schlußakte von Helsinki.
Es gab Zeiten, da blieben diese Worte wegen schreiender Massen, Gefängnistore und Geheimpolizei
ungehört. Es gab auch Zeiten, da diese Worte verbrannt und verboten wurden.

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�Aber die nachfolgenden Generationen führten sie dann
wieder im Mund.

eingehaucht. Sie haben den Worten neue Bedeutung
verliehen.

Sie konnten nicht zerstört werden - weil sie den Menschen aus der Seele sprechen.

Bald darauf haben diese Worte zu mutigen Taten
geführt, die Diktatoren und Einparteienstaaten nicht
begreifen konnten.

Genau dieselben Ideen, die schon Jefferson und
Montesquieu bewegten, liegen heute den Worten von
Havel und Geremek zugrunde. Sie bestimmen unsere
Erinnerung an die Geschichte und weisen uns den
Weg in die Zukunft.
Immer wieder konnten wir beobachten, wie die Verachtung der Menschenwürde durch Regierungen zu
beispiellosen Leiden geführt hat. Jede Generation,
auch unsere, hat die Lektion unserer Gründerväter
gelernt - daß wir gemeinsam in Gefahr geraten, wenn
wir unsere Augen vor den Leiden verschließen, die
Intoleranz und Unterdrückung mit sich bringen.
Thomas Jefferson hat es vor zweihundert Jahren so
formuliert: Wir müssen "auf Gottes Altar jeder Form
der Tyrannei über den menschlichen Geist ewige
Feindschaft schwören".
Und somit müssen wir uns als Vertreter der Menschen
aus 35 Ländern wiederum der Sache der Menschenrechte verschreiben, und wir müssen die demokratischen Werte bestätigen, die unser Vermächtnis der
Vergangenheit sind.
Wir sind der Verwirklichung der langgehegten Vision
eines ungeteilten und freien Europas näher als je
zuvor. Aber wenn wir die Arbeit aufnehmen und große
Entwürfe und langfristige Konzepte in Erwägung ziehen, müssen wir die Richtung finden, indem wir uns
eine Zusammenkunft vor 15 Jahren ins Gedächtnis
zurückrufen. Damals lebten die Völker Mittel- und
Osteuropas noch in einem künstlich geteilten Europa,
isoliert hinter einer Mauer, einem dunklen Vorhang,
der das Licht der Welt nur schwach durchließ.
In diesen schweren Zeiten setzte eine Gruppe unerschrockener Menschen in einer kleinen Wohnung in
Moskau ihre Freiheit aufs Spiel, um die erste KSZEBeobachtergruppe zu bilden. Sie verurteilte die Dunkelheit der Tyrannei und gelobte, die Verweigerung der
Menschenrechte ans Licht zu bringen. Ihr Leiter Juri
Orlow, der heute hier bei uns ist, rief die HelsinkiBewegung mit einem Trinkspruch ins Leben, der ebenso
maliziös wie herausfordernd war: "Auf den Erfolg
unseres hoffnungslosen Unterfangens."
Dr. Orlow und seine Mitstreiter haben für dieses Gelöbnis teuer bezahlen müssen. Sie wurden einer nach
dem anderen verfolgt, eingesperrt und ausgewiesen.
Alle haben gelitten, und einige sind gestorben. Dennoch sind viele nach und nach ihrem selbstlosen
Beispiel gefolgt und haben in der Sowjetunion, in
Mittel- und Osteuropa die Idee von Helsinki aufgegriffen. Und diese mutigen Männer und Frauen haben
einer nach dem anderen dem KSZE-Prozeß Leben

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In Katowice in Polen maßen die Aktivisten für die
Demokratie der Schlußakte so große Bedeutung bei,
daß sie den Sicherheitskräften die Stirn boten, um
Kopien an ihre Nachbarn verteilen zu können. Und an
das Madrider Treffen der Unterzeichnerstaaten der
KSZE-Schlußakte wandten sich im Exil lebende Führer der Gewerkschaft Solidarität nach Verhängung des
Kriegsrechts und proklamierten, sozialer Frieden ohne
soziale Gerechtigkeit sei nicht möglich.
Die Charta 77 in der Tschechoslowakei führte zur
Verteidigung ihrer zu Unrecht verfolgten Landsleute
immer wieder die Schlußakte von Helsinki an. Sie
wurden verfolgt, weil sie "ein ehrliches Leben" lebten
und - wie Vaclav Havel es nannte, die lobenswerte
Ungeheuerlichkeit besaßen, zu glauben, ihre Worte
und Ideale könnten etwas ändern. Jetzt führen die
Gründungsmitglieder der Charta - Präsident Havel und
Minister Dienstbier, um nur zwei zu nennen - die neue
Republik der Tschechen und Slowaken in die Demokratie.
Als Bukarests wundervolle alte Gebäude dem Erdboden gleichgemacht wurden und die Existenz ganzer
Dörfer von der Willkür eines Diktators bedroht waren,
wandten sich die Menschen an die Menschenrechtskonferenz der KSZE, um die weitere Zerstörung des
einmaligen kulturellen Erbes in Rumänien aufzuhalten.
Unmittelbar bevor die Berliner Mauer fiel, suchten
unzählige DDR-Flüchtlinge über Ungarn den Weg in
die Freiheit. Die ungarische Reformregierung wurde
von Forderungen der DDR-Behörden bedrängt, den
neuen Freiheiten alte Regeln in den Weg zu stellen,
aber sie wandte sich anderen Regeln zu. Die Ungarn
führten ihre KSZE-Verpflichtungen ins Feld, um den
entscheidenden Akt der freien Durchreise zu rechtfertigen.
Und die KSZE-Umweltkonferenz in Sofia hat die
demokratische Opposition zusammengeschmiedet und
die Bewegung eingeleitet, die beispiellose Veränderungen in Bulgarien erwirkt hat.
Beim Ausgang des kalten Kriegs sehen wir uns immer
noch mit zahlreichen schwelenden nationalen, religiösen und ethnischen Konflikten konfrontiert, die unserer
Zivilisation solange Unglück beschert haben. Die
KSZE, die NATO, die EG und andere demokratische
Institutionen in Europa müssen jetzt eine grö ßere Rolle
bei Vertiefung und Ausbau der europäischen Einheit
spielen. Wir müssen gewährleisten, daß diese Organisationen sich weiterhin ergänzen und stärken.

AMERIKA DIENST 23

�Die NATO wird weiterhin unerläßlicher Garant für den
Frieden sein - und damit echter Hüter von Demokratie
und Wohlstand. Das Bündnis wird daran arbeiten,
stabilisierende Rüstungskontrollabkommen festzuschreiben, seine Verteidigungsstrategie umzugestalten, um sie den grundlegend veränderten Bedingungen anzupassen und Brücken der politischen Kooperation zu den aufstrebenden Demokratien Osteuropas
bauen. Präsident Bush hat bei seinem Gipfeltreffen
mit Präsident Gorbatschow letzte Woche in Washington betont, daß die NATO unserer Ansicht nach Eckpfeiler der militärischen und politischen Legitimität im
neuen Europa bleiben wird.
Mit ihrer Zusammenarbeit können die G-24, die OECD,
die Europäische Gemeinschaft, die EBWE, der Europarat, die Vereinigten Staaten und Kanada eine allumfassende europäische Ordnung unter Beteiligung der
Länder Mittel- und Osteuropas und der Sowjetunion
schaffen, indem sie marktorientierte Reformen auf den
Weg bringen und demokratische Institutionen aufbauen.
Die Aussichten für Achtung und Schutz der Menschenrechte waren niemals besser. Es ist jetzt an der Zeit,
daß die KSZE neue Aufgaben übernimmt - aber niemals um den Preis des Vergessens ihres vornehmesten Ziels: wenn die KSZE den Aufbau eines neuen
Europas fördern will, eines Europas, das sich von allen
vergangenen Reichen und Regimen unterscheidet,
dann muß dem die Freiheit des Menschen zugrunde
liegen.
Wir müssen drei Herausforderungen bewältigen:
Erstens müssen wir sicherstellen, daß die soeben
gewonnenen Freiheiten in Gesellschaften verwurzelt
sind, deren Grundsätze Rechtsstaatlichkeit und die
Zustimmung der Regierten sind.
Zweitens müssen wir gewährleisten, daß alle Völker in
Europa den Wohlstand kennenlernen, der sich aus
wirtschaftlicher Freiheit und wettbewerbsfähigen Märkten ergibt.
Und drittens müssen wir sicherstellen, daß wir nicht
unabsichtlich in Konflikte verwickelt werden oder sich
die Streitigkeiten wiederholen, wie sie vor dem kalten
Krieg stattfanden.
Die KSZE ist das Forum, in dem sich unsere Länder
auf einer gemeinsamen Basis treffen können, um unseren politischen Willen so zu kanalisieren, daß wir
diesen Herausforderungen auf dem ganzen Kontinent
gerecht werden können. Die drei Körbe der KSZE
entsprechen den politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Wenn die KSZE auch nicht über militärische oder
wirtschaftliche Macht verfügt, kann sie sich doch mit
einer mächtigen und lauten Stimme Gehör verschaffen. Sie kann Europas gemeinsame Sorgen und

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Interessen ansprechen. Sie kann, wenn Sie so wollen,
"das Gewissen des Kontinents" werden.
Vertiefung des Konsenses über Menschenrechte
Heute möchte ich Ihnen unsere Auffassungen darlegen, wie eine gestärkte KSZE der ersten vor uns
liegenden Herausforderung gerecht werden kann: durch
die Bildung eines tiefen Konsenses über Menschenrechte, politische Legitimierung durch freie Wahlen
und Rechtsstaatlichkeit.
Sie alle kennen das Märchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen, "Des Kaisers neue
Kleider". Obwohl es vor über hundert Jahren entstand,
ist es Parabel für die heutige Zeit. Die Autorität hüllt
sich in attraktive Lügen und betrügt sich dabei selbst.
Aber am Ende kommt die nackte Wahrheit durch eine
kleine beharrliche Stimme zutage, die sich nicht täuschen lassen will. Sie mündet in einen allgemeinen
Aufschrei.
Das Jahr 1989 war kein gutes Jahr für die stalinistischen Diktatoren, die sich in falsche Autorität hüllten
und die beharrliche Stimme und den Willen des Volkes
ignorierten. Heute arbeiten in Mittel- und Osteuropa
die aufstrebenden Demokratien am Aufbau legitimierter und dauerhafter politischer Ordnungen. Die KSZE
kann zur Vertiefung unseres Konsenses über die wichtigsten Bausteine der Freiheit beitragen - freie Wahlen,
politischer Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit.
Die neuen Gesellschaftsverträge zwischen Regierung
und Regierten, die heute in Ost- und Mitteleuropa
geschrieben werden, müssen ständig durch freie Wahlen
erneuert werden. Wie wir alle sehr wohl wissen, ist die
Demokratie - wie die KSZE - ein Prozeß. Die Demokratie entwickelt sich durch Geben und Nehmen,
Konsensbildung und Kompromisse. Sie gedeiht auf
der Grundlage von Toleranz, so daß der politische
Wille der Mehrheit die Grundrechte der Minderheit
nicht verdrängt.
Der von Großbritannien und den Vereinigten Staaten
im vergangenen Jahr in Paris eingebrachte Vorschlag
über freie Wahlen hat durch die dramatischen Ereignisse des letzten Herbstes und die neuen Wahlen
dieses Frühjahrs zusätzlich an Gewicht gewonnen.
Bei meinen Reisen nach Ost- und Mitteleuropa erfuhr
dieser Vorschlag die begeisterte Unterstützung der
aktiven Demokraten. Diese unterstrichen darüber
hinaus die Bedeutung, die sie der Präsenz internationaler Beobachter beimessen, wenn ihre Länder zum
ersten Mal mit freien Wahlen in Berührung kommen.
Im Februar habe ich in Prag die KSZE-Staaten aufgefordert, Beobachterdelegationen zu den Wahlen in
Ost- und Mitteleuropa zu entsenden. Ich freue mich,
daß viele Staaten sich uns bei diesem Vorhaben
angeschlossen haben.
Unser überarbeiteter Vorschlag spiegelt unsere Erfahrungen bei der Beobachtung von Wahlen wider - nicht
Seite 3

�nur am Wahltag selbst, sondern auch während des
Wahlkampfs. Wir begrüßen die starke Unterstützung,
die unser Text erfährt und werden uns dafür einsetzen,
daß er hier in Kopenhagen verabschiedet wird. Wenn
die 35 Staaten Vorschläge zur Institutionalisierung der
KSZE behandeln, dann fordere ich Sie alle auf, mit
Mechanismen zu beginnen, die gewährleisten, daß die
Regierungen frei vom Volk gewählt werden.
Aber freie und faire Wahlen allein können den Erfolg
der neuen Demokratien nicht sichern. Neben rechtlich
einwandfreien Wahlen besteht die unerläßliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Demokratie eindeutig
darin, daß grundlegende Freiheiten des einzelnen
durch eine Beschränkung staatlicher Macht garantiert
werden. Wo diese Garantien nicht bestehen, gibt es
keine echte Demokratie. Wo sie nicht vorhanden sind,
droht stets das Risiko der Diktatur.
Aus diesem Grund ist Rechtsstaatlichkeit die Losung
der Reformer überall. Wie der verstorbene Andrej
Sacharow erklärt hat, muß sich der demokratische
Wandel mit demokratischen Methoden vollziehen friedlich, durch rechtsstaatliche Prozesse.
Was genau aber meinen wir mit dem Begriff Rechtsstaatlichkeit? Das Gesetz wurde ja als Werkzeug der
Unterdrückung in Gesellschaften eingesetzt, in denen
die Herrscher die Gesetze machen, die ihnen dienen
sollen und nicht dem Volk. Wie Präsident Bush vergangenen Monat in einer Rede an der University of
South Carolina betonte, bedeutet Rechtsstaatlichkeit
die Oberhoheit von Gesetzen, die durch demokratische Prozesse zustandegekommen sind, für alle gleichermaßen gelten und von einer unabhängigen Gerichtsbarkeit bewahrt werden.
Deshalb unterstützen wir voll und ganz die Bemühungen im Rahmen dieser Konferenz, für die KSZE die
Elemente einer demokratischen Gesellschaft, die dem
Prinzip der Rechtsstaatlichkeit folgt, zu definieren. In
dieser Hinsicht hat Präsident Bush Präsident Gorbatschowerklärt, wie sehr wir die sowjetischen Bemühungen schätzen, Rechtsstaatlichkeit, Glasnost und
Demokratisierung in der UdSSR zu verankern.
Mit diesem Ziel beteiligen wir uns an gemeinsamen
technischen Bemühungen, um die demokratischen
politischen Kulturen und Institutionen in Mittel- und
Osteuropa zu stärken.
Zum Schluß möchte ich noch einen Gedanken zur
Tagesordnung im Bereich Menschenrechte einbringen: Während wir uns der ehrgeizigen Aufgabe zuwenden, die Demokratie in ganzen Gesellschaften zu
konsolidieren, dürfen wir die Freiheit des einzelnen
nicht aus den Augen verlieren. Denn Demokratie
beginnt und endet mit dem einzelnen und seinen
Rechten. Trotz der dramatischen Fortschritte bei den
Menschenrechten, deren Zeugen wir heute sind, müssen
die Menschen in einigen Teilnehmerstaaten noch immer

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leiden, weil sie frei sein wollen, sind sie immer noch Ziel
der Intoleranz, können immer noch nicht auswandern
und immer noch nicht ihre vollständigen Rechte gemäß der Schlußakte von Helsinki wahrnehmen. Wir
müssen weiterhin drängen, bis die strengen Menschenrechtsnormen der KSZE in ganz Europa Gültigkeit haben, bis sie jeden einzelnen erfassen.
Bevor wir uns Möglichkeiten zur Stärkung der KSZE
zuwenden, möchte ich noch ein Wort zu Litauen,
Lettland und Estland sagen. Beim Washingtoner
Gipfel hat Präsident Bush unsere ernsten Befürchtungen im Hinblick auf die sowjetische Politik gegenüber
den baltischen Unabhängigkeitsbestrebungen zum
Ausdruck gebracht. Er hat unsere Ansicht bekräftigt,
daß ein systematischer Dialog eingeleitet werden muß,
um die Bestrebungen der baltischen Völker zu erfüllen.
Ein neuer Konsens zur Stärkung des KSZE-Prozesses
Das Feld für eine bedeutsame Zusammenarbeit in der
KSZE wird größer, und unser Konsens über die menschliche Dimension der KSZE vertieft sich. Um jedoch das
Potential der KSZE in diesem Bereich und bei den
anderen Körben der Schlußakte voll auszuschöpfen,
muß der KSZE-Prozeß selbst gestärkt werden.
Ich habe unlängst Kollegen gegenüber sechs Gedanken dazu erläutert, wie wir zusammenarbeiten können, um die KSZE als Proze ß zu verbessern, indem wir
die Organisation der KSZE stärken.
Erstens treten die Vereinigten Staatenfür regelmäßige
Konsultationen der Unterzeichnerstaaten ein. Die
Minister könnten sich mindestens einmal pro Jahr
treffen, und ihre engsten Mitarbeiter sollten mindestens zweimal im Jahr zusammenkommen. Solche
Gespräche werden die KSZE als Forum für einen
hochrangigen politischen Dialog stärken.
Zweitens unterstützen wir die häufigere Abhaltung von
KSZE-Überprüfungskonferenzen, vielleicht alle zwei
Jahre und mit einer festgesetzten Dauer von etwa drei
Monaten.
Drittens möchten wir in Kopenhagen die Verabschiedung und beim Gipfeltreffen die Bestätigung des Prinzips freier und fairer Wahlen, des politischen Pluralismus und der Rechtsstaatlichkeit erreichen, um zu
gewährleisten, daß die von uns in der KSZE eingegangenen Verpflichtungen die politische Legitimation stärken.
Viertens möchten wir beim Gipfel eine Bestätigung der
Bonner Prinzipien zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit erreichen. Diese Prinzipien stellen unser allseitiges Engagement für das sich gegenseitig unterstützende Verhältnis zwischen politischer und wirtschaftlicher Freiheit klar. Insbesondere werden die 35 Nationen danach trachten, einen freien Fluß von Handel und
Kapital, Marktwirtschaften mit auf Angebot und Nach-

AMERIKA DIENST 23

�frage basierenden Preisen sowie den Schutz allen
Eigentums, einschließlich von Privateigentum und
geistigem Eigentum, zu erlangen oder aufrechtzuerhalten.
Fünftens kann die KSZE eine wichtige Rolle bei der
Schlichtung von Streitigkeiten spielen. Wir hoffen
deshalb, daß der KSZE-Gipfel das Mandat der für
Januar 1991 in Valletta anberaumten Konferenz über
die friedliche Beilegung von Streitigkeiten stärken wird,
damit sie konkrete Ergebnisse hervorbringen kann.
Wir sind ferner davon überzeugt, daß die KSZE durch
innovative Vorschläge bei den Wiener VSBM-Gesprächen, wie etwa den Vorschlag für einen Mechanismus
zur Klärung ungewöhnlicher militärischer Aktivitäten,
militärische Offenheit und Transparenz fördern kann.
Insbesondere gehen wir davon aus, daß die KSZE
einen Mechanismus zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den Mitgliedstaaten erwägen sollte.
Unser Ansatz könnte grundsätzlich, wenn nicht sogar
strukturell, dem Mechanismus ähneln, den wir im
Bereich der menschlichen Dimension etabliert haben
sowie auch der für die VKSE geplanten Verfahrensweise. Wir sollten einen Weg zur konstruktiven Behandlung von Fragen der Einhaltung der KSZE-Sicherheitsverpflichtungen finden. Dazu könnten Beobachtungen sowie Inspektionsberichte im Einklang mit
den Stockholmer Vereinbarungen gehören. Wir sollten Treffen ins Leben rufen, um Informationen auszutauschen und über die Auswirkungen militärischer
Aktivitäten und anderer ungewöhnlicher Vorkommnisse von sicherheitspolitischer Bedeutung zu sprechen.
Sechstens habe ich vorgeschlagen, daß wir durch ein
Treffen auf Beamtenebene diesen Sommer Vorbereitungen für einen möglichen KSZE-Gipfel in die Wege
leiten - und ich bin selbstverständlich erfreut darüber,
daß sich die 35 Nationen geeinigt haben, ein solches
Treffen nächsten Monat in Wien zu veranstalten.
Ich freue mich ferner darüber, daß die 35 Staaten
unserem Angebot zugestimmt haben, diesen Herbst in
Zusammenhang mit der Generalversammlung der
Vereinten Nationen ein KSZE-Ministertreffen auszurichten.
Beim KSZE-Gipfel erwarten wir dann die Unterzeichnung eines KSE-Abkommens, und Präsident Gorbatschow hat vergangene Woche angedeutet, daß er
diese Ansicht teilt. Beim Gipfel der 35 Nationen
erwarten wir ferner eine Überprüfung, schriftliche Fixierung und Konsolidierung der Fortschritte bei allen
drei Körben von Helsinki, die Stärkung der KSZE als
Prozeß und die Planung für die Folgekonferenz im
Jahr 1992.
Unsere Arbeit vor dem Gipfel und beim Gipfel mu ß sich
ferner dem Thema der Institutionalisierung der KSZE
widmen.

AMERIKA DIENST 23

Bis heute hat die KSZE eine bemerkenswerte Fähigkeit bewiesen, die Zeiten widerzuspiegeln und sich
ihnen anzupassen. Ich bin zuversichtlich, daß dies
auch weiterhin der Fall sein wird, unter der Voraussetzung, daß wir die Flexibilität bewahren, die ihr Effektivität verliehen hat. Wenn wir Vorschläge zur Entwicklung der KSZE erörtern - entweder zur Verabschiedung beim Gipfel oder zur Überweisung an weitere
KSZE-Treffen durch die Gipfelteilnehmer -, werden
sich die Vereinigten Staaten von drei Hauptprinzipien
leiten lassen.
Erstens sollten die Vorschläge grundlegende demokratische und marktwirtschaftliche Werte stärken.
Zweitens sollten Vorschläge für neue Institutionen die
von bereits bestehenden Institutionen und Foren
wahrgenommenen Aufgaben ergänzen und nicht
duplizieren. Drittens sollten die Vorschläge zu einem
verstärkten transatlantischen Dialog- und Konsultationsprozeß über die Zukunft Europas führen.
Die amerikanische Delegation bei diesem Kopenhagener Treffen, die von Botschafter Max Kampelman
geleitet wird und das volle Vertrauen von Präsident
Bush und natürlich auch mir selbst genießt, wird sich
von diesen Kriterien leiten lassen.
Die KSZE: Das Gewissen des Kontinents
Ich begann meine Ausführungen mit einer Huldigung
an die KSZE-Beobachter, die ihr Leben und ihre Freiheit aufs Spiel setzten, um die Sache der Freiheit für
andere zu fördern. Viele haben die Morgendämmerung eines wesentlich hoffnungsvolleren Tages erlebt.
Einige dieser Beobachter sind heute bei uns in diesem
Saal, und viele von ihnen sind gewählte Vertreter der
neuen Demokratien in Mittel- und Osteuropa. Einer
der Gründer der Charta 77 erweist uns die Ehre, die
Delegation der Tschechischen und Slowakischen
Föderativen Republik zu leiten. Botschafter Hajek, Sie
und Ihre mutigen Mitstreiter sind die wahre Verkörperung der menschlichen Dimension der KSZE.
Sie haben diesem Prozeß ein Herz, einen Geist und
ein forschendes Gewissen gegeben. Als viele die
KSZE mit Zynismus betrachteten, haben Sie mit Dynamik
geantwortet. Sie haben uns gelehrt, unseren Blickwinkel zu erweitern und unsere Stimmen zu erheben.
Auch die dänische Autorin Isak Dinesen glaubte an die
Macht des menschlichen Willens. Eines ihrer bevorzugten Mottos war "Je responderay". Ich werde
antworten. Sie lebte nach diesem Prinzip und war stolz
darauf, wie das besetzte Dänemark in den dunklen
Tagen des Zweiten Weltkriegs nach diesem Prinzip
lebte. Das dänische Volk unternahm den Versuch, die
gesamte jüdische Gemeinde von Dänemark - etwa
8 000 Männer, Frauen und Kinder - zu retten. Indem
sie die Würde des Menschen und die uns alle verbindenden Bande achteten, durch ihre Anstrengungen

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�und die Gnade Gottes, war ihnen über alle Erwartungen hinaus Erfolg beschieden.

nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft seines
Landes bestimmen kann.

Ihr Beispiel ist ein positiver Beweis dafür, daß es auf
das Engagement des Willens ankommt, auf die Verantwortung anderen gegenüber und daß die Freiheit
des einzelnen, zu handeln, denken und fühlen, nicht

Diese Stärken müssen auch die Zukunft Europas
prägen. Auf dem Weg über die KSZE können sie zum
Gewissen des Kontinents werden.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 23

�NATO
23

13. Juni 1990

BAKER: NEUN ZUSICHERUNGEN AN DIE SOWJETS
Rede des US-Außenministers beim Nordatlantikrat
TURNBERRY - (AD) - Beim Treffen des Nordatlantikrats in Tumberry verwies Außenminister Baker am 7. Juni
1990 auf "neun Zusicherungen, die wir und andere angeboten haben und die unserer Meinung nach viele
Bedenken der Sowjets berücksichtigen". Die erste dieser Zusicherungen ist Baker zufolge eine Verpflichtung
zu KSE-Folgeverhandlungen.
Weitere Zusicherungen:
Verhandlungen über Kurzstreckenraketen werden vorverlegt, damit sie unmittelbar nach Unterzeichnung
des KSE-Vertrags aufgenommen werden können.
Deutschland wird seine Verpflichtung bestätigen, keine nuklearen, biologischen und chemischen Waffen
herzustellen oder zu besitzen.
Die NATO führt "eine umfassende Überprüfung ihres Bedarfs an konventionellen und nuklearen Waffen
durch und erarbeitet eine Strategie, die sich den veränderten Bedingungen anpaßt".
NATO-Streitkräfle werden während einer Übergangszeit nicht auf dem früheren Gebiet der Deutschen
Demokratischen Republik stationiert.
Die Deutschen einigen sich auf eine Übergangsphase bis zum Abzug sowjetischer Truppen aus der DDR.
Deutschland wird Stellung zu seinen Grenzen beziehen und klarstellen, daß das Territorium eines
vereinigten Deutschlands lediglich die Bundesrepublik, die DDR und Berlin umfassen wird.
Der KSZE-Prozeß wird gestärkt.
Deutschland wird seine wirtschaftlichen Probleme so zu lösen suchen, daß damit die Perestrojka
unterstützt wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede in wesentlichen Auszügen.
Nächsten Monat werden unsere Staats- und Regierungschefs in London zu Planungen über die Zukunft
dieses Bündnisses zusammentreffen. Ihre Aufgabe
bei dieser ersten Zusammenkunft seit den befreienden
demokratischen Umwälzungen im Jahr 1989 wird darin
bestehen, Auftrag und Fähigkeiten der NATO an eine
Welt anzupassen, in der Konflikte, die den Kontinent
für die Dauer einer Generation geteilt haben, nicht
mehr existieren. Die NATO muß in den kommenden
Jahrzehnten den Frieden ebenso effektiv konsolidieren wie sie vierzig Jahre lang den Krieg verhindert hat.
Kurzum, unser Bündnis muß der Aufgabe gewachsen
sein, Legitimität, Wohlstand und Stabilität des neuen
Europas zu sichern und gleichzeitig die Fähigkeit
erhalten, Agressionen einzudämmen und abzuschrekken.
AMERIKA DIENST 23

Unsere Aufgabe ist es, den Grundstein für einen
erfolgreichen Gipfel zu legen und den laufenden Prozeß der Überprüfung und Erneuerung im Bündnis zu
beschleunigen. Diese Aufgabe möchte ich heute zu
erfüllen beginnen, indem ich mit ihnen das Treffen der
letzten Woche zwischen Präsident Bush und Präsident Gorbatschow und dessen Auswirkungen auf unsere
Arbeit erörtere,
Die

Zusammenkunft des Präsidenten mit Präsident
Gorbatschow war ein Erfolg, weil Abkommen geschlössen wurden und sich das Verhältnis - die "Chemie"
• zwischen beiden positiv entwickelt hat. Beide sprache n frei u n d oHen
miteinander und verbrachten einen
ganzen Tag mit Gesprächen in zwangloser Atmosphä-

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�re. Auch bei Meinungsverschiedenheiten bekamen
die Gespräche niemals einen aggressiven Unterton.
Die Suche nach Bereichen gemeinsamen Interesses
spiegelte sich auch in den erzielten Abkommen wider.
Obwohl Gorbatschow und die Führung eindeutig unter
Druck stehen, hat er seine Entscheidungsfähigkeit
demonstriert.
Bei nuklearer Rüstungskontrolle haben wir gemeinsame Erklärungen über START und die künftigen Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen abgegeben. Unsere gemeinsame Erklärung zu START verzeichnet Übereinkunft in allen wichtigen grundsätzlichen Fragen. Einige der verbleibenden Probleme sind
schwierig - zum Beispiel die Erprobung schwerer Raketen
und sowjetische Zusicherungen beim BACKFIREBomber. Aber wir denken, daß sie gelöst werden
können, und wir denken auch, daß es uns gelingen
wird, das von den Präsidenten gesteckte Ziel zu erreichen und den Vertrag noch Ende des Jahres zu
unterzeichnen.
Unsere Erklärung über künftige Verhandlungen legt
eindeutig dar, daß der Prozeß nuklearer Rüstungskontrolle nach START fortgeführt wird. Mit dieser Erklärung bewegen wir uns in eine sehr wichtige Richtung.
Sie spiegelt eine gemeinsame Verpflichtung wider,
das Streben nach strategischer Stabilität und Berechenbarkeit auszubauen. Insbesondere ist darin die
Verpflichtung zur Reduzierung der Konzentration von
Gefechtsköpfen auf strategischen Waffen enthalten,
vor allem auf schweren Raketen und Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen. Die Tendenz
zur Reduzierung der Mehrfachgefechtsköpfe auf bodengestützten Raketen wird unserer Ansicht nach die
strategische Stabilität erheblich fördern und die potentielle Angst vor einem Erstschlag abbauen.
Bei Atomtests haben wir mit der Unterzeichnung der
Protokolle zum Schwellenvertrag und zum Vertrag
über Atomexplosionen zu friedlichen Zwecken fünfzehnjährige Bestrebungen beendet.
Bei chemischen Waffen haben wir ein bilaterales
Abkommen unterzeichnet, demzufolge der größte Teil
unserer Arsenale zerstört werden soll. Dieses Abkommen und die darin vorgesehene Zerstörung großer
Mengen chemischer Waffen ist als Einzelergebnis
wichtig und zeigt den Kurs auf, wie das Ziel des
Präsidenten - ein weltweites Verbot dieser schrecklichen Waffen - verwirklicht werden kann. Es demonstriert ein Engagement von Ost und West zur Erweiterung der Tagesordnung bei der Rüstungskontrolle, um
mit den bei regionalen und weltweiten Konflikten eingesetzten gefährlichen Waffen fertigzuwerden. Ich
hoffe, daß dadurch das Bündnis Impulse erhält, um bei
der Beschleunigung der Genfer Verhandlungen die
Führungsrolle zu übernehmen.

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Darüber hinaus haben wir ein langfristiges Getreideabkommen und ein Handelsabkommen unterzeichnet.
Das Handelsabkommen werden wir dem Kongreß
nicht eher vorlegen, bis die Sowjets Auswanderungsgesetze verabschiedet haben. Ferner haben wir erklärt, daß der Kongreß diesem Abkommen wahrscheinlich nicht zustimmen wird, bis der tote Punkt mit
Litauen überwunden ist.
Litauen war einer der beiden Bereiche, in denen Präsident Bush und Präsident Gorbatschow völlig unterschiedlicher Meinung blieben. Wir haben von Präsident Gorbatschow erneut die Versicherung vernommen, die Krise mit Litauen friedlich und in einem Dialog
lösen zu wollen. Wir glauben ferner, die Bereitschaft
zum Kompromiß herausgehört zu haben. Die Kluft
zwischen den Sowjets und den Litauern könnte sich
verringern, aber das Problem an sich ist noch nicht
gelöst.
Beide Präsidenten haben lange intensive Gespräche
über die deutsche Frage geführt. Der Präsident hat
unseren Ansatz zur Vereinigung beider deutscher
Staaten und dem Zwei-plus-Vier-Prozeß vorgetragen.
Er erklärte, die friedliche Vereinigung eines demokratischen Deutschlands könnte auf eine Weise vollzogen
werden, die das ganze Europa stärker und sicherer
macht. Er betonte, die Rechte der vier Mächte sollten
zum Zeitpunkt der Vereinigung beider deutscher Staaten aufgegeben werden, ohne Einschränkungen der
Souveränität und ohne Singularisierung eines ungeteilten demokratischen Deutschlands. Präsident Bush
hat Präsident Gorbatschow darüber hinaus versichert,
niemand wolle die Sowjets isolieren. Aber die eigene
Deutschlandpolitikk der Sowjets könnte diesen Effekt
haben, wenn die Sowjets eine negative Haltung zu den
außenpolitischen Aspekten der Vereinigung einnehmen. In diesem Falle stünde ihre Haltung im Widerspruch zu den meisten europäischen Regierungen in
Ost und West. Damit würde das neue Denken auf den
Kopf gestellt. Die Sowjets würden damit die Gelegenheit verpassen, konstruktive Beziehungen mit einem
ungeteilten Deutschland und den anderen Demokratien Ost-, Mittel- und Westeuropas zu entwickeln.
Wir haben neun Zusicherungen dargelegt, die wir und
andere angeboten haben und die unserer Meinung
nach viele Bedenken der Sowjets berücksichtigen.
Erstens befürworten wir KSE-Folgeverhandlungen für
ganz Europa, die auch die Streitkräfte in der Region
Europa Mitte umfassen sollen. Zweitens haben wir
uns darauf geeinigt, mit den Verhandlungen über die
atomaren Kurzstreckensysteme (SNF) unmittelbar nach
Unterzeichnung des KSE-Vertrags zu beginnen. Drittens wird Deutschland seine Verpflichtungen bekräftigen, atomare, biologische und chemische Waffen weder
zu produzieren noch zu besitzen. Viertens führt die
NATO eine umfassende Überprüfung ihres Bedarfs an
konventionellen und nuklearen Waffen durch, und

AMERIKA DIENST 23

�erarbeitet eine Strategie, die sich den veränderten
Bedingungen anpaßt.
Fünftens werden die N ATO-Streitkräfte während einer
Übergangsperiode nicht auf dem Gebiet der ehemaligen DDR stationiert. Sechstens haben die Deutschen
für eine Übergangsperiode dem Verbleib sowjetischer
Truppen auf dem Gebiet der DDR zugestimmt. Siebtens wird Deutschland feste Verpflichtungen in bezug
auf seine Grenzen eingehen und damit sicherstellen,
daß das Territorium eines vereinigten Deutschlands
nur die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und
Berlin umfassen wird. Achtens wird der KSZE-Prozeß
gestärkt werden. Neuntens hat Deutschland klargestellt, daß es danach streben wird, wirtschaftliche
Fragen so zu lösen, daß die Perestrojka unterstützt
werden kann.
Obwohl diese Punkte zu Gorbatschows Beruhigung
beitrugen, blieb die gesamtdeutsche Mitgliedschaft in
der NATO - und die sowjetische Position in Europa
nach der Wiedervereinigung - sein Hauptanliegen.
Präsident Bush betonte, daß ein ungeteiltes, demokratisches Deutschland keine Bedrohung der sowjetischen Sicherheit darstellen werde und daß die Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO ein Faktor der
Stabilität und Sicherheit in Europa sei. Er bekräftigte
seine Unterstützung für die Vollmitgliedschaft Deutschlands in der NATO, einschließlich seiner Beteiligung
an den integrierten militärischen Strukturen. Er erklärte, Deutschland müsse das in der Schlußakte von
Helsinki verbriefte Recht genießen, seine Bündnis und
Sicherheitsarrangements frei zu wählen. Gorbatschow
schien diesen Punkt zu akzeptieren.
Wir können und sollten bereit sein, begründeten sowjetischen Bedenken Rechnung zu tragen. Bemühungen, die Wiederherstellung der vollen Souveränität
Deutschlands zu blockieren oder vorgeschobene Sicherheitsanliegen in bezug auf Deutschland als Mittel
zur Schwächung des Bündnisses zu benutzen, können wir jedoch nicht dulden.
Ich möchte mich nun den wichtigsten Fragen zuwenden, die dem Präsidenten zufolge entweder im Gipfelkommunique oder in einem von diesem Gipfel eingeleiteten tiefgreifenden Überprüfungsprozeß anzusprechen sind.
Bei den konventionellen Streitkräften müssen wir einen gründlich durchdachten Ansatz für die künftigen
KSE-Verhandlungen entwickeln. Ich freue mich, daß
sich die NATO zur weiteren Verbesserung der konventionellen Rüstungskontrolle nun auf den Gedanken
eines Stabs zur Verifizierung von Rüstungskontrollabkommen verständigt hat, den wir im vergangenen
Dezember eingebracht hatten. Damit würde sich das
Bündnis positiv weiterentwickeln.
Darüber hinaus müssen wir die Struktur unserer konventionellen Streitkräfte überdenken. Wenn - was wir

AMERIKA DIENST 23

hoffen und erwarten - die sowjetischen Truppen hinter
die sowjetischen Grenzen zurückgezogen werden,
sollten wir untersuchen, wie das Ziel des Schutzes des
gesamten Territoriums all unserer Mitglieder am besten gewährleistet werden kann. Wir müssen entscheiden, wie dies auf niedrigeren konventionellen
Streitkräfteniveaus erreicht werden kann, die für eine
mobile Verstärkung strukturiert sind. Wir stimmen aus
ganzem Herzen zu, daß multinationale Einheiten eine
wichtige Rolle bei der Neustrukturierung unserer Streitkräfte spielen können.
Bei den Nuklearstreitkräften müssen wir unsere Neubewertung rasch abschließen. Wir müssen die strategische Einschätzung, die militärische Effektivität und
die politische Lebensfähigkeit der Veränderungen in
unserem nuklearen Einsatzkonzept berücksichtigen.
Unsererseits möchten wir das nukleare Risiko innerhalb des Bündnisses so breit wie möglich verteilen und
gleichzeitig ein nukleares Einsatzkonzept aufrechterhalten , das von unserer Öffentlichkeit und dem übrigen
Europa als politisch beruhigend empfunden wird.
Bevor ich mich den politischen Dimensionen unserer
Sondierungen zuwende, möchte ich einen Punkt unterstreichen, der es verdient, wiederholt zu werden:
Wir möchten einen Krieg in Europa nicht führbarer
machen, weder konventionell noch nuklear. Jeder von
uns erörterte Vorschlag muß danach beurteilt werden,
wie gut er unserem grundlegenden Ziel dient: Der
Verhinderung des Kriegs und der Abschreckung von
Aggressionen durch die Aufrechterhaltung westlicher
Geschlossenheit - politisch und militärisch.
In Zusammenhang mit der militärischen Neustrukturierung des Bündnisses müssen wir seinen politischen
Platz in einem ungeteilten Europa eindeutig definieren.
In der Rede des Präsidenten in Stillwater (Oklahoma)
kamen zwei miteinander verflochtene Fragen zur
Sprache, die die Zukunft der NATO in dieser neuen
Welt im Kern berühren: Wie sollte die künftige Aufgabe
der NATO aussehen? Welches sollte das gemeinsame Ziel der Verbündeten für die Zukunft der KSZE
sein? Lassen Sie mich die zweite Frage zuerst beantworten.
Die KSZE kann dem gemeinsamen europäischen Interesse am besten gerecht werden, wenn sie als
Forum dient, in dem die Staaten Europas gemeinsame
Probleme und Anliegen diskutieren. Ich habe sie als
"das Gewissen des Kontinents" bezeichnet, einen Ort,
an dem der politische und moralische Konsens der Zeit
auf der Grundlage demokratischer Werte geformt werden
kann. Durch ihre drei Körbe eignet sich die KSZE auf
einzigartige Weise, die wesentlichen Herausforderungen für Europa zu bewältigen: Gewährleistung von
politischer Legitimation, wirtschaftlicher Freiheit und
Wohlstand sowie von strategischer Stabilität und
Berechenbarkeit. Wie ich bereits gestern (6. Juni) in
Kopenhagen betonte, sollte die KSZE auf den Grundsteinen der Demokratie aufbauen: Freie und faire

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�Wahlen, politischer Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit.

gressionen und Verhinderung von Krieg zusammenschließen.

Aber gerade aufgrund ihres Charakters - 35 grundverschiedene Staaten, von denen jeder ein Vetorecht hat
- ist es unwahrscheinlich, daß die KSZE die schwierigen Entscheidungen treffen kann, die zur Gewährleistung der Sicherheit erforderlich sind. Das bedeutet
nicht, daß wir eine Chance auslassen sollten, an der
Stärkung der KSZE zu arbeiten. Wir sollten uns dieser
Herausforderung stellen. Die meisten von uns, wie
auch die Sowjets, haben Vorschläge unterbreitet, und
wir sehen der kommenden Vorbereitungskonferenz
entgegen, auf der diese Ideen untersucht und ausgewertet und einige in Vorlagen zur möglichen Beschlußfassung umgesetzt werden sollen. Es scheint, daß
sich gemeinsame Ansichten über praktische, realistische Schritte herausschälen, mit denen die KSZE
gestärkt werden kann. Wir können eine effizientere
und bedeutsamere KSZE aufbauen, die eine Ergänzung zur NATO ist. Wir müssen beim Ausbau der
KSZE jedoch deren Stärken und Schwächen berücksichtigen, und wir sollten nicht versuchen, sie zu etwas
zu machen, das sie nicht ist: ein Bündnis, das den
Frieden bewahren kann.

Heute jedoch, da eine eindeutige und bestehende
militärische Gefahrenquelle abnimmt, kann das Bündnis sicherlich über die engere Aufgabe der Kriegsverhinderung hinaus auf die umfassendere des Friedensaufbaus blicken. Das Mandat dafür läßt sich eindeutig
dem Artikel II des Nordatlantikvertrags entnehmen, in
dem es heißt: "Die Parteien werden zur weiteren
Entwicklung friedlicher und freundschaftlicher internationaler Beziehungen beitragen, indem sie ihre freien
Einrichtungen festigen, ein besseres Verständnis für
die Grundsätze herbeiführen, auf denen diese Einrichtungen beruhen und indem sie die Voraussetzungen
für den Zusammenhalt und das Wohlergehen fördern."

Wir gehen davon aus, daß diese Aufgabe letztlich
weiterhin primär von der NATO wahrgenommen werden muß. Wir alle wissen, was die NATO in der
Vergangenheit war: das erfolgreichste Bündnis freier
Nationen in der Geschichte. Und wir alle wissen, was
die NATO weiterhin ist: ein Eckpfeiler der Stabilität in
einem Zeitalter der Ungewißheit und sogar der Verwirrung.
Die eigentliche Frage lautet: Welche Rolle wird das
Bündnis in der Zukunft Europas spielen? Die NATO
wird weiterhin einen wichtigen Beitrag zur Legitimation
und Stabilität des neuen Europas beitragen, obwohl
sich ihre Funktionen und Fähigkeiten mit den neuen
Zeiten sich wandelnder Herausforderungen weiterentwickeln werden. Die Verantwortlichkeiten zwischen
NATO, EG, KSZE und anderen Organisationen lassen
sich nicht streng voneinander trennen. Europa ist mit
vielen einander überlappenden Problemen konfrontiert, nicht mit einem einzelnen. Wir sind davon überzeugt, daß einander überlappende, vielfältige Institutionen eine vernünftige Antwort auf mannigfaltige,
miteinander verbundene Probleme sind. Die NATO
muß eindeutig als unersetzlicher Bund freier Staaten
erhalten bleiben, die sich zur Abschreckung von Ag-

*

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Eine Entwicklung in diese Richtung erfordert keine
Revolution in unserem Denken. Sie erfordert lediglich,
daß wir uns den neuen Realitäten anpassen und ein
umfassenderes Konzept der Sicherheit auf unsere
erprobte kollektive Verteidigungsstruktur gründen.
Dieses Konzept muß anerkennen, daß die NATO nicht
nur den Krieg verhindern, sondern auch den Frieden
aufbauen kann und daß der Weg zum Aufbau des
Friedens darin besteht, die Mittel- und Osteuropäer
und die Sowjets zu versichern, daß sie nicht aus dem
neuen Europa ausgeschlossen werden.
Wie auch andere Organisationen ihr Mandat erweitern, um die neuen Demokratien des Ostens einzubeziehen, so kann auch die NATO ihre Bindungen an das
übrige Europa verstärken. Wie ich vor einem Monat in
einer Rede in New York betonte, könnten wir dies zum
Beispiel durch einen soliden Dialog und sogar regelmäßige Konsultationen, militärisch und politisch, erreichen. Dies muß nicht notwendigerweise von Block zu
Block geschehen. Es könnte sogar vorteilhaft sein,
wenn die NATO ihre Kontakte mit ganz Europa vertieft,
einschließlich der neutralen und blockfreien Staaten.
Indem er auf das ungeteilte und freie Europa zugeht,
kann der Londoner Gipfel der Welt zeigen, was wir
bereits wissen: Die Arbeit unserer 16 Demokratien im
Rahmen der NATO wird einige Funktionen eines vergangenen Zeitalters in Europa aufrechterhalten und
sich gleichzeitig dem nächsten Zeitalter anpassen. Im
weitesten Sinne der historischen Ziele der NATO hat
die wirkliche Arbeit zur Förderung und Sicherung eines
ungeteilten und freien Europas gerade erst begonnen.

* * *

*

AMERIKA DIENST 23

�VSBM
13. Juni 1990

NATO SCHLAGT NEUEN
SICHERHEITSMECHANISMUS VOR
Von Botschafter John J. Maresca,
US-Delegationsleiter bei den VSBM-Gesprächen in Wien

Die sechzehn Mitglieder des Nordatlantischen Bündnisses haben einen neuen Sicherheitsmechanismus
vorgeschlagen, mit dem die Stabilität in Europa in einer
Zeit revolutionären Wandels gestärkt werden soll. Am
18. Mai 1990 haben die Verbündeten bei den Wiener
Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM), an denen 35 Staaten
teilnehmen, ihr Konzept zur Einführung eines Mechanismus vorgestellt, demzufolge im Falle ungewöhnlicher militärischer Aktivitäten eine Erklärung verlangt
werden kann.
Diese neue Vereinbarung sieht drei Schritte vor, die
von jedem KSZE-Mitgliedstaat in Anspruch genommen werden könnten. Als erster Schritt könnte ein
Staat nur eine umfassende Erklärung einer ungewöhnlichen militärischen Maßnahme verlangen -als außerplanmäßiges Vorkommnis mit Truppen außerhalb ihres gewöhnlichen Standorts umschrieben -, die auf
dem Territorium eines anderen KSZE-Staats in Europa stattfindet. Das Land, an das eine solche Anfrage
gerichtet ist, wäre innerhalb von 48 Stunden zur Beantwortung verpflichtet. Anfragen und Antworten würden
auch allen anderen KSZE-Teilnehmerländern zu deren Information übermittelt.
Der anfragende Staat kann ferner um bilaterale Konsultationen ersuchen, die innerhalb von 48 Stunden
stattfinden müssen und der Erörterung der fraglichen
Aktivität dienen. In einem dritten Schritt kann ein Staat
ein Treffen aller 35 KSZE-Staaten einberufen, um über
die ungewöhnliche militärische Aktivität zu diskutieren.
Das Treffen würde zum frühestmöglichen Zeitpunkt
eröffnet werden und der Staat, dessen Maßnahme in
Frage steht, wäre verpflichtet, daran teilzunehmen.

AMERIKA DIENST 23

Dieser Vorschlag markiert den Höhepunkt einer jahrelangen Neuorientierung der Verhandlungen über Sicherheits- und Vertrauensbildung von einem Vorschlagspaket, das sich hauptsächlich auf die Beobachtung der
Aktivitäten von NATO und Warschauer Pakt beschränkte, zu neuen sicherheitspolitischen Maßnahmen, in
denen sich die in Osteuropa erfolgten historischen
Veränderungen widerspiegeln und berücksichtigt
werden. Weitere vorgeschlagene Maßnahmen in Sinne
dieses Ansatzes sind:
Ein jährlicher Informationsaustausch über die
Militärhaushalte, die Gegenstand von Fragen
und offenen Diskussionen werden. Ein solcher
Vorschlag wurde in der Vergangenheit nicht
unterbreitet, weil der Westen nicht darauf vertrauen konnte, daß die Sowjets einen ehrlichen
Beitrag liefern würden. Heute ist man allgemein
der Ansicht, daß es der Mühe wert ist, größere
Offenheit der Sowjets im Hinblick auf ihre Militärausgaben zu ermutigen.
Ein jährliches Treffen mit Gesprächen darüber,
wie VSBM-Abkommen durchgeführt wurden.
Damit soll ein konstruktiver Dialog über die
Sicherheit in Europa geführt werden, der bis vor
kurzem nicht als fruchtbar gegolten hätte.
Ein Kommunikationssystem für schnellen und
verläßlichen Austausch militärischer Daten
zwischen den 35 Teilnehmerstaaten.
Der Vorschlag für einen Mechanismus von Gesprächen über ungewöhnliche militärische Aktivitäten basiert
auf dem amerikanischen Konzept, das den NATO-

Seite 1

�Verbündeten im Januar vorgelegt wurde. Es ist im
Konsultationsprozeß der NATO weiterentwickelt worden und stieß unmittelbar nach seiner Einbringung in
das Forum der 35 Teilnehmer aut breite Unterstützung.
Es basiert auf Ideen, die Präsident Bush und Außenminister Baker vorgelegt haben und soll nicht nur
zwischen Ost und West, sondern auch unter Nachbarstaaten, ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zu gegnerischen Blöcken, gelten. In diesem Sinne spiegelt es die
Tatsache wider, daß angesichts des schnell erfolgenden Wandels Bedarf an der Gewährleistung der Stabilität in ganz Europa besteht.

Während des Seminars wurde deutlich, daß die NATO
erforderlich ist, um die kollektive Verteidigung des
Westens sicherzustellen. Darüber hinaus wurde die
Notwendigkeit erkannt, die neuen Demokratien Osteuropas zu erfassen und sie in einen Rahmen einzubinden, der ihnen Vertrauen gibt und ihre Teilnahme am
gemeinsamen europäischen Haus erleichtert.

Die gegenwärtig bei den Wiener Verhandlungen über
Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen
erarbeiteten sicherheitspolitischen Maßnahmen und
insbesondere der Mechanismus über ungewöhnliche
militärische Aktivitäten können dazu beitragen. Dieser
Mechanismus gibt jedem europäischen Land eine
Verfahrensweise an die Hand, mit der es von ihm als
Ein Schlüsselelement bei der Neuorientierung westli- Bedrohung angesehene militärische Aktivitäten intercher Vorschläge auf das gegenwärtige und zukünftige national bekannt machen und damit abschrecken kann.
Sicherheitsgefüge in Europa war das von den hier Gleichzeitig unterläuft der Mechanismus nicht die NATO
anwesenden Verhandlungspartnern im Januar mit den und stellt keine Provokation oder Bedrohung für sowjeStabschefs der Teilnehmerländer durchgeführte Seminar tische Sicherheitsinteressen dar. Die meisten euroüber Militärdoktrinen. Das Seminar hat gezeigt, daß päischen Länder haben das Konzept enthusiastisch
die politischen Veränderungen trotz vieler gleichblei- als wichtigen neuen Beitrag zum Maßnahmenspekbender Aspekte der europäischen Sicherheit Einfluß trum begrüßt, mit dem Stabilität und Sicherheit in
auf die militärische Lage haben und nunmehr über die Europa erhalten werden können.
Ost-West-Konfrontation hinausgedacht werden muß.

* *

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AMERIKA DIENST 23

�ILO
13. Juni 1990

ILO ERHÄLT AMERIKANISCHE ZUSCHÜSSE FÜR
ARBEIT IN OSTEUROPA
Rede von Arbeitsministerin Elizabeth Dole
WASHINGTON - (AD) - In ihrer Rede bei der Internationalen Arbeitskonferenz in Genf erklärte US-Arbeitsministerin Elizabeth Dole, die Vereinigten Staaten gewährten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO)
Zuwendungen für eine Zusammenarbeit mit dem im August in Budapest öffnenden Umweltzentrum für Mittel und
Osteuropa, im Rahmen derer Kontrollmöglichkeiten für Arbeitsplatzrisiken erarbeitet werden sollen.
Dole forderte die ILO zur Zusammenarbeit mit dem Zentrum auf, das sie als wichtige persönliche Initiative von
Präsident Bush bezeichnete, "ein technisches Hilfsprogramm zu erarbeiten, mit dem das Verständnis der
Arbeitnehmer für Umweltprobleme am Arbeitsplatz in Osteuropa geschärft wird".
Darüber hinaus forderte Dole die Organisation auf, Osteuropa zu helfen, und "mit Rat zur Seite zu stehen, wie
die unangenehmen Begleiterscheinungen der Reform auf ein Minimum beschränkt werden können".
Nachfolgend veröffentlichen wir Doles Rede im Wortlaut.

Es ist mireine große Ehre, die Vereinigten Staaten von
Amerika bei dieser 77. Sitzung der Internationalen
Arbeitskonferenz zu vertreten. Im Namen meines
Landes möchte ich Herrn Triaca zu seiner Wahl zum
Präsidenten dieser Konferenz beglückwünschen und
in diesem Zusammenhang auch dem Generaldirektor
zum Beginn seiner zweiten Amtsperiode unsere Wertschätzung versichern. Ich habe Herrn Hansenne
bereits bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten
getroffen und konnte ihm bei dieser Gelegenheit die
anhaltende Unterstützung der Vereinigten Staaten für
die ILO zusichern.
Ich habe mein Versprechen gehalten und freue mich,
dem Generaldirektor heute morgen die von den Vereinigten Staaten ratifizierte ILO-Konvention No. 160 zur
Arbeitsstatistik vorlegen zu können. Dies ist die dritte
Ratifizierung meines Landes in den letzten zwei Jahren. Darüber hinaus hat erst vor zwei Monaten unser
Konsultativausschuß zu ILO-Fragen einstimmig eine
Empfehlung zur Ratifizierung der ILO-Konvention 105
über Zwangsarbeit ausgesprochen. Und wir prüfen
weiterhin ILO-Normen im Hinblick auf ihre mögliche
Ratifizierung.
Unterstützung demokratischer Reformen
Vor einem Jahr stand ich zum ersten Mal als Arbeitsministerin meines Landes vor Ihnen. Damals habe ich
AMERIKA DIENST 23

erklärt: "Die Welt wird von mächtigen Kräften demokratischer Veränderungen bewegt." Wer von uns
hätte zu träumen gewagt, daß diese Kräfte demokratischer Veränderungen so weite Kreise ziehen wie im
vergangenen Jahr? Welche bemerkenswerten Ereignisse konnten wir in Osteuropa, in Mittelamerika, Afrika und auf dem gesamten Erdball beobachten.
Die Ideale, die in diesem vergangenen Jahr von den
Kräften des demokratischen Wandels erkämpft und
errungen wurden, sind bereits in der Erklärung der ILO
von Philadelphia verankert: Das Recht des einzelnen,
"materiellen Wohlstand und... geistige Entwicklung in
Freiheit und Würde, mit wirtschaftlicher Sicherheit und
Chancengleichheit zu verwirklichen".
Tatsache ist, daß die ILO in Polen, Ungarn und anderen Ländern Osteuropas aktiv war und technische Hilfe
geleistet hat, mit der vielen nachfolgenden demokratischen und wirtschaftlichen Reformen der Weg bereitet
wurde.
Heute ist die ILO immer noch in der gesamten Region
aktiv und stellt ihre neuen Erfahrungen zur Verfügung,
um überflüssige und einschränkende Arbeitsgesetze
abzuschaffen, die so dringend benötigte Arbeitsverwaltung aufzubauen und neugeschaffene Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen zu unterstützen.
Seite 1

�Ich beglückwünsche den Generaldirektor zu dem
hervorragenden Beitrag, den die ILO beim Aufbau der
Demokratie und Neubelebung der Volkswirtschaften
in Osteuropa geleistet hat und sichere Ihnen die kontinuierliche Kooperation und Unterstützung meiner
Regierung zu.
Ich habe diese Botschaft der Unterstützung persönlich
im August vergangenen Jahres übermittelt, als ich
genau am Tag der historischen Wahl von Ministerpräsident Mazowiecki in Polen eintraf. Ende des Jahres
hatte ich als Mitglied einer Delegation des Präsidenten
in Polen Gelegenheit, mit dem Ministerpräsidenten
zusammenzutreffen und später dann bei seinem Besuch
in den Vereinigten Staaten. Sicher werden Sie seiner
morgigen Rede mit Interesse entgegensehen.
Bei unserer Zusammenkunft habe ich mit Ministerpräsident Mazowiecki erörtert, wie die Vereinigten Staaten Polen und seinen Menschen am besten helfen
können. Und wir haben - mit Hilfe eines drei Gruppen
umfassenden Teams aus amerikanischen Regierungsvertretern, Gewerkschaftsführern und Arbeitgebern,
die auch Mitglieder der Delegation des Präsidenten
waren - einen gemeinsamen Plan entwickelt.
Gegenwärtig helfen wir Polen dabei, eine effektive und
dringend erforderliche Arbeitsmarktstrategie zu entwickeln, ferner ein System der Arbeitslosenversicherung und Arbeitsstatistik, die in einer freien Marktwirtschaft unabdingbar sind. Ähnliche Hilfe wird auch
Ungarn geleistet.
Darüber hinaus hat Polen mit der Wohnungsnot ein
sehr vordringliches Problem. Arbeitnehmer sind daran
gehindert, ihren Wohnort dorthin zu verlegen, wo neue
Arbeitsplätze geschaffen werden. Die amerikanische
Regierung, die Industrie und Gewerkschaften arbeiten
zusammen und werden bald ein Ausbildungszentrum
für Bauberufe in Praga, einem Vorort von Warschau,
eröffnen. Bald werden Installateure, Schreiner, Elektriker, Maurer und Stahlarbeiter nach Polen gehen, um
dort von Arbeiter zu Arbeiter und von Freund zu Freund
zu arbeiten.
Unsere Hilfsangebote für Polen und Ungarn konzentrieren sich auf die Hilfe für den einzelnen. Was ist der
Zweck der gegenwärtigen Umstrukturierung und Reformen, wenn nicht Hilfe für die Arbeiter, deren Hoffnungen auf Freiheit und Würde die Triebfeder des
Wandels waren.
Wenn entscheidende Wirtschaftsreformen Erfolg haben
sollen, müssen sie von einer Politik des Mitgefühls für
den Menschen getragen sein. Neue Strukturen sind
unbedingt erforderlich, um ein "soziales Netz" für
diejenigen zu knüpfen, die kurzfristige Nachteile der
Reformen zu spüren bekommen, wenn Staatsbetriebe
verkleinert, privatisiert oder geschlossen werden.
Die ILO kann dabei perfekte Hilfe leisten. Obwohl sie
in anderen Zeiten gegründet wurde, ist ihr Ziel der
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Förderung dauerhaften Friedens durch soziale Gerechtigkeit heute so aktuell wie 1919. Deshalb sind die
Vereinigten Staaten der Auffassung, daß die ILO Teil
des G-24 Prozesses - Koordinierung der Hilfe für
Osteuropa - sein, mit Rat zur Seite stehen soll, wie die
unangenehmen Begleiterscheinungen der Reform auf
ein Minimum beschränkt werden können und ihre
Fähigkeiten einsetzen soll, um effektive Programme
zu entwickeln, die den Arbeitnehmern und ihren Familien
beim Aufbau einer besseren Zukunft helfen.
Die Reaktion auf den Umweltbericht des Generaldirektors
Während die Welt die Geburt einer Reihe neuer
Demokratien im vergangenen Jahr feierte, begingen
wir darüber hinaus zum 20. Mal den Earth Day - und
dieser Jahrestag läßt den Bericht des Generaldirektors über "Umwelt und Arbeitswelt" als besonders
angemessen erscheinen.
Herr Generaldirektor, wir in den Vereinigten Staaten
betrachten Ihren Bericht als zeitgemäß und sachdienlich und unterstützen Ihren Plan, den Umweltschutz
weiterhin als eines der vier Hauptthemen der ILO im
Zweijahreszeitraum 1992-93 zu verankern. Der Gesundheitsschutz amerikanischer Arbeitnehmer am
Arbeitsplatz ist eine vordringliche Aufgabe, der ich im
vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit gewidmet habe.
Die vor uns liegende Herausforderung besteht darin,
daß die Arbeitswelt in all ihren Facetten mit der verstärkten Produktion von Gütern und Dienstleistungen
Schritt hält und gleichzeitig unsere Natur und unsere
Humanressourcen schützt.
Präsident Bush hat erklärt: "Für unsere Umwelt gibt es
keinen besseren Verbündeten als starke Volkswirtschaften. Volkswirtschaften, die es uns durch verbesserte Wirtschaftlichkeit ermöglichen, umweltpolitische
Fortschritte zu machen... Volkswirtschaften, die neue
Technologien hervorbringen und uns damit helfen, die
von uns verursachte Schädigung der Umwelt aufzuhalten und rückgängig zu machen... Volkswirtschaften, die es uns gestatten, lebenswichtige Investitionen
in unsere gemeinsame Zukunft vorzunehmen."
Wenn die Vereinigten Staaten aus Jahrzehnten von
Untersuchungen und Maßnahmen in diesem Bereich
eine Lehre gezogen haben, dann die, daß die Verbesserung von Umwelt- und Arbeitsschutz nicht ohne
Partnerschaft von Arbeitnehmern, Unternehmen und
Staat stattfinden kann - und das genau trifft den
Wesensgehalt der ILO.
In den Vereinigten Staaten betonen wir die Tatsache,
daß die Arbeitgeber dafür verantwortlich sind, sichere
und gesundheitlich einwandfreie Bedingungen am
Arbeitsplatz zu gewährleisten und die Arbeitnehmer
zur Identifizierung und Beseitigung gefährlicher Arbeitsbedingungen beitragen sollten.

AMERIKA DIENST 23

�Meine Regierung ermutigt durch das von mir beaufsichtigte Amt für Arbeitsschutz (OSHA) die Einhaltung
von Sicherheitsnormen durch die Bereitstellung von
Unterstützung und Ausbildung zur Verwirklichung
verantwortungsbewußter und wirksamer Programme.
Ich fühle mich heute an die Worte des amerikanischen
Dichters Archibald MacLeish erinnert, der, inspiriert
durch den großartigen Blick auf unseren Planeten, der
unseren Astronauten vor über zwei Jahrzehnten zuteil
wurde, schrieb: "Die Erde zu sehen, wie sie wirklich ist,
klein und blau und schön in jener ewigen Stille, in der
sie treibt, bedeutet, uns selbst gemeinsam als Reisende auf der Erde zu sehen, Brüder auf jener leuchtenden Lieblichkeit ... Brüder, die jetzt wissen, daß sie
wirklich Brüder sind."
Herr Generaldirektor, Ihr Bericht stellt zu Recht fest,
daß wir in der Tat alle Brüder und Schwestern sind ...
alle "gemeinsam als Reisende auf der Erde". Die
unausweichliche Tatsache unserer gegenseitigen
ökologischen Abhängigkeit erfordert nicht nur die
Zusammenarbeit zwischen Staat, Arbeitnehmern und
Arbeitgebern, sondern auch auf internationaler Ebene.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben die
Vereinigten Staaten durch einen vielfältigen internationalen Informationsaustausch sowohl ihre Erfolge mit
anderen geteilt als auch von anderen gelernt. Wir
haben enge Beziehungen zu vergleichbaren Institutionen für Arbeits- und Umweltschutz in Großbritannien,
Schweden, Israel und der Panamerikanischen Union
aufgebaut. Wir beteiligen uns voll und ganz an Arbeitsschutzmaßnahmen der ILO, der Europäischen Gemeinschaft und der Weltgesundheitsorganisation.
Um unser Haus in Ordnung zu bringen, muß jedoch
noch mehr getan werden, und ich versichere hiermit
die ILO der weiteren Zusammenarbeit der Vereinigten
Staaten bei der Bekämpfung von Umweltproblemen in
ihrem Verantwortungsbereich.
Darüber hinaus freue ich mich, mitteilen zu können,
daß unser Arbeitsministerium in Zusammenarbeit mit
der US-Umweltschutzbehörde der ILO einen Zuschuß
gewährt, um Umweltprobleme am Arbeitsplatz in
Osteuropa zu untersuchen.
Mit diesem Zuschuß wird die Ausweitung der Zusammenarbeit zwischen der ILO und dem neuen Regionalen Umweltzentrum für Mittel- und Osteuropa in Budapest unterstützt. Die Einrichtung dieses Zentrums,
das im August eröffnet wird, geht auf eine wichtige
persönliche Initiative von Präsident Bush zurück, die
das Ziel verfolgt, regionale und internationale Zusammenarbeit zu fördern.
Meine Regierung lädt die ILO ein, mit uns in diesem
Zentrum zusammenzuarbeiten, um ein technisches
Hilfsprogramm zu erarbeiten, mit dem das Verständnis
der Arbeitnehmer für Umweltprobleme am Arbeits-

AMERIKA DIENST 23

platz in Osteuropa geschärft wird. Eine wichtige
Maßnahme wird die Entwicklung eines Ausbildungsprogramms zum Arbeitsschutz beim Umgang mit
chemischen Stoffen sein. Wir schlagen die Veranstaltung von drei Ausbildungsseminaren unter der Leitung
des Regionalen Umweltzentrums vor.
Die Vereinigten Staaten würden ferner die Teilnahme
der ILO an einem für September geplanten Workshop
in Budapest über Vorkehrungen und Maßnahmen
gegen Chemieunfälle und deren Prävention begrü ßen.
Dieser Workshop wird in Zusammenarbeit mit dem
Regionalen Umweltzentrum veranstaltet und von der
US-Umweltbehörde sowie dem ungarischen Umweltministerium unterstützt.
Es gibt noch viele andere Möglichkeiten und Projekte,
aber die Grundtatsache steht außer Frage: Es ist
unerläßlich, daß wir alle zusammenarbeiten, um die
tiefgreifenden Umweltprobleme Osteuropas in den
Griff zu bekommen.
Herr Präsident, dies ist die erste ILO-Konferenz der
neunziger Jahre. In wenigen Jahren werden wir den
Beginn eines neuen Jahrhunderts feiern. Werden wir
stolz auf das sein, was wir geleistet haben? Werden
alle Bewohner dieses kleinen Planeten die grundlegenden Menschenrechte und eine bessere Zukunft
genießen? Wird eine saubere Umwelt, am Arbeitsplatz und außerhalb, unser Vermächtnis für die nächste Generation sein?
Wenn wir zusammenarbeiten, besitzen wir das Potential, all dies zu leisten und noch mehr. Die überwältigenden Ereignisse des vergangenen Jahres haben
gezeigt, wieviel entschlossene Menschen erreichen
können, wenn ihre Entschlossenheit fest und ihre Ziele
klar sind.
Während an vielen Orten auf der Welt Grund zum
Feiern besteht, müssen wir gleichzeitig unsere Anstrengungen intensivieren. Wir müssen uns energischer denn je darum bemühen, die Ideale zu fördern,
die sich die Begründer der ILO vor 71 Jahren zum Ziel
setzten. Die große Leidenschaft für Menschenrechte
und Menschenwürde, die Woodrow Wilson und andere Delegierte in Versailles im Jahr 1919 beflügelte,
treibt heute führende Persönlichkeiten der Weltpolitik
wie Ministerpräsident Mazowiecki, Vaclav Havel und
Violeta Chamorro an.
All diese Politiker wurden von dem Traum geleitet, daß
ihre Völker eine Zukunft der Freiheit, Würde und
Hoffnung verdienten. Und alle stehen sie vor enormen
Herausforderungen, da sie die demokratischen und
wirtschaftlichen Reformen durchführen, die zur Erfüllung ihres Traums notwendig sind.
Ihre Bemühungen zur Bewältigung dieser Herausforderungen und die Bemühungen anderer weitsichtiger
Persönlichkeiten in Staat, Gewerkschaften und Unter-

Seite 3

�nehmen in der ganzen Welt verdienen unsere uneinge- dieser Erde" können wir dazu beitragen, ihre - und
schränkte Unterstützung.
unsere - Träume zu verwirklichen.
Mit Engagement, Zusammenarbeit und vor allem Mitgefühl und Verständnis für unsere "Mitreisenden auf

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 23

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                <text>&lt;strong&gt;1. KSZE&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Baker: ungeteiltes und freies Europa in greifbar Nähe gerückt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Außenministers bei der KSZE&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: neun Zusicherungen an die Sowjets&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Außenministers beim Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. VSBM&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO schlägt neuen Sicherheitsmechanismus vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Botschafter John J. Maresca US-Delegationsleiter bei den VSBM-Gesprächen in Wien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. ILO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;ILO erhält amerikanische Zuschüsse für Arbeit in Osteuropa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Arbeitsministerin Elizabeth Dole&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

20. Juni 1990

24

DEUTSCHLAND

"UNGETEILTES, FREIES" EUROPA UND
DEUTSCHLAND IN GREIFBARER NÄHE
Erklärung von Außenminister Baker
vor Senatsausschuß

KSZE

KAMPELMAN: VEREINIGTE STAATEN
WÜNSCHEN PERESTROJKA ERFOLG
Rede des US-Delegationsleiters
bei der KSZE

CHINA

US-CHINAPOLITIK: ENGAGEMENT UND
SANKTIONEN
Die amerikanisch-chinesischen
Beziehungen seit dem
Tiananmen-Massaker

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLAND
20. Juni 1990

"UNGETEILTES, FREIES" EUROPA
UND DEUTSCHLAND IN GREIFBARER NÄHE
Erklärung von Außenminister Baker vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats hat Außenminister Baker am 12. Juni 1990
erklärt, daß im Rahmen der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen "Fortschritte zur Erlangung eines
ungeteilten und freien Europas und damit zu einem ungeteilten, freien Deutschland" erzielt wurden.
Auch in den Bereichen Rüstungskontrolle, regionale Konflikte und Wirtschaftsbeziehungen seien Fortschritte zu
verzeichnen. Der Minister bekräftigte, daß "die Vereinigten Staaten die vor ihnen liegenden enormen Herausforderungen am besten durch eine wahrhaft überparteiliche Außenpolitik bestehen" können.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung Bakers vor dem Ausschuß im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, heute morgen vor Ihrem Ausschuß Stellung nehmen zu dürfen. Dabei möchte ich
auf die jüngsten Entwicklungen eingehen, insbesondere diejenigen, die die amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen berühren und einen Ausblick in die Zukunft wagen. Wir haben soeben einen amerikanischsowjetischen Gipfel abgeschlossen und befinden uns
mitten in den Vorbereitungen auf einen NATO-Sondergipfel. Ihr Rat und Ihr Sachverstand sind bei der
Behandlung dieser Angelegenheiten wichtig. Wie der
Präsident und ich schon häufig unterstrichen haben,
können die Vereinigten Staaten die vor ihnen liegenden enormen Herausforderungen am besten durch
eine wahrhaft überparteiliche Außenpolitik bestehen.
Die jüngsten internationalen Entwicklungen, insbesondere der Trend zu Demokratie und Wirtschaftsreformen, bestätigen unsere traditionellen Werte und
liegen eindeutig in unserem langfristigen Interesse.
Ebenso eindeutig steht fest, daß die Nachwirkungen
der politischen Erdbeben des Jahres 1989 eine komplexe Ära des Wiederaufbaus zerrütteter Strukturen,
der Veränderung und - in einigen Fällen - des Auf baus
neuer Strukturen eingeleitet haben. Es wird Nachbeben geben, und es werden daneben große Chancen
zur Schaffung einer demokratischeren, wohlhabenderen und sichereren Welt bestehen.
Diese Chancen hängen zum großen Teil davon ab, ob
die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eine

AMERIKA DIENST 24

dauerhafte Verbesserung ihrer Beziehungen manifestieren können. Wir bemühen uns gegenwärtig umfassend, dies zu erreichen, indem wir nach Punkten
beiderseitigen Vorteils suchen. Diese Suche wird von
unserer Entschlossenheit geleitet, wie es der Präsident ausdrückte, über die Politik des Containment
hinauszugehen und eine neue Welt aufzubauen, die
den kalten Krieg und die ihm vorausgehenden Konflikte überwindet. Sie wird ferner von dem Potential der
Perestrojka bestimmt, dem Versuch der Sowjetunion,
ihre Wirtschaft und praktisch ihr gesamtes Gesellschaftssystem zu reformieren. Die Perestrojka verdient unsere Unterstützung genau deshalb, weil sie
eine Chance für eine konstruktivere sowjetische Außen- und Verteidigungspolitik und letztlich eine demokratischere Sowjetunion bietet.
Wir wissen, daß es nicht immer leicht oder rasch
möglich sein wird, Punkte beiderseitigen Vorteils auszumachen. Wie mir Dean Rusk im vergangenen Jahr
schrieb, haben wir "viel, an das wir uns erinnern
müssen und viel zu vergessen", bevor wir zu dem
Schlu ß kommen, daß die neue Ära von Dauer ist. Aber
es hat Fortschritte gegeben, und es bestehen Aussichten auf weitere Fortschritte.
Ich möchte Ihnen nun darlegen, was wir in den vergangenen Monaten in den wichtigsten Bereichen der
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen erreicht haben.

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�Ein ungeteiltes und freies Europa
Erstens haben wir Fortschritte zur Erlangung eines
ungeteilten und freien Europas und damit zu einem
ungeteilten, freien Deutschland gemacht. Im vergangenen Monat habe ich in Bonn an den ersten Zweiplus-Vier-Gesprächen teilgenommen. Wir haben klargestellt, daß der Zweck dieses Prozesses darin besteht, den eindeutigen Willen des deutschen Volkes zu
bestätigen, sich in Frieden und Freiheit zu vereinigen
sowie gleichzeitig darin, ein Forum zur Verfügung zu
stellen, um über die äußeren Auswirkungen der Vereinigung zu diskutieren.
Die Gespräche zwischen den beiden deutschen Regierungen über die inneren Aspekte der Vereinigung
schreiten rasch fort. Währenddessen bemühen wir
uns, die äußeren Folgen der Vereinigung in den Griff
zu bekommen, darunter die Grenzen, Berlin, die nach
dem Völkerrecht verbleibenden Recht der Vier Mächte
und militärpolitische Fragen. In diesem Zusammenhang haben die Vereinigten Staaten betont, daß es
kontraproduktiv wäre, für Deutschland einen Sonderstatus zu zementieren oder irgendwelche Beschränkungen der deutschen Souveränität zu verlängern.
Diskriminierende Beschränkungen könnten nur ein
Fundament künftiger Instabilität legen. Aus diesem
Grund lehnen wir es ab, diese Gespräche zu benutzen,
um rein deutschen militärischen Fähigkeiten Beschränkungen aufzuerlegen. Solche Begrenzungen und andere
vertrauensbildende Maßnahmen gehören zu Recht in
die KSE-Verhandlungen, die VSBM-Gespräche und
die kommenden Gespräche über nukleare Kurzstrekkensysteme (SNF).
Mit einem geeinten Deutschland wird ein neues Kapitel
der europäischen Nachkriegspolitik aufgeschlagen.
Dieses neue Kapitel sollte jedoch auch die Lektionen
enthalten, die wir aus den alten gelernt haben. Die
Europäische Gemeinschaft und die NATO repräsentieren den Willen freier Völker, die auf beiden Seiten
des Atlantiks zusammenarbeiten, um Demokratie,
Frieden und Wohlstand zu sichern. Aus diesem Grund
gehen wir zusammen mit vielen Europäern, einschließlich der Deutschen, davon aus, daß das neue Deutschland Vollmitglied einer vitalen NATO sein sollte.
Wie alle europäischen Institutionen wird sich die NATO
weiterentwickeln, um der neuen Lage gerecht zu werden.
Eines jedoch ist sicher: Sie wird ein Verteidigungsbündnis mit einem geeigneten Mix nuklearer und
konventioneller Streitkräfte bleiben, die der Bewahrung von Frieden und Sicherheit dienen, nicht der
Auslösung eines Krieges. Wie ich vergangene Woche
vor der KSZE-Konferenz in Kopenhagen erklärt habe,
wird sie darüber hinaus auch weiterhin als unerläßlicher Garant des Friedens dienen.
Die Sowjetunion lehnt die Vollmitgliedschaft eines
vereinigten Deutschlands in der NATO ab. Beim
Moskauer Außenministertreffen im Mai und dann beim

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Washingtoner Gipfel haben wir der sowjetischen Führung
erklärt, daß die NATO ein freiwilliger Zusammenschluß freier Völker ist. Ihr Zweck ist nicht - und war
niemals -, die Sowjetunion oder irgendein anderes
Land zu bedrohen oder anzugreifen, sondern Aggressionen zu verhindern und einen Anker gegen die
Stürme der Ungewißheit und Instabilität zu bieten.
In Abstimmung mit ihren Verbündeten in der NATO
haben die Vereinigten Staaten ein Neun-Punkte-Paket
künftiger Sicherheitsmaßnahmen vorgeschlagen, die
unseren Ansichten Nachdruck verleihen. Dazu gehören die folgenden Elemente: 1. KSE-Folgeverhandlungen für ganz Europa, die auch die Streitkräfte in der
Region Europa Mitte umfassen würden; 2. SNFVerhandlungen, die unmittelbar nach Unterzeichnung
eines KSE-Vertrages aufgenommen werden sollen; 3.
Bekräftigung der Verpflichtung Deutschlands, atomare, biologische oder chemische Waffen weder herzustellen noch zu besitzen; 4. Eine Überprüfung der
NATO-Strategie, um Umfang der nuklearen und konventionellen Streitkräfte sowie deren Strategie der
veränderten Lage anzupassen; 5. NichtStationierung
von NATO-Streitkräften auf dem Gebiet der heutigen
DDR während einer Übergangsperiode; 6. Unterstützung für das Interesse Deutschlands an einer Übergangsperiode bis zum Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR; 7. Eine endgültige Lösung der
Grenzfrage, die darin besteht, daß das Territorium
Deutschlands nur die Bundesrepublik Deutschland,
die DDR und Berlin umfaßt; 8. Die Bereitschaft zur
Stärkung der KSZE; 9. Die Lösung deutsch-sowjetischer Wirtschaftsfragen in einer Weise, die zur Unterstützung der Perestrojka beiträgt.
Zusammenfassend kann man sagen, daß wir versuchen, Moskaus Sicherheitsbedenken zu berücksichtigen. Es liegt jedoch auch an der Sowjetunion, zu
verstehen, warum die NATO für uns und die meisten
europäischen Staaten unerläßlich ist. Ich gehe davon
aus, daß letztlich die Sowjetunion bei dieser Frage
nicht isoliert dastehen möchte.
.
Bevor ich mich dem nächsten Bereich unserer Suche
nach Punkten beiderseitigen Vorteils zuwende, möchte ich kurz zu den jüngsten Wahlen in Mittel- und
Osteuropa Stellung nehmen.
Zwei weitere Länder haben jüngst mit ihren ersten
freien Wahlen seit der Revolution von 1989 die Probe
aufs Exempel gemacht. In der Tschechoslowakei
wurde allen Informationen zufolge sowohl dem Geist
als auch der Praxis freier Wahlen Rechnung getragen.
Das Bürgerforum und seine slowakische Partnerorganisation, Öffentlichkeit gegen Gewalt, erhielten eine
große Stimmenmehrheit, aber die große Gewinnerin
war die Demokratie.
Am 10. Juni 1990 gingen die Bulgaren zur ersten
Runde der Wahlen für ein neues Parlament an die
Urnen. Offiziellen Ergebnissen zufolge errang die

AMERIKA DIENST 24

�regierende Bulgarische Sozialistische Partei - die früheren Kommunisten - vor den Stichwahlen und der
Präsidentenwahl nahezu die Hälfte der Stimmen. Wir
können zur Zusammensetzung des Parlaments oder
zu möglichen Koalitionen nicht Stellung nehmen, bevor
diese Wahlgänge entschieden sind.
Fragen über mögliche Wahlmanipulationen werden
von der Regierung und Parteivertretern untersucht.
Wir möchten uns ein Urteil über diese Fragen vorbehalten, bis wir die Berichte der bulgarischen und ausländischen Wahlbeobachter, darunter auch eine USDelegation, geprüft haben. Wir haben unser Mißfallen
in mehreren Punkten zum Ausdruck gebracht, die
Fairneß im Wahlkampf, einschließlich der Einschüchterung von Oppositionsaktivisten und deren Anhängern, tiefgreifende Ungleichbehandlung im Hinblick
auf Wahlkampfmittel und Medienzugang sowie Unregelmäßigkeiten bei den Wählerlisten betreffen.
Wir werden weiterhin mit allen Bulgaren an der Entwicklung von politischem Pluralismus und demokratischen Institutionen arbeiten.
Rüstungskontrolle
Dies ist der zweite Bereich, in dem wir mit der Sowjetunion Vorteile für beide Seiten anstreben. Unser Ziel
besteht darin, strategische Stabilität und Berechenbarkeit zu verbessern und Abschreckung auf niedrigeren Streitkräfteniveaus und bei geringerer Gefahr von
Mißverständnissen oder Fehleinschätzungen beizubehalten. Sowohl strategische als auch konventionelle Rüstungskontrolle müssen in unsere Politik integriert werden, weil beide Aspekte des strategischen
Gleichgewichts eng miteinander verknüpft sind. Schließlich wollen wir das traditionelle Rüstungskontrollprogramm so erweitern, daß es neuen globalen Gefahren
wie etwa der Weiterverbreitung von Raketen und - als
altes, aber leider wieder aktuelles Problem - chemischen Waffen gerecht werden kann.
In einigen, wenn auch nicht in all diesen Bereichen
waren Fortschritte zu verzeichnen. Beim Gipfel haben
die Präsidenten Bush und Gorbatschow eine gemeinsame Erklärung zu START und künftigen Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen unterzeichnet.
Die Erklärung zu START zeigt eine Übereinstimmung
in nahezu allen wichtigen Punkten. Bevor ein Vertrag
unterzeichnet werden kann, müssen jedoch noch einige schwierige Probleme gelöst und komplexe, intensive Arbeit geleistet werden. Dennoch können wir
meiner Ansicht nach diese letzten Hürden bald nehmen, um die Zielsetzungen beider Präsidenten zu
erfüllen und noch Ende des Jahres einen Vertrag zu
unterzeichnen.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion engagieren sich für weitere Verhandlungen über strategische
Waffen. Unser Streben nach einer Verringerung der
Gefahr eines Atomkriegs wird nicht mit START been-

AMERIKA DIENST 24

det sein. Mit diesen künftigen Verhandlungen sollen
strategische Stabilität und Berechenbarkeit insbesondere durch den Abbau von Anreizen für einen Erstschlag verbessert werden. Wir verpflichten uns beide
dazu, die Anzahl der Gefechtsköpfe auf strategischen
Waffen - vor allem schweren Raketen und Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen - zu reduzieren.
Bei Atomtests haben wir einen langen Verhandlungsprozeß mit der Unterzeichnung von Protokollen zum
Schwellenvertrag und zum Vertrag über Kernexplosionen zu friedlichen Zwecken beendet.
Beim Gipfel haben die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion darüber hinaus ein historisches bilaterales Abkommen unterzeichnet, um den größten Teil des
Arsenals unserer chemischen Waffen zu zerstören.
Beide Seiten sollen die Herstellung stoppen, auf gleiche niedrige Niveaus reduzieren und angemessene
Verfahrensweisen zur Inspektion entwickeln. Ferner
sind wir aufgefordert, zusammenzuarbeiten, um alle
Länder davon zu überzeugen, daß sie mit uns die
Zerstörung aller chemischen Waffen anstreben sollen.
Bei konventionellen Waffen in Europa ist der KSEVertrag, der erhebliche Reduzierungen sowjetischer
Streitkräfte und sowjetischen Geräts vorsieht, ein
wichtiger Baustein für ein ungeteiltes und freies Europa. Der Präsident und ich waren daher ermutigt durch
jüngste Erklärungen der Sowjets, in denen sie ihr
Engagement für eine baldige Einigung bei KSE bekräftigten. Ich möchte hinzufügen, daß Präsident Gorbatschow beim Gipfel unsere Forderung, vor Unterzeichnung eines KSE-Abkommens solle kein KSZE-Gipfel
stattfinden, akzeptiert hat.
Wir sind mit unseren NATO-Verbündeten übereingekommen, daß Gespräche über die Reduzierung atomarer Kurzstreckenraketen nach Unterzeichnung eines
KSE-Vertrags aufgenommen werden sollten. Darüber
hinaus habe ich bereits darauf verwiesen, daß unsere
neun Punkte zur Vereinigung beider deutscher Staaten KSZE-Folgeverhandlungen umfassen, die Streitkräfte im Bereich Europa Mitte betreffen. Es ist
entscheidend, daß KSE mit den gegenwärtig erfolgenden schnellen politischen Veränderungen Schritt hält.
Es steht für beide Seiten zuviel auf dem Spiel, als daß
es verschleppt werden könnte.
Regionale Konflikte
Dies ist der dritte Bereich, in dem wir mit der Sowjetunion Vorteile für beide Seiten anstreben. Im Kongreß
und in unseren öffentlichen Erklärungen haben wir die
Bedeutung amerikanisch-sowjetischer Zusammenarbeit betont, um diesen schrecklichen und unnötigen
Kriegshandlungen ein Ende zu machen. Diese Zusammenarbeit hat im letzten Jahr gute Ergebnisse im
südlichen Afrika gezeitigt, wo ein unabhängiges Namibia
ein erster und hoffentlich nicht der einzige Lichtblick ist.

Seite 3

�In Mittelamerika hat der Sieg der Demokratie durch die
Wahlen in Nicaragua die Aussichten für den Frieden
verbessert. Wir sind immer noch besorgt über die
sowjetische Unterstützung für Kuba und die kubanische Unterstützung für die Rebellen in El Salvador.
Die kontinuierliche Militärhilfe an Kuba ist eine krasse
Ausnahme des "neuen Denkens" der Sowjetunion zu
regionalen Fragen.
Die Präsidenten Bush und Gorbatschow haben beim
Gipfel weitreichende Gespräche über alle regionalen
Probleme geführt. Ein Ergebnis dessen war die am 2.
Juni von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
veröffentlichte gemeinsame Erklärung über Äthiopien.
In einem bemerkenswerten Beispiel unserer Kooperationsbereitschaft sind wir übereingekommen, daß
amerikanische Nahrungsmittel mit sowjetischen Flugzeugen dorthin transportiert werden sollen, um der
Hungersnot in diesem Land abzuhelfen. Darüber
hinaus unterstützen wir gemeinsam mit den Sowjets
eine internationale Regierungskonferenz unter der
Schirmherrschaft der Vereinten Nationen, um zumindest die schrecklichen Konflikte am Hörn von Afrika
beilegen zu helfen.
Wirtschaftsbeziehungen
Der vierte und letzte Punkt, den ich heute ansprechen
möchte, ist der Handel zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion. Die Sowjets haben
ferner einem langfristigen Getreideabkommen zugestimmt.
Zwischen dem Getreideabkommen und dem Handelsabkommen gibt es keinen direkten Zusammenhang.
Amerikanisches Getreide ist gemäß bestehender
Abkommen seit Anfang der siebziger Jahre an die
Sowjetunion, unseren größten Einzelabnehmer, geliefert worden. Das Getreideabkommen ersetzt ein
bestehendes Abkommen, das den Absatz bis Ende
1990 regelt und stellt eine Erweiterung dessen dar.
Gemäß der Jackson-Vanik-Gesetze sind für die
Gewährung des Meistbegünstigungsstatus sowohl der
Verzicht auf Jackson-Vanik als auch der Abschluß
eines Handelsabkommens erforderlich. Aber die
Zustimmung hängt von den Maßnahmen ab, die die
Sowjets zu Ausreisegenehmigungen treffen. Der
Präsident hat deshalb darauf verwiesen, daß er weder
den Jackson-Vanik-Zusatzartikel aufheben noch dem
Kongreß ein Handelsabkommen vorlegen will, bevor
der Oberste Sowjet seine Ausreisegesetze verabschiedet hat. Außenminister Schewardnadse hat mir
versichert, daß sowjetischen Juden die freie Ausreise
weiterhin ermöglicht wird und daß Präsident Gorbatschows jüngste Äußerungen zu diesem Thema keine
anderslautende Meinung zum Ausdruck bringen wollten.
Der Präsident erklärte Gorbatschow, was bereits der
Senat eindeutig erklärt und das Repräsentantenhaus

Seite 4

bestätigt hat. Wir sind nicht der Meinung, daß der
Kongreß dem Handelsgesetz zustimmen wird, bevor
der tote Punkt bei Litauen überwunden ist. Das ist ein
Faktor des politischen Lebens.
Ich wünschte, Ihnen mitteilen zu können, daß sich bei
der amerikanischen und sowjetischen Haltung zu Litauen eine Annäherung vollzogen hat, aber das ist
nicht der Fall. Dennoch hat Präsident Gorbatschow
sein Engagement bekräftigt, die Krise in Litauen friedlich lösen zu wollen. Wir glauben darüber hinaus, eine
Kompromißbereitschaft herausgehört zu haben und
sind ermutigt, daß die Spitzenpolitiker der baltischen
Staaten jetzt in Moskau weilen. Wir hoffen, daß es
hierbei nicht nur zu Treffen mit der sowjetischen Führungsspitze, sondern zu einem systematischen Dialog
und letztlich einer friedlichen Lösung kommen wird.
Aber ob es tatsächlich zu einer Verringerung der Meinungsverschiedenheiten zwischen der Sowjetunion
und Litauen kommen kann, ist fraglich.
Zusammenfassung
Herr Vorsitzender, Sie sehen, daß wir in vielen wichtigen Bereichen, die die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion gleichermaßen betreffen, engagiert sind.
Unser Ziel besteht darin, die Punkte beiderseitiger
Vorteile herauszuarbeiten, die eine solide Grundlage
für die dauerhafte Verbesserung der amerikanischsowjetischen Beziehungen bilden werden. Mit den
ungeheuren Veränderungen, die jetzt alte Ideologien
und Diktaturen hinweggefegt haben, bietet sich unseren Ländern eine historisch einmalige Chance. Wie ich
eingangs ausgeführt habe, hat jedes Erdbeben Nachbeben. Die Arbeit des Wiederaufbaus und Neuaufbaus hat gerade erst begonnen. Aber ich denke, wir
haben einen guten Anfang gemacht.
Teil dieses guten Anfangs ist die Beziehung, die wir
beim Gipfel zwischen den Präsidenten Bush und
Gorbatschow wahrgenommen haben. Ungeachtet der
Meinungsverschiedenheiten waren der Ton und die
Atmosphäre der Gespräche sehr entspannt. Dies
zeigt meiner Ansicht nach den grundlegenden Wunsch
an, Probleme zu lösen, und diese Haltung schafft
Vertrauen für die Zukunft.
Eine weitere wichtige vertrauensbildende Maßnahme
ist der Fortschritt, den wir gerade beim Treffen des
Nordatlantikrats in Schottland erzielt haben. Wie Sie
wissen, hat der Präsident im kommenden Monat einen
NATO-Sondergipfel einberufen, um die politische Rolle
der NATO zu erörtern und Anpassungen bei der militärischen Strategie und Struktur der NATO vorzunehmen, mit denen der Frieden im neuen Europa garantiert werden soll. Wir haben in Turnberry sehr gute
Gespräche geführt. Ich könnte sie zusammenfassen,
indem ich darauf hinweise, daß die NATO mehr zu tun
beabsichtigt als einen Krieg zu verhindern - sie ist
bereit und in der Lage, den Frieden zu bringen. Wir
wollen einen Frieden, der nicht nur bedeutet, daß es

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�von derOstsee bis zur Adria keinen Krieg gibt, sondern Arbeit beschleunigen und intensivieren, wenn sie ihrer
der in gemeinsamen demokratischen Werten besteht, Rolle als Gewissen Europas gerecht werden will. Aber
die vom Atlantik bis zum Ural Gültigkeit haben.
wir und all die anderen Länder, die am Aufbau des
neuen Europas teilnehmen, dürfen ein grundsätzliIch möchte mit den Worten schließen, die ich bereits ches Ziel nie vergessen. Wir müssen auf dem Fundabei der KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimen- ment eines unveräußerlichen Rechts bauen: der Freiheit
sion in Kopenhagen verwendet habe. Auf Drängen der des Menschen.
Vereinigten Staaten und anderer muß die KSZE ihre

* * * * *

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Seite 5

�KSZE
20. Juni 1990

KAMPELMAN: VEREINIGTE STAATEN WÜNSCHEN
PERESTROJKA ERFOLG
Rede des US-Delegationsleiters bei der KSZE
KOPENHAGEN - (AD) - Bei seiner Rede anläßlich der KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension
erklärte Botschafter Max Kampelman am 12. Juni 1990, die Vereinigten Staaten wünschten den politischen und
wirtschaftlichen Reformen des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow den Erfolg. "Wir betrachten Perestrojka
als einzigartige sowjetische Reaktion auf ein Vermächtnis sich auftürmender politischer und wirtschaftlicher
Probleme. Sie ist darüber hinaus ein Versuch, die Strukturen einer überkommenen politischen Kultur zu
verändern," erklärte Kampelman bei der KSZE-Konferenz.
"Wir betrachten es als sehr wichtig und begrüßen es, daß Präsident Gorbatschow die Errichtung einer offenen,
humanen, rechtsstaatlichen und demokratischen Gesellschaft als unabdingbar für den Erfolg der Reformen
betrachtet. Wir sind uns der Probleme bewußt, die sich mit der eher zu- als abnehmenden Zustimmung zu den
bereits erfolgten großen Leistungen ergeben."
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Kampelmans Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, in diesen für die Menschenrechte
so hoffnungsvollen Zeiten zur KSZE zurückzukehren.
Als ich zum letzten Mal von 1980 bis 1983 an diesem
Prozeß teilnahm, hätte die Teilung zwischen Ost und
West nicht drastischer sein können. Trotz dieser
Atmosphäre konnten wir in Madrid kleine Schritte nach
vorn machen. • In Wien gab es dagegen große Fortschritte. Und heute können noch größere Fortschritte
erzielt werden. Bei diesem Treffen in Kopenhagen
können wir viel tun, um sicherzustellen, daß wir uns
weiterhin vorwärts bewegen. Ich spüre, daß bei dieser
Zusammenkunft eine sehr konstruktive Atmosphäre
herrscht.
Zum Abschluß des dreijährigen Madrider Treffens
zeichnete sich bei den Menschenrechten ein düsteres
Bild ab. Ich habe damals erklärt, daß die Vereinigten
Staaten das Schlußdokument begrüßten, weil "das
Streben nach Frieden zu entscheidend, die Notwendigkeit des Verständnisses unerläßlich und die Bedeutung der Schlußakte von Helsinki zu groß sind, als daß
uns die vor uns liegenden Aufgaben oder die damit
verbundenen Hindernisse entmutigen könnten".
Meine Regierung hat es als ebenso entscheidend,
ebenso unerläßlich und ebenso wichtig angesehen,
daß diesen Worten direkte Taten folgen müssen. Wir
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haben daran geglaubt. Wir glauben jetzt noch daran.
Der wahre Maßstab für Fortschritte bei KSZE ist das
Ausmaß, in dem die Verpflichtungen unserer Regierungen sich im Leben der Menschen in unseren Ländern widerspiegeln.
Die jüngsten vor allem in Mittel- und Osteuropa erzielten Fortschritte bei den Menschenrechten sind bedeutend und beeindruckend. Wir sind uns alle darüber
einig, daß noch viel zu tun bleibt. Außenminister Baker
hat vergangene Woche darauf verwiesen, "wir müssen weiterhin drängen, bis die strengen Menschenrechtsnormen der KSZE in ganz Europa Gültigkeit
haben, bis sie jeden einzelnen erfassen". Unsere
Tagesordnung fordert deshalb eine Überprüfung der
Durchführung und berücksichtigt damit den Grundgedanken dieser Rede. Unser Hauptaugenmerk wird in
Kopenhagen eher die Zukunft als die Vergangenheit
sein.
Die Botschaft Präsident Havels an diese Konferenz
hat mich bewegt. Er schreibt, daß die jüngsten dramatischen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa "Bedingungen geschaffen haben, unter denen der Schutz der
Menschenrechte nicht mehr Gegenstand hitziger
Debatten sein muß und zu dem werden kann, was er
immer schon hätte sein müssen - ein Bereich des
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�kontinuierlichen, regelmäßigen und zielgerichteten
Informationsaustauschs", der sich die Achtung der
Menschenrechte zum Ziel gesetzt hat. In diesem
Bewußtsein haben sich auch die Delegierten der DDR
geäußert: "Was in Europa seit Herbst letzten Jahres
erzielt worden ist, darf ... nicht zu Gleichgültigkeit
führen."
Meine Delegation hat darüber hinaus aufmerksam der
Rede von Minister Reschetow über die ungeheuren
Reformen in der Sowjetunion zugehört. Wir stimmen
mit seiner Beobachtung überein: "All unsere Völker
haben zum einen oder anderen Zeitpunkt demokratische Prozesse durchgemacht, wobei überall Probleme aufgetreten sind. Niemand war in der Lage, über
Nacht von einer Phase in die nächste zu springen."
Aus der Erfahrung, die unser Land in den vergangenen
zweihundert Jahren gemacht hat, erkennen wir, daß
es keine einfache Formel für erfolgreiche Demokratiebildung gibt. Die amerikanische Demokratie ist mit
ihrem unvollendeten Programm keineswegs perfekt.
Gleichzeitig verleiht die Tatsache, daß wir eine Demokratie sind, unserer Nation die Stärke und Flexibilität,
alte Fehler auszubügeln und uns neuen Herausforderungen zu stellen. Regierungen können niemals vollkommen sein, weil sie aus Menschen bestehen, die
niemals perfekt sind. Aber Regierungen können vervollkommnet werden, wenn sie auf der Grundlage
bürgerlicher und politischer Freiheiten errichtet werden.
Heute teilen sich die Vereinigten Staaten das demokratische Haus mit vielen Nationen. Dieses gastliche
Haus hat viele Wohnungen. In jeder werden zweifellos
die Menschenrechte geachtet, und alle sind politisch
legitimiert. Wir sollten unsere Bestrebungen fortsetzen, um ein dauerhaftes Fundament der Menschenrechte und Demokratie für uns alle und unsere Bürger
zu errichten.
Meine Regierung wünscht Perestrojka allen erdenklichen Erfolg. Wir betrachten Perestrojka als einzigartige sowjetische Reaktion auf ein Vermächtnis sich
auftürmender politischer und wirtschaftlicher Probleme. Sie ist darüber hinaus ein Versuch, die Strukturen
einer überkommenen politischen Kultur zu verändern.
Wir messen ihr gro ße Bedeutung bei und begrü ßen es,
daß Präsident Gorbatschow die Errichtung einer offenen, humanen, rechtsstaatlichen und demokratischen
Gesellschaft als unabdingbar für den Erfolg der Reformen betrachtet. Wir sind uns der Probleme bewußt,
die sich mit der eher zu- als abnehmenden Zustimmung zu den bereits erfolgten großen Leistungen
ergeben.
Wir konnten die Anfänge freier Wahlen für nationale,
regionale und kommunale Ämter beobachten. Wir
begrüßen die Zurückweisung von Gesetzen, mit denen einstmals der friedliche Widerstand zum Verbechen erklärt wurde. Glasnost tritt immer deutlicher

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zutage. Religionsfreiheit, Redefreiheit und Versammlungsfreiheit entwickeln sich positiv. Aus politischen
oder religiösen Gründen in psychiatrischen Anstalten
Inhaftierte sind freigelassen worden. Ausreisen und
Reisen ins Ausland sind drastisch gestiegen. Die
Institutionalisierung der Reformen ist im Gange, da - so
sagt man uns - Legislative, Judikative und Exekutive
Methoden erarbeitet haben, um gegen Menschenrechtsverletzungen vorzugehen und damit ihren Verpflichtungen gemäß der Schlußdokumente von Helsinki, Madrid und Wien nachkommen.
Herr Vorsitzender, an diesem Punkt scheint mir ein
anerkennendes Wort angemessen, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten im Geist der KSZE
zusammengearbeitet und damit auf hoher Ebene den
Dialog über die menschliche Dimension aufrechterhalten haben. Sowjetische Behörden waren bei diesem
Austausch sehr kooperativ und haben Rechtsstaatlichkeit gefördert, die Praktiken in der Psychiatrie
verbessert und neue Bedingungen für ältere und behinderte Menschen geschaffen. Wir möchten dem
Leiter der sowjetischen Delegation bei dieser Konferenz - der bei diesen bilateralen Gesprächen einer
unserer wichtigsten Gesprächspartner war - und seinen Mitarbeitern unsere Befriedigung über die Zusammenarbeit ausdrücken.
Präsident Gorbatschow hat erklärt, daß es auf dem
Weg zu Reformen kein Zurück gibt. Unserer Ansicht
nach ist ein Prozeß eingeleitet worden, der stetig
vollendet werden muß. Mit diesen Erwartungen sehen
wir den Moskauer Treffen dieser Konferenz im Jahr
1991 entgegen.
Seit unserer Zusammenkunft in Paris vor einem Jahr
hat die sowjetische Regierung alle bekannten Gefangenen aus den Arbeitslagern und aus der Verbannung
entlassen, die aufgrund politischer oder religiöser
Verfehlungen nach dem Strafrecht verurteilt waren.
Wir erwarten jetzt den Abschluß der Reformen dieser
Gesetze. Wir tauschen auch zu anderen Fällen, bei
denen politische Faktoren zu Verurteilungen geführt
haben, ständig Informationen aus.
Wir begrüßen eine Reihe von erfolgten Freilassungen
aus dem Lager 35 in Perm, aber es gibt immer noch
zwei Dutzend Gefangene in dem Lager, bei denen die
Länge der Strafe und die strengen Haftbedingungen
auf "altes Denken" hindeuten und nach Überprüfung
verlangen. Wir hoffen, daß eine solche Überprüfung
durchgeführt wird. Ich möchte in diesem Zusmmenhang darauf hinweisen, daß die Vereinigten Staaten
als Teil ihres kontinuierlichen bilateralen Informationsaustauschs die sowjetischen Forderungen nach Aufklärung über mutmaßliche politische Gefangene in den
Vereinigten Staaten erfüllen.
Die außergewöhnlich stark angestiegene Zahl der
Auswanderungen aus der Sowjetunion und die besseren Möglichkeiten für sowjetische Bürger, Reisen ins

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�Ausland zu unternehmen, haben uns beeindruckt. Wir
erwarten die baldige Verabschiedung der versprochenen Ein- und Ausreisegesetze. Sie sollen einen langen Weg zur Institutionalisierung der liberalisierten
Verfahren zurücklegen, die die Sowjets seit 1986
anwenden und dazu beitragen, daß die Probleme der
Vergangenheit niemals wiederkehren.
In Wien haben sich die teilnehmenden Staaten verpflichtet, "die notwendigen Schritte zu unternehmen,
um alle Gesuche auf der Grundlage der... Bestimmungen über menschliche Kontakte (der KSZE)... binnen
sechs Monaten einer Lösung zuzuführen". Diese Frist
von sechs Monaten lief am 19. Juli 1989 ab. Trotzdem
gibt es weiterhin ungefähr 60 seit langem bestehende,
ungelöste Fälle, und es stehen etwa zehn Personen
auf der amerikanischen Liste von bilateralen Fällen,
denen die Ausreisegenehmigung verweigert wird. Einige
dieser Menschen, die um Unterstützung nachsuchen,
warten bereits seit über zehn Jahren. Die Zahl ist
heute ziemlich gering. Es wäre gut, wenn sie auf Null
reduziert werden könnte.
Der sogenannte "KSZE-Mechanismus der menschlichen Dimension" ist in diesem Saal gelobt worden. Wir
schließen uns denjenigen an, die ihre anhaltende
Unterstützung dafür bekundet haben. Der Mechanismus wird unser gegenseitiges Verständnis erweitern
und die Spannungen zwischen uns reduzieren.
In diesem Zusammenhang muß ich allerdings kurz auf
ein zusätzliches noch ungelöstes Problem aus der
Vergangenheit eingehen, das von unserer Tagesordnung gestrichen werden sollte. Ich beziehe mich auf
das Verschwinden von Raoul Wallenberg in Ungarn im
Januar 1945 und seine Inhaftierung in der Sowjetunion, nachdem er eine humanitäre Mission für die jüdische Gemeinde durchgeführt hatte.
Das Nachrichtenmagazin Time hat unlängst im Vorabdruck Auszüge aus den Memoiren Andrej Sacharows
veröffentlicht. Darin kommentiert der Nobelpreisträger die offizielle sowjetische Position, derzufolge
Wallenberg im Jahr 1947 in der Haft starb. Sacharow
kam zu dem Schluß, daß diese Behauptung "ganz
sicher unwahr ist". Er forderte: "Diplomaten sollten
weiter die sowjetischen Behörden drängen, das Geheimnis um Wallenberg aufzuklären." In diesem
Bewu ßtsein und im Geist von Glasnost fordert unsere
Delegation erneut eine vollständige Information. Wir
können uns nicht mit der Erklärung zufrieden geben,
die Akten seien verschwunden. Wir möchten die volle
Wahrheit wissen und gehen davon aus, daß wir alle
von ihrer Enthüllung profitieren werden.
Um eine bessere Zukunft aufzubauen, müssen alle
Nationen mit der Vergangenheit ins reine kommen mit dem Vermächtnis des kalten Krieges und den
Konflikten, die ihm vorausgingen.
Nach Ansicht meiner Regierung gebietet es die Zukunft, daß die Sowjetunion das tragische Vermächtnis
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des Hitler-Stalin-Pakts in den Griff bekommt. Wir alle
wissen um die Tatsache, daß uns Gesuche auf Gewährung eines Beobachterstatus bei unseren Zusammenkünften für Vertreter Litauens, Lettlands und Estlands vorgelegt wurden. Es besteht kein Konsens zur
Unterstützung dieser Gesuche. Ich bekräftige hiermit,
daß die Regierung der Vereinigten Staaten dem Tag
entgegensieht, an dem solche Ersuchen von allen 35
Mitgliedstaaten akzeptiert werden können. Die Vereinigten Staaten stimmen mit dem Beschluß des sowjetischen Kongresses der Volksdeputierten vom 24.
Dezember 1989 überein, wonach der sogenannte
Molotow-Ribbentrop-Pakt - der Pakt zwischen Nazis
und Sowjets von 1939 - von Anfang an null und nichtig
war. Die Folgen der geheimen Zusatzprotokolle zu
diesem Vertrag - insbesondere die zwangsweise Eingliederung von Lettland, Litauen und Estland in sowjetisches Staatsgebiet, das sowjetischen Gesetzen und
sowjetischer Autorität unterliegt - sind somit automatisch rechtswidrig. Dies entspricht seit langem unserer
Auffassung.
Wir verstehen, daß Erklärungen allein eine fünfzigjährige Beziehung nicht von selbst zu einem friedlichen
und stabilen Ende bringen. Es gibt Probleme mit
Grenzen, Handel, Minderheitenrechten, Eigentum,
Sicherheit und einer Vielzahl weiterer komplexer und
einfacher Fragen. Diese Probleme erfordern unverzügliche, anhaltende und geduldige Verhandlungen.
All diese Mittel zur friedlichen Schlichtung werden von
Wirtschaftsembargos, nächtlichen Panzerbewegungen auf den Straßen, dem gewaltsamen Eindringen
von Truppen, der zwangsweisen Isolierung von der
Presse und anderen bedrohlichen Taten und Worten
untergraben.
Wirfordern die Sowjetunion auf, zu tun, was sie, wie sie
selbst wei ß, früher oder später in ihrem besten Interesse tun muß - verhandeln. Die ständig verbesserte
Bilanz der Einhaltung der Schlußakte von Helsinki
sollte nicht getrübt werden.
Herr Vorsitzender, die Serie neuer nationaler Wahlen,
die gerade in den aufstrebenden Demokratien Europas stattgefunden haben, ist nur der erste Schritt im
andauernden Prozeß des Aufbaus der Demokratie.
Die neugewählten Regierungen müssen mit der Erblast von Jahrzehnten der Unterdrückung fertigwerden.
Alte Gewohnheiten sind schwer abzuschütteln. Totalitäre Strukturen - die ihrem Charakter nach allgegenwärtig sind und in alle Lebensbereiche eingreifen lassen sich nur schwer abbauen. Menschen, die lange
Zeit in der Dunkelheit gelebt haben, müssen sich an
das Licht gewöhnen. Alle Regierungen tragen große
Verantwortung dafür, ihren Gesellschaften zu helfen,
erfolgreich den Übergang von Unterdrückung zur Demokratie zu bewältigen. Dabei müssen sie sowohl
ihren eigenen Bürgern als auch der internationalen
Staatengemeinschaft gegenüber Rechenschaft ablegen.

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�Herr Vorsitzender, während Gesellschaften darum
kämpfen, sich vom Eis der Repression zu befreien und
den Samen der Demokratie zu säen, laufen sie Gefahr,
sich in Streit und Intoleranz zu verlieren. Zu unseren
wichtigsten Menschenrechtsanliegen nicht nur in der
Sowjetunion, sondern auch andernorts in Mittel- und
Osteuropa gehört der Schutz von Minderheitenrechten - eine Frage, mit denen die neuen Regierungen von
Anfang an konfrontiert sind. Antisemitismus sowie
rassisch, religiös, ethnisch oder anders begründeter
Ha ß sind ein Symptom dieser Gefahr. Die Zeit verlangt
eine energische, systematische und öffentliche Verurteilung solcher Vorurteile durch die höchsten staatlichen Stellen. Für energische moralische Führung gibt
es keinen Ersatz.
Auf die mit der Sicherung von Minderheitenrechten
zusammenhängenden Fragen gibt es keine einfachen
Antworten. Die Regierungen können Vorurteile und
seit langem bestehende Animositäten nicht auslöschen. Aber die Regierungen können Maßnahmen
ergreifen, um der Diskriminierung und Verfolgung Einhalt
zu gebieten. Die Regierungen können Teil der Lösung
oder Teil des Problems werden. Wenn die Regierungen die Ordnung auf Kosten der Grundfreiheiten herstellen, wenn sie die Flammen der Intoleranz anfachen
oder beiseite stehen und nichts tun, während ihre
Gesellschaften von Haß verzehrt werden, dann sind
sie Teil des Problems. Wenn sie dagegen gleichen

* *

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Schutz durch gerechte Gesetze gewährleisten, wenn
sie kulturelle Vielfalt begrü ßen, wenn sie in der Off ent
lichkeit eine feste Haltung gegen Vorurteile einnehmen, dann sind sie Teil der Antwort.
Der wichtige Beitrag von Kopenhagen zu diesem Prozeß
wird darin bestehen, daß dieses Gremium die Grundsätze von freien Wahlen, politischem Pluralismus und
Rechtsstaatlichkeit stärkt. Gleichzeitig müssen wir die
Richtung weisen, der die KSZE folgen muß, wenn sie
Europa helfen soll, die Minderheitenkonflikte in den
Griff zu bekommen, mit denen wir konfrontiert sind.
Die Völker Mittel- und Osteuropas wissen besser als
jeder andere, wie weit ihre Länder gekommen sind, wie
weit sie noch gehen müssen und wie sehr die KSZE im
Lauf der Jahre dazu beigetragen hat, ihren Bürgern die
Menschenwürde zu sichern. Wir staunen angesichts
des schieren Umfangs dieser Aufgabe und erkennen
ihre historische Bedeutung an.
Durch die Verwirklichung der KSZE-Prinzipien und Vorschriften können die Teilnehmerstaaten dazu beitragen, Europa eine bessere Zukunft zu sichern. Der
Tag, an dem alle Menschen dort in Freiheit, Wohlstand
und Frieden leben können, ist noch nicht gekommen.
Aber er wird gekommen. Und mit unseren Bemühungen hier in Kopenhagen können wir seinen Anbruch
beschleunigen.

* *

*

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�CHINA
20. Juni 1990

US-CHINAPOLITIK: ENGAGEMENT UND SANKTIONEN
Die amerikanisch-chinesischen Beziehungen seit dem
Tiananmen-Massaker

WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Politik
gegenüber China ist seit dem Massaker aut dem Platz
des Himmlischen Friedens im Juni 1989 bestrebt,
Reformen und Menschenrechte durch eine ausgewogene Mischung von Engagement und Sanktionen zu
fördern.
In diesem Zusammenhang erklärte der Abteilungsleiter im Au ßenministerium, Richard Solomon, am 6. Juni
1990 vor dem Senat: "Unsere Haltung wird durch den
Versuch gekennzeichnet, eine wichtige Beziehung zu
erhalten, die bedeutenden nationalen Interessen dient
und gleichzeitig eine klare Botschaft auszusenden,
daß das Verhalten Pekings im Bereich Menschenrechte inakzeptabel war - und bleibt - und damit eine völlige
Normalisierung des Verhältnisses ausschließt."
Die abscheuliche Ermordung gewaltloser Demonstranten durch Pekinger Truppen im vergangenen Jahr hat
Administration und Kongreß dazu veranlaßt, eine Reihe
von Sanktionen gegen China zu verhängen. Die
Reaktion der Bush-Administration auf das Massaker in
Peking erfolgte rasch und unmißverständlich. Präsident Bush war der erste wichtige Politiker der Welt, der
dieses Vorgehen verurteilte, und er verhängte umgehend ein Paket von Maßnahmen, um zu zeigen, daß es
solange keine "normalen" Beziehungen geben kann,
wie die Atmosphäre der Unterdrückung bestehen bleibt.
Bei der Verurteilung der Gewaltakte hat der Präsident
eindeutig erklärt, daß die Vereinigten Staaten denjenigen zur Seite stehen, die mehr Freiheit und Demokratie anstreben.
Am 5. Juni 1989 - dem Tag nach dem TiananmenMassaker - ordnete der Präsident eine Aussetzung
aller Besuche zwischen hochrangigen Militärs beider
Länder sowie bei staatlichen und privatwirtschaftlichen Waffenexporten an, ferner eine interministerielle
Überprüfung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen. Darüber hinaus verkündete der Präsident,
daß er alle Ersuchen chinesischer Studenten um
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Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis wohlwollend
prüfen werde. Am 20. Juni 1989 ordnete der Präsident
dann die Einstellung von Kontakten zwischen hochrangigen Regierungsvertretern an und sagte geplante
Reisen von Wirtschaftsminister Mosbacher und Finanzminister Brady in Peking ab. Die Administration
bemühte sich femer mit Erfolg darum, die weitere
Vergabe von neuen Krediten an China durch internationale Finanzinstitutionen zu vertagen.
Diese Sanktionen bleiben bestehen,
stellt sich heute folgendermaßen dar:

Die Situation

Vor dem Tiananmen-Massaker gab es regelmäßig und häufig Treffen hochrangiger Regierungsvertreter der Vereinigten Staaten und
Chinas, von Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegationen und Kulturgruppen. Solche Kontakte finden heute selten und in großen Abständen statt: mit Ausnahme der Scowcroft-Eagleburger-Missionen wurden alle offiziellen Treffen
von der Abteilungsleiterebene an aufwärts eingestellt.
Die Vereinigten Staaten und China unterhielten
vier Programme über die Lieferung von Militärgütern (Foreign Military Sales). Sämtliche Lieferungen im Rahmen dieser Programme wurden eingestellt. Das größte Programm - ein
Avionik-Projekt im Wert von 500 Millionen Dollar
- wurde gekündigt. Gespräche über künftige
Programme wurden ebenso wie private Lieferungen eingestellt.
Bis zum Tiananmen-Massaker war China einer
der Hauptempfänger von Krediten der Weltbank
und der Asiatischen Entwicklungsbank. Zwischen Juni 1989 und Januar 1990 wurden Kredite beider Institutionen eingefroren, außer bei
einer Handvoll von Projekten zur Befriedigung
von Grundbedürfnissen. Präsident Bush hat die

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�Führung dabei übernommen, die Vergabe von
Weltbankkrediten von erheblichen Verbesserungen in der Menschenrechtssituation abhängig zu machen.
China hat seit 1984 erheblich von der Liberalisierung der Technologieexporte gemäß dem
COCOM-Regime profitiert. Eine im Jahr 1989
diskutierte weitere Liberalisierung der COCOMKontrollen wurde nach dem Juni vergangenen
Jahres ausgesetzt.
Die amerikanische Gesellschaft für Privatinvestitionen im Ausland (OPIC) hat seit den Ereignissen auf dem Tiananmen keine Versicherung
für Unternehmen gewährt, die in China investieren wollen.
Solomon zufolge war das Sanktionspaket so beschaffen, daß weitere Härten für das chinesische Volk
vermieden werden sollten und der Regierung gleichzeitig klargemacht wurde, daß die gewaltsame Unterdrückung abweichender Meinungen ernsthafte Konsequenzen nach sich zieht. "Wir waren bestrebt,
bestimmte Kernelemente der amerikanisch-chinesischen Beziehungen zu bewahren - die von fünf Administrationen in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit
viel Mühe geschaffen wurden -, da dies der einzige
Weg ist, um weiterhin unser Engagement für Reformen und Offenheit in China zum Tragen zu bringen",
erklärte Solomon.
Die Verbündeten der Vereinigten Staaten in der G-7 Kanada, Frankreich, Großbritannien, Japan, Bundesrepublik Deutschland und Italien - verfolgen im allgemeinen die gleiche Linie. Bei regelmäßigen Konsultationen war die G-7 in der Lage, seit Juni 1989 eine
gemeinsame westliche Position zu den wichtigsten
Fragen, wie etwa die Einstellung von Waffenexporten
nach China, die Beschränkung der Kreditvergabe durch
Weltbank und Asiatische Entwicklungsbank sowie eine
Begrenzung hochrangiger staatlicher Kontakte aufrechtzuerhalten. "Diese westliche Solidarität", erklärte Solomon, "hat der chinesischen Führung eine eindeutige Botschaft übermittelt, daß normale Beziehungen mit der internationalen Staatengemeinschaft nicht
möglich sind, wenn eine Regierung zur gewaltsamen
Unterdrückung ihres Volks greift und die Notwendigkeit wirtschaftlicher und politischer Reformen ignoriert."
Als Antwort darauf hat die chinesische Führung durch
eine Reihe positiver, wenn auch bescheidener Schritte
in den letzten Monaten ihren Wunsch signalisiert, das
amerikanisch-chinesische Verhältnis zu bewahren:
Aufhebung des Kriegsrechts in Peking und Lhasa;
Haftentlassung von zunächst 573 und dann kürzlich
noch einmal 211 Gefangenen; Gestattung des Zugangs nach Tibet für Diplomaten; Akkreditierung eines
Korrespondenten der Stimme Amerikas; die Zusage,
keine Mittelstreckenraketen in den Nahen Osten zu

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liefern; Wiederaufnahme des Fulbright-Programms;
Einladung von Freiwilligen des Entwicklungsdienstes
Peace Corps.
Die Bush-Administration ist jedoch enttäuscht, daß die
chinesische Regierung keine entschiedeneren Schritte unternommen hat, um ihr Engagement für die international anerkannten Menschenrechte zu demonstrieren. "Unter den gegenwärtigen Umständen", so Solomon, "finden die vom Präsidenten verhängten Sanktionen weiterhin Anwendung".
Er verwies ferner darauf, daß die Vereinigten Staaten
sich weiterhin auf die Politik stützen werden, mit der in
den letzten zehn Jahren positive Entwicklungen in
China gefördert und Aktionen vermieden wurden, mit
denen die in vielen Teilen der chinesischen Gesellschaft immer noch aktiven Kräfte des Fortschritts
unterminiert werden könnten. "Der Ausbau unserer
Beziehungen zu China seit der Normalisierung im Jahr
1979 zielte darauf ab, die wirtschaftliche und soziale
Modernisierung zufördern", erklärte Solomon. "In den
letzten zehn Jahren haben wir mit China viele offizielle
und private Kontakte zwischen Institutionen und Privatpersonen aufgebaut, die tiefgreifende Auswirkungen auf die politischen und wirtschaftlichen Reformen
und die chinesische Haltung zu den Menschenrechten
hatten."
Darüber hinaus wurden Solomon zufolge "die bilateralen Handelsbeziehungen zu China ausgebaut, unter
anderem, um die Hinwendung zu einer Marktwirtschaft
zu fördern und die Entwicklung des multilateralen
Handels und der finanziellen Verbindungen einzuleiten, mit denen China seine Integration ins Weltwirtschaftssystem vollziehen kann."
Diese letzte Politik liefert den Grundstein für die Entscheidung des Präsidenten, China weiterhin Meistbegünstigungsstatus zu gewähren. Die Vereinigten Staaten
sind der Ansicht, daß ein Rückzieher an diesem Punkt
in Chinadie Anreize für Reformen und Maßnahmen bei
den Menschenrechten verringern und darüber hinaus
andere wichtige außenpolitische Ziele der Vereinigten
Staaten gefährden könnte, erklärte Solomon. "Wir
wollen, daß China unsere Ansichten zu einem großen
Spektrum von regionalen und internationalen Fragen
berücksichtigt, etwa bei der Verbreitung von Raketen
und Rüstungsexporten, Handelspraktiken, Umweltschutz und bei der friedlichen Lösung regionaler Konfikte. Eine Verweigerung der Meistbegünstigungsklausel würde bedeuten, daß China nichts mehr zu
verlieren hätte, wenn es unsere Bedenken in diesen
Bereichen außer acht ließe."
Solomon verwies insbesondere darauf, daß Wirtschaftsbeziehungen unabdingbar sind, wenn die Vereinigten
Staaten Reformen in China unterstützen wollen. "Der
Meistbegünstigungsstatus liefert das Fundament für
unsere Wirtschaftsbeziehungen. Und die Dynamik
unserer Wirtschaftsbeziehungen hat eine aktive Prä-

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�senz der Vereinigten Staaten in China auf vielen
Ebenen und Tausenden von chinesischen Unternehmen, ihren Managern und Mitarbeitern den Kontakt zu
amerikanischen Firmen ermöglicht. Diese Kontakte
leisten mehr als nur die Erleichterung von Handel und
Investitionen. Sie fördern das Verständnis unseres
Lebensstils, unserer politischen Werte und unseres
freien Unternehmertums. Ereignisse auf der ganzen
Welt bestärken uns in unserer Meinung, daß der
Welthandel ein wichtiger Katalysator für Veränderungen ist. Wie wir in Osteuropa und der Sowjetunion
beobachten konnten, können erfolgreiche Wirtschaftsreformen nicht ohne politische Reformen erfolgen."

Schluß, daß der Meistbegünstigungsstatus für China
weiterhin im Interesse der Vereinigten Staaten liegt.
Daher hat er am 24. Mai 1990 Schritte unternommen,
um China durch eine Verlängerung der Ausnahmeregelung vom Jackson-Vanik-Zusatzartikel (Abschnitt
402) des Handelsgesetzes für ein weiteres Jahr den
Meistbegünstigungsstatus einzuräumen.
Der Präsident hat Solomon zufolge entschieden, Chinas Meistbegünstigungsstatus zu verlängern, weil dies
eindeutig den Interessen der Vereinigten Staaten dient:
er fördert die Ziele der Reformierung, Modernisierung
und Förderung der Menschenrechte, durch ihn können
produktive offizielle Kontakte erhalten werden, er schützt
die Interessen amerikanischer Firmen und Verbraucher, und er trägt zur Erhaltung der Stabilität und
künftigen Lebensfähigkeit Hongkongs bei.

Die Aufhebung des Meistbegünstigungsstatus würde
größere Härte für die Menschen in China bedeuten,
ohne daß damit die erwünschten Verbesserungen bei
der Menschenrechtssituation oder eine Rückkehr zu
wirtschaftlichen und politischen Reformen erzielt würden. "Stattdessen", erklärte er, "würden damit unser
Einfluß zunichte gemacht, amerikanische Unternehmen gestraft und konservative, isolationistische Kräfte
in der chinesischen Führung bestärkt. Kurzum: es
handelt sich dabei um das falsche Mittel".

"Wir dürfen die Macht des Welthandels als treibende
Kraft des Wandels nicht unterschätzen", erklärte Solomon. "Solange China sich wirtschaftlich engagiert,
sind die Reformkräfte vom Platz des Himmlischen
Friedens noch aktiv. China kann nicht gegen den Wind
des Wandels ansegeln.

Aus diesem Grunde kam der Präsident nach Erwägung der anderen verhängten Sanktionen zu dem

* *

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*

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                <text>Amerikadienst 20.06.1990</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;"Ungeteiltes, freies" Europa und Deutschland in greifbarer Nähe&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Baker vor Senatsausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kampelman: Vereinigte Staaten wünschen Perestrojka Erfolg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Delegationsleiters bei der KSZE&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. China&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Chinapolitik: Engagement und Sanktionen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die amerikanisch-chinesischen Beziehungen seit dem Tiananmen-Massaker&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

»WA
«?

27. Juni 1990

DEUTSCHLANDPOLITIK

BAKER: VIERMACHTESTATUS VON
BERLIN MUSS BEENDET WERDEN
Pressekonferenz des Außenministers
in Berlin

EUROPA

EUROPA AUF DEM WEG INS JAHR 2000
Rede von Botschafter Walters vor
dem Außenpolitischen Kongreß
der CSU

KSZE

KAMPELMAN FORDERT SCHUTZ DER
RECHTE VON MINDERHEITEN
Rede bei der KSZE-Konferenz
in Kopenhagen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
27. Juni 1990

BAKER: VIERMÄCHTESTATUS VON BERLIN MUSS
BEENDET WERDEN
Pressekonferenz des Außenministers in Berlin
BERLIN - (AD) - Außenminister Baker zufolge hängt ein "freies, souveränes, ungeteiltes" Deutschland mit
"allseits anerkannten Grenzen" von Aktionen ab, die "ein vereinigtes Deutschland weder singularisieren noch
diskriminieren" sowie von der Einigung der vier Mächte, auf ihre Rechte in Berlin, der geteilten ehemaligen
Hauptstadt, "zum Zeitpunkt der Vereinigung zu verzichten."
In einer Pressekonferenz im Anschluß an das Zwei-plus-Vier-Ministertreffen in Ostberlin erklärte Baker, die
Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien müßten ihre Rechte zum Zeitpunkt der
Vereinigung aufgeben", so daß die Souveränität Deutschlands in keiner Weise eingeschränkt ist."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Außenminister Baker im Wortlaut.

Meine Damen und Herren, meine Kollegen haben auf
die heutige Feier verwiesen. Bei dieser Feier habe ich
erklärt, während wir dieses historische Tor öffnen,
weht der Geist der Freiheit durch Berlin und vereint
diese Stadt, diese Nation und heilt diesen Kontinent.
Unsere Gastgeber, die demokratisch gewählte Regierung der Deutschen Demokratischen Republik vertreten meiner Ansicht nach in der Tat diesen Geist der
Freiheit. Nur weil die DDR-Bürger den Weg der
Freiheit gewählt haben, können wir in Berlin - dem
Symbol für ein geteiltes Deutschland und ein geteiltes
Europa - zusammenkommen. Bald wird Berlin aus
meiner Sicht als Symbol für etwas Neues stehen: ein
ungeteiltes Berlin, ein in Frieden und Freiheit vereinigtes Deutschland, ein ungeteiltes und freies Europa.
Ich möchte daher allen Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik meinen Dank aussprechen - jedem einzelnen von ihnen, deren ungeheurer Mut uns
diese Möglichkeiten eröffnet hat. Den Vertretern der
Kirche und vielen anderen, deren Suche nach nationaler Aussöhnung und Gerechtigkeit lang und einsam
war, entbieten wir unsere Glückwünsche. Und Ministerpräsident de Maiziere und Außenminister Meckel
möchte ich meinen persönlichen Dank für die Veranstaltung dieses Treffens aussprechen.
Bei der Eröffnung der Gespräche im Mai habe ich die
sich uns meiner Ansicht nach bietenden Chancen in
einfachen Worten umrissen: die Erleichterung der
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deutschen Vereinigung in Freiheit und Frieden. Vier
Jahrzehnte der Teilung stellen uns vor einige sehr
schwierige und komplexe Probleme. An deren Lösung
kann jedoch kein Zweifel bestehen: ein freies, souveränes, vereinigtes Deutschland in allseits anerkannten
Grenzen.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten muß sich der
Prozeß zur Verwirklichung dieser Lösung - und auf
dieses Thema haben wir einen Großteil unserer Zeit
heute verwandt - auf zwei Grundprinzipien stützen:
erstens sollten unsere Aktionen ein geeintes Deutschland weder singularisieren noch diskriminieren. Unserer Ansicht nach würde damit zukünftige Instabilität in
Europa gesät. Und zweitens sollten die vier Mächte
ihre Rechte zum Zeitpunkt der Vereinigung aufgeben,
so daß die Souveränität Deutschlands in keiner Weise
eingeschränkt ist. Zunächst sollte ich hier feststellen,
daß die Sowjetunion in einem von ihr vorgelegten
Entwurf diese Ansicht nicht teilt, obwohl die anderen
Teilnehmer unserer Meinung sind. Diesem Entwurf
zufolge würde die Souveränität Deutschlands eingeschränkt und zwar für einige Jahre.
Aber lassen Sie mich unsere heutigen Gespräche kurz
zusammenfassen:
Zunächst haben wir in bezug auf die Grenzfrage, wie
bereits von meinem Kollegen Roland Dumas erwähnt,
die polnische Teilnahme am nächsten Außenminister-

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�treffen in Paris vorbereitet. Wir gehen davon aus, daß
den legitimen Anliegen Polens im Hinblick auf die
Grenze Rechnung getragen werden muß, und wir
haben heute unterstrichen, daß kein Beschluß über
diese Angelegenheit ohne umfassende Konsultationen mit den Polen getroffen werden sollte.
Meiner Ansicht nach sind rasche Fortschritte in der
Frage der Grenzen Deutschlands sowohl unerläßlich
als auch machbar. Unsere Haltung ist ganz eindeutig.
Ein vereinigtes Deutschland sollte das gegenwärtige
Territorium der Bundesrepublik Deutschland, der
Deutschen Demokratischen Republik und Berlins
umfassen - nicht mehr und nicht weniger. Zu diesem
Punkt bestehen zwischen den Sechs keinerlei Meinungsverschiedenheiten.
Zweitens arbeiten wir auf eine Vereinbarung über die
Elemente eines Dokuments zur endgültigen Regelung
der Deutschlandfrage hin. Die Vereinigten Staaten
gehen davon aus, daß dieses Dokument fünf Elemente enthalten sollte. Erstens sollte es mit einer allgemeinen politischen Erklärung über den internationalen
Kontext für die Vereinigung beginnen. Zweitens sollte
darin die Verwirklichung der deutschen Einheit durch
die Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland, der
Deutschen Demokratischen Republik und Berlins
begrüßt werden. Drittens sollten durch sie unsere
verbleibenden Rechte und Pflichten in bezug auf die
Grenzen aufgehoben werden. Viertens sollte sie
Bestimmungen enthalten, mit denen der Viermächtestatus von Berlin beendet wird. Fünftens sollte die
Regelung darüber hinaus die Erlangung der vollständigen und umfassenden Souveränität eines vereinigten
Deutschlands sowie die Aufhebung der Rechte und
Pflichten der vier Mächte kodifizieren.
Wir haben uns heute vorläufig auf einen Zwischenentwurf für Elemente einer endgültigen Regelung geeinigt, in dem von einer Präambel, den Grenzen und
Berlin die Rede ist. Darüber hinaus haben wir vereinbart, daß unsere Experten eine Liste anderer umstrittener Fragen erstellen und gegebenenfalls die geeigneten Foren für die Lösung dieser Probleme bestimmen.
Zusammenfassend möchte ich sagen, daß unseres
Erachtens ein stabiles Interessengleichgewicht gefunden werden kann. Wir bemühen uns unsererseits
darum, den angemessenen Sicherheitsanliegen Moskaus gerecht zu werden. Ich muß jedoch auch feststellen, daß es den Sowjets obliegt, die Anliegen der
deutschen Staaten, anderer Staaten Europas und
auch der Vereinigten Staaten zu verstehen.
Zu Beginn dieser Gespräche habe ich das besondere
Vertrauen unserer Öffentlichkeit betont, ein Vertrauen,
das grenz und sogar generationenüberschreitend war.
Heute ist es meines Erachtens angebracht, diesen
Punkt zu wiederholen. Zu lange ist ein ungeteiltes und
freies Europa nur ein Traum gewesen, während uns

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die Realität das unverhüllte Bild von Grenzkontrollpunkten, Mauern und Konfrontation geboten hat.
So war es in der Vergangenheit, und bis vor kurzem
schien es, als ob das auch in Zukunft so sein würde.
Aber hier und jetzt, in dieser Stadt und in diesem Land
haben wir nun die Chance, die alte Realität zu vertreiben und an ihrer Stelle das Europa zu schaffen, das dessen bin ich mir sicher - wir alle haben möchten.
Vielen Dank.
Frage: Eine Frage an Außenminister Baker: Der
sowjetische Entwurf sieht einen Zeitplan für die Reduzierung auf lediglich symbolische Streitkräfte vor, die
andere Länder auf deutschem Boden unterhalten sollen. Können Sie dazu Stellung nehmen? Ist dieser
Vorschlag wert, berücksichtigt zu werden?
Antwort: Wir vertreten dazu die Auffassung, daß es
das echteste Zeichen deutscher Souveränität ist, wenn
das vereinigte Deutschland seine eigenen Entscheidungen über Fragen wie Streitkräftestationierung auf
seinem Territorium treffen kann.
Frage: Wenn ich den Vorschlag richtig verstehe,
wären es die Besatzungsmächte, die eine Entscheidung über den Abzug ihrer Truppen treffen würden.
Sehen Sie das tatsächlich als Streitkräftereduzierung
in Deutschland? Ich dachte eher, daß sich die anderen
Länder aus Deutschland zurückziehen. Was ist daran
falsch?
Antwort: Vielleicht sollten wir zu diesem Vorschlag weil wir ihn heute zum ersten Mal gesehen haben - die
Meinung von Außenminister Schewardnadse hören.
Aber wie ich es verstehe, würde damit für Berlin eine
andere Situation entstehen als für die DDR. Es würde
zum Beispiel bedeuten, daß im Hinblick auf die Stadt
Berlin ein Truppenabzug stattfindet und daß Berlin
dann von etwa 380 000 sowjetischen Soldaten umgeben wäre. Sie fragen mich, ob ich das für eine gute
Idee halte, und ich denke, Sie kannten die Antwort
bereits, als sie die Frage stellten. Aber ich möchte
dazu einfach sagen: Unsere Position lautet, daß diese
Frage tatsächlich von einem vereinten Deutschland
entschieden werden soll.
Frage: Meiner Ansicht nach gab es noch einen
anderen Aspekt zu dem Vorschlag, daß ausländische
Truppen in einigen Jahren von deutschem Boden
abgezogen werden sollten.
Antwort: Es gibt dazu noch einen anderen Aspekt.
Meine Antwort dazu lautet: Warum soll das nicht ein
souveränes vereintes Deutschland entscheiden, anstatt daß es ihm als Bedingung für die Erlangung einer
endgültigen Regelung aufgezwungen wird?
Frage: Die Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts
haben ihre Bereitschaft angedeutet, den Charakter
ihres Bündnisses zu verändern. Meine Frage lautet,
ob die NATO bei ihrem Gipfel in London auf diese

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,

�Schritte des Ostens mit einem neuen sicherheitspolitischen Konzept reagieren will?
Antwort: Wir verweisen bereits seit einiger Zeit darauf, daß die politische Komponente der NATO stärker
betont werden soll. Ich selbst habe dazu bereits im
Dezember vergangenen Jahres Vorschläge über
mögliche politische Schritte des Bündnisses unterbreitet, die ich hier nicht im einzelnen wiederholen will. Die
Situation in Europa hat sich verändert. Wird die NATO
ein Verteidigungs- und Sicherheitsbündnis bleiben?
Meine Antwort darauf ist positiv, weil sie zuerst und vor
allem ein Verteidigungsbündnis war. Diejenigen von
uns, die Mitglieder sind, vertreten die Auffassung, daß

*

AMERIKA DIENST 25

sie zum großen Teil verantwortlich dafür war, daß 40
Jahre lang kein Krieg stattgefunden hat. Aber sie wird
sich anpassen und politischer werden. Und ich möchte
in diesem Zusammenhang auch auf die Ergebnisse
des NATO-Gipfels hinweisen, der uns in zwei Wochen
in London bevorsteht. Und nach dem Gipfel werden
Sie das Ausmaß ermessen können, in dem im Bündnis
politische Anpassungen stattfinden und das Bündnis
auf die veränderte Situation in Europa eingehen wird,
auch im Hinblick auf die Erklärung der Mitgliedstaaten
des Warschauer Pakts, die hier vor kurzem abgegeben wurde. Ich danke Ihnen.

* * *

*

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�EUROPA
27. Juni 1990

EUROPA AUF DEM WEG INS JAHR 2000
Rede von Botschafter Walters vor dem Außenpolitischen
Kongreß der CSU
MÜNCHEN - (AD) - In einer Rede vor dem Außenpolitischen Kongreß der CSU in München hat Botschafter
Vernon A Walters am 23. Juni 1990 betont, daß im Zuge der sehr positiven Entwicklungen in Europa eine Politik
vonnöten sei, "die alles tut, um die Konsolidierung der Demokratie zu fördern und die Konfrontation abzubauen.
Gleichzeitig müssen wir in Europa jene Strukturen aufrecht und funktionsfähig erhalten, die unsere gemeinsame
Sicherheil garantieren." Als wichtigste dieser Strukturen bezeichnete der Botschafter in diesem Zusammenhang
die NATO. Europa sei "immer noch ein Ort der Ungewi ßheit, und wir wären töricht, wenn wir jenes so erfolgreiche
Bündnis - die NATO - zugunsten neuer und unerprobter Modelle aufgeben würden".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude und Ehre, hier vor diesem
so hochkarätig besetzten Außenpolitischen Kongreß
der CSU zu einem solch wichtigen Thema wie "Europa
auf dem Weg ins Jahr 2000" sprechen zu können.
Die Entwicklungen der letzten zwölf Monate haben die
Aussichten für ein "ungeteiltes und freies Europa" - um
mit den Worten von Präsident Bush zu sprechen drastisch verbessert. Verhaßte diktatorische Regime
sind von Regierungen abgelöst worden, die den Willen
des Volkes verkörpern. Deutschland ist auf dem
Wege, 40 Jahre einer schmerzlichen Teilung zu beenden. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion sind - wie Präsident Bush
gesagt hat - in eine "neue Ära" eingetreten.
Zur gleichen Zeit stellen uns diese sehr positiven
Entwicklungen auch vor die Aufgabe, den bestmöglichen Nutzen aus ihnen zu ziehen. Im Falle der
veränderten politischen Lage in Europa müssen wir
uns um eine Politik bemühen, die alles tut, um die
Konsolidierung der Demokratie zu fördern und die
Konfrontation abzubauen. Gleichzeitig müssen wir in
Europa jene Strukturen aufrecht und funktionsfähig
erhalten, die unsere gemeinsame Sicherheit garantieren.
AMERIKA DIENST 25

Die wichtigste dieser Strukturen bleibt die NATO. Wie
Präsident Bush während des letzten Washingtoner
Gipfeltreffens gegenüber Gorbatschow betont hat,
sind wir der Meinung, daß die "NATO ein Eckpfeiler
sowohl der militärischen Sicherheit als auch der politischen Legitimität im neuen Europa bleiben wird."
Warum sollte dies so sein, wo doch die Demokratie den
Kommunismus in Osteuropa hinweggefegt hat und die
Sowjetunion einen Prozeß der politischen und wirtschaftlichen Reformen eingeleitet hat?
Es gibt darauf mehrere Antworten. Die erste lautet,
daß wir dieses Ziel noch nicht erreicht haben, so sehr
wir uns auch nach einem vollständig stabilen und
demokratischen Europa sehnen. Die Entwicklungen in
Rumänien in der letzten Woche haben dazu beigetragen, diesen Punkt nachdrücklich zu unterstreichen.
Niemand kann umhin, jene Völker zu bewundern, die
eine demokratische Staatsordnung anstelle einer
kommunistischen Tyrannei aufgebaut haben. Aber es
wäre auch töricht, die ungeheuren wirtschaftlichen und
sozialen Probleme, vor die sich die neuen
osteuropäischen Demokratien gestellt sehen, in Abrede zu stellen und die unterschwelligen ethnischen und
anderen Spannungen zu übersehen, die einen potentiellen Gefahrenherd für die Stabilität Europas darstel-

Seite 1

�len.
Was nun die Sowjetunion betrifft, so werden die wichtigen Veränderungen, die Präsident Gorbatschow sowohl
außenpolitisch als auch innenpolitisch auf den Weg
gebracht hat, von den Vereinigten Staaten und den
anderen Mitgliedsländern der Allianz durchaus anerkannt und begrüßt. Gleichzeitig kann niemand die
großen Probleme in Abrede stellen, die die Zukunft
dieses Landes belasten und die in den kommenden
Jahren zu großer Instabilität in der Sowjetunion führen
könnten.
Daher ist Europa immer noch ein Ort der Ungewi ßheit,
und wir wären töricht, wenn wir jenes so erfolgreiche
Bündnis - die NATO - zugunsten neuer und unerprobter Modelle aufgeben würden.
Die NATO spielt auch eine Schlüsselrolle bei der
Rüstungskontrolle, wie sich dies gegenwärtig in Wien
zeigt. Jeder, der die Frage nach der zukünftigen Rolle
der NATO aufwirft, sollte sich fragen lassen, welch
andere Organisation eine vergleichbare Rolle spielen
könnte, um die schwierige und komplizierte Aufgabe
des Aushandelns und Überwachens zukünftiger Rüstungskontrollvereinbarungen zu übernehmen.
Durch die NATO wird außerdem dafür gesorgt, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin in entscheidender Weise zur europäischen Sicherheit beitragen.
Mit den Ländern Westeuropas teilen wir gemeinsame
Werte, die uns enger miteinander verbinden als jeder
Vertrag. Niemand wurde gezwungen, der NATO beizutreten. Jedes Mitglied ohne Ausnahme schloß sich
ihr aus freien Stücken an. Seit über vierzig Jahren
haben wir Mittel und Wege gefunden, um einstimmig
all die Entscheidungen zu treffen, die uns zu diesem
geschichtlichen Augenblick geführt haben. Die NATO
war und ist ein Bündnis freier Völker.
Die Außenminister des Bündnisses haben jedoch bei
dem kürzlichen Treffen in Turnberry klar gemacht, daß
sich das Bündnis an veränderte politische Verhältnisse
anpassen wird. Diese "Botschaft von Turnberry"
beginnt mit den folgenden Worten: "Wir, die Außenminister der Allianz, bekunden unsere Entschlossenheit,
die historische Chance zu ergreifen, die sich aus den
grundlegenden Veränderungen in Europa ergibt, um
eine neue europäische Friedensordnung zu schaffen,
gegründet auf Freiheit, Recht und Demokratie. In
diesem Geiste reichen wir der Sowjetunion und allen
anderen europäischen Ländern die Hand zu Freundschaft und Zusammenarbeit."
Die "Botschaft von Turnberry" besagt weiter, daß die
Allianz die legitimen Sicherheitsinteressen aller Staaten anerkennt. Sie betont die Bereitschaft des Bündnisses, aktiv zum Aufbau von Vertrauen und engeren
Beziehungen zwischen allen europäischen Ländern,
einschließlich der Mitglieder beider Bündnisse, beizu-

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tragen. Die Botschaft fordert eine Stärkung des KSZEProzesses und Fortschritte bei den Wiener Rüstungskontrollverhandlungen. Sie bringt außerdem die
Überzeugung zum Ausdruck, daß die deutsche Einigung ein wesentlicher Beitrag zur Stabilität in Europa
ist.
Was die Rolle der NATO bei der Rüstungskontrolle
betrifft, so erklären die NATO-Außenminister im Turnberry-Kommunique, "wir betonen mit Nachdruck, daß
wir dem Abschluß eines KSE-Vertrages noch in diesem Jahre höchste Priorität einräumen. Dieser Vertrag muß alle Verhandlungsgegenstände einschließen
und zu substantiellen, verbindlichen und verifizierbaren Reduzierungen konventioneller Streitkräfte in Europa
führen, damit destabilisierende Ungleichgewichte sowie
die Fähigkeit beseitigt werden, einen Überraschungsangriff zuführen oder raumgreifende Offensivhandlungen zu beginnen. Ein derartiger Vertrag wäre ein
gewaltiger Schritt auf dem Wege zu größerer Stabilität
und Sicherheit in Europa." Darüber hinaus stellt das
Kommunique fest, daß die Bündnispartner nach Abschluß eines KSE-Abkommens bereit sein werden,
Folgeverhandlungen zur weiteren Stärkung von Sicherheit und Stabilität in Europa aufzunehmen.
Der Platz für ein vereintes Deutschland ist im Atlantischen Bündnis. Seine Beteiligung an dieser institutionellen Struktur für gegenseitigen Beistand bei der
Landesverteidigung und der Erhaltung der Stabilität
bedroht niemanden. Darüber hinaus wird, sobald
Deutschland vereinigt ist, die fortdauernde sowjetische Truppenpräsenz auf deutschem Boden eine
Anomalie sein, die kaum geeignet erscheint, sowjetischen Sicherheitsinteressen zu dienen. Es ist die
Hoffnung meines Landes und der anderen Mitglieder
des Zwei-plus-Vier-Prozesses, daß die Sowjetunion
dies auch so sehen und einem raschen Abzug dieser
Truppen zustimmen wird.
Mit der Abschaffung der alliierten Vorbehaltsrechte als
Ergebnis des Zwei-plus-Vier-Gespräche muß das
vereinte Deutschland über seine volle Souveränität
verfügen. Wir glauben, die historische Erfahrung lehrt
uns, daß besondere Beschränkungen der Rechte eines
Landes nicht dazu beitragen, Aussöhnung und Vertrauen zu fördern, die für den Aufbau einer wirklich
stabilen Ordnung in Europa so dringend benötigt werden.
Der Umstand, daß ich die fortdauernde Bedeutung der
NATO so stark betont habe, sollte nicht dahingehend
mißverstanden werden, daß sich der Blick der Vereinigten Staaten auf Europa nur auf die Mitgliedstaaten
des Bündnisses beschränkt. Das Bündnis betrachtet
sich ebenfalls als Teil eines größeren Ganzen.
Der ungeschmälerte Fortbestand der NATO und der
Bau eines größeren, geeinten und freien Europas, von
dem Präsident Bush und die NATO-Außenminister
sprachen - diese beiden Dinge schließen sich nicht
aus, sondern ergänzen einander.

AMERIKA DIENST 25

�Gestatten Sie mir noch ein Wort zum "europäischen
Pfeiler" der NATO. Es besteht kein Zweifel daran, daß
die Vereinigten Staaten an eine vollkommen gleichberechtigte atlantische Partnerschaft glauben. Natürlich
brauche ich hier nicht besonders zu betonen, wie sehr
wir daran interessiert sind, daßder europäische Pfeiler
uns dabei hilft, das gemeinsamen Gebäude - die
NATO - abzustützen, und nicht in irgendeiner Weise
als Alternative zum atlantischen Bündnis oder als
ausschließlich europäische Angelegenheit betrachtet
wird.
Um auf das größere Europa zurückzukommen, möchte ich betonen, daß wir niemand davon ausschließen
wollen, wie dies Präsident Bush im Verlaufe des
Washingtoner Gipfeltreffens gegenüber Präsident
Gorbatschow mehr als deutlich gemacht hat. Wir sind
ebenso der Meinung, daß es für den Erfolg der neuen
europäischen Friedensordnung unabdingbar ist, daß
die Vereinigten Staaten ihre Präsenz in Europa weiterhin aufrechterhalten.
Das neue "ungeteilte und freie Europa" wird bestimmte integrierende Strukturen benötigen, eine Art Rahmen für die zukünftige enge Zusammenarbeit, die wir
alle wünschen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es
ein wachsendes Interesse am KSZE-Prozeß als der
Basis für eine solche Struktur.
Außenminister Baker hat dann drei Herausforderungen aufgezeigt, die wir bewältigen müssen:
"Erstens müssen wir sicherstellen, daß die soeben
gewonnenen Freiheiten in Gesellschaften verwurzelt sind, deren Grundsätze Rechtstaatlichkeit und die Zustimmung der Regierten sind."
Ich möchte hier hinzufügen, daß die jüngsten
beklagenswerten Entwicklungen in Rumänien
deutlich machen, wie wichtig dieser Punkt ist.
"Zweitens müssen wir gewährleisten, daß alle
Völker in Europa den Wohlstand kennenlernen,
der sich aus wirtschaftlicher Freiheit und wettbewerbsfähigen Märkten ergibt."
"Und drittens müssen wir sicherstellen, daß wir
nicht unabsichtlich in Konflikte verwickelt werden oder sich die Streitigkeiten wiederholen, wie
sie vor dem kalten Krieg stattfanden."
Die Stärkung des KSZE-Prozesses findet eine große
Unterstützung von Seiten der Vereinigten Staaten.
Außenminister Baker machte kürzlich folgende sechs
Vorschläge zur Stärkung des KSZE-Prozesses:
Erstens regelmäßige Konsultationen unter den
Unterzeichnerstaaten. Die Minister könnten
sich vielleicht einmal pro Jahr treffen, ihre engsten Mitarbeiter zweimal im Jahr. Solche Gespräche würden die KSZE als Forum für einen
hochrangigen politischen Dialog stärken.

AMERIKA DIENST 25

Zweitens häufigere Abhaltung von KSZE-Überprüfungskonferenzen, vielleicht alle zwei Jahre
und mit einer festgesetzten Dauer von etwa drei
Monaten.
Drittens die Annahme des Prinzips freier und
fairer Wahlen, des politischen Pluralismus und
der Rechtsstaatlichkeit durch die Konferenz in
Kopenhagen und den KSZE-Gipfel.
Viertens Bestätigung der Bonner Prinzipien zur
wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf dem KSZEGipfeltreffen. Insbesondere werden die 35
Staaten danach trachten, freien Kapitalfluß,
marktwirtschaftliche Systeme mit auf Angebot
und Nachfrage basierenden Preisen sowie den
Schutz allen Eigentums, einschließlich von Privateigentum und geistigem Eigentum, zu erlangen oder aufrechtzuerhalten.
Fünftens durch den KSZE-Gipfel das Mandat
der für Januar 1991 in Valletta anberaumten
Konferenz über die friedliche Beilegung von
Streitigkeiten zu stärken. Wir sind auch der
Meinung, daß die KSZE durch innovative Vorschläge bei den Wiener VSBM-Gesprächen
militärische Offenheit und Transparenz fördern
kann.
Sechstens ein Treffen auf Beamtenebene in
diesem Sommer zur Vorbereitung des Gipfels ein Vorschlag, der schon angenommen worden
ist.
Beim KSZE-Gipfel erwarten wir dann die Unterzeichnung eines KSE-Abkommens, und Präsident Gorbatschow erklärte Präsident Bush gegenüber, er teile
diese Ansicht. Wir erwarten ferner eine Überprüfung,
schriftliche Fixierung und Konsolidierung der Fortschritte bei allen drei Körben von Helsinki, die Stärkung
der KSZE als Prozeß sowie die Planung der Folgekonferenz im Jahre 1992.
Wie Sie sehen, messen die Vereinigten Staaten der
KSZE beim Aufbau eines neuen Europas eine bedeutende Rolle zu. Wir sind jedoch nicht der Ansicht, daß
die KSZE die Möglichkeit in sich birgt, die NATO
ersetzen zu können.
Die Vereinigten Staaten verfolgen mit großem Interesse den Prozeß der europäischen Integration. Dies ist
eine Entwicklung, die von den Vereinigten Staaten seit
Gründung der EG immer wieder begrü ßt wurde. Wenn
eine Art europäischer Föderation oder gar die Vereinigten Staaten von Europa Wirklichkeit werden sollten,
dann würden die Vereinigten Staaten einen solchen
Schritt nur begrüßen können, da er voll und ganz im
Einklang mit unserem Wunsch nach einem "ungeteilten und freien Europa" stünde.
Es würde unserer Meinung nach jedoch der Sache
Europas und der Vereinigten Staaten sehr abträglich

Seite 3

�sein, wenn der Prozeß der europäischen Integration
als ein irgendwie gearteter Ersatz für die transatlantische Zusammenarbeit gesehen würde, statt (wie wir
meinen) als Ergänzung zur transatlantischen Partnerschaft.
Ein Europa, in dem die Vereinigten Staaten teure
Truppenpräsenz aufrechterhalten, aber in dem wichtige Sicherheitsentscheidungen in Gremien getroffen
werden, in denen die USA keine Stimme haben, ist
nicht vorstellbar.

Jahren in der Tat eine riskante Angelegenheit. Lassen
Sie mich hier jedoch kurz ausführen, was wir dann zu
sehen hoffen:
Ein Osteuropa, in dem die Demokratie fest
verankert ist und das den Übergang zur Marktwirtschaft vollzogen und substantielle Fortschritte zur Wiederherstellung des Wohlstandes seiner Völker gemacht hat.
Eine Sowjetunion, die zumindest substantielle
Fortschritte in die gleiche Richtung gemacht
hat.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal die uneingeschränkte Unterstützung der Vereinigten Staaten für
die europäische Integration hervorheben. In der Tat
glauben wir, daß in dem Maße, wie Europa zusammenwächst, neue institutionelle Bindungen zwischen
der Europäischen Gemeinschaft und den Vereinigten
Staaten für beide Seiten von Nutzen sein könnten.

Ein vereintes, fest im Westen verankertes
Deutschland, selbst wenn es seine natürlichen
Bindungen und Interessen im Osten verfolgt
und pflegt.

Wir sind weit davon entfernt, die Europäische Gemeinschaft abzulehnen und sind vielmehr im Gegenteil der
Ansicht, daß wir zu ihren Begründern gehörten. Im Mai
1948 kam ich als Assistent von Averell Harriman, dem
damaligen Direktor des Marshallplans, nach Europa.
Ich konnte persönlich feststellen, daß die gesamte
Hilfe im Rahmen des Marshallplans davon abhängig
gemacht wurde, daßdie Europäer Schritte zu verstärkter wirtschaftlicher und politischer Einheit unternahmen.

Ein qualitativ verändertes amerikanisch-sowjetisches Verhältnis, wie es sich bereits beim Washingtoner Gipfel abzeichnete.

Zu jener Zeit machte das Bruttosozialprodukt der
Länder, die heute die Europäische Gemeinschaft bilden, nur einen Bruchteil des unsrigen aus. Heute ist
das europäische Bruttosozialprodukt ebenso hoch wie
unseres. Wir sind der Ansicht, daß dies gut für die
Europäer, für uns und für die Freiheit ist. Trotz aller uns
nachgesagten Schwierigkeiten ist das amerikanische
Bruttosozialprodukt heute ebenso groß wie das der
vier folgenden Staaten zusammengenommen. Dagegen ist der Fehlschlag undemokratischer Gesellschaftssysteme für jedermann unschwer zu erkennen.

Einen intensivierten KSZE-Prozeß, der durch
Fortschritte in allen drei Körben wesentlich dazu
beigetragen hat, die Zusammenarbeit in Europa
zu fördern und die Sache der Freiheit zu stärken.

Wir begrüßen Entwicklungen wie den europäischen
Binnenmarkt, hoffen jedoch, daß die Länder Europas
sich darüber im klaren sind, daß Freihandel und fairer
Wettbewerb über den Atlantik hinweg jedermann von
Nutzen sind, und zwar im Hinblick auf die Förderung
der Technologie, der wirtschaftlichen Effizienz und
letztlich von Wachstum und Beschäftigung. Protektionismus nützt niemandem, und dies ist der Grund,
warum wir einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay
Runde des GATT noch in diesem Jahr so große
Bedeutung beimessen.
Wie also sieht "Europa auf dem Weg ins Jahr 2000"
aus amerikanischer Sicht aus? Da noch vor einem
Jahr niemand auch nur annähernd hätte voraussagen
können, wie das Europa von heute aussehen würde,
ist eine Voraussage für einen Zeitraum von zehn

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Eine beachtliche Reduzierung des Niveaus
militärischer Streitkräfte in Europa, die auf der
Basis eines ausgehandelten Abkommens erzielt wurde.

Ein fortdauerndes amerikanisches Engagement
im Bereich europäischer Sicherheit und eine
tragfähige NATO, die bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten für die Zusammenarbeit mit allen europäischen Staaten offen ist.

Bedeutsame Fortschritte bei der europäischen
Integration, die amerikanisch-europäische Zusammenarbeit als gemeinsames Interesse betrachtet.
Gestatten Sie mir an dieser Stelle ein Wort über mein
eigenes Land. Seit 1981, als klar wurde, daß die
Vereinigten Staaten gegenüber der immensen militärischen Macht der Sowjetunion in einen Zustand provokativer Schwäche gefallen waren, hat das amerikanische Volk über zwei Billionen Dollar für die Verteidigung aufgebracht - und zwar nicht nur für unsere
eigene, sondern auch für die unserer Bündnispartner.
Die Perestrojka ist nicht vom Himmel gefallen, sie
wurde durch unsere Einigkeit mit Europa und durch
das enorme Opfer einer solchen Geldsumme gefördert. Der Rüstungswettlauf war für diejenigen, die
andere Träume hatten als wir, schließlich zu kostspielig geworden.

AMERIKA DIENST 25

�Bis heute wird nahezu ein Drittel des amerikanischen
Verteidigungshaushalts tür die Unterstützung unserer
Streitkräfte in Europa ausgegeben.
Gemeinsam mit den Europäern sehen wir im Licht der
Vorgänge im Osten einer angemessenen Erleichterung dieser Last entgegen.

gen zu heilen, die so lange ohne Freiheit und in Furcht
leben mußten.
Der Anbruch der Morgendämmerung hat lange auf
sich warten lassen, aber heute ist der ganze Osten in
helles Licht getaucht.
Ich danke Ihnen.

Wir werden jedoch weder zögern noch nachlassen,
unseren Anteil beizutragen, um die Wunden derjeni-

*

AMERIKA DIENST 25

*

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�KSZE
27. Juni 1990

KAMPELMAN FORDERT SCHUTZ DER RECHTE
VON MINDERHEITEN
Rede bei der KSZE-Konferenz in Kopenhagen
KOPENHAGEN - (AD) - Der amerikanische Delegationsleiter bei der KSZE, Botschafter Max M. Kampelman,
erklärte gegenüber den Teilnehmern der Kopenhagener Konferenz über die Menschliche Dimension am 22. Juni
1990, der Zeitpunkt zum Schutz der Rechte von Minderheiten sei so günstig wie nie zuvor.
Das Thema Rechte von Minderheiten ist Kampelman zufolge eine der wichtigsten Herausforderungen, denen
sich die KSZE-Länder stellen müssen, zumal sich viele von ihnen im Prozeß der Demokratisierung befinden.
In seiner Rede bei der Plenarsitzung verurteilte Kampelman den wieder verstärkt zu beobachtenden Antisemitismus und andere Formen der Diskrimierung aufgrund von Hautfarbe, Rasse oder Religion in einigen der 35
Teilnehmerstaaten. Er verwies in diesem Zusammenhang insbesondere auf Rumänien, wo Intoleranz
gegenüber bestimmten Volksgruppen zunimmt und forderte die Regierung auf, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen über die jüngsten Aufstände zu veröffentlichen.
Kampelman begrüßte ferner die Entscheidung des jugoslawischen Präsidenten, den in der Provinz Kosovo
ausgerufenen Ausnahmezustand wieder aufzuheben, erklärte jedoch, die Probleme könnten nicht gelöst
werden, bis ein "echter Dialog mit den demokratischen albanischen Gruppen in der Region stattfindet".
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Kampelmans Rede im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
Sie werden mir zustimmen, da ß der Schutz der Rechte
von Minderheiten eine wichtige Herausforderung für
die KSZE-Länder darstellt, die nicht so leicht gelöst
werden kann. Regierungen können dabei zur Lösung
oder zur Verschärfung des Problems beitragen. Meine
Regierung ist davon überzeugt, daß der Geist und
Wortlaut der von uns eingegangenen KSZE-Verpflichtungen von uns fordern, daß wir zur Lösung beitragen.

damit auch nicht sagen, daß die Erfahrungen in Amerika
automatisch auf andere Länder übertragbar sind, in
denen sich die kulturelle und politische Tradition und
Geschichte grundlegend von unserer Situation unterscheidet. Aber wir verfügen über eine einmalige
nationale Erfahrung - zum Teil ein Grund des Stolzes,
zum Teil auch eher tragisch -, die unsere Überlegungen leiten kann.

Wir müssen jetzt und in der Zeit nach Kopenhagen
unsere Arbeit intensivieren, wenn wir zu einem breiter
angelegten Prozeß der Problemlösung beitragen wollen. Dieses Problem ist von ungeheurer Komplexität.
Unsere Arbeit wird das gesamte Spektrum der KSZE
umfassen.

Die Erfahrung der Vereinigten Staaten in den letzten
200 Jahren zeigt, daß jede Gesellschaft, die sich auf
ihre demokratischen Grundsätze beruft, nicht nur den
Willen der Mehrheit achten, so wichtig dies auch sein
mag. Wenn sie ihren grundlegendsten demokratischen Werten wahrhaft treu bleiben will, muß sie auch
auf die Stimmen der Minderheiten in ihrer Mitte lauschen.

Die Delegation der Vereinigten Staaten vertritt eine der
größten Demokratien der Welt. Darüber hinaus sind
wir einer der größten Vielvölkerstaaten der Welt. Das
berechtigt uns noch nicht zu Ermahnungen. Ich will

Herr Vorsitzender, ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an das Zitat eines prominenten amerikanischen Spezialisten für die Rechte der Indianer und
engen Freundes von mir, des verstorbenen Felix Co-

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�hen, der das Schicksal der Indianer mit dem Kanarienvogel der Bergleute verglich. Die Bergleute nahmen
immer einen Kanarienvogel im Käfig mit unter Tage.
Wenn der Kanarienvogel aufgrund des Sauerstoffmangels starb, wußten die Bergleute, daß sie auch
sterben würden, wenn sie nicht sofort zurückkehrten.
Cohen benutzte dieses Bild zur Verdeutlichnug der
verfassungmäßigen Rechte amerikanischer Indianer,
die, ebenso wie die Juden in Europa eine gefährdete
Minderheit waren. Wenn Minderheiten nicht geschützt
werden, so Cohen, dann ist über kurz oder lang jeder
gefährdet und Gesellschaften könnten nicht wiedergutzumachende Verluste erleiden.
Cohen veröffentlichte seine Ansichten zu einer Zeit, da
sich Europa und die Welt von den Verwüstungen eines
schrecklichen Kriegs erholten, den die vergiftete
Atmosphäre des Nationalismus ausgelöst hatte. Trotz
der Tatsache, daß wir heute in einer anderen Welt
leben, hat der Mensch immer noch die Fähigkeit zum
Bösen. Unsere Zerstörungsfähigkeit hat erheblich
zugenommen. Da das Eis des kalten Krieges schmilzt,
entdecken wir umso klarer die immer noch vorhandene
Glut der Spannung zwischen einzelnen Volksgruppen.
Sie liegen offen vor uns und können leicht durch
Verantwortungslosigkeit entfacht werden.
Das vorherrschende Thema heute ist jedoch die Freiheit. Die Völker Europas haben sich eindeutig entschieden, den Weg der Demokratie und Zusammenarbeit zu gehen. Es ist der Weg der Gerechtigkeit,
Sicherheit und des Friedens, wie er in der Schlußakte
von Helsinki aufgezeichnet ist, die das wichtigste
Dokument unserer Tage darstellt. Deshalb ist jetzt die
Zeit gekommen, da Regierungen und Bürger gleichermaßen Zurückhaltung und Respekt für die Menschenrechte ihrer Bürger und denen ihrer Nachbarländer
aufbringen müssen. Jetzt ist es an der Zeit, daß
Vernunft und Dialog über Vorurteile und Gewalt siegen. Kein Staat kann heute behaupten, daß im Bereich der Rechte von Minderheiten kein Raum für
Verbesserungen bestünde. Keine Gesellschaft - auch
nicht meine eigene - kann sich von Vorurteilen freisprechen.
Die gegenwärtige Lage in einer Reihe von Mitgliedstaaten gibt zu gemeinsamer Besorgnis Anlaß. In
einigen Gebieten ist die Lage gespannt und sogar
potentiell explosiv. Dies gilt insbesondere für die
Länder, die sich erst seit kurzem mit dem Aufbau von
Demokratien und Reformen befassen, da es eben
diese Länder sind, in denen es bisher praktisch keinen
Schutz für Rechte jedweder Art gab, wenige Präzedenzfälle für die friedliche Beilegung von Streitigkeiten, wenig verläßliche Mittel für die Behebung von
Beschwerden und geringes Vertrauen in die Legitimität der Regierungsbehörden.
Das Wiederaufflammen von Antisemitismus und die
Zunahme anderer Formen ethnischer, rassischer und

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religiöser Auswüchse sind schreckliche Rückschläge,
die in einer zivilisierten Gesellschaft keinen Platz haben.
Ethnische Spannungen haben bereits einen hohen
Tribut an Menschenleben gefordert. In Rumänien sind
wir beispielsweise über Berichte zutiefst besorgt, daß
eine Reihe Haß schürender Organisationen und Elemente, die die brutale Unterdrückung der Rechte der
ungarischen Minderheit befürworten, zunehmend aktiv werden. Wir drängen die rumänische Regierung,
entschiedene Schritte zur Eindämmung der gewalttätigen Aktivitäten der Handlanger nationaler Vorurteile
zu unternehmen. Wir fordern die Regierung, die uns
ihrer demokratischen Absichten zu versichern versucht, auf, den Schleier der Geheimhaltung zu lüften
und die Ergebnisse ihrer Untersuchung der jüngsten
blutigen ethnischen Auseinandersetzungen in diesem
Land offenzulegen. Auf diese Weise könnten wir
Vertrauen in die Absichtserklärungen dieser Regierung gewinnen, vom Geiste der KSZE geleitet zu sein.
Wir begrüßen die vom jugoslawischen Präsidenten
getroffene offizielle Entscheidung, den Ausnahmezustand im Kosovo aufzuheben. Die dortigen Probleme
sind jedoch nicht gelöst, solange kein echter Dialog mit
den demokratischen albanischen Gruppen in der Region
stattfindet. Wir fordern die Regierung dieses Landes
zu der Einsicht auf, daß der scheinbar nie endende
Kreislauf von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen in der Provinz Kosovo Anlaß zu großer Besorgnis
für viele von uns ist.
Ethnische Gewalttätigkeiten sind nicht nur im Hinblick
auf Menschenleben unkalkulierbar hoch, sondern richten auch großen sozialen und wirtschaftlichen Schaden an. Die Sowjetunion und ihr Volk sind sich des
durch ethnische Auseinandersetzungen und Gewalt in
so vielen Teilen diesen riesigen und stolzen Landes
verursachten Leids schmerzlich bewu ßt. Die Hundertausende von Flüchtlingen, die Berichten zufolge heute
Moskau und andere Großstädte Übervölkern und
überlasten, sind eine traurige Mahnung an die "Opfer",
die wir weder vergessen noch ignorieren können. Ihr
Leid ist nicht selbstverschuldet.
In den von ethnischen Konflikten geschüttelten Regionen sind Mittel zur Sicherstellung ziviler Freiheiten für
alle Menschen vonnöten. Sie sind für alle Menschen
erreichbar, denn alle Menschen streben nach menschlicher Würde. Rechte der Minderheiten müssen wegen ihrer Unerläßlichkeit integraler Bestandteil für alle
von uns werden, weil viele von uns sich zu jeder Zeit
und an jedem Ort in der Minderheit befinden können.
Sie müssen zum von den Behörden, den Minderheiten
und den Mehrheiten anerkannten und verfochtenen
Prinzip werden.
Wir sind uns bewußt, daß der Schutz der Rechte von
Minderheiten angesichts der Tatsache, daß tolerante
und demokratische politische Strukturen in einigen

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�Staaten noch geschaffen werden müssen, nicht leicht
zu verwirklichen sein wird. Wir alle haben jedoch
gelernt, daß die Zeit rast und wir alle auf den nicht allzu
fernen Tag hinarbeiten müssen, an dem ethnische
Identifikation eher als Symbol für soziale Reife und
kulturelle Bereicherung steht, denn in den Straßen
ausgestoßene Beleidigungen oder stigmatisierende
Kennzeichen in Pässen, die den Inhaber zum Opfer
von Diskriminierungen machen.
Die Lösung dieser schwierigen Probleme ist ebenso
ein moralisches Muß wie der Aufbau stabiler, demokratischer Nationen. Die Staaten, die vor diesen
realen Problemen die Augen verschlie ßen, tun dies auf
eigene Gefahr und gestatten den lokalen und selbst
den zentralen Behörden, schwelende lokale Probleme
zu ignorieren, Mißbrauch zu schüren und Spannungen
zwischen Minderheiten zu verschärfen. Die Staaten
agieren damit als Handlanger von Vorurteilen und
Gewalt, nicht als legitime Hüter von Recht und Ordnung.
Viele KSZE-Mitgliedstaaten üben sich in Verfassungsgebung. Es ist an der Zeit, eine solide verfassungsmäßige Grundlage zum garantierten Schutz der Rechte
von Minderheiten zu legen. Die Gründung und Konsolidierung demokratischer Regierungsstrukturen und
staatlicher Regeln, die den Mißbrauch staatlicher Macht
wirksam einschränken, Garantien für die Gleichheit
aller Bürger vor dem Gesetz - all dies bildet die
unerläßliche Grundlage zum Schutz von Minderheiten
und maximiert den Beitrag, den sie zur Gesellschaft
leisten.
Wenn wir an dieser fundamentalen Aufgabe scheitern,
überlassen wir die Minderheitengruppen einer anhaltend schwierigen Lage, in der sie sich wandelnden
politischen Strömungen ausgesetzt sehen, der Regierung gegenüber mißtrauisch und ängstlich und daher
eher geneigt sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu
nehmen.
Sensible, konstruktive und bewährte Methoden zum
Schutz nationaler, religiöser und ethnischer Minderheiten in einem Land gewähren ihnen ein beträchtliches Maß an lokaler Autonomie bei gleichzeitiger
ebenbürtiger Einbeziehung in die gesamte kooperative Struktur der Gewaltenteilung. Föderalismus, das
Prinzip, von dem mein Land geleitet ist - die Gewaltenteilung zwischen den Regierungen von Bund, Ländern
und Gemeinden - hat sich in den über 200 Jahren
unserer Erfahrung mit der Verfassung und in den
Erfahrungen zahlreicher anderer Staaten bewährt.
Dieses Prinzip kann dazu beitragen, eine sichere
rechtliche und politische Grundlage für freundschaftliche Beziehungen zwischen den einzelnen Völkern zu
legen, gleichgültig, welche Form oder welchen Namen
es annehmen mag.
Demokratien gleich welcher Struktur erfordern die
freie und engagierte Teilnahme aller Bürger - unabhän-

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gig von ihrem ethnischen, nationalen oder religiösen
Erbe - am politischen Prozeß. Damit wird es den
Menschen ermöglicht, Minderheitengruppen und politische Organisationen zu bilden, auf breiterer Grundlage fußende Koalitionen zu ihrer Unterstützung aufzubauen, sich an politischen Bündnissen zu beteiligen
und sich auf die Wahlurne als Mittel der politischen
Selbstverwirklichung zu verlassen. Offene, umfassende demokratische Systeme fördern die Entwicklung bürgerlichen Verantwortungsbewußtseins und das
Gefühl, daß der einzelne Angehörige einer Minderheit
ein unmittelbares Interesse an der Besserung der
Gesellschaft als Ganzes hat. Dagegen führen Entrechtung und Diskriminierung zu destruktiven Gefühlen der Entfremdung.
Die Regierungen können bei der wichtigen Aufgabe
der Demokratisierung auf die Hilfe mächtiger Verbündeter bauen. Eine große Zahl von nichtstaatlichen
Organisationen sind zur Hilfe bereit. Viele der aufstrebenden Demokratien in Europa können Zeugnis von
der Hilfe ablegen, die ihnen durch Gewerkschaften,
Kirchen, politische Parteien und Bürgerinitiativen zuteil wurde. Diese Institutionen gedeihen in einem
Klima des demokratischen Pluralismus, der Toleranz
und der Schaffung bürgerlicher Gesellschaften. Sie
repräsentieren politischen Pluralismus im Handeln.
In dieser Hinsicht haben wir die Pflicht und Freude, die
Rolle religiös geprägter Einzelpersonen und kirchlicher Organisationen beim Übergang zur Demokratie
zu erwähnen und zu würdigen, der in Mittel- und
Osteuropa im vergangenen Jahr stattgefunden hat.
Diese Einzelpersonen und Organisationen haben durch
die Ausübung des Grundrechts auf Religionsfreiheit
einen engagierten Beitrag zum Aufbau der bürgerlichen Gesellschaft in den neuen Demokratien geleistet. Religiöse Werte sowie religiöse Gruppen und
Organisationen können eine wichtige Rolle bei der
Verteidigung grundlegender Menschenrechte durch
Rechtsstaatlichkeit spielen.
Während sich unsere Regierungen den nie endenden
Aufgaben des nationalen Aufbaus widmen - denn
echte Demokratien erschaffen sich durch bewußte
Akte der Gerechtigkeit täglich aufs Neue - würden wir
alle gut daran tun, uns folgender Bibelworte zu erinnern: "Wahrlich, ich sage Euch: Was Ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan."
Herr Vorsitzender, zumeist zählen Minderheiten an
Zahl und Stärke gemessen unter uns am wenigsten.
Die Regierungen tragen eine besondere Verantwortung für ihren Schutz. Historisch gesehen, sind die
Regierungen dieser Verantwortung nicht immer nachgekommen. Vom "Zug der Tränen" der CherokeeIndianer in meinem Land über die Deportation der
europäischen Juden in die Todeslager bis zur Vertreibung der Mescheten und der anhaltenden und allgegenwärtigen Diskriminierung von Sinti und Roma können

Seite 3

�wir grausame Ungerechtigkeiten feststellen. Unter
ihrem Erbe leiden auch die nachfolgenden Generationen. Die heutigen Regierungen tragen eine schwere
Verantwortung, um solche Fragen mit Würde und
Mitgefühl zu behandeln.
Ich habe heute morgen über einige der Probleme
gesprochen, die wir mit der Erfüllung unserer KSZEVerpflichtungen gegenüber Minderheiten in Zusammenhang bringen. Ich habe mich auf die Probleme
konzentriert, weil sie ernst und dringlich sind und das
Potential in sich bergen, sich in destabilisierender
Gewalt zu entladen. Während die Spannungen zwischen Ost und West langsam verschwinden, stehen
die Minderheitenspannungen in mancher Hinsicht kurz
vor der Explosion. Die KSZE kann sich der Verantwortung nicht entziehen, im Rahmen dieser Konferenz
und danach energische Bemühungen zu unternehmen, um zu ihrer friedlichen Lösung beizutragen.
Von einer solchen Lösung würden wir alle profitieren.
Die Minderheiten würden nicht länger als irritierendes
Problem betrachtet. Im Gegenteil, wenn Minderheiten
unter uns leben, wenn sie das Geflecht unserer Gesellschaften durch ihren umfassenden Beitrag stärken,
helfen sie uns allen, die Pracht der Vielfalt zu erkennen. Sie zeigen uns kristallklar den Wesensgehalt
unseres gemeinsamen menschlichen Seins auf.

Ich möchte meine Bemerkungen zum Pluralismus mit
einer Parabel abschließen. Es soll einst ein König
gelebt haben, der einen prächtigen Diamanten besaß.
Eines Tages ließ ein unaufmerksamer Diener den
Diamanten fallen, der dadurch einen tiefen Kratzer
bekam. Der König war außer sich, rief die Diamantenschleifer des ganzen Königreichs zu sich und befahl
ihnen, den Diamanten neu zu schleifen und seine
Schönheit wiederherzustellen. Es gelang ihnen nicht,
der Kratzer blieb. Einige Wochen danach kam ein
fremder Diamantenschleifer in das Königreich. Der
König bat ihn, seinen zerkratzten Diamanten wiederherzustellen. Der Schleifer nahm sich des Problems
auf andere Weise an: In die Oberfläche des Diamanten ritzte er eine Rose, und durch seine Kunstfertigkeit
schaffte er es, den tiefsten Teil des Kratzers als Stil der
Rose zu benutzen.
Der Schutz von Minderheitenrechten ist eine Frage mit
vielen Facetten. Durch ihre Handlungen können die
Regierungen entweder die Kluft zwischen den Völkern
vertiefen, oder sie können Lösungen erarbeiten, die
ihre Gesellschaften insgesamt verbessern und verschönern. Die von uns im Rahmen der KSZE erzielten
Fortschritte in der Frage der Minderheitenrechte werden die von uns getroffene Wahl widerspiegeln.

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Seite 4

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