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                    <text>AMERIKA DIENST
VON

Sonderdienst

*

29. April 1988

DIE HERAUSFORDERUNGEN DER WELT NACH DEM INF-VERTRAG
Rede von
Botschafter Richard R. Burt
beim Annual Membership Meeting der American Chamber of Commerce
in Hamburg

..

Sperrfrist;

Freitag, 29. April 1988, 12:30 MESZ

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�HAMBURG - (AD) - In einer Rede beim Annual Membership Meeting der American
Chamber of Commerce hat der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik,
Richard R. Burt, am 29. April 1988 in Hamburg die Vereinigten Staaten und
Westeuropa zu verstärkter Zusammenarbeit und Arbeitsteilung aufgefordert.
Dies betreffe insbesondere die Bereiche der Wirtschaft, Verteidigung und Rüstungskontrolle. In der Verteidigung sollten "die Vereinigten Staaten ihre
Präsenz und ihr Engagement in Europa aufrechterhalten, während die Europäer
mehr tun sollten, um zu ihrer eigenen Verteidigung in Europa und darüber hinaus einen Beitrag zu leisten". In der Rüstungskontrolle "müssen Europa und
die Vereinigten Staaten enger als jemals zuvor zusammenarbeiten, um Maßnahmen
auszuarbeiten, die eine Stärkung der Abschreckung und flexiblen Reaktion zur
Folge haben".
Die Rede des amerikanischen Botschafters hat folgenden Wortlaut:

Herr Bürgermeister, Herr Hicks,
Herr Dr. Kronzucker, meine Damen und
Herren.
Ich möchte zu Beginn auch ihren
neuen General Manager, Mr. Krauss,
begrüßen und Dieter zur Verleihung
der Leo M. Goodman-Auszeichnung gratulieren. Die Handelskammer hat wieder einmal eine gute Entscheidung getroffen.
Ich freue mich über diesen Besuch
in Hamburg, und es ist mir eine Ehre
und ein noch größeres Vergnügen, mit
Ihnen gemeinsam an den Feierlichkeiten zum 85. Jahrestag der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland
teilnehmen zu können. Ich gratuliere
Ihnen herzlich. Sie leisten ungeheuer wichtige Arbeit angesichts großer

Herausforderungen. Und es sind diese
Herausforderungen, über die ich heute
sprechen möchte.
Wir befinden uns
jetzt an einem für den Westen entscheidenden Wendepunkt - dem Ende der
Nachkriegszeit. Auch die Außenpolitik der Vereinigten Staaten und ihrer
europäischen Verbündeten steht damit
an einem Wendepunkt, der uns vor erhebliche Herausforderungen stellt.
In den vergangenen 40 Jahren wurden im Westen herausragende Leistungen erbracht.
Unser Programm für
Frieden und Wohlstand ist in wahrhaft
bemerkenswertem Umfang verwirklicht
worden. Wir haben den Frieden durch
die Abschreckung eines Konflikts mit
der Sowjetunion erhalten. Wir konnten beobachten, wie westliche Werte
auf der ganzen Welt Verbreitung fin-

�den. Und wir haben der Rüstungskontrolle wichtige neue Chancen eröffnet. Unser Erfolg hat sich mit der
Unterzeichnung des INF-Vertrages und
des im nächsten Monat anstehenden
Gipfeltreffens
bewiesen.
In
der
Wirtschaft haben wir durch die Bemühungen und die Unterstützung von Institutionen wie der Amerikanischen
Handelskammer
ein
internationales
Handels- und Finanzsystem hervorgebracht, das dem Westen zu Wohlstand
verholfen und den Aufstieg einer Reihe von Ländern begünstigt hat, die
sich jetzt auf dem Wege der Industrialisierung befinden.
Kurz gesagt war die Politik des
Westens von Erfolgen geprägt und hat
Vorbildcharakter.
Die Welt orientiert sich nicht mehr am marxistischleninistischen Gedankengut, das weder
Freiheit noch Wohlstand mit sich
brachte.
Aber die Welt ist einem raschen
Wandel unterworfen. Die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten befinden
sich an einem Scheideweg. Der Westen
muß mehr tun, als sich mit den Triumphen der Vergangenheit oder seinem
augenblicklichen Wohlstand zu begnügen. Es müssen wichtige Entscheidungen getroffen werden, wenn die westlichen Länder die neuen Herausforderungen erfolgreich bewältigen wollen,
die sich uns beim Abschied von der
Nachkriegszeit und dem Eintritt in
eine neue Phase stellen.
Heute gibt es fünf grundlegende
Tendenzen, die bei der Veränderung
der internationalen Gesellschaft zusammenwirken:
Die
erste
Tendenz
betrifft
Gorbatschow
und
Glasnost.
Ein
frischer Wind der Offenheit weht in
der Sowjetunion.
Ich möchte Ihnen erklären, was
Glasnost bedeutet - Gorbatschow bietet seinem Volk neue Anreize und etwas mehr Spielraum, um die sowjetische Gesellschaft stabiler, leistungsfähiger und produktiver zu ma-

chen, damit die Sowjetunion dem Westen gegenüber konkurrenzfähiger wird.
Ich möchte Ihnen auch erklären,
was Glasnost nicht bedeutet - Es besteht kein Grund zu der Annahme, daß
Gorbatschow die Sowjetunion in eine
Demokratie nach westlichem Muster umzuwandeln trachtet.
Es gibt keine
Anzeichen für einen Wandel in der
geopolitischen Strategie der Sowjetunion.
Obwohl
sich die Sowjets
letztlich den strategischen Gegebenheiten gebeugt und nunmehr dem Abzug
ihrer Truppen aus Afghanistan zugestimmt haben, hat sich die sowjetische Unterstützung der kubanischen,
nicaraguanischen und vietnamesischen
Diktaturen nicht verringert, und ihre
Herrschaft über Osteuropa wird keineswegs aufgehoben.
Wohin führt Glasnost? Der Erfolg
von Gorbatschows nationalem Programm
ist bei weitem nicht sicher. Wie er
selbst zugegeben hat, herrscht in der
Sowjetunion beträchtlicher Widerstand
gegen seine Reformen.
Seltsamerweise hat die Politik.
Gorbatschows ihre sichtbarsten und
unmittelbarsten
Auswirkungen
nicht
unter der sowjetischen Bevölkerung
gezeitigt, sondern in der öffentlichen Meinung im Westen. Die westliche Öffentlichkeit fand den Gedanken eines wagemutigen, tatkräftigen
und reformorientierten sowjetischen
Führers zugleich
faszinierend und
reizvoll.
Aber ein neues, dynamisches Image
sollte nicht dazu führen, daß wir unsere
analytische
Betrachtungsweise
aufgeben. Wir sind sicherlich Zeuge
eines verbindlicheren und geschickteren sowjetischen Ansatzes in der Aussenpolitik, der im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit
gegenüber
dem
Ausland noch deutlicher zutage tritt.
Darin liegen mögliche Vorzüge: die
Sowjetunion hat letztlich positiv auf
die seit langem bestehende Rüstungskontrollinitiative
zu den Mittelstreckenwaffen
reagiert
und
wir
konnten einen Vertrag zur Beseitigung

- 2 -

�dieser Waffen unterzeichnen. Obwohl
wir keine Prognosen für ein Abkommen
über strategische Waffen beim nächsten Gipfel abgeben können, führen
wir einen ernsthaften Dialog.. Die
NATO und der Warschauer Pakt wenden
sich ebenfalls Verhandlungen über
konventionelle Waffen zu.
Das ist
ein positiver Schritt. Die Sowjets
sind jetzt unter Umständen bereit,
ihre Beziehungen zum Westen auf eine
flexiblere und möglicherweise konstruktivere Art und Weise zu gestalten. Das Genfer Abkommen über einen
Abzug sowjetischer Truppen aus Afghanistan ist möglicherweise ein weiterer Hinweis auf diese Tendenz. Wie
kultiviert das Erscheinungsbild auch
werden mag, so dürfen wir doch nicht
vergessen, daß die Ost-West-Beziehungen im Grunde von Konkurrenz geprägt
bleiben: die Ziele und politischen
Maßnahmen der Sowjetunion und des Westens sind immer noch eher gegensätzlich.
Die
zweite
Tendenz
betrifft
Rüstungskontrolle und Nuklearwaffen.
In den letzten Jahrzehnten bestand Rüstungskontrolle oftmals eher
aus Worten als aus Taten. Die Chancen für Rüstungsabbau schienen düster, und der Schwerpunkt lag auf
Verteidigung und Abschreckung.
Das
Klima zwischen Ost und West hat sich
seitdem gewandelt. Im Westen ist das
Gefühl einer Bedrohung durch die Sowjetunion geschwunden.
Insbesondere
im Nachgang zum INF-Abkommen werden
jetzt in der Bevölkerung vermehrt
Forderungen
nach
Rüstungskontrolle
laut. Manchmal scheint es das vorherrschende politische Thema in den
Vereinigten Staaten und in Europa zu
sein. Regierungen in Ost und West
gleichermaßen machen sich zunehmend
das einstmals der Friedensbewegung
vorbehaltene Vokabular zu eigen.
Diese positiven Aussichten für
die Rüstungskontrolle sind in höchstem Maße willkommen.
Wir sollten
jede Möglichkeit ergreifen, um Fortschritte zu erzielen. Aber der allgemeine Enthusiasmus für die Rü-

stungskontrolle
birgt ein Risiko.
Rüstungskontrolle ist kein Ersatz für
ein
angemessenes
Verteidigungskonzept. Die ausschließliche Beschäftigung mit der Rüstungskontrolle zum
Nachteil der Verteidigung wird uns
nicht nur eine geschwächte westliche
Verteidigung bescheren. Sie wird paradoxerweise die Aussichten für sinnvolle Rüstungskontrolle zunichte machen.
In diesem Zusammenhang ist es von
Bedeutung, die wahre Lektion von INF
nicht zu vergessen: daß es uns gelungen ist, wegen - und nicht trotz der Entschlossenheit des Westens zur
Erhaltung des militärischen Gleichgewichts ein Abkommen zu erzielen.
Hätten die westlichen Regierungen auf
die Gegner der Stationierung von
Pershing II-Raketen und Marschflugkörpern gehört - vornehmlich aufrichtige Menschen, die ganz einfach keine
weiteren Nuklearwaffen wollten - hätten wir jetzt kein INF-Abkommen. Wir
hätten ganz einfach viel mehr Raketen
auf der Welt: ausschließlich sowjetische und die meisten davon auf
Westeuropa gerichtet.
Bei einer neuerlichen Beschäftigung mit der INF-Frage ist es wichtig, daß wir ihr keine Bedeutung beimessen, die sie nicht hat. Das INFAbkommen ist nicht der Wegbereiter
einer Entnuklearisierung Europas oder
des Bündnisses, und wir sollten dies
auch keineswegs für ein erstrebenswertes Ziel halten.
Wir benötigen
die nukleare Abschreckung wie eh und
je. Ferner sollten wir das INF-Abkommen nicht als Symbol für einen Abbau des amerikanischen Sicherheitsschutzschilds
für
Europa
werten.
Auch in Zukunft beruht die Stärke des
Bündnisses auf der Koppelung der beiden Kontinente in einer beiderseitigen Verpflichtung.
Betrachtet man die Geschwindigkeit der Entwicklungen im Rüstungskontrollbereich, dann wird der Westen
jetzt noch mehr Zeit und geistige
Energie als früher für die Auswirkungen der Rüstungskontrolle auf Politik

- 3 -

�und Sicherheit aufwenden müssen. Die
größere Rolle der öffentlichen Meinung muß in Betracht gezogen werden,
aber gleichzeitig müssen wir vermeiden, uns durch öffentliche Stimmungen
zu unklugen Maßnahmen verleiten zu
lassen. Wir müssen unseren Bürgern
die Notwendigkeit eines angemessenen
Verteidigungspotentials und insbesondere von Modernisierungsbeschlüssen
erläutern, wenn Rüstungskontrolle erfolgreich sein soll.
Die dritte Tendenz der Gegenwart ist die Ausbreitung der demokratischen Idee.
Wir erleben weltweit eine Ausbreitung demokratischer Ideale. Die
Erneuerung der Demokratie auf den
Philippinen ist kein Einzelfall. Die
Demokratie wächst und gedeiht in
Asien und noch dramatischer in Lateinamerika. Vor zehn Jahren litten
die meisten Lateinamerikaner unter
repressiven Regierungen.
Heute genießen über 90 Prozent die Vorzüge
der Demokratie.
Und die Sehnsucht
nach Demokratie hält an. Die Bevölkerung Panamas kämpft für den Sturz
eines Militärregimes und die Errichtung einer wahren parlamentarischen
Demokratie. Diese Hinwendung zur Demokratie fällt mit einer wachsenden
Bereitschaft vieler Regierungen in
der Dritten Welt zusammen, im wirtschaftlichen Bereich Strategien zu
erproben, die weniger auf staatlichem
Einfluß und mehr auf Marktorientierung aufbauen. Selbst in China und
der Sowjetunion scheint die Erkenntnis an Boden zu gewinnen, daß der
Götze des Totalitarismus versagt hat,
während oft ängstliche aber potentiell bedeutsame Schritte zur Liberalisierung behutsam vorgeschlagen und
erprobt werden. Die Demokratie ist
auf dem Vormarsch.
Die vierte Tendenz ist die Revolution im Informationswesen.
Die Revolution im Informationswesen ist mit einer neuen industriellen
Revolution vergleichbar, und ihre
Auswirkungen sind ebenso tiefgreifend

wie weitreichend. Das wachsende Angebot preisgünstiger Flugreisen in
der ganzen Welt sowie neue Telekommunikations-,
Computer- und
Informationstechnologien
führen zu einer
raschen Überwindung der Grenzen zwischen Ländern und Menschen. Im Zuge
dieser Entwicklung erfahren Effizienz
und Produktivität der Wirtschaft einen Aufschwung. Die Welt rückt immer
enger zusammen. Es wird für totalitäre Regierungen zunehmend schwierig,
den Fluß von Informationen zu ihren
Völkern zu beschränken und kontrollieren. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten der immer ausgereifteren
elektronischen Medien zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung enorm
gestiegen.
Schließlich
ist das Aufkommen
einer
vollständig
interdependenten
Weltwirtschaft die fünfte Tendenz,
die die Welt verändert.
Die Weltwirtschaft wird nicht
mehr von den Vereinigten Staaten beherrscht, wie dies in der frühen
Nachkriegszeit der Fall war. Japan
und die Europäische Gemeinschaft sind
als bedeutende Handels- und Finanzmächte auf den Plan getreten. Die
Abhängigkeit vom internationalen Handel hat zugenommen, und dies gilt
auch für die Vereinigten Staaten. In
anderen Ländern, wie etwa der Bundesrepublik Deutschland, wo der Handel
37 Prozent des Bruttosozialprodukts
ausmacht, ist diese Abhängigkeit noch
weit größer. Die Schwellenländer gewinnen rapide an Stärke und fordern
die etablierten Mächte der Weltwirtschaft in bestimmten Produktionszweigen heraus.
Unterdessen hat das
Schuldenproblem der Dritten Welt bedeutende Auswirkungen auf den Westen.
Der Kurssturz an den Weltbörsen im
vergangenen Oktober hat diese wechselseitige Abhängigkeit noch stärker
hervortreten lassen und die Dringlichkeit einer neuen Ebene der Zusammenarbeit und Koordinierung - mit anderen Worten, einer geteilten Verantwortung - verdeutlicht, um anhaltendes Wachstum und Stabilität der Weltwirtschaft zu sichern.

- 4 -

�Auswirkungen dieser fünf Tendenzen
Die fünf von mir angeführten Tendenzen könnten für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten positive
Auswirkungen haben. Sie könnten zur
Schaffung einer transparenteren, kooperativeren, flexibleren, wohlhabenderen und vielleicht weniger bedrohlichen Weltordnung führen - zu einer
offeneren Welt. Dies ist jedoch keineswegs gewiß. Diese Trends könnten
ebenso negative Folgen haben, besonders wenn der Westen es versäumt,
diese zu erkennen und wirkungsvoll zu
nutzen.
Eine dieser negativen Folgen ist
etwa die Tatsache, daß Reiseerleichterungen und erweiterte Zugangsmöglichkelten für die Medien weltweit
operierenden Terroristen einen Vorteil bieten. Die Revolution im Kommunikationswesen bietet Gorbatschow
enorme Möglichkeiten zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung im Westen. Die Faszination des Westens im
Hinblick auf Glasnost und die Konzentration westlicher Medien auf dieses
Thema mag den Eindruck erwecken,
Gorbatschow habe schon einen Erfolg
errungen und die Sowjetunion befinde
sich sogar auf dem Wege der Demokratisierung. Diese Fülle irreführender
Informationen deutet ironischerweise
darauf hin, daß der Hauptnutzen von
Glasnost in der Funktion eines Instruments zur Beeinflussung der Öffentlichkeit liegen könnte, um die
Gleichgültigkeit des Westens im Hinblick auf die Ziele der Sowjetunion
zu fördern. Eine antinukleare Stimmung im Westen könnte zum Beispiel
dazu führen, daß die westliche nukleare Abschreckung geschwächt und wir
damit gegenüber der überlegenen konventionellen Macht der Sowjets verwundbar würden.
Auch in der Wirtschaft können die
gegenwärtigen Trends negative Ergebnisse zur Folge haben: eine interdependente Weltwirtschaft bedeutet,
daß in einem Teil der Welt ausgelöste
Schockwellen überall spürbar sind.
Eine fehlende Koordinierung der Fi-

nanz- und Handelspolitik wird nicht
nur lokale Auswirkungen haben - auch
Handelskriege und eine weitverbreitete Rezession könnten die Folge sein.
Das Schuldenproblem der Dritten Welt
betrifft das westliche Finanz- und
Bankwesen, sei es in New York, London
oder Frankfurt, ebenso wie die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer.

Nutzung dieser fünf Tendenzen
Der Westen kann von den positiven
Aspekten dieser fünf Tendenzen nur
profitieren, wenn wir zwei korrelierende Zielsetzungen verwirklichen:
Erstens müssen die Vereinigten
Staaten und der Westen ihren internationalen Verpflichtungen nachkommen,
indem sie ein starkes Bündnis aufrechterhalten, eine offene Weltwirtschaft schaffen und die demokratischen Werte des Westens aktiv fördern. Wir können uns nicht zurückziehen, während andere gegen uns arbeiten. In einer Welt gegenseitiger
Abhängigkeiten können wir weder den
Konsequenzen des Aktivismus der anderen noch unserer eigenen Inaktivität entgehen.
Zweitens muß sich das westliche
Bündnis auf das gründen, was ich als
reife Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten bezeichnet habe.
Eine reife
Partnerschaft bedeutet ausgewogenere
Beziehungen
zwischen
verbündeten
Partnern.
Diese Form der reifen
Partnerschaft ergibt sich zwangsläufig aus der stetig wachsenden Bedeutung des europäischen Pfeilers der
NATO. Sie beinhaltet auf beiden Seiten des Atlantiks ein stärkeres Bemühen um gegenseitiges Verständnis,
Konsultationen, Koordination und Kooperation im gemeinsamen Interesse.
Langfristig gesehen müssen die
Europäer entsprechend der Macht, Bevölkerung und dem Wohlstand ihrer Gemeinschaft größere Verantwortung in
der Welt übernehmen.
Europa trägt
bereits ein beträchtliches Maß an

- 5 -

�Verantwortung bei der Aufrechterhaltung einer stabilen Weltwirtschaftsordnung. Eine vergleichbare Entwicklung im Bereich der Sicherheitspolitik, ist sowohl unvermeidbar als auch
wünschenswert. Die weltweiten Interessen Europas decken sich häufig mit
denen der Vereinigten Staaten und
sind vielleicht sogar noch größer beispielsweise bei Fragen des Zugangs
zu Rohstoffen wie Erdöl und zu den
Weltmärkten.
Erweiterte
Horizonte
sind das Gebot der Stunde - die Erkenntnis, daß europäische Interessen
die ganze Welt betreffen und daher
europäisches Engagement fordern.
Die Strategie kollektiver Sicherheit und erweiterter Abschreckung behält nach wie vor Gültigkeit.
In
diesem Zusammenhang wird Europa jedoch mehr Verantwortung für seine eigene Verteidigung übernehmen müssen.
Gleichzeitig müssen wir uns in
den Vereinigten Staaten vor Augen
führen, welchen Beitrag die Europäer
bereits zur gemeinsamen Verteidigung
leisten. Wenn heute in Europa ein
Krieg ausbrechen würde, wären 90 Prozent
der
unmittelbar
betroffenen
Land-, 75 Prozent der Luft- und 50
Prozent der Seestreitkräfte europäisch. In den meisten europäischen
Ländern kann man auch in Friedenszeiten zum Wehrdienst einberufen werden,
wohingegen die Wehrpflicht in den
Vereinigten Staaten abgeschafft worden ist. Daher erzielen die Europäer
größere militärische Schlagkraft für
weniger Geld. Die Europäer und insbesondere die Deutschen bringen aufgrund der hohen ausländischen Militärpräsenz auf ihrem Territorium zusätzliche Opfer: In der Bundesrepublik sind neben dem stehenden Heer
von 500 000 Mann 400 000 Soldaten aus
sechs Nationen stationiert.
Jedes
Jahr werden fast 5 000 militärische
Übungen auf Bundesgebiet abgehalten,
und - wie uns die jüngsten Ereignisse
eindringlich vor Augen geführt haben
- fliegen die alliierten Luftstreitkräfte im deutschen Luftraum mehr als
eine Million Einsätze. Die Bundesregierung stellt den Verbündeten ko-

stenlos ca. 4 000 militärische Einrichtungen und Ubungsgebiete zur Verfügung. Und dennoch erwarten wir von
den Europäern, daß sie mehr zum
Schutz Europas und zur Verteidigung
der westlichen Interessen in der
Dritten Welt leisten.
Nicht jede Last des Bündnisses
kann von allen Mitgliedern in gleichem Maße getragen werden. Aber die
Europäer können es sich nicht länger
leisten, die Verantwortung für große
Gebiete - wie die Dritte Welt - einzig und allein den Vereinigten Staaten zu überlassen.
Ferner sollten
sie ihr Augenmerk nicht ausschließlich auf die Gestaltung der Ost-WestBeziehungen lenken in der Annahme,
die Amerikaner würden in den Krisenherden schon für Ruhe sorgen und eine
überproportionale
Verteidigungslast
übernehmen.
Es wird keine leichLe Aufgabe
sein, internationales Engagement und
eine reife Partnerschaft aufrechtzuerhalten. Sowohl in den Vereinigten
Staaten als auch in Europa wirken
Kräfte gegen diese reife Partnerschaft. Wir sehen uns mit einem Paradoxon konfrontiert - zu einer Zeit,
in der wir zur Lösung anstehender
Probleme enger zusammenarbeiten müssen, treiben wir in die Isolation.
Europa beispielsweise erscheint
vielen Amerikanern zunehmend provinziell und selbstzufrieden. Die Vision dynamischer Vereinigter Staaten
von Europa scheint weniger lebendig.
Die
europäische
Wirtschaftspolitik
scheint festgefahren. In den vergangenen Jahren war das Wirtschaftswachstum in Europa bestenfalls stagnierend.
Die Arbeitslosenquote ist
weiterhin hoch, und seit den siebziger Jahren sind unter dem Strich
praktisch keine neuen Arbeitsplätze
geschaffen worden.
Im Gegensatz zu
der in Europa vorherrschenden Auffassung sind anhaltende Arbeitslosigkeit
und relative Stagnation auf dem Kontinent nicht allein Europas Angelegenheit - zu große Selbstzufriedenheit könnte zu einer weltweiten Re-

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�dem Angriff auf Libyen im vergangenen
Jahr ihre Unterstützung versagt haben.

Zession führen.
Der Tatsache, daß die Vereinigten
Staaten treibende Kraft des Weltwirtschaftswachstums waren, ist in den
vergangenen Jahren nicht genügend
Rechnung getragen worden. Das Wachstum in Europa war hauptsächlich auf
Exporte in die expandierende amerikanische Wirtschaft zurückzuführen. Im
Handel spürt Europa die Auswirkungen
protektionistischer
Tendenzen.
In
der Bundesrepublik sind über zehn
Milliarden D-Mark an Subventionen in
das Airbus-Programmm geflossen. Die
Aufrechterhaltung der Luftfahrt-Industrie mittels Subventionen kommt einer
ineffizienten
Mittelvergabe
gleich. Auch die Maßnahmen im Bereich der Telekommunikation bedürfen
neuer Denkansätze: Die Märkte müssen
geöffnet werden. Die Gemeinsame Agrarpolitik ist vielleicht das größte
Desaster.
Angesichts der massiven
Subventionen wird sie als zunehmend
unvernünftig angesehen. Im Jahr 1987
mußten die Steuerzahler in der Europäischen Gemeinschaft 26 Milliarden
Dollar und die Konsumenten zusätzliche 40 Milliarden Dollar zur Unterstützung der Gemeinsamen Agrarpolitik
aufwenden.
Strukturanpassungen sind
definitiv erforderlich.
Im Bereich der Sicherheit wird
hingegen von einer wachsenden Zahl
amerikanischer
Politiker und Meinungsbildner
eine Aufstockung der
Verteidigungsausgaben
der
Länder
Westeuropas gefordert. Die amerikanischen Verteidigungsausgaben machen
ca. sechs Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Die meisten westeuropäischen Länder geben weniger als
drei Prozent oder noch nicht einmal
zwei Prozent ihres Bruttosozialprodukts aus. Es ist daher nicht verwunderlich, daß sich viele Amerikaner
fragen, ob Europa seinen gerechten
Anteil beiträgt. Zahlreiche Amerikaner stören sich auch an der offensichtlichen Abneigung der Europäer,
sich bei Sicherheitsproblemen der
Dritten Welt zu engagieren. Ein typisches Beispiel hierfür war, daß die
Europäer den Vereinigten Staaten bei

Die europäische Sicht der Vereinigten Staaten ähnelt dem sehr.
Erstens beobachten Europäer ein wachsendes Kirchturmdenken.
Auf wirtschaftlichem Gebiet hören Sie Forderungen nach einer protektionistischen
Gesetzgebung, die den Handel lähmen
würde. Im Bereich der Sicherheitspolitik hören sie von Drohungen eines
Truppenabzugs und haben das Schreckgespenst der Entnuklearisierung vor
Augen.
In den Augen vieler europäischer Beobachter wurden die Amerikaner von der Iran-Contra-Affäre zu
sehr in Anspruch genommen und dadurch
vom geordneten Umgang mit den internationalen Beziehungen abgelenkt.
Zweitens nehmen Europäer einen
wachsenden amerikanischen Unilateralismus wahr, eine Tendenz der Vereinigten Staaten, ohne vorherige Konsultation im Alleingang zu handeln
und dabei Gewalt anzuwenden.
Schließlich beobachten Europäer
eine stärkere Unkalkulierbarkeit der
amerikanischen Außenpolitik
- den
Niedergang
des
außenpolitischen
Establishments der Vereinigten Staaten und seinen Ersatz durch eine Art
Populismus, der sein Fähnchen in den
Wind der öffentlichen Meinung hängt.
Jenes
Establishment
konzentrierte
sich vormals in den intellektuellen,
Geschäfts- und Regierungszentren der
Städte
Boston,
New
York
und
Washington, und seine Orientierung
war atlantisch - es blickte auf Europa. Seit einigen Jahren hat sich das
Machtzentrum jedoch zum Süden und Westen verlagert, da diese Gebiete einen bemerkenswerten wirtschaftlichen
Aufschwung und damit einhergehend eine Zunahme politischer Macht erfahren
haben. Die neuen amerikanischen Eliten in aufstrebenden Städten wie Los
Angeles, Houston und Atlanta müssen
nicht unbedingt so stark auf die atlantische Perspektive der Außenpolitik fixiert sein wie die entsprechende Gesellschaftsschicht an der amerikanischen Ostküste.
Ihre Ansichten

- 7 -

�sind keineswegs generell populistisch
oder unkalkulierbar, Europäer haben
jedoch den Fehler begangen, diese
Eliten in den neuen Machtzentren Amerikas nicht kennengelernt und verstanden zu haben.
Die Eindrücke der Europäer von
den Vereinigten Staaten - und umgekehrt - enthalten, obwohl sie nicht
vollständig zutreffen, genug Wahrheit, um Gefahren für die amerikanisch-europäischen Beziehungen aufzuweisen. Sie bergen in sich die Saat
für einen potentiellen Teufelskreis:
die europäische Inselmentalität auf
der einen und der amerikanische Isolationismus und Unilateralismus auf
der anderen Seite können einander
aufschaukeln. Das Versäumnis des einen, auf einem bestimmten Gebiet zu
kooperieren, kann dem anderen als
Vorwand dafür dienen, die Zusammenarbeit auf einem anderen Gebiet zu verweigern. Wir können dies im wirtschaftlichen Bereich wie auch in der
Sicherheitspolitik feststellen.
Die
Vereinigten Staaten werden der Versuchung des Unilateralismus erliegen,
wenn die Europäer nicht zur gemeinsamen Bekämpfung des internationalen
Terrorismus bereit sind. Und die Europäer neigen dazu, sich von Aktionen
zu distanzieren, die sie als riskante
und impulsive Abenteuer der Vereinigten Staaten in der Dritten Welt betrachten. Jeder will mit Blick auf
die Wähler im eigenen Land seine
wirtschaftlichen Interessen schützen,
ohne dabei einem möglichen Schaden
für den anderen und die Weltwirtschaft Beachtung zu schenken.
Die Lösung liegt in einer für uns
vorteilhaften Umsetzung der von mir
zuvor genannten fünf wesentlichen
Tendenzen in die Praxis. Wir haben
es mit Problemen zu tun, die wir gemeinsam
praktisch angehen können,
aber nicht jeder für sich. Sie erfordern eine reife Partnerschaft.
Zum Abschluß würde ich gerne einige Problemfelder besonders hervorheben, auf denen die Vereinigten
Staaten und Westeuropa zu ihrem ge-

genseitigen Nutzen
können und sollten.

zusammenarbeiten

Erstens müssen die Vereinigten
Staaten und Europa auf eine sich gegenseitig verstärkende Arbeitsteilung
hinarbeiten, um Ungleichgewichte zu
verringern und die Kraft der Weltwirtschaft zu erhalten. Was den Handel betrifft, müssen sich die Vereinigten Staaten einer Gesetzgebung
widersetzen, die freien Handel und
Investitionen behindern würde.
Gleichzeitig sollten die Europäer
dafür sorgen, daß die Verkrustungen
auf den Märkten abgebaut und der
Marktzugang auf Gebieten wie Telekommunikation, Flugzeugbau und insbesondere bei landwirtschaftlichen Produkten verbessert wird.
Auf den Gebieten der Finanz- und
Währungspolitik sollten die Vereinigten Staaten ihr Haushaltsdefizit verringern, während
insbesondere die
Bundesrepublik
nichtInflationäres
Wirtschaftswachstum
im Inland und
strukturelle
Anpassungen
fördern
sollte.
Die Inflationsrate liegt
dort bei unter einem Prozent, und das
Wirtschaftswachstum kann bestenfalls
als schleppend
bezeichnet werden.
Wachstum und nicht Inflation sollte
als das vordringlichere Problem gelten.
Zweitens sollten die Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Verteidigung ihre Präsenz und ihr Engagement in Europa aufrechterhalten,
während die Europäer selbst gemeinsam
mehr tun sollten, um zu ihrer eigenen
Verteidigung in Europa und darüber
hinaus einen Beitrag zu leisten.
Erst kürzlich haben wir ein ermutigendes Beispiel ergänzender Maßnahmen
außerhalb des NATO-Gebiets beobachten
können: die Schritte der britischen,
französischen,
holländischen,
belgischen und italienischen Regierungen
zum Schutz der Schiffahrt im Persischen Golf. Durch die Stationierung von Streitkräften im Mittelmeer
hat auch die Bundesrepublik den richtigen Weg eingeschlagen. Im Golf ha-

- 8-

�ben die Länder des Westens ihr starkes gemeinsames Interesse anerkannt
und die Verantwortung in angemessenen
Umfang übernommen.

*

*

Drittens müssen Europa und die
Vereinigten Staaten in der Rüstungskontrolle enger als jemals zuvor zusammenarbeiten, um Maßnahmen auszuarbeiten, die eine Stärkung der Abschreckung und der flexiblen Reaktion
zur Folge haben. Im Umfeld nach dem
INF-Vertrag müssen wir uns insbesondere auf präzise Vorschläge zur Bewältigung der Bedrohung durch die sowjetische konventionelle Überlegenheit einigen.
Die in diesem März
beim NATO-Gipfel abgegebene Erklärung
war ein hervorragender Anfang.
Wie schon zu Anfang meiner Ausführungen erwähnt, befinden wir uns
in einer Phase enormen Wandels. Die
Nachkriegszeit geht dem Ende zu.
Neue Chancen liegen vor uns, aber
diese können nur genutzt werden, wenn
Europa und die Vereinigten Staaten
auf der gleichen Ebene voranschreiten
und dabei die Gefahren der Inselmentalität und des Unilateralismus vermeiden, die uns zu entzweien drohen.
Dies bedeutet für die Vereinigten
Staaten keine Aufgabe ihrer Führungsrolle. Das sollte nicht geschehen.
Doch Europa muß eine neue FUhrungsrolle übernehmen, die seiner tatsächlichen Position in der Welt entspricht.

* * * * *

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                    <text>Ä8^

VON

AMERIKA DIENST
Sonderdienst

^

4. Mai 1988

DIE SOWJETISCHE MILITÄRMACHT 1988
Siebte Dokumentation des amerikanischen Verteidigungsministeriums -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Verteidigungsministerium hat am 29.
April 1988 die siebte, 175seitige Dokumentation über die sowjetische Militärmacht mit dem Untertitel "Eine Einschätzung der Bedrohung" veröffentlicht.
Die Broschüre gliedert sich in zwei Teile mit insgesamt neun Kapiteln.
Teil 1:

Der Charakter der sowjetischen Bedrohung

Kapitel I:

Die sowjetische nationale Sicherheitspolitik

Kapitel II: Die sowjetische Außenpolitik unter Gorbatschow
Kapitel III: Die Zuweisung militärischer Mittel
Kapitel IV: Sowjetische strategische Programme und Weltraumstreitkräfte
Kapitel V:

Die sowjetischen konventionellen Streitkräfte

Teil 2: Eine Einschätzung der Bedrohung
Kapitel VI: Das strategische Gleichgewicht
Kapitel VII: Regionale und funktionale Gleichgewichte
Kapitel VIII:

Forschung und Entwicklung:

Kapitel IX: Kollektive Sicherheit:

Der technologische Wettbewerb

Unsere Risiken und Verpflichtungen

Im folgenden bringen wir das Vorwort von Verteidigungsminister Frank
Carlucci im Wortlaut sowie eine Zusammenfassung der Broschüre nach Kapiteln.

Vorwort
Seit 1981 veröffentlicht das Verteidigungsministerium eine Einschätzung der militärischen Stärke der Sowjetunion. Diese Publikation mit dem
Titel Die sowjetische Militärmacht
hat dem amerikanischen Volk, unseren
Freunden und Verbündeten in der gesamten Welt und anderen eine klare,
prägnante Beschreibung
der sowjetischen militärischen Fähigkeiten geliefert.
Dieses Jahr haben wir einen etwas
anderen Ansatz gewählt und uns eine
umfassendere Betrachtungsweise der im
Zusammenhang mit der sowjetischen militärischen Stärke seit 1981 beobachteten Tendenzen und Auswirkungen zu
eigen gemacht. Teil 1 des vorliegen-

den Dokuments beschreibt die traditionellen
Komponenten
sowjetischer
Militärmacht. Kapitel I liefert einen Überblick über die sowjetische
militärische
Strategie,
Politik,
Struktur sowie Einsatz- und FUhrungsgrundsätze.
Kapitel II analysiert
die sowjetische Außenpolitik unter
Generalsekretär Gorbatschow. Kapitel
III befaßt sich mit der materiellen
Grundlage der militärischen Stärke
der Sowjets. Kapitel IV analysiert
die sowjetischen strategischen Offensiv- und
Verteidigungsstreitkräfte
sowie die Weltraumstreitkräfte. Kapitel V liefert eine Übersicht über
die konventionelle Militärmacht der
Sowjets.
Um die möglichen Auswirkungen der
sowjetischen
militärischen
Stärke

�vollständig zu begreifen, ist es jedoch notwendig, die militärischen Fähigkeiten der Sowjets im Verhältnis
zu denen der Vereinigten Staaten und
ihrer Verbündeten zu untersuchen.
Teil 2 von Die sowjetische Militärmacht 1988 stellt diese sowjetische
Stärke in einen Zusammenhang, indem
er eine Einschätzung des militärischen Gleichgewichtes in allen relevanten Bereichen vornimmt. Kapitel
VI behandelt die Geschichte und den
heutigen Zustand des Gleichgewichts
zwischen
unseren
strategischen
Streitkräften und denen der Sowjetunion.
Kapitel VII enthält unsere
Einschätzung des militärischen Kräfteverhältnisses in Europa, Südwestasien und dem Fernen Osten sowie des
Kräfteverhältnisses zur See und unsere vergleichbaren Fähigkeiten zur
Verlagerung militärischer Macht. Da
sowohl die Vereinigten Staaten als
auch die UdSSR sich zur Verbesserung
ihrer jeweiligen militärischen Fähigkeiten in starkem Maße auf Technologie stützen, liefert Kapitel VIII
eine vergleichende Einschätzung darüber, wie neue Technologien unsere
Sicherheit in nicht allzu ferner Zukunft beeinflussen werden.
Kapitel
IX schließt mit einer Betrachtung
darüber, wie wir unsere kollektive
Sicherheit angesichts der von der Sowjetunion ausgehenden Bedrohung am
besten stärken und Mittel zur Verfügung stellen können, um dieser Bedrohung wirksam entgegenzutreten.
Wie in den früheren Ausgaben
lenkt die diesjährige Ausgabe von
Die
sowjetische
Militärmacht
die
Aufmerksamkeit auf einige der seit
Veröffentlichung von Die sowjetische
Militärmacht 1987 beobachteten bedeutenderen Entwicklungen in der sowjetischen militärischen Stärke, darunter:
- Das seit langem bestehende Programm der Sowjets zum Bau tief
unter der Erde gelegener Einrichtungen zum Schutz ihrer Führung
während eines Atomkrieges wird
detailliert zum ersten Mal in der
diesjährigen Ausgabe behandelt.
- 2

- Die Erststationierung der schienengest Utzten Interkontinentalrakete (ICBM) SS-24.
- Der Raumtransporter für mittlere
Nutzlasten (SL-16) wurde einsatzreif.
- Der erste Einsatz des Raumtransporters für schwere Nutzlasten
(SL-X-17) wurde beobachtet.
- Der seegestützte Marschflugkörper
SS-N-21 wurde einsatzreif.
- Ein vierter Flugzeugträger der
KIEW-Klasse wurde einsatzreif.
- Ein drittes atomgetriebenes Angriffs-U-Boot
der
AKULA-Klasse
lief vom Stapel und
- das luftgestUtzte Frühwarn- und
FUhrungssystem
I1-76/MAINSTAY
wurde einsatzbereit.
Dies sind lediglich die jüngsten
Beispiele für den anhaltenden Ausbau
der sowjetischen nuklearen und konventionellen Fähigkeiten. Seit 1981
wurde praktisch jede Komponente der
sowjetischen Militärmacht erweitert
und modernisiert:
- Die
sowjetischen
strategischen
atomaren
Offensivstreitkräfte
werden weiter verbessert. Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurde die
Stationierung der vierten Generation von ICBMs abgeschlossen der SS-17, SS-18 und SS-19. Im
Jahr 1985 leiteten die Sowjets
mit der straßenmobilen SS-25 die
Einführung der fünften Generation
von ICBMs ein.
- Das mit 20 ballistischen Raketen
vom
Typ
SS-N-20
ausgerüstete
Atom-U-Boot (SSBN) TYPHOON wurde
eingeführt und kurz darauf auch
das mit SS-N-23 Raketen bewaffnete SSBN vom Typ DELTA IV.
- Der mit dem atomar bestückten
Marschflugkörper längerer Reichweite vom Typ AS-15 bewaffnete

�Bomber BEAR H wurde eingeführt,
und die Stationierung des neuen
strategischen Bombers BLACKJACK
steht kurz bevor.
- Die Sowjets fahren mit der Modernisierung ihres Verteidigungssystems gegen ballistische Raketen
um Moskau fort, indem sie es zu
einem zweischichtig angelegten,
aus silogestlitzten, weitreichenden und modifizierten Abwehrflugkörpern vom Typ GALOSH, silogestlitzten schnell-beschleunigenden
endoatmosphärischen
Abwehrflugkörpern vom Typ GAZELLE sowie damit verbundenen Gefechts-, Leitund
Kampfführungsradarsystemen,
einschließlich des neuen phasengesteuerten Großradars vom Typ
PILL BOX in Puschkino, bestehenden Verteidigungssystem umrüsten.
- Die umfassende Modernisierung der
sowjetischen
konventionellen
Streitkräfte
in den achtziger
Jahren, darunter Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge sowie Uberund
Unterwasserschiffe
stellt
eine bedeutende Verbesserung sowjetischer militärischer Fähigkeiten
dar.
Der
Kampfpanzer
T-80, der Schützenpanzer BTR-80,
die Luftabwehrkanone SPAA-M-1986,
die Boden-Luft-Rakete SA-12 und
die ballistische Kurzstreckenrakete SS-23 sind seit 1981 einsatzreif geworden.
- Das Flugzeug Su-25/FR0GF00T sowie
die
Flugzeuge
Su-27/FLANKER,
MiG-29/FULCRUM und MiG/FOXHOUND,
alle modernster Bauart, sind heute einsatzreif und in großen Zahlen stationiert.
- In der sowjetischen Marine ist
ein mit Startrampen ausgerüsteter
Flugzeugträger von 65 000 Tonnen
im Bau. Zusätzlich stellten die
Sowjets vier neue Klassen von
übe rwasserschiffen, zwei Klassen
von Angriffs-U-Booten, sechs neue
Uberwasserwaffensysteme
sowie
sechs neue Klassen von AllzweckU-Booten in Dienst.

Die sowjetische Militärmacht und
die von ihr verkörperte Bedrohung
sind also keine abstrakten Begriffe.
Die Bereitschaft der Sowjets zum Einsatz militärische Macht, um Willfähigkeit durch Drohungen oder sogar
die
Überschreitung
internationaler
Grenzen in einer bewaffneten Aggression - wie in Afghanistan - zu erpressen, ist unbestreitbar.
Die Sowjets vermitteln jedoch
heutzutage international ein völlig
neues Bild und rufen dadurch die
Hoffnung eines grundlegenden Wandels
in ihrem internationalen Verhalten
hervor.
Ob diese Veränderungen
falls sie sich durchsetzen - eine
echte Chance für grundlegendere Verbesserungen in unseren Beziehungen
mit der Sowjetunion bedeuten, bleibt
abzuwarten. Obwohl wir den auf Konkurrenz und vorwiegend auf Gegnerschaft beruhenden Charakter unseres
Verhältnisses mit der Sowjetunion anerkennen, ist es unsere Politik, den
Dialog mit ihr zu fördern, um Chancen
für konstruktivere Beziehungen zu
nutzen. Im Geist dieser Politik traf
ich mich kürzlich mit dem Verteidigungsminister der Sowjetunion, General Dimitri Jasow. Ich verfolgte dabei die Absicht, eine Vielzahl von
Sicherheitsfragen
zu
diskutieren,
darunter die Verhinderung gefährlicher Unfälle. Ich wollte außerdem
ein besseres Verständnis öffentlicher
Erklärungen der Sowjets über eine
"defensive Doktrin" und ihres Konzepts des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" gewinnen.
Unsere
Gespräche erbrachten, wenn überhaupt,
nur wenige Informationen über die
Frage, ob es tatsächlich eine neue
sowjetische Doktrin gibt und, falls
es sie gibt, ob diese substantielle
Veränderungen
in der sowjetischen
Streitkräftestruktur und bei den Militärausgaben nach sich ziehen wird.
Ich konnte nicht in Erfahrung bringen, welche Veränderungen im sowjetischen
Einsatzkonzept
definitiv
stattfinden könnten, falls eine wahrhaft "defensive" Doktrin auf der
Grundlage des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" umgesetzt würde.

- 3-

�Während wir weiterhin auf bedeutsame Veränderungen bei den Sowjets in
bezug auf weniger aggressive und gefährliche Maßnahmen und Einsatzkonzepte hoffen, haben wir bis heute
keine Beweise gesehen, die auf eine
Veränderung des offensiven Charakters
der Streitkräftestruktur und des Stationierungsmusters der UdSSR hindeuten.
Weder die Produktion militärischer Ausrüstung noch die Militärausgaben wurden reduziert. Im Gegenteil, der sowjetische Militärhaushalt, der sich auf 15 bis 17 Prozent
des
Bruttosozialproduktes
beläuft,
wächst auch unter Generalsekretär
Gorbatschow weiter jährlich um drei
Prozent. Noch wichtiger: Das in der
vorliegenden Broschüre dargestellte
Einsatzkonzept und die militärischen
Fähigkeiten der Sowjets, sind mit
einem defensiven Einsatzkonzept nicht
zu vereinbaren.
Wir alle würden
ernsthafte Bemühungen der Sowjets zur
Veränderung ihres militärischen Einsatzkonzepts begrüßen, insbesondere,
wenn diese mit sichtbaren Reduzierungen bei Streitkräften und Ausgaben
einhergehen. Wir werden dies weiterhin beobachten, ohne in unserer Wachsamkeit nachzulassen.
Ich hoffe, daß dieses realistische Porträt der militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion und der von
diesen für die freie Welt verkörperten militärischen Bedrohung allen
Amerikanern, unseren Freunden und
Verbündeten eine Hilfe sein wird, um
das enorme Ausmaß und den Umfang der
vor uns liegenden Herausforderungen
im Bereich der Sicherheit zu erfassen. Wir dürfen uns von den sowjetischen
militärischen
Fähigkeiten
nicht einschüchtern lassen, obwohl
diese
sicherlich
gewaltig
sind.
Stattdessen müssen wir unsere Entschlossenheit zur Bewahrung unserer
Freiheiten und unserer nationalen Sicherheit stärken und ein dauerhaftes
Programm für unsere kollektive Sicherheit entwerfen.
Nur so können
wir, unsere Verbündeten und unsere
Freunde die Vorzüge der Freiheit für
uns und unsere Nachwelt sichern.

KAPITEL I

DIE SOWJETISCHE NATIONALE SICHERHEITSPOLITIK
In der sowjetischen nationalen
Sicherheitspolitik
werden
folgende
Prioritäten gesetzt:
- Stärkung des sowjetischen politischen Systems und Erhaltung der
Herrschaft der KPdSU.
- Ausdehnung und Stärkung des sowjetischen Einflusses weltweit.
- Verteidigung
der
sowjetischen
Heimat und des Staates gegen eine
mögliche Aggression.
- Aufrechterhaltung
der
Vorherrschaft
über
den
sowjetischen
Grenzen
benachbarte
Land- und
Seegebiete.
Obwohl die Sowjets den Frieden
dem Krieg vorziehen, sind sie durchaus willens, ihre Interessen durch
Einschüchterung,
Ausübung
diplomatischen Drucks oder direkte Gewaltanwendung - wie in Ungarn, der Tschechoslowakei und Afghanistan - durchzusetzen.

Tendenzen innerhalb des Systems
Obwohl sich die sowjetischen Ziele nicht geändert haben, erkannten
Gorbatschow und seine Verbündeten,
daß zur Umstrukturierung des sowjetischen Systems neue politische Maßnahmen angezeigt waren.
Sie waren
entschlossen,
das
politische
und
wirtschaftliche System neu zu beleben
und das Image der Parteiführung im
In- und Ausland dadurch zu erneuern,
daß sie sich als Vertreter einer neuen, jüngeren, dynamischeren und fähigeren Generation sowjetischer Politiker darstellten.
Sie präsentierten
ihren Entwurf eines umstrukturierten
sowjetischen Systems unter dem Namen
"Perestrojka".

Frank C. Carlucci
Verteidigungsminister
- 4 -

�Was sich nicht verändert hat, ist
die Tatsache, daß die Sowjetunion
sich auch weiterhin auf militärische
Macht stützt, um ihre politischen
Maßnahmen zu unterstreichen sowie auf
die anhaltende Bereitschaft der sowjetischen Führung, die für die Aufrechterhaltung
ihrer
militärischen
Macht benötigten Mittel zur Verfügung
zu stellen.

Krieges - in bestimmten Bereichen eines Kriegsschauplatzes möglicherweise
auch defensive Operationen durchführen müssen. Ihre Zielsetzung in der
Ausbildung besteht jedoch darin, so
schnell wie möglich zur Gegenoffensive überzugehen.

Sowjetische Militärdoktrin und Strategie

In seiner Rede auf dem 27. Parteitag der KPdSU im Februar 1986 erwähnte Gorbatschow das Konzept des
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus", ohne dies näher zu erklären.
Seit jener Rede gab es zahlreiche Erwähnungen eines "Gleichstandes auf
niedrigerer Ebene" sowie weitere Erklärungen der Führung über ein ausreichendes Niveau.

Die
sowjetische
Militärdoktrin
betrachtet Krieg als eine Fortsetzung
der Politik und betont offensive Operationen.
Die sowjetische Militärführung hat diese Prinzipien als
grundlegend erkannt, wenn ein bewaffneter Konflikt zu ihren Gunsten entschieden werden soll.
Für die Sowjets würde ein Sieg in einem konventionellen oder nuklearen Krieg die
Niederwerfung
oder
Neutralisierung
der Vereinigten Staaten und der NATO
sowie das Überleben der von der Partei
beherrschten
politisch-ökonomischen Struktur in der Heimat beinhalten.
Die
sowjetische
Militärdoktrin
erkennt heute an, daß weder strategische Nuklear- noch konventionelle
Streitkräfte
allein
"entscheidend"
sind, sondern daß sie ihre beste Wirkung nur zusammen entfalten. Die Sowjets haben enorme Mittel ausgegeben,
um ihre konventionellen Streitkräfte
zu modernisieren und auszubauen, während sie gleichzeitig mit dem Ausbau
ihrer strategischen nuklearen Offensiv- und Defensivstreitkräfte fortfuhren und damit ihre Fähigkeit unterstrichen haben, sowohl unter nuklearen wie unter konventionellen Bedingungen zu kämpfen.
In den achtziger Jahren haben die
Sowjets außerdem damit begonnen, defensive Operationen in eine generell
offensive Strategie einzubauen. Die
Sowjets haben immer den Gedanken akzeptiert, daß sie - für einen begrenzten Zeitraum
eines künftigen

Der Einfluß Gorbatschows auf die
Militärdoktrin

Bis heute gibt es jedoch keinen
Grund zu dem Schluß, daß das Konzept
des "vernünftigen und ausreichenden
Niveaus" eine Aufgabe oder auch nur
eine Modifizierung der charakteristischen offensiven militärischen Strategie
der
Sowjets
bedeutet.
Gorbatschow und
seine Verbündeten
sind sich genau wie ihre Vorgänger
der Tatsache voll bewußt, daß sich
der Status der Sowjetunion als Supermacht sowie ihre Fähigkeit zur Erlangung ihrer strategischen Ziele aus
ihrer militärischen Macht ableiten.
Falls
bedeutende
Veränderungen
stattfinden, dann könnten sie den Bereitschaf tsgrad,
Streitkräftestruktur, Durchhaltevermögen, Ausbildung
und Operationen betreffen.
Sollten
solche Veränderungen eingeleitet werden, könnte das Ergebnis ebenso gut
eine weniger umfangreiche und trotzdem
schlagkräftigere
offensive
Streitkräftestruktur
sein
eine
Struktur, die auf jeden Fall ausreichend wäre, um die sowjetischen
politischen und militärischen Ziele
zu verfolgen, die sich nicht wirklich
verändert haben.
Das Konzept des
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus" steht außerdem im Einklang mit
den seit langem existierenden sowje-

- 5 -

�tischen Zielen, die NATO zu spalten,
die
Streitkräftemodernisierung
der
USA und der NATO zu verlangsamen, das
SDI-Programm durch Rüstungskontrolle
zu Fall zu bringen und den Sowjets
Zeitgewinn zu verschaffen, um ihren
wirtschaftlichen, technologischen und
industriellen Initiativen zum Durchbruch zu verhelfen.

Weitere Aussichten
Die aktive Öffentlichkeitsarbeit
der Sowjets, mit der das im Westen
bestehende Bild der UdSSR verändert
werden soll, hat gezeigt, daß man
sich des Einflusses der westlichen
Massenmedien sehr wohl bewußt ist.
Die Sowjets haben wohl kaum ihre seit
langem bestehenden Ambitionen aufgegeben, dominierende Weltmacht zu werden.
Für die nächsten zehn Jahre
kann man davon ausgehen, daß die Sowjets mit Hochdruck innenpolitische
Initiativen
zur Neubelebung ihrer
Wirtschaft, Modernisierung ihrer industriellen Basis und Beschaffung der
zur Aufrechterhaltung einer mächtigen
Militärstreitmacht
auf allen Konfliktebenen notwendigen Technologien
verfolgen werden.
Die Sowjets werden an dem Konzept
festhalten, daß die Verteidigung der
UdSSR auf einer Streitmacht beruhen
muß, die zur Ergreifung der Offensive
und Zerstörung der Kriegführungsmittel des Gegners in der Lage ist.
Diesem Konzept zufolge müssen ihre
Streitkräfte vorbereitet sein, auf
allen Konfliktebenen zu kämpfen und
die Oberhand zu gewinnen.

KAPITEL II

DIE SOWJETISCHE AUSSENPOLITIK UNTER
GORBATSCHOW
Die sowjetische Außenpolitik hat
ihr traditionelles langfristiges Ziel
einer Veränderung im "Kräfteverhältnis" zu ihren Gunsten nicht aufgegeben. Unter Gorbatschow beabsichtigen
die Sowjets, in der Vergangenheit erzielte Vorteile dadurch zu bewahren,
daß sie kreativer mit der Weltpolitik
und der Weltwirtschaft umgehen. Es
kann erwartet werden, daß die UdSSR
weiterhin westliche Interessen durch
Diplomatie, Militär- und Wirtschaftshilfe sowie die Unterstützung von dem
Westen feindlich gesonnenen Stellvertretern, Regimen und Bewegungen herausfordern wird. Die Sowjets werden
auch weiterhin ihre eigenen mächtigen
Streitkräfte entwickeln und stationieren.
Generalsekretär
Gorbatschow
strebt danach, die UdSSR durch Erhöhung der Wirtschaftsleistung im Inund Ausland sowie durch den Ausbau
der Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt, die vormals als zum "westlichen Lager" zugehörig eingestuft
wurden, international zu einem geschickteren Konkurrenten zu machen.
Diese Bestrebungen sind Teil einer
langfristig angelegten Strategie mit
dem Ziel, Chancen auszunutzen, die
den Sowjets unter der früheren, starreren Außenpolitik entgangen wären.
Gorbatschows Außenpolitik wird danach
trachten, die Sowjetunion als eine
Macht darzustellen, deren Ziel die
Förderung politischer und wirtschaftlicher Lösungen für regionale und
weltweite Probleme ist.
Die sowjetische Führung hat begonnen, die Notwendigkeit eines "neuen Denkens" in der Weltpolitik zu betonen, insbesondere in den Fragen von
Krieg und Frieden sowie bei Konzepten
der internationalen Sicherheit. Die
erklärten Ziele der sowjetischen Aussenpolitik enthüllen jedoch die Tatsache, daß "neues Denken" die Dogmen

�des Kommunismus nicht verändert hat.
Der Unterschied zwischen dem "neuen
Denken" und gegenwärtigen Handlungen
findet seinen Niederschlag auch in
der sowjetischen Politik gegenüber
der Dritten Welt.
Unter Gorbatschow wurde in der
sowjetischen Außenpolitik damit begonnen, ein subtileres Verständnis
des
sowjetisch-amerikanischen
Verhältnisses zu betonen.
Ihre Ziele
sind jedoch weiterhin:
- Der Versuch, den Rüstungskontrollprozeß zu benutzen, um die
geplante Modernisierung und Entwicklung der sowjetischen Streitkräfte zu schützen;
-

die NATO zu spalten und die Vereinigten Staaten von Europa abzukoppeln;

- den weiteren Zugan zu westlicher
Technologie und Westkrediten zu
sichern;
- die Aushöhlung westlicher RUstungsprogramme, insbesondere von
SDI sowie der Streitkräftemodernisierung der USA und der NATO.

wjetischen Zugang zu westeuropäischen
Krediten, Technologie und Handel auszuweiten und neutralistische Elemente
in Westeuropa durch eine selektive
Politik der Unterstützung und Manipulierung "progressiver" Elemente zu
ermutigen, wobei das Hauptaugenmerk
den antinuklear eingestellten Arbeiterund sozialistischen Parteien
sowie den verschiedenen Friedensbewegungen gilt.
Mit der Unterzeichnung des INFVertrages im Dezember 1987 hielt die
Sowjetunion weiterhin an ihrer Ansicht fest, daß ihre Politik gegenüber Westeuropa traditionellen sowjetischen Zielen dienen und den sowjetischen Einfluß in dieser Region verstärken wird. Zum Beispiel versuchen
die Sowjets weiterhin, kriegsschauplatzgebundene nukleare Plattformen
in die neuen Verhandlungen über die
konventionellen Streitkräfte einzubinden. Außerdem haben sie Begrenzungen von Aktivitäten auf See vorgeschlagen, mit denen die Stationierung
amerikanischer Marinesysteme zur Unterstützung der Nord- und Südregionen
der NATO beschnitten würde.
Diese
Vorschläge zeigen, daß die politischen Ziele der Sowjets im Hinblick
auf Westeuropa fortbestehen.

Sowjetische Regionalpolitik
Die weiteren Aussichten
Westeuropa
Unter Gorbatschow wurde das traditionelle Ziel der UdSSR mit neuem
Elan angegangen, einen Keil zwischen
die Vereinigten Staaten und die NATO
zu treiben, indem u. a. innerhalb
Westeuropas die Besorgnis über amerikanische Verteidigungsprogramme geschürt wird. Das grundsätzliche sowjetische Ziel bleibt die Veränderung
des politischen Status quo in Europa
zu Gunsten der UdSSR. Um dies zu erreichen, versuchen die Sowjets: ihren erheblichen Vorteil bei konventionellen und nuklearen Gefechtsfeldwaffen gegenüber der NATO zu wahren,
die amerikanischen politischen und
militärischen Bindungen mit Westeuropa zu schwächen oder aufzulösen, so-

Gorbatschows "neues Denken" spiegelt in erster Linie einen Stilwandel
wider, während seine diplomatischen
Initiativen neue Taktiken beinhalten.
Durch die Kultivierung eines weniger
bedrohlichen internationalen Images
zielt Moskau darauf ab, die Aufmerksamkeit vom sowjetischen Militarismus
und Abenteurertum in der Außenpolitik
abzulenken.
Aus der Sicht Moskaus
wird das sich daraus ergebende internationale Klima die sowjetischen Aussichten zur Aufrechterhaltung einer
weltweiten vorteilhaften "Kräfteverhältnisses" verbessern, insbesondere
in einer Zeit wirtschaftlicher Stagnation. Gleichzeitig wird Moskau das
Ziel verfolgen, seine Macht und seinen Einfluß auszudehnen, den äußeren

- 7 -

�Druck auf seine Vasallenstaaten zu
mildern, die Chancen des Ost-WestHandels zu erweitern, sich westliche
Technologie zu verschaffen und die
sowjetische Wirtschaft zu verjüngen.
Insgesamt wäre es verfrüht, zu entscheiden, ob Veränderungen im Stil
der
sowjetischen
Außenpolitik
schließlich die grundsätzlichen Ziele
Moskaus beeinflussen werden. Letztlich könnte die UdSSR beabsichtigen,
die verbesserte Position, die sie
sich als Ergebnis innerer Reformen zu
erringen hofft, zu benutzen, um wirkungsvoller mit dem Westen im politischen,
militärischen
und
wirtschaftlichen Bereich zu konkurrieren.

KAPITEL III

DIE ZUWEISUNG MILITÄRISCHER MITTEL
Die sowjetische Verteidigungslast
ist von 14 bis 16 Prozent des sowjetischen Bruttosozialprodukts im Jahr
1980 auf etwa 15 bis 17 Prozent im
Jahr 1987 gestiegen - ungefähr das
Zweieinhalbfache der amerikanischen.
Noch aufschlußreicher ist die Tatsache, daß die sowjetischen Ministerien für Verteidigungsindustrien heute etwa 60 Prozent des lebenswichtigen Industriezweiges für Maschinenbau/Metallverarbeitung ausmachen.
Die sowjetische Führung ist offensichtlich besorgt über den gegenwärtigen Zustand der Wirtschaft, der
zukünftige militärische Erfordernisse
zu gefährden droht. Die Führung betrachtet das heutige Wirtschaftswachstum als unzureichend, um die militärischen Fähigkeiten und den Lebensstandard auf dem gewünschten Niveau
zu halten und gleichzeitig genügend
Mittel bereitzustellen, um in das'
künftige wirtschaftliche und militärische Wachstum zu investieren.
Um der Sowjetunion einen Spitzenplatz in militärischer und ziviler
Technologie
zu
verschaffen,
hat
Gorbatschow ein Wirtschaftsprogramm
zur schnellen Modernisierung der Maschinenproduktion des Landes vorgeschlagen. Durch enorme Investitionen
beabsichtigt Moskau, die Produktion
neuer und moderner Maschinen und Ausrüstung zu beschleunigen, mit denen
die ausgediente industrielle Basis
des Landes erneuert werden soll.
Priorität wird in der Hochtechnologie
den Bereichen Mikroelektronik, Computerwesen, Automation moderner Werkzeugmaschinen, Instrumenten und Biotechnologie zugeschrieben.
Innerhalb der Führung scheint ein
Konsens
über
die
Notwendigkeit
wirtschaftlicher Reformen, aber ein
Dissens
über
die
Geschwindigkeit
und die Art des Wandels zu bestehen insbesondere in empfindlichen poli-

- 8 -

�tischen Bereichen.
Gorbatschow hat verdeutlicht, daß
die wirtschaftliche Erneuerung ein
langfristiges Projekt ist, das mindestens zehn bis 15 Jahre in Anspruch
nehmen wird, wenn nicht eine ganze
Generation. Sie wird unzählige kurzfristige Anpassungen erfordern, von
denen viele zerstörerisch und verwirrend sein können.
Kurzfristig ist es unwahrscheinlich, daß wirtschaftliche Reformen
und industrielle Modernisierung die
militärische Produktion beeinflussen
werden. Aufgrund hoher Investitionen
der Vergangenheit ist die Rüstungsindustrie sehr wohl in der Lage, die
gegenwärtige Generation von Waffensystemen zu produzieren. Im 12. Fünfjahresplan (1986-1990) wurde der Rüstungsindustrie weiteres Wachstum zugesichert. In dem Maß, in dem die
neuen wirtschaftlichen Reformen erfolgreich sind, werden sie langfristig dem Militär zugute kommen, indem
sie eine modernisierte Produktionskapazität und einen verläßlichen Nachschub an Rohstoffen, Subkomponenten
und anderen Produkten hoher Qualität
bereitstellen, die für modernste Waffensysteme benötigt werden.

fast die Hälfte des weltweiten Ausstoßes militärischen Materials und
produziert drei Viertel der ballistischen und Boden-Luft-Raketen der
Welt, über die Hälfte der Kampfpanzer
und Bomber sowie über ein Drittel der
Artillerie, U-Boote, Kampfflugzeuge,
Marschflugkörper,
leichten
Panzerfahrzeuge und Militärhelikopter. Obwohl diese führende Stellung durch
die verstärkte Waffenproduktion der
Vereinigten Staaten leicht reduziert
wurde, produzieren die Sowjets bei
den meisten Typen im Vergleich zum
Westen immer noch mit einer Rate von
über zwei zu eins.

Produktion für die Landstreitkräfte
Die vier wichtigsten Panzerhersteller der Sowjetunion haben mehr
als 40 000 moderne Panzer - einschließlich des T-64, T-72 und T-80 für die sowjetische Armee, den Warschauer Pakt und die Armeen ihrer Vasallenstaaten produziert.
Der T-80
und einige der T-64 und T-72 sind
jetzt mit neuer Technologie ausgestattet, wie etwa reaktive Panzerung,
Laser-Entfernungsmesser und verbesserte Panzergeschütze, die ihre Fähigkeiten erheblich erhöht haben.

Militärische Produktion

Produktion für die Seestreitkräfte

Bis 1982 hatte die sowjetische
Rüstungsindustrie ein Jahrzehnt des
Ausbaus erfahren und war nun besser
ausgerüstet, größere Mengen modernen
Geräts zu produzieren als jemals zuvor.
Heute konzentrieren sich die
Sowjets auf die Herstellung technologisch ausgereifter Waffen und darauf,
ihrem Militär neue Systeme zur Verfügung zu stellen, die den Westen in
anderen Bereichen, wie etwa im Weltraum, herausfordern.
Währenddessen
wurde die Fähigkeit zur Produktion
großer Mengen an Gerät beibehalten.

Die Sowjets bauen zwei Klassen
von nukleargetriebenen Raketenunterseebooten (SSBN) - die THPHOON und
die DELTA IV. Ferner wird die OSCAR
II-Klasse nukleargetriebener und mit
Marschflugkörpern
bestückter
Angriff sunterseeboote
(SSGN) gebaut,
drei Klassen nukleargetriebener UBoote (SSN) - SIERRA, AKULA und
VICTOR III - und die KILO-Klasse dieselgetriebener
Angriffsunterseeboote
(SS).

Insgesamt befindet sich die sowjetische
Produktion
militärischer
Ausrüstung seit 1980 auf einem hohen
Niveau.
Die Sowjetunion steht für

Sowjetische Werften bauen acht
Klassen von Überwasserkriegschiffen
in Serie. Die erste Einheit einer
neuen Klasee von Flugzeugträgern mit
einer Verdrängung von 65 000 Tonnen die
Größenordnung
amerikanischer

- 9 -

�Flugzeugträger - wird zur Erprobung
auf See vorbereitet.
Ein zweiter
Flugzeugträger dieser Klasse wird zur
Zeit bei Nikolajew gebaut.

Flugzeugproduktion
Die Sowjets unternehmen erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung
der Qualität ihrer Flugzeuge und konzentrieren sich vor allem auf modernste Modelle. Obwohl ihre neuen
Modelle kostspieliger und schwieriger
zu entwickeln sind sowie eine längere
Konstruktionsphase erfordern werden
als die anderen Modelle, wird ihre
höhere Qualität die sowjetische Luftwaffe
und
die
Luftverteidigungsstreitkräfte in die Lage versetzen,
ihren Anforderungen besser gerecht zu
werden, obwohl sie unter Umständen
die eingesetzten Flugzeuge in einem
geringeren Verhältnis als eins zu
eins ersetzen könnten.
Mittelfristig werden sich die Sowjets wahrscheinlich auf die Herstellung von Kampfflugzeugen für ihre
strategische Verteidigung und taktische Einsätze konzentrieren.
Mit
hoher Wahrscheinlichkeit werden weitere Produktionsstätten die Herstellung dieser modernen Flugzeuge aufnehmen.

Raketenproduktion
Seit 1981 hat die Sowjetunion die
Serienproduktion der vierten Generation ihrer ICBMs abgeschlossen und
eine große Zahl von Systemen der
fünften Generation hergestellt. Gegenwärtig werden Nachfolgemodelle für
Raketen der vierten und fünften Generation entwickelt, deren Produktion
wahrscheinlich in Kürze aufgenommen
wird. Der Schwerpunkt liegt hierbei
auf der Entwicklung von ICBM-Streitkräften mit erheblich größerer Flexibilität, Uberlebensfähigkeit und Wirkung.
Das Nachfolgemodell der ICBM des
Typs SS-18 wird bald in Serie gehen;

die Serienproduktion der schienengesttitzten mit festem Treibstoff angetriebenen ICBM des Typs SS-24 ist bereits aufgenommen worden. Die experimentelle Flugerprobung neuer SLBMs
könnte noch vor 1990 aufgenommen werden.
Als Ergebnis ihrer Expansion
bei für den Weltraum produzierenden
Industrieanlagen und Abschußvorrichtungen werden die Sowjets bald ihre
Fähigkeit bei Abschüssen im Weltraum
um ein Drittel steigern können. Mit
der Produktion von SL-16 und SLVs vom
Typ SL-X-17 der Saturn V-Klasse (mit
einer Nutzlastkapazität von jeweils
über 15 000 und über 100 000 Kilo)
werden die Sowjets ihre Nutzlastkapazität in den kommenden Jahren verdoppeln.

Demographie und das sowjetische
Militär
Die militärischen Fähigkeiten der
Sowjets wurden sowohl durch das langsame Bevölkerungswachstum in den europäischen Republiken als auch durch
die damit verbundenen Veränderungen
in der ethnischen Zusammensetzung der
Bevölkerung beeinflußt. Der wichtigste Einzelfaktor mit Auswirkungen auf
die Truppenstärke des sowjetischen
Militärs ist die Zahl der verfügbaren
Wehrpflichtigen.
Die Zahl der Wehrpflichtigen in
der Sowjetunion sank zu Beginn der
achtziger Jahre rapide und erreichte
im Jahr 1987 ihren Tiefstand. Die
seit 1981 bei der Geburt von Kindern
gewährten Vergünstigungen werden bis
1999 die Zahl der verfügbaren Wehrpflichtigen leicht ansteigen lassen.
Darüber hinaus wird sich auch durch
strikte Kriterien bei der Zurückstellung vom Wehrdienst die Zahl der
Wehrpflichtigen leicht erhöhen.

Weitere Aussichten
Obwohl die Sowjets zugeben, daß
die Supermächte der Zukunft tragfähige Volkswirtschaften und Industrien
haben müssen, die technisch auf dem

- 10 -

�neuesten Stand sind, werden sie keineswegs das opfern, was sie als Sicherheitserfordernisse erachten. Obwohl das Militär angewiesen ist, den
zivilen Sektor bei seinen Umstrukturierungsbemühungen zu unterstützen,
besteht der vordringliche Auftrag des
militärischen Sektors weiterhin darin, das sowjetische Heer mit dem modernsten Waffensystemen auszurüsten.
Auch wenn Gorbatschows Modernisierungsprogramm
scheitern
sollte,
wird die nationale Sicherheit wichtigstes Ziel bleiben, und die Sowjets
werden bei Bedarf neue militärische
Programme auf Kosten der zivilen
Wirtschaft
verfolgen.
Sollten
Gorbatschows Programme jedoch Erfolg
zeitigen, wird sich der Westen im 21.
Jahrhundert einer wirtschaftlich, politisch, technologisch und militärisch erheblich stärkeren Sowjetunion
gegenübersehen.

KAPITEL IV

SOWJETISCHE STRATEGISCHE PROGRAMME
UND WELTRAUMSTREITKRAFTE
In den vergangenen zehn Jahren
haben die Sowjets für ihre offensiven
und defensiven strategischen Programme zu etwa gleichen Teilen Mittel im
Gegenwert von ca. 400 Milliarden Dollar bereitgestellt - für jedes Programm etwa 20 Milliarden Dollar pro
Jahr.
Für Weltraumprogramme belief
sich die Summe im gleichen Zeitraum
auf 80 Milliarden Dollar.
Seit 1981 wurden die sowjetischen
strategischen
Offensivstreitkräfte
kontinuierlich aufgestockt, nachdem
die Stationierung einer vierten Generation
von
Interkontinentalraketen
(ICBMs) (der SS-17, SS-18 und SS-19)
abgeschlossen war. Im Jahr 1987 wurde mit der Stationierung der schienengestutzten ICBMs vom Typ SS-24 begonnen.
Bei der sowjetischen, mit
ballistischen Raketen bestückten UBootflotte wurden die TYPHOON eingeführt, die mit 20 Raketen vom Typ
SS-N-20 (mit jeweils 20 Mehrfachgefechtsköpfen) ausgerüstet sind, unmittelbar gefolgt von der neuen DELTA
IV mit den noch moderneren SS-N-23.
Die Fähigkeiten sowjetischer Langstreckenbomber wurden durch die Einführung des - mit dem atomaren
Marschflugkörper AS-15 ausgestatteten
- Bombers vom Typ BEAR H verbessert.
Die Stationierung des neuen strategischen Langstreckenbombers BLACKJACK
steht unmittelbar bevor.
Im Bereich der strategischen Verteidigung modernisieren die Sowjets
ihr Raketenabwehrsystem um Moskau und
ersetzen 64 alte, nachladbare und
landgestützte
Abschußvorrichtungen
des Typs GAL0SH mit einer zweischichtigen Verteidigung, die sich aus silogestützten Abwehrflugkörpern längerer Reichweite - modifizierten GALOSH
-, silogestützten, schnell-beschleunigenden endoatmosphärisehen Abwehrflugkörpern des Typs GAZELLE und dem
neuen phasengesteuerten Radar vom Typ

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�PILL BOX bei Puschkino in der Nähe
von Moskau zusammensetzt. Diese Phase des Modernisierungsprogramms könnte Ende der achtziger Jahre abgeschlossen sein.
Im Weltraum haben die Sowjets ihre MIR-Weltraumstation in Umlauf gebracht, einen neuen Rekord beim bemannten Raumflug aufgestellt, die
Flugtauglichkeit eines Objekts erprobt, das wahrscheinlich ihr Weltraumflugzeug werden wird und einen
neuen Raumtransporter für mittlere
Nutzlasten vom Typ SL-16 disloziert.
Darüber hinaus haben die Sowjets ihr
Raumfahrzeug mit großer Trägerkapazität vom Typ SL-X-17 stationiert, das
eine Nutzlast von über 100 000 Kilo
transportieren kann. Vom SL-X-17 aus
kann eine sowjetische Raumfähre starten, die den Sowjets zufolge bereits
im Flug erprobt wurde.

Strategische Streitkräfte
Die Strategischen Raketenstreitkräfte (SRF) spielen bei den sowjetischen Streitkräften die wichtigste
Rolle. Zu ihnen zählen über 6 000
der insgesamt 10 000 nuklearen Gefechtsköpfe auf sowjetischen strategischen Waffen.

den das Kernstück des gegenwärtigen
strategischen Arsenals der Sowjets.
Sie können gehärtete Ziele wie etwa
ICBM-Silos
und
Kommandostützpunkte
zerstören. Diese Rakete - die größer
ist als das amerikanische Modell
PEACEKEEPER - ist im Laufe der letzten sieben Jahre modernisiert worden.
Der größte Teil der gegenwärtigen
Streitkräfte besteht aus SS-18 Mod 4
mit 10 MIRVs. Die SS-18 allein könnten mit zwei Gefechtsköpfen pro Ziel
65 bis 80 Prozent aller amerikanischen ICBM-Silos zerstören und dennoch 1 000 Gefechtsköpfe übrig behalten. Die SS-18 haben zusammengenommen etwa 3 000 Gefechtsköpfe.
Die Sowjets haben ferner ihre
beiden anderen ICBMs der vierten Generation, die SS-17 und SS-19, modernisiert.
Die SS-19 Mod 3 ist mit
sechs MIRVs ausgerüstet und der Größe
nach der amerikanischen Rakete vom
Typ PEACEKEEPER vergleichbar.
Die
SS-17 Mod 3 ist weniger zielgenau als
die SS-18, trägt vier Gefechtsköpfe
und kann ungehärtete Ziele treffen.
Sowohl die SS-17 als auch die SS-19
sind in der Wahl ihrer Ziele flexibel
- sie können mit insgesamt 2 700 Gefechtsköpfen sowohl eurasische als
auch Ziele in Übersee treffen und ermöglichen es damit den Sowjets, sich
der Situation anzupassen, die mit dem
INF-Vertrag geschaffen worden ist.

Entwicklung der ICBM-Streitkräfte
Von 1980 bis 1988 fand eine
schnelle Modernisierung und Weiterentwicklung des sowjetischen ICBM-Arsenals statt. Das sowjetische Arsenal ist aufgestockt, und einzelne Raketen sind durch neue Modelle mit
größerer Zielgenauigkeit und Überlebensfähigkeit ersetzt worden. Ständige Verbesserungen sind im Gange.
Bis Mitte der neunziger Jahre werden
die Sowjets eine völlig neue Generation zunehmend zielgenauer und vielfach mobiler Raketen disloziert haben, die eine größere Bedrohung für
die strategischen Streitkräfte der
Vereinigten Staaten bieten.
Schwere ICBMs vom Typ SS-18 bil-

Die Sowjets haben mit der Einführung einer fünften Generation von
ICBMs mit hohem Wurfgewicht und grosser Zielgenauigkeit begonnen.
Sie
benutzen Feststoff-Treibmittel (die
länger haltbar sind und eine geringere Wartung erfordern), sind vollständig mobil und damit sehr Uberlebensfähig. Die gegenwärtig in einer frühen
Entwicklungsphase
befindliche
SS-24 ist mit der amerikanischen
PEACEKEEPER
zu
vergleichen.
Sie
trägt zehn Gefechtsköpfe und ist sowohl auf der Schiene wie auch in Silos stationierbar.
Bis 1990 werden die Sowjets, wenn
sie ihre Modernisierungen im gegenwärtigen Tempo fortführen, in der La-

- 12 -

�ge sein, 15 000 Gefechtsköpfe zu stationieren.
Darüber hinaus könnten
diese Waffen in den nächsten zehn
Jahren auf moderneren, fähigeren und
überlebensfähigeren
strategischen
Trägersystemen
montiert
werden.
Wahrscheinlich werden die Sowjets bis
Mitte der neunziger Jahre die dritte
Generation ihrer Raketen stufenweise
vollständig abgezogen haben, während
die vierte Generation durch gegenwärtig in der Entwicklung und Erprobung
befindliche Systeme ersetzt werden
wird. Das Nachfolgemodell der SS-18,
eine zielgenauere Version als das
Vorläufermodell, ist gerade erprobt
worden; Vorbereitungen für die Stationierung dieser Rakete sind im Gange.
Im Oktober 1987 protestierten
die Vereinigten Staaten gegen die offensichtliche Absicht der Sowjets,
das SS-18 Nachfolgemodell so zu erproben, daß seine Wiedereintrittsflugkörper in der Nähe der stark bevölkerten Insel Hawaii landen. Mobile SS-24 und SS-25 mit FeststoffTreibmittel sind voll einsatzfähig
und werden ihrerseits in den nächsten
zehn Jahren durch Nachfolgemodelle
ersetzt werden. Diese Modernisierung
wird sicherstellen, daß die sowjetischen ICBM-Streitkräfte die größte
und modernste strategische Streitmacht der Welt bleiben.

Entwicklungen bei den U-Boot-gestUtzten Raketen
In den vergangenen Jahren haben
die sowjetischen Seestreitkräfte zunehmendes Interesse am Nordpol als
militärisches Einsatzgebiet für ihre
nukleargetriebenen U-Boote (SSBN) gezeigt, mit denen die Sowjets die
Uberlebensfähigkeit
ihrer
U-Boot
Flotte verbessern wollen.
In jüngster Zeit haben die Sowjets die FUhrungs- und Kommunikationseinrichtungen ihrer Seestreitkräfte verbessert und ein Kommunikationsystem mit extrem niedrigen Frequenzen (ELF) disloziert, um die Kommunikation mit ihren SSBN zu gewährleisten. Neu stationierte Flugzeuge

vom Typ BEAR J sind ein zusätzliches
Mittel effektiver Kommunikation, da
sie Kommunikation auf sehr niedrigen
Frequenzen (VLF) mit kreuzenden SSBNs
bieten.
Die Sowjets könnten noch in diesem Jahr mit der Flugerprobung einer
modifizierten Version der Rakete des
Typs SS-N-20 auf See beginnen. Die
Erprobung einer modifizerten Version
der SS-N-23 wird möglicherweise im
Jahr 1988 abgeschlossen werden. Verbesserte Zielgenauigkeit der neuesten
sowjetischen
SLBM-Systeme
zusammen
mit möglichen Anstrengungen zur Vergrößerung des Wiedereintrittsflugkörpers der SLBM und Erhöhung der
Sprengkraft des Gefechtskopfs wären
eine Bestätigung für Moskaus Pläne
zum Ausbau seiner Fähigkeiten zur
Zerstörung gehärteter Ziele bei den
SLBM-Streitkräften. Die neue U-BootKlasse ALEXANDER BRYKIN wird diese
modernen Raketen auf SSBNs nachladen
können. Mit dieser Fähigkeit können
die sowjetischen SSBNs zusätzliche
Ziele gefährden.

Entwicklungen bei der strategischen
Luftfahrt
Jüngste sowjetische Anstrengungen
im Bereich der strategischen Luftfahrt, insbesondere bei den Langstreckenbombern der Typen BEAR H und
BLACKJACK, signalisieren ihr gesteigertes Interesse an einer Angriffsflotte bemannter Bomber, mit denen
ihre strategischen Streitkräfte vielfältigere Aufgaben wahrnehmen könnten.
Insgesamt sind elf Bomber des
Typs BLACKJACK gebaut worden, und das
erste BLACKJACK Regiment sollte sich
in diesem Jahr zu formieren beginnen.
Das Rückgrat der modernen sowjetischen Streitmacht von Interkontinentalbombern der achtziger Jahre
wird jedoch der mit luftgestützten
Marschflugkörpern des Typs AS-15/KENT
ausgerüstete BEAR H-Bomber bleiben.
Die Sowjets haben in ihrem Arsenal
100 weitere BEAR-Bomber und Transportflugzeuge für Luft-Boden-Raketen.

- 13 -

�BEAR H-Bomber werden regelmäßig bei
simulierten Angriffen auf Nordamerika
beobachtet. Wenn der BLACKJACK-Bomber einsatzbereit ist, kann er ähnliche Einsätze fliegen.
Der gegenwärtige sowjetische Verband interkontinentaler Bomber ist
flexibler und überlebensfähiger als
je zuvor. Vor der jüngst erfolgten
Einführung der Marschflugkörper längerer Reichweite hätten sowjetische
Bomber zur Durchführung ihrer Angriffe in kanadischen oder amerikanischen
Luftraum eindringen müssen.
Jetzt
kann der BEAR H-Bomber seine AS-15
weit vor der Küste in Stellung bringen und dennoch Ziele in Nordamerika
treffen. Der BLACKJACK wird in der
Lage sein, Angriffe aus der Ferne und
im Luftraum selbst mit einer Vielfalt
von Nuklearraketen und Bomben durchzuführen.

Entwicklungen bei den Marschflugkörpern

Mittelstreckenraketen
Die Rolle sowjetischer Mittelstreckenraketen wird wahrscheinlich
angesichts des INF-Vertrages von anderen Systemen übernommen werden.
Der Vertrag verlangt die ersatzlose
Vernichtung aller existierenden Raketen und Abschußvorrichtungen in einem
Zeitraum von drei Jahren, einschließlich der ballistischen Raketen der
Typen SS-20, SS-4 und SS-5, ferner
der erprobten, aber nicht stationierten
Marschflugkörper
des
Typs
SSC-X-4. Nach Inkrafttreten des Abkommens könnten sich die Sowjets jedoch anderen strategischen ballistischen Raketen (ICBMs und SLBMs) sowie Flugzeugen und möglicherweise
seegestützten Marschflugkörpern zuwenden, um ihre strategischen Voraussetzungen
für
eurasische
Kriegsschauplätze zu schaffen.

Kurzstreckenraketen

Die Sowjets stehen kurz vor der
Entwicklung einer Reihe von modernen
Marschflugkörpersystemen.
Auf
See
haben sie die seegestützten Marschflugkörper (SLCM) des Typs SS-N-21
erprobt.
Eine Reihe sowjetischer
vielseitig einsetzbarer Angriffs-UBoote der Typen VICTOR, AKULA oder
SIERRA könnten die SS-N-21 transportieren und abschießen. Darüber hinaus ist ein mit Atomraketen bestücktes U-Boot der YANKEE-Klasse für den
Transport
von
Raketen
des
Typs
SS-N-21 umgerüstet worden. Mit diesen zielgenauen Raketen, die nukleare
Gefechtsköpfe tragen, könnten sowohl
Ziele auf eurasischen als auch auf
nordamerikanischen Kriegsschauplätzen
angegriffen werden. Die größere Rakete des Typs SS-NX-24, die von besonderen U-Boot-Plattformen wie etwa
einem U-Boot der YANKEE-Klasse transportiert werden könnten, wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren
einsatzfähig.

Nukleare Kurzstreckenraketen mit
einer Reichweite von weniger als
1 000 Kilometern (SRINF) werden ebenfalls vom INF-Vertrag erfaßt. Insbesondere die Raketen der Typen SCALEBOARD und SS-23/SPIDER werden innerhalb von achtzehn Monaten nach Inkrafttreten des Vertrages abgebaut
sein. Obwohl der INF-Vertrag damit
die bedrohlichsten sowjetischen Nuklearwaffensysteme beseitigt, werden
die Sowjets eine mehr als ausreichende Fähigkeit erhalten, um ihren Landstreitkräften Unterstützung mit taktischen Nuklearwaffen zu leisten.

Strategische Verteidigung
In einer dramatischen Abkehr von
früheren Behauptungen, lediglich die
Vereinigten Staaten "militarisierten"
den Weltraum, räumte Generalsekretär
Gorbatschow am 30. November 1987 ein,
daß auch die Sowjetunion Forschungsvorhaben zur strategischen Verteidigung durchführt. Er erklärte: "Die
Sowjetunion tut dasselbe, was die
Vereinigten Staaten tun, und ich den-

- 14 -

�ke, wir führen eine Grundlagenforschung durch, die sich mit den Aspekten beschäftigt, die in den Vereinigten Staaten von SDI abgedeckt werden."

Radaranlagen (LPARs) zum Beispiel in
Krasnojarsk deuten darauf hin, daß
die Sowjets möglicherweise eine ABMVerteidigung ihres nationalen Territoriums vorbereiten.

Verteidigung mit ballistischen Raketen

Am 5. September 1987 erhielt eine
Delegation des amerikanischen Kongresses erstmalig die Gelegenheit zum
Besuch der Einrichtungen in Krasnojarsk, die den ABM-Vertrag verletzen.
Die Gruppe konnte bestimmte Bereiche
der Sende- und Empfangsstation besichtigen. Die bei diesem Besuch gewonnenen Erkenntnisse erhärteten die
Meinung, daß das Radar zur Erfassung
und Verfolgung ballistischer Raketen
bestimmt ist.

Die Sowjets haben das einzige
einsatzbereite
Raketenabwehr- oder
ABM-System der Welt, und ein im Jahre
1980 begonnenes und nun nahezu abgeschlossenes
Konstruktionsprogramm
wird ein erweitertes und modernisiertes System einer zweischichtigen Verteidigung mit 100 Abschußvorrichtungen hervorbringen. Wenn das System
im Jahr 1989 einsatzbereit wird, können mit seiner Hilfe bestimmte Führungskader und strategisch wichtige
Einrichtungen in der Umgebung Moskaus
geschützt werden.
Zum neuen ABM-System um Moskau
gehören zwei Abwehrflugkörper, eine
modifizierte
Abwehrrakete
längerer
Reichweite vom Typ GALOSH, mit der
Wiedereintrittsflugkörper (RVs) ausserhalb der Atmosphäre abgelenkt werden sollen und die hoch beschleunigende Rakete kürzerer Reichweite vom
Typ GAZELLE, mit der RVs nach ihrem
Wiedereintritt in die Erdatmosphäre
abgelenkt werden sollen.
Für die
neuen Abwehrflugkörper sind neue gehärtete Silos gebaut worden. Die modifizierten Raketen der Typen GALOSH
und GAZELLE werden wahrscheinlich im
Jahr 1988 oder 1989 einsatzbereit
sein.
Das große vielseitige phasengesteuerte Radar von Puschkino steht
kurz vor seiner Vollendung und ist
ebenfalls integraler Bestandteil des
neuen ABM-Systems um Moskau. Das Radar wird mit seinem Auffaßbereich von
360 Grad die neuen Abwehrflugkörper
unterstützen. Es soll etwa im Jahr
1989 voll einsatzfähig sein.
All diese Aktivitäten, wie auch
die um die Mitte der neunziger Jahre
erwartete Vollendung
des gesamten
Netzes der großen phasengesteuerten

Moderne Technologien für die strategische Verteidigung
Moskau hofft, daß die erheblichen
Investitionen in den Entwurf und Bau
von Hoch-Energielasern Lasersysteme
für die strategische Luftverteidigung, weltraumgestutzte Satellitenabwehr und möglicherweise Raketenabwehr
hervorbringen werden.
Die ersten
Prototypen-Systeme, von denen einige
nur eine begrenzte Einsatzfähigkeit
haben, könnten noch vor Ende des
Jahrzehnts
fertiggestellt
werden,
aber außer im Bereich der Luftverteidigung werden voll einsatzfähige Verteidigungssysteme auf keinen Fall vor
Ende der neunziger Jahre erwartet.
Die Sowjets könnten zu Beginn der
neunziger Jahre ebenfalls bodengestützte Laser für die Raketenabwehr
haben und gegen Ende der neunziger
Jahre mit der Erprobung eines Stationierungssystems in beschränktem Umfang beginnen.
Obwohl die Sowjets gegen Mitte
oder Ende der neunziger Jahre den
Prototyp
einer
Teilchenstrahlwaffe
erproben könnten, wird es einsatzfähige Systeme zur Zerstörung von Satelliten oder Raketen im Anflug nicht
vor dem 21. Jahrhundert geben.

- 15 -

Die

Sowjetunion

hat

ebenfalls

�Forschung für den Einsatz von Radiofrequenzwaffen
durchgeführt,
die
elektronische
Komponenten von Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen oder Satelliten abfangen oder
zerstören können. Eine landgestützte
Version einer solchen Waffe könnte in
den neunziger Jahren erprobt werden.

Passive Verteidigung
Die Hauptzielsetzungen des heute
bestehenden Programms zur passiven
Verteidigung sind:
Kontinuität und
gesichertes
überleben
der
sowjetischen Führungsspitze, Planungen für
eine wirkungsvolle Mobilisierung von
Arbeitskräften
und
Wirtschaft
im
Kriegsfall, Schutz der Industrieanlagen und der unerläßlichen Arbeitskräfte sowie Schaffung einer glaubwürdigen Fähigkeit zum Wiederaufbau.
Integraler Bestandteil sowjetischer
Programme zur passiven Verteidigung
sind Tausende von gehärteten Einrichtungen.
Eine besondere Rolle spielen dabei unterirdische Einrichtungen, in
denen die sowjetische Führungsspitze
vor den Auswirkungen eines Nuklearkrieges geschützt werden soll. Weder
Veränderungen in der sowjetischen
Führung noch die Umstrukturierung des
strategischen Gleichgewichts und die
mit diesem Wandel einhergehende Ausarbeitung der militärischen Doktrin
haben das Engagement für dieses Programm erschüttern können. Die Einrichtungen werden von einem sehr leistungsfähigen
Kommunikationssystem
unterstützt, das sich aus Geräten vor
Ort und ferngesteuerten Anlagen zusammensetzt und es der Führung gestattet, Befehle zu senden und Berichte zu empfangen.
Diese
Einrichtungen
verfügen
ebenfalls über sehr leistungsfähige
Überlebenssysteme, mit denen sich die
Insassen gegen chemische und biologische Angriffe schützen können. Die
Sowjets bereiten den Schutz ihrer
Führungsspitze besonders intensiv um
Moskau vor wegen dessen entscheiden-

der Rolle bei der Organisation im
Kriegsfall; ähnliche Programme gibt
es jedoch auch in anderen wichtigen
Städten.
Die immensen und anhaltenden Investitionen der Sowjets in Einrichtungen zum Schutz ihrer Führungsspitze deuten auf die Überzeugung der Sowjets hin, daß die Vorteile diese erheblichen Kosten aufwiegen.

Streitkräfte im Weltraum
Das anhaltende sowjetische Engagement im Weltraum wurde im Mai 1987
von Generalsekretär Gorbatschow bekräftigt: "Wir werden in unseren Bemühungen nicht nachlassen und unsere
Vormachtstellung bei der Eroberung
des Weltraums nicht aufgeben."
Die Sowjets haben gegenwärtig etwa 50 verschiedene Weltraumsysteme
für militärische und zivile Einsätze.
Dazu zählen bemannte Raumstationen
(MIR) und Satelliten zur Aufklärung,
Erfassung von Abschüssen, Navigation,
für metereologische Zwecke und zur
Kommunikation. Bei einigen Satellitensystemen haben die Sowjets eine
Monopolstellung, etwa bei RORSAT,
ELINT und EORSAT.
Um ihre eindrucksvolle Zahl von
100 Abschüssen pro Jahr aufrechtzuerhalten, verfügen die Sowjets über etwa zwanzig Abschußrampen und verwenden acht einsatzfähige Trägersysteme
für Nutzlasten. Ein neuntes Trägersystem vom Typ SL-X-17 befindet sich
in der Entwicklung und Erprobung.
Die hohe Abschußquote gestattet es
den Sowjets, eine zunehmende Zahl aktiver Satelliten in der Erdumlaufbahn
zu halten - im Jahr 1987 waren es 150
gegenüber 120 im Jahr 1982. Mindestens neunzig Prozent der sowjetischen Satelliten in der Erdumlaufbahn befinden sich dort zu militärischen Zwecken und unterstützen offensive oder defensive Einsätze.

- 16 -

�Neue Abschußsysteme für den Weltraum
Der Erfolg des sowjetischen Weltraumprogramms läßt sich weitgehend
auf den vielfältigen und zuverlässigen Bestand an Abschußvorrichtungen
für Weltraumträgersysteme (SLVs) und
die dazu gehörigen Einrichtungen zurückführen.
Ca. jeden dritten Tag
schießen die Sowjets einen Satelliten
ab und bedienen sich dabei eines der
acht Typen einsatzfähiger SLVs. Die
beeindruckende Fähigkeit der UdSSR,
verschiedene
Trägerraketen
abzuschießen und Nutzlasten in die Erdumlaufbahn zu bringen, würde den Sowjets im Krisenfall einen Vorteil
beim Einsatz militärischer Mittel
verschaffen.
Trotz ihrer gegenwärtigen Abschußfähigkeit erweitern die Sowjets
das Arsenal ihrer SLVs mit neuen erweiterungsfähigen
Abschußvorrichtungen und wiederverwendbaren bemannten
Raumfahrzeugen.
Die
Stationierung
der SL-16 aus der TITAN-IIlC-Klasse
mit mittlerer Trägerkapazität und der
schweren SL-X-17 der SATURN-V-Klasse
wird die Nutzlastkapazität der Satelliten erhöhen, die von den Sowjets
in Erdumlaufbahnen gebracht werden
können.

Die SL-16 kann eine Nutzlast von
mehr als 15 000 Kilogramm in eine
erdnahe Umlaufbahn bringen.
Mit der Einführung der SL-16 und
SL-X-17 und dem erwarteten verstärkten Einsatz der SLV vom Typ SL-12 und
SL-13 können die Sowjets die von ihnen in den Weltraum transportierten
Nutzlasten erheblich erhöhen.

Weitere Aussichten
Auch wenn ein Vertrag zum Abbau
der strategischen Waffen unterzeichnet und ratifiziert wird, werden die
Sowjets weiterhin ihre strategischen
Nuklearwaffen, insbesondere im Hinblick auf Zielgenauigkeit, Mobilität
und Überlebensfähigkeit, verbessern.
Bestrebungen
in den Bereichen
Forschung und Entwicklung deuten darauf hin, daß die Sowjets den Weltraum
für offensive und defensive Zwecke zu
nutzen beabsichtigen. Wenn sich die
gegenwärtigen Tendenzen fortsetzen,
sind es militärische Voraussetzungen,
die das Weltraumprogramm

steuern.

Am 15. Mai 1987 haben die Sowjets
die erste Flugerprobung der SL-X-17
durchgeführt, der
sie den Namen
"Energiya" gaben.
Sie haben offen
erklärt, daß "Militärexperten an der
Herstellung und Erprobung der neuen
Abschußvorrichtung mitgewirkt haben."
Die SL-X-17 wird benutzt, um die
sowjetische Raumfähre als eine ihrer
Nutzlasten
abzuschießen.
Mögliche
Nutzlasten der SL-X-17 wären Module
für eine große Weltraumstation, Komponenten für bemannte und unbemannte
interplanetarische Missionen und möglicherweise ASAT und Waffen zur Verteidigung gegen ballistische Raketen
sowie andere Komponenten des strategischen
Verteidigungsprogramms
der
Sowjets.
- 17 -

der

Sowjets

�- Mehr als 20 Kriegschiffe (von
Flugzeugträgern bis zu Zerstörern),
einschließlich
zweier
Flugzeugträger der KIEV-Klasse,
ergänzen den Bestand.

KAPITEL V
DIE SOWJETISCHEN KONVENTIONELLEN
STREITKRÄFTE

In diesem Jahrzehnt sind bei
keinem Teil der sowjetischen Militärmacht tiefgreifendere Verbesserungen
vorgenommen worden als bei den konventionellen
Streitkräften.
Die
nachfolgend aufgeführten Modernisierungen sind für die allgemeine Aufrüstung bei der konventionellen Streitkräften repräsentativ:
- Die Anzahl der wichtigsten Kampfpanzer der Typen T-64 und T-72
ist stetig gestiegen, und der Bestand ist um den neuen T-80 und
in den letzten Jahren um ein
Nachfolgemodell des T-72 erweitert worden.
- Gezogene Artillerie und Granatwerfer werden zunehmend durch Artillerie auf Selbstfahrlafetten
ersetzt, von denen alle auch für
chemische Salven geeignet sind,
während solche mit 152 mm oder
mehr nukleare Salven feuern können.
- Die Anzahl der Kampfflugzeuge und
Kampfbomber, zu denen jetzt die
modernen MiG-29/FULCRUM und die
MiG 31/FOXHOUND sowie die Su27/FLANKER und die S-24/FENCER
zählen, hat sich um 38 Prozent
erhöht.
- Der Aufklärer I1-76/MAINSTAY ist
jetzt einsatzfähig und verbessert
die sowjetische Frühwarnfähigkeit
und KampffUhrung.
- Verschiedene
Waffensysteme
für
die Luftverteidigung sind disloziert worden, einschließlich der
in jeder Höhe fliegenden BodenLuft-Raketen der Typen SA-10 und
SA-12. Beide sind mobil und haben die Fähigkeit zur Abwehr von
Raketen
(Marschflugkörpern
und
einigen ballistischen Raketen).

- Sieben neue Klassen vielseitig
einsetzbarer U-Boote sind hinzugekommen.
Wichtige Entwicklungen bei den
sowjetischen konventionellen Streitkräften betreffen:
-

Kriegschauplatzgebundene
strategische Einsätze sowie die nuklearen und nichtnuklearen Streitkräfte, die im Verbund operieren
können,

- Landstreitkräfte, zu denen jetzt
211 aktive Divisionen und Tausende von verbesserten Waffensystemen zählen,
- Konventionelle
Luftstreitkräfte,
die umstrukturiert und mit verschiedenen Modellen moderner neuer Flugzeuge ausgestattet worden
sind,
- Seestreitkräfte und Marineflieger, die verschiedene neue Waffensysteme eingeführt und damit
die Feuerkraft auf jedem Schiff
und jedem U-Boot erheblich erhöht
haben,
- Tendenzen bei allen Streitkräften, zu denen ein gewaltiges Netz
von Führungs- und Kommunikationseinrichtungen zählt, eine hohe
Einsatzbereitschaft, ein umfassendes System zur Mobilisierung
von Soldaten und Gerät und eine
Infrastruktur für die Logistik
und Durchhaltefähigkeit, mit denen
mannigfaltige
strategische
Offensiven
unterstützt
werden
können.

�Krlegschauplatzgebundene strategische Einsätze
Ein wichtiger Teil der sowjetischen Reaktion auf Veränderungen
bestand in der Entwicklung kriegsschauplatzgebundener
strategischer
Einsätze. Dieses Konzept liefert einen Rahmen für die Integration von
Streitkräften und für eine Strategie,
die darauf abzielt, einen schnellen
nichtnuklearen, oder - falls vom
Feind erzwungen - einen Einsatz mit
verbundenen Waffen auf einem Kriegsschauplatz (TVD) zu führen.
Trotz der seit 1980 vorgenommenen
Verbesserungen ihrer Doktrin, Organisation und dem Gerät wird in jüngsten
sowjetischen Veröffentlichungen die
Sorge deutlich, daß man nicht in der
Lage sein könnte, unmittelbar offensive Einsätze zu beginnen. Der in
diesem Zusammenhang betonte Faktor
ist die zunehmende Bedeutung eines zu
Beginn ausgeführten Verteidigungseinsatzes.
Eine hiermit in Zusammenhang stehende Veränderung der Doktrin liegt
in der zunehmenden Besorgnis der Sowjets, sie könnten einen Gegner nicht
mehr in einem kurzen, schnellen offensiven Einsatz von einigen Wochen
Dauer
besiegen.
Ein
zukünftiger
Krieg könnte vielmehr eine Folge von
Einsätzen sein, die über einen längeren Zeitraum erfolgen, was teilweise
auf die gewaltigen Ressourcen der
heute bestehenden Bündnisse zurückzuführen ist. Die jüngsten Konflikte
im Nahen Osten und im SUdatlantik
deuten auf die zu erwartenden enormen
Verluste an Soldaten und Gerät hin
und betonen die zunehmende Bedeutung
strategischer Reserven.

Landstreitkräfte
Die sowjetischen Landstreitkräfte
halten den größten Anteil bei den gesamten
sowjetischen
Streitkräften.
Beim Gerät verfügen die sowjetischen
Landstreitkräfte
zum
gegenwärtigen
Zeitpunkt über 53 000 Kampfpanzer,

60 000
Panzerfahrzeuge
(APC/IFV),
48 000 Artilleriegeschütze, Granatwerfer
und
Mehrfachraketenwerfer
(MRL), 4 600 Abschußvorrichtungen für
Boden-Luft-Raketen (SAM) (ausschließlich Tausender tragbarer Systeme),
7 000
Teile
Flugabwehr-Artillerie
(AAA), 1 600 Abschußvorrichtungen für
Boden-Boden-Raketen (SSM), 4 500 Hubschrauber und mehr als 1 900 000 Soldaten.
Die Zahl der bei den sowjetischen
Landstreitkräften vorhandenen neueren
Kampfpanzer der Typen T-64, T-72 und
T-80 steigt ständig und die bei den
Einheiten an der Front eingesetzten
älteren Typen T-54/55 und T-62 werden
zunehmend ersetzt.
Zusätzlich wird
jetzt ein neuer sowjetischer Panzer
auf der Basis des T-72 mit besserem
Schutz, verbesserter Mobilität und
mehr Feuerkraft eingesetzt. Moderne
Panzer umfassen jetzt etwa 40 Prozent
der Streitkräfte. Gleichzeitig führen die Sowjetunion und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt Programme
durch, im Rahmen derer ältere Panzer
etwa mit neuen Waffen aufgerüstet
werden und eine neue Panzerung erhalten, um ihren Schutz gegen neue Präzisionswaffen des Westens zu verbessern.
Zusätzlich zu diesen Modernisierungen wird jetzt von den Sowjets die
neue tragbare, von der Schulter aus
abzufeuernde SAM vom Typ SA-16 eingesetzt, die ältere SA-7 und SA-14 ergänzt oder ersetzt. Die Einführung
zweier neuer Angriffshubschrauber der
Typen HAVOC und HORKUM wird in Kürze
erwartet.
Konventionelle Luftstreitkräfte
Die wichtigste Entwicklung im Bereich der SAM war in diesem Jahrzehnt
die Stationierung der SA-10, die ihre
Einsatzfähigkeit
erstmals
in Jahr
1980 erlangte. Die noch fähigere für
jede Höhe geeignete SA-X-12B/GIANT
wird bald einsatzbereit sein und damit die sowjetische strategische Verteidigung zusätzlich stärken.

- 19 -

�Es wird erwartet, daß die Sowjets
Mitte der neunziger Jahre zwei neue
Jäger produzieren werden - einen offensiven Luftabwehr-Jäger, den LuftUberlegenheitsjäger (ASF) und einen
defensiven Abfangjäger (CAF). Beide
Flugzeuge sollen bis 1990 einsatzbereit sein.
Die sowjetischen Luftstreitkräfte
sind mit einer zunehmenden Zahl von
Frühwarnsystemen des Typs MAINSTAY
ausgerüstet worden, und bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt wurden mehr als
ein Dutzend produziert. Das MAINSTAY
hat sowohl eine luftgestützte Radarplattform zur Auffindung von Zielen
auf niedriger Höhe als auch die Fähigkeit, bei der Luftabwehr eingesetzte Abwehrraketen auf Ziele außerhalb der Reichweite landgestützter
Systeme zu lenken. Die Kombination
von MAINSTAY und Abwehrraketen längerer Reichweite wie etwa der F0XH0UND
geben den Sowjets erstmals die Fähigkeit, ihre strategische Luftverteidigung weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus einzusetzen.
Mit
dem MAINSTAY sind die Sowjets ferner
in der Lage, über dem TVD eine
Schlacht in der Luft zu führen.

Seestreitkräfte
Ein wichtiger Bestandteil der sowjetischen Stärke auf See sind die
vieseitig einsetzbaren U-Boot-Streitkräfte - die größten der Welt. Heute
zählen dazu etwa 300 aktive Einheiten, von denen etwa die Hälfte nukleargetrieben ist. Die jüngsten sowjetischen Konstruktionspläne betonen
die

Verbesserung

des Geräuschpegels,

der Geschwindigkeit, Waffenvielfalt
und den Einsatz modernster Technologie. Im Jahr 1984 wurde die Spitzeneinheit einer zweiten Klasse von
VICTOR III Verfolgungsschiffen, die
SSN der AKULA-Klasse eingeführt. Die
mit erheblich verbesserter Technologie zur Geräuschdämpfung ausgerüstete
AKULA gilt als das fähigste AngriffsU-Boot der sowjetischen Marine.
Die

sowjetische

Marine

ist um-

fangreicher, besser ausgerüstet und
in bezug auf ihre Struktur und Fähigkeiten ausgewogener als jemals zuvor,
wenn es darum geht, den Anforderungen
eines konventionellen oder nuklearen
Krieges auf nahezu jeder Ebene gerecht zu werden. Es Ist zu erwarten,
daß die Sowjets die zunehmende Fähigkeit ihrer vielseitig einsetzbaren
Marine stärker betonen und weiterhin
die traditionelle Vorherrschaft des
Westens auf den offenen Meeren herausfordern werden.

Aussichten für die vielseitig einsetzbaren sowjetischen Streitkräfte
Die konventionellen Streitkräfte
der Sowjets werden im Hinblick auf
ihren Umfang, ihre Fähigkeiten und
ihre Mobilität weiterhin wachsen.
Trotz ihrer erklärten Politik eines
"vernünftigen und ausreichenden Niveaus" werden die Sowjets ihre konventionellen und taktischen Streitkräfte weiterentwickeln, um bei einem
weltweiten Konflikt in höchstem Maße
offensive Strategien anwenden zu können.
Ihrer Auffassung zufolge könnten anhaltende Entwicklungen bei den
NATO-Streitkräften ihre Fähigkeit zur
Durchführung einer Offensive herausfordern. Die anhaltenden, komplexen
und todbringenden Einsätze bei einer
schauplatzgebundenen Kriegführung erfordern ihrer Meinung nach verbesserte Durchhaltefähigkeit, umfangreiche
Streitkräfte und leistungsfähige Führungs- und
Kommunikationseinrichtungen. Die Sowjets werden alle notwendigen Entwicklungen bei der Streitkräftestruktur und Innovationen für
Taktik und Einsatz vornehmen, um sicherzustellen, daß sie ihre Ziele im
strategischen Bereich erreichen.

Allgemeine Tendenzen bei den Streitkräften
Die Sowjets richten ihre Aufmerksamkeit in verstärktem Maße auf funkelektronische
Kampfführung
(REC),
Einsatzbereitschaft, ein System zur
Mobilisierung, Logistik und Durchhal-

- 20 -

�tefähigkeit, insbesondere die Logistik bei den Land-, Luft- und Seestreitkräften, Mobilität und den Ausbau ihrer Luftbrücke, wobei der im
Jahr 1987 erfolgte erstmalige Einsatz
des Transportflugzeuges CONDOR hervorzuheben ist.

Weitere Aussichten
Die in den achtziger Jahren auf
allen Ebenen erfolgte Modernisierung
der
sowjetischen
konventionellen
Streitkräfte, einschließlich Panzern,
Artillerie,
Kampfflugzeugen
sowie
Oberwasser- und Unterseekampfschiffen
stellt eine echte Revolution der militärischen Fähigkeiten der Sowjets
dar.
Der Umfang und die Bedeutung
dieser Programme wird noch in den
nächsten zehn Jahren Auswirkungen
zeitigen. Mit der zunehmenden Genauigkeit der Trägersysteme und der
größeren
Sprengkraft
verbesserter
konventioneller Munition werden auch
die taktischen und strategischen Einsätze auf konventioneller Ebene an
Bedeutung gewinnen.

KAPITEL VI

DAS STRATEGISCHE GLEICHGEWICHT
Ein klares Bild des strategischen
Gleichgewichts ergibt sich nicht allein durch Auszählen der Systeme der
jeweiligen Seite, sondern eher durch
eine Auswertung der kompensatorischen
Reaktion. Unter bestimmten Umständen
kann eine Seite der destabilisierenden offensiven Stationierung eines
Gegners eigene Dislozierungen entgegenstellen - offensive, defensive
oder eine Kombination von beidem.
Das Strategische Modernisierungsprogramm der Vereinigten Staaten und die
Strategische
Verteidigungsinitiative
(SDI) sind die Antwort auf die Herausforderung durch massive und anhaltende atomare Aufrüstung der Sowjetunion in den siebziger Jahren. Es
erscheint daher angebracht, diese
Programme als Reaktion auf sowjetische Initiativen zu betrachten, die
auf eine Aushöhlung der amerikanischen nuklearen Abschreckung abzielen. Ein solcher Ansatz führt zu einer realistischeren Bestandsaufnahme
der strategischen Modernisierung bis
hin zur Wiederherstellung und Wahrung
des
strategischen
Gleichgewichts.
Nachfolgend einige Beispiele der derzeitigen und vorgesehenen amerikanischen Programme:
- Das als Reaktion auf die sowjetischen Vorteile verbesserte Potential
amerikanischer
Raketen
zur schnellen Zerstörung gehärteter Ziele wird durch die erhöhte
Zielgenauigkeit und Eindringfähigkeit der amerikanischen Systeme mit Luftstrahltriebwerk, insbesondere der luftgestUtzten und
fortschrittlichen
Marschflugkörper des Typs B-1B, ergänzt. Mit
Hilfe dieser Verbesserungen läßt
sich eine wirksame Vergeltung gegen sowjetische Silos unter allen
Kriegsbedingungen und angesichts
technologischer Innovationen führen.
Die sowjetische Führung
mißt den Interkontinentalraketen
(ICBM) bei der Verwirklichung ih-

- 21 -

�rer strategischen Ziele beträchtliche Bedeutung bei. Wenn die
Vereinigten Staaten diesen Systeme keine glaubwürdige Vergeltungsdrohung
entgegenstellen,
würde die amerikanische Abschrekkung unterminiert und das Vertrauen der sowjetischen Führung
verstärkt, ihr Ziele erreichen zu
können.
Die Sowjets versuchen, die ICBMUberlebensfähigkeit
durch
die
Stationierung von straßenmobilen
SS-25 und schienengestutzten, mit
Mehrfachgefechtsköpfen bestückten
SS-24 sicherzustellen. Die Pläne
der Vereinigten Staaten zur kompensatorischen Reaktion erstrekken sich auf verbesserte Sensoren
und Fähigkeiten zur Neufestlegung
von Zielen zum Auffinden und Angriff mobiler sowjetischer Ziele.
Der B-2 ATB und andere in der
Entwicklung
befindliche
System
sollen bei dieser Aufgabe eine
entscheidende Rolle spielen.
Die Flotte der sowjetischen nukleargetriebenen
Unterseeboote
(SSBN) wird durch die Stationierung der zielgenaueren SS-N-20
mit großer Reichweite und von unterseebootgestutzten
ballistischen Raketen (SLBM) des Typs
SS-N-23 sowie durch die ausgereifteren und geräuschärmeren Unterseeboote
der
DELTA
IVund
TYPOON-Klasse
verstärkt.
Eine
verbesserte Version der SS-20-N
befindet sich wahrscheinlich im
Entwicklungsstadium.
Der
SLCM
längerer Reichweite vom Typ SSN-21 ist bereits einsatzreif, und
die Sowjets erproben einen weiteren neuen Marschflugkörper längerer Reichweite, den SS-NX-24.
Die kompensatorischen Reaktionen
der Vereinigten Staaten beinhalten nicht nur ein wirksames Programm zur U-Boot-Bekämpfung, mit
dem das Aufspüren und Ausschalten
sowjetischer U-Boote verbessert
wird sowie ausgereiftere Sensoren
zum Auffinden der SLBM-Abschußvorrichtungen, sondern auch die

vorgesehene Stärkung der amerikanischen Luftverteidigung.
- Die Sowjets setzen die Stationierung des neuen, mit modernen
ALCMs bestückten BEAR H-Bomber
fort und entwickeln einen anderen
Interkontinentalbomber,
den
BLACKJACK. Die Vereinigten Staaten reagieren darauf mit der Verbesserung ihrer Luftverteidigung
durch die Stationierung von überhorizontalen Zielerfassungssystemen mit Rückstreuung (OTH-B) und
Modernisierung der Frühwarnsysteme großer Reichweite mit dem
Nordwarnsystem (NWS). Die Kombination von OTH-B und NWS stellt
das Ausmachen sowjetischer ALCMs
und
ihres Trägerflugzeugs bei
Reichweiten sicher, die der Nationalen Kommandostelle (NCA) genügend Zeit zur Entscheidungsfindung und den amerikanischen Offensivstreitkräften Zeit zu Uberlebensaktionen läßt. Das Technologieprogramm der Luftverteidigungs-Initiative ist der Schlüssel zur Entwicklung von Technologien zur Bekämpfung zukünftiger
Generationen
der
sowjetichen
Luftbedrohung.
- Die Bekämpfung der sowjetischen
Überlegenheit bei der Luftverteidigung stellt eine besondere Herausforderung dar.
Die Reaktion
der Vereinigten Staaten erstreckt
sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt
auf die durch den ALCM und den
B-1B erreichte verbesserte Eindringfähigkeit sowie auf die vorgesehene Stationierung der Angriffsrakete
kurzer
Reichweite
(SRAM II), den ACM und B-2.
Für die unmittelbare Zukunft erscheint die vorgesehene Modernisierung amerikanischer Offensivstreitkräfte und Uberwachungssysteme ausreichend zur Aufrechterhaltung einer
starken Abschreckung gegen einen sowjetischen Nuklearangriff auf die
Vereinigen Staaten und ihre Verbündeten. Die Sowjets streben die Fähigkeit an, Offensivschläge mit Vertei-

- 22 -

�digungsvorbereitungen zu verbinden,
um so den Schaden erheblich zu begrenzen, den ein amerikanischer Vergeltungsschlag
verursachen
könnte.
Um zu gewährleisten, daß die Sowjets
dieses Ziel in absehbarer Zukunft
nicht verwirklichen, ist es unabdingbar, daß das Strategische Modernisierungsprogramm bis zu seiner logischen
Vollendung fortgesetzt wird. Man muß
sich vor Augen zu führen, daß die
einzelnen Bestandteile dieses Programms
darauf
ausgerichtet
sind,
nicht nur vergangene und gegenwärtige
Mängel zu beheben, sondern auch die
vorgesehenen sowjetischen Pläne der
Unterminierung
des
strategischen
Gleichgewichts zu vereiteln.
Die Sowjets besitzen zur strategischen Verteidigung ca. 2 000 Abfangjäger (die Vereinigten Staaten
dagegen 300), 7 000 Radars zur strategischen Luftverteidigung (die Vereinigten Staaten 118) und über 9 000
Abschußvorrichtungen für Boden-LuftRaketen ebenfalls zur strategischen
Luftverteidigung
(die
Vereinigten
Staaten besitzen keine solche). Mitte der siebziger Jahre bauten die
Vereinigten Staaten den einen im Rahmen des ABM-Vertrages erlaubten Stationierungsort für ABM-Systeme ab;
die Sowjetunion hat ihren Stationierungsort beibehalten und Ausbau und
Modernisierung dieses Geländes nahezu
beendet.
Das amerikanische SDI-System ist die unerläßliche Reaktion
auf diese aktiven sowjetischen Bestrebungen im Bereich der strategischen Verteidigung; von noch größerer Bedeutung ist jedoch, daß SDI
langfristig gesehen eine stabilere
und sicherere Basis der Abschreckung
verspricht.
Das SDI-Programm macht beträchtliche Fortschritte bei der Entwicklung von Technologien, die eine Verteidigung gegen ballistische Raketen
ermöglicht.
Wenn diese Bemühungen
Erfolg haben, brauchen die Vereinigten Staaten sich nicht mehr ausschließlich auf strategische Offensivkräfte verlassen. In dem Maße, in
dem diese Art von Verteidigung bal-

listische Raketenstreitkräfte außer
Gefecht setzt, würde ein jeglicher
Versuch der sowjetischen Führung zum
Einsatz
ihrer
Offensivstreitkräfte
vereitelt, nicht nur aufgrund ihrer
Berechnungen über Aussichten und Wirkung der amerikanischen Vergeltung,
sondern aufgrund der Annahme, daß ihr
Angriff das militärische Ziel nicht
erreichen würde.
Ziel der Sowjets ist eine modernisierte Verteidigung bis hin zur Erforschung einer Vielzahl von Technologien, die bereits im Rahmen des
amerikanischen SDI-Programms entwikkelt werden.
Ihr auf ballistische
Raketen gestütztes Verteidigungsprogramm hat gegenüber SDI gewisse Vorteile. Erstens war die sowjetische
Führung lange Zeit von der Bedeutung
defensiver Streitkräfte für ein ausgewogenes militärisches Einsatzkonzept überzeugt und die sowjetische
Militärdoktrin mißt der strategischen
Verteidigung eine Schlüsselrolle bei.
Zweitens haben die Sowjets durch
die Modernisierung des Moskauer ABMSystems eine hervorragende Infrastruktur zur Abwehr ballistischer Raketen erhalten. Dank dieser Infrastruktur verfügt die Sowjetunion über
aktive Raketenabfangjäger und RadarProduktionsstätten, operative Erfahrung mit ABM-Systemen und deren wechselseitigen Einsatz mit strategischen
Offensivstreitkräften,
sowie
einen
Kader von ABM-Personal.
Drittens gestatten raumgreifende
sowjetische
Verteidigungsbemühungen
umfassende und intensive Programme
mit einer Vielzahl konkurrierender
Technologien.
Mit diesen entscheidenden Bestrebungen erzielen die Sowjets beträchtliche Vorteile bei der
Erforschung von Verteidigungsoptionen
der Zukunft.
Diese Vorteile sowie
die ihnen zugrundeliegenden Programme
werfen das SDI-Programm der Vereingten Staaten um Jahre zurück.
Das
amerikanische
Strategische
Modernisierungsprogramm wird zusammen
mit SDI die Fähigkeit zur Abwehr von

- 23 -

�Angriffen stärken, die Krisenstabilität verbessern und einen Anreiz für
die Sowjets darstellen, einen entsprechenden Rüstungsabbau vorzunehmen
und dadurch die Sicherheit der Vereinigen Staaten und ihrer Verbündeten
erhöhen.
Die truppenübergreifenden
Verbesserungen der amerikanischen nuklearen Abschreckung haben die Chancen für gerechte und verifizierbare
Rüstungsbegrenzungen erhöht, da sie
Zeichen amerikanischer Entschlossenheit sind und den Vereinigten Staaten
gestatten, aus einer Position der
Stärke heraus zu verhandeln. Die eskalierende Natur der sowjetischen Bedrohung und die Auswirkungen der sowjetichen Aktionen auf das strategische Gleichgewicht erfordern jedoch
die Aufrechterhaltung von Fähigkeiten
und Glaubwürdigkeit der strategischen
Abschreckung der Vereinigten Staaten.

KAPITEL VII

REGIONALE UND FUNKTIONALE GLEICHGEWICHTE
Eine umfassende Bestandsaufnahme
des
Kräfteverhältnisses
erfordert
eine vergleichende Analyse amerikanischer und sowjetischer Fähigkeiten
über das gesamte Spektrum eines Konflikts hinweg. Hierbei werden entsprechende Streitkräfte wie Panzer
und Panzerabwehr, Flugzeuge und Flugzeugzabwehr verglichen, um die relativen Stärken und Schwächen auszumachen. Die Strategien, Einsatzkonzepte, Einsatzbereitschaft sowie eine
Fülle nicht quantifizierbarer Faktoren betreffen die zukünftigen Komponenten des Kräfteverhältnisses.

Nichtstrategische Nuklearstreitkräfte
Nuklearwaffen mit einer Reichweite von weniger als 5 500 Kilometern
werden häufig als Nichtstrategische
Nuklearstreitkräfte
(NSNF) bezeichnet.
In der Regel werden sie auf
oder um das ihnen zugewiesene Gefechtsfeld stationiert. In der NATO
bilden die NSNF das Bindeglied zwischen den konventionellen Streitkräften und der nuklearen Abschreckung
des Bündnisses.
Seit 1981 sind fünf einschneidende Veränderungen bei den NSNF zu beobachten. Erstens die Stationierung
von Pershing II und GLCMs durch die
NATO als Reaktion auf die sowjetische
Dislozierung von SS-20-Mittelstrekkenraketen. Gleichzeitig wurden die
Verhandlungen über den Abbau dieser
und
anderer
Mittelstreckensysteme
fortgesetzt.
Zweitens begannen die Sowjets mit
der Modernisierung anderer Raketensysteme und ersetzten den SCUD durch
die SS-23, ein moderneres System längerer Reichweite und größerer Zielgenauigkeit.
- 24 -

�Drittens faßten die Außenminister
der NATO im Jahr 1983 in Montebello
den Beschluß, den nuklearen Bestand
der NATO um 1 400 Gefechtsköpfe zu
reduzieren.
Gleichzeitig
wurden
Schritte zur Modernisierung und Verbesserung
der
Uberlebensfähigkeit
verbleibender Trägersysteme unternommen.
Die Verwirklichung der Verpflichtung von Montebello zur Modernisierung der genannten Systeme muß
weiterhin vorrangiges Ziel des Bündnisses bleiben.
Die vierte größere Veränderung
betrifft die erhöhte Zahl von Nachladeflugkörpern, die von den Sowjets
anstelle ihrer Abschußvorrichtungen
für Raketen kürzerer Reichweite (weniger als 500 Kilometer) an der vorderen Front stationiert wurden. Diese Raketensysteme sind nicht vom INFVertrag betroffen.
Die fünfte entscheidende Veränderung der NSNF-Kategorie ist die Nuklearfähigkeit der sowjetischen Artillerie. Die allgemeine Tendenz bei
NSNF ging dahin, die gefechtsfeldgebundene Nuklearfähigkeit
des Warschauer Pakts soweit aufzustocken,
daß er heute über eine beträchtlich
größere Fähigkeit in dieser Kategorie
verfügt als die NATO, unabhängig von
den asymmetrischen Reduzierungen, die
sich aus dem Abbau der INF-Waffenkategorie ergeben werden.

Luftstreitkräfte
In den vergangenen Jahren haben
die Sowjets durch die Modernisierung
ihrer Luftstreitkräfte mit Bombern,
Jagdbombern, Kampfflugzeugen und Abfangjägern, die über ebensolche Fähigkeiten verfügen wie die FrontLuftstreitkräfte der NATO die Bestrebungen der NATO in diesem Bereich zunichte gemacht. Eine Übersicht über
die Modernisierung der sowjetischen
Luftstreitkräfte zeigt ferner, daß
die Sowjets bis weit in die neunziger
Jahre Flugzeuge wie die MiG-29 und
Su-27 mit denselben Fähigkeiten wie
die Front-Kampflugzeuge der NATO dis-

lozieren werden.
Aller Voraussicht
nach werden sie ihre Luftrauraüberwachung-Abfangfähigkeit durch die Stationierung einer größeren Zahl ihrer
Version des AWACS, des MAINSTAY, verbessern. Ferner zeigt Moskau zunehmend Interesse an Luftbetankungsfähigkeiten, einschließlich der Entwicklung des neuen MIDAS-Panzerflugzeugs, das den Kampfradius ihrer
Luftstreitkräfte potentiell erhöht.
Während die Tendenzen beim Kräfteverhältnis in der Luft nicht so ungünstig erscheinen wie an Land, stellen sie doch eine ernsthafte Bedrohung der NATO durch den Warschauer
Pakt dar, deren Ausmaß noch zunehmen
kann.

Landstreitkräfte
An Land befindet sich die NATO
nach wie vor im Nachteil. Die Modernisierungsbestrebungen des Bündnisses
in den vergangenen sieben Jahren haben jedoch vor allem bei Panzern,
Schützenpanzern und Artillerie den
Warschauer
Pakt davon abgehalten,
seinen Vorteil beim Streitkräftepotential an unmittelbar verfügbaren am
Kriegsschauplatz
stationierten
und
mobilen Streitkräften beträchtlich zu
vergrößern. Die Situation eines annähernden Gleichgewichts bei anderen
Kategorien wie kriegsschauplatzgebundenen Nuklear- und Luftstreitkräften
verschärft den Nachteil der NATO bei
den Landstreitkräften erheblich und
macht ihn damit zum vorrangigen Problem für den Westen.

Durchhaltefähigkeit
Die Durchhaltefähigkeit der Truppen im Kampf ist für das militärische
Gleichgewicht von ebenso großer Bedeutung wie deren Struktur, Ausbildung und Stationierung.
In dieser
komplexen Kategorie sind zwei Bereiche von besonderer Bedeutung: Munitionsbestand und Unterstützungsinfrastruktur. Im Hinblick auf den Munitionsbestand hat die NATO seit den

- 25 -

�siebziger Jahren einige Fortschritte
erzielt.
Auch der Warschauer Pakt
hat die Durchhaltefähigkeit verbessert, wie durch die erhöhte Munitlonslagerungsfä'higkeit nicht nur in
Osteuropa, sondern auch in den rückwärtigen westlichen Militärdistrikten
der Sowjetunion belegt wird. Als Ergebnis hätten die Streitkräfte des
Warschauer Pakts auf den westlichen
TVDs derzeit ausreichend Munition, um
60 oder 90 Tage währende Offensivoperationen zu unterstützen.

Einsatzkonzepte
Die achtziger Jahre waren sowohl
für die NATO als auch den Warschauer
Pakt eine Phase der Neubewertung von
Doktrin und Einsatzkonzepten.
Die
NATO machte sich die Strategie des
Angriffs der nachfolgenden Streitkräfte (FOFA) als Teil einer Verteidigungsstrategie zu eigen, die der
Bedeutung einer zweiten Staffel für
den Angriffsplan des Warschauer Pakts
Rechnung trägt. FOFA ist auf einen
Angriff gegen die Streitkräfte des
Warschauer
Pakts mit Luftsystemen
ausgerichtet, noch bevor sie den
Kriegsschauplatz erreichen, und darauf, diese Truppen aufzuhalten, zu
zerschlagen und in gewissem Umfang zu
zerstören.
Die derzeit erforderlichen Fähigkeiten zur Durchführung von
FOFA hängen von der Bereitschaft der
NATO zur Verwirklichung der notwendigen Programme zur Verbesserung der
Streitkräfte ab.
Der Warschauer Pakt scheint dieses neue NATO-Konzept ernst genommen
zu haben und nimmt bei Streitkräften
und Ausbildung die entsprechenden
Veränderungen vor, um der Aufgabe defensiver Operationen Rechnung zu tragen. Im Gegensatz zu der bisherigen
ausschließlichen Betonung offensiver
Operationen scheint der Warschauer
Pakt jetzt gleichzeitigen Defensivoperationen mehr Aufmerksamkeit zu
widmen als zuvor. Dennoch ist er
weiterhin davon überzeugt, daß Defensivoperationen
allein
nicht
ausreichen.

Abschreckung
Der Versuch, die sowjetische Bewertung des militärischen Gleichgewichts zu verstehen, ist für eine genaue Bestandsaufnahme der Abschrekkungsqualität der NATO-Streitkräfte
unerläßlich.
Die Sowjets scheinen durch die
Nuklearstreitkräfte der NATO in hohem
Maße abgeschreckt zu werden, was zum
Teil auf die Eskalationswirkung der
Verbindung von nuklearen und konventionellen Waffen zurückzuführen ist,
die der Strategie der flexiblen Reaktion zugrundeliegt und ferner auf das
mangelnde Vertrauen der Sowjets in
ihre Fähigkeit, jeden Konflikt auf
konventioneller Ebene zu halten und
eine Eskalation zu kontrollieren,
falls Nuklearwaffen zum Einsatz kommen.
Auf konventioneller Ebene könnten
die Sowjets trotz ihrer Vorteile zu
dem Schluß kommen, daß ihnen im Falle
eines Krieges in Europa nicht in ausreichendem Maße Streitkräfte zur Verfügung stehen, um ihnen den Erfolg
mit großer Wahrscheinlichkeit zu garantieren. Angesichts der FOFA-Strategie der NATO werden sie den Gedanken einer Vornestationierung ihrer
Reservetruppen
wenig
abgewinnen.
Schließlich ist es die sowjetische
Bewertung des relativen Stands der
Truppenvorbereitungen von NATO und
Warschauer Pakt, zusammen mit der Beurteilung der Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes von Nuklearwaffen durch
die NATO, die das entscheidende Kriterium für jede Entscheidung der Sowjets bilden, einen konventionellen
Konflikt auszulösen.
Während die Sowjets die Fähigkeit
anstreben, die NATO vom Einsatz nuklearer Waffen abzuhalten, haben sie
zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit, dies
tatsächlich zu tun. Trotz der ungünstigen Bedingungen bei den konventionellen Land- und Luftstreitkräften,
mit denen sich die NATO konfrontiert
sieht und angesichts der Verbesserun-

- 26 -

�gen bei den taktischen Nuklearwaffen
der Sowjetunion ist es unwahrscheinlich, daß die Sowjets großes Vertrauen in ihren derzeitigen Truppenvorteil setzen, um ihre politisch-militärischen Ziele in der erforderlichen
Zeit zu verwirklichen.

Verteidigungsstrategie
Obwohl
die
Nuklearstreitkräfte
der NATO für die Abschreckung unabdingbar sind, hat der Warschauer Pakt
jetzt und in Zukunft einen Vorteil
bei
Quantität,
Uberlebensfähigkeit
und
Flexibilität
seiner
Nuklearstreitkräfte. Aufgrund dieser Situation wird der effektive Beitrag verringert, den Nuklearwaffen zur Fähigkeit der NATO leisten könnten, sich
selbst im Falle eines Scheiterns der
Abschreckung erfolgreich zu verteidigen.
Ferner hat der Warschauer Pakt
zur Zeit bei den chemischen Offensiv- und
Defensivfähigkeiten
einen
enormen Vorteil vor der NATO, obwohl
die Sowjets zum Teil aufgrund eines
möglichen
Vergeltungsschlages
der
NATO abgeneigt sein könnten, chemische Kriegführung einzuleiten.
Das operative, gefechtsfeidgebundene strategische Konzept des Warschauer Pakts zielt immer noch auf
einen raschen, konventionellen Sieg
über die NATO ab, während gleichzeitig in zunehmendem Maße Defensivoperationen in die offensive Gesamtstrategie aufgenommen werden. Das vorrangige Ziel dieses Einsatzkonzepts
liegt darin, die nukleare Überlebensfähigkeiten der NATO zu zerstören,
große Verbände der Landstreitkräfte
der NATO zu vernichten und rasch die
Häfen am Ärmelkanal zu erreichen, um
Verstärkung und Nachschub zu unterbinden.
Die oben genannten Fakten lassen
unter anderem den Schluß zu, daß die
NATO im Falle eines Krieges in Europa
binnen Tagen oder Wochen bei der Verteidigung gegen einen konventionellen

Angriff - insbesondere in der Zentralregion - zum Einsatz von Nuklearwaffen gezwungen sein könnte.
Abschreckung nach dem INF-Vertrag
Mit der Unterzeichnung des INFVerträges wurde das Augenmerk der
westlichen Öffentlichkeit auf anhaltende Ungleichgewichte und Mängel bei
bestimmten entscheidenden Kategorien
der konventionellen NATO-Streitkräfte
gelenkt. Der Vertrag beleuchtet auch
gefährliche Tendenzen des Einsatzkonzepts der Sowjetunion und die relativen Vorteile, über die sie im Bereich
der Kommunikationswege sowie bei deren Verstärkung und Nachschub verfügt.
Die NATO muß weiterhin ein breites Spektrum konventioneller und nuklearer Fähigkeiten aufrechterhalten,
um über die zur Abschreckung von Aggression erforderliche Flexibilität
zu verfügen. Das Bündnis muß gleichzeitig die Verbesserung seiner konventionellen Streitkräfte nachhaltig
betreiben.
Trotz des INF-Vertrags bleibt die
Notwendigkeit der Abschreckung bestehen, einschließlich
des nuklearen
Elements der Abschreckungsgleichung
insgesamt, dank derer die Bündnispartner in den vergangenen vierzig
Jahren in Freiheit leben konnten.
Das amerikanische Engagement für ein
freies Europa bleibt unvermindert bestehen und sollte von der Sowjetunion
nicht falsch eingeschätzt werden.
Während die strategischen Nuklearstreitkräfte weiterhin das Fundament
der Abschreckung bilden, tragen auch
die Dislozierung der amerikanischen
gefechtsfeldgebundenen nuklearen und
konventionellen Streitkräfte in Europa sowie die vorne stationierten
Mehrzweck-Marineeinheiten
zur
Abschreckung bei und sind somit das
Mittel zur Durchführung unserer Strategie der flexiblen Reaktion, sollte
die Abschreckung scheitern. Um weiterhin sowjetische Aggression abschrecken und damit den Frieden in
Europa bewahren zu können, müssen die

- 27 -

�Pläne des Bündnisses zur Modernisierung der nuklearen und konventionellen Streitkräfte verwirklicht werden.

KAPITEL VIII

FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG;
DER TECHNOLOGISCHE WETTBEWERB
Im Rahmen ihrer Abschreckungsstrategie stutzen sich die Vereinigten Staaten sehr stark auf ihre technologische, nicht so sehr auf die
rein zahlenmäßige Überlegenheit. Ihre gefestigte Position in der Technologie hat die rein numerischen Vorteile der Sowjetunion stets ausgeglichen und somit der Abschreckung
Vorschub geleistet.
Die Sowjets haben es sich eindeutig zum Ziel gesetzt, die zur Verbesserung ihrer Waffen notwendigen FuEMittel bereitzustellen. Der derzeit
vom Westen bei den militärischen Fähigkeiten
gehaltene
technologische
Vorsprung ist gefährdet, wenn nicht
sogar ausgehöhlt. Um seine Führungsposition zu behaupten, muß der Westen
seine technologischen Vorteile voll
ausschöpfen. Doch diese Vorteile haben lediglich temporären Charakter
und können schnell ausgeglichen oder
aufgehoben werden. Wenn die Sowjets
ihre umfassenden Anstrengungen fortsetzen, werden sie schließlich Hochtechnologiewaffen in Bereichen besitzen, wo wir über solche nicht verfügen. Wenn sie die Initiative ergreifen und auch weiter den technologischen Vorsprung des Westens mindern, werden die Vereinigten Staaten
und ihre Verbündeten dazu gezwungen
sein, sogar noch mehr Mittel aufzuwenden oder größere Risiken für die
gemeinsame Sicherheit hinzunehmen.
Aufgrund der Entschlossenheit der
Reagan-Administration, die militärischen Fähigkeiten der Vereinigten
Staaten wiederherzustellen, lagen die
amerikanischen
Beschaffungsausgaben
für 1987 ungefähr 32 Prozent über den
vergleichbaren Ausgaben der Sowjetunion.
Die kumulativen Verteidigungsausgaben der Sowjetunion im Bereich FuE haben jedoch die der Vereinigten Staaten überstiegen, und
aufgrund der Engpässe im amerika28 -

�nischen Haushalt ist davon auszugehen, daß die Zuwachsraten zukünftiger
FuE-Investitionen
der
Sowjetunion
über den amerikanischen FuE-VerteidigungsInvestitionen liegen werden.
Daher ist es dringend erforderlich, daß die Vereinigten Staaten zur
Aufrechterhaltung
ihres
technologischen Vorsprungs wohlüberlegte Investitionen vornehmen. Dabei streben
sie als Teil ihrer Bemühungen die
Einführung von Wettbewerbsstrategien
in Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten an, was zu einer Überwindung der
zahlenmäßigen Überlegenheit der Sowjets beitragen und die sowjetischen
Initiativen im technologischen Wettbewerb verteuern wird.

Die sowjetische Herausforderung
Obwohl die sowjetischen FuE-Verteidigungsinvestitionen die der Vereinigten Staaten übertrafen, konnten
die Sowjets aufgrund ihrer Produktivitätsprobleme die Vereinigten Staaten nicht überrunden. Die intensiven
sowjetischen Bemühungen zur Verbesserung von Qualität und Produktivität
ihrer jetzt schon breiten wissenschaftlichen und technologischen Basis ist ein ernstzunehmendes Problem
zukünftiger
amerikanischer
Sicherheitspolitik.
Neben der beindruckenden Entwicklung eigener Hochtechnologien arbeitet die Sowjetunion an der Verbesserung zahlreicher militärischer Projekte mit im Westen erworbener moderner Technologie. Obwohl viele dieser
westlichen Technologien auf ganz legalem Wege in die Sowjetunion gelangt
sind, haben sich die Sowjets eine
Fülle von Information auf betrügerische und illegale Weise verschafft.
Dadurch sind sie in der Lage, die
ganz erheblichen bei der Grundlagenund angewandte Forschung und Entwicklung anfallenden Kosten zu umgehen.

Tendenzen bei Schlüsseltechnologien
Nachstehend
einige
ausgewählte
Tendenzen in der Grundlagentechnologie, wo es In den kommenden 20 Jahren
infolge von Fortschritten zu ganz erheblichen Veränderungen bei den sowjetischen und amerikanischen Fähigkeiten zur Kriegführung kommen kann:
Aerodynamik:
Umfangreiche
Investionen in der Erforschung der Aerodynamik in Verbindung mit einem der
größten Windkanäle der Welt haben die
Sowjets in die Lage versetzt, Weltraumsysteme zu entwickeln, die in zunehmendem Maße mit ihren westlichen
Konkurrenzmodellen gleichziehen können.
Infolgedessen sind die neuen
sowjetischen Flugzeuge erheblich leistungsfähiger und mit viel ausgerelfteren elektronischen Teilsystemen und
Bewaffnungen ausgerüstet
als ihre
Vorgänger.
Die Vereinigten Staaten
halten jedoch den Vorsprung bei Berechnungsfähigkeiten
in der Aerodynamik.
Biochemische
Technologie:
Die
Sowjetunion hat bemerkenswerte Fortschritte bei biologischen Technologien, wie beispielsweise der Genmanipulation erzielt.
Es könnte sein,
daß sie derzeit mit Hilfe dieser
Technologie eine neue Generation chemischer und biologischer Kampfstoffe
entwickelt.
Auf
dem Gebiet der
Grundlagenforschung liegen die Vereinigten Staaten in der biochemischen
Technologie derzeit gegenüber den Sowjets deutlich in Führung.
Computer/Software:
Die
vordringlichste technologische Notwendigkeit in der Sowjetunion bleibt die
Verbesserung der Datenverarbeitung.
Die Sowjets führen in ihren Schulen
im ganzen Land das Fach Informatik
ein, um eine "Armee von Programmierern" hervorzubringen.
In den Vereinigten Staaten wird die Anwendung
von Technologien zur Daten- und Informationsverarbeitung
auch
weiter
eine Schlüsselrolle bei der qualitativen Verbesserung von militärischem
Gerät spielen.

- 29 -

�Gerichtete Energie: Der Westen
ist im Besitz eines vielschichtigen
Programms Gerichteter Energie, zu dem
Laser, Mikrowellen und Teilchenstrahlen für strategische und taktische
Zwecke gehören. Während der Westen
bei
Dauerstrichlasern
mit
hoher
Durchschnittsleistung an der Spitze
liegt, führen die Sowjets bei den Impulslasern,
Radiofrequenzen
und
Strahlenwaffen mit geladenen Teilchen.
Laser:
Die Lasertechnologie in
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ist generell auf vergleichbarem Niveau. Die Vereinigten Staaten legen jedoch den Schwerpunkt auf
die Entwicklung moderner Lasertypen
zur Anwendung im Bereich der strategischen Verteidigung.
Einsatzfähige
sowjetische bodengestutzte Laser zur
Verteidigung gegen ballistische Raketen werden voraussichtlich nicht vor
dem Jahr 2000 stationiert werden.
Teilchenstrahlen:
Die
Sowjetunion betreibt eine umfangreiche Erforschung von Technologien zur Anwendung von Teilchenstrahlwaffen, und
ein großer Teil der Technologien für
Teilchenbeschleuniger ist von den Sowjets erfunden worden.
Radiofrequenzen:
Zahlreiche
Energieträger der Hochleistungsradiofrequenz (RF) und der Hochleistungsmikrowellen (HPM) wurden von den Sowjets entwickelt. Sie sind gegenüber
dem Westen auf diesem Gebiet führend.
Der Westen will jedoch mit den Fähigkeiten der Sowjets gleichziehen und
macht bei vielen neuen Arten von RFund HPM-Energieträgern Fortschritte.
Elektronische
Materialien
und
Produktion mit integrierten Schaltkreisen:
Insgesamt ist der Westen
auf diesem Gebiet klar in Führung.
Jüngste Fortschritte bei supraleitfähigen Materialien eröffnen die Möglichkeit einer revolutionierten Anwendung von Sensoren, Signalverarbeitung, magnetischer Energiespeicherung
und anderen Vorrichtungen. Die Vereinigten Staaten sind aufgrund ihrer
langen Tradition der Forschungsför-

derung in einer hervorragenden Position, um diese jüngsten Entdeckungen
voll auszuschöpfen.
Elektrooptik (einschließlich Infrarot): Infolge erheblicher sowjetischer Aufwendungen für elektrooptische (EO) Technologien in zahlreichen Anwendungsgebieten, wie etwa
Aufklärung, Kommunikation, Navigation
und Zielerfassung hat der Westen nur
noch einen ganz geringen Vorsprung
auf diesem Gebiet.
Sprengstoffe:
Bei
konventionellen Sprengstoffen haben die Sowjets erhebliche Fortschritte erzielt. Ihre Produktionsquote ist bei
den meisten Kategorien hochexplosiver
konventioneller
Sprengstoffe
höher
als die des Westens. Die Sowjetunion
ist jedoch bei der Großserienproduktion moderner hochexplosiver konventioneller Sprengstoffe (HMX) etwas im
Rückstand.
Chemische Waffen:
Obwohl die
Vereinigten Staaten Im Hinblick auf
Quantität keineswegs mit den Sowjets
gleichziehen wollen, ist die amerikanische chemische Waffentechnologie
vergleichbar oder besser.
Amerikanische binäre Waffentechnologie symbolisiert den Stand der Technik.
Materialien:
Auf
bestimmten
Gebieten sind sowjetische Materialien
für FuE und Verarbeitungstechniken
weltweit führend. Im Bereich der Metallverarbeitung liegen die Sowjets
ebenfalls vorn.
Produktion/Herstellung:
Die
Sowjets sind im Besitz ausgezeichneter technischer Möglichkeiten zur
Verarbeitung von Rohmaterialien in
militärische Endprodukte. Sie haben
beispielsweise die größte Schmiedeund Strangpresse der Welt gebaut.
Die Vereinigten Staaten führen auf
den Gebieten der modernen Produktionstechnik, die sich auf Computertechnologie wie Automation, computerentworfenes Design und computergestützte Produktion sowie weitere vergleichbare Grundlagentechnologien beruhen .

- 30 -

�Automation und künstliche Intelligenz:
Die
Vereinigten
Staaten
sind in der Automations-Grundlagentechnologie gegenüber der Sowjetunion
hauptsächlich wegen ihrer Stärken bei
der Computerisierung und Software
führend. Man muß jedoch davon ausgehen, daß die Sowjets sich auf die zügige Einführung einer Art von Automation konzentrieren, die kein hohes
Maß technischer Perfektion verlangt.
Sensoren:
Die
Sowjets
haben
sich - angesichts westlicher Gegenmaßnahmen - nachdrücklich auf die
Entwicklung einer großen Zahl von
Sensoren verschiedenster Art und Frequenz auf einer hohen Entwicklungsstufe verlegt. Die Vereinigten Staaten haben den Gesamtumfang der verfügbaren technischen Gegenmaßnahmen
nur
zögerlich
ausgenutzt.
Daher
könnte es sein, daß amerikanische
Sensoren unnötigerweise gegenüber dem
wirkungsvollen sowjetischen Programm
aus einsatzfähigen elektronischen Gegenmaßnahmen (ECM) verwundbar sind.
Radarmerkmalreduzierung
(Tarnkappentechnologie):
Die
Sowjets
entwickeln Technologien zur Radarmerkmalreduzierung, und es könnte
sein, daß sie diese Techniken in
Flugzeugen und anderen militärischen
Waffensystemen erproben. Schon bald
könnten Sie mit der begrenzt einsatzfähigen
Stationierung
einiger
"Tarnkappen"-Technologien
beginnen.
Die Vereinigten Staaten haben wahrscheinlich einen erheblichen Vorsprung gegenüber den Sowjets bei der
praktischen Anwendung der Radarmerkmalreduzierung bei militärischen Systemen.

KAPITEL IX
KOLLEKTIVE SICHERHEIT:
UNSERE RISIKEN UND VERPFLICHTUNGEN
Wie die vorliegende Publikation
"Sowjetische Militärmacht 1988" beweist, haben sich das sowjetische
Verhalten und die Art der militärischen Aufrüstung in den achtziger
Jahren nur wenig verändert, wohingegen Amerikas Reaktion auf dieses Verhalten einen ganz erheblichen Wandel
erfahren hat. Die Nachhaltigkeit unserer umfassenden Reaktion hat dazu
geführt, daß die Sowjets zu ernsthaften und realistischen Verhandlungen
zurückgekehrt sind.
isin Schwerpunkt im Hinblick auf
unsere Position gegenüber der Sowjetunion muß jedoch hervorgehoben werden. Er betrifft die durch erhebliche Kürzungen unserer Verteidigungsausgaben entstandenen Anforderungen. Die im Jahr 1985 eingeleitete Tendenz des Abbaus von Verteidigungsaufwendungen ähnelt immer mehr
den ruinösen siebziger Jahren, und es
besteht kein Grund zu der Annahme,
daß die aus der Sicht unserer Gegner
mit einem Rückzug Amerikas von seinen
weltweiten Verpflichtungen verbundenen Konsequenzen sich in irgendeiner
Weise von den damaligen unterscheiden.
Wir wissen, daß Generalsekretär
Gorbatschow mit der Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft unzufrieden ist. Die Mittel zum Wiederaufbau und zur neuerlichen Ankurbelung der zivilen Wirtschaft werden
jedoch nicht zu Lasten der militärischen Fähigkeiten gehen.
Vielmehr
gehen wir von einem anhaltenden Wachstum in diesem Bereich aus. Während
ein Ziel der Reformen Generalsekretär
Gorbatschows das Wachstum der inländischen Wirtschaft ist, trifft es
ebenso zu, daß eine Hauptmotivation
für diese Reformen in der Entwicklung
einer
langfristig
wirkungsvolleren
Konkurrenzfähigkeit auf militärischem
Gebiet besteht.

- 31 -

�Daher werden - ungeachtet der
weit
verbreiteten
Reformvorschläge
des Generalsekretärs und der Möglichkeiten bedeutungsvoller Veränderungen
- die tatsächlichen sowjetischen militärischen Fähigkeiten auch weiterhin verbessert und ausgeweitet. Unsere Verteidigungspolitik kann nicht
auf öffentlichen sowjetischen Erklä- rungen oder Hoffnungen auf ein gemäßigtes Verhaltens im Kreml beruhen.
Wir müssen vielmehr sicherstellen,
daß wir die Mittel zur Handhabung der
sowjetischen Bedrohung besitzen, die
sich in ihrem Verhalten und ihren Fähigkeiten, nicht in ihren Worten offenbart.
Wir gehen davon aus, daß das
strategische Gleichgewicht heute weitestgehend stabil ist. Doch angesichts der anhaltenden sowjetischen
Anstrengungen zur Modernisierung ihrer strategischen Offensivstreitkräfte ist es auch weiter unsere Verpflichtung, unsere offensiven und defensiven
strategischen
Fähigkeiten
fortlaufend zu modernisieren, um den
Sowjets zu zeigen, daß sie keinen militärisch nutzbaren Vorteil auf dem
Gebiet der strategischen Nuklearwaffen besitzen.

Verringerung der Streitkräftestruktur.
Welche Auswirkungen Glasnost oder
die Hoffnung auf einen bedeutungsvollen Wandel in der Sowjetunion auch
haben mögen, die Verpflichtung für
die Sicherheit des Westens liegt wie
immer in unserer Hand. Unsere 40jährige Erfahrung hat es bewiesen: wenn
wir das Erforderliche zum Bau und zur
Modernisierung der notwenigen Verteidigungsstreitkräfte tun und der Welt
eine politische und moralische Führungsrolle anbieten, können wir unsere Gegner von der Versuchung gefährlicher Abenteuer abhalten, während
wir gleichzeitig denjenigen Hoffnung
bieten, die für ihre Befreiung von
den Fesseln der Tyrannei und der Unterdrückung kämpfen.

Gorbatschows
Bestrebungen
zur
Einführung
von
Glasnost
und
Perestrojka sind deutlich sichtbare
Zeichen wesentlicher neuer Anstrengungen zur Wiederbelebung der sowjetischen Wirtschaft - Anstrengungen,
die zur Unterstützung langfristiger
Ziele als lebenswichtig betrachtet
werden.
Gorbatschows Bemühungen sind jedoch nicht einfach und mit einigen
Risiken behaftet. Wenn er zu vorsichtig vorgeht, wird es vielleicht
keine Verbesserung der Wirtschaft geben. Wenn Gorbatschow seine Reform
zu ehrgeizig durchsetzt, könnte eine
Gegenbewegung unvorhergesehene politische und soziale Folgen haben. Aus
streng militärischer Sicht ist der
letztlich gültige Maßstab für eine
echte Reform die nachprüfbare Reduzierung der Militärausgaben und eine

- 32 -

* * * * *

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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

*

11.

18

Mai

1988

I N H A L T

DOKUMENTATION
Bündnis spielt entscheidende Rolle beim Konzept
der Lastenteilung
- Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Taft HINTERGRUNDMATERIAL
Verlagert Moskau wirklich den Schwerpunkt auf Verteidigung?
- Von Verteidigungsminister Frank C. Carlucci -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Rauschgift bedeutet Selbstzerstörung
- Aufklärung und Erziehung muß im Kindesalter beginnen

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

11. Mai 1988

18

BÜNDNIS SPIELT ENTSCHEIDENDE ROLLE BEIM KONZEPT DER LASTENTEILUNG
- Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Taft in London LONDON - (AD) - Dem Stellvertretenden amerikanischen Verteidigungsminister William Taft zufolge kommt der NATO als Institution "eine entscheidende
Rolle" beim Problem der Lastenteilung innerhalb des Bündnisses zu. Taft
sprach am 4. Mai im Londoner Regents College, wo er die Lastenteilung als Problem des gesamten Bündnisses bezeichnete und ferner als wichtigen ersten
Schritt zur Erarbeitung eines "gemeinsamen Konzepts im Bündnis", das "die Vereinigten Staaten in höchstem Maße begrüßen" würden. Taft erklärte, die Absicht seines gegenwärtigen Besuchs in Europa "bestehe nicht darin, neue Vorschläge zu unterbreiten, sondern vielmehr darin, die Bedeutung der Verpflichtungen zu unterstreichen, die von der NATO bereits eingegangen wurden".
Nachfolgend veröffentlichen wir Tafts Rede im Wortlaut:
Vor drei Jahren kam ich zu Gesprächen
über einen
Problembereich
nach London, der für die NATO von
entscheidender
Bedeutung war:
die
Vorzüge einer verbesserten Zusammenarbeit im Bündnis auf dem Gebiet der
Rüstung. Der vorteil gemeinsamer Bemühungen zur Entwicklung neuer Waffensysteme, mit denen einer Bedrohung
für uns alle entgegengetreten werden
könnte, schien auf der Hand zu liegen
- ebenso wie die Verschwendung der
Bündnispartner durch die gesonderte
Entwicklung neuer Waffensysteme.
Ich freue mich, ihnen mitteilen
zu können, welch große Fortschritte
das Bündnis in diesen drei Jahren
seit meinem letzten Besuch bei unseren Bemühungen um Zusammenarbeit im
Bereich
der
Waffensysteme
gemacht

United States Information Service
Embassy of the United States of America

hat. Unsere Leistungen in diesem Bereich bestätigen den Wert gemeinsamer
Aktivitäten
und auch
meine
feste
Überzeugung, daß gemeinsame Arbeit
als Eckpfeiler
des NATO-Bündnisses
der Grund dafür ist, daß ich heute
wiederum nach Europa komme.
Mein heutiges Thema ist sowohl
umfangreicher als auch heikler: die
Verteilung von Rollen, Risiken und
Pflichten unter den Bündnispartnern
im Rahmen der Verteidigung - was wir
in den Vereinigten Staaten oftmals
als Lastenteilung bezeichnen.
Wie in jüngster Zeit vielfach beobachtet werden konnte, wird diesem
Problem in Amerika nunmehr aus unterschiedlichen Gründen große Aufmerksamkeit zuteil.
ich besuche diese

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Woche NATO-Hauptquartiere und eine
Reihe von Hauptstädten der NATO, um
darzulegen, welche Betrachtungsweisen
es in den Vereinigten Staaten zu diesem Problem gibt und um gemeinsam mit
unseren Verbündeten Möglichkeiten zu
untersuchen, wie die Bündnispartner
dieses Problem der Lastenteilung einzeln und zusammen mit ihren partnern
lösen könnten.
Meine Mission beschränkt sich nicht nur auf die NATO
- in der nächsten Woche werde ich zu
demselben Zweck Japan und Korea besuchen.
Gestern bin ich in Brüssel mit
den Ständigen Vertretern des Nordatlantikrates und mit Lord Carrington
zusammengetroffen.
ich bin ebenfalls
der dort geäußerten Überzeugung, daß
die NATO als Institution eine entscheidende Rolle bei der Behandlung
dieses Problems spielen muß. ich bin
mir der Tatsache bewußt und wir hegen
die Hoffnung, daß Lastenteilung als
Thema im Bündnis ein Auftakt für die
Entwicklung
eines gemeinsamen Konzepts im Bündnis ist. Solche Bemühungen werden die Vereinigten Staaten
in höchstem Maße begrüßen.
Die Bedeutung einer gemeinsamen
Antwort des Bündnisses darf nicht
unterbewertet werden.
Die vom Warschauer Pakt unter Führung der Sowjetunion ausgehende Bedrohung für die
NATO wird ungeheuer groß bleiben.
Tatsache ist, daß der Warschauer Pakt
gerade qualitativ noch ausgereiftere
Systeme einführt, und damit seinen
seit langem gehaltenen qualitativen
Vorsprung noch erhöht. Doktrin, Fähigkeiten und Übungen im Warschauer
Pakt deuten auf die anhaltende Betonung
des
Elements
eines
Überraschungsangriffs
in
Verbindung
mit
Operationen im Stil des 'Blitzkriegs'
hin.
Alle Tatsachen lassen erkennen,
daß die NATO sich in den kommenden
zehn Jahren einer noch ernstlicheren
Bedrohung gegenübersehen wird.
Das
Bündnis kann sich belastende innere
Streitigkeiten kaum leisten, die es
von seinen politischen und sicher-

heitspolitischen Zielen ablenken. Es
besteht jedoch kein Grund zu der Befürchtung, daß Lastenteilung zu solch
einem Problem wird, solange wir es
wirklich verstehen und es engagiert
angehen.
Wie erklärt sich nun das wiedererwachte Interesse der Amerikaner an
diesem Thema?
Es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu wissen, welche
Faktoren und Einstellungen amerikanische Diskussionen
zu diesem Thema
prägen, wenn die Bündnispartner in
einen konstruktiven Dialog eintreten
wollen. Heute möchte ich Ihnen einige unterschiedliche Einstellungen und
Meinungen darlegen, die die Art und
Weise beeinflussen, wie Amerikaner und mit ihnen eine Reihe amerikanischer Kongreßabgeordneter - über unsere Bündnisse
im allgemeinen und
Lastenteilung im besonderen denken.
Erstens sind wir in den Vereinigten Staaten angesichts des sehr angespannten finanziellen Klimas, in dem
wir uns befinden, dem Druck ausgesetzt, weniger für die Verteidigung
auszugeben.
Die Besorgnis über das
amerikanische Handels- und Haushaltsdefizit hat zu einem starken Druck
auf
die
Verteidigungsausgaben
und
einer eingehenden Prüfung des Beitrags geführt, den unsere Verbündeten
für die gemeinsame Verteidigung leisten.
Zweitens nimmt das Bewußtsein anderer
strategischer
Prioritäten
Veränderungen der strategischen Landschaft - zu, die Amerika nicht außer
acht lassen darf. Die zunehmende Bedeutung des pazifischen Beckens, die
erhöhte Bedrohung der Stabilität in
Mittelamerika,
Auseinandersetzungen
im Nahen Osten und im Persischen Golf
- diese und andere Probleme konkurrieren
mit
unserer
traditionellen
Verpflichtung gegenüber der NATO, ihr
allein die Aufmerksamkeit im strategischen Bereich zu widmen.
Drittens gibt es das Empfinden,
unsere Verbündeten würdigten oder unterstützten
unsere Aktivitäten
zur

- 2 -

�Verteidigung unserer nationalen Interessen oder sogar der Interessen
der Verbündeten nicht in ausreichendem Maße.
Es besteht zunehmend die
Tendenz, die Weigerung unserer Verbündeten zu hinterfragen, solche Aktionen zu unterstützen, die unserer
Ansicht
nach
einen
existentiellem
Beitrag zu unserer gmeinsamen Sicherheit leisten - einschließlich der Erhaltung
der nuklearen Fähigkeiten,
die notwendig sind, um eine sowjetische Aggression abzuschrecken sowie
außerhalb der Grenzen der NATO unternommene Aktionen, die Auswirkungen im
Bündnis
zeitigen.
Einseitige oder
grundsätzliche Kritik unserer Politik
in Mittelamerika und anderen Bereichen, wo unsere Interessen eher betroffen sind als die unserer Verbündeten, hat bei vielen besorgten Amerikanern den Enthusiasmus für das
Bündnis gedämpft.
Viertens gibt es Enttäuschungen
über die Politik einzelner Bündnispartner.
Die Vielfalt der Meinungen
zu vielen Problemen innerhalb des
Bündnisses ist für viele ein zeichen
für die Auflösung unserer Verbindung.
Politische
Entscheidungen wie etwa
der Beschluß Spaniens zur Verweigerung der stationierungsrechte für das
401. taktische Geschwader oder die
jüngste Abstimmung des dänischen Parlaments über Beschränkungen bei Kernwaffen auch auf Schiffen des Bündnisses untermauern diese Vermutung.
Fünftens herrscht die Auffassung
vor, wir gewährten denjenigen Verbündeten eine zu umfangreiche Unterstützung, die wirtschaftlich weniger begünstigt sind.
Die Amerikaner wundern sich, warum die wohlhabenderen
nördlichen NATO-Staaten nicht mehr
zur Unterstützung ihrer Partner an
der Südflanke tun.
Sechstens und letztens gibt es
die Meinung, daß unsere Verbündeten um es deutlich zu sagen - wohlhabend
genug sind, um mehr zu tun als sie
jetzt leisten.
Meiner Ansicht nach trifft ledig-

lich die letzte dieser Annahmen vollständig
zu.
Die anderen Annahmen
spiegeln - obwohl sie weit verbreitet
sind - bestenfalls eine Mischung aus
verzerrten Informationen und geringerem Verständnis wider.
Leider entbehren diese Annahmen
nicht jeder Grundlage.
Dennoch ist
diese Situation zu komplex, als daß
nur wenige allgemeingültige
Punkte
auch nur auf ein Land - umso weniger
auf alle Länder - zuträfen.
ich
möchte kurz auf jede der von mir erwähnten Annahmen eingehen und sie in
eine präzisere Perspektive rücken.
Erstens können sich die Vereinigten Staaten trotz ihrer angespannten
finanziellen
Lage das gegenwärtige
Niveau
ihrer
Verteidigungsausgaben
sehr wohl leisten.
Sie wenden zur
Zeit 5,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts (BSP) für die Verteidigung
auf.
Diese Zahl liegt unter dem
durchschnittlichen Anteil des BSP für
die Verteidigung in den vergangenen
fünfzig Jahren - ein Beweis dafür,
daß wir keine übermäßigen Beträge für
unsere nationale Sicherheit ausgeben.
Zweitens wird die Bedeutung der
NATO nicht durch die Tatsache verringert, daß die Vereinigten Staaten ein
Land mit weltweiten Interessen sind.
Unsere
Sicherheitspartnerschaft
mit
Europa bleibt unsere wichtigste Priorität.
Um es einfach auszudrücken:
ein unabhängiges Europa ist für unsere nationale Sicherheit insgesamt wesentlich - welche anderen Interessen
auch hinzugekommen sein mögen oder
noch hinzukommen mögen.
Drittens haben unsere Verbündeten
oftmals ihr Bewußtsein für die Notwendigkeit gemeinsamer Maßnahmen und
gegenseitiger Hilfe bewiesen. Die im
Gegenzug erfolgte Stationierung der
Mittelstreckenraketen (INF) ist dafür
ein Beispiel. Die Sowjetunion hätte
niemals ein Abkommen über den Abzug
ihrer SS-20 und aller anderen INF unterzeichnet, wenn die NATO nicht fest
zusammengehalten hätte.
Und es besteht Grund zu der Annahme, daß eine

- 3 -

�Reihe unserer Verbündeten - einzeln
und in manchen Fällen auch gemeinsam
- zunehmend die Bedeutung von Aktionen außerhalb der Grenzen des Bündnisses erkennen. Die Marineeinheiten
der fünf NATO-Länder sind jetzt im
Persischen Golf aktiv und schützen
die Freiheit der Schiffahrt auf diesem Seeweg, der für so viele unserer
Verbündeten von entscheidender strategischer Bedeutung ist.
Viertens
bildet die Verbindung
von unabhängigen Ländern in der NATO
den Hintergrund für ihre Stärke. Es
besteht kein Zweifel, daß einzelne
NATO-Staaten Entscheidungen getroffen
haben, die eine Herausforderung an
andere Hitglieder des Bündnisses darstellen, aber das Bündnis hat im Laufe seines Bestehens demonstriert, daß
es unter solchen Umständen die notwendigen Schritte unternehmen wird,
um die erforderlichen Fähigkeiten zur
Gewährleistung
der gemeinsamen Sicherheit zu erhalten. Wir sind daher
zuversichtlich im Hinblick auf das
Problem des 401. Geschwaders.
Fünftens wissen wir, daß Amerika
nicht allein innerhalb des Bündnisses
wirtschaftliche und militärische Hilfe gewährt.
Die Bundesrepublik unterhält umfangreiche Programme der
Militärhilfe für
Griechenland, die
Türkei und Portugal, und der Europarat gewährt diesen drei Ländern wie
auch dem Süden Italiens erhebliche
wirtschaftliche Unterstützung. Unsere europäischen Partner sollten diese
Anstrengungen weiterführen und ausweiten, um den weniger begünstigten
Mitgliedern des Bündnisses zu helfen.
Aber das stärkste Argument der
Amerikaner
betrifft
den
niedrigen
Stand der Verteidigungsausgaben unserer Verbündeten und die Überzeugung,
daß sie mehr tun können.
Der Prozentsatz des BSP, den jeder Verbündete für seine Verteidigung aufwendet,
ist ein höchst offensichtlicher und
aufschlußreicher Indikator aller Bemühungen
in dieser Hinsicht, auch
wenn er uns keine Informationen über
das liefert, was wir über den Beitrag

zur Verteidigung
sollten.

eines Landes wissen

Im Hinblick auf das Verhältnis
zum BSP ist der Unterschied zwischen
den Ausgaben der Vereinigten Staten
und ihren Bündnispartnern bemerkenswert:
außer den Vereinigten Staaten
wenden gegenwärtig nur Großbritannien
und Griechenland mehr als 5 Prozent
ihres BSP für ihre Verteidigung auf.
Amerika hingegen ist in den vergangenen fünfzig Jahren nur sieben Mal unter die 5 Prozent-Grenze gefallen,
und in den letzten zehn Jahren haben
wir unseren für die Verteidigung aufgewandten Teil des BSP um etwa 1,5
Prozent gesteigert - von etwas unter
5 auf 6,5 Prozent.
Unsere
Bilanz
wirtschaftlichen
Wachstums in den letzten 25 und den
letzten zehn Jahren zeigt, daß eine
Nation ihre Verteidigungsausgaben auf
oder über diesem Niveau halten - und
trotzdem einen Aufschwung erfahren kann.
In den vergangenen fünfzig
Jahren ist unser BSP von 100 Milliarden Dollar im Jahr 1940 auf mehr als
vier Billionen Dollar heute gestiegen.
Bemerkenswertes ist auch in den
sieben Jahren zu verzeichnen, in denen die Vereinigten Staaten unter der
5 Prozent-Grenze lagen.
Das erste
Mal stand - 1940 - der Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg unmittelbar bevor. Die nächsten drei Male
- 1948 bis 1950 - waren von der auf
den Krieg folgenden Demobilisierung
geprägt - und von der bevorstehenden
Invasion Südkoreas.
Die verbleibenden drei Jahre folgten auf das Ende
unseres Engagements in Vietnam, ein
Zeitalter unterschiedlicher Strömungen und Unentschlossenheit, das in
der
sowjetischen
Invasion Afghanistans und der Besetzung unserer Botschaft in Teheran seinen Höhepunkt
fand. Die Senkung der Verteidigungsausgaben kann gefährlicher sein als
wir für möglich halten.
Im Hinblick auf die Zukunft müssen
unsere
Bündnispartner
bereit
sein, mehr für ihre Verteidigung aus-

�zugeben.
Aber wir müssen nicht nur
unser Augenmerk darauf richten, wieviel wir ausgeben, sondern auch darauf, wofür wir es ausgeben.
Tatsächlich müssen zusätzliche Investitionen allein dem Bündnis noch keine
Vorteile bringen, wenn nicht andere
Schritte damit einhergehen.
Die Absicht meines gegenwärtigen
Besuchs in Europa besteht nicht darin, neue Vorschläge zu unterbreiten,
sondern vielmehr darin, die Bedeutung
der Verpflichtungen
zu unterstreichen, die von der NATO bereits eingegangen worden sind. In vielen Fällen
hat innerhalb der NATO eine gründliche Überprüfung ihrer militärischen
Schwächen stattgefunden. Das Bündnis
muß nunmehr
seine
Entschlossenheit
bekräftigen, um seine Schwächen auszugleichen und die Beseitigung dieser
Schwachstellen
zu
seiner
höchsten
Priorität erklären.
Dies erfordert folgende gemeinsame Verpflichtungen:
mehr Gewinn aus den derzeit getätigten Investitionen,
besser koordinierte Maßnahmen bei
Problemkreisen, die im Interesse
des gesamten Bündnisses liegen,
Erlangung
der
Ziele
bei
den
Streitkräften
und
Durchführung
der bereits vereinbarten Verbesserungen.
Zusammenarbeit im Bereich der Rüstung ist ein Beispiel für die Maßnahmen, die meiner Ansicht nach die
Leistung unserer Verteidigung steigern und Gewinne aus den gegenwärtig
für
die
Verteidigung
aufgewandten
Mitteln maximieren kann. Wie ich bereits dargelegt habe, erzielt die
NATO hier Fortschritte, aber es kann
noch mehr getan werden.
Das neue
NATO-System zur Planung konventioneller Bewaffnung sollte uns bei der
Harmonisierung unserer Waffenprogramme zu Hilfe kommen, so daß die Mittel
des Bündnisses wirkungsvoller eingesetzt werden können. Die Ausweitung

der gegenseitigen Austauschfähigkeit
unserer
Waffen- und
Kommunikationssysteme ist ein weiteres Gebiet, das
Nutzen für das gesamte Bündnis verspricht, genau wie die stärkere Integration der NATO-Streikräfte.
Die Entwicklung gemeinsamer politischer Maßnahmen über eine Vielzahl
von Problemen der Sicherheitspolitik
würde das Bündnis enorm stärken. Die
NATO muß beweisen, daß sie auch weiterhin zur Übernahme der gemeinsamen
Verteidigungslasten bereit ist.
Das
bedeutet, die Mitgliedstaaten müssen
die Streitkräfte und die verschiedenen Arten der grundlegenden unterstützungsmaßnahmen bereitstellen, die
das Bündnis benötigt - trotz der damit verbundenen unvermeidlichen Risiken und Unannehmlichkeiten.
Der Bedrohung des militärisch starken jedoch wirtschaftlich
schwachen Warschauer Paktes muß begegnet werden.
Die NATO muß auch zusammenarbeiten, um ihren technologischen Vorsprung zu erhalten und fortzuentwikkeln,
durch
den
die
zahlenmäßige
Überlegenheit der Sowjetunion und des
Warschauer Paktes ausgeglichen werden
kann.
Das bedeutet, zur Ausweitung
der gemeinsamen Nutzung von technologischem Fachwissen und Innovationen
innerhalb des Bündnisses zusätzliche
Schritte zu ergreifen - und ebenso
den Zustrom militärisch hochsensibler
Technologie in die Sowjetunion zu beenden, wo sie gegen uns gerichtet
wird.
Diese und andere Formen der Zusammenarbeit im Bündnis auf Gebieten
und zu Themenkreisen gemeinsamen Interesses - ob im Persischen Golf oder
beim Kampf gegen den Terrorismus
würden die Sicherheit eines jeden
Mitglieds im Bündnis stärken, und damit die gesamte Allianz.
Die NATO muß ferner größere Anstrengungen unternehmen, um gemeinsam
vereinbarte politische Maßnahmen und
Initiativen in die Praxis umzusetzen.
Das Bündnis muß im erforderlichen Umfang seine konventionellen und nu-

- 5 -

�klearen Streitkräfte aufrechterhalten
und modernisieren. Gerade die Bedeutung unserer konventionellen Streitkräfte ist durch unseren Erfolg beim
INF-Abkommen
unterstrichen
worden.
Die NATO muß auf den vor drei Jahren
in ihrem Programm zur "Verbesserung
der
konventionellen
Verteidigung"
festgelegten Gebieten auf Portschritte drängen. Das Bündnis muß seine
Betriebsreserven und Waffenlager aufstocken, um seine Kampfbereitschaft
und Infrastruktur zu stärken - durch
Erhalt des bestmöglichen Ertrags aus
den derzeit ausgegebenen Mitteln.
Beim Entwurf der Langzeitstrategie der NATO müssen sich alle Bündnis-Partner der Tatsache bewußt sein,
daß die Stärkung unserer Sicherheit
mehr Geld kosten wird - als direkte
Verteidigungsausgaben und in Form von
Militärhilfe für die wirtschaftlich
benachteiligten Verbündeten.
Dies ist auch keine unmögliche
Forderung. Es ist eine Tatsache, daß
Europa als Ganzes es sich leisten
kann, mehr für seine eigene Sicherheit auszugeben. Selbst die Vereinigten Staaten - die im Vergleich zum
Durchschnitt der europäischen NATOLänder derzeit nahezu das Doppelte
ihres Bruttosozialprodukts für Verteidigung aufwenden - könnten es sich
meiner Meinung nach leisten, mehr
auszugeben. Wie bereits gesagt, haben wir in den vergangenen fünfzig
Jahren fast immer mehr als heute für
die Verteidigung aufgewendet - und
gleichzeitig hat unsere Volkswirtschaft expandiert, und die Sozialhilfeleistungen wurden aufgestockt. Es
trifft schlicht und einfach nicht zu,
daß anstatt der derzeitigen 3 Prozent
3,5 oder 4 Prozent des BSP für Verteidigungsausgaben den europäischen
Volkswirtschaften
schaden oder zu
einer einschneidenden Kürzung bestehender
Sozialhilfeprogramme
führen
würden. Obwohl zweifelsohne niemand
damit andeuten will, daß eine solche
Verlagerung der Prioritäten überwacht
oder selbst in wenigen Jahren stattfinden könnte, so haben die amerikanischen Erfahrungen der vergangenen

zehn Jahre doch gelehrt, daß Anhebungen von einem Prozent des BSP über
einen solchen Zeitraum hinweg leicht
vorgenommen werden können, ohne den
Wohlstand zu gefährden.
Natürlich ist es sehr viel angenehmer, in öffentliche Sozialprogramme und privaten Luxus zu investieren.
Wir sollten uns jedoch vor Augen führen, daß die sowjetische militärische
Aufrüstung allen Anzeichen nach unvermindert
fortgeführt wird.
Wir
sollten uns vorsehen und die Erfahrungen der "verweichlichten und wohlhabenden Provinzen" des Römischen
Reichs nicht wiederholen, die - wie
Gibbon lapidar formuliert - "alles
besaßen, was einen barbarischen Eroberer anzog und nichts, was ihn abhalten konnte".
Das Bündnis muß darauf hinarbeiten, ein solches Resultat zu vermeiden. Es kann sich ein Versagen nicht
leisten.
Unser vorrangiges ziel muß es
sein, die Abschreckung der NATO aufrechtzuerhalten - die nicht nur einen
Krieg verhindert, sondern auch die
sowjetischen Bestrebungen vereitelt,
einen Bündnis-Partner
zu nötigen,
einzuschüchtern oder
zu bedrohen.
Unsere gemeinsame Stärke war stets
der ausschlaggebende Faktor bei unserer Aufgabe, Freiheit und Sicherheit
der Länder des Bündnisses zu bewahren
- und sie ist das unerläßliche Fundament, auf das sich die entschieden
verbesserten Beziehungen mit der Sowjetunion gründen werden.

- 6 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
7

Hintergrundmaterial

&lt;l7-,oN ^

11. Mai 1988

18

VERLAGERT MOSKAU WIRKLICH DEN SCHWERPUNKT AUF VERTEIDIGUNG?
Von Verteidigungsminister Frank C. Carlucci

WASHINGTON - (AD) - Wie ernst ist es der Sowjetunion mit der Entwicklung
einer neuen Militärdoktrin, die Verteidigung betont und von ihren amtlichen
Vertretern als Konzept des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus" der
Streitkräfte bezeichnet wird?
Nach meinem kürzlichen Treffen mit Verteidigungsminister General Dimitri T. jasow bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß
sowjetische Regierungsvertreter trotz der fortbestehenden großen Kluft zwischen Realität und Rhetorik zumindest eingehend über einen solchen Wandel reden.
Moskau
scheint das militärisch
"ausreichende Niveau" immer noch als
sehr
umfassend
zu betrachten
und
zeigt
keinerlei
Neigung,
seine
Streitkräfte zu reduzieren, außer in
Zusammenhang mit gegenseitigen Abrüstungsvereinbarungen.
Bevor die vereinigten Staaten eine Lockerung ihres
Verteidigungskonzepts
in
Erwägung
ziehen könnten, müßte es überzeugende
Beweise eines Wandels im offensiven
Charakter
der sowjetischen Streitkräfte und eine Bereitschaft zu einseitigen Reduzierungen geben, um diese Streitkräfte auf ein dem Westen
vergleichbares Niveau zu bringen.
Dies heißt nicht, daß in unseren
Gesprächen
nichts
erreicht
wurde.
Schon
das
Abhalten
eines
solchen
Treffens - dem ersten zwischen den

United States Information Service
Embassy of the United States of America

führenden amerikanischen und sowjetischen
Militärvertretern
nach
dem
Krieg - schuf einen wichtigen Präzedenzfall und verhalf uns zu einem
besseren Verständnis der Standpunkte
des anderen. Aber die Gespräche ergaben keinen konkreten Beweis für
einen Wandel in der Doktrin.
Obwohl er für die nähere Zukunft
keine größeren Veränderungen bei den
sowjetischen
Streitkräften und den
Militärausgaben in Aussicht stellte,
deutete General jasow doch eindeutig
an, daß gegenwärtig eine defensive
Doktrin umgesetzt werde und bei den
Streitkräften Veränderungen offen zutage treten würden.
Ich wies General Jasow darauf
hin, daß die sowjetischen Militäraus-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gaben unseren vorsichtigsten Schätzungen zufolge nach Abzug der Inflationsrate immer noch um etwa drei
Prozent jährlich ansteigen, während
der Verteidigungshaushalt der Vereinigten Staaten
in den vergangenen
Jahren real um 11 Prozent abgenommen
hat.
Ich fügte hinzu, daß die Einschätzung
des ehemaligen Verteidigungsministers Harold Brown weiterhin
zuzutreffen scheint: Wenn wir aufrüsten, rüstet auch die Sowjetunion
auf; wenn wir aufhören, rüstet die
Sowjetunion weiter auf.

sionen unterstützt werden.
Abbau anderer offensiv ausgerichteter Fähigkeiten, wie etwa einer
großen und wachsenden Zahl militärischen Geräts, das in vorderen
Gebieten
stationiert
ist, beträchtlichem Material zum Brükkenbau
und Pioniereinheiten
in
Osteuropa
und
der
anhaltenden
Aufrüstung
von
Reserveeinheiten
des Heeres zu einem aktiven Status im Warschauer Pakt. All dies
stärkt Moskaus Fähigkeit zur Invasion der NATO-Staaten.

Wenn Moskau wirklich ein defensives
Verteidigungskonzept
einführen
möchte,
dann
könnte
es
mehrere
Schritte
unternehmen,
ohne
seine
eigene Sicherheit zu gefährden, darunter die folgenden:
Beseitigung
der
zahlenmäßigen
Überlegenheit
des
Warschauer
Pakts gegenüber der NATO bei panzern, Artillerie und anderen Offensivwaffen.
Der
Ostblock
hat
bei
seinen
Streitkräften
einen
in
besonderem
Maße bedrohlichen Vorteil, der zur
Invasion, Annexion und Besetzung von
Territorium
in
Westeuropa
genutzt
werden könnte. Dazu übersteigen die
Waffenarsenale berechtigte Verteidigungserfordernisse bei weitem.
Abzug von Luftlandeeinheiten aus
Europa und drastischer Abbau der
vergleichsweise großen zahl luftgestützter Streitkräfte, die in
der
Sowjetunion
aufrecherhalten
v/erden.
Luftlandeeinheiten
spiegeln
den
offensiven Charakter der sowjetischen
Militärmacht wider.
Allein in der
DDR unterhält die Sowjetunion genügend Einheiten, um eine vollständige
Luftlandedivision
aufzubauen.
Eine
solche Division könnte rasch durch
zahlreiche ähnliche in Osteuropa und
der Sowjetunion stationierte Brigaden
und Bataillione Verstärkung erhalten
oder von den sieben weiteren vollbemannten
sowjetischen
Luftlandedivi-

Gemeinsam
mit
den
Vereinigten
Staten der Abbau von Nuklearwaffen
längerer
Reichweite
durch
einen Vertrag zum Abbau strategischer Waffen und Anhebung des
Beitrags zur effektiven strategischen Verteidigung gegen einen
Angriff ballistischer Raketen.
Die Sowjetunion behält weiterhin
eine große Zahl silogestützter Interkontinentalraketen
für einen Erstschlag bei. Die sowjetische Bereitschaft, gemeinsam mit uns eine Verlagerung
von
den
Offensivwaffen
zu
einem
größeren
Vertrauen
auf
die
strategische
Verteidigung
vorzunehmen, würde zu unserer beiderseitigen
Sicherheit und insgesamt zu einer
sicheren Welt beitragen.
Die Vereinigten Staaten sind weiterhin gespannt auf Zeichen wie" diese, mit denen bewiesen würde, daß
sich die sowjetische Militärdoktrin
verändert hat.
In der Zwischenzeit
betrachten wir den Dialog über militärische Angelegenheiten als nützlich
und beabsichtigen dessen Fortführung.
Die Sowjetunion hat ihren Anteil
an Leid
in Kriegszeiten kennengelernt, und niemand mißgönnt ihr ein
Militär, das die nationale Sicherheit
der Sowjetunion stärkt. Aber Moskau
kann seine Sicherheit ohne seine gegenwärtig gezeigte aggressive Doktrin
und offensive Haltung gewährleisten.
Bis jetzt haben wir lediglich sowjetische Forderungen nach einer Umwand-

- 2 -

�lung der Doktrin vernommen. Auf die
schlagkräftigen
Beweise warten wir
noch.

* * * * *
- 3 -

i

4

�AMERIKA DIENST
"VoN^

Wissenschaft und Technik

11. Mai 1988

18

RAUSCHGIFT BEDEUTET SELBSTZERSTÖRUNG
- Aufklärung und Erziehung zur Abwehr muß im Kindesalter beginnen - (AD) - Alkohol und Rauschgift - "ein vielschichtiges und mehrdimensionales Problem, das alle Mitglieder der Gesellschaft angeht". Allein die Rauschgifte verursachen Amerika jährlich Kosten von mehr als zwei Milliarden Dollar,
erklärte Peter Bell, ein prominenter Teilnehmer aus Minnesota an der vom Weissen Haus veranstalteten "Konferenz für ein drogenfreies Amerika". uas Präsidentenpaar eröffnete die Tagung, zu der mehr als 2 000 Teilnehmer aus allen
amerikanischen Bundesstaaten nach Washington gekommen waren. In ihren Heimatstaaten arbeiten sie als Lehrer oder Geschäftsleute, als Eltern und junge Menschen in kommunalen und staatlichen Programmen zur Vorbeugung gegen die Sucht,
oftmals auch als freiwillige Betreuer von Gefährdeten und suchtkranken in Therapieprojekten.
Aufklärung
und Information der
Öffentlichkeit, Schärfung des allgemeinen Bewußtseins für die Gefahren
von
Alkohol
und Drogen
erfordern
auch,
wie
Nancy
Reagan
fordert,
selbst den gelegentlichen Rauschgiftkonsum strikt abzulehnen.
Denn er
führe nur zu leicht zum suchterzeugenden Konsum.
"Es gibt keinen Zwischenweg", sagte sie, und deshalb muß
die Nachfrage nach Drogen gestoppt
werden.
Das sei ebenso wichtig wie
die Unterbindung von Schmuggel und
Handel. Nach dem Ende der Präsidentschaft
ihres Mannes wird
sie im
"Nancy Reagan Center" in Los Angeles,
einer Institution der Therapiezentren
"Phoenix House", aktiv mitarbeiten.
Zu dieser Einrichtung gehört eine
weiterführende
Schule mit Internat
für junge Menschen, die sich der

United States Information Service
Embassy of the United States of America

langwierigen Therapie und Rehabilitation unterziehen, ferner eine Pädagogik- und
Trainingsabteilung
sowie
eine Forschungsbereich.
Das Zentrum
solle zu einem Ort werden, wo neue
Methoden entwickelt, neue Wege erprobt und neue Antworten gefunden
werden.
Präsident Reagan verwies darauf,
daß in den vergangenen sieben Jahren
zum ersten Mal in den Vereinigten
Staaten
koordinierte Kampagnen von
Dienststellen des Bundes, der Einzelstaaten und der Kommunen gegen den
Drogenschmuggel geführt wurden. Polizei und Zoll wurden verstärkt, militärische Einheiten zu Lande, zu
Wasser und in der Luft einbezogen.
Dieser Zusammenarbeit ist es unter
anderem zu verdanken, daß 1987 Dro-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�genfahnder der amerikanischen Bundesregierung Sachwerte und Guthaben von
Drogenkriminellen im Wert von mehr
als 500 Millionen Dollar konfiszierten. 683 geheime Drogenlabors wurden
geschlossen und 41 768 kg Kokain beschlagnahmt.
Die
Gefängnisstrafen
für
Rauschgiftdelikte
wurden
drastisch erhöht, die Zahl der Verhaftungen stieg in den letzten Jahren um
66 Prozent, die von Rädelsführern der
Händlerringe sogar um das Dreifache.

Einstiegsdroge Marihuana
Marihuana gilt bei manchen noch
immer als nahezu harmlose
"weiche
Droge". Das ist sie aber nicht, und
zwar
in
doppelter
Hinsicht:
Zum
einen weckt sie beim Konsumenten den
Drang zur Wiederholung des Rauscherlebnisses und bahnt so den Weg zum
Einstieg in härtere Drogen bis hin
zum Heroin.
Zum anderen sind Haschisch-Zigaretten auch unter medizinischen Aspekten gefährlich.
Denn
sie belasten zum Beispiel die Lunge
mindestens fünfmal stärker mit Kohlenmonoxyd und Ablagerungen als gewöhnliche
Zigaretten.
Fast
8 000
Studien belegen inzwischen, was im
menschlichen Körper durch Marihuana
alles geschädigt werden kann - von
den Zellen über das Gehirn bis zu den
Fortpflanzungsfunktionen.
Aufgrund
solcher Befunde und Erfahrungen haben
in den USA Bestrebungen zur Legalisierung von Marihuana keine Aussicht
mehr auf Erfolg.
Dennoch bereitet der illegale Anbau von Cannabis in den USA dem amerikanischen Bundesamt für Rauschgiftbekämpfung (Drug Enforcement Administration - DEA) erhebliche Sorgen.
Wo immer solche Kulturen ausgemacht
werden, werden sie vernichtet.
Im
vergangenen Jahr waren es mehr als
7,4 Millionen Pflanzen, gegenüber 4,7
Millionen im Jahr 1986. Bei den Sinsemilla-pflanzen wurden 1987 ca. 72
Prozent mehr als 1986 vernichtet.
Diese haben einen besonders hohen Gehalt an THC (Tetrahydrocannabiol),
dem aktiven Bestandteil von Marihua-

na.
Hauptanbaugebiete sind Kalifornien, Tennessee und Hawaii.
im Zusammenhang mit den Vernichtungsaktionen wurden im vergangenen Jahr 6 502
Personen verhaftet und 1 728 Waffen
sichergestellt.
Aber Untersuchungen von Mitarbeitern des amerikanischen Außenministeriums zufolge sind die Vereinigten
Staaten dem Bericht zur internationalen Strategie für Suchtmittelkontrolle (International Narcotics control
Strategy) nach Mexiko und Kolumbien
noch immer drittgrößter Erzeuger von
Marihuana.
Hauptsächlich in den lateinamerikanischen
Ländern
wurden
1987 Mengen im Umfang 11 000 und
17 000 Tonnen produziert, wovon ein
erheblicher Anteil in die USA eingeschmuggelt wurde.
Nur Jamaika und
Belize gelang es, den Cannabis-Anbau
drastisch zu reduzieren.
in den übrigen
lateinamerikanischen
Ländern
stieg der Anbau trotz umfangreicher
Vernichtungsaktionen um 25 Prozent an.

Europa wird mit Kokain überschwemmt
Der stellvertretende DEA-Administrator, David L. Westrate, äußerte
sich kürzlich in einem vom US-Informationsamt (USIA) für Worldnet vermittelten Interview mit europäischen
Spezialisten für Drogenbekämpfung zu
der Kokainwelle, die jetzt offensichtlich Europa überschwemmt.
Sinkende Profite auf dem amerikanischen
Kontinent hätten die Händler veranlaßt,
ihre Methoden
einschließlich
der Verteilungsstrategie zu ändern,
und Europa stärker ins Visier zu nehmen, vor etwa fünf Jahren sei in den
USA ein Kilogramm Kokain für 60 000
Dollar verkauft worden. Heute bringt
in New York, Los Angeles oder Miami
die gleiche Menge nur noch 9 000 Dollar, in Europa dagegen ca. 40 000
Dollar.
Diese
"Profitdynamik" gefährde nicht nur Europa, sondern auch
Japan und Australien. Zwar wurden in
Europa 1987 mit 2,5 Tonnen Kokain und
drei Tonnen Heroin erhebliche Mengen
beschlagnahmt. Aber dies sind erfahrungsgemäß nur zehn bis 15 Prozent

�der Mengl, die tatsächlich abgesetzt
werden.

.
i

i

Selbst in den Anbauländern schaffe Kokain in seinen verschiedenen
Produktionsstufen
inzwischen
ebenfalls erhebliche Drogenprobleme. Als
Beispiel nannte Westrate in Kolumbien
"Bazooka", ein Derivat der Kokapaste.
Auf "Crack" angesprochen, erklärte
Westrate, weshalb er diese Droge für
besonders gefährlich halte: Sie werde aus Kokainbase, der Vorstufe zum
eigentlichen
Rauschgift
(Kokainhydrochlorid),
hergestellt.
In den
Vereinigten Staaten seien wegen der
großen Nachfrage nach "Crack" die
Händler sogar dazu übergegangen, diese letzte Stufe wieder in Base zurückzuverwandeln, weil Kokain nur in
dieser Form geraucht werden könne.
Der Rauch werde inhaliert und erreiche somit das Gehirn ebenso schnell
wie Sauerstoff. Beim Schnupfen dagegen dauerte es länger, bis das Rauschmittel absorbiert werde. "Crack"
hat verheerende Auswirkungen auf den
Blutdruck und führt häufig zu Schlaganfällen, Herzinfarkt oder schweren
Herzattacken.
Außerdem bewirkt es
noch stärker als Kokainhydrochlorid
eine zwanghafte Sucht - manche behaupteten, stärker noch als Heroin.
Westrate äußerte sich auch besorgt über den wachsenden Konsum von
Aufputschmitteln wie Amphetamin und
neuerdings von Metamphetamin, das man
als "Kokain des armen Mannes" bezeichnet. Unter den «83 im vergangenen Jahr ausgehobenen Geheimlabors
hatten 615 Metamphetamin hergestellt,
Angesichts dieser Umstände kommt der
Vorbeugung, die bei den Kindern einsetzen müsse, allergrößte Bedeutung
zu.
Zwar sei die Tatsache ermutigend, daß in den vereinigten Staaten
unter Oberschülern der höheren Klassen in letzter Zeit der Kokainkonsum
erstmals zurückgegangen ist.
Aber
unter
den Acht- bis
Zwölfjährigen
nehme der Konsum von Kokain und anderen Drogen zu, so daß Therapie, Rehabilitation, Aufklärung und Schulung
immer wichtiger werden und natürlich
auch mehr Personal und Zeit erfordern.

Dem Internationalen Strategie-Bericht zufolge haben sich die lateinamerikanischen Länder noch nicht zur
Vernichtung
von Kokaplantagen
mit
Herbiziden entschließen können, obgleich die 1987 durchgeführten Tests
gute
Ergebnisse
zeitigten.
Diese
Haltung dürfte dem Druck durch Händlersyndikate
zuzuschreiben
sein.
Ähnliches zeigt sich in bezug auf die
Vernichtung von Marihuanapflanzen in
Kolumbien und von Schlafmohn zur
Opiumgewinnung
in
Mexiko.
Man
schätzt heute, daß 1987 in den Anden
zwischen 162 000 und 211 400 Tonnen
Kokablätter produziert wurden.
Heroin
Dem internationalen Strategie-Bericht über Suchtstoffkontrolle zufolge nahm die Opiumproduktion im Jahr
1987 weiter zu, wobei Opium aus der
Region "Goldener Halbmond", insbesondere aus Afghanistan mit 735 bis
1 360 Tonnen den größten Anteil hatte. In Pakistan machte die Opiumgewinnung in Gebieten von Volksstämmen,
die gegenwärtig von der Regierung
nicht kontrolliert werden können, die
Bemühungen um strikte Reduzierung im
übrigen Land durch Sprühaktionen von
Flugzeugen aus nahezu zunichte. Seit
1980 hat in Pakistan selbst der Heroinmißbrauch stark zugenommen. Zur
Zeit rechnet man dort mit ca. 660 000
Süchtigen.
Rechtsvollzug und Fahndung sind in Pakistan nach wie vor
schwach. So war es bisher nicht möglich, die Herstellung von Heroin und
den Handel mit dem Rauschgift zu
stoppen.
Nicht ganz so drastisch nahm in
Südostasien die Opiumproduktion zu,
obgleich die Region mit Kulturen in
der Größenordnung von 1 095 bis 1 575
Tonnen nach wie vor als der Welt
größter Opiumproduzent zu gelten hat.
Nur in Thailand wurde in den letzten
Jahren der Anbau stark eingeschränkt.
Dennoch ist Thailand ein bedeutendes
Transitländ für Heroin. Hauptlieferant für den amerikanischen Markt ist
gegenwärtig Mexiko.

- 3 -

�Seit Mitte März 1988 verlieren
amerikanische Staatsbürger, die beim
Handel mit Rauschgift erwischt werden, ihren Paß.
In einigen Bundesstaaten wird Personen, die man im Besitz von Rauschgift findet, der Führerschein abgenommen. Ann Wrobleski,
Unterstaatssekretärin für internationale Suchtstoffprobleme im amerikanischen Außenministerium, forderte erneut mehr und engere Zusammenarbeit
auf
internationaler
Ebene, um die
Macht der Händlerringe und der Drogenbosse zu brechen: "Jedes Land ist
gefährdet, denn Drogen und Drogengelder korrumpieren, unterminieren und
liefern
Geldmittel für
Gewalttaten
und
Einschüchterungsaktionen.
Und
sie drohen jene zu paralysieren, die
beauftragt sind, das Richtige zu tun.
Wir alle haben den Schaden, wenn ein
Land zur Geisel des Drogenhandels
wird. Wir alle leiden, denn das ist
ein Krebsgeschwür, das sich in der
Völkerfamilie ausbreitet und jegliche
Stabilität bedroht."

* * * * * *

- 4

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bündnis spielt entscheidende Rolle beim Konzept&lt;br /&gt;der Lastenteilung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Taft &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verlagert Moskau wirklich den Schwerpunkt auf Verteidigung?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Verteidigungsminister Frank C. Carlucci&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rauschgift bedeutet Selbstzerstörung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aufklärung und Erziehung muß im Kindesalter beginnen&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'VON

*

18.

19

Mai 1 9 8 8

I N H A L T

DOKUMENTATION
Reagan 'zuversichtlich* ober die Zustimmung
- Pressekonferenz des Präsidenten -

des Senats zu INF

Shultz;
INF 'vorteilhaft" fflr Vereinigte Staaten und NATO
- Erklärung vor dem Auswärtigen Ausschuß des US-Senats Shultz; Technische Probleme der Verifizierung von INF gelSst
- Erklärung des amerikanischen Außenministers in Genf -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Neuer Tollwut-Impfstoff verbilligt die Behandlung
- Ein Produkt der Gentechnik -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

19

18. Mai 1983
REAGAN "ZUVERSICHTLICH" ÜBER DIE ZUSTIMMUNG DES SENATS ZU INF
- Pressekonferenz des Präsidenten -

VIASHINGTON - '• \D) - Präsident Reagan erklärte, er sei "hoffnungsvoll und
zuversichtlich", cViß der Senat angesichts der Aufnahme seiner Debatte über den
INF-Vertrag am 17. Mai ebenfalls zu der Ansicht gelangt, daB es sich bei dem
Vertrag um einen 'diplomatischen Meilenstein" handelt und seine Zustimmung zur
Mitwirkung der Ver einigten Staaten geben wird.
Bei seinem übt rraschenden Auftritt im Besprechungszimmer des Weißen Hauses
am 17. Mai versprach der Präsident dem amerikanischen Volk ebenfalls einen umfassenden Bericht über die Verhandlungen zur Absetzung des panamaischen Machthabers Manuel Noriega und begrüßte die Verbesserungen in der amerikanischen
Außenhandelsbilanz.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Pressekonferenz:
Ich
möchte
heute
eine
kurze
Stellungnahme abgaben. Zunächst einmal freue ich mi :h darüber, daß der
Mehrheitsführer im Senat, Bob Byrd,
und der Führer iier Republikanischen
Partei,
Bob
Dole,
übereingekommen
sind, Überlegungen zu einem Vertrag
anzustellen, mit dem eine gesamte Kategorie amerikanischer und sowjetischer Mittelstreckenraketen beseitigt
wird. Dieser im vergangenen Dezember
unterzeichnete Vertrag hat die amerikanisch-sowjetischen
Gespräche
über
Waffensysteme
auf einen
Kurs gebracht, der über Rüstungskontrolle
hinausgeht und eine echte Reduzierung
von Nuklearwaffen ansteuert.

der Ansicht gelangen wird, daß dieser
Vertrag einen diplomatischen Meilenstein darstellt und seine Zustimmung
zur Mitwirkung der Vereinigten Staaten gibt.

Ich bin hoffnungsvoll und zuversichtlich, daß der Senat nach sorgfältigen
Überlegungen ebenfalls zu

Vor einigen Tagen habe ich vom
Kongreß eine Vorlege für ein Handelsgesetz erhalten, meine Botschaft an

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Zweitens gab es gute Neuigkeiten
in der Handelsbilanz von März, die
besten Neuigkeiten in diesem Bereich
seit März 1985. Mit dem um 4 100
Millionen Dollar gesunkenen Handelsdefizit und den um 5 400 Millionen
Dollar gestiegenen Exporten ist dies
ein eindeutiger Beweis dafür, daß die
Handelsbilanz sich mit unserer weiterhin wachsenden Wirtschaft verbessert.

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�den Kongreß wird gegenwärtig noch
überprüft, und ich rechne in einigen
Tagen
mit
ihrer
Veröffentlichung.
Aber die Neuigkeiten von heute unterstützen das, worauf wir schon immer
hingewiesen haben - daß dies nicht
die Zeit ist, um dem Handel Bechränkungen
aufzuerlegen,
Anreize
für
freie und offene Märkte zu verringern
oder Arbeitsmöglichkeiten zu eliminieren. Wir wollen mehr, nicht weniger Arbeitsplätze, und wir wünschen
uns einen Arbeitsmarkt, der allen arbeitsfähigen Männern und Frauen offensteht.
Ich bin bereit, mir die Xrmel
aufzukrempeln und wieder einmal gemeinsam mit dem Kongreß ein Handelsgesetz zu erarbeiten, mit dem diese
Tendenz zur weiteren Schaffung von
Arbeitsplätzen und zu größerem wirtschaftlichen
Wachstum
fortgesetzt
werden kann.
Frage:
Herr Präsident, warum haben
Sie ihre Zustimmung dazu gegeben, daß
die Anklage gegen General Noriega wegen
Drogengeschäften
fallengelassen
wird? Liefert das nicht den Demokraten
Munition
für
die
Präsidentschaftskampagne?
Antwort:
Nicht
wenn
sie warten,
bis es etwas zu erklären gibt. Wir
verhandeln gerade, und ich kann keinen Kommentar über laufende Verhandlungen abgeben. Ich wäre dumm, wenn
ich das täte. Manche Dinge muß man
für sich behalten, wenn man mit jemandem argumentiert. Zu einigen Diskussionspunkten ist noch keine Entscheidung getroffen worden, und ich
muß sagen, daß vieles von dem, was
Sie als Berichte behandelt haben, auf
irgendwelchen undichten Stellen oder
Fehlinformationen
beruht,
weil
es
keine Tatsachen gibt, die dies belegen.
Frage: Wenn Sie diesen einen Punkt
noch klären könnten: haben Sie zugestimmt, daß die Anklage gegen irgendein Vergehen Noriegas fallengelassen
wird?

Antwort:
Ich muß wiederum sagen,
daß man bei Verhandlungen - und ich
habe 25 Jahre lang als Gewerkschaftsvertreter an Verhandlungen über Arbeitsbeziehungen mitgewirkt - nicht
der Öffentlichkeit preisgibt, worüber
verhandelt wird.
Frage:
Herr Präsident, jetzt, wo
die
Konservativen
in
Gestalt
der
Washington Times Justizminister Edwin
Meese über Bord geworfen haben, wo im
Ministerium die Moral nachläßt und
das Justizministerium im Land im Hinblick auf seine Integrität an Respekt
verliert - stehen Sie immer noch hinter Meese und haben volles Vertrauen
zu ihm, oder werden Sie ihn aus dem
Amt drängen?
Antwort:
Nein,
Vertrauen zu ihm.
Frage:

ich

habe

volles

Warum?

Antwort:
Weil zwar viele Anschuldigungen erhoben wurden, aber nichts
bewiesen worden ist, und ich habe
keine Beweise für irgendein Fehlverhalten seinerseits, das in den umherschwirrenden Anschuldigungen erkennbar wird.
Und meiner Ansicht nach
sollten Sie gerade über dieses Thema
mit ihm persönlich sprechen.
Ich
denke, daß es im Hinblick auf diese
jüngste Anschuldigung mehr gibt, als
wir uns unmittelbar vorstellen.
Frage:
Was meinen Sie damit?
Worauf beziehen Sie sich?
Heißt das,
Eastland hat etwas getan, um den Justizminister in ein falsches Licht zu
rücken?
Antwort:
Nein, er hat selbst eine
Erklärung abgegeben, daß es bei allem, was geschehen ist, keine Animositäten gegeben hat. Aber ich denke,
Sie sollten mit dem Justizminister
darüber sprechen.
Frage:
Besteht die Rolle des Pressesprechers nun darin, Verteidiger zu
sein?
Antwort:

Nun,

jemand

hat

Spekula-

�tionen darüber abgegeben, daß all
dies einen Grund hatte. Und ich denke, Sie sollten mit dem Justizminister sprechen.

und in den Nachrichten davon gehört.

Frage:
Herr
Präsident, wenn
Siei
nichts zu den Verhandlungen mit Noriega sagen können, möchte ich Siei
dennoch über ihre politischen Zielet
befragen.
Sie haben in der Vergangenheit gesagt, das Ziel bestünde ini
einem
Machtverlust
Noriegas.
Bei
verschiedenen Geelgenheiten haben Sie&gt;
davon gesprochen, er solle das LandJ
verlassen, und bei anderen Gelegenheiten haben Sie das vermieden. Besteht ihr Ziel nicht nur darin, daß5
Noriega die Macht abgibt, sondern1
auch, daß niemand von seinen KumpanenI
in seinem Namen Macht ausübt?

Antwort:
...und
nein,
ich
werde
nichts von dem aufgeben, was wir dort
durchzuführen versuchen.

Antwort:
Ich sagte, dazu würde ichi
keinen Kommentar abgeben, aber etwas3
kann ich doch kommentieren. Wir sind3
daran interessiert, daß in Panama diei
Demokratie
wiederhergestellt
wird..
Es hat nicht etwa mit diesem Mann angefangen, sondern bereits vor einigerr
Zeit rangierte unter jemand anderemn
der Befehlshaber der Nationalgarde ini
Panama plötzlich vor dem Präsidenteni
und hat der Regierung Vorschrifteni
gemacht. Unserer Ansicht nach ist ess
Zeit, daß die Demokratie in Panamaa
wiederherstellt wird.
Und das istt
das Ziel unserer Verhandlungen.
Frage:
Wenn jemand Kontrolle überr
die Regierung ausübt - wenn Noriegaa
der Drahtzieher im Hintergrund ist können Sie das akzeptieren?
Antwort:
Nicht, wenn wir die Demokratie in Panama neu errichtet haben.
Aber ich kann dazu keine weiterenn
Kommentare abgeben. Wir befinden unss
inmitten echter Verhandlungen.
Frage:
Dennoch besteht die Furcht,
,
daß ein Ausverkauf stattfindet.
Man
n
fürchtet, daß Sie einem Pakt zustimmen, der unter dem Feigenblatt derr
Wiederherstellung von Demokratie Noriega an der Macht läßt.
Antwort:

Ich

habe

all

das

Frage:
Nun, wenn Sie dazu
Stellung nehmen möchten...

nicht

Frage:
Herr Präsident, es hat auch
Anschuldigungen gegeben, wonach diese
Regierung von Drogengeschäften in Zusammenhang mit dem Contra-Nachschub
wußte - möglicherweise eine illegale
Operation zur Beschaffung von Nachschub für die Contras.
Können Sie
uns und den Kongreßausschüssen, die
diese Frage untersucht haben, versiehern, daß weder die Regierung noch
die CIA oder irgendeine andere Behörde dieser Regierung an Drogenschmuggel beteiligt waren, für den dieselben Flugzeuge benutzt wurden, die
Waffen für die Contras transportierten?
Und führen Sie Untersuchungen
durch - falls Sie nicht darüber Bescheid wußten -, um herauszufinden,
ob an diesen Behauptungen irgendetwas
wahr ist?
Antwort:
Alles, was
ich
darüber
wußte, bevor eine Anklage erhoben
wurde, die sich offensichtlich auf
ausreichendes Beweismaterial stützte
- daß früher Gerüchte aufgetaucht waren, wonach er Informationen über die
Situation in Mittelamerika lieferte wie ich glaube an unseren Nachrichtendienst CIA. Es gab Gerüchte über
mögliche Drogengeschäfte - aber niemand war je in der Lage, diesen Gerüchten Substanz zu verleihen.
Und
dann geschah dieses letzte Ereignis,
und es ist mir nicht klar, ob er gerade damit angefangen hatte oder ob
die ganze Sache schon länger lief.
Frage:
Aber es gibt weitere Anschuldigungen, denen
zufolge
diese
Regierung in Drogenschmuggel mit denselben Flugzeugen verwickelt ist, mit
denen Waffen an die Contras geliefert
wurden, ohne daß Noriega dabei eingeschaltet war.
Wußten Sie etwas davon? Ist irgendetwas davon wahr?

gelesen
- 3 -

�Antwort:
Nein.
Nein, das einzige,
das ich wußte, war, als wir durch
eine
Geheimoperation
herausfanden,
daß die Sandinisten Drogen aus ihrem
Land herausschmuggelten, und leider
wurde der Pilot des bei dieser Operation benutzten Flugzeuges kurz darauf
in einer amerikanischen Stadt niedergeschossen. ..
Frage:
Aber Sie gehen diesen
sten Anschuldigungen nach?
Antwort:

jüng-

Ja, das tun wir.

Frage:
Herr Präsident, wie können
Sie, wenn man ihre harte Linie zu Beginn der Entwicklung in Panama berücksichtigt - als Sie sagten, Noriega müsse außer Landes gehen und
daß die Dominikanische Republik dafür
nicht weit genug entfernt sei und unter Berücksichtigung unserer Anerkennung von Delvalle als Präsident - wie
können Sie irgendeinen Kompromiß eingehen, ohne dabei Ihre ursprünglichen
politischen Ziele aufzugeben?
Antwort:
Ihre Frage würde wiederum
zu etwas führen, was gegenwärtig diskutiert wird. Und ich kann Ihnen nur
sagen,
daß
wir
einfach
niemanden
reinwaschen werden.
Frage:
Herr Präsident, Sie haben
wiederholt verneint, daß die Astrologie irgendeine Rolle bei der Festlegung der Politik gespielt habe, aber
Sie sind der Frage ausgewichen, ob
sie eine Rolle bei der Festlegung von
Terminen gespielt hat. Neben Mr. Regan hat eine Reihe von Mitarbeitern
angedeutet, daß Astrologie Einfluß
auf die Terminplanung hatte, darunter
auch das Datum für die Unterzeichnung
des INF-Vertrages.
Warum haben Sie
so etwas zugelassen?
Antwort:
So etwas ist nicht geschehen.
Und diese ganze Geschichte
geht auf eine Geschichte zurück, bei
der gedruckt wurde, daß dies mit der
Terminierung einer meiner Operationen
zusammenhänge. Nun, es ist überhaupt
nichts von der Art geschehen.

Und
Sie wissen
auch, daß es
nichts damit zu tun hatte, als ich
als Gouverneur eingeführt wurde, daß
ich den Amtseid um Mitternacht ablegte - genauer, eine Minute nach Mitternacht. Als ich damals zum ersten
Mal zum Gouverneur gewählt wurde, begann der noch amtierende Gouverneur,
den ich besiegt hatte, verschiedene
befristete Stellungen und Richterposten zu besetzen. Dies nahm ein solches Ausmaß an, daß ich bei meinem
Amtsantritt eine völlig neue Regierung vorgefunden
hätte.
Nun, ich
konnte nicht viel daran ändern. Bis
zu meiner Einführung war er noch im
Amt.
ich fragte den Leiter meiner
Wahlkampagne, Bill Roberts, wann der
frühestmögliche
Termin
für
meinen
Amtsantritt
sei.
Und er erklärte
mir:
"Eine Minute nach Mitternacht
am Abend vor der feierlichen Einführung." Und ich erwiderte: "Ich werde eine Minute nach Mitternacht meinen Eid ablegen." So geschah es dann
auch, und so konnte ich zumindest
einen halben Tag früher die Besetzung
von Ämtern stoppen, weil ich ihm dazu
keine Zeit mehr ließ, denn am nächsten Nachmittag wurde ich in mein Amt
eingeführt.
Frage:
Wir
sprechen
von
einigen
bestimmten
Vorfällen.
Bestreiten
Sie, daß weder Sie noch Mrs. Reagan
zu irgendeiner Zeit hier im Weißen
Haus mit Hilfe der Astrologie Termine
für Reisen oder die Unterzeichnung
des INF-Vertrages festgesetzt haben?
Ich muß sagen, daß dies dem widerspricht, was uns von vielen ihrer Berater gesagt wurde.
Antwort:
Nun, ich kann ihnen nur
erzählen, daß ich nach den Schüssen
auf mich, die sicherlich eine traumatische Erfahrung für meine Frau bedeuteten ...
Frage:

Und für Sie.

Antwort: ... Nein, ich war zuversichtlich, daß ich mich wieder erholen würde. Außenstehende können das
nicht wissen. Aber ein Freund - sie
bekam damals viele Anrufe von Freun-

- 4 -

�den - ein Freund rief an und sagte,
er hätte sich gewünscht, vorher gewußt zu haben, was ich an diesem Tag
unternehmen wollte und er erwähnte
jemand, der gesagt habe, das alle
Zeichen schlecht gewesen seien u.s.w.
Und Nancy litt unter diesem Trauma, das nicht so leicht zu überwinden
war, und so kam es für eine kurze
Zeit, daß sie bei ähnlichen Terminen
wie dem, bei dem ich angeschossen
wurde, fragte, wie es denn aussehe.
Aber es wurden niemals irgendwelche
Änderungen vorgenommen.
Frage:
Aber warum die
nung des INF-Vertrages?
Antwort:

Unterzeich-

Wie bitte?

Frage:
Warum ein
Unterzeichnung ...

Ereignis

wie

die

Antwort:
Hein, die war davon nicht
betroffen.
Das
war
wiederum
nur
Schall und Rauch, und wir haben keine
Entscheidungen auf dieser Grundlage
getroffen, wir stellen unser Leben
nicht darauf ab.
Ich möchte aber
niemanden
beleidigen,
der
daran
glaubt oder sich ernsthaft damit beschäftigt. ..
Frage:

Glauben Sie daran?

Antwort:
Ich
lasse
mein
Leben
nicht davon leiten, aber ich kann die
Frage auch nicht verneinen, weil ich
zu wenig darüber weiß, um zu entscheiden, ob wirklich etwas daran ist
oder nicht.
Frage:
Glauben sie daß der Mordanschlag gegen sie hätte verhindert
werden können?
Antwort:
Nein, dieser Freund dachte, daß dies für mich ein denkbar
schlechter Zeitpunkt war, daß ich etwas hätte tun können - nun, wir taten
nichts.
Frage:
Herr Präsident, Sie haben
oft von ihrem Glauben an die Integrität und Ehrlichkeit Ihres Justizmini-

sters gesprochen.
Ich möchte dazu
noch eine andere Frage stellen: Sind
Sie nicht der Ansicht, daß all diese
Rücktritte
und
die
Schwierigkeit,
diesen Posten zu besetzen und die Angriffe aus so vielen Richtungen
selbst wenn er ein Mann von Integrität und Fähigkeiten ist -, meinen Sie
nicht, daß er die Arbeit des Justizministeriums blockiert und ist das
nicht Grund genug für ihn, zurückzutreten?
Antwort:
Nein, denn ich bin der
Ansicht, daß es seit einiger Zeit
eine Tendenz gibt - und das gilt
nicht nur für ihn, auch für andere -,
derzufolge Anschuldigungen oder Behauptungen als Verurteilung aufgefaßt
v/erden.
Und es gab davon viel zu
viel. In diesem unserem Land ist man
unschuldig, solange man nicht ohne
jeden Zweifel für schuldig befunden
wird.
Und nichts ist bewiesen worden. Weiterhin werden diese Anschuldigungen erhoben. Dies traf auch auf
andere zu. Das galt für Ray Donovan,
und sein bissiger Satz paßt meiner
Meinung
nach zu dieser Situation.
Als er gänzlich von jeder Schuld
freigesprochen wurde, sagte er: "Wer
wird mir meinen Ruf zurückgeben?"
Dies
gilt
auch
für
Beggs,
der
schließlich aufstand und von seinem
NASA-Posten zurücktrat - aufgrund von
Dingen, die er angeblich vor seinem
Eintritt in den Staatsdienst getan
hatte -, und er wurde von allen Anschuldigungen freigesprochen. Es gab
nicht den geringsten Beweis für irgendeine dieser Anschuldigungen.
Frage:
Erklären Sie also, daß Mr.
Meese im Amt bleiben sollte, falls
gegen ihn keine Anklage erhoben wird?
Oder kann es geringfügigere Anschuldigungen geben, die zu einer Anklage
nicht ausreichen und trotzdem Grund
für seinen Rücktritt wären?
Antwort:
Meiner Ansicht nach würde
sein Rücktritt bedeuten, daß er, wie
er selbst einmal gesagt hat, in diesem Fall der Rest seines Lebens von
dieser
Angelegenheit
überschattet
würde, ohne daß jemals irgendetwas

- 5 -

�bewiesen wurde.
Frage:
Noch eine Frage zu Noriega.
Die Kombination von Sanktionen und
Verhandlungen ist schon seit geraumer
Zeit
angewandt
worden,
und
es
scheint, als sähen die Vereinigten
Staaten
dabei
zunehmend
schwächer
aus. Sind Sie nicht etwas ärgerlich
darüber, daß es Noriega gelungen ist,
die Vereinigten Staaten zu erniedrigen und bloßzustellen?
Antwort:
Nun, wir hatten gehofft,
daß wir es dem Volk Panamas selbst
ermöglichen könnten, Druck auszuüben
und etwas zu tun. Ich nehme an, die
Tatsache, daß sie dabei mit ihren
eigenen
Streitkräften
konfrontiert
wurden, die bereit waren, auf sie zu
schießen, hat ihren Elan gedämpft.
Wir verhandeln weiter, und unser Ziel
bleibt dasselbe.
Frage:
Xrgern Sie sich nicht über
die Tatsache, daß die Vereinigten
Staaten ein so schwaches Bild abgegeben haben, als sie sich gegen diesen
Mann wandten?
Antwort:
Es tut nichts zur Sache,
ob ich ärgerlich bin oder nicht. Zur
Situation in Panama kann ich keinen
Kommentar über die laufenden Verhandlungen abgeben.
Zu gegebener zeit
werde ich eine eingehende Erklärung
an das amerikanische Volk richten.
Frage:

schließungen, die nicht in dieses
Handelsgesetz passen und daß Sie es
andernfalls unterstützen würden.
Antwort:
Das ist der Hauptpunkt.
Es gibt da andere Dinge, von denen
ich nicht glaube, daß sie hilfreich
sind oder auch nur dahingehören. Es
ist zur Gewohnheit geworden, allen
Gesetzen im Kongreß im Interesse einzelner Staaten liegende Bestimmungen
anzufügen. Und das trifft auch hier
zu. Das ist der Hauptpunkt.
Und all meine Amtskollegen aus
anderen Ländern - die Staats- und Regierungschefs der Länder, zu denen
wir Handelsbeziehungen unterhalten haben mich beim Wirtschaftgipfel zum
"amerikanischen Wunder" befragt. Ich
habe bei der Beantwortung ihrer Fragen festgestellt, daß sie selbst bedauern, wie sehr die staatlichen Regulierungen und Vorschriften in ihren
Ländern sowie die Regeln für Beschäftigungsverhältnisse
sie hemmen und
ihnen die Art von wirtschaftlicher
Erholung versagen ...
Frage:
Sind
batschow?

Sie

bereit

Frage:
Hat Regan ihren Ruf
digt, Herr Präsident?
Antwort:
Ich mache
über seinen Ruf.

mir

Wird das bald geschehen?

Antwort:
das.

Ich

wünschte,

ich

wüßte

Frage:
Herr Präsident, wie stark
sind Sie verletzt worden durch ...
Frage:
Haben
für Don Regan?

Sie

eine

für

Botschaft

Frage:
Manche behaupten, Herr Präsident, wenn der Kongreß ungeachtet
ihres Vetos für das Handelsgesetz
stimmen würde, hätte es einen ähnlichen Effekt wie Smoot-Hawley.
Warum
sagt die Regierung jetzt, es seien
nur die Bestimmungen über Firmen- 6 -

* * * * *

eher

Gor-

geschä-

Sorgen

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

18. Mai 1988

19

SHÜLTZ:

INF "VORTEILHAFT" Für VEREINIGTE STAATEN UND NATO

- Erklärung vor dem Auswärtigen Ausschuß des US-Senats -

WASHINGTON - (AD) - Außenminister Shultz hat in einer Erklärung vor dem
Auswärtigen Ausschuß des US-Senats am 16. Mai den Senat aufgefordert, den Vertrag zur Abschaffung der Mittelstreckenraketen (INF) mit der Sowjetunion zu
ratifizieren. Er nannte die Übereinkunft "vorteilhaft" für die NATO und die
Vereinigten Staaten. Des weiteren betonte der Minister, daß der Vertrag "in
unserem Sicherheitsinteresse liegt". Er "beseitige "ein fü'r alle Male" eine
atomare Bedrohung durch die Sowjets, mit denen die NATO-Verbündeten wie auch
"unsere Freunde und Verbündeten im Pazifik" konfrontiert waren.
Nachfolgend bringen wir die Erklärung im Wortlaut:
Dies ist das dritte Mal, daß ich
mich vor diesem Komitee für den INFVertrag ausspreche. In den zwei Monaten, seit ich das letzte Mal hier
erschien, hat sich die Diskussion
über den Vertrag häufig auf Detailfragen konzentriert, insbesondere auf
einige spezielle Einzelheiten der Verifizierungsregelung.
In
Zusammenhang mit der Diskussion über die
technische Durchführung wurde klar,
daß es erforderlich war, sicherzustellen, daß die Sowjets ihre vertraglichen Verpflichtungen verstanden
und anerkannten.
In einigen Fällen
mußten Fragen geklärt werden, die in
Zusammenhang mit der Anwendung dieser
Verpflichtungen aufgetaucht waren.

und

Zusammen
definierten der Senat
die Administration neun Schlüs-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

selfragen
zur
Durchführung.
Ich
freue mich, berichten zu können, daß
wir alle neun Fragen zu unserer Zufriedenheit gelöst haben, wie in dem
von den Vertragsparteien vergangene
Woche in Genf vereinbarten Dokument
niedergeigt ist.
Während der Senat sich nun anschickt, diesen Vertrag zu debattieren, hoffe ich jedoch, daß sich das
Interesse nicht nur auf die Einzelheiten konzentriert, die wir gerade
diskutiert haben. Ich hoffe, die Debatte wird die Vorzüge des Vertrages
insgesamt zum Gegenstand haben. Wie
ich bei meinem letzten Erscheinen
hier erklärt habe, "gibt es eine
grundlegende Frage, zu deren Beantwortung sie aufgerufen sind, wenn sie
diesen oder jeden anderen Rüstungs-

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�kontrollvertrag in Betracht ziehen:
Liegt er im Sicherheitsinteresse der
Vereinigten Staaten?"

setzungen sei. Sie bekräftigten diese Einschätzung während der sechsjährigen Verhandlungen.
Auch heute ist
ihre Haltung dieselbe.

INF und NATO

Nur die Vereinigten Staaten und
die
Sowjetunion
sind
unmittelbare
Vertragspartner.
jedoch
betrachten
unsere Verbündeten - die so viel getan haben, um diesen Vertrag herbeizuführen - ihn auch als ihren Vertrag.

Ich habe damals gesagt und wiederhole heute, daß dieser Vertrag in
unserem
Sicherheitsinteresse
liegt.
Die im NATO-Bündnis verankerte kollektive Sicherheitsverpflichtung ist
seit 1949 ein grundlegender Bestandteil unserer nationalen Sicherheit.
Dieser Vertrag beseitigt ein für alle
Male eine atomare Bedrohung durch die
Sowjets, mit der unsere NATO-Verbündeten - und, wie ich hinzufügen möchte, unsere Freunde und Verbündeten in
Asien und dem Pazifik - über dreißig
Jahre lang konfrontiert waren. Dieser Vertrag stärkt die NATO.
Indem
er dies tut, stärkt er die Sicherheit
der Vereinigten Staaten.
Der Vertrag stellt das erfolgreiche Ergebnis einer Strategie dar,
die von der NATO im Dezember 1979
verabschiedet wurde. Das Bündnis war
damals mit der Bedrohung eines wachsenden Ungleichgewichts zwischen NATO
und Warschauer Pakt bei den INF-Raketen konfrontiert - schlaglichtartig
gekennzeichnet durch die Stationierung der SS-20. Das Bündnis verständigte sich auf eine Handlungsweise
zur Verminderung dieses Ungleichgewichts:
ein Programm amerikanischer
Stationierungen in Europa und ein Angebot amerikanisch-sowjetischer Verhandlungen
zur
Schaffung
eines
Gleichgewichts auf niedrigstmöglichem
Niveau.
Wir waren erfolgreicher als wir
im Jahr 1979 zu hoffen gewagt hatten.
Wir haben das Ungleichgewicht bei den
INF-Raketen nicht nur reduziert, wir
haben es beseitigt.
Als Präsident
Reagan 1981 die Null-Lösung für INF
vorschlug - mit einhelliger Unterstützung des Senats, wie ich vorhin
schon feststellte -, stimmten unsere
Verbündeten zu, daß dies der bestmögliche Weg zur Erlangung der von der
NATO im Jahr 1979 aufgestellten Ziel-

Als ich das letzte Mal vor Ihnen
gesprochen habe, beschrieb ich die
einhellige Unterstützung, die diesem
Vertrag auf dem NATO-Gipfel im März
zuteil wurde. Seither sind die Verteidigungsminister der NATO in Brüssel zu einer der regelmäßigen Sitzungen der Nuklearen Planungsgruppe zusammengekommen.
Sie hätten ihre Ansichten zu diesem Vertrag nicht eindeutiger zum Ausdruck bringen können.
Lassen Sie mich aus ihrem Kommunique
zitieren.
•Das kürzlich zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
abgeschlossene INF-Abkommen ist ein
Meilenstein
in unseren Bemühungen,
einen sichereren Frieden auf niedrigerem Rüstungsniveau
zu erreichen.
Die Erlangung dieses seit langem bestehenden Rüstungskontrollziels
der
NATO wurde durch die Solidarität und
Entschlossenheit der Bündnismitglieder ermöglicht. Wir sehen dem baldigen
Inkrafttreten dieses Abkommens
erwartungsvoll entgegen."
Als ich mich auf dem Rückweg von
Genf am vergangenen Freitag im Brüsseler NATO-Hauptquartier mit meinen
Amtskollegen
traf,
stellten
diese
klar, daß sie die gleiche Auffassung
vertreten.

Beibehaltung des Kurses:
rungen und Verhandlungen

Stationie-

Wie
die
Verteidigungsminister
feststellten, war die Erlangung dieses Ziels nicht einfach. Wir hätten
in den Verhandlungen nichts erreicht,
wenn wir nicht die notwendigen Maß-

- 2 -

�nahmen zur Bewahrung unserer Sicherheit ergriffen hätten. Die NATO hatte den Mut, ihrer Überzeugung treu zu
bleiben und die verabredete Stationierung der amerikanischen Pershing
II und Marschflugkörper auch angesichts
enormen
politischen
Drucks
durchzuführen.
Diese Stationierungen
bildeten den unerläßlichen Grundstein
für unseren Erfolg in Genf. Die Ratifizierung dieses Vertrags wird unsere Freunde bestätigen, insbesondere
in den
INF-Stationierungsländern
die Bundesrepublik Deutschland, Italien, Großbritannien, Belgien und die
Niederlande -, die auch in schwieriger Lage zu ihren Verpflichtungen
standen.
Die Stationierungen waren grundlegend. Aber sie allein konnten keinen guten Vertrag garantieren.
Die
Umsetzung
eines strategischen Konzepts in präzise Details erforderte
Festigkeit, Geduld und harte Arbeit
am Verhandlungstisch, um dem Mut und
der Standhaftigkeit unserer Verbündeten ebenbürtig zu sein.
Botschafter
Nitze begann mit der Arbeit, die Botschafter
Glitman als Mitglied der
NST-Delegation unter Leitung von Botschafter Kampelman später zu einem
erfolgreichen Ende führte.
In der
ganzen Zeit hat der Kongreß unsere
Bemühungen
für die Stationierungen
als auch bei den Verhandlungen vollständig unterstützt, auch mit Hilfe
der Beobachtergruppe des Senats.

Errungenschaften des INF-Vertrags
Das Ergebnis ist der Vertrag, den
der
Präsident
und
Generalsekretär
Gorbatschow im vergangenen Dezember
hier in Washington unterzeichnet haben.
Er entspricht den von uns und
unseren
Verbündeten
aufgestellten
Kriterien:
- Gleiche Rechte und Begrenzungen;
- Begrenzungen nur von amerikanischen und sowjetischen Systemen;
-

weltweite

Begrenzungen,

wobei

keine Verschiebung der Bedrohung von
Europa nach Asien oder umgekehrt zulässig ist;
- keine nachteiligen Auswirkungen
auf die konventionelle Verteidigung
der NATO und
- wirksame Verifizierung.
Der Vertrag schützt Optionen für
die Zukunft, während die NATO sich
anschickt, ein glaubwürdiges atomares
Abschreckungspotential
beizubehalten
und ihre Strategie der flexiblen Reaktion weiterzuführen.
Er betrifft
nicht die bestehenden Strukturen der
Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten oder die zukünftige Kooperation
bei der Modernisierung.
Er stellt
wichtige Präzedenzfälle für die weitere Verfolgung unsere anderen Rüstungskontrollprioritäten
auf.
In
dieser Hinsicht betonten die Staatsund Regierungschefs beim NATO-Gipfel
die asymmetrischen Reduzierungen sowie die einschneidenden Verifizierungsbestimmungen
des Vertrags als
besonders bedeutende Präzedenzfälle.

Reduzierungen und Verifizierung
Diese spiegeln zwei der vom Präsidenten bei seinem Amtsantritt erklärten Hauptziele wider.
Eines bestand darin, das Zeitalter zu beenden, in dem Rüstungskontrolle lediglich eine Leitlinie für die wachsende
Zahl von Atomwaffen darstellte und
einen Prozeß von Verhandlungen über
die Reduzierung von Atomwaffen zu beginnen. Das andere Ziel war die Anhebung der Normen für die Verifizierung, unter anderem dadurch, daß man
es den Sowjets nicht länger gestattete, das Ansinnen von Inspektionen vor
Ort einfach mit "Nein" zu beantworten.
Bei diesen wichtigen Punkten
ist es dem Präsidenten gelungen, die
Sowjets zur Beschäftigung mit unserem
Programm im Bereich der Rüstungskontrolle zu veranlassen.
Die Tatsachen in bezug auf die
durch den INF-Vertrag herbeigeführten

- 3 -

�Reduzierungen sind inzwischen wohlbekannt.
Die Sowjets werden Raketen
zerstören müssen, die in der Lage
sind, fast viermal so viele Gefechtsköpfe zu tragen, wie die von uns zu
vernichtenden stationierten Raketen.
Ich möchte etwas ausführlicher
über den anderen Punkt sprechen, auf
den die Spitzenpolitiker der NATO näher eingegangen sind - die Verifizierungsregelung
des Vertrages.
Die
Verbündeten wissen, wovon sie in diesem Zusammenhang reden: vieles von
dieser Regelung findet auf ihrem Territorium Anwendung. Ebenso wie der
INF-Prozeß sich in seinem gesamten
Verlauf auf Bestrebungen des Bündnisses zurückführen läßt, tragen unsere
Verbündeten zur Verwirklichung der
Verifizierungsregelung bei. Sie unternehmen mit ihrer Legislative und
Exekutive die notwendigen Schritte,
um sicherzustellen, daß wir alle mit
dem Vertrag in Zusammenhang stehenden
Aktivitäten durchführen können, die
auf dem Territorium der Verbündeten
stattfinden. Der Deutsche Bundestag
sprach sich einstimmig für die Durchführung dieser Maßnahmen aus.
Ich wie auch andere haben diesem
Ausschuß wie auch dem Streitkräfteausschuß und dem Geheimdienstausschuß
Einzelheiten zu dieser Regelung vorgetragen. Es ist die detaillierteste, umfassendeste und wirkungsvollste in der Geschichte der Rüstungskontrolle.
Mit diesem Vertrag eröffnen wir
neue Horizonte. Die Vor-Ort-Inspektion ist bei den amerikanisch-sowjetischen
RüstungskontrollVerträgen
über
Nuklearwaffen
ein
wichtiger
Schritt nach vorn. Wir sollten nicht
überrascht sein, wenn dieser Prozeß
nicht immer glatt abläuft. Genau aus
diesem Grund haben wir noch vor dem
Inkrafttreten des Vertrages Gespräche
mit den Sowjets darüber aufgenommen,
wie wir genau die vereinbarten vorgehensweisen durchführen würden.
Wenn
Meinungsverschiedenheiten
zutage traten, haben wir diese beige-

legt. Einige dieser Probleme konnten
auf Expertenebene gelöst werden, andere fanden auf höherer Ebene Aufmerksamkeit. Wie ich bereits erwähnte, haben wir vergangene Woche während meiner Zusammenkunft mit dem
sowjetischen Außenminister Schewardnadse die neun wichtigsten technischen Details im System der Vor-OrtInspektion geklärt.
Um die reibungslose Durchführung
des Vertrages zu gewährleisten, werden wir natürlich mit den Sowjets
weiterhin Gespräche über Verwaltungsfragen führen, etwa zu Einzelheiten
der Unterbringung von Personal. Zusätzliche technische Gespräche, die
bereits verabredet waren, werden diese Woche in Wien aufgenommen.
Aber ich kann ihnen heute mitteilen, daß wir als Ergebnis der gerade
beendeten Gespräche in Genf mit den
Sowjets in bezug auf die in diesem
Vertrag
niedergelegten Rechte und
Pflichten übereinstimmen.
Es gibt keine absolute hundertprozentige Verifizierung.
Aber es
ist unsere Ansicht, daß dieser Vertrag durch seine Abfolge von Vorgehensweisen die notwendigen Maßnahmen
für eine wirkungsvolle Verifizierung
enthält.
Das Ziel des Präsidenten
einer Null-Lösung bei INF zahlt sich
im Hinblick auf die Verifizierung
aus. Das wichtigste ist, daß die Verifizierungsbestimmungen dieses Vertrages dies hervorbringen.

Andere Problembereiche: Waffensysteme der Zukunft und Fragen der Interpretation
Im Verlauf der Betrachtung des
Vertrages durch den Senat wurde eine
Frage aufgeworfen, die über die Verifizierung hinausgeht.
Ich beziehe
mich hier auf das Problem der sogenannten "Waffensysteme der Zukunft".
Die Frage ist, ob alle landgestützten
Marschflugkörper
und
ballistischen
Raketen, die als Trägersysteme der
von diesem Vertrag abgedeckten Reich-

- 4 -.

�weiten fungieren, abgeschafft würden,
einschließlich derer, die "Waffensysteme der Zukunft" transportieren.
Die Regierung vertritt die Ansicht im
Zusammenhang mit der Bilanz der Verhandlungen und angesichts des internationalen Gewohnheitsrechts wie es
sich in der Wiener Konvention zum
Vertragsrecht
widerspiegelt, demonstriere der Vertragstext die bestehende Vereinbarung beider
Parteien
über
ein
Verbot
solcher
Systeme.
Nach Konsultationen mit dem Senat haben wir diese Tatsache vergangene Woche in Genf mit einem formellen Austausch diplomatischer Noten bestätigt.

Präsidenten seine Zustimmung zur Ratifizierung dieses Vertrages zu geben, ohne Zusätze oder Bedingungen.

Es gibt noch eine letzte Frage zu
diesem Vertrag, auf die ich eingehen
sollte.
Das ist der Wunsch einiger
Senatoren, der Resolution über die
Zustimmung zur Ratifizierung eine Bedingung anzufügen, mit der die Autorität des Präsidenten zur Interpretation von Verträgen eingeschränkt würde.
Ich bin sicher, daß Ihnen allen
die Gründe klar sind, aus denen wir
uns einer solchen Bedingung widersetzen.
Die Erklärung von Regierungsmitgliedern
innerhalb
ihrer Verfügungsgewalt ist maßgeblich.
Unserer
Ansicht nach sollten Sie es nicht gestatten, daß
der
INF-Vertrag
zum
Spielball in einer Diskussion über
verfassungsrechtliche
Fragen
wird,
sondern sie sollten den vertrag aufgrund seiner eigenen Vorzüge betrachten.

Zusammenfassung
Ich habe in meiner heutigen Erklärung kurz und in anderen Vorträgen
detaillierter die Vorzüge des Vertrages beschrieben. Der Vertrag ist auf
die Führungsrolle des Präsidenten zurückzuführen, aber er ist ebenfalls
eine bedeutende Leistung beider Parteien wie auch ein Zeugnis der Stärke
und Entschlossenheit des NATO-Bündnisses.
Er ist sowohl für die NATO
als auch die Vereinigten Staaten vorteilhaft.
Ich bitte den Senat, dem
- 5 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

4

18. Mai 19i58

19

SHÜLTZ:

TECHNISCHE PROBLEME DER VERIFIZIERUNG VON INF GELÖST

- Erklärung des amerikanischen Außenministers in Genf -

GENF - (AD) - Die noch verbleibenden Problenbereiche beim amerikan_schsowjetischen Vertrag zur Abschaffung von Mittelstreckenraketen (INF) sind "auf
völlig zufriedenstellende Art und Weise" abgehandelt worden, erklärte Außenminister Shultz am 12. Mai nach Abschluß seiner Gespräche mit dem sowjetischen
Außenminister Schewardnadse.
Nachfolgend veröffentlichen wir die anläßlich einer Pressekonferenz abgegebene Erklärung:

Wir haben gerade ein Ministertreffen beendet, mit dem im wesentlichen die Vorbereitungen zum Gipfel
weitergeführt
werden sollten.
Wir
sind übereingekommen, daß es sich
hierbei um eine nützliche, notwendige
und produktive Zusammenkunft handelte. Und meiner Ansicht nach liegt es
auf der Hand, daß dieses Gipfeltreffen selbst sehr interessant werden
wird:
es wird eindrucksvoll sein,
umfangreiche Leistungen widerspiegeln
und es wird eine gute Gelegenheit
bieten, um vorausschauend in die Zukunft zu blicken.
Beim
Ministertreffen
haben wir
all
die Problembereiche
abgedeckt,
die wir normalerweise
behandeln
meiner Ansicht nach mit gutem Ergebnis. Wir haben unsere Gespräche über

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Menschenrechte fortgeführt.
Es war
die Sache wert, denn wir haben aus
der
Sowjetunion
interessante
neue
Ideen vernommen. Wir haben über das
Wiener KSZE-Treffen gesprochen, und
ich hoffe, wir konnten bei den Gesprächen über die Menschenrechtsaspekte dieser Konferenz ebenso wie in
unserer
Diskussion über konventionelle Waffen konstruktive Impulse für
das geben, was gegenwärtig in Wien
verhandelt wird - wie wir es auch bei
anderen Gelegenheiten getan haben,
bei denen wir Fragen abhandeln, für
deren Lösung wir uns in multinationalen Foren einsetzen.
Wir sind vor
einigen Monaten in Moskau übereingekommen, daß wir beide auf einem ausgewogenen Ergebnis bestehen werden,
und wir arbeiten weiter an allen
Teilbereichen der Wiener Verhandlun-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gen.
Im Bereich der Rüstungskontrolle
haben wir unsere Diskussionen über
strategische Waffen und Verteidigung
im Weltraum fortgeführt. Meiner Ansicht nach sollte man fairerweise erwähnen, daß wir in einzelnen Bereichen kleine Portschritte erzielt haben.
Und ich denke, wenn wir uns
alle die Dinge vergegenwärtigen, die
getan worden sind und all das, was
erreicht wurde, können wir sehr stolz
darauf sein.
Gleichzeitig ist es
jetzt klar, daß keine Möglichkeit besteht, aus diesen Fragen bis zum Gipfel einen Vertragstext zu formulieren. Beide Seiten sind jedoch entschlossen, daran bis zum Gipfel und
beim Gipfel weiterzuarbeiten, und ich
bin sicher, daß beim Gipfeltreffen
Vereinbarungen getroffen werden, um
diesen Verhandlungen Auftrieb zu verleihen. Sie werden fortgeführt.
Früher oder später wird es in
diesen Bereichen Übereinkünfte geben,
und diese Vereinbarungen werden auf
der umfangreichen Arbeit aufbauen,
die geleistet worden ist, und es ist
- wenigstens unserer Ansicht nach umso besser, je eher diese Dinge vereinbart werden.
Wir haben einige Gespräche über
INF geführt, inbesondere auf Expertenebene. Wie Sie wissen, haben uns
Botschafter Glitman und eine Arbeitsgruppe begleitet. Er hat gemeinsam
mit seinem sowjetischen Amtskollegen
diese Bereiche bearbeitet, und wir
haben eine sogenannte diplomatische
Note über zukünftige Waffensysteme
unterzeichnet, die diesen Bereich
meiner Ansicht nach auf vollständig
zufriedenstellende Art und Weise abhandelt. Sie steht in völligem Einklang mit der vor einiger Zeit abgegebenen Erklärung Botschafter Glitmans zu diesem Thema und schreibt
einzelne Bereiche sorgfältig fest.
Wie Sie wissen, haben die Botschafter
Kampelman und Karpow diese Note heute
nachmittag unterzeichnet.
Und

dann

gab

es

neun

weitere

Problembereiche, die als Ergebnis der
Diskussionen zwischen den am Prozeß
der Vertragsdurchführung Beteiligten
zutage traten, und wir haben in all
diesen Bereichen eine vollständig zufriedenstellende
Übereinkunft
erzielt. Was INF betrifft, war dies
ein sehr lohnenswertes Unterfangen.
Ich sollte darauf hinweisen, daß
General Powell und Botschafter Glitman heute abend nach Washington zurückkehren, und sie werden den betreffenden Senatoren darüber direkt
Bericht erstatten, so daß ihnen die
entsprechenden Informationen zugänglich sind, wenn sie den INF-Vertrag
erwägen.
Im Bereich der Atomtests haben
wir, wie Sie wissen, seit einiger
Zeit stetige Fortschritte erzielt.
Die Unterlagen über das gemeinsame
Verifizierungsexperiment sind in ihren Grundzügen vorbereitet. Es ist
erstaunlich, welche Bedingungen erfüllt werden müssen, um das sorgfältig und gut zu tun, aber so wird es
nun einmal gemacht. Nur um eine Vorstellung über den Umfang zu vermitteln: Im Abkommen sind etwa 160 Seiten der Durchführung dieser gemeinsamen Verifizierungsexperimente gewidmet, dazu kommen 37 Anhänge, und
alles außer Kleinigkeiten in drei Anhängen ist abgeschlossen.
Aber es
geht gut voran. In der Zwischenzeit
arbeiten beide Seiten an den Experimenten, und sie leisten die Arbeit im
Einklang mit dem, was im Grunde hier
in Form von Abkommen festgehalten
wird.
Wir sind zuversichtlich, daß diese Unterlagen bis zum Gipfel unterzeichnungsreif sein werden. Es ist
ebenso vereinbart worden, daß wir ein
neues Protokoll zum Vertrag über
Atomexplosionen zu friedlichen Zwekken (PNET) von 1976 erstellen, und
unserer Ansicht nach ist es sehr wohl
möglich - oder wahrscheinlich -, daß
wir in der Lage sein werden, dieses
neue Protokoll rechtzeitig zum Gipfel
untersehriftsreif
fertigzustellen.
Das ist nicht sicher, aber wahr-

- 2 -

�scheinlich.
Im Bereich der chemischen Waffen
haben wir weitere Gespräche geführt,
die wir auch weiterhin vorantreiben
werden, und ich bin sicher, daß wir
bis zum Gipfel zu diesem Thema Interessantes beizusteuern haben.
Wir haben eine Reihe von neuen
Fragen aufgeworfen oder zumindest die
Aufmerksamkeit der Sowjets darauf gelenkt.
Es bleibt abzuwarten, welche
Richtung unsere gemeinsamen Gespräche
nehmen werden, aber wir haben unserer
Sorge über die Weiterverbreitung der
Technologie
ballistischer
Raketen
Ausdruck verliehen.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß genau zu dem Zeitpunkt, an
dem die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion vereinbaren, auf die Produktion und den Besitz ballistischer
Raketen
bestimmter
Reichweiten
zu
verzichten, andere Länder diese herstellen, vertreiben und stationieren.
Wir müssen die Weiterverbreitung ballistischer Raketen - und ich
denke, außer uns beiden auch andere
Länder der Welt - zu unserem Anliegen
machen.
Wir haben dieses Thema aufgegriffen und hoffen, es weiter zu diskutieren. Und ich bin sicher, Sie sind
sich der Tatsache bewußt, daß wir gemeinsam mit den sieben Ländern, mit
denen wir beim Wirtschaftsgipfel zusammenkommen werden, ein System zur
Kontrolle der Technologie ballistischer Raketen erarbeitet haben. Meiner Ansicht nach wird es wichtig
sein, dies im Hinblick auf diejenigen
auszuweiten, die sich daran halten
werden. Wir haben ebenfalls die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit gelenkt, noch vor dem Inkrafttreten eines START-Abkommens, Äußerungen über
vertrauensbildende
Maßnahmen,
unter
ihnen Mitteilungen
über Teststarts
machen zu können.
Im Bereich der bilateralen Fragen
haben wir Dinge abgehandelt, die vereinbart wurden oder kurz vor der Ver-

einbarung stehen - und möglicherweise
können diese Dinge rechtzeitig zum
Gipfel abgeschlossen werden. Es gibt
einige wichtige Vereinbarungen, die
möglicherweise dort abgehandelt werden. Eine davon betrifft die wissenschaftliche
Grundlagenforschung
und
eine andere das Verkehrswesen.
Der
Bereich des Kulturaustausches ist gut
abgedeckt und könnte erneut aufgegriffen werden. Es können möglicherweise Fortschritte bei einem Fischereiabkommen erzielt werden.
Es gibt
eine Vereinbarung - mehrere Vereinbarungen - die unsere Küstenwache und
die
sowjetischen
Schiffahrtsbhörden
betreffen und solche Bereiche wie
Seenotrettung und Kontrolle der Umweltverchmutzung betreffen.
Bei den bilateralen Angelegenheiten werden viele Fortschritte erzielt, und sie bilden einen von vier
Bereichen, in denen wir an der Entwicklung unserer Beziehungen weiterarbeiten.
Im Bereich der regionalen Angelegenheiten haben wir kurz alle Bereiche behandelt, über die wir uns normalerweise austauschen - Afghanistan,
den Nahen Osten, Iran-Irak, Mittelamerika, das südliche Afrika, Äthiopien, die koreanische Halbinsel, Kambodscha. Es war in diesem Zusammenhang
lohnenswert, insbesondere
das
Augenmerk auf die Entwicklungen im
südlichen Afrika zu richten. Vor einer Woche fand eine sehr interessante
Zusammenkunft in London statt, an der
wichtige Betroffene teilnahmen, und
sowohl die Sowjetunion als auch wir
haben daran erhebliches
Interesse.
Wir haben vereinbart, daß unsere beiden
Experten,
Abteilungsleiter
Crocker und der stellvertretende sowjetische
Außenminister
Adamischin,
zusammenkommen sollen - bis jetzt
stehen Ort und Datum noch nicht fest,
aber wir wünschen uns ein Treffen
noch vor dem Gipfel - um in diesem
Bereich eine Bestandsaufnahme zu machen und nach Fortschritten zu suchen.

über

- 3 -

Schließlich haben wir Gespräche
die Dokumentation des Gipfels

�geführt. Wir möchten eine Möglichkeit entwickeln, um die Bereiche dieser Beziehungen seit den Genfer und
Washingtoner Gipfeltreffen festzuhalten, und hier erzielen wir Fortschritte. Das Ergebnis dieser Arbeit
wird, so hoffe ich, bis zum Gipfel
vorliegen.
Ich kann darüber nicht
viel mehr sagen, als daß hier Aktivitäten im Gange sind.
Wie ich bereits zu Beginn erklärt
habe, können wir meiner Ansicht nach
auf ein eindrucksvolles und gutes
Gipfeltreffen vorbereitet sein, und
diese Zusmmenkünfte waren sicherlich
produktiv und nützlich und tragen dazu bei, daß Portschritte erzielt werden.

* * * * *

- 4

�AMERIKA DIENST
^ r ^

*

Wissenschaft und Technik

18. Mai 1988

19

Neuer Tollwut-Impfstoff verbilligt die Behandlung
Ein Produkt der Gentechnik

- (AD) - Das amerikanische Wistar-Institut hat in Zusammenarbeit mit einer
französischen Biotechnik-Firma einen neuen Impfstoff gegen Wildtollwut entwikkelt. Das auf gentechnischen Wege gewonnene Produkt wird derzeit in Belgien
erprobt. Feldversuche in Frankreich sind noch in diesem Jahr vorgesehen. Gegenwärtig bemüht sich das Wistar-Institut um die Zustimmung des US-Landwirtschaftsministeriums, für erste Feldversuche in den USA und damit in Nordamerika überhaupt einige unbewohnte Inseln vor der Küste der amerikanischen Bundesstaaten Virginia oder South Carolina benutzen zu können.
Nach neuesten Erkenntnissen hat
sich in den letzten drei Jahrzehnten
Wildtollwut in den Vereinigten Staaten
verdreifacht.
Fledermäuse,
Skunks
(Stinktiere) und Waschbären
sind dort in erster Linie die Überträger dieser gefährlichen Virusinfektion.
In Europa dagegen sind es
die
Füchse, in Entwicklungsländern
streunende und wildlebende Hunde. Im
Südosten der USA hat sich Tollwut unter Waschbären zu einer regelrechten
Epidemie entwickelt.
Wie Warren Cheaton vom Wistar-Institut berichtete, ist in vielen Teilen der Erde Tollwut "ein ernstes und
ständig zunehmendes Problem, insbesondere in Entwicklungsländern". Bei
der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
wurden 1981, dem letzten Jahr, für

United States Information Service
Embassy of the United States of America

das weltweite Statistiken vorliegen,
20 482 Todesfälle registriert.
Epidemiologen sind jedoch davon überzeugt, Cheston zufolge, daß sehr viel
mehr Menschen nach Kontakt mit dem
Speichel eines tollwütigen Tieres der
Krankheit zum Opfer fallen. Die tatsächliche Zahl der Todesfälle dürfte
zehnmal höher liegen, als nach Angabe
der WHO.
Da die Viren das zentrale Nervensystem befallen, ist eine Tollwut-Infektion wegen der sich ausbreitenden
Lähmung fast immer tödlich, wenn der
Betreffende nicht noch vor Auftreten
der ersten Krankheitssymptome geimpft
werden kann.
Hilary Koprowski, Direktor des Wistar-Instituts, verweist
darauf, daß der heute verwendete aus
Gewebekulturen
menschlicher
Zellen

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�gewonnene Heilimpfstoff außerordentlich kostspielig und in vielen Entwicklungsländern nicht verfügbar ist.
Der neue Impfstoff dagegen ist ebenso
wirksam wie erschwinglich.
Er enthält nicht die kompletten Tollwutviren, sondern nur einen - nichtschädlichen - Anteil davon, der aber das
Immunsystem des menschlichen Körpers
veranlaßt, Antikörper gegen die Erkrankung zu bilden, so daß sie nicht
zum Ausbruch komme.
Wichtig sei es, Tollwut "an der
Quelle", d.h. in der Tierwelt, zu bekämpfen, denn alle warmblütigen Tiere
können virusträger und damit Überträger von Tollwutviren sein.
Da der
neue Impfstoff auch oral verabreicht
werden kann, ist es möglich, ihn über
Köder an die Tiere zu bringen. Die
Köder sollen über Versuchsgebieten in
Beuteln
aus
Flugzeugen
abgeworfen
werden. Laborversuche haben gezeigt,
daß dieses Vakzin, in Köder injiziert,
Waschbären
und
Stinktiere
wirksam gegen Tollwut
immunisieren
kann.
Schon vor zwei Jahren hatte
die Pan-Amerikanische Gesundheitsorganisation mit Feldversuchen in Argentinien begonnen, um die Wirksamkeit
des
neuen
Impfstoffes
gegen
Tollwut bei Rindern zu testen, die in
Südamerika ein großes Problem ist.
Obgleich die Bildung von Antikörpern
bei den Tieren nachgewiesen wurde,
ließ die argentinische Regierung nach
einigen Monaten die Durchführung weiterer Versuche stoppen, offenbar weil
die Organisation versäumt hatte, sie
vorher davon zu unterrichten.

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan "zuversichtlich" über die Zustimmung des Senats zu INF&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz des Präsidenten&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Shultz: INF "vorteilhaft" für Vereinigte Staaten und NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung vor dem Auswärtigen Ausschuß des US-Senats&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Shultz: Technische Probleme der Verifizierung von INF gelöst &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des amerikanischen Außenministers &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;in Genf &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neuer Tollwut-Impfstoff verbilligt die Behandlung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Produkt der Gentechnik&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
VON

*

25.

20

Hai

L988

I N H A L T

DOKUMENTATION
Amerikanische Politik beim Gipfel ist auf Realismus und
Stärke gegründet
- Fernsehansprache Präsident Reagans anitdie Bündnispartnec Baker sieht positive Auswirkungen der Koordinierungsbemühungen
- Rede beim OECD-Ministertreffen HINTERGRUNDMATERIAL
ACDA-Chronologie der Verhandlungen über chemische Waffen
- Zusammenfassung der ACDA Probleme der Freizügigkeit
- Übersicht des Weißen Hauses Fünf Treffen Reagan-Gorbatschow beim Gipfel
- Das Programm des Gipfeltreffens Religiöse Rechte in der Sowjetunion
- Eine Übersicht Menschenrechte in der Sowjetunion
- Eine Übersicht DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Die Präsidentschaftswahlkampagne und Ihre Parallelen in der
Vergangenheit
- von Dom Bonafede * * * * *

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%

AMERIKA DIENST
Dokumentation

"^ '&lt;£

23. Mai 1983

20

AMERIKANISCHE POLITIK BEIM GIPFEL IST AUF
REALISMUS UND STÄRKE GEGRÜNDET
- Fernsehansprache Präsident Reagans an die Bündnispartner WASHINGTON - (AD) - In seiner am 24. Mai 1988 vom Fernsehsender Wor^.dnet
des US-Informationsamts (USIA) über Satellit ausgestrahlten Ansprache erklärte
Präsident Reagan, er begrüße "die Fortschritte, die wir iTI Bereich der Menschenrechte in der Sowjetunion beobachten konnten", fügte jedoch hinzu, die
Menschenrechtssituation "ist immer noch alles andere als gut. Die Politik der
Unterdrückung hält an". In seiner an die "anderen Demokratien der Welt am
Vorabend seiner Abreise zum Gipfeltreffen nach Moskau irit Generalsekretär
Gorbatschow" gerichteten Rede erklärte Reagan, "wir, die Vereinigten Staaten,
sind unsererseits zu einem nützlichen Gedankenaustausch bereit".
Nachfolgend bringen wir die Ansprache Präsident Reagans Lm Wortlaut.
Wie Ihnen sicherlich bekannt ist,
werde ich Washington morgen verlassen, um nach einem Zwischenaufenthalt
in Helsinki zum Gipfeltreffen mit Generalsekretär Gorbatschow nach Moskau
weiterzureisen. Es erschien mir angemessen, am Vorabend meines vierten
Zusammentreffens mit Generalsekretär
Gorbatschow einige Worte an die anderen Demokratien dieser Welt zu richten, mit denen wir den Traum von
Freiheit und Frieden teilen.
Zunächst möchte ich die Politik
erörtern, die zu diesem Gipfeltreffen
geführt hat, und die meiner Ansicht
nach in hohem Maße dazu beigetragen
hat, Freiheit und Frieden in der Welt
weiterzuverbreiten.
Von Anfang an hat unsere Admini-

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stration ?ine Politik gegenüber der
Sowjetunion angestrebt, die auf Realismus, einen vernüftigen Austausch
mit den Sowjets und auch auf Stärke
gegründet ist, insbesondere im Hinblick auf die Einheit des Westens.
Die sowjetische Führung spricht um den von ihr geprägten Begriff zu
verwenden - von einem "gemeinsamen
Haus Europa". Meiner Meinung nach
ist das wahre Heimatland Europas
eines, das von hehren Überzeugungen
definiert ist, dem Glauben an die geheiligte Freiheit des Einzelnen, an
die Bedeutung der Familie, an einen
gerechten und liebenden Gott und an
Demokratie.
Die atlantische Gemeinschaft ist
nicht nur ein militärisches Bündnis.

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�Denn sie ist aus Nationen zusammengesetzt, die sich der Demokratie und
dem freien Unternehmertum verpflichtet fühlen. Die atlantische Gemeinschaft ist auch nicht mehr nur auf
den Westen beschränkt. Denn die Gemeinschaft der demokratischen Nationen hat sich über den Atlantik hinweg
ausgebreitet und umschließt nun auch
Japan, Australien, die Philippinen,
Indien, zahlreiche Länder Lateinamerikas und in anderen Regionen der
Welt.
Bei den Gesprächen und Verhandlungen mit der Sowjetunion standen
die Vereinigten Staaten stets in engen Konsultationen mit dieser Gemeinschaft freier Nationen - mit unseren
Verbündeten im nordatlantischen Bündnis und anderen Freunden. Die NATO
selbst hat angesichts der ernsthaften
Herausforderungen Anfang der achtziger Jahre ihre Standhaftigkeit und
ihren Zusammenhalt unter Beweis gestellt.
Wir waren bereits Zeugen einer
historischen Errungenschaft: die Unterzeichnung des historischen INFVertrages beim Washingtoner Gipfel im
vergangenen Dezember.
Dieser Vertrag, mit dem zum ersten Mal in der
Geschichte eine gesamte Kategorie
amerikanischer und sowjetischer Nuklearraketen beseitigt -wird, wurde
durch die Solidarität und auch den
Mut der NATO ermöglicht.
Dieser Vertrag birgt auch eine
entscheidende Lehre für die Politik
des Westens gegenüber der Sowjetunion
und dem Warschauer Pakt, nämlich, daß
die freien Nationen ihre Ziele verwirklichen können, wenn sie fest dazu
stehen.
Bei der Durchführung des
Doppelbeschlusses von 1979 - der Entscheidung,
die
Stationierung
der
INF-Raketen voranzutreiben - hat das
Bündnis weder gezögert noch versagt.
Ebenso war man sich einig, die
durch die neu stationierten sowjetischen SS-20 Raketen entstandene Bedrohung zu beseitigen, und auch hier
hat das Bündnis keine Minute gezö-

gert. Als Ergebnis dessen wird die
SS-20 Bedrohung bald beseitigt, denn
die Sowjets hatten guten Grund, diese
SS-20 und andere Raketen abzuziehen,
die sie im Rahmen des INF-Verträges
abbauen müssen.
Jetzt wenden wir diese Lehren des
INF-Vertrages auf die Verhandlungen
zu einem Vertrag über den Abbau strategischer Fernwaffen an. Wir hoffen
auf den Abschluß eines START-Abkommens noch in diesem Jahr. Der Zeitplan wird jedoch von den Erfordernissen eines guten Vertrages diktiert
und nicht von irgendeiner willkürlich
gesetzten Frist.
Da wir aus einer Position der
Stärke heraus verhandeln, lassen wir
uns von einer realistischen Sichtweise darüber leiten, was in unseren Beziehungen zur Sowjetunion erreicht
werden kann und was die Sowjets
selbst erreichen wollen.
Wir erwarten keine unverzügliche
radikale Umgestaltung des sowjetischen Systems. Wir erwarten nicht,
eines Tages aufzuwachen und festzustellen, daß sich all unsere Probleme
in Nichts aufgelöst haben, weil unser
Gegner sich verändert hat.
Wir
müssen
weiterhin
unsere
Pflicht erfüllen, fest zusammenstehen
und wachsam sein, um Anreize für eine
neue sowjetische Politik zu schaffen,
die sich von der alten unterscheidet.
Denn es bestehen immer noch grundlegende politische und moralische Gegensätze zwischen dem sowjetischen
System und dem unsrigen.
Die Geburtsstätte der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) - die Stadt Helsinki,
die ich auf meinen Weg nach Moskau
besuchen werde - hat einem Prozeß den
Namen gegeben, der das Kernstück der
Ost-West-Beziehungen
bildet.
Die
1975 unterzeichnete Schlußakte von
Helsinki regelt internationale Verhaltensnormen bei den Menschenrechten
und hat - als Barometer für die OstWest-Beziehungen - in den Bereichen

- 2 -

�Wirtschaft und Soziales sowie in der
Sicherheitspolitik neue Maßstäbe für
Offenheit gesetzt.
Es ist keine Übertreibung, wenn
man darauf verweist, daß die Schlußakte von 1975 den Austausch zwischen
Ost und West neu definiert und dabei
Menschenrechte als Thema von dauerhafter Bedeutung
hervorhebt.
Der
Prozeß wird gegenwärtig im KSZE-Folgetreffen weitergeführt, das seit
1986 in Wien stattfindet.
Die
Vereinigten
Staaten
verpflichten sich, gemeinsam mit den anderen KSZE-Ländern an der Erlangung
eines ausgewogenen Ergebnisses in
Wien
zusammenzuarbeiten, das entscheidende
Verbesserungen
sowjetischer und osteuropäischer Praktiken
bei den Menschenrechten umfassen muß,
und ein Gleichgewicht zwischen der
neuen Zusammenarbeit, Sicherheitsbelangen und der Wirtschaft hervorbringt.
Dieses
Gleichgewicht
ist
das
Kernstück des KSZE-Prozesses.
Als
Unterzeichner der Schlußakte von Helsinki haben sich die Regierungen der
Sowjetunion, Europas, Kanadas und der
Vereinigten Staaten formell und öffentlich zur Anerkennung grundlegender Freiheiten verpflichtet: Religionsfreiheit, Recht auf freie Meinungsäußerung,
Pressefreiheit
und
Freizügigkeit.
Nur wenn diese Freiheiten gewahrt
werden, kann das größte Potential
eines jeden Landes - die Kreativität,
Ideen und Initative seiner Bürger gedeihen.
In Moskau werde ich Fortschritte
begrüßen, die wir im Bereich der Menschenrechte insbesondere seit Ende
1986 erkannt haben. Mehr als 300 politische Gefangene und aus religiösen
Gründen Inhaftierte sind aus Arbeitslagern entlassen worden.
Die immer noch zu niedrige Zahl
der Auswanderer ist gestiegen. Viele
Fälle geteilter Familien und getrenn-

ter Ehepartner sind zufriedenstellend
gelöst worden, und die Zensur von
Filmen, Büchern und anderen kreativen
Arbeiten ist gelockert worden.
Trotz dieser Fortschritte ist die
Lage der Menschenrechte in der Sowjetunion und Osteuropa immer noch
alles andere als gut. Die Politik
der Unterdrückung hält an. Friedliche Demonstrationen von Minderheiten,
Ausreisewilligen und anderen Gruppen
werden immer noch von der Polizei gewaltsam aufgelöst.
Religionsfreiheit wird immer noch
verweigert und Mitglieder nichtregistrierter religiöser Gruppen werden
immer noch verfolgt. Nichtoffizielle
Publikationen sind verboten. Dutzende politischer Gefangener und religiöser Abweichler sind immer noch in
den Gefängnissen und viele aus Gewissensgründen Inhaftierte werden immer
noch
in
psychiatrischen
Kliniken
festgehalten.
Die Freizügigkeit ist immer noch
eingeschränkt. Wir alle, die wir uns
in unserem Glauben an die Demokratie
vereint wissen, werden die Sowjetunion weiterhin drängen, in diesen
entscheidenden Bereichen ihr Verhalten zu verbessern, kurz gesagt, die
grundlegenden
Menschenrechte
vollständig anzuerkennen.
Unsere Neigung, diese Probleme
anzusprechen, entspricht nicht nur
einem traditionellen Grundsatz. Gemäß der Schlußakte von Helsinki ist
dies unsere Pflicht.
Die Vereinigten Staaten sind zu
einem
nützlichen
Meinungsaustausch
bereit. Wir werden zuhören, wenn die
Sowjets uns kritisieren, und wir werden ihre Anliegen so offen und konstruktiv
wie möglich diskutieren.
Ich möchte jedoch darauf hinweisen,
daß unser Austausch mit den Sowjets
eine Grundlage hat. Sie ist nicht
neutral oder wertfrei. Diese Grundlage ist nicht nur eine Angelegenheit
amerikanischer Maßstäbe.
Dies sind
moralische Normen, die Maßstäbe der

- 3 -

�westlichen Zivilisation selbst, die
wir Amerikaner von Europa geerbt haben.
Zweimal in diesem Jahrhundert haben wir in Europa gekämpft, um diese
Maßstäbe zu verteidigen. Diese gemeinsamen Normen und Überzeugungen
verbinden uns heute mit Europa. Sie
bilden den Wesensgehalt der Gemeinschaft freier Nationen, der wir angehören .
Ich habe die Reduzierung der Rüstungen genannt, und ich habe die
Menschenrechte erwähnt. Wie die Tagesordnung der meisten Ihrer Regierungen mit den Sowjets enthält meine
Tagesordnung mit Herrn Gorbatschow
noch zwei weitere Elemente. Eines
ist die sowjetische Politik im Hinblick auf regionale Konflikte.
Wir stellen mit Freude fest, daß
die sowjetische Armee Afghanistan
verläßt. Wenn dieser Abzug vollendet
ist und den Afghanen wieder das Recht
auf Selbstbestimmung
zuteil wird,
wird dies ein historischer Triumph
sein.
Ich werde noch andere Problembereiche zur Sprache bringen und die
sowjetische Kooperation bei der Erlangung politischer Lösungen für andere Konflikte anstreben, wie im südlichen Afrika, beim Krieg zwischen
Iran und Irak, Kambodscha, Mittelamerika, Äthiopien und beim arabisch-israelischen Konflikt.
Außerdem werden unsere Gespräche
das Thema größerer Offenheit und des
freieren Austauschs von Menschen, Informationen
und
Ideen
umfassen.
Staatliche Schranken, die das Verständnis der Menschen von der Außenwelt und den Kontakt mit dieser Aussenwelt behindern, müssen beseitigt
werden.
Wir alle glauben, daß Menschen
frei sein müssen, um miteinander in
Kontakt zu treten, seien sie Journalisten, Wissenschaftler, Hochschullehrer, Touristen oder Gymnasiasten,

und ich werde deshalb Generalsekretär
Gorbatschow auffordern, mit uns zusammen die menschlichen Kontakte zwischen Ost und West in großem Umfang
auszubauen.
Eine Angelegenheit liegt mir in
dieser Hinsicht besonders am Herzen,
einer wachsenden Zahl junger Menschen
die Möglichkeit zu verschaffen, zwischen Ost und West zu reisen. Ich
werde mit Generalsekretär Gorbatschow
über den Jugendaustausch sprechen,
weil dieser für ein besseres Verständnis in der Zukunft so vielversprechend ist.
Junge Menschen sollten frei sein,
frei, zu kommen und gehen wie sie
möchten, frei, zu reisen und im Land
des anderen zu leben. Frei, in der
ganzen
Welt
Freundschaften
zu
schließen. Als ich vor fast einem
Jahr in Berlin war, habe ich Generalsekretär
Gorbatschow
aufgefordert,
die Mauer niederzureißen, die diese
Stadt trennt - und die in vieler Hinsicht Europa selbst, Ost und West,
trennt.
Die Mauer steht immer noch, eine
Narbe, eine schreckliche Erinnerung
an die Teilung Europas. Diese Teilung ist grausam, sie ist unnötig;
sie besteht schon zu lange. Wir werden in unseren Bemühungen nicht nachlassen, bis diese Teilung durch Frieden und Freiheit abgelöst wird. Bis
zu diesem Tage mag noch viel Zeit
vergehen, aber die Vereinigten Staaten werden der Erringung dieser vollständigen Freiheit immer bedingungslos verpflichtet bleiben.
Bis dahin werden wir bei der Verteidigung unseres gemeinsamen Erbes
und unserer Überzeugungen, unserer
gemeinsamen Heimat der Freiheit an
Ihrer Seite stehen. Vielen Dank, und
Gott segne Sie.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
1-7

Dokumentation

C*

20

25. Mai 1988

BAKER SIEHT POSITIVE AUSWIRKUNGEN DER KOORDINIERUNGSBEMÜHUNGEN
- Rede beim OECD-Ministertreffen -

PARIS - (AD) - Dem amerikanischen Finanzminister James Baker zufolge wird
die zwischen den Industriestaaten vereinbarte Koordinierung in die Tat umgesetzt und hat schon erste Erfolge gezeitigt. Beim jährlichen Ministertreffen
der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in
Paris verwies Baker am 18. Mai auf anhaltendes Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten, das wachsende Volumen des Welthandels und den Rückgang außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte der Industriestaaten als Beweise für die Effektivität der Koordinierung.
Die Rede des Finanzministers hat folgenden Wortlaut:
Herr Vorsitzender Feldt, Generalsekretär Paye, verehrte Kollegen:
Das Thema unserer Tagesordnung heute
morgen - die weitere Durchführung
wirtschaftlicher Maßnahmen zur Verbesserung
des Wirtschaftswachstums
und der Beschäftigung weltweit - beschreibt im wesentlichen die Aufgaben
der Finanzminister in der ganzen Welt
dar.
Es wirft die grundsätzliche
Frage auf, die wir uns selbst stellen
sollten:
Welche Maßnahmen sollten
wir anstreben, um unsere Volkswirtschaften zu stärken und das Wohlergehen unserer Bürger zu verbessern?
Mit zunehmender Integration der
Weltwirtschaft erfordert die erfolgreiche Bewältigung unserer Aufgaben
als Finanzminister zunehmend einen
kooperativen Ansatz. Bedeutende Ver-

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änderungen in der Weltwirtschaft haben die Notwendigkeit zur Koordinierung der Wirtschaftspolitik zwischen
den führenden Industriestaaten noch
verstärkt. Insbesondere gilt:
Die weltweite Verflechtung der
Finanzmärkte hat die Unabhängigkeit der politischen Entscheidungsträger
in den einzelnen
Staaten verringert.
Die Liberalisierung von internationalem Handel und Investitionen
hat die Bedeutung des außenwirtschaftlichen
Sektors in allen
Ländern erhöht.
Und schließlich
erfordert das
stärkere Gleichgewicht in wirtschaftlicher Größe zwischen den

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Telex: 8-85432

�wichtigsten Landern, daß alle
sich die Verantwortlichkeit für
eine effektive außenwirtschaftliche Anpassung teilen.
Sicherlich haben wir einen fortlaufenden Prozeß zur Förderung miteinander im Einklang stehender Maßnahmen und Leistungen benötigt, von
dem alle profitieren. Der seit der
Plaza-Übereinkunft entwickelte - auf
den Gipfeln von Tokio und Venedig unterstützte und bekräftigte - Koordinierungsprozeß dient dazu, diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Er zielt
darauf ab, eine gesunde Weltwirtschaft und ein stabiles internationales Finanzsystem zu fördern. Er hat
die Annahme miteinander vereinbarer,
konsequenter und sich gegenseitig unterstützender Maßnahmen der sieben
führenden Industriestaaten zum Ziel.
Der Prozeß wurde schrittweise in
den vergangenen zweieinhalb Jahren
entwickelt. Heute sind wir im Begriff, einen weiteren Schritt nach
vorn zu machen - mit der Vereinbarung, einen Warenpreisindex als zusätzliches analytisches Instrument in
unsere Koordinierungsbemühungen einzubeziehen.
Die Vereinbarungen der G-7 haben
meiner Meinung nach den Rahmen für
wichtige Bemühungen und positive Ergebnisse geliefert:
Die Vereinigten Staaten haben ihr
Defizit im Bundeshaushalt im vergangenen Haushaltsjahr um 71 Milliarden Dollar verringert. Der
Rückgang ist gleichbedeutend mit
fast 2 Prozent des Bruttosozialprodukts (BSP).
Unser gesamtes
Haushaltsdefizit - einschließlich
der Bundesstaaten sowie Städten
und Gemeinden - ging im Jahr 1987
auf nur 2,25 Prozent des BSP zurück, eine Zahl unter dem OECDDurchschnitt.
Des weiteren garantiert die einzigartige
Haushaltsvereinbarung
zwischen Präsident und Kongreß
ein Einsparungspaket von insge-

samt 76 Milliarden Dollar in den
Haushaltsjahren 1988 und 1989.
Wir erwarten weitere Defizitreduzierungen in den folgenden Jahren, wobei das Defizit im Bundeshaushalt bis zum Haushaltsjahr
1990 auf unter 2 Prozent des BSP
fallen wird. Außerdem haben wir
trotz starken Drucks Protektionismus vermieden.
Japan hat eine Reihe monetärer
und steuerpolitischer Maßnahmen
getroffen, darunter vergangenes
Jahr das Paket zur Ankurbelung
der Wirtschaft in Höhe von 6 Billionen Yen, die zum höchsten Anstieg der Binnennachfrage unter
den Industriestaaten geführt haben.
Kombiniert mit Bemühungen
zur weiteren Öffnung seiner Märkte für importierte Waren leistet
dieses Wachstum einen Beitrag zur
Verringerung
außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte.
Großbritannien hat eine bedeutende Steuerreform durchgeführt, zu
der auch eine erhebliche Reduzierung der Spitzensteuersätze gehört.
Die
Bundesrepublik
Deutschland
hat besondere Anreize für Investitionen geschaffen und ein bedeutendes mittelfristiges Steuerreformprogramm formuliert.
Ich denke, daß diese und andere
koordinierte Bemühungen zur Reduzierung der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte und zur Förderung von
Wachstum bei geringer Inflation beitragen werden. Seit unserem letzten
Treffen im Mai vergangenen Jahres
sind uns gute Gründe zum Optimismus
gegeben worden.
Diese lassen sich
wie folgt illustrieren:
Die Unruhe an den Finanzmärkten
im vergangenen Oktober war natürlich für uns alle Grund zur Besorgnis. Tatsächlich aber wuchs
das reale BSP in den Industriestaaten in der zweiten Hälfte des
Jahres 1987 schneller als in der

�ersten. Die Stärke unseres Wirtschaftsaufschwungs wurde eindeutig unterschätzt. Heute stellen
wir neuen Optimismus im Hinblick
auf die Wachstumsaussichten für
1988 fest.
Überdies stieg das Volumen des
Welthandels 1987 um über 5 Prozent, die größte Rate seit 1984.
Die Exporte der nichtölproduzierenden Entwicklungsländer wuchsen
volumenmäßig um 10 Prozent - und
verhalfen dadurch ihrem BSP real
zu einem Anstieg von 4,5 Prozent.
Außerdem zeichnete sich in den
größten Industriestaaten eine Reduzierung der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte ab. In den
Vereinigten Staaten stiegen die
Exporte 1987 real um 18 Prozent,
während die Importe lediglich um
sieben Prozent anwuchsen.
Wir
erwarten einen weiteren Rückgang
der amerikanischen Handels- und
Zahlungsbilanzdefizite in diesem
Jahr, was sich in den gestern
verkündeten
Handelszahlen
für
März widerspiegelt.
Auch in anderen Ländern werden
weiterhin Fortschritte erzielt.
Japans Handelsüberschuß, ausgedrückt als Anteil am BSP, erreichte im Jahr 1986 seinen Höhepunkt und ging seitdem stetig zurück; der Überschuß der Bundesrepublik Deutschland stabilisierte
sich im vergangenen Jahr und wird
sich erwartungsgemäß 1988 verringern.

Verbleibende Herausforderungen
Um nicht verdächtigt zu werden,
alles durch eine rosarote Brille zu
sehen, möchte ich betonen, daß immer
noch viel Arbeit vor uns liegt. Während die kurzfristige wirtschaftliche
Lage ermutigend aussieht, müssen wir
diesen Elan auch mittelfristig beibehalten. Wir müssen handeln, um das
Wachstum zu bewahren, die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte zu re-

duzieren und ein günstiges Umfeld für
die wirtschaftliche Entwicklung und
die Verbesserung des internationalen
Schuldenproblems zu schaffen.
Die OECD erkennt die Notwendigkeit struktureller Reformen zur Ergänzung
solider
makroökonomischer
Maßnahmen. Im Februar 1984 hat sie
ein Ministertreffen in kleinem Rahmen
veranstaltet, wobei der Schwerpunkt
darauf lag, wie mit Hilfe struktureller
Anpassungen
Wachstumshemmnisse
abgebaut werden können. Solche Verkrustungen verhindern, daß Marktsignale von Gewerkschaften, Unternehmern
und Verbrauchern in wirtschaftliche
Reaktionen
umgesetzt werden.
Sie
verhindern oder verlangsamen den Grad
der Anpassung an neue Bedingungen in
der Wirtschaft und deren Umfeld. Wir
Tiüssen unsere Regierungen in den
Dienst einer Politik stellen, die unsere Volkswirtschaften befreit.
Viele von uns haben bereits in
erheblichem Maße Schranken abgebaut,
mit denen die Flexibilität unserer
Volkswirtschaften gehemmt wird.
In
den OECD-Ländern sind Steuerreformen
für Privatpersonen und Unternehmen zu
allseits akzeptierten Schritten geworden. Die Stitzensteuersätze sind
in vielen Ländern erheblich und in
anderen in bescheidenem Umfang gesenkt
worden.
Mittels
positiver
staatlicher Aktivitäten werden Anreize für Arbeit, Spartätigkeit und Investitionen geschaffen.
Darüber hinaus ist die Deregulierung auf den Finanzmärkten auf dem
Vormarsch. Großbritannien und Kanada
mit ihrem "big bang" und "little
bang" waren hier Wegbereiter. Andere
folgen auf dem Fuße. In den Vereinigten Staaten suchen wir die umfangreiche Deregulierung auszubauen, die
vor einigen Jahren stattfand. Gegenwärtig überdenkt der Kongreß das Gesetz, demzufolge Bank- und Wertpapiergeschäfte bei uns getrennt sind.
Der Senat hat ein Gesetz verabschiedet, mit dem das Glass-Steagall-Gesetz gründlich überholt wird. Unsere
Regierung unterstützt diesen lange

- 3 -

�überfälligen Schritt zur Modernisierung unseres Finanzwesens.
Wir erkennen ebenfalls die Notwendigkeit zur Stärkung der Spartätigkeit in den Vereinigten Staaten.
Aus diesem Grunde wurden wir im vierten Halbjahr des vergangenen Jahres
von der auf 4,75 Prozent gestiegenen
Sparrate der Privathaushalte ermutigt. Die Rate lag im ersten Halbjahr über 4,50 Prozent. Das bedeutet
eine Zunahme gegenüber 3,50 Prozent
zu Beginn des Jahres 1987 und 4,25
Prozent im Jahr 1986.
Die europäischen Länder haben bei
der Liberalisierung ihrer Arbeitsund Kapitalmärkte sowie bei der Verringerung der Vorschriftenlast für
Unternehmen
Fortschritte
erzielt.
Aber es muß noch mehr getan werden,
um die hohe Arbeitslosenquote abzubauen und mehr Wachstum ohne Inflation herbeizuführen.
Japan hat bemerkenswerte Fortschritte bei der Schaffung von mehr
Wettbewerb und Effizienz auf seinen
Kapitalmärkten erzielt. Aber es sind
weitere Aktivitäten notwendig, um die
bestehenden Verkrustungen abzubauen
und einen verbesserten weltweiten Zugang zu den japanischen Finanzmärkten
zu gewährleisten.

Die Rolle der Schwellenländer
Die Schwellenländer Asiens müssen
sich ebenfalls in erhöhtem Maße an
den Anpassungprozessen in der Außenwirtschaft beteiligen.
Ihre Außenhandelsüberschüsse erschweren - insbesondere im Falle Koreas und Taiwans
- eine Korrektur des weltweiten Ungleichgewichts und tragen zu protektionistischem Druck bei. Zur Verbesserung des Gleichgewichts zwischen
In- und Auslandsnachfrage sind bedeutsame strukturelle Veränderungen
erforderlich.
Bei Wechselkursen, Handel, Besteuerung, Deregulierung, Investitionen und Zugang zu den Kapitalmärkten

sind insbesondere in Korea und Taiwan
besondere Reformen notwendig. Diese
Veränderungen liegen langfristig im
besten Interesse dieser Länder. Die
Veränderungen sind ebenfalls erforderlich, wenn diese Länder ein Maß an
Verantwortung zur Erhaltung des internationalen Handelssystems übernehmen sollen, das mit ihrer rasch zunehmenden wirtschaftlichen Stärke im
Einklang steht.

Zusammenarbeit
in
schaft und Technik

Handel,

Wissen-

über diese Aufgaben hinaus ist
die Erhaltung eines offenen Handelsystems entscheidend für die interdependente Welt von heute. Um eine Liberalisierung des Handels zu erlangen, insbesondere in der Landwirtschaft, unterstützen wir die Arbeit
der Uruguay-Runde voll und ganz und
engagieren uns für ihren erfolgreichen Abschluß.
Dennoch sind alle
Länder letztlich verantwortlich für
den Erfolg der Runde, nicht nur die
Industrieländer.
Ich möchte ihre Aufmerksamkeit
kurz auf die politischen Empfehlungen
für Mitgliedstaaten, einen "Allgemeinen Rahmen von Prinzipien für die Internationale Zusammenarbiet in Wissenschaft und Technik" richten, der
im letzten Monat vom OECD-Ministerrat
verabschiedet wurde. Angemessene Investitionen
in
dynamische
Forschungs- und
Entwicklungsprogramme
werden eine zunehmend wichtige Rolle
spielen, wenn es darum geht, die Dauerhaftigkeit des Wirtschaftswachstums
in den OECD-Ländern zu gewährleisten.
Dieser Rahmen stellt für diese Organisation eine große Leistung dar. Er
birgt die Möglichkeit zu weitreichenden Auswirkungen auf einen zunehmend
wichtigen Aspekt der internationalen
Wirtschaftsbeziehungen.
Ich fordere
Sie auf, mit mir zusammen dieses Dokument morgen in unserem Kommunique
zu bekräftigen.
Internationale Schuldenlast

�Ich möchte mich jetzt unseren gemeinsamen Bemühungen in einem anderen
Bereich zuwenden - dem Abbau der internationalen
Schuldenlast.
Der
wachstumsorientierte, auf den Einzelfall ausgerichtete Ansatz, den wir
seit 1985 verfolgen, hat uns unserem
Ziel ein erhebliches Stück näher gebracht und bleibt der einzige, für
alle Parteien akzeptable und praktizierbare Ansatz.
Unsere Strategie
ist evolutionär angelegt, und das hat
sich im vergangenen Jahr in der Weiterentwicklung eines "Spektrums" von
Finanzierungsoptionen für Finanzierungspakete von Geschäftsbanken widergespiegelt.
Im Gegensatz dazu
sind wir strikt gegen jeden Ansatz einschließlich der Schaffung einer
internationalen
Schuldenbehörde
-,
der seiner Beschaffenheit nach allgemein, global, von Regierungen der
Gläubigerländer finanziert oder obligatorisch ist. Solche Programme sind
nicht nur undurchführbar, sondern bewirken auch das Gegenteil. Im Hinblick auf die ärmsten Länder begrüßen
wir die positiven Schritte, die in
diesem Jahr unternommen worden sind,
um die Annahme von wirtschaftlichen
Reformprogrammen zu fördern.

Zusammenfassung
Abschließend möchte ich bemerken,
Herr Vorsitzender, daß trotz unserer
großen Leistungen in den vergangenen
Jahren noch wichtige Aufgaben vor uns
liegen. Das Programm ist weiterhin
von Herausforderungen gekennzeichnet,
und weitere Fortschritte werden anhaltende Zusammenarbeit erfordern.
Der große französische Philosoph
Alexis de Tocqueville hat im Jahr
1835 bemerkt, der Vorteil eines jeden
Mitglieds einer Gemeinschaft bestehe
in der Arbeit für das Gemeinwohl ein Grundsatz, den er als "wohlverstandenes Eigeninteresse" bezeichnete. Wir sollten de Tocquevilles Rat
folgen und die kleinlichen Eigeninteressen zum allgemeinen Wohl der internationalen Gemeinschaft beiseite
legen.
- 5 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

20

25. Mai 1983

ACDA-CHRONOLOGIE DER VERHANDLUNGEN ÜBER CHEMISCHE WAFFEN
- Zusammenfassung der ACDA -

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Zusammenfassung der Verhandlungen
über chemische Waffen wurde im Mai von der amerikanischen Behörde für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA) herausgegeben.
Verhandlungen über chemische Waffen
Die Vereinigten Staaten streben
seit langem ein umfassendes, wirksames, verifizierbares und wirklich
weltweites Verbot chemischer Waffen
an.

einigten Staaten strebten die Erörterung der umfangreichen Verifizierungsprobleme an, die sich aus dem
Verbot solcher Waffen ergeben würden
sowie die offene Verbreitung der zur
Verwirklichung eines solchen Verbots
erforderlichen Informationen.

Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten bei der 40 Nationen
umfassenden
Abrüstungskonferenz
in
Genf eine Reihe von Inititiativen
vorgeschlagen.
Im Jahr 1984 legten
die Vereinigten Staaten einen Vertragsentwurf vor, der ein weltweites
Verbot der Entwicklung, Beschaffung,
Produktion, Lagerung sowie des Transfers und Einsatzes chemischer Waffen
vorsieht. Dieser Entwurf bildet nach
wie vor die Grundlage für die andauerden Verhandlungen.
Die Ver-

Im Jahr 1983 haben die Vereinigten Staaten beispielsweise für die
Abrüstungskonferenz
einen
Workshop
über die Verifizierung der Vernichtung chemischer Waffen im TooeleHeeresdepot in Utah veranstaltet. Im
August 1987 nahm die UdSSR die seit
langem ausgesprochene Einladung zum
Besuch des Heeresdepots an, nachdem
sie im Jahr 1983 ihre Teilnahme an
dem Tooele-Workshop verweigert hatte.
Bei diesem Besuch im November 1987
wurden der sowjetischen Delegation

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�Proben aller chemischen Munition in
amerikanischem Bestand gezeigt, einschließlich des Protoyps einer binären Artilleriegranate des Kalibers
155mm . Ferner wurden detaillierte
Ausführungen über die Charakteristika
der chemischen Kampfstoffe in amerikanischem Bestand sowie über das Vernichtungsprogramm für chemische Munition gemacht und das Vernichtungssystem für Munition mit chemischen
Kampfstoffen (CAMDS) besichtigt, wo
die ausgereiftesten Technologien der
Welt zur Vernichtung chemischer Waffen vorgeführt wurden. Im Jahr 1986
legten die Vereinigten Staaten der
Abrüstungskonferenz umfangreiche Informationen über die Zusammensetzung
chemischer Waffen und den Standort
der amerikanischen Bestände vor und
drängten andere Nationen, ihrem Beispiel zu folgen.
Es sind zahlreiche Verletzungen
der Genfer Konvention von 1925 über
das Verbot des Einsatzes chemischer
Waffen festzustellen. Die Sowjetunion war bei Produktion, Transfer und
Einsatz von Giftstoffen und anderen
Kampfstoffen zur chemischen Kriegführung in Laos, Kambodscha und Afghanistan
beteiligt.
Seit Januar
1931 sind chemische Waffen auch wiederholt im iranisch-irakischen Krieg
eingesetzt worden.
Die derzeitige
Anzahl von Staaten, die tatsächlich
oder
möglicherweise
einsatzfähige
chemische Waffen besitzen, ist groß
und weiter im Zunehmen begriffen.
Die amerikanische Regierung verurteilt
jeglichen
illegalen Einsatz
chemischer Waffen und unterstützt die
unverzügliche Überprüfung von Berichten über den Einsatz chemischer Waffen zusammen mit diplomatischen und
politischen Aktionen, die auf die
Wahrung des Genfer Protokolls von
1925 ausgerichtet sind.
Die Vereinigten Staaten treffen in regelmässigen Abständen mit einer Gruppe
westlicher Staaten und auf bilateraler Ebene mit der Sowjetunion zusammen, um Schritte zu erörtern und zu
koordinieren, mit denen der Weitergabe und dem Einsatz chemischer Waffen
Einhalt geboten werden kann.

Die Vereinigten Staaten haben im
Jahr 1984 zum Zweck der Erörterung
bilateraler Fragen in dem Versuch,
multilaterale Verhandlungen zu erleichtern und sich insbesondere auf
amerikanisch-sowjetische Meinungsverschiedenheiten zu konzentrieren, Gespräche mit der UdSSR über chemische
Waffen aufgenommen. Im November 1985
forderte die beim Gipfel abgegebene
Erklärung von Reagan und Gorbatschow
die Intensivierung bilateraler Gespräche über einen Vertrag über chemische Waffen. Wir haben solche Gespräche im Rahmen der Abrüstungskonferenz aufgenommen, und seither haben
acht Gesprächsrunden stattgefunden.
Wir erwarten weitere Gespräche im
Sommer 1988.
Im März 1987 haben die Sov/jets
zum ersten Mal den Besitz chemischer
Waffen zugegeben und behauptet, deren
Produktion
eingestellt
zu haben.
Ebenfalls im Jahr 1987 luden die
Sowjets die Abrüstungskonferenz zum
Besuch in ihren Produktionsstätten
für chemische Waffen in Schichany
ein, akzeptierten das Prinzip der Adhoc-Inspektion ohne Ablehnungsrecht
und gaben zweifelhafte Stückzahlen
für ihre Arsenale an.
Im Jahr 1988 haben die Sov/jets
ihre aktive Propaganda-Kampagne weitergeführt, die darauf abzielt, das
amerikanische Programm zur Modernisierung unseres eigenen CW-Abschrekkungspotentials
zu
unterminieren.
Sie verurteilten dieses Modernisierungsprogramm als Hindernis für den
Abschluß eines Vertrages, ignorierten
aber gleichzeitig die Tatsache, daß
die Vereinigten Staaten seit Jahren
mit ihnen trotz ihres Besitzes chemischer
Waffen
verhandelten.
Die
Sowjets haben für die rasche Erarbeitung eines Verbots öffentlich Druck
ausgeübt. Dennoch haben ihre Experten daraufhin in den Verhandlungen
keine detallierten Vorschläge darüber
unterbreitet, wie noch anstehende
Fragen gelöst werden sollten. Wie
zahlreiche Vertreter bei den Verhandlungen über chemische Waffen festge-

- 2 -

�stellt haben, liegt "der Teufel im
Detail".
Leider waren die Sowjets
gerade bei den Details am unproduktivsten.
Obwohl sowjetische Initiativen,
mit denen größere Offenheit demonstriert wird, begrüßenswert sind, haben sie mehr Fragen aufgeworfen als
sie beantworten konnten. Die Sowjets
haben nicht das gleiche Datenmaterial
geliefert, wie es von den Vereinigten
Staaten über die Zusammensetzung des
Bestands, die Stationierungsorte, abgeschlossene, gegenwärtige und geplante Programme zur Zerstörung und
Technologie
geliefert wurde.
Die
dargelegte
Zahl
zum Bestand von
"nicht mehr als 50 000 Tonnen chemischer
Kriegführungsmittel"
liefert
keine Information über deren Zusammensetzung im Hinblick auf die abgefüllte Munition gegenüber der Gesamtmenge .
Trotz des bis jetzt bei der Abrüstungskonferenz
erzielten
Fortschritts bleiben zahlreiche entscheidende Fragen ungelöst.
Die Konferenzteilnehmer müssen immer noch detaillierte Bestimmungen aushandeln,
die eine verläßliche Verifizierung
sicherstellen, unverminderte Sicherheit für alle am Abkommen Beteiligten
im Zeitraum der Zerstörung der Bestände gewähren, die zivile chemische
Industrie überwachen, um sicherzustellen, daß sie keine chemischen
Waffen herstellt und sich mit dem Risiko befassen, daß einige Staaten,
die mit ihren chemischen Waffen eine
Bedrohung darstellen, nicht Unterzeichner der Konvention über chemische Waffen werden. Darüber hinaus
müssen Struktur, Durchführung, personelle Besetzung und Finanzierung der
internationalen Behörde noch erarbeitet und vereinbart werden, die diese
Konvention verwirklicht und überwacht.
Ein weltweites Verbot über chemische Waffen wäre schwierig zu verifizieren, und wir haben noch keine Lösungen für zahlreiche noch anstehende
entscheidende Verifizierungsprobleme.
Dazu zählen:

Ein militärisch bedeutsamer Bestand könnte in einem kleinen Gebiet versteckt werden.
Die Tatsache, daß viele Chemikalien und Materialien, die bei
chemischen Waffen Verwendung finden, ebenfalls in der Industrie
und Landwirtschaft verwandt werden.
Die Leichtigkeit und das Tempo,
mit dem chemische Waffen heinlich
unter Verwendung neuester Technik
hergestellt werden können.
Die Vereinigten Staaten verhandeln weiterhin über diese Probleme
und modernisieren gleichzeitig ihren
größtenteils veralteten Bestand, sowohl um einen Angriff auf amerikanische StreD.tkräfte und unsere Verbündeten weltweit abzuschrecken als auch
um der UdSSR einen Anreiz 2U schaffen, ernsthaft über ein Verbot, zu
verhandeln. Die Vereinigten Staaten
haben 196) einseitig die Produktion
chemischer Waffen eingestellt. Seitdem haben die Sowjets jedoch ihre
CW-Fähigkeiten erhöht. Demgemäß mußten die Vereinigten Staaten einen
doppelten Ansatz verfolgen.
Als Folge der von den Vereinigten
Staaten geübten einseitigen Zurückhaltung und des intensiven Modernisierungsprogramms der Sowjets bei ihren chemischen Waffen besteht bei
diesen Waffen ein ernstliches Ungleichgewicht zwischen Ost und West.
Die UdSSR besitzt ein enormes modernes C-Waffen-Arsenal, das als größter
Bestand chemischer Waffen auf der
Welt gilt, während die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten - größtenteils
unbrauchbar und vielfach aus den
vierziger und fünfziger Jahren - viel
von ihrer abschreckenden Wirkung gegen einen Ersteinsatz chemischer Waffen verloren hat. Es ist daher von
entscheidender Bedeutung, daß wir die
Glaubwürdigkeit der westlichen Abschreckung mit C-Waffen wiederherstellen, während Verhandlungen über
ein weltweites Verbot weitergeführt

- 3 -

�werden. Die Vereinigten Staaten sind
von Rechts wegen verpflichtet, ihre
Bestände an herkömmlichen C-Waffen
ungeachtet des Ergebnisses des Vertragsverhandlungen zu zerstören.
Ein umfassendes, wirksam verifizierbares und weltweites Verbot chemischer Waffen wäre eine bedeutende
Leistung und bleibt das Ziel der Vereinigten Staaten. Dennoch würde ein
nicht umfassendes oder verifizierbares Verbot die demokratischen Nationen ganz einfach der Fähigkeit berauben, den Einsatz chemischer Waffen
von seiten skrupelloser Mächte abzuschrecken.
Bis zum Abschluß eines
verläßlichen Verbots muß der Westen
seine Fähigkeit erhalten, den Einsatz
dieser Waffen durch andere Staaten
abzuschrecken.

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VON

Hintergrundmaterial

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25. Mai 1983

20

PROBLEME DER FREIZÜGIGKEIT
- Übersicht des Weißen Hauses -

Nachfolgend bringen wir eine vom Weißen Haus am 23. Mai anläßlich des Gipfeltreffens veröffentlichte Übersicht zu Problemen der Freizügigkeit.
Die Freizügigkeit ist bei allen
hochrangigen Diskussionen mit sowjetischen Regierungsvertretern über die
Menschenrechte ein Thema von besonderer Bedeutung. Unser Engagement bei
diesem Themenkomplex entstammt der
ersten Menschenrechtsverfügung, die
in der amerikanischen Gesetzgebung in
Form des Jackson-Vanik-Zusatzartikels
zum Handelsgesetz von 1974 verankert
wurde.
Anfang des Jahres 1987 stieg die
Zahl der auswanderungswilligen sowjetischen Juden beachtlich über den relativ geringen Stand Mitte der achtziger Jahre an. Die Gesamtzahl des
Jahres 1987 belief sich auf 8 155
verglichen mit insgesamt nur 914 im
Jahr 1986. Im Verlauf des Jahres
1987 erhielten pro Monat 700 bis 900

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sowjetische Juden Auswanderungsdokumente. Seit Beginn des Jahres 1988
scheinen die sowjetischen Behörden
diese Zahl auf 1 000 pro Monat angehoben zu haben, eine Zunahme, die in
der Zahl derjenigen ihren Niederschlag fand, die ihre Auswanderungsvorbereitungen im März und April trafen. Die Zahl der auswandernden sowjetischen Juden liegt jedoch noch
immer weit unter den Zahlen der siebziger Jahre, als im Jahresdurchschnitt ca. 25 000 sowjetische Juden
ausreisten. Im Spitzenjähr 1979 emigrierten 51 320 sowjetische Juden.
Am 1. Januar 1987 traten neue sowjetische Einund Ausreisebestimmungen in Kraft. Diesen Bestimmungen
zufolge müssen Antragsteller eine
Einladung von engen Verwandten im

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�Ausland vorweisen - Geschwistern, Eltern oder Ehepartnern. Die sowjetischen Behörden haben sich nicht immer
ganz strikt an diese Bestimmung gehalten, sie dient jedoch dazu, neue
Antragsteller abzuschrecken.

Monat das Land verlassen.

Die Mehrzahl der Ausreiseverweigerungen erfolgt noch immer aufgrund
angeblicher "Kenntnis von Staatsgeheimnissen". Diese Logik wird höchst
willkürlich und häufig auch dann angewandt, wenn der Antragsteller noch
nie Zugang zu sicherheitsempfindlichen Informationen hatte, oder der
Zugang so lange zurückliegt, daß jegliche aus dieser Zeit stammenden Informationen längst nicht mehr sicherheitsrelevant sind.
Ein weiteres
Ausreisehindernis ist die erforderliche Unterzeichnung von finanziellen
Verzichtserklärungen durch die Eltern
und ehemaligen Ehegatten von erwachsenen Antragstellern. Die amerikanische Regierung hat die Sowjets wiederholt aufgefordert, diese und andere die Ausreise erschwerende Hemmnisse abzubauen.
Die Zahl der Emigranten ist auch
bei den anderen beiden Gruppen angestiegen, die als einzige in beträchtlicher Zahl ausreisen dürfen, den
Volksdeutschen
und den Armeniern,
tlehr als 14 000 Deutsche emigrierten
im Jahr 1987 in die Bundesrepublik
Deutschland, ein neuer Rekord im Vergleich zu 783 im Jahr 1986. Im Jahr
1988 belief sich die Zahl der deutschen Auswanderer im Durschnitt auf
über 2 000 pro Monat. Im Jahr 1986
wurde nur 247 sowjetischen Armeniern
die Ausreise gestattet. 1988 erhielten schätzungsweise 0 000 die Ausreisegenehmigung, die meisten von ihnen
in der zweiten Jahreshälfte. Aufgrund dieses steilen und unerwarteten
Anstiegs konnte die amerikanische
Botschaft in Moskau bis Ende des Jahres nur 3 000 armenische Anträge bearbeiten.
Die Botschaft hat jetzt
ihre Bearbeitungskapazität entsprechend der Anzahl derer erhöht, die
eine
Ausreisegenehmigung
erhalten,
und im Jahr 1988 haben durchschnittlich 1 000 sowjetische Armenier pro
- 2 -

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VON

Hintergrundmaterial

**

25. Mai 1988

20

FÜNF TREFFEN REAGAN-GORBATSCHOW BEIM GIPFEL
- Das Programm des Gipfeltreffens -

WASHINGTON - (AD) - Einer Erklärung des Weißen Hauses vom 20. Mai
1988 zufolge wird Präsident Reagan
während des Gipfeltreffens - bei dem
täglich Öffentliche Auftritte vorgesehen sind - fünfmal mit Generalsekretär Gorbatschow zusammentreffen.
Offizieller Beginn des Gipfeltreffens ist der 29. Mai, der Präsident verläßt das Weiße Haus jedoch
bereits am 25. Mai und kommt am frühen Morgen des nächsten Tages in Helsinki an. Reagan wird am 27. Mai von
Präsident Koivisto offiziell in Finnland willkommen geheißen; das Programm sieht eine BegrüßungsZeremonie,
ein Gespräch sowie ein Mittagessen
vor.
Danach

wird

sich

der

Präsident

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zum großen Finlandia Konzertsaal begeben, in dem die Schlußakte von Helsinki unterzeichnet wurde und um 2.00
Uhr MESZ eine Ansprache über die
Durchführung
dieser
Vereinbarungen
und die Tagesordnung des Moskauer
Gipfels halten. Am 28. Mai wird die
wöchentliche
Rundfunkansprache
des
Präsidenten zum Gipfeltreffen ausgestrahlt.
Präsident Reagan kommt am 29. Mai
um 12.15 Uhr MESZ in Moskau an und
wird von Staatspräsident Gromyko am
Flughafen begrüßt.
Im Anschluß an
eine kurze Begrüßungszeremonie wird
sich der Präsident, begleitet von
einer Polizeieskorte, zum Kreml begeben. Sein erstes Zusammentreffen mit
Generalsekretär Gorbatschow ist für
13.15 Uhr MESZ im Georgssaal des

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�Kreml vorgesehen.

sion vorgesehen.

Das
zweite
Treffen
zwischen
Reagan und Gorbatschow findet am 30.
Mai um 8.00 Uhr MESZ im Katharinensaal statt. Nach einem für die Mittagszeit anberaumten Besuch des Danilow-Klosters treffen die beiden Regierungschefs ein drittes Mal, wiederum im Katharinensaal, zusammen.
In dem 700 Jahre alten Danilow-Kloster, das mit staatlichen Mittel restauriert wird, unterhält sich der
Präsident
mit
russisch-orthodoxen
Mönchen und sieht ihnen bei der Restaurierung von Ikonen zu. Dem Sprecher des Weißen Hauses Marlin Fitzwater zufolge betrachtet das Weiße Haus
diesen Besuch als "Symbol unseres Anliegens der Religionsfreiheit".

Arn Abend gibt Präsident Reagan im
Spaso-Haus ein Abendessen zu Ehren
von Generalsekretär Gorbatschow.

Um 14.30 MESZ ist eine Begegnung
mit sowjetischen Dissidenten und Ausreisewilligen im Spaso-Haus vorgesehen, der Residenz des amerikanisehen
Botschafters, in der Reagan während
des
Gipfels
untergebracht
ist.
Reagan wird mit den Besuchern Themen
wie die Rede- und Pressefreiheit und
das Recht auf Ausreise erörtern, gab
Fitzwater bekannt.
Der Präsident wird am Abend an
einem von Gorbatschow gegebenen offiziellen Essen im Facettenpalast des
Kreml teilnehmen.
Eine vierte offizielle Begegnung
zwischen Reagan und Gorbatschow findet am 31. Mai wiederum im Kreml
statt. Der Präsident kommt am Mittag
mit der sowjetischen Kulturund Künstlergemeinde im Schriftstellersaal zusammen.
"Bei diesem Treffen mit
Schriftstellern, Künstlern, Filmemachern und Intellektuellen wird die
Freiheit der Künste diskutiert", erklärte Fitzwater.
Am frühen Nachmittag wird der
Präsident vor Studenten der Moskauer
Universität eine Rede über die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen halten, unter besonderer Berücksichtigung der Jugendlichen; im Anschluß an
seine Ausführungen ist eine Diskus-

Am 1. Juni findet das fünfte und
letzte Treffen mit Gorbatschow im
Kreml statt. Der Präsident hat für
14.00 MESZ eine Pressekonferenz im
Spaso-Haus anberaumt.
Am Abend des 1. Juni werden die
Ehepaare Reagan und Gorbatschow einer
Aufführung des Bolschoi-Balletts beiwohnen und anschließend an einem privaten Abendessen in Gorbatschows Datscha teilnehmen.
Die beiden Ehepaare verabschieden
sich offiziell am 2. Juni um 8.00 Uhr
MESZ, und Staatspräsident Gromyko
nimmt an der Abschiedszeremonie für
Präsident Reagan am Flughafen teil.
Der Präsident unterbricht den
Rückflug in London. Zum Nachmittagstee ist er zu Gast bei Königin Elisabeth im Buckingham Palast. Nach Abschreiten der königlichen Ehrengarde
kommt Präsident Reagan mit Premierministerin Thatcher in Nr. 10 Downing
Street
zusammen.
Das
Ehepaar
Thatcher gibt am Abend ein Essen zu
Ehren der Reagans.
Am 3. Juni hält der Präsident um
13.00 Uhr MESZ eine Ansprache im Rathaus der City von London mit einer
Zusammenfassung der Ereignisse in
Moskau. Fitzwater zufolge wird der
Präsident ferner die Zukunft der
Ost-West-Beziehungen ansprechen. Vor
der Rede ist ein Treffen mit dem japanischen Premierminister Takeshita
vorgesehen.
Der Präsident und seine Gattin
werden am 3. Juni um 22.30 Uhr MESZ
auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrew
Air Force Base zurückerwartet.

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W

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25. Mai 1983

20

RELIGIÖSE RECHTE IN DER SOWJETUNION
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht ist dem am 23. Mai vom Weißen Haus veröffentlichen
Pressehandbuch zum amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen in Moskau entnommen:
Obwohl die sowjetische Regierung
für sich in Anspruch nimmt, die Rechte ihrer Bürger auf Ausübung jeglicher Religion zu respektieren, werden
die Gläubigen durch zahlreiche vom
Staat auferlegte Hindernisse eingeschränkt.
Zum Beispiel garantiert
die sowjetische Verfassung das Recht
auf "religiöse Verehrung", gestattet
aber nicht die Bildung religiöser Organisationen und die Verbreitung religiöser Überzeugungen im Hinblick
auf eine vollständige verfassungsmässige Gleichstellung mit atheistischen
Organisationen.
Selbst das verfassungsmäßig garantierte Recht auf Religionsausübung
ist in der Sowjetunion sehr eingeschränkt. Alle religiösen Bekenntnisse müssen zur legalen Religions-

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ausübung vom sowjetischen Staat offiziell anerkannt sein.
Diese Vorschrift wurde in der Vergangenheit
dazu benutzt, um die Legalisierung
der von der sowjetischen Regierung
vor über 40 Jahren verbotenem Ukrainischen Katholischen Kirche zu blokkieren und die Registrierung der Hare-Krishna-Bewegung
zu
verhindern.
Des weiteren muß jede Religionsgemeinschaft per Gesetz mindestens 20
Gläubige zählen und vom Staat zugelassen
und
registriert
werden.
Manchmal schleppt sich die Bearbeitung von Anträgen dieser Art jahrelang dahin und hindert somit eine Gemeinde daran, sich legal zu formieren.
Sowjetische Bürger, die trotz
dieser Hindernisse hartnäckig an der
Praktizierung ihres Glaubens fest-

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�halten, sind häufig Belästigungen
ausgesetzt. Gläubige sind von der
Mitgliedschaft in der Kommunistischen
Partei ausgeschlossen und haben deshalb in der Sowjetunion praktisch
keinerlei Zugang zu einflußreichen
Stellungen. Außerdem wird Gläubigen
der Zugang zu bestimmten Bildungswegen und Berufen verweigert.
Zahlreiche Gläubige wurden inhaftiert. Die meisten wurden auf der
Grundlage von Paragraphen des Strafgesetzbuches verurteilt wie etwa denen für "antisowjetische Verleumdung"
oder "antisowjetische Agitation und
Propaganda", die eine direkte Verletzung freiwillig von der Sowjetunion
eingegangener
internationaler
Verpflichtungen darstellen. Andere etwa
"die Verletzung von Gesetzen über die
Trennung von Kirche und Staat" betreffende Paragraphen werden benutzt,
um Gläubigen ihre Rechte vorzuenthalten. Obwohl, über 100 Gläubige in den
vergangenen eineinhalb Jahren aus
Haftanstalten, Arbeitslagern und Verbannung entlassen wurden, sind über
100 Personen weiterhin
in Haft.
Einigen Berichten zufolge sind die
Zahlen der Häftlinge aus religiösen
Gründen noch höher.
Religiöse Erziehung ist ebenfalls
sehr stark eingeschränkt. Alle Formen religiösen Unterrichts, mit Ausnahme der Ausbildung in Priesterseminaren und der elterlichen Erziehung,
sind in der Sowjetunion verboten.
Die Ausübung der Religion wird weiterhin durch Schranken gegen die Einfuhr und Herstellung religiösen Materials sowie durch den Mangel an
ausgebildeten Geistlichen und Gebetsstätten behindert.

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^^ION

25. Mai 1983

20

MENSCHENRECHTE IN DER SOWJETUNION
- Eine Übersicht -

Die Vereinigten Staaten sind weiterhin unbefriedigt über das sowjetische Verhalten bei den Menschenrechten.
Die Sowjetunion verletzt
anhaltend Menschenrechte und Grundfreiheiten, wie sie in der Schlußakte
von Helsinki und anderen internationalen Abkommen definiert werden.
Dennoch haben in den vergangenen
anderthalb Jahren mehrere bedeutsame
Entwicklungen bei den Menschenrechten
in der Sowjetunion stattgefunden. Im
Dezember 1986 gestatteten die sowjetischen Behörden Andrej Sacharow nach
sieben Jahren Verbannung die Rückkehr
nach Moskau. Mehr als 300 politische
Gefangene sind seit Februar 1987
freigelassen worden, die umfangreichste Haftentlassung von Dissidenten
seit der Zeit unmittelbar nach Sta-

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lin. Die Sowjets haben ebenfalls erklärt, psychiatrische "Spezial"-Kliniken gehörten nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich des Innenministeriums.
Vereinigungen und Organisationen
ohne staatliche Unterstützung werden
geduldet, obwohl die Mitglieder einiger
politischer
Interessengruppen,
wie etwa des "Presseclubs Glasnost"
belästigt werden. Im Dezember 1987
gelang dem "Presseclub Glasnost" die
Durchführung eines Seminars zur Problematik der Menschenrechte, obwohl
sich die Teilnehmer in Privatwohnungen treffen mußten und einige potentielle Teilnehmer
verhaftet wurden.
Einer Reihe von Amerikanern, die sich
um eine Teilnahme bemüht hatten, wurden sowjetische Visa verweigert.

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�Es muß noch viel mehr getan werden. Uns sind die Namen von über 300
Personen bekannt, die aufgrund ihrer
politischen oder religiösen Überzeugung immer noch in Gefängnissen, Arbeitslagern und psychiatrischen Kliniken eingesperrt sind.
Obwohl im
November 1986 eine Überprüfung des
entsprechenden Gesetzes zugesagt wurde, ist bis jetzt keine einschneidende Reform durchgeführt worden. Einen
besonderen Anlaß zur Besorgnis liefert die Festnahme des armenischen
Aktivisten Paruir Arikian im März
1988 wegen "antisowjetischer Verleumdung". Es handelt sich hierbei um
einen der "politischen" Paragraphen,
der Vertretern der sowjetischen Regierung zufolge mit der ' Gesetzesreform abgeschafft werden sollte - Arikian war seit anderthalb Jahren die
erste aufgrund dieses Paragraphen
festgenommene Person.
In diesem Jahr der Tausendjahrfeier des Christentums in der Kiewer
Rus ist die religiöse Unterweisung
außerhalb des eigenen Hauses verboten. Die Gebetsstätten, die Zahl der
Priester und die Versorgung mit religiöser Literatur reichen nicht aus,
um den Bedarf der Gläubigen zu dekken. Die Lehre der hebräischen Sprache ist verboten. Die unabhängige
Ukrainische Orthodoxe Kirche bleibt
zwangsweise mit einer russisch-orthodoxen Kirche verbunden, und die
Ukrainische Katholische Kirche darf
dem Gesetz nach nicht bestehen.
1987 stieg die Zahl der Auswanderer. Die Gesamtzahl der im Jahr 1987
ausgewanderten Juden betrug 8 155,
und gegenwärtig erhalten monatlich
etwa 1 000 sowjetische Juden Ausreisegenehmigungen. Obwohl diese Zahlen
gegenüber 914 im gesamten Jahr 1986
ein günstiges Bild zeigen, liegen sie
wesentlich unter den Zahlen der siebziger Jahre, als jeden Monat etwa
2 000 sowjetische Juden ausreisten.
Im Spitzenjähr der Auswanderung von
Juden, 1979, emigrierten mehr als
51 000 sowjetische Juden.

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25. Mai 1988

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

DIE PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLKAMPAGNE UND IHRE PARALLELEN
IN DER VERGANGENHEIT
- von Dom Bonafede (Der Verfasser ist leitender Redakteur der Zeitschrift 'National Journal')

Die
amerikanische
Präsidentschaftswahlkampagne des Jahres 1988
hat ähnlich wie die voraufgegangenen
Wahlkämpfe der letzten zwei Jahrhunderte Parallelen in der Vergangenheit
und Auswirkungen für die Zukunft.
Ein hervorragendes Beispiel dafür
liefern die gegenwärtige Kampagne und
der Wahlkampf von 1960, bei denen offensichtlich Parallelen bestehen. In
beiden Fall standen zwei populäre
Präsidenten - damals Dwight Eisenhower und jetzt Ronald Reagan - am
Ende
ihrer
verfassungsmäßig
beschränkten zwei Amtszeiten und machten den Weg frei für ein offenes Rennen in beiden politischen Parteien.
Jeder war bei seinem Rücktritt
der älteste Präsident der Geschichte

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und in seiner Eigenschaft als Regierungschef bekannt dafür, daß er Vollmachten delegierte. Während seiner
Amtszeit erlebte jeder eine nationale
Rezession, eine Wahlniederlage seiner
Partei zur Mitte der Amtszeit sowie
Skandale bei seinen Beratern und fand
dennoch weiterhin Anklang in der Öffentlichkeit.
Im Bereich der Außenpolitik amtierte jeder gerade zu der Zeit, als
die sowjetische Führungsspitze die
überkommenen
Formen
aufzubrechen
suchte, zuerst Nikita Chruschtschow
und gegenwärtig Michail Gorbatschow.
Sowohl Eisenhower als auch Reagan
ließen der Republikanischen Partei
als Teil ihres Vermächtnisses die
Wahl zwischen Kontinuität oder Wan-

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�del.
Darüber hinaus versetzten sie
ihre Vizepräsidenten in die Lage,
Nachfolger zu werden.
Ungeachtet
der
Übereinstimmung
zwischen Vergangenheit und Gegenwart
hat jedes Streben nach der Präsidentschaft seinen besonderen Eigencharakter und eigene Merkmale, wenn es darum geht, die Anliegen und Wunschvorstellungen der Zeit zu berücksichtigen.
Im Einklang mit dem historischen
Zyklus und der Stimmung im Land
scheinen amerikanische Wähler bei ihrem nächsten Präsidenten in stärkerem
Maße Kompetenz und eine starke Führungsrolle zu suchen als Stil und
Charisma, wozu im Zeitalter der Massenmedien die Tendenz bestand.
Der gegenwärtige Wahlkampf ist
der ertse seit 1968, in dem sich kein
amtierender Präsident zur Wiederwahl
stellt. Noch wichtiger ist, daß der
erste ernsthafte schwarze Kandidat,
Jesse Jackson, sich nunmehr um die
Präsidentschaft bewirbt.
Obwohl George Bush schon für die
Nominierung der Republikaner feststeht, sollte man sich vergegenwärtigen, daß die Geshichte nicht wohlwollend mit Vizepräsidenten umgegangen
ist, die direkt aus ihrer Position
der Nummer Zwei heraus ins Weiße Haus
gewählt werden wollten. Der letzte
erfolgreiche Kandidat war Martin Van
Buren im Jahr 1836 als Vizepräsident
unter Andrew Jackson.
Van Buren war der Nutznießer der
loyalen Gefolgschaft von "Old Hickory", wie Jackson genannt wurde. Dasselbe trifft nicht auf das Verhältnis
zwischen Bush und Reagan zu.
Die Billigung des Präsidenten bedeutet nicht den Sieg für einen Vizepräsidenten, wie Richard Nixon 1960
und Hubert Humphrey 1968 erfahren
mußten.
Als Nicht-Regierungspartei suchen
die Demokraten - wie im Jahr 1960 bei

ihrer Nominierung John F. Kennedys nach einem neuen und anders gearteten
Kandidaten, der keine Assoziationen
mit der Vergangenheit hervorruft.
Diese Beschreibung trifft auf den
möglichen Kandidaten der Partei, den
Gouverneur von Massachusetts Michael
Dukakis, zu.
Im Gegensatz zu den letzten Präsidentschaftswahlkampagnen zieht keiner der Kandidaten gegen Washington
zu Felde. Unter den möglichen Faktoren, die zu dieser Entwicklung beitragen, ist die allgemein gesunde
Wirtschaftslage der Nation, mit bemerkenswert niedriger Inflationsrate
und Arbeitslosenquote sowie die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten
eine Zeitspanne relativen Friedens
erleben, obgleich sie ihre nationalen
Interessen gegen internationale Terroristen verteidigen und weltweit ihre Präsenz in Unruheherden behaupten,
wie etwa in Mittelamerika und dem
Persischen Golf.
Es ist auch das erste Mal in der
jüngeren Vergangenheit, daß es keine
Kandidaten gibt, die als Außenseiter
oder Unabhängige gegen den Strom und
das politische Establishment kandidieren, wie etwa George Wallace,
Eugene McCarthy, John Anderson und
Jimmy Carter in früheren Kamapagnen.
Darüber hinaus gibt es den Beobachtungen Gary Orrens von der John F.
Kennedy School of Government an der
Harvard University
zufolge keinen
herausragenden Kandidaten, der eindeutig das Zeug zum Präsidenten hat.
Zitat Orren: "Es gibt keinen Kandidaten, der als Komet fungiert, an dem
sich die anderen orientieren".
Ihm zufolge "bedeutet dies, daß
die Kampagne von kurzfristigen Faktoren dominiert wird - den Medien, den
Vorschriften, Geld und der Charakterfrage" .
Damit besteht ebenfalls die grössere
Wahrscheinlichkeit
für
ein
Kopf-an-Kopf-Rennen im November.

�Ein weiterer herausragender Faktor der Kampagne von 1988 besteht darin, daß die führenden Kandidaten Bush, Dukakis und Jackson - eher
Pragmatiker als Ideologen sind. Das
steht in starkem Gegensatz zur Kampagne von 1984, bei der Reagan seine
konservativen Werte und der demokratische Kandidat Walter Mondale seinen
Liberalismus propagierte.
Statt dessen stellt sich jeder
Kandidat mit dem Thema dar, daß er
die Kompetenz, Kenntnisse und Erfahrungen mitbringt, um mit den Problemen des Landes sowohl auf nationaler
wie auch auf internationaler Ebene
fertigzuwerden.
Jeder stellt seine
zupackenden organisatorischen Fähigkeiten stärker heraus als seine Ideologie.
Ungewöhnlich an der gegenwärtigen
Kampagne ist das Fehlen eines 'heißen
Eisens', mit dessen Hilfe die Parameter des Wettbewerbs abgesteckt werden
und zu dem die Kandidaten eine Koalition mobilisieren können. Traditionell schlägt der Spitzenkandidat ein
Programm vor, das größtenteils auf
eine Wiederbelebung der Wirtschaft
und Stärkung der amerikanischen Aussenpolitik abzielt. Aber dieses Mal,
so bemerkt der Politikwissenschaftler
Erwin Hargrove von der Vanderbilt
University, "gibt es keine Problembereiche, die der Öffentlichkeit ein
Anliegen wären".
Dennoch gibt es zahlreiche soziale und die Lebensqualität betreffende
Fragen von großer Bedeutung für nahezu jeden Amerikaner, auf die der Kandidat eingehen muß. Dazu zählen Erziehung,
Drogenkonsum, Verbrechen,
Gesundheitsfürsorge, AIDS, die Todesstrafe, Abtreibung und Pornographie.
Die vom Meinungsforscher des Weißen
Hauses, Richard Wirthlin, durchgeführten Untersuchungen zur öffentlichen Meinung zeigen, daß soziale Fragen die Wähler stärker beschäftigen
als die Wirtschaft. Man sollte sich
auch daran erinnern, daß Reagan in
seiner
Präsidentschaftswahlkampagne
Werte wie Familie, Gemeinwesen und

Religion hervorhob.
Jackson hat sich mehr als alle
anderen Kandidaten auf diese Themen
konzentriert und vorgeschlagen, der
Staat solle bei ihrer Lösung eine
größere Rolle spielen. Zum Drogenproblem vertritt Bush die Auffassung,
führende Köpfe des Drogengeschäfts
sollten im Falle ihrer Überführung
mit dem Tode bestraft werden; Dukakis, der die Todesstrafe ablehnt,
spricht sich dagegen für verstärkte
Erziehungsmaßnahmen, Prävention und
Rehabilitation bei Jugendlichen aus.
Um die Präsidentschaftswahl 1988
zu gewinnen, muß ein Kandidat der
einhelligen Meinung der politischen
Beobachter zufolge in gesellschaftlichen Fragen einen nachhaltigen Eindruck bei ethnischen, religiös motivierten und zur Arbeitnehmerschaft
zuzurechnenden Wählern hinterlassen.
Ein weiteres parteiübergreifendes
Thema betrifft die persönliche Moral
und das Berufsethos der Kandidaten.
Robert Teeter, ein Experte zu Fragen
der öffentlichen Meinung, der sich
auf republikanische Kandidaten und
Anliegen spezialisiert hat, behauptet, daß nach der Ausschaltung von
Ideologie als entscheidender Faktor
die Wähler nun dem Charakter der Kandidaten mehr Beachtung schenken.
Die von großem publizistischen
Echo begleiteten Skandale um den ehemaligen demokratischen Kandidaten Senator Gary Hart, die Insider-Geschäfte an der Wall Street und die Sexund-Geld-Enthüllungen um die Fernsehevangelisten Jim und Tammy Bakker und
Jimmy Swaggart sowie die Verurteilungen
der
früheren
Reagan-Berater
Michael Deaver und Lyn Nofziger haben
die amerikanische Öffentlichkeit besonders für das Problem der Moral
sensibilisiert.
Enthüllungen über moralisch zweifelhafte Verhaltensweisen sind kaum
neu. Dennoch habe sich die Spielregeln geändert: das Privatleben von
im Lichte der Öffentlichkeit stehen-

- 3 -

�den
Personen,
Regierungsvertretern
und Politikern wird heute als legitimes Betätigungsfeld der Nachrichtenmedien angesehen, womit theoretisch
ein Schlüssel zu ihrem Charakter hinter den Kulissen, ihren potentiellen
Fähigkeiten und zu erwartenden Leistungen geliefert wird.
Eine damit in Zusammenhang stehende Frage betrifft die Kontroverse
über den Mißbrauch staatlicher Macht
in der Iran-Contra-Affäre.
Obwohl
gegen zwei ehemalige Berater des
Weißen Hauses für Angelegenheiten der
nationalen Sicherheit, Admiral John
Poindexter und Oberstleutnant Oliver
North, in diesem FalL Anklage erhoben
wurde, bleiben die Auswirkungen auf
Bushs Wahlkampf weiter ungewiß. Der
Vizepräsident hat standhaft behauptet, daß er mit dem Entscheidungsfindungsprozeß vor der Affäre nichts
zu tun hatte.
Trotzdem könnte die Besorgnis der
Öffentlichkeit über den Vorfall Auswirkungen auf die Wahl haben.
Ein ehernes Gesetz der amerikanischen Politik besagt, daß die Außenpolitik - mit Ausnahme der Frage von
Krieg oder Frieden - keinen starken
Einfluß auf den Präsidentschaftswahlkampf hat. Die anstehende Wahl könnte jedoch eine Ausnahme bilden.
Bushs Haltung zur Außen- und Verteidigungspolitik
ist zum größten
Teil eine Reproduktion derjenigen
Präsident Reagans - Unterstützung antikommunistischer Kräfte, eine starke
Verteidigung, Weiterverfolgung eines
Rüstungskontrollabkommens
mit
der
Sowjetunion
und Unterstützung der
Strategischen Verteidigungsinitiative
(SDI).
Die beiden führenden Bewerber bei
den Demokraten haben andere politische Maßnahmen vorgeschlagen, die
sich in vielen Bereichen unterscheiden.
Aufgrund
seiner
Erfahrung
in
"Privatdiplomatie" und seines Ein-

fühlungsvermögens für die Dritte Welt
tritt Jackson für eine radikale Neuorientierung amerikanischer Außenund Verteidigungspolitik ein, die er
als "neuen Realismus" bezeichnet.
Grundlegende
Vorschläge
sind:
Beendigung der amerikanischen Hilfe
für die Contra-Rebellen in Nicaragua,
Unterstützung eines unabhängigen Palästinenserstaates,
schärfere
USSanktionen gegen Südafrika, Schuldenentlastung für Staaten der Dritten
Welt. Im Verteidigungsbereich befürwortet er: Einfrieren der Militärausgaben auf gegenwärtigem Dollarstand für fünf Jahre, Reduzierung der
US-Streitkräfte in Westeuropa, Einstellung der Entwicklung von Tarnbombern (Stealth) und SDI, Reduzierung
der Flugzeugträgerverbände der Marine, Abschaffung der MX-Raketen und
einen Stop bei Midgetman und D-5-Raketen.
Kritiker argumentieren, die
Reduzierungen im Militärarsenal des
Landes machten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten verwundbar
für einen sowjetischen Angriff. Ausserdem drücken sie ihre Besorgnis
über sein gutes Verhältnis zu Kubas
Fidel Castro und zu Yassir Arafat,
dem Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), aus.
Was seine Vorschläge zur Außenund Verteidigungspolitik angeht, so
hat sich Dukakis weniger deutlich
ausgedrückt und wurde sowohl von
Jackson wie auch von Bush wegen seines Mangels an direkter Erfahrung in
diesem Bereich kritisiert.
Er hat eine außen- und verteidigungspolitische Haltung umrissen, die
den Vorstellungen der liberalen Mitte
der Demokratischen Partei entspricht.
So hat er betont, was er als eine politische Position bezeichnet, die
"amerikanische Werte" widerspiegelt,
darunter Menschenrechte, Respektierung der Herrschaft des Gesetzes und
einen multilateralen Ansatz zur Lösung weltweiter Probleme durch internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und die Organisation
Amerikanischer Staaten.

- 4 -

�Dukakis ist strikt gegen die Gewährung von Hilfe an die Contras. Er
ist ein energischer Freund Israels,
weigert sich aber gleichzeitig, eine
positive oder negative Haltung gegenüber einem Palästinenserstaat einzunehmen. Er hat über die Möglichkeit
eines Abzugs amerikanischer Truppen
aus Korea spekuliert und Wege zur
Aufnahme von Gespräche mit Castro
sondiert.
In der Verteidigung befürwortet
er eine Reduzierung der strategischen
Waffen um 50 oder mehr Prozent, einen
umfassenden Atomteststopp, die Beschränkung von SDI auf das Forschungs- und Entwicklungsniveau von
vor 1983 sowie eine Aufrüstung der
konventionellen Streitkräfte.

der enorm breiten Berichterstattung
durch die Medien sowie des großen
Felds früher Kandidaten hat der Präsidentschaftswahlkampf
1988
nicht
vermocht, intensives Interesse oder
echte Begeisterung unter den Wählern
hervorzubringen. Weitgehend aufgrund
seiner Fähigkeiten als Redner, persönlicher Anziehungskraft und seinem
Status als Superstar hat Jackson allein ein gewisse Maß an Energie und
Enthusiasmus geliefert. Bush und Dukakis entbehrten dem allgemeinen Empfinden zufolge der Wärme, des Flairs
und jener undefinierbaren Aura, die
einer nationalen Zuhörerschaft imponiert.
Angesichts dessen ist es nicht
unvorstellbar, daß die Wahlbeteiligung geringer ausfallen wird als die
im Jahr 1984 verzeichneten 53 Prozent.

Während Dukakis weniger Erfahrung
im Umgang mit ausländischen Politikern hat als Bush oder Jackson, ist
er ihnen gegenüber jedoch durch seine
natürliche Begabung für Fremdsprachen
im Vorteil. Er spricht fließend Spanisch und besitzt ausreichende Kenntnisse in Griechisch und Französisch.
In einer bedeutsamen Abkehr von
der Praxis des Jahres 1984 hat Dukakis es sorgfältig vermieden, Politik
für einzelne Wählergruppen zu machen
und vor seiner Nominierung Verpflichtungen für mächtige Interessengruppen
einzugehen, wie Mondale dies zu seinem Bedauern getan hatte. Zu Beginn
seiner Kampagne um die demokratische
Nominierung hatte Mondale sich beflissen um die Unterstützung der
AFL-CIO, der National Education Association und der National Organization
for Women bemüht und sie auch erhalten. Zu seinem Nachteil wurde Mondale als "Gefangener" von Interessengruppen dargestellt.
Im
Dukakis
höherer
wohl er

Gegensatz zu Mondale vermied
es auch, sich zur Einführung
Steuern zu verpflichten, obdies nicht ausgeschlossen hat.

Trotz des langen Zeitraums der
Vorwahlen und Caucus-Abstimmungen und
- 5 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Politik beim Gipfel ist auf Realismus und Stärke gegründet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fernsehansprache Präsident Reagans anitdie Bündnispartner&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Baker sieht positive Auswirkungen der Koordinierungsbemühungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede beim OECD-Ministertreffen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;ACDA-Chronologie der Verhandlungen über chemische Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zusammenfassung der ACDA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Probleme der Freizügigkeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fünf Treffen Reagan-Gorbatschow beim Gipfel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Das Programm des Gipfeltreffens&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Religiöse Rechte in der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Menschenrechte in der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen in Amerika 1988&lt;br /&gt;Die Präsidentschaftswahlkampagne und Ihre Parallelen in der Vergangenheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Dom Bonafede&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
\ o N

V

4

21

1 . Juni

1988

I N H A L T

HINTERGRUNDMATERIAL
Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen
- Überblick über amerikanische und sowjetische Vorschläge
Der Krieg zwischen Iran und Irak
- Ein Überblick Der Nahost-Friedensprozess
- Ein Überblick Der KSZE-Prozess
- Eine Ü b e r s i c h t Die B e r l i n I n i t i a t i v e
- Eine Ü b e r s i c h t -

\

Regionaler Dialog
- Eine Ü b e r s i c h t -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

4

VON

1. Juni 1988

21

VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND WELTRAUMWAFFEN
- Überblick über amerikanische und sowjetische Vorschläge -

Der folgende Abriß amerikanischer und sowjetischer Vorschläge bei den Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen gibt den Stand vom 6. Mai 1988 wieder.
Verhandlungen über die Verringerung
strategischer Rüstungen - START
Vereinigte Staaten
Allgemeine Haltung
50prozentige stufenweise Reduzierung strategischer Offensivwaffen bis
auf einen Gleichstand im Zeitraum von
sieben Jahren nach Inkrafttreten des
Vertrages.
Das Abkommen ist nicht abhängig
von der Lösung anderer Probleme ausserhalb der START-Verhandlungen.

50prozentiger Abbau strategischer
Offensivwaffen bis auf einen Gleichstand in zwei Phasen über einen Zeitraum von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrages, mit nachfolgenden Verhandlungen über zusätzliche
Reduzierungen.
Die Durchführung der 50prozentigen Reduzierung ist abhängig von der
Lösung des Problems der Verteidigung
im Weltraum (DDS).

Vereinigte Staaten
Trägersysteme

Sowjetunion
Allgemeine Haltung

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Eine Obergrenze von 1 600 stationierten offensiven strategischen Trägersystemen in Form von stationierten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Interkontinentalraketen (ICBMS), stationierten U-Boot-gestützten ballistischen Raketen (SLBMs) und schweren
Bombern.

Untergrenze von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen,
gleiche Gefechtskopfuntergrenzen für
ICBMs und SLBMs sowie eine Untergrenze von 1 100 Gefechtsköpfen auf Bombern.

Sowjetunion
Trägersysteme

Vereinigte Staaten

Eine Obergrenze von 1 600 stationierten offensiven strategischen Trägersystemen in Form von stationierten
Abschußvorrichtungen für ICBMs und
SLBMs und stationierten schweren Bombern.

Schwere ICBMs
Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren
ballistischen Raketen.
Verbot von
Produktion, Flugerprobung oder Modernisierung neuer oder existierender
Typen schwerer ICBMs.

Vereinigte Staaten
Gefechtsköpfe

Sowjetunion

Eine Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, einschließlich der stationierten Gefechtsköpfe auf ICBMs
und SLBMs und atomar bewaffneten
ALCMs (luftgestützten Marschflugkörpern) großer Reichweite; jeder nur
mit Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite (SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber zählt als ein
Gefechtskopf.

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren
ICBMs.
Produktion,
Flugerprobung
oder Modernisierung existierender Typen schwerer ICBMs ist erlaubt. Entwicklung, Erprobung und Stationierung
neuer Typen schwerer ICBMs ist verboten.

Sowjetunion

Vereinigte Staaten

Gefechtsköpfe
Identisch mit der
Vereinigten Staaten.

Schwere ICBMs

Wurfgewichte
Position der

Vereinigte Staaten
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen
Untergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen und
3 000 - 3 300 Gefechtsköpfen auf
ICBMs.
Sowjetunion
Untergrenzen bei Gefechtsköpfen

Die Wurfgewichte der sowjetischen
ICBMs und SLBMs zusammengenommen werden um 50 Prozent unter das gegenwärtig
bestehende
Niveau
reduziert.
Während der Geltungsdauer des Vertrages wird keine Seite dieses Niveau
überschreiten.

Sowjetunion
Wurfgewichte
Im Prinzip identisch mit der Position der Vereinigten Staaten, aber
beide Seiten müssen sich darauf verständigen, wie diese Verpflichtung
schriftlich niedergelegt werden soll.

�Vereinigte Staaten
Gefechtsköpfe
Raketen

auf

ballistischen

Für die bestehenden Typen wird
eine Quote von Inspektionen vor Ort
festgesetzt, um zu verifizieren, daß
die beim Washingtoner Gipfel deklarierte und vereinbarte Zahl von Gefechtsköpfen
nicht
überschritten
wird.
Für zukünftige Typen sowie
Veränderungen bei der Zahl der Gefechtsköpfe auf bestehenden Typen
müssen
die
Verfahrensweisen
noch
festgelegt werden.

Sowjetunion
Gefechtsköpfe
Raketen

auf

ballistischen

Inspektionen vor Ort sind nur
dann erlaubt, wenn eine Seite eine
Zahl von Gefechtsköpfen angibt, die
das Maximum der erprobten Gefechtsköpfe unterschreitet.

klearwaffen (SNDV).
Jeder nur für
Freifallbomben
und
Angriffsraketen
kurzer Reichweite ausgerüstete schwere Bomber würde im Rahmen der Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen als
ein Gefechtskopf zählen.
Sowjetunion
Schwere Bomber
Die sowjetische deckt sich
der amerikanischen Position.

mit

Vereinigte Staaten
ALCMs
Luftgestützte
Marschflugkörper
(ALCMs) werden als luftgestützte, nuklearbestückte riarschflugkörper mit
einer Reichweite von 1 500 Kilometern
definiert. Jedem für ALCMs ausgerüsteten schweren Bomber wird eine vereinbarte Anzahl von ALCMs zugeschrieben, damit gegen die Obergrenze von
6 000
Gefechtsköpfen
aufgerechnet
werden kann.
Sowjetunion
ALCMs

Vereinigte Staaten
Mobile ICBMs
Sind verboten, falls es nicht gelingt, das Problem der Verifizierung
zu lösen.

Sowjetunion

ALCMs werden als luftgestützte
Marschflugkörper mit einer Reichweite
von über 600 Kilometern definiert.
Die Anzahl der einem ALCM- fähigen
schweren Bomber zugerechneten ALCMs
soll maximal so hoch sein wie die
Zahl, für die der jeweilige Typ ausgerüstet ist. Die Anzahl der nuklearbestückten ALCMs soll reduziert
werden.

Mobile ICBMs
Vereinigte Staaten
Sind erlaubt, mit Begrenzung für
Abschußvorrichtungen und Gefechtsköpfe.

Vereinigte Staaten
Schwere Bomber
Jeder schwere Bomber zählt als
ein TrägerSystem für stragegische Nu-

SLCMs
Beide
Vertragsparteien
werden
eine für beide Seiten annehmbare Lösung zur Begrenzung der Stationierung
nuklearbestückter
SLCMs
längerer
Reichweite (seegestützten Marschflugkörpern) erarbeiten. Solche Begrenzungen bedeuten nicht, daß diese
SLCMs im Rahmen der Obergrenzen von

- 3 -

�6 000 Gefechtsköpfen und 1 600 strategischen offensiven TrägerSystemen
gezählt werden.
Beide Seiten verpflichten sich zur Schaffung von
Obergrenzen für diese Raketen und zur
Erarbeitung für beide Seiten annehmbarer und wirksamer Methoden zur Verifizierung
solcher
Begrenzungen.
Dazu zählen Nationale Technische Mittel (NTM), kooperative Maßnahmen und
Vor-Ort-Inspektionen. Bisher konnten
die Vereinigten Staaten keinen wirksamen Ansatz zur Verifizierung der
SLCMs erkennen.

nierung von Systemen vermutet. Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet
werden.
Sowjetunion
Verifizierung der Einhaltung
Im Prinzip ist die sowjetische
Position mit der amerikanischen identisch. Bei den Einzelheiten sind jedoch beträchtliche Abweichungen festzustellen. Die sowjetischen Punkte
sind für eine wirksame Verifizierung
nicht geeignet.

Sowjetunion
SLCMs
Bei den SLCMs werden besondere
Begrenzungen des Streitkräfteniveaus
auf 400 nuklearbestückte und 600 konventionell bestückte SLCMs vorgenommen. Die Sowjets haben bisher jedoch
keine wirksamen Verifizierungsmaßnahmen ausgemacht. Der sowjetische Ansatz würde ferner die amerikanische
Politik unterminieren, die Präsenz
von Nuklearwaffen an einem bestimmten
Standort weder zu bestätigen noch zu
dementieren.
Dieses Konzept bildet
einen bedeutenden Stützpfeiler der
Abschreckung.
Vereinigte Staaten
Verifizierung der Einhaltung
Die Punkte müssen mindestens folgendes enthalten:
Sowohl vor als
auch nach den Reduzierungen findet
ein Datenaustausch statt sowie Vorort- Inspektionen
zur
Verifizierung
des Datenaustausche und zur Beobachtung der Beseitigung von Waffen ebenso wie von Vor-Ort-Überwachungen des
Zugangs und Geländes der entscheidenden Produktionsstätten. Ferner finden sowohl während als auch nach dem
Reduzierungszeitraum kurzfristig anberaumte Inspektionen von Standorten
statt, an denen sich durch den Vertrag begrenzte Systeme befinden sowie
von Standorten, an denen eine Vertragspartei die geheime Produktion,
Lagerung, Instandsetzung oder Statio-

DDS
Vereinigte Staaten
Allgemeine Haltung
Das Thema der Verteidigung im
Weltraum wird in einem aus der beim
Washingtoner Gipfel abgegebenen Gemeinsamen Erklärung hervorgegangenen
Vertrag behandelt.
Die Vereinigten
Staaten haben am 22. Januar 1988
einen Vertragsentwurf zu DDS unterbreitet.
Sowjetunion
Allgemeine Haltung
Das Thema der Verteidigung im
Weltraum wird in einem neuen und getrennten Abkommen behandelt, das auf
die Gemeinsame Erklärung des Washingtoner Gipfels aufbaut. Die Sowjetunion hat am 22. April 1988 den Entwurf zu einem Abkommen vorgelegt.
Vereinigte Staaten
Verpflichtung
vom ABM-Vertrag

zum

Nichtrücktritt

Das Abkommen würde beide Seiten
zur Einhaltung des ABM-Vertrags in
der 1972 unterzeichneten Fassung verpflichten, während sie die notwendige
und vom ABM-Vertrag genehmigte Forschung, Entwicklung
und Erprobung
durchführen und nicht für einen be-

�stimmten Zeitraum zum Zwecke der Stationierung
strategischer
Verteidigungssysteme oder zum Erwerb strategischer Verteidigungsfähigkeiten vom
ABM-Vertrag zurückzutreten.
Sowjetunion
Verpflichtung
vom ABM-Vertrag

zum

Nichtrücktritt

Das Abkommen würde beide Seiten
zur Einhaltung des ABM-Vertrages in
der 1972 unterzeichneten Fassung verpflichten, während sie die notwendige
und im ABM-Vertrag genehmigte Forschung, Entwicklung
und Erprobung
durchführen und für einen festgelegten Zeitraum (9-10 Jahre) aus keinerlei Gründen vom ABM-Vertrag zurückzutreten.
(Die Sowjets halten sich
weiterhin an eine Auslegung des AMBVertrags, die restriktiver als die im
Jahr 1972 von den Vertragsparteien
vereinbarte Fassung ist).
Vereinigte Staaten
Maßnahmen nach Ablauf der vertraglich festgelegten Geltungsdauer
Intensive
Gespräche
über
das
strategische
Gleichgewicht
sollten
nicht später als drei Jahre vor Ablauf eines bestimmten Zeitraums beginnen.
Falls die Vertragsparteien
nichts anderes vereinbart haben, kann
jede Seite nach Ablauf dieses Zeitraums frei über ihr weiteres Vorgehen
entscheiden.
Jeder
Vertragspartei
steht es frei, die Stationierung von
Verteidigungssystemen gegen strategische Raketen zu wählen, die nicht unter den ABM-Vertrag fallen, nachdem
sie die andere Vertragspartei sechs
Monate vorher schriftlich von dieser
Absicht in Kenntnis gesetzt haben.
(Die Vereinigten
Staaten
streben
einen gemeinsamen Übergang zu eher
auf Verteidigung gestützte strategische Maßnahmen an, für den Fall, daß
wirksame strategische Verteidigungssysteme sich als realisierbar erweisen) .
Sowjetunion

Maßnahmen nach Ablauf der vertraglich festgelegten Coltungsdauer
Eingehende Gespräche über strategische Stabilität sollen nicht später
als drei Jahre vor Ende des vereinbarten Zeitraums aufgenommen werden.
(Sowjetischen
Vorschlägen
zufolge
soll das Ziel der Gespräche die Erlangung eines Abkommens über die
"weitere Stärkung der strategischen
Stabilität" sein; die Beteiligten
würden die "Probleme der Raketenabwehr unter Berücksichtigung der sich
durch Reduzierungen strategischer Offensivwaffen ergebenden neuen Situation" diskutieren".)
Im Falle, daß
nach Ablauf des Vertrages über Verteidigung im Weltraum im Rahmen dieser Gespräche keine anderslautenden
Vereinbarungen getroffen werden, soll
jede Seite ihre zukünftigen Vorgehensweisen im Hinblick auf den ABMVertrag und den START-Vertrag selbst
bestimmen, vorbehaltlich der Einhaltung entsprechender Bestimmungen dieser Verträge.
Vereinigte Staaten
Inkrafttreten, Dauer, Koppelung
Inkrafttreten abhängig vom Inkrafttreten des START-Vertrages; der
DDS-Vertrag wäre unbegrenzt gültig,
wobei ein "näher zu bezeichnender
Zeitraum" des Nichtrücktritts vom
ABM-Vertrag auszuhandeln wäre, ferner
die Einhaltung des ABM-Vertrages in
diesem Zeitraum. Dies gilt, bis sich
eine Seite zu einer anderen Vorgehensweise entschließt.
Sowjetunion
Inkrafttreten, Dauer, Koppelung
Dieses Abkommen würde gleichzeitig mit dem START-Abkommen in Kraft
treten.
Die Sowjets schlagen vor,
das Abkommen solle am Ende seiner
vertraglich vorgesehenen Geltungsdauer auslaufen. Das START-Abkommen ist
außer Kraft gesetzt, wenn irgendeine
Partei den ABM-Vertrag oder dieses

- 5 -

�Abkommen verletzt.

Verteidigung,
gegenseitige Besuche einschlägiger Forchungseinrichtungen, und
gegenseitige Beobachtung von Erprobungen im Rahmen der strategischen Verteidigung.

Vereinigte Staaten
Rücktr ittsrechte
Die Vereinigten Staaten bestehen
darauf, daß den Beteiligten die aufgrund des Völkerrechts zuerkannten
Rechte
zum
Rücktritt
vorbehalten
bleiben, - etwa solche, die im Fall
der Gefährdung höchster Interessen
einer Seite wahrgenommen werden könnten - sowie das Recht auf Kündigung
und vorläufige Aufhebung, wenn der
Vertrag tatsächlich gebrochen wird.

Sowjetunion
Berechenbarkeit
Die Sowjets gehen über die Gemeinsame Erklärung des Washingtoner
Gipfels hinaus nicht auf Berechenbarkeit ein. Im Rahmen eines am 12.
April 1988 vorgelegten Verifizierungsprotokolls fordern sie jedoch:

Sowjetunion
einen Informationsaustausch zur
Klärung zweifelhafter Situationen,
Datenaustausch im Hinblick auf
bestimmte Vorrichtungen, die im
Weltraum stationiert werden sollen,
Inspektion bestimmter Gelände und
Einrichtungen, die im Hinblick
auf die Einhaltung des ABM-Vertrages Anlaß zur Besorgnis geben,
und
die Lösung von Fragen der Einhaltung im Ständigen Konsultativausschuß .

Rücktr ittsrechte
Die Sowjets schlagen eine "bedingungslose" Verpflichtung
für
den
Nichtrücktritt vor, derzufolge eine
Partei keinerlei Gründe für den Rücktritt vom Vertrag geltend machen kann.
Vereinigte Staaten
Berechenbarkeit
Die Beteiligten werden Möglichkeiten erörtern, um die Berechenbarkeit in der Entwicklung der amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen
im
strategischen Bereich unter der Bedingung strategischer Stabilität zur
Reduzierung des Risikos eines Nuklearkrieges zu gewährleisten.
Im
Rahmen vertrauensbildender Maßnahmen
und um für die strategischen Verteidigungsprogrammen der jeweils anderen
Seite Berechenbarkeit für alle Beteiligten sicherzustellen, haben die
Vereinigten Staaten am 15. März 1988
ein Protokoll über die Berechenbarkeit vorgelegt, in dem folgende Punkte gefordert werden:
jährlicher Austausch von Datenmaterial über geplante Aktivitäten
im Bereich der strategischen Verteidigung,
gegenseitige
Informationsgespräche über die jeweiligen Bemühungen im Bereich der strategischen

INF
Die Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen sind erfolgreich abgeschlossen worden.
Am 8. Sezember
1987 haben Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow den INF-Vertrag
unterzeichnet.
Der
Vertrag
sieht die Beseitigung aller amerikanischen und sowjetischen Mittelstrekkenraketen der Reichweiten von 500
bis 5 500 Kilometern sowie die Abschaffung oder den Umbau damit in Zusammenhang
stehender
Einrichtungen
innerhalb von drei Jahren nach Inkrafttreten vor. Der Vertrag verbietet die gesamte Produktion und Flugerprobung dieser Raketen unmittelbar
nach seinem Inkrafttreten. Nach erfolgter Beseitigung wird der Vertrag
alle Einrichtungen zur Stationierung,
Lagerung, Wartung und Produktion die-

�ser Raketensysteme verbieten.
Der
Vertrag enthält die überzeugendsten
Verifizierungsbestimmungen in der Geschichte der Rüstungskontrolle, einschließlich verschiedener Arten von
kurzfristigen Inspektionen sowie auch
Inspektionen durch am Ort stationierte Teams. Der Vertrag wurde dem Senat mit der Bitte um Zustimmung zur
Ratifizierung am 25. Januar 1988 vorgelegt.

* * * * *

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Hintergrundmaterial

1. Juni 1988

21

DER KRIEG ZWISCHEN IRAN UND IRAK
- Ein Überblick -

Washington - (AD) - Nachstehend geben wir eine am 23. Mai veröffentlichte
Übersicht aus dem vom Weißen Haus zum Moskauer Gipfel herausgegebenen Pressehandbuch wieder.
Die amerikanische Aktion im Golf vom
18. April
Die amerikanische Aktion gegen
die iranischen Plattformen war
eine angemessene Reaktion auf die
iranische verminung von internationalen Gewässern und den Minenangriff, gegen die "Samuel Roberts", wobei zehn Männer verwundet wurden.
Die nachfolgenden amerikanischen
Aktionen hatten trotz der feindseligen iranischen Aktionen defensiven Charakter. Die Angelegenheit ist damit abgeschlossen,
und die Vereinigten Staaten hoffen auf friedliche und normalere
Beziehungen zum Iran. Wir werden
jedoch
zur
Selbstverteidigung

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Embassy of the United States of America

auch weiter entschlossen reagieren, wenn wir dazu herausgefordert werden.
Der Kongreß war im voraus von unserer Reaktion unterichtet worden. Wir werden einen engen Kontakt zum Kongreß aufrechterhalten
und begrüßen die deutliche Unterstützung, die wir von beiden Parteien erhalten haben.
Die amerikanische Politik
Existentielle amerikanische Interessen im Golf: sichere Versorgung mit Öl, Unterstützung für
die nicht kriegführenden arabischen GolfStaaten, Verhinderung
der sowjetischen Einflußerweiterung, Unterbindung von iranischen

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�Einschüchterungsversuchen und Hegemoniestreben .
Die Präsenz der amerikanischen
Marine, der Sicherheitsbeistand
und diplomatische Bemühungen sind
Mittel
zur
Erreichung
dieses
Ziels.
Zusätzlich zur Begleitung von
Einsätzen haben wir uns dazu entschlossen, unter bestimmten Voraussetzungen befreundeten, unbeteiligten neutralen und unter Beschuß stehenden Schiffen zu helfen. Wir sind nicht die Polizei
des Golfs und schützen nicht die
Fracht irgendeiner kriegführenden
Partei.
Diese Entscheidung erfordert keine Steigerung unserer
Präsenz im Golf.
Die
amerikanische
Entscheidung
bedeutet, daß unsere Kriegsschiffe nun nach Befehlen im Einsatz
sind, die für die französischen
und britischen Kriegsschiffe im
Golf schon gelten. Dies wird von
vielen Regierungen und amerikanischen Schiffseignern als Beitrag
zur Freiheit der Schiffahrt durch
nicht kriegführende Schiffe begrüßt.
Keine Abkehr von unserer Politik.
Wir streben nicht nach einem Konflikt mit dem Iran. Der zentrale
Grund für die Spannungen ist der
Krieg, und auf ihre Lösung muß
man sich nun konzentrieren. Der
Iran verweigert die Annahme und
Verwirklichung
der
Resolution
598, wie dies vom UN-Sicherheitsrat gefordert wird. Der Irak hat
sie akzeptiert.
Die iranische Beschuldigung, die
Vereinigten Staaten hätten die
Saudis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit dem Iran
bewegt, ist unbegründet; es ist
ebenfalls unwahr, daß die Vereinigten Staaten an irakischen
Militäraktionen beteiligt waren.
Die Vereinigten Staaten widerset-

zen sich energisch der Kriegführung mit chemischen Waffen sowohl
durch den Iran wie auch den Irak
und unterstützten den jüngsten
Bericht des UN-Generalsekretärs,
der eine Beendigung ihrer Anwendung und ein Ende des Krieges
durch die Verwirklichung der Resolution 598 des Sicherheitsrates
forderte.
Die Resolution 598 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
Unser Ziel ist die sofortige auf
dem Verhandlungsweg erzielte Beendigung des Krieges zwischen dem
Iran und dem Irak auf der Basis
der Resolution 598. Wir benötigen eine umfassende Beendigung
des Krieges - auf dem Land, zur
See und in der Luft. Jüngste
Vorkommnisse unterstreichen die
Notwendigkeit dringlicher Maßnahmen des UN-Sicherheitsrates zur
WeiterVerfolgung der Resolution
über ein Waffenembargo gegen den
Iran bei einer Nichteinhaltung
der Resolution 598.
Die Vereinigten Staaten begrüßen
die Annahme der Resolution 598
des Sicherheitsrates durch den
Irak, bedauern aber dessen Zurückweisung des Vorschlags vom
UN-Generalsekretär, daß der Irak
und der Iran die Resolution 598
des Sicherheitsrates akzeptieren
und mit seinem Vertreter nach
Möglichkeiten suchen, wie diese
Resolution im vollen Umfang verwirklicht werden kann.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
^7

Hintergrundmaterial

&lt;X

1. Juni 1988

21

DER NAHOST-FRIEDENSPROZESS
- Ein Überblick -

Der nachfolgende Überblick zum Friedensprozeß im Nahen Osten ist dem am
23. Mai vom Weißen Haus veröffentlichten Pressehandbuch zum amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen in Moskau entnommen:
Allgemeines
Außenminister Shultz kehrte am
23. April 1988 aus Moskau zurück.
Den Sowjets zufolge sollte eine
internationale Konferenz eine aktive und substantielle Rolle in
den Verhandlungen spielen. Wir
sind uns der Notwendigkeit einer
internationalen Konferenz bewußt,
jedoch sollte diese nicht mit uneingeschränkten Vollmachten ausgestattet sein, weil dadurch bilaterale Verhandlungen die
einzige Art von Verhandlungen,
die zu einer Einigung führen kann
- unmöglich gemacht werden. Die
Konferenz muß ein Mechanismus zur
Erleichterung - nicht zum Ersatz
- solcher Verhandlungen sein.

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Embassy of the United States of America

Der Außenminister reiste Anfang
April in den Nahen Osten und besuchte bei dieser Gelegenheit Israel, Jordanien, Ägypten, Saudi
Arabien und Syrien. Er bekräftigte unser Engagement für die
Friedensinitiative.
Unser Vorschlag fand nirgendwo Zustimmung,
aber es lehnte ihn auch niemand
rundweg ab. Wir werden allseits
zur Fortführung unserer Bemühungen ermutigt.
Unser Vorschlag stellt den einzigen realistischen und durchführbaren Ansatz dar. Er besteht aus
einem integrierten Paket - kein
Teil kann herausgelöst werden ohne die Ausgewogenheit des gesamten Plans zu zerstören. Präsident Reagan hat dazu erklärt:

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�I

"Die Vereinigten Staaten werden
diese Initiative nicht zerstükkeln, und sie werden sie auch
nicht aufgeben."
Unsere Initiative betont die Verzahnung zwischen Ubergangsregelungen und Verhandlungen über den
Endstatus.
Die
Verhandlungen
müssen
mit
Ubergangsregelungen beginnen, um
zu vermeiden, daß die verschiedenen Parteien zur Einnahme von Extrempositionen getrieben werden.
Sie müssen auf eine schnelle Beendigung der israelischen militärischen Besetzung drängen, den
Palästinensern
das
Recht
auf
Selbstverwaltung
gewähren
und
eine Grundlage für die Gespräche
über
den
endgültigen
Status
schaffen.
Die grundlegenden
Ziele einer
Verhandlungslösung sind weiterhin
die Sicherheit aller Staaten in
der Region, einschließlich Israels, sowie die Verwirklichung
der legitimen Rechte des palästinensischen Volkes. Keines dieser
zentralen Ziele läßt sich langfristig ohne eine Verständigung
erreichen.
Drei Probleme nehmen beim Prozeß
der Herbeiführung von Verhandlungen zwischen Israel und seinen
Nachbarn einen zentralen Stellenwert ein: eine angemessen strukturierte
internationale
Konferenz, die Vertretung der Palästinenser und die Bedeutung der Resolution 242 des UN-Sicherheitsrats.

Verhandlungen innerhalb einer angemessen strukturierten internationalen Konferenz aufnehmen.
Die von uns vorgeschlagene Konferenz würde keine Lösungen aufzwingen oder Vereinbarungen durch
Veto zu Fall bringen. Sie würde
direkte Verhandlungen
in Gang
bringen und von den Verhandlungsparteien in noch zu vereinbarender Weise Berichte erhalten.
Die zu den Verhandlungen eingeladenen Teilnehmer müssen die Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats als Grundlage der
Verhandlungen akzeptieren und auf
Gewalt und Terrorismus verzichten.

Vertretung der Palästinenser
Alle stimmen darin überein, daß
die Palästinenser eine Partei des
arabisch-israelischen
Konflikts
sind, die in jeder Phase des Verhandlungsprozesses vertreten sein
muß.
Alle sind sich ferner einig, daß
eine Regelung die legitimen Rechte des palästinensischen Volkes
berücksichtigen muß - in der
gleichen Art und Weise, wie die
legitimen Rechte der anderen Verhandlungsparteien zu berücksichtigen sind.
Die palästinensischen Vertreter
werden an den Verhandlungen als
Teil der gemeinsamen jordanischpalästinensischen
Delegation
teilnehmen.

Die von einigen abgelehnte Konferenz ist nicht die Art von Konferenz, wie wir sie vorschlagen.

Diejenigen, die sich an den Verhandlungetisch setzen, müssen guten Willens sein und sich für den
Frieden engagieren.
Es dürfen
keine Personen ausgewählt werden,
die Vertreter anderer Parteien
vertreiben würden.

Den Verfahrensweisen unseres Vorschlages zufolge werden die beteiligten Parteien rasch direkte

Das Beharren auf einer sichtbaren
Teilnahme der Palästinensischen
Befreiungsorganisation (PLO) von

Internationale Konferenz

-S

�gen abhängen.

Beginn an würde bedeuten, daß
keine Konferenz und kein Prozeß
zustandekommt.

Zusammenfassung
Die Bedeutung der Resolution 242 des
UN-Sicherheitsrats
Dies ist die erste substantielle
Frage, mit der sich die Parteien
konfrontiert sehen. Sie ist deshalb so bedeutsam, weil die Parteien die akzeptierte Grundlage
der Verhandlungen verstehen müssen und grundsätzlich eine ähnliche Sichtweise zu den möglichen
Parametern
einer
endgültigen
Übereinkunft teilen.

Der amerikanische Vorschlag ist
ein sorgfältig durchdachter Plan, der
die grundlegende substantielle Frage
anspricht - Land für Frieden - und
der einen Weg bietet, um mit den zwei
wichtigsten Problemen der Verfahrensweise fertigzuwerden - der Konferenz
und der Vertretung der Palästinenser.
Je eher Entscheidungen getroffen werden, desto eher können die beteiligten Parteien am Verhandlungstisch
Platz nehmen.

Ein Bestandteil der Prinzipien
der Resolution 242 sind eindeutig
Verhandlungen über einen Tausch
von Land gegen Frieden. Die amerikanische Haltung: Im Austausch
für Frieden findet die Rückzugsklausel von Resolution 242 Anwendung
auf alle Fronten, einschließlich Westjordanland, Gaza-Streifen und die Golan-Höhen.
Alle Versuche, der Resolution 242
auszuweichen oder sie neu zu interpretieren, sind zum Fehlschlag
verurteilt.
Die Araber können
dem Frieden nicht ausweichen, die
Israelis können den Rückzug nicht
vermeiden.
In unserem Vorschlag wird die Resolution 242 als Grundlage der
Verhandlungen
festgeschrieben,
und alle ihre Bestimmungen und
Prinzipien werden auf sämtliche
zwischen Israel und seinen Nachbarn stattfindenden Verhandlungen
Anwendung finden.
Es bleibt noch viel Spielraum für
die Verhandlungen.
Unserer Ansicht nach wird das Ausmaß, in
dem Israel zur Aufgabe von Territorium aufgefordert werden sollte, zu einem großen Teil von dem
Ausmaß an echtem Frieden und Normalisierung sowie den im Gegenzug
angebotenen Sicherheitsvorkehrun- 3 -

* * * * *

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Hintergrundmaterial

1. Juni 1988

21

DER KSZE-PROZESS
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht ist dem vom Weißen Haus zum Moskauer Gipfeltreffen
veröffentlichten Pressehandbuch entnommen:
Im November 1986 wurde in Wien
das dritte Folgetreffen der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) eröffnet. Delegationen
aus den 35 Teilnehmerstaaten - Vertreter aus Ost und West sowie neutraler und blockfreier Staaten - haben
die Verwirklichung der in der Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975
verankerten
Verpflichtungen
überprüft. Gegenwärtig fassen sie Vorschläge ins Auge, um eine strengere
Einhaltung dieser Verpflichtungen zu
ermutigen.
Die Bedeutung einer Überprüfung
der
Verwirklichung
der KSZE-Verpflichtungen - und warum eine solche
Überprüfung häufig umstritten ist erklärt sich aus dem Charakter der
Schlußakte selbst und aus dem bishe-

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rigen Verlauf des KSZE-Prozesses.
Die nach jahrelangen Ost-V Jest-Verhandlungen verabschiedete Schlußakte
definiert eine Reihe von Normen und
Zielsetzungen für das Verhalten der
Staaten untereinander und gegenüber
ihren eigenen Bürgern. Außerdem enthält sie ein Programm für praktische
Schritte zur Verwirklichung dieser
Ziele.
Bei der Behandlung menschlicher,
wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer
Angelegenheiten
bekräftigt
die Schlußakte die grundlegenden Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie
andere Prinzipien wie die gleiche
Souveränität der Staaten und das
Recht auf Selbstbestimmung.
Grundsätzliches

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Ziel

des KSZE-

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�Prozesses ist der Abbau künstlicher
Schranken, die Ost und West über das
ganze Spektrum menschlicher Belange
hinweg trennt - darunter die Respektierung der Menschenrechte, freier
Informationsfluß, Zusammenarbeit in
den Bereichen Bildung und Kultur,
wirtschaftliche und wissenschaftliche
Zusammenarbeit und Vereinbarungen im
sicherheitspolitischen Bereich.
In der Schlußakte wird anerkannt,
daß diese Fragen miteinander in Verbindung stehen und daß die Solidität
des KSZE-Prozesses von ausgewogenen
Fortschritten in allen diesen Bereichen abhängt.
Leider wird die Bilanz der Einhaltung von Verpflichtungen aus der
Schlußakte durch das Verhalten der
Sowjetunion und anderer osteuropäischer Staaten getrübt, wie folgende
Beispiele zeigen:
Obwohl sich die Sowjetunion zum
Abzug ihrer Truppen aus Afghanistan verpflichtet hat, hält sie
das Land weiterhin besetzt; ferner inhaftiert und bestraft sie
ihre Bürger für die Ausübung von
Bürgerrechten, zu deren Schutz
sich die UdSSR in Helsinki verpflichtet hat (z. B. Religionsfreiheit und Freizügigkeit).
Trotz der gelegentlichen Lösung
von Einzelfällen sind zahlreiche
Sowjetbürger weiterhin auf grausame Weise von ihren Familien getrennt, weil ihnen von offizieller Stelle die Ausreisegenehmigung verweigert wird.
Obwohl die Zahl der sowjetischen
Juden, denen die Auswanderung gestattet wird, im vergangenen Jahr
gestiegen ist, bleibt sie doch
unter dem Niveau der Genehmigungen gegen Ende der siebziger Jahre.
Dennoch sind im Laufe der Jahre
einige Fortschritte bei KSZE zu verzeichnen.

Einige
Warschauer-Pakt-Staaten
haben Maßnahmen zur Erfüllung ihrer
Verpflichtungen
getroffen,
und ein paar bemerkenswerte Fälle, bei denen es um Verfechter
der Menschenrechte und getrennte
Familien ging, sind gelöst. In
der sowjetischen Bilanz zur Beachtung der Menschenrechte gab es
positive Entwicklungen, aber insgesamt muß noch viel mehr getan
werden,
einschließlich
solcher
Schritte zur Institutionalisierung jüngster Reformen.
Unter dem Schutz der KSZE haben
menschliche Kontakte zwischen den
Bürgern in Ost und West um ein
Vielfaches zugenommen.
Durch die im September 1986 in
Stockholm beendeten KSZE-Verhandlungen sind der Schlußakte wichtige Bestimmungen zur Vertrauens- und Sicherheitsbildung und
zum Abbau des Risikos eines durch
Fehleinschätzung
hervorgerufenen
Krieges hinzugefügt worden. Die
vereinbarten Maßnahmen umfassen
die Vorhersage, Ankündigung, Beobachtung und Inspektion militärischer Aktivitäten vom Atlantik
bis zum Ural.
Der KSZE-Prozeß hat sich seit
Helsinki durch Folgetreffen in Belgrad (1977-78) und Madrid (1980-83)
weiterentwickelt wie auch durch eine
Reihe von Expertentreffen über spezielle Aspekte der Schlußakte, einschließlich Menschenrechte, menschliche Kontakte, friedliche Beilegung
von Streitigkeiten und kulturelle Beziehungen.
Bei jedem dieser Treffen haben
die Vereinigten Staaten auf einer
aufrichtigen und gründlichen Überprüfung der
Bilanz bestanden.
Die
Schlußakte enthält die politische
Verpflichtung der 35 Teilnehmerstaaten, sich an bestimmte Vorgaben zu
halten; sie ist rechtlich nicht bindend und enthält keinen Mechanismus,
um ihre Verwirklichung zu erzwingen.
Aus diesem Grunde ist es von ent-

�scheidender Bedeutung, Nichteinhaltungen ans Licht der Öffentlichkeit
zu bringen und auf einem besseren
Verhalten zu bestehen.
Unsere
NATO-Partner
verfahren
nach demselben Muster.
Gemeinsam
nutzen wir den KSZE-Prozeß als Mittel, um auf die Sowjets und andere
politischen und moralischen Druck
auszuüben, damit sie die Menschenrechte und Grundfreiheiten respektieren.
Eine bessere Einhaltung bleibt
vordringliches Ziel unserer Delegation beim laufenden Wiener Folgetreffen. Wir streben nach einem ausgewogenen Ergebnis innerhalb und zwischen
den einzelnen KSZE-Bereichen - bei
menschlichen
Kontakten,
Wirtschaft
und Sicherheit.
Entsprechend hat der Westen beachtliche Vorschläge zu allen Bereichen unterbreitet. Im Sicherheitsbereich zum Beispiel wurden vom Westen
zwei getrennte Verhandlungsrunden im
Rahmen des KSZE-Prozesses vorgeschlagen: 1. die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen allen 35 KSZEStaaten, um auf den in Stockholm erarbeiteten Vertrauensund Sicherheitsbildenden Maßnahmen aufzubauen und
diese zu erweitern, und 2. autonome
Verhandlungen zwischen den 23 Mitgliedstaaten der NATO und des Warschauer Pakts, die darauf ausgerichtet sind, ein konventionelles Gleichgewicht in Europa auf einem niedrigeren Streitkräfteniveau zu erzielen.
Im Bereich der Menschenrechte und
menschlichen Kontakte sind wir mit
der Ausarbeitung und Erweiterung der
Verpflichtungen von Helsinki befaßt,
wobei die Betonung auf Taten und
nicht auf Worten liegt. Unter anderem beinhaltet dies verstärktes Engagement für Freizügigkeit im eigenen
Land und das Recht auf Ausreise aus
jedem beliebigen Land; Religionsfreiheit,
insbesondere
Religionsunterricht? Erleichterung von Familienzusammenführungen; Zugang zu Informationen sowie die Freiheit zur Bewahrung

der kulturellen Identität. Der Westen hat ferner einen Vorschlag über
umfassende
Nachfolgeaktivitäten
zu
Menschenrechtsfragen
unterbreitet,
wobei die verbesserte Wahrung der
Menschenrechte einschließlich eines
Instruments zur Erörterung schwerwiegender Menschenrechtsverletzungen im
Mittelpunkt steht.
Wir sind von der Entschlossenheit
geleitet, daß neue Schritte nach vorn
sich fest auf die entschieden verbesserte Verwirklichung der Menschenrechte und die in der Schlußakte von
Helsinki verankerten Grundfreiheiten
im Ostblock gründen müssen.
Die sechste Runde des Wiener
Treffens begann am 15. April 1988.
Die Delegationen arbeiten anhand von
Kompromißpapieren, die von den Koordinatoren der neutralen und blockfreien Staaten vorgelegt wurden. Zusammen mit den bereits unterbreiteten
Vorschlägen bilden diese Dokumente
eine solide Grundlage für ernsthafte
Verhandlungen
über
den Text des
Schlußdokuments. Aufgrund der Verzögerungstaktik des Ostblocks sind jedoch buchstäblich
keinerlei Fortschritte im Bereich der Menschenrechte gemacht worden, obwohl über einen
Großteil
der
Sprachregelungen
im
Sicherheitbereich vorläufige Einigung
erzielt wurde.
Die Vereinigten Staaten arbeiten
zusammen mit ihren Bündnispartnern
und den Delegationen der neutralen
und blockfreien Staaten an der Gewährleistung nützlicher und beachtlicher Fortschrittte in Wien. Wir haben eindeutig unsere Bereitschaft zum
Ausdruck gebracht, so lange in Wien
zu bleiben, wie es zur Verwirklichung
der verbesserten Einhaltung und erweiterten Verpflichtungen im Bereich
der Menschenrechte und Grundfreiheiten durch den Osten erforderlich ist.
Trotz der Diskrepanz zwischen den
Versprechungen und dem Verhalten des
Ostens ist es nach wie vor Hauptaufgabe der Schlußakte, das Leben der in
Unterdrückung lebenden Menschen zu

- 3 -

�erleichtern.
Daher
bleiben
die
Schlußakte und der durch sie eingeleitete Prozeß entscheidende Instrumente westlicher Diplomatie, denen
eine Schlüsselrolle in unserer gesamten Ost-West-Tagesordnung zukommt.

* * * * *

- 4-

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

\DN'^

1. Juni 1988

21

DIE BERLIN INITIATIVE
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht ist dem vom Weißen Haus am 23. Mai zum Gipfel herausgegebenen Pressehandbuch entnommen:
Die Berlin Initiative wurde von
Präsident Reagan anläßlich seines Besuchs in Berlin am 12. Juni vergangenen Jahres ins Leben gerufen.
Ihr Ziel besteht darin, für das
Leben der Berliner gewisse praktische
Verbesserungen zu schaffen:
Ausweitung des Luftverkehrs in
die Stadt,
Förderung
des
Jugendaustauschs
und
anderer
Austauschprogramme
zwischen Ost- und Westberlin,
Vermehrte Durchführung internationaler Zusammenkünfte in Berlin,
Abhaltung von mehr internationalen Sportveranstaltungen in Berlin, einschließlich möglicherweise einer zukünftigen Olympiade.

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Embassy of the United States of America

Die Initiative der Vereinigten
Staaten findet die aktive Unterstützung und Beteiligung der Regierungen
von Frankreich, Großbritannien und
der Bundesrepublik.
Seit dem Sommer letzten Jahres
finden zwischen den vier Regierungen Diskussionen auf Expertenebene statt.
Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich haben im
vergangenen Dezember den Sowjets die
Initiative formell unterbreitet und
Gespräche über ihre vier Vorschläge
angeregt.
Die Sowjets erklärten, sie hofften darauf, bis zum Sommer auf
die Initaitive reagieren zu kön-

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�nen.
Der Präsident hat beim Gipfeltreffen mit Generalsekretär Gorbatschow im Dezember vergangenen Jahres
die Initiative angesprochen und wird
dies aller Wahrscheinlichkeit nach
auch beim Gipfeltreffen in Moskau tun.
N.B.: Die drei westlichen Verbündeten in Berlin werden mit der Unterstützung und in Zusammenarbeit mit
der Bundesregierung in Bonn und den
Behörden Berlins gegenwärtig und in
Zukunft erhebliche Bemühungen unternehmen, um in Berlin positive Veränderungen herbeizuführen.
Es wird keine Veränderungen im
Status der Stadt geben. Unser
Vorschlag zielt darauf ab, auf
das Viermächteabkommen über Berlin von 1971 aufzubauen, nicht
darauf, es zu revidieren.
Wenn die Sowjets es mit dem Abbau
der Spannungen in Europa und der
Sicherung des Friedens ernst meinen, fordern wir sie auf, mit den
drei westlichen Verbündeten gemeinsam einige Schritte insbesondere im Bereich der menschlichen
Kontakte zu unternehmen, um die
Situation der Menschen in Berlin
zu verbessern.
Wir freuen uns, baldmöglichst die
Vorschläge des Präsidenten mit
den Sowjets zu besprechen, sowie
sie positiv auf die Anstöße der
Verbündeten reagieren.

* * * * *

- 2

�AMERIKA DIENST
VON

Hintergrundmaterial

4

1. Juni 1988

21

REGIONALER DIALOG
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht ist dem vom Weißen Haus am 23. Mai zum Gipfel herausgegebenen Pressehandbuch entnommen.

In den vergangenen Jahren haben
wir mit Moskau einen aktiven und
freimütigen Dialog über regionale
Angelegenheiten
aufgebaut
und
aufrechterhalten.
Dieser bleibt
integraler
Bestandteil
unseres
Vier-Punkte-Programms.

Gesprächen über regionale Konflikte bewiesen und dabei die
Notwendigkeit politischer Lösungen auf der Basis nationaler Aussöhnung,
Selbstbestimmung
und
verbesserten regionalen Dialogs
betont.

Dieser Dialog hat sich zum Abbau
möglicher
Mißverständnisse und
Fehlkalkulationen
als nützlich
erwiesen.

Dies ist ermutigend, insbesondere
weil diese Ideen an Präsident
Reagans Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen vom
Oktober
1985 angelehnt
sind.
Aber wir müssen die Sowjets weiterhin an ihren Taten und nicht
nur an ihren Worten messen.

Wie auch in anderen Bereichen der
amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen betrachten wir den Dialog
jedoch nicht als Ersatz für konkrete Fortschritte.
Die Sowjets haben in jüngster
Zeit mehr Flexibilität in ihren

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Unserer Ansicht nach besteht ein
entscheidender Faktor für die Erlangung von Fortschritten mit den
Sowjets bei regionalen Konflikten

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�in unserer anhaltenden Unterstützung (sei sie nun politischer,
wirtschaftlicher oder militärischer Art) für Freiheitskämpfer,
die sich gegen Unterdrückung von
Moskau und seinen Verbündeten zur
Wehr setzen.
Unsere Zielsetzung besteht allein
darin, politische Lösungen für
regionale Konflikte zu finden.
Der Gipfelerklärung von Washington gemäß wollen wir Möglichkeiten finden, um "die bei regionalen Konflikten beteiligten Parteien bei der Suche nach friedlichen Lösungen zu unterstützen,
die ihre Uabhängigkeit, Freiheit
und Sicherheit fördern".
Die Unterzeichnung des Genfer Afghanistan-Abkommens am 14. April
stellte für die Lösung regionaler
Konflikte durch politischen Dialog einen in der Geschichte einmaligen Schritt dar.
Generalsekretär Gorbatschow hat
darauf hingewiesen, daß mit dem
Abkommen über Afghanistan Wege
zur Lösung anderer regionaler
Konflikte mit politischen Mitteln
eröffnet werden sollten.
Dem
stimmen wir voll und ganz zu.
Wir werden dies gemeinsam mit den
Sowjets
weiterverfolgen,
indem
wir auf praktischen Möglichkeiten
zur Beendigung anderer regionaler
Konflikte drängen, von denen viele
sowjetische
Vasallenstaaten
betreffen.
Der Präsident erwartet, die gesamte Bandbreite regionaler Angelegenheiten während des Gipfeltreffens in Moskau abdecken zu
können. Dazu zählen Afghanistan,
der Krieg zwischen Iran und Irak,
der
Friedensprozeß
im
Nahen
Osten, Südafrika, Äthiopien, Kambodscha, Korea und Mittelamerika.

- 2

�</text>
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                <text>Amerikadienst 01.06.1988</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Überblick über amerikanische und sowjetische Vorschläge&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Krieg zwischen Iran und Irak&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Überblick&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Nahost-Friedensprozess&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Überblick&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der KSZE-Prozess&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Überblick&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Berlin Initiative &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Regionaler Dialog&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
VON

#
8. J u n i 1988

22
INHALT

DOKUMENTATION
Gipfeltreffen führte zu "erweitertem Dialog"
- Die gemeinsame Abschlußerklärung des Moskauer Gipfels -

HINTERGRUNDMATERIAL
Die Vereinbarungen über das gemeinsame amerikanisch-sowjetische
Verifizierungsexperiment
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

Amerikanisch-sowjetisches Abkommen über die friedliche Nutzung der
Kernenergie
- Eine Übersicht -

Amerikanisch-sowjetisches Abkommen zur Zusammenarbeit im Weltraum
- Eine Übersicht -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Biotechnik - eine Zukunftsindustrie
- OTA-Studie zu Umweltproblemen durch künstlich erzeugte Organismen -

Erreger der Non-A-non-B Hepatitis entdeckt
- Bluttests in der Erprobung -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
%

Dokumentation

^ Js

8. Juni 1988

22

GIPFELTREFFEN FÜHRTE ZU "ERWEITERTEM DIALOG"
Die gemeinsame Abschlußerklärung des Moskauer Gipfels -

MOSKAU - (AD) - Der am 1. Juni 1988 im Moskau veröffentlichten gemeinsamen
Gipfelerklärung zufolge befinden sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion inmitten eines "sich entfaltenden Dialogs", der "ein zunehmend wirkungsvolles Mittel zur Lösung von Fragen wird, die von beiderseitigem Interesse
sind und auf beiden Seiten Besorgnis auslösen". Dabei wurden jedoch "aus Geschichte, Tradition und Ideologie herrührende reale Differenzen nicht unterschätzt, die weiterhin das amerikanisch-sowjetische Verhältnis charakterisieren werden".
Die gemeinsame Erklärung hat folgenden Wortlaut;
Im Einklang mit der beim amerikanisch-sowjetischen
Gipfeltreffen
von Genf im November 1985 erzielten
und beim Washingtoner Gipfeltreffen
vom Dezember 1987 bekräftigten Übereinkunft trafen sich der Präsident
der Vereinigten Staaten von Amerika,
Ronald W. Reagan, und der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion,
Michail S. Gorbatschow, vom 29. Mai
bis 2. Juni 1988 in Moskau.

besonderen Verwendung und Sonderberater des Präsidenten und des Außenministers
in Rüstungskontrollfragen,
Paul H. Nitze, der Sonderberater des
Präsidenten und des Außenministers in
Rüstungskontrollfragen,
Botschafter
Edward L. Rowny, der amerikanische
Botschafter in der UdSSR, Jack F.
Matlock sowie die Leiterin der Abteilung für europäische und kanadische
Angelegenheiten im Außenministerium,
Rozanne L. Ridgway.

Teilnehmer
waren
auf
amerikanischer
Seite:
Außenminister
George P. Shultz, Verteidigungsminister Frank C. Carlucci, der Stabschef des Präsidenten, Howard H. Baker
Jr., der Berater des Präsidenten in
Fragen der nationalen Sicherheit,
Colin L. Powell, der -Botschafter zur

Auf sowjetischer
Seite nahmen
teil:
Mitglied des Politbüros des
Zentralkomitees der KPdSU und Vorsitzender des Präsidiums des Obersten
Sowjet der UdSSR, Andrej A. Gromyko,
das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU, Außenminister
Eduard A. Schewardnadse, das Mitglied

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�des Politbüros des Zentralkomitees
der KPdSU und Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Alexander N.
Jakowlew, der Kandidat des Politbüros
des Zentralkomitees der KPdSU, Verteidigungsminister Dimitri T. Jasow,
der Sekretär des Zentralkomitees der
KPdSU, Anatolij F. Dobrynin, der Assistent des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU, Anatolij S.
Tschernajew,
der
stellvertretende
Außenminister
Alexander
A.
Bessmertnich sowie der Botschafter
der UdSSR in den Vereinigten Staaten
von Amerika, Jurij W. Dubinin.
Der Präsident und der Generalsekretär betrachten das Moskauer Gipfeltreffen als bedeutenden Schritt im
Prozeß der Schaffung einer produktiveren und dauerhafteren Grundlage für
die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. Ihre umfassenden und eingehenden Gespräche
erstreckten sich
über das gesamte Spektrum von Fragen,
auf das sich die beiden führenden Politiker während ihres ersten Treffens
in Genf im November 1985 verständigt
hatten -, Rüstungskontrolle, Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten, die Beilegung regionaler Konflikte sowie die bilateralen Beziehungen. Bei wichtigen Fragen bestehen weiterhin ernsthafte Meinungsverschiedenheiten; der zwischen beiden
Ländern entstandene
offene Dialog
bleibt entscheidend für die Überwindung dieser Meinungsverschiedenheiten.
Die Gespräche fanden in einer
konstruktiven Atmosphäre statt, die
breiten Raum für einen offenen Meinungsaustausch bot.
Als Ergebnis
dessen erzielten beide Seiten ein
besseres Verständnis der Positionen
des anderen. Die beiden Staatsmänner
begrüßten die seit ihrem letzten
Treffen in Washington in verschiedenen Bereichen der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen trotz der Schwierigkeit und Komplexität der Fragen
erzielten Fortschritte. Mit Befriedigung nahmen sie zahlreiche konkret
erzielte Vereinbarungen zur Kenntnis
und verliehen ihrer Entschlossenheit
Ausdruck, in den kommenden Monaten

die Anstrengungen in den Bereichen zu
verdoppeln, in denen weitere Arbeit
geleistet werden muß. Sie lobten die
von Vertretern beider Seiten in den
letzten Monaten zur Lösung fortbestehender Meinungsverschiedenheiten geleisteten kreativen und intensiven
Bemühungen.
Bei der Einschätzung des Stands
der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen betonten der Präsident und der
Generalsekretär die historische Bedeutung ihrer Treffen in Genf, Reykjavik, Washington und Moskau bei der
Schaffung des Fundaments für ein realistisches Konzept für die Probleme
der Stärkung der Stabilität und der
Verringerung
des
Konfliktrisikos.
Sie bekräftigten feierlich ihre Überzeugung, daß ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und niemals ausgelöst werden darf, ihre Entschlossenheit, jeden Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
- ob nuklear oder konventionell - zu
verhindern sowie ihre Zurückweisung
jeglicher Absichten zur Erlangung militärischer Überlegenheit.
Die
beiden
Staatsmänner
sind
überzeugt, daß die Entfaltung des von
ihnen ins Leben gerufenen Dialogs ein
zunehmend wirksames Mittel zur Lösung
von Fragen wird, die von beiderseitigem Interesse sind und auf beiden
Seiten Besorgnis auslösen. Sie unterschätzen jedoch nicht die aus Geschichte, Tradition und Ideologie
herrührenden realen Differenzen, die
weiterhin
das
amerikanisch-sowjetische
Verhältnis
charakterisieren
werden. Sie sind aber der Ansicht,
daß der Dialog von Dauer sein wird,
da er sich auf Realismus gründet und
sich auf die Erlangung konkreter Ergebnisse konzentriert. Er kann als
konstruktive Grundlage nicht nur für
die Behandlung der Probleme heute,
sondern auch morgen und im nächsten
Jahrhundert dienen. Es ist dies ein
Prozeß, der nach Überzeugung des Präsidenten und des Generalsekretärs den
besten Interessen der Völker der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
dient und einen Beitrag zu einer sta-

- 2 -

�bileren, friedlicheren und sichereren
Welt leisten kann.

Rüstungskontrolle
Nachdem sie das Engagement ihrer
beiden Länder bekundet hatten, auf
den bisher in der Rüstungskontrolle
erzielten Fortschritten aufzubauen,
bestimmten der Präsident und der Generalsekretär die Ziele und nächsten
Schritte für ein breites Spektrum von
Fragen in diesem Bereich. Sie werden
in den kommenden Monaten die Bemühungen beider Regierungen leiten, wenn
diese miteinander und mit anderen
Staaten auf ausgewogene, verifizierbare Vereinbarungen zur Stärkung der
internationalen Stabilität und Sicherheit hinarbeiten.

INF
Der Präsident und der Generalsekretär unterzeichneten das Protokoll
über den Austausch der Ratifizierungsurkunden zu diesem Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten von
Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Beseitigung ihrer Raketen mittlerer und
kürzerer
Reichweite.
Die
beiden
Staatsmänner begrüßten das Inkrafttreten dieses historischen Abkommens,
mit dem zum ersten Mal eine ganze Kategorie amerikanischer
und sowjetischer Atomwaffen beseitigt wird und
neue Maßstäbe für die Rüstungskontrolle gesetzt werden. Die Staatsmänner sind entschlossen, die vollständige Anwendung aller Bestimmungen
und Vereinbarungen der Vertrages zu
erfüllen, und sie betrachten die gemeinsame und erfolgreiche Arbeit in
diesem Sinne als bedeutenden Präzedenzfall für künftige Rüstungskontrollbemühungen.
Die Gespräche über Nuklear- und
Weltraumwaffen
zur

Die beiden Staatsmänner nahmen
Kenntnis, daß ein Gemeinsamer

Vertragsentwurf über die Reduzierung
und Begrenzung strategischer Offensivwaffen
ausgearbeitet
wurde.
Durch diesen Prozeß waren die Seiten
in der Lage, in dem gemeinsamen Vertragsentwurf umfangreiche und bedeutsame Bereiche der Übereinstimmung wie
auch die Detailfragen zu verbleibenden Bereichen der Nichtübereinstimmung festzuhalten.
Obwohl noch zusätzliche wichtige Arbeit geleistet
werden muß, bevor dieser Vertrag unterzeichnungsreif ist, fanden bereits
viele Schlüsselbestimmungen Eingang
in den gemeinsamen Vertragsentwurf
und gelten als einvernehmlich gutgeheißen unter der Bedingung, daß der
Vertrag fertiggestellt und ratifiziert wird.
Unter
Berücksichtigung
eines
Vertrages über strategische Offensivwaffen haben beide Seiten - aufbauend auf der Sprachregelung der
Gemeinsamen
GIpfelerkläruug
von
Washington vom 10. Dezember 1987 ihre Verhandlungen über ein den ABMVertrag betreffendes getrenntes Abkommen
fortgeführt.
Fortschritte
wurden bei der Erstellung des Gemeinsamen Textentwurfs für ein Zusatzprotokoll festgestellt.
In Zusammenhang mit ihren Verpflichtungen
gemäß diesem Protokoll haben sich
beide Seiten insbesondere darauf geeinigt, die Zentren zur Reduzierung
des nuklearen Risikos für die Übermittlung zweckdienlicher Informationen zu nutzen. Die Staatsmänner wiesen ihre Verhandlungsführer an, den
gemeinsamen Textentwurf für ein getrenntes Abkommen auszuarbeiten und
die Arbeiten an dessen Zusatzprotokoll weiterzuführen.
Der
Gemeinsame
Vertragsentwurf
zur Reduzierung und Begrenzung der
strategischen
Offensivwaffen
spiegelt die bereits erzielte Verständigung über die Schaffung von Obergrenzen von maximal 1 600 strategischen
offensiven Trägersystemen und 6 000
GefechtsKÖpfen wider, ferner das Einvernehmen zu den Untergrenzen von
4 900 Gefechtsköpfen auf ballistischen
Interkontinentalraketen

- 3 -

�(ICBMs) und U-Boot-gestützten ballistischen Raketen (SLBMs) zusammengenommen sowie 1 540 Gefechtsköpfen
auf 154 schweren Raketen.

Erklärungen und zweckmäßiger Benachrichtigungen
zu
Zahl
und
Standort der von START begrenzten
Waffensysteme, darunter auch die
Standorte und Einrichtungen für
Produktion, Endmontage, Lagerung,
Erprobung, Instandsetzung, Ausbildung, Stationierung, Umrüstung
und Beseitigung solcher Systeme.
Derartige Erklärungen werden vor
Unterzeichnung des Vertrages zwischen beiden Seiten ausgetauscht
und regelmäßig fortgeschrieben.

Der Vertragsentwurf fixiert ausserdem die Übereinkunft beider Seiten, wonach als Ergebnis der Reduzierungen
das
Gesamtwurfgewicht
der
ICBMs und SLBMs der Sowjetunion auf
ein Niveau reduziert wird, das etwa
50 Prozent des gegenwärtig bestehenden beträgt und daß dieses Niveau
nicht überschritten wird.
Im Verlauf der Verhandlungen erzielten die beiden Seiten ferner Einvernehmen darüber, bei der künftigen
Arbeit an dem Vertrag davon auszugehen, daß bei stationierten ICBMs und
SLBMs der bestehenden Typen der Zählmodus die in der Gemeinsamen Erklärung vom 10. Dezember 1987 berücksichtigte Zahl von Gefechtsköpfen
einbeziehen wird und daß die Zahl der
für jeden neuen Typ ballistischer Raketen
zugestandenen
Gefechtsköpfe
Verhandlungssache ist.
Ferner verständigten sich beide
Seiten auf einen Zählmodus für in
schweren Bombern mitgeführte Waffen,
demzufolge nur für nukleare Freifallbomben und Angriffsflugkörper kurzer
Reichweite
(SRAMs)
ausgerüstete
schwere Bomber als ein Trägersystem
auf die Obergrenze von 1 600 und als
ein Gefechtskopf auf die Obergrenze
von 6 000 angerechnet werden.
Die Delegationen haben außerdem
gemeinsame Textentwürfe für ein Inspektionsprotokoll, ein Umrüstungsoder Beseitigungsprotokoll und eine
Regierungsvereinbarung über Daten erstellt, die integrale Bestandteile
des Vertrags sind. Diese Dokumente
gründen auf den Verifizierungsbestimmungen des INF-Vertrages, wobei
sie diese unter Berücksichtigung der
höheren Anforderungen, von START erweitern und ausbauen.
Die Verifizierungsmaßnahmen für START werden
mindestens folgendes beinhalten:
A.

Datenaustausch,

einschließlich

B.

Grundinspektionen zur Verifizierung der Richtigkeit dieser Erklärungen.

C.

Vor-Ort-Beobachtung der zur Erreichung der vereinbarten Obergrenzen notwendigen Beseitigung
strategischer Systeme.

D.

Ständige Vor-Ort-Uberwachung von
Umfeld
und
Zugängen wichtiger
Produktionsstätten, um den Produktionsumfang von der Begrenzung
unterliegenden Waffen zu bestätigen.

E.

Kurzfristig anberaumte
Inspektionen an:

Vor-Ort-

(I)
angemeldeten
Stationierungsorten im Verlauf des Verfahrens der Reduzierung auf vereinbarte Obergrenzen;
(II) Stationierungsorten, an denen diesem Vertrag unterliegende
Systeme nach Erreichung der vereinbarten Obergrenzen verbleiben;
(III) Stationierungsorten, an denen solche Systeme stationiert
waren (vormals angemeldete Einrichtungen).
F.

Kurzfristig anberaumte Inspektionen - in Übereinstimmung mit den
vereinbarten Verfahrensweisen von Orten, an denen nach Meinung
einer der Seiten eine geheime
Stationierung, Produktion, Lagerung oder Instandsetzung strategischer Offensivwaffen erfolgen

�kann.
G.

H.

Verbot der Verwendung einer Tarnung sowie anderer Maßnahmen, die
der Erschwerung einer Kontrolle
vermittels nationaler technischer
Mittel dienen. Derartige Bestimmungen würden ein Verbot der
Chiffrierung des Fernmeßverkehrs
einschließen und den vollständigen Zugang zu sämtlichen Fernmeßdaten gewährleisten, die während
des Flugs einer Rakete gesendet
werden.
Verfahrensweisen, die die Verifizierung der Zahl der Gefechtsköpfe auf
stationierten ballistischen Raketen jeden Typs gewährleisten, einschließlich Inspektionen vor Ort.

I. Mit Hilfe nationaler technischer
Mittel
vorgenommene
erweiterte
Beobachtung der Maßnahmen, die
mit der Reduzierung und Begrenzung der strategischen Offensivwaffen
zusammenhängen.
Hierzu
würde die offene Aufstellung der
durch den Vertrag zu begrenzenden
Objekte in den Stützpunkten für
Raketen, Bomber und U-Boote an
den Orten und zu den Zeitpunkten
gehören, die von den inspizierenden Seiten gewählt werden.
Die beiden Seiten begannen ebenfalls mit dem Austausch von Daten
über ihre strategischen Streitkräfte.
Im Verlauf dieses Treffens in
Moskau hat der Meinungsaustausch über
START zu einer weiteren erheblich
Verbreiterung der gemeinsamen Basis
geführt, insbesondere auf den Gebieten der ALCMs und der Versuche, eine
Lösung des Verifizierungsproblems bei
den beweglichen ICBMs zu entwickeln
und sich darauf zu verständigen. Die
Einzelheiten dieser verbreiterten gemeinsamen Basis sind in zwischen den
beiden Seiten ausgetauschten Dokumenten festgehalten worden. Die Delegationen in Genf werden diese Fortschritte in den gemeinsamen Textentwurf des START-Abkommens aufnehmen.

Die Seiten erörterten ferner die
Frage der Begrenzung der nuklear bewaffneten SLCMs längerer Reichweite.
Ronald
Reagan
und
M.S.
Gorbatschow drückten ihr beiderseitiges Vertrauen in die Tatsache aus,
daß die geleistete intensive Arbeit
eine Basis für den Abschluß eines
Vertrages über den Abbau und die Begrenzung strategischer Offensivwaffen
darstellt, der die strategische Stabilität fördern und die Sicherheit
nicht nur der Menschen in der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten,
sondern der gesamten Menschheit stärken wird.
Von dieser grundsätzlichen Übereinkunft geleitet vereinbarten der
amerikanische Präsident und der Generalsekretär des Zentralkomitees der
KPdSU, ihre Bemühungen auf diesem Gebiet nachdrücklich und entschlossen
fortzusetzen. Die Delegationen beider Länder sind beauftragt worden,
sich am 12. Juli dieses Jahres erneut
in Genf zu treffen. Es wurde eine
prinzipielle Übereinstimmung darüber
erzielt, daß nach Lösung noch bestehender Probleme und der Vereinbarung
des Vertrages nebst der mit ihm zusammenhängenden Dokumente diese ohne
Verzug unterzeichnet werden.

Ankündigung des Starts ballistischer
Raketen
Die während des Moskauer Gipfels
unterzeichnete Vereinbarung zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zur Ankündigung von Starts
von interkontinentalen und U-Boot-gestützten ballistischen Raketen ist
ein zweckmäßiger neuer Schritt, der
den Wunsch beider Seiten wiederspiegelt, die Risiken des Ausbruchs eines
nuklearen Krieges zu begrenzen, insbesondere als Ergebnis einer Mißdeutung,
einer
Fehlkalkulation
oder
durch Zufall.

- 5 -

�Atomtests
Die Staatsmänner bekräftigten die
Verpflichtung beider Seiten, Schritt
für Schritt in einem speziellen Forum
umfassende Verhandlungen über Fragen
bezüglich Atomtests zu führen.
Im
Laufe dieser Verhandlungen werden die
Seiten als ersten Schritt wirkungsvolle
Kontrollmaßnahmen
abstimmen,
die es erlauben, den sowjetisch-amerikanischen Schwellenvertrag von 1974
(TTBT) und den Vertrag über Atomexplosionen zu friedlichen Zwecken von
1976 zu ratifizieren und mit Verhandlungen über weitere Zwischenschritte
zur Begrenzung von Atomtests fortzufahren, die zu der letztlich völligen
Einstellung von Atomtests als Teil
eines wirkungsvollen Abrüstungsprozesses führen. Neben anderen Maßnahmen würde dieser Prozeß als oberste
Priorität das Ziel verfolgen, nukleare Waffen abzubauen und schließlich
völlig abzuschaffen.
Zur Verwirklichung des ersten Ziels dieser Verhandlungen, nämlich die Vereinbarung
von wirkungsvollen Uberprüfungsmaßnahmen für den Schwellenvertrag von
1974, kamen die Seiten überein, ein
gemeinsames
Verifizierungsexperiment
am Versuchsgelände der jeweils anderen Seite zu planen und durchzuführen.
Mit Genugtuung ist daher die Unterzeichnung eines Vertrages über ein
gemeinsames
Verifizierungsexperiment
aufgenommen worden sowie die umfangreichen derzeit laufenden Vorbereitung smaßnahmen für dieses Experiment
und die positive Zusammenarbeit, insbesondere zwischen den derzeit mit
Arbeiten auf dem jeweils anderen Versuchsgelände beschäftigten zahlreichen Personen. Ferner wurde der erhebliche Fortschritt bei dem neuen
Protokoll zum Vertrag über Atomexplosionen zu friedlichen Zwecken vermerkt und auf anhaltende konstruktive
Verhandlungen über wirkungsvolle Verifizierungsmaßnahmen , des Schwellenvertrags gedrängt.
Während
sie ihrer Überzeugung
Ausdruck verliehen, daß die bisher
erzielten Fortschritte eine solide

Basis für weitere Fortschritte bei
Problemen bezüglich der Atomtests
darstellen, wiesen die Staatsmänner
ihre Unterhändler an, unverzüglich
die Vorbereitung eines Protokolls für
den Vertrag über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken sowie auch für
den Schwellenvertrag fertigzustellen,
sobald das gemeinsame Verifizierungsexperiment durchgeführt und analysiert worden ist. Sie unterstrichen
ihre Auffassung, daß Verifizierungsmaßnahmen für den Schwellenvertrag in
angemessenem Umfang in zusätzlichen eventuell im weiteren Verlauf erreichten - Abkommen zur Begrenzung
von Atomtests angewendet werden können. Sie erklärten ferner ihre beiderseitige Absicht, die Ratifizierung
der beiden Verträge von 1974 und 1976
anzustreben, wenn die entsprechenden
Protokolle zum Schwellenvertrag und
zum Vertrag über ^tomexplosionen zu
friedlichen Zwecken vorliegen, und
die Verhandlungen wie in der gemeinsamen
Washingtoner
Gipfelerklärung
vereinbart fortzusetzen.

Die Nichtverbreitung von Kernwaffen
Die beiden Staatsmänner vermerkten, daß dieses Jahr der 20. Jahrestag
des
Atomwaffensperrvertrages
(NPT) ist, eines der wichtigsten internationalen RüstungskontrollVerträge mit über 130 Unterzeichnerstaaten.
Sie erneuerten ihre Überzeugung, daß
eine weltumfassende
Befolgung des
Atomwaffensperrvertrages wichtig für
den internationalen Frieden und die
Sicherheit ist. Sie verliehen ihrer
Hoffnung Ausdruck, daß jeder NichtUnterzeichnerstaat dem Vertrag beitritt, oder in vergleichbarer Weise
nach internationalem Recht die Verpflichtung eingeht, auf den Erwerb
von Atomwaffen zu verzichten und deren Verbreitung zu verhindern. Dies
wird die Möglichkeiten für Fortschritte zu einem Abbau von atomarer
Bewaffnung verstärken und die Bedrohung durch einen Atomkrieg verringern.
Die beiden Staatsmänner bestätigten ebenso Jhre Unterstützung für die

�Zentren zur Verringerung des Nuklearen Risikos

chemischer Waffen sowie des Verzichts
auf die Nutzung von zweifach verwendbaren chemischen Wirkstoffen für chemische Waffen verwiesen, betonten die
Staatsmänner die Notwendigkeit konkreter Lösungen des Problems der Sicherstellung einer wirkungsvollen Verifizierung und unverminderter Sicherheit für alle Beteiligten der
Konvention. Ihren jeweiligen Delegationen gaben sie entsprechende Anweisungen.

Die Staatsmänner drückten ihre
Zufriedenheit über die Aktivierung
einer neuen KommunikationsVerbindung
zwischen den beiden Zentren zur Verringerung des Nuklearen Risikos in
Moskau und Washington aus, welche gemäß dem amerikanisch-sowjetischen Abkommen vom 15. September 1987 eingerichtet wurden. Man stimmte überein,
daß die Zentren im Zusammenhang mit
einem zukünftigen Vertrag über den
Abbau amerikanischer und sowjetischer
strategischer Atomwaffen eine wichtige Rolle spielen können.

Beide Seiten waren sich einig,
wie wichtig es ist, daß alle Staaten
größere Offenheit an den Tag legen,
weil dies eir Weg zur Vertrauensbildung und zur Stärkung des Fundaments
für eine wirkungsvolle Konvention
ist. Die Staatsmänner betonten ebenfalls die Notwendigkeit einer engen
Koordinierung auf multilateraler Ebene, um die Teilnahme aller Staaten
sicherzustellen, die gemäß der Konvention im Besitz von chemischen Waffen und zur Herstellung solcher Waffen fähig sind.

Internationale Atomenergiebehörde und
vereinbarten, ihre Anstrengungen zur
weiteren Stärkung der Behörde fc_tzusetzen. Sie hoben erneut den Wert
ihrer
regelmäßigen
Konsultationen
über die Nichtverbreitung hervor, und
kamen überein, daß diese beizubehalten seien.

Chemische Waffen
Die Staatsmänner überprüften den
Stand der laufenden multilateralen
Verhandlungen und bilateralen Konsultationen über ein umfassendes, wirkungsvoll überprüfbares und tatsächlich weltweites Verbot von chemischen
Waffen, welches alle zur Herstellung
chemischer Waffen fähiger Staaten
einschließt.
Ferner verliehen sie
ihrer Besorgnis über das wachsende
Problem der. Verbreitung und des Einsatzes von chemischen Waffen Ausdruck.
Die
Staatsmänner
unterstrichen
die Bedeutung der Anstrengungen, die
auf die Behandlung der unvermindert
dringlichen und unvergleichlich wichtigen Aufgabe des Verbots chemischer
Waffen sowie auf den Abschluß einer
wirkungsvollen Konvention gerichtet
sind. Während sie auf die schon erzielten Fortschritte in den Verhandlungen und die schwierigen Probleme
im Hinblick auf eine wirkungsvolle
Überwachung eines weltweiten Verbots

Beide Seiten verurteilen entschieden die gefährliche Verbreitung
und den rechtswidrigen Einsatz von
chemischen Waffen unter Verletzung
des Genfer Protokolls von 1925. Sie
unterstrichen die Bedeutung von sowohl technischen als auch politischen
Lösungen dieses Problems und bekräftigten ihre Unterstützung für internationale Untersuchungen mutmaßlicher
Verletzungen. Die Staatsmänner verwiesen auf erste Bemühungen zur Kontrolle des Exports von chemischen
Wirkstoffen, die bei der Produktion
von chemischen Waffen verwendet werden, und forderten alle Staaten, die
zur Herstellung solcher Wirkstoffe in
der Lage sind, dazu auf, eine strenge
Exportkontrolle einzuführen, um der
Verbreitung chemischer Waffen Einhalt
zu gebieten.

Konventionelle Rüstungskontrolle
Die Seiten unterstrichen die Bedeutung der Festigung von Stabilität
und Sicherheit in ganz Europa. Sie

- 7 -

�begrüßten in diesem Zusammenhang die
bereits erzielten Fortschritte bei
der Ausarbeitung des Mandats für neue
Verhandlungen über Streitkräfte und
konventionelle Rüstungen und äußerten
ihre Hoffnung auf einen baldigen und
ausgewogenen
Abschluß
des
Wiener
KSZE-Folgetreffens.
Der Generalsekretär und der Präsident stellten zugleich fest, daß die vollständige
Verwirklichung der Bestimmungen des
Dokumentes der Stockholmer Konferenz
über Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa in bedeutendem Maße zur Erweiterung der Offenheit und zur Festigung
des gegenseitigen Vertrauens beitragen kann.
Sie erörterten ferner den Stand
der Wiener Verhandlungen über die
beiderseitige und ausgewogene Reduzierung der Streitkräfte in Europa
(MBFR).

Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
Die Staatsmänner bekräftigten ihr
Engagement zur Fortführung des KSZEProzesses. Die Sowjetunion und die
Vereinigten Staaten werden ihre Zusammenarbeit mit den anderen 33 Teilnehmerstaaten fortsetzen, um das Wiener KSZE-Folgetreffen zu einem erfolgreichen
Abschluß
zu
bringen.
Dies soll durch bedeutsame Ergebnisse
auf allen Hauptgebieten der Schlußakte von Helsinki und des Madrider Abschlußdokumentes geschehen.

Verbreitung von Technologie ballistischer Raketen
Die
Staatsmänner
kamen
darin
überein, das Problem der Verbreitung
der Technologie von ballistischen Raketen bilateral auf Expertenebene zu
erörtern.

Dritte Sondersitzung
versammlung

der UN-General-

Der Präsident und der Generalsekretär verwiesen auf die Bedeutung
der laufenden dritten UN-Sondertagung
für Abrüstung.

Menschenrechte und humanitäre Anliegen
Der Präsident und der Generalsekretär sprachen eingehend über Menschenrechte und humanitäre Anliegen.
Die Staatsmänner erörterten den immer
breiteren und detaillierteren amerikanisch-sowjetischen Dialog auf diesem Gebiet und stimmten darin überein, daß dieser auf allen Ebenen
stattfinden sollte, um zu anhaltenden
und konkreten Fortschritten zu gelangen. Es wurde festgestellt, daß dieser Dialog darauf ausgerichtet sein
sollte, die Rechte, Freiheiten und
Menschenwürde des Einzelnen möglichst
umfassend sicherzustellen;
menschliche Kommunikation und Kontakte zu
fördern; einen regen Austausch von
geistigen, kulturellen, historischen
und sonstigen Werten zu betreiben;
und größeren gegenseitiges Verständnis und Respekt zwischen beiden Ländern herbeizuführen. Zu diesem Zweck
erörterten sie die mögliche Einrichtung eines Forums, in dessen Rahmen
sich Vertreter der verschiedenen Bereiche beider Gesellschaftsordnungen
regelmäßig treffen würden.
Bereits
vollzogene Schritte zur Herstellung
eines Austauschs von Informationen
und Kontakten zwischen den gesetzgebenden Körperschaften beider Länder
wurden hervorgehoben. Hierzu gehören
ebenfalls die Diskussionen zwischen
Rechtsexperten, Medizinern und Vertretern anderer Berufsrichtungen, die
direkt in Menschenrechtsfragen engagiert sind, und zwischen Vertretern
von regierungsunabhängigen Organisationen.

�Regionale Angelegenheiten
Der Präsident und der Generalsekretär führten eingehende Gespräche
über ein breites Spektrum regionaler
Fragen,
einschließlich
des
Nahen
Ostens, des Krieges zwischen Iran und
Irak, Südafrika, dem Hörn von Afrika,
Mittelamerika, Kambodscha, der koreanischen Halbinsel und anderer Bereiche. Sie drückten ihre Befriedigung
über den im April 1988 in Genf erfolgten Abschluß eines Abkommens über
eine Regelung für Afghanistan aus.
Obwohl die Gespräche sowohl im Hinblick auf die Beurteilung der Ursachen regionaler Spannungen als auch
bei den Mitteln zu deren Überwindung
ernsthafte
Meinungsverschiedenheiten
aufdeckten, kamen beide Staatsmänner
überein, daß diese unterschiedlichen
Meinungen kein Hindernis für eine
konstruktive Beziehung zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion darstellen sollten.
Sie bestätigten ihre Absicht, Gespräche
zwischen
den
Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion auf allen
Ebenen weiterzuführen, die darauf abzielen, den an regionalen Konflikten
Beteiligten bei der Auffindung friedlicher Lösungen zu helfen, die ihre
Unabhängigkeit, Freiheit und Sicherheit fördern. Sie betonten die Bedeutung, die einer verbesserten Stellung der Vereinten Nationen und anderer internationaler Institutionen im
Hinblick auf ihren Beitrag zur Lösung
regionaler Konflikte zukommt.

Bilaterale Angelegenheiten
Der Präsident und der Generalsekretär erörterten die seit ihrem
Treffen in Washington von Dezember
1987 durch den weiteren Ausbau bilateraler Kontakte, Austauschprogramme
und Zusammenarbeit erzielten Fortschritte. Sie verwiesen auf die zunehmend wichtige Rolle, die ein Austausch zum beiderseitigen Nutzen zwischen beiden Ländern bei der Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses und Schaffung von Stabilität im

amerikanisch-sowjetischen
Verhältnis
spielen kann. Sie erklärten ihre Absicht zur Intensivierung dieser Verbindungen.
Mit besonderer Genugtuung wurde
verzeichnet, daß in den meisten der
bei den Zusammenkünften in Genf,
Reykjavik und Washington definierten
Bereiche konkrete Abkommen erzielt
wurden.

Bilaterale Abkommen
Aktivitäten

und

gemeinsame

Der Präsident und der Generalsekretär begrüßten den Abschluß einer
Reihe bilateraler Abkommen, mit denen
einer fruchtbaren Zusammenarbeit in
den folgenden Bereichen neue Möglichkeiten
eröffnet
werden:
wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit im Verkehrswesen; Seenotrettung; praktische Koordination zwischen amerikanischen und sowjetischen
Funknavigationssystemen im Nordpazifik und der Beringstraße sowie Zusammenarbeit im Fischereiwesen.
Beide Staatsmänner begrüßten die
jüngste Unterzeichnung einer neuen
Vereinbarung über die Atomreaktorsicherheit im zivilen Bereich gemäß
dem bilateralen Abkommen über die
friedliche Nutzung der Atomenergie.
Zur Erweiterung dieses Abkommens fand
ein Notenaustausch statt.
Sie drückten Befriedigung über
die jüngste Unterzeichnung eines neuen Protokolls zum bilateralen Abkommen über das Wohnungswesen aus, das
eine Zusammenarbeit im Bereich der
Bauforschung im Hinblick auf extreme
geologische und ungewöhnliche klimatische Bedingungen vorsieht.
Der Stand der Verhandlungen zwischen beiden Ländern zur Schiffahrt,
den Seegrenzen zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR, der Grundlagenforschung und Notfallbeseitigung
von Umweltschäden in der Beringstraße
und der Tschuktschen See wurde einer
Betrachtung unterzogen.
Die Unter-

- 9-

�händler wurden angewiesen, ihre
strengungen zur baldmöglichsten
langung beiderseitig akzeptabler
kommen in diesen Bereichen zu
schleunigen.

AnErAbbe-

Beide Staatsmänner begrüßten die
Aufnahme bilateraler Gespräche zur
Bekämpfung des Drogenhandels.
Mit
Befriedigung verzeichneten sie die
laufenden Konsultationen beider Seiten über See- und Luftrecht, die Sicherheit der Schiffahrt und in Bereichen von gemeinsamem Interesse in juristischen Fragen.

Kulturelle und Austauschprogramme
Beide Staatsmänner verwiesen auf
den Ausbau des Austausches in den Bereichen Erziehung, Wissenschaft, Kultur und Sport nach dem Allgemeinen
Austauschabkommen, begrüßten die Unterzeichnung eines neuen Durchführungsprogramms für 1989-91 gemäß dem
Abkommen und bekundeten ihre Absicht
zum weiteren Ausbau solcher Austauschprogramme.
Im Zeitraum der
Gültigkeit dieses Abkommens werden
beide Seiten unter Berücksichtigung
ihrer gemeinsamen Interessen und der
finanziellen und technischen Voraussetzungen Verhandlungen über die Eröffnung von Kultur/Informationszentren in den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion führen, mit dem Ziel
der Unterzeichnung eines angemessenen
Abkommens durch die Regierungen beider Seiten.
Es wurde mit Befriedigung vermerkt, daß im Verlauf des Dialogs
beider Staatsmänner menschliche Kontakte und Austauschprogramme zwischen
nichtstaatlichen Organisationen erheblich zugenommen haben und zu einem
der lebendigsten Bestandteile in den
bilateralen
Beziehungen
geworden
sind. Sie bestätigten ihr Engagement
für den Ausbau solcher Austauschprogramme, die zum gegenseitigen Verständnis beitragen und begrüßten Pläne für zukünftige erweiterte Austauschprogramme junger Menschen. In
diesem Zusammenhang drückten sie ihre

Bereitschaft aus, das Konzept der
weiteren Erarbeitung von Austauschprogrammen für Schüler weiterführender Schulen in die Praxis umzusetzen.
Sie verwiesen auf jüngste gemeinsame
amerikanisch-sowjetische
Initiativen
in den Bereichen Kultur, Theater und
Film als Beispiele neuer Möglichkeiten der Zusammenführung von Menschen
aus kreativen Berufen.
Beide Staatsmänner bemerkten die
sich schnell intensivierenden Verbindungen zwischen beiden Ländern im
Sport, auch bei den jeweiligen nationalen olympischen Komitees und drückten ihre Unterstützung für die internationale olympische Bewegung aus,
die durch den Wettbewerb der Athleten
internationale Kooperation und Verständigung fördert.

Andere gemeinsame Aktivitäten
Der Präsident und der Generalsekretär verwiesen auf den erfolgreichen Ausbau der Zusammenarbeit in
der Wissenschaft im Rahmen bilateraler Abkommen zum Umweltschutz, der
Medizin und
dem Gesundheitswesen,
Forschung und Entwicklung künstlicher
Herzen, Landwirtschaft
und Erforschung der Weltmeere, und sie bekundeten ihre Absicht zum weiteren Ausbau von Aktivitäten unter diesen Abkommen in den Bereichen, die für beide Seiten Nutzen bringen.
Der Präsident und der Generalsekretär verzeichneten erfreut die
Aufnahme der Arbeit an der Konzeption
eines Internationalen Thermonuklearen
Experimentellen Reaktors (ITER) unter
der Schirmherrschaft der Internationalen Atomenergiebehörde und unter
Beteiligung von Wissenschaftlern und
Experten aus den Vereinigten Staaten,
der Sowjetunion, den an der Atomenergie arbeitenden europäischen Ländern
und Japan. Beide Staatsmänner verwiesen auf die Bedeutung dieses nächsten Schritts zur Entwicklung der
Kernkraft als preiswerte, umweitfreudliche und Im wesentlichen unerschöpfliche Energiequelle zum Nutzen

- 10 -

�der ganzen Menschheit.
Der Präsident und der Ger.aralsekretär begrüßten die Übereinkunft
von Vertretern der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Kanadas und
Frankreichs, in nächster Zukunft das
weltraumgestutzte Such- und Rettungssystem zur weltweiten Rettung von
Menschenleben - COSPAS/SARSAT - zu
institutionalisieren.
Beide
Staatsmämmer
bekräftigen
erneut ihre Unterstützung für das
Ziel von WHO und UNICEF, das Ausmaß
der zu verhindernden Kindersterblichkeit mit den wirkungsvollsten Methoden zur Rettung der Kinder zu verringern. Sie drängten andere Länder und
die internationale Gemeinschaft, die
Anstrengungen zur Erlangung dieses
Ziels zu intensivieren.
Initiativen zum Klima auf der Erde
und zur Veränderung der Umwelt
Beide Staatsmänner drückten ihre
Befriedigung über die seit dem Gipfeltreffen in Washington unternommenen Aktivitäten zum Ausbau der Zusammenarbeit im Hinblick auf das Klima
auf der Erde und die Veränderung der
Umwelt aus, einschließlich der beide
Seiten betreffenden Bereiche wie Umweltschutz, insbesondere der Schutz
und die Erhaltung der Ozonschicht und
die mögliche Tendenz zur Erwärmung
des Klimas.
Sie betonten ihren
Wunsch zur aktiveren Nutzung der einzigartigen Möglichkeiten, die die
Weltraumprogramme beider Länder zur
Durchführung der weltweiten Beobachtung der Umwelt und der ökologischen
Bedingungen der Landmassen, Weltmeere
und der Erdatmosphäre bieten.
Sie
unterstrichen die Notwendigkeit der
zukünftigen Weiterführung bilateraler
und multilateraler Zusammenarbeit in
diesem wichtigen Bereich.

Initiative für mehr Zusammenarbeit
bei der zivilen Nutzung des Weltraums
Beide Staatsmänner erkannten das

seit langem bestehende Engagement
beider Länder für die Weltraumwissenschaft und die Erforschung des Alls
an und verwiesen auf die im Rahmen
der Gemeinsamen Vereinbarung zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion von 1987 über die Erforschung und Nutzung des Weltraums für
friedliche
Zwecke erzielten Fortschritte. In diesem Zusammenhang einigte man sich auf eine neue Initiative zum Ausbau der Zusammenarbeit im
Weltraum im zivilen Bereich durch die
Gewährung gegenseitiger Flugmöglichkeiten für wissenschaftliche Instrumente im jeweils anderen Raumfahrzeug
und durch den Austausch von Ergebnissen unabhängiger nationaler Studien
über zukünftige unbemannte Missionen
zur Erforschung des Sonnensystems.
Damit soll eine Beurteilung über die
zukünftige
amerikanisch-sowjetische
Zusammenarbeit bei solchen Missionen
ermöglicht werden. Beide Staatsmänner vereinbarten ebenfalls den erweiterten Austausch von Daten und Wissenschaftlern im Bereich der Weltraumwissenschaft sowie die Verbesserung des wissenschaftlichen Nutzens,
der aus den Forschungsmissionen beider Länder im Weltraum gezogen werden
kann.
Sie verwiesen auf wissenschaftliche Missionen zum Mond und
zum Mars als Bereiche möglicher bilateraler und internationaler Kooperation.

Kontakte und Kooperation am Nordpol
Beide Staatsmänner berücksichtigten die einzigartigen ökologischen
und
demographischen
Merkmale
des
Nordpols und bestätigten ihre Unterstützung erweiterter bilateraler und
regionaler Kontakte sowie der Zusammenarbeit in diesem Bereich.
Sie
verwiesen auf Pläne und Möglichkeiten
für mehr wissenschaftliche und ökologische Zusammenarbeit im Rahmen einer
Reihe bilateraler Abkommen sowie im
Rahmen eines Internationalen Komitees
zur Erforschung des Nordpols, der
Länder angehören, die Interessen in
der Region verfolgen. Sie haben ihre
Unterstützung für mehr menschliche

- 11 -

�Kontakte zwischen der Bevölkerung
Alaskas und der Sowjetunion bekundet.
Der Präsident und der Generalsekretär verwiesen in diesem Zusammenhang auf die positive Rolle des
multilateralen
Antarktis-Vertrages
und betonten die Bedeutung der wissenschaftlichen und umweltpolitischen
Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in
dieser Region.

Wirtschaft und Handel
Beide Seiten bestätigten ihre
einhellige Unterstützung für den Ausbau von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zum beiderseitigen Nutzen
und verwiesen auf jüngste Aktivitäten
in diesem Bereich. Sie verliehen ihrer Überzeugung Ausdruck, wirtschaftlich lebensfähige und mit den Gesetzen und Bestimmungen beider Länder im
Einklang befindliche Joint Ventures
könnten bei der weiteren Entwicklung
der Wirtschaftsbeziehungen eine Rolle
spielen. Sie begrüßten die Ergebnisse der Zusammenkunft der Gemeinsamen
amerikanisch-sowjetischen
Wirtschaftskommission im April und bemerkten mit Befriedigung die Schaffung von Arbeitsgruppen im Rahmen der
Kommission, mit denen bessere Bedingungen hervorgebracht werden sollen,
im Rahmen derer sich ein für beide
Seite vorteilhafter Handel entwickeln
kann. Unter Verweis auf die Gemeinsame Erklärung von 1974 sowie das
Protokoll mit dem Anhang des langfristigen Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der
Union Sozialistischer Sowjetrepubliken zur Erleichterung wirtschaftlicher, industrieller und technischer
Zusammenarbeit, das beim Abschluß der
Geraeinsamen
Wirtschaftskommission
veröffentlicht wurde, kam man überein, daß die Kommission weiterhin zusammentreffen sollte, ,um auf den bisherigen Impulsen aufzubauen.
Beide Staatsmänner verwiesen auf
den Ausbau der Beziehungen zwischen
Aeroflot und Pan American Airlines
- 1

unter dem zwischen beiden Regierungen
geschlossenen Abkommen über den zivilen Luftverkehr als positives Beispiel der Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen.

Austausch über
Konsulate/Diplomatische und
konsularische Vertretungen
Der Präsident und der Generalsekretär bestätigten ihre Vereinbarung, in Kiew und New York Generalkonsulate zu eröffnen, sobald dies
praktikabel ist.
Beide
Staatsmänner
erörterten
Fragen im Hinblick auf die Gewährleistung angemessener und sicherer Bedingungen für amerikanische und sowjetische diplomatische und konsularische Einrichtungen und deren Personal auf dem Territorium des anderen.
Sie waren sich über die Notwendigkeit
einig, Fragen zu diesem Problemkreis
konstruktiv und auf der Basis der Gegenseitigkit anzugehen.

Zukünftige Treffen
Der Präsident und der Generalsekretär erkennen die Bedeutung ihrer
persönlichen Beteiligung an der Entwicklung der Beziehungen in den kommenden Monaten und wiesen die Außenminister Shultz und Schewardnadze an,
sich gegebenenfalls zu treffen und
ihnen Möglichkeiten vorzuschlagen, um
weitere praktische Fortschritte bei
der gesamten Bandbreite von Themen zu
gewährleisten.
Kontakte auf Expertenebene werden auf einer intensivierten Grundlage weitergeführt.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
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Hintergrundmaterial

Ä&lt;

8. Juni 1988

22

DIE VEREINBARUNGEN ÜBER DAS GEMEINSAME AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
VERIFIZIERUNGSEXPERIMENT
- Eine Übersicht des Weißen Hauses -

Die folgende Übersicht zu den Vereinbarungen über das gemeinsame amerikanisch-sowjetische Verifizierungsexperiment (JVE) wurde am 31. Mai 1980 in Moskau vom Weißen Haus veröffentlicht:

Die Arbeitsgruppe Sicherheit und
Rüstungskontrolle hat die technischen
Einzelheiten des Gemeinsamen Verifizierungsexperiments
fertiggestellt,
und damit können wir diese Vereinbarungen heute unterzeichnen.
Dies ist ein bedeutender Schritt
zu einem Abkommen über effektive Verifizierungsmaßnahmen, die uns die
Ratifizierung des Schwellenvertrages
(TTBT) und des Vertrages über Kernexplosionen
zu
friedlichen
Zwecken
(PNET) erlauben würden.
Die Vereinbarungen über das JVE
werden jeder Seite eine Gelegenheit
bieten, den Detonationswert einer
Kernexplosion der jeweils anderen
Seite zu messen und dabei jeweils das
eigene, bevorzugte Verfahren anzuwen-

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den.
Die Vereinigten Staaten hoffen,
daß bei Abschluß des JVE-Prozesses zu dem auch die Auswertung durch jede
Seite und der Austausch von Daten gehören - die Sowjets in der Lage sein
werden, die routinemäßige Anwendung
des CORRTEX-Verfahrens als angemessene Verifizierungsmethode der Vereinigten Staaten zu akzeptieren. Wir
hoffen, daß das JVE diesen Sommer abgeschlossen werden kann.
Die
technischen
Vereinbarungen
umfassen ca. 160 Seiten, darunter 37
Anhänge. Die beiden durchzuführenden
Tests werden über 100 Kilotonnen und
annähernd bei der TTBT-Obergrenze von
150 Kilotonnen liegen. Der amerikanische Test wird auf dem Versuchsge-

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�lande in Nevada, der sowjetische Test
auf dem Versuchsgelände von Semipalatinsk stattfinden.

* * * * *

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AMERIKA DIENST

Ä&lt;

Hintergrundmaterial
8. Juni 1988

22

AMERIKANISCH-SOWJETISCHES ABKOMMEN ÜBER DIE
FRIEDLICHE NUTZUNG DER KERNENERGIE
- Eine Übersicht Die nachfolgende Übersicht zum amerikanisch-sowjetischen Abkommen über die
Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie wurde am 31. Mai
vom Weißen Haus in Moskau veröffentlicht.

Das amerikanisch-sowjetische Abkommen über wissenschaftliche und
technische Zusammenarbeit im Bereich
der friedlichen Nutzung der Kernenergie wurde in seiner Urfassung im Juni
1973 von Präsident Nixon und Generalsekretär
Breschnew
unterzeichnet.
Der Energiebehörde obliegt die Verwirklichung der Zusammenarbeit, und
sie trägt die Verantwortung im Hinblick auf den Ablauf und die Oberaufsicht der amerikanischen Beteiligung
an Aktivitäten gemäß diesem Abkommen.
Das Abkommen sieht die Zusammenarbeit in den Bereichen Kernschmelzung und Hochenergiephysik vor und
wird weiterhin als Grundlage für zukünftige bilaterale Aktivitäten zur
zivilen Nutzung der Kernenergie dienen. Beim Abschluß des siebten Tref-

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fens des gemeinsamen Ausschusses für
das Abkommen am 2. Mai 1988 in Washington beschlossen beide Seiten
eine einjährige Verlängerung des Abkommens, damit Zusatzartikel zur Urfassung beschlossen werden konnten,
einschließlich solcher Bestimmungen
zum zusätzlichen
Schutz geistigen
Eigentums.
Beide Seiten bekundeten
nach Vereinbarung der Zusatzartikel
ihr Interesse an der Verlängerung des
Abkommens für einen Zeitraum von fünf
bis zehn Jahren.
Sie vereinbarten
ebenfalls neue Arbeitsprogramme zur
Kernschmelzung und Physik und unterzeichneten eine neue Gemeinsame Vereinbarung über die Sicherheit von
Atomreaktoren im zivilen Bereich, die
damit in Kraft trat.
Angesichts

der sich

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aus diesem

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�seit langem bestehenden Abkommen ergebenden Vorteile und im Hinblick auf
die Bedeutung der neuen Übereinkunft
über Sicherheit von Atomreaktoren
kamen beide Seiten überein, die Verlängerung mit einem Austausch diplomatischer Noten anläßlich des Besuchs
von Präsident Reagan in der Sowjetunion zu vollziehen.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial
8. Juni 1988

22

AMERIKANISCH-SOWJETISCHES ABKOMMEN ZUR
ZUSAMMENARBEIT IM WELTRAUM
- Eine Übersicht -

Die folgende Übersicht über das amerikanisch-sowjetische Abkommen zur Zusammenarbeit im Weltraum wurde vom Weißen Haus am 31. Hai in Moskau herausgegeben :
Im April 1987 unterzeichneten der
amerikanische
Außenminister
Shultz
und der sowjetische Außenminister
Schewardnadse das Abkommen zur Zusammenarbeit bei der Erforschung und
Mutzung des Weltraums zu friedlichen
Zwecken. Das Abkommen sieht die Einrichtung von fünf gemeinsamen Arte itsgruppen auf den Gebieten der Erforschung des Sonnensystems, Weltraum-Astronomie und Astrophysik, Geowissenschaften,
Sonnenphysik
mit
Rückwirkung auf die Erde (solar terrestrial physics), sowie der Weltraumbiologie und -medizin vor. Sämtliche
fünf Arbeitsgrupen haben Sitzungen
abgehalten. Ihre Tagesordnungen basierten auf mindestens einem der ursprünglichen 16 gemeinsamen Projekte,
die im Anhang des Weltraumabkommens
aufgelistet sind.

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Embassy of the United States of America

Angesichts der im Rahmen des
Weltraumabkommens
erzielten
Fortschritte haben beide Seiten vereinbart, die Zusammenarbeit bei der
Weltraumwissenschaft
kontinuierlich
auszuweiten. Sie kamen überein, den
Austausch von Daten aus der Weltraumwissenschaft und von Wissenschaftlern
zu verstärken und gegenseitig Möglichkeiten des Transports von wissenschaftlichen Instrumenten in den bemannten oder unbemannten Raumtransportern beider Seiten einander anzubieten. Schließlich haben sie sich
dazu verpflichtet, die Ergebnisse unabhängiger nationaler Studien über
zukünftige unbemannte Missionen zur
Erforschung des Sonnensystems auszutauschen, um mit deren Hilfe die Aussichten auf eine zukünftige amerikanisch-sowjetische Zusammenarbeit bei
derartigen Missionen zu bewerten.

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Wissenschaft und Technik

8. Juni 1903

22

BIOTECHNIK - EINE ZUKUNFTSINDUSTRIE
- OTA-Studie zu Umweltproblemen durch künstlich erzeugte Organismen -

Das Amt für Technologiebewertung
(Office of Technology Assessment OTA) , eine Forschungsinstitut des
US-Kongresses hält Umweltprobleme infolge der Freisetzung genetisch veränderter Organismen bei begrenzten
Tests außerhalb von Laboratorien für
unwahrscheinlich. Das geht aus einem
Bericht hervor, der die Ergebnisse
einer von OTA durchgeführten Dreijahresstudie
zusammenfaßt.
Damit
liegt die gründlichste Analyse im
Hinblick auf mögliche Probleme vor,
die durch das Einbringen künstlich
erzeugter Organismen in die Umwelt
entstehen könnten. Die gegenwärtig
üblichen Prüfungsverfahren für die
Felderprobung genetisch manipulierter
Lebensformen reichen demnach aus, um
die meisten denkbaren Probleme im voraus zu erkennen und zu verhindern.

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Luther Val Giddings, der Leiter der
Wissenschaftlergruppe, sieht jedoch
keine Gewähr dafür, daß dies mit
fortschreitender Technik und ehrgeizigeren
Anwendungsversuchen
auch
künftig der Fall sein wird.
Gentechnik zielt darauf ab, die
Erbsubstanz lebender Zellen so zu
verändern, daß diese neue Substanzen
produzieren oder neue Funktionen erfüllen können. Genetisch veränderte
Organismen dienen den verschiedensten
Zwecken - beispielsweise der Gewinnung von Vakzinen zum Schutz von
Mensch und Tier, der Züchtung neuer
Pflanzensorten mit verbesserter Resistenz gegen Krankheiten, Schädlinge
und Herbizide, der Produktion von Mikroben,
die
Ernteverluste
durch
Frosteinwirkung verringern oder durch

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�den Abbau toxischer Abfälle die Qualität der Umwelt verbessern.
Manche Wissenschaftler und Umweltschutzgruppen äußerten sich besorgt, einmal freigesetzte veränderte
Mikroben könnten sich vermehren und
ausbreiten und dann vielleicht andere
Organismen schwer schädigen oder empfindliche ökologische Systeme aus
dem Gleichgewicht bringen. Der OTABericht schließt potentielle Risiken
nicht aus: "Praktisch jeder Organismus, der in eine neue Umgebung gelangt, wird eine geringe, aber doch
reale Chance zu überleben und zur
Vermehrung haben. Das könnte in manchen Fällen unerwünschte Konsequenzen
haben". Jedoch seien solche Sorgen
eher bei irgendwann in der Zukunft zu
erwartenden großräumigen Tests oder
kommerzieller Anwendung berechtigt.
"In der Tat dürften begrenzte,
kleine Feldtests der einzige Weg
sein" - sagen die Verfasser des Berichts - "um Unsicherheiten in bezug
auf diese oder jene kommerzielle Anwendung genetisch veränderter Organismen zu klären. Ergeben sich dabei
keine
besorgniserregenden
Fragen,
dürfte aus wissenschaftlicher Sicht
kein Grund bestehen, Feldtests oder
die Anwendung
in größerem Rahmen
nicht in Angriff zu nehmen". Vor
einem Unterausschuß des US-Repräsentantenhauses verwies Giddings darauf,
es sei für die zuständigen Behörden
wichtig, wenn auch schwierig, die
richtige Mischung von Vorsicht und
sachgerechter Beurteilung zu finden,
so daß kein ehrgeiziges Projekt ohne
angemessene Überprüfung "durchschlüpfen" könne.
Seit Oktober 1986 haben das USLandwirtschaftsministerium
und
die
Bundesumweltschutzbehörde
EPA
34
Feldtests mit genetisch veränderten
Mikroben oder Pflanzen genehmigt.
Als erstes Unternehmen erhielt im
April vergangenen Jahres eine kalifornische Biotechnikfirma die Erlaubnis zu einem Freilandtest mit genetisch veränderten Bakterien, die Erdbeerpflanzen vor Frostschäden bewah-

ren sollten. Inzwischen wurde Anträgen von zwei weiteren Biotechnik-Firmen stattgegeben; über den Antrag
eines vierten Unternehmens auf Erprobung eines gentechnisch produzierten
Pestizids zum Schutz von Mais, soll
in allernächster
Zeit entschieden
werden.
Der
Kongreßabgeordnete
James
Scheuer, Vorsitzender des Unterausschusses für Natürliche Ressourcen,
Agrarforschung und Umwelt, äußerte
allerdings "ernste Besorgnis", ob die
von Bundesbehörden erlassenen Vorschriften im Zusammenhang mit der
Freisetzung genetisch veränderter Organismen den Problemen gerecht werden. "Von konkreten, klaren Verwaltungsvorschriften für biotechnische
Produkte scheinen wir noch weit entfernt zu sein", meinte er. "Dennoch
werden solche Produkte weiterhin geprüft und ihre Freisetzung erlaubt.
Diese Situation dürfte in Zukunft bei
dem erwarteten dramatischen Anstieg
angewandter Biotechnik nicht befriedigend sein."
Die Biotechnik gilt als eine
künftige Schlüselindustrie. Aus diesem Grund kommt nach Ansicht führender Persönlichkeiten in der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (NAS) den Aktivitäten von
Kongreß und Regierung zum Schutze der
Öffentlichkeit,
gleichzeitig
aber
auch zur Bewahrung der Wettbewerbsfähigkeit
der
amerikanischen
Wirtschaft, ganz besondere Bedeutung zu.
Die Akademie kann eine nützliche Rolle spielen, indem sie den Politikern
hilft, zwischen echten und hypothetischen Problemen
zu unterscheiden.
Der NAS-Ausschuß, der im August 1987
einen Bericht zum Thema der Anwendung
gentechnisch
erzeugter
Organismen
veröffentlicht hatte, befürwortet ein
Klassifizierungssystem,
mit
dessen
Hilfe abgeschätzt werden kann, ob genetisch veränderte Organismen, deren
Freisetzen beabsichtigt ist, ein Risiko darstellen. Dieses System könnte z.B. an der Art der durch genetische Manipulation eingeführten Funktionen, an der natürlichen Umwelt und

�den ökologischen Merkmalen der betreffenden Organismen und an den Gegebenheiten des Gebietes orientiert
sein, in dem die Organismen freigesetzt werden sollen .
* * * * *

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AMERIKA DIENST
A

Wissenschaft und Technik

8. Juni 1988

22

ERREGER DER NON-A-NON-B HEPATITIS ENTDECKT
- Bluttests in der Erprobung -

Das dritte Hepatitis-Virus, das
sich im Gegensatz zu den Typen A und
B lange Zeit dem mikrobiologischen
Nachweis entzog, wurde endlich identifiziert. Wissenschaftler der Chiron-Corporation, eines Biotechnik-Unternehmens im Emeryville (Kalifornien) , berichteten kürzlich auf einem
wissenschaftlichen Symposion der Universität Kalifornien in San Francisco
über ihre Entdeckung. Zusammen mit
Forschern der Zentren für Seuchenüberwachung in Atlanta (Georgia) wurden Teile des Erregers sogar schon
kloniert, so daß Aussicht besteht,
Spenderblut auf Verseuchung durch Hepatitis-Viren vom Typ Non-A-non-B testen zu können. Fast 95 Prozent der
Leberentzündungen nach Bluttransfusionen gehen auf das Konto dieses Erregers. Mehr als 15 Jahre lang war

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in vielen Laboratorien der Welt an
seiner
Identifizierung
gearbeitet
worden. Da keine Züchtung auf Gewebekulturen gelang und die herkömmlichen Tiermodelle sich als nutzlos erwiesen, war er nur indirekt, nämlich
durch Ausschließen einer Infektion
mit Viren von Typ A und Typ B, nachweisbar.
Die auf dem Blutwege oder durch
engen persönlichen Kontakt übertragene Infektion ist weltweit ein Problem, vor allem in westlichen und
asiatischen Ländern.
Nach Angaben
der Medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA (National Institutes
of Health - NIH) erkranken in den USA
jährlich bis zu 150 000 Personen infolge einer Bluttransfusion an einer
Leberentzündung, die auf der Infek-

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Telex: 8-85432

�tion mit dem Non-A-non-B-Virus beruht. Und pro Woche kommen zu den
Fällen von chronischer Hepatitis, die
auf eine Transfusion zurückzuführen
sind, 1500 neue hinzu.
Edward E. Penhoet, Präsident der
Chiron-Corporation, verwies auf einer
Pressekonferenz in Washington darauf,
daß "unsere Entdeckung und die sich
daran anschließenden Arbeiten einen
bedeutsamen Schritt darstellen, der
Millionen von Menschen zugute kommen
wird". Gegenwärtig werden mit einem
Prototypverfahren
zur
Untersuchung
von Blut auf Antikörper gegen den
dritten Hepatitis-Virustyp und damit
zur Feststellung einer Infektion präklinische
Tests
durchgeführt.
Penhoet ist zuversichtlich, daß die
Behörde für Nahrungsund Arzneimittelüberwachung (FDA) noch in diesem Jahr
die Aufnahme klinischer Tests genehmigen wird. Gegenwärtig gibt es in
den Blutbanken, in Krankenhäusern
oder an anderen Stellen noch keine
Möglichkeit,
Non-A-non-B-Hepatitis
Infektionen direkt zu diagnostizieren. Die Symptome können sich als
milde bis schwere Gelbsucht, Durchfall, Erbrechen, Appetitlosigkeit und
Mattigkeit äußern.
In der chronischen Form kann es zu Lebernekrose
und Leberzirrhose wie auch zu primärem Leberkrebs kommen.
Sobald das neue Verfahren zugelassen und verfügbar ist, könnten
Blutbanken mit einem relativ einfachen Test infiziertes Blut herausfinden. Durch Klonieren bzw. Genisolierung läßt sich Penhoet zufolge das
bei dem Bluttest verwendete Virusprotein reproduzieren.
Außerdem wird
das neue Verfahren die Ärzte in die
Lage versetzen, bei Patienten mit Hepatitissymptomen,
die
verschiedene
Ursachen haben können, exakte Diagnosen zu erstellen und den Verlauf der
Erkrankung während der Therapie zu
kontrollieren. Die Forschungen wurden von der Chiron-Tochterfirma Biocine Company durchgeführt, deren Wissenschaftler mit Ciba-Geigy in Basel
zusammenarbeiten.

- Hepatitis-B Chiron entwickelte auch als erstes Unternehmen auf gentechnischem
Wege eine Vakzine zur aktiven Schutzimpfung gegen Hepatitis-B.
Schätzungsweise 200 Millionen Menschen,
meist in Entwicklungsländern, sind
mit Hepatitis-B infiziert. Die aktive Vakzine wird, da sie sehr kostspielig ist, meist nur bei besonders
exponierten Personen, z.B. im Gesundheitsdienst, durchgeführt.
Es gibt
auch eine passive Immunprophylaxe,
die einige Monate lang bei Infektionen vor der schweren Form einer Hepatitis-B-Erkrankung schützt.

•
i

Wissenschaftler der Universität
Kalifornien in Davis setzten sich
jetzt dafür ein, Tests auf Hepatitis-B-Infektion bei Neugeborenen routinemäßig durchzuführen, um die Babies sofort zu immunisieren und damit
"unsägliches Leid und jährlich Kosten
von Millionen von Dollars zu ersparen".
Gegenwärtig werden, so Dr.
Jose A. Arevalo, nur Schwangere auf
Hepatitis-B getestet, die als "großes
Risiko" gelten. Wird dieses Kriterium jedoch als einziger Indikator
benutzt, übersieht man bis zu 50 Prozent chronisch infizierter schwangerer Frauen. Betrachtet man die direkten und indirekten Kosten der Erkrankungen, so sind Test-und Immunisierungsprozeduren mehr als gerechtfertigt.

- 2 -

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gipfeltreffen führte zu "erweitertem Dialog"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die gemeinsame Abschlußerklärung des Moskauer Gipfels &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Vereinbarungen über das gemeinsame amerikanisch-sowjetische&lt;br /&gt;Verifizierungsexperiment&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-sowjetisches Abkommen über die friedliche Nutzung der Kernenergie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-sowjetisches Abkommen zur Zusammenarbeit im Weltraum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Biotechnik - eine Zukunftsindustrie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;OTA-Studie zu Umweltproblemen durch künstlich erzeugte Organismen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erreger der Non-A-non-B Hepatitis entdeckt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bluttests in der Erprobung&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
'^7

"""

Wirtschaft

Ä&lt;

14. J u n i 1988

INHALT

Reagan stellt Themen des Wirtschaftsgipfels In Toronto vor
- Rede des Präsidenten vor dem Atlantikrat -

Baker;

Koordinierung Hauptthema des Weltwirtschaftsgipfels

- Rede vor der International Monetary Conference •

Baker schlägt neue Schuldeninitiative vor
- Rede vor der Afrikanischen Entwicklungsbank -

Schuldentilgung der Entwicklungsländer und Landwirtschaft Themen beim
Gipfel
- Informationsgespräch im Foreign Press Center -

* * * * * *

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United States Information Service
Embassy of the United States of America

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*

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�^°s?&lt;

AMERIKA DIENST
Wirtschaft

14. Juni 1988

REAGAN STELLT THEMEN DES WIRTSCHAFTSGIPFELS IN TORONTO VOR
- Rede des Präsidenten vor dem Atlantikrat WASHINGTON - (AD) - Am 13. Juni 1988 erklärte Präsident Reagan bei einem
Treffen des Atlantikrates in Washington, die Beschleunigung multilateraler
Handelsgespräche und die verbesserte Koordinierung der Wirtschaftspolitik
zählten zu den wichtigsten Programmpunkten der Staats- und Regierungschefs
führender westlicher Industrienationen bei ihrem Gipfeltreffen in Toronto vom
19. bis zum 21. Juni 1988.
Reagan wies ferner darauf hin, daß die Gipfelpartner Hilfe für die Philippinen und Afghanistan, eine Zusammenarbeit zur Abschaffung des internationalen
Rauschgifthandels und Konzepte zur Erleichterung der Schuldenprobleme ärmerer
afrikanischer Länder in Erwägung ziehen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede im Wortlaut:
Vor eineinhalb Wochen hatte ich
die Ehre, von dem alten und geschichtsträchtigen Podium der Guildhall in London zum britischen Volk,
der atlantischen Gemeinschaft und der
übrigen Welt zu sprechen. Nach meinem Vortrag zum Moskauer Gipfel verlieh Frau Thatcher ihrer Überzeugung
Ausdruck, daß "jetzt mehr Hoffnung
zwischen Ost und West besteht als die
meisten von uns in ihrem Leben jemals
erlebt haben". Sie sprach von neuem
Vertrauen und Optimismus im Westen
und erinnerte an die Worte Sir
Winston Churchills: "Wo immer wir in
der Lage sind, zusammenzustehen und
uns gemeinsam für eine gerechte Sache
einzusetzen, solltea wir heilfroh
sein; solange wird die Welt frei
sein".

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Diese von Einigkeit, Optimismus,
Hoffnung und Stärke gekennzeichnete
Botschaft überbringe ich Ihnen heute.
Sie haben heute hier über "die Neuschaffung des Konsens in den OstWest-Beziehungen" gesprochen.
Aber unser Konsens besteht nicht
nur darüber, was wir ablehnen, sondern auch bei dem, was wir befürworten. Wir sind gegen Totalitarismus.
Wir befürworten Freiheit und Demokratie - ohne Verzug oder Entschuldigungen - und ich wage zu sagen, auch ohne Teilung.
Diese Wahrheit müssen
wir uns zunächst einmal vergegenwärtigen. Unter unseren Ländern mag es
geteilte Meinungen über Methoden geben, nicht jedoch im Hinblick auf die
grundlegenden Ziele.

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�In den letzten fünfzehn Jahren
haben wir in den Demokratien in wahrhaft demokratischer Art und Weise unterschiedliche Ansätze für die beste
Behandlung der Ost-West-Beziehungen
probiert. Angesichts des nunmehr abgechlossenen INF-Vertrages - dem ersten Abkommen, mit dem eine gesamte
Kategorie amerikanischer und sowjetischer
Nuklearraketen
abgeschafft
wird und das die umfassendsten Verifizierungsbestimmungen
in der Geschichte der Rüstungskontrolle enthält, angesichts des sowjetischen Abzugs aus Afghanistan und angesichts
dessen, daß wir jetzt Veränderungen
im Innern der Sowjetunion wahrnehmen
- kann noch ein Zweifel darüber bestehen, daß wir Recht hatten im Hinblick auf unsere zukunftsweisende
Strategie für die Freiheit, auf die
Bedeutung von Freimütigkeit bei den
Unterschieden in unseren Systemen und
daß wir Recht hatten mit unserer Meinung, daß der Weg zum Frieden nicht
über Schwäche, Teilung oder leere Zugeständnisse führt, sondern über Einigkeit, Vertrauen und Stärke?

Lebensfähigkeit
probt.

der

Wirtschaft

er-

überall in der demokratischen
Welt streben wir nach der Hervorbringung eines neuen Konsens darüber, daß
Wachstum und Möglichkeiten Hand in
Hand gehen müssen. Nehmen Sie nur
die Steuern. In den vergangenen drei
Jahren haben unter anderem Großbritannien, Kanada, Japan und Frankreich ihre Spitzensteuersätze gesenkt. Warum? Vor nicht allzu langer Zeit hat der britische Finanzminister Nigel Lawson dazu erklärt:
"Der Grund für die weltweite Tendenz
zu
niedrigeren
Spitzensteuersätzen
liegt auf der Hand. überhöhte Einkommensteuersätze zerstören den Unternehmergeist, ermutigen Steuerumgehung und treiben Talente an gastfreundlichere Ufer in Übersee. (...)
Damit werden mit der Zeit keine zusätzlichen, sondern vielmehr geringere Einnahmen erzielt." Und er fügte
hinzu: "Im Gegensatz dazu kann ein
Abbau der Spitzensätze bei der Einkommensteuer langfristig zu höheren,
nicht niedrigeren Einnahmen der öffentlichen Hand führen."

In wenigen Tagen werde ich an
einem anderen Gipfel teilnehmen - dem
Wirtschaftsgipfel in Toronto.
Dies
hier ist ein ausgezeichntes Forum, um
über unsere Hoffnungen für diesen
Gipfel zu sprechen. Ich weiß, daß
der Atlantikrat Untersuchungen darüber anstellt, wie Wirtschaft und Sicherheit sich am besten integrieren
lassen. Das International Management
and Development Institute kommt zusammen, um Gespräche zu den vor uns
liegenden wirtschaftlichen Herausforderungen zu führen.

Aber der neue Konsens macht nicht
bei den Steuern halt. Ein Land nach
dem anderen hat mit der Privatisierung staatseigener Betriebe begonnen.
Restriktive Vorschriften sind zunehmend abgebaut worden. Die hohe Inflation, mit der exzessive Regierungsausgaben
einstmals
finanziert
wurden, gibt es nicht mehr. Und zumindest in den Vereinigten Staaten
geht das vom Staat verursachte Defizit zurück.

über die Jahre hinweg sind die
Wirtschaftsgipfel zu einem Fundament
der Zusammenarbeit unter den wichtigsten demokratischen Volkswirtschaften
geworden. Sie. bilden einen Teil des
Gerüstes der westlichen Stärke und
der Ost-West-Beziehungen.
Und hier
haben unsere Demokratien wiederum wie Demokratien dies tun - selbst
seit dem ersten Gipfeltreffen, an dem
ich im Jahr 1981 teilnahm, verschiedene Vorschläge für Wachstum und zur

Das alle verbindende Konzept ist
der Markt. Die Industrienationen die ganze Welt - wendet sich von
staatlicher Kontrolle der Wirtschaft
ab und kehrt zur freien Marktwirtschaft zurück. Von Indien nach Argentinien, von Afrika nach China und
sogar in der Sowjetunion beginnen
sich die Fesseln staatlicher Kontrolle der Wirtschaft zu lösen. Und Sie
wissen, daß etwas im Gange ist, wenn
Gerüchte über niedrigere Steuern in

�der Sowjetunion laut werden.
Ich brauche Ihnen nun nicht zu
erklären, daß die Vereinigten Staaten
stets eine Führungsrolle übernommen
haben oder daß die bemerkenswerten
Leistungen unserer Wirtschaft seit
dem Beginn unserer Expansion die
treibende Kraft hinter jenem neuen
Konsens war. Ich muß nicht auf all
unsere Leistungen erneut verweisen:
die längste Expansion in Friedenszeiten; die Schaffung von über doppelt
so vielen neuen Stellen als alle anderen sechs Gipfelländer zusammengenommen; der starke Anstieg des Familieneinkommens seit seinem Sturz im
vergangenen Jahrzehnt; die Beschäftigung eines größeren Teil des Arbeitskräftepotentials als jemals in
unserer Geschichte;
die Erzielung
eines neuen Höchststandes bei den Exporten.
Aber dieser neue Konsens hat
nicht nur den Volkswirtschaften der
Vereinigten Staaten, Großbritanniens,
Kanadas und so vieler anderer Länder
erneut zu einer gesunden Verfassung
verholfen. Es hat auch den Weg zur
Koordinierung
wirtschaftspolitischer
Maßnahmen unter den Gipfelländern geebnet, der vor einigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Ob in der sogannten G-7, in der Handhabung der Schuldenkrise in so zahlreichen Ländern
der Dritten Welt, oder ob in Reaktion
auf die Unruhe an den Finanzmärkten
der Welt im vergangenen Jahr - wir
arbeiten zusammen.
Heute sprechen wir eine gemeinsame Sprache, um uns über die Entwicklung unserer Maßnahmen zu unterrichten, und wir arbeiten gemeinsam am
Ausgleich des Handels, der Finanzströme, des Haushalts und für die Sicherheit der Finanzmärkte der Welt.
Angefangen mit den Vereinigten Staaten, haben die Gipfelländer annähernd
sechs Jahre ununterbrochenen Wachstums erlebt. Ich würde daraus gerne
60 oder mehr machen.
Aber dazu wird es nicht kommen,
wenn wir versuchen so zu leben als

- 3

seien wir die einzige Wirtschaft auf
Erden. Die Gipfelländer arbeiten zusammen wie niemals zuvor, weil unsere
Volkswirtschaften
miteinander
verknüpft sind wie niemals zuvor. Hierfür möchte ich ein Beispiel anführen.
Neulich hat mir jemand erklärt, daf&gt;
an der New Yorker Börse zwar an einem
guten Tag acht Milliarden Dollar umgesetzt werden, die ausländischen
Börsen jedoch bis zu 25 Mal so viele
Geschäfte täglich abwickeln.
Die Industrien der Welt wachsen
oder fallen gemeinsam auf diesem
Weltmarkt. Der Rückgang der weltweiten Nachfrage nach Stahlerzeugnissen
wurde im Rheinland Europa» genauso
spürbar wie in unserem Le.iigh Tal.
Tausende von Stellen verschwanden in
beiden Gebieten, und zwar nicht nur
wegen des Wettbewerbs mit dem Ausland.
Hier in Amerika schmolzer.
durch hochentwickelte Kleinst-Stahlwerke die Geschäfte zahlreicher eingesessener Produzenten dahin.
Aber da gibt es einen Unterschied
in der Art, wie wir in Amerika mit
dem Niedergang umgingen. Wir verloren die gleiche Art von Stellen wie
in anderen Ländern, aber wir schufen
- im Gegensatz zu europäischen Ländern, die im Hinblick auf Steuersenkungen, Vorschriften und Regierungseigentum zurückliegen - neue Stellen
anstatt der alten.
Allentown im
Lehigh-Tal
beherbergte
einst
die
Schwerindustrie. Dann schlössen das
Stahlwerk und die Lastwagenfabrik ihre Tore.
Viele Menschen schrieben
Allentown schon ab - zu schnell. Anstelle einiger alter Großunternehmen
nahmen Dutzende neuer Firmen ihre Geschäfte auf. Kleine bereits eröffnete Betriebe wuchsen weiter. Unternehmer schufen, was jene Kapazität
zur
Schaffung
von
Stellen
vom
Massachusetts
Institute
of
Technology, David Birch, eine "versteckte
Wirtschaft" nannte. Er fügt hinzu,
daß in ganz Amerika "nicht den grossen, sondern den kleinen Firmen so
viel Aufmerksamkeit zuteil wird und
diese eine neue Wirtschaft aufbauen,
die für die Schaffung von Stellen

�I

sorgt und das Land wieder wettbewerbsfähig macht."
Dies ist genau
der Grund, warum Allentown eine Arbeitslosenquote
von
lediglich
5,4
Prozent hat.
Im gesamten sogenannten "Rostgürtel" ist die Geschichte die gleiche.
Ein Einwohner des Mittleren Westens
berichtete kürzlich der New York
Times: "Ich schaue mir die Zeitungen
in Städten mit ländlichem Charakter
an und sehe Dutzende von Ankündigungen neuer Fabriken und Pläne für neue
Fabriken und Erweiterungsprojekte."
Und neue und aufstrebende Firmen
oder größere, ältere aber nun rationalisierte Hersteller führen einen
Exportboom an, von dem einige sagen,
er hätte schon zu einer fast vollständigen Auslastung unserer Produktionskapazitäten geführt. Vor nicht
allzu
langer
Zeit berichtet die
"Business Week" beispielsweise, daß
Amerikas Stahlkocher zu den produktivsten der Welt geworden sind und
veröffentlichte
die
Schlagzeile:
"Sagt die Beerdigung ab - Stahl ist
auf dem Weg der Besserung."
Ja, Amerika führt die Welt - sowohl als Konsument wie als Hersteller
- in den Weltmarkt des kommenden
Jahrhunderts. Für uns alle haben Ereignisse in Japan oder der Bundesrepublik, in Großbritannien, Frankreich, Italien oder Kanada die gleiche Tragweite wie die Geschehnisse in
Kalifornien, Florida, New York oder
Illinois.
Aus alldem kann man eine Lehre
ziehen, aus der Geschichte Allentowns
und des sogenannten "Rostgürtels", so
wie auch aus der Globalisierung des
Handels und der Finanzen.
Und da
gibt es die Lektion, daß die Zukunft
dem Flexiblen gehört.
Sie gehörte
denjenigen, die sich ein Problem anschauen und darin eine Gelegenheit
erblicken; denen, die auf das Unbekannte schauen und ein Abenteuer sehen; denen, die auf das Unversuchte
blicken
und
eine
Herausforderung
wahrnehmen;
denen, die die Last

struktureller
Verkrustungen
und
schützender Subventionierungen abgelegt haben und der Zukunft mit Energie und Zuversicht entgegensehen.
In keinem anderen Bereich gilt
es, soviel Spreu vom Weizen zu trennen wie In der Landwirtschaft, deren
Subventionierung
Konsumenten
und
Steuerzahler
Europas,
Nordamerikas
und Japans jährlich mit über 200 Milliarden Dollar belastet. Die Landwirtschaft ist fester Bestandteil der
Tagesordnung in der Uruguay-Runde von
Handelsgesprächen - ebenso wie das
Problem der Festlegung von Regeln für
den Handel mit geistigem Eigentum,
Investitionen
und
Dienstleistungen
sowie die Senkung der tarifären und
nichttarifären Handelshemmnisse. Die
Dauer dieser Gespräche wurde mit vier
Jahren angesetzt. Gegenwärtig nähern
sie sich der Halbzeit. Es ist nun an
der Zeit, bestimmte Ziele einzugrenzen und auszuarbeiten - eine Art Wegweiser und einen Fahrplan bis zur
Ziellinie. In Toronto können wir die Staats- und Regierungschefs der
führenden Industriestaaten - unsere
Minister drängen, diesen Auftrag bis
Ende des Jahres auszuführen. Da gelten keine Entschuldigungen.
Es ist an der Zeit, daß wir in
den Staaten der Gipfelteilnehmer keine Zeit mehr verschwenden und uns zu
einem
großen
"Unternehmen
Fortschritt" zusammenschließen - einem
gemeinsamen
Unternehmen,
das
den
Weltmarkt öffnet und außerdem die
schwachen Glieder in der Weltwirtschaft stärkt.
Laßt uns bei der Wiederherstellung der Volkswirtschaften
zweier
Länder zusammenstehen:
das eine die Philippinen - eine von einem kommunistisch geführten Aufstand verwüstete heldenhafte Demokratie; das
andere - Afghanistan - ein Opfer brutaler Aggression.
Laßt uns zusammenarbeiten, um die
Schwellenländer zu vollständigen und
reifen Mitgliedern des Welthandelssystems zu machen, was sie sich ehrlich

- 4 -

�verdient haben.
Laßt uns zusammenarbeiten, um den
Völkern Afrikas südlich der Sahara
bei der Bewältigung ihrer Schuldenprobleme beizustehen. Wir werden ihre Probleme aufgreifen, wie wir dies
auch bei anderen Schuldnerstaaten getan haben, auf einzelfallbezogener
Grundlage, und wir werden dabei das
Ziel verfolgen, bei der Entwicklung
Wachstums- und
chancenfördernder
wirtschaftspolitischer Maßnahmen Hilfe zu leisten. Die Vereinigten Staaten haben schon ihre Bereitschaft erklärt, über neue Wege der Umschuldung
für die ärmsten Länder nachzudenken,
die zu erheblichen neuen Erleichterungen führen können.
Und laßt uns zusammenstehen beim
Angriff auf die Lebenslinien eines
Handels, der niemals Teil des Welthandels hätte werden dürfen - der internationale Rauschgifthandel.
Auf
diesem Gipfel sollten wir uns in einer gemeinsamen Offensive gegen das
Waschen von Geld und die Schleusung
von Profiten aus dem Drogenhandel
durch die Finanzinstitutionen der
Welt zusammenschließen.
Das Vorantreiben der Handelsgespräche, ein gemeinsames Unternehmen
Fortschritt, die Stärkung des Systems
der Koordinierung - dies ist die Tagesordnung für den Gipfel von Toronto. Wir werden auf einem Jahrzehnt
des Fortschritts aufbauen, auf dem
neuen wirtschaftlichen Konsens in unseren Ländern. Wir werden weiter am
Aufbau des Weltmarkts arbeiten.
Ich weiß, daß.manch einer Schritte zurück, eher zu den insularen oder
isolationistischen Tagen der Vergangenheit machen möchte. Ich habe vergangene Woche mein Veto gegen das
Handelsgesetz eingelegt, weil ich
nicht der Auffassung bin, daß wir
Rückschritte machen können oder sollten.
Die Kritiker unserer Politik beklagen sich, daß die Vereinigten
Staaten einerseits, wie sie behaup-

ten, "Arbeitsplätze exportieren", also, daß unsere Unternehmen in Übersee
investieren.
Andererseits behaupten
sie, die Vereinigten Staaten verkauften sich an Ausländer, d. h., ausländische
Unternmehmen
investieren
hier. Nimmt man alles zusammen, dann
lautet
ihre
Aussage
eigentlich:
"Wenden wir uns zurück." Der Isolationismus ihrer Außenpolitik geht
Hand in Hand mit dem Isolationismus
ihrer Wirtschaftspolitik, und beide
werden uns ins Verderben führen.
Wir befinden uns in einem neuen
Zeitalter der Erfindungen und der Erforschung, einer Zeit, in der das
riesige Potential der menschlichen
Vorstellungskraft uns neue Welten zur
Erforschung erschließt. "Das Universum in einem Staubkorn sehen" ist
nicht länger eine poetische Metapher,
sondern die tägliche Realität des Silikon-Chips.
F. Scott Fitzgerald
schrieb, daß die frühen Entdecker,
als sie dieses Land betrachteten,
wahrscheinlich den Atem anhalten mußten. Sie hatten zum letzten Mal in
der Geschichte etwas mit eigenen Augen gesehen, das der unbegrenzten Fähigkeit des Menschen zum Staunen angemessen war.
Und doch war dies
nicht das letzte Mal. Auch wir stehen an der Schwelle zu etwas Unermeßlichem - zu einer wirtschaftlichen
und technologischen Zukunft mit immensen Aussichten.
Wenn wir uns der Zukunft stellen,
wenn wir uns nicht mehr von Ihr abwenden, dann wird diese Zukunft die
demokratische Welt umgestalten, und davon bin ich nach meinem Besuch in
Moskau überzeugt - auch die Länder
des Ostblocks. Ich glaube, daß der
gegenwärtig im Demokratischen Haus
herrschende Konsens für Stärke und
Wachstum ein neues Zeitalter einleiten wird, von dem wir heute nur träumen können. Wenn wir aber den Mut
und die Entschlossenheit besitzen,
dann wird uns dieses Zeitalter meiner
festen Überzeugung nach eine Welt des
Friedens und der Freiheit, der Chancen und der Hoffnung für viele Generationen geben.

- 5 -

* * * * *

�AMERIKA DIENST
%

^

Wirtschaft

et

14. Juni L988

BAKER:

KOORDINIERUNG HAUPTTHEMA DES WELTWIRTSCHAFTSGIPFELS

- Rede vor der International Monetary Conferem e -

CH..CAG0 - (A.D) - Den amerikanischen Firanzminister James Bakei zufalge
wird sich der vom 19. bis 21. Juni 1988 in Toronto stattfindende &lt;Jeltwlrtschaft;;gipfel hauptsächlich • mit der Stärkung des gegenwärtig Btattfindenden
weltweiten Koordinierungsprozesses beschäftigen.
Im Rahmen der International Monetary Conferenc?. in Chicago erklärte Biker
am 6. Juni 1988, seiner Meinung nach stelle der Koordinierungsprozeß - "und
keine tiefgreifenderen Veränderungen" - den besten Weg zur Eeform des internationalen Währungssys ;ems dar. Die Koordinierung wirt.schaf tspolitisc her -laßnahmen zwischen den führenden Industriestaaten sei "ein praktischer \omprimiß
zwischen den NachteiLen flexibler Wechselkurse und der Unbeweglichke t fester
Kurse".
Die Rede des Finanzministers hat folgenden Wortlaut:

Ich freue mich über diese Gelegenheit, erneut vor diesem erlesenen
Kreis von Spitzenvertretern der Finanzwe]t sprechen zu können.
Insbesondere begrüße ich die Möglichkeit,
mich am Vorabend des Wirtschaftsgipfels von Taronto über Ihre Vorstellungen informieren zu können.

ferenzzimmern stattfinden, in rianen
sich die Staats- und Regierangschefs
und ihre Jinanzminister treifen werden. Ein anderer Gipfel mag sich auf
den Eildschirmen der Fernseh Zuschauer
abspielen, auf: denen Repo -ter und
Kommeitato :en Spekulationen über all
die möglichen Konflikte zwischen den
HauptbeteiLigten anstellen werden.

Die Entwicklung der wirtschaftspolitischen Koordinierung

Ich kann Ihnen nicht scgen, was
Sie von diesem
zweiten, hypethetisehen Gipfel zu erwarten heben.
Ich kann Ihnen jedoch einige Einblicke in das geben, was Sie vom eigentlichen
Gipfeltreffen
erwerten
können.

Der diesjährige Weltwirtschaftsgipfel wird in weniger als zwei Wochen beginnen. Wie Ihnen sicherlich
bekannt ist, werden eigentlich zwei
Wirtschaftsgipfel
stattfinden,
und
beide zur gLeichen Zeit.
Der erste Gipfel wird in den Kon-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Ein Großteil dieses Treffens wird
sich mit dem wirtschaftspolititchen
Koordinierungsprozet befasser, der im

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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Jahr 1985 eingeleitet wurde, um unserem internationalen Wirtschaftssystem
zu mehr Zielstrebigkeit und Disziplin
zu verhelfen.
Im Jahr 1986 habe ich anläßlich
dieser Konferenz, die damals in
Boston stattfand, kurz das Thema der
Koordinierung angesprochen.
Damals
war der Koordionierungsprozeß noch
relativ jung. In den seither vergangenen zwei Jahren haben wir einige
Erfahrung mit diesem Prozeß gewonnen.
Ich möchte Ihnen vortragen, was in
den vergangenen Jahren seit Beginn
des Prozesses geschehen ist, kurz dazu Stellung nehmen, wie der Prozeß
fortschreitet und Ihnen erklären, warum meiner Meinung nach der Koordinierungsprozeß - und keine tiefgreifenderen Veränderungen - den besten
Weg darstellt, um die Reform des internationalen Währungssystems herbeizuführen.
Seit das in den vierziger Jahren
entwickelte Währungssystem der Nachkriegszeit die ersten Sprünge bekam,
haben intensive Bemühungen zur Schaffung einer neuen Weltwährungsordnung
stattgefunden.
Diese Anstrengungen
ließen mit der Einführung flexibler
Wechselkurse zeitweise nach. Da jedoch die Schwächen des Systems flexibler Wechselkurse die Zunahme grosser, nicht aufrechtzuerhaltender Ungleichgewichte
begünstigten,
ergab
sich erneut ein wachsendes Interesse
an einer Reform des internationalen
Währungssystems.
Unsere Antwort auf diese Entwicklung bestand in der Stärkung der internationalen
wi.rt schaftspolitischen
Koordinierung zwischen den Industriestaaten. Die Notwendigkeit zur Koordinierung ergab sich aus zwei wichtigen Überlegungen.
Erstens sind die
Volkswirtschaften von heute weit enger miteinander verflochten als noch
vor einem Jahrzehnt, woraus sich ein
stärkeres Bedürfnis zur Koordinierung
binnenwirtschaftlicher Maßnahmen ergibt.
Zweitens: Obwohl das System
der flexiblen Wechselkurse eindeutig
mehr Disziplin und Struktur erforder-

te, war das System der festen Wechselkurse sicherlich zu starr, um den
in der Weltwirtschaft stattfindenden
Veränderungen gerecht zu werden. Die
Koordinierung
stellte einen praktischen Kompromiß zwischen den Nachteilen flexibler Wechselkurse und der
Unbeweglichkeit fester Kurse dar.

Die Schaffung des Prozesses
Die Plaza-Vereinbarung von 1985
war der erste bedeutende Schritt dieser Koordinierungsbemühungen.
Dazu
gehörte eine Übereinkunft der G-5
über die Richtung, die bei nationalen
wirtschaftspolitischen Maßnahmen und
bei den Wechselkursen eingeschlagen
werden sollte, um Wachstum und außenwirtschaftliche Anpassung zu fördern.
Noch grundlegender ist die Tatsache,
daß diese Übereinkunft eine neuartige
Verpflichtung
der führenden Industriestaaten zu intensiverer Zusammenarbeit mit dem Ziel darstellte,
weltweiten wirtschaftlichen Wohlstand
zu erlangen und dadurch jedes Lani in
die Lage v.u versetzen, seine eigenen
binnenwirt.schaftlichen Ziele besser
zu verwirklichen.
Der Erfolg der Plaza-Vereinbarung
brachte
Schwungkraft
für
weitere
Fortschritte. Beim Gipfel von Tokio
entwickelten wir einen Rahmen für die
multilaterale
Überwachung
unserer
Volkswirtschaften
durch
Anwendung
wirtschaftlicher
Indikatoren.
Der
Direktor des Internationalen Währungsfonds wurde zur Teilnahme an
diesen Treffen eingeladen, wodurch
sichergestellt wurde, daß unsere Perspektive wirklich globalen Charakter
hat. Ferner wurde eine neue Gruppe
gebildet, die G-7, um die politische
Führungsrolle der Staats- und Regierungschefs für die Koordinierungsbemühungen vollständig zum Trager zu
bringen. Dieses Engagement auf höchster politischer Ebene war entscheidend für die bisher erzielten Fortschritte und wird auch von grundlegender Bedeutung für die Aufrecbterhaltung der Schwungkraft im vor uns
liegenden Zeitraum sein.

- 2 -

�Beim Gipfel von Venedig im vergangenen Jahr wurde der Koordinierungsprozeß durch die Verabschiedung
von Absprachen zur
Entwicklung mittelfristiger Ziele und Leistungsindikatoren zur Bewertung von Maßnahmen
und Leistungen weiter gestärkt.
Somit haben die wichtigsten Industriestaaten
nun einen politischen
Mechanismus entwickelt, um ihre Fähigkeit
zur
Koordinierung
wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu stärken.
Und obwohl dieser Prozeß noch
in den Kinderschuhen steckt, gibt es
schon viele Beweise dafür, daß er
Früchte trägt. Steuer- wie auch währungspolitische Maßnahmen werden sowohl unter weit- wie auch unter binnenwirtschaftlichen
Gesichtspunkten
entworfen.
Im Ergebnis dessen haben
die Vereinigten Staaten Maßnahmen zur
Senkung des Haushaltsdefizits, Erhöhung der Sparleistung und Verbesserung dor Wettbewerbsfähigkeit getroffen.
Die wichtigsten Überschußländer, Japan und die Bundesrepublik
Deutschland, haben Schritte unternommen, um die Binnennachfrage zu stärken und die Abhängigkeit von exportorientiertem Wachstum zu reduzieren.
Es haben koordinierte Aktionen zu den
Leitzinsen stattgefunden. Die Zusammenarbeit auf den Devisenmärkten wurde aufgrund spezieller Absprachen intensiviert.
Das Ergebnis ist, daß die Weltwirtschaft heute auf einer wesentlich
solideren Grundlage steht. Das Wachstum hält an, ist aber ausgewogener
und unterstützt den Anpassungsprozeß.
Die
Inflationsraten
sind weiterhin
gering, und die außenwirtschaftlichen
Ungleichgewichte
werden
abgebaut.
Die US-Handelszahlen für den Monat
März sind ein Beweis dafür, daß diese
Ungleichgewichte jetzt nominell wie
auch real verringert werden.
Der Koordinierungs,prozeß wurde im
vergangenen Herbst durch den Börsenkrach vom Oktober auf eine ernste
Probe gestellt.
Es wäre jedem von
uns ein leichtes gewesen, sich nach
innen r,u wenden und sich auf kurzfri-

stige Maßnahmen zu konzentrieren, um
die
unmittelbaren
binnenwirtschaftlichen Erfordernisse
zu behandeln.
Stattdessen schloß sich die G-7 noch
enger zusanmen und intensivierte ihre
Anstrengungen zur Erarbeitung einer
kompatiblen und einander verstärkenden Reihe von Maßnahmen, um die gemeinsamen Zielsetzungen zu erreichen.
Diese Bemühungen
(die in vertraulichen Gesprächen zwischen Ministem
und
Notenbankpräsidenten
in
einem
Zeitraum von Wochen durchgeführt wurden) spiegeln sich in der DezemberErklärung der G-7 wider. Damit wurde
auch die ?lexibilität des Koordinierungsproze:3ses
angesichts
einer
schwierigen Lage demonstriert. Seither haben sich die intensivierten zugrundeliegenden politischen Maßnahmen
in einer verbesserten Stabilität der
Devisenmärkte niedergeschlagen.

Engere Koordinierung und
Reformierung des Systems
In dem Maße, wie sich der Prozeß
der Koordinierung zwischen den wichtigsten Industrienationen entwickelt
hat, werden auch weiter Fragen über
die Notwendigkeit einer "grundsätzlichen Reform des Währungusystems"
gestellt.
Das ist nur zu verständlich. Wir haben ganz bestimmt weder
ein
perfektes
Währungssystem
noch
eine umfassende Koordierung unserer
politIschel Maßnahmen. Wir können es
uns nicht leisten, uns auf unseren
Lorbeeren auszuruhen.
Wir brauchen
eine weitere Stärkung und Reform des
Systems.
In welcher Form und in welche
Richtung sollte es sich entwickeln?
Es ist verlockend, durchgreii'ende und
revolutionäre Veränderungen des Systems in Erwägung zu ziehen - insbesondere im Hinblick auf das System
der Wechselkurse. Aber es ist alles
andere als klar, ob solche Veränderungen wünschenswert oder praktikabel
sind.
Man kann zwar eine Reform, die
sich Schritt für Schritt entwickelt,

- 3 -

�nur schwer als solche erkennen. Dennoch bin Ich der Auffassung, daß eine
weitere Stärkung unseres Prozesses
der Koordinierung das beste Mittel
zur Verwirklichung einer weitergehenden Reform des WMhrungssystems ist.
Was sind die Merkmale dieses Ansatzes, Schritt für Schritt oder phasenweise vorzugehen, die ihn zu der
besten verfügbaren Option machen?
- Erstens verbindet es Flexibilität
mit
stärkerem
Engagement
und
größerer
Verpflichtung.
Verschiedene Länder haben sich zu
diesem Prozeß auf höchster politischer Ebene verpflichtet, mittelfristige wirtschaftliche Ziele
neben
Leistungsindikatoren
zur
Bewertung
des Fortschritts in
Richtung auf diese Ziele zu entwickeln.
Dies bedeutet gleichzeitig keinen Verzicht auf Souveränität.
- Zweitens wird dadurch anerkannt,
daß eine Reform des Systems nicht
einfach eine Frage der Wechselkurse oder der Währungsreserven
igt.
Wechselkurse sind sicherlich eine variable Größe von zentraler Bedeutung. Letztlich muß
sich jedoch ein internationales
Währungssystem der Prüfung stellen, ob es zur Unterstützung einer offenen und wachsenden Weltwirtschaft beitragen kann. Hierzu gehören angemessene steuerliche,
währungspolitische
und
strukturelle
Maßnahmen
genauso
wie die Wechselkurse.
Das von
uns entwickelte Indikatorensystem
deckt diese gesamte Bandbreite
politischer Maßnahmen ab.
- Drittens kann das System durch
Verwendung von Indikatoren und
unterschwelligem Druck zu politischen Abhilfemaßnahmen ermutigen, ohne sich auf interne automatische Ausgleichsmaßnahmen zu
verlassen.
- Viertens ist der Anpassungsdruck
unabhängig von binnenwirtschaft- 4

lichen Wechselkursmaßnahraen, wie
dies bei den nennwertorientierten
beziehungsweise den anfangs benutzten flexiblen Kursen der Fall
war. In den Jahren 1985 und 1986
konzentrierte sich die Koordinierung vornehmlich auf die Rolle
der Wechselkurse. Im Jahr 1987
und auch dieses Jahr hat sich der
Akzent zu Veränderungen der zugrundeliegenden politischen Maßnahmen verschoben.
Es ist ein
bedeutender Kraftakt, daß sich
dieser Wandel ohne einer, schwerwiegenden Zusammenbruch des Systems vollzog.
Fünftens enthält der Koordinierungs- und Indikatorenprozeß wegen der genauen Beobachtung von
Überschuß- und
Defizitländern
eine Symmetrie.
Symmetrie ist
ein seit langem angestrebtes
und netwendiges - Element internationaler
Währungsabm.ichungen.
In der Vergangenheit sind Eemühungen zu deren Integration in
das System durch verschiedene automatisch ablaufende Mechanismen
gescheitert, und dies würde wahrscheinlich auch in Zukunft der
Fall sein.
Hingegen sorgt das
derzeit verfügbare Indlkatorensystem für ein strukturelles und
bewertungsmäßiges Gefüge zur Einschätzung der Notwendigkeit von
Maßnahmen Seitens der Defizitwie auch der Uberschußländer.
Sechstens würde ich als letztes
Attribut die Glaubwürdigkeit anführen. In der heutigen Situation weltweiter wirtschaftlicher
Verflechtungen und Kommunikation
ohne
Zeitverlust
liegt
der
Schlüssel bei der Glaubwürdigkeit. Ein Versuch der plötzlichen oder grundsätzlichen Veränderung in der Struktur des Systems durch die Einführung eines
detaillierten
Maßnahmenkatalogs
formeller Zwänge könnte von den
Märkten als zu ehrgeizig und unhaltbar aufgenommen werden, und
solch ein Ansatz könnte den politischen Realitäten oder der Kraft

�der Finanzströme nicht angemessen
gerecht werden.
Die Weltwirtschaft ist zu dynamisch und die Kräfte des Wandels sind
zu stark, um mit großer Sicherheit
vorausschauen und sich eine perfekte
internationale Währungsstruktur vorstellen zu können, die auf die Weltwirtschaft im Jahr 1995 genauso Anwendung finden kann wie auf die des
Jahres 2005.
Daher müssen wir vorsichtig aber
beharrlich voranschreiten, und dabei
für weitere Verbesserungen in dem
Prozeß und dem System ein wachsames
Auge behalten.
In diesem Zusammenhang vereinbarten die wichtigsten Industrienationen im April die Entwicklung
eines
Warenpreisindikators.
Dieser Indikator wird die bereits bestehenden nationalen Indikatoren bei
der Einschätzung und Bewertung wirtschaftlicher Maßnahmen und Leistungen
ergänzen.
Es wird als analytisches
Instrument bei der Untersuchung von
weltweiten
Preisentwicklungen
benutzt, nicht als automatischer Auslöser politischer Maßnahmen oder fester
Halt für Währungen.

schaffen,
der
den
internationalen
EntScheidungsprozessen in der Wirtschaftspolitik Disziplin und Struktur
gebracht hat.
Und unser Ansatz hat
seine Aufgaben erfüllt - natürlich
nicht perfekt.
Ich möchte aber die
deutliche
Prognose wagen, daß die
Weltwirtschaft heute in einem besseren Zustand ist, als sie es gewesen
wäre, wenn wir uns nicht für diesen
Weg entschieden hätten. Meiner Meinung nach werden sich in der Zukunft
zusätzliche Erfolge einstellen.
Viele, die früher an diesem Prozeß zweifelten, haben dessen Vorzüge
erkannt. Im Ergebnis genießt die Zusammenarbeit
derzeit eine breitere
Unterstützung und mehr Impulse, die
sie in die Zukunft tragen sollte,
weit über die Amtsperioden d«r heutigen Regierungen in den G-7 Ländern
hinaus. Wir sind in einiger wenigen
Jahren einen weiten Weg gegangen, und
die Koordinierung von Maßnahmen sollte ein solides Gerüst zur Erreichung
bedeutungs/oller
und
wirkungsvoller
Reformen in den vor uns Liegenden
Jahren darstellen.

Wir werden ferner weitere Maßnahmen in Erwägung ziehen müssen, wie
beispielsweise die Ausweitung des Koordinierungsprozesses, um strukturelle Reformen in Bereichen wie der
Steuerreform, der Liberalisierung der
Finanzmärkte
und der Deregulierung
der Arbeitsmärkte abzudecken. Hierzu
gehört auch die Verwendung von "Uberprüfungsbereichen" für zentrale Indikatoren wie beispielsweise das Wachstum und die Ha.ndelsgleichgewichte,
um die Leistung einer Wirtschaft besser bewerten zu können.

Schlußbeme rkungen
Abschließend möchte ich festhalten, daß unser Prozeß internationaler
Koodinierung wirtschaftlicher Maßnahmen das internationale Währungssystem
reformiert und gestärkt hat. Wir haben einen politischen Mechanismus ge-

- 5 -

* * * * * *

�AMERIKA DIENST
'4-

^

Wirtschaft

Ä&lt;

14. Juni 1988
BAKER SCHLXGT NEUE SCHULDENINITIATIVE VOR
- Rede des amerikanischen Finanzministers vor der
Afrikanischen Entwicklungsbank WASHINGTON - (AD) - US-Finanzminister James Baker hat eine neue Initiative
vorgeschlagen, um den ärmsten Entwicklungsländern zusätzl.che Hilfe bei der
Bewältigung ihrer Auslandsschulden zu gewähren. Dem am 1. Juni von Baker in
einer Rede beim Treffen von Afrikanischer Entwicklungsbank und Afrikanischem
Entwicklungsfonds in Abidjan vorgeschlagenen Plan zufolge wurde es jeder Gläubiger regierung des Pariser Clubs gestattet, Zugeständnisse oei der Neufestsetzung von Zinssätzen zu machen und den ärmsten Ländern längere Rück Zahlungsfristen einzuräumen. In der Vergangenheit hatten sich die im Pariser Club
vertretenen Gläubigerländer - eine informelle Gruppe westlicher Staaten, die
von Zeit zu Zeit zur Überprüfung der Rückzahlurgsbedingungen von Auslandsschulden zusammenkommt - bei Umschuldungsaktionen jeweils auf einen einheitlichen Zinssatz und eine einheitliche Rückzahlungsfrist geeinigt.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut:
Wir sind heute aufgrund unseres
groBen Interesses und unserer Entschlossenheit hier zusammengekommen,
um die Menschen in Afrika dabei zu
unterstützen, für sich und ihre Familien ein produktiveres, von zunehmendem Wohlstand geprägtes Leben aufzubauen. Mein heutiger Vortrag und die
Bemühungen der Vereinigten Staaten in
Afrika sowie die Bemühungen der Afrikanischen - Entwicklungsbank
stehen
ganz im Zeichen dieses gemeinsamen
Ziels.

Die Probleme der Region in den achtziger Jahren
Herr Vorsitzender, in den achtziger Jahren sind wir Zeugen energischer Bemühungen zahlreicher afri-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

kanischer Regierungen geworden, um
erneut
c'en Pfad
Wirtschaft 1 .chen
Wachstums einzuschlagen.
Ihre Entschlossenheit zur Wiedergewinnung des
Wachstums wurde unterstützt durch intensive iiternationale Anstrengungen,
die auf 3er Einsicht beruhten, daß
die Volkswirtschaften der Region eindeutig im Verfall begriffen waren.
Zu den nachteiligen Entwicklungen
gehörten ein scharfer Rückgang der
Rohstoffpreise, die daraus entstehenden höheren Anteile der Schuldenlast
am Bruttosozialprodukt und an den Exporterlösen, das Vermächtnis der unproduktiven Politik des Planwirtschaftsmodells sowie eine bedrückende
Hungersnot, die weite Gebiete der Region erfaßte.

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Langsames oder negatives Wachstum
in Verbindung mit hohem Bevölkerungswachstum, Zahlungsbilanz- und Haushai tspr ob leine - all dies waren Anzeichen einer grundlegenden Wirtschaftskrise. Die ungünstigen äußeren Einflüsse, Wetter- und Klimabedingungen
sowie
unhaltbare
wirtschaftspolitische Maßnahmen wirkten zusammen, um
die Brüchigkeit
der afrikanischen
Volkswirtschaften aufzuzeigen.
Im großen und ganzen hatten die
afrikanischen Regierungen geglaubt,
der Staat sei ein Mechanismus zur Erlangung wirtschaftlicher Entwicklung.
In den meisten Ländern wurde der
Staat zum dominierenden Wirtschaftsfaktor. Unternehmergeist und Initiative wurden im Keim erstickt. Regierungen wurden zur Hauptquelle von Arbeitsplätzen für die Gebildeten; sie
kontrollierten
die
landwirtschaftliche Produktion und Vermarktung von
Agrarprodukten;
sie
kontrollierten
den Außenhandel; sie begannen selbst
zu produzieren; sie schützten unwirtschaftlich
arbeitende
Industrien,
kontrollierten die Preise und schrieben durch unterschiedliche Preismechanismen
die
Einkommensniveaus
fest. Ferner erlegten sie Produzenten und Exporteuren Steuern auf, während sie die städtischen Konsumenten
und Importeure subventionierten.
Ressourcen wurden nicht mehr dort
investiert, wo sie den größten Nutzen
erbracht hätten. Die Sparraten sanken, Exporte wurden abgeschreckt und
Importe ermutigt.
Wirtschaftswachstum und Entwicklung kamen zum Stillstand.
Reaktion der afrikanischen
Regierungen und der internationalen
Staatengemeinschaft
Als Reaktion auf diese sich verschärfende Wirtschaftskrise schlössen
sich die afrikanischen Regierungen
und die internationale Staatengemeinschaft zusammen, leiteten politische
Maßnahmen ein und schufen Institutionen für die Wiedergewinnung von Wach-

stum und Entwicklung zu schaffen.
Um zum Ursprung für die Entwicklung dieser Reaktion zu kommen, sollte ich angemessenerweise zunächst erwähnen, daß während dieses Jahrzehnts
der achtziger Jahre die Afrikanische
Entwicklungsbank für nichtregicnale
Mitglieder geöffnet wurde.
Ferner
wurden die Mittel des Afrikanischen
Entwicklungsfonds
erhöht.
Afrikanische Regierungen wurden von der
Weltbank und dem IWF in einen intensiven Dialog über ihre Wirtschaftspolitik eingebunden. Damit wurde insofern die Grundlage für eine internationale Übereinstimmung geschaffen,
als daß verstärkte Hilfe von außen
zur Verfügung gestellt würde, um diejenigen Länder zu unterstützen, die
zur
Durchführung
grundsätzlicher
Wirtschaftsreformen bereit sind.
Die Weltbank
organisierte ein
Sonderprogramm zur Schuldenerleichterung für Afrika, um zusätzliche Mittel für WLrtschaftsreformen zur Verfügung zu stellen. Mit der deutlicheren Definition der Verbindungen
zwischen strukturellen und makrcökonomisehen Erfordernissen der Wirtschaftspolitik verbesserten Weltbank
und IWF ihre Zusammenarbeit, indem
sie ihr gemeinsames Programm der politischen Rahmendokumente einführten.
Diesem Ansatz zufolge entwickeln afrikanische und andere Länder mit geringen pro-Kopf-Einkommen umfassende
Wirtschaftsprogramme, die Kapital von
außen anlocken können. Diese Dokumente sind zu einem ungemein wertvollen Instrument der Koordinierung bilateraler und multilateraler Hilfe
von außen geworden.
Als Teil dieses Prozesses führte
der IWF seine Strukturelle Arpassungseinrichtung
zur
Unterstützung
von Reformen ein und erweiterte diese
Einrichtung mit Unterstützung zahlreicher IWF-Mitgliedstaaten in der
Folge erheblich. Fünfzig Prozent der
Mittel des lDA-8-Fonds werden für afrikanische Projekte und Bemühungen
für politische Reformen bereitgestellt, und ein Großteil dieser Un-

- 2-

t

t
v

�terstützung wird in Verbindung mit
der Strukturellen Anpassungseinrichtung des IWF im Kontext mit dem politischen Rahmenprozeß zur Verfügung
gestellt.
Weitere Impulse ergeben
sich aus der Tatsache, daß bilaterale
Hilfsorganisationen
erst
kürzlich
über 6 Milliarden Dollar an Beiträgen
für von der Weltbank koordinierte Anpassung sprogramme in den am meisten
"schuldenbelasteten" Ländern der Region zugesagt haben.

hierzu in der Lage befindliche Gläubiger! ander für Zugeständnisse bei
der Neufestsetzung von Zinssätzen für
die ärmsten Länder - von Fall zu Fall
- sorgen. Andere Länder könnten zu
einer Entlastung beitragen, indem sie
längere Laufzeiten bei Umgeschuldaten
Krediten als derzeit in Erwägung ziehen. Alles in allem sind wir der
Auffassung,, daß diese Veränderungen
zu einer spürbaren neuen Entlastung
für die ämsten Länder führen können.

Für Afrika sind die Probleme der
Verschuldung oft genannt worden, und
in einige Fällen sind sie weiterhin
sehr ernst. Durch Umschuldungsaktionen des Pariser Clubs bieten die Vereinigten Staaten und weitere staatliche Gläubiger erhebliche Schuldenerleichterungen
zur
Unterstützung
wirtschaftlicher Programme. Um darüber hinaus zusätzlich auf die Wirtschaftsprobleme
Afrikas
einzugehen
hat der Pariser Club ferner begonnen,
den Ländern mit niedrigem Einkommen
und großer Schuldenlast weiteren Zahlungsaufschub ' und bessere Rückzahlungsbedingungen zu gewähren.

Ich sollte hervorheben, daß die
Gewährung einer solchen Differenzierung, die eine Abkehr von der strengen Handhabung von einer Politik
strikter Gleichbehandlung l)edeutet,
eine erhebliche Erweiterung der dem
Pariser Club verfügoaren Optionen zur
Lösung der extrem schwierigen Schuldensituation in den ärmsten Ländern
darstellt.
Dies steht mit unserem
einzelfallorientierten Ansatz bei der
Lösung von Schuldenproblemer in den
Entwicklungsländern im Eink'ang und
ist daher kein allgemeingültiger Ansatz. Es handelt sich um eine besondere verfügbare Technik, um mit einer
weiteren Maßnahme nur den Ärmsten der
Armen zu helfen, deren Rüc&lt;kehr zu
Stablitität und Wachstum zu l^eschleunigen.

Obwohl wir anerkennen, daß die
Neufestsetzung von Zinszahlungen temporäre Liquiditätserleichterung verschafft, muß in diesem Zusammenhang
festgestellt werden, daß die Struktur
dieser neu eingeteilten Schulden häufig ein schweres Problem für die ärmsten Länder darstellt.
Betrachtet
man die unterschiedlichen finanziellen und gesetzlichen Bedingungen, innerhalb derer sich jede Gläubigerregierungen bewegen muß, so ist dies
ist eines der schwierigsten Probleme,
die vom Pariser Club behandelt wurden.
In unserem Fall ist es beispielsweise so, daß der Handlungsspielraum der Vereinigten Staaten
durch Gesetze, Politik und haushaltsmäßige Gegebenheiten beschränkt wird.
Um jedoch zur Lösung dieses Problems beizutragen, möchte ich heute
die
Bereitschaft
der
Vereinigten
Staaten ankündigen, die Bandbreite
von
Möglichkeiten
innerhalb
des
Pariser Clubs zu erweitern, so daß

Engagement für den Reformprozeß und
wirtschaftlichen Fortschritt
Bei meinen Kontakten zu Afrikas
wirtschaftlichen und politischen Führungskräften wurde ich von deren besonders starken Engagement für wirtschaftliche Reformen ermutigt - nicht
nur für die derzeitige Situation,
sondern langfristig bis weit in die
neunziger Jahre hinein.
Ich bin mir darüber im klaren,
daß die Verfolgung dieser Reformen
ein großes Maß an politischem Mut bedeutet. Das Engagement für Reformen
wird von der Erkenntnis getragen, daß
das Ausbleiben der Umstellung der
Wirtschaft - das Ausbleiben der Reformen - bedeutet, die Menschen Hungersnöten, Schulden, Stagnation und

- 3-

�politischer
Unruhe
auszuliefern.
Ganz sicher liegen die Kosten für ein
Versäumnis der Umstrukturierung weit
höher als für die Anpassung.
Obwohl Afrika auch weiterhin viele ernsthafte Problemen belasten werden, zeichnen sich schon positive Resultate aus der Kombination von Finanzierung und Anpassung ab. Es ist
deutlich geworden, daß viele afrikanische Regierungen
langsam aber
sicher den Prozeß der Umkehr aus Jahren des schwachen Wirtschaftswachstums, rückläufigem Pro-Kopf Einkommen, niedrigen Exporten und Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihres
Schuldendienstes
einleiten.
Das
Wachstum hat sich in Ländern mit dauerhaften
Wi rtschaftsreformprogrammen
mit jährlich vier Prozent in den Jahren 1986 bis 1987 mehr als verdoppelt. Bedauerlicherweise mußten Länder, die keine Wirtschaftsreformen
durchführten, eine Halbierung ihrer
Wachstumsraten erfahren - bis hin zu
einer Jahresrate von weniger als
einem Prozent. Im Verlauf der Jahre
1984 bis 1986 ist die Pro-Kopf Produktion von Nahrungsmitteln um 4,2
Prozent in den Ländern gestiegen, die
eine
Wirtschaftsreform
verfolgen.
Bei den anderen Länder ohne solche
Reformen lag diese Rate bei lediglich
2,4 Prozent.

Die Notwendigkeit weiterer Entwicklung
Durch die Hinwendung zu den Bedürfnissen .Afrikas gelangen wir zu
einer weitgehenden Übereinstimmung in
der Frage, daß makro ökonomische und
strukturelle Reformen die notwendige
Basis für eine wirkungsvollere Nutzung der Ressourcen liefern.
Sie
stellen ein Klima her, in dem tiefergehende wirtschaftliche Probleme angesprochen werden können.
Für ein
anhaltendes Wachstum und eine fortgesetzte Entwicklung ist jedoch an vielen Fronten noch mehr erforderlich.
Wenn die Agrarproduktion mit dem
Bevölkerungswachstum mithalten soll -

ganz zu schweigen von einer Mehrproduktion - müssen neue Technologien
gefunden
werden.
Wissenschaftler
müssen
ausgebildet,
Forschungsmöglichkeiten verstärkt, neue Samenarten
entwickelt und die Techniken zur Verwaltung des Landes erheblich verbessert werden. Dem Bedarf an Gesundheits- und schulischer Grundausbildung muß ein größerer Stellenwert und
mehr Unterstützung eingeräumt werden.
Inländische und regionale Finanzierungssysteme müssen gepflegt und
gestärkt werden, und sie müssen den
afrikanischen
Unternehmergeist
befruchten können.
Die Märkte zum
Austausch von Gütern müssen sich frei
von übertriebener Regulierung und
Preiskontrollen
entwickeln
können.
Der gesetzliche Rahmen und das wi rtschaf tliehe Umfeld müssen ausländischen Investionen, die technologische und unternehmerische Fähigkeiten mit sich bringen, aufgeschlossen
gegenüberstehen. Im Privatsektor besteht ein großer Bedarf für freie
Entfaltung und Wachstum.
Und wie in jeder anderen Region
der Welt muß der angemessenen Verwaltung von Afrikas natürlichen Ressourcen eine wachsende Aufmerksamkeit zuteil werden. Weite Teile Afrikas befinden sich in einer Umweltkrise.
Wir müssen auf der Grund Lage handeln, daß der Schutz der Umwelt nicht
nur ein gesellschaftspolitisches Problem, sondern auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Die Konzepte zum Schutz der Umwelt, zum Wirtschaftswachstum und dessen Entwicklung müssen als gemeinsames Ganzes
behandelt werden, wenn sich die Vision vom zukünftigen Wohlstand Afrikas und der anderen Regionen der Welt
erfüllen soll.

Das globale wirtschaftliche Umfeld
Diese vielfältigen Ziele stellen
ein ehrgeiziges Unterfangen für Afrika und seine Führungspersönlichkeiten
dar. Selbstverständlich erkennen wir

�alle an, daß die Gesundheit der Weltwirtschaft eine große Rolle bei der
Bestimmung der zukünftigen Lebenskraft und Richtung des afrikanischen
Wirtschaftswachstums spielt.
Herr Vorsitzender, meines Erachtens ist es wichtig darauf hinzuweisen, daß es im vergangenen Jahr eine
Vielzahl positiver Entwicklungen in
der industrialisierten Welt gegeben
hat, die dazu beitragen sollten, für
eine Stärkung des wirtschaftlichen
Umfelds und anhaltendes Wachstum der
Märkte für Exporte aus afrikanischen
Ländern zu sorgen. Das reale Wachstum des Bruttosozialprodukts in den
Industrienationen lag im vergangenen
Jahr bei drei Prozent - dem vierten
Jahr konjunkturellen Aufschwungs und die Voraussagen sprechen für dieses Jahr von nochmals drei Prozent
Wachstum. Die Handelsungleichgewichte zwischen den größten Industrienationen werden verringert und die Inflation bleibt niedrig.
In den Vereinigten Staaten arbeiten wir energisch an einer Verhinderung protektionistischen Drucks und
erachten diesbezüglich Fortschritte
bei der Uruguay-Runde für absolut
notwendig, wenn ein offenes weltweites Handelssystem erhalten werden
soll, das den entwickelten wie auch
den Entwicklungsländern zugute kommen
kann.
Bei einer Bilanzierung der Bemühungen der Industrieländer zur Unterstützung Afrikas möchte ich hervorheben, daß die Vereinigten Staaten auch
weiter finanzielle Unterstützung zur
Reform des politischen Systems und
für Entwicklungsprogramme in Afrika
auf sehr hohem Niveau bereitstellen trotz der unumgänglichen weiteren
Verringerung unseres eigenen Haushaltsdefizits..
Wir stellen im laufenden Haushaltsjahr fast eine Milliarde Dollar
für bilaterale Wirtschafts- und Nahrungsmittelhilfe an afrikanische Länder südlich der Sahara zur Verfügung.
Auf multilateraler Ebene haben wir

uns zur Zahlung von 2,9 Milliarden
Dollar an die IDA-8, 720 Millionen
Dollar für die vierte allgemeine Kapitalerhöbung der Afrikanischen Entwicklungsbank und 315 Millionen Dollar für die fünfte Ergänzung des Afrikanischen
Entwicklungsfonds
verpflichtet.

Die Rolle der Afrikanischen
Entwicklungsbank
Unter den Institutionen und Programmen, die sich der Afrika betreffenden er.twicklungs- und wirtschaftlichen Probleme annimmt, kommt der
Afrikanischen Entwicklungsbank eine
exponierte Stellung zu.
Seit 3eginn ihrer Mitgliedschaft
haben die Vereinigten Staaten daran
gearbeitet, ein konstruktiver Partner
zu sein und zur Annahme von Maßnahmen
und Praktiken zu ermutigen, üie unseres Erach:ens die Leistungsfähigkeit
und Wirksamkeit dieser Bankengruppe
erhöhen kann.
Bei verschiedenen Anlässen standen wir den seitens der Bank vorgeschlgenen besonderen Kredi ten und
Maßnahmen äußerst kritisch gegenüber.
Unsere Kritik spiegelt jedocn eindeutig keine mangelnde Unterstützung für
die Bank oder ihren Auftrag wider,
sondern vielmehr unser Engagement dafür, daß diese Bank eine leistungsfähigere Brücke der Unterstützung zur
Ermutigung der Entwicklungsbestrebungen Afrikas bildet.
In diesem Zusammenhang möchte ich
auf eine Reihe von Fragen eingehen,
denen wir im Hinblick auf die Fähigkeit der Bank, auf das Wohlergehen
Afrikas einzuwirken, eine zentrale
Bedeutung beimessen.

Kredite mit politischem Ziel
Die erste Frage betrifft Kredite
mit politischem Ziel.
Kredite zur
sektoralen und strukturellen Anpassung müssen in den Schuldnerländern

- 5 -

�die Akzeptanz gesunder Maßnahmen fördern. Unserer Ansicht nach ist dies
ein wichtiges Instrument, mit dem die
Bank ihre Verpflichtung zur Wirtschaftsreform in Afrika untermauern
kann.
Dennoch vertreten wir die Meinung, daß die Bank aufgrund des für
sie relativ neuen Tätigkeitsfeldes
hier mit Bedacht vorgehen muß. Der
Umfang der Gewährung solcher Darlehen
darf nicht schnell ausgedehnt werden,
und die Bank muß sicherstellen, daß
ihre Ausgleichskredite mit anderen gegebenenfalls auch mit der Weltbankgruppe, dem IWF und bilateralen Behörden - abgestimmt sind. Internationale Finanzbehörden müssen im Hinblick auf ihren Erfahrungsaustausch
Partner werden. Sie dürfen beim Prozeß der Entwicklungshilfe keine Konkurrenten sein.

Die Qualität der Kredite
Die Vereinigten Staaten sind der
Ansicht, daß bei der Verbesserung der
Qualität der Kreditvergabe insgesamt
weitere Fortschritte erzielt werden
müssen. Unserer Ansicht nach ist der
Vorstand zur Finanzierung zu vieler
Projekte aufgefordert worden, die
nicht zum wirtschaftlichen Wachstum
beitragen werden.
Wir ermutigen die Verwaltung zur
Zusammenarbeit, um sicherzustellen,
daß bei Projekten Investitionen im
Hinblick auf deren Dringlichkeit getätigt werden und daß sie die notwendigen Voraussetzungen für sichere Erfolge mitbringen. Wir fordern die
Verwaltung auf, ein wirksameres System einzusetzen, um zu gewährleisten, daß die dem Vorstand vorgelegten Kredite im Hinblick auf die Entwicklung und Wirtschaftlichkeit einwandfrei sind.

Der Privatsektor
Unserer Ansicht nach muß die Bank
bei der Entwicklung des Privatsektors

innerhalb Afrikas eine viel größere
Rolle spielen.
Leider stellt sich
nur allzuoft heraus, daß Projekte für
Aktivitäten der öffentlichen Hand
vorgeschlagen
werden,
deren
Leistungsfähigkeit oftmals eine düstere
Bilanz aufweist. Aus diesem Grunde
begrüßen wir den vom Präsidenten eingerichteten
Gesprächskreis
afrikanischer Geschäftsleute, mit dem die
Bank beim Aufzeigen von Wegen unterstützt werden soll, wie sie eine
stärkere Rolle bei der Unterstützung
des Privatsektors spielen kann.

Die Verwaltung der Finanzen
Die Bank hat eine Reihe von
Schritten zur Korrektur finanzieller
Probleme unternommen, aber wir sind
besorgt darüber, daß sie in diesem
Bereich nicht schnell genug vorankommt. Die Verwaltung hat dem Vorstand Vorschläge unterbreitet, die im
Rahmen der Kreditvergabe der Bank
auftretende Risiken bei Zinssätzen
und Wechselkursen mindert. Wir hoffen auf deren baldige Verwirklichung.
Wir sind ebenfalls der Ansicht,
daß die steigenden Ausgaben im Bereich der Administration und ausstehende Forderungen der finanziellen
Situation der Bank Schaden zufügen
können. Wir ermutigen die Mitglieder
zur Unterstützung der Bank durch
rechtzeitige Leistung ihrer Kapitalbeiträge, und wir fordern die Bank
auf, entschlossene Maßnahmen zu ergreifen, die darauf abzielen, das Niveau der Außenstände bei den Krediten
wie auch die zunehmenden Verwaltungskosten abzubauen.
Die Umwelt
Die Bank hat Fortschritte beim
Schutz der Umwelt in Afrika erzielt,
und wir sind der Ansicht, daß die
Bank in diesem Bereich eine wichtige
Rolle spielen sollte. Wir erkennen,
daß die Bank weiterhin unter haushaltsmäßigen Beschränkungen arbeiten
muß, und aus diesem Grund stellt mei-

- 6 -

�ne Regierung der Bank einen Umweltspezialisten zur Verfügung. Wir hoffen, daß die Bank mit der Zeit in der
Lage sein wird, ihre eigene Gilde von
Umweltexperten zu rekrutieren.
Ich fordere die Bank ferner auf,
das vorgeschlagene gemeinsame Modellprojekt Banb-NGO fortzuführen, das
unsere Ziele im Bereich der Umwelt
positiv unterstützen wird.

Und schließlich hat meine Regierung zusammen mit allen internationalen Geberländern die Herausforderung
akzeptiert, gemeinsam mit Afrika an
der Erlangung Ihrer wirtschaftlichen
Ziele zu arbeiten. Diese Ziele sind
ehrgeizig - Beendigung des Hungers,
Wiederherstellung dauerhaften wirtschaftlichen Wachstums und Bereitstellung eines angemessenen Lebensstandards für alle Afrikaner in den
nächsten Jahrzehnten und in ferner
Zukunft.

Schlußbemerkung
Gemeinsam haben wir ehrgeizige
Aufgaben für die Afrikanische Entwicklungsbank und für afrikanische
Regierungen unternommen, die nach Erreichen
eines
dauerhaften
Wirtschaftswachstums streben wie auch für
die internationalen Geberländer insgesamt.
Heute bietet die Leistung
aller Grund zum Optimismus.

Ich danke Ihnen für die Ehre,
heute an diesem großartigen afrikanischen Projekt teilnehmen zu dürfen.
Zum Abschluß möchte ich Ihnen versichern, daß die besten Wünsche und die
Unterstützung meines Landes Sie bei
Ihrer Arbeit zur Sicherung des zukünftigen Erfolges Afrika und seines
stolzen Volkes begleiten.

Der Bank stellt sich die Herausforderung, eine zunehmend wichtigere
Rolle dabei zu spielen, afrikanische
Länder bei der Entwicklung und Umgestaltung ihrer Volkswirtschaften zu
unterstützen, damit sie Wirtschaftswachstum erlangen. Wir sind der Meinung, daß die kommenden Jahre dies
zeigen werden - und wir glauben, daß
die Bank ihren Auftrag ausgezeichnet
erfüllen kann.
Zahlreiche afrikanische Regierungen haben sich der Herausforderung
einer Verwirklichung umfassender Reformprogramme - oftmals mit sehr zufriedenstellenden Ergebnissen - gestellt.
Manche Regierungen leiten
gerade den Prozeß wirtschaftlicher
Reformen und Anpassungen ein. Und
eine Reihe von Regierungen muß diesen
Prozeß noch aufnehmen. Für diese Regierungen an der Schwelle haben wir
ein besonderes Wort der Ermutigung,
und wir betonen unsere - wie ich meine - gemeinsame Bereitschaft, aktiv
mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wenn es
darum geht, Bestrebungen für Anpassung und dauerhaftes Wachstum zu unterstützen.

- 7-

* * * * * *

�x e ° ST;

AMERIKA DIENST
Wirtschaft
14. Juni 1988

SCHULDENTILGUNG DER ENTWICKLUNGSLÄNDER UND LANDWIRTSCHAFT
THEMEN BEIM GIPFEL
- Informationsgespräch im Foreign Press Center -

WASHINGTON - (AD) - Dem Staatssekretär für Wirtschaftsfragen W. Allen
Wallis zufolge werden der Schuldenerlaß für die ärmsten Entwicklungsländer und
die Kontrolle nationaler Subventionsmaßnahmen in der Landwirtschaft zwei der
zentralen Themen sein, die von den Staats- und Regierungschefs der wichtigsten
Industrienationen auf dem diesen Monat stattfindenden Gipfel in Toronto erörtert werden.

Wallis erklärte gegenüber Reportern am 9. Juni 1988 im Washingtoner
Foreign Press Center, die USA, Frankreich, Großbritannien und Kanada würden bei ihrer vom 19. bis 21. Juni
stattfindenden
Zusammenkunft
Vorschläge zur Erleichterung der Schuldenlast der ärmsten Entwicklungsländer vorlegen.
Am Wirtschaftsgipfel der Industrienationen werden ebenfalls die
Staats- und Regierungschefs
Japans,
der Bundesrepublik Deutschland, Italiens und der Europäischen Gemeinschaft teilnehmen.
Es handelt sich
um die 14. regelmäßig jedes Jahr
stattfindende Gipfelbegegnung.
Obwohl
Wallis
eine
möglicher
amerikanischer

Erörterung
Vorschläge

United States Information Service
Embassy of the United States of America

ablehnte, verwies er auf die Rede von
Finanzminister James Baker beim Jahrestreffen der Afrikanischen Entwicklungsbank Anfang Juni.
Baker hatte
hier zu einer größeren Flexibilisierung von Seiten der einzelnen Gläubigerländer gegenüber den ärmsten Ländern durch eine Zinsverbilligung und
die Verlängerung von Laufzelten bei
Darlehen aufgerufen.
Wallis wurde zu der Regierungsmeinung über die soeben verlautbarten
französischen Vorschläge befragt, in
dem die Hauptgläubiger zur Verwirklichung einer der drei Lösungsraögllchkelten des Schuldenproblems der
ärmsten
Länder
aufgerufen
werden:
Konsolidierung und Verlängerung der
Laufzeiten von Krediten, Verkürzung
der
Fälligkeit
bei
gleichzeitiger

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Telex: 8-85432

�Zinsverbilligung um bis zu 50 Prozent
oder völlige Streichung von einem
Drittel der von der Regierung vergebenen oder abgesicherten Warenkredite.
Wallis zufolge ist es wahrscheinlich, daß die Vereinigten Staaten einen dieser Vorschläge akzeptieren, aber nicht in der Lage sind,
einen zusätzlichen Vorschlag anzunehmen.
Der Staatssekretär wollte
hierzu keine weiteren Ausführungen
machen und fügte hinzu, dieses Thema
müsse vom Finanzminister erörtert
werden.
Wallis zufolge würden sich die
beim Gipfel vertretenen Staats- und
Regierungschefs im Hinblick auf den
Handel mit landwirtschaftlichen Gütern wahrscheinlich auf eine Formel
verständigen, die der Vereinbarung
der Finanz- und Handelsminister beim
Ministertreffen der Organisation für
wirtschaftliche
Zusammenarbeit
und
Entwicklung (OECD) im Mai nahekommt.
Bei dem OECD-Treffen einigten
sich die Mitgliedstaaten darauf, Rahmenbedingungen zur Lösung sämtlicher
Probleme in der Landwirtschaft bis zu
dem Zeitpunkt anzustreben, wenn die
Handelsainister
im
Dezember
in
Montreal zu einer Zwischenbilanz der
derzeitigen Uruguay-Runde multilateraler Verhandlungen über den Handel
zusammenkommen.
In dem OECD-Kommunique heißt es:
"Es ist wichtig, daß eine Zwischenbilanz dem Verhandlungsprozeß zusätzliche Impulse gibt...
Zu diesem
Zweck solLten die Mitgliedstaaten
Rahmenbedingungen vereinbaren..., zu
denen lang- wie . auch kurzfristige
Elemente gehören sollten, die den im
vergangenen Jahr in Gang gesetzten
Reformprozeß vorantreiben und die
derzeitigen Spannungen auf den Märkten für landwirtschaftliche Güter beseitigen werden."
Wallis erklärte den Reportern gegenüber, die Landwirtschaft sei "das
schwerwiegendste Problemfeld der heutigen Weltwirtschaft".

Er fügte hinzu, die ihre landwirtschaftliche Produktion subventionierenden Länder würden nicht nur Unmengen von Ressourcen verschwenden,
sondern es würde für nicht-subventionierende Länder zunehmend schwieriger, auf den Weltmärkten zu konkurrieren.
Er verwies darauf, daß der amerikanische Kongreß im nächsten Jahr ein
neues Landwirtschaftsgesetz entwerfen
will und daß es für die Vertreter der
Landwirte in den einzelnen Bundesstaaten leichter sein wird, sich für
einen Abbau staatlicher Unterstützung
auszusprechen, wenn sie Fortschritte
bei den im Rahmen der Uruguay-Runde
geführten Gespräche entdecken.
Wallis verwies darauf, daß der
Gipfel in Toronto insgesamt weniger
umstritten sein könnte als einige der
voraufgegangenen
Gipfeltreffen.
"Insgesamt gesehen besteht bei politischen Fragen Übereinstimmung", und
die
Volkswirtschaften
der
sieben
wichtigsten Industrieländer florieren.
Wallis zufolge werden wahrscheinlich Gespräche über wirtschaftliche
Koordinierungsprozesse
stattfinden
wie auch über den Vorschlag von Finanzminister Baker, die Länder sollten "Kontrollzonen" für wichtige Indikatoren wie Wachstum und Handelsbilanz in Erwägung ziehen. Baker betrachtet solche Zonen als Möglichkeit
der Einschätzung, ob die Leistungen
der Volkswirtschaft eines Landes erheblich von einem angemessenen Kurs
abweichen und korrektive Maßnahmen
erforderlich sind.
Wallis betonte
jedoch, daß darüber beim Gipfeltreffen keine Entscheidung fallen wird.
Er erklärte, die Staats- und Regierungschefs würden erwartungsgemäß
über Bakers Vorschlag zur Entwicklung
eines Warenpreisindikators diskutieren, der in den Gipfelländern einen
der nationalen Indikatoren für ökonomische Maßnahmen und wirtschaftliche Leistung bilden soll. Dieser
Vorschlag wurde von den Finanzministern der sieben Länder im April
angenommen.

�Ein weiterer wahrscheinlich beim
Gipfeltreffen angesprochener Themenkreis ergibt sich Wallis zufolge aus
der Notwendigkeit, daß die Finanzminister den Ausbau des Koordinierungsprozesses
unter
Einbeziehung
von
Strukturreformen in Erwägung ziehen.
Obwohl Baker bisher auf keine Einzelreformen direkt eingegangen ist, hat
er in der Vergangenheit auf die Steuerreform, die Liberalisierung der Finanzmärkte und die Deregulierung der
Arbeitsmärkte verwiesen.
Der Staatssekretär erklärte, andere zur Diskussion anstehende Themenbereiche seien Drogen und Umwelt.
Der Ablauf des Gipfeltreffens von
Toronto wird im Großen und Ganzen so
erfolgen wie bei den voraufgegangenen
Gipfeltreffen,
wobei
insbesondere
Zwanglosigkeit Wert gelegt werde, erklärte Wallis. Es wird kein einzelnes Kommunique geben. Wallis zufolge
werden
erwartungsgemäß
von
den
Staats- und Regierungschefs lediglich
zwei Erklärungen abgegeben, am 20.
Juni eine politische Erklärung zu
Themen wie Terrorismus und Ost-WestBeziehungen und am 21. Juni ein Kommunique zur Wirtschaft.
Wallis verwies auf eine zusätzliche Sitzung zur Wirtschaft am frühen Abend des 20. Juni als neues organisatorisches Element. Bei dieser
Sitzung werden Probleme angegangen,
die als "wichtig, aber nicht dringlich" erachtet werden. Dem Staatssekretär zufolge wird dabei der Versuch einer .Vorausschau auf die Welt
in den kommenden drei Jahrzehnten unternommen.
Um für die zusätzliche wirtschaftliche Sitzung Zeit zu schaffen,
werden die Staats- und Regierungschefs am 19. Juni eher mit einer
Nachmittagssitzung über Wirtschaftsfragen beginnen.
Darauf folgt ein
Abendessen, bei dem politische Fragen
das Thema sein werden.

* * * * *

- 3 -

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                <text>Amerikadienst 14.06.1988</text>
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                <text>Reagan stellt Themen des Wirtschaftsgipfels in Toronto vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor dem Atlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker: Koordinierung Hauptthema des Weltwirtschaftsgipfels&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der International Monetary Conference&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker schlägt neue Schuldeninitiative vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der Afrikanischen Entwicklungsbank&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schuldentilgung der Entwicklungsländer und Landwirtschaft Themen beim Gipfel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Informationsgespräch im Foreign Press Center&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
VoH

*

15. J u n i 1988

23

INHALT

DOKUMENTATION
Offenheit Schlüssel zu echter Sicherheit
- Rede des Stellvertretenden US-Außenministers Whitehead in Potsdam -

INFORMATION
Fähiger Stratege zum neuen Stabschef des Weißen Hauses ernannt
- Kurzporträt von Kenneth Duberstein -

WIRTSCHAFT
Neues System zur Bilanzierung der Handelszahlen

HINTERGRUNDMATERIAL

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

Bush und Dukakis versprechen faire Auseinandersetzung
- Die Ergebnisse der Vorwahlen vom 7. Juni -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

15. Juni 1988

23

OFFENHEIT SCHLÜSSEL ZU ECHTER SICHERHEIT
- Rede des Stellvertretenden US-Außenministers Whitehead in Potsdam POTSDAM - (AD) - Dem Stellvertretenden amerikanischen Außenminister
Whitehad zufolge müssen die Sowjetunion und die Staaten des Warschauer Pakts
"die Entwicklung zu mehr Offenheit" in der Region weiterführen, wenn sie "eine
wirklich sichere Welt wünschen". Im Rahmen einer vom Institut für Ost-WestSicherheitsstudien in Potsdam in der Deutschen Demokratischen Republik veranstalteten Konferenz erklärte Whitehead am 10. Juni 1988, daß die gegenwärtig
stattfindende Diskussion über Offenheit in Osteuropa und der Sowjetunion eine
"sehr ermutigende Entwicklung" darstelle.
Die Ausführungen Whiteheads haben folgenden Wortlaut:
Ich möchte dem Institut für OstWest-Sicherheitsstudien für die Möglichkeit danken, vor diesem erlesenen
Kreis sprechen zu dürfen.
Ferner
möchte dem Institut und dessen Präsident John Mroz ein besonderes Lob dafür aussprechen, daß es in Zusammenarbeit mit dem Außenministerium der
Deutschen
Demokratischen
Republik
diese Konferenz ermöglicht hat. Ich
weiß, daß ich auch für viele andere
spreche, wenn ich dem Institut und
dessen Leistungen meine Anerkennung
ausspreche. Ich wünsche dem Institut
viel Erfolg bei seinen gegenwärtigen
und Zukünftigen Projekten zur Förderung eines immer umfasenderen OstWest-Dialogs, gegenseitigen Respekts
und Verständnisses.
Verwechslungen von Personen sind,

United States Information Service
Embassy of the United States of America

wie Sie wissen, einer der bevorzugten
Kunstgriffe von Theaterstückautoren.
Gleichermaßen gehören Witze und Geschichten, die auf Verwirrung über
den Sinn von Worten gründen, zum
festen Repertoire der Komödie. Für
diejenigen, die sich mit Diplomatie
und den Beziehungen zwischen Staaten
beschäftigen, ist Verwirrung über den
Sinn von Worten alles andere als belustigend, und dies gilt insbesondere
für Worte, die nicht nur beschreibenden Charakter haben, sondern die für
sich genommen Erwartungen wecken.
In jüngster Zeit ist in diesem
Teil der Welt viel von "Offenheit"
die Rede gewesen. Dasselbe gilt für
den Westen, wo Nachrichten und Analysen über die hoffnungsvollen Entwicklungen in der Sowjetunion und den

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Telex: 8-85432

�einzelnen Staaten Osteuropas in der
jüngsten Vergangenheit regelmäßig das
Wort "Offenheit" verwenden. Aber gerade weil dieses Wort so häufig benutzt wird, ist es wichtig, seine
verschiedenen Bedeutungen und Begleiterscheinungen klarzustellen.
Im Westen kann sich das Wort "Offenheit" sowohl auf einen Zustand als
auch auf eine Haltung beziehen. Wir
sagen, daß eine Aussicht, eine Straße
oder eine Grenze "offen" ist, wenn
diese frei von Hindernissen und Beschränkungen sind. Diese Definition
ist die Grundlage für die hiermit
verwandte Begriffsbestimmung von "Offenheit"
als
Geisteshaltung
her.
Wird das Wort "Offenheit" in dieser
Form verwendet, bedeutet es die Aufnahmefähigkeit für neue Ideen und
Menschen und es ist in diesem Fall
eng verwandt mit anderen Attributen
wie etwa Toleranz und Unvoreingenommenheit.
Aber
das
vielleicht
Interessanteste, das ich Ihnen über das Wort
"Offenheit" sagen kann ist, daß es abgesehen von seinem jüngsten Gebrauch im Hinblick auf Glasnost
kein Wort ist, für dessen Gebrauch
Amerikaner in ihrem täglichen Sprachgebrauch eine Notwendigkeit sehen.
In vielen unserer Standardwörterbücher gibt es für dieses Wort noch
nicht einmal einen Eintrag.
Auf den ersten Blick scheint dies
doch sehr merkwürdig zu sein, da sowohl ihre Bewunderer wie auch ihre
Kritiker zugestehen, daß die Vereinigten Staaten eine "offene Gesellschaft" sind.
Einige Kritiker behaupten sogar, die Vereinigten Staaten seien zu offen, der Mangel and
Beschränkungen ermutige gesellschaftliche Verwirrung und persönliche Zügellosigkeit.
Des Rätsels Lösung
liegt natürlich auf der Hand. Es ist
unnötig, einen normalen Zustand immer
wieder zu erwähnen, und "Offenheit"
ist der Normalzustand des Lebens in
den Vereinigten Staaten.
Es gibt
aber eine noch tiefergehende Erklärung, die sich auch in der alltäg-

lichen Sprache des Durchschnittsbürgers in den Vereinigten Staaten niederschlägt.
Wenn ein Amerikaner auf irgendeine Weise verletzt oder geschädigt
wird, so wird er sofort ohne Umschweife zum Ausdruck bringen, daß
man seine Rechte verletzt hat. Ferner wird er auf sehr direkte und persönliche Weise über diese Rechte
sprechen. Er wird von seinen Rechten
nicht so sprechen, als hingen diese
vom Staat ab. Er wird von diesen
Rechten nicht so sprechen, als ob sie
nur aufgrund seiner Mitgliedschaft in
einer Organisation oder Partei bestünden.
Er wird stattdessen von
seinen Rechten als Teil seiner Person
sprechen - ja, als unveräußerlich und
untrennbar von seiner Existenz als
Mensch.
Manchem mag das Prinzip, wonach
jeder Mensch Rechte hat, die untrennbar mit seiner Existenz verbunden
sind, merkwürdig erscheinen. Trotzdem ist dieses Prinzip nicht neu, die
Gründer der Vereinigten Staaten von
Amerika schrieben genau dies vor 200
Jahren in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fest.
Wo hatten diese ersten Amerikaner
diesen Begriff entlehnt? Aus Athen
und Jerusalem, aus Wittenberg und
Edinburgh, denn man könnte diese
Überzeugung ebenso als ein in vielen
Jahren gereiftes Produkt der größten
Geister der westlichen Zivilisation
beschreiben.
Viel ist einem alten Griechen zu
verdanken, der den Schierlingsbecher
leerte, damit das ihm zugefügte Unrecht die Freiheit künftiger Generationen von Philosophen sichere. Noch
mehr verdankt diese Idee den Jahrhunderten frommer Beispiele von Männern
und Frauen, die in Wort und Tat lehrten, daß das Leben ein Geschenk des
Schöpfers und deshalb jedes Individuum wertvoll sei. Der Anteil Martin
Luthers sowie verschiedener Philosophen der Aufklärung ist so offensichtlich wie umfassend.

- 2 -

�Natürlich nehmen wir im Westen da wir den Ursprung der "offenen Gesellschaften" anerkennen - es zur
Kenntnis, wenn "Offenheit" im Hinblick auf Regierungen andernorts erwähnt wird.
Besonders aber nehmen
wir Notiz davon, wenn sie in einem
Teil der Welt diskutiert und sogar
gefördert wird, in dem die von uns
mit offenen Gesellschaften in Verbindung gebrachten Prinzipien der Menschenrechte von den Regierungen nicht
allgemein akzeptiert wurden.
Wir betrachten die gegenwärtige
Diskussion über Offenheit im Osten
als eine sehr ermutigende Entwicklung.
Bisher ist das gegenwärtig
östlich und südlich von Potsdam in
Erwägung gezogene Konzept der Offenheit nicht so grundlegend wie das
unsrige.
Es scheint Offenheit als
ein Mittel zu anderen Zwecken zu betrachten, insbesondere zu mehr wirtschaftlichem Wohlstand, anstatt als
eines der Merkmale einer gut geordneten Gesellschaft. Trotzdem bedeutet
dLe Diskussion an sich schon einen
Neubeginn. Mit der Zeit könnte sie
sich als historisch erweisen.
In meinen heutigen Ausführungen
möchte ich einen Beitrag zu dieser
Diskussion leisten, indem ich auf Offenheit in ihrer Beziehung zum Thema
unserer Konferenz, "Neue Wege der
europäischen
Sicherheit", eingehe.
Ich tue dies im Geist des kürzlichen
Gipfeltreffens von Moskau, wo Präsident
Reagan
und
Generalsekretär
Gorbatschow ihre Überzeugung bekräftigten, daß ein erweiterter Dialog
"ein zunehmend wirkungsvolles Mittel
zur Lösung von Fragen wird, die von
beiderseitigem Interesse sind und auf
beiden Seiten Besorgnis auslösen".
Obwohl ich zu dem von mir soeben beschriebenen tieferen westlichen Verständnis stehe, werde ich mich ferner
aus instrumenteilen
oder "pragmatischen" Gründen für Offenheit einsetzen. Ich bin nämlich der Ansicht,
daß - in der neuen Welt, an deren
Schwelle wir stehen - Offenheit unverzichtbar für die Sicherheit ist.
Je offener Politik und Praxis einer

Nation sind, desto größer wird ihre
Sicherheit sein, vor militärischer
Bedrohung von außen und auch im Hinblick auf die Sicherstellung des materiellen Wohlstandes ihrer Bürger
durch wirtschaftliches Wachstum.
Meine Hauptthese lautet folgendermaßen: Wenn die Sowjetunion und
die anderen Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts eine wirklich sichere
Welt wünschen, müssen sie die gegenwärtige Entwicklung zu größerer Offenheit weiterführen - und vorzugsweise noch beschleunigen. Ich werde
diese These im Hinblick auf Rüstungskontrolle, Wirtschaft und Menschenrechte veranschaulichen - drei Kategorien, die grob genommen den drei
Körben der Schlußakte von Helsinki
entsprechen. Dies ist umso angemessener, als die Vereinbarungen von
Helsinki die Erkenntnis von 35 Regierungen in Europa und Nordamerika widerspiegeln, daß diese Fragen eng
miteinander und mit der europäischen
Sicherheit selbst verflochten sind.
Das offensichtlichste und direkteste Bindeglied zwischen Offenheit
und Sicherheit ist - ziemlich paradoxerweise - im Zusammenhang mit der
Rüstungskontrolle aufgetaucht.
Wie
wir alle wissen, spielte die Frage
der Verifizierung eine zentrale Rolle
bei den erfolgreichen Verhandlungen
zur Beseitigung der Atomwaffen mittlerer und kürzerer Reichweite. Die
Verifizierung spielt auch bei den gegenwärtig stattfindenden START-Verhandlungen eine wichtige Rolle. Man
kann sogar sagen, sie bildet den
Schlüssel für den Abschluß eines
START-Abkommens.
Zu Beginn des Zeitalters der Rüstungskontrolle haben wir viel über
die sogenannten
"nationalen technischen Mittel der Verifizierung" gehört. Dabei handelte es sich niemals
um eine völlig zufriedenstellende
Methode. Sie wurde umso unbefriedigender, als die Raketen kleiner, verschiedenartiger und mobiler wurden.
Heute glaubt niemand daran, daß eine
mobile Nuklearrakete mit Sicherheit

- 3-

�einzig und allein aus der Luft von
ihrer Produktionsstätte bis zum Einsatzort verfolgt werden kann. Und
wie unterscheidet man - aus welcher
Entfernung auch immer - einen atomar
bestückten von einem konventionellen
Marschflugkörper?

tionsgruppen ausgesetzt, die jeden
Winkel ihrer streng geheimen und
schwerbewachten Einrichtungen untersuchen. Das Paradoxon könnte nicht
deutlicher zutage treten: Weil wir
uns nicht trauen, öffnen wir uns der
Gegenseite.

Die Lösung für dieses Problem
heißt Offenheit. Bei den Verhandlungen zum INF-Vertrag sind beide Seiten
zu der Erkenntnis gelangt, daß der
einzige Weg zur Gewährleistung der
Einhaltung des Abkommens darin besteht, der anderen Seite die Inspektion der Produktionsstätten zu gestatten, in denen die Waffen hergestellt werden.

Im Hinblick auf Rüstungskontrolle
ist Offenheit für die Sicherheit unerläßlich geworden. Das wird darüber
hinaus auch bei den START-Gesprächen
und bei allen zukünftigen Verhandlungen so sein. Um es einfacher auszudrücken:
Je größer die Offenheit,
der jede Seite zustimmt, umso größer
werden unsere Fortschritte bei der
Rüstungskontrolle, und umso höher
wird die Sicherheit auf beiden Seiten
sein.

Dies könnte sich in den nächsten
Jahren als am meisten richtungweisender Fortschritt in der Geschichte der
nuklearen Abrüstung erweisen. Im Interesse höherer Sicherheit haben zwei
Gegner - argwöhnisch im Hinblick auf
die Motive des anderen und mit geringem Vertrauen - vereinbart, einige
ihrer sichersten und geheimsten Einrichtungen für die Inspektion durch
die andere Seite zu öffnen.
Der
Austausch der Ratifizierungsurkunden
durch Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow beim Moskauer
Gipfel war ein angemessener Höhepunkt
für dieses bahnbrechende Experiment
der Offenheit.
Ungeachtet
des
bemerkenswerten
Charakters der endgültigen Leistung
stellte die Verifizierung bis zum Ende ein Problem bei den Verhandlungen
dar. Obwohl unsere Unterhändler beim
Moskauer Gipfel hart gearbeitet und
einige Fortschritte erzielt haben,
erweisen sich die Probleme im Hinblick auf den START-Vertrag als noch
größer.
START
beschäftigt
sich
schließlich mit einer großen Zahl unterschiedlicher Waffensysteme, deren
Anzahl verringert, die aber nicht
vernichtet werden. Wie beide Seiten
in Moskau erkannt haben, wird die Lösung für das Problem noch größere Offenheit erfordern. Beide Seiten sehen sich der unbequemen Aussicht
einer noch größeren Zahl von Inspek-

Die Vereinigten Staaten sind bereit, bei diesem Fortschritt ihren
gesamten Beitrag zu leisten. Wir befürworten die Öffnung unserer Einrichtungen auf jede Art und Weise,
die notwendig ist, um angemessene Verifizierung bei den Rüstungskontrollverhandlungen auf der Basis der Gegenseitigkeit zu gewährleisten. Aber
wenn wir weiterhin Fortschritte bei
Rüstungskontrollverhandlungen
erzielen wollen, müssen beide Seiten die
gleichen Leistungen erbringen. Gegenseitigkeit wird dem Fortschritt
Tür und Tor öffnen. Offenheit wird
der Schlüssel
zur Gegenseitigkeit
sein.
Das Wirtschaftsleben verweist auf
eine subtilere, aber nicht weniger
wichtige Verbindung zwischen Offenheit und Sicherheit. Natürlich ist
die Beziehung zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg eines Landes und
seiner Sicherheit offensichtlich genug. Nicht so offensichtlich ist jedoch, daß Offenheit in der Wirtschaft
der einzig sichere Weg zum wirtschaftlichen Erfolg ist.
Vor nicht allzu langer Zeit freute sich mancher in diesem Teil der
Welt auf eine blühende Wirtschaft im
Sozialismus. Die Schwerindustrie war
in Osteuropa auf dem Vormarsch. Die

�Wachstumsraten der nationalen Volkswirtschaften stiegen steil an - und
übertrafen sogar die des Westens.
Das Vertrauen war so groß, daß sowjetische Politiker den Tag vorhersagten, an dem die sowjetische Wirtschaft die der Vereinigten Staaten
überholen würde.
Es geschah
aber nicht.
Das
"Wirtschaftswunder" im Osten hatte
sich auf ein großes Potential an
überschüssigen
Arbeitskräften
und
einen reichlichen Nachschub preiswerter Rohstoffe verlassen. Als diese
materiellen Vorteile etwa zu Beginn
der siebziger Jahre ausgeschöpft waren, begannen die Wachstumsraten rapide zu fallen.
Statt die Vereinigten Staaten
einzuholen, erreichte die Sowjetunion
den Höchststand ihrer Produktion auf
einem Stand von etwa 50 Prozent des
amerikanischen
Bruttosozialprodukte.
Und da sich die Volkswirtschaften des
Ostblocks auf die Schwerindustrie
konzentrierten
- auf Kosten des
durchschnittlichen Konsumenten, waren
die Zahlen des Pro-Kopf-Verbrauchs in
der Sowjetunion noch aufschlußreicher
- enttäuschende 35 Prozent gegenüber
den Vereinigten Staaten. In anderen
Ländern des Ostblocks waren die Ergebnisse mehr oder weniger gleich.
Seit 20 Jahren weist der Ostblock
trotz anhaltenden absoluten Wachstums
und absoluter Leistung eine vergleichsweise fallende Bilanz auf.
Die Gründe für diesen Niedergang
sind im allgemeinen gut bekannt.
Präsident Reagan verwies in seiner
Rede vor der Moskauer Staatsuniversität darauf, daß Volkswirtschaften im
Sozialismus in stärkerem Maße bürokratisiert und aus diesem Grunde weniger flexibel und leistungsfähig
sind als Volkswirtschaften mit dem
System der freien Marktwirtschaft.
Aber das ist nicht das schwerwiegendste Problem, das sich solchen
Wirtschaftssystemen stellt. Denn die
Unzulänglichkeiten der Vergangenheit
werden durch die künftigen Herausforderungen in den Schatten gestellt, da

mit zunehmend komplexer Wirtschaft
die mangelnde Leistungsfähigkeit der
gegenwärtigen Methoden noch schärfer
zutage treten wird.
Warum ist das notwendigerweise
so? Weil solche Systeme, die Marktgesetze durch Bürokratie ersetzen,
ihm eine unmögliche Aufgabe zuweisen.
Im Jahre 1909 hat der italienische
Wirtschaftswissenschaftler
Vilfredo
Pareto errechnet, daß eine Gesellschaft von nur 100 Menschen, die mit
700
Gütern
handelt,
gleichzeitig
70 699 Gleichungen lösen muß, um Angebot und Nachfrage so zu verbinden,
wie dies ein freier Markt aufgrund
seiner ihm eigenen Gesetze tut. Was
muß dann ein System tun, wenn eine
Fabrik allein hundert mal hundert Arbeiter beschäftigt und sieben mal 700
Arten von Maschinen, Ausrüstungsgegenständen und Arbeitsgängen aufweist?
Und so ist das "Wirtschaftswunder" am Ostblock vorübergegangen.
Staatliche Direktiven erlauben keine
effektive Mobilisierung in begrenzten
Wirtschaftssektoren wie etwa beim Militär. Als die anfänglichen Vorteile
eines überschüssigen Arbeitskräftepotentials und im Überfluß vorhandener
preiswerter Rohstoffe erschöpft waren, fanden diese Volkswirtschaften
heraus, daß traditionelle Mechanismen
bürokratischer Kontrolle und Leitung
der Leistungsfähigkeit keinen Vorschub leisteten.
Vielmehr erwiesen
sie sich selbst als Hindernisse für
die Leistungsfähigkeit.
Diese Tatsache ist auch im Rest
der Welt nicht unbemerkt geblieben.
In der gesamten Dritten Welt machen
Länder, die bisher das sozialistische
Modell kopiert hatten, keine Fortschritte, sondern verfallen. Sie haben durch bittere Erfahrung gelernt,
daß eine Organisation der Wirtschaft
allein durch den Staat gemäß dem alten Modell nicht funktioniert. Diejenigen, die in der Lage sind, zu
wählen, beginnen ihre Volkswirtschaften nach marktwirtschaftlichen Kriterieren umzugestalten. Sie erkennen,
daß die einzigen Erfolgsbilanzen in

- 5 -

�der Dritten Welt in Ländern zu verzeichnen sind, die auf ihren Märkten
Freiheit und Offenheit zulassen.
Keine Äußerung irgendeines westlichen Staatsmannes spricht so deutlich zu den Ländern der Dritten Welt
wie die Beispiele von Ländern wie
Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong. Unter ihnen stellen diese vier
Länder - deren Bevölkerung in der
Dritten Welt lediglich zwei Prozent
ausmacht - die Hälfte der Exporte von
Fertigungsgütern
aller Länder der
Dritten Welt.
Natürlich ist dem vergleichsweisen Niedergang der sozialistischen
Wirtschaftssysteme auch hier im Ostblock
beträchtliche
Aufmerksamkeit
zuteil geworden.
Diese Aufmerksamkeit ist in vielen Ländern in Forderungen
nach
Umstrukturierung
und
größerer Offenheit zutage getreten.
Unserer Ansicht nach trifft diese
Diagnose zu.
Die Rezepte für den
Wandel - dezentralisierte Entscheidungsfindung,
zunehmende
Autonomie
der Kommunen und stärkere materielle
Anreize - erscheinen uns vernünftig
und seit langem überfällig.

Unserer Ansicht nach wird in den
kommenden Jahren die Wettbewerbsfähigkeit der Sowjetunion und der Länder Osteuropas in zunehmendem Maße
von deren Bereitschaft abhängen, ihre
Wirtschaftssysteme zu öffnen und echte Marktreformen durchzuführen.
Sie stellen die Frage:
"Wie
sieht es mit den Wirtschaftsproblemen
im Westen aus? Haben Sie nicht genug
eigene Probleme?" Die haben wir tatsächlich. Meiner Meinung nach unterscheiden sich jedoch die Wirtschaftsprobleme, denen der Westen gegenübersteht, ganz erheblich von denen, mit
denen es die sozialistischen Länder
zu tun haben.
Dem Zeitalter der Industrialisierung sagen wir Lebewohl. Im jetzt im
Westen anbrechenden neuen Zeitalter
der Hochtechnologie ist die Geschwindigkeit wirtschaftlichen Wandels dramatisch gestiegen. Produkte mit einer bisherigen Lebensdauer von einem
Jahrzehnt oder mehr, werden nun innerhalb von zwei oder drei Jahren
durch verbesserte Technologien ersetzt. Die Lebensdauer der am höchsten entwickelten Technologie ist sogar noch kürzer.

Natürlich haben wir im Westen
auch die unterschiedliche Aufnahme,
die diese Tatsachen in der Sowjetunion und in den einzelnen Ländern
Osteuropas erfahren haben, verzeichnet. Manche haben die Reformen begrüßt, andere argumentieren, sie gingen nicht weit genug, wiederum andere
bleiben der Auffassung verhaftet, daß
stark zentralisierte Wirtschaftssysteme funktionsfähig gemacht werden
können.

Wie Präsident Reagan in seiner
Ansprache vor der Moskauer Staatsuniversität betonte, belohnt diese technologische Revolution - vielleicht
die dramatischste in der Geschichte
überhaupt - Flexibilität und Initiative des Einzelnen. Ihre Schlagworte
lauten: Geschwindigkeit der Kommunikation und wirtschaftliche Interdependenz.

Möglicherweise ist das System der
Kombinate in der DDR so leistungsfähig wie jedes andere stark bürokratisierte Wirtschaftssystem auch. Verglichen mit anderen sozialistischen
Volkswirtschaften
funktioniert
es
gut. Vergleiche mit der Bundesrepublik Deutschland und anderen westlichen Wirtschaftsystemen fallen jedoch bei weitem nicht so günstig aus.

Was die Initiative des Einzelnen
betrifft, sind zahlreiche der wichtigsten technologischen Innovationen
im Westen das Ergebnis eines intensiven Wettbewerbs relativ kleiner Unternehmen, vielfach unter der Leitung
ihrer Gründer.
Und die technologische Revolution hat zugleich in zunehmendem Maße internationalen Charakter.
88 Prozent der amerikanischen Hersteller verwenden ausländische Teile für ihre Produkte. Die

�technologische Revolution deutet auf
eine weltweit marktorientierte Wirtschaft hin, in der Wohlstand mit Offenheit innerhalb und zwischen den
einzelnen Nationen einhergeht.
Die sozialistischen Wirtschaftssysteme treten mit überholten und
veralteten Konzepten ins 21. Jahrhundert ein.
Die gleichen bürokratischen Verkrustungen, die für ihren
relativen Rückgang in den vergangenen
20 Jahren verantwortlich waren, erlauben die Aussicht auf sogar noch
größere Schwierigkeiten in den nächsten Jahren.
Man muß sich jedoch
folgende Frage stellen:
Wenn ein
Wirtschaftssystem schon nicht in einem Umfeld konkurrenzfähig sein kann,
in dem sich modernste Technologie alle zehn Jahre überholt, wie kann es
dann darauf hoffen, in einem Umfeld
in den Wettbewerb zu treten, in dem
dies drei-, fünf- oder sogar zehnmal
so schnell abläuft? Ohne eine größere Öffnung bei der Organisation der
Wirtschaft müssen die Nationen des
Ostblocks - wie groß auch immer ihre
Fortschritte insgesamt auch sein mögen - mit einer Beschleunigung der
relativen Rezession
rechnen.
Ich
vermute, eine solche Situation könnte
unsichere Konsequenzen für die Sicherheit in Ost und West haben, Konsequenzen, die wahrscheinlich nicht
im Interesse irgendeiner Seite lägen.
Darum halten wir im Westen die
derzeit in zahlreichen Ländern des
Ostens diskutierten Wirtschaftsreformen für ermutigend. Wir befürworten
energischere und mutigere Schritte.
Wir wünschen dem Osten bei seinem
Streben nach größerer Öffnung in der
Wirtschaft Erfolg.
Warum? Weil wir die Wette einzugehen bereit sind, daß eine größere
wirtschaftliche Offenheit und eine
weitere Integration der Volkswirtschaften des Ostblocks in das Weltmarktsystem dazu beitragen werden,
die Spannungen zu verringern und die
Aussichten auf eine sicherere und
wohlhabendere Welt für uns alle zu
verbessern.

In verschiedenen Ostblockländern
beginnt sich eine andere wertvolle
Einsicht zu verbreiten.
Man stößt
nunmehr auch auf das Argument, daß
eine wirtschaftliche Offenheit die
Wettbewerbssituation der Länder des
Ostblocks zwar temporär verbessern,
jedoch nur eine Lockerung der politischen Kontrolle die Wettbewerbsfähigkeit für einen längeren Zeitraum
fortschreiben kann.
Sicher läßt das Beispiel anderer
Nationen einen solchen Schluß zu. In
der Dritten Welt war der Wohlstand in
den Ländern besonders auffällig, die
nicht nur eine marktwirtschaftliche
Politik übernommen haben, sondern
auch dem Wunsch ihres Volkes nach
mehr individueller Freiheit und politischer Entfaltung nachkamen.
Und
wie Sie wissen, entwickelten sich die
politischen Demokratien des Westens
in ganz ähnlichen Bahnen. Es ist ermutigend, daß das Streben nach mehr
Offenheit in der Sowjetunion und in
Osteuropa eine politische wie auch
ökonomische Dimension angenommen hat.
Fortschritte in der Politik sind
nicht mehr zu leugnen.
In einigen
Ländern ist eine beträchtliche Anzahl
politischer Gefangener freigelassen
worden, und es werden weniger Menschen wegen politischer Vergehen verhaftet. Die Praxis der Verurteilung
politischer Straftäter zur Einlieferung in psychiatrische Anstalten gerät zunehmend in Verruf.
Die Schranken der zugestandenen
Freiheit des Ausdrucks, in Wort und
Bild, sind zunehmend geöffnet worden.
Den Medien dürfen nun über Themen berichten, die zuvor als zu delikat
oder peinlich galten.
Immer mehr
Menschen erhalten die Erlaubnis zu
Auslandsreisen.
Kontakte und Austauschprogramme mit dem Westen sind
gestiegen, was auch für die Zahl der
Ausreisen zutrifft. Solche Maßnahmen
bereichern das Leben im Ostblocks und
verleihen ihm Hoffnung; sie mobilisieren öffentliche Unterstützung für
den schwierigen Prozeß wirtschaftlicher Reformen und Anpassungen.

- 7 -

�Wir im Westen haben diese Entwicklungen mit Interesse verfolgt, da
wir sie in einen direkten Bezug zu
unserer eigenen Sicherheit setzen.
Unserer Meinung nach gibt es eine enge Verbindung zwischen der Art, wie
eine Regierung ihr eigenes Volk behandelt und ihrem Verhalten in den
auswärtigen Beziehungen.
Regierungen, die ihre eigenen Bürger schlecht
behandeln oder ihnen die wesentlichen
Menschenrechte verweigern, scheinen
auch eher zu einem schlechten Umgang
mit ihren Nachbarn bereit zu sein.
Unsere umgekehrte Beobachtung läßt
sich so zusammenfassen:
je größer
die Bandbreite politischer Freiheit
und Offenheit in einem Land, je unwahrscheinlicher ist es, daß das Land
eine Gefahr für andere wird.
Obwohl wir die jetzt in der Sowjetunion und den Ostblockländern offensichtlich werdende größere Offenheit ermutigend finden, wird unser
Enthusiasmus durch die Erkenntnis gedämpft, daß noch viel zu tun bleibt,
um den in Helsinki vereinbarten Maßstäben gerecht zu werden. Außerdem
möchten wir darauf hinweisen, daß im
Ostblock die grundlegenden Menschenrechte - ob Rede- oder Pressefreiheit, ob Freizügigkeit oder Auswanderungsmöglichkeit - immer noch wie Geschenke staatlicher Macht behandelt
werden.
Und was der Staat geben
kann, kann er auch wieder nehmen.
Daher können weder die Nachbarn noch
die Bürger eines Landes darauf bauen,
daß diese Verbesserungen einen unumkehrbaren Trend des zukünftigen politischen Lebens darstellen, bis die
Dinge aus einem grundsätzlich anderen
Blickwinkel betrachtet werden.
In jenem Geist der Offenheit und
der Hoffnung auf eine Verbreiterung
des Dialogs über dieses wichtigste
Thema überhaupt hat Präsident Reagan
beim Gipfel in Moskau solchen Wert
auf die Menschenrechte gelegt. Während er seiner Genugtuung über die in
der Sowjetunion bereits erfolgten
Veränderungen Ausdruck verlieh, verwies der Präsident gegenüber Generalsekretär Gorbatschow auf die Notwendigkeit der Verfestigung dieses Wan-

dels. Wie bei solchen Zusammenkünften üblich, rief der Präsident zu
mehr Veränderungen, zu mehr Offenheit
und zu häufigerem Dialog auf. Und
unser Dialog über Menschenrechte hat
sich tatsächlich erweitert. Wie immer fand Präsident Reagan in dem Generalsekretär
einen
willigen
Gesprächspartner über dieses Thema.
Und man muß nur die in Genf vereinbarte Gemeinsame Erklärung mit der in
Moskau veröffentlichten vergleichen,
um zu sehen, wie weit unser Dialog
gediehen ist.
Ferner glauben wir, daß der Osten
trotz Ermangelung eines grundsätzlichen Wandels dennoch beginnt, ein
Gefühl für die Anziehungskraft der
Öffnung zu bekommen und deren Nutzen
zu erkennen, und wir schätzen dies.
Die Notwendigkeit des Wandels wird
anerkannt. Dies sind positive Entwicklungen. Sie geben Grund zu Optimismus. Wir würden es begrüßen, wenn
daraus dauerhafte, unumkehrbare Elemente eines stärkeren Prozesses des
Wandels auf breiter Ebene würde.
Bis dahin werden wir im Westen
alles in unser Macht stehende tun, um
den Reformprozeß im Osten zu fördern.
Fortschritten werden wir, wenn sie
sich einstellen, positiv gegenüberstehen - in Worten und Taten. Und da
wir auf die Offenheit stolz sind, die
das Leben in unseren eigenen Ländern
charakterisiert, und uns des Lebensstils erfreuen, der unsere Freiheiten
schützt und uns gleichzeitig mit vielen materiellen Segnungen versorgt,
werden wir zugleich auch stets unsere
Ansichten freimütig vortragen - wie
ich dies heute getan habe.
In einer abschließenden Analyse
bleibt die Rolle des Westens jedoch
begrenzt.
Es ist schließlich die
Sowjetunion und jede Nation Osteuropas selbst, die den Nutzen der Offenheit erkennen müssen.
Sie müssen
aufgrund eigener Erfahrung zu der
Einsicht gelangen - wie wir im Westen
aus unserer Erfahrung gelernt haben daß echte Sicherheit auf größerer Offenheit basiert.
* * * * *

�AMERIKA DIENST
Information

VlON $ &lt;

15. Juni 1983

23

FÄHIGER STRATEGE ZUM NEUEN STABSCHEF DES WEISSEN HAUSES ERNANNT
- Kurzporträt von Kenneth Duberstein -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan zufolge ist der neue Stabschef des
Weißen Hauses, Kenneth Duberstein, "ein hervorragender Organisator und fähiger
Stratege". Duberstein, der sein neues Amt am 1. Juli 1988 antreten wird, ist
seit März 1987 Stellvertreter des scheidenden Amtsinhabers Howard Baker. In
dieser Funktion hat er, wie Reagan erklärte, "entscheidend an unseren bedeutenden Leistungen in der Innen- und Außenpolitik mitgewirkt".

In der Frühzeit der Reagan-Administration hatte Duberstein die Funktion des Stellvertretende Beraters
und dann des Beraters des Präsidenten
für legislative Angelegenheiten. Im
Dezember
1983 quittierte er den
Staatsdienst und wurde Vizepräsident
der
Unternehmensberatungsfirma
Timmons and Company in Washington,
bei dem er bis zu seiner Rückkehr ins
Weiße Haus tätig war.
Zu seiner früheren beruflichen
Tätigkeit zählen vier Jahre als Vizepräsident und Direktor für Beziehungen zwischen Privatindustrie und Regierung des Komitees für wirtschaftliche Entwicklung (CED), einer gemeinnützigen Organisation für öffentliche Politik, deren Mitgliederschaft
sich aus 200 prominenten Unternehmern

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und Universitätspräsidenten zusammensetzt.
Während der Ford-Administration
war Duberstein Stellvertretender Unterstaatssekretär im Arbeitsministerium und in dieser Funktion verantwortlich für alle legislativen und
zwischenstaatlichen
Handlungen
des
Ministeriums. Ferner war er Direktor
für Kongreß- und zwischenstaatliche
Angelegenheiten bei der General Services Administration der Vereinigten
Staaten.
Davor war Duberstein Assistent
für
Verwaltungsangelegenheiten
des
Präsidenten am Franklin and Marshall
College in Lancaster (Pennsylvania),
wo er im Jahr 1965 den Grad eines
Bachelor of Arts erworben hatte. Ein

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Telex: 8-85432

�Jahr später erwarb er den Grad eines
M.A. an der American University in
Washington D.C. Ferner war er Praktikant und schließlich Forschungsassistent des zwischenzeitlich verstorbenen Senators Jacob Javits.
Duberstein und seine Frau Sydney
haben drei Kinder.

* * * * *

2 -

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

23

15. Juni 198(1

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988

BUSH UND DUKAKIS VERSPRECHEN FAIRE AUSEINANDERSETZUNG
- Die Ergebnisse der Vorwahlen von 7. Juni -

WASHINGTON - (AD) - Michael Dukakis, Gouverneur von Massachusetts, gewann
am 7. Juni mit überwältigendem Ergebnis die Vorwahlen in vier Bundesstaaten
und sicherte sich damit die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und das Recht, Vizepräsident George Bush bei den Präsidentschaftswahlen am 8. November herauszufordern.
In getrennten Interwies versprachen beide Kandidaten eine harte, aber faire Auseinandersetzung, die den Wählern bei den einzelnen Problembereichen echte Alternativen bietet.
Nahezu vollständige Wahlergebnisse aus Kalifornien, New Jersey,
Montana und New Mexiko wiesen für
Dukakis einen Vorsprung im Verhältnis
von etwa zwei zu eins vor seinem Rivalen,
dem
Bürgerrechtler
Jesse
Jackson, auf. Erwartungsgemäß gewann
Bush ohne einen Gegenkandidaten die
Nominierung der Republikaner in allen
vier Staaten.
In der vergangenen Woche errang
Dukakis die Unterstützung von etwa
250 Delegierten für den Parteikonvent
der Demokraten in Atlanta, die sich
entweder noch nicht festgelegt oder
sich an frühere Kandidaten gebunden
hatten, und bei den Wahlen am 7. Juni
fehlten ihm zu der für die Nominierung benötigten Zahl von 2 081 Delegierten noch weniger als 200 Stimmen.

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Er gewann etwa 300 der 466 Delegierten aus den vier Staaten, die als
letzte ihre Auswahl trafen, für sich.
In den letzten zehn Wochen der
Nominierungskampagne
beeindruckte
Dukakis als Gewinner von 14 aufeinanderfolgenden Vorwahlen in den Bundesstaaten. Am 6. Juni, dem letzten Tag
seiner Kampagne in Kalifornien, verbreitete er Optimismus und versicherte, die Demokratische Partei sei in
stärkerem Maße geeint als er in seinem ganzen Leben erlebt hätte. Als
Grund dafür bezeichnete er eine "in
der Luft liegende Siegesgewißheit"
für die Präsidentschaftswahl.
Nach den Ergebnissen vom 7. Juni
erklärte Dukakis, keine großen Unstimmigkeiten innerhalb der Demokra-

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Telex: 8-85432

�tischen Partei zu erkennen. Auf dem
Parteikonvent in Atlanta, "könnte es
einen oder zwei harte Kämpfe geben,
und... einige Problembereiche könnten
zur Sprache kommen".
Jackson, mit dem Dukakis am Vorabend der Vorwahlen privat zusammengetroffen war, versprach, das Thema
Apartheid aufzuwerfen, wenn die von
den Demokraten beim Konvent verabschiedete Erklärung über ihre Ziele
die Regierung Südafrikas nicht als
terroristisches Regime verurteile eine Forderung, die Dukakis als "bedeutungslos" bezeichnete.
Jackson beglückwünschte und lobte
seinen ehemaligen Rivalen und erklärte, Dukakis "bringt Integrität und
Intelligenz
in
den
Öffentlichen
Dienst ein... und dies zeichnet eine
Führungspersönlichkeit aus".
Bei einer Pressekonferenz in Los
Angeles erklärte Dukakis, er werde
bei seiner Suche nach einen geeigneten Vizepräsidenten "seine Netze weit
auswerfen".
Der frühere Präsidentschaftskandidat Senator Paul Simon verwies in
Washington darauf, daß er Dukakis unterstützen werde und drängte seine
etwa 150 Delegierten, das gleiche zu
tun. Aber er erklärte auch, Jackson
verdiene als Zweiter bei der Abstimmung der Delegierten, für die Nominierung zum Vizepräsidenten berücksichtigt zu werden. Gleichzeitig erklärte Simon aber, die Nominierung
sei kein "Freibrief", und fiele dem
Kandidaten
auf
dem
zweiten
Platz
nicht automatisch zu.
Dukakis erhielt auch die Unterstützung
der ehemaligen Kandidaten
Bruce Babbitt und des Abgeordneten
Richard Gebhardt.
Bei den Vorwahlen, in Kalifornien
erhielt Dukakis aus 97 Prozent der
Wahlkreise 61 Prozent der Stimmen vor
Jackson, dem 35 Prozent zufielen.
Von 99 Prozent der Wahlkreise in New
Jersey führte Dukakis mit 63 Prozent

der Stimmen vor Jackson mit 33 Prozent. In Mew Mexico und Montana erzielte er sogar noch bessere Ergebnisse.
Bei den Vorwahlen am 7. Juni wurde Widerstand gegen Bush allein durch
Stimmen für die Kandidaten laut, die
bei der Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten bereis aus dem Rennen sind.
Für den Konvent seiner
Partei im August in New Orleans gewann er die Delegierten aller Staaten.
Der Vizepräsident hat eine e'rste
"Wandlung" vollzogen, mit der er aus
dem Schatten Präsident Reagans heraustritt, dem er siebeneinhalb Jahre
gedient hat. Er erklärte, er hoffe,
das tun zu können, ohne "diesen Präsidenten schlecht zu machen".
In Kalifornien wurde Bush zum
Beispiel von ABC News über Reagans
Kommentar
bei
der
abschließenden
Pressenkonferenz in Moskau befragt,
daß grundlegende Meinungsverscheidenheiten
zwischen
den
Supermächten
"weiterhin in den Hintergrund treten"
und daß sowjetische Sprecher einen
"grundlegenden Wandel in der Politik... und in ihrer Regierung" verzeichnet haben.
Berichten zufolge
antwortete Bush, seiner Ansicht nach
hätten die Sowjets ihre Politik nicht
grundlegend geändert und fügte hinzu,
"meiner Meinung nach ist es noch zu
früh, um ein Urteil zu fällen" was
die Absichten des sowjetischen Generalsekretärs Gorbatschow angeht.
Um beim Parteikonvent der Republikaner den Grundstein der Einheit
zu legen, wird Bush am 10. Juni mit
vier seiner ehemaligen Rivalen in
Denver
zusammentreffen.
Auch Bush
wird
seinen Vizepräsidenten wählen
müssen, aber er wird mit der Verkündung seiner Entscheidung wahrscheinlich bis nach dem Treffen der Demokraten warten.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
'A

"V

Wirtschaft

6

15. Juni 1983

23

NEUES SYSTEM ZUR BILANZIERUNG DER HANDELSZAHLEN

WASHINGTON - (AD) - Einem am 9. Juni 1988 vom amerikanischen Wirtschaftsministeriun eingeführten neuen System zur Bilanzierung der Handels^ahlen zufolge würde sich das im vergangenen Monat für März 1988 errechnete Handelsdefizit von 9,746 Milliarden Dollar nunmehr auf 11,946 Milliarden belaufen. Den
ersten Eindruck zum Trotz bedeutet dies jedoch nicht, daß das Handelsdefizit
höher liegt als zuvor berechnet.
Dem neuen System zufolge werden
die Zahlen für den monatlichen Import
und Export von Waren saisonbereinigt,
um die starken monatlichen Schwankungen teilweise auszugleichen.
Addiert man jeweils die nichtbereinigten und die saisonbereinigten
Zahlen am Ende eines Jahres, so werden sich die gleichen Gesamtsummen
ergeben. Nur die Verteilung über die
einzelnen .Monate wird sich unterscheiden.
Durch die saisonbereinigte Bilanzierung wird sich Vertretern des
Wirtschaftsrainisteriums zufolge ein
besseres Bild von den Tendenzen in
der Handelsbilanz gewinnen lassen.
Beispielsweise

fiel das nichtbe-

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reinigte
Handelsbilanzdefizit
von
13,828 Milliarden Dollar im Februar
auf 9,746 Milliarden Dollar im März.
Oberflächlich
betrachtet
erschein),
dies als eine bedeutende Wende in der
Handelsbilanz. Da die Exporte jedoch
traditionell im Monat März sehr hoch
sind, ist die rückläufige Tendenz
nicht so bedeutend, wie man den Zahlen nach vermuten könnte.
In einem Informationsgespräch mit
Journalisten
erklärte der Staatssekretär
im
Wirtschaftsministeriun
Robert Ortner, auch saisonbereinigt,
sei das durchschnittliche monatliche
Handelsdefizit von 14,3 Milliarden
Dollar in den letzten sechs Monaten
des Jahres 1979 auf 12,5 Milliarden
Dollar in den ersten drei Monaten des
Jahres 1988 zurückgegangen.

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�Eine saisonbereinigte Bilanzierung der Handelszahlen ist nicht neu;
sie wurde bis 1985 angewendet und
dann aufgrund von Problemen mit der
Datenqualität
eingestellt.
Damals
wurde
vom
Wirtschaftsministerium
festgestellt, daß bis zu 55 Prozent
der verzeichneten Importe tatsächlich
während der voraufgegangenen Monate
eingeführt worden waren. Diese Bilanzierung früherer Handelsdaten in
den Zahlen des letzten Monats wird
als "Übertrag" bezeichnet.
Das Ministerium hat dieses Problem so korrigiert, daß der Übertrag
heute auf etwa drei Prozent zurückgegangen ist. Zusätzlich zur Saisonbereinigung wird das Ministerium die
Handelsdaten des letzten Monats dergestalt überarbeiten, daß auch der
Übertrag berücksichtigt wird, obwohl
diese Berichtigung im Vergleich zur
Saisonbereinigung recht gering ausfallen wird.
Vertretern
des
Wirtschaftsministeriums zufolge erwiesen sich Januar und Februar dieses Jahres aufgrund von Problemen mit den kanadischen Zahlen als Ausnahmen von der
normalerweise geringen Berichtigung
beim Übertrag.
Das Problem ergebe
sich aus der Tatsache, daß Kanada ein
neues System der Zollklassifizierung
einführte.
Das Gesamthandelsdefizit der Vereinigten Staaten im Jahr 1987 wurde
nach Berichtigung der Ubertragszahlen
von 171,217 Milliarden Dollar auf
170,320 und- für 1986 von 156,156 auf
155,137 Milliarden Dollar nach unten
korrigiert.
Schließlich erklärten Vertreter
des
Wirtschaftsministeriums,
daß
trotz der Berichtigung von saisonalen
und Ubertragsfaktoren weiterhin mit
starken monatlichen Schwankungen der
Handelszahlen zu rechnen sei. Zur
Bewertung der zugrundeliegenden Tendenzen bei den Handelszahlen werde
die Berücksichtigung der Daten des
letzten Dreiraonatszeitraums empfohlen.

Die am 9. Juni veröffentlichten
Erklärung des Ministeriums beinhaltet
einen solchen Überblick mit einer Tabelle, die den gleitenden Durchschnitt der saisonbereinigten Daten
innerhalb eines Dreimonatszeitraums
angibt.
Ein gleitender DreimonatsDurchschnitt von" 12,544 Milliarden
Dollar für das Handelsdefizit des Monats März wird auf der Grundlage der
monatlichen Defizite von Januar bis
März berechnet. Der gleitende Durchschnitt für Februar würde sich demzufolge auf den Durchschnitt der Monatsdefizite von Dezember 1987 bis
Februar 1988 stützen.
Diese
gleitenden
DreimonatsDurchschnitte sind in vier der vergangenen fünf Monate gesunken, was
darauf hindeutet, daß die Tendenz des
Handelsdefizits in diesem Zeitraum
rückläufig war.

�Nachfolgend einige besonders wichtige Zahlen:
US-Handelsbilanz
Milliarden Dollar, saisonbereinigt und nichtbereinigt

Saisonbereinigt

Nichtbereinigt

1987
Januar-Dezember

-170,3202

-170,3202

Januar

-14,7330

-14,8211

Februar

-13,5265

-12,2703

März

-13,8243

-12,0913

April

-13,2368

-13,1002

Mai

-14,0744

-13,9128

Juni

-15,0581

-15,2908

Juli

-13,8782

-16,0761

August

-15,0781

-15,3098

September

-13,9350

-13,9754

Oktober

-15,5561

-16,9867

November

-13,6224

-13,4600

Dezember

-13,7972

-13,0259

Januar-März

-37,6317

-34,2731

Januar

-11,2712

-11,5326

Februar

-14,4146

-12,9943

März

-11,9458

-9,7462

1988

* * * * *

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                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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                <text>Amerikadienst 15.06.1988</text>
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            <description>An account of the resource</description>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Offenheit Schlüssel zu echter Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden US-Außenministers Whitehead in Potsdam&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fähiger Stratege zum neuen Stabschef des Weißen Hauses ernannt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kurzporträt von Kenneth Duberstein&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen in Amerika 1988&lt;br /&gt;Bush und Dukakis versprechen faire Auseinandersetzung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Ergebnisse der Vorwahlen vom 7. Juni&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
V.ON

*

22. Juni

24

1988

I N H A L T

HINTERGRUNDMATERIAL
DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
Dukakis fordert energischen und realistischen Kurs gegenüber der
Sowjetunion
- Ansprache vor dem Atlantic Council -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Zweiter genetischer Code entdeckt
Konvention über Erschliessung der Antarktis

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
V(0N

Hintergrundmaterial

*

22. Juni L988

24

DIE WAHLEN IN AMERIKA 1988
DUKAKIS FORDERT ENERGISCHEN UND REALISTISCHEN KURS
GEGENÜBER DER SOWJETUNION
- Ansprache vor dem Atlantic Council -

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend bringen wir einen von USIA herausgegebenen
Beitrag in einer Reihe von Veröffentlichungen, in denen die amerikanischen
Präsidentschaftskandidaten des Jahres 1988 ihre Positionen zur Außenpolitik
und anderen Themen von internationalem Interesse in ihren eigenen Worten darlegen können. In der heutigen Ausgabe handelt es sich um den vollständigen
Text einer Ansprache des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael
Dukakis vor dem Atlantic Council am 14. Juni 1988 in Washington:

Vor 40 Jahren erteilte der amerikanische Senat dem Präsidenten den
Auftrag, in einer gemeinsamen Anstrengung mit anderen Nationen deren
Sicherheit und die der Vereinigten
Staaten zu schützen.
Dieser historische Vorschlag, den
der demokratische
Präsident Harry
Truman beantragt hatte, wurde von Senator Arthur Vandenberg - einem Republikaner - unterbreitet. Er wurde
einstimmig verabschiedet. Und er ebnete der NATO den Weg - dem erfolgreichsten Bündnis zu Friedenszeiten
in der Geschichte.
Unser Bündnis muß derzeit - militärisch wie auch politisch - eine
Herausforderung bestehen.
Und zwar
wegen der neuen Führungsspitze in der

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Sowjetunion, infolge der Tendenzen
eines
weltverändernden
wirtschaftlichen Wandels, und aufgrund der Notwendigkeit, als Konsequenz aus dem
INF-Vertrag eine gemeinsame Verhandlungsstrategie für nukleare, konventionelle und chemische Waffen zu entwickeln.
In diesem Herbst werden wir einen
neuen Präsidenten der Vereinigten
Staaten wählen. Und in den kommenden
fünf Monaten werden wir eine lebhafte
Debatte über die zukünftige Richtung
unseres Landes führen. Diese Debatte
wird sich mit der Art Führung beschäftigen, die wir benötigen, um den
Wandel zu unserem Vorteil und nicht
zu unserem Nachteil zu nutzen. Wir
werden die Frage erörtern, wie wir
mit wirtschaftlicher wie auch mili-

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�tärischer Stärke in das nächste Jahrhundert eintreten können.
Und es
wird zur Diskussion stehen, wie wir
gesunden Menschenverstand, Prinzipien
und Respekt für amerikanische Werte
wieder in die Außenpolitik unseres
Landes einbringen können.
Wenn wir uns jedoch mit der Zukunft beschäftigen, sollten wir niemals die Lektionen vergessen, die wir
im und nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt haben. Laßt uns niemals vergessen, welche Stärken wir aus unserer gemeinsamen Verpflichtung - als
Demokraten und Republikaner - für die
grundlegenden Prinzipien von Freiheit
und Demokratie und Achtung vor dem
Rechtsstaat gewonnen haben.
Durch
diese Prinzipien werden unsere Absichten als Nation festgelegt. Dies
sind Prinzipien, die das Fundament
unseres Bündnisses ausmachen.
Und
dies sind Prinzipien, die uns zusammenhalten und unsere Stärke erhalten.
Diese Stärke und Gemeinsamkeit
ist selten deutlicher geworden als in
den vergangenen Wochen. Als Präsident Reagan in Moskau seine Stimme
für die Sache der Menschenrechte und
Demokratie erhob, sprach er für uns
alle hier in den Vereinigten Staaten; für die Hunderte von Millionen
Menschen auf beiden Seiten des geteilten Europa; und für die Milliarden Menschen in der ganzen Welt.
Der INF-Vertrag - das erste Abkommen, das nukleare Waffen nicht nur
kontrolliert, sondern verringert fand bei der breiten Mehrheit des
amerikanischen Volkes Unterstützung.
Er legt Zeugnis ab von der Schaffenskraft eines entschlossenen und geeinten demokratischen Bündnisses.
Seit acht Jahren und im Verlaufe
zweier Administrationen haben wir
Amerikaner und unsere Verbündeten uns
der sowjetischen Aggression in Afghanistan widersetzt; und nun befinden
sich die Sowjets im Rückzug.
Nach vier Gipfeln in drei Jahren
erkennt eigentlich jeder von uns den

Wert regelmäßiger Vier-Augen-Gespräche zwischen den Führern der beiden
Supermächte an. Und wir hegen fast
alle die Erwartung auf einen neuen
und weniger gefährlichen Wettbewerb
mit der Sowjetunion.
Heute aber wollen einige die Zukunft der NATO in Frage stellen, anstatt unsere Einheit zu würdigen.
Einige unter uns sind der Auffassung,
unser Engagement für die NATO würde
sich irgendwie abschwächen und die
Beseitigung nuklearer Mittelstreckenwaffen mittlerer und kurzer Reichweite würde zu einer Änderung amerikanischer Positionen oder einem Nachlassen der amerikanischen Entschlossenheit führen.
Aber all dem kann ich nicht zustimmen.
Unser Engagement für Europa geht
weit über einige hundert Raketen hinaus.
Europas Sicherheit ist entscheidend für unsere eigene Sicherheit. Darum haben wir über 300 000
Soldaten auf europäischem Boden stationiert; darum werden wir auch weiter die NATO-Doktrin der flexiblen
Reaktion unterstützen.
Unser Ziel ist und bleibt eine
NATO, die so stark und so geeint ist,
daß keine Nation in die Versuchung
geraten könnte, einen Krieg gegen uns
zu beginnen. Und wir glauben, daß
der Friede durch unsere Stärke und
Entschlossenheit
aufrechterhalten
wird.
Die NATO hat seit 40 Jahren ihre
Aufgaben erfüllt.
Dies kann auch
weitere 40 Jahre so bleiben. Allerdings nur, wenn unsere Verbündeten
ihren Beitrag hierzu leisten.
Und
wenn wir damit aufhören, die Dinge im
Alleingang zu bewältigen, wie wir
dies im Verlaufe der vergangenen sieben Jahre allzu häufig getan haben.
Wir sollten niemals wieder radikale
Veränderungen unserer strategischen
Doktrin ankündigen oder entscheidende
neue Positionen bei Verhandlungen
über nukleare Waffen einnehmen, ohne

- 2 -

�zuvor unsere Verbündeten konsultiert
zu haben.
Wir müssen zusammenarbeiten. Und
wenn wir uns den Herausforderungen
der neunziger Jahre dieses Jahrhunderts und denen des kommenden Jahrhunderts stellen, müssen wir ein aktives - kein reaktives - Bündnis
bleiben.
Wir müssen die Initiative ergreifen. Wir müssen gegenüber der Sowjetunion einen energischen, stetigen
und realistischen Kurs verfolgen.
Wir müssen einen koordinierten
Plan zur Beendigung des nuklearen
Wettrüstens und für einschneidende,
beiderseitige und verifizierbare Reduzierungen bei den strategischen
Waffen entwerfen.
Und wir müssen den Warschauer
Pakt dazu drängen, eine Reihe besonderer Schritte zu unternehmen, um das
Risiko eines Krieges in Europa weiter
abzubauen.
Unser Ziel?
Ein Gleichgewicht
bei den konventionellen Streitkräften, deren Stationierung höhere Sicherheit mit sich bringen und es den
NATO-Partnern gestatten wird, weniger
auf taktische Nuklearwaffen zu vertrauen.
Dazu werden Reduzierungen bei den
Streitkräften erforderlich sein, aber
nicht die von Herrn Gorbatschow erwähnten gleichen Reduzierungen auf
beiden Seiten. Wenn wir die Möglichkeit eines Überraschungsangriffs so
vollständig wie möglich ausschließen
wollen, müssen wir stärkere Reduzierungen auf der Seite mit den umfangreichsten Streitkräften vornehmen beim Warschauer Pakt.
Solch ein Abkommen wird nicht
über Nacht zustande gebracht. Aber
wir sind stark, beharrlich und einig,
und ich denke, daß erhebliche Fortschritte erzielt werden können.
Der Warschauer Pakt hat bei Pan-

zern und schwerer Artillerie - den
Waffen, die im Hinblick auf einen Offensivschlag
die größte Bedrohung
darstellen - einen erheblichen Vorteil. Und er hat zur Vorbereitung
eines mit chemischen Kampfstoffen geführten Krieges viel mehr getan als
wir.
Aber als Herr Gorbatschow vor
drei Jahren sein Amt antrat, erbte er
zusammen mit all diesen Panzern und
Geschützen ein drittklassiges Wirtschaftssystem. Und er weiß, daß diese Art von Ungleichgewicht nicht aufrechterhalten werden kann.
Seit einiger Zeit spricht er vom
Abbau der Spannungen in Europa; er
hat "ausreichende" Streitkräfte statt
überlegener Streitkräfte ins Gespräch
gebracht; er hat über die Umgestaltung der Streitkräfte zu einer Verteidigungshaltung gesprochen, und er
hat erklärt: "Im Europäiseien Haus
darf sich jede Wohnung gegen Einbrecher schützen, aber nur so, daß dabei
nicht die Wohnung des Nachbarn demoliert wird."
Eine einige NATO kann seine Absichten prüfen. Durch Vorlage eines
detaillierten, phasenweise durchzuführenden Plans für erhebliche Reduzierungen bei den konventionellen
Streitkräften, die bei den einsatzbereiten Panzer- und Artillerieeinheiten des Warschauer Pakts beginnt.
Aber wir brauchen nicht auf ein
umfassendes Abkommen zu warten. In
der Zwischenzeit können wir auch mehrere Schritte unternehmen.
Wir sollten nach neuen Wegen suchen, um zwischen beiden Seiten Vertrauen zu schaffen, etwa durch mehr
Inspektionen von Manövern gemäß der
Vereinbarung von Stockholm.
Wir können das Risiko eines Überraschungsangriffs verringern, indem
wir die Sowjets überreden, einen Teil
ihres modernen Panzergeräts aus Osteuropa und Brückenlegegerät bei ihren
vorne stationierten Divisionen abzu-

- 3 -

�ziehen.
Wir sollten mit den sowjetischen
Spitzenpolitikern offen über die Militärdoktrin, den Aufbau der Streitkräfte und Techniken der Verifizierung reden.
Wir sollten weiterhin mit dem
Warschauer Pakt zusammenarbeiten, um
eine verifizierbare Möglichkeit zur
Abschaffung der Bedrohung chemischer
Kriegführung nicht nur in Europa,
sondern auf der ganzen Welt zu finden.
Wir sollten alles in unserer
Macht Stehende tun, um darauf hinzuwirken, daß die Sowjets ihr beschränktes Kapital in die Reform ihrer Wirtschaft statt in die Aufrüstung
ihres Militärs investieren.
Und wir sollten klarstellen, daß verbesserte Wirtschaftsbeziehungen zur
Sowjetunion von den Fortschritten abhängen, die sie bei der Liberalisierung der Ausreisebestimmungen und
Einhaltung ihrer in der Schlußakte
von Helsinki eingegangenen Verpflichtungen erzielen.
Kurz gesagt, wir müssen tun, was
wir können, um die Sicherheit unseres
Bündnisses mittels Verhandlungen zu
stärken.
Aber neben den Verhandlungen müssen wir ebenfalls das Bündnis stärken
und dabei bei unseren konventionellen
Streitkräften beginnen.
Die Befehlshaber unserer Streitkräfte haben uns wiederholt vor den
sich uns stellenden Gefahren gewarnt.
Rückstände bei der Instandhaltung
werden größer.
Es bestehen ernstliche Defizite bei luft- und seetransportfähigen Ersatzteilen und Munition.
Dazu ein hochrangiger Befehlshaber der Luftwaffe: "Ende des
Jahres werden wir wohl Flugzeuge ohne
Triebwerke haben."
Wir alle wissen, daß der Verteidigungshaushalt - wie immer die Wahlen auch ausgehen - real nicht ansteigen wird, es sei denn in einem

Notfall. Das heißt, der nächste Präsident wird einige sehr schwerwiegende Entscheidungen darüber treffen
müssen, wofür unsere Mittel aufgewendet werden.
Wir brauchen eine starke und
überlebensfähige nukleare Abschrekkung, und wir haben diese starke und
überlebensfähige nukleare Abschrekkung.
Aber wir haben weiterhin
ernsthafte Defizite bei unseren konventionellen Streitkräften.
Wir brauchen keine Aufstellung
neuer strategischer Systeme. Wir benötigen eine Verteidigungsstrategie,
die vernünftige Prioritäten setzt,
eine Strategie, die unsere Ressourcen
wirksam einsetzt, eine Strategie, mit
deren Hilfe das Risiko eines Nuklearkrieges und das Risiko eines konventionellen Krieges abgebaut werden
können.
Wir brauchen nicht SDI, sondern
CDI. Wir müssen die von Kongreßabgeordneten vorgeschlagene Konventionelle Verteidigungsinitiative weiterverfolgen, um moderne Technologie für
den Kampf nutzbar zu machen - und um
damit einen konventionellen Krieg gewinnen zu können.
Wir brauchen keine schienengestützten MX-Raketen.
Wir brauchen
eine Panzerabwehrwaffe gegea sowjetische Panzer.
Wir brauchen keine Milliarden von
Dollar für ein Raumflugzeug auszugeben,
das
in
drei
Stunden
von
Washington nach Tokio fliegen kann.
Wir müssen unsere Luft- und Seetransportkapazität ausbauen, damit unsere
Truppen rechtzeitig an einen Konfliktschauplatz gebracht werden können, um eine Schlacht zu gewinnen und
nicht, um ihr nur zuzuschauen.
Es ist an der Zeit, im Bereich
der Verteidigung durchgreifende Entscheidungen zu treffen. Und nach 40
Jahren ist es an der Zeit, mit unseren Verbündeten ehrlich und offen
über etwas zu sprechen, dessen wir

�uns alle bewußt sind - daß die Welt
sich verändert hat. Unsere Pflichten
müssen unserer Fähigkeit zur Erfüllung von Pflichten ebenbürtig sein.
Das amerikanische Volk erwartet von
unseren Verbündeten in Europa - und
es hat das Recht, dies zu erwarten die Übernahme eines fairen Anteils
der wirtschaftlichen wie auch der militärischen Lasten bei der Verteidigung der Freiheit in der ganzen Welt.
Ein wirksamer europäischer Beitrag bemißt sich nicht einfach danach, wieviele Pfund, Franc oder
D-Mark wir ausgeben, sondern darin,
welche militärischen Fähigkeiten wir
mit unseren Investitionen erwerben.
Eine bessere Zusammenarbeit sowohl
innerhalb Europas als auch zwischen
Europa und den Vereinigten Staaten bei Planung, Ausbildung, Forschung
und Entwicklung - können eine stärkere Verteidigung mit den zur Verfügung
stehenden Mitteln hervorbringen.
Das Thema der Lastenverteilung
stellt aber nur eine der wirtschaftlichen Herausforderungen dar, denen
sich unser Bündnis in den kommenden
Jahren ausgesetzt sieht.
In vier
Jahren wird der europäische Binnenmarkt die Vereinigten Staaten als
größter Verbraucher und größter Produzent des Weltmarkts ablösen.
Der Grat zwischen Handelspartner
und Handelskonkurrent ist beunruhigend schmal. Wenn sich also Schwierigkeiten ergeben, so müssen wir sie
beilegen - und zwar rasch und gerecht.
Ferner müssen wir jede erdenkliche Möglichkeit zur Zusammenarbeit sondieren - den Handel ausbauen,
starke Volkswirtschaften errichten,
in Forschung und Technologie investieren, die den Lebensstandard des
Arbeitnehmers auf beiden Seiten des
Atlantiks erhöhen werden - wie auch
den Lebensstandard der gesamten Weltbevölkerung.
Schließlich muß unser Bündnis
eine Strategie für die Reaktion auf
den Wandel in Osteuropa entwickeln.
Die vergangenen 40 Jahre waren so

grausam für Warschau und Budapest und
Prag, wie sie für Paris und London
und Bonn angenehm waren. Als Ergebnis ist Osteuropa heute ebenso reif
für die Umgestaltung wie die Sowjetunion selbst.
Natürlich können wir nicht mit
Sicherheit vorhersagen, welche Richtung die sechs osteuropäischen Nationen mit ihrer jeweils eigenständigen
geschichtlichen Entwicklung
- und
einer gemeinsamen Last - einschlagen
werden. Wir wissen aber, daß ihre
Zukunft Auswirkungen auf unsere Zukunft und noch mehr auf die unserer
Verbündeten haben wird.
Als Bündnis müssen wir darauf
hinarbeiten,
Forschritte
zu
mehr
Freiheit in Osteuropa zu unterstützen, die Vielfalt zu ermutigen, Veränderungen zu fördern, so daß wir in
fünf Jahren nicht nur eine Diskussion
über Glasnost aus Moskau vernehmen,
sondern über "Offenheit" in OstBerlin und "verejna informace" in
Prag, daß wir eine Diskussion über
Offenheit und erwachende Hoffnung in
der gesamten Region feststellen.
Meine Freunde, wenn wir über Veränderungen in Osteuropa nachdenken,
während wir uns des Anblicks von
Ronald Reagan erinnern, wie er Arm in
Arm mit Michail Gorbatschow auf dem
Roten Platz spazieren ging, ist es
vielleicht wichtig, uns der Tatsache
zu entsinnen, daß Geschichte ein evolutionärer und kein revolutionärer
Prozeß ist.
Wir werden auch weiterhin grundlegenden
Meinungsverschiedenheiten
mit der Sowjetunion haben. Wir werden weiterhin zu unseren starken und
einigen Bündnissen stehen. Wir müssen weiterhin vorbereitet sein. Und
es wird zwischen uns Meinungsverschiedenheiten geben, so wie dies
auch innerhalb unseres Landes der
Fall ist.
Aber wir haben in vier Jahrzehnten niemals das Ziel aus den Augen
verloren; wir haben die Lehren des

- 5 -

�Zweiten Weltkriegs nicht vergessen;
wir haben nicht zugelassen, daß Meinungsverschiedenheiten uns entzweien
und Irritationen in Zorn umschlagen.
Wir können - und wir müssen - im
selben Geist in die Zukunft schreiten. Denn die Zukunft hängt von uns
ab. Dies galt vor vier Jahrzehnten,
und dies gilt auch heute.

Und wir wissen, wenn wir den
Blick nach vorn richten, daß das
beste Amerika nicht hinter uns liegt;
das beste Amerika liegt noch vor uns.

* * * * *

Wenn wir eine bessere Welt aufbauen wollen, muß unser Bündnis den
Weg weisen, und wenn Amerika stark
ist, müssen wir das Bündnis anführen.
Vor 28 Jahren verkündete ein anderer Sohn von Massachusetts seine
Kandidatur für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten. John F.
Kennedy weckete unseren Sinn für das
Mögliche. Er entfachte unseren Idealismus aufs Neue. Und er verstand
den Wesensgehalt nationaler Stärke
und nationaler Sicherheit.

*

"Ich glaube, ein starkes Amerika
ist dasjenige, das die freie Welt
führt", so erklärte er, "nicht nur,
weil wir die Reichsten oder die
Stärksten oder die Mächtigsten sind,
sondern weil wir diese Führungsrolle
für die Sache der Freiheit in der
ganzen Welt ausüben. Weil wir sowohl
agieren als auch reagieren, weil wir
Vorschläge machen wie auch zurückweisen und ... weil wir den Weg des
Friedens gehen."
Meine Freunde, Amerika ist nicht
einfach ein Stück Land oder nur irgendein Land, wir sind eine Nation
der Einwanderer, die hierher kamen,
wo es keine Könige gab, die hierher
kamen, wo es keine Diktatoren oder
Gulags oder Todesschwadronen gab, die
hierher kamen, wo niemand uns sagte,
wo wir zu beten oder was wir zu drukken oder wie wir zu denken hatten.
Wir sind die Erben einer stolzen
und ruhmreichen Vergangenheit. Wir
sind die Teuhänder eines großartigen
und erfolgreichen demokratischen Experiments.
Wir sind Führer, keine
Mitläufer.

f

�AMERIKA DIENST
VON

4

Wissenschaft und Technik

2 2 . J u n i 1988

24

ZWEITER GENETISCHER CODE ENTDECKT

Ein
zweiter
genetischer
Code,
d e s s e n E x i s t e n z s e i t langem v e r m u t e t
wurde
und d e r
nur
bei
bestimmten
Schritten
in biologischen
Prozessen
wirksam i s t , wurde am M a s s a c h u s e t t s
I n s t i t u t e of T e c h n o l o g y (MIT) n a c h g e w i e s e n und zum T e i l
entschlüsselt.
Paul Schimmel, P r o f e s s o r
für M i k r o b i o l o g i e , und Ya-Ming Hou, e i n D o k t o rand a u s s e i n e m I n s t i t u t , b e r i c h t e t e n
kürzlich
in
der
britischen
Zeits c h r i f t " N a t u r e " (Ausgabe v . 1 2 . Mai
1988) ü b e r i h r e E n t d e c k u n g .
Der e r s t e , i n den s e c h z i g e r J a h r e n e n t z i f f e r t e g e n e t i s c h e Code s e t z t
entsprechend
den I n s t r u k t i o n e n ,
die
das lange Kettenmolekül
Desoxyribonukleinsäure
(DNS) im Z e l l k e r n
enth ä l t , den Aufbau s p e z i f i s c h e r P r o t e ine a u s Aminosäuren a l s " A r b e i t s m o l e -

United States Information Service
Embassy of the United States of America

küle" der Z e l l e für d i e Lebensprozesse
i n Gang.
Das j e t z t
entdeckte
z w e i t e System s o r g t d a f ü r , d a ß u n t e r
den zwanzig i n d e r Z e l l e v e r f ü g b a r e n
Aminosäuren d i e j e w e i l s r i c h t i g e Verbindung gefunden
und im wachsenden
P r o t e i n m o l e k ü l an dem vom e r s t e n Code
vorgeschriebenen o r t eingebaut wird.
Eine S c h l ü s s e l r o l l e s p i e l e n d a b e i
die
sog.
Transfer-Ribonukleinsäuren
(t-RNS) im Z y t o p l a s m a , d a s d e n Z e l l kern u m g i b t .
D i e s e b i n d e n d i e Aminos ä u r e n und t r a n s p o r t i e r e n s i e zu den
Ribosomen.
Dabei i s t j e d e r Aminosäur e e i n e t-RNS g a n z b e s t i m m t e r c h e m i scher
Zusammensetzung
zugeordnet.
Bei d e n Ribosomen h a n d e l t e s s i c h um
k l e i n e Z e l l o r g a n e l l e n a u s P r o t e i n und
r-RNS
(ribosonale
Ribonukleinsäure) .
Sie v e r m i t t e l n d i e Verbindung mit der

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�m-RNS
(Boten-Ribonukleinsaure) ,
die
an der - d o p p e l s t r ä n g i g e n - "informat i o n s z e n t r a l e " DNS s y n t h e t i s i e r t wurde und dabei einen bestimmten Abschnitt kopierte.
Nach dem Ablösen
von der M a t r i t z e wanderte s i e durch
die Poren der Kernmembran in das Zytoplasma.
Die von der DNS übernommenen I n formationen für d i e Synthese des Prot e i n s sind bei der in nur einem
Strang vorhandenen m-RNS durch die
Aufeinanderfolge der Nukleotide (Baus t e i n e der Nukleinsäuren) f e s t g e l e g t ,
wobei j e d e s Nukleotid e i n e von v i e r
organischen
Basen
enthält.
Diese
wiederum ergeben a l s s p e z i e l l a r r a n gierte
Dreiergruppen
(als
Triplett
oder Codon bezeichnet)
d i e Anheftung spunkte für d i e s p e z i f i s c h e n Aminosäuren zum Aufbau des Eiweißkörpers.
Die Aminosäuremoleküle können
n i c h t von s i c h aus mit der m-RNS Verbindung aufnehmen, sondern benötigen
dazu das s o g . Anticodon am Ende der
t-RNS, dessen Drei-Basen-Kombination
die Bindung mit dem zugeordneten Codon der m-RNS e r m ö g l i c h t .
Dies ges c h i e h t nach dem e r s t e n g e n e t i s c h e n
Code.
Das andere Ende der t-RNS aber
benutzt den zweiten Code um d i e r i c h t i g e Aminosäure
zu f i n d e n .
Dafür
i s t , wie Schimmel und Ya-Ming Hou e r m i t t e l t e n , e i n s p e z i f i s c h e s Basenpaar
an einem s p e z i f i s c h e n Ort des t-RNSMolekülendes
erforderlich.
Sowohl
das Basenpaar a l s auch s e i n Ort sind
T e i l des Codes.
Er wird von einem
Enzym, d . h . dem bestimmten Typ e i n e s
P r o t e i n s , " g e l e s e n " , das d i e Aminosäure bindet.
Nach Ansicht der W i s s e n s c h a f t l e r
könnte der zweite g e n e t i s c h e Code,
der e i n f a c h e r a l s der e r s t e i s t , d e s sen Vorläufer in der Evolution gewesen und damit ä l t e r s e i n .
Schimmel
bezeichnet das System a l s "ein spektakuläres Beispiel
für
biologische
Logik oder für das von der Natur ben u t z t e l o g i s c h e System.
Je weiter
wir es e n t s c h l ü s s e l n , d e s t o l e h r r e i cher könnte e s für uns werden - s p e -

z i e l l für d i e Konstruktion neuer Computersysteme" .
Dank der neuen E r k e n n t n i s s e e r g i b t s i c h u . a . e i n e zweite S t a t i o n in
der P r o t e i n s y n t h e s e , wo Veränderungen
der
Interpretation
genetischer
Ins t r u k t i o n e n für e i n e Z e l l e möglich
wären.
Dies i s t für d i e Erforschung
bestimmter Erbkrankheiten von großer
Bedeutung - v i e l l e i c h t sogar für Bemühungen, g e n e t i s c h e F e h l e r auszumerzen.
* * * * *

�AMERIKA DIENST
^7

&lt;£

Wissenschaft und Technik

22. Juni 1988

24

KONVENTION ÜBER ERSCHLIESSUNG DER ANTARKTIS

Bislang war nach dem Antarktisvertrag von 1959 die Erschließung von
Bodenschätzen auf dem Weißen Kontinent praktisch tabuisiert. Militärische Aktivitäten sind verboten, Forschung darf betrieben werden.
Vorstöße einzelner Länder, wirtschaftliche Möglichkeiten zumindest zu erkunden, wurden seit acht Jahren durch
ein informelles Moratorium zur Erschließung des Kontinents geregelt.
Am 2. Juni 1988 haben sich jedoch 33
Staaten
in Wellington
(Neuseeland)
über eine Konvention geeinigt, die
das Moratorium ablösen und Maßstäbe
für eine geregelte Erschließung der
Ölund Mineralvorkommen setzen soll.
Der neuen Konvention zufolge muß
von einer Komission der 20 stimmberechtigten Partnerländer des Antark-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

tisvertrages die Öffnung jeder Region
der Antarktis für die Exploration zunächst einmal genehmigt werden. Erst
dann dürfen Öl- und Bergbaufirmen
Lizenzen
zur Exploration
und Erschließung der Bodenschätze in dem
betreffenden Gebiet beantragen. Aufgrund der Konvention sind die Firmen
dann gehalten, einem aus zehn Mitgliedern bestehenden Kontroikomitee,
das für jede Region gebildet wird,
ihre Pläne vorzulegen, Dieses befindet über Genehmigung oder Ablehnung
der Lizenzen und überwacht die Einhaltung der Vorschriften. Sowohl die
Komission als auch die Kontrollkomitees werden mit Gebühren finanziert,
die die Firmen zu zahlen haben.
Für die Kontrollkomitees ist rotierende
Mitgliedschaft
vorgesehen,

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�jedoch sollen die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion als die Staaten
mit den umfangreichsten Forschungsprojekten
in der Antarktis
darin
ständig vertreten sein. Die Konvention tritt in Kraft, wenn sie von 16
der wegen ihres Forschungsengagements
20 stimmberechtigten Mitglieder der
Antarktisvertrages (18 weitere Staaten sind dem Vertrag als Beobachter
angeschlossen)
ratifiziert
worden
ist.
Schätzungen
des
R.
Tucker
Scully, Unterhändler der Vereinigten
Staaten bei der Konferenz in Wellington, zufolge werden bis zur Ratifizierung zwei bis drei Jahre vergehen.
Scully zufolge hat bisher noch
keine amerikanische Ölfirma Interesse
an der Antarktis bekundet. Das dürfte auch in naher Zukunft nicht zu erwarten sein. Aber "wir wollten etwas
in der Hand haben, wenn sich Interesse an der Erschließung der Antarktis
zeigen sollte".
Die Signatarstaaten
der Konvention müssen gewährleisten,
daß Firmen ihres Landes, die sich auf
dem
Südkontinent
betätigen wollen,
nicht gegen die Vorschriften handeln.

* * * * *

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