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                    <text>Information
und
TPi { i / i i W i i M

• j i

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

30. August 1978

21

INHALT

DOKUMENTATION
Richardson umreißt Ziele der Seerechtskonferenz aus amerikanischer Sicht
- Wortlaut der Erklärung vom 21. August 1978 HINTERGRUNDMATERIAL
US-Verteidigungsminister unterstützt Carters Verteidigungskonzeption
Washington rechnet mit Energiegesetz für Anfang 1979
- von John Holway WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Energie der Sterne
US-Institut meldet Fortschritt auf dem Weg zur kontrollierten Kernfusion
Boten aus fernen Regionen des Sonnensystems
- Bisher unbekannte Meteoritenart entdeckt Neues für Diagnose und Therapie bei Lungenerkrankungen

Um Übci/cndung von
Belegexemplaren wird
gebeten

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�Dokumentation
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30. August 1978

21

RICHARDSON UMREISST ZIELE DER SEERECHTSKONFERENZ AUS AMERIKANISCHER SICHT
- Wortlaut der Erklärung vom 21. August 1978 -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Der Leiter der amerikanischen Delegation auf der Seerechtskonferenz der Vereinten Nationen, Botschafter Elliot
Richardson, hat am 21. August 1978 anläßlich des Beginns der Herbsttagung
dieses Gremiums auf einer Pressekonferenz die Ziele der USA umrissen.
Er gab eine Erklärung ab, die folgenden Wortlaut hat:
Als sich die siebte Sitzung der Dritten Seerechtskonferenz der Vereinten
Nationen im Mai dieses Jahres vertagte, geschah dies im Geiste beträchtlicher
Befriedigung. Selbst die ermüdetsten Beobachter dieser langen, harten und
komplizierten internationalen Verhandlungen konnten nicht umhin, von der Zielsetzung dieser Konferenz sowie der neuerlichen Verpflichtung beeindruckt zu
sein, auch die offensichtlich schwierigsten Probleme durch ein sachliches,
realistisches Geben und Nemen zu vermindern.
Vielleicht wird eines Tages gesagt werden, daß die Genfer Phase der Wendepunkt dieser Konferenz war - der Zeitpunkt nämlich, an dem der Argwohn abgebaut wurde und da der Norden und der Süden stillschweigend übereinkamen, daß
pragmatische wirtschaftliche Überlegungen die Oberhand behalten sollten. Für

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�I

Für die Vereinigten Staaten war der in Genf erzielte Fortschritt Anlaß genug,
um unsere Verpflichtung zu erneuern, einen gerechten Vertrag anzustreben, der
auf dem Grundsatz des gemeinsamen Nutzens basiert.
Lassen Sie mich an diesem Punkte innehalten, um zu unterstreichen, daß
unsere Befriedigung über die verbesserte Atmosphäre der Genfer Verhandlungen
nicht so ausgelegt werden sollte, als sähen wir bereits einen Vertrag oder
sofortige Lösungen für die wirklich schwerwiegenden Fragen vor uns. Wir stehen in einem langfristigen Bemühen.

Hinsichtlich des Tiefseebodenbergbaus

haben wir gegenüber vielen Teilen der Genfer Texte ernsthafte Einwände, obwohl sie besser sind als der inoffizielle zusammenfassende Verhandlungstext,
der im vergangenen Jahr am Ende der sechsten Sitzung formuliert wurde.
Die Genfer Texte sind insofern wertvoll, als sie die Grundlage für weitere
Verhandlungen legen und die Konferenz näher an das Ziel einer Übereinstimmung
heranführen. Aber wenn auch der Geist und die Verpflichtung der Konferenz hoch
gesteckt sind, so sind die Hindernisse für eine Übereinstimmung ebenfalls groß.
Die vor uns liegende Arbeit bezüglich der Meeresbodentexte ist schwieriger
und kann leichter in eine Sackgasse führen als alles, was wir bisher unternommen haben.
Wir sind der Ansicht, es sei wichtig, daß wir während der jetzt wieder
begonnenen Sitzungsperiode nicht erneut die in Genf formulierten Texte überarbeiten. Alle Delegationen sind sich darüber im klaren, daß die Summe der
bisher erreichten Übereinkünfte eine Filigranarbeit darstellt. Was Stärke und
Fortbestand dieser Übereinkünfte anbetrifft, so hängt jede von weiteren Absprachen ab; jede ist in sich zerbrechlich und verletzlich. Wenn wir jetzt
den Blick zurückwenden und uns erneut auf einige wenige Elemente dieser Texte
konzentrieren würden, dann würde dies nur Schockwellen auslösen, die eine nachteilige Auswirkung auf zahlreiche Elemente hätten. Wir würden es vorziehen,
wenn sich die Bewegung nach vorne fortsetzen würde und wenn Änderungen zu
einem späteren Zeitpunkt angesichts des Meeresbodenpaketes als Ganzes erörtert
würden.
Obwohl

�Obwohl die Konferenz mit neuer Energie erfüllt ist, so kann sie doch
nicht übersehen, daß die Fakten, mit denen sie sich befaßt, einem ständigen
Wandel unterliegen.

Private Unternehmen verschiedener Industrienationen haben

bereits große Investitionen im Rahmen der Forschung für den Tiefseebodenbergbau aufs Spiel gesetzt.

Die kommerzielle Anwendung ihrer sich rasch entwickeln-

den Technologie dürfte bereits in wenigen Jahren erfolgen.

Unter Berücksichtigung dieser Entwicklung ist der amerikanische Kongreß
bereits dabei, Gesetze zu verabschieden, die den Meeresbodenbergbau durch
amerikanische Unternehmen regeln werden.

Diese Gesetzgebung ist ihrem Charak-

ter nach sowohl international als auch binnenwirtschaftlich.

- Sie anerkennt unsere Verpflichtung aufgrund der Konzeption, daß die
Ressourcen des Meeresbodens das gemeinsame Erbe der Menschheit darstellen;
- sie wird überholt sein, wann immer ein Seerechtsvertrag unter Einschluß
der Vereinigten Staaten in Kraft tritt;

- sie sieht vor, daß Einkünfte für die Entwicklungsländer bereitgestellt
werden;

- sie setzt strenge Normen für den Schutz der Meeresumwelt fest;

- sie legt keinerlei Souveränitätsrechte hinsichtlich der Stätten des
Meeresbodenbergbaus fest; und
- sie erklärt oder impliziert keinerlei dahingehende Absicht, daß die
amerikanischen Abbauunternehmen außerhalb der Jurisdiktion einer internationalen Meeresbodenbehörde bleiben sollen, nachdem ein internationaler Vertrag
in Kraft getreten ist»

Die Kräfte, die jetzt in Gang gesetzt worden sind, bewegen sich auf einer
breiten Front voran.
den.

Sie können weder blockiert noch rückgängig gemacht wer-

Die Meeresböden enthalten Mineral Stoffe, die für das wirtschaftliche Wachs-

�Wachstum wichtig sind.

Sie werden früher oder später abgebaut werden, ob

nun ein Vertrag besteht oder nicht.

Dies sind die fundamentalen Realitäten,

denen wir uns in unseren Verhandlungen gegenübersehen.
Wenn wir uns nun den in dieser Woche wieder aufgenommenen Verhandlungen
zuwenden, dann ist es das Ziel der Vereinigten Staaten - wie es das schon
immer im Verlauf dieser Verhandlungen gewesen ist -, einen umfassenden Vertrag
zu erreichen, der unsere wesentlichen Interessen schützt.

Gleichzeitig sind

wir jedoch der Ansicht, daß diese Konferenz nur dann als erfolgreich beurteilt
wird, wenn sie auch die wesentlichen Interessen aller Länder schützt.
Was die Vereinigten Staaten angeht, so schließen diese Interessen einen
gesicherten Zugang zu den Mineral Stoffen des Meeresbodens ein.

Als Kompromiß

werden wir auch weiterhin bemüht sein, ein paralleles Abbausystem zu schaffen,
das Investitionen anzieht, wirtschaftlich auf lange Sicht gesehen lebensfähig
ist und das sich den gerechten Ansprüchen der Entwicklungsländer anpaßt.

Die-

ses System sollte den Zugang und den Besitz seitens aller qualifizierten Abbauunternehmen sicherstellen, realistische Produktionskontrollen und finanzielle Vorkehrungen festsetzen, für den technologischen Transfer unter fairen
kommerziellen Bedingungen sorgen und von einer internationalen Behörde verwaltet werden, die Entscheidungen auf einer Grundlage trifft, welche die wichtigen auf dem Spiele stehenden Interessen hinsichtlich Investition, Produktion und Verbrauch berücksichtigt.
Die Gesamtheit des durch diese Konferenz erbrachten Nutzens, mag noch
so groß und eindrucksvoll sein; dies wäre jedoch nicht ausreichend, um uns
zu der Annahme eines Meeresbodenschürfrechtes zu veranlassen, das diesen Kriterien nicht gerecht wird. Ob über einen solchen Rechtsrahmen verhandelt
werden kann, bleibt abzuwarten.
Von diesen Fragen des Tiefseebodens abgesehen, ist die Konferenz in der
Lage, wesentliche Fortschritte hinsichtlich einer endgültigen Lösung anderer
wichtiger Fragen zu erzielen. Dazu gehören die wissenschaftliche Forschung

- 4 -

�Forschung sowie eine genaue Definition des Festlandsockels.

Bezüglich der

wissenschaftlichen Forschung sollte die Konferenz Mittel und Wege erörtern,
um die Texte im Hinblick auf die praktische Perspektive der Forschung und des
juristischen Gesamtrahmens zu klären und zu verbessern, der sich aus den Verhandlungen ergeben hat. Jedes Land sollte sich darüber im klaren sein, daß
natürliche Vorgänge in einer ausländischen Wirtschaftszone letztlich seine
eigene Bevölkerung in sehr wichtiger Hinsicht berühren können.

Darüber hinaus

dürfte es nicht praktisch sein, kostspielige Projekte auszuführen, wenn ein
Küstenstaat diese ablehnt, selbst wenn seine Nachbarn die Fortsetzung dieser
Projekte wünschen.

Die amerikanische Delegation hat die Absicht, sich um

weitere Verbesserungen des Textes zu bemühen, um die Durchführung der wissenschaftlichen Forschung zu erleichtern und die Verfügbarmachung wissenschaftlicher Informationen zum Nutzen aller zu fördern.
Die amerikanische Delegation geht in die wieder aufgenommene Tagung mit
der Hoffnung, daß die in Genf entwickelten Impulse erhalten bleiben und daß
diese vier Wochen uns dem Ziel eines allseitig akzeptablen, umfassenden Vertrages näherbringen werden.

Gleichzeitig sind wir uns alle nur zu sehr der

Tatsache bewußt, daß sich die Konferenz noch gewaltigen Problemen gegenübersieht, deren Lösung von uns allen kollektive Klugheit und Geduld erfordern.

+ + + + +

- 5 -

�21

30. August 1978

US-VERTEIDIGUNGSMINISTER UNTERSTÜTZT CARTERS VERTEIDIGUNGSKONZEPTION

NEW ORLEANS, LOUISIANA - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister
Harold Brown hat auf der Jahrestagung des amerikanischen Reservistenverbandes
"American Legion" in New Orleans am 22. August 1978 die Entscheidung von Präsident Carter unterstützt, gegen das vom Kongreß verabschiedete Verteidigungsbeschaffungsgesetz sein Veto einzulegen. In dem Gesetz sind 2 Milliarden
Dollar für einen nuklear angetriebenen Flugzeugträger vorgesehen, die nach
Auffassung des Präsidenten für die Verbesserung der Einsatzbereitschaft der
amerikanischen Streitkräfte, vor allem im Zusammenhang mit der NATO, notwendiger gebraucht werden. Brown machte im wesentlichen folgende Ausführungen:
...Präsident Carter und ich werden alles in unseren Kräften stehende tun,
um dafür zu sorgen, daß die Verteidigungserfordernisse unseres Landes voll
erfüllt werden.
Genau aus diesem Grunde hat Präsident Carter in der vorigen Woche ohne
seine Billigung dem Kongreß ein Verteidigungsbeschaffungsgesetz zurückgeschickt, das unsere Verteidigung geschwächt hätte - indem zwei Milliarden
Dollar von Verteidigungserfordernissen hoher Priorität abgezweigt würden,
um die Mittel für einen nuklear angetriebenen Flugzeugträger aufzubringen.
Der Präsident und ich unterstützen den vollen Betrag des Verteidigungshaushaltes in Höhe von 126 Milliarden Dollar, den er angefordert hat. Wir wollen

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�wollen nicht, daß der Kongreß hier Kürzungen vornimmt. Aber wir wollen, daß
das Geld klug und dort ausgegeben wird, wo es am nötigsten gebraucht wird.
Der nuklear angetriebene Flugzeugträger kostet fast eine Milliarde Dollar
mehr als ein künftiger konventionell angetriebener Träger. Wir planen auch
für die Zukunft den Bau von Flugzeugträgern, aber wir brauchen diesen jetzt
nicht auf Kosten dringenderer Erfordernisse zu bauen.

Und wir brauchen auch

nicht eine Milliarde Dollar mehr zu bezahlen.
Die Handlung des Präsidenten dient der Stärkung unserer Verteidigung,
und sie ist sicherlich nicht gegen die Marine gerichtet. Wir besitzen die
stärkste Marine der Welt, und wir wollen das beibehalten.

Wir brauchen aber

ausgewogene Streitkräfte, um allen unseren Verteidigungserfordernissen gerecht werden zu können, einschließlich insbesondere der Erfordernisse für unsere Streitkräfte in Europa oder der für den Einsatz dort in Verbindung
mit den Streitkräften unserer NATO-Verbündeten vorgesehenen Streitkräfte,
um der sowjetischen Aufrüstung zu begegnen...
Lassen Sie mich nun zu einer allgemeineren Beurteilung kommen, wo wir
heute in der Welt stehen und wie dies unsere Verteidigungsentscheidungen beeinflußt.
Ich möchte natürlich zunächst feststellen, daß die relative Gesamtstärke der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion von mehr abhängt als nur
von den Streitkräften - obwohl diese Streitkräfte ein notwendiges und entscheidendes Element sind. Zum Gesamtkräfteverhältnis gehören viele Dinge
- wirtschaftliche Stärke und Produktivität, politische Stabilität und politischer Zusammenhalt, unsere technologischen Fähigkeiten, die Anziehungskraft unserer Lebensweise und unserer internationalen Politik und unser nationaler Wille. An diesen überbegriffen gemessen besteht nach meiner Überzeugung kein Zweifel daran, daß die Vereinigten Staaten das mächtigste Land
der Erde sind. Wir übertreffen die Sowjetunion in fast allen Kategorien,
die ich aufgezählt habe. Nur auf dem militärischen Sektor konnte die Sowjet-

- 2 -

�Sowjetunion unser Rivale werden.

Aber die Tatsache, daß die Sowjets einen

so großen Teil ihrer Anstrengungen auf militärische Tätigkeiten verwandt
haben, ist eine ernste Sache und muß uns beunruhigen.

Wir müssen alles not-

wendige tun, um ein militärisches Gleichgewicht und auch ein günstiges Gesamtgleichgewicht der nationalen Macht aufrechterhalten...

Wir sehen, daß die Sowjets seit fast 20 Jahren mit einer wesentlichen
militärischen Aufrüstung beschäftigt sind...

Aber das bedeutet nicht, daß wir und unsere Verbündeten auf unseren
Händen gesessen haben oder daß wir plötzlich dem Warschauer Pakt unterlegen
geworden seien...

Die Sowjets müssen mit einer ganzen Reihe von Problemen ringen, die wir
nicht haben, vor allem im Hinblick auf China... Es fehlt den Sowjets an bereitwilligen und tüchtigen Verbündeten...

So ist also ein einfacher Vergleich der sowjetischen und der amerikanischen Streitkräfte nur ein Anfang, um unsere militärischen Erfordernisse
zu begreifen.

Bei der Planung unserer Streitkräfte müssen wir aufpassen,

daß wir durch solche Vergleiche nicht irregeführt werden.

Nehmen wir nur einmal den Fall unserer strategischen Nuklearposition.
Mit den bereits dislozierten Gefechtsköpfen können wir alle wichtigen militärischen Ziele in der Sowjetunion erreichen - selbst noch nach einem Erstschlag der Sowjets.

Unsere grundlegende Offensivstärke reicht, mit anderen

Worten, heute aus...

Hier und heute könnten wir selbst nach einem sowjetischen Überraschungsangriff im wahrsten Sinne des Wortes mit tausenden von thermonuklearen Waffen
(Wasserstoffwaffen) Ziele in der Sowjetunion erreichen.

Trotz der Verbesse-

rung der sowjetischen Offensiv- und Defensivstreitkräfte wird diese unsere
Fähigkeit in Zukunft nicht zurückgehen.

Sie wird größer werden...
Ich

- 3 -

�Ich weiß, daß sich manche von Ihnen Sorgen über SALT machen.

Ich

möchte Ihnen versichern, daß kein SALT-Abkommen abgeschlossen werden wird,
dessen Unterzeichnung nicht im Interesse der Vereinigten Staaten liegt.
Das bedeutet insbesondere, daß es unsere militärische Sicherheit nicht untergraben darf.

Ein annehmbares Abkommen über die Begrenzung der strategischen

Rüstungen darf die von mir eben beschriebene Zweitschlagkapazität der Vereinigten Staaten nicht schwächen.

Wir werden uns die Gewähr vorbehalten

- und die Sowjets werden das wissen - daß wir einen solchen vernichtenden
Zweitschlag führen können.

Und das wird trotz des derzeitigen Zivilschutz-

programms der Sowjets gelten.
Lassen Sie mich zum Schluß noch ein paar Worte zu den konventionellen
Streitkräften sagen... Trotz des Anwachsens der sowjetischen GefechtsfeldKapazität haben wir und unsere Verbündeten bereits die Land-, See- und Luftstreitkräfte aufgestellt - und bezahlen für sie -, die zum Schutz unserer
Interessen in der Welt notwendig sind.

Trotz unserer weltweiten Verantwor-

tung sind wir sehr gut ausgerüstet, um mit Ernstfällen fertig zu werden,
die einen genügenden Zeitraum für die Bereitstellung und Dislozierung unserer Streitkräfte gestatten.,..
Die sowjetischen Gefechtsfeld-Streitkräfte haben sich am bedeutsamsten
gewandelt - zwar nicht zahlenmäßig, aber doch was ihre Fähigkeit angeht,
kurze, intensive nicht-nukleare Feldzüge zu führen, wobei bei relativ geringer
Vorbereitungszeit starke modernisierte Truppen eingesetzt werden. Folglich
... ist ein Überraschungsangriff mehr in den Bereich des Möglichen gerückt.
Unsere Erfordernisse haben sich entsprechend geändert: nicht in Richtung
auf größere Streitkräfte, sondern in Richtung auf eine größere Einsatzbereitschaft, eine kurzfristig gesehen größere Widerstandskraft, eine verbesserte
Interoperabilität mit unseren Verbündeten sowie eine längerfristige Mobilität
der Truppen, über die wir bereits verfügen...
Ein angemessenes und entsprechend ausgewogenes Verteidigungsbudget ist
also ein Weg, mit dessen Hilfe wir unsere Sicherheit gegenüber der mili- 4 -

�militärischen Drohung der Sowjets garantieren.
aber nicht der einzige.

Es ist ein notwendiger Weg,

Obwohl einige immer noch skeptisch hinsichtlich von

Rüstungskontroi labkommen sein mögen 7 und mir obliegt es insbesondere, in
dieser Hinsicht nicht leichtgläubig zu sein -, so sind solche Abkommen doch
ein weiterer und zusätzlicher Schritt, um sich mit den militärischen Anstrengungen der Sowjets auseinanderzusetzen... Die Sowjets sind sich jedoch darüber im klaren, daß - solange wir stark bleiben... - ein direkter Konflikt
mit den Vereinigten Staaten und ihren Freunden rasch zu einer Katastrophe
führen könnte. Auf ein Mindestmaß gebracht: Sie teilen unser Interesse,
einen solchen Konflikt zu vermeiden...
Die von uns bevorzugte Zurückhaltung muß besonders stark sein, wenn es
sich um nukleare Streitkräfte handelt. Nuklearwaffen stellen die einzige
wirkliche Bedrohung für den Fortbestand der Vereinigten Staaten, aber auch
für die Sowjetunion dar... Folglich wird es in zunehmendem Maße unwahrscheinlich, daß ein weiterer Aufbau der einen Seite zu einem bedeutsamen Vorteil
führen wird, vorausgesetzt, daß die andere Seite umsichtige Gegenmaßnahmen
ergreift...
Damit will ich nicht sagen, daß Abkommen zur Begrenzung strategischer
oder anderer Rüstungen alle Probleme lösen, jeden Grund zu Furcht und Argwohn beseitigen oder jeglichem Wettrüsten völlig Einhalt gebieten könnten.
Aber mit sorgfältig ausgearbeiteten Abkommen, die sich auf eine Verifizierung
ihrer Einhaltung stützen, kann sehr viel erreicht werden...
Ich sehe keine unmittelbare Aussicht auf die Erreichung eines beiderseitigen Endes des Wettstreits auf dem Gebiet der militärischen Stärke.

Es

ist heute ein vernünftiges Ziel, auch die bescheidensten Impulse in Richtung
auf eine Rüstungskontrolle aufrechtzuerhalten.

Aber eine Rüstungskontrolle

als solche - das kann ich Ihnen versichern -, ist nicht unser einziges oder
gar unser hauptsächliches Ziel bei den SALT-Verhandlungen.

Was wir wünschen

und worauf wir bestehen, ist, daß die Sicherheit der Vereinigten Staaten und
ihrer Verbündeten mit einem SALT-Abkommen zumindest genau so gesichert Ist
- 5 -

�ist wie ohne. Wenn ein Abkommen diese Prüfung nicht besteht, dann wird es
auch nicht unterzeichnet werden.

Wenn es das tut, dann wird unterschrieben.

Aber ob nun mit oder ohne SALT - unsere Verteidigungsprogramme werden im
wesentlichen fortgesetzt werden müssen...
Der Präsident und ich wollen absolut effektive Streitkräfte.
fordert schon die Konkurrenz seitens der Sowjetunion.

Dies er-

Eine echte Kampfbe-

reitschaft ist die wirksamste Gegenmaßnahme gegen die militärische Drohung
der Sowjets. Unsere Mittel müssen so eingesetzt werden, daß wir jenen Arten
von Konflikten sicher begegnen können, die jetzt und für die absehbare Zukunft am wahrscheinlichsten sind.

Wir dürfen nicht auf die alte Strategie

zurückfallen, in deren Rahmen auf eine sofortige Einsatzbereitschaft verzichtet und auf einen langen Zeitraum für die Mobilisierung gesetzt wurde
- eine Strategie, die schon in den dreißiger Jahren kaum noch vertretbar
war.

Heute verfügen wir nicht mehr über den Luxus der Zeit, sondern Kampf-

bereitschaft und schnelle Reaktionsfähigkeit sind das, was wir benötigen...
Es gibt noch einen weiteren und fundamentaleren Grund dafür, warum der Kampfbereitschaft, die den sofortigen Einsatz unserer Soldaten gewährleistet,
Vorrang eingeräumt werden muß.

Denn nur Menschen - gut ausgebildete Men-

schen mit einer hohen Moral - können unsere Waffen einsatzfähig machen.
Selbst Auslöseknöpfe müssen von irgend jemand bedient werden.
Wie Sie vom Reservistenverband es besser als die meisten anderen wissen,
sind die Menschen der größte Aktivposten, über den wir auf dem Gebiet der
Verteidigung verfügen. Technologisch sind wir im Vergleich zur Sowjetunion
im Vorteil. Aber dieser Vorteil ist nicht annähernd so groß wie derjenige,
der uns aus der Tatsache erwächst, daß wir ein freies Volk sind. Die Sowjets
können vielleicht die Lücke in der Waffenproduktion schließen und den Abstand in der militärischen Technologie verringern. Sie werden jedoch niemals an den Geist, die Hingabe und die Initiative der Männer und Frauen in
den Streitkräften der Vereinigten Staaten heranreichen...

+ + + + +
- 6 -

�mcuena
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21

30. August 1978

WASHINGTON RECHNET MIT ENERGIEGESETZ FÜR ANFANG 1979
- Von John Holway -

WASHINGTON - (AD) - Die Carter-Administration rechnet jetzt damit, daß
der Kongreß Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres die anstehende
Energiegesetzgebung verabschieden wird.

Sollte dies nicht der Fall sein, so

verlautet aus hohen Regierungskreisen, müsse der Präsident eine "unattraktive" Entscheidung über Alternativmaßnahmen treffen, wie beispielsweise Quoten
oder Zölle, um die Abhängigkeit der USA vom Importöl zu verringern.

Zu Anfang dieses Jahres war man sowohl seitens der Administration wie
auch im Kongreß zuversichtlich, daß ein komplettes Paket bis zum September
verabschiedet werden könne.

Diese Hoffnung ist nun geschwunden.

Drei relativ unumstrittene Teile des Paketes, die sich in der Hauptsache
mit Maßnahmen zur Energieeinsparung befassen, passieren den Kongreß ohne Probleme.

Dabei handelt es sich um die sogenannten "süßen Pillen" der Gesetz-

gebung.

Die beiden "bitteren Pillen", nämlich die Teile, bei denen es um

höhere Preise von öl und Erdgas geht, stoßen in diesem Wahljahr auf Hindernisse.

Die Frage der Freigabe der Erdgas-Preise steht sowohl im Repräsentanten-

haus wie auch im Senat auf Messers Schneide, und die vorgeschlagene Aus-

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�Ausgleichssteuer für Rohöl, mit deren Hilfe die einheimischen ölpreise auf
Weltmarktniveau angehoben werden sollen, ist bereits schon einmal vom Senat
abgelehnt worden und hat wohl nur geringe Aussichten, vom Kongreß verabschiedet zu werden.
Energieminister James Schlesinger hat betont, daß die Carter-Administration hoffe, Alternativmaßnahmen gegenüber dem Kongreß vermeiden zu können.
Aber seiner Ansicht nach muß der Präsident zumindest eine dieser beiden gefährdeten Vorlagen durchbringen, um sein auf dem Weltwirtschaftsgipfel in
Bonn gegebenes Versprechen, die amerikanischen ölimporte zu verringern, einhalten zu können.

Sollten beide Vorlagen im Kongreß durchfallen, so erklärte

Schlesinger kürzlich in einem Fernsehinterview, dann "wird die Auswirkung
auf den Dollar verheerend sein."

Der Minister äußerte sich in diesem Inter-

view jedoch optimistisch darüber, daß der Kongreß zumindest das Erdgasgesetz
verabschieden werde.

Und selbst das Rohöl Steuergesetz sei noch nicht gestor-

ben, so fügte er hinzu; es ruhe lediglich.

Dabei schließt er nicht aus, daß

diese Vorlage möglicherweise noch in diesem Jahr zu neuem Leben erweckt werden könne, allerdings wohl nicht vor den Kongreßwahlen am 2. November.

Eine

Sondersitzung des Kongresses nach der Wahl sei jedoch möglich.
Die Frage der Erdgaspreise - ob sie reguliert werden sollten oder nicht beschäftigt die Präsidenten der USA und den Kongreß seit nahezu 30 Jahren.
Die Verbraucher wünschen kontrollierte Preise, die Erzeuger möchten alle
Restriktionen abgeschafft sehen.
Diese Frage konnte seit mehr als einem Viertel Jahrhundert nicht gelöst
werden, und sie ist immer noch eine Quelle bitterer Auseinandersetzungen im
Kongreß. Der gegenwärtige Kompromiß, der von einem Vermittlungsausschuß des
Repräsentantenhauses und des Senats erarbeitet wurde, würde die Kontrollen
im Laufe der nächsten sieben Jahre allmählich aufheben. Der Vorschlag stößt
jedoch auf keiner Seite so recht auf Gegenliebe, und eine scharfe Auseinandersetzung darüber ist in beiden Häusern des Kongresses zu erwarten. Sollte
die Frage in diesem Jahr nicht gelöst werden können, so räumte Minister

- 2 -

�Minister Schlesinger ein, dann sei sie wahrscheinlich gestorben, oder doch
für mehrere Jahre auf Eis gelegt.
Der Bericht des Vermittlungsausschusses über die Freigabe der Erdgaspreise dürfte Anfang September behandelt werden, wenn der Kongreß nach seiner
Sommerpause die Arbeit wieder aufnimmt. Sollte er verabschiedet werden, dann
dürften nach Ansicht Schlesingers die Produzenten in Texas und Louisiana ermutigt werden, genug Erdgas auf dem Binnenmarkt zu bringen, um damit 500 000
Barrel öl pro Tag zu ersetzen.

Das würde im Jahr eine Einsparung von 2,5 Mil-

liarden Dollar an Importöl bedeuten.
Ohne eine solche Gesetzgebung, so betonte der Energieminister, würde
der amerikanische Bedarf an Energie weiter anhalten, und die ölimporte würden wahrscheinlich im nächsten Jahr erheblich ansteigen. Die Gesamtkosten
für importiertes öl könnten sich dann nach Schätzungen Schlesingers auf
50 Milliarden Dollar oder mehr belaufen.
Das ursprüngliche Zielt der Carter-Administration war es, täglich
4,5 Millionen Barrel öl einzusparen. Ob der Präsident eigene Maßnahmen
treffen werde, wenn der Kongreß dieses Ziel nicht einhalte, wollte ein
Journalist wissen. Die Antwort Schlesingers: "Das ist absolut richtig".

+ + + + +

- 3 -

�1
I

UUi//cn/choft
und Technik
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30. August 1978

21

ENERGIE DER STERNE
US-Institut meldet Fortschritt auf dem Weg zur kontrollierten Kernfusion

- (AD) - In den schon vor einem Vierteljahrhundert begonnenen Versuchen,
die energieliefernden Prozesse der Sonne nachzuahmen, sind amerikanische
Wissenschaftler einen wesentlichen Schritt vorangekommen. Im Institut für
Plasmaphysik der Universität Princeton (New Jersey) wurden zum ersten Mal
drei Grundbedingungen für eine sich selbst erhaltende Kernverschmelzungsreaktion für kurze Zeit erfüllt: Hohe Temperaturen bei gleichzeitiger Erhaltung
von Stabilität und Dichte des Plasmas.
Bei dem Arbeitsmedium, dem sog. Plasma, handelt es sich um ein infolge
hoher Temperaturen vollständig ionisiertes Gas aus elektrisch positiv und
negativ geladenen Teilchen, die das physikalische Verhalten des Gases im
wesentlichen bestimmen. Eine Verschmelzung der Kerne leichter Atome in einer kontrollierten Kettenreaktion (Gegenstück zur Spaltung schwerer Atome
wie der des Urans in den Reaktoren der heutigen Atomkraftwerke) wird theoretisch möglich, wenn die Abstoßungsenergie elektrisch positiv geladener
Atomkerne durch hohe Bewegungsenergie der Teilchen überwunden wird, so daß
Kerne wie die des Wasserstoffs bzw. seiner Isotope Deuterium und Tritium
miteinander verschmelzen und Kerne eines schwereren Atoms, z.B. Helium, bil-

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�bilden.

Dabei wird "Kernenergie" in der Form der kinetischen Energie ab-

gespaltener Kernpartikel - meist Neutronen - freigesetzt.

Es erwies sich technisch als ungemein schwierig, Verfahren und Apparaturen zu entwickeln, die bei geeigneter "Zündenergie" die optimale Arbeitstemperatur für eine sich selbsttätig fortsetzende Fusions-Kettenreaktion ergeben, ohne daß die Plasma-Partikel streuen oder "ausbrechen" und so den Prozeß zum Abbruch bringen.

Sie müssen - z.B. durch bestimmte Formgebung für

die Reaktionskammer und Anordnung sowie Stärke von Magnetfeldern - in gleichbleibend hoher Dichte gehalten werden und ihre Fusionsenergie unter kontrollierbaren Bedingungen abgeben.

Werden diese Voraussetzungen erfüllt, ist damit

zu rechnen, daß man 180mal mehr Energie aus dem Prozeß herausholen kann, als
in ihn hineingesteckt werden muß.

Eine der Energiequellen von Sonne und Ster-

nen wäre damit auf der Erde nutzbar gemacht.

Den "Rohstoff" könnte man aus

den Weltmeeren beziehen, wo er praktisch unbegrenzt vorhanden ist.

Aber die Forschung ist über das Experimentierstadium noch nicht hinausgekommen.

Aus einer Vielzahl von Versuchsgeräten haben sich jedoch inzwischen

einige Systeme als vielversprechend herauskristallisiert, von denen wiederum
der ursprünglich von sowjetischen Forschern entwickelte Reaktortyp "Tokamak"
am weitesten forgeschritten ist.

Der "Princeton Large Torus" (PLT), mit dem

während der jüngsten Versuchsserie 60 Millionen Grad bei 1/50 Sekunde stabiler Dichte des Plasmas erzielt wurden, gehört dazu.

Es ist nahezu das Vier-

fache der Temperaturen, mit denen die Sonne in ihrem Innern "arbeitet", und
erheblich mehr als die Mindesttemperatur von 44 Millionen Grad (C), die - bei
einem ausreichend großen Reaktor - für die fortlaufende Abgabe von Fusionsenergie erforderlich wäre.

Im Zeitraum von 1/10 Sekunde verschmolzen bei dem

Experiment ca. sieben Milliarden Wasserstoffkerne miteinander.

Gegenüber den Ergebnissen früherer Versuchsserien - im Dezember 1977
war man schließlich auf 25 Millionen Grad gekommen, 1970 hatten sich die Forscher noch mit 5 Millionen Grad begnügen müssen - bedeuten die neuen Resultate
einen enormen Fortschritt.

"Unsere Theorien zum System Tokamak haben sich

- 2 -

�sich als richtig erwiesen", meint Institutsdirektor Dr. Melvin B. Gottlieb.
"Wir sind auf dem richtigen Weg".

Ein Schlüssel zum Erfolg war nach Ansicht des Forscherteams - an der
Spitze Dr. Gottlieb, Dr. Harold P. Fürth, Dr. Wolfgang Stodiek und Dr. Harold
Eubank - die "neutrale Strahlinjektion" mit vorbeschleunigten Deuteriumatomen aus mehreren Einschuß-Systemen nach einem Verfahren, das am Nationallaboratorium Oak Ridge (Tennessee) entwickelt worden war.

Außerdem hatte man

den Werkstoff für bestimmte Teile der Vakuumkammer kurzfristig gegen einen
anderen ausgetauscht und Kohlenstoff statt Wolfram benutzt.

Dadurch wurde

der Wärmeverlust reduziert.

Die jüngste Serie von Experimenten führte zu wichtigen Erkenntnissen
darüber, wie Plasma-Partikel bei derart hohen Temperaturen in einer TokamakVersuchsanordnung reagieren.

Befürchtete Instabilitäten blieben aus. Auf

der Grundlage dieser Versuche errechneten die Wissenschaftler, daß die Mindestgröße für einen Kraftwerks-Fusionsreaktor kaum mehr als das Zwei- bis
Dreifache des PLT-Geräts betragen müsse.

Es ist seiner äußeren Form nach

einem Autoreifen ähnlich, mißt 3 m im Durchmesser, ist 90 cm hoch, von Magnetspulen umgeben und besteht aus einer äußeren und inneren Ringstruktur.

Der

Innenbehälter nimmt die Wasserstoffatome auf, die aufgrund ihrer elektrischen
Ladung durch Magnetfelder gesteuert werden können.

Die magnetischen Kräfte

verhindern, daß die Atomkerne mit der Mantelwandung kollidieren.

Denn da-

durch würde nicht nur das Plasma "verschmutzt", sondern es ginge auch Bewegungsenergie verloren, die zur Aufrechterhaltung der "Arbeitstemperatur" für
Fusionsreaktionen notwendig wäre.

Ein Testreaktor doppelter Größe, der "Tokamak Fusion Test Reactor"
(TFTR) ist bereits in Bau und soll 1981 in Betrieb genommen werden.
scheint geeignet, Fusionsenergie kontinuierlich zu erzeugen.

Er er-

Wegen der zahl-

reichen noch zu bewältigenden Probleme - z.B. Produktion von Tritium, bauund werkstofftechnische Fragen, nicht zuletzt Finanzierung der kostspieligen
Entwicklungen - ist jedoch frühestens in etwa 20 Jahren mit der Inbetrieb-

- 3-

�•

Inbetriebnahme eines Demonstrationskraftwerks zu rechnen.

Das erste kommer-

zielle Fusionskraftwerk dürfte dann weitere 25 Jahre auf sich warten lassen.
Denn bei der Nutzbarmachung der Fusionsenergie "handelt es sich um die komplizierteste technische Entwicklung, die je für nicht-militärische Zwecke in
Angriff genommen wurde."
Vom Vorteil der Versorgung mit "Rohstoff" einmal abgesehen, wäre Fusionsenergie wesentlich umweltfreundlicher als Energie auf der Basis von Atomspaltung.

Zwar entsteht auch bei diesem Verfahren Radioaktivität. Aber der Ab-

fall kann nicht zu Bomben verarbeitet werden.

Das einzige radioaktive "Pro-

dukt", die Reaktorwandung, ist sehr viel einfacher zu behandeln als beispielsweise ein Satz von Hunderten von BrennstoffStäben aus einem herkömmlichen
Atomkraftwerk.
Bei einigen früheren Tokamak-Experimenten waren bereits höhere Einschlußzeiten und Plasmadichten, aber noch nicht so hohe Temperaturen erzielt worden. Mit sog. Spiegelmaschinen, einer anderen Entwicklungslinie für Fusionssysteme, kam man sogar auf mehrere Hundert Millionen Grad. Aber wegen der
Plasmaverluste am Ausgang der (linearen) Spiegelmaschine sind die im Tokamakund Spiegelgerät erreichten Temperaturen nicht miteinander vergleichbar.
Alles in allem verwenden die Vereinigten Staaten z.Zt. 330 Millionen
Dollar pro Jahr für die Fusionsforschung auf, die auch in einer Anzahl anderer Länder fester Bestandteil der Forschungs- und Entwicklungsprogramme
ist. Hier handelt es sich um ein Gebiet, auf dem Wissenschaftler zahlreicher
Nationen eng zusammenarbeiten. Am Plasma-Institut von Princeton z.B. sind
gegenwärtig Gastforscher aus England, Italien, Japan, Frankreich und der
Sowjetunion tätig.

+ + + + +

- 4 -

�Wi//cn/chaft
\3Mi Technik

I

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30. August 1978

21

BOTEN AUS FERNEN REGIONEN DES SONNENSYSTEMS
• Bisher unbekannte Meteoritenart entdeckt -

- (AD) - Mehr als 300 Meteoriten oder Meteoritenbruchstücke betrug die
Ausbeute einer amerikanisch-japanischen Forschergruppe im Dezember 1977 und
Januar 1978 bei Expeditionen in Blaueisgebiete der Antarktis. Die Theorie
von Dr. William Cassidy, Professor der Geologie an der Universität Pittsburgh,
hatte sich als richtig erwiesen, daß Meteoritenfälle in der Antarktis vor
allem dort bloßliegen müßten, wo das langsam zum Meer abfließende Eisschelf
gegen das transantarktische Gebirge drückt, sich dadurch anhebt und Schneemassen auf der uneben gewordenen Oberfläche durch Winderosion leichter abgetragen werden. So kommt allmählich das bläulich schimmernde Alteis zum Vorschein, auf dem sich, konserviert durch Kälte und Trockenheit über Jahrmillionen, Meteoriten seit ihrem Fall durch die Lufthülle der Erde praktisch
unverändert erhalten haben.

Zeugen aus der Urzeit
Um die Fundstücke auch nach der Entdeckung durch den Menschen vor irdischer Kontamination zu schützen, wurden sie von den Forschern mit äußerster
Sorgfalt verpackt und in tiefgekühlten Behältern, unter Luftabschluß in

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�in Stickstoffatmosphäre gehalten, zum Mondgestein-Laboratorium der NASA
nach Houston (Texas) zur Untersuchung geschickt.

Die Vermutung, daß sich

auch zwei Kohlenstoff-Chondrite darunter befinden könnten, wurde bei der
Veröffentlichung erster Ergebnisse im Juni 1978 bestätigt.
Auf der ganzen Erde sind zuvor nur 15 Meteorite dieser Klasse identifiziert worden.
arktis.

Jedoch war keiner so gut erhalten wie der Fund aus der Ant-

Die Meteoriten vom Typ II der Kohlenstoff-Chondrite sind für die

Wissenschaft deshalb so interessant, weil sie vermutlich zur ältesten Materie im Sonnensystem gehören und, da sie in 4,5 - 4,6 Milliarden Jahren
keine Veränderungen mehr durchgemacht haben dürften, Auskunft über die Beschaffenheit der "primitiven" Materie geben können.

Einige der zuvor auf-

gefundenen 15 Exemplare enthalten Aminosäuren, die vermutlich nicht-biologischen Ursprungs sind und deshalb aus außerirdischen Regionen stammen müssen.

Das läßt darauf schließen, daß es auch in anderen Teilen des Sonnen-

systems zur Bildung komplexer organischer Verbindungen kommt.

Der inzwischen

in einer Anzahl von Instituten untersuchte Kohlenstoff-Chondrit (noch seltener ist übrigens der Typ I, der noch leichter als Typ II beim Eintritt
in die Erdatmosphäre und durch Verwitterung zerstört werden kann) enthält
relativ viel Wasser und Kohlenstoff, dürfte also aus einer "kühlen" Region
unseres Sonnensystems gekommen sein.

Eine neue Klasse von Meteoriten
Ein weiteres Exemplar der Meteoriten-Ausbeute von der letzten antarktischen "Saison" erwies sich sogar als Vertreter einer bisher unbekannten
Klasse. Dies gab Dr. Brian Mason vom Department für Mineralien der
Smithsonian Institution am 21. August auf einer Pressekonferenz in Washington
bekannt. Zwar besitzt der Meteorit eine gewisse Ähnlichkeit mit zwei Arten
von Achondriten - nämlich mit dem Chassignit, der fast vollständig aus Olivin
besteht, und mit Diogenit, dessen Hauptbestandteil Pyroxen ist. "Aber er
hat eine völlig andere Zusammensetzung", so Dr. Mason. "Meines Erachtens

- 2 -

�Erachtens haben wir es hier mit einer ganz neuen Klasse von Achondriten
zu tun."

Achondriten haben, mehr als andere Meteoriten, große Ähnlichkeit

mit irdischem Tiefengestein.
Das von Dr. Mason untersuchte Exemplar besteht zu 55 Prozent aus Olivin,
zu 35 Prozent aus Pyroxen und zu acht Prozent aus Maskelynit.

Bei Olivin

und Pyroxen handelt es sich um Eisen-Magnesium-Silikate, die in Meteoriten
wie in irdischem Gestein reichlich vorhanden sind.

Maskelynit ist ein Feld-

spat, der unter der Einwirkung einer Stoßwelle eine Umwandlung in einen
glasigen, nicht-kristallinen Zustand durchgemacht hat.

Diese Umwandlung

müßte nach Ansicht der Mineralogen im außerirdischen Raum bei einem Druck
von Hunderttausenden von Atmosphären vor sich gegangen sein.

Möglicherweise

war der Meteorit Teil eines durch irgendwelche äußere Einwirkungen aufgebrochenen Asteroiden aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter.

- 3 -

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und Technik
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21

30. August 1978

NEUES FÜR DIAGNOSE UND THERAPIE BEI LUNGENERKRANKUNGEN

- (AD) - Blutungen und Verstopfungen von Blutgefäßen in der Lunge
lassen sich sicher und relativ einfach mit einem Gerät erfassen, das z.Zt.
von Wissenschaftlern der Universität Kalifornien für Reihenuntersuchungen
erprobt wird. Mit Hilfe der Maschine wird der Weg eines Testgases - Kohlenmonoxid (CO) in ungefährlicher Konzentration - durch die Lungen verfolgt.
Dabei lassen sich Bereiche lokalisieren, wo der Blutstrom z.B. durch
Embolus-Bildung blockiert oder durch Austreten von Blut unterbrochen wird.
Die Messung erfolgt über ein Infrarotsystem,mit dem man die Aufnahme des
inhalierten CO-Gases und somit die Größe und Funktionsfähigkeit des Blutgefäßnetzes ermittelt. Gesunde wie geschädigte Bereiche werden auf einem
Bildschirm sichtbar gemacht.
über Einzelheiten des Verfahrens berichtete Dr. Carl Hallenborg vom
Institut für Herz- und Kreislaufforschung der Universität von Kalifornien
in San Francisco auf einer gemeinsamen Tagung der "American Lung Association"
und der "American Thoracic Society" Anfang Mai 1978 in Boston. Er hatte
zusammen mit William Holden, Thomas Menzel und Robert Dozor unter der Leitung

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�Leitung von Prof. Jay Nadel die neue Testmethode entwickelt.

Bei Unter-

suchungen an mehr als 100 Patienten zeigte sich, daß mit diesem Test z.B.
auch Lungenemphysem, eine Funktionsschwäche bis Funktionsunfähigkeit der
Lungenbläschen als Folge verschiedener Ursachen, schon in einem frühen
Stadium erkannt werden kann.
In den USA gibt es jährlich etwa 500 000 Fälle von Lungenembolie - für
50 000 Patienten mit tödlichem Ausgang.

Laut Hallenborg dürfte die tatsächliche

Häufigkeit wesentlich größer sein, da bei 25 Prozent der Autopsien, die nach
Todesfällen mit der Diagnose "Herzinfarkt" oder "Infektion" vorgenommen wurden,
eine Lungenembolie festgestellt wurde.

Nur bei 10 Prozent der Patienten, die

in den Vereinigten Staaten im Jahr 1977 an Lungenembolie starben, war zuvor
eine Gefährdung durch die vielfach symptomlos verlaufende Erkrankung festgestellt worden.
Wichtig ist, daß mit dem neuen CO-Inhalationstest zwischen Embolie und
Blutungen in der Lunge unterschieden werden kann. Denn Blutungen könnten
beispielsweise als Nebenwirkungen von Präparaten auftreten, die zur Krebsbekämpfung eingesetzt werden und die natürliche Immunität des Patienten
reduzieren. Durchane sichere, exakte Diagnose würden von vornherein
solche Patienten von einer Chemotherapie ausgenommen, bei denen bereits
Lungenblutungen auf Grund anderer Ursachen aufgetreten sind. Gegenwärtig
ist die Standarddiagnose dafür eine Lungenbiopsie, die aber zu einem Lungenk o n aps oder zu neuen Blutungen führen kann.
Das Inhalationsgerät mit Meßausrüstung, eine Entwicklung der Andros
Corporation, dürfte in etwa zwei Jahren auf dem Markt für medizinische
Geräte und damit für die ärztliche Praxis verfügbar sein.

Die Forschungs-

arbeiten werden vom öffentlichen Gesundheitsdienst der USA und den
medizinischen Bundesforschungsanstalten (NIH) unterstützt.

Die Diagnose und Therapie von Lungenkrebs im Anfangsstadium erleichtert

- 2 -

�erleichtert ein Instrument, das von Daniel R. Doiron unter der Leitung von
Prof. A. Edward Profio am Department für Chemo- und Nukleartechnik der Universität von Kalifornien in Santa Barbara entwickelt wurde. Mit Hilfe dieser
Methode ist es möglich, Krebsgeschwülste in der Lunge zu erfassen, wenn sie
nur zehn Zellen dick sind und wenige Millimeter Durchmesser haben- Tumore,
die auf Röntgenbildern gar nicht in Erscheinung treten.

Wird aber Lungenkrebs

schon im Frühstadium entdeckt, sind die Heilungschancen um ein Vielfaches
größer.
Der Schlüssel zu dem neuen Verfahren ist Hämatoporphyrin, ein Abbauprodukt der Hämoglobins, das nunmehr über chemische Verfahren aus Hämoglobin
gewonnen wird. Aus einem noch nicht bekannten Grund konzentriert sich das
dem Körper injizierte Hämatoporphyrin in malignen Zellen, nicht aber in
normalen Zellen. Es besitzt auch die nützliche Eigenschaft, unter Lichteinwirkung zu fluoreszieren. Ingenieure von der Universität Santa Barbara bauten
ein herkömmliches Bronchoskop in der Weise um, daß das Violettlicht einer
Quecksilberlampe über eine Glasfiberoptik zur direkten Betrachtung der
Bronchienwege benutzt werden kann. Da jedoch das mit dem Lichteinfall erzeugte Fluoreszenzlicht äußerst schwach ist, koppelten sie das Instrument
mit einem Lichtverstärker, wie er für Polizei- und Militärzwecke in Serie
gebaut wird. Die Apparatur ist an einen Leuchtschirm angeschlossen. Auf
diesem erscheint z.B.»sobald bei der Untersuchung eine Ansammlung maligner
Zellen ins Blickfeld der Sonde kommt, ein winziger grüner Punkt. Der Arzt
macht sich eine Notiz und dringt mit dem Bronchoskop noch tiefer in das
Labyrinth der Luftwege ein. Wieder erscheint auf dem Schirm ein grüner Punkt,
dieses Mal größer als der erste, mit winzigen fadenähnlichen Ausläufern.
Vieles spricht für die Vermutung, daß es sich um ein Krebsgeschwulst handelt,
von der es bereits Absiedlungen gibt.
Mediziner haben herausgefunden, daß Hämatoporhyrin nicht nur fluoresziert,
sondern in Anwesenheit von Licht auch eine chemische Reaktion auslöst, durch
die bösartige Tumorzellen sogar zerstört werden.

Eine Therapie auf der Basis

dieser photochemischen Reaktionen wurde inzwischen am Roswell Park Memorial

- 3 -

�/

Memorial Institute in Buffalo (US-Bundesstaat New York) versuchsweise erprobt - mit verheißungsvollen Ergebnissen, wie Prof. Profio berichtet.
Sie ist jedoch noch nicht so durchentwickelt, um bereits allgemein angewandt
werden zu können.
"Unsere Aufgabe ist es jetzt", so Dr. Profio, "mit den Mitteln der
quantitativen Physik und der Technik das Problem der Krebs-Früherkennung
lösen zu helfen.

Das Verfahren wurde schon früher angewandt, aber man wußte

eigentlich nicht genau, was man damit in die Hand bekam.

Es bedurfte eines

eher technischen Weges, um das Problem präzise zu definieren und die Leistung
sämtlicher Komponenten des Systems auf den bestmöglichen Stand zu bringen."
Bei Verdacht auf Lungenkrebs wird normalerweise eine zytologische Untersuchung des Sputums vorgenommen - ein Verfahren, mit dem Lungenkrebs zu etwa
50 % erfaßt werden kann. Die Methode saqt jedoch nichts darüber aus, wo der
Tumor sitzt. Krebsgeschwülste in entfernten Regionen der Lunge bleiben unentdeckt. Bei Anwendung des neuen Instruments dürfte sich dies ändern. Die
Wissenschaftler beabsichtigen, die Quecksilberlampe durch einen Laser zu ersetzen, der Licht nöherer Intensität erzeugt. Dieses Licht würde größere
Gewähr dafür bieten, daß die Krebszellen mit Sicherheit zerstört werden.

+ + + + +

- 4 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Richardson umreißt Ziele der Seerechtskonferenz aus amerikanischer Sicht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Erklärung vom 21. August 1978 -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Verteidigungsminister unterstützt Carters Verteidigungskonzeption&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Washington rechnet mit Energiegesetz für Anfang 1979&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- von John Holway -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Energie der Sterne&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Institut meldet Fortschritt auf dem Weg zur kontrollierten Kernfusion&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Boten aus fernen Regionen des Sonnensystems&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Bisher unbekannte Meteoritenart entdeckt-&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; Neues für Diagnose und Therapie bei Lungenerkrankungen</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
4

'VON

30. August 1989

33

I N H A L T

DOKUMENTATION
Bushs Glückwünsche an den neuen polnischen Premierminister
- Erklärung des Präsidenten zu Polen -

HINTERGRUND
Zwe1 Weltkriege und ihre Lehren
- Von Paul H. Nitze -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Letzte Station; Neptun
- VOYAGER 2 seit zwölf Jahren Kundschafter im Sonnensystem

* * * * *

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�AMERIKA DIENST
'VON

Dokumentation

**

33

30. August 1989

BUSHS GLÜCKWÜNSCHE AN DEN NEUEN POLNISCHEN PREMIERMINISTER
- Erklärung des Präsidenten zu Polen -

KENNEBUNKPORT -(AD) - Bei einer Ansprache im Jachthafen von Kennebunkport
am 24. August 1989 übermittelte Präsident Bush dem neuen polnischen Premierminister seine Glückwünsche und besten Wünsche für sein Amt. Dem Präsidenten
zufolge werden wir in Europa Zeuge "eines faszinierenden Wandels .. . der sich
so rasch vollzieht, daß er noch vor sieben Monaten nicht absehbar gewesen wäre, als ich Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Der Präsident brachte in
einem Glückwunschschreiben seine "uneingeschränkte Unterstützung" für Tadeusz
Mazowiecki als neuem Premierminister zum Ausdruck, "bei dem Versuch, sein Land
wirtschaftlicher Gesundung und demokratischem Wandel zuzuführen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Ich möchte Herrn Mazowiecki meine
Glückwünsche zu seiner Wahl zum Premierminister
von Polen
aussprechen
und ihn unserer uneingeschränkten Unterstützung versichern bei dem Versuch, sein Land wirtschaftlicher Gesundung und demokratischem Wandel zuzuführen.
Darüber hinaus möchte ich
Staatspräsident Jaruzelski zu seiner
politischen Weitsicht bei der Unterstützung einer Regierung beglückwünschen, die den echten Willen des polnischen Volkes widerspiegelt und die
Solidarität - unter der Führung von
Lech Walesa - zu ihrer konstruktiven
Rolle bei diesem neuen Anfang in Polen.
Seit der Vereinbarung am Runden
Tisch vom vergangenen April ist Polen
den Weg demoratischer Veränderungen

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gegangen. Die Wahl im Juni, die Einberufung des neuen polnischen Parlaments, die Wahl von General Jaruzelski zum Staatspräsidenten und jetzt
die Wahl von Tadeusz Mazowiecki zum
Premierminister sind weitere dramatische Signale eines historischen Prozesses.
Diese Entwicklungen bergen
nicht
nur
das
Versprechen
eines
friedlichen demokratischen Übergangs
in Polen sondern auch eines umfassenderen Prozesses europäischer Aussöhnung zu einem ungeteilten und freien
Europa.
Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Abkommens am Runden Tisch
zwischen der polnischen Regierung und
der Solidarität habe ich in meiner
Rede in Hamtramck die Unterstützung
der Vereinigten Staaten bei den wirt-

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�schaftlichen und politischen Reformen
in Polen zugesichert.
Bei Besuchen
in Warschau und Danzig im vergangenen
Monat haben wir diese Unterstützung
bekräftigt und Hilfsmaßnahmen angekündigt. Das polnische Volk und seine neue Regierung können bei der Bewältigung der vor ihnen liegenden
ernsten wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen unserer kontinuierlichen
Unterstützung
gewiß
sein.

* * * * *

�«fc°s&gt;&lt;

VON

AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

*

30. August 1989

33

ZWEI WELTKRIEGE UND IHRE LEHREN
- Von Paul H. Nltze -

WASHINGTON - (AD) - Der Autor hat von Anbeginn des Zweiten Weltkriegs nahezu fünfzig Jahre lang wichtige Posten in der amerikanischen Regierung innegehabt und der Reagan-Administration als ChefUnterhändler bei den START-Verhandlungen gedient.

Eine der Hauptaufgaben eines Kulturkreises besteht darin, auf die
Lehren der Geschichte sensibel und
aufgeschlossen zu reagieren, weil das
der Schlüssel zum Überleben dieses
KuLturkreises sein kann. Am 1. September jährt sich der Ausbruch des
Zweiten Weltkriegs zum fünfzigsten
Mal - und der Erste Weltkrieg brach
vor etwa 75 Jahren aus. Welche Lehren hat die Welt aus ihren Erfahrungen mit diesen beiden großen Fehlschlägen staatsmänniscben Handels gezogen?
Ein großer Teil der Veröffentlichungen über den Ersten Weltkrieg
beschäftigt sich mit dem Schuldigen
an diesem Krieg.
Die weitaus interessantere Frage lautet jedoch, ob es
möglicherweise ein destabilisierendes

strukturelles Moment im militärischen
Gefüge der damaligen Mächte war, das
es seinen Politikern unmöglich machte, zu verhindern, daß eine ernste
politische Krise unkontrollierbar ihren Lauf nahm und in einen allgemeinen Krieg mündete.
Ein solches Moment - die Notwendigkeit für vergleichsweise schnelle
Mobilisierung von Streitkräften - war
tatsächlich
der Struktur militärischer Planungen und Streitkräfte der
wichtigsten
Teilnehmer
am
Ersten
Weltkrieg immanent.
Wenn eine der
führenden Mächte mobilisierte, würde
eine Kettenreaktion ausgelöst und eine rivalisierende und nicht aufzuhaltende Mobilisierung aller Streitkräfte nach sich ziehen. Als Folge ergab
sich eine militärisch instabile Si-

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�tuation, in der es nur noch der Entzündung eines Funkens bedurfte, um
einen
unkontrollierbaren
Großbrand
hervorzubringen.
Dieser Funken wurde am 28. Juni
1914 mit der Ermordung des österreichischen Großherzogs durch Serben
in Sarajewo entfacht.
Österreich
stellte an Serbien umfangreiche Forderungen, die das von den Russen unterstützte
Serbien nicht erfüllen
wollte. Daraufhin begann Österreich
seine Streitkräfte zu mobilisieren,
was bei den Russen zu einer Mobilisierung an der Nordgrenze führte.
Daraufhin verfügte Deutschland die
allgemeine Mobilmachung.
Frankreich
sah sich zu einer Reaktion veranlaßt
- und damit war das Feuer außer Kontrolle geraten.
Der Erste Weltkrieg hatte ungeheure Konsequenzen.
Frankreich und Großbritannien waren wirtschaftlich und politisch ausgebrannt, ihre Weltreiche bestanden
noch, erwiesen sich aber eher als Belastung denn als Stütze. Die Reiche
der Österreicher und Türken waren
zerstört. Deutschland war zu einem
kleineren, wirtschaftlich verkümmerten und politisch instabilen Staat
geworden.
Rußland wurde jetzt von
einer marxistisch-leninistischen Führung regiert.
Die unsachgemäße Handhabung des
Friedens nach dem Krieg führte zu ungerechten,
willkürlich
gezogenen
Grenzen und instabilen wirtschaftlichen und militärischen Vereinbarungen. Damit wurde ein Prozeß eingeleitet, der ebenso unweigerlich in
den Zweiten Welkrieg führte, wie dies
bereits vor dem Ersten Weltkrieg der
Fall gewesen war.
Die Vereinigten Staaten gingen
als stärkste Weltmacht aus dem Krieg
hervor.
Aber aufgrund der fehlgeschlagenen Friedensverhandlungen nahmen sie entscheidende zehn Jahre lang
von einer aktiven Rolle in der Weltpolitik Abstand.

Die von Präsident Woodrow Wilson
in seiner Rede im Kongreß am 8. Januar 1918 vorgestellten 14 Punkte versprachen eine Nachkriegzeit mit Einschränkungen und vernünftiger Gerechtigkeit für die überlebenden - Sieger
und Verlierer gleichermaßen - des Ersten Weltkriegs. Aber Wilson wurde
krank, vom Kongreß abgelehnt und von
den Siegermächten in Europa ausmanövriert. Die den Besiegten auferlegten Bedingungen waren so hart und ungerecht, daß sie unweigerlich in eine
wirtschaftliche
Katastrophe
münden
und den Ruf nach Rache laut werden
lassen mußten.
Darüber hinaus lenkte die zehn
Jahre nach dem Krieg ausgebrochene
Große Depression die Aufmerksamkeit
stärker auf Probleme in Wirtschaft
und Handel als auf militärische und
strategische Fragen.
Ein schwacher
Völkerbund kämpfte auf ineffektive
Weise mit gegenwärtigen Weltproblemen, eine langfristige weltpolitische
Strategie lag brach.
Mit dem Aufstieg Hitlers änderte
sich alles.
Nach dem Angriff Stalins auf
Finnland und dem darauf folgenden
Nichtangriffspakt mit Hitler wurde
die Lage schnell für diejenigen hoffnungslos, die sowohl den Zweiten
Weltkrieg
als
auch
ein
HitlerDeutschland mit einer unanfechtbaren
Vorherrschhaft über Westeuropa vermeiden wollten. Sie entchieden sich
für Krieg.
Als Hitlers erster Angriff von
den Russen zurückgeschlagen und eine
Niederlage für ihn und die Briten immer wahrscheinlicher wurde, machten
sich Washington und die anderen Verbündeten mehr Gedanken über den Frieden und die Bedürfnisse der Welt in
der Nachkriegszeit.
Bei der Konferenz von Bretton Woods erarbeiteten
Diplomaten und Wirschaftsexperten die
Grudlagen für eine Weltbank und einen
Internationalen Währungsfonds.
Später wurde ein Allgemeines Zoll- und
Handelsabkommen ausgearbeitet.

�Diese drei Institutionen sollten
Kredite für einen enormen weltweiten
Anstieg von Produktion und Handel gewähren, relative Stabilität schaffen,
damit die Währungen der verschiedenen
Handelsländer und Blöcke konvertierbar wurden und gegen Zölle und Vereinbarungen vorgehen, die mit Hilfe
des Handels einer Ländergruppe gegenüber einer anderen unfaire Vorteile
verschaffen könnten.
Intensive Arbeit wurde bei der
Konferenz von Dumbarton Oaks am Entwurf einer Organisation der Vereinten
Nationen geleistet, die größere Entscheidungsbefugnis
und
mehr
Handlungsspielraum haben sollte als der
Völkerbund.
Um den vom Krieg am meisten zerstörten Ländern beim Wiederaufbau ihrer Fabriken und ihrer Infrastruktur
zu
helfen,
schlug
Außenminister
George Marshall - mit Zustimmung des
Kongresses - ein umfangreiches gemeinsames Programm vor, das der unmittelbaren Notwendigkeit des europäischen
Wiederaufbaus
entgegenkam.
Der Marshallplan übertraf mit seinem
Erfolg alle Erwartungen.
Das schwierigste Problem bestand
darin, herauszufinden, was mit den
besiegten Deutschen, dem japanischen
Kaiser und dem japanischen Volk zu
geschehen hatte.
Es wurde die Meinung vertreten, sie sollten nicht nur
als frühere Feinde, sondern als potentielle künftige Gegner betrachtet
werden und deshalb nicht die Möglichkeit zum Wiederaufbau erhalten. Eine
andere Auffassung besagte, ein Anfang
sollte gemacht werden, um sie wieder
in die Staatengemeinschaft einzugliedern.
Die
unnachgiebigere
Gruppe
siegte in den politischen Kämpfen,
aber im Lauf der Durchfuhrungsphase
war die konstruktivere Gruppe erfolgreich.
Ein Frieden mit Strafmaßnahmen wurde vermieden.
Die amerikanische Nachkriegspolitik durchlief zwei Phasen.
Während
der bis Februar 1947 dauernden Phase

gründete sich diese Politik auf den
Versuch einer Fortsetzung des Kriegsbündnisses mit der Sowjetunion in
Friedenszeiten im Vertrauen darauf,
daß dieses Bündnis die Vereinten Nationen zu den ursprünglich für sie
bestimmten
Aufgaben
zurückzuführen
und dann im Vertrauen darauf, daß
Großbritannien sich wie vor dem Ersten Weltkrieg weiterhin mit den Einzelheiten
der Weltordnung
befassen
würde. Als sich beide Elemente dieses Ansatzes als nicht praktikabel
erwiesen, wurde die zweite Phase der
Nachkriegspolitik
eingeleitet.
Sie
forderte sehr viel mehr Initiative,
Verantwortungsbewußtsein
und
FUhrungskraft von den Vereinigten Staaten.
Im Rahmen dieser überarbeiteten
Politik wurde den Vereinigten Staaten
die Führungsrolle bei der Schaffung
einer neuen Weltordnung zugewiesen.
Diese Ordnung würde politische, wirtschaftliche und militärische Aspekte
umfassen.
Innerhalb dieser Ordnung
hätte jedes Volk und jede Nation einen angemessene Platz, einschließlich
der Sowjetunion und ihren Vasallen,
falls sie sich zur Zusammenarbeit
entschließen.
Sollten die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten jedoch
die Schaffung einer solchen Ordnung
bekämpfen, wäre es Aufgabe der Vereinigten Staaten, den von Aggression
bedrohten Staaten bei der Verteidigung dieser Ordnung Beistand zu leisten.
Bei der Schaffung des neuen Systems wurde der Versuch unternommen,
die entscheidenden Lektionen zu berücksichtigen, die zur Katastrophe
der beiden Weltkriege geführt hatten. Die besiegten ehemaligen Gegner
wurden erneut in die Staatengemeinschaft aufgenommen und erhielten die
Gelegenheit,
ihr
politisches
und
wirtschaftliches Potential voll und
ganz auszuschöpfen.
Die von dem amerikanischen Diplomaten George Kennan
vorgeschlagene
Containment-Politik wurde im Rahmen

- 3-

�eines allgemeinens Systems gemeinsamer Sicherheit auf der Grudlage der
Charta der Vereinten Nationen entwikkelt.
Und als offensichtlich wurde,
daß die Sowjetunion ihre Verpflichtungen gemäß der Charta weder einhalten noch durchführen würde, gründeten
die Vereinigten Staaten und die Mehrzahl der europäischen nichtkommunistischen
Nationen die Organisation
des Nordatlantikvertrags (NATO) zur
Bewahrung ihrer Sicherheit und zum
Aufbau einer militärischen Abschrekkung der sowjetischen Macht.
Dann wurde eine ernsthafte Rüstungskontrollpolitik entwickelt, die
darauf abzielte, mögliche Schwankungen im strukturellen Gefüge der Nuklearstreitkräfte auf der Welt zu beheben oder zu verhindern.
Gemeinsam mit den kontinuierlichen Bereitstellung und Modernisierung
der
Abschreckungsstreitkräfte
haben diese Maßnahmen zu dem beigetragen, was sehr leicht als radikale
Veränderung
des
sicherheitspolitischen Umfelds der Welt in die Geschichte eingehen könnte.
Noch sehr viele neue und schwierige Aufgaben sind zu bewältigen,
aber 50 Jahre später kann die Staatengemeinschaft stolz auf das Ausmaß
sein, in dem sie von den Fehlern und
Versäumnissen der beiden Weltkriege
gelernt hat und eine Wiederholung
wirksam verhindern.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
^TiaN ^

Wissenschaft und Technik

30. August 1989

17

LETZTE STATION: NEPTUN
- VOYAGER 2 seit zwölf Jahren Kundschafter im Sonnensystem
(AD) - "Die Sonde arbeitet bewundernswert. . .Sie tut genau das, was
wir ihr vorgegeben haben." Norman
Haynes,
Projektmanager
für
das
VOYAGER-Programm der NASA, fand sogar
am 24. August, dem Tag der größten
Annäherung und des Vorbeifluges der
amerikanischen
Forschungssonde
VOYAGER 2 am Planeten Neptun, Zeit
zum Gespräch mit Journalisten. Gespannt verfolgten alle Beobachter im
Jet Propulsion Laboratory (JPL - Pasadena, Kalifornien) den Ablauf der
Begegnung mit Neptun und, fünf Stunden später, mit dessen Mond Triton.
Das Doppel-Rendezvous war die letzte
Station und noch einma] ein Höhepunkt
der schon zwölf Jahre währenden Entdeckungsreise der Sonde zu den Großplaneten unseres Sonnensystems.
Am
20. August 1977 in Kap Canaveral ge-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

startet, hatte die Route zunächst zu
Jupiter (9.7.1979), weiter zu Saturn
(25.8.1981)
und
dann
zu
Uranus
(24.1.1986) geführt. Wie zuvor schon
VOYAGER 1, PIONEER 10 und PIONEER 11,
wird nun auch VOYAGER 2 das Sonnensystem verlassen.
Etwa sieben Milliarden Kilometer
hatte der Forschungsroboter seit seinem Start zurückgelegt, als er mit
nur 32 km Abweichung vom berechneten
Kurs in 4 860 km Abstand zur Wolkenobergrenze die Nordpolarregion des
Neptun passierte. Unter der vorausberechneten Einwirkung der Gravitationskraft
des
Planeten erfuhr er
gleichzeitig eine Kursänderung nach
Süden, die in den folgenden paar
Stunden die Beobachtung des Mondes
Triton aus ca. 39 800 km Entfernung

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�ermöglichte. Nie zuvor war die Sonde
einem Ziel ihrer Untersuchungen so
nahe gekommen. Verständlich, daß es
vor allem in der letzten Phase des
Anfluges für die Zeitplanung der
Funkbefehle auf Sekunden ankam - noch
dazu angesichts der Tatsache, daß die
Signale in einer Richtung vier Stunden und sechs Minuten benötigten und
somit bis zu einer Rückmeldung mehr
als acht Stunden vergingen.
Am frühen Morgen des 25. August
1989 verschwand VOYAGER 2 für über
eine Stunde hinter dem Neptun. Als
er aus dem Schatten des Planeten im
Süden wieder hervorkam, war die Erfassung seiner Funksignale während
ihres Durchgangs durch die Atmosphäre
samt den Veränderungen, die sie dabei
erfuhren, von besonderer Bedeutung.
Denn sie ergeben Hinweise auf die Zusammensetzung der Gashülle, in der
wegen der blaugrünen Färbung des im
Fernrohr nur undeutlich zu erkennenden Himmelskörpers u.a. Methan vermutet wird.
Nur wenige Funkmeßdaten wurden
sofort übermittelt. Die Masse ist,
ebenso wie die Daten zu den Programmpunkten "Ringsystem", "Tritonatmosphäre" sowie "Gravitationsfelder von
Neptun und Neptunmond Triton", auf
Band gespeichert, um erst in ein paar
Wochen abgerufen zu werden.
Wie
Prof. G. Leonard Tyler (Stanford-Universität), der Leiter dieser Teilprogramme im VOYAGER-Projekt, sagte,
werde die Ananlyse ohnehin Jahre in
Anspruch nehmen.
Daß auch Neptun ein Ringsystem
besitzt, brachten erst die zwei Tage
vor dem Rendezvous von VOYAGER 2 aufgenommenen Fotos an den Tag. Als erster wurde ein dünner, wohl aus
Staubteilchen bestehender geschlossener Ring in 27 300 km Abstand zur
Wolkenobergrenze entdeckt. Ein zweiter Ring könnte sich 10 000 km weiter
draußen befinden. Die Wissenschaftler sind sich noch nicht sicher, ob
auch er geschlossen ist, oder ob es
sich um mehrere Ringsegmente handelt.

Bisher war nämlich auf Grund ca.
10 Jahre zurückliegender Fernrohrbeobachtungen beim Durchgang des Neptun
vor einem Stern angenommen worden,
daß sich in seiner Umgebung Materieansammlungen nur in der Form von "Bögen", nicht aber in der Form vollständiger Ringe fänden. Einige solcher "Bögen von fünf bis acht Kilometern Breite sind auf Fotos aus den
letzten 12 Anflugtagen zu erkennen.
Die Segmente, die man möglicherweise
dem äußeren Ring zuordnen kann, finden sich in der Nachbarschaft des von
VOYAGER
2 entdeckten Neptunmondes
"1989 N 4" und enthalten neben Staub
und Eis Materiebrocken recht unterschiedlicher Größe. Der innere Ring
dagegen sei auffallen dunkel, erklärte Dr. Bradford A. Smith, Leiter des
Teams für die Bildauswertung. Er habe Ähnlichkeiten mit den dünnen,
schmalen Ringen, die VOYAGER 2 am
Uranus fand.
Insgesamt sechs neue Monde entdeckte man bisher auf den Nahfotos
vom Neptun. Der erste, "1989 N 1"
benannt, hat 420 km Durchmesser und
umkreist den Planeten 72 800 km von
seinem Zentrum entfernt. "1989 N 4"
zieht 21 000 km tiefer seine Bahn.
"1989 N 5" und "1989 N 6", die erst
auf Fotos der letzten Tage ausgemacht
wurden, sind mit 90 und 50 km Durchmesser recht kleine Körper ca 24 000
und 26 000 km außerhalb der Atmosphäre. Die Bahnen der neuen Trabanten
seien nahezu kreisförmig und ziemlich
regelmäßig, sagte ein Sprecher des
JPL. Da ihre Umlaufebene der Äquatorebene des Planeten entspricht,
dürften sie etwa zur gleichen Zeit
wie Neptun und in dessen Nähe entstanden sein.
Nicht so der Mond Triton.
Er
wurde 1846 entdeckt, also im gleichen
Jahr wie Neptun selbst. Die Wissenschaftler beschäftigt er schon seit
langem, weil er bei 355 000 km Abstand den Planeten rückläufig, d.h.
entgegen dessen Rotationsrichtung umkreist. Seine Bahn ist zum Neptunäquator um 20 Grad geneigt.
Mit
2 784 km Durchmesser ist der blau und

�rosa
schimmernde
Mond
kleiner,
gleichzeitig kälter und heller als
bislang vermutet. Er zeigt deutlich
jahreszeitliche Schwankungen und besitzt eine dünne Atmosphäre, die vermutlich aus Methan und Stickstoff besteht.
Dank VOYAGER 2 konnten die Wissenschaftler in Pasadena durch die
Atmosphäre auf die Oberfläche sehen.
Was sie dort ausmachten, ist geradezu
sensationell:
Gletscher, Felsformationen, Gebirgskämme, flache Krater
mit gefrorenen Rändern, Schnee - auf
der SUdhälfte vermutlich sogar Sumpfland. Aufgrund seiner ungewöhnlichen
Umlaufbahn wird seit langem vermutet,
daß Triton vor Jahrmilliarden in einer ganz anderen Region entstand.
Auf seiner kosmischen Wanderung könnte er mit einem Neptunmond kollidiert
und dann infolge der Massenanziehung
des Planeten von diesem "eingefangen"
worden sein. Sein Auftauchen im Trabantensystem des Neptun dürfte für
die Bahnen der anderen Monde erhebliche Störungen und Veränderungen bedeutet haben. So führen manche Wissenschaftler die stark elliptische
Bahn des Mondes Nereide (1949 entdeckt) mit Scheitelpunkten bei 1,4
Millionen und 9,65 Millionen Kilometern Abstand von Neptun auf dieses
Ereignis zurück. Nereide, ein Körper
von ca. 400 km Durchmesser, umkreist
Neptun in "normaler" Umlaufrichtung,
jedoch in einer Bahnebene mit 30 Grad
Neigung zu dessen Äquator.
Es wird angenommen, daß Triton
durch spätere Kollisionen mit Neptun-Trabanten deren Zahl innerhalb
eines bestimmten Höhenbereichs erheblich reduzierte.
Vermutlich haben
die Materieansammlungen in Neptunnähe
etwas damit zu tun. Die weitere Auswertung der Fotos - ca. 8 000 Aufnahmen wurden gemacht - dürfte noch manche neuen Erkenntnisse bringen.
Der vor fast drei Monaten entdeckte dunkle oder "Blaue Fleck" unterhalb des Neptun-Äquators ist eine
Turbulenzzone von der Ausdehnung des
Erddurchmessers.
Sie ist mit dem

"Roten Fleck" in der Jupiter-Atmosphäre vergleichbar.
Zum ersten Mal
waren jetzt Wissenschaftler auch in
der Lage, Wolkenschatten auf einem
anderen Planeten zu beobachten. Die
unerwarteten Schatten, so Dr. Bradford Smith, stammen von dünnen weißen
Wolken hoch in der Atmosphäre. Die
Region zwischen diesen und der tieferliegenden, ziemlich gleichmäßigen
Wolkendecke sei relativ klar. Eine
solche Struktur der Atmosphäre habe
man noch bei keinem Großplaneten gesehen. Im Auflicht der Sonne war in
der Südpolarregion sogar die Höhendifferenz zu bestimmen, die mit ca.
50 bis 75 km Zwischenraum zwischen
den dünnen cirrusähnlichen Wolken und
der tiefen Wolkenschicht ungewöhnlich
groß ist.
Wie Smith weiter berichtet, rasen
Windströmungen
mit
Überschallgeschwindigkeit um den Planeten. Sie
wurden vor allem nahe dem "Großen
dunklen Felck" beobachtet.
Dabei
scheinen die Scherkräfte so groß zu
sein, daß die Cirrus-Wolken, ähnlich
wie die Wolkenhaube eines Berges
"stillstehen", obgleich sie infolge
rascher Verdunstung fortlaufend durch
neue ersetzt werden. Der Wind blase
mit ca. 200 km pro Minute. Wegen
dieses Effekts sei es bislang nicht
möglich gewesen, die tatsächlichen
Strömungsund Rotationsgeschwindigkeiten am "Dunklen Fleck" in der Tiefe
der Atmosphäre zu ermitteln.
Die
strömungsaktive
Atmosphäre
überrascht die Forscher umso mehr,
als Neptun in 4,5 Milliarden Kilometern Entfernung von der Sonne nur ein
Tausendstel
der
Sonnenenergiemenge
der Erde erhält.
Offenbar besitzt
der Planet eine noch unbekannte innere Wärmequelle.
Auch registrierte
VOYAGER 2 intensive Emissionen von
Radiostrahlung des Neptun. Sie lassen die Existenz eines Magnetfeldes
ähnlich dem der Erde, vielleicht in
Verbindung mit dem Auftreten von Polarlichtern, vermuten. Solche Felder
entstehen durch die Bewegung flüssiger Massen im Planetenkern.
Auch
Merkur, Jupiter, Saturn und Uranus

- 3 -

�besitzen ein Magnetfeld, Venus und
Mars dagegen nicht. Da das Magnetfeld mit dem Planeten rotiert, dürfte
anhand der Maßdaten jetzt auch die z.
Zt. mit 17 bis 18 Stunden angenommene
Rotationsgeschwindigkeit des Neptun
genauer bestimmt werden können.

grammieren
bestimmter
Bordsysteme
auszuschalten bzw. zu kompensieren.
So haben nicht nur die Forscher, sondern auch die Raumfahrtingenieure aus
dieser "Großen Planetentour" viel gelernt.

Die Wissenschaftler nehmen an,
daß Neptun aus einer inneren Schicht
von Gestein und Eis und einer oberen
Schicht besteht, in der sich vor allem Wasserstoff und Helium finden.
Die Atmosphäre dürfte Wasserstoff und
Methan, vielleicht auch geringe Mengen Stickstoff enthalten. über ihre
Dichte sollen die Radiosignale von
VOYAGER 2 beim Austritt aus dem Neptunschatten Auskunft geben. übrigens
fand die Sonde kurz vor dem Rendezvous neben einer dunklen "Manschette"
um die Südpolregion ein weiteres, im
Vergleich zum "Großen Fleck" jedoch
kleineres Turbulenzzentrum auf der
SUdhalbkugel.
Der äußerste Planet, Pluto, blieb
für VOYAGER außer Sichtweite. Auf
seinem Weg um die Sonne, der für einen Umlauf 247 Jahre in Anspruch
nimmt (Neptun: 165 Jahre), befindet
er sich jetzt in einer weit entfernten Position innerhalb der Neptunbahn. VOYAGER 2 wird sicherlich noch
geraume Zeit Signale senden. Seine
drei thermoelektrischen Generatoren,
die Ihre Energie aus dem natürlichen
radioaktiven Zerfall von Plutonium
238 beziehen, könnten sogar noch 30
Jahre lang arbeiten. Jedoch wird die
Datenaufnahme nicht zuletzt aus Kostengründen reduziert werden.
Nach
Abschluß des Neptun-Projektes wird
das VOYAGER 2 Meßprogramm unter der
Bezeichnung
"VOYAGER
Interstellar
Mission" weitergeführt.
Zwar begannen die Kameras und
manche Sensoren nach zwölf Jahren im
Weltraum gewisse Alterserscheinungen
zu zeigen.
Dennoch blieben ihre
Funktionen erstaunlich gut, wie die
bisherige wissenschaftliche Ausbeute
zeigt. Im Laufe der Jahre aufgetretene
Schwierigkeiten
verschiedener
Ursache versuchte man durch Umpro- 4 -

* * * * *

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bushs Glückwünsche an den neuen polnischen Premierminister&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten zu Polen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zwei Weltkriege und ihre Lehren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Paul H. Nitze&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Letzte Station: Neptun&lt;br /&gt;&lt;em&gt;VOYAGER 2 seit zwölf Jahren Kundschafter im Sonnensystem &lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C
30. August 1995

26

BOSNIEN

CLINTON: FRIEDEN WAR DAS ZIEL DER
IN BOSNIEN VERUNGLÜCKTEN AMERIKANISCHEN REGIERUNGSVERTRETER
Ansprache des Präsidenten bei den
Trauerfeierlichkeiten

HÖCHSTE REGIERUNGSVERTRETER EHREN
DIE IN BOSNIEN VERUNGLÜCKTEN
DIPLOMATEN
Ansprachen von Christopher, Perry und Lake

NW

HABT GROSSE ANGST
von Robert Wright

WIRTSCHAFT

BEMs - DIE GROSSEN AUFSTREBENDEN
MÄRKTE
Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung

FRAUEN

USA UMREISSEN ZIELSETZUNGEN FÜR
PEKINGER FRAUENKONFERENZ
Erklärung von Botschafterin Albright

GESUNDHEIT

ER BEFREITE VON GROSSER ANGST
Zum Tode des Polio-Impfpioniers
Dr. Jonas Salk

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
30. August 1995

Clinton: Frieden war das Ziel der in Bosnien
verunglückten amerikanischen Regierungsvertreter
Ansprache des Präsidenten bei den Trauerfeierlichkeiten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton würdigte am 23. August 1995 die drei in Bosnien ums Leben
gekommenen amerikanischen Regierungsvertreter "als außergewöhnliche Amerikaner, die Vernunft zu ihrer
Waffe, Freiheit zu ihrer Sache und Frieden zu ihrem Ziel gemacht hatten".
Clinton sprach bei der in der Kapelle von Fort Myer in Arlington (Virginia) gehaltenen Trauerfeier für Robert
Frasure, den Stellvertretenden Abteilungsleiter im US-Außenministerium und Clintons Sondergesandten für
Bosnien; Joseph Kruzel, den Stellvertretenden Abteilungsleiter für europäische und NATO-Angelegenheiten
im US-Verteidigungsministerium, und Samuel Drew, einen Oberst der Luftwaffe, der Mitarbeiter des Nationalen
Sicherheitsrats war. Die drei Männer kamen am 19. August 1995 zusammen mit dem ihr gepanzertes
Fahrzeug steuernden französischen Soldaten ums Leben, als das Fahrzeug in eine Schlucht stürzte, nachdem
ein Teil der regendurchweichten Straße nach Sarajevo am Berg Igman eingebrochen war. Sie hatten
Einzelheiten des neuesten Plans zur Aufteilung Bosniens unter den kriegführenden Serben und Muslimen für
die bosnische Regierung bei sich.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache Präsident Clintons.

Meine amerikanischen Mitbürger, verehrte Angehörige des Diplomatischen Corps und - vor allem - liebe
Familienmitglieder, Freunde und Kollegen von
Robert Frasure, Joseph Kruzel und Nelson Drew.
Wir sind heute hier zu Ehren von drei Friedensstiftern zusammenkommen, die ihr Leben beim
Streben danach ließen, anderen die Segnungen
zukommen zu lassen, die uns Amerikanern lieb und
teuer sind, und die wir allzu häufig als selbstverständlich hinnehmen - die Chance, zu arbeiten und
zu träumen, unsere Kinder zu erziehen, in einem
Land des Friedens zu leben und es zu lieben.
Als ich Robert Frasure zum Sondergesandten für
das ehemalige Jugoslawien als wichtigsten amerikanischen Regierungsvertreter bei der Suche nach
Lösungen für die schwierigste Herausforderung der
modernen Diplomatie - die Beendigung des Blutvergießens und Herbeiführung von Frieden auf dem
Balkan - ernannte, hatte er bereits die Diplomatie zur
Berufung seines Lebens gemacht. Zu Recht genoß
er den Ruf eines Mannes für alle Krisen, und viele
Menschen auf der Welt - von Äthiopien bis Estland haben aufgrund seiner ausgezeichneten Arbeit ein
besseres Leben.

AMERIKA DIENST 26

Joseph Kruzel stellte sich die schwierige Aufgabe,
einen dauerhaften Frieden in einer Welt zu schaffen,
die zuviel Krieg kennt. Neben seiner herausragenden
Arbeit in Bosnien leitete er die Bestrebungen des
Pentagon bei den wichtigen Themen der NATOErweiterung und der erneuten Integration Osteuropas
in den Westen nach dem Kalten Krieg. Sein Dienst
für unser Land umspannt 28 Jahre, von seiner Zeit
als Luftwaffenoffizier über Mitarbeit bei SALT I bis zur
treibenden Kraft bei der Einbeziehung der Nationen
Europas in die Partnerschaft für den Frieden. Die
Welt ist aufgrund seines Engagements zu einem
sichereren Ort geworden.
Oberst Nelson Drew war Soldat, Wissenschaftler,
Dozent und ein sanfter Mensch. Er war in Kriegführung ausgebildet. Aber in seiner über 20jährigen
Dienstzeit als Luftwaffenoffizier widmete er sich mit
Leib und Seele der Suche nach Frieden. Er war
vornehmlich dafür verantwortlich, den militärischen
und diplomatischen Initiativen unserer Nation ein
kohärentes Muster zu verleihen. Und er war überall
geschätzt wegen seines Wissens, seines Verhandlungsgeschicks, seines strategischen Denkens über
die Zukunft der NATO und Europas nach dem Kalten

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�Krieg. Das Weiße Haus und unser Land sind dank
seiner Arbeit besser geworden.

Streben nach Frieden einbrachten. Und ich hoffe,
daß Sie immer - immer - stolz sein werden.

Bob, Joe und Nelson verkörperten alle die besten
Qualitäten eines Amerikaners. Es ist mir eine Ehre,
jedem von ihnen heute für ihren Dienst und für ihr
Opfer in der Sache des Friedens und der Freiheit
posthum die President's Citizen Medal verleihen zu
dürfen.

Sie waren außergewöhnliche Amerikaner, die Vernunft zu ihrer Waffe, Freiheit zu ihrer Sache und
Frieden zu ihrem Ziel gemacht hatten. Bob, Joe und
Nelson waren in Bosnien, weil die schreckliche
Ungerechtigkeit und das Leid dort sie zutiefst berührten. Und sie waren dort, weil sie überzeugt waren,
daß dies geändert werden könnte und muß. Der
Schmerz, den wir hier fühlen, erinnert uns an das
Leid, das Bob, Joe und Nelson dort zu mildem
suchten.

Katharina Frasure, Sarah und Virginia, Gail Kruzel,
John und Sarah, Sandy Drew, Samatha und Philip
und allen anderen Familienangehörigen möchte ich
sagen: Das amerikanische Volk trauert um Ihren
Verlust und teilt Ihr Leid. Amerika ist zutiefst dankbar für die Arbeit, die Ihre Ehemänner und Väter
leisteten, um die Welt zu einem besseren Ort zu
machen.
Ich hoffe, Sie werden sich zusammen mit den
persönlichen Erinnerungen, die Sie mir vor einigen
Augenblicken erzählten, stets den Preis vor Augen
führen, den die Verstorbenen bei ihrer Berufung auf
sich nahmen und das Engagement, das sie in das

Während wir diese Männer - Robert Frasure, Joseph
Kruzel und Nelson Drew - als stille amerikanische
Helden würdigen, die ihr Leben ließen, damit andere
eine Zukunft der Hoffnung und ein Land des Friedens
kennenlernen können, wollen wir geloben, ihren
Kampf mit der Stärke, Entschlossenheit und der
Fürsorge fortzusetzen, die sie ihrer Familie, ihrer
Arbeit und ihrer in höchstem Maße dankbaren Nation
entgegenbrachten.
Möge Gott ihrer Seelen gedenken.

*

Seite 2

* * * *

AMERIKA DIENST 26

�BOSNIEN
30. August 1995

Höchste Regierungsvertreter ehren die
in Bosnien verunglückten Diplomaten
Ansprachen von Christopher, Perry und Lake
WASHINGTON - (AD) - Bei der Ankunft der sterblichen Überreste der in Bosnien ums Leben gekommenen
Diplomaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews Air Force Base kondolierten Außenminister Warren
Christopher, Verteidigungsminister William Perry und der Nationale Sicherheitsberater Anthony Lake den
Familien und Freunden des Stellvertretenden Abteilungsleiters im Außenministerium, Robert Frasure, des
Stellvertretenden Abteilungsleiters im Verteidigungsministerium, Joseph J. Kruzel, und von Oberst Samuel N.
Drew vom Nationalen Sicherheitsrat.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprachen der Regierungsvertreter vom 21. August 1995.

Außenminister Christopher: Liebe Angehörige,
sehr verehrte Gäste und Freunde. Mit großer Trauer
kommen wir heute hier zusammen, um Bob Frasure,
Joe Kruzel und Nelson Drew nach Hause zu bringen. Diese drei in höchstem Maße engagierten
Amerikaner lebten ihr Leben im Dienste ihres
Landes und dem Streben nach Frieden. Sie ließen
ihr Leben in dem hehren Bestreben, das Leben
anderer zu retten.
Wir teilen das Leid ihrer Familien und Freunde
ebenso wie ihr gemeinsames Ziel.
Diese Männer erinnern uns, daß die Verfolgung
amerikanischer Interessen und Prinzipien in dieser
Welt nicht etwas Abstraktes ist. Diese Arbeit kann
nicht von Hochtechnologie und surrenden Computern geleistet werden - sie hängt von herausragenden Menschen wie Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew ab. Ob sie in Washington bis spät in
die Nacht arbeiteten, von einer Hauptstadt zur
nächsten flogen oder eine Zone großer Gefahr
reisten - sie taten, was getan werden mußte.
Ich möchte ein paar Worte über Bob Frasure sagen,
der ein unersetzlicher Kollege und lieber Freund war.
Zwei Jahrzehnte lang lebte Bob sein Leben in der
besten Tradition des Auswärtigen Dienstes. Dieser
altehrwürdige Satz - die beste Tradition des Auswärtigen Dienstes - ist in einem Moment wie diesem
besonders inhaltsträchtig. Für Bob bedeutete dies
ein Leben selbstlosen Dienstes für andere - in
Südafrika, Äthiopien, Estland und schließlich in

AMERIKA DIENST 26

Bosnien. Es bedeutete, ohne Kritik oder Beschwerden die schwierigsten und gefährlichsten Posten
anzunehmen, die - wie es scheint - den Besten für
ihre vorzügliche Leistung angeboten werden. Unser
Auswärtiger Dienst bringt mehr Menschen wie Bob
hervor, als den meisten Amerikanern bewußt ist.
Bob war gleichzeitig ein hingebungsvoller Ehemann
und Vater, während er einen Beitrag zu diesen
wichtigen außenpolitischen Aufgaben leistete. Ich
bezeige ihm und unserem Dienst Hochachtung bei
seiner Rückkehr von dieser tragischen Mission. Ich
schließe seine Frau Katharina und seine beiden
Töchter, Sarah und Virginia, in meine Gebete ein.
Ich habe jeden Augenblick, den ich mit Bob verbrachte, von seiner Erfahrung und Urteilskraft profitiert und seinen Humor genossen. In den Stunden
seit Samstag 13.00 Uhr (MESZ) drängen sich die
brillianten und anschaulichen Epigramme in mein
Gedächtnis, die Bobs Vorträge so effektiv machten.
Ich erinnere mich lebhaft, ihn ohne jede Vorwarnung
zu einem Treffen mit 16 Außenministern gebeten zu
haben, die alle binnen kurzem in seinen Bann gezogen waren.
Der von unserer Delegation in der vergangenen
Woche verfolgte Friedensplan gründete sich vornehmlich auf Bobs Erkenntnisse und sein Wissen. Er
trug zur Gestaltung der einzelnen Elemente bei und
setzte all seine Energie zur Erfüllung seiner Versprechen ein.

Seite 1

�Der Verlust von Bob, Joe und Nelson ist ein schwerer Schlag. Aber die Bestrebungen, Frieden nach
Bosnien zu bringen, werden mit einem neuen Gefühl
der Verpflichtung fortgesetzt. Wir werden ihr Opfer
ehren, indem wir die Vollendung ihrer Arbeit anstreben. Eines Tages werden keine Bomben mehr
auf Bosnien fallen, die Minenfelder geräumt und der
schreckliche Circulus vitiosus unnötiger Gewalt und
des Todes in Bosnien endlich zu Ende sein. Wenn
dies geschieht, wird es aufopferungsvollen Friedensstiftern wie Bob, Joe und Nelson und ihren Kollegen,
die überlebten, insbesondere Dick Holbrooke und
General Wes Clark, zu verdanken sein.
Vor einem halben Jahrhundert faßte Dean Acheson
diesen Geist des Auswärtigen Dienstes in Worte. Er
beschrieb die Menschen, die unserer Nation im
Ausland dienen, folgendermaßen: "Sie geben ihr
gesamtes Leben den Vereinigten Staaten: kompetent, mutig, engagiert." Einige, so Acheson,
waren in Kriegsgebieten tätig, wo Bomben fielen und
Kugeln durch die Luft flogen; andere in Regionen, in
denen die Gefahren für die Gesundheit ebenso groß
waren wie die Kugeln. Sie kannten ihre Pflicht und
erfüllten sie.
Dieser Geist wird von diesen drei Amerikanern
verkörpert. Er lebt im Auswärtigen Dienst und in
allen Zweigen unserer Regierung fort. In diesem
melancholischen Augenblick verpflichten wir uns ihm
heute erneut. Wir verpflichten uns, in die Fußstapfen dieser drei herausragenden Amerikaner zu
treten und ihrem Beispiel beim Streben nach dem
Ziel zu folgen, das sie für uns in greifbare Nähe
gerückt haben.
Ich danke Ihnen.
Verteidigungsminister Perry: Robert Frasure,
Joseph Kruzel und Oberst Nelson Drew waren große
Amerikaner, große Diplomaten und großartige
Menschen. Sie ließen ihr Leben beim Streben nach
Frieden in einem Land, das viel zu lange Tod,
Zerstörung und Vertreibung erdulden muß.
Während wir ihren Verlust beklagen, möge Gott in
seiner Barmherzigkeit unseren Schmerz mildern und
sie in unserem Gedächtnis bewahren, uns an
unseren Stolz auf ihre Leistungen und das Wissen
erinnern, daß ihr Opfer für den Frieden nicht umsonst war.
Mit dem Tod von Joe Kruzel habe ich einen vertrauten Berater, einen begnadeten Politiker und
einen lieben Freund verloren. Er war der Architekt
eines meiner wichtigsten Ziele als Verteidigungsminister: Den Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts bei ihrem Streben nach Demokratie und

Seite 2

regionaler Stabilität behilflich zu sein. Größtenteils
dank Joes Führungsrolle ist das Instrument für diesen
Wandel - die Partnerschaft für den Frieden der NATO
- ein durchschlagender Erfolg.
Vor nur drei Wochen veranstalteten über ein Dutzend
Nationen aus dem ehemaligen Warschauer Pakt in
Louisiana zusammen mit amerikanischen, kanadischen und britischen Streitkräften eine gemeinsame
Übung zur Friedenssicherung. Wir sahen wie Armeen, die jahrzehntelang ein Gleichgewicht des
Schreckens aufbauten, jetzt ein neues Gleichgewicht
des Vertrauens aufbauen. Mehr als jeder andere war
Joe Kruzel verantwortlich für dieses historische
Ereignis. Und er wäre stolz darauf gewesen, es zu
beobachten. Statt dessen war er mit unserem
diplomatischen Team in Europa und versuchte,
Frieden nach Bosnien zu bringen.
Joe schuf die Partnerschaft für den Frieden, aber in
einem umfassenderen Sinn könnte man sagen, Joe
war ein Partner für den Frieden. Seine aufschlußreiche und heikle Arbeit war ausschlaggebend, uns
einer Verhandlungslösung des Konflikts in Bosnien
näher zu bringen als zu jedem anderen Zeitpunkt in
den vergangenen vier Jahren. Das Streben nach
Frieden, zu dem er in Bosnien beitrug, schien in der
Vergangenheit der Arbeit von Sisyphus vergleichbar,
der Gestalt aus der griechischen Mythologie, die auf
alle Ewigkeit verdammt ist, einen schweren Felsbrocken den Berg heraufzurollen, nur damit er - oben
angekommen - wieder hinunterrollt.
Seit langer Zeit haben wir den Felsbrocken den
bosnischen Berg heraufgerollt, und er rollte immer
wieder hinunter. Aber ebenso wie Sisyphus hören
wir nicht auf, es zu versuchen - für die Tausenden,
die umgekommen sind, für die Tausenden, die
bedroht sind, für Frieden und Stabilität in Europa und
für Robert Frasure, Joseph Kruzel und Oberst Nelson
Drew, die die Last des Strebens nach Frieden bis zu
ihrem letzten Moment auf sich nahmen. Sie lebten
für den Frieden, und sie starben für den Frieden.
Ich möchte aus Will Rogers Nachruf auf Woodrow
Wilson zitieren: "Nach dem, für das sie lebten und
starben, werden wir streben, so lange es sein muß."
Anthony Lake: Heute bringen wir drei Freunde nach
Hause, drei Männer des Friedens, die auf einer
Friedensmission waren. Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew ließen ihr Leben im Dienste unserer
Nation und im Dienste der Sache der Menschheit. Im
gesamten Verlauf ihrer Karriere - und jetzt im ehemaligen Jugoslawien - wollten alle drei anderen die
Segnungen zukommen lassen, die wir Amerikaner
manchmal zu sehr als selbstverständlich hinnehmen:
Frieden und Sicherheit sowie die Chance, das stille

AMERIKA DIENST 26

�Wunder eines von Krieg und Gewalt freien Lebens
zu leben.

Lebensnerv des Friedensplans, den er, Bob und Joe
bei sich trugen, als sie starben.

Die Angehörigen und Freunde von Bob, Joe und
Nelson haben einen Vater, einen Ehemann, einen
Sohn, einen Freund verloren. Und das amerikanische Volk hat drei seiner besten Regierungsvertreter
verloren - Männer, die den Kampf für Freiheit und
ein menschenwürdiges Leben zum entscheidenden
Merkmal ihres Berufslebens gemacht haben.

Sandy, Nelsons Gattin - einer bemerkenswerten
Frau - und ihren Kindern, Samantha und Phillip,
möchte ich sagen, ich weiß, daß keine Worte Ihren
Schmerz lindern oder über Ihren Verlust hinwegtrösten können. Ihr Ehemann und Vater war ein
außergewöhnlicher Amerikaner. Ich weiß, daß Sie
Stärke in seiner Stärke, Mut in seinem Mut und Trost
in all der Sie umgebenden Liebe finden werden.

Ich möchte ein paar Worte über Nelson sagen, der
Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats war.
Nelson war zur Verteidigung unserer Nation und in
der Kriegführung ausgebildet. Aber in der besten
Tradition des Soldaten und Diplomaten galt seine
Leidenschaft dem Streben nach Frieden.
Ich kenne Nelsons außerordentliche Leistungen an
der Air Force Academy, am National War College
und bei unserer NATO-Mission, und aus diesem
Grund haben wir uns so sehr gefreut, daß er zum
Nationalen Sicherheitsrat kam.
In den vergangenen Monaten lernte ich einen
bemerkenswerten Offizier, einen ausgezeichneten
Lehrer, einen wirklich strategischen Denker sowie
einen starken und sanften Menschen kennen.
Nelson verband all diese Qualitäten jeden Tag
erneut bei der unermüdlichen Suche nach Frieden in
Bosnien. Seine Ideen und sein Wissen waren der

•

AMERIKA DIENST 26

Nelson, Bob und Joe hatten sich dem Frieden
verpflichtet und ließen ihr Leben beim Streben nach
der Erfüllung dieser Verpflichtung. Und heute verpflichten wir alle uns, unbeirrt fortzufahren. In den
kommenden Tagen wird die Erinnerung an sie jeden
neuen Gedanken, jede neue Anstrengung, jeden
neuen Energieschub für unsere Arbeit beflügeln, die
wir mit ihnen geteilt haben. Wir werden von ihrem
Beispiel und ihrem Opfer geleitet sein, und wir
werden nicht ruhen, bis der Kampf, den sie zur
Berufung ihres Lebens gemacht haben, gewonnen
ist. Im Gegensatz zu Sisyphus werden wir den
Felsbrocken auf die Spitze des Berges legen.
Gott segne Bob Frasure, Joe Kruzel, Nelson Drew
und ihre hier versammelten Familien.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�NW
30. August 1995

Habt große Angst
von Robert Wright
WASHINGTON - (AD) - Die vor kurzem beendete Konferenz über die Verlängerung des Nichtverbreitungvertrags (NW) beleuchtet schlaglichtartig die Ungereimtheiten bei der Bewältigung der Bedrohung durch
Massenvernichtungswaffen am Ende des 20. Jahrhunderts.
Das gerade erneuerte NuklearwaffenKontrollregime hat entschieden weniger Biß als die noch zu ratifizierende Chemiewaffenkonvention. Die
gravierendste Bedrohung der Zukunft scheint jedoch von biologischen Waffen zu kommen, die zur Zeit durch
eine lasche Konvention über biologische Waffen überwacht werden. Der Erfolg bei der Verlängerung des N W
sollte konzertierte Bestrebungen zu einheitlichen Kontrollregimen für Massenvernichtungswaffen in die Wege
leiten.
Richard Wright ist Chefredakteur von The New Republic in Washington, D.C. Er hat für andere Zeitschriften
über wissenschaftliche, technologische und philosophische Themen geschrieben und das Buch Three
Scientists and Their Gods: Looklng for Meaning in an Age of Information herausgegeben.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The New Republic, 1. Mai 1995, Seite
21-27. Copyright (c) 1995, The New Republic, Inc.

Als man sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt
hatte, daß ein apokalyptischer New Age-Kult mit
Büros auf drei Kontinenten Tonnen von Wirkstoffen
für Nervengas gelagert hatte und versuchte, das
Botulismus verursachende bakteriologische Toxin zu
kultivieren, war der Rest der Geschichte eine ziemlich gute Nachricht. Der Kult, die Aum-Sekte in
Japan, setzte das Nervengas nur auf einem der
Kontinente ein, statt es gleichzeitig in den Untergrundbahnen von Tokio, New York und Moskau
ausströmen zu lassen. Nur ein Bruchteil des Bestands an Chemikalien der Sekte wurde benutzt, und
das Ganze war schlecht vorbereitet - das Gas schien
eine abgeschwächte Version von Sarin zu sein, und
die "Trägersysteme", über die es ausströmte, waren
dieser Bezeichnung kaum wert. Statt Tausender
Toter auf drei Kontinenten hatten wir elf Tote in
Japan zu beklagen. Ein glückliches Ende.
Andererseits hätte ein weltweiter, gut durchgeführter
chemischer und biologischer Terrorakt seine Vorzüge gehabt. Von Mitte April bis Mitte Mai, kurz vor
dem Auslaufen des Nichtverbreitungsvertrags nach
25 Jahren, kamen Vertreter aus über 170 Nationen
in New York zusammen, um über die Verlängerung
des Vertrags abzustimmen. Möglicherweise hätte
diese Galaveranstaltung einen umfassenderen und
dringend benötigten Dialog über den Stand der
weltweiten Bestrebungen zur Kontrolle von Massen-

AMERIKA DIENST 26

vernichtungswaffen einschließlich chemischer und
biologischer Waffen angeregt. Das Gegenteil wäre
ebenfalls möglich gewesen. Bisher sind Versuche zu
einem wirklich neuen Ansatz zu diesem Thema auf
eine gewisse Trägheit in Kreisen politischer Entscheidungsträger gestoßen. Für diesen Zustand
hätte der weltweit im Femsehen übertragene Tod von
10.000 Menschen auf drei Kontinenten genau die
richtige Behandlung sein können.
Ein herausragendes Merkmal des weltweiten Ansatzes zu Massenvernichtungswaffen ist Perversität.
Der Nichtverbreitungsvertrag - N W - ist ein sehr viel
lascheres Dokument als die kürzlich ausgehandelte
Chemiewaffenkonvention, die jetzt von den Vereinigten Staaten ratifiziert werden soll, aber Nuklearwaffen haben ein sehr viel höheres Zerstörungspotential als chemische Waffen. Und biologische
Waffen unterliegen praktisch überhaupt keiner
internationalen Kontrolle, sind jedoch die schrecklichsten der drei Waffengattungen. Sie mögen - zumindest im Augenblick - nicht die größte Wirkung
haben, aber sie haben die höchste Kombination an
Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit. Wenn Sie jemand
fragt, welche Technologie am ersten 100.000 Amerikaner bei einem Terroranschlag töten wird, sollten
Sie nicht zögern. Setzen Sie auf Biotechnologie.
Und nicht futuristische, genmanipulierte, völkermörderische Viren - obwohl dies eines Tages der Fall sein

Seite 1

�mag - sondern gute alte biologische Waffen der
ersten Generation - dieselben, die die Aum-Sekte
herzustellen versuchte - sind die aus dem Nichts
kommende Bedrohung der nationalen Sicherheit
Ende der neunziger Jahre.
Alles in allem kann die derzeitige internationale
Politik zu Massenvernichtungswaffen folgendermaßen zusammengefaßt werden: Je schrecklicher und
bedrohlicher die Waffe, desto weniger können wir
dagegen tun. Es gab nie einen besseren Zeitpunkt,
diese Prioritäten zu überdenken.
Es gereicht der Clinton-Administration zur Ehre, daß
sie in jüngster Zeit hartnäckig auf die Verlängerung
des NW hingearbeitet hat. Regierungsvertreter sind
rund um den Globus gereist und haben den Staatsund Regierungschefs der Welt vor Augen geführt,
daß sie mit dem Vertrag sicherer als ohne ihn sind,
und haben den Unentschlosseneren im Gegenzug
für ihre Unterstützung Gott-weiß-was versprochen.
Der Vertrag wurde bei der New Yorker Konferenz
verlängert.
Verlängerung ist sicher besser als keine Verlängerung. Aber seit seinem Inkrafttreten in den sechziger Jahren sind die Schwächen des Vertrags so
offenkundig zu Tage getreten, daß man wünscht,
das wären nicht die beiden einzigen Optionen.
Die dem Vertrag zugrundeliegende Idee war, daß
die Atomwaffenstaaten - China, Frankreich, Großbritannien, Rußland und die Vereinigten Staaten die Habenichtse abfinden würden. Die Habenichtse
würden sich verpflichten, keine Nuklearwaffen zu
beschaffen, und die Atomwaffenstaaten würden
ihnen helfen, Nuklearenergie für friedliche Zwecke
zu bekommen und zu unterhalten. Das war das
Zuckerbrot. Hatten die Habenichtse einmal unterzeichnet, würden sie (zusammen mit den übrigen
von uns) die Peitsche zu spüren bekommen:
Internationale Inspektionen der Atomreaktoren vor
dem Hintergrund, daß ein Mißbrauch der Technologie zur Einstellung der Lieferung führen würde.
Zuckerbrot und Peitsche anzuwenden obliegt der
Internationalen Atomenergie-Organisation, oder
IAEO.
Eine Eigenartigkeit dieses Arrangements ist, daß die
Arbeit der IAEO darin besteht, sich unweigerlich das
eigene Leben schwer zu machen. Während sie
dazu beiträgt, Nuklearmaterial für "friedliche" Zwecke
auf der Welt zu verbreiten, vervielfachen sich die
Möglichkeiten für illegale Nutzung ebenso wie die
Notwendigkeit strenger Kontrolle. Daher muß die
Welt bei zwei Dingen immer besser werden: Aufspüren der Betrüger und ihrer Bestrafung mit genügend Nachdruck, um andere abzuschrecken. Die

Seite 2

jüngsten Ereignisse belegen, daß die Welt in beider
Hinsicht versagt hat.
Zu Beginn des Golfkrieges war der Irak ein NWMitglied mit technisch gesehen gutem Stand. Nach
dem Krieg entdeckte die Welt, was eine bedeutungslose Tatsache sein kann. Als ob sie die Unfähigkeit
der IAEO drastisch vor Augen führen wollte, wurde
eine andere Behörde unter der Schirmherrschaft der
Vereinten Nationen im Irak tätig, dokumentierte das
Nuklearwaffenprogramm des Landes und zerlegte es.
Es trifft zu, daß die Existenz dieses Programms nicht
wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. Seit langem
gab es einen schwerwiegenden Verdacht, aber
Präsident Bushs Aversion gegen die regionale
Hegemonie des Iran ließ ihn eine gewisse Toleranz
für irakische Exzesse üben. Dennoch vermuteten
wenige den Umfang von Saddam Husseins Nuklearprogramm oder das Geschick bei seiner Geheimhaltung. Saddam Hussein bewies, daß das Inspektionsregime der IAEO - auf bekanntgegebene Nuklearanlagen beschränkt - inadäquat ist.
Die erste Anwendung dieser Lektion war Nordkorea.
Nachdem Inspektionen einer bekanntgegebenen
Anlage ergaben, daß nuklearfähiges Material fehlte,
forderte die IAEO zum ersten Mal überhaupt die
Überprüfung einer nicht bekanntgegebenen Anlage.
Die Weigerung Nordkoreas bestätigte die schlimmsten Vermutungen und deckte so eine weitere
Unzulänglichkeit des NW auf: Sobald die Welt weiß,
daß ein Land nicht kooperiert, gibt es keine Bestimmungen für garantierte und effektive Bestrafung.
Theoretisch könnte die IAEO den Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen wegen Wirtschaftssanktionen
anrufen - oder um die Genehmigung für Luftangriffe
gegen die verdächtige Anlage. Häufig wird dieser
Kanal jedoch durch das Veto der Großen Fünf
(China, Frankreich, Großbritannien, Rußland und der
Vereinigten Staaten) blockiert - Chinas im Falle von
Nordkorea, Rußlands vielleicht in einem künftigen,
den Iran betreffenden Fall. Natürlich kann die IAEO
alle weiteren Lieferungen von Nuklearmaterial an
geächtete Nationen einstellen. Aber es könnte zu
spät für diesen Kurs sein, um die Bombe vor ihren
Händen zu bewahren, und eine Sperrung ihrer
Energielieferungen würde eine Zeitlang nicht gespürt.
Ungeachtet dieser Mängel war der NW ziemlich
effektiv. Niemand bezeichnete John Kennedy als
hysterisch, als er 1963 vorhersagte, binnen 12 Jahren
hätten 15 bis 20 Nationen eine Bombe. Und trotzdem sind jetzt, 32 Jahre später, bestenfalls acht
Nationen im Besitz einer funktionierenden Bombe die Großen Fünf als NW-Mitglieder und als Nichtmit
glieder Israel, Pakistan und Indien. (Darüber hinaus
wurden die Ukraine, Belarus und Kasachstan mit der

AMERIKA DIENST 26

�Bombe aus der Taufe gehoben und erklären, sie
aufgeben zu wollen). Ein Hauptgrund für diese
eiszeitliche Geschwindigkeit ist, daß der N W in
großen Teilen der Welt Ängste über die unmittelbar
bevorstehende Nuklearisierung der Nachbarn beschwichtigte.
Dennoch sind der Nahe Osten und Südasien seit
1963 in ein Wettrüstungsfieber verfallen, und Nordkorea könnte im Pazifik einen Rüstungswettlauf
beginnen. Es wäre daher schön, wenn man den
N W verführerischer und effektiver gestalten und
sowohl die Vorteile der Unterzeichnung als auch die
Kosten der Nichteinhaltung attraktiver machen
könnte. Und obwohl niemand anregte, die jüngste
Konferenz zu einer Änderung des N W zu benutzen
(das hätte die Sache angeblich zu sehr kompliziert),
spricht man davon, das Ziel auf andere Weise zu
erreichen. Beispielsweise kann die IAEO ihr gelegentlich doppeldeutiges Mandat umfassender
auslegen - wie sie es bei dem Recht auf Inspektion
nicht bekanntgegebener Nuklearanlagen in Nordkorea getan hat - und hoffen, daß alle nachziehen und
somit ein Präzedenzfall geschaffen wird. Oder die
Organisation kann die Mitgliedstaaten kollektiv
bezüglich einer echten Neuformulierung ihrer individuellen "Sicherheitsabkommen" ansprechen - die
technisch vom N W getrennten Dokumente, die der
IAEO die Befugnis zu Inspektionen gewähren. Auf
jeden Fall erfolgte die NW-Verlängerung in New
York früh genug, damit die Konferenz zumindest
einen Dialog über die gravierenden Mängel des
derzeitigen Regimes eröffnen konnte, insbesondere
im Hinblick auf nukleare Abrüstung und die Vernichtung von Nuklearwaffen.
Ein gutes Rohmodell für Reformen ist die Chemiewaffenkonvention (CW-Konvention), die jetzt nach
über einem Jahrzehnt der Verhandlungen unter drei
Administrationen vom Senat ratifiziert werden soll.
Die CW-Konvention hat den Biß, der dem N W fehlt:
Ein strenges Inspektionsregime und echte Bestrafung bei Nichteinhaltung. Im Bereich der Rüstungskontrolle, so Barry Kellman, Juraprofessor an der
DePaul University, ist sie ein "wirklich beispielloses
Dokument des Völkerrechts". Wäre sie schon in
Kraft, wäre es für die Aum-Sekte sehr viel schwieriger gewesen, chemische Waffen herzustellen.
Im Rahmen der Chemiewaffenkonvention würde die
Organisation für das Verbot chemischer Waffen
(Organization for the Prohibition of Chemical
Weapons oder OPCW, die CW-Version der IAEO)
routinemäßig über den kommerziellen Transfer von
zur Herstellung chemischer Waffen verwendeter
Substanzen informiert - und von Substanzen, die zur
Produktion von Substanzen benutzt werden, die
wiederum zur Herstellung chemischer Waffen

AMERIKA DIENST 26

genutzt werden.
Darunter fallen Dutzende von
Substanzen. Dies betrifft auch viele Verkäufer und
Käufer, weil diese Substanzen für gewöhnlich ebenfalls legal verwendet werden können. Thiodiglykol
wird sowohl zur Herstellung von Senfgas als auch
von Kugelschreibertinte benutzt. Dimethylamin ist
gleichzeitig ein Grundstoff für ein gutes Nervengas
und Reinigungsmittel. In einem beeindruckenden
Balanceakt gelang den CW-Unterhändlern die Erarbeitung eines Systems, das a) den Verkauf und
Transport dieser Chemikalien überwacht und periodische Inspektionen beinhaltet; und das b) die uneingeschränkte Unterstützung des Verbands der Hersteller
von Chemikalien hat.
Im Gegensatz zum N W geht die CW-Konvention weit
über diese Inspektion "bekanntgegebener" Nuklearanlagen hinaus - Fabriken, die offen die verdächtigen
Chemikalien einsetzen - und sieht explizit Inspektionen nicht bekanntgegebener Anlagen vor. Und hier
kann alles ziemlich schnell gehen. Wenn die Vereinigten Staaten eine "Ad-hoc-lnspektion" beispielsweise eines verdächtig aussehenden Lagerhauses im
Iran (einem Signatarstaat) fordern, muß der Iran die
Inspektoren binnen 12 Stunden nach der Benachrichtigung ins Land lassen. Nach weiteren 12 Stunden müssen die Inspektoren in die Umgebung des
Lagerhauses begleitet worden sein. (Die Beseitigung
aller Spuren der Herstellung von Chemiewaffen
binnen 24 Stunden wird als ziemlich unwahrscheinlich
angesehen). An diesem Punkt kann es bis zu
96stündige Verhandlungen darüber geben, welche
Teile des Lagerhauses der Inspektion unterzogen
werden. Aber alle zwischenzeitlich das Gelände des
Lagerhauses verlassende Fahrzeuge können durchsucht werden.
Ein Land könnte diese Zeitspanne mit dem Argument
verlängern, ein nationaler Durchsuchungbefehl sei
erforderlich. Das Land könnte in der Tat sogar die
Wahrheit sagen (obwohl diese Ausrede für bereits
staatlicher Kontrolle unterworfene Chemiefabriken
nicht gilt). Und darüber hinaus könnte es praktisch
unmöglich sein, solch einen Durchsuchungsbefehl zu
beschaffen - wenn beispielsweise die angeforderte
Durchsuchung Ihren Hallentennisplatz betrifft und die
OPCW keine Beweise illegaler Aktivitäten dort
beibringen könnte. Dennoch, wenn solche Appelle
an die nationale Souveränität eher fadenscheinig
sind, könnte das Land durch Abstimmung der OPCWMitgliedstaaten der Nichteinhaltung des Vertrags
verdächtigt werden.
Solchermaßen verdächtigte Nationen könnten wirklich
in Ungnade fallen. Es gibt eine große Menge für
chemische Kriegführung relevanter Substanzen, die
Vertragsbrüchige nicht länger von OPCW-Mitgliedern
kaufen könnten - einer Gruppe, der so ziemlich die

Seite 3

�gesamte industrialisierte Welt angehört. Und die
Einstellung der Lieferung dieser Substanzen könnte
Fabriken schaden, die Produkte von Pestiziden über
Plastik und Keramik bis zu Pharmazeutika herstellen.
Hier erschließt die CW-Konvention neues Terrain,
wenn auch weniger aufgrund ihrer Struktur als
wegen eines technologischen Zufalls. Dank der
Flexibilität chemischer Technologie kommt die
Bestrafung im Rahmen des Vertrags in Form von
Verweigerung der Lieferung "militärischer" Chemikalien umfassenden und sofort spürbaren Sanktionen
gegen die zivile Wirtschaft gleich. Und diese Sanktionen sind ein guter Grund, den Vertrag nicht nur
einzuhalten, sondern ihn von vorneherein zu unterzeichnen. Wenn Sie der OPCW nicht beitreten,
werden Ihnen ihre Mitgliedstaaten - praktisch jedes
Land - diese Chemikalien überhaupt nicht erst
verkaufen. Das ist das Zuckerbrot, und das ist die
Peitsche.
Offenkundig kann kein Waffenkontrollregime idiotensicher sein. (Das ist der Grund, warum - ungeachtet
des hehren Rufs des N W nach letztlicher Beseitigung aller Nuklearwaffen weltweit - dies in absehbarer Zukunft nicht geschehen wird. Einige wenige,
aber einigermaßen vernünftige Nationen müssen ein
Nukleararsenal beibehalten, damit nicht die nächste,
noch etwas verschlagenere Version eines Saddam
Hussein in die Lage versetzt wird, die Welt mit
einem halben Dutzend Gefechtsköpfen oder anderen
Massenvernichtungswaffen in Schach zu halten).
Dennoch hätte die Chemiewaffenkonvention angesichts des Themenkomplexes, den sie anspricht,
eine gute Erfolgschance. Sie würde die Herstellung
von Chemiewaffen zu einem Untertangen mit beträchtlichem Risiko der Entlarvung machen, und
Entlarvung würde schmerzliche Strafen nach sich
ziehen - Strafen, gegen die kein Mitglied des Sicherheitsrats sein Veto einlegen könnte. Hätte der
N W die eingebauten Selbstschutzmechanismen der
Chemiewaffenkonvention, hätte Saddam Hussein
sehr viel größere Schwierigkeiten gehabt, den Punkt
zu erreichen, den er erreichte, und immer noch
NW-Mitglied zu sein. Und wenn der N W die
Vorteile der Mitgliedschaft in der CW-Konvention
enthielte, wäre es sehr viel schwieriger für alle
Nationen - Irak, Israel oder Pakistan - die Aussicht
auf Nichtmitgliedschaft zu ertragen.
Die Ironie dieser Diskrepanz zwischen dem N W und
der CW-Konvention ist, daß Nuklearwaffen ein sehr
viel größeres Vernichtungspotential haben als
chemische Waffen. Japanische Zeitungen schätzten, daß die Tonnen von Chemikalien der AumSekte theoretisch 4 Millionen Todesopfer hätten
fordern können - das Schlüsselwort hier ist jedoch
"theoretisch". Diese Berechnung geht davon aus,

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daß man das Giftgas mit größter Perfektion ausströmen läßt, damit jedes bißchen eingeatmet wird
und niemand mehr als seinen Anteil einatmet (von
einem sterbenden U-Bahnfahrer ist das ziemlich viel
verlangt). Plausiblere Zahlen bewegen sich in den
Hunderttausenden.
Und selbst diese Zahlen sind übertrieben. Wenn Sie
ein geheimes Waffenlager mit 800.000 Schuß Munition entdecken würden, könnten Sie sagen, das sei
genug, um 500.000 Menschen umzubringen, selbst
bei ineffizienter Anwendung. Aber Ineffizienz ist nur
das halbe Problem: Ziemlich früh im Anwendungsprozeß würden Sie auf offiziellen Widerstand stoßen.
Dasselbe gilt für chemische Waffen. Während es
einfach ist, mit einer einzigen Atombombe 500.000
Todesopfer zu bewirken, indem man einen Kleinlaster
parkt und einen Zeitzünder einstellt, ist das mit einer
einzigen Chemiewaffe nicht einmal im entferntesten
möglich. Tausend Tote sind eher wahrscheinlich.
Eine hohe Anzahl von Toten erfordert eine gut
organisierte Kampagne.
Das bedeutet nicht, daß chemische Waffen nicht die
strenge Behandlung verdienen, die sie in der CWKonvention erfahren. Erstens, weil einige von ihnen wie etwa das die Haut auflösende und häufig nicht
tödliche Senfgas - entsetzliche Auswirkungen haben.
Zweitens sind Chemiewaffen sehr viel leichter zu
beschaffen, auch wenn eine einzige chemische Waffe
einen Bruchteil der todbringenden Wirkung einer
Atombombe besitzt. Die Anleitung für ihre Herstellung ist öffentlich, ein erstklassiger Student mit
Chemie als Hauptfach kann ihr folgen (wenn auch mit
einem gewissen Gesundheitsrisiko verbunden), und
die Bestandteile sind jedes Jahrzehnt leichter zu
beschaffen.
Obwohl chemische Waffen die geringste massiv
zerstörerische Wirkung aller Massenvernichtungswaffen haben, sind sie wirkungsvoller als konventionelle Sprengkörper. Ein konventioneller Gefechtskopf
könnte zehn Menschen in einer Wohngegend töten,
in der ein chemischer Gefechtskopf 100 töten würde.
Das nach dem Golfkrieg entdeckte chemische
Arsenal des Irak - 100.000 Artilleriegranaten, Gefechtsköpfe und Bomben - war theoretisch ausreichend, um die gesamte israelische Bevölkerung
mehrmals auszuradieren. Aus gutem Grund fallen
Chemiewaffen zusammen mit atomaren und biologischen Waffen unter eine spezielle Kategorie globaler
Abscheu und Kontrolle.
Dennoch sind Chemiewaffen nicht annähernd so
schädlich wie Nuklearwaffen. Und was die meisten
Menschen immer noch nicht verstehen ist, daß
Nuklearwaffen in bedeutenden Aspekten nicht so
schädlich sind wie biologische Waffen.

AMERIKA DIENST 26

�In einer Hinsicht werden biologische Waffen im
allgemeinen überschätzt. Die Menschen nehmen
an, sie funktionieren, indem sie Epidemien auslösen,
wohingegen die meisten biologischen Waffen ebenso wie chemische Waffen töten, indem man direkt
exponiert wird.
Natürlich existieren kontagiöse
Waffen, die ansteckende Krankheiten verbreiten.
Die amerikanischen Siedler gaben den Indianern
absichtlich mit Pocken infizierte Decken. In jüngerer
Zeit haben sowohl amerikanische als auch sowjetische Militärforscher mit einigen leicht übertragbaren
Viren experimentiert. Dennoch haben es kontagiöse
Waffen an sich, wie ein Bumerang zum Aggressor
zurückzukehren. Die biologischen Waffen dieses
Jahrhunderts enthielten daher vornehmlich Anthraxsporen, die in die Lunge eintreten und Bakterien
ansiedeln, die sich im Körper vermehren und
schließlich zum Tod führen, aber in der Zwischenzeit
keinen anderen anstecken.
Genmanipulation könnte kontagiöse Waffen irgendwann wahrscheinlicher machen.
Grundsätzlich
könnte man beispielsweise ein Virus entwerfen, das
Angehörige einer bestimmten ethnischen Gruppe
überproportional befällt, und damit den Angreifern
einer anderen ethnischen Zugehörigkeit ein gewisses Maß an Sicherheit verleiht. Und Genmanipulation macht es auf kürzere Sicht realistischer, einem
Killervirus einen wirksamen Impfstoff entgegenzusetzen, so daß der Aggressor immunisiert werden
könnte. Der Haupteffekt moderner Biotechnologie
bis heute - und er war dramatisch - ist jedoch, die
Produktion traditioneller Waffen wie Anthrax billiger
und leichter zu machen. Eine Anlage von der Größe
eines Kellers mit Gerät, das sich in medizinischen
Labors und biotechnologischen Unternehmen findet,
reicht aus. Die Anleitungen sind in College-Bibliotheken zu finden, und die Bestandteile - kleine
Kulturen von Pathogenen, die sich durch Züchtung
rapide vermehren können - werden routinemäßig
von kommerziellen Verkäufern gekauft oder vom
Professor an den Studenten weitergegeben.
Die Waffen, die daraus entstehen können, haben
eine phänomenal zerstörerische Wirkung.
Ein
(ausgezeichneter) Bericht des Büros für Technologiebewertung (Office of Technology Assessment OTA) über Massenvernichtungswaffen schätzt, daß
ein einziger, in der Bundeshauptstadt Washington an
einem mäßig windigen Tag landender Gefechtskopf
mit Anthraxsporen 30.000 bis 100.000 Menschen
töten würde - ein etwas größerer Schaden, als eine
Atombombe wie damals in Hiroshima anrichten
würde, wenn auch geringfügig verglichen mit der
Zerstörung durch einen modernen nuklearen Gefechtskopf. (Und ein Tag mit Fieber, Husten, Erbrechen und inneren Blutungen ist ein entschieden
weniger wünschenswerter Tod als durch Verbren-

AMERIKA DIENST 26

nung). Darüber hinaus leben im Boden vergrabene,
dem Sonnenlicht verborgene Anthraxsporen weiter.
Die Insel Gruinard, wo Großbritannien im Zweiten
Weltkrieg eine Anthraxbombe explodieren ließ, ist
immer noch unbewohnbar.
Aber ein Gefechtskopf ist nicht die Form, in der
biologische Waffen eine amerikanische Stadt am
ehesten erreichen werden. Eine ballistische Rakete
hat schließlich einen Absender, und solange die
Vereinigten Staaten eine nukleare Abschreckung
besitzen, können sich die Amerikaner im allgemeinen
ziemlich sicher vor Raketenangriffen fühlen. Und es
gibt noch ein weiteres Problem mit von Raketen
getragenen biologischen Waffen. Die technologische
Herausforderung der Herstellung eines Sprengkörpers, der in einem riesigen Nebel detoniert, ist
denkbar. Wie wir seit dem Golfkrieg wissen, betreibt
der Irak Forschung über Anthrax- und Botulinwaffen,
aber ohne offenkundigen Erfolg. Dennoch, wenn
man nicht aus der Entfernung angreift und die Sporen
persönlich liefern kann, verringern sich die Hindernisse gegen einen biologischen Angriff. "Herauszufinden, wie man es auf terroristische Art tun könnte,
ist trivial", erklärt ein Analyst der Rüstungsindustrie.
Daher ist die Tatsache, daß seit dem Zweiten Weltkrieg kein Land biologische Waffen eingesetzt hat,
kein Indikator für ihre zukünftige Verwendung. Die
Technologie ist seit kurzem so leicht verfügbar, daß
eine gut organisierte Terrorgruppe sie beschaffen
kann.
Unter all den Gründen, die die Attraktion biologischer
Kriegführung für Terroristen ausmachen - der relativ
günstige Preis, die unauffällige Produktion - ist der
wichtigste vielleicht die Anonymität. Ein kleines
Privatflugzeug mit 100 kg Anthraxsporen könnte auf
einer Nord-Süd-Route über Washington fliegen, sich
nicht besonders auffällig verhalten und einen unsichtbaren Nebel hinter sich herziehen, der an einem
Tag mit mäßigem Wind eine Million Menschen töten
würde. Ein Flugzeug, das zehnmal so viel Sarin
ausströmen läßt, würde nur ungefähr 600 Menschen
töten - oder an einem windigeren Tag 6.000. Um auf
den Punkt zu kommen: Bei dem Sarinangriff mit
seinen unmittelbaren Auswirkungen würden die
Behörden bereits nach einem Schuldigen suchen,
bevor das Flugzeug gelandet wäre. Im Gegensatz
dazu benötigt Anthrax Tage, um Wirkung zu zeigen.
Der Pilot könnte Urlaub in der Karibik machen, bevor
irgend jemand etwas Ungewöhnliches feststellen
würde.
Oder stellen Sie sich dieses charmante Szenarium
vor, das wir Kyle Olson vom Kontrollinstitut für
chemische und biologische Waffen verdanken:
Nehmen Sie sich ein Taxi in New York, legen sie
einen Kanister Anthrax in den Kofferraum und, indem

Seite 5

�sie überall erhältliches Gerät etwas modifizieren,
arrangieren Sie die Freisetzung eines unsichtbaren
Stroms von Aerosol. (Es wäre klug, einen speziellen
Filter für die ins Taxi strömende Luft zu bauen,
obwohl eine Anthraximpfung ausreichend Schutz
bieten könnte). Dann fahren Sie einen oder zwei
Tage lang durch Manhattan. Sie würden Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Menschen töten.
Und wiederum würde niemand etwas bemerken. Im
Gegensatz dazu würde beim Nervengas die zu
Ihrem Taxi führende lange Schlange würgender, sich
krümmender Menschen den Verdacht der lokalen
Behörden erregen - selbst wenn Ihre Gasmaske
ihrer Aufmerksamkeit irgendwie entgangen wäre.
Man muß anmerken, daß diese Szenarien biologische Waffen potentiell völkermörderisch machen,
selbst in einer ethnisch heterogenen Stadt. Ein Taxi
kann man Block um Block durch ganz Harlem fahren
- oder durch Chinatown oder die Upper East Side.
Terroristen, die für ethnische Vorurteile bekannt sind,
müssen nicht auf ein ethnisch voreingenommenes
Designervirus warten.
Biologische Waffen sind heute zwar das erschrekkendste Instrument von Terroristen, sind aber vom
Radarschirm jedes wichtigen Politikers am weitesten
entfernt. Die Konvention über biologische Waffen
von 1975, die den Vereinigten Staaten, Rußland und
anderen Signatarstaaten ein biologisches Waffenprogramm untersagt, hat so wenig Biß, daß der NW
dagegen wie eine Stahlfalle wirkt. (Als 19.79 in der
Sowjetunion auf mysteriöse Weise Anthrax in der
Nähe einer militärischen Forschungseinrichtung
ausströmte, waren Pentagonvertreter nicht überrascht. Die Vereinigten Staaten hatten jedoch nicht
die Befugnis, ihren Verdacht zu verfolgen). Und kein
Verbesserungsvorschlag der Clinton-Administration
ist in Sicht. In der Zwischenzeit ist das greifbarste
Resultat einer Reihe von Treffen zwischen den
Signatarstaaten der BW-Konvention über die Überarbeitung der Konvention eine Reihe von Abkommen, sich weiter zu treffen. Es wird überall sehr
wenig darüber gesprochen, die Konvention über
biologische Waffen zu einer Kopie der Chemiewaffenkonvention zu machen.
Wenn man um eine Erklärung dieser Anomalie bittet,
werden die praktischen Probleme genannt, die das
Aufspüren biologischer Waffen schwerer als das
chemischer Waffen machen. Es gibt so viele,
theoretisch verdächtige Räume bei so vielen medizinischen und biotechnischen Einrichtungen. Und bei
einer Inspektion ist es schwierig, mit Sicherheit
festzustellen, ob etwas Illegales vor sich geht. Das
absolut legitime Vorgehen, einen Anthraximpfstoff
herzustellen, ist eine Entschuldigung für das Vorhandensein von Anthrax - einer von mehreren potentiel-

Seite 6

len Vorwänden für die Waffenproduktion. Darüber
hinaus kann eine kleine, unverdächtige Menge von
Pathogenen auf dem Wege der Züchtung zu waffenfähigem Material gemacht werden - nur zwei Wochen, nachdem ein zufriedener internationaler Inspekteur freundlich auf Wiedersehen gewunken hat.
Es trifft zu, daß diese Dinge die Umsetzung des
Vertrags dramatisch verkomplizieren. Es trifft auch
zu, daß sie die Notwendigkeit der Umsetzung dramatisch unterstreichen. Zu wissen, daß in Abertausenden von Gebäuden auf diesem Planeten irgendein
Student oder Manager genügend Anthraxsporen
züchten könnte, um die Stadt, in der ich lebe, zu
dezimieren - ist einem Laisser-faire vergleichbar. Die
Wahrscheinlichkeit der biologischen Kriegführung als
Grund anzuführen, diese Wahrscheinlichkeit nicht zu
verringern, ist ein bißchen zuviel der Ironie.
Einige wild dreinschauende Radikale gingen sogar so
weit, neue Ansätze zu dem Problem vorzuschlagen.
Eine Idee ist die "Internationalisierung" der Herstellung von Impfstoffen, oder zumindest die Beschränkung der Produktion der Länder auf weniger
Einrichtungen für leichtere (und kontinuierliche)
internationale Überwachung. Das würde alle anderen
Einrichtungen eines Vorwands für die Waffenproduktion berauben - so daß beispielsweise bei einer Adhoc-lnspektion entdeckte Anthraxsporen schwer zu
erklären wären.
Eine solche Reform geht jedoch davon aus, daß es
so etwas wie eine Ad-hoc-lnspektion für biologische
Waffen gibt, was nicht der Fall ist. Solche Inspektionen in die BW-Konvention aufzunehmen ist die
ehrgeizigste Idee, die jetzt von der Clinton-Administration erörtert wird (und sie wird nicht auf den
höchsten Ebenen diskutiert). Die Idee wäre, die BWKonvention so umfassend wie die CW-Konvention zu
machen. Die in der CW-Konvention vorgesehene
Anzahl routinemäßiger Inspektionen ist wahrscheinlich für biologische Waffen undurchführbar angesichts
der bloßen Anzahl von Orten, die für Inspektionen in
Frage kämen. Eine überarbeitete BW-Konvention
könnte einfach von den Signatarstaaten fordern,
Daten über solche Orte vorzulegen und sie einer
gelegentlichen Ad-hoc-lnspektion zu unterziehen - an
diesen oder nicht bekanntgegebenen Orten. Das
würde die Produktion von biologischen Waffen
zumindest mit einem zusätzlichen Risiko versehen.
Und bei Massenvernichtungswaffen zählt jedes
zusätzliche Risiko.
Aus diesem Grund werden auch mehrere andere
Maßnahmen - Transparenz, internationale Koordinierung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und so
weiter - genannt. Das kollektive Ergebnis solcher
Maßnahmen wird von Graham Pearson vom briti-

AMERIKA DIENST 26

�sehen Verteidigungsministerium als "Netz der
Abschreckung" bezeichnet. Pearson gibt die Sichtweise der britischen Regierung wider, daß die BWKonvention im Prinzip 'Verifizierbar" ist. Im Gegensatz dazu muß die Clinton-Administration noch die
offizielle amerikanische Auffassung ins Gegenteil
umkehren, die sie von der Reagan-Bush-Ära der
Denkweise des Kalten Krieges mit ihrer übermäßigen Angst vor eingehenden Inspektionen überragender kommunistischer Köpfe geerbt hat. (Die
Reagan-Administration ist mehr oder weniger in eine
äußerst eingehende CW-Konvention gestolpert. Der
Abteilungsleiter im US-Verteidigungsministerium
Richard Perle sprach das Thema "Ad-hoc-lnspektionen" an in dem Vertrauen, daß die Sowjets Nein
sagen würden, um die Amerikaner in Verlegenheit
zu bringen. Dann kam Michail Gorbatschow an die
Macht und zog seinen Bluff ab. Der Rest ist Geschichte).
Eine Idee, die bei den regelmäßigen Treffen der
BW-Konvention über Verbesserung auftauchte, ist,
der CW-Konvention eine neue, strengere BW-Konvention anzuhängen. Das Verwaltungsorgan der
CW-Konvention in Den Haag könnte erweitert werden, um sowohl chemische als auch biologische
Waffen einzubeziehen und sich von einer OPCW zu
OPCBW zu verwandeln. In der Annahme, daß eine
neue Konvention über biologische Waffen die Chemiewaffenkonvention beim Verhängen von Strafen
im Fall der Nichteinhaltung kopiert, könnten die
Strafen zusammengelegt werden. Wenn ein Land,
das einen der Verträge nicht einhält, vom Handel mit
Chemikalien und biotechnologischem Gerät abgeschnitten würde, wäre Nichteinhaltung extrem
unattraktiv.
Davon abgesehen könnte der N W theoretisch - und
auf lange Sicht - in diese Mischung einbezogen
werden, so daß die illegale Entwicklung von Massenvernichtungswaffen den Zugang des Landes zu
modernster chemischer, biologischer und atomarer
Technologie verkompliziert. Das würde dem N W
einen Großteil der Wirkung verleihen, die er jetzt
vermissen läßt, und eine Wert schaffen, in der die
verantwortungsvolle Nutzung von Technologie eine
Voraussetzung für den ungehinderten Zugang zu ihr
ist. Es erübrigt sich zu sagen, daß jeder, der in
Washingtoner Politikerkreisen einen solchen Vorschlag unterbreitet, aufgrund von hoffnungslosem
Romantizismus verjagt würde.
Es gibt politische Gründe, warum biologischen
Waffen nur ein geringer Teil der Aufmerksamkeit
gewidmet wurde, die sie verdienen. Zum einen wird
die Ratifizierung der Konvention über chemische
Waffen als Voraussetzung für eine neue Initiative zu
biologischen Waffen angesehen. Die CW-Kon-

AMERIKA DIENST 26

vention erforderte über ein Jahrzehnt mühsamer
Verhandlungen. Wenn sie scheitert, wird niemand
freiwillig die Welt zu einer erneuten visionären
Rüstungskontrollkampagne führen.
Bedauerlicherweise ruht die CW-Konvention seit neun
Monaten im amerikanischen Senat. Sie hat die
nominelle Unterstützung einiger wichtiger Leute wie
Präsident Clinton und Senator Lugar vom Ausschuß
für Auswärtige Beziehungen. (Glücklicherweise hat
der Ausschußvorsitzende Jesse Helms - der beim
letzten Mal Indien mit Pakistan verwechselte, als er
mit Ministerpräsidentin Bhutto von Pakistan sprach angeblich die Kontrolle über das Thema Chemiewaffenkonvention an Lugar abgegeben). Aber weder
Clinton, Lugar noch sonst jemand mit Status hat sich
dafür entschieden, die CW-Konvention zu seinem
Lebensinhalt zu machen. Elf Tote in einer japanischen Untergrundbahn haben das Problem nicht über
die Schwelle des Alltäglichen hinaus gebracht.
Ebenso wie Fortschritte bei chemischen Waffen den
Weg zu Fortschritten bei biologischen Waffen ebnen
würden, wird die Verlängerung des N W von einer
überwältigenden Mehrheit als Vorbedingung für die
Erörterung tiefgreifender Reformen beim NW-Verifizierungsregime erachtet. In der Tat würde die N W Verlängerung ein ziemlich helles Schlaglicht werfen,
in dem Präsident Clinton eben diese Diskussion
eröffnen könnte - oder abgesehen davon eine umfassendere Diskussion über Massenvernichtungswaffen. Dieses Schlaglicht wäre auch eine innenpolitische Chance für einen Präsidenten, der häufig als
unzureichend präsidial abgetan wird.
Natürlich ist das ein Standardratschlag für Präsidenten: Halten Sie eine Rede, haben Sie eine Vision.
Das ist leicht zu sagen, wenn man nicht seinen
vagen Idealismus im Detail darlegen und ihn vor
allem nicht in Einklang mit der harten Realität bringen
muß. Aber Brat Roberts vom Zentrum für strategische und internationale Studien - nicht unbedingt eine
Brutstätte wirrer Eine-Welt-Gedanken - umriß in der
jüngsten Ausgabe von The Washington Quarterly
eine ziemlich konkrete Version einer hochfliegenden
Clintonschen Vision. Roberts nahm jede Menge
internationaler Abkürzungen zu Hilfe - nicht nur CWKonvention, BW-Konvention und N W , sondern GATT
(Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) und
NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen).
Indem er nicht offenkundige Verbindungen zwischen
Handelsabkommen und Nichtverbreitungsregimen
herstellte, argumentierte er, beide müßten sorgfältig
formuliert sein, um eine "neue Gruppe" von Staaten
anzuziehen und einzubinden, die vor kurzem dank
der technologischen Evolution mit der Fähigkeit zur
Herstellung hochwirksamer Waffen versehen wurden.
Nachdem all diese Abkürzungen sich nun in dem

Seite 7

�einen oder anderen Sinn in einer kritischen Phase
befinden, könnte sich 1995 als "echter Wendepunkt"
erweisen. "Grundlegende internationale Institutionen
werden das Jahr entweder sehr gestärkt oder sehr
geschwächt beenden" - und im letzteren Fall werden
sich die Aussichten für eine stabile Welt nach dem
Kalten Krieg drastisch verringern.
Wenn Präsident Clinton je entscheidet, beim Thema
Massenvernichtungswaffen eine Führungsrolle
auszuüben, bestehen geringe Chancen, daß die
Nachwelt ihn als Panikmacher einschätzt. Die
Bedrohungen, die er anspricht, nehmen nicht nur zu
- ihre Zunahme hat tiefe und dauerhafte Wurzeln:
Wachsende Erfindungsgabe bei der Herstellung
destruktiver Kräfte, wachsender Zugang zu den für
die Produktion erforderlichen Daten über Informationstechnologie, größere Verfügbarkeit des benötigten Materials in einer immer höher industrialisierten
Welt und der zunehmend leichtere Transport. Die
zugrundeliegende Kraft ist wahrlich unerbittlich: Die

*

Seite 8

*

Anhäufung wissenschaftlicher Kenntnisse und ihre
Anwendung - über Technologie - auf humanitäre
Angelegenheiten.
Von Zeit zu Zeit werden die unvermeidbaren Ergebnisse dieses Trends offenkundig - bei der Entdekkung, daß der Irak ein umfassendes Atombombenprojekt und genügend chemische Waffen unterhielt,
um eine kleine Nation umzubringen; in der Tatsache,
daß die Bombenleger des World Trade Center Erfolg
bei einer Mission hatten, bei der vorbehaltlich geschickterer Mitarbeiter und besserer Finanzierung
sehr wohl biologische Waffen statt Sprengstoff hätten
eingesetzt werden können; in den Nachrichten, daß
ein verrückter japanischer Kult mit internationaler
Präsenz geschäftig ein chemisches und biologisches
Arsenal ansammelte. Bisher hat keines dieser
Schulbeispiele Zehntausende oder Hunderttausende
Menschenleben gekostet. Aber mit der Zeit werden
die Kosten der Beispiele sicherlich steigen.

*

*

AMERIKA DIENST 26

�WIRTSCHAFT
30. August 1995

BEMs - die großen aufstrebenden Märkte
Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die großen aufstrebenden Märkte
(Big Emerging Markets - BEMs), der im August 1995 in Business America, der Publikation des USWirtschaftsministeriums über Welthandel erschien.

Entdeckung der BEMs
Während des ersten Jahres der Clinton-Administration wurden viele Analysen zur Beantwortung folgender Fragen durchgeführt: Wo wird im nächsten
Jahrhundert der Motor der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung zu finden sein? Welche Märkte
sind am vielversprechendsten?
Welche Rolle
übernimmt die US-Regierung um sicherzustellen,
daß das Land dieses Versprechen realisiert?
Obwohl diese Fragen in Washington in den letzten
Jahren vernünftig erschienen, hat man sich auf der
internationalen Wirtschaftsbühne selten mit ihnen
befaßt, geschweige denn, sie beantwortet. Die
Clinton-Administration brach jedoch mit den Verhaltensmustern der Vergangenheit. Sie unternahm
große Bestrebungen, über den engeren Horizont
hinauszuschauen und präsentierte einige interessante - und überzeugende - Schlußfolgerungen.
Beispielsweise gelangten wir zu dem Schluß, daß
die Märkte in Europa und Japan in den kommenden
beiden Jahrzehnten viel langsamer wachsen werden
als im Großteil der übrigen Welt. Ferner entdeckten
wir, daß sich trotz des Optimismus hinsichtlich der
Zukunftsperspektiven in Ostasien und Lateinamerika
das Wachstum weltweiter Importe insgesamt auf
weniger als ein Dutzend Märkte beschränken wird,
die wir "Big Emerging Markets" oder "BEMs" nennen. Die BEMs befinden sich in Asien (der chinesische Wirtschaftsraum - China, Hongkong und
Taiwan -, Südkorea, der Verband Südostasiatischer
Nationen ASEAN, anfänglich Indonesien, später
ausgeweitet auf alle Volkswirtschaften des ASEAN
und Indien); in Afrika (Südafrika); in Europa (Polen
und Türkei) sowie in Lateinamerika (Mexiko, Brasilien und Argentinien).
Wenn wir auf diesen Märkten erfolgreich sein wollen,
müssen wir unseren handelspolitischen Ansatz
vollkommen überdenken. Da es sich um aufstreben-

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de Märkte handelt, sind sie in ständigem Wandel
begriffen und daher bisweilen auch instabil. Sie
verfügen nicht über die festen Kontakte zu den
Vereinigten Staaten wie unsere traditionellen Partner.
Die Beziehungen zu ihnen sind unbeständig. Und
aufgrund der enormen Versprechungen dieser Märkte
haben sie magnetische Anziehungskraft auf die
konkurrenzfähigsten Unternehmen in den Vereinigten
Staaten und im Ausland.
Auf jedem Markt wird es erbitterten Wettbewerb
geben. Da sich jedoch auf vielen von ihnen wichtige
staatliche Sektoren befinden - und praktisch alle sich
stark auf Infrastrukturprojekte konzentrieren, die die
Beteiligung der Kommunalregierung erfordern bedürfen amerikanische Unternehmen der Unterstützung durch die US-Regierung, damit sie faire
Verhandlungen bekommen. Aufgrund der Intensität
ausländischen Wettbewerbs und des Kapitalbedarfs
dieser Volkswirtschaften werden unsere Konkurrenten
öffentlich/private Partnerschaften sein, bei denen
ausländische Regierungen gebundene Finanzierung
und aggressiven Beistand gewähren, um die Bestrebungen ihrer Unternehmen zu unterstützen. Wenn
wir nicht ebenso verfahren, werden wir nicht nur
unsere Erfolgschance auf diesen Märkten verlieren,
sondern auch unsere Chance, im kommenden
Jahrhundert in der Weltwirtschaft die Führungsrolle
zu übernehmen.
BEMs in den Schlagzeilen
Anfang des Jahres veröffentlichten alle amerikanischen Zeitungen täglich Artikel über den Stand der
Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Vertretern der chinesischen Regierung über den
illegalen Handel mit Raubkopien von Compact Discs
und Computer-Software. Warum? Weil diese Frage
sowohl für das künftige Wohlergehen Hunderttausender amerikanischer Arbeitnehmer von zentraler
Bedeutung ist als auch für unsere Zukunftsaussichten

Seite 1

�auf einem Markt mit 1,2 Milliarden Verbrauchern, die
einem gewaltigen Appetit auf Informationsprodukte
haben, bei denen wir weltweit führend sind.
Als Mexiko stauchelte, reagierte der Präsident
schnell und entschlossen. Warum? Da Mexiko
bereits der drittgrößte Abnehmer amerikanischer
Exporte und in schnellem Wachstum begriffen ist über 20 Prozent im Jahr 1994, dem ersten vollen
Jahr des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA - birgt es für die Zukunft noch größere
Versprechungen. 1994 stiegen die ausländischen
Direktinvestitionen in Mexiko im Vergleich zum
Vorjahr um nahezu zwei Drittel an. Ungeachtet
dessen, welche Probleme gegen Ende des Jahres
auftauchen mögen, ist der mexikanische Markt
weitaus reicher an Ressourcen als noch vor 12
Monaten.
Für die Zukunft hat das große Bedeutung: Mehr
Arbeitsplätze für uns und unsere Kinder.
Das
Wachstum in Mexiko fördert unser eigenes Wachstum. Und ebenso wie die Stabilität Mexikos auch die
unsere fördert, würde seine Instabilität unsere
Sicherheit unterhöhlen. Während wir das Versprechen engerer Zusammenarbeit und größerer Offenheit realisieren, akzeptieren wir auch, daß das
Schicksal unserer beiden Länder noch stärker
miteinander verflochten wird. Südafrika ist mehr als
nur eine inspirierende Geschichte. Es ist eine
Nation, die die letzte große Hoffnung eines Kontinents repräsentiert. Nahezu die Hälfte des afrikanischen Bruttoinlandsprodukts wird in Südafrika
erwirtschaftet - nahezu drei Viertel des Bruttoinlandsprodukts des südlichen Afrika. Sollten das kühne
Experiment Nelson Mandelas und der neuen, von
ihm geschaffenen nichtrassischen Demokratie
scheitern, wären die Konsequenzen für den ganzen
Kontinent verheerend.
Brasilien, das größte und bevölkerungsreichste Land
Südamerikas, hat allein durch sein Potential große
Anziehungskraft auf internationale Investoren. Ein
alter Scherz besagt, "Brasilien ist das Land der
Zukunft ... und wird es immer sein." Noch vor
kurzem kämpfte das Land mit gravierenden Problemen der Hyperinflation und verheerender Armut. Im
vergangenen Jahr geschah etwas Entscheidendes.
In Brasilien fanden echte Wirtschaftsreformen statt,
zuerst in Form einer neuen, "Real" genannten
Währung. Gleichzeitig übernahm Brasilien in der
Region eine neue, einflußreiche Rolle und wurde zu
einem der unangefochten führenden Länder im
Vorfeld des gesamtamerikanischen Gipfels, indem es
eine neue, nach außen orientierte Haltung einnahm
und von Nationen in der gesamten Hemisphäre
starke Unterstützung erhielt. Brasilien könnte das
Land von morgen sein ... heute.

Seite 2

Die Türkei liegt seit Alexander dem Großen im
Zentrum der Welt. In den letzten Jahren machte eine
wirtschaftliche Renaissance die Börse in Istambul zu
einer der weltweit attraktivsten. Jetzt sind für die
Türkei schwierige Zeiten angebrochen. Das Land
wird jedoch für unsere Zukunft eine Schlüsselrolle
spielen, denn es ist das Bindeglied und der Puffer
zwischen Europa und dem Nahen Osten, zwischen
Europa und dem südlichen Teil der ehemaligen
Sowjetunion. Es befindet sich an der Grenze zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, an der
Frontlinie in dem dynamischen Austausch, der das
kommende Jahrhundert bestimmen wird.
Was könnte für die meisten Amerikaner weiter
entfernt liegen als das ASEAN-Mitglied Indonesien,
eine Kette aus 13.000 Inseln auf der anderen Erdhalbkugel? Dennoch führte der Präsident im Novembervergangenen Jahres eine hochrangige amerikanische Delegation zum APEC-Gipfel über asiatischpazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit nach
Jakarta, in die Hauptstadt Indonesiens. Während der
Zusammenkunft gab es Schlagzeilen über Menschenrechtsprobleme und Arbeitnehmerrechte. Der Präsident scheute sich nicht, diese Fragen anzusprechen.
Gleichzeitig verlieh er jedoch unserem großen
Wunsch Ausdruck, im Rahmen eines neuen Ansatzes
Wandel zu sehen. Er beschloß, unsere Beziehungen
zu Indonesien und gleichartigen Ländern auf unsere
enormen gemeinsamen Interessen aufzubauen.
Kurz vor der wichtigen Rede des Präsidenten in
Jakarta unterzeichnete Wirtschaftsminister Brown ein
Abkommen zwischen amerikanischen und indonesischen Unternehmen in Höhe von etwa 40 Milliarden
Dollar, darunter ein Energieabkommen im Wert von
allein 35 Milliarden Dollar. In seiner Rede erwähnte
Präsident Clinton die vom indonesischen Präsidenten
Suharto übernommene Führungsrolle, die 18 Mitgliedsstaaten des APEC zur Zustimmung zum Freihandel in der Region bis zum Jahr 2020 und in den
entwickelten Ländern bereits bis 2010 zu bewegen.
Der Präsident erkannte, daß wir uns einander annähern. Er identifizierte eine Vielzahl von Themen politischer, sozialer, umweltpolitischer und wirtschaftlicher Natur - über die wir langsam einen Konsens
erzielten und räumte ein, daß das Versprechen
engerer Beziehungen und offenerer Grenzen uns zu
mehr Fortschritten führt.
Wirtschaftsinteressen
Unser wirtschaftliches Interesse an den BEMs ist
enorm. Die 10 BEMs importieren als Gruppe ungefährt soviele Waren von uns wie Japan und die
Europäische Union zusammengenommen. Tatsächlich könnten zwischen 1990 und 2010 mindestens

AMERIKA DIENST 26

�eine Billion des amerikanischen Exportwachstums
auf die BEMs zurückgehen.
Unsere Warenexporte in die BEMs beliefen sich
1994 auf insgesamt 159 Milliarden Dollar - ungefähr
30 Prozent unserer gesamten Warenexporte. Wir
erwarten, daß die BEMs ihren Anteil an den weltweiten Exporten ebenfalls verdoppeln und dieser von 19
Prozent 1994 auf 38 Prozent im Jahr 2010 ansteigen
wird. Keine andere Kategorie des Marktes hat so
großes Wachstumspotential. Von Seoul bis Bombay
bestehen Pläne für Inf rastrukturprojekte im Wert von
einer Billion Dollar für die nächsten zehn Jahre - bei
Energieerforschung und -gewinnung, Flughäfen und
Flugüberwachungssystemen, Telefonen und Satelliten, Krankenhäusern und Gesundheitsdiensten, der
Produktion von Autos und Autoteilen, dem Bankund Versicherungswesen sowie der Beseitigung von
Umweltverschmutzung. Mindestens halb so viel ist
für Lateinamerika vorgesehen. Diese Transaktionen
riesigen Ausmaßes bedeuten enorme Handels- und
Investitionsmöglichkeiten für amerikanische Unternehmen.
Die Argumente für die Größenordnung und Bedeutung dieser Veränderungen wurden von vielen
Quellen unterstützt. Schätzungen der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) zufolge werden im Jahr 2010 ungefähr 700
Millionen Menschen in China, Indien und Indonesien
ein Durchschnittseinkommen haben, das dem
Spaniens heute entspricht, wenn diese drei Volkswirtschaften bis dahin ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 6 Prozent verzeichnen. Diese Anzahl von Menschen entspricht etwa
der Bevölkerung der Vereinigten Staaten, Japans
und Europas zusammengenommen. Während 1992
nur drei der zehn weltweit größten Märkte BEMs
waren, werden es Schätzungen der Weltbank unter
Einsatz ihrer Bewertung der Kaufkraft dieser Volkswirtschaften zufolge im Jahr 2020 sechs sein.
Eine Studie der BEMs wird darüber hinaus zeigen,
daß diese Volkswirtschaften - abgesehen von all
unseren Problemen mit ihnen - weitaus offener für
Importe sind als damals Japan und die asiatischen
Tiger auf derselben Entwicklungsstufe. Ihr schnelles
Wachstum bietet also für uns eine direkte Chance
und wird wahrscheinlich unmittelbare entscheidende
Auswirkungen auf das Weltwirtschaftswachstum, die
Integration und sogar die den internationalen Beziehungen zugrundeliegende Dynamik haben.
Um die Bedeutung dieser Veränderungen aus einer
anderen Perspektive zu betrachten, müssen wir uns
nur die Tatsache vor Augen halten, daß in den
ersten drei Jahren dieses Jahrzehnts die amerikanischen Exporte in die Entwicklungsländer im Durch-

AMERIKA DIENST 26

schnitt um 12 Prozent jährlich stiegen, während es
bei unseren traditionellen Handelspartnern nur 2
Prozent jährlich waren. Mit den Worten des The
Economist fungierten "die Volkswirtschaften der
Entwicklungsländer erstmals als Lokomotive und
trugen dazu bei, die Welt aus ihrer Rezession Anfang
der neunziger Jahre herauszuziehen". Wir sind uns
der Grenzen langfristiger Wirtschaftsprognosen und
der Möglichkeit bewußt, daß in bestimmten BEMs die
Wirtschaftspolitik scheitern könnte.
Unsere Einstellung basiert auf einigen wichtigen Annahmen,
beispielsweise der Überzeugung, daß der Welthandel
offen und expansionsfähig bleiben wird und in den
BEMs eingeleitete politische Reformen fortgesetzt
werden. Daher könnte sich die Liste der BEMs
abhängig von bestimmten Tendenzen verändern.
Wenn die russische Volkswirtschaft einmal über den
Berg sein sollte, könnte sie ebenfalls dieser Liste
hinzugefügt werden. Eines Tages könnten einige
Märkte den Test bestehen und sich in die Reihen der
entwickelten Volkswirtschaften der Welt eingliedern.
Ferner ist es auch möglich, daß ein Markt von der
Liste gestrichen wird, der seit langem Rückschritte
macht.
Dennoch haben die von uns als BEMs identifizierten
Volkswirtschaften bestimmte Merkmale, die unsere
Aufmerksamkeit erfordern. In Lateinamerika entfallen
auf zwei BEMs - Mexiko und Brasilien - 61 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts der südlichen Hemisphäre
und 53 Prozent seiner Bevölkerung. Zwei asiatische
BEM-Länder - China und Indien - verzeichnen 40
Prozent der Weltbevölkerung. In Afrika erwirtschaftet
ein BEM - Südafrika - 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des gesamten Kontinents. Polen ist die am
schnellsten wachsende Volkswirtschaft Europas, und
Indonesien hat weltweit die viertgrößte Bevölkerungsdichte.
In dieser Hinsicht ist die Kategorie der BEMs ein
Beispiel für eine bestimmte Art von Markt. Sie
erstrecken sich über ein großes Gebiet. Sie haben
eine große Bevölkerung mit riesiger zukünftiger
Nachfrage nach Infrastruktur wie Energieerzeugung
und Telekommunikation sowie nach Konsumgütern
wie Computern und Waschmaschinen. Sie sind
Volkswirtschaften mit einer bedeutenden Wirtschaftspolitik, die bereits zu schnellerem Wachstum und
einer Ausweitung von Handel und Investitionen mit
der übrigen Welt führten. Sie streben eine Führungsrolle im Technologiebereich an. Das Wachstum ihrer
Märkte hätte enorme Auswirkungen auf die jeweilige
geographische Region. Sie alle haben einen wichtigen politischen Einfluß auf ihre unmittelbare Umgebung und darüber hinaus. Natürlich hat nicht die
Clinton-Administration die BEMs entdeckt.
Sie
tauchten schon vor Jahren auf der Weltbühne auf,
und einige große amerikanische Unternehmen waren

Seite 3

�seit langer Zeit auf ihnen aktiv. Tatsächlich wurden
wir genau deshalb auf die BEMs aufmerksam, weil
einige der weiterblickenden amerikanischen Unternehmen bereits auf diese Märkte drängten. Aber
erst vor kurzem begann die US-Regierung, ihnen die
Aufmerksamkeit zu zollen, die sie verdienen - nicht
als außenpolitisches Problem, als das sie oft betrachtet werden, sondern als große und essentielle
Chancen für zukünftige Zusammenarbeit.
Nicht nur amerikanische Umsätze stehen auf
dem Spiel
Obwohl das Grundprinzip der BEM-Strategie großenteils auf amerikanischen Exportmöglichkeiten basiert,
wäre es ein großer Fehler, die BEMs nur durch
diese Brille zu sehen. Tatsache ist, daß jeder
Aspekt unserer Welt stark davon beeinflußt wird,
was die BEMs unternehmen und was sie nicht
unternehmen. Es gibt kein Szenarium zur Eindämmung der nuklearen Weiterverbreitung ohne die
Kooperationsbereitschaft von Ländern wie China,
Indien oder Brasilien. Es gibt keine Hoffnung auf
Umweltschutz ohne die Beteiligung der BEMs. Die
Zukunft der Handelsliberalisierung und die Möglichkeiten sinnvoller Währungsabkommen erfordern die
Eingliederung der BEMs und die Zusammenarbeit
mit ihnen. Die internationalen Institutionen, von
denen wir in zunehmendem Maße abhängig sind,
werden immer stärker von den Maßnahmen und
Aussichten der BEMs beeinflußt.
Folglich besteht eine direkte Verbindung zwischen
unserer Konzentration auf die BEMs als Mittel zur
Erhöhung unseres Marktanteils im Ausland und der
amerikanischen Rolle bei Beziehungen aller Art
zwischen den Nationen der Welt. Wenn wir unsere
wirtschaftlichen Schlachten um diese Märkte verlieren, geben wir auch unser wirkungsvollstes Mittel
auf, sie zu beeinflussen, uns ihnen anzunähern und
ihre zukünftige Stabilität durch Wohlstand zu sichern.
Rolle und Politik der US-Reglerung
Unsere Regierung hat eine wichtige Rolle bei der
Förderung des Handels mit jeder der BEMs zu
übernehmen. Die BEMs unterscheiden sich von
unseren traditionelleren Handelspartnern wie Großbritannien oder Deutschland. Oftmals bestehen
große Hindernisse beim Eintritt in diese Märkte,
einschließlich hoher Zölle, Quoten und protektionistischer Vorschriften. Wirtschaftssysteme, einschließlich der vollen Respektierung des Rechts auf geistiges Eigentum, reibungslos funktionierender Kapitalmärkte und offener staatlicher Beschaffung sind
oftmals entweder noch im Entwicklungsstadium
begriffen oder fehlen ganz. In einigen der BEMs gibt
es auch keine unabhängige Justiz. Und wie bereits

Seite 4

erwähnt, unterscheidet sich der Wettbewerb auf
diesen Märkten dramatisch von dem, was wir gewöhnt sind.
Daher können und sollten wir auf diesen Märkten den
amerikanischen Unternehmen auf verschiedene Arten
helfen - von der Sicherung des Marktzugangs über
die Bereitstellung von Finanzmitteln bis zur Förderung
amerikanischer Unternehmen bei der Vergabe
größerer Projekte bei Geschäften, bei denen ausländische Regierungen ihren eigenen Unternehmen
helfen oder bei der Projektvergabe eine wichtige
Rolle in der Entscheidungsfindung übernehmen.
Zudem mangelt es oft an guten Informationen über
die BEMs. Durch unsere Botschaften und unsere
Handelsabteilung im
US-Wirtschaftsministerium
können wir einen Großteil der verfügbaren Daten
bereitstellen, analysieren und an die Unternehmen
unseres Landes weiterleiten. Schließlich müssen wir
mit den Regierungen und dem Privatsektor der BEMs
zusammenarbeiten, um ihnen bei der Entwicklung
von Fähigkeiten und dem Aufbau der für die Schaffung offener, moderner, kapitalistischer Systeme
erforderlichen Institutionen zu helfen. Der Ansatz
darf nicht gönnerhaft sein, sondern muß auf den
gemeinsamen Zielen einer Erweiterung des Handels
auf ihren und unseren Märkten basieren.
Es ist natürlich viel einfacher, eine Politik zu verkünden, als sie durchzuführen. Im vergangenen Jahr
wurde allerdings bereits viel erreicht.
Die bislang vielleicht wichtigste Errungenschaft ist die
Entwicklung eines intensiven Exportbewußtseins.
Praktisch seit ihren ersten Tagen im Amt hat die
Clinton-Administration unterder Schirmherrschaft des
behördenübergreifenden Koordinationsausschusses
für die Förderung des Handels (Trade Promotion
Coordinating Committee - TPCC) hart daran gearbeitet, die Exportförderung aus dem Schatten der
Handelspolitik heraus ins Rampenlicht zu rücken. Mit
Hilfe der nationalen Exportstrategie des Präsidenten der ersten unserer Nation - setzte die Administration
umfassende behördenübergreifende Bestrebungen
zur Koordinierung staatlicher Unterstützung für
amerikanische Unternehmen bei der Bewerbung um
große Aufträge in Übersee in Gang; sie setzte einen
flexibleren und aggressiveren Ansatz zur Handeisfinanzierung um, liberalisierte unnötige und veraltete
Kontrollen von Computer- und Telekommunikationsexporten und gründete mehrere Exporthilfezentren,
die amerikanische Unternehmen von zentraler Stelle
aus mit umfassender Exporthilfe und Rinanzdienstleistungen versorgen. Nach zwei Jahren können wir
stolz sagen, daß unsere nationale Exportstrategie
vollständig umgesetzt wird. Der TPCC wird dem
Kongreß Ende September seinen dritten Jahresbericht über die nationale Exportstrategie vorlegen.

AMERIKA DIENST 26

�Nachdem diese Maßnahmen durchgeführt wurden
und weitere vorgesehen sind, erwarten wir eine
Ausweitung des amerikanischen Absatzes im Ausland mit Exporten von über einer Billion Dollar im
Jahr 2000 und sechs Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen. Diese Exporte werden auch zum Abbau
unseres chronischen und wachsenden Handelsdefizits beitragen. (Die Exporteure werden gewarnt,
daß für Exporte an viele dieser Bestimmungsorte
immer noch Kontrollen existieren. Zur Erläuterung
dieser Maßnahmen wenden Sie sich bitte an die
Beratungsabteilung der amerikanischen Exportverwaltungsbehörde, Tel. (020)482-4811).
Die Konzentration auf die BEMs ist ein entscheidender und beherrschender Teil dieses Exportschubs.
Sie ist kein Ersatz für weitere Bestrebungen zur

*

AMERIKA DIENST 26

*

Öffnung von Märkten und Förderung des Absatzes
amerikanischer Unternehmen in Europa, Japan oder
Kanada. Sie bedeutet auch nicht, daß wir in unseren
wirtschaftlichen Bestrebungen nachlassen, uns enger
an Rußland, die anderen neuen unabhängigen
Staaten oder ganze Regionen wie Lateinamerika oder
Südostasien anzunähern.
Die Strategie der großen aufstrebenden Märkte
verdient jedoch besondere Aufmerksamkeit und
erfordert außerordentliche Mühe, denn sie stellt eine
radikale Abkehr von der traditionellen Politik dar und
orientiert sich jenseits des üblichen Horizonts staatlicher Politik. Die Ausrichtung dieser Strategie ist
weitaus intensiver und ihre Umsetzung viel aggressiver als jede andere von der amerikanischen Regierung umgesetzte Exportstrategie.

* *

Seite 5

�FRAUEN
30. August 1995

USA umreißen Zielsetzungen für
Pekinger Frauenkonferenz
Erklärung von Botschafterin Albright
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanischen Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright,
zufolge gründen sich die wichtigsten Zielsetzungen der Vereinigten Staaten bei der vierten Weltfrauenkonferenz
auf "das Engagement für Chancengleichheit, das die Grundlage unserer eigenen Staatsphilosophie ist".
Bei einer Pressekonferenz im US-Außenministerium am 24. August 1995 erklärte die Leiterin der
amerikanischen Delegation, die Zielsetzungen "spiegeln die Ansichten und Sorgen" von Frauen in den
gesamten Vereinigten Staaten wider und "sind sowohl im In- als auch im Ausland relevant".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafterin Albright.

Ende nächster Woche wird die amerikanische
Delegation zur Teilnahme an der vierten Weltfrauenkonferenz nach Peking reisen. Als Delegationsleiterin möchte ich kurz unsere Zielsetzungen für
diese Konferenz umreißen und erläutern, warum
unsere Teilnahme unseres Erachtens wichtig und
angemessen ist.
Erstens im Hinblick auf unsere Ziele.
Wir wollen die Menschenrechte von Frauen fördern
und schützen.
Wir wollen die Gewalt gegen Frauen beenden.
Wir wollen die Beteiligung von Frauen am politischen
und wirtschaftlichen Entscheidungsprozeß erweitern.
Wir wollen gleichberechtigten Zugang von Frauen zu
Bildung und Ausbildung sowie Gesundheitsfürsorge
im gesamten Verlauf ihres Lebens sicherstellen.
Und wir wollen die Familien stärken, indem wir ein
Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen bei
der Aufteilung von Arbeit und Aufgaben in der
Familie herstellen.
Diese Ziele spiegeln die Ansichten und Sorgen
wider, die von Amerikanern bei regionalen Treffen
geäußert wurden. Sie sind sowohl im In- als auch
im Ausland relevant. Und das Kernstück bildet das
Engagement für Chancengleichheit, das die Grundlage unserer eigenen Staatsphilosophie ist.

AMERIKA DIENST 26

Die Notwendigkeit zu Fortschritten bei diesen Zielsetzungen sollte außer Frage stehen. Es gibt zahllose
Beweise, daß Frauen trotz der jüngsten Errungenschaften weiterhin eine unterbewertete und unterentwickelte Ressource sind. An zu vielen Orten wird
Frauen zu häufig der gleichberechtigte Zugang zu
Bildung und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge,
Krediten und der Chance zur Beteiligung am politischen Leben einer Nation verwehrt.
An zu vielen Orten wird Frauen zu häufig die gesetzlich verankerte Gleichberechtigung im Hinblick auf
das verwehrt, was sie besitzen, welche Entscheidungen sie treffen und was sie erben dürfen.
An zu vielen Orten wird zu häufig abscheulicher
Mißbrauch an Frauen verübt. Dazu zählen erzwungener Schwangerschaftsabbruch und Sterilisierungen,
in die Prostitution verkaufte Kinder, rituelle Verstümmelungen, Ermordungen wegen der Mitgift und
Gleichgültigkeit seitens der Regierung gegenüber
Gewalt.
Die Clinton-Administration wird die Frauenkonferenz
zur Unterstreichung der Tatsache nutzen, daß Gewalt
gegen Frauen nicht kulturell bedingt, sondern kriminell ist, und wir alle eine Verantwortung zu ihrer
Beendigung haben.
Einige vertreten immer noch die Auffassung, wir
sollten wegen der Verhaftung von Harry Wu und der
schlechten Menschenrechtsbilanz Chinas nicht an der
Frauenkonferenz teilnehmen.

Seite 1

�Solche Gefühle sind verständlich, aber im Namen
der Menschenrechte ergibt es einfach keinen Sinn,
eine Konferenz zu boykottieren, die sich die Förderung der Menschenrechte zum Hauptziel gesetzt hat.
Wir sollten auch die Auswirkungen nicht unterschätzen, die eine Konferenz wie diese auf das Gastland
selbst haben kann.
Die Vorbereitungen für die Konferenz haben in
China das Bewußtsein für Frauenfragen geschärft.
Es gibt eine öffentliche Diskussion über bisherige
Tabuthemen, darunter Gewalt gegen Frauen. Es ist
von großer Bedeutung, daß über 5.000 Chinesinnen
am Forum der nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs) teilnehmen werden. Und die chinesische
Regierung hat bereits darauf reagiert, indem sie
neue - wenn auch noch nicht erprobte - Maßnahmen
zur Unterstützung der Rechte von Frauen angekündigt hat.
Eine offene Diskussion über den Status der Frau hat
nicht nur in China, sondern überall Auswirkungen:
Länder, in denen Frauen einen fairen Anteil an der
Macht haben, sind stabiler und wohlhabender als
solche, in denen Frauen an den Rand gedrängt und
unterdrückt werden.
Zum Abschluß möchte ich noch auf einige spezifischere Fragen eingehen, die im Zusammenhang mit
dieser Konferenz auftauchten. Ein Ereignis wie
dieses zieht die Aufmerksamkeit einer Vielzahl
nichtstaatlicher Organisationen und von Privatpersonen mit stark ausgeprägten und unterschiedlichen
Meinungen auf sich.

Das ist begrüßenswert und

unterstreicht die Tatsache, daß NGOs sowohl bei
dieser Konferenz als auch im Nachhinein eine
entscheidende Rolle spielen. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten entschieden und sehr
erfolgreich darum gekämpft, die Teilnahme von
NGOs an der Konferenz zu ermutigen und sicherzustellen.

*

Seite 2

Auf unsere Veranlassung und die anderer Länder
wurde im April das Akkreditierungsverfahren für die
Weltkonferenz wiederaufgenommen, mit dem Ergebnis, daß über 750 zusätzliche Gruppen akkreditiert
wurden, darunter viele aus den Vereinigten Staaten.
Gruppen, die Beobachter zu der Konferenz entsenden, stammen aus dem gesamten politischen und
sozialen Spektrum. Insgesamt dürfen über 3.500
NGOs Beobachter entsenden - mehr als bei jeder
anderen UNO-Veranstaltung.
Sie haben sicher von den logistischen Schwierigkeiten für die Konferenzteilnehmer gehört - und einige
von Ihnen haben vielleicht darüber geschrieben. Wir
teilen diese Sorge, und ich habe mit dem Generalsekretär darüber gesprochen. Die Logistik stellt für die
Chinesen eine wirkliche Herausforderung dar. Wir in
den Vereinigten Staaten verstehen die Schwierigkeiten, eine solche Konferenz zu veranstalten, aber
wir können nicht die willkürlichen Bestrebungen
entschuldigen, Teilnehmern mit friedlicher Absicht, die
jedoch nicht die Politik der chinesischen Regierung
befürworten, ein Visum zu verweigern. Der Ruf
Chinas als Gastgeber steht auf dem Spiel.
Niemand sollte unsere Entscheidung, an der Frauenkonferenz teilzunehmen, als Zeichen der Gleichgültigkeit oder Einwilligung in die fortgesetzte Festnahme
von Harry Wu durch die chinesische Regierung
interpretieren. Wir fordern die Regierung Chinas auf,
Herrn Wu umgehend und unversehrt freizulassen.
Dies hat für die Vereinigten Staaten hohe Priorität.
Wir haben jedoch keinen Grund zu der Annahme,
eine Entscheidung über unsere Absage - oder eine
Bindung unserer Teilnahme an die Freilassung von
Herrn Wu - hätte positive Auswirkungen auf die
diesbezüglichen chinesischen Entscheidungen.

*

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�GESUNDHEIT
30. August 1995

Er befreite von großer Angst
Zum Tode des Polio-Impfpioniers Dr. Jonas Salk
(AD)- Die Nachricht vom Tod des amerikanischen
Virologen Dr. Jonas Edward Salk, der am 23. Juni
1995 im Alter von 80 Jahren in La Jolla (Kalifornien)
nach kurzer Krankheit starb, veranlaßte große
Zeitungen und Zeitschriften in den Vereinigten
Staaten zu einer ausführlichen Würdigung dieses
Forschers. "Eine gute Möglichkeit, die Bedeutung
der großen Persönlichkeiten der Medizin abzuschätzen, ergibt sich daraus, wie vollständig sie uns
vergessen machen, was wir ihnen verdanken", hieß
es in dem ganzseitigen Artikel in der Zeitschrift
TIME.
Die Welt verdankt Dr. Jonas Salk den ersten wirksamen Impfstoff gegen die gefürchtete Kinderlähmung (Poliomyelitis). In den Industrieländern weiß
man heute kaum mehr, was sie überhaupt war - eine
"Kinderkrankheit" eben, oft mit katastrophalen Folgen
für die Betroffenen, die es aber hier praktisch nicht
mehr gibt. Und nicht wenige unserer jungen Ärzte
haben noch nie einen Patienten mit Lähmungen und
sekundären Schäden als Folge einer früheren
Polioerkrankung gesehen, geschweige denn, sich mit
den jetzigen Spätfolgeproblemen befaßt.
In manchen Regionen der Welt - vor allem in Indien,
einigen afrikanischen Ländern und Teilen der ehemaligen Sowjetunion - tritt sie noch immer epidemisch auf und verursacht nach Schätzungen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich ca.
250.000 neue Lähmungsfälle. Das Ziel der WHO,
durch Impfaktionen die Kinderlähmung bis zur
Jahrtausendwende ebenso auszurotten wie schon
Ende der siebziger Jahre die Pocken, wäre aber nur
erreichbar, wenn Bevölkerung und Ärzteschaft in den
hochentwickelten Ländern sich konsequent um den
Impfschutz des einzelnen kümmerten. Impfmüdigkeit
oder Impfverweigerung, beispielsweise aus weltanschaulichen oder religiösen Gründen, sind angesichts des lebhaften Tourismus wachsende Gefahrenquellen für die Allgemeinheit.
In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bedeutete
"Kinderlähmung" mit den im Sommer und Frühherbst
grassierenden Epidemien Angst und Schrecken.
Immer mehr verschob sich auch die Altersverteilung:

AMERIKA DIENST 26

Waren im 19. Jahrhundert bei den eher sporadisch
und regional auftretenden Infektionen noch in erster
Linie Kinder erkrankt, traf es nun zunehmend auch
Jugendliche und jüngere, ja selbst ältere Erwachsene. Wieviele Eltern, und mit ihnen die nach einer,
wie es schien, kurzen, heftigen Grippeerkrankung mit
hohem Fieber über Nacht gelähmten, von Atemnot
geplagten Patienten mußten mit der Diagnose fertig
werden: "Tja, ... das ist die spinale Kinderlähmung...
Ob Ihre Tochter jemals wieder laufen kann, ist
fraglich." Oft genug war die Eiserne Lunge die einzige Hilfe, um zu überleben. Und manche sind noch
immer zumindest zeitweise darauf angewiesen.
Klinikaufenthalte, Rollstuhl, Krücken, Schienen,
weitgehende Abhängigkeit von Hilfe prägten bei
vielen die nächsten Jahre, bei anderen das ganze
Leben. Auch die Familie bekam den Einschnitt zu
spüren.
Verständlich, daß aus Furcht vor Ansteckung
Schwimmbäder, Kinos, Sportplätze und die beliebten
Ferienlager zunehmend gemieden wurden und Eltern
im Sommer ihre Kinder am liebsten zu Hause sahen.
Der schwedische Forscher I. Wickmann hatte 1911
herausgefunden, daß die Erkrankung von Mensch zu
Mensch übertragen wird, und daß leichte oder
lähmungsfreie Krankheitsfälle sowie scheinbar
gesunde Zwischenträger eine wichtige Rolle spielen.
Geradezu katastrophale Ausmaße hatten die Epidemien im Jahr 1952 angenommen: In den Vereinigten
Staaten wurden 58.000 Fälle gemeldet, in Deutschland (West und Ost zusammengenommen) registrierte man 10.259. In den Vereinigten Staaten waren
3.145 Todesfälle zu beklagen, 21.259 Personen
trugen bleibende Lähmungen davon. Im gleichen
Jahr wurden in Westdeutschland und Westberlin
9.517 beziehungsweise 211 Erkrankungen (ca. 70
Prozent mit Lähmungen) angegeben, die Zahl der
Todesfälle lag bei 777. (Die Bezeichnung "spinale
Kinderlähmung" gilt heute als veraltet, weil sie den
Befall von Körperregionen und den betroffenen
Personenkreis nur unzureichend erfaßt. Man hat sich
für "Poliomyelitis", Kurzfassung "Polio", entschieden).

Seite 1

�Einen wirklichen Schutz gegen die Polio gab es
nicht. Zwar wurde bei frisch Erkrankten durch
Injektionen von Immunglobin und Blutserum von
Personen, die gerade eine Polio durchgemacht
hatten, versucht, die körpereigenen Abwehrkräfte zu
stärken und so Auswirkungen der Infektion zu
mildern. An bedeutenden Universitäten und Instituten in aller Welt waren Forscher bemüht, den
oder die Erreger der Poliomyelitis zu identifizieren
und zu typisieren. Daß es Viren verschiedener
Stämme mit drei Haupttypen sind, fand 1947/48 eine
Wissenschaftlergruppe der damaligen Nationalen
Stiftung für Kinderlähmung (National Foundation for
Infantile Paralysis) in den Vereinigten Staaten
heraus.
Zu ihr war Salk 1947 von der Universität Pittsburgh
gestoßen, nachdem er sich an der Universität
Michigan einige Jahre bei seinem früheren Lehrer
von der Universität New York mit der Erforschung
der Grippeviren und Experimenten mit verschiedenen Impfstoffen gegen Grippe befaßt hatte. Er
erprobte sie an sich selbst. 1914 als Sohn russischer Einwanderer in New York geboren, wollte Salk
nach Medizinstudium und Assistenzarztzeit in New
York in die Forschung gehen. In Pittsburgh hoffte er
auf ein eigenes Laboratorium. Der Druck war groß,
gegen die Kinderlähmung endlich eine Waffe zu
finden.
Die Voraussetzung dafür schufen 1948 die Bakteriologen und Epidemiologen John Enders, Thomas
Weller und Frederick Chapman in Boston/Cambridge, als es ihnen gelang, Polioviren auf Kulturen
von tierischem Gewebe zu züchten. Für diesen
Durchbruch wurden sie im folgenden Jahr mit dem
Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Professor
Weller, ein treuer Teilnehmer an den Lindauer
Nobelpreisträgertagungen, hielt dort übrigens 1993
einen aufrüttelnden Vortrag über das Aufflammen
alter und völlig neuer Infektionskrankheiten in einer
sich verändernden Welt, wobei AIDS nur einer von
vielen Faktoren ist.
Polio-Pioniere
Salk sah in der Leistung der Wissenschaftler von
Massachusetts die große Chance, zur Entwicklung
eines Impfstoffes gegen die Polio zu kommen.
Innerhalb von drei Jahren führte er erste Sieherheits*

Seite 2

*

tests in klinischer Erprobung durch und impfte 1952
auch sich und seine Familie. Bis 1954 nahmen mehr
als 1,8 Millionen Kinder an den landesweiten Tests
zur Immunisierung gegen Poliomyelitis mit dem
inaktivierten Impfstoff teil, der injiziert werden mußte.
"Polio-Pioniere" nannte man sie in Amerika.
Am 12. April 1955 schließlich wurde der Impfstoff von
den zuständigen Behörden zur allgemeinen Anwendung freigegeben. Salk hatte ein bis dahin gültiges
Prinzip durchbrochen, für Vakzine bis zur Harmlosigkeit abgeschwächte lebende Viren zu benutzen: Er
hielt es für möglich, auch aus abgetöteten Viren
einen Inpfstoff zu gewinnen, der überdies noch
sicherer wäre. Er hatte sich nicht getäuscht. So war
auch sein letztes großes Projekt, einen Impfstoff
gegen AIDS zu finden, auf dieser Grundlage aufgebaut. Er hatte es nach einem Besuch der AIDS-Forscher Dr. Anthony Fauci und Dr. Robert Gallo in
seinem Institut für biologische Forschungen bei La
Jolla intensiviert. Dabei geht es allerdings nicht um
Vorbeugung, sondern um eine sogenannte therapeutische Vakzine für bereits infizierte Personen. Bedeutende Wissenschaftler hatten im Salk-Institut Gelegenheit, ihren Ideen nachzugehen. Salk selbst hatte
sich in La Jolla seit den sechziger Jahren auch mit
Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krebs und
multipler Sklerose befaßt.
Bis zum Jahr 1961 war dank der Massenimpfungen
mit dem Salkschen Vakzin die Zahl der Polioerkrankungen in den Vereinigten Staaten um 95
Prozent zurückgegangen. Jonas Salk wurde von der
Bevölkerung geradezu verehrt - die Befreiung von der
Angst vor Kinderlähmung hatte das Dasein der
Menschen verändert. Eltern und Kinder schickten
körbeweise Dankesbriefe. Straßen, Brücken, Schulen, öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm
benannt. Die Kollegen reagierten unterschiedlich,
zeigten sich zum Teil zurückhaltend. Als 1961 der
von Dr. Albert Sabin auf der Basis abgeschwächter
lebender Viren entwickelte Polio-Impfstoff von der
amerikanischen Regierungsbehörde zugelassen
worden war, löste dieser in großen Teilen der Welt
die Salksche Vakzine ab. Er ist, auf ein Stückchen
Zucker geträufelt, sehr viel einfacher zu verabreichen.
In bestimmten Fallen oder unter besonderen Bedingungen ist allerdings der Polio-Impfstoff nach Jonas
Salk nach wie vor unentbehrlich.

•

*

AMERIKA DIENST 26

�</text>
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                <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Die Wissenschaft notiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hochsaison für Hurrikane und den US-Wetterdienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wirksame Frühwarnung durch Radar und Patrouillenflüge&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Kerigan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte in der Insulin-Synthese&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verbessertes Schilddrüsenhormon durch chemische Veränderung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Impfstoff gegen Masern&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Goldkronen verraten "Strahlungsunfall"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Tierknochenfilter gegen Strontium-90&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Immuntherapie bei schweren Verbrennungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Neues Medikament gegen Rheuma und Arthritis&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wahljahr 1960&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Wahlkampf läuft auf vollen Touren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Rolle der Minderheitsparteien in den USA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Leben in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geburtsjahr 1838&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikas älteste Pensionäre kennen keine Langeweile&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Lynn Poole&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Gedenktage im Oktober 1960&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frieden und Gerechtigkeit für alle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower vom 22. September 1960 vor der 15. Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Reagans vor der Weltbank und dem IWF&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Reagan fordert weitere Einsprarungen im US-Haushalt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus der Fernsehansprache des Präsidenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine Dokumentation über die sowjetische Militärmacht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Zusammenfassung einer Veröffentlichung des US-Verteidigungsministers -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die NATO und die nukleare Abschreckung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Richard Burt -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Informationen über Einsatz von Giftstoffen in Südostasien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Unterlagen für die Presse -&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
"VON *

30. September

34

1987

I N H A L T

DOKUMENTATION
Freie Märkte stärken offenes Handeslsystem
- Rede Präsident Reagans bei der Jahresversammlung von IWF und
Weltbank INF-Abkommen dient Sicherheitsinteressen der Verbündeten
- Rede von Botschafter Paul Nitze vor der AAAS Frieden und Stabilität vorrangiges Ziel in der Golf-Region
- Präsident Reagans Erklärung zur Lage am Golf WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Brenntest mit voller Leistung
- Umkonstruierte Feststoffraketen für DISCOVERY-Flug in der
Erprobung -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
' V ^

Dokumentation

34

30. September 1987

FREIE MÄRKTE STÄRKEN OFFENES HANDELSSYSTEM
- Rede Präsident Reagans bei der Jahresversammlung von IWF und Weltbank -

WASHINGTON - (AD) - Anläßlich seiner Rede bei der Eröffnung der Jahresversammlung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank erneuerte
Präsident Reagan am 29. September seinen Aufruf zur Unterstützung der Prinzipien freier Marktwirtschaft und freien Handels.
Reagan äußerte die eindringliche Bitte um Öffnung des internationalen Handels mit Agrargütern. Er formulierte erneut die Zielsetzung eines "offenen
und freien Handelssystems mit landwirtschaftlichen Produkten" bis zum Ende des
Jahrhunderts, die "einen tiefgreifenden Wandel in der Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln" mit sich bringen würde.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede im Wortlaut:

Ich freue mich darüber, heute zu
Ihnen sprechen zu können. Ich erinnere mich an unser erstes Zusammentreffen kurz nach meiner Ankunft in
Washington. Damals sprachen wir über
eine Revolution im ökonomischen Denken, eine Revolution, deren Inhalte
sich seit der Zeit bewährt haben.
Trotz der Fortschritte stehen wir immer noch vor erheblichen Herausforderungen.
Daher bietet sich jetzt,
beim
bevorstehenden
Eintritt
der
Menschheit ins 21. Jahrhundert, die
Gelegenheit, eine Beurteilung vorzunehmen und unsere Vorstellungen vom

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Wirtschaftspotential der Welt darzulegen.
Eine Beurteilung und die Erarbeitung von Zielsetzungen sind natürlich
mit gutem Management gleichzusetzen.
Wenn es etwas gibt, auf dem die erwerbstätige Bevölkerung, die mit ihren Steuern zur Unterstützung unserer
Institutionen beiträgt, zu Recht bestehen kann, ist es genau das: gutes
Management. Die Welt blickt auf uns,
damit wir eine Führungsrolle übernehmen und durch Ehrlichkeit, Verantwortungsbewußtsein und vernünftige Ent-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Scheidungen Maßstäbe setzen.
Ich möchte diese Gelegenheit zum
Anlaß nehmen, um Ihnen allen für die
von Ihnen geleistete beispielhafte
Arbeit zu danken, und um besonders
Barber Conable und Michel Camdessus
meinen Dank für ihre hervorragende
Arbeit auszusprechen.
Als ich zum ersten Mal vor sechs
Jahren vor dieser Institution sprach,
litten die Vereinigten Staaten unter
wirtschaftspolitischen
Entscheidungen, die nur als schlechtes Management bezeichnet werden können. Inflation, Stagnation und Zinssätze von
21 Prozent waren an der Tagesordnung.
Gutes Management muß auf eine solide Grundlage gestellt werden. Und
vor
unserem
wirtschaftlichen
Umschwung haben Entscheidungsträger an
Lösungen geglaubt, die trotz bester
Absichten nicht praktikabel waren.
Statt einer Ermutigung für Unternehmertum und Produktion lag der Schwerpunkt auf bürokratischer Planung und
Umverteilung. Statt Forderungen nach
meßbaren Ergebnissen und präziser
Kalkulation der öffentlichen Ausgaben
wurden die Schleusen bei den Bundesausgaben geöffnet.
Im Privatsektor
wurden den produktiven, Arbeitsplätze
schaffenden Unternehmen Mittel verweigert und diese in fragwürdige, wenig wirkungsvolle und oft produktionshemmende Regierungsprogramme investiert. Dezentralisierte Entscheidungsprozesse im Privatsektor und in
den Verwaltungen der Städte und Einzelstaaten wurden durch Planungen auf
Bundesebene verdrängt und mehr Macht
und Ressourcen in der Bundesbürokratie zentralisiert.
Aber wie wir zu unserem Nachteil
herausfanden, sollte gutes Management
niemals mit erweiterter Kontrolle und
Macht der Regierung über die Wirt-

schaft einhergehen. Wenn gutes Management Bedeutung haben soll, muß es
ein Land näher an die Entfaltung all
seiner Möglichkeiten heranführen und
das Wohlergehen seiner Bevölkerung
verbessern.
Genau das ist offensichtlich Ende
der siebziger Jahre in den Vereinigten Staaten nicht geschehen. Die damals angewandte Politik führte zu
einem Rückgang der Produktivität,
einem Verfall des BSP, niedrigeren
Netto-Einkommen und einem dramatischen Anstieg der Armut. Im Jahr
1980 forderte das amerikanische Volk
einen grundlegenden Wandel und Reformen, die dieses Land wieder zurück
auf den Weg des Wachstums, der Expansion und
langfristigen Stabilität
führen sollten.
Unser Ziel bestand in der Steigerung wirtschaftlicher Aktivitäten
von Grund auf. Gutes Management hat
in diesem Zusammenhang nicht die Bedeutung zusätzlicher Kontrolle und
Autorität. Es bedeutet vielmehr das
Aufzeigen von Wegen zur Erlangung der
Zielsetzungen.
Für die Volkswirtschaft bedeutet es, Menschen Möglichkeiten zu eröffnen und ihnen Anreize
zu schaffen, effizienter zu arbeiten
und in Projekte zu investieren, die
die Volkswirtshaft aufbauen sowie in
Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen. Es muß sichergestellt werden,
daß übertriebene Vorschriften nicht
die Unternehmen abwürgen; es bedeutet, daß dem Privatsektor genügend
Mittel zur Verfügung stehen müssen,
um den Investitionsbedarf zu decken;
es bedeutet Wettbewerb auch mit ausländischen Firmen, und mehr als all
dies bedeutet es die Entfaltung von
Freiheiten und Möglichkeiten für den
Einzelnen und nicht mehr Macht für
den Staat.
Sie wissen sicher, daß ein Wirt-

�Schaftswissenschaftler als der einzige Akademiker bezeichnet wird, der
etwas in der Praxis funktionieren
sieht und sich dann ernsthaft darüber
Gedanken macht, ob es sich auch in
der Theorie durchführen läßt. Ob man
der Theorie zustimmt oder nicht - die
Ergebnisse lassen sich nicht leugnen.
Das Volk der Vereinigten Staaten
konnte jetzt 57 Monate anhaltenden
Wachstums miterleben, die bald den
längsten Zeitraum einer Expansion in
Friedenszeiten nach dem Krieg darstellen. Die Inflation, die im Jahr
1980 noch der Feind Nummer Eins war,
ist um etwa zwei Drittel abgebaut
worden.
Die Arbeitslosenquote ist
gefallen, und die Beschäftigungsrate
befindet sich auf dem höchsten Stand
in der Geschichte.
Die Zinssätze
sind niedrig. Die Produktivität ist
gestiegen und ebenso die Realeinkommen. Und wir haben schließlich den
im Jahr 1979 einsetzenden Anstieg der
Armut abgebaut.
Das Lob für diese Leistungen gebührt dem amerikanischen Volk, selbst,
weil - wie so oft - das Beste, was
die Regierung tun kann, darin besteht, sich nicht einzumischen. Und
genau das haben wir versucht.
Durch die expandierende Volkswirtschaft ist nicht nur das Wohlergehen unserer Bürger verbessert worden, sondern sie hat auch als Impuls
für den Fortschritt auf der ganzen
Welt gedient. Die in den vergangenen
sechs Jahren erfolgte Expansion des
Handels und der internationalen Geschäftsbeziehungen hat dazu beigetragen, unsere Preise niedrig, unsere
Industrie und den Fertigungsbereich
wettbewerbsfähig und unsere Volkswirtschaft aufstrebend
zu halten.
Gleichzeitig hat der expandierende
Handel mit den Vereinigten Staaten
vielen Ländern geholfen, einem wirtschaftlichen Sturm zu trotzen. Die

Exporterlöse der Vereinigten Staaten
haben in einigen Fällen die Sachlage
völlig verändert. Kernstück unserer
Beziehungen insbesondere mit den Entwicklungsländern
war bisher stets
Handel anstatt Entwicklungshilfe, gegenseitiger Nutzen anstatt Wohltätigkeit und Hilfe zur Selbsthilfe anstatt Almosen.
Natürlich gibt es noch das Handelsdefizit - Anlaß zu berechtigter
Besorgnis sowohl hier als auch im
Ausland. Hier sind Korrekturen notwendig, und es gibt eindeutige Anzeichen dafür, daß sie im'Gange sind.
Es ist jedoch von wesentlicher Bedeutung, daß Politiker nicht auf selbstzerstörerische Maßnahmen verfallen.
Es gab eine Gruppe von amerikanischen
Politikern, die sich die Angst der
arbeitenden Bevölkerung zunutze machten, Protektionismus
befürworteten
und den Vorwurf erhoben, als Ergebnis
des Handelsdefizits würden Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, die Arbeitslosenquote steigen und die Vereinigten Staaten entindustrialisiert
würden.
Das hört sich in einer Wahlkampfrede gut an, aber wie es einmal ein
Rechtsanwalt aus Virginia gegenüber
den Geschworenen seiner Heimatstadt
formulierte: "tain't so". Seit Ende
des Jahres 1982 ist die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten, sogar bei steigendem Handelsdefizit, um
vierzig Prozent gefallen. In Ländern
mit hohen Handelsüberschüssen, wie
etwa Japan und der Bundesrepublik
Deutschland, ist die Arbeitslosigkeit
angestiegen. Und eine Langzeitanalyse zeigt, daß wir uns in der verarbeitenden Industrie behaupten können.
Dabei muß berücksichtigt werden, daß
von Ende des Jahres 1982 bis heute
die Zahl der Arbeitsplätze in der
verarbeitenden Industrie in den Vereinigten Staaten in einer Zeit enor-

- 3 -

�mer Handelsdefizite um mehr als eine
Million gestiegen ist. Darüber hinaus sind die Reallöhne in der verarbeitenden Industrie, die in den Jahren 1977 bis 1981 um 7 Prozent gefallen waren, im Zeitraum von 1981 bis
1986 um 2,5 Prozent angestiegen.
Das Handelsdefizit ist für genau
die strukturellen Probleme symptomatisch, die wir als Manager angehen
müssen.
Selbstzerstörerischer Protektionismus ist darauf jedoch keine
Antwort. Ich versichere Ihnen, daß
jede protektionistische Gesetzgebung,
die auf meinen Schreibtisch gelangt,
mit einem Veto versehen an den Kongreß zurückgeschickt wird.
Ein Teil der Antwort ist hier im
Inland zu suchen. Wie ich bereits
beim Weltwirtschaftsgipfel in Venedig
im vergangenen Juni äußerte, ist es
unumgänglich, daß die Vereinigten
Staaten ihr Defizit im Bundeshaushalt
verringern. Heute werde ich eine Gesetzesvorlage unterzeichnen, in der
unsere Zielsetzungen zum Abbau des
Defizits als Teil einer erhöhten
Schuldengrenze der amerikanischen Regierung ihren Niederschlag findet.
Das war keine leichte Entscheidung.
Auf der einen Seite haben wir die
Verantwortung, unsere 200 Jahre währende Geschichte der Pflichterfüllung, Glaubwürdigkeit und des Verantwortungsbewußtseins gegenüber unseren
eigenen Bürgern und der Welt insgesamt fortzuführen.
Auf der anderen Seite wurden politische Debatten zwischen den Befürwortern einer Steueranhebung oder
eines Abbau der Verteidigungsausgaben
- oder beides - und denjenigen geführt, die sich für einen weiteren
Abbau der nationalen Ausgaben einsetzen, der das Defizit verringern und
unsere Wirtschaft stärken wird.

Wie ich bereits sagte, war dies
eine schwierige Entscheidung.
Sie
sollte als Zeichen dafür verstanden
werden, daß Amerika sich nicht seiner
Verantwortung entzieht. Aber jetzt,
nachdem die Entscheidung getroffen
ist, fordere ich die Länder mit einem
Handelsüberschuß auf, dasselbe zu tun
- den politischen Schneid zur Stimulierung ihrer Volkswirtschaften zu
haben, ohne das Feuer der Inflation
wieder anzufachen.
Es muß erkannt
werden, daß die Gesundung der Weltwirtschaft nicht nur von der amerikanischen Haushaltspolitik abhängt. So
wie das amerikanische Haushalts- und
Handelsbilanzdefizit abnimmt, müssen
andere Länder die Zügel in die Hand
nehmen, besonders im Hinblick auf Importe aus Entwicklungsländern.
Wir müssen unser Augenmerk auf
die
Erlangung
eines
ausgewogenen
Wachstums und auf offenere Volkswirtschaften
richten.
Finanzminister
Baker und die Finanzminister der anderen Industrieländer haben hart an
der Erschließung von Möglichkeiten
gearbeitet, um diese beiden Ziele zu
verwirklichen. Dies ist die wahre
Probe unserer Fähigkeit, die internationale Wirtschaft zu organisieren.
Sicherlich können wir ohne ein
offenes und gerechtes Welthandelssystem nicht erfolgreich sein. Mit dem
zunehmenden Tempo, in dem der Wandel
stattfindet, wird es wichtig, daß die
Richtlinien für den Handel und die
Spielregeln des internationalen Geschäftslebens dem letzten Stand entsprechen und daß wiederauftretende
Spannungsgebiete
bewältigt
werden.
Aus diesem Grund setzt sich unsere
Regierung außerordentlich für den Erfolg der Uruguay-Runde der Handelsverhandlungen ein. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat GATT ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Ex-

- 4 -

�pansion von Welthandel und Wirtschaftswachstum gespielt. Jetzt müssen neue Bereiche angesprochen werden, da Technologie und sich wandelnde Gegebenheiten das Potential und
den Umfang der Wirtschaftsbeziehungen
zwischen den Völkern der Welt erheblich vergrößern.
Dienstleistungen,
Investitionen und der Schutz geistigen Eigentums, die bisher nur das Inland betrafen, werden jetzt wirtschaftspolitische Aktivitäten, damit
zu einem Teil des Welthandels und
müssen in einem übergreifenden Handelsabkommen ihren Niederschlag finden.
Die
Management-Entscheidungen
müssen wir selbst treffen. Dies ist
eine Zeit immenser Möglichkeiten zur
Schaffung einer Welthandelsstruktur,
die die Menschheit zu neuen Höhen des
Unternehmertums, der Chancen und des
Wohlergehens führen wird. Einen guten Ansatzpunkt zur Erlangung dieses
lobenswerten Ziels bilden die umfassenden Vorschläge der Vereinigten
Staaten im Bereich der Landwirtschaft.
Seit allzulanger Zeit haben uns
unsere Maßnahmen im Bereich der Landwirtschaft beherrscht und nicht umgekehrt.
Wenn keine einschneidenden
gemeinsamen Maßnahmen erfolgen, könnte uns diese wachsende Last möglicherweise erdrücken. In den führenden Volkswirtschaften des Westens
sind die Subventionen in der Landwirtschaft von 10 bis 15 Milliarden
Dollar im Jahr 1970 auf 100 Milliarden Dollar im Jahr 1986 angestiegen.
Und das sind nur die direkten Kosten.
Milliarden Dollar werden von Regierungen für Kapitalinvestitionen in
der Landwirtschaft ausgegeben, die
innerhalb eines offenen Handelssystems völlig unnötig wären. Verbraucher in den Ländern mit Beschränkungen auf landwirtschaftlichen Importen
sind gezwungen, höhere Preise zu zah-

len und dabei die Einnahmen der Familie aufzuwenden, die einem besseren
Zweck zugeführt werden könnten.
Die unnötigen Kosten, Marktverzerrungen und die mangelnde Wirksamkeit
der
gegenwärtigen
Landwirtschaftspolitik bilden in den meisten
Ländern der westlichen Welt einen
Teil der wirtschaftspolitischen Landschaft. Aus genau diesem Grund, der
weiten Verbreitung des Problems, sind
wir der Auffassung, daß eine breit
angelegte, gemeinsame internationale
Lösung die einzige Antwort ist.
Wir bitten die Weltbevölkerung,
keine stückweisen Reformen sondern
einen tiefgreifenden Wandel in der
Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln und Faserstoffen zu erwägen. Wir schlagen vor, daß in den
nächsten zehn Jahren AgrarexportSubventionen,
Quoten,
nicht-tarifäre
Handelshemmnisse auslaufen und alle
Verzerrungen auf den kgrarmärkten abgebaut werden. Damit würden die Kosten für Nahrungsmittel verringert,
der Regierungshaushalt geschont, verschwenderische Praktiken abgeschafft
und das Wirtschaftswachstum auf einer
breitangelegten internationalen Ebene
angefacht. Zum Ende des Jahrhunderts
sehen wir ein weltweites offenes und
freies Handelssystems im Bereich der
Landwirtschaft voraus: die Menschen
aller Länder sollten sich verständigen, zusammenarbeiten und konkurrieren können, kaufen und verkaufen,
produzieren und vertreiben, wirksamere Möglichkeiten finden, um der weltweiten Herausforderung zu stellen,
wie wir unsere Nahrungsmittel sichern
können.
Unsere Leistungen im Bereich der
Landwirtschaft könnten eines Tages
als Vorbild dafür dienen, wie auf dem
gesamten Planeten die Grenzen für den
Handel aller Länder untereinander ge-

- 5-

�öffnet werden können - für ein weltweites freies und gerechtes Handelssystem, das die Menschheit vereint
und emporhebt. Wenn wir diese Zielsetzungen heute bekräftigen, sollten
wir betonen, daß wir gemeinsam - als
Menschheit - voranschreiten.
Kein
Land wird ausgenommen, kein Volk zurückgelassen werden.
Die Vereinigten
Staaten
verpflichten sich auch weiterhin darauf,
ihren Teil zur Zusammenarbeit mit den
Entwicklungsländern in ihrem Kampf um
das bessere Wohlergehen ihrer Völker
zu leisten.
Die Überwindung der dem Fortschritt in diesen ärmeren Ländern im
Wege stehenden Hindernissen ist vielleicht die größte Herausforderung an
unser Management, die sich uns heute
in der Welt stellt. Eine gemeinsame
Lösung für das Schuldenproblem ist
hier die einzig richtige Antwort.
Dazu gehören Partnerschaft unter den
Entwicklungsländern,
Handelsbanken
und internationale Finanzorganisationen.
Die immense von der Dritten Welt
getragene Schuldenlast ist nicht nur
ihr Problem; sie ist ebensosehr unser
Problem. Und heute wollen wir geloben: wir werden es gemeinsam lösen.
Zunächst sollten wir uns vor Augen halten, daß es dafür keine einfache Antwort oder schnelle Lösung
gibt. Diejenigen, die etwas anderes
raten, erliegen einem Fehlschluß oder
sagen nicht die Wahrheit. Jetzt ist
es an der Zeit für vernünftige Entscheidungsprozesse
und
verantwortungsvolles Management. Diejenigen,
die falschen Propheten folgen wollen
und Illusionen nachhängen statt eine
Lösung zu suchen, werden die Konseguenzen ihrer Taten zu spüren bekommen.

Die Vereinigten Staaten haben ein
konstruktives Programm vorgeschlagen,
mit dem die Schulden nicht beglichen
werden sollen, indem den Nationen der
Wohlstand entzogen wird, die bereits
arm sind, sondern durch eine Steigerung wirtschaftlicher Aktivitäten sowie durch Begleichung der Schulden
aus neuerworbenem Wohlstand. Vergangene Woche kündigte Finanzminister
Baker an, die Vereinigten Staaten
würden dieses Programm unterstützen
und erklärte, die Mittel der Weltbank
müßten aufgestockt werden. In Kürze
wird eine Reihe von Vorschlägen zur
Stärkung des IWF vorgelegt werden,
mit deren Hilfe wachstumsorientierte
Reformen gefördert werden sollen.
Aber dies allein wird nicht genügen.
Die Staatsoberhäupter der Schuldnerländer müssen schwierige Entscheidungen treffen.
Unser Motto muß
heißen: Wir können es schaffen.
Niemand sollte die Ansicht vertreten, manche Völker seien aufgrund
ihrer Kultur oder Rasse zu Armut und
Benachteiligung verurteilt.
Victor
Hugo schrieb dazu: "Den Menschen
fehlt nicht die Kraft, sondern der
Wille". Und der "Wille" entsteht aus
der Erkenntnis, daß man erreichen
kann, was man sich vornimmt und daß
große Taten möglich sind.
Was wir brauchen, sind Engagement
und wie bei jedem guten Management,
ein funktionsfähiges Modell. Solche
Modelle gibt es auf der Welt durchaus. In den vergangenen dreißig Jahren fanden außergewöhnliches Wachstum
und wirtschaftliche Fortschritte in
den Entwicklungsländern des Pazifischen Beckens statt, von denen es
einigen an allen wichtigen Bodenschätzen und auch an einer angemessenen geographischen
Lage mangelt.
Diese Völker haben große Schwierig-

�keiten überwunden, ihren Lebensstandard verbessert und sind zu einer
treibenden Kraft in der Weltwirtschaft geworden.
Sie haben dies
durch die Anwendung wirtschaftlicher
Konzepte erreicht, wie sie Amerikas
Wirtschaft in diesen vergangenen fünf
Jahren wiederbelebt haben. Steuerliche Maßnahmen und Regeln, mit deren
Hilfe Investitionen und Unternehmergeist ermutigt werden, sind das Geheimnis hinter diesem Wunder.
Und Schulden waren dementsprechend kein so ernsthaftes Hindernis
für das Wachstum im Pazifischen Bekken wie anderswo.
Der Erfolg, über den ich hier
spreche, steht völlig im Gegensatz zu
der Armut und dem Verfall, wie er in
den Ländern mit dirigistischen Entwicklungsmodellen sichtbar wurde. In
vielen Teilen Afrikas hat Kollektivismus sogar in den Ländern zu einem
Konjunkturrückgang geführt, die reich
an Bodenschätzen sind. Es besteht
jedoch Grund zu der Hoffnung, daß
sich das Blatt in Afrika gewendet
hat. Ein zunehmendes Engagement für
wirtschaftliche Reformen stellt eine
der vielversprechendsten Entwicklungen seit Jahren dar. Der Senegal,
Ghana, Kamerun und Malawi sind einige
der Länder, in denen marktorientierte
Reformen Anwendung finden. Diese Bemühungen werden vom IWF und der Weltbank unterstützt.
Die Vereinigten
Staaten tun, was sie können. Unsere
Bemühungen um die Wirtschaft der
afrikanischen Länder südlich der Sahara zielen darauf ab, dem Hunger
durch wirtschaftliches Wachstum, politische Reformen und die Entwicklung
des Privatsektors ein Ende zu bereiten. Ich hoffe, daß mit Hilfe gemeinsamer Unterstützung für die politischen Reformen in Afrika - einschließlich aktiver Teilnahme anderer
Geberländer und Institutionen - bis

zum Ende des Jahrhunderts dem Hunger
in Afrika ein Ende bereitet werden
kann.
Die guten Aussichten in einigen
afrikanischen Ländern stehen völlig
im Gegensatz zu der anhaltenden Misere in Äthiopien. Wir müssen zugeben,
daß Dirigismus und Dürre die Ursachen
einer menschlichen Tragödie waren,
die das Herz der Menschen auf der
ganzen Welt rührte. Trotz der Spenden an Nahrungsmitteln, Medikamenten
und anderen Hilfsprojekten für Äthiopien - die von hilfsbereiten Menschen
in den westlichen Ländern gegeben
wurden - hat die dortige marxistische
Regierung mit Unterstützung der Sowjetunion eine Richtung eingeschlagen,
die Hoffnungen für die Zukunft zunichte macht. Leider kehrt der Hunger in das Land zurück und es wird
immer klarer, daß ein tiefgreifender
Wandel stattfinden muß, wenn die
2 000 Jahre alte Gesellschaft überleben soll.
Äthiopien ist natürlich ein extremes Beispiel. Trotzdem besteht in
jedem Teil der Welt eine nicht zu
leugnende Beziehung zwischen Freiheit
und den Fortschritten der Menschen.
Je repressiver die Regierung, je mehr
Kontrolle durch die Regierung stattfindet, je ruinöser das Steuersystem,
umso eher wird eine Gesellschaft in
Armut
und
Verzweiflung
absinken.
John Dos Passos hatte nur zu recht
mit seiner Äußerung: "Der Marxismus
hat nicht nur bei bei der Förderung
der Freiheit des Menschen versagt.
Er hat bei der Produktion von Nahrungsmitteln versagt".
Chinesische Politiker haben das
verstanden, als sie ihrem Land den
Übergang zu einem freieren Wirtschaftssystem ebneten. In China finden jetzt weitverbreitete und umwälzende Reformen statt. Von 1979 bis

- 7 -

�1985 ist der Wert der Agrarproduktion
in China um das Doppelte des Wertes
der vergangenen fünfzehn Jahre gestiegen. Das Pro-Kopf-Einkommen der
Landbevölkerung hat sich mehr als
verdoppelt. Die gesamte Getreideernte ist von 300 Millionen Tonnen im
Jahr 1978 auf über 400 Millionen Tonnen im Jahr 1984 angestiegen.
Im
Jahr 1985 ist China zum ersten Mal in
25 Jahren zu einem Getreideexporteur
geworden. Ähnliche Fortschritte werden in anderen Teilen der Wirtschaft
verzeichnet, wo Reformen eingeführt
worden sind.
Auf der ganzen Welt erkennen die
Menschen, daß der Fortschritt ihre
Loslösung von rigider Kontrolle, hohen Steuern und von der Last stark
subventionierter
Staatsunternehmen
erfordert. In zahlreichen Industrie
und vielen Entwicklungsländern ist
die Abschaffung staatlicher Einflußnahme jetzt an der Tagesordnung. Anstatt Privatunternehmen als Gegner
anzusehen, betrachten die Regierungen
sie jetzt als große Hoffnung für
Fortschritt und Entwicklung. Steuersätze werden von Neuseeland bis
Frankreich, von Indien bis England
abgebaut. Regierungsunternehmen werden von Ghana bis Argentinien, von
den Philippinen bis Mexiko wieder in
die Privatwirtschaft überführt uri
von Subventionen befreit.
Der Antrieb zur Privatisierung
bildet eine unmittelbare Ergänzung
der Bemühungen zum Abbau der Schuldenlast. Die Umwandlung von Kreditforderungen in Beteiligungen kann
eine Methode zur Umgestaltung von
Verluste
bringenden
staatlichen
Dienstleistungsbetrieben in steuerzahlende
Privatunternehmen
bieten.
Die Schulden werden abgebaut und eine
Leistung der öffentlichen Haushalte
entfällt. Dem Staat steht es somit
frei, seine Mittel und Aufmerksamkeit

anderen Angelegenheiten zuzuwenden.
Meine von Botschafter William
Middendorf geleitete Präsidialkommission für wirtschaftliche Gerechtigkeit hat empfohlen, diese Methode
könne nicht nur zur Verringerung der
Schulden und Ankurbelung der Privatisierung angewandt werden, sondern
auch zur Ausweitung der Unternehmensbeteiligung von Arbeitnehmern. Kühne, innovative Ideen wie diese stehen
im Einklang mit der GesamtschuldenStrategie der Vereinigten Staaten und
verdienen es, ernsthaft erwogen zu
werden. Was wir heute nicht benötigen ist eine Haltung des Business-asusual. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin mit all jenen zusammenarbeiten, die ehrliche Anstrengungen
zur Lösung des Schuldendilemmas unternehmen.
So bedrückend
unsere Probleme
auch sind: Niemand sollte daran zweifeln, daß die Demokratie funktioniert.
Die ungezügelte Schaffenskraft freier Menschen ist die mächtigste, schöpferischste und moralischste Kraft auf unserem Planeten.
Und durch all die politischen Manöver
und öffentlichen Debatten hindurch,
durch die mühsamen Verhandlungen,
Kompromisse und Abstimmungen fühlt
jeder der Beteiligten, daß er oder
sie Teil von etwas viel Größerem, von
etwas Historischem ist. An jedem Tag
verdichten sich die Hinweise darauf,
daß die Zukunft auf Seiten der Freien
ist.
In der westlichen Hemisphäre
hat sich in den achtziger Jahren eine
Wende zur Demokratie vollzogen. Heute leben 90 Prozent der Bevölkerung
dieser Hemisphäre in Ländern, die
entweder demokratisch regiert werden
oder sich im Übergang zur Demokratie
befinden.
All jenen, die die Freiheit lieben, schlägt aufgrund der Rückkehr

�zur Demokratie auf den Philippinen
und der jüngsten Ereignisse in Südkorea das Herz höher. All dies sind
Gründe, darauf zu vertrauen, daß die
Menschheit sich wirklich auf dem Weg
in eine neue Sra der Freiheit und des
Wohlstandes, jener zwei sich gegenseitig verstärkenden Ziele, befindet.
Andres Bello, einer der großen
Denker des vergangenen Jahrhunderts,
hat einmal geschrieben: "Alle Wahrheiten berühren einander, von denen,
die den Weg der Planeten im Weltall
beherrschen ... bis hin zu jenen, die
die Aktionen und Reaktionen der politischen Kräfte betreffen. ... Fortschritte in einer Sparte ziehen Fortschritte in allen anderen nach sich,
alle sind verbunden und treiben sich
gegenseitig vorwärts."
Heute sind wir Teil dieses von
freien Männern und Frauen eingeleiteten Prozesses, der die Menschheit
vorwärts treibt. Die Weltbank, der
Weltwährungsfonds und jeder von Ihnen
spielen eine lebenswichtige Rolle und
es war eine Ehre für mich, heute zu
Ihnen zu sprechen.

* * * * *

- 9 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

30. September 1987

34

INF-ABKOMMEN DIENT SICHERHEITSINTERESSEN DER VERBÜNDETEN
- Rede von Botschafter Paul Nitze vor der M A S -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagans und Außenminister Shultz1 Sonderberater für Rüstungskontrollfragen, Botschafter Paul Nitze, sprach am 28. September anläßlich eines vom amerikanischen Verband zur Förderung der Wissenschaft (American Association for the Advancement of Science - AAAS) veranstalteten Kolloguiums über Wissenschaft, Rüstungskontrolle und nationale Sicherheit zum Thema "Die INF-Verhandlungen und die Sicherheit Europas".
Nachfolgend veröffentlichen wir seine Rede im Wortlaut:

Vor zwei Wochen gelang es den
Außenministern Shultz und Schewardnadse, erhebliche Hindernisse für
einen Rüstungskontrollvertrag mit der
Sowjetunion über Mittelstreckenwaffen
(INF) abzubauen. Bei dieser Zusammenkunft wurden die letzten grundsätzlichen Probleme gelöst. Das bedeutet noch kein Ende der Arbeit; die
entscheidenden
Verifizierungsmaßnahmen müssen noch ausgearbeitet werden,
und ganz zum Schluß könnten immer
noch Hindernisse auftreten.
Aber
wenn es uns gelingt, einen Vertrag
über
Mittelstreckenwaffen
abzu-

United States Information Service
Embassy of the United States of America

schließen, zu ratifizieren und anzuwenden, wird er von erheblichem Nutzen für die Sicherheit unserer Verbündeten in Europa und in Asien und
damit auch für unsere eigene Sicherheit sein. Ich möchte Ihnen im folgenden den Stand der INF-Verhandlungen, die Aussichten für ihren Abschluß und die von uns angestrebten
Auswirkungen des Abkommens auf die
Sicherheit darlegen.
Historischer Hintergrund
Um die gegenwärtige Situation in

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�die richtige Perspektive zu rücken,
empfiehlt sich ein Rückblick auf den
Stand der INF-Verhandlungen vor viereinhalb Jahren.
Im Frühjahr 1983
legte die amerikanische Delegation in
Genf die fünf folgenden Kriterien
vor, die die Vereinigten Staaten als
grundlegend
für die Annehmbarkeit
eines Vorschlags zu den Mittelstrekkenwaffen betrachten:
Erstens müßte der Vorschlag gleiche Rechte und Begrenzungen für die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion vorsehen.
Zweitens müßten die Begrenzungen
bilateralen Charakter haben und nicht
durch Drittstaatensysteme kompensiert
werden können.
Drittens sollten sich die Begrenzungen auch auf Mittelstreckenwaffen
längerer Reichweite beziehen, wo immer diese auch stationiert sein mögen, um sicherzustellen, daß das Problem der Sicherheit nicht von Europa
in den Fernen Osten verlagert wird.
Viertens dürfte der Vorschlag
keine Schwächung des amerikanischen
Beitrags zur Abschreckung und Verteidigung im konventionellen Bereich der
NATO mit sich bringen,
Schließlich müßten alle Bestimmungen des Vertrages wirksam verifizierbar sein.
Keines dieser Kriterien wurde mit
dem damaligen sowjetischen Vorschlag
erfüllt. Die Sowjets schlugen vor,
britische und französische untersebootgestützte
ballistische
Raketen
(SLBMs), Mittelstreckenwaffen (IRBMs)
und Flugzeuge "mittlerer Reichweite"
sollten gemeinsam mit den amerikanischen Streitkräften in die Begrenzungen unserer Seite eingeschlossen
werden; die Einschränkungen wären al-

so nicht bilateraler Natur gewesen.
Aufgrund dieser sogenannten "Kompensierung" wären die Begrenzungen nicht
gleichwertig
gewesen;
sowjetischen
Kalkulationen zufolge wären den Vereinigten Staaten überhaupt keine Mitte Istreckenwaffen längerer Reichweite
zugestanden worden, während die Sowjets umfangreiche Streitkräfte behalten hätten. Die Null-Lösung hätte
nur auf unserer Seite stattgefunden.
Die Sowjets schlugen vor, das
INF-Abkommen sollte nur in Europa Anwendung finden; das Problem der Sicherheit hätte so in den Fernen Osten
verlagert werden können und aufgrund
der Reichweite, Mobilität und Transportfähigkeit der SS-20 wäre Europa
weiterhin einer nicht unerheblichen
Bedrohung ausgesetzt gewesen.
Die
Sowjets schlugen Reduzierungen bei
Mehrzweckflugzeugen vor; damit wäre
der amerikanische Beitrag im konventionellen Bereich der NATO verringert
worden. Schließlich mußten noch Problem der Verifizierung gelöst werden.
Heute,
vier
Jahre
später,
herrscht auf beiden Seiten Übereinstimmung über die Grundzüge eines Pakets, das vier dieser fünf Kriterien
erfüllt. Britische und französische
Systeme sind von diesem Paket ausgenommen.
Beiderseitige Begrenzungen
bei Null sind für amerikanische und
sowjetische INF längerer und kürzerer
Reichweite festgelegt worden. Diese
Systeme sind weltweit beschränkt, und
Mehrzweckflugzeuge sind von den Begrenzungen ausgenommen.
Zum fünften Kriterium der Verifizierbarkeit sind wir uns mit den Sowjets über die generellen Prinzipien
der Verifizierung einig, einschließlich der Vor-Ort-Inspektion, es bleiben jedoch noch Einzelfragen offen.
Daraus ist zu folgern, daß wir bei
INF bereits einen weiten Weg zurück-

- 2 -

�gelegt haben, es aber immer noch eine
Strecke zu bewältigen gilt.
Der gegenwärtige Stand
Das Paket, auf das sich beide
Seiten grundsätzlich geeinigt haben,
ähnelt der "Null-Lösung", wie sie von
Präsident Reagan zum ersten Mal im
Jahr 1981 vorgeschlagen wurde. Es
umfaßt die folgenden Vereinbarungen:
Abschaffung aller amerikanischen
und sowjetischen Mittelstreckenraketen längerer Reichweite (zwischen
1 000 und 5 500 Kilometern) weltweit.
Abschaffung aller amerikanischen
und sowjetischen Mittelstreckenraketen kürzerer Reichweite (zwischen 500
und 1 000 Kilometern) weltweit.
Vernichtung aller abgebauten Raketen, das heißt, keine dieser Raketen wird in einen anderen Typ umgewandelt oder an ein anderes Land weitergegeben,
Verbot der Produktion, Modernisierung und Erprobungsflüge von Mittelstreckenraketen,
Verifizierung unter anderem durch
umfassenden Datenaustausch, Vor-OrtBeobachtung der Abschaffung von INFRaketen, wirksame Überwachung einschließlich Vor-Ort-Inspektion verbleibender INF-Raketen bis zu deren
Abschaffung sowie Beobachtung aller
angeschlossenen Einrichtungen.
Beide Seiten haben für den Vertrag
Formulierungen
vorgeschlagen,
die auf die weltweite Abschaffung von
Mittelstreckenraketen sowie auf andere Bestandteile ihrer jeweiligen
Position eingehen und einen gemeinsamen Vertragsentwurf erarbeitet. Bei
nicht beigelegten Meinungsverschiedenheiten zwichen beiden Seiten steht

der von der anderen Seite bevorzugte
Text in Klammern.
Im Verlauf der
Verhandlungen wird man sich mit der
Lösung dieser Meinungsverschiedenheiten befassen, so daß die Klammern
ausgelassen und ein vollständig ausgehandelter
Vertrag
hervorgebracht
werden kann.
Die Pershing
Deutschland

1A

der

Bundesrepublik

Das Haupthindernis beim Zusammentreffen Shultz-Schewardnadse betraf
die Pershing lA-Raketen der Bundesrepublik Deutschland und die Gefechtsköpfe der Vereinigten Staaten für
diese Raketen, die sich im Rahmen
einer festgelegten gemeinsamen Kooperationsstruktur mit der Bundesrepublik Deutschland in unserem Besitz
befinden.
Nachdem die Sowjets im
Verlauf von über fünf Jahren der INFVerhandlungen keine Begrenzungen dieser Systeme vorgeschlagen haben, forderten sie plötzlich im vergangenen
Frühjahr, diese amerikanischen Gefechtsköpfe sollten als abzuschaffende Systeme im Vertrag Niederschlag
finden. Dazu waren wir nicht bereit.
Während der zwei Jahrzehnte währenden Rüstungskontrollgespräche mit
den Sowjets vertraten die Vereinigten
Staaten die Auffassung, amerikanischsowjetische
Verhandlungen
beträfen
weder Drittstaatensysteme noch mit
unseren Verbündeten bestehende Kooperationsprogramme.
Unsere Gefechtsköpfe auf den Pershing-Raketen der
Bundesrepublik sind Teil dieses Kooperationsprogramms. Demzufolge werden wir mit den Sowjets keine Begrenzungen aushandeln, die Bedingungen
dieses amerikanischen-deutschen Vertrages verändern.
Obwohl wir diese kurzfristige
Forderung der Sowjets als künstliches
Hindernis betrachteten, mit dem Zwie-

- 3-

�tracht unter den NATOVerbündeten gesät werden sollte, wurde eine praktische Lösung durch eine im vergangenen
Monat abgegebene Stellungnahme Bundeskanzler Kohls möglich. Er erklärte, die Bundesrepublik würde ihre
Pershing-Raketen abbauen, wenn die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion einen verifizierbaren INF-Vertrag abschließen und anwenden werden
und die Abschaffung amerikanischer
und sowjetischer Mittelstreckenraketen gemäß dem vereinbarten Zeitplan
durchgeführt würde.
Wir haben den Sowjets erklärt,
daß bei Erfüllung der von Bundeskanzler Kohl geäußerten Bedingungen seiner Aussage nach das Kooperationsprogramm im Bereich der Pershing-Raketen
beendet sein wird. Zu dem Zeitpunkt
werden die Gefechtsköpfe der Vereinigten Staaten für die deutschen Pershing-Raketen in Gefechtsköpfe umgewandelt werden, die keinem bestehenden Kooperationsprogramm unterliegen,
und sie werden abgezogen werden. Wir
sind mit den Sowjets übereingekommen,
daß die abgezogenen Gefechtsköpfe mit
Hilfe derselben Verfahrensweisen abgeschafft werden, wie sie für amerikanische und sowjetische Gefechtsköpfe von Mittelstreckenraketen Anwendung finden. Die Vorrichtungen für
die Kernexplosion und das Lenksystem
werden entfernt und den nationalen
Behörden übergeben werden; der verbleibende Gefechtskopf wird zerstört.
Dieses Ergebnis dient eindeutig
der Wahrung unseres Prinzips, bestehende Regeln der Zusammenarbeit nicht
durch ein bilaterales amerikanischsowjetisches Abkommen einzuschränken.
Die Sowjets haben erkannt, daß eine
Beendigung des amerikanisch-deutschen
Kooperationsprogramms
das Ergebnis
einer einseitigen Entscheidung wäre.
Wir haben im gesamten Verlauf der
Verhandlungen in engen Konsultationen

mit der Bundesrepublik Deutschland
gestanden, die dieses Ergebnis unterstützt.
Amerikanische
Verifizierung

Haltung

zur

Die vordringlichsten noch im Detail zu erörternden Themenkomplexe
sind der Zeitpunkt der Reduzierungen
sowie der entscheidende Bereich der
Verifizierung. Bei den Treffen zwischen Shultz und Schewardnadse haben
beide Seiten die Probleme der Verifizierung nicht in allen Einzelheiten
besprochen, da die Sowjets mehr Zeit
zur Prüfung der detaillierten, von
uns einige Tage zuvor in Genf unterbreiteten Vorschläge zur Verfügung
haben wollten.
Beide Seiten waren
sich jedoch über die Notwendigkeit
rascher Fortschritte in dieser Frage
einig.
Die jüngsten amerikanischen Vorschläge zur Verifizierung unterscheiden sich von den vorherigen, da sich
die verifizierbaren Begrenzungen verändert haben. Lassen Sie mich also
eine kritische Analyse des amerikanischen
Ansatzes
zur Verifizierung
eines zukünftigen INF-Abkommens vornehmen.
So nützlich das INF-Abkommen erscheinen mag und so erfolgreich wir
dabei vorgegangen sind, die Sowjets
zu einem Ergebnis zu bringen, das unserer ursprünglichen Zielsetzung entspricht, wäre das Abkommen dennoch
das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben ist, wenn es nicht wirksam
verifizierbar wäre. Wirksame Verifizierung ist die unabdingbare Gewährleistung für den nachhaltigen Beitrag
eines jedweden Abkommens zu Frieden
und Stabilität.
Vor einigen Monaten unterbreiteten die Vereinigten Staaten in Genf

�einen detaillierten Verifizierungsvorschlag zur Sicherstellung umfangreicher und wirksamer Maßnahmen für
die Verifizierung der INF-Obergrenzen, auf die man sich zu diesem Zeitpunkt geeinigt hatte - 100 Gefechtsköpfe auf INF-Raketen längerer Reichweite weltweit, von denen keine in
Europa
stationiert
sein
sollten.
Gleichzeitig teilten wir den Sowjets
mit, ein Abkommen zur Abschaffung aller amerikanischen und sowjetischen
INF-Raketen würde die Verifizierungsmaßnahmen vereinfachen.
Schließlich
würde mit solch einem Abkommen die
gesamte INF-Infrastruktur abgebaut,
und die Entdeckung nur einer einzigen
Rakete nach Beendigung der Reduzierungen würde den Beweis für die
Nichteinhaltung des Vertrages erbringen.
Nachdem die Sowjets der weltweiten Beseitigung dieser Raketen zugestimmt hatten, schlugen wir solch
einen vereinfachten Verifizierungsansatz vor. Wir teilten den Sowjets
mit, daß sich unser neuer Verifizierungsvorschlag auf folgende Annahmen
gründete:
Abbau aller INF-Raketen kürzerer
Reichweite innerhalb eines Jahres.
Abbau aller INF-Raketen längerer
Reichweite innerhalb von drei Jahren
und
Verbot der Modernizierung, Produktion und Erprobungsflüge von INFRaketen.
Vorbehaltlich der Zustimmung zu
diesen Bedingungen würden unsere vorgeschlagenen
Verifizierungsmaßnahmen
folgende Bestandteile enthalten:
Detaillierten und - sofern erforderlich - aktualisierten Austausch
von Daten über den Standort der Rake-

tenunterstützungseinrichtungen,
die
Anzahl der Raketen und Abschußvorrichtungen in diesen Einrichtungen
sowie technische Parameter dieser Raketensysteme.
Benachrichtigung über den Transport von Raketen und AbschußVorrichtungen zwischen bekanntgemachten Einrichtungen.
Eine Grundinspektion zur Verifizierung der Anzahl von Raketen und
Abschußvorrichtungen
in bekanntgemachten Einrichtungen.
Vor-Ort-Inspektionen zur Verifizierung der Vernichtung von Raketen
und Abschußvorrichtungen.
Kurzfristig anberaumte Inspektion
offengelegter Einrichtungen und
kurzfristig anberaumte Inspektion
bestimmter Einrichtungen in den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion,
in denen dem Vertrag zuwiderlaufende
Raketenaktivitäten vermutet werden.
Mit
diesem
Verifizierungspaket
würden die einschneidendsten Verifizierungsmaßnahmen in der Geschichte
der Rüstungskontrolle in die Wege geleitet.
Von den Sowjets erwarten
wir, daß sie ihre Verpflichtung zur
intensiven Zusammenarbeit mit uns bei
der Erarbeitung einer Grundlage für
die wirksame Verifizierung des INFVertrages einhalten.
Aussichten für einen Vertragsabschluß
Wie stehen die Aussichten für
einen Vertragsabschluß? Es ist vielversprechend, daß keine Grundsatzprobleme offen geblieben sind. Dennoch sollte man nicht vergessen, daß
der Teufel häufig im Detail steckt.

- 5-

Auf dem Gebiet der Verifizierung

�bleibt noch sehr viel zu tun. Beide
Seiten müssen sich noch auf den Zeitplan der Reduzierungen einigen. Auch
hier scheint jedoch die offen gebliebene Frage technischen Charakter zu
haben - zum Beispiel, wie schnell
beide Seiten ihre Raketen sicher vernichten können - und wir sind übereingekommen, unseren INF-Delegationen
die erforderlichen Experten zur raschen Lösung dieser Frage zur Seite
zu stellen.
Der vielleicht vielversprechendste Aspekt ist, daß die Sowjets ebenso entschlossen zu sein scheinen wie
wir, so schnell wie möglich ein von
beiden Seiten akzeptiertes Abkommen
zu schließen. Wir haben uns dahingehend
geeinigt,
daß Außenminister
Shultz in der zweiten Oktoberhälfte
zur Erörterung noch verbleibenden
Fragen sowie aller anderen Themenkomplexe auf der breitgefächerten
amerikanisch-sowjetischen
Tagesordnung nach Moskau reisen wird. Ferner
haben wir uns auf ein Gipfeltreffen
zwischen Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow zwecks Unterzeichnung
eines
INF-Vertrages
im
Herbst dieses Jahres geeinigt. Unsere seit April letzten Jahres ohne
Unterbrechung in Genf tagende Delegation wird intensiv auf die Einhaltung
dieses Zeitplans hinarbeiten und hat
sich in eben dieser Woche zu einem
vorgezogenen Sitzungsplan bereit erklärt.
Auswirkung des Vertrages
Abschließend möchte ich eine immer häufiger erörterte Frage ansprechen: Würde ein INF-Vertrag in dem
von mir umrissenen Rahmen im Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten und der NATO liegen?
Seine Kritiker lassen zwei Hauptargumente unberücksichtigt. Das er-

ste von ihnen vorgebrachte Argument
ist, daß der Abzug amerikanischer
INF-Raketen aus Europa die NATO-Strategie der flexiblen Reaktion untergraben und die amerikanische Verteidigung von der NATO-Abschreckung abkoppeln würde.
Dieses Argument ist schwer zu akzeptieren, wenn man die Fähigkeiten
berücksichtigt, die der NATO verbleiben würden.
In Europa würden die
Vereinigten Staaten mehr als 4 000
nukleare Gefechtsköpfe für eine Vielzahl amerikanischer und bündniseigener Trägersysteme aufrechterhalten wie zum Beispiel Flugzeuge mit nuklearer Fähigkeit, bis hin zur F-III
mit einer größeren Reichweite als die
Pershing II, Kurzstreckenraketen und
nukleare Artillerie.
Ferner würden
der NATO weiterhin mehrere Hundert
SLBM-Gefechtsköpfe zur Verfügung stehen. Die britischen und französischen
Systeme
würden
stationiert
bleiben und die Modernisierungsprogramme könnten planmäßig durchgeführt
werden.
Und natürlich würden die
amerikanischen strategischen Streitkräfte weiterhin eine solide Grundlage der nuklearen Abschreckung darstellen.
Würden die Vereinigten Staaten
also von der NATO abgekoppelt? Angesichts der in Europa verbleibenden
Systeme sowie unserem umfassenden
Beitrag zur konventionellen Verteidigung der NATO, einschließlich der
mehr als 300 000 in Westeuropa stationierten
amerikanischen
Truppen,
scheint mir das Gerede von der Abkoppelung ungerechtfertigt.
Es erscheint nützlich, sich als
erstes die logische Grundlage für die
NATO-Entscheidung zur Stationierung
von LRINF-Raketen ins Gedächtnis zu
rufen. Mit seinem Doppelbeschluß von
1979 sprach sich das Bündnis zunächst

�für die Notwendigkeit kriegsschauplatzgebundener Raketen mit der Fähigkeit zur Bedrohung von Zielen auf
sowjetischem Territorium aus, als Reaktion auf die sowjetische Stationierung von Raketen mit geringerer
Reichweite als die der Interkontinentalraketen, d.h., der SS-20, die eine
Bedrohung der NATO-Länder von sowjetischem Territorium her darstellen.
Zweitens beschloß das Bündnis,
daß der Abbau der SS-20 und anderer
sowjetischer Raketen dieser Kategorie
Stationierungen der NATO unnötig machen würde. Mit anderen Worten, die
amerikanischen INF-Raketen waren dazu
gedacht, die Verbündeten der andauernden Wirksamkeit der Abschreckungsstrategie der NATO gegenüber den
SS-20 zu versichern. Wie die Verbündeten selbst klarstellten, wäre eine
solche Rückversicherung
angesichts
der anderen Beiträge der Vereinigten
Staaten zur Verteidigung der NATO
überflüssig, wenn die SS-20 entsprechend der Null-Lösung abgebaut würden.

gerückte INF-Vertrag weder die flexible Reaktion untergraben, noch die
Vereinigten Staaten von der NATO abkoppeln, noch zur Entnuklearisierung
Europas führen. Dagegen würde dieser
Vertrag das beträchtliche Ungleichgewicht der nuklearen Fähigkeiten abbauen, wie es von den Verbündeten Ende der siebziger Jahre erkannt wurde
und das Ungleichgewicht der von den
Bündnispartnern vorgeschlagenen Mittel beheben. Bis zum Abschluß dieses
Vertrages müssen wir noch einen weiten Weg zurücklegen, aber wenn es uns
gelingt, dieses Ziel zu erreichen,
wird damit den Sicherheitsinteressen
der Vereinigten Staaten und des Bündnisses gedient sein.

Das zweite, von Kritikern des zukünftigen
Vertrages
vorgebrachte
Hauptargument ist, daß er unaufhaltsam die vollständige Entnuklearisierung Europas anstreben würde. In der
Tat hat das Bündnis zugestimmt, daß
Nuklearwaffen weiterhin entscheidend
zur NATO-Strategie der Abschreckung
beitragen werden. Hochrangige NATOOffiziere sind sich angesichts des
weiterhin bestehenden beträchtlichen
Ungleichgewichts bei konventionellen
und chemischen Waffen der Fallstricke
weiterer Reduzierungen von Kernwaffen
in Europa wohl bewußt.
Sie sind
übereingekommen, daß Umfang und Wirksamkeit der Nuklearreserven des Bündnisses sich mit der Aufgabe der Abschreckung auf der niedrigstmöglichen
Ebene decken müssen.
Daher würde der in greifbare Nähe

- 7-

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
30. September 1987

34

FRIEDEN UND STABILITXT VORRANGIGES ZIEL IN DER GOLF-REGION
- Präsident Reagans Erklärung zur Lage im Golf -

WASHINGTON - (AD) - Mit einer schriftlichen Erklärung forderte Präsident
Reagan die Sowjetunion am 24. September auf, die Verwirklichung des mit der
Sicherheitsresolution 598 des Vereinten Nationen geforderten Waffenstillstandes zu unterstützen.
Reagan erklärte ferner Frieden und Sicherheit zum "vorrangigen" Ziel der
Vereinigten Staaten in der Golf-Region. "Es liegt nicht in unserem Interesse,
den Iran oder irgendjemand anders zu provozieren", betonte der Präsident, verwies jedoch darauf, daß Washington weiterhin Druck für einen Waffenstillstand
ausüben, die Freiheit der Seefahrt in der Region verteidigen und den amerikanischen Verbündeten bei der Abwehr der iranischen Bedrohung helfen will.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung im Wortlaut:
Ich habe heute den beigefügten
Brief über die von unseren Streitkräften am 21. und 22. September 1987
gegen das iranische Schiff 'Iran Ajr'
unternommenen
Verteidigungsaktionen
an den Kongreß übermittelt. Wir betrachten diesen Zwischenfall als erledigt, und es werden gegenwärtig
Schritte zur Rückführung der 26 überlebenden Iraner sowie zur Überführung
der drei bei dem Zwischenfall getöteten Personen unternommen.
In den letzten vier Jahrzehnten
haben acht Präsidenten erkannt, daß
es im vorrangigen Interesse der Ver-

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Embassy of the United States of America

einigten Staaten liegt, der freien
Welt den Zugang zu den Energiequellen
des Persischen Golfs zu sichern und
eine feindliche Vorherrschaft in der
Golf-Region zu verhindern. Diese Interessen sind jetzt durch den iranisch-irakischen Krieg und durch das
anhaltend aggressive Verhalten des
Iran in der Region bedroht.
Der Irak hat seine Bereitschaft
erklärt, ohne Vorbedingungen eine gerechte Beilegung des Krieges auszuhandeln und die Sicherheitsresolution
598 der Vereinten Nationen anzuneh-

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�men. Bis heute hat der Iran diese
Annahme verweigert. In der Zwischenzeit hat der Iran mit Hilfe militärischer Aktionen und terroristischer
Übergriffe seine Anstrengungen fortgesetzt, die friedlichen Nationen am
Golf einzuschüchtern, die Gewässer
für den neutralen Schiffsverkehr unpassierbar zu machen und eine zersetzende Mischung aus Religion und Politik in und außerhalb der Region zu
verbreiten.
Die Politik des Iran
schafft eine Bedrohung, durch die die
freie Schiffahrt und der freie Öltransport im Golf ernsthaft behindert
werden könnte.
Angesichts dieser Tatsachen müssen wir weiterhin konsequent unsere
begründete Politik der drei Schritte
im Golf verfolgen. Wir wollen
1.

zunehmend internationalen Druck
ausüben, um auf dem Verhandlungswege ein Ende des Krieges zu erlangen und seine Ausbreitung zu
verhindern;

2. weiterhin unerschütterlich unsere
Freunde, die friedlichen Nationen
am Golf, bei ihrer Verteidigung
gegen die Bedrohung aus dem Iran
unterstützen;
3.

auf vernünftige Art und Weise gemeinsame Bemühungen mit den Staaten des Rates für Zusammenarbeit
am Golf (Gulf Cooperation Council
- GCC) und anderen befreundeten
Ländern unternehmen, um Schiffe
unter amerikanischer Flagge zu
schützen und den Iran davon abzuhalten, die Freiheit der friedlichen Seefahrt ernsthaft zu gefährden.

Unser vorrangiges Ziel sind Frieden und Freiheit in der Region. Es
liegt nicht in unserem Interesse, den
Iran oder irgendjemand anders zu pro-

vozieren, obwohl wir uns bei Bedarf
verteidigen werden. Die Vereinigten
Staaten hoffen vielmehr, daß sich
normalere Beziehungen mit dem Iran
ergeben, wenn die Aggressivität des
Iran abnimmt und damit die Spannungen
in der Region abgebaut werden. Wir
haben diese Punkte wiederholt dem
Iran sowohl auf diplomatischem Wege
als auch mit öffentlichen Erklärungen
übermittelt.
Die Fortsetzung des iranisch-irakischen Krieges ist die Hauptursache
der zunehmenden Spannungen im Golf,
auf die unsere Streitkräfte und die
anderer Nationen reagiert haben. Wir
hoffen, daß der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen durch die baldige
Verwirklichung
von Resolution 598
eine auf dem Verhandlungswege erzielte
vollständige
Beilegung
dieses
Krieges hervorbringen kann. Wir hoffen, daß die Sowjetunion gemeinsam
mit dem Rat daraufhin arbeiten wird,
eine weitere Resolution anzunehmen
und daß sie den Prozeß nicht verzögert oder Möglichkeiten zur Erweiterung ihres Einflußbereiches auf Kosten des Friedens in der Region sucht.
Der Erfolg unserer Politik wird
zu einem großen Teil von der Konsequenz und Sorgfalt abhängen, mit der
wir diese durchführen. Unsere bisherige Entschlossenheit hat sich ausgezahlt - durch einen höheren europäischen Beitrag zum Schutz der freien Schiffahrt im Golf, durch die
stille, aber wichtige und wirkungsvolle Unterstützung der Bemühungen
unserer Marine und der anderer Nationen durch den GCC, mittels diplomatischer Bemühungen im Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen und durch eine
Abschreckung noch rücksichtsloserer
iranischer Übergriffe.
Wir müssen
weiterhin unser Bestes tun, um unsere
Interessen zu schützen und mit uns
befreundete Nationen - wie auch unse-

- 2 -

�re Gegner - der anhaltenden Entschlossenheit
und
Führungsposition
der Vereinigten Staaten zu versichern.

* * * * *

�AMERIKA DIENST
Wissenschaft und Technik

BRENNTEST MIT VOLLER LEISTUNG
- Umkonstruierte Feststoffraketen für DISCOVERY-Flug in
der Erprobung -

Das Ergebnis des ersten Brennversuchs bei voller Leistung mit der umkonstruierten Feststoffrakete, die dem Raumtransporter beim Start zusätzlichen
Antrieb gibt, bezeichnete John Thomas, der Leiter des zuständigen NASA-Konstruktionsteams, als sehr befriedigend.
Die Inspektion des ersten Verbindungsteiles für die Hauptsegmente habe gezeigt, daß sich die Veränderungen bewähren. Am Verbindungsteil ("field Joint') waren keine heißen Gase durch die
neuartige Isoliermasse gedrungen. Die Dreifach-Ringdichtung hatte ebenfalls
ihre Funktion erfüllt. Und mit Ausnahme der Stellen, an denen sich heiße Aluminiumschlacke aus dem Treibstoff abgelagert hatte, hatte die Isoliermasse sogar ihre ursprüngliche Farbe. Zu derartigen Ablagerungen kommt es beim Start
eines Raumtransporters jedoch nicht, weil in diesem Fall die Schlacke mit den
Treibgasen ausgestoßen wird.
Der Brenntest war am 30. August
1987 auf einem Versuchsgelände der
Firma Morton-Thiokol in der Wüste des
US-Bundesstaates
Utah
durchgeführt
worden. Zwei Minuten lang, d.h. mit
der bei einem Start üblichen Dauer
und den dafür erforderlichen Mengen
an festem Treibstoff, brannte die horizontal montierte, 38 m lange Feststoffrakete mit einem riesigen Feuerschweif. Damit werde die erste Hürde
der für Juni 1988 geplanten Wiederaufnahme
der
Raumtransporterflüge
überwunden.
Drei bis vier weitere
volle Brennversuche sollen folgen -

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der nächste Ende November.
Projektmanager Royce Mitchell bezeichnete den Versuch als den "kritischsten Test" seit Beginn des Programms zur Umkonstruktion, das nach
dem
CHALLENGER-Unglück
vom
Januar
1986 auf Vorschlag der Rogers-Kommission in Angriff genommen wurde. Die
in der Zwischenzeit erarbeiteten Änderungen
waren
in dem
getesteten
Feststoff-Booster zu 90 Prozent verwirklicht. So wurde z.B. die Abdichtung aus Synthesegummi zwischen den
großen Raketensegmenten von zwei auf

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�drei O-Ringe verstärkt und die Isolierung zwischen Brennkammer und Mantel verbessert. Es wurden Heizdrähte
eingebaut, um das Verbindungsteil bis
zum Start von außen her auf einer
Temperatur von 24 Grad Celsius zu
halten. Bei stärkerer Abkühlung besteht die Gefahr, daß das Dichtungsmaterial brüchig wird. Außerdem wurde das System der beim Zusammenfügen
der Segmente ineinandergreifenden Metallzungen und Metallklauen verbessert und mit zusätzlichen Sicherungen
versehen.

versuche
entsprechende
Belastungskomponenten eingeführt werden.
Der NASA-Direktor für bemannten
Raumflug, Richard Truly, betonte die
Bedeutung des jetzt erzielten Resultats, verwies aber zugleich darauf,
"Raumflug ohne Risiko" sei nicht realisierbar.
Er drückte ferner sein
großes Vertrauen in die im Rahmen des
gegenwärtigen Programms vorgenommen,
technischen Veränderungen aus.

* * * * *
Jede der beiden Feststoffraketen,
mit denen der Raumtransporter für den
Start ausgerüstet ist, besteht aus 11
Elementen. Sie werden im Herstellerwerk paarweise zu größeren - insgesamt vier - Segmenten zusammengebaut.
Ihre
Verbindungsstellen
bezeichnet
man als "factory joints".
Bei den
"field joints" handelt es sich um jene Verbindungen, die normalerweise
erst beim Zusammenbau der vier Hauptsegmente in Kap Canaveral entstehen.
Für den Ende August durchgeführten
Brenntest waren diese Montagearbeiten
in Utah ausgeführt worden. Und gegenwärtig
werden
"factory" wie
"field" -Verbindungsteile sehr gründlich untersucht.
Mit
insgesamt
520
Instrumenten
wurde der Ablauf des Versuchs in allen Einzelheiten
beobachtet.
Erst
nach Auswertung aller Meßdaten
wird
man darüber entscheiden, welche Art
von "künstlichen Pannen" beim nächsten Brenntest eventuell vorgegeben
werden sollen, um Aufschluß über weitere mögliche Gefahrensituationen zu
erhalten. NASA-Mitarbeiter verweisen
außerdem
darauf, daß beim letzten
Test bestimmte Belastungen , die sich
normalerweise durch das Gewicht von
Orbiter und externem Treibstofftank
ergeben,
nicht
auftraten.
Jedoch
sollen bei einem der nächsten Brenn- 2 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Freie Märkte stärken offenes Handeslsystem&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede Präsident Reagans bei der Jahresversammlung von IWF und Weltbank&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt; INF-Abkommen dient Sicherheitsinteressen der Verbündeten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Paul Nitze vor der AAAS&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Frieden und Stabilität vorrangiges Ziel in der Golf-Region&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Präsident Reagans Erklärung zur Lage am Golf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brenntest mit voller Leistung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Umkonstruierte Feststoffraketen für DISCOVERY-Flug in der Erprobung&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
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30. September 1992

39

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UNO

BUSH VERKÜNDET INITIATIVEN
ZUR BEWÄLTIGUNG GLOBALER
HERAUSFORDERUNGEN
Rede vor der UNO-Generalversammlung

USA-DEUTSCHLAND

NEUES OPEL-WERK
IN EISENACH ERÖFFNET
Botschafter Kimmitt überbringt
Botschaft von Präsident Bush

WAHLEN '92

BUSH SCHLÄGT ÜBERRASCHEND
VIER DEBATTEN VOR
Neuer Schachzug des Präsidenten

JUGOSLAWIEN

USA: AUSSCHLUSS BELGRADS DURCH
UN-GENERALVERSAMMLUNG "ANGEMESSEN'
Erklärung von Botschafter Perkins

KSZE

USA: SICHERHEITSFORUM WIRD
AGGRESSIONSRISIKO VERRINGERN
Amerikanische Erklärung bei der
Eröffnung des Sicherheitsforums
DIE KSZE 1992: DIE HERAUSFORDERUNGEN DES WANDELS
Vortrag von John Kornblum

NATO

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

EUROPA UND NORDAMERIKA WERDEN
GEMEINSAM FORTSCHRITTE ERZIELEN
Rede von Botschafter Bartholomew

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Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�UNO
30. September 1992

BUSH VERKÜNDET INITIATIVEN ZUR BEWÄLTIGUNG
GLOBALER HERAUSFORDERUNGEN
Rede vor der UNO-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In einer Rede vor der UNO-Generalversammlung kündigte Präsident Bush am
21. September 1992 neue Initiativen zur Bewältigung von drei großen Herausforderungen an: Friedenssicherung, Beendigung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Förderung von Wohlstand für alle.
"Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert von uns verstärktes kollektives Engagement", erklärte
Bush den Delegierten der 47. Sitzung der UNO-Generalversammlung. "Wir werden unsere kollektiven Institutionen umgestalten müssen. Und vor allem muß jeder von uns die eigene Regierung beim Umgang mit
internationalen Angelegenheiten einer ernsthaften Prüfung unterziehen."
Bush begrüßte Generalsekretär Boutros-Ghalis Ruf nach einer neuen Tagesordnung zur Stärkung der
Fähigkeiten der Vereinten Nationen bei der Verhinderung, Eindämmung und Lösung von Konflikten auf der
ganzen Welt. Indem er alle Mitglieder aufforderte, gemeinsam "kühne Schritte zu unternehmen, um diese
Tagesordnung voranzubringen", stellte der Präsident fest, er werde "mit- meinen Kollegen den Nutzen einer
Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrats zur Erörterung der Vorschläge des Generalsekretärs und Erarbeitung
konkreter Antworten" in Schlüsselbereichen sondieren.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.
Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Gäste, leben, stellten Millionen fest - wie Arthur Koestler so
ich danke Ihnen. Vor 47 Jahren war ich ein junger eindringlich schrieb - daß Mittags Dunkelheit herrschMann von 21 Jahren und wie Tau sende andere meiner te. Und statt die Nationen zu einen, wurde dieses
Generation war ich in den Krieg gezogen, um die Gremium zu einem Forum des Mißtrauens und der
Freiheit zu zu verteidigen. In diesem Monat vor 47 Spaltung von Nationen. Und in grausamer Ironie
Jahren war der Krieg endlich beendet und ich blickte wurden die Vereinten Nationen, geschaffen, um die
hoffnungsvoll auf den Frieden und die Chance, mein Welt von Konflikten zu befreien, selbst Opfer von
Leben nun ernsthaft zu beginnen. 1945 stand als Konflikten.
Symbol der Hoffnung nicht nur für mich, sondern fürdie
gesamte Menschheit. Ein großer Kampf gegen Dikta- Auch ich habe diese Konflikte erlebt. Ich habe - mit
Stolz erfüllt - dort gesessen, wo Sie sitzen und in dieser
tur war gekämpft und gewonnen worden.
Versammlung gedient. Zu meiner Zeit habe ich die
Auf der ganzen Erdkugel blicken wir einer von Kriegen Konsequenzen der scharfen Worte des Kalten Krieges
freien Zukunft entgegen, einer Welt, in der wir unsere für die höheren Aufgaben der Vereinten Nationen
Kinder in Frieden und Freiheit aufziehen können. Und gesehen. Und heute, 47 Jahre später, stehen wir am
diese Institution - die Vereinten Nationen -, geboren Ende eines anderen Krieges, des Kalten Krieges. Und
inmitten der Asche des Krieges, verkörperte diese unsere Hoffnungen und Träume sind wieder aufgeHoffnungen und Träume wie keine andere.
keimt.
Die Hoffnungen und Träume von 1945 blieben jedoch
unerfüllt. Der kommunistische Imperialismus teilte die
Welt, unsere Hoffnung auf Frieden und unsere Träume
von Freiheit wurden im Würgegriff des Kalten Krieges
eingefroren. Und anstatt eine gemeinsame Basis zu
finden, standen wir vor einer nuklearen Konfrontation.
Und anstatt auf Churchills weiten, sonnigen Höhen zu
AMERIKA DIENST 39

Getrieben von seinen immanenten Widersprüchen
und von dem unsterblichen Freiheitsdurst der Menschen verbannt, fand der imperialistische Kommunismus an seinem Geburtsort den Tod. Und heute ist
Ru Bland erwacht - demokratisch, unabhängig und frei.
Auch die baltischen Staaten sind frei, ebenso wie die
Ukraine, Armenien und Belarus, Kasachstan und die
Seite 1

�anderen unabhängigen Staaten, die den Nationen
Mittel- und Osteuropas in Freiheit beitreten.

Notwendigkeit für erweiterte Kapazitäten zur Friedensbewahrung nie größer, waren die Konflikte, mit
denen wir uns befassen, schwerer in den Griff zu
bekommen, die Kosten der Konflikte höher.

Die Furcht vor einem nuklearen Armageddon zwischen den Supermächten ist verschwunden. Wir sind
stolz, unseren Teil dazu beigetragen zu haben, daß Und zweitens sehen wir uns der strategischen Herausunsere Schulkinder nicht mehr üben müssen, sich forderung der Verbreitung von Massenvernichtungsunter ihren Pulten zu verstecken aus Angst vor einem waffen gegenüber - zweifelsohne der am schnellsten
wachsenden sicherheitspolitischen Herausforderung
nuklearen Angriff wie die Generationen vor ihnen.
für internationalen Frieden und Ordnung.
Voller Stolz beglückwünsche ich die Staats- und
Regierungschefs, die im Besitz von Atomwaffen sind - An dritter Stelle steht die gemeinsame wirtschaftliche
die Präsidenten Jelzin, Krawtschuk, Nasarbajew, Herausforderung der Förderung von Wohlstand für
Schuschkjewitsch - die mit mir gemeinsam die Kon- alle, der Stärkung einer offenen, wachstumsorientierfrontation zwischen den Supermächten beendet ha- ten, marktwirtschaftlichen internationalen Wirtschaftsben, die einen nuklearen Alptraum riskierte. Dies ist ordnung bei gleichzeitigem Schutz der Umwelt.
die erste Generalversammlung, bei der Sie als wirklich
unabhängige und freie Nationen einen Sitz haben. Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert
Und Ihnen und den Staats- und Regierungschefs der von uns verstärktes kollektives Engagement. Wir
anderen unabhängigen Staaten sage ich: Willkom- werden unsere kollektiven Institutionen umgestalten
men zu Hause, wir sind jetzt wirklich Vereinte Natio- müssen. Und vor allem muß jeder von uns die eigene
Regierung bei der Handhabung internationaler Angenen.
legenheiten einer ernsthaften Prüfung unterziehen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges haben wir meines Auch wir müssen unsere Institutionen und Praktiken
Erachtens eine echte Chance, über die künstlichen ändern, wenn wir eine neue Welt mit den Versprechu nTeilungen einer ersten, zweiten und dritten Welt hin- gen von heute schaffen und ein 21. Jahrhundert des
auszugehen und statt dessen eine wirklich globale Friedens sichern wollen.
Staatengemeinschaft freier und souveräner Nationen
zu schmieden. Eine auf Achtung der Prinzipien, fried- Ich möchte heute mit Ihnen diese drei Herausforderunlicher Beilegung von Konflikten, grundlegenden Men- gen erörtern - Friedenssicherung, Weiterverbreitung
schenrechten und den Säulen Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Und ich möchte diese Gelegenheit
ergreifen, um darzulegen, wie die internationale Staaund freie Märkte gegründete Gemeinschaft.
tengemeinschaft bei der Bewältigung dieser HerausDie Vereinten Nationen und insbesondere der Sicher- forderungen aus meiner Sicht zusammenarbeiten kann
heitsrat haben bereits sehr viel zur Erfüllung ihrer und wie die Vereinigten Staaten ihre Institutionen und
ursprünglichen Mission getan und diese globale Staa- Maßnahmen ändern, um diese Bestrebungen zu Förtengemeinschaft aufgebaut. Die Führungsrolle der dern.
Vereinten Nationen war entscheidend bei der Lösung
von Konflikten und Vermittlung von Frieden auf der Lassen Sie mich mit der Friedenssicherung beginnen.
gesamten Welt. Die Sicherung von Demokratie und Die Vereinten Nationen blicken auf eine lange und
Frieden in dem vor uns liegenden Jahrhundert wird herausragende Tradition der Friedenssicherung und
jedoch keine leichte Aufgabe sein. Der imperialisti- humanitären Hilfe zurück. Von Zypern und dem Libasche Kommunismus mag besiegt sein - die Herausfor- non bis zu Kambodscha und Kroatien sind die Blauhelderungen unseres Zeitalters sind damit jedoch nicht me zu einem Symbol der Hoffnung inmitten all dieser
beendet. Herausforderungen, die überwunden wer- Feindschaft geworden. Die Vereinten Nationen haben
den müssen, wenn wir endlich die Teilungen zwischen seit langem eine zentrale Rolle dabei gespielt, die
Ost und West, Nord und Süd beenden wollen, die Eskalation von Konflikten zu Kriegen zu verhindern,
Auseinandersetzungen, Belastungen, Konflikte und und verstärkte Kapazitäten zur Friedenssicherung
können diese diplomatischen Bestrebungen unterKrieg schüren.
mauern.
Während wir das historische Wachstum von Demokratieweltweit unterstützen, sehen sich die internationale So viel die Vereinten Nationen auch getan haben - sie
Staatengemeinschaft und die Vereinten Nationen beim können noch mehr tun. Die Friedensbewahrer werden
Eintritt ins 21. Jahrhundert mit drei entscheidenden, aufs Äußerste gefordert während der Bedarf an ihren
miteinander verflochtenen Herausforderungen kon- Diensten täglich steigt. Die Notwendigkeit von Überwachung und präventiver Friedenssicherung sowie
frontiert:
der Entsendung von Kräften vor dem Ausbruch von
Erstens stehen wir vor der politischen Herausforde- Kämpfen könnten sich in unsicheren Regionen als
rung, den Frieden von heute zu bewahren und die besonders kritisch erweisen. Dies gilt insbesondere
Kriege von morgen zu verhindern. Wie wir täglich in aufgrund der raschen und turbulenten VeränderunBosnien, Somalia und Kambodscha sehen, fordern gen, die Osteuropa und Eurasien weiterhin erschütüberall Konflikte unschuldige Menschenleben, war die tern.
Seite 2

AMERIKA DIENST 39

�In den Ländern, die einstmals hinter dem Eisernen
Vorhang gefangengehalten wurden, besinnen sich die
Menschen auf ihre historischen Identitäten, die in den
Katakomben des Kommunismus eingefroren waren.
Wodies in demokratischer Art und Weise mit Toleranz,
zivilisiert und Achtung der grundlegenden Menschrechte und Freiheiten stattfindet, ist dieser neue demokratische Nationalismus nur zum Guten.

Drittens: Darüber hinaus müssen wir angemessene
logistische Unterstützung für friedenssichemde und
humanitäre Operationen bereitstellen. Die Mitgliedstaaten sollten Bestände der zur Erfüllung der humanitären Nothilfe erforderlichen Ressourcen anlegen,
wie etwa für Hungersnöte, Überschwemmungen, bürgerkriegsähnliche Unruhen. Dies wird in Krisenzeiten
wertvolle Zeit sparen.

Bedauerlicherweise müssen wir jedoch nur auf die
blutigen Schlachten blicken, die an Orten wie dem
ehemaligen Jugoslawien wüten, um die Gefahren
ethnischer Gewalt zu sehen. Dies ist die größte
Bedrohung des demokratischen Friedens, den wir mit
Osteuropa, Rußland und Eurasien aufbauen wollen noch mehr als wirtschaftliche Entbehrungen.

Viertens: Wir werden Planungs-, Krisenmanagement
und nachrichtendienstliche Fähigkeiten zur Friedenserhaltung und für humanitäre Operationen entwickeln
müssen.

Wir unterstützen die Bestrebungen von NATO, KSZE
und WEU, der GUS und anderen kompetenten regionalen Organisationen bei der Entwicklung von Kapazitäten zur Friedenssicherung uneingeschränkt. Wir
sind jedoch davon überzeugt, daß erweiterte Fähigkeiten der UNO eine notwendige Ergänzung dieser regionalen Bemühungen darstellen, nicht nur in Europa und
Eurasien, sondern auf der ganzen Welt.
Ich begrü ße Generalsekretär Boutros-Ghalis Ruf nach
einer neuen Tagesordnung zur Stärkung der Fähigkeiten der Vereinten Nationen bei der Verhinderung,
Eindämmung und Lösung von Konflikten auf der ganzen Welt. Ich fordere alle Mitglieder auf, gemeinsam
kühne Schritte zu unternehmen, um diese Tagesordnung voranzubringen. Ich werde daher mit meinen
Kollegen den Nutzen einer Sondersitzung des UNSicherheitsrats zur Erörterung der Vorschläge des
Generalsekretärs und Erarbeitung konkreter Antworten in fünf Schlüsselbereichen sondieren.
Erstens: Durchgreifende Friedenssicherung erfordert
Personal und Gerät, das nur die Mitgliedstaaten bereitstellen können. Die Nationen sollten militärische Einheiten für mögliche Friedenssicherungsoperationen
und humanitäre Hilfe aufstellen und ausbilden. Diese
Kräfte müssen kurzfristig auf Antrag des Sicherheitsrats und natürlich mit Genehmigung der sie entsendenden Regierungen verfügbar sein.
Zweitens: Wenn multinationale Einheiten zusammenarbeiten sollen, müssen sie zusammen üben. Zahlreiche Nationen - beispielsweise Fiji, Norwegen, Kanada
und Finnland - blicken auf eine lange Tradition der
Friedenssicherung zurück. Wir alle können von diesen
Erfahrungen profitieren, während wir für erweiterte
Operationen ausbilden. Effektive multinationale Aktionen erfordern ferner koordinierte Führung und Interoperabilität von Gerät und Kommunikation. Multinationale Planung, Ausbildung und Manöver werden erforderlich sein. Diese Bestrebungen sollten mit den
regionalen Organisatoren abgestimmt werden.

AMERIKA DIENST 39

Und fünftens: Wir müssen die angemessene, gerecht
verteilte Finanzierung von Friedensmissionen der UNO
gewährleisten.
Wie ich bereits sagte, müssen wir unsere nationalen
Institutionen verändern, wenn wir unsere internationalen Beziehungen verändern wollen. Ich möchte Ihnen
deshalb versichern: Die Vereinigten Staaten sind
bereit, ihren Teil dazu beizutragen, den Weltfrieden
durch die Stärkung der internationalen Fähigkeiten zur
Friedensbewahrung zu stärken.
Jahrzehntelang haben die amerikanischen Streitkräfte
als stabilisierende Präsenz auf der ganzen Welt gedient. Und ich möchte mir unsere große Erfahrung
beim Gewinnen von Kriegen und bei der Friedensbewahrung zunutze machen, um die friedenssichernden
Bemühungen der Vereinten Nationen zu unterstützen.
Ich habe den amerikanischen Verteidigungsminister
angewiesen, der Friedenserhaltung einen neuen
Schwerpunkt zu verleihen. Aufgrund der wachsenden
Bedeutung der Friedenssicherung als Mission für die
amerikanischen Streitkräfte werden wirdie Ausbildung
von Kampf-, Pionier- und Logistikeinheiten für das
gesamte Spektrum von friedenserhaltenden und
humanitären Aktivitäten forcieren.
Darüber hinaus werden wir mit den Vereinten Nationen
zusammenarbeiten, um unsere beachtlichen Kapazitäten in den Bereichen Transport, Kommunikation und
Aufklärung zur Unterstützung von friedenserhaltenden Operationen einzusetzen. Ferner werden wir
unsere Kapazitäten für gemeinsame Simulationen und
Übungen anbieten, um unsere Fähigkeit zu stärken,
gemeinsame friedenssichernde Operationen durchzuführen. Dabei gibt es Raum für alle Länder, klein
oder groß, und ich hoffe, alle werden sich daran
beteiligen.
Den Mitgliedstaaten muß natürlich wie immerdie letzte
Entscheidung über den Einsatz ihrer Truppen vorbehalten bleiben. Wir müssen jedoch unsere Fähigkeit
entwickeln, friedensbewahrende Bemühungen zu
koordinieren, damit wir eine rasche Mobilisierung durchführen können, wenn eine Bedrohung für den Frieden
entsteht oder wenn Menschen in Not die Welt um Hilfe
bitten.
Seite 3

�Ich habe überdies die dauernde Einrichtung eines
Lehrgangs für Friedenserhaltung an den amerikanischen Militärakademien angeordnet. Der Ausbildung
kommt offenkundig eine Schlüsselfunktion zu. Die
Vereinigten Staaten sind bereit, ihre Stützpunkte und
Einrichtungen für multinationale Ausbildung und Manöver zur Verfügung zu stellen. Einer dieser Stützpunkte, der hier in der Nähe liegt und solche Einrichtu ngen hat, ist Fort Dix. Amerika hat diese Stützpu nkte
benutzt, um den Kalten Krieg zu gewinnen. Heute
können sie nach der Beendigung des Kalten Krieges
zum Aufbau eines dauerhaften Friedens beitragen.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, ihr militärisches
Wissen den Vereinten Nationen zur Verfügung zu
stellen, um den Vereinten Nationen bei der Stärkung
ihrer Planung und friedenserhaltenden Operationen zu
helfen. Darüber hinaus werden wir die amerikanische
Unterstützung für die Überwachung, Verifizierung,
Aufklärung und andere Erfordernisse von Friedensmissionen oder humanitären Hilfsoperationen der UNO
ausbauen.

Ferner fordere ich die unbegrenzte Verlängerung des
Vertrages über die Nichtverbreitung von Kernwaffen
bei dessen Überprüfungskonferenz im Jahr 1995. Wir
müssen Wege sondieren, mit denen wir die Verbindungen zwischen diesen Lieferantenklubs, der Gruppe
nuklearer Lieferländer, der Australiengruppe und dem
Regime zur Kontrolle von Raketentechnologie sowie
Sonderbehörden der Vereinten Nationen stärken
können. Hier möchte ich die produktiven Bemühungen
von UNSCOM bei der Demontage der irakischen
Massenvernichtungswaffen sowie die anhaltend gute
Arbeit der Internationalen Atomenergieorganisation
hervorheben.
Aber während sich die UN-Organisationen anpassen,
um der Weiterverbreitung Einhalt zu gebieten, muß
auch jedes Mitgliedsland seine Strukturen verändern,
um unsere Ziele der Nichtverbreitung zu fördern.

In diesem Geist möchte ich heute meine Absicht
bekanntgeben, in Zusammenarbeit mit dem Kongreß
den Schwerpunkt des US-Amts für Rüstungskontrolle
und Abrüstung, das einigen von Ihnen unter dem
Schließlich werden die Vereinigten Staaten auch prü- Kürzel ACDA bekannt ist, darauf zu verlagern, technifen, wie wir die Friedensbewahrung finanzieren kön- sche Unterstützung für die Nichtverbreitung, Überwanen und neue Wege sondieren, um die angemessene chung und Zerstörung von Waffen sowie die weltweite
finanzielle Unterstützung von Friedensmissionen und Konversion der Rüstungsindustrie zur Verfügung zu
humanitären Aktivitäten der UNO durch die Vereinig- stellen.
ten Staaten zu gewährleisten. Ich bin der Überzeugung, daß wir überdenken müssen, wie wir unsere Unter Leitung des Außenministers sollte das ACDA
Sicherheit in dieser neuen Ära gewährleisten und dafür nicht nur für die Vollendung des traditionellen Rüstungskontrollprogramms eingesetzt werden, sondern
bezahlen.
auch - was ebenso wichtig ist - für die Bereitstellung
Das Ende des Kalten Krieges mag zwar dem nuklea- technischer Hilfe im Rahmen unseres neuen Sicherren Wettrüsten zwischen den Supermächten ein Ende heitsprogramms.
bereitet haben, aber der regionale Wettlauf und Massenvernichtungswaffen bleiben bestehen. Über 20 Aber auch wenn wir uns um die Verhinderung der
Länder besitzen oder entwickeln nukleare, chemische Verbreitung von Massenvernichtungswaffen bemüoder biologische Waffen und deren Trägersysteme. hen, müssen wir realistisch sein und uns gegen die
Zu einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten und ihre Weiterverbreitung schützen, die bereits stattgefunden
ehemaligen Gegner ihre nuklearen Arsenale in histori- hat. Deshalb arbeiten wir auf ein kooperatives Verteischem Ausmaß reduzieren, werden unsere Kinder digungssystem gegen begrenzte ballistische Angriffe
und Kindeskinder uns niemals verzeihen, wenn wir die hin. Wir beabsichtigen ohne Wenn und Aber, andere
Entwicklung neuer und instabiler nuklearer Konfronta- Nationen an diesem weltweiten Verteidigungssystem
teilhaben zu lassen.
tionen auf der ganzen Welt zulassen.
Wir gehen davon aus, daß der Sicherheitsrat ein
Hauptforum fürdie Durchsetzung der Nichtverbreitung
werden sollte. Der Sicherheitsrat sollte seine Absicht
verdeutlichen, der Verbreitung Einhalt zu gebieten und
gegen Weiterverbreiter Sanktionen zu verhängen. Zur
Bekräftigung von Zusicherungen, die bei der Aushandlung des Vertrages über die Nichtverbreitung von
Kernwaffen (NPT) gemacht wurden, habe ich vorgeschlagen, der Sicherheitsrat solle den Nichtkernwaffenstaaten versichern, daß er unverzügliche Maßnahmen anstrebt, um im Einklang mit der Charta allen
Nichtkernwaffenstaaten, die Vertragspartei beim NPT
und Opfer eines Aktes der Aggression sind oder von
einer Aggression mit Kernwaffen bedroht werden,
Beistand zu gewähren.
Seite 4

Obwohl erweiterte Friedenserhaltungsfähigkeiten und
verbesserte Bemühungen zur Nichtverbreitung fürden
Aufbau eines dauerhaften Friedens entscheidend sein
werden, ist gemeinsames Wirtschaftswachstum die
langfristige Grundlage für eine bessere Zukunft bis
weit ins nächste Jahrhundert. Aus diesem Grund habe
ich gestern in einem Moment internationaler Ungewißheit erklärt, daß sich die Vereinigten Staaten mit ihren
weltweiten Partnern am Aufbau einer globalen Wirtschafts-, Finanz- und Handelsstruktur für dieses neue
Zeitalter beteiligen werden. Gleichzeitig fordere ich
dazu auf, daß uns unsere weltweiten Pflichten dazu
veranlassen, Wege zu prüfen, um den Koordinierungsprozeß der G-7 zu stärken. Ich habe ferner die
Unterstützung der Vereinigten Staaten fürdie europäi-

AMERIKA DIENST 39

�sehe Integration bekräftigt, die Märkte öffnet und die ten zu verlagern, die selbst einen Beitrag zu einer
Fähigkeit Europas verbessert, unser Partner bei den gesunden, wachsenden Weltwirtschaft leisten köngroßen Herausforderungen dieses neuen Zeitalters zu nen.
sein.
Das bedeutet, daß unser neuer Schwerpunkt der
Obwohl die exakte Form dieser Integration natürlich Aufbau einer wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen
Sache der Europäer ist, werden wir ihnen zur Seite unseren Privatsektoren sein sollte, die Wohlstand im
stehen. Wirtschaftswachstum ist kein Nullsummen- In- und Ausland hervorbringen wird. In Zusammenarprozeß. Wir alle werden von der Ausdehnung von beit mit dem Kongreß werde ich eine vollständige
Handel und Investitionen profitieren, die mit einer Umstrukturierung unserer Institutionen vorschlagen,
die Auslandshilfe planen und durchführen. Damit wird
florierenden wachsenden Weltwirtschaft einhergeht.
die Bürokratie drastisch abgebaut, die im Umfeld staatUm ferner sicherzustellen, daß die Vorteile dieses licher Programme entstanden ist, unsere Systeme zur
Wachstums von Dauer sind und von allen geteilt Bereitstellung der Hilfe werden gestrafft und die Unterwerden, sollte fairerund offener Wettbewerbder Treib- stützung für Entwicklung des Privatsektors und Wirtstoff der weltweiten Wirtschaftslokomotive sein. Aus schaftsreformen verstärkt.
diesem Grund möchten die Vereinigten Staaten die
Uruguay-Runde im Rahmen des GATT so rasch wie Das Amt für Internationale Entwicklung (AID), eine
möglich abschließen und ein Netz von Freihandelsab- weitere während des Kalten Krieges entstandene
kommen schaffen, das mit dem Nordamerikanischen Institution, bedarf einer grundsätzlichen und radikalen
Freihandelsabkommen beginnt. Gleichzeitig müssen Umstrukturierung. Förderung der wirtschaftlichen
wir erkennen, daß wir gemeinsam Verantwortung dafür Sicherheit, wirtschaftlicher Chancen und der Wettbetragen, die marktwirtschaftlichen Reformen zu fördern werbsfähigkeit wird eine vorrangige Aufgabe des
und unterstützen, die für den Aufbau wachsender Außenministeriums werden.
Volkswirtschaften und lebendiger Demokratien in den
Entwicklungsländern und in den neuen Demokratien Unsere Hilfsbemühungen sollten keine Almosen sein.
erforderlich sind. Dies sollte durch Förderung des Im Gegenteil, sie sollten allseitigen Wohlstand fördern.
Privatsektors beim Aufbau dieser neuen Volkswirt- Deshalb werde ich vorschlagen, unter Einsatz besteschaften erfolgen, nicht durch Unterstützung der hender Mittel des Außenministeriums einen mit 1 MilAbhängigkeiten der traditionellen Hilfe von Regierung liarde Dollar ausgestatteten Wachstumsfonds einzurichten. Der Fonds wird Beihilfen und Kredite gewähzu Regierung.
ren, um amerikanische Unternehmen bei der BereitSeit dem Zweiten Weltkrieg hat Auslandshilfe oft als stellung von Fachwissen, Waren und Dienstleistungen
Waffe im Kalten Krieg gedient. Zweifellos werden wir zu unterstützen, die dringend in den Ländern benötigt
weiterhin entscheidende Mittel der Auslandshilfe be- werden, die eine wirtschaftliche Umstrukturierung
nutzen, um legitime Sicherheitsbedürfnisse zu erfül- durchführen.
len. Und wie unsere humanitären Operationen in
Somalia und im Nordirak, Bosnien und der ehemaligen Darüber hinaus werde ich eine erhebliche Steigerung
Sowjetunion belegen, werden wir weiterhin unsere der Programme der Export-Import-Bank unterstützen,
nachhaltigen Bemühungen für humanitäre Hilfe fort- um zu gewährleisten, daß amerikanische Produkte
setzen, um denjenigen beizustehen, die unter vom und Technik Investitionen für weltweites WirtschaftsMenschen verursachten und Naturkatastrophen lei- wachstum fördern. Die Vereinigten Staaten werden
mit ihren Partnern weltweit, insbesondere den G-7den.
Staaten, dafür eintreten, das Wachstum der WeltwirtAber die Auslandshilfe wie wir sie kennen bedarf der schaft an diesem Wendepunkt der Weltgeschichte zu
Umgestaltung. Die Vorstellung von der milden Gabe verstärken, da ein Zeitalter zu Ende geht und wir am
an weniger entwickelte Länder muß der Zusammenar- Beginn eines neuen stehen. Keiner von uns kann sich
beit in allseits produktiven Wirtschaftsbeziehungen eine isolierte Politik leisten. Jeder von uns muß durch
weichen. Wir wiesen, daß das Wirtschaftswachstum besser koordinierte Maßnahmen dazu beitragen, eine
eines Landes umso höher ist, je stärker es auf die stärkere Weltwirtschaft aufzubauen.
Privatwirtschaft vertraut. Je offener es für Handel ist,
desto höher ist seine Wachstumsrate. Und je besser Meine Damen und Herren, ich bin mir der Tatsache
das Investitionsklima in einem Land, desto höher sein bewußt, daß ich heute eine ehrgeizige Tagesordnung
skizziert habe. Aber wir leben in bemerkenswerten
Wachstum.
Zeiten - Zeiten, in denen Imperien zusammenbrechen,
Um von der Hilfe, die ich als "Abhängigkeit von Hilfe" Ideologien sich auflösen und Mauern zerbröckeln,
bezeichnen würde, zu einer wirtschaftlichen Partner- Zeiten, in denen Veränderungen so rasch erfolgen
schaft überzugehen, schlage ich vor, den Schwer- können, daß wir bisweilen vergessen, wie weit und wie
punkt der amerikanischen Hilfsprogramme grundsätz- schnell wir bei der Verwirklichung unserer Hoffnungen
lich zum Aufbau starker, unabhängiger Volkswirtschaf- auf eine Weltgemeinschaft demokratischer Nationen
fortgeschritten sind.
AMERIKA DIENST 39

Seite 5

�Und angesichts der heutigen Veränderungen mit dem
Verlust so vieler vertrauter und berechenbarer Parameter besteht für Menschen überall eine große Versuchung, Nabelschau zu betreiben und Mauern um sich
herum aufzubauen. Mauern gegen den Handel, Mauern
gegen Menschen, Mauern gegen Ideen und Investitionen, Mauern gegen alles, was neu und anders zu sein
scheint.
Wie die Berliner Mauer fiel, müssen auch diese Mauern fallen. Sie müssen fallen, weil wir unser Schicksal
nicht von dem der anderen trennen können. Unser
Frieden ist so miteinander verbunden, unsere Sicherheit so stark verflochten, unser Wohlstand so vonein-

ander abhängig, daß eine Wendung nach innen und
eine Abkehr von der Welt eine Katastrophe und eine
Niederlage heraufbeschwören würden. An der Schwelle eines neuen Jahrhunderts können wir wahrhaft
feststellen, daß uns eine friedlichere, sicherere, wohlhabendere Zukunft winkt. Und um unserer Kinder und
Enkel willen und um derjenigen willen, die im Kalten
Krieg ihr Leben ließen und um all der Männer, Frauen
und Kinder willen, die die Flamme der Freiheit selbst in
den dunkelsten Stunden am Leben erhielten, sollten
wir uns alle verpflichten, diese Zukunft Wirklichkeit
werdenzu lassen. Und wir sollten uns verpflichten,das
Versprechen auf wahrhaft Vereinte Nationen zu erfüllen.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 39

�USA - D E U T S C H L A N D
30. September 1992

NEUES OPEL-WERK IN EISENACH ERÖFFNET
Botschafter Kimmitt überbringt Botschaft von Präsident Bush
EISEN ACH - (AD) - In einer kurzen Ansprache anläßlich der Eröffnung des neuen Automobilwerks der Opel AG.
in Eisenach übermittelte der amerikanische Botschafter Robert M. Kimmitt am 23. September 1992 der
Bevölkerung des Bundeslandes Thüringen eine Botschaft von Präsident Bush, in der die kontinuierliche
Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Vereinigung Deutschlands und das Engagement amerikanischer
Unternehmen wie der Opel-Muttergesellschaft General Motors für den Wiederaufbau Ostdeutschlands unterstrichen wird. Nachfolgend veröffentlichen wir die kurze Ansprache von Botschafter Kimmitt mit der Botschaft
des Präsidenten im Wortlaut.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
meine Herren Smith, Hughes und Herman,
meine sehr verehrten Gäste,

Gewiß sind Amerikaner und Deutsche schon gemeinsam an diesem Werk beteiligt, und dies gilt nicht nur
hier in Eisenach, sondern überall in den fünf neuen
Bundesländern. Über 150 amerikanische Firmen sind
bereits in den neuen Ländern tätig. Ihre Investitionen
übersteigen drei Milliarden D-Mark, und sie beschäftigen über 30.000 Menschen.

es ist mir eine große Freude, heute bei Ihnen sein zu Keine amerikanische Investition ist jedoch eindruckskönnen. Präsident Bush hat mich gebeten, die folgen- voller als diese hier. Auf dem von immer schärferem
Wettbewerb gekennzeichneten Weltmarkt müssen
de Botschaft zu verlesen:
erfolgreiche Unternehmen sowohl im Inland als auch
"An die Bürger des Bundeslandes Thüringen:
im Ausland stark sein. Ich habe keinen Zweifel daran,
daß die zukunftsorientierte Strategie von General Motors
In den historischen Jahren 1989 und 1990 haben in Deutschland einen großen Beitrag zur Stärke und
die Amerikaner mit besonderem Stolz den Pro- zum Erfolg des Unternehmens in den Vereinigten
zeß, der zur Vereinigung Deutschlands führte, Staaten und weltweit leisten wird.
unterstützt. Dieser Prozeß dauert heute noch
an, und Amerika möchte weiterhin seinen Teil Die Investition von General Motors an diesem Ort ist
dazu beitragen. Im vergangenen Jahr hat Jim darüber hinaus ein Vorzeichen für das weitere EngaBaker in Berlin unser Engagement bekräftigt, gement der amerikanischen Wirtschaft in den fünf
indem erfeststellte: 'Ich zweifle nicht daran, daß neuen Bundesländern. Allein in den letzten beiden
dieser Teil Deutschlands in nicht allzu ferner Wochen haben wir die Vorstandsvorsitzenden von
Zukunft eines der wirtschaftlichen Zugpferde Kodak, Pitney-Bowes und der Eaton Corporation in
Europas sein wird. An dem Tag, so glaube ich, diesem Teil Deutschlands begrü ßt. Sie alle sind in den
werden Amerikaner und Deutsche gemeinsam neuen Bundesländern geschäftlich tätig, und sie alle
an diesem Werk beteiligt sein.' Heute ist diese möchten ihre Aktivitäten hier weiter verstärken. PitErklärung Wirklichkeit geworden. Mit Stolz und ney-Bowes hat sogar seine jährliche Vorstandssitzung
Vertrauen in unsere gemeinsame Zukunft sen- gerade deshalb im Ostteil Berlins veranstaltet, weil
de ich Ihnen deshalb heute die besten Wünsche man sich persönlich aus erster Hand über die hier
des amerikanischen Volkes zu diesem beson- bestehenden Chancen informieren wollte.
deren Anlaß.
Bei Chancengleichheit im Wettbewerb um InvestitioUnterzeichnet: George Bush, Präsident der nen in den neuen Ländern bin ich zuversichtlich, daß
Vereinigten Staaten von Amerika."
zahlreiche weitere amerikanische Unternehmen einen
Beitrag zur Renaissance in diesem Teil Deutschlands

AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�leisten werden. Wir sind besonders an Investitionen in
den Sektoren Energie und Telekommunikation interessiert, in denen amerikanische Firmen bereits Vorschläge für Gesamtinvestitionen von über 1 Milliarde
D-Mark unterbreitet haben.

intensivieren. Darüber hinaus müssen wir erkennen,
daß Sicherheit und politische Fragen zwar wichtig
bleiben werden, jedoch die wirtschaftlichen und kulturellen Bindungen zwischen unseren beiden Ländern die hier am heutigen Tage so wunderbar zum Ausdruck kommen - mit jedem verstreichenden Jahr an
Meine Damen und Herren, dieser dramatische Anstieg Bedeutung gewinnen.
der amerikanischen Investitionstätigkeit in den neuen
Bundesländern ist ebenfalls ein Zeichen für unsere Ich beglückwünsche erneut die Opel-Werke von General
Zukunft. Die Umgestaltung der deutsch-amerikani- Motors und die Menschen von Eisenach und Thürinschen Beziehungen zu der heutigen engen Partner- gen. Ihre neue Partnerschaft hier, dessen bin ich
schaft ist eine der größten Erfolgsgeschichten unseres sicher, wird gut für die Wirtschaft sein. Aber ich bin
Zeitalters. Wir können zwar aus unserem vergange- noch zuversichtlicher, daß sie auch die Bindungen
nen Erfolg Stärke schöpfen, müssen aber die Notwen- zwischen unseren beiden Ländern und Völkern verdigkeit erkennen, unsere Bemühungen in Zukunft zu stärken wird. Ich danke Ihnen.
* * * *

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AMERIKA DIENST 39

�WAHLEN

'92
30. September 1992

BUSH SCHLÄGT ÜBERRASCHEND
VIER DEBATTEN VOR
Neuer Schachzug des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat am 29. dent forderte Clinton auf, seine Wahlkampfhelfer zu
September 1992 seinen demokratischen Gegenkandi- veranlassen, die Kommission zu umgehen und "unverdaten für das Präsidentenamt, den Gouverneur von züglich mit meinen Wahlkampfmitarbeitern zusamArkansas Bill Clinton, zu vier Fernsehdebatten über menzutreffen, um die Einzelheiten unmittelbar zwidie Zukunft der Vereinigten Staaten herausgefordert. schen den Parteien auszuarbeiten. Laßt uns zur
Sache kommen", erklärte Bush.
Nach wochenlangen Diskussionen über die Form der
Debatten benutzte der Präsident eine abendliche Präsidentschaftsdebatten wurden seit den KonfrontaWahlversammlung in Clarksville (Tennessee) zur tionen zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon
im Jahr 1960 im Fernsehen übertragen. Bei diesen
Verkündung dieses überraschenden Schachzugs.
Begegnungen traten die Gefahren und Vorzüge sol"Worüber werden wir in diesen Debatten sprechen?", cher Debatten klar zutage. Keiner der beiden Kandidafragte Bush. "Eine simple Frage - was für ein Amerika ten wurde als Gewinner bei den Sachfragen betrachwir möchten."
tet. Aber die zuversichtliche und ruhige Art des damaligen Senators Kennedy sowie das sichtbare SchwitEr forderte Clinton auf, seine "Herausforderung für zen und die fahle Hautfarbe (die durch zu dickes
eine Debatte an jedem Sonntag vom 11. Oktober bis Makeup verursacht wurde) von Vizepräsident Richard
zum 1. November" anzunehmen. "Dies würde bedeu- Nixon veranlaßten viele Zuschauer zu der Ansicht, der
ten, daß es vier im Fernsehen übertragene Debatten demokratische Herausforderer habe besser abgeschnitder Präsidentschaftskandidaten geben würde, mehr ten. Kennedy gewan schließlich das Kopf-an-Kopfals je zuvor in einem Präsidentschaftswahlkampf."
Rennen.
Die überparteiliche Kommission zu den PräsidentBush erklärte, er werde die Teilnahme Ross Perots bei
schaftsdebatten hatte drei Debatten vor der Wahl am
den Sonntagsdebatten begrüßen, falls sich der Milliar3. November vorgeschlagen, war jedoch gezwungen,
där aus Texas wie erwartet zu einem Sinneswandel
zwei davon abzusagen, weil der Präsident die von der
entschließen und sich am Wettstreit um das Weiße
Kommission vorgesehene Form ablehnte. Infolge der
Haus beteiligen sollte.
wertverbreiteten Kritik an der Form früherer Debatten
hatte die Kommission direkte Diskussionen zwischen Femer sollte es Bush zufolge zwei Debatten - eine in
den Kandidaten mit nur einem Moderator vorgeschla- jedem Format - zwischen Vizepräsident Quayle und
gen, der die Debatten leiten sollte. In früheren Jahren seinem demokratischen Gegner, dem Senator aus
hatten die Kandidaten abwechselnd Fragen von einer Tennessee AI Gore geben.
Gruppe von vier Journalisten beantwortet. Clinton
hatte den Vorschlag der Kommission angenommen Bush erklärte, seiner Auffassung nach sei es für die
und weigerte sich, mit Bushs Wahlkampfteam über amerikanischen Wähler lebenswichtig, "eine Möglichalternative Formen zu verhandeln.
keit zu haben, die Kandidaten selbst in öffentlichen
Fernsehdebatten zu sehen und zu hören. Darüber
Bush schlug vor, zwei der vorgeschlagenen vier De- hinaus glaube ich, daß die Kandidaten keine Angst
batten mit nur einem Moderator zu veranstalten und haben sollten, während der Präsidentschaftsdebatten
zwei in der von ihm so bezeichneten "traditionellen" Fragen zu akzeptieren und beantworten."
Form mit Fragen von mehreren Reportern. Der Präsi* * * * *

AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�JUGOSLAWIEN
30. September 1992

USA: AUSSCHLUSS BELGRADS DURCH
UN-GENERALVERSAMMLUNG "ANGEMESSEN"
Erklärung von Botschafter Perkins
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der amerikanische Botschafter Edward Perkins erklärte am 22. September
1992, daß der Ausschluß Belgrads durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen "nur die Realitäten
der Lage im ehemaligen Jugoslawien widerspiegelt" und keineswegs überraschend kam.
Mit 127 zu 6 Stimmen bei 26 Enthaltungen schloß die Generalversammlung Serbien und Montenegro, bekannt
als Föderative Republik Jugoslawien, aus der Generalversammlung aus und verfügte, daß Belgrad einen Antrag
auf UN-Mitgliedschaft stellen muß.
Mit der Auflösung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien "bildet keine der ehemaligen Republiken so eindeutig einen überwiegenden Teil des ursprünglichen Staates, um als Nachfolger dieses Staates
behandelt zu werden. Aus diesem Grund hat meine Regierung stets eindeutig klargestellt, daß wir den Anspruch
von Serbien-Montenegro auf den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens nicht anerkennen können", erklärte Perkins
bei einer Pressekonferenz.
"Unseres Erachtens ist dieses Vorgehen des Sicherheitsrats und der Generalversammlung die angemessene
Reaktion auf diese außergewöhnliche Situation", stellte der Botschafter fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Wortlaut von Perkins Erklärung.
Heute abend hat die Generalversammlung die außer- Nationen bei der Entscheidung von Fragen der Mitgewöhnlichen Konsequenzen einerdergroßen Tragö- gliedschaft im Zusammenhang mit der Auflösung von
dien unserer Zeit angesprochen. Der Konflikt auf dem Staaten. Diesen Prinzipien zufolge wird die juristische
Territorium des ehemaligen Jugoslawiens gefährdet Person des ehemaligen Staates als erloschen angeseunser aller Sicherheit, weil er die von uns angestrebte hen, und kein Staat hat das Recht auf Fortsetzung der
demokratische und friedliche Ordnung gefährdet. Wir Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen, wenn keine
können kein wichtigeres Ziel verfolgen, als die Erlan- der ehemaligen Republiken so eindeutig einen übergung von Frieden. Wir unterstützen alle praktischen wiegenden Teil des ursprünglichen Staates bildet, um
Bemühungen, um Frieden auf dem Territorium des fairerweise als Nachfolger dieses Staates angesehen
ehemaligen Jugoslawiens herbeizuführen. In diesem zu werden.
Zusammenhang begrüßen wir die Bestrebungen von
Premierminister Panic um eine friedliche Lösung der Vor ihrer Auflösung war die Sozialistische Föderative
Krise. Wir unterstützen diese Maßnahmen und wer- Republik Jugoslawien eine der dezentralisiertesten
den die Situation genau überwachen. Wir werden Nationen der Welt. Seitdem wurde unter den ehemajeden konstruktiven Versuch zu einer friedlichen poli- ligen jugoslawischen Republiken keine Einigung über
den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens in den Vereintischen Lösung im ehemaligen Jugoslawien fördern.
ten Nationen erzielt. Entsprechend bildet keine der
Im Hinblick auf die Vermittlung von Frieden möchten ehemaligen Republiken so eindeutig einen überwiewir betonen, daß die heute von der Generalversamm- genden Teil des ursprünglichen Staates, um als Nachlung ergriffene Maßnahme nur die Realitäten der Lage folger dieses Staates behandelt zu werden. Aus
im ehemaligen Jugoslawien widerspiegelt. Obwohl diesem Grund hat meine Regierung stets eindeutig
dieses Vorgehen einmalig ist, kam es keineswegs klargestellt, daß wir den Anspruch von Serbien-Montevöllig überraschend. Vor 45 Jahren formulierte der negro auf den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens nicht
Sechste Ausschuß (Rechtsausschuß) der Vereinten anerkennen können. Unseres Erachtens ist dieses
Nationen Prinzipien als Richtlinien für die Vereinten Vorgehen des Sicherheitsrats und der GeneralverAMERIKA DIENST 39

Seite 1

�Sammlung die angemessene Reaktion auf diese außergewöhnliche Situation.

seine Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen daher
ausgelaufen ist.

Die Charta der Vereinten Nationen sieht kein bestimmtes Verfahren für die Ablehnung des Anspruchs des
Restes eines ehemaligen Staates vor, die Mitgliedschaft dieses Staates zu erben. Das heutige Vorgehen
bestätigt jedoch, daß diese Frage - wie andere Fragen
der Mitgliedschaft - von der Generalversammlung auf
Empfehlung des Sicherheitsrats entschieden werden
sollte. Andere Gremien im UN-System sollten jetzt der
Entscheidung der Generalversammlung folgen und
unverzüglich handeln, um sicherzustellen, daß Serbien-Montenegro den Sitz des ehemaligen Jugoslawiens nicht länger behält.

Da der Rat und die Generalversammlung bestätigt
haben, daß Serbien-Montenegro nicht die Fortsetzung
der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien
ist, folgt automatisch, daß Serbien-Montenegro einen
Antrag auf Mitgliedschaft stellen muß, ebenso wie es
die anderen ehemaligen jugoslawischen Republiken
getan haben, wenn es Mitglied der Vereinten Nationen
sein will.

Wenn Serbien-Montenegro einen Antrag stellt, wird es
anhand derselben Kriterien beurteilt wie alle neuen
Staaten. Wie alle Bewerber wird Serbien-Montenegro
beweisen müssen, daß es bereit und willens ist, die
Die vom Sicherheitsrat am Wochenende verabschie- Verpflichtungen der UN-Charta zu erfüllen, einschließdete Resolution 777 (1992) erkennt an, daß das ehe- lich der Verpflichtung zur Einhaltung von bindenden
malige Jugoslawien aufgehört hat zu existieren. Auf Resolutionen des Sicherheitsrats. Wir hoffen, daß der
Empfehlung des Rats lehnt die heutige Resolution der Wunsch Serbien-Montenegros nach Mitgliedschaft in
Generalversammlung den Anspruch von Serbien- den Vereinten Nationen als starker Anreiz für dieses
Montenegro ab, die Mitgliedschaft des ehemaligen Land dient, diese Verpflichtungen zu wahren. Bis zum
Jugoslawiens fortzusetzen. Hierbei handelt es sich Zeitpunkt des Antrags und bis Serbien-Montenegro
nicht um die Aussetzung der Mitgliedschaft, wie einige offiziell aufgenommen wird, kann dieses Land wie
behaupten könnten. Im Anschluß an die Maßnahmen jedes andere Land, das nicht Mitglied der Vereinten
des Sicherheitsrats hat die Generalversammlung viel- Nationen ist, sich nicht an der Arbeit der Generalvermehr schlicht und einfach entschieden, daß das ehe- sammlung oder ihrer Ausschüsse beteiligen, es sei
malige Jugoslawien aufgehört hat zu existieren und denn, es wird ausdrücklich dazu eingeladen.

* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 39

�KSZE
30. September 1992

USA: SICHERHEITSFORUM WIRD
AGGRESSIONSRISIKO VERRINGERN
Amerikanische Erklärung bei Eröffnung des Sicherheitsforums
WIEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Erklärung im Wortlaut, die vom amerikanischen Vertreter
beim KSZE-Forum für Sicherheitszusammenarbeit, Botschafter Lynn M. Hanson, beider Eröffnungssitzung des
Forums am 22. September 1992 in Wien abgegeben wurde.
Heute nehmen die Teilnehmerstaaten der KSZE ein
ehrgeiziges und ehrenwertes Vorhaben auf, durch
das sie versuchen, ihr Streben nach Verwirklichung
der im Namen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zum Ausdruck kommenden
Ziele zu untermauern: Zusammenarbeit bei Angelegenheiten, die ihre gemeinsame Sicherheit betreffen.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind erfreut
darüber, an diesem historischen Anlaß teilzunehmen.
Das Forum für Sicherheitszusammenarbeit, das wir
soeben eröffnet haben, führt sein Mandat direkt auf
die Schlußakte von 1975 zurück. Dort haben die
teilnehmenden Staaten einer sehr jungen KSZE
anerkannt, daß ihre Sicherheit unteilbar ist und sind
eine feierliche Verpflichtung eingegangen, zur Förderung des Friedens und der Stabilität in ganz Europa
zusammenzuarbeiten. In den letzten Jahrzehnten
des Kalten Krieges haben wir, die Mitglieder der
KSZE, uns in Helsinki und in Genf, in Belgrad und in
Madrid, in Stockholm und hier in Wien darum bemüht,
dieses Versprechen einzulösen.
Unsere Bemühungen wurden von unvorstellbarem
Erfolg gekrönt. Der Kalte Krieg ist nun ein Kapitel im
Buch der Geschichte. Mit seinem Ende hat die
Aussicht auf Freiheit Millionen mit neuer Hoffnung für
die Zukunft erfüllt. Die nukleare Bedrohung hat abgenommen, und die Konfrontation zwischen den Blökken wurde vom Fundament einer neuen Sicherheitsarchitektur für Europa abgelöst. Es ist nun unsere
Aufgabe als Teilnehmer an diesem Forum für Sicherheitszusammenarbeit, auf diesem Fundament eine
solide und dauerhafte Struktur zu bauen.
Es ist jedoch eine schreckliche Ironie, die niemandem
in diesem Saal entgangen sein wird, daß dieses der
europäischen Sicherheit gewidmete Forum seine Arbeit
vor dem Hintergrund des tödlichsten und zerstöreAMERIKA DIENST 39

rischsten Konflikts aufnimmt, den Europa im letzten
halben Jahrhundert erlebt hat. Dies sind die negativeren Aspekte des neuen Europas: Freiheit ohne
Demokratie, Stärke ohne Zurückhaltung. Das Potential für lokale Konflikte, die aus ethnische Haß und
intolerantem Nationalismus entstehen, stellt heute die
größte realistische Bedrohung der kollektiven Sicherheit Europas dar.
Die Charta von Paris sowie das Dokument von Helsinki von 1992 haben anerkannt, daß die KSZE sowohl
die Mittel schaffen mu ß, um die Wurzel von Konflikten
bloßzulegen als auch ihre Mechanismen für die Beilegung von Konflikten stärken muß. Das Forum für
Sicherheitszusammenarbeit muß auch hier eine wichtige Rolle spielen. Diese Institution der KSZE hat ein
Mandat, um Konfliktrisiken durch Überwachung und
Regulierung der Mittel zu reduzieren, mit denen die
Staaten Aggressionen begehen könnten: insbesondere militärische Aktivitäten sowie die Streitkräfte und
Rüstungen selbst. Bei der Verfolgung dieses Ziels
berücksichtigen wir, daß der KSE-Vertrag ein Eckpfeiler des Fundaments der europäischen Sicherheit
ist. Die peinlich genaue Einhaltung seiner Bestimmungen und Ziele ist nach Ansicht der Vereinigten
Staaten eine Voraussetzung für den Erfolg unserer
Arbeit hier.
Die Maßnahmen, die wir durch Verhandlungen in
diesem Forum erreichen möchten, zielen letztlich auf
die Reduzierung des Konfliktpotentials ab. Die Transparenz und verstärkten Kontakte, die wir hier fördern, werden - so hoffen wir - die Berechenbarkeit
erhöhen und dazu beitragen, das Mißtrauen und die
Fehleinschätzungen zu überwinden, die Konflikte hervorbringen und schüren können. Unter den heutigen
Umständen sind diese Ziele schwerlich abstrakte
Konzepte. Ihre Verwirklichung kann unmittelbare
positive Auswirkungen auf Menschenleben haben.
Seite 1

�Die Delegation der Vereinigten Staaten ist bereit, eine
aktive und konstruktive Rolle bei der Bewältigung der
vor uns liegenden Herausforderungen zu spielen. Wir
sehen der Zusammenarbeit mit allen Delegationen bei
der Verwirklichung der im Mandat des Forums enthaltenen gemeinsamen Ziele erwartungsvoll entgegen.

Insbesondere reichen wir jenen neuen unabhängigen
Staaten die Hand, die zum ersten Mal an einem
multilateralen Sicherheitsforum teilnehmen. Meine
Delegation steht bereit, um unsere Erfahrungen und
Ressourcen in der Hoffnung zu teilen, daß wir Ihre
Akklimatisierung bei diesem großen Vorhaben erleichtem können.

* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 39

�KSZE
30. September 1992

DIE KSZE 1992:
DIE HERAUSFORDERUNGEN DES WANDELS
Vortrag von John Kornblum
KNOKKE-HEIST - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Vortrag von Botschafter John C. Kornblum, dem
Vertreter der Vereinigten Staaten bei der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE)
anläßlich der 8. Jahreskonferenz der Direktoren der Institute für Strategische Studien am 24. September 1992
im Wortlaut.
Es bedurfte nicht der Ergebnisse des französischen
Referendums um zu verdeutlichen, daß die in Europa
stattfindenden Veränderungen grundlegender sind als
viele zunächst geglaubt hatten. Wir befinden uns
inmitten eines historischen Umbruchs, der nicht weniger bedeutend ist als im Jahr 1914 und 1815. Die
westlichen Gesellschaften werden ebenso anfällig für
Unsicherheit wie die neuen Demokratien im Osten.

Eine Welt, die sich an die vorsichtige Handhabung der
Weltpolitik durch Supermächte und ihre jeweiligen
Bündnisse gewöhnt hat, neigt eher dazu, von anhaltenden Konflikten tiefgreifend erschüttert zu werden.
Ein Europa, daß durch die Annahme selbstgefällig
wurde, es habe den Kreislauf von Konflikten und
Auseinandersetzungen durchbrochen, wird genötigt
sein, die Gründe der neuen Ausbrüche von Gewalt
zwischen seinen Völkern zu begreifen.

Es ist wahrscheinlich, daß in den kommenden fünf bis
zehn Jahren eine Kombination von innen- und außenpolitischen Faktoren Beziehungen durcheinanderbringen, Ziele vernebeln und das politische Kalkül praktisch jedes wichtigen Entscheidungsträgers durchkreuzen werden.

Unter solchen Bedingungen ist es nur natürlich, daß
die Staaten Hilfe zunächst von den internationalen
Institutionen erwarten werden, die seit dem Ende des
Ersten Weltkrieges entstanden sind. Wilsons Vision
von einer auf der Grundlage gemeinsamer Prinzipien
vereinigten Welt ist nach wie vor mächtig, insbesondeSo schwierig eine Definition auch sein mag, die Aus- re in Europa. Die politischen Entscheidungsträger
wirkungen dieser historischen Umgestaltung werden können aus der von anderen Regierungen als Teil
in vielen unserer Länder wahrscheinlich weitreichende einer geteilten Last gewährten Unterstützung Trost
Veränderungen in den innen- und außenpolitischen schöpfen. Das quälende Gespenst des aggressiven
Debatten auslösen. Das weitverbreitete Gefühl der Nationalismus bleibt ein mächtiger Anreiz zu internaMisere, wie es in vielen westlichen Staaten empfunden tionaler Zusammenarbeit, und viele der Aufgaben von
wird, ist zumindest teilweise auf eine wachsende Kluft heute können wirklich nur im Konzert mit anderen
zwischen Vision und Ziel zurückzuführen. Die Besei- gleichgesinnten Staaten erfüllt werden.
tigung des zentralen Organisationsprinzips des OstWest-Konflikts hat uns alle in eine Lage versetzt, in der Die andauernde Suche nach europäischer
wir nach etwas Neuem suchen, auf das wir unsere Sicherheit
Energien verwenden können.
Unter den nach dem Kalten Krieg auf der Tagesordnung
stehenden internationalen Aufgaben scheint keine
Alle Nationen werden innenpolitisch mit diesen Probleso
zwingend
erforderlich zu sein wie die europäische
men zu kämpfen haben. Diese sogenannte Vision wird
Sicherheitszusammenarbeit.
Seit dem Zusammenauf der Tagesordnung der meisten Entscheidungsträbruch
des
europäischen
Gleichgewichts
der Kräfte im
ger weiterhin einen hohen Rang einnehmen. Dasselbe
Jahr
1914
hat
die
Suche
nach
einer
neuen
und dauergilt für die Bewältigung der neuen Probleme, die aus
haften
Friedensordnung
in
Europa
den
Löwenanteil
der Asche der alten Ordnung aufgetaucht sind. Ethnische Auseinandersetzungen, wirtschaftliche Schwä- der internationalen Aufmerksamkeit verschlungen. Dies
che und innenpolitische Unruhen werden voraussicht- war schließlich der Hauptgrund für den Kalten Krieg.
Selbst in der angeblich multipolaren Welt von heute
lich auf einige Zeit hinaus andauern.
AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�scheint ein allgemeiner Konsens zu bestehen, daß ein
dauerhafter Weltfrieden nicht erlangt werden kann,
wenn man nicht irgendwie ein tragfähiges Gleichgewicht zwischen den Konfliktparteien auf diesem Kontinent findet.

Seit 1945 sind zu diesem Zweck mehrere internationale Foren entstanden. Diese Gremien betonen das
Gemeinsame gegenüber dem Teilaspekt. Sie ermöglichen konkrete Schritte zu echter Zusammenarbeit.
Am wichtigsten ist vielleicht, daß die seit dem Zweiten
Weltkrieg entstandene Architektur eine feste Rolle für
die einzige Macht definiert, die einen Anschein von
Ordnung in Europa garantieren kann - die Vereinigten
Staaten.

Ebenfalls scheint allgemein Übereinstimmung darüber
zu herrschen, daß sich europäische Sicherheit nur
durch internationale Zusammenarbeit verwirklichen
läßt. Auf nationalem Vorteil basierende einseitige
Sicherheit bleibt das am nachhaltigsten abgelehnte Sicherheit und Identität gleich SicherheitsidentiKonzept. Das Schlagwort lautet heute "europäische tät?
Sicherheitsarchitektur". Unter der Annahme, daß die
alte Sicherheitsarchitektur das Gleichgewicht des Kalten Diese amerikanische Rolle bleibt für den Prozeß so
Krieges war, hat sich eine bisweilen schier verzweifelt zentral, daß sie selbst für die Erbauer des neuen
erscheinende Suche nach einem neuen Rahmen ent- Sicherheitsgebäudes eines der wichtigsten Konstruktionsprobleme ist. Indem wir so tief in Europa engawickelt, der dessen Stelle einnehmen soll.
giert sind, liefern wir die Grundlage für den historischen
Der Vertrag von Maastricht war sicherlich als Teil Prozeß des Aufbaus einer neuen europäischen Idendieser Architektur konzipiert. Die mehrfachen Verän- tität. Gerade diese unsere Rolle macht jedoch ebenso
derungen der NATO nach 1989 verfolgten dasselbe klar, wie lang dieser Prozeß wahrscheinlich dauern
Ziel. Die KSZE hat zweimal versucht, einen radikal wird. Manchmal dienen wir allzu leicht als Krücke, auf
veränderten Rahmen von Arrangements zu entwick- die man sich stützt, während man schwere Entscheieln, um Schritt zu halten. Und natürlich hat die UNO dungen vermeidet.
eine wesentlich aktivere Rolle bei der Bewältigung von
In Helsinki hat der damalige Stellvertretende AußenKrisen in Europa übernommen.
minister Eagleburger erklärt, der tiefere Zweck der
Jede dieser Bestrebungen hat dazu beigetragen, wich- KSZE-Folgekonferenz bestehe in der Entwicklung einer
tige Institutionen an die veränderte Welt anzupassen. neuen Definition von Sicherheit in der Welt nach dem
Im Hinblick auf die Annahme, daß das Finden der Kalten Krieg. Aus amerikanischer Sicht hat das entrichtigen Struktur an sich zu einer Lösung des Pro- scheidende Element der europäischen Sicherheit nieblems führen wird, ist große Skepsis angebracht. mals nur in der Abschreckung von Aggression oder
Wahrscheinlich wird es anders herum geschehen. Unterdrückung von Instabilität bestanden. Wir haben
Lösungen werden langsam entstehen, und die Struk- energisch die Ansicht vertreten, Europa könne sein
tur wird ihnen folgen. Einige wenige Leitprinzipien inneres Gleichgewicht nicht wiederfinden, bevor es
werden unabdingbar sein, aber es ist gefährlich anzu- nicht erfolgreich die Frage seines Wertgefühls und
nehmen, man müsse nur den richtigen Vertrag oder seiner Identität gelöst habe. Wie sich dieser Prozeß
den perfekten Rahmen von Mechanismen konzipie- des Findens eines stärkeren Selbstwertgefühls geren, und das schreckliche Dilemma der Welt nach dem genüber den Vereinigten Staaten abspielt, wird in
erheblichem Ausmaß die künftige Richtung der euroKalten Krieg würde sich in Wohlgefallen auflösen.
päischen Sicherheitszusammenarbeit bestimmen.
Nichts derartiges wird voraussichtlich geschehen. Wie
die Verfasser von Maastricht zu ihrem Schmerz erfah- Wir haben die Idee der europäischen Identität proparen mußten, können langfristige politische Prozesse giert lange bevor sie zum Schlagwort der Brüsseler
und besonders die Stimme des Volkes nicht außer Bürokratie wurde. Wir glaubten, die amerikanische
acht gelassen werden. Verwirrung anstatt Klarheit Erfahrung habe Europa eine wichtige Leitlinie gegewird wahrscheinlich das Leitprinzip sein, während sich ben. Es sei wichtig, daß es keine blinde Nachahmung
diese natürliche Evolution zu einer heute historischen in Gestalt föderaler "Vereinigter Staaten von Europa"
Ära langsam vollzieht.
werde. Wir gingen davon aus, daß sich die europäischen Nationen mit ihrer gegenseitigen Existenz nieEbenso kann die Energie, die aus der Furcht um das mals wohlfühlen würden, wenn sie nicht das Gefühl
eigene Überleben entsteht, massiv - und gefährlich - hätten, einen gemeinsamen Raum zu teilen.
sein. Eine der größten Errungenschaften dieses
Jahrhunderts ist die Tatsache, daß die in Europa Wir haben die europäische Sicherheit auf der Basis
beteiligten Staaten überwiegend gelernt haben, diese angestrebt, daß die Ziele und Werte der GesellschafEnergien in die Arbeit von Institutionen oder zumindest ten langsam miteinander ins Gleichgewicht kommen
in Debatten über die Arbeit dieser Gremien zu kanali- müssen. Und wie wir nicht müde werden zu betonen,
sieren. Debatten innerhalb der EG oder der ewige darf dieses Gleichgewicht nicht nur vom Atlantik bis
amerikanisch-französische Wettstreit sind alternati- zum Ural angestrebt werden. Die Erfahrung sollte uns
ven Konfliktformen sicherlich vorzuziehen.
endlich gelehrt haben, daß die einzige legitime Defini-

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AMERIKA DIENST 39

�tion dieses neuen europäischen Sicherheitsraumes in
der Tat Vancouver bis Wladiwostok ist.
Das Problem besteht darin, daß die Erlangung eines
gemeinsamen euro-atlantischen Raumes mehrere
historische Schritte erfordert, die noch nicht stattgefunden haben. So müssen die Vereinigten Staaten
zum Beispiel ihre Pflichten in einem neuen Zeitalter
ohne Feinde definiert haben.

Jeder, der wie ich sechs konzentrierte Monate in
Helsinki verbracht hat, mußte die wachsende Distanz
zwischen dieser Debatte und den Anliegen des Rests
Europas, geschweige denn Kanadas und der Vereinigten Staaten erkennen. Jeder, der bei meinen Gesprächen zugehört hat, wäre vielleicht überrascht davon
gewesen, wie gespannt die Europäer aus Nicht-EGStaaten auf die Vereinigten Staaten blickten, um ihre
Bestrebungen gegenüber der geschlossenen Gesellschaft zu unterstützen, deren Entwicklung sie im Westen
ihres Kontinents feststellten.

Das erfordert westeuropäische Partner, die mit den
Beziehungen untereinander sowie individuell und kollektiv mit ihrem transatlantischen Vetter im reinen sind. Die Vereinigten Staaten zogen aus den beiden schreckAm problematischsten ist die Notwendigkeit, daß die lichen Kriegen dieses Jahrhunderts eine wichtige Lehre.
Nationen Mittel- und Osteuropas, ganz zu schweigen Weder Europa noch die Vereinigten Staaten - dasselvon Rußland, zumindest die Anfänge stabiler demo- be gilt übrigens für Japan und Ostasien - können
kratischer politischer und wirtschaftlicher Entwicklung diesen gemeinsamen Raum noch länger getrennt
erlangt haben, die es ihnen gestatten wird, an deroben voneinander finden. Für uns sind miteinander verzahnte Institutionen in Wirklichkeit diejenigen, die
erläuterten Gemeinschaft teilzuhaben.
gemeinsame Ziele auf dem Weg zur Findung dieses
gemeinsamen Raumes unterstützen. Eine wichtige
Verzahnte Institutionen
Komponente dieses Raumes muß eine Gemeinschaft
Außenminister Baker hat diese Lage in seiner Rede europäischer Nationen sein. Diese Gemeinschaft
beim KSZE-Ministerrat in Berlin im Juni letzten Jahres mu ß jedoch mit den Zielen ihrer Partner und Nachbarn
jl
harmonisieren und nicht danach trachten, sich von
eloquent beschrieben. Er weigerte sich, die Form
ihnen zu trennen.
einer künftigen Architektur vorherzusagen, aber er
argumentierte, daß sie am besten auf der Grundlage Was unsere eigene Sicherheit angeht, so steht außer
einer Struktur miteinander verzahnter Institutionen Frage unter allen wichtigen Gruppierungen, daß Frieerrichtet werden könnte, die auf den Aufbau einer den nur bewahrt werden kann, wenn wir Teil Europas
demokratischen Gemeinschaft zwischen den KSZE- sind und nicht nur mit ihm befreundet. Isolationismus
Teilnehmerstaaten ausgerichtet ist.
bedeutet vor allem einen Rückzug aus Europa - und
Diese Verflechtung wird noch auf einige Zeit hinaus dies wird nicht geschehen. Ich wünschte, ich wäre
und für die Gründung dieser neuen Gemeinschaft ebenso überzeugt davon, daß dasselbe Gefühl in allen
unabdingbar sein. Eine erfolgreiche Interims-Sicher- Hauptstädten Westeuropas ebenso fest verankert ist.
heitsstruktur erfordert die uneingeschränkte Zusammenarbeit zwischen den drei Elementen: NATO, Die KSZE und verzahnte Institutionen
KSZE und EG. Um Erfolg zu haben, muß sie wahrhaft
Die obige Argumentation steht in engem Zusammenmiteinander verzahnt sein.
hang mit dem amerikanischen Ansatz gegenüber der
Dies ist der Punkt, an dem viele Amerikaner häufig KSZE. Für uns bietet die KSZE einen zunehmend
Verwirrung über die Ziele der sogenannten europäi- nützlichen Rahmen, in dem wir den Aufbau eines euroschen Reife-/Identitätsdebatte äußern, die von Zeit zu atlantischen Raumes verfolgen können.
Zeit entsteht. Wir stimmen vorbehaltlos zu, daß eine
Sie erleichtert die Teilnahme, und ihr Anwenneue europäische Identität aus dem alten Zeitalter
dungsbereich kann daher nahezu universell sein.
hervorgehen muß. Aber wir fragen uns auch, warum
einige Europäer zuerst diese Identität getrennt von
Sie gründet sich auf Werte, das heißt, ihre
ihren umfassenderen Interessen sowohl in Europa als
operativen Bestimmungen sind direkter mit geauch über den Atlantik hinweg anstreben.
meinsamen politischen und philosophischen
Werten
verbunden, als es bei jedem anderen
Für mich zumindest besteht kein Zweifel über einen
umfassenden
politischen Unternehmen der Fall
wichtigen Punkt. Die tiefgreifenden Debatten innerist.
Sie
kann
die
Aufmerksamkeit auf das lenhalb der Europäischen Gemeinschaft über eine sogeken,
was
zur
Verwirklichung
dieses gemeinsanannte "europäische Sicherheitsidentität" sind in Wirkmen
Raumes
erforderlich
ist.
lichkeit die internen Debatten einer Gruppe europäischer Länder, die vorgeben, für die gesamte euroatlantische Gemeinschaft zu entscheiden, wie sich
unsere Beziehungen in dem neuen Zeitalter entwikkeln sollten.

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Ihr Standard ist hoch. Über fünfzehnjährige
Diskussionen haben einen Katalog demokratischer Normen hervorgebracht, die bei jeder
anderen Institution ihresgleichen suchen.

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�Ihre Methoden sind flexibel. Trotz des hohen
Standards bedeutet das Fehlen rechtlicher Verpflichtungen und bürokratischer Strukturen, daß
die Teilnehmerstaaten ihre Debatten auf Ereignisse und Verhaltensweisen konzentrieren
können statt auf die detaillierten Verfügungen
eines Vertrags. Unsere Diskussion vom Frühjahr über den Charakter des jugoslawischen
Regimes ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür.

Die Beschlüsse von Helsinki und darüber hinaus

Die Beschlüsse von Helsinki bringen die KSZE bei
ihrer Anpassung an ein neues Zeitalter einen Schritt
weiter. Sie sind aus zwei Gründen von Bedeutung.
Erstens bekräftigen sie die grundlegenden Werte, die
das Fundament der KSZE bilden und machen sie
praktikabler, und zweitens stellen sie die organisatorischen Instrumente zur Verfügung, damit die KSZE mit
der NATO und dem NAKR, der EG und anderen
Schließlich und von besonderer Bedeutung in Institutionen bei der Bewältigung des vor uns liegender neuen Phase, in die wir eintreten, ist, daßdie den Wandels zusammenarbeiten kann.
KSZE unverzüglich und flexibel reagieren kann.
Aufgrund des Fehlens detaillierter Strukturen Alle Operationen einschließlich friedenserhaltender
wie bei NATO und EG kann die KSZE buchstäb- Operationen, die von der KSZE in Zukunft durchgelich Projekte aus dem Nichts erfinden. Inder Tat führt werden, gründen sich auf die folgende Schlußfolhaben wir dies bereits mehrfach im Hinblick auf gerung aus Absatz 8 der Erklärung von Helsinki:
Jugoslawien getan.
"Wir betonen, daß die im Bereich der menschlichen
Diese Vorteile statten die KSZE mit einer wesentlichen Dimension der KSZE eingegangenen Verpflichtungen
Rolle in diesem von mir bereits erwähnten Prozeß der ein unmittelbares und berechtigtes Anliegen aller TeilNeudefinierung der europäischen Sicherheit aus. Wenn nehmerstaaten und eine nicht ausschließlich innere
die KSZE-Länder sich darauf einigen können, ihren Angelegenheit des betroffenen Staates darstellen. Der
kollektiven politischen Willen auf eine bestimmte Fra- Schutz und die Förderung der Menschenrechte und
ge zu konzentrieren, können sie beträchtliche Energie Grundfreiheiten sowie die Stärkung demokratischer
freisetzen. Selbst wenn sie keine Einigung erzielen, Institutionen sind weiterhin eine unerläßliche Grundlakönnen die Länder durch Erörterung der Frage zu ihrer ge für unsere umfassende Sicherheit."
Definition beitragen und den Weg für einen späteren
Dies ist eine Verpflichtung zu gemeinsamem VorgeKonsens ebnen.
hen, die das Recht der Intervention hervorhebt, das
Das Geniale an der Methode der KSZE ist, daß sie als einen Großteil der Debatten über Menschenrechte in
Operationsgrundlage von Meinungsverschiedenhei- den vergangenen zwanzig Jahren charakterisiert hat.
ten ausgeht. Organisationen wie NATO und EG Sie trägt der Tatsache Rechnung, daß in der Zeit nach
setzen ein beträchtliches Maß gemeinsamer Aktionen dem Kalten Krieg die verbale Unterstützung der Menunter ihren Mitgliedern voraus. Indem sie diese ge- schenrechtsprinzipien nicht genug sein wird. Das
meinsamen Ziele nutzen, bringen sie ein höheres Menschenrechtsprinzip zu "operationalisieren" bedeuSicherheitsniveau für alle hervor.
tet, gemeinsame Aktionen auf die in der Schlußakte
Die KSZE gründet sich auf Vielfalt. Sie geht nicht von verankerten Werte zu gründen.
Übereinstimmung aus und ist in der Tat auf Meinungs- Die Beschlüsse von Helsinki bieten mehrere Instruverschiedenheiten vorbereitet. Durch langwierige und mente zur Verwirklichung dieses Ziels. Ein detailliergelegentlich schmerzhafte Diskussionen erweitern die tes Kapitel über Konfliktverhütung und KrisenmanageMitgliedstaaten die Bereiche der Übereinstimmung ment umreißt einen vierstufigen Prozeß für die politiuntereinander. Auf diese Weise tragen sie zur Schaf- sche Bewältigung des Wandels. Das Ziel besteht
fung eines neuen Gefühls der Sicherheit bei.
darin, Krisen vor ihrem Ausbruch zu vereiteln. Sobald
Aus diesem Blickwinkel wäre es unbedacht zu versu- Instabilität entsteht, werden zusätzliche Methoden
chen, die Prinzipien und Verfahren der KSZE zu kodi- einschließlich friedenserhaltender Operationen zu deren
fizieren. Damit würde das Gremium auf eine Interpre- Bewältigung genehmigt.
tation oder deren Aufhebung beschränkt, während
sich die europäische Situation um es herum rasch
verändert. Was wäre das Schicksal der KSZE heute,
wenn wir ihre Verfahren 1979 oder selbst 1985 rechtlich verankert hätten? Sie hätte schnell der Vergangenheit angehört. Es ist gerade das Fehlen einer
Struktur, die es der KSZE gestattet, bei dieser Suche
nach einem gemeinsamen euro-atlantischen Raum
ein bedeutsames Element zu sein.

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Gleichzeitig bekräftigen die Beschlüsse von Helsinki
die Funktion der KSZE als ein basis-und an den
Menschen orientiertes Unternehmen. Ein Hauptziel
der KSZE besteht nach wie vor in der Entwicklung
demokratischer Institutionen auf unterster Ebene. Die
Rolle des einzelnen und nichtstaatlicher Organisationen wird unterstrichen.

AMERIKA DIENST 39

�In den knapp zwei Monaten nach Helsinki haben wir
festgestellt, daß die Ereignisse sich schneller entwikkert haben als Worte auf dem Papier. Aus dem Nichts
wurden neue Methoden der Konfliktverhütung entwickelt. Der Begriff "präventive Diplomatie" spielt in
unseren Beratungen eine sehr viel größere Rolle als er
es in Helsinki getan hat. Andererseits gelangten wir zu
der Schlußfolgerung, daß unsere friedenserhaltenden
Bestimmungen zu stark an bestimmte Arten von
Operationen gebunden waren, für die die Bedingungen noch nicht entstanden sind. Wir wurden von den
Umständen gezwungen, flexiblere Mittel zu erarbeiten, um KSZE-Vertreter in Krisenherde zu entsenden.

femer als effektives Mittel unter Beweis gestellt,
die Bestrebungen wichtiger Länder bezüglich
eines Problems zu konzentrieren.

Zum Beispiel:

Sicherheitseliten der neuen Demokratien in die
größere KSZE-Gemeinschaft.

Im ehemaligen Jugoslawien hat die von Sir John
Thomson geführte humanitäre Mission bei der
Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen einen wichtigen Dienst erwiesen, die berichtet, aber nicht vollständig bewiesen worden
waren. Als politisches Unternehmen könnte die
KSZE solche Aufgaben leicher wahrnehmen als
Hilfsorganisationen wie beispielsweise das IKRK.

In einem Kommentar zu diesem Bericht hat der KSZEAusschuß
Hoher Beamten die "Entschlossenheit der
Infolgedessen wurden noch keine klassischen frieTeilnehmerstaaten
zur Nutzung der besonderen Erdenserhaltenden Operationen in die Wege geleitet.
fahrung
der
KSZE
im Bereich Menschenrechte zur
Wir haben jedoch die Notwendigkeit erkannt, OperaErarbeitung
dauerhafter
Lösungen als Grundlage für
tionen zur Krisenbewältigung in Gebieten wie dem
die
Bewertung
des
Verhaltens
von Konfliktparteien,
Kosovo, Wojwodina und Sandschak sowie in Mazedozur
Definition
der
erforderlichen
Lösungen
und für die
nien zu starten. Die Fähigkeit der KSZE, einer Mission
persönliche
Haftbarmachung
der
für
die
Verletzungen
mit den Behörden in Skopje trotz der anhaltenden
Probleme mit der offiziellen Anerkennung dieser Verantwortlichen" festgestellt.
Regierung zuzustimmen, belegen die Flexibilität der
Eine weitere wichtige von der KSZE erfüllte
Struktur.
Funktion war ihr Beitrag zur Organisation von
die
Sanktionen überwachenden Teams in den
Solche Operationen werfen ein Schlaglicht auf die
an
Serbien
angrenzenden Ländern. Kein andeBereiche, in denen die KSZE in Zukunft wahrscheinlich
rer
Rahmen
hat den Umfang und die Flexibilität
am aktivsten wird. Wenn eine Krise den Punkt eines
zur
Durchführung
dieser Aufgabe geboten.
bewaffneten Konflikts erreicht, hat die KSZE im wesentlichen ihre Aufgabe verfehlt. Andere Gremien
Das am 22. September 1992 in Wien eröffnete
müssen die Hauptrolle übernehmen. Aber in der
Forum für Sicherheitszusammenarbeit bildet den
Phase wachsender Spannungen oder politischer
einzigen kontinuierlichen Rahmen für VerhandAuseinandersetzungen kann die KSZE als wichtiges
lungen und Konsultationen über konventionelle
Forum für die Erörterung von Fragen dienen und wird
Rüstungen in Europa. Das Forum verfügt ferner
weiterhin Instrumente zur Konfliktverhütung entwikdie Vertiefung des Dialogs über Sicherheitsfrakeln, die beträchtlichen Wert haben können.
gen sowie die Integration der militärischen und
Im Frühjahr und Sommer 1992 war der KSZEAusschuß Hoher Beamten ein zentrales Forum,
um den Charakter des serbischen Regimes zu
erörtern. Serbiens Ausschlu ß aus der KSZE am
8. Juli 1992 war ein historisches Ereignis.
Am 12. Oktober 1992 werden die KSZE-Mitgliedstaaten die Verhandlungen über eine umfassende Struktur von Mechanismen zur friedlichen Beilegung von Streitfällen aufnehmen. Dies
ist ein lange vernachlässigter Bereich der Konfliktverhütung, der unseres Erachtens besonders vielversprechend ist, wenn er mit den politischen Impulsen der KSZE-Verpflichtungen
verknüpft wird.
Die Konferenz von Minsk über Nagorny-Karabach sah sich seit ihrer Gründung am 24. März
mit enormen Schwierigkeiten konfrontiert.
Gleichzeitig hat sie sich als bester Rahmen für
die Diskussion schwieriger Themen bezüglich
des Konflikts erwiesen. Die KSZE hat sich

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Zu einem gemeinsamen Raum
Wenn meine Analyse der neuen Situation richtig ist,
wird ein Großteil der Aufgabe des Aufbaus eines
gemeinsamen euro-atlantischen Raums viel Energie
bei der Arbeit an einer neuen Sicherheitsarchitektur für
Europa erfordern. Die drei wichtigsten "verzahnten"
Institutionen - NATO, EG und KSZE - bieten einen
ausgezeichneten Rahmen für die vor uns liegenden
Aufgaben. Jede trägt dazu bei, die Teile dieses euroatlantischen Raums miteinander zu verbinden, während sie gleichzeitig die wesentlichen Funktionen für
das Gemeinwohl durchführen.
Während die KSZE ihre operativen Fähigkeiten entwickelt und ihre grundlegenden Normen weiter perfektioniert, werden ihr meinen Erwartungen zufolge weitere Aufgaben zufallen. Wie solche Entwicklungen die
Strukturen und Organisationen beeinflussen, kann ich
nicht sagen. Es gibt bereits Anzeichen, daß die in Paris
und Helsinki entworfenen Strukturen nicht den vor

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�ihnen liegenden Aufgaben gerecht werden. Neue
Definitionen der Panzer-Grundtypen und vielleicht neue
operative Strukturen werden erforderlich sein.
Ich kann bestätigen, daß die Debatte über die Methoden und Ziele für diesen gemeinsamen Raum fortgeführt wird. Es wird Meinungsverschiedenheiten und
Rückschläge auf dem Weg dorthin geben. Die KSZE
hat Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, ganz

zu schweigen von der Lösung von Problemen. Aber
sie ist der eine Ort, an dem jeder auf der Grundlage
gemeinsamer Verpflichtungen und gemeinsamer Interessen vertreten ist. Sie ist auch flexibel und
unbegrenzt veränderbar. Diese Eigenschaften mac n e n ^ z u e i n e m wichtigen Element der verzahnten
struktur, die sich hoffentlich in den kommenden Jahr e n entwickelt,

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 39

�NATO
30. September 1992

EUROPA UND NORDAMERIKA WERDEN
GEMEINSAM FORTSCHRITTE ERZIELEN
Rede von Botschafter Bartholomew
KNOKKE-HEIST - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Ständigen Vertreters der Vereinigten
Staaten beim Nordatlantikrat, Botschafter Reginald Bartholomew, bei der Eröffnung der 8. Jahreskonferenz der
Direktoren der Institute für Strategische Studien am 23. September 1992 im Wortlaut.
Heute abend möchte ich direkt das Thema dieser
Konferenz ansprechen - die Atlantische Gemeinschaft
nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Ich
möchte eine kurze Bestandsaufnahmeunsererderzeitigen Sicherheitslage vornehmen - das heißt, der
Entwicklungen seit dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und der Rolle der NATO dabei. Vor
diesem Hintergrund möchte ich Ihnen meine Sicht der
künftigen Tagesordnung des Atlantischen Bündnisses
darlegen.
Die Zukunft des Prozesses der europäischen Integration ist integraler Bestandteil jeder Diskussion überdas
Bündnis. Angesichts der Ereignisse der vergangenen
Tage und Wochen ist der vor uns liegende Weg
vielleicht etwas weniger klar als er noch vor einigen
Monaten schien. Ich möchte jedoch gleich zu Beginn
meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, daß Europa
an zahlreichen Fronten - in Zusammenarbeit mit Nordamerika - Fortschritte erzielen kann und wird.
Ich bin vor anderthalb Monaten zum NATO-Hauptquartier gekommen. Dies ist meine erste Entsendung
zu dieser renommierten Institution, obwohl ich mich
seit über 20 Jahren intensiv mit NATO-Angelegenheiten befasse. In dieser Zeit hat sich die NATO beträchtlich gewandelt, insbesondere jedoch in den letzten
zwei bis drei Jahren. Nach dem Gipfeltreffen in Rom
im vergangenen November war ich tatsächlich davon
ausgegangen, daß die NATO genügend Veränderungen durchgemacht hat, um den Übergang ins nächste
Jahrhundert zu bewältigen!
Zweifelsohne haben die Staats- und Regierungschefs
des Bündnisses in Rom Entscheidungen von großer
Tragweite getroffen. Sie haben die erste neue Militärstrategie seit Ende der sechziger Jahre verabschiedet
und den Nordatlantischen Kooperationsrat geschaffen. Mit der Anpassung der NATO an das Europa nach
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dem Kalten Krieg haben unsere Politiker sie von einem
Instrument zur Abwehr der Kommunisten zu einem
Instrument umgestaltet, das als eines seiner Hauptziele die Einbeziehung unserer ehemaligen Gegner in
unser System der Sicherheit und Stabilität erachtet.
Angesichts der in vielen Teilen Europas nach dem
Kalten.Krieg wütenden Konflikte ist es allerdings nicht
überraschend, daß vielfach die Frage aufgeworfen
wird, ob die NATO noch immer eine bedeutende Rolle
zu spielen hat.
Um zu verstehen, warum das Atlantische Bündnis
nach wie vor so große Bedeutung hat, müssen wir
Abstand von den aktuellen Schlagzeilen über Maastricht, Wechselkursmechanismen und Bosnien-Herzegowina nehmen. Wir müssen über die wesentlichen
Herausforderungen fürdie Sicherheit nachdenken, mit
denen sich die "euroatlantische Gemeinschaft" konfrontiert sieht, die wir so elegant als solche bezeichnen.
Die europäische Sicherheit heute
Obwohl der Kalte Krieg beendet ist, befinden wir uns
noch inmitten eines Umbruchs in Europa. Dieser
Übergang scheint sich offensichtlich hinzuziehen, und
keiner von uns kann voraussehen, wohin er uns führen
wird. Grundlegende Annahmen, die bisher unsere
sicherheitspolitischen Prognosen bestimmten, sind
verschwunden. Die Menschen in Europa - sowohl im
Osten als auch im Westen - sehen sich Schlüsselfragen gegenüber. Dazu zählen die Debatte über die
nationale und europäische Identität, Rechte ethnischer Gruppen und Minderheiten, Handelspolitik,
Wirtschafts- und Währungsbeziehungen und - letztlich - die politische Union. Und es stellt sich die
grundlegende Frage nach der Ausgestaltung und
Bedeutung der europäischen Sicherheit heute.

Seite 1

�Wie wir jetzt sehen, ist der Übergang zu Demokratie
und freien Märkten in Osteuropa und den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion schmerzlich und mit vagen
Aussichten für unmittelbaren Erfolg verbunden. Nationale und ethnische Konflikte, die Jahrzehnte kommunistischer Unterdrückung erstickt hatten, sind an die
Oberfläche gekommen - mit erschreckenden Folgen.

unserer gemeinsamen Institutionen gefangen zu sein.
Das Ergebnis ist die Konzentration auf eng definierte
Fragen und häufig akademische Meinungsverschiedenheiten - auf "Buchstaben und Architektur".

Diese Debatten haben gelegentlich einen deutlichen
Hauch von Realitätsferne, insbesondere angesichts
der uns verbindenden festen Beziehungen - und der
Das andauernde Gemetzel in Jugoslawien ist bisher harten Realitäten, die uns täglich in den Abendnachder schlimmste und uns am nächsten liegende Fall. richten geboten werden. Wir riskieren, unsere übergeAber mehr und mehr werden sich die Regierungen ordnete Aufgabe aus dem Blick zu verlieren: Stärkung
auch mit Konflikten an so unbekannten Orten wie und Anpassung der Beziehungen zwischen uns im
Nagomy-Karabach, Abchasien, Transnistria und Tad- Westen und Integration unserer ehemaligen Gegner in
das umfassende Gefüge demokratischer Werte, marktschikistan befassen müssen.
orientierter Prinzipien und SicherheitszusammenarWenn die Ausbreitung dieser Konflikte eine Gefahr beit.
darstellt, dann auch die Versuchung für den Westen,
die Infektion regionaler Konflikte unter Quarantäne zu Wir müssen uns eindeutig auf das Wesentliche konstellen, um eine neue Ost-West- oder Nord-Süd-Spal- zentrieren: endlich den Versuch zu unternehmen, die
tung zu schaffen. Es könnte verlockend sein, einen richtigen Fragen zu stellen und unsere höchsten Si"Cordon Sanitaire" einzurichten, um - nicht den Kom- cherheitsziele nicht aus den Augen zu verlieren.
munismus - aber Armut, ethnische Konflikte und Einwanderung einzudämmen. Dies würde jedoch nicht Die Anpassung der NATO
nur zu Aufruhr und Unterdrückung an der Türschwelle
Rußlands führen - was die neue russische Revolution Diese Herausforderung erstreckt sich auf viele Instituim Keim ersticken könnte. Letztlich wäre es auch tionen und erfordert fortschrittliche Maßnahmen der
schwierig zu verhindern, daß der Virus auf uns über- westlichen Länder, die individuell handeln. Im Bereich
der Sicherheit gestatten die Kernfunktionen der NATO
springt.
dem Bündnis, einen besonders wichtigen Beitrag zu
In der Tat sollte man sich vor Augen führen, daß die leisten. Wie in den Kommuniques verankert, bietet die
Geschichte nicht westlich der Oder geendet hat, obwohl NATO die "unerläßliche Grundlage" für Stabilität in
die Winde der Zersplitterung und Auflösung in der ganz Europa und auch für die Verteidigung seiner
Region am stärksten sein mögen, die einstmals die sechzehn Mitgliedstaaten. In einer Periode, in der
kommunistische Welt war. Die Ereignisse der vergan- offene Konflikte im ehemaligen Jugoslawien und der
genen Wochen erinnern uns daran. Daher können wir ehemaligen Sowjetunion wüten, war die NATO eine
nicht unbekümmert davon ausgehen, daß die Proble- Konstante in einem sich rasch verändernden Umfeld.
me Osteuropas oder auf dem Balkan nur durch die Unsere ehemaligen Gegner wissen besonders unterbrochene Entwicklung verursacht wurden. Wir manchmal besser als die NATO-Bündnispartner selbst
im Westen waren niemals immun gegenüber sozialen - zu schätzen, wie das Bündnis seine Mitglieder in die
und wirtschaftlichen Entwicklungen andernorts in Europa Lage versetzt hat, das strategische Gleichgewicht in
Europa bei gleichzeitiger Vermeidung der Renationaund werden dies niemals sein.
lisierung ihrer Verteidigungspolitik aufrechtzuerhalten.
Ich sollte auch erwähnen, daß nicht alle die Bedrohungen und Risiken, denen sich die europäische Sicher- Die NATO ist gleichzeitig das Bindeglied, das die
heit heute gegenübersieht, hausgemacht sind. Die Sicherheit Europas mit der Nordamerikas verbindet.
mögliche Verbreitung ballistischer Raketentechnolo- Die Veränderungen und Unsicherheiten in der Weh
gie sowie nuklearer und chemischer Waffen könnte nach dem Kalten Krieg haben das Potential für DoppelEuropa und uns alle direkter bedrohen als je zuvor. deutigkeit, Mißverständnisse und sogar Wettbewerb
Dies kann nicht nur als mögliches Problem der südli- zwischen Europa und den Vereinigten Staaten erweichen Region allein betrachtet werden. Wirtschaftliche tert. In diesen turbulenten Zeiten ist die eindeutige
und politische Unruhen im Maghreb und am Hörn von Botschaft des kontinuierlichen amerikanischen EngaAfrika stellen weitere Risiken dar. Die "Sicherheit gements durch die NATO jedoch eine Erinnerung an
Europas" ist mehr denn je eine Frage, die weit über das unsere Partnerschaft mit Europa.
Territorium der sechzehn NATO-Mitgliedstaaten hinWährend die zahlreichen Köche auf beiden Seiten des
ausgeht.
Atlantiks die Buchstabensuppe aufkochen - NATO,
Angesichts der erschreckenden Natur dieser Proble- EG, KSZE, G-7, G-24 usw. - müssen wir uns die
me - mit denen wir uns alle konfrontiert sehen - könnten gemeinsamen Sicherheitsinteressen vor Augen fühwir versucht sein, uns abzuwenden und zunehmend ren, die uns verbinden. Trotz der Dynamik der EreigNabelschau zu betreiben. Wir scheinen von unseren nisse seit dem vergangenen November ist der Wert
eigenen nationalen Bedingungen und den Strukturen dessen, was die Staats- und Regierungschefs der
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AMERIKA DIENST 39

�NATO in Rom geleistet haben, nicht weniger relevant
geworden. Mit der Bekräftigung der Rolle der NATO
als "unabdingbares Forum" für die Sicherheit ihrer
Mitglieder betreffende Entscheidungen, mit derVerabschiedung des neuen strategischen Konzepts mit
Betonung auf kleineren, flexibleren multinationalen
Streitkräften und mit der Gründung des Nordamerikanischen Kooperationsrats zur Institutionalisierung der
Partnerschaft mit dem Osten haben die Staats- und
Regierungschefs der NATO eine Blaupause erarbeitet, die im Lichte der Ereignisse in Jugoslawien größeren Weitblick zu besitzen scheint als alles zuvor. Die
Aufgabe besteht jetzt darin, diese Blaupause in die
Realität umzusetzen.

Nie zuvor ist versucht worden, europaweite Zusammenarbeit in einem Rahmen der Demokratie und
marktwirtschaftlicher Prinzipien herzustellen. Diese
ehrgeizige Bestrebung wird völlig neue Ansätze erfordern. Diese neuen Demokratien sind in nahezu allen
Bereichen des Übergangs mit Problemen konfrontiert:
wirtschaftlichen, finanziellen, industriellen, sozialen,
ethnischen und politischen.

Der Weg der NATO in die Zukunft: Die Schaffung
eines aktiven Ost-Programms

Deshalb müssen wir den Anreiz liefern um sicherzustellen, daß keiner unserer ehemaligen Gegner, darunter die aus dem sowjetischen Imperium hervorgegangenen neuen Staaten, den Kampf aufgibt. Wenn
das uns zur Verfügung stehende Mittel das Zuckerbrot
engerer Zusammenarbeit durch eine wirtschaftliche
Assoziierung mit der Gemeinschaft oder durch intensivere Beziehungen mit der NATO ist, dann können
und sollten wir dies nicht verweigern.

Sicherlich gibt es für die Sicherheit im neuen Europa wie im alten - keine grundlegendere Aufgabe als den
Umgang mit Rußland. Man kann sich schwerlich eine
wichtigere Frage denken als den Erfolg der neuen
russischen Revolution. Unser Beistand kann entscheidend dazu beitragen, eine Rückkehr zu einer
weniger am Westen orientierten und weniger demokratischen Haltung in Moskau zu verhindern.
Ein Zusammenbruch der demokratischen Revolution
in Rußland würde das Wiederaufleben einer großen
militärischen Bedrohung oder eine Rückkehr zu den
Spannungen des Kalten Krieges nicht notwendigerweise unvermeidlich machen oder gar unmittelbar
heraufbeschwören. Aber selbst weitreichende Abweichungen vom Weg der russischen Reformen könnten
negative Folgen für uns haben und viele Aussichten
unserer derzeitigen Politik verändern. Darüberhinaus
sollten wir nicht vergessen, daß Rußland - sei es nun
demokratisch oder nicht - eine Großmacht mit einem
bedeutenden Arsenal an Kernwaffen bleiben wird.

In großem Maße wird der Erfolg der Reformen in
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion von der
Fähigkeit dieser neuen Demokratien abhängen zu
demonstrieren, daß ein besseres ebenso wie ein freieres Leben erreicht werden kann.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Erklärung
von Minister Eagleburgerin Oslo im vergangenen Juni
in Erinnerung rufen. Er stellte fest: "Wir sollten die
Stabilität des Bündnisses nicht mit Inflexibilität verwechseln - und unsere Bilanz zeigt, daß wir dies auch
nicht tun. Sogar die Zusammensetzung des Bündnisses könnte unter voller Berücksichtigung unserer strengen demokratischen Normen und der Notwendigkeit
zur Bewahrung des festen Geflechts der gemeinsamen Verteidigung zum geeigneten Zeitpunkt vielleicht
erweitert werden."

An diesem Punkt möchte ich einige Bemerkungen
speziell zum Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR)
machen. Wir können nicht zulassen, daß die ZusamDeshalb müssen wir unsere Kräfte an allen Fronten - menarbeit im NAKR ein überwiegend symbolisches
politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch - ein- Unterfangen wird anstatt ein integraler, substantieller
setzen, um Rußland in einen gemeinsamen Sicher- Bestandteil der NATO an sich. Dies wäre ein schwerheitsrahmen einzubinden. Wir müssen Rußland dabei wiegender Fehler. Das volle Potential des NAKR (und
helfen, für sich einen beständigen und stabilen Platz in das volle Potential der mit ihm verbundenen Gruppe
der internationalen Staatengemeinschaft zu finden - für Verteidigungsfragen) muß noch verwirklicht wereinen Platz, der seinem Rang entspricht, aber keine den. Der NAKR muß sich noch von einem Forum
regelmäßiger Konsultationen zu einem Instrument
Unsicherheit bei anderen auslöst.
entwickeln, das den Ländern greifbare Hilfe liefert,
Eine zweite dringliche Frage muß ebenfalls behandelt deren alte Sicherheitspolitik sich als bankrott erwiesen
werden: Wie werden diejenigen, die in der Vergangen- hat. Er mu ß sich noch von einer distanzierten Freundheit zwischen Rußland und dem Westen eingekeilt schaft zu einem M ittel gemeinsamer Aktionen entwickwaren - die Mittel- und Osteuropäer - ihren Platz eln, die dem Begriff "Partnerschaft" gerecht werden.
finden? Wir müssen unser Engagement auch in dieser
Region vertiefen, um einen Spielraum zu definieren, Wenn sich der NAKR nicht in dieser Weise entwickelt,
innerhalb dessen diese Länder dauerhafte Sicherheit, wird unsere kollektive und individuelle Unterstützung
Demokratie und wirtschaftliche Freiheit erlangen kön- der Reformen im Osten wirklich in Frage gestellt. Es
nen. Wir müssen gewährleisten, daß die mittel- und ist bezeichnend, daß die glühendsten Befürworter des
osteuropäischen Staaten wissen, daß sie integraler NAKR die Partner selbst sind. Wir können es uns nicht
Bestandteil einer umfassenderen Gemeinschaft sind leisten, sie an diesem kritischen Wendepunkt abzuund nicht lediglich Puffer oder Brücken.
weisen oder zu enttäuschen.
AMERIKA DIENST 39

Seite 3

�Desgleichen mu ß die von der NATO in Oslo eingegangene Verpflichtung zur Durchführung und Unterstützung der Friedenssicherung in Europa durch Taten
untermauert werden. Präsident Bush hat dies in seiner
Rede vor der Generalversammlung eindringlich unterstrichen. Im Hinblick auf Jugoslawien ist der Entscheidungsfindungsprozeß über den Beitrag der NATO zu
den humanitären Hilfsbemühungen der UNO in vollem
Gange. Dies ist für das Bündnis wie für andere auch
ein kompliziertes, neues Terrain. Fortschritte sind
gemacht worden, und weitere können erzielt werden.
Indem ich dies sage, möchte ich eindeutig feststellen:
UnserZiel ist nicht, die NATO in ihrer jetzigen Form zu
sichern oder "Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen" zu
ersinnen, damit das Bündnis seine Daseinsberechtigung beweisen kann. Mit Arbeitsbeschaffung wird die
transatlantische Partnerschaft nicht aufrechterhalten
oder ein gemeinsamer Sicherheitsrahmen geschaffen, der die Länder Mittel- und Osteuropas einbezieht.
Diese Ziele können nur dadurch erreicht werden, daß
das Bündnis in Bereichen tätig wird, in denen es einen
besonderen Beitrag leisten kann - zur Friedenssicherung, im Krisenmanagement und bei der Umgestaltung der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten zu
stabilen, bürgerlichen Gesellschaften.

aber ebenso in den Sektoren Wirtschaft und Handel.
In diesem Zusammenhang muß ich Ihnen nicht erklären, wie lebenswichtig es für diese Beziehungen ist,
daß wir die Uruguay-Runde des GATT ein für allemal
abschließen. Und im Bereich Sicherheit und Verteidigung sind die Amerikaner sicherlich dazu bereit, daß
Europa mehr Verantwortung übernimmt und eine sinnvolle europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität entwickelt. Die Dauerhaftigkeit der transatlantischen Beziehungen wird tatsächlich durch die Entwicklung von Wegen gestärkt, mit denen Europa diese
Ziele verwirklichen kann.

Die neue Strategie der NATO räumt in der Tat einen
Spielraum für die Entwicklung einer europäischen
Sicherheitsidentität sowie für konkrete europäische
Aktionen im Krisenmamagement und bei der Friedenssicherung ein, falls gewünscht. Sie tut dies ohne
die kostspieligen Bemühungen, die bei einer Verdoppelung der integrierten militärischen Struktur der NATO
entstehen würden. Die NATO hat die Vereinigten
Staaten, Großbritannien, Frankreich oder andere Länder
niemals daran gehindert, ihre eigene Sicherheitsidentität aufrechtzuerhalten oder der NATO unterstellte
Truppen einzusetzen, wenn diese um nationaler Ziele
willen benötigt wurden. In diesem Sinne hat die NATO
auch die Flexibilität, einer kollektiven europäischen
Die NATO hat besondere Mittel und Fachkenntnisse Sicherheitsidentität gerecht zu werden. Der Schlüssel
zur Verfügung, die mehr als die Summe ihrer Teile liegt jedoch darin sicherzustellen, daß jedes Arrangedarstellen. Wenn die NATO einen besonderen Beitrag ment oder jegliche eventuell veranlaßten Maßnahmen
leisten kann - zur Unterstützung der Friedenssiche- das Ergebnis vollständiger Konsultationen und Entrung durch die UNO oder die KSZE, um den osteuro- scheidungen mit Beteiligung aller Bündnispartner sind.
päischen Ländern bei der Konversion der Rüstungsin- Genau darum ging es in Rom - und Maastricht.
dustrie zu helfen oder ihre militärischen Kader umzuschulen - dann sollten wir ihn leisten ohne in institutio- Die Notwendigkeit der Klarheit
nelle Rivalität zu verfallen.
Wenn wir in die Zukunft blicken, müssen wir VerbündeKorrekte Beziehungen innerhalb des Bündnisses te uns darüber im klaren sein - jeder für sich und
untereinander -, wohin wir gehen und wohin wir nicht
Damit komme ich zum zweiten Aspekt beim Weg der gehen möchten: als Einzelstaaten, als NATO und als
NATO in die Zukunft: die Beziehungen innerhalb der Europäer. Wir müssen uns über den Wesensgehalt
Allianz sowie die besondere Frage einer europäischen der NATO im klaren sein. Der Begriff "Bündnis" ist in
Sicherheits- und Verteidigungsidentität. Wir müssen vieler Hinsicht eine ungenaue Beschreibung der NATO,
diese Beziehungen auf jeden Fall zurechtrücken, alles denn Bündnisse sind stets ad hoc als mehr oder
von mir bisher Gesagte hängt davon ab.
weniger vorübergehende Arrangements geschaffen
worden, um unmittelbare Bedrohungen zu bewältigen.
Beim Gipfel von Rom haben wir einen Bezugsrahmen
Nur selten hatten Bündnisse in Friedenszeiten tatnicht nur für die Anpassung der militärischen Strategie
sächlich Einflu ß, und selbst dieser war äu ßerst dürftig.
der NATO zur Bewältigung neuer Bedrohungen und
Risiken geschaffen, sondern auch zur Verknüpfung In der NATO haben wir eine Gemeinschaft im eigentder NATO mit einer wachsenden Rolle Europas in lichen Sinn des Wortes aufgebaut. Wir teilen eine
Sicherheitsfragen. Eine solche Verknüpfung steht im gemeinsame Perspektive und sind in unserer SicherEinklang mit dem wachsenden politischen Gewicht heit voneinander abhängig. Wir planen und errichten
Europas auf der Weltbühne und dem Wunsch nach unsere Verteidigung nicht getrennt, sondern gemein"Lastenteilung" auf beiden Seiten des Atlantiks (nicht sam. Das außergewöhnliche Potential der NATO für
zuletzt im US-Kongreß).
kollektives Handeln, ihre einzigartigen Fähigkeiten bei
der Bereitstellung von Dingen wie strategischem LuftWir Amerikaner wünschen die Vereinigung Europas.
transport, Logistik und Aufklärung verleihen ihr eine
Angesichts der Kräfte der Zersplitterung und Auflöwirklich besondere Rolle in der künftigen Sicherheitssung erkennen wir in der Geschlossenheit der europäordnung Europas.
ischen Integration einen erneuerten Wert und eine
Notwendigkeit. Dies ist wichtig im politischen Bereich,
Seite 4

AMERIKA DIENST 39

�Die Vereinigten Staaten gehen ihrerseits davon aus,
daß die NATO belangvoll und effektiv bleiben muß.
Gegebenenfalls muß sie sich bei den schwierigsten
Sicherheitsproblemen einschalten und einen Beitrag
leisten, mit denen dieser Kontinent fertigwerden muß.
Niemand von uns wird großes Interesse an einer
NATO haben, die sich in einer Flagge erschöpft, einer
Feuerwehr, die in ihrer Feuerwache bleibt, um die Art
von massivem Flächenbrand zu bewältigen, der uns
Gott sei dank nicht länger zu drohen scheint.
* *

AMERIKA DIENST 39

Wie ich bereits betont habe, wird die NATO nur dann
Bestand haben, wenn sie belangvoll und effektiv bleibt,
indem sie praktische, nicht theoretische oder symbolische Beiträge zur Sicherheit und Stabilität auf diesem
Kontinent leistet. Genau dies tut die NATO zur Zeit,
aber wir müssen es noch besser machen. Gemeinsam, als Verbündete, werden wir dies sicherlich schaffen.

*

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. UNO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush verkündet Initiativen zur Bewältigung globaler Herausforderungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der UNO-Generalversammlung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neues Opel-Werk in Eisenach eröffnet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Kimmitt überbringt Botschaft von Präsident Bush&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wahlen'92&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush schlägt überraschend vier Debatten vor &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neuer Schachzug des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Jugoslawien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA: Ausschluss Belgrads durch UN-Generalversammlung "angemessen" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Perkins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA: Sicherheitsforum wird Aggressionsrisiko verringern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Erklärung bei der Eröffnung des Sicherheitsforums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die KSZE 1992: die Herausforderungen des Wandels&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vortrag von John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Europa und Nordamerika werden gemeinsam Fortschritte erzielen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Bartholomew&lt;/em&gt;</text>
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S w *'

amcrika
dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
13. September 1995

27

FRAUEN

HILLARY CLINTON: FRAUENRECHTE SIND
MENSCHENRECHTE
Rede bei der Weltfrauenkonferenz

USA ERLÄUTERN NEUE PROGRAMME FÜR
FRAUEN
Hintergrundpapier über die amerikanischen
Initiativen

ARBEITSMARKT

DIE AMERIKANISCHE
ERWERBSBEVÖLKERUNG
Rede von Arbeitsminister Reich

DATENAUTOBAHN

NEUE TECHNOLOGIEN FÜR NEUE
DIENSTLEISTUNGEN
Betrachtungen zu Plänen für Bibliotheken
in den Amerika Häusern

KUNST

LEBENSLANGES LERNEN MIT DEN KÜNSTEN
von Ernest L. Boyer

I
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•

»

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�FRAUEN
13. August 1995

Hillary Clinton: Frauenrechte sind Menschenrechte
Rede bei der Weltfrauenkonferenz
PEKING - (AD) - "Wenn diese Konferenz eine Botschaft übermitteln kann", erklärte die First Lady Hillary
Rodham Clinton bei der 4. Weltfrauenkonferenz am 5. September 1995, "dann ist es die: Menschenrechte sind
Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Hillary Clinton im Wortlaut.

Frau Mongella, verehrte Delegierte und Gäste,
ich möchte dem UN-Generalsekretär für die Einladung zur 4. Weltfrauenkonferenz der Vereinten
Nationen danken. Dies ist wirklich eine Feier - eine
Feier für den Beitrag, den Frauen zu jedem Aspekt
des Lebens leisten: zu Hause, bei der Arbeit, in
ihren Gemeinden, als Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Töchter, Lernende, Arbeiterinnen, Bürgerinnen
und Führungskräfte.
Es ist auch eine Zusammenkunft der Art, in der
Frauen jeden Tag in jedem Land zusammenkommen.
Wir kommen auf dem Feld und in Fabriken zusammen. Auf Dorfmärkten und in Supermärkten. In
Wohnzimmern und Konferenzräumen.
Sei es während wir mit unseren Kindern im Park
spielen oder Kleider in einem Fluß waschen, eine
Kaffeepause machen - wir kommen zusammen und
sprechen über unsere Wünsche und Sorgen. Und
immer wieder wendet sich unser Gespräch unseren
Kindern und unseren Familien zu.
So unterschiedlich wir auch sein mögen, es gibt sehr
viel mehr, das uns verbindet als trennt. Wir teilen
eine gemeinsame Zukunft. Und wir sind hier, um
gemeinsames Terrain zu sondieren, damit wir
Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt neue
Würde und Respekt verleihen können - und dabei
auch unseren Familien neue Stärke und Stabilität
geben können.
Durch unser Treffen in Peking konzentrieren wir die
Aufmerksamkeit der Welt auf Themen, die im Leben
von Frauen und ihren Familien am wichtigsten sind:
Zugang zu Bildung und Ausbildung, Gesundheits-

AMERIKA DIENST 27

fürsorge, Arbeitsplätze und Kredite, die Chance,
Menschenrechte für sich in Anspruch nehmen und
sich uneingeschränkt am politischen Leben ihres
Landes beteiligen zu können.
Einige stellen den Anlaß für diese Konferenz in
Frage. Sie sollten den Frauen in ihrem Zuhause, in
der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz zuhören.
Andere fragen sich, ob das Leben von Frauen und
Mädchen für den wirtschaftlichen und politischen
Fortschritt auf der Welt von Bedeutung ist. Sie
sollten auf die hier und in Huairou versammelten
Frauen blicken - die Hausfrauen, Krankenschwestern,
Lehrerinnen, Juristinnen, Politikerinnen und selbständigen Geschäftsfrauen.
Es sind Konferenzen wie diese, die Regierungen und
Menschen überall auf der Welt zwingen, zuzuhören,
zuzusehen und sich den drängendsten Problemen
der Welt zu stellen.
War es nicht nach der Frauenkonferenz in Nairobi vor
zehn Jahren, als sich die Welt zum ersten Mal mit
dem Problem häuslicher Gewalt befaßte?
Heute vormittag habe ich an einem Forum der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilgenommen,
indem Regierungsvertreter, nichtstaatliche Organisationen und Einzelpersonen Wege zur Bewältigung der
Gesundheitsprobleme von Frauen und Mädchen
ausarbeiten.
Morgen werde ich einem Treffen des UN-Entwicklungsfonds für Frauen beiwohnen. Die Diskussionen
dort werden sich auf lokale - und außerordentlich
erfolgreiche - Programme konzentrieren, die hart
arbeitenden Frauen Zugang zu Krediten verschaffen,

Seite 1

�so daß sie ihr Leben und das ihrer Familien verbessern können.

das Leben von Kindern nach der Reaktorkatastrophe
von Tschernobyl zu retten.

Auf der ganzen Welt lernen wir, wenn Frauen
gesund und gut ausgebildet sind, wird es ihren
Familien gut gehen. Wenn Frauen frei von Gewalt
sind, wird es ihren Familien gut gehen. Wenn
Frauen eine Chance haben, zu arbeiten und als
vollwertige und gleichberechtigte Partner in einer
Gesellschaft Geld zu verdienen, wird es ihren
Familien gut gehen.

Die große Herausforderung dieser Konferenz besteht
darin, den Frauen überall auf der Welt Gehör zu
verschaffen, deren Erfahrungen unberücksichtigt
bleiben, deren Worte ungehört verhallen.

Und wenn es den Familien gut geht, wird es den
Gemeinden und Nationen gut gehen.
Aus diesem Grund hat jede Frau, jeder Mann, jedes
Kind, jede Familie und jede Nation auf unserem
Planeten ein Interesse an den hier stattfindenden
Diskussionen.
In den vergangenen 25 Jahren habe ich mich
kontinuierlich mit Themen befaßt, die Frauen, Kinder
und Familien betreffen, in den letzten zweieinhalb
Jahren hatte ich die Chance, mehr über die Herausforderungen zu erfahren, mit denen sich die Frauen
in meinem Land und auf der ganzen Welt konfrontiert sehen.
Ich habe Mütter im indonesischen Jojakarta getroffen, die regelmäßig in ihrem Dorf zusammenkommen, um die Ernährung, Familienplanung und
Kinderversorgung zu besprechen.
Ich habe berufstätige Eltern in Dänemark getroffen,
die über das beruhigende Gefühl sprechen, das sie
bei dem Wissen haben, daß ihre Kinder nach der
Schule in kreativen, sicheren und fürsorglichen
Tagesstätten versorgt werden.
Ich habe Frauen in Südafrika getroffen, die den
Kampf zur Beendigung der Apartheid mitanführten
und jetzt zum Aufbau einer neuen Demokratie
beitragen.
Ich habe die führenden Frauen der westlichen
Hemisphäre getroffen, die jeden Tag auf die Bekämpfung des Analphabetentums und bessere
Gesundheitsfürsorge für ihre Kinder und ihr Land
hinarbeiten.
Ich habe Frauen in Indien und Bangladesch getroffen, die Kleinkredite aufnehmen, um Milchkühe,
Rikschas, Garn und anderes Material zu kaufen, um
für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu
verdienen.
Ich habe Ärztinnen und Krankenschwestern in
Belarus und der Ukraine getroffen, die versuchen,

Seite 2

Frauen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. 70 Prozent der Armen der Welt und zwei
Drittel derjenigen, die weder lesen noch schreiben
können, sind Frauen.
Es sind vornehmlich Frauen, die die Kinder und
älteren Menschen der Welt versorgen. Dennoch wird
ein Großteil der von uns geleisteten Arbeit nicht
gewürdigt - weder von den Wirtschaftswissenschaftlern, den Historikern, der Kultur noch von den Regierungsvertretern.
In diesem Augenblick, während wir hier sitzen,
bringen Frauen überall Kinder auf die Welt, erziehen
sie, kochen Mahlzeiten, waschen, putzen, säen,
arbeiten am Fließband, führen Unternehmen und sind
Staatsoberhäupter.
Frauen sterben an Krankheiten, denen man hätte
vorbeugen oder die man hätte behandeln sollen; sie
müssen zusehen, wie ihre Kinder an von Armut und
wirtschaftlicher Not verursachter Unterernährung
sterben; ihre eigenen Väter und Brüder verweigern
ihnen das Recht auf Schulbesuch; sie werden zur
Prostitution gezwungen und dürfen nicht an die
Wahlurnen oder den Bankschalter gehen.
Diejenigen von uns, die hier sein können, haben die
Pflicht, im Namen derjenigen zu sprechen, die nicht
kommen konnten.
Als Amerikanerin möchte ich im Namen der Frauen
meines Landes sprechen - Frauen, die von einem
Mindestlohn Kinder erziehen, die sich keine Gesundheitsfürsorge für sich oder Betreuung für ihre Kinder
leisten können, deren Leben durch Gewalt bedroht
ist, darunter Gewalt in den eigenen vier Wänden.
Ich spreche für Mütter, die für gute Schulen, eine
sichere Wohngegend, saubere Luft und saubere
Radio- und Fernsehsendungen kämpfen. Für ältere
Frauen, einige davon Witwen, die ihre Kinder großgezogen haben und jetzt entdecken, daß ihre Fähigkeiten und Lebenserfahrung in der heutigen Arbeitswelt
keinen Wert haben. Für Frauen, die nachts als
Krankenschwestern, in Hotels und Imbißstuben
arbeiten, damit sie tagsüber bei ioder Betreuung für
ihre Kinder leisten können, deren Leben durch
Gewalt bedroht ist, darunter Gewalt in den eigenen
vier Wänden.

AMERIKA DIENST 27

*i
.

�Ich spreche für Mütter, die für gute Schulen, eine
sichere Wohngegend, saubere Luft und saubere
Radio- und Fernsehsendungen kämpfen. Für ältere
Frauen, einige davon Witwen, die ihre Kinder großgezogen haben und jetzt entdecken, daß ihre
Fähigkeiten und Lebenserfahrung in der heutigen
Arbeitswelt keinen Wert haben. Für Frauen, die
nachts als Krankenschwestern, in Hotels und Imbißstuben arbeiten, damit sie tagsüber bei ihren Kindern
sein können. Und für Frauen überall, die einfach
nicht die Zeit für alles finden, was tagtäglich von
ihnen verlangt wird.
Wenn ich heute zu Ihnen spreche, spreche ich für
jede einzelne von ihnen, ebenso wie jede von uns
im Namen der Frauen auf der ganzen Welt spricht,
die nicht zur Schule oder zum Arzt gehen, keinen
Besitz und keine Kontrolle über ihr eigenes Leben
haben dürfen - aus dem einfachen Grund, weil sie
Frauen sind.

Tragischerweise sind es meistens die Frauen, deren
Menschenrechte verletzt werden. Selbst gegen Ende
des 20. Jahrhunderts wird Vergewaltigung weiterhin
als Instrument in bewaffneten Konflikten eingesetzt.
Frauen und Kinder machen den Großteil der Flüchtlinge weltweit aus. Und wenn Frauen aus dem
politischen Leben ausgeschlossen werden, sind sie
dem Mißbrauch noch stärker ausgesetzt.
Meines Erachtens ist am Vorabend eines neuen
Jahrtausends der Zeitpunkt gekommen, unser
Schweigen zu brechen. Es ist an der Zeit, hier in
Peking der ganzen Welt zu sagen, daß es nicht
länger akzeptabel ist, Frauenrechte von Menschenrechten zu trennen.
Diese Mißstände konnten fortbestehen, weil die
Geschichte der Frauen allzulange eine Geschichte
des Schweigens war. Selbst heute gibt es einige, die
uns hier zum Schweigen bringen wollen.

Tatsache ist, daß die meisten Frauen weltweit die
Hausarbeit erledigen und auch berufstätig sind,
normalerweise aus finanziellen Gründen.

Die Stimmen bei dieser Konferenz und der Frauen in
Huairou müssen laut und klar vernommen werden
können:

Wir müssen uns bewußt sein, daß es kein Patentrezept gibt, wie eine Frau ihr Leben führen sollte.
Aus diesem Grund müssen wir die Entscheidungen
respektieren, die jede Frau für sich und ihre Familie
trifft. Jede Frau hat das Recht auf die Chance, ihre
von Gott gegebenen Talente zu entfalten.

Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Babys nicht gefüttert, ertränkt oder erstickt werden,
ihr Rückgrat gebrochen wird, nur weil sie als Mädchen geboren wurden.

Ferner müssen wir erkennen, daß Frauen erst dann
wirklich in Würde leben können, wenn ihre Menschenrechte anerkannt und geschützt werden.
Unsere Ziele bei dieser Konferenz - die Stärkung
von Familien und Gesellschaften, indem Frauen in
die Lage versetzt werden, mehr Kontrolle über ihr
eigenes Leben auszuüben - können nur dann
umfassend erreicht werden, wenn alle Regierungen hier und auf der ganzen Welt - ihre Pflicht zum
Schutz und zur Förderung international anerkannter
Menschenrechte akzeptieren.
Die internationale Staatengemeinschaft hat schon
seit langem anerkannt und vor kurzem in Wien
bekräftigt, daß sowohl Frauen als auch Männer das
Recht auf Schutz und persönliche Freiheiten haben vom Recht auf persönliche Sicherheit bis zum Recht,
frei über die Anzahl der Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Niemand sollte aus Angst vor religiöser oder politischer Verfolgung, Festnahme, Mißhandlung oder
Folter zum Schweigen gezwungen werden.

AMERIKA DIENST 27

Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen und Mädchen in die Sklaverei der Prostitution
verkauft werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen mit Benzin übergössen, angezündet und
verbrannt werden, weil ihre Mitgift als zu gering
erachtet wird.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen einzeln oder zu Tausenden systematisch als
Taktik oder Preis des Krieges vergewaltigt werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn die
Haupttodesursache weltweit bei Frauen zwischen 14
und 44 Jahren die Gewalt in ihren eigenen vier
Wänden ist.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Mädchen der schmerzhaften und entwürdigenden
Praxis der Verstümmelung ihrer Genitalien unterworfen werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen das Recht auf Familienplanung verweigert
wird, und das schließt erzwungene Abtreibungen oder
Sterilisationen ein.

Seite 3

�Wenn diese Konferenz eine Botschaft übermitteln
kann, dann ist es die: Menschenrechte sind Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte.

Während eines halben Jahrhunderts war der Frieden
an den meisten Orten vorherrschend. Wir haben
einen weiteren Weltkrieg verhindert.

Wir dürfen nicht vergessen, daß dazu auch das
Recht auf freie Meinungsäußerung gehört. Und das
Recht darauf, gehört zu werden.

Wir haben jedoch nicht die anderen, tiefverwurzelten
Probleme gelöst, die weiterhin das Potential der
Hälfte unserer Weltbevölkerung schwächen.

Frauen müssen das Recht auf umfassende Beteiligung am sozialen und politischen Leben ihrer
Länder haben, wenn Freiheit und Demokratie auf
Dauer Bestand haben sollen.

Es ist jetzt an der Zeit, im Namen aller Frauen zu
handeln.

Es ist unhaltbar, daß viele Frauen aus nichtstaatlichen Organisationen, die an dieser Konferenz teilnehmen wollten, nicht kommen konnten - oder ihnen
die Teilnahme verboten wurde.
Ich möchte eindeutig klarstellen: Freiheit bedeutet
das Recht der Menschen, sich zu versammeln,
zusammenzuschließen und offen zu debattieren. Es
bedeutet, die Ansichten derjenigen zu respektieren,
die nicht mit ihrer Regierung übereinstimmen. Es
bedeutet, Menschen nicht von ihren Angehörigen zu
trennen und einzusperren, zu mißhandeln oder ihnen
ihre Freiheit oder Würde zu nehmen, weil sie ihren
Ideen und Meinungen auf friedliche Weise Ausdruck
verleihen.
In meinem Land feierten wir kürzlich den 75. Jahrestag des Frauenwahlrechts. Nach der Unterzeichnung unserer Unabhängigkeitserklärung brauchten
die Frauen 150 Jahre, um das Wahlrecht zu erhalten. Es erforderte 72 Jahre des organisierten

Wenn wir kühne Schritte unternehmen, um das
Leben der Frauen zu verbessern, werden wir auch
kühne Schritte unternehmen, um das Leben von
Kindern und Familien zu verbessern. Familien
erwarten von Müttern und Ehefrauen emotionalen
Beistand und Fürsorge; Familien erwarten von
Frauen Hausarbeit und zunehmend auch einen
Beitrag zum Familienbudget, der für die Erziehung
gesunder Kinder und Fürsorge für ihre Verwandten
erforderlich ist.
Solange Diskriminierung und Ungleichheit weltweit an
der Tagesordnung sind - solange Mädchen und
Frauen geringer geschätzt, schlechter und zuletzt
ernährt, überarbeitet, unterbezahlt, nicht ausgebildet
und Gewalt im eigenen Heim unterworfen sind - kann
das Potential der Menschheit zur Schaffung einer
friedlichen, prosperierenden Welt nicht voll entfaltet
werden.
Diese Konferenz soll uns - und die Welt - zum
Handeln auffordern.

Kampfes zahlreicher mutiger Frauen und Männer.

Und wir wollen dieser

Es war einer der entzweiendsten philosophischen
Kriege Amerikas. Aber es war auch ein unblutiger
Krieg. Das Wahlrecht wurde erlangt, ohne daß ein
einziger Schuß fiel.

schenken, damit wir eine Welt schaffen können, in
der jede Frau mit Respekt und Würde behandelt wird,
jeder Junge und jedes Mädchen gleich behandelt und
geliebt werden, jede Familie Hoffnung auf eine gute
und sichere Zukunft hat.

Wir wurden am vergangenen Wochenende bei den
Feierlichkeiten aus Anlaß der Beendigung des
Krieges im Pazifik auch an das Gute erinnert, das
entsteht, wenn Männer und Frauen gemeinsam
gegen die Kräfte der Tyrannei und für eine bessere
Welt kämpfen.

* *

Seite 4

Aufforderung

Beachtung

Ich danke Ihnen.
Gott schütze Sie, Ihre Arbeit und alle, die davon
profitieren.

*

*

AMERIKA DIENST 27

�FRAUEN
13. September 1995

USA erläutern neue Programme für Frauen
Hintergrundpapier über die amerikanischen Initiativen
PEKING- (AD) - In einer ausführlichen Präsentation bei der 4. Weltfrauenkonferenz gab die amerikanische
Botschafterin Madeleine Albright am 6. September 1995 neue Initiativen der Vereinigten Staaten zum Abbau
der Schranken für gleichberechtigte Beteiligung von Frauen bekannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir das amerikanische Papier.

Die Vereinigten Staaten geben Initiativen für vier
Bereiche bekannt, die amerikanische Frauen als
Prioritäten ausgemacht haben: Gleichberechtigung
und Teilhabe an der Macht; wirtschaftliche Sicherheit, einschließlich einer ausgewogenen Aufteilung
zwischen Arbeit und familiären Pflichten; die Menschenrechte von Frauen unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt gegen Frauen sowie Gesundheit.
I. Gleichberechtigung
Macht

Das Frauenbüro des Arbeitsministeriums wird eine
Kampagne einleiten, die sich mit den Zusagen von
Arbeitgebern, Organisationen und Gemeindegruppen
befaßt, systematische Veränderungen bei Maßnahmen und Praktiken am Arbeitsplatz zugunsten von
Frauen und ihren Familien vorzunehmen.

und Teilhabe an der

Ein interministerieller Rat, der vom neugegründeten
Büro für Frauenfragen des Weißen Hauses aus
operiert, wird einen einjährigen Prozeß der Umsetzung der Aktionsplattform leiten und einen langfristigen Plan zur Förderung vermehrter Befugnisse
für Frauen und deren Status entwickeln. Die amerikanische Delegation bei der Konferenz, die aus
Regierungsvertretern und Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) eines breiten geographischen und demographischen Spektrums zusammengesetzt ist, wird als Beratungsgremium für
den Rat dienen. Dieser Prozeß wird auf die starke
Partnerschaft zwischen nichtstaatlichen Organisationen und der Regierung aufbauen, die sich während
der Vorbreitung für die Frauenkonferenz entwickelt
hat.
Das US-Amt für internationale Entwicklung (U.S.
Agency for International Development - USAID) leitet
zwei sich gegenseitig verstärkende internationale
Programme im Rahmen einer Initiative für die
politische Beteiligung von Frauen und deren Rechte
in die Wege.

AMERIKA DIENST 27

II. Wirtschaftliche Sicherheit einschließlich einer
ausgewogenen Aufteilung zwischen Arbeit und
familiären Pflichten

Das Finanzministerium wird über den Fonds der
Finanzinstitutionen für Gemeindeentwicklung jährliche
Auszeichnungen des Präsidenten für hervorragende
Leistungen in Kleinunternehmen verleihen und eine
neue staatliche Initiative für Mikrountemehmen
koordinieren.
Der interministerielle Ausschuß für weibliches Unternehmertum und der nationale Rat für Unternehmerinnen wird einen Jahresbericht des Ausschusses an
den Kongreß weiterleiten, um den Bereich weibliches
Unternehmertum zu stärken.
USAID wird weiterhin Mikrounternehmensprogramme
für Frauen unterstützen.
III. Die Menschenrechte von Frauen unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt gegen
Frauen
Das neue Büro für Gewalt gegen Frauen im Justizministerium wird umfassende nationale Bestrebungen
zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und anderer
Verbrechen gegen Frauen durch die Kombination
strenger neuer Bundesgesetze mit Hilfen für Bundesstaaten und Gemeinden bei Strafverfolgung, Unterstützung der Opfer, Strafverfahren und Verhinderung
von Verbrechen anführen.

Seite 1

�Die Administration bekräftigt ihre Verpflichtung zur
Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Diskriminierung der Frau.
IV. Gesundheit
Das Gesundheitsministerium wird Maßnahmen zu
einer Reihe von Problemen von Frauen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund, unter besonderer
Berücksichtigung von Frauen mit niedrigem Einkommen und ethnischen Minderheiten verabschieden:
Ein umfassender Plan zur Verringerung des Rauchens unter Kindern und Jugendlichen um 50 Prozent, einschließlich des Verbots von Tabakwaren für
sie.
Verhinderung von Schwangerschaften unter Teenagern durch Ermutigung von Enthaltsamkeit und
persönlicher Verantwortung bei gleichzeitigem
Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungsdiensten sowie Gesundheitserziehung in Schulen.
Gründung eines Leitenden Rats für Kinder und
Jugendliche, der eine Strategie mit einem Budget für
Kinder entwickeln wird, Prioritätsbereiche für vermehrte Aufmerksamkeit und Ressourcen empfiehlt,
Kommunikation innerhalb der Regierung aufbaut,
Partnerschaften mit Regierungen und Gemeinden
unterstützt sowie Forschung und Auswertung der
Tagesordnung koordiniert.
Bewältigung der gesundheitlichen Bedürfnisse älterer
Frauen durch die neue Gesundheitsinitiative für
Frauen, die Studien über Haupttodesursachen,
Behinderung und Gebrechen von Frauen nach der
Menopause vornimmt.
Förderung der Gesundheit insgesamt und Vorbeugung gegen Krankheiten durch eine Vielzahl von
Initiativen zu Brust- und Gebärmutterhalskrebs,
Einbeziehung von Frauen in klinische Tests sowie
größere Konzentration auf die Auswirkungen von mit
Armut in Verbindung stehenden Krankheiten bei
Frauen, die Gründung eines neuen nationalen
Clearinghauses für die Gesundheit von Frauen und
eine gebührenfreie Rufnummer mit Informationen
über die Gesundheit der Frau.
Forschung und Entwicklung bei Kontrazeptiva, unter
besonderer Berücksichtigung von Mikrobiziden und
der Abtreibungspille RU-486.
Erarbeitung einer politischen Tagesordnung zu
HIV/AIDS speziell für Frauen, Jugendliche und
Kinder.

Seite 2

I. Gleichberechtigung und Teilhabe an der Macht
A. Der Umsetzungsprozeß
Im Einklang mit den Verfügungen der Aktionsplattform, die bei der 4. Weltfrauenkonferenz verabschiedet werden soll, der festen Absicht der US-Regierung
zur Förderung vermehrter Befugnisse für Frauen und
deren Status sowie dem starken, von amerikanischen
nichtstaatlichen Organisationen zum Ausdruck
gebrachten Interesse an der Durchführung beinhalten
die Bestrebungen der Vereinigten Staaten im Anschluß an die Konferenz einen einjährigen Prozeß für
die Erarbeitung eines umfassenden Umsetzungsplans
bis zum Jahr 2000. Darüber hinaus werden zahlreiche spezifische Schritte unternommen, um die Worte
der Plattform in die Tat umzusetzen.
Diese Partnerschaft zwischen dem öffentlichen und
dem Privatsektor wird den bei der Vorbereitung der 4.
Weltfrauenkonferenz begonnenen Prozeß fortsetzen zweibahnige Kommunikation, die Regierungen und
Bürger in direkten Kontakt miteinander bringt, um
einen Umsetzungsplan zu erleichtern.
Ein interministerieller Rat, der vom neugegründeten
Büro für Frauenfragen des Weißen Hauses aus
operiert, wird die Umsetzung und die anschließenden
Bestrebungen gemeinsam mit dem Privatsektor und
den nichtstaatlichen Organisationen leiten. Die
amerikanische Delegation bei der Konferenz, die aus
Regierungsvertretern und Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen eines breiten geographischen
und demographischen Spektrums zusammengesetzt
ist, wird als Beratungsgremium für den Rat dienen.
Der interministerielle Rat und das Beratungsgremium
für die Umsetzung werden Einsatzgruppen bilden, die
aus ihren Mitgliedern sowie mit anderen interessierten und wichtigen Einzelpersonen und Organisationen
zusammengesetzt sind, um die Empfehlungen der
Plattform und ihre Bedeutung für die Vereinigten
Staaten zu analysieren, amerikanische Frauen über
die Konferenz sowie ihre Prioritäten und Empfehlungen zu befragen und Mechanismen und Prozesse für
die kontinuierliche Umsetzung zu sondieren.
Ferner werden sie die Kommunikation zwischen der
Regierung und den NGOs herstellen, mögliche
juristische Schritte oder Reformen auf Bundes-,
Bundesstaats- und Gemeindeebene in Erwägung
ziehen, Jugendinitiativen erarbeiten und sich mit den
Sorgen der Jugendlichen befassen, Empfehlungen
einer Einsatzgruppe Jugendlicher entgegennehmen,
die aus Jugendvertretern inner- und außerhalb der
Regierung besteht und - was am wichtigsten ist - den
jungen Menschen selbst.

AMERIKA DIENST 27

�B. Initiative für politische Teilhabe und legale
Rechte

die gemachten Erfahrungen und besten Ansätze zu
informieren.

Der rechtliche Status der Frauen ist eng verbunden
mit ihrer politischen Beteiligung und hat Auswirkungen auf ihre Fähigkeit, zum wirtschaftlichen und
sozialen Fortschritt beizutragen und von ihm zu
profitieren. Um diese entscheidenden Entwicklungsprobleme anzusprechen, leitet USAID eine Initiative
in die Wege, die aus zwei unterschiedlichen, aber
sich gegenseitig verstärkenden Programmen besteht:

Zu den geförderten Programmen zählen diejenigen,
mit denen die Belesenheit von Frauen in Rechtsfragen verbessert wird, die Integration von geschlechtsspezifischen Problemen in den Lehrplan der
juristischen Fakultäten, Ausbildung der Gesetzgeber
in geschlechtsspezifischen Fragen, Bereitstellung
oder Unterstützung von Kliniken, Engagement in
einem direkten politischen Dialog mit Gesetzgebern
zur Förderung gerechterer Gesetze und Maßnahmen
sowie die Erleichterung von Partnerschaften und
Netzen über die Sektoren hinweg. Die Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen- und nichtsstaatlichen
Organisationen, Ausbildung von Juristen, Frauengruppen und anderen mit den legalen Rechten von
Frauen befaßten Organisationen werden ein wichtiges Ergebnis dieses Programmelements sein.

Das Ziel des Programms für die politische Teilhabe
von Frauen ist der verbesserte Zugang von Frauen
zu politischen Prozessen und Wahlen sowie ihre
Beteiligung daran in im Übergang befindlichen und
sich konsolidierenden Demokratien auf der ganzen
Welt. Die Hilfe wird in vier Bereichen bereitgestellt:
Ausbildung in politischer Führung, Vernetzung,
staatsbürgerlicher und Wählerausbildung, technischer Ausbildung und Führungsqualifikationen.
Zu den erwarteten Ergebnissen zählen die zunehmende Zahl von Frauen, die sich zur Wahl registrieren lassen, politischen Parteien beitreten, sich
wählen lassen, Führungspositionen in der Legislative
und Exekutive übernehmen und die effektive Nutzung traditioneller politischer Instrumente wie Koalitionsbildung, Lobbying, politische Analyse und
Gründung von Frauenwahlkreisen durch Frauen.
Die institutionelle Unterstützung wird darüber hinaus

die Fähigkeiten zu finanziellem Management, Organisationsstruktur, demokratischen Prozessen für die
Entscheidungsfindung und Auswahl von Führungspersonen entwickeln und stärken.
Die USAID-Initiative für die legalen Rechte von
Frauen wird eine Strategie verabschieden, um
sowohl Wissen über den rechtlichen Status von
Frauen zu erarbeiten und Informationen darüber zu
verbreiten als auch die Fähigkeit von NGOs, Freiwilligenorganisationen und anderen Institutionen zur
Durchführung von Korrekturprogrammen und Aktionen aufzubauen. Die Betonung wird darauf gelegt,
die Frauen betreffenden Rechtsprobleme von
höchster Priorität nach Regionen und auf Landesebene auszumachen; festzustellen, auf welchen
Ebenen die größten Hindernisse für die legalen
Rechte der Frauen bestehen (Legislative, Judikative,
Bewußtsein/Akzeptanz der Gemeinde) und Identifizierung der Arten von Programmintervention, die am
effektivsten für Veränderungen beim rechtlichen
Status von Frauen sind. Zur Verbreitung der Erkenntnisse zählt der Informationsaustausch innerhalb
der betroffenen Länder und Regionen. Besondere
Betonung wird auf die Stärkung und Entwicklung des
Süd-Süd-Netzes gelegt, um sich gegenseitig über

AMERIKA DIENST 27

II. Wirtschaftliche Sicherheit
A. Ausgewogene Aufteilung zwischen Arbelt und
familiären Pflichten
In diesem Monat wird das Frauenbüro des Arbeitsministeriums eine einjährige Kampagne beginnen, um
die Arbeitssituation für Frauen und ihre Familien zu
verbessern. Das Büro wird sich mit den Zusagen von
Arbeitgebern, Organisationen und Gemeindegruppen
befassen, systematische Veränderungen bei Maßnahmen und Praktiken am Arbeitsplatz zugunsten von
Frauen und ihren Familien vorzunehmen. Diese
Zusagen werden in einer Publikation über berufstätige Frauen festgehalten, die vom Büro veröffentlicht wird, um andere zur Durchführung ähnlicher
Änderungen zu ermutigen.
Diese Änderungen können in drei umfassenden
Kategorien zusammengefaßt werden:
Verbesserte Bezahlung und Sozialleistungen.
Insbesondere Gesundheitsleistungen, um wirtschaftliche Sicherheit zu erlangen. Beispielsweise wird eine
Gruppe von Kleinuntemehmen kollektiv die Krankenversicherungfür Angestellte und ihre Familien kaufen;
eine nationale gemeinnützige (nichtstaatliche) Organisation wird anteilmäßig den Krankenurlaub auf
Teilzeit- und vorübergehend Beschäftigte aufteilen.
Arbeit und Familie. Veränderungen der Arbeitsplatzsituation, um zu einer Ausgewogenheit zwischen
Arbeit und familiären Pflichten beizutragen. Beispielsweise wird eine Organisation des öffentlichen
Dienstes eines Landkreises lokalen Gruppen Geld
anbieten, damit sie innovative Kinderbetreuungsleistungen anbieten können, auch für Kinder, deren
Eltern nachts und am Wochenende arbeiten. Ein

Seite 3

�Schulbezirk wird seinen Busfahrplan umstellen,
damit Kinder leichter an Betreuungsprogrammen
nach der Schule teilnehmen können.

punkt für Kleinunternehmerprogramme im ganzen
Land darstellen, die der Selbsteinschätzung und dem
Lernen von erfolgreichen Kollegen dienen.

Höhere Bewertung der Arbeit von Frauen. Eine
Gemeindestiftung wird beispielsweise drei Jahre lang
Geld aufbringen, um Hunderten von Erziehern
Ausbildung zu gewähren. Eine Berufsorganisation
wird einen Stipendienfonds für die Ausbildung von
Frauen bereitstellen, die wieder ins Arbeitsleben
eintreten.

Das Finanzministerium wird über den CDFI-Fonds
zum Koordinator einer neuen bundesweiten Kleinunternehmensinitiative, die einen Zusammenhang
zwischen der Vielzahl mikroökonomischer Programme der einzelnen Bundesbehörden herstellt. Diese
Initiative soll gewährleisten, daß Wachstum und
Entwicklung auf mikroökonomischem Gebiet mit
Geldern der Bundesregierung wirksam unterstützt
werden. Das Finanzministerium wird über den CDFIFonds Anforderungen an die Programme koordinieren, die Datenerfassung und Berichterstattung
vereinheitlichen, gegebenenfalls Schritte zur Harmonisierung der Vorschriften unternehmen, komplementäre Elemente von Programmen identifizieren und die
Möglichkeit einer Anlaufstelle sondieren, die Informationen über bundesstaatliche Kleinunternehmerprogramme bereitstellt.

Ziel der Kampagne ist es, Tausende von Veränderungen bei Maßnahmen und Programmen herbeizuführen, die eine Million Menschen betreffen. Zielgruppe sind Arbeitgeber, Unternehmen, bundesstaatliche und Gemeindeverwaltungen, Gewerkschaften, Fördergruppen und Einzelpersonen.
B. MikroÖkonomie: Ausweitung wirtschaftlicher
Chancen
Mehr Amerikanerinnen als je zuvor machen sich
selbständig, und Frauen stellen die große Mehrheit
der Amerikaner, die sich über Darlehen für Kleinunternehmen Kredite verschaffen. Mikroökonomieprogramme haben Besitzern sehr kleiner Unternehmen, insbesondere Frauen, erfolgreich dabei
geholfen, sich erstmals Zugang zu den für die Verbesserung ihres Lebens entscheidenden Ressourcen
zu verschaffen. Die Vereinigten Staaten werden
verschiedene bedeutende Maßnahmen ergreifen, um
Selbständigkeit und Kleinunternehmertum im Land
zu unterstützen.
Das US-Finanzministerium gründete vor kurzem den
Fonds für die Entwicklung der Finanzinstitutionen der
Gemeinden (Community Development Financial
Institutions Fund - CDFI-Fonds). Der Fonds fördert
Geber von Kleindarlehen sowie andere Finanzinstitutionen, die sich der Entwicklung in ihrer Gemeinde
mit Hilfe finanzieller und technischer Unterstützung
sowie der Schulung von Kleinkreditgebem verschrieben haben. Ferner wird er Informationen über
optimalen Beistand für Kleinunternehmen identifizieren und verbreiten.

Das fortgesetzte Engagement von USAID wird eine
beträchtliche Unterstützung durch das Amt über seine
Kleinunternehmerinitiative sicherstellen, die sich
erneut darauf konzentriert, Frauen und die Armen zu
erreichen. Zu den Höhepunkten dieser Strategie
gehören das 125 Millionen Dollar umfassende Kleinunternehmer-Innovationsprojekt sowie die Förderung
erhöhter Konzentration hochrangiger Politiker auf die
MikroÖkonomie durch die neue Beratungsgruppe zur
Förderung der Ärmsten (Consultative Group to Assist
the Poorest - CGAP), die durch das von der Weltbank zusammengerufene Konsortium von Gebern
verwaltet wird.
C. Weibliches Unternehmertum

Präsident Clinton wies kürzlich den Finanzminister
an, zwei zusätzliche Programme zur weiteren
Förderung des Kleinunternehmertums in den Vereinigten Staaten durchzuführen.

Diesen Monat legte der interministerielle Ausschuß
für weibliches Unternehmertum dem Präsidenten und
dem Kongreß seinen ersten Jahresbericht vor. Der
1994 gegründete, aus Vertretern von zehn Behörden
bestehende Ausschuß soll die Bestrebungen der
Regierung unterstützen, das Wachstum auf dem
Sektor der von Frauen geführten Unternehmen zu
fördern. Der Ausschuß arbeitet partnerschaftlich mit
dem nationalen Rat für Unternehmerinnen zusammen, einer Gruppe des Privatsektors, die sich aus
erfolgreichen Unternehmerinnen und Förderern des
weiblichen Unternehmertums aus dem nichtstaatlichen Bereich zusammensetzt.

Das Finanzministerium wird über den CDFI-Fonds
ein neues Programm ins Leben rufen und verwalten,
durch das herausragenden Gebern von Kleinkrediten
eine Auszeichnung des Präsidenten verliehen wird.
Durch die Bekanntgabe dieser Leistungen werden
die Auszeichnungen Herausforderung und Bezugs-

Der Ausschuß nimmt eine Einschätzung von Programmen für Unternehmerinnen aller Bundesbehörden über die grundlegenden Dimensionen vor, die
Frauen als wichtig erachten. Es wurden funktionierende innovative Programme identifiziert, die allen
Behörden und Frauen im ganzen Land zugänglich

Seite 4

AMERIKA DIENST 27

�gemacht werden. Das Büro für Kleinunternehmerinnen hat jetzt im World Wide Web eine Home Page
und einen Newsletter, und über den nationalen Rat
für Unternehmerinnen werden Partnerschaften
geschlossen. Vier Bereichen wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet:
Öffnung des Marktes für freien und offenen
Wettbewerb bei der staatlichen Beschaffung von
Waren und Dienstleistungen zur Erreichung des
Ziels, daß in jeder Behörde 5 Prozent der Verträge und Nebenverträge mit Frauen abgeschlossen werden.
Die Sammlung von Daten und die Forschung
über weibliches Unternehmertum werden durch
neue, von der amerikanischen Zentralbank und
dem Statistischen Bundesamt geförderte Untersuchungen vorangetrieben. Im November findet
an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der
Northwestern University eine nationale Konferenz
zur Aufstellung einer langfristigen Forschungsagenda statt.
Ausweitung des Unternehmertums durch technische Unterstützung, Ausbildung und Information
für Unternehmerinnen.
Vermehrter Zugang zu Kapital bei Unternehmensgründungen sowie bei Vergrößerungen von
Frauen geführter Unternehmen.

III. Gewalt gegen Frauen
A. Das Büro für Gewalt gegen Frauen
Anfang des Jahres gab Präsident Clinton die Gründung eines Büros im Justizministerium für Gewalt
gegen Frauen im Gefolge des 1994 erlassenen
Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung bekannt, das
einen Abschnitt über Gewalt gegen Frauen enthält.
Das neue Büro für Gewalt gegen Frauen wird
führend bei den umfassenden nationalen Bestrebungen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und anderer
Verbrechen gegen Frauen sein.
Diese Bestrebungen verbinden strenge neue bundesstaatliche Gesetze mit der Unterstützung von
Bundesstaaten und Gemeinden zur Erzielung
wirklicher Fortschritte bei strafrechtlicher Verfolgung,
der Unterstützung von Opfern und der Verhütung
von Verbrechen.
Durch Initiativen zur Einbeziehung und Information
der Öffentlichkeit und der Zusammenarbeit mit ihr
wird das Büro die öffentliche Haltung gegenüber
diesen Verbrechen verändern und der Einstellung
entgegenwirken, Gewalt gegen Frauen sei eine

AMERIKA DIENST 27

Privatangelegenheit, die keiner öffentlichen Prüfung
oder gerichtlichen Entscheidung unterworfen werden
müsse.
Der Direktor des Büros für Gewalt gegen Frauen wird
in enger Zusammenarbeit mit einem Beratergremium
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stärker auf das
Problem von Gewalt gegen Frauen und auf laufende
Programme lenken, um diese Gewalt durch landesweit organisierte Zusammenkünfte mit Vertretern der
Strafverfolgungsbehörden und Fördergruppen sowie
durch öffentliche Auftritte und Medienarbeit zu
verhindern.
Das Gesetz bewilligt für die nächsten Jahre 1,6
Milliarden Dollar an bundesstaatlichen Geldern. Im
kommenden Jahr wird das Büro 200 Millionen Dollar
für diese Bestrebungen aufwenden und sich darauf
konzentrieren, der amerikanischen Rechtsprechung
landesweit bei der Aufstellung von Spezialeinheiten
der Polizei und Strafverfolgungseinheiten gegen
sexuelle und häusliche Gewalt zu helfen sowie die
Ausbildung von Polizisten, Staatsanwälten, Richtern
oder Gerichtspersonal zu fördern.
Ferner wird das Büro die Durchführung von Reformen, neuen Vorgehensweisen und Vorschriften für
Sexual- oder häusliche Gewaltverbrechen in der
amerikanischen Gesetzgebung unterstützen. Darunter fallen Entschädigungen für die Opfer, die eine
Vorlage von Beweisen, daß der Angeklagte andere
Sexual- oder häusliche Gewaltverbrechen begangen
hat, in Fällen zulassen, die mit solchen Verbrechen in
Zusammenhang stehen; Gewährleistung der Vertraulichkeit in bezug auf Adresse und Aufenthaltsort
des Opfers sowie seine Verbindungen zu Beratern,
Therapeuten und Rechtsanwälten; Einführung von
Erfassungssystemen für Kinderschänder und andere
Sexualverbrecher sowie Ermutigung der Erstellung
polizeilicher Führungszeugnisse landesweit für
Angestellte aus den Bereichen Kinderbetreuung,
Behindertenversorgung und Altenpflege.
B. Inkraftsetzung des Gesetzes über freien Klinikzugang
Die Vereinigten Staaten wenden beträchtliche Gelder
für die Umsetzung des Gesetzes über freien Klinikzugang von 1994 durch das Justizministerium auf,
einschließlich der Beteiligung der drei Hauptuntersuchungsbehörden - dem Bundeskriminalamt FBI,
dem Büro für alkoholische Getränke, Tabakwaren
und Schußwaffen und der Polizeibezirksdirektion sowie Rechtsanwälten aus den Abteilungen für
Strafrecht, Zivilrecht und Bürgerrecht.
Unter der Leitung amerikanischer Rechtsanwälte
tätige Arbeitsgruppen bestehen aus Strafverfolgungs-

Seite 5

�beamten der nationalen, bundesstaatlichen und
kommunalen Ebene und werden weiterhin Pläne
ausarbeiten, um die Sicherheit der Kliniken für
reproduktive Gesundheit zu gewährleisten.
Unter der Führung der Justizministerin werden die
Polizeibezirksdirektionen der Vereinigten Staaten
weiterhin Kontakte zwischen Kliniken und Strafverfolgungsbeamten auf nationaler, bundesstaatlicher
und kommunaler Ebene im Hinblick auf mögliche
Androhung von Gewalt erleichtern und koordinieren.
C. Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung aller Formen von Diskriminierung
der Frau
Die Administration legte dem Senat ihr Paket zur
Ratifizierung vor und bekräftigte ihre Verpflichtung,
alle für die Ratifizierung erforderlichen Anstrengungen zu unternehmen.
IV. Gesundheit
A. Das Gesundheitsministerium wird im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Problemen aktiv, mit
denen sich Frauen aller Herkunft im Laufe ihres
Lebens konfrontiert sehen.
Kampf gegen das Rauchen unter Kindern und
Jugendlichen. Ein umfassender Plan zur Verringerung des Rauchens von Kindern und Jugendlichen
um 50 Prozent, einschließlich eines Verbots des
Verkaufs von Tabakwaren an Personen unter 18
Jahren.
Verhinderung von Schwangerschaften unter
Teenagern. Ermutigung von Enthaltsamkeit und
persönlicher Verantwortung bei gleichzeitigem Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungsdiensten
sowie Gesundheitserziehung in Schulen.
Jugendliche und Kinder. Ein Leitender Rat für
Kinder und Jugendliche wird eine umfassende und
koordinierte Strategie für Kinder und Jugendliche mit
einem Budget für Kinder entwickeln und Empfehlungen hinsichtlich der Prioritäten bei finanziellen und
anderen Investitionen geben, Kommunikationsverbindungen innerhalb des Regierungsapparats aufbauen, Partnerschaften zwischen Regierungen und
Gemeinden bilden und eine Forschungs- und Entwicklungsagenda aufstellen.

Ältere Frauen. Erfüllung der gesundheitlichen
Bedürfnisse älterer Frauen durch Initiativen wie die
Frauengesundheitsinitiative, die größte klinische
Forschungsstudie über die Hauptursachen für Tod,
Behinderung und Gebrechen von Frauen nach der
Menopause.
Forschung und Entwicklung im Bereich der
Kontrazeptiva. Durchführung und Finanzierung
umfassender Forschungs- und Entwicklungsarbeit mit
besonderer Betonung von mikrobiziden Hormonimplantaten, Immunokontrazeptiva und der Abtreibungspille RU 486.
HIV/AIDS. Verfolgung einer politischen Tagesordnung für HIV/AIDS, die besonders auf Frauen,
Jugendliche und Kinder ausgerichtet ist und sich auf
Forschung, Aufklärung und Prävention konzentriert.
Beispiele hierfür sind:
1. Veröffentlichung von Richtlinien für Mediziner,
allen Schwangeren routinemäßig Aufklärung über
HIV und Tests auf freiwilliger Basis anzubieten als Reaktion auf wissenschaftliche Erkenntnisse,
daß Zidovudine (ZDV oder AZT) bei einigen
infizierten Frauen und ihren Babys die pränatale
HIV-Übertragung um zwei Drittel verringern
könnten.
2. Entwicklung einer behördenübergreifenden Studie
zu HIV-Infektionen unter Frauen, einer Langzeitstudie großen Stils, die Auswirkungen von HIVInfektionen auf Frauen in den Vereinigten Staaten
untersucht.
3. Gründung einer interministeriellen Arbeitsgruppe
zu AIDS im Namen des Präsidenten, die einen
koordinierten Ansatz zur HIV/AIDS-Epidemie
sicherstellt und einen nationalen Plan entwickelt,
der die Ziele der US-Regierung beim Kampf
gegen AIDS darlegt.
Förderung von Gesundheit und Verhütung von
Krankheit. Neben der Arbeit für eine Reform des
Gesundheitswesens durch das Streben nach Veränderungen zur Verbesserung der Effizienz und
Kostendämpfung im Gesundheitswesen werden die
Vereinigten Staaten sich durch folgende Initiativen mit
den gesundheitlichen Bedürfnissen von Frauen
befassen:
Dem nationalen Aktionsplan für Brustkrebs,

Behinderte Frauen und Mädchen. Behördenübergreifende Koordination zur Integration von behinderte Frauen und Mädchen betreffenden Gesundheitsfragen in eine allgemeine Gesundheitsagenda.

neuen Grenzen für die Entdeckung von Brustkrebs,
dem Gesetz über Qualitätsnormen der Mammographie,

Seite 6

AMERIKA DIENST 27

�der Ausweitung des nationalen Programms für
die Frühentdeckung von Brust- und Gebärmutterhalskrebs,

Erweiterte Familienplanungsdienste sowie gegebenenfalls Untersuchung auf sexuell übertragbare
Krankheiten und ihre Behandlung.

der Einbeziehung von Frauen in klinische Tests,

Einbeziehung nichtstaatlicher Organisationen in die
tatsächliche Bereitstellung von Dienstleistungen,
insbesondere die von Frauen angebotenen und
verwalteten.

dem nationalen Clearinghaus für die Gesundheit
der Frau,
der Ausweitung des Programms für die Verhütung von Unfruchtbarkeit.
B. Das Amt für internationale Entwicklung setzt
seine Unterstützung für folgende Projekte
fort:
Kampagnen in der Öffentlichkeit, um diese über die
reproduktive und sexuelle Gesundheit von Frauen
und die Verfügbarkeit von Dienstleistungen in den
Bereichen Gesundheit, Bildung und Rechtswesen
aufzuklären.
*

AMERIKA DIENST 27

Sicherung des universellen Zugangs zu sicheren,
effektiven und kulturell angemessenen Dienstleistungen im Bereich der reproduktiven Gesundheit,
einschließlich Familienplanung, zur Verbesserung der
Gesundheit von Frauen und Familien und der Gewährleistung größerer Selbstbestimmung der Frau.
Die Verhütung der Ausbreitung von HIV/AIDS unter
besonderer Berücksichtigung der Tatsache, daß in
den Entwicklungsländern im Verlauf des kommenden
Jahrzehnts mehr Frauen als Männer infiziert werden.

* * * *

Seite 7

�ARBEITSMARKT
13. September 1995

Die amerikanische Erwerbsbevölkerung
Rede von Arbeitsminister Reich
WASHINGTON - (AD) - Den amerikanischen Arbeitnehmern gehe es nicht so gut wie der amerikanischen
Wirtschaft, erklärte Arbeitsminister Robert Reich in einer Ansprache am 31. August 1995 im Center for National
Policy anläßlich des bevorstehenden Labor Day am 4. September 1995.
In seinen an den von den Republikanern beherrschten Kongreß gerichteten Ausführungen kritisierte Reich
diejenigen, denen Maßnahmen für höhere Mindestlöhne, höhere Steuerfreibeträge für die armen Arbeitnehmer,
Abschreibung der Collegegebühren und ähnliche Maßnahmen zu teuer erscheinen. Reich zufolge müsse der
Kongreß sich der Tatsache stellen, daß die Sicherung von Arbeitsplätzen weder leicht noch billig ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Arbeitsministers.

Wie hat sich die amerikanische Volkswirtschaft seit
dem letzten Labor Day entwickelt?
Vor einem Jahr betrug die Arbeitslosenrate 6,1
Prozent.
Die Arbeitslosenzahlen vom August
werden uns erst morgen vorliegen, aber Juli war der
elfte aufeinanderfolgende Monat, in dem sie unter 6
Prozent lagen. Vor einem Jahr florierte die amerikanische Wirtschaft mit 114 Millionen Arbeitsplätzen.
Heute boomt sie mit 116 Millionen. Vor einem Jahr
war der Wertpapiermarkt stark. Heute hat er schwindelerregende Höhen erreicht. Unternehmensprofite
steigen. Die gestern veröffentlichten Zahlen belegen, daß die Profite im vergangenen Jahr um 5,2
Prozent gestiegen sind. Am Labor Day 1995 blickt
die Volkswirtschaft anhand praktisch aller gängigen
Kriterien auf ein solides Jahr zurück.
Aber wenn ich durch das Land reise und amerikanischen Arbeitnehmern und ihren Familien zuhöre,
vernehme ich Stimmen, die nicht mit dieser Schlußfolgerung übereinstimmen. Der Wirtschaftsteil der
Zeitung mag gut aussehen, sagen sie, aber aus
meiner Perspektive geht es der Volkswirtschaft nicht
so gut. Bei mir zu Hause leben wir immer noch von
der Hand in den Mund. Wir können nicht für's Alter
sparen. Wenn ich genug verdienen will, um die
Rechnungen zu bezahlen, kann ich nicht genug Zeit
mit meinen Kindern verbringen und sie richtig
erziehen. Weder mein Arbeitsplatz noch meine
Krankenversicherung sind allzu sicher. Und wie
sollen wir das College bezahlen? Über wessen
Volkswirtschaft, fragen sie mich, sprechen Sie?

AMERIKA DIENST 27

Die Volkswirtschaft hat Feuer gefangen. Aber die
Vorteile haben sich für die meisten Arbeitnehmer in
Rauch aufgelöst. Letztes Jahr um diese Zeit brachte
der Durchschnittsarbeiter in diesem Land 479 Dollar
pro Woche nach Hause. Dieses Jahr beträgt der
Durchschnittslohn inflationsbereinigt 475 Dollar pro
Woche - vier Dollar weniger bei jedem wöchentlichen
Lohnstreifen. Und sowohl dieses als auch letztes
Jahr waren die Zahlen niedriger (wiederum inflationsbereinigt) als der durchschnittliche Wochenlohn von
498 Dollar im Jahr 1979.
Am Labor Day 1995 sind die Einkommen der meisten
Amerikaner auf dem gleichen Stand geblieben oder
sinken. Millionen von White-collar-Vorgesetzten und
Manager der mittleren Ebene fallen zusammen mit
den Produktionsarbeitern im Blaumann in eine
gemeinsame Kategorie - die der "zerschlissenen
Hemdkragen" in "goldenen Zeiten".
In makroökonomischer Hinsicht prosperiert die
Nation. Aber die Amerikaner leben nicht von der
Makroökonomie. Sie leben von der Binnenwirtschaft.
Sie leben nicht von offiziellen Statistiken. Sie leben
von der Zahl, die am wichtigsten ist: Der Zahl auf
ihrem Lohnstreifen.
Die amerikanische Erwerbsbevölkerung steht am
Labor Day nicht schlecht da, aber paradoxerweise
lange nicht so gut wie die Volkswirtschaft. Die Profite
sind höher. Die Zahl auf dem Lohnstreifen nicht.

Seite 1

�Wir sollten uns über das Glück der Amerikaner
freuen, die wohlhabender werden - der hochqualifizierte und gut ausgebildete Teil der Arbeitnehmer.
Etwas ist jedoch zutiefst falsch und zutiefst unamerikanisch an der Tatsache, daß der Wohlstand der
amerikanischen Volkswirtschaft an so vielen arbeitenden Menschen vorbeigeht. Ich beziehe mich
nicht auf den glücklosen Teil der Bevölkerung. Ich
spreche von den meisten Vollzeitbeschäftigten.
Die Überbrückung der Kluft zwischen Lohnstreifen
und Profiten ist unsere große verbliebene Herausforderung. Der stete Rückgang des Durchschnittslohns und der immer größer werdende Abstand
zwischen den Reichen und den übrigen bedroht die
Stabilität und den Wohlstand unserer Nation. Es gibt
viele Indikatoren für diesen Trend, und ich möchte
Ihre Aufmerksamkeit auf den Anhang mit Fakten
lenken, den die Ökonomen in meinem Büro zusammengestellt haben und der meiner Rede beiliegt.
Statt Zahlen abzulesen, möchte ich eine Geschichte
erzählen - nur die jüngste Geschichte eines Arbeiters der Kategorie "zerschlissene Hemdkragen" in
"goldenen Zeiten". In dieser Woche haben wir
erfahren, daß weitere 12.000 amerikanische Arbeitsplätze verschwinden werden. Für die meisten von
uns sind 12.000 Arbeitsplätze weniger - 12.000
betroffene Familien - schlechte Nachrichten. Aber
diese Nachricht wurde ziemlich erfreut aufgenommen.
Als zwei Großbanken - Chemical und Chase Manhattan - in dieser Woche eine Fusion beschlossen,
feierte die Wall Street. Die Ankündigung ließ die
Aktienkurse beider Banken steigen, und die Aktionäre konnten insgesamt 2,5 Milliarden Dollar an
Profiten einstreichen. Die Geschäftsführer der
beiden Unternehmen, die das Geschäft ausgehandelt hatten, wurden für ihre Vision und ihre Härte
gelobt. Dasselbe galt für den Fondsverwalter, der
zu dem Geschäft beigetragen hatte. Die Juristen
und Investmentbanker, die die Details ausgearbeitet
hatten, schnitten ebenfalls gut ab. Ziemlich vergessen inmitten der Feiern waren die Menschen, die
diese 12.000 Arbeitsplätze verlieren würden.
Es gibt verständliche Gründe, warum Banken eine
Fusion beschließen - Kostendegression durch
optimale Betriebsvergrößerung und effizientere
Nutzung neuer Technologien. Letztlich wird keiner
von uns prosperieren, wenn wir versuchen, den
technologischen Fortschritt aufzuhalten oder uns aus
der Weltwirtschaft zurückzuziehen. Chase und
Chemical sind nicht die Schurken in dieser Geschichte.

Seite 2

Diese Episode ist jedoch nur ein weiteres Symptom
der Losgelöstheit der Lohnstreifen vom Wirtschaftsteil
der Zeitung. Arbeitsplätze verschwinden, und die
Märkte freuen sich. Irgend etwas an diesem Bild ist
falsch.
Die Männer und Frauen, die diese 12.000 Stellen
verlieren, werden wahrscheinlich neue finden obwohl vielleicht nicht sofort und vielleicht nicht so
gute. Aber ihre landesweit miterlebte Erfahrung
intensiviert das vorherrschende Gefühl unter den
Durchschnittsarbeitern heute, daß sie Glück haben,
den Arbeitsplatz zu behalten, den sie haben. Die
amerikanischen Arbeitnehmer wurden durch diese
und tausend andere solcher Demonstrationen ihrer
leichten Ersetzbarkeit zum Schweigen gebracht. Sie
werden sich nicht beschweren, wenn sie keine
Lohnerhöhung bekommen, selbst wenn ihr Unternehmen jede Menge Geld verdient. Viele werden
sogar eine Kürzung ihrer Bezahlung oder der Sozialleistungen hinnehmen. Wenn man seine Entscheidung auf "entweder das, oder gar nichts" reduziert
sieht, kann man nicht viel sagen.
Daher wollen wir an diesem Wochenende diese
schweigende Mehrheit der amerikanischen Arbeitnehmer feiern. Und wir wollen nicht vergessen, daß am
kommenden Dienstag, dem 5. September, wenn
Labor Day vorbei ist, Abermillionen dieser hart
arbeitenden Amerikaner bei Tagesanbruch aufstehen,
die Kinder anziehen, Frühstück machen, zur Kindertagesstätte oder Schule fahren, einen langen Tag
arbeiten, die Kinder abholen, das Abendessen
fertigmachen, die Kinder ins Bett bringen, das Haus
putzen und immer noch die Energie finden, ihren
Kindern zuzuhören, mit ihnen über ihre Probleme und
Ängste zu sprechen und ihnen eine Gutenachtgeschichte vorzulesen.
Das sind die wirklichen Helden der amerikanischen
Volkswirtschaft. Diese Amerikaner brauchen den
Wind im Rücken, wenn sie je die Kluft zum Wohlstand überschreiten wollen.
Was heißt das im einzelnen? Es heißt erstens einen
höheren Mindestlohn. Der derzeitige Mindestlohn
von 4,25 Dollar pro Stunde nähert sich einem 40jährigen Tiefstand. Jemand, der Vollzeit für diesen Lohn
arbeitet, bringt 8.500 Dollar für die Arbeit eines
Jahres nach Hause - nicht genug, um eine Familie zu
ernähren. Und ungefähr 40 Prozent dieser Menschen sind der einzige Ernährer der Familie.
Den amerikanischen Arbeitnehmern eine faire Pause
zu gönnen, bedeutet auch, höhere Steuerfreibeträge
bei der Einkommensteuer, durch die sich das Arbeiten auszahlt, weil Geld in die Taschen von 15 Millio-

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�nen steuerzahlenden Arbeitnehmerfamilien
bescheidenen Einkommen zurückfließt.

mit

Es bedeutet gute Schulen - Schulen, die Ihren
Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen.
Wir können nicht erwarten, daß Kinder in Klassen
von 30 oder mehr Schülern mit Lehrern lernen, die
ihre Zeit und Energie darauf verwenden müssen, an
einem Schultag mit knapp fünf Stunden Unterricht
wenigstens die Ordnung herzustellen.
Es bedeutet direkte Kredite für den Collegebesuch
zu niedrigen Zinsen für alle Studenten, die weiterführende Bildung anstreben - und einen Steuerfreibetrag beim Familieneinkommen für die Collegeausbildung - die wichtigste Investition, die eine Familie
tätigen kann.
Es bedeutet Lehrstellen für Jugendliche, die vielleicht
nicht direkt das College besuchen wollen, damit sie
am Arbeitsplatz lernen können. Und einen Ausbildungsvoucher für Leute, die ihren Arbeitsplatz
verlieren und an einem Gemeindecollege vor Ort
neue Qualifikationen erwerben müssen.
Es bedeutet finanzierbare und sichere Kinderbetreuung. Und Freistellung von der Arbeit zur Pflege
eines kranken Kindes oder Elternteils.
Es bedeutet die Umsetzung der Arbeitsgesetze des
Landes, hartes Durchgreifen gegenüber Arbeitgebern, die ihre Arbeitnehmer betrügen und ausnutzen
sowie die Schließung von Ausbeutungsbetrieben, die
keinen Platz in einem zivilisierten Land haben.
Es bedeutet eine starke Gewerkschaftsbewegung,
damit die Arbeitnehmer ihre Stellung bei Tarifverhandlungen verbessern können, um das Einkommen
für die Familie zu verdienen.
Und es bedeutet Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer als Vermögenswerte betrachten, die weiterentwickelt werden können, und nicht als Kosten, die
gesenkt werden müssen. Unternehmen, die keine
Kündigungen ausstellen, während sie Profite anhäufen. Unternehmen, die Arbeitnehmern den Anteil
des Wohlstands zugestehen, den ihre harte Arbeit
geschaffen hat. Unternehmen, die in die Qualifikationen ihrer Arbeitnehmer investieren - nicht nur in
Maschinen, die sie ersetzen.
Darum geht es hier. Und das ist die Tagesordnung,
die wir anstreben. Es ist eine auf die heimische
Wirtschaft konzentrierte Tagesordnung - eine Tagesordnung für die Arbeitnehmer aller Schichten, die
darum kämpfen, ein einigermaßen gutes Leben für
ihre Familien aufzubauen. Ein Teil dieser Tagesordnung ist bereits erledigt. Aber es bleibt sehr viel

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mehr zu tun. Der langfristige Rückgang des Durchschnittslohns und die breiter werdende Kluft zwischen
den Gutsituierten und der durchschnittlichen Arbeitnehmerfamilie kann weder leicht noch schnell überbrückt werden. Wir sind dabei, aber es wird ein
langer Weg.
Dennoch gibt es einige, die diesen Kurs umkehren
wollen. Häufig reiten sie unter dem Banner der
"Familienwerte", aber sie führen eine Parade an, die
nach hinten marschiert.
Sie weigern sich, die Mindestlöhne anzuheben. Sie
wollen die Kinderbetreuung, Head Start und den
Steuerfreibetrag für die armen Arbeitnehmer kürzen.
Sie wollen die Kredite für den Collegebesuch senken,
die Chancen für junge Menschen verringern, den
Übergang von der Schule ins Arbeitsleben zu meistern sowie andere Mittel für Bildung und Ausbildung
am Arbeitsplatz streichen.
Sie behaupten, der Haushaltsausgleich sei ihr Ziel.
Aber die Einzelheiten ihres Plans strafen die Werte
lügen, die sie vorgeben, in Ehren zu halten.
Für das am 1. Oktober beginnende Haushaltsjahr
wollen sie zusätzliche 7 Milliarden Dollar für die
nationale Verteidigung ausgeben - 7 Milliarden Dollar
mehr als selbst das Pentagon angibt zu benötigten
oder verwenden zu können - 7 Milliarden Dollar, die
sie von den Bereichen Bildung, Ausbildung am
Arbeitsplatz, Head Start und anderen Investitionen in
die wirtschaftliche Sicherheit unserer Familien abzweigen wollen.
In der Zwischenzeit weigern sie sich, Milliarden von
Dollar aus Steuerlücken und Subventionen für
bestimmte Industriezweige und Unternehmen anzurühren - Vergünstigungen, die gutbetuchte Unternehmenslobbyisten gesetzlich festgeschrieben haben
- milde Gaben, die Firmen in dauerhafter Abhängigkeit vom Staat halten. Als der Vorsitzende des
Haushaltsausschusses des Repräsentantenhauses
seinen Kollegen aus der republikanischen Partei
Anfang des Jahres einen Plan zur Schließung einer
Steuerlücke vorlegte, wunderten diese sich. Trotz
ihrer Forderung nach wirtschaftlichen Einschränkungen für die Erwerbsbevölkerung ist dieser Kongreß
der Wirtschaft gegenüber offen.
Sie wollen Milliarden Dollar zusätzlicher Steuererleichterungen für die Unternehmen zum Kauf neuer
Maschinen, aber nicht einen Penny für neue Steuervergünstigungen für Investitionen in die Fähigkeiten
erwerbstätiger Männer und Frauen.
Sie wollen den Einkommensteuerfreibetrag für
Arbeitnehmerfamilien abschaffen und planen eine

Seite 3

�Belohnung des Einkommens gutbetuchter Amerikaner auf der anderen Seite des Wohlstandsgefälles in
Form von Steuererleichterungen für Kapitalerträge.

hilfereform, aber es ist eine zynische Lüge zu behaupten, die meisten Sozialhilfeempfänger zögen
einen Scheck einem Arbeitsplatz vor.

Ihre Logik erinnert sehr an Alice im Wunderland.
Befreit die Wirtschaft durch Deregulierung und
Steuervergünstigungen für die Unternehmen und die
Reichen, und allen Amerikanern wird es gut gehen behaupten sie. Aber die Wirtschaft ist bereits ausreichend befreit, um die Mehrheit der Amerikaner
weit hinter sich zu lassen. Das Problem besteht
darin, daß die Löhne und Gehälter stagnieren,
während die Gewinne steigen - wie also können
höhere Gewinne die ganze Lösung sein?

Selbstgerechtes Gerede ist einfach und billig. Den
Menschen einen sicheren und guten Arbeitsplatz zur
Verfügung zu stellen, ist weder einfach noch billig.

Viele dieser Politiker sprechen mit großem Eifer von
Familienwerten, lassen aber die einheimische Wirtschaft außen vor. Sie sprechen leidenschaftlich über
den Zusammenbruch amerikanischer Familien,
erwähnen aber nicht den Zusammenbruch von
Familieneinkommen.
Sie sind sich der Frustrationen von Arbeitnehmerfamilien bewußt. Aber sie richten diese Frustrationen
gegen die falschen Ziele: gegen Einwanderer,
gegen von der Sozialhilfe lebende Mütter, gegen die
Politik der beruflichen Gleichstellung, gegen unsere
eigene Regierung.
Die Politik des Ressentiments - der Vorwürfe und
Intoleranz - bietet ein verzerrtes Spiegelbild der
Werte, die die meisten Familien den Kinder zu
vermitteln versuchen. Diese Technik spielt Arbeitnehmerfamilien gegen Arbeitnehmerfamilien oder
gegen die Ärmsten aus - im Kampf um einen immer
kleineren Anteil am Volkseinkommen.

Oder nehmen sie die Frage, die in den kommenden
Monaten in Washington wahrscheinlich das Hauptgesprächsthema sein wird - der bevorstehende Zusammenbruch des Bundeshaushalts. Nach Meinung
der Experten ist das ein Drama - ein Billionen-DollarSpiel, in dem eine Seite Entgegenkommen zeigen
oder die Regierung zumachen muß.
Für viele
Menschen außerhalb Washingtons könnte dieses
Drama jedoch viel persönlichere Konsequenzen
haben. Denn draußen in Amerika, wo die Arbeitnehmer die Arbeit tun, die das Land in Gang hält, gibt es
bereits einen Schiffbruch - eine entsetzliche Kollision
zwischen dem benötigten Arbeitsplatz und den
Familien, die sie lieben.
Der Kongreß kann eine haushaltspolitische Katastrophe verhindern, indem er das wahre wirtschaftliche
Problem in diesem Land angeht - die Volkswirtschaft.
Wenn er sich jedoch weigert, wenn er dieses Kernproblem des Landes ignoriert, wird der Präsident dem
alten Sprichwort, die Feder sei mächtiger als das
Schwert, eine moderne Bedeutung verleihen. Wenn
der Kongreß das Schwert gegen die Familie
schwingt, wird der Präsident sich mit seiner Feder für
die Familie einsetzen. Wenn der Senat ebenso wie
bereits das Repräsentantenhaus die Initiativen zur
Förderung der Familie kürzt, wird der Präsident sein
Veto gegen diesen Plan einlegen und ihn zurückschicken.

Der wirkliche Test für die Gesellschaft ist ihre Bereitschaft, ihre Kernprobleme anzugehen - sie nicht
abzustreiten, keine Sündenböcke zu suchen, sich
nicht durch momentane Dinge ablenken oder sich
schnell entmutigen zu lassen, wenn es keine einfache Lösung für die Probleme gibt - sondern
stetiges Engagement zu zeigen und einen fairen
Anteil an den erforderlichen Opfern zu bringen.

Vor nicht allzulanger Zeit äußerte ein anderer Präsident: "Wirtschaftliche Angelegenheiten sind heutzutage die wichtigste soziale Frage. Die die Vereinigten
Staaten konfrontierende wirtschaftliche Katastrophe
schadet den Familienwerten, zerstört die Ersparnisse
von Familien und beraubt die Familien ihrer wichtigsten Hoffnungen und Träume."

Beispielsweise wird der Senat nächste Woche über
die Reform der Sozialhilfe debattieren. Es wird oft
mit der Faust auf den Tisch gehauen und es werden
auch fromme Erklärungen über den Niedergang
familiärer Werte zu hören sein. Aber bezweifelt
irgend jemand wirklich, daß die beste Maßnahme
gegen Armut und zur Förderung der Familie ein
guter Arbeitsplatz ist? Daß die Aussicht auf einen
Arbeitsplatz und eine Karriere nach dem Schulabschluß arme Teenager eher dazu veranlaßt, die
Schule abzuschließen und davon abhält, auf die
schiefe Bahn zu geraten? Wir brauchen eine Sozial-

Gibt es einen besseren Anlaß, diese Worte Ronald
Reagans zu zitieren, als den Labor Day? Was wäre
ein besserer Zeitpunkt als das Wochenende vor dem
Labor Day, unser nationales Engagement für die
Familien zu bekräftigen, die verzweifelt und hart
arbeiten und das Beste für ihre Kinder wollen? Was
wäre ein besserer Zeitpunkt, Familienwerte hochzuhalten, indem wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, die Familie aufzuwerten? Was wäre
ein besserer Moment, das Verprechen abzugeben,
das Leben der schweigenden Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung Amerikas zu verbessern?

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AMERIKA DIENST 27

�DATENAUTOBAHN
13. August 1995

Neue Technologien für neue Dienstleistungen
Betrachtungen zu Plänen für
Bibliotheken in den Amerika Häusern
KÖLN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 5. September 1995 von der Direktorin für Informationsdienste des US-Informationsamts (United States Information Service - USIS), Mary Boone, bei der Konferenz
über New Library Strategies in Köln gehaltene Rede.

Amerika Häuser in Deutschland, 1945-1995
In diesem Jahr wichtiger Gedenkfeiern beging das
US-Informationsamt den 50. Jahrestag der Amerika
Häuser in Deutschland, die ihren Ursprung in der
Gründung kleiner amerikanischer Bibliotheken in den
Städten im Amerikanischen Sektor in den Monaten
nach Kriegsende hatten.
In der Erkenntnis, daß viele Deutsche nach Informationen aus der Welt dort draußen dürsteten, begannen die amerikanischen Besatzungsoffiziere spontan
mit der Zusammenstellung kleiner Buchsammlungen,
die häufig von den abziehenden amerikanischen
Soldaten gespendet wurden. Am 4. Juli 1945 wurde
in Bad Homburg die erste amerikanische Bibliothek
eröffnet, die bei ihrem Umzug nach Frankfurt im
September desselben Jahres bereits einen Bestand
von 700 Bänden hatte. In den nächsten Monaten
tauchten kleine Bibliotheken an vielen ungewöhnlichen Orten auf: Im Lesesaal einer medizinischen
Einrichtung in München, in einer Ecke der Frankfurter Börse, in einem zerbombten Gebäude in Berlin
und in einem historischen Gasthaus in Marburg. In
den ersten Jahren unterstanden diese kleinen
Zentren dem amerikanischen Militär und dem USAußenministerium. 1953 wurden sie vom neugegründeten US-Informationsamt übernommen.
Nachdem staatliche Mittel der US-Regierung zur
Unterstützung dieser Bibliotheken bereitgestellt
wurden, erhöhte sich die Zahl der Lesesäle Anfang
der fünfziger Jahre auf 100, und einige wurden zu
den als Amerika Häuser bekannten Kultur- und
Informationszentren. Das Ziel der Amerika Häuser
war es, als Forum für den Gedankenaustausch
zwischen unseren beiden Kulturen zu dienen, um
gegenseitiges Verständnis zu fördern. Die in den

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Amerika Häusern untergebrachten Bibliotheken waren
zusammen mit zu Gast weilenden amerikanischen Künstlern, Schriftstellern, Musikern und Wissenschaftlern ein wichtiges Element bei der Erlangung dieses Ziels.
In den letzten 50 Jahren haben sich diese amerikanischen Kulturzentren weiterentwickelt, während die
deutsch-amerikanischen Beziehungen gereift sind.
Nachdem die Zahl der Amerika Häuser und Lesesäle
Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre
rasch zugenommen hatte, verringerte sie sich danach
allmählich wieder, als Westdeutschland seine eigenen
Bibliotheken und Kulturinstitutionen aufbaute. Mit
dem Fall der Berliner Mauer wurde das erste Amerika
Haus in Ostdeutschland am 30. Juni 1992 in Leipzig
eröffnet.
Heute gibt es sechs Amerika Häuser in Deutschland:
Berlin, Köln, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und München.
Amerika Haus-Bibliotheken im Jahr 1995
Heute, 50 Jahre später, befinden wir uns an einem
Scheideweg. Wir haben um uns geblickt und festgestellt, daß sich die Welt verändert hat und wir uns mit
ihr verändern müssen. Wir haben uns ernsthafte
Fragen bezüglich der Zukunft gestellt. Wir mußten
die Entscheidung treffen, wie wir unsere Mission am
besten erfüllen können, ein Forum für den Gedankenaustausch zu sein und den Politikern des heutigen
Deutschland, Regierungsmitgliedern, der akademischen Welt, den Medien sowie den ernsthaften
Studenten, die Führungskräfte von morgen sein
werden, aktuelle, umfassende Informationen über die
Vereinigten Staaten, ihre Regierung, Gesellschaft und
ihre Kultur bieten zu können.

Seite 1

�Um in eingehender, systematischer Weise Antworten
auf diese Fragen finden zu können, verabschiedeten
wir das Modell für einen strategischen Planungsprozeß, das wir im vergangenen Jahr umgesetzt
haben. Mit einer klaren Definition und dem Verständnis unserer grundlegenden Mission und unseres Publikums folgten wir den drei Phasen dieses
Modells:
1. Analyse der derzeitigen Situation des Bibliotheksprogramms, der Mutterinstitution - in unserem
Fall USIS-Deutschland - und der Umfelder.
2. Entwurf einer Vision für die Zukunft des Bibliotheksprogramms, und
3. Erarbeitung eines Durchführungsplans, der
umfassende Ziele in greifbare Ergebnisse umsetzt und Prioritäten definiert, die Mittelzuweisungen bestimmen.
Zur Analyse des Umfelds, in dem wir operieren,
zählte:
a. Das politische Umfeld: Mit dem Ende des
Kalten Krieges und der Vereinigung Deutschlands
sind die Themen, die einst unsere bilateralen Gespräche beherrschten, wie die Ost-West-Konfrontation und der Rüstungswettlauf, praktisch verschwunden und neuen Themenkomplexen, neuen Problemen und neuen Debatten gewichen. Obwohl die
transatlantische politische Sicherheit weiterhin ein
wichtiges Thema für uns ist, insbesondere da sie die
Zukunft der NATO betrifft, befaßt sich der bilaterale
Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und
Deutschland heute ebenso häufig mit Fragen der
wirtschaftlichen Sicherheit und Handel. Bei der
Auswertung dieses Umfelds gelangten wir zu der
Schlußfolgerung, daß wir das Ausmaß der von uns
angebotenen Informationen erweitern müssen, um
den Erfordernissen von heute gerecht zu werden.
Wir konzentrieren uns nach wie vor auf den Bereich
aktueller Angelegenheiten im Zusammenhang mit
den deutsch-amerikanischen Beziehungen, Sozialwissenschaften und dem Studium der Vereinigten
Staaten, haben jetzt jedoch die amerikanische
Wirtschaft hinzugefügt.
b. Das wirtschaftliche Umfeld: Seit ihrer Amtsübernahme im Jahr 1992 hat die Clinton-Administration unter der Führung von Vizepräsident Gore die
Aufgabe übernommen, die amerikanische Regierung
"umzustrukturieren" sowie neue Wege zu eröffnen,
um Geschäfte gezielter und kostengünstiger abzuwickeln. Als Ergebnis der letzten beiden Wahlen
in den Vereinigten Staaten beherrscht jetzt eine
neue Generation von Gesetzgebern unseren Kongreß, die eine ernsthafte Reduzierung unserer

Seite 2

Regierungsaktivitäten und der staatlichen Ausgaben
fordern. Alle Behörden für auswärtige Angelegenheiten, einschließlich USIS, sind von diesen Kürzungen betroffen. Wir haben in diesem Jahr bereits zwei
Amerika Häuser geschlossen und erwarten in der
Zukunft noch weitere Einschnitte. Wir mußten ein
Programm planen, mit dem wir weiterhin Informationsdienstleistungen von Qualität mit weniger Mitteln
und weniger Einrichtungen anbieten können. Aus
diesem Grund haben wir entschieden, daß wir unser
Programm auf unser wichtigstes Publikum, die
Bundesregierung, die akademische Gemeinde und
die Medien konzentrieren müssen, deren Interessen
aktuelle Informationen über aktuelle Themen, Politik
und Trends erfordern. Obwohl die Studenten immer
noch uneingeschränkten Zugang zu allen unseren
Informationsquellen haben, können wir nicht länger
Originaltexte amerikanischer Literatur, Geschichte
oder Philosophie zur Verfügung stellen, die oft in den
örtlichen Buchhandlungen erhältlich sind.
c. Das Informationsumfeld: Als Bibliotheks- und
Informationsspezialisten sind wir uns der enormen
Veränderungen voll und ganz bewußt, die sich heute
in unserem Beruf vollziehen und von denen viele hier
bei dieser Konferenz erörtert werden. Mit der Entwicklung der elektronischen Medien finden im Bereich
der wissenschaftlichen Kommunikation revolutionäre
Veränderungen statt, und wenige Debatten in der
Gesellschaft von heute sind so interessant und
polarisiert wie die Diskussion über die Zukunft der
Print- und elektronischen Medien.
Das eine Extrem sind elektronische Gurus, die
erklären, in naher Zukunft würden wir in einer digitalen Welt völlig ohne Papier am Arbeitsplatz oder zu
Hause leben. Der Fernseher wird durch ein zentralisiertes Computersystem ersetzt, von dem aus wir
eine enorme Bandbreite elektronisch übertragener
Informationen und Unterhaltung auswählen können.
Wir müssen nicht länger ein Fernsehprogramm
ansehen, wenn der Sender sich für seine Ausstrahlung entscheidet, sondern können vielmehr Programme wählen, die wir ansehen, wann es uns Spaß
macht. Wir benötigen nicht länger ausgefeilte Druckund Verteilersysteme oder Verkaufsstellen für Herausgeber und Buchhändler, sondern wir werden
vielmehr das neue Buch direkt vom Autor gegen eine
Gebühr downloaden.
Wir werden nicht länger
gedruckte Zeitungen auf unserer Türschwelle vorfinden, sondern nur die uns interessierenden Themen
aus einem auf den Computer zu Hause übertragenen
Menü auswählen und so unsere eigene persönliche
Zeitung herstellen. In der Tat existiert das bereits:
The Washington Post, die wichtigste Zeitung der
Bundeshauptstadt, gab im Juli bekannt, daß sie jetzt
für die Abonnenten vor Ort in elektronischer Form
erhältlich ist, mit Graphiken, mit Suchfunktionen und

AMERIKA DIENST 27

�mit auf die jeweilige Nachbarschaft zugeschnittenen
besonderen Features. Es wurden sogar Artikel
geschrieben, die die Zukunft des Textes selbst in
Frage stellen - des Schreibens, wie wir es kennen mit der Spekulation, daß er durch elektronisch
übertragene interaktive Multimedien ersetzt wird.
Andererseits wird in der Debatte von einigen die
Meinung vertreten, elektronisch übermittelte Informationen könnten niemals ein zufriedenstellender
Ersatz für Gedrucktes sein. Beispielsweise wird
argumentiert, elektronisch verfügbare Artikel unterlägen oftmals keiner Überprüfung, die für wissenschaftliche Publikationen vorgeschrieben ist, was
Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen läßt.
Ferner könnten elektronisch übermittelte Schriftstücke verändert, kopiert und umverteilt werden, was
ihre Echtheit in Frage stelle. Die übermittelte helle
und unzureichende Auflösung der elektronischen
Wiedergabe ermüde den Leser viel schneller als die
reflektierte helle und scharte Auflösung des bedruckten Papiers, was ihren Einsatz einschränke.
Eine logische Schlußfolgerung aus diesen Argumenten lautet, daß gedruckte Bücher weiterhin das
angemessene Format für schöngeistige Literatur und
andere lange und tiefgehende Werke sind, die Ideen
und Gespräche übermitteln, linear gelesen werden
sollten, daß jedoch elektronische Übermittlung das
bevorzugte Medium für den schnellen Transfer
dynamischer Informationen sein sollte, die ständig
auf den neuesten Stand gebracht werden.

hochqualifizierte, zweisprachige Fachleute, deren
Wissen über Informationsquellen zu den Vereinigten
Staaten und das Land selbst sie in die Lage versetzt,
angemessene Informationen aufzuspüren und für
unser deutsches Publikum aufzubereiten.
Alle
Mitglieder des Systems sind durch die elektronische
Post miteinander verbunden, die Kommunikation
beschleunigt und erleichtert, sowie durch Telefon,
Fax und die sogenannte "normale Post" oder
"Schneckenpost".
Diese Vision geht von der Idee aus, Zugang zu
neuesten elektronischen Informationen genau zum
richtigen Zeitpunkt ("just in time") zu bieten, statt
statische Printmaterialien nur für den Notfall ("just in
case") anzuschaffen.
Über die kommerziellen amerikanischen OnlineDatenbanken wie Dialog, Lexis-Nexis und Legi-Slate
sowie über Internet haben wir direkten Zugang zu
amerikanischen Informationsquellen. Beispielsweise
können wir die bereits von mir erwähnte The
Washington Post um 10.00 Uhr morgens am Tag
ihres Erscheinens elektronisch abrufen - trotz der
sechs Stunden Zeitverschiebung zwischen Washington und Bonn. Wegen der für die Herstellung einer
Verbindung erforderlichen Zeit und der Telekommunikationskosten für die Online-Suche sowie der für
die Suche in Online-Datenbanken erforderlichen
Fähigkeiten werden diese Dienstleistungen von
unseren Mitarbeitern erbracht.
Derzeit hat die
Öffentlichkeit keinen direkten Zugang zu ihnen,
obwohl wir das später einmal ändern wollen.

Zukunftsvision
Unsere Vision der Zukunft des Bibliotheksprogramms
für USIS-Deutschland ist - auf der Grundlage dieser
Analysen - ein dynamisches elektronisches Informations- und Kommunikationsnetz, durch das wir uns
aus unabhängigen, traditionellen Leihbibliotheken in
ein System von Informationszentren verwandeln
können, die sich auf den Transfer von Informationen
statt auf das Ausleihen von Texten konzentrieren.
Wir werden in unseren Bibliotheken eine umfangreiche Mischung von Material sammeln, darunter
Bücher, Zeitschriften und Regierungsdokumente aus
den Vereinigten Staaten, denn nicht alle von uns
benötigten Informationen sind elektronisch abrufbar.
Jede dem System angehörende Bibliothek wird nicht
nur über eine Sammlung grundlegender Nachschlagequellen verfügen, sondern sich auch auf bestimmte Themengebiete spezialisieren, durch die wir
Umfang und Tiefe unserer Sammlungen und das
Fachwissen unserer Mitarbeiter vergrößern können.
Wir werden diese einzigartigen Ressourcen, die in
unserem automatisierten Gesamtkatalog leicht zu
finden sind, allen Bibliotheken im System zugänglich
machen. Die Bibliothekare unseres Systems sind

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Der Zugang der Öffentlichkeit zu elektronischen
Informationsquellen auf CD-ROM ist jedoch ein
wichtiger Bestandteil unserer elektronischen Bibliotheken, die allesamt über eine Full-image Zeitungsdatenbank auf CD-ROM mit dem gesamten Text von
400 Zeitschriften verfügen, die einen Zeitraum von
fünf Jahren abdecken sowie mit Auszügen von
Artikeln aus zusätzlichen 400 Zeitschriften. Wir
abonnieren Dokumentenzustelldienste in den Vereinigten Staaten, von denen wir Zeitschriftenartikel
anfordern können, die uns innerhalb von wenigen
Minuten nach Deutschland gefaxt werden.
Über diese Dokumentenzustelldienste haben wir jetzt
erstmals Zugriff auf Artikel aus amerikanischen
Zeitschriften am Tag ihres Erscheinens. Unsere
Vision umfaßt auch die fortgesetzte Entwicklung
elektronischer Ausrüstung und in unseren Bibliotheken verfügbarer Quellen, die letztlich zu einem
CD-ROM-Netzwerk in jeder Bibliothek führen soll.
Unser Ziel besteht darin, leichten Zugang zu einem
möglichst breiten Spektrum amerikanischer Informationsquellen zu bieten. Da digitale Bibliotheken und

Seite 3

�Datenbanken wachsen, wird die Fülle der unseren
Nutzern zur Verfügung stehenden Informationen
immer größer. Beispielsweise hat die Yale University ihre Bibliothekssammlungen im Bereich Sozialwissenschaften zentralisiert und entwickelt einen
umfassenden elektronischen Datenservice, der die
Verfügbarkeit sozialwissenschaftlicher Informationen
stark erhöhen wird. Aufgrund unseres Interesses an
den Sozialwissenschaften ist dieses Projekt für die
USIS-Bibliotheken von großem Nutzen.
Einige Bibliotheksbenutzer mögen zunächst bedauert
haben, nicht ein Buch mit nach Hause nehmen und
in Ruhe lesen zu können. Wir hoffen jedoch, daß
sie damit zufrieden sein werden, Fotokopien mehrerer Seiten eines Buches mit nach Hause zu nehmen,
das immer im Regal steht, mit ganzseitigen Ausdrucken verschiedener aktueller Artikel und einer
Diskette mit Daten aus einer auf CD-ROM geladenen Informationsquelle, die jeden Monat auf den
neuesten Stand gebracht wird.
Da hier in Deutschland die Verbindung zum Internet,
der sogenannten "Datenautobahn", noch nicht auf
demselben Stand ist wie in den Vereinigten Staaten,
können wir vielen unserer Nutzer, die sonst noch
keinen Zugang dazu hätten, die "letzten Kilometer"
des Zugangs zu dieser Datenautobahn bieten.
Viele unserer wichtigsten Kunden sind Juristen,
Professoren, Journalisten und Wirtschaftsexperten,
die keine Zeit haben, unsere Bibliothek persönlich
aufzusuchen. Zu unserer Vision gehört daher die
Schaffung eines hochentwickelten Informationspakets zum richtigen Zeitpunkt, das darauf zugeschnitten ist, ihnen präzise Informationen über
spezifische Fragen zu bieten, die derzeit von Interesse sind. Die Herstellung dieser "Mehrwertinformationsprodukte", das Erlernen des Umgangs mit
neuen Computersystemen und Datenbanken sowie
die Entwicklung von Fachwissen auf neuen Themenfeldern erfordern ein hohes Maß an Wissen und
Fähigkeiten von unseren Informationsspezialisten.
Zu unserer Vision gehört auch das engagierte
Bemühen, ihnen laufend die erforderliche Weiterbildung zukommen zu lassen.
Um unseren Nutzern das unseres Erachtens höchste
Niveau an Informationen anbieten zu können,
müssen wir sie oftmals darum bitten, die Kosten mit
uns zu teilen. Wir erheben Gebühren für Fotokopien, Ausdrucke, Disketten und die Suche auf
Online-Datenbanken. Unseres Erachtens sind diese
Gebühren nicht zu hoch, und die gesammelten
Gelder fließen wieder in die Bibliotheken, wo sie für
den Erwerb neuer Materialien und Ausrüstung
verwendet werden.

Seite 4

Information USA
Zur Umsetzung unserer Vision schufen wir Information USA, ein offenes, nahtloses Netz von Informationsquellen, -produkten und -dienstleistungen in den
sechs über Deutschland verteilten Amerika Häusern
aus jeweils drei Elementen:
1. Auskunftsdienst. Er stellt aktuelle Informationen
über die Vereinigten Staaten aus einer Kombination von Print- und elektronischen Medien zur
Verfügung, darunter Bücher, Zeitschriften, Dokumente der US-Regierung, Online-Datenbanken
und CD-ROMS über politische, wirtschaftliche,
soziale und kulturelle Themen der Vereinigten
Staaten.
2. Business Information Centers.
Sie stellen
spezialisierte Wirtschaftsinformationen bereit,
beispielsweise Übersichten über Gesetze und
Vorschriften, Unternehmensprofile oder Listen
über Industriekontakte, die die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten fördern und weiterentwickeln sollen.
3. Study In the USA. Programme, Publikationen
und Beratungsdienste für Studenten, die sich für
ein Studium in den USA interessieren. Besonders
ausgebildete Fachleute bieten Studenten Beratung
über Bildungsmöglichkeiten und Bewerbungsmodalitäten in den Vereinigten Staaten an.
Das Information USA-System öffnete seine Türen
am 15. Mai 1995. Wir haben unsere Ausleihe
eingestellt und Belletristik und andere Literatur sowie
viele Standardwerke öffentlichen Bibliotheken und
Universitätsbibliotheken in den Städten gestiftet, in
denen es Amerika Häuser gibt. Es bleibt noch viel
für uns zu tun, aber wir haben bereits ein gutes Stück
des Weges zurückgelegt, unsere Vision zu verwirklichen.
USIS-Deutschland bietet seit neuestem elektronische
Produkte an. Um viel mehr Menschen als nur den
Besuchern der Amerika Häuser Informationen über
die Vereinigten Staaten zur Verfügung zu stellen,
haben wir einen elektronischen Bulletin Board Service, genannt Information USA Online, eingerichtet,
der Texte der US-Regierung und Informationen über
die Vereinigten Staaten in englischer und deutscher
Sprache enthält. Ferner richtete unsere Zentrale in
Washington sowohl eine Gopher-Seite (gopher.usia.
gov.port 1776) als auch eine World Wide Web-Seite
(www.usia.gov/usis.html) auf dem Internet ein, die
nicht nur neueste Informationen über die Vereinigten
Staaten, sondern auch direkten Zugang zu anderen
Internet-Seiten der US-Regierung bieten, einschließlich des Weißen Hauses, des US-Außenministeriums

AMERIKA DIENST 27

�und des Kongresses. Wir hoffen, in den nächsten
Monaten diesen Internet-Seiten unser deutschsprachiges Material hinzufügen zu können.

Wir sehen der von uns angestrebten Zukunft erwartungsvoll entgegen und laden Sie ein, mit uns auf der
Datenautobahn zu fahren, die durch die Überwindung
aller Zeit- und Ortshindernisse wirklich ein "Weltdorf"
geschaffen hat.

* * * * *

AMERIKA DIENST 27

Seite 5

�KUNST
13. August 1995

Lebenslanges Lernen mit den Künsten
von Ernest L. Boyer
(AD) - Die Künste sind notwendig, um menschliche Emotionen vollständig ausdrücken zu können, und
lebenslanges Lernen mit den Künsten sollte in den ersten Jahren im Leben eines Kindes beginnen, damit es
sein volles Potential entwickeln kann, so der Verfasser dieses Artikels.
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, der in Anlehnung an eine am 16. April 1994 in Chicago (Illinois)
vor der Nationalen Stiftung für die Künste gehaltenen Rede verfaßt wurde.
Ernest L. Boyer ist Präsident der Carnegie-Stiftung für die Förderung der Lehre.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day, 15. Oktober
1994, BandLXI, Nr. 1.

In der Öffentlichkeit wächst die Erkenntnis, daß die
Qualität einer Kultur und die Qualität der Kunst
untrennbar miteinander verbunden sind. Wir beginnen zu verstehen, daß wir nicht nur unsere Zivilisation, sondern auch unsere Menschlichkeit verlieren,
wenn wir nicht unsere Kinder mit dem bildende
Kunst genannten Symbolsystem vertraut machen.
Keine Bildung ist vollständig ohne die Kunst, und ich
finde es äußerst ermutigend, daß die Künste [im
März 1994] per Gesetz zum wichtigen Fach für alle
Schulen der Nation erklärt wurden.
Ich bin fest davon überzeugt, daß künstlerischer
Ausdruck eine der grundlegenden Formen menschlicher Sprache ist. Die Spezies Mensch ist in
vielerlei Hinsicht weitaus schlechter ausgerüstet als
andere Kreaturen auf dem Planeten. Wir können
uns an Stärke nicht mit dem Löwen messen, an
Geschwindigkeit nicht mit dem Vogel Strauß, an
Schwimmkünsten nicht mit dem Delphin, an Sehschärfe nicht mit dem Falken. Als Menschen ragen
wir jedoch mit dem feinen Einsatz von Symbolen
heraus, die uns in die Lage versetzen, alle anderen
Lebensformen bei dem, was wir sehen, fühlen und
wissen, zu überflügeln.
Mit anderen Worten: Man muß zu einer unbestreitbaren Schlußfolgerung gelangen. Die Künste sind
kein schmückendes Beiwerk. Sie sind tief in das
eingebettet, was uns wahrhaft zu Menschen macht.
Und lebenslanges Lernen mit den Künsten ist aus
fünf Gründen von entscheidender Bedeutung.

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Erstens benötigen wir die Künste, um Gefühlen und
Ideen Ausdruck zu verleihen, die man nicht in Worte
fassen kann. In den Anfängen der Zivilisation bedienten sich unsere Vorfahren der einfachen Gesten
und Geräusche, um Gefühle und Ideen zu übermitteln. Dann wurden Worte gebildet, ein Wortschatz
nahm Gestalt an, gefolgt von schriftlichen Symbolen,
die gestatteten, Botschaften von einem Ort zum
anderen zu schicken und Wissen wundersamerweise
von einer Generation zur nächsten weiterzugeben.
Aber trotz der Schönheit des geschriebenen und
gesprochenen Wortes war die Sprache unvollständig.
In der Tiefe des menschlichen Geistes blieben
Erfahrungen, die nicht von den als Worte bezeichneten menschlichen Äußerungen erfaßt werden konnten. Worte können nicht ausreichend die Freude
eines Frühlingsmorgens oder die Früchte der Ernte
im Herbst oder die Trauer und Einsamkeit am Ende
einer Liebesbeziehung ausdrücken. Sie können nicht
ausreichend das Plätschern eines Baches oder die
Schönheit eines Sonnenuntergangs vermitteln.
Das ganze Spektrum menschlicher Erfahrungen physische, emotionale und geistige - kann nicht allein
in Worte gekleidet werden. Für die innersten und
bewegendsten Ereignisse benötigen wir subtilere
Symbole. Aus diesem Grund haben sich Männer und
Frauen im gesamten Verlauf der Geschichte der
Musik, dem Tanz und den bildenden Künsten zugewandt.

Seite 1

�Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit dem
Physiker Victor Weisskopf, der die Urknalltheorie
erörterte. Gegen Ende des provokativen Gesprächs
erklärte Weisskopf, wenn man die Theorie des
Urknalls verstehen wolle, solle man "den Werken
Haydens lauschen". Ich war zunächst amüsiert und
ein wenig befremdet über diesen Vorschlag. Bei
näherem Nachdenken wurde mir die Sache jedoch
absolut klar. Weisskopf erinnerte uns daran, daß
menschliche Erfahrungen bisweilen so tiefgehend, so
intellektuell und gefühlsmäßig überwältigend sind,
daß ihnen nur mit Hilfe von Symbolen Ausdruck
verliehen werden kann, die über Worte oder Zahlen
hinausgehen. Er erklärte, die Urknalltheorie müsse
nicht nur gedacht, sondern auch gefühlt werden.
Der Dirigent Murry Sidlin formulierte es folgendermaßen:
"Wenn Worte unzulänglich sind und unsere
Leidenschaft größer, als wir auf die übliche
Art und Weise ausdrücken können, wenden
sich einige Menschen der Kunst zu. Manche
greifen zu Pinsel und Leinwand, andere
stehen auf und tanzen. Aber wir alle gehen
über unsere normalen Kommunikationsmittel
hinaus, und das ist die gemeinsame menschliche Erfahrung aller Bewohner dieses Planeten."
Zweitens brauchen Kinder die Künste. Besonders
unwiderstehlich ist die Art und Weise, in der Kinder,
noch bevor sie sprechen lernen, sich instinktiv
Rhythmus und Gesang, Farben und Formen zuwenden. Lebenslanges Lernen mit den Künsten muß
lange vor dem Schulbesuch beginnen. Das Wissen
eines Kindes wächst in seinen ersten Lebensjahren
exponentiell an. In dieser Zeit ist die Neugierde sehr
stark, Kinder nehmen ihre Umwelt aktiv wahr, hören,
berühren, sehen die Welt und lernen somit.
Es wäre wunderbar, wenn Gesang, Malerei und
Rhythmus ein Bestandteil jeder Familie wären, wenn
jede Vorschule und jede Tagesstätte ein Ort der
Schönheit wäre und jede Wohngegend den Kindern
Musik, Tanz und Theater anbieten könnte.
In den Vereinigten Staaten haben wir heute 19
Millionen Kinder im Vorschulalter, die jedes Jahr 15
Milliarden Stunden vor dem Fernseher sitzen. Es
wäre wunderbar, wenn sie einen Kabelkanal "Willig
zu Lernen" hätten - mit Musik, Dichtung, Theater und
Malerei, einen Kanal, der sich ausschließlich der
Kunst für Kinder widmen würde. Schließlich haben
wir Kanäle für Nachrichten, Sport, Sex und Wetter,
Modeschmuck und Zeichentrickfilme. Ist es undenkbar, wenigstens einen Kanal der ästhetischen Bereicherung von Kindern zu widmen?

Seite 2

Der amerikanische Autor James Agee schrieb: "Mit
jedem Kind, das - ungeachtet unter welchen Umständen - geboren wird, wird das Potential der
menschlichen Rasse wiedergeboren."
Ich bin davon überzeugt, daß lebenslanges Lernen
mit den Künsten in den ersten Monaten im Leben
eines Kindes beginnen sollte, um die Entwicklung
seines vollen Potentials zu ermutigen.
Neben den Gefühlen und Einsichten, die wir nicht in
Worte kleiden können, ist die Kunst notwendig, um
das Wissen eines Kindes zu erweitern und Kreativität
ins Klassenzimmer zu bringen.
Wenn Kinder eingeschult werden, haben sie unendlich viele Fragen. Tatsächlich stellen Vierjährige
im Durchschnitt täglich 437 Fragen. Kinder fragen
aus Neugier und Intuition ständig "warum?". Nach
mehreren Schuljahren hören sie jedoch normalerweise auf, nach dem Warum zu fragen, und wollen statt
dessen wissen: "Brauchen wir das für die Prüfung?"
Ich habe schon hitzigen Debatten darüber beigewohnt, ob Kunst eine "akademische Disziplin" oder
ein "kreativer Akt" ist. Ich bin seit langem davon
überzeugt, daß die Kunst zwei Zielen dient. Natürlich
hat sie einen akademischen Inhalt, ebenso wie jede
andere Sprachform. Große Kunst wird ebenso wie
große Literaturwerke erinnert und studiert. Es gibt
präzise Formen, sie zu verstehen und zu meistern.
Und die Verbindung zwischen Kunst und Kultur muß
intellektuell geprüft werden.
Die Gleichung hat aber noch eine andere Seite. Der
Psychologe Howard Gardner von der Harvard University erinnert uns daran, daß Kinder nicht nur über
verbale Intelligenz verfügen, sondern auch über
soziale Intelligenz, räumliche Intelligenz, intuitive
Intelligenz und ästhetische Intelligenz. Und in den
Künsten lernen die Schüler nicht nur geradliniges
Denken, sondern auch Intuition und Kreativität.
Vor einigen Jahren erklärte bei der Abschlußfeier
eines Colleges die Absolventin, die die Abschlußrede
hielt, sie habe kürzlich zusammen mit ihrer 5jährigen
Nichte gemalt. Die Nichte habe Stifte und Malbuch
ergriffen, schnell die ungefähr 30 Strichzeichnungen
durchblättert und auf der letzten leeren Seite zu
malen begonnen. Auf die Frage, warum sie dort
male, wo keine Vorgaben seien, antwortete das
kleine Mädchen entschieden: "Außerhalb der Linien
kann man alles malen, was man will."
Der Dichter Walt Whitman erklärte in den ersten
Zeilen von Leaves of Grass: "Ich feiere mich
selbst." Wir brauchen Kunst in jeder Schule, vom
Alter von 5 Jahren bis zur weiterführenden Schule,

AMERIKA DIENST 27

�um alle Schüler zu ermutigen, außerhalb der vorgegebenen Linien zu malen.
Die Künste sind eine Erweiterung der Sprache. Sie
tördern Kreativität und vermitteln den Kindern neues
Wissen. Aber - und das ist der dritte Grund für die
entscheidende Bedeutung der Kunst - wir brauchen
die Kunst auch, damit die Schüler das Gelernte
verinnerlichen und Verbindungen herstellen können.
In der heutigen zersplitterten akademischen Welt
arbeiten die Studenten an unterschiedlichen akademischen Themen. Ihnen wird ein Diplom verliehen,
aber sie bekommen kein zusammenhängenderes
Bild des Wissens und kein integrierteres, authentischeres Bild des Lebens.
Albert Einstein schrieb, daß alle Religionen, alle
Künste und alle Wissenschaften Äste desselben
Baumes seien. Aber wo werden die Studenten
aufgefordert, solche Verbindungen zu entdecken?
Die Genetikerin Barbara McCIintock, eine Nobelpreisträgerin, schrieb: "Alles ist eins." Und als
Weisskopf gefragt wurde "Was gibt Ihnen in unruhigen Zeiten Hoffnung", antwortete er: "Mozart und
die Quantenmechanik". Im Campus leben Künstler
und Wissenschaftler jedoch zumeist in verschiedenen Welten.
Vor einigen Jahren behauptete Frank Press, Präsident der nationalen Akademie der Wissenschaften,
die Arbeit des Wissenschaftlers und die Arbeit des
Künstlers ähnelten sich in vielerlei Hinsicht. Zur
Veranschaulichung erklärte er, die großartige Doppelhelix, die den genetischen Code knackte, sei nicht
nur logisch, sondern auch schön. Ich habe festgestellt, daß sogar die Techniker von Cape Canaveral
beim Start zu Dichtern werden. Wenn die Raumfähre sich erfolgreich auf dem Weg ins Weltall befindet,
sagen die Ingenieure nicht "Nun, unsere Formeln
waren wieder richtig", sondern vielmehr fast im Chor:
"Wunderschön". Ich finde es faszinierend, daß sie
eine technologische Errungenschaft mit einem
ästhetischen Ausdruck beschreiben.
Anfang der siebziger Jahre war ich bei der Organisation des New York State Theater behilflich, das in
kreativer Weise das Schauspiel zur Förderung des
integrierten Lernens in allen Disziplinen einsetzt.
Während der vergangenen 25 Jahre haben buchstäblich Tausende anderer in Schulen durchgeführter
Programme über jeden Zweifel hinaus bewiesen,
daß die Künste unsere zersplitterte akademische
Welt zusammenhalten und darüber hinaus die
Leistung verbessern können.

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Der Lehrer, Dichter und Essayist Mark Van Doren
schrieb vor über 50 Jahren: "Es ist der logische
Zusammenhang der Dinge, mit dem sich der Pädagoge bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit
befaßt."
Ich bin überzeugt, daß Verbindungen über die
Disziplinen hinweg am ehesten durch die integrierende Macht der Künste erzielt werden können.
Viertens haben die Künste - obwohl sie unabdingbar
für alle sind - eine besondere Bedeutung für Kinder,
die gesellschaftlich unsicher, emotional gestört oder
physisch behindert sind.
Vor vielen Jahren arbeitete ich als junger Audiologe
mit tauben Kindern. Weil sie nicht hören konnten,
konnten sie nicht sprechen, und ich sah die Frustration und den Zorn, die Kinder erleben, wenn sie nicht
mit anderen kommunizieren können. Diese Jugendlichen waren oft sehr begabt, aber ohne das Wunder
der Sprache lebten sie in t iner einsamen und isolierten Welt. Ich beobacht ;te auch, daß dieselben
Kinder dank der Künste aufstanden und tanzten,
Farbe auf eine Leinwanc malten oder ein künstlerisches Muster webten, und plötzlich war das Leben
für sie erfüllter und vollständiger.
In den letzten zwölf Jahre i war ich der Vorsitzende
von Very Special Arts, einom Programm des Kennedy Center in Washington lür die darstellenden Künste, das Kunst für Behinderte fördert. Immer wieder
habe ich gesehen, wie physisch oder sprachlich
behinderte Kinder und Erwachsene fröhlich über
Malerei, Tanz, Bildhauerei oder Weben miteinander
kommunizieren können.
Bei einem Symposium im Kennedy Center war Linda
Bovee, eine begnadete Schauspielerin, die Gastrednerin. Aufgrund ihrer Taubheit sprach Bovee unter
Zuhilfenahme der Zeichensprache und einer Dolmetscherin, die denjenigen von uns behilflich war, die die
Zeichensprache nicht verstanden.
Gegen Ende ihres Vortrags zitierte sie das bekannte
Gedicht von Robert Frost: "Zwei Straßen verloren
sich im Wald, und ich nahm die weniger befahrene und das bewirkte den Unterschied."
Als Bovee ihre Hände bewegte und ihr Gesicht eine
ungeahnte Intensität widerspiegelte, fand ich die
Zeichensprache sehr viel mächtiger und eleganter als
das gesprochene Wort.
Ohne Frage hat die Sprache der Künste eine ganz
besondere Bedeutung für behinderte Kinder, und
durch Musik, Tanz und die bildenden Künste können
sie sich bewußt selbst ausdrücken.

Seite 3

�Die Künste können auch eine große Motivation für
sozial entfremdete junge Menschen sein. Viel
zuviele Teenager in den Vereinigten Staaten fühlen
sich überflüssig, unerwünscht und lösgelöst von der
Welt. Selbst in der Schule treiben zu viele Schüler
ziellos von Klasse zu Klasse. Ich bin zu der Schlußfolgerung gelangt, daß viele die Schule einfach
deshalb abbrechen, weil niemand bemerkt hat, daß
sie überhaupt anwesend sind.
Vor einigen Jahren besuchte ich eine große Schule
in der Innenstadt. Der Direktor erklärte, die Schüler
hätten jahrelang eine riesige Wand neben dem
Spielplatz mutwillig zerstört und mit Graffiti bemalt.
Eines Tages traf er sich mit der Schülervertretung
und sagte: "Die Wand gehört Euch." Kurz darauf
war die Wand gesäubert und mit einer herrlichen
Wandmalerei versehen. Danach blieb die Wand
respektvoll unberührt.
Es ist auch eindeutig erwiesen, daß gestörte Kinder,
die an Tanz-, Schauspiel- und Musikgruppen teilnehmen, praktisch über Nacht weniger destruktiv
iifid kreativer werden können.
Der Dichter Vachel Linday schrieb:
"Es ist das eine Verbrechen der Welt, daß
ihre Babys dumm werden,
Nicht, daß sie nicht säen, sondern selten reifen,
Nicht, daß sie nicht dienen,
sondern keine Götter haben, denen sie dienen
können,
Nicht, daß sie nicht sterben,
sondern, daß sie wie Schafe sterben."
Die Tragödie ist nicht der Tod. Die Tragödie ist, mit
Undefinierten Verpflichtungen, unerklärten Überzeugungen und unerfüllten Aufgaben zu sterben.
Ich bin überzeugt, daß den Künsten eine ganz
besondere Rolle dabei zukommt, den Teenagern der
Nation ein umfassenderes Gefühl für den Sinn des
Lebens zu vermitteln.
Der fünfte Grund, warum die Künste entscheidend
sind, ist, daß sie beim Aufbau einer Gemeinschaft
behilflich sein können - in der Schule, in der Nachbarschaft, zwischen unterschiedlichen Kulturen und
über Generationen hinweg.
Der Philosoph, Kritiker und Schriftsteller Lewis
Mumford erinnert uns in The Myth of the Machine
daran, daß die Gesellschaften an Produktivität
zunahmen, aber den Gemeinschaftssinn verloren,
als sie von kleinen Dörfern zu unpersönlichen
Städten wuchsen. Etwas ähnliches passiert heute
mit uns. Und dennoch verspüren alle von uns trotz

Seite 4

der Trennungen einen tiefen Drang zu Bindungen
vom ersten bis zum letzten Moment unseres Lebens.
Die Biologin Mary Clark stellte fest: "Soziale Bande
sind keine temporären, zur Bequemlichkeit des
einzelnen eingegangenen Kontakte. Soziales Eingebettetsein ist das Wesen unserer Natur." Die traurige
Wahrheit ist jedoch, daß im Amerika von heute
gemeinsame Werte zu verblassen begonnen haben.
Wir trennen zwischen reich und arm, schwarz und
weiß, jung und alt.
Viele fragen sich jetzt, ob man noch gemeinsames
Terrain finden kann. Ich bin weiterhin davon überzeugt, daß Gemeinschaft nicht nur möglich, sondern
unabdingbar ist. Ich bin auch überzeugt, daß die
Künste uns die eine Sprache geben, die die trennenden Abgründe überwinden kann. Überlegen Sie
beispielsweise, wie Salvador Dalis Gemälde "Die
Beständigkeit der Erinnerung" zu jedem spricht, der
von der verrinnenden Zeit gejagt wird. Überlegen
Sie, wie Picassos "Guernica" eine universelle Aussage über den Krieg macht, die jedes menschliche
Wesen im Innersten fühlen kann. Überlegen Sie
auch, wie der Gospelsong "Amazing Grace" ein
gemeinsames Band zwischen Menschen schafft, sei
es in den Appalachen oder in Manhattan. Überlegen
Sie, wie das in langsamer und feierlicher Kadenz
gesungene "We Shall Overcome" uns alle unabhängig von Rasse, Alter oder wirtschaftlichem Status
verbinden kann.
Die Künste können zur Herstellung von Verbindungen
beitragen, indem sie Musik in den Park, Festivals in
unsere Nachbarschaft und Eltern in die Schulen
bringen. Und das Programm "Design Arts" der
Nationalen Stiftung für die Künste unterstützt Projekte
in Architektur, Landschaft und Stadtplanung, die das
visuelle Umfeld der Gemeinden bereichern.
Der Aufbau von Gemeinschaften hat auch globale
Auswirkungen. 1974 reiste ich mit dem Kindertheater
des Bundesstaates New York für eine Aufführung von
Der Zauberer von Oz im Bolschoitheater in die
Sowjetunion. Am Ende der Vorstellung, als die
amerikanischen Studenten als Zugabe "Somewhere
Over the Rainbow" auf Russisch sangen, schien der
Kalte Krieg momentan zu schmelzen.
Natürlich weiß ich, daß Kunstbotschaften nicht immer
Brücken des Verständnisses bauen. Sie können
auch Verwirrung stiften, selbst Konfrontation auslösen. Aber es ist mein unerschütterlicher Glaube,
daß die Künste letztlich heilen werden. Sie sind, wie
ein Grundschullehrer es formulierte, "die Sprache der
Engel".

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�Vor ungefähr einem Jahr hielt ich bei einer Abschlußfeier eine Rede. Ich fühlte mich ermutigt
durch den Anblick eines Absolventen, der auf sein
Barett die einfache Botschaft geklebt hatte: "Fürchtet Kunst nicht". Und damit die Künste Vertrauen,
nicht Furcht wecken, müssen wir die Vielfalt feiern
und Kulturinstitutionen aufbauen, die Gemeinden,
nicht Enklaven für die Privilegierten sind.
Die Künste können Brücken bauen, nicht nur über
Kulturen, sondern auch über Generationen hinweg
und die Anfänge und das Ende des Lebens verbinden.
Die Anthropologin Margaret Mead schrieb, die
Gesundheit jeder Kultur werde durch drei Generationen bewahrt, die tatsächlich interagieren. Im Amerika von heute schaffen wir jedoch eine horizontale
Kultur, in der jede Altersgruppe von der anderen
getrennt ist. Wir verankern diese Trennungen sogar
institutionell.
Kleinkinder sind in Tagesstätten.
Kinder sind in der Schule, nach Alter getrennt.
Collegestudenten sind im Campus isoliert. Erwachsene sind am Arbeitsplatz. Alte Menschen sind im
Seniorenheim. Es ist an der Zeit, generationenübergreifende Institutionen zu bauen - Orte, an denen

*

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Großeltern und Enkel fröhlich über Malerei, Gesang
und Rhythmus kommunizieren können. Meine Mutter
und mein Vater verbrachten mehrere Jahre in einem
Seniorenheim, aber das Heim hatte auch eine
Kindertagesstätte, und jedes 3- oder 4jährige hatte
adoptierte Großeltern. Sie verbrachten die Nachmittage zusammen, malend, singend und nähend. Die
Künste sind in den späteren Jahren ebenso sinnträchtig wie am Anfang des Lebens. Carl Sandburg
schien mit einer besonderen Bedeutung über die
Kunst für die Älteren zu sprechen, als er schrieb:
"Als er die Grenzen der animalischen Bedürfnisse
überschritten hatte,
die bittere Linie der reinen Subsistenz,
gelangte der Mensch
zu den tieferen Ritualen seiner Gebeine,
zu den Lichtern, die heller waren als alle Gebeine,
zu der Zeit, Dinge zu überdenken,
zum Tanz, zum Lied, zur Geschichte,
oder den dem Träumen überlassenen Stunden als er diese Grenzen überschritten hatte."
Am Ende sind es die Künste, die den Lebenszyklus
zu einem vollständigen Zyklus werden lassen.

* * *

*

Seite 5

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Die Wissenschaft notiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ungebetene Gäste in der Landwirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von der Chemikalie zum Schädlingsbekämpfungsmittel ist ein weiter Weg&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Rundfunk und Fernsehen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Nachrichtenkommentar im amerikanischen Fernsehen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Kerigan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;670 Lizenzierte Fernsehsender in den USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kunstgeschichtliche Vorlesungen im Metropolitan Museum of Art&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Starkes Interesse in der Öffentlichkeit&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zu Beginn einer neuen Broadway-Saison&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Gedenktage im November 1959&lt;/strong&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wahljahr 1964&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Senatsmandat und Gouverneursposten - wichtige Stationen auf dem Wege ins Weiße Haus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Senatsmandate&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Gouverneurswahlen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die Welt der Frau&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Gleichberechtigung der Frau in Sowjetrussland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gleichberechtigung unter dem Kommunismus ist mehr theoretischer als praktischer Natur&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ein Panorama moderner Kunst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bedeutende und interessante Ausstellungen im wiedereröffneten Museum of Modern Art&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pierre-Bonnard-Ausstellung am 29. Oktober eröffnet&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Die Wissenschaft notiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mikroanalyse mit der Elektronenstrahl-Sonde&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Von Gert Weiss&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Weltraumforschung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sonnenwind auf krummen Wegen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Spiralstruktur des interplanetaren Magnetfelds durch Explorer XVIII nachgewiesen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die "ruhige Sonne" ist zu aktiv&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Raumfahrt&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kraftwerk des Apollo-Raumschiffs&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sonnenwärme als Energiequelle für Turbogengeneratoren&amp;nbsp;&lt;br /&gt;</text>
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