<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<itemContainer xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/browse?output=omeka-xml&amp;page=144" accessDate="2026-11-04T22:40:04+00:00">
  <miscellaneousContainer>
    <pagination>
      <pageNumber>144</pageNumber>
      <perPage>10</perPage>
      <totalResults>2223</totalResults>
    </pagination>
  </miscellaneousContainer>
  <item itemId="2135" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2146">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/90165c30c3a8c7d3d73b6afc61d8f47a.pdf</src>
        <authentication>dc8dc68f7cdfc1aa5b0ff35d01670de6</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10789">
                    <text>cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

.«**&gt;
14. März 1990

10

*TO

^

SP&amp; ^

«*»..^

^«Ä
&lt;ö*&lt; »

^Sjfr»'
ABRÜSTUNG

VEREINIGTE STAATEN:
CHANCEN IN DER RÜSTUNGSKONTROLLE: "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA -Direktor Lehman
im Senat

NATO

GALVIN BEKRÄFTIGT NATO-STRATEGIE,
HÄLT JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß
des Senats

UMWELT

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN
ERWÄRMUNG BREMSEN
Die Forschung nach alternativen
Betriebsstoffen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-33923 66
Telex: 8-85432

�ABRÜSTUNG
14. März 1990

VEREINIGTE STAATEN: CHANCEN IN DER
RÜSTUNGSKONTROLLE "BEISPIELLOS"
Rede von ACDA-Direktor Lehman Im Senat
WASHINGTON - (AD) - Die Ereignisse der vergangenen Monate in Osteuropa "eröffnen der amerikanischen
Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft beispiellose Chancen", erklärte Ronald F. Lehman II am 7. März
1990 im auswärtigen Ausschuß des Senats.
Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die Rüstungskontrollverhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat dem Leiter des Amts für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (ACDA) zufolge darüber hinaus die Tagesordnung erweitert.
Die Rüstungskontrollbestrebungen der Vereinigten Staaten sind "entscheidend, um in einem Zeitalter großer
Veränderungen und damit einhergehender großer Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze der
Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern", erklärte Lehman.
Nachfolgend veröffentlichen wir Lehmans Rede im Wortlaut.

Es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir Abstand
gewonnen haben und die Tragweite der Ereignisse
überblicken können, die in den vergangenen Monaten
die Welt in Atem gehalten haben, vom Fall der Berliner
Mauer bis zum Sturz kommunistischen Machthaber in
Osteuropa und jetzt auch in Mittelamerika. Wir können
jedoch hoffen, daß - wie Präsident Bush in seiner Rede
zum Amtsantritt erklärte -"... das Zeitalter der Diktaturen zu Ende geht und die alten Ideen wie Blätter von
einem toten Baum abfallen".

cherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und ihrer
Verbündeten dienen und einen dauerhaften und stabilen Frieden hervorbringen wird.

Diese Ereignisse bedeuten für die heutige Zeit eine
politische Revolution. Sie eröffnen der amerikanischen Rüstungskontrollpolitik in absehbarer Zukunft
beispiellose Chancen. Die Bush-Administration erkennt diese Chancen und sucht aufgrund dessen die
Rüstungskontroll verhandlungen nicht nur voranzutreiben und zu intensivieren, sondern sie hat darüber
hinaus die Tagesordnung erweitert.

Der Gang der Ereignisse hat die Welt - im übertragenen Sinne - "auf den Kopf gestellt". Wer hätte vor
einem Jahr damit gerechnet, daß der Außenminister
im Internationalen Ausschuß des Obersten Sowjets,
der wichtigsten Institution der Legislative in der Sowjetunion, auftreten würde - innerhalb der Kremlmauern?
Am 10. Februar 1990 hat Außenminister Baker genau
das getan und "Zeugnis abgelegt" von den amerikanischen Ansichten zu Veränderungen in der Sowjetunion. Solche dramatischen und beispiellosen Ereignisse
stärken unsere Hoffnungen, daß wir die Chancen der
Revolution nutzen müssen. Aber wir dürfen nicht die
Orientierung verlieren. Diesen Ereignissen sind Jahrzehnte geduldiger Anwendung wichtiger strategischer
und politischer Grundsätze vorausgegangen.

Die Chancen geben zu vorsichtigem Optimismus Anlaß. Wir sind optimistisch, daß größere Meinungsverschiedenheiten bei Verträgen oder Abkommen in einigen miteinander verknüpften Bereichen gelöst werden
können. Gleichzeitig erkennen wir, daß nur ein gesunder politischer und strategischer Realismus den Si-

Die Stärke des Westens hat den Frieden gesichert.
Die Fähigkeiten und die Geschlossenheit in der NATO
haben in Europa seit mehr als vierzig Jahren - und
damit dem längsten Zeitraum in seiner Geschichte den Frieden erhalten. Diese Entschlossenheit müssen wir beibehalten. Welchen Weg die Veränderun-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�gen in der Welt auch nehmen mögen, die nuklearen
und konventionellen Streitkräfte der Sowjetunion bleiben eine beträchtliche Bedrohung für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten. Diese Streitkräfte
bleiben auch nach Durchführung der vorgesehenen
Rüstungskontrollabkommen eine ernstzunehmende
Bedrohung.
Geographie ist an keine Zeit gebunden. Die Sowjetunion ist und bleibt die größte Macht auf der eurasischen
Halbkugel, auch wenn sie ihre konventionellen Streitkräfte erheblich reduziert. Im Gegensatz dazu sind die
Vereinigten Staaten durch einen Ozean von ihren
Verbündeten in Europa und Asien getrennt. Und die
aus Europa abgezogenen amerikanischen Streitkräfte
fallen deshalb als Teil des militärischen Gleichgewichts Eurasiens kaum ins Gewicht. Darum muß die
Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa aufrechterhalten werden.
Moralisch sind amerikanische und sowjetische Streitkräfte in Europa nicht miteinander vergleichbar. Bei
den in Osteuropa stationierten sowjetischen Streitkräften handelt es sich um Besatzungstruppen. Im Gegensatz dazu wurden die konventionellen und nuklearen Streitkräfte der Vereinigten Staaten als Bestandteil
der NATO in Westeuropa stationiert, im Rahmen eines
Bündnisses freier Nationen und um der offensiven
Bedrohung aus dem Osten mit einem Schild entgegenzutreten, hinter dem die Demokratien in Westeuropa
gedeihen konnten. Präsident Bush hat am 4. Dezember 1989 in Brüssel nach dem Gipfel mit Präsident
Gorbatschow in Malta erklärt: "Ich verspreche heute,
daß die Vereinigten Staaten weiterhin umfangreiche
Streitkräfte in Europa stationieren werden, solange die
Verbündeten unsere Präsenz als Teil gemeinsamer

Verteidungsbestrebungen wünschen."
Wenn wir mit unseren Verbündeten in ein Zeitalter
eintreten, in dem wir Containment überwinden und ein
kooperativeres Verhältnis zur Sowjetunion herstellen
können, gewinnt der Bereich Rüstungskontrolle zunehmend an Bedeutung. Die neue Phase der internationalen Beziehungen, insbesondere der politischen
Veränderungen in Osteuropa bringt sowohl beträchtliche Unsicherheit und Risiken als auch die Verheißung
von Freiheit und Demokratie mit sich. Die potentiellen
Vorteile von Rüstungskontrollabkommen, mit denen
Offenheit bei militärischen Aktivitäten und Berechenbarkeit bei militärischer Planung gefördert und damit
Risiken falscher Einschätzungen oder Fehlplanungen
verringert werden, können größere Bedeutung erlangen als das im Zeitalter der bekannten politischen
Parameter der Fall war. Unsere Rüstungskontrollbestrebungen sind entscheidend, um in einem Zeitalter
großer Veränderungen und damit einhergehender großer
Unsicherheit und Instabilität die beiden Grundsätze
der Stabilität und des friedlichen Wandels zu fördern.

Seite 2

Wichtige Ziele und Kriterien für Rüstungskontrole
Die im ersten Jahr der Bush-Administration zu beobachtenden intensivierten Rüstungskontrollbestrebungen entstanden aus dem Blickwinkel heraus, daß
Rüstungskontrolle nicht in einem politischen Vakuum
stattfindet und daß sie zwar einen wichtigen Beitrag
zur nationalen Sicherheit leistet, aber kein Ziel an sich
ist.
Waffen und Wettrüsten sind Symptome und nicht
Ursachen der zugrundeliegenden politischen Meinungsverschiedenheiten. Wir hoffen, daß "Glasnost", wie es
jetzt in der sowjetischen Innen- und Außenpolitik zutage tritt, die politischen Voraussetzungen für dauerhafte und strategisch bedeutungsvolle Rüstungskontrollabkommen, ein Ende militärischer Bedrohungen, aggressiver Absichten und totalitärer Praktiken schaffen
kann. Wir konnten in dieser Hinsicht einige positive
Anzeichen entdecken und suchen diese sehr vorsichtig zu fördern.
Die amerikanische Verteidigungspolitik der Abschrekkung dient zusammen mit Rüstungskontrollabkommen dem gemeinsamen Ziel, das Risiko eines Kriegsausbruchs - nuklear oder konventionell - zu verringern,
Aggression abzuschrecken und die Stabilität auf niedrigeren Streitkräfteniveaus zu erhöhen. Wir werden
jedes Rüstungskontrollabkommen und alle Bestimmungen eines potentiellen Abkommens nicht nur nach
der Zahl der reduzierten Waffen beurteilen, sondern an
diesen Maßstäben messen, bei denen uns drei Kriterien als Leitlinie dienen:
Wird Abschreckung beibehalten oder gestärkt?
Wird Stabilität bei den regionalen und strategischen Gleichgewichten verbessert?
Ist das Abkommen wirksam verifizierbar?
Der Erfolg der Rüstungskontrollstrategie der Administration
Unser ehrgeiziger Zeitplan spiegelt die bereits erzielten Fortschritte wider. Wir engagieren uns für einen
strikten Zeitplan von Verhandlungen, werden aber
zugunsten der Einhaltung von Terminen weder unsere
Maßstäbe herunterschrauben noch von unserem
Hauptziel abrücken. Angesichts rascher Veränderungen und gro ßer Unsicherheiten müssen wir manchmal
Vorsicht watten lassen. Bei anderer Gelegenheit müssen
wir schnell reagieren und die Führung übernehmen.
Wir haben das richtige Maß gefunden. Unsere Strategie war erfolgreich.
Unser Rüstungskontrollprogramm ist umfangreich und
unser Zeitplan ehrgeizig, weil der Erfolg unserer Strategie beispiellose Chancen eröffnet. Zum Beispiel hat
unser Beharren auf gleichzeitigen Fortschritten bei

AMERIKA DIENST 10

�Menschenrechten und Rüstungskontrollverhandlungen sowohl im Kontext der KSZE als auch in anderen
Foren Fortschritte in beiden Bereichen hervorgebracht.
Rüstungskontrolle schafft bei Symptomen von Spannungen Abhilfe während politische Reformen ihre
Ursachen beseitigen.
Verhandlungen über Sicherheitspolitik und politische
Reformen in Europa gehen Hand in Hand und bauen
aufeinander auf. Rüstungskontrollverträge, vertrauensbildende Vorschläge wie "Offene Himmel" fördern,
begleitet von strikten Verifizierungsmaßnahmen und
detailliertem Datenaustausch, Glasnost im militärischen Bereich, wodurch wiederum Glasnost im politischen Bereich Vorschub geleistet wird.
Im Januar dieses Jahres besuchte der Vorsitzende der
Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, in Wien
die erste historische Zusammenkunft von Offizieren
und Verteidigungsexperten aus 35 europäischen
Ländern und NATO-Mitgliedstaaten. In Gesprächen
über Militärdoktrin und Verteidigungshaushalte erklärte General Powell unseren Prozeß offener Debatten,
der den Verteidigungscharakter unserer Politik garantiert.
General Powell stellte heraus, daß die Vereinigten
Staaten nicht mehr für ihre Verteidigung ausgeben als
unbedingt erforderlich, aber dennoch die Verteidigung
im erforderlichen Maße aufrechterhalten. Wir werden
weder unsere Sicherheit aufs Spiel setzen noch unsere Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten vernachlässigen. Unsere Streitkräfte in Europa werden
so lange dort bleiben wie sie benötigt werden und
erwünscht sind - aber auch wirklich nur solange. General
Powell erinnerte die Welt daran, daß unsere Streitkräfte an eine demokratische Verfassung gebunden und
dem Rechtsstaat verpflichtet sind. Sie dienen der
Verteidigung der Freiheit, nicht deren Unterdrückung.
Nirgendwo auf der Welt sind die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Besatzungstruppen.
Beim Prozeß des Gebens und Nehmens in den Rüstungskontrollverhandlungen haben wir Flexiblität
bewiesen, wo immer dies erforderlich war, um den
berechtigten Sicherheitsinteressen aller Parteien entgegenzukommen, sind aber unseren Prinzipien treu
geblieben und haben unsere Interessen und die unserer Verbündeten hartnäckig verteidigt. Wir bestehen
auch weiterhin auf tragfähigen militärischen Abkommen, die wirksam verifizierbar sind, militärische Stabilität fördern und das Klima für echte politische Reformen in Osteuropa und auch in der Sowjetunion verbessern.
Leistungen Im ersten Jahr der Bush-Administration
Im ersten Jahr hat unsere Administration in der Rüstungskontrolle bereits beachtliche Leistungen erzielt.
Wir konnten eine Reihe neuer Abkommen mit der

AMERIKA DIENST 10

Sowjetunion schließen, etwa über:
die Verhinderung gefährlicher militärischer Aktivitäten,
vorherige Benachrichtigung über strategische
Übungen,
Klärung des Rechts der Durchquerung von
Territorialgewässern,
eine Regierungsvereinbarung über einen Datenaustausch zu chemischen Waffen und ein
Verifizierungsexperiment,
eine Vereinbarung über die Durchführung von
Verifizierungsbestimmungen des INF-Vertrags,
ein Rahmenabkommen über versuchsweise
Verifizierung und Stabilitätsmaßnahmen für die
Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START).
ein Abkommen zur Durchführung gegenseitiger
Demonstrationen der vorgeschlagenen Verfahren jeder Seite zur Verifizierung von Gefechtsköpfen auf ballistischen Raketen,
ein Abkommen zur gegenseitigen Vorführung
strategischer Bomber zur Erleichterung der
Verifizierung und
ein Abkommen zur Demonstration vorgeschlagener "einzigartiger Identifikationsmerkmale"
("tags") für die Verifizierung ballistischer Raketen.
Wir denken, daß dies erst der Anfang ist.
Offene Himmel
Der Vorschlag über Offene Himmmel ist das Ergebnis
einer Initiative, die Präsident Bush am 12. Mai 1989 in
einer Rede bei der Texas A and M University erläutert
hat. Sein vordringliches Ziel besteht darin, unbewaffneten Flugzeugen von NATO und Warschauer Pakt
den Überflug des jeweils anderen Gebiets zu gestatten. Die Idee wurde erstmals 1955 von Präsident
Eisenhower vorgetragen, von der Sowjetunion aber
abgelehnt. Doch haben sich die Zeiten seit dem Ende
der Stalin-Ära drastisch verändert. Heute, da die
Revolution in Osteuropa in vollem Gange ist, ist die
Zeit reif für diese Idee.
Es ist zwingend erforderlich, daß wir heute bestrebt
sind, ein neues und dauerhaftes Sicherheitssystem für
Europa aufzubauen - die militärische Seite dieser
Gleichung - um die dramatischen Veränderungen bei
den Regierungen zu vervollständigen - die politische
Seite der Gleichung. Solche Chancen werden sich
vielleicht so bald nicht mehr ergeben. Wenn wir
Abkommen zur Stabilisierung militärischer Beziehungen aushandeln, legen wir damit im Zeitalter der

Seite 3

�Revolutionen strategische Veränderungen fest, die
sich in einem nachrevolutionären Zeitalter nur schwer
rückgängig machen lassen. In dieser Hinsicht gehen
Rüstungskontroll- und politische Veränderungen Hand
in Hand und ergänzen sich gegenseitig.

Das Abkommen wird Bestimmungen über das
Recht auf Durchführung von Beobachtungsflügen mit unbewaffneten Flugzeugen und Geräten enthalten, die dem Ziel der Vereinbarung
nicht entgegenstehen.

Im neuen Europa sind "Offenheit", "Transparenz" und
"Berechenbarkeit" für die gemeinsame Sicherheit
unabdingbar. Wir müssen militärische Aktivitäten für
Inspektionen zugänglich machen, um Zwischenfälle,
Fehleinschätzungen und sogar vorsätzliche Überraschungsangriffe zu verhindern. Geheimhaltung muß
durch Treu und Glauben, Mißtrauen durch Vertrauen
und Unwissenheit durch Informationen ersetzt werden.

Die bloße Idee, daß 23 unabhängige Staaten darüber
verhandeln, ob sie ihren Luftraum zur Beobachtung
freigeben, ist ein bemerkenswerter politischer und in
der Geschichte beispielloser Akt, aber dies sind bemerkenswerte Zeiten.

Wir machen in diesem Bereich bei unseren Wiener
KSE- und den KSZE-Verhandlungen große Fortschritte. Diese bleiben wichtigste Bestandteile unserer
Mittel zur Stabilisierung der zentralen Front im neuen
Europa. Offene Himmel ergänzt und vervollständigt
diese Verhandlungen.
Im Gegensatz zu KSE handelt es sich bei Offene
Himmel um eine vertrauensbildende Maßnahme. Im
Rahmen unseres Vorschlags über Offene Himmel
werden die Teilnehmerstaaten militärische Aktivitäten
anderer Länder unabhängig von Tageszeit oder Witterungsbedinungen beobachten können. Offene Himmel erstreckt sich darüber hinaus auf die Territorien
aller 23 Teilnehmerstaaten - einschließlich Nordamerikas, Europas und Asiens. Offene Himmel entspricht
unserer Zeit und ist sicherlich die revolutionärste und
ehrgeizigste vertrauensbildende Maßnahme, die jemals vorgeschlagen wurde.
Auf Einladung der kanadischen Regierung sind die
Außenminister und Regierungsvertreter von 23 Ländern vom 12. bis 14. Februar 1990 in Ottawa zusammengetreten, um Verhandlungen über diesen Vorschlag aufzunehmen. Das Konzept stieß auf positive
Resonanz, die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten müssen im Frühjahr in Budapest ausgeräumt werden.
Im frühen Stadium dieser Verhandlungen möchte ich
die Ergebnisse hervorheben, die bei dieser bahnbrechenden Initiative erzielt wurden. Erstens wurde
Übereinstimmung erzielt, daß wir 1990 und vorzugsweise bei den Verhandlungen in Budapest versuchen
sollten, einen Konsens zu einer Initiative Offene Himmel zu erzielen.
Es wurde vereinbart, daß Offene Himmel auf
der Basis von Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit die Interessen eines jeden Teilnehmerstaates schützen soll.
Jeder Teilnehmerstaat wird auf der Basis jährlich festgesetzter Quoten das Recht haben, Beobachtungsflüge durchzuführen und die Pflicht,
diese zuzulassen.
Seite 4

Bevor wir zu euphorisch werden, möchte ich darauf
verweisen, daß wir uns noch im Verhandlungsstadium
befinden und Ost und West immer noch wichtige
Meinungsverschiedenheiten überwinden müssen. Die
wichtigsten sind die Differenzen zwischen dem vorgeschlagenen NATO-Konzept einer nationalen Durchführung von Überflügen und dem Ansatz des Warschauer Pakts, einen "Pool" von Flugzeugen einzurichten, der von allen Teilnehmerstaaten verwaltet
wird. Darüber hinaus sind wir uns noch nicht über die
Arten der Sensoren einig, die erlaubt oder verboten
sein sollen.
Trotz dieser Probleme ist die Bedeutung von Offene
Himmel als vertrauensbildendem Vorschlag von revolutionärer Dimension nicht zu unterschätzen. Die Idee
birgt ein gewaltiges Potential zur Gestaltung positiverer Ost-West-Beziehungen.
KSE
Die Fortschritte bei den Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erhielten Auftrieb
durch die gemeinsamen Bestrebungen des Präsidenten und anderer NATO-Politiker im Mai vergangenen
Jahres und durch den Bericht des Präsidenten zur
Lage der Nation. Diese Fortschritte sollten Ende
dieses Jahres den Abschluß eines Abkommens mit
einschneidenden Reduzierungen auf gleiche Niveaus
in wichtigen Bereichen der umfangreichen Streitkräfte
in Europa möglich machen. In Ottawa konnten wir uns
auf eine Obergrenze von 195 000 amerikanischen und
sowjetischen Soldaten der Land- und Luftstreitkräfte
im Bereich Europa Mitte einigen, wobei die Zahl der
andernorts stationierten US-Streitkräfte lediglich 30 000
betragen soll. Obwohl ein KSE-Abkommen insbesondere im Hinblick auf die Definition von Panzern, gepanzerten Kampffahrzeugen, Flugzeugen und Hubschraubern noch Hindemisse zu überwinden haben wird,
könnte der Abschluß eines Vertrages, wie er uns in
nahezu zwei Jahrzehnten der Verhandlungen vorschwebte, in greifbare Nähe gerückt sein.
Der KSE-Prozeß ist zentraler Bestandteil der amerikanischen Strategie, insbesondere angesichts der bahnbrechenden Veränderungen in Mittel- und Osteuropa.
Er repräsentiert ferner die komplexesten Verhandlungen, die jemals in der Geschichte der Diplomatie
stattgefunden haben. Dennoch wird in allen Lagern -

AMERIKA DIENST 10

�in Ost und West, öffentlich wie privat - die Auffassung
vertreten, daß 1990 der Abschluß der Verhandlungen
und die Unterzeichung eines umfassenden und verifizierbaren Vertrags zur Reduzierung von Waffen und
Truppen in Europa erfolgen soll.
Ein KSE-Vertrag ist genau jetzt entscheidend, weil wir
Zeugen des Zusammenbruchs eines politischen Systems in Osteuropa werden, das, solange wir denken
können, einen großen Teil Europas beherrscht hat.
Dies ist ein Zeitalter großer Hoffnungen und ebenso
großer Unsicherheit. In diesem Kontext müssen wir
uns vor Augen führen, daß die Sowjetunion ungeachtet ihrer Führung eine militärische Supermacht bleiben
wird. Die westliche Grenze der Sowjetunion ist lediglich 960 Kilometer von der Grenze der Bundesrepublik
entfernt. Auch mit den geplanten Truppenreduzierungen wird die Sowjetunion die im konventionellen Bereich überragendste Militärmacht auf dem Kontinent
sein. Angesichts einer Zeit anhaltender Instabilität, die
noch eine Weile bestehen kann, ist ein dauerhafter
Rahmen im militärischen Bereich eine Voraussetzung
für den politischen Prozeß der Demokratisierung.
Ein KSE-Vertrag ist für diesen Prozeß unabdingbar.
Er wird ein Eckpfeiler einer neuen politischen Ordnung
in einem stabilen und sicheren Europa mit niedrigeren
Streitkräfteniveaus sein.
Wir brauchen ein Vertragswerk für die international bindenden Verpflichtungen für eine neue
militärische Ordnung.
Wir brauchen ein Vertragswerk, um sicherzustellen, daß Reduzierungen und Beschränkungen, insbesondere wo sie das Territorium der
Sowjetunon betreffen, verifizierbar sind.
Wir brauchen ein Vertragswerk, das Zerstörung
und Demobilisierung von abgezogenen oder reduzierten Streitkräften zur Pflicht erhebt.
Schließlich kann nur ein vertragliches Regime
die Stabilität formalisieren und der in einem
wahrhaft demokratischen politischen Staatswesen in Osteuropa unerläßlichen militärischen
Offenheit und Transparenz einen institutionellen Rahmen geben.
Ich bleibe in dieser Hinsicht vorsichtig optimistisch.
Die KSE-Verhandlungen haben in der konventionellen
Rüstungskontrolle bereits zu revolutionären Veränderungen geführt und in weniger als einem Jahr geleistet,
was ihr Vorläufer (die Gespräche über beiderseitige
und ausgewogene Truppenreduzierungen - MBFR) in
nahezu 16 Jahren (1973 - 1989) nicht annähernd
zustande bringen konnten. Noch vor einem Jahr wäre
der jüngste amerikanische Vorschlag von 195 000
Mann auf beiden Seiten undenkbar gewesen. Im Falle
seiner Verwirklichung würde er bei den Sowjets eine
Verringerung um über 370 000 Mann in Ostmitteleuro-

AMERIKA DIENST 10

pa bewirken, während die Vereinigten Staaten in der
gleichen Region etwa 80 000 Mann abziehen würden.
In anderen Bereichen hat die KSE ebenfalls große
Veränderungen bewirkt. Dies gilt für den Informationsaustausch und Vor-Ort-Inspektionen, für die Kategorien zu reduzierender Streitkräftekomponenten (fünf
Waffenkategorien sowie amerikanische und sowjetische Soldaten) und die Arten der einzuführenden
Begrenzungen (Stationierungen im gesamten jeweiligen Bündnis, in einzelnen Ländern und im Ausland).
Wir haben die KSE jedoch noch nicht zum Abschluß
gebracht. In Ottawa stellten die Minister auch fest, daß
"noch viel zu tun bleibt, insbesondere zur Entwicklung
eines effektiven Verifizierungsregimes". Wir arbeiten
in der Regierung, mit unseren Verbündeten und mit
dem Osten schon sehr lange an diesem Problem. Um
die Verhandlungen voranzubringen, hat der Westen in
der vergangenen Woche den Entwurf eines Inspektionsprotokolls und zweier Vertragsartikel vorgelegt.
Wir hoffen, zu Beginn der nächsten Runde in drei
Wochen eine Antwort darauf zu bekommen.
Der Prozeß wird andauern - nicht nur bei den Wiener
KSE- und VSBM-Gesprächen, sondern auch in den
umfassenderen KSZE-Gesprächen. Diese Gespräche behandeln die Menschenrechte und damit zusammenhängende Fragen sowie Sicherheitspolitik.
START
Im vergangenen Jahr wurden erhebliche Fortschritte
bei START erzielt. Wir nähern uns dem erfolgreichen
Abschluß von Verhandlungen, die im Jahr 1982 begannen. Es stehen noch wichtige Probleme an, aber
die bei mehreren noch zu lösenden Fragen erzielten
Fortschritte prädestinieren START für einen baldigen
Verhandlungsabschluß. Eine Vereinbarung über die
wichtigsten Fragen bis zum Gipfeltreffen im Juni 1990
ist wahrscheinlich.
An einer breiten, beide Seiten betreffenden Front
schreiten wir kontinuierlich voran, um die Fragen zu
lösen, die uns noch von einer START-Vereinbarung
trennen. Diese Verhandlungen werden die strategische Stabilität für beide Seiten verbessern. Wir bewegen uns auf ein neues Zeitalter beiderseitiger Sicherheit auf der strategischen Ebene zu. Gleichzeitig
machen wir historische Schritte zu strengen Verifizierungsmaßnahmen vor Abschlu ß eines Vertrags. Dies
wurde durch den Vorschlag des Präsidenten zur Entwicklung von Verifizierungs- und Stabilitätsmaßnahmen noch vor Beendigung der START-Verhandlungen
ermöglicht.
Dazu gehören insbesondere:
- Inspektionen der schweren Bomber: Die Vereinigten
Staaten und die UdSSR haben sich verständigt, gegenseitig Vorführungen bestimmter strategischer (i.e.
"schwere") Bomber durchzuführen. Bei diesen Vor-

Seite 5

�führungen werden diejenigen Merkmale gezeigt, die
als Träger atomar bestückter, luftgestützter Marschflugkörper (ALCMs) ausgerüstete Bomber von anderen Bombern unterscheiden.
Dieser am 29. Januar 1990 erzielten Vereinbarung
zufolge wird jede Seite die Gelegenheit erhalten, ihren
Ansatz zur Unterscheidung schwerer Bomber vorzuführen. Gruppen von bis zu 10 Beobachtern werden
die operativen Luftwaffenstützpunkte der jeweils anderen Seite besuchen können, um die Fähigkeiten von
Bombern tatsächlich festzustellen und sich auf diesen
Luftwaffenstützpunkten umzusehen.
Die erste Vorführung wird von der Sowjetunion zur
Demonstration der TU-95 (BEAR) durchgeführt. Im
Gegenzug werden die Vereinigten Staaten sowjetischen Inspektoren verschiedene Varianten des B-1B
vorführen.
Danach werden beide Seiten die gewonnenen Erfahrungen anwenden, um das Inspektionsprotokoll für
den abzuschließenden START-Vertrag fertigzustellen.
- Demonstrationen zur Identifizierung: Um Präsident
Bushs Vorschlag vom Juni 1989 zu verwirklichen, sind
die Vereinigten Staaten und die UdSSR übereingekommen, einzigartige Identifikationsmerkmale für ballistische Raketen einzusetzen (das sogenannte "tagging), ein Verfahren, bei dem die Rakete selbst einer
besonderen Identifizierungsmethode unterworfen wird,
um ihren Typ zu bestimmen. Der Vereinbarung zufolge müssen diese "Abzeichen" strengen Verifizierungsnormen entsprechen - Lesbarkeit, Haltbarkeit, NichtÜbertragbarkeit und so weiter. Das sowjetische

SLBM vom Typ Trident II beginnen, die Sowjets mit
ihrer ICBM vom Typ SS-18 und der SLBM vom Typ
SS-N-23.
Dies sind herausragende Beispiele für die bei den
Maßnahmen zur nuklearen Rüstungskontrolle in jüngster Vergangenheit erzielten Erfolge. Vergleicht man
dies mit der länger zurückliegenden Vergangenheit, so
sind die heute erzielten Fortschritte wahrhaft bemerkenswert.
Die Verhandlungen über strategische Waffen sind in
ein neues Stadium eingetreten und schreiten mit neuem
Tempo voran. Als Ergebnis von drei hochrangigen
Treffen, die im September 1989 in Wyoming, im Dezember 1989 vor Malta und im Februar 1990 in Moskau
stattfanden, liegt ein START-Abkommen heute in
greifbarer Nähe. In Malta kamen Präsident Bush und
Präsident Gorbatschow überein, bei den START-Verhandlungen die Suche nach Lösungen der wichtigen
noch ausstehenden Fragen bis zum Juni 1990 zu
beschleunigen. Außenminister Baker hat erklärt, es
könnte noch sechs Monate dauern, bis alle Einzelheiten geklärt seien, aber die Hoffnung auf einen Vertrag
in diesem Jahr sei realistisch.
Bei dem unlängst in Moskau erfolgten Außenministertreffen wurden in der Tat wichtige Fortschritte auf dem
Weg zu diesem Ziel gemacht.
- Bei den luftgestützten Marschflugkörpern wurde ein
Gesamtansatz im Hinblick auf Zählweise, Umrüstung
und Definitionen schwerer Bomber vereinbart. Ähnliche Vereinbarungen zur Zahl von Gefechtsköpfen auf
nuklear bestückten Marschflugkörpern, Behandlung
von nur mit konventionellen Bomben bestückten

"Abzeichen" ist dem amerikanischen Prototyp sehr

Bombern sowie Unterscheidung zwischen nuklearund

ähnlich - ein eindeutiges Plastikmaterial, in das reflektierende Kristalle eingearbeitet sind, um eine Unterscheidung von anderen Objekten oder anderen Raketen zu ermöglichen.

konventionell bestückten ALCMs wurden ebenfalls
abgeschlossen. Über die Reichweite der ALCMs muß
jedoch noch verhandelt werden.

- RV-lnspektionen: Die Vereinigten Staaten und die
UdSSR haben ferner am 22. Januar 1990 eine Vereinbarung zur gegenseitigen Vorführung unserer jeweiligen Verfahren unterzeichnet, um zu bestimmen, daß
die zulässige Zahl der Wiedereintrittskörper ("RVs")
auf einer ballistischen Rakete nicht überschritten wird.
Mit diesen Versuchsinspektionen gestatten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion zum ersten Mal in
der Geschichte gegenseitige Vor-Ort- Inspektionen unter
Einbeziehung der nuklearen Gefechtsköpfe auf den
jeweiligen ballistischen Raketen. Solche Inspektionen
sind auch in den Vorschlägen Präsident Bushs vom
Juni 1989 enthalten, vor der Vertragsunterzeichnung
beiden Seiten das Sammeln praktischer Erfahrungen
bei Verifikation und Stabilitätsmaßnahmen zu gestatten. Der Vereinbarung zufolge wird jede Seite die
Verfahrensweise bei zwei ihrer Raketen vorführen,
einer ICBM und einer SLBM. Die Vereinigten Staaten
werden mit der ICBM vom Typ Peacekeeper und der

Seite 6

- Bei den seegestützten Marschflugkörpern (SLCMs)
ergab das Moskauer Treffen die Entwicklung einer
parallelen, bindenden Erklärung, die außerhalb eines
formellen Vertrags von beiden Seiten abgegeben werden
soll.
- Zu nichtstationierten ballistischen Raketen (NDMs)
verständigten sich beide Seiten auf zahlenmäßige
Obergrenzen und nahmen eine Zuordnung von Gefechtskopfgrenzen für ICBMs vor, die von mobilen
Abschuß Vorrichtungen aus im Flug erprobt werden.
Die anderen Kategorien nichtstationierter Marschflugkörper und schwerer Bomber würden davon nicht
erfaßt. Darüber hinaus wurde eine Regelung zur
Definition von Standort und Verlegung nichtstationierter ballistischer Raketen getroffen.
- Zur Verweigerung von Daten (DD) erzielten wir bei
wichtigen Elementen Übereinstimmung, um die Übermittlung telemetrischer Daten bei der Flugerprobung
von ballistischen Raketen, die unter den STARTAMERIKA DIENST 10

�Vertrag fallen, zu gewährleisten. Diese Punkte werden
in den START-Vertrag einbezogen werden. Ihre
Anwendung wird jedoch durch einen Schriftwechsel
schon früher beginnen.
Fortschritte dieser Art werden immer mehr zu einem
Charakterzug unserer Zeit. Wir haben bei START
große Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu
tun. In Moskau haben die Vereinigten Staaten zum
Beispiel neue Vorschläge im Hinblick auf Verifizierung
mobiler ICBMs, Vertragsdauer, zeitliche Abfolge der
Reduzierungen und Zuordnung von Gefechtsköpfen
gemacht. Die Sowjets legten ihrerseits neue Vorschläge auf den Tisch, die eine Umgehung der Vereinbarungen verhindern sollen.
Über diese und andere ausstehende Fragen muß in
Genf noch verhandelt werden. Ernste Meinungsverschiedenheiten bleiben bestehen, aber ich bin davon
überzeugt, daß der Weg zu einem Vertrag weiterhin
offen ist.
Wir sollten uns daran erinnern, daß ein START-Vertrag nur ein Element in der nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten ist. Er wird weder
traditionelle geopolitische, wirtschaftliche oder ideologische Gegensätze ausräumen noch den "Geist" des
Atomzeitalters wieder in die Flasche zwingen können.
Atomwaffen, Luft- und Seestreitkräfte werden bestehen bleiben, und sowohl die Sowjetunion als auch die
Vereinigten Staaten werden als militärische Großmächte weiterhin in ihren Beziehungen zueinander mit
Schwierigkeiten konfrontiert sein. Der Krieg ist immer
noch nicht aus unserem Gedächtnis verschwunden,
aber wenn wir Erfolg haben, sollte er in Zukunft weit in
den Hintergrund treten. Das ist unser Hauptziel bei
unseren strategischen Verhandlungen mit der Sowjetunion - die Sicherheit beider Staaten zu verbessern
und im Zuge dessen einer Welt, die bereits viel zu stark
durch Waffen und Spannungen belastet ist, ein gewisses Maß an Ordnung und Stabilität zu verleihen.
Weltraumverteidigung
Wir haben die Absage der Sowjetunion an ein Junktim
zwischen einem START-Vertrag und einem ebenfalls
zur Verhandlung stehenden Vertrag über Weltraumverteidigung begrüßt. Wir haben in Genf einen neuen
Entwurf für einen Vertrag über Weltraumverteidigung
vorgelegt, der dieser Tatsache Rechnung trägt, und
wir werden unsere Bemühungen fortsetzen.
Ein Hauptziel der Vereinigten Staaten bei den Gesprächen über Weltraumverteidigung besteht darin, die
Verhandlungen über vertrauensbildende Maßnahmen
im Hinblick auf eine Verteidigung gegen ballistische
Raketen zu erleichtern und damit ein notwendiges
Element gegenseitiger Berechenbarkeit und Stabilität
bereitzustellen. Auf Einladung Außenminister Bakers
besuchte eine Gruppe von 10 sowjetischen Experten
die ALPHA-Lasereinrichtung der Firma TRW in Kali-

AMERIKA DIENST 10

fornien und die mit neutralen Teilchenstrahlen operierende Einrichtung für das raketengestütze Strahlenexperimet (Beam ExperimentAboardRocket-BEAR)
des Los Alamos National Laboratory (14. -19. Dezember). Mit diesen Besuchen erhielt die Sowjetunion eine
Gelegenheit, zu untersuchen, wie die von den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen vertrauensbildenden
Maßnahmen funktionieren würden. Der sowjetischen
Gruppe wurde also ein einzigartiger Einblick in die
amerikanischen Forschungsmaßnahmen zu künftigen
Waffen gestattet, und zwar Jahre vorderen möglichem
Auftreten als stationierte Systeme.
In den Gesprächen über Weltraumverteidigung (DST)
mit der Sowjetunion in Genf streben die Vereinigten
Staaten weiterhin nach einer Vereinbarung über einen
kooperativen Übergang zu einem stabileren nuklearen
Gleichgewicht, das sich zunehmend auf strategische
Verteidigungssysteme stützen würde, falls diese sich
als machbar erweisen sollten, und gleichzeitig danach,
die Optionen der Vereinigten Staaten zur Stationierung solcher strategischer Verteidigungssysteme zu
bewahren, wenn diese einsatzbereit sind. Zu diesem
Zweck haben die Vereinigten Staaten im Dezember
1989 einen überarbeiteten Entwurf für einen Vertrag
über Weltraumverteidigung vorgelegt. Dieser Entwurf
bewahrt die zentralen Elemente der beim Washingtoner Gipfel im Dezember 1987 erzielten Übereinkunft
und spiegelt die Ergebnisse des Ministertreffens in
Wyoming im September 1989 wider. Der neue amerikanische Vorschlag beinhaltet femer den Entwurf für
ein Protokoll über Maßnahmen zur Verbesserung der
Berechenbarkeit, den amerikanischen Vorschlag über
weltraumgestützte Sensoren und die amerikanische
Initiative über Weltraumerprobung.
Weiterhin bestehen jedoch zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten über Fragen der Weltraumverteidigung. Die Sowjets möchten der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) Beschränkungen auferlegen.
Sie favorisieren überdies ein Protokoll zum ABMVertrag anstelle eines neuen Vertrags über Weltraumverteidigung als Mittel zur Lösung von Fragen der
Weltraumverteidigung. Beim Ministertreffen in Wyoming erklärten die Sowjets, sie ließen ihr Junktim
zwischen dem Abschluß eines START-Abkommens
und einem Vertrag über Weltraumverteidigung fallen.
Die Vereinigten Staaten begrüßen dies und sind der
Ansicht, daß die Verträge über START und Weltraumverteidigung unabhängig voneinander betrachtet werden müssen.
TTBT und PNET
Beim äußerst erfolgreichen Treffen zwischen den
Außenministern Schewardnadse und Baker in Wyoming wurde ein Durchbruch bei den Verhandlungen
über Verifizierungsprotokolle zum Schwellenvertrag
(TTBT) und zum Vertrag über Atomexplosionen zu
friedlichen Zwecken (PNET) erzielt. Die Minister verSeite 7

�einbarten, daß hydrodynamische und seismische
Messungen sowie Vor-Ort- Inspektionen als Verifizierungsinstrumente bei den unterirdischen Atomtests
beider Länder Anwendung finden sollen. Beim Ministertreffen in Moskau wurden Vereinbarungen über die
Standorte der drei in jedem Land zu schaffenden
Meßstationen getroffen. Eine solche Vor-Ort-Messung von Atomtests ist einmalig in der Geschichte der
Rüstungskontrolle.

Administration auch in bilateralen Verhandlungen mit
der Sowjetunion aktiv. Beim Moskauer Ministertreffen
haben beide Seiten bekräftigt, daß chemische Waffen
weltweit beseitigt werden müssen. Sie verständigten
sich auf einen Rahmen, um dieses Ziel zu erreichen,
darunter Verhandlungen über ein bilaterales Abkommen zur Vernichtung chemischer Waffen, das beim
Gipfeltreffen im Juni unterzeichnet werden soll.
Nichteinhaltung

In Malta bekräftigten die Präsidenten Bush und Gorbatschow ihren Wunsch nach Unterschriftsreife der
Protokolle zu TTBT und PNET bis zum Gipfeltreffen im
Juni 1990. Dieser Punkt wurde von den Außenministem Baker und Schewardnadse bei ihrem Moskauer
Treffen erneut bestätigt.
Dies sind wichtige Maßnahmen auf dem Weg zur
Verbesserung der beiderseitigen Stabilität auf der
strategischen Ebene. Dies bedeutet jedoch nicht das
Ende der Atomtests. Die Vereinigten Staaten müssen
in der Tat Atomtests durchführen, solange sie eine
entscheidende Rolle für die nationale Sicherheit spielen.

Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich dem Ausschuß ins Gedächtnis rufen, daß der Präsident am 23.
Februar 1990 dem Kongreß die geheime und die
freigegebene Fassung des siebten Berichts über die
sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollvereinbarungen zugeleitet hat. Dies bleibt ein wichtiges
Element unseres Gesamtansatzes zur Rüstungskontrolle. Nicht nur ist dies eine andauernde Erinnerung
an die zentrale Bedeutung der Einhaltung als conditio
sine qua non jedes bedeutenden Vertrags, sondern es
unterstreicht ferner der Sowjetunion wie auch der
Öffentlichkeit im Westen gegenüber die entscheidende Bedeutung, die diese Administration der Einhaltung
beimißt.

Chemische Waffen
Im Jahr 1984 legte der damalige Vizepräsident Bush in
Genf einen amerikanischen Vertragsentwurf vor, der
Entwicklung, Produktion, Lagerung, Weitergabe und
Einsatz chemischer Waffen weltweit untersagt. Dieses Jahr verfolgte der Präsident sein persönliches
Engagement für ein solches Verbot weiter, indem er
der UNO-Generalversammlung Vorschläge präsentierte, um ein solches Abkommen zu beschleunigen,
darunter die Vernichtung sämtlicher C-Waffenbestände nach Beitritt aller C-waffenfähigen Staaten zu diesem Vertrag.
Der Vertragsentwurf ist zur Zeit Verhandlungsgegenstand bei der Genfer Abrüstungskonferenz, an der 40
Staaten teilnehmen. Nach fast sechsjährigen Verhandlungen gibt es immer noch Bereiche, in denen
große Meinungsverschiedenheiten bestehen. Eine
wirksame Verifizierung ist entscheidend und bildet
zugleich das schwierigste zu lösende Problem.
Da chemische Waffen relativ preiswert, leicht herzustellen und zu verbergen sind, kommen sie besonders
für Machenschaften von Lieferanten und Herstellern in
Frage, die - häufig auf verschlungenen Pfaden über
Mittelsmänner und Schmuggler - versuchen, den
Charakter ihrer Transaktionen zu verschleiern. Die
Umgehung von Exportkontrollen ist deshalb relativ
einfach und schwer zu verhindern. Trotzdem bleiben
die Vereinigten Staaten das führende Land bei den
Bemühungen zur Beendigung dieser gefährlichen
Aktivitäten. Unsere Bemühungen werden noch intensiviert.
Neben unseren multilateralen Anstrengungen war die

Seite 8

Ich kann diesem Ausschuß versichern, daß die Administration weiterhin auf die peinlich genaue Einhaltung
aller Abkommen seitens der Sowjets drängen wird und
daß mit dem Näherrücken mehrerer neuer und entscheidender Verträge die Vertragseinhaltung weiterhin unser zentrales Anliegen sein wird. Dies gilt sowohl
für die neuen als auch für die bereits bestehenden
vertraglichen Regelungen.
Ein Regime sich ergänzender Verträge
Wir befinden uns inmitten einer umfassenden Entwicklung in Richtung auf ein Regime von Rüstungskontrollabkommen, die sich auf einer Reihe verschiedener
militärischer Ebenen gegenseitig ergänzen: START,
KSE, Offene Himmel, Offene Länder, Maßnahmen zur
Berechenbarkeit, bilaterale Reduzierungen und ein
multilaterales Verbot chemischer Waffen, neue Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen in Europa, effektive Verifizierung zweier Verträge über
Atomtests. Wenn diese Verträge letztlich abgeschlossen sind und wiederum neue sich bereits abzeichnen,
werden sie - in Zusammenhang mit früheren wie dem
INF-Vertrag, dem Zentrum zur Verringerung des nuklearen Risikos, dem Stockholmer Abkommen über
die Inspektion militärischer Übungen in Europa und
anderen - ein sich wechselseitig ergänzendes Geflecht
von Vereinbarungen bilden, das auf die Verbesserung
der Sicherheit in Europa, den Vereinigten Staaten und
Kanada gerichtet ist. Wenn dieses immer dichtere
Geflecht von Rüstungsbeschränkungen auf mehr
Freiheit und Offenheit in den Staaten Osteuropas und
der Sowjetunion trifft, können wir wahrlich sagen, daß
wir in ein neues Zeitalter der internationalen Beziehun-

AMERIKA DIENST 10

�gen nach dem kalten Krieg eingetreten sind. Wir
versprechen keine Utopien, noch werden wir den
Charakter des Menschen oder das internationale
Staatensystem ändern. Aber wir bewegen uns ständig
und umsichtig auf realistische Ziele strategischer
Stabilität auf erheblich reduzierten Streitkräfteniveaus
zu.
Sorgen über Weiterverbreitung dürfen nicht vernachlässigt werden
Im Hinblick auf Freiheit und Sicherheit in anderen,
krisengeschüttelten Regionen der Welt haben wir noch
einen weiten Weg zurückzulegen. In vielen Regionen
beobachten wir die fortschreitende Verbreitung chemischer Waffen und ballistischer Raketen, zusammen
mit echter Besorgnis über die zusätzliche Weiterverbreitung nuklearer Waffen. Während wir in derzweiten
Hälfte dieses Jahrhunderts den Frieden in Europa
bewahrt haben, beobachteten wir im gleichen Zeitraum einen Rüstungswettlauf in anderen Bereichen
und über einhundert bewaffnete Konflikte mit Millionen
Toten und Verwundeten.
Wir bemühen uns darum, dieser gefährlichen Form der
Verbreitung von Waffen Einhalt zu gebieten. Wir
erkennen an, daß ein erfolgreicher Abschluß dieser
Bemühungen einen langen Prozeß erfordert und daß
viele dieser Konflikte ihre Wurzeln in traditionellen
religiösen und ethnischen Faktoren haben. In diesem
Zusammenhang macht der schockierende Einsatz
chemischer Waffen im Mittleren Osten in einem einzigen Augenblick jegliches Erfolgsgefühl beim Versuch

*

AMERIKA DIENST 10

* *

zunichte, den Einsatz chemischer Waffen zu verbieten
und ihre Ausbreitung zu verhindern. Gleichzeitig führen uns diese Beispiele des andauernden Einsatzes
chemischer Waffen vor Augen, warum wir bei dieser
schwierigen, mühsamen Aufgabe nicht nachlassen
dürfen. Die Staaten Europas, einschließlich der Mitglieder von NATO und Warschauer Pakt, haben bedeutende Fortschritte dabei erzielt, die Fragen der
gegenseitigen Sicherheit in den Griff zu bekommen.
Die Zeit ist nun reif für andere Staaten in der ganzen
Welt, ein vergleichbares Engagement und ähnliche
Leistungen unter Beweis zu stellen.
Wir streben eine sicherere Welt für die nächste Generation an. In vielen Bereichen haben wir Fortschritte
erzielt, aber unsere Arbeit dauert an. Der Kampf für
eine vollständig freie und sichere Welt wird niemals
aufhören. Wir haben eine Strategie für Frieden und
Freiheit, sie funktioniert, und das wird auch weiterhin
so sein.
Als Direktor des ACDA bin ich stolz, sagen zu können,
daß wir unsere Anstrengungen bei der Rüstungskontrolle verdoppeln. Wir konzentrieren unsere Bemühungen noch stärker auf die in allen Bereichen vor uns
liegenden Aufgaben. Wir nutzen unsere spärlichen
Mittel auf das Beste. Die Moral ist hervorragend,
insbesondere seit wir uns der Tatsache bewußt sind,
daß unsere Behörde wahrscheinlich nie zuvor solch
wertvolle Beiträge erbringen konnte wie dies heute der
Fall ist.

*

*

Seite 9

�NATO
14. März 1990

GALVIN BEKRÄFTIGT NATOMSTRATEGIE, HÄLT
JEDOCH ÄNDERUNGEN FÜR MÖGLICH
Erklärung vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - In einer Erklärung vor einem Senatsunterausschuß für auswärtige Angelegenheiten
bekräftigte der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa, General John Galvin, am 7. März 1990 seine Unterstützung für die Strategie der flexiblen Reaktion und der Vorneverteidigung, schloß jedoch die Möglichkeit
"bahnbrechender Veränderungen in der Zukunft" nicht aus.
Galvin erklärte, die künftige NATO-Strategie sei stark von den noch bevorstehenden Entwicklungen in Europa,
insbesondere der Wiedervereinigung Deutschlands, abhängig. Aufgrund der Unsicherheit und potentiellen
Instabilität in Europa "müssen wir unsere gegenwärtige Strategie aufrechterhalten und weiter unterstützen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung General Galvins im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, ich
danke Ihnen für die Möglichkeit, hier eine Erklärung
abgeben und die Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa sowie den künftigen Weg der NATO
aus einer militärischen Perspektive beleuchten zu
können.
Die Veränderungen, die sich im vergangenen Jahr in
Europa ergeben haben, entziehen sich nahezu unserer Vorstellungskraft. Nie zuvor haben sich Regierungen und politische Systeme so rasch verändert. Seit
letzten Oktober gab es in Rumänien und der Tschechoslowakei je zwei Regierungen, in Bulgarien drei
und in der DDR vier. Dies ist jedoch möglicherweise
nur ein Vorgeschmack kommender Ereignisse. Bis
Juni sind Wahlen in den baltischen Republiken, in
Ungarn, Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien und der
Tschechoslowakei angesetzt. Wahlen sind jedoch
nicht das einzige Anzeichen des sich in Europa vollziehenden Übergangs. In der Sowjetunion kam es zu
ernsten politischen Unruhen, die in einigen Fällen mit
Gewalt und Blutvergießen einhergingen. Es gab große Streiks von Arbeitern in der Ukraine und Sibirien,
Proteste in der Moldau-Republik, Gewalt in Georgien,
Forderungen nach Autonomie und sogar Unabhängigkeit der baltischen Republiken, Unruhen in Kasachstan, das Wiederaufleben ultrakonservativer Kräfte in
Rußland und praktisch Bürgerkrieg in Aserbaidschan
und Armenien. Diese tiefgreifenden Veränderungen
haben eine Reihe von Fragen im Hinblick auf die
AMERIKA DIENST 10

Zukunft der amerikanischen Militärpräsenz in Europa
und des Atlantischen Bündnisses aufgeworfen.
An diesem Wendepunkt ist es wichtiger denn je, daß
wir uns über unser Ziel und den Weg dorthin klar sind.
Meines Erachtens haben wir bereits eine Vision des
Friedens in Europa- eines beschützten Friedens -, der
auf einem Geflecht unterzeichneter, verifizierter und
unumkehrbarer Verträge aufbaut. Diese Vision ist
nicht neu, sie ähnelt dem Traum Woodrow Wilsons
vom Völkerbund und den Hoffnungen Franklin Roosevelts im Hinblick auf die Vereinten Nationen. Der
grundsätzliche Unterschied besteht heute darin, daß
wir ein besseres Verständnis dessen besitzen, was für
die Verwirklichung dieser Vision nötig ist.
Im Jahr 1947, als die Hoffnungen auf eine Nachkriegsordnung im Schwinden begriffen waren, entwickelten
westliche Staatsmänner ein Konzept für die Zukunft,
das auf politischen und wirtschaftlichen Realitäten
basierte - auf der Kunst des Möglichen. Sie bauten
Europa mit Hilfe des Marshall-Plans wieder auf, sie
unterstützten mit den Vorläufern der Europäischen
Gemeinschaft die politische Integration, und mit der
Gründung der NATO trugen sie dazu bei, militärischen
Schutz zu gewährleisten. Aufgrund der Weitsicht
dieser Staatsmänner sind wir der Verwirklichung unserer Vision einen Schritt nähergekommen. Sie haben
jedoch mehr getan, als uns voranzubringen, sie haben
uns eine Lehre erteilt. Sie lehrten uns, daß zum
Seite 1

�Erreichen unseres Ziels Geduld, Ausdauer und Opferbereitschaft erforderlich sind.
Die in Osteuropa und derSowjetunion erfolgten Veränderungen haben unleugbar die vom Warschauer Pakt
ausgehende militärische Bedrohung verringert. Aber
Instabilität ist ein zweischneidiges Schwert. Während
sie die vom Osten ausgehende Gefahr verringerte, hat
sie die Zukunft unberechenbar gemacht. Vor fünf
Jahren wäre es nahezu unmöglich gewesen, die Ereignisse von 1989 vorauszusagen. Heute ist es nahezu
ebenso schwierig, die Ereignisse des nächsten Jahres
zu prognostizieren. Ob die kommenden Jahre zu
Konflikten oder Konfrontationen führen, hängt großenteils von den Entscheidungen ab, die wir heute fällen.
Indem wir im Bereich der Rüstungskontrolle energische Anstrengungen unternehmen, sind wir dabei, ein
Fundament für die Zukunft zu legen. Gegenwärtig
verwirklichen wir mehrere Abkommen. Im Jahr 1988
begannen wir mit der Durchführung der Bestimmungen des INF-Vertrags. Heute haben wir nahezu 50
Prozent des Wegs bis zum Abzug einer gesamten
Kategorie nuklearer Waffen aus Europa zurückgelegt.
Gleichzeitig halten wir uns an die im Jahr 1986 unter
dem Schirm der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa abgeschlossenen Vereinbarungen. Bis heute haben die NATO-Länder 39 Inspektionen und Beobachtungsreisen zu östlichen Manövern
durchgeführt, während der Osten 42 Manöver bei uns
inspiziert und beobachtet hat. Diese Vereinbarungen
sind nicht nur um ihrer selbst willen bedeutungsvoll,
sondern auch deshalb, weil sie unser Vertrauen in die
Bereitschaft des Ostens gestärkt haben, Rüstungskontrollvereinbarungen einzuhalten und umgekehrt
wahrscheinlich auch das Vertrauen des Ostens in uns.
Die wichtigsten der laufenden Verhandlungen sind die
derzeit in Wien stattfindenden Gespräche über konventionelle Streitkräfte in Europa. Mit der Zustimmung, Millionen Tonnen von Kampfgerät zu zerstören,
stellen die Sowjets ihre zukünftige Sicherheitspolitik
und ihre Bereitschaft unter Beweis, ein Mitglied der
internationalen Staatengemeinschaft zu werden. In
diesem Tenor verspricht das Ergebnis dieser Verhandlungen zum entscheidendsten Abkommen im
Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle zu
werden, das je erzielt wurde. Gleichzeitig hoffen wir
auf Fortschritte bei der 50prozentigen Reduzierung
der strategischen Nuklearstreitkräfte, Gesprächen in
bilateralen und multilateralen Foren über die Verringerung chemischer Waffen, verstärktem Vertrauen in die
andere Seite durch "Offene Himel" und die VSBMVerhandlungen sowie bei den Vorbereitungen für einen zukünftigen Sicherheitsrahmen durch kontinuierliche Teilnahme am KSZE-Prozeß.
Sobald ein KSE-Abkommen ausgehandelt, unterzeichnet und verwirklicht worden ist, können wir einen
Vertrag über Kurzstreckensysteme (SNF) in Erwägung ziehen. Eine landgestützte kriegsschauplatzge-

Seite 2

«•

bundene Abschreckung wird weiterhin erforderlich und
nach wie vor integraler Bestandteil unserer Strategie
sein. Dennoch könnten wir unsere Bestände auf
niedrigere Niveaus reduzieren.
Insgesamt gesehen, bieten diese Rüstungskontrollinitiativen größere Aussicht auf ein sicheres Europa als
irgendeine andere Initiative im zwanzigsten Jahrhundert. Ausgehandelte Verträge sind sehr viel wünschenswerter als einseitige Reduzierungen. Ohne
einen bindenden Vertrag und die damit einhergehenden Verifizierungsmaßnahmen können einseitige
Reduzierungen rückgängig gemacht werden. Wir
könnten in die unangenehme Lage geraten, unsere
Streitkräfte abzuziehen, ohne daß die von der anderen
Seite vorgenommenen Reduzierungen von Dauer sind.
Eine Reihe von Sicherheitsexperten hat das Argument
vorgebracht, die politische Situation in Europa habe
sich bereits grundlegend gewandelt und damit auch
unsere Verteidigungserfordernisse. Zusätzlich zu dem
offensichtlichen Umschwung in Ost- und Mitteleuropa
verweisen sie auch auf die ihrer Ansicht nach neue
militärische Situation, die durch den einseitigen Abzug
von sechs sowjetischen Divisionen aus Osteuropa und
Moskaus Zustimmung, die Streitkräfte aus Ungarn
und der Tschechoslowakei abzuziehen, entstanden
ist. Sie stellen ferner die beachtlichen Auswirkungen
der asymmetrischen Reduzierungen fest, die als Ergebnis des KSE-Abkommens erfolgen werden. Es
besteht kein Zweifel daran, daß sich die Situation in
Europa grundlegend gewandelt haben wird, wenn alle
diese politischen und militärischen Maßnahmen verwirklicht worden sind.
Diese Veränderungen haben jedoch noch nicht stattgefunden. Bis heute hat die Perestrojka die Sowjetunion noch nicht erfaßt; Demokratie und freies Unternehmertum müssen in Osteuropa noch institutionell verankert werden, und die Bedingungen einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten sind noch nicht
ganz klar. Bis dahin bleibt die Sowjetunion die stärkste
Land- und Luftstreitmacht der Welt und produziert
weiterhin mehr militärisches Gerät als irgendeine andere
Nation. Die UdSSR hat über 185 aktive Divisionen,
von denen rund 125 auf Europa ausgerichtet sind.
Ungefähr 75 dieser Divisionen verfügen über 50 Prozent ihrer vollen Schlagkraft und 40 über 75 Prozent
und mehr.
Während die Sowjets die angekündigten einseitigen
Reduzierungen in einem vernünftigen Zeitrahmen
vorgenommen haben, ist ihre Kampffähigkeit durch
Modernisierung, Umstrukturierung und Stationierung
der verbleibenden Streitkräfte in keiner Weise eingeschränkt worden. Obwohl beispielsweise im vergangenen Jahr drei Panzerdivisionen aus der DDR und
der Tschechoslowakei abgezogen wurden, sind dort
immer noch entscheidende Elemente dieser Einheiten
stationiert. Die Panzer wurden abgezogen, aber die
Anzahl moderner Artilleriesysteme auf Selbstfahrlafet-

AMERIKA DIENST 10

�te, gepanzerter Truppenfahrzeuge und Schützenpanzer ist gleich geblieben und hat sich in einigen Fällen
noch erhöht. Darüber hinaus wurde die Qualität dieser
Systeme zusammen mit der Luftverteidigung und den
Führungsfähigkeiten verbessert und modernisiert.
Kurzum: Die Sowjets strukturieren ihre Streitkräfte in
einer solchen Weise, daß sich das Kampfpotential pro
Einheit seit 1988 nur geringfügig verringert hat.
Eine große Gefahr beim Nachdenken über die zukünftige Planung besteht darin, anzunehmen, wir seien
bereits am Ziel angekommen. Das ist nicht der Fall.
Die Instabilität in Osteuropa und die militärische Situation auf dem Kontinent stellen immer noch eine große
Herausforderung für den Westen dar. Abschreckung
eines Krieges und gegebenenfalls die Verteidigung
des Bündnisgebiets muß in Europa unser Hauptziel
bleiben. Die NATO-Strategien der Vorneverteidigung
und flexiblen Reaktion könnten in der Zukunft einige
bahnbrechende Veränderungen erfahren, aber sie sind
nach wie vor der beste Weg, sicherzustellen, daß
unsere Zielsetzungen erfüllt werden. Eine herausragende Qualität dieser Strategie besteht in der Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anzupassen. Sie
gestattet uns, den Frieden zu bewahren und jede Krise
mit dem geeigneten Maß an Reaktion zu bewältigen,
das zu unserer Verteidigung erforderlich ist. Im wesentlichen stützt sie sich auf eine mobile Verteidigung
mit Unterstützung von Nuklearwaffen, die uns nicht nur
unter den heutigen Bedigungen dient, sondern sich
auch beim Übergang zu einer Zeit nach KSE als angemessen erweisen wird.
Wir müssen unsere derzeitige Strategie aufrechterhalten und weiterhin unterstützen. Als Supermacht und
einzige Nation, die zu einem Ausgleich der sowjetischen Militärmacht fähig ist, haben die Vereinigten
Staaten in dieser Hinsicht eine besondere Verantwortung. An erster Stelle steht hierbei die Anforderung,
eine glaubwürdige Abschreckung auf dem europäischen Kontinent aufrechtzuerhalten.
Wie viele Truppen benötigen wir zur Aufrechterhaltung
dieser Abschreckung? Bis heute bildet das Korps den
Grundstein derStreitkräftestrukturdes Bündnisses. In
der Region Europa Mitte hat jeder NATO-Mitgliedstaat
(mit Ausnahme von Kanada) einschließlich kleiner
Länder wie Belgien und der Niederlande mindestens
ein Korps stationiert. Solange flexible Reaktion und
Vorneverteidigung Bestandteil unserer Strategie sind,
müssen die Vereinigen Staaten das Minimum eines
Heereskorps mit einer ausreichenden Anzahl von
Luftwaffen-Geschwadern in Europa aufrechterhalten,
um sowohl die Sowjetunion als auch unsere europäischen Verbündeten daran zu erinnern, daß wir unsere
Interessen auf dem Kontinent verteidigen werden.
Wenn man die speziellen nachrichtendienstlichen
Einheiten, die Führungsfähigkeiten und das für die
Logistik zuständige Personal hinzuzählt, die im Falle
einer Krise zur Verstärkung erforderlich wären, beliefe

AMERIKA DIENST 10

sich die Anzahl der von uns in Europa benötigten
Truppen auf rund 195 000 Mann in der Region Europa
Mitte und weitere 30 000 an den Flanken.
Wird die Anzahl der erforderlichen Soldaten, Seeleute,
Piloten und Marineinfantristen durch eine längere
Vorwarnzeit beeinflußt? Jüngste nachrichtendienstliche Analysen kommen zu dem Schluß, daß die bei
einem größeren sowjetischen Angriff auf Westeruopa
zu erwartende Vorwarnzeit länger geworden ist. Es ist
einleuchtend, daß Mobilisierung und Stationierung eher
entdeckt und länger dauern würden, wenn die Sowjets
ihre Streitkräftestruktur abbauen und ihre Verbündeten im Warschauer Pakt weniger zuverlässig werden.
Aber bei einer Rückschau in die Geschichte stellen wir
fest, daß die Vereinigten Staaten die Zukunft nicht
immer richtig vorhergesagt haben. Es traf uns überraschend in Pearl Harbor 1941, bei der Ardennenschlacht
1944, beim Angriff Nordkoreas im Juni des Jahres
1950 und im November desselben Jahres bei der
Intervention der Chinesen. Es traf uns überraschend
1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei und
1979 in Afghanistan. Wir wurden ebenfalls vom Bau
der Berliner Mauer 1961 und ihrem Abriß 1989 überrascht. Zwar trifft es zu, daß wir heute über bessere
nachrichtendienstliche Methoden verfügen als je zuvor, aber die sowjetischen Streitkräfte werden immer
geschickter, wenn es um die Verschleierung ihrer
Absichten geht. Die Behauptung, unsere Techniken
der Entdeckung seien besser als ihre Täuschungsmanöver, sei dahingestellt.
Aber auch wenn uns die Nachrichtendienste warnen
würden, hätte das kaum Bedeutung, wenn wir nicht
zeitig reagieren könnten. Wir sollten deshalb vermeiden, in Anbetracht einer eventuell längeren Vorwarnzeit die Streitkräfte oder ihre Einsatzbereitschaft zu
reduzieren. Die Nachrichtendienste können uns vielleicht die Situation darlegen, in der sie den Präsidenten
möglicherweise vor dem Ausbruch eines Krieges warnen
würden, aber sie können uns nicht sagen, wieviele
Beweise er fordern wird, bis er die Entscheidung zur
Mobilisierung trifft. Wenn wir unsere schnelle Stationierungsfähigkeit aufgeben, geben wir damit auch die
gewonnene längere Vorwarnzeit auf.
Die Reaktionszeit der Vereinigten Staaten - die für uns
erforderliche Zeit zur Mobilisierung oder Entsendung
von Verstärkungstruppen nach Europa - wird nach
KSE eine wichtige Rolle spielen. Antizipierte Veränderungen in der militärischen Situation werden unseren
Bedarf an glaubwürdiger Reaktionsfähigkeit nicht
verringern. Wenn wir Abschreckung und bessere
Stabilität (vor uns nach KSE) aufrechterhalten wollen,
dürfen wir den Sowjets keine Gelegenheit zu der
Annahme geben, daß sie den Mobilisierungswettlauf
gewinnen können.
Wenn Einheiten aufgelöst, Fähigkeiten für Luft- und
Seebrücken abnehmen und die Einsatzbereitschaft

Seite 3

�nicht aufrechterhalten wird, benötigen wir zusätzliche
Reaktionszeit zur Aktivierung der Streitkräfte. Die
Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage, ihre gegenwärtigen Verpflichtungen zur Verstärkung in der NATO
zu erfüllen. In einem Umfeld nach KSE besteht die
Möglichkeit, daß wir etwas mehr Zeit zur erneuten
Stationierung von Streitkräften in Europa haben, damit
aber kaum dem natürlichen Vorteil der Sowjets, Verstärkungen nach Europa zu entsenden, entgegenwirken können. Die sowjetischen Verstärkungstruppen
sind 600 Kilometer von Westeuropa entfernt, unsere
dagegen 6 000 Kilometer. Wir benötigen eine schnelle
Verstärkungsfähigkeit, um die kürzeren Informationswege des Feindes wettzumachen. Wenn wir - bei einer
Befürwortung dieser Politik - Streitkräfte mit einer
geringeren Einsatzbereitschaft mobilisieren müssen,
dann wäre diese Aufgabe noch schwieriger.
Wie sollten unsere Truppen ausgerüstet sein? In den
vergangenen zehn Jahren haben die Sowjets 28 500
Panzer produziert. Wenn sie im Gebiet zwischen
Atlantik und Ural ihr modernstes Gerät dislozieren,
wäre der älteste auf Europa gerichtete Panzer zwischen fünf und zehn Jahre alt. Der älteste Panzer im
NATO-Arsenal wäre dagegen fast zwanzig Jahre alt.
Dasselbe gilt für das meiste andere wichtige Gerät.
Um diesen Nachteil auszugleichen, müssen wir uns
auf andere Bereiche konzentrieren. Unsere Soldaten
müssen hochmotiviert und gut ausgebildet sein. Wir
müssen unsere Abriegelungsfähigkeit mit FOFA-Technologien verbessern. Generell müssen wir unsere
Einheiten mit modernstem Gerät ausrüsten.
Darüber hinaus müssen wir eine landgestützte nukleare Abschreckung auf dem Kontinent aufrechterhalten.
Die NATO will eine Aggression mit fähigen konventionellen Streitkräften abschrecken, die von überlebensfähigen glaubwürdigen Nuklearfähigkeiten unterstützt
werden. Wichtige Verbindung zu den strategischen

*

Seite 4

Streitkräften der Vereinigten Staaten sind die kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte. Wenn die konventionellen Streitkräfte in Europa einen Angriff nicht
abwehren können, wäre es kaum glaubwürdig, daß die
Eskalation zu strategischen Streitkräften der nächste
Schritt wäre - und ohne diese Glaubwürdigkeit ist die
Abschreckung geschwächt.
Die Sowjets haben ihre kriegsschauplatzgebundenen
Streitkräfte ständig modernisiert. Die Rakete des Typs
FROG ist durch die SS-21 ersetzt worden. DieSS-N21 wurde eingeführt. Bei nuklearfähiger Artillerie werden
die Sowjets gegenüber der NATO einen Vorteil von 4
zu 1 haben, bei Raketenabschußeinrichtungen von 16
zu 1. Zur Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen
nuklearen Abschreckung ist daher die Modernisierung
unserer eigenen kriegsschauplatzgebundenen Streitkräfte unerläßlich.
Solange die sowjetische Militärmacht so groß und
gefährlich ist wie jetzt, müssen flexible Reaktion und
Vorneverteidigung weiterhin Grundlage unserer Strategie sein. Diese Strategie müssen wir mit in Europa
stationierten Truppen unterstützen. Diese Soldaten
müssen mit modernstem Gerät ausgerüstet sein.
Mittelfristig sollten wir eine Basis unterzeichneter,
verifizierbarer und unwiderruflicher Verträge anstreben, um Stabilität und Sicherheit zu fördern. Auf diese
Weise werden wir unser Endziel - einen geschützten
Frieden - erreichen können.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen für die Gelegenheit, in diesem Ausschu ß meine Ansichten darlegen zu
können. Ich wollte vor allem darauf hinweisen, daß wir
in diesen Zeiten der Veränderungen, die zugleich
Chancen und Risiken bergen, Stabilität und Augenmaß in den Vordergrund stellen müssen. Ich hoffe in
diesem Sinne auf eine gute Zusammenarbeit.

*

AMERIKA DIENST 10

�UMWELT
14. März 1990

ERNEUERBARE ENERGIEN SOLLEN ERDERWÄRMUNG
BREMSEN
Die Forschung nach alternativen Betriebsstoffen

WASHINGTON - (AD) - Wissenschaftlern zufolge
werden alternative Energien zur Stromversorgung und
zum Betrieb von Kraftfahrzeugen schon bald eine
größere Rolle spielen. Ferner können sie einen großen Beitrag zu einer Reduzierung des Risikos einer
unkontrollierten Erwärmung der Erde leisten.
"Erneuerbare Energien werden dazu beitragen, die
Vermehrung von Treibhausgasen zu vermindern", erklärt
der leitende Direktor des amerikanischen Solar Energy
Research Institute, Harold Hubbard. "Viele dieser
Technolgien, darunter Photovoltaik, Windenergie, mit
Wasserkraft und Sonnenenergie betriebene Kraftwerke produzieren überhaupt keine Treibhausgase. Andere,
wie etwa aus Biomasse gewonnenes Äthanol produzieren zwar Treibhausgase, tragen aber nicht zu deren
Akkumulierung bei.
"Darüber hinaus werden Forschung und Entwicklung
in diesem Bereich Auswirkungen auf pharmazeutische
Produkte, Kunststoffe, Kleidung, Nahrungsmittel,
Computer, Laser, Kältetechnik und viele andere Bereiche haben. Ein neues technologisches Zeitalter wird
uns eröffnet werden."
Wissenschaftler sind der Ansicht, daß die Emissionen
von Kohlendioxid und anderen bei der Verbrennung
fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle entstehenden
Gasen zu einer kontinuierlichen Erwärmung der Atmosphäre führen, indem sie die Sonnenstrahlung in einem Prozeß, der den Vorgängen in einem Treibhaus
ähnelt, abfangen.
Von Forschet n wird jedoch betont, daß die erneuerbaren Ressourcen Sonnenstrahlung, Wind, fließendes
Wasser und Biomasse in ihrem Ausmaß ein immenses
Potential für eine Reduzierung der weiteren Ansammlung von Treibhausgasen darstellen. Einer neuen
Studie des amerikanischen Energieministeriums zufolge sind allein in den Vereinigten Staaten die in den

AMERIKA DIENST 10

nächsten 30 Jahren nutzbaren Energien größer als
eine Menge von 105 Trillionen Faß ö l . Der größte
Anteil davon entfällt auf Sonnenenergie und Biomasse.
Die neuen Energietechnologien machen sich diese
Ressourcen unmittelbar zunutze. Bei PhotovoltaikSystemen werden Halbleiter eingesetzt, um Sonnenstrahlung in Strom zu verwandeln, bei Sonnenheizkraftwerken werden Spiegel verwendet, um die Sonnenstrahlen zu bündeln und Hitze zu produzieren, bei
Windanlagen werden Propeller auf hohen Türmen
installiert, um Strom zu erzeugen und Biomasse besteht aus Holz, Agrarprodukten und anderen Naturprodukten, die zur Treibstofferzeugung genutzt werden.
Einem Bericht des Worldwatch Institute, einer gemeinnützigen Forschungsorganisation, zufolge vermindert
der in den vergangenen 15 Jahren beobachtete verstärkte Einsatz emeuerbarer Energien den jährlichen
Ausstoß von Kohlendioxidemissionen weltweit um 580
Millionen Tonnen. Das Oak Ridge National Laboratory
berichtet, daß weltweit durch die Verbrennung fossiler
Treibstoffe im Jahr 1988 etwa 19 Milliarden Tonnen
Kohlendioxid produziert wurde.
In seinem Vortrag bei einer Zusammenkunft der
amerikanischen Gesellschaft für die Förderung der
Wissenschaft erklärte Hubbard vor kurzem, einige der
heute eingesetzten Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien hätten noch Mitte der siebziger Jahre, als die Bundesregierung nationale Forschungsund Entwicklungsprogramme zu erneuerbaren Energien ins Leben rief, in den Kinderschuhen gesteckt.
Die Photovoltaik zum Beispiel war in den frühen siebziger Jahren eine exotische und teure Technologie,
deren Anwendungsbereich sich auf die Raumfahrt
beschränkte. Seit Beginn des Bundesprogramms hat
sich jedoch eine Revolution ereignet.

Seite 1

�"Die Kosten haben sich bis um das 20fache verringert
... und in naher Zukunft werden die Kosten allein durch
wirtschaftlichere Produktion noch einmal halbiert werden", meint Hubbard. "Wir haben Dutzende neuer
photovoltaischer Materialien entdeckt und entwickelt,
von denen einige sehr vielversprechend sind. Heute
werden schon Zehntausende von Systemen für verschiedenste Zwecke von der Wasserförderung über
die Elektrifizierung von Dörfern bis zur zentralen Elektrizitätsgewinnung eingesetzt."
Photovoltaik-Systeme bestehen aus Sonnenkollektoren, die auf Dächern montiert oder in großer Zahl als
Kraftwerke in Wüstengebieten installiert werden können. Der jährliche Weltmarkt für Photovoltaik hat sich
von nahe Null in den siebziger Jahren zu einer Größenordnung von über 400 Millionen Dollar und 40 Megawatt im Jahr 1988 entwickelt, wobei die Kosten bei
etwa 25 Cent pro Kilowattstunde liegen. Im Vergleich
dazu kostet die Energiegewinnung aus Kohle, Erdöl
oder Erdgas zwischen zwei und fünf Cent pro Kilowattstunde. Der Einsatz in der Dritten Welt steigt rapide an,
und aus Indien wird berichtet, daß bereits 6 000 Systeme in Dörfern installiert wurden.
Das Solar Energy Research Institute schätzt, daß
neue Technologien zur Entwicklung von PhotovoltaikSystemen führen könnten, die gegen Ende der neunziger Jahre gegenüber herkömmlichen Energien konkurrenzfähig sind. Dies könnte allein in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts eine
Leistung von 1 000 Megawatt erbringen. Im Vergleich
dazu beträgt die aus Kohle gewonnene Energie in den
Vereinigten Staaten heute über 294 000 Megawatt.
Hubbard zufolge ist der Markt für Sonnenheizenergie,
der zu Beginn des Bundesforschungsprogramms noch
nicht existierte, heute größer als der Markt für Photovoltaik, und er wächst weiter. Seit 1984 wurden allein
in Kalifornien Anlagen mit einer Gesamtleistung von
etwa 200 Megawatt installiert. Diese bestehen aus mit
Spiegeln ausgekleideten Mulden, die das Sonnenlicht
auf mit ö l gefüllte Rohre bündeln. Damit wird das ö l
erhitzt, das sich ausdehnt und entweder durch eine
Turbine fließt, die einen stromerzeugenden Generator
antreibt. Oder es wird weitergepumpt, um Wohnungen
zu heizen.
Der Hersteller dieses Systems, die Firma Luz International, will in der Wüste Kaliforniens weitere 300 bis
500 Megawatt installieren und sondiert die Möglichkeit
größerer Projekte im Staat Nevada und in Brasilien.
Das Unternehmen erwartet einen Preis für Sonnenenergie von etwa 8 Cents pro Kilowattstunde.
Hubbard zufolge ist die Windenergie, bei der die
mechanische Energie des Windes Strom erzeugt, auf
dem Vormarsch und macht den Solarzellen ihren Rang
streitig. Heute sind weltweit mehr als 20 000 Windanlagen mit einer Kapazität von etwa 1 600 Megawatt im
Einsatz. Die meisten davon befinden sich in Kalifor-

Seite 2

nien und Dänemark, obwohl es inzwischen auch
Windkraftwerke in Indien, der Bundesrepublik und
anderen Ländern gibt. Windenergie ist beim Preis von
6 bis 8 Cents pro Kilowattstunde wettbewerbsfähig
geworden.
Experten prognostizieren, daß Windenergie bis zum
Jahr 2030 mehr als 10 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken und entsprechende Kraftwerke im
Westen der Vereinigten Staaten, in Nordeuropa, Nordafrika, Indien und der Sowjetunion gebaut werden
könnten.
"Die Technologie macht in allen Bereichen große
Fortschritte, vom Design der Flügel und Turbinen über
das bessere Verständnis vom Wind als Energiequelle
bis zur Kostruktion besserer Türme," erklärt Hubbard.
"Infolgedessen haben Windanlagen eine längere
Lebensdauer, produzieren mehr Elektrizität und sind
zuverlässiger. Diese Fortschritte haben dazu beigetragen, daß winderzeugte Elektrizität relativ preiswert
ist."
Eine der bekannesten Quellen erneuerbarer Energie
ist die Wasserkraft, die bereits ein Fünftel des Weltenergiebedarfs deckt und der in Zukunft eine noch
größere Verbreitung vorhergesagt wird. China hat
zum Beispiel erst etwa ein Zehntel und Afrika ein
Zwanzigstel seiner Potentiale ausgschöpft.
Darüber hinaus gibt es Energie aus Erdwärme, bei der
die Hitze des Erdinneren zur Energiegewinnung freigesetzt wird. Dem Worldwatch Institute zufolge könnte die Nutzung der Erdwärme in den Vereinigten Staaten bis zum Ende dieses Jahrzehnts zwischen 4 200
Megawatt (das doppelte des gegenwärtigen Niveaus)
und 18 700 Megawatt betragen, wobei die Kilowattstunde etwa 4 bis 8 Cents kosten würde. Andere
Regionen, in denen diese Energie Verbreitung finden
könnte, sind Mittelamerika, Neuseeland, die Philippinen und die Sowjetunion, weil jedes dieser Länder über
viele Heißwasserreservoirs unter der Erde verfügt, in
denen natürlicher Druck vorhanden ist.
Die Technologien für erneuerbare Energien, mit denen
sich höchstwahrscheinlich die Emission der Treibhausgase am ehesten eindämmen lassen, sind Techniken zur Herstellung von Treibstoffen wie etwa Äthanol. Jedes Jahr stoßen die etwa 400 Millionen Autos
auf der Erde ungefähr 1,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre aus. Das entspricht 10 Prozent
der Menge, die bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe freigesetzt wird. Prognosen zeigen, daß diese
Emissionen zusammen mit der Zahl der Kraftfahrzeuge bis zum Jahr 2010 um 75 Prozent steigen werden.
Experten des Energieministeriums vertreten die Ansicht, daß Äthanol am besten aus Holz und Rückständen gewonnen wird, die in Einfachzucker umgewandelt und dann zu Äthanol fermentiert werden. In den
vergangenen Jahren konnnte die Holz-in-Äthanol-

AMERIKA DIENST 10

�c

&gt;

Umwandlung von weniger als 40 Prozent auf mehr als
70 Prozent gesteigert werden. Damit sind die Kosten
von über einem Dollar pro Liter auf etwa 36 Cents pro
Liter gesunken. Schätzungen zufolge könnten die
Vereinigten Staaten 912 Milliarden Liter Äthanol pro
Jahr aus Holz gewinnen.

Grenzen hat.

Gegenwärtig hat Brasilien das größte Programm zur
Herstellung von Alkoholtreibstoffen, wobei das aus
Zuckerrohr gewonnene Äthanol 62 Prozent des Treibstoffbedarfs für Kraftfahrzeuge deckt. Die Vereinigten
Staaten sind mit 20 Millionen Barrel pro Jahr zweitgrößter Hersteller von Alkoholtreibstoff, der hier vor
allem aus Mais gewonnen wird. Aber einem Bericht
der Forschungsabteilung des Kongresses zufolge führt
die Äthanol-Gewinnung in den Vereinigten Staaten nur
zu einer 63prozentigen Verringerung der Kohlendio xidemissionen, weil bei der Herstellung fossile Brennstoffe verwendet werden. Bei den Berechnungen
werden Energieeinheiten zugrundegelegt.

Der Direktor des Center for Building Science beim
Lawrence Berkeley Laboratory in Berkeley (Kalifornien) - das dem amerikanischen Energieministerium
angeschlossen ist -, Arthur Rosenfeld, berichtet, daß
trotz einer Steigerung des Bruttosozialprodukts um 35
Prozent in den Jahren 1973 bis 1986 keine Steigerung
des Energieverbrauchs und eine jährliche Senkung
um 1,2 Prozent beim Verbrauch von ö l und Gas
festgestellt wurde. Wenn die Vereinigten Staaten sich
noch auf dem Stand von 1973 befänden, hätten sie
1986 50 Prozent mehr Kohlendioxid, Schwefeldioxid
und Stickoxid in die Atmosphäre eingeleitet.

Wissenschaftler berichten, da ß zunehmende Energieeinsparungen und effizientere Verwendung fossiler
Brennstoffe die Entstehung von Kohlendioxid und
anderen Treibhausgasen verringern wird.

Rosenfeld führte als Beispiel für die Tendenz zur
besseren Nutzung von Energie an, daß der durchschnittliche Treibstoff verbrauch neuer Autos von 16,8
Liter pro 100 Kilometer im Jahr 1976 auf 8,4 Liter pro
100 Kilometer im Jahr 1989 gesenkt werden konnte.

Hubbard berichtet, daß der zunehmende Einsatz von
Atomkraft jährlich die Kohlendioxidemissionen weltweit um etwa 5 Prozent verringert. Er fügte jedoch
hinzu, daß der Einsatz von Atomkraft im Hinblick auf
Verfügbarkeit, Entsorgung, Image und Kosten seine

* *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 3

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10784">
                <text>14.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10785">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10786">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10787">
                <text>Amerikadienst 14.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10788">
                <text>&lt;strong&gt;1. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten: Chance in der Rüstungskontrolle: "beispiellos"&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman im Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Galvin bekräftigt NATO-Strategie, hält jedoch Änderungen für möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung vor Unterausschuß des Senats&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erneuerbare Energien sollen Erwärmung bremsen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Forschung nach alternativen Betriebsstoffen&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2134" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2145">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/59e4370e48118a6f2ffeaa7b7d999b59.pdf</src>
        <authentication>9b8e870e60bb6c6eaa1437a5e09a4113</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10783">
                    <text>amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Ä
+ **%
7. März 1990

HANDEL

OFFENE MARKTE UND FAIRER
WETTBEWERB:
AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR
DIE NEUNZIGER JAHRE
Rede von Botschafter Walters
vor dem Übersee-Club
ABBAU VON HANDELSSCHRANKEN
HAUPTZIEL IM JAHR 1990
Auszug aus dem Bericht der
US-Handelsbeauftragten

WIRTSCHAFT

EUROPA UND DIE VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA:
VERANTWORTUNG FÜR EINE WELT
IM WANDEL
Rede von Botschafter Walters beim
Initiativkreis Ruhrgebiet

OSTEUROPA

WEBSTER: WANDEL IN DER SOWJETUNION
UNUMKEHRBAR
Rede des CIA-Direktors vor
Kongreßausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�HANDEL
7. März 1990

OFFENE MÄRKTE UND FAIRER WETTBEWERB:
AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR
DIE NEUNZIGER JAHRE
Rede von Botschafter Walters vor dem Übersee-Club
HAMBURG - (AD) - In einer Rede vor dem Übersee-Club in Hamburg am 8. März 1990 betonte Botschafter
Walters erneut die Ziele der amerikanischen Handelspolitik, "faire Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte
weltweit", zu denen auch der erfolgreiche Abschluß der gegenwärtigen GATT-Runde Ende dieses Jahres
gehört. Es gehe darum, das Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen anzupassen und auf eine solide
Grundlage zu stellen.
Der Botschafter verwies darüber hinaus auf die Bedeutung der Uruguay-Runde und erklärte, "das Welthandelssystem steht vor einem Wendepunkt: auf der einen Seite liegt eine Welt offener Märkte, zunehmenden Handels
und wachsenden Wohlstands. Auf der anderen Seite liegt eine Welt des Protektionismus, der Handelsblöcke
und der Wirtschaftskrisen." Es liege auf der Hand, welchen Weg wir alle verfolgen - "und deshalb wollen wir noch
in diesem Jahr verläßliche und effiziente Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute abend vor den
Mitgliedern und Gästen des Übersee-Clubs sprechen
zu können. Ihr ehrwürdiger Club mit seinem regen
Interesse an internationalen Wirtschaftsfragen und
weltweiter Zusammenarbeit ist geradezu bezeichnend
für die außergewöhnliche Weltoffenheit Hamburgs
und seiner Bürger. Ich freue mich aber auch, wieder in
Ihrer schönen Stadt zu sein, deren Eleganz und Wirtschaftskraft mir immer von neuem imponiert.
Hamburg unterhält seit Jahrhunderten in alle Himmelsrichtungen rege politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Ich habe erfahren, mit Ausnahme von
New York soll es in keiner anderen Stadt der Welt mehr
Konsulate geben als in Hamburg. Auch wir waren uns
stets der Bedeutung dieses Wirtschafts- und Handelszentrums bewußt. Von Anfang an sind die offiziellen
Beziehungen zwischen Ihrer Stadt und meinem Land
eng und intensiv gewesen. Bereits im Jahre 1790 also relativ kurze Zeit nach Gründung der Vereinigten
Staaten - ließ Thomas Jefferson, unser damaliger
Außenminister, hierein Konsulat errichten. In diesem
Jahr feiert folglich das amerikanische Generalkonsulat
AMERIKA DIENST 9

sein 200jähriges Bestehen. Das Hamburger Amerika
Haus begeht ebenfalls ein Jubiläum dieses Jahr: es
wurde vor 40 Jahren zur Pflege der deutsch-amerikanischen Kulturbeziehungen gegründet.
Die Hansestadt Hamburg verbindet aber auch eine
lange Tradition mit dem Osten Europas und dem
Gebiet der heutigen DDR. Jahrhundertelang trieben
Hamburger Kaufleute Handel mit Rostock, Riga und
anderen Städten an der Ostsee. Auf der Elbe kamen
Lastkähne aus Sachsen und Brandenburg. Die Teilung Deutschlands und Europas war für die Hamburger Bürger, mit ihrem ausgeprägten Sinn für Freiheit
und Weltoffenheit, besonders schmerzhaft. Es ist
deshalb bezeichnend für diese Stadt, daß sie - als das
Eis des kalten Krieges zu schmelzen begann - bald
eine Partnerschaft mit Dresden einging und ständig
bemüht ist, diese weiter auszubauen. Sie haben auf
kommunaler Ebene bereits ein Klima der Partnerschaft und des Miteinanders geschaffen, was für das
Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten
sicherlich von großer Bedeutung sein wird.
Ich glaube, mit dem Jahr 1989 hat eine neue Epoche
für Europa begonnen. Die Einheit Deutschlands ist in
Seite 1

�greifbare Nähe gerückt; die ideologische Teilung dieses Kontinents aufgehoben. Und alles ging unglaublich schnell. Hatte nicht Erich Honecker noch vor
einem Jahr davon gesprochen, daß die Mauer noch in
hundert Jahren stehen würde? Heute ist die Mauer und Erich Honecker - bereits Geschichte. War nicht
Vaclav Havel vor einem Jahr noch ein politischer
Gefangener in der Tschechoslowakei, dem es nicht
erlaubt war, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegenzunehmen? Vor wenigen Monaten
ging er als Staatspräsident seines Landes durch das
Brandenburger Tor. Und kürzlich plädierte er vor dem
amerikanischen Kongreß dafür, Gorbatschows Perestrojka zu unterstützen, also jenem Land zu helfen,
dessen Truppen den Prager Frühling so brutal beendet
haben. Oder, um ein alltägliches Beispiel zu nehmen,
wer hätte sich vor einem Jahr die vielen Besucher aus
der DDR in Hamburg vorstellen können?
Die Entwicklung in Mittel- und Osteuropa ist unglaublich rasant verlaufen. Die politische Umgestaltung
verlief rasch; die wirtschaftliche Erneuerung wird allerdings mehr Zeit in Anspruch nehmen. In den letzten
Wochen und Monaten wurde viel davon gesprochen,
wie der Westen zur wirtschaftlichen Entwicklung in
Mittel- und Osteuropa beitragen kann. Ich möchte im
folgenden die Ansicht meiner Regierung zu dieser
Frage vortragen.
Mit unseren westlichen Partnern und mit den östlichen
Reformern sind wir uns einig, daß die zentral gelenkte
Planwirtschaft auf ökonomischem wie auf ökologischem Gebiet versagt hat. Andererseits hat die Geschichte gezeigt, daß gerade die Marktwirtschaft die
Menschen am besten und effektivsten mit Waren und
Dienstleistungen versorgt. Deshalb ist die Einführung
einer in die Weltwirtschaft integrierten marktwirtschaftlichen Ordnung die beste Voraussetzung für Wohlstand und soziale Sicherheit. In diesem Jahrhundert
haben wir die Auseinandersetzung zweier Deutscher
um die beste Wirtschaftsordnung miterlebt. Dabei hat
Ludwig Erhard klar über Karl Marx gesiegt.
Es gibt begründete Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung in Mittel- und Osteuropa. Aber es
wird damit gerechnet, daß kurz- und mittelfristig die
wirtschaftliche Neugestaltung in diesen Staaten mit
beträchtlichen Lasten für die Menschen verbunden
sein wird. Der Umstellungsprozeß wird Preissteigerungen und Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zur
Folge haben. Die Bürger wissen, daß sie zur Gesundung ihrer Wirtschaft Opfer bringen müssen. Aber
dennoch ist nicht auszuschließen, daß wirtschaftliche
Probleme den Reformprozeß insgesamt bremsen und
die politische Stabilität in einigen Ländern gefährden.
Dies liegt nicht in unserem Interesse. Deshalb hat die
amerikanische Regierung in enger Zusammenarbeit
mit ihren Partnern und Verbündeten eine Reihe von
Maßnahmen zur wirtschaftlichen Erneuerung Osteuropas ergriffen. Einige davon möchte ich im folgenden
kurz anführen:
Seite 2

I n enger Zusammenarbeit mit der E uropäischen
Gemeinschaft haben wir ein Wirtschafts- und
Finanzhilfeprogramm für Ungarn und Polen
ersteilt. Die amerikanische Regierung hat für
diesen Zweck fast eine Milliarde Dollar bereitgestellt. Außerdem haben wir einen Beitrag von
200 Millionen Dollar in den sogenannten Stabilisierungsfonds für Polen eingebracht.
Am 28. November unterzeichnete Präsident
Bush ein Gesetz zur Unterstützung der Demokratien in Osteuropa. Dieses Gesetz sieht öffentliche und private Hilfsprogramme für jene
Länder vor, die entscheidende Schritte zum
politischen Pluralismus und zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung unternommen haben. Mit
Darlehen, Bürgschaften, technischer Hilfe und
Managementtraining wollen wir zur Entwicklung
eines gesunden Privatsektors beitragen.
Die amerikanische Regierung wird demnächst
neben Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei auch den anderen Reformländern in Osteuropa, einschließlich der Sowjetunion, den Status der Meistbegünstigung gewähren. Außerdem sind zur Zeit Verhandlungen über Handelsund Investitionsschutzabkommen mit diesen
Ländern im Gange.
Unser Stellvertretender Außenminister Eagleburger
bekräftigte am 16. Februar vor der Amerikanischen
Handelskammer unsere Bereitschaft, beträchtliche Mittel
für die wirtschaftliche Gesundung Osteuropas bereitzustellen. Aber Eagleburger betonte auch, daß wir die
heutige Situation in Osteuropa nicht mit der Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen können.
Zwar war damals die wirtschaftliche Situation aufgrund
der zerstörten Produktionsanlagen und Verkehrswege
katastrophal, aber unsere Wiederaufbauhilfe wurde
Völkern gewährt, die fast alle bereits Erfahrung mit
einem freien Wirtschaftssystem hatten. Die grundsätzlichen Rahmenbedingungen für eine Marktwirtschaft waren entweder schon vorhanden oder konnten
relativ rasch wiedereingeführt werden. Die Finanzhilfe
im Rahmen des Marshallplans floß nicht in ein Faß
ohne Boden, sondern ermöglichte Investitionen und
die Wiederaufnahme der Produktion.
In den COMECON-Staaten hingegen müssen die
grundlegenden Strukturen der Marktwirtschaft erst
eingerichtet werden. Mit einer massiven Finanzhilfe
können wir die Probleme im Osten nicht lösen. Sie
erinnern sich, wie wenig die Milliardenkredite an diese
Länder in den siebziger Jahren bewirkten. Wir unterstützen deshalb die entsprechenden Regierungen bei
der Errichtung der Marktwirtschaft. Wir ermutigen sie,
günstige Bedingungen sowohl für einheimische Unternehmer und Firmengründer als auch für ausländische
Investoren zu schaffen.

AMERIKA DIENST 9

�Nach Ansicht von Experten könnte Osteuropa bei
erfolgreichen Wirtschaftsreformen zum Wachstumsmarkt der neunziger Jahre und darüber hinaus werden. Im Jahre 1988 betrugen die Importe aus den
COMECON-Staaten jedoch nur 0,5 Prozent unserer
Gesamteinfuhren. Der Anteil der amerikanischen
Ausfuhren in diese Länder lag im gleichen Jahr bei 1,1
Prozent. Der Außenhandelsanteil der Bundesrepublik
mit dem Comecon war 1988 mit 3,5 Prozent bei den
Exporten und mit 3,7 Prozent bei den Importen ebenfalls sehr gering. Mit einer Steigerung des Ost-WestHandels wird zwar in den kommenden Jahren gerechnet, aber es wird lange dauern, bis unsere Wirtschaftsbeziehungen auf dem zwischen Industriestaaten üblichen Stand sind.
Wir sollten deshalb nicht übersehen, daß auf absehbare Zeit der weitaus größte Teil des Welthandels weiterhin zwischen den Industrienationen stattfinden wird.
Die Bundesrepublik Deutschland beispielsweise wikkelt über 80 Prozent und die Vereinigten Staaten über
60 Prozent ihres Außenhandels mit Mitgliedstaaten
der OECD, den 24 wichtigsten Industrieländern, ab.
Bei aller Begeisterung für die Veränderungen und
Chancen in Europa dürfen wir deshalb globalen Herausforderungen nicht weniger Bedeutung beimessen.
Und bei allem Engagement für die Reformen in Osteuropa müssen wir auch darauf achten, daß die Weltwirtschaft und der Welthandel insgesamt intakt bleiben.
Ich glaube, wir müssen uns vorsehen, daß in diesem
Jahrzehnt Handelskonflikte nicht an die Stelle des
kalten Krieges treten. Mit dem Abriß politischer und
ideologischer Mauern sollten auch weltweit die zahlreichen und vielfältigen Handelsbarrieren abgebaut werden. Meine Regierung ist der Ansicht, daß offene
Märkte und faire Wettbewerbsbedingungen die Voraussetzung für eine florierende Weltwirtschaft sind.
Diese Meinung teilen Wirtschaftswissenschaftler unterschiedlicher Schulen wie der konservative Milton
Friedman und der liberale Paul Samuelson. Samuelson beispielsweise schreibt: "Der freie Handel fördert
eine für alle Beteiligten nutzbringende regionale Arbeitsteilung ... und ermöglicht einen höheren Lebensstandard weltweit." Aber auch die wirtschaftliche
Entwicklung in den letzten Jahrzehnten bestätigt die
Richtigkeit dieser Auffassung. Das deutsche Wirtschaftswunder wäre niemals möglich gewesen, wenn
die Bundesrepublik nicht mit dem Rest der Welt hätte
Handel treiben können. Und ohne ein liberales Welthandelssystem wäre die Bundesrepublik Deutschland
auch nicht in der Lage, etwa ein Drittel ihres Bruttosozialprodukts zu exportieren. Ohne den umfangreichen
weltweiten Warenaustausch und die internationale
Arbeitsteilung hätten wir weder in Europa noch in
Amerika diesen hohen Lebensstandard.

AMERIKA DIENST 9

Es besteht große Übereinstimmung darin, daß das
Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen die Grundlage für die beispiellose Zunahme des Welthandels in
den letzten vier Jahrzehnten war. Seit seinem Inkrafttreten am 1. Januar 1948 wurden in sieben Verhandlungsrunden der Abbau oder die Reduzierung von
Zöllen vereinbart. Das GATT-System erleichterte den
Handel zwischen den Staaten, förderte Vielfalt und
Arbeitsteilung und bot der Weltwirtschaft den Freiraum
zu expandieren.
Ich weiß, ein liberaler Welthandel bedeutet für die
Staaten der Welt, seine Unternehmen dem freien
Wettbewerb auszusetzen. Es kommt dann natürlich
vor, daß die internationale Konkurrenz so manchem
Wirtschaftszweig schwer zu schaffen macht. Aber der
Wettbewerb sorgt für effizientes Wirtschaften, Innovation und optimalen Umgang mit den Resourcen. Nur
Unternehmen, die im Wettbewerb stehen, achten darauf,
daß der Kunde König ist.
Eingriffe der Regierungen in den Wettbewerb zum
Schutz der heimischen Wirtschaft führen in der Regel
langfristig nicht zum gewünschten Ergebnis. Subventionen werden zu Dauerbelastungen, weil sich die
betreffenden Wirtschaftszweige darauf einrichten. Es
erfordert dann viel politischen Mut, diesen Gewöhnungseffekt zu unterbrechen. Die Landwirtschaft ist
ein Beleg hierfür. Wir dürfen auch nicht außer acht
lassen, daß einzelne protektionistische Maßnahmen
das ganze System in Gefahr bringen. Staatlicher
Schutz und Subventionen für einen Wirtschaftszweig
in einem Land führen meist zu Gegenmaßnahmen in
anderen. Folglich muß der Welthandel auf mulitlateral
vereinbarten Regeln beruhen. Die amerikanische
Regierung tritt deshalb mit Nachdruck für eine Stärkung und eine Erweiterung des Allgemeinen Zoll- und
Handelsabkommens ein.
Präsident Bush hat den erfolgreichen Abschluß der
gegenwärtigen GATT-Runde zum Hauptziel seiner
Handelspolitik erklärt. Diese sogenannte UruguayRunde, benannt nach dem Land, in dem diese Verhandlungsrunde vereinbart worden ist, soll Ende dieses Jahres zu Ende gebracht werden. Von der Öffentlichkeit leider zu wenig beachtet, sind zur Zeit intensive
Verhandlungen in Genf im Gange. Es geht darum, das
Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen
anzupassen und auf eine solide Grundlage zu stellen.
Unsere Handelsbeauftragte, Carla Hills, unterstrich
die Bedeutung der Uruguay-Runde mit folgenden
Worten: "Das Welthandelssystem steht vor einem
Wendepunkt: auf der einen Seite liegt eine Welt
offener Märkte, zunehmenden Handels und wachsenden Wohlstands. Auf der anderen Seite liegt eine Welt
des Protektionismus, der Handelsblöcke und der Wirtschaftskrisen." Es ist offensichtlich, welchen Weg wir

Seite 3

�alle einschlagen wollen - und deshalb wollen wir noch
in diesem Jahr verläßliche und effiziente Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen. Ein Scheitern
dieser Konferenz, so befürchten wir, würde zum Entstehen von Handelsblöcken durch bilaterale Vereinbarungen führen und dem Protektionismus Tür und Tor
öffnen.
Im einzelnen wollen wir in Genf folgendes erreichen:
erstens eine grundlegende Reform des Agrarhandels;
zweitens die Erweiterung des GATT-Systems
auf Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen und geistiges Eigentum;
drittens einen verbesserten Zugang zu den
Märkten;
viertens die Beseitigung von wettbewerbsverzerrenden Subventionen;
und fünftens eine faire und wirksame Schiedsgerichtsbarkeit im Rahmen des GATT.
Zusammenfassend zeigt sich in diesen Punkten das
Ziel amerikanischer Handelspolitik: Wir wollen faire
Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte weltweit.
Mit den Europäern sind wir uns im gro ßen und ganzen
in der Zielsetzung einig. Aber das Hauptproblem
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft sowohl in der laufenden GATTRunde als auch auf bilateraler Ebene liegt im Agrarhandel. Wir sind ein traditionelles Agrarexportland;
landwirtschaftliche Erzeugnisse machen etwa zwanzig Prozent aller amerikanischen Ausfuhren aus. Unsere
Landwirtschaft ist wettbewerbsfähig und eine Exportsteigerung ist durchaus noch möglich. Aber unsere
Agrarexporteure treffen zum einen auf einen protektionistischen Wall um die EG; zum anderen konkurrieren
subventionierte Agrarprodukte aus der EG auf dem
Weltmarkt mit amerikanischen Erzeugnissen, die zum
Teil nun ebenfalls subventioniert werden.
Der Subventionswettlauf zwischen der EG und den
USA hat inzwischen absurde Ausmaße angenommen.
Im Jahr 1988 gaben die Europäer etwa 120 Milliarden
Dollar und wir Amerikaner etwa 75 Milliarden Dollar für
die Unterstützung der Landwirtschaft aus. Folglich
kosten Subventionen im Agrarbereich jeden EG-Bürger, ob Kleinkind oder Greis, jährlich etwa 800 D-Mark.
Jeder Amerikaner gibt dafür fast 300 Dollar im Jahr
aus.
Am 25. Oktober unterbreitete daher meine Regierung
der GATT-Runde in Genf einen umfassenden Plan zur
Reform des internationalen Agrarhandels. Unter
anderem schlugen wir vor, die Exportsubventionen
innerhalb von fünf Jahren zu beseitigen. Außerdem

Seite 4

machten wir Vorschläge zur graduellen Beseitigung
von Einfuhrbarrieren und von wettbewerbsverzerrenden Subventionen im Agrarbereich weltweit. Die EG
hat vorschnell, wie ich meine, unsere Vorschläge als
unrealistisch abgelehnt.
Wir hoffen aber, daß wir mit der EG zu einer Einigung
kommen, denn die zermürbenden Grabenkämpfe sind
eine stetige Belastung für unsere Handelsbeziehungen. Wir führten Hähnchen-und Spaghettikriege. Wir
stritten wegen der geplanten EG-Fettsteuer und belegten Walnüsse und Dosenfrüchte gegenseitig mit Strafzöllen. Ich sehe eine große Gefahr, daß Handelskonflikte zu einer zunehmenden Belastung für die transatlantischen Beziehungen insgesamt werden. Dies
müssen wir gemeinsam verhindern, und deshalb darf
die Uruguay-Runde nicht am Agrarprotektionismus
der EG scheitern.
Ich gebe zu, daß auch die Vereinigten Staaten Maßnahmen zum Schutz ihrer Wirtschaft beseitigen müssen. Meine Regierung hat ihre Bereitschaft hierzu
erklärt. Aber, um unsere Handelsbeauftragte, Carla
Hills, zu zitieren, wir werden nicht einseitig abrüsten.
Wir möchten, daß alle bei der Reform des Welthandels
mitmachen. Unsere Politik der Marktöffnung und der
Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen richtet sich
nicht nur nach amerikanischen Unternehmensinteressen. Wir wollen prinzipiell gleiche Chancen für alle
Beteiligten in der Weltwirtschaft. Unsere Bemühungen um die Öffnung des japanischen Rindfleischmarktes sind beispielsweise für die australischen Viehzüchter mindestens ebenso ein Gewinn wie für unsere
Fleischexporteure.
In den Verhandlungen in Genf geht es auch darum,
den Dienstleistungsbereich weltweit zu liberalisieren.
Der tertiäre Sektor verzeichnet gegenwärtig die höchsten Wachstumsraten, und seine Bedeutung wird in
der Zukunft in allen Ländern weiter zunehmen. In
meinem Land beispielsweise werden heute ungefähr
68 Prozent des Bruttosozialprodukts im Dienstleistungsbereich erwirtschaftet. Etwa neunzig Prozent aller
neugeschaffenen Arbeitsplätze entfallen auf diesen
Sektor.
Trotz seiner zunehmenden Bedeutung ist der Wettbewerb bei den Dienstleistungen noch sehr stark national
reguliert. Banken, Versicherungen und andere Dienstleistungsunternehmen sind heute mit einer Fülle von
Wettbewerbsbarrieren konfrontiert. Wir haben den
wachstumfördernden Effekt der Zollsenkungen im
Warenhandel gesehen. Wir sind deshalb überzeugt,
daß ein Abbau nationaler Barrieren auch im Dienstleistungsbereich einen beträchtlichen Wachstumsschub
weltweit auslösen würde.
Unsere Handelspolitik steht natürlich in einem engen
Zusammenhang mit der Politik und der wirtschaftlichen Situation unserer Handelspartner. Unser besonderes Interesse gilt dabei der Europäischen Gemein-

AMERIKA DIENST 9

�schaft, mit der wir über ein Fünftel unseres Au ßenhandels abwickeln.
Mit der Schaffung des EG-Binnenmarktes entsteht ein
Wirtschaftsraum vergleichbar mit dem der Vereinigten
Staaten von Amerika. Das Bruttosozialprodukt der EG
entspricht in etwa dem unseren; auch das Außenhandelsvolumen ist gegenwärtig ungefähr gleich. Die
Europäische Gemeinschaft ist wirtschaftlich den Vereinigten Staaten ebenbürtig geworden. Wir begrüßen
diese Entwicklung. Ein politisch und wirtschaftlich
stabiles und starkes Europa war Ziel unserer Nachkriegspolitik und ist es immer noch.
Mit dem Marshallplan schufen wir die Grundlagen für
die europäische Einigung. Wir legten größten Wert
darauf, daß die Europäer mit unserer Hilfe gemeinsam
stabile wirtschaftliche und politische Strukturen errichten konnten. Die Mitarbeit bei der Planung und Durchführung unserer Wiederaufbauhilfe trug beispielsweise zu einer Annäherung zwischen Deutschen und
Franzosen bei. Die amerikanische Regierung ermutigte und unterstützte die beteiligten Länder 1951 bei der
Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle
und Stahl. Ebenso begrüßten wir die Schaffung der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sechs Jahre
später.
Wir sehen auch in der Errichtung des EG-Binnenmarkts große Chancen sowohl für Europa als auch für
die gesamte Weltwirtschaft. Ein dynamisches, von
nationalen Regulierungen und Barrieren befreites Europa
kann einen wichtigen Beitrag zu weltweitem Wirtschaftswachstum leisten. Wie Sie wissen, sind wir in
den letzten Jahren Tendenzen in der EG entgegengetreten, gewisse Teilbereiche des Binnenmarktes mit
protektionistischen Barrieren nach außen abzuschirmen. Ich verstehe, daß es politischen Mut erfordert,
bisher national regulierte Branchen nicht nur dem
Wettbewerb innerhalb der EG, sondern weltweit zu
überlassen. Aber wenn ein Wirtschaftsraum Barrieren
errichtet, wird ein anderer folgen. Und eine solche
protektionistische Eskalation wollen wir unter allen
Umständen verhindern.

es uns beispielsweise, den Streit um die Zweite Bankenrichtlinie auszuräumen, die Banken aus Ländern
außerhalb der EG diskriminiert hätte. Nun können
amerikanische Banken in der EG wie europäische
Geldinstitute ihren Service anbieten. Und in meinem
Land finden Amerikaner wie Europäer im Bankengeschäft die gleichen Bedingungen vor.
Es ist noch unser Ziel, am Wettbewerb bei den öffentlichen Aufträgen besser teilhaben zu können. Wir
werden unsere Position dazu demnächst der EG mitteilen. Die EG-Kommission hat ihrerseits versichert,
daß sie zusammen mit der Industrie - auch mit amerikanischen Unternehmen in Europa - eine Kompromißlösung finden will. Die amerikanische Regierung und
die EG suchen auch nach Wegen, Testverfahren und
Sicherheitsbestimmungen gegenseitig anzuerkennen,
um den Handel zwischen beiden Kontinenten zu erleichtern und Diskriminierung zu verhindern. Neben
bilateralen Gesprächen spielen natürlich das GATTSystem und die Uruguay-Runde auch bei europäischamerikanischen Handelsfragen eine wichtige Rolle.
Die Kontroverse im Agrarbereich habe ich bereits
erwähnt.
Wir sind erfreut, daß bei der Vorbereitung des EGBinnenmarktes die Konsultationen zwischen amerikanischen Behörden und der EG-Kommission intensiviert und erweitert werden konnten. Wie Außenminister Baker in Berlin betonte, werden die Bindungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EG in
Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Mit der schrittweisen Übertragung von souveränen Rechten der
Mitgliedstaaten an die Institutionen der Europäischen
Gemeinschaft werden diese mehr und mehr auch eine
politische Rolle spielen. Die Entscheidung der Staatsund Regierungschefs auf dem Pariser Gipfel, die EG
mit der Koordination der Wirtschaftshilfe für Osteuropa
zu beauftragen, unterstreicht diese Rolle.

Wir sind nun froh, daß unsere Bedenken im großen
und ganzen durch intensive Gespräche auf beiden
Seiten des Atlantiks ausgeräumt wurden. Die Europäische Gemeinschaft hat in der Tat wichtige Schritte in
Richtung größerer Marktoffenheit und mehr Wettbewerb unternommen. Es wäre absurd, wenn wir gegenüber den osteuropäischen Volkswirtschaften die Segnungen einer freien Marktwirtschaft preisen, während
wir gleichzeitig immer größere Teilbereiche aus dem
Wettbewerb ausklammern.

Wenn wir vom Welthandel reden, schließt dies natürlich nicht nur die großen Industrienationen ein. Vor
allem der Dritten Welt muß in diesem Jahrzehnt die
Möglichkeit eingeräumt werden, ihre Volkswirtschaften zu entwickeln und am wachsenden Wohlstand in
der Welt teilzuhaben. Entwicklungshilfe der Industriestaaten ist ein wichtiger Beitrag für eine gerechtere
Welt. Aber ich glaube, daß es noch viel wichtiger ist,
daß die Menschen in der Dritten Welt ihr Brot selber
verdienen können. Das erfordert allerdings, daß wir
den Entwicklungsländern die Möglichkeit einräumen,
ihre Waren bei uns zu verkaufen, um Devisen zu
erwirtschaften. In dieser Hinsicht kann mein Land mit
Stolz vergleichsweise beachtliche Ergebnisse vorweisen.

Wir legen gro ßen Wert auf den Dialog mit der EG, denn
Differenzen können frühzeitig erörtert und ausgeräumt
werden. Wir wollen durch enge Konsultationen Handelskonflikte vermeiden, die die transatlantischen
Beziehungen insgesamt belasten könnten. So gelang

Im Jahre 1987 betrugen beispielsweise unsere Fertigwarenimporte aus der gesamten Dritten Welt mehr als
das Doppelte von dem, was die EG aus diesen Staaten
einführte. Aus den hochverschuldeten Ländern importierten wir im gleichen Jahr mehr als dreimal soviel

AMERIKA DIENST 9

Seite 5

�Fertigerzeugnisse wie die EG. Genauso bemerkenswert sind die unterschiedlichen Wachstumsraten an
Einfuhren aus diesen Staaten zwischen 1980 und
1987: sie nahmen im Bereich der Fertigwaren bei uns
um über 200 Prozent und in der EG nur um 73 Prozent
zu. Ich glaube, die wirtschaftliche Zukunft der Dritten
Welt würde um einiges besser aussehen, wenn auch
andere Industrienationen ihre Importe aus den Entwicklungsländern in etwa auf unser Niveau brächten.
Sie sehen, unser Engagement ist sowohl im Westen
als auch im Osten gefordert. Die Verschuldungskrise
der Dritten Welt verlangt unsere Aufmerksamkeit
genauso wie die wirtschaftlichen Reformen in Mittelund Osteuropa. Probleme im internationalen Handel
müssen gelöst, globalen Herausforderungen wie
Umweltproblemen, Drogenhandel und Terrorismus muß
gemeinsam begegnet werden. Auch ein vereintes

*

Seite 6

Deutschland braucht eine stabile Weltwirtschaftsordnung. Mit dem Abbau der Spannungen im Ost-WestVerhältnis und dem Niedergang des Kommunismus
sollten wir nicht nachlassen in unserem gemeinsamen
Bemühen um eine bessere Welt in Ost und West, in
Nord und Süd.
Meine Damen und Herren, wenn die Prognosen zutreffen und die Bedingungen sich nicht unerwartet verschlechtern, so stehen wir am Beginn eines vielversprechenden Jahrzehnts. Wie wohl selten zuvor in der
Geschichte haben wir in den vor uns liegenden Jahren
die große Chance, gemeinsam eine Welt des Friedens
und des Wohlstands für alle zu schaffen. Ich glaube,
wir sollten sie nutzen.
Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 9

�HANDELSPOLITIK
7. März 1990

ABBAU VON HANDELSSCHRANKEN HAUPTZIEL
IM JAHR 1990
Auszug aus dem Bericht der US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Das Büro der US-Handelsbeauftragten hat am 28. Februar 1990 den jüngsten
"Jahresbericht des Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Programm über Handelsvereinbarungen" herausgegeben. Aus dem 91 Seiten umfassenden Bericht veröffentlichen wir nachfolgend das Kapitel mit dem Titel
"Die Tagesordnung für 1990" im Wortlaut.

Zu Beginn des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts steht das Welthandelssystem an einem Scheideweg zwischen weiterer Liberalisierung und Expansion einerseits und Protektionismus und Rückgang
andererseits. Im Jahr 1990 wird die Bush-Administration die Kräfte des freien Handels in der ganzen Welt
durch den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde im Dezember unterstützen und stärken.

Um dieses Ziel zu erreichen, legt die handelspolitische
Tagesordnung der Administration im Jahr 1990 besondere Betonung auf folgende drei Ziele:

Die Administration wird überdies besonders engagiert eine Reihe von bilateralen und regionalen Maßnahmen verfolgen, die ihre multilateralen Ziele ergänzen.

Die Administration strebt an, bis Dezember 1990 in der
Uruguay-Runde Vereinbarungen mit folgenden Komponenten abzuschließen:

Ausgehend von dem festen Glauben an den Wettbewerb haben die Vereinigten Staaten eine führende
Rolle dabei übernommen, die Handelsschranken weltweit abzubauen. Mit dem Einsturz von Zollschranken
erhöhte sich der Welthandel von 61 Milliarden Dollar
im Jahr 1950 drastisch auf etwa 3 Billionen Dollar im
Jahr 1989.
Die Bush-Administration ist fest entschlossen, auf
diesem Erfolg aufzubauen. Die Administration hat
eine klare Vorstellung der von ihr angestrebten Welt:
Eine Welt, in der Unternehmer und nicht Regierungen
darüber entscheiden, wie Industriefirmen und landwirtschaftliche Betriebe miteinander konkurrieren und
Staaten Handel treiben. Die Administration ist der
Entwicklung eines Welthandelssystems verpflichtet,
das auf offenen Märkten und eindeutigen, zwingenden Regeln des Fairplays in allen Bereichen des
Handels gegründet ist.

AMERIKA DIENST 9

1. Stärkung und Ausweitung des internationalen Handelssystems durch erfolgreiche Verhandlungen über
ein ehrgeiziges Paket von Maßnahmen in der UruguayRunde.

Eine grundlegende Reform des internationalen
Agrarhandels, indem Exportsubventionen stufenweise abgebaut, sämtliche den Handel verzerrenden Subventionen und Zugangsschranken reduziert sowie die sanitären und phytosanitären Vorschriften harmonisiert werden, damit
die Landwirte ihrem Bedarf entsprechend anbauen können und ein angemessenes Einkommen
ohne staatliche Einmischung erzielen.
Verbesserung des Marktzugangs für Produkte
durch einen erheblichen Abbau der tarif ären und
nichttarifären Handelshemmnisse.
Erstellung von Regeln für den Handel in den
"neuen Bereichen" Dienstleistungen, geistiges
Eigentum und handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen.
Begrenzung von handelsverzerrenden staatlichen Subventionen.

Seite 1

�Verstärkte Integration der Entwicklungsländer
und deren Verantwortung innerhalb des GATTSystems sowie Begrenzung von Handelsbeschränkungen, die mit Zahlungsbilanzproblemen gerechtfertigt werden.
2. Ergänzung der Ziele der Uruguay-Runde durch
bilaterale und regionale Initiativen zur Marktöffnung
und -erweiterung.
Im Jahr 1990 wird die Administration weiterhin für die
Öffnung ausländischer Märkte und den Abbau von
Handelsschranken eintreten und ein breites Spektrum
bilateraler und regionaler Handelsinitiativen verfolgen.
Mit diesen Initiativen sollen der Trend zu marktorientierten Maßnahmen gefestigt und unfaire Handelspraktiken und Hemmnisse abgebaut werden, mit denen
die Chancen amerikanischer Exporteure eingeschränkt
werden. Sie sollen die Ziele der Uruguay-Runde zur
Marktöffnung ergänzen.

dem (im Jahr 1989 in Australien begonnenen) APECProzeß beteiligen, insbesondere um die Übereinstimmung unter den 12 APEC-Staaten zu fördern, sich
aktiv für ein ehrgeiziges Ergebnis der Uruguay-Runde
einzusetzen.
Nordamerika
Die Verwirklichung des amerikanisch-kanadischen
Freihandelsabkommens (FI"A): In enger Zusammenarbeit mit Kanada wird die Administration weiterhin
daran arbeiten, die handeis- und wachstumsfördernden Auswirkungen des FTA zu verstärken.

Zu diesen Maßnahmen gehören Initiativen in folgenden Bereichen:

Mexiko: Die Administration wird weiterhin eng mit
Mexiko zusammenarbeiten, um die Handels- und
Investitionstätigkeit zu intensivieren und die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos im Rahmen der im Oktober
1989 von den Präsidenten Bush und Salinas initiierten
Gespräche über Erleichterungen bei Handel und Investitionen sowie gemäß der Rahmenvereinbarung von
1987 (in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie,
Dienstleistungen, Zölle und Investitionen) zu fördern.

Pazifisches Becken:

Europa und Mittelmeer

Japan: Die Vereinigten Staaten führen zur Zeit ein
breites Spektrum von Initiativen in bezug auf Japan
durch, die sicherstellen sollen, daß der japanische
Markt offen ist und dem Wettbewerb unterliegt. Zu
diesen Initiativen gehören sektorale Gespräche und
Verhandlungen über Satelliten, forstwirtschaftliche
Produkte, Halbleiter, Telekommunikation, Dienstleistungen im Baugewerbe und andere Bereiche.

EG 1992: Die Administration beobachtet aktiv die
Schaffung eines gemeinsamen EG-Binnenmarkts bis
zum Jahr 1992, um sicherzustellen, daß dies nicht zu
neuen Handelsschranken an den Grenzen der EG
führt, während die inneren Grenzen abgebaut werden.
Zu diesen Bemühungen werden weitere bilaterale
Konsultationen gehören sowie gegebenenfalls Maßnahmen in internationalen Foren.

Ferner wird im Juli 1990 ein Abschlußbericht über die
Gespräche der Initiative über strukturelle Hindemisse
erstellt werden, die sich mit systemimmanenten Wettbewerbs- und Handelsschranken in Japan beschäftigen. Die Vereinigten Staaten erwarten für das Frühjahr 1990 einen Zwischenbericht sowie einen Plan für
konkrete strukturelle Veränderungen und eine "Anzahlung" in Form von substantiellen ersten Schritten
bis Juli.

Osteuropa und die Sowjetunion: Die Bush-Administration unternimmt verschiedene wichtige Schritte,

Ostasien: Die Vereinigten Staaten führen intensive
bilaterale Konsultationen und Verhandlungen mit den
neuen Industriestaaten Ostasiens, insbesondere Korea und Taiwan. Ziel dieser Gespräche ist der Abbau
von Handelsschranken in diesen Ländern, die Sicherstellung eines offenen und dem Wettbewerb unterliegenden Umfelds im Zuge der Entwicklung dieser Staaten sowie eine Ausweitung ihrer Verantwortung im
Welthandelssystem.

Das amerikanisch-israelische Freihandelsabkommen
(FTA): Die Vereinigten Staaten arbeiten bei der Durchführung des FTA eng mit Israel zusammen.

Initiative USA - ASEAN: Die Administration arbeitet
eng mit den ASEAN-Staaten zusammen, um im Rahmen der Initiative USA - ASEAN Märkte zu öffnen und
geistiges Eigentum zu schützen.
Asiatisch-Pazifische Wirtschaftszusammenarbeit
(APEC): Die Vereinigten Staaten werden sich aktiv an

Seite 2

um die Hinwendung der osteuropäishcen Länder und

der Sowjetunion zu freien Marktwirtschaften und offenen Handelssystemen zu unterstützen. Solche Bestrebungen zielen darauf ab, gegebenenfalls Handels und Investitionsabkommen auszuhandeln und diese
Länder in Abstimmung mit anderen US-Handelspartnern in das Welthandelssystem zu integrieren.

Lateinamerika und die Karibik
Die Administration unterstützt verschiedene Initiativen
zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in
Lateinamerika und der Karibik zugunsten der Marktwirtschaft und niedrigerer Handels- und Investionshemmnisse. Zu diesen Maßnahmen zählen:
Die Initiative für das Karibische Becken (Caribbean
Basin Initiative - CBI). Die Administration arbeitet am
Ausbau und der verbesserten CBI-Durchführung, insbesondere indem sie gemeinsam mit dem Kongreß die
Verabschiedung von Gesetzen zur Förderung der CBI
gewährleistet.
AMERIKA DIENST 9

�Handelsinitiative für die Anden. Die Administration
arbeitet mit den Andenstaaten zusammen, um den
Handel auszubauen, die wirtschafltiche Entwicklung
anzukurbeln und den Schwerpunkt der Volkswirtschaften vom Drogenhandel auf andere Bereiche zu verlagern. Präsident Bush hat zur Verwirklichung dieser
Ziele am 1. November 1989 ein erstes Paket von
Programmen vorgestellt.
Sektorale Bestrebungen
Programm zur Liberalisierung im Stahlsektor. 1990
wird die Administration die 1989 nach dem Liberalisierungsprogramm im Stahlsektor erzielten Abkommen
durchführen, in denen die Länder übereingekommen
sind, Subventionen und andere handelsverzerrende
Praktiken im Stahlsektor abzuschaffen.
initiative für die Werftindustrie. Die Administration wird
auf bilateraler Ebene und in der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
auf multilateraler Ebene ein Abkommen zur Abschaffung von Subventionen und anderen Formen der
Unterstützung für die Werftindustrie aushandeln. Die
Vereinigten Staaten haben den 31. März 1990 als
Termin gesetzt, bis zu dem greifbare Fortschritte erzielt werden sollen. Bis Mitte des Jahres 1990 soll ein
Abkommen erzielt sein.

*

AMERIKA DIENST 9

3.
Amerikanische Handelsgesetze sollen auf eine
Weise durchgesetzt und durchgeführt werden, in der
freie Marktwirtschaft und fairer Handel gefördert werden.
Die Administration wird sich amerikanischer Handelsgesetze bedienen, um ihre multilateralen und bilateralen Ziele - freie Märkte und fairen Handel - abzurunden.
Dazu zählt die Durchführung der Handelsgesetze von
1988, insbesondere der Abschnitte "Super 301" und
"Special 301", der Kapitel über Telekommunikation
und "Buy American" auf eine Weise, die den multilateralen Zielen der Vereinigten Staaten Rechnung trägt.
Darüberhinaus setzt sich die Administration für Handelsgesetze ein, die den Lebensstandard steigern und
die Rechte der Arbeitnehmer in allen Ländern verbessern. Die Administration wird weiterhin gemäß Abschnitt 301 gegebenenfalls ihren Einfluß geltend machen,
um offene Märkte zu gewährleisten.
Schlie ßlich werden die Kartellgesetze und die Gesetze
über Ausgleichszölle, das Allgemeine Präferenzsystem und die Bestimmungen des Handelsgesetzes zur
Gewährleistung der Nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten gewissenhaft durchgeführt.

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT
7. März 1990

EUROPA UND DIE VEREINIGTEN STAATEN
VON AMERIKA:
VERANTWORTUNG FÜR EINE WELT IM WANDEL
Rede von Botschafter Walters beim Initiatiatlvkreis Ruhrgebiet
BOCHUM - (AD) - In einer Rede vor dem Initiativkreis Ruhrgebiet der deutschen Wirtschaft in Bochum erklärte Botschafter Walters am 2. März 1990, es wäre fatal, wenn die europäischen Staaten aufgrund der
Entwicklungen in Europa weltweiten Problemen weniger Aufmerksamkeit schenken würden als bisher. "Die
Weltwirtschaft und der internationale Handel verlangen ein verantwortungsvolles Vorgehen aller Beteiligten,
insbesondere der großen Industrieländer. Außerdem müssen wir mehr denn je gemeinsame Antworten auf
Fragen finden, die die gesamte Menschheit berühren. Dazu gehören die internationale Verschuldungskrise
ebenso wie der Schutz unserer Umwelt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich freue mich sehr, heute zu Ihnen im Ruhrgebiet
sprechen zu können. Ich bin gern hierher gekommen,
und es ist für mich ein Vergnügen und eine Bereicherung zugleich, Gast in einer der modernsten Industrieregionen der Welt zu sein.
Einige von Ihnen wissen vielleicht, daß ich bereits im
Jahre 1948 in dieser Gegend war. Ich kam hierher als
Mitarbeiter von Averell Harriman, dem damaligen
Sonderbeauftragten unserer Regierung für den Wiederaufbau Europas. Manche von Ihnen werden sich
erinnern, wie es in jenen Tagen hier aussah. Die
Städte waren verwüstet, es herrschte große Not, viele
Menschen lebten auf engstem Raum in heute unvorstellbaren Unterkünften.
Angesichts der Zerstörung und der Not konnte ich mir
damals einen Wiederaufbau noch zu meinen Lebzeiten nicht vorstellen. Ich war beeindruckt, mit welcher
Tatkraft und Entschlossenheit die Menschen den Schutt
wegräumten und Straßen und Gebäude wieder errichteten. Ich erinnere mich auch noch gut, wie Frauen und
Männer, alte Menschen und Kinder jeden Ziegel aus
den Trümmern einzeln zurechtklopften, um damit
beschädigte Häuser zu reparieren oder neue zu errich-

AMERIKA DIENST 9

ten. Ich spürte den Willen der Menschen, ihre Stadt
und ihr Land wieder aufzubauen. Aber dennoch war in
jenen Tagen ein "deutsches Wirtschaftswunder" unvorstellbar.
Nach den Jahren des Booms mußte sich auch das
Ruhrgebiet - wie andere Kohle- und Stahlregionen dem Strukturwandel stellen. Mir wurde berichtet, daß
dieser Prozess erfolgreich verläuft und man hier inzwischen mehr von der Hochtechnologie als vom Hochofen und mehr vom Computer als von der Kohle
spricht. Ich habe mich gefreut, zu hören, daß im
Rahmen der wirtschaftlichen Erneuerung ein fruchtbarer Gedankenaustausch zwischen dem Ruhrgebiet
und Industrieregionen Amerikas stattfand. Wie ich
erfuhr, fanden vor allem unsere Technologieparks und
die enge Zusammenarbeit zwischen amerikanischen
Universitäten und Unternehmen Ihr Interesse.
Lassen Sie mich an dieser Stelle besonders die
Bemühungen der Ruhrstädte würdigen, deutschamerikanische Freundschaft zu pflegen und zu intensivieren. Als Beispiele nenne ich nur das Charles Ives
Festival in Duisburg und die Auslandskulturtage 1986
in Dortmund. Ich brauche nicht zu erwähnen, wie
wichtig es für die deutsch-amerikanischen Beziehungen ist, daß sich Menschen aus unseren Ländern
Seite 1

�begegnen und kennenlernen. Sie haben Hervorragendes in dieser Hinsicht geleistet. Dafür danke ich Ihnen.

offenen Märkten und fairen Wettbewerbsbedingungen
für die gesamte Weltwirtschaft.

Das Ruhrgebiet wird als das industrielle Herz Deutschlands bezeichnet. Aber heute schlägt dieses Herz
nicht für Deutschland allein. Es schlägt für ein Europa,
das sich in einer Zeit gewaltiger Veränderungen befindet. Die Länder der Europäischen Gemeinschaft
errichten einen Binnenmarkt und intensivieren ihre
Zusammenarbeit auch im politischen Bereich. Die
Bürger der DDR und die Völker Osteuropas haben den
Eisernen Vorhang weggerissen und nach jahrzehntelanger Unterdrückung die Freiheit errungen. Ein
Kontinent, der so viele Kriege wie wohl kein anderer
durchlitten hat, den Religionen und Ideologien gespalten haben, wächst zusammen.

Ohne das Thema weiter auszuführen, möchte ich doch
noch das Atlantische Bündnis als zentralen Faktor für
die Nachkriegsentwicklung in Europa hervorheben.
Unsere gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen
haben dem kommunistischen Expansionsstreben Einhalt
geboten und Westeuropa ein Leben in Freiheit ermöglicht. Unser Verteidigungsbündnis beruht auf Werten
wie Demokratie und der Achtung der Menschen- und
Bürgerrechte. Die Reformer im Osten wußten deshalb, daß von uns keine Gefahr ausgeht und wir sie
willkommen heißen in der Gemeinschaft freier Völker.

Wir sind alle sehr glücklich über diese Entwicklung.
Mein Land hat zweimal in diesem Jahrhundert Soldaten nach Europa geschickt, um Krieg und Gewaltherrschaft zu beenden. Aufgrund dieser Erfahrung waren
wir entschlossen, nach Kriegsende alles zu tun, um
Frieden und Freiheit in Europa zu wahren. In den
nachfolgenden Jahren schufen wir gemeinsam mit den
Völkern Westeuropas die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, um einen erneuten "Bürgerkrieg der Europäer", wie Churchill einmal sagte, zu
verhindern.
Ein entscheidendes Instrument für den Aufbau der
Demokratie und für die Sicherung der Freiheit in Europa war sicherlich das Wiederaufbauprogramm Präsident Trumans. Zwischen 1948 und 1952 betrug die
amerikanische Wirtschaftshilfe für Europa rund 13
Milliarden Dollar. Jährlich entsprach dies damals
zwischen fünf und zehn Prozent des amerikanischen
Bundeshaushalts oder zwei Prozent unseres Sozialprodukts. Umgerechnet auf den heutigen Dollarwert
hat damals jeder Amerikaner rund 1200 Dollar für der
Wiederaufbau Europas ausgegeben.
Der Marshallplan bot ein Startkapital, das die Europäer
klug einsetzten und das materiellen wie ideellen Erfolg
brachte. Die eintretende positive Wirtschaftsentwicklung erhöhte die Akzeptanz sowohl der marktwirtschaftlichen Ordnung als auch der demokratischen
politischen Systeme in Westeuropa.
Der Marshallplan hatte aber eine weitere bedeutende
Funktion: er brachte ehemalige Kriegsgegner, wie
Deutsche und Franzosen, zusammen und legte den
Grundstein für den Integrationsprozess in Westeuropa. Wir Amerikaner befürworteten stets die europäische Einigung. Die USA ermutigten und unterstützten
die beteiligten Länder bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl am 18. April
1951. Ebenso begrüßten wir die Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft durch die Römischen Verträge sechs Jahre später. In der Errichtung
des Europäischen Binnenmarktes bis Ende 1992 sehen
wir eine Chance nicht nur für Europa, sondern bei

Seite 2

Mit Blick auf die historischen Ereignisse in den letzten
Jahren und Monaten empfinde ich große Hochachtung
vor den Deutschen in der DDR und den Völkern Mittelund Osteuropas. Es erfordert unglaublichen Mut und
Willen, ein totalitäres System mit seinem umfangreichen Unterdrückungsapparat zu stürzen. Aber schließlich war die Idee der Freiheit und der Demokratie
stärker als Mauer und Stacheldraht. Thomas Jefferson sagte einmal: "Nichts ist im Buch der Geschichte
eindeutiger festgeschrieben, als daß die Menschen
frei sein sollen." Dieser Satz hat sich wieder einmal
bewahrheitet.
Nun sieht Präsident Bush unsere Aufgabe darin, "die
Früchte dieser friedlichen Revolutionen zu konsolidieren und die Architektur für einen kontinuierlichen und
friedlichen Wandel zu schaffen." Außenminister Baker
unterstrich vor dem Berliner Presseclub am 12. Dezember 1989 unser Interesse, gemeinsam mit den
europäischen Völkern auf ein neues Europa und einen
neuen Atlantizismus hinzuarbeiten. Er bekräftigte die
Aussage Präsident Bushs, daß "die Vereinigten Staaten eine europäische Macht sind und bleiben." Eine
aktive Rolle meines Landes in Europa wird von unseren Verbündeten ausdrücklich gewünscht. Beispielsweise hat Bundeskanzler Kohl wiederholt davon gesprochen, daß auch die Vereinigten Staaten und Kanada
eine Wohnung im gemeinsamen europäischen Haus
haben müßten.
Zur deutschen Frage hatte ich bereits Gelegenheit, vor
der Versammlung des Kommunalverbandes zu sprechen. Deshalb möchte ich hier nur kurz erwähnen, daß
wir immer mit Nachdruck für das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen eingetreten sind. Präsident Bush
hat am letzten Wochenende gegenüber dem Bundeskanzler die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
die deutsche Einheit wiederum bekräftigt. Der amerikanische Präsident und der Bundeskanzler sind sich
einig, daß ein vereinigtes Deutschland ein Mitglied der
NATO bleibt.
Ich weiß, die deutsche Frage und die Demokratisierung Osteuropas sind nach der jahrzehntelangen ideologischen Spaltung dieses Kontinents außerordentlich
faszinierend. Seit einem halben Jahrhundert habe ich

AMERIKA DIENST 9

�die Ereignisse in Europa sowohl als Soldat als auch in
Regierungsämtern verfolgt. Und ich kann nur staunen:
Entwicklungen, die früher Jahre brauchten, laufen
heute in Tagen ab.
Aber bei aller Begeisterung über die historischen Entwicklungen in Europa dürfen wir nicht vergessen, daß
wir auch noch andere wichtige Aufgaben und Herausforderungen in diesen Jahren zu bewältigen haben.
Die Weltwirtschaft und der internationale Handel verlangen ein verantwortungsvolles Vorgehen aller Beteiligten, insbesondere der großen Industrieländer.
Außerdem müssen wir mehr denn je gemeinsame
Antworten auf Fragen finden, die die gesamte Menschheit berühren. Dazu gehören die internationale Verschuldungskrise ebenso wie der Schutz unserer Umwelt.
Es gibt aber viele, die ein nachlassendes Interesse der
Europäer an globalen Fragen befürchten. Der deutsche Einigungsprozess, der europäische Binnenmarkt
und die Reformen in Osteuropa erfordern sicherlich
eine Bündelung vieler Kräfte. Jedoch wäre es fatal,
wenn deswegen die europäischen Staaten weltweiten
Problemen weniger Bedeutung als bisher beimessen
würden.
Wie Sie wissen, hat der Gang der Weltwirtschaft auf
die politischen und wirtschaftlichen Prozesse und auf
die Stabilität in Europa entscheidenden Einfluß. Die
gegenwärtig günstige Konjunktur erlaubt es beispielsweise der Bundesregierung, Milliarden für die DDR zur
Verfügung zu stellen, ohne daß die Bundesbürger den
Gürtel spürbar enger schnallen müssen. Stellen Sie
sich vor, welche zusätzlichen Probleme der Zuzug von

Aus- und Übersiedlern in einer Rezession der Bundesrepublik bereiten würde? Eine Wirtschaftskrise würde
den Westen in Bedrängnis bringen und möglicherweise in den jungen Demokratien im Osten zu chaotischen Zuständen führen.
Die Weltwirtschaft jedoch ist anfällig für Störungen
verschiedenster Art. Eine enge internationale Kooperation und Koordination im Bereich der Wirtschaftsund Finanzpolitik ist deshalb unerläßlich. In den nächsten Jahren geht es darum, die Ungleichgewichte im
internationalen Handel zu beseitigen, um vor allem der
Gefahr des Protektionismus zu begegnen. Staaten mit
einem Leistungsbilanzdefizit wie die USA müssen
einen Beitrag hierzu leisten, aber auch Überschußländer wie die Bundesrepublik Deutschland und Japan.
Noch in diesem Jahr wollen wir in der sogenannten
GATT Uruguay-Runde verläßliche und effiziente
Rahmenbedingungen für den Welthandel schaffen.
Weitreichende Zollsenkungen seit dem Inkrafttreten
des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens am 1.
Januar 1948 haben maßgeblich zur Ausweitung des
Welthandels und der internationalen Arbeitsteilung in
den letzten Jahrzehnten beigetragen. Nun gilt es, das
Welthandelssystem den heutigen Erfordernissen
anzupassen und auf eine solide Grundlage zu stellen.

AMERIKA DIENST 9

Für meine Regierung ist ein erfolgreicher Abschlu ß der
GATT-Runde im Dezember dieses Jahres von außerordentlicher Wichtigkeit. Ein Scheitern dieser Konferenz, so befürchten wir, würde das Entstehen von
Handelsblöcken durch bilaterale Vereinbarungen fördern und dem Protektionismus Tür und Tor öffnen.
Im einzelnen wollen wir in Genf folgendes erreichen:
erstens, eine grundlegende Reform des Agrarhandels;
zweitens, die Erweiterung des GATT-Systems auf
Bereiche wie Dienstleistungen, Investitionen und geistiges Eigentum;
drittens, einen verbesserten Zugang zu den Märkten;
viertens, die Beseitigung von wettbewerbsverzerrenden Subventionen;
und fünftens, eine faire und wirksame Schiedsgerichtsbarkeit im Rahmen des GATT.
Zusammenfassend zeigt sich in diesen Punkten das
Ziel amerikanischer Handelspolitik: Wir wollen faire
Wettbewerbsbedingungen und offene Märkte weltweit.
Mit den Europäern sind wir uns im großen und ganzen
in der Zielsetzung einig. Aber das Hauptproblem
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft sowohl in der laufenden GATTRunde als auch auf bilateraler Ebene liegt im Agrarhandel. Wir sind ein traditionelles Agrarexportland;
landwirtschaftliche Erzeugnisse machen etwa zwanzig Prozent aller amerikanischen Ausfuhren aus. Unsere
Landwirtschaft ist wettbewerbsfähig, und eine Exportsteigerung ist durchaus noch möglich. Aber unsere
Agrarexporteure treffen zum einen auf einen protektionistischen Wall um die EG; zum anderen konkurrieren
subventionierte Agrarprodukte aus der EG auf dem
Weltmarkt mit amerikanischen Erzeugnissen, die zum
Teil nun ebenfalls subventioniert werden.
Der Subventionswettlauf zwischen der EG und den
USA hat inzwischen absurde Ausmaße angenommen.
Im Jahr 1988 gaben die Europäer etwa 120 Milliarden
Dollar und wir Amerikaner etwa 75 Milliarden Dollar für
die Unterstützung der Landwirtschaft aus. Folglich
kosten Subventionen im Agrarbereich jeden EG-Bürger, ob Kleinkind oder Greis, jährlich etwa 800 D-Mark.
Jeder Amerikaner gibt dafür fast 300 Dollar im Jahr
aus.
Am 25. Oktober unterbreitete daher meine Regierung
der GATT-Runde in Genf einen umfassenden Plan zur
Reform des internationalen Agrarhandels. Unter
anderem schlugen wir vor, die Exportsubventionen
innerhalb von fünf Jahren zu beseitigen. Außerdem
machten wir Vorschläge zur graduellen Beseitigung
von Einfuhrbarrieren und von wettbewerbsverzerrenden Subventionen im Agrarbereich weltweit. Die EG

Seite 3

�hat vorschnell, wie ich meine, unsere Vorschläge als
unrealistisch abgelehnt.
Wir hoffen aber, daß wir mit der EG zu einer Einigung
kommen, denn die zermürbenden Grabenkämpfe sind
eine stetige Belastung für unsere Handelsbeziehungen. Wir führten Hähnchen-und Spaghettikriege. Wir
stritten wegen der geplanten EG-Fettsteuer und belegten Walnüsse und Dosenfrüchte gegenseitig mit Strafzöllen. Ich sehe eine große Gefahr, daß Handelskonflikte zu einer zunehmenden Belastung für die transatlantischen Beziehungen insgesamt werden. Dies
müssen wir gemeinsam verhindern, und deshalb darf
die Uruguay-Runde nicht am Agrarprotektionismus
der EG scheitern.
Es ist doch so, daß protektionistische Maßnahmen
hier und da das ganze System in Gefahr bringen.
Staatlicher Schutz und Subventionen für einen Wirtschaftszweig in einem Land führen meist zu Gegenmaßnahmen in anderen Ländern. Ich gebe zu, daß
auch die Vereinigten Staaten Maßnahmen zum Schutz
ihrer Wirtschaft beseitigen müssen. Meine Regierung
hat ihre Bereitschaft hierzu erklärt. Aber, um unsere
Handelsbeauftragte, Carla Hills, zu zitieren, wir werden nicht einseitig abrüsten. Wir möchten, daß alle bei
der Reform des Welthandels mitmachen. Die Uruguay-Runde könnte nach den Worten von Carla Hills
"die letzte gute Chance in diesem Jahrhundert sein,
ein wahrlich freies Handelssystem, das auf Wettbewerb beruht, zu schaffen." Nutzen wir gemeinsam
diese Chance.
Lassen Sie mich abschließend noch ein paar Worte
über die größte Herausforderung unserer Zeit sagen,
mit der sich nicht nur unsere beiden Länder, sondern
die gesamte internationale Staatengemeinschaft konfrontiert sieht. Diese Herausforderung hat nichts mit
Panzern und Kanonen, nichts mit Gewinnen und Verlusten, nichts mit Leistungsbilanzüberschüssen und
defiziten zu tun. Nein, aus meiner Sicht besteht heute
für uns alle die größte und wichtigste Aufgabe darin,
den kommenden Generationen weltweit eine gesunde, intakte Umwelt zu hinterlassen.
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutschland nehmen im Umweltschutz eine führende Rolle in
der Welt ein. Unsere Regierungen sind sich ihrer
Verantwortung bewußt und entwickeln vernünftige
politische Konzepte zum Schutz unserer natürlichen
Lebensverhältnisse auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wir haben die Mittel für
Umweltforschung in den letzten Jahren beträchtlich
erhöht. In diesem Haushaltsjahr geben die Vereinigten Staaten beispielsweise etwa 500 Millionen Dollar
für interdisziplinäre Forschungsprogramme über globale Umweltprobleme aus. Ich kann heute mit Stolz
sagen, daß ein sehr großer Teil der derzeitigen Erkenntnisse über die Erwärmung der Erdatmosphäre
auf amerikanischen Forschungsarbeiten basieren, die
von unserer Regierung finanziert wurden.

Seite 4

Schon Mitte der siebziger Jahre wiesen Forschungslabors kalifornischer Universitäten den Ozonverlust in
der Troposphäre nach. Sie entdeckten, daß bestimmte chemische Substanzen zur Schädigung der lebenswichtigen Ozonschicht beitragen könnten. Die amerikanische Regierung nahm die Gefahr sehr ernst und
handelte schnell. Noch vor Ablauf des Jahrzehnts
hatte sie die Verwendung von gefährlichen Treibgasen
in Sprays verboten. Gleichzeitig bemühten wir uns um
einen internationalen Rahmen zum Schutz der Ozonschicht. Aus dieser Zusammenarbeit mit anderen
Staaten ergab sich 1987 das Protokoll von Montreal.
Es sieht vor, die Emission von Stoffen, die die Ozonschicht gefährden, zunächst auf dem gegenwärtigen
Stand einzufrieren, zu verringern und schließlich ganz
zu verbieten.
Eine zweite große Gefahr für das Leben auf der Erde
ist weit komplexer. Es ist die weltweite Klimaerwärmung durch den sogenannten Treibhauseffekt. Klimatologen sind zunehmend davon überzeugt, daß die
vom Menschen verursachten Emissionen von Kohlendioxid, Methan und anderen Gasen eine treibhausähnliche Erwärmung der Erdatmosphäre bewirken. Mathematische Modellrechnungen hierzu haben ergeben, daß bis Mitte des nächsten Jahrhunderts eine
weltweite Erwärmung in der Größenordnung von 1,5
bis 4,5 Grad Celsius eintreten könnte. Wenn diese
Prognosen sich bewahrheiten, hätte dies möglicherweise ein gefährliches Ansteigen des Meeresspiegels,
veränderte Niederschlagsverhältnisse und geographische Verschiebungen im Bereich der Land- und Forstwirtschaft zur Folge.
Wir sollten deshalb schnell vernünftige Maßnahmen
einleiten, selbst wenn noch keine vollkommenen Erkenntnisse zur Erwärmung der Erdatmosphäre vorliegen. Eine Reduzierung der FCKW-Emissionen zum
Schutz der Ozonschicht hätte auch positive Auswirkungen auf den Treibhauseffekt, denn diese chemische Verbindung soll zu fast einem Fünftel auch dafür
verantwortlich sein. Ebenfalls ist es wichtig, daß wir
zur Verringerung des Kohlendioxids in der Atmosphäre unsere Wälder bewahren und neue Bäume pflanzen.
Schließlich wird das von der amerikanischen Regierung vorgelegte Gesetz zur Reinhaltung der Luft nicht
nur eine Verbesserung der Lebensqualität in unseren
Städten bewirken, sondern auch auch eine beträchtliche Verringerung der Kohlendioxidemissionen mit sich
bringen. Ich weiß, daß auch die Bundesrepublik und
insbesondere das Ruhrgebiet, in den letzten Jahren
große Anstrengungen zur Luftreinhaltung unternommen und bemerkenswerte Erfolge auf diesem Gebiet
vorzuweisen haben.
Präsident Bush legt größten Wert auf eine weltweite
Kooperation in Umweltfragen. Er hat deshalb kürzlich
die Einberufung einer internationalen Umweltkonferenz nach Washington vorgeschlagen. Das Ziel dieser
AMERIKA DIENST 9

�Konferenz soll sein, ein Rahmenabkommen über
Maßnahmen gegen eine weitere Erwärmung der Erdatmosphäre zu treffen.

Kommunikation und eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen europäischen und amerikanischen
Institutionen unerläßlich.

Die Bereitschaft so vieler Länder in Ost und West, in
Umweltfragen zusammenzuarbeiten, erfüllt mich mit
Zuversicht. Auch die guten Beziehungen zwischen
den westlichen Industrieländern stimmt mich in dieser
Hinsicht optimistisch. Wir haben die erfolgreichste
Verteidigungsallianz der Geschichte und ein florierendes Weltwirtschaftssystem geschaffen. Ich glaube,
wir können durch enge wissenschaftlich-technische
Zusammenarbeit und durch politische Koordination
auch die globalen Umweltprobleme in den Griff bekommen.

Meine Damen und Herren, seit über vierzig Jahren sind
die Vereinigten Staaten und Westeuropa auf politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gebieten eng
verbunden. Auf diese Erfahrung können neue und
erweiterte Formen der transatlantischen Kooperation
aufbauen. Wie Außenminister Baker in Berlin betonte, wird die NATO weiterhin das wichtigste Bindeglied
zwischen Nordamerika und Europa sein. Sie wird
möglicherweise neue Aufgaben übernehmen. Der
KSZE-Prozeß wird zu einem wichtigen Forum der Zusammenarbeit zwischen Ost und West werden. Und
schließlich entwickelt sich die EG mehr und mehr zu
einem Stützpfeiler im transatlantischen Verhältnis.

Meine Damen und Herren, für uns Amerikaner sind die
Europäer Verbündete und die idealen Partner in internationalen politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten. Uns verbinden gemeinsame Werte, gemeinsame Überzeugungen und gemeinsame Institutionen. Der europäische Einigungsprozess und die
Entwicklungen in Osteuropa sollten jedoch nicht zu
einer Lockerung der transatlantischen Beziehungen
führen. Im Gegenteil, angesichts der Fülle der Aufgaben und Herausforderungen ist eine Verbesserung der

*

AMERIKA DIENST 9

*

Gemeinsam haben wir über vier Jahrzehnte lang
Verantwortung für Sicherheit, Frieden und Stabilität in
Westeuropa getragen. Gemeinsam sollten wir nun
Verantwortung für eine Welt im Wandel tragen. Das
Zusammenwachsen Europas sollte auch die Alte und
die Neue Welt noch näher zusammenführen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

*

*

Seite 5

�OSTEUROPA
7. März 1990

WEBSTER: WANDEL IN DER SOWJETUNION
UNUMKEHRBAR
Rede des CIA-Direktors vor Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Dem CIA-Direktor William Webster zufolge ist der sich in der Sowjetunion und dem
ehemaligen sowjetischen Imperium vollziehende Wandel faktisch unumkehrbar. Selbst wenn sowjetische
Betonköpfe wieder die Regierung übernehmen würden, wäre eine Reaktivierung des Warschauer Pakts durch
die Sowjetunion unwahrscheinlich, erklärte Webster am 1. März 1990 vor dem Streitkräfteausschuß des
Repräsentantenhauses.
"Aufstände" in der kommunistischen Welt, so Webster, "werden zunehmend schwieriger zu unterdrücken sein.
In folgenden entscheidenen Bereichen sind die Veränderungen bereits jetzt schon praktisch unumkehrbar:

Es bestehen geringe Chancen auf eine Wiederherstellung der sowjetischen Hegemonie in Osteuropa.
Die marxistisch-leninistische Ideologie hat sich als ernsthafte Alternative zu demokratischem Pluralismus
und freier Marktwirtschaft überlebt.
Die kommunistischen Parteien werden weiterhin an Legitimität und Stärke verlieren, vielleicht mit
Ausnahme einiger rückständiger, isolierter Nationen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des CIA-Direktors im Wortlaut.

Ein revolutionärer Wandel vollzieht sich in dem ehedem als Ostblock bezeichneten Gebiet. Kommunistische Parteien und marxistische Doktrinen sind gescheitert. Lange unterdrückte Völker kommen allmählich in den Genuß politischer und persönlicher Freiheiten, beginnen mit der Planung von Marktwirtschaften
und der Gestaltung neuer, von in Traditionen des
Humanismus und der Aufklärung verwurzelter Gesellschaften.
Während diese Aufstände an Dynamik gewinnen, werden
sie zunehmend schwieriger zu unterdrücken sein. In
folgenden entscheidenen Bereichen sind die Veränderungen bereits jetzt schon praktisch unumkehrbar:
Es bestehen geringe Chancen auf eine Wiederherstellung der sowjetischen Hegemonie in Osteuropa.

AMERIKA DIENST 9

Die marxistisch-leninistische Ideologie hat sich
als ernsthafte Alternative zu demokratischem
Pluralismus und freier Marktwirtschaft überlebt.
Die kommunistischen Parteien werden weiterhin an Legitimität und Stärke verlieren, vielleicht
mit Ausnahme einiger rückständiger, isolierter
Nationen.
Ich möchte damit jedoch nicht behaupten, daß Ereignisse wie im letzten Juni auf dem Tiananmen-Platz in
Peking sich nicht andernorts wiederholen könnten.
Zweifelsohne könnte der sowjetische und osteuropäische Reformprozeß zusammenbrechen oder von
reaktionären Kräften unterdrückt werden. In der Mehrzahl
dieser Länder wäre eine Umkehr der Reformen durch
die Betonköpfe jedoch sehr viel schwieriger und teurer
als es in China bisher der Fall war. In der Sowjetunion

Seite 1

�könnte eine Umkehr der Politik Gorbatschows nur
durch seinen Sturz vollzogen werden. Dies scheint im
Augenblick wenig wahrscheinlich. Tatsächlich hat das
Zentralkomitee im vergangenen Monat Gorbatschows
Position noch verstärkt und gleichzeitig angekündigt,
den Reformprozeß voranzubringen und das Machtmonopol der Kommunistischen Partei zu beenden.
Dennoch sind die Perspektiven für die derzeitige Führung
und die Sowjetunion selbst auf lange Sicht unsicher.
Ethnische und andere Spannungen werden weiterbestehen, während die Reformwilligen und eine zunehmend mobilisierte Bevölkerung sich mit Problemen
ungekannten Ausmaßes auseinandersetzen. Die
Instabilität wird durch ernsthafte und sich noch verschärfende Wirtschaftsprobleme geschürt.
Wie ich bereits ausgeführt habe, Herr Vorsitzender,
haben diese Ereignisse tiefgreifende Auswirkungen.
Wir können die gegenwärtige Situation und alternative
Zukunftsszenarien in der Sowjetunion mit einem
gewissen Maß an Vertrauen einschätzen. Aber wir
können nicht mit mehr Sicherheit als die sowjetische
Führung selbst vorhersagen, wie sich die derzeitigen
Unruhen in der UdSSR langfristig entwickeln werden.
Obwohl zahlreiche positive Entwicklungen Grund zu
Optimismus sind, müssen wir dennoch realistisch und
wachsam bleiben.
Wie ich im Januar erklärt habe, verfolgen die Sowjets
ein umfassendes strategisches Modernisierungsprogramm. Die Fähigkeiten ihrer strategischen Streitkräfte werden insgesamt geschützt und in gewisser Weise
verbessert. Ich möchte mich hier zu diesem Thema
nicht wiederholen, es sei denn, um nochmals zu betonen, wie wichtig die Aufrechterhaltung eines fähigen
Nachrichtendienstes ist, damit wir weiterhin das gesamte Spektrum sich verändernder sowjetischer Programme, Maßnahmen und Prioritäten überwachen
und einschätzen können.
Osteuropa
Ich möchte mich jetzt den Reformprozessen in Osteuropa und der Möglichkeit ihrer Umkehrung zuwenden.
Auf den Punkt gebracht: Die reaktionären Kräfte sind
wahrscheinlich zu schwach und diskreditiert, um in der
Tschechoslowakei, der DDR, Ungarn und Polen wieder an die Macht zu gelangen. Die Aussichten für
Demokratie und Martkwirtschaften in diesen Ländern
scheinen relativ gut. Die Aussichten für Rumänien und
Bulgarien sind jeoch etwas unsicherer.
Lange Zeit unterdrückte demokratische Werte und
Traditionen sind in den vier am weitesten entwickelten
Ländern Osteuropas zu neuem Leben erwacht und
werden mit den zunehmenden Forderungen der Bevölkerung nach mehr Freiheit stärker. In der Tschechoslowakei wurden zum Beispiel bereits über40 neue
politische Parteien gegründet, und weitere formieren
sich im Zuge der Vorbereitungen auf die im Juni

Seite 2

stattfindenden Parlamentswahlen. Das Spektrum der
neuen demokratischen Kräfte ist in Ungarn ebenso
breit, wo über ein Dutzend Parteien und eine Vielzahl
von Interessengruppen auf den Plan getreten sind.
Gleichzeitig hält der Verfall der kommunistischen
Parteien und anderer Relikte der alten Regime an.
Streitkräfte und Geheimpolizei sind in der Tschechoslowakei, der DDR, Ungarn und Polen als Werkzeuge
der Unterdrückung unzuverlässig geworden.
Trotzdem wird es für alle osteuropäischen Nationen
schwierig sein, den von ihnen gewünschten Übergang
zu bewerkstelligen. Sie werden erhebliche Zuflüsse
westlichen Kapitals benötigen, obwohl drei von ihnen
- Polen, die DDR und Ungarn - bereits hohe Schulden
in harter Währung aufweisen. Polen hat am meisten
zur Öffnung seiner Volkswirtschaft getan, aber es
werden weiterhin Probleme - darunter auch größere
Spannungen innerhalb der Solidarität - auftreten.
In Bulgarien und Rumänien gibt es vielfältige und
ernste Schwierigkeiten. Die Reformbewegungen sind
nicht so stark, die Demokratie hat wenig Tradition,
wirtschaftliche und ethnische Spannungen sind ausgeprägt, und potentiell repressive Überreste der alten
Regime sind weiterhin vorhanden. Aber selbst auf
dem Balkan hat die Liberalisierung beim Volk breite
Unterstützung von Demokratie und Menschenrechten
hervorgerufen.
Die militärische Bedrohung der NATO
Als Ergebnis der Veränderungen in Osteuropa und
sowjetischer Maßnahmen seit der Rede Präsident
Gorbatschows bei den Vereinten Nationen im Dezember 1988 wurde die Bedrohung der Vereinigten Staaten und der NATO durch den Warschauer Pakt erheblich abgebaut.
In einem Konflikt mit der NATO könnten sich die
sowjetischen Militärplaner nicht mehr auf die
osteuropäischen Streitkräfte verlassen.
Moskau hat sich prinzipiell bereiterklärt, das
Gros seinerTruppen aus Polen, Ungarn und der
Tschechoslowakei abzuziehen. Erhebliche Reduzierungen werden dieses Jahr stattfinden.
Der bereits vorgenommen Abbau hatte eine
Verlängerung des Zeitraums zur Folge, den die
Sowjets zur Mobilisierung für einen Großangriff
in Europa benötigen würden. Trotzdem muß
jedoch festgestellt werden, daß die verbleibenden sowjetischen Streitkräfte umfangreich und
leistungsfähig sind.
Der Abzug sowjetischer Streitkräfte aus Osteuropa
scheint planmäßig zu verlaufen. Drei Panzerdivisionen und zusätzliche Panzer - insgesamt 2 700 - wurden abgezogen, und eine ebensogroße Zahl sollte bis
zum Jahresende abgebaut werden, wenn Moskau

AMERIKA DIENST 9

�seinen Absichtserklärungen gerecht wird. Sowjetische Sturmlandeformationen und -einheiten sowie
Einheiten für Sturmangriffe über Gewässer wurden
ebenfalls aus Osteuropa abgezogen.
Präsident Gorbatschow ist überdies fest entschlossen, 800 Kampfflugzeuge aus Osteuropa und der
westlichen UdSSR zurückzuziehen und den Gesamtumfang der sowjetischen Streitkräfte bis zum Jahresende um 500 000 Mann zu verringern.
Eine Umkehrung der geplanten oder bereits vollzogenen dramatischen Veränderungen wird immer schwieriger. Um dies zu tun, müßte eine neue orthodoxe
Führung in Moskau die traditionelle Militärdoktrin sowie
althergebrachte Beschaffungsprioritäten wiedereinführen oder sich neue zu eigen machen. Beides wäre mit
Unruhe und hohen Kosten verbunden und würde
zumindest kurzfristig zu einem erheblich geringeren
Bereitschaftsgrad führen.
Noch wichtiger ist die Tatsache, daß die Wiederherstellung der Streitkräfte in ihrem früheren Umfang bei
einer des Mangels und der Opfer ohnehin überdrüssigen Bevölkerung unpopulär wäre. Eine Umkehrung
der von Gorbatschow bei den Militärausgaben gesetzten Prioritäten würde die Umleitung knapper Ressourcen und industrieller Kapazitäten von ziviler zu militärischer Produktion erfordern. Dies würde unweigerlich
zu einer weiteren Zerrüttung der Volkswirtschaft führen und könnte einen Volksaufstand provozieren.
Die Dauerhaftigkeit der sowjetischen Reformen
ich wende mich nun den komplexen und zwangsläufig
spekulativen Fragen zu, die sich auf die Dauerhaftigkeit des sowjetischen Reformprozesses beziehen. Am
wichtigsten ist in dieser Hinsicht die Tatsache, daß ein
Mittelweg in der UdSSR heute nicht mehr gangbar ist.
Der innenpolitische Prozeß tendiert zu einer Polarisierung zwischen denjenigen, die den Reformprozeß
anhalten wollen und denen, die nach noch radikaleren
Reformen streben. Unter ersteren sind viele, die sich
nach der Ordnung, Disziplin und zentralen Autorität
der stalinistischen Vergangenheit sehnen und deren
Ängste sich mit zunehmender Unruhe und Unsicherheit verstärkt haben. Diese Ansichten sind bei einigen
Vertretern von Militär, Partei und Staatsapparat verbreitet. Unterschwellig gehört dazu auch ein Element
des russischen Nationalismus.
Diejenigen, die eine Beschleunigung der Reformen
verlangen, haben jedoch immer noch die Oberhand,
und viele Sowjetbürger drängen auf radikale Veränderungen. Seit dem letzten Juli, als Präsident Gorbatschow direkte Verhandlungen mit den gewählten
Vertretern streikender Bergleute anordnete, hat sich
sogar eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung
entwickelt.
Die Unzufriedenheit der Arbeiter trat ebenfalls bei den

AMERIKA DIENST 9

großen Demonstrationen in Moskau vor dem Parteikongreß Anfang letzten Monats zutage, als sich zumindest einige Arbeiter traditionelle marxistische Leitsätze zu eigen machten. Ein Transparent trug zum
Beispiel die Aufschrift: "Der sowjetische Arbeiter hat
nichts zu verlieren außer seiner Armut".
Die Empörung über Korruption, Mißwirtschaft und
Arroganz staatlicher Stellen hat die Forderung der
Basis nach mehr Demokratie heraufbeschworen. In
verschiedenen Städten und Außenbezirken haben die
Proteste im Volk bereits Rücktritte von Parteikadern
zur Folge gehabt. Einige dieser Konfrontationen mit
der Führung sind in der staatlichen Sowjetpresse auf
positive Resonanz gestoßen.
Die in den nächsten Monaten in 15 Republiken stattfindenden Wahlen werden wahrscheinlich den Reformprozeß stärken und den Institutionen der Legislative
auf Kosten der Partei mehr Autorität zugestehen.
Darüber hinaus werden diese Entwicklungen den Druck
auf Moskau erhöhen, das Tempo der Reformen zu beschleunigen.
Schließlich entwickeln sich mit der größeren Dynamik
der Reformen neue Beziehungen zwischen Moskau
und den Minderheitsrepubliken. Es besteht nunmehr
die reelle Chance, daß die baltischen Staaten in den
kommenden Jahren eine friedliche Abspaltung von der
Sowjetunion zuwege bringen. Im Kaukasus und Zentralasien wird es weiterhin ethnische und religiöse
Probleme geben, die Moskau zum Einsatz militärischer Macht zwingen könnten, um Ordnung und
Machtmonopol aufrechtzuerhalten, wie dies in Aserbaidschan geschehen ist.
Die Möglichkeit einer reaktionären Gegenbewegung
Obwohl die von Lenin, Stalin und Breschnew ins Leben
gerufenen Institutionen abgeschafft wurden, sind die
neuen noch nicht in der Lage, mit den überwältigenden
Problemen des Landes fertigzuwerden. Unter den
sowjetischen Bürgern wächst die Unzufriedenheit mit
dem niedrigen Lebensstandard, Engpässen, steigender Kriminalität, Aufständen von Volksgruppen und
anderen Problemen. Arbeiteraufstände könnten in
diesem Jahr zunehmen, zu einer ernsthaften neuen
Herausforderung für die zentrale Führung werden und
die Wirtschaft weiter schwächen.
Unter diesen Umständen ist es möglich, daß reaktionäre Gegner von Präsident Gorbatschows Reformen
zu seinem Sturz ausholen. Zweifellos müßten sie
beträchtliche Gewalt anwenden, um ein orthodoxes
Regime zu etablieren. Sie würde viele der gegenwärtigen Reformen abschaffen und eine strengere zentrale Kontrolle anstreben.
Solch ein neues System wäre Zielscheibe für internationale Kritik und Sanktionen und müßte sich gegenüber einer Bevölkerung behaupten, die ein stärkeres
Seite 3

�politisches Bewu ßtsein hat als jemals zuvor seit 1917.
In Moskau und in anderen Städten würden die Reformwilligen auf die Straße gehen, und mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit würde es zu Gewaltakten kommen.

größere Konfrontation mit den Vereinigten Staaten.
Eine neue Führung müßte sich vor allem mit den
dringlichen nationalen Problemen auseinandersetzen
und würde sich höchstwahrscheinlich nicht die militärische Aufrüstung im großen Stil vornehmen.

Die Volksaufstände würden höchstwahrscheinlich in
einigen Minderheitsrepubliken größere Ausmaße
annehmen. Eine orthodoxe Führung würde unter
Umständen massive militärische Macht einsetzen, um
die Abspaltung der baltischen Republiken zu verhindern. Andere Republiken könnten ebenfalls Unabhängigkeit anstreben.

Das heißt, daß sich jedes Nachfolgeregime denselben
wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen
wie Präsident Gorbatschow gegen übersehen und
sicherlich auch Rüstungskontrollabkommen mit dem
Westen weiterverfolgen würde. Darüber hinaus würde
es wahrscheinlich keinen Kurswechsel der in Osteuropa erfolgten Veränderungen oder etwa eine Reaktivierung des Warschauer Pakts anstreben.

Eine derart kompromißlose Führung könnte sich jedoch nur solange halten wie sie über die Unterstützung
eines starken und einigen Militärs verfügt. Die sowjetischen Streitkräfte sind aber nicht ausgebildet oder
ausgerüstet, um die Aufgaben einer Polizeitruppe
wahrzunehmen. Große und um sich greifende Aufstände würden sie auf eine harte Probe stellen. Dabei
kann man die Reaktion von Befehlshabern und Truppen nicht vorhersagen, wenn sie den Befehl erhalten,
auf Zivilisten zu schießen.
Eine orthodoxe politische Führung müßte sich vor
Augen führen, daß die rumänischen Streitkräfte sich
letztlich geweigert haben, Ceausescus Regime vor
dem Volkszorn zu retten. Sie haben sich vielmehr dem
Volk angeschlossen und ihn gestürzt. Herr Vorsitzender, ich kann nicht vorhersehen, welche Entscheidungen die gegenwärtige oder künftige Führung der
Sowjetunion treffen wird.
Aber auch wenn ein orthodoxes Regime in Moskau an
die Macht käme, bestünden wenig Anreize für eine
*

Seite 4

Schlußbemerkung
Herr Vorsitzender, zum Schluß möchte ich darauf
hinweisen, daß auch ein Führungswechsel und ein
anderer politischer Kurs in Moskau wahrscheinlich
keine internationale Ordnung mehr herstellen würde,
wie sie noch vor einigen Jahren existierte.
Grö ßere Umwälzungen zugunsten einer Herrschaft im
stalinistischen Stil werden in Osteuropa immer unwahrscheinlicher, obwohl politische Krisen und Rückschläge bei den Reformen sehr wohl stattfinden können.
Ich versichere Ihnen jedoch, daß die Nachrichtendienste alle Möglichkeiten aufmerksam beobachten werden. Wir werden weiterhin den täglichen Ablauf der sowjetischen und osteuropäischen Reformprozesse und
seine Auswirkungen auf amerikanische Interessen beobachten und auswerten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 9

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10778">
                <text>07.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10779">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10780">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10781">
                <text>Amerikadienst 07.03.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10782">
                <text>&lt;strong&gt;1. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Offene Märkte und fairer Wettbewerb: amerikanische Handelspolitik für die Neunziger Jahre&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters vor dem Übersee-Club&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abbau von Handelsschranken Hauptziel im Jahr 1990&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszug aus dem Bericht der US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika: Verantwortung für eine Welt im Wandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters beim Initiativkreis Ruhrgebiet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Webster: Wandel in der Sowjetunion unumkehrbar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des CIA-Direktors vor Kongreßausschuß&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2133" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2144">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/673381134166eb5ea7473581d8c53ae8.pdf</src>
        <authentication>d57ee1f68b24de2722e6c1534ec4e680</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10777">
                    <text>VON

cimGrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

*

J&amp;
&lt;?v&gt;

Nr

28. Februar 1990

8

DEUTSCHLANDPOLITIK

US-TRUPPEN AUCH IN VEREINIGTEM
DEUTSCHLAND
Pressekonferenz von Bundeskanzler Kohl
und Präsident Bush

US-AUSSENPOLITIK

BAKER BEKRÄFTIGT UNTERSTÜTZUNG
FÜR NEUE DEMOKRATIEN
Rede des Außenministers vor dem Kongreßausschuß

RÜSTUNGSKONTROLLE

FORTSCHRITTE BEI SOWJETISCHER
EINHALTUNG VON RÜSTUNGSKONTROLLABKOMMEN
Jahresbericht des Präsidenten an den Kongreß

UMWELT

BAKER: UMWELT KERNSTÜCK DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede bei der National Governors' Association

MENSCHENRECHTE

"UNVERKENNBAR" POSITIVE TENDENZEN BEI
MENSCHENRECHTEN
Jahresbericht des Außenministeriums über
Menschenrechte

WISSENSCHAFT

SUPERCOMPUTER MIT TIEFGREIFENDEN
AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFT
Anwendungen für Erforschung von Galaxien,
Konstruktion künstlicher Gelenke

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
28. Februar 1990

US-TRUPPEN AUCH IN VEREINIGTEM DEUTSCHLAND
Pressekonferenz von Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush
WASHINGTON - (AD) - Bei einer Pressekonferenz am 15. Februar 1990 bekundeten Präsident Bush und
Bundeskanzler Kohl ihre Überzeugung, daß eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten unmittelbar
bevorstünde und ein geeintes Deutschland Mitglied in der NATO werden soll.
Bush und Kohl erklärten übereinstimmend, US-Truppen blieben in Europa - und in einem vereinigten
Deutschland-stationiert, das Gebiet der Deutschen Demokratische Republik erhielte jedoch "einen militärischen
Sonderstatus, der die legitimen Sicherheitsinteressen aller interessierten Länder einschließlich der Sowjetunion
mit berücksichtigt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz mit freundlicher Genehmigung des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung.

Bush: Barbara und ich haben den 24. und 25. Februar
in Camp David mit Helmut Kohl, dem Bundeskanzler
der Bundesrepublik Deutschland, und seiner Frau
Hannelore verbracht. Und wir haben uns sehr gefreut,
Sie hier als Gäste begrüßen zu können. Der Kanzler
und ich hatten Gelegenheit, ausführlich über jüngste
politische Entwicklungen in Europa und auch über die
Ost-West-Beziehungen zu sprechen.
Ich freue mich, sagen zu können, daß unsere Ansichten sich gleichen in den grundlegenden Fragen. Wir
beide begrüßen die Aussicht weiterer Entwicklungen
in Richtung auf die deutsche Einigung, beginnend mit
den Schritten in Richtung wirtschaftlicher und Währungsunion, die für den Zeitraum unmittelbar nach den
Wahlen in der DDR nach dem 18. März geplant sind.
Wenn sich die Ereignisse schneller entwickeln, als wir
es erwartet hatten, würde das doch nur bedeuten, daß
unser gemeinsames Ziel, das wir während dieser
ganzen Jahre verfolgt haben, nämlich die deutsche
Einigung, schneller erreicht werden wird, als wir es zu
hoffen gewagt hatten.
Wir sind gemeinsam der Ansicht, daß ein geeintes
Deutschland ein Vollmitglied der NATO und auch Teil
des militärischen Verbundes der NATO bleiben muß.
Wir sind uns einig, daß die amerikanischen Streitkräfte

AMERIKA DIENST 8

in einem vereinigten Deutschland und in anderen
Teilen Europas weiter verbleiben sollen als weiterer
Garant der Stabilität.
Der Kanzler und ich waren uns ebenfalls einig, daß in
einem geeinten Deutschland das frühere Staatsgebiet
der DDR einen militärischen Sonderstatus genießen
soll, der die legitimen Sicherheitsinteressen aller interessierten Länder einschließlich der Sowjetunion mit
berücksichtigt und dem Rechnung trägt.
Gleichzeitig waren der Kanzler und ich uns einig, daß
wir auf ein Rüstungskontrollabkommen drängen müssen, mit dem die militärischen Streitkräfte in Europa
vom Atlantik bis zum Ural drastisch verringert werden.
Wir wollen zusammenarbeiten, damit ein VKSE-Abkommen in diesem Jahr unterschriftsreif ist und unterschrieben werden kann bei einem Gipfel aller 35
KSZE-Mitgliedstaaten. Dieser Gipfel könnte dann
auch unseren Vorschlag verabschieden, mit dem um
KSZE-Richtlinien gebeten wird über freie Wahlen, die
sich (im Rahmen) der neuen Stimme demokratischer
Institutionen Osteuropas frei entwickeln können.
Kanzler Kohl und ich hatten ein gutes Gespräch über
Ost-West-Beziehungen.
Wir beide unterstützen
Generalsekretär Gorbatschows Programm der Perestrojka und seine Bemühungen, um Reformen im
Seite 1

�politischen und wirtschaftlichen System des Landes
durchzuführen.
Generalsekretär Gorbatschow hat sich als wahrer
Staatsmann erwiesen in seinem Respekt für den Willen der Menschen in Osteuropa, in dem Versuch, neue
Beziehungen zu schaffen auf der Grundlage der Zusammenarbeit statt des Zwanges.
Seit den schweren Tagen am Ende des 2. Weltkrieges,
als Amerika Hand in Hand mit dem deutschen Volk
begann, einen neuen Staat, eine neue Gesellschaft
aufzubauen, waren die Vereinigten Staaten der Partner Deutschlands bei der Verfolgung eines gemeinsamen Traumes. Und dieser Traum, dieses Ziel war die
Errichtung einer freien demokratischen und blühenden
deutschen Republik, die in enger Zusammenarbeit
und Frieden mit den nächsten Nachbarn lebt.
Der Bestand der deutsch-amerikanischen Partnerschaft hat sich als fest erwiesen. Und diese Zusammenarbeit war nie besser als in dieser Zeit, da Bundeskanzler Kohl, der führende Politiker einer der größten
Demokratien der Welt, einer Sternstunde seines Landes, einer Sternstunde der Geschichte seiner Nation
entgegengeht.
Wir danken Ihnen, Herr Bundeskanzler, dafürl
Kohl: Herr Präsident, meine Damen und Herren, mein
erstes Wort ist ein Wort des Dankes an Sie, Herr
Präsident, and Ihre Frau Barbara - auch im Namen
meiner Frau - für diese so herzliche und sehr freundschaftliche Aufnahme, die wir in diesen Tagen in Camp
David gefunden haben.
Die Atmosphäre unserer Begegnung ist symbolisch für
den hervorragenden Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Gerade jetzt, wo der Tag der Einheit für uns Deutsche
näherrückt, erinnern wir uns mit großer Dankbarkeit
daran, daß dies alles ohne die enge Freundschaft, die
Unterstützung, die Partnerschaft mit den Vereinigten
Staaten nicht hätte erreicht werden können.
Im Geist dieser Freundschaft haben wir beide, Herr
Präsident, in diesen Stunden in Camp David eine
breite Palette von Fragen von großer Aktualität erörtert.
Im Mittelpunkt unserer Gespräche stand die Zukunft
der transatlantischen Beziehungen und darin eingebettet der Weg der Deutschen zur staatlichen Einheit.

die deutsch-amerikanische Partnerschaft sind von
grundlegender Bedeutung für den Frieden und die
Sicherheit. Das gilt jetzt, und das gilt für die Zukunft.
Zweitens: Der Sicherheitsverbund zwischen Nordamerika und Europa ist und bleibt für uns Deutsche
heute und in Zukunft - das heißt auch für ein geeintes
Deutschland - von einer existentiellen Bedeutung.
Deshalb brauchen wir die Präsenz unserer amerikanischen Freunde in Europa und in Deutschland. Und
dazu gehört auch die Präsenz amerikanischer Streitkräfte.
Auch für das künftige geeinte Deutschland wird die
Pflege der Freundschaft und der Ausbau der Beziehungen mit den Vereinigten Staaten eine wichtige
Aufgabe sein. Wir freuen uns über den immer engeren
wirtschaftlichen Austausch und die immer engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, über den Austausch im
Bereich der Wissenschaft und der Kultur und die sich
immer mehr verbessernde Begegnung der Menschen,
insbesondere der jungen Generation.
Wir sind der Überzeugung, daß die transatlantischen
Beziehungen auf allen Gebieten konsequent ausgebaut werden müssen. Dazu gehört die gemeinsame
Sicherheit im Bündnis, der immer engere Kontakt
zwischen der Europäischen Gemeinschaft, einschließlich der Europäischen Politischen Zusammenarbeit,
und den Vereinigten Staaten, und dazu gehört auch die
gemeinsame Arbeit an einer europäischen Friedensordnung im Rahmen der KSZE.
Herr Präsident, meine Damen und Herren, angesichts
dergroßen Veränderung in Mittel-, Ost- und Südosteuropa bleibt die Europäische Gemeinschaft ein unverzichtbarer Anker europäischer Stabilität. Deshalb
wollen wir, die Bundesrepublik Deutschland und vor
allem ich selbst, die europäische Integration nicht nur
ausbauen, sondern wir wollen diesen Prozeß wo immer
möglich beschleunigen. Über den großen Binnenmarkt zum 31. Dezember 1992, über die Wirtschaftsund Währungsunion hinaus bleibt unser vorrangiges
Ziel die Politische Union in Europa.
Das war Sinn und Inspiration der Römischen Verträge,
und daran hat sich nichts geändert.
Es liegt in unserem gemeinsamen Interesse, daß die
Reformpolitik in Mittel-, Ost- und Südosteuropa und in
Sonderheit die Politik Generalsekretär Gorbatschows
in der Sowjetunion Erfolg hat. Europa und Nordamerika sind und bleiben offen für partnerschaftliche Zusammenarbeit gerade auch mit den Reformstaaten.

Vor dem Hintergrund historischer Veränderungen auf
dem europäischen Kontinent haben wir unsere gemeinsamen Grundüberzeugungen bekräftigt:

Ich begrüße ganz besonders, Herr Präsident, was Sie
eben gerade zu diesem Thema gesagt haben.

Erstens: Das Bündnis der freiheitlichen Demokratien
Europas und Nordamerikas und darin eingeschlossen

Wir waren uns in unseren Gesprächen auch einig, die
Abrüstungsverhandlungen energisch voranzutreiben
und zum Erfolg zu führen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 8

�Herr Präsident, meine Damen und Herren, auf dem
Wege zur deutschen Einheit sind jetzt vor allem Vernunft und, wie ich immer wieder sage, Augenmaß
erforderlich. Wir Deutsche gehen diesen Weg in einer
besonderen Verantwortung mitten in Europa, sozusagen auf zwei Schienen, die gleich wichtig sind und die
auch gleich bedeutend sind.
Einerseits führen wir im innerdeutschen Bereich die
intensiven Gespräche mit der DDR. Dabei geht es jetzt
insbesondere um das baldige Realisieren der Währungsunion und der Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft.
Und andererseits haben wir darauf zu achten, daß die
unauflösliche Verbindung mit der transatlantischen
Partnerschaft, der europäischen Einigung und der
umfassenden Zusammenarbeit zwischen West und
Ost in diese Entwicklung mit eingebunden ist.
Wir respektieren die berechtigten Sicherheitsinteressen aller Staaten und achten die Gefühle der Menschen, insbesondere unserer Nachbarn.
Dies sage ich auch mit Nachdruck und Entschiedenheit unseren polnischen Nachbarn.
Die Grenzfrage wird endgültig durch eine freigewählte
gesamtdeutsche Regierung und ein freigewähltes
gesamtdeutsches Parlament zu regeln sein. Und ich
darf hier wiederholen, was ich kürzlich in Paris im
Januar dieses Jahres bereits gesagt habe: Niemand
will die Frage der Einheit der Nation mit der Verschiebung bestehender Grenzen verbinden.
Ich habe im Laufe unserer Gespräche Präsident Bush
ausführlich über die Lage in der DDR und auch über
meine Gespräche mit Generalsekretär Gorbatschow
vor wenigen Tagen am 10. Februar in Moskau berichtet.
Ich will die Gelegenheit nehmen, Herr Präsident, Ihnen
auch hier vor dem Forum der Öffentlichkeit Ihres
Landes noch einmal dafür zu danken, daß Sie mir am
Vorabend meiner Reise nach Moskau ein Schreiben
übermittelt haben, das nicht nur die Unterstützung für
unsere Politik beinhaltet, (sondern das) in seinem
freundschaftlichen Geist und in der Selbstverständlichkeit der Partnerschaft zu den großartigen Dokumenten deutsch-amerikanischer Freundschaft gehört.
Ich darf zum Schluß Ihnen noch einmal sehr herzlich
danken für die freundschaftliche Aufnahme und für die
guten Gespräche. Ich bin sicher: Wir werden diesen
guten Weg für die Zukunft gemeinsam fortsetzen.
Frage: Ich bin ein polnischer Journalist. Ich möchte
Sie fragen: Bedeutet Ihre Erklärung, daß Sie die
Verschiebung der Grenze nicht wollen, daß Sie die
deutsch-polnische Grenze unabhängig davon, was in
Deutschland vorgeht, als endgültig anerkennen?

AMERIKA DIENST 8

Kohl: Meine Antwort ist ganz klar. Die ist im Text
enthalten. Ich bin auch sicher: Sie ist korrekt übersetzt
worden. Nach unserer Rechtsordnung hat die letzte
Entscheidung über diese Frage der gesamtdeutsche
Souverän zu treffen. Das ist ein freigewähltes gesamtdeutsches Parlament und eine freigewählte gesamtdeutsche Regierung. Das ist auch in den Verträgen
1970 und in den Gesprächen, die damals stattfanden,
immer wieder klar und deutlich gesagt worden.
Ich habe nun darüber hinaus in den letzten Wochen
immer wieder zu dieser Frage erklärt, und ich wiederhole es noch einmal: Niemand will die Frage der
Einheit der Nation mit der Verschiebung bestehender
Grenzen verbinden. Das ist meine Position, an der
niemand zu zweifeln erlaubt ist.
Frage: Herr Bundeskanzler, halten Sie es für ausgeschlossen, daß vor einer deutschen Einigung mit Polen ein Vertrag über die Westgrenze Polens zustande
kommt? Halten sie Verhandlungen mit Polen - das ist
ja der Wunsch der polnischen Regierung - für ausgeschlossen?
Kohl: Wenn ich den Wunsch der polnischen Regierung richtig interpretiere - und ich gehe, glaube ich, von
einer richtigen Annahme aus - hat die polnische Regierung den sehr verständlichen Wunsch, daß der wirklich
zuständige Souverän - auch völkerrechtlich zuständige, und das ist der gesamtdeutsche Souverän - eine
solche Entscheidung trifft. Es gibt in Polen Wünsche,
daß vor dieser Entscheidung eines freigewählten
deutschen Parlaments in der Ratifikation, die dann
notwendig ist, in den beiden deutschen Staaten Entscheidungen getroffen werden. Wir haben dazu im
Deutschen Bundestag eine ganz klare, mit riesiger
Mehrheit getroffene Entscheidung bekanntgegeben,
die noch einmal diese Linie bestätigt.
Bush: Darf ich vielleicht hinzufügen, wenn Sie gestatten, Herr Bundeskanzler, daß die amerikanische Position
die ist, daß die Vereinigten Staaten die Bestimmung
der Helsinki-Schlußakte hinsichtlich der Unverletzlichkeit bestehender Grenzen in Europa respektieren.
Und die Vereinigten Staaten erkennen formell die
gegenwärtig bestehende deutsch-polnische Grenze
an.
Frage: Glauben Sie, daß es einen Unterschied gibt
zwischen dem, was Sie gerade gesagt haben und
dem, was der Kanzler gesagt hat? Ich habe den
Eindruck, daß die Aussage des Kanzlers nicht ganz
eindeutig ist. Hier besteht ein Unterschied zwischen
dem, was der Kanzler gesagt hat, und was Sie sagen.
Bush: Ich glaube, wir sind uns da einig. Die beiden
Positionen stimmen überein. Ich würde nicht sagen,
daß sie in irgendeiner Weise unklar war. Ich habe
Ihnen gerade die amerikanische Position vorgetragen.

Seite 3

�Frage: Können Sie uns bitte sagen, in welcher Weise
der 2 plus 4-Prozeß funktionieren wird, ob diese Sitzungen hintereinander stattfinden? Da besteht sehr
viel Verwirrung.
Bush: Diese Einzelheiten wurden noch nicht bis ins
einzelne definiert in bezug auf welche Gespräche wo
und wann. Diese Formel wurde von den Außenministern in Ottawa genehmigt. Und wir haben nicht den
Versuch gemacht, hier in Camp David nun bis ins
Kleinste festzulegen, in welcher Weise man da verfahren soll bei den 2 plus 4-Sitzungen.
Frage: Ich fürchte, ich sehe es jetzt nicht klarer als vor
Ihrer Antwort. Sollen die Deutschen ihre Sitzungen
gleichzeitig abhalten und dann die NATO?
Bush: Diese Einzelheiten wurden bisher noch nicht
festgelegt. Und es wäre nicht richtig, wenn die Vereinigten Staaten allein mit dem deutschen Bundeskanzler diese ganzen technischen Einzelheiten erarbeiten,
von denen andere schließlich auch betroffen sind. Und
deshalb haben wir es nicht gemacht.
Kohl: Ich möchte gerne auch eine kurze Bemerkung
zu diesem Thema machen, zumal ich nicht glaube,
daß es irgendeinen Grund gibt, die Dinge mit Mißtrauen zu betrachten. Ich bin sehr zufrieden mit der
Entscheidung, die in Ottawa getroffen wurde: 2 plus 4.
Es ist ganz natürlich, daß sich die beiden Staaten in
Deutschland, vor allem auch nach der Wahl nach dem
18. März, in einer besonderen Weise über dieses
Thema unterhalten. Das geht ja nun wirklich die
Deutschen primär an. Ich habe es in meinem Beispiel
mit den beiden Schienen, auf denen die Entwicklung
vorangehen muß, deutlich gemacht.
Wir werden dann - 2 plus 4 - miteinander ganz offen
über alles zu reden haben. Und hier geht es nicht
darum, irgendjemand auszutricksen - das war sozusagen der Hintergrund Ihrer Frage -, sondern hier geht es
darum, daß man über die Dinge dann sehr im Detail
sprechen muß. Und ich sehe das in einer brauchbaren
Zeit absolut für machbar.
Frage: Herr Präsident und Herr Bundeskanzler, welche Rolle spielen die Polen in diesem Prozeß? Sind sie
mit unter den 35 am Ende? Wie sind die Polen in
diesen Prozeß eingebettet?
Bush: Mir sind die Gefühle Polens bekannt. Sie
hätten statt 2 plus 4 gerne 2 plus 5. War das der
Hintergrund Ihrer Frage? Auf die 2 plus 4 hat man sich
eindeutig geeinigt. Es läßt sich keine Einigung erzielen, die die polnische Grenze betrifft, ohne daß die
Polen beteiligt werden. Aber wir versuchen hier nicht
eine Vereinbarung zu ändern, die von mehreren Ländern in Ottawa getroffen wurde. Das wollen wir nicht.
Das wollen wir nicht anfangen.
Ich sollte aber vielleicht hinzufügen, daß es alle möglichen Konsultationswege geben wird, nicht nur um die

Seite 4

Interessen der Polen mit zu berücksichtigen, sondern
auch im Interesse anderer. Der Kanzler hat das in
hervorragender Weise schon ins Auge gefaßt. Auch
wir sind dazu entschlossen. Es ist wichtig, daß wir mit
den Alliierten und Verbündeten die gleiche Wellenlänge haben.
Kohl: Ich will das unterstützen, was der Präsident
gesagt hat. Ich sehe natürlich das besondere Interesse, das Polen hat. Und ich bin sicher, daß wir im
Verlaufe dieses Prozesses, auch dieser Arbeit Wege
finden, um eine befriedigende Lösung für alle Beteiligten zu finden. Ich glaube, jeder von uns hat das Gefühl,
daß es hier eine Besonderheit gibt. Aber ich halte es
für wenig sinnvoll, daß wir beide heute, während die
anderen Partner nicht präsent sind, darüber irgendwelche Erklärungen abgeben.
Frage: Herr Präsident, Herr Bundeskanzler, unser
ehemaliger eigener Nachrichtendienstdirektor hat diesen
Marsch zur Einigung einen eingleisigen Schachzug
genannt. Angesichts der deutschen Geschichte sollten sie die Zusicherung hinsichtlich der Grenze geben,
ehe diese Einigung zustande kommt.
Bush: Ich glaube, diese ganzen Angelegenheiten
werden in den Konsultationsgruppen, die wir einrichten werden, besprochen werden. Aber ich sehe Deutschlands 45jährigen Beitrag zur Demokratie und den
Beitrag zur Sicherheit des Westens. Das ist die Sache,
die für mich im Mittelpunkt steht. Deshalb habe ich den
Regierungen die Position der Vereinigten Staaten klar
zum Ausdruck gebracht. Wir haben keine Angst vor
der deutschen Wiedervereinigung, sondern wir verstehen es, wenn Brüder und Schwestern auf beiden
Seiten der Grenzen zusammengeführt werden wollen,
wie sie es schließlich waren vor der künstlichen Teilung, die sich aus dem Zweiten Weltkrieg ergab.
Wir haben also dieses Problem schon hinter uns. Wir
begrüßen nämlich die Vereinigung. Aber es ist nicht
Sache der Vereinigten Staaten, hier irgendwelche
Zeitpläne festzulegen. Es ist nicht unser Recht, zu
sagen, wie schnell das geschehen soll. Es ist unsere
Aufgabe, in Konsultationen mit unseren Verbündeten
sicherzustellen, daß das, was immer da geschaffen
wird, stabil ist und daß Frieden das Endresultat sein
wird. Ich habe Ihnen in meiner Erklärung schon die
amerikanische Position zur Vereinigung dargelegt.
Wir versuchen das nicht zu beschleunigen oder zu
verlangsamen. Das ist eine Angelegenheit, die die
Deutschen betrifft, und dann gibt es die multilateralen
Diskussionen.
Kohl: Ich möchte zu dieser Frage gern etwas sagen,
weil es eine sehr zentrale Frage ist. Ich bin dankbar
dafür. Die Frage der deutschen Einheit ist eine Frage
des Selbstbestimmungsrechts. Und das Selbstbestimmungsrecht steht allen Völkern dieser Erde zu. Es
ist ein Teil der Charta der Vereinten Nationen. Es
entspricht den Grundsätzen der KSZE. Es entspricht

AMGRIKA DIENST 8

�einer großen demokratischen Tradition unserer Welt.
In allen Dokumenten, in allen Verträgen, die mit der
Bundesrepublik abgeschlossen wurden, wurde der
Wille zur Einheit der Nation der Deutschen immer
unterstützt und bekräftigt. Das ist eine Realität.
Die zweite Realität ist, daß die Menschen in Deutschland zueinander kommen wollen, daß sie diese künstliche Teilung überwinden wollen. Die Menschen in der
DDR haben in einer friedlichen Revolution, der wohl
friedlichsten Revolution der Geschichte, deutlich
gemacht, was das Volk will. "Wir sind das Volk!" und
"Einig Vaterland!" haben sie gerufen. Doch, auch
wenn ich dies alles empfinde, mit Bewegung empfinde,
bleibt uns Deutschen die Pflicht, in einem Blick auf die
Karte die Geographie zu erkennen, daß wir mitten in
Europa sind, daß wir nicht allein sind, daß wir eine
Geschichte und eine Belastung der Geschichte mit
uns tragen, daß wir Verständnis haben müssen für
Ängste, auch unserer Nachbarn, wobei ich von den
wirklichen Ängsten rede und nicht von vorgegebenen
Ängsten, denn manche sprechen von Ängsten und
meinen die Wirtschaftskraft der Bundesrepublik plus
die Erweiterung um die DDR.
Wissen Sie, der Präsident hat das zu Recht gesagt:
Die Bundesrepublik ist im letzten Jahr vierzig Jahre alt
geworden. Sie war in diesen vierzig Jahren ein treuer
zuverlässiger Partner in schwierigsten Zeiten für
Menschenrechte, für die Verteidigung der Freiheit. Im
Jahr 1983 habe ich meine politische Existenz aufs
Spiel gesetzt bei der Stationierung der Mittelstreckenwaffen und zur Stabilisierung der NATO beigetragen.
Insofern braucht mir niemand zu sagen, was ein zuverlässiger Partner ist.
Aber ich sehe diese Gegebenheiten, und ich habe in
meinem Statement deutlich gemacht - das ist auch
eine Antwort auf Ihre Frage -, daß ich zu denen gehöre,
die die politische Integration Europas vorantreiben
wollen. Die Bundesregierung ist eine Regierung, die
bereit ist, weitere Zuständigkeiten und Rechte auf das
Europäische Parlament zu übertragen. Das heißt: wir
wollen, daß dieses vereinte Deutschland immer stärker eingebunden ist mit seinen Nachbarn in den europäischen Integrationsprozeß. Und deswegen braucht
niemand Angst zu haben.

Das wäre doch ganz eindeutig nicht unsere Position,
hätten wir die Befürchtung, auf die Ihre Frage anspielt.
Ich glaube, daß eine Möglichkeit zur Sicherung der
Stabilität nicht im Hinblick auf diese Frage, sondern
insgesamt im Hinblick auf Stabilität in Europa, darin
besteht, daß man eine starke NATO hat und daß
amerikanische Truppen, soweit sie erwünscht sind, in
Europa stationiert bleiben. Wenn ich allerdings die
Befürchtung teilte, auf die sie verwiesen, dann wäre
unsere Politik doch wohl eine andere.
Frage: Wie haltbar sind die NATO-Verpflichtungen
angesichts der Unterstützung in der Bundesrepublik
für ein neutrales Deutschland? Welche Chance geben
Sie den ostdeutschen Wahlen angesichts des politischen Drucks, dem Sie sich Ende des Jahres wegen
der Wahlen entgegensehen werden?
Kohl: Zunächst einmal sind die Wahlen in der Bundesrepublik Ende Dezember meine Sache. Ich sehe
diesen Wahlen mit großer Ruhe entgegen.
Inwieweit wir zuverlässig sind? Ich habe das Beispiel
eben gebracht. Wenn ich hier gestanden hätte im
Herbst 1982 oder im Januar 1983, hätten die meisten
Ihrer Kollegen bezweifelt, daß die Deutschen stationieren werden. Wir haben stationiert. Und deswegen
brauchen wir nun wirklich nicht eine Nachhilfe im Blick
auf Zuverlässigkeit. Neutralismus wäre ein totaler
Irrweg für die Deutschen. Ich sehe keine Mehrheit in
Deutschland - weder in der Bundesrepublik noch in
einem wiedervereinigten Deutschland für eine Neutralisierung.
Wir haben jetzt das letzte Jahrzehnt dieses Jahrhunderts. Sie dürfen uns zutrauen, daß wir die Fehler, die
in diesem Jahrhundert schon begangen wurden, nicht
wiederholen. Aber ein Fehler war natürlich auch zur
Zeit der Weimarer Republik, daß man damals Deutschland isolierte. Deutschland darf auf keinen Fall isoliert
werden. Es muß ein Teil des Ganzen sein, und das
wollen wir.
Frage: Herr Bundeskanzler, wenn Sie die Ergebnisse
von Camp David hier bewerten, haben Ihre Gespräche
den Weg zur deutschen Einheit hier beschleunigt oder
verlangsamt?

Herr Kohl, erwarten Sie das?

Kohl: Ich glaube nicht, daß das unser Thema ist. Ich
muß überhaupt sagen, daß ich diese Diskussion, wer
beschleunigt oder wer verlangsamt, für wenig sinnvoll
halte. Ich hatte im November die Zehn Punkte vorgeschlagen unter einer Zeitvoraussetzung, die völlig
anders war als heute. Ich hatte im November wirklich
gedacht - und das ist erst wenige Wochen her -, daß wir
auf dem Weg zur deutschen Einheit mit ruhigen Schritten vorankommen könnten, daß wir die Chance hätten, erst eine Vertragsgemeinschaft, dann konföderative Strukturen und dann eine Föderation zu bilden.

Bush: Ich habe erklärt, daß die amerikanische Position darin besteht, daß wir die Vereinigung begrüßen.

Die Entscheidung der Menschen in der DDR hat diese
Beschleunigung herbeigeführt, eine Beschleunigung,

Und was die Wirtschaftskraft betrifft, kann ich nur
sagen: Die EG hat große Vorteile von der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik gehabt. Die Europäische
Gemeinschaft wird noch größere Vorteile von der
Wirtschaftskraft eines vereinten Deutschlands haben.
Frage: Herr Präsident, ich möchte folgendes fragen:
Haben Sie Vertrauen, daß Deutschland nie wieder
eine aggressive Militärmacht werden wird?

AMERIKA DIENST 8

Seite 5

�an der ich nicht interessiert bin, denn überlegen Sie
einmal, seit dem 1. Januar bis zum heutigen Tag sind
erheblich über 100 000, ich schätze 110 000 Bürger
der DDR dort weggegangen. Wenn ich die Zahl richtig
im Kopf habe, ist das die Einwohnerzahl einer Stadt
wie Philadelphia - in acht Wochen. Dieser Proze ß mu ß
gestoppt werden. Und deswegen kam mein Angebot
- ich habe mir das an Weihnachten noch ganz anders
vorgestellt -, jetzt die Währungsunion zu machen, um
die Menschen in ihrer Heimat zurückzuhalten, damit
sie dort ihre Zukunft finden.
Wenn es nach mir geht, brauchen wir jetzt eine Entwicklung, in der wir mit Augenmaß Schritt für Schritt
den Weg zur Einheit gehen. Wir brauchen das aus
innerdeutschen Gründen - das sind riesige Probleme
etwa im Sozialbereich -, aber wir brauchen es auch
wegen unserer Nachbarn. Die Dynamik, die jetzt
entstanden ist, entstand aus der Situation der Menschen in der DDR und nicht, weil irgendjemand diesen
Prozeß beschleunigen wollte. Ich hoffe, daß nach der
Wahl in ein paar Tagen am 18. März das neugewählte
Parlament schnell eine Regierung wählt und daß dann
eine Beruhigung eintritt und wir den Weg nicht in einer
Hektik vorangehen. Ich bin an einer Hektik nicht
interessiert.
Bush: Die deutsche Presse hatte gebeten, daß auch
ich die Frage beantworte, das heißt, daß ich mich
äußere zu der Natur, zum Wesen der Gespräche.
Wissen Sie, in der Diplomatie heißt es immer "umfassend" und "aufrichtig" und "freimütig". Das können
Sie dann auslegen, wie Sie wollen. Ich sehe den
Nutzen solcher Gespräche darin, daß man in einer
sehr zwanglosen Runde über praktisch alle Themen
sprechen kann und daß meine persönlichen Beziehungen zu Kanzler Kohl und die Beziehungen zwischen
Amerika und der Bundesrepublik es uns möglich machen,
ganz offen miteinander zu sprechen.
Aber was grundsätzlich dabei herauskommt, ist die
Tatsache, daß wir unsere Verbündenten einbeziehen.
Ich glaube, der Kanzler teilt mit mir die Ansicht, daß es
wichtig ist, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion in enger Beziehung bleiben. Ich weiß, daß er mit
mir der Ansicht ist, daß es wichtig ist, im Hinblick auf die

Sowjetunion Fortschritte in der Rüstungskontrolle und
anderen Bereichen zu erzielen.
Jetzt mit dem Abschluß unserer Gepräche wurde das
Gespräch immer offener. Wir können wirklich wie
Freunde miteinander reden, denn wir haben soviel
Gemeinsamkeiten in unserer Ansicht zur Vereinigung,
Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Notwendigkeit, (nicht)
so zu verfahren, daß es so aussieht, als wolle irgendeiner von uns den Verbündeten Sicherheitsvorkehrungen für die Zukunft diktieren.
Das war also ein sehr gutes Gespräch.

Seite 6

Frage: Können Sie sich nochmals dahingehend äußern,
ob Sie sich vorstellen können, daß ein vereinigtes
Deutschland es für richtig halten wird, eine unabhängige Atommacht zu schaffen?
Kohl: Nein, diese Diskussion ist bei uns längst ausgestanden. Wir haben keine Sehnsucht nach einer
Atommacht.
Frage: Herr Präsident, wer ist denn nun der Feind?
Zunehmend ist es immer weniger die Sowjetunion.
Einen Grund für die Aufrechterhaltung der NATO und
die weitere Stationierung der amerikanischen Truppen
in der NATO liegt doch dann offensichtlich darin, die
Deutschen niederzuhalten, also die Deutschen in der
Hand zu behalten?
Bush: Der Feind ist die Unvorhersehbarkeit, der Feind
ist die mangelnde Stabilität. Und aus eben diesem
Grunde gibt es vereinbarte Sicherheitsvorkehrungen,
und das ist die Antwort. Wer hätte denn hier mit
Sicherheit vorhersagen können, daßsich die Änderungen, die im letzten Jahr stattgefunden haben, auch
abspielen würden? Doch wohl niemand hier oben vielleicht der Herr Bundeskanzler, aber der Präsident
der Vereinigten Staaten hätte das nicht vorhersagen
können.
Und deshalb bleibt in einer Zeit der rapiden Änderungen doch sicherzustellen, daß die osteuropäischen
Länder, die jetzt das Joch des Kommunismus abwerfen, das machen können. Das ist schließlich Ausdruck
dafür, daß die Politik der NATO sich bewährt hat. Die
Sowjetunion führt dramatische Veränderungen durch,
aber es kann letztlich keiner mit Sicherheit voraussagen, was uns noch bevorsteht, was noch kommen
wird.
Was wir also tun wollen, ist, zu versuchen, in der
Zusammenarbeit mit der NATO die Stabilität zu fördern. Und das ist im Interesse der Vereinigten Staaten
von Amerika. Einige Leute in unserem Lande sagen und der Kanzler und ich haben darüber gesprochen daß wir alle Truppen abziehen sollten. Andere sagen,
ziehe man doch alle sowjetischen Truppen und die
amerikanischen Truppen aus Europa ab. Meiner
Ansicht nach wäre das nicht gut für die Stabilität in
Europa.
Und deshalb, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ist
der Feind heute Instabilität und Unvorhersehbarkeit in
Zeiten des dramatischen Wandels in der Sowjetunion
und in Osteuropa.
Kohl: Ich würde das Stichwort von der Stabilität und
Instabilität gerne aufnehmen. Ich halte das für eine der
wichtigsten Aufgaben aller Verantwortlichen in West
und Ost - und das gilt in hohem Maße auch für die
deutsche Politik -, daß wir alles tun, um eine Destabi-

AMERIKA DIENST 8

�lisierung in Europa, vor allem auch in Mitteleuropa, zu
vermeiden. Ich werde das Notwendige dabei tun. Ich
bin mir übrigens in dieser Frage nicht nur mit dem
Präsidenten einig, sondern genauso mit Generalsekretär Gorbatschow. Wir haben erst vor wenigen
Tagen darüber gesprochen.
Was übrigens Ihr Verhältnis NATO und Bundesrepublik betrifft, scheinen Sie sich im Kalenderjahr getäuscht zu haben. Wir schreiben nicht das Jahr 1950,
sondern das Jahr 1990.
Frage: Herr Bundeskanzler, ich möchte auf das
zurückkommen, was Sie über die Information der
Alliierten gesagt haben, hätten Sie es gern, daß ein
NATO-Gipfel stattfindet, auf dem die Einigung besprochen wird?
Bush: Ich werde den Bundeskanzler bitten, auch
darauf zu antworten. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt
brauchen wir keinen NATO-Gipfel. Jim Baker hielt
gerade eine sehr erfolgreiche Sitzung in Ottawa ab. Er
hatte dort gute Gespräche. Ich würde nicht sagen, daß
das, was wir jetzt brauchen, unbedingt ein NATOGipfel ist. Es geht hier um den KSZE-Gipfel, vorausgesetzt, daß es zum VKSE-Abkommen, Wien I, kommt.
Und dann haben wir die Sitzung mit Herrn Gorbatschow im Juni und im Herbst die G-7. Wir haben alle
möglichen Konsultationsmechanismen laufen.
Und vielleicht möchte der Bundeskanzler da noch ein
paar Worte hinzufügen hinsichtlich der Notwendigkeit
einer Zusammenarbeit innerhalb der NATO.

Das Entscheidende ist, daß wir einander informieren.
Dazu braucht man meiner Ansicht nach nicht einen
NATO-Gipfel, denn die meisten NATO-Verbündeten
haben ohnehin Gemeinsamkeiten. Da ist mal eine
Sorge hier, ein Vorschlag dort, aber insgesamt gesehen sind wir, glaube ich, alle auf der gleichen Wellenlänge innerhalb der NATO.
Wollen Sie dazu was sagen, Herr Bundeskanzler?
Kohl: Ich stimme dem, was der Präsident eben gesagt
hat, Wort für Wort zu. Ich will es aber noch um einiges
erweitern. Das, was jetzt geschieht, ist für viele eine
völlig überraschende neue Situation, auch für jene, die
immer davon gesprochen haben, aber in Wahrheit
nicht daran geglaubt haben, daß der Tag kommt. Und
jetzt kommt der Tag. Und deswegen ist es ungeheuer
wichtig, daß wir möglichst viel miteinander sprechen,
daß kein Mißtrauen aufkommt. Und das trifft vor allem
auch uns Deutsche in der Verantwortung, in der wir
stehen.
Ich bin nicht der Auffassung, daß es im Moment einen
Sinn macht, einen NATO-Gipfel zu machen. Aber ich
bin sehr wohl der Auffassung, daß wir sehr viele
detaillierte Gespräche führen. Wir werden in der EG
am 28. April einen Gipfel in Dublin informeller Art
haben, wie wir ihn Anfang Dezember in Paris hatten.

AMERIKA DIENST 8

Irland hat jetzt die Präsidentschaft. Ich werde dort über
die ganze Entwicklung berichten. Darüber wird diskutiert. Ich selbst werde bei Gesprächen mit den Bevollmächtigten der einzelnen Länder der NATO in Brüssel
zur Verfügung stehen. Und ich habe eine Fülle von
persönlichen Kontakten. Gestern vor acht Tagen traf
ich mich in Italien mit meinen Kollegen aus Belgien,
aus den Niederlanden, aus Luxemburg und aus Italien
und anderen. Bevor ich hierher ging, habe ich lange
mit meinem Freund Mulroney, dem Nachbarn hier,
gesprochen. Wir werden uns auch in irgendeiner
Weise verabreden.
Mir geht es darum, um es einmal einfach zu sagen, daß
wir mit ganz offenen Karten und ohne Geheimnistuerei
den Weg gemeinsam gehen. Und wir werden dabei
auch ein gutes Ergebnis erzielen.
Frage: Herr Bundeskanzler, teilen Sie die Auffassung,
daß ein vereintes Deutschland Vollmitglied der NATO
und auch der militärischen Struktur der NATO sein
muß?
Und, Herr Präsident, erwarten Sie, daß am Ende des
2 plus 4-Prozesses ein Friedensvertrag im ursprünglichen Sinne nicht mehr erforderlich sein wird?
Kohl: Den erstenTeil kann ich ganz einfach beantworten: Ja.
Bush: Wir stimmen dem zu. Und letztlich werden die
vier Mächte, die am Ende des Krieges diese Rolle
übernommen haben, das regeln. Aber ob das nun
einen formellen Vertrag erforderlich macht oder nicht,
weiß ich nicht. Es wird jedenfalls irgenwie eine Lösung , einen Abschlu ß geben, so daß da nicht weiterhin
die Notwendigkeit für diese Vier-Mächte-Vereinbarung besteht, die einem demokratisch vereinten Deutschland ständig über die Schulter guckt.
Frage: Herr Bundeskanzler, wurde bei diesen Gesprächen, die so frank und frei waren, auch die Eventualität diskutiert, was zu unternehmen wäre, wenn die
Sowjetunion mit der NATO-Mitgliedschaft der beiden
deutschen Staaten nicht einverstanden wäre?
Kohl: Wir haben über vieles gesprochen und auch
über das, was wir mit der Sowjetunion besprechen
wollen, besprechen müssen.
Frage: Und Herr Präsident?
Bush: Wir werden tun, was Lyndon Johnson getan
hat. Wir werden miteinander argumentieren. Und das
wird sich dann schon ergeben. Das geht dann in
Ordnung.
Frage: Wenn Daniel Ortega heute gewählt wird, werden die Vereinigten Staaten ihn dann als legitimes
Regierungsoberhaupt Nicaraguas betrachten?

Seite 7

�Bush: Wir werden abwarten, um zu sehen, wie frei
und fair die Wahlen waren. Ich weiß nicht, ob das hier
live nach Nicaragua übertragen wird, aber ich möchte
hier unter gar keinen Umständen irgendwelche hypothetischen Erwägungen hinsichtlich eines entsprechenden Sieges machen, denn wir stehen doch letztlich zu
denen, die sich zur Demokratie bekannt haben. Das
heißt: Ich werde mich mit dem Problem auseinandersetzen, wenn es eintritt.
Ich darf aber sagen: Wenn diese Wahlen nachweislich
frei und fair waren, dann wird sich ergeben, daß, wer
immer die Wahlen gewinnt, er ein besseres Klima, eine
bessere Atmosphäre haben wird, in der die Beziehungen mit Nicaraguasich verbessern können. Wir haben
bisher Schwierigkeiten, weil Nicaragua immer gesagt
hat, wir geben der FMLN keine Waffen. Inzwischen
haben sie gesagt: Wenn wir gewählt werden, geben
wir der FMLN keine Waffen. Bestimmte Dinge sind
aber nicht akzeptabel, nicht nur für die Vereinigten
Staaten, sondern für die anderen Länder in der Hemispäre auch.
Wir werden also abwarten müssen, um zu sehen, was
wir machen werden. Aber eine freie und faire Wahl, die
nachweislich als solche bestätigt wurde, wäre dann in
unserem Verhältnis sehr nützlich.
Frage: Würde eine solche Wahl eine amerikanische
Initiative erforderlich machen?
Bush: Das ist jetzt eine reine Hypothese, denn wir
müssen erst mal wissen, was bei den Wahlen tatsächlich herauskommt. Und wir müssen dann weiterhin
auch wissen, was danach kommt. Ich glaube, der
Außenminister hat es vor dem Kongreß sehr klar und
so gut zum Ausdruck gebracht, als er sagte: Wir
brauchen eine gewisse Zeit, in der die Dinge sich
stabilisieren, aber ich würde die FMLN als einen Bereich bezeichnen, in dem sich eine Veränderung schon
abzeichnet. Ein demokratischer Prozeß ist wichtig,
aber was dann auch tatsächlich passiert in bezug auf
Pressefreiheit, die Gewährung freier Institutionen, die
Protest- und Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, sind
das alles wichtige Dinge.
Ich kann dazu nur sagen: Wer immer diese Wahl
gewinnt und wenn sich erweist, daß sie frei und fair
war, dann wäre das eine gute Sache und wir würden
zweifellos sehr die Tatsache berücksichtigen, daß
dadurch dann der Wille des Volkes zum Ausdruck
gebracht worden ist, und darauf unsere nächsten
Entscheidungen stützen.
Mir wäre es sehr lieb, wenn Nicaragua friedlich leben
wollte, den eigenen Leuten eine Chance gibt, die
Demokratie zu verwirklichen und die Nachbarn in Ruhe
läßt. Wenn das tatsächlich der Fall wäre, kann ich
Ihnen garantieren, daß die Beziehungen zu Nicaragua
verbessert werden.

Seite 8

Frage: Im Dezember sind Wahlen. Können Sie, Herr
Bundeskanzler, angesichts der Entwicklung in Deutschland sagen, ob es sicher noch eine Bundestagswahl
oder eine gesamtdeutsche Wahl sein wird?
Kohl: Ich gehe davon aus, daß wir in der Bundesrepublik Deutschland Anfang Dezember eine Bundestagswahl haben, wie sie der Verfassung entspricht.
Frage: Herr Bundeskanzler, Sie haben vorhin die
Stationierungsfrage angesprochen. Haben Sie an
diesem Wochenende auch über die Zukunft der nuklearen Kurzstreckenwaffen gesprochen?
Kohl: Wir haben darüber gesprochen, wie sich der
Prozeß für die nächste Zeit hierzu entwickeln wird und
welche Entscheidungen dann auch im Sinne dessen,
was wir im vergangenen Frühsommer in Brüssel verabredet haben, zu treffen sind.
Frage: Herr Präsident, Sie haben gesagt, Sie wären
überrascht, daß die Einigung schneller erfolgte, als Sie
selbst erwartet hätten. Glauben Sie, daß die anderen
Verbündeten in Europa, die relativ zurückhaltend wegen
des Tempos der Einigung sind, nicht richtig informiert
sind oder es mißverstanden haben?
Bush: Ich glaube, sie würden sich über die Vereinbarung freuen, die heute hier erwähnt worden ist. Ich
kann natürlich verstehen, wenn einzelne das Problem
aus anderer Sicht sehen. Aber das Bündnis steht in
Sicherheitsfragen fest zusammen. Ich glaube, die
Allianz wird fest zu dem stehen, was der Kanzler heute
erneut über die NATO-Mitgliedschaft gesagt hat.
Ich kann also verstehen, daß einzelne Länder gegebenenfalls mehr Klarheit benötigen, Fragen aufzuwerfen.
Das ist für uns kein Problem. Ich habe die Position der
Vereinigten Staaten zum Ausdruck gebracht und werde
das gern noch einmal tun und immer wieder tun und
dies mit den Alliierten auch weiter absprechen.
Keiner der alliierten Politiker hätte voraussagen können, wie schnell und wie dynamisch sich die Änderungen in Osteuropa vollziehen würden. Wir versuchen
jetzt zu sehen, wie das läuft. Das Entscheidende
hierbei sind nicht Nuancen in bezug auf unterschiedliche Meinungen, sondern das Entscheidende sind die
enormen Gemeinsamkeiten in unserem Ansatz, in
unserem Herangehen an die Probleme, vor allem im
Verhältnis zwischen dem Kanzler und mir.
Frage: Eine Frage an Sie beide, meine Herren:
Könnte die NATO möglicherweise verschwinden und
ein europäisches Sicherheitssystem an ihre Stelle
treten? Wurde das von Ihnen besprochen?
Bush: Wir haben selber über eine möglicherweise
unterschiedliche Rolle für die Organisation gesprochen. Wir haben auch mit Manfred Wörner neulich
darüber gesprochen, daß die NATO eine weiterreichende Rolle spielen könnte. Aber ich glaube nicht,

AMERIKA DIENST 8

�daß am Ende dieser Gespräche der Kanzler und ich da
irgendwelche Meinungsunterschiede haben. Wenn es
Nuancen gibt, möge er sich dazu äußern, aber ich
glaube es nicht.
Kohl: Ich kann nur sagen: Es ist doch eine ganz
natürliche Sache, daß angesichts der dramatischen
Veränderungen in der Welt, in der wir uns befinden denken Sie nur einmal jetzt an das Bild des Warschauer Pakts -, wir mit dem Warschauer Pakt - NATO Warschauer Pakt, USA - Sowjetunion - sprechen über
die zukünftige Entwicklung. Manfred Wörner hat in
diesen Tagen - ich vermute auch hier - mit Recht darauf
hingewiesen, daß die politische Bedeutung der Allianz,
der NATO zunehmen wird. Und das ist auch richtig.
Und wissen Sie, es gibt nicht wenige, auch in den
Reformstaaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas, die
sich im Augenblick nun wirklich nicht von der NATO
bedroht fühlen, sondern die die NATO als einen Hort
der Sicherheit und der Stabilität betrachten. Und das
muß man doch mit bedenken, wenn man über die
zukünftige Entwicklung spricht.

Ich bin in dieser Frage ganz optimistisch. Ohne eine
Weiterentwicklung dieser Gedanken werden wir auch
in der Abrüstung nicht wirklich weiterkommen. Und wir
haben doch die phantastische Chance in diesem Jahr,
daß wir in wichtigen Kapiteln der Abrüstung zu weiteren Verträgen kommen. Ich glaube nicht, daß dies die
Stunde zum Pessimismus ist.
Frage: Herr Bundeskanzler, in der Frage des Wunsches auf beiden Seiten, daß ein wiedervereinigtes
Deutschland in der NATO bleibt, haben Sie gesagt,
daß es eine Art besonderer Regelung geben sollte, um
zu garantieren, daß ein wiedervereinigtes Deutschland in der NATO bleibt. Zusätzlich hatten Sie aber
gesagt, daß besondere Vorkehrungen getroffen werden sollten, um Sicherheitsgarantien für Osteuropa
und die Sowjetunion zu gewährleisten. Schließt das
aus, daß ein vereinigtes Deutschland auch im Warschauer Pakt beteiligt werden könnte? Oder wäre es
vorstellbar, daß in einem vereinten Deutschland sowjetische Truppen stehen könnten?
Kohl: Jedenfalls ist eines ganz klar, daß ein vereintes
Deutschland nicht in zwei Paktsystemen sein kann.
Und die zweite Frage ist eine Frage der Souveränität.
Wir werden Übergangssituationen haben. Und das ist
eben das Thema, über das man verhandeln muß.
Gegenwärtig stehen in der DDR 380 000 Soldaten der
Sowjetarmee. Nach den jetzt vorgesehenen Reduzierungen wird es ungefähr noch die Hälfte sein, wenn ich
die Zahlen richtig im Kopf habe.
Es sind viele Prozesse jetzt auf den Weg zu bringen.
Und ich bin ganz und gar außerstande und auch gar
nicht willens, hier jetzt abschließende Erklärungen
abzugeben.

AMERIKA DIENST 8

Eines ist ganz klar: Ein wiedervereinigtes Deutschland
hat seine eigene Souveränität. Darüber kann es
keinen Zweifel geben. Aber das bedeutet nicht, daß
man in Übergangszeiten über Dinge nachdenken kann,
die hilfreich sind.
Frage: Können Sie mehr Einzelheiten über das nennen, was Sie in bezug auf die Sicherheitsgarantien
besprochen haben?
Kohl: Ich glaube, das ist nicht der Sinn einer Pressekonferenz, sondern erst müssen wir darüber verhandeln und dann eine Pressekonferenz abhalten.
Frage: Herr Präsident, können Sie sich eine Situation
vorstellen, bei der amerikanische Truppen noch in
Deutschland stehen, während die Sowjetunion inzwischen sämtliche Truppen von deutschem Staatsgebiet abgezogen haben?
Bush: Doch, das kann ich mir vorstellen, und der
Grund ist der, daß nämlich, wenn die Deutschen das
wollen, das auch geschehen muß. Die amerikanischen Truppen sind nicht gegen den Willen irgendeines Landes, in dem sie disloziert sind, in Europa - nicht
eines einzigen Landes. Die sowjetischen Truppen sind
seit Jahren auf Staatsgebieten, bei denen sie nicht
erwünscht sind. Das ist der fundamentale, der grundlegende Unterschied. Ich könnte mir das vorstellen.
Frage: Sie haben beide über sowjetische und amerikanische Truppen gesprochen. Aber ich möchte jetzt
eine Frage zu den deutschen Truppen stellen - sowohl
Truppen der Bundesrepublik Deutschland als auch der
DDR-Truppen. Sie haben beide umfangreiche Heere.
Das heißt, eine letzte Entscheidung über diese Heere
wird nicht getroffen, ehe die Einigung abgeschlossen
ist. Aber wie sehen Sie die Aussichten? Halten Sie es
für richtig, daß Deutschland ein Heer in dieser Größenordnung aufrechterhält, oder ist es wahrscheinlich,
daß die Truppenstärke Deutschlands verringert wird?
Kohl: Zunächst einmal ist die Frage der Truppenstärken eine Frage, die uns zwar als Deutsche direkt
berührt und interessiert, aber die eingebettet sein mu ß
in die gesamteuropäische, in die sicherheitspolitische
Entwicklung. Ich hoffe sehr, daß wir auf dem Weg zu
Abrüstung und Entspannung noch große Schritte
machen werden. Und ich hoffe auch, daß wir, die
Deutschen, dabei Nutznießer sein werden. Und deswegen kann ich Ihnen jetzt heute unmöglich, zumal ich
nicht der Vertreter einer gesamtdeutschen Regierung
bin - Sie greifen den Ereignissen schon weit voraus sagen, in welch einer Dimension sich eine solche
deutsche Verteidigungseinrichtung bewegen wird.
Aber ich glaube, das ist ein wirklich lösbares Problem,
denn auch bei dieser Frage muß man bedenken,
welche Wirkung auf die Nachbarn, und zwar auf alle
Nachbarn, in diesem Zusammenhang aufkommt. Ich

Seite 9

�habe vorhin ganz spontan auf die Frage eines Ihrer
Kollegen geantwortet, ob wir Kernwaffen haben wollen. Ich habe klar gesagt: nein. Das ist von allergrößter Bedeutung, daß da nicht zusätzliche Ängste aufkommen.
Im übrigen halte ich das wie vieles andere für eine
lösbare Aufgabe. Im Blick auf die Einigung unseres

* *

Seite 10

Vaterlandes haben wir schwierigere Probleme zu lösen als die, wenn ich etwa an die Rechtsproblematik,
so Fragen wie Privateigentum in der DDR, an das
ganze Rechtssystem, an das Sozialrecht und an so
etwas denke. Wir haben eine riesige Aufgabe vor uns,
und deswegen plädiere ich dafür, das nicht in Hektik zu
machen, sondern mit viel Überlegung.

* *

AMERIKA DIENST 8

�US-AUSSENPOLITIK
28. Februar 1990

BAKER BEKRÄFTIGT UNTERSTÜTZUNG FÜR NEUE
DEMOKRATIEN
Rede des Außenministers vor dem Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge stehen die Vereinigten Staaten uneingeschränkt hinter den
weltweit, insbesondere in Osteuropa aufkeimenden Demokratien und werden eine aktive Rolle dabei
übernehmen, ihren Erfolg sicherzustellen.
"Zweifelsohne müssen die Vereinigten Staaten eine führende Rolle bei der Erfüllung der Versprechungen dieses
neuen Zeitalters der Demokratie spielen", erklärte Baker vor dem auswärtigen Ausschuß des Repräsentantenhauses am 22. Februar 1990 und fügte an die jungen Demokratien gerichtet hinzu, "bei der Bewältigung dieser
Herausforderungen wird Ihnen das amerikanische Volk zur Seite stehen". Darüber hinaus habe sich die BushAdministration mit ihren Verbündeten geeinigt, "wie die Einheit Deutschlands in Frieden und Sicherheit für alle"
verwirklicht werden könne. Bei der Konferenz in Ottawa sei mit der grundsätzlichen Zustimmung der Sowjetunion
zu Präsident Bushs neuem Vorschlag zu einer Truppenstärke von jeweils 195 000 Mann der Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion in einer erweiterten Region Europa Mitte ein Durchbruch bei konventioneller Rüstungskontrolle in Europa erzielt worden. Ferner erläuterte der Außenminister die Fortschritte im Bereich der Rüstungskontrolle und beim Kampf gegen Drogen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Ich begrüße diese Gelegenheit zur Erörterung unserer
Außenpolitik und der Haushaltsvorlage für 1991. Der
Präsident und ich waren über die konstruktive Zusammenarbeit mit Ihnen, Herr Vorsitzender, den Mitgliedern dieses Ausschusses und des Kongresses sehr
erfreut und bauen auf noch bessere Zusammenarbeit
bei der vorliegenden Tagesordnung.
Gestatten Sie mir einige Bemerkungen zu meiner
jüngsten Auslandsreise, die mich nach Osteuropa und
Moskau, nach Ottawa und schließlich zum Drogengipfel in Kolumbien geführt hat. Um Zeit zu sparen, bitte
ich darum, meine schriftlichen Ausführungen dem Protokoll beizufügen.
Texaner sind dafür bekannt, interessante, lange Geschichten zu erzählen, aber ich möchte die Quintessenz meiner jüngsten Auslandsreise in wenigen Worten zusammenfassen: Wirtreten in ein neues Zeitalter
der Demokratie ein.
In Prag entsteht aus der ehemaligen tschechoslowakischen Republik eine neue, mächtige Demokratie. In
Moskau hat das Zentralkomittee der Kommunistischen
AMERIKA DIENST 8

Partei unter Führung von Präsident Gorbatschow sein
Machtmonopol aufgegeben und den Weg für ein
mögliches Mehrparteiensystem geebnet. In Bulgarien
und Rumänien drängen neue, wachsame Oppositionsgruppen auf freie und faire Wahlen - die Grundvoraussetzungen der Demokratie. In Ottawa habe ich
mit meinen Amtskollegen der NATO-Mitgliedstaaten etablierten Demokratien - zusammengearbeitet, um
Fortschritte bei Rüstungskontrolle und neuen Sicherheitsvereinbarungen zu erzielen, die endlich ein ungeteiltes und freies Europa einschlie ßlich eines demokratischen Deutschlands als Mitglied des Atlantischen
Bündnisses versprechen.
Und letzte Woche haben die Demokratien unseres
Kontinents, angeführt von Präsident Bush in Kolumbien große Fortschritte bei dem schwierigen Kampf
gegen Drogen erzielt.
Gleichzeitig mit all diesen Ereignissen führte uns die
willkommene Nachricht von der Freilassung Nelson
Mandelas den weltweiten Drang nach Freiheit plastisch vor Augen. Der Präsident brachte den Wunsch

Seite 1

�des gesamten amerikanischen Volkes zum Ausdruck,
als er erklärte, in Südafrika sei eine Zeit neuer Hoffnung angebrochen. Wir erwarten von Präsident de
Klerk die Fortführung seiner Politik, die Zukunft seines
Landes zusammen mit allen Südafrikanern neu zu
gestalten.
Zweifelsohne müssen die Vereinigten Staaten eine
führende Rolle bei der Erfüllung der Versprechungen
dieses neuen Zeitalters der Demokratie spielen. Wie
ich in Prag ausgeführt habe, müssen sicherheitspolitische und wirtschaftliche Herausforderungen überwunden und neue internationale Zusammenschlüsse
erwogen werden. Die Botschaft, die ich dort und
andernorts übermittelt habe, war die Botschaft, die alle
hören wollten: Auf Ihrem Weg zur Demokratie, bei der
Bewältigung dieser Herausforderungen wird Ihnen das
amerikanische Volk zur Seite stehen. Wir engagieren
uns nicht nur am Beginn dieses Weges, sondern bis zu
seinem Ende - bis wir gemeinsam eine neue Welt des
Friedens und der Freiheit geschaffen haben.
Ich möchte Ihnen nun kurz aus meiner Sicht von den
erzielten Fortschritten berichten und wie sich diese in
unser außenpolitisches Konzept einfügen.
Erstens haben wir umfassende Einigung erzielt, wie
die Einheit Deutschlands in Frieden und Sicherheit für
alle verwirklicht werden kann. Vor etwa einem Monat
wurde uns klar, daß das Tempo der deutschen Vereinigung eine enorme Dynamik entwickelt hatte. Die
ursprünglich für Mai vorgesehenen Wahlen in der DDR
wurden auf März vorverlegt. Der Strom der Übersiedler hielt unvermindert an.
Gleichzeitig konnte die Vereinigung nicht in einem
politischen Vakuum stattfinden. Nach 40jähriger Teilung können die beiden deutschen Staaten alleine
nicht alle sicherheits- oder außenpolitischen Konsequenzen tragen, die sich aus ihrem Zusammenschluß
ergeben. Die vier Besatzungsmächte haben historische Rechte und Vorbehalte. Darüber hinaus mu ß der
KSZE-Prozeß im Auge behalten werden - die 35
Nationen, die sich im Jahr 1975 auf Sicherheitsprinzipien für ganz Europa geeinigt haben.
Aus diesem Grund benötigten wir einen Konsens zu
diesem Problem und das Rad der Geschichte hält nicht
an. Die Zeit war reif, um einen geordneten Prozeß der
deutschen Vereinigung zu schaffen, der dem deutschen Recht auf Entscheidungsfreiheit Rechnung trägt
und gleichzeitig dem übrigen Europa gewährleistet,
daß die äußeren Aspekte entsprechend berücksichtig
werden, die sie betreffen könnten. Vor meiner Moskau-Reise habe ich den Gedanken eines solchen
Prozesses mit meinen Amtskollegen aus Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland
erörtert. Nach weiteren Gesprächen in Moskau und
Ottawa wurde die sogenannte Formel "2 plus 4" verabschiedet. Mit dieser Formel sollen sich die beiden
deutschen Staaten nach den März-Wahlen in der DDR

Seite 2

auf einen Plan zur Herstellung der inneren Einheit
einigen. Gleichzeitig treffen sich die Außenminister
der Bundesrepublik Deutschland und der DDR mit
ihren Kollegen aus Frankreich, Großbritannien, den
Vereinigten Staaten und der UdSSR, um die äußeren
Aspekte der Herstellung der deutschen Einheit zu
erörtern.
Aus unserer Sicht bietet der Zwei-plus-vier-Prozeß
zahlreiche Vorteile. Er etabliert das Prinzip, daß die
Vereinigung mit der Selbstbestimmung, der freien
Wahl des deutschen Volkes beginnt. Erstellt klar, daß
die vier Mächte einer solchen Wahl zustimmen. Der
Prozeß trägt der Tatsache Rechnung, daß bei einer
solchen Vereinigung umfassendere, legitime Sicherheitsinteressen auf dem Spiel stehen, und er weist den
vier Mächten, einschließlich der Sowjetunion, bei der
Berücksichtigung dieser Interessen eine bestimmte
Rolle zu.
Schließlich enthält er die Absicht, dieses Thema in
Zusammenhang mit einer Gesamtbewertung allgemein- und sicherheitspolitischer Fragen im Rahmen
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) zu würdigen.
Insgesamt ergibt sich also ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Rechten des deutschen Volkes und
den Sicherheitsanliegen der Nachbarn Deutschlands
und auch Europas als Ganzem. Sicherlich sind noch
eine Reihe strittiger Fragen zu lösen. Der Präsident
hat eindeutig festgestellt, daß ein vereinigtes Deutschland Mitglied der NATO sein muß. Das ist die Position
der Vereinigten Staaten, die Position des Bündnisses
und die Position von Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher. Wir haben ferner im Hinblick auf
sowjetische Besorgnisse verdeutlicht, daß wir den
Vorschlag Außenminister Genschers unterstützen, die
Streitkräfte der NATO nicht nach Osten zu verschieben.
Zahlreiche andere Probleme müssen noch untersucht
und gelöst werden. Trotzdem besitzen wir nun ein
Forum, innerhalb dessen sich die Vereinigung Deutschlands auf der dringlichsten, praktischen, zwischenmenschlichen Ebene mit Unterstützung der Deutschen
und der vier Mächte entwickeln kann, während wir uns
zusammen bemühen, angemessene Sicherheitsvorkehrungen auszuarbeiten.
Zweitens haben wir in Ottawa einen bedeutenden
Durchbruch im Hinblick auf die konventionelle Rüstungskontrolle in Europa erzielt. Die Sowjets haben
grundsätzlich dem neuen Vorschlag des Präsidenten
zugestimmt, die Truppenstärke für die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion in einer erweiterten Region
Europa Mitte auf je 195 000 zu begrenzen. In Moskau
hatten die Sowjets vorgeschlagen, für alle amerikanischen und sowjetischen Truppen eine gemeinsame
Obergrenze von entweder 195 000 oder - bei Einbeziehung der 30 000 außerhalb von Europa Mitte statio-

AMERIKA DIENST 8

�nierten amerikanischen Truppen - 225 000 zu vereinbaren. Ich habe Präsident Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse erklärt, warum wir dem Prinzip der Symmetrie nicht zustimmen konnten. Es ist
eine einfache geographische Tatsache, daß bei einem
Abzug weiterhin sowjetische Truppen im europäischen
Teil der Sowjetunion stationiert bleiben, während unsere
auf der anderen Seite des Ozeans sind. Noch wichtiger und zur Zeit auf dramatische Weise verdeutlicht ist
die Tatsache, daß unsere Streitkräfte in Europa mit
Zustimmung unserer Verbündeten stationiert sind, die
eine weitere Stationierung dort wünschen, während
die Verbündeten der Sowjetunion den Abzug der
sowjetischen Truppen fordern.
In Ottawa stimmten die Sowjets einer Asymmetrie
zwischen amerikanischen und sowjetischen Truppen
zu. Sie beharrten lediglich darauf, daß der nur stillschweigend im Vorschlag des Präsidenten enthaltene
Teil - die heute außerhalb von Europa Mitte stationierten 30 000 amerikanischen Soldaten - ausdrücklich
als Obergrenze fixiert werden sollte. Der Präsident
stimmte dem zu, und das Ergebnis ist eine Obergrenze
von je 195 000 amerikanischen und sowjetischen
Soldaten in Mitteleuropa mit der Maßgabe, daß die in
anderen Teilen Europas stationierten US-Truppen die
Obergrenze von 30 000 nicht überschreiten.
Die Sowjets folgten ferner unserem Argument, daß vor
dem Abschluß eines KSE-Abkommens kein KSZEGipfeltreffen zur europäischen Sicherheit stattfinden
solle. Ich muß jedoch hinzufügen, daß auf dem Weg
zu einem KSE-Abkommen immer noch einige Hindernisse bestehen, insbesondere bei den Flugzeugen.
Was den Offene-Himmel-Vorschlag des Präsidenten
angeht, so wurden in diesem Bereich greifbare Fortschritte erzielt. Die Regierungen der 23 NATO- und
Warschauer-Pakt-Staaten begrüßten das Konzept des
Offenen Himmels als nützlichen Beitrag zu Offenheit,
Rüstungsabbau und -begrenzung. Die Teilnehmer an
der Konferenz von Ottawa einigten sich darüber hinaus auf einige der Grundelemente eines Regimes der
Offenen Himmel.
Drittens haben wir die Grundlage für ein neues, mehr
auf Zusammenarbeit ausgerichtetes Verhältnis mit
den Völkern Mittel- und Osteuropas gelegt, das auf
Demokratie, Wirtschaftsreformen, neuen Sicherheitsvereinbarungen und - auf deren Initiative - neuen
regionalen Zusammenschlüssen beruht. In einer Rede
an der Prager Karls-Universität habe ich erklärt, nachdem das Jahr 1989 das Jahr des Hinwegfegens der
alten Diktaturen war, sollte das Jahr 1990 als Jahr für
den Aufbau neuer Demokratien stehen. Die Vereinigten Staaten seien bereit, diesen Prozeß zu unterstützen, der mit freien Wahlen und dem Aufbau demokratischer Institutionen beginnt. Ich wiederholte den Ruf
des Präsidenten nach einer Vereinbarung aller KSZEMitgliedstaaten zur regelmäßigen Abhaltung freier
Wahlen. Ferner würden wir es begrü ßen, wenn Beob-

AMERIKA DIENST 8

achter aus den KSZE-Staaten bei allen in ganz Ostund Mitteleuropa versprochenen freien Wahlen zugegen wären.
Ich habe auf meiner gesamten Reise klargestellt,
insbesondere in Bulgarien und Rumänien, daß jeder
Rückfall oder Rückzugsgefechte gegen die Demokratie zu einer Einstellung unserer Hilfe für die daran
Beteiligten führen würde. Wenn die Länder dieser
Region in Freiheit florieren sollen, dann müssen sie
freie Institutionen und freie Märkte schaffen, die vor
allem den Menschen gegenüber verantwortlich sind.
Das ist die Quintessenz der demokratischen Revolution, und das ist der Grund, warum wir unsere Hilfe von
demokratischen Reformen abhängig machen. Diese
"demokratische Differenzierung", wie wir sie nennen,
wird unsere humanitäre Hilfe nicht berühren, aber sie
wird über das Ausmaß entscheiden, in dem wir zusätzliche Hilfe bereitstellen.
In Prag konnte ich den Tschechen von unserem Wirtschaftshilfepaket berichten, und ich habe sie natürlich
dringend aufgefordert, Reformen einzuleiten, die zu
einer freien Marktwirtschaft führen. Sicherlich macht
sich auch die neue Führung der Tschechoslowakei,
ebenso wie die von Ungarn und Polen, Gedanken über
neue Wege der Zusammenarbeit. Aufgrund unserer
Erfahrungen, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg bei
der Förderung einer solchen Zusammenarbeit gesammelt haben, brachte ich den Tschechen und Slowaken
gegenüber unseren Wunsch zum Ausdruck, ihre von
Präsident Havel in Warschau vorgeschlagenen neuen
Koordinierungsanstrengungen auf jede erdenkliche
Weise zu unterstützen. Solchen Bemühungen könnte
tatsächlich eine Schlüsselrolle dabei zufallen, diesen
Teil Europas von seinertraditionellen Rolle als "Länder
in der Mitte" in eine eigenständige neue und kraftvolle
Gruppe zu verwandeln.
Viertens haben wir die Rüstungskontrolle bei chemischen und strategischen Waffen gefördert. Ein wichtiger Zweck meiner Reise nach Moskau bestand darin,
Fortschritte bei den START-Verhandlungen zu erzielen. Vor meiner Abreise wurde vielfach die Frage laut,
ob wir angesichts des stattfindenden Plenums der
KPdSU überhaupt irgendetwas erreichen könnten.
Dies ist eine gute Gelegenheit, um etwas über die
politische Atmosphäre zu sagen, die wir in der sowjetischen Hauptstadt vorfanden. Bei unserer Ankunft
ging das schwierige, sogar traumatische Plenum gerade zu Ende. Präsident Gorbatschow war entschlossener denn je, seinen Einsatz für die Perestrojka noch zu
verdoppeln. Er erklärte uns, warum die Mehrheit der
Ansicht sei, daß die heutigen wirtschaftlichen und
ethnischen Probleme der Sowjetunion eher durch
radikale Fortschritte als durch eine Hinwendung zur
Vergangenheit gelöst werden könnten. Dies bedeute
die Schaffung eines auf mehr Wettbewerb beruhenden Parteiensystems mit Beendigung des Monopols
der kommunistischen Partei und Schaffung eines

Seite 3

�stärkeren Präsidialsystems, das auf dem Willen des
Volkes beruht. Es bedeute Bemühungen für radikalere
Veränderungen in der Wirtschaft. Es bedeute darüber
hinaus neue Arrangements mit den Republiken, darunter vielleicht sogar die Aushandlung von Verträgen,
in denen Rechte und Pflichten festgelegt werden.
Kurzum: Die sowjetischen Spitzenpolitiker waren zu
Schritten nach vorn bereit, und deshalb konnten wir
große Fortschritte erzielen.
Wie aus einem in Moskau veröffentlichten gemeinsamen Kommunique hervorgeht, haben die Sowjets dem
Vorschlag des Präsidenten über einen gemeinsamen
Rahmen für Fortschritte bei chemischen Waffen zugestimmt. Beide Länder haben sich zum Abschluß eines
bilateralen Abkommens beim Gipfeltreffen im Juni
entschlossen, demzufolge der größte Teil unserer
Arsenale vernichtet werden soll. Wir engagieren uns
ferner für den Abschluß multilateraler Verhandlungen
über eine Konvention zu chemischen Waffen, mit der
in den ersten acht Jahren ihrer Gültigkeit die Arsenale
weiter reduziert und chemische Waffen in den folgenden zwei Jahren beseitigt würden, wenn andere chemiewaffenfähige Länder bis zu diesem Zeitpunkt der
Konvention beigetreten sind. Dieser Rahmen ist ein
wichtiger Schritt nach vorn. Er liefert einen praktischen
Plan, mit dem das Ziel der Beseitigung chemischer
Waffen erreicht werden kann.
Zweitens sind beträchtliche Fortschritte bei START zu
verzeichnen. Der Präsident hat bereits darauf verwiesen, daß wir hoffen, bis zum Gipfel im Juni alle wichtigen Fragen zu START beantwortet zu haben. Wir
haben das Problem der Zählweise luftgestützter Marschflugkörper (ALCMs) auf eine Weise gelöst, die angestrebte Reduzierungen möglich macht und uns die
Fortführung unseres Programms gestattet: Das Problem der vom Vertrag erfaßten nichtstationierten
Reserveraketen ist im großen und ganzen beigelegt,
und bei der Verschlüsselung telemetrischer Daten
wurden Fortschritte erzielt. Bei den seegestützten
Marschflugkörpern (SLCMs) haben die Sowjets unseren klaren Ansatz akzeptiert. Ich meine damit eine
unabhängig vom START-Vertrag von beiden Seiten
abgegebene politisch verbindliche Erklärung über die
Anzahl der Raketen, die sie in einem bestimmten
Zeitrahmen besitzen möchten. Einige der schwierigsten START-Probleme sind damit jetzt gelöst und den
Genfer Verhandlungen der Weg bereitet.
Fünftens und letztens haben wir beim Gipfel von
Cartagena gemeinsam mit unseren demokratischen
Verbündeten auf diesem Kontinent bei der Drogenbekämpfung einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht.
Hersteller- und Konsumentenländer nehmen keine
Schuldzuweisungen mehr vor oder schieben sich
gegenseitig die Verantwortung für das Drogenproblem
zu. Jetzt verbünden wir uns, um diesem Wahnsinn ein
Ende zu setzen. Die Entscheidung des Präsidenten,
trotz aller Drohungen persönlich am Gipfel teilzuneh-

Seite 4

men und Präsident Barcos Entschlossenheit, etwas zu
erreichen, haben den Drogenkartellen eine wichtige
Lektion erteilt: Wir werden uns widersetzen, wir werden niemals aufgeben und letztlich werden wir den
Sieg davontragen. Wie der Präsident es formuliert hat,
verfügen wir jetzt über das erste Anti-Drogenkartell.
Wir haben eine gemeinsame Strategie, die in der
Erklärung von Cartagena niedergelegt ist und unseren
gemeinsamen Angriff auf alle Aspekte - wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische - des Drogenhandels koordiniert.
Herr Vorsitzender, an dieser Stelle möchte ich unsere
Finanzierungsforderung für die Haushaltsjahre 1990
und 1991 kurz darlegen - die Mittel, die wir benötigen,
um unsere Zielsetzungen zu verwirklichen. Für das
Haushaltsjahr 1991 fordern wir 20,8 Milliarden Dollar
als Mittel zur freien Verfügung für Haushaltstitel 150 eine Steigerung um 1,7 Milliarden Dollar oder 8,9
Prozent gegenüber 1990. Wir schlagen völlig neue
Finanzierungsinitiativen vor.
Die Initiativen und unser bescheidenes Programm sind
eng mit unserer Fähigkeit zum Schutz amerikanischer
Werte und Interessen in den kommenden zehn Jahren
verbunden.
Erstens fordern wir zur Unterstützung der gegenwärtig
stattfindenden dramatischen Veränderungen in Osteuropa 300 Millionen Dollar zur Förderung demokratischer Institutionen, als technische Hilfe und für Ausbildungsförderung, Umweltinitiativen und zur Finanzierung von Wirtschaftshilfe während der Übergangszeit.
Solche Unterstützung umfaßt sowohl die Entwicklung
des Privatsektors als auch Handels- und Investitionsprogramme. Meiner Ansicht nach haben wir bei einer
Initiative in der Gesetzgebung, die dem Präsidenten
Flexibilität einräumt, Fortschritte erzielt. Wenn der
Stellvertretende Außenminister Eagleburger aus Osteuropa zurückkehrt, können wir hoffentlich ein Paket
von Gesetzesvorlagen erarbeiten.
Zweitens fordern wir 500 Millionen Dollar als Nachtrag
zum Haushaltsjahr 1990 für Wirtschaftshilfe an Panama. Dieser Fonds würde den wirtschaftlichen Wiederaufbau stützen, indem er Untemehmenskredite, öffentliche Investitionen und wirtschaftliche Stabilisierung fördert.
Drittens fordern wir 441 Millionen Dollar an Militär- und
Wirtschaftshilfe sowie Unterstützung bei der Drogenbekämpfung für die Andenstaaten. Diese Initiative ist
für die Drogenstrategie des Präsidenten unabdingbar,
und nach dem erfolgreichen Gipfel von Cartagena
hoffen wir gemeinsam mit unseren Partnern auf die
Zustimmung des Kongresses zu unseren gemeinsamen Bestrebungen.
Viertens bitten wir um 888 Millionen Dollar zur Begleichung der Rückstände bei den Vereinten Nationen,
multinationalen Organisationen und Entwicklungsban-

AMERIKA DIENST 8

�ken innerhalb der nächsten fünf Jahre. Der Präsident
engagiert sich fürdie Finanzierung dieser eingegangenen Verpflichtungen. Wir erwarten, daß in den nächsten zehn Jahren eine gestärkte UNO größere Beiträge zur Bewahrung des Friedens, Rückführung von
Flüchtlingen und länderübergreifenden Problemen wie
Drogenbekämpfung, Umwelt und Terrorismus leisten
kann. Die Vereinigten Staaten müssen ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber diesen Institutionen
nachkommen.
Für unsere fünfte Initiative fordern wir 270 Millionen
Dollar für das neue Botschaftsgebäude in Moskau. Wir
haben die im vergangenen Jahr versprochene Überprüfung abgeschlossen und bitten jetzt um Ihre Zustimmung für unseren Plan.
Sechstens und letztens fordern wir 70 Millionen Dollar
als Nachtrag zum Haushalt 1990, um dem dringenden
Flüchtlingsproblem der Asylsuchenden gerecht zu werden, das sich zum großen Teil aus der zunehmenden
Liberalisierung der sowjetischen Auswanderungspolilik ergibt.

*

AMERIKA DIENST 8

Weitere Informationen zu diesen Initiativen und unserem Haushalt entnehmen Sie bitte meiner schriftlichen
Erklärung, Herr Vorsitzender.
Damit möchte ich zum Schluß kommen. Letztes Jahr
habe ich um größere Flexibilität beim Umgang mit
unseren beschränkten Mitteln nachgesucht. Zweifellos haben die Ereignisse gezeigt, daß eine solche
Flexibilität für unseren Erfolg in einer Welt immer
schneller erfolgender Veränderungen unabdingbar ist.
Aus diesem Grund möchte ich dieses Jahr meine Bitte
um einen neuen Verhaltenskodex zwischen der Exekutive und dem Kongreß im Hinblick auf Auslandshilfe
wiederholen. Wir sollten statt der Bereitstellung von
Mitteln konstruktive Konsultationen als wichtigstes Mittel
zur Erlangung eines Konsenses über programmatische Ziele betrachten und angesichts dieser außergewöhnlichen Zeiten mit ihren sich wandelnden Prioritäten gemeinsame Wege zu mehr Flexibilität suchen, die
allen Interessen gerecht wird.

* * *

*

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
28. Februar 1990

FORTSCHRITTE BEI SOWJETISCHER EINHALTUNG
VON RÜSTUNGSKONTROLLABKOMMEN
Jahresbericht des Präsidenten an den Kongreß
WASHINGTON - (AD) - In seinem am 23. Februar 1990 veröffentlichten Jahresbericht an den Kongreß mit
dem Titel "Die sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollabkommen" (Soviet Noncompliance with
Arms Control Agreements) erklärte Präsident Bush, die von den Vereinigten Staaten erhobene "entschiedene
Forderung nach strenger Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen zeitigt positive Ergebnisse" und fügte
hinzu, er hoffe, die jüngsten korrektiven Maßnahmen der Sowjets bei Vertragsverletzungen "deuten auf eine
neue Bereitschaft hin, unsere nach wie vor bestehenden Bedenken aufzugreifen und zu lösen".
Nachfolgend bringen wir den zur Veröffentlichung freigegebenen Teil des Berichts in Auszügen.

Wie gesetzlich vorgeschrieben, lege ich diesen Bericht
über die sowjetische Nichteinhaltung von Rüstungskontrollabkommen vor.
Bisherige Berichte haben sowjetische Verletzungen
der wichtigsten Rüstungskontrollverträge und -abkommen dokumentiert. Trotz weiterhin bestehender ernsthafter Besorgnis über die Nichtbefolgung freue ich
mich, berichten zu können, daß unsere entschiedene
Forderung nach strenger Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen positive Ergebnisse zeitigt. Die
Sowjetunion scheint bereit zu sein, wichtige Maßnahmen zur Lösung einiger Anliegen der Vereinigten Staaten
zu ergreifen.
Rüstungskontrolle und ihre Einhaltung
Die Vereinigten Staaten erwarten ausnahmslos peinlich genaue Erfüllung aller gültigen und künftigen
Rüstungskontrollabkommen und der damit einhergehenden Verpflichtungen. Andernfalls kann der Rüstungskontrollprozeß weder Nutzen für die nationale
Sicherheit der Vereinigten Staaten bringen noch können Verträge ratifizert werden. Ich setze mich dafür
ein, daß die gewissenhafte Einhaltung aller Rüstungskontrollabkommen und damit verbundener Aktivitäten
gewährleistet ist. Wir können und werden keinen
geringeren Standard akzeptieren. In einfachen Worten: Rüstungskontrollverpflichtungen müssen genau
definiert und gewissenhaft eingehalten werden. Mit
weniger geben wir uns nicht zufrieden.

AMERIKA DIENST 8

Meine Administration engagiert sich für die Erarbeitung neuer Rüstungskontrollabkommen, mit denen die
Bedrohung eines Kriegsausbruchs abgebaut und ein
Beitrag zur internationalen Stabilität geleistet wird.
Diese Ziele haben mehr Realitätsnähe als jemals
zuvor. Dennoch können sie nur verwirklicht werden,
wenn effektive Verifizierung und vollständige Einhaltung integrale Bestandteile des Prozesses sind. Wir
müssen feststellen können, ob die andere Partei ein
Abkommen einhält. Aus diesem Grund werde ich
weiterhin darauf bestehen, daß unsere Maßnahmen
und Mittel zur Verifizierung angemessen und wirksam
sind.
Ich hoffe, daß die jüngsten korrektiven Maßnahmen
der Sowjets bei Vertragsverletzungen auf eine neue
Bereitschaft hindeuten, unsere nach wie vor bestehenden Bedenken aufzugreifen und zu lösen. Dennoch
reicht Hoffnung auf Einhaltung nicht aus. Wenn Verletzungen von Rüstungskontrollabkommen identifiziert
werden, werden wir uns weiterhin des traditionellen
Mechanismus der Konsultationen bedienen, um uns
der Unterstützung des Kongresses zu versichern und
angemessen und besonnen zu reagieren.
Sowjetische Maßnahmen
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß im vergangenen Jahr ermutigende Veränderungen im sowjetischen
Ansatz zur Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen zu beobachten waren. Jüngste Äußerungen des

Seite 1

�sowjetischen Außenministers Schewardnadse deuten
darauf hin, daß der neue Kongreß der Volksdeputierten in der Außenpolitik größere Verantwortung übernehmen wird. Wir hoffen, daß durch die Institutionalisierung einer verantwortlicheren sowjetischen Regierung eine dauerhafte Grundlage für konstruktiveres
sowjetisches Verhalten gelegt wird, das mit internationalen Normen und Abkommen im Einklang steht.

geleitet. Trotz dieser Aufhebung der Verletzung des
ABM-Vertrags in Gomel bestanden bei uns nach wie
vor Zweifel an der Einhaltung bestimmter, im Dezember 1988 vereinbarter Verfahren durch die Sowjets.
Wir sind zu dem Schluß gelangt, daß das in der Nähe
von Gomel stationierte FLAT TWIN-Radar und das
PAWN SHOP VAN nicht länger eine Verletzung des
ABM-Vertrags darstellen.

Ich begrüße Außenminister Schewardnadses Erklärung von Wyoming, der zufolge das Radar von Krasnojarsk vollständig beseitigt wird, wie auch seine freimütige Äußerung bei einer Plenarsitzung des Obersten
Sowjets am 23. Oktober 1989, die Errichtung des
Radars von Krasnojarsk stelle eine "eindeutige Verletzung" des ABM-Vertrags dar. Die Vereinigten Staaten
haben der Sowjetunion gegenüber erklärt, sie würden
kein START-Abkommen oder einen Vertrag über
Verteidigung im Weltraum schließen, bis Unstimmigkeiten über die Verletzung ausgeräumt seien. Das
sowjetische Engagement zur vollständigen Beseitigung des Radars von Krasnojarsk wird, wenn sie auf
eine verifizierbare Art und Weise nach amerikanischen
Maßgaben durchgeführt wird, die Atmosphäre der
bilateralen Beziehungen verbessern.

Obwohl die Sowjetunion nicht zugibt, daß ihre Aktivitäten im Hinblick auf schnelle Nachladefähigkeit die
Vertragsverpflichtungen verletzen, konnten seit 1983
keine zu Besorgnis Anlaß gebenden Aktivitäten beobachtet werden. Angesichts des langen Zeitraums seit
der letzten Beobachtung solcher Aktivitäten wird das
Problem in diesem Bericht nicht angesprochen.

Das sowjetische Zugeständnis, das Radar von Krasnojarsk sei eine "eindeutige Verletzung", war das
unmittelbare Ergebnis energischer amerikanischer
Einwände gegen diese Verletzung und fortgesetzter
Forderungen nach korrektiven Maßnahmen. Tatsächlich haben sich die Beharrlichkeit und unerschütterliche amerikanische Haltung gegen Verletzungen des
Prinzips, daß Rüstungskontrollabkommen streng einzuhalten sind, bezahlt gemacht. Die Unterstützung
des amerikanischen Kongresses in dieser Frage war
von unschätzbarem Wert dabei, die Sowjetunion zu
überzeugen, daß diese Verletzung korrigiert werden
muß. Wir müssen uns vor Augen führen, daß wir diese
positive Lösung nicht erzielt haben, indem wir vor der
Tatsache einer Verletzung zurückgeschreckt sind.
Im vergangenen Jahr hat die Sowjetunion darüber
hinaus weitere Maßnahmen zugegeben, die nicht mit
ihren Rüstungskontrollverpflichtungen in Einklang
stehen. Auch in diesen Fällen hat die Sowjetunion
Schritte unternommen, um die amerikanischen Bedenken auszuräumen. Im Hinblick auf den INF-Vertrag hat die Sowjetunion beispielsweise gewisse technische Unzulänglichkeiten eingeräumt und diese behoben. Obwohl die Sowjetunion Maßnahmen nicht
offen zugegeben hat, die nicht im Einklang mit ihren
Vertragsverpflichtungen stehen, war sie in anderen
Fällen dennoch bereit, Schritte zur Beseitigung der
amerikanischen Bedenken zu unternehmen. Obwohl
die Sowjetunion eine Verletzung des ABM-Vertrags
durch die Radarstationierung in Gomel nie offiziell
zugegeben hat, wurden mit der Zerstörung des FLAT
TWIN-Radar in Gomel und des PAWN SHOP VAN in
Gomel und Wnukowo konstruktive Schritte in die Wege

Seite 2

Durchführung des INF-Vertrags
Der INF-Vertrag erfüllt weiterhin sein Ziel, eine gesamte Kategorie amerikanischer und sowjetischer Raketen unter strengen Verifizierungsvorschriften abzubauen. Seit dem 30. November 1989 hat die Sowjetunion alle ihre 957 Raketen kürzerer Reichweite sowie
alle 238 Abschußvorrichtungen für diese Raketen
beseitigt. Die Sowjets haben 433 der 809 Mittelstrekkenraketen und 299 der 581 Abschuß Vorrichtungen
für diese Raketen abgebaut. Die Beseitigung der
verbleibenden amerikanischen und sowjetischen
Raketen und Abschußvorrichtungen muß bis zum 1.
Juni 1991 erfolgen.
In einem Bereich mußten die Vereinigten Staaten eine
Verletzung des INF-Vertrags feststellen:
Verlagerung von Raketen auf Abschußvorrichtungen
in Lebedin. Seit Dezember 1988 wurden sowjetische
SS-20-Raketen auf Abschußvorrichtungen vom Raketenstützpunkt in Lebedin zu den Wartungseinrichtungen für Raketen und Abschußeinrichtungen in Lebedin
verlagert, was eine Verletzung von Artikel VIII, Paragraph 8 des INF-Vertrags darstellt. Die Sowjets haben
die Vereinigten Staaten im Einklang mit dem Vertrag
über die Verlagerung unterrichtet und in der Benachrichtigung erklärt, die Route befinde sich eindeutig im
Bereich des Stationierungsgebiets. Nach einer amerikanischen Demarche räumten die Sowjets ein, bei
der Festlegung der tatsächlichen Grenzen des Stationierungsgebiets sei den Verantwortlichen vor Ort ein
technischer Fehler unterlaufen, der in der Zwischenzeit behoben worden sei. Seit jenem Zeitpunkt sind
keine weiteren Zwischenfälle mit Raketen auf Abschußvorrichtungen außerhalb des Stationierungsgebiets und der Raketenunterstützungseinrichtungen
festgestellt worden.
Bezüglich der Einhaltung ergaben sich ferner Fragen,
die jedoch nicht notwendigerweise eine Nichteinhaltung bedeuten müssen. Darunter fallen die SS-20Abschußzylinder in der Nähe von Moskau und die SS23-Startlafetten (TELs).

AMERIKA DIENST 8

�Anhaltenden Anlaß zu Besorgnis gibt die Zählweise
nach der "gleich aussehende Raketen gleich gezählt
werden". Bei zwei Gelegenheiten haben die Sowjets
Gerät unter Beibehaltung der ursprünglichen äußeren
Konfiguration modernisiert, das entweder unter den
Bedingungen des Protokolls über den Abbau oder vor
Inkrafttreten des Vertrags beseitigt werden sollte.
Unabhängig davon, ob die Modernisierung den Einsatz dieses Geräts für nicht im Einklang mit dem
Vertrag stehende Zwecke gestattet, komplizieren solche Aktivitäten die Überwachung der Vertragsbegrenzungen für das Gerät mit Nationalen Technischen
Mitteln (NTM). Diese beiden Vorfälle beziehen sich auf
einen SS-20-Abschußzylinder in der Nähe von Moskau und SS-23-Abschuß Vorrichtungen in Stankowo.
In beiden Fällen reagierten die Sowjets auf amerikanische Einwände, indem sie amerikanischen NTM oder
Inspektoren Gerät in Konfigurationen vorführten, mit
denen Zweifel an der Beschaffenheit dieses Geräts
behoben wurden.
Der ABM-Vertrag
In vorherigen Berichten kam unsere tiefe Besorgnis
über die sowjetische Nichteinhaltung des ABM-Vertrags zum Ausdruck, insbesondere beim Radar von
Krasnojarsk, das eine erhebliche Verletzung eines
Kernstücks des Vertrags darstellt. Die Sowjetunion
hat sich jetzt zum vollständigen Abbau des Radars
verpflichtet. Obwohl die Sowjets mit der Demontage
des Radars noch nicht begonnen haben, könnten
Vorbereitungen dazu bereits im Gange sein. Die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion verhandeln
derzeit über den Abbau des Radars. Wir erwarten die
unverzügliche Durchführung der sowjetischen Verpflichtung und werden die sowjetischen Maßnahmen
genau im Auge behalten.
Während mit dem Abbau des Radars von Krasnojarsk
eine wesentliche Sorge der Vereinigten Staaten ausräumt wird, bleiben weiterhin Bedenken bezüglich
sowjetischer ABM- und damit in Verbindung stehender Aktivitäten bestehen. Sie werden in diesem Bericht im einzelnen aufgeführt. Der Bau neuer weitreichender Radaranlagen mit phasengesteuerter Abtastung (LPARs) an der Peripherie der Sowjetunion und
die Modernisierung des Moskauer ABM-Systems dem einzigen stationierten System zur Verteidigung
gegen ballistische Raketen der Welt - scheinen im
Einklang mit dem ABM-Vertrag zu stehen. LPARs
wurden jedoch schon immer als das Element einer
eventuellen territorialen Verteidigung mit langer Vorwarnzeit angesehen. Krasnojarsk ist nur eines in
einem Netz von neun solcher Radars. Da sie die
Fähigkeit zur genauen Erfassung einer großen Anzahl
von Objekten besitzen, haben diese Radars abhängig
von Standort und Ausrichtung das technische Potential, um zur ABM-Kampfführung beizutragen.
Im vorliegenden Bericht werden folgende andere
Bedenken der Vereinigten Staaten angesprochen:
AMERIKA DIENST 8

Entwicklung und Erprobung der für mobile ABMSysteme erforderlichen Bauteile,
Gleichzeitiger Einsatz von Luftverteidigungsund ABM-Bauteilen,
Entwicklung moderner Luftverteidigungssysteme, die einige ABM-Fähigkeiten besitzen können,
Gesamtumfang sowjetischer ABM- oder damit
in Zusammenhang stehender Aktivitäten, die
darauf hindeuten, daß die UdSSR eine Verteidigung ihres nationalen Territoriums vorbereitet.
Chemische, biologische und Toxin-Waffen
Die Vereinigten Staaten kommen zu dem Schluß, daß
die Sowjetunion den Vertrag über biologische und
Toxin-Waffen von 1972 weiterhin verletzt. Wie bereits
in vorherigen Berichten stellen die Vereinigten Staaten
fest, daß die Sowjets das Genfer Protokoll von 1925
und damit in Zusammenhang stehende Bestimmungen des Völkerrechts verletzt haben. Die Vereinigten
Staaten sehen keinen Grund, ihre Schlußfolgerung zu
revidieren, daß die Sowjetunion mit Produktion, Verlagerung und Einsatz von Pilzgiften zur Kampfführung in
Laos, Kambodscha und Afghanistan befaßt ist, was
eine Verletzung ihrer rechtlichen Verpflichtungen im
Rahmen des Völkerrechts darstellt, wie es im Genfer
Protokoll von 1925 und der Konvention über biologische Waffen aus dem Jahr 1972 kodifiziert ist. Diese
Verletzungen geben zusammen mit den anhaltenden
sowjetischen Aktivitäten in diesen Bereichen weiterhin
Anlaß zu ernsthafter Besorgnis. Seit dem Bericht vom
Januar 1984 liegen uns keine bestätigten Beweise
über den Einsatz todbringender Kampfstoffe vor.
Die Vereinigten Staaten sind zu dem Schluß gekommen, daß die Sowjetunion trotz gegenteiliger Behauptungen ein Programm und die Fähigkeit zu aktiver,
offensiver biologischer Kriegführung unterhält, eine
Verletzung der Konvention über Biologische und Toxin-Waffen von 1972. Wir gehen davon aus, daß die
sowjetischen Fähigkeiten modernste biologische und
Toxin-Wirkstoffe beinhalten, von denen wir nur wenig
oder gar keine Kenntnis und gegen die die Vereinigten
Staaten keine Verteidigung besitzen.
Als Ergebnis der im Jahr 1986 durchgeführten FolgeKonferenz zur Konvention über Biologische und ToxinWaffen haben sich die daran beteiligten Staaten bereiterklärt, Informationen über Einrichtungen auszutauschen, in denen risikoreiche biologische Experimente durchgeführt werden sowie über Einrichtungen,
die sich mit anderen in Zusammenhang mit der Konvention stehenden Vorhaben beschäftigen. Obwohl
wir die von den Sowjets vorgelegten Daten begrü ßt haben, sind die Vereinigten Staaten davon überzeugt,
daß weiterhin Vorhaben in solchen Einrichtungen verfolgt
werden, die unserer Ansicht nach mit dem offensiven
sowjetischen Programm in Verbindung stehen und
Seite 3

�daß nicht alle diese Programme in der sowjetischen
Erklärung enthalten waren.
Wir sind weiterhin unzufrieden mit den sowjetischen
Erklärungen zum Ausbruch von Milzbrand in Swerdlowsk im Jahr 1979. Wir haben diese Frage seit März
1980 wiederholt gegenüber den Sowjets zur Sprache
gebracht. Stets wurde uns mitgeteilt, der Ausbruch der
Krankheit habe auf dem Verzehr verseuchten Fleischs
beruht. Aufgrund von den Vereinigten Staaten zur
Verfügung stehenden Informationen sind wir jedoch zu
dem Schluß gekommen, daß der Ausbruch der Seuche durch die versehentliche Freisetzung von Milzbrand-Erregem durch eine verbotene Einrichtung zur
Produktion biologischer Waffen verursacht wurde.
Im April 1987 verkündete Generalsekretär Gorbatschow, die Sowjetunion habe die Produktion chemischer Waffen eingestellt. Im Dezember 1987 erklärten
die Sowjets, sie besäßen einen Lagerbestand von
50 000 Tonnen chemischer Wirkstoffe.
Am 23. September 1989 unterzeichneten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eine Regierungsvereinbarung (Memorandum of Understanding - MOU)
über ein bilaterales Verifizierungsexperiment und einen Datenaustausch bei chemischen Waffen. Das
MOU besteht aus einer Zweiphasenvereinbarung: Die
erste Phase beinhaltet einen Datenaustausch und
Besuche bei einschlägigen C-Waffen-Einrichtungen.
Zu den ausgetauschten Daten gehören der Gesamtbestand an chemischen Waffen, die Art der jeweils im
Besitz befindlichen chemischen Wirkstoffe sowie die
prozentualen Anteile an Munition und sonstigen gelagerten Mengen.
Gemäß dieser Vereinbarung stellten die Sowjets am
29. Dezember 1989 die verlangten Daten zur Verfügung. Diese werden zur Zeit ausgewertet. Ersten
Hinweisen zufolge entsprechen diese Daten in vielerlei
Hinsicht nicht unserem Verständnis.
Der Vertrag über die Begrenzung von Atomtests
(LTBT)
Seit Inkrafttreten des Vertrags über die Begrenzung
von Atomtests (LTBT) vor über 20 Jahren hat die
Sowjetunion ihr Kernwaffentestprogramm auf eine Art
und Weise durchgeführt, die im Widerspruch zu den
Vertragsbestimmungen steht. Seit Veröffentlichung
des Berichts vom Dezember 1988 hat sich dieses
Verhalten fortgesetzt und führt weiterhin zur Freisetzung nuklearer Partikel in der Atmosphäre jenseits der
sowjetischen Grenzen. Auch wenn das von den
sowjetischen Tests freigesetzte Material kein greifbares Risiko für Gesundheit, Sicherheit oder Umwelt
darstellt und Vertragsverletzungen keine offenkundige
militärische Bedeutung haben, haben die sowjetischen
Stellen auf unsere wiederholten Versuche, diese Vorfälle zur Sprache zu bringen, diese lediglich bestritten
und amerikanische Ersuchen nach technischen Dis-

Seite 4

kussionen zurückgewiesen, die zur Verhinderung einer weiteren Freisetzung nuklearer Rückstände durch
die Sowjets führen könnten.
Der Schwellenvertrag (TTBT)
Am 9. November 1987 nahmen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion Verhandlungen auf, deren
wichtigstes Ziel eine Vereinbarung über effektive Verifizierungsmaßnahmen ist, um eine Ratifizierung des
amerikanisch-sowjetischen Schwellenvertrags und des
Vertrags über Kernexplosionen zu friedlichen Zwekken (PNET) zu ermöglichen.
Als Teil dieser Verhandlungen führten beide Seiten ein
Gemeinsames Verifizierungsexperiment durch, wobei
am 17. August 1988 auf dem amerikanischen Versuchsgelände eine von den Sowjets überwachte Kernexplosion stattfand und am 14. September 1988 eine
von den Vereinigten Staaten überwachte auf dem
sowjetischen Versuchsgelände.
Am 23. September 1989 einigten sich die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion beim Außenministertreffen in Wyoming im Hinblick auf das Verifizierungsprotokoll zum TTBT auf ein Paket von drei Verifizierungsmethoden: hydrodynamische Messungen vor Ort,
Vor-Ort-Inspektionen und über das Land verteilte seismische Stationen.
In der gegenwärtig stattfindenden Runde der Gespräche über Kernwaffenversuche (NTT) verhandeln beide Seiten über die zur Durchführung der in Wyoming
erzielten Vereinbarungen erforderlichen detaillierten
Verfügungen. Unser Ziel ist die Fertigstellung von
Protokollen zu beiden Verträgen und deren Vorlage an
den Kongreß zur Beratung und Ratifizierung. Nach der
Ratifizierung wird die Anwendung dieser beiden Verträge mit den zur effektiven Verifizierung nötigen Vorschriften die Sowjets dazu verpflichten, unsere seit
langem bestehenden Anliegen im Hinblick auf die
sowjetische Einhaltung der Schwelle von 140 Kilotonnen auszuräumen.
Zusammenfassung
Die amerikanische Forderung nach peinlich genauer
Vertragseinhaltung steht nicht zur Verhandlung. Wir
werden weiterhin auf effektiver Verifizierung der Bestimmungen dieser neuen Vereinbarungen bestehen,
auf jegliche sowjetische Vertragsverletzung angemessen reagieren und weiterhin unsere strategischen
Entscheidungen auf der Grundlage von Charakter und
Umfang der sowjetischen Bedrohung fällen. Im Hinblickauf die Einhaltung von Rüstungskontrollverpflichtungen darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.
Im vergangenen Jahr hat unser Bestehen auf peinlich
genauer Vertragseinhaltung im Verein mit verbesserter Zusammenarbeit seitens der UdSSR die allgemein
erfolgreiche Durchführung des INF-Vertrags, die
Beseitigung einer Verletzung des ABM-Vertrags und

AMERIKA DIENST 8

�positive Schritte in Richtung auf eine Beseitigung der
Vertragsverletzung durch das Radar von Krasnojarsk
ermöglicht. Dies ist eine ermutigende und bedeutsa-

me positive Entwicklung zur Einhaltung von Rüstungskontrollverträgen. Wir hoffen, die UdSSR wird auch in
Zukunft in diesem Bereich kooperativ sein.

* * * * *

AMERIKA DIENST 8

Seite 5

�UMWELT
28. Februar 1990

BAKER: UMWELT KERNSTÜCK DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Rede bei der National Governors' Association
WASHINGTON - (AD - Umweltfragen besitzen laut Außenminister Baker heute einen besonderen Stellenwert
in der amerikanischen Außenpolitik. In einer Rede bei der National Governors'Association erklärte Baker am
26. Februar 1990, zu den vier Hauptzielen der US-Außenpolitik - Konsolidierung der Demokratie im Ausland,
Förderung von Wohlstand und wirtschaftlicher Freiheit, Gewährleistung weltweiter Sicherheit und Verbesserung
wirkungsvoller internationaler Zusammenarbeit - gehörten zugleich wichtige umweltpolitische Komponenten.
"Demokratien bieten die umfassendsten Möglichkeiten für verantwortungsbewußte umweltpolitische Maßnahmen. Die Umweltbewegung steht als einer der grö ßten Erfolge für Basisdemokratie in den Vereinigten Staaten."
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Rede im Wortlaut.

Ich freue mich, heute zu Ihnen über die Umwelt sprechen zu können. Dieses Thema ist sowohl für mich
persönlich als auch für die 50 Staaten, die Territorien
und unsere Außenpolitik von großer Bedeutung.
In diesem Zusammenhang erscheint mir ein kurzer
geschichtlicher Rückblick angebracht. Im Jahr 1852
ersuchte die amerikanische Regierung Häuptling Seattle
um den Verkauf von Stammesland, das sie neu ankommenden Siedlern überlassen wollte. Der Häuptling antwortete: "Die Erde gehört nicht dem Menschen, der Mensch gehört der Erde. Alle Dinge sind
miteinander verbunden wie das Blut, das uns alle
vereint: Der Mensch hat das Geflecht des Lebens
nicht gewoben, er ist nur ein Faden darin." Und der
Häuptling warnte: "Was immer er diesem Geflecht
antut, das tut er sich selbst an."
Die Siedler zogen weiter nach Westen - auch mein
eigener Urgroßvater gehörte zu ihnen. Diese unabhängigen, schwer arbeitenden und mutigen Menschen
trugen dazu bei, unser Land zu dem zu machen, was
es heute ist. Selbst für diejenigen unter uns, deren
Vorfahren nicht an der Erschließung des Westens
beteiligt waren, stellen diese Pioniere nach wie vor die
Quintessenz des amerikanischen Geistes dar.
Doch schon zu Ende des letzten Jahrhunderts war es
vielen Amerikanern bewußt geworden - vom ent-

AMERIKA DIENST 8

wickelten Osten bis zum sich entwickelnden Westen daß Amerikas Schätze nicht unerschöpflich waren. Es
war offenkundig geworden, daß wir Verantwortung für
Schutz und Erneuerung unserer natürlichen Ressourcen übernehmen mußten, damit auch künftige Generationen in ihren Genuß kommen konnten.
Im Jahr 1908 berief Präsident Theodore Roosevelt
eine Konferenz zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen ins Weiße Haus ein - die erste ihrer Art nicht nur in
den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen Weit.
Sie wurde als Konferenz der Gouverneure bekannt.
Fairerweise muß gesagt werden, daß von dieser
Konferenz der grö ßte Einzelimpuls für eine verantwortungsbewu ßte nationale Umweltpolitik in den Vereinigten Staaten ausging.
Wenn wir uns heute anschicken, für das nächste
Jahrhundert zu planen, müssen wir uns der Lehren des
19. und 20. Jahrhunderts erinnern.
Von den Ureinwohnern Amerikas haben wir gelernt,
daß wir die Natur nicht als selbstverständlich hinnehmen dürfen. Wir müssen sie in Ehren halten und die ihr
von Gott gegebene Würde achten.
Von unseren Vorfahren haben wir gelernt, daß die
Natur kein Füllhorn mit unendlichem Nachschub ist.
Wir müssen der Erde etwas zurückgeben, wenn wir
weiterhin ihre Gaben nutzen wollen.
Seite 1

�Aus der Geschichte der Umweltbewegung in den
Vereinigten Staaten haben wir gelernt, daß Bundesund Staatsregierungen, Wirtschaft und Gewerkschaften, landesweite Organisationen und Einzelpersonen
bei der Ausarbeitung wirksamer umweltpolitischer
Maßnahmen zusammenarbeiten müssen.
Schließlich wissen wir aus eigener Erfahrung in dieser
interdependenten Welt, daß wir "lokal denken und
global handeln" müssen. Wir können den Umweltinteressen der Vereinigten Staaten nicht wirkungsvoll
dienen, wenn wir die weltweiten Umweltprobleme außer
acht lassen.
Hier kommt nun die Außenpolitik ins Spiel. Darüber
möchte ich heute zu Ihnen sprechen.
Die Umwelt und die amerikanische Außenpolitik
Die außenpolitischen Ziele der Vereinigten Staaten
gründen sich auf unsere Grundwerte. Wir streben
danach, die Demokratie zu ermutigen, Wohlstand durch
wirtschaftliche Freiheit zu fördern, die Sicherheit zu
gewährleisten sowie wirkungsvolle internationale
Zusammenarbeit zu verbessern, die unseren gemeinsamen Interessen dient. Weniger bekannt ist jedoch
die Tatsache, daß unseren umweltpolitischen Anliegen eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung all
dieser Ziele zukommt. Demokratie, Wohlstand, Sicherheit, Zusammenarbeit und Umwelt - sie alle sind
untrennbar miteinander verbunden. Deshalb sind der
Präsident und ich fest entschlossen, Umweltfragen
umfassend in unsere diplomatischen Bemühungen
einzubetten. Dies ist die grüne Komponente unserer
Außenpolitik.
Ich möchte also erstens darauf zu sprechen kommen,
wie unsere Bemühungen zur Konsolidierung der
Demokratie mit unseren umweltpolitischen Bemühungen zusammenhängen. Demokratien - die nun einmal
von einer informierten Bürgerschaft, einer offenen
Gesellschaft und der Rechenschaftspflicht der Regierung abhängen - bieten die umfassendsten Möglichkeiten für verantwortungsbewußte umweltpolitische
Maßnahmen. Die Umweltbewegung steht als einer
der größten Erfolge für Basisdemokratie in den Vereinigten Staaten. Wenn wir demokratische und umweltpolitische Werte verteidigen und fördern, so verleihen
wir damit der Quintessenz dessen Ausdruck, was wir
für den Fortschritt aller Nationen für unerläßlich halten
- für Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen.
Ich möchte Ihnen ein anschauliches Beispiel davon
geben, wie sich Demokraten und Umweltschützer
einer gemeinsamen Sache verpflichten. In Osteuropa
wurden Umweltprobleme lange vor den Revolutionen
des Volkes vom vergangenen Herbst von demokratischen Oppositionsgruppen aufgegriffen. Tatsächlich
schürten Umweltprobleme den Drang zur Demokratie.
Bei der Internationalen Umweltkonferenz in Sofia in

Seite 2

Bulgarien sprang der Funke der Volksrevolution über.
Die im Vorfeld dieser Konferenz ins Leben gerufene
"Ökoglasnost-Bewegung" ist jetzt eine der größten
Basisorganisationen und demokratischen Oppositionsgruppen.
In Bulgarien hat ökoglasnost dem Begriff "Grüne
Revolution" ganz neue Bedeutung verliehen.
Die Umwelt ist eindeutig einer der Bereiche beiderseitiger Vorteile zwischen Ost und West, den der Präsident und ich in dem Bemühen anstrebten, den kalten
Krieg hinter uns zu lassen. Um den Osteuropäern im
wichtigen Bereich Umwelt Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, bringen wir unsere ganze Erfahrung beim Umgang mit diesen Problemen ein. Wir gewähren den
aufstrebenden Demokratien Subventionen und günstige Kredite, bieten gemeinsame Projekte, Ausbildung
und Technologie sowie Hilfe bei der Erarbeitung von
Gesetzen und Vorschriften. Beispielsweise haben wir
eine gemeinsame amerikanisch-tschechoslowakische
Studie zur Bestimmung der preisgünstigsten Möglichkeiten vorgeschlagen, mit denen dringliche Probleme
der Umweltverschmutzung in der Tschechoslowakei
gelöst werden sollen. Wir liefern Technologie zur
sauberen Kohleverbrennung an Polen, teilweise um
der tragische Beeinträchtigung der historischen Architekturdenkmäler Krakaus Einhalt zu gebieten - die von
Tag zu Tag im wahrsten Sinne des Wortes stärker
zerfressen werden. Für die Region insgesamt haben
wir zur Teilnahme am Budapester Regionalen Umweltzentrum ermutigt, das Präsident Bush im Juli vergangenen Jahres erstmals angekündigt hat. In der Sowjetunion hat Außenminister Schewardnadse meiner
Forderung zugestimmt, bei unseren Zusammenkünften einen fünften Tagesordnungspunkt - grenzübergreifende Probleme - zu behandeln. Umwelt ist vordringlichstes Thema dieser ständigen Gespräche.
Die Gesamtheit all dieser Projekte wird den Trend zur
Demokratie in Osteuropa - das heißt, dem Volk und
seinen Anliegen verantwortliche Regierungen - verstärken.
Damit komme ich zu unserem zweiten vordringlichen
Ziel: Der Förderung von Wohlstand und wirtschaftlicher Freiheit. Ebenso wie politische und wirtschaftliche Freiheit Hand in Hand gehen, gilt dies für anhaltendes Wachstum und eine gesunde Umwelt. Starke
Volkswirtschaften bieten die materiellen Grundlagen
zum Schutz der Umwelt. Beide gehen eine Symbiose
ein. Sie werden mit dem Begriff "erträgliche Entwicklungen" umschrieben.
Erträgliche Entwicklung ist - um es einfach auszudrükken - eine Möglichkeit, dem Bedarf der Gegenwart
nachzukommen ohne Anleihen bei der Zukunft aufnehmen zu müssen. Wenn wir eine Politik der erträglichen Entwicklung verfolgen, werden sowohl unsere
wirtschaftlichen als auch unsere umweltpolitischen
Ziele verwirklicht. Tatsächlich gründet sich der ge-

AMERIKA DIENST 8

�samte amerikanische Ansatz bilateraler und multilateraler Hilfe auf das Konzept der erträglichen Entwicklungen.
Mit Hilfe marktwirtschaftlicher Anreize, durch die
Beseitigung struktureller Hindernisse und internationaler Handelspraktiken, mit denen sich Verzerrungen
auf den Weltmärkten ergeben, entsteht eine wirtschaftliche Dynamik, von der sowohl Industrie- als
auch Entwicklungsländer profitieren werden.
Dazu möchte ich einige Beispiele anführen, wie das
Konzept der erträglichen Entwicklung mit Hilfe unserer
bilateralen Hilfe funktionieren soll. In Ruanda fördern
wir ein Projekt, bei dem der wirtschaftliche Nutzen des
Tourismus mit der Erhaltung zweier einzigartiger Artenschutzgebiete einhergeht. In anderen Entwicklungsländern der Welt fördern wir die Diversifikation
der Landwirtschaft. Damit können wir die Verfügbarkeit von Agrarprodukten für kommerzielle Zwecke
steigern. Lebensrettende Arzneimittel und andere
Handelswaren wie Nahrungsmittel und Farbstoffe
können dann produziert werden. Ein gegenwärtig
durchgeführtes AID-Projekt in Indonesien konzentriert
sich auf die Behandlung und Konservierung einheimischer exotischer Früchte, die als Handelsware geeignet sein könnten. Im Rahmen dieses Projekts werden
auch Methoden gefördert, mit denen der Zerstörung
der tropischen Regenwälder Einhalt geboten werden
kann.
Innovativen Bestrebungen wie Schuldenerlaß im
Austausch für Umweltschutzmaßnahmen kommt
ebenfalls große Bedeutung zu. Diese müssen wie alle
anderen Bemühungen zum Schuldenabbau mit grundlegenden Strukturreformen einhergehen, wenn sie Erfolg
zeitigen sollen. Diese Art von Austausch ist weder ein
Allheilmittel für Schuldenreduzierung noch können damit
einseitig Umweltprobleme gelöst werden - dennoch
kann er beides unterstützen.
Auf multilateraler Ebene können die Entwicklungsbanken eine wichtige Rolle bei der Förderung umweltverträglichen Wachstums spielen. Wir werden die multilateralen Entwicklungsbanken weiterhin ermutigen, ihre
Politik, ihren Mitarbeiterstab und ihre Ausbildung zu
erweitem. Wir hoffen, andere Geberländer werden
sich unseren Bemühungen zur Integration umweltpolitischer Bewertungen in alle Operationen der Entwicklungsbanken anschließen.
Ich weiß, daß vielfach der Ruf nach Einrichtung neuer
Finanzinstitutionen oder Mechanismen zur Gewährung von Wirtschafthilfe laut wird. Aber bevor wir
unsere beschränkten Mittel zum Aufbau neuer Bürokratien aufwenden, ist es sinnvoll, die bereits bestehenden multilateralen Mittel bestmöglich einzusetzen
und bestehende Institutionen zu fördern.
Ebenso müssen wir - bevor wir zusätzliche Mittel für
internationale Umweltprobleme aufwenden - wissen,

AMERIKA DIENST 8

wieviel wir benötigen. Umfangreiche Mittel für Umweltprojekte stehen bereits zur Verfügung. Wir sind uns
jedoch in vollem Maße der Tatsache bewußt, daß
Entwicklungsländer zusätzliche Hilfe benötigen werden, wenn sie die steigenden Kosten tragen sollen, die
sich im Zusammenhang mit der Erfüllung ihrer internationalen umweltpolitischen Verpflichtungen ergeben.
Unsere dritte Zielsetzung ist die Gewährleistung weltweiter Sicherheit. Gesunde Demokratien und Volkswirtschaften können nicht in einem unsicheren Umfeld
gedeihen. Wir arbeiten seit langem gemeinsam mit
anderen befreundeten Nationen am Schutz vor traditionellen Bedrohungen für unsere Sicherheit durch
gegnerische Regierungen. Aber in der Welt von heute
müssen traditionelle Konzepte der Bedrohung für die
Sicherheit unserer Bürger neu überdacht und die neuen
grenzübergreifenden Gefahren - auch Umweltzerstörung - einbezogen werden.
Bedrohungen für die Umwelt machen nicht vor Grenzen halt. Sie bedrohen das Leben der Menschen und
verletzen die territoriale Integrität einzelner Länder
innen und außen. Tschernobyl - ein klassisches
Beispiel für Mißstände der Breschnew-Ära - hat gezeigt, wie Menschenleben unötig gefährdet werden
können, wenn Regierungen nicht schnell und verantwortungsvoll handeln, um ihre eigenen Bürger und die
Menschen in den Nachbarländern zu schützen.
Es kommt nicht überraschend, daß die Drogenkartelle,
die die Gesundheit der Staatengemeinschaft bedrohen, auch die Umwelt schädigen. Ich habe bereits bei
der Sondersitzung der Vereinten Nationen über Suchtstoffe in der vergangenen Woche darauf verwiesen,
daß Händler in den Anden große Waldgebiete für ihre
Drogenlabors zerstören und Millionen Liter der dazu
benötigten Chemikalien in Flüsse einleiten.
Vor vierzig Jahren haben wir uns zusammen mit
unseren NATO-Partnern zum "Schutz des gemeinsamen Erbes und der Zivilisation" Europas gegen unsere
Gegner verpflichtet. Der Präsident verwies darauf,
daß Europas Umwelt gemeinsames Erbe aller Europäer sei und wir alle an ihrem Schutz mitarbeiten
müssen. Wie wir beobachten konnten, ist die Verteidigung der Umwelt Europas gegen die Gefahr der
Verschmutzung ein weiterer Weg, mit dem der Westen
den Völkern Osteuropas bei der Verwirklichung ihres
Traums von einem ungeteilten und freien Europa
helfen kann.
Unser viertes Ziel besteht in der Erweiterung wirksamer internationaler Zusammenarbeit, die unseren
gemeinsamen Interessen dient. Viele der heutigen
Probleme - insbesondere im Bereich des Umweltschutzes - haben weltweite Konsequenzen. Sie fordern internationale Lösungen. Alle Nationen tragen
gemeinsam die Verantwortung für den Schutz der
internationalen Staatengemeinschaft.

Seite 3

�Unabhängig von ihrer Größe kann eine Nation allein
weder den Kurs der Geschichte diktieren noch ihre
Rohstoffe uneingeschränkt schützen. Und jedes noch
so kleine Land verfügt über die Macht, zum Wohle der
internationalen Staatengemeinschaft beizutragen. Alle
Länder müssen verantwortungsewußt handeln und
zusammenarbeiten.
Ich freue mich, sagen zu können, daß alle Nationen der
Welt mehr denn je zuvor an der Bewältigung weltweiter
Umweltprobleme mitarbeiten. Ich möchte zwei Beispiele anführen. Erstens die weltweiten Klimaveränderungen. Noch vor wenigen Wochen hat Präsident
Bush vor der Zwischenstaatlichen Kommission zur
Klimaveränderung (IPCC) eine Rede gehalten. Er war
der erste Staatschef, der vor diesem Gremium gesprochen hat. Und seine Anwesenheit war ebenso Beweis
für die Bedeutung, die unsere Regierung dieser Frage
beimißt wie für unser Engagement, angemessene
wissenschaftliche, wirtschaftliche und umweltpolitishe
Lösungen zu finden. Der Präsident bekräftigte unsere
Politik angesichts der Klimaveränderungen. Wir bezeichnen sie als Politik, die wir nicht "bereuen" müssen
und ermutigen andere Nationen, einen ähnlichen Ansatz
zu verfolgen.
Was verstehen wir unter einer Politik, die wir nicht
"bereuen" müssen? Wir verstehen darunter, daß wir
gleichzeitig mit ernsthafter wissenschaftlicher Forschung,
die für jeden verantwortungsbewußten Ansatz unabdingbar ist, wirtschaftlich auf Nummer Sicher gehen.
Wir verstehen darunter, daß die Vereinigten Staaten
beträchtliche finanzielle Verpflichtungen eingehen, um
diese wissenschaftlichen Probleme auszuwerten und
unseren Fondsfürdas amerikanische Forschungsprogramm zur weltweiten Klimaveränderung auf über 1
Milliarde Dollar aufgestockt haben. Und wir verstehen
darunter, daß wir zu Maßnahmen bereit sind, die in
sich selbst gerechtfertigt sind und den zusätzlichen
Vorteil haben, die Treibhausgase einzudämmen. Das
sind Maßnahmen, die wir niemals bereuen müssen:

Schließlich haben wir ein Programm zur Energieerhaltung und zum Energiesparen verabschiedet. Mit diesem Programm sollen knappe
Energien wirksam genutzt, unsere Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen reduziert und unser aller Geld - der Bürger, Regierung und Industrie gleichermaßen - gespart
werden. Darüber hinaus wird die eingeschränkte Verwendung fossiler Brennstoffe die Treibhausgasemissionen reduzieren.
Sollten internationale wissenschaftliche Forschungsergebnisse belegen, daß sich die Klimabedingungen
nicht maßgeblich verändern, "bereuen" wir diese
Maßnahmen nicht, weil sie andere Vorteile hatten.
Sollten unsere Forschungen jedoch andererseits Anlaß zu weiterer Beunruhigung geben, so haben wir
bereits kluge Schritte zur wirtschaftlichen Lösung des
Problems unternommen. Wir fordern andere Nationen
auf, sich unsere Politik, die wir nicht "bereuen" müssen, als Vorbild zu nehmen.
Ein letztes Beispiel weltweiter Zusammenarbeit bezieht sich auf einen Vertreter der Spezies Tier - das
Symbol einer Partei. Einige sagen, es sei eine parteiische Kreatur, aber es verfügt über überparteiliche
Tugenden. Bedauerlicherweise ist es unter den vom
Aussterben bedrohten Tierarten aufgeführt. Selbst die
Demokraten unter uns stimmen zu, daß wir alle einen
schmerzlichen Verlust erleiden würden, wenn wir unseren
alten Freund, den Elefanten, ausrotten. Aus diesem
Grund haben die Vereinigten Staaten im vergangenen
Sommer das Verbot des Welthandels mit Elfenbein in
die Wege geleitet. Heute sind internationale Bestrebungen im Gange. Die meisten anderen Nationen sind
unserem Beispiel gefolgt. Und obwohl immer noch mit
Elfenbein gehandelt wird, können wir meines Erachtens alle an der Entwicklung eines Systems zum
Schutz des afrikanischen Elefanten zusammenarbeiten.
Schlußbemerkung

Zum Schutz der Ozonschicht haben wir uns
zum schrittweisen Abbau von Fluorchlorkohlenwasserstoffen bis zum Jahr 2000 verpflichtet.
FCKW tragen zum Treibhauseffekt entscheidend bei.

Des weiteren hat der Präsident eine umfangreiche, "America the Beautiful" genannte Wiederaufforstungsinitiative in die Wege geleitet. Im
Rahmen dieses mehrjährigen Programms werden unsere Bürger gemeinsam mit Regierungsund Industrievertretern eine Million Bäume pro
Jahr pflanzen. Diese Bäume sind der Lebensraum für Tiere, halten die Bodenerosion auf,
bilden Freizeiteinrichtungen, schaffen Arbeitsplätze und bringen Früchte hervor. Gleichzeitig
tragen diese Bäume dazu bei, Kohlendioxyd ein wichtiges Treibhausgas - zu absorbieren.

Seite 4

Die von mir heute umrissenen Umweltbestrebungen
zeigen anschaulich, auf welch vielfältige Art die BushAdministration national und international gegen die
Gefährdung unserer Umwelt vorgeht. Bei meinen
Ausführungen heutig morgen bin ich weder auf den
Schutz der Feuchtbiotope, die Eröffnung offizieller
Gespräche mit Kanada über sauren Regen noch die
einstimmig von den Vereinten Nationen verabschiedete Resolution zu Treibnetzen eingegangen. Auch eine
andere wichtige Umweltinitiative der Administration
blieb unerwähnt: Die Formulierung eines überarbeiteten Emissionsschutzgesetzes mit Anreizen für unseren Privatsektor, kreative, marktorientierte Lösungen
zur Verbesserung der Luftqualität zu finden. Und ich
bin sehr zuversichtlich, daß wir schon bald die Baseler
Konvention über die Kontrolle von Giftmüllexporten
unterzeichnen werden.

AMERIKA DIENST 8

�Die Vereinigten Staaten tun all dies im Dienste ihres
nationalen Interesses. Darüber hinaus tun sie es, weil
es grundsätzich richtig ist. Die großartigen frühen
Pioniere des amerikanischen Umweltschutzes erkannten diese Wahrheiten und fanden wirksame Mittel und
Wege, um darauf zu reagieren. Ihre Sichtweise deckte
sich nicht immer mit derjenigen der Politiker ihrer Zeit,
und zweifelsohne waren sie nicht immer einer Meinung. Kontroversen, die sich um die Gouverneurskonferenz im Jahre 1908 entzündeten, bestehen bis zum
heutigen Tag. Umweltfragen waren in der Tat nie eine
einfache Angelegenheit und werden es niemals sein.
Umweltprobleme sind komplex und entwickeln sich
gelegentlich langsam. Und manchmal dauert es noch
länger, sie zu erkennen.
*

AMERIKA DIENST 8

Trotz intensiver Diskussionen, trotz aller Unwägbarkeiten, trotz der Komplexität der Sache sind wir wie alle
Völker der Welt mit der unbestrittenen Verantwortung
konfrontiert, zu handeln. Emerson, der amerikanische
Dichter des 19. Jahrhunderts, formulierte es folgendermaßen: "Wir erben die Erde nicht von unseren
Vorvätern, wir borgen sie von unseren Kindern."
Dies ist eine Schuld, die feierlich eingelöst werden
muß. Die Großartigkeit der Natur umfängt und vereint
die gesamte Menschheit. Die Völker der Erde müssen
jetzt gemeinsam handeln, damit dieses kostbare Geflecht des Lebens alle nachfolgenden Generationen in
Schönheit und Frieden umfangen kann.

* * *

*

Seite 5

�MENSCHENRECHTE
28. Februar 1990

"UNVERKENNBAR" POSITIVE TENDENZEN
BEI MENSCHENRECHTEN
Jahresbericht des Außenministeriums über Menschenrechte
WASHINGTON - (AD) - Dem Jahresbericht des US-Außenministeriums über die weltweite Achtung der
Menschenrechte zufolge waren positive Tendenzen bei den Menschenrechten im Jahr 1989 "unverkennbar".
Der Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard
Schifter, schreibt in seiner Einleitung zu dem am 21. Februar 1990 veröffentlichten Bericht: "Das Jahr 1989 wird
im Hinblick auf das weltweite Problem der Menschenrechte als Wendepunkt in die Geschichte eingehen".
Der Bericht mit dem Titel "Länderberichte über Menschenrechtspraktiken 1989" (Country Reports on Human
Rights Practices for 1989) erfaßt 169 Länder. Laut Gesetz muß das Ministerium dem Kongreß diesen
Jahresbericht über Menschenrechtspraktiken der Länder, die amerikanische Hilfe erhalten sowie aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen vorlegen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Einleitung des Berichts in Auszügen:

Das Jahr 1989 wird im Hinblick auf das weltweite
Problem der Menschenrechte als Wendepunkt in die
Geschichte eingehen. Die revolutionären Veränderungen in Bulgarien, der Tschechoslowakei, der DDR
und Rumänien führten dazu, daß Albanien am Ende
des Jahres als einziges noch intaktes totalitäres Regime in Europa gelten konnte. Bei den Wahlen in Polen
gewann die Gewerkschaft Solidarität nahezu alle zur
Wahl stehenden Sitze, und eines ihrer Mitglieder wurde
Ministerpräsident. Verfassungsmäßige Reformen in
Ungarn werden voraussichtlich zur Einsetzung einer
repräsentantiven Regierung führen. Freie Wahlen
werden in Bulgarien, der Tschechoslowakei, der DDR
und Rumänien versprochen.
Bemerkenswert bei diesen dramatischen Veränderungen in Osteuropa ist die Tatsache, daß diese - außer
in Rumänien - nahezu ohne Blutvergießen erfolgten.
Die Akzeptanz dieser Veränderungen in der Sowjetunion war zweifellos ein ebenso wichtiges Kriterium für
den friedlichen Charakter des Übergangs wie die friedlichen und demokratischen Absichten der Volksbewegungen selbst.
Die spektakulären Ereignisse in den ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten haben fast die von der
Sowjetunion selbst in Richtung auf eine offene Gesell-

AMERIKA DIENST 8

schaft unternommenen bemerkenswerten Schritte in
den Schatten gestellt. Die Wahlen zum Kongreß der
Volksdeputierten wurden zwar in einigen Regionen
manipuliert, während sie in anderen echte Konkurrenz
zuließen. Insgesamt führten sie aber zur Wahl vieler
Gegner der alten Ordnung. Der sich aus Mitgliedern
der Volksdeputierten zusammensetzende Oberste
Sowjet wurde Teil der Legislative und von der Exekutive relativ unabhängig. Es gab weitere Fortschritte im
Hinblick auf Rede-, Versammlungs- und Religionsfreiheit. Femer wurden viele Vorschriften zur Auswanderung gelockert.
Obwohl Reformpolitiker ihren Einfluß auf höchsten
Ebenen der sowjetischen Regierung geltend machen
konnten, hat das "neue Denken" noch nicht viele
Bereiche der sowjetischen Bürokratie durchdrungen.
Es wird weiterhin über Fälle diktatorischer Machtausübung berichtet. Die fehlende rechtsstaatliche Tradition und gesetzlich verankerter Institutionen mit der
Macht zum Schutz der Rechte des einzelnen tragen zu
den Schwierigkeiten der Führung bei, diese Reformpolitik vollständig durchzuführen. Die Schaffung einer
unabhängigen Justiz bleibt entscheidendes Kriterium
für Verbesserungen bei der Achtung von Menschenrechten in der Sowjetunion.

Seite 1

�Gewalttätige Unruhen ethnischer Minderheiten im
Senegal und in Mauretanien kosteten in beiden Ländern zahlreiche Menschenleben und führten zur
Umsiedelung von mindestens 200 000 Menschen.
Eine unbekannte Zahl von Personen wurde in Liberia
bei Kämpfen zwischen Dissidenten und Armeeinheiten getötet, und Tausende suchten Zuflucht in den
Nachbarländern.
Bei Kämpfen und Aufständen ethnischer Minderheiten
waren in Sri Lanka mindestens 8 500 und im Sudan
über 1 000 Menschenleben zu beklagen. Repressive
Maßnahmen und Stammesfehden in Somalia führten
zum Tod von mehreren hundert Menschen, Unterdrükkung und Bürgerkrieg forderten in Äthiopien Tausende
von Todesopfern.
Andere von Aufständen, Bürgerkriegen, Terrorismus
und von Gegenmaßnahmen der Regierung heimgesuchte Regionen sind Kolumbien, El Salvador, Guatemala, Indien, die israelisch besetzten Gebiete, Nordirland, Peru und die Philippinen ebenso wie der von
anhaltenden Kämpfen gekennzeichnete Libanon. In
Angola, Mocambique, Kambodscha und Afghanistan
werden weiterhin bewaffnete Konflikte ausgetragen.
In der westlichen Welt haben Demokratisierungsprozesse und Menschenrechte beträchtlich an Boden
gewonnen. Das Jahr 1989 steht für das Ende der
Stroessner-Diktatur in Paraguay, die Wahl des Vorsitzenden der demokratischen Opposition zum Präsidenten von Chile sowie friedliche Wahlen in Argentinien, Brasilien, Uruguay, El Salvador und Honduras.
Im südlichen Afrika konnten durch die von UNOBeobachtem überwachten Wahlen in Namibia Fortschritte bei der Menschenrechtssituation verzeichnet
werden. Die neugewählte Verfassunggebende Versammlung begann mit dem Entwurf einer neuen Verfassung, und der Unabhängigkeitstag wird Anfang
1990 erwartet. Der neugewählte Präsident von Südafrika, De Klerk, hat ermutigende Schritte zum Dialog
mit der schwarzen Opposition unternommen.
Weltweit sind die positiven Tendenzen unverkennbar
und machen die Rückschläge umso augenfälliger.
Nachdem China sich seit über zehn Jahren auf dem
Weg zu einer freieren Gesellschaft befunden hatte,
fand im vergangenen Juni mit der Niederschlagung der
Studentenrevolte, zahlreichen Verhaftungen, dem
erneuten Verbot derf reien Meinungsäu ßerung und der
Rückkehr zu Diktatur und Indoktrination ein Umschwung
statt. In Burma wird weiterhin jegliche Art der politischen Oppositon unterdrückt, und Nordkorea ist nach
wie vor eines der repressivsten totalitären Regime.
Kuba handelte den vorherrschenden Tendenzen in der
westliche Welt zuwider und verhängte erneut repressive Maßnahmen, insbesondere gegen Menschenrechtsverfechter, von denen viele in den Jahren 1988 und
1989 mit Vertretern der UNO-Menschenrechtskommission zusammengearbeitet hatten. Die Regierung
inszenierte einen Schauprozeß und exekutierte dann

Seite 2

eine Gruppe von Offizieren, die möglicherweise eine
Bedrohung für Castro dargestellt hätten. Auch die
ernsthaften Rückschläge in Haiti im Januar 1990 gaben
mit der Aufhebung bürgerlicher Freiheiten, Gewaltanwendung gegen prominente Oppositionspolitiker, deren Inhaftierung und/oder Deportation Anlaß zu Besorgnis.
Mit Blick auf 1990 stellt sich uns und der internationalen Staatengemeinschaft die Frage, ob die im Jahr
1989 in Osteuropa und anderen Teilen der Welt erzielten Fortschritte bei den Menschenrechten von Dauer
sein werden. Besteht die Gefahr eines Rückfalls?
Werden aus innenpolitischen anstatt aus internationalen Konflikten herrührende Menschenrechtsprobleme
in zunehmendem Maß unsere Aufmerksamkeit beanspruchen?
Die Vereinigten Staaten ihrerseits bleiben weiterhin
der weltweiten Förderung und Konsolidierung von
Menschenrechten und Demokratie verpflichtet. Wir
betrachten diese Ziele als besonders wichtige außenpolitische Herausforderungen. Wir setzen uns im
Ausland aktiv für diese Ziele ein, weil sie unser bestes
Erbe verkörpern und weil wir herausgefunden haben,
daß wir diejenigen Länder, in denen Menschenrechte
und demokratische Werte Wurzeln geschlagen haben,
zu Freunden haben - und nicht zu Feinden. Dies sind
die stabilsten Regierungen der Welt, die dynamischsten Gesellschaften, die Bollwerke der Freiheit, die die
Rechte ihrer Staatsbürger und ihrer Nachbarn achten
und die einen besonders verantwortungsbewußten
Beitrag zum Wohlergehen der internationalen Staatengemeinschaft leisten.
Wir streben bei der Anwendung international anerkannter Normen nach Objektivität. Die Berichte spiegeln jedoch ohne Wenn und Aber die Ansicht der
Vereinigten Staaten wider, daß das Recht auf Selbstregierung ein politisches Grundrecht ist, daß eine
Regierung nur dann legitim ist, wenn sie sich auf die
Zustimmung der Regierten gründet und daß eine so
begründete Regierung nicht dazu benutzt werden sollte,
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu verweigern. Der einzelne hat in einer Gesellschaft das
unveräußerliche Recht auf Schutz der Person vor
staatlichen Übergriffen, auf bürgerliche Freiheiten wie
Rede-, Versammlungs- und Religionsfreiheit sowie
Freizügigkeit ohne Diskriminierung aufgrund von Rasse,
Herkunft oder Geschlecht und auf Veränderung der
Regierung mit friedlichen Mitteln. Der Bericht berücksichtigt ferner die Tatsache, daß Terroristen und
Guerrillagruppen häufig Personen töten, foltern, verstümmeln oder sie ihrer Freiheit berauben. Solche
Menschenrechtsverletzungen durch gewalttätige
Oppositionsgruppen sind ebenso verwerflich wie wenn
sie von der Regierung selbst begangen würden.
Aus ... (der) Prämisse, daß die grundlegenden Menschenrechte weder eingeschränkt noch verweigert
werden dürfen, folgt, daß sich unsere Menschenrechtspolitik mit den Beschränkungen staatlicher Macht
AMERIKA DIENST 8

�beschäftigt, die notwendig sind, um die Integrität und
Würde des einzelnen zu schützen.
Ferner liegt es in unserem nationalen Interesse,
demokratische Prozesse zu fördern, um zum Aufbau
eines weltweiten Umfelds beizutragen, das die Einhaltung der Menschenrechte eher begünstigt und deshalb
der Stabilität und dem Weltfrieden förderlicher ist. Wir
haben deshalb eine zweigleisige Politik entwickelt, die
in dem Sinne reaktiv ist, daß wir weiterhin spezifische
Fälle von Menschenrechtsverletzungen ablehnen, wann
immer sie sich ereignen, aber gleichzeitig auch aktiv,
indem wir uns langfristig fürdie Stärkung der Demokrat
tie engagieren.

* * * * *

AMERIKA DIENST 8

�WISSENSCHAFT
28. Februar 1990

SUPERCOMPUTER MIT TIEFGREIFENDEN
AUSWIRKUNGEN AUF DIE WISSENSCHAFT
Anwendungen für Erforschung von Galaxien, Konstruktion
künstlicher Gelenke
NEW ORLEANS - (AD) - Der zunehmende Einsatz von

Supercomputern verändert das Gesicht der Wissenschaft, wobei Astronomen mit dem Computer innerhalb von Minuten Zeiträume von Milliarden Jahren
simulieren, um die Entstehung von Sternen und Galaxien zu erforschen und Chirurgen Computerbilder
benutzen, um künstliche Knie- und Hüftgelenke anzufertigen.
Bei der Jahresversammlung der amerikanischen
Gesellschaft für die Förderung der Wissenschaft vom
15. - 20. Februar 1990 erklärten teilnehmende Wissenschaftler, die meisten Menschen seien sich des Ausmaßes nicht bewußt, in dem Supercomputer die
menschliche Intelligenz auf ehedem unvorstellbar
komplexe Bereiche ausdehnen.
"Man muß sich klarzumachen, daß Computer ein
integraler Bestandteil der Wissenschaft geworden sind",
erklärte Melvin Kalos, Direktor des Center for Theory
and Simulation in Science and Engineering an der
Cornell University.
Viele der aufregendsten Phänomene in der Wissenschaft blieben ohne den Einsatz von Supercomputern
unentdeckt, sei es bei der Analyse von Radiosignalen
aus dem Weltraum, bei der Suche nach Pulsaren oder
bei der Auswertung eines Wirrwarrs von seismischen
Echos, um die Struktur der Erdkruste zu entschlüsseln.
Gleichzeitig kritisierte der Informatiker Gregory McRae
von der Carnegie Mellon University, es gebe derzeit
keine ausreichende Computerkapazität dieser Grö ße,
um Forschritte in Wissenschaft und Technik zu fördern. Ihm zufolge besteht in den Vereinigten Staaten
ein "absolut lebenswichtiger Bedarf" an hohen Investitionen in Supercomputer. "Wir besitzen zur Zeit beispielsweise keine ausreichende Rechnerkapazität, um

AMERIKA DIENST 8

einige der Klimamodelle herzustellen, die wir für Grundsatzentscheidungen zur Erwärmung des Erdklimas
benötigen", erklärte er.
Supercomputer gestatten es den Wissenschaftlern,
komplexe Probleme zu untersuchen, deren Erforschung
unter Laborbedingungen häufig unmöglich oder zu
kostpielig ist.
Einer der schnellsten Supercomputer der Welt, der
sechs Tonnen wiegt und in der Lage ist, über eine

Milliarde Rechenoperationen in der Sekunde zu bewältigen, befindet sich im NASA-Forschungszentrum in
Kalifornien. Der Supercomputer Cray Y-MP wird unter
anderem eingesetzt, um Luftströmungen bei Hyperschallfluggeräten wie dem geplanten Nationalen Raumflugzeug oder der Raumfähre zu untersuchen.
Dem außerordentlichen Professor für Raumfahrttechnik an der Cornell University, Dean Taylor, zufolge
werden Orthopäden schon bald in der Lage sein, Hüfte
oder Knie eines Patienten auf dem Bildschirm darzustellen, um künstliche Gelenke für den Patienten zu
gestalten, die Jahrzehnte halten.
Solche Implantat-Entwurfssysteme, so Taylor, sind
bereits entwickelt und werden in mehreren Forschungskliniken der Vereinigten Staaten eingesetzt. Er erwartet die routinemäßige Anwendung in rund fünf Jahren.
Dank diesem System können Chirurgen mit einem an
den Bildschirm angeschlossenen Gerät das Gelenk
des Patienten abtasten und anhand von dreidimensionalen Computergraphiken prüfen, wie das Implantat
sitzt und sich den Körperbewegungen anpaßt. Die
Computerdaten werden dann elektronisch direkt an
eine automatische Fräsmaschine in der Klinik übermittelt, die das neue Metallgelenk in der gewünschten
Form gestaltet.

Seite 1

�"Mit dieser Kombination von Computerbildern und
Graphiken zur Darstellung von Informationen für den
Chirurgen können wir eine sehr viel bessere Paßform
und Gestaltung für Hüft- und Knieimplantate erzielen", erklärt Taylor. "Wir haben berechtigte Hoffnungen, daß diese verbesserten Implantate Jahrzehnte
länger halten als die heutigen Prothesen."
Zur Zeit wählen Chirurgen ein Implantat für einen
Patienten aus einer Reihe von genormter Prothesen
aus, indem sie eine Abfolge von Schablonen auf
zweidimensionale Röntgenbilder des Gelenks projizieren. Diese künstlichen Gelenke halten nur rund zehn
Jahre. Die Erneuerung wird erforderlich, weil sich das
Gelenk lockert oder aufgrund der Beanspruchung der
Körperbewegungen bricht.
"Das Knochengerüst des Menschen ist ein außerordentlich aktives System, bei dem sich die Knochen
unterschiedlichen Lasten anpassen", erläutert Taylor.
"Darüber hinaus haben wir es auch mit einem äußerst
schwierigen chemischen Umfeld zu tun."
Taylor zufolge wird die Anzahl künstlicher Hüftgelenke, die pro Jahr in den Vereinigten Staaten eingesetzt
werden - heute bereits 200 000 - mit zunehmender
Überalterung der Bevölkerung voraussichtlich in den
nächsten Jahrzehnten beträchtlich steigen.
McRae, außerordentlicher Professor für Chemie der
Carnegie Mellon University, verwendet Cray-Supercomputer, um die für die Luftverschmutzung in Großstädten verantwortlichen Prozesse besser zu verstehen. Anhand eines detaillierten mathematischen Modells
der Luftverschmutzung in Los Angeles hat die Forschungsgruppe McRae herausgefunden, daß der Ansatz
der Bundesregierung zur Verringerung der Luftverschmutzung sich nur auf einen Teil des Problems konzentrierte, nämlich den Abbau von Kohlenwasserstoffen ohne gleichzeitige strikte Maßnahmen zur Reduzierung der Stickoxyde, die ebenfalls mit den Abgasen
freigesetzt werden.
Ihre Forschungsergebnisse wurden in dem im vergangenen Jahr verabschiedeten Emissionsschutzgesetz
und bei der Formulierung von Präsident Bushs vorgesehenen neuen Bundesvorschriften zur Reinhaltung
der Luft berücksichtigt.
"In den Vereinigten Staaten leben 60 Prozent der
Bevölkerung in Großstädten oder einer Gegend, in der
die Qualität der Luft gesundheitsschädlich ist und die
Vorschriften des Emissionsschutzgesetzes nicht erfüllt", erklärt McRae. "Andere Großstädte wie Sydney
und Mexico City sind daran interessiert, die Ergebnisse unserer Arbeit anzuwenden."
Bei dem Treffen berichteten Astronomen, sie benutzten jetzt Supercomputer-Simulationen, um zu erforschen, wie ganze Galaxien aus Abermillionen von
Sternen entstehen und sich entwickeln.

Seite 2

Diese Modelle basieren auf Ergebnissen astronomischer Beobachtungen zur Wechselwirkung von Sternen und interstellaren Gasen. Sie umfassen die
Newtonschen Axiome, das Entstehung und das Verglühen von Sternen, die Auswirkungen von interstellaren Winden und Sternenlicht bei der Aufheizung und
Bewegung interstellarer Materie und die Abkühlung
interstellarer Materie durch die Emission von Infrarotstrahlung.
Dem Agrar-Entomologen David Onstad von der University of Illinois zufolge kann Supercomuter-Forschung
zu besserer Schädlingsbekämpfung ohne Einsatz
chemischer Insektizide führen. Er hat herausgefunden, daß zwei durch den europäischen Kombohrer
und den Mehlkäfer hervorgerufene Insektenplagen
statt durch Chemikalien durch natürliche Mikroorganismen unter Kontrolle gebracht werden können.
"Ein Befall kann viele Auswirkungen haben", erklärte
Onstad. "Wie der Erreger wirkt und die Wirtspflanze
angreift, ist ein komplexer Vorgang. Dabei müssen der
Übertragungsweg und die Art der Krankheitsentwicklung berücksichtigt werden."
Onstad bediente sich der Geschwindigkeit und Speicherkapazität des Supercomputers, um Veränderungen einer Insektenpopulation über 25 Jahre zu simulieren. Mit Hilfe dieser Berechnungen, die weniger ausgereifte Computer in Monaten erarbeiten, kann er
innerhalb weniger Minuten den Einfluß natürlicher
Parasiten und anderer Faktoren auf die Insektenpopulation feststellen.
Dem Leiter des neu eingerichteten Rechenzentrums
für Makromolekularbiologie an der University of California in San Diego, Dr. Lynn Ten Eyk, zufolge lassen
sich mittels biomolekularer Simulationen Parameter und damit ein Modell - aufstellen, mit dessen Hilfe sich
neue Stoffe mit geringen oder gar keinen Nebenwirkungen im Labor herstellen lassen.
Trotz gewisser Engpässe bei der Ausrüstung mit Zeichencomputern können laut Ten Eyck mit Hilfe biomolekularer Simulationen bereits falsche Wege ausgeschaltet und vielversprechendere Wege für die weitere
Forschung eröffnet werden.
"Supercomputer sind bei Molekularbiologen und
Chemikern auf große Zustimmung gestoßen", erklärt
er dazu. "Dieser Enthusiasmus herrscht trotz der
Tatsache vor, daß bis jetzt noch keine von Supercomputern geschaffenen Chemikalien über das klinische
Stadium hinaus gelangen konnten. Computergestützte Chemie für Systeme von der Größe biologischer
Makromoleküle steckt noch in den Kinderschuhen."

* * * *

*

AMERIKA DIENST 8

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10772">
                <text>28.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10773">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10774">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10775">
                <text>Amerikadienst 28.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10776">
                <text>&lt;strong&gt;1. Deutschlandpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;US-Truppen auch in Vereinigtem Deutschland&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker bekräftigt Unterstützung für neue Demokratien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Außenministers vor dem Kongreßausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte bei sowjetischer Einhaltung von Rüstungskontrollabkommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Jahresbericht des Präsidenten an den Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Umwelt Kernstück der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der National Governors' Association&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"unverkennbar" positive Tendenzen bei Menschenrechten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Jahresbericht des Außenministeriums über Menschenrechte&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Wissenschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Supercomputer mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Wissenschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anwendungen für Erforschung von Galaxien, Konstruktion künstlicher Gelenke&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2132" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2143">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/3004a6f7aabe198fcb9329e8566645b1.pdf</src>
        <authentication>fb6c76199f34bbe6de880c80ec49f26a</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10771">
                    <text>cimerikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

»»tforowAton gervtct
Etnbassy :-" ' ^ ^ Services
Deichmanns Aue 29
5300 Bonn 2
21. Februar 1990

DROGEN

Baker: Drogen sind ernsthafte Bedrohung der
weltweiten Sicherheit
Rede des Außenministers vor der UN-Drogenkonferenz

Die Erklärung von Cartagena
Eine Übersicht des Weißen Hauses

OST-WEST-BEZIEHUNGEN

Bush: KSE-Abkommen in greifbare Nähe
gerückt
Stellungnahme zu Vereinbarung,
Einheit Deutschlands

HILFE FÜR OSTEUROPA

Eagleburger erläutert Bedingungen für
US-Hilfe an Osteuropa
Rede des stellvertretenden Außenministers
bei der Amerikanischen Handelskammer

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�DROGEN
21. Februar 1990

BAKER: DROGEN SIND ERNSTHAFTE BEDROHUNG
DER WELTWEITEN SICHERHEIT
Rede des Außenministers vor der UN-Drogenkonferenz
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Außenminister Baker zufolge "stellen Drogen eine ernsthafte Bedrohung der
weltweiten Sicherheit dar. Angesichts dieser bitteren Wahrheit haben wir uns zu dieser Sondersitzung versammelt." Vor der Drogenkonferenz der Vereinten Nationen verwies Baker am 20. Februar 1990 darauf, daß die
Drogenbekämpfungsstrategie der Bush-Administration "die Bewältigung des Drogenproblems in allen Aspekten
- Konsum, Handel, illegale Herstellung, Behandlung und Therapie - fordert."
Dem Au ßenminister zufolge haben sich die Teilnehmer beim Drogengipfel in Cartagena verpflichtet, "die Händler
von Drogen und Tod" auf allen Ebenen zu bekämpfen und vereinbart, alle Länder zur Ratifizierung der
Konvention der Vereinten Nationen über den unerlaubten Handel mit Drogen und psychotropen Stoffen zu
drängen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte,
dies sind vielversprechende Zeiten für die internationale Staatengemeinschaft. Von Südafrika bis nach
Osteuropa, von den demokratischen Bewegungen in
Asien bis zu der neuen Generation demokratischer
Regierungsvertreter in Lateinamerika vernehmen wir
den bewegenden Ruf der Freiheit. Menschen mit
Glauben, Überzeugung und Mut kämpfen und wappnen sich gegen übermächtige Schwierigkeiten.
Die alte Welt dogmatischer Diktaturen geht ihrem
Ende entgegen. Tragische Rückschritte zu Unterdrükkung dienen nur dazu, uns daran zu erinnern, daß die
neue Welt der sicheren, wohlhabenden und gerechten
Demokratien noch nicht gekommen ist. Und sie wird
nicht automatisch kommen. Wir alle müssen an ihrer
Verwirklichung arbeiten und sicherstellen, daß sie von
Dauer ist.
Ein Weltkrieg hat im Jahr 1945 zur Gründung dieser
Organisation geführt. Und mit feierlicher Entschlossenheit haben sich die Gründerväter der Vereinten
Nationen in der Präambel unserer Charta verpflichtet,
"nachfolgende Generationen vor der Geißel des Krieges
zu bewahren".

AMERIKA DIENST 7

Besonders heute, in diesen vielversprechenden Zeiten ist es unabdingbar, daß sich die Nationen der Welt
an die grundlegenden Ziele erinnern, die uns verbinden. Denn wenn es uns nicht gelingt, die Ziele der UNCharta - Frieden, Menschenwürde, Gerechtigkeit,
Wahrung der souveränen Rechte und des Völkerrechts, Sorge um das Wohlergehen aller Völker der
Welt - zu unterstützen, wenn wir nicht alles in unserer
Macht Stehende tun, um diese Ziele zu verwirklichen,
dann könnten wir in einer Zukunft enden, die unserer
traurigen Vergangenheit gleicht.
Selbst während wir gemeinsam an der Beendigung
von Kriegen und Konflikten arbeiten, gibt es andere
Probleme, die unaufschiebbar sind und ungeahntes
Leid über die Menschheit bringen. Selbst während wir
den Ruf nach Freiheit und Demokratie vernehmen,
dürfen wir einen anderen Ruf nicht überhören. Dieser
Ruf ist keine Bejahung der Freiheit, sondern ihre
Verneinung, nicht Förderung von Demokratie, sondern ihre Korrumpierung. Es ist der Ruf des Drogenabhängigen.
Dieser Ruf betrifft uns alle - und er ist dringend. Wir
vernehmen ihn aus unmittelbarer Nähe - vor meiner,
Ihrer und der Tür unserer Nachbarn weltweit. Keiner
von uns - nicht einer - ist vor der Drogengefahr sicher.
Seite 1

�Drogen stellen eine ernsthafte Bedrohung der weltweiten Sicherheit dar. Angesichts dieser bitteren Wahrheit haben wir uns zu dieser Sondersitzung versammelt. Wir sind uns der wachsenden Bedeutung der
Drogenbekämpfung voll und ganz bewu ßt. Ich möchte
insbesondere den Regierungen danken, die eine führende Rolle bei der Vorbereitung der Tagesordnung
gespielt haben.
Ich möchte Ihnen jetzt einen kurzen Überblick über den
umfassenden Ansatz geben, den meine Regierung in
die Wege geleitet hat, um mein Land und die Welt
insgesamt von illegalen Drogen zu befreien. Zunächst
möchte ich die Drogenstrategie der Vereinigten Staaten umreißen, die sich auf den unabdingbaren Abbau
des Drogenkonsums im Inland konzentriert. Zweitens
möchte ich Ihnen die Ergebnisse des Drogengipfels
von Cartagena mitteilen, bei dem Präsident Bush und
die Präsidenten von Kolumbien, Bolivien und Peru das
erste Drogenbekämpfungskartell der Welt gegründet
haben. Und abschließend möchte ich Ihnen die Erwägungen meiner Regierung darüber vermitteln, wie sich
die Vereinten Nationen am besten am weltweiten
Kampf gegen Suchtstoffe beteiligen können.
Die amerikanischen Bestrebungen
An oberster Stelle steht unsere Drogenstrategie. Das
amerikanische Volk sieht Drogen als Problem Nummer Eins für die Vereinigten Staaten. Und Präsident
Bush mi ßt dem Sieg im Drogenkrieg erste Priorität bei,
und daher hat er auch für mich erste Priorität. Das Büro
für Internationale Suchtstoff-Fragen im Außenministerium unter der Leitung von Herrn Levitsky hat ausgezeichnete Arbeit dabei geleistet, sicherzustellen, daß
die Drogenbekämpfungsproblematik zum unerläßlichen Bestandteil unserer diplomatischen Bemühungen geworden ist.
Unsere Drogenbekämpfungsstrategie fordert die
Bewältigung des Drogenproblems in allen Aspekten Konsum, Handel, illegale Herstellung, Behandlung
und Therapie. Meine Regierung mißt Präventivmaßnahmen, Behandlung und Therapie größere Bedeutung als je zuvor bei. Wir beabsichtigen, den Handel
mit allen illegalen Drogen zu unterbinden, nicht nur
Kokain.

Heroin, Marihuana und die sogenannten

Designerdrogen stellen ebenfalls ernsthafte Bedrohungen dar. Und wir nehmen das Problem des Anbaus
und Handels im Inland in Angriff.
Ein solch umfassender Ansatz erfordert eine Aufstokkung der Ressourcen. Seit dem Amtsantritt von Präsident Bush wurde unser Etat zur Drogenbekämpfung
im Inland um 67 Prozent auf 7,6 Milliarden Dollar
erhöht und das Budget zur Drogenbekämpfung auf
internationaler Ebene, einschließlich der Unterbindung
des Nachschubs an den Grenzen und Küsten wurde
um 73 Prozent auf 3,1 Milliarden Dollar aufgestockt.
Wir sind uns der Tatsache voll und ganz bewußt, daß

Seite ?

das Problem des Drogenkonsums im Inland unsere
größte Herausforderung darstellt. Solange in den
Vereinigten Staaten eine unersättliche Nachfrage nach
Drogen besteht, sieht sich unser Land mit einem
endlosen, harten Kampf zur Unterbindung des Nachschubs konfrontiert. Wir machen Fortschritte. Der
Drogenkonsum im Inland ist von 1985 bis 1988 um 37
Prozent zurückgegangen, und im gleichen Zeitraum
hat sich der Kokainkonsum um die Hälfte reduziert.
Aber es liegt noch ein weiter Weg vor uns.
Wir sind entschlossen, den Drogenkonsumenten in
den Vereinigten Staaten die nackten Tatsachen vor
Augen zu führen: Ihr Verhalten ist nicht nur eine
persönliche Schwäche. Die amerikanischen Konsumenten sind die Zahlmeister organisierter Mörder. Mit
den Profiten von jedem auf den Straßen der Vereinigten Staaten gekauften Kilo Kokain werden die Kugeln
bezahlt, die Demokratien ihrer Würde und Freiheit
berauben. Amerikanische Konsumenten leisten den
Drogenkartellen Vorschub, die ihrerseits regionale und
globale Instabilität schüren und ausbeuten. Wenn
Amerikaner ihre Sucht befriedigen und die Kartelle
bereichem, ist das so, als ob sie Terroristen unterstützten. Die amerikanischen Drogenkonsumenten sind
Handlanger der Kriminellen, die Kinder vergiften. Ihre
Sucht trägt überdies zur Verwüstung von Land bei.
Koka-Bauern haben große Waldflächen zerstört, die
Drogenhändler haben Millionen Liter chemischer
Grundstoffe in die Flüsse gekippt.
Ich bedaure sagen zu müssen, daß Rauschgift zu
einem Großunternehmen geworden ist, mit dem in
meinem Land ein Riesengeschäft gemacht wird. Im
vergangenen Herbst beschlagnahmten Fahnder in
Los Angeles ein Lager mit 22 Tonnen Kokain. Würde
man alle beschlagnahmten Ein-Kilo-Pakete aufeinanderhäufen, wäre dieser Berg 2,5 Kilometer hoch - ein
Berg des Elends, halb so hoch wie der höchste Berg
der Vereinigten Staaten. Schätzungen zufolge über
steigt der Straßenverkaufswert des beschlagnahmten
Kokains das jeweilige Bruttosozialprodukt von über
100 der in dieser Versammlung vertretenen Staaten.
Und das war nur ein einziges Lager. Stellen Sie sich
einmal die wahren Gebirge des Elends vor, die wir
nicht entdeckt haben.
So werden Konsum und Angebot, Abhängigkeit und
Ausbeutung, Gier und Gewalt zu einem Teufelskreis
wie bei einem Drachen, der sich in den Schwanz beißt.
Dieser Kreis des Elends und des Todes mu ß durchbrochen werden. Die Vereinigten Staaten tragen dazu
bei, ihn zu durchbrechen - sowohl im Inland als auch
zusammen mit unseren Partnern im Ausland.
Der Gipfel von Cartagena
Damit komme ich zu meinem zweiten Thema: Dem
Gipfeltreffen in Kolumbien vom letzten Donnerstag
(15. Februar 1990). Wie Sie wissen, sind Präsident
Bush und ich nach Cartagena gereist, wo wir mit

AMERIKA D.tNST 7

�unseren Amtskollegen aus Kolumbien, Bolivien und
Peru zusammentrafen. In Cartagena verpflichteten
sich die Gipfelteilnehmer dazu, die Händler von Drogen und Tod auf allen Ebenen zu bekämpfen - Produktion, Vertrieb, Finanzwesen und Konsum. Präsident
Bush brachte unmißverständlich sein Engagement
zum Abbau der Nachfrage nach Drogen in den Vereinigten Staaten zum Ausdruck. Wir stimmten überein,
daß Schuldzuweisungen zwischen Hersteller- und
Verbraucherstaaten zwecklos sind - Rauschgift ist
eine tödliche Bedrohung aller Staaten, die ihm ausgesetzt sind. Wir und die anderen Gipfelteilnehmer sind
entschlossen, dem Rauschgift das Genick zu brechen
und den illegalen Kartellen das Geschäft zu verderben.
Mit seiner Reise nach Cartagena hat der Präsident die
uneingeschränkte Entschlossenheit unserer Regierung unter Beweis gestellt, den Drogenkrieg solange
wie nötig zu führen. Wir haben unseren Partnern
versichert, daß wir nicht nachlassen werden, sie im
Kampf gegen Drogen zu unterstützen.

Präsident Barco hat oftmals sein eigenes Leben riskiert, um seine Nation aus dem Würgegriff der Drogenkartelle zu befreien. Zusammen mit Präsident Barco
sind sich die Präsidenten Bush, Garcia und Paz ihrer
Verantwortung bewußt, eine Führungsrolle bei der
Bekämpfung des Kokains, unseres gemeinsamen
Feindes, zu übernehmen.
In Cartagena haben wir zusammen die Notwendigkeit
von Entwicklung, Handel und Investitionen zur Stärkung von wachstumsorientierten wirtschaftspolitischen
Maßnahmen bekräftigt, um die Kosten der Drogenbekämpfungsprogramme wettzumachen. Wir kamen
überein, zur Schärfung des öffentlichen Bewußtseins
im Hinblick auf die schädlichen Auswirkungen von
Drogenproduktion, Drogenhandel und Drogenmißbrauch
auf unsere Länder zusammenzuarbeiten. Wir erklärten uns zurGewährung von Wirtschaftshilfe bereit, um
die Volkswirtschaften der Andenstaaten zu stärken.
Ferner kamen wir überein, die Strafverfolgungsbehörden unserer Länder zu stärken, um die Rauschgifthändler ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Präsident

Als Teil ihrer Unterstützung werden die Vereinigten

Bush erklärte gegenüber seinen Amtskollegen aus

Staaten in den Haushaltsjahren 1989 bis 1991 ihr
internationales Budget zur Drogenbekämpfung in
Kolumbien, Bolivien und Peru um das siebenfache
erhöhen. Unsere gesamte Wirtschaftshilfe für diese
Andenstaaten wird im nächsten Jahr mehr als verdoppelt, wenn diese Länder harte Programme zur Drogenbekämpfung einführen und solide wirtschaftspolitische
Maßnahmen anwenden.

den Andenstaaten, er werde diese Fragen beim Gipfel
in Houston mit der G-7 sowie auch mit anderen Industriestaaten erörtern. Die Vereinigten Staaten sind
bestrebt, die Konsultation und Zusammenarbeit mit
anderen Industriestaaten in bezug auf Drogen zu
verbessern und auszubauen, um die internationale
Unterstützung von Bemühungen zur Drogenbekämpfung in den Herstellerländern zu stärken.

Kolumbien war für den Gipfel der geeignete Ort. Wir
begrüßen die mutige Entscheidung Kolumbiens, Laboratorien zu beschlagnahmen und zerstören, Drogenkriminelle festzunehmen und zu verfolgen, Drogenhändler und Geldwäscher auszuliefern und die
Herausforderung des Kokain-Imperiums anzunehmen.

Schließlich stimmten wir und unsere Amtskollegen aus
den Andenstaaten überein, sobald wie möglich die
Konvention der Vereinten Nationen über den unerlaubten Handel mit Drogen und psychotropen Stoffen
zu ratifizieren. Im Falle ihrer Ratifizierung wird diese
Konvention aus dem Jahr 1988 die weltweite Zusammenarbeit in Bereichen wie Geldwäsche, Beschlagnahme von Vermögenswerten, Kontrolle chemischer
Grundstoffe, Auslieferung, Fahndung, Sammlung
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und Informationsaustausch fördern. Ich freue mich, berichten zu können, daß Präsident Bush am 13. Februar 1990 für die
Vereinigten Staaten die Ratifizierungsurkunde unterzeichnet hat. Wir haben die unterzeichnete Ratifizierungsurkunde heute den Vereinten Nationen übergeben.

Keine Nation hat sich den Drogenbaronen so mutig
entgegengestellt oder größere Opfer gebracht. Keine
hier vertretene Nation kann das Schicksal Kolumbiens
unberührt lassen. Das Ausmaß der mit Drogen in
Verbindung stehenden Gewalt in Kolumbien ist selbst
für diejenigen unter uns schreckenerregend, die mit
der Gewalt, die auf solch traurige Weise ein Teil
unseres turbulenten Jahrhunderts war, unmittelbar in
Berührung gekommen sind.
In Kolumbien haben in einem kurzen, brutalen Jahrzehnt Drogenhändler aus Medellin und Cali über 1 000
Beamte, 12 Richter des Obersten Gerichtshofes, mehr
als zwei Dutzend Journalisten sowie über 200 Richter
und Justizangehörige ermordet, wobei die zahlreichen
Männer, Frauen und Kinder noch nicht erwähnt sind,
die zufälligerweise das Pech hatten, zur falschen Zeit
am falschen Ort zu sein. Und kein noch so langes
Waschen kann das an den Drogengeldern klebende
Blut entfernen. Die sogenannten Kokainkönige sind
Kriminelle - Kriminelle mit ungewöhnlicher Macht und
von ungewöhnlicher Brutalität.

AMERIKA DIENST 7

Die Ratifizierung durch alle Länder wird uns bei den
regionalen Drogenbekämpfungsbestrebungen unterstützen und darüber hinaus die weltweite Kooperation
gegen unerlaubte Drogenarten erhöhen.
Eine erweiterte Rolle der Vereinten Nationen
Die Vereinten Nationen spielen eine entscheidende
Rolle bei der Förderung weltweiter Kooperation. Es ist
unabdingbar, daß wir den besten Nutzen aus den
Instrumenten der Vereinten Nationen und dem System

Seite 3

�selbst ziehen, um unsere Bestrebungen auf nationalem und regionalem Niveau zu stützen.
Es gibt kein Land hier, daß so stolz oder so erhaben
wäre, daß es sich ohne fremde Hilfe von den Drogen
befreien könnte. Und es gibt kein Land, daß so klein
wäre, daß es diese wichtigen internationalen Bestrebungen nicht auf irgendeine Art und Weise unterstützen könnte. Gemeinsam können wir effektiver arbeiten als allein. Wir können miteinander mehr erreichen
als gegeneinander. Diese Sondersitzung bietet uns
allen - der gesamten Staatengemeinschaft - eine
Möglichkeit, Drogen entschieden zu bekämpfen.
Wir müssen diese Gelegenheit jetzt ergreifen. Wenn
wir sie verstreichen lassen, werden durch unsere
Handlungsunfähigkeit mehr Kinder zum Leiden und
zur Bedürftigkeit verdammt, Familien zerstört und mehr
Regierungen Opfer von Drogenkartellen. Und mehr
Fäden, die das Gewebe der zivilisierten Gesellschaft
zusammenhalten, werden sich lösen.
Deshalb sind der Präsident und ich vom günstigen
Zeitpunkt und der Effektivität dieser Sondersitzung
überzeugt. Wir haben die Möglichkeit, die Vereinten
Nationen auf Aktionskurs zu bringen.
Meine Regierung hegt die Hoffnung, daß die Verabschiedung des Globalen Aktionsplans und die dazugehörige politische Erklärung uns dem Ziel näher bringen, die internationale Staatengemeinschaft von der
Geißel der Drogen zu befreien - vorausgesetzt natürlich, das Programm verpflichtet zu konkreten Maßnahmen, es wird von allen Unterorganisationen der Vereinten Nationen durchgeführt und von ergänzenden
Bestrebungen auf nationalem und regionalem Niveau
unterstützt. Natürlich können wir als Mitglieder nicht
die Vereinten Nationen auffordern, etwas zu tun, was
wir zuhause nicht tun. Wir können die Vereinten
Nationen auch nicht bitten, ehrgeizige Programme
ohne finanziellen Hintergrund und eine starke Infrastruktur zu deren Durchführung zu verwirklichen. Wir
müssen unsere Prioritäten so ordnen, daß wir unsere
Ziele im Rahmen eines einheitlichen Ansatzes bei den
Vereinten Nationen und durch ein reales Nullwachstum der Programme in den Haushalten erreichen
können.
Der Globale Aktionsplan wird die von uns bereits
errichtete solide Grundlage festigen. Damit meine ich
die beiden bereits gültigen internationalen Drogenbekämpfungsabkommen und die von mir bereits erwähnte neue Konvention gegen den unerlaubten Handel mit
Drogen. Darüber hinaus haben v/ir andere Mandate,
wie sie etwa in dem Umfassenden Interdisziplinären
Entwurf der Internationalen Drogenkonferenz von 1987
und der im Dezember 19B9 verabschiedeten Resolution 44/141 der UN-Ger eralversammlung enthalten
sind. Alle diese Dokumente liefern uns sowohl die
rechtliche und programmatische Basis als auch die
Autorität zum weiteren Vorgehen. Dieser Instrumente

Seite 4

sollten wir uns effektiv bedienen, bevor wir darangehen, neue Abkommen zu entwerfen. Wir wollen unsere systemübergreifenden Bestrebungen verstärken
und größtmögliche Kooperation, Koordination und
Effektivität bei der Durchführung aller UN-Programme
sicherstellen.
Sicherlich gibt es guten Grund zur Verbesserung und
Stärkung unserer multilateralen Infrastruktur. Wir sind
uns einig, daß die Mitgliedstaaten mehr Mittel für die
Drogenbekämpfungsmaßnahmen der UNO bereitstellen sollen, um die entsprechenden Bestrebungen auf
nationaler Ebene zu ergänzen. Wir zeigen bei der
Zusammenarbeit mit anderen Regierungen mehr Einsatz als jemals zuvor, so daß die Vereinten Nationen
ein stärkerer, aufgeschlossenerer Partner bei der
Drogenbekämpfung sein können. Der Präsident und
ich hoffen, daß der Globale Aktionsplan mit Hilfe des
Generalsekretärs und aller Mitgliedstaaten dynamische Drogenbekämpfungsbestrebungen auf weltweiter Ebene belebt.
Bei unserem weltweiten Kampf gegen Drogen betrachten wir alle Nationen als natürliche Verbündete,
die wie wir entschlossen sind, sich dieser Geißel zu
widersetzen. Langjährige Freunde und erbitterte Gegner
gleichermaßen müssen sich bei ihren Bestrebungen
zusammenschließen. Tatsächlich sind vielfach trotz
politischer und wirtschaftlicher Differenzen Verbindungen eingegangen worden. Gemeinsam werden wir die
multinationalen Drogenimperien an allen Fronten
bekämpfen. Gemeinsam werden wir jede Regierung
zur Rechenschaft ziehen, die Drogenbaronen Zuflucht
gewährt, Geldwäsche zuläßt und ihre Augen vor Drogenmißbrauch und Drogenhandel verschließt. Wir
üben keine Nachsicht.
Schlußbemerkung
Ich habe zu Beginn meiner Ausführungen darauf verwiesen, daß wir in vielversprechenden Zeiten leben.
Freiheit und Demokratie sind auf dem Vormarsch, sie
sehen sich jedoch erheblichen Schwierigkeiten gegenüber. Zweifellos zählen Drogen zu ihren ärgsten
Feinden. Denn Freiheit und Demokratie sind universelle Ideale, die die Würde jedes einzelnen berühren.
Und wenn diese Ideale verwirklicht werden sollen,
muß jeder einzelne seiner Gesellschaft und der internationalen Staatengemeinschaft einen Beitrag leisten.
Ein Mensch, der unter den Einfluß von Drogen geraten
ist, wird zum Sklaven und ist nicht mehr frei oder
verantwortungsbewußt. Das gleiche gilt für eine Nation.
Aber solche Tragödien müssen nicht geschehen nicht unseren Bürgern, nicht unseren Ländern und
nicht der Staatengemeinschaft. Es liegt an uns - an
jedem von uns und an uns allen zusammen. Es steht
viel auf dem Spiel.
Wir wissen, daß wir die Welt nicht innerhalb einer
Generation von Drogen befreien können. Dennoch ist
AMERIKA DIENST 7

�es meiner Ansicht nach gerechtfertigt, optimistisch in
die Zukunft zu blicken. Mehr als jemals zuvor arbeiten
alle Länder der Welt gemeinsam am weltweiten Drogenproblem. Dazu haben die Vereinten Nationen
einen großen Teil beigetragen.

lern, wo Koka und Mohn angebaut werden, in den
Großstadtdschungeln, wo Korruption und Gewalt
regieren, in düsteren Hinterzimmern, wo Drogengeld
gewaschen wird und in den Untiefen der Seele - dort
vielleicht am meisten.

Von der Sowjetunion bis Jamaica, von Spanien bis
Malaysia schließen sich Länder im Kampf gegen Drogen
zusammen. Wir, die Völker der Welt, müssen diesen
Kampf fortführen - in den Dschungeln und den Bergtä-

Hier und heute müssen wir zum Wohle unserer Kinder
und Enkel alles menschenmögliche tun, um Gottes
Erde von der Geißel der Drogen zu befreien.

* *

AMERIKA DIENST 7

* *

*

Seite 5

�DROGEN
21. Februar 1990

DIE ERKLÄRUNG VON CARTAGENA
Eine Übersicht des Weißen Hauses
(Die folgende Übersicht zur Erklärung von Cartagena, die nach dem Gipfeltreffen der Präsidenten von Kolumbien, Bolivien, Peru und den Vereinigten Staaten zum Drogenproblem unterzeichnet wurde, hat das Weiße Haus
am 15. Februar 1990 veröffentlicht.)

Allgemeiner Hintergrund
In der Erklärung von Cartagena wird eine umfassende,
intensivierte Drogenbekämpfungsstrategie dargelegt,
um Produktion, Handel und Konsum illegaler Drogen
zu beenden. Unter Berücksichtigung der Tatsache,
daß die Problematik in jedem Land unterschiedlich
gelagert ist, sind sich die Präsidenten darin einig, daß
alle Glieder in der Kette des Kokainhandels gleichzeitig
bekämpft werden müssen.
In der Erklärung verpflichten sich die Regierungen
Boliviens, Kolumbiens, Perus und der Vereinigten
Staaten, die Herausforderung des Drogenproblems
aufzunehmen und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben.
Die Erklärung beinhaltet Absichtserklärungen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit und alternativen Entwicklung sowie zur Bekämpfung illegaler Drogen. Sie
enthält ferner Initiativen in Diplomatie und Öffentlichkeitsarbeit.
Wirtschaftliche Aspekte und alternative Entwicklung
Die Erklärung unterstreicht die Bedeutung verstärkter
internationaler Zusammenarbeit in Wirtschaft und Handel
im Zuge der effektiven Verwirklichung von Strategien
zur Rauschgiftbekämpfung. Der Präsident wird den
Kongreß für die Haushaltsjahre 91-94 um die Bewilligung zusätzlicher Wirtschaftshilfe bitten. Die amerikanische Hilfe wird im Rahmen der Bemühungen im
Kampf gegen Drogen sowie solider wirtschaftspolitischer Maßnahmen der beteiligten Andenstaaten zur
Verfügung gestellt werden.

AMERIKA DIENST 7

Benötigt werden Mittel zur Unterstützung der Zahlungsbilanzen, für die Umstellung auf neue Anbauprodukte, soziale Programme sowie breitgefächerte Entwicklungsmaßnahmen, die das für die beteiligten Andenstaaten unerläßliche Wirtschaftswachstum sicherstellen werden.
Die Parteien werden sich ferner bemühen, zusätzliche
Wirtschafts- und Handelsinitiativen zu entwickeln. Die
Vereinigten Staaten werden dazu beitragen, Märkte
für die durch alternative Entwicklungsprogramme
geschaffenen Produkte zu fördern sowie Hilfe zur
Verfügung stellen, damit landwirtschaftliche Produkte
aus den Andenstaaten die amerikanischen Zulassungskriterien erfüllen.
Der Kampf gegen illegale Drogen
Die Präsidenten verpflichteten sich zu verstärkten
Anstrengungen in der Bekämpfung von Produktion,
Transport und Konsum illegaler Drogen durch Prävention, Strafverfolgung, Kontrolle von Waffen und chemischen Grundstoffen, Beschlagnahme, Einziehung und
Verteilung von Gewinnen aus dem Drogenhandel,
Koordinierung der beteiligten Strafverfolgungsbehörden, der Streitkräfte und der Gerichte im Rahmen der
nationalen Souveränität der beteiligten Länder sowie
eine Nettoreduzierung beim illegalen Anbau der KokaPflanze.
Die Parteien verpflichten sich zu einem umfassenderen Austausch von Informationen, auch nachrichtendienstlicher Art. Sie verabredeten, daß jedes Land auf
seinem eigenen nationalen Territorium seine Streitkräfte einsetzen kann. Die Vereinigten Staaten erklärten sich bereit, verstärkt Ausrüstung und Ausbildung

Seite 1

�für die Strafverfolgungsbehörden und Streitkräfte der
beteiligten Andenstaaten zur Verfügung zu stellen.

Folgetreffen innerhalb der nächsten sechs Monate
abzuhalten.

Die Parteien verpflichteten sich femer zur Stärkung
der Justizverwaltungen, insbesondere dem Schutz
von Richtern und Justizangestellten.

Das Gipfeltreffen ist Teil eines fortdauernden Prozesses, und die Parteien haben sich darauf verständigt,
weitere Schritte in diesem Bereich vorzunehmen,
darunter unter anderem den Abschluß bilateraler
Abkommen, die mit ihren Verpflichtungen zum Kampf
gegen das Rauschgift im Einklang stehen.

Diplomatische Initiativen und öffentliche Meinung
Die Gipfelteilnehmer geloben, das Bewußtsein der
Öffentlichkeit für das Drogenproblem zu schärfen,
indem sie interamerikanische Programme für die öffentliche Meinungsbildung sowie zur Dämpfung der
Nachfrage durchführen.

Die Vereinigten Staaten und Bolivien unterzeichneten
Vereinbarungen über Öffentlichkeitsarbeit, die Kontrolle chemischer Grundstoffe sowie die Kontrolle von
Waffenexporten.

Die Gipfelteilnehmer wollen in jedem erdenklichen
internationalen Forum die Zusammenarbeit im Kampf
gegen das Rauschgift fördern. Insbesondere fordern
die Parteien eine Weltkonferenz gegen den Rauschgifthandel im Jahr 1991.

Die Vereinigten Staaten und Peru unterzeichneten
Vereinbarungen über den Austausch von Informationen über Steuern sowie Öffentlichkeitsarbeit und tauschten Noten zum Auslieferungsverfahren aus.

Die Gipfelteilnehmer sind sich einig, ein hochrangiges

Über weitere Vereinbarungen mit Kolumbien wird zur
Zeit noch verhandelt.

*

Seite 2

*

*

*

AMERIKA DIENST 7

�OST-WEST-BEZIEHUNGEN
21. Februar 1990

BUSH: KSE-ABKOMMEN IN GREIFBARE
NÄHE GERÜCKT
Stellungnahme zu Vereinbarung, Einheit Deutschlands
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush erklärte am 14. Februar im Weißen Haus, die amerikanisch-sowjetische
Vereinbarung, daß jede Seitenichtmehrais 195 000 Soldaten in Mitteleuropa stationieren wolle, "ist ein wichtiger
Durchbruch, mit dem ein schwerwiegendes Hindernis für den baldigen Abschluß eines KSE-Vertrags aus dem
Weg geräumt wird".
Dem Präsidenten zufolge wurde bei der Konferenz Offene Himmel in Ottawa im Hinblick auf einen Prozeß, an
dessen Ende die Vereinigung beider deutscher Staaten steht, ein weiterer wichtiger Durchbruch erzielt.
"Diese Schritte lassen zusammen mit dem dynamischen Vormarsch der Demokratie in Osteuropa das von mir
im ersten Jahr meiner Präsidentschaft hervorgehobene Ziel eines ungeteilten und freien Europas in greifbare
Nähe rücken," erklärte Bush ferner.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bushs Stellungnahme in Auszügen:

Bush: Ich möchte Außenminister Baker zu seiner
hervorragenden Arbeit in Ottawa gratulieren wie auch
dazu, daß er bei seinen Gesprächen in Moskau die von
mir und Präsident Gorbatschow - in Malta - vereinbarte
Tagesordnung weiter verfolgt hat. Und ich freue mich,
daß die 23 Mitglieder der Wiener Verhandlungen über
Konventionelle Streitkräfte in Europa die von mir am
31. Januar 1990 im Bericht zur Lage der Nation vorgeschlagene NATO-Initiative akzeptiert haben, mit der
das Problem der Mannschaftsstärke gelöst werden
sollte.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion werden
jeweils nicht mehr als 195 000 Soldaten in Mitteleuropa stationieren. Und das wird die Obergrenze für auf
ausländischem Territorium stationierte sowjetische
Truppen sein. Die Vereinigten Staaten werden die
zusätzlichen 30 000 Soldaten in Europa außerhalb
Mitteleuropas stationieren.
Dies ist ein wichtiger Durchbruch, mit dem ein schwerwiegendes Hindernis für den baldigen Abschluß eines
KSE-Vertrags aus dem Weg geräumt wird. Und damit
wird dem Prinzip Geltung verschafft, daß US-Streitkräfte in Europa nicht mit sowjetischen Streitkräften in
Osteuropa gleichzusetzen sind.

AMERIKA DIENST 7

Ein weiterer wichtiger Durchbruch wurde bei der Vereinigung beider deutscher Staaten erzielt. Ich habe
gestern mit Bundeskanzler Kohl telephoniert, um letzte Einzelheiten der von Außenminister Baker in Ottawa
erzielten Vereinbarung zu erörtern.
Wir sind uns mit unseren deutschen Verbündeten
völlig einig. Die Dinge haben sich dort überaus schnell
entwickelt. Und der von uns erzielten Übereinkunft
zufolge werden die Außenminister beider deutscher
Staaten mit den Außenministem der vier Mächte - der
Vereinigten Staaten, Frankreichs, Großbritanniens und
der Sowjetunion - zusammentreffen, um außenpolitische Aspekte der Vereinigung beider deutscher Staaten zu erörtern. Und das bringt uns der Verwirklichung
des lang gehegten Wunsches nach deutscher Einheit
ein Stück näher. Im Mai vergangenen Jahres habe ich
in Mainz darauf verwiesen, daß dies ein Ziel ist, das wir
und unsere Verbündeten mit dem deutschen Volk seit
mehr als 40 Jahren teilen.
Diese Schritte lassen zusammen mit dem dynamischen Vormarsch der Demokratie in Osteuropa das
von mir im ersten Jahr meiner Präsidentschaft hervorgehobene Ziel eines ungeteilten und freien Europas in
greifbare Nähe rücken.

Seite 1

�Frage: Herr Präsident, warum hat Gorbatschow Ihrer
Ansicht nach ihrem Vorschlag über Truppenreduzierungen zugestimmt?

vorzuschreiben, wie dies letzten Endes aussehen soll.
Ich habe diese Frage offen gelassen. Aber ja, die
Entwicklung ging sehr rasch voran.

Bush: Meiner Meinung nach schien er ihm vernünftig.
Au ßenminister Baker hat ihn mit seinem Amtskollegen
Schewardnadse erörtert. Aber wir sind bei diesem
Vorschlag hart geblieben. Unserer Ansicht nach ist es
ein sehr vernünftiger Vorschlag. Er hat die einhellige
Unterstützung unserer Verbündeten. Die Ereignisse
überschlagen sich dort nahezu, das gilt als positiv, und
ich hoffe, es wird sich eine für Europa stabilisierende
Lösung ergeben.

Frage: War Ihnen nicht schon am Montag bewußt,
daß sich die Dinge in diese Richtung bewegten - was
ja schon am Dienstag zutage trat?

Frage: Außenminister Schewardnadse hat soeben in
Ottawa erklärt, er könne sich ein vereintes Deutschland vorstellen, in dem sowohl NATO als auch Warschauer Pakt eine Rolle spielen. Sie haben immer auf
die Rolle der NATO verwiesen. Diese Haltung werden
Sie wohl immer noch einnehmen, aber können Sie sich
auch eine Rolle des Warschauer Pakts vorstellen?
Bush: Ich sehe die Sache so, daß die Verbündeten die
Stabilität der US-Streitkräfte und eine einige NATO
wünschen - US-Streitkräfte in Europa und eine starke
NATO. Die dem Warschauer Pakt angehörenden
Länder Osteuropas wollen den Abzug sowjetischer
Truppen. Es ergibt sich also eine andere Gleichung.
Wir erörtern einen deutschen Verbleib in der NATO,
Flexibilität bei der Stationierung der Truppen in Deutschland, aber auch die Stärke der NATO. Ich habe bereits
erklärt, es sei - zumindest aus dem Blickwinkel Westeuropas - stabilisierend, und meiner Ansicht nach
werden Sie auch in Osteruopa viele Länder finden, die
uns dort als stabilisierenden Faktor betrachten.
Frage: Also kein Warschauer Pakt?
Bush: Diese Fragen werden gegenwärtig erörtert.
Meiner Ansicht nach vollziehen sich die Veränderungen so schnell, daß es schwierig ist, damit Schritt zu
halten. Aber dennoch möchte ich nochmals Außenminister Baker und seine Mitarbeiter würdigen, weil so
vieles schneller vollbracht wurde als ich es für möglich
gehalten hätte. Die Übereinkunft über Truppenreduzierungen ist nur ein Punkt.

Bush: Nein, es war uns am Montag überhaupt nicht
klar, daß wir am Dienstag ein solches Ergebnis haben
würden.
Baker: Wir waren auch nicht in Ottawa, möchte ich
hinzufügen.
Bush: Und das gleiche trifft auch auf die Einigung ü ber
den Truppenabzug zu. Sie müssen sich einmal darüber klar werden, daß wir es hier mit historischen
Veränderungen zu tun haben, und wir sollten uns
darüber freuen. Im Ernst, diese vollziehen sich sehr,
sehr rasch. Und die Tatsache, daß der Außenminister
diese Vereinbarung so schnell erreichen konnte - ich
meine sehr rasch nach unseren letzten Gesprächen
über dieses Thema - ist ein Beweis dafür. Aber er kann
das nicht allein tun, er benötigt dazu auch Veränderungen der beiden deutschen Staaten. Sie müssen sich
jedoch an folgendes erinnern: Modrow hat mit Kohl
gesprochen, und Jim Baker hat mit Schewardnadse
gesprochen, die führenden Politiker der NATO haben
sich getroffen. Am vergangenen Wochenende hatten
wir ein Gespräch mit Wörner. Zur Zeit finden also
vielfältige diplomatische Aktivitäten statt.
Aber es hat mich wirklich überrascht, daß sie bereit
waren, darüber Einigung zu erzielen - über die Truppen. Ich war jedoch der Ansicht, es sei richtig, in dieser
Frage unnachgiebig zu bleiben.
Frage: Wie stehen Sie angesichts dessen zu der von
einigen geäußerten Kritik, Sie legitimierten durch die
Zustimmung zu einem KSE-Abkommen mit 195 000
Soldaten ihre weitere Stationierung von so vielen
Truppen in Osteuropa und es sei an der Zeit, diese
Obergrenze zu senken?

Frage: Sie haben Montag erklärt, die Zeit sei für eine
Viermächtekonferenz über Deutschland noch nicht
reif. Hat sich von Montag bis zur Übereinkunft am
Dienstag etwas verändert?

Bush: Wir haben es mit einer Zeit dynamischer
Veränderungen zu tun. Wir versuchen - und dies habe
ich gestern und Jim Baker in der Vergangenheit zu
vermitteln versucht - diesem Prozeß eine gewisse
Stabilität zu verleihen. Unsere Verbündeten betrachten dies gewiß als eine gute, vernünftige Zahl.

Bush: Nun, ich überlasse es Herrn Baker, darauf
einzugehen. Aber sicherlich gab es eine Menge Veränderungen - keinen umfassenden Wandel, aber wie
Bundeskanzler Kohl mir gestern in einem Telefongespräch erklärte, hatte er das Gefühl, daß die Vereinbarung, über die Außenminister Baker gesprochen und
deren Einzelheiten er mit Außenminister Schewardnadse und den politisch Verantwortlichen der Verbündeten ausgearbeitet hat, ein sehr vernünftiger Schritt
war. Wir versuchen nicht, irgend jemandem dort

Was noch nicht berücksichtigt wurde - eine gewisse
Zeit ist erforderlich, damit sich dies auf das ganze
System auswirkt, und dies wird nach den Wahlen in
verschiedenen Ländern geschehen -, ist die Einstellung dieser Länder zur Präsenz sowjetischer Truppen.
Dem Außenminister ist es mit der Annahme unseres
Vorschlags gelungen, die Waffen abzukoppeln. Und
das ist gut so, weil die Westeuropäer - und meines
Erachtens auch, ich wiederhole dies, einige Osteuropäer unsere Anwesenheit dort wünschen und uns nicht

Seite 2

AMERIKA DIENST 7

�als Bedrohung, sondern als stabilisierenden Einfluß
betrachten. Die Osteuropäer scheinen die Anwesenheit der Sowjets dort abzulehnen, und ich habe den
Eindruck, daß Gorbatschow nicht entgegen dem allgemeinen Gefühl in Osteuropa dort bleiben möchte. Er
hat ja auch enorme Probleme an der Wirtschaftsfront.

che Zahlen gekoppelt werden sollte. Ich stimme dem
nicht zu. Meines Erachtens ist genau das Gegenteil
der Fall.

Unsere Einstellung ist folgende: Wir haben eine gute
Vereinbarung, eine kontinuierliche, stabilisierende
Vereinbarung, und danach sehen wir, wie sich die
Ereignisse weiterentwickeln. Aber jetzt sollten wir
diese Vereinbarung auch verwirklichen. Genau dies
möchte ich tun. Wir wollen dieses KSE-Abkommen
abschließen, es unterzeichnen und verwirklichen. Es
bestehen weiterhin einige technische Probleme.

Baker: Der Präsident hat erklärt, daß er es dieses Jahr
vollendet sehen möchte, und dies ist unser Ziel.

Baker: ...auch ein großer Unterschied bei den Reduzierungen.
Bush: Ja. Der ursprüngliche Vorschlag sah vor, daß
die Sowjets wesentlich mehr abbauten als wir. Heute
haben wir eine Art von Entkoppelung, und dies ist
meines Erachtens stabilisierend. Bei der gestrigen
Pressekonferenz brachte jemand eine Frage vor, die
meiner Ansicht nach zumindest implizierte, daß dies
als destabilsierend betrachtet würde, daß es an glei-

*

AMERIKA DIENST 7

Frage: Wie bald kann ein KSE-Abkommen geschlossen werden?

Frage: Wie steht es mit START? Bereiten Sie
irgendwelche neuen Initiativen bei START vor? Es war
von einem Verbot mobiler Raketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVs) die Rede.
Bush: Ich hatte seit der Rückkehr des Ministers noch
nicht die Gelegenheit zu einem detaillierten Gespräch
mit General Scowcroft, und ich muß mit ihm darüber
sprechen. Aber raten Sie mal, was wir jetzt tun
werden? Wir werden hineingehen und genau über
dieses Thema sprechen.
Frage: Wird es schwierig sein, Länder zu finden, die
die Zahl 195 000 akzeptieren?
Bush: Oh nein.

* * *

*

Seite 3

�HILFE

FÜR

OSTEUROPA
21. Februar 1990

EAGLEBURGER ERLÄUTERT BEDINGUNGEN FÜR
US-HILFE AN OSTEUROPA
Rede des stellvertretenden Außenministers
bei der Amerikanischen Handelskammer
WASHINGTON - (AD) - Der von Präsident Bush zum Koordinator der US-Hilfe an Osteuropa ernannte Stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger verwies am 16. Februar 1990 bei der Amerikanischen Industrieund Handelskammer auf die bereits an Polen und Ungarn geleistete umfangreiche Hilfe und erklärte: "Wir
müssen unsere Bemühungen nunmehr auf ganz Mittel- und Osteuropa und auch auf Jugoslawien ausdehnen."
Eagleburger stellte vier Bedingungen auf, nach denen die Vereinigten Staaten Osteuropa Hilfe zu leisten bereit
sind.
Fortschritte müssen erzielt werden "im Hinblick auf politischen Pluralismus, der sich auf freie und faire
Wahlen gründet und ein Ende des Machtmonopols der Kommunistischen Partei bedeutet".
Wirtschaftsreformen müssen Hinwendung zu einem marktwirtschaftlichen System bedeuten und "einen
breiten Privatsektor" schaffen.
"International anerkannte Menschenrechte - auch das Recht auf Auswanderung, Reisen und Redefreiheit - müssen stärker respektiert werden".
Mit den Vereinigten Staaten müssen "freundschaftliche Beziehungen" aufgenommen werden, die
"feindselige nachrichtendienstliche Aktivitäten und illegalen Technologietransfer" ausschließen.
Eagleburger versicherte ferner, die Vereinigten Staaten würden sich angesichts der sich in der Region
vollziehenden Entwicklungen und Reformen "ihrer Pflicht nicht entziehen" und erklärte: "Wir sehen der Zeit
entgegen, wenn sie sich eindeutig für eine repräsentative Demokratie entscheiden."
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.

Im Jahr 1989 fanden auf dem europäischen Kontinent
die dramatischsten Veränderungen seit Ende des Zweiten
Weltkriegs statt. Von den Wahlen in Polen im Juni, bei
denen kommunistische Kandidaten eine totale Niederlage hinnehmen mußten, bis zum Sturz Ceausescus
Ende Dezember sind wir Zeuge des stetigen Vormarschs
von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten in ganz
Mittel- und Osteuropa geworden.
Dennoch können wir nur ein begrenztes Maß an Veränderungen aufnehmen, bis der Punkt der Gleichgültigkeit
erreicht ist und sich unser Blickwinkel verändert. Aus
diesem Grund ist es wichtig, sich immer wieder vor

AMERIKA DIENST 7

Augen zu führen, daß die demokratische Umwandlung Osteuropas nicht nur ein Zeichen des Sieges
amerikanischer Politik während des kalten Kriegs ist,
sondern auch an die Amerikaner erinnert, die in zwei
Weltkriegen ihr Leben für die Schaffung eines Europas gegeben haben, das wohlhabend, gefestigt und
frei ist.
Wir haben also einen großen Anteil am Erfolg der
Revolutionen in Osteuropa. Wir sehen uns mit der
Herausforderung und der Möglichkeit konfrontiert, zu
Wirtschaftswachstum und Stabilität beizutragen, die
der Region nach dem Ersten Weltkrieg versagt ge-

Seite 1

�blieben waren und die Freiheit zu konsolidieren, die
Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg verweigert
wurde.
Es besteht kein Zweifel darüber, daß dies viel von uns
verlangt. Aber die Vereinigten Staaten dürfen sich
ihrer Pflicht nicht entziehen, und sie werden das auch
nicht tun. Ich werde Ihnen heute morgen darlegen,
daß wir umfangreiche Mittel für den wirtschaftlichen
Wiederaufbau Osteuropas einsetzen, dies jedoch auf
wohlüberlegte Weise tun. Unsere Hilfsmaßnahmen
sollten sich auf wirklich erfolgversprechende Projekte
konzentrieren und nicht auf viele Projekte verteilt werden,
die letztlich wenig bewirken.
Unser Ziel besteht darin, in der Region Reformen und
eigenständiges Wirtschaftswachstum so zu fördern,
daß enge Abstimmung mit unseren Verbündeten erkennbarwird und eine Überschneidung von Bemühungen vermieden und unser vergleichsweiser Vorteil im
Bereich der Hilfe maximiert werden kann. Darüber
hinaus möchte ich auch erläutern, daß unsere Pläne
für Mittel- und Osteuropa der Rolle die höchste Priorität beimessen, die Sie - der amerikanische Privatsektor - beim revolutionären Umbau dieser Volkswirtschaften spielen müssen.
Es liegt auf der Hand, daß ein neues Europa uns neues
Denken und eine neue Vision abfordern wird. Wir
haben die letzten 45 Jahre mit einem geteilten Europa
gelebt und betrachten Osteuropa immer noch als
fernen Ort. Aber diese Zeit ist vorbei oder geht
zumindest bald vorbei. Die Berliner Mauer ist gefallen.
Der Eiserne Vorhang ist offen. Wir dürfen Osteuropa
nicht mehr als Block ansehen, sondern müssen jedes
Land für sich im Kontext seiner eigenen Geschichte,
Hoffnungen und Potentiale betrachten. Unsere Politik
erfordert daher eine neue demokratische Differenzierung, die sich auf den Fortschritten gründet, die diese
Länder bei der Hinwendung zu demokratischen Gesellschaften mit marktorientierten Volkswirtschaften
machen.
Die Vereinigten Staaten haben unter den westlichen
Ländern die Führungsrolle übernommen, als es um
Hilfe für Polen und Ungarn ging. Wir müssen unsere
Bemühungen nunmehr auf ganz Mittel- und Osteuropa und auch auf Jugoslawien ausdehnen. Wir müssen
einen Prozeß und einen Rahmen entwickeln, um die
Umwandlung dieser kommunistisch regierten und
planwirtschaftlich orientierten Länder in pluralistische
Demokratien mit freien Marktwirtschaften zu bewältigen. Die Gewährung amerikanischer Hilfe wird vom
Ausmaß abhängen, in dem diese Länder Schritte zur
Realisierung von vier Zielsetzungen unternehmen, die
im beiderseitigen Interesse liegen.
Erstens wünschen wir uns Fortschritte im Hinblick auf
politischen Pluralismus, der sich auf freie und faire
Wahlen gründet und ein Ende des Machtmonopols der
Kommunistischen Partei bedeutet. Zweitens wün-

Seite 2

sehen wir uns Fortschritte im Hinblick auf Wirtschaftsreformen, die auf einem marktwirtschaftlichen System
mit einem breiten Privatsektor basieren. Drittens
müssen international anerkannte Menschenrechte auch das Recht auf Auswanderung, Reisen und Redefreiheit - stärker respektiert werden. Und viertens
wünschen wir uns die Bereitschaft jedes Landes, mit
den Vereinigten Staaten freundschaftliche Beziehungen aufzunehmen.
Wie Präsident Bush in seiner Rede in Hamtramck im
vergangenen April betonte, sind feindselige nachrichtendienstliche Aktivitäten und illegaler Technologietransfer keine freundlichen Akte. Bei der Entscheidung über den Umfang und die Zusammensetzung der
Hilfsmaßnahmen für die jeweiligen Länder lassen wir
uns von deren Hinwendung zu den oben genannten
Zielsetzungen leiten. Ich möchte hinzufügen, daß
nicht alle unsere Hilfsleistungen an Bedingungen
geknüpft sind. Zum Teil werden sie den Ländern nach
Bedarf zur Verfügung gestellt. In diesem Bereich
möchte ich humanitärer Hilfe besonderen Vorrang
einräumen, die darauf abzielt, Mängel zu beheben und
der neuen Regierung etwas Luft zu verschaffen. Die
an Rumänien gelieferten medizinischen Hilfsgüter und
die sowohl Polen als auch Rumänien zur Verfügung
gestellte Nahrungsmittelhilfe sind Beispiele dieser
Hilfsmaßnahmen.
Ich möchte hier auch die Unterstützung demokratischer Institutionen einschließlich der Förderung freier
Wahlen und politischer Reformen durch den Rechtsstaat nicht unerwähnt lassen. Freie Meinungsäußerung, unzensierte Medien und freie politische Parteien
müssen per Gesetz garantiert werden - und nicht nur
leere Worte sein - und wir sind mehr als bereit, in
diesen Bereichen zu helfen. Weiterer entscheidender
Bedarf besteht bei technischer Hilfe und Ausbildung,
die den Übergang zu einer marktorientierten Wirtschaft fördern sollen. Initiativen in diesem Bereich
beinhalten Unterrichtung in den Grundsätzen der
Marktwirtschaft, Ausbildung in Finanzwesen und
Buchführung sowie in Produktivität und Management.
Und nicht zuletzt leisten wir Hilfe im Bereich des
Umweltschutzes, um anhaltendes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Säuberung der Umwelt zu fördern.
Hilfsmaßnahmen in diesen Bereichen tragen zur Förderung offener Märkte und offener Gesellschaften bei
und stellen eine Erweiterung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den jeweiligen
Empfängerländern dar. Über diese ersten Maßnahmen hinaus sind wir bereit, die Handels- und Investitionshemmnisse abzubauen, wenn die Länder Osteuropas die Anforderungen der amerikanischen Gesetzgebung erfüllen. Bilaterale Handels- und Investitionsabkommen, Meistbegünstigungsstatus, Gewährung
von Kreditgarantien für Exporte durch unsere ExportImport-Bank und die Preisstützungsbehörde für die

AMERIKA DIENST 7

�Landwirtschaft, Genehmigung für die Entwicklungsgesellschaft OPIC, in diesen Ländern tätig zu werden - all
dies sind Maßnahmen, von denen sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Länder Osteuropas profitieren
können.

Märkten entscheiden. Der Gesetzentwurf, den die Administration dem Kongreß übermittelt hat, bietet die
Flexibilität zu reagieren, wenn diese Länder in eine
neue Phase politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen eintreten.

Schließlich sind wir bereit, den Ländern, die sich der
schwierigen Aufgabe verschrieben haben, politische
und wirtschaftliche Reformen institutionell zu verankern, Hilfe zu leisten. Wir sind uns bewußt, daß der
Übergang von einer Planwirtschaft zu einer marktorientierten Wirtschaft viele Härten mit sich bringt.
Tatsächlich ist er nie zuvor vollzogen worden. Wir sind
jedoch der Überzeugung, daß dies der einzige Weg zu
anhaltendem Wachstum ist und werden daher den
Ländern wirtschaftliche Übergangshilfen gewähren,
die zur Selbsthilfe bereit sind. Unser Ansatz beinhaltet
bilaterale Maßnahmen wie Geld für den Stabilisierungsfonds, mit dem die galoppierende Inflation unter
Kontrolle gebracht und der Übergang zur Konvertierbarkeit der jeweiligen Währungen ermöglicht werden
soll. Darüber hinaus enthält er die Bereitstellung von
Kapital, um die Entwicklung des Privatsektors zu stimulieren - sei es auf bilateraler Basis durch Unternehmensfonds oder durch die Bereitschaft, eine Beteiligung an neuen multilateralen Institutionen wie der
vorgesehenen Europäischen Bank für Wiederaufbau
und Entwicklung in Betracht zu ziehen.

Was Regierungen tun können, wird von uns getan.
Einige haben das Argument vorgebracht, wir würden
nicht genug tun, sollten aber mehr Geld bereitstellen.
In diesem Tenor wurden Rufe nach einem neuen
Marshallplan für Osteuropa laut. Zu solcher Kritik
möchte ich zwei Dinge sagen. Erstens gehen in der
Tat beträchtliche Ressourcen nach Osteuropa. Zahlen können irreführend sein. Wenn wir dieselben
Rechenexempel anstellen wie unsere Freunde und
Verbündeten - das heißt, wenn unsere Zahlen zusätzlich zu den tatsächlichen Haushaltsaufwendungen
gebundene Hilfe, Exportkredite und die Umschuldung
enthielten - wären unsere Hilfsleistungen insgesamt
unerreichbar.

Auch der Schuldenerlaß kann eine sehr wichtige
Maßnahme sein. Gemeinsam mit unseren Partnern
im Pariser Club sind wir zum Schuldenerla ß bereit. Die
Gewährung begünstigter Handelsprogramme wie dem
Allgemeinen Präferenzsystem fällt ebenfalls in diese
Kategorie wirtschaftlicher Übergangshilfen.
Schließlich können internationale Finanzinstitutionen
wie der Internationale Währungsfonds (IWF) und die
Weltbank unserer Ansicht nach wesentliche Hilfestellung bei der Integration Osteuropas in die Weltwirtschaft leisten. Wir werden die Bemühungen der reformwilligen Länder unterstützen, diesen Institutionen
beizutreten, wenn sie die Kriterien der Mitgliedschaft
erfüllen.
Wie Sie wissen, haben Polen und Ungarn den Weg zu
Reformen angeführt und sind daher Nutznießer unserer neuen Politik der Differenzierung. Die Tschechoslowakei ist offensichtlich entschlossen, politische und
wirtschaftliche Reformen rasch institutionell zu verankern, und Au ßenminister Baker hat in der vergangenen
Woche in Prag ein Paket amerikanischer Hilfsmaßnahmen angekündigt, das dieser Tatsache Rechnung
trägt.
Die anderen Länder Osteuropas ebnen - ebenso wie
Jugoslawien - in unterschiedlichem Maße den Weg zu
freien Wahlen und institutionell verankerten politischen
und wirtschaftlichen Reformen. Wir sehen der Zeit
entgegen, wenn sie sich eindeutig für eine repräsentative Demokratie und einen echten Übergang zu freien

AMERIKA DIENST 7

Sehr viel wichtiger ist jedoch die Tatsache, daß wir uns
mit einer Situation befassen, die der Nachkriegszeit in
Westeuropa nicht vergleichbar ist, als wir eine Region
wiederaufbauen mußten, die physisch vernichtet war,
jedoch noch über die technischen Fähigkeiten, öffentlichen Institutionen und Markterfahrung verfügte, um
sich rasch zu erholen. In Osteuropa - das aus 40jähriger Abkapselung hervortritt und dem diese Fähigkeiten und Institutionen fehlen - müssen wir eine andere
Strategie anwenden. Wir dürfen vor der Verwirklichung wahrhaft marktorientierter Reformen keine
beträchtlichen Summen transferieren, wie es die Banken
des Westens in den siebziger Jahren getan haben.
Unser Hauptziel muß zumindest in den Anfangsstadien darin bestehen, die Fähigkeiten zum Aufbau
demokratischer Institutionen und das unternehmerische Know-how bereitzustellen, ohne die eine Privatisierung der osteuropäischen Volkswirtschaften schlicht
und einfach nicht gelingen wird. Kurzum: Wir müssen
darauf hinarbeiten, die Infrastruktur einer Marktwirtschaft zu schaffen - und hierbei kommt uns eine
entscheidende Rolle zu.
Der Aufbau einer soliden Infrastruktur ist ein Weg, um
die Bereitstellung westlichen Kapitals zu ermutigen. In
einer Zeit haushaltspolitischer Engpässe streben wir
bewußt an, die uns zur Verfügung stehenden Instrumente - vornehmlich OPIC-Versicherung sowie EximKredite - einzusetzen, die als Katalysator für Investitionen des Privatsektors dienen werden. Wir bemühen
uns ferner darum, in der gesamten Region Schranken
gegen amerikanische Unternehmen abzubauen und
wenn möglich zu beseitigen. Ihr Fachwissen - sowie
Ihre finanziellen Ressourcen - sind unerläßlich, um
unsere umfassenden nationalen Ziele in Osteuropa zu
verwirklichen. Natürlich können wir als Regierung
sowohl im Bereich der Ressourcen als auch beim
Aufbau demokratischer Institutionen eine Menge tun,
aber Osteuropa wird sein schweres Vermächtnis der

Seite 3

�Unterentwicklung und Instabilität niemals überwinden,
wenn die Osteuropäer nicht lernen, wirtschaftlich selbstbewußt und unabhängig zu werden. Genau dies
müssen sie von Ihnen lernen.
Sie sind diejenigen, die unternehmerische Erfolgsrezepte vermitteln können. Ihre Handelstätigkeit, Ihr
Know-how und Ihre Investitionen können der Motor für
Wirtschaftswachstum und die politische Umgestaltung
Osteuropas sein. Es trifft zu, daß ausländische Unternehmen in der vor uns liegenden Übergangsphase ein
schwieriges Terrain vorfinden. Gesetze und politische
Bedingungen werden sich ändern. Neue Ideen werden mit alten Gewohnheiten kollidieren. Kredit-, Bankund Kommunikationswesen sowie andere für wirtschaftliche Tätigkeit wichtige Bereiche werden - zumindest zu Anfang - weit unter den westlichen Standards liegen.
Die Unternehmer, mit denen Sie es zu tun haben
werden, werden unerfahren und in ihren Erwartungen
oft unrealistisch sein, und sie werden sich ständig
selbst den Veränderungen anpassen müssen. Trotz
alledem bieten sich in Osteuropa ungewöhnliche
Chancen. Die Bedürfnisse liegen auf der Hand, und im
Hinblick auf Investitionen und Know-how orientieren
sich die Osteuropäer nach außen. Unsere Erfahrung,
unser Rat und unser Kapital werden benötigt und sind
willkommen.
Bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten hat
Lech Walesa amerikanischen Geschäftsleuten gegenüberwiederholt die Chancen in Polen betont. Eine
Delegation des Präsidenten, die unter Führung von
Landwirtschaftsminister Yeutter im vergangenen
November Polen besuchte, fand zahlreiche Bereiche
vor - darunter Landwirtschaft, Umwelttechnik, Telekommunikation, Bankwesen, Wohnungsbau und
Energiewirtschaft -, in denen westliche Investitionen
benötigt werden. Derselbe Bedarf besteht in ganz
Mittel- und Osteuropa. Die Privatisierung von Staatsunternehmen, dringend benötigte Infrastrukturprojekte, das Wachstum des Privatsektors sowie die Schaffung von Kapitalmärkten bieten große Möglichkeiten
für ausländische Firmen.
Die Osteuropäer bemühen sich ihrerseits zügig, ihre
Volkswirtschaften für ausländische Investititionen zu
öffnen. Polen hat ein umfassendes, vom IWF genehmigtes Programm zur strukturellen Anpassung in Angriff
genommen. Zu diesen Bemühungen gehört der Plan,
den Zloty konvertibel zu machen und neue Gesetze
über Bankwesen, Auslandsinvestitionen und Zollwesen einzuführen, um eine funktionsfähige freie Marktwirtschaft aufzubauen. Die DDR hat Gesetze verabschiedet, die Gemeinschaftsunternehmen sowie in
einigen Fällen die Mehrheitsbeteiligung ausländischer
Unternehmen an DDR-Firmen gestatten. Die Tschechoslowakei überarbeitet ihr Gesetz über Gemeinschaftsunternehmen mit dem Ziel, ausländische
Mehrheitsbeteiligungen an Unternehmen zu gestat-

Seite 4

ten. Ungarn hat einen Aktienmarkt geschaffen und
bemüht sich aktiv um ausländische Investitionen. Das
Geschäft von General Electric mit Tungsram ist nur ein
Beispiel für die Möglichkeiten in diesem Land. Jugoslawien hat seine Währung konvertibel gemacht, einen
Aktienmarkt geschaffen und ein Programm für marktorientierte Wirtschaftsreformen eingeführt.
Ich bin mir Ihrer Verantwortung gegenüber Ihren Unternehmen und Ihren Aktionären bewußt. Natürlich
müssen Sie davon überzeugt sein, daß die Mischung
von Risiko und Rendite in Osteuropa mit anderen
Möglichkeiten konkurrieren kann. Es mag überdies
heute nicht leicht erkennbar sein, wann eine Investition
in Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei Gewinne
einbringen wird. Ich möchte Sie jedoch bitten, zugleich
aggressiv und geduldig zu sein. Wenn Sie mit Ihren
Investitionen warten, bis sich die Märkte in Osteuropa
vollständig stabilisiert haben, werden Sie wahrscheinlich feststellen, daß Sie bereits von ausländischen
Konkurrenten ausgestochen wurden. Andererseits
werden Sie wahrscheinlich enttäuscht werden, wenn
Sie in Erwartung schneller Profite in Osteuropa investieren.
Ich kann Ihnen ferner versichern, daß Ihre westeuropäischen Konkurrenten dort auf keinen Fall das schnelle Geld machen wollen. Am erfolgreichsten werden
also die amerikanischen Firmen sein, die unverzüglich
eine langfristige Präsenz in Osteuropa aufbauen - eine
Präsenz, von der ein Großteil unseres langfristigen
nationalen Einflusses in der Region abhängen wird.
Eine der ersten Amtshandlungen von Außenminister
Baker bestand darin, unsere diplomatischen Vertreter
im Ausland davon in Kenntnis zu setzen, daß die
Verbesserung der amerikanischen Exportleistung ein
vordringliches Ziel dieser Administration ist. Er erklärte den Missionsleitern im Ausland, sie sollten auf ihren
Posten als wichtigste Handelsbeauftragte fungieren
und sich persönlich für die Förderung amerikanischer
Exporte und die Unterstützung amerikanischer Firmen
engagieren. Er wies sie ferner an, sicherzustellen, daß
sich jeder Angehörige ihrer Mission für die Förderung
amerikanischer Wirtschaftsinteressen einsetzt. Damit
ist es uns ernst, wir meinen, was wir sagen und wir
beabsichtigen, Erfolg zu haben.
Wie Sie vielleicht wissen, hat mich der Präsident zum
Koordinator für die amerikanische Hilfe an Osteuropa
benannt. Ich betrachte die Unterstützung amerikanischer Privatunternehmen in Osteuropa als Kernstück
meiner Tätigkeit. Wir begrüßen es, daß viele amerikanische Firmen versuchen werden, gegen starke westeuropäische Konkurrenz einen Marktanteil zu erobern.
Die amerikanischen Unternehmen werden von ihrer
Regierung ein besonderes Maß an Unterstützung und
Beratung benötigen und gewiß auch verdienen. Ich
werde sicherstellen, daß Sie es erhalten.
Aus diesem Grund habe ich kürzlich unsere Botschaf-

AMERIKA DIENST 7

*

�ten in Osteuropa an den Wunsch des Ministers erinnert, daß die Unterstützung amerikanischer Geschäftsinteressen eine vordringliche Aufgabe des Au ßenministeriums sein solle. Eine Delegation, der auch ich
angehören werde, reist am Dienstag nach Polen,
Ungarn und Jugoslawien. Wir werden sondieren, wie
sich die Reformen dort entwickeln, und wir werden dort
Gespräche über unsere Hilfsbemühungen führen. Wir
werden unseren Gesprächspartner ferner mitteilen,
daß sie geschäftliche Vorschläge amerikanischer Fir-

men ernsthaft berücksichtigen sollten.
Die amerikanische Regierung nimmt die Herausforderung in Osteuropa an. Wir unterstützen die Gründung
von Demokratie und freiem Unternehmertum. Die
Herausforderung an die amerikanische Wirtschaft
besteht darin, die historischen Chancen zu ergreifen,
die sich heute im Herzen Europas bieten, um zu
beweisen, daß freies Unternehmertum und Freiheit
zwei Seiten derselben Münze sind.

*

AMERIKA DIENST 7

*

Seite 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10766">
                <text>21.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10767">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10768">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10769">
                <text>Amerikadienst 21.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10770">
                <text>&lt;strong&gt;1. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Drogen sind ernsthafte Bedrohung der weltweiten Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Außenministers vor der UN-Drogenkonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Erklärung von Cartagena&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Ost-West-Beziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: KSE-Abkommen in greifbare Nähe gerückt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Stellungnahme zu Vereinbarung, Einheit Deutschlands&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hilfe für Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eagleburger erläutert Bedingungen für US-Hilfe an Osteuropa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des stellvertretenden Außenministers bei der Amerikanischen Handelskammer&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2131" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2142">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/1b13e212959334dbd3453f8d876c1151.pdf</src>
        <authentication>3621fc8b36c931f1fb59bd10ecd178a8</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10765">
                    <text>ciiriGrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

#

k s»
«&lt;= ^

&gt;
&lt;?

*£^

/

*

.•./•

14. Februar 1990

DEUTSCHLANDPOLITIK

Diskussion über Hilfe für beide deutschen
Staaten
Bilaterale Gespräche Außenminister Bakers
in Ottawa

US - AUSSENPOLITIK

Baker rühmt die Revolutionen der Macht des
Volkes von 1989
Außenminister Baker vor dem Obersten Sowjet

Beachtliche Fortschritte zwischen USA und
UdSSR
Gemeinsame amerikanisch-sowjetische
Erklärung

SICHERHEITSPOLITIK

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Bush: USA müssen starke Verteidigung
beibehalten
Rede des Präsidenten beim Commonwealth Club

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�DEUTSCHLANDPOLITIK
14. Februar 1990

DISKUSSION ÜBER HILFE FÜR BEIDE
DEUTSCHEN STAATEN
Bilaterale Gespräche Außenminister Bakers in Ottawa

OTTAWA - (AD) - Einem amerikanischen Regierungsvertreter zufolge sondieren die Vereinigten Staaten
und mehrere andere Länder zur Zeit einen Mechanismus "zwei plus vier" für die Wiedervereinigung Deutschlands. Dabei würden die beiden deutschen Staaten
Lösungen für innere Probleme erarbeiten, während die
anderen vier Staaten ihnen bei ihren äußeren Problemen Hilfe leisten.
Die beiden deutschen Staaten würden sich inneren
juristischen, politischen und wirtschaftlichen Fragen
widmen. Die Unterstützung durch die vier ehemaligen
Besatzungsmächte - Großbritannien, Frankreich,
Sowjetunion und Vereinigte Staaten - würde sich auf
Fragen wie die deutsche Mitgliedschaft in der NATO
sowie den Verzicht auf Produktion und Besitz nuklearer, chemischer und biologischer Waffen erstrecken.
Ein amerikanischer Regierungsvertreter, der nach
Außenminister Bakers bilateralen Treffen mit Amtskollegen aus der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Rumänien, Polen und der Türkei am 12. Februar 1990 in Ottawa Journalisten über
diese Gespräche unterrichtete, erklärte, das Thema
der deutschen Einheit sei verschiedentlich in diesen
Diskussionen zur Sprache gekommen. Baker befindet
sich in Ottawa zu Gesprächen über Rüstungskontrolle
und sicherheitspolitische Vereinbarungen mit den
Au ßenministern der 23 Nationen, die an der Konferenz
"Offene Himmel" teilnehmen.
Der vorgeschlagene Mechanismus "zwei plus vier" ist
dem US-Regierungsvertreter zufolge "ein Beispiel für
zumindest eine Möglichkeit, um einige dieser legitimen
Sicherheitsinteressen zu behandeln, bei gleichzeitiger
Berücksichtigung der Prämisse, daß über die fundaAMERIKA DIENST 6

mentalen Fragen der deutschen Einheit vom deutschen Volk entschieden werden muß".
Auf Fragen zum Problem der Souveräntität erwiderte
der Regierungsvertreter, es sei zu erwarten, daß die
beiden deutschen Staaten im Zuge der Vereinigung
die volle Souveränität erlangen würden.
Die Frage der Vereinigung Deutschlands wurde aufgrund der für März in der Deutschen Demokratischen
Republik anberaumten Wahlen zum wichtigsten Tagesordnungspunkt, erklärte der US-Vertreter. Darüber hinaus habe dies viele dazu veranlaßt, ihrer Besorgnis über sicherheitspolitische Fragen sowie politische und wirtschaftliche Entwicklungen Ausdruck zu
verleihen sowie darüber, "wie sich diese in den umfassenderen europäischen Rahmen einordnen lassen".
Dem US-Vertreter zufolge ist es wichtig, daß in der
DDR freie und faire Wahlen abgehalten werden. "Ein
Schlüsselelement bei der Wiedervereinigung besteht
in einer legitimen Regierung in der DDR. Es ist unsere
feste Ansicht ..., daß eine legitime Regierung auf
Selbstbestimmung und der Zustimmung der Regierten
beruht", erklärte er.
"Dies ist zur Zeit eindeutig noch nicht der Fall."
Die Sowjets sind dem Regierungsvertreter zufolge
daran (am Prozeß der Erforschung) stark interessiert,
aber noch keine Verpflichtung für diesen Mechanismus eingegangen. Er beschrieb den sowjetischen
Ansatz als "sehr überlegt" und unverbindlich. Ferner
verwies er darauf, welche Bedeutung der Anerkennung der Sicherheitsinteressen der Sowjetunion zukommt. Moskau strebt Zusicherungen an, daß NATO-

Seite 1

�Truppen nach der Wiedervereinigung beider Teile
Deutschlands nicht weiter ostwärts vorrücken werden.
Die Sowjets erkennen dem Regierungsvertreter zufolge die Unvermeidbarkeit der Veränderungen im Hinblick auf Deutschland und sind daran interessiert, eine
"Rolle" bei der Gestaltung der Struktur zu spielen.
Der gesamte Prozeß muß "mit einer deutschen Entscheidung" und - so erklärte er - der Erkenntnis der
Deutschen beginnen, daß sie einen "Platz in einer
erweiterten Europäischen Gemeinschaft einnehmen
werde". Er verwies ferner darauf, Spekulationen darüber seien "verfrüht", welche Form sich aus den
gegenwärtig stattfindenden Diskussionen ergeben wird.
Der Regierungsvertreter vermittelte darüber hinaus
den Eindruck, diese Gespräche würden zu einem
Friedensvertrag führen.
Die vier Mächte haben nicht die Absicht, beide Teile
Deutschlands an der Einigung zu hindern, betonte er.
Er erklärte ferner, das gesamte Konzept des Prozesses bestehe darin, sechs Staaten zusammenzubringen, damit sie "ernsthafte Gespräche über Grundsatzfragen der Sicherheitspolitik führen".
Zur deutschen Mitgliedschaft in der NATO bemerkte
der Regierungsvertreter, das Bündnis sei ein freiwilli-

ger Zusammenschluß. "Natürlich wird das deutsche
Volk entscheiden müssen, wohin es gehören will",
erklärte er.
Der Vertreter erklärte, Bakers Gespräche mit Bundesaußenminister Genscher hätten ebenfalls die gerade
beendeten Besuche in die Sowjetunion behandelt und
die mit dem britischen Außenminister Hurd geführten
Diskussionen hatten unter anderem die Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE)
und die Entwicklungen in Südafrika zum Inhalt.
Die Gespräche zwischen Außenminister Baker und
dem rumänischen Außenminister Celac konzentrierten sich dem Regierungsvertreter zufolge auf Fragen
wie die Bedeutung freier Medien und den Status von
Minderheiten in Rumänien. Er erklärte, bei Bakers
Zusammenkunft mit dem französischen Außenminister Dumas seien außer Deutschland viele Themenkreise erörtert worden, darunter KSE, der Nahe Osten,
Namibia, Südafrika und das Konzept Offene Himmel.
Mit den polnischen Außenminister Skubiszewski diskutierte Baker dem Regierungsvertreter zufolge über
KSE, die wirtschafltiche Lage in Polen und die Schlußakte von Helsinki, und die mit dem türkischen Außenminister Yilmaz erörterten Themen umfaßten Bulgaren, KSE, Offene Himel und eine Lösung für Armenien.

* *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 6

�US - A U S S E N P O L I T I K
14. Februar 1990

BAKER RÜHMT DIE REVOLUTIONEN DER MACHT DES
VOLKES VON 1989
Außenminister Baker vor dem Obersten Sowjet
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor dem Ausschuß für internationale Angelegenheiten des Obersten
Sowjets erklärte US-Außenminister James Baker am 10. Februar 1990 in Moskau, er werde nunmehr Zeuge von
Revolutionen im Bewußtsein der Menschen, in den Beziehungen zwischen einzelnen Ländern und Zeuge der

Revolution "von Perestrojka, Glasnost und vor allem Demokratisierung" in der Sowjetunion. Er lobte in diesem
Zusammenhang die "Revolutionen der Macht des Volkes von 1989" und erklärte: "Heute beobachten wir die
Rückkehr der Vernunft."
Nachfolgend veröffentlichen wir Außenminister Bakers Rede im Wortlaut:

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder.
Sie erweisen mir und meinem Land eine große Ehre,
indem Sie mir Gelegenheit geben, heute hier sein zu
dürfen. Ich trete hier als Vertreter der Vereinigten
Staaten von Amerika auf. Aber ich bin auch ein Zeuge,
der von historischen Ereignissen kündet. Ich lege vor
Ihnen Zeugnis ab von einer Revolution - einer Revolution in den Beziehungen zwischen Menschen, einer
Revolution in den Beziehungen zwischen einzelnen
Ländern und einer Revolution im Bewußtsein der
Menschen. Präsident Bush und ich haben wiederholt
erklärt: Wir wünschen Ihnen bei Ihrer Revolution von
Perestrojka, Glasnost und vor allem Demokratisierung
Erfolg.
Denn wir werden in diesem Land wie auch in den
Ländern Mittel- und Osteuropas Zeuge einer Umwandlung im Verständnis des Menschen für den
Menschen. Vor Perestrojka und den Revolutionen der
Macht des Volkes von 1989 regierte das Zentrum der
Macht rücksichtslos, unbarmherzig und irrational - in
großer Angst, der Einzelne würde Ansprüche geltend
machen, in großer Angst, daß Vernunft und Wahrheit
über Dogmatismus und Lügen triumphieren würden.
Das Zentrum der Macht behielt sich - von tiefer Unsicherheit geleitet - alle Entscheidungen vor und beraubte damit das Volk seiner Wahlmöglichkeiten. Diese
Machtkonzentration trieb die Länder in die Armut, da

AMERIKA DIENST 6

sich das Zentrum aufblähte und das Volk immer mehr
verarmte.
In dieser auf den Kopf gestellten Welt, in dieser Welt
der Finsternis bei vollem Tageslicht haben Worte ihre
ursprüngliche Bedeutung verloren. Tatsächlich hat
vor vierundfünfzig Jahren die neue sowjetische Verfassung dieser Kammer die oberste Regierungsautorität im Land verliehen. Trotz der Tatsache, daß der
Oberste Sowjet im Sinne der Bedeutung des Wortes
das Volk regierte, wissen wir bedauerlicherweise alle,
daß es tatsächlich von jemand anderem regiert wurde.
Heute beobachten wir jedoch, daß Worte ihre Bedeutung wieder erlangen. Heute beobachten wir die
Rückkehr der Vernunft. Heute trete ich vor die Gründerväter einer neuen Sowjetunion - der neuen Sowjetunion, die Sie aufbauen.
Diese einmalige Gelegenheit, hier vor sie zu treten,
symbolisiert etwas, von dem ich hoffe, es wird ein
neues Zeitalter - nicht nur in der sowjetischen Politik,
sondern in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen - werden. In dem Maße, wie Sie - die gewählten
Vertreter des sowjetischen Volkes - die Macht des
Volkes bestätigen und Entscheidungen treffen, die ihm
zugute kommen, werden universelle, demokratische
Werte Wurzeln schlagen. Und die Verwurzelung dieser Werte in Institutionen wie dieser sichert Ihr Land

Seite 1

�auf eine Art und Weise gegen die Risiken der Vergangenheit, wie das kein einzelner Staatsmann, auch
nicht in bester Absicht - vollbringen kann. Ich habe
bereits am Dienstag in Prag meinen Freund Außenminister Schewardnadse mit den Worten zitiert: "Nur
eine fest verankerte Demokratie kann Garantien gegen Machtmißbrauch bieten und eine Nation vor Unterdrückung schützen."
Die Stärkung der Macht des Obersten Sowjets kann
ein Schritt zu solch einer fest verankerten Demokratie
sein. Das ist ein entscheidender Schritt, weil eine
funktionsfähige Legislative die Grundwerte der Demokratie verkörpert: Unantastbarkeit des einzelnen,
Respektierung abweichender Meinungen, Rechtsstaatlichkeit, weil Vernunft über Willkür der Tagespolitik
triumphiert und das Recht der Menschen, ihr Schicksal
durch frei gewählte Vertreter zu bestimmen. Der freie
Austausch von Ideen in einer öffentlichen und gesetzlich festgelegten Debatte mäßigt politische Leidenschaften und fördert die Lösung gesellschaftlicher
Probleme durch Dialog statt Gewalt. Auf diese Weise
und durch kritische Aufsichtsfunktionen trägt eine
Legislative dazu bei, daß die Regierung dem Volk
gegenüber rechenschaftspflichtig bleibt.
In meinem Land wird genau diese Aufgabe vom Kongreß übernommen: Er fordert von mir Rechenschaft
gegenüber dem amerikanischen Volk. Wiederholt jedenfalls zu oft zum Mitzählen - werde ich gebeten, in
den Ausschüssen von Senat und Repräsentantenhaus zu erscheinen. Wiederholt werde ich zu allem
befragt, vom Verhalten gegenüber dieser großen Nation
bis zu den Aktivitäten eines Angestellten in einem
kleinen Konsulat auf der anderen Seite der Erde.
Immer wieder begebe ich mich zum Capitol Hill, um
meiner Verpflichtung gegenüber dem Volk der Vereinigten Staaten nachzukommen.
Diese Verpflichtung untermauert meiner Ansicht nach
unsere Politik gegenüber der Sowjetunion. Wie ich
bereits erläuterte, haben Präsident Bush und ich bei
verschiedenen Gelegenheiten erklärt, daß wir Perestrojka den Erfolg wünschen. Zum Teil wünschen wir
dies, weil Perestrojka und das neue Denken eine
sowjetische Außen- und Sicherheitspolitik versprechen,
die grundsätzlich für das amerikanische Volk eine
geringere Bedrohung darstellen als die feindseligen
staiinistischen Ansätze der Vergangenheit. Dies liegt
natürlich im Interesse des amerikanischen Volkes.
Aber Perestrojka und insbesondere Glasnost und die
Demokratisierung tragen auch zu einer sowjetischen
Innenpolitik bei, die dem sowjetischen Volk die Freiheit
verschafft, die es verdient. Innerhalb von nur fünf
Jahren erfahren Ihre Völker Freiheit auf eine Weise zumindest in den Augen ausländischer Beobachter die in der sowjetischen Geschichte ihresgleichen sucht.
Daraus folgt, daß der Kemgedanke amerikanischer
Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion eine Suche
nach Bereichen beiderseitigen Vorteils ist, die zu
Seite 2

andauernden Verbesserungen in unseren Beziehungen führen werden. Wir können die amerikanischsowjetischen Beziehungen umgestalten, indem wir
uns von der Konfrontation abwenden und mittels Dialog zu Kooperation gelangen, wie Außenminister
Schewardnadse es formuliert hat. Eins möchte ich
klarstellen: Meinungsverschiedenheiten und Konflikte
werden bestehen bleiben. Aber die Feindseligkeiten
der Vergangenheit können durch Verständnis und
Einfühlungsvermögen ersetzt werden. Und auch wenn
wir keine Übereinstimmung erzielen, muß nicht jeder
Streit in eine Krise münden und nicht jede Krise die
Aussicht auf einen Krieg erhöhen. Im kalten Krieg
wurde jede Krise als gefährliche Bedrohung betrachtet. Im Frieden von morgen sollten wir uns daran
erinnern, daß jede Krise eine Chance beinhaltet - die
Chance, eine bessere Welt hervorzubringen.
Ich möchte jetzt die Bereiche erörtern, von denen wir
annehmen, daß sich dort zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion diese Punkte beiderseitigen Vorteils am produktivsten erzielen lassen.
Zunächst möchten wir in Europa mit der Sowjetunion
und anderen Ländern des Kontinents zusammenarbeiten, um die unnatürliche Teilung Europas zu beenden - und ein ungeteiltes und freies Europa hervorzubringen. Bei den Revolutionen von 1989 hat Präsident
Gorbatschows weitsichtige Politik der Nichteinmischung
wichtigen Einfluß auf eine sehr turbulente Situation
genommen. Gorbatschow hat die friedliche Versöhnung der Region gefördert, und seine Aktionen haben
eine entscheidende Rolle bei der Schaffung rechtmäßiger Regierungen gespielt. Diese rechtmäßigen
Regierungen sind der Schlüssel für Stabilität und Frieden. Ich habe bereits in Prag erklärt, daß es sich
hierbei um friedliche und demokratische Revolutionen
handelt. Wir sollten alle zusammenarbeiten, damit es
so bleibt.
Eine Möglichkeit, wie dieser Ausschuß des Obersten
Sowjets unserer Ansicht nach helfen kann, ist die
Aufnahme unseres Vorschlags, in diesem Frühjahr
Delegationen von KSZE-Beobachtern nach Mittel- und
Osteuropa zu entsenden. Beobachtergruppen können gewährleisten, daß freie und faire Wahlen stattfinden und die gewählten Regierungen tatsächlich rechtmäßig sind.
Zweitens streben wir mit unserer Diplomatie bei regionalen Konflikten nach politischen und nicht militärischen Lösungen für die unterschiedlichen Krisen, von
denen die Stabilität weiterhin weltweit bedroht wird.
Bei einigen Krisen, zum Beispiel im Süden Afrikas und
in Südostasien, machen wir Fortschritte. Aber wir sind
nach wie vor beunruhigt über die Waffen, die Ihre
Regierung denjenigen liefert, die militärische Lösungen für Konflikte in für uns entscheidenden Regionen
anstreben. Um es ganz offen zu sagen, das amerikanische Volk und seine Kongreßabgeordneten können
nicht verstehen, wie ihre Regierung es sich leisten

AMERIKA DIENST 6

�kann, Milliarden Rubel an Hilfe in Länder wie Kuba und
Nicaragua fließen zu lassen, damit diese subversive
Aktionen bei unseren demokratischen Nachbarn durchführen. Dies ist umso unverständlicher, da es zu einer
Zeit geschieht, da Ihr Volk die kärglichen Ressourcen
so nötig braucht. Eine der Funktionen, die unser
Kongreß sorgfältig ausübt, ist die Überprüfung des
Entwicklungshilfehaushalts insbesondere für kritische
Regionen. Wenn Sie mir erlauben, möchte ich darauf
hinweisen, daß Sie im Hinblick auf Militärhilfe für
Mittelamerika dasselbe tun sollten.

Wesen einer Demokratie, daß sie immer bestrebt sein
muß, alles besser zu machen. Aber wir verfügen über
große Erfahrung in vielen Bereichen, die wir mit Ihnen
teilen können, etwa bei der Umsetzung des Schutzes
der Rechte des einzelnen in gesetzliche Bestimmungen und der Institutionalisierung pluralistischer politischer Organisationen. Meiner Ansicht nach war die
Ablehnung bestimmter politischer oder rechtlicher Mittel
durch das Zentralkomitee der Partei, mit denen das
Machtmonpopol hätte erhalten werden können, ein
ungeheurer Schritt zur Demokratie in der Sowjetunion.

Drittens können wir bei der Rüstungskontrolle echte
Fortschritte erzielen, um nicht nur nukleare, sondern
auch konventionelle und chemische Waffen zu kontrollieren. Ein großer Teil meiner Zeit in Moskau war
diese Woche Verhandlungen oder dem START-Vertrag gewidmet - ein Vertrag, über dessen grundlegende Bestimmungen hoffentlich eine Einigung erzielt
wird, wenn unsere Präsidenten das nächste Mal zusammentreffen. Darüber hinaus können wir einen
beiderseitigen Vorteil durch ein KSE-Abkommen erlangen, das ein Gleichgewicht der Streitkräfte in Europa sicherstellen und ein stabileres und vorhersehbares
strategisches Verhältnis dort kodifizieren wird.

Fünftens haben wir mit Ihren Fachleuten erörtert, wie
wir technisch zusammenarbeiten können, um Ihr planwirtschaftliches System in ein Gefüge umzuwandeln,
das marktwirtschaftliche Züge trägt. Ein weiterer
Austausch wird hilfreich sein, aber damit die Zusammenarbeit floriert, müssen noch einige gesetzliche
Veränderungen durchgeführt werden.

Bei chemischen Waffen hat Präsident Bush einen
praktischen Vorschlag unterbreitet, der die beste
Möglichkeit für ein weltweites Verbot dieser schrecklichen Waffen bietet. Ich bin dankbar, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion heute eine gemeinsame Verlautbarung über die Schlüsselelemente der
Initiative des Präsidenten veröffentlicht haben. Wir
möchten darüber hinaus beim Problem der Weiterverbreitung von Raketen an Länder der Dritten Welt mit
Ihrer Regierung effektiver zusammenarbeiten.
Langfristig wird Sicherheit verbessert, wenn Militärhaushalte öffentlich sind. In Prag habe ich vorgeschlagen, daß wir Möglichkeiten innerhalb der KSZE erwägen, um die Militärhaushalte aller 35 KSZE-Länder
öffentlich zugänglich zu machen. Ausschüsse der
Legislative wie dieser müssen eine entscheidende
Rolle spielen, um sicherzustellen, daß das Geld aller
vernünftig ausgegeben wird.
Viertens könnten wir Ihnen etwas für Ihren Versuch
anbieten, einen Staat auf der Grundlage von Rechtsstaatlichkeit aufzubauen. Ich behaupte nicht, daß die
amerikanische Demokratie perfekt ist. Es liegt im

* *

AMERIKA DIENST 6

Wir müssen ferner unsere Zusammenarbeit bei der
Bekämpfung von Umweltproblemen intensivieren, die
das Wohlergehen aller bedrohen.
In diesen fünf Bereichen können wir Punkte beiderseitigen Vorteils für das sowjetische wie für das amerikanische Volk finden. Ich kann Ihnen nicht versprechen
- das kann niemand -, daß dieses Streben nach
Zusammenarbeit immer Früchte tragen wird. Aber
eins kann ich sagen. Das amerikanische Volk und das
Volk der Sowjetunion haben großen Respekt vor den
Leistungen des anderen. Jeder von uns ist Erbe
großer historischer und kultureller Traditionen. Dennoch haben wir vierzig Jahre lang einen kalten Krieg
gegeneinander geführt.
Jetzt ist es an der Zeit, das Vermächtnis der Konflikte
aufzugeben. Heute sehen wir uns in einer sich rasch
wandelnden Welt anderen Konflikten gegenüber.
Gemeinsam müssen wir versuchen, uns besser zu
verstehen. Gemeinsam müssen wir versuchen, wenn
möglich Übereinstimmung zu erzielen und auf der
Grundlage dieser Übereinstimmung zusammenzuarbeiten. Und wir müssen gemeinsam nach Möglichkeiten zur Erweiterung der Kooperation suchen.
Jetzt ist es an der Zeit, ein neues Erbe anzutreten.
Jetzt ist es an der Zeit, den kalten Krieg zu überwinden.
Ich danke Ihnen.

* *

*

Seite 3

�US-AUSSENPOLITIK
14. Februar 1990

BEACHTLICHE FORTSCHRITTE ZWISCHEN
USA UND UdSSR
Gemeinsame amerikanisch-sowjetische Erklärung
WASHINGTON - (AD) - In einer am 10. Februar 1990 in Moskau im Anschluß an das zweitägige Treffen zwischen
dem amerikanischen Außenminister James A. Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Eduard A.
Schewardnadse abgegebenen gemeinsamen Erklärung ist von "beachtlichen Fortschritten" die Rede, die im
Verlauf des Treffens im amerikanisch-sowjetischen Verhältnis erzielt wurden.
Der Erklärung zufolge wurden "zu mehreren Punkten der Tagesordnung spezielle Übereinkünfte erarbeitet",
unter anderem in folgenden Bereichen:
Lösung zahlreicher Fragen, um die Unterzeichnung eines Vertrags über die Verringerung strategischer
Rüstungen beim bevorstehenden Juni-Gipfel in Wahington zu ermöglichen,
grundsätzliche Übereinstimmung bezüglich eines Treffens der 35 KSZE-Nationen im Jahr 1990 sowie
Unterstützung von Entwicklungen in den Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, von denen sowohl die
Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion profitieren können.
Die gemeinsame Erklärung sieht darüber hinaus einen fruchtbaren Gedankenaustausch über regionale Probleme wie Mittelamerika, Afghanistan, Korea, Kambodscha, den Nahen Osten und Afrika vor.
Nachfolgend veröffentlichen wir die gemeinsame amerikanisch-sowjetische Erklärung im Wortlaut.

Im Rahmen der Vorbereitungen für das für Juni dieses
Jahres in Washington anberaumte Gipfeltreffen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
kamen der amerikanische Außenminister James A.
Baker und sein sowjetischer Amtskollege Eduard A.
Schewardnadse von 7. bis 9. Februar 1990 in Moskau
zu Gesprächen zusammen. Ausgehend von ihrem
gemeinsamen Ziel, ein von Stabilität, konstruktivem
Denken und Kooperation geleitetes Verhältnis aufzubauen, erörterten sie ein breites Spektrum von Themenkomplexen auf der amerikanisch-sowjetischen
Tagesordnung. Der Außenminister wurde darüber
hinaus von Staats- und Parteichef Gorbatschow zu
einem offenen, breitgefächerten Gedankenaustausch
empfangen.
Die beiden Außenminister erörterten die Entwicklungen im amerikanisch-sowjetischen Verhältnis seit dem
Ministertreffen in Wyoming und dem Gipfel vor Malta

AMERIKA DIENST 6

zwischen Präsident Bush und Staats- und Parteichef
Gorbatschow. Sie prüften die Aussichten für das
Gipfeltreffen unter besonderer Berücksichtigung der
Ziele und Prioritäten, wie sie von den beiden Politikern
in Malta formuliert worden waren.
Die beiden Außenminister stellten mit Genugtuung die
Fortschritte fest, die im amerikanisch-sowjetischen
Verhältnis erzielt worden sind. Obwohl zwischen
beiden Seiten noch bestimmte gravierende Meinungsverschiedenheiten bestehen, ist ihr Verhältnis zunehmend von Verständnis, Zusammenarbeit und der Suche
nach beiderseitigen Vorteilen gekennzeichnet. Beide
Außenminister vertreten die Auffassung, ein freimütiger Dialog und anhaltende Bestrebungen zur Erarbeitung praktikabler und konkreter Lösungen werde die
beachtlichen Fortschritte noch vergrößern, die bis
heute zu verzeichnen waren.

Seite 1

�In dieser Hinsicht war das Ministertreffen in Moskau
ein nützlicher und wichtiger Schritt bei der Vorbereitung eines produktiven Gipfeltreffens. Die hochrangigen Gespräche wurden durch Arbeitsgruppen von
Experten für Rüstungskontrolle, regionale Konflikte,
Menschenrechte, grenzüberschreitende und bilaterale Themen sowie einer privaten Beratergruppe für
Wirtschaftsfragen ergänzt. Zu mehreren Punkten der
Tagesordnung wurden spezielle Übereinkünfte erarbeitet.

Die amerikanische Seite unterbreitete neue Vorschläge zur Verifizierung mobiler ICBMs, Vertragsdauer,
zeitlichen Abfolge der Reduzierungen sowie zusätzlichen Gefechtsköpfen für zukünftige Typen ballistischer Raketen. Die sowjetische Seite machte neue
Vorschläge zur Einhaltung. Die beiden Außenminister
wiesen ihre Unterhändler an, diese neuen Vorschläge
zu erörtern und die Bestrebungen zur Beilegung noch
bestehender Meinungsverschiedenheiten beim Vertragstext und den Zusatzprotokolle zu beschleunigen.

I

Beide Seiten erörterten die Wiener Verhandlungen
über Konventionelle Streitkräfte in Europa und bekräftigten ihre Entschlossenheit zum baldmöglichen Abschluß eines Vertrags im Jahr 1990. Die Seiten
diskutierten den von Präsident Bush am 31. Januar
1990 unterbreiteten Vorschlag zur Mannschaftsstärke
und den Vorschlag der NATO zu Flugzeugen vom
gleichen Tag. Als Ergebnis der Moskauer Gespräche
konnte eine Annäherung der Positionen zur Mannschaftsstärke verzeichnet werden. Beide Seiten einigten sich, ihre Gespräche im Rahmen der Wiener
Verhandlungen und bei der Ministerkonferenz "Offene
Himmel" in Ottawa fortzusetzen.

Die beiden Außenminister führten einen eingehenden
Gedankenaustausch über Probleme der Rüstungskontrolle und Abrüstung. Im Hinblick auf den Vertrag
über den Abbau und die Begrenzung strategischer
Offensivwaffen (START) bekräftigten sie ihr gemeinsames Ziel, bis zum Juni-Gipfel alle größeren Probleme zu lösen, um die Unterzeichnung des Vertrags bis
zum Ende des Jahres zu ermöglichen. Um dieses Ziel
voranzutreiben, einigten sich beide Seiten in einer
Reihe von Bereichen, beziehungsweise tauschten neue
Vorschläge aus.
Bei luftgestützten Marschflugkörpern (ALCMs) erzielten beide Seiten beachtliche Fortschritte mit einem
umfassenden Ansatz und einigten sich in allen ausstehenden Fragen, mit Ausnahme der Obergrenzen für
Reichweiten.
Darüber hinaus konnten auch bei seegestützten Marschflugkörpern (SLCMs) gute Fortschritte verzeichnet
werden. Beide Seiten einigten sich darauf, daß solche
Raketen für die Dauer des START-Vertrags durch
parallele, politisch bindende Erklärungen abgedeckt
werden. Die beiden Außenminister vereinbarten die
Erörterung der ausstehenden Fragen bezüglich SLCMs
bei den Genfer Verhandlungen.
Beide Seiten erzielten Einigung bezüglich zahlenmäßiger Obergrenzen für nichtstationierte ballistische
Raketen und die zugehörigen Gefechtsköpfe für alle
ICBMs des Typs, bei dem die Flugerprobung von
mobilen Abschußvorrichtungen aus vorgenommen
wurde. Andere nichtstationierte ballistische Raketen,
nichtstationierte Marschflugkörper und nichtstationierte schwere Bomberwaffen fallen unter keine zahlenmäßige Obergrenze. Ferner einigten sich die Seiten
auf Regeln bezüglich des Standorts und der Verlagerung aller nichtstationierten ballistischen Raketen.
Ferner vereinbarten beide Seiten wesentliche Bestandteile der Regeln für die Gewährleistung der Offenlegung telemetrischer Daten bei der Flugerprobung
für die unter START fallenden ballistischen Raketen.
Die Bestimmungen werden in den START-Vertrag
einbezogen, jedoch bereits zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung durch den Austausch von Schriftstücken verwirklicht.

Seite 2

Die beiden Außenminister führten intensive Gespräche über ihr Vorgehen bei ihrem gemeinsamen Ziel, im
Rahmen der Genfer Verhandlungen ein weltweites
Verbot der Entwicklung, Produktion, Lagerung und
des Einsatzes chemischer Waffen sowie deren Vernichtung durchzusetzen. Sowohl die amerikanische
als auch die sowjetische Delegation in Genf waren
angewiesen, Mittel und Wege praktischer Zusammenarbeit bei der Beseitigung chemischer Waffen zu erarbeiten. Beide Seiten gaben jeweils eine detaillierte
Erklärung zu chemischen Waffen ab.
In Gesprächen zur nuklearen Erprobung konnten auf
beiden Seiten Fortschritte bei der Lösung noch offener
Fragen verzeichnet werden. Ihrer Ansicht nach ist die
Vervollständigung der Verifizierungsprotokolle zu den
Schwellenverträgen von 1974 und 1976 zur Unterzeichnung beim Gipfeltreffen realistisch. Beide Seiten
einigten sich auf das Recht zur gleichzeitigen Anwendung von hydrodynamischen seismischen Messungen der Sprengkraft im jeweils anderen Land. Darüber
hinaus wurden einige traditionelle Probleme bezüglich
der Durchführung der hydrodynamischen Methode zur
Sprengkraftmessung gelöst. Beide Seiten legten die
drei seismischen Stationen im jeweiligen Land fest, in
denen die seismischen Sprengkraftmessungen vor
Ort vorgenommen werden sollen. Beide Seiten bekräftigten die Einhaltung der im September 1987 erzielten Übereinkunft im Hinblick auf die Verhandlungen über nukleare Erprobung.
Beide Außenminister brachten ihre Hoffnung zum
Ausdruck, daß die Konferenz "Offene Himmel" in
Ottawa - an der beide teilnehmen werden - erfolgreich

AMERIKA DIENST 6

�sein und zu einem baldigen Abkommen führen wird.
Ihrer Ansicht nach können Regeln bezüglich des
"Offenen Himmels" einen echten Beitrag zu Offenheit,
Transparenz und Stabilität leisten.
Beide Außenminister verwiesen auf die jüngsten
Konsultationen zwischen ihren Experten für chemische Waffen, Nichtweiterverbreitung, Raketentechnologiekontrolle und die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen. Sie einigten sich auf die Vorbereitung eines
Dokuments als Entscheidungshilfe für ihre jeweiligen
Regierungschefs, das sowohl die Grundsätze als auch
konkrete Schritte der Zusammenarbeit in allen Bereichen der Nichtweiterverbreitung chemischer Waffen,
Raketen und Atomwaffen abdeckt.
Beide Seiten führten Gespräche über das Problem der
Nichtweiterverbreitung von Raketen und Raketentechnologie. Sie verwiesen darauf, daß beide Seiten die
Exportrichtlinien der bestehenden Bestimmung für
Raketen einhalten, von der Raketen mit der Fähigkeit
zum Abschuß von mindestens 500 Kilogramm Nutzlast in einer Reichweite von mindestens 300 Kilometern erfaßt werden. Darüber hinaus einigten sie sich
auf die Fortführung der gemeinsamen Gespräche über
dieses Problem in der verbleibenden Zeit bis zum
Ministertreffen.
II
Bezüglich regionaler Probelem führten die beiden
Außenminister einen fruchtbaren und detaillierten
Gedankenaustausch. Sie bekräftigten ihre Unterstützung umfassender politischer, auf uneingeschränkte
nationale Aussöhnung gegründeter Schlichtungsverfahren, mit denen die friedliche Beilegung regionaler
Konflikte weltweit erleichtert werden könnte. Sie räumten noch bestehende Meinungsverschiedenheiten bei
einigen Fragen ein, verpflichteten sich jedoch zur
Fortsetzung der Arbeit in dieser Angelegenheit, um die
Differenzen weiter einzugrenzen. Beide Seiten hoben
die positive Rolle der Vereinten Nationen bei der
Beilegung mehrerer internationaler Konflikte hervor
und verwiesen auf die Notwendigkeit zu weiterer Intensivierung der Arbeit der Vereinten Nationen in diesem
Bereich.
Im Hinblick auf Mittelamerika bekräftigten die Außenminister die Bedeutung der Verwirklichung aller Aspekte des Esquipulas-Vertrags und der nachfolgenden
Abkommen. Beide Seiten kamen überein, daß die
Lösung der Konflikte in der Region gemäß Esquipulas
zum Abbau von Spannungen und zum Vorteil aller
Staaten beitragen würde. Sie wiederholten, daß kein
mittelamerikanisches Land auf seinem Territorium die
Unterstützung von Guerrillas gestatten darf und bekräftigten ihre Unterstützung für den Appell der mittelamerikanischen Präsidenten zur Beendigung der Militärhilfe an die Guerrillas durch Staaten außerhalb der
Region. Beide Seiten verwiesen auf die Bedeutung
unparteiischer und effektiver internationaler Beobach-

AMERIKA DIENST 6

tung des Wahlprozesses in Nicaragua. Sie verpflichteten sich zur Respektierung der Ergebnisse freier und
fairer Wahlen in Nicaragua und dazu, die Wahrung von
demokratischem Pluralismus und Menschenrechten
durch die gewählte Regierung zu unterstützen.
Beide Seiten betonten ihre uneingeschränkte Unterstützung für eine - wie in der Erklärung von San Isidoro
geforderte - ausgehandelte politische Lösung des
Konflikts in El Salvador. Sie verpflichteten sich zur
Unterstützung der Bestrebungen des Generalsekretärs der Vereinten Nationen zur Gewährleistung eines
dauerhaften Waffenstillstands und neuerlichen Verhandlugnen in El Salvador sowie für wirksameren
Einsatz des UNO-Apparats zur Überwachung der
Einhaltung bestehender und zukünftiger Abkommen in
Mittelamerika.
Beide Seiten führten konstruktive Gespräche über die
Bedingungen für eine politische Lösung in Afghanistan, einschließlich der Notwendigkeit einer Übergangsphase für einen nationalen afghanischen Dialog,
die Selbstbestimmung des afghanischen Volkes und
die Gründung einer auf eine breite Grundlage gestellten Regierung, die den friedlichen, unabhängigen und
blockfreien Status Afghanistans gewährleisten könnte. Sie kamen überein, die Erörterung von Themen im
Zusammenhang mit einer Lösung in Afgahnistan in
absehbarer Zukunft auf Expertenebene fortzusetzen.
Die beiden Außenminister sprachen über den Pazifik
und Nordostasien. Sie kamen überein, in Kürze
amerikanisch-sowjetische Konsultationen zu diesen
Themen abzuhalten. Sie verliehen dem Wunsch
Ausdruck, die Spannungen auf der koreanischen
Halbinsel abzubauen und den Dialog zwischen Nordund Südkorea zu unterstützen. Die sowjetische Seite
stellte fest, daß eine Vereinbarung zwischen der
Demokratische Volksrepublik Korea und der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) über nukleare Sicherheit schon bald abgeschlossen werden
kann. Die amerikanische Seite verlieh dem Wunsch
Ausdruck, daß dieses Abkommen in Kürze geschlossen und gewissenhaft befolgt werden möge.
Beide Seiten bekräftigten ihre Bereitschaft, die Herbeiführung einer umfassenden politischen Lösung in
Kambodscha zu erleichtern. Sie gehen davon aus,
daß der Schlüssel für eine Lösung des Problems darin
besteht, die Selbstbestimmung des kambodschanischen Volkes durch freie und faire Wahlen unter
Aufsicht der Vereinten Nationen zu gewährleisten. Die
beiden Außenminister erklärten ihre Unterstützung für
eine erweiterte Rolle der UNO in Kambodscha. Sie
stimmten überein, daß Vertreter der fünf ständigen
Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates weitere Konsultationen über die Rolle der UNO führen sollten. Ferner
unterstrichen sie die Notwendigkeit einer Intensivierung der diplomatischen Bemühungen aller Parteien,
um den Schwerpunkt vom Schlachtfeld an den Verhandlungstisch zu verlagern und die Roten Khmer

Seite 3

�daran zu hindern, erneut die Macht zu ergreifen. Dazu
zählt auch die Unterstützung eines Moratoriums für
ausländische Militärhilfe an alle kambodschanischen
Fraktionen als Teil einer umfassenden Lösung. Die
beiden Außenminister drückten die Hoffnung aus, daß
das bevorstehende informelle Treffen in Jakarta bei
der Suche nach einer Lösung für den KambodschaKonflikt beitragen wird.

schiedener politischer Organisationen. 1990 könnte
ein wichtiges Jahr beim weiteren Abbau der Apartheid
und auf dem Weg zu einer demokratischen, nicht auf
Rassenzugehörigkeit gegründeten Nation werden. Sie
ermutigen alle Parteien zur Aufnahme von Verhandlungen, denn nur durch Verhandlungen wird es in
Südafrika echte und unumkehrbare Veränderungen
geben.

Die Außenminister bekräftigten die Notwendigkeit eines
aktiven Friedensprozesses im Nahen Osten, einschließlich der Bemühungen zur Einleitung eines palästinensisch-israelischen Dialogs, der zu einer umfassenden
politischen Lösung führt, an der alle einschlägigen
Parteien auf der Grundlage der Resolutionen 242 und
338 des UNO-Sicherheitsrats beteiligt sind. Sie verständigten sich darauf, die bilateralen Konsultationen
zu diesen Fragen fortzuführen.

III

Beide Seiten bekräftigten ihre Überzeugung von der
Notwendigkeit einer vollständigen Umsetzung der
Vereinbarungen von Taif. Sie unterstützen die Bemühungen des Dreier-Ausschusses der Arabischen Liga.
Sie bestätigten ihre Unterstützung für die nationale
Einheit und die rechtmäßig gewählte Führung des
Libanon.
Beide Seiten forderten erneut eine politische Lösung
des Konflikts zwischen Iran und Irak auf der Grundlage
der vollständigen Verwirklichung der Resolution 598
des UNO-Sicherheitsrats und verliehen ihrer Entschlossenheit Ausdruck, weiterhin den Generalsekretär der
Vereinten Nationen bei der Erfüllung seiner Friedensmission zu unterstützen.
Die beiden Außenminister nahmen die Entwicklung in
Namibia mit Befriedigung zur Kenntnis, die auf die
Herbeiführung der vollständigen Unabhängigkeit unter
demokratischen Verhältnissen, in Frieden und Stabilität gerichtet ist und erkannten die wichtige Rolle der
Vereinten Nationen bei der Verwirklichung dieses Ziels
an. Sie äußerten sich besorgt darüber, daß sich der
Friedensprozeß in Angola weiter verlangsamt und
forderten die Einstellung der Feindseligkeiten sowie
Verhandlungen zwischen den Parteien mit dem Ziel,
eine dauerhafte politische Lösung zu finden.
Beide Seiten verliehen ihrer Besorgnis über die wachsende Drohung einer Hungersnot in Äthiopien Ausdruck und forderten die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, sich erneut zur Bewältigung dieses
tragischen humanitären Problems zusammenzuschließen. In der Erkenntnis, daß die inneren Konflikte in
Äthiopien nicht militärisch beigelegt werden können,
bekräftigten sie gleichzeitig ihre Unterstützung einer
politischen Lösung durch Verhandlungen.
Die beiden Minister begrü ßten die neue Entwicklung in
Südafrika, insbesondere die Erklärung von Präsident
De Klerk über die Freilassung politischer Häftlinge
sowie die Aufhebung des Verbots der Tätigkeit ver-

Seite 4

Die beiden Außenminister führten ein breitgefächertes
Gespräch über die Entwicklungen in Europa. Sie
bekräftigten die Schlüsselrolle des KSZE-Prozesses
bei der Entwicklung eines neuen Europas. Sie verständigten sich prinzipiell über die Abhaltung eines
Gipfeltreffens der 35 KSZE-Staaten im Jahr 1990. Ein
solches Treffen böte einen Anlaß zur Unterzeichnung
eines KSE-Abkommens und wäre eine Vorstufe für
das bereits vereinbarte Gipfeltreffen in Helsinki im Jahr
1992.
IV
Die Außenminister und ihre Experten führten eine
gründliche und sehr positive Diskussion über Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten. Es
gab einen breitgefächerten Meinungsaustausch über
Ein- und Ausreisepolitik und andere rechtliche Praktiken. Die sowjetische Seite bekräftigte ihre Absicht, in
Kürze ein neues Ausreisegesetz zu verabschieden.
Beide Seiten überprüften zustimmend geplante oder
bereits bestehende Programme zur Förderung eines
besseren Verständnisses der Institutionen, Gesetzgebung und Praktiken im Bereich der Menschenrechte
und humanitären Angelegenheiten im jeweils anderen
Land.
Beide Seiten unterstrichen die Notwendigkeit, internationalen Vereinbarungen und Normen im Bereich der
Menschenrechte wahrhaft universellen Charakter zu
verleihen und sicherzustellen, daß nationale Gesetze
und Praktiken mit diesen in Einklang stehen. Sie
stimmten überein, daß die bilaterale Zusammenarbeit
im Bereich Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten nunmehr zu einer Zusammenarbeit in multilateralen Foren erweitert werden kann, um die Sache
der Menschenrechte weltweit voranzutreiben. Mit
Blick auf das bevorstehende KSZE-Treffen über die
menschliche Dimension in Kopenhagen und darüber
hinaus verständigten sich beide Seiten femer, untereinander und mit anderen teilnehmenden Staaten einen
Gedankenaustausch über die vorzunehmenden Schritte zu führen, um die Passagen über die menschliche
Dimension in der Schlußakte von Helsinki und den
später verabschiedeten Schlußdokumenten praktische
Wirksamkeit zu verleihen. Beide Seiten sprachen
darüber hinaus über Maßnahmen, um die Effektivität
des Systems der Vereinten Nationen und anderer
internationaler Gremien im Bereich Menschenrechte
und humanitäre Angelegenheiten zu fördern
AMERIKA DIENST 6

�V

VI

Die Minister nahmen mit Befriedigung den Ausbau des
amerikanisch-sowjetischen Dialogs über transnationale Fragen zur Kenntnis. Beide Seiten unterstrichen
die Bedeutung der für das Jahr 1992 anberaumten
UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung, die
eine reale Möglichkeit zur Behandlung eines weltweiten Aktionsprogramms im Bereich Umweltschutz bietet. Beide Seiten waren sich über die Bedeutung einer
internationalen Rahmenkonvention zur Veränderung
des Erdklimas sowie über die Untersuchung konkreter
Vorschläge zur langfristigen Beobachtung von Umwelt
und Umweltverschmutzung einig. Sie diskutierten
über neue Ansätze für die intensivierte und erweiterte
bilaterale Zusammenarbeit im Umweltbereich, einschließlich Konsultationen hochrangiger Experten.
Ferner sprachen sie über eine verstärkte Zusammenarbeit bei der Erforschung von Arktis und Weltraum.
Sie brachten ihre Bereitschaft zum Ausdruck, die
Zusammenarbeit bei der Vorhersage von Naturkatastrophen und deren Milderung zu verstärken und
schlugen baldige technische Konsultationen beim
Katastrophenschutz vor.

Zu den bilateralen Beziehungen wurde eine breite und
sachliche Diskussion über Fragen des Handels und
der wirtschaftlichen Zusammenarbeit geführt. Beide
Seiten bekräftigten ihre Unterstützung für die Entwicklung beiderseitig vorteilhafter Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. In dieser Hinsicht verwiesen sie auf die
Notwendigkeit zur Durchführung der beim Treffen von
Malta vereinbarten Initiativen.

Die Minister waren sich über die Bedeutung konkreter,
praktischer Maßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus einig. Darüber hinaus kamen sie überein, daß
das nächste Expertentreffen zur Fortführung des Dialogs über Terrorismusbekämpfung im März stattfindet
und dabei unter anderem beiderseitige Maßnahmen
zur Verhinderung und Bekämpfung terroristischer Akte
gegen den Luftverkehr zwischen beiden Ländern
besprochen werden sollen.
Beide Seiten äußerten den Wunsch, die illegale Herstellung und den Handel mit Drogen abzubauen. Sie
verständigten sich darauf, ihre gemeinsame praktische Arbeit zur Umsetzung der Regierungsvereinbarung von 1989 über die Bekämpfung des Drogenhandels zu intensivieren. Überdies untersuchten sie Bereiche für eine Ausweitung der Zusammenarbeit, etwa
bei der Behandlung Drogenabhängiger und der Verhinderung des Drogenmißbrauchs. Beide Seiten waren
sich über die Nützlichkeit konstruktiver Zusammenarbeit in den Vereinten Nationen bei Drogenangelegenheiten einig und beabsichtigen, den Erfolg der Ende
Februar stattfindenden Sondersitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum Drogenproblem zu fördern.
Beide Seiten nahmen die Bedeutung von Bemühungen ständiger Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats zur
Kenntnis, ein baldiges Abkommen über gegenseitig
annehmbare Bedingungen bezüglich der Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofs zu erlangen.
Beide Seiten brachten ihre Unterstützung für die regelmäßige Fortführung der amerikanisch-sowjetischen
Gespräche über U NO-Fragen zum Ausdruck, die Wege
zur weiteren Verbesserung der Effektivität dieser universellen internationalen Organisation eröffnen sollen.
AMERIKA DIENST 6

Sie bekräftigten ihr Engagement für den Abschluß
eines Handelsabkommens bis zum Gipfeltreffen im
Juni, wie in Malta vereinbart. Beide Seiten besprachen
Pläne, in naher Zukunft Verhandlungen über einen
bilateralen Investitions- und Steuervertrag aufzunehmen.
Beide Seiten überprüften ferner den Stand der Verhandlungen über ein Seeverkehrsabkommen, ein
erweitertes Zivilluftfahrtabkommen und ein Getreideabkommen. Sie stellten fest, daß - vorbehaltlich weiterer
Fortschritte - einige dieser Abkommen bis zum Gipfel
abschlußreif sein werden. Sie wollen diese Arbeit
unterstützen.
Beide Seiten überprüften den Stand der Projekte technischer Zusammenarbeit, die beim Gipfel vor Malta
vorgeschlagen wurden, und die bisher erzielten Fortschritte.
Beide Seiten diskutierten ferner über einen sowjetischen Beobachterstatus beim GATT. Die amerikanische Seite bekräftigte ihre bereits in Malta geäußerte
Haltung zu dieser Frage. Beide Seiten sprachen über
die Aussichten für eine sowjetische Zusammenarbeit
mit der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Sie nahmen ferner die
von der Bonner Wirtschaftskonferenz gebotenen
Chancen zur Kenntnis.
Die Minister nahmen eine detaillierte Bestandsaufnahme der bilateralen amerikanisch-sowjetischen Tagesordnung vor und analysierten die qualitativen Veränderungen, die sich im Bereich der Zusammenarbeit
vollziehen. Sie nahmen einen Bericht ihrer Experten
über die Umsetzung des beim Außenministertreffen in
Wyoming verabredeten Arbeitsprogramms entgegen
sowie über den Stand der anhaltenden Verhandlungen
und Konsultationen über spezielle bilaterale Themen.
Die Experten auf beiden Seiten wurden angewiesen,
den Verhandlungsprozeß zu intensivieren, um neue
Vereinbarungen über bilaterale Zusammenarbeit bis
zum Gipfeltreffen im Juni fertigzustellen.
Die Minister äußerten sich befriedigt über die Fortschritte bei den Gesprächen über die Errichtung von
Kulturzentren in den beiden Hauptstädten. Beide
Seiten bekräftigten ihre Absicht, im Lauf dieses Jahres
die auf höchster Ebene getroffene Entscheidung zur
Einrichtung von Generalkonsulaten in Kiew und New
York zu verwirklichen.
Seite 5

�Beide Seiten vereinbarten, die Gespräche über die
beim Gipfeltreffen vor Malta vorgelegten Initiativen
über einen erweiterten Studentenaustausch fortzuführen.
Die Außenminister bekräftigten die Nützlichkeit eines
regelmäßigen Dialogs auf allen Ebenen - einschließlich der Ministerebene - zur Behandlung und Lösung
von Problemen der amerikanisch-sowjetischen Zusammenarbeit. In Zusammenhang mit den Vorbereitungen für das Gipfeltreffen im Juni kamen sie überein,
ihr nächstes Treffen in Washington zu veranstalten.

* * * *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 6

�SICHERHEITSPOLITIK
14. Februar 1990

BUSH: USA MÜSSEN STARKE VERTEIDIGUNG
BEIBEHALTEN
Rede des Präsidenten beim Commonwealth Club
SAN FRANCISCO - (AD) - Obwohl "ein Ende des kalten Krieges in greifbare Nähe gerückt ist", sprach sich
Präsident Bush in einer Rede beim Commonwealth Club in San Francisco am 7. Februar 1990 für die
Aufrechterhaltung einer starken Verteidigung der Vereinigten Staaten aus, "um sowohl einen Weltkrieg als auch
begrenzte Konflikte unter neuen Bedingungen abzuschrecken". Er verwies darauf, daß die Sowjetunion immer
noch über 560 000 Truppen in Europa und zwei neue mobile Interkontinentalraketen (ICBMs) stationiert hat
sowie über 10 000 strategische Waffen modernisiert.
"Das Weltgeschehen hat eine solche Dynamik entwickelt, daß man einfach nicht mit absoluter Sicherheit
vorhersagen kann, was als nächstes passieren wird", erklärte Bush. "Unsere Herausforderung besteht darin,
diese Übergangsphase der Welt von heute zur Welt von morgen bei gleichzeitiger Gewährleistung der Sicherheit
der Vereinigten Staaten in den Griff zu bekommen." Der Präsident verwies darauf, daß er den beiderseitigen
Abbau der Truppenstärke in Mitteleuropa auf 195 000 Mann vorgeschlagen habe, da "ein solcher Gleichstand
die weniger bedrohliche Zukunft ermutigt, die wir uns vorstellen und die zu berechtigten Hoffnungen Anlaß gibt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von Präsident Bush im Wortlaut.

Ich bin nach Kalifornien gekommen, um Ihnen eine
freimütige und hoffnungsvolle Botschaft über unsere
nationale Sicherheit zu übermitteln. Gestern habe ich
mich in Fort Irwin auch bei unseren Mitbürgern in
Uniform bedankt - nicht nur, weil sie zur Sicherheit und
Freiheit der Vereinigten Staaten beitragen, sondern
auch die positiven Veränderungen ermöglichen, die
derzeit weltweit stattfinden.
Ich wünschte, Sie hätten bei mir sein können, als ich
mit den jungen Soldaten gesprochen habe. Es ist
offensichtlich, warum unsere Gemeinsamen Stabschefs
mir immer wieder versichern, daß unsere Teilstreitkräfte über die besten, engagiertesten jungen Männer
und Frauen verfügen, die je in Uniform gedient haben.
Während sich die Bedrohung der amerikanischen
Sicherheit verlagert, muß eine Anpassung unserer
Verteidigungsstrategie vorgenommen werden. Im Jahr
1986 beliefen sich die Verteidigungsausgaben auf 6,3
Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Wie Sie wissen, habe ich dem Kongreß gerade meinen Haushaltsentwurf für 1991 vorgelegt, in dem im fünften aufeinan-

AMERIKA DIENST 6

derfolgenden Jahr eine Kürzung der Verteidigungsausgaben vorgenommen wurde, die jetzt nur noch 5
Prozent des BSP betragen.
Diese Haushaltsvorlage fällt in eine Zeit, in der sich die
bisher gekannte Nachkriegszeit - die Welt, die im Jahr
1945 begann - vor unseren Augen verändert. Um den
von uns eingeschlagenen Kurs verständlich zu machen, möchte ich zunächst Bilanz ziehen.
Die erste Politikergeneration in der freien Welt der
Nachkriegszeit hatte das warnende Beispiel ihrer
Vorgänger vor Augen. Sie erinnerte sich daran, daß
dem großen Krieg - dem Krieg, der das Ende aller
Kriege bedeuten sollte - Chaos und Konflikte folgten.
Sie erinnerte sich daran, daß weitsichtige Staatsmänner nach dem Ersten Weltkrieg versucht hatten, die
Zahl der Seestreitkräfte zu begrenzen - und sogar den
Krieg selbst ächteten. Aber bald wurden diese großen
Hoffnungen angesichts unkontrollierter Aggression
zunichte gemacht. Und kein Pakt konnte den Zweiten
Weltkrieg verhindern.

Seite 1

�Bis zum Jahr 1945 hatten unsere politisch Verantwortlichen einen aus bitterer Erfahrung gewonnenen Realitätssinn und einen aus der nüchternen Einschätzung
der Welt, wie sie war, geborenen Pragmatismus entwickelt. Und von Harry Truman bis Ronald Reagan
wurde unsere Stärke zum Schutzschild der Welt, unsere
Ideale von Freiheit und Demokratie zur Hoffnung der
Welt. Wir bezahlten teuer für die Verteidigung der
Freiheit - mit unserem nationalen Kapital und mit dem
Leben unserer Jüngsten und Tapfersten.
Aus diesem Grund haben sich unsere politisch Verantwortlichen in den vergangenen vierzig Jahren für den
Krieg gewappnet, auch wenn sie nach Frieden strebten. Es war unter der Truman-Administration in eben
dieser Stadt, wo die Männer und Frauen mit großen
Visionen und hehren Idealen aus der ganzen Welt
zusammenkamen, um einen Völkerbund zu gründen.
Und so wurden vor 45 Jahren in San Francisco die
Vereinten Nationen ins Leben gerufen.
Damals wie heute waren die Vereinigten Staaten um
ein Gleichgewicht zwischen ihrer Rolle als Friedensbewahrer und Friedensstifter bestrebt. Wir trugen dazu
bei, die Vereinten Nationen und die NATO zu gründen,
und selbst während wir dem sowjetischen Expansionismus Einhalt geboten, ermutigten wir Veränderungen in der Sowjetunion.
Die Gestalter dieser neuen Politik bezeichneten sie als
Containment und prognostizierten, daß die Sowjetunion sich eines Tages mit den Widersprüchen ihres
inhumanen, unlogisches Systems auseinandersetzen
müßte, wenn wir den einfachen Weg der Expansion
blockierten. Mit Containment sollten die Sowjets weder
besiegt noch gedemütigt werden. Das Ziel bestand in
der Bewahrung und Erweiterung der Freiheit und war
von der Hoffnung geleitet, eines Tages - wie George
Kennan es im Jahr 1947 formulierte, "den allmählichen
Niedergang der sowjetischen Macht" beobachten zu
können. Es hat nahezu ein halbes Jahrhundert gedauert, diese Strategie zu verfechten, aber jetzt haben wir
das Ergebnis vor Augen: Heute ist ein Ende des kalten
Krieges in greifbare Nähe gerückt.
Das sind gute Nachrichten. Denn niemand mit gesundem Menschenverstand sehnt sich nach dem kalten
Krieg zurück. Wir sind durch diese "Revolution von
1989" inspiriert und auch ermutigt, wenn beispielsweise ein Dichter und Regimekritiker in Prag vom Gefängnis zum Präsidentenpalast überwechselt. Wir sind
durch die Öffnung der Berliner Mauer ermutigt, die eine
Flutwelle auslöste, durch die das Schicksal eines
Tyrannen in Rumänien besiegelt wurde.
Aber wir sind noch für etwas anderes dankbar. Aufgrund unserer Stärke und der unserer Verbündeten
und dank der Demonstrationen für Freiheit und Demokratie in Osteuropa und sogar in der Sowjetunion sind
heute die Aussichten für einen dauerhaften Frieden
größer denn je zuvor. Wir können uns heute eine neue

Seite 2

Zukunft für die Nationen auf dem anderen Kontinent
vorstellen - ein wahrhaft ungeteiltes und freies Europa.
Wir gehen die ersten Schritte über eine Brücke, die von
anderen vor langer Zeit gebaut wurde. Es ist eine
Brücke, die uns von scheinbar endlosem Konflikt zur
Hoffnung auf dauerhaften Frieden führen kann. Aber
unabhängig davon, wie groß die Hoffnung ist, müssen
wir sicher sein, daß die Brücke standhält.
Als Präsident werde ich jeden Morgen vom Nachrichtendienst unterrichtet. Und ich erhalte die besten
Informationen, die dem Präsidenten einer Weltmacht
zur Verfügung stehen. Dennoch sind die Morgennachrichten häufig am Abend desselben Tages überholt.
Das Weltgeschehen hat eine solche Dynamik entwickelt, daß man einfach nicht mit absoluter Sicherheit
vorhersagen kann, was als Nächstes passieren wird.
Unsere Herausforderung besteht darin, diese Übergangsphase der Welt von heute zur Welt von morgen
bei gleichzeitiger Gewährleistung der Sicherheit der
Vereinigten Staaten in den Griff zu bekommen. Wenn
es um die Sicherheit dieses Landes geht, möchte ich
lieber vorsichtig als verwegen genannt werden.
Die Verwirklichung dieser vielversprechenden Zukunft
durch uns muß mit dem Verständnis der heutigen
Realitäten beginnen.
Nehmen Sie beispielsweise unseren jüngsten Vorschlag, der von unseren Verbündeten und Präsident
Gorbatschow positiv aufgenommen wurde. Ich habe
den beiderseitigen Abbau der Truppenstärke in Mittelund Osteuropa auf 195 000 Mann vorgeschlagen. Ein
solcher Gleichstand ermutigt die weniger bedrohliche
Zukunft, die wir uns vorstellen und gibt zu berechtigten
Hoffnungen Anlaß.
Aber im Augenblick haben die Sowjets noch immer
über 560 000 Soldaten in Mitteleuropa stationiert.
Im Bereich der strategischen Waffen haben wir bei den
START-Verhandlungen Fortschritte erzielt. Wir hoffen daher, die Anzahl der strategischen Waffen auf
beiden Seiten drastisch zu kürzen. Aus eben diesem
Grund befindet sich Außenminister Baker heute in
Moskau. Das ist die Zukunft, die wir uns vorstellen,
und auch sie birgt große Hoffnungen.
Aber wir dürfen nicht vergessen, daß die Sowjets im
Augenblick immer noch über 10 000 strategische Waffen
verfügen. Sie modernisieren sie. Sie haben zwei neue
mobile ICBMs stationiert, und ihre Ausgaben für strategische Verteidigung sind ihren Ausgaben für strategische Offensivstreitkräfte vergleichbar.
Der Präsident ist als Oberbefehlshaber der Streitkräfte
kraft der Verfassung zur Verteidigung und zum Schutz
der Vereinigten Staaten von Amerika verpflichtet.
Manche würden es gerne sehen, wenn ich die Verteidigung unseres Volkes auf vielversprechende, aber
noch unerfüllte Hoffnungen für die Zukunft stützte.

AMERIKA DIENST 6

�Das werde ich nicht tun. Ich bin entschlossen, gemeinsam mit den Sowjets die Bedingungen zur Verwirklichung eines neuen Friedens zu schatten. Aut internationaler Ebene bedeuten diese Bedingungen: Entlassung von Soldaten, Verschrottung von Panzern, Zerstörung nuklearer Raketen und ein weltweites Verbot
chemischer Waffen.
Unser maßvoller Ansatz wird vielfach als Bedrohung
für den Prozeß des Wandels angesehen. Meines
Erachtens ist dieser Ansatz unabdingbar für den Wandel,
die Sicherheit unseres Landes und der einzige Weg zu
einem dauerhaften Frieden. Wir haben bewiesen, daß
amerikanische Entschlossenheit sowjetische Reformen vorantreiben kann. Wir haben bewiesen, daß
amerikanische Stärke Katalysator für Rüstungskontrolle ist. Wir haben bewiesen, daß der amerikanische
Traum den Wandel beflügeln kann. Jetzt dürfen wir
nicht zulassen, daß Euphorie entsprungene Ungeduld
die von uns erhofften Ergebnisse gefährdet.
Erstens haben wir als Amerikaner immer die Verhinderung eines weiteren Weltkriegs als vordringlichstes
Ziel betrachtet. Diesem Ziel müssen wir auch weiterhin verpflichtet bleiben. Die - so stark an unsere eigene
Sicherheit geknüpfte - europäische Sicherheit, Stabilität und Freiheit erfordern amerikanische Präsenz. Die
Westeuropäer wollen, daß wir bleiben und verhindern,
daß wir uns in die Isolation zurückziehen. Meiner
Ansicht nach werden die neuen Demokratien Osteuropas dieselbe Meinung vertreten, wenn sich erst die
Wogen geglättet haben.
Wir müssen solange in Europa bleiben, wie wir gebraucht werden und erwünscht sind. Die Aussicht auf
einen weltweiten Frieden hängt damit von einer amerikanischen Präsenz an vorderster Front ab.
Zweitens werden wir natürlich weiterhin die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges reduzieren. Und aus
diesem Grund werde ich die ST ART-Verhandlungen
mit der Sowjetunion energisch vorantreiben. Rüstungskontrolle und strategische Modernisierung sind
jedoch keine konkurrierenden Strategien. Sie können
vielmehr zusammenwirken, damit diese Welt sicherer
wird.
Erst heute morgen habe ich die Lawrence Livermore
Laboratorien besucht und bin dort mit den Menschen
zusammengetroffen, deren Bestreben es ist, einen
Nuklearangriff gegen unser Land - ob von einer nuklearen Supermacht, Verrätern oder einer terroristischen
Vereinigung ausgeführt - noch unwahrscheinlicher
werden zu lassen als heute. Wenn die mir vorgeführte
Technik funktioniert - und dafür bestehen gute Aussichten - kann kein Angreifer sich des erfolgreichen
Angriffs mit ballistischen Raketen sicher sein. Darauf
basiert Abschreckung.
Und um es noch einmal klar und deutlich zu sagen:
Dieses rein defensive Konzept bedroht keinen einzi-

AMERIKA DIENST 6

gen Menschen auf der Welt. Gott bewahre uns - wenn
es jemals eingesetzt werden müßte, dann gegen Raketen
und nicht gegen Menschen.
Wenn Klagen über die Entwicklungskosten dieser
Technik laut werden, sollte man sich zunächst den
Preis vor Augen führen, der zu zahlen ist, wenn wir
nicht alles in unserer Macht Stehende tun, um Konflikte
abzuschrecken und Bürger und Städte Amerikas zu
schützen. Aus diesem Grund trachte ich danach, die
Sowjets bei unseren Gesprächen über die Verteidigung im Weltraum davon zu überzeugen, daß ein
größeres Vertrauen auf strategische Verteidigung zu
einer sichereren Welt beitragen wird.
Im folgenden möchte ich zur Strategie Stellung nehmen, die unserem Verteidigungshaushalt für 1991
zugrundeliegt:
Erstens ergeben sich neue Bedrohungen über die
traditionellen Gegensätze zwischen Ost und West in
den vergangenen 45 Jahren hinaus. Diese Möglichkeiten müssen in unserer Verteidigungsplanung stärker berücksichtigt werden. Denken Sie nur an die
Bedrohung durch libyschen und iranischen Terrorismus. Denken Sie an die Befreiung von Grenada und
Panama. Und denken Sie auch an den Einsatz, den
unsere amerikanischen Soldaten vor zwei Jahren im
Persischen Golf gezeigt haben, als sie die Öltransporte der westlichen Industrieländer sicherten. Dieser
Einsatz wurde auch von kleineren Ländern begrüßt,
die befürchteten, daß der Krieg zwischen Iran und Irak
ihre Freiheit gefährden würde.
Denken Sie auch daran, daß mehr als 15 Länder auf
der Welt bis zum Ende dieses Jahrzehnts ballistische
Raketen entwickelt haben werden - von denen viele
chemische und biologische Fähigkeiten haben. Darüber hinaus verbreiten sich auch nuklearfähige Waffen
zunehmend. Und es wird sich nicht vermeiden lassen,
daß hochentwickelte Waffen in die Hände derer gelangen, deren Haß auf Amerika und Mißachtung der
zivilisierten Gesellschaft allseits bekannt ist. Wir werden
weiterhin hart arbeiten, um diese gefährliche Weiterverbreitung zu verhindern. Und eins ist sicher: Wir
müssen bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Und
dazu werden wir bereit sein.
Und dann gibt es da noch die Drogenbarone - schon
jetzt eine Bedrohung für die Gesundheit und die Einstellung unseres Volkes. Sie nehmen nahezu das
Ausmaß eines geopolitischen Problems an. Und so
müssen sie auch - zu Wasser, zu Lande und in der Luft
- angegangen werden.
In Zukunft werden wir weiterhin die Fähigkeit haben
müssen, Aggression zu vereiteln, Raketen abzuwehren, Seewege zu schützen oder einem Drogenbaron
Einhalt zu gebieten. Wir benötigen Streitkräfte, die
sich an Bedingungen überall auf der Welt anpassen
können. Wir benötigen Beweglichkeit, Bereitschaft

Seite 3

�und Durchhaltefähigkeit. Wir benötigen Schnelligkeit
und "Unsichtbarkeit". Und wir werden Führungsstärke
benötigen.
Kurzum: wir müssen weiterhin sowohl einen Weltkrieg
als auch begrenzte Konflikte unter neuen Bedingungen abschrecken. Und dehalb haben wir umso mehr
Grund, unsere Streitkräfte weiterhin zu modernisieren.
Ich bete darum, daß es nicht noch einmal meine
traurige Pflicht sein wird, amerikanische Soldaten in
den Kampf zu schicken. Und wenn ich das tue, werde
ich mich vorsehen, um das Leben amerikanischer
Soldaten nicht aufs Spiel zu setzen.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß ich erst
gestern das nationale Ausbildungszentrum Fort Irwin
in der Nähe von Barstow besucht habe, wo sich unsere
Kampftruppen auf ihren Einsatz vorbereiten. Auf
diesem Stützpunkt wurden viele unserer Streitkräfte
ausgebildet, die so hervorragend in Panama gekämpft
haben. Sie haben Mut bewiesen. Vorbereitet zu sein,
ist darüber hinaus der beste Weg, um die Verhinderung von Kriegen zu gewährleisten. Und nachdem ich
unsere Soldaten gesehen und mit ihnen gesprochen
habe, kann ich behaupten, daß sie in der Tat den
Herausforderungen der Zukunft gewachsen sind.
Damit wende ich mich meinem letzten Anliegen zu wie sich all diese Veränderungen in unserem Verteidigungshaushalt auf nationaler Ebene auswirken. In
diesem Zusammenhang wird vielfach von der Friedensdividende gesprochen. Nur wenige erörtern die
kurzfristig entstehenden Kosten für den Frieden. Und
wenn wir die Brücke in eine bessere Zukunft überqueren, werden Kosten entstehen - für verlegte Industriezweige und umgesetzte Arbeitnehmer, für Kommunen
- schmerzliche, persönliche Anpassungen müssen
vorgenommen werden.
Aber Amerika ist immer bereit gewesen, den Preis für
den Frieden zu zahlen. Ich weiß, daß einige der
Stützpunkte, auf denen Einsparungen vorgeschlagen
wurden, hier in der Nähe liegen. Aber dazu möchte ich
hier und jetzt sagen: Diesen Vorschlägen liegt keine
Politik zugrunde. Es heißt, es ginge um Staaten, die
von Demokraten regiert sind - es trifft aber genauso auf
Staaten mit einem republikanischen Gouverneur zu.
Ich habe den Kongreß gebeten, fair zu sein. Traditionelle Kritiker der Verteidigungsausgaben sollten sich
nicht eines anderen besinnen und die Schließung
eines Stützpunkts in ihrer Heimat blockieren. Es
entbehrt manchmal nicht einer gewissen Ironie, wenn
bestimmte Kongreßabgeordnete die Philosophie zu
vertreten scheinen: "Nehmen Sie ruhig einschneidende Kürzungen vor, aber bitte woanders."

Seite 4

Das kann und werde ich nicht akzeptieren. Der Steu
erzahler und die von unseren Entscheidungen Betroffenen verdienen es besser. Ich möchte Ihnen versichern: Wenn ein Stützpunkt schließt, hören damit
nicht die Sorge und das Engagement der Bundesregierung auf.
Entlassene Zivilisten werden bei der Besetzung anderer Stellen des Verteidigungsministeriums vorrangig
behandelt. Das Förderprogramm für Hausbesitzer
wird militärisches und ziviles Personal vor sinkenden
Immobilienpreisen schützen. Und das Büro für Wirtschaftliche Anpassung wird mit den Kommunen zusammenarbeiten, um neue Wirtschaftsbereiche zu
erschließen und neue Verwendungsmöglichkeiten für
die Stützpunkte zu finden. Die Bibel kündet davon,
daß Schwerter zu Pflugscharen werden sollen. Wir
wandeln militärische Landebahnen in Zivilflughäfen
um, Militärstützpunkte in Gewerbegebiete und Colleges sowie Lagerhallen für Raketen in Fabriken.
Ich weiß, daß das amerikanische Volk diese Maßnahmen für eine anhaltend starke Verteidigung unterstützen wird. Meine Reisen überall im Land sind mir
Beweis dafür. Wir benötigen die Mittel für Verhandlungen über Reduzierungen und die Gewährleistung des
Friedens. Ich werde die Unterstützung, Kooperation
und Empfehlungen des Kongresses benötigen.
Wir können uns jetzt eine Zeit vorstellen, in der die Welt
sicherer als jemals zuvor ist - wenn der Mensch von
heute all sein Konkurrenzdenken auf die Wirtschaft
konzentriert.
Ich werde mit dem Kongreß zusammenarbeiten, um
diese Brücke zu einer sichereren Welt zu bauen. Und
wenn wir zusammenarbeiten, wird der Frieden selbst
die größte Dividende sein.

* * * *

*

AMERIKA DIENST 6

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10760">
                <text>14.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10761">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10762">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10763">
                <text>Amerikadienst 14.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10764">
                <text>&lt;strong&gt;1. Deutschlandpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Diskussion über Hilfe für beide deutsche Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bilaterale Gespräche Außenminister Bakers in Ottawa&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker rühmt die Revolutionen der Macht des Volkes von 1989&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Außenminister Baker vor dem Obersten Sowjet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Beachtliche Fortschritte zwischen USA und UDSSR&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame amerikanische-sowjetische Erklärung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sicherheitspolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: USA müssen starke Verteidigung beibehalten &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim Commonwealth Club&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2130" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2141">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/e80bd796c3cfa9df168f791de90aba9a.pdf</src>
        <authentication>617b4427e7e40dc6f4bd54710bc0da69</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10759">
                    <text>y$h

cimerikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

7. Februar 1990

BERICHT ZUR LAGE
DER NATION

Bush für einschneidende amerikanischsowjetische Truppenreduzierungen in Europa
Präsident Bushs Bericht zur Lage der Nation

U.S.-AUSSENPOLITIK

Baker: Offizielle Reaktion Moskaus auf Bushs
Vorschlag erwartet
Rede des US-Außenministers im Auswärtigen
Ausschuß des Senats

SICHERHEITSPOLITIK

Seminar über Militärdoktrinen als Erfolg
bewertet
Abschlußerklärung von Botschafter
John Maresca

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�BERICHT ZUR

LAGE

DER

NATION
7. Februar 1990

BUSH FÜR EINSCHNEIDENDE AMERIKANISCHSOWJETISCHE TRUPPENREDUZIERUNGEN
IN EUROPA
Präsident Bushs Bericht zur Lage der Nation
WASHINGTON - (AD) - In seinem Bericht zur Lage der Nation vom 31. Januar 1990 betonte Präsident Bush,
es sei jetzt "an der Zeit für Fortschritte bei einem konventionellen Rüstungsabkommen'* und schlug vor, daß die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ihre in Mittel- und Osteuropa stationierten Truppen auf jeweils 195 000
Mann reduzieren.
"Diese Zahl stützt sich auf Empfehlungen unserer hochrangingen Militärberater", erklärte der Präsident, "und
soll amerikanische und europäische Interessen schützen und die Verteidigungsstrategie der NATO aufrechterhalten. Der unverzügiche Abschluß unserer Rüstungskontrollverhandlungen - im konventionellen Bereich sowie
bei chemischen und strategischen Waffen - muß jetzt unser vorrangiges Ziel sein. Dieser Zeitpunkt ist
gekommen." Die Vereinigten Staaten haben zur Zeit ca. 300 000, die Sowjets rund 575 000 Soldaten in Europa
stationiert.
Bush zufolge ist es jetzt auch an der Zeit, "den aufstrebenden Demokratien Osteuropas die Hand zu reichen und
auf unsere neuen Beziehungen zur Sowjetunion aufzubauen, um einen friedlichen Prozeß innenpolitischer
Veränderungen im Hinblick auf Demokratie und wirtschaftliche Möglichkeiten zu fördern."
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Bericht zur Lage der Nation im Wortlaut.
Herr Präsident, Herr Vorsitzender, verehrte Abgeordnete des amerikanischen Kongresses,
als ehemaliger Präsident des Senats und ehemaliges
Mitglied dieses ehrenwerten Hauses stehe ich heute
vor Ihnen. Als Präsident der Vereinigten Staaten habe
ich die Ehre, Ihnen heute über die Lage der Nation zu
berichten.
Heute abend werde ich weder über die "Lage der
Regierung" sprechen oder jede neue Initiative im einzelnen erläutern, die wir für nächstes Jahr planen noch
jeden einzelnen Punkt der Haushaltsvorlage erörtern.
Ich möchte Ihnen und dem amerikanischen Volk über
die Lage der Nation - und der Welt- berichten, über die
von uns beobachteten Veränderungen und die Herausforderungen, mit denen wir uns konfrontiert sehen
- und welche Auswirkungen dies alles auf die Vereinigten Staaten haben wird. Es gibt einzigartige Augenblicke in der Geschichte: Daten, die einen echten
Wendepunkt markieren. Die meisten der hier Anwesenden haben einen Großteil ihres Lebens in einer
Welt verbracht, deren Grundzüge im Jahr 1945 festge-

AMERIKA DIENST 5

legt wurden. Die Ereignisse jenes Jahres bestimmten
die Gestalt der Nationen, das Tempo des Fortschritts
und Freiheit oder Unterdrückung für Millionen von
Menschen auf der ganzen Welt.
1945 war der allgemeine Bezugspunkt - die Kompaßnadel, auf die wir uns in der Nachkriegszeit zum
gegenseitigen Verständnis verlassen haben. Das war
unsere Welt. Bis heute. Die Ereignisse des eben zu
Ende gegangenen Jahres - die Revolution von 1989 waren eine Kettenreaktion, ein so tiefgreifender Wandel, daß er den Anfang eines neuen Zeitalters im
Weltgeschehen markiert.
Denken Sie nur 12 Monate zurück - an die Welt von
damals - als das Jahr 1989 anbrach.
Vor einem Jahr lebte das panamaische Volk in Angst
unter der Knechtschaft eines Diktators. Heute ist die
Demokratie wiederhergestellt - Panama ist frei.
Die Operation "Gerechte Sache" hat dieses Ziel verwirklicht. Das in Panama stationierte Militär entspricht
heute in etwa wieder der Zahl wie vor der Operation.
Seite 1

�Und heute abend gebe ich bekannt, daß die zusätzlichen amerikanischen Truppen - die tapferen Männer
und Frauen unserer Streitkräfte, die dieser Mission
zum Erfolg verholten haben - noch vor Ende Februar
nach Hause zurückkehren werden.

Die heute vor uns liegende Herausforderung besteht
darin, dieses unvergleichliche demokratische System
noch besser zu machen.
Ein besseres Amerika, mit einem Arbeitsplatz für jeden, der Arbeit sucht.

Vor einem Jahr erklärte Lech Walesa in Polen, er sei
zu einem Dialog mit den kommunistischen Machthabern dieses Landes bereit. Heute sind Mitglieder der
Solidarität in der polnischen Regierung vertreten, die
das Schicksal eines freien Polens in die Hände genommen haben.

Ein Amerika, in dem Frauen sicher sein können, daß
ihre Kinder gut aufgehoben sind und liebevoll betreut
werden, während sie ihrer Arbeit nachgehen - und in
dem die Regierung zusätzliche Alternativen der Kinderbetreuung für die Eltern erarbeitet.

Vor einem Jahr war der Dramatiker und Regimekritiker
Vaclav Havel noch im Gefängnis in Prag. Heute ist
Vaclav Havel Präsident der Tschechoslowakei.

Ein Amerika, in dem wir die Forderungen einer sauberen Umwelt und starken Wirtschaft in Einklang bringen.

Und noch vor einem Jahr bemühte Erich Honecker in
der DDR die Geschichte als Leitfaden. Er sagte
voraus, die Berliner Mauer würde weitere hundert
Jahre überdauern. Heute - noch nicht einmal ein Jahr
später - ist es die Mauer, die Geschichte ist.

Ein Amerika, in dem "Made in USA" auf der ganzen
Welt als Symbol für Qualität und Fortschritt anerkannt
ist.

Bemerkenswerte Ereignisse - mit denen die lange
gehegten Hoffnungen des amerikanischen Volkes erfüllt
wurden. Ereignisse, die die traditionellen Ziele amerikanischer Politik rechtfertigen - einer auf ein einziges,
unerschütterliches Prinzip gegründeten Politik: die
Sache der Freiheit.
Amerika ist nicht nur als Nation sondern auch als
Traum in den Köpfen der Menschen allgegenwärtig.
Und während diese neue Welt Gestalt annimmt, stehen die Vereinigten Staaten im Mittelpunkt eines konzentrischen Kreises der Freiheit - heute, morgen und
im nächsten Jahrhundert.
Unser Land ist der immerwährende Traum eines jeden
Emigranten, der je seinen Fuß auf diese Ufer setzte und der Millionen von Menschen, die immer noch für
Freiheit kämpfen. Dieses Land - dieser amerikanische
Traum - war und ist eine neue Welt. Unsere neue Welt.
Bei einer Arbeiterkundgebung in Branik, einem Vorort
von Prag, ist dieser amerikanische Traum lebendig.
Ein Arbeiter in einem verschmierten Overall ergreift
das Wort vor den Fabriktoren. Er beginnt die Rede an
seine Mitbürger mit diesen Worten, den Worten einer
lange zurückliegenden Revolution:
"Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind, daß
sie von ihrem Schöpfer mit gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, daß dazu Leben,
Freiheit und das Streben nach Glück gehören."
Es ist kein Geheimnis, daß sich hier, in diesem Land,
die Tore der Freiheit vor langer Zeit geöffnet haben.
Die Eckpfeiler dieser freien Gesellschaft haben bereits
ihren festen Platz gefunden: Demokratie. Wettbewerb. Chancen. Privatinvestitionen. Verantwortungsvolle Verwaltung. Und natürlich Führung.

Seite 2

Ein Amerika, in dem jeder von uns die gleichen Chancen auf Leben, Arbeit und einen Beitrag zur Gesellschaft hat. Und ein Amerika, in dem unsere behinderten Mitbürger zum ersten Mal voll und ganz integriert
sind.
Ein Amerika, in dem jeder ein Dach über dem Kopf hat
und ein Amerika, in dem die Obdachlosen die Hilfe
erhalten, die sie zu einem menschenwürdigen Leben
benötigen.
Ein Amerika, in dem unsere Schulen gleichermaßen
Herausforderung und Unterstützung für Schüler und
Lehrer sind und in dem alle "es schaffen".
Ein Amerika, in dem jede Straße, jede Stadt, jede
Schule und jedes Kind drogenfrei ist.
Und schließlich ein Amerika, in dem kein Amerikaner
vergessen wird. Wir denken dabei in tiefstem Mitgefühl an unsere Geiseln, die wir bei all unseren Bestrebungen und all unserem Trachten niemals vergessen.
Das ist Teil der Zukunft, die wir verwirklichen wollen,
der Zukunft, die wir für uns gestalten können. Aber mit
Träumen allein kommen wir nicht weit. Wir müssen
unseren Horizont erweitern, uns auf lange Sicht engagieren. Unsere Zukunftspläne beginnen hier und jetzt.
Beim harten Wettbewerb auf den Weltmärkten sehen
sich die Vereinigten Staaten vor große Herausforderungen und Chancen gestellt. Wir wissen, daß wir in
der Weltwirtschaft der neunziger Jahre Erfolg haben
können, aber um dieser Herausforderung zu begegnen, müssen wir einige tiefgreifende Veränderungen
vornehmen - in entscheidendem Maße in uns selbst
investieren.
Ja, wir werden in die Vereinigten Staaten investieren.
Diese Administration ist entschlossen, die Bildung von
Kapital aller Art zu ermutigen. Materielles Kapital:
Angefangen mit unseren Farmen und Fabriken über

AMERIKA DIENST 5

�unsere Arbeits- und Produktionsstätten bis hin zu allem, was für Produktion und Lieferung von Qualitätsprodukten und hervorragenden Dienstleistungen erforderlich ist. Geistiges Kapital: Der Ursprung von
Ideen, die Produkte von morgen hervorbringen. Und
natürlich unser menschliches Kapital: Die geschickten
Arbeitskräfte, die wir benötigen werden, um auf den
Weltmärkten konkurrenzfähig zu sein.
Ich kann Ihnen versichern, wenn wir das menschliche
Kapital ignorieren, verlieren wir unseren Erfindungsreichtum, der das Merkmal des amerikanischen Arbeitnehmers ist. Und der amerikanische Arbeitnehmer
ist der produktivste Arbeiter weltweit.
Wir müssen mehr sparen, Kapital für neue Investitionen akkumulieren, die mehr Arbeitsplätze und größeres Wachstum bedeuten. Dieser Gedanke steht hinter
einer neuen Initiative von mir - dem Familiensparplan
- den ich dem Kongreß morgen vorlegen werde.
Wir müssen die Kapitalertragssteuer senken und Risikobereitschaft - insbesondere in Kleinunternehmen ermutigen, da solche Schritte wiederum zu Wirtschaftsleistung, Arbeitsplätzen und einem besseren Leben für
uns alle führen.
Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um in
Amerikas Zukunft zu investieren. Der Haushaltsentwurf liegt vor. Das Geld ist da. Für Forschung und
Entwicklung - eine Rekordsumme. Für unsere Wohnungsbauinitiative - HOPE - mit der jedem, vom erstmaligen Eigenheimbesitzer bis zum Obdachlosen geholfen werden soll. Um Drogen von unseren Kindern
fernzuhalten: 70 Prozent mehr als bei meiner Amtsübernahme im Jahr 1989. Zur Erforschung des Weltraums und für das Bildungswesen - auch hier in
Rekordhöhe.
Und noch etwas. Bei der Konferenz überdas Bildungswesen im letzten Herbst haben sich die Gouverneure
und ich darauf geeinigt, Wege aufzuzeigen, um sicherzustellen, daß die Kinder vom ersten Tag, an dem sie
das Klassenzimmer betreten, lernwillig sind. Ich habe
dieses Versprechen erfüllt, indem ich eine Aufstokkung der Mittel in Rekordhöhe - zusätzliche 500 Millionen Dollar - für etwas vorgeschlagen habe, das uns
allen lieb und teuer ist: Head Start.
Bildung ist die Investition mit den größten Auswirkungen auf unsere Zukunft, da sie alles für unsere Kinder
bedeutet. Reale Verbesserungen in unseren Schulen
sind nicht schlicht und einfach eine Sache höherer
Ausgaben. Es geht darum, von unseren Schulen,
Lehrern, Kindern, unseren Eltern und uns selbst mehr
zu fordern und zu erwarten. Aus diesem Grund gebe
ich heute abend die Zielsetzungen des amerikanischen Bildungswesens bekannt, die zusammen mit
den Gouverneuren des Landes erarbeitet wurden:

AMERIKA DIENST 5

Bis zum Jahr 2000 muß jedes Kind mit Schulbeginn lernwillig sein.
Die Zahl der High-School-Absolventen in den
Vereinigten Staaten muß auf mindestens 90
Prozent erhöht werden.
Wir werden sicherstellen, daß die Diplome unserer
Schulen Bedeutung haben. In entscheidenden
Fächern müssen wir die Leistungen unserer
Schüler in der 4., 8. und 12. Stufe bewerten.
Bis zum Jahr 2000 müssen die amerikanischen
Studenten mit ihren Leistungen in Mathematik
und Naturwissenschaften weltweit an erster Stelle
stehen.
Jeder amerikanische Erwachsene muß des
Lesens und Schreibens kundig sein.
Jede Schule muß ein Umfeld schaffen, in dem
unsere Kinder lernen können - und jede Schule
in den Vereinigten Staaten muß frei von Drogen
sein.
Ehrgeizige Ziele? Natürlich. Leicht zu verwirklichen?
Weit gefehlt. Aber die Zukunft steht auf dem Spiel.
Dieses Land wird sich nicht mit weniger zufrieden
geben als einem ausgezeichneten Bildungswesen.
Dank dieser Investitionen werden die Vereinigen Staaten konkurrenzfähig bleiben. Und vom amerikanischen Volk weiß ich: Wir begrüßen Wettbewerb. Wir
können es mit unserer Erfindungsgabe und Energie,
Erfahrung und Technologie und unserem Unternehmergeist mit allen anderen aufnehmen. Wettbewerb
muß frei, aber fair sein. Amerika ist bereit.
Weil wir das wirklich meinen und weil wir zur Bewältigung der Herausforderung ernsthaft bereit sind, bringen wir unser Haus in Ordnung. Wir haben echte
Fortschritte erzielt. Vor sieben Jahren belief sich das
Haushaltsdefizit auf 6 Prozent unseres Bruttosozialprodukts. Im neuen Haushaltsentwurf, den ich vor
zwei Tagen vorgelegt habe, beträgt das Defizit nur
noch 1 Prozent des BSP.
Mit dieser Haushaltsvorlage werden die Bundesausgaben unter Kontrolle gebracht. Sie erfüllt die Zielsetzungen des Gramm-Rudman-Gesetzes, verringert das
Defizit weiter und gleicht den Haushalt bis 1993 aus ohne Steuererhöhungen.
Seien Sie versichert, daß die Bundesregierung immer
noch mehr als genug Geld ausgibt. Für die meisten
von uns sind 1,2 Billionen Dollar eine Menge Geld.
Wenn der Haushalt erst ausgeglichen ist, können wir
vorgehen wie jede Familie, die ihre Rechnungen bezahlen muß. Das werden wir nicht unseren Kindern
und Enkeln überlassen. Wir werden anfangen, unsere
Staatsschulden zu begleichen.

Seite 3

�Und es gibt noch etwas, das wir künftigen Generationen schuldig sind: verantwortungsvolle Verwaltung die Erhaltung der Umwelt als wertvolles amerikanisches Erbe.
Zum Zeichen dessen, wie ernst wir es meinen, verleihen wir der Umweltschutzbehörde den Status eines
Ministeriums. Damit streben wir nicht etwa mehr
Bürokratie an, sondern die Sicherheit, daß Umweltfragen sowohl im Inland als auch im Umgang mit anderen
Ländern den Stellenwert haben, der ihnen zukommt.

van damit beauftragen, im Rat für Innenpolitik die
Überprüfung von Empfehlungen über Qualität, Zugänglichkeit und Kosten unseres nationalen Gesundheitswesens zu leiten. Ich setze mich dafür ein, die
Kostenexplosion im Gesundheitswesen unter Kontrolle zu bringen.

Die Lage der Regierung hängt von vielen in dieser
Kammer ab. Aber die Lage der Nation hängt von allen
Amerikanern ab. Wir müssen den demokratischen
Anstand bewahren, der Millionen Individuen zu einer
Nation macht. Ich war über die jüngsten Berichte von
Der diesjährige Haushalt sieht über 2 Milliarden Dollar Briefbomben, die im ganzen Land verschickt werden,
an Mehrausgaben für den Umweltschutz vor, wobei entsetzt. Jeder von uns muß sich mit Rassimus,
über 1 Milliarde in die Erforschung weltweiter Klima- Antisemitismus, Doppelmoral und Haß auseinanderveränderungen fließen soll. Mit einer Initiative, die ich setzen und sie verurteilen. Nicht nächste Woche oder
America The Beautlful nenne, sollen unsere Natio- morgen, sondern jetzt gleich.
nalparks und Wildreservate und die öffentlichen Freizeiteinrichtungen ausgebaut werden.
Die Lage der Nation hängt davon ab, ob wir unserem
Nachbarn helfen und uns die Probleme der GemeinUnd noch etwas wird dazu beitragen, dieses Land - schaft zu eigen machen. Wir müssen etwas tun, wenn
seine Wälder und Innenstädte - sauberzuhalten und wir gebraucht werden - die Hand ausstrecken und
den künftigen Generationen die Schönheit Amerikas einem Unbekannten in Not einen Lichtblick bieten. Wir
zu bewahren: ein Fonds, um eine Milliarde Bäume pro müssen uns nach einem hektischen Tag Zeit für unseJahr zu pflanzen.
re Kinder nehmen, ihnen vorlesen, bei den Hausaufgaben helfen und ihnen die Werte vermittein, die wir als
Heute möchte ich alle Kongreßabgeordneten daran Kinder gelernt haben. So erhalten wir die Nation.
erinnern: Das amerikanische Volk hat uns nicht hierhergeschickt, um zu streiten. Es gibt viel zu tun - und Jeder Schritt ist wichtig. Es summiert sich, und all
man hat uns hierhergeschickt, um es zu erledigen. Wir diese Dinge verleihen dem Begriff Demokratie Bedeumüssen zusammenarbeiten, um dem Willen des Vol- tung. Es macht jetzt und in Zukunft unsere Identität
kes Genüge zu tun. In den Bereichen saubere Luft, aus.
Kinderbetreuung, beim Gesetz über Verbesserung
des Bildungswesens, bei Kriminalität und Drogen ist es Solange wir uns an den amerikanischen Traum erinan der Zeit zu handeln. Ebenfalls bei der Agrargesetz- nern, und solange er unser Leitbild ist, wird die Nation
gebung, der Verkehrspolitik, der Reform der Herstel- gesund und stark bleiben.
lerhaftung und den steuerbegünstigten Förderbereichen für Gewerbegebiete. Es ist an der Zeit, daß wir Und denen, die den Weg verloren glauben, möchte ich
aus einem Brief des 20jährigen Sanitäters James
zusammenarbeiten.
Markwell zitieren, der beim 1. Bataillon der 75. RanUnd es gibt einen Bereich, von dem ich hoffe, daß wir gers diente. Der Brief trägt das Datum vom 18.
uns darin alle einig sind. Das ist unsere Verantwor- Dezember, dem Tag vor unserer Intervention in Panama. Es ist ein Brief, wie ihn Soldaten schreiben, in der
tung. Ich spreche hier vom Sozialwesen.
Hoffnung, daß er nie abgeschickt wird. Leider hat
Ich wende mich an jeden Amerikaner, der Sozialhil- Markwells Mutter diesen Brief erhalten und ihn mir
feempfänger ist, an jeden Amerikaner, der Beiträge zugesandt.
zahlt und an jeden, der darauf baut, wenn er in den
Ruhestand geht. Wir haben Ihnen etwas versprochen Hier einige seiner Gedanken: "Ich hatte nie Angst vor
- und wir werden unser Versprechen halten.
dem Tod, aber jetzt lauert er. (...) Ich habe wie jeder
andere auch gelernt, zu töten und zu retten. Dennoch
Wir haben das System im Jahr 1983 gerettet - und es fürchte ich mich vor dem Jenseits. (...) Trauere nicht
ist saniert. Unser Haushalt finanziert die heute gezahl- um mich, sondern denke an das Leben, das ich so gern
ten Leistungen voll und ganz - und stellt sicher, daß gelebt hätte. (...) Vergiß vor allem nicht, daß ich die
auch in Zukunft Sozialleistungen gezahlt werden. Das Armee gewählt habe. Ich habe mich für sie entschieletzte, was uns gelegen käme, wäre Unordnung im den."
Sozialwesen.
"Bitte denke daran, daß ich in die Armee eingetreten
Und es gibt noch ein weiteres Problem, das wir lösen bin, um meinem Land zu dienen und dafür zu sorgen,
müssen. Wir müssen die Empfehlungen der gegen- daß alle sich frei entscheiden und ihr Leben in Freiheit
wärtig durchgeführten Untersuchungen zum Gesund- leben können."
heitswesen sorgfältig prüfen. Und deshalb möchte ich
heute abend den Gesundheitsminister Dr. Louis Sulli- Markwell war einer der ersten bei den KampfhandlunSeite 4

AMERIKA DIENST 5

�gen in Panama, und er war unter den ersten Gefallenen.
Er wußte, woran er glauben sollte, und er hatte sich
den amerikanischen Traum bewahrt.
Ich habe heute abend über die Veränderungen des
letzten Jahres gesprochen. Vor uns liegt eine neue
Welt voller Herausforderungen und Möglichkeiten. Und
dabei muß eine Führungsrolle übernommen werden,
wie sie nur Amerika gewährleisten kann.
Vor fast vierzig Jahren prognostizierte Harry Truman in
seiner letzten Rede im Kongreß eine solche Zeit. Er
erklärte: "Wenn unsere Welt für die Menschen zu
beiden Seiten des Eisernen Vorhangs stärker, einiger
und attraktiver wird, dann wird eine Zeit des Wandels
in der kommunistischen Welt anbrechen."
Dieser Wandel findet heute statt.
Vierzig Jahre lang haben die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten den Kommunismus in Schach gehalten und den Fortbestand der Demokratie gewährleistet. Heute mu ß beim Niedergang des Kommunismus
unser Ziel darin bestehen, den Fortschritt der Demokratie zu sichern. Die Führung dabei zu übernehmen,
dem Frieden den Weg zu ebnen und der Freiheit
Vorschub zu leisten - für einen großen und wachsenden Staatenbund freier Nationen.
Dem Kongreß und allen Amerikanern gegenüber erkläre ich, daß es an der Zeit ist, im In- und Ausland
einen neuen Konsens zu erarbeiten - eine gemeinsame Vision der friedlichen Welt, wie sie uns vorschwebt.
Auf unserem Kontinent ist es an der Zeit, daß alle
Menschen in Nord- und Südamerika in Freiheit leben.
Im Fernen Osten und Afrika ist es an der Zeit, daß sich
die freien Regierungen und freien Märkte entfalten, die
dem Fortschritt Vorschub geleistet haben.
Es ist an der Zeit, daß wir den aufstrebenden Demokratien Osteuropas die Hand reichen, damit dieser
Kontinent - der viel zu lange geteilt war - einer ungeteilten und freien Zukunft entgegensehen kann.
Und es ist an der Zeit, auf unseren neuen Beziehungen
zur Sowjetunion aufzubauen und einen friedlichen
Prozeß innenpolitischer Veränderungen im Hinblick
auf Demokratie und wirtschaftliche Möglichkeiten zu
fördern.
Wir befinden uns in einer Zeit großer Veränderungen,
großer Hoffnung und dennoch großer Unsicherheit.
Wir erkennen, daß die sowjetische militärische Bedrohung in Europa abnimmt, nehmen aber nur geringe
Veränderungen bei der Modernisierung strategischer
Waffen in der Sowjetunion wahr. Aus diesem Grunde
müssen wir unsere offensive Modernisierung strategischer Waffen und auch die Strategische Verteidigungsinitiative beibehalten.

AMERIKA DIENST 5

Aber es ist an der Zeit für Fortschritte bei einem
konventionellen Rüstungskontrollabkommen, mit dem
unsere Streitkräfte in Europa ein angemesseneres
Niveau erhalten - ein integriertes Verteidigungsprogramm, mit dem gewährleistet wird, daß die Vereinigten Staaten weiterhin ein Katalysator für friedliche
Veränderungen in Europa sein werden. Ich stehe dazu
in Konsultationen mit den Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten - und habe erst heute
mit Präsident Gorbatschow telephoniert.
Ich vertrete die gleiche Meinung wie unsere europäischen Verbündeten, daß eine militärische Präsenz
der Vereinigten Staaten in Europa unabdingbar ist und
diese nicht allein an die sowjetische Militärpräsenz in
Osteuropa gekoppelt sein sollte.
Dennoch können die Streitkräfteniveaus noch weiter
abgebaut werden. Heute abend kündige ich daher
einen wichtigen neuen Schritt an - daß die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion ihre in Mittel- und Osteuropa stationierten Truppen auf jeweils 195 000 Mann
reduzieren.
Diese Zahl stützt sich auf Empfehlungen unserer
hochrangigen Militärberater. Sie soll amerikanische
und europäische Interessen schützen und die Verteidigungsstrategie der NATO aufrechterhalten. Unser
Ziel muß jetzt im unverzüglichen Abschluß unserer
Rüstungskontrollverhandlungen - im konventionellen
Bereich sowie bei chemischen und strategischen Waffen
- liegen. Dieser Zeitpunkt ist gekommen.
Dennoch müssen wir uns eine bedauerliche Tatsache
vor Augen führen: In vielen Teilen der Welt sind
Konflikte - nicht Frieden - die Realität. Anhaltende
Feindseligkeiten und gegensätzliche Interessen bestehen weiterhin. Deshalb muß der Sache des Friedens von einem Amerika gedient werden, das stark und sicher - genug ist, um unsere Interessen und
Ideale zu verteidigen. Dieser amerikanische Traum
hat in den vergangenen vierzig Jahren dazu beigetragen, die Revolution von 1989 zu entfachen.
Hier in Amerika und in der ganzen Welt wird Geschichte neu geschrieben. Vor sechs Monaten, zu Beginn
dieser Zeit des Umbruchs, stand ich in Polen an den
Toren der Danziger Werft am Denkmal der gefallenen
Gewerkschaftsmitglieder der Solidarität. Es ist ein
Denkmal von schlichter Größe. Drei große Kreuze
erheben sich über den Steinen. Auf jedem Kreuz
befindet sich ein Anker - seit jeher das Symbol der
Hoffnung.
Der Anker in unserer heutigen Zeit heißt Freiheit. Er
hält uns fest in wechelvollen Zeiten - als Symbol der
Hoffnung für die ganze Welt. Und Freiheit liegt dem
Traum zugrunde, der Amerika ausmacht.
Es hängt von jedem einzelnen ab, diesen Traum zum
Leben zu erwecken. Unsere Anker waren immer der
Glaube und die Familie.
Seite 5

�In den letzten Tagen dieses ereignisreichen Jahres
wurde unserer Familie wiederum ein großes Glück
zuteil - wir konnten das Wunder des Lebens feiern, als
unser 12. Enkelkind geboren wurde.
Als ich den kleinen Jungen zum ersten Mal in den
Armen hielt, schienen die Probleme im In- und Ausland wieder in die richtige Perspektive gerückt zu sein.
Ich weiß, daß Sie jetzt denken:
Großvater.

Hier spricht der

Vielleicht haben Sie sogar recht. Aber ich habe im
letzten Jahr viele Kinder getroffen - hier in Amerika und
überall vom Femen Osten bis nach Europa. Alle
Kinder sind einzigartig. Und dennoch sind sie alle
gleich. Die jungen Umweltschützer, die ich in diesem
Monat bei einer Reise in die Everglades Floridas
getroffen haben. Die kleine Mannschaft, mit der ich in
Polen Baseball gespielt habe - und die von Warschau
aus gleich in die Weltklasse hätten überwechseln
können. Auch die Kinder, die krank oder allein sind Gott schütze all die verlassenen oder bereits drogenabhängigen Babys - die mit Problemen fertigwerden
müssen, die kein Kind haben sollte. Aber was die
Hoffnung und die Zukunft betrifft, sind alle Kinder
gleich. Voller Träume. Bereit, sich der Welt zu stellen.
Einzigartig, weil sie die Zukunft der Freiheit bedeuten.
Ihnen gehört diese neue Welt, über die ich gesprochen
habe.
Deshalb möchte ich Sie heute abend um etwas bitten.

Seite 6

Dabei möchte ich mich zunächst an meine Generation
wenden - die Großeltern im Lande. Sie sind unsere
lebendige Verbindung zur Vergangenheit. Erzählen
Sie Ihren Enkelkindern die Geschichte der Kämpfe, die
wir im In- und Ausland geführt haben. Von den Opfern,
die wir freiwillig für die Freiheit gebracht haben. Und
erzählen Sie ihnen auch Ihre eigene Geschichte - weil
jeder Amerikaner eine Geschichte erzählen kann.
Eltern: Ihre Kinder wollen von Ihnen die Richtung
gewiesen und die Leitlinien aufgestellt bekommen.
Erzählen Sie Ihnen von Werten wie Glaube und Familie.
Sagen Sie Ihnen, daß wir vor Gott eine Nation sind.
Lehren Sie sie, daß von all den Segnungen, die sie
erhalten können, Freiheit das wertvollste Geschenk
ist. Und von all dem, was sie geben können, Hilfe für
andere die größte Gabe ist.
Und den Kindern und Jugendlichen möchte ich auf den
Weg geben: Wir setzen unsere Hoffnung auf Euch - Ihr
seid alles, was Amerika in den vor uns liegenden
Jahren und Jahrzehnten bedeuten wird. Konzentriert
Euch auf die Vision eines neuen Jahrhunderts - Eures
Jahrhunderts. Auf Träume, die wir nicht sehen können. Auf Eure - und nur auf Eure - Zukunft.
Und schließlich wollen wir, daß alle Amerikaner - hier
in diesem Saal, dem symbolischen Zentrum der
Demokratie - ihren Treueschwur auf diesen amerikanischen Traum bekräftigen. Und wir wollen immer daran
denken, daß die Lage der Nation von jedem einzelnen
von uns abhängt.

AMERIKA DIENST 5

�U.S.-AUSSENPOLITIK
7. Februar 1990

BAKER: OFFIZIELLE REAKTION MOSKAUS AUF
BUSHS VORSCHLAG ERWARTET
Rede des US-Außenministers im Auswärtigen Ausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die von Außenminister Baker am 1.
Februar 1990 vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats gehaltene Rede zu den außenpolitischen Zielen der
Vereinigten Staaten, insbesondere im Hinblick auf die Gespräche mit seinem sowjetischen Amtskollegen
Schewardnadse am 8. und 9. Februar 1990 in Moskau.
Außenminister Baker zufolge erwartet er bei seinem
Besuch in Moskau eine offizielle sowjetische Reaktion
auf Präsident Bushs Vorschlag neuer einschneidender Reduzierungen amerikanischer und sowjetischer
Kampftruppen in Europa.
In seinem Bericht zur Lage der Nation hatte der Präsident am 31. Januar 1990 Reduzierungen gefordert,
nach denen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion noch jeweils 195 000 Soldaten in Europa Mitte - der
Bundesrepublik, der DDR, Polen und der Tschechoslowakei - stationiert hätten.
Baker erklärte am 1. Februar 1990 vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats, Präsident Gorbatschow
hätte bei einem vor der Rede mit dem sowjetischen
Staats- und Parteichef geführten Telephonat auf Bushs
Vorschlag weder mit Ja noch mit Nein geantwortet.
"Wir erwarten eine Antwort von ihnen, und meines
Erachtens werden wir sie bei meinem Besuch in Moskau
erhalten, den ich Montag antrete," erklärte Baker.
Baker stellte sich dem Ausschuß, um die außenpolitischen Prioritäten der Administration für 1990 darzulegen und Unterstützung für Präsident Bushs Forderung
nach einem außenpolitischen Budget im Umfang von
20,8 Milliarden Dollar für das Haushaltsjahr 1991 zu
gewinnen.
Der Außenminister sprach sich für mehr "Flexibilität"
des Kongresses bei der Vergabe von Haushaltsmitteln
aus, damit die Vereinigten Staaten auf unvorhergesehene Ereignisse und Herausforderungen reagieren
können. Darüber hinaus bekundete er die Hoffnung
der Administration auf ein kooperativeres Verhältnis

AMERIKA DIENST 5

zur Sowjetunion und erläuterte amerikanische Pläne
zur Förderung der Demokratie in Osteuropa und anderen Ländern.
Bakers Gespräche mit Gorbatschow und dem sowjetischen Außenminister Schwardnadse dienen der
Vorbereitung eines Gipfeltreffens der Präsidenten Bush
und Gorbatschow in Washington Ende Juni.
Der Außenminister erklärte, Präsident Bush habe
"ausdrücklich" den Wunsch nach Abschluß eines
Abkommens über die Reduzierung konventioneller
Streitkräfte in Europa bekundet. Ihm zufolge sind
bedeutende Fortschritte im Hinblick auf dieses Ziel
bereits bei den Wiener Verhandlungen über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) erzielt worden.
Baker betonte jedoch, der Präsident beabsichtige mit
seinem Vorschlag noch einschneidenderer Truppenreduzierungen keinesfalls, ein KSE-Abkommen zu
verzögern, zu verhindern oder zu komplizieren. Er erklärte, die westlichen Verbündeten stünden Bushs
Vorschlag generell positiv gegenüber, und er erwarte
aus dieser Richtung keine ernsthaften Bedenken.
"Wir müssen bei KSE-1 noch einige Probleme ausbügeln, insbesondere im Hinblick auf Flugzeuge und
Hubschrauber, obgleich wir sehr gute Fortschritte
machen", erklärte der Außenminister. Die Position
des Präsidenten beschrieb er wie folgt: "Wenn wir dies
schaffen, ohne den Abschluß eines KSE-Abkommens
- der sowohl in unserem als auch im Interesse der
Verbündeten liegt - im Jahr 1990 zu verzögern, zu
verhindern oder zu komplizieren, ziehen wir diesen
Weg vor."

Seite 1

�"Wenn dies jedoch dem Abschluß eines Abkommens
über konventionelle Waffen im Jahr 1990 im Weg
stünde, müßten wir einen Weg finden, um diese Probleme später zu lösen", erklärte Baker. "Der Präsident
hat ausdrücklich erklärt, er wünsche den Abschluß
eines Abkommens über konventionelle Streitkräfte im
Jahr 1990."
Baker schlug zur diesjährigen Unterzeichnung eines
Abkommens über konventionelle Streitkräfte einen
Gipfel mit 23 Teilnehmerstaaten von NATO und Warschauer Pakt vor, mit dem Ziel, "den baldigen Abschluß eines KSE-Abkommens zu fördern" und den
"Prozeß stärker zu beschleunigen als dies sonst der
Fall sein würde".
Bei ihren Gesprächen am 8. und 9. Februar 1990 in
Moskau werden Baker und Schewardnadse hochrangige Arbeitsgruppen für fünf Bereiche der amerikanisch-sowjetischen Tagesordnung - Rüstungskontrolle, regionale Fragen, Menschenrechte, bilaterale
Beziehungen und länderübergreifende Probleme - zur
Seite stehen.
Bei ihrem Gipfeltreffen in Malta im Dezember vergangenen Jahres hatten Bush und Gorbatschow ihre
Minister angewiesen, die Verhandlungen über einen
Vertrag zur Verringerung strategischer Rüstungen
(START) abzuschließen, um ihn beim Gipfel im Juni
unterzeichnen zu können.
Der Außenminister erklärte gegenüber einem Senator
jedoch, die Hoffnung sei "zu hochgegriffen", daß ein
START-Vertrag in diesem Jahr vom Senat ratifiziert
würde. Wenn bei den noch ausstehenden Fragen
Übereinkunft erzielt würde, was Baker als "keine leichte Aufgabe" bezeichnete, würde es noch "Monate"
dauern, bis das komplexe Abkommen als Vertragswerk vorliege.
Auf die Frage eines anderen Senators erwiderte Baker, es sei "verfrüht", die Sowjetunion in ein Hilfsprogramm einzubeziehen, wie es für andere Länder Osteuropas existiere, "weil sie noch nicht die politischen
und wirtschaftlichen Reformen durchgeführt hat, wie
wir sie in Ländern wie Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei beobachten".
In seiner Rede stellte Baker fest, die mit der Sowjetunion bisher bestehenden Spannungen "lassen tatsächlich zum großen Teil aufgrund der überall stattfindenden tiefgreifenden Veränderungen nach. Stabilisierende Rüstungskontrollbestrebungen machen Fortschritte. Die alte Welt dogmatischer Diktaturen macht
ganz langsam einer neuen Welt Platz - einer Welt der
Sicherheit, wohlhabender und gerechter Demokratien,
die jedoch als solche noch nicht existiert," warnte
Baker.
Er umriß fünf entscheidende außenpolitische Herausforderungen für die neunziger Jahre.

Seite 2

Die vordringliche Notwendigkeit zur Konsolidierung der Demokratie. "Ost und West bewegen
sich auf ein ungeteiltes und freies Europa zu",
erklärte Baker. "Im Hinblick auf unser Verhältnis zur Sowjetunion sondieren wir vier Bereiche
von beiderseitigem Interesse, in denen wir soweit
möglich statt Konflikten Kooperation erzielen
können."
Bestrebungen zur Unterstützung weltweiten
Wachstums, indem bilaterale und multilaterale
Marktprinzipien durch IWF, Weltbank und GATT
gefördert werden. "Von Osteuropa über Lateinamerika bis hin zu den Entwicklungsländern in
Afrika und Südasien machen sich Anzeichen
zum Abbau von staatlicher Kontrolle und Hindernissen für den Privatsektor bemerkbar, während die bankrotten Planwirtschaften aufgegeben werden", so Baker.
Die Notwendigkeit zu verbesserter Sicherheit
des internationalen Umfelds, die unabdingbar
ist, wenn Demokratie und freie Märkte gedeihen
sollen. "Revolutionäre Veränderungen in der
kommunistischen Welt und ein zunehmend
kooperatives amerikanisch-sowjetisches Verhältnis schaffen die politischen Bedingungen,
die zu dauerhafter und strategisch entscheidender Rüstungskontrolle unverzichtbar sind. Meines
Erachtens haben wir die historische Chance zu
einer Umwandlung des Sicherheitswettlaufs
zwischen Ost und West", führte Baker aus.
Die Notwendigkeit, mit allen - Verbündeten,
Freunden und traditionellen Gegnern gleichermaßen - neue weltweite Gefahren wie Umweltverschmutzung, Drogenhandel und Terrorismus
zu bekämpfen.
Die Notwendigkeit, "unsere Bündnisse und andere
wichtige Bindungen neu zu gestalten und zu
erneuern. Die Bewältigung dieser Herausforderung ist meiner Ansicht nach entscheidend, um
alle anderen in den Griff zu bekommen", erklärte Baker. "Wir müssen unsere atlantische und
pazifische Partnerschaft sowie internationale
Institutionen an die im großen und ganzen

günstigen Bedingungen anpassen, die diese
Partnerschaften und Organisationen geschaffen haben."
Dem Außenminister zufolge hat die Administration für
das am 1. Oktober 1990 beginnende Haushaltsjahr
1991 insgesamt 20,8 Milliarden Dollar an frei verfügbaren Ausgabeermächtigungen für auswärtige Beziehungen beantragt, was einer Aufstockung von 1,7
Milliarden Dollar gegenüber dem laufenden Haushaltsjahr entspricht. "In diesem Zusammenhang", so
Baker, "unterbreiten wir folgende sechs Finanzierungsvorschläge:

AMERIKA DIENST 5

�300 Millionen Dollar zur Förderung von Strukturreformen, Entwicklung des Privatsektors, für
Handels- und Investitionsprogramme sowie Umweltschutzmaßnahmen in Osteuropa.
500 Millionen Dollar an zusätzlicher Wirtschaftshilfe für Panama zur Stützung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus durch Unternehmensförderung, öffentliche Investitionen und wirtschaftliche Stabilisierung im Haushaltsjahr 1990.
441 Millionen Dollar für Militär- und Wirtschaftshilfe sowie Drogenbekämpfungsmaßnahmen in
den Andenstaaten.
888 Millionen Dollar zur Begleichung der amerikanischen Zahlungsrückstände bei den Vereinten Nationen und anderen multinationalen Organisationen und Entwicklungsbanken.
270 Millionen Dollar für die neue amerikanische
Botschaft in Moskau.
Aufstockung der Mittel für das laufende Haushaltsjahr in Höhe von 70 Millionen Dollar zur Bewältigung des Flüchtlingsstroms aufgrund der
weiteren Liberalisierung der sowjetischen Auswanderungspolitik."
Auf die Frage nach COCOM, dem zwischenstaatlichen Koordinationsausschuß für ost-westliche Handelspolitik mit Sitz in Paris, der sicherheitsempfindliche Exporte in kommunistische Staaten überwacht,
antwortete Baker, "der kontinuierliche Schutz sicherheitsempfindlicher Technologie für den strategischen
Bereich, insbesondere von Technologie mit potentieller militärischer Anwendung, ist von außerordentlich
großer Bedeutung." In diesem Zusammenhang erwähnte er das vom 14. bis 15. Februar 1990 in Europa
stattfindende COCOM-Treffen zu Osteuropa und stellte fest, daß die Vereinigten Staaten eine umfassende
Überprüfung ihrer Politik in die Wege geleitet haben.

"Wir möchten ein neues internationales Verhältnis mit
der Sowjetunion schaffen, indem wir sie drängen, zur
friedlichen Beilegung regionaler Konflikte beizutragen", so Baker. "Und wir streben eine demokratischere Sowjetunion an, in der Fortschritte bei den Menschenrechten durch einen Rechtsstaat und demokratische Verfahren fest verankert werden."
Bei der Beantwortung von Fragen verwies Baker darauf, daß die Vereinigten Staaten die Wiedervereinigung Deutschlands seit über 40 Jahren unterstützt
haben. "Dies ist nach wie vor ein Ziel unserer Politik",
erklärte er. Der Außenminister stellte fest, daß die
Vereinigten Staaten vier Prinzipien formuliert haben,
die in diesem Zusammenhang erwogen werden sollten:
Selbstbestimmung muß ungeachtet des Ergenisses erfolgen.
Die Wiederherstellung der Einheit sollte im
Rahmen der bleibenden Integration der Bundesrepublik in die NATO und der Schaffung
eines Europäischen Binnenmarktes erfolgen.
Die Wiederherstellung der Einheit muß im Interesse der allgemeinen europäischen Stabilität
friedlich und schrittweise erfolgen.
In der Frage der Grenzen sollten die Vereinigten
Staaten ihre Unterstützung für die in der Schlu ßakte von Helsinki niedergelegten Grundsätze
bekräftigen, mit denen die Unverletzbarkeit der
Grenzen, jedoch gleichzeitig die Möglichkeit
friedlicher Veränderungen anerkannt wird.

* * * *

*

Baker zufolge werden in Moskau voraussichtlich vor
allem die sowjetischen Fortschritte bei der Kodifizierung der liberalisierten Auswanderungspolitik erörtert,
die den Weg zur Meistbegünstigung durch die Vereinigten Staaten ebnen könnten. Er erklärte, er werde
die politisch Verantwortlichen in der Sowjetunion drängen, eine "verantwortungsbewußte und konstruktive
Rolle" beim Streben nach Frieden in Mittelamerika zu
spielen und sie zu der angeblichen Lieferung von
Kampfflugzeugen des Typs MiG-29an Kuba befragen.

AMERIKA DIENST 5

Seite 3

�SICHERHEITSPOLITIK
7. Februar 1990

SEMINAR ÜBER MILITÄRDOKTRINEN ALS
ERFOLG BEWERTET
AbSchlußerklärung von Botschafter John Maresca
WIEN - (AD) - Dem amerikanischen Chefunterhändler bei den Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM), Botschafter John Maresca, zufolge bewerten die Vereinigten Staaten das am 5.
Februar 1990 in Wien beendete Seminar über Militärdoktrinen als "Erfolg".
Der Zweck des Seminars - "größere Offenheit im Bereich der Militärdoktrinen" - sei erfüllt worden, erklärte
Maresca in seiner Abschlußerklärung. Dennoch existierten "insbesondere bei der sowjetischen Streitkräftestruktur und Militärpolitik noch bestimmte Realitäten, die wir schlicht und einfach nicht ignorieren können".
Gleichzeitig betonte Maresca, die Vereinigten Staaten seien "optimistisch im Hinblick auf die Entwicklung der
östlichen Doktrin, die sie in den kommenden Monaten und Jahren genau im Auge behalten werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Abschlu ßerklärung von Botschafter Maresca beim Seminar über Militärdoktrinen im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, mehrere Delegationen haben bisher ihre Ansicht zum Ausdruck gebracht, das Seminar
über Militärdoktrinen sei ein Erfolg gewesen. Meine
Delegation teilt diese Meinung - das Seminar war ein
Erfolg. Es hatte vor allem größere Offenheit im Bereich der Militärdoktrinen zum Ziel, und dieses Ziel ist
verwirklicht worden.
Dies soll jedoch nicht heißen, daß alle Differenzen
zwischen uns ausgeräumt worden sind. Insbesondere
bei der sowjetischen Streitkräftestruktur und Militärpolitik existieren noch bestimmte Realitäten, die wir schlicht
und einfach nicht ignorieren können. Diese wurden im
Verlauf der Diskussion deutlich und müssen jetzt nicht
noch einmal wiederholt werden. Wir sollten sie jedoch
bei unserer Standortbestimmung im Auge behalten
und sie gemahnen uns zur Vorsicht.
Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten optimistisch
im Hinblick auf die Entwicklung der Doktrin des Ostens, die sie in den kommenden Monaten und Jahren
genau im Auge behalten werden. Die neuen Elemente, die sich im Verlauf des Seminars abzeichneten,
deuten darauf hin, daß diese Entwicklungen einen
positiven Kurs nehmen.
Zusätzlich zu größerer Offenheit ist das Seminar über
AMERIKA DIENST 5

Militärdoktrinen der VSBM-Tradition gefolgt und hat in
neuen Bereichen der Rüstungskontrolle Pilotfunktion
übernommen. Meines Erachtens kann man mit Fug
und Recht sagen, daß das Seminar zu einem Vorreiter
der Rüstungskontrolle geworden ist. Erstmals in der
Geschichte der Rüstungskontrolle sind unsere ranghöchsten Offiziere zusammengekommen, um gemeinsam die kontroversesten Themen auf der sicherheitspolitischen Tagesordnung Europas zu erörtern. Diese
sowohl offiziellen als auch inoffiziellen Kontakte könnten sich auf lange Sicht als ebenso wichtig erweisen
wie die Debatten bei den offizielllen Seminarveranstaltungen.
Obgleich viele der von uns im Laufe des Seminars
gehörten Referate unser Interesse fanden, war meine
Delegation besonders von den Einlassungen mehrerer Länder Osteuropas in den Bann gezogen. Das
offensichtliche Bestreben, die in vielen Fällen noch
heftig umstrittene nationale Position freimütig darzulegen, wurde sehr begrüßt und spiegelte eindeutig die
tiefgreifenden politischen Veränderungen unserer Zeit
wider.
Darüber hinaus sind wir der sowjetischen Delegation
für ihre durchdachten Vorträge - und die vielen Antworten auf unsere direkten Fragen - dankbar. Wir haben
Seite 1

�den Eindruck gewonnen, daß die neue sowjetische
Doktrin des "vernünftigen und ausreichenden Niveaus
der Verteidigung" zunehmend an Einfluß gewinnt,
wenngleich sie noch nicht alle Bereiche sowjetischer
Militärpolitik durchdrungen zu haben scheint. Nicht
zuletzt gibt es die sowjetischen Streitkräfte weiterhin,
und unsere Verteidigungsplanung muß diese rauhe
Wirklichkeit in Betracht ziehen, bis ein Gleichstand in
Europa erzielt ist.
Dennoch begrü ßen wir die Tatsache, daß hochrangige
sowjetische Offiziere bereit waren, sich an einem
solchen direkten Austausch zu beteiligen. Wir verstehen und würdigen die Bedeutung dieses Beitrags der
Sowjets. Aufgrund dessen haben wir jetzt ein besseres Verständnis des nunmehr von der Sowjetunion
eingeschlagenen Kurses, mit dem sie die Kräfteverteilung ihrer Streitkräfte weniger bedrohlich gestalten,
und wir sind uns auch bewußt, daß Veränderungen
Zeit erfordern. Wir werden diese Bestrebungen mit
Interesse beobachten. Eine Fortsetzung gegenwärtiger Tendenzen wird unser Vertrauen in die sowjetischen Absichten steigern.
Herr Vorsitzender, alle amerikanischen Teilnehmer
verlassen diese Konferenz mit dem Gefühl der Befriedigung, daß sie - wenn auch oft nur kurz - die Möglichkeit hatten, sich an einem geschichtsträchtigen Dialog
zu beteiligen. In diesem Sinne hat General Powell uns
eine persönliche Botschaft übermittelt, die wir allen

Delegationen zugänglich machen werden, in der er
den Wert dieses Seminars für die Förderung unseres
gemeinsamen Ziels hervorhebt - größerer Offenheit
als Schlüsselelement militärischer Stabilität.
Heute morgen wurde ich von einem Journalisten über
wahrhaft sensationelle Entwicklungen des Seminars
befragt. Ich habe geantwortet, es sei nicht unsere
Aufgabe, sensationelle Entwicklungen hervorzubringen. Ich erklärte ihm, wir arbeiteten an der langsamen,
stetigen Entwicklung von Stabilität und Vertrauen im
sicherheitspolitischen Bereich. Und meiner Ansicht
nach ist das Seminar diesem Ansatz gerecht geworden. Es war ein weiterer Schritt in unserem langsamen, stetigem Bestreben der Vertrauensbildung in
unserem Kreis. Herr Vorsitzender, wenn wir morgen
zu unseren Verhandlungen zurückkehren, besteht
unsere Herausforderung darin, zu gewährleisten, daß
wir aussagekräftige Abkommen verantwortungsvoll
vorantreiben, mit denen diese historische Entwicklung
in positivem Sinne vorangetrieben und ein Europa
geschaffen wird, in dem Sicherheit und Unabhängigkeit für alle Länder gesichert sind.
Ich möchte an dieser Stelle auch im Namen meiner
Delegation Herrn Botschafter Liedermann und dem
Sekretariat, den Dolmetschern und der österreichischen Regierung für ihre hervorragende Arbeit bei der
Organisation dieser wichtigen Veranstaltung danken.
Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 5

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10754">
                <text>07.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10755">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10756">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10757">
                <text>Amerikadienst 07.02.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10758">
                <text>&lt;strong&gt;1. Bericht zur Lage der Nation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush für einschneidende amerikanisch-sowjetische Truppenreduzierungen in Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Präsident Bushs Bericht zur Lage der Nation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: Offizielle Reaktion Moskaus auf Bushs&lt;br /&gt;Vorschlag erwartet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Außenministers im Auswärtigen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ausschuß des Senats&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sicherheitspolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Seminar über Militärdoktrinen als Erfolg&lt;br /&gt;bewertet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Abschlußerklärung von Botschafter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;John Maresca&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2129" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2140">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/057bd0b09478361c53f862488ce3aba8.pdf</src>
        <authentication>38934815cb71589e6e4945b2afbb236c</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10753">
                    <text>^eäf^&gt;

S r i o H &lt;*

amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

31.Januar 1990

HAUSHALT

Bushs Haushaltsvorlage
Übersicht über den Haushaltsentwurf für 1991
Haushalt sieht Aufstockung der Auslandshilfe vor
Auszüge aus der Haushaltsvorlage 1991

ABRÜSTUNG

Die Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen:
Amerikanische und sowjetische Vorschläge
Eine Übersicht des ACDA

DROGEN

Die Drogenbekämpfungsstrategie der USA für 1990
Nationaler Teil der Drogenstrategie

PANAMA

Partnerschaft mit Panama
Eine Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�HAUSHALT
31. Januar 1990

BUSHS HAUSHALTSVORLAGE
Übersicht über den Haushaltsentwurf für 1991
WASHINGTON - (AD) - In dem von Präsident Bush für das am 30. September 1991 endende Haushaltsjahr
vorgelegten Haushalt werden 36 Milliarden Dollar für zusätzliche Ausgaben, aber ein noch drastischerer Anstieg
bei den Einnahmen gefordert.
Haushaltspläne werden vom amerikanischen Kongreß nie genauso verabschiedet und durchgeführt, wie von der
Regierung vorgelegt. Wäre das in diesem Jahr der Fall, würde sich Schätzungen der Bush-Administration
zufolge das Haushaltsdefizit der Regierung von rund 123,8 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 1990 auf 63,1
Milliarden Dollar im Jahr 1991 verringern.
Nachfolgend bringen wir wesentliche Auszüge aus dem von Präsident Bush am 29. Januar 1990 vorgelegten
Haushaltsentwurf.

Gesamtumfang des Haushalts

Verteidigungshaushalt

(Angaben in Mrd. Dollar)

Die Ausgaben des Verteidigungsministeriums werden
im Haushaltsjahr 1991 voraussichtlich um nur 1,9
Prozent auf 292,1 Milliarden Dollar aufgestockt. Die
Ausgabeermächtigung beliefe sich auf 1,3 Prozent,
was inflationsbereinigt 2,6 Prozent weniger Kaufkraft
bedeutet.

Einnahmen

1.170,2

Ausgaben

1.233.3

Haushaltsdefizit

63,1

Abbau des Defizits

Neue Vorschläge

Das amerikanische Haushaltsdefizit erreichte im
Haushaltsjahr 1986 Rekordhöhe. Von 1986 bis zu
dem für 1991 vorgelegten Haushaltsplan betrug das
Defizit in Milliarden Dollar:

Die neuen Haushaltsvorschläge legen besondere
Betonung auf Investitionsanreize, wie beispielsweise:

Haushaltsjahr

Defizit

1986

221,2

1987

149,7

1988

155,1

1989

152,0

1990 (geschätzt)

123,8

1991 (vorgelegt)

63,1

AMERIKA DIENST 4

Steuererleichterungen zur Ermutigung von
Familiensparguthaben
niedrigere Steuersätze für Kapitalerträge aus
langfristigen Investitionen
Steueranreize zur Ermutigung höherer Investitionen in Forschung und Entwicklung durch den
Privatsektor.
Weitere Vorschläge erstrecken sich auf folgende
Bereiche:
Aufstockung der Ausgaben für die Bekämpfung
des Drogenmißbrauchs unter Berücksichtigung
der Inflationsrate

Seite 1

�zusätzliche Wohnungsbeihilfen für Bedürftige
und Obdachlose

Vorschlag zur Ausgabenverteilung Im Haushaltsjahr 1991

Modernisierung des Flugsicherungssystems in
den USA

(Angaben in Prozent)

zusätzliche Mittel für Umweltschutz einschließlich Wiederaufforstung, Entsorgung von Giftmüll sowie Erforschung der weltweiten Klimaveränderungen
zusätzliche Ausgaben für wissenschaftliche
Zwecke.

Nationale Verteidigung

25

Leistungen an Privatpersonen
(einschl. Sozialversicherung)

43

Nettozinsen

14

Zuwendungen an Staaten und Kommunen

12

Sonstiges

6

Etat für Weltraumforschung und Wissenschaft
Im Haushaltsentwurf für 1991 wurden 15,8 Milliarden
Dollar an Ausgabeermächtigungen für Weltraumaktivitäten, einschließlich 15,1 Milliarden Dollar für die
NASA vorgeschlagen. Die Aufstockung des NASAEtats - 24 Prozent für 1990 - ist die einzige Erhöhung
bei einer wichtigen Regierungsbehörde. Sie umfaßt
die Finanzierung für 10 Flüge der Raumfähre im Jahr
1990, Baubeginn einer Raumstation sowie eine 47prozentige Aufstockung der Forschungsaktivitäten auf
Mond und Mars.
Weitere vorrangige Bereiche der Wissenschaft sind
biotechnologische Forschung und Entwicklung, Hochenergiephysik, AIDS-Forschung, Technologie für
Magnetschwebebahnen und der supraleitfähige Superbeschleuniger, der größte und leistungsfähigste
Nuklearteilchenbeschleuniger der Welt.

Staatliche Zuschüsse für die Landwirtschaft
Gegenwärtig gültigen Gesetzen zufolge werden Stützungaktionen für Preise und Einkommen der Landwirte im Haushaltsjahr 1990 voraussichtlich um 3,5 Milliarden Dollar steigen. Bush strebt mit seiner Haushaltsvorlage einen langsameren Anstieg der Ausgaben zur Stützung der Preise und Einkommen auf 2
Milliarden Dollar an, geht jedoch nicht im einzelnen
darauf ein, wo die 1, 5 Milliarden eingespart werden
sollen.
Im Haushalt werden größere Einsparungen prognostiziert, sofern bei den laufenden internationalen Handelsgesprächen eine Vereinbarung zum Abbau staatlicher Zuschüsse für die landwirtschaftliche Produktion
erzielt werden kann.

Seite 2

Einnahmequellen
Einkommenssteuer der Privathaushalte

43

Einnahmen aus der Sozialversicherung

34

Körperschaftssteuer der Unternehmen

11

Kredite

5

Indirekte Steuern

3

Sonstiges

4

Defizit als Prozentsatz des BSP
Im laufenden Haushaltsjahr, das am 30. September
1990 endet, wird das Defizit als Prozentsatz des BSP
dem Haushaltsbüro (Office of Management and Budget - OMB) zufolge etwa genauso hoch sein wie der
Durchschnitt sechs führender Industrienationen (Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Großbritannien,
Italien, Japan und Kanada).
Während des Zweiten Weltkriegs erreichte das amerikanische Haushaltsdefizit als Prozentsatz des BSP
einen Rekordstand von 31,6 Prozent. Der Höchststand nach 1946 wurde 1983 erreicht. Ab diesem
Zeitpunkt verlief die Entwicklung bis 1991 wie folgt:

Haushaltsjahr

Defizit als Prozentsatz
des BSP

1983

6,3

1984

5,0

1985

5,6

AMERIKA DIENST 4

�Haushaltsjahr

Defizit als Prozentsatz
des BSP

1986

5,7

1987

3,8

1988

4,0

1989

4,0

1990 (geschätzt)

3,3

1991 (vorgelegt)

2,4

Betrag im Wert von 15 Prozent der erwarteten Sozialversicherungsüberschüsse im Trustfonds in den neuen Fonds eingezahlt und zur Ablösung der Staatsverschuldung verwendet werden.

* * * *

*

Ausgaben der Bundesregierung als Prozentsatz
des BSP
Haushaltsjahr

Ausgaben als Prozentsatz
des BSP

1989

22,2

1990 (geschätzt)

21,8

1991 (vorgelegt)

20,9

Das Sozialwesen im Haushalt
Das amerikanische Sozialversicherungswesen wird
nicht als Haushaltstitel betrachtet, aber dennoch in die
Berechnung eingeschlossen, um die Ziele des GrammRudman-Hollings-Gesetzes zum Defizitabbau zu erfüllen. Wie der Leiter des Haushaltsbüros, Richard
Darman, in einer Einleitung zur HaushaHsvorlage schrieb,
wird dadurch der wahre Umfang des Haushaltsdefizits
verschleiert, weil der Trustfonds Überschüsse bildet,
um die in Zukunft erwartungsgemäß höheren Verpflichtungen abzuzahlen. Wenn die gegenwärtigen
Überschüsse im Sozialversicherungstrustfonds nicht
in die Defizitberechnungen einbezogen werden, würde
sich das Haushaltsdefizit real auf folgende Summen
belaufen:

Haushaltsjahr

Defizit

1990

183,4

1991

144,3

(Angaben in Milliarden Dollar)
Der Präsident schlägt als Teil seiner Vorlage für das
Haushaltsjahr 1991 die Einrichtung eines Fonds für die
Integrität der Sozialversicherung und zum Schuldenabbau vor, der den Sozialversicherungstrustfonds
ergänzt. Diesem Vorschlag zufolge würde 1993 ein

AMERIKA DIENST 4

Seite 3

�HAUSHALT
31. Januar 1990

HAUSHALT SIEHT AUFSTOCKUNG DER
AUSLANDSHILFE VOR
Auszüge aus der Haushaltsvorlage 1991
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Kapitel Internationale Beziehungen
der von Präsident Bush am 29. Januar 1990 dem Kongreß übermittelten Haushaltsvorlage. Die Forderungen
beziehen sich auf das am 30. September 1991 endende Haushaltsjahr.

Die Zielsetzung der Ausgaben für Internationale Beziehungen besteht im Schutz und der Förderung der
Interessen der Vereinigten Staaten und ihres Volkes
über die Grenzen hinaus. In einer Welt mit 171
Ländern und fünf Milliarden Menschen - wobei amerikanische Interessen, Märkte und Investitionen überall
auf der Welt zum Tragen kommen - ist dies eine
ungeheure Aufgabe.
Dabei gibt es jedoch bestimmte vordringliche Prioritäten. Die Vereinigten Staaten müssen alles in ihrer
Macht Stehende tun, um den Übergang der Länder
Osteuropas zu Demokratien und freien Marktwirtschaften zu fördern. Sie müssen sich für verifizierbare
Abkommen im konventionellen und strategischen
Bereich einsetzen, die mit amerikanischen Interessen
im Einklang stehen. Sie müssen ihre politische, wirtschaftliche und diplomatische Macht einsetzen, um in
Krisengebieten wie dem Nahen Osten und Mittelamerika größere Stabilität herbeizuführen. In Nicaragua
müssen demokratische Lösungen angestrebt und in
Panama müssen diese verwirklicht werden. Obwohl
sich die weltweite Aufmerksamkeit den Menschen
zuwendet, die sich totalitärer Herrschaft widersetzen,
müssen die Vereinigten Staaten ihrer Verpflichtung
gleichermaßen nachkommen, bedrohte Demokratien
wie die Philippinen zu schützen.
Um auf die mit den politischen Veränderungen einhergehenden historischen Möglichkeiten - und damit gleichzeitig auf regionale und weltweite Bedrohungen - zu
reagieren, fordert die Haushaltsvorlage Aufstockungen bestimmter Programme für Internationale Beziehungen. Mit Investitionen in den Frieden - durch
Förderung von Demokratie, freier Marktwirtschaft und

AMERIKA DIENST 4

gemeinsamen Lösungen - wird das Konfliktrisiko und
damit die großen Summen, die Konflikte fordern abgebaut. Die Investitionen sind somit für die Aufrechterhaltung der nationalen Sicherheit entscheidend,
und diesem Ziel kann man am besten in einer Weltordnung demokratischer Regierungen und freier Marktwirtschaften gerecht werden.
Ein Teil dieser zusätzlichen Investitionen wird in internationale Körperschaften wie die Vereinten Nationen
und die Weltbank fließen. In einer pluralistischeren
Welt werden die wichtigsten internationalen Institutionen erwartungsgemäß eine größere Rolle spielen als
im bipolaren Zeitalter der Supermächte. Diese Institutionen können bestimmten amerikanischen Interessen dienen. Das trifft für die Weltbank und den
Internationalen Währungsfonds zu, der die Vorschläge der Administration zur Verschuldung der Dritten
Welt sowie die Hilfe der amerikanischen Friedenstruppe für eine politische Lösung in Namibia unterstützt
hat. Wenn die internationalen Organisationen diese
Leistungen weiterhin erbringen wollen, setzt dies voraus, daß die Vereinigten Staaten ihre dort eingegangenen Verpflichtungen voll und ganz erfüllen. Die Haushaltsvorlage fordert 3,2 Milliarden Dollar zur Ablösung
der gegenwärtigen und aufgelaufenen amerikanischen
Zahlungsverpflichtungen, die in Verträgen und bindenden Abkommen mit diesen Organisationen eingegangen wurden.

Der Haushalt für Internationale Beziehungen
Wie die folgende Tabelle zeigt, soll die Ausgabeermächtigung für Internationale Beziehungen im Verlauf

Seite 1

�des Jahres 1990 um 1,4 Milliarden Dollar auf 20
Milliarden Dollar ansteigen. Die Ausgaben werden
schätzungsweise um 3,6 Milliarden Dollar auf 18,2
Milliarden Dollar aufgestockt werden, wofür zum Teil
der Wegfall größerer Einnahmen im Jahr 1991 verantwortlich ist.

1990 vorzeitig erfolgte Ablösung früherer Kredite für
militärisches Gerät und Dienstleistungen zurückzuführen. Diese vorzeitigen Zahlungen reduzieren die
Ausgaben 1990 um 1,7 Milliarden Dollar, sie sind
jedoch einmalig.

Internationale Beziehungen
(Angaben in Milliarden Dollar, Werte für 1990 und 1991 geschätzt)

(150) Internationale Beziehungen

1989

1990

1991

Auslandshilfe

13,0

14,0

14.9

Militärhilfe

(7,7)

(8.5)

(8,8)

Entwicklungs- und humanitäre Hilfe

(5.3)

(5,5)

(6,1)

3,9

4,3

5,3

Durchführung der Außenpolitik

(2,8)

(2.9)

(4,1)

Öffentlichkeitsarbeit

(1.1)

(1.3)

(1,2)

Internationale Finanzierungsprogramme

0,4

0,4

-0,2

Insgesamt

17,3

18,6

20,0

6,3

11,2

14,2

Militärhilfe

(1.5)

(6,3)

(8,8)

Entwicklungs- und humanitäre Hilfe

(4,8)

(4.9)

(5.4)

Diplomatie

4,0

4,1

4,5

Durchführung der Außenpolitik

(2,9)

(3.0)

(3,2)

Öffentlichkeitsarbeit

(1.1)

(1.2)

(1.3)

Internationale Finanzierungsprogramme

-0,7

-0,7

-0,5

Insgesamt

9,6

14,6

18,2

Ausgabeermächtigung:

Diplomatie

Ausgaben:
Auslandshilfe

Auslandshilfe
Die Haushaltsvorlage fordert 14,9 Milliarden Dollar
Ausgabeermächtigung und 14,2 Milliarden Dollar
Ausgaben für Auslandshilfe. Das sind jeweils 1 Milliarde beziehungsweise 3 Milliarden mehr als 1990. Ein
großer Teil des Ausgabenanstiegs 1991 ist auf die
Seite 2

Dem Bereich Auslandshilfe bei den Ausgaben für
Internationale Beziehungen (Militärhilfe, Entwicklungsund humanitäre Hilfe) kommt für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten, weltweite Stabilität und
Wohlstand große Bedeutung zu. Unsere militärische

AMERIKA DIENST 4

�und wirtschaftliche Hilfe fördert wichtige außenpolitische Ziele der Vereinigten Staaten durch Programme,
die zum Beispiel demokratische Reformen in Osteruopa, Mittelamerika und Asien unterstützten, den internationalen Drogenhandel und die Drogenherstellung
bekämpfen, die Sicherheit unserer wichtigsten Verbündeten und Freunde schützen und das Wirtschaftswachstum in den ärmsten Ländern der Welt fördern.
An der Durchführung dieser Programme sind mehrere
Regierungsbehörden beteiligt, wobei das Außenministerium die außenpolitischen Leitlinien liefert.
Angesichts der jüngsten Veränderungen in der kommunistischen Welt und zunehmender Würdigung der
Vorteile eines marktorientierten Systems ist es bei der
Mittelvergabe notwendig, amerikanische Auslandshilfeprogramme und die amerikanische Beteiligung an
multilateralen Organisationen zu prüfen, um sicherzustellen, daß sie den Entwicklungen und Sicherheitserfordernissen der kommenden zehn Jahre gerecht
werden. Gleichzeitig sollten die tiefgreifenden Veränderungen nicht außer acht gelassen werden, die das
Auslandshilfeprogramm in den letzten Jahren erfahren
hat. Der Haushalt legt den Schwerpunkt eindeutig auf
Osteuropa, Drogenbekämpfung und die amerikanische Rolle bei den multilateralen Entwicklungsbanken.
Wenn sichergestellt sein soll, daß amerikanische
Auslandshilfe in einem Zeitalter rapider politischer und
wirtschaftlicher Veränderungen soeffektivwie möglich
eingesetzt wird, ist dazu enge Zusammenarbeit zwischen Administration und Kongreß erforderlich.

Militärhilfe
Die Haushaltsvorlage fordert 8,8 Milliarden Dollar an
Ausgabeermächtigung und Ausgaben für internationale Militärhilfe, jeweils 0,4 beziehungsweise 2,5 Milliarden Dollar mehr als 1990. Der große Anstieg der
Ausgaben spiegelt - nach einer Woge vorzeitiger
Zahlungen im Jahr 1990 (siehe oben) - die Rückkehr
zu einem traditionellen Gleichgewicht zwischen Ausgabeermächtigung und Ausgaben wieder. Die Militärhilfe fördert die Zielsetzungen der nationalen Sicherheit und der Au ßenpolitik, indem sie die sicherheitspolitische und wirtschaftliche Stabilität der amerikanischen Freunde und Verbündeten unterstützt.
Der Ankauf militärischer Güter und Dienstleistungen
wird durch die Finanzierung von Militär im Ausland
(Foreign Military Financing - FMF) gefördert, wirtschaftliche Stabilisierung durch den Fonds zur Wirtschaftsförderung (Economic Support Fund - ESF),
und der Austausch zwischen Angehörigen der Streitkräfte von Freunden und Verbündeten durch das
Programm für Internationale Bildung und Ausbildung
der Armee (International Military Education and Training - IMET).
Der größte Teil der angeforderten Militärhilfe - 5,1

AMERIKA DIENST 4

Milliarden Dollar oder 61 Prozent - fließt in die militärische und wirtschaftliche Unterstützung Israels und
Ägyptens. Die Förderung ihrer Bestrebungen um
einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten bleibt
vorrangiges Ziel amerikanischer Außenpolitik. In der
Haushaltsvorlage werden über2,1 Milliarden Dollar für
US-Militärstützpunkte in NATO-Ländern und auf den
Philippinen sowie zur Durchführung verbesserter
Programme in Mittelamerika beantragt.
Grund zur Beunruhigung liefert die Tatsache, daß der
Kongreß im Jahr 1990 88 Prozent der Konten an
Militärhilfe für 24 Länder gebunden hat. Diese Zweckbindung durch den Kongreß verhindert angemessene
Programme für so wichtige Länder wie Pakistan,
Thailand, die Philippinen und El Salvador. Die jüngsten Entwicklungen in Osteuropa und Panama unterstreichen die Notwendigkeit zu Flexibilität, damit
Möglichkeiten zur Ausübung der amerikanischen
Führungsrolle genutzt werden. Die Administration
bittet erneut um größere Flexibilität beim Einsatz von
Militärhilfe und arbeitet mit dem Kongreß zusammen,
um sicherzustellen, daß unsere Prioritäten im Bereich
der nationalen Sicherheit berücksichtigt werden. Darüber
hinaus wird die Administration im Jahr 1990 die Rolle
der Militärhilfe überprüfen, sofern amerikanische Streitkräfte bei eventuellen Engpässen und Bedrohungen
eingesetzt werden.

Drogenbekämpfung
Im Haushaltsentwurf werden 528 Millionen Dollar an
Ausgabeermächtigungen sowie 270 Millionen Dollar
an Ausgaben für internationale Drogenbekämpfung
(einschließlich der Bereitstellung von Mitteln für Militär- und Entwicklungshilfe) gefordert. Verglichen mit
dem Stand von 1990 nehmen diese Aktivitäten um
rund 80 Prozent zu. Mit den beantragten Mitteln wird
das zweite Jahr des Plans zur Unterbindung des
Kokainnachschubs aus den Andenstaaten Kolumbien,
Peru und Bolivien finanziert. Die größte Aufstockung
dieses Programms besteht in 175 Millionen Dollar
neuer Hilfsleistungen für die Volkswirtschaften der
Länder, die ihre Entschlossenheit zur ernsthaften
Bekämpfung des Drogenproblems unter Beweis stellen.
Im Jahr 1990 wurden im Rahmen der amerikanischen
Drogenbekämpfungsinitiative in den Andenstaaten 141
Millionen Dollar an Militärhilfe bereitgestellt, vor allem
um den Krieg Kolumbiens gegen die "Drogenbarone"
des Medellin- und Cali-Kartells zu unterstützen. Mit
außerordentlichem Mut und amerikanischem Beistand
hat die kolumbianische Regierung trotz zahlreicher
Angriffe des Drogenkartells gegen Regierungsbeamte
und unschuldige Bürger Drogenschmuggler und ihr
Vermögen unerbittlich aufgespürt. Im Haushaltsentwurf für 1991 wird sowohl weitere Militärhilfe der Vereinigten Staaten als auch Unterstützung der kokapro-

Seite 3

�duzierenden Länder beantragt, um die Kokaproduktion durch andere Wirtschaftsaktivitäten zu ersetzen.
Darüber hinaus fordert der Haushalt 150 Millionen
Dollar für weitere Drogenbekämpfungsmaßnahmen,
um den Strafvollzug bei der Drogenbekämpfung in den
Andenstaaten und weltweit zu unterstützen.

Entwicklungs- und humanitäre Hilfe
Laut Haushaltsvorlage werden 6,1 Milliarden Dollar an
Ausgabeermächtigungen und 5,4 Milliarden Dollar an
Ausgaben für Entwicklungs- und humanitäre Hilfe
beantragt, das sind 0,6 beziehungsweise 0,5 Milliarden Dollar mehr als 1990. Mit diesem Etat sollen
marktorientierte Volkswirtschaften durch Finanzmittel,
Investitionsvorhaben und technische Hilfe ermutigt,
Hilfsmaßnahmen nach Katastrophen sowie humanitäre Hilfe wie Flüchtlingsbetreuung bereitgestellt werden. Die Vorlage enthält 1,9 Milliarden Dollar an Ausgabeermächtigungen für vom amerikanischen Amt für
internationale Entwicklung (U.S. Agency for International Development - A.I.D.) verwaltete Programme zur
bilateralen Wirtschaftshilfe sowie 1,7 Milliarden Dollar
an Ausgabeermächtigungen für amerikanische Zahlungen an multilaterale Entwicklungsbanken wie die
Weltbank.

Besondere Unterstützung für Osteuropa und die
Philippinen
Bei der Aufstockung der Auslandshilfe für 1991 wird
besondere Betonung auf die Unterstützung der Demokratien im Ausland gelegt.
Laut Haushaltsvorlage werden 300 Millionen Dollar an
besonderen Hilfsmaßnahmen für die Länder Osteuropas beantragt, die sich auf dem Weg zur Demokratie
befinden und versuchen, freie Marktwirtschaften aufzubauen. Eine spezielle Gesetzesvorlage wird erarbeitet, in der die Zielsetzungen dieses Programms im
Zusammenhang mit bereits verabschiedeten Gesetzen formuliert werden, um einen Unternehmensfonds
für Polen und Ungarn sowie einen Stabilisierungsfonds für Polen bereitzustellen.
Darüber hinaus werden im Haushalt 200 Millionen
Dollar für besondere Unterstützung der Philippinen
beantragt. Aus dem Fonds wird der zweite Beitrag zu
multilateralen Bestrebungen zur Unterstützung tiefgreifender Wirtschaftsreformen finanziert, die zur
Konsolidierung der Demokratie auf den Philippinen
erforderlich sind.

Laut Haushaltsvorlage werden 451 Millionen Dollar an
Ausgabeermächtigungen sowie 435 Millionen Dollar
an Ausgaben für Flüchtlingsprogramme beantragt,
was einer Aufstockung von 82 beziehungsweise 49
Millionen Dollar gegenüber 1990 entspricht. Mit diesen
Mitteln soll die Aufnahme von bis zu 110 000 vornehmlich aus der Sowjetunion und Südostasien stammenden Flüchtlingen in die Vereinigten Staaten finanziert
werden. Darüber hinaus wird aus diesem Fonds der
amerikanische Beitrag zur Unterstützung von Flüchtlingen in Lagern im Ausland gestellt, die von internationalen Organisationen wie dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen verwaltet werden.
Schließlich sollen 25 Millionen Dollar Soforthilfe für
Engpässe bereitgestellt werden.

Multilaterale Entwicklungshilfe
Im Haushalt sind 3,2 Milliarden Dollar für Beiträge an
die Internationale Entwicklungsorganisation (IDA) eine Behörde der Weltbank - vorgesehen, die über die
nächsten drei Jahre geleistet werden sollen. Zusammen mit den 11,9 Milliarden Dollar an Beiträgen der
anderen Länder kann die IDA mit diesem Fonds von
1991 bis 1993 durchschnittlich 5,5 Milliarden Dollar in
Form von besonders günstigen langfristigen Krediten
an die ärmeren Entwicklungsländer vergeben. Mit
einem beträchtlichen Teil dieser Mittel werden Wirtschaftsreformen in den afrikanischen Ländern unterstützt, deren Regierungen marktorientierte Wirtschaftssysteme anstreben. Ferner enthält die Haushaltsvorlage 279 Millionen Dollar an Mitteln, die verschiedenen
multilateralen Entwicklungsbanken in den vergangenen Jahren versprochen, jedoch nicht bewilligt worden
waren. Aufgrund dieser Rückstände können die Vereinigten Staaten ihrer Führungsrolle in diesen Organisationen nicht gerecht werden. Ebenso wie die im
folgenden erörterten Rückstände bei den Vereinten
Nationen und ihnen nachgeordneten Behörden handelt es sich bei diesen Summen um offizielle Zahlungsverpflichtungen, die von den Vereinigten Staaten eingehalten werden müssen.

Bilaterale Entwicklungs- und Katastrophenhilfe
Das reguläre Entwicklungshilfeprogramm des A.I.D.
wird bei der Bereitstellung von Mitteln für die Empfängerländer auch in Zukunft größere Betonung auf die
Wirtschaftsleistung legen. Darüber hinaus wird in der
Haushaltsvorlage angesichts der Kosten der vergangenen Jahre eine Aufstockung der A.I.D.-Mittel um
zwei Drittel für internationale Katastrophenhilfe beantragt...

Flüchtlinge

Seite 4

AMERIKA DIENST 4

�Zahlungen an internationale Institutionen

Internationale Finanzprogramme

Bei der Verfolgung amerikanischer Interessen engagieren sich die Vereinigten Staaten nach wie vor für
eine wirksame Beteiligung an internationalen Organisationen. Obwohl Demokratie und freie Marktwirtschaften durch bilaterale Bestrebungen der Vereinigten Staaten gefördert werden können, kommt internationalen Organisationen in einer multipolaren Welt
zunehmende Bedeutung bei der Festigung der Errungenschaften zu, insbesondere im Hinblick auf grenzüberschreitende Probleme. Aus diesem Grund werden im Haushalt 1,4 Milliarden Dollar an Ausgabeermächtigungen und 0,9 Milliarden Dollar an Ausgaben
für diese Institutionen beantragt, was einer Aufstokkung von 721 beziehungsweise 187 Millionen Dollar
gegenüber 1990 entspricht. Die Vorlage enthält 794
Millionen Dollar für regelmäßige Zahlungen sowie 620
Millionen Dollar zur Begleichung der Rückstände bei
den amerikanischen Pflichtbeiträgen an die Vereinten
Nationen und ihnen nachgeordnete Behörden. Die
Restzahlungen würden über einen Zeitraum von fünf
Jahren erfolgen und für bestimmte Aktivitäten verwendet, auf die sich die Vereinigten Staaten und die
jeweiligen Organisationen geeinigt haben. Die Vereinigten Staaten engagieren sich weiterhin für Fortschritte bei einer zurückhaltenden Steuerpolitik und
Konzentration auf wesentliche Programme, wie dies in
den vergangenen Jahren bei internationalen Organisationen der Fall war...

Mit diesem Ausgabenfonds für Internationale Beziehungen werden mehrere führende Finanzinstitutionen
oder Konten unterstützt. Eine dieser Institutionen, die
Export-Import-Bank, gewährt zur Unterstützung amerikanischer Exporte vor allem auf Märkten der Entwicklungsländer Kredite, Bürgschaften und Versicherungen. Für 1991 stellt die Bank 500 Millionen Dollar an
Krediten und 10,6 Milliarden Dollar an Bürgschaften
und Versicherungen bereit. Die Adminstration schlägt
darüber hinaus einen Bewilligungsfonds in Höhe von
114 Millionen Dollar zur Förderung des amerikanischen Verhandlungsziels vor, die an Auslandshilfe
gebundenen Praktiken beträchtlich abzubauen, also
für besseren Auslandsumsatz Auslandshilfe mit regulären Exportkrediten zu verbinden.

*

AMERIKA DIENST 4

Auch zur Aufstockung der Ressourcen des Internationalen Währungsfonds wurden internationale Verhandlungen aufgenommen. Sie könnten einen größeren
Anteil der Vereinigten Staaten an diesen Ressourcen
zur Folge haben, der als amerikanische Quote bezeichnet wird. Da über den Umfang der höheren Quote
noch verhandelt wird, sieht der Haushalt keine Mittel
dafür vor. Jeder Quotenanstieg würde die Bewilligung
von Ausgabeermächtigungen erforderlich machen,
jedoch keine Ausgaben verursachen und daher das
Defizit nicht vergrößern.

* * *

*

Seite 5

�ABRÜSTUNG
31.Januar 1990

DIE VERHANDLUNGEN ÜBER KERN- UND
WELTRAUMWAFFEN:
AMERIKANISCHE UND SOWJETISCHE VORSCHLÄGE
Eine Übersicht des ACDA
Die folgende Übersicht wurde am 22. Januar 1990 vom Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung veröffentlicht.

Verhandlungen über die Verringerung strategischer Rüstungen (START)
Vereinigte Staaten
Stufenweise Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf gleiche Niveaus, durchzuführen in zwei
Phasen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags.
Sowjetunion
Reduzierung der strategischen Offensivwaffen auf
gleiche Niveaus, durchzuführen in zwei Phasen innerhalb von sieben Jahren nach Inkrafttreten des Vertrags, wobei nach Phase 1 gleiche Obergrenzen gelten
müssen.
Vereinigte Staaten
Abschluß eines START-Abkommens unabhängig vom
Abschluß eines Vertrags über die Verteidigung im
Weltraum.
Sowjetunion
Abschluß des START-Vertrags unabhängig vom
Abschlu ß eines Vertrags über die Verteidung im Weltraum. Die Sowjets stehen jedoch auf dem Standpunkt,
daß sie ein Recht zur Kündigung eines ST ART-Ver-

AMERIKA DIENST 4

trags besitzen, wenn sie zu dem Schluß kommen
sollten, daß die Vereinigten Staaten den ABM-Vertrag
verletzen, wie er von den Sowjets interpretiert wird.
Vereinigte Staaten
Es können keine weiteren Rüstungskontrollverträge
mit der Sowjetunion abgeschlossen werden, solange
diese nicht die Verletzung des ABM-Vertrags durch
das Radar von Krasnojarsk in einer verifizierbaren
Weise einstellt, die amerikanischen Kriterien entspricht.
Sowjetunion
Die Sowjets haben sich bereiterklärt, das Radar von
Krasnojarsk vollständig abzubauen.

Trägersysteme
Vereinigte Staaten
Eine Obergrenze von 1 600 strategischen Trägersystemen (SNDVs) für stationierte Interkontinentalraketen (ICBMs) und deren Abschußvorrichtungen, stationierte U-Boot-gestützte ballistische Raketen (SLBMs)
und deren Abschußvorrichtungen sowie schwere
Bomber.

Seite 1

�Sowjetunion
Etwa gleiche Haltung wie die Vereinigten Staaten. Es
bestehen jedoch weiterhin Unterschiede bei der Zählweise.

ICBMs zulässig. Entwicklung, Erprobung und Stationierung neuer Typen schwerer ICBMs verböten.

Wurf gewicht
Vereinigte Staaten

Gefechtsköpfe
Vereinigte Staaten
Obergrenze von 6 000 Gefechtsköpfen, einschließlich
der stationierten Gefechtsköpfe auf ICBMs und SLBMs
sowie atomar bestückter ALCMs (luftgestützter Marschflugkörper) großer Reichweite; jeder nur mit atomaren
Freifallbomben und Angriffsraketen kurzer Reichweite
(SRAMs) ausgerüstete schwere Bomber zählt als ein
Gefechtskopf.
Sowjetunion
Identisch mit US-Position. Einige Unterschiede bei der
Zählweise der ALCM-Gefechtsköpfe bleiben bestehen.

Das Wurfgewicht der sowjetischen ICBMs Und SLBMs
zusammengenommen wird um 50 Prozent des am 31.
Dezember 1986 bestehenden Wurfgewichts reduziert.
Während der Dauer des Vertrags wird keine Seite
dieses Niveau überschreiten.
Sowjetunion
Im Prinzip identisch mit der US-Position, aber es
bestehen noch Meinungsverschiedenheiten über die
Festlegung der Zählweise des Wurfgewichts. Reduzierung von dem bei Unterzeichnung des Vertrags
bestehenden Niveau des Wurfgewichts.

Gefechtsköpfe auf ballistischen Raketen
Vereinigte Staaten

Zwischenobergrenzen bei Gefechtsköpfen
Vereinigte Staaten
Zwischenobergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen auf
ballistischen Raketen und 3 000 - 3 300 Gefechtsköpfen auf ICBMs.
Sowjetunion
Zwischenobergrenzen von 4 900 Gefechtsköpfen auf
ballistischen Raketen. Im Falle einer Zwischenobergrenze von 3 300 Gefechtsköpfen auf ICBMs muß
eine ebensolche Zwischenobergrenze von 3 300
Gefechtsköpfen auf SLMBs eingeführt werden. Zwischenobergrenze von 1100 Gefechtsköpfen auf schweren Bombern.

Jeder Gefechtskopf auf ballistischen Raketen zählt als
ein Gefechtskopf unter derObergrenze von 6 000. Für
die bestehenden Typen wird eine Quote von Vor-OrtInspektionen festgesetzt, um zu verifizieren, daß die
beim Washingtoner Gipfel für stationierte Raketen
deklarierte und vereinbarte Zahl von Gefechtsköpfen
nicht überschritten wird.
Für künftige Typen sowie Veränderungen in der Zahl
von Gefechtsköpfen auf bestehenden Typen müssen
die Verfahrensweisen noch festgelegt werden.
Sowjetunion
Bei den bestehenden Typen identisch mit der USPosition.

Schwere ICBMs

Mobile ICBMs

Vereinigte Staaten

Vereinigte Staaten

Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ballistischen Raketen. Verbot von
Produktion, Flugerprobung oder Modernisierung neuer oder bestehender Typen schwerer ICBMs.

Die Vereinigten Staaten haben das Verbot von mobilen ICBMs aufgehoben. Die START-Unterhändler
müssen jetzt die Einzelheiten für die Anwendung der
Begrenzungen auf mobile ICBMs sowie wirksame
Verifizierungsmaßnahmen ausarbeiten.

Sowjetunion
Begrenzung von 1 540 Gefechtsköpfen auf 154 stationierten schweren ICBMs. Produktion, Flugerprobung
oder Modernisierung bestehender Typen schwerer

Seite 2

Sowjetunion
Zulässig mit zahlenmäßigen Begrenzungen für Abschuß Vorrichtungen und Gefechtsköpfe.

AMERIKA DIENST 4

�Schwere Bomber
Vereinigte Staaten
Jeder schwere Bomber zählt als ein strategisches
Trägersystem. Jeder nur für Freifallbomben und
Angriffsraketen kurzer Reichweite ausgerüstete schwere Bomber würde im Rahmen der Obergrenze von
6 000 als ein Gefechtskopf zählen. Eine vereinbarte
Zahl von schweren Bombern könnte durch Umrüstung
zu rein konventionellen Systemen von der SNDVObergrenze von 1 600 ausgenommen werden.
Sowjetunion
Identisch mit der US-Position, außer in der Frage, daß
eine sowjetische Zustimmung zur Umrüstung von
schweren Bombern zu rein konventionellen Systemen
von der amerikanischen Zustimmung zur sowjetischen
Position über Reichweite und Zuordnung von ALCMs
abhängig gemacht wird.

annehmbaren und wirksamen Methoden der Verifizierung solcher Begrenzungen. Dazu zählen Nationale
Technische Mittel (NTM), kooperative Maßnahmen
und Vor-Ort-Inspektionen. Bisher konnten die Vereinigten Staaten keinen wirksamen Ansatz zur Verifizierung von SLCMs erkennen. Angesichts eines fehlenden Plans für die wirksame Verifizierung haben die
Vereinigten Staaten vorgeschlagen, daß beide Seiten
nicht bindende Erklärungen zur Anzahl der nuklear
bestückten SLCMs abgeben.
Sowjetunion
Die Sowjets akzeptieren grundlegende Prinzipien.
Besondere Begrenzungen auf 400 nuklear bestückte
und 600 konventionell bestückte SLCMs werden vorgenommen. Die Sowjets haben bisher jedoch noch
keine wirksamen Verifizierungsmaßnahmen erarbeitet. Der sowjetische Ansatz würde ferner die amerikanische Politik untergraben, die Präsenz von Atomwaffen an einem bestimmten Ort weder zu bestätigen
noch zu dementieren. Dieses Konzept bildet einen
bedeutenden Stützpfeiler der Abschreckung.

ALCMs
Vereinigte Staaten
Vereinigte Staaten
ALCMs werden als luftgestützte, nuklear bestückte
Marschflugkörper mit einer Reichweite von über 1 500
Kilometern definiert. Eine vereinbarte Zahl von ALCMs
(10) sollen jedem für ALCMs ausgerüsteten Typ schwerer Bomber zugerechnet und auf die Obergrenze von
6 000 Gefechtsköpfen angerechnet werden.

Die Vereinigten Staaten haben sich bereiterklärt,
sowjetische Vorschläge zur Ausklammerung aller mit
SLCM in Zusammenhang stehenden Fragen aus den
START-Verhandlungen zu prüfen. Die Vereinigten
Staaten lehnen Gespräche über die Begrenzung seegestützter Waffen ab.
Sowjetunion

Sowjetunion
ALCMs werden als luftgestützte Marschflugkörper mit
Reichweiten über 600 Kilometern definiert. Die Zahl
der einem ALCM-fähigen schweren Bomber zugerechneten ALCMs soll maximal so hoch sein wie die
Zahl, für die der jeweilige Typ ausgerüstet ist. Die
Anzahl der nuklear bestückten ALCMs soll im Rahmen
der vorgeschlagenen Zwischenobergrenze von 1 100
Gefechtsköpfen auf schweren Bombern begrenzt
werden, (siehe Zwischenobergrenzen für Gefechtsköpfe).

Die Sowjets haben vorgeschlagen, entweder das
gesamte Problem der SLCMs aus den START-Verhandlungen auszunehmen und in einem umfassenderen Komplex seegestützte Waffen zu behandeln oder
START auf die Verifizierung von SLCM zu konzentrieren und die Frage der SLCM-Begrenzungen in einem
separaten - aber mit START in Zusammenhang stehenden -, bindenden Abkommen auszuhandeln. In
beiden Fällen würden die Sowjets verbindliche, verifizierbare SLCM-Begrenzungen für den Abschluß eines
START-Vertrags voraussetzen.

SLCMs

Verifizierung der Einhaltung

Vereinigte Staaten

Vereinigte Staaten

Beide Vertragsparteien werden eine für beide Seiten
annehmbare Lösung in der Frage einer Begrenzung
der Stationierung von nuklear bestückten SLCMs
(seegestützten Marschflugkörpern) größerer Reichweite erarbeiten. Eine solche Begrenzung bedeutet
keine Anrechnung dieser SLCMs im Rahmen der
Obergrenzen von 6 000 Gefechtsköpfen und 1 600
strategischen Trägersystemen. Beide Seiten verpflichten sich zur Schaffung von Obergrenzen für
diese Flugkörper und zur Erarbeitung von beiderseits

Die Bestimmungen müssen mindestens folgende Punkte
enthalten: Datenaustausch vor und nach der Durchführung von Reduzierungen; Vor-Ort-Inspektionen zur
Verifizierung von Daten und zur Beobachtung der
Beseitigung der Waffen; kontinuierliche Vor-Ort-Uberwachung von Zugängen und Gelände der entscheidenden Produktionsstätten, kurzfristig anberaumte
Inspektionen von Standorten, an denen vertragliche
begrenzte Systeme sowohl während als auch nach

AMERIKA DIENST 4

Seite 3

�dem Reduzierungszeitraum stationiert sind, Inspektio- Darüber hinaus haben die Vertragsparteien Informanen von Standorten, an denen eine Vertragspartei die tionen über die Technologie zur Identifizierung von
geheime Produktion, Lagerung, Instandsetzung oder Raketen ("tagging") ausgetauscht.
Stationierung vermutet.
Sowjetunion
Recht auf kurzfristig anberaumte Inspektionen von
"verdächtigen Standorten". Recht zur Beantragung Mit den Vereinigten Staaten wurden folgende Vereinvon Inspektionen von anderen "verdächtigen Standor- barungen erzielt:
ten". Falls die beschuldigte Partei die Inspektion
1.
Vorherige Benachrichtigung über eine wichtige
verweigert, muß sie sich aufrichtig um die Ausräu- strategische Übung mit strategischen Bombern pro
mung der Bedenken bemühen.
Kalenderjahr.
Sowjetunion
Die Sowjets haben den größten Teil der amerikanischen Haltung zur Verifizierung - insbesondere im
Bereich der Verfizierung mobiler ICBMs - akzeptiert,
obgleich es noch viele Detailfragen zu lösen gilt.
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, das
beide Seiten vereinbaren, ihre Bestrebungen zu beschleunigen und sobald wie möglich mit der Durchführung von Maßnahmen zur Verifizierung und Stabilisierung zu beginnen, um praktische Erfahrungen zu
sammeln und Fragen der Verifizierung schneller zu
lössen. Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen:
die Aufnahme von Vor-Ort-Inspektionen im Umkreis
und an den Zugängen zu bestimmten Raketenproduktionsstätten, Datenaustausch über die strategischen
Nuklearstreitkräfte beider Seiten, Verbot der Zurückhaltung von Daten, einschließlich der Verschlüsselung
telemetrischer Daten, über alle Abschüsse bestimmter
ICBMs und SLBMs, Erörterung des Problems von
SLBMs mit kurzer Flugzeit.
Sowjetunion
Die Sowjets haben das Prinzip von Maßnahmen zur
Verifizierung von Stabilität akzeptiert, einige eigene
Vorschläge unterbreitet und die amerikanischen Vorschläge in Genf eingehend erörtert.
Vereinigte Staaten
Mit den Sowjets wurden folgende Vereinbarungen
erzielt:
1.
Vorherige Benachrichtigung über eine wichtige
strategische Übung mit strategischen Bombern pro
Kalenderjahr.
2.
Vorführung eines bestimmten Bombers jeder
Seite, um die Verifizierungsmaßnahmen für ALCMbestückte schwere Bomber von nicht mit ALCM bestückten schweren Bombern zu unterscheiden.
3.
Darstellung der von beiden Seiten vorgeschlagenen Verfahren für Vor-Ort-Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen Raketen beider Seiten.

Seite 4

2.
Vorführung eines bestimmten Bombers jeder
Seite, um die Verifizierungsmaßnahmen für ALCMbestückte schwere Bomber von nicht mit ALCM bestückten schweren Bombern zu unterscheiden.
3.
Darstellung der von beiden Seiten vorgeschlagenen Verfahren für Vor-Ort-Inspektionen von Wiedereintrittsflugkörpern der ballistischen Raketen beider Seiten.
Darüber hinaus haben die Vertragsparteien Informationen über die Technologie zur Identifizierung von
Raketen ("tagging") ausgetauscht.

Verteidigung im Weltraum
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten streben einen leichteren
gemeinsamen Übergang zu einem stabilisierenden
Gleichgewicht bei den offensiven und defensiven Streitkräften an, wenn sich eine effektive Verteidigung gegen
strategische ballistische Raketen als machbar erweist.
Die Vereinigten Staaten wollen sich darüber hinaus die
Option erhalten, in angemessenem Tempo und auf
kooperative Art und Weise moderne Verteidigungssysteme zu entwickeln und zu stationieren, wenn diese
bereit sind. Fragen der Verteidigung im Weltraum
sollten in einem neuen Vertrag behandelt werden, der
auf der Sprachregelung der gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington aufbaut und diese erläutert,
um die zweifelsfreie Bedeutung von Verpflichtungen
zu gewährleisten, die in künftigen Verträgen eingegangen werden.
Sowjetunion
Fragen der Verteidigung im Weltraum sollten jetzt in
Form eines Protokolls zum ABM-Vertrag und nicht in
einem neuen Vertrag über die Verteidigung im Weltraum abgehandelt werden. Das Protokoll würde erlaubte/verbotene Aktivitäten im Rahmen des ABMVertrags sowie Maßnahmen zur Berechenbarkeit
abdecken, um die Einhaltung des ABM-Vertrags zu
gewährleisten. Die Sowjets haben erklärt, sie würden
den Entwurf eines solchen Protokolls Anfang 1990

AMERIKA DIENST 4

�vorlegen. Probleme, über die sich die Vertragsparteien zum Zeitpunkt der Unterzeichnung eines STARTAbkommens nicht einigen konnten, sollten bei den im
Anschluß an START geführten Verhandlungen über
strategische Stabilität erörtert werden.
Vereinigte Staaten

zufolge liegt die Zahl 15 weit unter dieser Grenze.
Die Benachrichtigung über die Erprobung von Raketenabwehrsystemen im Weltraum würde im Protokoll
über die Berechenbarkeit (siehe unten) Eingang finden.

Mit der Sowjetunion kann kein weiterer Vertrag über
strategische Rüstungskontrolle geschlossen werden,
wenn sie nicht ihre Verletzung des ABM-Vertrags - das
Radar von Krasnojarsk - auf verifizierbare Art und
Weise und nach amerikanischen Kriterien korrigiert.
Die Vereinigten Staaten waren über die sowjetische
Ankündigung befriedigt, daß sie die Radarstation von
Krasnojarsk vollständig abbauen werden.

Die Vereinigten Staaten haben darüber hinaus vorgeschlagen, daß keine Partei auf der Grundlage des
ABM-Vertrags der Entwicklung, Erprobung oder Stationierung weltraumgestützter Sensoren der anderen
Seite widersprechen darf. Demgemäß kann jede Seite
uneingeschränkt weltraumgestützte Sensoren entwickeln, erproben oder stationieren. Dieser Vorschlag
wurde erarbeitet, um künftige Probleme mit der Verifizierung auszuschließen.

Sowjetunion

Sowjetunion

Die Sowjets haben zugestimmt, die Radarstation von
Krasnojarsk vollständig zu beseitigen.

Die Sowjets streben in Form eines Zusatzprotokolls
zum ABM-Vertrag Übereinstimmung zu im Rahmen
des ABM-Vertrags erlaubten und verbotenen Aktivitäten an. Die Sowjets würden Aktivitäten auf eine
Interpretation des ABM-Vertrags begrenzen, die restriktiver ist als beide Parteien dies 1972 vereinbart
haben und möglicherweise noch restriktiver als die
"enge Interpretation".

Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag
Vereinigte Staaten
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallenzulassen.
Sowjetunion
Beide Seiten haben vereinbart, den Ansatz einer Verpflichtung zum Nichtrücktritt vom ABM-Vertrag fallenzulassen.

Die Sowjets haben die Initiative der Vereinigten Staaten zur Erprobung im Weltraum (ABM-Test-Satelliten)
und auch den Vorschlag über weltraumgestützte
Sensoren zurückgewiesen und geltend gemacht, sie
liefen dem ABM-Vertrag und der Gemeinsamen Gipfelerklärung von Washington zuwider. Die Sowjets
haben den Vorschlag zu intensiven Gesprächen über
strategische Stabilität nach der Unterzeichnung eines
START-Vertrags unterbreitet.
Dauer des Vertrags/Koppelung

Aktivitäten im Rahmen des ABM-Vertrags
Vereinigte Staaten
Die Vereinigten Staaten haben Initiativen vorgeschlagen, um die Bedeutung der Sprachregelung "erforderliche Forschung, Entwicklung und Erprobung wie im
ABM-Vertrag gestattet" klären zu helfen.
Um zu demonstrieren, daß die amerikanische Erprobung weltraumgestützter Komponenten von ABMSystemen, die auf "anderen physikalischen Prinzipien" beruhen und die Fähigkeit haben, eine ABMAbfangrakete zu ersetzen - was nach dem ABMVertrag erlaubt ist - nicht mit der Stationierung solcher
Komponenten gleichzusetzen ist, sind die Vereinigten
Staaten bereit, diese erlaubte Erprobung nur von
bestimmten ABM-Test-Satelliten aus durchzuführen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die
Anzahl der gleichzeitig in der Erdumlaufbahn befindlichen Satelliten nicht die Zahl überschreiten soll, bei der
man gemeinhin bereits von einer Fähigkeit zur Stationierung ausgehen würde. Den Vereinigten Staaten

AMERIKA DIENST 4

Vereinigte Staaten
Ein Vertrag über Verteidigung im Weltraum wäre von
unbegrenzter Dauer. Der ABM-Vertrag wird eingehalten, bis jede Seite das Recht zur Stationierung wahrnimmt (siehe unter Übergang zur Verteidigung).
Der Vertrag über Verteidigung im Weltraum muß
unabhängig sein. Ein START-Vertrag sollte nicht an
die Lösung von Fragen der Verteidigung im Weltraum
gekoppelt sein. Die Vereinigten Staaten lehnen die
von den Sowjets vorgeschlagenen Vereinbarungen
als unerheblich ab, die ihnen das Rücktrittsrecht vom
START-Vertrag einräumen, wenn sie zu dem Schluß
gelangen, daß die Vereinigten Staaten den ABMVertrag verletzen, wie er von den Sowjets interpretiert
wird.
Sowjetunion
Die Sowjetunion hat zugestimmt, daß der Abschluß
eines START-Vertrags nicht von der Vereinbarung
eines Abkommens über Fragen der Verteidigung im
Seite 5

�Weltraum abhängig ist. Die Sowjets haben jedoch
angedeutet, daß sie sich das Rücktrittsrecht vom
START-Vertrag vorbehalten, wenn sie zu dem Schluß
gelangen, daß die Vereinigten Staaten die von ihnen
definierten Vereinbarungen übertreten haben und
entsprechende amerikanisch-sowjetische Erklärungen
vorgeschlagen.

Übergang zur Verteidigung
Vereinigte Staaten
Der ABM-Vertrag würde bei Abschluß eines Vertrags
über die Verteidigung im Weltraum in Kraft bleiben.
Dennoch dürfte jede Partei ihre Absicht bekanntgeben, eine auf strategische ballistische Raketen gestützte Verteidigung über die Einschränkungen des
ABM-Vertrags hinaus zu stationieren. Bei einer solchen Benachrichtigung würde die Partei, die die Initiative ergriffen hat, bestimmte Maßnahmen für einen
gemeinsamen Übergang zu einer Strategie vorschlagen, die Verteidigung beinhaltet und die Vertragsparteien würden intensive Gespräche über diese bestimmten Maßnahmen sowie strategische Stabilität
aufnehmen. Jede Seite wird nach drei Jahren das
Recht haben, eine strategische Raketenabwehr zu
stationieren, wenn sie die andere Partei sechs Monate
vorher unterrichtet. Nach diesem Zeitraum können
beide Seiten - vorbehaltlich anderer Vereinbarungen
beider Parteien - ihre Vorgehensweise frei bestimmen.
Sowjetunion
Die Sowjetunion ist mit einem Übergang zur Verteidigung über die im ABM-Vertrag gestattete hinaus nicht
einverstanden.
Eingehende Gespräche über strategische Stabilität
werden nach Abschluß eines START-Vertrags aufgenommen. Die Sowjets schlagen vor, daß diese Gespräche sich mit den "Problemen der ABM-Verteidigung (beschäftigen) und dabei die neue Situation
berücksichtigen, die sich aus Reduzierungen bei den
strategischen Streitkräften ergibt". Wenn bei diesen
Gesprächen keine anderslautenden Vereinbarungen
getroffen werden, wird nach Ablauf des Abkommens
über Verteidigung im Weltraum jede Seite selbst ihre
weitere Vorgehensweise im Hinblick auf den ABMVertrag und den START-Vertrag bestimmen können,
wenn sie dabei die entsprechenden Modalitäten dieser
Verträge einhält. Die Sowjets vertreten daher die
Auffassung, daß beim Washingtoner Gipfel kein
"Stationierungsrecht" vereinbart wurde, jedoch die
nach dem ABM-Vertrag vorgesehenen Rechte den
Vertragspartnern als Leitlinien dienen.

Seite 6

Berechenbarkeit
Vereinigte Staaten
Die Beteiligten werden Möglichkeiten erörtern, um die
Berechenbarkeit in der Entwicklung der amerikanischsowjetischen Beziehungen im strategischen Bereich
unter der Bedingung strategischer Stabilität zur Reduzierung des Risikos eines Nuklearkrieges zu gewährleisten. Im Rahmen vertrauensbildender Maßnahmen
und um für die strategischen Verteidigungsprogramme der jeweils anderen Seite Berechenbarkeit für alle
Beteiligten sicherzustellen, haben die Vereinigten
Staaten folgende Maßnahmen im Bereich der strategischen Verteidigung gegen ballistische Raketen vorgelegt, die auf der Grundlage von Gegenseitigkeit, Vergleichbarkeit und auf freiwilliger Basis verwirklicht werden
sollen: jährlicher Austausch von programmatischen
Daten und Expertentreffen, Informationsgespräche,
Besuche von Labors und Beobachtung von Versuchen. Die Vereinigten Staaten haben darauf verwiesen, daß die von den Sowjets vorgeschlagenen Verifizierungsmaßnahmen nicht durchführbar sind und die
Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten gefährden könnten.
Sowjetunion
Die Beteiligten sollen Möglichkeiten erörtern, um Berechenbarkeit bei der Entwicklung eines amerikanischsowjetischen Verhältnisses im strategischen Bereich
zu gewährleisten und damit das Risiko eines Atomkriegs vermindern.
Die Sowjets haben einige amerikanische Konzepte für
vertrauensbildende Maßnahmen akzeptiert, einschließlich Datenaustausch, Expertentreffen und Beobachtung von Tests. (Die Sowjets haben den amerikanischen Vorschlag nicht akzeptiert, demzufolge Maßnahmen zur Berechenbarkeit Forschungsaktivitäten
einschließen, die nicht mit Nationalen Technischen
Mitteln zu erfassen sind.) Dennoch würden die Sowjets solche Maßnahmen obligatorisch machen, um
die Einhaltung des ABM-Vertrags und die Aushandlung des Abkommens über Verteidigung im Weltraum
zu gewährleisten. Darüber hinaus schlagen sie einen
Informationsaustausch vor, um zweifelhafte Situationen zu klären, ferner die Durchführung zwingender
Vor-Ort-Inspektionen bei bestimmten Einrichtungen,
die Anlaß zur Besorgnis geben sowie die Lösung von
Fragen der Einhaltung beim Ständigen Konsultativausschuß.
Vereinigte Staaten
Im Dezember 1989 haben sowjetische Regierungsvertreter auf Einladung der Vereinigten Staaten zwei

AMERIKA DIENST 4

�amerikanische Forschungseinrichtungen für die strategische Verteidigung gegen ballistische Raketen
besucht.
Sowjetunion
Im Dezember 1989 haben sowjetische Regierungsvertreter auf Einladung der Vereinigten Staaten zwei
amerikanische Forschungseinrichtungen für die strategische Verteidigung gegen ballistische Raketen
besucht.

* * * *

AMERIKA DIENST 4

*

Seite 7

�DROGEN
31.Januar 1990

DIE DROGENBEKÄMPFUNGSSTRATEGIE
DER USA FÜR 1990
Nationaler Teil der Drogenstrategie
WASHINGTON - (AD) - Im Rahmen des Gesetzes zur Drogenbekämpfung von 1988 stellte der Präsident am
5. September 1989 seine erstes Strategiepapier zur Drogenbekämpfung im Inland vor. Dem Gesetz zufolge muß
der nationale Teil der Drogenstrategie jeweils zum 1. Februar vorliegen.
Nachfolgend bringen wir eine Zusammenfassung des nationalen Teils der Drogenstrategie für 1990.

Die am 25. Januar 1990 veröffentlichte Strategie zur
Drogenbekämpfung im Inland ist eine Ergänzung des
im September 1989 vorgestellten Strategiepapiers.
Wie die vorherige Strategie besteht auch diese in
einem koordinierten und umfassenden Plan, der die
Bundesregierung, die Regierungen der Länder und
Gemeinden, den Privatsektor, Schulen, Colleges und
Universitäten, Kirchen und andere religiöse Gruppierungen sowie zahlreiche Gemeindeorganisationen
beteiligt. In dem Strategiepapier vom September 1989
wurde das Drogenproblem in den USA beschrieben
und die Drogenbekämpfungspolitik der Vereinigten
Staaten umrissen. In dem jetzt vorliegenden Teil des
Strategiepapiers wird aufgezeigt, wie die Durchführung der Drogenbekämpfungspolitik im einzelnen
aussieht: Aktivitäten und Verantwortlichkeiten der
Bundesministerien und -behörden, insbesondere Initiativen, die in diesem Haushaltsjahr in die Wege
geleitet werden sowie die zur Weiterführung der Regierungsmaßnahmen erforderliche Finanzierung. In
dem gesamten Strategiepapier werden Länder- und
Gemeinderegierungen aufgefordert, Pläne zur Drogenbekämpfung zu entwickeln und die notwendigen
Mittel für Aktivitäten zur Drogenbekämpfung aufzubringen, damit sie innenpolitisch zu gleichwertigen
Partnern werden.

AMERIKA DIENST 4

Das Grundprinzip der nationalen Strategie ist unerschütterlich: den Drogenkonsum durch die Steuerung
von Angebot und Nachfrage zu reduzieren. Alle im
ersten Strategiepapier enthaltenen Initiativen und
Vorschläge sind nach wie vor Bestandteil der natioalen
Drogenbekämpfungsstrategie. Dieser zweite Teil baut
darauf auf und unterzieht die Einzelheiten eines umfassenden Plans zur Drogenbekämpfung einer kritischen Überprüfung.
Die Strategie für 1990 folgt demselben Schema wie
das erste Strategiepapier. Sieben Kapitel - Strafvollzug, Drogentherapie, Aufklärung am Arbeitsplatz und
in der Gemeinde, internationale Initiativen, Unterbindung des Nachschubs, ein Forschungsprogramm sowie
nachrichtendienstliche Aktivitäten - bieten die Grundlage für die eingehende Erörterung von Problemen,
Maßnahmen und Aktivitäten, die mit der Drogenbekämpfung in den USA in Zusammenhang stehend. Im
Anhang sind die offizielle Aufstellung der Zentren des
Drogenhandels sowie eine umfassende Überprüfung
administrativer Fragen zum Drogenbekämpfungsprogramm der Bundesregierung und Etatvorschläge enthalten.
Für das Haushaltsjahr 1991 sieht die Administration
10,6 Millionen Dollar zur Drogenbekämpfung vor - dies

Seite 1

�entspricht einer Aufstockung von 4,3 Millionen Dollar
(oder 69 Prozent) seit dem Amtsantritt des Präsidenten vor einem Jahr und einem Anstieg von 1,1 Millionen
Dollar (12 Prozent) verglichen mit dem Haushaltsjahr
1990.
Auszüge aus dem nationalen Teil der Drogenstrategie
für 1990
Strafvollzug
Erweiterung der Spezialeinheiten zur Bekämpfung des
organisierten Verbrechens und Drogenbekämpfung
Bereitstellung von zusätzlichen 115 Millionen Dollarfür
weitere Fahnder und Agenten, Spezialisten für Wirtschaftsverbrechen, Erkennungsdienstler und Staatsanwälte.

Zusätzliche DEA- und FBI-Agenten
Weitere 151 Millionen Dollar für zusätzliche Agenten
der Drogenbekämpfungsbehörde (DEA) und sonstiges Personal.
Erweiterung der technischen, Kommunikations- und
Informationseinrichtungen der DEA.

Zusätzliche Gefängnisse
Finanzierung von über 6 000 zusätzlichen Gefängnisplätzen im Haushaltsjahr 1991.
Gesetzesvorlage zur Todesstrafe
Gesetzesvorlage zur Anwendung der Todesstrafe bei
drei zusätzlichen Kategorien von Drogenkriminellen:
den wichtigsten Drogenbaronen, Drogenbarone, die
zur Behinderung der Justiz Attentate begehen sowie
Drogenhändlern, deren Tat den Tod eines Anderen
verschuldet hat.

Drogentherapie
Zusätzliche und bessere Therapien
1,5 Millionen Dollar Zuschüsse für die Behandlung
Drogenabhängiger und entsprechende Programme
der Bundesregierung.
Gründung des Büros für die Verbesserung der Drogentherapie beim Ministerium für Gesundheit und
Soziales, das bei der Behandlung Drogenabhängiger
landesweit die führende Rolle spielen und sein Augenmerk insbesondere auf Qualität und Wirksamkeit von
Behandlungsmethoden richten soll.

Zusätzliche FBI-Agenten, Erkennungsdienstler und
Fremdsprachenexperten.
Innovative Behandlung durch Seminare
Erweitertes Programm für chemische Grundstoffe
Operation Chemcon - ein in Zusammenarbeit von
DEA und Zollfahndung entwickeltes Programm - soll
auf alle inländischen Häfen ausgehnt werden, um zur
Herstellung illegaler Drogen geschmuggelte Chemikalien zu beschlagnahmen.

Etwa 200 Millionen Dollar für Programme zur Behandlung von Jugendlichen, Schwangeren und Kleinkindern sowie für Therapieplätze, deren Nachbereitung
und für Nachsorgeprogramme.

Behandlung schwangerer Frauen und Kleinkinder
Unterstützung der Staatsanwaltschaft
Einstellung von 700 zusätzlichen Staatsanwälten und
Angestellten für mit Drogen in Zusammenhang stehende Fälle bis zum Haushaltsjahr 1991 (wie in der
Initiative des Präsidenten zu Gewaltverbrechen verfügt).
Zusätzliche Anwälte und Angestellte für die Straf- und
Steuerrechtsabteilungen des Justizministeriums.

6 Millionen Dollar zur Verbesserung der Erfassung und
Behandlung drogenabhängiger Babys.

Umfassendere Drogentherapien
Mehr Berufsberatung, Ausbildung und Eingliederungshilfen für Drogenabhängige, die sich erfolgreich einer
Therapie unterzogen haben.

Schule, Gemeinde und Arbeitsplatz
Zusätzliche Gerichte

Mehr Aufklärung in der Schule

Schaffung von 75 zusätzlichen Richterämtern.

Maßnahmen für besonders gefährdete Jugendliche
und Minderheiten.

Zusätzliche Gerichtsdiener, Verwaltungsangestellte,
Justizbeamte sowie Pflichtverteidiger.

Seite 2

Zusätzliche Programme zur Vorbeugung gegen Drogenkonsum in der Schule und deren Auswertung.

AMERIKA DIENST 4

�Vorbeugung gegen Drogenkonsum in der Gemeinde
102 Millionen Dollar Zuschüsse als Anreiz für Gemeinden, die auf breiter Basis umfassende lokale Vorbeugeprogramme ins Leben rufen.

Bestrebungen zur Unterbindung des Drogennachschubs
Schwerpunkt an der Südwestgrenze
Zusätzliche Zoll- und Grenzbeamte werden an die
Südwestgrenze beordert.

Drogenfreie Wohnungen der öffentlichen Hand
150 Millionen Dollar für das Programm zur Bekämpfung des Drogenkonsums in Wohnungen der öffentlichen Hand.

Größere Rolle des Verteidigungsministeriums
Das Verteidigungsministerium soll eine größere Rolle
bei Fahndung und Unterbrindung des Drogenflusses
spielen und die für die Überwachung der Grenzen
zuständigen Behörden unterstützen.

Drogenfreier Arbeitsplatz
Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zur Entwicklung von Programmen für einen drogenfreien Arbeitsplatz.

Eindämmung des Arzneimittelmißbrauchs
Verstärkte Bestrebungen zur Aufklärung der Öffentlichkeit, insbesondere Jugendlicher, über die Gefahren des Arzneimittelmißbrauchs.

Internationale Initiativen
Erweiterung der Strategie in den Andenstaaten
215 Millionen Dollar für erweiterte militärische, polizeiliche und wirtschaftliche Hilfe an Kolumbien, Peru und
Bolivien.

Stärkere Kooperation mit Mexiko

Ein Forschungsprogramm
Größere Bandbreite von grundlegenden Informationen über Drogen
Bessere Einschätzung von Herstellung und Konsum,
wirtschaftliche Auswirkungen der Drogen, mehr Ausbildungsgeräte für den Strafvollzug.
Erweiterte Forschung zur Drogenstatistik.

Maßnahmen für Fortschritte auf kommunaler und
staatlicher Ebene
Entwicklung eines "Protokolls" über Anzeichen für
Drogenkonsum in den Bundesstaaten und Bestrebungen zur Drogenbekämpfung.

Medizinische und wissenschaftliche Forschung
Erweiterte Forschung zu Drogenabhängigkeit und
Schwangerschaft, AIDS und Drogen, Entwicklung der
medikamentösen Behandlung.

Gemeinsame Anstrengungen im Bereich des Strafvollzugs mit Mexiko, etwa bei der Untersuchung von
Fällen, die mit Drogen in Zusammenhang stehen, der
Zerschlagung von Geldwäscheoperationen und der
Erweiterung des mexikanischen Programms zur Unterbindung des Drogen konsums.

Stärkerer Einsatz von Technologie in der Drogenfahndung und erweiterte Forschung im Bereich des Strafvollzugs.

Stärkere Verfolgung von Wirtschaftskriminalität

Ein nachrichtendienstliches Programm

Geldwäsche und andere mit Drogen in Zusammenhang stehende Wirtschaftsverbrechen sollen durch
das im Finanzministerium geschaffene Netz zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität (Department of
Treasury's Financial Crimes Enforcement Network FINCEN) und die interministerielle Arbeitsgruppe für
Wirtschaftskriminalität im Drogenmilieu in der Administration höhere Priorität erhalten.

Zentrales Informationszentrum zur Drogenbekämpfung

AMERIKA DIENST 4

Gründung eines nationalen nachrichtendienstlichen
Zentrums zur Koordinierung und Sammlung relevanter Informationen aller Strafvollzugsbehörden, das
Informationen über Aufbau, Mitglieder, Finanzen,
Kommunikationswege und Aktivitäten von Drogenhänderringen vertreibt.

Seite 3

�Zentren des Drogenhandels
Fünf Zentren des Drogenhandels
New York, Los Angeles, Miami, Houston und die
Grenze im Südwesten gelten offiziell als Zentren des
Drogenhandels.
50 Millionen Dollar fließen In diese Bereiche, um die
polizeiliche Ermittlung und Aktivitäten zur Unterbindung des Drogennachschubs zu intensivieren.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 4

�PANAMA
31.Januar 1990

Partnerschaft mit Panama
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Die folgende Übersicht mit dem Titel "Partnerschaft mit Panama: Ein Aktionsplan für
den wirtschaftlichen Wiederaufbau" wurde am 25. Januar 1990 von Weißen Haus veröffentlicht.
Der Präsident hat heute folgenden Aktionsplan für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Panamas angekündigt:

I. Humanitäre Hilfe
Das Amt für Internationale Entwicklung (Agency for
International Development - A.I.D.) wird ein humanitäres Hilfsprogramm für Panama im Umfang von 42
Millionen Dollar ins Leben rufen, das folgende Punkte
umfaßt:
Ersatzwohnungen für die ehemaligen Bewohner des
Stadtviertels Chorillo,
Soforthilfe für öffentliche Bauarbeiten, insbesondere in
Panama-Stadt und Colon, aber auch im ländlichen
Raum,
Hilfe für Kleinuntemehmen, um den von den Plünderungen betroffenen Geschäften zu helfen,
technische Hilfe für die panamaischen Regierungsbehörden.
Das Finanz- und Verteidigungsministerium werden
Möglichkeiten erarbeiten, um matierelle Spenden
amerikanischer Firmen an panamaische Unternehmen zu erleichtern.
II. Kredite, Bürgschaften und Exportmöglichkeiten zur Stärkung des panamaischen Privatsektors
und zur Schaffung von Arbeitsplätzen
Die Export-Import Bank (Exim) wird bis zu 400 Millionen Dollar an kurz- und mittelfristigen Bürgschaften
übernehmen, um - über Exim selbst und ihre Tochtergesellschaft, die Foreign Credit Insurance Association
- den Absatz amerikanischer Produkte zur finanzieren.

AMERIKA DIENST 4

A.I.D. wird Mittel im Umfang von 15 Millionen Dollar
aus dem Programm für Handelskreditversicherungen
einsetzen, um zusätzliche Exim-Kredite an private
Kreditnehmer zu unterstützen.
Die Entwicklungsgesellschaft OPIC wird ihre Versicherungs- und Finanzierungsprogramme wiederaufnehmen, um amerikanische Privatinvestitionen in
Panama zu fördern. Das Programm wird auf 50
Millionen Dollar geschätzt.
Das Landwirtschaftsministerium wird für Panama ein
15 Millionen-Dollar-Programm (P.L. 480 Title 1) ins
Leben rufen sowie ein 15 Millionen-Dollar-Programm
der Preisstützungsbehörde für die Landwirtschaft.
Die US-Handelsbeauftragte wird
Panamas bis 1990 ausgesetzte Zuckerquote wiedereinführen und Panama im Rahmen der amerikanischen Maßnahmen für die im Jahr 1989 entgangene
Quote entschädigen. Das Programm hat einen Wert
von rund 28 Millionen Dollar,
ein Bildungsprogramm ins Leben rufen, um zu gewährleisten, daß Panama im Handel die Vorteile der CBIund GSP-Programme voll ausschöpfen kann und
die Importquoten für Baumwollhosen aufheben.
Das Verkehrsministerium veranlaßt eine Vereinbarung zwischen der US-Luftfahrtbehörde und der panamaischen Regierung, mit der technische Hilfe für einen
reibungslosen Flugverkehr von und nach Panama
geleistet wird.

Seite 1

�Das Außenministerium wird - wenn die panamaische
Regierung dies wünscht - dafür sorgen, daß der bereits
ausgehandelte Vertrag über bilaterale Investitionen
dem Kongreß erneut vorgelegt wird.

normalisieren kann, ferner für die Stabilisierung der
Außenhandelsbilanz und Unternehmenskredite, ein
Programm öffentlicher Investitionen, Umstrukturierung
des öffentlichen Sektors und Förderung der Entwicklung.

Das Finanzministerium wird:
Mit der panamaischen Regierung den Abschluß eines
Abkommens über den Austausch von Steuerinformationen (Tax Information Exchange Agreement - TIEA)
erörten, demzufolge amerikanische Firmen Ausgaben
für in Panama veranstaltete Kongresse absetzen können.
Nach einem TIEA könnte Panama auch Mittel gemäß
Abschnitt 936 in Anspruch nehmen,
mit anderen interessierten Behörden und Organisationen zusammenarbeiten und panamaischen Banken
technische Hilfesstellung leisten,
Gespräche mit der panamaischen Regierung im Hinblick auf den Abschluß ein Nachfolgeabkommens zu
Abschnitt 4702 des Gesetzes zur Drogenbekämpfung
von 1988 aufnehmen, um Informationen über umfangreiche finanzielle Transaktionen auszutauschen.
Das Wirtschaftsministerium wird die Leitung einer
Delegation zum Aufbau von Unternehmen in Panama
übernehmen sowie andere Bestrebungen zur Stimulierung von Handel und Investitionen in Panama.

Darüber hinaus wird die Administration:
sich dafür einsetzen, daß eine Gruppe von freundlich
gesinnten Geberländern gebildet wird, die Panama
beim Ausgleich seiner Rückstände bei den internationalen Finanzinstitutionen behilflich ist,
eine baldige und großzügige Umschuldung der panamaischen Schulden gegenüber ausländischen Regierungen unter der Schirmherrschaft des Pariser Clubs
anstreben und
Schritte unternehmen, um den Abschluß eines zufriedenstellenden Finanzierungspakets für die Verschuldung der panamaischen Handelsbank zu fördern, das
den Schuldenbetrag und den Umfang des Schuldendienstes im Zusammenhang mit einer verbesserten
Schuldenstrategie vorsieht.

* * * *

*

Das Verteidigungsministerium wird:
im Einklang mit den Bestimmungen des Panamakanalvertrags von 1977 umgehend den bevorzugten
Erwerb panamaischer Waren und Dienstleistungen
durch amerikanische Militärbehörden in Panama, die
Panamakanal-Kommission und andere amerikanische
Einrichtungen wieder aufnehmen,
die Rückkehr von Angehörigen amerikanischer Soldaten nach Panama autorisieren, wenn die militärische
Situation dies gestattet.
Darüber hinaus werden panamaische Handelsschiffe
weiterhin ungehinderten Zugang zu amerikanischen
Häfen haben.
III. Förderung dauerhaften wirtschaftlichen Wiederaufbaus
Großzügige, aber zeitlich befristete Außenwirtschaftshilfe ist erforderlich, um sicherzustellen, daß Panamas
Wirtschaft zu dauerhaftem Wachstum zurückkehrt.
Diese Maßnahme erfolgt gemeinsam mit den Vereinigten Staaten, Panama, anderen Geberländern und
internationalen Finanzinstitutionen.
Die Administration wird im Haushaltsjahr 1990 zusätzliche 500 Millionen Dollar an amerikanischer Hilfe für
Panama beantragen. Dieser Betrag soll von anderen
Programmen abgezweigt werden. Die 500 Millionen
Dollar würden verwendet, damit Panama seine Beziehungen zu den internationalen Finanzinstitutionen

Seite 2

AMERIKA DIENST 4

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10748">
                <text>31.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10749">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10750">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10751">
                <text>Amerikadienst 31.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10752">
                <text>&lt;strong&gt;1. Haushalt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bushs Haushaltsvorlage&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht über den Haushaltsentwurf für 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Haushalt sieht Aufstockung der Auslandshilfe vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus der Haushaltsvorlage 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Verhandlungen über Kern- und Weltraumwaffen:&lt;br /&gt;Amerikanische und sowjetische Vorschläge&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des ACDA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Drogenbekämpfungsstrategie der USA für 1990&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Nationaler Teil der Drogenstrategie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Panama&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Partnerschaft mit Panama&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2128" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2139">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/d80ee857293509ee967a0efdcee12ff0.pdf</src>
        <authentication>e0fdfd4206516924457ad81ee958e560</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10747">
                    <text>amcrika
dienet

JJ.S. Information Service
Embassy of t#\Jnited States of America

-^

&amp;

24. J a n u a r

1990

OST-WEST-BEZIEHUNGEN

Wiedervereinigung muß Anliegen Osteuropas berücksichtigen
Rede von Botschafter Walters vor der Friedrich-Ebert-Stiftung

SICHERHEITSPOLITIK

Powell: US-Truppenobergrenzen in Europa kein Tabu
Rede von General Powell beim Seminar über Militärdoktrinen
Umstrukturierung der Streitkräfte erforderlich
Rede von Les Aspin beim Nationalen Strategieforum

MENSCHENRECHTE

USA kritisch gegenüber Menschenrechtsverletzungen
Botschafter Abram entwirft Strategie für UN-Menschenrechtskommission

U m Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 200300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 23 66
Telex: 8-85432

�O S T - W E S T

B E Z I E H U N G E N

Amerika Dienst 3

24. Januar 1989

WIEDERVEREINIGUNG MUSS ANLIEGEN OSTEUROPAS BERÜCKSICHTIGEN
Rede von Botschafter Walters vor der Friedrich-Ebert-Stiftung

BONN - (AD) - Die Überwindung der Teilung Deutschlands ist dem amerikanischen
Botschafter in der Bundesrepublik, Vernon Walters, zufolge nach wie vor Ziel
der Vereinigten Staaten und aller NATO-Partner. In einer Rede bei der Friedrich-Ebert-Stiftung erklärte Walters am 18. Januar 1990, der Prozeß der Wiedervereinigung müsse "die Anliegen aller Länder in Ost und West berücksichtigen". Wie Botschafter Walters ausführte, ist das Ziel der deutschen Einheit
"heute in greifbarere Nähe gerückt als zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten
vierzig Jahren".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Walters im Wortlaut.

Zunächst möchte ich Ihnen für die
Einladung danken, hier bei der Friedrich-Ebert-Stiftung über ein Thema zu
sprechen, das nicht nur für die Deutschen, sondern auch für alle Europäer
und Amerikaner von größter Bedeutung
ist. Dieses Thema war in den Schlagzeilen zahlreicher Zeitungsberichte
und Kommentare, ist jedoch auch Gesprächsthema in Familien und unter
Freunden, wenn sie beim Essen zusammensitzen oder ihren Sonntagsspaziergang machen und das Thema Politik zur
Sprache kommt.
Einer meiner Freunde, ein renommierter Arzt, erzählte mir einmal eine
Geschichte aus seiner Zeit als Medizinstudent. Während einer Vorlesung
über Nierenheilkunde verwies der Professor auf die Gefahren unbedachter

Wiederholungen.
Er zitierte einen
Chirurgen, der sich bei der Visite
nach dem Befinden einer Frau erkundigte, der er gerade eine Niere entfernt hatte. Die Patientin erwiderte:
Herr Doktor, viel besser als
beim letzten Mal, als sie meine andere Niere entfernt haben!"
Botschafter Mallaby und Botschafter
Boidevaix haben vor mir bereits an
diesem Podium gestanden, um Ihnen den
britischen und französischen Standpunkt zu dem oben genannten Thema zu
erläutern. Ich möchte Wiederholungen
vermeiden - sollte es dennoch gewisse
Überschneidungen, geben, so nur aus
Gründen der Verdeutlichung.
Ich werde mich in meinen Ausführungen
des öfteren auf das Kommunique der

�Ministertagung des Nordatlantikrats
vom Dezember letzten Jahres beziehen,
und zwar aus zwei Gründen. Erstens
ist das Kommunique das jüngste Dokument über die Ansichten der NATO zu
einem breiten Spektrum von Fragenkomplexen, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen und damit ein wichtiges Dokument, das unsere ungeteilte
Aufmerksamkeit
verdient.
Zweitens
möchte ich die bisherige und zukünftige Bedeutung der NATO für historische, politische Entwicklungen hervorheben, die sich derzeit in Europa
vollziehen. Die NATO war und ist eine militärische und politische Institution von entscheidender Bedeutung.
Seit vierzig Jahren steht die NATO im
Brennpunkt
der westlichen Sicherheitspolitik. Die von den Grundsätzen
des Harmel-Berichts geleitete
klar formulierte Aufgabe und die Entschlossenheit der NATO haben den Ereignissen, die heute die Schlagzeilen
beherrschen, den Weg bereitet.
Angesichts der Herausforderungen und
Möglichkeiten
der neunziger Jahre
müssen wir eine Atempause einlegen
und uns noch einmal die tiefgreifenden Veränderungen vor Augen führen,
die 1989 in Osteuropa stattgefunden
haben. Heute vor einem Jahr hätte
sich keiner von uns träumen lassen,
in welchem Ausmaß sich die Länder des
Warschauer
Pakts innerhalb dieser
kurzen Zeitspanne von nur einem Jahr
verändern würden.
Das Kommunique
stellt dazu fest:
"Wir stehen an der Schwelle eines
neuen Zeitalters, in dem die demokratischen Werte, die das Herzstück unseres Bündnisses bilden
und Teil des europäischen Erbes
sind, auf dem ganzen Kontinent
zunehmend Geltung erlangen."
Die heutige Erörterung der deutschen
Frage wäre undenkbar ohne eine Bilanz
der Veränderungen, die sich innerhalb
von nur vier Jahren in der Sowjetunion und Osteuropa vollzogen haben.
Seit der Amtseinführung Gorbatschows
im Jahr 1985 hat die Sowjetunion den
Kurs ihrer Innenpolitik und nicht zu-

letzt die Zukunft Osteuropas mit einem Konzept verändert, das in einem
Wort zusammmengefaßt
werden kann:
"Glasnost".
Glasnost bedeutet nichts anderes als
die Einführung politischer Freiheiten
in eine Gesellschaft, die jahrzehntelang unbeugsamer stalinistischer Unterdrückung unterworfen war. Es ist
ein fundamentaler Grundsatz unserer westlichen - demokratischen Gesellschaften, daß ein Volk über seine Zukunft bestimmen kann.
Perestrojka
war ein Eingeständnis, daß Planwirtschaft nicht funktioniert. Was funktioniert, liegt auf der Hand - das
Prinzip der freien Marktwirtschaft.
Glasnost und Perestrojka und ihre
Auswirkungen verbreiteten sich wie
ein Lauffeuer in den anderen Ländern
Osteuropas.
Innerhalb kurzer Zeit
wurden die einstmals verhafteten und
zu Gefängnisstrafen verurteilten polnischen Gewerkschaftsführer Vertreter
der ersten nichtkommunistischen Regierung in Osteuropa.
Während Europäer in Ost und West und
nicht zuletzt Menschen in der ganzen
Welt von der Niederschlagung der
Freiheitsbewegung in China schockiert
waren, begannen die Menschen in der
DDR "mit Ihren Füssen abzustimmen",
um ihre Abkehr von der SED-Regierung
in der DDR zu demonstrieren.
Zunächst strömten sie in Scharen nach
Ungarn und Polen, um einen Ausweg aus
der Unterdrückung in Honeckers DDR zu
suchen. Diejenigen, die in der DDR
zurückblieben, gingen auf die Straße
- in Leipzig, Berlin und bald auch in
den anderen Städten der DDR.
Praktisch zur gleichen Zeit wurde
Schiwkow in Sofia gestürzt.
Vielleicht kann Bulgarien bald eine "fähige" freie Regierungsform finden.
Die Tschechoslowakei folgte als nächstes. Innerhalb weniger Wochen konnte das tschechische und slowakische
Volk Alexander Dubcek als Parlamentspräsidenten feiern, und das Ausmaß
des tiefgreifenden Wandels wird durch
die Tatsache symbolisiert, daß Vaclav

- 2 -

�Havel - früher Zielscheibe kommunistischer Repressionen - heute Präsident der Tschechoslowakei ist.

die erreichten Fortschritte der
Konsolidierung bedürfen.
Viele
Probleme sind noch zu lösen."

Rumänien schließlich mußte große Verluste an Menschenleben hinnehmen, ehe
Diktator Ceaucescu abgesezt war.

In jüngster Zeit wurde häufig darüber
diskutiert, ob der Wandel in Osteuropa unumkehrbar ist. Vor nicht allzu
langer Zeit sprachen die führenden
kommunistischen Ideologen Osteuropas
noch über den unvermeidlichen Sieg
von Sozialismus und Kommunismus weltweit.
Die Völker Osteuropas haben
noch einen langen und beschwerlichen
Weg vor sich. Sie werden Zeit und
Hilfe benötigen.

An dieser Stelle möchte ich die Außenminister der NATO zu den Ereignissen zitieren:
"Wir sind uns bewußt, daß jedes
Land in Europa seine eigene Individualität hat und daß diese
Vielfalt geachtet und ihr Gelegenheit zur Entfaltung gegeben
werden muß. Es ist Angelegenheit
eines jeden Landes in Osteuropa,
seine eigenen Probleme durch innere Reformen zu lösen."
In dieser Phase des insgesamt friedlichen Wandels hallte ein Satz durch
die Straßen Osteuropas:
"Wir sind
das Volk". Dieser Satz war unmißverständlicher Ausdruck
des Strebens
nach Freiheit und erwies sich als unaufhaltsame Triebfeder für Veränderungen. Innerhalb weniger Wochen haben Demokratie und Freiheit einen im
großen und ganzen friedlichen Kampf
gegen den Kommunismus und Stalinismus
der Nachkriegszeit gewonnen.

Wir befinden uns in einer Phase der
Veränderungen in den Ost-WestBeziehungen, in der alte Ansätze neu überdacht und neue Formen der Zusammenarbeit gefunden werden müssen. Wir im
Westen brauchen diese Veränderungen
nicht zu fürchten, da sie in unserem
Interesse liegen. Es wird uns eine
neue Chance geboten, ein früher konfliktreiches Verhältnis in Kooperation umzuwandeln. Wir sind uns einig, daß unser Ziel in der Erhaltung
eines friedlichen und stabilen Europas besteht.

Wie in dem Kommunique niedergelegt,
müssen wir jedoch Vorsicht walten
lassen. Ich zitiere:

Ein Schlüsselelement in diesem Prozeß
des Wandels ist die Beziehung zwischen den beiden deutschen Staaten.
Der Prozeß der Annäherung, der engeren Beziehungen zwischen diesen beiden Staaten hat bereits begonnen.
Aber ebenso wie die Veränderungen in
Osteuropa alle Europäer und nicht zuletzt die Welt insgesamt betreffen,
so geht der Prozeß des Wandels zwischen den beiden deutschen Staaten
alle Europäer an und ist für sie von
Interesse. Dieser Prozeß hat seinen
Ursprung in der Nachkriegszeit und
bildet das Kernstück der politischen
Herausforderungen, mit denen Europa
sich seit 1945 konfrontiert sah:
Kann es tiefgreifende Veränderungen
geben?
Kann die Teilung Europas
friedlich überwunden werden?

"Wir sind uns bewußt, daß sich
die derzeit
... vollziehenden
Prozesse des Wandels noch in einem frühen Stadium befinden und

In Zeiten der Veränderungen in den
Ost-West-Beziehungen ist die deutsche
Frage immer wieder in der einen oder
anderen Form aufgetaucht. Es ist da-

Der kalte Krieg der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre ist praktisch vorüber. Der Westen ist als
Sieger daraus hervorgegangen.
Wir
sollten auf diesen Sieg stolz sein.
Nicht Gewalt trug den Sieg davon,
sondern die Ideen. Die sich nach dem
Krieg in Westeuropa als so erfolgreich erwiesenen westlichen Grundsätze erhalten jetzt ihre Chance in Osteuropa:
Freiheit, Demokratie und
freie Marktwirtschaften.

- 3 -

�her nicht verwunderlich, daß sie während der dramatischen Veränderungen
der späten achtziger Jahre erneut erörtert wird. Das war auch von Mitte
der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre der Fall.
Die Zielsetzungen
der Vereinigten
Staaten bei Beendigung des Zweiten
Weltkriegs unterschieden sich grundsätzlich von denen der Sowjetunion.
Die Vereinigten Staaten strebten ein
friedliches und stabiles Europa an,
das sich bei seinem Wiederaufbau auf
die Stärke demokratischer Institutionen und den Gedanken nationaler Unabhängigkeit stützte. Nach einigen innenpolitischen Debatten wurde das
Konzept der Bestrafung der Besiegten
verworfen, wie es im "Morgenthauplan"
vorgesehen
war.
Die
Vereinigten
Staaten ließen sich vielmehr auf das
historische Experiment ein, Freiheit,
Offenheit und Wohlstand ihrer früheren Gegner zu fördern, um einer stabilen Zukunft Gestalt zu geben.
Bereits zur Zeit der Potsdamer Konferenz im Jahr 1945 ebneten die Vereinigten Staaten den Weg zur möglichst
baldigen
Wiederherstellung
lokaler
Selbstverwaltung mit dem Ziel der
allmählichen Wiedereinführung einer
Regierung in Deutschland.
Die Vereinigten Staaten strebten den
Wiederaufbau
der
Volkswirtschaften
Europas und die Gründung eines offenen Welthandelssytems an. Sie schlugen einen Kurs des massiven wirtschaftlichen Wiederaufbaus für die
westlichen Besatzungszonen Deutschlands und für Europa insgesamt ein.
Zwischen 1946 und 1949 wurden pro
Jahr über 5 Milliarden Dollar an
Wirtschaftshilfe für Europa geleistet, größtenteils im Rahmen des Marshallplans.
Der Marshallplan war
nicht
auf Westeuropa allein beschränkt, sondern wurde auch der Sowjetunion und Osteuropa angeboten.
Die Sowjetunion wies dieses Angebot
jedoch zurück und zwang die Staaten
Osteuropas und die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands, sich entsprechend zu verhalten.

Diese von den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion getroffenen Entscheidungen hatten unmittelbare und drastische Auswirkungen. Die Produktivität und Wirtschaftsleistung des Westens
erlebten
einen
Aufschwung.
I!! Mit der Währungsreform fing alles an. lll
Während die Vereinigten
Staaten das Banner des Wiederaufbaus
und freier Marktwirtschaften hochhielten, verlangten die Sowjets Reparationszahlungen und schrieben zentral gelenkte Wirtschaftssysteme vor,
wodurch der Ostblock nicht vom Wirtschaftsaufschwung des Westens profitieren konnte. Die enorme Kluft zwischen Ost- und Westeuropa hat sich
seitdem immer mehr vergrößert. Diese
Kluft wird zwischen der Bundesrepublik und der DDR besonders deutlich,
wo die Deutschen auf beiden Seiten im
Jahr 1945 mit den gleichen Voraussetzungen begannen.
Die Vision des Westens bestand aus
einem demokratischen Deutschland mit
einer dynamischen freien Wirtschaft.
Innerhalb eines relativ kurzen Zeitraumes nach Kriegsende sind die Vereinigten Staaten und ihre westlichen
Verbündeten allmählich dem Ziel nähergerückt, die westlichen Besatzungszonen Deutschlands aufzuheben.
Im Jahr 1949 wurde die Bundesrepublik
Deutschland gegründet, gefolgt von
einer Reihe von Schritten mit dem
Endziel, der Bundesrepublik die volle
Souveränität
zurückzugeben.
Diese
Schritte wurden von zahlreichen Vereinbarungen und Übereinkünften begleitet, insbesondere dem Deutschlandvertrag und den Pariser Verträgen
von 1955.
In Artikel 7, Absatz 2 des Deutschlandvertrags wird die Grundlage für
gemeinsame Schritte zur Verwirklichung des Ziels der Einheit des deutschen Volkes dargelegt. Hier heißt
es: "Bis zum Abschluß der friedensvertraglichen Regelung werden die Unterzeichnerstaaten zusammenwirken, um
mit friedlichen Mitteln ihr gemeinsames Ziel zu verwirklichen: ein wiedervereinigtes Deutschland, das eine

- 4 -

�freiheitlich demokratische Verfassung
ähnlich wie die Bundesrepublik besitzt, und das in die europäische Gemeinschaft integriert ist."
Obwohl damals niemand in der Lage gewesen wäre, einen genauen Plan für
die Einheit Deutschlands zu entwerfen, haben die Westmächte und die
Bundesrepublik ihre Ziele klar umrissen und Prinzipien definiert, nach
denen der Prozeß ablaufen sollte.
Diese Ziele und Prinzipien waren
Grundlage für die Deutschlandpolitik
Adenauers und nachfolgender Bundesregierungen.
Die Vereinigten Staaten
stehen zu diesen Zielen und Prinzipien. Dem möchte ich nur hinzufügen,
daß unbeirrtes Festhalten an diesen
Zielen und Prinzipien - der Verankerung der Bundesrepublik im Westen das Ziel deutscher Einheit heute in
greifbarere Nähe gerückt hat als zu
irgendeinem anderen Zeitpunkt in den
letzten vierzig Jahren.

Beständigkeit westlicher Staaten zu
gewährleisten.
In eingehenden und
intensiven Konsultationen, wie sie
für eine multilaterale Organisation
beispiellos sind, konnte sich die
NATO der Herausforderung für ihre Sicherheit aus dem Osten stellen. In
gleicher Weise kann die NATO den Herausforderungen des Wandels in der
heutigen Zeit gerecht werden, indem
sie an ihrem obersten Gebot festhält,
den Frieden in Europa zu bewahren.
In dem Kommunique der Ministertagung
des Nordatlantikrates hieß es dazu:
"Das Atlantische Bündnis bildet
die wesentliche Grundlage für die
Sicherheit unserer Länder. Durch
die Erhaltung des Friedes während
der letzten vier Jahrzehnte hat
das Bündnis unseren Ländern Wohlergehen in Freiheit ermöglicht
und erlaubt, daß die demokratischen Werte andere Gesellschaften
inspirieren.
Inmitten von Wandel und Ungewißheit bleibt das Bündnis ein verläßlicher Garant des Friedens und
wird eine unverzichtbare Grundlage für Stabilität, Sicherheit und
Zusammenarbeit für das Europa der
Zukunft bilden."

Erlauben Sie mir, die drei Kriterien
dieses Ansatzes noch einmal zu wiederholen: erstens ein Prozeß friedlichen Wandels, zweitens eine verfassungsmäßige Struktur mit verbriefter
Selbstbestimmung des deutschen Volkes
und drittens Integration in die europäische Staatengemeinschaft.
Die Stärke der Staatengemeinschaft
Westeuropas läßt sich nicht nur auf
dynamische
und
anpassungsfähige
Volkswirtschaften und die politische
Legitimation
eines
jeden
Staates
durch frei gewählte, demokratische
Regierungen zurückführen, sondern wie ich bereits eingangs erwähnte die Entschlossenheit und Willenskraft
im NATOBündnis. Die NATO bietet aus
der Notwendigkeit der Abwehr einer
massiven Bedrohung ein Forum, in dem
sich politischer Konsens bilden kann,
um dieser Bedrohung der Sicherheit
entgegenzutreten und westliche Grundsätze zu verteidigen.
Es sollte kein Zweifel darüber aufkommen, daß die NATO unerläßlich ist,
wenn es darum geht, die Stärke und

Die Bundesrepublik ist ein wichtiger
Bündnispartner.
Die NATO hat als
Bündnis von den Beiträgen der Bundesrepublik sowohl im sicherheitspolitischen Bereich als auch im Hinblick
auf die von ihr übernommene politische Führungsrolle profitiert. Ebenso wie jedem anderen NATO-Mitglied
kommt die Stärke der NATO auch der
Bundesrepublik
zugute.
Jahrelang
enthielt jedes NATO-Kommunique einen
Passus zur Überwindung der Teilung
Europas und der Teilung Deutschlands. Dies ist ein Ziel aller Bündnispartner.
Die Wiedervereinigung beider Teile
Deutschlands ist ebenso ein Ziel wie
ein Prozeß. Als Prozeß muß sie die
Anliegen aller Länder in Ost und West
berücksichtigen. Der Westen befindet

- 5 -

�sich in der günstigen Situation, diesen Prozeß mit Hilfe der in der Nachkriegszeit geschaffenen Institutionen
lenken zu können.
Die
Europäische
Gemeinschaft
hat
nicht nur eine entscheidende Rolle
beim Aufbau
einer
starken Wirtschaftsgemeinschaft gespielt, sondern
den politischen Grundstein für den
Prozeß der europäischen Integration
gelegt.
1992 wird die Europäischen
Gemeinschaft an einem Scheideweg stehen.
Angesichts
der gravierenden
wirtschaftlichen Probleme Osteuropas
hat die Europäische Gemeinschaft jedoch nunmehr Gelegenheit, einen Integrationsprozeß mit wahrhaft europäischem Charakter zu fördern, der
sowohl West- als auch Osteuropa miteinbezieht. Die Europäische Gemeinschaft hat die ungeteilte Unterstützung der Vereinigten Staaten, die zusammen mit ihr die Herausforderungen
der Zukunft bewältigen wollen.
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf
die neue Bedeutung hinweisen, die dem
KSZE-Prozeß in dieser Zeit des Wandels zukommt. Seit der Unterzeichnung der Schlußakte von Helsinki im
Jahr 1975 bietet der Rahmen der KSZE
eine Struktur, die nicht nur zur Respektierung der Menschenrechte in Osteuropa beigetragen hat, sondern auch
die Möglichkeit für eine stärkere
Ost-West-Kooperation in Handel, Wissenschaft, Technologie und Kultur
bietet. Im Bereich der Sicherheitspolitik verzeichnen wir bei der Erarbeitung wirksamer vertrauensbildender
Maßnahmen große Fortschritte.
Friedlicher Wandel erfordert auch einen spürbaren Abbau der Bedrohung.
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion führen seit geraumer Zeit
ernsthafte und schwierige Verhandlungen über die Reduzierung nuklearer
Langstreckenwaffen.
Darüber hinaus
haben die beiden Militärbündnisse im
letzten Jahr Verhandlungen über Konventionelle Streitkäfte
in Europa
aufgenommen, mit dem Ziel einer Reduzierung dieser Streitkräfte in absehbarer Zukunft.
Präsident Bush hat

kurz vor seinem Besuch in der Bundesrepublik im Mai vergangenen Jahres
eine Reduzierung amerikanischer und
sowjetischer Truppen in Europa auf
jeweils 275 000 Mann vorgeschlagen.
Wir treiben diese Gespräche und Vorschläge energisch voran. Allerdings
sollten wir aus den INF-Verhandlungen
eine Lehre ziehen. Der Westen erreichte sein Ziel der vollständigen
Beseitigung einer ganzen Kategorie
von Nuklearwaffen durch Festhalten an
seiner Position und die Beibehaltung
einer starken Verteidigung.
Diese
Position muß auch in Zukunft gelten,
wenn wir unser Ziel ausgewogener
Truppenreduzierungen erreichen wollen.
Sie werden bemerkt haben, daß ich
noch nicht auf Berlin eingegangen
bin, aber Berlin nahm und nimmt sowohl in der deutschen Frage als auch
in den Ost-West Beziehungen eine
Schlüsselstellung ein.
Berlin erhielt im Vergleich zu den deutschen
Besatzungszonen am Ende des Zweiten
Weltkrieges einen Sonderstatus. Die
westliche Position ist über vier
Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben. Berlin steht bis zu dem Tag unter der Verwaltung der vier Siegermächte, an dem es Hauptstadt eines
wiedervereinigten Deutschlands wird.
Berlins Bedeutung als Symbol für die
Teilung Deutschlands wurde in jüngster Zeit besonders deutlich, als am
9. November 1989 die Reisebeschränkungen aufgehoben und am 22. Dezember
1989 das Brandenburger Tor geöffnet
wurde.
In der Nachkriegszeit mußte der Sonderstatus von Berlin unbedingt aufrechterhalten werden, um die deutsche
Frage offen zu lassen. Sowohl die
Sowjetunion als auch die DDR versuchten immer wieder, die Berliner Westsektoren zu isolieren und die Stadt
wirtschaftlich zu ruinieren. Wiederum siegte westliche Beharrlichkeit.
Als die Russen im Jahr 1948 die Berlin-Blockade verhängten, antworteten

- 6 -

�die Amerikaner mit der Luftbrücke.
Als 1961 russische Panzer an der neu
erbauten Mauer auffuhren, erklärte
Präsident Kennedy: "Eines ist unmißverständlich klar. Wir werden für
Berlin
kämpfen."
Siebenundzwanzig
Jahre später stand Präsident Reagan
am Brandenburger Tor und forderte:
"Herr Gorbatschow, reißen Sie diese
Mauer nieder."
In dieser Zeit des Wandels bietet
auch Berlin Möglichkeiten zur Überwindung
der Teilung Deutschlands.
Der Westen hat darauf bestanden, daß
Berlin nicht zur geteilten Stadt wurde, da dies eine weitere Teilung
Deutschlands
bedeutet
hätte.
In
gleichem Maße hat der Westen darauf
bestanden, daß die Sowjetunion für
die Stadt insgesamt verantwortlich
bleibt, um sie direkt in den Prozeß
der Überwindung der Teilung Mitteleuropas einzubeziehen. Sie werden wohl
mit mir übereinstimmen, daß dieser
Prozeß ohne Mitwirkung der Sowjets
keinen Erfolg haben kann. In Berlin
bekennen sich die Alliierten zur Bundesrepublik, um die Überwindung dieser Teilung zu erzielen.
Es bleibt noch viel zu tun.
Das
Viermächteabkommen hat gezeigt, daß
Fortschritte für die Stadt sogar bei
diametral
entgegengesetzten
Standpunkten über ihren Status erzielt
werden konnten,. Im Jahr 1987 schlugen die Westmächte praktische Maßnahmen zur Verwirklichung weiterer Verbesserungen für Berlin und die Berliner vor. Erst letzten Monat stimmte
die Sowjetunion der Aufnahme solcher
Gespräche zu. Wir in den Vereinigten
Staaten stehen zu unseren Verpflichtungen gegenüber Berlin.

dervereinigung sei eine Frage der
Selbstbestimmung - eine Angelegenheit, über die die Deutschen selbst
zu entscheiden hätten. Im Dezember
1989 umriß der Präsident nach einem
Treffen mit NATO-Generalsekretär Wörner in Brüssel die amerikanische Haltung zur Wiedervereinigung in vier
Punkten.
1.

Selbstbestimung
muß
ungeachtet
des Ergebnisses erfolgen.
Zu
diesem Zeitpunkt sollten wir eine
bestimmte Vorstellung weder befürworten noch ausschließen.

2.

Die Wiederherstellung der Einheit
sollte im Rahmen der anhaltenden
Verpflichtungen der Bundesrepublik Deutschland gegenüber der
NATO und einer zunehmend integrierten
Europäischen
Gemeinschaft und unter Berücksichtigung
der Rechte und Pflichten der alliierten Mächte erfolgen.

3.

Die Wiederherstellung der Einheit
muß im Interesse der allgemeinen
europäischen Stabilität friedlich
und schrittweise erfolgen.

4.

In der Frage der Grenzen sollten
wir unsere Unterstützung für die
in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Grundsätze bekräftigen.

Bei seiner Berlin-Reise im letzten
Monat erläuterte Außenminister Baker
das Konzept für ein neues Europa.

In den vergangenen vierzig Jahre hat
sich zwischen den Vereinigten Staaten
und der Bundesrepublik eine enge
Freundschaft entwickelt. Uns verbinden ähnliche Ziele, gleiche Werte und
eine starke gemeinsame Interessenlage.
Die Zukunft Deutschlands liegt
in unserem beiderseitigen Interesse.
Im September letzten Jahres erklärte
Präsident Bush, eine eventuelle Wie- 7 -

"Der sich heute in Osteuropa
vollziehende Wandel berechtigt zu
großen Hoffnungen.
Ein neues
Zeitalter bringt jedoch unterschiedliche Sorgen für uns alle
mit sich. Einige dieser Sorgen
sind so alt wie Europa selbst,
andere wiederum ein neues Produkt
des Wandels.
Wenn der Westen das Gefüge der
Zusammenarbeit
aufgeben
würde,
das wir in vierzig Jahren aufgebaut haben, würden diese Sorgen
zu Problemen. Aber die von uns

�geschaffenen Institutionen - die
NATO, die Europäische Gemeinschaft und der KSZE-Prozeß - sind
lebensfähig.
Auf demokratische
Werte gestützt, werden sie der
Macht der Volkes gerecht, die den
neuen Kurs der Geschichte bestimmt.

guts als vielversprechend anzusehen.
Wir können vertrauensvoll in diese
Zukunft blicken.

Ich danke Ihnen.

Noch wichtiger ist, daß diese Institutionen auch flexibel sind
und sich rasch verändernden Gegebenheiten anpassen können. Wenn
wir uns anpassen und unsere Zusammenarbeit
untereinander
und
mit den Nationen des Ostblocks
erneuern und erweitern, werden
wir ein neues Europa auf der
Grundlage eines neuen Atlantizismus schaffen."
Abschließend möchte ich noch einen
Passus aus dem Kommunique der Ministertagung des Nordatlantikrats zitieren, der in derselben Formulierung
In der - eine Woche zuvor veröffentlichten - EG-Gipfelerklärung enthalten ist.
"Wir streben die Festigung des
Zustandes des Friedens in Europa
an, in dem das deutsche Volk in
freier
Selbstbestimmung
seine
Einheit
wiedererlangt.
Dieser
Prozeß muß sich auf friedliche
und demokratische Weise, unter
Wahrung der einschlägigen Abkommen und Verträge sowie sämtlicher
in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Prinzipien im Kontext des Dialogs und der OstWest-Zusammenarbeit
vollziehen.
Er muß auch in die Perspektive
der europäischen Integration eingebettet sein."
Die Vereinigten Staaten unterstützen
diesen Gedanken vorbehaltlos in allen
Punkten. Er basiert auf einer Reihe
politischer Grundwerte, die wir alle
teilen und die zunehmend auch dort zu
wurzeln beginnen, wo sie viele Jahre
lang unterdrückt waren. Obgleich wir
die vor uns liegenden Probleme nicht
unterbewerten dürfen, ist die Zukunft
des Westens und westlichen Gedanken-

- 8-

* * * * *

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K
Amerika Dienst 3

POWELL:

24. Januar 1990

US-TRUPPENOBERGRENZEN IN EUROPA KEIN TABU

Rede von General Powell beim Seminar über Militärdoktrinen

WIEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Colin L. Powell, bei der Eröffnung des Seminars
über Militärdoktrinen in Wien am 16. Januar 1990 gehaltene Rede. Es gilt das
gesprochene Wort.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte
ich zunächst auf die historischen Ereignisse verweisen, die diese in der
Geschichte
einmalige
Zusammenkunft
ermöglicht haben.
Heute vor sechs
Jahren versammmelten sich Vertreter
der 35 KSZE-Mitgliedstaaten in Stockholm zur Konferenz über Vertrauensund Sicherheitsbildende Maßnahmen und
Abrüstung in Furopa (KVAE).
Diese
Konferenz fand zu einer Zeit statt,
in der die Kluft zwischen Ost und
West noch besonders tief war. In der
Sowjetunion gab es weder Glasnost
noch Perestrojka.
Die Rüstungskontrollverhandlungen waren an einem
Tiefpunkt angelangt.
Die Welt war
von Spannungen beherrscht, und es bestand wenig Anlaß zu Hoffnungen.

Was haben wir in der Zwischenzeit erreicht?
Ein KVAE-Abkommen, ein historischer
INF-Vertrag,
umfassende
Abrüstungsverhandlungen wurden in die
Wege geleitet, zwischen Ost und West
fanden Gipfeltreffen statt, und in
Osteuropa und der Sowjetunion vollzieht sich ein epochaler Wandel. Die
Welt stellt sich uns zu Beginn der
letzten 10 Jahre eines turbulenten
Jahrhunderts hoffnungsvoll und vielversprechend dar.
Auch von dem Veranstaltungsort dieses
Seminars bin ich beeindruckt. In die
Annalen der Geschichte ist dieser Palast im Zusammenhang mit einer der
bedeutendsten Konferenzen eingegangen: dem Wiener Kongreß. Die Teil-

�nehmer an dieser Konferenz vor nahezu
200 Jahren trugen sich mit der Absicht, ein stabiles Europa zu schaffen. Die heute vor uns liegende Aufgabe lautet anders: Dazu beizutragen, eine neue Ordnung in Europa zu
gestalten, die dem Wunsch unserer
Bürger nach einem Leben in Frieden,
Sicherheit
und
Freiheit
gerecht
wird.
Diese Konferenz darf also
nicht
routinemäßig
ablaufen.
Wir
müssen uns Erkenntnisse vermitteln.
Wir müssen Mauern einreißen und Brükken bauen. Wir müssen uns offen und
ehrlich äußern. Auf diesem Seminar
darf nicht nur geredet, sondern es
muß gearbeitet werden. Als hochrangige Offiziere unserer jeweiligen
Länder sind wir verpflichttet, zu dem
historischen Prozeß beizutragen, der
sich heute auf diesem Kontinent vollzieht.

Die Verfassung
Ich möchte in diesem Zusammenhang an
ein Ereignis erinnern, das mir seit
der Zeit meiner Rekrutierung als
Leutnant des amerikanischen Heeres im
Gedächtnis haften blieb.
Zu jener
Zeit mußte ich einen Eid auf die Verfassung
der
Vereinigten
Staaten
schwören. Die amerikanische Verfassung ist ein bemerkenswertes Dokument
- und stellt höchste Anforderungen an
diejenigen von uns, die sich für eine
militärische
Laufbahn
entscheiden.
Wir müssen ein Gelübde auf ein Dokument ablegen, das im Militär und insbesondere meiner Teilstreitkraft
dem Heer - ein notwendiges Übel
sieht, das in Zeiten der Krise von
Nutzen sein kann, aber ansonsten
sorgfältig im Auge behalten werden
muß.
Die Verfasser dieses Dokuments verlangten diesen Eid von mir, damit mir
und allen Soldaten eines unmißverständlich klar wird: unsere Aufgabe
besteht nicht nur darin, Land, Rohstoffe, einen Staat oder eine Regierung, sondern vielmehr eine Idee zu
verteidigen. Einer im Zeitalter der
Aufklärung geborenen Idee. Was wir

zu verteidigen gelobt hatten, waren
die Rechte des einzelnen in einem
Rechtsstaat. Bei einer Mobilmachung
mußte unsere "Bürgerwehr" diesem Eid
selbst in schwersten Krisen treu
bleiben.
Während der Debatten über die Verfassung definierte einer der Gründerväter, James Madison, die Stärke der
Vereinigten Staaten als vom Volke
ausgehend, das vereint hinter seiner
Regierung steht. Er schrieb: "Auch
mit einer Handvoll Truppen oder mit
nur einem einzigen Soldaten ist ein
geeintes Amerika als Objekt ausländischer Begierde abschreckender als ein
entzweites Amerika mit Hunderttausenden, zum Kampf bereiten Veteranen.""
In der Tat waren die Vorbehalte gegen
die Aufrechterhaltung eines "stehenden Heeres" so groß, daß einer der
Gründungsväter der Verfassung eine
Obergrenze von 2 000 Soldaten vorschlug. George Washington antwortete
darauf: "Eine glänzende Idee - wenn
wir auch all unsere Gegner davon
überzeugen können, keinen größeren
Militärapparat zu unterhalten."
Mit der Verfassung erhielt der Kongreß das Recht, den Krieg zu erklären
und
"Landstreitkräfte
aufzustellen
und zu unterhalten", begrenzte jedoch
die Mittelzuweisung vom Kongreß an
das Heer auf jeweils zwei Jahre. In
Anbetracht der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten ein vom Meer umgebenes Land sind und aus Gründen der Sicherheit und um Handel zu treiben von
Wasserstraßen abhängig sind, räumte
die Verfassung dem Kongreß das Recht
ein, Seestreitkräfte zu unterhalten,
ein Heer jedoch nur im Bedarfsfall
aufzustellen.
Aufgrund der Verfassung ist der Präsident Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Seine Machtbefugnisse sind jedoch denen seiner
Amtskollegen im Ausland nicht vergleichbar.
Vor allem fand in der Verfassung jedoch der Willen des Volkes seinen
Niederschlag. Er wird in den ersten
drei Worten der Verfassung auf einen

- 2 -

�Nenner gebracht, die lauten: "Wir,
das Volk..."
Der Regierung wurde
durch die Verfassung ihr Amt verliehen, aber die Machtbefugnis - die
Verantwortlichkeit - wurde dem Volk
übertragen.
Maßnahmen können rückgängig gemacht werden, gewählte Regierungsvertreter können kommen und
gehen, aber die Verfassung - das Gesetz des Landes, der Willen des Volkes - ist von Dauer.

so schnell von den Wirren des Krieges
freigemacht hat." Nach dem totalen
Krieg sehnten sich die Amerikaner
nach totalem Frieden.
Der Andrang
auf Entlassung aus dem Militärdienst
nach dem Zweiten Weltkrieg war so
groß, daß sechs Monate nach dem Endsieg bereits die Hälfte unserer 12
Millionen Soldaten ins bürgerliche
Leben zurückgekehrt war und binnen
Jahresfrist nur 3 Millionen im Dienst
blieben.

Die Vereinigten
sten Jahrhundert

Der Wunsch nach totalem Frieden findet auch in der Art und Weise seinen
Niederschlag, wie Amerikaner ihre militärisch
Verantwortlichen
sehen.
Dwight Eisenhower - einst Oberbefehlshaber in Europa, dann Dekan ist wegen seiner zwei Amtszeiten als
Präsident der Vereinigten Staaten,
wegen seiner Bereitschaft, der Sowjetunion mit Gedanken wie den "Offenen Himmeln" entgegenzukommen - ein
Gedanke, der jetzt Früchte trägt und seiner Warnung an das amerikanische Volk, sich vor den Gefahren der
"Rüstungsindustrie" zu hüten, in die
Geschichte eingegangen.
An Douglas
Macarther, Oberbefehlshaber Pazifik,
erinnert man sich als Urheber der Demokratie in Japan. Und George Marshall, Verteidigungsplaner im Krieg,
wird als Architekt des Friedens gewürdigt. Im Krieg unterstützen die
Amerikaner ihre Generäle, aber sie
gedenken ihrer nicht für das in
Kriegszeiten Zerstörte, sondern das
in Friedenszeiten Geschaffene.

Staaten im zwanzig-

Ich zeige diesen scheinbaren Widerspruch in unserer Verfassung im Hinblick auf Sinn und Zweck der Streitkräfte auf, um zwei wesentliche Kriterien der Militärdoktrin der Vereinigten Staaten hervorzuheben.
Erstens hatten wir von der Geburtsstunde unserer Republik an nationale Vorbehalte gegenüber großen stehenden
Heeren. In der Tat werden sie als
Abweichung von der Norm angesehen,
und entsprechen nicht dem Wesen einer
demokratischen Regierung.
Zweitens hat das amerikanische Volk
darauf bestanden, wenn die Aufstellung eines Heeres erforderlich werden
sollte, müßte sein Einsatzkonzept defensiven Charakter haben und die Begründung
für
seine
Größenordnung
schonungslos überprüft werden, so daß
seine Reihen bei der ersten besten
Gelegenheit gelichtet werden könnten. Während ich hier sitze, können
Sie sicher sein, daß der Kongreß in
Washington über Mittel und Wege nachdenkt, wie unser Heer bei nächster
Gelegenheit abgebaut werden kann.
Das Unbehagen, das wir Amerikaner gegenüber der Aufrechterhaltung eines
Militärapparates haben, wurde nach
dem Zweiten Weltkrieg besonders deutlich. Um Präsident Truman zu zitieren:
"Sobald die Feindseligkeiten
eingestellt sind, kehren die Amerikaner .. . unverdrossen und . . . unverzüglich in ihr bürgerliches Leben zurück.
Niemals hat es in der Geschichte ein Volk gegeben, das sich

Das Einsatzkonzept der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit
Dieser historische Exkurs ist für das
Verständnis der amerikanischen Militärdoktrin in der Nachkriegszeit unabdingbar.
Angesichts der bitteren
Erkenntnis vor 40 Jahren, daß Frieden
nicht möglich, Europa Opfer anhaltender Unterdrückung und im Fernen Osten
erneut Krieg ausgebrochen war, mußten
die Vereinigten Staaten eine schwere
Entscheidung treffen - sich wieder in
ihre historische Isolation zurückzuziehen oder weltweit eine Rolle als

- 3 -

�Garant der Sicherheit zu übernehmen,
die ihrer demokratischen Tradition
zuwiderlief.
Nachdem wir im 20.
Jahrhundert
mehrfach
einen
hohen
Preis dafür bezahlen mußten, daß wir
die Bedrohungen unserer Sicherheit
nicht erkannt haben, lösten wir das
Problem, indem wir uns für die Übernahme internationaler Verantwortung
und den Aufbau der für ihre Ausübung
erforderlichen Streitkräfte entschieden.
Dabei haben wir jedoch vier
eindeutige Grundsätze zur Bewältigung
der Bedrohung unserer Sicherheit in
der Nachkriegszeit entwickelt.
Erstens haben wir unser Einsatzkonzept nicht für Krieg sondern zur Abschreckung von Aggression ausgelegt.
Abschreckung - der Stützpfeiler unserer Militärstrategie - zielt darauf
ab, einen Angriff auf die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten zu verhindern.
Zweitens werden wir auf eine Herausforderung reagieren - wenn es sein
muß, mit Gewalt - um unsere Bürger,
unsere Verbündeten, unsere Interessen
und unsere Werte zu verteidigen. Die
"Bürgerwehr" wird sich im Zorn erheben und ihre Pflicht tun, wenn sie
gerufen wird. Aber ihre Pflicht wird
darin bestehen, worin sie immer bestanden hat: Reaktion proportional
zur Bedrohung. Wie Sie kürzlich beobachten konnten, scheuen wir uns also
nicht, unsere Bürger zu schützen, indem wir Tyrannen wie Mr. Noriega entmachten und Panama seinem Volk zurückgeben.
Drittens werden wir unserer Verpflichtung zu kollektiver Sicherheit
und Partnerschaft mit Nationen nachkommen, die unsere Grundwerte teilen. Gleichzeitig können wir von unseren Verbündeten nicht erwarten, ihre Sicherheit unseren Absichtserklärungen anzuvertrauen.
Aus diesem
Grund stellen wir an uns die gleichen
Anforderungen wie an sie: Streitkräfte aufrechtzuerhalten, die zur
Verteidigung
der Sicherheit aller
Bündnispartner fähig und verpflichtet
sind.

Und viertens werden wir uns nach wie
vor an die in der Verfassung niedergelegte Unterscheidung zwischen der
Aufstellung von Land- und Beibehaltung von Seestreitkräften halten.
Wir sind wie eine Insel inmitten
zweier großer Ozeane. Ostwärts liegen unsere Sicherheitsverpflichtungen
und unser wirtschaftliches Wohlergehen jenseits des Atlantiks. Westwärts liegen unsere Sicherheitsverpflichtungen und unser wirtschaftliches Wohlergehen im Pazifik. Sie alle sind Offiziere - was ich Ihnen erzähle, ist also nichts Neues: Seestreitkräfte können Sicherheit für
uns und unsere Verbündeten gewährleisten. Es gibt jedoch zwei Dinge, die
Seestreitkräfte nicht können:
sie
können kein Gebiet erobern und auf
sich alleine gestellt keine Kriege
gewinnen.
Ich möchte mich nunmehr der Rolle der
Vereinigten Staaten in der NATO zuwenden.
Der Gedanke kollektiver Sicherheit
ist zwar international, seine Wurzeln
hat er jedoch in Europa. Die ersten
Schritte auf dem Weg zur kollektiven
Sicherheit sind uns nicht leichtgefallen.
Die
Truman-Administration
war nicht um die Gründung des NATOBündnisses bestrebt. Wir wurden Mitglied in der NATO, weil wir uns darüber im klaren waren, daß sich Länder
aus zwei Gründen zusammenschließen:
entweder aufgrund gemeinsamer Werte
oder aufgrund einer Bedrohung für alle. Ende der vierziger Jahre hatten
unsere westlichen Verbündeten und wir
beide Gründe.
Im Mai 1945 schwiegen die Waffen in
Europa.
Aber die Instrumente des
Kriegs waren nur durch Instrumente
der Zwangsherrschaft ersetzt worden.
In ganz Osteuropa wurden befreite zu
besetzten Ländern. In diesen düstersten aller Zeiten - des politischen
Umsturzes in Prag und des militärischen Drucks auf Berlin - traten die
führenden Politiker Europas auf den
Plan. Sie hatten einen sehr unterschiedlichen Hintergrund: der engli-

- 4 -

�sehe Gewerkschafter Ernest Bevin, der
französische Wirtschaftspolitiker Robert Schuman, der belgische Jurist
Henri Spaak und der norwegische Geschieht slehrer Halvard Lange.
Ihre
Vision war jedoch dieselbe: kollektive Sicherheit, ein vom Krieg verwüstetes Europa von der Angst zu befreien, daß zwei Kriege nur der Auftakt für eine weitere Bedrohung seien
- eine Bedrohung, die ihre Freiheiten, ihr gemeinsames Erbe und ihr Leben zunichte machen.
Wie konnten wir dem Kontinent den
Rücken kehren, der Geburtsstätte der
Aufklärung und ihrer Ideale war, die
unsere Verfassung - und unsere Doktrin - beeinflußt haben. Wir haben
also reagiert. Wir haben Westeuropa
nicht als Schutzschild benutzt, sondern ein Schutzschild über Europa gebreitet. Die Sicherheit des Westens
ist damals wie heute unantastbar.

Die militärische Kräfteverteilung in
der NATO
Gemeinsame Werte bilden das Herzstück
kollektiver Sicherheit und das Rückgrat sind gemeinsame Risiken und
Pflichten.
Ich möchte an dieser
Stelle darauf eingehen, wie die Vereinigten Staaten, ihre Prinzipien und
ihre Militärdoktrin zur kollektiven
Sicherheit in Europa beitragen. Die
amerikanische Rolle in der NATO wird
von sechs Grundsätzen geleitet. Einige davon lassen sich unter dem
Oberbegriff
"Doktrin" zusammenfassen. Andere gehen über rein militärische Konzepte hinaus und sprechen
die Quintessenz kollektiver Sicherheit an.

Die sechs Grundsätze
Erstens stehen wir in Konsultationen. Wir drängen dem Bündnis unsere
Auffassungen oder unsere militärischen Strategien nicht auf. Konsultationen sind für das Bestehen der
NATO unabdingbar.
Demokratien sind
von Natur aus streitbar. Wir argu-

mentieren und debattieren, und unsere
Meinungsverschiedenheiten werden unter dem wachsamen Auge der Öffentlichkeit ausgetragen. Am Ende gehen
wir aus diesem freimütigen Prozeß jedoch gestärkt und nicht etwa geschwächt hervor. Darüber hinaus gewährleistet dieser Austausch den defensiven Charakter unserer gemeinsamen Sache. Es ist unvorstellbar, daß
ein Bündnis, dessen Einsatzkonzepte
und Ziele von der Öffentlichkeit in
16 demokratischen Ländern derart aufmerksam verfolgt werden, jemals einen
Angriff starten könnte.
Zweitens unterstützen die Vereinigten
Staaten das Konzept kollektiver Verteidigung, das heißt der gemeinsamen
Verteidigung gegen eine Bedrohung,
die so groß ist, daß sie die Verteidigung eines einzigen Landes außerkraftsetzen könnte. Aus diesem Grund
akzeptieren Amerikaner die ständige
Stationierung von US-Streitkräften im
Ausland trotz der damit verbundenen
Kosten.
Der erste Vorsitzende der
Vereinigten Stabschefs, General Omar
Bradley, unterstützte die Rückkehr
von US-Streitkräften nach Europa, so
daß "kein Zweifel über Amerikas Interesse an der Verteidigung - nicht Befreiung - Europas aufkommen kann".
Bis auf den heutigen Tag besteht die
größte Sorge unseres Bündnisses in
der wahnwitzigen Vorstellung, stark
überlegenen und für Großoffensiven
ausgerüsteten
Streitkräften
gegenüberzustehen. Ich möchte dem hinzufügen, daß wir von den Erklärungen
und ersten Beweisen einer historischen Neudefinition und Umstrukturierung der Doktrin und der Streitkräfte
des Warschauer Pakts im Sinne eines
defensiven Einsatzkonzpets sehr ermutigt sind.
Die Perspektiven, die
sich dadurch für schnelle Fortschritte bei der Abrüstung und nicht zuletzt für eine Neufassung aller Sicherheit svorkehrungen in Europa bieten, berechtigen zu neuer Hoffnung
auf endgültige Abkehr vom entzweienden Vermächtnis des Zweiten Weltkriegs.

- 5 -

�Drittens stützt sich die amerikanische Verpflichtung zur NATO auf Vorneverteidigung.
Diese Verpflichtung
zur Erhaltung territorialer Integrität an jedem potentiellen Angriffspunkt ist für die Verteilung der Lasten und Pflichten unabdingbar. Darüber hinaus erklärt es die NATO-Strategie, Druck auf die nachrückenden
Staffeln der Angreifer auszuüben,
weil der Nachteil der NATO bei wichtigen Truppenteilen keine erfolgreiche Verteidigung gegen aufreibende
Angriffe
schwerbewaffneter
Streitkräfte erlaubt.
Dennoch spiegelt
dies unter keinen Umständen die Absicht des Bündnisses wider, Territorium zu besetzen und zu annektieren.
Einem Bündnis, das sich unter den besten Voraussetzungen immer noch in
einer Position militärischer Unterlegenheit befindet, steht nicht die Option offensiver
Strategien offen.
Offensivstrategien
sind
mit
den
Grundsätzen des NATO-Bündnisses unvereinbar.
Viertens bleibt Amerika der Strategie
der flexiblen Reaktion verpflichtet.
Flexible Reaktion bedeutet glaubwürdige Abschreckung, und falls diese
versagt,
müssen
Feindseligkeiten
schnell beendet und der Status quo
wiederhergestellt werden.
Dazu ist
eine große Bandbreite von - konventionellen und nuklearen - Fähigkeiten
erforderlich.
Vor über 20 Jahren entschied sich die
NATO für die Eingliederung von Nuklearwaffen
in
ihre
Verteidigung.
Gleichzeitig haben alle NATO-Mitglieder daran gearbeitet, zu gewährleisten, daß ihre Anzahl mit den konventionellen Fähigkeiten des Bündnisses
und dem Klima allseitiger Sicherheit
vereinbar ist. Dadurch haben wir erfreulicherweise in den vergangenen
Jahren die Zahl der Nuklearwaffen in
den NATO-Arsenalen - sowohl einseitig
als auch auf den Verhandlungswege erheblich
reduziert.
Schließlich
sind wir - wie von den Staats- und
Regierungschefs im Mai vergangenen
Jahres vereinbart - zur Aufnahme wei-

terer Verhandlungen über die Reduzierung von Nuklearwaffen bereit, sobald
die in die KSE-Verhandlungen gesetzten Hoffnungen Wirklichkeit geworden
sind.
Fünftens handelt es sich bei den
US-Truppen nicht um eine Besatzungsstreitmacht. Präsident Bush zufolge
werden amerikanische Streitkräfte so
lange in Europa bleiben, wie die Regierungen
und
die
Öffentlichkeit
Westeuropas dies wünschen und das
Bündnis gemeinsam zu der Entscheidung
gelangt, daß sie weiterhin erforderlich sind.
Sechstens
schreiben
amerikanische
Streitkräfte und Interessen nicht die
militärischen Vorkehrungen des Bündnisses vor. Wir handeln als Bündnis. Unsere Soldaten werden in der
NATO ausgebildet. Bei meinem ersten
Kommando vor 32 Jahren war ich NATOLeutnant, dem 40 Soldaten in der Fulda Gap unterstellt waren. Heute werden vier der acht gemeinsamen Kommandobehörden im NATO-Bündnis von europäischen Offizieren geführt.
Die
Verbindung demokratischer politischer
Verfahrensweisen
und
militärischer
Entscheidungsfindung
ist
uns
auf
höchster Ebene gelungen. Unsere Stäbe denken zunehmend in globalen Dimensionen und entwickeln gemeinsame
Lösungen für militärische Probleme.
Noch wichtiger ist die Tatsache, daß
unsere Ausbildung und unsere Übungen
vom Oberbefehlshaber bis zum jüngsten
Soldaten im Bewußtsein gemeinsamer
Werte und hehrer Ziele stattfinden.
Wir halten an diesen sechs Grundsätzen fest, weil unsere Verbündeten daran glauben und sie im amerikanischen
Volk Unterstützung finden. Die amerikanische Verteidigungspolitik ist
tief verwurzelt. Seit über 200 Jahren hat das amerikanische Volk sein
Militär unterstützt, wenn es einen
Konflikt gab, der eine Reaktion der
Vereinigten Staaten erforderte. Ich
betone dabei das Wort "Reaktion".
Militärische Macht auf der Basis einer Offensive, eines begonnenen Kon-

- 6 -

�flikts oder der Besetzung von Territorium widerspricht
den Gesetzen,
Vorstellungen und der Tradition Amerikas.

Stadt über Reduzierungen im konventionellen Bereich.
Deshalb setzen
wir den Trend zu geringeren Verteidigungsausgaben und niedrigerer Streitkräfteniveaus fort und versuchen ihn
noch zu forcieren.

Perspektiven
Ich habe bereits über westliche Werte
gesprochen.
In Malta hat Präsident
Gorbatschow die Allgemeingültigkeit
dieser Werte betont. Er hat recht.
Wir haben sie niemals nur für uns beansprucht.
Heute werden wir Zeuge tiefgreifender
Veränderungen in der Sowjetunion und
Osteuropa - Veränderungen, mit denen
die Sicherheit aller KSZE-Staaten
verbessert werden kann. Die erfolgten Reduzierungen und der Abzug von
Streitkräften des Warschauer Pakts
ermutigen uns ebenso wie Erklärungen
der Sowjets, eine Politik der Zwänge
- wie die Breschnew-Doktrin - seien
Relikte der Vergangenheit.
Aber in Europa gibt es mehr zu tun
als militärische Reduzierungen. Präsident Gorbatschow hat von Demokratisierung gesprochen. Die in der Sowjetunion stattfindenden Veränderungen sind beispiellos. In allen Ländern Osteuropas beobachten wir eine
starke Hinwendung
zum politischen
Pluralismus.
Für
die Vereinigten
Staaten ist wie für jede andere Demokratie Glasnost - öffentliche Diskussionen und Debatten über militärische
Strategien und Programme - ebenso
wichtig wie Perestrojka. Denn durch
echte Glasnost werden nicht mehr nur
einige wenige für nationale Sicherheit und Militärpolitik zuständig
sein, sondern alle werden Verantwortung tragen.
Die Amerikaner haben in den vergangenen vierzig Jahren - und im Laufe ihrer Geschichte - dokumentiert, daß
sie sich Herausforderungen stellen.
Ebensosehr sind Amerikaner bereit,
Chancen zu nutzen.
Präsident Bush
setzt sich für die amerikanische
Überwindung
des
Containment
ein.
Deshalb verhandeln wir in dieser

Die Zahl der in Europa stationierten
US-Streitkräfte ist kein Tabu.
Es
ist keine unumstößliche Tatsache, daß
die militärische Machtverteilung in
einem geteilten Europa so bleiben
soll wie in den vergangenen vierzig
Jahren. Die Vereinigten Staaten begrüßen die um uns herum vollziehenden
Veränderungen. Wir hoffen, daß der
Prozeß, in dem wir uns alle befinden,
zu dem Tag führen werden, an dem die
militärischen Anforderungen an beide
europäischen Bündnisse erheblich sinken. Darüber hinaus hoffen wir, daß
der in Ost und West gehegte Traum von
einer friedlichen Gemeinschaft demokratischer Staaten mit gemeinsamen
Werten Wirklichkeit wird.
Innerhalb und außerhalb des KSZE-Prozesses richten wir unsere Bestrebungen auf den Abbau von Spannungen und
Schranken,
Streitkräftereduzierungen
und Wiederherstellung von Vertrauen
zwischen einzelnen Ländern. Ich weiß
heute um unser aller Bewußtsein, daß
Ost und West das Ende des Zeitalters
der Konfrontation in Europa herbeiführen wollen. Der Geist der Demokratie durchdringt diesen Kontinent.
Mit diesem gemeinsamen Ziel vor Augen
können wir alle zusammenarbeiten, um
in ein neues Zeitalter des Friedens,
der Sicherheit und Freiheit in Europa
einzutreten.

Schlußbemerkung
Im Laufe dieses Seminars werden Sie
noch eingehender von anderen Amerikanern über unsere Politik und Doktrin
informiert werden. Generalmajor Robinson wird im einzelnen erläutern,
wie unsere Politik und Streitkräftestruktur ausgerichtet ist, um die
Ziele im Bereich der nationalen Sicherheit zu verwirklichen, die uns
das amerikanische Volk zuweist. Der

- 7 -

�Stellvertretende
Verteidigungsminister Chu wird erklären, wie wir Mittel für unsere Verteidigung von einem
sachkundigen, fordernden und mißtrauischen Kongreß erhalten, der seiner verfassungsmäßigen Rolle gerecht
wird. General Leland wird darlegen,
wie die Ausbildung der US-Streitkräfte in Europa erfolgt, damit sie ihre
Pflicht für unsere kollektive Sicherheit erfüllen können.
Nach Beendigung unserer Vorträge werden wir Sie hoffentlich vom defensiven Charakter unserer Doktrin überzeugt haben.
Sie werden erkennen,
daß wir eine Supermacht mir weltweiten Pflichten sind. Sie werden erkennen, daß unsere Streitkräfte bestehen, um unsere Werte zu schützen,
nicht, um sie aufzuzwingen. Sie werden erkennen, daß wir entschlossen
sind, alles in unserer Macht Stehende
zu tun, um unsere Freiheit und die
unserer Freunde zu bewahren.
Sie
werden erkennen, daß kein Land, das
sich den Zielen dieser Konferenz verpflichtet
fühlt,
die
Vereinigten
Staaten fürchten muß.
Dies ist eine historische Zusammenkunft, von der wir viel erwarten.
Ich freue mich auf die Vorträge meiner Kollegen.

* * * * *

-8

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K

Amerika Dienst 3

VEREINIGTE STAATEN:

24. Januar 1990

UMSTRUKTURIERUNG DER STREITKRÄFTE ERFORDERLICH

Rede von Les Aspin beim Nationalen Strategieforum

WASHINGTON - (AD) - Der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im amerikanischen Repräsentantenhaus, Les Aspin, erklärte am 19. Januar 1990 in einer Rede
beim Nationalen Strategieforum in Chicago, die Vereinigten Staaten müßten über
eine Umstrukturierung und Reduzierung ihrer Streitkräfte in einer Weüt nachdenken, in der die Sowjetunion nicht mehr die wichtigste militärische Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellt.
Aspin zufolge ist eine solche Welt "vielleicht nur fünf bis zehn Jahre entfernt", die Vereinigten Staaten "benötigten dann zwar immer noch Streitkräfte,
aber mit ganz anderer Struktur als heute. Das Militär müßte umstrukturiert
und reduziert werden."
Aspin schlug dem Kongreß eine neue Strategie für Kürzungen des Verteidigungshaushalts angesichts der verminderten sowjetischen Bedrohung und der politischen Unwägbarkeiten in Osteuropa vor.
Nachfolgend veröffentlichen wir Aspins Rede im Wortlaut.
Im letzten Frühjahr hat Präsident
Bush seinen ersten Verteidigungshaushalt - verspätet - vorgelegt. Er war
von den Zeichen der Zeit gesetzt.
Dynamische Ereignisse fanden statt,
deren Ergebnis jedoch unsicher war.
Heute, nur einige Monate später, leben wir in einer neuen Welt. Ereignisse, die noch vor einigen Monaten
undenkbar gewesen wären, sind jetzt
Aufmacher in den Abendnachrichten.
In Osteuropa bröckelt das kommunistische Weltreich. Man kann sich den
Warschauer Pakt nicht mehr als geschlossenes Militärbündnis vorstellen, das Moskaus Anweisungen blinden
Gehorsam leistet. Zum ersten Mal in
einer Reihe von Generationen können
wir jetzt in Ansätzen - und ich betone: in Ansätzen - an eine Welt den-

ken, in der die Sowjetunion für die
Vereinigten Staaten nicht mehr die
wichtigste
militärische
Bedrohung
darstellt.
Wenn wir Glück haben, ist eine solche
Welt vielleicht nur fünf bis zehn
Jahre entfernt. Wie könnte sie aussehen?
Wir benötigten dann immer
noch Streitkräfte, aber mit ganz anderer Struktur als heute. Unser Militär müßte umstrukturiert und reduziert werden.
Die größten Veränderungen würden im
Heer stattfinden. Seit dem Zweiten
Weltkrieg ist das Heer mit der sowjetischen Bedrohung - vor allem den Sowjets in Europa - vor Augen aufgestellt und konzipiert worden.
Vor
dem Hintergrund
dieses Szenariums

�wurden vom Heer Waffen beschafft,
Taktiken
entwickelt
und
Übungen
durchgeführt. Wenn das Heer andere
Aufgaben - etwa einen Dschungelkrieg
in Vietnam oder eine Invasion in Grenada - zu erfüllen hatte, waren Veränderungen vorzunehmen. Wir nutzten,
was wir hatten, bei Neuerwerbungen
nahmen wir aber auf andere Situationen keine Rücksicht.
Die Frage, die sich jetzt stellt,
lautet: Wie würde das Heer aussehen,
wenn es nicht mehr gegen die Sowjetunion kämpfen, sondern Operationen in
Panama durchführen müßte? Es ist an
der Zeit, über diese Frae nachzudenken.
Aber die mögliche neue Welt hätte
nicht nur Auswirkungen auf das Heer.
Nehmen Sie zum Beispiel die Marine.
Heute hat sie vier Hauptaufgaben:
sie trägt mit U-Boot-gestützten Atomwaffen
zur nuklearen Abschreckung
bei, sie ist bereit, bei einem Konflikt zwischen den Supermächten für
die Kontrolle auf See zu kämpfen, sie
ist vorbereitet, um Streitkräfte ans
andere Fnde der Welt zu befördern was wir als Kräfteentsendung bezeichnen - und sie demonstriert überall
auf der Welt amerikanische Präsenz.
Zwei dieser Aufgaben dienen vordringlich
der
Bekämpfung
sowjetischer
Macht - nukleare Abschreckung mit
strategischen
Raketen
bestückten
U-Booten und Kontrolle auf See, um im
Fall eines Kriegs in Europa Nachschub
dorthin zu transportieren. Bei diesen Aufgaben spielen U-Boote und
Technologie
zur U-Boot-Abwehr die
wichtigste Rolle.

könnte sich die Marine in Zukunft
tatsächlich in geringerem Maße der
Kontrolle auf See und stärker der
Kräfteentsendung zuwenden, weil sich
in diesem Bereich wahrscheinlich ein
erhöhter Bedarf an Streitkräften ergeben wird.
Kurzum - die Zukunft
könnte für die Marine mehr Flugzeugträger und weniger U-Boote bedeuten.
Die Marine könnte sogar ihre Aufmerksamkeit verstärkt der sogenannten amphibischen Komponente zuwenden. Denken Sie nur an unsere Patrouillen im
Persischen Golf während des Konflikts
im Iran. Denken Sie nur an den beklagenswerten Zustand des Minenräumgeräts. Ich hoffe, daß die Marine in
den kommenden Jahren ihr Augenmerk
auch darauf richtet.
Am
militärischen
Erscheinungsbild
dieser neuen Welt muß noch viel getan
werden. Diese Welt gibt es jedoch
noch nicht. Auch wenn wir konkretere
Vorstellungen von ihren Strukturen
hätten, können wir heute nicht so
rechnen, als ob es sie bereits gäbe,
weil wir uns dessen nicht sicher sein
können. Was sollen wir in der Zwischenzeit tun?
Es haben bereits dynamische Ereignisse stattgefunden. Unsere Bürger weisen darauf hin, daß wir sie unter allen Umständen berücksichtigen müssen. Sie haben völlig recht.
Der Kunstgriff in diesem und vielleicht auch in den nächsten, Jahren
liegt darin, wie wir in einer Zeit
historischer Veränderungen und Unsicherheiten in der Sowjetunion unsere
Mittel verteilen.

Die beiden "anderen Aufgaben der Marine - Kräfteentsendung und militärische Präsenz - sind in Situationen
angemessen, die nichts mit der sowjetischen
Bedrohung
zu tun haben.
Kräfteentsendung und Präsenz wird von
Flugzeugträgern, den Marineinfantristen und Schlachtschiffen geleistet.

Heute möchte ich eine Reihe von
Grundsätzen - eine Strategie, wenn
Sie so wollen - aufzählen, die es uns
gestattet, beides zu tun, wenn der
Präsident uns in zehn Tagen seinen
Verteidigungshaushalt
vorlegt.
Es
gibt zwei Grundsätze, die wir hier
befolgen müssen.

Falls es in Zukunft tatsächlich keine
sowjetische
Bedrohung
mehr
gibt,

Der erste Grundsatz ist einfach. Wir
sollten unsere Anstrengungen verrin-

- 2

�daß sich die Produktionsquote
taktischer
Waffen
verringert
hat.
1989 betrug die Zahl der
hergestellten Panzer etwa 1 700.
Das ist etwa die Hälfte der normalen Produktion.
Erwartungsgemäß werden es 1990 etwa 900 Panzer - wiederum die Hälfte - sein.

gern oder unsere Ausgaben in den Bereichen kürzen, in denen die militärische Bedrohung tatsächlich abgenommen hat.
Das ist leichter gesagt als getan.
Der Kunstgriff besteht darin, die
richtigen Kategorien zu treffen. Um
das zu tun, müssen wir unseren alten
Gegner objektiv betrachten. Im folgenden einige unserer Einschätzungen.

Politische
Veränderungen.
Die
Ereignisse, wie wir sie in Osteuropa beobachten, werfen die berechtigte Frage über die Lebensfähigkeit des Warschauer Pakts
als Militärbündnis auf. Tatsächlich ist die Frage der weiteren
Präsenz sowjetischer Truppen in
Osteuropa noch offen.

Die Bereitschaft des Warschauer
Pakts zum Krieg.
Unsere Nachrichtendienste haben wiederholt
erklärt, der Warschauer Pakt benötige lediglich zwei Wochen zur
Vorbereitung einer Großoffensive
gegen die NATO. Jetzt sind ihren
Aussagen zufolge 34 bis 44 Tage
erforderlich.
Und das war vor
den jüngsten Ereignissen in Osteuropa.

Kräfteentsendung in andere Gebiete. Wie steht es mit sowjetischen Aktivitäten in anderen Teilen der Welt?
Die Aktivitäten
auf See sind drastisch - um etwa
25 Prozent - zurückgegangen. Sowjetische Streitkräfte im Fernen
Osten sind reduziert worden. Die
sowjetische Militärhilfe an andere Länder ist - wenn auch geringfügig - zurückgegangen. Die Fähigkeit der Sowjets zur Kräfteentsendung hat sich jedoch kaum
verringert.

Sowjetischer
Truppenabzug
aus
Osteuropa. Im Dezember 1988 hat
Gorbatschow die vollständige Beendigung des einseitigen Abzugs
bis 1990 verkündet. Und seinem
Versprechen sind Taten gefolgt.
Die Sowjets haben einseitig Panzer und andere Streitkräfte aus
Osteuropa abgezogen und reduzieren somit ihre Kampffähigkeit gegenüber der NATO um 10 bis 20
Prozent.

Die strategische Bedrohung. Hier
gibt es die geringfügigsten Veränderungen.
Die Sowjets haben
zwei neue ICBMs, die straßenmobile SS-25 und die schienenmobile
SS-24. Und sie modernisieren ihre riesigen SS-18, obwohl sie im
Sinne der Einschränkungen von
START umgerüstet sein könnten.
Sie verfügen über zwei strategische Bomber, den alten BEAR H und
den neuen BLACKJACK.
Darüber
hinaus stationieren sie gegenwärtig zwei moderne mit Raketen bestückte U-Boote, DELTA IV und
TYPHOON.

KSE-Verhandlungen.
Mit den im
Rahmen dieser Verhandlungen über
konventionelle Streitkräfte ausgehandelten Reduzierungen sollen
die Streitkräfte des Warschauer
Pakts halbiert werden. Allem Anschein nach wird das tatsächlich
der Fall sein - wenn das Abkommen
noch in diesem Jahr unterzeichnet
wird.
Modernisierung
konventioneller
Waffen.
Unsere eigenen Waffen
waren für die Sowjets in den vergangenen Jahren Gegenstand des
Neids - wenn man den Umfang betrachtet, in dem sie neues Gerät
einführen.
Unsere Nachrichtendienste informieren uns darüber,

Dieser kurze Überblick sowjetischer
Aktivitäten deutet darauf hin, daß
die Bedrohung - und damit unser militärischer Bedarf - vor allem in Europa abgenommen hat. Was könnten wir

- 3 -

�tun? Die Antworten liegen hauptsächlich in den Bereichen Personal und
Einsatzbereitschaft.
Im
folgenden
einige Einzelheiten.
Die NATO - und ihre amerikanische
Komponente - könnte die Bereitschaft ihrer vorne stationierten
Streitkräfte herabsetzen. Gegenwärtig besteht kaum noch die Bedrohung
eines
Überraschungsangriffs.
Mit dem Wort Bereitschaft beziehe ich mich etwa auf
die Intensität von Einsätzen und
Ausbildung
vorne
stationierter
Streitkräfte, die Anzahl und Dauer der Stationierungen von Marineeinheiten in Übersee und den
Umfang des Nachschubs an Bord.
Dann könnte die Mischung aktiver
und
Reserveeinheiten
verändert
werden. Wenn es Monate dauert,
bis sie kampfbereit sind, haben
auch wir einige Monat Zeit. Mehr
Streitkräfte können der Reserve
überstellt werden.
Wir könnten das Problem des Truppentransports
neu
überdenken.
Wenn uns mehr Zeit zur Verfügung
steht, benötigen wir vielleicht
nicht den kostspieligen Lufttransport.
Wir
könnten
den
Transport langsamer und kostengünstiger auf See durchführen.
Damit ergibt sich auch eine Frage
im Hinblick auf das Gerät. Wenn
wir bei den KSE-Verhandlungen einen zahlenmäßige Gleichstand erreichen, verringert sich die Bedrohung durch massierte Nachfolgestreitkräfte
des
Warschauer
Pakts - seit Jahren ein Problempunkt für die NATO. Es könnte
sein, daß wir keine teuren, risikoreichen und hochtechnologischen
Angriffswaffen mehr benötigen, um
die wir bisher bestrebt waren.
Dies sind nur einige Möglichkeiten,
wie wir mit den Veränderungen der
sich uns heute tatsächlich stellenden
Bedrohung fertig werden können. Aber
ich habe bereits darauf hingewiesen,

daß wir auch bei großen Unwägbarkeiten haushalten müssen.
Wie können
wir das tun? Durch Befolgung unseres
zweiten Grundsatzes, der darin besteht, einer Umkehr der von uns wahrgenommenen Tendenzen vorzubeugen.
Das erste Prinzip bezog sich vor allem auf Personal und Bereitschaft.
Dieses dagegen betrifft die Konstruktion neuer Waffensysteme.
Im Grunde könnten wir, um Unsicherheiten vozubeugen, weiterhin neue
Waffensysteme entwickeln, ohne sie
herzustellen, bis wir beobachten, ob
die sowjetische Bedrohung auf einen
potentiellen Einsatz hindeutet. Wir
könnten statt eines Systems, bei dem
wir Entwicklungen erwerben, ein echtes System der Forschung und Entwicklung
erarbeiten.
Es sollte ein
durchstrukturiertes System sein, im
Rahmen dessen zwischen Technologien
ausgewählt wird, Prototypen hergestellt, vorgeführt und bewertet und
dann bis zum Tag ihres potentiellen
Einsatzes gelagert werden.
In der Zwischenzeit könnten wir weiterhin die uns zur Verfügung stehenden Plattformen für Waffen herstellen. Diese Plattfomen - Flugzeuge,
Panzer und Schiffe - könnten im Hinblick auf ihre Feuerkraft und andere
Fähigkeiten weiter verbessert werden.
Die nächste Generation von
Plattformen würde jedoch nicht hergestellt, bis die Bedrohung den Schluß
zuläßt, daß wir sie benötigen.
Als Ergebnis dessen dürfen wir nicht
mehr die "Katze im Sack" kaufen. Das
Problem stellte sich mit der Dauer
der Entwicklung. Die sowjetische Bedrohung bedeutete schnellen Erwerb
neuer Waffen, wobei man sich auf Modelle und Entwürfe verlassen mußte
und keine Prototypen zur Verfügung
standen.
Bei der neuen Strategie
hätte man mehr Zeit, weil eine Kaufentscheidung hinausgezögert würde, um
zu beobachten, wie sich die Bedrohung
entwickelt.
Zu dieser Politik müßten noch andere

_ 4_

�Kriterien hinzukommen. Der Sammlung
und Auswertung nachrichtendienstlichen Materials muß große Bedeutung
zukommen. Wir müssen sicherstellen,
daß wir wissen, was der andere tut.
Dabei spielt auch die Rüstungsindustrie eine Rolle. Wenn wir uns darauf verlassen wollen, daß wir nach
Bedarf neue Waffen herstellen können,
müssen wir die entsprechende Fähigkeit der Industrie gewährleisten.
Dieser Ansatz würde nicht immer funktionieren. Wir können nicht gleichzeitig die Entscheidung zur Produktion aller Systeme zurückstellen.
Einige neue Waffen werden erforderlich sein, wenn auch in geringerer
Anzahl als bisher. Ich möchte Ihnen
dazu einige Leitlinien für die Entscheidung über neue Waffen darlegen.
Wir sollten ein neues System nur herstellen, wenn die folgenden drei Bedingungen erfüllt sind.
Erstens sollte kein neues Waffensystem in Produktion gehen, wenn
die wahrgenommene Bedrohung dies
nicht
ernsthaft
rechtfertigt.
Das heißt, entweder werden die
Sowjets besser oder wir müssen
ganz klar schlechter werden.
Zweitens muß die neu entwickelte
Technologie etwas leisten.
Das
mögen Sie für offensichtlich halten, es war jedoch bisher nicht
der Fall.
Drittens müssen die Konstrukteure
auch angesichts einer echten Bedrohung
und
funktionierender
Technologie beweisen, daß das bestehende Gerät für die betreffende Bedrohung nicht mehr weiter zu
entwickeln und zu verbessern ist,
bevor sie neues entwickeln.
Ich möchte einige Beispiele anführen,
wie dies funktionieren könnte. Die
Luftwaffe arbeitet derzeit an ihrem
Advanced Tactical Fighter (ATF), dem
taktischen
Kampfflugzeug
der
Zukunft. Mit der Produktion des ATF
werden wir abwarten, bis sich heraus-

stellt, ob die sowjetische Bedrohung
seine Produktion tatsächlich erforderlich macht. Wir arbeiten an einer
neuen Luft-Luft-Rakete, die unseren
derzeitigen Kampfflugzeugen ein enormes Potential verschafft.
Für das
Haushaltsjahr 1991 könnte der Streitkräfteausschuß die Produktion des ATF
zurückstellen und die heutige Generation von Kampfflugzeugen anschaffen F-15 und F-18.
Andererseits kann man berechtigterweise das Argument vorbringen, unsere
jüngste Klasse von Angriffs-U-Booten
biete praktisch keinen Raum für Verbesserungen mehr - und das meine ich
wörtlich. Konkret können die notwendigen Veränderungen nicht vorgenommen
werden. In der Zwischenzeit hat die
Bedrohung jedoch qualitativ zugenommen. Die sowjetischen U-Boote werden
besser und geräuschloser, obwohl es
vielleicht nicht mehr ganz so viele
gibt. Das führt zur Notwendikeit einer neuen SSN-21-Klasse von U-Booten
des Typs SEAWOLF.
Dies sind die Bestandteile der Strategie, die wir bei der Erörterung des
Haushalts für 1991 anwenden werden.
Bedauerlicherweise hat die Bush-Administration eine vernünftige Haushaltsdebatte bereits erschwert. Wie
ich schon im vergangenen Jahr ausgeführt habe, hat sie sich in zweifacher Weise geirrt.
Erstens hat sie keine ausreichenden
Informationen über die Veränderung
der sowjetischen Bedrohung zur Verfügung gestellt.
Die Administration
hat dem Kongreß beispielweise nicht
mitgeteilt, daß der Nachrichtendienst
seine Bemessung der Vorwarnzeit für
einen Angriff des Warschauer Pakts
von zwei Wochen auf sage und schreibe
44 Tage erhöht hat. Der Kongreß erfuhr davon durch Indiskretionen in
der Presse.
Zweitens begann sie von Kürzungen zu
reden, bevor überhaupt von einer
Strategie die Rede war. Verteidigungsminister Cheney gab bekannt, er
wolle die Wunschliste der Teilstreit-

- 5 -

�kräfte von 1992 bis 1998 um 180 Milliarden Dollar kürzen. Ohne irgendeine Begründung für diese Streichungen im Verteidigungshaushalt, die
mehr oder weniger willkürlich vorgenommen wurden.
Der Haushalt, der uns in 10 Tagen
vorgelegt wird, muß zweifelsohne gekürzt werden. Die Frage ist nur, wie
klug. Mit der von mir hier dargelegten Strategie hoffen wir, unseren
Kollegen neue Hilfsmittel für die
Haushaltsdebatte an die Hand geben zu
können. Diese Strategie ist die entscheidende Richtschnur.
Ich danke Ihnen.

* * * * *
- 6

�MENSCHENRECHTE
Amerika Dienst 3

24. Januar 1990

USA KRITISCH GEGENÜBER MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN
Botschafter Abram entwirft Strategie für UN-Menschenrechtskommission

GENF - (AD) - Einem führenden Vertreter der amerikanischen Delegation zufolge beabsichtigen die Vereinigten
Staaten, im gesamten Verlauf der bevorstehenden
Jahresversammlung
der
Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen Menschenrechtsverletzungen "äußerst kritisch" zu beurteilen.
Botschafter Morris B. Abram, Ständiger Vertreter der Vereinigten Staaten
bei den Vereinten Nationen in Genf
und seit langem im Bereich der Menschen- und
Bürgerrechte tätig, erklärte bei einer Pressekonferenz am
19. Januar 1990, der amerikanische
Ansatz sei international, unparteiisch und umfassend und werde permanente Menschenrechtsverletzungen wie
beispielsweise in Kuba nicht hinnehmen.

Die 46. Sitzung der Menschenrechtskommission, dem wichtigstem Überwachung sau sschuß der Vereinten Nationen
zur Wahrung der Menschenrechte weltweit, wird vom 29. Januar bis 9. März
1990 in Genf tagen.
Die amerikanische Delegation wird von Botschafter
Armando
Valladares
angeführt,
der
selbst einmal politischer Gefangener
in Kuba war.
"Wir planen eine Tour d'horizon, um
Bilanz der Fort- und Rückschritte im
Bereich der Menschenrechte im vergangenen Jahr zu ziehen", so Abram.
Er verwies darauf, daß die Sitzung
vor dem Hintergrund der "erfreulichen
und vielversprechenden Veränderungen"
in Osteuropa und Südamerika stattfindet.
"Wir erwarten die Anerkennung

�der Kommission für die Länder - Paraguay, Chile, Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn, um nur einige zu
nennen - die echte Fortschritte bei
der Verwirklichung der repräsentativen Demokratie gemacht haben", erklärte Abram.
Er fügte hinzu, "wir erwarten jedoch
die Kritik der Kommission an den Ländern, die ihrer bekundeten Absicht
zur Wahrung der internationalen Menschenrechtskonventionen nicht gerecht
geworden sind", wie der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte, in der
die Normen für diesen Bereich niedergelegt sind.
Abram führte als Beispiel Kuba an, wo
Verletzungen
der
Grundrechte
und
-freiheiten des einzelnen von der
Kommission mit anderen Maßstäben gemessen wurden als in den übrigen lateinamerikanischen Ländern.

Ausschußmitgliedern aus allen Regionen der Welt gebildete Arbeitsgruppe
Kuba im Jahr 1988 besucht und der
Sitzung im vergangenen Jahr von zahlreichen
Menschenrechtsverletzungen
berichtet hatte. Er erinnerte auch
daran, daß viele Kubaner "grausam behandelt" und verhaftet wurden, weil
sie vor der Gruppe als Zeugen ausgesagt und anderen Stellen über Kubas
Menschenrechtspraktiken
berichtet
hatten - ein Bruch des vor den Vereinten Nationen abgelegten Versprechens, daß in Kuba niemand wegen solcher Informationen bestraft würde.
Americas
Watch,
eine
unabhängige
Gruppe zur Überwachung der Menschenrechte, brachte vor, das kubanische
Regime habe im November drei weitere
Berichterstatter von Menschenrechtsverletzungen zu zweijährigen Gefängnisstrafen verurteilt, womit sich der
Anzahl der inhaftierten Beobachter
auf insgesamt 27 erhöht habe.

"Unparteiisches
Vorgehen
verlangt,
daß den sehr genau dokumentierten
Menschenrechtsverletzungen
in
Kuba
dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet wird
wie beispielweise denen in Guatemala,
Chile und El Salvador", fuhr der Botschafter fort. Er stellte fest, Sonderberichterstatter
der
Kommission
wären in diese Länder entsandt worden. Im Falle von Chile mußte "trotz
zweier freier und fairer Wahlen" ein
gesonderter
Tagesordnungspunkt
bei
der
Jahresversammlung
aufgestellt
werden.

Im vergangenen Jahr wurde bei der
AusschußSitzung eine Resolution mit
der Verpflichtung für die kubanische
Regierung
verabschiedet,
"direkte
Kontakte" mit dem UN-Generalsekretär
über Menschenrechtsverletzungen und
in dem Bericht der Arbeitsgruppe aufgeworfene
Fragen
zu
unterhalten.
Amerikanische Regierungsvertreter erwarten die Berichterstattung des Generalsekretärs über diese Kontakte
vor der Kommission.

"Wenn diese Länder solchen Inspektionen unterzogen werden . .. wie um alles in der Welt kann dann Kuba ignoriert werden?", fragte Abram.

Abram betonte, die von den Vereinigten Staaten zu Kuba erwogene Resolution werde "fair, ausgewogen und unparteiisch" sein und damit eines der
vorrangigen Ziele der amerikanischen
Delegation erfüllen.

Er erklärte, die Vereinigten Staaten
würden im Verlauf der Sitzung eine
Resolution vorlegen, in der das
Castro-Regime wegen seiner "Mißachtung der Vereinten Nationen" kritisiert wird und Bestrebungen dieses
internationalen Gremiums zur Verbesserung der Menschenrechtssituation in
diesem Land enthalten sind.

Menschenrechte sind ein weiteres Thema, dem die Vereinigten Staaten Abram
zufolge besondere Bedeutung beimessen
und eine Angelegenheit "internationaler Beurteilung und Besorgnis", die
nicht als ausschließliche Domäne "innenpolitischer
Gesetze"
angesehen
werden darf.

Abram erinnerte daran, daß eine von

Die Vereinigten Staaten

- 2 -

sind ferner

�der Überzeugung, daß der Schutz der
Menschenrechte "die einzige Garantie
für einen dauerhaften Frieden" ist,
fügte
Abram
hinzu.
Die
"einzige
ethische und moralische Basis" der
Regierungen bestehe in freien und
fairen, regelmäßigen Wahlen und die
Institutionen der repräsentativen Demokratie "legen den Grundstein für
kontinuierliche Fortschritte im Bereich der Menschenrechte" und des internationalen Friedens.
Schließlich
wird
die amerikanische
Delegation die "Vorrangigkeit" bürgerlicher und politischer Rechte wie
Rede- und Meinungsfreiheit, das Recht
der freien Religionsausübung und das
Wahlrecht
vor wirtschaftlichen und
sozialen Rechten wie dem Recht auf
Befriedigung
der
Grundbedürfnisse
(Wohnung, Nahrung und medizinische
Versorgung)
hervorheben,
erklärte
Abram.
Wirtschaftliche und soziale Rechte,
stellte er fest, "kann man sogar im
Gefängnis
wahrnehmen.
Aber
warum
will niemand ins Gefängnis? Weil es
dort keine bürgerlichen und politischen Rechte gibt..."
Der Botschafter betonte, die Wahrung
der
bürgerlichen
und
politischen
Rechte "setze in jeder Gesellschaft
kreative
Kräfte
frei und
fördere
wirtschaftliche und soziale Entwicklungen am besten".

bessert habe.
Abram fuhr fort, voraussichtlich würden einige Länder Fragen zur Lage in
Panama vorbringen, obwohl sich seiner
Meinung nach die Situation für das
panamaische Volk infolge der jüngsten
amerikanischen
Operation in diesem
Land verbessert hat.
"Ich habe niemanden gehört ... der
gesagt hat, wir hätten keine Fortschritte für das Selbstbestimmungsrecht des Volkes in Panama erzielt",
so Abram, und in dieser Hinsicht war
die Panama-Operation "eine Verbesserung der Menschenrechte".
Abram erklärte ferner, die Kommission
sollte versuchen, die wachsenden Probleme ethnischer Minderheiten in der
Welt zu bewältigen. Ihm zufolge werden die Vereinigten Staaten die Kommission auffordern, ihrem Unterausschuß zur Verhinderung von Diskriminierung und zum Schutz von Minderheiten das Mandat zur Prüfung der Gegebenheiten zu erteilen, unter denen
harmonische ethnische Beziehungen am
besten gefördert werden können.
Im Verlauf der sechswöchigen Sitzung
beabsichtigt
die
Kommission,
Vorschläge zur Erweiterung der derzeit
43
Nationen
umfassenden
Mitgliedschaft auf möglicherweise 53 sowie
zur effektiveren Gestaltung ihrer Arbeit zu erörtern.

Andere
Themen, die voraussichtlich
bei der diesjährigen Sitzung erörtert
werden, sind Abram zufolge die Menschenrechtssituation in China - wo
die Vereinigten Staaten die Gewaltakte des vergangenen Sommers und darauffolgenden
Inhaftierungen
"bedauern", jedoch die kürzliche Aufhebung
des Kriegsrechts
"begrüßen" - und
Irak, von wo verheerende Nachrichten
kommen.
Er erklärte, auch das Thema Rumänien
werde in der Sitzung angeschnitten,
obwohl der Sturz der Ceaucescu-Diktatur die Menschenrechtssituation seit
der letzten Kommissionssitzung ver- 3 -

* * * * *

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10742">
                <text>24.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10743">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10744">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10745">
                <text>Amerikadienst 24.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10746">
                <text>&lt;strong&gt;1. Ost-West-Beziehungen&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Wiedervereinigung muß Anliegen Osteuropas berücksichtigen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters vor der Friedrich-Ebert-Stiftung&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Sicherheitspolitik&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Powell: US-Truppenobergrenzen in Europa kein Tabu &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von General Powell beim Seminar über Militärdoktrinen&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Umstrukturierung der Streitkräfte erforderlich &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Les Aspin beim Nationalen Strategieforum&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA kritisch gegenüber Menschenrechtsverletzung &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Abram entwirft Strategie für UN-Menschenrechtskommission&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2127" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2138">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/b9bfbeaef1b0cf54a3f42b6443f84a17.pdf</src>
        <authentication>4eeb1576d5b69dae5f087f71e0d74e92</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10741">
                    <text>„*
S ^,ff
^ A j y ;•v
2

amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

jf^'^'S
„V # &gt; .V» &lt;V

17. Januar 1990

PANAMA

Eagleburger erläutert Angklage gegen Norlega
Rede des stellvertretenden Außenministers vor der OAS

UMWELT

Amerikanisch-sowjetischer Umweltplan
Gemeinsame Erklärung zur Vereinbarung eines Kooperationsprogramms

DROGEN

Aufforderung zur Drogenbekämpfung ergeht an alle Länder der Welt
Bericht des Internationalen Suchtstoff-Kontrollamts

MARTIN LUTHER KING

Amerika muß vollständige Aufhebung der Rassentrennung verwirklichen
Präsident Bushs Proklamation zum Gedenktag an Martin Luther King

U m Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228 - 339 23 66
Telex: 8-85432

�PANAMA
Amerika Dienst 2

17. Januar 1990

EAGLEBURGER ERLÄUTERT ANKLAGE GEGEN NORIEGA
Rede des stellvertretenden Außenministers vor der OAS

WASHINGTON - (AD) - Aus aktuellem Anlaß veröffentlichen wir die bereits am
31. August 1989 vor der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gehaltene
Rede des stellvertretenden Außenministers Lawrence Eagleburger, in der die
Punkte der Anklageschrift gegen den ehemaligen panamaischen Präsidenten, General Manuel Antonio Noriega, dargelegt werden.
Nachfolgend der Wortlaut des Redetextes:

Als die Außenminister in den frühen
Morgenstunden des 24. August bei ihren Konsultationen
die Beratungen
über den Konflikt in Panama beenden
wollten, forderte der Vertreter Panamas meine Regierung wiederholt auf, und ich zitiere -, "Beweise gegen Noriega vorzulegen". Dieser - ein fähiger Strafverteidiger und ein Mann,
der im vergangenen Jahr an den Verhandlungen über dieses Problem mit
meiner Regierung teilnahm - tat dies
wohl wissend, daß die Vereinigten
Staaten ein Rechtsstaat sind und keinen Prozeß außerhalb des Gerichtssaals führen werden.
Er tat dies
auch wohl wissend, daß die meisten
Beweise gegen General Noriega der Geheimhaltung im Hinblick auf das Geschworenengericht unterliegen und wir
uns einer Straftat schuldig machten,

wenn wir diese Beweise vor dem Prozeß
enthüllen würden. Und er tat dies
meiner Ansicht nach in der Hoffnung,
daß wir aufgrund dieser Zwänge und
der fortgeschrittenen
Stunde dazu
schweigen würden.
Wir haben am 24. August zwar die
fortgeschrittene Stunde respektiert,
werden aber nicht dazu schweigen.
Wir werden nicht zulassen, daß Noriegas Vertreter die Grenzen überschreiten, die unsere Verfassung zum Schutz
der Rechte des Angeklagten zieht.
Wir dürfen uns nicht das Etikett der
Verfehlung anheften lassen, vor dem
Prozeß Nachweise als "Beweis" dafür
zu erbringen, daß die Anklagepunkte
gegen General Noriega leichtzunehmen
oder konstruiert sind. Aber wir werden auch nicht in die Falle gehen,

�die der Vertreter Panamas vielleicht
für uns auslegen wollte.
Wir werden
die Anklage gegen Noriega nicht aufs
Spiel setzen, indem wir die Rechte
verletzen, die ihm - wie jedem anderen Angeklagten auch - in unserem
Rechtswesen garantiert sind. Wir haben das auch nicht nötig, um die vom
Vertreter Panamas so nachdrücklich
geforderten "Beweise" zu erbringen.
Der Vertreter Panamas hat nicht nur
unser System der Strafverfolgung diskreditiert, sondern noch weitere Verleumdungen gegen mein Land und meine
Regierung erhoben. Er hat uns die
latente Absicht unterstellt, unseren
hehren Verpflichtungen zur friedlichen Durchführung des Panamakanalvertrags untreu zu werden und uns in die
inneren Angelegenheiten Panamas einzumischen. Auch diese Fakten möchte
ich Ihnen heute darlegen, damit Sie
sich selbst ein Urteil dazu bilden
können: Wer bedroht die Kanalverträge? Die Vereinigten Staaten oder General Noriega? Wer macht sich der
Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder schuldig, und
wer enthält dem panamaischen Volk das
Recht auf Selbstbestimmung vor? Die
Vereinigten Staaten oder General Noriega? Wer ist für die Destabilisierung des panamaischen Militärs und
der panamaischen Gesellschaft verantwortlich?
Die Vereinigten Staaten
oder General Noriega?
Herr Präsident, lassen Sie uns
dieser Stelle Bilanz ziehen.

an

Am 4. Februar 1988 wurden General Noriega und 15 weitere Angeklagte - dazu zählten Pablo Escobar, die Brüder
Ochoa und andere Mitglieder des berüchtigten Medellin-Kartells - von
einem Geschworenengericht der Bundesregierung in Miami (Florida) des Drogenhandels und ähnlicher Vergehen angeklagt.
Zur gleichen Zeit wurden
General Noriega und der panamaische
Geschäftsmann Enrique Pretelt von einem Geschworenengericht der Bundesregierung in Tampa (Florida) des Imports großer Mengen von Marihuana und

damit zusammenhängender
zichtigt.

Vergehen be-

Dazu möchte ich zunächst die Bedeutung und das Gewicht einer Anklage
nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten erläutern.
Die strafrechtliche Verfolgung wird
eingeleitet, wenn eine Fahndungsbehörde der Bundesregierung, wie etwa
die Drogenbekämpfungsbehörde
(DEA),
glaubt, den Nachweis für eine Verletzung amerikanischer Gesetze erbringen
zu können. Dieser Nachweis kann sich
auf eine Untersuchung mit Zeugenbefragung, auf Indizien oder Bankauskünfte stützen. Die Untersuchungsbeamten legen diese Informationen dem
zuständigen Staatsanwalt vor.
Ein
Anklagevertreter prüft sie, um festzustellen, ob die Beweise für den
Tatbestand einer oder mehrerer Verbrechen ausreichen, bevor er den Fall
vor ein Geschworenengericht bringt.

•

Das
Geschworenengericht
("grand
jury") setzt sich aus 16 bis 23 willkürlich ausgewählten amerikanischen
Bürgern zusammen. Es steht unter der
Leitung eines Bundesrichters. Seine
Aufgabe ist die Prüfung der von den
Anklagevertretern vorgelegten Beweise. Es hat Vorladungsvollmacht, um
jemanden als Zeugen zu laden oder die
Möglichkeit zur Vorlage von Gegenbeweisen zu geben. Darüber hinaus kann
es Vorladungen ausstellen, um Bankauskünfte und andere Firmenbelege zu
erhalten.
Wenn ein Geschworenengericht zu dem
Schluß kommt, daß die Beweislage
"hinreichende Verdachtsmomente" für
die Annahme liefert, daß der oder die
Angeklagten Straftaten begangen haben, müssen diese Straftaten zusammen
mit einer Begründung in einer Anklageschrift eingehend erläutert werden. "Hinreichende Verdachtsmomente"
sind von amerikanischen Gerichten als
"ausreichende
Beweise"
definiert,
"denen zufolge eine Person nach bestem Wissen und Gewissen zu dem
Schluß gelangt, daß sich der Angeklagte schuldig gemacht hat".

»
*
*

�Strafverfahren
bei
Geschworenengerichten sind nicht öffentlich. Für
einen Staatsanwalt oder Geschworenen
gilt es als strafbare Handlung, Sitzungsprotokolle an die Öffentlichkeit
zu bringen.
Im allgemeinen dürfen
die von einem Geschworenengericht erbrachten Beweise nur in einem späteren Prozeß verwendet werden.
Nach unserem System kann der Prozeß
nur stattfinden, wenn der Angeklagte
persönlich vor Gericht erscheint.
Bis dahin muß der Staatsanwalt die
Beweise, auf die sich die Anklage
stützt, vorlegen und alle Zeugen vorladen. Richter und Geschworene hören
die Plädoyers von Staatsanwalt und
Verteidigung und verkünden das Urteil
"schuldig" oder "nicht schuldig".
Für diejenigen unter Ihnen, die aus
den vielen Ländern dieses Kontinents
kommen, in denen das bürgerliche
Recht gilt, möchte ich einen Vergleich anstellen. Wenn der Staatsanwalt sich an die Geschworenen wendet,
ist dies praktisch einer Anklage im
Sinne des bürgerlichen Rechts vergleichbar.
Wenn
die Geschworenen
nach ihrer Untersuchung formell Anklage erheben, entspricht dies dem
Abschluß der Untersuchungen, dem Resümee im zivilrechtlichen Prozeß.
Nur wenn der Angeklagte persönlich
beim Prozeß erscheint, kann der eigentliche Prozeß beginnen, das heißt
Klage erhoben werden.
Anklageschriften sind ernstzunehmende
Dokumente, die sich auf sorgfältige
Untersuchungen und das wohlüberlegte
Urteil unparteiischer Bürger gründen. Ich möchte mich jetzt dem Inhalt der beiden Anklageschriften zuwenden, die von den Geschworenengerichten in Florida gegen Noriega vorgebracht worden sind.
Vom Bezirksgericht der Vereinigten
Staaten im Mittleren Verwaltungsbezirk Floridas in Tampa sind General
Noriega und Enrique Pretelt in Tateinheit des Imports und Handels mit
Marihuana angeklagt.
Die Anklageschriften beschreiben den versuchten

Import von über einer Millionen Pfund
(Imperial - Anm. d. Red.) Marihuana
in die Vereinigten Staaten in den
Jahren 1983/84. Die Anklage erhebt
den Vorwurf, daß mehrere Millionen
US-Dollar - der Gegenwert für die von
Steven Michael Kalish und anderen importierten 280 000 Pfund Marihuana in
die Vereinigten Staaten - nach Panama
gebracht und mit Zustimmung und Unterstützung der Angeklagten in panamaischen Banken und Unternehmen gewaschen wurden. Es wird der Vorwurf
erhoben, daß Noriega und andere den
Import von 400 000 Pfund Marihuana in
die Vereinigten Staaten und die unerlaubte Geldwäsche von mehr als 100
Millionen Dollar in Panama unterstützt haben. Und sie kommen zu dem
Schluß, daß Kalish im Laufe der Zusammenarbeit Noriega und anderen etwa
eine Million Dollar gezahlt hat, weil
Noriega den Schmuggel von Marihuana
und die Geldwäsche innerhalb Panamas
zuließ.
Vom Bezirksgericht für den Südlichen
Verwaltungsbezirk Floridas in Miami
wird General Noriega vorgeworfen,
sein Amt als Leiter der Abteilung
Nachrichtendienste der Nationalgarde
Panamas und später als Oberkommandierender der umbenannten Streitkräfte
Panamas ausgenutzt zu haben, um als
Gegenleistung für Unterstützung und
Schutz internationaler Drogenhändler
Bestechungsgelder anzunehmen. Zu den
Personen, denen er beim Vertrieb von
Drogen und Geldwäscheoperationen in
Panama geholfen haben soll, gehören
Pablo
Escobar-Gaviria,
Gustavo
DeJesus
Gaviria-Rivero,
Jorge
Ochoa-Vasquez und Fabio Ochoa-Vasquez.
General Noriega schützte Kokainlieferungen aus Medellin in Kolumbien auf
ihrem Weg durch Panama in die Vereinigten Staaten. Darüber hinaus sorgte er für den Umschlag und Verkauf
von Äther oder Aceton - auch wenn
diese
zunächst
von
panamaischen
Streitkräften
beschlagnahmt
worden
waren - an das Medellin-Kartell. Er
gewährte den Mitgliedern des Medellin-Kartells nach dem Mord an dem kolumbianischen Justizrainister Rodrigo

- 3 -

�Lara-Bonilla 1984 Asyl und die Basis
für ihre Operationen.
Er schützte
ein in der Provinz Darien in Panama
errichtetes Kokain-Labor. Und er gewährleistete den sicheren Beförderung
von mehreren Millionen Dollar aus dem
Drogengeschäft auf panamaische Bankkonten. Als Gegenleistung für diese
Dienste erhielt Noriega über 4,6 Millionen Dollar.
Darüber hinaus wird in der Anklageschrift ein Flug mit einer Ladung von
über einer Tonne Kokain vom 5. Juni
1984 nach Miami zitiert.
Die Geschichte, die diese Anklageschriften erzählen, ist schlicht und
erschreckend. Es ist die Geschichte
derselben schamlosen Exzesse im Bereich der Kriminalität, wie sie in
der Politik stattgefunden haben. Als
Noriega im August 1983 Oberkommandierender der Streitkräfte wurde, nahm
die Korruption "im kleineren Stil"
ungeahnte Ausmaße an. Wo im Jahr
1982 noch 100 000 Dollar für den Umschlag von Drogenlieferungen in Panama gezahlt wurden, waren es 1984 bereits 4 Millionen Dollar, die für den
Schutz des Kartells selbst an Noriega
flössen. Was als privater Opportunismus begann, geriet dann immer mehr
zur schamlosen Ausnutzung eines öffentlichen Amtes und selbst Verrat an
engen Mitarbeitern. Was für eingie
wenige noch sicher war, wurde jetzt
zur Gefahr für alle: bei den panamaischen Streitkräften, in Panama und
auf dem gesamten Kontinent.
Versicherungen von Noriega und seinen
Handlangern, die Anklagepunkte der
Vereinigten Staaten entbehrten jeglicher Grundlage, sind unsinnig. Wie
oben ausgeführt, erheben die Anklageschriften selbst den Vorwurf wiederholter und bestimmter krimineller
Handlungen, an denen Noriega persönlich beteiligt war. Darüber hinaus
haben Zeugen vor Kongreßausschüssen
die Schuld Noriegas bestätigt, unter
anderem der frühere panamaische Generalkonsul General Blandon und am Drogenhandel und Geldwaschaktionen mit
Noriega Beteiligte wie Amjad Awan,

ein ehemaliger Mitarbeiter der Bank
of Credit and Commerce International,
Noriegas früherer persönlicher Pilot
Floyd Carlton, der Drogenhändler Steven Kalish und andere Mitarbeiter Noriegas.
General Noriegas Vertreter zweifeln
die Glaubwürdigkeit dieser Zeugen mit
dem Hinweis darauf an, es handle sich
dabei um Straffällige.
Das dürfte
für diejenigen von Ihnen keine Überraschung sein, die den Drogenhandel
bekämpft haben.
Drogenhändler verüben ihre Straftaten im allgemeinen
nicht in Gegenwart ehrlicher Bürger.
Zeugen sagen unter Androhung von
Strafe wegen Meineids aus. Wenn sie
vor den Geschworenen, dem Gericht
oder dem Kongreß falsch aussagen,
können sie dafür vor Gericht gestellt
und verurteilt werden.
Und unsere
Staatsanwälte und Geschworenen kennen
in der Regel den Hintergrund dieser
Zeugen.
Sie vergleichen daher die
Zeugenaussagen sorgfältig mit ihren
Unterlagen, den Indizien und Aussagen
anderer unbescholtener
Zeugen, um
herauszufinden, ob die Aussagen erhärtet werden oder widersprechen. In
diesem Fall sind die Geschworenen offensichtlich zu dem Schluß gekommen,
daß ausreichend glaubwürdige Beweise
für eine Anklage gegen Noriega vorliegen.
General Noriega hat Anwälte in den
Vereinigten Staaten mit seiner Verteidigung beauftragt. Sie haben die
Erhebung der Anklage vor einem amerikanischen Bundesgericht angefochten.
Sie
machen
seine
Immunität
als
"Staatschef" geltend.
Sie erheben
den Vorwurf, die Anklage sei politisch motiviert. Ihrer Ansicht nach
war sein Drogenhandel durch den Status der Immunität geschützt, da er
die Institutionen des Staats Panama
zur Ausübung dieser Aktivitäten benutzte. Zur Unterstützung dieser Behauptungen wurden Schriftsätze eingereicht und Argumente vorgebracht.
Keines ihrer Argumente hielt stand.
Das Gericht wies sie ab. Die Anklage
stand.

- 4 -

�stände und Antiquitäten im Wert
von mehreren Millionen Dollar erwarb,

Wir wollen also ein für allemal die
Behauptung widerlegen, General Noriega sei armer, bescheidener und ehrlicher Mann, der zu Unrecht angeklagt
wurde. Er wird vielmehr - als Ergebnis eines umfangreichen strafrechtlichen Verfahrens - vor amerikanischen
Gerichten der schwersten selbstverschuldeten Übertretungen amerikanischer Gesetze angeklagt. Er verdient
einen fairen Prozeß wie jeder andere
Angeklagte auch.
Und den wird er
auch bekommen - er verdient es, vor
Gericht gestellt zu werden.

mehrere Flugzeuge, unter anderem
drei Lear Jets und eine zweimotorige Maschine. Im Jahr 1984 erwarb er einen modernen Hubschrauber zur persönlichen Verwendung
im Wert von zwei Millionen Dollar. Ende des Jahres 1983 nahm
Steven Kalish Verhandlungen auf
und kaufte im Auftrag Noriegas
eine Boeing 727 für 2,2 Millionen
Dollar. Das Flugzeug wurde später zum Zweck der Geldwäsche eingesetzt,

Die Beweise für General Noriegas
Amtsmißbrauch
und
Korruption
beschränken sich nicht allein auf den
Drogenhandel.

drei Hochseejachten,
I, II und III.

General Noriegas privat und unrechtmäßig erworbene Profite widerlegen
das von seinen Vertretern gemalte anrührende, aber wenig überzeugende
Bild eines armen Jungen aus bescheidenen Verhältnissen, der durch Fleiß,
Leistung und Talent aufstieg, um Führer einer kleinen, aber angesehenen
Militäreinheit zu werden. Vorsichtigen Schätzungen zufolge beträgt Noriegas persönliches Vermögen (von dem
das meiste auf Nummernkonten im Ausland liegt) mindestens zwei oder drei
Milliarden Dollar. Zu diesem persönlichen Vermögen zählen:

Nur als Beispiel für die Verschwendungssucht der Familie Noriega hat Jose Blandon angeführt,
daß sich zu seiner Zeit als panamaischer Konsul in New York "eine
der Töchter Noriegas in New York
aufhielt und an einem einzigen
Tag in New Yorker Geschäften über
50 000 Dollar ausgab".
Das Protokoll der Anhörung im Senat enthält ferner eine für Noriega und seine Familie ausgestellte
Rechnung
des
Helmsey
Palace Hotels in New York über
Zehntausende von Dollar.

ein Ferienhaus am Maddensee in
Panama, ein Refugium in den Bergen mit einem Anwesen und mehreren Häusern auf 60 Acre Land in
der Provinz Chiriqui,

mehrere Luxusapartments in der
Dominikanischen Republik, wo Noriegas Frau Möbel, Kunstgegen-

Machos

Im Dezember 1987 verlieh sich Noriega selbst einen Orden, die Adler Medaille.
Die Kosten für
diesen aus Gold und Edelsteinen
gefertigten Orden beliefen sich
über 85 000 Dollar.
Und einem
Beobachter zufolge "erhielt Noriega diesen Orden weder für einen Sieg noch für einen Kampf".

ein luxuriöses Anwesen in Panama-Stadt, in dem etwa 50 wertvolle Ölgemälde hängen und ein Landhaus in der Nähe eines panamaischen Flughafens in Rio Hato,

ein Bauernhof in Frankreich, etwa
50 Minuten von Paris entfernt und
ein Luxusapartment in einem Nobelviertel von Paris,

die

Vor dem Kongreß hat ein ehemaliger
Mitarbeiter der Bank of Credit and
Commerce International ausgesagt, daß
Noriega im Jahr 1982 bei der Filiale
dieser Bank in Panama-Stadt ein Konto
eröffnete, von dem er behauptete, es
sei ein Konto des "Geheimdienstes".
Es wurde bis Anfang 1988 geführt.

- 5 -

�Nur er allein hatte Unterschriftsberechtigung für dieses Konto. Seine
Frau und seine drei Töchter besaßen
Kreditkarten, deren Rechnungen von
diesem Konto bezahlt wurden.
Das
Guthaben
auf
diesem
Girokonto
schwankte zwar, des öfteren betrug es
jedoch etwa 20 bis 25 Millionen Dollar.
Aufgrund rechtlicher Vorbehalte dürfen wir nicht alle Informationen
preisgeben, die uns über General Noriegas umfangreiche Geheimkonten vorliegen. Die Bankbelege sprechen jedoch für sich.
Sie enthüllen die
persönliche Vollmacht über mehrere
Millionen Dollar. Wie die Spitze eines Eisbergs erlauben sie uns, die
Tragweite von Noriegas Betrugsmanövern und Verbrechen zu erkennen.
General Noriegas illegale Aktivitäten
und der von ihm damit erworbene Wohlstand liefern die wahre Erklärung für
seine feste Absicht, dem Volkswillen
zum Trotz die Kontrolle über die Institutionen des panamaischen Staats
zu behalten.
Er ist kein Patriot
mit dem Willen, sein Volk vor Bedrohungen von außen zu schützen. Er ist
noch weniger ein Berufssoldat, der
seine militärische Institution zu erhalten versucht.
Wir sollten uns die Anfänge des Konflikts in Panama vor Augen führen.
Er hatte nichts mit dem Vereinigten
Staaten, dem Kanal oder einer äußeren
Bedrohung für Panama oder sein Militär zu tun. Der Konflikt ist vielmehr die Folge von Reaktionen zahlreicher panamaischer Bürger im Juni
1987 auf Vorwürfe gegen General Noriega, die vom damaligen stellvertretenden Kommandeur der panamaischen
Streitkräfte, Oberst Roberto Diaz
Herrera, erhoben worden waren.
Warum ging Oberst Diaz Herrera an die
Öffentlichkeit?
Die Antwort liegt
vielleicht darin begründet, wie Noriega die ihm unterstehende Institution behandelte. Im Zuge des tragischen Todes von General Omar Torrijos
Herrera im Jahr 1981 trafen die Offi-

ziere der Nationalgarde Panamas eine
Vereinbarung, um die Stabilität der
Institution und die Übergabe der Befehlsgewalt zu gewährleisten.
Einzelne wichtige Bestimmungen betrafen
auch Noriega, der diesen Vertrag feierlich unterzeichnet hatte. Es war
vorgesehen, daß er im März 1984 das
Kommando von General Paredes übernehmen würde und General Paredes für
seine Präsidentschaftskandidatur die
Unterstützung des Militärs sichern
würde. Und er sah den Rücktritt Noriegas zum 31. Juli 1987 vor.
Wir wissen, was dann geschah. Als
Paredes nicht mehr im Amt war, hintertrieb Noriega seine Kandidatur.
Und als für Noriega die Zeit des
Rücktritts gekommen war, feuerte er
statt dessen seinen bereits benannten
Nachfolger.
Diese
institutionelle
Erschütterung war wahrscheinlich der
Grund für Diaz Herreras Enthüllungen
und den darauffolgenden Meinungsumschwung im panamaischen Volk - ein
Umschwung, der bereits im Frühsommer
des Jahres 1987 zu Streiks und Demonstrationen führte und damit lange bevor die Anklage der Vereinigten Staaten, amerikanische Sanktionen oder
Manöver auch nur geplant waren. Und
diese Mißachtung der Institutionen
findet weiterhin statt. Wer hat den
Generalstab und die reguläre Kommandostruktur umgangen, indem er seine
eigene Schattenorganisation innerhalb
des Militärs aufgebaut hat? Wer hat
seine Helfershelfer befördert, seine
Widersacher eingesperrt und dabei das
Militärgesetz verletzt? Wer hat seine Streitkräfte gegen das eigene Volk
eingesetzt? Wer hat sie gegen seinen
engsten langjährigen Verbündeten die Vereinigten Staaten - und den
Rest der demokratischen Welt ins Feld
geschickt? Wer hat aus Mördern "Todesschwadrone" rekrutiert, um die
schmutzige Arbeit der Unterdrückung
zu leisten - die Arbeit, deren Zeuge
wir alle wurden, als die Sieger der
Wahl vom 7. Mai vor unseren Augen beschossen und geschlagen wurden? Wer
hat bewaffnete Truppen außer den gesetzlich erlaubten Sicherheitskräften
aufgestellt?

- 6 -

�Die Männer der Streitkräfte wissen,
wer ihre Standesloyalität mißachtet
und Schande über ihre Institution gebracht hat. Keine Bewegung, Ideologie, kein Feind von außen oder innen. Ein einzelner korrupter Mann.
Ein Mann, der keine Grenze kennt.
Ich möchte ein Beispiel für die Lügen
und Entstellungen anführen, die er
den eigenen Truppen und auch der Öffentlichkeit erzählt. Er behauptet wie bereits sein Vertreter am 24. August -, seine Probleme hätten begonnen, als er eine Bitte des damaligen
Nationalen Sicherheitsberaters Admiral John Poindexter um Unterstützung
der Widerstandsbewegung in Nicaragua
abschlug.
Diese Behauptung ist ein Widerspruch
in sich. Zahlreiche freundlich gesinnte Staaten vertraten zum Thema
Nicaragua eine andere Auffassung als
die Vereinigten Staaten.
Dennoch
pflegen wir zu Ihnen weiterhin normale Beziehungen. Auch die Tatsachen
stimmen nicht. An dem von General
Noriega beschriebenen Treffen mit Admiral Poindexter nahmen mehrere Personen teil, unter ihnen amerikanische
Diplomaten. Das Thema war keineswegs
Nicaragua - das wurde nur in einem
Nebenstz erwähnt. Das Thema war Panama.
Admiral Poindexter forderte
General Noriega zu einer politischen
Öffnung und Hinwendung zur Demokratie
auf. Natürlich nahm er diesen Rat
nicht an. Aber seine Einstellung zu
Nicaragua entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Ende August 1986 unterbreitete ein
persönlicher Vertreter Manuel Noriegas - einer dem Kongreß vorliegenden
Computerraitteilung von Oliver North
an den Nationalen Sicherheitsberater
zufolge - den Vorschlag, Noriega würde sich als Gegenleistung für eine
Zusage der amerikanischen Regierung
"sein (Noriegas) Image aufzupolieren"
und eine Verpflichtung zur Aufhebung
eines amerikanischen Verbots für Waffenlieferungen an die panamaischen

Streitkräfte der sandinistischen Führung "annehmen".
Selbstredend haben die Vereinigten
Staaten dieses "Angebot" eines Attentats zurückgewiesen.
Wie kann ein
Mann, der solch ein Angebot macht,
der im Dezember 1988 direkt an einem
geplanten Militärputsch
in Argentinien beteiligt war und der die
Guerillas und Drogenhändler in Kolumbien unterstützt, tatsächlich die
Frechheit besitzen, zu behaupten,
seine Probleme seien die Folge seiner
starken Abneigung gegen eine Intervention.
Dem Vertreter Panamas zufolge ist Noriegas Razzia in einer Kokainfabrik
in der Provinz Darien vom Mai 1984
ein Beweis für sein Bestreben zur Bekämpfung des Drogenhandels. Wie einige Zeugen vor einem Unterausschuß
des US-Kongresses erklärten, stellte
sich die Realität ganz anders dar.
Die Fabrik in Darien wurde ausgehoben, kurz nachdem Noriega über vier
Millionen Dollar vom Medellin-Kartell
dafür erhalten hatte, daß er den Anführern des Kartells sowie 70 bis 90
Leibwächtern Zuflucht gewährte, nachdem das Kartell den kolumbianischen
Justizminister Lara Bonilla ermordet
hatte.
Zuvor hatte Noriega einen
seiner Konkurrenten beim Schutz von
Drogenhändlern aus dem Feld geschlagen und mehrere Millionen Dollar vom
Kartell erhalten, damit diese die Fabrik aufbauen konnten. Nach dem Tod
Lara Bonillas veranlaßte der öffentliche Druck in Panama und Kolumbien
(und vielleicht auch der Druck der
Vereinigten Staaten) Noriega zum Handeln. Auf seinen Befehl hin schlössen die panamaischen Streitkräfte die
Fabrik.
Das Medellin-Kartell fühlte sich jedoch auf zweifache Weise betrogen.
Eine Intervention Fidel Castros war
notwendig, um den Streit zu schlichten. Schließlich erhielt das Medellin-Kartell den Generator von 40 Megawatt, den Maschinenpark, das ferti-

- 7 -

�ge Kokain, die zur Herstellung benötigten Chemikalien und die beschlagnahmten Flugzeuge zurück.
Damit möchte ich mich einigen Punkten
zuwenden, die der Vertreter Panamas
am 24. August angesprochen hat und
denen wir zustimmen können. Es gibt
Bereiche grundsätzlicher Übereinstimmung zwischen meiner Regierung, der
überwältigenden Mehrheit des panamaischen Volkes, der Regierung und
der Streitkräfte Panamas. Tatsächlich geht es dabei um Grundsätze, die
auch alle Mitglieder dieses Gremiums
akzeptieren.
Der erste Bereich ist die Bedeutung
der getreuen Durchführung der Kanalverträge.
Die Vereinigten Staaten sind zur Einhaltung bereit und ihrer Zeit voraus. Als der Vertrag am 1. Oktober
1979 in Kraft trat, haben die Vereinigten Staaten die Kanalzone aufgehoben und ihre Regierung abgesetzt.
Wir haben die Rechtsprechung und die
Regierungsfunktionen - einschließlich
der
Häfen,
Eisenbahnverbindungen,
Feuerlöschanlagen und Straßen - an
die Republik Panama abgegeben. Alle
im Vertrag benannten militärischen
Einrichtungen - unter ihnen Fort Gulick, Fort Randolph, Teile des Gebiets von Fort Clayton, Fort Kobbe
Beach, die Einrichtungen in Coco Solo
und Corozal, das Pacific Area Depot,
Teile von Fort Amador, das Gebiet
südlich von Quarry Heights und andere
- fielen zu einem bestimmten Zeitpunkt an Panama.
Seit Inkrafttreten des Vertrags wurden etwa 2 786 Wohneinheiten an Panama übergeben. Das sind 64 Prozent
aller Einheiten, die vor dem Vertrag
bestanden. Dabei sind die Vereinigten Staaten ihrem in den Verträgen
festgelegten Terminplan um Jahre voraus.
Die Vereinigten Staaten haben eine
stärkere Beteiligung Panamas auf allen Ebenen der Arbeit am Kanal gefördert. Im Jahr 1979 zählten lediglich

zwei Panamaer zur Piloteneinheit für
den Kanal. Heute sind es 56 von insgesamt 227 Piloten. Panamaer stellen
heute 25 Prozent aller Piloten, und
bis 1999 sollen ihr Anteil 95 Prozent
betragen. Ende Juli 1989 waren am
Panamakanal
1 009
amerikanische
Staatsbürger und damit weniger als
die Hälfte verglichen mit 1979 beschäftigt.
Gleichzeitig stieg die
Zahl der Zahl der bei der Panamakanal-Gesellschaft beschäftigten Panamaer auf insgesamt 5 521. Das ist
gegenüber 1979 ein Anstieg um 24 Prozent. Der Anteil der dort beschäftigten Panamaer beträgt 86 Prozent
und ist steigend. Panamaer sind in
die höheren Positionen der Verwaltung
aufgestiegen, und es werden immer
mehr.
Der Vertreter Panamas hat am 24. August die engen und respektvollen Beziehungen präzise beschrieben, die
nunmehr die gemeinsamen Bestrebungen
der amerikanischen und panamaischen
Streitkräfte bei ihrer Verteidigung
des Kanals gemäß der Kanalverträge
charakterisieren. Aber er hat nicht
erwähnt, wie im Februar 1988 Noriegas
Schikanen gegenüber den überwiegend
panamaischen Beschäftigten den Kanalbetrieb direkt bedrohte. Noriega bewies damit nicht nur Mißachtung der
Verträge, sondern auch gegenüber dem
Kanal selbst. Die Vereinigten Staaten waren dadurch gezwungen, von ihren im Vertrag niedergelegten Rechten
zur Verteidigung Gebrauch zu machen nicht in der bevorzugten Art und Weise einer Zusammenarbeit mit den panamaischen Streitkräften, aber dennoch
in vollem Einklang mit den Vertragsbestimmungen. In jüngster Zeit haben
diese Schikanen der Kanalarbeiter und
unseres militärischen Personals stark
abgenommen.
Der Vertreter Panamas erklärte gegenüber den Außenministern: "Die Vereinigten Staaten wollen Panama ruinieren, in die Knie zwingen, damit Panama einen neuen militärischen Vertrag
schließen muß, mit dem die Präsenz
der US-Streitkräfte verlängert werden
kann."

- 8 -

�Das ist ebenfalls Unsinn. ien Vertrag sdokumente
sehen
vor,
daß
US-Streitkräfte nur nach dem Jahr
2000 in Panama stationiert werden,
wenn beide Regierungen einverstanden
sind. Aber bis dahin sind es noch
zehn Jahre. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat das Thema niemals
angeschnitten, weil dies unserer Ansicht nach eine Entscheidung ist, die
nur dann getroffen werden kann, wenn
das Jahr 2000 in greifbare Nähe gerückt ist. Und auch, weil alle langfristigen Abkommen nur mit einer panamaischen Regierung geschlossen werden können, die vom Volk unterstützt
wird. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie und ist gleichzeitig aufschlußreich, daß die einzigen Panamaer, die angeboten hatten, amerikanische Stationierungsrechte über das
Jahr 200 hinaus zu gewähren, Sympathisanten von General Noriega waren.
Ende des Jahres 1988 boten sie Stationierungsrechte im Gegenzug für die
Normalisierung
unserer
Beziehungen
mit seiner Regierung an. Dieses Angebot wurde von uns kategorisch abgelehnt .
Ich lege dem Rat eine Reihe von Dokumenten über die Vertragserfüllung vor
und will im folgenden eine weitere
Reihe von Lügen widerlegen. Der Vertreter Panamas erklärte gegenüber den
Außenministern ebenfalls, die Vereinigten Staaten nutzten Einnahmen aus
dem Kanal zu Propagandazwecken gegen
Noriega und enthielten Panama die
Beiträge zur Sozial- und Krankenversicherung für die Löhne der Arbeiter
am Panamakanal vor.
Diese Behauptung
ist absichtliche
Täuschung.
Die Vereinigten Staten
kommen ihren Verpflichtungen und den
im Kanalvertag vorgesehenen Zahlungen
auch im Einklang mit den Forderungen
der Regierung Delvalle nach.
Die
Zahlungen werden auf ein Treuhandkonto der panamaischen Regierung geleistet. Die Nutznießer sind die Republik
Panama und
das panamaische
Volk. Die Mittel stehen jeder rechtmäßigen panamaischen Regierung in
vollem Umfang zur Verfügung. Was die

Sozialversicherungsbeiträge für die
Gehälter der panamaischen Bürger betrifft, so werden diese auf Weisung
von Präsident Delvalle aus humanitären Gründen an das Noriega-Regime
transferiert.
Ich bedauere jedoch,
sagen zu müssen, daß das Regime diese
Mittel entwendet und sie nicht in die
Kranken- und Rentenversicherung einzahlt.
Zu dieser Übersicht über die Vertragsdurchführung
möchte
ich
abschließend feststellen, daß die Vereinigten Staaten seit 1979 mehrere
hundert Millionen Dollar an Kapital
in den Kanal investiert haben und
zwischen fünf und sechs Millionen
Dollar jährlich aufwenden, um die Panamaer für die zum Betrieb des Kanals
erforderlichen Tätigkeiten auszubilden.
Sollte der Kanal heute oder
morgen geschlossen werden, würde die
amerikanische Wirtschaft zweifelsohne
einen Rückschlag hinnehmen müssen,
der Güterfernverkehr auf der Straße
nimmt jedoch rasch zu; ohne allzu hohe Kosten könnten alle Nahrungsmittel, die heute den Kanal passieren
müssen, von beiden Küsten der Vereinigten Staaten verladen werden. Im
Gegensatz dazu wäre der Schaden für
die Volkswirtschaften von Ländern ohne diese Alternativen - insbesondere
Nicargua, Ecuador und Peru - ebenso
wie für Panama selbst beträchtlich.
Für die Vereinigten Staaten ist das
Problem der Sicherheit von größerer
Bedeutung.
Die Vereinigten Staaten
haben Verhandlungen über Vertragsabschlüsse aufgenommen, da sie zu der
Schlußfolgerung gelangt sind, daß die
Zukunft des Kanals auch für die internationale Schiffahrt am besten
durch die Übergabe des Kanals an eine
stabile und populäre Regierung in einem freundlich gesinnten Panama gewährleistet werden könnte. Kurzum:
Die Vereinigten Staaten haben sich
mit General Torrijos geeinigt, daß
der Schlüssel zur Sicherheit des Kanals in einem gut funktionierenden
Nachrichtendienst und freundlich gesinnten Volk liegt.

- 9 -

�Die Regierung der Vereinigten Staaten
ist nach wie vor davon überzeugt, daß
die Einhaltung der Panamakanalverträge im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten liegt. Das akute Problem sind nicht die Verträge, sondern
das Fehlen einer stabilen Regierung
des Volkes in Panama.

sion bei jedem Schritt unterstützt.
Die Kommission hat die Parteien zu
persönlichen Gesprächen zusammengeführt.
Gemeinsam haben sie eine
ernstzunehmende Tagesordnung formuliert. Während der letzten Runde haben die Parteien die Einzelheiten
dargelegt, die eine Lösung der Krise
gestatten würden:

Ich möchte mich jetzt einem anderen
Thema zuwenden:
Unserer Unterstützung einer friedlichen und demokratischen Lösung der Probleme Panamas.
Im Februar 1988 hat der panamaische
Präsident von seinem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch gemacht, General
Noriega seines Postens als Kommandeur
der panamaischen Streitkräfte zu entheben. Wie Ihnen bekannt ist, wurde
Präsident Delvalle dann von einer
Rumpfsitzung der von Noriega-Anhängern dominierten Nationalversammlung
unter Amtsanklage gestellt. Unmittelbar nach Bekanntwerden dieser Maßnahme der Nationalversammlung haben
die Vereinigten Staaten erklärt, daß
sie eine verfassungsmäßige Zivilregierung in Panama unterstützen. Wir
sehen daher in Präsident Delvalle
weiterhin den rechtmäßigen Präsidenten Panamas. Da seine Absetzung gemäß der panamaischen Verfassung unrechtmäßig
war,
ist
Präsident
Delvalle bis zum Ablauf seiner Amtszeit heute nacht null Uhr weiterhin
Präsident von Panama.
Diese politische Krise hätte rechtmäßigerweise bei den Wahlen am 7. Mai
gelöst werden können und sollen. Noriega hat diese Wahl jedoch für ungültig erklärt, da er sie verloren
hatte. Am 17. Mai verurteilte die
OAS "die schwerwiegenden Ereignisse
und den Amtsmißbrauch von General Manuel Antonio Noriega während der Krise und den Wahlen in Panama".
Unser ehrenwerter Generalsekretär und
die ehrenwerten Minister von Guatemala, Trinidad und Tobago sowie Ecuador
haben mit den panamaischen Parteien
bei einer versuchten Machtübergabe
zusammengearbeitet.
Die Vereinigten
Staaten haben die Arbeit der Kommis-

die Entmachtung General Noriegas;
Bildung einer Ubergangsregierung
am 1. September;
neue, freie Wahlen binnen kürzester Zeit;
die Aufhebung der als Reaktion
auf die Krise in Panama von den
Vereinigten Staaten ergriffenen
Maßnahmen.
Die Vereinigten Staaten waren stets
bereit, ihren Teil beizutragen. Wir
wünschen eine baldige Beilegung der
Krise. Die von uns verhängten Maßnahmen waren mit Präsident Delvalle
abgesprochen, um Solidarität mit dem
panamaischen Volk beim Widerstand gegen das zu demonstrieren, was In
Wirklichkeit ein Militärputsch war.
Teil der Maßnahmen war eine Erklärung
gemäß dem International Emergency
Economic Powers Act (IEEPA), mit dem
die Kapitalanlagen der panamaischen
Regierung in den Vereinigten Staaten
eingefroren und Zahlungen amerikanischer Staatsbürger und Unternehmen an
das
Noriega/Solis-Regime
untersagt
werden.
Hierbei handelt es sich
nicht um "Sanktionen" im Sinne eines
allgemeines Handelsembargos oder anderer auf die Volkswirtschaft des
Landes ausgerichteter Maßnahmen, sondern vielmehr um ein Verbot für amerikanische Staatsbürger, Zahlungen an
das unrechtmäßige Noriega-Regime zu
leisten.
Diese Maßnahmen sind nicht die Hauptursache für die Wirtschaftskrise in
Panama.
Die Wirtschaftskrise ist
vielmehr ein Spiegelbild der politischen Krise. Privatleute und Unternehmen bringen ihr Kapital außer Lan-

- 10 -

�des und verlegen ihren Firmensitz,
wenn die Stabilität bedroht ist.
Wenn General Noriega wirklich glaubt,
die Freigabe der in den Vereingten
Staaten hinterlegten rund 300 Millionen Dollar würde die Wirtschaftskrise
lösen, warum gibt er dann nicht eine
entsprechende Summe des Betrags zurück, den er gestohlen hat? Das in
den Vereinigten Staaten hinterlegte
Geld trägt zugunsten des panamaischen
Volkes Zinsen und wird ihm zurückgegeben, wenn die demokratische Regierung wieder im Amt ist. Wird das von
General Noriega genommene Geld zurückgegeben?
Nichts würde meine Regierung oder das
amerikanische Volk mehr freuen als
die Aufhebung der derzeit verhängten
Maßnahmen und die Wiederherstellung
normaler Beziehungen mit einem demokratischen Panama.
Es gibt nur ein Hindernis bei der Lösung der Krise - und wir alle wissen,
um wen es sich handelt. Am 20. Juli
berichtete die OAS-Kommission, "Der
Verbleib von General Noriega im Amt
als Oberbefehlshaber der Streitkräfte
wird sowohl von seinen Anhängern als
auch der Opposition als einer der
Faktoren - wenn nicht sogar der
Hauptfaktor - angesehen, der zur Lösung
der Krise bewältigt werden
muß." Dennoch weigert sich General
Noriega, Umstände zu benennen, unter
denen er bereit wäre, das von der OAS
so definierte Haupthindernis bei der
Lösung der Krise aus dem Weg zu räumen.
Bei all unseren Bestrebungen um eine
Lösung der politischen Krise haben
wir General Noriega und allen politischen Parteien und Gruppierungen in
Panama gegenüber eindeutig klargestellt, daß Fragen bezüglich der Zusammensetzung der panamaischen Regierung und der Rolle der Streitkräfte von den Panamaern selbst entschieden werden müssen - vielleicht durch
Vermittlung der übrigen lateinamerikanischen
Länder
aber
sicherlich
nicht der Vereinigten Staaten. So-

wohl unsere bilateralen Gespräche im
vergangenen Jahr als auch unsere Unterstützung des OAS-Ministertreffens
erfolgten ausschließlich auf dieser
Ebene.
Dies bringt uns zu unserem Hauptproblem zurück - der harten Wahrheit,
die dem Leiden des panamaischen Volkes zugrundeliegt. Das Problem heißt
Noriega und vor allem Noriegas Entschlossenheit, seine persönlichen Interessen und seinen persönlichen Profit vor seinen militärischen Stab,
vor sein Land und vor die internationale Staatengemeinschaft auf diesem
Kontinent und weltweit zu stellen.
Noriegas Habgier, sein persönlicher
Ehrgeiz und seine Selbstsucht sind
Ursache und Nährboden der Krise Panamas. So lange er und seine Gefolgschaft diese Realität nicht erkennen,
sie zu verschleiern versuchen oder
die Schuld dafür anderen zuweisen,
wird sich die Krise nur noch verschlimmern. Es gibt Zeiten, in denen
hehre
Grundsätze
uns
zwingen,
schlechte Menschen zu verteidigen.
Einige bringen das Argument vor, diese träfe auf Noeriega und Panama zu.
Sie argumentieren, als ob das Prinzip
der Nichteinmischung uns zwingen würde, alles zu akzeptieren, was Noriega
tut.
Nichteinmischung
bedeutet
jedoch
nicht, einzelne Verbrecher zu schützen. Sie bedeutet nicht, das gegen
unsere Familien und Kinder gerichtete
Eindringen von Drogenschmugglern in
unsere Gesellschaft zu fördern. Sie
bedeutet nicht, friedliche und diplomatische Aktionen souveräner Staaten
zur Unterstützung der Demokratie zu
verhindern. Und sie bedeutet nicht,
Verbrecher das Gute mit Füßen treten
zu lassen.
Man braucht nur Panamas Nachbarn im
Süden zu betrachten, um den augenfälligen Unterschied auszumachen.
Das
Regime in Panama gewährt den Drogenschmugglern und ihren Handlangern Unterschlupf und schützt die Banken,
über die sie ihr schmutziges Geld waschen.

�Das sind die Menschen, die der zivilisierten Gesellschaft in Kolumbien
den Krieg erklärt und diese mutige
Nation mit Attentaten, Bombenanschlägen, Entführungen und Drohungen bestraft haben, die am Lebensnerv der
ältesten
Demokratie
Lateinamerikas
zehren. Präsident Virgilio Barco mobilisiert alle Kräfte seines Landes zivile wie militärische - um die Würde und Achtung der Gesetze in diesem
Land wiederherzustellen.
Die große
Mehrheit der Kolumbianer aller politischen Parteien unterstützen ihn,
denn sein Kampf ist ihr Kampf. In
der Tat ist es ein Kampf, der im Namen von uns allen geführt wird. Die
Drogenbarone in Kolumbien stellen ohne Zweifel eine ebensolche Bedrohung
der Demokratie dar wie ein Eindringling; ihre Handlanger töten unsere
Kinder und korrumpieren unsere Gesellschaften. Und die Nationen der
Welt sollten das kolumbianische Volk
und seine demokratische Regierung sowohl moralisch als auch materiell unbeirrt unterstützen.

Kolumbien und Panama. Barco und Noriega. Gibt es einen größeren Gegensatz zwischen den moralischen Qualitäten des Besten und des Schlechtesten unter uns auf diesem Kontinent?
Wer verdient unsere Hilfe, wer sollte
aus unserer Mitte verstoßen werden?
Zumindest für die Vereinigten Staaten
ist die Antwort klar.

Das Menetekel ist unmißverständlich.
Das Muster ist klar. Indifferenz gegenüber
den erdrückenden Beweisen
können Noriega und seinesgleichen nur
ermutigen und ihnen Handlungsfreiheit
verschaffen.
Die Ausflüchte, die Drohgebärden, die
als Wahrheit verbrämte Propaganda alles, was Noriegas Verteidiger vorgebracht haben, um diesen Verbrecher
im Amt zu halten, ist aufgedeckt worden.
Noriegas Aktionen - detailliert aufgelistet in Zeugenaussagen, Anklageschriften, Quittungen, Konten, Privatbeteiligungen, in einer Beweiskette, die Verfehlungen internationalen
Ausmaßes belegt - sind unentschuldbar.
Aber auch unsere Untätigkeit wäre unentschuldbar. Es ist an der Zeit,
unser Schweigen zu brechen. Es ist
an der Zeit, unsere Zurückhaltung zu
überwinden. Wir müssen Noriega als
denjenigen entlarven, der er ist.
- 12 -

* * * * *

�UMWELT
Amerika Dienst 2

17. Januar 1990

AMERIKANISCH-SOWJETISCHER UMWELTPLAN
Gemeinsame Erklärung zur Vereinbarung eines Kooperationsprogramms

WASHINGTON - (AD) - Zum Abschluß einer einwöchigen Konferenz über Zusammenarbeit im Bereich der Umwelt haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
am 12. Januar 1990 ein Kooperationsprogramm für die Zukunft unterzeichnet.
Bei der Konferenz handelte es sich um das zwölfte Treffen des amerikanisch-sowjetischen Ausschusses über Kooperation im Bereich des Umweltschutzes. Die
nächste Konferenz wurde für die erste Hälfte des Jahres 1991 in Moskau geplant.
Für 1990 sind neue gemeinsame Forschungsprojekte in Bereichen wie der Erhaltung von Feuchtbiotopen, Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und
weltraumgestützter elektronischer Erforschung von Schadstoffen in der Atmosphäre vorgesehen. Erstmalig haben beide Länder die Zusammenarbeit in verschiedenen Teilbereichen der Polarkreisforschung vereinbart.
Nachfolgend veröffentlichen wir die am 12. Januar 1990 in Washington veröffentlichte Gemeinsame Erklärung.
Am 23. Mai 1972 wurde in Moskau das
Abkommen über Kooperation im Bereich
des Umweltschutzes zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
unterzeichnet.
Diesem Abkommen zufolge werden "beide Seiten die Zusammenarbeit im Bereich des Umweltschutzes auf der Grundlage von Gleichheit,
Gegenseitigkeit
und
beiderseitigem
Vorteil ausbauen". Ferner ist eine
Zusammenarbeit
in zwölf Bereichen
vorgesehen, die praktisch alle wichtigen Probleme des Umweltschutzes,
den wirtschaftlichen Umgang mit natürlichen Ressourcen und das Zusammenwirken von Mensch und Natur umfassen.
Zahlreiche amerikanische und
sowjetische Stellen, einschließlich
Regierungsbehörden und Ministerien,
wissenschaftliche Institutionen, Universitäten, multinationalen Unterneh-

men und privaten Umweltschutzorganisationen sind an der in dem Abkommen
vereinbarten Kooperation beteiligt.
Das zwölfte Treffen des auf der
Grundlage des Abkommens ins Leben gerufenen
amerikanisch-sowjetischen
Ausschusses über Kooperation im Umweltschutz fand vom 9. bis 12. Januar
1990 in Washington statt. Vorsitzende waren der Leiter des Umweltschutzamtes, William K. Reilly, und der erste Vorsitzende des Staatlichen Ausschusses für Umweltschutz der UdSSR
(GOSKOMPRIRODA), Valentin G. Sokolowski.
Das Plenum stimmte einem Projektbericht zu, der die Leistungen des gemeinsamen Programms in den Jahren
1988/89 würdigt und verabschiedete

�eine Vereinbarung über das Kooperationsprogramm für 1990. Dieses Programm enthält neue Forschungsprojekte
für Bereiche wie weltraumgestützte
elektronische Erforschung von Schadstoffen in der Atmosphäre, Erhaltung
von
Feuchtbiotopen, Denkmalpflege,
Transport radioaktiven Materials als
Folge der Katastrophe von Tschernobyl, stratosphärischen Ozon und seismologische
Beobachtung.
Erstmalig
wurde auch die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen der Polarkreisforschung vereinbart. Besondere Aufmerksamkeit wurde Umweltproblemen von
internationaler Tragweite gewidmet,
wie etwa Klimaveränderungen und integrierte Beobachtung der ökologischen
Verhältnisse auf der Erde und Problemen mit unmittelbaren Auswirkungen
für beide Länder, wie der Einführung
umweitschonender Technologien.
Die offizielle Fassung der AusschußProtokolle wird Ende Februar 1990 in
englischer und
russischer Sprache
veröffentlicht.
Zu den Ergebnissen der beim zwölften
Treffen des Gemeinsamen Ausschusses
erörterten Zusammenarbeit von Februar
1988 bis Dezember 1989 zählen zahlreiche Aktivitäten von beiderseitigem
Nutzen, etwa Treffen von Arbeitsgruppen, Symposien und Seminare über besondere Umweltprobleme, Entwicklung
und Vergleich von Methoden und Materialien, gemeinsame Experimente und
Expeditionen zu Wasser und zu Land.
Über 100 gegenseitige Besichtigungen
fanden statt, Berichte wurden erstellt und veröffentlicht und zahlreiche wissenschaftliche und technische Dokumente und Forschungsergebnisse ausgetauscht.
Gemäß diesem Abkommen werden beide
Seiten in Kürze die beim Gipfeltreffen im Dezember 1987 geforderte gemeinsame Studie über zukünftige Klimaveränderungen vorlegen.
Die Entsendung amerikanischer Seismologen in
die Sowjetunion nach dem Erdbeben in
Armenien im Dezember 1988 sowie sowjetischer Seismologen nach Kalifornien nach dem Loma Prieta-Erdbeben im

Oktober 1989 war in diesem Abkommen
vorgesehen.
Der stellvertretende Vorsitzende hat
eine konstruktive Bilanz der Umweltprobleme von internatioanler Tragweite einschließlich weltweiter Klimaveränderungen gezogen. Man kam überein, daß Zusammenarbeit bei Umweltproblemen weiter zu dem derzeit auf
höchster Ebene stattfindenden Dialog
zwischen beiden Regierungen beitragen
könnte.
Beim zwölften Treffen des Gemeinsamen
Ausschusses hielten auch Vertreter
sowjetischer und amerikanischer privater Umweltschutzorganisationen Vorträge. Beide Seiten sind sich der
wünschenswerten
kontinuierlichen
Teilnahme von Vertretern nicht staatlicher
öffentlicher
Organisationen
der Sowjetunion und der Vereinigten
Staaten bei der Arbeit im Rahmen des
zwischenstaatlichen
Abkommens
über
Umweltschutz bewußt, bis hin zu der
möglichen Vertretung durch solche Organisationen in beiden Delegationen
bei späteren Sitzungen des Gemeinsamen Ausschusses.
Es wird erwartet, daß die Sozioökologische Union unter Beteiligung anderer interessierter sowjetischer sozialer Verbände zusammen mit privaten
Organisationen
der
amerikanischen
Seite gemeinsame Vorschläge über die
Art und Weise ihrer Beteiligung gemäß
dem Abkommen erarbeiten werden. Als
Teil dieses Prozesses können private
Organisation
an
der Planung und
Durchführung von Aktivitäten im Rahmen des Abkommens unter besonderer
Berücksichtigung neuer Ansätze bei
der Lösung ökologischer Probleme im
Hinblick auf eine kontinuierliche
Wirt Schaftsentwicklung beteiligt werden.
Der sowjetische stellvertretende Vorsitzende hat seinem amerikanischen
Kollegen eine Kopie des ersten Berichts über die UmweltSituation überreicht, der je in der Sowjetunion
veröffentlicht wurde.
Die Übersetzung dieses 200 Seiten umfassenden

^"

�Dokuments ins Englische ist veranlaßt.
Mitglieder der sowjetischen Delegation wurden über die Erfahrungen des
Ingenieurkorps der US-Army in den Bereichen Wasserwirtschaft, Verwaltung
von Ressourcen und Umweltschutz unterrichtet. Im Programm der Delegation war ein Besuch der Einrichtungen
des Korps in der Umgebung von New
Orleans vorgesehen.
Das nächste Treffen des Gemeinsamen
Ausschusses ist für die erste Hälfte
des Jahres 1991 in Moskau geplant.

* * * * *

- 3

�DROGEN

Amerika Dienst 2

17. Januar 1990

AUFFORDERUNG ZUR DROGENBEKÄMPFUNG ERGEHT AN ALLE LÄNDER DER WELT
Bericht des Internationalen Suchtstoff-Kontrollamts

VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die ungesetzliche Herstellung von Drogen und
ihr Mißbrauch haben dem Internationalen
Suchtstoff-Kontrollamt
zufolge
"ein neues gefährliches Stadium" erreicht, wobei jeder Konsument illegaler Drogen für die durch den Drogenhandel verursachten schwerwiegenden
Probleme
persönlich
Verantwortung
trägt.
Der am 10. Januar 1990 veröffentlichte Bericht des Kontrollamts für 1989
verweist ferner darauf, daß die Frage
der Legalisierung einiger oder aller
Sucht Stoffe "nachdrücklich" verneint
werden sollte.
Eine solche Vorgehensweise würde signalisieren, daß
der Konsum von Drogen geduldet wird,
zu einer drastischen Zunahme des Dro-

genmißbrauchs und damit zusammenhängender Todesfälle führen, die Krankenkosten in die Höhe treiben sowie
Familien und
grundlegende soziale
Werte erschüttern würde.
Die Legalisierung von Suchtstoffen
oder "jede Lockerung der Kontrolle
ist moralisch nicht vertretbar und
läuft auf eine Auslieferung aller
Länder an die Drogenkartelle hinaus",
heißt es in dem Bericht.
Das Kontrollamt fordert Länder mit
weitverbreitetem
Drogenkonsum
auf,
energische Maßnahmen zur Eindämmung
und zum Abbau der Nachfrage zu treffen. Dem Bericht zufolge soll die
internationale
Staatengemeinschaft
"sofort und in größtmöglichem Umfang

�Regierungen
Hilfestellung
leisten,
die von Drogenhändlern unter Druck
gestzt werden".
Der 35 Seiten umfassende Bericht enthält Statistiken über Drogenmißbrauch
und Drogenhandel, Bekämpfungsstrategien einzelner Länder und Städte sowie regionale und weltweite Tendenzen
im Jahr 1989.
Die allgemeine Tendenz deutet darauf
hin, daß ein drastischer Anstieg von
Drogentoten, Drogenmißbrauch und Drogenhandel in vielen Regionen nach wie
vor weitverbreitet ist, die Drogenkriminalität schneller zunimmt als
alle anderen Straftaten, und die Beschlagnahme von Heroin, Kokain, Haschisch und Amphetaminen in manchen
Ländern Rekordzahlen erreicht. Eine
"neue und bedenkliche Entwicklung"
ist die erhebliche UmweltSchädigung
in Ländern, wo Mohn zur Opiumgewinnung und Koka angebaut werden.
In Lateinamerika ist der Drogenhandel
zu einem "wichtigen öffentlichen Thema" geworden. Schwer bewaffnete Kartelle mit unerschöpflichen finanziellen Mitteln betreiben weiterhin skrupellos die Unterwanderung politischer
Institutionen, stören die Volkswirtschaften und ermorden Regierungsvertreter und Privatpersonen" heißt es
in dem Bericht. Da der Drogenmißbrauch den gesamten Kontinent erfaßt,
riskiert Lateinamerika, zum wichtigsten Konsumenten seiner eigenen Erzeugnisse zu werden.
Als positive Entwicklung verweist das
Kontrollamt darauf, daß sich bei der
Drogenbekämpfung erste Erfolge von
Aufklärungsmaßnahmen
und
Informationskampagnen zeigen und verstärkte
internationale Zusammenarbeit in diesem Bereich gute Resultate hervorbringt.
Die Tatsache, daß Crack in den Niederlanden nicht sehr verbreitet ist,
wurde auf gezielte Aufklärungskampagnen zurückgeführt. In den Vereinigten Staaten ist der seit 1985 erfolgte 37prozentige Rückgang bei der Zahl

der Drogenkonsumenten ähnlichen Kampagnen zu verdanken, die Drogenkonsum
als nicht akzeptables Sozialverhalten
darstellten.
In Frankreich erweisen sich vorbeugende Programme als "ermutigend, zumal eine jüngste Untersuchung bei Jugendlichen im Alter von 11 bis 20
Jahren zeigte, daß der Drogenkonsum
in dieser Altersgruppe stagniert",
heißt es in dem Bericht. Er führt
ferner Untersuchungen über den Drogenkonsum in Schweden an, die darauf
hindeuten, daß der Prozentsatz junger
Leute unter 20, die Drogen konsumieren, zurückgeht, obwohl ein starker
Anstieg bei beschlagnahmten Drogen
zeigt, daß diese leichter erhältlich
sind.
Das Kontrollamt erklärt die Vereinbarung der Konvention gegen den Handel
mit Suchtstoffen und Psychotropen
Stoffen im Dezember 1988 zu einem
Meilenstein. Im November 1989 hatten
bereits 77 Länder die Konvention unterzeichnet, und zwei Parteien hatten
sie ratifiziert. Das Kontrollamt erklärt, die baldige Durchführung der
Bestimmungen des Dokuments über die
Kontrolle
chemischer
Grundstoffe
könnte die internationalen Bestrebungen zum Abbau der illegalen Herstellung von SuchtStoffen stark verbessern.
In Hongkong, Malaysia, Indien, Spanien, Kanada und den Vereinigten
Staaten erlassene Gesetze zielen darauf ab, dem Drogenhandel Einhalt zu
gebieten und die nationale Gesetzgebung auf die Konvention abzustimmen.
Eine Reihe von Maßnahmen, die seit
1987 auf den Bahamas getroffen wurden
und die unabhängig oder in Zu sammarbeit mit der amerikanischen Küstenwache erfolgreich durchgeführten Operationen der Königlich Bahamischen
Streitkräfte haben dem Kontrollamt
zufolge den Drogenhandel positiv beeinflußt. "Das starke Engagement der
Bahamas und ihre beispielhafte Zusammenarbeit mit anderen Ländern zeitigen nunmehr Ergebnisse" schreibt der
Bericht.

�Die Schweiz ist sich dem Bericht zufolge ihrer Stellung im internationalen Finanzwesen bewußt und intensiviert ihre Bemühungen um ein Gesetz
zur Bekämpfung der Geldwäsche.
Der Bericht verweist auch auf Indien,
Pakistan, die Sowjetunion, Osteuropa,
Großbritannien, Mexico, die Vereinigten Staaten und Kanada sowie deren
Koordinierung und Zusammenarbeit mit
anderen Ländern. Er legt dar, wieviele Länder, unter ihnen Spanien und
Pakistan, ihre Mittel für Aufklärung
und Rehabilitation aufgestockt haben.
Die Zollbehörden der Sowjetunion haben mit über 25 westlichen Ländern
Vereinbarungen getroffen, und sind
mit den zuständigen Stellen in Kanada, Großbritannien, Schweden, Norwegen, den Niederlanden und anderen
Ländern erfolgreich gegen Drogenhändler vorgegangen.
Trotz
Mexicos
gravierender
Wirtschaftsprobleme wurde dem Bericht zufolge der Etat für die Drogenbekämpfung um 174 Prozent erhöht, dabei ist
die Zahl der Mitarbeiter und Ausrüstungsgegenstände erheblich gestiegen
und innerhalb der Regierung die Stelle eines stellvertretenden Justizministers für Drogenermittlungen geschaffen worden.

schen Ländern bei der Drogenbekämpfung aus.
Das Kontrollamt fordert unverzügliche
technische Hilfe für die afrikanischen Länder und betont die Notwendigkeit "der Bekundung festen politischen Willens der Regierungen", umfassende Gesetze und Verwaltungsvorschriften zu erlassen, um sowohl den
Vertrieb als auch den Handel legaler
Drogen unter Kontrolle zu bringen.
Der Bericht verweist auf Besorgnis
über die Entwicklungen in Pakistan
und im Iran und bekundet die Hoffnung, im Jahr 1990 Beobachter in diese Länder entsenden zu können.
Das
Internationale
Suchtstoff-Kontrollamt besteht aus 13 unabhängigen
Experten und ist bestrebt - in Zusammenarbeit mit den Regierungen - die
Kultivierung, Herstellung und den
Konsum von Drogen in dem Maße einzuschränken, wie er für medizinische
und wissenschaftliche Zwecke erforderlich ist.

Der Bericht verweist auf einen starken Anstieg des Mohnanbaus zur Opiumgewinnung in Guatemala, das dennoch
ein Programm ins Leben gerufen hat,
um wichtige Chemikalien und Grundstoffe zu ermitteln, die bei der Herstellung von Kokain und Heroin verwendet werden. Das Programm könnte
für andere Länder Modellcharakter haben.
Obwohl die afrikanischen Regierungen
sich der schnellen Ausbreitung des
Drogenhandels in der Region und der
damit einhergehenden Gefahren für die
Gesundheit bewußt sind, nutzen Drogenhändler die Lücken im System der
Bekämpfung, die geringen Mittel, das
mangelnde Fachwissen und die fehlende
Zusammenarbeit unter den afrikani- 3 -

* * * * *

�MARTIN

LUTHER

KING

Amerika Dienst 2

17. Januar 1990

AMERIKA MUSS VOLLSTÄNDIGE AUFHEBUNG DER RASSENTRENNUNG VERWIRKLICHEN
Präsident Bushs Proklamation zum Gedenktag an Martin Luther King

WASHINGTON - (AD) - Obwohl sich Präsident Bush zufolge viele der dunkelsten
"Wolken des Rassismus" in den Vereinigten Staaten verzogen haben, muß die Nation "weiterhin an der Aufhebung der Rassentrennung und Verwirklichung der
Gleichberechtigung" arbeiten.
In einer Proklamation zum 15. Januar, der zum Gedenken an den Geburtstag des
Baptistenpfarrers Dr. Martin Luther King Jr. als gesetzlicher Feiertag begangen wird, verwies der Präsident darauf, daß King sich für die Befreiung aller
Menschen im ganzen Land von den "Fesseln der Rassentrennung und den Ketten der
Diskriminierung" eingesetzt habe.
In der Proklamation des Präsidenten heißt es, der Kampf gegen Vorurteile sei
"unsere erste Bürgerpflicht" und "die größte Ehre, die wie dem Andenken" an
den berühmten Führer der Bürgerrechtsbewegung erweisen können.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation im Wortlaut.

Wir begehen einen gesetzlichen Feiertag zum Gedenken an den Geburtstag
des
Baptistenpfarrers
Dr. Martin
Luther King Jr. und würdigen damit
ein Leben, das dem Kampf für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit gewidmet war. Mit Entschlossenheit, Mut
und großem Engagement für Gewaltlosigkeit setzte sich Dr. King dafür
ein, alle Menschen im ganzen Land von
den "Fesseln der Rassentrennung und
den Ketten der Diskrimierung" zu befreien.
Martin Luther King Jr. liebte sein
Land und glaubte fest an die in der
Unabhängigkeitserklärung niedergelegten beständigen Ideale:
"Folgende
Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich:
daß
alle
Menschen
gleich geschaffen sind, daß sie von

ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind,
daß dazu Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück gehören."
Wohl
wissend, daß ein "geteiltes Haus
nicht standfest ist", widmete King
sein Leben dem Streben nach Aufhebung
der Rassentrennung und Verwirklichung
der Gleichberechtigung in den Vereinigten Staaten. Seiner Ansicht nach
ist unser Land vom richtigen Kurs,
wie er in unserer Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung niedergelegt ist, abgewichen. Er war entschlossen, darüber zu wachen, daß
Amerika den dort verankerten Prinzipien treu bleibt.
In Worten und Taten erinnerte Martin
Luther King Jr. alle Amerikaner an
die von Abraham Lincoln 1858 ausge-

�sprochene eindringliche Warnung an
die Bürger von Edwardsville (Illinois) vor den tragischen Konsequenzen, die eine weitere Billigung der
Sklaverei für die Vereinigten Staaten
haben könnte. Präsident Lincoln wußte - wie viele berühmte Amerikaner
vor ihm -, daß die Stärke unseres
Landes auf der Überzeugung beruht,
daß jedes Individuum von unschätzbaren Wert ist und die einzige Legitimation einer Regierung im Schutz der
gottgegebenen Rechte des Menschen besteht.
"Wenn diese Gesinnung zerstört wird," warnte Lincoln, "wird
damit die Saat der Tyrannei vor unserer eigenen Tür gesät. Wenn man sich
mit den Ketten der Knechtschaft vertraut macht, bereitet man seine Glieder darauf vor, sie zu tragen. Wenn
man gewohnt ist, die Rechte der anderen mit Füssen zu treten, hat man das
Talent
zur eigenen Unabhängigkeit
verloren und wird willkommenes Opfer
des ersten gerissenen Tyrannen, der
sich erhebt."
Ebenso wie Präsident Lincoln wußte
Martin Luther King, daß die Vereinigten Staaten kein großes freies Land
bleiben konnten, wenn den Menschen
ihre Rechte vorenthalten werden. Er
wußte, daß die amerikanische Verheißung von Freiheit und Gerechtigkeit
für alle Menschen im wunderbaren Plan
unseres Schöpfers angelegt ist, und
er wußte, daß diese Verheißung nicht
durch Bigotterie und Diskriminierung
entstellt werden darf.

Charakter
beurteilt wird", müssen
wir "weiterhin an der Aufhebung der
Rassentrennung und Verwirklichung der
Gleichberechtigung in den Vereinigten
Staaten arbeiten. Das ist unsere erste Bürgerpflicht - und die größte
Ehre, die wir dem Andenken an Dr.
Martin Luther King Jr. erweisen können.
Per Gesetz 98-144 ist der dritte Montag im Januar jedes Jahres ein gesetzlicher Feiertag zum Gedenken an
den Geburtstag von Martin Luther
King, Jr.
Aufgrund dessen erkläre ich, George
Bush, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft der mir von
der Verfassung und dem Gesetz zugestandenen Autorität Montag, den 15.
Januar 1990 zum Gedenktag für Martin
Luther King Jr.
Unterzeichnet am 9. Tag des Januar,
im Jahre des Herrn 1990 und im 215.
Jahr der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika.
(unterzeichnet) George Bush

Dr. King erzählte uns von seinem
Traum. Heute erkennen wir, daß es
kein Traum, sondern eine Vision war.
Im Sinne des Sprichworts: "Ohne Vision geht das Volk zugrunde" legte
uns King seine Hoffnungen und Zukunftspläne dar. Er hatte das "gelobte Land" gesehen und gab uns den
Anstoß, es mit ihm gemeinsam zu erblicken.
Obwohl sich heute viele der dunkelsten "Wolken des Rassismus" verzogen
haben, obwohl der Tag nähergerückt
ist, an dem "der Mensch nicht nach
seiner Hautfarbe, sondern nach seinem
- 2 -

* * * * *

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10736">
                <text>17.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10737">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10738">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10739">
                <text>Amerikadienst 17.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10740">
                <text>&lt;strong&gt;1. Panama&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eagleburger erläutert Anklage gegen Norlega&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des stellvertretenden Außenministers vor der OAS&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-sowjetischer Umweltplan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gemeinsame Erklärung zur Vereinbarung eines Kooperationsprogramms&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aufforderung zur Drogenbekämpfung ergeht an alle Länder der Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht des Internationalen Suchtstoff-Kontrollamts&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Martin Luther King&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika muß vollständige Aufhebung der Rassentrennung verwirklichen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Präsident Bushs Proklamation zum Gedenktag an Martin Luther King&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
  <item itemId="2126" public="1" featured="0">
    <fileContainer>
      <file fileId="2137">
        <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/c9ad07a745ddaa8e6b692a74b4e05db1.pdf</src>
        <authentication>24fcf01a5ab2f1b803c9053025c9a58a</authentication>
        <elementSetContainer>
          <elementSet elementSetId="4">
            <name>PDF Text</name>
            <description/>
            <elementContainer>
              <element elementId="52">
                <name>Text</name>
                <description/>
                <elementTextContainer>
                  <elementText elementTextId="10735">
                    <text>^ e 2ofV

amcrika
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

10. Januar 1990

J^*'
,&lt;c
A&lt;\cP ^ « 0
•A* ^^ rfT
e&gt;«f v ^
P.cfc'
^&lt;ÄV

SICHERHEITSPOLITIK

Maresca: Prämissen der Vergangenheit müssen überprüft werden
Rede des Chefunterhändlers bei den VSBM-Verhandlungen

Die Zeit ist reif für Dialog über Militärdoktrinen
Broschüre der ACDA zum VSBM-Seminar

THEMENINDEX 1989

(Zweites Halbjahr)

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392366
Telex: 8-85432

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K
1

10. Januar 1989

MARESCA: PRÄMISSEN DER VERGANGENHEIT MÜSSEN ÜBERPRÜFT WERDEN
- Rede des Chefunterhändlers bei den VSBM-Verhandlungen HOUSTON - (AD) gen, Botschafter
Staaten und ihren
cherheitsbildende
Vergangenheit".

Dem amerikanischen Chefunterhändler bei den VSBM-VerhandlunJohn Maresca, zufolge, basierten die von den Vereinigten
Verbündeten bei den Verhandlungen über Vertrauens- und SiMaßnahmen (VSBM) angeregten Vorschläge "auf Prämissen der

In einer am 4. Januar 1990 in der Texas A and M University gehaltenen Rede betonte Maresca, wie wichtig es sei, vertrauensbildende Maßnahmen in Zukunft
"über diese Prämissen" hinaus in ein "umfassenderes, flexibleres und weitreichenderes" Programm zu lenken. "Vertrauensbildung wird in den neunziger Jahren neue Herausforderungen bereithalten, die das Gleichgewicht zwischen Ost
und West nicht notwendigerweise berühren," erklärte Maresca.
Das vom 16. Januar bis 5. Februar 1990 in Wien unter der Schirmherrschaft der
VSBM geplante Seminar über Militärdoktrinen kann uns Maresca zufolge "für die
Pionierarbeit des Forums zur Vertrauensbildung Impulse geben, die in eine völlig neue Richtung weisen".
Nachfolgend veröffentlichen wir Marescas Rede im Wortlaut.
Als dieses Plenum im vergangenen Jahr
zu Gesprächen über Vertrauensbildung
zusammentrat, verfolgten wir ein ganz
bestimmtes Ziel.
Dieses Ziel hat
seinen Ursprung in der Vergangenheit
und in der Gegenwart. Wir erörterten
die Ergebnisse der Stockholmer Konferenz sowie die Möglichkeiten, wie wir
bei den in Wien anlaufenden Verhandlungen über Vertrauensbildende Maßnahmen auf diesen Ergebnissen aufbauen könnten. Wir haben die später in
Wien vorgelegten Vorschläge und die
sich dabei möglicherweise ergebenden
Verbindungen vorweggenommen. Wir haben das Verhältnis des VSBM-Forums
von 35 Teilnehmerländern zum KSE-Forum mit 23 Mitgliedsstaaten angeschnitten und die Verbindungen zwischen
vertrauensbildende
Maßnahmen

und Reduzierungen bei den konventionellen Streitkräften.
Diese Gespräche waren angebracht,
sehr nützlich und trugen dazu bei,
daß alle Teilnehmer die in die Diskussion eingebrachten Ansätze verstanden.
Unsere Vorschläge wurden
bei Aufnahme der Verhandlungen im
vergangenen Frühjahr unterbreitet und
waren seither Gegenstand der Erörterungen. Es steht nunmehr außer Frage, daß es weite Bereiche gibt, in
denen ein Konsens möglich ist. Bei
einigen Vorschlägen, wie etwa vertrauensbildenden Maßnahmen bei unabhängigen Aktivitäten in der Luft oder
auf See wird unter Umständen keine
Übereinstimmung
zu erzielen sein.
Das bislang erzielte grundlegende Er-

�gebnis ist der sich abzeichnende Konsens über das Prinzip eines umfassenden
jährlichen
Informationsaustauschs, der von Ad-hoc-Inspektionen
begleitet sein und den Wahrheitsgehalt der gelieferten Informationen
verifizieren soll. Das scheint prinzipiell von allen Parteien akzeptiert
worden zu sein.
Darüber hinaus wurde vereinbart, ab
dem 16. Janaur 1990 ein dreiwöchiges
sicherheitspolitisches "Seminar" abzuhalten, an dem auch Stabschefs und
andere hochrangige Offiziere sowie
Vertreter des Verteidigungsministeriums teilnehmens sollen. Diese Teilnehmer werden ihre Politik und ihre
Doktrinen darlegen und sich gegenseitig zu Aspekten derjenigen Maßnahmen
befragen, die zu Zweifeln Anlaß geben. Das ist ein weiterer Vorstoß zu
einem relativ unerforschten Aspekt
militärischer Konfrontation, der aber
in diesem Forum mit 35 Teilnehmerstaaten die Tradition der Erforschung
neuer Bereiche der Rüstungskontrolle
fortführt. In diesem Fall werden wir
danach streben müssen, die Absichten
und Zielsetzungen der von uns beobachteten Streitkräfte zu verstehen die genaue Beurteilung ist das vielleicht schwierigste Element des Sicherheit spoli tischen Gleichgewichts.
Das Seminar ist ein ausgezeichneter
Prüfstein für das Hauptthema meiner
Ausführungen: Die Rolle der Vertrauensbildung in den neunziger Jahren,
einer Periode rapider Veränderungen
in Europa. Wie bereits im vergangenen Jahr möchte ich heute auch aus
persönlicher Sicht sprechen, und die
hier von mir vorgetragenen Gedanken
spiegeln nicht notwenigerweise die
Politik der Vereinigten Staaten wider.
Seit unseren Gesprächen in Houston im
vergangenen Jahr hat sich viel verändert. Die erste wichtige Veränderung
mit Auswirkungen auf die VSBM-Verhandlungen bestand in der Vorlage eines westlichen Vorschlags bei den
KSE-Verhandlungen, der Informationsaustausch in größerem Umfang und ein
System der Verifizierung vorsah. Im

letzten Jahr nahmen wir noch an, die
VSBM-Verhandlungen
wären
vor
den
KSE-Verhandlungen beendet. Aber angesichts von den Initiativen eines
Gipfeltreffens und eines NATO-Gipfels
ausgehenden Impulse ist die Wahrscheinlichkeit jetzt größer, daß das
KSE-Abkommen vor einer VSBM-Vereinbarung erzielt wird. Das ist natürlich
eine positive Entwicklung. Es bedeutet jedoch, daß der Hauptvorschlag
bei den VSBM-Verhandlungen beträchtlich an Bedeutung verliert.
All dies hat viele von uns zu der
Frage veranlaßt, worin die geeignete
Rolle für vertrauensbildende Verhandlungen zu einer Zeit besteht, in der
Rüstungskontrolle große Fortschritte
macht. Insbesondere fragen sich viele von uns bei den Verhandlungen, ob
alle Vorschläge, die derzeit auf dem
Wiener Verhandlungstisch liegen, entsprechend ihrer Pionierfunktion zu
mehr
Vertrauensbildung
beitragen,
oder ob das VSBM-Forum hinter den rapiden Fortschritten in den Bereichen
Sicherheit und Rüstungskontrolle zurückbleibt.
Die zweite bedeutende Entwicklung des
vergangenen Jahres mit Auswirkungen
auf die VSBM-Verhandlungen bestand
natürlich in den dramatischen Ereignissen in Osteuropa. Die Auswirkungen dieser Entwicklungen sind so umfassend, daß sie einer eingehenden
Analyse bedürfen.
Die erste Frage, die sich für die
VSBM-Verhandlungen durch die Ereignisse in Osteuropa stellt, ist eine
Erweiterung der Frage bezüglich ihrer
Rolle in Zeiten von Fortschritten bei
der Rüstungskontrolle: Worin besteht
die geeignete Rolle von Vertrauensbildung in Zeiten drastischer Veränderungen in Osteuropa? Traditionell
wurde Vertrauensbildung im Zusammenhang mit der Ost-West-Konfrontation
definiert, obwohl es immer klar war,
daß die VSBM-Verhandlungen nicht zwischen Blöcken stattfinden, sondern
vielmehr zwischen unabhängigen Ländern. Angesichts der raschen Veränderungen in Osteuropa muß die Frage

- 2 -

�heute lauten, ob Vertrauensbildung
die Aufgabe zukommt, Stabilität in
ganz Europa sicherzustellen, während
sich diese dramatischen Ereignisse
vollziehen. Dies würde natürlich eine umfassende Neuorientierung der
Verhandlungen und ihres bisherigen
Zwecks bedeuten. Wir müssen uns jedoch sehr sorgfältig überlegen, was
wir tun, damit es für die Zukunft von
Bedeutung ist.
Die Verantwortung, die wir übernehmen
sollten, könnte entschieden anders
als unsere derzeitigen Verhandlungen
gelagert sein.
Die Tradition der
Pionierarbeit
impliziert, daß das
VSBM-Forum sich eingehender mit den
durch die neuen Realitäten in Europa
stellenden umfassenderen Sicherheitsproblemen befassen sollte. Die Tatsache, daß vertrauensbildende Verhandlungen nicht
zwischen Blöcken
stattfinden bedeutet, daß wir besondere Fähigkeiten besitzen, etwas in
diesem Bereich zu tun, das zweifelsohne im Interesse aller Teilnehmerstaaten liegen sollte.
Eine andere Frage, die sich durch die
Entwicklungen in Osteuropa stellt,
lautet, ob Verhandlungen zwischen den
beiden
Militärblöcken
nach
einem
KSE-Abkommen wirklich weiterhin das
Hauptgewicht der konventionellen Rüstungskontrollbestrebungen in Europa
tragen können.
Innerhalb des Ostblocks scheinen einige Länder den Abzug der sowjetischen Streitkräfte von
ihrem Territorium zu verwirklichen.
Kann das Kräftegleichgewicht zwischen
NATO und Warschauer Pakt als Grundlage für Rüstungskontrollverhandlungen
gelten, wenn einige Länder auf der
einen Seite dieser Gleichung sich einer Konfrontation entziehen?
Wenn
die beiden Blöcke nicht länger als
echte Gesprächspartner in einer im
wesentlichen
bilateralen
Verhandlungsrunde
fungieren, welche Form
kann dann eingesetzt werden, um einen
Abbau der Rüstungen herbeizuführen?
Bietet die Form eines Forums von 35
Teilnehmerstaaten, mit der Bestimmung, daß jedes Land einzeln teilnimmt und sein auf Konsens gestützter

Entscheidungsprozeß eine Alternative?
Es dürfte in diesem Zusammenhang erwähnenswert sein, daß wir bei den
VSBM-Verhandlungen im vergangenen Monat die Unterbreitung eines gemeinsamen
französisch-ungarischen
Vorschlags über militärische Kontakte
erlebt haben. Es war der erste Vorschlag in der Geschichte der Rüstungskontrollverhandlungen, der gemeinsam von einem Mitglied des Warschauer Pakts und der NATO vorgelegt
wurde. Der Inhalt des Vorschlags war
natürlich weniger
interessant als
seine politische Bedeutung.
Diese
Entwicklung legt den Schluß nahe, daß
es in der Tat bestimmte Möglichkeiten
in einem nicht blockgebundenen Forum
gibt.
Eine dritte sich aus der gegenwärtigen Lage ergebende Frage betrifft die
allgemeine politische Rolle eines Sicherheit spoli tischen Verhandlungsprozesses mit 35 beteiligten Staaten in
einer Zeit raschen Wandels. Inwieweit ist ein solches Gremium für Gespräche über alle Seiten betreffende
Probleme nützlich?
Die Antwort auf
diese Frage wurde im Dezember offensichtlich, als die Ereignisse in Rumänien im VSBM-Forum zur übereinstimmendsten Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen führten, die wir
jemals bei einem KSZE-Treffen erlebt
haben. Sicherlich werden auch in Zukunft noch zahlreiche schwierige Momente auftreten, da die osteuropäischen Staaten ihre eigenen politischen Positionen noch definieren
müssen. Es mag sicherlich Entwicklungen geben, die das eine oder andere Land innerhalb des sich entwikkelnden
sicherheitspolitischen
Umfelds in Europa berücksichtigt wissen
möchte. Wir benötigen ein flexibles
Gremium mit Beteiligung aller europä-^
ischen Staaten sowie der Vereinigten
Staaten und Kandas, das bereitsteht,
um diesem Bedarf gerecht zu werden.
In dieser Hinsicht sind VSBM und KSE
nicht miteinander vergleichbar. Die
KSE muß einen Vertrag fertigstellen.
Das ist ihr Ziel. Die Verhandlungen

- 3-

�über Vertrauensbildung jedoch erreichen ihr Ziel teilweise schon durch
ihre bloße Existenz.
Das Bestehen
dieses Forums ist - wie das Seminar
über Militärdoktrinen - an sich bereits eine vertrauensbildende Maßnahme.
Die zur Diskussion stehenden
Maßnahmen sind weniger rigoros als
Rüstungsreduzierungen und lassen sich
deshalb leichter verwirklichen und
vereinbaren. Es mutet wie Ironie an,
daß gerade die relative Unkompliziertheit von Vereinbarungen und der
relative Mangel an Sicherheitsrisiken
diesen wesentlich politischeren Prozeß so bedeutsam machen, insbesondere
in der heutigen Zeit.
Gerade die
Tatsache
andauernder
Verhandlungen
über Vertrauensbildung trägt zur Stabilität bei.
Schließlich muß sich in der gegenwärtigen Lage die Frage stellen, ob Vertrauensbildung nicht einen flexibleren Ansatz in der Rüstungskontrolle
darstellt, der in einem immer mehr in
Fluß geratenden europäischen Umfeld
angebrachter wäre. Sicherlich wurden
die beiden Blöcke benötigt, um ein
Abkommen über gegenseitige ausgewogene Rüstungsreduzierungen zu erzielen.
Auch die Art von Rüstungsreduzierung,
wie sie auf der KSE zur Verhandlung
steht, wird weiterhin ein solches Forum erforderlich machen. Langfristig
könnte es jedoch wünschenswert sein,
durch Verhandlungen andere Ansätze
für die Sicherheit in einer Form zu
entwickeln, die der politischen Evolution mehr Freiraum einräumt als die
starre Formel von den beiden Blöcken.
Rüstungskontrolle ist nur ein Teil
der
allgemeinen
sicherheitspolitischen Lage in Europa. In einer umfassenderen Sichtweise hat Außenminister Baker erkannt, daß der Rahmen
des KSZE-Prozesses nun seinen Platz
als zentrale Institution für eine zusammenhängende und stabile Gesamtentwicklung der Beziehungen zwischen den
europäischen Staaten einnehmen muß.
Zweifelsohne bietet der in Helsinki
geschaffene
Rahmen
Vorteile:
Er
stellt die Rolle der Vereinigten
Staaten und Kanadas sicher, er grün-

det sich auf eine Reihe hervorragender
Prinzipien
zwischenstaatlichen
Verhaltens, er gestattet es den Militärbündnissen, eine wichtige aber begrenzte Rolle zu spielen, und durch
seinen eigenen, auf Konsens beruhenden Entscheidungsfindungsprozeß hat
er in der Vergangenheit wertvolle
Vereinbarungen hervorgebracht.
Ein
Rüstungskontrollprozeß innerhalb des
KSZE-Rahmens kann uns daher nur Vorteile bringen, und wir sollten ihn
deshalb nicht fürchten.
Vertrauensbildung wird in den neunziger Jahren neue Herausforderungen bereithalten, die das Gleichgewicht
zwischen Ost und West nicht notwendigerweise berühren. Das Seminar über
Militärdoktrinen könnte uns für die
Pionierarbeit des Forums zur Vertrauensbildung Impulse geben, die in eine
völlig neue Richtung weisen. So wird
zum Beispiel ein Tagesordnungspunkt
des Seminars die Militärhaushalte und
die militärische Haushaltsplanung betreffen.
Planung und Beschaffung
neuer Waffensysteme spiegeln die Absichten einer Regierung im militärischen Bereich wider, und natürlich
ist der Druck auf die Haushalte in
allen Industriestaaten eine treibende
Kraft für die Reduzierung der Verteidigungshaushalte. Wenn diese Fakten
in einer offeneren Atmosphäre behandelt werden könnten, um eine nüchternere Diskussion über nationale Pläne
und ein befriedigendes Niveau der Verifizierung zu ermöglichen, dann gibt
es allen Grund zu der Annahme, daß
das Ergebnis bedeutend zur Stabilität
und zur verantwortungsvollen Reduzierung der Militärausgaben beitragen
könnte. Es wäre zum Beispiel sicherlich billiger, sich im vorhinein darauf zu verständigen, neue Panzer
nicht zu entwickeln und zu beschaffen, als sie zu bauen und zu stationieren und danach über ihre Reduzierung und Beseitigung zu verhandeln.

- 4 -

Die grundsätzliche Frage im Hinblick
auf Vertrauensbildung lautet in den
neunziger Jahren: Welche Rolle, welche Funktion sollte die Vertrauensbildung in diesem neuen Zeitalter der

�Beziehungen in Europa erfüllen?
Bis
jetzt beruhten die in Wien vorgelegten Vorschläge auf den Annahmen der
Vergangenheit. Wir müssen über diese
Annahmen hinaus denken und den Weg zu
einem breiteren, flexibleren und umfassenderen
Vertrauen weisen, wenn
dieser Ansatz für Sicherheitsprobleme
in der Zukunft seine Bedeutung bewahren soll.

* * * * *

- 5 -

�S I C H E R H E I T S P O L I T I K
1

10. Januar 1990

DIE ZEIT IST REIF FÜR DIALOG ÜBER MILITÄRDOKTRINEN
- Broschüre der ACDA zum VSBM-Seminar -

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von der amerikanischen
Rüstungskontroll- und Abrüstungsbehörde (ACDA) am 3. Januar 1990 als Hintergrundmaterial für das vom 16. Januar bis 5. Februar 1990 in Wien anberaumte
Seminar über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM) und Militärdoktrinen im Wortlaut.

Das Seminar über Militärdoktrinen
bei den Wiener Verhandlungen über
Vertrauens- und
Sicherheitsbildende
Maßnahmen (VSBM)
Geleitet von dem Entschluß, durch einen offenen und ehrlichen Gedankenaustausch zum besseren Verständnis
der militärischen Fähigkeiten und ihres Einsatzes zur Vertrauensbildung
beizutragen,
hat das Plenum beschlossen, ein Seminar über Militärdoktrinen zu veranstalten. Es wird integraler Bestandteil der Verhandlungen über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen sein und vom 16. Januar bis 5.
Februar 1990 in Wien stattfinden.
Zweck

dieses Seminars ist, Gelegen-

heit zu Gesprächen über Militärdoktrinen in bezug auf Einsatzkonzept
sowie Struktur und Aktivitäten konventioneller Streitkräfte in der Zone
zu bieten. Andere Themen, die mit
Militärdoktrinen im Zusammenhang stehen und Auswirkungen auf die militärischen Fähigkeiten haben, könnten
ebenfalls erörtert werden.
Während
des
Seminars
wird
kein
Schlußbericht oder -dokument erarbeitet. Die Gespräche dienen als Hintergrundinformation für die Wiener
Verhandlungen.
Anhand der im Verlauf des Seminars
gewonnenen Erfahrungen könnte das
Plenum
geeignete
Schlußfolgerungen
ziehen.

�(Auszug aus dem Beschluß der Wiener
VSBM-Verhandlungen vom 20. Oktober.)
Die Zeit ist reif
Sicherheitspolitik

die Streitkräftestruktur im Zusammenhang mit Maßnahmen, Ausbildungsmustern und dem Militärhaushalt konzentrieren.

für Dialog über

Die dramatischen Ereignisse des vergangenen Jahres in Osteuropa waren
unvorhersehbar. Das sicherheitspolitische Gefüge, das uns in den letzten
vierzig Jahren so vertraut geworden
ist, wird heute täglich erneut in
Frage gestellt und eine Prognose der
Ereignisse zunehmend erschwert.
Es ist nicht gewährleistet, daß wir
in diesem Jahr die Zukunft besser als
im vergangenen prognostizieren können. Wir müssen jedoch den Veränderungen in Osteuropa bei dem Versuch
Rechnung tragen, Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent zu
garantieren. Mehr denn je zuvor müssen wir solide neue Ansätze zum Problem der europäischen Sicherheit finden.
Dem Seminar über Militärdoktrinen
kommt in diesem Prozeß eine entscheidende Rolle zu. Es soll zum besseren
Verständnis der Absichten beitragen,
die der Streitkräftestruktur und den
Aktivtäten zugrunde liegen.
Dieses
Element des militärischen Gleichgewichts
bildet
offensichtlich
das
Kernstück für gegenseitiges Vertrauen
- war bisher jedoch äußerst schwierig
in den Griff zu bekommen. In Ermangelung
vollständiger
militärischer
Offenheit haben wir schlicht und einfach keine verläßliche Handhabe, um
die Motivationen einzuschätzen, von
denen die Streitkräfte geleitet sind.
Die Veranstaltung eines "Seminars"
über Sicherheitspolitik ist ein weiteres Wagnis auf dem relativ unerschlossenen Weg zur Lösung der Sicherheitsprobleme und
stellt eine
Fortführung der Pionierarbeit dar,
die bei den vertrauensbildenden Gesprächen der 35 Nationen geleistet
wurde. Die Tagesordnung wird das gesamte Spektrum der Sicherheitspolitik
umfassen, sich jedoch besonders auf

Persönliche Gespräche können durch
nichts ersetzt werden. Sie sind der
beste Weg, um Zweifel auszuräumen und
Antworten zu erhalten, Mißtrauen zu
zersteuen und Verständnis für die Absichten eines jeden Landes aufzubauen.
Das "Seminar" ist keine Verhandlungsrunde, und wir erwarten keine spezifischen Ergebnisse, aber ein
solcher Dialog ist zu diesem Zeitpunkt in der europäischen Geschichte
unabdingbar.
Zu einer Zeit, in der sich die Ereignisse schneller überschlagen, als man
sich je hätte träumen lassen, brauchen wir derartige Gespräche. Ohne
sie werden unsere Rüstungskontrollbestrebungen höchstwahrscheinlich nicht
mit dem politischen Wandel Schritt
halten können und nicht den Beitrag
zu Sicherheit und Stabilität leisten,
den die Menschen weltweit erwarten.
Leiter der amerikanischen Delegation
bei den VSBM-Verhandlungen ist John
J. Maresca.
Hintergrund:
Vertrauens- und
cherheit sbildende Maßnahmen in
KSZE

Sider

Am 1. August 1975 haben 33 Länder Europas, die Vereinigten Staaten und
Kanada in Helsinki das Schlußdokument
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) - die
sogenannte Schlußakte von Helsinki unterzeichnet.
Die Schlußakte von
Helsinki liefert den 35 Teilnehmerstaaten ein dauerhaftes Rahmenwerk,
um in den Bereichen gegenseitige Sicherheit,
Wirtschaftsbeziehungen,
fundamentale
Menschenrechte
und
Grundfreiheiten ausgewogene und angemessene Fortschritte
zu erzielen.
Sie enthält eine Reihe vertrauensbildender Maßnahmen, mit denen einzelne
Länder ermutigt werden, sich gegenseitig über in Europa zu Lande statt-

- 2 -

�findende militärische Aktivitäten zu
benachrichtigen und Beobachter dazu
einzuladen.
Die Verhandlungen vlber Vertrauensund
Sicherheitsbildende
Maßnahmen
(VSBM) sind integraler Bestandteil
der KSZE und haben seither diese Rolle des Wegbereiters in der Rüstungskontrolle übernommen.
Bei Abschluß
eines KSZE-Folgetreffens in Madrid
1983 haben die 35 Länder vereinbart,
VSBM für ganz Europa auszuhandeln.
Dieser Bereich wurde bei den VSBMVerhandlungen in Stockholm und den
laufenden Wiener VSBM-Verhandlungen
abgedeckt. Damit wird ein Präzedenzfall für das bei den ebenfalls in
Wien
stattfindenden
Verhandlungen
über konventionelle Streitkräfte in
Europa erörterte Gebiet vom Atlantik
bis zum Ural geschaffen. In Stockholm hatten die Teilnehmerstaaten ein
wichtiges neues Recht auf Vor-Ort-Inspektionen vereinbart, das ein nützlicher Vorläufer für das INF-Verifizierungssystem war. Das Stockholmer
VSBM-Dokument ist das einzige in jüngerer Zeit ausgehandelte heute in Europa gültige Abkommen zur konventionellen Rüstungskontrolle.
Die VSBM-Verhandlungen wurden am 9.
März 1989 in Wien wieder aufgenommen.
Die Länder des Westens und Ostens sowie die neutralen/blockfreien Staaten
haben formelle Vorschläge unterbreitet. Die westlichen Länder schlugen
unter anderem Gespräche über Militärdoktrinen und Sicherheitspolitik "im
Stil von Seminaren" vor. Dieser Vorschlag wurde am 20. Oktober 1989 angenommen und damit eine weitere interessante und bahnbrechende Arbeit
eingeleitet.
Andere
Aspekte
des
westlichen Vorschlags, wie etwa einen
jährlichen Austausch von Informationen über Streitkräfte in Europa und
damit einhergehende Bewertungsmaßnahmen werden weitgehend unterstützt.
Die Vereinigten Staaten hoffen, daß
das Seminar über Militärdoktrinen zum
Erfolg der VSBM-Verhandlungen beitragen wird.

Hintergrund: Das Seminar über Militärdoktrinen
Die im Stil von Seminaren durchgeführten Gespräche über Militärdoktrinen stellen das erste offizielle Zusammentreffen hochrangiger Offziere
aus Europa, den Vereinigten Staaten
und Kanada zu einem solchen Austausch
dar.
Das ursprüngliche Konzept eines sicherheitspolitischen Dialogs geht auf
die Empfehlungen von Wissenschaftlern
aus Ost und West zurück. Ihre Ideen
wurden 1987 in einem Kommunique des
Warschauer Pakts aufgegriffen, in dem
ein Vergleich der Doktrinen beider
Bündnisse angeregt wurde.
Der Westen hat diese Ideen konkretisiert.
Bei Aufnahme der VSBM-Verhandlungen im März 1989 unterbreiteten alle 16 Mitglieder des Atlantischen Bündnisses den Vorschlag für
einen freien und offenen Ideenaustausch, mit dem Mißverständnisse über
die konventionellen Fähigkeiten ausgeräumt werden sollen.
Die osteuropäischen und die neutralen/blockfreien Länder haben diesen
Vorschlag für ein Seminar einhellig
unterstützt. Der westliche Vorschlag
hatte alle 35 Teilnehmerländer aufgefordert, im Stil eines Seminars die
Militärdoktrin im Hinblick auf das
Einsatzkonzept und die Struktur konventioneller Streitkräfte in Europa
zu erörtern, unter Einbeziehung von:
"Informationsaustausch über jährliche
Militärausgaben,
Informationsaustausch
über
die
Ausbildung
der
Streitkräfte mit Verweis auf militärische Handbücher, Bemühungen um Klärung von Entwicklungen, die Anlaß zu
Zweifeln bieten, wie etwa Veränderungen bei der Anzahl und dem Umfang angekündigter militärischer Aktivitäten.
Der Westen bemühte sich um rasche
Vereinbarungen zur Gestaltung und Tagesordnung für die Gespräche, damit
diese im Januar 1990 abgehalten werden konnten. Der Zielsetzung zufolge

- 3 -

�sollte das Seminar beizeiten zum Verhandlungsprozeß beitragen und das bei
den
VSBM-Verhandlungen
besprochene
Material ergänzen. Die 35 Teilnehmerstaaten stimmten der Tagesordnung
und dem Ablauf des Seminars im Oktober 1989 zu.
Das Seminar über Militärdoktrinen
wird vom 16. Januar bis 5. Februar
1990 in Wien stattfinden.

4.

AbSchlußerklärungen.

5.

Ende des Seminars.

(5. Februar)
(5. Februar)

(Auszug aus dem Beschluß der Wiener
VSBM-Konferenz vom 20. Oktober 1989.)

Die wichtigsten
nigten Staaten
General Colin
nungspunkt 2)

Sprecher der Verei-

L.

Powell

(Tagesord-

Tagesordnung
1. Eröffnung des Seminars durch den
Vorsitzenden. (16. Januar)
2.
Vorträge und Diskussionen über
Militärdoktrinen oder ähnliche Konzepte der Teilnehmerstaaten vor dem
Hintergrund ihrer Sicherheitspolitik
gemäß dem oben dargelegten Zweck des
Seminars. Dazu können auch geplante
Veränderungen in den Militärdoktrinen
gehören. Bei den Vorträgen wird der
Definition der verwendeten Terminologie
besondere
Aufmerksamkeit
geschenkt. (16. - 19. Januar)
3. In diesem Kontext wird die Diskussion über Militärdoktrinen oder
ähnliche Konzepte unter Berücksichtigung der folgenden Themenkreise geführt werden:
3A. Einsatzkonzept und Streitkräftestrukturen
(darunter
Organisation,
Führungsstrukturen,
Stationierung,
Unterstützungssysteme,
Mannschaftsstärke, Bewaffung und Ausrüstung, Bereitschaftsgrad, Beschaffungspläne).
(22. - 26. Januar)
3B.
Militärische Aktivitäten und
Ausbildung (darunter Manöver, Ausbildung von Soldaten, Benutzung einschlägiger Militärhandbücher). (29.
- 31. Januar).
3C.
Militärische Finanz- und Haushaltsplanung (einschließlich Aufstellung und Ansatz in den nationalen Gesamthaushalten,
Mittelzuweisung).
(31. Januar - 2. Februar)

Als
Vorsitzender
der
Vereinigten
Stabschefs ist General Powell der
wichtigste militärische Berater des
Präsidenten, des Verteidigungsministers und des Nationalen Sicherheitsrates. Von Januar 1987 bis Januar
1989 war er stellvertretender Referent und danach Referent des Präsidenten für Fragen der nationalen Sicherheit. General Powell hatte zuvor
Kommandos in Europa sowie auf jeder
Ebene der Armee inne. Aufgrund seiner breitgefächerten Erfahrung ist er
mit allen Aspekten der amerikanischen
Militär- und nationalen Sicherheitspolitik vertraut.

Generalmajor John D. Robinson (Tagesordnungspunkt 3A)
Generalmajor Robinson leitet das für
Streitkräftestruktur,
Mittelplanung
und Auswertung zuständige Direktorat
des Vereinigten Stabes.
Er diente
über 27 Jahre im Heer als Offizier
der Heeresfliegertruppe und begann
seine Laufbahn als Kampfflieger in
der 3. Panzerdivision des amerikanischen Heeres in Europa.
Von Juni
1986 bis Juli 1988 war er Kommandeur
des U.S. Army Training and Doctrine
Analysis Command in Fort Leavenworth
(Kansas).

Generalleutnant Edwin S. Leland, Jr.
(Tagesordnungspunkt 3B)
Generalleutnant Leland ist Stabschef
des European Command, das die Gesamtverantwortung für alle Ausbildungs-

�und Übungsmaßnahmen der amerikanischen Streitkräfte in Europa trägt.
Er diente über 27 Jahre im amerikanischen Heer als Offizier der Panzertruppe. Im Jahr 1974 erhielt er sein
erstes Kommando in Europa. Von Juli
1986 bis Juli 1988 war er kommandierender General der 1. Panzerdivision
des US-Heeres in Europa.
Dr. David
punkt 3C)

S.C.

Chu

(Tagesordnungs-

Dr. Chu ist seit 1981 Abteilungsleiter für Programmanalyse und -auswertung im US-Verteidigungsministerium.
Er ist für die Koordinierung und
Durchführung einer umfassenden Überprüfung von Programmvorschlägen zuständig, die von den vier Teilstreitkräften und militärischen Dienststellen unterbreitet wurden. Ferner ist
er für die Entwicklung von Alternativvorschlägen
verantwortlich,
die
dem Verteidigungsminister als Entscheidungshilfe dienen sollen. Dr.
Chu war von 1978 - 1981 stellvertretender Direktor für nationale Sicherheit und internationale Angelegenheiten im Haushaltsbüro des Kongresses.
Von 1970 bis 1978 war er für die Rand
Corporation tätig.

* * * * *

- 5 -

�THEMENINDEX AMERIKA DIENST (2. Halbjahr 1989)
Nachstehend eine Liste der Themen, die im AMERIKA DIENST (2.
Halbjahr 1988) erschienen sind. Sie gibt einen Überblick über die
wichtigsten Themenkreise. Angegeben ist jeweils die Nummer der Ausgabe,
in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMENKREIS

NUMMERN DER AUSGABEN

Ost-West-Beziehungen,
sicherheitspolitische Themen
Ost-West-Beziehungen
Rüstungskontrolle allgemein
Nukleare Streitkräfte
Konventionelle Streitkräfte
Biologische Waffen
Chemische Waffen
NATO
KSE
KSZE
VSBM
START
NST
Gipfel vor Malta

36,
31,
29
27
35
34,
27,
34
45
34
29,
30,
42,

38, 39, 42, 43, 44, 46
35, 36, 39, 41, 46

35, 36, 37
38

30, 36
42
43, 44

Amerikanisch-europäische
Beziehungen
Westliche Sicherheit - Die USA und
ihre NATO-Partner
Bush zum 28. Jahrestag des Mauerbaus
Bush/Proklamation und Ansprache zum Tag
der Deutsch-Amerikaner
Baker/Berliner Rede vom 12. 12. 89

30
31
37
45

Vereinigte Staaten
Nationale Energiestrategie
Nationale Sicherheitsstrategie
Eagleburger/Die amerikanische
Wi rt schaft/Handel/Finanzen
Sozialwesen in den USA
Pro-Kopf-Einkommen

29
45
35
35, 40, 42, 43
37, 38, 39, 40
39

Porträts
Colin Powell, Vorsitzender der
Vereinigten Stabschefs

31

�Internationale Probleme
Menschenrechte
Nicaragua
Kambodscha
Polen
Ungarn
Drogen
Umweltschutz
Weltwirtschaftsgipfel Paris
Zwei Weltkriege und ihre Lehren,
von Paul H. Nitze
Regionale Fragen

45
28
29
33, 36, 40, 43, 44
44
31, 34, 45
27, 28, 36, 40, 41
27
33
36

Wissenschaft und Technik
Shuttle-Flüge
Weltraum
Apollo - 20. Jahrestag
Forschung
Kernenergie

k

39
&gt;
28
27
30

28

29

&gt;

33

�REDEN DES AMERIKANISCHEN BOTSCHAFTERS
VERNON A. WALTERS
Nr. 40, 1. November 1989
Amerikanische Präsenz in Europa im Zeitalter von Glasnost und
Perestrojka
- Rede vor der Gesellschaft für Auslandskunde, 30. Oktober 1989 Nr. 46, 20. Dezember 1989
Partnerschaft und Wettbewerb; Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten von Amerika und der Europäischen Gemeinschaft
Rede vor dem Industrie-Club e.V., dem Harvard Club Rhein-Ruhr und der
Deutsch-Amerikanischen Vereinigung Steuben-Schurz in Düsseldorf, 5.
Dezember 1989

�</text>
                  </elementText>
                </elementTextContainer>
              </element>
            </elementContainer>
          </elementSet>
        </elementSetContainer>
      </file>
    </fileContainer>
    <collection collectionId="4">
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="1">
          <name>Dublin Core</name>
          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
          <elementContainer>
            <element elementId="50">
              <name>Title</name>
              <description>A name given to the resource</description>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6534">
                  <text>Dokumente</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </collection>
    <itemType itemTypeId="19">
      <name>Digitalisat</name>
      <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
    </itemType>
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="40">
            <name>Date</name>
            <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10730">
                <text>10.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="51">
            <name>Type</name>
            <description>The nature or genre of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10731">
                <text>Digitalisat</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="39">
            <name>Creator</name>
            <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10732">
                <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10733">
                <text>Amerikadienst 10.01.1990</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
          <element elementId="41">
            <name>Description</name>
            <description>An account of the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="10734">
                <text>&lt;strong&gt;1. Sicherheitspolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Maresca: Prämissen der Vergangenheit müssen überprüft werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Chefunterhändlers bei den VSBM-Verhandlungen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Zeit ist reif für Dialog über Militärdoktrinen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Broschüre der ACDA zum VSBM-Seminar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Themenindex 1989&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt; (Zweites Halbjahr)&lt;/em&gt;</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </item>
</itemContainer>
